Ueber den Umgang mit Menschen

By Adolph Freiherrn Knigge

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Title: Ueber den Umgang mit Menschen

Author: Adolph Freiherrn Knigge

Release date: January 14, 2026 [eBook #77701]

Language: German

Original publication: Stuttgart: A. F. Macklot, 1822

Credits: Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UEBER DEN UMGANG MIT MENSCHEN ***


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                      Anmerkungen zur Transkription.

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                                 Ueber

                                  den

                         Umgang mit Menschen.


                                  Von


                       Adolph Freiherrn Knigge.




                           In drei Theilen.




                            Zehnte Ausgabe.


                       Durchgesehen und vermehrt

                                  von

                            F. P. Wilmsen.




                              Stuttgart,

                       bei A. F. Macklot. 1822.




                       Vorrede des Herausgebers,

                         zur neunten Auflage.


Ich habe den Wunsch der Verlagshandlung, Knigge's bekanntes und
geschätztes Werk über den Umgang mit Menschen für die neunte Ausgabe
durchzusehen, und mit einer Einleitung, Anmerkungen und Nachträgen
zu vermehren, gern erfüllt, weil ich glaubte, dadurch nützlich zu
werden. Dies Werk enthält sehr viel Gutes, und kann für Menschen, die
auf den mittleren Stufen der Bildung stehen, und wenig Gelegenheit
haben, Menschenkenntniß einzusammeln, überaus nützlich werden. Da ich
es für Pflicht hielt, Knigge selbst reden zu lassen, so habe ich mir
nur da, wo er sich eine offenbare Incorrectheit oder Nachlässigkeit
im Vortrage erlaubt hat, eine Aenderung und Uebertragung erlaubt,
und solche Anmerkungen, welche für eine Note unter den Text zu wenig
Ausdehnung hatten, gleich in den Text selbst verwebt. Dieß glaubte ich
um so eher mir erlauben zu dürfen, da diese Anmerkungen größtentheils
nur weitere Ausführungen, oder nähere Bestimmungen, oder eine festere
Begründung des von K. Gesagten enthalten. Ganz weggestrichen habe ich
nur solche Stellen, welche eine offenbare Uebertreibung oder eine
nichtssagende Anekdote, oder eine leere Amplification enthielten. Ein
zur Vollständigkeit nöthiger Nachtrag enthält besonders die Regeln des
Umgangs mit Kindern, worüber K. viel zu kurz gewesen ist, und wird die
Brauchbarkeit des Werkes hoffentlich einigermaßen erhöhen und befördern.

    ~Berlin~, im April 1817.

                                                  ~F. P. Wilmsen.~




                                Inhalt.


                             Erster Theil.

                Einleitung des Herausgebers; Seite   3.
                Einleitung des Verfassers;   Seite  12.

1) Warum man mit großen und glänzenden Eigenschaften dennoch nicht
immer in der Welt sein Glück mache. Ueber den +esprit de conduite+.
Mancher will sich nicht nach den Sitten Andrer fügen. Manchem fehlt es
dazu an der nöthigen Weltkenntniß; Mancher macht zu viel Forderungen.
Aber auch mit dem besten Willen und guten Anlagen glückt es nicht
Jedem; warum? 2) In Deutschland ist es schwer, allgemein gute Eindrücke
in Gesellschaften zu machen; warum? Bilder von Verschiedenheit des
gesellschaftlichen Tons in einigen Provinzen von Deutschland, und
Bilder von den Sitten verschiedner Stände. 3) Von meinem Berufe, über
diesen Gegenstand zu schreiben. 4) Meine eignen Erfahrungen.


                       Erstes Kapitel; Seite 27.

           Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den
                         Umgang mit Menschen.

1) Jeder Mensch muß sich in der Welt selbst geltend machen. Anwendung
dieses Satzes. 2) Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem
~Scheine~ der Vollkommenheit! 3) Sey nicht zu sehr ein Sclave der
Meinung Andrer! 4) Verliere nicht die Zuversicht! 5) Eigne Dir nicht
fremdes Verdienst zu! 6) Verbirg Deinen Kummer! 7) Rühme nicht zu laut
Dein Glück! 8) Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen! 9)
Gib Andern Gelegenheit, zu glänzen! 10) Suche Gegenwart des Geistes
zu haben! 11) Willst Du etwas in der Welt erlangen, so mußt Du darum
bitten. 12) Nimm so wenig, wie möglich, von Andern Wohlthaten an! 13)
Grenzen der Dienstfertigkeit. 14) Halte strenge Wort, und sey wahrhaft!
15) Sey pünktlich, ordentlich, fleißig! 16) Interessire Dich für Andre,
wenn Du willst, daß Andre sich für Dich interessiren sollen! 17)
Verflicht niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und setze Dich immer
in Gedanken in andrer Leute Stelle! 18) Laß Jeden seine Handlungen
selbst verantworten, wenn Du nicht sein Vormund bist! 19) Handle nur
selbst immer folgerecht! 20) Habe stets ein gutes Gewissen! 21) Sey,
was Du bist, immer und ganz! 22) Unterschied im äussern Betragen. 23)
Sey nicht zu offenherzig! 24) Suche nie jemand lächerlich zu machen!
25) Schrecke, zerre, beunruhige und necke nicht! 26) Alle Menschen
wollen amüsirt seyn. Ueber das Spaßmachen. 27) Sage Jedem etwas
Lehrreiches oder Angenehmes! 28) Ueber Spott und Medisance. 29) Ueber
Anekdoten. 30) Trage keine Nachrichten aus einem Hause in das andre!
31) Sey vorsichtig in Tadel und Widerspruch! 32) Rede nicht zu viel und
nicht langweilig! 33) Noch von Dingen, die nur Dich interessiren! 34)
Ueber Egoismus. 35) Widersprich Dir nicht im Reden! 36) Wiederhole Dich
nicht, und schärfe Dein Gedächtniß! 37) Vermeide Zweideutigkeit; 38)
Gemeinsprüche; 39) Unnütze Fragen! 40) Lerne Widerspruch ertragen! 41)
Wo man sich zur Freude versammelt, da rede nicht von Geschäften! 42)
Ueber Religions-Gespräche. 43) Sey vorsichtig in Gesprächen über Andrer
Gebrechen! 44) Andre Vorsichtigkeits-Regeln. 45) Bringe bei niemand
unangenehme Dinge in Erinnerung! 46) Nimm nicht Theil an fremdem
Spotte! 47) Ueber Disputirgeist. 48) Ueber Verschwiegenheit. 49)
Wohlredenheit und äusserer Anstand. 50) Ueber kleine gesellschaftliche
Unschicklichkeiten. 51) Betragen, wenn uns Langeweile gemacht wird. 52)
Leichtigkeit im Umgange. 53) Man hüte sich vor zu großen Forderungen!
54) Kleidung. 55) Soll man viel oder wenig in Gesellschaften gehen?
56) Man kann in jeder Gesellschaft etwas lernen. 57) Mit wem soll man
umgehen? 58) Ueber den Umgang in großen Städten, in kleineren, und auf
dem Lande. 59) In fremden Gegenden. 60) Regeln beim Briefwechsel. 61)
Wie man die Menschen beurtheilen solle. 62) Ob diese Regeln allgemein
passen? 63) In wie fern auch Frauenzimmer nach diesen Regeln handeln
können.


                      Zweites Kapitel; Seite 74.

                   Ueber den Umgang mit sich selbst.

1) Es ist nützlich und interessant, über den Umgang mit andern
Menschen seine eigne Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. 2) Es
kommen Augenblicke, wo wir uns selbst am nöthigsten sind. 3) Gehe
eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selbst um,
wie mit Andern! 4) Sorge für Deine Gesundheit, aber verzärtle Dich
nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selbst!
6) Verzweifle nicht bei dem Bewußtseyn mangelnder Vollkommenheiten,
bei den Schwierigkeiten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein
angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler,
sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge
gegen Dich, wie Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner
Moralität halten solle.


                      Drittes Kapitel; Seite 78.

      Ueber den Umgang mit Leuten von verschiednen Gemüthsarten,
                   Temperamenten und Stimmungen des
                         Geistes und Herzens.

1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber
herrschsüchtige Leute. 3) Ueber Ehrgeitzige. 4) Eitle. 5) Hochmüthige,
im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber
den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zanksüchtigen, Widersprechern
und solchen, die Paradoxie lieben. 9) Mit Jähzornigen. 10) Mit
Rachgierigen. 11) Mit unentschlossenen, faulen und phlegmatischen
Leuten. 12) Mit Menschenfeinden, mißtrauischen, argwöhnischen,
mürrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, hämischen,
verläumderischen, schadenfrohen, mißgünstigen und eifersüchtigen
Menschen. 14) Ueber den Geitz und die Verschwendung. 15) Ueber das
Betragen gegen Undankbare. 16) Gegen ränkevolle Leute und Lügner. 17)
Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unverschämte, Müssiggänger, Schmarotzer,
Schmeichler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schurken. 20) Gegen
zu bescheidne, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und
Plauderhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreute und Vergessene. 22)
Gegen Wunderliche, Sonderlinge und Launenhafte. 23) Ueber den Umgang
mit dummen, schwachen, übertrieben gutherzigen, leichtgläubigen und
solchen Menschen, die gewisse Liebhabereien und Steckenpferde haben.
24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben
Wollüstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthusiasten,
Ueberspannten, Romanhaften, Kraft-Genies und excentrischen Leuten. 27)
Etwas von Andächtlern, Heuchlern und abergläubischen Leuten. 28) Von
Deisten, Freigeistern und Religions-Spöttern. 29) Ueber die Art, wie man
Schwermüthige, Tolle und Rasende behandeln müsse. Geschichte zweier
Wahnsinnigen. Zusatz des Herausgebers.




                            Zweiter Theil.

                        Einleitung; Seite 125.

    Nachricht von der Art der Eintheilung aller in den drei Theilen
                dieses Werks verhandelten Gegenstände.


                      Erstes Kapitel; Seite 125.

        Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.


                      Zweites Kapitel; Seite 132.

       Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.


                      Drittes Kapitel; Seite 139.

                   Von dem Umgange unter Eheleuten.


                      Viertes Kapitel; Seite 161.

              Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.


                      Fünftes Kapitel; Seite 167.

                  Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.


                     Sechstes Kapitel; Seite 182.

                   Ueber den Umgang unter Freunden.


                     Siebentes Kapitel; Seite 198.

          Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.


                      Achtes Kapitel; Seite 205.

    Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
                        demselben Hause wohnen.


                      Neuntes Kapitel; Seite 207.

             Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.


                      Zehntes Kapitel; Seite 211.

 Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
      empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern, Gläubigern
                            und Schuldnern.


                      Eilftes Kapitel; Seite 215.

  Ueber das Betragen gegen Leute in allerlei besondern Verhältnissen
                              und Lagen.


                     Zwölftes Kapitel; Seite 228.

    Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen
                                Leben.

       Allgemeine Behandlung der Kinder in den Jahren der ersten
                       Entwickelung; Seite  238.




                            Dritter Theil.

                        Einleitung; Seite 307.

     Uebergang zu den in diesem Theile verhandelten Gegenständen.


                      Erstes Kapitel; Seite 307.

     Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
                             und Reichen.


                      Zweites Kapitel; Seite 325.

                    Ueber den Umgang mit Geringern.


                      Drittes Kapitel; Seite 328.

          Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.


                      Viertes Kapitel; Seite 340.

                   Ueber den Umgang mit Geistlichen.


                      Fünftes Kapitel; Seite 344.

             Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.


                     Sechstes Kapitel; Seite 360.

  Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im bürgerlichen
                                Leben.


                     Siebentes Kapitel; Seite 383.

   Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.


                      Achtes Kapitel; Seite 391.

     Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
                              derselben.


                      Neuntes Kapitel; Seite 395.

                 Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.


                      Zehntes Kapitel; Seite 399.

        Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.


                      Eilftes Kapitel; Seite 404.

                                Schluß.




                               Ueber den

                         Umgang mit Menschen.




                             Erster Theil.

                     Einleitung des Herausgebers.


Der Umgang mit Menschen gehört zu den wirksamsten ~Bildungs-~,
~Erheiterungs-~ und ~Anregungsmitteln~ des menschlichen Geistes und
Gemüths; aber wohlthätig werden seine Wirkungen nur dann für uns
seyn, wenn wir gehörig vorbereitet unter die Menschen treten, und im
Umgange eben so viel Weisheit, als Klugheit, eben so viel Festigkeit,
als Geschmeidigkeit, eben so viel Offenheit, als Zurückhaltung zeigen
und anwenden. Die Vorbereitung besteht in der Fertigkeit, den Schein
von der Wahrheit zu unterscheiden, die Sprache des feinen Welttons
zu reden, ohne in's Gezierte und Höfische zu verfallen, und in der
Sammlung allgemeiner Kenntnisse; endlich in der richtigen Würdigung
der Menschen, damit ein Bewußtseyn des eigenen Werthes erwache, und
die Blödigkeit verschwinde, welche unfähig macht, den Umgang mit
Menschen von höherer Bildung und Erfahrung zu benutzen und zu genießen.
Man könnte sagen, daß dieß alles, was hier als Vorbereitung auf den
Umgang mit Menschen dargestellt und erfordert wird, eigentlich das
Erzeugniß dieses Umgangs selbst sey; allein wenn auch zugegeben werden
muß, daß alle jene Kenntnisse und Fertigkeiten größtentheils in der
Gesellschaft gewonnen werden, so ist doch eben so gewiß, daß die
Gesellschaft ein Recht habe, von ihren Mitgliedern zu fordern, daß
sie einen Beitrag zur Unterhaltung geben, nicht bloß empfangen und
genießen sollen. Diese billige Forderung aber kann nur von denjenigen
erfüllt werden, welche gehörig vorbereitet und ausgestattet in die
Gesellschaft treten. Dazu soll die Erziehung vor allem mitwirken, und
daneben die schriftliche Belehrung und Anweisung, welche nicht bloß
aus Schriften, wie die vorliegende des trefflichen Menschenkenners
Knigge, sondern auch, und vielleicht noch mehr aus solchen Romanen
und historischen Darstellungen geschöpft wird, welche sich durch eine
lebhafte und getreue Charakterschilderung auszeichnen, und Menschen
von allen Seiten, und in allerlei Lagen, Verhältnissen und Beziehungen
darstellen. Nicht bloß Menschenkenntniß, sondern auch die Sprache des
feineren Gesellschaftstones findet sich in solchen Schriften, und sie
gehören eben deswegen unstreitig zu den wirksamsten Bildungsmitteln.
In wie fern, und unter welchen Bedingungen auch der ~Umgang~ ein
Bildungsmittel sey, soll hier nur angedeutet, nicht ausgeführt werden,
denn für die Ausführung findet sich im Verfolg eine passendere Stelle.
~Die Weisheit im Umgange~ würde zunächst in der Sichtung der Spreu von
dem Weizen bestehen, damit sich nicht, zugleich mit den Kenntnissen und
berichtigten Urtheilen, mit den Ansichten der Welt und der Menschen,
mit der Erwärmung für das Schöne, Gute und Edle, auch Vorurtheile aller
Art, schiefe und ungerechte Urtheile, falscher Geschmack, Heuchelei und
Verstellungskunst, Leichtsinn und Eitelkeit in die Seele einschleiche.
Ohne diese Weisheit hat die Gesellschaft nur verderblichen Einfluß,
wird sie endlich selbst die Kraft überwältigen, mit welcher heilsame
Eindrücke der Erziehung auf unsern Willen wirken, wird sie den, der
sich sorglos ihrem Einfluß hingibt, zum Sclaven der Mode und Sitte
machen, und ihn um sein bestes Lebensglück betrügen.

Aber mit der ~Weisheit~ reicht man in der Gesellschaft nicht aus;
sie fordert eben so sehr jene vorsichtige und besonnene ~Klugheit~,
welche uns lehrt, erlaubte Vortheile zu erkennen und zu benutzen,
und den Klippen auszuweichen, an welchen so leicht die Fassung, die
Heiterkeit und Laune scheitern kann. Wer im Umgange mit der großen Welt
zu oft in Verlegenheit kommt, zu oft, durch den Schein irre geführt,
sich zu einer Offenheit verleiten läßt, die er hernach mit Schrecken
gemißbraucht oder gemißdeutet sieht; wer nicht zu rechter Zeit ein
Gespräch abzubrechen, oder es auf eine ungezwungene und verständige
Weise anzuknüpfen und fortzuführen weiß, ohne vorlaut und zudringlich
zu werden, oder sich selbst zum Thema der Unterhaltung zu machen; wer
nicht mit Klugheit die Personen, aus welchen die Gesellschaft besteht,
nach ihren bürgerlichen und Familienverhältnissen berücksichtigt,
und seine Urtheile ohne alle Rücksicht fällt, seine Bemerkungen ohne
alle Umsicht mittheilt: der wird für alle diese Verstoße gegen die
Klugheit im Umgange hart büßen müssen, und sich bald genug von der
Gesellschaft ausgeschlossen sehen. Jene Weisheit, welche der Umgang
fordert, und jene Klugheit, welche er voraussetzt, besteht ferner in
der ~Festigkeit~, die nie in Starrsinn und Rechthaberei ausartet, und
in der Geschmeidigkeit, welche eben so weit von Heuchelei, als von
Blödigkeit und Menschengefälligkeit entfernt ist. Wer immer der Meinung
dessen ist, der zuletzt sprach, oder der das Wort in der Gesellschaft
führt, nie eine eigene Meinung hat, oder sie wenigstens sogleich
feigherzig aufgibt, wenn sie Widerspruch findet, wird der Gesellschaft
eben so wenig verdanken, als der, welcher mit rechthaberischer
Heftigkeit seine Gegner nur überschreit, nicht mit Gründen bekämpft.
Aber vorzüglich kommt es hier auf die ~Art~ an, wie man solche
Meinungen und Urtheile, welche lebhaft bestritten werden, vertheidigt
und begründet. Es gibt Menschen, welche bei solchen Vertheidigungen
alle Rücksichten und jede Schonung und Milde, welche zum Wesen
des Umgangs gehört, bei Seite setzen, und in leidenschaftlicher
Lebhaftigkeit ihre Gegner mehr anfallen und mißhandeln, als bekämpfen.
Hier ist die Grenze sehr leicht überschritten, besonders wenn die
Klugheit nicht von wohlwollenden Neigungen unterstützt wird, oder
persönliche Mißverhältnisse der Streitenden einwirken und sichtbar
werden. Dennoch gehört die Festigkeit recht eigentlich zu den
geselligen Tugenden, weil die Gesellschaft nicht ohne ~Reizmittel~
bestehen kann, und der Widerspruch zu den wirksamsten Reizmitteln
gehört; aber auch deswegen, weil nur Festigkeit gegen die gefährlichen
und verderblichen Eindrücke des Umgangs waffnet und sichert, so wie
gegen die Verlegenheit und Bedrängniß, in welche wir diejenigen so oft
in der Gesellschaft gerathen sehen, welche dem Hochmuth, der Anmaßung,
Unbescheidenheit und leeren Prahlerei nichts entgegen zu setzen wissen,
und da verstummen, wo sie recht laut werden und mit Nachdruck sprechen
sollten.

Aber wie der Umgang verderblich werden kann, wenn man seinem Einfluß
nicht mit Festigkeit zu widerstehen, und durch festen Muth alles
abzuwehren weiß, wodurch das Vergnügen der Gesellschaft gestört, oder
das Recht des Einzelnen gekränkt wird; so wird sein Reiz und sein
Genuß durch die ~Geschmeidigkeit~ erhöht, mit welcher sich Jeder
in den Ton der Gesellschaft überhaupt, und in die Schwachheiten
der Einzelnen insbesondere zu finden und zu schicken, Störungen des
gesellschaftlichen Vergnügens zu entfernen, und alles herbeizuführen
weiß, was die Unterhaltung nähren und beleben, die Bande der
Gesellschaft fester knüpfen, und den Genuß Aller erhöhen kann, und
zwar auf eine solche Art, daß Keinem etwas aufgedrungen, und nichts
erzwungen wird. Wie leicht diese Geschmeidigkeit ausarte, und wie
lästig, verächtlich und erniedrigend sie in ihrer Ausartung sey,
davon finden sich die auffallendsten Beispiele in jeder zahlreichen
Gesellschaft. Sie muß in theilnehmenden und wohlwollenden Gefühlen, in
~der~ Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit, welche sich nie vordrängt,
und keine Auszeichnung begehrt, und in dem Wunsche, sich zu belehren,
ihren Grund haben, wenn sie für eine gesellschaftliche Tugend gelten
soll. Häufig erscheint die Geschmeidigkeit als Herablassung zu den
Schwachen, als Herabstimmung zu einem uns fremden und ungemüthlichen
Gesellschaftstone, und in so fern sie selbst lauter Schwäche, nicht
Grundsatz und nicht Wohlwollen oder Klugheit ist, als ein Heulen
mit den Wölfen, als ein feigherziges und unsittliches Einstimmen in
einen Ton, den man für schlecht und niedrig erkennt. Hier würde die
Festigkeit an ihrem Orte seyn. Dagegen ist es hohe Gesellschaftstugend,
den Schwachen in der Gesellschaft sein Ohr zu leihen, wenn sie über die
Gebühr von sich selbst und ihren besondern Angelegenheiten sprechen;
der Mutter theilnehmend zuzuhören, welche von den Anlagen und von
der Liebenswürdigkeit ihrer Kinder, oder von häuslichen Leiden mit
großer Ausführlichkeit spricht; den ehrlichen Handwerksmann ausreden
zu lassen, oder durch Fragen selbst zu veranlassen, vom Handwerk zu
sprechen und seine Erfahrungskenntnisse gutmüthig mitzutheilen, wobei
dem Hörenden wohl noch durch manche nützliche Sachkenntniß seine
Herablassung vergolten wird.

Eben so viel ~Offenheit~, als ~Zurückhaltung~, fordert endlich der
Umgang mit Menschen. Offenheit ist die Seele des Umgangs; aber
sie setzt Vertrauen voraus, und wer kann sogleich Vertrauen zu
Personen fassen, die er nur in ihren Feierkleidern sieht, und nicht
beobachten kann, wenn sie in ihrer Alltagskleidung einhergehen.
Es gibt eine Offenheit, welche mit kluger Vorsicht vereinbar ist,
und diese soll im Umgange herrschen. Niemand soll seine Grundsätze
und Ueberzeugungen verheimlichen, oder schweigen, wo die Pflicht,
sich des Verleumdeten anzunehmen, den Splitterrichter zu demüthigen
und zu strafen, den Heuchler zu entlarven, den Prahler in seiner
Erbärmlichkeit darzustellen, oder auch nur die Pflicht, seinen
Beitrag zur Unterhaltung zu geben, das Schweigen verbietet. Aber
Rücksicht auf Kinder, auf Schwache und Unwissende, auf Schüchterne
und Aengstliche, auf Horcher und Wortverdreher, auf Neuigkeitsträger
und Klatschschwestern, gebietet auch oft Zurückhaltung des Urtheils,
des Spottes, eines witzigen Einfalls, einer wahren, aber bitteren
Bemerkung, einer Meinung oder Erklärung, die leicht gemißdeutet oder
gemißbraucht werden kann.

Dieß also wären die Bedingungen, unter welchen der Umgang
Bildungs-, Erheiterungs- und Anregungsmittel werden
kann. Wem übrigens die Wahl frei steht, zwischen großen, stark
gemischten Gesellschaften, und kleineren Gesellschaftskreisen, der
handelt weise, wenn er diese vorzieht, und jene so viel als möglich
vermeidet. Denn je zahlreicher die Gesellschaft ist, desto leerer
ist der Umgang, und nur da ist die Unterhaltung ergiebig
und lehrreich, wo Alle daran Theil nehmen, und Keiner durch
Rücksichten der Klugheit und Vorsicht zur Zurückhaltung bestimmt
wird, sondern Jeder frei und unverhohlen seine Meinung äußert.

Auf der andern Seite ist der Umgang mit Einzelnen, wenn
sie mit einer ächten Geistesbildung eine reiche Erfahrung verbinden,
und in mannigfaltigen Verbindungen leben, viel ergiebiger
und belohnender, als das eigentliche Gesellschaftsleben, und
diejenigen, welche das Leben in dem edelsten Sinne genießen
wollen, ziehen sich daher aus der großen Welt zurück, und wissen
sich in dem Familienleben einen Genuß zu bereiten, welcher
in großen und gemischten Gesellschaften vergebens gesucht wird.
Vielleicht ist es auch nur in solcher Zurückgezogenheit möglich,
das Herz vor Thorheiten und Verirrungen zu bewahren, in welche
es so leicht durch den Einfluß der Gesellschaft verwickelt wird,
und die Ausartung des Herzens zu verhüten, welcher diejenigen
nicht entgehen, die ihrem Umgange die möglichste Ausdehnung
geben, und darin den höchsten Genuß des Lebens finden. Denn
neben dem wohlthätigen Einflusse, welchen der Umgang mit
Menschen aus allen Ständen auf die Entwickelung unseres Geistes,
Veredlung unseres Herzens, und Erheiterung unseres Gemüths
haben kann, wenn er ein gewählter ist, und mit Mäßigung
und Vorsicht genossen wird, übt er auch einen nachtheiligen
und selbst verderblichen Einfluß auf unbewachte und unbereitete
Herzen aus.

Wenn auf der einen Seite unsere Begriffe durch den Umgang
bereichert und berichtigt werden, so verwirrt er sie auf der
andern. Wir hören Menschen, mit Witz und Scharfsinn ausgestattet,
ihre vorgefaßten Meinungen, ungerechten Urtheile
und fixen Ideen mit einer solchen Beredsamkeit und Zuversicht
als unstreitige und unläugbare Wahrheiten darstellen, daß wir
uns überreden, ein ganz neues Licht über diese Gegenstände erhalten
zu haben, und ihre Jünger werden. Ein andermal fällt
ein witziger Spötter über das Heilige her, und es gelingt ihm,
den religiösen Gefühlen einiger Schwachen in der Gesellschaft einen
Stoß zu geben. Er hat ihnen das Unersetzliche genommen,
und sie werden diesen Verlust nie verschmerzen. Der Umgang
wird heute Nahrung für unsere wohlwollenden und theilnehmenden
Gefühle; aber morgen gerathen wir in eine Gesellschaft, in
welcher der Hofton herrschend ist; wir stoßen auf lauter verlarvte
Gesichter, hören lauter Redensarten, werden überall durch die
unverschämten Uebertreibungen einer frechen Schmeichelei verletzt,
sehen eine ganze Gesellschaft von Schauspielern vor uns,
von welchen jeder seine Rolle spielt, und nirgends wird uns
Nahrung für Geist und Gefühl gereicht; was ist natürlicher,
als daß wir Menschenverachtung aus dieser Gesellschaft mitnehmen,
und uns nicht sobald wieder mit den Menschen aussöhnen;
daß sich Mißtrauen unseres Herzens bemächtigt, und der
Glaube an die Menschheit seine Kraft verliert.

Ein unbewachtes und unbefestigtes Herz geräth in einer Gesellschaft
unter feine und beredte Schmeichler; der Giftsaame wird in das Herz
gestreut, und die Früchte werden nicht ausbleiben.-- Und wer hätte
nicht in der Gesellschaft die Kunst zu scheinen, Gefühle zu verhehlen,
eine Rolle zu spielen, zu heucheln, und sich zu verstellen, wider
seinen Willen, und ohne sein Wissen gelernt? Man gewöhnt sich in der
Gesellschaft an alles, selbst an das Lächerlichste, Erbärmlichste,
Platteste, an Mangel und Mißbrauch des Verstandes, an die häßlichsten
Gesichter und Gemüther, die widrigsten Fehler des Körpers und des
Sprachorgans; man bemerkt am Ende diese Gebrechen kaum mehr. Daher
sieht man, besonders in den höheren Ständen, die Mitglieder der
Gesellschaft ihren faden Witz, ihre beredten Verleumdungen, ihren
ungesalzenen Spott und ihre kläglichen Tagesneuigkeiten mit einer
Unbefangenheit gegen einander austauschen, als ob die unschuldigsten
Dinge vorgingen, und es fällt Keinem auch nur von ferne ein, sich
einer solchen Unterhaltung zu schämen, noch weniger, ihr eine bessere
Wendung zu geben, oder Salz zu verlangen und zu erwarten. Aber es sind
nicht bloß die Geistlosen oder Armen am Geist, die es so arg treiben;
auch Geistreiche lassen sich endlich, wenn sie lange genug Zuhörer
gewesen sind, zu solchem Kleinhandel herab, und werden aus lauter
Gefälligkeit, oder um der langen Weile zu entgehen, mit geistlos. Es
gehört Muth, Geduld und große Gewandtheit dazu, einen faden und dürren
Gesellschaftston zu beschwingen, und endlich zu verdrängen; aber diese
Kunst sollte jeder zu erringen suchen, weil dadurch großes Verdienst zu
erwerben ist, und der, welcher sie besitzt und ausübt, der Wohlthäter
einer ganzen Stadt werden kann.

Mehr oder weniger trägt jeder das Gepräge der Gesellschaft,
und wird ihr Zögling, oft ein zu folgsamer; denn indem sie allen
seinen Trieben die mannichfaltigste und reichste Befriedigung
darbietet, besonders dem Ehrtriebe, indem sie das Bedürfniß,
zu lieben, und geliebt zu werden, eben so sehr aufregt, als kräftig
stillt, und allen seinen Zwecken dient, legt sie ihn in unauflösliche
Fesseln. Doch sie soll auch seine Kräfte in Bewegung
setzen und beschäftigen, darum muß sie Reibungen veranlassen,
und jeglichem Bestreben, wozu die vereinte Kraft Mehrerer erfordert
wird, so wie jeglicher ungeselligen Neigung Hindernisse
und Widerstand entgegenstellen. Nicht überall kommt uns in
der Gesellschaft (das Wort hier im weitesten Sinne genommen)
Theilnahme und guter Wille entgegen, nicht überall die Anerkennnng
unserer Verdienste und unserer sittlichen Güte, und da,
wo wir gern Einfluß gewinnen möchten, stößt sie uns zurück,
weil wir nicht ihre Sprache zu reden wissen, oder uns weigern,
sie zu reden, und in den Ton, der jetzt gerade der herrschende
ist, einzustimmen. Auf der andern Seite legt sie dem Rohen
und Ungesitteten Fesseln an, und zwingt ihn durch die Gewalt
ihrer conventionellen Gesetze, die Sprache der Bescheidenheit und
Ehrbarkeit zu reden; sie nöthigt ihn zu einer sehr beschwerlichen
Selbstverleugnung, und straft ihn auf der Stelle, wenn er sich
weigert, ihre Gesetze anzuerkennen und ihnen zu gehorchen.
Wenn es scheint, daß sie dadurch theils Heuchler bildet, theils
Menschenhasser, so kann sie zwar von dieser Schuld nicht ganz
frei gesprochen werden; aber sie weiß wenigstens den Schaden,
welchen sie anrichtet, mannichfaltig zu vergüten, theils durch
die Ermunterungen, welche sie denen zu Theil werden läßt, die
sich in ihr geltend zu machen wissen; theils durch die Veranlassungen,
welche sie dem Thätigen und Wohlwollenden gibt, sich
gemeinnützig zu machen, vorzüglich aber durch die Kunst und
Sorgfalt, mit welcher sie die rohen Edelsteine schleift, so daß
ihr Werth erkannt und richtig geschätzt wird. Sie kommt durch
dieß alles der Erziehung sehr wirksam zu Hülfe, und rettet Viele,
die sonst für die Welt verloren gegangen seyn würden, errettet
Andere aus dem Verderben der Milzsucht, Hypochondrie und
üblen Laune, der Blödigkeit und Verzagtheit, des Versinkens
in Eintönigkeit, Einsylbigkeit und Verschlossenheit, verhilft ihnen
zu der Entdeckung, daß ihnen auch die Gabe der Sprache, oder
wohl gar die des Witzes und Humors zu Theil geworden sey,
weckt in viel Tausenden wohlwollende und theilnehmende Gefühle,
und heilt sie gründlich von den Krankheiten, welche ihnen
durch eine verkehrte Erziehung, oder durch den Einfluß eines
bösen Familiengeistes, oder durch die Macht böser Gewohnheiten
eingeimpft worden sind. Auch für diejenigen wird sie oft
Retterinn und Wohlthäterinn, welche am Müßiggange und an
der langen Weile krank liegen, und nur der Anregung bedürfen,
um sich zu fühlen, und zur Thätigkeit zu erwachen.

Die schwerste Aufgabe, welche uns die Gesellschaft zu lösen
gibt, und wodurch sie besonders die festen und gediegenen Charaktere,
und die einfachen Gemüther abschreckt, ist die, sich in
die oft ganz kontrastirenden Tonarten zu finden und einzustimmen,
welche in den verschiedenen Kreisen die herrschenden oder
beliebten sind. Denn seinen Geschmack verleugnen, seine Vernunft
gefangen nehmen unter dem Glauben an die Untrüglichkeit
der Mode, oder faden Witz verschlucken, und immer wieder
dieselben Späßchen sich vormachen lassen, oder einem Treibjagen
gemeiner Anekdoten zusehen, dazu gehört, wenn man wahrhaft
gebildet ist, eine Selbstverleugnung, die auch des Geduldigsten
Langmuth erschöpft, oder ein Humor, der nicht zu zerstören
ist. Da aber in dieser besten Welt niemand der Nothwendigkeit,
die Menschen zu nehmen, wie sie sind, entgehen kann,
so dürfte es zur Lebensklugheit gehören, sich mit einer solchen
Fassung und humanen Langmuth auszustatten, daß man auch
die schwersten Prüfungen dieser Art bestehen könne.

Zur Erwerbung einer solchen Fassung und Langmuth kann eine Anleitung,
wie sie ~Knigge~ in dem vorliegenden Buche gegeben hat, allerdings
etwas beitragen, da sie die Menschen nicht nur in allerlei Gestalten
lebendig darstellt, sondern auch lehrt, wie man sie, nach Maßgabe
ihres Charakters und ihrer Bildung, zu nehmen und zu behandeln, welche
Klippen man im Umgange zu vermeiden, welche Saiten man zu berühren
und nicht zu berühren habe, und wie man sich gegen den nachtheiligen
Einfluß sichern könne, welchen der Umgang auf Gesinnung, Sitte und
Urtheil ausübt, wenn man nicht die Spreu von dem Weizen zu sondern
versteht, und sich durch das Ansehen hoher Einsicht und untrüglicher
Urtheilskraft, welches die dreisten Tonangeber in der Gesellschaft
anzunehmen wissen, täuschen und bethören läßt. Wenn der humoristische
Verfasser hie und da seiner Laune zu sehr den Zügel schießen ließ, und
sich, um einen witzigen Einfall nicht unterdrücken zu dürfen, eine
kleine Uebertreibung oder Entstellung erlaubte; wenn er sich von einem
Vorurtheil, welches man ~seiner~ Zeit zu Gute halten muß, verleiten
ließ, den französischen Gesellschaftston und die geselligen Tugenden
der Franzosen, auf Unkosten der Teutschen, zu preisen; so thut dieß
im Ganzen dem Werthe dieses Buches keinen Eintrag, da es nicht schwer
ist, in diesen Stellen die Uebertreibung zu erkennen und abzusondern;
auch hat es sich der Herausgeber angelegen seyn lassen, des Verf.
Bemerkungen in dieser Hinsicht zu berichtigen, und sein Urtheil zu
mildern.




                      Einleitung des Verfassers.


                                  1.

Wir sehen die klügsten, verständigsten Menschen im gemeinen
Leben Schritte thun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.

Wir sehen die feinsten theoretischen Menschenkenner das
Opfer des gröbsten Betrugs werden.

Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer, bei alltäglichen
Vorfällen, unzweckmäßige Mittel wählen; sehen, daß
es ihnen mißlingt, auf Andre zu wirken; daß sie, mit allem
Uebergewicht der Vernunft, dennoch oft von fremden Thorheiten
und Grillen und von dem Eigensinne der Schwächern abhängen;
daß sie von schiefen Köpfen, die nicht werth sind, mit
ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln
lassen; daß hingegen Schwächlinge und Unmündige an
Geist Dinge durchsetzen, die der Weise kaum zu wünschen wagen
darf.

Wir sehen manchen Redlichen fast allgemein verkannt.

Wir sehen die witzigsten, hellsten Köpfe in Gesellschaften,
wo Aller Augen auf sie gerichtet waren, und jedermann begierig
auf jedes Wort lauerte, das aus ihrem Munde kommen
würde, eine untergeordnete Rolle spielen; sehen, wie sie verstummen,
oder nur gemeine Dinge sagen, indeß ein andrer,
äußerst leerer Mensch die kleine Summe von Begriffen, die er
hie und da aufgesammelt hat, so durch einander zu werfen und
aufzustutzen versteht, daß er Aufmerksamkeit erregt, und, selbst
bei Männern von Kenntnissen, für etwas gilt.

Wir sehen, daß die glänzendsten Schönheiten nicht allenthalben
gefallen, indeß Personen, mit weniger äussern Annehmlichkeiten
ausgerüstet, allgemein interessiren. --

Kurz, wir werden täglich gewahr, daß die klügsten und gelehrtesten
Männer, wenn nicht zuweilen die untüchtigsten zu
allen Weltgeschäften, doch wenigstens unglücklich genug sind,
durch den Mangel einer gewissen Gewandtheit zurückgesetzt zu
bleiben, und daß die Geistreichsten, von der Natur mit allen
innern und äussern Vorzügen beschenkt, oft am wenigsten zu
gefallen, zu glänzen verstehen.

Manche Leute glauben, ausgezeichnete Eigenschaften berechtigten
sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln
des Anstandes, der Höflichkeit, oder der Vorsicht zu vernachlässigen
-- Sie irren sehr. Großer Eigenschaften wegen
verzeiht man große Fehler, weil Menschen von feinerm Stoffe
heftige Leidenschaften zu haben pflegen. Wo aber keine Leidenschaft
im Spiele ist, da soll der bessere Mann auch weiser handeln,
als der alltägliche; und es ist nicht weise gehandelt, die
unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man
in der Gesellschaft leben und wirken will.

Ich rede aber hier nicht von der freiwilligen Verzichtleistung
des Weisen auf die Bewunderung des vornehmen und geringen
Pöbels. Daß der Mann von bessrer Art da in sich selbst verschlossen
schweigt, wo er nicht verstanden wird; daß der Witzige,
Geistvolle, in einem Cirkel schaler Köpfe sich nicht so weit herabläßt,
den Spaßmacher zu spielen; daß der Mann von einer gewissen
Würde im Charakter zu viel Stolz hat, sein ganzes Wesen
nach jeder ihm unbedeutenden Gesellschaft umzuformen, die
Stimmung anzunehmen, wozu die jungen Laffen seiner Vaterstadt
den Ton mit von Reisen gebracht haben; daß es den Jüngling
besser kleidet, bescheiden, schüchtern und still, als nach
Art der mehrsten unsrer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam
und plauderhaft zu seyn; daß der edle Mann, je klüger
er ist, um desto bescheidner, um desto mißtrauischer gegen
seine eignen Kenntnisse und Urtheile, um desto weniger zudringlich
seyn wird; oder daß, je mehr innerer, wahrer Verdienste
sich jemand bewußt ist, er um desto weniger Kunst anwenden
wird, seine vortheilhaften Seiten hervorzukehren, so wie die
wahrhafte Schönheit alle kleine anlockende, unwürdige Buhlkünste,
wodurch man sich bemerkbar zu machen sucht, verachtet
-- Das alles ist wohl sehr natürlich! -- davon rede ich
also nicht.

Auch nicht von der beleidigten Eitelkeit eines Mannes voll
Forderungen, der unaufhörlich eingeräuchert, geschmeichelt und
vorgezogen zu werden verlangt, und, wo das nicht geschieht,
ein finsteres Gesicht macht; nicht von dem gekränkten Hochmuthe
eines abgeschmackten Pedanten, der mißlaunig wird, wenn
er das Unglück hat, nicht aller Orten für ein großes Licht der
Erde bekannt, und als ein solches behandelt zu seyn; wenn nicht
Jeder mit seinem Lämpchen herzuläuft, um es an diesem großen
Lichte der Aufklärung anzuzünden. Wenn ein steifer Professor,
der gewohnt ist, von seinem bestaubten Dreifuße herunter, sein
Lehrbuch in der Hand, einem Haufen gaffender, unbärtiger
Musensöhne stundenlang hohe Weisheit vorzupredigen, und dann
zu sehen, wie sogar seine platten, in jedem halben Jahre wiederholten
Späße sorgfältig nachgeschrieben werden; wenn ein
Solcher einmal die Residenz, oder irgend eine andere Stadt besucht,
und das Unglück nun will, daß man ihn dort kaum dem
Namen nach kennt, daß er in einer feinen Gesellschaft von zwanzig
Personen gänzlich übersehn, oder von irgend einem Fremden
für den Kammerdiener im Hause gehalten und Er genannt wird,
wer mögte es ihm verargen, wenn er ergrimmt, und ein verdrossenes
Gesicht zeigt; oder wenn ein Stuben-Gelehrter, der
ganz fremd in der Welt, ohne Erziehung und ohne Menschenkenntniß
ist, sich einmal aus dem Haufen seiner Bücher hervorarbeitet,
und dann, äusserst verlegen mit seiner Figur, buntschäckig
und altväterisch gekleidet, in seinem, vor dreißig Jahren
nach der neuesten Mode verfertigten Bräutigamsrocke, da sitzt,
und an nichts von Allem, was gesprochen wird, Antheil nehmen,
keinen Faden finden kann, um mit anzuknüpfen: so gehört
das alles nicht hieher.

Eben so wenig rede ich von dem groben Cyniker, der alle
Regeln verachtet, welche Uebereinkunft und gegenseitige Gefälligkeit
den Menschen im bürgerlichen Leben vorgeschrieben haben,
noch von dem Kraft-Genie, das sich über Sitte, Anstand
und Vernunft hinauszusetzen, einen besondern Freibrief zu haben
glaubt.

Und wenn ich sage, daß oft auch die weisesten und klügsten
Menschen in der Welt, im Umgange und in Erlangung äusserer
Achtung, bürgerlicher und anderer Vortheile, ihres Zwecks verfehlen,
ihr Glück nicht machen; so bringe ich hier weder in Anschlag:
daß ein widriges Geschick zuweilen den Besten verfolgt,
noch daß eine unglückliche leidenschaftliche oder ungesellige
Gemüthsart bei Manchem die vorzüglichsten, edelsten Eigenschaften
verdunkelt.

Nein! meine Bemerkung trifft Personen, die wahrlich allen guten Willen
und treue Rechtschaffenheit mit mannigfaltigen, recht vorzüglichen
Eigenschaften und dem eifrigen Bestreben, in der Welt fortzukommen,
eignes und fremdes Glück zu bauen, verbinden, und die dennoch mit
diesem Allen verkannt, übersehen werden, zu gar nichts gelangen.
Woher kömmt das? Was ist es, das Diesen fehlt und Andere haben, die,
bei dem Mangel wahrer Vorzüge, alle Stufen menschlicher, irdischer
Glückseligkeit ersteigen? -- Es fehlt ihnen: ~die Kunst des Umgangs
mit Menschen~ -- eine Kunst, die oft der schwache Kopf, ohne darauf zu
studiren, viel besser erlauert, als der verständige, weise, witzreiche;
die Kunst, sich geltend zu machen, ohne beneidet zu werden; sich nach
den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten,
ohne falsch zu seyn; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft
stimmen zu können, ohne weder Eigenthümlichkeit des Charakters zu
verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen. Der,
welchen nicht die Natur schon mit dieser glücklichen Anlage hat
geboren werden lassen, erwerbe sich Menschenkenntniß, eine gewisse
Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, lerne sich zu
rechter Zeit verleugnen, erringe Gewalt über heftige Leidenschaften,
Wachsamkeit auf sich selber, und Heiterkeit des immer gleich gestimmten
Gemüths; und er wird sich jene Kunst zu eigen machen. Doch hüte man
sich, sie zu verwechseln mit der schädlichen, niedrigen Gefälligkeit
des verworfenen Sclaven, der sich von Jedem mißbrauchen läßt, sich
Jedem preisgibt, um eine Mahlzeit zu gewinnen; dem Schurken huldigt,
und, um eine Bedienung zu erhalten, zum Unrechte schweigt, zum Betruge
die Hände bietet, und die Dummheit vergöttert.

Indem ich aber von jenem +esprit de conduite+ rede, der
uns leiten muß, bei unserm Umgange mit Menschen aller Gattung:
will ich nicht etwa ein Complimentir-Buch schreiben,
sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehn, die ich gesammelt
habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren,
in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände
umhertreiben mußte und oft in der Stille beobachtete. -- Kein
vollständiges System, aber Bruchstücke, vielleicht nicht zu verwerfende
Materialien, Stoff zu weiterm Nachdenken.


                                  2.

In keinem Lande in Europa ist es vielleicht so schwer, im
Umgange mit Menschen aus allen Klassen, Gegenden und Ständen,
allgemeinen Beifall einzuerndten: in jedem dieser Kreise
wie zu Hause zu seyn, ohne Zwang, ohne Falschheit, ohne sich
verdächtig zu machen, und ohne selbst dabei zu leiden, auf den
Fürsten wie auf den Edelmann und Bürger, auf den Kaufmann
wie auf den Geistlichen, nach Gefallen zu wirken, als in unserm
teutschen Vaterlande; denn nirgends vielleicht herrscht zu
gleicher Zeit eine so große Mannigfaltigkeit des Conversationstons,
der Erziehungsart, der Religions- und andrer Meinungen,
eine so große Verschiedenheit der Gegenstände, welche die
Aufmerksamkeit der einzelnen Volks-Klassen in den einzelnen
Provinzen beschäftigen. Dieß rührt her von der Mannigfaltigkeit
des Interesse der teutschen Staaten gegen einander und gegen
auswärtige, von dem Unterschiede der Verbindungen mit
diesem oder jenem auswärtigen Volke, und von dem sehr merklichen
Abstande der Klassen in Teutschland von einander, zwischen
denen verjährtes Vorurtheil, Erziehung und zum Theil
auch Staats-Verfassung eine viel bestimmtere Grenzlinie gezogen
haben, als in andern Ländern. Wo hat mehr, als in Teutschland,
die Idee von sechszehn Ahnen des Adels wesentlichen moralischen
und politischen Einfluß auf Denkungsart und Bildung?
Wo greift weniger allgemein, als bei uns, die Kaufmannschaft
in die übrigen Klassen ein? Wo macht mehr, als hier, das
Corps der Hofleute eine ganz eigne Gattung aus, in welche
hinein, so wie zu der Person der mehrsten Fürsten, nur Leute
von gewisser Geburt und gewissem Range sich hindrängen können?
Wo durchkreuzen sich mehr Arten von Interesse? -- Und
diese treffen nicht etwa auf irgend einen dem ganzen Volke merkbaren
Punkt zusammen, auf allgemeine National-Bedürfnisse,
Volks-Angelegenheiten, Vaterlands-Nutzen, wie in England,
wo Aufrechthaltung der Constitution, Freiheit und Glück der
Nation, Flor des Vaterlandes, der Punkt ist, in welchem sich
das Streben, Dichten und Trachten so mancher originellen Charaktere
vereinigt, noch wie in fast allen übrigen europäischen
Ländern, die entweder unter einem einzigen Oberhaupte stehen,
oder durch ein einziges, allen Gliedern wichtiges Interesse beherrscht
werden, wie die Schweiz, oder in welchen eine allein
herrschende Religion, oder ein tyrannisches Clima, über Denkungsart,
Ton und Stimmung allgemein überwiegende Gewalt
hat.

Daß im Ganzen unsere teutsche Verfassung, so zusammengesetzt
sie auch ist, sehr große, wesentliche Vorzüge gewährt,
das leidet keinen Zweifel; allein es ist nicht weniger gewiß, daß
dieselbe den mächtigsten Einfluß auf die Verschiedenheit der Stimmung
in den einzelnen Provinzen und Staaten und unter den
mancherlei von einander abgesonderten Ständen hat. Eben daher
kommt es, daß unsre Schauspieler, Schauspiel-Dichter und
Romanen-Schreiber ein viel schwereres Studium haben, wenn
sie alle diese Nüancen kennen, bearbeiten und dennoch einen Anstrich
von originellem National-Charakter wollen durchschimmern
lassen; viel schwerer, als in Frankreich, wo die Sitten
der verschiednen Stände und einzelnen Provinzen nicht so sehr
gegen einander abstechen. Eben daher kömmt es, daß man über
wenige unsrer literarischen Produkte ein allgemein einstimmig
beifälliges Volks-Urtheil hört, daß überhaupt so wenige unserer
Werke wie National-Monumente auf die Nachwelt übergehen,
und eben daher endlich kömmt es, daß es so schwer ist, mit
Menschen aus allen Ständen und Gegenden in Teutschland umzugehn
und bei Allen gleich wohl gelitten zu seyn, auf Alle gleich
vortheilhaft zu wirken.

Der treuherzige, naive, zuweilen ein wenig bäurische, materielle
Bayer ist äusserst verlegen, wenn er auf alle verbindlichen,
artigen Dinge antworten soll, die ihm der feine Ober-Sachse in
~einem~ Othem entgegenschickt; dem schwerfälligen Westphälinger
ist alles hebräisch, was ihm der Oesterreicher in seiner, ihm
gänzlich fremden Mundart vorpoltert; die zuvorkommende Höflichkeit
und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft
polirten Rheinländers würde man in manchen Städten von
Nieder-Sachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten.
Man glaubt da, ein Mann, der so äusserst unterthänig
und nachgiebig ist, müsse gefährliche oder niedrige Absichten haben,
oder müsse falsch, oder sehr arm und hülfsbedürftig seyn;
und oft ist dort ein wenig zu weit getriebne äussere Höflichkeit
hinlänglich, den Mann, der sich am Rheine dadurch allgemeine
Liebe erwerben würde, an der Leine verächtlich zu machen. Dagegen
wird aber auch der, nicht kältere, nur weniger leichtsinnige,
weniger zuversichtliche, nicht so im Gedränge von Fremden,
noch auf Reisen an Leib und Seele abgeschliffene, geglättete,
sondern ernsthafte Nieder-Sachse, der bei der ersten Bekanntschaft
nicht sehr zuvorkommend, sondern wohl gar ein
wenig verlegen ist, an einem Hofe im Reiche vielleicht für einen
schüchternen Menschen, ohne Lebensart, ohne Welt, angesehen
werden[1].

Sich nun also nach Ort, Zeit und Umständen umzuformen,
und von verjährten Gewohnheiten sich loszumachen: das erfordert
Studium und Kunst.

In Gegenden, aus welchen weder Unzufriedenheit mit dem
Vaterlande, noch Müßiggang, noch Verderbniß der Sitten,
noch unbestimmte, rastlose Thätigkeit, noch Anekdoten-Jagd,
noch vorwitzige Neugier, die Menschen schaarenweise auswandern
macht, und jeden Pinsel zum Reisen treibt, sind die Einwohner
mit dem, was es daheim gibt, so herzlich wohl zufrieden,
daß sie nichts Größeres kennen, nichts Größeres kennen
mögen, als das, was sie in ihrem Vaterlande von Jugend auf
betrachtet, schon als Knaben bewundert, oder von ihren Verwandten
und Freunden haben stiften, bauen, anlegen gesehn.
Ihnen sind die kleinen jährlichen oder andern Feste immer neu,
immer gleich glänzend und merkwürdig. -- Glückliche Unwissenheit!
nicht zu vertauschen mit dem Ekel, welcher den Mann
anwandelt, der in seinem Leben so gar viel aller Orten erlebt,
erfahren, gesehn, bauen und zerstören gesehn hat, und zuletzt
an nichts mehr Freude finden, nichts mehr bewundern kann,
alles mit Tadel und Langerweile erblickt! -- Doch macht die
treue Anhänglichkeit an einheimische Sitten zuweilen ungerecht,
ungeschliffen gegen Menschen, die sich durch kleine Verschiedenheiten,
wäre es auch nur in Anstand, Kleidung, Ton, Mundart
oder Gebehrden, unschuldigerweise auszeichnen.

In freien Städten ist diese Anhänglichkeit an väterliche Sitten,
Kleidertrachten u. dgl. sehr auffallend, und hat nicht selten
Einfluß auf Regierungs-Verfassung, Religions-Verträglichkeit
und andre wichtige und unwichtige Dinge. Ich meine, diese
Verschiedenheit der Sitten und der Stimmung in den teutschen
Staaten macht es sehr schwer, außer seiner vaterländischen Gegend,
in fremden Provinzen, in Gesellschaften zu gefallen,
Freundschaften zu stiften, Geschmack am Umgange zu finden,
Andre für sich einzunehmen, und auf Andre zu wirken.

Diese Schwierigkeiten werden größer und fühlbarer, und erzeugen
eine nicht geringe Verlegenheit, wenn man in Teutschland
in Gesellschaften geräth, welche aus Personen von verschiedenen
Ständen und Erziehungsweisen zusammengesetzt sind.
Dem Teutschen wird es schwer, sich zu einem fremden Gesellschaftston
zu erheben oder herabzustimmen; seine Theilnahme
wird nicht sogleich rege; er fühlt sich verstimmt, wenn die Form
der Unterhaltung von derjenigen, an welche er in seiner Heimath
gewöhnt ist, merklich abweicht. Kommt er aus der Provinz in
die Hauptstadt, so macht ihn die Neuheit der Form verlegen,
ängstlich, schüchtern, und also unbeholfen; ist der Fall umgekehrt,
so wird er entweder einsylbig, kaltsinnig und verdrießlich,
oder er überläßt sich der Spottlust, und wird ein Friedensstörer.
Lebt er auf dem Lande, so fühlt er sich in der Hauptstadt durch
die im Umgange herrschende Geschmeidigkeit und Gewandtheit
geängstigt, weil er gewohnt ist, sich gehen zu lassen, und auf
sein äusseres Wesen wenig Aufmerksamkeit zu wenden, und daher
sitzt er stumm und gefühllos da.

Man sehe nur einen ehrlichen Land-Edelmann, aus treuer Lehnspflicht,
einmal nach langen Jahren wieder an dem Hofe seines Landesherrn
erscheinen! Er hat sich schon früh Morgens auf's beste ausgeschmückt
und sich die sonst gewöhnte liebe Pfeife Tabak versagt, um nicht nach
Rauch zu riechen. Auf den Gassen der Stadt war es noch öde und still,
als er schon in seinem Wirthshause umherwandelte und alles in Bewegung
setzte, um ihm beizustehen, bei dem beschwerlichen Geschäfte, sich
hofmäßig auszuschmücken. Jetzt ist er endlich fertig; die seidnen
Strümpfe ersetzen bei weitem nicht, was die heute zurückgelegten
Stiefel ihm sonst gewähren; ihn friert gewaltig an den, ihm nackend
scheinenden Beinen. Der modisch zugeschnittene Rock ist in den
Schultern nicht so bequem, wie sein treuer, alter, warmer Ueberrock;
das Stehn wird ihm unerträglich sauer. -- In dieser qualvollen
Gemüthsverfassung erscheint er im Vorzimmer. Um ihn her wimmelt ein
Haufen Hofschranzen herum, die, obgleich sie sämmtlich vielleicht nicht
so viel werth, wie dieser ehrliche, nützliche Mann, und im Grunde ihrer
Herzen nicht weniger, als er, von Langerweile geplagt sind, dennoch
mit Naserümpfen und Verachtung hier, wo sie in ihrem Elemente zu
seyn scheinen, ihn ansehen. Er fühlt jeden Spott, übersieht sie, ist
ihnen an gesundem Verstande und Urtheilskraft bei weitem überlegen,
und muß sich dennoch von ihnen demüthigen lassen. Sie nähern sich
ihm, thun mit zerstreuter, wichtiger Miene einige Fragen an ihn;
Fragen, an denen das Herz keinen Antheil nimmt, und worauf sie auch
die Antwort nicht abwarten. Er glaubt Einen unter ihnen zu entdecken,
der ihm theilnehmender scheint, als die Uebrigen; mit diesem fängt er
ein Gespräch von Dingen an, die ihm, vielleicht auch dem Vaterlande,
wichtig sind: von dem Wohlstande, den eigenthümlichen Vorzügen, den
Naturschönheiten der Provinz, in welcher er lebt; er redet mit Wärme;
Redlichkeit athmet alles, was er sagt -- aber bald sieht er, wie
sehr er sich in seiner Hoffnung getäuscht hat. Das Männchen hört ihm
mit halbem Ohre zu, erwiedert irgend ein Paar unbedeutende Sylben
zur Antwort, und läßt dann den braven Hausvater ohne Unterhaltung
da stehen. Nun nähert er sich einem Cirkel von Leuten, die mit
Interesse und Lebhaftigkeit zu reden scheinen. An diesem Gespräche
wünscht er Theil zu nehmen; aber alles, was er hört, Gegenstand,
Sprache, Ausdruck, Wendung, alles ist ihm fremd. In halb teutschen,
halb französischen Redensarten wird hier eine Sache abgehandelt, auf
welche er nie seine Aufmerksamkeit gerichtet, von welcher er nie
geglaubt hat, daß es möglich wäre, teutsche Männer könnten sich damit
beschäftigen. Seine Verlegenheit, seine Ungeduld steigt mit jedem
Augenblicke, bis er endlich das verwünschte Schloß weit hinter sich
sieht.

Und nun, den Fall umgekehrt, lasse man einen sonst edlen Hofmann
einmal hinaus auf das Land in die Gesellschaft biederer Beamten
und Provinzial-Edelleute gerathen; -- hier herrschen ungezwungene
Fröhlichkeit, Offenherzigkeit, Freiheit; man redet von dem, was am
nächsten den Landmann angeht; man wiegt die Worte nicht ab; der
Scherz ist kunstlos, treffend, gewürzt, aber nicht zugespitzt, nicht
witzig und gesucht. Unser Hofmann versucht es, sich in diese Manier
hineinzuarbeiten: er mischt sich in die Gespräche; aber der Ausdruck
der Offenheit und Treuherzigkeit fehlt. Was bei Jenen naiv war, wird
bei ihm beleidigend. Er fühlt dieß, und will die Leute in seinen Ton
stimmen. In der Stadt gilt er für einen angenehmen Gesellschafter:
er spannt alle Segel auf, um auch hier zu glänzen; allein die
kleinen Anekdoten, die feinen Züge, worauf er anspielt, sind hier
gänzlich unbekannt, gehen verloren. Man findet ihn spottsüchtig, da
in der Stadt niemand ihn einer solchen Gesinnung beschuldiget. Seine
Höflichkeitsworte, die er wahrlich gut meint, hält man für Falschheit;
die Süßigkeiten, die er den Frauenzimmern sagt, und die nur höflich und
verbindlich seyn sollen, betrachtet man als hämischen Spott. -- So groß
ist die Verschiedenheit des Tons unter zweierlei Klassen von Menschen!
--

Ein Professor, der in der literarischen Welt eine nicht gemeine Rolle
spielt, meint, in seiner gelehrten Einfalt, die Universität, auf
welcher er lebt, sey der Mittelpunkt alles Lebens und aller Wirksamkeit
im Staate, und das Fach, in welchem er sich Kenntnisse erworben, die
einzige, dem Menschen nützliche, der Anstrengung, des Nachforschens und
Studiums würdige Wissenschaft. Er nennt Jeden, der sich darauf nicht
gelegt hat, verächtlicherweise einen Schöngeist. Eine Dame, die bei
ihrer Durchreise den berühmten Mann kennen zu lernen wünscht, und ihn
desfalls besucht, unterhält er in einer Sprache und über Gegenstände,
wovon sie nicht ein Wort versteht; er unterhält die Gesellschaft,
welche sich darauf gefreuet hatte, ihn recht zu genießen, bei der
Abendtafel, mit Zergliederung des neuen akademischen Credit-Edikts,
oder, wenn der Wein dem guten Manne jovialische Laune gibt, mit
Erzählung lustiger Schwänke aus seinen Studenten-Jahren.

In welcher Verlegenheit ist zuweilen ein Mann, der nicht
viel Journale und neuere Modeschriften liest, wenn er in eine
Gesellschaft von schöngeisterischen Herren und Damen geräth.

Gleichsam wie verrathen und verkauft scheint ein sogenannter
Profaner, wenn er sich unter einem Haufen Mitglieder einer
geheimen Verbindung befindet, oder wenn er in eine Gesellschaft
geräth, welche aus lauter wissenschaftlich gebildeten Personen
zusammengesetzt ist.

Freilich kann nichts ungesitteter, den wahren Begriffen einer
feinen Lebensart mehr entgegen seyn, als wenn eine Anzahl
Menschen, die sich auf diese Art unter einander verstehen, einem
Fremden, der gutmüthig unter sie tritt, um an den Freuden der
Geselligkeit Theil zu nehmen, durch ununterbrochene Lenkung
des Gesprächs auf Gegenstände, wovon Dieser gar nichts versteht,
jeden Genuß der Unterredung raubt. Auf diese Art habe
ich zuweilen in meiner ersten Jugend in Familien-Cirkeln, wo
die Unterhaltung beständig mit Anspielungen auf mir gänzlich
unbekannte Anekdoten durchflochten, und durch gewisse mir
fremde Redensarten und Bonmots, womit ich gar keinen Begriff
verbinden konnte, gewürzt war, tödtende Langeweile gehabt.
Man sollte wohl mehr Rücksicht nehmen: allein selten
sind ganze Gesellschaften so billig, sich nach Einzelnen zu richten;
auch läßt sich das nicht immer mit Recht fordern; folglich
ist es wichtig für Jeden, der in der Welt mit Menschen leben
will, die Kunst zu studiren, sich nach Sitten, Ton und Stimmung
Anderer zu fügen.


                                  3.

Ueber diese Kunst will ich etwas sagen. -- Aber habe ich
denn auch wohl Beruf, ein Buch über den feinen Gesellschaftston
zu schreiben, ich, der ich in meinem Leben vielleicht sehr
wenig von diesem Ton gezeigt habe? Ziemt es mir, Menschenkenntniß
auszukramen, da ich so oft ein Opfer der unvorsichtigsten,
einem Neulinge kaum zu verzeihenden Hingebung gewesen
bin? Wird man die Kunst des Umgangs von einem Manne
lernen wollen, der beinahe von allem menschlichen Umgange
abgesondert lebt? -- Lasset doch sehn, meine Freunde, was sich
darauf antworten läßt!

Habe ich widrige Erfahrungen gemacht, die mich von meiner
eigenen Ungeschicklichkeit überzeugt haben -- desto besser!
Wer kann so gut vor der Gefahr warnen, als Der, welcher
darinn gesteckt hat? Haben Temperament und Weichlichkeit --
oder darf ich es nicht Güte eines so gern sich anschließenden Herzens
nennen? -- haben Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft,
nach Gelegenheit, Andern zu dienen, und sympathetische Empfindungen
zu erregen, mich oft unvorsichtig handeln gemacht, oft
die klügelnde Vernunft weit zurückgelassen; so war es wahrlich
nicht Blödsinnigkeit, Kurzsichtigkeit, Unbekanntschaft mit Menschen,
was mich irre leitete; sondern Bedürfniß zu lieben und
geliebt zu werden, Verlangen thätig zu seyn, zum Guten zu
wirken. Uebrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem
so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und
Verbindungen mit andern Menschen aller Art gerathen, wie ich,
seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit,
wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung
verwahrloset ist, Bemerkungen zu machen, und vor Gefahren
zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können. Daß
ich aber jetzt einsam und abgezogen lebe, geschieht weder aus
Menschenhaß, noch Blödigkeit; ich habe sehr wichtige Gründe
dazu; allein diese hier weitläuftig zu entwickeln, das hieße zu
viel von mir selbst reden, da ich ohnehin noch, zum Schlusse
dieser Einleitung, etwas über meine eignen Erfahrungen werde
sagen müssen, bevor ich zum Zwecke komme. -- Also nur noch
dieses:


                                  4.

Ich trat als ein sehr junger Mensch, beinahe noch als ein
Kind, schon in die große Welt, und auf den Schauplatz des
Hofes. Mein Temperament war lebhaft, unruhig, bewegsam,
mein Blut warm; die Keime zu mancher heftigen Leidenschaft
lagen in mir verborgen. Ich war in der ersten Erziehung ein
wenig verzärtelt, und durch große Aufmerksamkeit, deren man
meine kleine Person früh gewürdigt hatte, gewöhnt worden, sehr
viel Rücksichten von andern Leuten zu fordern. In einem Vaterlande
aufgewachsen, wo Schmeichelei, Verstellung und ein
gewisses kriechendes Wesen nicht sehr zu Hause sind, hatte man
mich freilich auch nicht zu jener Geschmeidigkeit vorbereitet, deren
ich bedurfte, um, unter mir ganz fremden Leuten, in despotischen
Staaten große Fortschritte zu machen; auch ist der theoretische
Unterricht in wahrer Weltklugheit bei der Jugend theils
selten mit Erfolge, theils nicht immer ohne Gefahr zu ertheilen;
eigne Erfahrung muß da in der Folge das Beste thun. Diese
Lectionen, wenn man das Glück hat, wohlfeil daran zu kommen,
sind von der heilsamsten Wirkung, und prägen sich tief
ein. Noch erinnere ich mich einer kleinen Scene von der Art, die
mich auf eine Zeitlang vorsichtig machte. Ich saß in C*** in
der italiänischen Oper in der herrschaftlichen Loge; ich war früher,
als der Hof, gekommen, weil ich Mittags nicht auf dem
Schlosse, sondern in der Stadt als Gast gespeist hatte. Noch
waren wenige Menschen da; in der ganzen Reihe des ersten
Ranges saß nur einzig der Land-Commandeur, Graf I***,
ein würdiger Greis. Er hatte, wie es schien, auch darauf gerechnet,
daß es schon später wäre, als es wirklich war; weil er
nun Langeweile hatte, und mich gleichfalls einsam da sitzen sah,
trat er zu mir herein, und fing eine Unterredung mit mir an.
Er schien sehr zufrieden mit dem, was ich ihm über verschiedene
Gegenstände, von denen ich einige Kenntniß besaß, sagte; der
Greis wurde immer freundlicher und herablassender, und dieß
kitzelte mich so sehr, daß ich darauf allerlei Seitensprünge in
meinem Gespräche machte, und zuletzt ein wenig vorwitzig und
muthwillig wurde. Endlich entwischte mir eine, mir gegenwärtig
nicht mehr erinnerliche, grobe Unvorsichtigkeit im Reden;
der Graf sah mir ernsthaft in das Gesicht, und ohne weiter ein
Wort zu verlieren, ließ er mich stehn, und ging zurück in seine
Loge. Ich fühlte die ganze Stärke dieses Verweises, aber die
Arzenei half nicht lange. Meine Lebhaftigkeit verleitete mich zu
großen Verletzungen der Bescheidenheit und guten Sitte; ich
übereilte alles, that immer zu viel oder zu wenig, kam stets zu
früh oder zu spät, weil ich immer entweder eine Thorheit beging,
oder eine andere gutzumachen hatte. Daher kamen unendliche
Widersprüche in meinen Handlungen, und ich verfehlte
fast bei allen Gelegenheiten des Zwecks, weil ich keinen einfachen
Plan verfolgte. Zuerst war ich zu sorglos, zu offen, gab
mich zu unvorsichtig hin, und schadete mir dadurch; alsdann
nahm ich mir vor, ein feiner Hofmann zu werden. Mein Betragen
wurde gekünstelt, und nun traueten mir die Bessern
nicht; ich war zu geschmeidig, und verlor dadurch äussere Achtung
und innere Würde, Selbstständigkeit und Festigkeit. Erbittert
gegen mich und Andre, riß ich mich dann los, und wurde
ein Sonderling. Dieß erregte Aufsehn; die Menschen suchten
mich auf, wie sie alles Sonderbare aufsuchen. Dadurch aber
erwachte mein Trieb zur Geselligkeit wieder; ich näherte mich
auf's neue, lenkte wieder ein, und nun verschwand der Nimbus,
den nur meine Abgezogenheit von der Welt um mich her gezogen
hatte. In einer andern Periode spottete ich der herrschenden
Thorheiten, zuweilen nicht ohne Witz; man fürchtete mich, aber
man liebte mich nicht; dieß schmerzte mich; um das wieder gut
zu machen, zeigte ich mich von der unschädlichen Seite, entfaltete
ein liebevolles, wohlwollendes Herz, unfähig zu schaden und
zu verfolgen -- und die Wirkung davon war, daß jedermann,
der noch einen Rest von Groll gegen mich hegte, oder irgend einen
lustigen Einfall von mir, auf seine Rechnung geschrieben hatte,
mich jetzt mit einer Art von Geringschätzung behandelte, sobald
er sah, daß ich nur mit Rappieren und nicht mit Schwerdtern
focht, daß meine Waffen nicht zum Morde geschliffen waren.
Oder wenn meine satyrische Laune durch den Beifall lustiger
Gesellschafter aufgeweckt wurde, hechelte ich große und kleine
Thoren durch; die Spaßvögel lachten dann; aber die Weisern
schüttelten die Köpfe, und wurden kalt gegen mich. Um zu zeigen,
wie wenig bösartig meine Laune wäre, hörte ich auf, zu
spotten, und fing an, alle Thorheiten und Fehler gutmüthig zu
entschuldigen; und nun hielten Einige mich für einen Pinsel,
Andre für einen Heuchler. Wählte ich mir meinen Umgang unter
den ausgesuchtesten, aufgeklärtesten Männern, so erwartete
ich vergebens Schutz von dem am Ruder stehenden Dummkopfe;
gab ich mich elenden Leuten preis, so wurde ich mit diesen in
Eine Klasse gesetzt. Menschen ohne Erziehung, von niederm
Stande, mißbrauchten mich, wenn ich mich ihnen zu sehr näherte;
mit Vornehmern verdarb ich es, sobald sie meine Eitelkeit
beleidigten. Bald ließ ich den Geistesarmen zu sehr meine
Ueberlegenheit empfinden, und wurde verfolgt; bald war ich zu
bescheiden, und wurde übersehen. Bald richtete ich mich geschmeidig
und schonend nach den Sitten der Leute, nach dem Ton aller
unbedeutenden Gesellschaften, in welche ich gerieth, verlor
goldne Zeit, Achtung der Weisern, und Zufriedenheit mit mir
selber; dann wurde ich wieder zu einfach, und spielte eine verkehrte
Rolle, da, wo ich hätte glänzen oder wenigstens mich geltend
machen können und sollen, durch Mangel an Zuversicht zu
mir selber. Zu einer Zeit ging ich zu wenig unter Menschen,
indem ich mich meiner Laune hingab, und man hielt mich für
stolz oder menschenscheu; zu einer andern zeigte ich mich überall,
und wurde als ein Alltagsgesicht übersehen oder belächelt. In
den ersten Jünglingsjahren gab ich mich unbedachtsam, Jedem
ausschließlich, mit vollem Vertrauen, und ohne alle Vorsicht
hin, der sich meinen Freund nannte, und mir einige Zuneigung
bewies; und sahe mich schmerzlich getäuscht, oder schändlich betrogen
und gemißbraucht; dann war ich wieder, in einem Anfall
von Menschenliebe und Wohlwollen, eines Jeden Freund,
bereit, Jedem zu dienen, und nun mußte ich mit Verdruß erfahren,
daß sich niemand mit ganzer Seele an mich anschloß,
weil niemand mit dem kleinen, in so viel Partikeln getheilten
Stückchen Herzen vorlieb nehmen wollte. Wenn ich zu viel erwartete,
wurde ich getäuscht; wenn ich ohne allen Glauben an
Treue und Redlichkeit unter den Menschen umher irrte, hatte
ich gar keinen Genuß, nahm an gar nichts Theil. Es ist bekannt,
welchen thätigen Antheil ich an der Verbindung der sogenannten
Illuminaten genommen, wovon ich in einer eignen
Schrift (~Philo's Erklärung &c.~ ) Rechenschaft gegeben habe.
Diese Verbindung, an deren Spitze Personen standen, die zum
Theil, ihrer Geburt, ihren bürgerlichen Verhältnissen und ihren
Talenten nach, zu den wichtigsten Männern in Teutschland gehörten,
machte vorzüglich auch Menschenkenntniß zu einem Gegenstande
ihrer Nachforschungen. Der, durch dessen Hände, wie
das bei mir eine Zeitlang der Fall war, fast alle Geschäfte einer
so ausgebreiteten Gesellschaft gingen, fand freilich Gelegenheit
genug, Leute aus allen Ständen und von sehr verschiedener Bildung
und Stimmung, welche Mitglieder des Ordens waren,
von mancher Seite und in allerlei Lagen kennen zu lernen; allein
da man mit diesen Leuten größtentheils nur schriftlichen
Umgang pflog, so gewann im Ganzen meine praktische Erfahrung
nicht so viel dabei. Reichhaltiger war die Ausbeute, die
ich an Höfen, an welchen ich mich vielfältig umhertrieb, gemacht
habe. Soll ich es mir aber zur Schande, oder zur Ehre
rechnen? -- genug! auch auf diesem Schauplatze habe ich mehr
beobachtet, als meine Beobachtungen zu eignem Vortheile nützen
gelernt, und nie habe ich über mein zu lebhaftes Temperament
so viel gewinnen können, daß ich meine schwachen Seiten so
sorgfältig, wie ich thun sollen, verborgen hätte. -- Und so vergingen
dann die Jahre, in welchen ich hätte mein Glück machen
können, wie man das gewöhnlich nennt. Jetzt, da ich die Menschen
besser kenne, da Erfahrung mir die Augen geöffnet, mich
vorsichtig gemacht, und vielleicht die Kunst gelehrt hat, auf
Andre zu wirken; jetzt ist es zu spät für mich, von dieser so
theuer erkauften Kunst Gebrauch zu machen. Mein Rücken
krümmt sich mit Mühe zu Reverenzen; ich habe nicht viel unnütze
Zeit mehr zu verschwenden, die ich preisgeben könnte; das
Wenige, was ich noch in dem Reste meines Lebens auf solchen
Wegen erlangen könnte, lohnt die Mühe und Anstrengung nicht,
die mich das kosten würde, und es ziemt dem Mann, dessen
Grundsätze Alter und Erfahrung befestigt haben, eben so wenig,
jetzt erst anzufangen, den Geschmeidigen, wie den Stutzer zu
spielen. -- Es ist zu spät, sage ich, mit der Ausübung anzuheben;
aber nicht zu spät, Jünglingen zu zeigen, welchen Weg
sie wandeln müssen -- und so lasset uns denn den Versuch machen
und der Sache näher rücken!




                            Erstes Kapitel.

        Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang
                             mit Menschen.


                                  1.

~Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als
er sich selbst gelten macht.~ Das ist ein goldner Spruch,
ein reiches Thema zu einem Folianten, über den +esprit de conduite+
und über die Mittel, in der Welt seinen Zweck zu erlangen;
ein Satz, dessen Wahrheit auf die Erfahrung aller Zeitalter
gestützt ist. Diese Erfahrung lehrt den Abentheurer und
Großsprecher, sich bei dem Haufen für einen Mann von Wichtigkeit
auszugeben, von seinen Verbindungen mit Fürsten und
Staatsmännern, mit Männern, welche nicht einmal von seinem
Daseyn etwas wissen, in einem Tone zu reden, der ihm,
wo nichts mehr, doch wenigstens manche freie Mahlzeit, und
den Zutritt in den ersten Häusern erwirbt. Ich habe einen Menschen
gekannt, der auf diese Art von seiner Vertraulichkeit mit
dem Kaiser Joseph und dem Fürsten Kaunitz redete, obgleich ich
ganz gewiß wußte, daß diese ihn kaum dem Namen nach, und
zwar als einen unruhigen Kopf und als eine Lästerzunge kannten.
Indessen hatte er hiedurch, da niemand genauer nachfragte,
sich auf eine kurze Zeit in solches Ansehn gesetzt, daß Leute, die
bei des Kaisers Majestät etwas zu suchen hatten, sich an ihn
wendeten. Dann schrieb er auf so unverschämte Art an irgend
einen Großen in Wien, und sprach in diesem Briefe von seinen
übrigen vornehmen Freunden daselbst mit einer solchen Dreistigkeit,
daß er, zwar nicht Erlangung seines Zwecks, aber doch
manche höfliche Antwort erschlich, mit welcher er dann weiter
wucherte.

Diese Erfahrung, daß es möglich ist, durch den Ton der
Zuversicht und durch eine vornehme Miene sich Gehör zu verschaffen,
macht den frechen Halbgelehrten so dreist, über Dinge
zu entscheiden, wovon er nicht früher, als eine Stunde vorher,
das erste Wort gelesen oder gehört hat, aber so zu entscheiden,
daß selbst der anwesende bescheidene Literator es nicht wagt, zu
widersprechen, noch Fragen zu thun, die des Schwätzers Fahrzeug
auf's Trockene werfen könnten.

Diese Erfahrung ist es, welche uns Aufschluß über den Erfolg
gibt, mit welchem ein Dummkopf sich um die ersten Stellen im
Staate bewirbt, die verdienstvollsten Männer zu Boden tritt,
und niemand findet, der ihn in seine Schranken zurückwiese.

Auf diese Erfahrung gestützt, fordert der fremde Künstler hundert
Louisd'or für ein Stück, das der einheimische, zehnfach besser
gearbeitet, um funfzig Thaler verkaufen würde; allein man reißt sich um
des Ausländers Werke: er kann nicht so viel fertig machen, als von ihm
gefordert wird, und am Ende läßt er bei dem Einheimischen arbeiten, und
verkauft das für ultramontanische Waare.

Auf diese Erfahrung gestützt, erschleicht sich der Schriftsteller
eine vortheilhafte Recension, wenn er in der Vorrede zu dem
zweiten Theile seines langweiligen Buchs mit der schamlosesten
Frechheit von dem Beifalle redet, womit Kenner und Gelehrte,
deren Freundschaft er sich rühmt, den ersten Theil beehrt haben.

Diese Erfahrung gibt dem vornehmen Bankerottirer, der
Geld borgen will und nie wieder bezahlen kann, den Muth, das
Anlehn in solchen Ausdrücken zu fordern, daß der reiche Wuchrer
es für Ehre hält, sich von ihm betrügen zu lassen.

Fast alle Arten von Bitten um Schutz und Beförderung, die in diesem
Tone vorgetragen werden, finden Eingang, und werden nicht abgeschlagen;
dahingegen Verachtung, Zurücksetzung und nicht erfüllte billige Wünsche
fast immer der Preis des bescheidenen, furchtsamen Bewerbers sind.

Kurz! der Satz: ~daß jedermann nicht mehr und nicht
weniger gelte, als er sich selbst gelten macht~, ist die
große Panacee für Abentheurer, Prahler, Windbeutel und seichte
Köpfe, um fortzukommen auf diesem Erdballe -- ich gebe also
keinen Kirschkern für dieses Universalmittel -- Doch still! sollte
denn jener Satz uns gar nichts werth seyn? Ja, meine Freunde!
er kann uns lehren, nie ohne Noth und Beruf unsre ökonomischen,
physikalischen, moralischen und intellectuellen Schwächen
aufzudecken. Ohne also sich zur Prahlerei und zu niederträchtigen
Lügen herabzulassen, soll man doch nicht die Gelegenheit
verabsäumen, sich von seinen vortheilhaften Seiten zu zeigen.

Es gibt eine falsche Bescheidenheit und Zurückhaltung, die in einem
kleinmüthigen Mißtrauen gegen sich selbst ihren Grund hat, und die
Furcht erzeugt; von dieser gefesselt, läßt Mancher, der viel zu leisten
vermag, die günstigste Gelegenheit, sich geltend zu machen, oder die
Aufmerksamkeit der Vielvermögenden auf sich zu lenken, ungenutzt
vorübergehen; eine Gelegenheit, die nimmer wiederkommt. Daß man hiebei
mit Bescheidenheit zu Werke gehen, nichts zur Schau tragen, nicht
sein eigner Lobredner seyn müsse, darf nicht erinnert werden, denn es
bleibt dabei, daß der, welcher sich selbst erhöht, erniedrigt werde.
Auszeichnung läßt sich nicht ertrotzen, und die ertrotzte würde nicht
frommen. Hängt man ein gar zu glänzendes Schild aus, so erweckt man
dadurch die spähende und lästernde Eifersucht, oder reizt zu den
strengsten ungerechtesten Forderungen. Die Splitterrichter erheben
kreischend ihre Stimme; und so ist es sogleich um den erborgten Glanz
geschehn. Zeige Dich also mit einem gewissen bescheidnen Bewußtseyn
innerer Würde, und vor allen Dingen mit dem auf Deiner Stirne
strahlenden Bewußtseyn der Wahrheit und Redlichkeit! Zeige Vernunft
und Kenntnisse, wo Du Veranlassung dazu hast! Nicht so viel, um Neid
zu erregen und Forderungen anzukündigen; nicht so wenig, um übersehn
und überschrien zu werden! Laß Dich aufsuchen, und sey nicht zu
bereitwillig, ohne daß man Dich weder für einen Sonderling, noch für
scheu, noch für hochmüthig halte!


                                  2.

Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine
der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit. Die Menschen beurtheilen
und richten Dich nach dem Maaßstabe Deiner Forderungen,
und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir
nicht Forderungen aufbürden. Dann heißt es, wenn Du auch
nur des kleinsten Fehlers Dich schuldig machst: »Einem ~solchen
Manne~ ist das gar nicht zu verzeihn;« und da die Schwachen
sich ohnehin ein Fest daraus machen, an einem Menschen,
der sie verdunkelt, Mängel zu entdecken, so wird Dir ein einziger
Fehltritt höher angerechnet, als Andern ein ganzes Register
von Bosheiten und Pinseleien.


                                  3.

Sey aber nicht ~gar zu sehr~ ein Sclave der Meinungen
Andrer von Dir! Sey selbstständig! Was kümmert Dich am
Ende das Urtheil der ganzen Welt, ~wenn Du thust, was
Du sollst~? und was ist Dein ganzer Prunk von äussern Tugenden
werth, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches,
niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften damit zu
prunken?


                                  4.

Vor allen Dingen wache über Dich, daß Du nie die innere
Zuversicht zu Dir selber, das Vertrauen auf Gott, auf gute
Menschen und auf das Schicksal verlierest! Sobald Dein Gefährte
oder Gehülfe auf Deiner Stirne Mißmuth und Verzweiflung
liest -- so ist alles aus. Sehr oft aber ist man im Unglück
ungerecht gegen die Menschen. Jede kleine böse Laune, jede
kleine Miene von Kälte deutet man auf sich; man meint, Jeder
sehe es uns an, daß wir leiden, und weiche vor der Bitte
zurück, die wir ihm thun könnten.


                                  5.

Schreibe aber auch nicht auf Deine Rechnung das, wovon
Andern das Verdienst gebührt! Wenn man Dir, aus Achtung
gegen einen edlen Mann, dem Du angehörst, Auszeichnung
oder Höflichkeit beweist, so brüste Dich damit nicht, sondern sey
bescheiden genug, zu fühlen, daß dieß alles vielleicht wegfallen
würde, wenn Du einzeln aufträtest! Suche aber selbst zu verdienen,
daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das
kleinste Lämpchen, das einen dunklen Winkel mit eignem Lichte
erleuchtet, als ein großer Mond einer fremden Sonne, oder gar
Trabant eines Planeten!


                                  6.

Fehlt Dir etwas; hast Du Kummer, Unglück; leidest Du
Mangel; reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht
zu: so klage Dein Leid, Deine Schwäche, Deine kleinmüthigen
Besorgnisse niemand, als dem, der helfen kann, selbst Deinem
treuen Weibe kaum! Wenige helfen tragen; fast Alle erschweren
die Bürde; ja! sehr Viele treten einen Schritt zurück, sobald
sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber
gar annehmen, daß Du ganz ohne Hülfsquellen bist, daß Du
keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt
-- o! so rechne auf Keinen mehr! Wer hat den Muth,
und die Liebe, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt
Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Muth zu sagen:
»Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr
werth, als Ihr alle, die ihr ihn schmähet!« Und fändest Du
ja einen Solchen, so würde es doch nur etwa ein anderer armer
Tropf seyn, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung
sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz
Dir mehr schädlich, als nützlich wäre.


                                  7.

Rühme aber auch nicht zu laut Deine glückliche Lage! krame nicht
zu glänzend Deine Pracht, Deinen Reichthum, Deine Talente aus! Die
Menschen vertragen selten ein solches Uebergewicht, ohne Murren und
Neid. Lege daher auch Andern keine zu große Verbindlichkeit auf! Thue
nicht zu viel für Deine Mitmenschen! Sie fliehen den überschwenglichen
Wohlthäter, wie man einen Gläubiger flieht, den man nie bezahlen kann.
Also hüte Dich, zu groß zu werden in Deiner Brüder Augen! auch fordert
dann Jeder zu viel von Dir, und eine einzige abgeschlagene Wohlthat
macht tausend wirklich erzeigte in Einem Augenblicke vergessen. Oder
wäre nicht Undank der Welt Lohn? Du wirst Ausnahmen erleben, aber
rechne nur nicht auf diese, sondern sey auf das gefaßt, was die
tägliche Erfahrung bringt.


                                  8.

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um
Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das
Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! Man höret Dir wohl zu,
besonders wenn Du Deine Darstellungen mit Witz zu würzen weißt, aber
man hasset Dich gleichwohl. Dagegen wie edel ist es, da zu schweigen,
wo alle Lippen in Bewegung sind, zu lästern, zu verkleinern, und
herabzuwürdigen. O daß Du zu diesen Edlen gehören möchtest, ob auch die
Welt sie nicht zu schätzen und zu ehren weiß!


                                  9.

Suche weniger selbst zu glänzen, als Andern Gelegenheit zu geben,
sich von vortheilhaften Seiten zu zeigen, wenn Du gelobt werden und
gefallen willst. Wenige Menschen vertragen ein Uebergewicht von Andern.
Lieber verzeihen sie uns eine zweideutige Handlung, ja! ein Verbrechen,
als eine That, durch welche wir sie verdunkeln. Doch, wenn Du fern
von ihnen, ausser ihrem Wirkungskreise stehst und ihnen nirgend in
den Weg treten kannst; dann vielleicht lassen sie Dir Gerechtigkeit
widerfahren. Auch im bloß geselligen Umgange soll man sich hüten,
hervorstechen zu wollen. Ich habe den Ruf eines vernünftigen und
witzigen Mannes aus mancher Gesellschaft mitgenommen, in welcher
wahrlich kein kluges Wort aus meinem Munde gegangen war, und in welcher
ich nichts gethan hatte, als mit musterhafter Geduld vornehmen und
halbgelehrten Unsinn anzuhören, oder hie und da einen Mann auf ein
Fach zu bringen, wovon er gern redet. Wie mancher besucht mich, mit
der demüthigen Ankündigung: (wobei ich mich oft nicht des Lachens
erwehren kann) er komme, um mir, als einem gewaltigen Gelehrten und
Schriftsteller, seine Ehrerbietung zu bezeigen! Der Mann setzt sich
dann hin und fängt an zu reden, läßt mich, den er bewundern will, gar
nicht zu Worte kommen, und geht, entzückt über meine lehrreiche und
angenehme Unterhaltung, zu welcher ich nicht zwanzig Worte geliefert
habe, von mir, höchst vergnügt, daß ich Verstand genug gehabt habe --
ihm zuzuhören. Habe Geduld mit allen Schwächen dieser Art! Wenn daher
auch jemand ein Geschichtchen, oder sonst etwas vorbringt, das er
~gern~ erzählt, und Du hättest es auch schon mehr gehört, und es wäre
vielleicht ein Märchen, das ~Du selbst~ ihm einst mitgetheilt hättest;
so laß es ihm doch nicht auf unangenehme Weise merken, daß die Sache
Dir alt und langweilig ist, wenn die Person anders Schonung verdient!
Was kann unschuldiger seyn, als solche Ausleerungen zu befördern, wenn
man dadurch Andern Erleichterung, und sich einen guten Ruf verschafft?
Und wenn die Leute unschuldige Liebhabereien haben, z. B. gern von
Pferden reden, es gern sehen, daß man eine Pfeife Tabak mit ihnen
rauche, ein Glas Wein mit ihnen trinke; so erzeige man ihnen diese
kleine Gefälligkeit, wenn es ohne große Ungemächlichkeit und ohne
kriechende Demuth geschehen kann! Desfalls habe ich nie die Gewohnheit
der Hofleute von gemeinerm Schlage gut finden können, die jedermann nur
mit halbem Ohre und zerstreueter Miene anhören, ja! gar mitten in einer
Rede, die sie veranlaßt haben, einfallen, ohne das Ende abzuwarten.


                                  10.

Gegenwart des Geistes ist ein seltnes Geschenk des Himmels, und macht,
daß wir im Umgange in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Dieser
Vorzug nun läßt sich freilich nicht durch Kunst erlangen; allein man
kann an sich arbeiten, daß, wenn er uns fehlet, wir wenigstens nicht
durch Uebereilung uns und Andre in Verlegenheit setzen. Sehr lebhafte
Temperamente haben hierauf vorzüglich zu achten. Ich rathe daher, wenn
eine unerwartete Frage, ein ungewöhnlicher Gegenstand, oder irgend
etwas anders uns überrascht, nur eine Minute still zu schweigen und
der Ueberlegung Zeit zu lassen, uns zu der Parthei vorzubereiten,
die wir nehmen sollen. So wie ein einziges rasches, unvorsichtiges
Wort, oder ein in der Verwirrung unternommener Schritt zu späte Reue
und unglückliche Folgen wirken können; so kann ein schnell auf der
Stelle gefaßter und ausgeführter rascher Entschluß, in entscheidenden
Augenblicken, in welchen man so leicht den Kopf verliert, Glück,
Rettung und Trost bringen.


                                  11.

Wünschest Du zeitliche Vortheile, Unterstützung, Versorgung im
bürgerlichen Leben; mögtest Du in einer Bedienung angestellt werden,
in welcher Du Deinem Vaterlande nützlich seyn könntest: so mußt Du
darum bitten, ja! nicht selten betteln, d. h. Du mußt es Dir gefallen
lassen, in einem solchen Tone und mit einer solchen Andringlichkeit
zu bitten, als ob Dir das, was Du leisten kannst, gar keine Ansprüche
auf das Erbetene gäbe. Rechne nicht darauf, daß die Menschen, sie
müßten denn Deiner ganz nothwendig bedürfen, Dir etwas anbieten, oder
sich ungebeten für Dich verwenden werden, wenn auch Deine Verdienste
oder Leistungen noch so laut für Dich reden, und jedermann weiß, daß
Du Unterstützung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt für sich und die
Seinigen, ohne sich um den bescheidnen Mann zu bekümmern, der indeß
nach Gemächlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben,
oder gar verhungern kann. Darum bleibt so mancher Verdienstvolle bis
an seinen Tod unerkannt, ausser Stand gesetzt, seinen Mitmenschen
nützlich zu werden -- weil er nicht betteln, nicht kriechen kann, oder
weil er, in einem falschen Selbstgefühl, jede Bitte um das, worauf er
gerechte Ansprüche hat, unter seiner Würde hält. Warum wolltest Du ein
Märtyrer dieses Selbstgefühls werden, oder es zu einem Wurm machen, der
unaufhaltsam Deine Lebenskraft zernagt? Suchet, so werdet ihr finden!


                                  12.

So wenig wie möglich lasset uns indessen von Andern Wohlthaten fordern
und annehmen! Man trifft gar selten Leute an, die nicht früh oder spät
für kleine Dienste große Rücksichten forderten, und das hebt dann das
Gleichgewicht im Umgange auf, raubt Freiheit, hindert uneingeschränkte
Wahl, und wenn auch unter zehnmal nicht einmal der Fall einträte, daß
dieß uns in Verlegenheit setzte, oder Verdruß zuzöge; so ist es doch
weislich gehandelt, dies mögliche Einmal zu vermeiden, und lieber
immer zu geben, Jedem zu dienen, als von Andern Dienste oder sonst
etwas anzunehmen. Auch gibt es wenig Menschen, die mit guter Art
Wohlthaten erzeigen. Versuchet es, meine Freunde! wie viele unter Euren
Bekannten nicht auf einmal, mitten in der fröhlichsten, höflichsten
Gemüthsstimmung ihr Gesicht in feierliche Falten ziehen, wenn Ihr
Eure Anrede mit den Worten anhebet: »Ich muß eine große Bitte an Sie
wagen! Ich bin in einer erschrecklichen Verlegenheit.« Sehr bereit aber
pflegen die Menschen zu seyn, uns solche Dienste anzubieten, deren wir
nicht bedürfen, oder gar, die sie selbst nicht zu leisten im Stande
sind. Der Verschwender ist immer willig, mit Gelde zu dienen; der
Dummkopf mit gutem Rathe.

Vor allen Dingen hüte man sich, jemand um eine Gefälligkeit
zu bitten, wenn man voraus wissen kann, daß er uns nicht
wohl, wenn er auch gern möchte, eine abschlägige Antwort geben
kann! (z. B. wenn er uns Verbindlichkeit schuldig, oder
sonst von uns abhängig ist.)

Wohlthaten annehmen, macht abhängig; man weiß nicht,
wie weit das führen kann. Man kömmt da oft in's Gedränge
zwischen der Nothwendigkeit, schlechten Menschen zu viel nachzusehn,
oder undankbar zu scheinen.

Um nun des fremden Beistandes entbehren zu können, dazu ist das beste
Mittel, wenig Bedürfnisse zu haben, mäßig zu seyn, und bescheidne
Wünsche zu nähren; das heißt nicht: Du sollst ein Diogenes in der
Tonne seyn, und Deine Hand zum Pokal erheben, sondern es heißt nur:
Du sollst nicht eitler Ehre geitzig seyn, nicht glänzen wollen, nicht
meinen, daß es ein Unglück sey, in einer gewissen Verborgenheit und
Zurückgezogenheit leben zu müssen. Das, was Du hiebei entbehrst,
ist wahrlich keines Seufzers werth: das laß Dir von den bleichen,
früh veralteten Gesichtern und tief liegenden Augen voll Mißmuth und
Trübsinn erzählen, welche die von Dir Beneideten als Warnungstafeln vor
sich hertragen. Denn wer von unzähligen Leidenschaften in rastlosem
Taumel umhergetrieben wird, bald Ehrenstellen, bald Wucher, bald
Erwerb, bald wollüstigen Genuß verlangt; wer, von dem Luxus des
Zeitalters angesteckt, alles begehrt, was seine Augen sehen; wen
vorwitzige Neugier und ein unruhiger Geist treiben, sich in jeden
unnützen Handel zu mischen; der geräth in eine zwiefache Sclaverei;
er wird der Menschen Knecht, und seiner Leidenschaften Sclave; er
lebt in einer eben so drückenden, als verführerischen Abhängigkeit:
drückend ist sie, weil sie ihn beständig der Ungerechtigkeit der
Menschen preisgibt; verführerisch, weil sie ihn beständig reizt, sich
zu erniedrigen, um im kläglichsten Sinn des Worts erhöht zu werden.


                                  13.

Wenn ich aber gesagt habe, daß man lieber Allen ~geben~, als von irgend
jemand ~empfangen~ sollte; so hebt doch das den Satz nicht auf, daß man
nicht gar zu viel für Andre thun dürfe. Ueberhaupt sey dienstfertig,
aber nicht zudringlich! Sey nicht jedermanns Freund und Vertrauter! Vor
allen Dingen wirf Dich nicht zum Sittenrichter der Menschen, besonders
gewisser Menschen auf, und sey der Warnung eingedenk: Ihr sollt die
Perlen nicht vor die Säue werfen, damit sie sich nicht umwenden, und
euch zerreissen. Nicht einmal Deinen unmaßgeblichen Rath sollst Du den
Menschen aufdringen. Begehren sie Deinen Rath, so begehre Du erst ein
Glaubensbekenntniß von ihnen, damit Du weißt, wen Du vor Dir hast,
und wie ihm beizukommen ist. Die Wenigsten wissen Dir Dank dafür,
und selbst wenn sie Dich um Rath fragen, sind sie gewöhnlich schon
entschlossen zu thun, was ihnen gefällt. Mische Dich auch nicht in
Familien-Händel! Vor allen Dingen hüte Dich, Zwistigkeiten schlichten
und Versöhnungen stiften zu wollen! (Es sey denn unter geliebten,
geprüften Personen.) Mehrentheils werden beide Partheien einig, um dann
über Dich herzufallen. Das Kuppeln und Heirathen-Schmieden überlasse
man dem Himmel und einer gewissen Klasse von alten Weibern!


                                  14.

Keine Regel ist so allgemein, keine so heilig zu halten, keine
führt so sicher dahin, uns dauerhafte Achtung und Freundschaft
zu erwerben, als die: unverbrüchlich, auch in den geringsten
Kleinigkeiten, Wort zu halten, seiner Zusage treu, und stets
wahrhaftig zu seyn in seinen Reden. Nie kann man Recht und
erlaubte Ursachen haben, das Gegentheil von dem zu sagen,
was man denkt, wenn gleich man Befugniß und Gründe haben
kann, nicht alles zu offenbaren, was in uns vorgeht. Es gibt
keine Nothlügen; noch nie ist eine Unwahrheit gesprochen worden,
die nicht früh oder spät nachtheilige Folgen für jemand gehabt
hätte; der Mann aber, der dafür bekannt ist, strenge Wort
zu halten und sich keine Unwahrheit zu gestatten, gewinnt gewiß
Zutrauen, guten Ruf und Hochachtung. Du darfst zwar
nicht alles sagen, was wahr ist, aber eben so wenig statt der
Wahrheit eine Unwahrheit. Demjenigen, welcher Dein Bekenntniß
oder Deine Offenherzigkeit gewiß mißbrauchen wird,
oder der die Wahrheit, die er von Dir begehrt, nicht würde ertragen
können, bist Du keine Offenherzigkeit schuldig.


                                  15.

Sey strenge, pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleissig in Deinem
Berufe! Bewahre Deine Papiere, Deine Schlüssel und alles so, daß Du
jedes einzelne Stück auch im Dunkeln finden könntest! Verfahre noch
ordentlicher mit fremden Sachen! Verleihe nie Bücher, oder andre Dinge,
die Dir sind geliehen worden; hast Du von Andern dergleichen geborgt,
so bringe oder schicke sie zu gehöriger Zeit wieder, und erwarte
nicht, daß sie, oder ihre Domestiken, weite Wege machen sollen, um ihr
Eigenthum wieder zu erlangen. -- Jedermann geht gern mit einem Menschen
um, auf dessen Pünktlichkeit und Treue in Wort und That er sich fest
verlassen kann, und der unfähig ist, Andere zu täuschen. So gehört
es auch zu den Eigenschaften, welche Vertrauen und Gunst erwerben,
zur rechten Zeit zu erscheinen, wo man erwartet wird, möge die
Zusammenkunft zu einem Vergnügen, oder einem Geschäft bestimmt seyn.
Das Spätkommen gehört zu denjenigen bösen Gewohnheiten und Mißbräuchen
in der Gesellschaft, welche eben so ausgebreitet, als verderblich, eben
so unsittlich, als ungesittet sind. Gute und böse Beispiele von ~der~
Art reizen zur Nachfolge; und die Ungerechtigkeit anderer Menschen
rechtfertigt nicht die unsrige.


                                  16.

Gib Andern Beweise Deiner Theilnahme, um Dich der ihrigen
zu versichern. Wer untheilnehmend, ohne Sinn für Freundschaft,
Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt
verlassen, wenn er sich nach Beistand sehnt.


                                  17.

Verflechte Niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten, und fordere
nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil
an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und Andern
herrschen!

Eine Menge dieser Vorschriften umfaßt die alte Regel: setze Dich in
Gedanken oft in andrer Leute Stelle, und frage Dich selbst: »Wie
würde es Dir unter denselben Umständen gefallen, wenn man ~Dir~ dieß
zumuthete, gegen ~Dich~ also handelte, von ~Dir~ das forderte? --
diesen Dienst, diese Verwendung, diese langweilige Arbeit, diesen
Zeitaufwand, für einen geringfügigen Zweck, diese Erklärung?«


                                  18.

Bekümmre Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern
sie nicht Bezug auf Dich, oder so sehr auf die Sittlichkeit im Ganzen
haben, daß es Verbrechen seyn würde, darüber zu schweigen! Ob aber
jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schläft, oft oder
selten zu Hause, prächtig oder schlecht gekleidet ist, Wein oder Bier
trinkt, Schulden oder Kapitalien macht, eine Geliebte hat oder nicht
-- was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vormund bist? Thatsachen
hingegen, die man durchaus wissen muß, erfährt man oft am besten von
dummen Leuten, weil diese ohne Witz, ohne Consequenzmacherei, ohne
Seitenblicke, ohne Verbrämung und ohne Leidenschaft, geradehin erzählen.


                                  19.

Von Deinen ~Grundsätzen~ gehe nie ab, so lange Du sie
als richtig anerkennest! Ausnahmen machen ist sehr gefährlich,
und führt immer weiter, vom Kleinen zum Großen. Hast Du
Dir also einmal aus guten Gründen vorgenommen, keine Bücher
zu verleihen, keinen Wein zu trinken u. dgl.; so müsse kein
Sterblicher Dich bewegen können, davon abzugehen, so lange
die Gründe Deiner ersten Entschließung nicht wegfallen! Sey
fest; aber hüte Dich, so leicht etwas zum Grundsatze zu machen,
bevor Du alle mögliche Fälle überlegt hast, oder eigensinnig auf
Kleinigkeiten zu bestehen; denn was kann thörichter seyn, als
sogenannten Grundsätzen, d. h. einer Handlungsweise, welcher
nichts weiter, als ein vernünftiger Grund mangelt, oder die
keinen andern, als den Eigensinn, oder das ungerechteste Mißtrauen,
oder die unverzeihlichste Undienstfertigkeit, so lange und
so hartnäckig getreu zu bleiben, bis man alle Liebe und alle Achtung
der Bessern verloren hat.

Vor allen Dingen also handle nur stets folgerecht (consequent)!
Mache Dir einen Lebensplan, und weiche nicht um
ein Tüttelchen von diesem Plane, hätte dieser Plan auch allerlei
Sonderbarkeiten, d. h. weiche er auch noch so sehr von der gemeinen
und gepriesenen Denkungsart und Lebensweise ab. --
Die Menschen werden eine Zeitlang die Köpfe darüber zusammenstecken,
und am Ende schweigen, Dich in Ruhe lassen, und
Dir, wenn Du anders Deinen Plan mit Festigkeit und Weisheit
durchführst, ihre Hochachtung nicht versagen können. Man
gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmässige,
weise Festigkeit. Es ist mit Grundsätzen, wie mit jeden
andern Stoffen, woraus etwas gemacht wird, nämlich, daß
der beste Beweis für ihre Güte der ist, wenn sie lange halten,
und in der That, wenn man recht genau den Gründen nachspüren
will, warum auch den edelsten Handlungen mancher
Menschen nicht Gerechtigkeit widerfährt; so wird man oft finden,
daß das Publikum deswegen Verdacht gegen die Wahrheit
und den Zweck dieser Handlungen gefaßt hat, weil sie nicht zu
dem Lebensplan und zu der Handlungsweise dessen, der sie unternimmt,
nicht zu seinen übrigen Schritten zu passen scheinen.


                                  20.

Was aber noch wichtiger, als jene Vorschrift ist: sey redlich,
und weihe Deine Kraft und Dein Leben der Liebe und der
Pflicht; führe ein menschliches Leben, d. h. ein Vernunftleben;
halte es für den höchsten Ruhm Deines Lebens, als ein Vernunftwesen
zu leben. -- Habe immer ein gutes Gewissen! Bei
keinem Deiner Schritte müsse Dir Dein Herz über Absicht und
Mittel Vorwürfe machen dürfen! Gehe nie schiefe Wege; und
baue dann sicher auf gute Folgen, auf Gottes Beistand und auf
Menschenhülfe in der Noth! Und verfolgt Dich auch wohl eine
Zeitlang ein widriges Geschick -- o! so wird doch die selige
Ueberzeugung von der Unschuld Deines Herzens, von der Redlichkeit
Deiner Absichten, Dir ungewöhnliche Kraft, festen, unerschütterlichen
Muth und unzerstörbare Heiterkeit geben; Dein
kummervolles Antlitz wird im Umgange mehr, weit mehr Theilnahme
erwecken, als die Fratze des lächelnden, grinzenden,
glücklich scheinenden Bösewichts.


                                  21.

Sey, was Du bist, immer ~ganz~, und immer derselbe! Nicht heute warm,
morgen kalt; heute grob, morgen höflich und zuckersüß; heute der
lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsäule!
Es ist unbegreiflich, daß diese wetterwendischen, launenhaften und
kaltherzigen Menschen nicht endlich vor sich selbst erschrecken und
zurückfahren, da sie doch täglich durch die Scheu und den Widerwillen,
womit sich Alles von ihnen entfernt, auf die klägliche Rolle, die sie
spielen, aufmerksam gemacht werden, und da sie sich selbst eben so
sehr, als Andern, zur Last leben. Wenn sie einmal, in einem Anfall
von guter Laune oder Schaam, im Umgange Freundschaft und Theilnahme
zeigen, so spielen sie eigentlich die Rolle der Betrüger. Wir bauen in
der Meinung, daß sie sich gebessert haben, auf ihre Zusicherungen und
Aeusserungen, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen,
der uns so gern bei sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat,
recht oft zu kommen. Wir gehen hin, und werden nun so frostig und
verdrießlich empfangen, oder man läßt uns ohne Unterhaltung in einer
Ecke sitzen, antwortet uns nur mit gebrochnen Sylben, weil man grade
von Menschen umgeben ist, die mehr Weihrauch spenden, als wir. Von
solchen Menschen muß man sich unmerklich zurückziehn, und wenn sie
nachher, in einem Augenblicke von Langerweile, uns wieder aufsuchen,
gleichfalls gegen sie den Spröden machen, und ihnen unter den Händen
fortschlüpfen.


                                  22.

Mache einigen Unterschied in Deinem äussern Betragen gegen die
Menschen, mit denen Du umgehst, in dem Zeichen von Achtung, die Du
ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht
Jeden! Drücke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du den Bessern und
Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen,
ihnen Werth beilegen, wenn Du sie so verschwenderisch austheilst?


                                  23.

Zwei Gründe hauptsächlich müssen uns bewegen, nicht gar zu offenherzig
gegen die Menschen zu seyn: zuerst die Furcht, unsre Schwäche dadurch
aufzudecken und gemißbraucht zu werden, und dann die Ueberlegung,
daß, wenn man die Leute einmal daran gewöhnt hat, ihnen nichts
zu verschweigen, sie zuletzt von jedem unsrer kleinsten Schritte
Rechenschaft verlangen, alles wissen, um alles zu Rathe gezogen werden
wollen. Allein eben so wenig soll man übertrieben verschlossen seyn;
sonst entsteht der Verdacht gegen uns, es stecke hinter allem, was wir
thun, etwas Bedeutendes, oder gar Gefährliches, und das kann uns in
unangenehme Verlegenheit verwickeln und veranlassen, daß wir verkannt
werden, besonders in fremden Ländern, auf Reisen, bei manchen andern
Gelegenheiten, und kann uns überhaupt auch im gemeinen Leben, selbst im
Umgange mit edeln Freunden, schaden.


                                  24.

Suche keinen Menschen, auch den Schwächsten nicht, in Gesellschaften
lächerlich zu machen! Ist er dumm: so hast Du wenig Ehre von dem Witze,
den Du an ihm verschwendest; ist er es weniger, als Du glaubst: so
kannst Du vielleicht der Gegenstand ~seines~ Spottes oder seiner Rache
werden; ist er gutmüthig und gefühlvoll: so kränkst Du ihn; und ist er
tückisch: so kann er Dir's vielleicht auf eine Rechnung setzen, die Du
früh oder spät auf irgend eine Art bezahlen mußt. -- Und wie oft kann
man nicht, wenn das Publikum auf unsre Urtheile über Menschen achtet,
einem guten Manne im bürgerlichen Leben wahrhaften Schaden zufügen,
oder einen Schwachen so niederdrücken, daß aller Muth in ihm erlöscht,
und alle Keime zu bessern Anlagen erstickt werden, indem man ihn, durch
Hervorziehn der Schwachheiten, welche Stoff zum Spotten und Lachen
geben, der Verachtung preisgibt.


                                  25.

Schrecke, zerre und necke auch niemand, selbst Deine Freunde nicht,
mit falschen Nachrichten, mit Witzeleien, oder was sonst auf einen
Augenblick beunruhigt, und leicht in Verlegenheit setzt! Es gibt der
wahrhaft mißvergnügten, unangenehmen, ängstlichen Augenblicke so
viele im Leben, daß es wohl Bruderpflicht ist, alles hinwegzuräumen,
was die Last der wirklichen und eingebildeten Plagen auch nur um ein
Sandkorn erschweren kann. Für eben so unschicklich halte ich es,
einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist,
mit selbst erfundnen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnügen
zu machen, das nachher schmerzlich vereitelt wird. Das alles ist
Neckerei, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewürzt, sondern
verkümmert werden. Eben so unverzeihlich ist es, die Neugierde zu
reizen, wenn man sie nicht befriedigen kann, oder will, oder die,
welche sich reizen ließen, hernach als Getäuschte dem Gelächter der
Kaltblütigen preiszugeben. Es gibt Menschen, welche die Gewohnheit
haben, ihren Freunden mystische Warnungen hinzuwerfen, wie z. B.: »Es
läuft ein böses Gerücht von Ihnen herum, aber ich kann, ich darf Ihnen
noch nichts darüber sagen.« Dergleichen hat gar keinen Nutzen, und
beunruhigt.

Ueberhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit
setzen, vielmehr sich bemühen, wenn auch jemand im Begriff ist, eine
Unvorsichtigkeit zu begehen (z. B. schlecht von einem Buche zu reden,
dessen Verfasser gegenwärtig ist), oder sonst beschämt zu werden, ihm
diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise
wieder in's Gleiche zu bringen. Und wenn jemand aus Unachtsamkeit
etwas zerbrochen, oder sonst sich einer kleinen Unvorsichtigkeit
schuldig gemacht hat: so fordert es die Humanität, nicht hinzublicken,
wenigstens nicht mit Lächeln, oder mit sichtbarem Unwillen, noch
betroffen, um seine Verwirrung nicht zu vermehren!


                                  26.

Vor allen Dingen vergesse man nie in der Gesellschaft, daß die Leute
unterhalten, nicht belehrt und unterwiesen seyn wollen; daß selbst der
unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn
er nicht zuweilen durch Witz und gute Laune gewürzt wird; daß ferner
nichts in der Welt ihnen so witzreich, so weise und so ergötzend
scheint, als wenn man sie lobt, ihnen etwas Schmeichelhaftes sagt; daß
es aber unter der Würde eines klugen Mannes ist, den Spaßmacher, und
eines redlichen Mannes unwürdig, den Schmeichler zu machen. Allein es
gibt einen gewissen Mittelweg; denn da jeder Mensch doch wenigstens
Eine gute Seite hat, die man loben darf, und dies Lob, wenn es nicht
übertrieben wird, aus dem Munde eines verständigen Mannes, Sporn zu
größerer Vervollkommnung werden kann: so kann es sogar Pflicht werden,
denen ein ermunterndes Lob nicht schuldig zu bleiben, welche es eben so
sehr verdienen, als bedürfen, und es denen nicht vorzuenthalten, die
es nicht entbehren können, ohne an sich selbst zu verzagen, oder auf
halbem Wege stehen zu bleiben.

Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts
ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre
Gemüthsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen
Leidenschaften aufgeregten, sondern von Wohlwollen und Theilnahme
bewegten Herzens hervorströmt. Wer sich's in der Gesellschaft merken
läßt, daß er sich Zwang anthue, um heiter zu erscheinen, oder wer sich
recht sichtbar anstrengt, um das Wort zu führen, und daher unaufhörlich
Anekdoten auskramt, Späßchen macht, und nach Witz hascht; wem man es
ansieht, daß er darauf studirt hat, die Gesellschaft zu unterhalten:
der gefällt nur auf kurze Zeit, und wird bei Wenigen Interesse
erwecken. Er wird nicht aufgesucht werden von denen, deren Herz sich
nach besserm Umgange, und deren Kopf sich nach lebendiger und durch
Mannigfaltigkeit gewürzter Unterhaltung sehnt.

Wer immer Spaß machen will, der erschöpft sich nicht nur leicht und
wird matt, sondern hat auch die Unannehmlichkeit, daß, wenn er einmal
gerade nicht aufgelegt ist, seinen Vorrath von lustigen Kleinigkeiten
zu öffnen, seine Gefährten das sehr ungnädig aufnehmen. Bei jeder
Mahlzeit, zu welcher er gebeten wird, bei jeder Aufmerksamkeit, die
man ihm beweist, scheint die Bedingung schwer auf ihm zu liegen, daß
er diese Ehre durch seine Schwänke bezahlen, und die Unkosten der
Unterhaltung allein tragen solle; und will er es einmal wagen, einen
höheren und reineren Ton anzustimmen, und etwas Ernsthaftes oder
Gescheutes zu sagen, so lacht man ihm gerade in's Gesicht, ehe er mit
seiner Rede halb zu Ende ist. Wahrer Humor und ächter Witz lassen sich
nicht erzwingen, nicht erkünsteln; aber sie wirken, wie ein milder
Sonnenstrahl, erwärmend, befruchtend und wohlthuend. Willst Du witzige
Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du
Dich befindest! Was Personen von einer dürftigen oder mittelmäßigen
Bildung sehr unterhaltend scheint, kann Andern sehr langweilig und
unschicklich vorkommen; und ein freier Scherz, den man sich in einem
Kreise von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht
seyn.


                                  27.

Gehe von niemand, und laß niemand von Dir, ohne ihm etwas Lehrreiches
oder etwas Verbindliches gesagt, und mit auf den Weg gegeben zu haben;
aber beides auf eine Art, die ihm wohlthue, seine Bescheidenheit
nicht verletze, und nicht studirt scheine, damit er die Stunde nicht
verloren zu haben glaube, die er bei Dir zugebracht hat, und fühle,
Du nehmest Interesse an seiner Person: es gehe Dir von Herzen: Du
verkaufest nicht bloß Deine Höflichkeits-Waare ohne Unterschied jedem
Vorübergehenden! Man verstehe mich also recht! Ich möchte gern, wenn
es möglich wäre, alles leere Geschwätz aus dem Umgange verbannt
sehen; möchte, daß man, ohne Aengstlichkeit, auf sich Acht hätte, nie
etwas zu sagen, wovon Der, welcher es anhören muß, weder Nutzen noch
~wahres~ Vergnügen haben, woran er, weder mit dem Kopfe, noch mit
dem Herzen, Antheil nehmen könnte. Weit entfernt bin ich also, jene
Gefallsucht oder Gleißnerei in Schutz nehmen zu wollen, die Jeden ohne
Unterlaß mit leeren Complimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in
die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht ~eins~ antworten zu
können. Ein Beispiel wird meine wahren Grundsätze darüber deutlicher
machen. Ich saß einst an einer fremden Tafel, zwischen einer hübschen,
verständigen jungen Dame und einem kleinen, garstigen Fräulein, von
etwa vierzig Jahren. Ich beging die Unhöflichkeit, die ganze Mahlzeit
hindurch mich nur mit Jener zu unterhalten, zu Dieser hingegen kein
Wort zu reden. Beim Nachtische erst erinnerte ich mich meiner Unart;
und nun machte ich den Fehler gegen die Höflichkeit durch einen
andern gegen die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit gut. Ich wendete
mich zu ihr, und redete von einer Begebenheit, die vor zwanzig Jahren
vorgegangen war -- Sie wußte nichts davon -- »Es ist kein Wunder,«
sagte ich, »Sie waren damals noch ein Kind.« Das kleine Wesen freute
sich innigst darüber, daß ich sie für so jung hielt, und dies einzige
Wort erwarb mir ihre Gunst. -- Sie hätte mich dieser niedrigen
Schmeichelei wegen verachten sollen. Wie leicht hätte ich einen
Gegenstand zu einem Gespräche mit ihr finden können, das ihr auf irgend
eine Weise anziehend gewesen wäre, oder eine Gelegenheit, ihr meine
Aufmerksamkeit zu beweisen; und es war meine Pflicht, darauf zu denken,
und ihr nicht einen ganzen Mittag hindurch die Thür der Unterhaltung
zu verschließen; eine Ungerechtigkeit, die so oft in der Gesellschaft
gegen diejenigen begangen wird, die so unglücklich sind, einen
unangenehmen oder widrigen sinnlichen Eindruck auf uns zu machen. Sie
sollten vielmehr Gegenstände unserer Theilnahme werden, und wir sollten
die Ungerechtigkeit und Zurücksetzung, welche sich die Gesellschaft
gegen sie erlaubt, vielmehr zu vergüten suchen, als nachahmen.

Man kann sich indessen oft sehr schlecht empfehlen, indem man den
Menschen etwas recht Verbindliches gesagt zu haben meint. So gibt es
Leute, die es sehr übel nehmen würden, wenn man ihnen versicherte, daß
man sie für gutmüthig halte, und Andre, die sich beleidigt fühlen, wenn
man sie versichert, sie sähen gesund aus, oder sie hätten noch etwas
so Jugendliches in ihrem Aeussern, daß man ihr wahres Alter unmöglich
ahnen könne.


                                  28.

Wem es darum zu thun ist, dauerhafte Achtung sich zu erwerben;
wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, Keinem
zur Last werde; der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit
Lästerungen, Spott, Tadelsucht und Satyre, und gewöhne sich nicht an
den auszischenden Ton der Spottsucht! Das kann wohl einigemal, und,
bei einer gewissen Klasse von Menschen, auch öfter gefallen; aber man
flieht und verachtet doch endlich den Mann, der immer auf anderer Leute
Kosten, oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will,
und man hat Recht dazu; denn der gefühlvolle, verständige Mensch muß
Nachsicht haben mit den Schwächen Anderer. Er weiß, welchen großen
Schaden oft ein einziges, wenn gleich nicht böse gemeintes Wörtchen
anrichten kann; auch sehnt er sich nach einer unschuldigeren und
edleren Unterhaltung; ihm ekelt vor leerer Spötterei und liebloser
Tadelsucht. Gar zu leicht aber nimmt man im Verkehr mit der sogenannten
großen Welt diesen elenden Ton an; man kann nicht genug davor warnen,
da er den Charakter entstellt, und dem Dünkel die gefährlichste Nahrung
gibt, die Freuden des Umgangs vergiftet, und die Bande der Gesellschaft
zernagt.

Uebrigens aber möchte ich auch nicht gern alle Satyre für unerlaubt
erklären, noch leugnen, daß manche Thorheiten und Unzweckmäßigkeiten,
~im weniger vertrauten Umgange~, am besten durch einen feinen, nicht
beleidigenden, nicht zu deutlich auf einzelne Personen anspielenden
Spott bekämpft werden können. Endlich bin ich auch weit entfernt,
zu fordern, man solle alles loben, und selbst offenbare Fehler
entschuldigen; vielmehr habe ich nie den Leuten getrauet, die so
sichtbar sich das Ansehen geben, alles mit dem Mantel der christlichen
Liebe bedecken zu wollen. Sie sind mehrentheils Heuchler, wollen durch
das Gute, das sie von den Leuten ~reden~, das Böse vergessen machen,
welches sie ihnen ~zufügen~, oder sie suchen dadurch Nachsicht für ihre
eigenen Gebrechen zu erlangen, und ein günstiges Vorurtheil für sich zu
erschleichen.


                                  29.

Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand
in ein nachtheiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft
sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet, oder schon durch so viel
Hände gegangen, daß sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden sind,
und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig
kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden, und öfter
sich selber großen Verdruß zuziehn.


                                  30.

Hüte Dich, Nachrichten aus einem Hause in das andre zu tragen,
vertrauliche Tischreden, Familien-Gespräche, Bemerkungen, die Du über
das häusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht
hast, u. dergl. auszuplaudern! Wenn dieß auch nicht eigentlich aus
Bosheit geschieht, so kann doch eine solche Geschwätzigkeit Mißtrauen
gegen Dich, und allerlei Zwist und Verstimmung veranlassen.


                                  31.

Sey vorsichtig im Tadel und Widerspruche! Es gibt wenig Dinge in
der Welt, die nicht zwei Seiten haben. Vorurtheile verdunkeln oft
die Augen, selbst des klügern Mannes, und es ist sehr schwer, sich
gänzlich an eines Andern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht
so leicht über kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit
müßte Dir sagen, daß Du noch weiser, als sie seyst! und da ist es
denn eine mißliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist
mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu
bekämpfen, bekümmert sich weniger um das Urtheil des großen Haufens,
hält es weniger der Mühe werth, sein gutes Gewissen durch ausführliche
Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: »Was thut
der Mann Nützliches für Andre?« und, wenn er dergleichen thut, über
dies Gute die kleinen Gemüthsfehler und Schwachheiten, die nur ihm
selber schaden, oder höchstens unwichtigen, vorübergehenden Nachtheil
wirken, vergessen.

Vor allen Dingen maße Dir nicht an, die Bewegungsgründe zu jeder
guten Handlung ergründen und beurtheilen zu wollen! Bei einer solchen
Strenge würden vielleicht manche Deiner eignen edlen Handlungen als
sehr unedel, oder als reine Schwachheit, als Erzeugniß einer flüchtigen
Rührung, Deiner gereizten Eitelkeit, Deiner Selbstsucht erscheinen.
Jedes Gute muß nach seiner Wirkung für die Welt beurtheilt werden.


                                  32.

Habe Acht auf Deine Gesellschaftssprache, daß Du in Deinen
Unterredungen nicht durch einen wässrigen, weitschweifigen Vortrag
ermüdest! Ein gewisser Laconismus, d. h. eine kräftige Kürze --
in so fern er nicht in die Sucht, nur in Sentenzen und Aphorismen
zu sprechen, oder jedes Wort abzuwägen, ausartet -- ein gewisser
Laconismus und die Geschicklichkeit, einen nichtsbedeutenden Umstand
durch die Lebhaftigkeit der Darstellung interessant zu machen -- das
ist die wahre Kunst der gesellschaftlichen Beredtsamkeit. Ueberhaupt
aber rede nicht zu viel! Sey haushälterisch mit Spendung von Worten und
Kenntnissen, damit es Dir nicht früh an Stoffe fehle, damit Du nicht
redest, was Du verschweigen sollst, verschweigen wolltest, und niemand
Deine Unterhaltung lästig finde. Laß auch Andre zu Worte kommen, ihren
Theil zur allgemeinen Unterhaltung mit hergeben! Es gibt Leute, die,
ohne es selbst zu merken, aller Orten die Sprachführer sind; und wären
sie in einem Zirkel von funfzig Personen, so würden sie sich dennoch
bald Meister von der ganzen Unterhaltung machen.

So unangenehm dieß für die Gesellschaft ist; eben so widrige, Freude
störende Eindrücke macht die Weise mancher Leute, die stumm und
gespannt horchen und lauern, und die man leicht für gefährliche
Beobachter halten kann, denen es nur darum zu thun scheint, jedes
unvorsichtige, nicht gehörig gewählte Wort, das man in sorgloser
Redseligkeit fallen läßt, zu irgend einem hämischen Zwecke aufzusammeln.


                                  33.

Es gibt Menschen, die (so wie Manche nur zum Genießen da zu seyn
glauben) auch im geselligen Leben immer nur empfangen, nie geben
wollen; die vom übrigen Theile des Publikums belustigt, unterrichtet,
bedient, gelobt, bezahlt, gefüttert zu werden verlangen, ohne etwas
dafür zu leisten; die über Langeweile klagen, ohne zu fragen, ob sie
Andern weniger Langeweile gemacht haben; die behaglich da sitzen,
sich's wohlseyn, sich erzählen lassen, aber nicht daran denken, auch
ihren Beitrag, und wär' es auch nur ein Scherflein, zur Unterhaltung
beizusteuern. -- Das ist aber eben so ungerecht, als lästig.

Noch Andre findet man, die immer nur ihre eigne Person, ihre häuslichen
Umstände, ihre Verhältnisse, ihre Thaten und ihre Berufs-Geschäfte zum
Gegenstande der Unterredung machen, und alles dahin zu drehen wissen,
jedes Gleichniß, jedes Bild von daher nehmen. So wenig wie möglich
laß in gemischten Gesellschaften den Schnitt, den Ton, den Dir Deine
specielle Erziehung, Dein Handwerk, Deine besondre Lebensart geben,
hervorblicken! Rede nicht von Dingen, die, ausser Dir, schwerlich
jemand interessiren können! Hüte Dich, in den Fehler Derjenigen zu
verfallen, die sich selbst bespötteln, ihre eigne werthe Person zum
Besten haben! Das setzt die Anwesenden in Verlegenheit, und verräth
einen eiteln Egoismus. Spiele nicht auf Anekdoten an, die Deinem
Nachbar unbekannt sind, auf Stellen aus Büchern, die er wahrscheinlich
nicht gelesen hat! Rede nicht in einer fremden Sprache, wenn es
glaublich ist, daß nicht jeder, der um Dich ist, dieselbe versteht!
Lerne den Ton der Gesellschaft annehmen, in welcher Du Dich befindest!
Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn der Arzt einige junge
Damen mit Beschreibung seiner Sammlung anatomischer Präparaten, der
Rechtsgelehrte einen Hofmann über die unwirksame Professions-Ergreifung
und das +edictum Divi Martii+, der alte gebrechliche Gelehrte eine
junge Cokette von seinem offnen Beinschaden unterhält.

Oft aber tritt der Fall ein, daß man in Gesellschaften geräth, wo es
schwer ist, etwas vorzubringen, das Theilnahme erweckte. Wenn ein
verständiger Mann von leeren, beschränkten, in die Eitelkeiten des
Alltagslebens versunkenen Menschen umgeben ist, die für gar nichts von
bessrer Art Sinn haben; ei nun! so ist es seine Schuld nicht, wenn er
nicht verstanden wird. Er tröste sich also damit, daß er von Dingen
geredet hat, die billig ~interessiren müßten~!


                                  34.

Rede also nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Kreise Deiner
vertrautesten Freunde, von welchen Du weißt, daß die Sache des Einen
unter ihnen eine Angelegenheit für Alle ist; und auch da bewache Dich,
daß Du nicht Egoismus zeigest! Vermeide, selbst dann zu viel von Dir
zu reden, wenn gute Freunde, wie es vielfältig geschieht, das Gespräch
aus Höflichkeit auf Deine Person, auf Deine Unternehmungen oder Deine
Schriften leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswürdigsten
Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindrücke, je seltner
diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit,
jedermann Deine Schriften unaufgefordert, oder gleich bei der ersten,
oft nicht so ernstlich gemeinten Aufforderung vorzulesen, Deine
Anlagen zu zeigen und Deine rühmlichen Handlungen zu erzählen, noch
auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten müsse!
Auch ~drücke~ niemand durch Deinen Umgang, das heißt: zeige in keiner
Gesellschaft ein solches Uebergewicht, daß Andre verstummen, sich in
schlechtem Lichte zeigen oder an sich selbst verzagen müssen!


                                  35.

Widersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest,
dessen Gegentheil Du ein andermal vertheidigt hast! Man kann seine
Meinung von Dingen ändern; allein man thut doch wohl, in Gesellschaften
nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man
alle Gründe für und wider gehörig abgewogen hat.


                                  36.

Hüte Dich, in die Fehler Derjenigen zu verfallen, die, aus Mangel
an Gedächtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so
verliebt in ihre eignen Einfälle sind, dieselben Histörchen, Anekdoten,
Spässe, Wortspiele, und witzigen Vergleichungen, bei jeder Gelegenheit
wiederholen! Ueberhaupt ist es, und besonders auch für den geselligen
Umgang, wichtig, sein Gedächtniß zu schärfen, und sich deswegen nicht
zu sehr daran zu gewöhnen, alles schriftlich aufzuzeichnen, was man
behalten will. Bist Du Deiner Sache nicht gewiß, so verleugne Dich
selbst, und widerstehe der Lust, eine Anekdote zu erzählen, wenn es
möglich wäre, daß Du sie schon einmal aufgetischt hast, oder suche das
Gespräch so zu wenden, daß Du zur Gewißheit kommst, ohne etwas gewagt
zu haben.


                                  37.

Würze nicht Deine Unterhaltung mit Zweideutigkeiten, mit Anspielungen
auf Dinge, die entweder Ekel erwecken, oder keusche Wangen erröthen
machen; zeige auch keinen Beifall, wenn Andre dergleichen vorbringen!
Ein verständiger Mann kann an solchen Gesprächen keine Lust haben. Auch
in bloß männlichen Gesellschaften verleugne nicht die Schamhaftigkeit,
das Zartgefühl und Dein Mißfallen an Zoten, denn Du erwirbst Dir
dadurch eben so viel Ehre, als Verdienst, und rettest die Ehre Deines
Geschlechts.


                                  38.

Flicke keine platte Gemeinsprüche in Deine Reden ein; z. B.: daß
Gesundheit ein schätzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes
Vergnügen; daß Jeder sich selbst der Nächste sey; daß, was lange
dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen übernehme;
daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft;
oder daß die Zeit schnell hingehe -- welches, im Vorbeigehen zu sagen,
gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem bestimmten Maaßstabe
berechnet wird: so geht sie nicht schneller vorbei, als sie grade muß,
und Der, welchem ein Jahr kürzer vorkömmt, als es ist, der muß in
demselben über Gebühr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht
mächtig gewesen seyn, oder er läßt sich von einer leeren Täuschung irre
führen -- oder: daß Ausnahmen die Regel ~bestätigten~ -- Gleich als
wenn ein partikularer verneinender Satz die Wahrheit eines allgemeinen
bejahenden beweisen könnte, oder umgekehrt! da doch vielmehr durch
die Ausnahme klar wird, daß die Regel nicht allgemein ist. Solche
Sprüchwörter sind sehr langweilig, und nicht selten sinnlos und unwahr.

Es gibt solche mechanische Menschen, deren Gespräche zur Hälfte aus
gewissen Formeln bestehen, welche sie, ohne etwas dabei zu denken,
herplappern. Sie treffen Dich tödtlich krank im Bette an, und freuen
sich, Dich wohl zu sehn. Zeigst Du ihnen Dein Bildniß: so finden sie,
daß es zwar ähnlich sehe, aber viel zu alt gemalt sey. Allen Kindern
sagen sie: sie seyen groß für ihr Alter, und gleichen dem Vater, und
was dergleichen leeres Geschwätz mehr ist. Einen eben so dürftigen
Stoff zur Unterhaltung liefern Räthsel, Wortspiele, Pfandspiele u.
dgl., wenn sie nicht ausgezeichnet sinnreich sind. Wenigstens wird
selten in einer Gesellschaft, die nur einigermaßen gemischt ist, das
Wohlgefallen daran allgemein seyn, denn es werden sich immer Einige
finden, welche sich durch solche Unterhaltungen gedrückt fühlen, weil
sie nicht Kenntnisse, oder Geist genug haben, hiebei eine anständige
Rolle zu spielen, oder der Verlegenheit zu entgehen.


                                  39.

Belästige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnützen Fragen!
Man findet Menschen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern
weil sie nun einmal gewöhnt sind, ihre Gespräche in Katechesations-Form
zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht
möglich ist, auf unsre Weise mit ihnen in Unterhaltung zu kommen.


                                  40.

Lerne Widerspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen
Meinungen! Werde nicht hitzig, noch grob im Zanke; auch dann nicht,
wenn man Deinen ernsthaften Gründen Spott und Bitterkeit entgegensetzt!
Du hast, bei der besten Sache, schon halb verloren, wenn Du nicht
kaltblütig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie überzeugen
und nie gefallen.


                                  41.

An Oertern, wo man sich zur Freude versammelt: beim Tanze, in
Schauspielen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch weniger
von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um
auszuruhen, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also
unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch
hineinschieben zu wollen.


                                  42.

Daß ein redlicher und verständiger Mann über wesentliche
Religionslehren, auch dann, wenn er das Unglück haben sollte, an
der Wahrheit derselben zu zweifeln, sich dennoch keinen Spott
erlauben wird: ich meine, das versteht sich von selber; aber auch
über kirchliche Verfassungen, über die Menschensatzungen, welche von
einigen Sekten für Glaubenslehren gehalten werden, über Ceremonien,
die Manche für wesentlich halten, und dergleichen, soll man nie in
Gesellschaften spotten. Man respektire das, was Andern ehrwürdig ist!
Man lasse Jedem die Freiheit in Meinungen, die wir für uns selbst
verlangen! Man vergesse nicht, daß das, was wir Aufklärung nennen,
Andern vielleicht Verfinsterung scheint! Man schone der Vorurtheile,
die Andern Ruhe gewähren! Man raube niemand, ohne ihm etwas Besseres
an die Stelle desselben zu geben, was ihm auf seiner Bildungsstufe,
oder in dem Zusammenhange seiner Vorstellungen als Wahrheit erscheint,
und unentbehrlich geworden ist! Man vergesse nicht, daß Spott nicht
bessert; daß unsre, hier auf Erden noch nicht entwickelte Vernunft über
so wichtige Gegenstände leicht irren kann; daß ein mangelhaftes System,
auf welchem aber der Grund einer guten Moral liegt, nicht so leicht
umzureissen ist, ohne zugleich das Gebäude selbst über den Haufen zu
werfen, und endlich, daß solche Gegenstände überhaupt gar nicht von der
Art sind, daß man sie in Gesellschaften abhandeln könne!

Doch dünkt mich, man vermeide heut zu Tage oft zu vorsätzlich alle
Gelegenheit, über Religion zu reden. Einige Leute schämen sich, Wärme
für Gottes-Verehrung und für die höchsten Angelegenheiten des Menschen
zu zeigen, aus Furcht, für nicht aufgeklärt genug gehalten zu werden,
und Andre affektiren religiöse Empfindungen, scheuen sich, auch nur im
mindesten gegen Schwärmerei zu reden, um sich bei den Andächtlern in
Gunst zu setzen. Ersteres ist Menschenfurcht, und Letzteres Heuchelei;
Beides aber eines redlichen Mannes gleich unwerth.


                                  43.

Wenn Du von körperlichen, geistigen, moralischen oder andern Gebrechen
redest, oder Anekdoten erzählst, die gewisse Grundsätze oder
Vorurtheile lächerlich machen, oder gewisse Stände in ein nachtheiliges
Licht setzen sollen: so siehe Dich vorher wohl um, ob niemand
gegenwärtig sey, der das übel aufnehmen, diesen Tadel oder Spott auf
sich und seine Verwandten ziehen könnte!

Halte Dich über niemands Gestalt, Wuchs und Bildung auf! Es steht
in keines Menschen Gewalt, diese zu ändern. Nichts ist kränkender,
niederschlagender und empörender für den Mann, der unglücklicher Weise
eine etwas auffallende Gesichtsbildung oder Figur hat, als wenn er
bemerkt, daß diese der Gegenstand der Verspottung oder Befremdung wird.
Leuten, die ein wenig mit der großen Welt bekannt sind, und unter
Menschen von allerlei Formen und Ansehen gelebt haben, sollte man
darüber billig gar keine Erinnerung geben dürfen; aber leider trifft
man hie und da, selbst unter fürstlichen Personen, besonders unter
Damen, solche an, die so wenig Gewalt über sich, oder so wenig Begriffe
von Wohlanständigkeit und Billigkeit haben, daß sie die Eindrücke,
welche ein ungewöhnlicher Anblick von ~der~ Art auf sie macht,
nicht verbergen können. -- Das ist schwach, und wenn man noch dabei
überlegt, wie relativ und dem verschiednen Geschmacke unterworfen die
Begriffe von Schönheit und Häßlichkeit sind, wie so wenig auf sichern
Grundsätzen beruhend unsre physiognomische Wissenschaft ist, und wie
oft unter einer anscheinend häßlichen Larve ein schönes, edles, warmes,
großes Herz, mit einem feinen, tiefdenkenden Kopfe steckt: so sieht man
leicht, daß man sehr selten mit Recht auf das äussere Ansehen eines
Menschen nachtheilige Folgerungen bauen, und nie die Befugniß haben
kann, die Eindrücke, welche ein solcher Anblick etwa auf uns macht,
zu jemands Kränkung durch Lachen oder auf andre Art kund werden zu
lassen. Ueberhaupt ist es Schwachheit, sich von sinnlichen Eindrücken,
mögen sie günstige oder ungünstige seyn, so sehr beherrschen zu lassen,
daß man sogleich seine Zuneigung oder Abneigung verräth. Der äussere
Mensch ist oft so ganz von dem inneren verschieden, daß man sich in der
Regel bitter getäuscht sieht, wenn man sich von jenem verleiten ließ,
günstig oder ungünstig zu urtheilen.

Ausser einer sonderbaren Figur können uns aber noch andre
Dinge an einem Menschen auffallend seyn, zum Beispiel: lächerliche,
phantastische, abgeschmackte Gebehrden, Manieren,
Verzerrungen des Körpers, Unbekanntschaft mit gewissen Sitten,
Unvorsichtigkeiten im Betragen, ungewöhnlicher, altmodischer
Anzug u. dgl. Es gehört nicht weniger zu einer guten Lebensart,
hierüber nicht durch Lachen oder durch Zeichen, die
man einem der Anwesenden gibt, sein Befremden zu erkennen
zu geben, und dadurch den armen Mann, der sich dergleichen
zu Schulden kommen läßt, noch mehr in Verlegenheit zu setzen.


                                  44.

Wenn Du in einer Gesellschaft von einem der Anwesenden mit Deinem
Freunde reden willst (obgleich dieß, wie das Ohrenflüstern, überhaupt
unanständig ist): so gebrauche wenigstens die Vorsicht und Schonung,
die Person, von welcher Du redest, nicht dabei anzusehen! Und ist
Dir daran gelegen, etwas zu hören, das in einiger Entfernung von Dir
gesprochen wird: so wende auch Deine Blicke nicht dahin! Man wird sonst
aufmerksam auf Dich, und man hört ja auch nur mit den Ohren, nicht mit
den Augen.


                                  45.

Man hüte sich, bei Personen, mit denen man umgeht, unberufen
unangenehme Dinge in Erinnerung zu bringen! Oft bewegt eine Art von
unkluger Theilnehmung und ein Mangel an Zartgefühl die Leute, uns um
die Beschaffenheit unsrer ökonomischen und anderer verdrießlichen
Sachen zu befragen, obgleich sie uns nicht helfen können, und uns
dadurch zu zwingen, Gegenstände in unser Gedächtniß zurückzurufen,
die wir in Gesellschaften, wo wir uns aufzuheitern dachten, so
gern vergessen möchten. Man muß so viel Menschenkenntniß haben, zu
unterscheiden, ob der Mann, den wir vor uns sehen, seinem Temperamente,
seiner Lage, und der Art seines Kummers nach, durch solche Gespräche
erheitert oder getröstet werden könne, oder ob nicht vielleicht sein
Leiden dadurch doppelt erschwert werde[2].

Man enthalte sich auch, andern Leuten das, was sie nun einmal haben,
und nicht wieder abschaffen können, zuwider zu machen, ihnen die Lage,
darin sie nun einmal leben müssen, durch unangenehme Schilderungen
und unwillkommene Bemerkungen zu verleiden. Es gibt solche unberufene
Wahrheits-Prediger, die sich ein Geschäft daraus machen, uns auch den
unschuldigsten glücklichen Wahn wegzuvernünfteln, und es bleibt bei
Wielands Ausspruch:

                       Ein Wahn, der mich beglückt,
                       Ist eine Wahrheit werth,
                       Die mich zu Boden drückt.


                                  46.

Nimm nicht Theil daran, lächle nicht beifällig, thu' lieber, als
hörtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge
sagt, oder ihn beschämt! Die Feinheit eines solchen Betragens wird
gefühlt und oft dankbar belohnt.


                                  47.

Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzubringen, über
Widersprechungsgeist, Disputirsucht, Citiren und Berufen auf die
Meinungen und Aussprüche Andrer, werde ich mich im dritten Kapitel
dieses Theils erklären, und beziehe mich hier darauf.


                                  48.

Eine der wichtigsten Tugenden im gesellschaftlichen Leben, welche
wirklich täglich seltner wird, ist die Verschwiegenheit. Man ist
heut zu Tage so äusserst trügerisch in Versprechungen, ja in
Betheurungen und Schwüren, daß man ohne Scheu ein unter dem Siegel
des Stillschweigens uns anvertrautes Geheimniß gewissenloser Weise
ausbreitet. Andre, die weniger pflichtvergessen, aber höchst
leichtsinnig sind, schwatzen Geheimnisse aus, weil sie ihrer
Redseligkeit keinen Zaum anlegen können. Sie vergessen, daß man sie
gebeten hat, zu schweigen; und so erzählen sie aus unverzeihlicher
Unvorsichtigkeit die wichtigsten Geheimnisse ihrer Freunde an
öffentlichen Orten, mit einer Unbefangenheit, die in Erstaunen und in
Schrecken setzt; oder sie vertrauen, indem sie Jeden, der ihnen während
ihres Dranges, sich zu entladen, in den Wurf kömmt, für einen treuen
Freund ansehen, das, was sie doch nicht als ihr Eigenthum betrachten
sollten, eben so leichtsinnigen Leuten an, wie sie selbst sind. Solche
Menschen gehen dann auch nicht weniger unklug mit ihren ~eignen~
Heimlichkeiten, Planen und Begebenheiten um, zerstören dadurch sehr oft
ihre Wohlfahrt, und vernichten ihre Bestrebungen.

Welchen Nachtheil überhaupt eine solche unvorsichtige Bewahrung
fremder und eigner Geheimnisse gewähre, das bedarf wohl keiner
Auseinandersetzung. Es gibt aber eine Menge anderer Dinge, die zwar
nicht eigentlich Geheimnisse sind, wovon uns jedoch Klugheit und
die Vernunft lehrt, daß es besser sey, sie zu verschweigen, und
andre Dinge, deren Ausbreitung wenigstens für niemand lehrreich und
unterhaltend seyn kann, und wovon es doch möglich wäre, daß ihre
Verplauderung irgend jemand nachtheilig seyn möchte. -- Darum gehört
eine gewisse Zurückhaltung, die aber nicht in Verschlossenheit und
Geheimnißkrämerei ausarten muß, zu den Tugenden, welche der Umgang
fordert. Bei Männern, welche in bedeutenden Staatsämtern stehen, ist
es vollends unverzeihlich, wenn sie sich von der Sucht, das Wort zu
führen, und sich wichtig zu machen, verleiten lassen, der Gesellschaft
etwas mitzutheilen, was ihre Amtspflicht, oder die Würde ihres Amts
zu verschweigen gebietet. Uebrigens wird man die Bemerkung wahr
finden, daß in despotischen Staaten die Menschen, im Ganzen genommen,
verschwiegner sind, als da, wo mehr Freiheit herrscht. Dort machen
Furcht und Mißtrauen verschlossen und zurückhaltend; hier folgt Jeder
dem Triebe seines Herzens, sich freimüthig mitzutheilen.

Wenn man auch mehrern Leuten zugleich sein Geheimniß anvertrauen muß:
so lege man doch unbedingte Verschwiegenheit auf, damit jeder von ihnen
glaube, er wisse es allein, müsse allein für die Bewahrung haften.

Manche Leute haben die sehr unartige Gewohnheit, sich, wenn man sie
zum Voraus um Verschwiegenheit über eine Sache bittet, die man ihnen
entdecken will, nicht bestimmt zu erklären, nichts zu versprechen. Aus
Gutmüthigkeit hält man dann nicht zurück, sondern redet, indem man
die Bedingung voraussetzt. Dies Betragen ist nicht nachzuahmen; der
aufrichtige Mann äussert sich ohne Rückhalt, und hört nicht eher, als
bis er gesagt hat, in wie fern er sich zur Verschwiegenheit verbindlich
machen könne, oder nicht.


                                  49.

Menschen von lebhafter Gemüthsart werden der Gesellschaft leicht
durch den Ungestüm, mit welchem sie widersprechen, oder ihre Meinung
vertheidigen, beschwerlich. Der Umgang fordert einen gewissen
Gleichmuth, und die Selbstverleugnung, welche jeden Ausbruch der
Leidenschaft zurückzudrängen, und eigensinnigen Widerspruch zu ertragen
weiß.

Ein großes Talent, welches durch Studium der Sprache und Achtsamkeit
auf sich selbst erlangt werden kann, ist die Kunst, sich bestimmt,
fein, richtig, körnigt auszudrücken, lebhaft im Vortrage zu seyn,
sich dabei nach den Fähigkeiten der Menschen zu richten, mit denen
man redet; sie nicht zu ermüden, gut und launigt zu erzählen, nicht
über seine eignen Einfälle zu lachen; nach den Umständen trocken oder
lustig, ernsthaft oder komisch seinen Gegenstand darzustellen, und mit
natürlichen Farben zu malen. Dabei muß ein guter Gesellschafter sein
Aeusseres studiren, und besonders sein Mienenspiel in seiner Gewalt
haben, sich vor Verzerrungen zu hüten, und sein Lachen zu mäßigen
wissen. Der Anstand und die Gebehrdensprache sollen edel seyn: man
soll nicht bei unbedeutenden, affectlosen Unterredungen, wie Personen
aus der niedrigsten Volksklasse, mit Kopf, Armen und andern Gliedern
herumfahren und um sich schlagen; man soll den Leuten gerade, aber
bescheiden und sanft, in's Gesicht sehen, sie nicht bei Aermeln,
Knöpfen und dergleichen zupfen. Kurz, alles was eine feine Erziehung,
was Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf Andre verräth, das gehört
nothwendig dazu, den Umgang angenehm zu machen, und es ist wichtig,
sich in solchen Dingen nicht nachzusehn, sondern jede kleine Regel
des Wohlstandes, selbst in dem Cirkel seiner Familie, zu beobachten,
um sich das zur andern Natur zu machen, wogegen diejenigen so oft
fehlen, welche nie erwägen, daß es Pflichten gegen die Gesellschaft
gibt, und sich daher Alles erlauben, was ihnen gemächlich ist. Kaum
scheint es nöthig, hier noch zu bemerken, daß man so wenig als möglich
in einer Gesellschaft den Leuten den Rücken zukehren, in Titeln und
Namen sich vor Verwechselung hüten; daß man bei Personen, die es
mit den Höflichkeitsbezeigungen genau nehmen, den Vornehmern immer
auf der rechten Seite, oder wenn Drei beisammen sind, in der Mitte
gehen lasse; daß man Dem, mit welchem man spricht, frei und offen,
doch nicht starr und frech, in das Gesicht schauen, seine Stimme in
seiner Gewalt haben, nicht schreien und doch verständlich reden, in
seinem Gange Anstand beobachten, nicht aller Orten das große Wort
führen solle; daß man, wenn man ein Frauenzimmer führt, mit ihr, um
sie nicht zu stoßen, gleichen Schritt halten, und mit demselben Fuße,
wie sie, antreten, ihr auch zuweilen seine linke Hand reichen müsse,
wenn sie an der rechten Seite nicht so bequem gehen würde; daß man auf
~steilen~ Treppen im Hinuntersteigen die Frauenzimmer vorausgehen, im
Hinaufsteigen aber sie folgen lassen müsse; daß, wenn man uns nicht
versteht, und wir voraussehen, daß eine genauere Erklärung nichts
helfen würde, oder der Gegenstand von so geringer Wichtigkeit ist,
daß er keinen großen Aufwand von Worten verdient, wir dann die ganze
Sache fallen lassen müssen; daß vornehme Leute, wenn sie nicht über
Vorurtheile hinaus sind, es übel nehmen, wenn ein Geringer von sich
und ihnen in Gemeinschaft spricht, (z. B. »Als ~wir~ gestern zusammen
spazieren gingen.« »~Wir~ haben im gestrigen Spiele gewonnen, und
~unsre~ Gegner verloren,«) und, daß sie verlangen, man solle thun,
als seyen sie allein in der Welt des Nennens werth: »Ihro Excellenz,
Ihro Gnaden haben gewonnen;« (höchstens möchte man hinzusetzen: »~mit
mir~«); daß man die Leute nicht zehnmal wieder zurückrufe, ihnen noch
hundert Dinge zu sagen und nachzuschreien habe, wenn sie im Zimmer
oder auf der Gasse von uns gehen, schon die Thür in der Hand, schon
Abschied genommen haben; daß es eine unartige Gewohnheit sey, immer
etwas zwischen den Fingern oder im Munde zu führen, das man zerdrückt
und spielend zernichtet, es sey brauchbar oder nicht, gehöre uns oder
Andern; daß man erst um Erlaubniß fragen müsse, wenn man in Gegenwart
fremder Personen Briefe lesen, oder andere Geschäfte von der Art
treiben will; daß es anständig sey, wenn man jemand im Vorbeigehen
grüßen will, den Hut auf ~der~ Seite abzuziehen, wo der Fremde ~nicht~
geht, damit man ihn nicht damit berühre, und sein Gesicht nicht vor
ihm verberge; daß man, wenn man jemand etwas darreicht, es, in so
fern dieß zu ändern steht, nicht mit der bloßen Hand hingeben müsse;
daß es sich nicht schicke, in Gesellschaften in's Ohr zu flüstern,
bei Tafel krumm zu sitzen, unanständige Gebehrden zu machen, noch zu
leiden, daß ein Frauenzimmer, oder jemand, der vornehmer ist als wir,
von einer Speise, die vor uns steht, vorlege; daß es unartig sey,
in Gesellschaften jemandem einen unschuldigen Spaß zu verderben, z.
B. wenn er Kartenkünste zeigt, seine Kunst zu enthüllen. Leuten von
gewissem Stande und einer nicht ganz gemeinen Erziehung ist das in der
ersten Jugend schon eingeprägt worden; nur erinnere ich, daß diese
kleinen Dinge in mancher Leute Augen ~große~ Dinge sind, und daß oft
unsre zeitliche Wohlfahrt in solcher Leute Händen ist.


                                  50.

Es gibt noch andre kleine gesellschaftliche Unschicklichkeiten und
Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobei man immer überlegen muß,
was daraus werden würde, wenn Jeder von den Anwesenden sich dieselbe
Freiheit erlauben wollte; zum Beispiel: in Concerten plaudern; hinter
eines Andern Rücken einem Freunde etwas zuflüstern, oder ihm Winke
geben, die Jener auf sich deuten kann; lächerlich schlecht tanzen,
oder ein Instrument elend spielen, sich dennoch damit sehen und hören
lassen, und dadurch die Anwesenden zum Spotte und zum Gähnen reitzen;
bei dem Tanze zugleich die Melodie mit singen; in Schauspielen so
hintreten, daß man Andern die Aussicht raubt; in jeder Versammlung
so spät erscheinen, daß man keinen Nachfolger mehr hat, und doch der
Erste seyn, der sie verläßt, oder länger verweilen, als alle übrigen
Mitglieder der Gesellschaft. Willst Du gern gesehen seyn, so vermeide
alle diese Unschicklichkeiten mit Sorgfalt, und willst Du ein edler
Mensch, nicht bloß ein guter Gesellschafter werden, so vermeide sie
nicht um der Menschen willen, sondern weil Du dieß Deinem eigenen
Herzen schuldig zu seyn glaubst, und weil Du nicht bloß ~klug~, sondern
auch ~gut~ seyn möchtest. In eben dieser Hinsicht befolge auch noch
diese Vorschriften: Du sollst nicht dem Lesenden oder Schreibenden auf
die Finger sehen, und nicht allein in einem fremden Zimmer bleiben, in
welchem Schriften oder Gelder herumliegen. Ferner: wenn zwei Personen,
die vor Dir hergehen, leise mit einander reden, ohne Deiner gewahr zu
werden, so will die Bescheidenheit und die Klugheit, daß Du ihnen durch
Geräusch Deine Nähe zu erkennen gebest, um Dich von allem Verdachte,
als wenn Du sie beschleichen wolltest, und von aller Verlegenheit zu
befreien. So klein dergleichen Aufmerksamkeiten scheinen, so machen
sie doch den Umgang angenehm und werden Bildungsmittel für Geist und
Herz, wenn man sie als solche ~ansieht~ und ~benutzt~, sind aber auch,
wenn man sie nicht von dieser Seite betrachtet, weiter nichts, als
Schleifsteine für die äussere Politur.


                                  51.

Oft sind wir in dem Falle, daß uns durch Gespräche Langeweile gemacht
wird. Vernunft, Vorsichtigkeit und Menschenliebe gebieten uns dann,
wenn nun einmal nicht auszuweichen ist, Geduld zu fassen, und nicht
durch beleidigendes Betragen unsern Ueberdruß zu erkennen zu geben.
Man kann ja, je seelenloser das Gespräch und je geschwätziger der Mann
ist, um desto freier nebenher an andre Dinge denken; und wäre auch das
nicht -- ei nun! es geht im menschlichen Leben so manche verträumte
Stunde verloren! Ist man denn nicht einige Aufopferung der Gesellschaft
schuldig, mit welcher man umgeht? -- Und geschieht es nicht vielleicht
zuweilen, daß auch wir dagegen, so groß auch die Meinung seyn mag,
die wir von der Wichtigkeit unsrer Gespräche haben, dennoch durch
unsre Redseligkeit Andern Langeweile machen? Auch gibt es hier noch
einen Ausweg. Man sucht dem Redseligen eine Pause abzugewinnen, oder
wirft unaufhörlich Fragen, Einwürfe und Bedenklichkeiten zwischen
seine Rede, oder nöthigt ihn durch eine geschickte Wendung, manches zu
überspringen, was er noch einschieben wollte, oder bringt ihn durch
eine unerwartete Frage plötzlich auf ein anderes, nicht so ergiebiges
Thema.


                                  52.

Gewissen Leuten ist eine Leichtigkeit im Umgange, und die Gabe,
geschwind Bekanntschaften zu machen, und Zuneigung zu gewinnen, wie
angeboren; Andern hingegen hängt von Jugend auf eine gewisse Blödigkeit
und Schüchternheit an, die sie nicht abzulegen vermögen, wenn sie
gleich täglich fremde Leute aller Art um sich sehen. Diese Blödigkeit
ist freilich sehr oft die Folge einer fehlerhaften Erziehung, so
wie auch zuweilen die Wirkung einer heimlichen Eitelkeit, die in
Verlegenheit geräth, aus Furcht, sich in Schatten zu stellen, übersehen
zu werden, und nicht zu glänzen. Manchen Menschen aber scheint diese
Schüchternheit gegen ganz fremde Leute wirklich von Natur eigen zu
seyn, und alle Mühe, welche sie sich geben, sie zu besiegen, ist
verloren. Ein regierender Fürst, einer der edelsten und verständigsten
Männer, die ich kenne, und der auch wahrlich seines Aeussern wegen
sich nicht zu schämen noch zu fürchten braucht, nachtheilige Eindrücke
zu machen, hat mich versichert, daß, obgleich ihn sein Stand von
Kindheit an in die Lage gesetzt habe, täglich große Cirkel und viele
fremde Gesichter zu sehn, er dennoch an keinem Tage in sein Vorzimmer
trete, wo der versammelte Hof seiner wartet, ohne aus Verlegenheit
auf einen Augenblick fast blind zu werden. Uebrigens hört bei
diesem liebenswürdigen Herrn, sobald er sich ein wenig erholt hat,
die Schüchternheit auf, und dann redet er freundlich und offen mit
jedermann, und sagt bessre Dinge, als gewöhnlich Fürsten, bei solchen
Gelegenheiten, über Wetter, böse Wege, Pferde und Hunde zu sagen wissen.

Eine gewisse Leichtigkeit im Umgange also, die Gabe, sich gleich bei
der ersten Bekanntschaft vortheilhaft darzustellen, mit Menschen aller
Art zwanglos ein Gespräch anzuknüpfen, und bald zu merken, wen man
vor sich hat, und was man mit Jedem reden könne und müsse: das sind
Eigenschaften, die man zu erwerben und auszubilden trachten soll. Doch
müsse dieß nie in jene, den Abentheurern so eigne Unverschämtheit und
Zudringlichkeit ausarten, die oft, in weniger als einer Stunde Frist,
einer ganz fremden Tischgesellschaft im Wirthshause ihre Lebensläufe
abgefragt, und dagegen den ihrigen erzählt, Dienste und Freundschaft
angeboten, und Dienste, Verwendung und Hülfe für sich erbeten haben.
Die Hauptsache kommt immer darauf an, leicht in den fremden Ton
einzustimmen, und nichts auskramen, nichts geltend machen zu wollen,
was in diesem Kreise nicht verstanden oder nicht geschätzt wird, sich
auch nicht gar zu sehr dadurch niederschlagen zu lassen, daß die ersten
Versuche, die Unterhaltung in Gang zu bringen, unglücklich abgelaufen
sind.


                                  53.

Man vermeide also auch, in alle Cirkel große Forderungen und
Erwartungen mitzunehmen, allen Menschen alles allein seyn, mit aller
Gewalt glänzen, und Aufmerksamkeit erregen zu wollen; zu verlangen,
daß aller Menschen Augen nur auf uns gerichtet, ihre Ohren nur für
uns gespitzt seyen; denn sonst werden wir freilich uns aller Orten
zurückgesetzt glauben, eine traurige Rolle spielen, uns und Andern
Langeweile machen, menschenscheu und bitter die Gesellschaft fliehn,
und von ihr geflohen werden. Ich kenne viele Leute von der Art, die
durchaus, wenn sie sich in vortheilhaftem Lichte zeigen sollen, der
Mittelpunkt seyn müssen, um welchen sich alles dreht, so wie überhaupt
manche Menschen im gemeinen Leben niemand neben sich vertragen, der mit
ihnen verglichen werden könnte. Sie handeln vortrefflich, groß, edel,
nützlich, wohlthätig, geistreich, sobald sie es allein sind, an die
man sich wendet, von denen man bittet, erwartet, hofft; aber klein,
niedrig, rachsüchtig und schwach, sobald sie in Reihe und Gliedern
stehen sollen, und zerstören jedes Gebäude, wozu sie nicht den Plan
gemacht, oder wenigstens die Kranz-Rede gehalten haben; ja, selbst ihr
eignes Gebäude, sobald nur ein Andrer eine kleine Verzierung daran
angebracht hat. Dies ist eine unglückliche, ungesellige Gemüthsart.
Ueberhaupt rathe ich, um glücklich zu leben, und Andre glücklich zu
machen, in dieser Welt so wenig als möglich zu erwarten und zu fordern.


                                  54.

So viel über den Anstand, über schickliche Manieren, und über die
Höflichkeit im äussern Betragen, über Bescheidenheit und Mäßigung;
und nun noch etwas über die ~Kleidung~. Kleide Dich nicht ~unter~
und nicht ~über~ Deinen Stand, nicht ~über~ und nicht ~unter~ Dein
Vermögen, nicht phantastisch, nicht bunt, nicht ohne Noth prächtig,
noch glänzend, noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und,
wo Du Aufwand machen mußt, da sey Dein Aufwand zugleich ächt und
schön! Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische
Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende eine größere Aufmerksamkeit
auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man
ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewußt ist, in einer
unangenehmen Ausstaffirung aufzutreten. Trage nie geliehene Sachen!
Das hat von mehr als Einer Seite nachtheiligen Einfluß auf den
Charakter.


                                  55.

Wenn die Frage entsteht: ob es gut sey, viel oder wenig in Gesellschaft
zu erscheinen; so muß die Beantwortung derselben freilich, nach den
verschiedenen einzelnen Lagen, Bedürfnissen und nach unzähligen kleinen
Umständen und Rücksichten, bei jedem Menschen anders ausfallen. Im
Ganzen aber kann man den Satz zur Richtschnur annehmen: daß man sich
nicht aufdringen, die Leute nicht überlaufen solle, und daß es besser
sey, wenn man es einmal nicht allen Menschen recht machen kann, daß
gefragt werde, warum wir so selten, als geklagt, daß wir zu oft und an
allen Orten erscheinen, wo Unterhaltung zu erwarten ist. Es gibt einen
feinen Sinn für die Pflege und Erweiterung des Umgangs (wenn uns nicht
übertriebne Eitelkeit und Selbstsucht die Augen blenden), einen Sinn,
der uns sagt, ob wir gerngesehn, oder überlästig sind, ob es Zeit ist,
fortzugehn, oder ob wir noch verweilen sollen. Aus der Art, wie uns
von Kindern und Domestiken in einem Hause begegnet wird, pflegt man
am leichtesten zu merken, wie die Herrschaften oder Eltern gegen uns
gestimmt sind.

Uebrigens rathe ich, wenn man sich so weit in seiner Gewalt haben kann,
mit so wenig Leuten, als möglich, ~vertraulich~ zu werden, nur einen
kleinen Cirkel von ~Freunden~ zu haben, und diesen nur mit äusserster
Vorsicht zu erweitern. Gar zu leicht mißbrauchen und vernachlässigen
uns die Menschen, sobald wir mit ihnen in einem vollkommen
vertraulichen Tone umgehen. Um angenehm zu leben, muß man fast immer
ein ~Fremder~ unter den Leuten bleiben. Dann wird man geschont, geehrt,
aufgesucht. -- Deswegen ist das Leben in großen Städten so schön, wo
man alle Tage andre Menschen sehen kann. Für einen Mann, der sonst
nicht schüchtern ist, ist es ein Vergnügen, unter ~Unbekannten~ zu
sitzen. Da hört man, was man sonst nicht hören würde; man wird nicht
behorcht und belauscht, und kann in der Stille beobachten.


                                  56.

Uebrigens rathe ich auch an, um seiner selbst und um Andrer willen, ja
nicht zu glauben, es sey irgend eine Gesellschaft so ganz schlecht,
das Gespräch irgend eines Mannes so ganz unbedeutend, daß man nicht
daraus etwas lernen, eine neue Erfahrung, einen Stoff zum Nachdenken
sammeln könnte. Aber man soll nicht aller Orten Gelehrsamkeit, feine
Cultur fordern, sondern sich an gesundem Hausverstand und geradem Sinn
genügen lassen, daran den eigenen beleben und stärken, und sich einmal
wieder auf den Weg der Natur leiten lassen, sich auch eben darum unter
Menschen von allerlei Ständen mischen: so lernt man zugleich nach und
nach den Ton und die Stimmung annehmen, die nach Zeit und Umständen
erfordert werden, und überzeugt sich, daß auch in den niederen
Ständen Witz, Verstand und Scharfsinn zu finden sey. Aber diese
Ueberzeugung ist sehr heilsam zur Dämpfung eines gewissen Stolzes,
der sich so leicht der Gebildeten bemächtigt, und sie ungerecht gegen
Ungebildete macht. Auch für die Erweiterung der Sprachkunde ist ein
solcher Umgang mit Menschen aus den verschiedensten Ständen und von
den verschiedensten Bildungsstufen höchst wirksam und ergiebig, und
gewährt manchen großen Genuß, besonders durch die erweiterte Kenntniß
sprichwörtlicher Redensarten, in welchen oft so viel Witz und Kraft
verborgen liegt.


                                  57.

Mit wem aber soll man am mehrsten umgehn? Natürlicher Weise läßt sich
auch diese Frage nur nach eines Jeden besondrer Lage beantworten.
Hat man die Wahl (und wirklich hat man diese auch öfter, als man
glaubt), so wähle man sich die Weisern zu seinem Umgange; Leute, von
denen man lernen kann, die nicht schmeicheln, nicht gar zu überlegen
an Kenntnissen und Fähigkeiten sind, aber doch uns übersehen, die in
Kreisen tanzen, so oft ihr hoher Genius seine Zauberruthe schwingt.
Den Meisten aber scheint es genußreicher, untergeordnete Geister um
sich her zu versammeln. Aber diese bleiben auch immer, was und wie sie
sind, kommen nie weiter in Weisheit und Tugend. Es gibt zwar Lagen, in
welchen es nützlich und lehrreich ist, sich unter Menschen von allerlei
Fähigkeiten zu mischen, ja, wo es auch Pflicht ist, nicht bloß mit
Leuten umzugehn, von denen ~wir~, sondern auch mit solchen, die ~von
uns~ lernen können, und die ein Recht haben, dieß zu fordern. Diese
Gefälligkeit aber darf nie so weit gehen, daß die Rechenschaft, die
wir einst von unsrer goldnen Zeit, und von der Obliegenheit, uns zu
vervollkommnen, geben sollen, dabei Gefahr laufe.


                                  58.

Es ist oft eine höchst sonderbare Sache um den Ton, der in
Gesellschaften herrscht. Vorurtheil, Eitelkeit, Schlendrian, Autorität,
Nachahmungssucht, und wer weiß, was sonst noch, stimmen diesen Ton so,
daß zuweilen Menschen, die an einem Orte zusammen leben, Jahr aus, Jahr
ein, sich auf eine Weise versammeln, unterhalten, Dinge mit einander
treiben, und über Gegenstände reden, die Allen zusammen und jedem
Einzelnen unendliche Langeweile machen. Dennoch glauben sie, sich den
Zwang anthun zu müssen, diese Lebensart also fortzuführen. Gewährt wohl
die Unterhaltung in den mehresten großen Cirkeln einem Einzigen von
den da Versammelten wahres Vergnügen? Spielen unter funfzig Personen,
die jeden Abend die Karten in die Hand nehmen, wohl zehn aus wahrer
Neigung? Um desto erbärmlicher ist es, wenn freie Menschen in kleinern
Oertern, oder gar auf Dörfern, die zwanglos leben könnten, um den Ton
der Residenzen nachzuahmen, sich eben so peinlich unter das Joch dieser
Langeweile krümmen. Hat man Gewicht bei seinen Mitbürgern und Nachbarn,
so ist es Pflicht, alles dazu beizutragen, den Ton vernünftiger zu
stimmen. Ist das aber nicht der Fall, und man geräth einzeln in einen
solchen Cirkel, so vermehre man nicht, durch ein schiefes, stummes,
oder mürrisches Betragen, unter den Anwesenden und dem Hauswirthe die
Verlegenheit, es vor einander zu verbergen, daß sie sich sämmtlich weit
von da weg wünschten; sondern man zeige sich vielmehr als einen Meister
in der Kunst, viel zu reden, ohne etwas zu sagen, und erwerbe sich
wenigstens das Verdienst, den Zeitraum mit unschuldiger Unterhaltung
auszufüllen, wovon ausserdem gewöhnlich die Verläumdung Besitz nimmt!

In volkreichen, großen Städten kann man am unbemerktesten, und ganz
nach seiner Neigung leben. Da fallen eine Menge kleiner Rücksichten
weg; man wird nicht ausgespäht, controllirt, beobachtet; es laufen
nicht so aus Mund in Mund die interessanten Nachrichten: wie vielmal in
der Woche ich Braten esse; ob ich oft oder selten ausgehe, und wohin;
wer zu mir kömmt; wie stark der Lohn ist, den ich meiner Köchin gebe,
und ob ich kürzlich mit ihr geschmählt habe? Meine Kleidung wird nicht
gemustert; man fragt nicht in jedem Krämer-Hause meine Magd, wenn sie
für vier Pfennige Pfeffer holt, für wen der Pfeffer ist, und wozu der
Pfeffer gebraucht werden soll? Eine unbedeutende Anekdote beschäftigt
da nicht sechs Wochen lang alle Zungen; man wandelt unbemerkt,
friedenvoll und ungeneckt durch den großen Haufen hin, besorgt seine
Geschäfte, und wählt sich eine Lebensart, wie man sie für zweckmäßig
hält. In kleinen Städten ist man verurtheilt, mit einer Anzahl, oft
sehr langweiliger Magnaten, in strenger Abrechnung von Besuchen und
Gegenbesuchen zu stehn, die gewöhnlich gleich nach dem Mittagstische
ihren Anfang nehmen, und bis zu der Bürgerglocke, das heißt, bis
zehn Uhr Abends, fortdauern, während welcher Zeit die Unterhaltung
gewöhnlich den König von Preussen, die Franzosen und Engländer, den
Kaiser, andre hohe Potentaten, und was der Hamburger Correspondent von
ihnen meldet, zum Gegenstande hat. Das ist nun freilich erschrecklich;
doch gibt es auch Mittel, dort den Ton des Umgangs nach und nach zu
verfeinern, oder das schwache Publikum daran zu gewöhnen, nachdem
es ein Vierteljahr hindurch über uns gelästert hat, uns endlich
auf unsre Weise leben zu lassen, wenn man sich übrigens redlich,
menschenfreundlich, dienstfertig und gesellig beträgt. Am übelsten
aber pflegt man in den mittlern Städten daran zu seyn, sowohl in den
freien Städten, wo der Handel die Achse ist, um die sich alles dreht,
als in unbeträchtlichen Residenzen. Da herrschen gewöhnlich, neben
einem übertriebnen Luxus, und solchen sittlichen Verderbnissen, die
mit der Ausartung in den größten Städten wetteifern, noch obenein alle
Gebrechen kleiner Städte, Klatschereien, Anhänglichkeit an Schlendrian,
an Gewohnheiten und Familien-Verbindungen, die abgeschmacktesten
Forderungen und die lächerliche Classificirung der Stände. So habe ich
eine Stadt gesehn, in welcher ein Mann, durch seine kürzlich erhaltene
Bedienung, die ehemals dort nicht existirt hatte, so sehr von allen
übrigen, einmal bestimmten Rangordnungen abgesondert war, daß er, wie
ein Elephant in einer Menagerie, immer für sich allein spatzieren
gehn mußte, ohne seines Gleichen, weder einen Gesellschafter, noch
eine Gefährtin finden zu können. Da nun aber in den wenigsten Städten
von Teutschland eine glückliche Stimmung angetroffen wird, so muß
man lernen, sich in die herrschenden Sitten zu fügen; und nichts
kann unvernünftiger, und für den Eiferer selbst von nachtheiligeren
Folgen seyn, als wenn ein Einzelner, der nicht besonders in Ansehen
steht, auftreten, und seine Vaterstadt reformiren will. Nirgends kömmt
indessen ein solcher Declamator übler an, als in den freien Städten,
wo alte Sitte und Schlendrian innig verwebt sind in die Regierungsform
und in alle übrige Verhältnisse. Hier hat indeß die neueste Zeit mit
ihren Erschütterungen und den hunderttausend kostbaren Lehrmeistern,
die sie in glänzenden Uniformen und mit großem Ansehen ausgerüstet in
Teutschlands Staaten und Städte sandte, eine sehr bedeutende, doch
nicht immer heilsame Veränderung hervorgebracht.

In Dörfern und auf seinem Landgute lebt man in der That am
ungezwungensten; und für jemand, der Lust hat, sich zu beschäftigen,
und zum Besten Andrer etwas beizutragen, findet sich da mannigfaltige
Gelegenheit, indem man an dem nützlichsten, zu sehr niedergedrückten
und vernachlässigten Stande zum Wohlthäter werden kann; allein die
geselligen Freuden sind auf dem Lande nicht so leicht zu erlangen,
und nicht so rein zu genießen. In Augenblicken, wo man gerade das
Bedürfniß fühlt, seine Arme nach einem treuen Freunde auszustrecken,
ist dieser Freund vielleicht meilenweit von uns entfernt; oder man
müßte reich genug seyn, einen ganzen Hofstaat von Freunden um sich her
zu versammeln; aber auch das hat seine üble Seite; und sehr reiche
Leute fühlen ja ohnehin selten dies Bedürfniß. Um also hier glücklich
und vergnügt leben zu können, ohne gerade ausgezeichnet wohlhabend
zu seyn, muß man die Kunst verstehen, das Gute aus dem Umgange der
Menschen, die man bei sich haben kann, zu schmecken und zu erkennen,
der einfachen Freuden nicht müde zu werden, damit zu geizen, und ihnen
auf erfindungsreiche Art Mannigfaltigkeit zu geben. Weil man auf dem
Lande seine Frau, seine Kinder und seine Hausfreunde vom Morgen bis
zum Abend ununterbrochen um sich zu sehen pflegt, so entsteht leicht
Ueberdruß, Leere im Umgange. Dieß kann durch einen Vorrath guter
Bücher, die neuen Stoff zur Unterhaltung geben, durch interessanten
Briefwechsel mit abwesenden Freunden, und durch weise Eintheilung der
Zeit, indem man manche Tagesfristen einsam in seinem Zimmer zubringt,
gehoben werden; und nichts ist süßer auf dem Lande, als wenn, nach
einem nützlich verlebten Tage, wo Jeder für sich seine Geschäfte emsig
und treulich besorgt hat, des Abends sich der kleine Cirkel zum
Spatziergange, muntern Scherze und zwanglosen Gespräche sammelt. Es
gibt selbst Prinzen, die diesen Genuß kennen, und ich habe einst, am
Fuße der vogesischen Gebirge, einige Wochen an dem Hofe eines guten und
klugen Fürsten auf diese Art sehr glücklich hingebracht.

Nichts aber ist trauriger, und doch häufiger zu finden, als wenn
Menschen, die in kleinen Städten, oder gar auf dem platten Lande,
täglich mit einander umgehen müssen, in ewigem Zwiste mit einander
leben, und dabei doch nicht reich genug sind, sich eine besondre
Existenz zu schaffen. Sie bereiten sich eine Hölle auf Erden.
Nirgends also ist es so wichtig, als an solchen Orten, in Eintracht
mit denen zu leben, die man weder entbehren, noch vermeiden kann,
und darum mit edler Selbstverleugnung zu ertragen und zu vergeben,
was die Kleinstädterei zu tragen und zu vergeben gibt, und allezeit
schonend, nachsichtig, geschmeidig, vorsichtig, klug und mit einer
Art von Coketterie im Umgange zu verfahren, um Mißverständnissen,
Ekel und Ueberdrusse vorzubauen. Aber auch nirgends hat man Ursache,
vorsichtiger im Reden und Handeln zu seyn, als in kleinen Städten, und
da, wo ein kleinstädtischer Ton herrscht, weil da die Menschen aus
Mangel an Zerstreuung beständig auf den lieben Nächsten lauern, und
wenn gleich sonst sehr kurzsichtig, doch die scharfsichtigsten sind,
wenn es darauf ankommt, den Splitter in des Bruders Auge zu erspähen,
und die beredtesten, um den Splitter als einen Balken darzustellen. Sie
sind oft eben so sehr zu bemitleiden, als zu verachten, weil sie, von
langer Weile gepeitscht, nach Allem greifen, was ihnen auch nur eine
kurze Rettung von diesem Unholde verspricht, und nichts andres zu thun
wissen, als alles nachzuplaudern und sich um fremde Händel zu bekümmern.


                                  59.

In fremden Städten und Ländern ist Vorsichtigkeit im Umgange zu
empfehlen, und das in manchem Betrachte. Wir mögen nun dort Unterricht
und Belehrung, oder ökonomische und politische Vortheile, oder bloß
Vergnügen suchen: so ist es sehr nothwendig, gewisse Rücksichten nicht
zu verachten. Im ersten Falle, nämlich wenn wir reisen, um uns zu
unterrichten, versteht sich's vor allen Dingen von selber, daß wir wohl
überlegen, in welchem Lande wir sind, und ob man da ohne Gefahr und
Verdruß von Allem reden und nach Allem fragen dürfe. Es gibt leider!
auch in Teutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern
sehen, und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsterniß an
das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nöthig, sowohl in
Gesprächen und Nachforschungen, als in der Wahl der Menschen, mit denen
man sich einläßt, und denen man sich anvertraut. Uebrigens muß ich
auch hier erinnern, daß sehr wenig Reisende eigentlich Beruf haben,
sich um die innere Verfassung fremder Länder zu bekümmern; allein
thörichte Neugier, Vorwitz, oder unruhiger Thätigkeitstrieb, jagt jetzt
haufenweise die Menschen hinaus, um in fremden Gasthöfen, Posthäusern,
Clubbs, und in den Schwitzkammern hypochondrischer Gelehrten, unsichere
Anekdoten zu einem Werkchen zu sammeln, indeß sie daheim noch unendlich
viel zu wirken und zu lernen gefunden haben würden, wenn es ihnen um
ihr und Andrer Wohl ernstlich zu thun wäre.

Daß diese Vorsicht verdoppelt werden müsse, sobald man an einem
fremden Orte für sich etwas zu suchen oder zu fordern hat, versteht
sich wohl von selber. Da alsdann manches Auge auf uns gerichtet ist,
so müssen wir den Umgang mit Leuten vermeiden, die, unzufrieden mit
der Regierung, sich so gern den Fremden an den Hals werfen, weil sie
unter ihren Mitbürgern durch unkluge Aufführung sich einen bösen Namen
gemacht, und sich auf diese Art den Weg versperrt haben, bürgerliche
Vortheile zu erlangen, die sie aber zu verachten scheinen, wie der
Fuchs die Trauben. Diese Art Leute sucht sich dann dadurch ein wenig
zu heben, daß sie mit den Reisenden, denen sie sich in den Gasthöfen
oder auf andre Art aufdringen, durch die Gassen der Stadt laufen,
und dadurch Verbindungen in andern Ländern muthmaßen lassen. Ein
Fremder, der nur wenig Tage sich an einem Orte aufhalten will, kann
ohne Nachtheil mit diesem, mehrentheils sehr geschwätzigen, und von
lustigen und ärgerlichen Mährchen aller Art vollgepfropften Ciceroni's
nach Gefallen herumrennen, und kein vernünftiger Mann wird ihm das
verdenken. Wer aber länger in einer Stadt verweilen, in den bessern
Cirkeln Zutritt haben, oder gar ein Geschäft zu Stande bringen will;
dem rathe ich, in der Auswahl seines Umgangs auch die Stimme des
Publikums zu ehren.

Es gibt fast in jeder Stadt eine Partei solcher Unzufriedener; es
sey nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen
geselle Dich also nicht! Wähle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese
Schwarzblütigen und Mißmuthigen glauben sich nicht geehrt genug,
oder sind unruhige Köpfe, Lästermäuler, Menschen voll unvernünftiger
Forderungen, ränkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer
dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbürgern geflohen werden, so suchen
sie unter sich eine Art von Bündniß zu errichten, in welches sie,
wenn sie können, verständige und wackre Männer zu ihrer Verstärkung
durch Schmeichelei hineinziehen. Laß Dich weder darauf, noch überhaupt
auf das ein, was Partei und Faction genannt werden kann, wenn Du mit
Annehmlichkeit und Sicherheit leben willst!


                                  60.

Briefwechsel ist schriftlicher Umgang. Fast alles, was vom persönlichen
Umgange mit Menschen gilt, leidet Anwendung auf den Briefwechsel. Als
Bildungs-, Erheiterungs- und Belebungs-Mittel ist der Briefwechsel
überaus wirksam, und oft ist es nur dadurch möglich, mit seinen
Freunden in Verbindung zu bleiben, sich in einer gewissen Thätigkeit
zu erhalten, und der Einseitigkeit und Eintönigkeit zu entgehen. Aber
auch hier ist Mäßigung und Beschränkung die Bedingung der Wirksamkeit.
Dehne also Deinen Briefwechsel, so wie Deinen Umgang, nicht über die
Gebühr aus! Ein gar zu ausgedehnter Briefwechsel ist zwecklos, fordert
einen unverhältnißmäßigen Zeitaufwand, und wird zu kostbar. Sey eben
so vorsichtig in der Wahl derer, mit denen Du einen ~vertrauten~
Briefwechsel anfängst, wie in der Wahl Deines täglichen Umgangs und
Deiner Lectüre! Nimm Dir auch vor, nie einen ganz leeren Brief zu
schreiben, in welchem nicht wenigstens etwas stünde, das dem, an
welchen er gerichtet ist, Nutzen oder reine Freude gewähren könnte;
denn ein leerer Brief ist eine Art von Verspottung dessen, an den man
schreibt, oder wenigstens eine Täuschung, die nothwendig den, dem sie
bereitet wird, kränken, oder unwillig machen muß. Vorsichtigkeit ist im
Schreiben noch weit dringender, als im Reden zu empfehlen; und eben so
wichtig ist es, mit den Briefen, welche man erhält, behutsam umzugehn.
Man sollte es kaum glauben, was für Verdruß, Zwist und Mißverständniß
durch Versäumniß dieser Klugheits-Regel entstehen können. Ein
einziges, unvorsichtig hingeschriebenes, unauslöschliches Wort, ein
einziges, aus Unachtsamkeit liegen gebliebenes Papier, hat manches
Menschen Ruhe, und oft auf immer den Frieden einer Familie zerstört.
Brief-Klatschereien, voreilig schriftlich mitgetheilte, ungegründete
oder entstellte Nachrichten, können unendlichen Schaden stiften, den
redlichen Mann bei Tausenden verdächtig machen und seine Nachkommen in
Verlegenheit bringen.

Ich kann daher nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und überhaupt im
Schreiben empfehlen. Noch einmal! Ein übereiltes mündliches Wort wird
wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach funfzig Jahren,
in den Händen unvorsichtiger oder eitler Erben, Unheil stiften.

Briefe, an deren richtiger und schneller Besorgung irgend etwas
gelegen ist, muß man immer auf die gewöhnliche Weise mit der Post,
oder durch eigne Boten abgehen lassen, nie aber, etwa zur Ersparung
des Porto, sie Reisenden mitgeben, oder sonst durch Gelegenheit, und
in fremden Umschlägen fortschicken. Man kann sich gar zu wenig auf die
Pünktlichkeit der Menschen verlassen.

Lies Deine Briefe, wenn Du es ändern kannst, nicht in Andrer Gegenwart,
sondern wenn Du allein bist; sowohl, weil es die Höflichkeit also
befiehlt, als auch aus Vorsicht, um durch Deine Mienen den Inhalt nicht
zu verrathen.

Es gibt Personen, besonders unter den Damen, welche die Leute, die mit
ihnen an demselben Ort leben, bei den unbedeutendsten Veranlassungen,
mit kleinen Briefen und Zetteln bestürmen, und dadurch dem, der seine
Zeit besser anwenden könnte, seine kostbare Zeit rauben.


                                  61.

Glaube immer, und Du wirst Dich bei diesem Glauben sehr wohl befinden,
daß die mehrsten Menschen nicht halb so gut sind, als ihre Freunde sie
schildern; und nicht halb so böse, als ihre Feinde sie ausschreien!

Beurtheile die Menschen nicht nach dem, was sie ~reden~, sondern nach
dem, was sie ~thun~! Die Meisten sind weder so gut, noch so böse, als
sie nach ihren Reden zu seyn scheinen, und Du mußt sie in allerlei
Lagen beobachten, wenn Du ihren wahren Werth erforschen willst. Aber
wähle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie
von Dir unbemerkt zu seyn glauben. Richte Deine Achtsamkeit auf die
kleinen Züge, nicht auf die Haupt-Handlungen, zu denen Jeder sich in
seinen Staatsrock steckt. Gib Acht auf die Laune, die ein gesunder Mann
beim Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des
Morgens, wo Leib und Seele im Nachtkleide erscheinen, aus dem Schlafe
geweckt wird; -- auf das, was er vorzüglich gern ißt und trinkt: ob
sehr materielle, einfache, oder sehr feine, gewürzte, zusammengesetzte
Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg
geht, oder sich immer an eines Andern Arm hängt; ob er in einer geraden
Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gängers Weg durchkreuzt,
oft an Andre stößt, und ihnen auf die Füße tritt; ob er durchaus keinen
Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an
Andre anschließen, auch um die geringsten Kleinigkeiten erst Rath
fragen, sich erkundigen will, wie es sein Nachbar, sein College macht;
ob er offne Thüren, offne Fenster, helles Licht, lautes und deutliches
Reden liebt, oder nicht; ob er gern Andern in die Rede fällt, niemand
zu Worte kommen läßt; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die
Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in
allem entscheidet, und so ferner. Auch die Handschriften der Leute
tragen mehrentheils den Stempel ihres Charakters. Alle Kinder, mit
deren Erziehung ich beschäftigt gewesen bin, haben nach meiner Hand das
Schreiben gelernt; allein, so wie sich nach und nach ihre Gemüthsarten
entwickelten, brachte jedes von ihnen seine eignen Züge hinein. Beim
ersten Anblicke schienen sie Alle einerlei Hand zu schreiben; wer
aber genauer Acht gab, und sie kannte, fand in der Manier des Einen
Trägheit, bei Andern Kleinlichkeit, oder Unbestimmtheit, Flüchtigkeit,
Festigkeit, Verschrobenheit, Ordnungsgeist, oder irgend eine andre
Eigenthümlichkeit. -- Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, nur sey
nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zügen den ganzen Charakter zu
richten!

Sey nicht zu parteiisch für Menschen, die Dir freundlicher begegnen,
als Andre, und schließe nicht zu schnell daraus, daß sie Dir mit
besonderer Theilnahme ergeben sind. Untersuche zuvor, ob sie vielleicht
gerade in dem Falle sind, Dich auf irgend eine Art zu ihrem Vortheil
brauchen zu können, oder ob Du ihnen etwa mit besonderer Gefälligkeit
entgegen gekommen bist, oder ihnen etwas Schmeichelhaftes gesagt hast.

Baue nicht eher fest auf treue, immer sich bewährende Liebe und
Freundschaft, als bis Du solche Proben gesehen hast, die ~Aufopferung~
kosten! Die mehrsten Menschen, die uns so herzlich ergeben scheinen,
treten zurück, sobald es darauf ankömmt, ihren Lieblings-Neigungen zu
unserm Vortheile zu entsagen. Darauf ist also Rücksicht zu nehmen, wenn
man wissen will, was ein Mensch uns werth ist. Es ist keine Kunst,
alles zu leisten, was man nur wünschen mag, das Einzige ausgenommen,
was Ueberwindung kostet.


                                  62.

Alle diese allgemeinen, sodann die folgenden besondern Regeln, und viel
mehrere noch, die ich, um mein Werk nicht über Gebühr auszudehnen, der
eigenen Einsicht der Leser überlasse, zielen dahin, den Umgang leicht
und angenehm zu machen, und das gesellige Leben zu erleichtern. Es
kann aber Mancher seine besondern Gründe haben, warum er sich über
einige derselben hinaussetzen will, und da ist es denn freilich sehr
billig, Jedem zu erlauben, auf seine eigne Art seine Ruhe zu befördern.
Dringen wir niemand unsre Specifica auf! Wer weder die Gunst der
Großen sucht, noch allgemeines Lob, noch glänzenden Ruhm, noch Beifall
verlangt; wer, seiner politischen und ökonomischen Lage, oder andrer
Rücksichten wegen, nicht Ursache hat, den Cirkel seiner Bekanntschaft
zu erweitern; wer Alters oder Schwächlichkeit halber den Umgang flieht,
der bedarf keiner Regeln des Umgangs. Lasset uns daher so billig seyn,
von niemand zu fordern, daß er sich nach unsern Sitten richte, sondern
jedermann seinen Gang gehn; denn da jedes Menschen Glückseligkeit
in seinen Begriffen von Glückseligkeit beruht; so ist es grausam,
irgend Einen zwingen zu wollen, wider seinen Willen auf eine ihm nicht
zusagende Weise glücklich zu seyn. Es ist oft lustig anzusehn, wie ein
Haufen leerer Köpfe sich über einen sehr verständigen Mann aufhält,
der keinen Beruf fühlt, oder nicht aufgelegt ist, den Ton ihrer
Gesellschaft anzunehmen, sondern, mit einer abgesonderten Existenz
sehr wohl zufrieden, seine theure Zeit nicht jedem Narren preisgeben
will. Wenn wir nicht gerade Sclaven der Gesellschaft seyn wollen, so
nehmen das die müßigen Leute, die nichts Besseres zu thun wissen,
als aus dem Bette vor den Spiegel, von da an Tafel, von da an den
Spieltisch, von da wieder an Tafel, und von da endlich in das Bett zu
wandern, sehr übel, daß wir nicht wie sie leben, der Geselligkeit nicht
höhere Pflichten aufopfern wollen -- das ist eine Unart, deren man
sich enthalten soll. Es heißt nicht, sich absondern, wenn man zu Hause
bleibt, um zu thun, was man ~thun soll~, und wovon man Rechenschaft
geben muß.


                                  63.

Und nun weiter, zu den ~besondern Umgangs-Regeln~ -- doch vorher
noch eine Erinnerung! Wenn ich allein, oder auch nur vorzüglich, für
Frauenzimmer schriebe, so würde ich eine Menge der schon gegebenen
und noch folgenden Vorschriften, theils gänzlich übergehen, theils
modificiren, theils andre an deren Stelle setzen müssen, die alsdann
für Männer weniger brauchbar wären. -- Das ist indessen nicht der Zweck
meines Buchs. Weise Frauenzimmer allein können den Personen ihres
Geschlechts die besten Lehren über ihr Betragen im gesellschaftlichen
Leben ertheilen; das ist eine Arbeit, die Männern nicht gelingen würde.
Findet jedoch das schöne Geschlecht auch etwas für sich Brauchbares
in diesen Blättern: so wird das meine Zufriedenheit über mein eignes
Werk sehr vermehren. Uebrigens haben Frauenzimmer in ihrem Umgange in
der That Rücksichten zu nehmen, die bei uns gänzlich wegfallen. Sie
hängen viel mehr vom äussern Rufe ab, dürfen nicht so zuvorkommend im
Umgange seyn, müssen sich im Ganzen mehr leidend verhalten, und eine
Art von scheuer Zurückhaltung beobachten, und kommen selten oder gar
nicht in die schwierigen gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche
der Mann kommt, werden endlich auch durch einen gewissen feinen Takt
richtig geleitet, ohne der Regeln zu bedürfen. Man verzeiht ihnen
von einer Seite weniger Unvorsichtigkeiten, und von der andern mehr
Launen; ihre Schritte werden früher wichtig für sie, indeß dem Knaben
und Jünglinge manche Unvorsichtigkeit nachgesehen wird; ihre Existenz
schränkt sich auf den häuslichen Cirkel ein, da hingegen des Mannes
Lage ihn eigentlich fester an den Staat, an die große bürgerliche
Gesellschaft knüpft. Daher gibt es Tugenden und Laster, Handlungen
und Unterlassungen, die bei dem ersten Geschlechte von ganz andern
Folgen sind, als bei dem zweiten. -- Doch über dies alles ist den
Damen so viel Gutes in andern Büchern gesagt worden, daß jede weitere
Ausführung dieses Gegenstandes hier am unrechten Orte stehen würde.




                           Zweites Kapitel.

                   Ueber den Umgang mit sich selbst.


                                  1.

Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten,
und also ist der Umgang mit unsrer eignen Person gewiß weder der
unnützeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeihen,
wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den
Umgang mit Menschen seine eigne Gesellschaft vernachlässigt,
gleichsam vor sich selber zu fliehen scheint, sein eignes Ich nicht
zu erforschen und zu veredeln sucht, indem man sich unaufhörlich in
fremde Angelegenheiten mischt. Wer täglich herumläuft, und sich von
Neuigkeiten nährt, wird fremd in seinem eignen Hause; wer immer in
Zerstreuungen lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen, muß im Gedränge
müßiger Leute seine klägliche Langeweile zu tödten trachten, verliert
endlich alle Zuversicht zu sich selbst, und verzagt, wenn er einmal
Zerstreuungen entbehren, und eine Zeitlang mit sich selbst allein seyn
muß. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen seine Eitelkeit reichliche
Nahrung findet, verliert endlich so sehr den Sinn für Wahrheit, daß
er selbst die lautesten Erinnerungen seines Gewissens überhört, oder
sich vorsätzlich dagegen betäubt, indem er sich allen Zerstreuungen des
Lebens hingibt.


                                  2.

Hüte Dich also, Deinen nächsten und ersten Freund, Dein eigenes Herz,
so zu vernachlässigen, daß Du es öde und leer findest, wenn Du aus
seiner Tiefe Trost und Erquickung zu schöpfen gedachtest. Ach! es
kommen Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst,
wenn Dich auch jedermann verläßt; Augenblicke, in welchen der Umgang
mit Deinem Ich der einzige tröstliche ist. -- Was wird aber in solchen
Augenblicken aus Dir werden, wenn Du mit Deinem eignen Herzen nicht in
Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Hülfe Dir
versagt wird? Und nicht bloß von dieser Seite läufst Du Gefahr, wenn
Du ein Fremdling in Deinem eigenen Herzen geworden bist, sondern auch
noch von einer andern; Du bringst es nämlich nie zu einer gründlichen
Menschenkenntniß, lernst nie, die Menschen behandeln, und ihre
Schwachheiten ertragen, wenn Du Dich selbst nicht kennst, und nicht
Dein eigenes Herz zu behandeln weißt.


                                  3.

Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt
Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn,
wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und
niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch
Schmeichelei verderbest.


                                  4.

Sorge für die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzärtle
beide nicht! Wer auf seinen Körper losstürmt, der verschwendet ein
Gut, welches oft allein hinreicht, ihn über Menschen und Schicksal
zu erheben, und ohne welches alle Schätze der Erde eitle Bettelwaare
sind. Wer aber jedes Lüftchen fürchtet, und jede Anstrengung und
Uebung seiner Glieder scheuet: der lebt ein ängstliches, nervenloses
Austern-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in
den Gang zu bringen, wenn er in den Fall kömmt, seiner natürlichen
Kräfte zu bedürfen. Wer sein Gemüth ohne Unterlaß dem Sturme der
Leidenschaften preisgibt, oder die Segel seines Geistes unaufhörlich
spannt, der läuft auf den Strand, oder muß mit durchlöchertem
Fahrzeuge nach Hause laviren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen
Entdeckungen eintritt. Wer aber die Kräfte seines Verstandes und
Gedächtnisses immer schlummern läßt, oder vor jedem kleinen Kampfe, vor
jeder Art von Anstrengung zurückbebt; der hat nicht nur wenig wahren
Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verloren, da, wo es auf Kraft,
Muth und Entschlossenheit ankommt.

Hüte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich
nicht gleich niederbeugen von jedem widrigen Vorfalle, von jeder
körperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der
Welt geht vorüber; alles läßt sich überwinden, durch Standhaftigkeit;
alles läßt sich vergessen, und verschmerzen, wenn man seine
Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand heftet. Dazu soll Dir die
Gesellschaft die Hand bieten; sie soll Deine schmerzlichen Gefühle
lindern, Deinen Gedanken eine Richtung geben, welche Deinem Herzen
wohlthue; aber diesen Dienst kann sie Dir nur leisten, wenn Du sie
~aufsuchst~; sie sucht Dich nicht auf, denn sie weiß nicht, daß Du
ihrer bedarfst. So mußt Du denn vor allem mit Dir selbst umzugehen
wissen, ehe Dir die Wohlthat des Umgangs mit Andern zu Theil werden
kann, mußt die Kraft haben, Dich in so weit zu ermannen, daß Du den
Muth hast, mit einem traurigen oder verwundeten Herzen unter die
Menschen zu treten, ohne Deinen Schmerz sichtbar werden zu lassen.


                                  5.

Ehre Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich ehren sollen! Thue
nichts im Verborgnen, dessen Du Dich schämen müßtest, wenn es ein
Fremder sähe! Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigne
Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig! Selbst in Deinem
Aeussern, in Deiner Kleidung halte Dir keine Nachlässigkeit zu gute,
wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht zerlumpt, nicht
unrechtlich, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich
niemand beobachtet! Mißkenne Deinen eignen Werth nicht! Verliere nie
die Zuversicht zu Dir selber, laß das Bewußtseyn Deiner Menschenwürde,
das Gefühl, wenn nicht eben so weise und geschickt, als manche Andre,
zu seyn, doch weder an Eifer, es zu werden, noch an Redlichkeit
des Herzens, irgend jemand nachzustehen, nie in Deinem Herzen
ersterben. Begleitet es Dich in die Gesellschaft, so wirst Du nie aus
Schüchternheit und Aengstlichkeit den Beitrag schuldig bleiben, den Du
zur Unterhaltung liefern sollst.


                                  6.

Verzweifle nicht, und werde nicht mißmüthig, wenn Du nicht die
moralische oder intellectuelle Höhe erreichen kannst, auf welcher ein
Anderer steht; und sey nicht so unbillig, andre gute Seiten an Dir zu
übersehen, die Du vielleicht vor Jenen voraus haben magst! -- Und wäre
das auch nicht der Fall; müssen wir denn Alle groß seyn?

Willst Du im Umgange Genuß des Lebens, und Freunde finden, so laß
Dich nicht von der Begierde blenden, den Ton anzugeben, und in der
Gesellschaft zu glänzen. Mit dieser Begierde wirst Du überall Anstoß
und Aergerniß geben und finden, und jede Auszeichnung theuer erkaufen;
denn wer sich selbst erhöhet, den erniedrigt die Gesellschaft; sie
wird hart und ungerecht gegen ihn, und zwingt ihn endlich, sie ganz
aufzugeben. Ich begreife es wohl: diese Sucht, ein großer Mann zu
seyn, ist bei dem inneren Gefühle von Kraft und wahrem Werthe schwer
abzulegen. Wenn man so unter mittelmäßigen Geschöpfen lebt, und sieht,
wie wenig diese erkennen und schätzen, was Gutes in uns ist, wie wenig
man über sie vermag, wie die elendesten Pinsel, die alles im Schlafe
erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunter blicken -- ja! es ist
hart! -- Du versuchst es in allen Fächern: Im Staate geht es nicht;
Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an
dem Beistande Deines Weibes; Deine Laune wird von häuslichen Sorgen
niedergedrückt; und so geht dann alles den Alltagsgang; Du empfindest
tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durchaus nicht
entschließen, ein Mitglied des großen Haufens zu werden, und Dich auf
der Heerstraße in schlechter Gesellschaft herumzutreiben. -- Das alles
fühle ich mit Dir; allein verliere doch darum nicht den Muth, den
Glauben an Dich selbst und an die Würde und den Adel der Menschennatur;
verzweifle darum nicht, Menschen auf Deinem Lebenswege zu finden, die
Dich wieder mit der Welt aussöhnen. Und solltest Du sie nicht finden,
könntest Du nicht eine Höhe erringen, auf welcher Du Dir selbst genug
bist, und nur des Umgangs mit den Weisen des Alterthums und Deines
Volks bedarfst? Du stehst auf dieser Höhe, wenn Du durch Reinheit,
Güte und Kraft der Gesinnung ein Bewußtseyn Deines Werthes und Deiner
Würde gewonnen, und durch sorgsame Bildung Deines Geistes Dir eine
unerschöpfliche Quelle des Genusses eröffnet hast.


                                  7.

Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschafter! Mache Dir keine
Langeweile; das heißt: sey nie ganz müßig! Lerne Dich selbst nicht zu
sehr auswendig; sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man
glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich
immer in dem Cirkel seiner eignen Lieblings-Begriffe herumdreht, und
wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.

Der langweiligste Gesellschafter für sich selbst ist man ohne Zweifel
dann, wenn man mit seinem Herzen, mit seinem Gewissen in nachtheiliger
Abrechnung steht. Wer sich davon überzeugen will, der gebe Acht auf die
Verschiedenheit seiner Laune. Wie verdrießlich, wie zerstreuet, wie
sehr sich selbst zur Last ist man nach einer Reihe zwecklos, vielleicht
gar in strafbarem Genusse hingebrachter Stunden; und wie heiter, wie
froh in der Unterhaltung mit sich selbst am Abend eines der Pflicht
geweihten Tages!


                                  8.

Es ist aber nicht genug, daß Du Dir selbst durch Heiterkeit und
Gleichmuth, Thätigkeit und Betriebsamkeit ein lieber, angenehmer und
unterhaltender Gesellschafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von
aller Schmeichelei, als Deinen eignen, treuesten und aufrichtigsten
Freund zeigen; und wenn Du eben so viel Gefälligkeit gegen Deine
Person, als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, eben so
strenge gegen Dich, wie gegen Andre zu seyn. Gewöhnlich erlaubt man
sich alles, verzeiht sich alles, und Andern nichts; gibt bei eignen
Fehltritten, wenn man sie auch dafür anerkennt, dem Schicksale, oder
unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen
die Verirrung seiner Brüder. -- Das ist nicht gut gethan.


                                  9.

Hüte Dich besonders vor der pharisäischen Tugend, welche der wahre
Bettelstolz ist, und sprich also nicht zu Dir selbst, denke nicht bei
Dir selbst: ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute, kein
Tagedieb, kein Pflastertreter, kein Falschmünzer, kein Ehrloser u.
dgl. m.; sondern beurtheile Dich nach den Graden Deiner Fähigkeiten,
Anlagen, Erziehung, und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und
besser zu werden, als Viele. Halte hierüber oft in einsamen Stunden
Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich, als ein strenger Richter, ob
Du also diese Winke zu höherer Vervollkommnung genützt habest?




                           Drittes Kapitel.

     Ueber den Umgang mit Menschen von verschiednen Gemüthsarten,
         Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.


                                  1.

Man pflegt gewöhnlich vier Hauptarten von Temperamenten anzunehmen,
und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegmatisch,
sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine
dieser Gemüthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe
nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern modificirt würde,
da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen
Nüancen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten entstehen: so ist doch
mehrentheils in dem Segelwerke jedes Erdensohns einer von jenen vier
Hauptwinden vorzüglich wirksam, um seinem Schiffe auf dem Oceane dieses
Lebens die Richtung zu geben. Soll ich mein Glaubensbekenntniß über die
vier Haupt-Temperamente ablegen, so muß ich aus Ueberzeugung Folgendes
sagen:

Bloß ~cholerische~ Leute flieht vernünftiger Weise Jeder, dem seine
Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt unaufhörlich, zündet und verzehret,
ohne zu wärmen.

Bloß ~Sanguinische~ sind unzuverlässige Weichlinge, ohne Kraft und
Festigkeit.

Bloß ~Melancholische~ sind sich selber, und bloß ~Phlegmatische~ Andern
eine unerträgliche Last.

~Cholerisch-sanguinische~ Leute sind die, welche in der Welt sich
am mehrsten bemerklich machen und gefürchtet werden, welche Epoche
machen, am kräftigsten wirken, herrschen, zerstören und bauen;
cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herrscher- (der Despoten-)
Charakter; aber nur noch ein Grad von melancholischem Zusatze, -- und
der furchtbarste Tyrann ist gebildet.

~Sanguinisch-phlegmatische~ leben wohl am glücklichsten, am ruhigsten
und ungestörtesten, genießen mit Lust, mißbrauchen nicht ihre Kräfte,
kränken niemand, vollbringen aber auch nichts Großes; allein dieser
Charakter, im höchsten Grade, artet in geschmacklose, dumme und grobe
Wollust aus.

~Cholerisch-melancholische~ richten viel Unheil an: Blutdurst, Rache,
Verwüstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht
selten die Folgen dieser Gemüthsart.

~Melancholisch-sanguinische~ zünden sich mehrentheils an beiden Enden
zugleich an, und reiben sich selber an Leib und Seele auf.

~Cholerisch-phlegmatische~ Menschen trifft man selten an; es scheint
ein Widerspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und dennoch
gibt es deren, bei welchen diese beiden Extreme wie Ebbe und Fluth
abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Geschäften, zu
welchen gesunde Vernunft und Gleichmüthigkeit erfordert werden. Sie
sind nur mit äusserster Mühe in Bewegung zu setzen, und hat man sie
endlich in die Höhe gebracht, dann toben sie wie wilde Thiere umher,
fallen mit der Thür in das Haus, und verderben alles durch ihren
rasenden Ungestüm.

~Melancholisch-phlegmatische~ Leute aber sind wohl unter allen
die unerträglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist für jeden
vernünftigen und guten Menschen die Hölle auf Erden.

Noch einmal! die Mischungen sind unendlich verschieden. Wo man aber
eins dieser Temperamente entschieden die Oberhand nehmen sieht,
da findet man auch in seinem Gefolge gewisse, diesem Temperamente
besonders eigne Tugenden und Laster. So sind z. B. sanguinische Leute
mehrentheils eitel, aber wohlwollend, theilnehmend, ergreifen alles mit
einer großen Lebhaftigkeit und selbst mit Leidenschaft; cholerische
pflegen ehrgeizig zu seyn; melancholische sind mißtrauisch, und nicht
selten geizig; und phlegmatische beharren eigensinnig auf vorgefaßten
Meinungen, um sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen. -- Man muß die
Gemüthsarten der Menschen studiren, in so fern man im Umgange mit ihnen
auf sie wirken will. Ich kann hier nur einzelne Fingerzeige geben, wenn
ich mein Buch nicht zur Ungebühr ausdehnen will.


                                  2.

~Herrschsüchtige~ Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht
zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen überall
durchaus die erste Rolle spielen; alles soll nach ihrem Kopfe gehen.
Was sie nicht ersonnen, angeordnet, bestimmt und gewollt haben, das
verachten sie nicht nur; nein! sie zerstören es, wenn sie können. Wo
sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben
macht, daß alles nach ihrem Sinne gehe, und ihr Werk sey, da arbeiten
sie mit unermüdetem Eifer, und stürzen alles vor sich weg, was ihrem
Zwecke im Wege ist. Zwei herrschsüchtige Leute neben einander taugen
zu gar nichts in der Welt, und zertrümmern alles um sich her, aus
Privat-Leidenschaft. Hieraus nun ist leicht abzunehmen, wie man sich
gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß; und
ich glaube darüber nichts hinzufügen zu dürfen.


                                  3.

~Ehrgeizige~ Menschen müssen ungefähr auf eben diese Art behandelt
werden. Der Herrschsüchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt
der Ehrgeizige nicht immer herrschsüchtig, sondern begnügt sich auch
wohl mit einer Nebenrolle, in so fern er darin nur mit einigem Glanze
zu erscheinen hoffen darf; ja es können Fälle kommen, wo er selbst in
der Erniedrigung Ehre sucht; doch verzeiht er nichts weniger, als wenn
man ihn an dieser schwachen Seite kränkt.


                                  4.

Der ~Eitle~ will geschmeichelt seyn; Lob kitzelt ihn unaussprechlich;
und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewundrung widmet: so
braucht nicht eben große Ehrenbezeigung damit verbunden zu seyn. Da
nun jeder Mensch mehr oder weniger von der Begierde, zu gefallen, sich
geltend zu machen und vortheilhafte Eindrücke zu machen, beherrscht
oder in Bewegung gesetzt wird: so kann man ohne Sünde hie und da einem
sonst guten Menschen, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in solchen
Punkten ein wenig nachsehn; ein Wörtchen, das er gern hört, gegen ihn
fallen lassen, ihm erlauben, an dem Lobe, das er einerndtet, sich
zu erquicken, oder sich selbst bei Gelegenheit ein wenig zu loben.
Das schändlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler,
die durch unaufhörliches Weihrauch-Streuen eitlen Leuten den Kopf so
betäuben, daß diese zuletzt nichts anders mehr hören mögen, als Lob;
daß ihre Ohren für die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß
sie jeden guten graden Mann fliehen und zurücksetzen, der sich nicht so
weit erniedrigen kann, oder es für eine Art von Unbescheidenheit und
Grobheit hält, ihnen dergleichen Süßigkeiten in's Gesicht zu werfen.
Gelehrte und Damen pflegen am mehrsten in diesem Falle zu seyn, und
ich habe deren einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann
deswegen fast gar nicht umgehen konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach
den Taschen schielen, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zuckerplätzen
mitgebracht hat; so horchen Jene auf jedes Wort, das Du sprichst, um zu
vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches für sie enthält, und werden
mürrischer Laune, sobald sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden.
Der höchste Grad dieser Eitelkeit führt zu einem Egoismus, der zu aller
gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verbindung untüchtig macht,
und dem Eiteln eben so sehr zur Last, wie dem zum Ekel wird, der mit
ihm leben muß.

Obgleich man nun solchen eiteln Leuten nicht schmeicheln soll, so
hat doch auch nicht Jeder Beruf, sich mit ihrer Zurechtweisung zu
befassen, besonders wenn sie mit ihm in keiner nähern Verbindung
stehen, noch weniger, sie zu demüthigen, oder ihnen jede Gefälligkeit
und Höflichkeitsbezeigung zu versagen; und es ist unbillig, wenn
diejenigen, welche täglich mit ihnen leben müssen, dieß von uns
verlangen; wenn sie fordern, daß wir mit Hand anlegen sollen, ihre
verzognen Freunde umzubilden.

Eitle Leute pflegen gern Andern zu schmeicheln, um dagegen desto
größere Schmeicheleien als Bezahlung einzuholen, und weil sie das für
das einzige würdige Opfer, für die einzige vollwichtige Münze halten.


                                  5.

Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist ~Hochmuth~, so wie von
~Stolz~, unterschieden. Ich möchte gern, daß man Stolz für eine
edle Eigenschaft der Seele ansähe; für ein Bewußtseyn wahrer innrer
Erhabenheit und Würde; für ein Gefühl der Unfähigkeit, niederträchtig
zu handeln. Dieser Stolz führt zu großen, edlen Thaten; er ist die
Stütze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; er erhebt
über Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem
mächtigen Bösewichte den Tribut der Bewunderung, den er wider Willen
dem unterdrückten Weisen zollen muß. Hochmuth hingegen brüstet sich mit
Vorzügen, die er nicht hat; bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar
keinen Werth haben. Hochmuth ist es, der den Pinsel von sechszehn Ahnen
aufbläht, und zu der Thorheit verleitet, daß er die Verdienste seiner
Vorfahren -- die oft nicht einmal seine ächten Vorfahren sind, und oft
nicht einmal Verdienst gehabt haben, -- ~sich~ anrechnet, als wenn
Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlosses gehörten! Hochmuth ist
es, der den reichen Bürger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und
wahrlich! dieser pöbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel
an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo möglich,
noch empörender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Künstler
mit so viel Zuversicht zu seinen Talenten erfüllt, die, sollten sie
auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in seiner Meinung
von sich selbst über alle Erdensöhne hinaussetzen. Er wird, wenn
niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt
schimpfen, als auf den natürlichen Gedanken gerathen, daß es wohl mit
seiner Kunst nicht so ganz richtig seyn müsse.

Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjekte
wohnt, so wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht
viel Unheil anzurichten. Er ist aber übrigens fast immer mit Dummheit
gepaart, also durch keine vernünftigen Gründe zu bessern, und keiner
bescheidnen Behandlung werth. Hier hilft nichts, als Uebermuth gegen
Uebermuth zu setzen, oder den Schein anzunehmen, als bemerke man ein
hochmüthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar
keiner Achtsamkeit zu würdigen, sie anzusehen, wie man auf einen
leeren Platz hinblickt, selbst wenn man ihrer bedarf; denn je mehr man
nachgibt, desto mehr fordern, desto übermüthiger werden sie. Bezahlt
man sie aber mit gleicher Münze, so weiß ihre Dummheit nicht, was sie
aus dieser Erfahrung machen soll, fühlt sich aber doch gedemüthigt, und
spannt gewöhnlich andre Saiten auf.


                                  6.

Mit sehr ~empfindlichen~, leicht zu beleidigenden Leuten ist es nicht
angenehm umzugehen. Allein diese Empfindlichkeit kann verschiedne
Quellen haben. Hat man daher nachgespürt, ob der Mann, mit welchem
wir leben müssen, und der leicht durch ein kleines unschuldiges
Wörtchen, oder durch eine zweideutige Miene, oder durch einen Mangel an
Aufmerksamkeit, gekränkt und vor den Kopf gestoßen wird, aus Eitelkeit,
wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehrgeiz, oder weil er oft
von bösen Menschen hintergangen und geneckt worden ist, oder endlich
deswegen so leicht sich beleidigt glaubt, weil sein Herz zu zärtlich
fühlt, weil er von Andern eben so viel verlangt, als er ihnen selbst
gibt: so muß man sein Betragen danach einrichten, und jeden Anstoß
dieser Art sorgfältig und aus Achtung zu vermeiden suchen; doch ist
diese Aufgabe allerdings oft eine sehr schwere Aufgabe, und nur ein
bescheidenes, dankbares und gefühlvolles Herz vermag sie zu lösen. Ist
er übrigens redlich und verständig, so wird seine Verstimmung nicht
lange dauren; er wird durch eine gerade, freundliche Erklärung bald
zu besänftigen seyn; er wird zu denen, welche er für wahre Freunde
erkennt, ein unbegrenztes Vertrauen fassen, und endlich, wenn man immer
edel und offen mit ihm umgeht, von seiner Schwachheit zurückkommen.

Von allen diesen Thoren und Schwächlingen sind in der That diejenigen
am schwersten zu befriedigen, und der Gesellschaft am lästigsten, die
sich jeden Augenblick vernachlässigt, zurückgesetzt, nicht genug geehrt
glauben. Es ist ein großes Unglück, in diesen Fehler zu verfallen,
denn man verkümmert und verbittert sich durch solch eine thörichte
Reizbarkeit nicht nur jedes gesellschaftliche Vergnügen, sondern fällt
auch Andern zur Last, macht sich verhaßt, oder wenigstens gefürchtet,
und erreicht nicht, was man zu erreichen so ängstlich strebt.


                                  7.

~Eigensinnige~ Menschen sind viel schwerer zu behandeln, als sehr
empfindliche; doch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie übrigens
verständig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem
ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selber der Stimme
der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer
Behandlung zu fühlen, und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger
zu werden. Ein Elend aber ist es, Starrköpfigkeit in Gesellschaft von
Dummheit anzutreffen und behandeln zu müssen. Da helfen weder Gründe,
noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen
solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber
so in seine eignen Ideen, Plane und Unternehmungen zu verwickeln, daß
er, wenn er durch übereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit geräth,
sich selbst nach unsrer Hülfe sehnen muß. Dann läßt man ihn eine
Zeitlang zappeln, wodurch er nicht selten demüthig und folgsam wird,
und das Bedürfniß, geleitet zu werden, fühlt. Hat aber ein schwacher,
eigensinniger Kopf von ungefähr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt,
oder uns über einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht
darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu übersehen
glauben, und unsrer Einsicht und Rechtschaffenheit nie trauen; und das
ist eine höchst verdrießliche Lage.

Bei diesen beiden Gattungen von Menschen aber helfen in
dem ersten Augenblicke keine noch so nachdrückliche Vorstellungen,
indem sie dadurch nur noch mehr verhärtet werden. Hängen wir von
Ihnen ab, und sie geben uns Aufträge, wovon wir voraussehen, daß sie
nachher von ihnen selbst werden gemißbilligt werden: so kann man nichts
Klügeres thun, als ihnen ohne Widerrede Gehorsam zu versprechen, aber
entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß
eines Bessern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eignen
Einsichten einzurichten, welches sie gewöhnlich in ruhigen Augenblicken
zu billigen pflegen, besonders wenn man sich den Schein zu geben weiß,
als habe man ihren Befehl also verstanden, und es klüglich unterläßt,
sich seiner besseren Einsicht zu rühmen; eine Selbstverleugnung, die
sich sogleich belohnt.

Nur in sehr wenig dringenden, oder sonst höchst wichtigen Fällen kann
es nützlich und nöthig seyn, Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen,
und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wirkung
dieses Mittels verloren, wenn man es zu oft, und bei unbedeutenden
Gelegenheiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer
zankt, der hat die Vermuthung gegen sich, immer Unrecht zu haben; es
ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen.


                                  8.

Eine besondre Gemüthsart, die mehrentheils aus Eigensinn entspringt,
doch auch wohl zuweilen bloß Sonderbarkeit, oder ungesellige Laune,
oder nur üble Gewohnheit zur Quelle hat, ist die ~Zanksucht~. Es gibt
Menschen, die alles besser wissen wollen, allem widersprechen, was man
vorbringt; oft gegen eigene Ueberzeugung widersprechen, um nur das
Vergnügen zu haben, streiten zu können. Andre setzen eine Ehre darein,
~Paradoxen~ aufzustellen, um sich ein Ansehn von Tiefsinn zu geben;
Dinge zu behaupten, die kein Vernünftiger irgend ernstlich also meinen
kann, bloß damit man mit ihnen darüber plaudern solle. Endlich noch
Andre, die man +Querelleurs+ (~Stänker~) nennt, suchen vorsätzlich
Gelegenheit zu persönlichem Zanke, um eine Art von Triumph über
furchtsame Leute zu gewinnen, über Leute, die wenigstens noch feiger
sind, als sie; oder, wenn sie mit dem Degen umzugehen wissen, ihren
falschen und tollen Muth in einem thörichten Zweikampfe zu zeigen.

In dem Umgange mit allen diesen Leuten ist unüberwindliche
Kaltblütigkeit, die sich durchaus nicht in Hitze bringen läßt, das
unfehlbare Mittel, sie in Verlegenheit zu bringen, und zum Nachgeben
oder zu einem versteckten Rückzuge zu nöthigen. Mit denen von der
ersten Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern
breche gleich das Gespräch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen,
zu widersprechen. Dieß ist das einzige Mittel, ihrem Zankgeiste,
wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnütze Worte zu
sparen. Denen von der zweiten Gattung kann man je zuweilen die Freude
machen, ihre Paradoxen ein wenig zu bekämpfen, oder doch besser, zu
bespötteln. Die Letztern aber müssen viel ernsthafter behandelt werden.
Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden: kann man in derselben,
durch ein entfernendes, kaltsinniges und zurückgezogenes Betragen
ihrer Zudringlichkeit und ihren Grobheiten nicht ausweichen: so rathe
ich, einmal für allemal ihnen so kräftig zu begegnen, daß ihnen die
Lust vergehe, sich ein zweitesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf
der Stelle, in unzweideutigen, männlichen Ausdrücken Eure Meinung,
und lasset Euch durch ihre Aufschneiderei nicht irre machen! Man
wird mir zutrauen, daß ich über den Zweikampf so denke, wie jeder
vernünftige Mann darüber denken muß, nämlich, daß er eine unmoralische,
unvernünftige Handlung sey. Sollte nun aber auch jemand, seiner
bürgerlichen Lage nach, zum Beispiel ein Officier, durchaus sich dem
Vorurtheile unterwerfen müssen, eine Beleidigung durch die andre und
durch persönliche Rache auszulöschen: so kann doch dieser Fall nie dann
eintreten, wenn er, ohne die geringste Veranlassung von seiner Seite,
hämischer Weise angetastet wird; und der hat doppelt Unrecht, der
gegen einen sogenannten Raufer mit andern Waffen, als mit Verachtung,
oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, anders, als mit einem
geschmeidigen spanischen Rohre kämpft, und hat nachher Unrecht, wenn er
ihm Genugthuung gibt, wie man das zu nennen pflegt.

Im Allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des
Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können;
sind nie mit dem zufrieden, was Andre thun; murren gegen Alles, was
grade ~sie~ nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut.
Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß
man ihnen entweder das Gegentheil von ~dem~ vorschlägt, was man gern
durchsetzen möchte, oder auf andre Weise sie unvermerkt dahin bringt,
daß sie unsre eignen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.


                                  9.

~Jähzornige~ Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht
Meister über die Heftigkeit ihres Temperaments; und so vergessen sie
sich in solchen stürmischen Augenblicken selbst gegen ihre geliebtesten
Freunde, und bereuen nachher zu spät ihre Uebereilung. Ich brauche
wohl nicht zu erinnern, daß Nachgiebigkeit -- vorausgesetzt, daß
diese Leute, andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth
scheinen, denn ausserdem muß man sie gänzlich fliehen; -- daß weise
Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jähzornigen
zur Vernunft zurückzuführen. Allein ich muß dabei erinnern, daß,
phlegmatische Kälte dem Erzürnten entgegen zu setzen, ärger als der
heftigste Widerspruch ist; er glaubt sich dann verachtet, und wird
doppelt aufgebracht.


                                  10.

Wenn der Jähzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und über den
kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geräth; nachher aber auch
eben so schnell wieder das zugefügte Unrecht bereuet, und das erlittene
verzeiht; so verschließt hingegen der ~Rachgierige~ seinen Groll im
Herzen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er
vergißt nicht, vergibt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versöhnung
anbietet, wenn man alles, nur keine niederträchtigen Mittel anwendet,
seine Gunst wieder zu erlangen. Er erwiedert sowohl das ihm zugefügte
wahre, als das vermeintliche Uebel, und dieß nicht nach Verhältniß der
Größe und Wichtigkeit desselben, sondern tausendfältig; für kleine
Neckereien, wirkliche Verfolgung; für unüberlegte Ausdrücke, in
Uebereilung geredet, thätige Mißhandlung; für eine Kränkung unter vier
Augen, öffentliche Genugthuung; für beleidigten Ehrgeiz, Zerstörung
wesentlicher Glückseligkeit. Seine Rache schränkt sich nicht auf die
Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die
bürgerliche Existenz und auf die Freunde des Beleidigers. Mit einem
solchen Manne leben müssen, das ist in Wahrheit ein höchst trauriges
Loos, und ich kann da nichts rathen, als daß man, so viel möglich,
vermeide, ihn zu beleidigen, und zugleich sich in eine Art von
ehrerbietiger Furcht bei ihm setze, die überhaupt das einzige wirksame
Mittel ist, schlechte Leute im Zaume zu halten.


                                  11.

~Faule~ und ~phlegmatische~ Menschen müssen ohne Unterlaß getrieben
werden; und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende
Leidenschaft hat: so findet man zuweilen Gelegenheit, durch Aufregung
derselben solche schläfrige Geschöpfe in Bewegung zu setzen.

Es gibt unter ihnen solche, die bloß aus ~Unentschlossenheit~ die
kleinsten Arbeiten jahrelang liegen lassen, ohne durch die Verlegenheit
oder Beschämung gerührt zu werden, welche sie sich dadurch zuziehen,
oder Andern verursachen, und ohne vor den Folgen zu erschrecken, die
eine solche Saumseligkeit früher oder später herbeiführen muß. Auf
einen Brief zu antworten, eine Quittung zu schreiben, eine Rechnung
zu bezahlen -- ja! das ist eine Haupt- und Staats-Action, zu welcher
unbeschreibliche Vorbereitungen gehören, und zu der sie sich, selbst
bei den dringendsten Bitten und Anmahnungen, nicht entschließen können.
Bei ihnen muß man zuweilen wirklich Gewalt brauchen; und ist das
schwere Werk einmal überstanden, dann pflegen sie sich recht dankbar
zu bezeigen, so übel sie auch anfangs unsre Zudringlichkeit aufnahmen.
Aber wehe diesen Unentschlossenen, wenn sie nicht einen kräftigen
Freund haben, der ihnen zu ihrer Rettung Gewalt anthut, und einmal alle
Schonung aus den Augen setzt, um ihren Dank zu verdienen!


                                  12.

~Mißtrauische~, ~argwöhnische~, ~mürrische~ und ~verschlossene~
Leute sind wohl unter allen Lästigen und Widerwärtigen diejenigen,
in deren Umgang ein edler gerader Mann am wenigsten von den Freuden
des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwägen, jeden
unbedeutenden Schritt abmessen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu
schändlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender
Freude aus unserm Herzen in das ihrige übergeht; wenn sie keinen
frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltnen heitern
Augenblicke, welche uns das Schicksal gönnt, uns nicht nur durch
Mangel an Theilnehmung verkümmern und verbittern, sondern sogar,
mitten in unsern glücklichsten Launen, uns unfreundlich stören, aus
unsern süßesten Träumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre
Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind,
in ihrem zärtlichsten Freunde einen Bösewicht, in ihrem treuesten
Diener einen Betrüger und Verräther zu sehen glauben; dann gehört
wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht
darüber selbst schlecht und menschenfeindlich zu werden. Hiebei
ist nichts zu thun, wenn ein ungezwungenes, immer gleich redliches
Betragen vergebens angewendet wird, wenn es nichts hilft, daß man
ihnen jeden Zweifel, sobald man desselben gewahr wird, durch kräftige
Vorstellungen benimmt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr
mürrisches Wesen schlechterdings nicht bekümmre, sondern muthig und
munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben.
Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; sie leben sich
und Andern zur Qual. Es liegt bei ihnen nicht immer Bösartigkeit zum
Grunde; nein! eine unglückliche Stimmung des Gemüths, dickes Blut, oft
auch Einwirkung des Schicksals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen
worden -- das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelenkrankheit. Und
diese Krankheit ist in jüngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn die,
welche ein solches Gemüth zu leiten haben, stets edel und grade mit
ihm umgehen, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekümmern; nur
so ist es möglich, die unglückliche Anlage zum Argwohn zu vertilgen,
und ein ängstlich-scheues Gemüth mit dem seligmachenden Glauben
auszustatten, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt
gibt. Bei Personen von höherem Alter hingegen wird in der Regel jeder
Versuch, ihnen diesen Glauben einzuflößen, fehlschlagen, und dies Uebel
so tiefe Wurzel fassen, daß nichts übrig bleibt, als ihm Geduld und
Kaltblütigkeit entgegen zu setzen.

Am mehrsten sind diejenigen zu beklagen, bei denen dies Mißtrauen bis
zum ~Menschenhasse~ gestiegen ist. Der Verfasser des Schauspiels:
~Menschenhaß und Reue~, läßt in demselben den Major sagen, ich hätte
vergessen, Vorschriften »für den Umgang mit dieser Art von Menschen
zu geben.« Es ist wahr, ich habe hier wenig darüber gesagt: allein
es ist auch unmöglich, dazu allgemeine Regeln vorzuschlagen, da es
nothwendig ist, bei jedem einzelnen Falle genau mit den Quellen
des Uebels bekannt zu seyn. In der Regel wird sichtbare, aber von
aller Zudringlichkeit entfernte Theilnahme, kräftige Zurückweisung
ungerechter Menschenverachtung durch Hinweisung auf Menschengröße
und Edelmuth, besonders aber die zart und klug herbeigeführte
Gelegenheit, Menschen aus großem Elende zu retten, und ihren Dank zu
erwerben, nicht ohne Wirkung bleiben. Lebt ein Menschenhasser, ganz
ohne Familien-Verbindung, in öder Einsamkeit oder Zurückgezogenheit,
so ist er nicht zu retten. Hat er das Glück, in eine große Gefahr zu
gerathen, und durch edelmüthige Selbstverleugnung, durch den Muth der
großmüthigsten Menschenliebe, durch die Wunderthat eines großherzigen
Menschenfreundes gerettet zu werden, so ist gründliche Heilung zu
hoffen.


                                  13.

~Neidische~, ~schadenfrohe~, ~mißgünstige~ und ~eifersüchtige~
Gemüthsarten sollten wohl nur das Erbtheil hämischer, niederträchtiger
Menschen seyn; und doch trifft man leider einen unglücklichen
Zusatz von diesen bösen Eigenschaften in den Herzen solcher Leute
an, die übrigens manche gute Eigenschaft haben. -- So schwach ist
die menschliche Natur! -- Ehrgeiz und Eitelkeit können in uns das
Gefühl erwecken, Andern ein Glück nicht zu gönnen, nach welchem wir
ausschließlich streben; sey es nun Vermögen, Glanz, Ruhm, Schönheit,
Gelehrsamkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch
sey; und sobald diese Empfindung einen gewissen Widerwillen gegen
die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Mißgunst, trotz
unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr mißgönnten Guts bleibt: dann
können wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren,
wenn es dieser Person ein wenig widrig geht, und die Vorsehung unsre
feindseligen Gesinnungen, besonders, wenn wir schwach genug waren, sie
zu äußern, gleichsam rechtfertigt. Ich werde bei den Gelegenheiten,
wenn von Künstler-, Gelehrten- und Handwerks-Neide, von Mißgunst unter
Fürsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben,
von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede seyn
wird, manches sagen, was auch hier anwendbar, aber überflüssig zu
wiederholen seyn würde, und es bleibt mir wirklich nichts hinzuzufügen
übrig, als daß, um allem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede
gute Eigenschaft, so wie auf Alles, was Erfolg unsrer Bemühungen und
Glück heißt, Verzicht thun, und, wenn es darauf ankömmt, mitten unter
einem Schwarme von mißgünstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide
und der Eifersucht so wenig als möglich Nahrung zu geben, seine
Vorzüge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kund
machen, keine Art von Uebergewicht zeigen, anscheinend wenig fordern,
wenig begehren, auf Weniges Ansprüche machen, und wenig leisten müsse.

Jener Neid nun erzeugt dann oft die schrecklichen ~Verleumdungen~,
denen auch der edelste Mann ausgesetzt ist. Es läßt sich nicht fest
bestimmen, wie man sich in jedem Falle zu betragen habe, wenn man
verleumdet wird. Oft erfordern Redlichkeit und Klugheit die schnellste
und deutlichste Darstellung der wahren Beschaffenheit; oft hingegen ist
es unter der Würde eines rechtschaffenen Mannes, sich auf Erläuterungen
und Rechtfertigungen einzulassen. Der Pöbel hört nicht auf, uns zu
necken, wenn er sieht, daß es uns wehe thut, und die Zeit pflegt, früh
oder spät, die Wahrheit an das Licht zu ziehen.


                                  14.

Der ~Geiz~ ist eine der unedelsten, schändlichsten Leidenschaften. Man
kann sich keine Niederträchtigkeit denken, deren ein Geizhals nicht
fähig wäre, wenn seine Begierde nach Reichthümern in das Spiel kömmt,
und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid, Wohlwollen,
finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen;
ja, er gönnt sich selber die unschuldigsten Vergnügungen nicht, in so
fern er sie nicht unentgeldlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht
er einen Dieb, und in sich selber einen Schmarotzer, der auf Unkosten
seines bessern Ichs, seines Mammons, zehrt.

Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Luxus so übertrieben wird, wo
die Bedürfnisse, auch des mäßigsten Mannes, der in der Welt leben
und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der
nöthigen Lebensmittel täglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel
entscheidet; wo der Reiche ein so beträchtliches Uebergewicht über den
Armen hat; wo endlich von der einen Seite Betrug und Falschheit, und
von der andern Mißtrauen und Mangel an Theilnahme und Wohlwollen in
allen Ständen sich ausbreiten; in diesen Zeiten der Selbstsucht und
des Egoismus, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen,
vorsichtigen Mann, ohne nähere Prüfung seiner Verhältnisse und der
Bewegungsgründe, welche seine Handlungen leiten, sogleich für einen
Knicker erklärt. Man möchte vielmehr diejenigen, welche das Beispiel
einer Sparsamkeit geben, die eben so sehr von Menschenliebe, als
von Klugheit und Vorsicht erzeugt und belebt wird, für Ruhmwürdige
erklären, weil doch in der That kein geringer Grad von Seelenstärke
und Weisheit dazu erfordert wird, um den Grundsätzen einer strengen
Sparsamkeit getreu zu bleiben, und dem Urtheil der Welt eine
unwandelbare Entschlossenheit entgegen zu setzen.

Es gibt ferner unter den wirklichen geizigen Leuten solche, die neben
dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leidenschaft
regiert werden. Diese scharren dann zusammen, sparen, betrügen Andre
und versagen sich alles, außer da, wo es auf Befriedigung dieser
Leidenschaft ankömmt; sey es nun Wollust, Gefräßigkeit, Ehrgeiz,
Eitelkeit, Neugier, Spielsucht, oder was es auch immer sey. So habe
ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und
Freund verrathen, und sich der öffentlichen Beschimpfung ausgesetzt
haben würden; hundert für den sinnlichen Genuß eines Augenblicks
hingegebene Gulden hingegen für gut angelegtes Geld hielten.

Noch Andre rechnen so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler
wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit
umzugehen. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von
Gaunern, Abentheurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem
Gesinde nicht satt zu essen; und um tausend Thaler wieder zu gewinnen,
die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unanständigste Weise
aller Orten einzelne feine Gulden ein, damit sie an jedem vielleicht
einen Heller Aufgeld gewinnen.

Endlich noch Andre sind in allen Stücken freigebig, und achten das
Geld nicht; in einem einzigen Punkte aber, worauf sie gerade eine
thörichte Wichtigkeit setzen, sind sie lächerlich geizig. Meine Freunde
haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in
Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig
reich ich bin, so kostet es mich doch geringere Ueberwindung, mich
von einem halben Gulden, als von einem holländischen Brief-Bogen zu
scheiden, obgleich man für zwölf Groschen vielleicht ein Buch des
feinsten Papiers kaufen kann. Ja, ich habe reiche und freigebige Leute
gekannt, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, Kleinigkeiten,
auf welche sie einen vorzüglichen Werth setzten, zu entwenden, wo sie
dergleichen liegen sahen. Jene Art der Sparsamkeit, welche auch das
Geringste, was noch auf irgend eine Art brauchbar ist, zu erhalten
und zu bewahren sucht, ist unstreitig die rechte, denn sie geht von
einer richtigen Schätzung der Dinge aus, und haßt alles Vergeuden und
Verschwenden, weil es Charakterschwäche, und eine Art von Undankbarkeit
und Kurzsichtigkeit ist. Darum läßt ~Engel~ in der bekannten Erzählung
seinen Herrn Timm sogleich mit großer Bereitwilligkeit dem Manne einen
Vorschuß leisten, der eine Nadel liegen sieht, und sie sorgfältig
aufnimmt und bewahrt.

Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß,
wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern müsse.
Da dieß nun aber nicht immer möglich ist, so scheint es der Klugheit
gemäß, daß man prüfe, zu welcher der vorhin geschilderten Gattungen von
Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehöre, um danach seine
Behandlung einzurichten.

Ueber den Umgang mit ~Verschwendern~ brauche ich nichts zu sagen, als
daß der verständige Mann sich nicht durch ihr Beispiel zu thörichten
Ausgaben verleiten lassen, und daß der redliche Mann von ihrer übel
geordneten Freigebigkeit weder für sich, noch für Andre, Vortheile
ziehen soll.


                                  15.

Sollen wir jetzt von dem Betragen gegen ~Undankbare~ reden? Ich habe
bei mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde auch bei
den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf Erfolg, noch auf
Dankbarkeit rechnen dürfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafür
halte, nie aus den Augen verlieren, wenn man nicht karg mit seinen
Dienstleistungen, feindselig gegen seine Mitmenschen werden, noch gegen
Vorsehung und Schicksal murren will. Bei dem Allen aber müßte man
jeder menschlichen Empfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kränken
sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennützig
gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz gewidmet,
für die wir uns vielleicht aufgeopfert haben, uns vernachlässigen,
sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen, oder gar verrathen, verfolgen,
mißhandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile, oder die Gunst unsrer
mächtigen Feinde gewinnen können. Doch wird der weise Menschenkenner
und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen,
großmüthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hierüber im zehnten
Kapitel des zweiten Theils und im fünften Abschnitte des zweiten
Kapitels in dem dritten Theile gesagt wird, erinnere ich nur nochmals
für die, welche noch dieser Erinnerung bedürfen, daß jede gute Handlung
sich selbst durch ein seliges Bewußtseyn am reichsten belohnt; ja, daß
der Edle eine neue Quelle von innerer Freude aus der Undankbarkeit der
Menschen zu schöpfen versteht, nämlich die Freude, sich bewußt zu seyn,
gewiß uneigennützig, bloß aus Liebe zum Guten, ihnen Gutes gethan zu
haben, besonders wenn er voraus weiß, daß er auf keine Erkenntlichkeit
rechnen darf. Er bedauert die Verkehrtheit Derer, die fähig sind,
ihres Wohlthäters zu vergessen, und läßt sich dadurch nicht abhalten,
den Menschen zu dienen, die seiner Hülfe um so nöthiger bedürfen, je
schwächer sie sind, je weniger Glück sie in sich selber, in ihrem
Herzen haben.

Klage also nicht über die Undankbarkeit, mit welcher man Dir lohnt;
wirf sie dem nicht vor, der sie Dir beweist, und Dich dadurch kränkt;
fahre fort, ihn großmüthig zu behandeln; nimm ihn wieder auf, wenn
er zu Dir zurückkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fühlt
den ganzen Werth, die Zartheit und das Große Deiner Behandlung, und
wird dadurch gebessert; -- wenn nicht: so denke, daß jedes Laster
sich selbst bestraft, und daß das eigne Herz des Bösewichts und die
unausbleibliche Folge seiner Niederträchtigkeit Dich an ihm rächen
werden. -- O! welch' ein langes Kapitel über die Undankbarkeit der
Menschen könnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die,
welche sich von dieser Seite an mir versündigt haben, meine vielfachen
traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte, und
wenn ich es leugnen dürfte, daß man zuweilen durch die verfehlte Art
des Wohlthuns Undankbare mache; eine Schuld, von welcher sich selbst
die Edelsten nicht frei sprechen dürfen.


                                  16.

Manchen Leuten ist es schlechterdings unmöglich, in irgend einer Sache
den geraden Weg zu gehen. ~Ränke~ und ~Winkelzüge~ mischen sich in
alle ihre Unternehmungen, ohne daß sie deswegen von Grund aus böse
sind. Eine unglückliche Stimmung des Gemüths, und die Einwirkung
von Lebensart und Schicksalen können diesen Charakter bilden. So
wird zum Beispiel ein sehr mißtrauischer Mann auch wohl zuweilen die
unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen
wahren Zweck verschleiern. Ein Mann von übel geordneter Thätigkeit,
oder von zu vielem raschen Feuer, -- ein schlauer unternehmender Kopf,
der in einer Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an
Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerlei schiefe
Seitensprünge wagen, um seinen Wirkungskreis zu erweitern, oder mehr
Interesse in die Scene zu bringen; und dann wird er nicht immer ekel
genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in
manchen Fällen versteckt handeln, um seine Schwäche zu verbergen.
Ein Mann, der lange an Höfen gelebt hat, um sich her nichts als
Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwirken zu sehen, und
selbst auf geradem Wege nichts zu erlangen gewohnt ist, findet ein
Leben, das ohne Verwickelung fortgeht, zu einförmig; er wird seine
unbedeutendsten Schritte so thun, daß man ihm nicht nachspüren kann,
und seinen unschuldigsten Handlungen einen räthselhaften Anschein
geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfindigkeiten der
Chikane beschäftigt, findet innigen Seelen-Genuß darin, daß er in
Worten und Werken allerlei Cautelen und Winkelzüge anbringt. Wer seine
Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Träumereien
überspannt, oder wer durch ein üppiges, müssiges Leben, durch schlechte
Gesellschaft und unglückliche Verhältnisse, den Sinn für Einfalt,
kunstlose Natur und Wahrheit verloren hat, der kann ohne Intrigue
nicht existiren, -- und so gibt es eine Menge Menschen, die, was sie
auf geradem Wege erlangen könnten, nicht halb so eifrig wünschen,
als das, was sie heimlich und auf den Wegen der List und des Betrugs
zu erschleichen hoffen. Man kann aber auch endlich den edelsten,
offenherzigsten Menschen, besonders in jüngern Jahren, zu Winkelzügen
verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mißtrauen zeigt, oder ihn mit
einer so nachsichtslosen Strenge behandelt, ihn in einer solchen
Entfernung von uns hält, daß er kein Zutrauen zu uns haben kann.

Was nun auch dazu beigetragen haben mag, manchen Menschen Ränke und
Winkelzüge zur Gewohnheit zu machen, so ist wohl folgende Art, sich
gegen sie zu betragen, die beste, die man wählen kann.

Man handle selbst immer so offen und unverstellt, und zeige sich ihnen
in Worten und Thaten als einen so entschiednen Feind von allem, was
Schiefigkeit, Intrigue und Verstellung heißt, und als einen so warmen
Verehrer jedes redlichen, aufrichtigen Mannes, daß sie wenigstens
fühlen, wie viel sie in unsern Augen verlieren, und welche Verachtung
sie sich zuziehen würden, wenn wir sie auf Schleichwegen ertappten!

Man flöße ihnen durch eine männliche Aeusserung des Abscheus gegen alle
Hinterlist und Falschheit eine gewisse Ehrerbietung ein, und versage
ihnen so lange sein Vertrauen nicht, als sie sich offen und redlich
zeigen. Man gebe ihnen zu erkennen, daß man sie für unfähig halte,
hinterlistig und unredlich zu seyn, und rege dadurch ihr schlummerndes
Ehrgefühl auf.

Willst Du die Anschläge ihrer Hinterlist zerstören, so tritt ihnen
mit Festigkeit und Entschlossenheit entgegen, wenn Du merkst, daß sie
Böses im Sinne haben, und lege ihnen solche Fragen vor, worauf sie
nothwendig eine bestimmte und unumwundene Antwort geben, oder sich
verrathen müssen. Sieh ihnen dabei fest und kräftig in's Gesicht,
mit einem Blicke, der sie durchbohrt, und Du wirst sie zwingen, sich
selbst zu verachten, oder über sich selbst zu erschrecken, wirst ihnen
wenigstens, wenn sie keiner guten Regung mehr fähig sind, Furcht und
Besorgniß einflößen, und sie dadurch nöthigen, ihren Plan aufzugeben.
Stottern sie, suchen sie auszuweichen: so brich entweder ab, um ihnen
zu verstehen zu geben, daß Du ihnen die Schande eines Betrugs ersparen
wollest; nimm aber dann ein kaltes und entfernendes Betragen gegen sie
an, oder warne sie mit freundlichem, doch ernsthaftem Wesen, ihrer
nicht unwürdig zu handeln!

Haben sie Dich dennoch einmal hintergangen, so nimm die Sache nicht zu
leicht, und verschwende keine Schonung an diese Unwürdigen, sondern laß
sie das ganze Gewicht Deines Unwillens und Deiner Verachtung fühlen,
und sey nicht sogleich bereit, zu verzeihen! Erreichst Du auch dadurch
Deine Absicht nicht, und fahren sie fort, Dich mit Winkelzügen und
Ränken zu hintergehen: so bestrafe sie durch deutliche Aeusserungen des
Mißtrauens und Kaltsinns, und suche dich ganz von ihnen los zu machen,
als von gefährlichen Menschen, die keiner Besserung fähig sind.

Alles hierüber Gesagte paßt also auch auf das Betragen gegen ~Lügner~.


                                  17.

Was man aber im gemeinen Leben einen ~Windbeutel~ oder ~Aufschneider~
und ~Prahler~ nennt, das ist eine andere Gattung von Menschen.
Diese haben nicht die Absicht, jemand eigentlich zu hintergehen,
aber täuschen und blenden möchten sie gern, um Ehre und Beifall zu
erschleichen; überreden möchten sie gern Andere, ihnen einen höheren
Werth beizumessen, als sie haben; sie suchen mehr Nahrung für ihre
Eitelkeit, als Befriedigung des Eigennutzes, und für einen Lobspruch
geben sie unbedenklich die Wahrheit hin. Um sich in besserm Glanze zu
zeigen; um sich bemerklich zu machen; um Andern eine so hohe Meinung
von sich beizubringen, wie sie selbst haben; um Aufmerksamkeit durch
Erzählung wunderbarer Vorfälle zu erregen; oder um für angenehme,
unterhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten oder vergrößern sie;
und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Kosten der Wahrheit
eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verzieren, so fangen sie
zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleien zu glauben, alle Gegenstände
durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und so in Riesengestalten wieder
zu Papier zu bringen.

Die Erzählungen und Beschreibungen eines solchen Aufschneiders
sind zuweilen ganz lustig anzuhören; und wenn man erst mit seiner
Hyperbelsprache bekannt ist, weiß man schon, was man vom Ganzen
abzurechnen hat, um den Ueberrest für baares Geld anzunehmen. So läßt
man sich denn, besonders in solchen Gesellschaften, wo das Bedürfniß
eines Lustigmachers oder Wortführers lebhaft gefühlt wird, gern und
geduldig vorlügen, was sich so hübsch anhört, und wobei es zu lachen
gibt. Kommen aber einmal vernünftige Leute in eine solche Gesellschaft,
so steht es übel um den Aufschneider, denn es ist leicht, ihn durch
eine Menge von Fragen über die genauesten Umstände so in sein eignes
Gewebe zu verwickeln, daß er, indem er weder rückwärts noch vorwärts
kann, beschämt wird, oder, wenigstens einen klugen Rückzug zur Wahrheit
macht. Noch besser kann man ihn zum Schweigen bringen, wenn man ihm für
jede Unwahrheit auf komische Art eine noch derbere wieder aufheftet,
und ihm dadurch zu verstehen gibt, daß man nicht dumm genug gewesen
sey, ihm zu glauben; oder wenn man, sobald er anfängt zu blasen, die
Segel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht,
da er denn, wenn dieß öfter und von mehreren verständigen Männern
geschieht, endlich scheu und klug wird.


                                  18.

~Unverschämte Müssiggänger~, ~Schmarotzer~, ~Schmeichler~ und
~zudringliche Leute~, rathe ich, in der gehörigen Entfernung von sich
zu halten, sich mit ihnen nicht gemein zu machen, ihnen durch ein
höfliches, aber immer steifes und ernsthaftes Betragen zu erkennen
zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertraulichkeit uns zuwider ist.
Einer meiner Bekannten erzählte mir einst: Er habe in Holland über
der Thür des Arbeitszimmers eines verständigen Mannes folgende Worte
mit großen Buchstaben geschrieben gefunden: »Es ist erschrecklich
beschwerlich für einen Mann, der bestimmte Geschäfte hat, von Leuten
überlaufen zu werden, die keine Geschäfte haben.« -- Der Einfall war
nicht übel. Die, welche gern bei uns schmausen, kann man am leichtesten
dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas vorzusetzen,
wieder fortgehen läßt; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von
feinerer Art, soll man, aus Besorgniß für sein eigenes Heil, auf seiner
Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren
Sirenen-Gesang gewöhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt
und gekitzelt seyn, finden die wohlthätige Stimme der Wahrheit nicht
harmonisch genug, und vernachlässigen und versäumen die treuern,
bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsere Fehler machen wollen.
Um nicht so tief zu fallen, waffne man sich mit Gleichgültigkeit
gegen die gefährlichen Lockungen der Schmeichelei; man fliehe vor
dem Schmeichler, wie vor dem bösen Feinde! Allein das ist nicht so
leicht, wie man wohl glaubt; es gibt eine Art, Süßigkeiten zu sagen,
die das Ansehen hat, als wollte man der Wahrheit huldigen. Der schlaue
Schmeichler, der Deine schwache Seite studirt hat, wird, wenn er Dich
für zu verständig hält, um nicht die größern Schlingen dieser Art für
gefährlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; er wird vielmehr
Dich tadeln; er wird Dir sagen: »daß er nicht begreifen könne, wie ein
so edler und weiser Mann, wie Du seyest, sich einen kleinen Augenblick
auch einmal habe vergessen können; er hätte geglaubt, so etwas könne
nur gemeinen Leuten von ~seinem~ Schlage begegnen.« Er wird an Deinen
Schriften Fehler rügen, die Dir gleich beim ersten Anblicke unbedeutend
scheinen müssen, und ihm nur dazu dienen, diejenigen Stellen um desto
unverschämter zu loben, von welchen er weiß, daß Du dir etwas darauf
zu gute thust. »Schade,« wird er ausrufen, »daß Ihre Sinfonien -- ich
bin kein Schmeichler; ich sage meine Meinung immer rund heraus --
Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, die gewiß in allem Betracht ein
klassisches Werk genannt werden können, so äusserst schwer vorzutragen
sind. Wo findet man Meister, die würdig wären, so etwas aufzuführen?
und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den Sie, verzeihen Sie meiner
Offenherzigkeit! hätten vermeiden sollen.« Er wird Mängel an Dir
finden, und mit verstelltem Eifer dagegen declamiren, -- Schwachheiten
und Mängel, auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er wird
Dich einen Misanthropen schelten, weil er gemerkt hat, daß Du durch
Deine abgezogene Lebensart Aufsehen erregen möchtest; er wird Dir
vorwerfen, Du seyest intrigant, wenn er merkt, daß es Dir behagt, für
einen schlauen Hofmann angesehen zu werden. Auf diese Weise wird er
sich bei Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines unpartheiischen,
wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsüßer Trank wird glatt
hinuntergehen, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel
dem verschmitzten Spötter offen stehen. Vielfältig habe ich, besonders
an Höfen, dergleichen Männer angetroffen, die unter der Maske der
Bonhommie und bei dem Rufe, den Fürsten tapfer die Wahrheit zu sagen,
die ärgsten Maulschwätzer waren.


                                  19.

Das Betragen gegen ~Schurken~, das heißt, gegen Leute, die von Grund
aus schlecht sind, etwa ein wenig Erbsünde abgerechnet, fordert vor
allem Festigkeit und Muth. Ich beziehe mich dabei zuerst auf das, was
ich weiterhin über den Umgang mit Feinden, und über das Betragen gegen
Verirrte und Gefallne sagen werde, und füge nur noch nachstehende
Bemerkungen hinzu:

Daß man, wo möglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehen müsse,
weil durch sie Moralität, Ruf und Ruhe in Gefahr kommt, besonders wenn
sie mit Schlechtigkeit der Grundsätze eine feine Verstandesbildung
verbinden, und viel geselliges Talent haben, -- das versteht sich wohl
von selber. Wenn ein Mann von festen Grundsätzen auch nicht in Gefahr
kommt, von ihnen angesteckt zu werden, so gewöhnt er sich doch nach und
nach an ihre Art zu urtheilen und zu handeln, ihre Zweideutigkeiten
und Unsittlichkeiten, und an den Anblick ihres sittlichen Schmutzes,
und verliert den heiligen Abscheu gegen alles, was unedel ist; einen
Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken der
Versuchung vor feinern Vergehungen zu bewahren. Leider aber zwingt uns
unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit ihnen
gemeinschaftlich Geschäfte zu treiben; und da ist es denn nöthig,
gewisse Vorsichtigkeits-Regeln nicht aus der Acht zu lassen.

Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und
des Herzens hast, es jemals dahin zu bringen, daß Du von schlechten
Menschen nie in Deiner Ruhe gestört werdest, oder nie durch sie
leidest! Es herrscht ein ewiges Bündniß unter Schurken und Schleichern
gegen alle verständige und edle Menschen; auch sind sie auf eine
unbegreifliche Weise so verbrüdert, daß sie unter allen übrigen
Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, möchten
sie auch durch äussere Verhältnisse und Umstände noch so sehr getrennt
seyn, sobald es darauf ankömmt, das wahre Verdienst zu verfolgen
und mit Füßen zu treten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und
Zurückhaltung; da hilft nicht Unschuld, nicht Geradheit; da hilft nicht
Schonung, noch Mäßigung; da hilft es nicht, seine guten Eigenschaften
verstecken, mittelmäßig scheinen zu wollen. Niemand erkennt so leicht
das Gute, das in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Niemand läßt
innerlich dem Verdienste mehr Gerechtigkeit widerfahren, als der
Bösewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evangelio, und
arbeitet mit Händen und Füßen dagegen. Jene große Verbrüderung wird
Dich ohne Unterlaß necken, Deinen Ruf antasten; bald zweideutig,
bald übel von Dir reden, die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten
boshaft auslegen. -- Aber laß Dich das nicht anfechten! würdest Du
auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedrückt, so wird doch die
Rechtschaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und
der Unhold bei einer andern Gelegenheit sich selbst die Grube graben.
Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf
männliche Standhaftigkeit ankömmt, so lange sie im Dunkeln fechten
können. Hole aber Licht herbei, und sie werden aus einander rennen!
Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute ginge, dann würden sie
sich unter einander bei den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem
Eigenthume ruhig davon wandern lassen. Geh Deinen geraden Gang fort!
Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleichwegen zu
begegnen; nie Ränke, um Ränke zu zerstören; mache nie gemeinschaftliche
Sache mit Bösewichtern, gegen Bösewichter! Handle großmüthig! Unedle
Behandlung, und zu weit getriebenes Mißtrauen können Den, welcher auf
halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen; Großmuth
hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold vielleicht, auf
einige Zeit wenigstens, bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm
erwecken. Aber er müsse fühlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht
also handelst! Er müsse fühlen, daß, wenn es auf das Aeusserste kömmt,
wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der
kühne, rechtschaffene Weise im niedrigsten Stande mächtiger ist, als
der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und
Muth, stärker machen, als erkaufte Heere, an deren Spitze ein Schurke
steht! Was hätte der wohl zu fürchten, der nichts mehr zu verlieren
hat, als was kein Sterblicher ihm rauben kann? Und was vermag in dem
Augenblicke der äussersten, verzweifelten Nothwehr ein feiger Sultan,
ein ungerechter Despot, der in sich selbst einen Feind herumträgt, von
welchem er immer bedroht, oder in die Flanke genommen wird, gegen den
niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf,
Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat?

Es ist unmöglich, sich bei gewissen Leuten beliebt zu machen, deren
Gunst man nur auf Unkosten seines Gewissens erwerben kann, und es wird
nicht schaden, wenn diese uns wenigstens fürchten.

Es gibt Leute, die uns zu Vertraulichkeiten, zu gewissen Eröffnungen
zu bewegen suchen, damit sie nachher Waffen gegen uns in Händen haben,
womit sie uns drohen können, wenn wir ihnen nicht zu Gebote stehen
wollen. Die Klugheit erfordert, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Man
erkennt sie leicht an der groben Schmeichelei, durch welche sie sich
uns zu nähern, und unser Vertrauen zu erschleichen suchen.

Beschenke den, von dem Du fürchtest, er werde Dich ~bestehlen~, wenn Du
glaubst, daß Großmuth noch Eindruck auf ihn machen könnte!

Ermuntre und ehre äusserlich Menschen, an denen Du irgend eine
Thatkraft zum Guten findest! Bringe sie nicht ohne Noth um Kredit! Es
gibt Leute, die viel Gutes ~sagen~, im ~Handeln~ aber heimliche Schalke
sind, oder Menschen voll Inconsequenz, Leichtsinn und Leidenschaft:
entlarve diese nicht, in so fern es nicht der Folgen wegen seyn muß!
Sie wirken durch ihre Reden manches Gute, welches unterbleibt, wenn man
sie verdächtig macht. Man sollte sie immer herumreisen lassen, um gute
Zwecke zu befördern; allein sie müßten jeden Ort früh genug verlassen,
um sich nicht zu verrathen, und durch ihr Beispiel nicht die Wirkung
ihrer Lehren zu verderben.


                                  20.

Es gibt Menschen von guter Gesinnung, welche durch übertriebene
Bescheidenheit und unüberwindliche Furchtsamkeit, durch eine
Schüchternheit, die sie fast zu Kindern macht, sich selbst der
Geringschätzung hingeben, und sich um allen Genuß und allen Vortheil
bringen, den ihnen die Gesellschaft gewähren soll. Man macht sich um
sie und um die Gesellschaft verdient, wenn man ihnen Zuversicht zu sich
selbst einzuflößen sucht, und ihnen Veranlassung gibt, sich geltend
zu machen. So verachtungswerth Unbescheidenheit und Dünkel sind,
so unmännlich ist zu weit getriebene Schüchternheit. Der Edle soll
seinen Werth fühlen, und eben so wenig ungerecht gegen sich, als gegen
Andre seyn. Uebertriebnes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber
beleidigen den Bescheidnen. Er müsse weniger aus Deinen Worten, als aus
Deinen ungekünstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen, Deine
Hochachtung gegen ihn erkennen!


                                  21.

~Unvorsichtigen~ und ~plauderhaften~ Leuten darf man natürlicher Weise
keine Geheimnisse anvertrauen. Besser wäre es, man hätte überhaupt
keine Geheimnisse in der Welt, könnte immer frei und offen handeln, und
alles, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehen lassen; besser wäre
es, man dächte und redete nichts, als was man laut denken und reden
darf. Da dieß indessen, besonders bei Männern, die in öffentlichen
Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht
möglich ist: so muß man freilich vorsichtig in der Mittheilung dessen
seyn, was nicht Jeder wissen darf.

Man findet Menschen, denen es schlechterdings unmöglich ist, irgend
etwas zu verschweigen. Man sieht es ihnen an, wenn sie ängstlich
umherlaufen, daß sie etwas Neues bei sich tragen, und daß sie große
Herzensangst leiden, bis sie einem andern Plaudrer ihre Nachricht heiß
mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Willen zu
schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke,
oder auf andre Art zu verrathen; oder an der Festigkeit, sich nicht
ausfragen zu lassen; oder sie haben eine zu gute Meinung von der
Ehrlichkeit und Verschwiegenheit derer, welchen sie sich anvertrauen.
-- Gegen alle diese muß man behutsam, und selbst verschlossen seyn.

Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute
bei der ersten Gelegenheit, da sie etwas über uns geschwatzt haben,
dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen dürfen, hinter
unserm Rücken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im
Guten oder Bösen. Die eigentlichen bekannten Zeitungsträger aber,
deren es fast in jeder Stadt einige gibt, kann man nützen, wenn man
ein unschuldiges Mährchen im Publiko ausgebreitet wissen will, das
den Leuten etwas zu reden geben, oder sie zu ihrem Besten auf etwas
aufmerksam machen soll. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um
Verheimlichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der
Mühe nicht werth, dieselbe auszuplaudern.

~Vorwitzige~ und ~neugierige~ Menschen kann man nach den Umständen
entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstern
Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsere
Angelegenheiten bekümmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsere
Geschäfte mischen, unsern Schritten nachspüren, oder unsre Plane und
Handlungen ausspähen wollen, sich gegen sie mündlich, schriftlich oder
thätig, so kräftig erklären, sie auf eine solche Weise zurückschrecken,
daß ihnen die Lust vergehe, auch nur von Weitem sich an uns zu wagen.
Will man aber seinen Spaß mit ihnen haben, so kann man ihrer Neugier
ohne Unterlaß so viel zu schaffen machen, daß sie über die Kindereien,
worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich
um diejenigen Dinge zu bekümmern, welche wir ihrer Beobachtung zu
entziehen wünschen.

~Zerstreute~ und ~vergessene~ Leute taugen nicht zu Geschäften, wo es
auf Pünktlichkeit ankömmt. Jungen Personen kann man diese Fehler wohl
zu gute halten, und durch eine verständige Behandlung zuweilen noch
abgewöhnen, so, daß sie ihre Gedanken bei einander halten. Manche, die
aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen,
und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser
Schwachheit zurück, wenn sie älter, kühler und sittsamer werden. Andre
affectiren, zerstreut zu seyn, weil sie glauben, das sähe vornehm oder
gelehrt aus; über solche Thoren aber soll man nur die Achseln zucken,
und sich wohl hüten, ihre Zerstreutheit geistvoll oder artig zu finden.
Es gilt von ihnen, was über diejenigen gesagt worden ist, welche sich
körperlich krank stellen, um Interesse zu erwecken. Wessen Gedächtniß
aber wirklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu
stärken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was
er behalten will, und diesen Zettel täglich oder wöchentlich einmal
durchzulesen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns
jemand verspricht, ein Geschäft zu besorgen, an welchem uns gelegen
ist, und uns hernach, wenn wir uns auf sein Wort verlassen, mit der
Versicherung überrascht, daß er es rein vergessen habe.

Sehr zerstreueten Leuten muß man es übrigens so hoch nicht anrechnen,
wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Höflichkeit, oder
was man sonst im geselligen und freundschaftlichen Umgange fordert,
unvorsätzlich fehlen.


                                  22.

Es gibt eine Art Menschen, die man ~wunderliche~ (+difficiles+) ~Leute~
nennt. Sie sind nicht bösartig, sind nicht immer zänkisch und mürrisch;
aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie
haben sich, zum Beispiel, an eine pedantische Ordnung gewöhnt, deren
Regel nicht Jeder, so wie sie, im Kopfe hat; und da kann es denn leicht
kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie
es gern sehen (wenn dieß übrigens aus wahrem Ordnungsgeiste herrührt,
so habe ich an der Sache selbst nichts auszusetzen); oder sie hängen
gewissen Vorurtheilen an, denen man sich unterwerfen muß, wenn man
in ihren Augen Werth haben will; zum Beispiel: in Kleidertrachten, in
der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und
dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernünftiger Mann über
solche Kleinigkeiten hinausgehen müßte; unterdessen trifft man doch
Männer an, die über andere Gegenstände sehr verständig und billig
denken, nur in solchen Punkten nicht; und was wichtiger als das ist, an
dieser Männer Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn
dies Letztere nun der Fall ist, so rathe ich, in Dingen von geringem
Belange, die mit einiger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind,
sich ihnen gefällig zu zeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in
keinem Verhältniß stehen, lasse man, in so fern sie übrigens brave
Männer sind, bei ihrer Weise, und vergesse nicht, daß wir Alle unsre
Schwachheiten haben, die man brüderlich ertragen muß!

Leute, die etwas darin suchen, sich durch ihr Betragen in
unwesentlichen Dingen von Andern zu unterscheiden (nicht eigentlich aus
Ueberzeugung, daß es besser so sey, als anders, sondern hauptsächlich
darum, weil sie etwas darein setzen, das zu thun, was Andre nicht
thun), solche Leute nennt man ~Sonderlinge~. Sie sehen es gern, wenn
man ihre Weise bemerkt; und ein verständiger Mann muß in seinem
Betragen gegen sie wohl überlegen, ob ihr Eigensinn von unschädlicher
Art ist, und ob sie Männer sind, die in irgend einer Rücksicht Schonung
verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es
Vernunft und Duldung fordern.

Was endlich Leute betrifft, die von ~Launen~ regiert werden, so daß
man ihnen heute der willkommenste Gast, morgen der überlästigste
Gesellschafter ist, so rathe ich, -- vorausgesetzt, daß diese Launen
nicht ihren Grund in geheimen Leiden haben (denn wenn das ist, so habe
Mitleiden!) -- gar nicht zu thun, als bemerkte man solche Ebben und
Fluthen, sondern auf immer gleich-vorsichtigem Fuße mit ihnen umzugehen.


                                  23.

~Einfältige Menschen~, die ihre Schwäche fühlen, und sich daher willig
von vernünftigen Menschen leiten lassen, auch bei ihrem natürlich
gutmüthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente zwar leicht zum Guten,
aber schwer zum Bösen zu bewegen sind, soll man nicht verachten. Es
können nicht alle Menschen hohen, erhabnen Geistes-Schwung haben;
und die Welt würde auch sehr übel dabei fahren, wenn es also wäre. Es
müssen mehr subalterne, als Herrscher-Genies unter den Erdensöhnen
seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß
ein höherer Grad von Tugend, daß Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine
Beurtheilungskraft, nicht mit Schwäche des Geistes bestehen könne,
ist freilich gewiß; allein das gehört ja nicht hieher. Wenn im Ganzen
nur das Gute geschieht, und die dummen Menschen zu diesem Guten sich
die Hände führen lassen; so füllen sie ihren Platz nützlicher aus,
als die überschwenglichen Genies, die Feuerköpfe, mit ihrem sich
durchkreuzenden unaufhörlichen Wirken und Streben.

Unerträglich hingegen ist die Prüfung, wenn man es mit einem
Stockfische zu thun hat, der sich für einen Halbgott hält, mit einem
eiteln, eigensinnigen, mißtrauischen Pinsel, mit einem verzogenen,
verzärtelten, vornehmen Herrn, der Länder und Völker zu regieren hat,
und leider alles selbst regieren will. Doch soll an seinem Orte gezeigt
werden, wie man mit dieser Art Menschen umgehen müsse.

Eine gewisse Gattung gutmüthiger, aber schwacher und plumper Menschen,
ist, selbst in der Jugend, schwer zu verfeinern. Die Sprache der Ironie
verstehen sie nicht. Ist sie zu fein, so nehmen sie es für baares Geld.
Ein ernsthafter Ton greift auch nicht ein, oder beleidigt sie. Warme,
gefühlvolle Ermahnungen bleiben gänzlich ohne Wirkung.

Allein man thut oft gewissen Menschen großes Unrecht, welche durchaus
unfähig sind, sich zu äussern, entweder weil sie der Sprache nicht
mächtig werden, oder sich von einer ihnen durch Erziehung angebildeten
Schüchternheit nicht losmachen können, indem man sie für schwach,
dumm, gefühllos oder unwissend hält, da sie es doch keinesweges sind,
sondern nur so scheinen. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und
Empfindungen an den Tag zu legen, oder er thut es wenigstens nicht auf
die Weise, welche uns die rechte scheint; er hat etwas Zurückstoßendes
in seinem äusseren Wesen, er verstößt alle Augenblicke gegen die
feinere Sitte, oder gegen den Gesellschaftston, an welchen wir uns
gewöhnt haben. Er will nicht nach seinen ~Worten~, sondern nach seinem
~Thun~ gerichtet seyn, und auch sein Thun ist von der Art, daß man
ungerecht über ihn urtheilen würde, wenn man nicht Rücksicht nehmen
wollte auf seine Erziehung, seine Lage und auf die Gelegenheit, die er
gehabt, oder die ihm gefehlet hat, sich auszuzeichnen. Man überlegt
selten, daß ~der~ Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt
nur nichts Böses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur
Wohlfahrt des Ganzen oft mehr beiträgt, als der lange Lebenslauf eines
thätigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhörlichem Kampfe
mit seinen großen, edlen Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit,
Kultur und gesunde Vernunft wieder sehr verschiedne Dinge. Es herrscht
unter Menschen von einer sogenannten feineren Erziehung und Bildung so
viel Convention, daß es schwer ist, Stoff und Gepräge zu unterscheiden,
und wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsätze, welche auf
diesem Uebereinkommen beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der
reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewöhnt, nach jenem Richtmaße
des Herkommens zu urtheilen und zu denken, oder vielmehr Worte ganz
unbefangen zu gebrauchen und nachzusprechen, deren zweideutigen
Sinn wir Mühe haben würden, einem ganz rohen Wilden zu erklären;
und so halten wir denn Denjenigen für einen Geistesarmen, für einen
einfältigen Tropf, der das Wörterbuch der Höflichkeitssprache nicht
auswendig weiß, und daher redet, weß das Herz voll ist, also ganz
ungeschmückt und unumwunden, aber dabei ganz im Geiste des gesunden
Menschenverstandes. Daher wird man nicht selten durch die Urtheile
gemeiner Leute, die freilich dem sogenannten Kenner sehr abgeschmackt
vorkommen würden, sehr angenehm überrascht, und aus dem Zauber einer
falschen, erzwungenen Täuschung gerissen, so daß auf einmal auch in
uns der Sinn für wahre, ächte Natur wieder erwacht! Wie oft habe ich
im Schauspielhause erst das nüchterne Urtheil der Gallerie erwartet;
habe erwartet, was für Eindruck eine Scene auf das unbestochene Volk,
das wir Pöbel nennen, machen, -- habe erwartet, ob ein rührender
Auftritt allgemeine Stille, oder lautes Gelächter verbreiten würde, um
mich zu bestimmen in meinem Urtheil, wie treu der Schriftsteller und
Schauspieler die Natur kopiert, oder ob er sie verfehlt oder erreicht
habe. Auf den Gebildeten wirkt die Illusion, weil er von Jugend auf
in einer Welt voll Täuschungen wandelte; jene aber leben und weben in
der Natur und im Reiche der ungeschmückten Wahrheit. Groß ist der
Künstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur
auf's treueste nachahmende Darstellung, auch unkultivirte Menschen
vergessen machen kann, daß sie getäuscht werden. Groß ist ferner der
Mann, der den Sinn für ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von
Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersäuft hat. Aber wie selten
trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Kultur und Einfalt, im schönen
Einklange an! -- Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern
Theil auf Kosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja
nicht aufklären, sondern lieber bei solchen Einfältigen in die Schule
gehn!

~Gutmüthige~, und dabei ~schwache~ Menschen sind fast als Unmündige
zu betrachten, welche der Vormundschaft aller Verständigen und Guten
übergeben sind. Man soll ihnen nicht den Beistand versagen, den sie
unaufhörlich bedürfen, -- soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her
zu versammeln suchen, von denen sie nicht gemißbraucht, sondern zu
Handlungen bestimmt und gelenkt werden, die eines wohlwollenden Herzens
würdig sind. Es gibt Personen, die nichts abschlagen können, wenigstens
nicht mündlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kränken,
oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie
mehr versprechen, als sie leisten können; mehr hingeben, mehr Arbeit
für Andre übernehmen, als sie vernünftiger Weise thun sollten. Andre
sind so ~leichtgläubig~, daß sie Jedem trauen, sich Jedem hingeben und
aufopfern, Jeden für einen treuen Freund halten, der die Aussenseite
des ehrlichen, menschenliebenden Mannes trägt. Noch Andre sind nicht im
Stande, für sich etwas zu erbitten, sollten sie auch darüber nichts in
der Welt von demjenigen erlangen, worauf sie die billigsten Ansprüche
machen dürfen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese
Schwachen gemißhandelt oder wenigstens vernachlässigt werden; wie man
auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstürmt, und
wie den Andern die Unverschämtheit alles vor dem Munde wegnimmt, weil
sie nicht den Muth haben, zuzugreifen oder ihre Ansprüche geltend zu
machen. Mißbrauche keines Menschen Schwäche! Erschleiche von Keinem
Vortheile, Geschenke, Verwendung von Kräften, die Du nicht nach den
Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last
aufzuladen, von ihm fordern darfst; suche auch zu verhindern, daß
Andre dergleichen thun; mache dem ~Blöden~ Muth! Verwende Dich, rede
für ihn, wenn seine Schüchternheit ihn abhält, sein eigener Fürsprecher
zu seyn!

Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele ~gewissen
Liebhabereien nachzuhängen~. Sey es nun irgend eine noble Passion:
Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Musik, Malerei, oder die Wuth,
Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfeifenköpfe
und dergleichen zu sammeln, oder Bau-Geist, Garten-Anlage,
Kinder-Erziehung, Mäcenatenschaft, physikalische Versuche -- oder
was für ein Steckenpferd sie auch reiten: so dreht sich doch der
ganze Kreis ihrer Gedanken immer um diesen Punkt herum; sie reden von
keiner Sache so gern, wie von diesem ihrem Lieblings-Gegenstande;
jedes Gespräch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der
Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der
Welt weniger versteht, als von diesem, verlangen aber auch dagegen
nicht gerade, daß er mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die
Geduld hat, ihnen zuzuhören; wenn er ihre Herrlichkeiten nur mit
Aufmerksamkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die größte
Seltenheit empfehlen, und Interesse daran zu nehmen scheint. Nun, wer
wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der
übrigens redlich und verständig ist, zu versagen oder zu verkümmern!
Vorzüglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die -- doch wie sich's
versteht, unschuldigen -- Liebhabereien der Großen, an deren Gunst
uns gelegen ist; denn, wie Tristram Shandy anmerkt, so wird ein Hieb,
welchen man dem Steckenpferde gibt, schmerzlicher empfunden, als ein
Schlag, den der Reiter selbst empfängt.


                                  24.

Mit ~muntern~, ~aufgeweckten Leuten~, die von ächtem Humor beseelt
werden, ist leicht und angenehm umzugehen. Ich sage: sie müssen von
~ächtem~ Humor beseelt werden; die Fröhlichkeit muß aus dem Herzen
kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmacherei, nicht
Haschen nach Witz seyn. Wer noch von ganzem Herzen lachen, sich den
Aufwallungen einer lebhaften Freude überlassen kann: der ist kein
ganz böser Mensch. Tücke und Bosheit machen zerstreut, ernsthaft,
nachdenkend, verschlossen; +mais un homme, qui rit, ne sera jamais
dangereux+. Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von
fröhlicher Gemüthsart ist, und in der Gesellschaft einsylbig und
zurückhaltend an dem Gespräche Theil nimmt, deswegen etwas Böses im
Schilde führen sollte. Die Stimmung des Gemüths hängt vom Temperamente,
so wie von der Gesundheit und von innern und äussern Verhältnissen
ab. Aechte muntre Laune aber pflegt ansteckend zu seyn, und diese
Epidemie hat etwas so Wohlthätiges; es ist ein so wahres Seelen-Glück,
einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich
dringend anrathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, oder anfeuern zu
lassen, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise
der gesitteten Fröhlichkeit zu widmen.

Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze
den Zügel schießen läßt, nicht in einen ~satyrischen~ Ton zu fallen.
Was gibt uns reichern Stoff zum Lachen, als das unzählige Heer von
Thorheiten der Menschen? Und diese Thorheiten treten am lebhaftesten
vor unsre Augen, wenn wir uns die Originale dazu denken, in welchen sie
wohnen. Lachen wir nun über die Narrheit, so ist es fast unvermeidlich,
auch über den Narren mit zu lachen, und da kann dann dies Lachen sehr
ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spöttereien
Beifall finden, so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner
zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu
munterer Unterhaltung fehlen würde, schärfen, durch unser Beispiel
verführt, ihre Aufmerksamkeit auf die Mängel ihrer Nebenmenschen:
und wohin das führen, welche böse Folgen es haben, und wie leicht es
Streit erregen, das Vergnügen zerstören, Feindschaft erwecken könne,
das ist theils bekannt genug, theils habe ich darüber schon etwas im
ersten Kapitel gesagt. Ich halte es daher für Pflicht, im Umgange mit
sehr satyrischen Leuten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich
persönlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fürchten müßte, denn
das zeigt wirklich den höchsten Grad von innerm Bewußtseyn eigener
Erbärmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verführt werde, mit
zu lästern; daß man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der
Geist der Duldung nicht von uns weiche. Man bezeige daher satyrischen
Leuten keinen zu lauten Beifall, bestärke sie nicht in der Gewohnheit,
ihren Witz auf andrer Menschen Unkosten spielen zu lassen, und lache
nicht mit, wenn sie lästern und schmähen.

Ich sage: man hat gar nicht Ursache, satyrische Leute eigentlich zu
fürchten; denn sind sie übrigens edle Männer, so werden sie, wenn
sie auch über Thorheiten lachen und spotten, doch den Charakter des
redlichen Mannes schonen. Sind sie aber boshafte Spötter, so werden sie
sich mehr, als Andern, schaden. -- An den Mann von Würde wagt sich denn
auch nicht leicht ein Solcher, wenigstens nicht zum zweiten Mal.


                                  25.

~Trunkenbolde~, grobe ~Wollüstlinge~ und alle andre Arten von
~lasterhaften Menschen~ soll man freilich fliehn, und ihren Umgang,
wenn man kann, vermeiden; ist dieß aber durchaus unmöglich, so bedarf
es wohl keiner Erinnerung, daß man sich hüten müsse, von ihnen
angesteckt, verblendet oder verführt zu werden. Allein das ist nicht
genug. Es ist Pflicht, ihren Ausschweifungen, möchten sie solche auch
in das gefälligste Gewand hüllen, nicht nachzusehen, sie nicht zu
entschuldigen, sondern vielmehr, wo es mit Klugheit geschehen kann,
einen erklärten Abscheu dagegen zu zeigen; es ist Pflicht, und recht
heilige Pflicht, an unzüchtigen, schmutzigen Gesprächen niemals,
und auf keinerlei Art beifälligen Antheil zu nehmen. Man sieht in
der großen Welt die sogenannten +agréables débauchés+ mehrentheils
die glänzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders männlichen
Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zweideutigkeiten hinausgehen,
wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schlüpfrigen Bildern
erfüllt, und die schamloseste Unsittlichkeit weiter ausgebreitet
wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zur Verspottung,
vielleicht gar zur Verachtung der Keuschheit, Nüchternheit, Mäßigkeit
und Schamhaftigkeit, darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste
beitragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person,
sein Mißfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er es
vergebens versucht hat, Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln,
durch freundschaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thätigkeit auf
würdigere Gegenstände, zu bessern, ihnen wenigstens zeigen, daß er den
Sinn für Reinigkeit und Tugend nicht verloren habe, und daß in seiner
Gegenwart die Unschuld respektirt werden müsse.


                                  26.

Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die ~Enthusiasten~,
~überspannten~, ~romanhaften Menschen~, ~Kraft-Genies~ und
~excentrischen Leute~. Sie leben und weben in einer Atmosphäre von
Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne
Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectüre, Romane, Schauspiele,
geheime Verbindungen, Mangel an gründlichen wissenschaftlichen
Kenntnissen, und Müßiggang, stimmen einen großen Theil unsrer heutigen
Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwärmer mit grauen
Köpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausserordentlichen und
Uebernatürlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen
Erscheinungen zu greifen; versäumen das Nöthige und Nützliche, um Plane
für das Entbehrliche zu machen; legen die Hände in den Schooß, wo es
Pflicht wäre, zu wirken, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts
angehen; reformiren die Welt, und vernachlässigen ihre häuslichen
Geschäfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste
erhaben; haben eine entschiedene Abneigung gegen alles Deutliche,
Verständige und Klare, und predigen das Unbegreifliche. Vergebens
stellst Du ihnen die Gründe der gesunden Vernunft entgegen, und
bittest sie, zu prüfen; sie werden Dich als einen gemeinen Menschen,
ohne Gefühl, ohne Sinn für das Große, verachten, Mitleiden mit Deiner
Weisheit zeigen, und sich lieber an ein Paar andre Narren von ähnlichem
Schwunge anschließen, die in ihren Unsinn einstimmen. Ist Dir's also
darum zu thun, einen solchen Schwärmer zu überzeugen, oder auch nur
einen wirksamen Einfluß auf ihn zu erhalten: so müssen Deine Gespräche
warm und feurig seyn, und Du mußt mit eben so viel Enthusiasmus der
gesunden Vernunft das Wort reden, womit er die Sache seiner Thorheit
verficht. Selten aber richtet man überhaupt etwas mit solchen Menschen
aus, und es ist am besten gethan, der Zeit ihre Heilung zu überlassen.
Indessen steckt zum Unglücke Schwärmerei an, wie der Schnupfen. Wer
daher eine sehr lebhafte Einbildungskraft hat, und nicht ganz sicher
von der Herrschaft seines Verstandes über dieselbe ist, dem rathe
ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung auf seiner Hut zu
seyn. Unsere Zeit hat ein unglückseliges Wohlgefallen an religiöser,
theosophischer und mystischer Schwärmerei, und bringt Manches zu Ehren,
was zum Heil der Welt eine bessere Zeit verlacht und in den Staub
geworfen hatte. So hört man z. B. jetzt einen ~Jakob Böhme~ rühmen
und preisen, und alle die alten Kirchengesänge, welche in jeder Zeile
eine Sünde gegen den guten Geschmack und gegen das gesunde Gefühl
begehen, als Meisterstücke der Dichtkunst laut erheben, hört junge
Mädchen, schon lange vor ~der~ Periode, in welcher sie von Rechtswegen
in die Reihe der Betschwestern treten dürfen, gar andächtig singen,
was sie bei gesundem Urtheil und Gefühl zum Lächeln reizen müßte,
und dergleichen Erscheinungen mehr, welche beweisen, wie behaglich
es dem Menschen in seiner Schwachheit ist, von einem Extrem auf das
andere überzuspringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen
Gattungen der Schwärmerei die gefährlichste ist, halte aber doch dafür,
diejenigen, welche auf politische, halbphantastische, halbjesuitische
Plane und auf Welt-Reformation hinausgehen, gehören wohl wenigstens
nicht zu den unschädlichsten Donquixoterien; ich glaube dieß um
so fester, da gerade diese Art von Schwärmer-Systemen am mehrsten
Verwirrung im Staate anrichten kann, und die blendendste Aussenseite
zu haben pflegt, statt daß die übrigen bald Langeweile machen, und nur
schiefe und mittelmäßige Köpfe anhaltend beschäftigen. Man gewöhne
sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die jedem
Biedermanne sonst so theuren Ausdrücke: Glück der Welt, Freiheit,
Gleichheit, Rechte der Menschheit, Religiosität, Christenthum, Glaube
und dergleichen, für nichts anders, als für Lockspeise, oder höchstens
für gutgemeinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen,
wie die Schulknaben mit den oratorischen Figuren und Tropen, welche sie
in ihren magern Exercitien anbringen müssen.

Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich
noch nicht gänzlich zum Einsperren qualificiren. Die Erde ist so groß,
daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf hat.


                                  27.

Jetzt noch ein Wort von ~Andächtlern~, ~Frömmlern~, ~Heuchlern~ und
~abergläubischen Leuten~, welche mit den eben beschriebenen nur darin
Eine Klasse ausmachen, daß sie eine Freude an der Uebertreibung, und
eine Scheu vor dem Vernünftigen haben.

Wem es mit seinen Empfindungen für die Religion, mit seiner Wärme
für Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung, und mit seiner
Anhänglichkeit an die gottesdienstlichen Gebräuche der Kirche, zu
welcher er sich in seinem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist:
der hat die gegründetsten Ansprüche auf unsre Achtung. Sollte er auch
das Wesen der Religion, mehr als wir für gut halten, in bloßes Gefühl,
ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterin, der
Vernunft, setzen: -- sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte
Phantasie sich in seine religiöse Empfindungen mischen: -- sollte er
auch eine zu große Anhänglichkeit für gewisse Ceremonien, Gebräuche
und Systeme haben: so verdient er, wenn er übrigens ein redlicher
Mann, ein praktischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe.
Allein um desto verachtungswürdiger ist ein Heuchler und Kopfhänger,
ein gleisnerischer Bösewicht, der hinter der Larve der Heiligkeit,
Sanftmuth und Religiosität den wollüstigen Verführer, den tückischen
Verläumder, Aufrührer, Anhetzer, rachgierigen Bösewicht, oder den
fanatischen Verfolger versteckt. Beide Arten von Leuten sind aber nicht
schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist gerade, offen, still und
heiter, nicht übertrieben höflich, nicht übertrieben zuvorkommend, noch
übertrieben demüthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem
Betragen. Er ist nachsichtig, milde und duldend, redet auch nicht
viel, ausser mit vertrauten Freunden, über religiöse Gegenstände; der
Heuchler hingegen pflegt süß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner
Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhänger der herrschenden Parthei, ein
Freund der Glücklichen, nie ein Vertheidiger der Verlassenen zu seyn.
Er führt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, gibt
seine reichen Almosen, und erfüllt seine christlichen Liebespflichten
mit Geräusch und Aufsehen, tobt und schäumt über den Gottlosen und
Lasterhaften, oder entschuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie
dadurch tausendfältig vergrößert scheinen. Hüte Dich, diesem auf irgend
eine Weise in die Hände zu fallen; fliehe ihn; tritt ihm nicht auf den
Fuß; beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist!

Abergläubische Leute, die Ammen-Mährchen, Gespenster-Histörchen und
dergleichen lieben, und mit großer Ernsthaftigkeit erzählen, sind
nicht durch Gründe der Philosophie und durch vernünftige Vorstellungen
und Zweifel von ihrem Wahne zu befreien, am wenigsten aber durch
Declamationen, Verspottung und Ereiferung. Es ist da kein anderes
Mittel, als, ihnen nicht eher zu widersprechen, bis man zugleich eine
einzelne Thatsache strenge und kaltblütig untersuchen, und sie mit
eignen Augen von dem Betruge oder Ungrunde überzeugen kann, obgleich
es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine übernatürliche
Erscheinung behauptet, den Beweis erläßt, und ihn Demjenigen auflegt,
der die Rechte der Vernunft vertheidigt.


                                  28.

Nicht toleranter, als die Frömmler, pflegen ihre Gegenfüßler,
die ~Deisten~, ~Freigeister~ und ~Religionsspötter~ von gemeiner
Art zu seyn. Ein Mann, der unglücklich genug ist, sich von der
Wahrheit, Heiligkeit und Nothwendigkeit der christlichen Religion
nicht überzeugen zu können, verdient Mitleiden, weil er einen sehr
wesentlichen Vorzug, einen kräftigen Trost im Leben und Sterben
entbehrt; er verdient mehr, als Mitleiden, er verdient Liebe und
Achtung, wenn er dabei seine Pflichten als Mensch und Bürger, so viel
an ihm ist, treulich erfüllt, und niemand in seinem Glauben irre macht.
Wenn aber die Religionsspötterei in einem lasterhaften Herzen, in der
Sucht, durch Witz und Scharfsinn zu glänzen, und in einem wahnsinnigen
Dünkel eigener Weisheit und Untrüglichkeit ihre Quelle hat, und darauf
ausgeht, Proselyten zu machen, wenn sie öffentlich mit schaalem Witze,
oder nachgebeteten voltairischen Floskeln, der Lehren spottet, auf
welche andre Menschen ihre einzige Hoffnung, ihre zeitliche und ewige
Glückseligkeit bauen; wenn der Religionsverächter verachtet, verleumdet
und schimpft, und Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt,
der nicht wie ~er~ denkt: so ist ein solcher bösartiger Thor unsrer
Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verachtung zeige, wäre
er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es für vergebliche
Mühe hält, seinem Gewäsche ernsthafte Gründe entgegenzusetzen: so
bringe man ihn wenigstens durch ernsthafte Bekämpfung zum Schweigen!


                                  29.

Ueber die Art, wie man ~schwermüthige~, ~tolle~ und ~rasende Menschen~
behandeln müsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eignes
Werk schreiben. Dieser Mann müßte Leute von der Art in und ausser den
Hospitälern aufsuchen, dieselben genau und in verschiednen Jahrszeiten
und Mondsveränderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser
Untersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge
von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier
würde eine weitläuftige Abhandlung über diesen Gegenstand auch zu viel
Raum wegnehmen, da ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen über den
Umgang mit ~nicht eingesperrten Narren~ angefüllet habe. Also nur noch
wenig Zeilen darüber!

Der wichtigste Punkt scheint bei solchen Kranken anfangs ~der~ zu seyn,
daß man die erste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man ausmittle,
ob und wie dieselben, entweder durch Zerrüttung einzelner Organe,
oder durch Gemüthsleiden, heftige Leidenschaften, oder Unglücksfälle,
entstanden seyn. Zu diesem Endzwecke muß man Acht geben, womit sich
ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserei oder Verwirrung, und
ausser denselben, beschäftige, worüber ihre Einbildungskraft brüte.
Da würde sich's denn zeigen, daß man, um diese Unglücklichen nach und
nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punkt zu wirken,
in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu
zerstören oder zu modificiren brauchte. Ferner würde es wichtig seyn,
darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter-Veränderung, Jahreszeit
und Monds-Wandlung Einfluß auf ihre Krankheit habe, um die glücklichen
Augenblicke zur Behandlung und Leitung zu nützen. Endlich habe ich
bemerkt, daß das Einsperren, und jede harte Verfahrungsart fast immer
das Uebel ärger macht. Ich muß bei dieser Gelegenheit mit wahrem,
aufrichtigem Lobe der Einrichtung Erwähnung thun, welche im Irrenhause
in Frankfurt am Mayn herrscht, und welche ich vielfältig zu beobachten
Gelegenheit gefunden habe. Man läßt dort die Wahnsinnigen, wenn es nur
irgend ohne Gefahr geschehen kann, wenigstens in ~den~ Jahrszeiten, von
welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter
unmerklicher Beobachtung frei im Hause und Garten herumgehen; und der
Zuchtmeister verfährt so sanft und liebreich mit ihnen, daß viele
derselben nach einigen Jahren völlig geheilt wieder herauskommen, und
eine größere Anzahl höchstens nur melancholisch bleibt, und allerlei
Handarbeiten zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in
manchen andern Hospitälern durch Einsperren und Härte vielleicht im
höchsten Grade wüthend geworden seyn würden.

Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand
bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welcher sie regiert
werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Eitelkeit, nährt, reizt und dann
wieder kränkt. Zwei solcher elenden Geschöpfe erinnere ich mich gesehen
zu haben. Der eine trug ein Hofnarren-Kleid an dem Hofe des Fürsten von
***. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen
und voll Witz gewesen; noch loderten davon in ruhigen Augenblicken
Flammen hervor. Er hatte studiren sollen, aber nichts gelernt, sondern
sich einem lüderlichen Leben überlassen. Als er darauf in sein
Vaterstädtchen zurückkam, behandelte man ihn als einen unwissenden
Müssiggänger, und er selbst fühlte, daß er weiter nichts war. Er
hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gänzlich arm. Von
seiner Familie und den Leuten seines Standes verstoßen, fing er nun
an, mit den Hofofficianten des Fürsten von *** sich herumzutreiben.
Seine lustigen Einfälle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses sehr
muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald vertraut mit demselben und mit
dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; doch
endigte sich das natürlicher Weise damit, daß man ihn mißbrauchte,
und als einen privilegirten Spaßmacher betrachtete. Dieß war indessen
immer noch eine Art von Existenz, die ihm behagte, so lange die
Sache in gewissen Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf
vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten umzugehen, und ihnen zuweilen
derbe Wahrheiten zu sagen. Weil diese aber sich nicht umsonst so weit
herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt
waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, anzunehmen: so
erfuhr er Demüthigungen aller Art, bekam zuweilen Schläge, und konnte
doch nun nicht mehr zurück, indem ihm seine Verwandten und Bekannten
in der Stadt mit äusserster Verachtung begegneten, und sein kleines
Vermögen geschmolzen war. -- Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde
gänzlich abhängig vom Hofe; der Fürst ließ ihm eine buntschäckigte
Kleidung machen, und es war kein Küchenjunge im Schlosse, der nicht
das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm
für einen Schoppen Wein einen Nasenstüber zu geben. Aus Verzweiflung
berauschte er sich nun täglich; und war er ja einmal nüchtern, so
nagten die Vorstellungen seiner fürchterlichen Lage, das Gefühl der
unedlen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung, neue Spässe zu
erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein aufwachender
Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Körper durch Ausschweifungen
zerrüttete. Er wurde wirklich ein Narr, und einmal so rasend, daß man
ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren mußte. Als ich ihn
sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem armseligen Zustande
umher, wurde als ein verrückter Mensch angesehen, war aber mehr ein
Gegenstand des Widerwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch
helle Augenblicke, in welchen er ungewöhnlichen Scharfsinn, Witz und
Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf
eine feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschenkenntniß
die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wußte,
ob ich nicht mehr über die Leute, die ihn so tief hinabgestoßen hatten,
als über seine Verirrungen seufzen sollte.

Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einst Verwalter
auf einem adelichen Gute gewesen, nachher aber auf Pension gesetzt
worden. Da nun solchergestalt die Herrschaft nichts mit ihm anzufangen
wußte, trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich
hochmüthig und verliebt war. Sie nannten ihn ~Fürst~, gaben ihm einen
Orden, ließen erdichtete Briefe von hohen Potentaten an ihn schreiben,
in welchen ihm entdeckt wurde, daß er eigentlich aus einem großen
Hause abstamme, aber in seiner Jugend entführt worden sey; daß der
Großsultan, welcher unrechtmäßiger Weise seine Länder besäße, ihm nach
dem Leben trachtete; daß eine griechische oder hebräische Prinzessinn
in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mußten lustige Freunde,
als Gesandte verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten; -- und
kurz! nach wenig Jahren brachte man es dahin, daß der arme Tropf
wirklich verrückt wurde, und diese Thorheiten glaubte.

Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese beiden Geschichten; der
Leser wird sie ohne meine Anweisung machen können.




                     Nachtrag des Herausgebers[3].


Es ist hier der Ort, eines Geschlechts zu gedenken, welches sich leider
seit einiger Zeit so vermehrt und verbreitet hat, daß ein zweiter
Linné nöthig wäre, um es nach allen seinen Gattungen und Arten zu
klassificiren, nämlich die ~Finsterlinge~. Ich will nur drei Hauptarten
beschreiben.

Den ersten Platz nimmt, wie billig, die Klasse der ~theologischen
Finsterlinge~ ein. Dieß ist eine alte Rasse, die vor einiger Zeit fast
im Aussterben begriffen schien, aber seit Kurzem sich dermaßen besaamt
hat, daß man sie jetzt überall wieder antrifft. Sie schimpft noch immer
auf die Vernunft, als die Wurzel alles Uebels, und verdammt daher jeden
Rationalisten als einen Naturalisten und Atheisten. Um sich durch den
weltlichen Arm zu verstärken, da sie ihre innere Schwäche wohl fühlt,
flüstert sie den Gewalthabern in's Ohr, daß sie ihr Ansehen nicht
behaupten könnten, wenn sie nicht die Forderung des blinden Glaubens
mit aller Macht unterstützten. Das Feldgeschrei der Finsterlinge ist
daher: »machet die Augen zu, daß euch die Sonne nicht blende.« --
An diese Klasse schließt sich sehr natürlich die der ~politischen
Finsterlinge~. Sie lacht zwar insgeheim über jene, da sie wohl merkt,
daß die Finsterlinge nur durch sie herrschen wollen; aber da sie aus
Erfahrung weiß, daß der weltliche Arm doch zuletzt über den geistlichen
siegt, so nimmt sie die Empfehlung des blinden Glaubens utiliter
an, um damit die Forderung des blinden Gehorsams zu unterstützen.
Die politischen Finsterlinge behaupten demnach, daß, wie nach dem
Emanazionssysteme der morgenländischen Weltweisen alle Dinge von Gott
ausgeflossen seyen, so auch die fürstliche Gewalt unmittelbar von der
göttlichen abstamme: daß sonach die Fürsten, wie Gott, lauter Rechte
ohne Pflichten, die Völker hingegen lauter Pflichten ohne Rechte haben;
daß eben darum von Verträgen zwischen Fürsten und Völkern, und von
Verfassungen, wodurch die Ausübung der fürstlichen Gewalt gesetzlich zu
bestimmen sey, gar nicht die Rede seyn dürfe. Wie nun der ersten Klasse
das Wort Vernunft ein Gräuel ist, so der zweiten das Wort Freiheit;
denn Freiheit, meint sie, sey nur das Losungswort der Rebellen gegen
die Fürsten, wie Vernunft das Losungswort der Rebellen gegen die
Gottheit. Auch hat sie eine Menge von Geschichten bei der Hand, woraus
erhellen soll, daß die Freiheit überall in zügellose Frechheit ausarte
(besonders die Preßfreiheit), und Revolutionen erzeuge, wenn man sie
nur im mindesten gewähren lasse. Das Feldgeschrei dieser Klasse ist
daher: »laßt euch an Ketten legen, damit ihr nicht auf die Nase fallet.«

Die dritte Klasse kann man die ~ästhetisch-philosophischen
Finsterlinge~ nennen. Diese ziehen gegen den Verstand zu Felde, und
halten es bloß mit dem Gefühle. Jener, sagen sie, kann sich nur in
prosaischer Nüchternheit aussprechen, und tummelt sich auf dem Gebiete
hohler Begriffe herum, dieses aber hebt den Menschen in poetischer
Trunkenheit bis zur unmittelbaren Anschauung des Absoluten selbst.
Daher reden sie in lauter Bildern, Orakeln und Hieroglyphen, die sie
selbst nicht verstehen, und finden es ganz unausstehlich, wenn jemand
es wagt, über irgend einen Gegenstand der Wissenschaft oder Kunst ein
klares, bestimmtes und verständliches Wort zu sprechen. Alles ist
ihnen Eins: Philosophie und Poesie, Kunst und Religion, Staat und
Kirche, Thier und Pflanze, Organisches und Unorganisches, Endliches und
Unendliches; denn alles schauen sie in mystischer Verzuckung mit einem
und demselben Gefühle der Sehnsucht und Liebe an. »Fühlt, fühlt, fühlt!
ist daher ihr Wahlspruch, und solltet ihr auch den Verstand darüber
verlieren!«

Was wollen denn nun aber alle diese Finsterlinge? Wollen sie sich
in ihrer Blindheit gegen den gewaltigen Strom des geistigen Lebens
stemmen, und bewirken, daß er rückwärts wieder dahin fließe, wovon er
ausgegangen ist? Die ohnmächtigen Thoren! Der Strom wird unaufhaltsam
nach ewigen Gesetzen fortfließen, und sie, selbst wider ihren Willen,
mit sich fortreißen, oder -- verschlingen.

So weit der Verf. im Freimüthigen. Es frägt sich: wie man diese
Finsterlinge im gesellschaftlichen Umgange behandeln, und wie man sie
bekämpfen und ihnen entgegen wirken solle. Daß ein großes Verdienst
hiebei zu erwerben sey, darf wohl nicht erst gesagt werden; eben so
wenig, daß große Unbefangenheit, Festigkeit und Freimüthigkeit, auch
ein wenig Witz und Scharfsinn dazu gehöre, um sie zum Schweigen zu
bringen, oder wenigstens unangesteckt zu bleiben. Menschen dieser Art
mögen gern durch einen entscheidenden und vornehmen Ton imponiren
und abschrecken; sie mögen sich nicht gern auf Gründe einlassen; sie
haben allerlei Kunstgriffe, wodurch sie dem, der sie mit Gründen und
mit kalter Fassung bekämpft, auszuweichen suchen, oder ihn wo möglich
in Verdacht bringen; sie wissen sich das Ansehen des lebendigsten
Eifers für die Wahrheit zu geben. Durch das alles suchen sie sich ein
Uebergewicht zu verschaffen. Bei dem weiblichen Geschlecht sind sie
wohl angesehen, weil sie seinem Hange zum Schwärmen Nahrung geben, und
es im Helldunkel umherführen. Man wird sie am glücklichsten bekämpfen,
wenn man ihnen eine kalte Besonnenheit und Ruhe entgegensetzt, sie bei
dunklen Redensarten und mystischen Kunstgriffen fest hält, und sich
Erläuterung ausbittet, als wolle man sich von ihnen belehren, und in
ihre Weisheit einweihen lassen; wenn man ihnen allerlei Fragen vorlegt,
durch welche sie genöthigt sind, sich näher zu erklären; wenn man sie
mit Zweifeln bestürmt, und aus ihren Behauptungen Folgerungen zieht,
deren Widersinnigkeit einleuchtet; wenn man solchen Namen, die sie als
unverwerfliche Autoritäten anführen, eben so berühmte entgegenstellt,
die das Recht der Vernunft, zu prüfen und zu forschen, dargethan
und vertheidigt haben; wenn man ihnen besonders den Stifter des
Christenthums, und die Reformatoren, als solche in's Gedächtniß bringt,
die ihren Zeitgenossen das Licht der Vernunft leuchten ließen, und sie
durch ihre ganze Lehrweise ermunterten und nöthigten, ihre Vernunft zu
gebrauchen, dem Alten, wenn es die Prüfung nicht aushielt, zu entsagen,
und das Neue, weil es besser begründet war, dafür anzunehmen. Man
erinnere sie an die Scheiterhaufen, welche die Zeit der Finsterniß
gebaut, und an die Religionskriege, die sie entzündet hat, und frage
sie, ob sie im Ernst wünschen könnten, diese Zeiten mit ihrem blinden
Glauben und ihrer Verketzerungssucht wiederkehren zu sehen. Wer die
Vernunft verdächtig macht (so erkläre man sich männlich gegen sie),
der kündigt aller Wissenschaft und aller wahren Bildung den Krieg an,
und zerstört alle Freiheit, allen Gedanken-Verkehr, und allen wahren
Geistesgenuß; der verwandelt die Schulen in Blinden-Anstalten, die
Hörsäle in Zuchthäuser, die Kirchen in Schauspielhäuser, die Herrschaft
in Sclaverei; der erklärt, daß er auf den Vorzug, selbst zu denken,
Verzicht leiste, und bei gesunden Augen und gesunden Füßen sich
lebenslang als einen Blinden wolle führen lassen.

Nichts dürfte in unsern Tagen schwerer seyn, als bei guter Vernunft und
wahrer Unbefangenheit des Geistes zu bleiben, denn es wird immer mehr
herrschender Ton, das Begreifliche zu verwerfen, und das Unbegreifliche
als die höchste Weisheit zu rühmen und zu preisen, das Alte zu
bewundern, zu erheben und zu loben, müßte es auch mit Verleugnung
alles guten Geschmacks und aller gesunden Vernunft geschehen; und
den Gefühlen die Entscheidung zu überlassen, müßte auch darüber alle
Lebensweisheit zu Grunde gehen. Glücklicher Weise hat sich noch eine
gute Zahl von Verständigen und Einsichtsvollen unter uns nüchtern, und
bei gesunder Vernunft erhalten, und so ist denn nicht zu fürchten, daß
es den Finsterlingen gelingen werde, das Licht auszublasen, welches
eine bessere Zeit angezündet hat.




                               Ueber den

                         Umgang mit Menschen.




                            Zweiter Theil.

                              Einleitung.


Der erste Theil dieses Buchs enthält Bemerkungen über den Umgang
mit Menschen von allerlei Art, ohne Rücksicht auf ihre besondern
Verhältnisse unter einander. Die mannigfaltigen natürlichen, häuslichen
und bürgerlichen Verbindungen aber erfordern verschiedene Anwendung
der Regeln des Umgangs und neue Vorschriften für einzelne Fälle. Ich
rede daher in diesem zweiten Theile zuerst von demjenigen, was wir in
der menschlichen Gesellschaft zu beobachten haben, in so fern wir auf
Verschiedenheit des Alters und des Geschlechts, auf Blutsfreundschaft,
auf die ersten Bande des häuslichen Lebens und auf Freundschaft,
Liebe, Dankbarkeit, Wohlwollen, endlich auf die Lagen mancher Art, in
welche Menschen aus allen Ständen gerathen können, unser Augenmerk
richten. Der dritte Theil aber wird die Pflichten entwickeln, die
uns Stand, bürgerliche Verbindung, Uebereinkunft und alle übrigen
zusammengesetztern Verhältnisse auflegen.




                            Erstes Kapitel.

        Von dem Umgange unter Menschen von verschiedenem Alter.


                                  1.

Der Umgang unter Menschen von gleichen Jahren scheint freilich viel
Vorzüge und Annehmlichkeit zu haben. Aehnlichkeit in der Denkungsart,
und wechselseitige Austauschung solcher Ideen, die gleich lebhaft die
Aufmerksamkeit und die Theilnahme erregen, ketten die Menschen an
einander. Jedem Alter sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche
Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert sich die Stimmung; man
rückt nicht so fort mit dem Geschmacke und der Mode; das Herz ist nicht
mehr so warm, faßt nicht so leicht Interesse an neuen Gegenständen;
Lebhaftigkeit und Phantasie werden herabgestimmt; manche glückliche
Täuschungen sind verschwunden; viel Gegenstände, die uns theuer waren,
sind um uns her abgestorben, entwichen, unsern Augen entrückt; die
Gefährten unserer glücklichen Jugend sind fern von uns, oder schlummern
schon im Grabe; der Jüngling hört die Erzählungen von den Freuden
unserer schönsten Jahre nur aus Gefälligkeit ohne Gähnen an. Gleiche
Erfahrungen geben reichhaltigern Stoff zur Unterhaltung, als wenn das,
was ein Mensch erlebt hat, dem Andern ganz fremd ist. -- Das alles
leidet keinen Widerspruch; doch rückt Verschiedenheit der Temperamente,
der Erziehung, der Lebensart und der Erfahrungen diese Grenzlinien
oft vor und zurück. Viele Menschen bleiben in gewissem Betrachte ewig
Kinder, indeß Andere vor der Zeit Greise werden. Der an Leib und Seele
abgestumpfte Jüngling, der alle Welt-Lüste bis zum Ekel geschmeckt hat,
findet freilich wenig Genuß im Kreise junger unschuldiger Landleute,
die noch Sinn für einfache Freuden haben: und der alte Biedermann, der
nicht weiter, als höchstens in einem Umkreise von fünf Meilen sich
von seiner Heimath entfernt hat, ist unter einem Haufen erfahrner und
belebter Residenz-Bewohner, mit ihm von gleichem Alter, eben so wenig
an seinem Platze, wie ein betagter Kapuziner in einer Gesellschaft
von alten Gelehrten. Dagegen aber binden auch manche Neigungen, zum
Beispiel die noblen Passionen der Jagd, des Spiels, der Medisance
und des Trunks, vielfältig Greise, Jünglinge und alte Weiber recht
herzlich an einander; diese Ausnahme von jener allgemeinen Bemerkung,
von der Bemerkung: daß der Umgang unter Leuten von gleichen Jahren viel
Vorzüge habe, kann indessen die Vorschriften nicht unkräftig machen,
die ich jetzt über das Betragen, welches man im Umgange mit Menschen
von verschiedenem Alter zu beobachten hat, mittheilen will. Nur muß
ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Es ist nicht gut, wenn eine zu
bestimmte Absonderung unter Personen von verschiedenem Alter Statt
findet, wie es zum Beispiel lange in Bern war, wo fast jedes Stufenjahr
seine eignen, angewiesenen, gesellschaftlichen Cirkel hatte, so daß,
wer vierzig Jahre alt war, anständiger Weise nicht mit einem Jünglinge
von fünf und zwanzig Jahren umgehen konnte. Die Nachtheile eines
solchen conventionellen Gesetzes sind wohl nicht schwer einzusehen.
Der Ton, den die Jugend annimmt, wenn sie immer sich selbst überlassen
ist, pflegt nicht der sittlichste zu seyn; manche gute Einwirkung wird
verhindert; und alte Leute bestärken sich in der Selbstsucht, im Mangel
an Duldung, und werden mürrische Hausväter, wenn sie keine andre, als
solche Menschen um sich sehen, die mit ihnen gemeinschaftliche Sache
machen, sobald von Lobeserhebung alter Zeiten und Heruntersetzung der
gegenwärtigen, deren Ton und Vorzüge sie nie kennen lernen, die Rede
ist.


                                  2.

Selten nehmen ältere Leute so billige Rücksicht, daß sie sich in
Gedanken an die Stelle jüngerer Personen setzten, die Freuden derselben
nicht störten, sondern vielmehr zu befördern, und durch Theilnahme zu
erhöhen suchten. Sie denken sich nicht in ihre eigenen Jugendjahre
zurück; Greise verlangen von Jünglingen dieselbe ruhige, nüchterne,
kaltblütige Ueberlegung, Abwägung des Nützlichen und Nöthigen gegen
das Entbehrliche, dieselbe Gesetztheit, die ihnen Jahre, Erfahrung
und physische Herabspannung gegeben haben. Die Spiele der Jugend
scheinen ihnen unbedeutend, die Scherze leichtfertig. Es ist aber
auch wahrlich erstaunlich schwer, sich so ganz in die Lage zurück zu
denken, in welcher wir vor zwanzig oder dreißig Jahren waren, und bei
dem besten Willen entstehen daraus manche unbillige Urtheile und manche
Uebereilungen bei Erziehung der Jugend. -- O! lasset uns doch lieber
selbst so lange als möglich jung bleiben, und, wenn der Winter unsers
Lebens unser Haar bleicht, und nun das Blut langsamer durch die Adern
rollt, das Herz nicht mehr so warm und laut im Busen pocht, doch mit
theilnehmender Freude auf unsre jüngern Brüder herabsehen, die noch
Frühlings-Blumen pflücken, wenn wir, dicht eingehüllt, am häuslichen,
väterlichen Heerde Ruhe suchen! Lasset uns nicht durch platte
Gemeinsprüche die süßen Freuden der Phantasie niederpredigen! Wenn wir
zurückschauen auf ~jene seligen Tage~, wo ein einziger Liebesblick des
holden Mädchens, das jetzt eine alte runzligte Matrone ist, uns bis
in den dritten Himmel entzückte; wo bei Musik und Tanz jede Nerve in
uns wiederhallte; wo Scherz und Witz jeden trüben Gedanken verjagten;
wo süße Träume, Ahndungen und Hoffnungen, unser Leben erheiterten; --
o! so lasset uns doch diese glückliche Periode bei unsern Kindern
zu verlängern trachten, und, so viel möglich, an ihrem Wonnegefühle
Theil nehmen! Mit zärtlicher Ehrerbietung drängen sich dann Kind,
Knabe, Mädchen und Jüngling um den freundlichen alten Mann, der sie
zu unschuldiger Fröhlichkeit aufmuntert. Ich bin als Jüngling mit so
liebenswürdigen alten Damen umgegangen, daß ich wahrlich, wenn ich die
Wahl gehabt hätte, an ihrer Seite lieber mein Leben hingebracht haben
würde, als bei manchen hübschen, jungen Mädchen; und wenn bei großen
Tafeln mich, als einen jungen Menschen, die Reihe traf, neben einer
geistesarmen Schönheit Platz zu nehmen, habe ich oft den Mann beneidet,
dem sein Rang ein Recht gab, der Nachbar einer verständigen, muntern
alten Frau zu seyn.


                                  3.

So schön aber diese gutmüthige Herablassung zu der Stimmung der Jugend
ist, so lächerlich muß es uns vorkommen, wenn ein Greis so sehr Würde
und Anstand verleugnet, daß er in Gesellschaft den Stutzer oder den
lustigen Studenten spielt; wenn die Dame ihre vier Lustra vergißt,
sich wie ein junges Mädchen kleidet, herausputzt, kokettirt, die
alten Gliedmaßen beim Tanze durch einander wirft, oder gar späteren
Generationen Eroberungen streitig machen will. Solche Scenen bewirken
Verachtung: nie müssen Personen von gewissen Jahren Gelegenheit geben,
daß die Jugend ihrer spotte, und die Ehrerbietung, oder irgend eine der
Rücksichten vergesse, die man ihnen schuldig ist.


                                  4.

Es ist indessen nicht genug, daß der Umgang älterer Leute den jüngern
nicht lästig und hinderlich werde: er muß ihnen auch Nutzen schaffen.
Eine größere Summe von Erfahrungen berechtigt und verpflichtet Jene,
Diese zu unterrichten, zurechtzuweisen, ihnen durch Rath und Beispiel
nützlich zu werden. Dieß muß aber ohne Pedanterei, ohne Stolz und
Anmaßung geschehen, ohne auf eine lächerliche Weise alles anzupreisen,
was alt, und alles zu verwerfen, was neu ist, ohne beständige Huldigung
und unterthänige Aufwartung zu fordern, ohne Langeweile zu erregen, und
ohne sich aufzudringen. Man soll sich vielmehr aufsuchen lassen; und
das wird gewiß nicht fehlen, da gutgeartete junge Leute sich's zur Ehre
zu rechnen pflegen, mit freundlichen und verständigen Greisen umgehen
zu dürfen, und es der Unterhaltung mit einem solchen, der so Manches
gesehen und erlebt hat, und davon gut zu erzählen weiß, nicht an Reiz
fehlt.


                                  5.

So viel über das Betragen bejahrter Personen gegen jüngere Leute! Jetzt
noch etwas von dem Betragen der Jünglinge im Umgange mit Männern und
Greisen!

In unsern, von Vorurtheilen so säuberlich gereinigten, aufgeklärten
Zeiten werden manche Empfindungen, welche die Natur uns eingeprägt hat,
wegvernünftelt. Dahin gehört denn auch das Gefühl der Ehrerbietung
gegen das hohe Alter. Unsre Jünglinge werden früher reif, früher klug,
früher gelehrt; durch fleißige Lectüre, besonders der wohlgefüllten
Journale, ersetzen sie, was ihnen an Erfahrung und Einsicht fehlt;
dieß macht sie so weise, über Dinge entscheiden zu können, wovon man
ehemals glaubte, es würde vieljähriges, ämsiges Studium dazu erfordert,
nur einigermaßen ~klar~ darinn zu ~sehen~. Daher entsteht auch jenes
kühne Selbstvertrauen und jene stolze Zuversicht, die schwächere Köpfe
für Unverschämtheit halten, jene Ueberzeugung des eignen Werths, mit
welcher unbärtige Knaben heut zu Tage auf alte Männer herabsehen, und
alles verwerfen und verurtheilen, was nicht mit ihrer untrüglichen
Ansicht übereinstimmt. Das Höchste, was ein Mann von ältern Jahren
von diesen gestrengen Richtern erwarten darf, ist gnädige Nachsicht,
züchtigende Kritik, wohlmeinende Zurechtweisung und Mitleiden mit ihm,
der das Unglück gehabt hat, nicht in diesen glücklichen Tagen, in
welchen die Weisheit, ungesäet und ungepflegt, wie Manna vom Himmel
regnet, geboren worden zu seyn. Ich, der ich auch das Schicksal gehabt
habe, in einem Jahre zur Welt zu kommen, in welchem der größte Theil
der Polyhistoren, von denen ich hier rede, ihre jetzt so scharfen Zähne
noch am Wolfszahn übten, oder gar noch Embryonen waren, -- ich habe
es nicht zu jenem Grade der Aufklärung bringen können, und muß daher
um Verzeihung bitten, wenn ich hier einige Regeln zu geben wage, die
ziemlich nach der alten Mode schmecken werden. -- Doch zur Sache!


                                  6.

Es gibt viel Dinge in dieser Welt, die sich durchaus nicht anders, als
durch Erfahrung lernen lassen; es gibt Wissenschaften, die durchaus
ein anhaltendes Studium, vielfaches Betrachten von verschiednen
Seiten, und kältres Blut erfodern, daß ich glaube, auch das feurigste
Genie, der feinste Kopf, sollte einem bejahrten Manne, der, selbst bei
schwächern Geistesgaben, Alter und Erfahrung auf seiner Seite hat,
in den mehrsten Fällen einiges Zutrauen, einige Aufmerksamkeit nicht
versagen. Und wäre auch nicht von wissenschaftlichen Fächern die Rede,
so ist doch wohl im Ganzen unleugbar, daß die Summe mannigfaltiger
Erfahrungen, die jeder in der Welt lebende Mann in einer langen Reihe
von Jahren einsammelt, ihn in den Stand setzt, schwankende Ideen zu
berichtigen, idealische Grillen zu vertreiben und diejenigen zurecht
zu weisen, die von ihrer aufgeregten Phantasie, ihrem warmen Blute
und reizbaren Nerven irre geführt werden, und sie dahin zu bringen,
daß sie die Menschen und die Dinge um sich her aus einem richtigern
Gesichtspunkte betrachten. Endlich dünkt es mich so schön, so edel,
Dem, welcher nun nicht lange mehr die Genüsse und Freuden dieser
Welt schmecken kann, den Rest seines Lebens, in welchem gewöhnlich
Sorgen und Kümmernisse zunehmen und der Genuß abnimmt, so leicht als
möglich zu machen, daß ich kein Bedenken trage, dem Jünglinge und
Knaben die uralte Lehre auf's neue zuzurufen: »Vor einem grauen Haupte
sollst Du aufstehen! Ehre das Alter! Suche den Umgang ältrer kluger
Leute! Verachte nicht den Rath der kältern Vernunft, die Warnung des
Erfahrnen! Thue dem Greise, was Du willst, daß man Dir thun solle, wenn
einst Deiner Scheitel Haar versilbert seyn wird! Pflege seiner, und
verlaß ihn nicht, wenn die wilde, leichtfertige Jugend ihn flieht!«

Uebrigens aber ist es auch gewiß, daß es sehr viele alte Gecke gibt,
an welchen sich das Sprichwort: »Alter schadet der Thorheit nicht,«
bewährt, und dagegen hie und da weise Jünglinge, die schon geerntet
haben, wo Andre noch kaum ihr Handwerksgeräthe zum Graben und Pflügen
schleifen.


                                  7.

Nun noch etwas von dem Umgange mit Kindern; aber nur sehr wenig!
Denn hiervon weitläuftig reden, das hieße, ein Werk über Erziehung
schreiben, und dieß ist ja nicht mein Zweck.

Der Umgang mit Kindern hat für einen verständigen Mann unendlich
viel Interesse. Hier sieht er das Buch der Natur in unverfälschter
Ausgabe aufgeschlagen. Er sieht den wahren, einfachen Grundtext, den
man nachher nur unter dem Wuste von fremden Glossen, Verzierungen und
Verbrämungen herausfinden kann; die Anlage zu der Eigenthümlichkeit
des Charakters, die nachher leider gewöhnlich entweder ganz verloren
geht, oder sich hinter der Larve der feinern Lebensart und hinter
conventionelle Rücksichten versteckt, liegt noch offen da: über viele
Dinge urtheilen Kinder, von Systemgeist, Leidenschaft und Gelehrsamkeit
unverführt, weit richtiger, als Erwachsene; sie empfangen manche
Eindrücke weit schneller, haben noch eine große Anzahl Vorurtheile
weniger gefaßt. -- Kurz, wer Menschen studiren will, der versäume
nicht, sich unter Kinder zu mischen! Allein der Umgang mit denselben
erfordert auch eine Vorsicht und Behutsamkeit, eine Klugheit und
Selbstbeherrschung, die im Umgange mit ältern Personen unnöthig ist.
Heilige Pflicht ist es, ihnen auf keine Weise Aergerniß zu geben; sich
leichtfertiger Reden und Handlungen zu enthalten, die von niemand so
lebhaft, als von den, auf alles Neue so aufmerksam horchenden, und
Alles so fein beobachtenden Kindern aufgefangen werden; ihnen in jeder
Art Tugend, in Wohlwollen, Treue, Aufrichtigkeit und Anständigkeit
Beispiel zu geben; -- kurz, zu ihrer Bildung alles nur Mögliche
beizutragen.

Immer herrsche Wahrheit in Deinen Reden und in Deinem Betragen gegen
diese jungen Geschöpfe! Laß Dich herab (jedoch nicht auf eine Weise,
die ihnen selbst lächerlich vorkommen muß) zu dem Tone, der ihnen nach
ihrem Alter verständlich ist! Zerre, täusche und necke die Kinder
nicht, wie einige Leute die Gewohnheit haben! -- das hat böse Einflüsse
auf den Charakter.

Gutgeartete Kinder werden durch einen ganz eignen Sinn zu edlen,
liebevollen Menschen hingezogen, wenn diese sich auch nicht besonders
mit ihnen zu thun machen, da sie hingegen Andre fliehen, ob sie ihnen
gleich ausserordentlich gefällig sind. Reinheit, Güte und Einfalt des
Herzens, ist das große Zauberband, wodurch dieß bewirkt wird, und dafür
lassen sich also keine Vorschriften geben.

Daß das Herz des Vaters und der Mutter an ihren Kindern hängt, ist sehr
natürlich; eine Klugheits-Regel ist es also, wenn uns an der Gunst
der Eltern gelegen ist, ihre geliebten Kinder nicht zu übersehen,
sondern ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen! Weit entfernt von
uns aber bleibe es, den ungezogenen Knaben und Mädchen der Großen
niederträchtiger Weise zu schmeicheln, dadurch den Hochmuth, den
Eigensinn und die Eitelkeit dieser mehrentheils schon so sehr
verderbten kleinen Geschöpfe zu nähren, und ihre moralische Ausartung
recht geflissentlich zu befördern, indem man das Grundgesetz der Natur
übertritt, welches gebietet, daß das Kind dem reifen Alter, nicht aber
der Mann dem Knaben huldige!

Vor allen Dingen hüte man sich auch, wenn Eltern in unserer Gegenwart
ihren Kindern Verweise geben, die Parthei der Kinder zu nehmen! denn
dadurch werden diese in ihrer Unart bestärkt, und jene in ihrem
Erziehungsplane gestört.




                           Zweites Kapitel.

       Von dem Umgange unter Eltern, Kindern und Blutsfreunden.


                                  1.

Das erste und natürlichste Band unter den Menschen, nächst der
Vereinigung zwischen Mann und Weib, ist von jeher das Band zwischen
Eltern und Kindern gewesen. Wenn gleich die Erzeugung an sich nicht
eigentlich absichtliche Wohlthat für die neue Generation ist, so gibt
es doch wohl wenig Menschen, die nicht ganz gut damit zufrieden wären,
daß jemand sich die Mühe gegeben hat, sie in die Welt zu setzen; und
obgleich in unsern Staaten die Eltern ihre Kinder nicht bloß aus freiem
Willen auferziehen, nähren und pflegen, so ist es doch abgeschmackt,
zu sagen: die Sorge und Beschwerde, welche dieß erfordert und nach
sich zieht, lege keine Art von Verbindlichkeit auf, oder: es sey nicht
wahr, daß ein Zug von Wohlwollen, Sympathie und Dankbarkeit uns denen
Personen näher bringe, deren Fleisch und Blut wir sind, unter deren
Herzen wir gelegen, die uns genährt, für uns gewacht, gesorgt, die
alles mit uns getheilt haben. Es ist Versündigung gegen die Natur, dieß
zu behaupten.

Unmittelbar auf diese folgt die Verbindung unter den Zweigen ~eines~
Stammes. Die Mitglieder derselben Familie, durch ähnliche Organisation,
gleichförmige Erziehung und gemeinschaftliches Interesse harmonisch
gestimmt und an einander geknüpft, fühlen für einander, was sie für
Fremde nicht fühlen; und fremder werden ihnen die Menschen, je mehr
sich dieser Kreis erweitert.

Vaterlands-Liebe ist schon ein zusammengesetzteres Gefühl,
aber immer noch inniger, wärmer und lebhafter, als Weltbürger-Geist,
für einen Menschen, der nicht, früh verwiesen aus der bürgerlichen
Gesellschaft, ein Abentheurer geworden ist, und von Land zu Land
irrend, kein Eigenthum und keinen Sinn für bürgerliche Pflichten
gewonnen hat. Wer die Mutter nicht liebt, deren Brüste er gesogen hat;
wessen Herz bei dem Anblicke der Gefilde nicht warm wird, in welchen
er die unschuldigen, glücklichen Jahre seiner Jugend fröhlich und
sorgenlos verlebt hat: -- was für ein Eifer oder welche Theilnahme
für das Wohl der Gesellschaft läßt sich von einem Solchen erwarten,
da Eigenthum, Moralität, und alles, was den Menschen auf dieser Erde
irgend theuer seyn kann, doch am Ende auf Erhaltung und Werthschätzung
jener Familien- und Vaterlands-Bande beruhet?

Daß aber diese Bande täglich lockrer werden, beweist nichts, als
daß wir uns täglich weiter von der edlen Ordnung der Natur und
deren Gesetzen entfernen; und wenn ein schiefer Kopf, den sein
Vaterland als ein unbrauchbares Mitglied ausstößt, weil er sich den
Gesetzen nicht unterwerfen will, unzufrieden mit dem Zwange, den
ihm Sittlichkeit und bürgerliches Gesetz auflegen, behauptet, es
sey des Philosophen würdig, alle engere Verbindungen aufzulösen,
und kein anderes Band anzuerkennen, als das allgemeine Bruderband
unter allen Erdbewohnern: so beweist das nichts weiter, als daß
keine Behauptung so widersinnig und so närrisch ist, die nicht in
unsern Tagen in irgend einem philosophischen Systeme als Grundpfeiler
aufgestellt würde. -- Glückliches Jahrhundert, in welchem man so große
Entdeckungen macht, wie zum Beispiel: daß man, um lesen zu lernen,
nicht mit den Buchstaben und Silben bekannt zu seyn brauche, und
daß man, um alle Menschen zu lieben, keinen Einzelnen lieben dürfe!
Jahrhundert der Universal-Arzeneien, der Philalethen, Philantropen,
Alchymisten und Cosmopoliten! wohin wirst Du uns noch führen? Ich sehe
im Geiste allgemeine Aufklärung sich über alle Stände verbreiten;
ich sehe den Bauer seinen Pflug müßig stehen lassen, um dem Fürsten
über Gleichheit der Stände und über die Schuldigkeit, die Last des
Lebens gemeinschaftlich zu tragen, eine Vorlesung zu halten; ich
sehe, wie Jeder die ihm unbequemen Vorurtheile wegraisonnirt, wie
Gesetze und bürgerliche Einrichtung der Willkühr weichen, wie der
Klügre und Stärkre sein natürliches Herrscher-Recht zurückfordert,
und seinen Beruf, für das Beste der ganzen Welt zu sorgen, auf Kosten
der Schwächern gültig macht; wie Eigenthum, Staats-Verfassungen und
Grenzlinien aufhören, wie Jeder sich selbst regiert, und sich ein
System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. -- O gebenedeietes,
goldenes Zeitalter! dann machen wir Alle nur ~eine~ Familie aus; dann
drücken wir den edeln, liebenswürdigen Menschenfresser brüderlich an
unsre Brust, und wandeln, wenn dies Wohlwollen sich erweitert, endlich
auch mit dem genialen Orang-Outang Hand in Hand durch dies Leben. Dann
fallen alle Fesseln ab; dann schwinden alle Vorurtheile; ich brauche
nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen, habe nicht nöthig, mich
mit ~einem~ Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbars
Geldkasten ist kein Hinderniß, mein angeborenes Recht auf das Gold, das
die mütterliche Erde uns Allen darreicht, in Ausübung zu bringen[4].

So weit sind wir nun aber noch nicht gekommen; und da es viele Menschen
gibt, unter die auch ich gehöre, die sich von der Schwachheit nicht
losmachen können, ihre Verwandten zu lieben, und Sinn für häusliche
Freuden, für das Familienband zu haben, so will ich doch hier einige
Bemerkungen über den Umgang unter Blutsfreunden liefern.


                                  2.

Es gibt Eltern, die, in einem beständigen Wirbel von Zerstreuungen
umhergetrieben, ihre Kinder kaum ein Paar Stunden des Tages sehen,
ihren Vergnügungen nachrennen, und indeß Miethlingen die Bildung ihrer
Söhne und Töchter überlassen, oder, wenn diese schon erwachsen sind,
mit ihnen auf einem so fremden, höflichen Fuße leben, als ob sie ihnen
gar nicht angehörten. Wie unnatürlich und unverantwortlich ein solches
Verfahren sey, das bedarf wohl keines Beweises. Es gibt aber andre
Eltern, die von den Kindern eine so sclavische Ehrerbietung und so viel
peinliche Rücksichten und Aufopferungen fordern, daß durch den Zwang
und den gewaltigen Abstand, der hieraus entsteht, alles Zutrauen, alle
Herzens-Ergießung wegfällt, so daß den Kindern die Stunden, welche
sie an der Seite ihrer Eltern hinbringen müssen, fürchterlich und
langweilig vorkommen. Noch Andre vergessen, daß Knaben auch endlich
Männer werden; sie behandeln ihre erwachsenen Söhne und Töchter immer
noch wie kleine Unmündige, gestatten ihnen nicht den geringsten freien
Willen, und trauen den Einsichten derselben nicht das Mindeste zu.
-- Das alles sollte nicht so seyn. Ehrerbietung besteht nicht in
feierlicher, kalter und strenger Entfernung, sondern kann recht gut
mit liebevoller Vertraulichkeit und freier Mittheilung bestehen. Man
liebt Den nicht, an welchen man kaum hinauf zu schauen wagen darf;
man vertrauet sich dem nicht, der immer mit steifem Ernste Gesetz
predigt; Zwang tödtet alle edle, freiwillige Hingebung. Was kann
hingegen entzückender seyn, als der Anblick eines geliebten Vaters
mitten unter seinen erwachsenen Kindern, die nach seinem weisen und
freundlichen Umgange sich sehnen, keinen Gedanken ihres Herzens vor
~dem~ verbergen, der ihr treuester Rathgeber, ihr nachsichtsvoller
Freund ist, der an ihren unschuldigen, jugendlichen Freuden Theil
nimmt, oder sie wenigstens nicht stört, und mit ihnen als mit seinen
besten und natürlichsten Freunden lebt! -- Eine Verbindung, zu welcher
sich alle Empfindungen vereinigen, die nur den Menschen theuer seyn
können. -- Stimme der Natur, Sympathie, Dankbarkeit, Aehnlichkeit des
Geschmacks, gleiches Interesse und Gewohnheit des Umgangs! Allein diese
Vertraulichkeit kann auch übertrieben werden, und ich kenne Väter und
Mütter, die sich dadurch verächtlich machen, daß sie die Gefährten der
Ausschweifungen ihrer Kinder, oder gar, wenn diese besser sind, als sie
selbst, mit ihren Lastern, die sie nicht einmal zu verbergen suchen,
das Gespötte oder der Abscheu derer werden, denen sie ein Vorbild der
Tugend seyn sollten.


                                  3.

Es ist in unsern Tagen nichts Seltenes, Kinder zu sehen, die ihre
Eltern vernachlässigen, oder undankbar, unehrerbietig und unedel
behandeln. Die Jünglinge finden ihre Väter nicht weise, nicht
unterhaltend, nicht aufgeklärt genug. Das Mädchen hat Langeweile bei
der alten Mutter, und vergißt, wie manche langweilige Stunde diese
bei seiner Wiege, bei Wartung desselben in gefährlichen Krankheiten,
oder bei den kleinen schmutzigen Arbeiten zugebracht, wie sie sich in
den schönsten Jahren ihres Lebens so manches Vergnügen versagt hat,
um für die Erhaltung und Pflege des kleinen ekelhaften Geschöpfs zu
sorgen, das vielleicht ohne diese Sorgfalt nicht mehr da seyn würde.
Die Kinder vergessen, wie viel schöne Stunden sie ihren Eltern durch
ihr betäubendes Geschrei verdorben, wie viel schlaflose Nächte sie
dem sorgsamen Vater gemacht haben, der alle Kräfte aufbot, für seine
Familie zu arbeiten, der sich so manche Bequemlichkeit entziehen,
so mancher Beschwerde unterwerfen, und vielleicht vor Schurken sich
krümmen mußte, um Unterhalt für die Seinigen zu erringen. Gutgeartete
Gemüther werden indessen nie so sehr das Gefühl der Dankbarkeit
ersticken, daß sie meiner Ermahnungen bedürften; und für niedre Seelen
schreibe ich nicht. Nur erinnere ich, daß, wenn auch Kinder Ursache
hätten, sich der Schwachheiten, oder gar der Laster ihrer Eltern
zu schämen, sie doch weiser und edler handeln, wenn sie die Fehler
derselben so viel möglich zu verstecken suchen, und im äussern Umgange
nie die Ehrerbietung aus den Augen setzen, die sie ihnen auch selbst
bei Verirrungen und Fehltritten schuldig sind. Segen des Himmels
und Achtung aller gutgesinnten Menschen sind der sichere Preis der
Sorgfalt, welche die Söhne und Töchter auf die Pflege, Erhaltung und
liebevolle Behandlung ihrer Eltern verwenden. Traurig ist die Lage
eines Kindes, welches durch die Uneinigkeit, in welcher seine Eltern
leben, oder durch ihre leidenschaftlichen Ausbrüche in Verlegenheit
geräth, Parthei ~für~ oder ~gegen~ Vater oder Mutter nehmen zu sollen.
Vernünftige Eltern werden es aber immer sorgfältig vermeiden, ihre
Kinder in solche unglückliche Zwistigkeiten zu verwickeln, und gute
Kinder werden dabei mit Vorsichtigkeit und Zartgefühl zu Werke gehen,
und sich eben so sehr von Redlichkeit und Klugheit leiten lassen.


                                  4.

Man hört so oft darüber klagen, daß man unter fremden Leuten mehr
Schutz, Beistand und Anhänglichkeit finde, als bei seinen nächsten
Blutsfreunden; allein ich halte diese Klage größtentheils für
ungerecht. Freilich gibt es unter Verwandten Menschen ohne Liebe und
Theilnahme, und in einer zahlreichen Familie müssen sie allerdings
häufiger vorkommen, so daß wohl Mancher unter Fremden mehr Wohlwollen
und Zuneigung findet, als unter seinen nächsten Anverwandten; aber wer
dies Schicksal hat, spreche sich nicht von der Verschuldung frei, und
seufze nicht zu sehr darüber, wenn ihm nahe Verwandte Theilnahme und
Aufmerksamkeit schuldig bleiben; und suche Trost bei der Freundschaft.
Auch fordert man wohl oft von seinen Herren Oheimen und Frauen Basen
mehr, als man billiger Weise verlangen sollte. Unsre politischen
Verfassungen, und der täglich mehr überhandnehmende Luxus machen es
wahrlich nothwendig, daß Jeder vor allem für sein Haus, für Weib und
Kinder sorge, und die Herren Vettern für sich selbst sorgen lasse, die
oft, als unwissende und verschwenderische Tagediebe, in der sichern
Zuversicht, von ihren mächtigen und reichen Verwandten nicht verlassen
zu werden, sorglos in die Welt hinein leben. Unmöglich kann der Mann,
dem Pflicht und Gewissen heilig sind, solche Erwartungen befriedigen,
ohne ungerecht gegen Andre zu handeln. Um nun diesen unangenehmen
Collisionen sich nie auszusetzen, rathe ich, zwar die herzliche
Vertraulichkeit, die den Umgang im Familien-Kreise so angenehm macht,
nicht zu verletzen, aber so wenig als möglich bei Blutsfreunden
Erwartungen von Unterstützungen und Schutz zu nähren und zu erwecken,
wohl aber jede Gelegenheit, sich seiner Verwandten anzunehmen, in
so fern es ohne Unbilligkeit gegen bessere Menschen geschehen kann,
freudig zu ergreifen, ohne gerade zu fordern, daß es immer mit
Dankbarkeit erkannt und mit Klugheit benutzt werden solle. Dagegen ist
es höchst gewissenlos, wenn man sich von der Vorliebe für Verwandte
verleiten läßt, Menschen ohne Talent und ohne guten Willen zu wichtigen
Aemtern zu verhelfen, und Verdienstvolle zurückzudrängen.

Ausserdem läßt sich auf den Umgang mit Verwandten noch dasjenige
anwenden, was weiter unten von dem Umgange unter Eheleuten und Freunden
wird gesagt werden, nämlich, daß Menschen, die sich lange kennen, und
oft ohne Larve und Schminke sehen, doppelt vorsichtig in ihrem Betragen
seyn müssen, damit einer des Andern nicht müde, und wegen kleiner
Fehler nicht blind gegen größere Tugenden werde.

Endlich wäre es auch zu wünschen, daß zahlreiche Familien in mittlern
Städten nicht ganz ausschließend ~unter sich~ leben möchten, weil
dadurch die Gesellschaft in kleine abgesonderte Theile zerschnitten
wird, und eine starre Einseitigkeit und Eintönigkeit sich erzeugt,
neben der Selbstsucht, die ebenfalls durch solche Abgeschlossenheit
eine zu reiche Nahrung erhält, und neben der Unfreundlichkeit, mit
welcher gewöhnlich Fremde in solchen Familien behandelt werden, so daß
sie gleichsam verrathen und verkauft sind.

Doch nun noch ein Paar Anmerkungen! Die erste: alte Vettern und
Tanten, besonders unverheirathete, pflegen so gern zu hofmeistern,
ihre podagrischen und hysterischen Launen an ihren erwachsenen Nichten
und Neffen auszulassen, und diese zu behandeln, als liefen sie noch
im Rollwägelchen herum. -- Ich denke, das sollten sie bleiben lassen.
Dadurch sind wirklich die alten Tanten und Onkel zum Sprichworte
geworden, und manche Erbschaft wird doch in der That zu theuer erkauft,
wenn man dafür so viel einschläfernde, saft- und kraftlose Predigten
anhören muß. Auch sorgen alte Leute gar schlecht für sich selbst und
ihren Lebensabend, wenn sie durch Straf- und Sittenpredigten die junge
Welt von sich zurückstoßen, da sie gewiß von ihren jungen Verwandten
mit Freuden liebevoll gepflegt und gewartet werden würden, wenn
sie weniger säuerlich in ihrem Betragen gegen sie wären. Die andre
Anmerkung: Es herrscht in manchen Städten, besonders in Reichsstädten,
ein äußerst steifer und übler Ton unter den Personen ~einer~ Familie.
Bürgerliche, ökonomische und andre Rücksichten zwingen sie, sich oft
zu sehen, und dennoch zanken, necken, hassen sie sich unaufhörlich
unter einander, und machen sich dadurch das Leben sehr schwer. Wo gar
keine Sympathie in der Denkungsart Statt findet, wo gar keine Einigkeit
und Freundschaft herrschet, da lasse man sich doch lieber ungeplagt,
betrage sich höflich gegen einander, wähle sich aber Freunde nach
seinem Herzen!




                           Drittes Kapitel.

                   Von dem Umgange unter Eheleuten.


                                  1.

Eine weise und verständige Wahl bei Knüpfung der wichtigsten Verbindung
im menschlichen Leben ist freilich das sicherste Mittel, um in der Ehe
glücklich zu seyn, und im Umgange mit dem Gatten die reinsten Freuden
des Lebens zu finden. Aber diese Wahl gelingt, wie die Erfahrung
lehrt, selbst den Einsichtsvollsten und Gebildetsten nur selten; die
meisten lassen sich von Gefühlen und von ihrer gereizten Sinnlichkeit
übermannen, und greifen fehl. Wie selten, daß gleichgestimmte Seelen
sich in der Ehe vereinigen, und wie oft dagegen, daß Menschen
sich vereinigen, deren Neigungen, Gesinnungen und Charaktere im
vollkommensten Widerspruche stehen. Gewiß ist die Lage solcher Eheleute
(und ein solcher Ehestand heißt wohl mit Recht ein Wehestand) höchst
traurig, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein
Stand der schwersten Sclaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln
der Nothwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der
dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.

Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von ~einer~
Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht
freie Wahl, sondern politische oder ökonomische Rücksichten, Zwang,
Verzweiflung, Noth, Dankbarkeit, +dépit amoureux+, ein Ungefähr, eine
Grille, oder nur körperliches Bedürfniß, wobei das Herz keine Stimme zu
geben hatte, die Verbindung knüpfte; wenn der eine Theil, unbescheiden
und ungerecht in seinen Forderungen, immer nur empfangen, nie geben
will, unaufhörlich begehrt, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hülfe,
Rath, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden fordert,
-- und dagegen nichts leistet. Wähle also mit großer Vorsicht die
Gefährtin Deines Lebens, und frage nicht bloß Dein leicht getäuschtes
Herz, laß Dich nicht bloß von sinnlichem Wohlgefallen bestimmen, wenn
Deine künftige häusliche Glückseligkeit nicht ein Spiel des Zufalls
seyn soll!


                                  2.

Erwägt man aber, daß gewöhnlich auch diejenigen Ehen, welche auf eigner
Wahl beruhen, in einem Alter und unter Umständen geschlossen werden,
wo weniger reife Ueberlegung und Vernunft, als blinde Leidenschaft
und Naturtrieb diese Wahl bestimmen, obgleich man im Brautstande
wohl sehr viel von Sympathie und Herzenshange träumt oder schwatzt:
so sollte man sich beinahe darüber verwundern, daß es noch so viel
glückliche Ehen in der Welt gibt. Aber die weise Vorsehung hat alles
so herrlich geordnet, daß eben das, was diesem Glücke im Wege zu
stehen scheint, dasselbe vielmehr befördert. Ist man in den Jahren der
Jugend weniger geschickt zu weiser Wahl, so ist man von der andern
Seite auch noch geschmeidiger, leichter zu leiten, zu bilden, und
nachgiebiger, als in dem reifern Alter. Die Ecken -- möchten sie auch
noch so scharf seyn! -- schleifen sich leichter an einander ab, und
fügen sich, wenn der Stoff noch weich ist. Man nimmt die Sachen nicht
so genau, wie nachher, wenn Erfahrung und Schicksale uns ekel und
vorsichtig gemacht, und große Forderungen in uns erweckt haben; wenn
die kältere Vernunft alles abwägt, jeden Verlust an Genuß sehr hoch
anschlägt, und ängstlich genau berechnet, wie wenig Jahre man noch
vielleicht zu leben habe, und wie geizig man mit Zeit und Vergnügen
seyn müsse. Entstehen unter jungen Eheleuten leicht Zwistigkeiten, so
ist auch die Versöhnung desto leichter gestiftet. Widerwille und Zorn
fassen nicht so feste Wurzel; und da die Sinnlichkeit hier als die
kräftigste Vermittlerin auftritt, so wird oft der heftigste Streit
durch eine einzige eheliche Umarmung wieder geschlichtet. Dazu kommen
denn nach und nach Gewohnheit, Bedürfniß mit einander zu leben,
gemeinschaftliches Interesse, häusliche Geschäfte, die uns nicht viel
Zeit zu müßigen Grillen lassen, Freude an Kindern, gemeinschaftliche
Sorgfalt für ihre Erziehung und Versorgung, -- welches alles, statt die
Last des Ehestandes zu erschweren, in den Jahren, wo Jugend, Kräfte
und Munterkeit mitwirken, dies Joch sehr süß macht, und manche reine
oder unverhoffte Freude gewährt, welche doppelt genossen wird, wenn
man sie mit einer zärtlichen und feinfühlenden Gattin theilt. Nicht
also im männlichen Alter. Da fordert man mehr für sich, will ernten,
genießen, nicht neue Bürden übernehmen; man will gepflegt seyn; der
Charakter hat eine starre Festigkeit erlangt, und mag sich nicht mehr
umformen lassen; die Begierden dringen nicht so laut auf Befriedigung.
Nur wenig Ausnahmen mögten hier Statt finden, und diese nur unter
den edelsten Menschen, die bei zunehmenden Jahren nachsichtiger,
sanfter werden, und, fest überzeugt von der allgemeinen Schwäche der
menschlichen Natur, wenig fordern und gern mit Aufopferung leisten, was
gefordert werden mag; aber immer ist dies eine Art von Heroismus, eine
heldenmüthige Selbstverleugnung, und hier ist ja von wechselseitiger
Glückseligkeits-Beförderung die Rede; -- darum kann man wohl in diesem
Alter nicht behutsam genug bei der Wahl einer Gattin zu Werke gehen,
nicht ernsthaft genug die Warnung bedenken: der Wahn ist kurz, die
Reu ist lang. Wer sich in männlichen Jahren auf diese Weise übereilt,
der mag dann die Folgen von den Thorheiten tragen, zu welchen ein
Jünglings-Kopf auf Mannes-Schultern verführt!


                                  3.

Ich glaube nicht, daß eine völlige Gleichheit in Temperamenten,
Neigungen, Denkungsart, Fähigkeiten und Geschmack, durchaus erfordert
werde, um eine zufriedene Ehe zu stiften, vielmehr mag wohl zuweilen
gerade das Gegentheil (nur nicht in zu hohem Grade, noch in
Haupt-Grundsätzen, noch ein zu beträchtlicher Unterschied von Jahren)
mehr Glück gewähren. Bei einem Bande, das auf gemeinschaftlichem
Interesse beruht, und wo alle Ungemächlichkeit des einen Theils
zugleich mit auf den andern fällt, ist es, zur Vermeidung übereilter
Schritte und deren Folgen, oft sehr gut, wenn die zu große
Lebhaftigkeit, das rasche Feuer des Mannes, durch Sanftmuth oder ein
wenig Phlegma von Seiten des Weibes gedämpft wird, und umgekehrt.
So würde auch mancher Haushalt zu Grunde gehen, wenn beide Eheleute
gleichviel Lust an Aufwand, Pracht, Ueppigkeit, einerlei Liebhaberei,
oder gleichviel Hang zu einer nicht immer wohlgeordneten Wohlthätigkeit
und Geselligkeit hätten; und da unsre jungen Roman-Leser und Leserinnen
gemeiniglich die Ideale zu ihren künftigen Lebens-Gefährten nach ihrem
eignen werthen Ich schnitzeln, so ist es doch so übel nicht, wenn
zuweilen ein alter grämlicher Vater oder Vormund einen Querstrich durch
dergleichen Verbindungsplane macht. -- So viel nur von der Wahl des
Gatten! und das ist beinahe schon mehr, als eigentlich hieher gehört.


                                  4.

Wichtig ist die Sorgfalt, welche Eheleute anwenden müssen, wenn sie
sich täglich sehen und immer wieder sehen müssen, daß dieser enge
und vertraute Umgang ihrer Liebe nicht nachtheilig werde, und sie
nicht verleite, ungerecht gegen einander zu werden. Denn da sie
Muße und Gelegenheit genug haben, Einer mit des Andern Fehlern und
Launen bekannt zu werden, und selbst durch die kleinsten derselben
manche Ungemächlichkeit leiden müssen, so kann es leicht geschehen,
daß sie sich gegenseitig lästig, langweilig, kalt und gleichgültig
gegen einander werden, oder gar Ekel und Abneigung empfinden.
Hier ist also weise Vorsicht im Umgange nöthig. Verstellung würde
hier das unglücklichste und strafbarste Mittel seyn; aber einer
gewissen Achtsamkeit auf sich selbst, und der möglichsten Entfernung
alles dessen, was sicher widrige Eindrücke machen muß, soll man
sich befleißigen. Man setze daher vor allen nie gegen einander
jene Gefälligkeit und Artigkeit aus den Augen, die sehr wohl mit
Vertraulichkeit bestehen mag, und die den Mann von feiner Erziehung
bezeichnet! Ohne sich durch Kaltsinn und Entfernung fremd zu werden,
sorge man doch dafür, daß man nicht durch oft wiederholte Gespräche
über dieselben Gegenstände einander langweilig werde, daß man sich
nicht gleichsam auswendig lerne, so daß endlich jedes Gespräch der
Eheleute unter vier Augen lästig scheint, und man sich nach fremder
Unterhaltung sehnt! Ich kenne einen Mann, der eine Anzahl Anekdötchen
und Einfälle besitzt, die er nun schon so oft seiner Frau, und in
deren Gegenwart fremden Leuten ausgekramt hat, daß man dem guten Weibe
jedesmal Ekel und Ueberdruß ansieht, so oft er mit einem dergleichen
Stückchen angezogen kömmt. Wer gute Bücher liest, Gesellschaften
besucht, und nachdenkt, der wird ja täglich neuen Stoff zu anziehenden
Gesprächen finden; aber freilich reicht dieser nicht zu, wenn man den
ganzen Tag müssig einander gegenüber sitzt; und man darf sich daher
nicht wundern, wenn man Eheleute antrifft, die, um dieser tödtenden
Langenweile auszuweichen, die sie einander verursachen, wenn gerade
keine andere Gesellschaft aufzutreiben ist, mit einander halbe Tage
lang Piquet spielen, oder sich zusammen an einer Flasche Wein ergötzen.
Sehr gut ist es daher, wenn der Mann bestimmte Berufsarbeiten hat,
die ihn wenigstens einige Stunden täglich an seinen Schreibtisch
fesseln, oder ausser Hause rufen; wenn zuweilen kleine Abwesenheiten,
Reisen in Geschäften und dergleichen seiner Gegenwart neuen Reiz geben.
Ihn erwartet dann sehnsuchtsvoll die treue Gattin, die indeß ihrem
Hauswesen vorgestanden und alles für seine Wiederkunft geschmückt
und gesäubert hat. Sie empfängt ihn liebreich und freundlich; die
Abendstunden gehen unter frohen Gesprächen, bei Verabredungen, die das
Wohl ihrer Familie zum Gegenstande haben, im häuslichen Cirkel vorüber,
und man wird sich einander nie überdrüssig. Es gibt eine feine,
bescheidene Art, sich rar zu machen, zu veranlassen, daß man sich nach
uns sehne; diese soll man studiren. Auch im Aeussern soll man alles
entfernen, was zurückscheuchen könnte. Man soll sich seinem Gatten,
seiner Gattin, nicht in einer ekelhaften, schmutzigen Kleidung zeigen,
sich zu Hause nicht zu viel Unmanierlichkeiten erlauben -- das ist man
ja schon sich selber schuldig -- und vor allen Dingen, wenn man auf dem
Lande lebt, nicht ~verbauern~, nicht pöbelhafte Sitten, noch niedrige,
plumpe Ausdrücke im Reden annehmen, noch unreinlich, nachlässig an
seinem Körper werden. Denn wie ist es möglich, daß eine Frau, die
unaufhörlich an ihrem Manne Fehler und Unanständigkeiten wahrnimmt,
von welchen sie alle übrige, mit welchen sie umgeht, frei erblickt,
denselben vor allen andern gern sehen, schätzen und lieben könne? Noch
einmal! wenn die Ehe ein Stand der unaufhörlichen Selbstverleugnung
und Aufopferung wird, wenn ihre Pflichten als ein schweres Gewicht auf
uns liegen: dann kann sie nur ein Zustand der Qual, keine Quelle der
Zufriedenheit seyn.


                                  5.

Eine Haupt-Vorschrift aber für alle Stände und für alle Verhältnisse
wende man auch auf den Ehestand an! Sie ist diese: Erfülle so
sorgsam, so pünktlich, so nach einem festen Plane und nach festen
Grundsätzen Deine Pflichten, daß Du, wo möglich, darin alle Deine
Bekannten übertreffest: so wirst Du auch auf die wärmste Hochachtung
Deines Ehegatten Anspruch machen können, und in der Folge alle
Diejenigen verdunkeln, welche nur durch ~einzelne~ glänzende
Eigenschaften augenblickliche vortheilhafte Eindrücke machen. Aber
erfülle sie auch alle, diese Pflichten! Der Mann prahle nicht etwa
mit seiner Uneigennützigkeit, mit seinem Fleisse, mit seiner guten
Hauswirthschaft, mit der Achtung guter Männer, indeß er sich in der
Stille wöchentlich ein paarmal ein Räuschchen trinkt! Die Frau poche
nicht auf ihre Keuschheit und unverletzte Treue, welche vielleicht das
Verdienst des Zufalls oder eines kalten Temperaments ist, indem sie
sorglos die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigt! Nein; wer Achtung
und Zuneigung als Pflicht fordert, der muß auch Achtung und Zuneigung
zu verdienen wissen; und wenn Du willst, daß Deine Frau Dich unter
allen Menschen am mehrsten ehren und lieben solle, so verlaß Dich
nicht darauf, daß sie Dir's am Altare versprochen hat, -- wer kann so
etwas versprechen? -- sondern darauf, daß Du alle Kräfte aufbieten
willst, besser zu seyn als Andre! aber besser in jedem Betrachte; nur
den Folgen nach lassen sich Tugenden und Laster klassificiren; denn
übrigens sind sie alle gleich wichtig, und ein sorgloser Hausvater
ist eben so strafbar, wie ein unkeusches Eheweib. Allein das ist der
Menschen gewöhnliche Art zu handeln! Sie eifern gegen Laster, zu
welchen sie keinen Hang haben, und denken nicht, daß die Verabsäumung
wichtiger Tugenden ein so schweres Verbrechen ist, wie die Ausübung
einer bösen That. Ein altes Weib verfolgt mit wüthendem Grimm ein armes
junges Mädchen, das durch Temperament und Verführung zu einem Fehltritt
ist verleitet worden; daß aber die gute Matrone ihre Kinder in
thierischer Vernunftlosigkeit hat aufwachsen lassen, darüber glaubt sie
keine Verantwortung geben zu dürfen: -- hat sie doch nie die eheliche
Treue verletzt! -- Sorgsame Pflicht-Erfüllung ist also das sicherste
Mittel, um der fortdaurenden Zärtlichkeit seines Ehegatten gewiß zu
seyn, denn Hochachtung ist die kräftigste Nahrung für die Liebe.


                                  6.

Bei dem Allen aber wird es nicht fehlen, daß nicht zuweilen fremde
liebenswürdige Menschen auf kurze Zeit vortheilhaftere Eindrücke auf
Ehegenossen machen sollten, als sie ihrer Ruhe wegen wünschen und ihrer
Eitelkeit wegen fürchten möchten. Es ist nicht zu erwarten, daß, wenn
die erste blinde Liebe verraucht ist, -- und die verraucht denn doch
bald, -- eine so zärtliche Vorliebe eintreten wird, daß man gegen die
Vorzüge anderer Leute gänzlich blind und gefühllos seyn sollte. Dazu
kommt, daß Personen, mit denen wir seltener umgehen, sich immer von
ihren besten Seiten zeigen und uns mehr schmeicheln, als die, mit
denen wir täglich leben. Eindrücke von der Art werden aber bald wieder
verschwinden, wenn nur der Gatte fortfährt, seine Pflichten treulich zu
erfüllen, und wenn er keinen niedrigen Neid, keine närrische Eifersucht
blicken läßt, die ohnehin nie gute, sondern allemal schlimme Folgen
hat. Liebe und Achtung lassen sich nicht erzwingen, nicht ertrotzen;
ein Herz, das bewacht werden muß, ist wie der Mammon eines Geizigen,
mehr eine unnütze Last, als ein wahrer Schatz, und man wird seiner nie
froh; Widerstand reizt; keine Wachsamkeit ist so groß, daß sie nicht
hintergangen werden könnte, und es liegt in der Natur des Menschen, daß
man ein Gut, das vielleicht sonst gar keinen Reiz für uns haben würde,
doppelt eifrig wünscht, sobald der Besitz desselben mit Schwierigkeiten
für uns verbunden ist.

Jene kleinen Künste, die häufig unter Verliebten angewandt werden,
durch welche man, um die Liebe des andern Theils mehr anzufeuern, mit
Vorsatz Eifersucht zu erregen sucht, sollten Eheleute verschmähen. Bei
einem Bündniß, das auf gegenseitiger Hochachtung beruhen soll, darf man
sich durchaus keiner schiefen Mittel bedienen. Glaubt meine Frau, ich
sey fähig, meine Pflicht und Zärtlichkeit gegen sie fremden Neigungen
aufzuopfern, so muß das ihre eigene Achtung gegen mich vermindern; und
merkt sie hingegen, daß ich nur Spielwerk mit ihr treiben will: so ist
das mehr, als verlorne Arbeit, die noch obendrein oft ernstliche Folgen
haben kann.

Wenn auch auf kurze Zeit der Mann seinem Weibe, oder die Frau ihrem
Gatten Veranlassung zur Unzufriedenheit und Eifersucht gibt, so wird
doch diese kleine Herzens-Verirrung, wenn der leidende Theil nur
fortfährt, seinen Pflichten treu zu seyn, nicht von langer Dauer seyn,
wenn es nur nicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens kommt.
Bei kaltblütiger Prüfung wird der Gedanke sich geltend machen: bewährte
Liebe und Treue kann durch keine Liebenswürdigkeit ersetzt werden,
und erprobte Mutterliebe und Vatertreue sind unschätzbar. -- Und ein
solcher Triumph der ausharrenden Liebe und Sanftmuth, komme er früh
oder spät, ist sehr süß, und macht alle ausgestandene Leiden vergessen.


                                  7.

Klugheit und Rechtschaffenheit aber erfordern, daß man sich selber
gegen die Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, welche fremde Personen
auf uns machen könnten, waffne. In der frühen Jugend, wenn die
Phantasie lebhaft ist, die Begierden heftig wirken, und das Herz noch
oft mit dem Kopf davon läuft, würde ich rathen, solchen gefährlichen
Versuchungen sorgfältig auszuweichen; ein junger Mann, welcher
merkt, daß ein Frauenzimmer, mit dem er umgeht, ihm vielleicht einst
besser, als seine Frau, gefallen, wildes Feuer in ihm entzünden,
oder wenigstens seine häusliche Glückseligkeit stören könnte, thut
wohl, wenn er, in so fern er sich nicht Festigkeit genug zutrauet --
und er urtheilt weise, wenn er sich diese nicht leicht zutrauet, --
den verführerischen Umgang, so viel möglich, meidet, damit er ihm
nicht zum Bedürfnisse werde und sein Herz überwältige. Diese Vorsicht
ist am nöthigsten gegen die feinern Koketten, die, ohne eben Plane
auf Verletzung der Ehre zu haben, ihr Spielwerk mit der Ruhe eines
gefühlvollen redlichen Mannes treiben, und einen zwecklosen Triumph
darin suchen, schlaflose Nächte zu verursachen, Thränen zu veranlassen,
und Eifersucht rege zu machen. Es gibt viel solcher eiteln Damen, die
nicht immer durch böses Herz, noch Temperament, aber wohl durch die
nimmersatte Begierde, zu glänzen und zu gefallen, getrieben, manche
stille häusliche Ruhe und den Frieden unter Eheleuten auf diese Weise
unbarmherzig zerstören. In reifern Jahren dürfte die entgegengesetzte
Heil-Methode anwendbarer seyn. Ein Mann von festen Grundsätzen, der
seinem Verstande Rechenschaft von den Gefühlen seines Herzens gibt und
dauerhaftes Glück sucht, wird am leichtesten von einer zu günstigen
Vorstellung, die er von fremden Personen in Vergleichung mit seiner
Gattin gefaßt hat, zurückkommen, wenn er Jene so oft und vielfältig
sieht, daß er an ihnen mehr Fehler wahrnimmt, als an seinem edlen,
verständigen, treuen Weibe. Und dann kommen die Augenblicke des
Seelen-Bedürfnisses, wo man sich nach der theilnehmenden Gefährtin
sehnt, wenn schwere Bürden das Herz drücken, die kein Fremder so uns
tragen hilft, oder wenn höhere Freuden das Herz erweitern, Freuden,
die kein Fremder so mit uns theilt, oder Verlegenheiten uns ängstigen,
die wir keinem Fremden so aufrichtig, so sicher entdecken dürfen, wie
der Person, die einerlei Interesse mit uns hat; und dann ein Blick
auf wohlerzogene, durch gemeinschaftliche Sorgfalt erzogne Kinder,
auf die Früchte der ersten jugendlichen Liebe! -- und das Herz kehrt
ungezwungen zu den süßesten Pflichten zurück.


                                  8.

Uebrigens ist es eine bedauernswürdige Schwachheit, wenn Eheleute durch
die priesterliche Einsegnung ein so ausschließliches Recht auf jede
Empfindung des Herzens erzwungen zu haben glauben, daß sie wähnen: nun
dürfe in dem Herzen des Gatten auch nicht ein Plätzchen mehr für irgend
einen andern guten Menschen übrig bleiben; der Gatte müsse für seine
Freunde und Freundinnen todt seyn, dürfe für kein Geschöpf auf der
Welt, als für die werthe Ehehälfte, Theilnahme und Zuneigung empfinden,
und es sey Verletzung der ehelichen Pflicht, mit Wärme, Zärtlichkeit
und Theilnahme von und mit andern Personen zu reden. Diese Forderungen
werden doppelt abgeschmackt bei einer ungleichen Ehe, wo von der einen
Seite schon Aufopferungen mancher Art Statt finden. Wenn da der eine
Theil, um sich in dem Umgange mit liebenswürdigen Leuten aufzuheitern,
neue Kräfte zum Ausdauern zu sammeln, und seinen Geist zu erheben und
zu erwärmen, in die Arme zärtlicher, ihm wahrhaftig treu ergebener
Freunde eilt: so sollte der andre Theil ihm dafür danken, und jeden
kränkenden Vorwurf unterdrücken.


                                  9.

Die Wahl dieser innigeren Freunde muß aber dem Herzen, so wie die Wahl
sittlicher Vergnügungen und unschuldiger Liebhabereien dem Geschmacke
eines Jeden überlassen bleiben. Es wird nicht durchaus Gleichheit
von Neigungen, Temperamenten und Geschmack zum Eheglück erfordert.
Unerträgliche Sclaverei wäre es daher, sich seine Erheiterungen
aufdringen lassen zu müssen. Es ist wahrlich schon hart genug, wenn der
Gatte die Freude entbehren muß, edle Empfindungen, erhabne Gedanken,
feinere Eindrücke, welche seelen-erhebende Schriften, Kunstwerke und
Ereignisse hervorbrachten, mit der Gefährtin seines Lebens theilen zu
können, weil die stumpfen Organe derselben dafür nicht empfänglich
sind; aber nun gar diesem allen entsagen, oder sich in der Wahl seines
Umganges und seiner Freunde nach den Grillen eines schiefen Kopfs und
kalten Herzens richten, allen wohlthätigen Erquickungen von der Art
entsagen zu müssen: -- das ist Höllenpein! und ich brauche wohl nicht
hinzuzufügen, daß am wenigsten ~der Mann~ eine solche Beschränkung und
Sclaverei dulden dürfe, da er von der Natur und durch die bürgerliche
Verfassung bestimmt ist, das Haupt der Familie zu seyn, und Gründe
haben kann, ~warum~ er diesen oder jenen Umgang wählt, dieser oder
jener Beschäftigung sich widmet, diesen oder jenen Schritt thut, der
Manchen auffallend seyn kann. Es erleichtert hingegen das Leben unter
Menschen, die nun einmal verbunden sind, alle Leiden und Freuden zu
theilen, wenn nach und nach eine ähnliche Seelenstimmung unter ihnen
eintritt, sey es auch nur von der Liebe zum Frieden erzeugt, und es
zeugt wahrlich von der verächtlichsten Indolenz, wo nicht von dem
bösesten Willen, wenn man, nach vieljähriger Verbindung mit einem
verständigen, gebildeten und feinfühlenden Geschöpfe, noch eben so
unwissend, roh, stumpf und starrköpfig geblieben ist, wie man vorher
war.


                                  10.

Wie soll man sich bei wirklichen Ausschweifungen verhalten? -- denn
bis jetzt war nur von Verirrungen die Rede. -- Wie soll man sich
zur Nachsicht und Ausdauer waffnen, wenn von einer Seite heftiges
Temperament, ein reizbarer Körper, Mangel an Herrschaft über die
Leidenschaften, Verführung, Buhler-Künste, anlockende Schönheiten
und Verhältnisse in Versuchung führen; von der andern vielleicht der
Gattin mürrisches Betragen, üble Laune, Geistes-Armuth, Kränklichkeit,
Mangel an Schönheit, an Jugend, an Gefälligkeit, an Temperament,
lebhaft zurückstoßen? -- Diese Schrift soll keine Pflichtenlehre
enthalten; darum überlasse ich es jedem vernünftigen Manne, diese
Frage sich selbst zu beantworten, und selbst zu beurtheilen, wie er es
anfangen müsse, über seine Begierden Meister zu werden, gefährlichen
Gelegenheiten und Verführungen auszuweichen, welches freilich in der
Jugend nicht so leicht ist, wie man wohl denkt. Doch so viel über
diesen Gegenstand, als hieher gehört, und sich ohne Beleidigung der
Sittsamkeit sagen läßt! Man gewöhne sich selbst, und Einer den Andern,
nicht an Ueppigkeit, Wollust, Weichlichkeit und Schwelgerei; lasse die
körperlichen Bedürfnisse und Begierden nicht zu heftig werden; man
sey, selbst in der Ehe, schamhaft, keusch, zart und sparsam in den
Aeußerungen der Liebe, um Ekel, Ueberdruß und faunische Lüsternheit
zu entfernen! Ein Kuß ist ein Kuß, nichts mehr, und nichts weniger,
als ein Zeichen der Zärtlichkeit, und es wird fast immer des Weibes
Schuld seyn, wenn ein sonst nicht schlechter Mann diesen Kuß, den er
von treuen, reinen und warmen Lippen ehrenvoll und bequem zu Hause
erlangen könnte, mit Hintansetzung seiner Pflicht und der Ehrbarkeit,
bei Fremden holt. Hat aber die größre Schwierigkeit und Neuheit so viel
Reiz: ei nun! so suche man auch der ehelichen Vertraulichkeit diesen
Reiz der Neuheit zu geben, zuweilen kleine Hindernisse in den Weg zu
legen, oder durch Enthaltung, Entfernung u. dgl. das Verlangen nach
Befriedigung der sinnlichen Liebe zu vermehren! In späteren Jahren
fällt dann auch dieser Vorwitz so ziemlich weg; denn da werden ja die
Triebe bescheidner und lassen sich williger von der Vernunft regieren,
oder man müßte sie muthwilliger Weise reizen.


                                  11.

In der Ehe soll gegenseitiges uneingeschränktes Zutrauen, soll
Offenherzigkeit Statt finden. Kann denn aber gar kein Fall eintreten,
wo Einer vor dem Andern Geheimnisse haben dürfte? Ich denke. Freilich,
da der Mann von der Natur bestimmt ist, der Rathgeber seines Weibes,
das Haupt der Familie zu seyn; da die Folgen jedes übereilten
Schrittes der Gattin auf ~ihn~ fallen; da der Staat sich nur an ~ihn~
hält; da die Frau eigentlich gar keine Person in der bürgerlichen
Gesellschaft ausmacht; da die Verletzung der Pflichten von ihrer
Seite schwer auf ~ihm~ liegt, und diese Verletzung die Familie
weit unmittelbarer beschimpft, und derselben Schande und Nachtheil
bringt, als die Ausschweifungen des Mannes; da die Frau mehr von dem
äussern Rufe abhängt, als der Mann; endlich, da Verschwiegenheit
mehr eine männliche, als weibliche Tugend ist: so kann es wohl nur
in äusserst seltenen Fällen der Frau erlaubt seyn, ohne ihres Mannes
Wissen Schritte zu thun, Verbindungen anzuknüpfen, in Verhältnisse
mit Männern zu treten, und dem Manne das alles zu verheimlichen. Er
hingegen, der an den Staat geknüpft ist, oft Geheimnisse zu bewahren
hat, die nicht ihm gehören, und durch deren Verbreitung er zugleich
mit Andern in Verlegenheit kommen könnte; er, der das Ganze seines
Hauswesens übersehen soll, auch vielfältig den Plan, nach welchem er
handelt, nicht den schwächern Einsichten unterwerfen darf, sondern
fest und unerschüttert seinem Verstande und Herzen folgen, und das
Urtheil des Volks verachten muß: ~er~ kann unmöglich alles erzählen
und mittheilen, was er unternimmt. Verschiedenheit der Lagen aber kann
diesen Gesichtspunkt verrücken. Es gibt Männer, die sehr übel fahren
würden, wenn sie einen einzigen Schritt ohne Rath und Wissen ihrer
Weiber thäten; es gibt sehr plauderhafte Herren und sehr verschwiegne
Damen; und eine Frau kann weibliche Geheimnisse von einer Freundin
anvertrauet bekommen haben. -- In allen diesen und ähnlichen Fällen
müssen Klugheit und Redlichkeit das Verhalten beider Theile bestimmen.
Das aber bleibt eine heilige Wahrheit, daß, wenn wahrhaftes Mißtrauen
sich einschleicht, wenn man ein offenes Geständniß erzwingen muß,
alles Glück der Ehe entflieht. Nichts kann endlich strafbarer seyn,
als wenn der Mann niedrig genug denkt, heimlich die Briefe seiner
Frau zu erbrechen, ihre Papiere zu durchwühlen, oder ihre Schränke
zu durchsuchen. Auch verfehlt er mit solchen unwürdigen Mitteln
immer seines Zwecks. Nichts ist leichter, als die Wachsamkeit eines
Menschen zu täuschen, wenn es bloß auf beweisbare Vergehen ankömmt,
und man die feinern Bande zerrissen, sich über alle Bedenklichkeiten
des Zartgefühls und der Ehre hinweggesetzt hat. Ein Mann, der
~einmal~ seine Frau eine Treulose nennt, steckt sich selbst das
Horn der Hahnreischaft auf. Nichts ist leichter, als einen Menschen
zu hintergehen, den man genau kennt, bei dem man allen Glauben
verloren hat, den man oft auf ungerechtem Argwohn ertappen kann, weil
Leidenschaft ihn blind macht, und der es wegen seiner argwöhnischen
Ungerechtigkeit verdient, getäuscht zu werden. -- Betrug ist fast immer
die sichere Folge davon, und man kann auf diese Weise das edelste
Geschöpf moralisch zu Grunde richten und zu Verbrechen reizen.


                                  12.

Ich rathe, aus Gründen, die wohl jeder vernünftige Mensch selbst
einsehen wird, auch nicht einmal an, daß Eheleute alle ihre Geschäfte
gemeinschaftlich treiben, sondern daß Jeder seinen angewiesenen
Wirkungskreis habe. Es geht selten gut im Hause, wenn die Gattin
für ihren Gatten die Berichte an die höchste Behörde entwerfen,
und er dagegen, wenn Fremde eingeladen sind, die Tafel besorgen,
Cremen machen, und die Töchter ankleiden helfen muß. Daraus entsteht
Verwirrung; man setzt sich dem Gespötte des Hausgesindes aus; der Eine
verläßt sich auf den Andern, will sich aber dagegen in alles mischen,
alles wissen. -- Mit Einem Worte: das taugt nicht!


                                  13.

Was aber die Verwaltung der Einkünfte betrifft, so kann ich die
Weise der mehresten Männer von Stande nicht billigen, welche ihren
Gemahlinnen eine gewisse Summe geben, womit sie auskommen und den
ganzen Haushalt ohne Ausnahme bestreiten müssen. Dadurch entsteht
getheiltes Interesse; die Frau tritt in die Klasse der Bedienten, wird
zum Eigennutz verleitet, muß ängstlich sparen, findet, daß der Mann zu
lecker ist, macht verdrießliche Gesichter, wenn er einen guten Freund
zur Tafel einladet; der Mann, wenn er nicht fein denkt, meint immer,
er speise für sein theures Geld zu schlecht, oder wagt es im andern
Falle aus übertriebener Zurückhaltung und Feinheit nicht, zuweilen ein
Gerichtchen mehr zu fordern, um seine Gattin nicht in Verlegenheit
zu setzen. Willst Du also Deine Hausfrau nicht in Versuchung führen,
so gib, wenn nicht etwa ein Haushofmeister oder eine Ausgeberin
diejenigen Geschäfte bei Dir versieht, die eigentlich zu den Pflichten
der Gattin gehören, eine Summe Geldes, die Deinen Einkünften und den
Zeitverhältnissen angemessen ist, zur Ausgabe! Wenn diese verwendet
ist, so sey ihr verstattet, mehr von Dir zu fordern; findest Du, daß zu
viel ist ausgegeben worden, so laß Dir die Rechnung zeigen! Ueberlege
mit ihr gemeinschaftlich, auf welcher Seite gespart werden könnte!
Mache ihr kein Geheimniß aus Deinen Vermögensumständen; allein bestimme
ihr auch eine kleine Summe zu ihren unschuldigen Vergnügungen, zu ihrem
Putze, zu stillen wohlthätigen Handlungen, und fordre davon keine
Berechnung!


                                  14.

Gute Hauswirthschaft ist eins der nothwendigsten Stücke zur ehelichen
Glückseligkeit. Man suche daher vor allen Dingen, wenn man auch im
ledigen Stande einigen Hang zur Verschwendung gehabt hätte, sich davon
loszumachen, und sich häuslicher Sparsamkeit zu befleißigen, sobald man
heirathet! Wer noch einzeln da steht, erträgt leicht alles Ungemach
der Zeit: Noth, Mangel, Demüthigung, Zurücksetzung; am Ende steht ihm,
wenn er gesunde Arme hat, die ganze Welt offen; er kann alles im Stiche
lassen, und in einem unbekannten Winkelchen der Erde leicht mit seiner
Hände Arbeit sein Leben fristen. Aber wenn schlechte Haushaltung den
Ehemann und Vater in Armuth gestürzt hat, und er nun den Blick auf die
Personen seiner Familie umherwirft, die von ihm Unterhalt, Nahrung,
Wartung, Erziehung, Vergnügen fordern; wenn er dann oft nicht weiß,
woher er auf morgen Brod nehmen, wovon er die heranwachsenden Mädchen
kleiden soll, oder wenn seine bürgerliche Ehre, seine Beförderung,
die Versorgung seiner Kinder davon abhängt, daß er mit den Seinigen
in einem gewissen anständigen Aufzuge, vielleicht gar mit einigem
Glanze erscheine, und es doch von allen Seiten dazu fehlt; wenn das
Silbergeräthe vom Wucherer, wo es im Versatze steht, auf einen Mittag
geborgt werden muß, um Gäste bewirthen zu können, indeß unten im Hause
ein Knabe wartet, der es gleich nach der Mahlzeit wieder in Empfang
nehmen soll; wenn Gläubiger und Advokaten ihn in die Enge treiben, und
Juden an den Zipfeln seines schlaffen Geldbeutels melken: dann fallen
böse Launen, Krankheit des Leibes und der Seele den Unglücklichen
an; Verzweiflung ergreift ihn; er sucht sich zu betäuben, verfällt
in Ausschweifungen; von Innen zernagt ihn das unruhige Gewissen, von
Aussen verfolgen ihn bittre Vorwürfe seines Weibes; das Winseln seiner
Kinder schreckt ihn aus fürchterlichen Träumen auf; die Verachtung,
womit der vornehme und reiche Pöbel auf ihn herabblickt, umwölkt jeden
Strahl von Hoffnung; Muth und Trost schwinden; die Freunde fliehen,
das Hohngelächter der Feinde und Neider erschüttert jede Nerve, und
in dieser traurigen Lage schwindet dann freilich aller Schatten von
häuslicher Freude, das Haus wird zur Hölle. Der Elende flieht auch
nichts so sehr, als den Anblick und den Umgang derer, die er mit sich
in's Unglück gestürzt hat. -- Sollte also einer von den Eheleuten
zur Verschwendung geneigt seyn, so ist es rathsam, weil es noch Zeit
ist, Mittel vorzuschieben, jener gräßlichen Lage auszuweichen. Der
~andre~ Theil, der besser mit dem Gelde umzugehen weiß, übernehme die
Kasse! Man mache sich einen genauen Etat, wie man dem Haushalte wieder
aufhelfen will, und befolge diesen pünktlich, schränke sich ein, sorge
aber dafür, daß, wo möglich, auch etwas zu erlaubten Vergnügungen übrig
bleibe, damit dem Verschwender die Einschränkungen und Entbehrungen
nicht zu schwer werden!


                                  15.

Ist es aber besser, daß ~der Mann~, oder daß ~die Frau~ reich sey?
Wenn eins seyn soll, so stimme ich für Ersteres. Gut ist es, wenn
Beide einiges Vermögen haben, um zu den Nothwendigkeiten des Lebens
gemeinschaftlich beitragen zu können, damit nicht Einer so ganz auf
Kosten des Andern zehre. Soll aber nun einmal Abhängigkeit, welche doch
natürlicher Weise auf Seiten des ärmern Theils entsteht, Statt finden:
so ist es der Natur gemäßer, daß das Haupt der Familie am mehrsten zum
Unterhalte der Familie beitrage. Heirathet ein Mann eine reiche Frau,
so verhüte er wenigstens durch angestrengte Thätigkeit, daß er nie in
eine sclavische Abhängigkeit von seiner Frau gerathe. Aus Verabsäumung
dieser Vorsicht sind so wenig Ehen von ~der~ Art glücklich. Hätte
meine Frau mir großes Vermögen zugebracht, so würde ich mich doppelt
bestreben, ihr zu beweisen, daß ich geringe Bedürfnisse hätte; ich
würde wenig an meine Person wenden; ich würde sie überzeugen, daß ich
dies Wenige mit meinem Fleisse mir erwerben könnte; ich würde ihr
Kostgeld geben; ich würde nur der Verwalter ihres Vermögens seyn;
ich würde Aufwand im Hause machen, weil das sich für reiche Leute
schickt; aber ich würde ihr zeigen, daß dieser Aufwand meiner Eitelkeit
nicht schmeichele; daß ich bei zwei Speisen eben so vergnügt, wie bei
zwanzigen sey; daß ich keine Aufwartung bedürfe; daß ich gesunde Beine
habe, die mich eben so weit, wenn gleich nicht so schnell fortbringen,
wie ihre prächtigen Wagen; und dann würde ich, wie es dem Hausherrn
zukömmt, über die Anwendung ihres Vermögens unumschränkte Gewalt
verlangen.


                                  16.

Ist es nöthig, daß der Mann klüger sey, als die Frau? -- Das
ist wiederum eine nicht unwichtige Frage; wir wollen sie näher
beleuchten. Der Begriff von Klugheit, von Vernunft, wird, mit allen
seinen Beziehungen und Modifikationen, nicht immer auf einerlei Art
verstanden. Die Klugheit eines Mannes soll wohl von ganz anderer
Art seyn, als die, welche man von einer Frau verlangt; und wenn nun
vollends Klugheit mit Welt-Erfahrung, oder gar mit Gelehrsamkeit
verwechselt wird, so wäre es Unsinn, von diesen bei dem einen
Geschlechte so viel, wie bei dem andern, voraussetzen oder verlangen
zu wollen. Ich fordre daher von einem Frauenzimmer einen verständigen
Kleinigkeitsgeist, Feinheit, unschuldige Verschlagenheit, Behutsamkeit,
Witz, Duldsamkeit, Nachgiebigkeit und Geduld: -- lauter Stücke,
die doch auch zur Klugheit gehören; -- welche in gleichem Grade
nicht immer das Eigenthum des männlichen Charakters sind. Dagegen
erwarte ich, daß der Mann umsichtiger, gefaßter bei allen Vorfällen,
fester, unerschütterlicher, weniger den Vorurtheilen unterworfen,
ausdauernder und gebildeter sey, als das Weib. Jene Frage aber war in
allgemeinem Sinne zu verstehen, nämlich also: Wenn einer von beiden
Theilen schwach, stumpf von Organen und unwissend in manchen zum
Weltleben nöthigen Kenntnissen seyn sollte: würde es da besser seyn,
daß der Mann, oder daß die Frau der schwächere Theil wäre? -- Ich
antworte ohne Anstand: Noch habe ich nie eine glückliche und weise
geordnete Haushaltung gesehen, in welcher die Frau die entschiedne
Alleinherrschaft gehabt hätte. Es geht in einem Hause, wo ein Mann
von mittelmäßigen Fähigkeiten das Regiment führt, größtentheils immer
noch besser her, als in einem, wo eine kluge Frau ausschließlich
gebietet. Es kann vielleicht Ausnahmen davon geben; allein ~ich~ kenne
deren keine. Es versteht sich aber, daß hier nicht von der feinern
Herrschaft über das Herz eines edlen Gatten die Rede ist: wer wird
diese nicht gern einem klugen Weibe einräumen? welcher verständige
Mann wird nicht fühlen, daß er oft sanfter Zurechtweisung bedarf?
Jene ausschließliche Herrschaft hingegen scheint der Bestimmung der
Natur zuwider zu seyn. Schwächerer Körperbau; eingepflanzte Neigung zu
weniger dauerhaften Freuden; Launen aller Arten, die den Verstand, oft
in den entscheidendsten Augenblicken fesseln; Erziehung; und endlich
unsere bürgerliche Verfassung, welche die Verantwortung dessen, was
im Hause geschieht, allein auf den Mann wälzt: das alles bestimmt
die Gattin, Schutz zu suchen, und legt dem Gatten die Pflicht auf,
zu schützen. Nun ist aber doch nichts lächerlicher, als wenn der
Weisere und Stärkere bei dem Thoren und Schwachen Schutz suchen soll.
Frauenzimmer von vorzüglichen Geistesgaben handeln daher wahrlich
gegen ihren eignen Vortheil, und bereiten sich unangenehme Aussichten,
wenn sie aus Herrschsucht sich dumme Männer wünschen oder wählen;
die sichern Folgen davon sind Ueberdruß, verwirrte Haushaltung und
Verachtung des Publikums für einen von beiden Theilen, und das heißt
ja: für ~beide~ Theile. Männer aber, die so unmündig am Geiste sind,
daß sie die Rolle eines Hausvaters nicht gehörig zu spielen, nicht
Herr in ihrem Hause zu seyn vermögen, thun besser, Hagestolze zu
bleiben, und sich ein Plätzchen in einem Hospital, oder eine Präbende
zu kaufen, als daß sie sich vor Kindern, Hausgesinde und Nachbarn
lächerlich machen. Ich habe einen schwachen Fürsten gekannt, dessen
Gemahlin so unumschränkte Gebieterin über ihn war, daß, als sie einst
bestellt hatte, auszufahren, der Fürst hinunter in den Schloßhof
schlich, und den Kutscher, welcher da hielt, leise fragte: »Wisset ihr
nicht, ob ich mitfahre?« Wer möchte wohl Geschäfte mit einem Manne
treiben, dessen Willen, dessen Freundschaft und dessen Art, die Dinge
anzusehen, von den Launen, Winken und Zurechtweisungen seiner Frau
abhängen, -- der seine Briefe erst seiner Hofmeisterin zur Durchsicht
vorlegen, und über die wichtigsten, geheimsten Angelegenheiten erst
Instruktion bei der Toilette holen muß? Sogar in der Gefälligkeit
und Aufmerksamkeit gegen die Ehefrau soll der Mann seine Würde nicht
verleugnen. Verächtlich ist, selbst den Weibern, ein Mann, der, bevor
er sich zu etwas entschließt, erst jedesmal sagt: »Ich will es mit
meiner Frau überlegen;« der ihr immer das Mäntelchen nachträgt, sich
nicht untersteht, in eine Gesellschaft zu gehen, wo ~sie~ nicht ist,
oder der seine treuesten Bedienten abschaffen muß, wenn Madam deren
Gesichtsbildung nicht ertragen kann.


                                  17.

Es gibt in diesem Leben eine Menge Ungemachs zu tragen. Auch der,
welcher der Glücklichste zu seyn scheint, hat geheime Leiden mancher
Art, wahre und eingebildete, unverschuldete oder selbstgeschaffne,
gleichviel! aber immer darum nicht minder Leiden. Sehr wenige Weiber
haben Kraft genug, das Unglück standhaft erdulden, guten Rath in der
Noth zu ertheilen, und ihren Gatten die Bürde tragen zu helfen, die
nun einmal getragen werden muß. Die mehrsten erschweren das Uebel
durch unzeitige Klagen, durch Geschwätz, wie es seyn ~könnte~, wenn
es nicht ~so~ wäre, wie es ist, oder gar durch übel angebrachte,
zuweilen sehr unbillige Vorwürfe. Ist es daher irgend möglich, kleinere
Unannehmlichkeiten (mit Haupt-Unglücksfällen aber läßt sich das selten
thun) vor Deiner Ehefrau zu verbergen, so verschließe lieber den
Kummer in Deinem Herzen! Ohnehin kann ein gutgeartetes Gemüth darin
keinen Trost finden, Andre, die es liebt, mit in seine Leiden zu
ziehen; und wenn nun gar die Last dadurch nicht erleichtert, sondern
vielmehr erschwert wird: wer wollte dann nicht lieber schweigen, und
seinen Rücken dem Sturme allein preisgeben? Schickt die Vorsehung Dir
aber einen großen, nicht zu verschweigenden Unfall, Noth, Schmerz,
Krankheit zu, -- verfolgen Dich widrige Geschicke, oder böse Menschen:
o dann rufe Deine ganze Standhaftigkeit auf! fasse Deinen Muth
zusammen, und versüße der Gefährtin Deines Lebens die Bitterkeit des
Kelchs, den sie mit Dir austrinken muß; wache über Deine Launen,
damit nicht der Unschuldige durch Dich leiden müsse! Verschließe Dich
in Dein Kämmerlein, wenn das Herz zu schwer wird! Dort erleichtre
Dich durch Thränen oder Gebet! Stärke und stähle Dein Herz durch
Philosophie, durch Zuversicht auf Gott, durch Hoffnung und durch weise
Entschließungen! und dann tritt mit heiterer Stirne hervor, und sey der
Tröster des Schwächern! -- Ist doch kein Ungemach und kein Leiden in
der Welt von beständiger Dauer, kein Schmerz so groß, der nicht freie
Augenblicke übrig ließe; führt doch ein gewisser Heroismus im Kampfe
gegen das Unglück Freuden mit sich, die selbst das härteste Ungemach
versüßen können; und der Gedanke, Andre zu trösten und aufzurichten,
erhebt das Herz wunderbar, erfüllt mit unbeschreiblicher Heiterkeit. --
Ich rede aus Erfahrung.


                                  18.

Wir sind darüber einig geworden, daß vollkommne Gleichheit in
Denkungsart und Temperamenten zu einer glücklichen Ehe nicht nothwendig
sey. Traurig ist aber doch immer die Lage, wenn die Ungleichheit gar zu
auffallend ist, wenn die Gattin sich bei allem kalt und gleichgültig
zeigt, was dem Gatten wichtig und interessant scheint. Traurig ist es
immer, wenn man, um den Genuß unschuldiger Freuden, um schmerzliche
Leiden, um hohe Gefühle, ferne Aussichten, wichtige Unternehmungen, --
kurz, um alles, was Kopf und Herz beschäftigt, zu theilen, sich nach
fremden Mitgenossen sehnen muß. Traurig ist es, wenn ein phlegmatisches
Geschöpf zu jedem geistreichen Tropfen, den uns die süße Phantasie
einschenkt, Wasser gießt, uns aus jeder seligen Täuschung unsanft
aufweckt, unsre wärmsten Gespräche mit Plattheiten beantwortet, und
unsre schönsten Pflanzungen zertritt. -- Was ist aber in solchen Lagen
zu thun? Vor allen Dingen Hiobs Specificum gebraucht! Nicht lange
moralisirt, wo keine Besserung zu hoffen ist, -- geschwiegen, wenn man
doch nicht verstanden wird; und dann die Gelegenheit vermieden, Scenen
zu veranlassen, wodurch man zu sehr entrüstet, oder zu bitter gekränkt,
oder durch die Dummheit des Weibes öffentlich beschimpft werden könnte
-- so kann man doch wenigstens negativ so ziemlich glücklich seyn.


                                  19.

Wie aber, wenn das Schicksal oder eigne Thorheit den Mann auf ewig an
ein Geschöpf gekettet hat, das, mit großen moralischen Gebrechen oder
gar mit Lastern behaftet, der Liebe und Achtung edler Menschen unwerth
ist; wenn die Frau durch ein mürrisches, feindseliges Temperament,
durch Neid, Geiz, oder unvernünftige Eifersucht dem Manne das Leben
verbittert, oder wenn sie sich durch ein falsches, tückisches Herz
verächtlich macht, oder wenn sie gar in Unzucht oder in Völlerei
lebt? Ich brauche hier nicht zu erinnern, daß mancher ehrliche Mann
unschuldiger Weise, d. h. in einer unschuldigen Verblendung in dies
Labyrinth gerathen kann, wenn ihm die Liebe oder vielmehr Fleisch
und Blut einen Streich spielen, indem der böse Feind Asmodäus im
Brautstande immer die schönste Larve vornimmt. Ich schweige hingegen
auch davon, daß sehr oft der Mann durch üble oder unvorsichtige
Behandlung daran Schuld ist, wenn Untugenden und Laster, zu welchen
der Keim in dem Herzen seiner Frau lag, zum Ausbruche kommen. Es würde
mich endlich zu weit führen, wenn ich Regeln für das Verhalten in jeder
einzelnen unglücklichen Lage von der Art geben wollte. -- Also nur so
viel im Allgemeinen! Man muß in solchen Lagen dreierlei Rücksichten
nehmen, nämlich: ~zuerst~ solche, welche auf Beförderung unserer eignen
Ruhe abzielen; ~sodann~ Rücksichten auf Kinder und Hausgenossen; und
~endlich~ auf das Publikum. Was den ersten Punkt betrifft, so rathe
ich: wenn einmal keine Hoffnung zu Bewirkung sittlicher Besserung da
ist, sich nicht mit Klagen, Vorwürfen und Zänkereien aufzuhalten,
sondern in der Stille solche kräftige Gegenmittel zu wählen, die uns
Vernunft, Rechtschaffenheit und Gefühl von Ehre anrathen. Entwirf
reiflich und mit möglichst kaltem Blute Deinen Plan! Ueberlege wohl,
ob eine Trennung nöthig sey, oder wie Du es anzufangen habest, Deinen
Zustand, wenn derselbe nun einmal nicht zu verbessern ist, leidlich zu
machen, und laß Dich dann von Deinem Entschlusse durch nichts, selbst
durch keine bloß anscheinende Besserung, noch durch Liebkosungen,
abwendig machen! Erniedrige Dich aber nie so weit, daß Du Dich durch
Hitze zu gewaltsamen Behandlungen verleiten ließest; sonst hast Du
schon zur Hälfte Unrecht. Erfülle endlich um so treuer Deine Pflichten,
je öfter Dein Weib sie übertritt: so wird auch Dein Gewissen beruhigt
seyn, und mit einem ruhigen Gewissen läßt sich alles, auch das Aergste,
ertragen. In Betracht Deiner Kinder, des Hausgesindes und des Publikums
aber vermeide alles Aufsehen! Laß, wo möglich, Dein Unglück nicht
ruchtbar werden! Wenn Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so werden
die Kinder immer schlecht erzogen. Ist diese Uneinigkeit also nicht
zu verbergen, so trenne Dich lieber von Deinen Kindern, und überlaß
ihre Leitung fremden guten Händen! Wenn offenbare Uneinigkeit unter
Eheleuten herrscht, so ist das Hausgesinde nie zur Ordnung, Treue
und Redlichkeit geneigt. Es entstehen Partheien und Klatschereien
ohne Ende. Vermeide daher allen Zank in Gegenwart des Gesindes!
Wenn öffentliche Uneinigkeit unter Eheleuten herrscht, so verliert
der unschuldige Theil, zugleich mit dem schuldigen, die Achtung der
Mitbürger. Vertraue deswegen nicht leicht Dein häusliches Unglück
fremden Leuten.


                                  20.

Sehr gern aber pflegen sich dienstfertige gute Freunde, alte Weiber,
beiderlei Geschlechts, Vettern und Basen in solche Angelegenheiten
zu mischen. Leide nicht, daß irgend jemand, wer es auch sey,
ohne von Dir dazu aufgefordert zu seyn, sich um Deine häuslichen
Umstände bekümmre; weise solche Einmischungen mit aller männlichen
Entschlossenheit von Dir! Gute Seelen vertragen sich ohne Vermittlung,
und mit schlechten richtet ein Friedensstifter doch nichts aus. Allein
bitte Gott, daß er Dich vor einer gewissen Art von Schwiegermüttern
bewahre, die alles wissen, alles thun, wenn sie auch bettelarm am
Geiste sind, dennoch alles dirigiren wollen; deren Geschäft ist,
Hetzereien anzustiften, zu unterhalten, und die mit Köchinnen und
Haushälterinnen gemeinschaftliche Sache machen, um aus christlicher
Liebe die Handlungen des Nächsten auszuspähen. Solltest Du aber zum
Unglücke so eine Meerkatze, ein solches satanisches Hausgeräth mit
erheirathet haben: so ergreif die erste Gelegenheit, da sie sich in
Deine Hausvater-Angelegenheiten mischen will, ihre freundlichen,
frommen Dienste so nachdrücklich zu verbitten, daß sie Dir sobald nicht
wiederkomme! Es gibt aber auch gute, edle Schwiegermütter, die ihren
verheiratheten Töchtern mit treuem Rathe beistehen, und denen man denn
um so mehr Ehrerbietung und Aufmerksamkeit schuldig ist, wenn man ihnen
die Bildung eines geliebten Weibes zu danken hat.

Ueberhaupt sollen alle Zwistigkeiten unter Eheleuten nur unter ihren
vier Augen ausgemacht werden, und, wenn es auf das Höchste kömmt, von
der Obrigkeit; alle Mittel-Instanzen taugen gar nichts, und fremde
Friedensstifter und Beschützer des leidenden Theils machen immer das
Uebel ärger. Der Mann muß Herr seyn in seinem Hause: ~so~ wollen es
Natur und Vernunft. Mit einem Herrn zankt man nicht; er hat Richter
~über~ sich, nicht ~neben~ sich. Er soll sich auf keine Weise diese
Herrschaft rauben lassen, und auch dann, wenn die weisere Frau seiner
offenbaren Macht die heimliche Gewalt über sein Herz entgegenstellt,
muß doch das äussere Ansehen der Herrschaft nie wegfallen.


                                  21.

Nichts erschüttert so heftig das Glück unter Gatten und Gattinnen,
als die ~Verletzung ehelicher Treue~. Der Moralität nach und unsern
religiösen und politischen Grundsätzen gemäß, ist zwar die Uebertretung
der ehelichen Pflichten von einer Seite so unedel wie von der
andern; in Rücksicht auf die Folgen hingegen ist die Unkeuschheit
einer Frau weit strafbarer, als die eines Mannes; jene zerreißt die
Familien-Bande, vererbt auf Bastarte die Vorzüge ehelicher Kinder,
zerstört die heiligen Rechte des Eigenthums, und widerspricht laut
den Gesetzen der Natur, nach welchen immer Vielweiberei weniger
unnatürlich, als Vielmännerei seyn würde. -- Man hat nicht einmal
in irgend einer Sprache einen üblichen Ausdruck für das Letztere.
Der Mann ist das Haupt der Familie; die schlechte Aufführung seiner
Frau wirft zugleich Schande auf ihn, als den Haus-Regenten; -- nicht
umgekehrt also! Ohne Betracht auf Folge und Rechenschaft aber, dünkt
mich, handelt ein Theil, der den andern für untreu hält, sehr unweise,
wenn er durch Vorwürfe, oder gar durch unvernünftiges Toben ihn in
Schranken halten will. Ist es ihm um sein Herz zu thun, so muß er
wissen, daß man nur durch sanfte, liebevolle Mittel Herzen fesselt,
durch das Gegentheil aber zurückstößt; verlangt er nur den alleinigen
Besitz des Leibes, so ist er ein Geschöpf der gemeinsten Art. Eheleute,
die durch kein edleres Band an einander geknüpft sind, finden tausend
Mittel, sich zu hintergehen, und es ist daran nicht viel verloren.
In so fern also bei der Untreue nicht Zärtlichkeit und Hochachtung
gekränkt werden, so ist wahrlich, wie die Franzosen in der That
vorgeben, die Hahnreischaft sehr wenig, und wenn man die Sache nicht
weiß, gar nichts. Noch ärger aber, und das sicherste Mittel, auch den
treuesten Gatten zu Ausschweifungen zu verleiten, ist, ihn auf bloßen
Verdacht durch Vorwürfe und niedriges Mißtrauen beleidigen. Sollte aber
Dein Unglück gewiß, und Deine Schande nicht zu verbergen seyn: so ist
freilich kein anderes Mittel, als Trennung durch gerichtliche Hülfe,
oder durch gütliche Uebereinkunft, obgleich der Schandfleck dadurch
nicht ausgelöscht wird. In allen übrigen Fällen ist die Ehescheidung
eine höchst bedenkliche Sache. Leute, die eine Reihe von Jahren mit
einander verlebt haben, können einen solchen Schritt nicht leicht
thun, ohne Beide an öffentlicher Achtung zu verlieren. Eheleute, die
Kinder haben, können, ohne sehr nachtheilige Folgen für die Bildung und
zeitliche Glückseligkeit dieser Kinder, sich nie trennen. Ist es daher
irgend möglich, bei einem weisen, vorsichtigen Betragen es mit einander
auszuhalten: so ertrage, leide und dulde man, und vermeide öffentliches
Aergerniß!


                                  22.

Allein alle diese Vorschriften sind wohl nur auf Personen im mittlern
Stande besonders anwendbar. Die sehr vornehmen und sehr reichen
Leute haben selten Sinn für häusliche Glückseligkeit, fühlen keine
Seelen-Bedürfnisse, leben mehrentheils auf einem sehr fremden Fuße mit
ihrem Ehegatten, und bedürfen also keiner andern Regeln, als solcher,
die eine feine Erziehung vorschreibt. Und da sie auch eine eigne Moral
zu haben pflegen, so werden sie wohl in diesem Kapitel wenig finden,
das für sie tauglich wäre.




                           Viertes Kapitel.

              Ueber den Umgang mit und unter Verliebten.


                                  1.

Mit Verliebten ist vernünftiger Weise gar nicht umzugehen; sie sind
so wenig, wie andere Berauschte, zur Geselligkeit geschickt; ausser
ihrem Abgotte ist die ganze Welt todt für sie. Man mag übrigens leicht
mit ihnen fertig werden, wenn man nur Geduld genug hat, sie von dem
Gegenstande ihrer Zärtlichkeit reden zu hören, ohne zu gähnen; wenn
man im Gegentheile dabei einiges Interesse zeigt, sich über ihre
Thorheiten und Launen nicht zu ärgern, und im Fall die Liebe heimlich
gehalten seyn soll, sie nicht zu beobachten, nichts zu merken scheint,
wüßte auch die ganze Stadt das Geheimniß (wie es denn mehrentheils
geschieht); endlich wenn man ihre Eifersucht nicht erregt.

Und so hätte ich denn über diesen Gegenstand weiter nichts zu reden.
-- Doch noch ein Paar Bemerkungen! Suchet Ihr einen verständigen
Freund, der Euch mit weisem Rathe, oder mit festem Muthe, mit Fleiß und
dauernder Arbeit dienen soll: so wählet keinen Verliebten dazu! Ist
es Euch aber darum zu thun, eine theilnehmende, empfindelnde Seele zu
finden, die mit Euch klage, winsele, seufze, oder Euch ohne Sicherheit
Geld borge, auf etwas subscribire, ein armes Mädchen ausstatte, einen
beleidigten Vater besänftigen helfe, oder mit Euch Ritterstreiche
mache, Kindereien treibe, oder Eure Verse, Eure Liederchen und Sonaten
lobe: -- so wendet Euch nach den Umständen an einen glücklichen oder
hoffnungslosen Liebhaber!


                                  2.

Den Verliebten selbst Regeln über ihren Umgang mit einander zu geben,
das würde verlorne Mühe seyn; denn da diese Menschen selten bei
gesunder Vernunft sind: so wäre es eben so unsinnig, zu verlangen, daß
sie sich dabei gewissen Vorschriften unterwerfen sollten, als wenn man
einem Rasenden zumuthen wollte, in Versen zu phantasiren, oder Einem,
der die Kolik hat, nach Noten zu schreien. Doch ließe sich Einiges
sagen, das gut und leicht zu beobachten wäre, wenn man hoffen dürfte,
daß solche Menschen der Vernunft Gehör gäben, oder auch nur lichte
Zwischenräume hätten, in welchen sie etwas begreifen können.


                                  3.

Die erste Liebe bewirkt ungeheure Revolutionen in der ganzen Sinnesart
und dem Wesen des Menschen. Wer nie geliebt hat, kann keinen Begriff
haben von den seligen Freuden, die der Umgang unter Verliebten gewährt;
wer zu oft mit seinem Herzen Tausch und Handel getrieben hat, verliert
den Sinn dafür. Ich habe einst ein Bild davon entworfen, und da ich
jetzt nichts Besseres darüber zu sagen weiß, will ich diese Stelle hier
abschreiben[5].

»Es ist eine gar sonderbare Sache um die ersten Liebes-Erklärungen.
Wer mit seinem Herzen schon oft Spielwerk getrieben, seine zärtlichen
Seufzer vor manchen Schönen schon ausgeblasen hat, dem wird es eben
nicht schwer, wenn er einmal wieder sich die Lust macht, verliebt zu
werden, seine Empfindungen bei einer schicklichen Gelegenheit an den
Tag zu legen; auch weiß dann die Kokette schon, was sie bei solchen
Vorfällen zu antworten hat; sie glaubt das Ding nicht sogleich, meint,
der Herr wolle sie zum Besten haben, er spiele den Roman-Helden, oder,
wenn er dringend wird, und sie glaubt nach und nach überzeugt werden
zu müssen, so kömmt zuerst eine Bitte, ihrer Schwachheit zu schonen,
ihr nicht ein Geständniß abzunöthigen, wobei sie erröthen müßte; und
dann will der entzückte Liebhaber dem holden Engel um den Hals fallen,
und in Wonne dahinschmelzen; aber die Schöne protestirt feierlich
gegen alle solche Freiheiten, verläßt sich überhaupt auf seine Ehre
und Rechtschaffenheit, reicht ihm höchstens die Backe dar, theilt
ihre Gunstverwilligungen in unendlich kleine Parcelen, um täglich
nur um ein Haar breit dem Ziele näher rücken zu dürfen, damit der
schöne Roman desto länger dauern möge; und wenn auf andre Art keine
Zeit mehr zu gewinnen ist, muß ein kleiner Zwist dazwischen kommen,
die völlige Entwickelung aufhalten, und die Uhr auf die Schäferstunde
zurückstellen. Bei allen diesen conventionellen Gaukeleien aber
empfinden dergleichen Leute gar nichts, lachen, wenn sie allein
sind, des Possenspiels, das sie mit einander treiben, können voraus
calculiren, wie weit sie morgen und übermorgen mit ihrem Geschäfte
kommen müssen, und werden dick und fett bei ihrer Liebespein.«

 »Ganz anders aber ist es mit einem Paar unschuldigen Herzen, die, zum
 erstenmal vom wohlthätigen Feuer der Liebe erwärmt, so gern ihren
 süßen, schuldlosen Gefühlen Luft machen möchten, und immer nicht
 Muth fassen können, mit Worten zu sagen, was Augen und Gebehrden oft
 schon deutlich gesagt und beantwortet haben. Der Jüngling sieht die
 Geliebte zärtlich an; sie erröthet; ihr Blick wird unruhig, unstät,
 wenn Er mit einem andern Mädchen zu viel und zu freundlich redet; sein
 Auge möchte zürnen, er möchte gleichgültig vor ihr vorbeiblicken,
 wenn sie einem Andern vertraulich etwas in's Ohr gesagt hat; man
 fühlt den Vorwurf, gibt augenblickliche Genugthuung, bricht plötzlich
 und fast unhöflich das Gespräch ab, welches den Argwohn erweckt
 hat; der Versöhnte dankt durch das zärtliche Lächeln und durch die
 fröhlichste, plötzlich aufwachende Laune; man nimmt mit den Augen
 Verabredungen auf morgen, entschuldigt sich, warnet vor Beobachtern,
 erkennt sich gegenseitige Rechte auf einander an -- und hat sich
 doch noch mit keinem Wörtchen gesagt, ~was~ man für einander fühlt.
 Allein man sucht von beiden Seiten ernstlich die Gelegenheit dazu;
 sie kömmt, kömmt oft, und man läßt sie ungenützt vorbeistreichen,
 drückt sich höchstens einmal leise die Hand, und doch auch das nie
 ohne irgend einen schicklichen Vorwand, sagt sich aber kein Wort,
 ist mißmüthig, zweifelt an Gegenliebe, und hat sich oft noch nicht
 gegen einander erklärt, wenn man schon die Fabel der ganzen Stadt und
 der Gegenstand der schändlichsten Verläumdung ist. Ist endlich das
 längst im Busen pochende Bekenntniß den furchtsamen Lippen stotternd
 entflohen, und mit gebrochenen, halb erstickten Worten, mit einem
 bis in das Innerste dringenden Händedrucke begleitet, beantwortet
 worden; dann lebt man vollends erst ganz für einander, ist wenig um
 die übrige Welt bekümmert, sieht und hört nichts um sich her, ist in
 keiner Gesellschaft verlegen mit seiner Person, wenn nur der theure
 Gegenstand uns freundlich anlächelt; findet an der Seite der Geliebten
 alles Ungemach des Lebens leichter zu ertragen; glaubt nicht, daß es
 Krankheit, Armuth, Druck und Noth in der schönen Welt geben könne;
 lebt mit allen Wesen in Frieden; verachtet Gemächlichkeit, köstliche
 Speise, Schlaf. -- O Ihr! wenn Ihr je so wonnevolle Zeiten verlebt
 habt, sprechet! ist auch ein süßerer Traum zu träumen möglich? Ist
 unter allen phantastischen Freuden des Lebens Eine, die so unschuldig,
 so natürlich, so unschädlich wäre? Eine, die so überschwenglich
 glücklich, fröhlich, so friedenvoll machte? -- Ach! daß dieser selige
 Zustand der Bezauberung nicht ewig dauern kann, daß man oft nur gar zu
 unsanft aus diesem elysischen Schlummer aufgeschreckt wird!«


                                  4.

In der Ehe ist ~Eifersucht~ ein schreckliches, Ruhe und Frieden
störendes Uebel, und jeder Streit von bösen Folgen; in die Liebe
hingegen bringt die Eifersucht Mannigfaltigkeit und neues Leben;
nichts ist süßer, als der Augenblick der Versöhnung nach kleinen
Zwistigkeiten, und solche Scenen knüpfen das Band fester. Zittre vor
der Eifersucht einer Kokette, vor der Rache eines Weibes, dessen Liebe
Du verschmäht hast, oder für welches Dein Herz nicht mehr spricht, wenn
sie Deiner -- sey es nun aus Lust, oder aus Eitelkeit, aus Vorwitz,
oder aus Eigensinn -- noch begehrt! Sie wird Dich mit wüthigem Grimme
verfolgen, und keine Schonung von Deiner Seite, keine Nachgiebigkeit,
keine Verschwiegenheit über die ehemaligen Verhältnisse, keine
öffentliche Ehrerbietungs-Bezeigungen werden Dir helfen, besonders wenn
sie Dich nicht etwa fürchtet.


                                  5.

Weiber-Feinde schreien laut: das schöne Geschlecht liebe nie mit so
gänzlich treuer Ergebung, wie wir Männer; Eitelkeit, Vorwitz, Lust
an Abentheuern, oder körperliches Bedürfniß sey es nur, was sie zu
uns hinreisse, und man dürfe nicht länger auf Weibertreue rechnen,
als so lange eine von diesen Leidenschaften und Trieben nach Zeit
und Gelegenheit zu befriedigen ist; Andre hingegen lehren gerade
das Gegentheil, und beschreiben mit den reizendsten Farben die
Beständigkeit, die Innigkeit und das Feuer eines weiblichen, von Liebe
erfüllten Herzens. Jene eignen dem Geschlechte viel mehr Sinnlichkeit
und Reizbarkeit, als edlere Gefühle zu, und sagen, es sey nur Grimasse,
wenn Weiber ihre Männer überreden wollten, sie hätten ein sehr kaltes
Temperament; Diese hingegen behaupten: die reinste, heiligste Liebe,
ohne Begierde, ja, auf gewisse Art ohne Leidenschaft, diese göttliche
Flamme könne nur in weiblichen Seelen in ihrer ganzen Fülle wohnen.
Wer von beiden Partheien Recht hat, das mögen Diejenigen entscheiden,
denen eine größere Kenntniß des weiblichen Herzens, und ausgebreitete
Welt-Erfahrung ein Recht geben, über den Charakter der Weiber kühner,
unpartheiischer, mit mehr Scharfsinn und mit gründlicherer Vernunft,
als ich, zu urtheilen und zu schreiben. Ich wage das nicht; auch sind
es zwei verschiedene Fragen: aus welchen Quellen zuerst Weiberliebe
zu entspringen pflege? und: welche Eigenschaften nachher diese Liebe
habe, wenn einmal die Seele davon ergriffen ist? Das aber getraue
ich mir zu behaupten, ohne einem von beiden Geschlechtern zu nahe zu
treten, daß wir Männer an Treue und gänzlicher Hingebung in der Liebe
wohl schwerlich die Weiber übertreffen dürften. Die Geschichte aller
Zeiten ist voll von Beispielen der treuesten Anhänglichkeit, der
heldenmüthigsten Ueberwindung aller Schwierigkeiten, und Verachtung
aller Gefahren, mit welcher ein Weib sich ihrem Geliebten weiht, und
sein Leben zu beglücken, zu erhalten, zu erretten sucht. Ich kenne
kein höheres Glück auf der Welt, als so innig, so treu geliebt zu
werden. Leichtsinnige Gemüther findet man unter Männern, wie unter
Frauenzimmern; Hang zur Abwechselung ist dem ganzen Menschengeschlecht
eigen; neue Eindrücke größerer Liebenswürdigkeit, wahrer oder
eingebildeter, können die lebhaftesten Empfindungen verdrängen; aber
fast möchte ich sagen, die Fälle der Untreue wären häufiger bei
Männern, als bei Weibern, würden nur nicht so bekannt, machten weniger
Aufsehen, wir wären wirklich nicht so leicht auf immer zu fesseln; und
es würde vielleicht nicht schwer halten, die Ursachen davon anzugeben,
wenn das hieher gehörte.


                                  6.

Treue, ächte Liebe freuet sich in der Stille des seligen Genusses,
prahlt nicht nur nie mit Gunstbezeigungen, sondern gesteht sich's sogar
selbst kaum, wie froh sie ist. Die glücklichsten Augenblicke in der
Liebe sind da, wo man sich noch nicht gegen einander mit Worten erklärt
hat, und doch jede Miene, jeden Blick versteht. Die wonnevollsten
Freuden sind die, welche man mittheilt und empfängt, ohne dem Verstande
davon Rechenschaft zu geben. Die Feinheit des Gefühls leidet oft
nicht, daß man sich über Dinge erkläre, die ganz ihren hohen Werth
verlieren, die anständiger Weise, ohne Beleidigung des Zartgefühls,
gar nicht mehr gegeben und angenommen werden können, sobald man etwas
darüber gesagt hat. Man verwilligt stillschweigend, was man nicht
verwilligen darf, wenn es erbeten, oder wenn es merkbar wird, daß es
mit Absicht gegeben werden soll.


                                  7.

In den Jahren, in welchen so leicht das Herz mit dem Kopfe davon
läuft, bauet so Mancher das Unglück seines Lebens durch übereilte
Ehe-Versprechungen. Im Taumel der Liebe vergißt der Jüngling, wie
wichtig ein solcher Schritt ist, und daß von allen Verbindlichkeiten,
die man übernehmen kann, diese die schwerste, die gefährlichste
und leider die unauflöslichste ist. Er verbindet sich auf ewig mit
einem Geschöpfe, das sich seinen von Leidenschaft geblendeten Augen
ganz anders darstellt, als es späterhin seiner nüchternen Vernunft
erscheint, und dann hat er sich eine Hölle auf Erden bereitet; oder
er vergißt, daß mit einer solchen Verbindung die Bedürfnisse, Sorgen
und Arbeiten wachsen, und dann muß er, an der Seite eines innigst
geliebten Weibes, mit Mangel und Kummer kämpfen, und doppelt alle
Schläge des Schicksals fühlen; oder er bricht sein Wort, wenn ihm vor
der priesterlichen Einsegnung noch die Augen aufgehen; und dann sind
Gewissensbisse sein Theil. -- Allein, was vermögen Rath und Warnung im
Augenblicke des Rausches? Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich
im 15ten und 16ten Abschnitte des folgenden Kapitels sagen werde.


                                  8.

Haben Liebe und Vertraulichkeit Dich an ein Geschöpf gekettet, und
Eure Bande werden getrennt, sey es nun durch Schicksale, Untreue
und Leichtfertigkeit des einen Theils, oder durch andere Umstände:
so handle, nach dem Bruche, oder wenn die Verbindung sonst aufhört,
nie unedel. Laß Dich nie hinreissen zu niedriger Rache! Mißbrauche
nicht Briefe, noch Zutrauen! Der Mann, der fähig ist, ein Mädchen zu
lästern, einem Weibe zu schaden, das einst in seinem Herzen geherrscht
hat, verdient Haß und Verachtung; und wie mancher sonst nicht sehr
liebenswürdige Mann hat die Gunst artiger Frauenzimmer nur allein
seiner erprobten Bescheidenheit, Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit in
Liebessachen zu danken!




                           Fünftes Kapitel.

                  Ueber den Umgang mit Frauenzimmern.


                                  1.

Ich will gleich zu Anfange dieses Kapitels feierlich erklären, daß
ich kein Weiber-Feind bin. -- Zwar sollte es billig einer solchen
Erklärung nicht bedürfen, weil es schon der gesunde Menschenverstand
lehrt, und ich kühn sagen darf, daß meine Schriften nicht Gelegenheit
geben, mich für einen Lästerer des schönen Geschlechts zu halten; doch
der Schwachen wegen füge ich es hinzu. Alles also, was ich hier im
Allgemeinen zum Nachtheile des weiblichen Charakters sagen muß, soll
der Verehrung unbeschadet gesagt seyn, die nicht nur jedes einzelne
edle Weib und Mädchen, sondern die auch das Geschlecht, im Ganzen
genommen, von so manchen Seiten, nur nicht gerade von der fehlerhaften,
verdient. ~Diese~ zu verschweigen, um ~jene~ zu erheben, das ist das
Handwerk eines feilen Schmeichlers; und der mag ich nicht seyn. Die
mehrsten Schriftsteller aber, welche etwas über die Frauenzimmer sagen,
scheinen sich's zum Geschäft zu machen, nur die Schwächen derselben
aufzudecken -- das ist noch weniger meine Absicht. Wenn ich aber über
den Umgang mit Menschen schreibe: so habe ich die Verpflichtung, auch
die Schwächen in Erwägung zu ziehen, denen man nachgeben, die man
schonen muß, um in dem Umgange mit Frauenzimmern weder ungerecht, noch
ihr Sclave zu werden. Jedes Geschlecht, jeder Stand, jedes Alter, jeder
einzelne Charakter hat dergleichen Schwächen. In so fern ich diese
kenne, gehört es zu meinem Zwecke, davon zu reden; und man wird finden,
daß ich von der andern Seite weder die Tugenden verschwiegen habe, die
den Umgang mit Männern und Frauenzimmern, mit Alten und Jungen, mit
Weisern und Schwächern, mit Vornehmen und Geringen, angenehm machen,
noch irgend eine einzelne Klasse auf Kosten oder zum Vortheile der
andern, lobe oder tadle. -- So viel als Vorrede zu diesem Kapitel.


                                  2.

Nichts ist so geschickt, der Bildung des Jünglings die Vollendung
zu geben, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Weibern.
Da werden die sanftern Tinten in den Charakter eingetragen; da wird
durch mildere und feinere Züge manche Härte gemäßigt, mancher Flecken
verwischt, -- kurz: wer nie mit Weibern besserer Art umgegangen ist,
der entbehrt nicht nur sehr viel reinen Genuß, sondern er wird auch im
geselligen Leben nicht weit kommen; und ~den~ Mann, der verächtlich
vom ganzen weiblichen Geschlechte denkt und redet, mag ich nicht
zum Freunde haben. Ich habe die seligsten Stunden in dem Kreise
liebenswürdiger Frauenzimmer verlebt; und wenn etwas Gutes an mir ist,
wenn, nach so vielfältigen Täuschungen von Menschen und Schicksalen,
Erbitterung, Mißmuth und Feindseligkeit noch nicht alles Wohlwollen,
alle Liebe und Duldung aus meiner Seele verdrängt haben: so danke ich
es den sanften Einwirkungen, die dieser Umgang auf meinen Charakter
gehabt hat.


                                  3.

Die Weiber haben einen ganz eignen Sinn, um diejenigen unter den
Männern zu unterscheiden, welche mit ihnen sympathisiren, sie
verstehen, sich in ihren Ton stimmen können. Man hat sehr Unrecht,
wenn man ihnen Schuld gibt, körperliche Schönheit allein mache auf
sie so lebhafte Eindrücke; sehr oft hat gerade der entgegengesetzte
Fall Statt. Ich kenne Jünglinge mit Antinous-Gestalten, die ihr Glück
bei dem schönen Geschlechte nicht machen, und hingegen Männer mit
fast garstigen Larven, die dort gefallen und Theilnehmung erwecken.
Auch liegt nicht der Grund darin, daß sie die Klügern und Witzigern
vorzögen, noch in der mehrern oder mindern Schmeichelei und Huldigung;
es gibt aber eine Art mit Frauenzimmern umzugehen, die nur von ihnen
selbst erlernt werden kann; und wer ~die~ nicht versteht, der mag mit
allen innern und äussern Vorzügen ausgerüstet seyn -- er wird ihnen
nicht behagen. Man findet Männer, die von der Gabe, den Frauenzimmern
zu gefallen, großen Mißbrauch machen, denen man erwachsene Töchter
anvertrauet, die zu allen Tageszeiten bei den Damen freien Zutritt,
und sich in den Ruf gesetzt haben, ohne Bedeutung zu seyn, denen
man eben deswegen sorglos die freiesten Scherze erlaubt, oft aber
dadurch so gefährlich macht, daß man es, aber zu spät, bereut, ihnen
so viel eingeräumt zu haben. Der Mißbrauch hebt indessen den erlaubten
Gebrauch jener Kunst nicht auf. Ein kleiner Anstrich von weiblicher
Sanftmuth, die aber ja nicht in unmännliche Schwäche übergehen darf;
Gefälligkeiten, die nicht so groß, nicht so merklich seyn dürfen,
daß sie Aufsehen erregen, oder größere Gegenforderung veranlassen,
aber auch nicht so heimlich, daß sie übersehen würden; kleine, feine
Aufmerksamkeiten, wofür sich kaum danken läßt, die also kein Recht
geben, ohne Anspruch zu seyn scheinen, und doch verstanden, doch
angerechnet werden; eine Art von Augensprache, die, sehr vom Liebäugeln
unterschieden, nur von zarten, empfindungsvollen Herzen aufgefaßt
wird, ohne in Worte übersetzt werden zu dürfen; das Verbergen gewisser
geheimen Gefühle; ein freier, treuherziger Umgang, der nie in freche,
gemeine Vertraulichkeit ausarten muß; zuweilen sanfte Schwermuth,
die nicht Langeweile macht; ein gewisser romanhafter Schwung, der
weder in's Süßliche, noch Abentheuerliche fällt; Bescheidenheit,
ohne Schüchternheit; Unerschrockenheit, Muth und Lebhaftigkeit,
ohne stürmisches Wesen; körperliche Gewandtheit, Geschicktheit,
Behendigkeit, angenehme Talente; -- ich denke, das ist es ungefähr, was
den Weibern an uns gefallen könnte.


                                  4.

Das Gefühl der Schutzbedürftigkeit, und die Ueberzeugung, daß der
Mann ein Wesen seyn müsse, das fähig sey, diesen Schutz zu verleihen,
ist von der Natur auch ~denen~ Frauen eingepflanzt, die Stärke und
Entschlossenheit genug haben, sich selbst zu schützen. Daher fühlen
auch weichgeschaffne Damen eine Art von Widerwillen gegen schwächliche,
gebrechliche Männer. Sie können gegen Leidende herzliches Mitleiden
empfinden, zum Beispiel gegen Verwundete, Kranke und dergleichen; aber
eigentliche, bleibende Gebrechlichkeiten, die den freien Gebrauch der
Kräfte hemmen, werden die Zuneigung, selbst des sittsamsten Weibes, von
Dir abwendig machen.


                                  5.

Man hat oft den Damen vorgeworfen, daß sie sich vorzüglich für
ausschweifende Männer interessirten. Wenn das wahr ist: so kann ich
doch nichts durchaus Anstößiges darin finden. Sind sie, bei dem
Bewußtseyn eigner Schwäche, duldsamer, als wir: so macht das ihrem
Herzen Ehre; allein wir Männer tadeln auch oft nur aus Neid solche
glückliche Verbrecher von unserm Geschlechte, finden hingegen, wenn wir
die Lovelace und Carl Moor nur auf dem Papiere oder auf der Schaubühne
sehen, heimliches Wohlgefallen an ihnen. Der Grund von dem Allen liegt
wohl in einem dunkeln Gefühle, welches uns sagt, daß zu Verirrungen von
der Art eine gewisse Kraft des Gemüths, eine lebendige Thätigkeit, und
eine Empfänglichkeit des Gefühls gehöre, die immer Interesse erweckt.
Uebrigens will man bemerkt haben, daß die mehrsten Frauenzimmer nur
vorzüglich duldsam gegen ~hübsche Männer~ und gegen ~garstige Weiber~
seyen.


                                  6.

Noch muß ich erinnern, daß die Frauenzimmer an den Männern Reinlichkeit
und eine wohlgewählte, doch nicht phantastische Kleidung lieben, und
daß sie leicht mit einem Blicke kleine Fehler und Nachlässigkeiten im
Anzuge bemerken.


                                  7.

Huldige nicht mehrern Frauenzimmern zu gleicher Zeit, an demselben
Orte, auf einerlei Weise, wenn es Dir darum zu thun ist, Zuneigung
oder Vorzug von einer Einzelnen zu erlangen! Sie verzeihen uns kleine
Untreuen, ja man kann dadurch bei ihnen zuweilen sogar gewinnen; aber
in dem Augenblicke, da man ihnen etwas von Empfindungen vorschwatzt,
muß man fühlen, was man sagt, und es nur ~für sie~ fühlen. Sobald sie
merken, daß Du Dein zärtliches Gewäsche einer Jeden auskramst, ist
alles vorbei. Sie mögen, was sie uns sind, gern ~ungetheilt~, ~allein~
und ausschließend bleiben.


                                  8.

Zwei Frauenzimmer, die Forderungen und Ansprüche von einerlei Art
machen, sey es nun von Seiten der Schönheit, Gelehrsamkeit, oder sonst,
stimmen in einer Gesellschaft nicht gut zusammen. Doch werden sie
zuweilen mit einander fertig; kömmt aber die Dritte hinzu, dann hat der
böse Feind sein Spiel.

Hüte Dich daher auch, in Gegenwart einer Dame, die Ansprüche von irgend
einer Art macht, eine andre, wegen gleicher Eigenschaften, zu sehr
zu loben, besonders eine Nebenbuhlerin mit denselben Ansprüchen! Es
pflegt allen Menschen, die ein Gefühl von eignem Werthe, und Begierde
zu glänzen haben, vorzüglich aber den Damen, eigen zu seyn, daß sie
gern ausschließlich bewundert werden mögen, es sey nun wegen Schönheit,
wegen Geschmack, wegen Pracht, wegen Talente, wegen Gelehrsamkeit,
oder weswegen es auch sey. Sprich daher auch nicht von Aehnlichkeiten,
die Du findest, zwischen der Frau, mit welcher Du redest, und ihren
Kindern, oder irgend einer andern Person! Frauenzimmer haben zuweilen
sonderbare Grillen; man weiß nicht immer, wie sie, nach ihrer
Vorstellung, aussehen, oder gern aussehen möchten. Die Eine affectirt
Simplicität, Unschuld, Naivität; die Andre macht Anspruch auf hohe
Grazie, Adel und Würde in Gang und Gebehrde. Die Eine sähe es gern,
wenn man sagte: ihr Gesicht verrathe so viel Sanftmuth; eine Andre
möchte männlich klug, entschlossen, geistvoll, erhaben aussehen. Die
möchte mit ihren Blicken zu Boden stürzen können; Jene mit ihren Augen
alle Herzen wie Butter schmelzen. Die Eine will ein gesundes und
frisches, die Andre ein kränkliches, leidendes Ansehen haben. -- Das
sind nun kleine unschädliche Schwachheiten, nach denen man sich wohl
richten kann, oder vielmehr muß, wenn man mit Damen umgehen will.


                                  9.

Die mehresten Frauenzimmer wollen ohne Unterlaß angenehm unterhalten
seyn. Der angenehme Gesellschafter ist ihnen oft mehr werth, als der
würdige, verdienstvolle Mann, von dessen Lippen Weisheit strömt, wenn
er redet; der aber lieber schweigen, als leere Worte sprechen mag.
Allein kein Gegenstand scheint ihnen unterhaltender, als ihr eignes
Lob, wenn es ihnen nicht gar zu stark in's Gesicht gesagt wird; -- doch
auch damit nehmen es Manche so genau nicht. Man erhebe immer einmal
die Schönheit einer alten Matrone! Man sehe immer einmal die Mutter
für die Tochter im Hause an! -- Sie werden uns darum die Augen nicht
auskratzen. Ueberhaupt aber ist es mit dem Alter der Frauenzimmer
ein kitzlicher Punkt. Man thut am besten, diese Saite gar nicht zu
berühren. Wenn man übrigens die Kunst versteht, ihnen Gelegenheit zu
geben, zu glänzen, so bedarf man weiter keiner Unterhaltung, und man
wird ihnen gewiß nicht unangenehm seyn. -- Ist das nicht bei allen
Menschen mehr oder weniger der Fall? Gewiß! doch bei Weibern öfter,
weil man wohl ohne Sünde ein wenig mehr Eitelkeit auf Rechnung ihres
Geschlechts schreiben, als dem unsrigen Schuld geben darf.


                                  10.

Ein großes Triebrad im weiblichen Charakter ist die Neugier. Auch
darauf muß man zu rechter Zeit im Umgang mit ihnen zu wirken, und
dies Bedürfniß nach den Umständen zu erwecken, zu beschäftigen und zu
befriedigen verstehen. Sonderbar genug ist es, wie weit oft Vorwitz
und Neugier bei ihnen gehen. Auch die mitleidigsten Seelen unter
ihnen empfinden zuweilen einen unbezwinglichen Trieb, schreckliche
Scenen, Exekutionen, Operationen, Wunden und dergleichen anzuschauen,
jämmerliche Mordgeschichten zu hören; -- Gegenstände, denen sich der
weniger weibliche Mann nicht ohne Widerwillen gegenüber sieht. Deswegen
sind ihnen auch diejenigen Romane und Schauspiele größtentheils
die angenehmsten, in welchen Abentheuer ohne Ende, unerwartete
Begebenheiten in Menge, und Greuel auf Greuel gehäuft sind. Deswegen
forschen die Schlimmern unter ihnen so gern nach fremden Geheimnissen,
und spähen die Handlungen ihrer Nachbaren aus, wenn auch nicht immer
Bosheit, Neid und Schadenfreude zum Grunde liegen. Chesterfield sagt:
»Wenn Du Dich bei Weibern einschmeicheln willst, so vertraue ihnen ein
Geheimniß!« -- freilich wohl nur ein kleines Geheimniß. -- Doch warum
nicht auch größere? Können nicht manche Weiber besser schweigen, als
ihre Männer? Es kömmt nur auf den Gegenstand des Geheimnisses an.


                                  11.

Auch die edelsten Weiber haben mehr abwechselnde Launen, sind weniger
gleichgestimmt zu allen Zeiten, als wir Männer. Reizbarere Nerven, die
leichter zu allerlei Gemüthsbewegungen in Schwingung zu bringen sind,
und ein schwächerer Körperbau, der manchen unbehaglichen Gefühlen
ausgesetzt ist, die wir gar nicht kennen, sind Schuld daran. Wundert
Euch daher nicht, meine Freunde! wenn Ihr nicht jeden Tag denselben
Grad von Theilnehmung und Liebe in den Augen derjenigen Damen zu
finden glaubet, an deren Zuneigung Euch gelegen ist! Ertraget diese
vorübergehenden Launen, aber hütet Euch in solchen Augenblicken
von Verstimmung, Euch aufzudringen, oder zur Unzeit mit Witz oder
Troste angezogen zu kommen; sondern überleget wohl, was sie in jeder
Gemüthslage etwa gern hören mögten, und wartet ruhig den Augenblick
ab, wo sie selbst den Werth Eurer Nachsicht und Schonung fühlen, und
ihr Unrecht gutmachen!


                                  12.

Die Frauenzimmer finden ein gewisses Vergnügen an kleinen Neckereien;
mögen selbst denen Personen, die ihnen am theuersten sind, zuweilen
unruhige Augenblicke machen. Auch hiervon liegt der Grund in ihren
Launen, und nicht in Bösartigkeit des Gemüths. Wenn man sich dabei
vernünftig, duldsam, nicht stürmisch beträgt, noch durch eigne Schuld
den kleinen Zwist zu einem wirklichen förmlichen Bruche heranwachsen
läßt: so löschen sie in einer andern Stunde die Beleidigungen, die sie
uns zugefügt haben, durch verdoppelte Gefälligkeit aus, und man erlangt
dabei oft ein Recht mehr auf ihre Zuneigung.


                                  13.

In solchen und allen übrigen kleinen Kämpfen und Streitigkeiten mit
Frauenzimmern muß man ihnen den Triumph des Augenblicks lassen, nie
aber sie merklich beschämen; denn das ist etwas, das ihre Eitelkeit
selten verzeiht.


                                  14.

Daß die Rache eines unedlen Weibes fürchterlich, grausam, dauernd und
nicht leicht zu versöhnen sey, das hat man schon so oft gesagt, daß ich
es hier zu wiederholen fast nicht nöthig finde. Wirklich sollte man es
kaum glauben, welche Mittel solche Furien ausfindig zu machen wissen,
einen ehrlichen Mann, von dem sie sich beleidigt glauben, zu martern,
zu verfolgen; wie unauslöschlich ihr Haß ist; zu welchen niedrigen
Mitteln sie ihre Zuflucht nehmen. Der Verfasser dieses Buchs hat leider
selbst eine Erfahrung von der Art gemacht. Ein einziger unbesonnener
Schritt in seiner frühen Jugend, durch welchen sich der Ehrgeitz und
die Eitelkeit eines Weibes gekränkt fühlte, ob sie ihn gleich früher,
als er sie, auf den Fuß getreten hatte, war Schuld daran, daß er
nachher aller Orten, wo sein Schicksal ihn nöthigte, Schutz und Glück
zu suchen, Widerstand, und fast unübersteigliches Hinderniß fand; daß
heimliche, durch allerlei Wege gewonnene Verläumder mit bösen Gerüchten
vor ihm hergingen, um jeden Schritt zu hindern, jeden unschuldigen Plan
zu vereiteln, den er zu seinem Fortkommen und zum Wohl seiner Familie
anlegte. Ihm half nicht das vorsichtigste, untadelhafteste Betragen,
nicht die öffentliche Erklärung, wie sehr er sein Unrecht erkenne.
-- Die rachgierige Frau hörte nicht auf, ihn zu verfolgen, bis er
endlich freiwillig allem entsagte, wozu man die Hülfe Anderer braucht,
und sich auf eine häusliche Existenz einschränkte, die sie ihm nicht
rauben kann. -- Und das that eine Frau, in deren Macht es stand, viele
Menschen glücklich zu machen, und die von der Natur mit sehr seltnen
Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgerüstet war.

Es scheint übrigens in der Natur zu liegen, daß Schwächere immer
grausamer in ihrer Rache sind, als Stärkere; vielleicht, weil das
Gefühl dieser Schwäche die Empfindung des erlittenen Drucks verstärkt,
und lüsterner nach der Gelegenheit macht, auch einmal Kraft zu üben.


                                  15.

Eine philosophische Abhandlung des Herrn Professor Meiners, über die
Frage: »ob es in unsrer Macht stehe, verliebt zu werden, oder nicht?«
läßt mich daran verzweifeln, irgend etwas Neues über die Mittel sagen
zu können, welche man anzuwenden hat, um im Umgange mit liebenswürdigen
Frauenzimmern die Freiheit seines Herzens zu bewahren und zu behaupten.
Die Liebe ist zwar ein süßes Ungemach, das über uns kömmt, gerade
wenn wir uns dessen am wenigsten versehen, gegen welches wir also
gewöhnlich erst dann anfangen, Maaßregeln zu nehmen, wenn es schon zu
spät ist; da sie aber oft sehr bittre Leiden, und Zerstörung aller Ruhe
und alles Friedens mit in ihrem Gefolge führt; da hoffnungslose Liebe
wohl eine der schrecklichsten Plagen ist, und äussere Verhältnisse
zuweilen auch den edelsten, zärtlichsten Neigungen unübersteigliche
Hindernisse in den Weg legen: so ist es doch der Mühe werth, besonders
für Den, welchen die Natur mit einem lebhaften Temperamente und mit
warmer Phantasie ausgestattet hat, sich an eine gewisse Herrschaft
des Verstandes über Gefühle und Sinnlichkeit zu gewöhnen, und, wo
er sich dazu zu schwach fühlt, -- der Versuchung auszuweichen. Groß
ist die Qual für ein fühlendes Herz, geliebt zu werden, und Liebe
nicht erwiedern zu können. Schrecklich ist die Qual, zu lieben, und
verschmäht zu werden; verzweiflungsvoll die Lage Dessen, der für
gränzenlose treue Zärtlichkeit und Hingebung mit Betrug und Untreue
belohnt wird. -- Wer gegen dies alles sichre Mittel weiß, der hat den
Stein der Weisen gefunden. Ich gestehe meine Schwäche: -- ich kenne
keins, als die Flucht, ehe es dahin kömmt.


                                  16.

Es leben unter uns Männern Bösewichter, denen Tugend, Redlichkeit und
die Ruhe ihrer Nebenmenschen so wenig heilig sind, daß sie unschuldige,
unerfahrne Mädchen, wenn nicht durch schlaue Künste wirklich zum Laster
verführen, doch mit falschen Erwartungen oder gar mit Versprechungen
einer künftigen Eheverbindung täuschen, sich dadurch für den Augenblick
eine angenehme Existenz verschaffen, die armen Kinder aber, die indeß
ihretwegen aller Gelegenheit zu anderweitiger Versorgung ausgewichen
sind, nachher verlassen, um neue Verbindungen zu schließen. Die
Schändlichkeit eines solchen Verfahrens wird ja wohl Jeder einsehen,
der noch einen Funken von Gefühl für Ehre in seinem Busen trägt;
und wem ein solches Gefühl fremd ist, für den schreibe ich nicht.
Es gibt aber ein andres, den Folgen nach nicht weniger schädliches,
obgleich in Betracht der Absicht nicht so strafbares Betragen der
Männer gegen gefühlvolle Frauenzimmer, worüber ich einige Worte zur
Warnung sagen muß. Es glauben nämlich Manche unter uns, es könne gar
kein Interesse in den Umgang mit jungen Mädchen kommen, wenn man ihnen
nicht Süßigkeiten sage, ihnen schmeichele, oder eine Art von Wärme und
Herzens-Andringlichkeit aus Worten und Gebehrden hervorleuchten lasse.
Aber ein solches Betragen ist wahre Versündigung, denn es nährt nicht
nur den ohnehin schon so großen Hang des Geschlechts zur Eitelkeit,
sondern, da eben diese Eitelkeit, die Ueberzeugung von der Macht ihrer
Reize, gern jedes Honigwort für Sprache inniger Empfindung hält: so
setzen die guten Mädchen, deren Leichtgläubigkeit kein edler Mann
benutzen sollte, sich gleich in den Kopf, es sey ernstlich auf eine
Heirath angesehen. Der Stutzer merkt das nicht, oder wenn er es merkt,
so ist er zu leichtsinnig, den Folgen nachzudenken; er verläßt sich
darauf, daß er nie bestimmt etwas von Heiraths-Anträgen hat fallen
lassen, und wenn er nun früh oder spät aufhört, einer solchen Schönen
zu huldigen, so ist das Mädchen eben so unglücklich, als wenn er sie
absichtlich betrogen hätte. Sie welkt dahin die arme Verlassne, wenn
bittre Täuschung einer lebhaften Hoffnung an ihrem Herzen nagt, indeß
der süße Herr sorglos bei Andern herumschwärmt, und das Unglück nicht
einmal ahnet, das er angerichtet hat.

Eine nicht minder gewöhnliche Art, junge Mädchen zu Grunde zu richten,
ist, wenn man entweder durch leichtfertige Reden und luxuriösen
Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit reizt, oder durch Erweckung
romanhafter Begriffe ihre Phantasie erhitzt, ihre Aufmerksamkeit von
solchen Gegenständen, womit sie, ihrem Berufe gemäß, sich beschäftigen
sollten, ableitet, in ihnen den Sinn für einfaches, häusliches Leben
ertödtet, oder ein junges Land-Mädchen, durch reizende Darstellung der
Stadt-Freuden, mit ihrer Lage unzufrieden macht. O habe doch Mitleiden,
leichtsinniger Jüngling, mit diesen Armen, und nimm ihnen nicht
unbarmherzig, was unersetzlich ist, die Zufriedenheit mit dem, was ihre
Lage ihnen darbietet. Erkenne doch, wie unedel es ist, Schwachheit zu
benutzen, um seiner Eitelkeit eine Nahrung zu bereiten, und wie edel
dagegen, ein unbefangenes und argloses Herz mit Achtung und Schonung zu
behandeln.


                                  17.

Ich sollte hier billig auch etwas von dem Umgange mit groben Koketten
und Buhlerinnen sagen; allein das würde mich zu weit führen, und
schwerlich möchte meine Mühe mit Erfolge belohnt werden. Die
Schlingen, denen ein junger Mann in dieser Hinsicht auszuweichen
hat, sind unzählig. Wohl ihm, wenn er Kraft und Klugheit genug hat,
diese Ausgearteten wie die Pest zu fliehen; hat er aber einmal das
Unglück, in ihre Fallstricke gerathen zu seyn: so wird er selten so
viel kalte Ueberlegung haben, ehe er ein solches Geschöpf besucht,
vorher ein Kapitel aus meinem Buche zu lesen. Zudem hat der König
Salomon das alles weit besser gesagt. -- Doch ein Paar Zeilen darüber:
Unbeschreiblich fein sind solche verworfne Geschöpfe in der Kunst,
sich zu verstellen, unverschämt zu lügen, Empfindungen zu heucheln,
um ihre Habsucht, ihre Eitelkeit, ihre Sinnlichkeit, ihre Rache, oder
irgend eine andre Leidenschaft zu befriedigen. Unendlich schwer ist
es, zu erforschen, ob eine Buhlerin Dir wirklich um Dein Selbst willen
anhängt. Hast Du sie vielfältig auf die Probe von Uneigennützigkeit
gesetzt, und immer so befunden, wie Du wünschtest: so ist das etwas,
aber noch sehr wenig. Sie verachtet vielleicht Dein Silber, um desto
sicherer Dich selbst mit allem Deinem Golde zu gewinnen; oder ihr
Temperament leitet sie weniger zum Gelde, als zur Wollust. Hast Du sie
bei mancherlei Versuchungen, wo sie Gelegenheit und Anreizung gehabt
hätte, Dich heimlich zu hintergehen, stets treulich befunden; hat sie
zärtliche Sorgfalt, selbst für Deinen Ruf, für Deine Ehre gezeigt;
zieht sie Dich nicht ab von andern natürlichen und edlen Verbindungen;
opfert sie Dir Jugend, Schönheit, Gewinn, Glanz, Eitelkeit auf: -- ei
nun! die Mischungen der Anlagen und Temperamente sind mannigfaltig
-- so kann auch eine Buhlerin von andern Seiten gute, liebenswürdige
Eigenschaften haben; aber traue ihr darum nicht! Ein Weib, das die
ersten und heiligsten aller weiblichen Tugenden, die Keuschheit und
Sittsamkeit, für nichts achtet, wie kann das wahre Ehrfurcht für
höhere Pflichten haben? Doch bin ich weit entfernt, alle unglückliche
Gefallne und Verführte in die Klasse verachtungswerther Buhlerinnen
setzen zu wollen. Wahre Liebe kann auch ein verirrtes Herz zur Tugend
zurückführen. Es ist schon oft gesagt worden, daß derjenige sichrer
vor der Verführung sey, der die Gefahr kennt, als der, welcher nie
in Versuchung geführt worden ist; allein es bleibt bei dieser Art
von Vergehungen immer eine mißliche Sache um die sichre, dauerhafte
Besserung, und keine Lage ist demüthigender und beunruhigender, als
wenn man die geliebte Person von Andern verachtet sieht, wenn man
sich vor der Welt der Bande schämen muß, die man nicht zerreissen
mag oder kann. Liebe, reine Liebe, sichert übrigens am besten gegen
Ausschweifungen, und der Umgang mit edeln, sittsamen Weibern verfeinert
den Sinn des Jünglings für Tugend und Unschuld, waffnet sein verwöhntes
Herz gegen feine und freche Buhlerkünste. -- Uebrigens bleibt es doch
immer eine große Ungerechtigkeit, daß wir Männer uns alle Arten von
Ausschweifungen erlauben, den Weibern aber, die von Jugend auf durch
uns zur Sünde gereizt werden, keinen Fehltritt verzeihen wollen;
aber freilich, was würde aus der bürgerlichen Gesellschaft und aus
dem ganzen Menschengeschlecht werden, wenn diese Strenge gegen das
schwächere Geschlecht aufhörte? Doch bleibt es immer bei dem Ausspruch:
wer sich rein weiß, hebe den ersten Stein auf!

Ist es aber wohl wahr, was man im gemeinen Leben so oft hört, daß
~jedes~ Weib zu verführen sey? -- o ja! so wie jeder Richter auf irgend
eine Art bestechbar, und jeder Erdensohn, wenn alle innre und äussre
Umstände dazu mitwirken, zu jeder Sünde fähig seyn würde. -- Aber heißt
das etwas andres gesagt, als: daß wir alle -- Menschen sind? Ueberlegt
man dabei, wie auf die feinern Sinne der Frauenzimmer sinnliche
Eindrücke, Verführung, Schmeichelei, Eitelkeit, Neugier, Temperament,
so mächtigen Einfluß haben; wie der kleinste Fleck von dieser Seite
an ihnen so leicht bemerkt wird, weil sie in keinen bürgerlichen
Verhältnissen stehen, ihre Verirrungen nicht durch Verdienste und
~höhere Tugenden~ vergessen machen können: -- o! wer wollte dann nicht
dulden und schweigen? -- Wenden wir uns nun zu einer erhabnen Klasse
von Frauenzimmern -- zu den ~gelehrten Weibern~!


                                  18.

Ich muß gestehen, daß mich immer eine Art von Fieberfrost befällt, wenn
man mich in Gesellschaft einer Dame gegenüber oder an die Seite setzt,
die große Ansprüche auf Schöngeisterei, oder gar auf Gelehrsamkeit
macht. Wenn die Frauenzimmer doch nur überlegen wollten, wie viel
mehr Interesse diejenigen unter ihnen erwecken, die sich einfach an
die Bestimmung der Natur halten, und sich unter dem Haufen ihrer
Mitschwestern durch treue Erfüllung ihres Berufs auszeichnen! Was
hilft es ihnen, mit Männern in Fächern wetteifern zu wollen, denen sie
nicht gewachsen sind, wozu ihnen mehrentheils die ersten Grundbegriffe
fehlen, welche den Knaben schon von Kindheit an eingeprägt werden? Es
gibt Damen, die, neben allen häuslichen und geselligen Tugenden, neben
der edelsten Einfalt des Charakters und neben der Anmuth weiblicher
Schönheit, durch tiefe Kenntnisse, seltne Talente, feine Kultur,
philosophischen Scharfsinn in ihren Urtheilen, und Bestimmtheit im
Ausdrucke, Gelehrte vom Handwerke beschämen. Dürfte ich es wagen, hier
öffentlich ein Paar Namen zu nennen, so könnte ich beweisen, daß ich
die Originale zu diesem Bilde nicht lange zu suchen brauchte; allein
wie geringe ist gottlob die Anzahl solcher Frauen! Und ist es nicht
Pflicht, die mittelmäßigen weiblichen Genies abzuschrecken, auf Kosten
ihrer und Andrer Glückseligkeit nach einer Höhe zu streben, die so
Wenige erreichen?

Ich tadle nicht, daß ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre
mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch sorgsam und
keusch gewählte Lectüre zu verfeinern suche; daß sie sich bemühe,
nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu seyn; aber sie soll
kein Handwerk aus der Litteratur machen; sie soll nicht in allen
Theilen der Gelehrsamkeit umherschweifen. Es erregt wahrlich, wo
nicht Ekel, doch Mitleiden, wenn man hört, wie solche arme Geschöpfe
sich erkühnen, über Gegenstände abzusprechen, die Jahrhunderte der
Gegenstand der mühsamsten Nachforschung großer Männer gewesen sind,
und von denen diese dennoch mit Bescheidenheit erklärt haben, sie
sähen nicht ganz klar darin; wenn man hört, wie ein eitles Weib
darüber am Thee- oder Nachttische, in den entscheidendsten Ausdrücken,
Machtsprüche wagt, indeß sie kaum eine klare Vorstellung von dem
Gegenstande hat, wovon die Rede ist. Aber der Haufen der Stutzer und
Anbeter bewundert dennoch mit lautem Beifalle die feinen Kenntnisse
der gelehrten Dame, und bestärkt sie dadurch in ihren unbescheidenen
Ansprüchen. Dann sieht sie die wichtigsten Sorgen der Hauswirthschaft,
die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung der sogenannten Ungebildeten
wie Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen
Herrschaft abzuschütteln, verachtet alle andre Weiber, erweckt sich und
ihrem Gatten Feinde, träumt ohne Unterlaß sich in idealische Welten
hinein; ihre Phantasie lebt in unkeuscher Gemeinschaft mit der gesunden
Vernunft; es geht alles verkehrt im Hause; die Speisen kommen kalt oder
angebrannt auf den Tisch; es werden Schulden auf Schulden gehäuft;
der arme Mann muß mit durchlöcherten Strümpfen einherwandeln. Wenn er
nach häuslichen Freuden seufzt, unterhält ihn die gelehrte Frau mit
Journals-Nachrichten, oder rennt ihm mit einem Musen-Almanach entgegen,
in welchem ihre platten Verse stehen, und wirft ihm höhnisch vor, wie
wenig der Unwürdige, Gefühllose, den Werth des Schatzes erkennt, den er
zu seinem Jammer besitzt.

Ich hoffe, man wird dies Bild nicht übertrieben finden. Unter
den vierzig bis funfzig Damen, die man jetzt in Deutschland als
Schriftstellerinnen zählt -- die Legionen Derer ungerechnet, die
keinen Unsinn haben drucken lassen, -- sind vielleicht kaum ein
halbes Dutzend, die, als privilegirte Genies höherer Art, wahren
Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaften zu werfen; und diese
sind so liebenswürdige, edle Weiber, versäumen so wenig dabei ihre
übrigen Pflichten, fühlen selbst so lebhaft die Lächerlichkeiten ihrer
halbgelehrten Mitschwestern, daß sie sich durch meine Schilderung
gewiß nicht getroffen und beleidigt finden werden. Ist es aber nicht
bei männlichen Schriftstellern auch der Fall, daß unter der großen
Menge derselben nur Wenige ausgezeichneten Werth haben? Gewiß! nur mit
dem Unterschiede, daß Begierde nach Ruhm oder Gewinn diese irre leiten
kann; die Frauenzimmer hingegen nicht so leicht Entschuldigung finden
können, wenn sie, mit mittelmäßigen, oder weniger als mittelmäßigen
Talenten und Kenntnissen, eine Laufbahn betreten, welche weder die
Natur, noch die bürgerliche Verfassung ihnen angewiesen hat.

Was nun den Umgang mit solchen Frauenzimmern angeht, die auf Litteratur
Anspruch machen: so versteht sich's, daß, wenn diese Ansprüche gerecht
sind, ihr Umgang äusserst lehrreich und unterhaltend ist; und was die
von der andern Klasse betrifft, so kann ich nichts weiter anrathen, als
-- Geduld, und daß man es wenigstens nicht wage, ihren Machtsprüchen
Gründe entgegenzusetzen, oder ihren Geschmack zu reformiren, wenn man
sich auch nicht so weit erniedrigen will, den Haufen ihrer Schmeichler
zu vermehren.


                                  19.

Das weibliche Geschlecht besitzt, in viel höherm Grade, als wir, die
Gabe, seine wahren Gesinnungen und Empfindungen zu verbergen. Selbst
Frauenzimmer von weniger feinen Verstandes-Kräften haben zuweilen eine
besondre Fertigkeit in der Kunst sich zu verstellen. Es gibt Fälle, in
welchen diese Kunst ihnen Schutz gegen die Nachstellungen der Männer
gewährt. Der Verführer hat gewonnenes Spiel, wenn er bemerkt, daß das
Herz der Schönen, oder ihre Sinnlichkeit, mit ihm gemeinschaftliche
Sache macht. Also rechne man es ihnen nicht zum Vorwurf, wenn sie
zuweilen anders scheinen, als sie sind! aber man nehme darauf Rücksicht
im Umgange mit ihnen! man glaube nicht immer, daß ihnen derjenige
gleichgültig sey, dem sie mit merklicher Kälte begegnen, noch daß
sie sich vorzüglich für den interessiren, mit dem sie öffentlich
vertraulich umgehen, den sie auszuzeichnen scheinen! Oft thun sie dieß
gerade, um ihr Spiel zu verbergen, wenn es nicht bloß Neckerei, oder
Wirkung ihrer Laune, ihres Eigensinnes ist. Sie ganz zu entziffern,
dazu gehört tiefes Studium des weiblichen Herzens, vieljähriger
Umgang mit den Feinern unter ihnen; kurz, mehr als in diesen Blättern
entwickelt werden kann.


                                  20.

Ich schweige von der Vorsichtigkeit im Umgange mit alten Koketten;
mit solchen, die sich einbilden, die Ansprüche auf Bewundrung, auf
Huldigung und die Gewalt ihrer Schönheit würden, wie die gesetzmäßigen
Rechte der Juristen, durch dreißigjährigen Besitz um desto sichrer;
die in fünf Jahren nur einmal ihren Geburtstag feiern, und die, wenn
sie an der Spitze einer Bücher-Censur stünden, am ersten den Kalender
verbieten würden. Ich schweige von den Prüden, Strengen, Spröden und
Betschwestern, mit welchen man zuweilen, wie ich höre, unter vier
Augen ganz anders, als in Gesellschaft umgehen darf, und von denen
leichtfertige Leute behaupten: verschwiegne und kühne Männer machten
bei dieser Klasse gerade am leichtesten ihr Glück. Ich schweige von
den sogenannten alten Gevatterinnen und Frauen Basen, die sich's zur
christlichen Pflicht machen, den Ruf ihrer Nachbarn und Bekannten von
Zeit zu Zeit an das Licht zu ziehen, und mit denen man es daher nicht
verderben darf. -- Ich schweige von diesen allen, um die guten Damen
nicht gegen mich aufzubringen, der ich an allen diesen Lästerungen
keinen Theil nehme.


                                  21.

Aber noch ein Paar Worte über die seligen Freuden, die der Umgang mit
verständigen und edeln Weibern gewährt! Ich habe schon vorhin gesagt,
daß ich demselben die glücklichsten Stunden meines Lebens zu verdanken
habe; und, in Wahrheit! das sprach ich aus der Fülle meines Herzens.
Ihr zartes Gefühl, ihre Gabe, so schnell zu errathen, zu begreifen,
Gedanken aufzufassen, Mienen zu verstehen; ihr feiner Sinn für die
kleinen, süßen Gefälligkeiten des Lebens; ihr reizender naiver Witz;
ihre oft so scharfsinnigen, von gelehrten, systematischen, vorgefaßten
Meinungen so freien Urtheile; unnachahmliche liebenswürdige Laune
-- interessant, selbst in ihren Ebben und Fluthen; ihre Geduld in
langwierigen Leiden, wenn gleich sie im ersten Augenblicke, wo der
Unfall sie trifft, dem Gefährten das Uebel durch Klagen schwerer
machen; ihre sanfte, liebreiche Art zu trösten, zu pflegen, zu warten,
zu harren, zu dulden; die Milde, welche in ihrem ganzen Wesen herrscht;
die kleine, unschädliche Geschwätzigkeit und Redseligkeit, wodurch sie
die Gesellschaft beleben -- das alles kenne ich, schätze ich, verehre
ich. -- Und wer wird nun, bei dem, was ich zum Nachtheil Einiger unter
ihnen habe sagen müssen, mir Lästerung aufbürden, oder gehässige
Absichten beimessen?




                           Sechstes Kapitel.

                   Ueber den Umgang unter Freunden.


                                  1.

Da bei dem Betragen gegen unsre Freunde alles auf die Wahl derselben
ankömmt, so muß ich zuerst einige Bemerkungen über diesen Gegenstand
vorausschicken. Keine freundschaftliche Verbindungen pflegen
dauerhafter zu seyn, als diese, welche in der frühen Jugend geschlossen
werden. Man ist da noch weniger mißtrauisch, weniger schwierig in
Kleinigkeiten; das Herz ist offner, geneigter sich mitzutheilen,
sich anzuschließen; die Charaktere fügen sich leichter zusammen; man
gibt von beiden Seiten nach, und setzt sich in gleiche Stimmung;
man erfährt mit einander so Manches, erinnert sich der sorgenlosen,
gemeinschaftlich vollbrachten, glücklichen Jugend-Jahre, und rückt
mit gleichen Schritten in Kultur und Erfahrung fort. Dazu kommen dann
Gewohnheit und Bedürfniß; wird Einer aus dem vertrauten Kreise durch
die Hand des Todes dahingerissen, so kettet das die übrigbleibenden
Gefährten um desto fester an einander. -- Ganz anders sieht es aus in
reifern Jahren. Von Menschen und Schicksalen vielfältig getäuscht,
werden wir verschlossner, trauen nicht so leicht; das Herz steht
unter der Vormundschaft der Vernunft, die genauer abwägt, und sich
selbst Rath zu schaffen sucht, bevor sie sich Andern anvertrauet.
Man fordert mehr, ist ekler in der Wahl, nicht mehr so lüstern nach
neuen Bekanntschaften, wird nicht so lebhaft betroffen von glänzenden
Aussenseiten; man hat ächtere Begriffe von Vollkommenheit, von
dauerhaften Bündnissen, von Nutzen und Schaden einer gänzlichen
Hingebung; der Charakter ist fester; die Grundsätze sind auf Systeme
zurückgeführt, in welche die Gesinnungen und Theorien eines uns
fremden Menschen selten passen; folglich wird es schwerer, eine
dauerhafte Harmonie zu Stande zu bringen; und endlich sind wir in so
manche Geschäfte und Verbindungen verflochten, daß wir kaum Muße, und
wenigstens selten Drang haben, neue zu schließen. Also vernachlässige
man seine Jugend-Freunde nicht; und wenn auch Schicksale, Reisen und
andre Umstände uns in der Welt umhergetrieben und von unsern Gespielen
getrennt haben, so suche man doch jene alten Bande wieder anzuknüpfen,
und man wird selten übel dabei fahren.


                                  2.

Es ist ein ziemlich allgemein angenommener Grundsatz, daß zu
vollkommner Freundschaft Gleichheit des Standes und der Jahre
erfordert werde. »Die Liebe,« sagt man, »sey blind; sie fessele, durch
unerklärbaren Instinkt, Herzen an einander, die dem kalten Beobachter
gar nicht für einander geschaffen zu seyn schienen; und da sie nur
durch Gefühle, nicht durch Vernunft geleitet werde, so fielen bei
ihr alle Rücksichten des Abstandes, den äussere Umstände erzeugen,
weg. Die Freundschaft hingegen beruhe auf Harmonie in Grundsätzen und
Neigungen; nun aber habe jedes Alter, so wie jeder Stand, seine ihm
eigne Stimmung, nach der Verschiedenheit der Erziehung und Erfahrungen,
und desfalls finde unter Personen von ungleichen Jahren und ungleichen
bürgerlichen Verhältnissen keine so vollkommne Harmonie Statt, wie zur
Knüpfung des Freundschafts-Bandes erfordert werde.«

Diese Bemerkungen enthalten viel Wahres; doch habe ich schon zärtliche
und dauerhafte Freundschaften unter Leuten wahrgenommen, die, weder
dem Alter noch dem Stande nach, sich ähnlich waren, und wenn man sich
an dasjenige erinnert, was ich zu Anfange des ersten Kapitels in
diesem Theile gesagt habe: so wird man dieß leicht erklären können. Es
gibt junge Greise und alte Jünglinge. Feine Erziehung, Mäßigkeit in
Wünschen, Freiheit in Denkungsart und Unabhängigkeit der Lage, erheben
den Bettler zu einem Manne von hohem Stande, so wie verachtungswürdige
Sitten, unedle Begierden und niedrige Gesinnungen selbst einen Fürsten
zu dem Pöbel herabwürdigen können. Das ist aber zuverlässig gewiß, daß
zu einer dauerhaften innigen Freundschaft Gleichheit in Grundsätzen und
Empfindungen erfordert wird, und daß dieselbe auch bei einer zu großen
Verschiedenheit in Fähigkeiten und Kenntnissen nicht leicht Platz
finden kann. Darf denn in dieser Verbindung gerade das fehlen, was sie
zur Quelle des edelsten Lebens-Genusses und der reinsten Glückseligkeit
macht: die Mittheilung verschwisterter Gefühle, die sanfte, durch
Theilnahme versüßte Warnung und Zurechtweisung? Und kann ich den mit
Zustimmung meines Herzens meinen Freund nennen, dem meine Empfindungen
völlig fremd sind, der kalt und gleichgültig bleibt, wo meine Seele
ganz Gefühl und Empfindung ist? Es gibt Menschen von erhabenen und
seltenen Eigenschaften des Geistes, die man nur bewundern darf, an
welche man immer hinaufschauen muß, und diese Menschen verehrt man,
aber -- man liebt sie nicht, oder man verzweifelt wenigstens daran, von
ihnen wieder geliebt zu werden. In der Freundschaft müssen beide Theile
gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Uebergewicht
von ~einer~ Seite, alles, was die Gleichheit hebt, stört zugleich die
Freundschaft.


                                  3.

Warum haben sehr vornehme und sehr reiche Leute so wenig wahren Sinn
für Freundschaft? Sie fühlen nicht dies edelste Seelen-Bedürfniß,
weil ihre ganze Erziehung und Lebensweise die theilnehmenden Gefühle
ertödtet, und sie zu Sclaven der Selbstsucht macht. Ihre Leidenschaften
zu befriedigen; rauschenden, betäubenden Freuden nachzurennen; immer
zu genießen; geschmeichelt, gelobt, geehrt zu werden; darum ist es
ihnen Allen mehr oder weniger zu thun. Von Personen ihres Gleichen
werden sie durch Eifersucht, Neid und andre Leidenschaften getrennt;
die Vornehmeren suchen sie nur auf, wenn sie ihrer, zu Begünstigung
eigennütziger oder ehrgeitziger Absichten, bedürfen; die Geringern und
Aermern aber halten sie in einer so großen Entfernung von sich, daß
sie von ihnen weder die Wahrheit annehmen, noch den Gedanken ertragen
können, sich ihnen gleichzustellen. Auch bei den Besten unter ihnen
erwacht früh oder spät die Vorstellung, daß sie von besserm Stoffe
seyen, und das tödtet dann die Freundschaft.


                                  4.

Allein selbst unter denen Menschen, die Dir an Stand, Vermögen, Alter
und Fähigkeiten gleich sind, rechne nur auf die dauerhafte Freundschaft
Derer, die nicht von unedlen, heftigen, oder thörichten Leidenschaften
beherrscht, noch, wie ein Wetterhahn, von Launen und Grillen hin- und
hergetrieben werden! Wer rastlos rauschenden Freuden und Zerstreuungen
sich ergibt; wer wilden Begierden, der Wollust, dem Trunke, oder dem
unglückseligen Spiele alles aufopfert; wessen Abgott falsche Ehre,
Gold, oder sein eigenes Ich ist; wer, wankelmüthig in Grundsätzen und
Meinungen, einen Charakter hat, der sich, wie Wachs, von Jedem in
jede Form drücken läßt; der mag vielleicht ein guter Gesellschafter,
aber nie wird er ein beständiger, treuer Freund seyn. Sobald es auf
Verleugnung, Aufopferung, auf Beharrlichkeit und Festigkeit ankömmt,
wird ein Solcher Dich im Stiche lassen; Du wirst allein da stehen und
Dich hintergangen glauben, da doch Du allein Dich betrogst, indem Du
unvorsichtig wähltest. Ueberhaupt ist es in dieser Welt so oft der
Fall, daß unsre Phantasie uns die Menschen malt, wie wir gern möchten,
daß sie aussähen, und es nachher sehr übel nimmt, wenn sie gewahr wird,
daß die Natur nicht das Original dem Gemälde gleich geschaffen hat.


                                  5.

Man pflegt zu sagen: das sicherste Mittel, Freunde zu haben, sey --
keiner Freunde zu ~bedürfen~; aber jeder Mensch von Gefühl ~bedarf~
Freunde. -- Und sollte es denn wirklich so schwer seyn, in dieser
Welt treue Freunde zu finden? Ich meine, nicht halb so schwer, wie
man gewöhnlich glaubt. Unsre empfindelnden jungen Herren schaffen
sich nur zu überspannte Begriffe von der Freundschaft. Freilich, wenn
wir gänzliche Hingebung, unbedingte Aufopferung, Verleugnung alles
eignen Interesse, in höchst kritischen Augenblicken, blinde Ergreifung
unsrer Parthei gegen eigne bessre Ueberzeugung, sogar Bewunderung
unsrer Fehler, Billigung unsrer Thorheiten, Mitwirkung bei unsern
leidenschaftlichen Verirrungen -- mit Einem Worte: wenn wir mehr von
unsern Freunden fordern, als Billigkeit und Gerechtigkeit von Menschen
verlangen darf, die Fleisch und Bein sind und freien Willen haben: so
werden wir nicht leicht unter tausend Wesen Eins finden, das sich so
gänzlich in unsre Arme würfe. Suchen wir aber verständige Menschen,
deren Hauptgrundsätze und Gefühle mit den unsrigen übereinstimmen,
kleine unmerkliche Verschiedenheiten abgerechnet; Menschen, die Freude
finden an dem, was uns freuet; die uns lieben, ohne von uns bezaubert,
das Gute in uns schätzen, ohne blind gegen unsre Schwächen zu seyn;
die uns im Unglücke nicht verlassen, uns in guten und redlichen
Bestrebungen treu und standhaft beistehen, uns mit ungeheuchelter und
herzlicher Theilnahme trösten, aufrichten, tragen helfen, uns, wo es
höchst nöthig ist, und wir dessen werth sind, alles aufopfern, ~was man
ohne Verletzung seiner Ehre und der Gerechtigkeit gegen sich selbst und
die Seinigen aufopfern darf~, uns die Wahrheit nicht verhehlen, und
aufmerksam auf unsre Mängel machen, ohne uns vorsätzlich zu beleidigen,
uns allen andern Menschen vorziehen, in so fern es ohne Unbilligkeit
geschehen kann -- -- suchen wir ernstlich Solche: nun, so finden wir
deren gewiß. -- Viele? nein! das sage ich nicht, aber doch wohl ein
Paar für jeden Biedermann; -- und was braucht man mehr in dieser Welt?


                                  6.

Hast Du nun einen solchen treuen Freund gefunden, so bewahre ihn auch!
Halte ihn in Ehren, auch dann, wenn das Glück Dich plötzlich über ihn
erhebt, auch da, wo Dein Freund nicht glänzt, wo Deine Verbindung
mit ihm durch die öffentliche Stimme nicht gerechtfertigt zu werden
scheint! Schäme Dich nie Deines ärmern, weniger hochgeschätzten
Freundes; beneide nicht den Dir vorgezogenen Freund! Hange fest an
ihm, ohne ihm lästig zu werden! Fordre nicht mehr von ihm, als Du
selbst leisten würdest; ja, fordre nicht einmal so viel, wenn Dein
Freund nicht in allen Stücken mit Dir einerlei lebhaftes Temperament,
einerlei Fähigkeiten, einerlei Grad von Gefühl hat! Ergreife warm
und eifrig die Parthei Deines Freundes, aber nicht auf Kosten der
Gerechtigkeit und Redlichkeit! Du sollst nicht seinetwegen blind gegen
die Tugenden Andrer seyn, noch, wenn Du die Macht in Händen hast, eines
würdigen, geschickten Mannes Glück zu bauen, diesen dem weniger fähigen
Freunde nachsetzen. Du sollst nicht seine Uebereilungen vertheidigen,
seine Leidenschaften partheiisch als Tugenden erheben, in kleinen
Zwistigkeiten mit Andern, wenn er unrecht hat, geflissentlich die
Parthei des Beleidigers verstärken; nicht Dich mit in sein Verderben
stürzen, wenn ihm dadurch nicht geholfen wird, oder vielleicht gar
durch unkluge Vertheidigung seine Feinde mehr erbittern, und Dir und
den Deinigen den Untergang bereiten. Aber retten sollst Du seinen Ruf,
wenn er unschuldig verläumdet wird, auch dann, wenn jedermann ihn
verläßt und verkennt, sobald Du hoffen darfst, daß dieß ihm irgend
Vortheil bringen kann. Oeffentlich ehren sollst Du den Edeln, und
Dich nie Deiner Verbindung mit ihm schämen, wenn Schicksale oder böse
Menschen ihn unverdient zu Boden gedrückt haben. Nicht mitlächeln
sollst Du, wenn lose Buben hinter seinem Rücken her ihn höhnen. Mit
Vorsicht und Klugheit sollst Du ihm Nachricht geben von Gefahren, die
ihm und seiner bürgerlichen Ehre drohen; aber nur, in so fern dieß dazu
dienen kann, dem Uebel auszuweichen, oder Unvorsichtigkeiten wieder gut
zu machen, nicht aber, wenn er dadurch bloß beunruhigt und aufgeregt
wird.


                                  7.

Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen, sind äusserst selten.
-- Sey Du Einer dieser seltnen Freunde! Hilf, rette, wenn Du es
vermagst! opfre Dich auf -- nur vergiß nicht, was Klugheit und
Gerechtigkeit gegen Dich und Andre von Dir fordern! Aber tobe nicht,
klage nicht, wenn Andre nicht ein Gleiches für Dich thun! Nicht immer
herrscht böser Wille bei ihnen. Schwache, und durch Leidenschaft
beherrschte Menschen sind unsichre Freunde; doch wie wenige gibt es,
die ganz fest und unerschütterlich in ihrem Charakter, ganz frei von
kleinen Leidenschaften und Nebenabsichten sind, die nicht bei ihrer
Anhänglichkeit an Dich von klugen Rücksichten auf Deinen Ruf, Deine
Verhältnisse, bestimmt werden, oder wenigstens nicht gern Schande
vor der Welt wegen ihrer Zuneigung zu Dir auf sich laden wollen; wie
Wenige, die nicht, wo es auf Verleugnung ankömmt, den Schwächern gegen
den Mächtigern aufopfern! Wenn diese nun, sobald ein Ungewitter sich
über Deinem Haupte zusammenzieht, einen kleinen Schritt zurücktreten,
oder wenigstens ihre Liebe und Verehrung in eine Art von Protection
und Rathgebersrolle verwandeln -- nun, so sey billig! Schiebe die
Schuld auf das ängstliche Temperament der mehrsten Leute, auf ihre
Abhängigkeit von äussern Umständen, auf die Nothwendigkeit, heut
zu Tage ~durch Gunst~ sein Glück zu machen, um in schweren Zeiten
fortzukommen! Wie wenig Menschen würden übrig bleiben, mit denen Du
Hand in Hand auf dieser Erde durch Glück und Unglück wandeln könntest,
wenn Du es so genau nehmen, oder so große Forderungen an Deine Freunde
machen wolltest! Zuweilen ist auch der Fall da, daß wirklich unsre
Freunde (wenn wir uns durch kleine oder große Unvorsichtigkeiten
unser böses Schicksal selbst zugezogen haben) sich die Rechtfertigung
schuldig sind, öffentlich zu zeigen, daß sie nicht in unsre Thorheiten
verwickelt waren. Oft werden sie durch unsre widrige Lage gerade so
gestimmt, wie sie immer hätten gestimmt seyn sollen, wenn sie ein
gutes Gewissen hätten bewahren wollen; das heißt: sie hören auf,
uns so täuschend zu schmeicheln, wie sie es vorher aus Furcht, uns
zu verlieren, thaten, so lange wir von jedermann aufgesucht wurden,
und unsre Freunde ~wählen~ konnten. Ich habe in einigen blendenden
Situationen meines Lebens einen Haufen von Leuten sich mir aufdringen
gesehen, die mir ohne Unterlaß Weihrauch streuten, jeden meiner
witzigen Einfälle mit lauter Bewundrung auffingen, schmeichelhafte
Verse auf mich machten, meine Worte als Orakelsprüche ausschrien, und
meinen Ruf im Posaunenton erhoben. Ich kannte das Menschengeschlecht
genug, um nicht alles das für baare Münze aufzunehmen, sondern
fest überzeugt zu seyn, daß sie mich vernachlässigen, wohl gar auf
mich herabsehen würden, wenn ich einst in eine weniger glückliche
Lage kommen sollte, und sie meiner nicht mehr bedürften. Ich irrte
nicht; aber deswegen waren Diese doch nicht insgesammt Schurken und
Heuchler. Viele von ihnen, es ist wahr, lernte ich als Solche kennen;
sie erlaubten sich die ärgsten Niederträchtigkeiten gegen mich; es
befremdete mich nicht; ich verachtete sie; aber Manche waren vorher
nur von dem Strome mit fortgerissen worden. Die Stimme meiner Feinde
erweckte sie nun; sie stutzten, betrachteten mich mit forschendem
Auge, und sahen meine Fehler; sie warfen mir diese Fehler durch Worte
oder einige Kälte in ihrem Betragen, vielleicht ein wenig zu unsanft
vor, gaben mir dadurch Gelegenheit, selbst aufmerksam auf dieselben zu
werden, an mir zu arbeiten; und wahrlich, diese sind mir nützlichere,
ächtere Freunde gewesen, als manche Andre, die mich in meiner Eitelkeit
und Selbstgenügsamkeit zu bestärken suchten.


                                  8.

Kein Grundsatz scheint mir so unvereinbar mit edelmüthigen Gesinnungen
und eines gefühlvollen Herzens so unwürdig, als der: »daß es ein
Trost sey, Gefährten oder Mitleidende im Unglücke zu haben.« Ist es
nicht genug, selbst leiden, und dabei überzeugt seyn zu müssen,
daß in der Welt noch viel eben so redlich gute Menschen, wie wir
sind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe
dieser Unglücklichen muthwilliger Weise dadurch vermehren, daß wir
Andre zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die dadurch um nichts
leichter wird? Denn man sage doch nicht, daß es Erleichterung sey,
sich von seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für altersschwache
Weiber, nicht aber für einen verständigen Mann, kann Geschwätzigkeit
von ~der~ Art Wohlthat werden. Ich habe im ersten Kapitel des ersten
Theils davon geredet: ob es gut sey, Andern seine Widerwärtigkeiten
zu klagen. Damals sagte ich zur Beantwortung dieser Frage nur das,
was Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; im Umgange mit Freunden
hingegen, wovon hier die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Gefühls
vorschreiben, unsre unangenehme Lage vor dem mitempfindenden, zärtlich
theilnehmenden Freunde so viel möglich zu verbergen. Ich sage: so viel
möglich, denn es können Fälle kommen, wo die Bedürfnisse des gepreßten
Herzens, sich zu entladen, zu groß, oder die liebreichen Anforderungen
des Freundes, der den Kummer auf unsrer Stirne liest, zu dringend
werden, wo länger zu schweigen Folter für uns, oder Beleidigung für den
Vertrauten werden würde, und wo nur sein Rath oder sein Beistand retten
kann. In allen übrigen Fällen lasset uns der Ruhe unsers Freundes, wie
unserer eignen, schonen!


                                  9.

Klagt Dir ein bewährter Freund seine Noth, seine Schmerzen, wie
könntest Du ihn ohne innige Theilnahme anhören! Oder wie dürftest Du
seinen Klagen moralische Gemeinsprüche entgegensetzen, ihm wehe thun
durch Vorwürfe über sein Betragen, durch die Bemerkung, daß er seine
Noth hätte verhüten können! Nein, bist Du ein treuer, gefühlvoller
Freund, so wirst Du alles aufbieten, Deinem Freunde Linderung oder
Beistand zu gewähren. Aber verzärtle ihn nicht an Leib und Seele, durch
weibische Klagen! Erwecke vielmehr seinen männlichen Muth, daß er sich
über die nichtigen Leiden dieser Welt erhebe! Schmeichle ihm nicht mit
falschen Hoffnungen, mit Erwartungen eines blinden Ungefährs; sondern
hilf ihm, Wege einschlagen, die eines weisen Mannes würdig sind!


                                  10.

Aus dem Umgange mit Freunden muß alle Verstellung verbannt seyn.
Da soll alle ~falsche~ Scham, da soll aller Zwang, den Convenienz,
übertriebne Gefälligkeit und Mißtrauen im gemeinen Leben auflegen,
wegfallen. Zutrauen und Aufrichtigkeit müssen unter innigen Freunden
herrschen. Allein man überlege dabei, daß es kindische Geschwätzigkeit
seyn würde, Geheimnisse mitzutheilen, die dem Freunde gleichgültig
sind, und durch die ihm eine schwere Verantwortlichkeit aufgelegt,
oder seine Verschwiegenheit auf eine schwere Probe gesetzt wird; daß
wenige Menschen, unter allen Umständen, unverbrüchlich ein Geheimniß zu
bewahren vermögen, wenn sie auch übrigens alle Eigenschaften haben, die
zur Freundschaft erfordert werden; daß fremde Geheimnisse nicht unser
Eigenthum sind; und endlich, daß es auch eigne Geheimnisse geben kann,
die man ohne Schaden, Gefahr und Nachtheil durchaus keinem Menschen auf
der Welt anvertrauen darf!


                                  11.

Jede Art von schädlicher oder weibischer Schmeichelei muß im Umgange
unter ächten Freunden wegfallen, nicht aber eine gewisse Gefälligkeit,
die das Leben süß macht, Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit
in unschuldigen Dingen. Es gibt Menschen, deren Zuneigung man
augenblicklich verloren hat, sobald man aufhört, ihnen Weihrauch
zu streuen, sobald man nicht in allen Stücken einerlei Meinung mit
ihnen ist, einerlei Geschmack mit ihnen hat. In ihrer Gegenwart darf
man nicht einmal den Vorzügen der Verdienstvollsten Gerechtigkeit
widerfahren lassen. Gewisse Saiten kann man gar nicht berühren,
ohne sie aufzubringen. Haben sie eine Thorheit begangen; sind sie
blindlings eingenommen für oder gegen eine Sache; werden sie von
Phantasie oder Leidenschaft irregeleitet; haben sie unanständige oder
schädliche Gewohnheiten an sich; findet man in ihrer Art zu leben und
zu wirthschaften etwas mit Grunde auszusetzen, und man untersteht sich,
hierüber etwas zu sagen: so schlägt das Feuer aller Orten heraus. Andre
werden hiedurch nicht sowohl beleidigt, als gekränkt. Sie sind gewöhnt,
sich so zu verzärteln, daß sie die Stimme der Wahrheit gar nicht hören
können. Man soll nur von solchen Dingen mit ihnen reden, die ihren
faulen Seelen-Schlummer befördern. -- »Wenn ich Dich bitten darf,«
sagen sie, »so laß uns davon abbrechen! das sind Gegenstände, die ich
nicht gern in mein Gedächtniß zurückrufe. Es ist nun einmal nicht
anders! Ich weiß wohl, daß ich Unrecht habe, daß ich vielleicht anders
handeln sollte; aber es würde einen zu schweren Kampf kosten -- meine
Gesundheit, meine Ruhe, meine schwachen Nerven vertragen es nicht,
daß ich ernstlich darüber nachsinne.« -- Pfui! welch eine Feigheit
und Verblendung! ein Mensch, der einen festen Charakter besitzt, und
ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Muth haben, bei jedem
Gegenstande mit reifer Ueberlegung verweilen zu können. -- Alle solche
verweichlichte und feige Seelen taugen nicht zur Freundschaft. Man
muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören, auch
dann, wenn diese Wahrheit hart ist, und unser Innerstes erschüttert.
Doch das Recht, welches die Freundschaft gibt, freimüthig zu tadeln,
und dem Freunde die Wahrheit nicht zu verhehlen, will mit Zartheit
und liebevoller Schonung ausgeübt seyn. Schon die Klugheit verbeut,
den fehlenden Freund durch lange Straf-Predigten zu ermüden und zu
erbittern, oder mit ängstlichen Besorgnissen zu erfüllen, wenn, seinem
Temperamente oder den Umständen nach, gar kein Nutzen davon zu erwarten
steht.


                                  12.

Es ist schon gesagt, daß alles, was die Gleichheit unter Freunden
aufhebt, der Freundschaft schädlich sey. Da nun das Verhältniß
zwischen einem Wohlthäter und Dem, welcher Wohlthaten empfängt, am
wenigsten mit Gleichheit bestehen kann: so scheint es der Zartheit der
Gefühle angemessen, zu verhindern, daß durch ein zu großes Gewicht
von Wohlthaten auf ~einer~ Seite ein Freund dem andern gleichsam
unterwürfig werde. Verbindlichkeiten von der Art sind der Freiheit,
der uneingeschränkten Wahl entgegen, auf welcher die Freundschaft
beruhen soll. Sie bringen etwas in dies Bündniß hinein, das nicht
hinein gehört, nämlich die Dankbarkeit, welche nicht freiwillig,
sondern Pflicht ist. Man hat selten den Muth, so kühn und offenherzig
mit dem Wohlthäter zu reden, wie mit dem Freunde. Vorzüglich aber soll
das Zartgefühl mich abhalten, meines Freundes Güte in Anspruch zu
nehmen, weil ich voraussetzen darf, daß er mir zugestehen werde, was er
einem Fremden abschlagen würde. Wäre es endlich auch nur die einzige
Rücksicht, daß empfangene Wohlthat partheiisch für den Wohlthäter
macht, und Partheilichkeit Bestechung ist: so läge hierin schon ein
starker Grund, äusserst behutsam und bedenklich zu seyn, wenn von
Erheischung und Annahme wirklicher Wohlthaten aus der Hand des Freundes
die Rede ist, doch mit Verbannung jeder mißtrauischen Besorgniß,
als ob es möglich wäre, daß angenommene Wohlthat der Freundschaft
gefährlich werden könnte. -- Kaum darf hiebei erinnert werden, daß man
die Dienstwilligkeit seiner mächtigen oder angesehenen Freunde nie für
fremde Angelegenheiten, oder zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke
mißbrauchen sollte. Allein es gibt Mittel, den edeln Mann, der gern
Gutes thut, aufmerksam zu machen auf Gegenstände, die seiner Hülfe
werth sind. Mylord Marshall Keith wurde von einem Officier gebeten,
ihn dem Könige von Preussen zu empfehlen. Er antwortete nicht, gab ihm
aber, bei seiner Abreise nach Potsdam, einen kleinen Sack voll Erbsen
mit, den der Officier dem Könige, ohne Brief, überreichen sollte.
Friedrich begriff, daß sein Freund keinem Menschen von gemeinem Schlage
einen solchen Auftrag würde gegeben haben, und nahm den Officier
in seinen Dienst. Ueberhaupt haben feinere Seelen unter sich eine
eigne geheime, Andern unverständliche Sprache. Doch gibt es Fälle,
in welchen man ohne Scheu sich an Freunde wenden muß, nämlich wenn
die Freundschafts-Dienste, deren wir bedürfen, von der Art sind, daß
der Freund sie uns ohne Ungemächlichkeit erweisen, oder ohne uns in
Verlegenheit zu setzen und uns im mindesten zu beleidigen, verweigern
kann; wenn wir in der Lage sind, ihm gelegentlich wieder gleiche
Gefälligkeiten zu erweisen; wenn niemand so gut, wie er, von der Lage
der Sache, von der Sicherheit, mit welcher unsere Bitte gewährt werden
kann, überzeugt ist, oder wenn unser ganzes Glück auf Verschweigung
einer Sache beruht; wenn wir uns keinem Andern sicher, ohne Gefahr und
Schaden, anvertrauen, von keinem Andern Hülfe erwarten dürfen, und wenn
wir dann gewiß wissen, daß unser Freund dabei nichts verlieren, keiner
Unannehmlichkeit ausgesetzt seyn kann. In allen diesen und ähnlichen
Fällen würden wir gegen das Zutrauen sündigen, das wir ihm schuldig
sind, wenn wir ihm unsre Verlegenheiten verschwiegen.


                                  13.

Etwas von dem, was ich über das Verhältniß unter Eheleuten gesagt
habe, findet auch bei Freunden Statt, nämlich, daß man sich hüten muß,
einander überdrüssig zu werden, oder durch zu öftern, zu vertraulichen
Umgang, widrige Eindrücke zu veranlassen. Darum sollen sich Freunde
nicht zu oft sehen, sollen den Umgang zuweilen entbehren, damit sie
ihn dann desto inniger genießen mögen, und damit nicht durch einen zu
häufigen Umgang die kleinen Fehler sichtbar und fühlbar werden, deren
jeder Mensch mehr oder weniger hat, und die so leicht die Innigkeit
der Freundschaft stören, so leicht einen Mißton erzeugen, oder
wenigstens Beschwerden verursachen, die man seinem Freunde ersparen
sollte. Diese Vorsicht ist in der Freundschaft noch nöthiger, als in
der Ehe, da in jener nicht, wie in dieser, gewisse Rücksichten und
Ueberlegungen wirksam sind, vor allen die, daß man nun einmal auf die
ganze Lebenszeit mit einander zu Freude und Leid, zu gemeinschaftlicher
Ertragung, und um ~ein~ Leib und ~eine~ Seele zu seyn, vereint ist;
folglich die Beständigkeit derselben von der behutsamsten Schonung
abhängt. Es ist wahr, daß jene unangenehme Eindrücke bei edeln und
verständigen Menschen nicht von Dauer sind, und daß es nur eines
Zwischenraums von wenig Tagen bedarf, um uns wieder die Augen zu öffnen
über den Werth und Vorzug unsers Freundes vor andern mittelmäßigen
Leuten, mit denen wir indeß gelebt haben; allein besser ist es doch,
wenn dergleichen Empfindungen gar nicht in unser Herz kommen; und
das kann man ja ändern. Man verbanne daher auch aus dem Umgange mit
Freunden jene pöbelhafte Vertraulichkeit, jenen Mangel an Höflichkeit
und jene Nachlässigkeit im Aeussern, wovon ich im dritten Kapitel
dieses Theils, besonders in dessen viertem Abschnitte, geredet habe;
und lege endlich auch dem Freunde keine Art von Zwang auf; verlange
nicht, daß er sich nach unsern Launen, nach unserm Geschmacke richten,
noch daß er den Umgang solcher Menschen, gegen welche wir eingenommen
sind, fliehen solle!

Eben so wichtig ist es aber auch, sich den Umgang mit geliebten
Personen nicht so sehr zum Bedürfnisse zu machen, daß man ohne sie
durchaus nicht leben zu können glaubt. Wir sind auf dieser Welt nicht
Herren über unser Schicksal. Man muß sich gewöhnen, Trennungen durch
Tod, Entfernungen und andere Umstände zu ertragen, und wenn man ein Gut
besitzt, sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß man dies Gut auch
verlieren könne. Ein weiser Mann bauet nicht seine ganze Existenz auf
das Daseyn eines andern Wesens.


                                  14.

Bleibe aber immer, auch in der Entfernung, ein warmer Freund Deiner
Freunde! sonst scheint es, als habest Du nur aus Eigennutz, nur um
den Genuß des Lebens zu erhöhen, Dich an sie geschlossen. Halte die
Vernachlässigung des Briefwechsels nicht für eine Kleinigkeit, die
man sich wohl verzeihen könne; denn wie darfst Du Dich dessen Freund
nennen, dem Du nicht einmal einige Stunden Deines Lebens in jedem
Jahre weihen willst, und wie darfst Du von demjenigen Freundschaft
erwarten, den Du so sehr vernachlässigst, daß er endlich nicht mehr
weiß, ob Du noch unter den Lebendigen bist? Fühlst Du in Monaten und
Jahren das Bedürfniß nicht, Dich schriftlich mit Deinem Freunde zu
unterhalten, so liegst Du entweder in den Fesseln des Egoismus, oder
bist überhaupt nicht mehr werth, einen Freund zu haben. Ich lasse
auch die Entschuldigung nicht gelten, daß man zuweilen lange Zeit
hindurch gar nicht gestimmt sey, seine Gedanken in Ordnung auf das
Papier zu bringen. Briefe an den Vertrauten unsers Herzens sind keine
rednerische Ausarbeitungen; jedes Wort, das Abdruck dessen ist, was in
unsrer Seele vorgeht, wird ihm willkommen seyn, und nur auf diese Weise
kann ja einem gefühlvollen Herzen die Trennung von geliebten Personen
erträglich werden.


                                  15.

Man sieht zuweilen Menschen eben so eifersüchtig in der Freundschaft,
wie in der Liebe. Das zeugt mehr von einer selbstsüchtigen, als von
einer zärtlichen Gemüthsart. Freuen soll es Dich, wenn auch andre
Menschen den Werth dessen zu schätzen wissen, der Dir theuer ist;
freuen soll es Dich, wenn Dein Liebling noch ausser Dir gute Seelen
findet, denen er sich mittheilen, in deren Gemeinschaft er reine Wonne
schmecken kann. Er wird darum nicht blind gegen Deine Vorzüge, nicht
undankbar gegen Dich werden -- und würdest Du denn dadurch mehr Werth
in seinen Augen bekommen, daß Du ihn von liebenswürdigen Menschen zu
entfernen, oder ihn gegen sie einzunehmen suchtest, nur um ihn für Dich
allein zu behalten?


                                  16.

Alles, was Deinem Freunde angehört, sein Vermögen, sein bürgerliches
Glück, seine Gesundheit, sein Ruf, die Ehre seines Weibes, die Unschuld
und Bildung seiner Kinder -- das alles sey Dir heilig, sey ein
Gegenstand Deiner Sorgfalt, Deiner Theilnahme und Deiner Schonung! Auch
Deine heftigste Leidenschaft, Deine unmäßigste Begierde müsse diese
Unverletzlichkeit ehren!


                                  17.

Gaben, Anlagen und die Art, seine Empfindungen an den Tag zu legen,
sind bei den Menschen verschieden. Nicht immer ist Derjenige der
Gefühlvollste, welcher am geläufigsten von innern Regungen und
Empfindungen schwatzt; nicht immer Derjenige der treuste und
beharrlichste Freund, der mit dem heftigsten Feuer uns an seine Brust
drückt, der mit der größten Hitze hinter unserm Rücken sich unsrer
annimmt. Alles Ueberspannte taugt nicht, dauert nicht. Ruhige, stille
Hochachtung ist mehr werth, als Anbetung, Verehrung und Entzückung.
Man verlange daher nicht von Jedem denselben Grad von äussern
Freundschafts-Bezeigungen, sondern beurtheile seine Freunde nach
der fortgesetzten, immer gleichen Zuneigung und treuen Ergebenheit,
welche sie uns in der That, ohne Uebertreibung und ohne Schmeichelei,
beweisen! Leider aber ordnet unsre Eitelkeit mehrentheils den Werth
der Menschen nach dem Grade der Huldigung, welche sie uns leisten, und
die mehrsten Leute suchen solche Freunde um sich her zu versammeln, an
deren Seite sie in doppelt vortheilhaftem Lichte erscheinen, und denen
ihre Worte Orakelsprüche sind.


                                  18.

Werbe nicht ängstlich um Freunde! Mache nicht Jagd auf jeden
ausgezeichneten Menschen, und lege es nicht geflissentlich darauf
an, daß er Dir besonders zugethan werden soll! Jede Art von
Andringlichkeit, wäre sie auch noch so gut gemeint, pflegt Verdacht
oder Geringschätzung zu erwecken; und wer in der Stille auf dem Pfade
fortwandelt, den Redlichkeit und Klugheit bezeichnen, und dabei ein
wohlwollendes, zur Mittheilung gestimmtes Herz in seinem Busen trägt,
der bleibt nicht unbemerkt, nicht unaufgesucht; er findet, ohne sich
anzudrängen, ein Paar Edle, die ihm die Hand zum brüderlichen Bunde
reichen.


                                  19.

Es gibt aber Menschen, die gar keinen ~vertrauten~ Freund, sondern nur
Bekannte haben; entweder weil ihnen der Sinn für dies Seelen-Bedürfniß
fehlt, oder weil sie keinem lebendigen Wesen trauen, oder weil ihre
Gemüthsart kalt, unverträglich, verschlossen, eitel, oder zänkisch
ist. Andre sind aller Welt Freunde; sie werfen ihr Herz jedermann vor
die Füße, und deswegen bückt sich Keiner, greift niemand darnach, es
aufzunehmen. -- Es ist eine Ehre und ein Glück, zu keiner von diesen
beiden Menschenklassen zu gehören.


                                  20.

Auch unter den vertrautesten Freunden können Irrungen entstehen,
Mißverständnisse eintreten. Wenn man darüber Zeit verstreichen läßt,
oder zugibt, daß sich dienstfertige Leute hineinmischen: so erwächst
daraus nicht selten eine dauerhafte Feindschaft, die mehrentheils um so
heftiger wird, je zärtlicher, je vertrauter die Verbindung war, und je
ärger man sich also hintergangen glaubt. Es ist wahrlich ein trauriger
Anblick, auf diese Weise zuweilen die edelsten Seelen gegen einander
empört zu sehen. Dringend rathe ich daher, bei dem ersten Schatten
von Unzufriedenheit über das Betragen des Freundes, nicht zu säumen,
ohne Zuthun eines Dritten, auf Erläuterung zu dringen. Da pflegt alles
sehr bald verglichen zu werden; vorausgesetzt, daß kein böser Wille
obwaltet, wie man es denn bei gutgesinnten, wohlwollenden Freunden
voraussetzen muß.


                                  21.

Wie aber, wenn uns Freunde täuschen, wenn wir nach einiger Zeit
wahrnehmen, daß unser gutes Herz uns irregeleitet, uns an Menschen
gekettet hat, die unsrer nicht werth sind? -- Meine Leser! ich kann es
nicht oft genug wiederholen, daß wir mehrentheils selbst daran Schuld
sind, wenn wir bei näherm Umgange die Menschen anders finden, als
wir sie uns anfangs gedacht haben. Partheiische Gefühle; Sympathie,
Aehnlichkeit des Geschmacks, der Neigung; feine Schmeichelei;
Seelen-Drang, in Augenblicken, wo Jeder uns ein Wohlthäter scheint,
der nur einige Theilnahme an unserm Schicksale zeigt -- diese und
andre dergleichen Eindrücke bestechen uns gar zu leicht, und bereiten
uns bittere Täuschungen. Wir denken uns Menschen als engelreine und
erhabene Seelen, die nichts weiter, als eine gewisse natürliche
Gutmüthigkeit und Offenheit haben, und sind nachher, wenn wir ihre
Schwächen entdecken, viel unduldsamer gegen diese unsre Lieblinge, als
gegen fremde Leute, weil es unserem Stolz weh thut, daß wir so falsch
gesehen hatten, oder so kurzsichtig waren. Darum spannet doch Eure
Erwartung, Eure Meinung von Euren Freunden nicht zu hoch, so wird Euch
ein menschlicher Fehltritt, den sie in Augenblicken der Versuchung
begehen, nicht befremden, nicht ärgern! Habet Nachsicht! Ihr bedürft
deren vielleicht selbst bei andern Gelegenheiten. Richtet nicht, damit
auch Ihr nicht gerichtet werdet! -- Und was für Recht hast Du denn auch
über die Moralität Deines Freundes? Was ist er Dir anders schuldig, als
Treue, Liebe und Dienstfertigkeit? Wer hat Dich zum Sittenrichter über
ihn bestellt? -- Suche einen ganz vollkommnen Mann auf dieser Erde! --
Du kannst hundert Jahre alt werden und wirst ihn nicht finden.

Vor allen Dingen aber soll man sich hüten, jedem elenden Geschwätze,
womit böse oder schwache Menschen zum Nachtheile unsrer Freunde
unsre Ohren erfüllen, Glauben beizumessen. Leute, die heute mit
einem Manne, den sie bis in den Himmel erheben, ihren letzten Bissen
theilen würden, und morgen, wenn irgend ein altes Weib ihnen ein
ärgerliches Mährchen aufgehängt hat, denselben zu dem verächtlichsten
Betrüger herabwürdigen! Leute, die einen vieljährigen, genau geprüften
Freund, auf Angabe des niederträchtigen unwürdigen Pöbels, einer ihm
schuldgegebenen Schandthat fähig halten können, -- wäre auch alle
Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Verläumder! -- solche wankelmüthige,
elende und feile Seelen verdienen nur Verachtung, und der Verlust ihrer
Freundschaft ist baarer Gewinn. Der Anschein ist oft sehr trüglich;
man kann Veranlassungen haben, mißtrauisch zu werden; es können
Umstände eintreten, die es uns unmöglich machen, gewisse zweideutig
scheinende Schritte zu erläutern; aber, daß ein bewährter, edler Mann
keine schlechte Handlung begangen habe, davon bedarf es weiter keines
Beweises, sondern nur des einfachen Glaubens, daß es unmöglich sey,
edel und schlecht zugleich zu seyn.


                                  22.

Wenn denn nun aber wirklich unser Freund sich so sehr moralisch
verschlimmert, oder wenn unser leichtgläubiges Herz sich in einem
solchen Grade in seinem Zutrauen zu ihm betrogen sieht, daß er unsre
Vertraulichkeit gemißbraucht, uns mit Undank belohnt hätte -- nun! so
hört er auf, unser ~Freund~ zu seyn; ich meine aber, er behält doch
nicht mehr und nicht weniger Recht auf unsre Duldung, als jeder andre
uns fremde Mensch. Ich halte es für eine falsche Zärtelei, an welcher
mehrentheils die Eitelkeit, untrüglich seyn zu wollen, ihren Theil hat,
wenn man glaubt, man müsse nun von einem solchen Verräther immer mit
großer Schonung reden, weil er einst unser Freund gewesen. Das Einzige,
was uns bewegen kann, seiner zu schonen, ist der Gedanke: daß überhaupt
das menschliche Herz ein schwaches Ding ist, und daß man leicht zu
weit in seinem Widerwillen geht, wenn eine Art von Rache sich in unser
Urtheil mischt. Von der andern Seite aber macht der Umstand, daß der
Mann ~uns~ betrogen hat, sein Verbrechen auch nicht um ein Haar breit
größer, berechtigt uns nicht, ärger gegen ihn zu Felde zu ziehen, als
gegen jeden andern Schelm, der ~andre Menschen~ und überhaupt die
Tugend betrügt.




                          Siebentes Kapitel.

          Ueber die Verhältnisse zwischen Herren und Dienern.


                                  1.

Es ist traurig genug, daß der größte Theil des Menschengeschlechts,
durch Schwäche, Armuth, Gewalt und andre Umstände, gezwungen ist, dem
kleinern zu Gebote stehen, und daß oft der Bessere den Winken und
Launen des Schlechtern gehorchen muß. Was ist daher billiger, als daß
die, denen das Schicksal die Gewalt in die Hände gegeben hat, ihren
Nebenmenschen das Leben süß und das Joch erträglicher zu machen, diese
glückliche Lage mit Menschenfreundlichkeit und Edelmuth benutzen.


                                  2.

Wahr ist es aber auch, daß die meisten Menschen zur Sclaverei geboren,
daß edle, wahrhaftig große Gesinnungen und Gefühle hingegen nur das
Erbtheil einer unbeträchtlichen Anzahl zu seyn scheinen. Lasset
uns indessen den Grund dieser Wahrheit weniger in den natürlichen
Anlagen, als in der Art der Erziehung, und in unsern, durch Luxus und
Despotismus verderbten Zeiten suchen! Durch sie wird eine ungeheure
Menge Bedürfnisse erzeugt, die uns von Andern abhängig machen. Das
ewige Angeln nach Erwerb und Genuß erzeugt niedrige Leidenschaften,
zwingt uns, zu erbetteln und zu erkriechen, was wir für so nöthig zu
unserer Existenz halten, statt daß Mäßigkeit und Genügsamkeit die
Quellen aller Tugend und Freiheit sind.


                                  3.

Bleiben nun die meisten Menschen stumpf für feinere Empfindungen, und
unfähig zu erhabnen, hohen Gesinnungen: so sind sie doch nicht Alle
unerkenntlich gegen großmüthige Behandlung, noch blind gegen wahren
Werth. Rechne also weder auf die Zuneigung und Achtung, noch auf
freiwillige Folgsamkeit derer, die Dir unterworfen sind, wenn diese
selbst fühlen, daß sie moralisch besser, weiser, geschickter sind,
als Du, daß Du ihrer in einem höheren Grade bedarfst, als sie Deiner;
wenn Du sie mißhandelst, schlecht für wesentliche Dienste belohnst,
die Schmeichler unter ihnen den geraden, aufrichtigen, treuen Dienern
vorziehst; wenn sie sich schämen müssen, einem Manne anzugehören, den
Jeder haßt, oder verachtet; wenn Du mehr von ihnen verlangst, als Du
selbst an ihrer Stelle würdest leisten können; wenn Du Dich weder um
ihr moralisches, noch ökonomisches, noch physisches Wohl bekümmerst,
ihnen den Lohn ihrer Arbeit so sparsam zutheilst, daß sie verzweifeln,
oder Dich betrügen müssen, oder wenigstens keine frohe Stunde haben
können; wenn Du nicht Rücksicht nimmst auf ihren körperlichen Zustand,
sie verstößest, sobald sie alt und schwächlich werden; wenn Du ihnen
wenig Ruhe und Schlaf erlaubest; wenn sie, indeß Du schwelgst, in
rauher Jahrszeit bis nach Mitternacht, vielleicht gar dem bösen Wetter
bloßgestellt, auf Dich voll tödtender Langerweile warten müssen; wenn
Dein lächerlicher Hochmuth ein Gegenstand ihres Spottes wird, oder
Dein Jähzorn sie mit Schimpfwörtern überhäuft; wenn sie mit aller
Aufmerksamkeit kein freundliches Wort von Dir gewinnen können! --
Geradheit, Redlichkeit, wahre Menschenliebe, Würde und Folgerichtigkeit
in unsern Handlungen zu zeigen, das ist, so wie überhaupt das sicherste
Mittel, uns allgemeine Achtung zu erwerben, so insbesondre geschickt,
uns der Ehrerbietung und Zuneigung Derer zu versichern, die von
uns abhängen, uns oft ohne Schminke in mancherlei Launen sehen, und
gegen welche wir uns also schwerlich lange verstellen können. Es ist
ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: »So wie der Herr; also der
Knecht!« Es versteht sich, daß dieß nur von Dienstboten gilt, die lange
genug in einem Hause gedient haben, um den darin herrschenden Ton
anzunehmen; aber bei diesen trifft es denn auch fast unfehlbar ein.
Ein Kammerdiener, der ein Windbeutel ist, dient mehrentheils einem
Prahler! bescheidne Herrschaften haben höfliches Gesinde; in stillen,
ordentlichen Haushaltungen findet man sittsame, fleißige Leute zur
Aufwartung; zänkische, lüderliche Bediente und Mägde sind ~da~ zu
Hause, wo Zwist und zügellose Sitten unter den Herrschaften im Gange
sind. -- Also ist ein gutes Beispiel (wortreicher Ermahnungen bedarf es
nicht) das sicherste Mittel, brauchbares Gesinde zu bilden.


                                  4.

So sehr ich nun einen freundlichen, liebreichen Umgang mit Bedienten
anrathe, so wenig kann ich es billigen, wenn man sich ihnen unverholen
in allen seinen Blößen zeigt, sie zu Vertrauten in heimlichen
Angelegenheiten macht, sie durch übermäßige Bezahlung an ein üppiges
Leben gewöhnt, -- wenn man sie nicht gehörig beschäftigt, alles
ihrer Willkühr überläßt, sie zu unumschränkten Herren über Kassen
und Vorräthe macht, und dadurch in ihnen Reiz zum Betrug erweckt, --
wenn man alle Gewalt über sie und alles Ansehen freiwillig aufgibt,
und sich zu einer Vertraulichkeit und einem Tone herabläßt, der sie
nothwendig in Versuchung führen muß, sich zu vergessen. -- Man findet
unter hundert Menschen von der Art kaum Einen, der das vertragen
kann, der nicht Mißbrauch von einer solchen Nachsicht macht. Auch
ist das eben kein Mittel, sich beliebt zu machen. Ein wohlwollendes,
ernsthaftes, gesetztes, immer gleiches Betragen, entfernt von steifer,
hochmüthiger Kälte und Feierlichkeit, -- gute, richtige, nicht
übermäßige, der Wichtigkeit ihrer Dienste angemessene Bezahlung, --
strenge Pünktlichkeit, wenn es darauf ankömmt, sie zur Ordnung und zu
demjenigen anzuhalten, wozu sie sich verbindlich gemacht haben, --
Liebe und theilnehmende Güte, wenn sie die Gewährung einer anständigen,
bescheidnen Bitte, die Vergünstigung eines unschuldigen Vergnügens
von uns begehren, oder auch ungebeten nur erwarten können, -- weise
Ueberlegung in Zutheilung der Arbeit, so daß man sie nicht mit unnützen
Arbeiten überhäufe, mit Geschäften, die bloß unser eitles Vergnügen zum
Gegenstande haben, dennoch aber nicht leide, daß sie je müssig seyen,
sondern sie auch anhalte, für sich selbst zu arbeiten, sich in Kleidung
reinlich und rechtlich zu halten, sich Geschicklichkeit zu erwerben,
-- Aufmerksamkeit und Aufopfrung unsers eignen Interesse, wenn man
Gelegenheit hat, ihnen ein besseres Schicksal zu verschaffen, sie zu
befördern, -- väterliche Sorgsamkeit für ihre Gesundheit, für ehrlichen
Erwerb und für ihre sittliche Aufführung: -- das sind die sichersten
Mittel, gut, treu bedient, und von denen, die uns dienen, geliebt zu
werden. Hierzu füge ich noch den Rath, nicht zu viel Dienstboten zu
halten; aber die wenigen, die man hat, und deren man bedarf, nützlich
und hinreichend zu beschäftigen, gut zu bezahlen und vernünftig zu
behandeln. Je mehr Bedienten man hat, desto schlechter wird man bedient.


                                  5.

Unsre feine Lebensart hat einem der ersten und süßesten Verhältnisse,
dem Verhältnisse zwischen Hausvater und Hausgenossen, alle Anmuth,
alle Würde genommen. Hausvaters-Rechte und Hausvaters-Freuden sind
größtentheils verschwunden; das Gesinde wird nicht mehr als Theil
der Familie angesehen, sondern als Miethlinge betrachtet, die wir
nach Gefallen abschaffen, so wie auch ~sie~ uns verlassen können,
sobald sie sonst irgendwo mehr Freiheit, mehr Gemächlichkeit oder
reichere Bezahlung zu finden glauben. Es ist nicht mehr anerkannt,
daß wir ausser den Stunden, die sie unserm Dienste widmen müssen,
kein Recht auf sie haben; wir leben nicht mehr unter ihnen, sehen sie
nur dann, wenn wir ihnen das Zeichen mit der Schelle geben, und sie
aus ihren, gewöhnlich sehr schmutzigen, ungesunden Löchern zu uns
hervorkriechen. Diese lose, auf ungewisse Zeit geknüpfte Verbindung
trennt das Interesse beider Theile, das doch ein gemeinschaftliches
seyn sollte, auf eine unnatürliche und verderbliche Weise: der Herr
sucht den Miethling recht wohlfeil zu bekommen, er müßte denn aus
Eitelkeit oder Verschwendung mehr an ihn wenden; -- was im Alter
aus dem armen dienstbaren Geschöpfe werden wird, darum bekümmert er
sich nicht, und der Bediente, der das weiß, sucht bei so ungewissen
Aussichten zu erhaschen, was zu erhaschen ist, um wo möglich einen
Nothpfenning zurückzulegen. Welchen Einfluß dieß auf Sittlichkeit, auf
Bildung, auf Vertrauen und gegenseitige Zuneigung haben müsse, ist
leicht einzusehen. Es ist wahr, daß nicht alle Herrschaften vollkommen
so fremd und unnatürlich mit ihrem Gesinde umgehen; aber wo findet man
in jetzigen Zeiten noch Solche, die, als Väter und Lehrer Derer, die
ihnen dienen, sich's zur Freude machen, mitten unter ihnen zu sitzen,
durch weise und freundliche Gespräche sie zu unterrichten, an ihrer
sittlichen und geistigen Bildung zu arbeiten, und für ihr künftiges
Schicksal besorgt zu seyn? Es ist wahr, daß Dienstboten selten so wohl
erzogen sind, daß sie den Werth einer solchen Herablassung zu erkennen
und gehörig zu nützen wissen; allein was hindert uns, das Gesinde
selbst zu erziehen, sie als Kinder anzunehmen, sie dann lebenslang,
wie die Mitglieder unsrer Familie, bei uns zu behalten, und ihr
Schicksal, nach Verhältniß ihres Verdienstes und unsers Vermögens,
zu verbessern? Ich kenne aus Erfahrung alle Ungemächlichkeiten einer
solchen Unternehmung; vielfältig mißlingt es; unsre Arbeit belohnt sich
nicht, wird nicht erkannt; die Kinder, wenn sie herangewachsen, fangen
an, sich zu fühlen, und entziehen sich unsrer väterlichen Zucht. Allein
oft sind wir selbst durch fehlerhafte Behandlung daran Schuld: und
nicht immer handeln sie undankbar gegen uns. Wir geben ihnen zuweilen
eine ganz andre Art von Erziehung, als für ihre Lage taugt, und dadurch
gerade machen wir sie unzufrieden mit ihrem Zustande, statt ihr Glück
zu bauen; oder wir behandeln sie, wenn sie schon erwachsen sind, noch
immer wie Kinder. Der Freiheitstrieb ist allen Geschöpfen von der Natur
eingeprägt; sie glauben, sich einem Joche zu entziehen, wenn sie von
uns gehen, glauben unserer nicht mehr zu bedürfen, sich selbst rathen
und regieren zu können. Vielfältig aber reuet es solche Menschen in
der Folge, uns verlassen zu haben, wenn sie erst den Unterschied unter
einem ~Herrn~ und einem ~Hausvater~ erfahren, und richtige Begriffe
von wahrer Freiheit erhalten. Das Fremde, das man nicht kennt, sieht
immer besser aus, als das gewöhnte, auch noch so Gute. Auf Erfolg und
Dankbarkeit soll man übrigens in dieser Welt nie rechnen, sondern das
Gute bloß aus Liebe zum Guten thun. Nicht alle Mühe aber ist verloren,
die verloren zu seyn scheint, und die Wirkungen einer guten Erziehung
äussern sich oft erst spät nachher. Es ist auch süß, für Andre zu
pflanzen, und dagegen ein gemeines Verdienst, Früchte zu ziehen, die
man selbst genießt.


                                  6.

Ein Hausvater hat das Recht, sein Gesinde ernstlich zur
Pflicht-Erfüllung anzuhalten; allein nie soll er sich durch Hitze
verleiten lassen, erwachsene Dienstboten mit groben Schimpfwörtern,
oder gar mit Schlägen zu behandeln. Ein edler Mann mag nur Kraft gegen
Kraft setzen; nie wird er Den mißhandeln, der sich nicht wehren darf.

Fast noch härter ist es, den armen Dienstboten, wegen kleiner
Unachtsamkeiten, z. B. wenn sie etwas zerbrochen haben, einen Theil
ihres sparsamen Lohns zu entziehen. Besser ist es, seinen Dienstboten
so viel Zutrauen einzuflößen, daß sie selbst es sogleich anzeigen, wenn
durch ihre Schuld etwas im Hause verloren gegangen oder zerbrochen ist,
und dann ersetze man das fehlende Stück ohne Anstand wieder, lasse sein
häusliches Inventarium nie verringert werden. Ist von einem Dutzend
Tassen, Teller, Gläser oder dgl. erst ~ein~ Stück fort: so wird nicht
mehr auf die übrigen so viel Sorgfalt verwendet, und bald sind sie alle
verschwunden, da man denn in einen vollen Beutel greifen muß.


                                  7.

Fremden Bedienten soll man in aller Rücksicht höflich und liebreich
begegnen, denn in Betracht Unsrer sind sie freie Leute, oder wir dürfen
selbst uns nicht frei nennen, wenn wir Fürsten dienen. Dazu kömmt, daß
manche Bediente sehr viel Einfluß auf ihre Herrschaften haben, daß die
Stimme der Menschen aus niedrigen Klassen oft sehr entscheidend für
unsern Ruf werden kann, und endlich, daß diese Klasse es sehr viel
genauer damit zu nehmen pflegt, sich leichter beleidigt glaubt, als
Personen, welche die Grundsätze einer feinen Erziehung über elende
Kleinigkeiten hinaussetzt.


                                  8.

Es wird hier nicht am unrechten Orte stehen, wenn ich die Warnung
hinzufüge, sich vor Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit in dem Umgange
mit Haarkräuslern, Bartscheerern und Putzmacherinnen zu hüten. Dies
Volk -- doch gibt es auch da Ausnahmen -- ist sehr geneigt, aus
einem Hause in das andre zu tragen, Intriguen, Ränke, Klatschereien
anzuspinnen, und sich zu allerlei unedlen Diensten gebrauchen zu
lassen. Am besten ist es, sich mit ihnen auf einen ernsthaften Fuß zu
setzen.


                                  9.

Das Gesinde pflegt kleine Veruntreuungen in Eß-Waaren, Kaffee, Zucker
u. dgl. für keinen Diebstahl zu halten. So unrecht dieß ist, so bleibt
es doch darum nicht weniger die Pflicht der Herrschaften, ihren
Domestiken die Gelegenheit zu benehmen, dergleichen Unredlichkeiten
sich schuldig zu machen. Zwei Dinge sind hierbei am wirksamsten:
zuerst, daß die Herrschaften mit dem Beispiel der Mäßigkeit und
Selbstbeherrschung vorangehen, und dann, daß sie von Zeit zu Zeit durch
freiwillige Darreichung solcher Bissen, welche die Lüsternheit reizen
könnten, die Versuchung verhüten.


                                  10.

Und nun sollte ich auch etwas von dem Betragen des Dieners gegen den
Herrn reden. Hier nur so viel über diesen Gegenstand: Wer dient, der
erfülle treu die Pflichten, zu welchen er sich verbindlich gemacht
hat; er thue darin lieber zu viel, als zu wenig; den Vortheil seines
Herrn sehe er wie seinen eignen an; er handle immer so offenbar, und
führe seine Geschäfte mit solcher Ordnung, daß es ihm zu keiner Zeit
schwer fallen könne, Rechenschaft von seinem Haushalte abzulegen; er
mißbrauche nie das Zutrauen, die Vertraulichkeit seines Herrn; er
decke nie die Fehler Dessen auf, dessen Brod er ißt; er lasse sich
nicht verleiten, weder im Scherze, noch im Unwillen, die Gränzen
der Ehrerbietung zu überschreiten, die er Dem schuldig ist, dem das
Schicksal ihn unterwürfig gemacht hat; allein er betrage sich auch
immer mit einer solchen Würde, daß es dem Obern nie einfallen könne,
ihm mit Verachtung zu begegnen, oder unedle Dienste zuzumuthen, sondern
daß dieser seinen Werth, als den eines Menschen, fühle, und, wenn er
einer guten Empfindung fähig ist, des Abstandes ungeachtet, den die
bürgerliche Verfassung zwischen ihnen gesetzt hat, ihm dennoch seine
Hochachtung nicht versagen könne! Er lasse sich nicht durch blendende
Aussenseiten bewegen, seinen Zustand zu verändern, sondern überlege,
daß jede Lage ihre Ungemächlichkeiten hat, die man in der Ferne nicht
wahrnimmt! Hat er bei diesem redlichen und vorsichtigen Betragen
dennoch das Unglück, einem undankbaren, harten, ungerechten Herrn
zu dienen: so ertrage er, wenn sanfte Vorstellungen nichts helfen,
geduldig, ohne Geschwätz und ohne Murren, die lieblose Behandlung,
so lange er sich dieser Lage nicht entziehen kann. Kann er aber, so
trete er in ein anderes Verhältniß, schweige nachher über das, was
ihm begegnet ist, und enthalte sich aller Rache, aller Lästerung,
aller Plauderei! Doch können Fälle eintreten, wo seine gekränkte Ehre
eine öffentliche oder gerichtliche Rechtfertigung gegen den mächtigen
Unterdrücker fordert, und dann trete er ohne Winkelzüge, kühn und fest,
voll Zuversicht auf die Güte seiner Sache, auf Gottes und der Menschen
Gerechtigkeit, hervor, und lasse sich weder durch Menschenfurcht, noch
durch Armuth abschrecken, seinen Ruf zu retten, wenn auch der stärkere
Bösewicht ihm alles Uebrige rauben kann!




                            Achtes Kapitel.

    Betragen gegen Hauswirthe, Nachbarn und Solche, die mit uns in
                        demselben Hause wohnen.


                                  1.

Wenn wir in der Ordnung von den ersten und natürlichsten Verhältnissen
ausgehen, und immer von den einfachen zu den zusammengesetztern
fortschreiten: so denken wir, nach den bis dahin betrachteten
Verhältnissen, nun zuerst an die Verbindung mit Nachbarn und
Hausgenossen.

Unsre neuere Philosophie überspringt zwar diese engen Verhältnisse;
allein ich bin dazu noch nicht aufgeklärt genug, und schreibe also aus
Ueberzeugung den Satz hin: »Nächst den Personen Deiner Familie, bist
Du am ersten Deinen Nachbarn und Hausgenossen Rath, That und Hülfe
schuldig.« Es ist sehr süß, sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, wenn
man mit lieben, wackern Nachbarn eines zwanglosen, freundschaftlichen
und vertraulichen Umgangs pflegen darf. Es kommen im menschlichen Leben
so manche Fälle, wo augenblickliche kleine Hülfe uns Wohlthat ist, wo
wir uns zur Erholung von ernsthaften Arbeiten, wenn Sorgen uns drücken,
nach der Gegenwart eines guten Menschen sehnen, den wir nicht erst
weit zu suchen brauchen; -- also vernachlässige man seine Nachbarn
nicht, wenn sie irgend von geselliger, wohlwollender Gemüthsart sind!
In großen Städten gehört es leider zum guten Tone, nicht einmal zu
wissen, wer mit uns in demselben Hause wohne. Das finde ich sehr
abgeschmackt, und ich weiß nicht, was mich bewegen sollte, eine halbe
Meile weit zu fahren, wenn ich die Unterhaltung, oder die Langeweile,
welcher ich nachrenne, eben so gut zu Hause finden könnte, oder um
einen Freundschafts-Dienst die ganze Stadt zu durchjagen, wenn neben
mir an ein Mensch wohnt, der mir denselben gern erzeigen würde, in
so fern ich mir seine Freundschaft und sein Zutrauen erworben hätte.
Schämen würde ich mich, wenn es der Fall wäre, daß die Miethkutscher
und Straßenbuben mich besser, als meine Nachbarn kennten.


                                  2.

Kaum bedarf es der Bemerkung, daß man sich hüten müsse, sowohl sich
denen aufzudringen, die uns als Hausgenossen nicht ausweichen können,
wie auch besonders, ihre Handlungen auszuspähen, uns in ihre häuslichen
Angelegenheiten zu mischen, ihren Schritten nachzuspüren, und ihre
Schwachheiten oder Fehltritte unter die Leute zu bringen. Da vor
Allen das Gesinde hierzu sehr geneigt zu seyn pflegt: so soll man
seine Dienstleute davon abzuhalten, und den Geist der Klatscherei aus
seinem Hause zu verbannen suchen. Die Aufgabe ist schwer, aber nicht
unauflöslich.


                                  3.

Es giebt kleine Gefälligkeiten, die man Denen schuldig ist, mit welchen
man in demselben Hause, oder denen man gegenüber wohnt, oder deren
Nachbar man ist, -- Gefälligkeiten, die an sich gering sind, doch aber
dazu dienen, Frieden zu erhalten, uns beliebt zu machen, und die man
deswegen nicht verabsäumen soll. Dahin gehört: daß man Poltern, Lärmen,
spätes Thür-Zuschlagen im Hause vermeide, Andern nicht in die Fenster
gaffe, nichts in fremde Höfe oder Gärten schütte, und dergleichen mehr.


                                  4.

Manche Menschen denken so wenig fein, daß sie glauben, gemiethete
Häuser, Gärten und Hausgeräthe brauchten gar nicht geschont zu werden,
und es sey bei Bestimmung der Mieths-Summe schon auf die Abnutzung
und Verwüstung mit gerechnet worden. Ohne zu erwähnen, daß dieß
wenigstens nicht immer der Fall ist, so denke ich auch: ein Mann, der
Erziehung hat, kann kein Vergnügen daran finden, muthwilliger Weise
etwas zu verderben, das nicht sein ist, wodurch er jemand betrübt,
und sich verhaßt macht. Es wird sehr bald bekannt, wenn man pünktlich
im Bezahlen, höflich und gefällig, dabei ordentlich und reinlich
ist, und man wird dann lieber und um billigern Preis zum Miethsmanne
aufgenommen, als mancher viel Vornehmere und Reichere.


                                  5.

Wenn unter Leuten, die zusammen in demselben Hause wohnen, oder sonst
täglich mit einander leben müssen, Verstimmungen oder Mißverständnisse
entstehen: so thut man wohl, die Erläuterung zu beschleunigen; denn
nichts ist peinlicher, als mit Personen unter einem Dache zu leben,
gegen die man einen Widerwillen hegt.




                           Neuntes Kapitel.

             Ueber das Verhältniß zwischen Wirth und Gast.


                                  1.

In alten Zeiten hatte man hohe Begriffe von den Rechten der
Gastfreundschaft. Noch pflegen diese Begriffe in Ländern und
Provinzen, die weniger bevölkert sind, oder wo einfachere Sitten bei
weniger Reichthum, Luxus und Weichlichkeit herrschen, so wie auf dem
Lande, in Ausübung gebracht, und die Rechte der Gastfreundschaft
heilig gehalten zu werden. In unsern glänzenden Städten hingegen,
wo nach und nach der Ton der feinen Lebensart allen Biedersinn zu
verdrängen anfängt, gehören die Gesetze der Gastfreundschaft nur
zu den Höflichkeits-Regeln, die Jeder nach seiner Lage und nach
seinem Gefallen mehr oder weniger anerkennt und befolgt. Auch ist
es wahrlich zu verzeihen, wenn man, bei immer zunehmendem Luxus,
und dem mannigfaltigen Mißbrauche, den man in unsern Zeiten von der
Gutherzigkeit der Menschen macht, vorsichtig in Erzeigung solcher
Gefälligkeiten wird, und wenn man genauere Rücksprache mit seinem
Geldbeutel nimmt, bevor man jedem Müßiggänger und freundlichen
Schmarotzer Haus, Küche und Keller öffnet. Wer hierin aus thörichter
Eitelkeit zu viel thut, betrügt zugleich sich und Andre: sich, indem er
ein Vermögen verschwendet, das er besser anwenden könnte; und Andre,
indem er, unter dem Titel von Gastfreundschaft, nur seinen Hang zur
Prahlerei befriedigt. Von der Gastfreundschaft der Großen und Reichen
rede ich gar nicht; Langeweile, Eitelkeit und Prachtliebe ordnen da
alles auf's Beste, und Der, welcher gibt, weiß, sowohl wie Der, welcher
empfängt, auf welche Rechnung er dieß zu schreiben, und wie er sich
dabei zu betragen habe. Aber für die Gastfreundschaft unter Personen
vom mittlern Stande will ich doch einige allgemeine Regeln geben.


                                  2.

Man reiche das Wenige, was man der Gastfreundschaft opfern kann, in
gehörigem Maaße, mit guter Art, mit treuem Herzen und mit freundlichem
Gesichte dar! Man suche bei Bewirthung eines Fremden oder eines
Freundes weniger Glanz, als Ordnung und guten Willen zu zeigen;
fremde Reisende kann man sich vorzüglich durch gastfreundschaftliche
Aufnahme verpflichten. Es kömmt ihnen nicht auf eine köstliche freie
Mahlzeit, aber darauf kömmt es ihnen an, daß sie Eingang in guten
Häusern, und dadurch Gelegenheit erhalten, sich über Gegenstände zu
unterrichten, die zu dem Zwecke ihrer Reise gehören. Gastfreundschaft
gegen Fremde ist desfalls sehr zu empfehlen. Man sehe nicht verlegen
aus, wenn uns unerwartet ein Besuch überrascht! Nichts ist einem
Reisenden unangenehmer und peinlicher, als wenn er merkt, daß es
dem Manne, der ihn bewirthet, sauer wird, daß er ungern und nur aus
Höflichkeit hergibt, oder daß er mehr Aufwand dabei verschwendet, als
seine Umstände leiden; wenn er ohne Unterlaß seiner Frau oder seinen
Bedienten in die Ohren flüstert, oder mit ihnen zankt, sobald eine
Schüssel unrecht gestellt, oder etwas vergessen worden ist; wenn er
selbst im Hause herumläuft, alles anordnet und also an der Unterhaltung
gar nicht Theil nimmt; wenn der Mann zwar gern gibt, die Frau hingegen
dem armen Gast jeden Bissen in den Mund zählt; wenn so wenig in den
Schüsseln liegt, daß Der, welcher vorlegt, unmöglich herumreichen
kann; wenn der Wirth und die Wirthin ungestüm zum Essen und Trinken
nöthigen, oder auf eine Weise geben, die zu sagen scheint; »Es ist nun
einmal angeschafft; also füllet Euch den Bauch voll! Werdet recht satt,
so habt Ihr auf lange Zeit genug, und brauchet so bald nicht wieder zu
kommen!« endlich, wenn man Zeuge von Familienzwist und der Unordnung,
die im Hause herrscht, seyn muß. Mit Einem Worte: es gibt eine Art,
Gastfreundschaft zu erweisen, die dem Wenigen, das man darreicht, einen
höhern Werth gibt, als die üppigsten Schmausereien. Vieles trägt hierzu
die Unterhaltung bei. Man muß daher die Kunst verstehen, mit seinen
Gästen nur von solchen Dingen zu reden, die sie gern hören; in einem
größern Kreise solche Gespräche zu führen, woran Alle mit Vergnügen
Theil nehmen und sich dabei in vortheilhaftem Lichte zeigen können.
Der Blöde muß ermuntert, der Traurige aufgeheitert werden. Jeder Gast
muß Gelegenheit bekommen, von etwas zu reden, wovon er gern redet.
Weltklugheit und Menschenkenntniß müssen hier in den besondern Fällen
zum Leitfaden dienen. Man muß nichts als Auge und Ohr seyn, ohne daß
dieß mühsam aussehe, ohne daß man Anstrengung wahrnehme, oder einen
Zwang, den man sich anthut, um zu zeigen, man wisse zu leben. Man bitte
nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln neben einander,
die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zu
einander passen, sich Langeweile machen! Alle diese Aufmerksamkeiten
aber müssen auf eine solche Art erwiesen werden, daß sie nicht mehr
Zwang auflegen, als sie Wohlthat für den Gast sind. Haben die Bedienten
aus Versehen den unrechten Mann, oder haben sie einen Gast auf den
unrechten Tag gebeten; so muß der Fremde doch nicht merken, daß er uns
unerwartet kommt, wenigstens nicht, daß er uns in Verlegenheit setzt,
uns unwillkommen ist.

Manche Menschen unterhalten sich und Andere am besten, wenn man sie
zu großen Gesellschaften bittet; Andre muß man, wenn sie glänzen,
oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu
einem kleinen Familienmahl einladen: auf dies alles muß man Acht
haben. Jeder, der auf kurze oder lange Zeit in Deinem Hause ist, und
wäre er Dein ärgster Feind, muß daselbst von Die gegen alle Arten von
Beleidigung und Verfolgungen Andrer, so viel an Dir ist, geschützt
seyn! Es müsse Jeder unter unserm Dache sich so frei wie unter
seinem eignen fühlen; man lasse ihn seinen Gang gehen, renne ihm
nicht in jeden Winkel nach, wenn er vielleicht allein seyn will, und
verlange nicht von ihm, daß er für die Bewirthung alle Unkosten der
Unterhaltung allein tragen, durch Kurzweil ergötzen, und dadurch seine
Zeche bezahlen solle; endlich lasse man nicht nach in Gefälligkeit
und Bewirthung, wenn der Freund sich längre, vielleicht, ein wenig
unbescheiden, zu lange Zeit bei uns aufhält, sondern erzeige ihm gleich
in den ersten Tagen nicht mehr und nicht weniger, als man in der Folge
fortsetzen kann!


                                  3.

Der Gast aber hat gegen den Wirth auch gegenseitig Rücksichten zu
nehmen. Ein altes Sprichwort sagt: »Ein Fisch und ein Gast halten sich
beide nicht gut länger, als drei Tage im Hause.« Diese Vorschrift
leidet nun wohl glücklicher Weise manche Ausnahmen; allein so viel
Wahres steckt doch darin, daß man sich niemand aufdringen, und
Ueberlegung genug haben soll, zu bemerken, ~wie lange~ unsre Gegenwart
in einem Hause angenehm, und für niemand eine Bürde ist. Nicht immer
ist man so aufgelegt, nicht immer in seinen häuslichen Angelegenheiten
so eingerichtet, daß man gern Gäste bei sich sieht, oder lange
beherbergt. Bei Leuten, die nicht auf einen sehr großen Fuß leben, soll
man daher nicht leicht unvermuthet kommen, oder sich selbst einladen.
Dem Manne, der uns Gastfreundschaft erweiset, sollen wir, zum Lohne
seiner Güte, so wenig Last wie möglich machen. Hat der Wirth mit seinen
Leuten zu reden, oder sonst häusliche Geschäfte: so schleiche man ruhig
davon, bis er fertig ist. Der bescheidene Gast wird ruhig und still
sich nach den Sitten des Hauses richten, den Ton der Familie annehmen,
als wenn er ein Glied derselben wäre, wenig Aufwartung fordern,
genügsam seyn, sich nicht in häusliche Angelegenheiten mischen, nicht
durch böse Launen den Ton verstimmen, und wenn es, seiner Meinung nach,
irgendwo in der Bewirthung gemangelt hat, nicht undankbar und unedel
hinter dem Rücken her darüber, oder über das, was er sonst etwa in dem
Hause gesehen hat, seinen Spott treiben.


                                  4.

Es gibt aber auch Menschen, die einen so gewaltig hohen Werth auf
die Gastfreundschaft setzen, welche sie uns erweisen, daß sie dafür
gelobt, geschmeichelt, bedient, häufig besucht, und wer weiß was sonst
alles seyn wollen. Das ist nun freilich nicht billig. Ein mäßiger Mann
verlangt doch nicht mehr, als sich satt zu essen, und das kann er ja
leicht um geringern Preis. Das Mehr oder Weniger ist so viel nicht
werth, und ich halte wahrhaftig meine Gesellschaft und meine verlorne
Zeit eben so theuer, wie Ihre Hochmögenden Dero Pasteten und Braten.




                           Zehntes Kapitel.

 Ueber die Verhältnisse unter Wohlthätern und Denen, welche Wohlthaten
            empfangen, wie auch unter Lehrern und Schülern,
                      Gläubigern und Schuldnern.


                                  1.

Die Dankbarkeit ist eine der heiligsten Tugenden. Wer Dir Gutes gethan
hat, den ehre! Danke ihm nicht nur mit Worten, die ihm die Wärme Deiner
Erkenntlichkeit zeigen, sondern suche auch jede Gelegenheit auf, wo
Du ihm wieder dienen und nützlich werden kannst! Fehlt Dir aber dazu
die Veranlassung, so entfalte ihm wenigstens durch ein auszeichnend
ehrendes und theilnehmendes Betragen Dein dankbares Herz! Du darfst
nicht gerade dies Betragen pünktlich nach der Größe der Wohlthat
abmessen, die Du empfangen hast, sondern nach dem Grade des guten
Willens, den Dein Wohlthäter Dir gezeigt hat! Höre auch ~dann~ nicht
auf, dankbar gegen ihn zu seyn, wenn Du seiner nicht mehr bedarfst,
oder wenn Unglücksfälle ihn von seiner Höhe herabgestürzt, ihn seines
Glanzes beraubt haben!


                                  2.

Nie aber laß Dich zu niederträchtiger Schmeichelei herab, um entweder
Wohlthaten zu erschleichen, oder für den empfangnen Schutz auf unedle
Weise Dich zum Sclaven eines schlechten Mannes zu machen! Wo Pflicht
und Rechtschaffenheit es fordern, da müsse Dein Mund nie zum Unrechte
schweigen, und keine Art von Bestechung die Stimme der Wahrheit zum
Schweigen bringen! Du bezahlst reichlich die Wohlthat, wenn Du dafür
die Pflichten eines ächten Freundes erfüllst, und, selbst mit Gefahr,
den Schutz zu verlieren und für undankbar gehalten zu werden, dem
Wohlthäter sagst, was ihm nöthig und heilsam zu hören ist. Eben
so wenig leide, daß jemand sich's zum Verdienste anrechnet, daß er
Dich bis jetzt hochgeschätzt, Dich bei Andern gelobt und vertheidigt
habe! Warst Du dessen würdig, so erfüllte er eine Pflicht, die man
auch seinen Feinden nicht versagen darf, wo nicht, so hat er nicht
gehandelt, wie ein gerechter und verständiger Mann, selbst in Rücksicht
seiner Freunde, handeln soll.


                                  3.

Es ist eine unangenehme Lage, wenn man jemand, dem man viel
Verbindlichkeit schuldig ist, nachher von einer schlechten Seite
kennen lernt. Dieser Verlegenheit weicht man nun freilich aus, wenn
man so wenig wie möglich Wohlthaten annimmt. Allein nicht immer läßt
sich das thun; und wenn man dann wirklich in die Verlegenheit kommt,
einem schlechten Menschen auf diese Art verpflichtet zu werden: so
rathe ich an, ihn wenigstens mit so viel Schonung zu behandeln, als
nur immer mit Redlichkeit und weiser Wahrheitsliebe bestehen kann, und
von seiner Schlechtigkeit zu schweigen; doch nur, in so fern Schweigen
nicht Verbrechen gegen die öffentliche Wohlfahrt ist; -- denn in diesem
letztern Falle muß alle Rücksicht aufhören. So wie aber unter den
Menschen, welche Wohlthaten erzeigen: so ist auch ein Unterschied unter
den Wohlthaten selbst. Es gibt unbedeutende Gefälligkeiten, die man
ohne Furcht, auch von den schlechtesten Leuten annehmen kann. Es ist
dann ~ihre~ Schuld, wenn sie dieselben höher anrechnen, als sie werth
sind. In andern Fällen hingegen, besonders wenn man empfangene Dienste
nicht erwiedern kann, ist es klug und edel, sie lieber nicht anzunehmen.


                                  4.

Die Art, ~wie~ man Wohlthaten erzeigt, ist oft mehr werth, als
die Handlung selbst. Man kann durch dieselbe den Preis jeder Gabe
erhöhen, so wie von der andern Seite ihr alles Verdienst rauben.
Wenig Menschen verstehen diese Kunst; nur die Edlen und Gefühlvollen
wissen sie meisterhaft auszuüben, und zugleich dem dankbaren Herzen
die Gelegenheit, sich erkenntlich zu beweisen, nicht zu verkümmern.
~Der~ gibt doppelt, der ~gleich~, zu rechter Zeit, ungebeten und mit
Freuden gibt. Gib gern! Es ist seliger Genuß, es ist Wohlthat, geben,
zur Freude Andrer etwas beitragen zu dürfen. Gib also gern, aber
verschwende nicht Deine Wohlthaten! Sey dienstfertig, bereitwillig;
aber dringe niemanden Deine Dienste auf! Rechne nicht, ob es erkannt
und belohnt werden wird! Brauche doppelte Schonung im Umgange mit
Denen, welchen Du Gutes erwiesen, aus Furcht, sie mögten argwöhnen,
Du wolltest Dich für Deine Mühe bezahlt machen, sie Dein Uebergewicht
fühlen lassen, Dir größere Freiheit gegen sie erlauben, weil sie aus
Dankbarkeit schweigen müssen! Oft ist es edler und zarter gehandelt,
von Dem keine Gegen-Gefälligkeiten anzunehmen, dem wir Wohlthaten
erzeigt haben; oft hingegen ist es edler, ihm Gelegenheiten zu
geben, uns durch kleine Dienste, die man ihm hoch anrechnen kann,
für große gleichsam zu bezahlen, damit keine zu schwere Last von
Verbindlichkeiten auf ihm zu liegen scheine. Weise nicht die Bittenden
von Deiner Thür zurück! Wenn Dich jemand um Rath, Hülfe, Wohlthat
anspricht: so höre ihm freundlich, theilnehmend und aufmerksam zu!
Laß ihn ausreden, Dir seine Sache vorstellen, ohne ihm in die Rede zu
fallen, denn dem Unglücklichen thut es sehr wohl, wenn er nur sein Herz
ausschütten kann.


                                  5.

Keine Wohlthat ist größer, als die des Unterrichts und der Bildung.
Wer jemals etwas dazu beigetragen hat, uns zu weisern, bessern und
glücklichern Menschen zu machen, der müsse unsers wärmsten Danks
lebenslang gewiß seyn können! Hat er dabei nicht alles geleistet, was
wir jetzt, bei reifern Jahren, bei weitern Fortschritten in der Kultur,
von einem Lehrer und Erzieher fordern würden: so sollen wir doch nicht
unerkenntlich gegen das seyn, was wir von ihm empfangen haben.

Ueberhaupt verdienen ja Diejenigen wohl mit vorzüglicher
Achtung behandelt zu werden, die sich redlich dem wichtigen
Erziehungs-Geschäfte widmen. Es ist wahrlich eine höchst schwere
Arbeit, Menschen zu bilden: -- eine Arbeit, die sich nie mit Gelde
bezahlen läßt. Der geringste Dorf-Schulmeister, wenn er seine Pflichten
treulich erfüllt, ist eine wichtigere und nützlichere Person im Staate,
als der Finanz-Minister; und da sein Gehalt gewöhnlich sparsam genug
abgemessen ist: was kann da billiger seyn, als daß man diesem Mann
wenigstens durch hinreichendes Auskommen, und einige Ehrenbezeigung das
Leben süß, und das Joch erträglich zu machen suche? Schämen sollten
sich die Menschen, die den Erzieher ihrer Kinder wie eine Art von
Dienstboten behandeln! Mögten sie nur bedenken (wenn sie auch nicht
fühlen können, wie unedel dies Betragen an sich schon ist), welchen
nachtheiligen Einfluß dieß auf die Bildung der Jugend hat! Es kann mir
durch die Seele gehen, wenn ich den Hofmeister in manchem adelichen
Hause demüthig und stumm an der Tafel seiner gnädigen Herrschaft sitzen
sehe, wo er es nicht wagt, sich in irgend ein Gespräch zu mischen,
sich auf irgend eine Weise der übrigen Gesellschaft gleich zu stellen,
-- wenn sogar den ihm untergebenen Kindern von Eltern, Fremden und
Bedienten der Rang vor ihm gegeben wird, -- vor ihm, der, wenn er
seinen Platz ganz erfüllt, als der größte Wohlthäter der Familie
angesehen werden sollte. -- Es ist wahr, daß es unter den Männern
dieser Art hie und da solche gibt, die eine so traurige Figur ausser
ihrer Studirstube spielen, daß man nicht wohl auf einem bessern Fuß
mit ihnen umgehen kann; allein das widerlegt nicht dasjenige, was ich
von der Achtung gesagt habe, die man diesem Stande schuldig ist. --
Wehe ~den~ Eltern, die ihre Kinder solchen ~selbst~ nicht erzogenen
Miethlingen anvertrauen!

Hast Du aber einen edlen Freund gefunden, der sich der Erziehung Deines
Sohnes annimmt: so ist es auch nicht genug, daß Du ihm ausgezeichnet
freundlich, ehrenvoll und dankbar begegnest; Du mußt ihm auch freie
Macht lassen, ohne Widerspruch seinen Erziehungsplan durchzusetzen; und
von ~dem~ Augenblicke an, da Du Dein Kind seiner Leitung übergibst,
hast Du den wichtigsten Theil Deiner väterlichen Rechte auf ihn
übertragen. -- Doch dies alles gehört mehr in ein Werk über Erziehung,
als daß hier der Ort wäre, weitläuftig davon zu handeln. Ich schweige
daher auch von dem Betragen der Lehrer und Hofmeister im Umgange mit
ihren Untergebenen, und eile weiter.


                                  6.

Ueber den Umgang mit Schuldnern und Gläubigern habe ich wenig zu sagen.
Man sey menschlich, billig und höflich gegen die Erstern! Man glaube
nicht, daß jemand, der uns Geld schuldig ist, deswegen unser Sclave
geworden sey, daß er sich alle Arten Demüthigungen von uns müsse
gefallen lassen, daß er uns nichts abschlagen dürfe, noch überhaupt,
daß der elende Bettel, der Mammon, einen Menschen berechtigen könne,
sein Haupt über den andern emporzuheben! Seine Gläubiger bezahle man
pünktlich, und halte sein Wort treulich! Man verwechsele nicht den
ehrlichen Mann, der von billigen Zinsen leben muß, mit dem jüdischen
Wucherer: so wird man immer Kredit haben, und, wenn man in Verlegenheit
sich befindet, billige Menschen antreffen, die uns, ohne ihren Schaden,
aus der Noth helfen.




                           Eilftes Kapitel.

  Ueber das Betragen gegen Leute, in allerlei besondern Verhältnissen
                              und Lagen.


                                  1.

Zuerst über die Aufführung gegen unsre ~Feinde~! Man kränke niemand
vorsätzlich; man sey wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig,
gerade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen; man erlaube sich keinen
Schritt zum Nachtheil eines Andern; man zerstöre keines Menschen
Glückseligkeit; man verläumde niemand; man verschweige selbst das
wirkliche Böse, das man von seinem Mitmenschen weiß, wenn man nicht
entschiednen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert,
darüber zu reden: so wird man -- etwa keine Feinde haben? -- das sage
ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen,
wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft
gegeben zu haben.

Es steht nicht immer in unsrer Willkühr, geliebt, aber es hängt immer
von uns ab, geachtet zu werden. Allgemeiner Beifall, allgemeines Lob
sind eben so zweideutige, als entbehrliche Merkmale des persönlichen
Werthes; allgemeine Achtung können selbst die Schurken dem Redlichen
und Weisen in ihren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde
bedarf man etwa nur drei in der Welt, um glücklich zu seyn.

Will man ohne Zwang und Unruhe in dem Umgange mit Menschen leben,
so muß man es nicht darauf anlegen, oder für wünschenswerth halten,
von allen Menschen für gut und weise gehalten zu werden. Je mehr
hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto
gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheelsucht schwacher und
schlechter Menschen Manches ertragen zu müssen; und Die, welche
die allgemeine Stimme des Pöbels aller Klassen für sich haben, sind
mehrentheils die mittelmäßigsten Leute, Leute ohne Charakter, oder
niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer,
Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten
gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein einziges Gespräch
unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studirt hat, und es
recht darauf anlegt. Allein das ist eine elende, des redlichen Mannes
unwürdige Kunst, -- und was kümmert es mich am Ende, ob Menschen, die
mein Herz nicht kennen, -- ja, die mich nie gesehen haben, durch die
Geschwätze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder
nicht?

Klage aber nie über Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast,
die Anzahl der letztern zu vermehren; es schleicht immer eine Anzahl
furchtsamer, niederträchtiger Geschöpfe umher, die nicht den Muth
haben, gegen einen Mann von Würde sich öffentlich zu erklären, die
aber sich augenblicklich an Dich wagen, sobald sie Dich hülflos, scheu
und niedergeschlagen erblicken; und diese, so unbedeutend sie Dir auch
scheinen mögten, können mit ihren Neckereien Dir tausendfältigen Kummer
machen. Der feste Mann muß sich selbst schützen. Zeige Zuversicht zu
Dir selber, so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten!
Zudem ist des Kämpfens in der Welt so viel: jeder gute Mann hat mit
seinen eignen Angelegenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist,
Alliirte zu suchen, weil diese bei der ersten Gelegenheit, wo es eigne
Sicherheit gilt, davon laufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke
er nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt:
»Gottlob! mir geht es gut; ich habe Freunde;« wird für einen mächtigen
Bundesgenossen gehalten, dessen man schonen müsse; dahingegen über den
Verlassenen Jeder herfällt.

Willst Du Dich der Ueberlegenheit erfreuen, wenn Du beleidigt wirst,
so werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gesprächen,
noch Schriften. Und wenn böser Wille und Leidenschaft, wie es
mehrentheils geschieht, bei ihnen im Spiele sind: so laß Dich auf
keine Art von Erläuterung ein! Schlechte Leute werden am besten durch
Verachtung bestraft, und Klatschereien am leichtesten widerlegt, wenn
man sich gar nicht darum bekümmert.

Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird, so
zeige man Stolz, Fassung und Würde in seinem Betragen: und die Zeit
wird alles aufklären, oder der Vergessenheit übergeben.

Nicht alle Bösewichter sind unempfindlich gegen eine edle, großmüthige,
immer gleiche, gerade Behandlung. Mit diesen Waffen also kämpfe man,
so lange sich's irgend thun läßt, gegen seine Feinde! Sie müssen nicht
Rache fürchten, sondern den Richterstuhl des Publikums, wenn sie
fortfahren, einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbietung
versagt.

Wenn aber Dein Stillschweigen bei ihren Ausfällen sie noch kecker
macht, dann zeige einmal, was Du ~thun könntest~, wenn Du ~wolltest~!
Aber gebrauche dabei keine Winkelzüge! Vereinige Dich nie mit andern
schlechten Leuten; mache keine gemeinschaftliche Sache mit ~einem~
Schelme, um den andern zu bekämpfen; sondern tritt ganz allein, muthig,
kühn, schnell, gerade und öffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich,
wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und mit edlem Feuer,
gegen Schaaren von Nichtswürdigen vermag.

Sey nur trotzig gegen mächtige, siegende Feinde! Des Ueberwundnen, des
Unglücklichen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals
zugefügt hat, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden,
oder sobald die Stimme des Publikums ihn gerichtet hat! Allein der
Bösewicht wendet alles an, um es dahin nicht kommen zu lassen; -- das
Gefühl seiner eignen Ungerechtigkeit wird ein neues Verbrechen für Den,
welchen er muthwillig gekränkt hat. Doch endlich kömmt alles an den
Tag, und dann genieße mit Bescheidenheit die Freuden des Triumphs!

Laß Dir nie zweimal die Hand zur Versöhnung reichen! Vergiß dann alle
Beleidigungen, solltest Du auch fürchten müssen, daß dein Beleidiger
bei der ersten Gelegenheit die Feindseligkeit erneuern wird! Sey zwar
auf Deiner Hut; aber zeige kein Mißtrauen! Es ist besser, unschuldiger
Weise zum zweitenmal beleidigt werden, als ein einzigmal den Mann, dem
es mit seiner Rückkehr zu Dir ein Ernst ist, kränken, erbittern, und
ihm allen Muth nehmen! Aber man muß auch verzeihen können, ~ohne~
darum gebeten zu werden.

Man hat oft die beste Gelegenheit, die Gemüthsart eines Menschen dann
kennen zu lernen, wenn er uns beleidigt hat. Man gebe Acht, ob er es
durch Bitten um Verzeihung wieder gut zu machen sucht? -- und wie? --
gleich, oder lange nachher? -- öffentlich oder heimlich? -- und warum
nicht gleich, und vor allen Leuten? -- Aus Starrköpfigkeit, Eitelkeit,
oder Blödigkeit? -- Oder ob er gar keinen Schritt thut, sondern uns
laufen läßt, wohl gar mault, und den Gekränkten verdächtig und verhaßt
zu machen sucht? -- Ob jenes aus Leichtsinn oder Tücke? -- Oder ob er
den Fehler zu beschönigen sucht, den Gesichtspunkt zu verrücken sucht,
um Recht zu behalten. -- Schon in den Jahren der Kindheit kann man aus
diesen Zügen auf den künftigen Charakter schließen.

Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde
oft, ohne es zu wollen, unsre größten Wohlthäter sind. Sie machen uns
aufmerksam auf Fehler, die unsre eigne Eitelkeit, und die Nachsicht
unsrer partheiischen Freunde, und die niedrige Gefälligkeit der
Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmähungen feuern in uns
den Eifer an, desto sorgsamer den Beifall der Bessern zu verdienen; und
wenn sie jedem unsrer Schritte auflauren, so lehren sie uns auf unsrer
Hut seyn, um ihnen keine Blöße zu geben.

Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweieten
Freunden. Unsre Eitelkeit kömmt da in das Spiel; wir schämen uns,
das Spielwerk eines Bösewichts gewesen zu seyn; wir wenden alles
an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor
der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen mögen. -- Es ist ein
trauriger Anblick, zu sehen, wie dann selbst ~edle~ Menschen, wenn sie
gegen einander aufgebracht sind, sich gegenseitig höchst unedel zu
verkleinern suchen, um sich gegen sich selber zu rechtfertigen. (S.
Kap. 6.)


                                  2.

Wir kommen oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns
zwingt, mit ~Leuten~ umzugehen, ~die einander feind sind~, wo man es
gar leicht mit einer Parthei verdirbt, sobald man mit der andern gut
steht, oder es mit Beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten, oder
auf unvorsichtige Weise, in diese Händel mischt; ich empfehle dabei
folgende Vorsichtigkeits-Regeln:

So viel man kann, vermeide man es, mit zwei Partheien umzugehen, die
mit einander in Zwist leben!

Kann man dieß aber nicht ändern, zum Beispiel, ohne plötzlich ein
Verhältniß aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden: so setze
man sich, wo möglich, auf den Fuß, in die obwaltenden Streitigkeiten
durchaus nicht eingeflochten zu werden! Man bitte sich's vielmehr aus,
daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde! Diese Regel findet
vorzüglich dann Statt, wenn Menschen, die ehemals vertraute Freunde
gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft mit einander gerathen.
Verhalte Dich ganz leidend, wenn dann einer über den andern bei Dir
klagt! Er mag nun in der ersten Empfindlichkeit ein Wort zu viel gesagt
haben, und nachher mit seinem Gegentheile wieder einig werden, oder es
mag in dauernde Feindschaft übergehen: so wird er es doch bei kaltem
Blute übel nehmen, wenn Du zum Guten oder Bösen gerathen hast.

Kann man aber auch dieß nicht ändern, so enthalte man sich zuerst aller
feigen und heuchlerischen Zweizüngigkeit! Das heißt: man rede nicht,
wenn man bei der einen Parthei ist, zum Nachtheile der andern, und
wiederum zum Tadel jeder, wenn diese es wünschen; sondern, wenn man
sich durchaus darüber erklären muß, immer so, wie es einem redlichen,
gerechten Manne zukömmt!

Noch schändlicher aber, als jene Duplicität, ist das Verfahren mancher
Menschen, die, um bei solcher Gelegenheit im Trüben zu fischen, oder
sich wichtig zu machen, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue,
von beiden Seiten Oel zum Feuer gießen, und den Zwist unterhalten.

Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn
sie nicht unsre vertrautesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß
weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun
hat, die vielleicht nur durch Mißverständnisse, oder durch andre,
mit Hülfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt worden;
wenn vielmehr böser Wille, Eigennutz, ungesellige Gemüthsart, oder
unbändige Leidenschaft im Spiele ist, -- folglich keine dauerhafte
Wiedervereinigung zu hoffen steht: so lasse man sich nicht darauf ein,
Versöhnung stiften zu wollen! Man verdirbt es dabei leicht mit einer
Parthei, und nicht selten mit beiden.

Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich ~für~ oder
~gegen~ eine von den beiden Partheien bestimmt erkläre, so erkläre
man sich ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf Freundschaft,
Schmeichelei und Verwandtschaft, männlich und unerschütterlich, für
Den, von dem die Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu
und beständig zugethan, es gehe auch, wie es wolle!


                                  3.

Wenden wir uns jetzt zu ~Kranken~ und ~Leidenden~! -- Wer je empfunden
hat, welch ein Labsal bei Krankheiten und Schmerzen eine gute,
sorgsame, stille und theilnehmende Pflege gewährt, der wird den
Gegenstand nicht unwichtig finden. Die Art der Behandlung und Sorgfalt
muß sich allerdings nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten,
mit welchen der Leidende kämpft, und ich kann also keine allgemein
passende Regeln vorschlagen; doch, so viel sich im Ganzen über diesen
Gegenstand sagen läßt, möge hier Platz finden!

Es gibt Krankheiten, in welchen Aufheiterung des Gemüths, Zerstreuung
und angenehme Unterhaltung sehr viel zur Genesung beitragen, und
hingegen andre, bei denen Ruhe und stille Pflege das Einzige sind,
wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher
wohl unterscheiden und beobachten, welche Art von Behandlung anwendbar
seyn mögte.

Ob in schweren Krankheiten die Aufwartung ~bezahlter~ Wärter der
sorgfältigen, liebevollen und zarten Pflege werther Freunde darum
vorzuziehen sey, weil diese leicht übertrieben, und dann dem Kranken
lästig und ängstlich wird, muß dem Gefühl eines Jeden überlassen
bleiben. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgriffen bekannt,
und leisten ihre Dienste mit unverdrossener Geduld, Kaltblütigkeit
und strenger Pünktlichkeit, bekümmern sich nicht um unsre Launen, und
leiden nicht bei unsern Schmerzen; diese hingegen werden uns oft,
besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer
lästig, wissen nicht behutsam genug bei ihren Handreichungen mit uns
umzugehen, erregen unsre Ungeduld durch Fragen, und machen unser Leiden
durch zu warmes Mitgefühl, das wir in ihren Augen lesen, doppelt
schwer; wozu denn noch kömmt, daß der Gedanke, wie sehr sie mit uns
leiden, und welche Opfer sie uns bringen, uns einen peinlichen Zwang
auflegt. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen, so suche man
die Art geübter Krankenwärter nachzuahmen, dem Leidenden so wenig wie
möglich lästig zu werden, und alles mechanisch so zu machen, wie er es
gern zu haben scheint: man werde nicht mißvergnügt, wenn ein Kranker
zuweilen auffahrend, böser Laune, oder zänkisch wird! Wir fühlen nicht,
wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerrüttete Maschine auf seinen
Geist wirkt. Doch kann ein Mann, der achtsam auf sein eignes Ich ist,
viel über sich erlangen, und selbst in schweren Krankheiten in so weit
Meister über seine Launen werden, daß er diejenigen Personen, welche
ihm Sorgfalt widmen, nicht unnützer Weise plage.

Man mache nicht, besonders bei einem Kranken von sehr empfindlicher,
weicher Gemüthsart, sein Leiden durch Wehklagen und ängstliches
Bezeigen noch schwerer!

Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund wäre,
unangenehm seyn würden, -- nicht von häuslichen Verlegenheiten, vom
Tode, noch von Vergnügungen, an welchen er nicht Theil nehmen kann!

Leute, die bloß in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht
verspotten, noch zu überzeugen suchen, daß ihnen nichts fehle; denn
das macht eine ganz entgegengesetzte Wirkung auf sie; aber man soll
sie auch nicht in ihrer Thorheit bestärken, sondern, wenn vernünftige
Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre
Klagen mit Stillschweigen beantworten, und, wenn der Sitz des Uebels im
Gemüthe ist, sie durch weise gewählte Zerstreuungen auf andre Gedanken
zu bringen suchen.

Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, daß
sie sich kränklich stellen. Das ist eine höchst thörichte Schwäche!
Man suche solche Leute durch sanften Spott und kräftige Ansprache von
ihrer Albernheit zurückzuführen, sie zu überzeugen, daß es besser sey,
Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so allgemein
vortheilhafte Eindrücke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an
Leib und Seele, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schöpfung dasteht!

Endlich: in solchen Krankheiten, wo der Geist viel über den Körper
vermag, wo Seelen-Leiden das Uebel vermehren, und die Besserung
hindern, da soll man alle Kräfte, seine ganze Lebhaftigkeit aufbieten,
um Heiterkeit, Muth, Trost und Hoffnung in das Gemüth des Kranken
zurückzurufen.


                                  4.

Noch schonender, als mit diesen Leidenden, soll man mit ~Leuten~
umgehen, ~auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt~, -- mit
Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit
Verirrten und Gefallenen.

Nimm Dich des ~Armen~ an, wenn Dir Gott die Mittel in die Hände
gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Dürftigen von
Deiner Thür zurück, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die
Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel, so
gib es mit gutem Herzen, und -- wie ich bei Gelegenheit gesagt habe,
als von der Art, Wohlthaten zu erzeigen, die Rede war, -- gib es mit
guter Art! Ein Wort ist oft besser, als eine große Gabe, und ein
holdseliger Mensch gibt sie beide, sagte schon Sirach; und was für
ein Wort könnte er meinen, als das erquickende Wort der herzlichen
Theilnahme. -- Sey ferner nicht allzu gerecht, wo vom Helfen und
Erbarmen die Rede ist. Berechne nicht so genau, ob der Mann, dem Du
helfen kannst, selbst an seinem Unglücke Schuld sey, oder nicht! Wer
in der Welt würde ~ganz~ unschuldig an den Leiden, die ihn treffen,
befunden werden, wenn man alles strenge untersuchen wollte? Willst
oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben, so brauche keine
leere Ausflüchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter
allerlei Vorwande wieder bestellen, oder vertrösten! Am wenigsten
aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, z. B.
Grobheiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du
abzuschlagen entschlossen bist, harte Vorwürfe; sondern sprich den
Bittenden selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du
nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort,
was zu thun vernünftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man
durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gib aber nicht wie
ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit
gegen Dich und Andre bestimmt werden, und verschleudre nicht an
den Landläufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem
hülflosen Alter, der Gebrechlichkeit, und dem durch widrige Zufälle
Verunglückten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite
Deine kleine Gabe ein sanftes Trostwort, ein vertraulicher Rath, und
ein freundlicher, mitleidiger Blick! Gehe schonend und äusserst fein
mit Leuten um, die in unangenehmen häuslichen Lagen sind! Sie pflegen
sehr empfindlich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man verachte
sie, setze sie zurück, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider
nur gar zu viel Einfluß auf den Pöbel aller Stände. Unterscheide Dich
von diesem Haufen! Ehre den verdienstvollen Armen öffentlich! Suche
ihm wenigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine
Umstände nicht verbessern kannst! Ueberhaupt sind alle Unglückliche
mißtrauisch, und meinen, jedermann sey ~gegen~ sie. Suche ihnen diesen
quälenden Wahn zu benehmen! Bemühe Dich, ihr Zutrauen zu gewinnen!
Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Hütte
der Noth und der Dürftigkeit! Man muß vertraut seyn mit dem mancherlei
Elende auf dieser Welt, um bei dem Leiden des unglücklichen Bruders
recht innig theilnehmend mitempfinden zu können. Wo der bescheidne Arme
im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeizudrängen und um Hülfe
zu bitten; wo widrige Vorfälle den fleißigen Mann, den Mann, der einst
bessre Tage gesehen hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche
Familie, mit allem Fleiße, durch die tägliche Arbeit ihrer Hände nicht
so viel erringen kann, um sich gegen Hunger, Blöße und Krankheit
zu schützen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten
Nächten, schamhafte Thränen über gerungene Hände rollen: -- ~dahin~,
menschenfreundlicher Wohlthäter! ~dahin~ dringe Dein Blick! ~Da~ kannst
Du Deine Gelder herrlich anlegen, und Zinsen erwerben, die keine Bank
auf Erden Dir zusichern kann.

Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Muth. Er fürchtet aller Orten
zurückgesetzt zu werden, glaubt jede Demüthigung ertragen zu müssen,
und zeigt sich überall in ungünstigem Lichte. -- Ach! ermuntre einen
also Niedergedrückten! Ehre ihn, wenn er es sonst verdient, und bewege
Deine Freunde, daß sie ein Gleiches thun!

Manchen aber drücken schwerere Leiden, als die der Armuth und des
Mangels: ~Seelenleiden~, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone
des Kummervollen! Pflege seiner! Suche ihn aufzurichten, zu trösten,
mit Hoffnung zu erfüllen, Balsam in seine Wunden zu gießen, und wenn
Du seine Last nicht erleichtern kannst, so hilf wenigstens tragen,
und weine eine brüderliche Thräne mit ihm! Richte aber die Art Deiner
Behandlung vernünftig ein! Es gibt Augenblicke des Schmerzes, wo alle
Gründe der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist das Mitgefühl
oft das beste Labsal. Es gibt einen Kummer, dessen Tilgung man ruhig
und still der Zeit überlassen muß; es gibt Leidende, die erleichtert
werden, wenn man ihnen Gelegenheit gibt, ihr Herz auszuschütten, und
von dem zu reden, was ihr ganzes Herz erfüllt; es gibt Schmerzen, die
nur Einsamkeit lindert, und Lagen, in welchen ein festes, männliches
Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzer Zuversicht, die besten
Tröstungen sind; ja es gibt selbst solche, wo man den Niedergebeugten
mit Gewalt herausreissen muß, wenn er nicht der Verzweiflung zum
Raube werden soll. Die Klugheit aber allein kann uns in jedem dieser
einzelnen Fälle lehren, welche unter diesen Mitteln wir zu wählen haben.

Die Unglücklichen ketten sich gern an einander. Statt sich aber
gemeinschaftlich zu trösten, winseln sie mehrentheils nur mit einander,
und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hoffnungslosigkeit. Darum
suche doch der Kummervolle, dem weder die Forderungen und Gründe seiner
eigenen Vernunft, noch Zerstreuungen seinen Zustand erträglich machen,
den Umgang eines verständigen, nicht empfindelnden Freundes, damit er
an seiner Seite die Kraft gewinne, die Gedanken auf andere Gegenstände
zu richten, die seinen Schmerz nicht nähren.

Es gibt Menschen, die in unglücklichen Lagen und Verhältnissen, weniger
~traurig~, als ~mürrisch~, ~zänkisch~, ja, sogar ~hämisch~ sind, so
daß sie Unschuldige darunter leiden lassen, wenn nicht alles nach
ihrem Kopfe geht. Ein edles Herz wird sanfter durch den Schmerz; und
selbst der Menschenfeind, den Schicksale erbittert haben, wird, wenn
er sonst ein guter Mensch ist, wohl düster, verschlossen, auch nach
seinem Temperamente vielleicht einmal ungeduldig und auffahrend werden;
aber er wird nie vorsätzlich auf einen Dritten die Last seines Kummers
wälzen, und dieß um so weniger, je schwerer seine Leiden sind.

Die mehrsten Menschen haben nur Mitleid mit stillem Kummer, empfinden
aber Ueberdruß bei lauten Klagen; vielleicht weil diese sie gleichsam
zwingen zu wollen scheinen, Theil daran zu nehmen.

Der ~Unterdrückten~, ~Zurückgesetzten~ und ~Verfolgten~ soll man sich
annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch
nicht etwa mehr schaden, als nützen. Dieß ist nicht nur Pflicht, wenn
von thätiger Hülfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; auch
im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft
übersehen und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird,
wo Rang und Glanz gegen den innern Werth verblenden, wo Schwätzer und
Windbeutel den Weisen überschreien, wird es sich der Edle zur Pflicht
machen, das bescheidene und schüchterne Verdienst hervorzuziehen,
und den Verdienstvollen, der stumm und verlegen dasteht, von niemand
angeredet, ja, mit Verachtung behandelt, gedemüthigt, lächerlich
gemacht wird, durch ehrenvolles Anreden und Entgegenkommen zu ermuntern
und auszuzeichnen. Wie unedel und wie ungerecht ist die Geringschätzung
und Härte, mit welcher zuweilen Stabs-Officiere jungen Leuten begegnen,
die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene
sind; oder Patronen ihren Hofmeistern und Predigern, oder vornehme
Damen ihren Gesellschafterinnen, oder eitle Stadtmädchen einem armen
eingeschüchterten Landmädchen, das in ihre Mitte verschlagen wird.
Solch ein Betragen ist eben so sehr Verletzung der Klugheit, als der
Pflicht.

Neid und Mißgunst verfolgen den Glücklichen; Bosheit und Kabale ruhen
selten eher, als bis sie alles niedergedrückt haben, was über sie
emporragte; aber kaum ist ein Mensch ganz zu Boden geschlagen, so sucht
Jeder, selbst Der, welcher ihn verfolgt hat, eine Ehre darin, seine
Parthei zu ergreifen; doch, wohl zu merken! wenn keine Hoffnung mehr da
ist, daß er hierdurch wieder emporkomme. Man möchte also fast sagen,
man wäre nicht ~ganz~ verloren, so lange man noch Feinde hätte.

Unter allen Unglücklichen sind wohl die ~Verirrten~ und ~Gefallenen~
am meisten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht
durch einen einzigen Fehltritt in eine Kettenreihe von Vergehungen
verflochten, das Gefühl für die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit,
schlecht zu handeln, erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, zu den
Menschen, und zu sich selbst, also auch den Muth verloren haben,
den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriff
stehen, so tief zu fallen. Sie sind höchst bedauernswürdig; denn
sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden
aufrichten kann: das Bewußtseyn, nicht muthwilliger Weise sich ihr
hartes Schicksal zugezogen zu haben. Diese Unglücklichen verdienen aber
nicht nur unser Mitleiden, nein, auch unsre brüderliche Nachsicht,
unsre Zurechtweisung, und, wenn es noch Zeit ist, unsern Beistand.
Wenn man immer weise, duldend und unpartheiisch genug wäre, zu
überlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu leiten
ist; wie unwiderstehlich bei heftigen Leidenschaften, warmem Blute und
verführerischen Gelegenheiten, manche Reizungen werden können; wie
blendend, anlockend und bezaubernd die Aussenseiten mancher Laster
sind; wie das Laster sogar, mit Geist verbunden, durch sophistische
Gründe die innere Stimme der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu
bringen weiß, und wie es dann nur auf einen kleinen Schritt ankömmt,
um das Opfer der feinsten Täuschung, und stufenweise unmerklich in das
schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte,
wie oft Mißmuth, oder Verzweiflung über ein feindseliges Schicksal aus
einem Menschen von den besten Anlagen einen Bösewicht und Verbrecher
machen; wie man durch ungerechtes, entstehendes Mißtrauen alle gute
Gefühle einbüßen, alles Vertrauen zu sich selbst verlieren, und in den
Abgrund des Lasters geschleudert werden kann, so würde man aufhören,
die Gefallenen mit unbarmherziger Strenge zu richten, würde nicht so
zuversichtlich auf Tugenden trotzen, die nicht selten nur das Werk
eines kalten Temperaments, das Werk glücklicher Verhältnisse und
einer vorzüglichen Leitung sind; würde es für Pflicht erkennen, sich
der Gefallenen anzunehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand
zu reichen. -- Aber heißt das nicht, tauben Ohren predigen? -- Doch
mein Herz drängt mich, über diesen Gegenstand etwas zu sagen. Also
zur Sache! -- Nichts bessert weniger, als kalte moralische Predigten.
Es gibt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht
eine Menge herrlicher Gemeinsprüche über die Pflichten, welche sie
übertreten, zu sagen wüßten; das Unglück ist nur, daß die Stimme der
Leidenschaft mit wärmerer Beredtsamkeit spricht, als die Stimme der
Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben, so mußt
Du die Kunst verstehen, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand
zu hüllen, mußt nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die
Sinnlichkeit Dessen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite
bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umständen bildreich,
sinnlich, erschütternd, hinreissend seyn. Allein der Mann, den Du
vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschätzen, muß sich zu Dir
hingezogen fühlen, muß mit Enthusiasmus für das Gute und Schöne erfüllt
werden, und dabei in der Entfernung Ehre, Freude und Genuß auf dem
Wege erblicken, auf welchen Du ihn zu leiten suchst. Dein Umgang, Dein
Rath und Dein Trost muß ihm zum Bedürfniß werden. Dieß aber erlangst
Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihn
hintrittst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst;
wenn Du ihn mit Anmerkungen über das Geschehene, das doch nun nicht
mehr zu ändern ist, ermüdest, und ihm erzählst, wie es ganz anders
würde gekommen seyn, wenn -- es nicht ~so~ gekommen wäre, wie es
gekommen ist, wenn er Dir hätte folgen wollen. Nichts ist ferner so
fähig, zur Niederträchtigkeit zu verleiten, als öffentliche Verachtung
und Aeusserung eines fortdauernden Mißtrauens in die Besserung eines
Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zu retten, der
begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens äusserlich ein
ermunterndes Vertrauen; der lasse ihn das stolze und selige Bewußtseyn
und die unerschütterliche Seelenruhe ahnen, welche der schöne Lohn
seiner Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung seyn wird; der werfe
dem Gefallenen nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine
ehemaligen Verirrungen vor; sondern scheine nur Augen für seine jetzige
Aufführung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von
Lastern, die uns schon zu einer Art von Fertigkeit geworden sind; also
darf uns ein kleiner Rückfall nicht befremden; und obgleich Du dann die
Stärke Deines Vortrags und der Mittel zur Besserung verdoppeln mußt, so
sollst Du doch nicht muthlos werden, noch dem Rückkehrenden den Muth
benehmen. Laßt uns endlich zur Ehre der Menschheit und zur Erweckung
unsers Eifers glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von
Grund aus verdorben seyn könne, daß ihm nicht, bei redlicher, eifriger
Anwendung der besten Rettungsmittel, noch zu helfen wäre! Und Ihr, die
Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, einen Mann oder
ein Weib, die durch irgend eine zweideutige oder schlechte Handlung
sich erniedrigt, oder auch wohl nur etwa lächerlich gemacht haben,
auf immer aus Euren Gesellschaften zu verbannen, und mit Schande und
Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umherwandeln, die entweder
dasselbe heimlich treiben, oder wenigstens treiben würden, wenn es
die Umstände erlaubten; denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn
Verzweiflung Jene ergreift, wenn sie von Stufe zu Stufe hinabsinken,
und wenn sie, da die bessern Häuser ihnen verschlossen sind, sich
einen Umgang wählen, in welchem sie immer niederträchtiger werden, und
zuletzt, ohne Rettung verloren, durch ~Eure~ Schuld zu Grunde gehen!




                           Zwölftes Kapitel.

 Ueber das Betragen bei verschiedenen Vorfällen im menschlichen Leben.


                                  1.

Ich habe bei mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und
Kaltblütigkeit, als Haupt-Erfordernisse zu allen Geschäften und
Verrichtungen im menschlichen Leben, empfohlen; nirgends aber sind
uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfällen, ~wo wir,
oder Andre, in augenscheinlicher Gefahr schweben~. Hier hängt die
ganze Rettung in kritischen Augenblicken zuweilen von einem raschen
Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwätzen auf, wo
es Noth ist, zu handeln! Unterdrücke Dein zu zartes Gefühl, und
winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey besonnen in Feuer- und
Wassers-Noth und ähnlichen Gefahren, wo man oft alles verliert, wenn
man den Kopf verliert, -- wo Die, welche wir retten können, zuweilen
mit unwiderstehlicher Gewalt gezwungen werden müssen, sich uns zu
überlassen! Vorzüglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes
auch dann, wenn man unerwartet von Dieben und Mördern angegriffen
wird. Räuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam,
oder, wenn Verzweiflung sie kühn macht, nicht genug auf ihrer Hut,
-- auf ernsthaften, förmlichen Widerstand nicht vorbereitet. Ein
entschlossener, kaltblütiger Mann ist da stärker, als zehn solcher
Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl überlegt werden, ob es
Schaden oder Nutzen stiften könne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre
zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lärm zu machen,
oder sich in sein Schicksal zu finden; der Uebermacht zu weichen und
mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu erkaufen, oder das Leben
daran zu setzen. Es lassen sich darüber unmöglich allgemeine Regeln
geben. Um aber auf jeden dieser Fälle sich gefaßt zu halten, rathe
ich, bei kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzudenken, und
sich dann dienliche Maaßregeln vorzuschreiben. Ich halte es auch für
einen wichtigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuweilen nicht nur
durch Fragen, wie sie sich bei solchen Gelegenheiten betragen würden,
aufmerksam auf unerwartete Vorfälle aller Art zu machen, sondern sie
auch zuweilen in wirkliche kleine Verlegenheit zu setzen, um sie an
Gegenwart des Geistes zu gewöhnen, und sie auf die Probe zu stellen.


                                  2.

In einer Schrift über den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer
Theil der Regeln Platz finden, welche man auf Reisen und unter Fremden
zu beobachten hat; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit
Stillschweigen übergehen; denn zu dem, was man unter Menschen treibt,
gehört doch auch das Reisen. Also einige Bemerkungen ~über das Betragen
auf Reisen und gegen Reisende~.

Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Büchern oder mündlichen
Erzählungen sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von
demjenigen, was unterweges und in den Oertern, die man besuchen möchte,
zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weniger von den
Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit
man weder betrogen werde, noch in Verlegenheit gerathe, noch etwas zu
sehen verabsäume, das der Aufmerksamkeit werth scheint.

Der Mann von Kenntnissen, von einigen Talenten, von unbescholtenem
gutem Rufe und von feinen und guten Sitten bedarf nicht einer Menge
von Empfehlungs-Briefen, wie die mehrsten Reisenden von gemeiner Art
mit auf den Weg zu nehmen pflegen. Er wird sich schon überall bekannt
zu machen und in Achtung zu setzen wissen, ohne sich und Andern Zwang
aufzulegen. Oft fügt es sich indessen, daß man in einer Stadt, durch
Empfehlungs-Briefe oder sonst, mit zwei Personen in Bekanntschaft
kömmt, die mit einander in Feindschaft leben. Es ist daher der Klugheit
gemäß, an einem fremden Orte, bevor man von solchen kleinen Umständen
unterrichtet ist, in den Häusern, in welchen man Zutritt erhält, von
seinen übrigen Verbindungen nicht zu reden, gelegentlich aber zu
äussern, daß man, als ein Fremder, sich um dergleichen Händel nicht
bekümmern wolle.

Man verrechnet sich leicht in seinen Ueberschlägen der Reise-Kosten;
ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Ueberschlag, sich immer etwa
auf ein Drittel mehr gefaßt zu halten, als die gezogene Summe beträgt,
sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch
welche man kömmt, an sichre Geschäftsmänner gewiesen sey, oder sonst
Mittel habe, im Fall unvorhergesehene Umstände eintreten, sich aus der
Verlegenheit zu reissen.

In Deutschland hat man mehr, als in andern Ländern, Ursache, wegen
des sehr verschiedenen Münzfußes, sich beim Geld-Wechseln in Acht zu
nehmen, und es ist etwas sehr Gewöhnliches, daß schelmische Gastwirthe
den Fremden dabei hintergehen, oder ihm auf Gold Münze herausgeben, die
er auf der nächsten Post nicht brauchen kann.

Wem es ein Ernst ist, seine Menschen- und Länder-Kenntnisse zu
erweitern, der mische sich klüglich unter Personen von allerlei
Ständen! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europäischen
Staaten und Residenzen ähnlich; aber das eigentliche Volk, oder noch
mehr der Mittelstand, trägt das Gepräge der Sitten des Landes. Nach
~ihnen~ muß man den Grad der Kultur und Aufklärung beurtheilen.

Zum Reisen gehört Geduld, Muth, gute Laune, Vergessenheit aller
häuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufälle,
Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost u. dergl. nicht
niederschlagen lasse. Dieß ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen
Gesellschafter bei sich hat; denn nichts ist langweiliger und
verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen, und in einem Kasten
eingesperrt zu sitzen, der stumm und mürrischer Laune ist, bei dem
geringsten unangenehmen Ereigniß aus der Haut fahren will, über Dinge
jammert, die nicht zu ändern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so
viel Gemächlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, wie er zu Hause hat.

Das Reisen macht gesellig; man wird da mit Menschen bekannt, und auf
gewisse Weise vertraut, die man ausserdem schwerlich zu Gesellschaftern
wählen würde; das ist auch weiter von keinen Folgen, wenn man sich
hütet, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterweges
antrifft, zu weit zu gehen, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in
die Hände zu fallen.

Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; man
kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit gerathen;
und selten ist es nöthig und nützlich, ein solches Incognito zu
beobachten.

Manche Leute suchen etwas darin, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu
verzehren, glänzen zu wollen, und prächtig gekleidet zu seyn. Das ist
eine thörichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshäusern theuer abbüßen
müssen, ohne für ihr Geld mehr zu erhalten, als der einfache Reisende.
Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht
hat, wenn dieser weiter gereiset, und nichts mehr von ihm zu ziehen
ist. Doch ist es der Klugheit gemäß, anständig, und was man ~rechtlich~
nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu
demüthig, nicht zu reich und nicht zu arm zu stellen, weil man sonst,
in beiden Fällen, leicht entweder für einen unwissenden Pinsel, dessen
erste Ausflucht dieß ist, und den man also nach Gefallen prellen kann,
oder für einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehen ist,
oder für einen Abentheurer angesehen wird, dem man aus dem Wege gehen,
und der mit schlechter Bewirthung vorlieb nehmen müsse.

Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man z. B. den
Postknechten zwar nicht übertriebene, aber doch nach den Umständen
reichliche Trinkgelder. Sie sagen sich das Einer dem Andern auf den
Stationen wieder; man kömmt dann schneller fort, und hat manche
Vortheile davon, besonders den, daß man ihrer Grobheit nicht ausgesetzt
ist.

Wer Bäder besucht, und seine Ruhe, seine Gesundheit und sein Geld nicht
verlieren will, fliehe das Spiel, das eigentlich aus allen Bad- und
Brunnen-Oertern auf ewig verbannt seyn sollte, und überhaupt nur für
die nichtswürdigsten Menschen eine Lieblings-Beschäftigung seyn kann.
In Bädern soll Jeder dazu mitwirken, allen lästigen Zwang, nicht aber
Sittsamkeit und Gefälligkeit, aus den gesellschaftlichen Zirkeln zu
verbannen. Hier muß, besonders wenn der Kreis der Gäste klein ist,
eine Menge Rücksichten und Vorsichtigkeits-Regeln, denen man sich
im bürgerlichen Leben unterwirft, wegfallen, Duldung und Einigkeit
herrschen, und aller Partheigeist bei Seite gesetzt werden. Man lebt da
nur für unschuldigen Genuß und Vergnügen. Nach Ablauf dieser Zeit rückt
Jeder wieder in die Rolle ein, die der Staat ihm anvertrauet hat.

Deutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Rufe
einer ausgezeichneten Grobheit zu seyn. Es kömmt aber alles auf die Art
an, wie man mit ihnen umgeht; ein ernsthaftes, von einer gewissen Würde
begleitetes Betragen, und, wo es anzubringen ist, ein freundliches
Wort, wird bei diesen Leuten selten ohne gute Wirkung angewandt.

Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den
Städten die Handwerksleute sogleich bei der Hand, verstehen sich auch
wohl mit den Postknechten, den Schaden für viel größer anzugeben, als
er ist, um desto mehr Geld von dem Reisenden zu ziehen. Ich rathe
desfalls, bei solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder
durch treue Bediente untersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur
Ausbesserung gibt.

Die Postknechte sind größtentheils von den Gastwirthen bestochen (oder
~ein~ Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen
Stadt), um dem Fremden gewisse Gasthöfe zu empfehlen, die darum aber
weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher
vernünftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bei andern
sichern Leuten zu erkundigen: wo man am besten und billigsten behandelt
werde.

Die Bedienten, die man mit sich auf Reisen nimmt, sollen wohl darauf
Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zurückreiten,
nicht, wie es vielfältig geschieht, Schwengel, Nägel oder andere
Kleinigkeiten, die zum Wagen gehören, mitnehmen. Auch pflegen diese
mit den Chaussee-Aufsehern sich zu verstehen, an den Weghäusern
vorbeizufahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen,
nachher aber eine Rechnung zu machen, vermöge deren Reisende doppelt
so viel bezahlen müssen, als festgesetzt ist, und sie gegeben haben
würden, wenn sie das Weggeld jedesmal selbst entrichtet hätten.

Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das
genaueste zu dingen, bevor man etwas ausbessern läßt, oder sonst Dinge,
die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft.

Kehrt man zum erstenmal in ein Wirthshaus ein, so kann es Vortheil
bringen, wenn man den Wirth hoffen läßt, man werde öfter da ansprechen;
er pflegt dann billiger mit der Zeche zu seyn, um sich zu empfehlen.

Wenn der Gastwirth übermäßig viel für die Zehrung fordert, und sich
nicht auf einen starken Abzug einlassen will: so thut man doch nicht
wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes
einzelnen Punkts abzufordern, es müßte denn der Mühe werth seyn, ihn
bei der Polizei zu belangen. Fängt er an aufzuschreiben, so rechnet er
immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert hatte; -- und wer kann
dann mit einem solchen Taugenichts über die Preise der Lebensmittel
sich herumzanken? In Wirthshäusern, wo Wein zu haben ist, wird der
Wirth, wenn man Bier fordert, immer versichern: das Bier sey sehr
schlecht. Hier ist der beste Rath, nur gleich Wein zu bestellen, und
das Bier hinterher zu verlangen.

Die Wirthe fragen gemeiniglich: was der Gast zu essen wünsche? --
Das ist ein Kunstgriff, durch den man sich nicht fangen lassen muß.
Denn, bestellt man nun etwas, z. B. ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder
dergleichen: so muß man das Gericht, und noch obenein eine gewöhnliche
Mahlzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange
nichts, als was gerade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch
ist es rathsam, keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein
zu begehren. Es kömmt doch alles aus demselben Fasse, nur mit dem
Unterschiede, daß das, was man dem Fremden als alten oder fremden Wein
verkauft, kostbareres Gift ist, als das, womit man ihn am allgemeinen
Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist
gewiß für einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhaltender, als
auf seinem Zimmer seiner eignen Person gegenüber zu sitzen.

Manche Postmeister, die zugleich Gastwirthe sind, brauchen folgenden
Kunstgriff zu ihrem ökonomischen Vortheile: Wenn man Pferde wechselt,
und indeß eine kleine Mahlzeit bestellt, so dauert es ungebührlich
lange, ehe diese fertig wird. Indeß werden die Pferde gefüttert und
angeschirrt. Kaum aber steht das Essen auf dem Tische, so meldet schon
der Postillon mit dem Horn, daß er fertig sey und fort wolle. Man soll
also in Eil wenig essen, und dennoch eine ganze Mahlzeit bezahlen. Ich
rathe aber, wenn man nicht sehr eilig ist, sich nicht irre machen zu
lassen, sondern mit voller Muße zu speisen.

Wenn in Ländern, wo keine gute Post-Ordnung eingeführt ist, Postmeister
dem Reisenden mehr Pferde aufdringen wollen, als billig ist, und zu
Fortschaffung seines Fuhrwerks nöthig sind, sey es nun unter dem
Vorwande von schlechten Wegen, böser Jahrszeit, oder daß die Kutsche zu
schwer sey: so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder
sein Recht, auf eben solche Weise weiter befördert zu werden, wie man
gekommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß
einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als
sich zu verweilen, um einen Proceß bei dem Ober-Postamte zu führen.
Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen für alle übrigen
Stationen hat, so pflegen sich die Posthalter, wenn sie recht höflich
sind, zu erbieten, einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dieß
weiter nicht von Folgen seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht
ein! Dies Papier hat keinen Nutzen. Auf dem nächsten Wechselplatze wird
man, wenn gerade ein Paar Pferde müssig stehen, nichts desto weniger
eben so viele vorspannen, und wiederum einen Schein anbieten, der eben
so unwirksam bleiben würde, wie der erste. Das sicherste Mittel bei
solchen Fällen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu
geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu
gewinnen, oder ein Pferd ~mehr~ zu bezahlen, ohne es vorspannen zu
lassen.

Wenn man Wasser-Reisen auf Strömen macht, oder Hausrath auf diese Weise
fortbringen läßt: so baue man nie auf die Versprechungen der Schiffer,
in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen!
Sie halten sich mehrentheils unterwegs auf, um noch mehr Fracht zu
ihrem Vortheile aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie
heimlich Kaufmannsgüter mit eingeladen haben; es müßte denn über dies
Alles der bündigste schriftliche Contract aufgesetzt seyn.

Wer zu Pferde reist, sey es nun ~mit~ oder ~ohne~ Reitknecht, der
darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshäusern in Ansehung der
Verpflegung seiner Pferde verlassen, sondern muß selbst besorgt seyn,
oder seine Bedienten dazu anhalten, daß die Pferde in einem guten,
reinen und gesunden Stalle, von fremden Gäulen getrennt, gehörig
gewartet und gefüttert werden.

Wenn ich nicht fürchtete, weitschweifig zu werden, so würde ich hier
noch manche, gewiß nicht unnütze Vorschrift geben, z. B. daß man
fremde Pferde schonen; daß man, wenn man größere Reisen machen will,
langsam ~in~ den Stall, und langsam ~aus~ dem Stalle reiten solle;
daß man nicht wohl thue, in Städten über Kanäle, die mit Brettern
bedeckt sind, zu reiten, und so ferner. Man sage nicht, daß dieß
bekannte Dinge sind, Sehr viel Leute lernen zu Pferde sitzen und Pferde
bändigen! aber praktisch ~reiten~ lernt man nicht auf der Bahn. Allein
ich sehe schon die Herren Krittler die Nase darüber rümpfen, daß so
etwas in einem Buche ~über den Umgang mit Menschen~ Platz finden
sollte. Wer aber überlegt, daß in diesem Buche überhaupt ~Vorschriften
zu einem glücklichen, ruhigen und nützlichen Leben in der Welt und
unter Menschen~ gegeben werden sollen, der wird sich wundern, wenn er
hört, daß ein +deutscher+ Recensent gesagt hat: ich sey in den Fehler
so vieler ~deutscher~ Schriftsteller gefallen, die ihren Werken zu
viel Vollständigkeit geben wollten, und darüber freilich -- weniger
unterhaltend schrieben.

Das Fußgehen ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die
Schönheiten der Natur; man kann sich unerkannt unter allerlei Leute
mischen; beobachten, was man ausserdem nicht erfahren würde; man
ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg
wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will; man stärkt
den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat gute Eßlust und
süßen Schlaf, und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirthung das
Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Doch ist
diese Art zu reisen in Deutschland mit einiger Schwierigkeit verknüpft.
Zuerst hat man die Ungemächlichkeit, nur wenig Kleidungsstücke, Bücher,
Schriften u. dgl. mit sich führen zu können. Diesem kann man indessen
dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bote nicht tragen
kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man
reisen will. Allein eine zweite Unbequemlichkeit besteht darin, daß
diese, in Deutschland für einen Mann von Stande ungewöhnliche Art zu
reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht
eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nämlich besser
gekleidet, als gewöhnliche Fußgänger, so wird man entweder für einen
verdächtigen Menschen, für einen Abentheurer, oder für einen Geizhals
gehalten; man wird beobachtet, ausgefragt, und, mit Einem Worte: man
paßt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu
taxiren pflegen. Ist man aber schlecht gekleidet, so wird man, wie
ein reisender Handwerksbursche, in Dachstübchen und schmutzige Betten
einquartirt, oder man muß jedesmal weitläuftig erzählen: wer man sey,
und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheine? Bei Fußreisen
ist die Gesellschaft eines verständigen und muntern Freundes vorzüglich
angenehm.

Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen,
die näher, als die gewöhnlichen, seyn sollen! So wie überhaupt diese
Menschen voll Vorurtheile und voll Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten
sind, so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn
herab für die nächsten sind anerkannt worden, ohne daß sie Augenmaß
und Ueberlegung gebrauchen, um die Irrthümer ihrer Voreltern zu
berichtigen. Doch kann man hierin auch leicht das Mißtrauen zu weit
treiben.

Hat man große Tagereisen zu Fuße zu machen, so genieße man früh Morgens
nichts, als ein Glas Wasser! Hat man dann einige Stunden zurückgelegt,
und fühlt sich ermüdet, so ist Kaffee und Brod zur Erquickung heilsam.
Zuweilen ein Glas Wein, kann auch nicht schaden; Branntewein macht müde
und schlaff.

Macht man den Weg durch einen unbekannten Wald, und denkt binnen
ein- oder zwei Tagen wieder zurückzukehren: so streue man hie und
da abgerissene Zweige auf seinen Pfad, um darnach den Weg wieder zu
finden; man gehe nie ohne Gewehr, wenigstens nie ohne Stock!

Ueber das Betragen gegen fremde Reisende ist schon im ~neunten Kapitel~
dieses Theils etwas gesagt worden. Hier füge ich nur noch folgende
Bemerkungen bei: man hat in jetzigen Zeiten Ursache, vorsichtig gegen
solche Leute zu handeln, nicht nur, um von Abentheurern und schlechten
Menschen unbehelligt zu bleiben, sondern auch den sogenannten reisenden
Gelehrten nicht Gelegenheit zu geben, aus unsern vertraulichen
Gesprächen ihre Anekdoten-Sammlungen zu bereichern, und uns nachher,
zum Danke für unsere Gastfreundschaft, gedruckt aufzustellen. Auf der
andern Seite aber sey man auch so billig, Fremde, ~die sich uns nicht
aufdringen~, edel zu behandeln, und sie nicht etwa zur Geschwätzigkeit
zu verleiten, um nachher aus diesen unsichern einzelnen Zügen ein Bild
von ihnen zu entwerfen, und der Welt mitzutheilen.


                                  3.

Da leider die Nüchternheit in der Welt immer seltener zu werden
anfängt, und der Rum, selbst in Damengesellschaften, an der
Tagesordnung ist, so mag hier auch von dem Umgange mit ~betrunkenen
Leuten~ die Rede seyn, obgleich bei diesem Umgange wenig Vernunft und
Klugheit anzubringen ist. Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und
wenn man diese Arzenei nicht wie ein nothwendiges Bedürfniß, ohne
welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern wie
ein Erweckungsmittel braucht, um in trüben Augenblicken den natürlichen
guten Humor, der nie ganz aus dem Gemüthe eines ehrlichen Biedermannes
weichen darf, unter dem Schutte von häuslichen Sorgen hervorzurufen:
so ist nichts dagegen einzuwenden. Allein kein Anblick ist so widrig
für den verständigen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch
starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. Wenn es aber
auch nicht bis zur völligen Betrunkenheit kommt, sondern nur bei
einem Rausche bleibt, so ist es doch eine etwas unbequeme Lage, der
einzige ganz Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu seyn, die
sich durch ein Gläschen über die Gebühr erhitzt, begeistert, und um
einen Ton höher gestimmt haben; und wenn man den Tag mit ernsthaften
Geschäften hingebracht hat, und dann des Abends in einen Zirkel solcher
Gäste geräth: so ist fast kein anderes Mittel zu finden (oder man müßte
denn ~von Natur~ zu den Lustigmachern gehören), als ein wenig mit zu
zechen, um sich ~denselben~ Schwung zu geben, oder vielmehr: mit den
Wölfen zu heulen.

Die Wirkungen des Weins auf die Gemüther der Menschen sind aber, nach
ihren natürlichen Temperamenten, sehr verschieden. Manche zeigen sich
äusserst lustig; Andre sehr zärtlich, wohlwollend und offenherzig;
Andre melancholisch, schläfrig, verschlossen; Andre hingegen
geschwätzig, und noch Andre zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut
wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern
Art in Gesellschaft zu gerathen. Ist dieß aber nicht zu vermeiden, so
kann man doch darin mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden
und höflichen Betragen, und dadurch, daß man ihnen nicht widerspricht,
so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche
verspricht, nicht bauen dürfe; daß man sich wo möglich hüten müsse,
eine Ausschweifung im Trunke zu begehen, wenn man aus warnender
Erfahrung weiß, daß man einen bösen Rausch hat; daß es unedel gehandelt
sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nützen, um ihm Zusagen
oder Geheimnisse zu entlocken; und endlich, daß man mit Leuten, die zu
tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln
müsse: -- das versteht sich wohl von selbst.




                              Allgemeine
                         Behandlung der Kinder
                                in den
                    Jahren der ersten Entwickelung.


                                  1.

Die in ihrer richtigen und ungestörten Entwickelung begriffene Natur
des Kindes unterstütze man so, daß sie immer sichtbarer und glücklicher
gedeihe. Dazu dient zweckmäßige und abgestufte Beschäftigung -- Uebung
der Denkkraft (man soll nicht abweisen die Fragen der Wißbegier und des
Forschens), und Mittheilung neuer Kenntnisse, welche an die erlangten
geknüpft werden, damit die Seele sie desto leichter aufnehme, und das
Unbekannte durch das Bekannte erläutert werde. -- Eine Hauptsache
hiebei ist die Belebung des Selbstgefühls durch gemäßigtes Lob und
wohlwollende Ermunterung (daher kein Kritteln); Stärkung der Liebe zum
Guten durch Belohnung, doch mit Verhütung des Eigennutzes.


                                  2.

Man wechsele mit der mehr negativen und mehr positiven Behandlung, so
wie in der Jugend-Entwickelung mehr das eine oder andere vorherrscht.
Nicht zu frühes Antreiben zum Lernen und Arbeiten -- und zum Sprechen
-- kein Erzwingen von Artigkeit, so lange das Kind noch keinen Sinn
für das Anständige haben kann. So soll die früheste Erziehung in dem
Erregen und Einflößen guter Gefühle bestehen, oder vielmehr darin, daß
man das Kind mit freundlichen Eindrücken umgibt, unter welchen sein
Inneres sich still entfaltet.


                                  3.

Mit dem Alter des Spieles und der wirkenden Phantasie wird die positive
Einwirkung nothwendig; denn überließe man die Kinder sich selbst,
so würden sie auf dieses und jenes, und auf allerlei Thörichtes und
Gefährliches verfallen, oft nicht wissen, wie sie der Langenweile
wehren sollen, schiefe Richtungen annehmen, alles Gesehene und Gehörte
blindlings nachmachen, und schlechte Gewohnheiten sich aneignen. So
geschiehet es auch durch Verspätung und Vernachlässigung des positiven
Einwirkens durch Gebot und Strafe, Ermahnung und Warnung, daß die
Kinder den Eltern über den Kopf wachsen. Je mehr die Kraft sprudelt,
desto mehr muß sie beschäftigt und geleitet werden. Die Kinder wollen
und bedürfen dann viel, besonders körperliche Beschäftigung, und fehlt
diese, so regt sich Unmuth, Widerspenstigkeit, und es erscheint eine
ganze Reihe von Unarten. -- Man verhüte mit Strenge üble Gewohnheiten.
Jedes Ausarten der Lebhaftigkeit und der Freude in Wildheit und
Ausgelassenheit, jeder Ausbruch des Eigensinnes, des Leichtsinnes
und des Muthwillens; jeder entschiedene Ungehorsam, so wie das
Abweichen von der Wahrheit; endlich beharrliche Trägheit und Faulheit
erfordern eine unmittelbare und kräftige Einwirkung der Erziehung,
und hiebei sich leidend verhalten, heißt: sich an den Kindern schwer
versündigen. Denn wird z. B. den eigensinnigen Kindern nicht zu
rechter Zeit der Wille gebrochen, den Trägen der Sporn angesetzt, den
Wilden Einhalt gethan, so werden endlich die Hindernisse der Erziehung
unüberwindlich, und es entsteht eine solche Ausartung des kindlichen
Gemüths, ein solches Uebergewicht der Sinnlichkeit, daß zu gewaltsamen
Mitteln geschritten werden muß. Die weichliche und falsche humane
Erziehung scheuet und vermeidet jedes Verbot, als Eingriff in die
vermeintlich-rechtmäßige Freiheit der Kinder, und verdirbt dadurch
das ganze Werk. Durch Verbote muß man den Kindern, nie durch Strafe,
zu Hülfe kommen, und sie aus Fesseln erlösen, die sie nicht selbst zu
zerbrechen die Kraft haben, so wie man sie eben dadurch aus sinnlicher
Betäubung weckt, in welcher sie zu Grunde gehen müßten.


                                  4.

Je jünger der Mensch, desto mehr werde von Seiten des Gefühls, je
älter, desto mehr von Seiten des Verstandes auf denselben gewirkt, doch
so, daß er nie von der einen oder andern Seite vernachlässigt, auch daß
er durch Beides zur ~Vernunft~ geführt werde.

Was im frühsten Alter bloß empfunden wurde, wird späterhin gedacht,
für nützlich und gut erkannt. Man würde also widernatürlich handeln
und verderben, wenn man das frühere Alter mit Vorstellungen, oder das
spätere mit bloßen Gefühls-Eindrücken lenken wollte. -- Bewahrung
der kindlichen Herzens-Reinheit, durch Verhütung alles verführenden
Umgangs und verführerischer Beispiele durch milde Behandlung -- dann
Gewöhnung zum Nachdenken durch fleißiges Fragen: warum willst Du dieß,
hast Du dieß gethan? -- Gewöhnung zur Ordnung und Thätigkeit, das sind
die einfachen und wirksamen Bildungsmittel, welche, zu rechter Zeit
angewandt, ihres Zweckes nicht verfehlen. Es ist also das Moralisiren
bei Kindern von 3 bis 6 Jahren nicht nur vergeblich, sondern auch
verderblich. Bei Kindern von lebhafter Phantasie und lebhaften Gefühlen
muß das Nachdenken früher angeregt, und mehr auf Entwickelung des
Verstandes gewirkt werden.


                                  5.

Das Gefühl werde von Anfang und immer zart behandelt, doch so, daß es
zur Ertragung des Widrigen erstarke.

Harte Eindrücke stumpfen ab und erregen zugleich widrig; daher rauh
behandelte Kinder gefühllos, träge, kalt, störrisch, verschlossen,
boshaft und linkisch werden, wie das besonders an Bauernkindern
sichtbar wird. Die Schule kann hier nur wenig entgegen wirken.
Doch muß die Jugend für das Leben erzogen werden, und also auch
Unannehmlichkeiten ertragen lernen; daher hüte man sich vor dem
Bedauern bei geringfügigen Unfällen und Beschwerden, vor dem Entfernen
oder Erleichtern jeder Beschwerde und Anstrengung, vor Verwöhnung durch
Gemächlichkeit, z. B. wenn man die Kinder in geheizten Zimmern sich
auskleiden und schlafen läßt. Doch soll die Jugend jeder Stunde ihres
Lebens froh werden. Sie wird es aber eben dadurch am sichersten, daß
man sie in die Nothwendigkeit setzt, die Freude und den Genuß durch
Beschwerde zu erringen, und daß man sie vor jener Verzärtelung bewahrt,
welche die Quelle der bösen Laune und so vieler peinlichen Zustände
des Körpers und des Gemüths ist, in welchen alle Freude und aller
Genuß untergeht. Der Verwöhnte hat immer etwas zu fürchten oder zu
leiden; überall zeigen sich Störungen seiner Freude -- er begehrt einen
Zustand, welcher in der wirklichen Welt nicht Statt finden kann, und
darum behagt ihm die Wirklichkeit nicht. So ist es auch, und in noch
höherm Grade, mit der Verwöhnung der Empfindung -- Empfindelei ist der
Tod alles Lebensgenusses und aller frohen Gefühle.


                                  6.

Der Verstand werde von Anfang erweckt, fortgebildet, und auf seine
Sphäre hingewiesen, so daß das heranwachsende Kind immer mehr zur
Einsicht gelange.

Auf seine ~Sphäre~ oder den ihm von der Natur angewiesenen Kreis, aus
dem also die Erziehung und der Unterricht nicht heraustreten dürfen,
wenn sie mit glücklichem Erfolge begleitet seyn sollen. Das Kind soll
an Selbstthätigkeit und Selbstgefühl gewinnen, damit es die natürliche
Trägheit auf der einen, und den ungeregelten Trieb zur Thätigkeit auf
der andern Seite beherrschen lerne. Jene aber muß ein verderbliches
Uebergewicht erhalten, wenn das Kind zu spät, oder seinen Kräften
nicht angemessen beschäftigt wird, und dieser wird ausarten, wenn
er nicht zu rechter Zeit seine Richtung auf das Nützliche und Gute
erhält. Daher die Erscheinung, daß der Mehrtheil der Kinder entweder
an einer unheilbaren Schwäche des Denkvermögens, oder an einer eben so
verderblichen Schwäche der Einsichten leidet, indem man den Verstand
mit einer Menge von Kenntnissen überladet, die er nicht zu fassen
vermag. Hier wird es sichtbar, wie viel auf richtige und naturgemäße
Methode, auf die ~Geistes-Diät~ ankommt, denn die wahre Methode
entfernt sich nicht von der Natur. Sie verschmäht daher nicht den
Buchstaben, als der den Geist tödte, noch die Erfahrungs-Kenntnisse,
und sämmtliche Hülfsmittel, als unnütz und unwirksam -- noch den Stoff,
als der formalen Bildung nachtheilig. Sie sorgt vorzüglich dafür, daß
alles Gelernte auch ein Verstandenes oder Begriffenes werde, und legt
es daher nicht einseitig auf Bereicherung des Gedächtnisses mit einer
Menge unverarbeiteter Materialien an -- sie läßt das Kind in der Natur
und Kunst beobachten, erkennen, vergleichen und unterscheiden; sie
erneuert und belebt das früher Gelernte und Gedachte, und macht es
dadurch immer mehr zum Eigenthum des kindlichen Geistes. So verhütet
sie alles Scheinwissen, und einen Wahn des Vielwissens, der das ganze
Innere verdirbt.


                                  7.

Die Kräfte des heranwachsenden jungen Menschen erhöhe man in
ihrer Zunahme, so daß er sie immer freier gebrauche, und zur
~Selbstständigkeit~ gelange.

Hier scheidet sich die Abrichtung von der Erziehung, oder die
einseitige von der allseitigen oder vollständigen. Wenn Kinder von
selbst ihre Kräfte an etwas versuchen, so störe man sie nicht durch
Tadeln und Kritteln. Dieß gilt von Körper- und Geistes-Kraft. Man
überlasse zuweilen sie ihrem Thätigkeitstriebe, und dämme ihn nicht
durch Vorschriften ein; aber man suche ihm durch Winke eine nützliche
und angemessene Richtung zu geben -- oder -- eine gemeinschaftliche, so
daß die geselligen Triebe in Thätigkeit kommen. Ein bewährter Pädagoge
(Himly) sagt hierüber folgendes beherzigungswerthe Wort:

»Zuletzt erscheint doch das Wesentliche aller Erziehung darin, daß
der Mensch seine Kräfte frei, zweckmäßig und so umfassend nützlich,
als möglich, gebrauchen lerne, weil dieß seinem Leben einen Werth
gibt, und ihm die Stelle anweiset, wo er als Glied des großen Ganzen
wirksam wird. Jeder soll sich, durch Hülfe derer, die auf seine Bildung
gewirkt haben, an der Stelle befinden, wo er unter harmonischer
Zusammenstimmung seiner Kräfte zu einer ihm selbst befriedigenden, und
sein Bestehen in der Gesellschaft sichernden Thätigkeit gelangt. Aber
ihn selbst befriedigt keine Thätigkeit, die ihn nur bis zum Brod-Erwerb
führt, und keine, die nicht nach Aussen gerichtet ist, nicht irgend
etwas ~hervorbringt~. Denn zum Handeln, das heißt, zum Thun nach
Aussen, zum Wirken in seiner Umgebung, ist der Mensch bestimmt, und
daher ist es das Ziel seiner Bestrebungen und sein innigster Wunsch,
einen ihm angemessenen und also ihn befriedigenden Wirkungs- oder
Thätigkeits-Kreis zu erhalten. Je freier aber, und je harmonischer
und allseitiger sich seine Kräfte entwickelt haben, desto leichter
wird er einen solchen Wirkungskreis finden, der ihn befriedigt,
und seinem Leben einen Werth gibt. Der Mensch wird aus sich selbst
hinausgetrieben, um für Andere zu wirken, und das vereinigte Daseyn
der Menschen gleicht einer Maschine von tausend und abertausend in
einandergreifenden Rädern. Es erfordert so mannigfache und so viel
geartete Verwendung. Darum mußten auch die Einzelnen so vielgeartet
seyn, damit jedes Bedürfniß des Ganzen befriedigt werden möge. Der
unzerstörbare Zusammenhang menschlicher Dinge fordert und gebietet
den wechselseitigen Austausch der Thätigkeit. Die Gesellschaft stößt
denjenigen aus, der nichts für sie thun kann oder will. So geschiehet
es denn, daß die nächsten physischen Bedürfnisse des Menschen, wie
seine feinsten und geistigsten, nur darin befriedigt werden, daß er zu
einer angemessenen Thätigkeit nach Aussen gelange. Der Mensch ist also
nur dann erst mündig, wenn er seine bestimmte, ihm angemessene Stelle
in der Gesellschaft einzunehmen vermag. Er will und bedarf zu seiner
Glückseligkeit das Bewußtseyn, daß er im Kreise einer ihm angemessenen
Thätigkeit Andern nützlich und werth sey.«


                                  8.

Daher die Regel: Sorge immer für eine ~angemessene~ und ~bestimmte~
Beschäftigung deines Zöglings, und für eine solche, wodurch die
harmonische Ausbildung seiner gesammten Körper- und Geistes-Kräfte
bewirkt wird, und übereile und versäume dabei nichts.

Jene unordentliche, von einem zum andern überspringende, bei nichts
aushaltende Thätigkeit, ist nur Versplitterung der Kraft. Sie wird
verhütet durch eingeflößte Liebe für jede Art nützlicher Thätigkeit,
erregten Wetteifer, und Vereinigung der Thätigkeit Mehrerer. Die Liebe
zur Thätigkeit entsteht durch die Bemerkung des Hervorgebrachten und
des Wohlgefallens daran. Der regelmäßigste Gebrauch der Kräfte ist der
freieste.


                                  9.

~Man gestatte der fortgehenden Bildung immer mehr Freiheit durch eigne
Kraft.~

Es ist zweckwidrig, bei dem Unterricht und Lernen den Kindern zu Hülfe
zu kommen, oder auch in leiblichen Angelegenheiten ihnen alles zu
erleichtern. Hat man nicht mehr gefordert, als sie leisten können, so
bestehe man auch darauf, daß sie es durch eigene Kräfte leisten. Neigt
sich die Thätigkeit vorzüglich auf einen Punkt hin, so zwinge man sie
nicht -- man impfe ihnen nicht künstlich und gewaltsam ein, was ihrer
Natur, ihrem Gemüth und ihren Anlagen nicht zusagt -- man gräme sich
nicht, daß sie nicht leisten, was andere Kinder ihres Alters leisten.
Haben sie einmal nicht die Anlage dazu, so würde doch nur eine Manier
oder steifer Zwang herauskommen, oder man würde wenigstens vergeblich
arbeiten. Nur das gehört dem Menschen wahrhaft an, was aus seinem
Innern hervorgeht.

Bringt ihr es dahin, daß das Kind fragt, so ist es besser, als wenn ihr
ihm vordemonstriret -- erfindet es selbst etwas, so ist es besser, als
wenn ihr es ihm vorsagt -- macht es etwas auf seine Weise, und es ist
Verstand darin, so lasset es dabei.

So besonders auch bei dem Spielen, wo sich der kindliche Verstand am
meisten thätig erweist, und am glücklichsten entwickelt. Da störe man
Kinder nicht, enge sie nicht zu sehr ein.

Ein Kind macht Verse, man lasse es. Es zeichnet oft und gern, mögen
es für's erste auch nur Karrikaturen seyn; wenn einiges Talent darin
sichtbar wird, so halte man es nicht ab. Aber freilich hat diese Regel
ihre Grenze. Wenn man sieht, daß ein Kind eine ganz verkehrte Richtung
nimmt, seine Kräfte zersplittert -- so thue man Einhalt.


                                  10.

Man veranstalte in der Erziehung alles, so viel möglich so, daß mehr
die ganze Umgebung auf den Zögling bildend und erhebend wirkt, als daß
er der eigentlichen und strengen Zurechtweisung bedürfe.

Von jeher ist in der Erziehung dadurch gefehlt worden, daß man zu
viel ermahnt und zurechtgewiesen hat. Es ist nichts natürlicher,
als daß sich Kinder endlich daran so sehr gewöhnen, daß zuletzt
keine Ermahnung oder Zurechtweisung mehr Eindruck macht. Hier muß
man mehr das Thörichte und Unrechte zu verhüten, und unmöglich zu
machen suchen, auch dadurch schon, daß man Kinder auf Reizungen und
Versuchungen aufmerksam macht, in die sie gerathen werden, oder diese
entfernt und entkräftet. Je liebevoller z. B. die Behandlung ist,
und je mehr Vertrauen man den Kindern eingeflößt hat, desto mehr hat
man sie vor Versuchungen zum Lügen gesichert; je weniger man ihre
Sinnlichkeit durch leckerhafte Speisen reizt, je mehr man sie an
einfache Nahrungsmittel gewöhnt, und dafür sorgt, daß der Hunger ihnen
die Speise würze, desto weniger werden sie naschen; je sorgfältiger
man den Einfluß roher oder unsittlicher Menschen von ihnen entfernt,
desto weniger Unarten werden sie begehen; denn die meisten Unarten
erzeugt der Nachahmungs-Trieb, der bei Kindern eine unwiderstehliche
Kraft hat; je anhaltender und zweckmäßiger man sie beschäftiget, desto
weniger Thorheiten werden erscheinen. Wenn Kinder überall, wo sie sich
befinden, Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Betriebsamkeit, Einfalt
und Sitten-Reinheit gewahr werden; wenn sie nur gerechte, besonnene
und billige Urtheile hören, nur Worte des Friedens und der Liebe, so
entsteht Sittlichkeit und Rechtlichkeit von selbst.

In dieser Hinsicht haben Erziehungsanstalten einen bedeutenden Vorzug
vor der häuslichen Erziehung, weil sie alles regelmäßiger einrichten,
Störungen und Versuchungen kräftiger entfernen, eine genauere Aufsicht
anordnen, regelmäßiger beschäftigen und eine feste Tagesordnung
durchführen können; nur daß sie auf der andern Seite durch die strenge
Regelmäßigkeit auch wohl der freien Entwickelung nachtheilig werden.
Und doch ist es so mißlich, von der Regel abzuweichen, und Ausnahmen zu
gestatten.


                                  11.

Daß Kinder immer heitere Gesichter, willige Arbeiter, einträchtige
Menschen um sich sehen; daß sie einer bestimmten Tagesordnung sich
unterwerfen müssen, und von dieser in keinem Falle abweichen dürfen --
dieß entscheidet über ihre Sittlichkeit. Jede feigherzige Unterwerfung
unter den Zeitgeist und herrschenden Gesellschaftston, jedes
Anschmiegen an Mode und Sitte, auch da, wo sich Vernunft und Gefühl
dagegen sträuben, ist in der Erziehung unverzeihlich und führt zu den
traurigsten Ausartungen. Die Erziehung darf sich eben so wenig, wie die
Frömmigkeit, dieser Welt gleich stellen, wohl aber muß sie die Welt
überwinden lehren, und daher dem verderblichen Einfluß des Zeitgeistes
die Kraft einer sittlich-reinen Gewohnheit, feste Grundsätze und reine
Gefühle entgegenstellen, und die Gesundheit des Verstandes gegen die
giftigen Dünste des Zeitgeistes und Zeitgeschmacks zu schützen wissen.


                                  12.

Beschränke die Freiheit Deines Zöglings nicht ohne Noth, und ~bewache~
ihn nicht, anstatt ihn zu beobachten und zu leiten; versage ihm nicht
eine Freiheit, die seine Natur und seine Entwickelung fordert. Suche
dagegen den Mißbrauch der Freiheit möglichst zu verhüten durch Belebung
sittlicher Gefühle, durch Warnung und Zurechtweisung, und dadurch, daß
Du seinen Kräften eine angemessene Richtung gibst.

Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder aus übergroßer Aengstlichkeit gar
nicht aus den Augen lassen wollen, machen sich und diese zu Sclaven,
und erreichen ihren Zweck nicht. Allemal werden diejenigen Kinder die
ausgelassensten seyn, die zu sehr beschränkt wurden. Man muß erdulden
lernen, was Kinder, weil sie Kinder sind, nicht unterlassen können.
Nur in Ansehung des Umganges und der Zeit dürfte eine vernünftige
Beschränkung der Freiheit sehr nöthig und heilsam seyn, da Kinder
noch nicht beurtheilen können, welcher Umgang ihnen nachtheilig,
und wie wichtig die Benutzung der Zeit sey. Auch will die Freiheit
des Sprechens und Urtheilens bei lebhaften Kindern beschränkt seyn.
Diesen aber kann nichts Unglücklicheres begegnen, als wenn sie in die
Hände alter Erzieher fallen. Wenn Kinder Liebe zu ihren Eltern und
Geschwistern haben, so werden sie sich am meisten im Kreise der Ihrigen
gefallen. Zeigen Kinder eine frühe Gesetztheit und Besonnenheit, so
lasse man ihnen mehr Freiheit. (Jesus zu Jerusalem im zwölften Jahre.)
Besonders verkümmere man ihnen die Spielstunde nicht, lasse aber auch
nicht zu, daß sie sie willkührlich erweitern.


                                  13.

Nimm dem Kinde nie sein Eigenthum, und laß es nie ungestraft, wenn es
in fremdes Eigenthum greift; halte ihm immer Dein Versprechen, und
sey daher auf Deiner Hut, wenn Du ihm etwas versprichst; verletze
nie sein Recht (z. B. auf Erholung, Nachsicht, Vertheidigung oder
Entschuldigung), und wenn Du etwas der Art thun müßtest, so richte es
so ein, daß das Kind Dein Verfahren nicht als Ungerechtigkeit empfinde:
laß es sich selbst das Urtheil sprechen; zeige ihm, daß es sein Recht
verwirkt habe; beschränke nur den Gebrauch des Rechts, oder die
Verwaltung und den Genuß seines Eigenthums.


                                  14.

In der Erziehung darf keine ~Willkühr~ herrschen, denn sie erstickt die
edelsten Gefühle, entzieht Vertrauen und Liebe, bringt Verschlossenheit
und tückisches Wesen hervor. Hat z. B. ein Kind sein Spielzeug
verdorben, so verschenke man nicht das andere, sondern entziehe es ihm
nur eine Zeitlang; hat es Geld vertändelt oder vernascht, man nehme ihm
das übrige nicht. Zeigt es Geldgeiz oder Habsucht, so wirke man auf
eine andere Art entgegen, als durch Wegnehmen, indem man z. B. seine
Theilnahme reizt. -- Ist ihm ein unverständiges Geschenk gemacht, so
entziehe es ihm nur so, daß Du es aufzubewahren versprichst.

Wenn das Kind nachlässig gearbeitet hat, hat es dann sein Recht auf
Erholung verwirkt? Oder wenn es zum zweitenmale fehlt, auf Nachsicht?
Oder soll ihm diese immer schwerer zugestanden werden? Darf sich ein
Kind lebhaft vertheidigen? Wie leicht kann man Kindern Unrecht thun!
Oft wird man durch die Farbe der Handlung irre geführt.

Haben Kinder auch ein Recht, zu weinen, auf ihrem Willen zu bestehen,
ungeduldig zu werden?

Besonders hüte man sich, etwas zu versprechen, vor allem Belohnungen,
und hernach, bei bessrer Einsicht, nicht zu halten, wenn man dem Kinde
nicht begreiflich machen kann, daß die Erfüllung des Versprochenen ihm
nachtheilig seyn würde. Es raubt dem Erzieher das Vertrauen und die
Liebe.


                                  15.

Tadle nie bitter, und strafe nur dann, wenn Du voraussiehst, oder die
Erfahrung gemacht hast, daß gelindere Mittel nicht zum Zweck führen;
laß aber auch das gestrafte Kind weder zu schnell, noch zu spät,
Beweise Deiner Verzeihung und Liebe sehen. Doch unterlaß es nie, ihm
die Fehler seiner Arbeiten und seines Betragens zu zeigen, und sey
karg mit Deinem Lobe, aber freigebig mit Deiner Nachsicht, Schonung
und Ermunterung. Von der Art, wie Kinder getadelt und gestraft werden,
hängt vorzüglich der Erfolg der Erziehung ab. Die Strafe und der Tadel
müsse dem Kinde eben so gut als Erweisungen der Liebe erscheinen, wie
die Belohnung und das Lob. Ironie und Bitterkeit wirken gefährlich.
Das Ehrgefühl muß nicht nur geschont, sondern auch gepflegt werden,
doch so, daß dem Kinde immer Liebe mehr gelte als Lob, und es nach
jener vorzugsweise strebe. Eine gewisse Weichlichkeit hält vom Strafen
und Tadeln zurück, und bringt dadurch viel Böses hervor. Man lasse
sich nicht durch die Empfindlichkeit der Kinder abschrecken. Diese
Seelenschwäche kann nur durch Wohlwollen und wiederholten Tadel geheilt
werden. Eitle Kinder bedürfen vorzüglich als Arznei des Tadels; aber
er muß bei diesen besonders in der Sprache des Wohlwollens ausgedrückt
seyn, wenn er wohlthätig wirken soll. Den bittern Tadel empfinden
sie als eine Ungerechtigkeit, und ihr Herz verschließt sich dagegen.
Den Tadel begleite oft das Wort der Ermunterung, und immer trage er
mehr die Farbe der Betrübniß, als des Unwillens. Er werde nur dann
ausgesprochen, wenn es ungezweifelt ist, daß das Kind etwas Besseres
hätte machen können.


                                  16.

Soll der Tadel nicht seine ~Wirksamkeit~ verlieren, so muß er nicht zu
oft kommen; nicht seine ~Wohlthätigkeit~, so muß er nicht im Tone der
Verachtung ausgesprochen werden; nicht seine ~Würde~, so muß er kein
ironischer und spottender seyn; nicht seine ~anregende Kraft~, so muß
er mit lebhaftem Gefühl und in der Sprache des Gefühls ausgesprochen
werden. Bei lebhaften Kindern, die in jedem Augenblick fast
Uebereilungen und Thorheiten begehen, muß die Erziehung mehr übersehen,
als rügen, und mehr verhüten, als strafen, mehr abhalten, als verbieten.

Gelindere Mittel, als Tadel und Strafe, z. B. Entziehung einer
Bequemlichkeit, ernstes Gesicht, Drohung, Zurechtweisung -- ~scheinen~
oft nur unwirksam, weil die Wirksamkeit nicht gleich sichtbar wird; sie
wirken nach, wie fast alle Erziehungsmittel. Ist der wiederholte und
verstärkte Tadel unwirksam, so folge ihm unmittelbar die Strafe.


                                  17.

Dem gestraften Kinde gebe man, besonders wenn es zu den lebhaften
gehört, und noch keine Spuren der Besserung sich zeigen, nicht zu
schnell wieder Beweise der Liebe.

Da die Kinder eher durch Lob, als durch Tadel verdorben werden, so sey
jenes noch sparsamer, als dieser. Dagegen darf man in der Erziehung mit
seiner Nachsicht freigebig seyn, besonders bei Kindern von zartem und
reizbarem Gefühl. In seltenen Fällen nur lobe man, mit Herabsetzung
eines anderen Kindes, -- beides, Lob und Tadel, geschehe mehr unter
vier Augen, als in Gegenwart Anderer, weil es sonst zu stark als
Reizmittel wirkt.


                                  18.

~Rousseau~ verwarf alle Strafen, und vergaß, daß die vorherrschende
Sinnlichkeit eines Widerstandes bedarf, wenn ihr das Kind nicht
hingegeben werden soll. Es ist eine Art von Ungerechtigkeit, ja es ist
Grausamkeit, wenn man das Kind ungestraft läßt, denn man überliefert
es dadurch der Knechtschaft seiner Sinnlichkeit, und legt den Grund
zu seinem physischen und moralischen Verderben. Der freie Wille muß
dem Kinde eben so folgerecht und unaufhaltsam in seinen Wirkungen
erscheinen, wie die physischen Folgen, damit es eine moralische
Nothwendigkeit erkenne. Wie soll auch das Kind zur Anerkennung der
Güte im Gefühl kommen, wenn es diese nie entbehrt, wenn es bei
pflichtmäßigem und pflichtwidrigem Betragen mit gleicher Güte behandelt
wird? Die weichlichsten, und mit ihrer Güte freigebigsten Eltern
haben die undankbarsten und ungehorsamsten Kinder. Der Mensch und das
Kind weiß nur zu achten, was errungen seyn will, und nicht unverdient
gegeben wird. Das Kind wird und muß sich seinen Eltern gleich setzen,
wenn diese ihm nicht den Abstand fühlbar machen.


                                  19.

Alles kommt auf die ~Art~ des Strafens, des Tadelns, des Ver- und
Gebietens an. Man kann so strafen, daß die Strafe bessert; aber auch
so, daß sie erbittert, und zum trotzigen Widerstande reizt. Darum sind
folgende Regeln hiebei sorgfältig zu beobachten:

1. Habt keine Freude am Gebieten und Verbieten, sondern mehr am
kindlichen Freihandeln, und mildert das Verbot nach Zeit und Umständen;
haltet es zurück, wo es unzeitig ist.

2. Verbietet seltener durch die That, als durch Worte. Reisset also
z. B. dem Kinde das Messer nicht weg, sondern lasset es selber, aufs
freundliche Gebot, dasselbe weglegen, damit es mit Freiheit handeln
lerne.

3. Greifet nie durch euer Verbot in die Rechte des Kindes, z. B. »Du
sollst nicht springen, rennen, klettern.«

Das Kind unterscheidet sehr gut den starken und ernsten Ton von dem
zürnenden; die Mutter fällt leicht in diesen, wenn sie jenen dem
Vater nachzumachen gedenkt. Sie nimmt leicht ihr Verbot zurück, oder
beschränkt es, und schwächt es dadurch. So kommt es, daß sich die
Kinder endlich nichts mehr wollen verbieten lassen. -- Das Verbieten
geschehe in kräftiger Kürze, und je jünger das Kind ist, desto nöthiger
ist diese Kürze; ja sie ist nicht einmal nöthig; schüttle den Kopf,
und damit gut. Das wortreiche Verbieten macht die Kinder nur unmuthig
und reizt sie zum Spott. Nur sey das Verbieten kein heftiges; besser
geschieht es zuerst mit leiser Stimme, damit eine ganze Stufenleiter
der Verstärkung freistehe -- und nur einmal, und für den kleinsten
Ungehorsam erfolge augenblickliche Strafe.


                                  20.

Was das ~Strafen~ betrifft, so ist noch hiebei zu beobachten:
Strafe verhüten, ist besser und weiser, als strafen. Da, wo alle
andere mildere Mittel unwirksam geblieben sind, trete die Strafe
unausbleiblich, und mit voller Strenge ein; doch auch hier beobachte
man eine Stufenleiter, und erwäge, ob das Kind Entschuldigung verdiene,
und ob es seine Schuld zu erkennen im Stande sey, denn Strafe gebührt
nur dem, der sich der Schuld bewußt ist. Wo große und strenge Strafen
nöthig sind, da steht es schlecht um die Erziehung, und die Strafen
werden bald vergeblich seyn. Nicht strenge, aber unausbleibliche und
unerläßliche Strafen sind mächtig. »Unter dem Volke nicht nur, auch
unter den Gebildeten erzeugen die Schläge des Schicksals, welche die
Eltern empfingen, Gegenschläge auf die Kinder.« Wie oft wird nur
gestraft, weil eine üble Laune reizbar macht. Wie oft härter, als recht
ist, weil das Schreien der Kinder zum Unwillen hinreißt.

»Wer sich gern lässet strafen, der wird klug werden; wer aber
ungestraft seyn will, bleibt ein Narr,« sagt ~Salomo~, und daher sorge
der Erzieher dafür, daß seine Zöglinge nicht ihr Herz der Strafe
verschließen, daß sie ihnen Wohlthat werde, und das wird sie seyn,
wenn sie ohne Unwillen und Heftigkeit geschieht, mit allen Zeichen
des Bedauerns, daß man strafen muß. -- »Wer seiner Ruthen schonet, der
hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, züchtiget ihn bald« (Pred.
Sal. 13, 24.). Die Strafe zu rechter Zeit und auf die rechte Art macht
bald alle Strafe unnöthig und entbehrlich. »Der hat die Ruthe schlecht
angewendet, der sie hernach zum Stock verdichten muß.« Aber ganz
entbehren kann das Kind der Strafe nicht, ob es gleich einige gibt, die
so weiche moralische Anlagen haben, daß schon die leiseste Aeusserung
des Unwillens harte Strafe ist. Kinder von heftiger Gemüthsart werden
unerträglich verwildern, und bringen es bis zur Wuth, wenn sie nicht
gestraft werden. Sir. 30, 9. 12. -- Ein Kind, das schlägt, werde
geschlagen. Aber hütet euch, ein Kind durch Schlagen zu zwingen, daß es
abbitten soll -- oder ihm eine Schand-Strafe aufzulegen. -- »Schande,«
sagt ~Friedrich Richter~, »ist eine geistige Hölle ohne Erlösung, worin
der Verdammte nichts werden kann, als höchstens ein Teufel.« -- Auch
werde nie die kleinste Strafe ~spottend~ auferlegt, sondern ernst,
öfter trauernd. Der elterliche Gram läutert dann den kindlichen, und
macht das Herz für die Ermahnung empfänglich, die die Strafe begleitet.


                                  21.

Strafe kann nicht so viel verderben, als Lob und entzogene Nachsicht.
Wir haben gewöhnlich einen falschen Maßstab, nach welchem wir das
Betragen, die Aeusserungen und die Unarten der Kinder beurtheilen. Wer
sich am besten in die Kindes-Seele hinein versetzen kann, wird der
beste Erzieher seyn. »So ihr nicht werdet wie die Kinder,« das gilt
auch hier. Liebevolle und freundliche Behandlung sey durchaus in der
Erziehung herrschend; doch fehle auch Strenge und Strafe nicht, so oft
das jugendliche Gemüth durch diese erst jene muß verstehen und schätzen
lernen. Wer nicht hört, soll fühlen. -- Aber ferne sey jenes eben so
unnütze als verderbliche Moralisiren über das Betragen und die Unarten
der Kinder, womit viele Erzieher ihre ganze Pflicht erfüllt zu haben
glauben, und das nur in seltenen Fällen, und als liebreiche Vorstellung
der traurigen Folgen eines Vergehens fruchtet. Je mehr Freiheit, desto
mehr Güte und Wahrheit. »Was also durch einen Wink bewirkt werden kann,
soll nicht durch ein Wort geschehen, und was ein Wort ausrichten kann,
dazu soll nicht eine Ermahnungs-Rede gehalten werden.«

In der Erziehung wird eben so oft und sehr durch Versagung als
Zugestehung der Nachsicht und Schonung gefehlt, und fast alle
Erziehungs-Gebrechen lassen sich hierauf zurückführen. Die Mittelstraße
hier zu entdecken, ist auch eben so schwer, als sie ohne Abweichung zu
gehen, da die meisten Kinder eben so sehr zur Liebe, als zum Unwillen
reizen, und die Geduld so sehr in Anspruch nehmen, als sie der Liebe
bedürfen, und da dem durch Weichlichkeit oder Erziehungs-Vorurtheile
befangenen Erzieher so leicht die nachtheiligen Folgen der Nachsicht
und Strenge entgehen, besonders was die Lüsternheit der Kinder betrifft.


                                  22.

Bei allem Unterricht und aller sittlichen Bildung durch Ermahnung,
Warnung, Ermunterung, Tadel und Strafe, werde immer mehr dahin
gearbeitet, daß das Kind sich selbst bestimmen, und aus eigenem
Antriebe handeln lerne, damit es früh zur Selbstherrschaft gelange, und
keiner Bewachung oder peinlicher Aufsicht bedürfe.

Nie muß man den Zweck alles Erziehens aus den Augen verlieren, welcher
ist, daß der Mensch selbstständig werde, sich selbst beherrschen und
leiten lerne, ein ganz freier Mensch werde. Daher stärke die Erziehung
seine Vernunft und seine sittliche Kraft, übe ihn im Ueberlegen,
Nachdenken, Entsagen und Erdulden, belebe seine guten Gefühle,
wecke und nähre Ehrfurcht gegen Gott, und lehre ihn merken auf die
Regungen und Urtheile seines Gewissens, damit so früh als möglich die
eigentliche Aufsicht und Erziehung entbehrlich werde. Aus solchen
Kindern, die immer unter der strengsten Zucht, und unter peinlicher
Aufsicht gehalten werden, können nie recht brauchbare Menschen werden.
Je früher Kinder an feste Grundsätze gewöhnt, und durch ihr Gefühl
und ihre Einsicht gebunden werden, desto früher entwickelt sich der
Charakter. Doch gibt es auch gewisse weiche Naturen, die jeden Eindruck
annehmen, und gewisse lebhafte und sinnliche, die es nie oder sehr
spät erst zu reifer Ueberlegung und Selbstbeherrschung bringen. Diese
bedürfen der längern und sorgsamern Erziehung und Leitung. Aber auch
diese werden endlich sich selbst bestimmen, und sich beherrschen
lernen, wenn sie sorgfältig gebildet, regelmäßig beschäftigt, und in
eine solche Laufbahn gebracht werden, in welcher ihnen wenig Muße
übrig bleibt, oder wenn ihr Ehrtrieb beständig wach erhalten wird. Bei
Mädchen ist es besonders Schamhaftigkeit, und der Trieb zu gefallen,
der bei solchen Naturen die Stelle der sittlichen Kraft vertritt, oder
diese ergänzt.


                                  23.

Indem man Kindern zuweilen die Verwendung von Zeit und Geld überläßt,
und sie nur von Ferne beobachtet -- indem man sie in Lagen bringt, wo
sie ihrem eigenen Urtheil überlassen sind -- indem man ihnen Aufträge
ertheilt -- indem man endlich gemißbrauchte Freiheit nachdrücklich,
jedoch nicht durch Entziehung aller Freiheit straft -- wird man diesen
Zweck erreichen.

Je mehr die Erziehung nach festen Grundsätzen geschieht, je mehr sich
Erzieher hüten, mit sich selbst in Widerspruch zu gerathen, je mehr
weise Güte, mit Ernst gepaart, in der Erziehung herrscht, desto eher
wird die Selbstbestimmung erfolgen. Je mehr dagegen der Erzieher
schwankt, und von der weichlichsten Güte zur härtesten Strenge
übergeht; je mehr er der Sinnlichkeit Nahrung gibt und Laune duldet,
desto schwerer wird es ihm werden, seine Zöglinge in Ordnung zu
erhalten, und zur Selbstherrschaft zu erheben.

Emilie ist sinnlich und lebhaft -- vergißt sich leicht -- ist leicht
hingerissen; aber wenn man ihr sagt: »wird es Dir wohl heute möglich
seyn, Dich in Deiner Lustigkeit zu mäßigen? Du würdest mir eine
große Freude machen« -- erhält sie eine gewisse Kraft über sich. Ein
treffliches Mittel ist auch der Auftrag, über kleinere Kinder die
Aufsicht zu führen, ihre Spiele zu leiten -- daher Kinder, die junge
Geschwister haben, eher sich ausbilden.

Härte und übertriebene Strenge in der Erziehung werden bei gut
organisirten Kindern bei weitem nicht so gefährlich wirken, als
übertriebene Weichlichkeit und Nachsicht. Gegen jene ist dem Kinde in
seiner unerschöpflichen Liebe eine Waffe und Gegengewicht gegeben; aber
dieser muß es ohne Rettung und Widerstand unterliegen, weil sie ihm nur
als Wohlthat erscheinen kann.


                                  24.

Der junge Mensch sey nie von solchen Personen umgeben, von welchen er
Schlechtes sehen und hören könnte; seine Gespielen seyen gut erzogene
Kinder, seine Hausgenossen gut gesittete Menschen.

Die schwerste, und eine unauflösliche Aufgabe der Erziehung ist die,
Kinder gänzlich vor dem verderblichen Einfluß böser Beispiele zu
verwahren, und sie mit lauter guten Menschen und guten Eindrücken zu
umgeben. Da dieß nicht möglich ist, so muß es die Erziehung dahin
zu bringen suchen, daß das Herz des Kindes dem Einfluß des Bösen
widerstehen könne, und keinen sittlichen Schmutz annehme. Hier wirken
mehr, als andere, die religiösen Gefühle und Gesinnungen. Ist das Kind
mit diesen ausgestattet, so werden ihm böse Beispiele, Versuchungen
und Reizungen nicht nachtheilig werden. Ist das sittliche und das
ästhetische Gefühl der Kinder genährt und veredelt, so werden sie
nur Abscheu und Widerwillen bei dem Bösen, was sie sehen und hören,
empfinden und nichts davon annehmen. Nur das Böse haftet, was sie von
solchen Menschen hören und sehen, welchen sie mit Achtung, Vertrauen
und Liebe ergeben sind. Daher haben sich Eltern und Erzieher sehr
sorgfältig zu hüten, daß sie sich nicht zuweilen vergessen, z. B. in
der lebhaften Freude, oder im Unmuth und in der Heftigkeit; -- daß sie
höchst vorsichtig bei Scherzen und Urtheilen sind. Vergeblich versucht
man, wieder aufzubauen, was man durch unbedachtsamen und unbesonnenen
Scherz und Spott niedergerissen hat; daher sind witzige Menschen keine
gute Erzieher. Da es in jeder Familie Menschen gibt, deren Sitten nicht
rein sind, oder nicht fein genug, so muß man mit Kindern hierüber ganz
offen reden, und sie warnen, aber zugleich auf die guten Eigenschaften
solcher Personen aufmerksam machen.


                                  25.

Hier ist die dunkle Seite der öffentlichen Schulen und größern
Erziehungs-Anstalten. Doch ist freilich hier auch neben dem Schlimmen
das Gute; denn wo kein Widerstand und kein Hinderniß zu überwinden ist,
da ist auch keine Kraft-Entwickelung möglich. Solche Kinder, die sich
so leicht verführen lassen, sind überhaupt schwach, und würden auch
geringeren Versuchungen unterliegen. Man unterlasse nur nicht, Kinder,
so bald sie es begreifen können, mit den Gefahren bekannt zu machen,
welchen man sie aussetzen muß.

In Ansehung der Gespielen nur sey die Erziehung höchst vorsichtig,
weil bei dem Spiel das Herz sich ganz hingibt, die innigste
Vertraulichkeit entsteht, und eine wechselseitige sehr starke
Einwirkung Statt findet. Auch tragen gute Gespielen sehr viel zur
Entwickelung der geistigen und sittlichen Anlagen bei. Man bringe
lebhafte Kinder zu lebhaften, phlegmatische zu lebhafteren, aber nicht
zu den lebhaftesten. Das phlegmatische Kind läßt sich von dem lebhaften
alles gefallen, und dies wird herrschsüchtig und eigensinnig. Am besten
ist es, wenn die Gespielen sehr verschiedenen Gemüths sind, ohne gerade
ganz entgegengesetzte Gemüthsart zu haben. Kinder von vornehmeren
und geringeren Ständen zusammen zu bringen, ist selten rathsam; es
müßte denn das Kind geringeren Standes sich durch ausgezeichnete
Fähigkeiten geltend zu machen wissen, und reine Sitten haben. Dagegen
ist es sehr vortheilhaft, gut unterrichtete Kinder zu Lehrmeistern
der Vernachlässigten zu machen. -- Kinder, die sich fortdauernd nicht
vertragen, bringe man ja auseinander.


                                  26.

Man lasse die Kinder übrigens ihre Gesellschaft frei wählen, so bald
man überzeugt ist, daß sie gut wählen werden, und dann auch ohne
Aufsicht spielen. Am besten ist es, wenn sie immer einige ältere
zu Freunden haben, an welche sie sich durch den Nachahmungstrieb
hinaufbilden; aber auch jüngere, um ihr Selbstgefühl nicht zu
verlieren, und hauptsächlich ihres Gleichen, weil das Gleiche sich am
innigsten vereinigt, und am glücklichsten fortstrebt.


                                  27.

Nicht zu früh führe man Kinder in die Gesellschaft der Erwachsenen,
nämlich nicht eher, als bis sie Ausbildung und Muth genug haben, sich
in dieser Gesellschaft wohl zu befinden, und aus ihr Nutzen zu ziehen,
und auch dann geschehe es nicht zwangsweise, und nicht zu oft und zu
lange! Es ist bedenklich, Kinder stundenlang in einer erzwungenen
Ernsthaftigkeit und Ruhe zu erhalten, nicht zu gedenken, daß man eine
Grausamkeit an ihnen begeht, oder auch, wenn man sie gütig behandelt,
zu einem gewissen vorlauten Wesen und zu einer unbescheidenen
Dreistigkeit verleitet; oder sie zu Drathpuppen macht, die lauter
Manieren, und keine Natur mehr haben. Je mehr die Gesellschaften
gemischt sind, desto gefährlicher sind sie Kindern, da nur wenig
Erwachsene so viel Achtung und Rücksicht für Kinder haben, als diese
fordern können und bedürfen. Herangewachsenen Kindern, und besonders
Mädchen, ist es freilich vortheilhaft, wenn sie sich in Gesellschaft
geachteter Personen in ihre Gewalt bekommen lernen, aber auch nur
solchen. Mädchen müssen früher die gesellschaftliche Sitte und die
Sprache des Umgangs lernen, früher eine gewisse Dreistigkeit bekommen,
damit sie nicht in kindische Blödigkeit versinken, und dadurch lästig
werden.


                                  28.

Waren Kinder in gemischter Gesellschaft, so erforsche man, was auf sie
Eindruck gemacht hat, belebe die guten, schwäche die bösen Eindrücke,
mache sie aufmerksam auf den Ton der Gesellschaft, und leite ihr
Urtheil darüber; erlaube ihnen keinen spöttelnden Tadel des Gesehenen
und Gehörten, lehre sie mehr das Unsittliche und Thörichte, als
das Lächerliche auffinden und beurtheilen, und bewahre sie vor der
conventionellen Heuchelei und Abgeschliffenheit.

Die traurige Kunst, sich mit Anstand und Geduld zu langweilen, müssen
Kinder nie lernen; eben so wenig die Fertigkeit, viel Worte zu machen,
und die, zu schmeicheln. In so fern die Theilnahme an Gesellschaften
Nahrung der Eitelkeit und des Stolzes werden kann, ist sie besonders zu
verhüten, wenn nicht die ganze Frucht der Erziehung verloren gehen soll.

Dabei darf die gesellschaftliche Bildung nicht vernachlässigt werden.
Bringt man junge Leute zu spät in die Gesellschaft der Erwachsenen, so
leiden sie an unheilbarer Blödigkeit und Ungelenkigkeit, und werden
der Umgangssprache nie mächtig. Aber die Erziehung muß sie zuvor in
den Stand gesetzt haben, an einem gesellschaftlichen Gespräche Antheil
nehmen zu können; ihre Urtheilskraft muß nicht mehr ungebildet, ihre
Sprache gereinigt, ihr Geschmack geläutert seyn. Denn was junge Leute
in Gesellschaft einsylbig, blöde und verlegen macht, das ist nur
Bewußtseyn ihrer Unwissenheit und Mangel an Gedanken und Kenntnissen.


                                  29.

Viel verdanken wir dem gesellschaftlichen Umgange, und er darf von den
Erziehungsmitteln nicht ausgeschlossen werden. Die Mittheilung von
Gedanken, Urtheilen und Gefühlen befördert sehr die Bildung des Geistes
und des Herzens. Eben so belebt der Umgang alle wohlwollende Gefühle,
und übt in der Selbstverläugnung. Das Mädchen, mit größeren Anlagen zur
Geselligkeit ausgestattet, und durch diese die Seele der Gesellschaft,
soll auch hierin nicht vernachlässigt werden. Aber wenn sie zu früh in
Gesellschaft geführt wird, besonders bei äusserer Annehmlichkeit und
Liebreiz, so erhält sie eine gefährliche Nahrung für ihre Eitelkeit.
Doch auch nicht zu spät, damit sich nicht Blödigkeit festsetze, die so
viel gesellschaftliche Freude verbittert, und so schwer beseitigt wird.
Man führe eben darum das Mädchen nicht eher in die Gesellschaft, als
bis sie in dieser etwas gelten, und zur gesellschaftlichen Unterhaltung
beitragen kann, und präge ihr dann ein, daß auch sie der Gesellschaft
werth sey, wenn sie ihren Beitrag zur Unterhaltung gibt; aber eine Last
für sich und die Gesellschaft, wenn sie ihn aus Blödigkeit zurückhält.
Man bewahre sie vor gemischten Gesellschaften, und solchen, wo sie zu
sehr allein da steht; man lehre sie die Sprache des Umgangs, und übe
sie selbst darin, damit sie es zur Fertigkeit bringe; man gebe ihr
zuweilen Aufträge, die dahin abzwecken, z. B. Bestellungen.


                                  30.

Alles, was für die Verstandes-Bildung geschieht, werde zugleich
Bildungsmittel für das Herz und den Geschmack, und umgekehrt, damit
alle Einseitigkeit und Halbheit vermieden, und das Kind zum Menschen
gebildet, zur Menschenwürde erhoben werde.

Unterricht und Erziehung sollten nicht scharf von einander getrennt,
nicht als zwei ganz von einander verschiedene Geschäfte betrieben
werden; denn nur da, wo aller Unterricht erziehend, und alle Erziehung
belehrend wirkt, nur da kommt man zum Zweck. Der Unterricht wirkt aber
dann erziehend, oder auf Gesinnung und Gefühl, wenn er wohlwollend, im
Ton der Liebe und Güte ertheilt wird, wenn man die Kinder immer darauf
hinführt, warum und wozu sie Kenntnisse einsammeln, sie auf ihr Inneres
merken, sie unmittelbar das Gelernte und Begriffene anwenden lehrt;
wenn man sorgt, daß gegenseitige Liebe bei dem Wetteifer sey, wenn man
bei dem Unterricht es nicht bloß auf Anregung des Ehrtriebes, sondern
auch der Frömmigkeit und Sittlichkeit anlegt, und sich hütet, den
Unterricht in einen bloßen Mechanismus ausarten zu lassen, oder gar in
eine Zwangs-Anstalt und Arbeits-Strafe. Je mehr man den Kindern Lust
und Liebe zum Unterricht beizubringen weiß, je besser das Verhältniß
des Lehrenden zu den Lernenden ist, desto wohlthätiger wird er wirken.
Bei dem Unterricht werde nie Anstand und Sittlichkeit verletzt, nie
das Ehrgefühl gemißhandelt, aber auch nie das Kind weichlich geschont;
er sey Anstrengung, aber angemessene und nicht zu anhaltende; es werde
dabei eine Regel befolgt, doch ohne Härte und Zwang. Alles Gelernte und
zu Lernende werde zugleich als Nahrung für Verstand und Gefühl benutzt.
Also sey das Lesen nicht bloß Fertigkeit, sondern auch Ausdruck des
Gefühls, welches der Inhalt anregen oder beleben soll; das Schreiben
auch Bildungs-Mittel für den Schönheits-Sinn; das Rechnen Belebung
des Sinnes für Ordnung, der Sorgfalt und des Fleißes, der Geduld
und Ausdauer; die Musik Belebung frommer Gefühle und des Sinnes für
Harmonie und Wohllaut, Veredlung des Herzens und Besänftigung der
Leidenschaften -- jede Arbeit Ermunterung zur Geduld und Uebung darin,
als Pflicht-Erfüllung, als Sorge für Andere.


                                  31.

Alles, was die Erziehung thut, werde Beförderungs- und
Befruchtungs-Mittel für den Unterricht, besonders durch Gewöhnung
an Ordnung, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken, Fleiß und
Gehorsam. Es komme nie dahin, daß die Kinder, von der übertriebenen
und lieblosen Strenge der Erziehung verleitet, sich dem Gebot zu
entziehen suchen, oder es umgehen, und die Erziehung biete ihnen nie
einen Anlaß dar, und reize sie nie, sich zu widersetzen, oder bemerkte
Schwachheiten zu benutzen.

Jeder sclavische Gehorsam sey verbannt, damit das Kind sich seiner
Menschenwürde bewußt werde. Jede Unterredung sey belehrend und
ermunternd, so wie der ganze Umgang mit dem Kinde bildend und erhebend.
Das Kind werde nie mit seinen Fragen abgewiesen, nie in seiner
Thätigkeit und seinem Fleiß durch Unordnung und Geräusch gestört, nie
durch Vergnügen von der Erfüllung der Schülerpflicht abgehalten, nie
wegen seiner Anstrengung beklagt. Durch Erziehung lerne das Kind seine
Pflichten kennen, seine Verhältnisse achten, seinen Willen beherrschen;
die Erziehung führe es zu Gott. Besonders sorge die Erziehung, daß
dem Kinde Schätzung seiner Menschenrechte beigebracht, und das Herz
vor Vorurtheilen der Geburt und des Standes bewahrt werde; denn diese
verfinstern den Verstand, und lähmen die sittliche Kraft, zerstören
alle Einwirkung guter Grundsätze, und bringen Willkühr hervor.

Darum werde das Kind nur wenig, und nur von andern Kindern, besonders
seinen Geschwistern, bedient; darum lerne es ~bitten~, auch Dienstboten
bitten; es werde Lehrer der Kleinern, es thue ihnen Handreichung,
auch beschwerliche Handreichung. Da durch Lehren gelernt wird, so
kann man nicht früh genug die Kinder zu Lehrern der Kinder machen.
Indem sie diesen ihre kleinen Kenntnisse mittheilen, wächst zugleich
Wohlwollen und Liebe, werden sie in der Geduld geübt. Auf gleiche Art
stärke sich Geduld und Kraft der Selbstverleugnung bei dem Lernen
und bei häuslichen Arbeiten, und daher mache man ihnen nicht alles
zu leicht, erspare ihnen nicht jede kleine Beschwerde, fordere sie
zur Selbstverleugnung auf, gebe ihnen Anlaß zur Ueberlegung, und zum
Handeln mit Ueberlegung.


                                  32.

Die Art, wie der Unterricht ertheilt wird, die Liebe, die Nachsicht
und Geduld, die man dem Kinde beweist, die Art der Ermunterung und
des Tadels, die strenge Ordnung, welche man dabei beobachtet, die
gewissenhafte Treue, mit welcher die festgesetzten Stunden des
Unterrichts gehalten werden; der Eifer des Lehrenden, seine Freude
über bemerkte Fortschritte, seine Traurigkeit über Nachlässigkeit und
Trägheit, das alles müsse den Charakter des Kindes begründen helfen.


                                  33.

Da es in der Erziehung keinen Stillstand geben darf, indem jeder
Stillstand ein Rückschritt seyn würde, so sey das Streben nach dem
Ziele ein rastloses und eifriges, und dem Zögling stehe dies Ziel,
wie dem Erzieher, immer vor Augen, damit Beider Eifer nie erkalte
und nie ermatte. Der Zögling werde sich der gewonnenen Kraft und
Kenntniß mit Freude bewußt, und diese Freude werde ihm der Sporn zu
neuer Anstrengung. Nie erscheine ihm das Lernen und Gehorchen als ein
mühseliges Tagewerk, sondern als der einzige Weg, an das Ziel zu kommen.


                                  34.

Je öfter es in der Erziehung scheint, als sey die Kraft und Anstrengung
des Erziehers vergeblich aufgewandt, als sey gar keine Annäherung
zum Ziel, desto nöthiger ist es, daß der Erzieher sich überzeuge,
sein Eifer dürfe, auch bei dem ungünstigsten Erfolge, und bei diesem
gerade am wenigsten, nachlassen, sondern müsse unter allen Umständen
sich gleich bleiben -- und wenn er sich gleich bleibt, so könne auch
der Erfolg nicht ausbleiben. Diese Ueberzeugung erlangt man nur durch
eine sorgsame Erforschung der Natur des menschlichen Geistes, und durch
eine sorgfältige Beobachtung des Zöglings, so wie durch eine gewisse
~Bescheidenheit und Mäßigkeit in seinen Erwartungen und Forderungen~.
Der Erzieher darf eben so wenig, wie der Arzt, an die Untrüglichkeit
der Regeln seiner Wissenschaft glauben, und muß, wie dieser, von der
Natur das Meiste und Beste, von seiner Kunst und Wissenschaft das
Wenigste erwarten, muß nie der Natur entgegen arbeiten, sie nie zwingen
wollen; aber sorgfältig der Natur nachspüren und nachgehen, und ihre
Winke beachten, ihre Rechte heilig halten, ihren Beistand weise und
sorgfältig benutzen, ihre Forderungen ehrerbietig beachten. Wer bei
jedem Zöglinge denselben Erfolg von seinen Erziehungsmitteln und
Maßregeln erwartet, dessen Eifer wird bald erkalten, und dessen Muth
muß sinken, und alles Erziehen muß ihm zuletzt als ein zweckloses und
fruchtloses Werk erscheinen.


                                  35.

Wenn aber jeder Stillstand soll verhütet werden, so darf auch,
besonders in den eigentlichen Kinderjahren, keine lange Pause in den
Arbeiten, keine öftere Ausnahme von der Ordnung des Tages, keine
eigentliche Zerstreuung des Zöglings, z. B. durch eine Reise, Statt
finden. Man erschwert sich selbst und seinen Zöglingen das Geschäft
der Erziehung unglaublich, so oft man einen längeren Ruhepunkt macht,
und von der gewohnten Ordnung abweicht, so oft man nachläßt oder ein
Nachlassen des Zöglings gestattet und geschehen läßt. Besonders gilt
dieß von einer zu weichlichen Nachsicht und Schonung der Kinder, wenn
sie krank werden, oder kränklich sind -- von den langen Pausen, die
man bei Gelegenheit der Familienfeste und bei Zurüstungen zu diesen
Festen, besonders zu Geburtstagen, macht, auf deren dramatische Feier
nicht selten Wochen verwandt werden bei dem Einstudiren. Dagegen sind
bei dem Unterricht und bei der Erziehung ~solche~ Ruhepunkte sehr
heilsam, welche bestimmt sind, die in einem längern Zeitraum gewonnene
Fähigkeit, Fertigkeit und Kenntniß zu überschauen, und sich in vollen
Besitz derselben zu setzen. Daher gehöre es zu den Familien-Festen,
wenn ein Kind irgend eine Fertigkeit erlangt, eine Bahn des Wissens und
Lernens durchlaufen hat, und man halte über diese Einnahme des Zöglings
ordentlich Buch und Rechnung. Das Kind werde zu einem recht lebendigen
Bewußtseyn seiner erlangten Fertigkeit und Kenntnisse erhoben, und
besonders zum Bewußtseyn seiner erhöhten moralischen Kraft, indem man
es erinnert an ehemalige bange Zustände und Verhältnisse, ehemalige
Schwierigkeiten und Hindernisse, die nun nicht mehr sind. Das Gehorchen
werde erleichtert durch die Billigkeit und Angemessenheit der Gebote,
durch wohlwollende Behandlung, eingeflößtes Vertrauen, erleichterte
Ueberzeugung, daß es so recht und wohlgethan sey.


                                  36.

Am ersten wird der Eifer erkalten, und der Muth sinken, und also
Stillstand und Hemmung erfolgen bei solchen Erziehern, die sich
das Erziehen zu ~leicht~ gedacht haben, und meinten, man habe nur
zuzusehen, wie sich das Kind selbst erziehe, und ihm hie und da mit
Strafen und Belohnungen zu Hülfe zu kommen; eben so bei solchen,
die nicht Liebe genug zu den Kindern haben, und sich durch die
immer wiederkehrenden Unarten der Kinder zum Unwillen und zu einer
harten Behandlung reizen lassen, dadurch aber nichts weiter, als
einen größeren Widerstand der Kinder gegen ihre Erziehungs-Maßregeln
bewirken. Ferner bei denen, welche den Kindern ~Blößen~ geben, und
sich dadurch in ein ungünstiges Verhältniß gegen ihre Zöglinge
setzen. Endlich auch bei solchen, welche an die Untrüglichkeit
und Unfehlbarkeit ihrer Erziehungs-Grundsätze glauben, und daher
sich nicht zu fassen wissen, wenn der Erfolg nicht ihren hohen und
zuversichtlichen Erwartungen entspricht. Daraus entsteht dann leicht
ein unwilliges und hastiges Wegwerfen aller Grundsätze, und bei einem
solchen Verfahren muß allerdings der Erfolg rein ungünstig seyn, weil
dann gewöhnlich eine ganz verkehrte Behandlung des Zöglings eintritt,
alle Behandlung nach Regeln aufhört.


                                  37.

Ein Stillstand oder Rückschritt wird ferner da unvermeidlich seyn,
wo man es mit der Bildung und Ausbildung guter Anlagen ~übereilt~ und
~übertrieben~ hat, und Kinder über ihr Vermögen anstrengte, ehe die
wahre Bildungs-Periode eingetreten war. Solche Treibhaus-Erziehung
bringt nur kränkelnde Erzeugnisse hervor.

Es ist also Stillstand und Rückschritt in der Erziehung unausbleiblich,
wenn es keine feste Tages-Ordnung gibt; wenn nicht nach Grundsätzen
erzogen wird; wenn man in gewissen Perioden der Sinnlichkeit zu viel
Befriedigung verstattet; wenn die Eitelkeit und der Eigendünkel durch
falsch angewandte Ermunterungs-Mittel geweckt und genährt ist; wenn
die Lebens-Ordnung, welche eingeführt, und der Unterrichts-Plan,
welcher befolgt wird, nicht dem Alter und den Anlagen des Zöglings,
und überhaupt der Natur des kindlichen Gemüths und Geistes angemessen
ist, vielmehr ganz davon abweicht; wenn endlich Kindern Vorurtheile des
Standes und der Geburt eingeflößt werden, oder Wohlleben sie träge und
verdrossen macht.


                                  38.

~Die Lehren und die Eindrücke der Religion~ müssen allen andern Lehren
und Eindrücken Kraft und Wirksamkeit geben. Daher geschehe in der
Erziehung alles mit religiösem Geiste; aber man hüte sich dabei, den
Ton zu verfehlen, der dem jedesmaligen Alter und der Bildungsstufe,
auf welcher der Zögling steht, angemessen ist. Die Erziehung benutze
sorgfältig alle die Mittel, welche ihr zu Gebote stehen, um die
religiösen Eindrücke dem Herzen unauslöschlich einzuprägen, und da
die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist, so müsse jedes wohlwollende und
theilnehmende Gefühl sorgsam gepflegt und genährt und schon in dem
Kinde eine lebendige Ahnung seiner Menschenwürde und Bestimmung erweckt
werden.

Die Erziehung soll vor allem den Menschen zum Menschen bilden; sie soll
die Grundzüge der Menschheit nicht verwischen, sondern ihnen Kraft und
Leben geben; sie soll es auf Selbstständigkeit anlegen, und die Anlagen
zur Sittlichkeit in dem Kinde ausbilden. Diejenigen Erzieher, die dieß
verabsäumen, haben ihre Pflicht nicht halb erfüllt. Denn nie wird es
der Mensch zu wahrer Sittlichkeit bringen, wenn er nicht Ehrfurcht,
Liebe und Vertrauen gegen ein unsichtbares Wesen fühlt, welches er als
Herr seines Schicksals betrachtet. Nur dadurch erhält der Wille Kraft
und Festigkeit, nur dieß gibt den Gefühlen Lebhaftigkeit und Wärme,
der Seele eine Richtung auf das Höhere. Aber ist die religiöse Bildung
verabsäumt, so bleibt die Bildung für das ganze Leben mangelhaft und
unvollständig; nur die Religion kann das Werk des Erziehers fördern und
krönen. Gerade darum aber, weil die Religion Sache des Gefühls werden
muß, wenn sie haften und wirksam seyn soll, müssen die religiösen
Eindrücke schon in der frühesten Kindheit geschehen.

Dahin gehört die Scheu vor einem unsichtbaren und allwissenden Richter,
der belohnen und bestrafen kann; der Glaube, daß die Regungen des
Gewissens Gottes-Stimme sind; daß alles Gute von Gott kommt, und daß er
Beschützer und Führer der Menschen ist; daß er den Menschen durch seine
Gesandten seinen Willen bekannt gemacht habe -- daß er ihre Gebete
erhöre.

Dahin gehört ferner Heilighaltung der Bibel, als eines göttlichen
Buches; der Kirche, als Stätte der Andacht und Anbetung; des Sonntags,
als eines dem Herrn und unserer Seele geweihten Tages; der Festtage,
als solcher Tage, die uns an eine große Wohlthat Gottes erinnern -- vor
allen auch der letzte Tag des Jahres.


                                  39.

Die ~religiöse Bildung~ darf am wenigsten der weiblichen Seele fehlen,
weil diese mehr durch Gefühle, als durch Verstandes-Begriffe und
Grundsätze bestimmt und geleitet wird, und weil vor allem durch die
Mütter religiöse Gesinnungen und Gefühle fortgepflanzt werden sollen.
Das Menschengeschlecht wäre verloren, wenn Religiosität nicht mehr
in weiblichen Herzen gefunden, und durch sie fortgepflanzt würde,
so wie auch alle Erziehung bei Mädchen ihren Zweck nicht erreicht,
wenn sie nicht eine religiöse, und durch Religion geheiligte und
befruchtete ist. Dazu gehört nicht ein frühzeitiger eigentlicher
Religions-Unterricht, oder daß man das lallende Kind schon zum Beten
abrichte; wohl aber, daß man es durch Liebe und Ernst empfänglich mache
für die Eindrücke der Religion; daß man die Schönheiten der Natur, und
ihre furchtbaren Erscheinungen benutze, um des Kindes gerührte oder
erschütterte Seele zur Ahnung Gottes und des Göttlichen zu erheben;
daß man die, das kindliche Gemüth so sehr ansprechenden Erzählungen
und Lehren der Bibel zur Weckung religiöser Gefühle benutze, und die
einfachsten Aussprüche der Bibel seinem Gedächtnisse und Verstande
einpräge; daß man es früh zum Genuß und zum Erkennen dichterischer
Schönheit führe, und dadurch seinen Gefühlen eine höhere Richtung gebe.
Ein schönes Lied, dem Kinde mit Empfindung vorgesprochen, wird gewiß
bei den Meisten von großer Wirkung seyn. Auch das Hinführen in die
Kirche, besonders bei feierlichen Gelegenheiten, wird hiezu mitwirken;
nur verlange man nicht, daß das Kind bei dem ganzen Gottesdienste
aushalten soll. -- Schriften, wie Gumal und Lina -- ~Spiekers~ Emiliens
Stunden der Andacht -- ~Krummachers~ Parabeln und dessen Festbüchlein
-- Allwin und Theodor von ~Jakobs~, und von demselben Rosaliens Nachlaß
-- ~Witschels~ Morgen- und Abendopfer -- ~Glatz~ Andachtsbuch, werden
hiebei gute Dienste leisten, noch besser ein zweckmäßiger Vortrag der
biblischen Geschichte, und eine feierliche Morgen- und Abend-Andacht.


                                  40.

Man beobachte sorgsam alles, was einen lebhaften und guten
Eindruck auf das Kind gemacht, sein Nachdenken anhaltend beschäftigt,
seine Wißbegierde am meisten angeregt hat, und suche alle diese
Eindrücke und Regungen wieder aufzufrischen, damit die Seele dadurch
gewisse Lichtpunkte erhalte, von wo aus sich Leben, Licht und Wärme
durch das Ganze verbreite.

Je öfter die Erfahrung lehrt, daß gerade das, wovon man sich den
geringsten Eindruck versprach, die stärksten und bleibendsten bei
den Kindern machte, und das, was Eindruck machen sollte, desselben
verfehlte, desto nöthiger ist es, auf jenes zu merken, und den
Eindruck nicht verlöschen zu lassen. Dieß gilt besonders von dem,
was wohlwollende Gefühle, den Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit
weckt und belebt, was die Ahnung des Göttlichen hervorruft, das
Selbstgefühl stärkt, den Thätigkeitstrieb erhöht, zur Selbstverleugnung
ermuntert und stärkt. Bei dem einen Kinde ist's z. B. eine Aeusserung
des Mißtrauens, wodurch es tief bewegt wird; bei einem andern die
Betrübniß, die man über seine Fehltritte äussert; bei einem dritten der
Anblick eines ausgearteten Kindes; bei einem vierten das Gelingen einer
gefürchteten Arbeit -- bei einem fünften ein Geschenk von Werth -- ein
unerwartetes Lob -- ein empfindlicher oder beschämender Tadel.


                                  41.

Nothwendig muß hiernach die Erziehung modificirt werden; es bildet
sich hieraus eine ~pädagogische Klugheitslehre~. Kinder von einer
zarten Reizbarkeit, von vorzüglichen sittlichen Anlagen, und solche,
die auf alles merken, alles zu Herzen nehmen, über alles nachdenken,
wollen mit einer vorzüglichen Sorgfalt und Behutsamkeit behandelt seyn.
Lebhafte Kinder bedürfen und ertragen starke Eindrücke, phlegmatische
starke Reizmittel. Mädchen werden leicht durch Anregung der Phantasie
fortgerissen. Eine rührende Geschichte kann sie leicht für ganze
Tage zu einer gewissen Niedergeschlagenheit stimmen, oder doch ihre
Phantasie in Aufruhr bringen -- eine Schmeichelei die Eitelkeit in
furchtbarer Kraft wecken.


                                  42.

Die Erziehung lege es daher nicht so sehr auf starke und lebhafte,
als auf ~bleibende Eindrücke~ an. Diese werden durch ein sich gleich
bleibendes herzliches Benehmen, durch Erneurung und Belebung sittlicher
Regungen, durch Einflößung religiöser Gesinnungen und Gefühle bewirkt;
aber auch durch Benutzung ausserordentlicher Ereignisse, z. B.
Unglücks- und Todesfälle, Verluste, Krankheiten, durch welche besonders
der Sinn für Religion geweckt und belebt wird.

Wir hören hierüber die Bekenntnisse eines gewesenen Schulmannes aus
seinen Jugend-Jahren. (S. Neue Bibliothek für Pädagogik von Gutsmuths,
Julius und August 1812.)

»Ich vergegenwärtige mir noch lebhaft die schönen Abend-Dämmerungen,
in welchen meine Mutter, mich herumtragend, geistliche Lieder sang.
Mit sanfter, süßer Gewalt ergriffen mich diese Lieder. Ich horchte
und horchte, und mag auch wohl die Händlein gefaltet haben. Ein Reich
Gottes that sich mir auf; ich hatte an diesen Abenden, das weiß ich
noch heute, eine milde, fromme, kindliche, ich möchte sagen: heilige
Gesinnung, wie mir denn auch die gute Mutter ihre Zufriedenheit mit
meinem Thun und Treiben nicht versagen konnte, so lange diese Klänge
und Vorstellungen noch wiederhallten. Ich verstand freilich viele
Ausdrücke in diesen Liedern nicht; aber der mir zusammenhängend
verständlichen waren genug. Manches hellte mir die, zwar sehr dürftige,
Belehrung auf, und übrigens fand ich mich instinktartig zurecht. Ich
verstehe mich hier selbst wohl. Bewahre mich Gott, die Erkenntniß des
Verstandes zu verachten! Was kann herrlicher seyn, als das Denken,
welches selbst eine göttliche That ist, auf das Göttliche angewandt.
Ich meine nur, das Uebersinnliche, das im Menschen ursprünglich gesetzt
ist, als: Gott, Gewissen und Rechenschaft, wurde mir in das Bewußtseyn
gebracht durch jene Gesänge, und wenn ich einmal auf diesem heiligen
Boden war, so konnten ein Paar dunkle Vorstellungen ab und an nichts
verschlagen; die Hauptsache, der Grund aller wahren Religion, war
gewonnen. Ich segne meine Eltern, daß sie mir den Gedanken des Heiligen
eher einpflanzten, ehe noch die rechte Sünde kam, und die größere
Zerstreuung. Keine Erkenntniß zu dulden, die nicht durch den Begriff
kommt, das ist spätere Losung gewesen. Wir haben gesehen, wie weit wir
damit im Erkennen, Wollen und Fühlen gekommen sind.«

»Ich mußte früh und Abends ~beten~, vor und nach Tische, und sah es
die Eltern gleichfalls thun. Oft hatte ich keine Andacht dabei; oft
wurde ich dazu gezwungen. Ein Erzieher meiner spätern Jahre machte
es umgekehrt; er versagte mir das laute regelmäßige Beten, wenn ich
nicht gesammelt war, mit dem Beifügen, daß ich mich Gott in einer
solchen Stimmung nicht nahen dürfe, weil ich ihm mißfällig sey. Das
wirkte mächtig auf mich. Indessen entsinne ich mich keines Schadens,
den das mechanische Geplapper mir gebracht hätte. Doch kann es seyn,
daß die sinnvollere Erziehung, die ich vom neunten Jahre an ausser
dem Hause erhielt, mich vor solchem Schaden bewahrt hat. Dagegen weiß
ich, daß ich auch sehr oft andächtig betete; daß mir der Gedanke an
Gott und die Beschäftigung mit ihm etwas wurde, das sich von selbst
verstände; daß mir bei unerlaubtem Dichten und Trachten eben deshalb
die Erinnerung an Gott schneller in den Weg trat, und mich in manchem
Schlechten aufhielt; daß ich mich gewöhnte, den Tag und die Nacht als
ein Geschenk des liebevollen Gottes, und das Leben, als bedürftig der
Weihe in jedem seiner Theile zu betrachten. Ich kam zeitig unter eine
gewisse Gottesherrschaft, die dem Leben getaufter Menschen erst den
wahren Werth gibt; ich lernte endlich durch eingeimpftes Beten auch
frei beten, und meine religiösen Vorstellungen unaufgefordert an Gott
richten. Es ist in der That die Frage, ob eine allzu ängstliche Scheu
vor dem Mechanismus im Beten im Anfang der religiösen Erziehung nicht
dem höchsten, dem freien Beten selbst, auf Zeitlebens nachtheilig wird.
Mich dünkt, das Beten wolle, wie jede Seelen-Verrichtung, ~geübt~ seyn.«

»Ich bekam Bibelsprüche zum Auswendiglernen. Viele darunter verstand
ich nicht ganz; mehrere waren in der Auslegung unrichtig; erklärt
wurden mir wenige recht. Die einen habe ich in der Folge verstehen,
die andern recht erklären gelernt. Gesetzt, mir wäre Beides nicht ganz
zu Theil geworden, so hätte ich doch immer, wie geschehen ist, einen
Schatz gesammelt von Lehre, Warnung und Trost in erhaben einfacher
Sprache der Urwelt.«

»Dem häuslichen Vorlesen und Hören von Predigten habe ich als Kind nie
etwas abgewinnen können. Die Schuld mochte theils daran liegen, daß
Predigten für mein Kindesalter nicht paßten, theils an der schlechten
Declamation. Aber das häusliche Singen an Sonn- und Festtagen erbaute
mich mehr. Da ich ein vortreffliches Gedächtniß habe, so lernte ich
die vornehmsten Lieder unseres Gesangbuchs kennen, viele auswendig.
Wie mancher Vers der Gottbegeisterten Dichter ~Paul~, ~Gerhard~,
~Richter~, ~Luther~, ~Neumann~, und später des sanften ~Gellert~,
hat mich mahnend, warnend, tröstend durch das Leben geleitet! Wo die
heutige Jugend so oft trostlos schwankt, oder in wilder Verworrenheit
dem Abgrund zutaumelt, habt ihr Unsterblichen mich fest und aufrecht
erhalten.«

»Die Vorstellungen und Gefühle der Religion waren es vorzüglich, die
meine dunkeln, gemeinen, verkümmerten Kinder-Jahre erhellten, adelten
und beseligten. Eine Welt ging mir im Geiste auf, deren Schimmer die
enge sichtbare mir nicht verdüstern konnte. Mit dem Ministerknaben,
der im stolzen Prachtwagen bei mir vorüber fuhr, hatte ich einen Gott,
zu dem ich beten konnte; ich war getauft, wie er; ich erstand einst
aus dem Staube, wie er, nicht mehr gebeugt, sondern verklärt. An den
einfachern Weltverhältnissen, die ich im Evangelienbuche anschaute,
richtete sich meine schüchterne Seele auf; die festlichen Tage der
Christen brachten auch in meiner Eltern Haus einen Schimmer der Freude;
an Abendmahlstagen sah ich die höchste Erhebung an ihnen, und wie sie
da mit besonderer Scheu das Unheilige mieden, so ermannten sie sich
auch, des Lebens Sorgen wegzuwerfen. Mitten unter den Thränen, die ihr
Brod benetzten, sah ich auch oft den vertrauensvollen Blick gen Himmel
gerichtet, und hörte ein Wort wechselseitiger Tröstung gesprochen,
das nicht auf täuschende Erdenhoffnungen gegründet war. So lernte ich
zeitig etwas von der erhabensten aller Künste, zu stehen wie ein Berg
Gottes, den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenstrahlen.«


                                  43.

~Jean Paul~ sagt in seiner Levana: »Zeiget überall, auch an den
~Grenzen~ des heiligen Landes der Religion, dem Kinde anbetende und
heilige Empfindungen; diese gehen über, und entschleiern ihm zuletzt
den Gegenstand, so wie es mit euch erschrickt, ohne zu wissen, wovor.
Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde,
war ohne Worte ein Religions-Lehrer von Kindern geworden. Nicht ~mit~,
aber ~vor~ ihnen dürft ihr beten, das heißt: Gott laut danken. Eine
verordnete und befohlene Erhebung und Rührung ist eine entweihte.
Kindergebete sind ~leer~ und ~kalt~, und eigentlich nur Ueberreste des
jüdisch-christlichen Opferglaubens, der durch Unschuldige, statt durch
Unschuld, versöhnen und gewinnen will.« Das Wahre an dieser zu stark
ausgedrückten Behauptung ist wohl dieß, daß eine befohlene Andacht gar
keine ist, und daß ein Tischgebet vor dem Essen jedes Kind verfälschen
müsse.

»Gebt dem Kinde,« heißt es dort weiter, »unser Religions-Buch in die
Hand, aber schickt die Erklärung dem Lesen nicht nach, sondern voraus,
damit in die junge Seele die fremde Form als ein Ganzes dringe.
Warum soll erst der Mißverstand der Vorläufer des Verstandes seyn?
Um die schöne Frühlingszeit der religiösen Aufnahme des Kindes unter
Erwachsene -- eine so wichtige, da es vor dem Altare zum erstenmale
öffentlich und mit allen Rechten eines ~Ichs~ auftritt und forthandelt
-- um diese einzige Zeit, wo plötzlich das dämmernde Leben in ein
Morgenroth aufbricht, und dadurch das Neue der Liebe und der Natur
verkündigt, gibt es keinen schöneren Priester für die junge Seele, als
der Dichter ist, welcher eine sterbliche Welt vernichtet, um auf ihr
eine unsterbliche zu bauen.« Levana 1. 146.


                                  44.

Verhüte sorgsam alles, wodurch die Freudigkeit Deines Zöglings
geschwächt oder unterdrückt werden könnte, und erhalte ihn daher
in einer ununterbrochenen, seinem Alter und der kindlichen Natur
angemessenen ~Thätigkeit~; flöße ihm keine Furcht, sondern nur
ehrerbietige Scheu, keine Aengstlichkeit und Schüchternheit, sondern
Freimüthigkeit und Bescheidenheit ein; suche selbst da, wo Du einen
Zwang eintreten lassen mußt, seinen Willen zu gewinnen, und benimm ihm
nicht durch übertriebene Strenge und durch Pedanterie die Lust und
Liebe zu dem, was er thun soll. Störe ihn nicht in seinen Spielen; sey
kein Spiel-Verderber.

»Die Erziehung unserer Väter hatte eine düstere und abschreckende
Gestalt, und noch jetzt ist das Vaterhaus für die armen Kinder ein
Zwinger, in welchem sie, gleich eingefangenem Wild, nur gefüttert und
geschlagen werden.«

Hierin ist's besser geworden, obgleich man auch hier und da auf
das andere Extrem verfallen ist. Ganz ohne äussern Zwang geht es
freilich in der ersten Erziehung nicht ab, aber es kommt darauf an,
was für eine Farbe dieser Zwang trägt, und wie er eingeleitet wird.
Kinder sträuben sich gegen anhaltende und ernste Thätigkeit, gegen
Gehorsam und Gebot, gegen eine feste Ordnung, gegen Entbehrungen und
Entsagungen. Hier muß oft Zwang eintreten, der Wille ihnen gebrochen
werden, wenn nicht Ausartung erfolgen soll. Aber es gibt doch auch
eine freundliche und wohlwollende Strenge, es gibt Mittel, ihnen
den Zwang zu versüßen und zu erleichtern: Mannigfaltigkeit und
Abwechselung in den Beschäftigungen und Arbeiten, Herablassung und
Herabstimmung, ein freundlicher Scherz, Lob und Ermunterung, Belohnung
und gleichmäßige Thätigkeit, Sinnenlust. Es ist nicht schwer, Kindern,
deren Phantasie so beweglich ist, die Unlust zu benehmen, und dann
werden von selbst alle Kräfte rege. Man darf nur die Sinnlichkeit
der Kinder zu Hülfe rufen, und ihr einige Nahrung geben, so ist der
Wille gewonnen, »besonders da der Schmerz und die Traurigkeit der
Kinder ohne Vergangenheit und Zukunft ist.« Wer allen Forderungen
und Geboten gleich die Drohung hinzufügt, oder in einem rauhen Tone
gebietet, oder fordert, was so schwache Kräfte nicht leisten können;
wer nicht zu Hülfe ruft die Anregungen des Wetteifers, des Lobes,
der Belohnung, oder wohl gar die Arbeit als Strafe dictirt und
verordnet, der mag sich nicht beklagen, wenn ihm überall die ~Unlust~
entgegentritt. Aber die Heiterkeit und Freudigkeit der Kinder soll
nicht erkauft und erschmeichelt, oder durch dargebotenen Genuß und
durch beständige Reizmittel erzwungen werden, vor allem nicht durch
Nährung und Befriedigung des Ehrtriebes; auf diesem Wege bildet man nur
Selbstsüchtige und eitle Thoren, die keines reinen Beweggrundes mehr
fähig sind. Auch sind diese Mittel so bald erschöpft, und es entsteht
große Verlegenheit.


                                  45.

»~Heiterkeit~ oder ~Freudigkeit~ ist der Himmel, unter dem alles
gedeiht, Gift ausgenommen.« Aber wiederum die Heiterkeit kann nicht
gedeihen, wo die Sinnlichkeit der Kinder zu freigebig genährt wird;
vielmehr entsteht alsdann ein launichtes und mürrisches Wesen, und die
Kinder wissen nicht, was sie wollen. »Kleine Genüsse dagegen wirken,
wie Riechfläschchen, auf die jungen Seelen, und stärken von Thätigkeit
zu Thätigkeit.« -- Seltene Genüsse sind, nebst einer sich gleich
bleibenden Thätigkeit, die beste Nahrung für Heiterkeit und Frohsinn,
und ihre Bedingung ist Gesundheit des Leibes und der Seele.

Laß das Kind nicht zu viel und nicht zu wenig, nicht zu lange und
nicht zu kurze Zeit spielen, und überhäufe es nicht mit Spielsachen,
denn das führt nur zum Ueberdruß und zur Laune; »auch verwelkt an
reicher Wirklichkeit und verarmt die Phantasie. Vor den Kindern, deren
Phantasie noch stärker, als im Jünglings-Alter, schafft, spielt Ein
Spielzeug oft alle Rollen, und es schmeckt ihnen gerade so, wie sie es
jedesmal begehren.«

Eben deswegen bedürfen sie keines schönen Spielzeuges, denn ihre
Phantasie bildet es viel schöner, als die Kunst es vermöchte. »Daher
die Erscheinung, daß sie die häßlichsten Puppen oft am liebsten haben,
z. B. des Vaters alten Stiefelknecht an Kindes- oder Puppen-Statt
annehmen.« Hingegen je älter der Mensch wird, desto mehr bedarf er, daß
ihm eine reiche Wirklichkeit erscheine.


                                  46.

~Das Spiel ist die eigentliche Heimath der kindlichen Seele, ist sein
Paradies, auch mit dem Baum der Erkenntniß.~ Hütet euch aber, der
flammende Cherub zu seyn, der sie aus diesem Paradiese verjagt; sie
verlassen es von selbst, wenn es aufgehört hat, für sie ein Paradies
zu seyn. Spielt das Kind zu lange, nämlich auch dann noch, wenn es
schon das Bedürfniß, beschäftigt zu seyn, lebhaft fühlt, so ist
ihm das Spiel verderblich; zu wenig, so nimmt es eine unnatürliche
Richtung, und verliert seine Freudigkeit und Heiterkeit. ~Es kommt
viel darauf an, daß der Uebergang vom Spiel zum Lernen mit Vorsicht
und Klugheit geschehe.~ Bilder und bildliche Darstellungen vermitteln
diesen Uebergang am besten; aber auch hiebei beobachte man eine
weise Sparsamkeit, und gebe ihnen nicht zuerst unbekannte Thiere und
Gewächse, die ein gelehrtes Auge fordern, sondern solche Bilder, auf
welchen Menschen oder Thiere handelnd dargestellt werden. »Auch sind
kleine Bilder den Kindern angemessener und angenehmer, als große. Was
für uns fast unsichtbar ist, ist für Kinder nur klein; sie sind nicht
bloß moralisch, sondern auch physisch kurzsichtig, folglich gewachsen
der Nähe; und mit ihren kurzen Ellen, mit ihrem Leibchen, messen sie
ohnehin überall so leicht Riesen heraus, daß wir wohl thun, wenn wir
ihnen die Welt im verjüngten Maßstabe vorführen.«

Der Spielplatz ist die rechte Uebungsschule für alle moralische
und geistige Anlagen und Kräfte der Kinder; daher die Erscheinung,
daß einsam und einförmig erzogene Kinder sich so langsam und so
einseitig entwickeln, und immer rauhe Ecken behalten, die selbst die
Welt mit ihren Reibungen nicht abschleift. Aber soll der Spielplatz
eine solche Uebungsschule werden, so muß Freiheit herrschen, und die
Erwachsenen müssen nicht weiter, als wenn ein Friede zu schließen,
oder ein Beschluß zu fassen ist, als Mittelspersonen und Rathgeber,
oder höchstens als Redner mit Vorschlägen in dieser Volksversammlung
auftreten. Aber die Vorschläge, und das Abstimmen darüber kann von
gutem Nutzen seyn; nur bleibe es auch, wie in der Volksversammlung, bei
dem, was die Mehrheit beschlossen hat.

Das schönste und reichste Spiel ist Sprechen, erstlich des Kindes mit
sich, und noch mehr der Eltern mit ihm. Ihr könnt im Spiele und zur
Lust nicht zu viel mit Kindern sprechen, so wie bei Strafe und Lehre
nicht zu wenig. Levana 1r Th. S. 197.


                                  47.

»Nur Kinder sind kindisch genug für Kinder. Eltern und Lehrer sind
ihnen immer jene fremde Himmelsgötter, welche, nach dem Glauben
vieler Völker, dem neuen Menschen auf der neugebornen Erde lehrend
und helfend erschienen waren; wenigstens sind sie den Kinder-Zwergen
die körperlichen Titanen. Folglich ist ihnen in dieser Theokratie und
Monarchie freies Widerstreben verboten und verderblich, Gehorsam und
Glaube verdienstlich und heilbringend. Wo kann denn nun das Kind seine
Herrscherkräfte, seinen Widerstand, sein Vergeben, sein Geben, seine
Milde, kurz jede Blüthe und Wurzel der Gesellschaft anders zeigen und
zeitigen, als im Freistaate unter seines Gleichen? Schulet Kinder durch
Kinder. Der Eintritt in den Spielplatz ist für sie einer in ihre große
Welt, und ihre geistige Erwerbschule ist im kindlichen Spiel- und
Gesellschafts-Zimmer.«

»Wie das Schachbrett Kriegs- und Regierungs-Unterricht auftischen soll,
so wächst auf dem Spielplatz der künftige Lorbeer- und Erkenntniß-Baum.
-- Der Schaum des kindlichen Spiels sinkt zu wahrem Wein zusammen, und
ihre Feigenblätter verhüllen nicht Blößen, sondern süße Feigen.«


                                  48.

~Gesang~ gehört, wie Musik überhaupt, zu den wirksamsten Mitteln, die
Freudigkeit und Heiterkeit der Kinder zu beleben, und gleichsam einen
Fond von Freudigkeit in ihnen anzulegen. »Musik sollte eher, als die
Poesie, die fröhliche Kunst heißen; sie theilt Kindern nur Himmel aus,
denn sie haben noch keinen verloren, und setzen noch keine Erinnerungen
als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählet schmelzende Tongänge und weiche
Tonarten, ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Einige
Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber jenes nur vor
Ueberlust, da bei den Kindern unsere Erinnerung noch nicht den tönenden
Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt. -- Gibt es etwas
Schöneres, als ein frohsingendes Kind?«

Wollet ihr, daß das Kind singe, und durch Gesang fröhlich gestimmt
werde, so machet es empfänglich für Einwirkung der Musik, indem ihr
seine Gefühle für's Schöne bildet und nähret, für seine Gesundheit
sorget, es vor übler Laune und Mißmuth durch Gewöhnung zur Genügsamkeit
bewahret. Jene, von Lust und sinnlichem Genuß übersättigte Kinder,
können nie fröhliche Kinder werden, denn die Freude wohnt nicht
bei dem Ueberdruß. So wie die Menschen, welche dem Glücke gleichsam
im Schooße sitzen, nie wahrhaft glücklich, und nichts weniger, als
allezeit fröhlich sind, so noch viel weniger die Kinder, welche nie
eine rauhe Luft anwehte, denen nie ein Wunsch versagt ward.


                                  49.

Auch eine zu große Anstrengung des kindlichen Geistes ertödtet die
Fröhlichkeit der Kinder; die Seele erliegt unter der Last, die
ihrer Kraft nicht angemessen ist, und der Körper erliegt mit ihr.
Da, wo man mit ängstlicher Eilfertigkeit den Kindern gleich in den
frühesten Jahren des erwachenden Verstandes eine Masse von Kenntnissen
einzupfropfen bemüht ist, entsteht eine unnatürliche Ernsthaftigkeit,
ein verdrießliches und in sich gekehrtes Wesen, und hat das Kind auf
diese Art Schaden an seiner Seele genommen, so wird es nie wieder eine
rechte Heiterkeit gewinnen.

Vor allem aber ist Herzensreinheit und Unschuld die Quelle der
Freudigkeit und Fröhlichkeit; darum hören die Kinder auf, fröhlich zu
seyn, so bald sie etwas zu verhehlen und zu verbergen haben. Religiöse
Eindrücke und vertrauter Umgang der Eltern werden sie am sichersten
davor bewahren. Kinder, die den Allwissenden und Allgegenwärtigen
scheuen, werden nicht leicht heimlich sündigen, und wenn sie fallen,
bald wieder aufstehen. Aber erfüllet auch gern ihre unschuldigen
Wünsche, gönnet ihnen unschuldige Genüsse, sonst nöthiget ihr
selbst sie zu Heimlichkeiten, und weg ist dann ihre Freudigkeit und
Fröhlichkeit.


                                  50.

Endlich erhaltet sie im ~Umgange mit der Natur~, und reichet ihnen oft
den Becher der Freude, dadurch, daß ihr sie unter Gottes Himmel führet,
und sie die reine Himmelsluft einathmen lasset. Indem diese durch ihre
Adern strömt, ergreift Freude und Fröhlichkeit ihr ganzes Wesen. Die
Natur ist und bleibt die unversiegbare Quelle der Freude, und wer aus
dieser nicht schöpfen darf, genießt sein Leben nur halb. Aber gebt auch
den Kindern ~Gespielen ihrer Lust~, wenn ihr sie hinausführet; das
Kind, welches sich nicht mit andern Kindern freut, genießt nur halb.
Die Einsamkeit macht Kinder gemüthskrank, so wie der enge Horizont der
Stube und die Stubenluft. Der Geist wird freier, wo das Auge weit und
frei umher blicken kann. Viele Kinder verschmachten körperlich und
geistig, wenn sie nie oder zu selten hinauskommen in's Freie.

Auch der Veränderlichkeit, welche zur Natur des menschlichen
Geistes gehört, und die so wohlthätig wirkt, gib mit Weisheit nach,
damit des Kindes Freudigkeit erhalten und genährt werde, durch
die Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigungen. Wird ein Kind durch
Furcht und Strafe gezwungen, bei einer einförmigen und anstrengenden
Beschäftigung stundenlang, wohl tagelang auszuhalten, so geht leicht
Gesundheit und Freudigkeit verloren. So ist's, wenn z. B. mütterliche
Eitelkeit oder die Charlatanerie der Schule von dem armen Mädchen in
kurzer Zeit eine Arbeit erpreßt, zu welcher die höchste Sorgfalt und
Anstrengung erfordert wird. So werden oft Talente und Freuden-Tage
(z. B. Geburtsfeste) den Kindern zu Folterbänken gemacht, auf welchen
sie ihre besten Gemüthskräfte ausseufzen. Die Veränderlichkeit der
Kinder ist nicht Laune und Uebermuth, »sondern die natürliche Folge
der schnellen Entfaltungsreihe; denn das so eilig reifende Kind sucht
in neuen Ländern neue Früchte, wie ja sogar der Alte in alten neue --
und vielleicht liegt auch der Grund noch tiefer, nämlich in dem Mangel
an Zukunft und Vergangenheit, wobei ein Kind desto stärker von der
Gegenwart getroffen und erschöpft wird.«


                                  51.

Die Regel sagt: suche selbst da, wo Du Zwang eintreten lassen mußt,
seinen Willen zu gewinnen, besonders bei anhaltender Beschäftigung und
bei dem Uebergange vom Spiel zur Arbeit -- ferner bei Enthaltsamkeit
und Mäßigkeit im Genuß. Daher werde jeder reine Zwang möglichst
verhütet und vermieden, und der Gehorsam werde dem Kinde nicht
Ertödtung seiner kindlichen Gefühle und Triebe; denn dabei muß
nothwendig alle Freudigkeit verloren gehen, da sich der Erzieher in
einen Zuchtmeister verwandelt, und dem Kinde allen eigenen Willen
nimmt. Muß sich das Kind nicht gedrückt, gemißhandelt und gekränkt
fühlen, da es sich zu den Absichten und Gründen der Erwachsenen nicht
zu erheben vermag? muß es nicht störrisch, mürrisch und trübsinnig
werden, wenn man ihm gar keinen eigenen Willen zugestehen will?

»Der kindliche Gehorsam kann, an und für sich, ohne Berechnung mit
seinem Motiv, keinen andern Werth haben, als daß den Eltern Vieles
dadurch leichter wird. Oder gälte es auch für Seelenwuchs, wenn
euer Kind nun überall so vor allen Menschen, wie vor euch, seinen
Willen unterordnete, böge und bräche? Welcher gelenkige, geräderte
Gliedermensch, aufs Rad des Glücks (Gehorsam) geflochten, wäre das
Kind! Allein was ihr meint, ist nicht dessen Gehorchen, sondern seine
Antriebe dazu, die Liebe, der Glaube, die Entsagungskraft, die dankende
Verehrung des Besten, nämlich des Eltern-Paars. Und dann habt ihr
Recht. Aber um so mehr ~gebietet~ nirgends, wo euch das höhere Motiv
nicht selber aufruft und gebeut.« S. Levana 1r Th. S. 221.

~Verbieten~, besonders wenn es mit Worten der Liebe geschieht, wird das
Kind nicht so mürrisch machen, als ~Gebieten~; es wird ihm leichter,
zu unterlassen, als zu thun, weil es bei dem Unterlassen noch die
Freiheit behält, etwas anders zu thun -- ihr müßtet es denn mit euren
Verboten wie mit Schranken einengen, oder damit auf jedem Schritte
verfolgen, oder verbieten, was das Kind, weil es ein Kind, und dies
Kind ist, nicht lassen kann, z. B. zerbrechen und zerreissen, oder
lärmen und springen, oder albern seyn. -- Gebietet ihr zu viel und zu
oft, so wird das Kind furchtsam und ängstlich; immer steht ihm ein
Gebot schreckend und drohend vor Augen, und es verliert endlich alle
Heiterkeit und Freimüthigkeit: Nichts tödtet so sehr alle Freudigkeit
der Kinder, als ungerechtes Ge- und Verbieten, und nichts lähmt so
sehr ihre Willenskraft. Ein Gebot im Ton der Bitte, der Aufforderung,
wobei Liebe und Ehrtrieb zu Hülfe gerufen, oder ein ~Ableiter~ für die
Begierde aufgerichtet wird, würde anders, und besser wirken. Und der
pädagogischen Klugheit bieten sich überall solche Ableiter dar, durch
welche die Begierde nicht nur von dem Thörichten und Gefährlichen
abgeleitet, sondern auch zugleich auf etwas Gutes und Nützliches
hingeleitet wird, z. B. eine angenehme Beschäftigung, ein Auftrag, eine
Erzählung, ein Reiz für die Neugierde u. dgl. m. Und wie viel liegt
daran, daß Kinder mit Freudigkeit gehorchen lernen! -- fast die ganze
Charakterbildung. Auch ist doch nur das Gehorchen mit Freudigkeit ein
wahres Gehorchen.

»Nur den Sclaven peitscht man zum Ueberverdienst; aber selbst das
Kameel trabt nicht hinter der Peitsche, sondern nur hinter der Flöte,
schneller.« (Jean Paul.)


                                  52.

Auch durch ~Belohnungen~ und ~Bestrafungen~ suche die Erziehung auf den
Zögling und seinen Willen zu wirken; denn da die ~natürlichen~ Folgen
nicht gleich sichtbar und fühlbar, oft sogar durch dazwischen tretende
Umstände verzögert oder entfernt werden, und Kinder so erfinderisch
sind in Entschuldigungen und Beschönigungen; so sind ~positive~
Belohnungen und Bestrafungen in der Erziehung unentbehrlich, um den
Willen der Kinder von Thorheiten und Fehltritten abzulenken, und ihn
für das Gute zu gewinnen; doch müssen sie, wenn sie wohlthätig wirken
sollen, der reinen Sittlichkeit keinen Eintrag thun, und also weder in
unnatürliche Zwangsmittel, noch in Bestechungen des Willens ausarten,
(wie z. B. wenn die Leckerhaftigkeit oder die Eitelkeit, oder wohl gar
der Neid der Kinder angeregt, und als Reizmittel gebraucht wird), noch
jemals einen an sich guten Trieb, wie z. B. den Ehrtrieb unterdrücken,
oder den Muth und die Freudigkeit des kindlichen Gemüths. -- Der
Zögling selbst muß sie als nothwendig und wohlthätig erkennen, und
sie müssen keine Spur von Laune, Eigennutz oder Härte an sich tragen.
Darum ist es z. B. unverantwortlich, wenn Eltern und Erzieher von vier-
und sechsjährigen Kindern ein stundenlanges Stillsitzen bei einem
Bilderbuche oder bei einer Arbeit, bei der Fibel, dem Schreibebuche,
verlangen, und es durch Drohungen oder Versprechungen erzwingen.

Behutsam und sparsam wollen sie angewandt seyn, gleichsam als Würze der
Erziehung, damit nicht auf der einen Seite Eigennutz und Selbstsucht,
auf der andern Furcht entstehe, und der Zögling auch ~unbelohntes Gute~
liebe, und ~unbestraftes Böse~ verabscheue. Folgende Regeln sind hiebei
zu beobachten: 1) So lange es noch andere Mittel zum Zweck gibt, trete
keine Belohnung und keine Strafe ein; nur, wenn jedes andere unwirksam
blieb, oder geringe Wirkung that. Aeusserungen der Liebe wirken besser,
als Aeusserungen des Beifalls; Aeusserungen der Unzufriedenheit und
Betrübniß besser, als Verweise und Strafen. Darum sollen diese nur
im Nothfalle eintreten. 2) Kinder, die unverwöhnt, natürlich gut und
gefühlvoll sind, sollen nicht gestraft und nicht belohnt werden, denn
das würde sie nur verderben. Bei Verwöhnten ist Strafe und Belohnung
nothwendig. Eben so bei Kindern von großer Lebhaftigkeit und starker
Sinnlichkeit. 3) Man beobachte das genaueste Verhältniß gegen Verdienst
und Schuld. Wenn ein Kind sich im Memoriren auszeichnet, oder wegen
seines Phlegma's still und folgsam ist, so hat es auf keine Belohnung
Anspruch. Wenn ein Kind von dürftiger Fähigkeit keine Fortschritte
macht, so kann es nicht bestraft und nicht getadelt werden. Da, wo
eine natürliche Weichheit und Gutmüthigkeit die einzige Quelle des
Gehorsams, der Gesetztheit und Lenksamkeit ist, wird der Erziehung
durch unberufene Lobredner und freigebige unbesonnene Lobsprüche sehr
oft ihr Werk verdorben. Wo die Natur oder die Umstände Hindernisse
in den Weg gelegt haben, aber eifriges und anhaltendes Streben sich
zeigt, da werde liebreich belehrt und ermuntert. Man unterscheide
wohl bösen Willen und Schwachheit, und traue jenen den Kindern nicht
leicht zu, versage dieser die verdiente Nachsicht nicht. Daher sind
alle feststehende Strafen und Belohnungen bedenklich; denn wie oft
wird die Schuld zur Unschuld durch die Berücksichtigung der Umstände;
wie oft sinkt das scheinbare Verdienst zur Schwachheit hinab, wenn man
genauer nach seinem Ursprunge forscht. Aber bei feststehenden Strafen
kann keine von den Rücksichten genommen werden, welche Klugheit und
Billigkeit vorschreiben. So ist es besonders mit Ehrenbezeigungen.
4) Man beobachte genau die Wirkungen der Belohnung und Strafe, denn
diese sind oft ganz anders, als man sie erwartet hatte, und bei
verschiedenen Kindern verschieden. Die Furcht, welche abschrecken
sollte, reizt zuweilen, besonders bei Kindern, welche einen festen
Willen haben, und durch ihr Temperament fortgerissen werden. 5) Man
hüte sich ein Straf-Urtheil im Zorn auszusprechen, noch mehr es im
Zorn zu vollziehen. 6) Man beobachte eine gehörige Stufenfolge im
Strafen, und lasse sich durch des Kindes Widerstreben nicht reizen.
7) Sichtbare und innige Reue wende die Strafe ab, oder diese bestehe
doch nur in der Aufgabe, den Fehler wieder gut zu machen. 8) Die
sichtbare Theilnahme des Strafenden erhöhe die Wirksamkeit der Strafe,
die immer als Aeusserung der Liebe erscheinen muß. 9) Man suche die
Strafe den natürlichen Folgen der Handlungen möglichst anzupassen und
gleich zu stellen, und schließe also z. B. das zänkische Kind von der
Spielgesellschaft aus, lasse das unmäßige und leckerhafte entweder
dieselbe Kost häufig nach einander, bis zum Ueberdruß genießen, oder
fasten, oder nur das Einfachste genießen; strafe das träge Kind durch
lange Weile, das flatterhafte durch Anhalten zur Wiederholung und zum
Bessermachen, gönne dem fleißigen vorzugsweise Erholung und Vergnügen,
schließe das geschwätzige und plauderhafte für eine Zeit von allem
Umgange aus, nöthige das ungestüme zur Abbitte, gebe dem sanftmüthigen
Aufsicht über Andere -- lasse die schmutzigen sich zurückziehen --
die unordentlichen aufräumen. 10) Der Erzieher sorge dafür, daß
sein Mißfallen und seine Mißbilligung die schwerste Strafe sey, und
suche daher seinen Zöglingen Ehrerbietung und Liebe einzuflößen, ihr
sittliches Gefühl zu schärfen, ihr Ehrgefühl zu erhöhen. 11) In solchen
Fällen, wo an der Aufrichtigkeit der Reue zwar nicht zu zweifeln ist,
aber der Wille des Kindes sich noch sehr schwach und wankend zeigt,
erlasse man die Strafe nicht, aber man lasse dem Kinde die Wahl
zwischen zwei Strafen.

Bei eingewurzelten Fehlern und geringem Ehrgefühl können auch solche
Strafen sehr wohlthätig werden, die beschämen und demüthigen, z. B.
Absonderung und Entfernung, Bekenntniß und Abbitte.


                                  53.

Die Wirksamkeit der Strafe und Belohnung werde durch die Gesinnung
erhöht und befördert, welche der Erzieher dabei zu erkennen gibt: die
herzliche Betrübniß über die Fehltritte des Zöglings, das Bedauern
seines Wankelmuths, das Trauern über seinen Leichtsinn, die Freude über
seine Besserung und seine Fortschritte im Guten. Er erblicke nie den
Zorn, den eine persönliche Beleidigung entschuldigen oder rechtfertigen
würde, und zürne nur sich selbst, nie seinem strafenden Erzieher. Die
Liebe desselben sey seine höchste Belohnung, die Trauer desselben seine
härteste Strafe.

~Für Belohnungen besonders~ stehet Folgendes ~als Regel~ fest:

1. Sie werde nie für das ertheilt, was allein die Natur gab, und also
nicht errungen werden durfte, sondern nur für das, was Anstrengung,
Ueberwindung, Geduld und Beharrlichkeit kostete.

2. Man lasse sie sich nicht abschmeicheln durch ein gefälliges
Betragen, zarte Aufmerksamkeit, scheinbare Folgsamkeit. Leider
kommen auch in der Kinderwelt schon die Künste der Heuchelei und des
Schmeichelns zum Vorschein.

3. Nie Geldbelohnungen (aber wohl Geldstrafen unter gewissen
Umständen), und ~selten~, bei eitlen Kindern ~nie~, Ehren-Belohnungen;
vorzüglich dagegen Vergnügen, Befriedigung der Neugier, und einer
unschuldigen oder sogar nützlichen Liebhaberei.

4. Leckerbissen nur bei kleinen Kindern, und nur sehr sparsam.

5. Zur pädagogischen Klugheit gehört es, die Belohnung selbst zuweilen
weit hinaus zu setzen, sie nur in der Entfernung zu zeigen, und bei
schlaffen Kindern die Bedingungen zu erschweren, um Anstrengung zu
bewirken.

6. Wo möglich sey die Belohnung von der Art, daß sie bei
Verschlimmerung oder Rückfall zurückgenommen, oder eine Zeitlang
entzogen werden kann, wie z. B. ein bewilligtes Taschen-Geld,
versprochene Reise u. dgl.

7. Der Grad der Moralität bestimme den Grad der Belohnung. Daher ist es
nöthig, Kinder erst genauer kennen zu lernen, und bei Uebergängen von
einer mangelhaften Tagesordnung zu einer regelmäßigen und strengen den
Verwöhnten die Macht der Gewohnheit zu Gute zu rechnen.


                                  54.

Die ganze Behandlung des Zöglings sollte in der Erziehung eine
fortgehende Belohnung und Bestrafung des Zöglings seyn, denn die Kinder
bedürfen fast in jedem Augenblick dieser Antriebe. Daher wird diejenige
Erziehung die wirksamste seyn, wo ein liebevoller Ernst dem Zögling
Hochachtung und Scheu eingeflößt hat, und schon eine mißbilligende
Miene, oder ein einziges Wort des Tadels oder Lobes auf des Zöglings
Willen kräftig wirkt. Dem gutgearteten Kinde ist Mißfallen und
Unzufriedenheit, vor allem ~Trauer~ des Erziehers die höchste Strafe,
der Beifall und die Liebe desselben die höchste Belohnung und das
höchste Ziel seiner Wünsche.

~Bedenkliche Strafen~ bei lebhaften Kindern sind: Einsperren,
Stehenlassen, langwierige Geduldsprüfungen, Wegnehmen dessen, was sie
sehr hoch halten, Beschämung vor Fremden und vor Respektspersonen.
Dagegen sind oft sehr wohlthätig wirksam: körperliche Strafen, weil sie
der Gewalt des Temperaments ein Gegengewicht geben.

~Bedenkliche Belohnungen~ sind alle die, welche der Eitelkeit und
Vergnügungsliebe Nahrung geben, oder wobei man dem Eigennutz Vorschub
leistet, und die Kinder zur Geldliebe reizt, oder die Unbelohnten zur
Eifersucht und Mißgunst verleitet.


                                  55.

Der ~Ehrtrieb~ werde, weil er so leicht ausartet, und dann den
Charakter so sehr entstellt, nur mit der äußersten Vorsicht in der
Erziehung benutzt, und nur bei solchen Kindern, die von Natur wenig
reizbar, und mit einem sehr schwachen Gefühls-Vermögen ausgestattet
sind. Auch hüte man sich, jenes eitle Lauschen auf den Beifall der Welt
zu begünstigen, welches zur Menschenfurcht und Menschengefälligkeit
führt, und der Sittlichkeit höchst gefährlich ist. Der Beifall
achtungswürdiger Menschen erscheine zwar den Kindern als ein hohes
und schätzbares Gut, aber nie als das höchste, und das Urtheil ihres
Gewissens sey ihnen die entscheidende Stimme, der sie unbedingt
gehorchen. Keine Verirrungen sind häufiger und verderblicher, als die
des ausgearteten Ehrtriebes, und keine Vorurtheile wurzeln tiefer, als
die von Ehre und Schande. Da, wo diese Vorurtheile schon durch die
erste Erziehung, gleichsam durch Vererbung, sich festgesetzt haben,
kommt es nie zu einer richtigen und unbefangenen Ansicht der Dinge,
und es entspringen aus diesen Vorurtheilen Ungerechtigkeiten der
gröbsten Art. Hier kann nur durch Verstandesbildung und Berichtigung
der Begriffe, zuweilen durch entgegengesetztes häusliches Verhältniß
entgegengearbeitet werden. Von dieser Seite wird oft den Kindern
vornehmer Eltern die Erziehung in einer öffentlichen Erziehungsanstalt,
mit Kindern von sehr verschiedenen Ständen und Bildungsgraden, sehr
wohlthätig durch den Zwang und die Nöthigung, welche sie herbeiführt.

Kindern soll das Lob nur als eine Stärkung von Zeit zu Zeit und
sparsam gereicht werden, denn sie können nicht viel davon ertragen.
Bei jeder Gelegenheit den Kindern eine Lobrede halten, alle ihre
kleinen Geschicklichkeiten bewundern und preisen, sie ihre Künste
machen lassen, so oft Fremde erscheinen, heißt: sie methodisch
verderben. Besonders verhüte man das Loben bei talentvollen Kindern,
da diese ohnehin schon sehr bald selbst die Bemerkung machen, daß
sie sich auszeichnen, und Vorzüge haben; man dulde nicht, daß Kinder
viel bedient werden, und entferne solche dienende Personen, die den
Kindern eine Art von Unterwürfigkeit bezeigen, und sie dadurch im
Dünkel bestärken. Man kleide Kinder nicht so kostbar, oder so glänzend,
daß ihr Anzug Aufsehen erregt, und sie den Erwachsenen gleich stellt;
man führe sie nicht zu früh in große Gesellschaften, besonders in
Tanzgesellschaften.


                                  56.

Eben so bedenklich aber, wie es ist, dem ~Ehrtriebe~ zu viel Nahrung
zu geben, eben so bedenklich ist es, ihn zu ~unterdrücken~, und ihm
Gewalt anzuthun, durch beschämende und herabsetzende Strafen und durch
Demüthigungen. Hiebei sind folgende Regeln die bewährtesten:

1. Wenn die natürliche Schaam sich stark genug bei Fehltritten äussert,
so verstärke man sie nicht; vielmehr gebe man dem Zöglinge den Wunsch
zu erkennen, ihm Beschämung zu ersparen.

2. Da, wo Beschämung als Antrieb und Strafe nöthig ist, geschehe sie
doch mit möglichster Schonung, z. B. ohne Nennung des Namens, nicht vor
Dienstboten oder Fremden, ohne irgend eine Beschimpfung. So z. B. bei
wiederholten Lügen im Erzählen, bei Unordnung und Faulheit -- man lasse
dem Zögling noch einen Ausweg, die Beschämung abzuwenden.

3. Der Erzieher hüte sich, der Ehrliebe Gewalt anzuthun; er würde nur
Haß und Verachtung ernten, und Hartnäckigkeit bewirken. Daher sind
alle solche Beschämungsmittel, welche Leidenschaftlichkeit verrathen,
und der Würde des Erziehers nicht angemessen sind, von der Erziehung
auszuschließen, und es muß in Gesellschaft von Fremden manches
übersehen, und nicht auf der Stelle gerügt werden. Nie werde das
strafbare Kind dem Gespötte Anderer ausgesetzt, nie mit entehrenden
Namen belegt. Eben so unzweckmäßig ist es, Kinder bei Fehltritten
zur Selbstanklage zu zwingen, wenigstens in den meisten Fällen,
besonders wo die Schuld schon durch Aeusserungen der Schaam und Reue
stillschweigend eingestanden ist.


                                  57.

Nicht genug kann man der Menschenfurcht und Menschen-Gefälligkeit
bei Kindern entgegenarbeiten, weil dadurch so leicht sclavische
Hingebung entsteht. Aber wenn die Kinder den Tadel und die Ungunst der
Menschen als das höchste Uebel, Beifall und Gunst als das höchste
Glück betrachten, so werden sie bald dahin kommen, daß sie immer nur
~eine Rolle spielen~, und nur ~für~ die Gesellschaft und ~in der~
Gesellschaft gut seyn wollen, oder daß sie Lob ~erschleichen~, anstatt
es zu ~verdienen~, nach dem Munde reden und schmeicheln lernen; eine
Ausartung, welcher das weibliche Herz vorzüglich ausgesetzt ist.


                                  58.

Weniger ist bei dem Mädchen, als bei dem Knaben, eine ~Ausartung des
Thätigkeitstriebes~ zu fürchten, es sey denn, daß Eitelkeit und Sucht,
sich auszuzeichnen und Aufsehen zu erregen, ihr Herz beherrsche.
Daher werde die Thätigkeit des Mädchens früh, und recht vielfach
angeregt und genährt, also nicht bloß in mechanischen Beschäftigungen
und Fertigkeiten, obgleich diese vorzüglich zur weiblichen Bildung
gehören, sondern auch in geistigen. Aber jede Beschäftigung sey
den eigenthümlichen Anlagen und Bedürfnissen der weiblichen
Seele angemessen, und daher bleibe jede streng-wissenschaftliche
Beschäftigung und Bildung ausgeschlossen, da sie mit der Bestimmung des
Weibes im Widerspruche ist.

Bis zum sechsten Jahre bedarf das Mädchen noch keiner bestimmten
Richtung des Thätigkeitstriebes; wohl aber hat die Erziehung in den
ersten Jahren zu verhüten, daß er nicht geschwächt werde, und nicht
ein Hang zur Gemächlichkeit entstehe, durch eine weichliche Erziehung,
durch Verwöhnung und Verzärtelung. Auch soll in dieser Zeit der
Thätigkeitstrieb schon ~veredelt~ werden, dadurch, daß man ihn mit den
wohlwollenden Gefühlen in Verbindung bringt, und durch diese erhöht.
Dieß geschieht, indem man die Kinder daran gewöhnt und dazu anhält,
sich unter einander, und den Erwachsenen kleine Dienste zu leisten,
und auf ihre Bedürfnisse zu merken, sich von ihnen helfen, sie etwas
tragen oder bestellen läßt. Auch mit dem Schönheits- und Ordnungssinn
setze man den Thätigkeitstrieb in Verbindung, damit er moralisch und
veredlend wirke, und gebe daher Kindern oft den Auftrag, etwas zu
ordnen und einzurichten, mache sie dabei auf Symmetrie aufmerksam,
fordere sie auf, das flüchtig Geordnete besser zu ordnen, die
Verletzung der Symmetrie anzugeben, und ein Mannigfaltiges schön und
vortheilhaft aufzustellen und anzuordnen. Man gebe ihnen, wo möglich,
Gelegenheit, zur Verschönerung der Natur thätig zu seyn, und sich mit
Garten-Arbeit zu beschäftigen.


                                  59.

Ausser der Eitelkeit gibt auch der Trieb zu erwerben und zu gewinnen
dem Thätigkeitstriebe leicht eine gefährliche Richtung, oder doch
wenigstens eine ganz einseitige. Manche Mädchen finden an den
Geschäften der Haushaltung, und überhaupt an dem mechanischen und
hervorbringenden ein so großes Wohlgefallen, daß sie darüber die
Bildung ihres Geistes ganz aus den Augen verlieren, oder dagegen völlig
gleichgültig werden. Gegen diese Ausartung des Thätigkeitstriebes
sichert die Erziehung, indem sie den Sinn für das Geistige und für
geistige Beschäftigung weckt und nährt, und da vorzüglich, wo von Natur
kein Trieb dazu sich regt und die Anlagen dürftig sind. Doch auch
eben so sorgfältig sichere sie gegen eine andere verkehrte Richtung
des Thätigkeitstriebes, welche so häufig eine Wirkung der neuern
Erziehungsweise ist, nämlich die entschiedene Vorliebe für geistige und
wissenschaftliche Beschäftigungen, und Abneigung gegen die mechanischen
Arbeiten, welche doch des Weibes Bestimmung fordert.

Am besten wird jede Ausartung des Thätigkeitstriebes durch ächte
Geistesbildung, religiöse Gewissenhaftigkeit und strenge Gewöhnung an
eine feste Tagesordnung verhütet. Die vollständige Geistesbildung läßt
keine Vernachlässigung des Geistes zu; die Gewissenhaftigkeit treibt zu
einer geordneten und sich gleichbleibenden Thätigkeit, die Gewöhnung
wirkt der Zeitzersplitterung und einer launigen Gemächlichkeit
entgegen. Lieblings-Beschäftigungen wird es zwar immer für jeden
Menschen geben; aber man hüte sich, den Kindern hierin zu sehr
nachzugeben. Besonders dulde man kein Aufschieben, kein Säumen und kein
hastiges und schnelles Arbeiten, da, wo Bedachtsamkeit und Sorgfalt
erfordert wird. Unausbleiblich trete die Strafe des Nocheinmalmachens
ein, wo flüchtig gearbeitet war, und das flüchtige Mädchen werde durch
langwierige und mühsame Arbeiten festgehalten, gebessert und geprüft.
Die Zeit erscheine dem Kinde immer als ein unschätzbares Gut, und
Zeitverschwendung als die strafbarste Undankbarkeit; man lehre es die
Freude des Vollbringens kennen und schätzen, und keine Plage mehr
verabscheuen, als die der langen Weile.

Da, wo ein entschiedenes und hervorragendes Talent der Thätigkeit und
Kraftanstrengung eine bestimmte und einseitige Richtung gibt, muß
sich zwar die Erziehung mehr leidend verhalten; doch darf sie nicht
versäumen, die harmonische Entwickelung der Kräfte und Anlagen zu
bewirken, worauf doch Werth und Glück des Menschen beruht.


                                  60.

Die Eigenthümlichkeit der weiblichen Natur macht eine besondere
Behandlung des Mädchens nothwendig. Das Mädchen will mehr negativ
behandelt seyn. Durch viele positive Behandlung wird es leicht irre
gemacht in der Entwickelung seines sichern Gefühls; die Zartheit seines
Herzens geht verloren. Gleich dem zarten Gewächse überlasse man es
seiner eigenen Entfaltung, indem man es pflegt und behütet, und schon
die leiseste Berührung sey ihm warnend oder erinnernd. Daher können
Männer nicht gut Erzieher der Töchter seyn.

Die Unterhaltungen und Spiele des Mädchens müssen den sanftern
Charakter haben. Man lasse es nicht in das Knabenartige gerathen. Daher
ist auch hier größere Sorgfalt in der Wahl der Gespielen nöthig, deren
es nur wenige bedarf, da es leicht in eine gewisse Zerstreutheit und
Flüchtigkeit hinein geräth, in welcher es an Innigkeit des Gefühls so
sehr verliert, und herzlos wird. Die natürliche Neigung der Mädchen,
sich mit sich selbst und ihrer Puppe zu beschäftigen, will genährt
seyn, weil den Mädchen von der Natur bestimmt ist, mehr in der innern
Welt ihres Herzens, als in der äussern zu leben, und durch Gefühle
stark zu seyn. Bei dem Spiele aber gewöhne man es an Ordnung und an
das zu Rathe halten seiner Sachen, weil dieß, nach seiner Bestimmung,
Grundzug in dem weiblichen Charakter seyn muß. Die Zeit zum Stricken,
Lesen, Erzählen, sey eine fest bestimmte, anfangs kurz, bald (doch
nicht zu bald) bis zu Stunden ausgedehnt; man lasse es kleine
Bestellungen ausrichten, kleine Geschäfte in der Haushaltung besorgen,
sich von ihm an etwas erinnern, denn stille häusliche Geschäfte und
Besonnenheit dabei muß ihm zur andern Natur werden. Aber der früh sich
regende Hang zum häuslichen Fleiße verleite nicht, es zu viel in der
Stube zu erhalten.

Bei dem siebenjährigen Mädchen muß schon der Sinn für häusliche
Beschäftigung entschieden seyn, und wenn daher eine gewisse
Lebhaftigkeit des Geistes und der Wißbegier das Mädchen davon abzieht,
so arbeite die Erziehung dem entgegen, weil sich sonst die Mädchen in
der Folgezeit unglücklich fühlen. Besonders gilt dieß vom Lesen, worin
es unsere Erziehung so leicht übertreibt, selbst zum Nachtheil der
Gesundheit. Die körperliche freie Bewegung, welche das Gemüth, wie die
Ausbildung des Körpers, fordert, werde ja nicht verabsäumt, besonders
Tanz, damit doch ja nicht der liebliche Frohsinn, diese Sonne seines
Lebens, sinke. Es ist schön, wenn man das Mädchen überall im Hause
herum singen hört. Die Tugenden, welche sich von selbst entfalten:
Schönheitssinn, Reinlichkeit und Sittsamkeit, müssen doch sorgsam
gepflegt werden, und darum wende die Erziehung viel Zeit auf den
Anzug, und entwickele und stärke besonders bei diesem und durch diesen
jene Eigenschaften und Gefühle. Es sey schon dem Kinde unerträglich,
in einem Anzuge zu erscheinen, der auch nur auf die leiseste Art das
Auge oder das Gefühl beleidigt; dieß um so mehr, da vom siebenten oder
achten Jahre an in den meisten Mädchen schon das Bestreben zu gefallen
lebhaft sich regt, welches der Sittlichkeit so leicht gefährlich wird.
Daher ist nichts in diesem Alter gefährlicher und verderblicher, als
wenn Mädchen in Gesellschaften mit einer Kunstfertigkeit oder Talent
sich zu zeigen aufgefordert werden. So besonders das Declamiren und
kleine dramatische Darstellungen.


                                  61.

Kommt es bei der Erziehung vorzüglich auf Anregung des Sinnes für
das Gute und Schöne, und bei dem Unterricht auf die Anregung und
Entwickelung des Intellectuellen an; soll die Erziehung mehr intensiv
und der Unterricht mehr extensiv wirken, so folgt, daß ein gut
erzogener Mensch sittlich-gut und tugendhaft, ein gut unterrichteter
einsichtsvoll und gelehrt, ein gut gebildeter verständig, klug und
weise sey. In unsern Zeiten hat man die Vernachlässigung der weiblichen
Bildung, deren die Vorfahren sich schuldig machten, erkannt und zu
verhüten gesucht. Aber man ist auf das andere Extrem gerathen. Dem
Weibe ist mehr ~Fertigkeit~, als ~Wissen~ nöthig, mehr sittliche,
als wissenschaftliche Bildung, und es ist theils vergebens, theils
verderblich, daß man es darauf anlegt, dem Mädchen durch einen
streng-wissenschaftlichen Unterricht eine Ausbildung zu geben,
die man wohl ~Verbildung~ nennen mag, und sie zu sehr an den Genuß
der Lectüre zu gewöhnen, durch den sie leicht eine Abneigung gegen
mechanische Beschäftigung erhalten, die dann schwer zu besiegen ist.
Nichts hat man sorgfältiger zu verhüten, als daß das Mädchen sich
nicht unglücklich glaube und fühle, weil es durch seine Bestimmung zu
einförmigen und mechanischen Beschäftigungen verpflichtet ist, und
sich nicht dünken lasse, für diese Beschäftigung zu gut zu seyn. Daher
präge man ihnen die Wichtigkeit dieser Beschäftigung, und ihren Einfluß
auf den Wohlstand des Hauses, und den heitern Genuß des Lebens tief
ein, und gebe nicht zu, daß sie sich unter jeglichem Vorwande davon
lossprechen. Man zeige ihnen, wie viel Besonnenheit, Ueberlegung,
Einsicht und Selbstbeherrschung die Führung der Haushaltung erfordere,
und wie planmäßig dies alles eingerichtet werden könne und müsse.
Schon das zehnjährige Mädchen habe ihren kleinen Antheil an den
Haushaltungsgeschäften, und ihren Wirkungskreis, dabei Anleitung zu
solchen Fertigkeiten, die im Hause nöthig sind.

Da ferner das Mädchen durch die äusseren und inneren Verhältnisse
des Geschlechts, und durch seine ganze Lage in der Gesellschaft zum
Entsagen und Ertragen bestimmt und verpflichtet ist, so hat die
Erziehung ganz vorzüglich hierauf Rücksicht zu nehmen, und besonders
dem Geselligkeitstriebe und der Neugier entgegen zu arbeiten, denn
beide stellen sich den Forderungen der Pflicht entgegen, und werden am
häufigsten gereizt; sie üben die stärkste Gewalt über das weibliche
Herz aus. Darum ist Eingezogenheit die gedeihliche Witterung, in
welcher sich alle Keime des Guten in dem Mädchen glücklich entfalten,
und ein zerstreutes, geräuschvolles Leben der Tod der ächten
Weiblichkeit. Da der Geselligkeitstrieb wegen des vorherrschenden
Hanges zur Mittheilung in dem weiblichen Herzen so mächtig wirkt, so
muß er nur sehr vorsichtig befriedigt werden. Der Neugier gebe man nur
selten Nahrung; sie wird leicht die ergiebige Quelle vieler Thorheiten,
und läßt keine Liebe zur häuslichen Eingezogenheit und Einförmigkeit
aufkommen; sie gewinnt leicht eine solche Herrschaft über das Herz, daß
alle weibliche Würde dabei verloren geht, besonders wenn der Umgang
mit Dienstboten sie nährt. Je mehr die Wißbegierde belebt und genährt,
das Mädchen in harmonischer Thätigkeit erhalten, sein Sinn auf das
Schöne und Edle gelenkt wird, desto freier wird es von den Fesseln der
Neugierde.

Desto leichter wird es ihm aber auch werden, zu ~entsagen~, sich selbst
zu verleugnen und zu ~erdulden~, besonders wenn die wohlwollenden
Gefühle durch eine sanfte und liebevolle Behandlung und durch eine
religiöse Erziehung genährt sind. Doch in dem zarten Alter, wo die
Sinnlichkeit noch so mächtig, und die Vernunft noch so ohnmächtig ist,
lege man ihm nicht ausdrückliche Entsagungen und Entbehrungen auf,
wenigstens nicht ohne die sorgfältigste Rücksicht auf seine Kraft,
damit nicht der liebliche und wohlthätige Frohsinn verloren gehe.

Schamhaftigkeit, Reinlichkeit und Sittsamkeit, so wie alle andere
weibliche Tugenden, werden zwar von selbst in dem Herzen des Mädchens
erwachen, wenn die Behandlung in der Kindheit nicht eine ganz verkehrte
ist; doch müssen auch sie gepflegt und genährt werden, besonders bei
dem achtjährigen Mädchen.


                                  62.

»Da das Mädchen in der Regel nach dem achten Jahre aus seiner
kindlichen Unbefangenheit heraustritt, so will es von da an sorgsam
beobachtet, regelmäßig und anhaltend beschäftigt, positiver behandelt
seyn, damit durch äussere Einwirkung und Verhältnisse die innere gute
Natur bewacht und gesichert wird, vor allem durch die wohlthätige
Macht guter Gewohnheiten und Beispiele. Doch ist es schwer, hier den
rechten Ton in der Erziehung zu treffen, und dem Mädchen nicht zu viel
von seiner liebenswürdigen Natürlichkeit und Herzenseinfalt zu rauben,
indem man es an äussere Zucht und Sitte, an das Anständige, Ehrbare
und Zarte gewöhnt. Es kommen Fälle vor, in welchen man sich genöthigt
sieht, die äussere gesellschaftliche Bildung fast aufzugeben, um
Mädchen nicht zu verderben durch aufgedrungene Natur. Die Mädchenschule
ist von dieser Seite nicht ohne Nachtheile und selbst nicht ohne
Gefahr. Man denke nur an die fade Geschwätzigkeit und Modesucht,
und wie leicht dadurch, so wie durch das Wohlgefallen am Figuriren,
der reine naive und natürliche Sinn verloren geht; wie leicht eine
Abstumpfung des Gefühls durch unzarte oder schonungslose Behandlung
erfolgen kann.« ~Schwarz Erziehungslehre~ 3. 1. S. 218.

Ein vortreffliches Bildungsmittel, sowohl für die wohlwollenden
Gefühle, als für die Thätigkeit, ist es, wenn das Mädchen früh mit
kleinen Kindern, besonders mit Geschwistern, sich zu beschäftigen
hat, wenn man ihm zuweilen die Sorge für sie überträgt, besonders in
Krankheit, und die Aufsicht über ihre Spiele. Wunderbar und herrlich
wirkt dann die Liebe, die Gott so tief in die Seele des Mädchens
gepflanzt hat, und sie haben dabei einen Lebensgenuß, der nicht zu
beschreiben ist. Die Uebung in der Geduld, Sanftmuth, Nachgiebigkeit
und Selbstverleugnung bei diesem Geschäft ist höchst wohlthätig. --
Nur wache man, daß sie es nicht zu weit treiben, nicht die Kinder
verziehen, und lege ihnen keine zu schwere Last auf.


                                  63.

Mit dem vierzehnten Jahre muß sich alle Sorgfalt und Einwirkung
der Erziehung verdoppeln, weil dann ein Erwachen des Mädchens zum
deutlicheren Bewußtseyn eintritt, und ein höheres Gefühl für die Würde
und für die äussern Vorzüge des Geschlechts, zugleich Ansprüche und
Verlangen, welchen die Erziehung entgegen zu arbeiten, oder vielmehr,
welchen sie den Widerstand der vernünftigen Ueberlegung entgegen
zu stellen hat. Das Mädchen wird nun aufmerksamer auf Menschen und
menschliche Verhältnisse, sieht und hört gleichsam schärfer, fühlt
tiefer, und wird nun leicht von Täuschungen der Eitelkeit und des
Leichtsinns geblendet. Hier ist es nicht genug, daß die Erziehung
höhere Forderungen an das Mädchen mache, von ihm Ueberlegung und
Besonnenheit, Ausdauer und Geduld, sorgfältigere Beobachtung des
Schicklichen und Anständigen verlange; sie muß auch dem Herzen, welches
in dem Kampfe zwischen Vernunft und Sinnlichkeit sich gedrückt und
beängstigt fühlt, mit ihrer ganzen ~Liebe~ zu Hülfe kommen und mit
einer ~weisen Strenge~; denn gerade in diesem Alter ist pünktlicher
Gehorsam eben so nothwendig, als wohlthätig, weil er die Kraft der
Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung übt, und das Mädchen der
Gewalt der Leidenschaft entzieht. Wenn Mädchen in diesem Alter
in Zerstreuungen verwickelt, an den Genuß des gesellschaftlichen
Vergnügens gewöhnt, mit den Eitelkeiten des Lebens bekannt gemacht,
und in seine Täuschungen verstrickt werden, so sind sie in den meisten
Fällen für ihre ganze Bestimmung verloren. Die regelmäßigste und
mannigfaltigste Beschäftigung muß hier, vereint mit der religiösen
Ausbildung, jeder Ausartung entgegenwirken, und besonders auch jede
krankhafte Ueberspannung der Gefühle, so wie die Uebermacht der
Phantasie verhüten. Das weibliche Gemüth mit seiner Reizbarkeit,
Weichheit und Behendigkeit der Empfindung, nimmt so leicht in diesem
Alter eine unglückliche Richtung, und wenn das Gefühlsvermögen des
Weibes einer weit höheren Ausbildung fähig ist, als das männliche, so
ist es auch einer weit größeren Ausartung fähig; und besonders zwei
Klippen sind es, woran die Würde und die Ruhe weiblicher Seelen so
leicht scheitert, Gefallsucht und Vergnügungssucht. Wenn daher die
Erziehung hier nicht zu rechter Zeit entgegen arbeitet, auf der einen
Seite durch die sorgfältigste Bildung des Verstandes und Belebung des
Bewußtseyns menschlicher und weiblicher Würde, auf der andern durch
Gewöhnung an häusliche Stille und Eingezogenheit, und durch Uebung
des Herzens in der Selbstverleugnung: so wird die Ausartung nicht zu
verhüten seyn. Die Meinung, daß junge Mädchen ihres Lebens froh werden
müßten in sinnlichem Genuß, und daß man es hierin nicht zu genau nehmen
dürfe, da doch das Herz sie so mächtig zum Vergnügen hinziehe, und dann
die mütterliche Eitelkeit selbst, die in der Schönheit der Tochter,
und in der Aufmerksamkeit, die sie erregt, Befriedigung findet,
bringen hier die traurigsten Mißgriffe hervor. Vergnügungssüchtige
und gefallsüchtige Mädchen machen die furchtbarsten Fortschritte im
Leichtsinn, der ohnehin diesem Geschlecht so natürlich ist, setzen
sich bald über die stärksten Regungen des Gewissens und sittlichen
Gefühls hinweg, oder betäuben sich dagegen, und bringen es zu einer
höchst verderblichen Abneigung gegen alles Ernsthafte und Anstrengende.
Wie die Eitelkeit die Grundlage der sittlichen Ausbildung, nämlich
die Selbstkenntniß, unmöglich macht, so die Vergnügungssucht allen
Eifer und alle Ausdauer bei dem, was Anstrengung fordert. Diese
Verirrungen des Schönheitssinnes und diese Ausartung der Sinnlichkeit
haben theils in einer mangelhaften Verstandesbildung, theils in der
Einseitigkeit der Erziehung überhaupt, und in der Unbekanntschaft mit
geistigen Freuden, oder in der Unempfänglichkeit für geistige Genüsse
ihren Grund. Daher die Erscheinung, daß viele, für gebildet geltende,
Weiber sich unbeschreiblich langweilen, wenn man ihnen zumuthet, an
geistigen Genüssen Theil zu nehmen, und daß sie alles in ein Spiel
ihrer Eitelkeit und in Genuß verwandeln wollen, und immer Unterhaltung
fordern.


                                  64.

Das Mädchen soll der Erziehung eine selbstständige Existenz verdanken;
sie soll durch die Erziehung mit all den Kenntnissen und Fertigkeiten
ausgestattet werden, welche die weibliche Bestimmung und der
weibliche Beruf in seiner weitesten Ausdehnung fordert, damit sie
entweder Vorsteherin eines Hauswesens, oder Erzieherin, oder Beides,
oder nur eine Gewerbtreibende seyn könne. Man achte dabei auf die
besondere Richtung ihrer Haupt-Neigung, damit kein eigentliches Talent
unausgebildet bleibe. Zum Zeichnen, zur Musik und zu den wesentlich
nothwendigen Handarbeiten werde es bestimmt angehalten, doch im
richtigen Verhältnisse zur übrigen Ausbildung, und ohne daß irgend ein
Zweig derselben mit Zurücksetzung der übrigen herausgehoben werde.
Denn nichts hält den Erfolg der Erziehung, besonders in so fern sie
Ausbildung des Geistes ist, mehr auf, als das rastlose Hinarbeiten auf
die Entwickelung eines einzigen Talents. Das eigentlich Menschliche,
die Bildung zu einem Vernunftwesen, und das glückliche Gleichgewicht
der Seelenkräfte geht dann ganz verloren, und es entsteht eine
Einseitigkeit und Beschränktheit der Ausbildung, welche das ganze Leben
in einen Mechanismus verwandelt, und es dem Menschen unmöglich macht,
sich zu höhern Ansichten des Lebens zu erheben, und das Edle, das
Erhabene und Göttliche in seine Seele aufzunehmen.

Die Erziehung hat noch nicht alles gethan, was sie thun soll, wenn
sie nur dafür sorgt, daß das Mädchen für den Beruf, der ihr zunächst
durch die Bestimmung ihres Geschlechts angewiesen ist, sorgfältig
und zweckmäßig gebildet werde; sie hat noch eine wichtige Rücksicht
zu nehmen auf die Verhältnisse des weiblichen Geschlechts in der
bürgerlichen Gesellschaft und auf das, was diese Verhältnisse fordern,
nämlich solche Fertigkeiten, Geschicklichkeiten und Kenntnisse, wodurch
es dem Weibe möglich wird, auch wenn es allein steht, sich seine
Erhaltung und einen Grad von Selbstständigkeit zu sichern. Die immer
größer werdende Seltenheit des Familien-Wohlstandes, und an sich schon
die Unsicherheit dieses Wohlstandes, macht es nothwendig, dem Mädchen
einen Erwerb zu sichern, der es gegen Mangel schützt, und bei dem es
die Würde seines Geschlechts behaupten kann.

Es gibt gewisse Arten des Erwerbens, die eigentlich nie von Männern,
sondern immer nur von Weibern betrieben werden sollten, und es gehört
zu den Ausartungen, welche Verfeinerung und Luxus herbeiführen, daß die
Männer Erwerbszweige an sich gerissen haben, welche weder männliche
Körperkraft, noch männlichen Geist fordern. Es ist zu erwarten, daß der
Krieg, der so viele Männer hingerafft hat, diese Erwerbszweige wieder
in die rechten Hände bringen werde. Um so mehr muß aber die Erziehung
die Mädchen mit den dazu nöthigen Fertigkeiten ausstatten, aber auch
mit den sittlichen Eigenschaften, die Geschäft und Gewerbe erfordern.
Die Fertigkeiten sind: Nähen, Sticken, Stricken, Zeichnen, Spielen,
Singen, Verfertigung aller Arten von Kleidungsstücken, Schreiben und
Rechnen. Der Kleinhandel sollte nur von Weibern betrieben werden,
weil nur diese dem entehrenden und ausartenden Müßiggange entgehen
können, zu welchem er die Männer, aus Mangel einer anständigen
Hand-Arbeit, verurtheilt. Die Kleider für Frauenzimmer sollten nur von
weiblichen Händen verfertigt werden. In keiner Küche sollten mehr Köche
anzutreffen seyn.

Die Bildung für den Erwerb sey aber keine einseitige; die bürgerliche
Gesellschaft fordert mehr als ~eine~ Fertigkeit und Geschicklichkeit
zum Bestehen, da sie Verhältnisse herbeiführt, in welchen diese
oder jene Fertigkeit nicht ernährt. Hier achte die Erziehung auf
die natürlichen Anlagen, und bilde sie für diesen Zweck vorzüglich
aus. So werde also z. B. ein musikalisches Talent, eine vorzügliche
Singestimme, eine Anlage zur mechanischen Geschicklichkeit ja nicht
vernachlässigt, weil der Genuß, der Werth und die Ruhe des Lebens
hievon abhängt. Der ~Genuß~, weil es keinen reineren gibt, als den des
Vollbringens und des Bestehens durch eigene Kraft; der ~Werth~, weil
dies den Wirkungskreis des Weibes erweitert, und ihm einen größern
Antheil an der allgemeinen Wohlfahrt, oder auch an dem Wohl einzelner
Menschen, oder der Familie gewährt; die ~Ruhe~, weil das Bewußtseyn
einer solchen Ausbildung und der mannigfaltigsten Brauchbarkeit für
die Welt jede Nahrungssorge und jede Besorgniß wegen der Zukunft
verbannt. Und wie oft wird dadurch das Schicksal einer ganzen Familie
sicher gestellt! Wie manche Tochter ernährte durch ihre Kunst Vater,
Mutter und Geschwister. Wie viele erwerben sich als Lehrerinnen,
Erzieherinnen, Vorsteherinnen einer Beschäftigungs-Anstalt große
Verdienste. Und wie quälend ist die Aussicht in die Zukunft für die,
welche nicht durch sich selbst bestehen können!


                                  65.

Die sittlichen Eigenschaften, die mit den Fertigkeiten vereint
wirken müssen, sind: Geduld und Ausdauer, Selbstverleugnung und
Enthaltsamkeit, Besonnenheit und Ueberlegung, Erfindungsgabe. Für
die letztere Kraft in ihrer Entwickelung wirkt die Geschichte der
Erfindungen, und die Bekanntmachung mit nützlichen Verbesserungen der
gewöhnlichen häuslichen Geräthschaften. Wie oft gab schon ein einziger
glücklicher Gedanke in dieser Hinsicht einem Leben hohen Werth und
ausgebreitete Wirksamkeit, und begründete den Wohlstand einer ganzen
Familie.


                        Pädagogische Heilkunde.

Jede Abweichung von dem Gebot, welches dem Menschen durch seine
sittlichen Gefühle und seine Vernunft in's Herz geschrieben ist,
und jede Ausartung der natürlichen Triebe, ist Krankheit der Seele,
und erfordert Heilung. In der Kindheit entstehen diese Krankheiten,
und werden oft nur dem sorgfältigen Beobachter und dem geübtern
Auge sichtbar; bleiben sie unentdeckt, und also in ihren Anfängen
ungehemmt, so gehen sie in den Charakter über. Jede Unart hat in der
Vernachlässigung der Erziehung, oder in einem nachtheiligen Einflusse
des Körpers und der physischen Gewöhnung ihren Grund.

Jede Unart ist in ihrem tiefsten Grunde Keim des Guten, der aber
verwahrloset, oder unter ungünstigen Einflüssen untergegangen ist,
oder auch eine falsche, gewöhnlich einseitige Richtung, welche irgend
eine Seelenkraft genommen hat. Soll die Heilung gelingen, so muß die
Natur der Krankheit von dem Erzieher richtig erkannt, ihr Zusammenhang
mit andern Uebeln und mit dem Guten erforscht und berücksichtigt, also
ihr Ursprung mit Sicherheit entdeckt, ihr Grad richtig aufgefaßt, das
Heilmittel weise gewählt und mit eben so viel Geduld, als Einsicht
angewandt werden, damit nicht, indem das eine Uebel weggeschafft wird,
ein anderes hervorgebracht oder herbeigeführt werde. Der Erzieher
kann, z. B. die Trägheit des Zöglings überwältigt, aber dadurch, daß
er gewaltsame Mittel anwandte, demselben die Lust und Liebe und die
kindliche Fröhlichkeit genommen haben, oder indem er dem Eigensinnigen
den Willen brach, ihm auch das Herz gebrochen haben, oder indem er den
Leichtsinn bekämpfte, das Kind verstockt, scheu und ängstlich gemacht
haben.

»Auf zweierlei Art werden Unarten geheilt: entweder durch Ablenkung
der Aufmerksamkeit und Neigung des Kindes, im Ganzen und im Einzelnen,
also negativ, oder auch positiv durch Strafen.« Das erste ist hier
unstreitig das Wohlthätige und Wirksamere, eine gründliche Heilung,
wobei nicht leicht ein neues Uebel sich zeigt, und wird vorzüglich auf
~die~ Art angewandt, daß man entweder das Kind in eine ganz andere,
und zwar in eine solche äussere Lage bringt, in welcher es gar keine
Reizung zu seiner Unart erhält, oder auch, daß man einen Gegenreiz, z.
B. Erregung der Neugierde, des Ehrtriebes, der Furcht, der Hoffnung,
anwendet, um seinen Neigungen eine bessere Richtung zu geben.

Da die Unarten und die Fehler der Kinder nichts anderes, als
verwahrlosete Keime des Guten sind, so steht der Unart immer eine
Tugend gegenüber, und da jede Unart wiederum, sich verstärkend, andere
nach sich zieht oder erzeugt, so gibt es so viele Reihen von Unarten,
als es Tugenden des Kindes gibt.

Die ersten beiden Reihen können nichts anderes seyn, als verkehrte
Richtungen der Kraft, oder Mangel an Kraft und Trieb, also Trägheit.
So z. B. wenn Kinder bei einer großen Lebhaftigkeit, und einem
ungewöhnlichen Drange zur Thätigkeit, nicht hinreichende Beschäftigung
finden, und also lange Weile empfinden -- oder wenn man sie in der
Periode, da noch der Spielgeist seine volle Kraft hat, zu angestrengter
Aufmerksamkeit beim Lernen nöthigt, und ihnen dadurch einen Widerwillen
gegen das Lernen beibringt -- oder zu der Zeit, da sie noch nicht
sichtbare Fortschritte in der sittlichen Verbesserung machen können,
unaufhörlich tadelt und krittelt, und dadurch in einen Zustand der
Spannung und des Mißmuths versetzt -- oder ohne Nachsicht straft, wo
erst die Kraft der bessern Gewöhnung eintreten müßte. Ist es nicht
natürlich, daß das Kind muthwillig, oder auch schlaff und träge wird,
weil sein Thätigkeitstrieb keine Befriedigung erhält? Darum soll der
ganze Umgang der Erwachsenen mit Kindern eine fortgehende Befriedigung
ihres Thätigkeitstriebes, und eine Richtung desselben auf das
Nützliche und Gute seyn. Wiederum, wenn Eltern oder Erzieher Lieblinge
haben, denen sie alles verstatten, alle Unarten ungestraft hingehen
lassen; müssen diese nicht eigensinnig, herrschsüchtig, trotzig
und selbstsüchtig, und die um der Lieblinge willen zurückgesetzten
verschlossen, boshaft und verdrossen werden? Bei solchen Kindern ist
es eine verkehrte Behandlung, sie durch Liebkosungen und wohl gar
Schmeicheleien an sich zu ziehen, oder durch anderweitige Reizungen
ablenken zu wollen. Gründlich können sie nur geheilt werden, wenn man
sie aus dem ganzen ungünstigen Verhältnisse heraus und in ein besseres
versetzt, mit liebreichem Ernst und Festigkeit ihnen entgegen tritt,
keine Aeusserung der Bosheit oder Herrschsucht ungerügt läßt, sie
möglichst vor Reizungen bewahrt, jede Regung besserer Gefühle durch
Lob und Ermunterung unterstützt, durch regelmäßige Beschäftigung und
gleichmäßige Behandlung sie an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen
sucht, die sittlichen Regungen belebt und stärkt. Verzogene Kinder
sind nicht undankbar gegen eine solche Bestrebung, sie zu bessern;
sie fühlen es bald, daß man ihnen wohl thut, wenn nur überall Liebe
und Wohlwollen durchblickt, fühlen besonders das Wohlthätige der
Beschäftigung. Nur werde jede verächtliche Behandlung vermieden, denn
diese erregt Abneigung und Widerwillen; auch Ironie und feiner Spott,
Satyre und Bitterkeit im Tadel thun entgegengesetzte Wirkung.

Eine eben so schwere Aufgabe für die Erziehung und eben so schwer im
Umgange zu behandeln, sind solche Kinder, die überfüllt sind durch
einen planlosen Unterricht mit unverdautem Wissen, und in welchen
sich Dünkel und Trägheit zugleich festgesetzt haben, weil sie sich
bei dem Unterricht immer nur leidend verhielten, ohne Anregung und
Uebung des Nachdenkens. Verwöhnt durch eine Behandlung, bei welcher
man ihnen alle Anstrengung ersparte, versunken in eine Zerstreuung und
Schlaffheit, die alle Geisteskräfte in Schlummer wiegt, machen sie der
Erziehung durch beständige Unruhe und Unmuth, wohl durch Unbändigkeit
und Ausgelassenheit viel zu schaffen. Das sind die traurigen Folgen
einer planlosen Erziehung in Häusern, wo ein gewisser Wohlstand
herrscht, und es nicht an Zerstreuung fehlt. Dabei kann doch hie und da
Talent hervorblicken, und das Bewußtseyn im Kinde seyn, daß es etwas
vermöge; aber desto mehr macht es dann durch Ansprüche dem Erzieher
zu thun, desto schwieriger ist die Aufgabe, es bei dem Mechanischen
festzuhalten, und es an Regelmäßigkeit und Tagesordnung zu gewöhnen.
Das Ungewohnte erregt ihm widrige und schmerzliche Gefühle. Das
Anhalten zur Ordnung dünkt ihm Gewalt und Bedrückung, und es tritt bald
in ein feindseliges Verhältniß gegen den Erzieher, wenn dieser nicht
Klugheit und Mäßigung genug hat, sich mit dem langsamsten Annähern an
sein Ziel zu begnügen, und in die nothwendige Strenge die Milderung
eines sichtbaren Wohlwollens zu legen. Ein besser gezogenes Kind neben
dem verzogenen und verwöhnten thut hier treffliche Dienste. Ist dies
Mittel nicht vorhanden, so muß man eine Lieblings-Neigung des Zöglings
und den Ehrtrieb zu Hülfe rufen, um ihn für eine regelmäßige und
angestrengte Thätigkeit und für pünktlichen Gehorsam zu gewinnen. In
dem Umgange mit solchen Kindern ist es sehr schwer, den rechten Ton zu
treffen, der sich von zu großer Strenge und Milde gleich weit entfernt.

Zweierlei Unarten stehen ferner dem Fleiß entgegen, Faulheit und
verkehrte Thätigkeit. Jene ist theils mehr im Körperlichen, theils
mehr im Geistigen, theils in beiden zugleich, und versteckt sich wohl
unter scheinbarer Thätigkeit. Die Weichlichkeit und falsche Güte in
der Erziehung erspart den Kindern jede Anstrengung, und verwöhnt sie
dadurch so sehr, daß jede Art der Thätigkeit ihnen Qual dünkt. Die
Faulheit zieht aber, da sich nun aller Trieb auf den Genuß richtet,
Gefräßigkeit und Leckerhaftigkeit nach sich, macht eben dadurch die
Kinder diebisch, lügenhaft und unreinlich. Nicht genug kann man daher
bei Kindern der Faulheit entgegenwirken, nicht sorgsam genug sie
dem Müßiggange entziehen. Aber die Aufgabe ist schwer, Kinder immer
hinreichend zu beschäftigen, die zum eigentlichen Lernen noch zu jung,
dabei lebhaft, und also veränderlich sind. Wenn man bei den Erwachsenen
die Noth als Antrieb zur Thätigkeit gebraucht, so will das bei Kindern
nicht gelingen, und ist nicht immer anzuwenden. Soll man das Kind
hungern lassen? So wird es mißmüthig, und verliert die Lust und Liebe.
Oder der Plage der langen Weile übergeben? So ist zu fürchten, daß es
auf andere Abwege geräth, oder der Schlaf hilft ihm darüber hinweg. Man
versuche es lieber zuerst mit allerlei ~sinnlichen Beschäftigungen~,
und solchen, die sich dem Spiele nähern. Du sollst mir helfen! sage
man freundlich dem Kinde. Oder: wir wollen mit einander dieß und jenes
thun. Man bringe absichtlich Bücher, Geräthschaften, Geld in Unordnung,
und lasse alles wieder von dem Kinde in Ordnung bringen. Dabei suche
man durch Lob ihr Selbstgefühl und ihre Lust zu erhöhen, sey für's
erste mit jeder Leistung zufrieden, sorge für Mannigfaltigkeit
der Beschäftigung, ohne doch der Neigung zur Veränderung zu viel
nachzugeben. Man lasse Kinder recht früh schreiben, zeichnen, in
Papier ausschneiden, Papparbeiten machen, Bücher heften und einbinden,
schnitzen und ein wenig drechseln lernen, so kann man viel Abwechselung
in ihre Beschäftigung bringen. Haben sie die Buchstaben zusammensetzen
gelernt, so gebe man ihnen ein Buchstabenkästchen, und lasse sie Wörter
zusammensetzen, eine Beschäftigung, die ihnen eben so angenehm, als
nützlich ist. Bei Gedächtniß-Uebungen halte man sie besonders fest,
weniger bei Handarbeiten, welche mehr Ausdauer fordern, als zarte
Kinder haben können. Können sie schon mit einiger Fertigkeit schreiben,
so lasse man sie das Auswendiggelernte oder das, was man ihnen vor
einiger Zeit erzählt hat, aus dem Gedächtniß niederschreiben; man
lasse die, welche ein schwaches Gedächtniß haben, durch Nachsprechen
memoriren -- man ermuntere sie zum Briefschreiben, und Abschreiben, und
lasse sie kleine Verzeichnisse anfertigen, kleine Sammlungen anlegen.

Der Unreinlichkeit träger Kinder kann nur durch strenge Gewöhnung
und Anregung des Ehrgefühls entgegengearbeitet werden. Dabei sey man
unerbittlich in der Strenge.

Hat man der Veränderlichkeit der Kinder und ihrer Laune zu viel
nachgegeben, oder sie zu viel sich selbst überlassen, ohne sie
regelmäßig zu beschäftigen, so entsteht die falsche Thätigkeit
(Flatterhaftigkeit). Da gibt es ein unruhiges, bald nach diesem, bald
nach jenem greifendes Wesen, Ueberdruß und Mißmuth, so oft einige
Anstrengung oder Sorgfalt gefordert wird. Das Kind fängt etwas mit
Hitze an, läßt es aber bald wieder liegen, und fängt etwas Neues an,
ohne je zu vollenden; endlich wird es aller Beschäftigung überdrüßig,
und will nur herumlaufen, spielen, amüsirt seyn. Bei Kindern von
lebhaftem Temperament und glücklichen Anlagen entsteht dies unstäte
Wesen wohl aus Mangel an solidem Unterricht und Geistes-Nahrung, aber
auch aus Ueberfüllung mit Realkenntnissen, ohne Uebung und Anstrengung
der Denkkraft. Man muß mit solchen Kindern ganz vorne anfangen, jedoch
ohne daß sie dieß inne werden, muß vor allem Denkübungen mit ihnen
vornehmen, und sie fest zu halten suchen, indem man vom Leichtern zum
Schwerern fortgeht. Man entfernt sorgfältig alles, was sie zerstreuen,
oder sie unmuthig machen könnte; man lobt ihr Wissen, und regt ihre
Wißbegierde an durch solche Aufgaben, die Verstand und Phantasie
beschäftigen; man erlaubt ihnen für's erste keine Fragen, läßt sie aber
viel nachsprechen, um sie im Aufmerken zu üben, rechnet oft mit ihnen
im Kopfe.

Die Trägheit kündigt sich auf mancherlei Weise, nicht gerade durch
Abneigung gegen alle Beschäftigung, sondern nur gegen die, welche
Anstrengung und Ausdauer erfordert, oder die gerade jetzt gebotene an,
durch ungebehrdiges Wesen, faule und nachlässige Stellungen, Plumpheit,
Lärmen, Zanksucht und grobe Begehrlichkeiten; denn die Trägheit will
nur genießen, nicht erwerben. Mäßige Bestrafungen, kein Schelten und
Beschimpfen, bei Naschhaftigkeit strenge Strafe.

Dem Frohsinn stehen ~Trübsinn~ und ~Leichtsinn~ entgegen. Das düstere,
verdrießliche und mürrische Wesen wird den Kindern leicht zur Natur,
wenn unfreundliche und harte Behandlung, oder lange Weile ihr Gefühl
aufgeregt haben. »Es gibt,« sagt J. P. sehr richtig, »ungelenke,
verworrene Stunden (Stimmungen?), wo das Kind durchaus gewisse Worte
nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag, aber
wohl in der Stunde darauf. Haltet dieß nicht für Starrsinn. Ich kenne
Männer, die auf die Ausrottung einer üblen Angewohnheit Jahre lang
losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dieß auf
Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal
abzulegen befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam
schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.«
Aber auch ängstliche und zu weichliche Behandlung, ein zu sorgsames
Aufmerken auf alle ihre Bedürfnisse und Wünsche, kann diese Wirkung
hervorbringen. Nur dadurch, daß man solche Kinder durch angemessene
Beschäftigung zu einem wohlthätigen Selbstgefühl erhebt, sie durch
Entbehrung und Strafe zum Nachdenken und zur Selbstbeherrschung bringt,
sie bei jeder Regung mürrischer Laune entfernt, ihnen durch Strafe Noth
verursacht, und dadurch ihren Gedanken eine andere Richtung gibt, bei
wiederkehrender Heiterkeit sie mit besonderer Güte behandelt, aber auch
bei eintretender mürrischer Laune mit unerbittlicher Strenge -- (z. B.
ich esse nicht mit einem mürrischen Kinde!), nur dadurch wird man sie
bessern.

~Leichtsinn~ zeigt sich noch nicht im frühen Kindesalter, aber der
Keim ist da in Unachtsamkeit, Flatterhaftigkeit und Gedankenlosigkeit,
und in Gleichgültigkeit bei Lob und Tadel, in schnellem Uebergang
von tiefer Betrübniß bei Strafen zur Ausgelassenheit. Kinder, die
sich selbst überlassen sind, oder es zu gut haben, und nicht mit
der den Kindern so nothwendigen Strenge erzogen werden, sondern zu
viel Nachsicht genießen, werden leichtsinnig, und müssen es werden.
Daher ist Leichtsinn ein Uebel der höheren Stände und des weiblichen
Geschlechts. Die gutmüthige und weichliche Mutter wird gar zu leicht
die aufmerksame und willige Dienerin der Tochter; diese, zu sehr
verwöhnt, kann sich zu keiner Art von Anstrengung entschließen. --
Ist die Unart eingewurzelt, so kann man nicht genug die Achtsamkeit
des Kindes üben, und besonders die Achtsamkeit auf sich selbst, durch
einfachen Zuruf, ohne viele Worte der Erinnerung, durch Zeichen, durch
solche Aufträge, wobei große Sorgfalt und Aufmerksamkeit nöthig ist (z.
B. zerbrechliche Sachen in Ordnung zu bringen), durch Uebung des Gehörs
und Gedächtnisses, durch kluge und kräftige Warnung. Die festeren
und kräftigern Naturen sind am wenigsten zum Leichtsinn geneigt, die
weicheren am wenigsten zum Trübsinn.

Dem frommen (dankbaren) Sinne stehen entgegen ~Unfolgsamkeit~ und
~Wankelmuth~. In dem Kinde regt sich bald der Trieb zu herrschen, und
zeigt sich als Eigensinn und Eigenwille. Sehr bald entsteht daraus
Gefühllosigkeit und Widerspenstigkeit. Das unzeitige Nachgeben der
Eltern ist die nächste Ursache -- aber auch wohl ihr Eigensinn und
ihre Ungerechtigkeit. Werden die Kinder nur als Mittel des Geldgeizes
oder der Eitelkeit der Eltern gebraucht, stört man sie, um sie
kunstmäßig abzurichten, in ihren kindlichen Freuden, entsteht also
kein liebevolles Verhältniß zwischen Eltern und Kindern, so können
diese nicht dankbar seyn, sondern sie müssen sich, wo sie nur können,
dem Willen der Eltern widersetzen, da sie keinen andern Antrieben,
als den sinnlichen, folgen können. Fehlt nun noch dazu alle Pflege
des religiösen Gefühls, wie können die Kinder vor dieser traurigen
Ausartung bewahrt bleiben? Aber auch zu weichliche Güte, von Eltern
oder Großeltern, ist die Quelle dieser Unart. Finden die Kinder nie
Widerstand bei ihren thörichten Forderungen; zeigt man ihnen durch
unzeitiges und unverständiges Nachgeben und Einwilligen eine gewisse
Schwäche, oder Furcht vor ihrem Trotz und Eigensinn, so machen sie
bald die traurigsten Fortschritte in dem Ungehorsam und in der
mürrischen Widerspenstigkeit. Eine ganze Reihe von Unarten sind im
Gefolge des Ungehorsams, besonders hartes und boshaftes Wesen gegen
Niedere, Dünkel, Zanksucht. Wird dann nicht die ganze Behandlung des
Kindes geändert, und auch wohl seine äussere Lage, so daß es unter
ganz andere Menschen, und in ganz neue Verhältnisse kommt, so ist das
Uebel unheilbar. Muß es in seinen häuslichen Verhältnissen bleiben, so
darf ihm wenigstens von Seiten des Erziehers nie nachgegeben werden;
vielmehr muß ihm dieser mit einem festen Ernst entgegentreten, und ihm
sogar, wenn es schon einige Verstandesbildung hat, förmlich ankündigen,
daß es von nun an nicht mehr seinen Willen haben werde, wobei er ihm
begreiflich zu machen sucht, wie heilsam und nothwendig dieß sey, und
es, so oft es gehorsam ist, mit besonderer Liebe behandelt, überhaupt
aber durchaus herzlich. Eigentliche Strafen treten nur bei offenbarer
und beharrlicher Widersetzlichkeit ein, wobei man ihm aber Zeit zur
Besinnung läßt. Alles werde angewandt, Gefühle der Reue, des Dankes,
des Vertrauens in solchen verwahrloseten Kinder-Herzen zu wecken; man
zeige dem Kinde Bedauern und Theilnahme; man gewähre ihm Vergnügen
und Erholung, so oft es sich besser zeigte -- man erleichtere ihm das
Gehorchen durch die Art des Gebietens, und durch Entfernung der Reizung
zum Ungehorsam -- man suche ihm ein ermunterndes Beispiel vor die Augen
zu bringen; man zeige ihm Vertrauen, und strafe es nie zürnend. Zeigt
es Gefühl, so komme man ihm mit religiösen Vorstellungen zu Hülfe;
faßt es kein Zutrauen, und zeigt es kein Gefühl, so lasse man sich
dadurch nicht zu Bitterkeiten und zu harten Behandlungen reizen, werfe
ihm nicht seine Gefühllosigkeit vor, mache es aber auf Beispiele der
Dankbarkeit und Theilnahme aufmerksam, und freue sich mit ihm, wenn ihm
etwas Angenehmes, klage mit ihm, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet.

Eine Unart, welche einigermaßen mit dieser verwandt ist, besteht
darin, daß Kinder gewöhnlich gegen jeden, der nicht zu ihrer Familie
gehört, verschlossen und ängstlich, oder finster sind; eine Folge zu
weichlicher Erziehung, und einer falschen Zärtlichkeit, oder auch
der Unvorsichtigkeit, mit welcher man Kinder im zarten Alter mit der
Schlechtigkeit der Menschen bekannt macht, auch wohl die Wirkung des
den Kindern mit der ersten Nahrung eingeflößten Rangstolzes, und
der Thorheit, ihnen eine äussere Haltung und Würde beibringen zu
wollen. Sehen sie, daß sich ihren Eltern alles mit Unterwürfigkeit
nähert, und werden besonders die Dienstboten mit verachtendem Stolz
behandelt, so kann diese Unart nicht ausbleiben. Lieblosigkeit und
Willkühr, Uebermuth und prahlerisches Wesen sind die Folgen, auch
wohl Verstellungskunst, bei einigen Naturen Blödigkeit. Auch hier ist
Veränderung der Lage das beste Heilmittel. -- Die Religion muß zu Hülfe
kommen, und ein Erzieher, der sich ganz des Herzens zu bemächtigen weiß.

Das schmeichlerische und hingebende Wesen mancher zart organisirten und
mit wohlwollenden Gefühlen reich ausgestatteten Kinder darf man, wenn
sie heranwachsen, nicht dulden, auch geht es leicht in Gleißnerei über;
es ist eine Wirkung jener thörichten Weichlichkeit in der Erziehung,
die alles durch Liebkosung und Belohnung erreichen, und nie strafen,
nie Ernst gebrauchen will. Bei Mädchen entsteht daraus ein Hang zur
Empfindelei, ein geziertes und pretiöses Wesen, und Abneigung gegen
alles, was Anstrengung und Festigkeit fordert. Daher gewöhne man die
also Verwöhnten an ernste Behandlung, doch ohne Kälte und ohne Spott.

Kinder von einer besondern Liebenswürdigkeit, und glücklich und früh
sich entwickelnden Anlagen, neigen sich leicht zum Hochmuth und Dünkel
hin, weil man sie gewöhnlich vorzieht, viel aus ihnen macht, und sie
unvorsichtig lobt. Dieser Hochmuth zeigt sich im Widersprechen und in
der Rechthaberei, in der Trägheit beim Unterricht, in einem vorlauten
und unbescheidenen Wesen, und verleitet wohl zum Rollenspielen. Aus
solchen Kindern werden Egoisten, und die Welt hat nichts von ihnen zu
erwarten, wo nicht ihr Ehrgeiz Befriedigung findet. Bei Mädchen wird
Eitelkeit daraus, die sich selbst gefällt und Andern gefallen will; das
Natürliche geht ganz verloren; Albernheit, Putzsucht und Koketterie
regen sich, und alles wird nur nach der Aufmerksamkeit beurtheilt und
geschätzt, die es erregt. Der sinnliche Gegenstand des Bestrebens,
fader Zeitvertreib, Tändeln und Scheinen ist an der Tagesordnung.
Solche Kinder wollen zum Gefühl im Bewußtseyn ihres Unrechts gebracht
seyn, zuweilen durch Beschämung -- die aber sehr vorsichtig anzuwenden
ist -- am besten dadurch, daß man ihnen Fragen vorlegt, und Arbeiten
aufgibt, wobei sie ihre Schwäche erkennen und gestehen müssen -- und
endlich dadurch, daß man sie auf dem Felde des Wissens herumführt,
und ihnen zeigt, wie viel noch zu lernen und zu erringen ist, sie
aber auch zugleich mit der Menschenwürde bekannt macht, und ihnen
zuweilen Aufträge gibt, wobei sie, Theilnahme zu zeigen, Aufforderung
und Gelegenheit haben. Mißlich ist es, ihnen Bescheidene zum Muster
aufzustellen, weil dieß oft nur erbittert; besser, sie eine Zeitlang
nicht zu bemerken, und ihnen alle Gelegenheit abzuschneiden, sich
sehen zu lassen, ihnen dabei den Vorzug der Gesinnung vor dem Wissen
bemerklich zu machen.

Der Eitlen Wunsch und Streben bleibe ganz unbefriedigt, weil dadurch
die Begierde nur verstärkt werden würde, sondern man gebe ihr, was
sie wünscht, Putz und schöne Kleider; aber in ihren schönen Kleidern
lasse man sie fühlen, wie nichtig dieser Vorzug ist, und daß er
keine Ansprüche auf Werthschätzung gibt, wohl aber leicht thöricht
und unsittlich macht. Man sage ihr, doch ohne Bitterkeit, wie viel
hübscher ihr der einfache Anzug stehe, damit sie nach und nach diese
Armseligkeiten würdigen lerne. Die Mutter, die Erzieherin, die
Gespielin oder Mitschülerin gehe ihr mit dem Beispiele der höchsten
Einfachheit und Anspruchlosigkeit voran.

Alles kommt überhaupt bei der Erziehung und bei dem erziehenden
Umgange mit Kindern auf den Ton an, welcher im Hause herrscht; er ist
gleichsam das gedeihliche oder verderbliche Klima, in welchem diese
zarten Pflanzen sich entwickeln sollen. Das Beispiel der Eltern und der
Erzieher wirkt mit einer unwiderstehlichen Gewalt auf Kinderherzen,
und darum sollten Erzieher in dem Umgange mit Kindern höchst vorsichtig
zu Werke gehen. Sieht der Sohn seinen Vater täglich dem Vergnügen
nachgehen, und seine Berufsgeschäfte mit Verdruß und so schnell und so
flüchtig als möglich abmachen, so nachläßig als möglich betreiben; hört
er ihn leichtsinnig urtheilen, oder lieblos richten; läßt er sogar den
Sohn fast an jedem Vergnügen Theil nehmen, und ohne Umstände Schule und
Unterricht versäumen, wenn ein Vergnügen sich darbietet; gibt er ihm
selbst die Spielkarten in die Hände, und bringt er vor den Augen seiner
Kinder ganze lange Abende, bis in die Nacht hinein, am Spiel-Tische zu
-- er wird einen Müßiggänger, einen Spieler, oder einen Frohnknecht
in seinem Sohne der Welt erziehen, und das schreckliche Erbtheil des
bösen Beispiels wird ihn zu Grunde richten, oder ihm wenigstens alle
Menschenwürde rauben.

Eben so unglücklich muß der Erfolg einer Erziehung seyn, die es nur
darauf anlegt, den Kindern das Gepräge der conventionellen Bildung
oder des Zeitgeistes zu geben, und ihnen alles das beizubringen und
anzubilden, was in dem gesellschaftlichen Umgange gilt, und gerade
jetzt an der Tagesordnung ist, oder für Bildung ausgegeben wird.
Zwar hat sich, seit dem Freiheitskriege, eine eigene Secte in der
Gesellschaft gebildet, welche der conventionellen Form, weil sie
größtentheils französischen Ursprungs ist, den Krieg angekündigt,
und die freieste Form, welche eigentlich gar keine ist, als die
rechte angenommen hat; aber glücklicher Weise scheint es nicht, daß
die Grundsätze dieser Secte sich weit verbreiten werden, da man die
Bemerkung gemacht hat, daß sie zu einer Derbheit und Unschlachtigkeit
führen, welche endlich allem geselligen Umgange, besonders dem mit dem
anderen Geschlechte, den Untergang bringen müßte. Für die Beförderung
~der~ Selbstverleugnung, Bescheidenheit und Gefälligkeit, welche
die Natur des gesellschaftlichen Umgangs fordert, sind unstreitig
die conventionellen Formen sehr ersprießlich, und eben darum nicht
aufzugeben. Aber es ist eine merkwürdige Erscheinung, und eine für
Erzieher sehr lehrreiche, daß Naturen von einer unüberwindlichen
Unempfänglichkeit für diese Formen unter beiden Geschlechtern
vorkommen, an welchen alle Anstrengungen der Erziehung für diesen
Theil der Bildung völlig scheitern. Man möchte hieraus schließen,
daß es auch für die gesellschaftliche Bildung eigenthümliche Anlagen
gebe, und daß sie daher eben so wenig, wie z. B. die musikalische, zur
allgemeinen menschlichen Ausbildung gezählt werden dürfe, wenigstens
nicht ohne gewisse Modificationen; daß sie am allerwenigsten das
Hauptziel aller Erziehung seyn dürfe, sondern daß diese vor allem das
Reinmenschliche in dem Kinde auszubilden, zu pflegen und zu entwickeln
habe; daß also die Erziehung keinesweges in eine bloße Abrichtung für
den gesellschaftlichen Umgang übergehen dürfe. Diese Wahrheit wird
jetzt zur Freude aller derer, welche keine Sclaven des Zeitgeistes
sind, allgemeiner anerkannt, und sie hat eine Ueberzeugung geweckt,
welche fast ganz in den höheren Ständen verschwunden war, daß die
religiöse Bildung der Schlußstein aller wahren Bildung sey, und daß
man die Veredlung unseres Geschlechts nicht bloß auf dem Wege der
Verstandesbildung, nicht durch das Erkenntnißvermögen allein bewirken
könne. Man erwartet nun nicht mehr alles Heil für die Menschheit von
der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung, und überhaupt von dem
Wissen, sondern läßt der Gesinnung, als dem Höchsten im Menschen,
wieder den ihr gebührenden ersten Rang unter den Bildungsstufen der
Menschheit, wobei man aber seit einiger Zeit den Gefühlen einen zu
hohen Werth beilegt, und sie gar zu gern als Surrogat der Gesinnungen
und Grundsätze einschwärzen möchte, weil es so bequem ist, sich
dem Gefühl zu überlassen, und seinem Herzen die Anstrengungen und
Beschwerden des Handelns und der Selbstverleugnung zu ersparen. Daher
möchte es die heutige Erziehung vorzüglich auf eine recht sorgfältige
Bildung der Vernunft, und also auf feste Grundsätze anzulegen haben,
und ihre Zöglinge in einem gewissen Gleichgewicht zu halten suchen,
damit sie nicht lauter Gemüth werden, und in dem Uebermaß ihrer
Gemüthlichkeit sich der Mystik und der Frömmelei in die Arme werfen.

Drei Klippen dürften die Erzieher besonders bei dem bildenden ~Umgange~
mit ihren Zöglingen zu vermeiden haben, nämlich: 1) Daß sie es
nicht darauf anlegen, dem Zöglinge eine bestimmte Form anzubilden,
z. B. nicht die des Oberen, des Untergebenen, des Soldaten, des
Rechtsverständigen, des gläubigen Christen, des Rationalisten, sondern
darauf: Menschen zu bilden, also Vernunftwesen, welche die Kraft haben,
sich frei zu erhalten von dem Joch der Gewohnheit, des Zeitgeistes,
der Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, und der Leidenschaft.
2) Daß sie nicht jedem Zöglinge ein bestimmtes Maß von Bildungsstoff
zutheilen, und zwar nur von einer einzigen Gattung, z. B. nur
wissenschaftlichen, oder nur Kunst-Stoff, oder nur moralischen, oder
nur philologischen; sondern den ganzen Stoff ihm darreichen, und zwar
ganz unverarbeitet, denn die Verarbeitung ist die Sache der Natur, und
ohne ihm unsere Form und Ansicht aufzudringen. 3) Daß sie es nicht bei
dem Lehren, und also bei dem Wortwesen bewenden lassen; sondern ihm
diesen Stoff mehr durch Handlungen und Total-Eindrücke, als durch Worte
geben, so daß also der Zögling mehr sucht und findet, als nimmt und
empfängt, und alles aus ihm selbst hervorgehe.




                               Ueber den

                         Umgang mit Menschen.


                            Dritter Theil.




                              Einleitung.


Nach dem, was ich in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Buchs,
über die darin beobachtete Ordnung der Gegenstände, gesagt habe, führt
mich mein Plan nun zur Entwickelung der Vorschriften für den Umgang mit
Personen von verschiedenen Ständen und Verhältnissen im bürgerlichen
Leben, da ich denn, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang
mache.




                            Erstes Kapitel.

     Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fürsten, Vornehmen
                             und Reichen.


                                  1.

Man würde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fürsten,
alle sehr vornehme und alle sehr reiche Leute hätten die Fehler
mit einander gemein, durch welche viele von ihnen ungesellig, kalt
und unfähig zur wahren Freundschaft und zum Umgange werden. Allein
man versündigt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dieß bei
den mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung
verwahrloset, von Jugend auf durch Schmeichelei verderbt, durch
Andere und sich selbst verzärtelt. Da ihre Lage sie über Mangel und
Bedürfniß mancher Art hinaussetzt, da sie selten in Verlegenheit
oder Noth gerathen, so lernen sie nicht, wie nöthig ~ein~ Mensch
dem andern, und wie schwer es ist, das Ungemach des Lebens allein
zu tragen, -- wie süß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden,
und wie wichtig, Andrer zu schonen, damit man einst zu ihnen seine
Zuflucht nehmen könne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man
sie, aus Furcht oder Hoffnung, die widrigen Eindrücke, welche ihre
Fehler und Gebrechen machen, nicht empfinden läßt. Sie sehen sich als
Wesen besserer Art an, von der Natur begünstigt, zu herrschen und zu
regieren; die niedern Klassen hingegen bestimmt, ihrem Egoismus, ihrer
Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien
zu schmeicheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und
Reichen größtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen
im Umgange mit ihnen gründen. Um desto wohlthätiger zwar ist die
Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen
edeln Stolze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Ausbildung, alle
Privat-Tugenden verbindet. -- Und, es gibt Deren, selbst unter Fürsten;
-- aber sie sind Seltenheiten, und nicht immer macht der allgemeine Ruf
sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschreiber
und Journalisten darf man kein Urtheil gründen. Ich habe oft mit
inniger Betrübniß gesehen, wie der allgemein bewunderte, als Wohlthäter
des Menschengeschlechts und Beförderer alles Edeln, Großen und Schönen
gepriesene Erdengott und Liebling des Volks, in der Nähe so klein, so
erbärmlich war. ~Die besten Fürsten sind nicht selten die, von welchen
am wenigsten geredet wird, sowohl im Guten, als im Bösen.~


                                  2.

Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden abgestuft
seyn, je nachdem man ihrer bedarf, oder nicht; von ihnen abhängig,
oder frei ist. Im ersten Falle darf man wohl nicht immer so gänzlich
seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches gefallen
lassen, darf nicht so freimüthig und kühn die Wahrheit sagen, obgleich
ein fester, redlicher Mann die Geschmeidigkeit nie bis zu niedriger
Schmeichelei treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, so
wie die feinen Unterschiede der Charaktere das Verhältniß; daher ich
alle Regeln für den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den
Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was in jeder Lage
anwendbar ist.


                                  3.

Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dringe Dich den Vornehmen
und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst!
Ueberlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und Andre, wenn sie Deiner
nicht überdrüssig werden, wenn sie Dich nicht fliehen sollen! Laß Dich
vielmehr von ihnen aufsuchen! Mache Dich rar; doch dies alles, ohne daß
Deine Absicht merklich, ohne daß Dein Betragen gezwungen scheine!


                                  4.

Suche nicht, Dir das Ansehen zu geben, als gehörtest Du zu der
Klasse der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster
Vertraulichkeit! Rühme Dich nicht ihrer Freundschaft, ihres
Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts über sie!
Wenn eine solche Verbindung Dir ein Glück zu seyn scheint, so erfreue
Dich in der Stille dieses unbequemen Glücks! Es gibt Menschen, die
durchaus dafür angesehen seyn wollen, eine größere Figur in der Welt
zu spielen, und in höherem Ansehen zu stehen, als ihnen wirklich zu
Theil geworden ist. Sie führen, auf Kosten ihres Geldbeutels, den
Luxus der Vornehmen und Reichen in ihre Häuser, oder drängen sich in
deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinterher
laufen müssen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern
und genußvolleren Umgang gänzlich vernachlässigen, und treue Freunde
und weise Menschen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen
zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegenheit finden können, Zutritt in
großen Häusern zu erlangen, und hungern gern Monate hindurch, um einmal
einen Großen bei sich zu bewirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr
wird, oder es doch nicht zu schätzen weiß, vielleicht Langeweile bei
ihnen hat, alles sehr bürgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl
gar den Namen des thörichten Wirthes vergessen hat. Andre lassen es
sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeutenden und verderbten
Sitten der Großen sclavisch nachzuahmen, ihre hochmüthige Herablassung,
ihren geschäftigen Müßiggang, ihre Zerstreuung, ihr Wichtigthun, ihre
leeren Vertröstungen, ihre seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit,
Windbeutelei, Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung
ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre
lächerlichen Gebehrden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln,
Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, ihre affektirte
Kränklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Hauswirthschaft, ihre
kindischen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzüge treulich
anzunehmen und sich einzuverleiben. Ihnen ist der beste Beweis für
die Güte einer Sache ~der~, daß doch jedermann von Stande so und nicht
anders handle und urtheile; -- als ob das in der That eine Narrheit
heiligen könnte! -- Handle selbstständig! Verleugne nicht Deine
Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine Erziehung: so werden Hohe
und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen können!


                                  5.

Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der meisten
Großen; glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn
der gnädige Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt, oder uns umarmt!
Vielleicht bedarf er unserer in diesem Augenblicke, und behandelt
uns mit Verachtung, wenigstens mit Kälte, sobald dieser Augenblick
vorüber ist. Vielleicht fühlt er gar nichts bei seiner Freundlichkeit;
wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln; ist gerade in der
Verdauungs-Stunde zu unthätigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen
andern seiner Sclaven dadurch demüthigen. Man bleibe mit dieser Gattung
Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen,
und vernachlässige nie die äussere unterscheidende Höflichkeit und
Ehrerbietung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch
noch so sehr herablassen! Früh oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr
Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer
Schmeichler sie an sich zieht; und dann setzt man sich unangenehmen
Demüthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.


                                  6.

Ueberschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen der Erde,
in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist, -- die Grenzen der wahren
Ehre! Es ist eine große Versuchung für einen armen oder ehrbegierigen
jungen Menschen, der in dem Dienst eines schwachen Fürsten sich
emporschwingen will, ob er nicht dessen ränkevollem Minister, dem
regierenden Kammerdiener, oder einer tyrannischen Buhlerin huldigen
soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stürzen
sich früh oder spät selbst, und reissen dann ihre Kreaturen mit in
ihr Verderben; und wäre auch dieß nicht, so werden doch die größten
Vortheile, die man dadurch erlangen könnte, zu theuer erkauft, wenn
man dafür die Achtung weiser und rechtschaffener Männer aufopfern muß;
und das ist gewiß immer der Fall. -- Der gerade Weg hingegen führt
unfehlbar, wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften
Glücke.


                                  7.

Auch lasse man sich von den Erden-Göttern nicht nur zu keinen
unedeln Geschäften mißbrauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen
Diensten, welche man ihnen erweiset. Sie machen leicht aus jeder
Gefälligkeit eine Pflicht, und halten es nachher für Verabsäumung
unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht gerade
aufgelegt zeigen, uns eben so, wie sonst, preiszugeben. Wenigstens
vergessen sie leicht, was man für sie gethan hat. Es bat mich einmal
der *** von ***, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte,
ihm ein Paar Aufsätze in französischer und deutscher Sprache zu
verfassen, die er bei einer gewissen Gelegenheit öffentlich vorlesen
wollte, um die Gemüther zu lenken. »Es fehlt mir an ~Zeit~, mein
Lieber!« sagte er, »sonst würde ich Sie nicht bemühen; doch, Sie sind
auch in ~dergleichen~ Arbeiten geübter, als ich.« Ich wendete einige
Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte,
drückte er mich an seine Brust, dankte mir unter vier Augen, in den
zärtlichsten, herablassendsten Ausdrücken dafür, und schwur sehr
übertrieben: meine Arbeit sey ein Meisterstück von Beredsamkeit. Kurz!
er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet
hätte, bat mich aber, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that.
Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in *** zu ihm. Er erzählte
mir allerlei zu seinem eigenen Lobe. -- Ich hörte demüthig zu. -- »Und
das alles,« fuhr er fort, »habe ich durch ein Paar Memoires bewirkt,
die mir, ohne mich zu rühmen, nicht übel gerathen sind. Sie sollen sie
selbst lesen. Nehmen Sie sie mit sich nach Hause!« Er überreichte mir
darauf meine eigene Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben;
ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und
schickte ihm dann die Papiere zurück. Er wurde ein wenig beschämt, und
wir scherzten nachher darüber; -- allein so sind auch die Besten unter
ihnen!

Vor allen Dingen hüte man sich, von Vornehmen und Mächtigen in
gefährliche Händel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu
thun, und schieben dann entweder die Schuld auf den, der sich zu ihrem
Werkzeuge gebrauchen ließ, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder
lassen ihn gar darin stecken, und alles Ungemach allein erdulden,
wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den
Jahren meiner Jugend Erfahrungen gemacht. Kurz! man lasse sich ihre
Geheimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Mannes, der um ihre
Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie seiner unumgänglich
bedürfen; aber sie fürchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen,
sobald sie können, möchte man ihnen auch noch so deutlich zeigen, daß
man unfähig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu mißbrauchen!


                                  8.

Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der meisten Vornehmen und
Reichen, so wie auf ihre Versprechungen nicht bauen. Opfere ihnen also
nichts auf! Sie fühlen den Werth davon nicht, glauben, alle andre
Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig für den Schutz,
für die gnädigen Blicke, ja sogar für eine ungestörte Existenz; oder
man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch
nichts! Das hieße einen Tropfen köstlichen Balsams in einen Eimer
trüben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemälde;
ein geschickter Maler schätzte den Werth desselben auf hundert
Pistolen. Die Hälfte dieser Summe, die ich leicht dafür bekommen haben
würde, wäre bei meinen damaligen häuslichen Umständen mir äusserst
nützlich gewesen; meine Gutmüthigkeit aber, oder vielmehr meine
Thorheit, verleitete mich, das Gemälde dem Durchlauchtigsten *** von
*** zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts
zu erschleichen; aber theils wollte ich diesem Fürsten hiermit meine
Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriff stand, ihn
an ein gegebenes Wort zu erinnern, er werde nun um so bereitwilliger
sein Versprechen erfüllen; allein ich betrog mich. Er umarmte mich,
als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem
Geschenke angewiesen: doch sein Versprechen erfüllte er nicht; und als
ich mich nach Jahresfrist eines Abends zugleich mit einem Gesandten,
dem er seine Kunstschätze zeigte, in seinem Cabinette befand, sagte er
diesem Fremden in meiner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemälde
redete: »Es ist wahrlich ein schönes Stück, und ich bin ~ziemlich
wohlfeil~ dazu gekommen.« -- Er hatte also vergessen, oder wollte es
nicht gestehen, daß ich es war, der ihm diesen ~sehr wohlfeilen~ Preis
gemacht hatte; -- und ich beseufzte die verschwundene Hoffnung und die
verlorne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang hätte
leben können.

Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leihen, oder von ihnen
zu borgen. Im erstern Falle sehen sie nicht nur ihre Gläubiger als
Wucherer und als solche an, die sich eine Ehre daraus machen müssen,
den gnädigen Herren mit ihrem Vermögen aufzuwarten, sondern auch,
wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, was bei ihrer
unordentlichen Lebensweise in der Regel der Fall ist; so hat man
unerhörte Weitläuftigkeiten, hat zuweilen Mühe, Gerechtigkeit gegen sie
zu erlangen, und macht sich wohl noch obenein eine mächtige Parthei zu
Feinden. Im andern Falle aber, nämlich wenn man von ihnen borgt, wagt
man tausendfältig ihr Sclave zu werden.


                                  9.

Trage nichts dazu bei, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben,
sie moralisch zu verschlimmern! Schmeichle ihnen nicht! Nähre
nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu
nichtigen und wollüstigen Freuden! Bestärke die Großen nicht in den
Grundsätzen von angebornen Vorzügen, von Herrschers-Rechten, von
Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht
die Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht, um ihre Gunst zu
erlangen! Sey freimüthig, aber ohne die Höflichkeit zu verletzen,
und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten
Unschuld, des verläumdeten Edeln, des durch Hof-Ränke verschwärzten
Ehrenmanns an; doch mit kluger Vorsicht, ohne seine Feinde dadurch
noch mehr zu erbittern, und mit bedächtiger Rücksicht auf Deine Lage
und Verhältnisse! Befördere, unterstütze, wo Klugheit es gestattet,
die Wünsche, den guten Ruf und die billigen Gesuche Derer, die zu
schüchtern, zu arm, zu bescheiden, oder zu sehr niedergedrückt, die
verkannt, oder von zu geringem Stande sind, um sich den Palästen zu
nähern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines
verständigen, allgemein geschätzten Mannes auf diese Menschen haben
können, sowohl im Guten, als Bösen; wie gern sie alles zum Vortheile
ihres Dünkels auslegen, und wie viel man auf sie wirken kann, wenn auch
diese Wirkungen nicht sichtbar werden.


                                  10.

Man hüte sich, mit ihnen von Planen und Entwürfen zu reden, von deren
Ausführbarkeit man überzeugt ist, die aber mit Schonung und Vorsicht
ausgeführt seyn wollen, damit sie nicht auf den Einfall kommen, bloß
durch ihre Macht etwas erreichen zu wollen, was nur durch Einsicht und
Behutsamkeit erreicht werden kann; denn sie wissen immer die Schuld von
sich auf Andre zu wälzen, wenn der Erfolg nicht der Erwartung gemäß
ist! Ich erinnere mich (um nur ein ganz kleines Beispiel zu geben),
daß einst ein gewisser Prinz mit mir von einem platten Dache redete,
das er auf sein Gartenhaus hatte legen, aber wieder abnehmen lassen,
weil es zu schwer befunden ward. Mir fiel gerade ein, daß ich von
einem französischen Ingenieur-Officier gehört hatte: man könne ein
wohlfeiles, leichtes und dauerhaftes, plattes, italienisches Dach aus
einer Menge Lagen von blauem Zucker-Papiere, zwischendurch und obenauf
mit Schiff-Theer beschmiert und mit Kies bestreuet, verfertigen. Dieß
erzählte ich dem Prinzen beiläufig, ohne jedoch für die Güte der Sache
einzustehen. Lange nachher erfuhr ich, daß er den Versuch -- wer weiß,
wie? -- gemacht hätte, daß dieser mißlungen war, und daß er nicht
undeutlich zu verstehen gegeben hätte, ich sey ein Mann, auf dessen
Angaben man sich nicht einlassen dürfe.

Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit den
Großen der Erde seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller
nachtheiligen Urtheile über andre Leute, aller Ausstellungen! Sie
pflegen dergleichen zwar gern zu hören, aber die Folgen sind oft sehr
unglücklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen
herab; denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Lästerer und
Ausspäher fremder Fehler, bei dem heimlichen Bewußtseyn ihrer eigenen
vielfachen Gebrechen; und da sie ohnehin Geringere verachten, so
wächst diese Verachtung durch Aufdeckung fremder Schwachheiten. Sodann
mißbrauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, verdächtigen uns, indem
sie unsern Einfall nacherzählen, hetzen uns mit Andern zusammen. Auch
kann man ja nicht immer wissen, ob nicht das zeitliche Glück solcher
Menschen, von welchen man nachtheilig urtheilt, in ihren Händen ist;
und hinterher erschrickt man, wenn man erfährt, wie oft ein einziges,
in keiner bösen Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel faßt, und
nach langer Zeit noch die schädlichsten, unglücklichsten Folgen haben
kann. Das Gute gleitet an ihren untheilnehmenden Herzen ab; das Böse
hingegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht ausgelöscht. Am
allervorsichtigsten aber soll man in seinen Gesprächen mit Vornehmen
über andre Personen von höherem Stande seyn. Obgleich die Erdengötter
sich unter einander selten lieben, sondern mehrentheils durch allerlei
Leidenschaften getrennt sind; so hören sie doch nicht gern, daß man
die privilegirten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegenwart ohne
Ehrerbietung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm
unterhalten, und in fröhliche Laune gesetzt seyn. Thue dieß auf
unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist; aber erniedrige
Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwänke liefern muß, so
oft sie winken, und von dem sie kein vernünftiges Wort hören mögen.


                                  11.

In den Herzen der mehresten Großen wohnt Mißtrauen. Es herrscht bei
ihnen der Gedanke: alle übrigen Menschen hätten einen Bund gegen
sie gemacht. Deswegen sehen sie es ungern, wenn unter denen, welche
ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um
Fürstengunst und große Verbindungen nicht zu bewerben braucht, der kann
sich hierüber gänzlich hinwegsetzen, kann Verbindungen nach seinem
Herzen schließen; und überhaupt wird kein redlicher Mann, aus niedriger
Gefälligkeit gegen irgend einen Beschützer und Gönner, einen wahren
Freund vernachlässigen, noch einen würdigen Mann, der ihm die Hand
reicht, von sich stoßen. Wer aber an Höfen sein Glück machen will,
der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs,
seiner Vertrauten und der Gesellschaften ist, welche er am häufigsten
besucht. Es herrschen da immer Partheien und Kabalen, in welche ein
wohlwollendes, theilnehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird.
Und wenn nun eine dieser Partheien über die andere siegt, so muß oft
der Unschuldigste, in so fern er nur irgend Mitwisser bei dem, was
vorgefallen, gewesen ist, die Zeche bezahlen helfen.


                                  12.

Rede nie mit den Großen der Erde ohne Noth von Deinen häuslichen
Umständen, von Dingen, die nur persönlich Dich und Deine Familie
angehen! Klage ihnen nicht Dein Ungemach! Vertraue ihnen nicht den
Kummer Deines Herzens! Sie fühlen ja doch kein warmes Interesse dabei,
haben keinen Sinn für freundschaftliche Theilnahme; es macht ihnen
Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie
treu zu bewahren. Immer meinen sie, man wolle bei ihnen betteln, --
und sie verachten den Mann, der nicht glücklich, nicht frei ist. Von
Jugend auf glauben sie, jedermann mache Plane auf ihren Geldbeutel, auf
ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Großen von dem Augenblicke,
da wir etwas zu suchen, Andrer zu bedürfen scheinen, mit ganz andern
Augen an, als vorher. Man läßt uns Gerechtigkeit widerfahren, ja,
man zeigt sich bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern
Kenntnissen, von unsrer Herzensgüte, von den glänzenden Vorzügen unsers
Geistes, so lange wir mit allen diesen schönen Eigenschaften nichts als
höfliche Behandlung und Gefälligkeit verdienen wollen, so lange wir
als Fremde, als unabhängige Menschen, niemand im Wege stehen, niemand
verdunkeln; aber viel genauer, strenger und schonungsloser fängt man
an, uns zu richten, wenn wir unsre Vorzüge im Staate geltend machen
und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worein sich so gern
die vornehmen Dummköpfe und deren Kreaturen theilen. Am besten wird
man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß
man ihrer gar nicht bedarf, und wenn man ihnen dieß zeigt, ohne sich
dessen laut zu rühmen; wenn ihnen im Gegentheil unsre Hülfe, unsre
Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabei nie die Bescheidenheit und
äussere Huldigung aus den Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre
größere Weisheit, unsre Festigkeit und Geradheit, ihnen Ehrerbietung
einflößen, ohne daß sie uns eigentlich fürchten; wenn wir uns bitten,
uns aufsuchen lassen, nicht aber unsern Beistand aufdringen -- Einen
solchen Mann schonen sie sorgfältig. --


                                  13.

Hüte Dich aber, einen Großen, der Ansprüche auf Verstand, Witz, hohe
Tugenden, Gelehrsamkeit oder Kunstgefühl macht, deutlich, oder gar
in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, ihn zu
übertreffen oder zu übersehen. In der Stille darf er das wohl fühlen,
aber er muß es nur ~allein~ zu fühlen glauben. Vor allen Dingen ist
diese Vorsicht nöthig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem
Fache sind, als Du. Gern mögen sie Dir Deine bessern Einsichten,
gleichsam als prüften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir
nach Gelegenheit Deine eigne Waare wieder verkaufen; doch wehe Dir,
wenn Du das rügst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du es;
oder gar, wenn Du den Ton der Belehrung gegen sie annimmst! -- Wie
werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir
fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn würden, damit sie
Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu überführen und herabzusetzen.


                                  14.

Es gibt aber geringe, unschuldige Gefälligkeiten gegen die Großen
der Erde, die man ihnen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen,
erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne
niedrige Schmeichelei erfüllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder
des Glücks sind nämlich von Jugend auf daran gewöhnt, daß man sich in
Kleinigkeiten nach ihren Launen fügt, ihren Geschmack zur Richtschnur
annimmt, ihre Liebhabereien artig findet, und alles vermeidet, was
ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwider ist. Auch die
Besten unter ihnen sind von solchen Grillen und Einbildungen nicht
ganz frei, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Großen
dadurch zum Guten wirken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn
unser und unsrer Familie zeitliches Glück in seinen Händen ist: --
wer sollte da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach seinen
Eigenheiten und seiner Schwachheit richten? So reden z. B. manche
Fürstenkinder sehr geschwind und undeutlich, und sehen es nicht gern,
wenn man noch einmal frägt, sondern wollen gleich verstanden seyn.
Freilich wäre es besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kindheit
abgewöhnt hätte: aber es ist nun einmal nicht geschehen. Oder sie
lieben Pferde, Hunde, bunte Soldätchen, Schauspiele, Pfeifenköpfe,
Bilder, Geiger, Fidler; componiren auch wohl selbst; bauen, pflanzen,
errichten Academien, Museen u. dgl. -- Wie unschuldig ist es nicht da,
zuweilen mit einzustimmen, und einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß
man sie in ihren Lieblingsfächern nicht übersehen, nicht übertreffen
wollen, welches leicht zu geschehen pflegt, da sie oft von den Dingen,
womit sie sich am meisten beschäftigen, am wenigsten verstehen -- wie
sich denn über den vorsichtigen Umgang mit vornehmen Componisten
und unwissenden Mäcenaten ein weitläuftiges Kapitel schreiben ließe.
-- Auch was gewisse Kleider-Trachten, Manieren, den Ton der Stimme,
was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, darüber haben
sie zuweilen gewisse eigne Meinungen, die man schonen muß, wenn man
sich ihnen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's,
daß diese Gefälligkeit aufhören soll, sobald dieselbe schädlichen
Einfluß auf den Charakter haben kann: wenn sie dadurch im Egoismus
bestärkt, von ernsthaften Beschäftigungen abgezogen, unbillig gegen
Andre, ungerecht gegen wirkliche Verdienste werden, oder wenn ihre
Liebhabereien von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert,
verhärtet, grausam wird.

Zu den ~mehrentheils~ schädlichen Liebhabereien großer, besonders
~regierender~ Herren, gehört auch die Lust zu reisen. Ungern möchte
ich einen Fürsten darin bestärken. Sie rennen da gewöhnlich in fremden
Himmelsgegenden herum, bevor sie ihr eigenes Land kennen, in welchem
tausend Gegenstände, mehr als die Carnavals von Venedig und die
Pferderennen in England, ihrer Aufmerksamkeit werth sind; kaufen für
den sauren Erwerb ihrer Unterthanen ausländische Possen, Krankheiten
des Leibes und der Seele, und bringen nicht selten große Forderungen,
Hang zu Verschwendung, Wollust und Ueppigkeit, böse Laune, Müßiggang,
Avanturiers u. dergl. in ihre arme Residenz zurück.


                                  15.

Fürsten, Vornehme und Reiche pflegen zuweilen sich so weit zu Leuten
von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen,
oder sie um Beurtheilung ihrer Spielwerke, ihrer Schriften, Anlagen,
Plane, Meinungen u. dergl. bitten. Hier ist die größte Behutsamkeit zu
empfehlen, und daß man sich erinnere, wie übel das Rathgeben und Warnen
dem armen Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam,
obgleich dieser ihn so dringend aufgefordert hatte, ihm zu erzählen,
was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle übrige
Menschen, so legen besonders die Großen der Erde uns mehrentheils nur
darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, damit wir sie loben sollen,
und fragen nicht eher um Rath, als wenn sie schon beschlossen haben,
was sie thun wollen.


                                  16.

Wenn die Befolgung dieser Klugheits- und Vorsichtsregeln schon wichtig
ist im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frei von den
Fehlern einer vornehmen Erziehung, aber doch gut geartet, wohlwollend
und verständig sind; so ist sie doppelt wichtig, wenn man es mit
vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmüthig,
unwissend, dumm, ohne Grundsätze und Gefühl, kalt und rachsüchtig sind,
-- und ich bedaure jede Christen-Seele, die von dergleichen kleinen und
großen Tyrannen abhängen muß.


                                  17.

Wenn Du das glänzende Unglück hast, der Liebling eines schwachen
Erden-Götzen zu seyn: so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß
diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeichler Dich aus Deinem
Posten verdrängen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane,
daß Du nicht gänzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke,
wie wenig Du Dir auf diesen nichtigen Vorzug zu gute thust; wie
unwesentlich zu Deiner Glückseligkeit ein solcher unbedeutender,
zufälliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade fällst, so fliehen
doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten,
verweseten Menschen: und der undankbare Despot fühlt, daß es noch
Leute gibt, die seiner entbehren können. Baue überhaupt nicht auf die
Freundschaft, Festigkeit und Anhänglichkeit der Großen! Sie achten
Dich, so lange sie Deiner bedürfen; sie sind wankelmüthig, und mehr
geneigt, das Böse, als das Gute zu glauben, und der Letzte hat bei
ihnen immer Recht.

Nütze aber die Zeit ihrer Gunst, um sie zur Gerechtigkeit, Treue,
Wahrheit und Menschenliebe zu ermuntern! Stimme ihnen bei, wenn sie
je vergessen wollen: ~daß sie, was sie sind, und was sie haben, nur
durch Uebereinkunft und Zustimmung des Volks sind und haben; daß man
ihnen diese Vorrechte wieder nehmen könne, wenn sie Mißbrauch davon
machen; daß unsre Güter und unsre Existenz nicht ihr Eigenthum, sondern
daß alles, was sie besitzen, unser Eigenthum ist, weil wir dafür alle
ihre und der Ihrigen Bedürfnisse befriedigen, und ihnen noch obenein
Rang, Ehre und Sicherheit geben, und Geiger und Pfeifer bezahlen;
endlich daß in diesen Zeiten der Aufklärung und richtiger Begriffe
von Menschenrechten und Volksrechten bald kein Mensch mehr daran
glauben wird, daß ein Einziger, vielleicht der Schwächste der ganzen
Nation, ein angeerbtes Recht haben könnte, hundert tausend weisern und
bessern Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen; daß sie aber ohne
Trabanten und Wachen ruhig schlafen können, wenn das dankbare Volk,
dessen treue Diener sie sind, sie liebt, und für das Wohl der Edeln
Segen vom Himmel erfleht.~. -- Es versteht sich, daß diese Wahrheiten
einiger Einkleidung bedürfen, wenn sie den verwöhnten Ohren der Großen
harmonisch klingen sollen.

Willst Du Dich in Gunst erhalten: so mache, daß nie der eitle Große
merke, daß Du Dich Deiner Gewalt über ihn freuest, noch daß Du gern
Deine Meinung gegen die seinige durchsetzen wollest! Zeige ihm, daß
wirklich Achtung und Liebe zu seiner Person und das Verlangen, nützlich
zu seyn, Deine Schritte leiten, nicht aber Eigennutz und kindische
Eitelkeit! Aber sey auch nicht so närrisch, billige Vortheile, oder
wohlerworbene Belohnungen Deiner Dienste zurückzuweisen, Dein Vermögen
aufzuopfern, und nachher vielleicht, wenn man Deiner müde ist, Dich mit
einem weißen Stabe fortschicken zu lassen!

Ueber alle Geschäfte, die Dir von Fürsten aufgetragen werden, führe
so genaue pünktliche Rechnung und Controlle, daß Du zu jeder Zeit die
Rechtmäßigkeit Deiner Schritte gegen Verläumder und Ankläger beweisen
könnest!

Ungebeten übernimm kein Geschäft, das nicht zu Deinem Amte gehört!

Vermeide es, ihnen durch trocknen, langweiligen Vortrag die Geschäfte
noch unangenehmer zu machen, als sie ihnen schon gewöhnlich sind!

Bist Du des Fürsten Günstling: so fehlt Dir's nicht an Neidern und
Ausspähern; sey daher dann doppelt vorsichtig in Deinem sittlichen
Betragen!

Es gibt immer an Höfen Leute, denen daran gelegen ist, genau zu wissen,
wie groß Dein Einfluß auf den Kopf und das Herz des Fürsten ist. Um
diese nie in Deine Karte blicken zu lassen, und damit sie nicht wissen
mögen, von welcher Seite etwa der Herr gegen dich gewonnen werden
könnte: so vermeide alle Gelegenheit, in Andrer Gegenwart mit ihm von
Geschäften, oder sonst von Gegenständen, über welche Du vielleicht mit
ihm nicht gleicher Meinung bist, zu reden!

Sey vorsichtig, höchst vorsichtig, in bestimmter Anempfehlung andrer
Leute, zum Dienste des Fürsten!

Baue nie auf die Anhänglichkeit Deiner sogenannten Kreaturen, d. h.
solcher Menschen, die Dir ihr Glück zu verdanken haben!

Versprich nicht Dein Fürwort, wenn Du des Erfolges nicht gewiß bist!

Begünstige die Gesuche der Kreaturen Deiner präsumtiven Feinde in
billigen Dingen!


                                  18.

Wenn Dein Beschützer, wenn ein Großer, dem Du in der Zeit seines
äussern Glücks, aus Noth, Höflichkeit, Politik oder gutem Willen,
gehuldigt hast, von seiner Höhe herabstürzt; wenn er Stand, Vermögen,
Einfluß oder Glanz verliert: so schlage Dich nicht zu der Parthei der
Niederträchtigen, die dem Unglücklichen, der ihnen zu nichts mehr
helfen kann, den Rücken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung, so
zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme
des Pöbels abhängt; ist er aber Deiner Zuneigung unwerth, so schone
seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also
zu Mißhandlungen schweigen muß! Räche Dich auch eben deswegen nie an
dem, von welchem Du verfolgt, gedrückt worden bist, so lange er Gewicht
hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt (beschäme ihn
durch sanftmüthige, liebreiche Behandlung), damit er in sich gehe, und,
wo möglich, durch Großmuth gebessert werde!


                                  19.

Sammle nicht leicht für Arme bei Vornehmen und andern Leuten von der
großen Welt! Sie geben mehrentheils nur aus Prahlerei, und behandeln
Dich, als wäre es ein Almosen für Dich. -- Ueberhaupt hilf ~selbst~,
wo Du kannst! Gib nicht Assignationen auf fremde Hülfe! Tadle aber
auch nicht sogleich den Reichen, wenn er Dir eine Wohlthat für einen
Dürftigen versagt, die ein Aermerer Dir gewährt! Denke immer, daß seine
größern Bedürfnisse (ob wahrhafte, oder eingebildete, ist gleichviel)
und die größern Anforderungen Andrer auf seine Wohlthätigkeit ihn mit
dem, der weniger hat, in ~eine~ Klasse setzen, und daß man, wenn man
gegen Alle freigebig seyn will, gegen Einige nicht ~wohlthätig~ seyn
kann.


                                  20.

Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des
Charakters der meisten Großen und Reichen gesagt habe, so bin ich doch
weit entfernt, dieß ohne Unterschied auf alle Personen der höhern
Klassen ausdehnen zu wollen. Es ist mir äusserst zuwider gewesen,
zu sehen, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es
sich zum Geschäft machen, auf die höhern Stände zu schimpfen. Viele
von ihnen sind so wenig mit den erhabenern Menschenklassen bekannt,
daß es die höchste Ungereimtheit verräth, wenn sie über Sitten und
Denkungsart derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstübchen
schielen sie neidisch und hämisch nach den Palästen der Glücklichen
hinunter. Wenn, bei grober Kost und dem traurigen Wasserkruge, die
süßen Düfte aus den Küchen und Kellern derer, die im Ueberflusse
leben, zu ihnen hinaufsteigen, so reizt das ihre Nerven, erregt ihre
Galle; es ärgert sie, daß ihre Glücksumstände ihnen nicht, wie jenen,
erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; sie verwünschen den Mann
im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen können, schimpfen
auf den hartherzigen Mäcen, der nicht eben so überzeugt scheint von
ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das
Geschick, welches die Güter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da
müssen es dann die armen Fürsten, Minister, Edelleute und Reichen
entgelten, die sie als Tyrannen, Bösewichter, Thoren und hartherzige
Unterdrücker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so
fanatischer Eifer kann wohl nie ein gesundes Gehirn ergreifen. Selbst
im Ueberflusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich
recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen
Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an
Höfen, und der Umgang mit Menschen aller Art, das alles hat mich
gelehrt, wie nöthig es sey, denen, die nicht durch widrige Erfahrungen
gründlich ausgebildet werden, und die so selten reine, lautre,
unpartheiische Wahrheit hören, ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen
so nöthig ist, zu hören. Viele von ihnen sind wahrlich herzlich
gut; selbst die Schwächern haben oft manche Temperaments-Tugend,
deren Wirkungen für die Welt viel wohlthätiger werden können, als die
sanften Aufwallungen ärmerer und unmächtigerer Sterblichen. Sie haben
von ihrer ersten Jugend an alle Muße und Gelegenheit, ihren Geist zu
bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen;
haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, und die Freuden der
Wohlthätigkeit zu schmecken. Ihr Charakter wird nicht niedergedrückt,
auch nicht verschoben durch Unglück und Mangel, oder durch die
Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer
Seite Schmeichelei sie leicht verderben kann, so ist von der andern
der Gedanke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre
Verirrungen oft noch der späten Nachwelt vorerzählt werden, ein Sporn
mehr, groß und vortrefflich zu werden. Auch nützen Viele von ihnen alle
diese Triebfedern; und es ist ein Glück, an der Seite eines Fürsten zu
leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Würde seines Standes kennt,
und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die
es auch gewiß nicht übel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt,
an welchen so viele von ihnen scheitern.


                                  21.

Zum Schlusse noch ein Paar Worte über den Umgang der Großen und Reichen
unter sich! Sie verderben sich größtentheils Einer den Andern. Die
Kleinern beeifern sich, es den Größern nach-, ja, es ihnen an Aufwand
und übelverstandener Erhabenheit zuvorzuthun: und so verewigen sie ihre
Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den geringsten,
der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herumlaufen hat, nach
möglichsten Kräften nachgeahmt werden. Lustige Beispiele von dieser Art
sieht man an den kleinen teutschen Höfen: wie sie einander aufpassen,
sich wechselseitig controlliren, beneiden, zu übertreffen suchen; wie,
wenn der durchlauchtige Herr in Y*** an seinem Geburtstage einen Ball
und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talglichtern gegeben
hat, der Fürst in V*** an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfund
Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall
für drei hundert Gulden Gage und zwölf Scheffel Hafer hält; der Andre
dem Chef seines Hofes noch obenein ein breites Ordensband über den
hungrigen Magen hängt. Indeß der eine regierende Graf sich eine
Meute Jagdhunde verschreibt, wie sie kein Potentat in Europa hat,
besoldet sein Nachbar eine Meute Hof-Musici, die wenigstens eben so
viel Lärm macht; der Dritte, voll Verzweiflung darüber, daß er es
seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern
Erwerb seiner geplünderten Unterthanen in Paris, spielt lieber dort
eine höchst elende Rolle, als daß er in seiner Residenz den guten,
treuen Landesvater vorstellen sollte. Und so geht das weiter hinunter.
Man fange nur in Städten an, ein Concert oder dergleichen zu geben,
welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird,
und womit etwa ein Abendessen verknüpft ist. Der Erste, bei welchem
sich die Gesellschaft versammelt, wird ein Paar Flaschen Wein und
kalte Küche hergeben; der Andre fügt einen Punsch hinzu; und ehe ein
Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserei
ausgeartet. Das sollte nun unter verständigen, vornehmen und reichen
Leuten nicht also seyn. Sie sollten den Niedern Beispiele geben von
Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung über steife Etikette, von Mäßigkeit in
Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen.
Sie sollten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu
keinen dauerhaften Freundschaften fähig seyen -- mit Einem Worte: sie
sollten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind.


                                  22.

Spöttle nicht über die Kleinlichkeiten an ~kleinen~ Höfen! Besser so,
als wenn ein Herr über vier Quadrat-Meilen Landes Garden zu Fuß und
zu Pferde, Minister, Hof-Cavaliere in Menge hält, und Schulden über
Schulden macht! Es ist nur alles relativ klein, und ist immer gut, wenn
es nur nicht zwecklos und voll abgeschmackter Forderungen ist. Dreißig
Mann, die abwechselnd Ordnung in der Stadt halten, sind mehr werth, als
dreißigtausend, die man von nützlicher Arbeit abzieht, um auf Kosten
des fleißigen armen Unterthanen Spielwerk mit ihnen zu treiben.




                           Zweites Kapitel.

                    Ueber den Umgang mit Geringern.


                                  1.

Im siebenten Kapitel des zweiten Theils dieses Werks habe ich
von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den
Pflichten geredet, welche der Vornehmere vor Augen haben soll,
damit er denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit
zu leben, ihr Daseyn erleichtere und versüße. Ich verweise
also zuerst die Leser dahin, und füge nur noch einige Regeln
für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar
nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburt, dem Vermögen,
oder andern bürgerlichen Verhältnissen nach, tiefer, als
wir, stehen.


                                  2.

Man sey höflich und freundlich gegen solche Menschen, denen
das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger
zeitlicher Vortheile zugeworfen hat, als uns, und ehre das wahre
Verdienst, den ächten Werth des Menschen, auch im niedern
Stande! Man sey nicht, wie die meisten Vornehmen und Reichen,
etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm
Stande, wenn man ihrer bedarf; da man sie hingegen verabsäumt,
oder ihnen übermüthig begegnet, sobald man ihrer entbehren
kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer
gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit
Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht,
öffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient,
möchte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel führen!
Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz
und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks für sich zu
gewinnen, um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über
Andere erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den
Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen
Cirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und
glaube nicht, daß man populär und natürlich sey, wenn man
die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sey nicht lediglich darum
freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Höhern im
Range zu demüthigen; nicht aus Stolz herablassend, um desto
mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner, redlicher Absicht,
aus richtigen Begriffen von dem Adel der Menschheit, und
aus Gefühl von Gerechtigkeit, die, über alle zufällige Verhältnisse
hinaus, in dem Menschen nur ~den~ Werth schätzt, den
er als Mensch hat!


                                  3.

Aber diese Höflichkeit sey auch wohl geordnet; sie sey nicht
übertrieben! Sobald der Geringere fühlt, daß ihm die Ehre,
welche wir ihm erweisen, unmöglich zukommen kann, so schreibt
er dieß entweder einem Mangel an Verstande zu, oder hält es
für Spott, oder gar für Falschheit; argwöhnt, es stecke etwas
dahinter, wir wollten ihn mißbrauchen. Sodann gibt es auch
eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei
der leidende Theil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildthätiges
Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine
abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten
von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht
verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich
ist; wenn man das conventionelle Gewäsche von Unterthänigkeit,
Gnade, Ehre, Entzücken u. s. f. bei Personen anbringt,
die an solche starke Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dieß ist
der gemeine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon für
die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bei
dem besten Willen lächerlich oder verdächtig. Die große Kunst
des Umgangs ist, den Ton jeder Gesellschaft zu studiren, und
nach Gelegenheit annehmen zu können.


                                  4.

Man hüte sich aber vor grenzenloser Vertraulichkeit gegen
solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie mißbrauchen
leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und
werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen
vermag!


                                  5.

Sey großmüthig und billig, und laß es daher den Geringern
in Deinen glänzenden Umständen nicht entgelten, wenn er Dich,
so lange Dich das Glück nicht anlächelte, verabsäumt, wenn er
Deinen mächtigen Feinden gehuldigt hat, wenn er sich, wie die
großen gelben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß
solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn
sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu krümmen
und zu schmiegen; daß wenige unter ihnen so erzogen sind, daß
sie Sinn für feinere Gefühle und Aufopferungen haben, und
daß alle Menschen mehr oder weniger aus Eigennutz handeln,
den die Geschliffenern nur künstlicher verbergen.


                                  6.

Täusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Fürsprache,
oder Hülfe bittet, mit falschen Hoffnungen, leeren Versprechungen
und nichtigen Vertröstungen, wie es die Weise der Vornehmen
ist, die, um die Klienten sich vom Halse zu schaffen, oder
in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwäche,
aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit süßen Worten
und Verheissungen überschütten, sobald er aber den Rücken gewendet
hat, nicht mehr an sein Anliegen denken! Der Arme
geht indeß voll Hoffnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit
den besten Händen anvertrauet zu haben, versäumt alle andere
Wege, die er zu Erlangung seines Zwecks einschlagen könnte,
und fühlt sich nachher doppelt unglücklich, wenn er sieht, wie
sehr er sich betrogen hat.


                                  7.

Hilf dem, der dessen bedarf! Befördere und schütze die, welche
Dich um Hülfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern
die Gerechtigkeit es gestattet! Aber hüte Dich, so schwach zu
seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen könnest! Daraus entstehen
zweierlei nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger
Denkungsart Deine Schwäche mißbrauchen, und Dir eine
Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die
für Dein Herz, für Deine Kräfte, oder für Deinen Geldbeutel
zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, ungerecht gegen
Andre zu handeln, die weniger zudringlich sind. Und dann
der zweite Schaden: wer zu viel verspricht, der wird wider Willen
zuweilen sein Wort zu brechen genöthigt. Ein fester Mann
muß auch den Muth haben, eine abschlägige Antwort geben zu
können; und wenn er dieß auf edle, nicht beleidigende Weise,
aus wichtigen Gründen thut, und sonst dafür bekannt ist, daß
er gerecht handelt und gerne hilft: so wird er sich dadurch keine
Feinde erwecken. Allen Menschen kann man es freilich nicht
recht machen; aber wenn man immer folgerecht und weise handelt,
so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen.
Schwäche ist nicht Güte; und verweigern, was man vernünftiger
Weise nicht zugestehen kann, heißt nicht hartherzig seyn.


                                  8.

Verlange nicht einen übermäßigen Grad von Kultur und
Aufklärung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande
zu leben! Trage auch nichts dazu bei, ihre intellectuellen Kräfte
zu überspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen
ihren Zustand widrig machen, und den Geschmack an solchen
Arbeiten verbittern, wozu Stand und Bedürfniß sie aufrufen!
Das Wort Aufklärung wird in unsern Zeiten oft sehr
gemißbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredelung des Geistes,
als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und
phantastische Spielwerke. Die beste Aufklärung des Verstandes
ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern
Verhältnissen brauchbar, nützlich und gewissenhaft thätig
zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und führt zum Verderben.


                                  9.

Begegne Deinen Untergebenen liebreich, ohne Deinem Ansehen bei ihnen
etwas zu vergeben. Es taugt nie, wenn die Subalternen sich ihren
Vorgesetzten unentbehrlich machen; und verächtlich wird der Chef eines
Departements, der, weil er nicht selbst arbeiten will, oder nicht
arbeiten kann, sich auf die Untergebenen verlassen muß; da er dann
nicht Ansehen und nicht Muth genug behält, einen nachlässigen oder
eigensinnigen Secretair an seine Pflicht zu erinnern, sondern sich
alles muß gefallen lassen, was Dieser gut findet vorzunehmen, oder
zurückzulegen.




                           Drittes Kapitel.

          Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen.


                                  1.

Ich fasse hier die Bemerkungen über den Umgang mit Hofleuten
und mit solchen Personen überhaupt, die in der sogenannten
großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben,
zusammen. Leider wird dieser Ton, den Fürsten und Vornehme
von solcher Art, wie ich sie im ersten Kapitel dieses Theils beschrieben
habe, angeben und verbreiten, von allen Ständen, die
einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeäfft. Entfernung
von der Natur; Gleichgültigkeit gegen die ersten und
süßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Unschuld
und Reinigkeit, und der heiligsten Gefühle; Falschheit;
Vertilgung und Abschleifung jeder charakteristischen Eigenheit
und Originalität; Mangel an gründlichen, wahrhaftig nützlichen
Kenntnissen; an deren Stelle hingegen Unverschämtheit,
Persifflage, Impertinenz, Geschwätzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen;
Kälte gegen alles, was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit,
Unmäßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziererei, Wankelmuth,
Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht,
als Maske der Bettelei; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und
Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhängigkeit von den Blicken
der Despoten und Mäcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas
zu erringen; Schmeichelei gegen Den, dessen Hülfe man bedarf,
aber Vernachlässigung auch des Würdigsten, der nicht helfen
kann; Aufopferung auch des Heiligsten, um seinen Zweck zu
erlangen; Falschheit, Untreue, Verstellung, Eidbrüchigkeit,
Klatscherei, Kabale; Schadenfreude, Lästerung, Anekdoten-Jagd;
lächerliche Manieren, Gebräuche und Gewohnheiten --
das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Männer
und Weiber, unsre Söhne und Töchter, von dem liebenswürdigen
Hofgesinde lernen; -- das sind die Studien, nach welchen
sich die Leute von feinem Tone bilden! Da, wo dieser Ton
herrscht, wird das wahre Verdienst nicht bloß übersehen, sondern,
so viel möglich, mit Füßen getreten, unterdrückt, von
leeren Köpfen zurückgedrängt, verdunkelt, verspottet. Kein größerer
Triumph für einen faden Hofschranzen, als wenn er den
Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich
fühlt, demüthigen, ihn auf einem Mangel an conventioneller
feinen Lebensart ertappen, und, durch die Art, wie er dieß
zu erkennen gibt, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache
oder über Gegenstände redet, wovon er nichts versteht, es dahin
bringen kann, daß Jener verwirrt wird, und sich in schiefem
Lichte zeigt! Kein größerer Triumph für die Petite-Maitresse,
als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und
äusserer Vorzüge und Würde, in einer Gesellschaft von Welt-Leuten
von einer lächerlichen Seite darstellen kann! Das alles
muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser
Klasse mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn
uns dergleichen widerfährt, und hinterher sich kein graues Haar
darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick,
wird unaufhörlich von tausend Leidenschaften, besonders
von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es gibt aber
drei Mittel, allen diesen Ungemächlichkeiten auszuweichen, indem
man nämlich ~entweder~ sich von der großen Welt ganz
zurückzieht, ~oder~ in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne
sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, ~oder~ endlich, daß
man den Ton derselben studirt, und, so viel es ohne Verleugnung
des Charakters geschehen kann, mit den Wölfen heult.


                                  2.

Wer seiner Lage nach nicht schlechterdings dazu verdammt
ist, an Höfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe
fern von diesem Schauplatze des glänzenden Elends: bleibe fern
vom Getümmel, das Geist und Herz betäubt, verstimmt und
zu Grunde richtet! In friedlicher häuslicher Eingezogenheit, im
Umgange mit einigen edeln, verständigen und muntern Freunden
ein Leben führen, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten,
den Wissenschaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist,
und dann zuweilen mit Nüchternheit an öffentlichen Vergnügungen,
an großen, gemischten Gesellschaften Theil nehmen,
um für die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehen will,
neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, widrigen Gefühle der
Einförmigkeit zu verlöschen: -- das ist ein Leben, das eines
weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht öfter in
unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt
zu entziehen. Menschenfurcht, elende Gefälligkeit gegen mittelmäßige
Leute, Eitelkeit, Schwäche, Nachahmungssucht -- das
ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt,
seine schönsten Stunden da zu verschleudern, wo er im Grunde
nicht zu Hause ist, wo so oft Ekel und Langeweile ihn anwandeln,
und allerlei unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm
treiben. Freilich aber muß man, um sich diesem zu entziehen,
nicht nur, seinen Verhältnissen nach, unabhängig seyn, sondern
auch nach festen Grundsätzen zu handeln und sich über das Geschwätz
der Leute hinwegzusetzen den Muth haben, -- mag auch
davon gesprochen werden, was da will.


                                  3.

Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und ist man nicht
ganz sicher, daß es gelingen werde den Ton derselben anzunehmen: so
bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wendung treu, die uns Natur
und Erziehung gegeben haben. Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn
man jene Sitten halb und unvollständig copirt, -- wenn der ehrliche
Landmann, der schlichte Bürger, der gerade, teutsche Biedermann,
den französischen Petit-Maitre, den Hofmann, den Politiker spielen
will, -- wenn Leute, die einer ausländischen Sprache nicht mächtig
sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder,
wenn sie auch in ihrer Jugend an Höfen gelebt haben, nicht merken,
daß die galante Sprache aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten jetzt
gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe jetzt nur
noch auf den komischen Theatern Wirkung thut. Solche Menschen machen
sich muthwilliger Weise zum Gespötte, da man hingegen mit einem
ungezwungenen, natürlichen und verständigen Betragen, Anstande und
Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist,
sich mitten unter dem leichtfertigen Gesindel Achtung, und, wo nicht
ein angenehmes, doch ein ruhiges, ungekränktes Leben verschaffen kann.
Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Manieren, ehrlicher
Biedermann! Sey ernsthaft, bescheiden, höflich, ruhig, wahrhaftig!
Rede nicht zu viel und nie von Dingen, wovon Du nichts weißt, noch in
einer Sprache, die Dir nicht geläufig ist, in so fern der, welcher mit
Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Betrage Dich mit Würde und
Geradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich
ungeneckt lassen. Freilich wirst Du dabei auch nicht sehr vorgezogen:
Dein Gesicht wird kein Modegesicht werden. Hierüber aber beruhige Dich!
Zeige Dich nicht verlegen, ängstlich, wenn in einer großen Gesellschaft
kein Mensch mit Dir redet; Du verlierst nichts dabei, kannst für Dich
an allerlei gute Dinge denken, auch manche nützliche Bemerkung machen,
und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar ~fürchten~,
ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so übel nicht.

Leute, die in der Jugend an Höfen und in großen Städten keine
unbeträchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglänzt, nachher
aber sich zurückgezogen, sich einer einfachern Lebensart gewidmet
haben, vergessen gar zu leicht, daß man, um hier immer ein Modegesicht
zu bleiben, nie den Faden der herrschenden Conversation aus der Hand
verlieren, nie versäumen darf, der Kultur -- wenn man das Kultur
nennen muß -- auch in den kleinsten Fortschritten nachzufolgen. Das
ist aber, bei der unbeschreiblichen Veränderlichkeit des Geschmacks
und der Phantasie, unmöglich, sobald man nicht immer mit dem ganzen
Geschwader auf dem großen Weltmeere umherschwimmen, und sich dem Winde
und Wetter preisgeben will. Ist's anders möglich, als daß denjenigen
eine sehr böse Laune anwandelt, der sich vernachlässigt, und unbärtigen
Männchen nachgesetzt sieht? O! es ist unglaublich, wie so etwas die
Fassung auch des klugen Mannes (denn selbst die klugen Leute sind
nicht immer ganz von Eitelkeit frei) erschüttern, wie es verstimmen
und bewirken kann, daß der, welcher sich in dem besten Lichte zeigen
wollte, weil er etwas zu suchen hat, in dem ungünstigsten erscheint,
und die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten einbüßt, weil er
sich mit Geringschätzung behandelt sieht, und die Fassung verliert.
Wer sich viele Jahre hindurch an großen und kleinen Höfen und sonst in
der großen Welt hat umher treiben müssen, der wird nie in Verlegenheit
von jener Art kommen können. Er wird die Fertigkeit erlangt haben,
sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, und zu beurtheilen,
welche Sprache hier anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht
Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen,
sollen wohl beherzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ist gesagt
worden.


                                  4.

Wer aber viel und immer in der großen Welt lebt, der thut
doch wohl, den herrschenden Ton zu studiren, und die äussern
Gebräuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht,
und Letzteres kann ohne schädlichen Einfluß auf den Charakter
geschehen. Zeichne Dich also nicht durch altväterische Kleidung
oder Manieren aus! aber vergiß nicht, dabei Dein Alter, Deinen
Stand und Dein Vermögen zu berücksichtigen, und copire
nicht die Lächerlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephemerische
Mode des Augenblicks! Mache Dich mit der Sprache der Hofleute,
mit ihrer Art, sich gegen einander zu betragen, mit den
Conventionen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere
Würde, Charakter und Wahrheit!


                                  5.

Es lassen sich unmöglich allgemeine Regeln geben, wie weit
man in der Nachahmung der Hofsitte gehen dürfe. Ein verständiger
und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner
Lage, Gemüthsart und nach seinem Gewissen abmessen können.
Doch nur so viel: Wer es nicht über sich erlangen kann, unschädliche
Thorheiten nachzuahmen, der glaube wenigstens nicht,
den Beruf zu haben, sie zu bekämpfen; denn gleichgültige Gewohnheiten
und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Charakter
haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit
annehmen, und darf um so weniger ein Bedenken tragen, dieß
zu thun, je mehr man dadurch manches größere Gute zu bewirken
in den Stand gesetzt wird.

Es gibt auch Moden in der Literatur und Kunst, im Geschmacke,
in gewissen Vergnügungen und Schauspielen, und der Beifall, den
eine Sängerin, ein Tonkünstler, Schriftsteller, Prediger, Maler,
Geisterseher, Putzhändler oder Schauspieler, oft ganz gegen Verdienst
und Würdigkeit, vom vornehmen großen Haufen einerntet, hat nur in der
Mode seinen Grund, d. h. darin, daß einer dem andern nachschwatzt,
und es ist verlorne Mühe, diesem Mode-Geschmacke sich widersetzen zu
wollen. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit
die alte verdränge. Es gibt sogar Moden im Gebrauche von Arzeneien,
denen sich die Vornehmern unterwerfen zu müssen glauben, -- sey es,
daß sie sich täglich clystiren, oder in ein gewisses Bad und in kein
anderes reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines
Marktschreiers langsam vergiften! Lächle in der Stille darüber!
clystire oder magnetisire Dich unmaßgeblich auch ein wenig, und mache
mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen läßt! Wenigstens mache
Dich mit diesen Modethorheiten bekannt, um nicht in Deinen Gesprächen
dagegen anzustoßen! Du wirst übel anlaufen, wenn Du nach Deiner
Empfindung eine Theater-Nymphe tadelst, deren Zwitschern grade zu der
Zeit in der feinen Welt für Götter-Stimme gilt, oder wenn Du ein Buch
erbärmlich nennst, dessen Verfasser als ein Original-Genie anerkannt
wird. Du wirst übel anlaufen, wenn Du eine Dame, die gerade in der
Periode ist, in welcher sie nach der Mode freigeisterische Grundsätze
haben muß, von religiösen Gegenständen unterhältst. Denn auch das hat
seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Jünglinge fangen
schon im fünf und zwanzigsten Jahre an, alt zu werden, nicht mehr zu
tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feierliches,
philosophisches, ein Geschäfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu
bringen; kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder
jung, hüpfen herum, spielen um Pfänder mit jungen Mädchen: -- das alles
muß man beobachten, und seine Maßregeln darnach nehmen.


                                  6.

Uebrigens gestehe ich -- es bleibt aber unter uns -- daß der
Ton, welcher jetzt unter unsern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein
an Höfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir
gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig
Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir äusserst ungeschliffen
und plump vor; es scheint mir, als suchten sie etwas
darin, Bescheidenheit, Höflichkeit und Delicatesse zu beleidigen,
stumm, ungefällig gegen Damen und Fremde zu seyn, selbst
ihren Körper zu vernachlässigen, ohne alle Grazie beim Tanze
herumzuspringen, krumm und schief und gebückt zu gehen, keine
Kunst, keine Wissenschaft gründlich zu lernen, ungeachtet aller
Mühe, welche die neuern Pädagogen anwenden, und ungeachtet
des vortrefflichen Beispiels, das sie der Jugend in Höflichkeit,
Bescheidenheit und Gründlichkeit geben. Es gibt freilich
einen Bocksbeutel, einen Rang und eine Steifigkeit im Umgange,
die in vorigen Zeiten in Teutschland herrschend war; und
es ist ein Glück, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler
Anstand ist nicht Steifigkeit, -- verbindliche Höflichkeit und
Aufmerksamkeit nicht Kriecherei, Grazie nicht Zwang -- und
ächtes Talent, wahre Geschicklichkeit nicht Pedanterie. Und man
sehe auch die papiernen Männchen an, wie Ueberdruß und Langeweile
auf ihrer früh sich runzelnden Stirne wohnen; wie sie
unfähig sind, von ganzem Herzen froh zu werden; wie sie in
den schönsten Jahren des Lebens schon, bei den unschuldigen
Freuden der Jugend, Ueberdruß empfinden. -- Doch, ich habe
Hoffnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und
ohne Stolz auf unsre Vaterstadt kann ich es wohl sagen: Wir
haben hier eine liebenswürdige wohlerzogene Jugend in allen
Klassen und Ständen aufzuweisen[6].


                                  7.

Verachte nicht alles, was bloß conventionellen (übereinkünftlichen)
Werth hat, wenn Du mit Annehmlichkeit in der großen Welt leben
willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, äussere
Auszeichnungen und Zierden; aber setze auch keinen innern Werth
darauf! ringe nicht ängstlich darnach! Es gibt doch wohl Fälle, wo
ein solcher an sich nichtiger Stempel Dir und den Deinigen, wo nicht
reelle Vortheile, doch Annehmlichkeiten zuwege bringen kann. Heimlich
in Deinem Kämmerlein darfst Du herzlich über alle diese Thorheiten
lachen; aber thue das nicht laut! ~Mit einem Worte~: zeichne Dich unter
den Weltleuten, mit denen Du leben mußt, nicht zu sehr durch eine
gewisse Strenge in Deinen Sitten und Urtheilen aus! Dieß ist nicht nur
Regel der Klugheit! nein, es ist auch Pflicht, die Sitten des Standes
anzunehmen, den man wählt; ganz zu seyn, was man ist, - doch wie sich
das versteht, nie auf Kosten des Charakters[7]. Erwarte übrigens auf
diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edlen, weisen, geschickten
Mann schätze, sondern nur, daß man von Dir sage: +Par Dieu! il a de
l'esprit, comme nous autres!+


                                  8.

Und willst Du auch nur dies eitle Lob davon tragen, so darfst
Du selbst nicht einmal merken lassen, daß Du von besserm
Stoffe bist, als der große Haufe jener hirnlosen Müßiggänger.
Der klügere und edlere Mann -- bequemte er sich auch noch so
pünktlich nach den Sitten der feinen Societät -- wird dennoch
dem Neide, der Verleumdung und den unaufhörlichen Neckereien
und Klatschereien, welche hier herrschen, nicht ausweichen:
denn um schaalen Köpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaaler
Kopf seyn. Ich rathe denn, sich das gar nicht anfechten zu
lassen; vor allen Dingen aber keinen Verdruß, keine ~Unruhe
zu äussern~, sonst bekömmt man nie Frieden. Man gehe also
seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren
schwatzen, bis sie müde werden! Hier sind auch alle Erläuterungen,
alle Entschuldigungen übel angebracht, und wenn Du
mit Widerlegung ~einer~ Verleumdung fertig bist, so wird man
schon eine andere in Bereitschaft haben.


                                  9.

In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzüglich nicht
aus den Augen zu lassen, nämlich, daß jedermann nur so viel gilt,
als sein eigenes Bewußtseyn nach dem Urtheile seines Gewissens ihn
gelten läßt, und wer dies Urtheil für sich hat, der wird sich frei,
zuversichtlich und edelstolz zeigen, und sein Publikum nöthigen, ihm
Achtung und Vertrauen zu beweisen, wird selbst denjenigen, die ihre
Aufmerksamkeit nach dem Range oder Vermögen eines Menschen abzumessen
gewohnt sind, eine gewisse Scheu einflößen, so daß sie es nicht
wagen, ihn geringschätzig zu behandeln, weil er weder zu den hohen
Standespersonen, noch zu den Reichen gehört.


                                  10.

Jeder durch Bildung oder Verdienste ausgezeichnete Mann messe sein
Betragen gegen Hofleute pünktlich nach dem ihrigen gegen ihn ab, und
gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimmt eine
Hand breit, wo man ihnen Finger breit einräumt. Er erwiedere Stolz mit
Stolz, Kälte mit Kälte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit; gebe aber
nicht mehr und nicht weniger, als er empfängt! Die Befolgung dieser
Vorsicht hat mannigfaltigen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein
Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewußtseyn
innerer Würde haben, so beruht ihre ganze Existenz auf ihrem äussern
Rufe. Sie werden sich an Dich schließen, sobald sie sehen, daß Du
im guten Lichte erscheinst. Aber wenn Du nicht durch die niedrigste
Schmeichelei und Preisgebung alle alten Weiber beiderlei Geschlechts
auf Deine Seite ziehst, so wird bald einmal eine Lästerzunge etwas Dir
Nachtheiliges aussprengen. Kaum wird ein solches Gerücht herumlaufen,
so werden jene Sclaven lauern, welche Wirkung dieß auf das Publikum
macht; und faßt es Wurzel, so werden sie den Kopf um ein paar Zoll
höher gegen Dich tragen. Macht Dich das unruhig, ängstlich, --
behandelst Du sie nach Deinem Herzen wie Leute, deren Freundschaft Du
gern halten mögtest: so werden sie immer unverschämter, und helfen
eifrigst die elende Klatscherei verbreiten, woraus Dir denn, so geringe
auch die Sache scheinen mag, mancherlei Verdruß erwachsen kann. Wirf
aber auf den Ersten, der Dir kalt begegnet, einen verächtlichen
Blick, so wird er zurückspringen, vor seinem eigenen Rufe beben, kein
nachtheiliges Wort von Dir über seine Zunge kommen lassen, und sich vor
dem Manne beugen, von dem er glaubt, er müsse geheimen Schutz haben,
weil er so fest steht, so gleichgültig gegen die seligmachende Stimme
des hohen Pöbels ist. Ja, gib ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu
bieten! Laß Dich durch kein freundliches Wörtchen wieder heranlocken,
bis er gänzlich zu Kreuze kriecht! Am besten ist es gewiß, über
dergleichen und über Klatschereien aller Art wenigstens nicht die
geringste Unruhe zu ~zeigen~, mit niemand weiter darüber zu reden, und
sich auf keine Erläuterung einzulassen. Dann ist in acht Tagen das
Mährchen vergessen, da auf jede andere Art hingegen die Sache ärger
gemacht wird.


                                  11.

Sey höflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Höfen und im
Umgange in großen Städten manchen Menschen sehen, ertragen und
freundlich behandeln, den man nicht schätzt; auch sucht man ja in
diesem Getümmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo
es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehen befestigen, wo es
wirken kann, daß der Dich fürchte, der nicht anders als durch Furcht
im Zaume zu halten ist, da laß ihn Dein Ansehen fühlen! Nimm gegen den
Hofschranzen eine Art von Würde, von edelm Stolze und von Hoheit an,
damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen könne, Dich zu foppen, oder
zu mißbrauchen! Diese Sclaven-Seelen zittern vor dem Uebergewicht
des verständigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in
Aufgeblasenheit, noch in Bauernstolz ausarten. Sage diesen Leuten
zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage
ihre flachen, schiefen Urtheile kaltblütig mit Gründen nieder, wo es
nach den Umständen die Klugheit erlaubt! Bringe sie durch kaltblütigen
Widerspruch zum Schweigen, wenn sie den Redlichen lästern! Setze ihren
Kriegslisten Muth, Thätigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht
vertraulich mit ihnen! Laß ächter Laune nicht den Lauf, -- aus Furcht,
ein Wort zu sprechen, das man mißbrauchen, verdrehen könnte!


                                  12.

Ueberhaupt rede in der großen Welt nie eine warme Herzens-Sprache!
Die ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von
den reinen, süßen, einfachen, häuslichen Freuden! Das sind
Mysterien für solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner
Gewalt, daß man nichts darauf geschrieben finde, weder Verwunderung,
noch Freude, noch Widerwillen, noch Verdruß!
Die Hofleute lesen besser Mienen, als Buchstaben: das ist fast
ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand!
Sey vorsichtig, nicht nur im Reden, sondern sogar im
Hören! sonst wird Dein Name leicht gefährdet.


                                  13.

Ich habe schon vorhin gesagt, daß das Betragen in der großen Welt nach
eines Jeden besondrer Lage sich richten müsse, und daß, was dem Einen
darin zu beobachten wichtig und nöthig ist, für den Andern vielleicht
von gar keinem Belange seyn könne. Wer nicht bloß in derselben leben
und geachtet werden, sondern auch wirken, sich empor arbeiten, regieren
will, der muß das Ding freilich noch viel feiner studiren. Da kann es
äusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthei, oder
(wobei man größtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz
unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehören, um von allen aufgesucht
zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anführer einer eigenen zu
werden. Da muß oft die Politik uns lehren, wo wir des sichern Vortheils
nicht gewiß sind, -- wo nicht zu helfen, vielleicht die Hülfe sogar
nachtheilig ist, und Uebel ärger macht, unsre verfolgten Freunde
allein kämpfen zu lassen, und uns ihrer nicht öffentlich anzunehmen.
Da kann es nöthig seyn, anfangs ganz unscheinbar dazustehen, um
nicht beobachtet, in seinen Planen nicht gestört, vielmehr als ein
unbedeutender Mensch (weil ein solcher immer mehr Stimmen auf seiner
Seite hat, als der von besserer Art) befördert zu werden. Zu allen
Geschäften aber, die man in der großen Welt führen muß, ist nichts so
dringend anzuempfehlen, als -- ~Kaltblütigkeit~, das heißt: sich nie
zu vergessen; nie sich zu übereilen; den Verstand nie dem Herzen, dem
Temperamente, der Phantasie preiszugeben; Vorsicht, Verschlossenheit,
Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Unterdrückung willkührlicher
Aufwallungen und Gewalt über Regungen des Gefühls und Launen. Mit
Kaltblütigkeit und den dahin gehörigen Eigenschaften sieht man Personen
von den mittelmäßigsten natürlichen Gaben über den lebhaftesten,
feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst -- wenn sie
sich je erlernen läßt, wenn sie nicht ausschließlich ein Geschenk der
Natur ist -- erlangt man nur nach vieljähriger Arbeit und Erfahrung.


                                  14.

 Und nun zum Schlusse dieses Kapitels auch etwas über den Nutzen,
 den uns der Umgang mit Menschen in der großen Welt gewährt! Er ist
 wahrlich nicht unbeträchtlich, aber er muß auch oft theuer genug
 erkauft werden. Vorschriften, welche uns auf die erlaubten Sitten der
 feinern Gesellschaft verweisen, sind freilich keine Grundsätze der
 Moral, sondern nur der Uebereinkunft; allein eben diese Uebereinkunft
 beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern in einer
 zwangvollen Lage, deren Ungemächlichkeit man nun einmal nicht ganz aus
 dem Wege räumen kann, den Zustand so leidlich als möglich zu machen,
 ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das
 Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der
 Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Wittwen und Waisen
 nähren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wirksamkeit
 setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in
 Umlauf gebracht, wenn er allgemein anerkannt wird, -- anerkannt von
 Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen,
 die nur auf das Gepräge achten. -- Darum sollte man nicht so unbedingt
 und so heftig gegen den wahren feinen Weltton eifern, ihn nicht ganz
 verdammen. Er lehrt uns, die kleinen Gefälligkeiten nicht ausser Acht
 zu lassen, die das Leben süß und leicht machen. Er erweckt in uns
 Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schärft unsern
 Beobachtungs-Geist, gewöhnt uns, ohne zu kränken und ohne gekränkt
 zu werden, mit Menschen aller Art leben zu können. Der ächte und
 zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Verehrung; und man
 braucht nicht in die Wüsten zu fliehen, noch sich in Studirzimmern
 zu vergraben, um auf den Titel eines Philosophen Anspruch machen
 zu dürfen. Ja, ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle
 Stuben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Büchern sehr wenig. Ich
 rathe also jedem jungen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt-
 und Menschen-Kenntniß, und Lust hat, nützlich und thätig zu seyn,
 wenigstens auf einige Zeit den größern Schauplatz zu betreten, wäre
 es auch nur, um zu Beobachtungen Stoff zu sammeln, die einst im Alter
 seinen Geist beschäftigen, und ihn in den Stand setzen, seinen Kindern
 und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind, an Höfen und in großen
 Städten ihr Glück zu suchen, weise Lehren zu geben.




                           Viertes Kapitel.

                   Ueber den Umgang mit Geistlichen.


                                  1.

Ich mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von andern Ständen
und Verhältnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Kapitel
mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthätig ist der
Umgang mit einem solchen Geistlichen, der sich aus ganzer Seele seinem
heiligen Berufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften
Einfluß der Religion Jesu geläutert, und sich eben dadurch Würde und
Weisheit erworben hat, -- der als ein unerschrockener Verkündiger
und Diener der Wahrheit allen Guten und selbst den Feinden des Guten
Hochachtung einflößt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beispiel
bestätigt, -- der seiner Gemeine Bruder, Freund, Wohlthäter und
Rathgeber, in seinem Vortrage populär, warm und herzlich ist, -- durch
Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Mäßigkeit und Uneigennützigkeit
sich als einen würdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet, -- duldsam
und billig gegen fremde Religions-Verwandte, väterlich nachsichtig
gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Fröhlichkeit, und dabei in
seinem häuslichen Kreise ein guter, zärtlicher und weiser Hausvater
ist. Allein nicht alle und nicht die meisten Diener der Kirche sehen
diesem Bilde ähnlich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem
niedrigsten Pöbel entsprossen, ohne gesunde Vernunft und ohne andre
Kenntnisse, als die dazu gehören, sich nach einem elenden Schlendrian
examiniren zu lassen, drängen sich in diesen Stand ein, haschen
nach reichen Pfründen und Pfarren, und erlauben sich, um dahin zu
gelangen, alle Arten von Schleichwegen und Niederträchtigkeiten. Haben
sie nun ihren Zweck erreicht, dann fährt der rechte Pfaffen-Geist
in sie. Geizig, habsüchtig, träge und kriechend, Schmeichler der
Großen und Reichen, übermüthig und stolz gegen Niedre, voll Neid
und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie größtentheils daran
Schuld, wenn Verachtung der heiligsten Religion und ihrer Diener so
allgemein einreißt. Diese Religion behandeln sie als eine trockne
Wissenschaft, und ihr Amt als ein einträgliches Gewerbe. Auf dem Lande
verbauern sie, ergeben sich dem Müßiggange und der Bequemlichkeit,
und klagen über ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von
der Kanzel herunter die Zuhörer mit ihren dogmatischen, armseligen
Spitzfindigkeiten einschläfern. Sie angeln nach Geschenken, Erbschaften
und Vermächtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist
unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre kirchliche
Herrschsucht ohne Gränzen. Den Eifer für die Religion brauchen sie zum
Deckmantel ihrer Leidenschaften. Orthodoxie ist die Parole; blinder
Glaube und Ehre Gottes das Feldgeschrei, wenn sie den unschuldigen
ruhigen Bürger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie
macht, den Pfaffen nicht schmeichelt, und ihnen nicht opfert, bis
in den Tod verfolgen wollen. Ihre Feindschaft ist unversöhnlich --
ich rede aus Erfahrung -- gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter
nicht unterwerfen, oder zu ihren Gewissenlosigkeiten nicht schweigen
will. Ihre Eitelkeit ist größer, als die eines Weibes. Aus Vorwitz
und kindischer Neugier schleichen sie sich in die Häuser und Familien
ein, um sich in Händel zu mischen, die sie nichts angehen; um Ränke zu
schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Trüben zu fischen. Niemand
versteht besser, als sie, die Kunst, ein Vorhaben, mit Ueberwindung
aller Schwierigkeiten, listig durchzusetzen, ohne das Ansehen zu haben,
als hätten sie die Hände im Spiele. Geht es auf die eine Weise nicht,
so greifen sie die Sache am entgegengesetzten Ende an, drehen, wenden,
bemänteln, verrücken den Gesichtspunkt, und ruhen nicht eher, als
bis sie, zur Befriedigung ihrer Herrschsucht, ihrer Rache, oder ihrer
Habsucht, den vorgesetzten Zweck erreicht haben.

Ihre Predigten, ihre Gespräche und Mienen sind Bann-Strahlen,
Verdammungs-Urtheile und Drohungen gegen andre Religions-Verwandte
und gegen Jeden, der das Unglück hat, nicht glauben zu können, was
sie -- oft selbst nicht glauben, sondern -- nur lehren, weil es Geld
einbringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Nebenmenschen, schreien
dieselben vergrößert aus, oder wo sie das alles nicht öffentlich thun
dürfen, da wirken sie durch Andere im Verborgenen, oder hängen die
Maske der Demuth, der Heuchelei, des Eifers für Gottseligkeit und
gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die
Schwachen auf ihre Seite zu bringen, und den Weisern und Bessern bei
dem Volke verdächtig zu machen. -- Ja, solche Ungeheuer gibt es leider!
unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur unter Mönchskutten
und Jesuitenmänteln, -- nein! mancher protestantische Pfaffe würde ein
zweiter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Flügel beschnitten wären.


                                  2.

Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja, unter
den redlichen Geistlichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von
manchem dieser Fehler, z. B. von geistlichem Stolze, von Unduldsamkeit,
von Anhänglichkeit an Systemgeist, von falschem Priestergeist, von
Habsucht, oder von Rachsucht haben: so kann es wohl nicht schaden,
wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit
~allen~ Personen dieses Standes ohne Unterschied nicht überflüßig sind.

Man hüte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! Und
so wie überhaupt ein verständiger Mann sich enthält, über religiöse
Gegenstände in Gesellschaften zu plaudern: so soll man in Gegenwart
eines Geistlichen vorzüglich Acht haben, nie ein Wort fallen zu lassen,
das übel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem
oder einen Religionsgebrauch angesehen werden könnte! Auch besuche man
die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des
Predigers unsre Andacht nicht sehr befördern, des Beispiels wegen, und
um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichgültigkeit gegen die
Religion aufbürde.

Man mache in Gesellschaft nie einen Geistlichen lächerlich, möchte er
auch noch so viel Veranlassung dazu geben! Auch rede man mit Vorsicht
von ihnen! Theils machen diese Herren gar zu gern ihre eigene Sache zur
Sache Gottes; theils verdient dieser ehrwürdige Stand auf alle Weise
eine Schonung, die man wegen der Unwürdigkeit einzelner Mitglieder
nicht aus den Augen setzen darf; theils kann man durch das Gegentheil
die verderbliche Verachtung der Religion, die leider so sehr einreißt,
wider Willen befördern.

Man bezeige hingegen den Geistlichen alle äussere Ehrerbietung, die
sie nur irgend billiger Weise fordern können, und beleidige nicht nur
keinen derselben, sondern mache sich auch keines Mangels an Höflichkeit
gegen sie schuldig!

Man lasse, bei der Entrichtung der ihnen zukommenden Gebühren und
Abgaben, sich keine Abkürzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen;
gebe aber auch, bei Fällen, die öfter eintreten können, nicht zu viel!
denn die Habsüchtigen unter ihnen schreiben gern alles auf, und machen,
was die Freigebigkeit oder Dankbarkeit that, zum Gesetz, zu einem
Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten.

Man hüte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen
Geistlichen von der alltäglichen Art zum Vertrauten in häuslichen
Angelegenheiten und andern Dingen von Wichtigkeit zu machen, und halte
ihn entfernt, wenn er sich unberufen in dergleichen mischen will!

Man verhindere die zu große Vertraulichkeit der Weiber und Töchter mit
gewissen Beichtvätern und geistlichen Rathgebern!


                                  3.

In Prälaturen und Klöstern muß man den Ton der Herren Patrum
anzunehmen verstehen, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter
gesunder Appetit, nach Verhältniß eben so viel Durst, und die Gabe,
ein Gläschen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu können; ein
kurzweiliger Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig
grobartig seyn muß; zuweilen ein Wortspielchen, ein lateinisches
Räthsel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitzfindigkeit, --
einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvätern, -- Beifall, durch
baucherschütterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher
(dies Amt pflegt selten unbesetzt zu seyn) einen Schwank hervorbringt,
-- viel Ehrerbietung gegen den hochwürdigen Herrn Prälaten, Guardian,
oder Prior, -- Bewunderung der Kostbarkeiten, Reliquien, Gebäude und
Anstalten, -- kein Gespräch über Aufklärung und Literatur, aber desto
mehr über Politik, Krieg und Frieden, -- Zeitungs-Nachrichten, --
Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umständen und Anekdoten
geforscht wird, -- Vorsichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden,
besonders von Jesuiten, die Rede ist, -- Rang, Ansehen, Reichthum,
Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es nöthig ist,
Geschenke: -- das sind ungefähr die Mittel, dort gut aufgenommen zu
werden, und sich Achtung zu erwerben.

Zu Domherren braucht man größtentheils nur Appetit zum Essen
und Trinken, muthwillige, ein wenig faunische Laune, und tiefes
Stillschweigen über gelehrte Gegenstände mitzubringen, um ihnen
gefällig zu werden.

In Nonnenklöstern, so wie in katholischen und protestantischen
weiblichen Stiftern, kann man mit einer hübschen, stämmigen Figur, mit
treuherziger, doch äusserlich anständiger Vertraulichkeit, mit einem
Sacke voll Mährchen, Neuigkeiten und Späßchen auch ziemlich weit kommen.

Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; darüber ist
in den Briefen aus dem Noviciate und in unzähligen andern Schriften
schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden.




                           Fünftes Kapitel.

             Ueber den Umgang mit Gelehrten und Künstlern.


                                  1.

Wenn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein würde, wie
der eines +Gentleman+ in England; wenn man sich unter einem Gelehrten
immer nur einen Mann denken dürfte, der seinen Geist durch wahrhaftig
nützliche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kenntnisse zu Veredlung
seines Herzens angewendet hätte; -- kurz einen Mann, den Wissenschaften
und Künste zu einem weisern, bessern und für das Wohl seiner Mitbürger
thätigern Menschen gemacht haben; dann brauchte ich hier kein Kapitel
über den Umgang mit Gelehrten zu schreiben. Bedarf es einer Vorschrift,
wie man mit dem Weisen und Edeln umgehen soll? An seiner Seite auf
die Lehren zu horchen, die von seinen Lippen strömen; seine Augen
auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beispiel zur Richtschnur unserer
Handlungen zu machen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und dieser
Wahrheit zu folgen -- dieß ist ein Glück, dessen Genuß nicht nach
Regeln gelernt zu werden braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende
Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anekdoten-Jäger, Uebersetzer,
Plündrer fremder literarischer Güter, und überhaupt Jeder, der die
unbegreifliche Nachsicht unsers Publikums zu mißbrauchen, sich nicht
schämt, um ganze Bände voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung längst
besser gesagter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Gelehrten
nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nützlichkeit
für die Welt, sondern nach dem veränderlichen leichtfertigen Geschmacke
des lesenden Pöbels geschätzt, und spekulative Grillen Weisheit genannt
werden, fieberhafte Phantasie für Schwung und Begeisterung gilt; wenn
ein Knabe, der sein sinnloses Gewäsch in abwechselnd kurzen und langen
Zeilen in einen Musen-Almanach einrücken läßt, ein Dichter heißt; wenn
der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewühl von falschen Tönen, ohne
Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkünstler; der,
welcher schwarze Punkte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen
kann, ein Componist; der, welcher auf Brettern herumspringt, ein Tänzer
genannt wird: dann muß man wohl ein Paar Worte darüber sagen, wie man
sich im Umgange mit solchen Menschen zu betragen hat, wenn man nicht
für einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehen seyn, und Jedem
das Seinige geben will.


                                  2.

Beurtheile nicht den moralischen Charakter des Gelehrten nach dem
Inhalte seiner Schriften! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz
anders aus, als in Natura. Auch ist das nicht so übel zu nehmen. Am
Schreibtische, wo man die ruhigste Gemüthsverfassung wählen kann,
wenn keine stürmische Leidenschaften unsern Geist aus seiner Fassung
bringen: da lassen sich herrliche Vorschriften geben, die nachher in
der wirklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verführung von
Seiten der berüchtigten drei geistlichen Feinde uns hin und her
treiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freilich ~den~
Mann, der Tugend predigt, darum nicht immer für ein Muster von Tugend
halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt; ihm wenigstens
dafür danken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark
genug ist, diese Fehler zu vermeiden; und es würde unbillig seyn, ihn
deswegen für einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig
wäre, ohne Beweis vorauszusetzen, er thue das Gegentheil von dem, was
er lehrt, oder man müsse seine Worte anders auslegen, als sie lauten).
Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsätze, die ein
Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schöpfung in den Mund legt,
als seine eignen ansehen, noch einen Mann deswegen für einen Bösewicht,
oder Faun, oder Menschenhasser halten, weil seine üppige Phantasie,
sein feuriges Blut ihn verleitet, irgend einen boshaften Charakter von
einer glänzenden Seite darzustellen, oder eine wollüstige Scene mit
lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit über Thorheiten zu
spotten. Er thäte wohl besser, wenn er das unterließe, aber er ist
darum noch kein schlechter Mann; und so wie man bei hungrigem Magen
Götter-Mahlzeiten schildern kann, so kenne ich Dichter, die den Wein
und die sinnliche Liebe mit allem Feuer besingen, und dennoch die
mäßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel
von Schandthaten mit der treffendsten Wahrheit dargestellt haben, und
dennoch Rechtschaffenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen;
kenne endlich Satyriker, voll Menschenliebe und Wohlwollen.

Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schriftsteller und
Künstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch
im gemeinen Leben nichts als Kernsprüche reden, nichts als Weisheit
und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glänzendsten von einer
Kunst schwatzt, ist darum nicht immer der, welcher die gründlichsten
Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm, und schmeckt
nach Pedanterei, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eignen
Lieblings-Beschäftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um
sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre, nicht sich selbst, zu hören.
Nicht Jeder hat so viel Gegenwart des Geistes, um mitten im Getümmel,
und wenn er durch Fragen und Vorwitz überrascht wird, mit Würde und
Bestimmtheit von Gegenständen zu reden, die er vielleicht zu Hause
in seinem einsamen Zimmer mit der größten Klarheit durchschauet. Und
dann gibt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gänzlich
anders, als wir, gestimmt sind; die Dinge von so durchaus andern Seiten
ansehen, daß es nicht möglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so
zu fassen, daß man etwas Gescheidtes auf das antworte, was sie uns
vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut wie ein anderer Erdensohn,
seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen
und überhaupt zu solchen Gesprächen, die Nachdenken erfordern; oder die
Menschen, die er um sich sieht, behagen ihm nicht, scheinen ihm keines
Aufwandes von Verstand und Witz würdig.

Es ist ein recht garstiger Zug in dem Charakter unsers lesenden
Publikums (wenn es anders erlaubt ist, einem Publikum einen Charakter
zuzuschreiben), daß man so gern von guten Schriftstellern und überhaupt
von Männern, die sich Ruf erworben haben, ärgerliche Anekdoten
aufsammelt, um ihnen einen Grad der öffentlichen Achtung zu entziehen,
wenn ihre Schriften ihnen Bewundrer gewonnen, wenn ihre Talente die
Aufmerksamkeit verständiger Menschen mehr auf sie, als auf Männer
gleiches Standes, gezogen haben; ja, es gibt sogar eine gewisse Art von
Kleinstädterei, welche darin besteht, daß man sich den Schein gibt, auf
den Mann mit Verachtung zu blicken, dem es gelungen ist, durch gute
literarische Produkte, auswärts, d. h. ausser dem Kreise der Herren
Vettern und Frauen Basen seinen Namen bekannt zu machen. Daß man einen
Solchen im Vaterlande nicht aufkommen, auch allenfalls darben lasse,
das finde ich ganz in der Ordnung der menschlichen Dinge; aber seinen
moralischen Charakter aus Neid verdächtig machen, und ihn, wenn er auch
noch so demüthig, noch so anspruchslos seinen stillen Gang fortgeht,
durch Verachtung mißhandeln: das ist doch zu hart, aber es geschieht
hie und da, besonders in einigen minder großen Städten.

Spricht aber ein Gelehrter, ein Künstler gern und viel von seinem
Fache, so nimm ihm auch das nicht übel auf! Die unglückliche
Polyhistorei, die Wuth, auf allen Zweigen der Wissenschaften und
Künste herumzuhüpfen und über alles abzuurtheilen, ist nicht eben
das, was unserm Zeitalter am meisten Ehre macht; und wenn es
langweilig ist, einem Manne zuzuhören, der alle Gespräche auf seinen
Lieblings-Gegenstand zu lenken sucht, und sich unaufhörlich auf
seinem Steckenpferde herumtummelt, so ist es mehr als langweilig, es
ist empörend, wenn ein Schwätzer entscheidende Urtheile über Dinge
ausspricht, die gänzlich ausser seinem Gesichtskreise liegen; wenn
der Priester über Politik, der Jurist über das Theater, der Arzt über
Malerei, die Kokette über philosophische oder religiöse Gegenstände,
der süße Herr über Strategie sich hören läßt. Erlaube dem Manne, der
etwas Gründliches gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst,
von seiner Wissenschaft zu reden; ja, gib ihm Gelegenheit dazu! Man
ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man -- doch übrigens
bei gesundem Hausverstande -- ~ein~ Fach aus dem Grunde versteht;
und mir ekelt vor den grassirenden encyclopädischen Wörterbüchern;
mir ekelt vor den allwissenden, aburtheilnden jungen Herren, die den
bescheidenen, zweifelnden Forscher mit Machtsprüchen zu Boden schlagen,
und die besonders von liebenswürdigen gelehrten Damen unterhaltend
gefunden, und eben dadurch ganz unausstehlich werden.


                                  3.

Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andere Menschen; so
hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal
eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehen. Nichts wird
leichter gekränkt, als die Eitelkeit eines Gelehrten. Man muß sogar
alle Zweideutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie
ausspendet.

Die mehrsten Schriftsteller verzeihen es uns leichter, wenn wir
ihren sittlichen Charakter, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten
Welt antasten. Willst Du daher in Frieden leben, so sey vorsichtig
in Beurtheilung ihrer Produkte! Selbst dann, wenn sie Dich um Deine
Meinung darüber fragen, so hast Du dieß klüglich und demüthiglich
so auszulegen, als bäten sie Dich um einen Lobspruch und eine
Schmeichelei. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft Dich zu völliger
Offenherzigkeit verpflichtet, rathe ich wohlmeinend da, wo Du nicht
ohne Niederträchtigkeit loben kannst, wenigstens etwas zu sagen, was
die beleidigte Eitelkeit nicht als einen Tadel auslegen kann.

Fast noch ungnädiger pflegen es die gelehrten oder vielmehr
schreibenden Herren aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer
Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen, oder wenn man sie im
gemeinen Leben nicht anders, als Jeden behandelt, der auf andre Weise
der Welt nützlich wird; endlich, wenn man Grundsätze äussert, die nicht
in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung
sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehen haben. Hüte Dich
vor diesem allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen
willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast:
groß, klein oder mittelmäßig! Alle riechen den Weihrauch gern, der
ihnen gestreuet wird; aber nicht jeden darf man auf gleich grobe Art
einräuchern. Der Eine nimmt fürlieb, wenn Du es ihm grade in's Gesicht
sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur
ohne Widerspruch erlaubst, daß er dieß selbst von sich sage; der Dritte
verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden
Produkte vorlieset; den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte
Anspielung auf irgend eine Stelle aus seinen Schriften; dem Fünften
behagt äussere ausgezeichnete Ehrerbietung, wenn auch von seiner
Autorschaft nicht ausdrücklich Erwähnung geschieht; und ein Sechster
endlich -- es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plätzchen zu nehmen --
begnügt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu
thun sey, daß er nichts geschrieben habe, dessen sein Herz sich zu
schämen braucht, und daß, wenn seine Werke keine Meisterstücke sind,
sie doch nicht ausschließlich zu Makulatur sich eignen.


                                  4.

Lustig anzusehen aber ist es, wenn zwei Schriftsteller sich einander
mündlich oder schriftlich loben und preisen, vortheilhafte Recensionen
gegenseitig erschleichen, sich bei lebendigem Leibe einbalsamiren,
und einander eine glänzende Ewigkeit zusichern. Auch mag ich wohl
ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein paar Leute zusammenkommen, die
gern von einander bewundert werden möchten, oder die sehr viel Gutes
von einander gehört haben. Wie sie sich drehen und wenden, um sich
wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Wenn sie nun aus einander
gehen, zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet,
wenn dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente
auszukramen, oder wenn beide Narren sich auf ähnlichen sympathetischen
Thorheiten ertappt haben.

Nicht so lustig aber ist der Anblick des Unwesens, das man so oft unter
Gelehrten wahrnimmt, die entweder, wegen der Verschiedenheit ihrer
Meinungen und Systeme, sich vor dem ehrsamen Volke der geneigten Leser
wie Bettelbuben herumzanken, oder, wenn sie an demselben Orte leben,
und in demselben Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen,
hassen, sich gegenseitig auch nicht die mindeste Gerechtigkeit
widerfahren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bei dem
Publikum herabzusetzen sucht. -- Pfui der Niederträchtigkeit! Ist
denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den
Durst vieler Tausende zu stillen? und dürfen Neid, Scheelsucht und
pöbelhafte Erbitterung auch solche Geister herabwürdigen, die der
Weisheit geweiht sind? -- Doch hierüber ist schon oft so vieles gesagt
worden, daß ich es für besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte
Selbstbeschimpfungen zu ziehen, die leider in unsern Zeiten nicht
selten gesehen werden.[8]


                                  5.

Es gibt Leute, die sich dadurch ein Gewicht zu geben suchen,
daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandtschaft, Freundschaft,
oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten rühmen. Das ist
eine Thorheit, der man sich enthalten sollte, weil sie sich dem
Spotte preisgibt. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller
haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Verbindung
mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich
weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und
Freundlichkeit behandeln.[9] Auch kann ich das unmäßige und
luxuriöse Citiren und Berufen auf fremde Autoritäten, wie überhaupt
alles Prahlen und Schmücken mit fremden Federn nicht
leiden. Das mittelmäßigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung
Gefühlte ist für uns mehr werth, als das Vortrefflichste,
was wir bloß nachlallen.


                                  6.

Unter den heutigen sogenannten Gelehrten muß man billig einigen unsrer
Journalisten und Anekdoten-Sammler einen gewissen Rang einräumen, weil
sie nun einmal die erklärten Lieblinge des leselustigen Publikums sind,
und dieses gutmüthig oder verblendet genug ist, ihnen alles aufs Wort
zu glauben. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondere Vorsicht
im Umgange nöthig. Sie stehen gemeiniglich, bei geringem Vorrathe
von eigner Gelehrsamkeit, im Solde irgend einer herrschsüchtigen
Parthei oder eines Anführers derselben, sey es nun von politischen
Ketzermachern, Orthodoxen, Schwärmern, Vernunft-Feinden, Mystikern,
oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Mährchen
zu sammeln, die sie nach Gelegenheit Dokumente nennen, oder mit dem
Schwerte der Verleumdung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne
schwören will; Jedem den Mund zu stopfen, der es wagt, an ihrer
Unfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Wörtchen, das nicht in ihr
System paßt, und das sie irgendwo auffangen, gibt ihnen reichen Stoff
zu Verketzerungen, zu unwürdigen Neckereien, zu Verfolgungen der
besten, sorglosesten und arglosesten Menschen. Sey behutsam im Reden,
wenn ein Solcher Dich freundlich besucht, und denke beständig und
klüglich daran, daß er Dich abhört, um bei Gelegenheit dem Publikum
haarklein alles zu berichten, was er bei Dir gesehen und gehört hat!
Der Mann, der dies Handwerk in Deutschland am ärgsten und ärgerlichsten
treibt, und gegen den alle Art von rechtlicher und handfester Hülfe
vergebens angewendet wird; dieser Mann heißt -- ich muß ihn hier
öffentlich nennen -- heißt -- Anonymus, auch Redacteur, und ist ein
gar sonderbarer Mann. Da er sich, wie Cartouche, in so vielfache
Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn paßt: so rathe
ich, jeden Unbekannten, der gewisse Mode-Wörter, wie z. B. gefährliche
und schädliche Aufklärung, Publicität, Denkfreiheit, Toleranz, oder
Gefahr für den einzig seligmachenden Glauben, höhere Wissenschaften,
Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde führt, fürerst für
jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher
Spitzbube ist, und umhergeht, wie ein brüllender Löwe, um zu suchen,
wen er verschlingen mögte.


                                  7.

Mit Tonkünstlern, einer gewissen nicht sehr anziehenden Gattung von
Dichtern, Componisten, Tänzern, Schauspielern, Malern und Bildhauern
ist der Fall ein ganz anderer. Diese sind -- es versteht sich auch
hier, daß ich in jeder Klasse die Bessern ausnehme -- wohl keine
gefährliche, aber desto eitlere und oft sehr zudringliche und
unzuverlässige Leute. Weit entfernt, zu fühlen, daß die schönen Künste,
obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen
kann, doch am Ende zum Hauptzwecke nur das ~Vergnügen~ haben, folglich,
in Ansehung ihres Einflusses auf das Glück der Welt, den höhern,
wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehen müssen; weit
entfernt, zu fühlen, daß man, um wahrhaftig den Titel eines großen
Mannes zu verdienen, mehr verstehen und mehr müsse bewirken können,
als Augen zu vergnügen, Ohren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und
Herzchen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige
an, was des Bestrebens eines vernünftigen Menschen werth wäre; und
es muß uns nicht befremden, wenn ein Tänzer, der höher besoldet
wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß dieser nichts
Besseres gelernt habe. Der philosophischen Künstler, so wie Georg
Benda einer war; der bescheidnen Virtuosen, wie der edle Fränzl in
Mannheim und sein liebenswürdiger Sohn; der verständigen, mit allen
Privat-Tugenden geschmückten Maler, wie Tischbein; der Schauspieler,
bei denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Hochachtung verdienen,
wie der unnachahmliche Schröder, -- solcher Männer gibt es nicht so
gar viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen äusserst vertrauten
Umgang mit dieser Menschen-Klasse nur nach der strengsten Auswahl zu
suchen. +Cantores amant humores+, das heißt: auf ein Liedchen schmeckt
ein Schlückchen. Sänger, Dichter u. dergl. lieben das Wohlleben, und
das kann uns nicht wundern. Es gibt wohl eine Art von Begeisterung, zu
der sich die Seele bei der einfachsten, mäßigsten Lebensart erheben
kann; und, die Wahrheit zu gestehen, das ist wohl die einzige, deren
Früchte auf Unsterblichkeit Anspruch machen dürfen. Hoher Schwung
des Genius hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er
entsprungen, ist freilich von ganz anderer Art, als Spannung der
Nerven, Erhitzung der Phantasie durch Reizung der Sinne; und man sieht
es solchen Werken, wie Klopstocks Messias und Schillers Don Carlos
sind, bald an, daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche ist
gezogen worden. Allein wie wenig Künstler werden von jener bessern
Glut entzündet! Ihre, durch unordentliche Aufführung und unglückliche
äussere Verhältnisse geschwächte Maschine fordert, wenn sie den Geist
nicht ganz niederdrücken soll, gewaltsame Stärkungs-, oder vielmehr
Berauschungs-Mittel. Dieß treibt sie zuerst zu einem, den sinnlichen
Freuden gewidmeten Leben. Dazu kömmt, daß Der, welcher einmal die
schönen Künste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch
Geschmack an ernsthaften Geschäften findet, -- daß diese ihm äusserst
trocken scheinen; und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen
und pinseln kann, so bleiben viel Stunden des Tages auszufüllen,
welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und
Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernünftigen
Umgangs denken also diese Herren selten; und sie schätzen den Mann,
der ihnen sinnlichen Genuß in reichem Maaße gewährt, und ihnen dabei
schmeichelt, höher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahrheit
und Ordnung führt. Jenem drängen sie sich auf; Diesen fliehen sie.
Bei dem allgemein einreissenden faden Geschmacke unseres Zeitalters,
bei der Vernachlässigung nützlicher Wissenschaften, ist dieß, wie
ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, möchte man mich auch
deswegen für einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein
weiches Herz hat, und der den edlen Müßiggang und ein lüderliches Leben
liebt, legt sich heut zu Tage auf die schönen Wissenschaften, glaubt
Beruf zum Künstler zu haben, macht Verse, schreibt für das Theater,
spielt ein Instrument, componirt, pinselt; -- und so muß denn am Ende
der Geschmack ausarten, und die Kunst verächtlich werden. Deswegen
sehen wir auch ganze Heerden solcher Künstler herumlaufen, die nicht
einmal mit den ersten theoretischen Grundsätzen ihrer Kunst bekannt
sind: Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen; die
nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife
auswendig gelernt haben; Künstler ohne philosophischen Geist, ohne
gesunde Vernunft, ohne Studium, ohne wahres Natur-Gefühl, aber dagegen
mit desto mehr Selbstgenügsamkeit und edler Dreistigkeit ausgerüstet;
unter sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der
ihr Hauptstudium nur als Nebensache treibt, und dennoch mehr davon
weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein solcher aber
Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er den Schutz der
anmaßlichen Kenner, so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein
Stümper sey, wenn man nicht für einen unwissenden Menschen gelten, und
alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wem ekelt nicht
vor der Menge solcher vornehmen und geringen Dilettanten, vor ihren
schiefen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewäsche? Willst Du Dich bei
diesem wilden Haufen beliebt machen, so mußt Du die Geduld haben,
ihren Unsinn anzuhören, oder gar die Niederträchtigkeit begehen, ihn
zu loben, und ihren Machtsprüchen beizupflichten. Willst Du Dich aber
bei ihnen in Ansehen setzen, so sey ja nicht bescheiden, sondern eben
so unverschämt, wie sie! Entscheide mit Kühnheit! Tritt mit Zuversicht
mitten unter die größten Männer! Dränge Dich hervor! Thu, als seyest
Du äusserst ekel in Deinem Geschmacke; als sey es schwer, den Beifall
Deines verwöhnten Auges und Ohrs zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen
Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stünden! Verachte, was Dir zu hoch
ist! Schüttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes
zu sagen weißt! Begegne dem Anfänger mit Uebermuthe! Schmeichle
vornehmen, reichen, mächtigen Dilettanten und Mäcenaten! Befördre
die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an niedlichen Rondo's, an
Bierhaus-Menuetten, mitten in ernsthaften Stücken; an buntschäckigtem
Colorit, an Sinn-Gedichtchen, an Bombast und leerer Phraseologie,
an Schauspielen voll Gräuel, Verwickelung und Uebertreibung! -- So
kannst Du Dein Schärflein zum allgemeinen Verderbnisse des Geschmacks
redlich beitragen! Fühlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache,
Menschen zu scheuen, so widersetze Dich dem Unwesen! Eifre gegen diese
Erbärmlichkeiten, aber eifre mit Gründen, und rücke den ~Midassen~
unserer Zeit die großen Perücken und Narren-Kappen zurück, damit
man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter
täuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahrhaftig
große Künstler heut zu Tage zum Theil diese Wege einschlagen muß,
wenn er nicht dem Marktschreier das Feld räumen will; daß er oft
Natur, Bescheidenheit, Einfalt und Würde, der Mode und dem Vorurtheile
aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszurüsten, sich zum Windbeutel
und Spaßmacher zu erniedrigen gezwungen ist, um zu gefallen und Brod zu
finden. Uebel ist auch oft der Künstler, besonders der Musiker, daran,
wenn er in eine Gesellschaft von Leuten geräth, die ihn bewundern
wollen, die ihn bitten, sich vor ihnen hören zu lassen, und die denn
doch weder Aufmerksamkeit, noch Kenntniß der Kunst haben. Abschlagen
darf er es nicht, wenn er nicht will für eigensinnig gehalten werden,
und doch fühlt er, daß er seine Perlen den Säuen vorwirft. Er setzt
sich an das Klavier, spielt das sanfteste Adagio, und nun brüllen die
zuhörenden Liebhaber mitten in der rührendsten Stelle überlaut: »O! das
ist gar schön! vortrefflich!« -- und darüber geht die Stelle verloren.
-- Merke dir's, liebes Publikum, daß du dir solche Unarten abgewöhnen,
und nicht bloß ein geehrtes, sondern auch ein ehrenwerthes Publikum
seyn sollst.


                                  8.

Nun noch ein Wort zur Warnung für den Jüngling, in Betracht der
Künstler, besonders der Schauspieler, nämlich derjenigen von gemeiner
Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertraute Umgang mit den mehrsten
derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sittlichen Lebens und
ihrer ökonomischen Umstände, für Kopf, Herz und Geldbeutel nicht
sehr vortheilhaft seyn könne; allein noch in andern Rücksichten
ist hier Vorsicht zu empfehlen. -- Wenn man weiß, welch ein warmer
Verehrer der schönen Künste ich selbst bin: so wird man mir wohl
nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kälte geschehe, wenn
ich dem Jünglinge rathe, mäßig im Genuß der schönen Künste, mäßig im
Genusse des Umgangs mit den gefälligen Musen und deren Priestern zu
seyn. -- Musik, Poesie, Schauspielkunst, Tanz und Malerei, wirken
freilich wohlthätig auf das Herz. Sie machen es weich und empfänglich
für manche edle Gefühle: sie erheben und bereichern die Phantasie,
schärfen den Witz, erwecken Fröhlichkeit und Laune, mildern die Sitten
und befördern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen
Wirkungen können, wenn sie übertrieben werden, manchfaltiges Elend
veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, bei wahren und eingebildeten,
eignen und fremden Leiden sogleich in Aufruhr gerathendes Gemüth ist
wahrlich ein trauriges Geschenk. Ein Herz, das, empfänglich für jeden
Eindruck, wie ein Rohr, von manchfaltigen Leidenschaften hin und her
bewegt, jeden Augenblick von andern sich durchkreuzenden Empfindungen
hingerissen wird; ein Nerven-System, auf welchem jeder Betrüger, der
nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann: -- das
alles wird uns da, wo es auf Festigkeit, unerschütterlichen Muth, auf
Ausdauern und Beharrlichkeit ankömmt, sehr zur Last. Eine zu warme, zu
hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen
romanhaften Schwung gibt, und uns in eine Ideen-Welt versetzt, kann
uns in der wirklichen Welt theils sehr unglücklich, theils zu gänzlich
unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt
Forderungen, die wir nicht befriedigen können, und erfüllt uns mit
Ekel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir
in der Bezauberung wie nach Schatten greifen. Ein üppiger Witz, eine
schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen
Vernunft stehen, können nicht nur leicht auf Kosten des Herzens
ausarten, sondern würdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken,
so daß wir, statt der höhern Weisheit und nüchternen Wahrheit
nachzustreben, und unsre Denkkraft auf wahrhaftig nützliche Gegenstände
zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten
durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen,
uns bei den glänzenden Aussenseiten verweilen. Fröhlichkeit kann in
Zügellosigkeit, in Streben nach immerwährendem Taumel übergehen. Milde
Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in übertriebene
Geschmeidigkeit, in niedre, unverantwortliche Gefälligkeit, die alles
Gepräge vom männlichen Charakter abschleifen; und ein Leben, das bloß
den geselligen Freuden und dem sinnlichen Vergnügen gewidmet ist,
verleidet uns jede ernsthafte Beschäftigung, und entreißt uns den edlen
und dauernden Genuß, der durch Ueberwindung großer Schwierigkeiten
und durch anhaltende Anstrengung gewiß nicht zu theuer erkauft werden
muß; es macht uns die für Geist und Herz so wohlthätige Einsamkeit
unerträglich, raubt uns die glückselige Empfänglichkeit für ein stilles
häusliches, den Familien- und bürgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn
-- mit ~einem~ Worte: wer sich gänzlich den schönen Künsten widmet,
und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt,
der läuft Gefahr, sein wahres dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und
seinem Leben jeden Werth und jede Würze, seinem Bewußtseyn jede
Seligkeit, seinem Lebensmuthe jede Nahrung zu entreissen, und in den
späteren Jahren des Lebens im Ueberdruß zu verschmachten. Alles, was
ich hier gesagt habe, trifft vorzüglich bei dem Theater und bei dem
Umgange mit Schauspielern ein. Wenn unsere Schauspiele das wären,
wofür man sie so gern ausgeben mag, eine Schule der Sitten, wo uns auf
eine gefällige und treffende Weise unsre Verirrungen und Thorheiten
dargestellt und an das Herz gelegt würden; ja, dann könnte es rathsam
seyn, die Bühne oft zu besuchen, und den Umgang mit Männern zu wählen,
welche man als Wohlthäter ihres Zeitalters ansehen müßte. Man darf
aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es ~seyn
könnte~, sondern nach dem, ~was es ist~. Wenn in unsern Lustspielen
die komischen Züge der Narrheit so übertrieben geschildert sind,
daß niemand das Bild seiner eignen Schwachheiten darin erkennt;
wenn romanhafte Liebe darin begünstigt wird; wenn junge Phantasten
und verliebte Mädchen daraus lernen, wie man die alten vernünftigen
Väter und Mütter betrügen und überlisten soll, die zur ehelichen
Glückseligkeit ein wenig mehr, als eingebildete Sympathie und
vorübergehenden Liebes-Rausch fordern; wenn in unsern Schauspielen der
Leichtsinn im gefälligen Gewande erscheint, vornehmes Laster in Glanz
und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Größe und Kraft,
Bewundrung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblick
der ärgsten Greuel vertraut; wenn unsere Einbildungskraft an Erwartung
wunderbarer, feenmäßiger Entwickelungen und Auflösungen gewöhnt
wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, auf alle Täuschung
Verzicht zu leisten, und Vernunft und Geschmack unter den Glauben an
die Göttlichkeit der Tonkunst gefangen zu nehmen; wenn der elendeste
Fratzen-Schneider, die ungeschickteste Dirne, in so fern sie Anhang
unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernten; wenn endlich,
um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter
sich über Wahrscheinlichkeit, ächte Natur, weise Kunst und Anordnung
hinwegsetzen, und sich folglich der Zuschauer in dem Falle befindet,
im Schauspielhause keine Nahrung für den Geist, sondern nur
Zeitverkürzung und sinnlichen Genuß zu suchen: -- wer wird sich's
da nicht zur Pflicht machen, Jünglingen und Mädchen den sparsamsten
Genuß dieser Vergnügungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler
betrifft: ihr Stand hat sehr viel Blendendes. Freiheit, Unabhängigkeit
von dem Zwange des bürgerlichen Lebens, gute Bezahlung, Beifall,
Vorliebe des Publikums, Gunst und die schöne Gelegenheit, einem
glänzenden Publikum Talente zu zeigen, die sonst vielleicht auf immer
versteckt geblieben wären; Schmeichelei; die Freuden der Tafel bei
reichen und gastfreien Liebhabern der Kunst; viel Muße; Gelegenheit,
Städte und Menschen kennen zu lernen: -- das alles kann wohl einen
Jüngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem zerrütteten
Gemüthe, mit übel geordneten Leidenschaften und Begierden kämpft,
in Versuchung führen, diesen Stand zu wählen, besonders, wenn er in
vertrauten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen geräth. Aber
nun die Sache näher betrachtet! Was für Menschen sind gewöhnlich diese
Theater-Helden und Heldinnen? Leute ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne
Grundsätze, ohne Kenntnisse; Abentheurer; Menschen aus den niedrigsten
Ständen; freche Buhlerinnen; -- mit diesen lebt man, wenn man sich
demselben Stande gewidmet hat, in täglicher Gemeinschaft. Es ist
schwer, da nicht mit dem Strome fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde
zu gehen. Eifersucht, Feindschaft und Kabale vollenden dies glänzende
Elend, und da diese Künstler fast ganz ausser dem Staate leben, so
fällt bei ihnen ein starker Bewegungsgrund zum Gutseyn weg, nämlich
die Rücksicht auf ihren Ruf unter den Mitbürgern. Kömmt noch etwa die
Verachtung, mit welcher, freilich unbilliger Weise, manche ernsthafte
Leute auf sie herabsehen, hinzu: so wird das Herz erbittert und
verhärtet. Die tägliche Abwechselung von Rollen benimmt dem Charakter
alle Eigenthümlichkeit und Festigkeit; man wird zuletzt aus Gewohnheit,
was man so oft vorstellen muß; man darf dabei nicht Rücksicht auf seine
Gemüths-Stimmung nehmen, muß oft den Spaßmacher spielen, wenn das Herz
trauert, und umgekehrt. Dies leitet zur Verstellung. Das Publikum wird
des Mannes und seines Spiels überdrüssig; seine Manier gefällt nicht
mehr nach zehn Jahren; leicht gewonnenes Geld geht eben so leicht
wieder fort; -- und so ist denn ein armseliges, dürftiges, kränkliches
Alter nicht selten der letzte Auftritt des Schauspieler-Lebens.


                                  9.

Wer Schauspieler und Tonkünstler unter seiner Aufsicht und Leitung hat,
dem rathe ich, sich gleich anfangs auf einen ernsten und gemessenen
Fuß mit ihnen zu setzen, wenn er nicht von ihrem Eigensinne und ihren
Grillen abhängen will. Die Hauptpunkte, worauf es dabei ankömmt,
sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschäfte gewachsen sey; daß man
einen Künstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an
Pünktlichkeit und Ordnung zu gewöhnen, und bei der ersten Uebertretung,
Naseweisigkeit oder Zügellosigkeit Strenge fühlen zu lassen; sie
übrigens aber, nach Verhältniß der Talente und der sittlichen
Aufführung eines Jeden, mit Höflichkeit und Auszeichnung zu behandeln,
ohne sich je gemein mit ihnen zu machen.


                                  10.

Ermuntre durch bescheidnes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht
zur Ungebühr den jungen angehenden Schriftsteller und Künstler! Durch
gar zu freigebiges Lob ist schon Mancher auf immer verdorben worden.
Das übertriebne Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlich,
aufgeblasen, hochmüthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der
Vollkommenheit nachzustreben, und hören auf, ein Publikum zu achten,
das so leicht zu befriedigen scheint. Leider aber zwingt uns der
Zustand unsrer Literatur, alles zu loben, was nicht offenbar Unsinn
ist, weil in dem Fache der schönen Wissenschaften so selten etwas unter
uns erscheint, was sich über das Mittelmäßige erhebt, oder im Pulte des
Verfassers seine volle Reife erlangt hat.

Laß Dich dadurch nicht verderben, junger Mann von Talenten! Bewahre
auch Dein Herz vor Eifersucht! Laß fremdem Verdienste Gerechtigkeit
widerfahren! Suche immer die Gesellschaft solcher Männer, durch deren
Umgang Du, zum Vortheile Deiner Kunst, weiser und besser werden kannst,
nicht aber den Schwarm niedriger Schmeichler oder blinder Enthusiasten!


                                  11.

So wenig Vortheil der vertrauliche Umgang mit Künstlern von gemeinem
Schlage gewährt, so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit
Männern, die philosophischen Geist, Gelehrsamkeit und Witz mit
Kunst und Talent verbinden. Es ist ein Glück, an der Seite eines
ächten Künstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet,
dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschärft, bei
dem, durch die milden Einwirkungen der Musen, das Herz zu Liebe,
Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten geläutert und
veredelt sind. Seine freundliche Beredsamkeit ist aufheiternd und
belebend, sein Umgang söhnt mit der Welt und ihren Beschwerden
aus, gewährt Erholung von verdrießlichen, mühsamen und trocknen
Berufs-Geschäften, und gibt demjenigen neue Federkraft, der durch
lange Anstrengung abgespannt ist; erhöht die mäßigste Kost zu einem
Göttermahle, unsere Hütte zu einem Heiligthume, unsern Heerd zu einem
Altare der Musen.


                                  12.

Man pflegt viel zum Lobe gesellschaftlicher Bühnen und ihres
wohlthätigen Einflusses auf die Bildung junger Leute zu sagen. Es
würde mich zu weit führen, wenn ich hier alles aus einander setzen
wollte, was sich für und gegen die Sache sagen läßt, und was ich
selbst vielfach darüber zu beobachten und zu erfahren Gelegenheit
gehabt habe. Hier nur so viel: Ein großer Theil dessen, was über das
Theaterwesen überhaupt in diesem Kapitel gesagt worden, ist auch auf
die gesellschaftlichen Bühnen anwendbar. Welche besondre Vorsicht aber
noch bei der Wahl der Stücke und der Rollen-Vertheilung zu beobachten
ist, wenn gesittete junge Leute Schauspiele aufführen sollen, das
fällt leicht in die Augen. Allein ich würde den Eltern noch ausserdem
vorzüglich eine weise Rücksicht auf das Alter, auf die Gemüthsart,
auf die Temperamente ihrer Kinder, auf den Grad der Ausbildung und
Bestimmtheit des Charakters, den sie schon erlangt, oder noch nicht
erlangt hätten, dringend empfehlen, wenn ich um Rath gefragt würde.




                           Sechstes Kapitel.

         Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Ständen im
                          bürgerlichen Leben.


                                  1.

Machen wir den Anfang mit den ~Aerzten~! Kein Stand ist für das
Menschengeschlecht wohlthätiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung
erfüllt. Der Mann, welcher alle Schätze der Natur durchwühlt, und
ihre Kräfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstück der
Schöpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreien, von welchen sein
sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden
drücken, und oft schon seine Maschine zerstören, ehe noch einmal
sich jede Kraft in ihm entwickelt hat: der Mann, der sich vor dem
Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens nicht scheuet, der seine
Gemächlichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigne Gesundheit und sein
Leben daran wagt, um den leidenden Brüdern beizustehen; dieser Mann
verdient Verehrung und warmen Dank. Er gibt einer zahlreichen Familie
ihren Beschützer, ihren Erhalter, ihren Wohlthäter wieder, rettet
unmündigen Kindern ihren Vater, Ernährer und Erzieher, führt vom Rande
des Grabes den edeln Gatten zurück in die Arme seines treuen Weibes. --
Mit Einem Worte: kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf
das Wohl der Welt, auf das Glück, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit
der Mitbürger, wie der eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch
ein Umfang von Kenntnissen, welch eine Besonnenheit und Ausdauer,
welch eine Geistesgegenwart und Reife des Urtheils dazu gehört: so
erscheint der Arzt, wenn er ganz ist, was sein Beruf fordert, in einer
Würde, die beinahe jede andere überstrahlt, und ihm die stärksten
Ansprüche auf Dank und Verehrung seiner Mitbürger gibt. -- Man wird
es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch gibt es
Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand,
und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut! große Aerzte
hingegen können durchaus nur die feinsten Köpfe seyn. Doch das Genie
macht es nicht allein aus; es gehört das ämsigste und mühseligste
Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen. Endlich, wenn man
überlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Hülfswissenschaften, welche
die Arzneikunde voraussetzt, gerade die erhabensten, natürlichsten,
ersten Grundkenntnisse des Menschen sind -- Studium der Natur in
allen ihren Reichen, in allen ihren möglichen Wirkungen, in allen
ihren Bestandtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in
seinen festen und flüssigen Theilen, in seiner ganzen Zusammensetzung,
in seinen Gemüthsbewegungen und Leidenschaften -- was kann denn
lehrreicher, tröstender, erquickender seyn, als der Umgang und die
Hülfe eines solchen Mannes? Es gibt aber unter den Söhnen Aesculaps
auch unzählige von ganz andrer Art; ungerathene Söhne des berühmten und
erhabenen Vaters, denen der Doctorhut das Privilegium gibt, an armen
Kranken Versuche ihrer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Körper
des Patienten wie ihr Eigenthum, wie ein Gefäß ansehen, in welches sie
nach Willkühr allerlei flüssige und trockene Materie schütten dürfen,
um wahrzunehmen, welche Wirkung durch den Streit dieser salzartigen,
sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wobei sie nichts
wagen, als höchstens, daß das Gefäß zu Grunde geht. Andern fehlt es,
bei der gründlichsten Kenntniß, an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln
die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der
Kranken täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig
genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden -- wenn der
Kranke in der That die Krankheit hätte, mit welcher sie ihn behaftet
glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode, und
schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn
ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen, als die erwarteten;
endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden
auf, um desto länger, nebst dem Apotheker und Wundarzte, den Vortheil
davon zu ziehen. Fällt man in die Hände eines solchen Afterarztes,
so ist man in der größten Gefahr, das Opfer der Unwissenheit, der
Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.

Nun ist es freilich, selbst einem Laien, der sonst einen geraden Blick
mit einiger Menschenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet,
nicht so schwer, den ~groben~ Charlatan von dem geschickten Manne,
an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Verordnungen, zu
unterscheiden; unter ~den Bessern~ aber Den auszuzeichnen, dem man
am sichersten seinen Körper anvertrauen kann, das ist viel schwerer.
Folgende Vorschriften würde ich daher, in Rücksicht auf den Umgang mit
Aerzten, empfehlen:

Lebe mäßig in allem Betracht, so wirst Du so glücklich seyn, den Arzt
nur als Freund bei Dir zu sehen; aber Du wirst seiner Hülfe selten
bedürfen!

Gib wohl Acht auf das, was Deiner besondern Leibesbeschaffenheit
schädlich oder dienlich ist, was Dir wohl, und was Dir übel bekömmt!
Richte darnach strenge Deine Lebensart ein, so wirst Du nicht oft in
den Fall kommen, Dein Geld in die Apotheke schicken zu müssen!

Wenn man nicht ganz fremd in der Physik, dabei ein wenig bewandert
in medicinischen Büchern ist, sein Temperament kennt, und weiß, zu
welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wirkung auf uns macht: so
kann man auch oft, bei wirklichen Krankheiten, sein eigner Arzt seyn.
Jeder Mensch ist ~einer~ Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer
~andern~, in so fern er einförmig lebt. Studirt er nun mit Ernst diesen
einzigen Zweig der Heilkunde, so müßte es sonderbar zugehen, wenn er
davon nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen
sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten übersehen muß.

Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Arzt wendest, und Du
willst Dir einen unter dem Haufen aussuchen: so gib zuerst Acht,
ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er über andre Gegenstände mit
Klarheit, unpartheiisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden,
verschwiegen, fleißig und seiner Kunst ganz ergeben ist; ob er ein
gefühlvolles, menschenliebendes Herz zeigt; ob er seine Kranken mit
einer Menge verschiedner Arzneien zu bestürmen, oder sich einfacher
Mittel zu bedienen, der Natur wo möglich ihren Lauf zu lassen pflegt;
ob er eine Diät empfiehlt, die nach seinen Begierden abgemessen, ob er
verbietet, was ~ihm~ selbst zuwider ist; nur anräth, wozu er selbst
geneigt ist; ob er sich in Reden zuweilen widerspricht; ob er fest in
seinem Systeme ist, oder sich irre machen läßt, und von einer Heilart
zur andern übergehet; ob er einzelnen Kennzeichen entgegen arbeitet,
oder immer die Hauptsache vor Augen hat; ob er Brodneid gegen seine
Kunstverwandten, sich eben so bereitwillig zeigt, den Großen und
Reichen, als den Niedern und Armen beizustehen? Bist Du über diese
Punkte befriedigt und beruhigt, so vertraue Dich ihm an.

Vertraue Dich aber ihm allein, gänzlich und ohne Zurückhaltung!
Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn
mit dem Zustande und dem Sitze Deines Uebels bekannt zu machen! Doch
mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine
Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen könnten! Folge
strenge und pünktlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn dürfe,
ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel
sey! Laß Dich daher auch nicht verleiten, nebenher allerlei Hausmittel,
möchten sie auch noch so unschuldig scheinen, zu gebrauchen, noch
heimlich einen zweiten Arzt um Rath zu fragen! Vor allen Dingen nimm
nicht etwa zu gleicher Zeit zwei solcher Herren öffentlich an! Die
Resultate ihrer Berathungen werden eben so viel Todesurtheile für Dich
seyn; Keinem von Beiden wird Deine Genesung am Herzen liegen; sie
werden Deinen Körper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen
gebrauchen; sie werden Einer dem Andern die Ehre mißgönnen, Dich gesund
zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich dem Tode überliefern,
um nachher wechselseitig die Schuld auf einander schieben zu können.

Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kräften steht, Deine
Gesundheit herzustellen, belohne nicht sparsam, sondern reichlich, nach
Deinem Vermögen! Hast Du aber Ursache, zu glauben, daß er eigennützig
sey, so setze Dich auf den Fuß, ihm jährlich etwas Festgesetztes zu
zahlen, Du mögest krank oder gesund seyn, damit er kein Interesse dabei
habe, Dich mit allerlei Krankheiten zu versehen, oder Deine Herstellung
aufzuhalten.


                                  2.

Wenden wir uns nun zu den Juristen! Nächst den natürlichen Gütern,
nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes, ist
in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigenthums
das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz
zuzusichern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheilichkeit,
noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch
Eigennutz, noch Menschen-Furcht bewegen läßt, auch nur einen einzelnen
kleinen Schritt von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abzuweichen; wer
durch alle Künste der List und Ueberredung, durch die Unbestimmtheit,
Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch,
klar zu schauen, und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit
und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschützer der
Aermern, des Schwächern und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern
und Unterdrücker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und
Vertheidiger ist -- der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth.

Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel
dazu gehöre, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den
eines edlen Sachwalters Anspruch machen zu dürfen; und es ist, am
gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurtheilt, wenn man behauptet,
es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft,
sondern nur Gedächtniß, ein wenig Schlauheit und ein wenig Phlegma,
Vorliebe für den Schlendrian und ein hartes Herz erfordert; oder die
Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf
eine rechtsbeständige Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn
man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches
Recht im Kopfe hat, die Kunstgriffe der Auslegung und Anwendung der
Gesetze kennt, und die spitzfindigen Distinctionen der Rabulisten
studirt hat, so mag man Recht haben; aber ein solcher entheiligt auch
sein ehrwürdiges Amt.

Doch ist es in der That traurig -- um auch das Böse nicht zu
verschweigen -- daß die Handlungen so vieler Richter und Advocaten,
so wie die Justiz-Verfassung in den mehrsten Ländern, so viel Grund
und Anlaß zu jenen harten Beschuldigungen geben. So geschieht es, daß
sich Menschen ohne Grundsätze, verschrobene und alltägliche Köpfe,
dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit widmen, und mit der Kenntniß der
Gesetze keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz
auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden
Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am
Schnürchen hat, glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze
Gedanken-Reihe knüpft sich nur an ihre heilige Schrift, an das Corpus
Juris an, und ein steifer Civilist ist daher im gesellschaftlichen
Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. In allen
übrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklärenden,
das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, tritt ein solcher Jurist
in ein öffentliches Amt, und wird vielleicht für eine ganze Stadt der
einzige Verwalter der Gerechtigkeit. Sein barbarischer Styl, seine
bogenlangen Perioden, die unglückselige Fertigkeit, die einfachste
deutlichste Sache zu verwickeln, zu verdunkeln, und unverständlich
zu machen, erfüllt Jeden, der Geschmack und Sinn für Klarheit hat,
mit Ekel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, daß
Deine Angelegenheit einem eigennützigen, partheiischen, faulen,
oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt; so ist es schon
genug, daß Dein oder Deines Gegners Anwald ein Mensch ohne Gefühl,
ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Ränkeschmidt ist, um
bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer
Stunde schlichten könnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze
Ballen voll Acten zusammengeschrieben zu sehen, und dreimal so viel
Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits werth ist,
ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren, und Dein offenbares
Eigenthum fremden Händen preiszugeben. Und wäre auch beides nicht
der Fall; wären auch Richter und Sachwalter geschickte und redliche
Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art,
daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses
zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer,
indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermögen theilen.
Da wird die gegründeteste Forderung wegen eines kleinen Mangels an
elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Aermere sich's
gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein väterliches Erbe
wegreißt, wenn der Anwald des Gegners Mittel findet, den Sinn irgend
eines alten Documents zu verdrehen, oder wenn der Unterdrückte nicht
Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zur Führung des Prozesses
aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel geduldig zusehen, wie die Güter
ihrer Voreltern, unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden
zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegirter Diebe
bleiben, indeß weder sie noch die Gläubiger Genuß davon haben. Da muß
mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die
Richter mit der Sprache der Unschuld weniger bekannt sind, als mit den
Wendungen einer falschen Beredsamkeit. Da lassen Professoren Urtheile
über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen, und geben
demjenigen Recht, der das Responsum bezahlt. -- Doch was helfen hier
alle Declamationen, und wer kennt nicht diese Greuel der Verwüstung?

Darum bleibt es wahr, daß ein magerer Vergleich besser sey, als ein
fetter Prozeß. Darum sey es Regel: Man halte seine Geschäfte in solcher
Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man seinen Erben
nicht die geringste Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes
hinterlasse!

Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfen, so suche man
sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advocaten -- man
wird oft ein wenig lange suchen müssen -- und bemühe sich, mit ihm also
einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebühren, noch reichere
Bezahlung verspreche, nach Verhältniß der Kürze der Zeit, binnen
welcher er die Sache zu Ende bringen wird!

Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen,
wenn diese einmal in Advocaten- und Administratoren-Hände gerathen
sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und
Inconsequenz in Geschäften herrschen!

Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen
anwendet, der ist beinahe ein eben so arger Schelm, wie Der, welcher
nimmt.

Man waffne sich mit Geduld in allen Angelegenheiten, die man mit
Juristen von gemeinem Schlage vorhat.

Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und
einfach behandelt werden sollen!

Man sey äusserst vorsichtig im Schreiben, Reden, Versprechen und
Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben. Ein
juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft;
juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger, als
gemeine Wahrheit; juristischer Ausdruck ist nicht selten einer andern
Auslegung fähig, als gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft
das Gegentheil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt.


                                  3.

Ich komme jetzt zu dem ~Wehrstande~. Wenn in unsern heutigen Kriegen
noch Mann gegen Mann föchte, und die Kunst, Menschen zu vertilgen,
nicht so methodisch und kunstmäßig getrieben würde; wenn allein
persönliche Tapferkeit das Glück des Kriegers entschiede, und der
Soldat nur für sein Vaterland, zur Vertheidigung seines Eigenthums
und seiner Freiheit stritte: so würde auch kein solcher Ton unter den
Kriegsleuten herrschen, wie jetzt, da zu einem geschickten Militär ganz
andre Arten von Kenntnissen gehören, da ein Paar neue Ressorts, nämlich
Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse
Weise an die Stelle des kühnen Muths getreten sind, und diese die
Menschen zwingen müssen, auf ihrem Platze unbeweglich stehen zu bleiben
und aus der Ferne in völliger Ruhe auf sich schießen zu lassen, weil
die Leidenschaften der Fürsten, ihr Ehrgeitz und ihre Eroberungssucht
es so wollen, und die Völker nur um der Fürsten willen da sind.
Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zügellosigkeit und ein trotziges
Hinwegsetzen über alle Regeln der Moral und bürgerlichen Uebereinkunft
-- gleich als wären diese Gesetze nur Kinder des Friedens -- noch in
der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts fast der allgemeine
Charakter eines Soldaten von hohem und niederm Range. In unsern Tagen
aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europäischen
Staaten, besonders in Frankreich, findet man im Soldatenstande
Personen, die durch Kenntnisse in allen Fächern der Wissenschaften und
Künste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke gehören, durch ein
gefälliges, geschmeidiges und kluges Betragen, äussere Sittlichkeit,
Sanftmuth des Charakters und Bildung des Geistes und Herzens, sich
der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich würde also keine
besondre Vorschriften über den Umgang mit Militärs zu geben haben,
wenn nicht theils, so wie in allen Ständen, also auch hier, Ausnahmen
Statt fänden, theils einige andre Rücksichten nicht mit Stillschweigen
übergangen werden dürfen; doch kann ich mich dabei kurz fassen.

Wer seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsätzen nach, sich
weder necken und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch
den Zweikampf auszutilgen Lust haben kann, der thut wohl, wenn er die
Gelegenheit vermeidet, bei Spiel, Trunk oder andern dergleichen Fällen,
mit ~rohen~ Leuten vom Soldatenstande in Gemeinschaft zu kommen,
oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so
behutsam, höflich und ernsthaft, als möglich, aufzuführen. Indessen
kömmt hiebei auch sehr viel auf den Ruf an, in welchem man steht; und
ein gerader, fester, redlicher und verständiger Mann pflegt, selbst von
ausschweifenden, ungesitteten Leuten, geachtet und geschont zu werden.

Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Offiziere
vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von übel verstandner Ehre, das in
den mehrsten Armeen, vorzüglich in der französischen, herrschend ist,
und das von mancher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu
weitläuftig zu entwickeln seyn würde, befiehlt dem Offizier, auch nicht
das kleinste zweideutige Wörtchen, das ihm gesagt wird, hinzunehmen,
ohne Genugthuung durch die Waffen zu fordern; und da hat denn nicht
selten ein Ausdruck, den man sich im gemeinen Leben unbedenklich
erlauben dürfte, für ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf z. B.
wohl sagen: »Das war doch ~nicht gut~,« aber keinesweges: »Das war
~schlecht~ von Ihnen;« -- und doch muß das, was ~nicht gut~ ist,
nothwendig ~schlecht~ seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll
man sich also ~bekannt~ machen, wenn man mit Personen, denen dieselbe
Gesetze auflegt, umgehen will.

Daß man in Gegenwart eines Offiziers nie, auch nicht das Mindeste,
zum Nachtheile dieses Standes vorbringen dürfe, versteht sich wohl
um so mehr von selbst, da es in der That nöthig ist, daß der Soldat
seinen Stand für den ersten und wichtigsten in der Welt halte. -- Denn
was soll ihn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefährlichen
Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Ansprüche auf Ruhm und Ehre sind?

Endlich erwirbt man sich bei dem Soldatenstande durch ein offenes,
treuherziges, ungezwungenes und fröhliches Wesen, durch freien und
muntern Scherz, Gunst und Beifall; man muß also mit ihrer Weise bekannt
seyn, wenn man mit dieser Klasse leben will. Doch sind vielleicht die
Zeiten nicht mehr fern, wo jede dieser Vorschriften unnütz werden, und
der Stand eines Soldaten nicht länger von dem eines Bürgers getrennt
bleiben wird.


                                  4.

Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlichkeit, wie der eines
~Kaufmanns~, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfängt, wenn das
Glück ihm nicht entschieden zuwider ist, wenn er ein wenig vor sich
gebracht hat, wenn er seine Unternehmungen mit gehöriger Klugheit
treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand genießt
einer so glücklichen Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von je her
so unmittelbar thätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur
und Lebensweise gehabt, wie die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und
durch die Verbindung, welche der Handel zwischen den entferntesten
und ungleichartigsten Völkern stiftet, der Ton ganzer Nationen
umgestimmt, und Menschen mit geistigen und körperlichen Bedürfnissen,
mit Wissenschaften, Wünschen, Krankheiten, Schätzen und Sitten bekannt
gemacht werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel
später, bis dahin gedrungen seyn würden, so läßt sich wohl nicht
zweifeln, daß eine Vereinigung der feinsten Köpfe dieses Standes sich
die Gewalt erwerben könnte, dem Geschmack, der Lebensweise und selbst
dem Urtheil eines ganzen Volks jede beliebige Richtung zu geben, und
der Gesellschaft Gesetze vorzuschreiben, die sie nicht übertreten
könnte. Zum Glück für unsere Freiheit aber gibt es theils nur sehr
wenige so weitsehende, planvolle Köpfe unter Leuten dieses Standes
in der Welt, theils sind sie durch ein sehr verschiedenes Interesse
so getrennt, daß sie sich nicht zu einer solchen Machthaberschaft
vereinigen können; und so fällt zwar die Wirkung nicht weg, welche der
Handel auf Sitten und Aufklärung hat; aber es geht doch damit nicht
methodisch zu, sondern alles rückt seinen Gang unter dem Einfluß der
Zeit fort. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, welches
ich von einem großen Handelsmanne aufgestellt habe, einen Mann von
feinem, vorausschauenden, weit umfassenden Geiste, und, wenn es ihm
um das Wohl der Welt zu thun ist, einen Mann von edeln, erhabenen
Gesinnungen bezeichnet. Auch gibt es solche Männer in diesem Stande,
und ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Hamburg, Bremen
und andern großen Handelsplätzen, deren einige kennen gelernt, die
wahrlich, wenn sie auf einem andern Platze gestanden hätten, unter den
größten Männern ihrer Zeit genannt worden wären.

Da man nun aber keiner Vorschriften bedarf, um zu lernen, wie man mit
weisen und guten Menschen umgehen soll, so will ich hier nur von dem
Betragen im Umgange mit Kaufleuten von gemeinem Schlage reden. Diese
werden von ihrer ersten Jugend an gewöhnlich so mit Leib und Seele nur
dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und für nichts anders,
als für Reichthum und Erwerb Sinn zu haben, daß sie den Werth eines
Menschen fast immer nach der Schwere seines Geldkastens beurtheilen,
und bei ihnen: ~der Mann ist gut~, so viel heißt, als: ~der Mann ist
reich~. Hierzu gesellet sich wohl noch, besonders in Reichsstädten,
eine Art von Prahlerei, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen da, wo
es Aufsehen macht, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen
fest stehen. Da sie aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit
und Habsucht verbinden, und da, wo sie nicht bemerkt werden, äusserst
eingeschränkt und sparsam leben, und sich sehr viel versagen: so
bemerkt man da einen Kontrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geitz
und Verschwendung, von Niederträchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit
und Ansprüchen, der Mitleiden erregt; und so industriös auch sonst die
Kaufleute sind, so fehlt es ihnen doch mehrentheils an der Gabe, ein
kleines Fest durch geschmackvolle Anordnungen glänzend, und mit wenigen
Kosten einen anständigen Aufwand zu machen. Ausser Hamburg ist dieß
wohl in allen deutschen Handelsstädten mehr oder weniger der Fall.

Willst Du bei diesen Leuten geachtet seyn, so mußt Du wenigstens in
dem Rufe stehen, daß Deine Vermögens-Umstände nicht zerrüttet seyen:
Wohlstand macht auf sie den besten Eindruck. Sey es durch Deine Schuld,
oder durch Unglück, so wirst Du, auch bei den herrlichsten Vorzügen
des Verstandes und Herzens, von ihnen verachtet werden, wenn Du Mangel
leidest.

Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer
großmüthigen Handlung bewegen, so mußt Du entweder seine Eitelkeit mit
in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus
an Arme gibt; oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe
hundertfältig vergelten werde: dann wird es andächtiger Wucher.

Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewöhnlich um hohes Geld.
Sie betrachten das wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie
spielen dann auch mit aller Kunst und Aufmerksamkeit. Man hüte sich
daher, wenn man das Spiel nicht versteht, und es nachlässig, bloß als
einen Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Männern einzulassen!

Laß es Dir unter Kaufleuten ja nicht einfallen, Deinen Stand oder Rang,
oder Deine Geburt geltend machen zu wollen, besonders wenn Du nicht
reich bist! oder Du wirst Dich kränkenden Demüthigungen aussetzen.

Doch pflegt in manchen Kaufmannshäusern einem Manne mit Stern, Orden
und Titel geschmeichelt zu werden: das geschieht dann aus Prahlerei, um
zu zeigen, daß auch Vornehme da Gastfreundschaft genießen, oder daß man
mit Höfen und großen Familien in Verhältnissen stehe.

Auch der Gelehrte und Künstler wird hier übersehen, oder nur aus
Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth erkannt
werde!

Da die Sicherheit des Handels auf Pünktlichkeit im Bezahlen und auf
Treue und Glauben beruht, so setze Dich bei den Kaufleuten in den Ruf,
strenge Wort zu halten und ordentlich zu bezahlen: so werden sie Dich
höher achten, als manchen viel reichern Mann.

Man hüte sich, wenn man nicht selbst den Handel aus dem Grunde
versteht, sich von Kaufleuten zu gemeinschaftlichen Unternehmungen
und Speculationen verleiten zu lassen. Ist bei der Sache ein sicherer
Gewinn wahrscheinlich zu erwarten, so hütet sich der Kaufmann wohl,
einem Laien, und wäre er sein bester Freund, davon Eröffnung zu
thun, um ihn Theil nehmen zu lassen. Solche Anträge sind also immer
verdächtig. Daß man noch ausserdem, wenn auch der Erfolg glücklich
ausfällt, bei der Berechnung und Theilung verkürzt wird, versteht sich
von selbst.

Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe für baares Geld! -- das ist
eine sehr bekannte Lehre. Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und
von Waaren, und man kann es niemand übel auslegen, wenn er, bei der
Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werde, für seine Waare einen
übertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingibt, was er hat.

Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes, mit welchem man
Handlungsgeschäfte getrieben hat, zufrieden zu seyn: so wechsele
man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern!
Man wird von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung unsrer
Kundschaft gelegen ist, treuer bedient, und sie geben uns auch, wenn
es ja unsere Umstände erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den
Preis der Waaren zu erhöhen.

Man enthalte sich, einem Krämer für den geringen Vortheil, der ihm
aus einem kleinen Handel mit uns zuwächst, viel Mühe, Zeitverlust und
Wege zu machen! Diese Unart ist besonders den Frauenzimmern eigen,
die zuweilen sich für tausend Thaler Waare auspacken lassen, um, nach
zweistündiger Beäuglung und Betastung, für einen Gulden zu kaufen, oder
gar alles Gesehene zu schlecht und theuer zu finden.

Bei kleinen Kaufleuten, und in Städten, wo eigentlich nur Krämer
wohnen, ist die unartige Gewohnheit eingerissen, daß diese oft sehr
viel mehr für ihre Waaren forden, als wofür sie dieselben hingeben
wollen. Andre geben mit angenommener Treuherzigkeit und Biederkeit vor,
daß sie den äussersten Preis setzen, und lassen sich keinen Heller
abdingen; und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache
werth ist. Erstern würde man ihre kleinen Künste leicht abgewöhnen
können, wenn die Angesehensten in einer Stadt sich vereinigten, solchen
Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das jüdische Verfahren
dieser beiden Arten von christlichen Krämern eben so unredlich, als
unklug. Sie betrügen damit höchstens nur einige Fremde und Solche,
die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bei Andern hingegen
verlieren sie allen Glauben; und wenn man erst ihre Weise kennt, so
bietet man ihnen nur die Hälfte von dem, was sie fordern. Uebrigens
soll der, welcher kaufen will, die Augen aufthun: es ist unvernünftig,
einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schließen, ohne vorher sich
Kenntniß von dem wahren Werthe der Sache erworben zu haben, die man
kaufen will.

Welch eine große Vorsicht man im Pferde-Handel zu beobachten habe,
das ist eine bekannte Sache. Bei diesem hat sich das Vorurtheil
eingeschlichen, daß Eltern und Kinder, Geschwister und Freunde, Herren
und Diener sich keinen Gewissensvorwurf machen zu dürfen glauben, wenn
sie einander betrügen.


                                  5.

Die Herren ~Buchhändler~ verdienten wohl ein eigenes Kapitel. In
demselben könnte man sehr viel Wahres zum Lobe derjenigen unter ihnen
sagen, die diesen Handel nicht als einen jüdischen Erwerb treiben, so
daß sie etwa wenig darum bekümmert wären, was ~für~ Bücher bei ihnen
verlegt und verkauft werden, in so fern nur Geld daraus gelöset wird,
-- denen es nicht gleichgültig ist, ob man sie zu Hebammen von kleinen
Krüppeln und Mißgeburten braucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung
eines elenden, seichten, falschen Geschmacks und schlechter Grundsätze
dienen, -- sondern denen, wie unserm Nicolai, Wahrheit, Kultur und
Aufklärung am Herzen liegen, -- die das verkannte, im Dunkeln lebende
Talent ermuntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thätigkeit setzen und
großmüthig unterstützen, -- die den täglichen Umgang und das Verkehr
mit Gelehrten und Büchern dazu anwenden, sich selbst Kenntnisse zu
sammeln, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und
dann würde, des Kontrastes wegen, das Gegenbild keine üble Wirkung
machen -- das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert
hindurch die vortrefflichsten Werke durch seine schmutzigen,
geldgierigen Finger gegangen sind, noch immer eben so unwissend
und dumm geblieben ist -- ausgenommen die kleinen Wucher-Künste,
-- wie ein zehnjähriger Knabe, -- der Manuscripte und neue Bücher
nach der Dicke, nach dem Titel und nach dem herrschenden Geschmack
und Ungeschmack des Publikums schätzt und kauft, -- der, um diesen
falschen Geschmack zu unterhalten, durch unbärtige Knaben jämmerliche
Broschüren, Romänchen und Mährchen schreiben, und unter seiner Firma
(Namen) in die Welt gehen läßt, -- der die erbärmlichste Schmiererei,
deren Nichtswürdigkeit er selbst fühlt, durch einen viel versprechenden
Mode-Titel, oder durch saubere Bilderchen aufgestutzt, nach Frankfurt
und Leipzig schleppt, und für diese Lumpereien ein schändendes Lob
von feilen Recensenten erkauft, -- den Mann von Talenten wie einen
Tagelöhner behandelt und bezahlt, von der eingeschränkten häuslichen
Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk,
das Anstrengung aller Kräfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer
Geistesgröße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie
Maculatur zu erhandeln, -- der, so oft ihm ein Werk angeboten wird,
verächtlich die Nase rümpft und den Kopf schüttelt, um desto wohlfeiler
daran zu kommen, -- der, wie unter andern unsere Carlsruher und
Frankenthaler Freunde, durch Nachdruck ein Dieb an fremdem Eigenthume
wird. Endlich könnte ich Vorschriften geben, wie die Schriftsteller
mit Buchhändlern von dieser Art umgehen sollen, um nicht ihre Sclaven
zu werden, -- wie man sich bei ihnen ein Gewicht geben könne, und in
welche Form man seine Geistes-Produkte gießen müsse, damit sie von den
Sosiern unsrer Zeit in Verlag genommen werden. -- Das aber sind zum
Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur mündlich
fortgepflanzt werden, und die man also nicht jedem, der bloß Leser ist,
verrathen darf.

Bei der ersten flüchtigen Uebersicht sollte man glauben, alle
Buchhändler, die nur irgend einigen Verlag hätten, müßten reich
werden. Wenn man in Deutschland vier und zwanzig Millionen Einwohner
annimmt, und dann rechnet, daß jedes Buch tausendmal abgedruckt
würde, so beträgt das auf 24,000 Menschen nur ein Exemplar. -- Und
welches Buch könnte so schlecht seyn, daß nicht unter 24,000 Menschen
wenigstens Einer Lust bekäme, es zu kaufen? Allein man wird bald
anderer Meinung, wenn man die Schuldbücher der Herren Buchhändler
durchsieht; wenn man erfährt, daß sie von ihren Amtsbrüdern nicht mit
Gelde, sondern mit Maculatur und Ladenhütern, von andern Käufern aber
oft mit Vertröstungen bezahlt werden; daß man von der Summe jener
24 Millionen beinahe den ganzen Bauernstand und die Einwohner der
kleinsten Städte abrechnen muß, und daß die häufigen Leih-Bibliotheken
und Nachdruck-Fabriken ihnen beträchtlichen Schaden zufügen.

Doch noch ~eine~ Bemerkung: Wer sich bei Buchhändlern, besonders in
minder großen Städten, beliebt machen will, der leihe und verleihe
nicht viel Bücher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann
es sonst wahrlich den armen Handelsmännern nicht übel nehmen, daß
sie sich durch Nachdruck, kleine Künste und sparsames Honorarium an
ihren Collegen, am Publiko und an den Autoren zu erholen suchen, wenn
unter zwanzig Personen kaum einer ein Buch kauft, die übrigen aber
unentgeldlich mitlesen.


                                  6.

Ich habe im ersten Theile dieses Buchs bei der Gelegenheit, da ich
Bemerkungen über den Umgang mit Wohlthätern machte, zugleich von dem
Betragen gegen Lehrer und Erzieher geredet. Unter dieser Klasse habe
ich aber die sogenannten +Maîtres+, d. h. die stundenweise bedungenen
Unterweiser ~in Sprachen und Künsten~, nicht mit begriffen. Von diesen
muß ich daher hier noch ein Paar Worte sagen.

Wirklich ist es eine recht lästige Beschäftigung, zu Erringung seines
Unterhalts den ganzen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause
in das andere zu laufen, und ohne freie Wahl der Schüler dieselben
Anfangsgründe einer Kunst oder Sprache unzähligemal wiederholen zu
müssen. Findet man nun unter diesen Meistern dennoch einen Mann, den,
trotz dieser abschreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche
seine Schüler machen, mehr reizen als der Gewinn, dem es ernstlich
darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gründlich, lebhaft und deutlich
vorzutragen; so ehre man diesen, wie jeden Andern, der etwas zu
unsrer Bildung beiträgt! Oft aber trifft man unter diesen Herren sehr
schlechte Subjecte an: Menschen ohne Erziehung und Sitten, die von
dem, was sie Andern beibringen wollen, selbst keine klare Begriffe,
am wenigsten aber die Gabe haben, in Andern dergleichen zu erwecken,
-- Menschen, die, besonders wenn sie mit Kindern zu thun haben, es
bloß auf Gedächtniß-Kenntnisse anlegen, womit sie gelegentlich die
unwissenden Eltern täuschen können, welche sich nun überreden, daß
ihre Kinder große Fortschritte gemacht haben, indeß der Meister froh
ist, wenn er die Stunde überstanden hat, -- Menschen, die, um nur die
Lehrstunde auszufüllen, Stadt-Mährchen erzählen, aus ~einem~ Hause
in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und
Liebesbriefträgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und
wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser bösen
Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel möglich, bei
den Lehrstunden solcher Meister, die man nicht recht genau kennt,
gegenwärtig zu seyn. Ich kann mich nicht enthalten, diese Vorsicht
besonders gegen Musik- und Sprach-Meister zu empfehlen. Die größere
Anzahl der Tonkünstler und französischen Sprachmeister besteht aus sehr
leichtsinnigen, üppigen, sinnlichen Menschen. Die Musik erregt Gefühle,
aber dunkle Gefühle, die öfter für Wollust, als für hohe Tugenden
empfänglich machen, mehr die Phantasie, als die Vernunft beschäftigen.
Deswegen gibt es unter den Virtuosen so viel verderbte und gefährliche
Menschen. Ganz anders verhält es sich mit großen Componisten; ich rede
nur von ausübenden Musikern. Eben so gefährlich ist eine gewisse Klasse
von Sprachmeistern. Die französische Sprache, die so reich ist an
glatten Worten und feinen Wendungen, wird von diesen Menschen benutzt,
um unschuldigen Herzen das Gift der Eitelkeit beizubringen.


                                  7.

Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter ~Handwerksmann~ oder
~Künstler~ ist eine der nützlichsten Personen im Staate, und es macht
unsern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so gering schätzen. Was
hat ein müssiger Hofschranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein
baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleißigen Bürger
voraus, der seinen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Hände
Arbeit erwirbt? Dieser Stand befriedigt unsre ersten und natürlichsten
Bedürfnisse. Ohne ihn würden wir für unsre Nahrung und Kleidung und
für alle Gemächlichkeiten des Lebens mit eigenen hohen Händen sorgen
müssen; und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Künstler (wie es
sehr oft der Fall ist) durch Erfindungskraft und Verfeinerung seiner
Kunst über das Mechanische, so verdient er doppelte Achtung. Dazu
kömmt, daß man wirklich unter diesen Leuten, die bei ihren Geschäften
Zeit genug haben, an andre nützliche Dinge zu denken, zuweilen die
hellsten Köpfe, und Männer antrifft, die freier von Vorurtheilen sind,
als Viele, die durch Studiren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft
verschroben haben.

Wie pflichtmäßig ist es also, einen rechtschaffenen und fleißigen
Handwerksmann zu ehren und sich höflich gegen ihn zu betragen! Und
wie unedel ist es, ohne Noth von ihm abzugehen, ob man gleich keine
Ursache hat mit seiner Arbeit, mit seinem Fleiße und seinen Preisen
unzufrieden zu seyn. Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen
Leuten rege! Man ziehe, bei gleichen Umständen, ~den~ Handwerksmann,
der unser Nachbar ist, dem entfernter wohnenden vor! Man bezahle
ordentlich, pünktlich, baar, und dinge ihm nicht über die Gränzen
der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler
Vornehmen und selbst Reichen, die, bei allem Aufwande, den sie machen,
zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche für sie arbeiten, zu
befriedigen. Eben die Verschwender, welche vielleicht in ~einem~ Abende
Tausende im Spiele verlieren, und es für eine Ehrensache halten, diese
Schuld ohne Aufschub zu tilgen, lassen den armen Handwerksmann um eine
Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Hälfte in baaren
Auslagen von seiner Armuth besteht, unbarmherziger Weise Jahre lang
warten, und manchen sauren Weg vergebens thun, lassen ihn wohl gar
von einem groben Haushofmeister auf eine kränkende Weise abfertigen.
Diese Ungerechtigkeit und Härte stürzt so manchen ehrlichen, sonst
wohlhabenden Bürger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Betrüger zu
werden.

Es herrscht aber unter den Handwerksleuten die unartige Gewohnheit
des Lügens. Sie versprechen, was sie weder halten können, noch halten
wollen, und übernehmen mehr Arbeit, als sie in der bestimmten Frist zu
liefern im Stande sind. Es würde der Mühe werth seyn, daß sich, wie
ich schon oben in Ansehung der übertheuernden Krämer vorgeschlagen
habe, die angesehensten Leute einer Stadt dahin vereinigten, bei einem
solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Daher mache ich mit
den Handwerksleuten, welche für mich arbeiten, den Vertrag, daß ich
augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht
halten. Dadurch nun, und wenn man jedesmal bei Ablieferung der Arbeit
baar bezahlt, erlangt man, daß man seltner belogen wird, als Andre.


                                  8.

Ein Blick zurück auf das, was ich von dem Umgange mit
Kaufleuten gesagt habe, erinnert mich, daß ich bei dieser Gelegenheit
auch von den ~Juden~, als gebornen Handelsmännern, hätte reden
sollen. Ich will aber das Wenige, was ich etwa über diesen Gegenstand
vorzutragen habe, hier nachholen.

In Amerika trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren
Sitten mit den Christen übereinstimmen, auch sogar mit christlichen
Familien durch wechselseitige Heirathen sich verbinden. In Holland
und in einigen Städten von Deutschland, besonders in Berlin, ist
die Lebensart mancher jüdischen Familien von der Weise anderer
Religions-Verwandten auch fast gar nicht verschieden. In diesen Fällen
nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Charakter dieses
Volks so viel widrige Eigenheiten hat. Freilich bringen es leider
die mehrsten Juden in der höhern Kultur nicht weiter, als daß sie
die Einfalt und Strenge ihrer Sitten gegen christliche Laster und
Thorheiten vertauschen. Ein jüdischer Stutzer, Wüstling oder Freigeist
spielt dann mehrentheils eine sehr unwürdige Rolle. Daß übrigens
die höchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden
begegnen, -- der Druck, unter welchem sie in den mehrsten Ländern
leben, und die Unmöglichkeit, auf andre Weise, als durch Wucher, ihren
Lebens-Unterhalt zu gewinnen, -- daß diese unsere Ungerechtigkeit
nicht wenig dazu beiträgt, sie moralisch schlecht zu machen, und
zur Niederträchtigkeit und zum Betruge zu reizen, -- endlich daß
es, ungeachtet aller dieser Umstände, dennoch edle, wohlwollende,
großmüthige Menschen unter ihnen gibt: -- das sind bekannte, oft
gesagte Dinge. Laßt uns aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern
Umständen seyn ~könnten~, noch wie einzelne Subjecte unter ihnen sind,
sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Charakter nach der größern Anzahl
beurtheilen müssen, betrachten!

Sie zeigen sich rastlos und von einer unerschöpflichen Geduld und
Ausdauer, wo etwas zu gewinnen ist; sie verschmähen auch den kleinsten
Gewinn bei ihrem Gewerbe nicht, und machen, durch ihren Zusammenhang in
allen Ländern und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Bedrückung
und Zurückweisung abschrecken lassen, fast unmögliche Dinge möglich.
Man kann sie daher zu den wichtigsten Verhandlungen brauchen, und auf
ihre Klugheit eben so sehr, wie auf ihre Ausdauer rechnen; nur muß man
ihre Dienste gut bezahlen.

Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse dabei finden; vorsichtig;
zuweilen zu furchtsam, doch für's Geld bereit, das Aergste zu wagen;
verschlagen; witzig; scharfsinnig in ihren Einfällen; Schmeichler im
höchsten Grade, und finden dadurch Mittel, sich ohne Aufsehen in den
größten Häusern Einfluß zu verschaffen, und durchzusetzen, was man ohne
sie schwerlich bewirken würde.

Sie sind mißtrauisch. Sind sie aber ~einmal~ überzeugt, daß sie
pünktliche Bezahlung erhalten werden, und mit einem ehrlichen Manne
zu thun haben, so kann man auch bei ihnen Hülfe finden, wenn alle
christlichen Wucherer sich zurückziehen.

Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermögens-Umstände
in einer zweideutigen Lage: so wird niemand dieß leichter gewahr
werden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld
vorschießen werde, oder mache Dich gefaßt, ihm, wenn er es auf
Speculation daran wagt, Dich zu so übertriebenen Procenten und zu
solchen Bedingungen verbindlich machen zu müssen, daß dadurch Deine
Lage gewiß noch unglücklicher wird!

Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu trennen, weil
es ihr höchstes Gut, und die Bedingung ihres Daseyns ist. Darum gehen
sie in Geld-Angelegenheiten mit der größten Vorsicht zu Werke, und
lassen sich dabei keine Mühe verdrießen. Wenn Jemand, den sie nicht
recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht, so werden sie
denselben auf einen andern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen
sie bei Handwerkern, Nachbaren, Bedienten u. dgl. nach den kleinsten
Umständen des künftigen Schuldners. Kömmt dieser zur bestimmten Zeit
wieder, so läßt sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung
noch um einige Wochen, Tage oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte
nur irgend eine Spur von Verlegenheit über Deine Umstände, oder von
zu großer Freude über die zu hoffende Hülfe zu lesen, so wird der
Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und hätte er auch schon
angefangen, das Geld hinzuzählen. Daß er Dir immer das leichteste Gold
geben wird, versteht sich von selbst. Auf dies alles muß man sich
gefaßt machen, wenn man in solche Fälle kömmt.

Bei dem Handel mit Hebräern gemeiner Art ist es rathsam, die Augen oder
den Beutel zu öffnen. Es ist sehr natürlich, daß ein Christ sich auf
ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheuerungen nicht verlassen darf.
Sie werden Euch Kupfer für Gold, drei Ellen für vier, alte Sachen für
neue verkaufen, falsche Münze für ächte geben, wenn Ihr es nicht besser
verstehet.

Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will,
so suche man mit dem ersten, der ein irgend leidliches Gebot thut,
sogleich einig zu werden! Lässest Du ihn fortgehen, ohne sein Gebot
anzunehmen, so wird die Nachricht, daß bei Dir etwas zu schachern sey,
und daß man Mendeln oder Joseph den Handel nicht verderben dürfe, wie
ein Lauf-Feuer durch die ganze Judenschaft gehen, und in der Synagoge
publicirt werden: in solchen Fällen halten sie treulich zusammen. Es
werden dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein
Haus bestürmen; aber jeder später kommende wird immer etwas weniger
bieten, als der vorhergehende, bis Du endlich entweder den ersten
wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebotene Summe
noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwider wird, daß Du sie
für die Hälfte des Werths einem Andern hingibst, der sie treulich dem
Ersten einhändigt. Wenn auch ein Jude von gemeiner Art Dir im Handel
so viel bietet, wie Du etwa fordern zu dürfen glaubst, so schlage doch
nicht gleich zu; er wird sonst zurückziehen, entweder weil er nun
denkt, er hätte noch wohlfeiler dazu kommen können, oder es stecke
Betrug dahinter.

Ist man seines Kaufs mit einem Trödel-Juden völlig einig, so wird er
doch noch versuchen, den Verkäufer zu hintergehen. Er wird gewöhnlich
sagen: »er habe kein baares Geld bei sich, wolle aber die Uhr oder
sonst etwas zum Unterpfande lassen.« Er weiß wohl, daß man das selten
annimmt. Gibt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit, so schleppt er
dies in der ganzen Stadt herum, bietet es feil, und bringt es wieder,
mit dem Bedeuten: »man solle etwas schwinden lassen; er habe sich
übereilt.« Oder er kömmt gar nicht wieder, und man muß lange hinter
der Bezahlung herlaufen. Auch wollen sie gar zu gerne Waare statt
Geld geben, denn die baare Münze ist ihnen gar zu sehr an's Herz
gewachsen. -- Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. Etwas ganz
Charakteristisches hat diese Nation übrigens in Allem. -- Ich rede von
dem großen Haufen derselben, nicht von denen, die sich (vielleicht
nicht zu ihrem Glücke) nach den Sitten der Christen umgebildet haben.
-- Man höre die Musik in ihren Tempeln, und die ganz eigene Art,
wie sie dieselbe vortragen! Man sehe sie tanzen! Man gebe Acht auf
die Verzierungen, welche auch die reichsten alten Juden in ihren
Häusern anbringen, ob nicht immer etwas von den Knäufen an dem Tempel
Salomons, von den Verzierungen der Bundeslade, Scharlach, Rosenroth und
gezwirnter weißer Seide mit unterläuft.


                                  9.

In den mehrsten Provinzen von Deutschland lebt der ~Bauer~
in einer Art von Druck und Sclaverei, die wahrlich oft härter ist,
als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern. Mit Abgaben
überhäuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joche grausamer,
habsüchtiger Beamten seufzend, werden sie des Lebens nie froh, haben
keinen Schatten von Freiheit, kein sichres Eigenthum, und arbeiten
nicht für sich und die Ihrigen, sondern nur für ihre Tyrannen.

Wen nun die Vorsehung in die glückliche Lage gesetzt hat, zu
Erleichterung dieser so sehr gedrückten und doch so wichtigen,
zahlreichen und nützlichen Menschen-Klasse etwas beitragen zu können:
o! der schaffe sich doch die süße Wonne, in den ländlichen Hütten
Freude zu verbreiten, und seinen Namen von Kindern und Enkeln mit Segen
nennen zu hören!

Freilich wohl sind die Bauern zum Theil so hartnäckige, zänkische,
widerspenstige und unverschämte Geschöpfe, daß sie aus der geringsten
Wohlthat eine Schuldigkeit machen, -- daß sie nie zufrieden sind,
immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehen kann;
allein sind wir nicht selbst durch lange fortgesetzte unedle Behandlung
und Vernachlässigung ihrer Bildung daran Schuld, daß niederträchtige
Gesinnungen bei ihnen herrschend werden? und gibt es nicht einen
Mittelweg zwischen übertriebener Nachsicht und despotischer Strenge
und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Guts-Herr
sich, so lange die jetzige Ordnung der Dinge noch Statt hat, des Rechts
begeben solle, seine Unterthanen zu schuldigen Diensten zu gebrauchen;
allein, kann es erlaubt seyn, diese Dienste auch dann zu verlangen,
wenn nur von dem edlen Vergnügen einer Hirsch- oder Schweine-Metzelei
die Rede ist? ist es menschlich, den Bauer zu einer Zeit, wo seine
Gegenwart zu Hause dringend nothwendig ist, mehrere Tage hinter
einander in strenger Kälte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und
Nase erfrieren zu lassen? Der Gutsherr kann und soll ihm die schuldigen
Abgaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umständen
haben, Rücksicht auf erlittene Unglücksfälle nehmen, und darauf halten,
daß die Beamten die Gelder in einer Zeit eintreiben, wo es dem armen
Landmanne weniger schwer wird, baare Münze aufzutreiben, ohne sich mit
Leib und Seele dem Juden oder dem bösen Feinde zu verschreiben.

Man schwatzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklärung
des Landvolks; allein überlegt man auch wohl immer genau genug,
welch ein Grad von Aufklärung für den Landmann, besonders für den
von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr
durch Beispiele als durch Abhandlungen, zu bewegen sucht, von manchen
ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und überhaupt in der
Führung des Haushalts, zurückzukommen, -- daß man durch zweckmäßigen
Schul-Unterricht die thörichten Grillen, den dummen Aberglauben,
den Glauben an Gespenster, Hexen u. dergl. zu zerstören trachte,
-- daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre: das
ist löblich und nützlich. Ihnen aber allerlei Bücher, Geschichten
und Fabeln in die Hände zu spielen; sie zu gewöhnen, sich in eine
Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen über ihren armseligen Zustand
zu öffnen, so lange man nicht die ernstliche Absicht hat, diesen zu
verbessern; sie durch zu viel Aufklärung unzufrieden mit ihrer Lage,
und aufgelegt zu machen, über die ungleiche Austheilung der Glücksgüter
zu declamiren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den Anstrich der
feinen Höflichkeit zu geben -- das taugt wahrlich nicht, obgleich es
auch grausam und ungerecht ist, die natürlichen Fortschritte einer
solchen Aufklärung vorsätzlich ~hindern~ zu wollen. Ohne alle diese
künstlichen Hülfsmittel trifft man unter alten Landleuten Menschen
von so unverfälschtem Sinne, von so hellem, heiterm Kopfe, und von so
festem Charakter an, die manchen hochstudirten Herrn beschämen könnten.
Es scheint also rathsam, hier mit großer Mäßigung und Sparsamkeit zu
Werke zu gehen. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig,
gerade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwätzig, dem
Verhältnisse gemäß, und bleibe sich gleich: und man wird sich seine
Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel über ihn vermögen.

Von ~Land-Edelleuten~ und andern Personen höhern Standes, die in den
Dörfern leben, gilt zum Theil dasselbe. Man nehme keinen Residenz-Ton
im Umgange mit ihnen an, hüte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil
an ihren ländlichen Freuden, Sorgen und Geschäften, und verbanne allen
Zwang, ohne doch den Ton zu tief herabzustimmen: so wird man ihnen als
Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber willkommen seyn.




                          Siebentes Kapitel.

   Ueber den Umgang mit Menschen von allerlei Lebensart und Gewerbe.


                                  1.

Zuerst von den sogenannten Abentheurern und Pflastertretern. Ich rede
hier nicht von den eigentlichen Betrügern und Gaunern -- von diesen
soll gleich nachher gehandelt werden! -- sondern von der unschädlichen
Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit der Glücksgöttin gar
zu oft überworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereien dieses
launigten Weibes so gewöhnt sind, daß sie immer aufs Neue blindlings
in den Glückstopf hineingreifen, und es wagen, entweder auf die Finger
geklopft zu werden, oder einmal einen fetten Brocken zu erhaschen.
Sie leben, ohne festen Plan für den folgenden Tag, auf gute Hoffnung
los, und unternehmen sorglos und leichtsinnig alles, was ihnen für den
Augenblick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu eröffnen scheint.
Wo eine reiche Wittwe zu heirathen, eine Pension, eine Bedienung an
irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erschleichen ist, da sind sie
nicht saumselig. Sie verändern den Namen, adeln sich, schaffen sich um,
so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich
als Edelmann nicht durchsetzen läßt, das versuchen sie als Marquis,
als Abbé, als Offizier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein
Departement, in welchem sie nicht bereit wären, sich an die Spitze
der Geschäfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, über welche
sie nicht mit einer Zuversicht schwatzten, die sogar den Gelehrten
zuweilen stutzen macht. Mit einer bewundernswürdigen Gewandtheit,
mit einem +savoir faire+, das selbst der bessere Mann zum Theil von
ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste
und Verständigste nicht einmal zu wünschen den Muth hat. Ohne tiefe
Menschenkenntniß haben sie gerade das, womit man in dieser Welt über
wahre Weisheit den Meister spielt -- +esprit de conduite+. Gelingt
das nicht, was sie unternehmen, so werden sie doch dadurch nicht in
ihrem guten Humor gestört; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als
blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, wie
in einer prächtigen Karosse. -- Ein gutmüthiges Völkchen, durch das
Nomaden-Leben gewöhnt, Freuden und Leiden geduldig zu ertragen und zu
theilen! Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt, so schnüren sie ihr
Bündelchen, und gehen aus ihren Palästen so leichtfüßig davon, wie ein
flüchtiger Morgen-Traum.

Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so
Manches gesehen und erfahren, daß dem Menschen-Kenner ihr Umgang nicht
ganz uninteressant seyn kann. Ja, wenn sie sonst nicht bösartig sind,
so findet man bei ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefälligkeit
in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen
Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich
gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Hülfe zu wichtigen Geschäften!
Theils leidet dadurch unser eigner Ruf, theils kann man sich von ihrem
Leichtsinne und ihrer Charakterlosigkeit wenig wahre Hülfe versprechen;
auch pflegen sie nicht eben sehr ekel in der Wahl der Mittel zu seyn,
welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen.


                                  2.

Beschäme nicht leicht den Abentheurer, auch den von schlechter
Art nicht, wenn Du ihn irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter
falschem Namen, oder mit selbstgeschaffnen Titeln und Ehrenzeichen
geschmückt antriffst, in so fern nicht wichtige Gründe eintreten,
oder Du besondern Beruf dazu hast! Auch würde Dir das nicht immer
gelingen; denn seine Unverschämtheit möchte vielleicht Wege finden,
das Unangenehme einer solchen Scene auf Dich selbst fallen zu machen.
Doch kann es zuweilen nützlich seyn, so einem Herrn unter vier Augen
merken zu lassen, daß man ihn kenne, und daß es in unsrer Macht stehen
würde, ihn zu entlarven, daß man aber seiner schonen wolle. Dann
wird ihn vielleicht die Furcht vor der Entdeckung zurückhalten, böse
Streiche zu spielen. Es gibt aber unter diesen Landläufern äusserst
gefährliche Menschen, Ausspäher, Verführer, Verleumder, Diebe und
Schelme aller Art. Nicht nur sollte diesen die Thür jedes ehrlichen
Mannes sorgfältig verschlossen werden, sondern die kleinern deutschen
Fürsten würden auch wohl thun, wenn sie sich weniger mit solchem
Gesindel einließen, welches gewöhnlich mit einer Tasche voll Pläne
und Entwürfe zum Besten des Landes, zur Beförderung des Handels, zum
Flor und zur Verschönerung der Residenzen, angezogen kömmt, redliche
Diener aus ihren Aemtern verdrängt und verdächtig macht, seinen Beutel
zum Ruin des Landes spickt, freilich seine Rolle selten lange spielt;
aber wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davon gehen muß,
mehrentheils viel gestiftetes Unglück zurückläßt, was es nie wieder gut
machen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es
seine Operationen aufs Neue versucht. In diesen Fällen ist es Pflicht,
dem Bösewichte öffentlich die Larve abzuziehen; doch thue man das
nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise gegen ihn in Händen
hat! denn dergleichen Menschen haben die Gabe, ihre Sache von solchen
Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern
Waffen angreift.


                                  3.

Unter allen Abentheurern sind, nach meiner Empfindung, die ~Spieler~
vom Handwerk die verächtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde
ich auch Gelegenheit nehmen, über das Spiel im Allgemeinen und über das
Betragen bei demselben etwas zu sagen.

Keine Leidenschaft kann so weit führen, keine kann den Jüngling, den
Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stürzen, keine
den Menschen in eine solche Kettenreihe von Verbrechen und Lastern
verwickeln, als die unglückselige Spielsucht. Sie erzeugt und nährt
alle nur ersinnlichen unedeln Empfindungen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn,
Schadenfreude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Glück;
sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niederträchtigkeit und Verzweiflung
führen, und tödtet auf die schändlichste Weise die goldne Zeit. Wer
reich ist, begeht eine unverzeihliche Thorheit, wenn er sein Geld auf
so ungewisse Speculation anlegt; und wer nicht viel zu wagen hat, muß
furchtsam spielen, kann die Launen des Glücks nicht abwarten, sondern
muß bei dem ersten widrigen Schlage das Feld räumen, oder er wagt
es darauf, aus einem Dürftigen ein Bettler zu werden. Doch ist die
Thorheit der Erstern noch weit größer, als die der Letztern. Selten
stirbt der Spieler als ein reicher Mann; wer daher auf diesem elenden
Wege Vermögen erworben hat, und dann nicht aufhört zu spielen, den
möchte man einen Wahnsinnigen nennen.

Die, welche Tage und Nächte dem Spiel opfern, bedenken gewiß nicht,
daß, wenn sie täglich spielen, sie sich eine jährliche ~gewisse~
Ausgabe von wenigstens sechzig Thalern aufladen, die sie von dem
möglichen ~ungewissen~ Gewinne abrechnen müssen; nämlich das
Kartengeld. Sie bedenken noch weniger, daß sie die unwürdigsten
Zeitverschwender, und allen Guten und Edlen verächtlich, daß sie früher
oder später der Verzweiflung preisgegeben sind.

Hüte Dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen,
wenn Dir Dein Geld und Deine Ehre lieb ist!

Traue Keinem von ihnen! in keiner Sache! -- Die wenigen Ausnahmen,
wo diese Regel einem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun
könnte, verdienen nicht in Anschlag gebracht zu werden; und wer sich
dieser verächtlichen Lebensart widmet, mag es nicht übel nehmen, daß
man ihm den Geist der bösen Zunft zutraut, zu welcher er sich bekennt.

Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis
gespielt, sind sie äusserst langweilig, und hohes Geld dem Ungefähr
preisgeben, ist Narrheit. Ein verständiger Mann verachtet ohnehin jede
Beschäftigung, bei welcher Kopf und Herz schlummern müssen, und man
darf nur ein mittelmäßiger Rechner seyn, um sich zu überzeugen, daß
bei solchen Glücksspielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist.
Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlichkeit annehmen, so bleibt der
Erfolg ein Werk des Zufalls: -- und wer wird denn vom Zufalle abhängen
wollen?

Auf die sogenannten Commerenz-Spiele thue gänzlich Verzicht, oder lerne
sie vorher recht, und spiele mit gleicher Aufmerksamkeit, es mag um
hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im
Spiele beherrschen, und wage nicht mit Unverstand! Mache nicht, durch
gehäufte Fehler der Aufmerksamkeit und Kunst, Dich selbst arm, und
Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile!

Zeige keine böse Laune, wenn Du schlechte Karten bekömmst, und wenn Du
verlierst! Wer nie Geld im Spiele verlieren will, der muß sich auf die
Blindekuh einschränken.

Manche Leute geben immer vor, gewonnen zu haben; andere klagen stets
über Verlust. Die Erstern belügen nur ihren eigenen Geldbeutel; die
Andern aber sprechen sich selbst ein böses Urtheil. Denn wer ohne
Unterlaß verliert, ist ein Narr, wenn er nicht endlich das Spielen
aufgibt.

Spiele nicht so unerträglich langsam und bedächtig, daß Deinen
Gesellschaftern alle Geduld vergehen muß. Zanke nicht, wenn Deine
Mitspieler Fehler machen!

Zeige keine laute Freude, wenn Du gewinnst! das pflegt Dem, welcher
verloren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst.

Nöthige niemand zum Spiele, wenn Du weißt, daß er ungern oder
unglücklich spielt! Dieß geschieht vielfältig von Leuten, denen es eine
wichtige Angelegenheit ist, ihre Parthieen vollzählig zu haben.

-- Doch diese Materie ist wohl kaum der so langen Abhandlung werth. --
Wenden wir uns zu andern Gegenständen!


                                  4.

Unter den Abentheurern unsrer Zeit spielen die ~Geisterseher~,
~Goldmacher~ und andre ~mystische Betrüger~ keine unbeträchtliche
Rolle. Diese Art von Schwärmerei, nämlich der Glaube an übernatürliche
Wirkungen und Erscheinungen, ist sehr ansteckend. Bei dem Gefühle, wie
manche Lücke in unsern philosophischen Systemen und Theorien übrig
bleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung
eingeschränkt ist, und bei der Begierde, dennoch, über die Grenzen
dieser Eingeschränktheit hinaus, Blicke zu thun, scheint es dem
Menschen ganz natürlich, die unerklärbaren Sachen +a posteriori+ zu
erläutern, wenn es mit den Beweisen +a priori+ nicht recht gehen
will; d. h. aus den gesammelten Thatsachen Resultate zu ziehen, die
ihm angenehm sind; Resultate, die theoretisch, durch Schlüsse, nicht
vollständig herauskommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge
solcher Thatsachen zu gewinnen, man geneigt ist, jedes Mährchen für
wahr, jede Täuschung für Realität zu halten, damit man seinem Glauben
Gewicht gebe. Je aufgeklärter aber die Zeiten werden, je emsiger man
sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, desto sichtbarer
wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden; um desto
leichter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet
haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorie neue Entdeckungen
zu machen waren. Ich glaube, daß dieß eine ungezwungene Erklärung
des Phänomens ist, das so Manchem höchst wunderbar scheint, -- des
Phänomens, daß in den Zeiten der größten Aufklärung ein blinder Glaube
an Ammen-Mährchen grade am stärksten einreißt.

Diese Stimmung des Publikums nun machen sich eine Menge Betrüger zu
Nutze, die theils planmäßig verbunden, uns zu unterjochen, theils
einzeln, nach Zeit und Gelegenheit darauf ausgehen, die Augen der
Schwachen zu blenden.

Sey es nun dabei auf unsre Geldbeutel, oder auf Tyrannei über unsern
Willen, oder auf irgend einen andern moralischen, intellectuellen oder
politischen Mißbrauch angesehen: so ist es immer sehr wichtig, dagegen
auf seiner Hut zu seyn.

Obgleich ich mich nicht fest überzeugen kann, daß alle Abentheurer
solcher Art, daß die Cagliostro's, Saint Germain's, Schröpfer und
Consorten, bis auf den armen Masius hinunter, sämmtlich von einer
einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann
seine Unternehmungen auf denselben Zweck zu leiten die Absicht haben
sollte: so sind wir doch denen allen Dank schuldig, die uns vor
solchen Abentheurern warnen, und uns wenigstens zeigen, ~wohin das
führen~ könnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfältig ist
gesagt worden, und noch immer gesagt wird, will ich hier, bei dem
Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln
vorschlagen.

Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehen und Gold
machen könne, oder nicht! Leugne nicht das, wovon Du nicht das
Gegentheil so klar beweisen kannst, daß es nicht möglich ist, dagegen
etwas einzuwenden! -- denn Beweise, die auf Vordersätzen beruhen,
welche nur willkührlich angenommen sind, können bloß den überzeugen,
der Lust hat, davon überzeugt zu werden. -- Aber baue nicht, bei
der Möglichkeit einer Sache, den Schluß auf ihre Wirklichkeit, noch
auf metaphysische Grillen moralische Handlungen! Sollte auch jemand
durch Schlüsse überführt werden können, daß wohl sehr wahrscheinlich
jedes sichtbare Wesen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist: so
bleibt es doch immer thöricht gehandelt, wenn dies sichtbare Wesen
seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlichen unsichtbaren
Gesellschaft, die ihn umgibt, einrichtet, als nach den Sitten der
wackern wirklichen Personen, unter denen es umherwandelt.

Man zeige also in Worten und Handlungen mehr Wärme für thätige,
nützliche Wirksamkeit, als für Speculation; so werden sich die Herren
Mystiker nicht leicht zu uns gesellen!

Geräthst Du aber an einen solchen Wundermann, und ist Dir daran
gelegen, ihn und sein System genauer kennen zu lernen: so hüte Dich,
vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbaren! Er wird sonst bald merken,
daß mit Dir, als einem Ungläubigen, nicht viel anzufangen ist; er wird
Dich nicht einweihen in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem
esoterischen Unterrichte, und Du wirst den Vortheil entbehren, Dich
und Deine Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten, --
ungerechnet, daß es sich wirklich für einen vernünftigen Mann nicht
schickt, sich früher für oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen,
bevor er dieselbe kaltblütig untersucht hat, wäre auch aller Anschein
dagegen; besonders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der
Weiseste lebenslang im Finstern tappt.

Glaubt man zuversichtlich, einen Betrug entdeckt zu haben; so ist
Spott, so ist Hohnlächeln nicht das Mittel, Schwärmer zu bekehren. Man
gehe also Schritt vor Schritt, und da die Sinne leichter getäuscht
werden können, als die Vernunft, so fordre man, bevor man sich auf
Erscheinungen, Proben und Processe einläßt, daß vor allen Dingen
zuerst die Theorie, auf welcher das alles beruht, recht deutlich
erklärt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche
Sprache ein, sondern auf bestimmte, verständliche deutsche Worte, und
auf den Ideen-Gang und Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten
üblich ist. Es mag vielleicht sehr viel Weisheit in dem Dunkel der
Mystiker stecken; aber für ~uns~ kann nur ~das~ Werth haben, was ~wir~
verstehen. Man gönne einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel
für einen Diamant zu halten; aber wenn man kein eben so großer Kenner
von Edelsteinen ist, so sage man gutmüthig, ohne Scheu, frei heraus:
»daß man diesen Stein für nichts anders, als für einen schmutzigen
Kiesel halten könne!« Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehen;
aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehen haben zu
wollen, als verstünde man, -- was man nicht versteht.

Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher,
bei Deiner schwachen Seite gefaßt, eine Zeitlang sein Spielwerk mit
Dir getrieben -- o! wer ist mehr in dieser Leute Händen gewesen,
als ich? -- und Du entlarvst endlich den Schurken: dann scheue Dich
nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlicher,
leichtgläubiger Leute, öffentlich den Betrug bekannt zu machen, --
möchtest Du auch dabei in keinem sehr vortheilhaften Lichte erscheinen!




                            Achtes Kapitel.

     Ueber geheime Verbindungen und den Umgang mit den Mitgliedern
                              derselben.


                                  1.

Unter die mancherlei schädlichen und unschädlichen Spielwerke, mit
welchen sich unser philosophisches Jahrhundert beschäftigt, gehört auch
die Menge geheimer Verbindungen und Orden verschiedener Art. Man wird
heut zu Tage in allen Ständen wenig Menschen antreffen, die nicht von
Wißbegierde, Thätigkeitstrieb, Geselligkeit, oder Vorwitz geleitet,
wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Verbrüderung
gewesen wären. Und doch möchte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn,
diese theils zwecklosen und thörichten, theils dem gesellschaftlichen
Leben gefährlichen Bündnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug
mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden, und jedem
jungen Manne, dem seine Zeit lieb ist, mit Zuversicht den Rath geben
zu können, sich in keine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben,
wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht in
gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied, zugleich unnütz und
gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine
Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die
christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie
diese Volks-Religionen der alten Heiden, einer geheimen Auslegung,
einer doppelten Lehrart bedarf; und in den Wissenschaften werden die
neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekannt gemacht,
müssen und sollen öffentlich bekannt gemacht werden, damit sie jeder
Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. In den einzelnen Ländern
hingegen, wo noch Finsterniß und Aberglauben herrschen, muß man den
kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts übereilen; man verdirbt
oft mehr, als man gut macht, wenn man die Zwischenstufen überspringen
will; es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der
Aufklärung zu beschleunigen trachten; auch können sie das nicht;
und wenn sie es können, so ist es Pflicht, dieß öffentlich zu thun,
um desto mehr Pflicht, damit andre vernünftige Männer, in demselben
Lande und in andern Gegenden, über den Beruf der Aufklärer, über den
Werth der geistigen Waare, welche sie feil bieten, und darüber mögen
urtheilen können, ob das, was sie lehren, auch wirklich Aufklärung sey,
oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Münzen ausprägen, als die ist,
welche sie verrufen. Unnütz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten
ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten
und abgeschmackten Ceremonien beschäftigen, eine Bilder-Sprache reden,
die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen
handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald
ausarten, und, wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor
öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch
mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, als die, über welche man in
der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nützliches zu thun, der
findet dazu im bürgerlichen und häuslichen Leben sehr viel Gelegenheit,
die fast kein Einziger ganz so eifrig und freudig ergreift, wie er
sollte, um seinem Leben einen Werth, und seinem Herzen Befriedigung
und Freude zu geben. Es müßte erst bewiesen werden, daß auf diesem
öffentlich privilegirten Wege nichts mehr zu thun übrig bliebe, oder
daß dem warmen Beförderer des Guten unübersteigliche Hindernisse in
den Weg gelegt wären, bevor man das Recht haben dürfte, sich einen
vom Staate nicht sanctionirten, geheimen, besondern Wirkungskreis zu
schaffen. Wohlthätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft
muß auf freier Wahl beruhen, und Geselligkeit braucht nicht durch
geheime Wege befördert zu werden.

Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die
Welt, und gewissermaßen unvereinbar mit unsern Pflichten gegen die
bürgerliche Gesellschaft. Schädlich, weil alles, was im Verborgenen
geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; unvereinbar mit
unsern Pflichten gegen den Staat, weil die Vorsteher der bürgerlichen
Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thätigkeit, zu
welcher sich Mehrere vereinigen, Kenntniß zu verlangen, indem sonst,
unter dem Schleier der Verborgenheit, eben sowohl gefährliche Plane
und schädliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse,
versteckt seyn können; weil sogar nicht einmal alle Mitglieder
von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der
schönsten Aussenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil
nur Alltagsseelen sich in diesen Schraubestock einzwängen lassen, die
bessern hingegen entweder bald zurücktreten, oder zu Grunde gehen,
ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Kosten der
Andern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obere im Hinterhalte
stehen, und es eines verständigen Mannes unwerth ist, nach einem
Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit
und Güte ihm Leute einstehen, -- die er nicht kennt, denen er sich
verbindlich machen muß, ohne daß ~sie~ sich ~ihm~ verbindlich
machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man
ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich
dieß zu Nutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die
übrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten mißbrauchen; weil jeder
Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die
Gesellschaft bringt, wo sie dann im Dunkeln der Verborgenheit freiern
Spielraum haben, als am Tageslichte; weil solche Verbindungen einen
unverhältnißmäßigen Aufwand von Geld und Zeit kosten; weil sie von
ernsthaften bürgerlichen Geschäften ab- und zum Müßiggange oder zu
zweckloser Beschäftigung hinleiten; weil sie bald der Sammelplatz von
Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattungen von
politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen;
weil mönchischer Partheigeist bei ihnen einreißt, und viel Unheil
stiftet; endlich, weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung,
Intoleranz und Ungerechtigkeiten gegen brave Männer geben, die nur
deswegen verwerflich sind, weil sie nicht Mitglieder eines solchen,
oder wenigstens nicht desselben Ordens seyn wollen.

Dieß ist mein Glaubensbekenntniß über geheime Verbindungen! Gibt es
eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat -- ei nun!
so mag sie dann als Ausnahme gelten! -- ich kenne keine, die nicht
wenigstens an einigen derselben krank läge.


                                  2.

Gehört nun die Geheimnißkrämerei zu den Auswüchsen der Zeit und zu
den Modethorheiten, die kein Vernünftiger mitmachen soll, weil er
dabei seine Vernunft verleugnen, und seine sittliche Freiheit mehr
oder weniger aufgeben muß; ist sie Zeit- und Geldverschwendung, und
gewährt sie durchaus keine Befriedigung, so folgt daraus, daß der,
welcher seine Freiheit und Ruhe liebt, sich so wenig als möglich um die
Systeme, um das Personale und um die Schritte geheimer Verbindungen
bekümmern, seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften
verschwenden, und vorsichtig im Reden über diesen Gegenstand seyn
müsse, um sich Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch böses
Urtheil über solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr
tief verborgen liegt; daß er vor allem jeder Versuchung und Anreizung,
sich einweihen zu lassen, muthigen Widerstand leisten müsse.


                                  3.

Haben aber Vorwitz, übel geordnete Begierde thätig zu seyn, Neugier,
Ueberredung, Eitelkeit oder andre Bewegungsgründe Dich verleitet,
in eine solche Verbindung zu treten: so laß Dich wenigstens von den
Thorheiten und Schwärmereien und von dem Secten-Geiste, die in Deinem
Orden herrschen, nicht ganz hinreißen, sondern suche Dich immer noch
im Besitz und Gebrauch Deiner Vernunft zu behaupten. Hüte Dich, das
Spielwerk, die Maschine verkappter Bösewichter zu werden! Dringe,
wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deutliche Entwickelung des ganzen
Systems! Laß Dich nicht durch räthselhafte Vorspiegelungen, durch
große Verheissungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit,
durch den Anschein von Uneigennützigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit
der Absicht blenden; sondern fordre Beweise von Thaten und gänzliche
Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfänglichkeit, Deine
Unwürdigkeit vor, so laß Dir erzählen, welche Eigenschaften die hohen
Obern fordern, und beleuchte sie, diese Obern, selbst, nach ihrem
Maaßstabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bei Seite gesetzt, gegen
den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein,
~unbekannten~ Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend
scheinende Gründe dafür anführen! Sey vorsichtig in jedem Worte, das
Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend
einer eidlichen oder andern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von
der Anwendung der Beiträge, die man Dich bezahlen läßt! -- Und wenn,
bei dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung müde wirst, oder
die Verbindung Deiner überdrüßig wird, so trenne Dich ohne Geräusch
und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du
allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in
Ruhe lassen, so tritt öffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug,
Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publikums, Andern zur
Warnung, bekannt zu machen!

Uebrigens hat man weder Verbindlichkeit, noch Beruf, alles zu
zerstören, was man nicht gut findet. Man kann theoretisch gegen manche
Dinge in der Welt eifern, ohne deswegen sich als Verfolger zu zeigen,
wodurch ohnehin das Uebel fast immer ärger gemacht wird. Man kann
sogar Ordens-Versammlungen von der unschädlichsten Art besuchen, wenn
man einmal ein Mitglied ist; sie sind, wie andere Zusammenkünfte,
Beförderungsmittel der Geselligkeit; -- ja, es kann Pflicht werden,
sich nicht von ihnen loszusagen, um das größere Uebel zu hindern,
gefährlichen Einwirkungen entgegen zu arbeiten, und Ausartung zu
verhindern.




                           Neuntes Kapitel.

                 Ueber die Art, mit Thieren umzugehen.


                                  1.

In einem Buche über den Umgang mit Menschen scheint wohl freilich ein
Kapitel über die Art, mit Thieren umzugehen, nicht an seinem Platze.
Allein was ich hierüber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im
Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben überhaupt, daß ich
hoffen darf, man werde mir diese kleine Ausschweifung gütigst verzeihen.


                                  2.

Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes. -- Das ist ein
vortrefflicher Spruch! Ja! der edle, der gerechte Mann martert kein
lebendiges Wesen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um
billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten
Menschen, deren Augen sich an der Qual eines rastlos umhergetriebenen
Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarei
auf den Tod gehetzten Thiers weiden können; wenn sie doch bedenken
wollten, was es heiße, ~ein Mensch seyn~, und welch eine Bedeutung
dieser Titel habe! wenn die Unbesonnenen, die mit dem Leben eines
armen Geschöpfs, das in ihre kindischen Hände fällt, wie mit einem
Balle spielen, Fliegen und Käfern Beine ausreissen, oder sie spießen,
um zu sehen, wie lange ein also leidendes Thier in convulsivischer
Pein fortleben könne; wenn die vornehmen Müßiggänger, die, um die
Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langenweile in den Rachen
zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn
Diese doch einen Augenblick erwägen wollten, wie tief sich der Mensch
herabwürdigt, wenn er, als das grausamste unter allen Raubthieren,
mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur, ein
Geschöpf Gottes, das auch fühlen kann, langsam zu Tode martert, und
wie furchtbar die Strafe des ewigen Richters seyn müsse, der in dem
Winseln seines gemarterten Geschöpfes die freche Uebertretung des
Gebotes vernimmt, das er dem Menschen in's Herz geschrieben hat; wenn
sie sich doch überzeugen wollten, daß ein Thier eben so schmerzhaft
jede Mißhandlung, und den barbarischen Mißbrauch größerer Stärke fühlt,
wie wir, und vielleicht noch lebhafter, da sein ganzes Daseyn auf
sinnlichen Empfindungen beruht; daß die Art seines Daseyns vielleicht
die niedrigste der Stufen ist, die es zu ersteigen hat, um auf der
Leiter der Schöpfung da anzulangen, wo ~wir~ jetzt stehen; und daß die
Grausamkeit gegen vernunftlose Geschöpfe unmerklich und unausbleiblich
zur Härte und Grausamkeit gegen unsere vernünftigen Nebengeschöpfe
führt. -- Wenn sie doch das alles fühlen und erwägen, und ihr Herz dem
sanften Mitleiden gegen alle lebendige Geschöpfe öffnen wollten!


                                  3.

Wer diese Betrachtungen und Aufforderungen für thörichte und
schwachsinnige Empfindelei zu erklären, oder damit zu verwechseln
fähig ist, dem habe ich nichts zu sagen, als daß ich ihn bedaure, und
jene Empfindelei mit ihm von ganzem Herzen verachte. Ich weiß, es gibt
leider unter uns so zarte Männlein und Weiblein, die gar kein Blut
sehen können; die zwar mit großem Appetit ihr Rebhühnchen verzehren,
aber ohnmächtig werden würden, wenn sie eine Taube abschlachten
sehen müßten! Leute, deren Federn und Zungen mit moralischem Gifte
und Dolche den Freund und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer
matten Fliege das Fenster öffnen, damit sie fern von ihren Augen --
zertreten werden könne; die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter
ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen
Sperling bedauren, der, wenn es regnet, ohne Regenschirm und Ueberrock
herumfliegen muß. Zu diesen süßen Seelchen gehöre ich nicht, halte auch
nicht alle Jäger für grausame Menschen. -- Es muß ja dergleichen Leute
geben; so wie wir, wenn keine Schlächter in der Welt wären, bloß von
Speisen aus dem Pflanzenreiche leben müßten. -- Aber ich verlange nur,
daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern, noch ein vornehmes
Vergnügen darin suchen solle, mit wehrlosen Geschöpfen einen ungleichen
Krieg zu führen.


                                  4.

Ich habe immer nicht begreifen können, welche Freude man daran haben
könne, Thiere in Käfige oder Kasten einzusperren. Der Anblick eines
lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natürlichen
Kräfte anzuwenden und zu entwickeln, darf keinem verständigen Menschen
Freude gewähren. Wer mir daher einen schönen Vogel in einem Bauer
schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnügen,
welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, das Gefängniß
zu öffnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freie Luft
hinausfliegen zu lassen; auch ist eine Menagerie, in welcher wilde
Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlägen aufbewahrt werden,
meiner Meinung nach, ein sehr ärmlicher Gegenstand der Unterhaltung,
und vielleicht nur von der Seite zu vertheidigen, daß sie dem
Naturforscher Gelegenheit und Mittel gibt, genaue und lehrreiche
Beobachtungen anzustellen.


                                  5.

Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel
ergötzt, der seinen schönen Natur-Gesang hat vergessen müssen, um vom
Morgen bis zum Abende die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen,
oder wenn man Geld ausgibt, um einen Hund zu sehen, den man abgerichtet
hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink
seines Meisters anzudeuten, wie viel schöne Junggesellen in der
Versammlung sind.


                                  6.

Habe ich aber diejenigen getadelt, die grausam gegen Thiere
verfahren; so muß ich doch auch diejenigen anklagen, welche in die
entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe eben
so, wie mit Menschen umgehen, und dem vernunftlosen Geschöpfe die
Rechte des vernünftigen zugestehen. Ich kenne Damen, die ihre Katzen
zärtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herren, die ihren Pferden
sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Basen; und Männer, die
gegen ihre Hunde mehr Zärtlichkeit, Schonung und Nachsicht beweisen,
als gegen ihre Freunde, mit welchen sie sich nie anders, als unter dem
obligaten Schnarchen ihres feisten Mopses oder Pudels unterhalten.
Indessen scheinen manche Thiere in besserm Rufe zu stehen, als andere.
Niemand schämt sich, zu bekennen, daß er Flöhe habe; gewisse andere
kleine Insekten hingegen darf kein Mensch von Erziehung mit sich
führen, obgleich beides Ungeziefer ist; und an Geselligkeit geben die
letztern den erstern nichts nach.

Es scheint manchen Leuten, besonders Frauenzimmern, eine natürliche
Furcht vor gewissen Thieren, als Mäusen, Spinnen &c. angeboren zu seyn.
Sollte sich auch dergleichen Widerwillen, wie ich doch glaube, nicht
nach und nach überwinden lassen: so vermag man es doch gewiß, in so
fern Meister über sich zu werden, daß man in Gesellschaft, bei dem
Anblicke dieser Feinde, sich nicht so kindisch betrage und gebehrde,
wie es vielfältig geschieht.

Inniges Mitleiden, nicht Spott, verdienen die Unglücklichen, mit denen
die Menschen so übel gespielt haben, daß sie (mißtrauisch gegen alle
vernünftige Wesen, die so oft ihre Verstandeskräfte nur zum Schaden
ihrer Brüder anwenden) in dem liebevollen Drange des Herzens, das
sich gern ein Geschöpf zugesellen und irgend etwas in der Natur zum
Gegenstande seiner Theilnahme machen will, einen treuen Hund wie
ihren einzigen Freund behandeln, oder, wie einst Quatremère zu Namur,
in dem öden Kerker durch den Anblick und die Beobachtung eines so
bewundernswürdigen Kunsttriebes, wie der ist, den die Spinnen zeigen,
die Schmerzen und Qualen ihrer Verbannung zu lindern, und das bittere
Gefühl ihrer Verlassenheit zu mildern suchen.




                           Zehntes Kapitel.

        Ueber das Verhältniß zwischen Schriftsteller und Leser.


                                  1.

Ich halte es für billig, bevor ich dies Werk über den Umgang mit
Menschen schließe, mit meinen Lesern auch ein paar Worte über unsre
wechselseitigen Verhältnisse gegen einander zu reden. Zuerst also
einige Bemerkungen über den Beruf, ein Buch zu schreiben!

Ich habe bei andern Gelegenheiten geäußert, daß ich die
Schriftstellerei in unsern Zeiten für nichts mehr, als für einen Zweig
oder eine Unterart des Umgangs, und also für schriftliche Unterredung
mit der Lesewelt halte, und daß man es daher im freundschaftlichen
Gespräche so genau nicht nehmen dürfe, wenn auch einmal ein unnützes
Wort mit unterliefe. Man soll es daher dem Schriftsteller nicht
übel ausdeuten, wenn er, ein wenig von seiner Lebhaftigkeit und
Mittheilungslust verführt, von der Begierde, über irgend einen
Gegenstand allerlei Arten von Menschen seine Gedanken mitzutheilen,
etwas drucken läßt, das nicht gerade die Quintessenz von Weisheit,
Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthält. Es behält ja ein Jeder
die Freiheit, dem Schwätzer zuzuhören, oder nicht, -- und kann sich,
bevor er ein Buch kauft, erst bei Andern nach dem Manne erkundigen,
mit dem er sich unterhalten will, -- hat aber, denke ich, auf keinen
Fall das Recht, ihm allein deswegen Grobheiten zu sagen, weil ihm die
gedruckte Unterhaltung desselben nicht gefällt, in so fern er ihn
nicht vorher mit unverschämten Prahlereien und großen Versprechungen
getäuscht hat. Es ist überhaupt sehr viel schwerer, als man glauben
sollte, seine eignen Produkte zu beurtheilen; nicht nur, weil unsre
Eitelkeit da in das Spiel kömmt, sondern auch, weil die Gegenstände,
über deren Beobachtung wir lange gebrütet, für uns, eben durch das
Nachdenken, welches wir darauf verwenden, einen solchen Werth bekommen
haben, daß wir unsre Gedanken darüber für äusserst wichtig halten,
indeß einem Andern, was wir auch davon sagen mögen, unwichtig und
gemein vorkommt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht
in unsrer Gewalt, oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir jene
Gedanken zu Papier bringen wollen, oder vergessen, daß der Gegenstand,
über welchen wir schreiben, nur durch kleine besondre Beziehungen auf
unsre damalige Lage, die sich nicht mit übertragen lassen, uns am
Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, in
einer gefälligen Ordnung hererzählen zu können: so geschieht es, daß
wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Nebenbegriffe daran
knüpfen, wodurch das Bild Ausdruck und Farbe gewinnt, sehr unterhaltend
scheint, jenen Andern aber gähnen macht und mit Unwillen gegen uns
erfüllt. Indem es nun auf solche Weise leicht geschehen kann, daß
selbst ein verständiger Mann, der das Unglück hat, von Eitelkeit
geblendet, oder von starken Gefühlen hingerissen zu seyn, ein Buch
schreibt, das andre Menschen für ein unnützes und langweiliges Buch
halten, weil es eine reine Herzensergießung ist; so kann und darf es
doch einem verständigen Manne nie begegnen, etwas öffentlich vor dem
Publikum zu reden, das gegen Moralität und gesunde Vernunft stritte,
oder wodurch er einem seiner Mitmenschen muthwillig Schaden zufügte.
Denn wenn gleich Schriftstellerei nur dargebotene Unterhaltung und
Unterredung ist, so ist sie doch eine solche Unterredung, bei der man
hinreichende Zeit hat, zu bedenken, was man spricht, und um so mehr
also die Verpflichtung übernimmt, jeden unsittlichen, ganz schiefen
und boshaften Gedanken zu unterdrücken. Ich meine daher, alles, was
das Publikum von einem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene
Ansprüche auftritt, mit Recht fordern kann, ist, daß er durch seine
Werke weder Sitten-Verderbniß, noch Vorurtheil und Unduldsamkeit
verbreite, und das, was Allen heilig seyn soll, unangetastet und
unentweiht lasse. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des
Gegenstandes; Einkleidung; Ansprüche auf Ruhm, Beifall und Lob; zu
stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hoffnung auf Unsterblichkeit
-- das alles ist ~seine Sache~, und es geht auf seine Gefahr, wenn er
sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuß vom Parnasse
wieder herunterschleichen zu müssen, oder von der Meute der Recensenten
zu Tode gejagt zu werden.


                                  2.

Wenn also ein Autor nichts Schädliches und Unsinniges sagt, so muß
man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; wenn er etwas
Nützliches sagt, so erwirbt er sich ein Verdienst um das Publikum,
und wenn er Wahrheiten an's Licht zieht, die lange schon verkannt
oder vergessen sind, so soll er gehört, und seine Schrift von allen
Guten ausgezeichnet und verbreitet werden. -- Aber wird deswegen
sein Buch auch gewiß Beifall finden? Das ist wieder eine ganz andere
Frage. -- Allgemeiner Beifall von Guten und Bösen, von Weisen und
Thoren, von Hohen und Niedern? -- Ei nun! wer wird so eitel seyn,
darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem größten Theile
der Lesewelt zu gefallen, welche niedrige Mittel wählt da nicht
mancher Schriftsteller? -- Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der
Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem Zeitgeschmacke, d. h.
nach dem Geschmacke, nicht dieses Jahrzehends, sondern dieses Jahres
richtet; wer keine Anekdötchen mit einmischt; wer nicht dafür sorgt,
daß sein Werkchen hübsch fein gedruckt und mit Bilderchen ausgeziert
werde; wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glänzende Thorheiten,
politischen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Despotismus
angreift oder lächerlich macht; wer sich einen Verleger wählt, auf den
die andern Buchhändler neidisch, dem sie feind sind; wer sich nicht
demüthig unter den Schutz irgend eines gelehrten Posaunen-Blasers
begibt; wer nicht die Schreier im Publikum, und Die, welche in der
feinen Welt den Ton angeben, zu gewinnen sucht; wer zu bescheiden
auftritt; wer sein Buch einem Manne widmet, oder in demselben einem
Manne Gerechtigkeit widerfahren läßt, dessen Verdienste beneidet,
verfolgt werden; wer das Unglück hat, durch seine Geistes-Produkte mehr
Aufmerksamkeit zu erregen, als gewisse Schriftsteller des Tages, welche
bei dem Publikum die Lieblingsschaft zu erringen wußten; wer dadurch
auswärts sich einen Namen macht, den ihm seine Landsleute nicht gönnen;
-- der wird, wenigstens in dieser Generation, vielleicht sein Glück als
Schriftsteller nicht machen, und auch sein nützlichstes Werk bald als
Maculatur behandelt sehen. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter
diesen kleinen Autorkünsten nicht eben gänzlich zu vernachlässigen.
Viele davon sind aber eines edeln, verständigen Mannes unwerth.

In prahlerischen Vorreden sich für den bisher erhaltenen allgemeinen
Beifall zu bedanken; an feile Recensenten Beurtheilungen seiner
Werke einzusenden, die man selbst, oder die ein gefälliger Freund
aufgesetzt hat, und in welchen man dem Publikum dazu Glück wünscht,
daß der ~Lieblings-Schriftsteller~ der Nation die Welt abermals mit
einem schönen Buche beschenkt habe, und dergleichen elende Künste
mehr, helfen doch nur auf kurze Zeit. Sicherer, als die Recensionen,
obgleich nicht unfehlbar für den bleibenden innern Werth eines Buchs
entscheidend, ist die allgemeine Stimme des Publikums. Wenigstens ist
es einem Schriftsteller zu verzeihen, wenn er ein Werk nicht für ganz
schlecht, sondern dem Bedürfnisse des Zeitalters angemessen hält, das
eine Reihe von Jahren hindurch häufig gekauft, gelesen, neu aufgelegt
und übersetzt wird, wenn er dann auf den einzelnen Tadel unberufener
Kunstrichter wenig achtet, und fortfährt, die Lesewelt zu unterhalten,
so lange diese Stimmung dauert; aber wenn sie nachläßt -- dann ist es
freilich Zeit, aufzuhören.


                                  3.

Reden wir jetzt auch von dem Betragen und von den Pflichten des Lesers
gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, jener nie vergessen,
daß dieser sich nicht nach dem Geschmacke jedes Einzelnen richten kann.
Was für Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, höchst interessant
ist, das scheint einem Andern vielleicht äusserst langweilig und
unbedeutend, und wahrlich! ~der~ Mann müßte ein Hexenmeister seyn,
der ein Buch verfassen könnte, in welchem Jeder fände, was er suchte.
Es gibt Bücher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so
gestimmt ist, wie der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andere
gibt, deren Sinn und Schönheit man ~immer~, in jeder Laune, fassen und
sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum ~jene~ geistvoll, groß
und erhaben nach ihrem Inhalte, noch im Gegentheil immer schwärmerisch
und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum ~diese~ lauter bestimmte,
ewige Wahrheiten, auf kalte, unwiderlegbare, allein des vollkommnen
Mannes würdige, unerschütterliche Philosophie gegründet, oder im
Gegentheile, nicht immer gemeine, ohne Mühe leicht zu verdauende
Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, geehrter und erleuchteter
Leser, in Deiner Beurtheilung eines sonst nicht schlecht geschriebenen
Buches, oder wenn Du es nun einmal nicht lassen kannst, zu richten, so
behalte wenigstens Deine Meinung darüber in Deinem Kopfe, in welchem
oft viel leerer Raum ist, und verschreie das Buch nicht! Am wenigsten
aber laß Dich verleiten, den moralischen Charakter des Schriftstellers
auf bloße Muthmaßung hin bei dieser Gelegenheit anzugreifen, ihm
gefährliche Absichten beizumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn
zu geben, und seine Winke hämisch auszudeuten! Beurtheile nicht ein
Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bete nicht
das Lob und den Tadel unwissender, boshafter oder feiler Recensenten
nach!


                                  4.

Bei der Menge unnützer Schriften thut man übrigens wohl, eben so
vorsichtig im Umgange mit Büchern, wie mit Menschen zu seyn. Um nicht
zu viel Zeit mit Lesung unnützen Papiers zu verschwenden, das heißt: um
nicht von Schwätzern mir die Zeit verderben zu lassen, suche ich auch
von ~dieser~ Seite nicht viel neue Bekanntschaft eher zu machen, als
bis der allgemeine Ruf mich auf ein gutes, oder besonders musterhaftes
Buch aufmerksam macht. Ich bin mit einem kleinen Cirkel alter guter
Freunde zufrieden, die ich oft, und immer mit neuem Vergnügen,
schriftlich mit mir reden lasse.

Hier wäre denn wohl der Ort, einen eignen, nicht unbedeutenden
Abschnitt den Bemerkungen über den ~Umgang mit verstorbenen großen
und edeln Männern~ zu widmen; allein das würde mich zu weit führen;
wichtig ist aber gewiß der Einfluß, den das Studium der Geschichte,
des Charakters und der Schriften der berühmtesten Helden und Weisen
verflossener Jahrhunderte auf die Ausbildung eines gutbegabten
Geistes hat. Man träumt sich in jene Zeiten hinein, wird beseelt von
dem Geiste, der aus den Thaten und Reden jener erhabenen Menschen
hervorgeht; und in diesem Sinne hat der Umgang mit Verstorbenen sehr
oft größere Wirkung auf Köpfe und Herzen, und durch diese auf große
Weltbegebenheiten geäussert, als der Umgang mit den Zeitgenossen.




                           Eilftes Kapitel.

                                Schluß.


                                  1.

Und nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks über den
Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darin, das Ihrer Aufmerksamkeit
werth ist, -- wird dies Buch vom Publiko gütig aufgenommen und billig
beurtheilt: so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis jetzt
selbst der beste Erfolg irgend einer meiner Schriften gewährt hat.
Wenigstens hoffe ich, Sie werden hier keine Grundsätze antreffen,
deren sich ein rechtschaffener und verständiger Mann schämen dürfte,
und, wenn es sonst kein anderes Verdienst hat, ihm doch das der
Vollständigkeit nicht absprechen; denn ich glaube, daß doch nicht
leicht irgend ein Verhältniß im geselligen Leben gefunden werden könne,
über welches ich nicht etwas gesagt hätte. -- Ob gut, oder schlecht,
oder beides vermischt, oder mittelmäßig von Anfang bis zu Ende: -- das
darf ich nicht entscheiden.


                                  2.

Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nämlich, daß der Gegenstand
mit gehöriger Einsicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behandelt wäre,
nicht nur Jünglingen, sondern selbst Männern Nutzen gewähren könnte:
~das~ darf ich wohl behaupten. Man verlangt von feinen, hellsehenden
Leuten immer auch feine Lebensart; aber man hat darin Unrecht. Dieser
Geist des Umgangs erfordert Kaltblütigkeit, Achtsamkeit auf geringe
Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bei feurigen Genies selten antrifft.
Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam
machen auf Fehler, welche er bisher, ohne es zu wissen, in Behandlung
der Menschen beging, -- auf Fehler, die er an sich selbst aus zu großer
Lebhaftigkeit bis jetzt übersehen hatte, ohne ihn deswegen abzuhalten,
die fremden Erfahrungen auf ~seine~ Weise zu nützen, und dennoch
selbstständig zu handeln.


                                  3.

Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die
Menschen zu unsern Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen
zu herrschen, Jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in
Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: »daß man aus den Menschen
machen könne, was man wolle, wenn man sie bei ihren schwachen Seiten
zu fassen verstünde.« Nur ein ~Schurke~ kann das, und will das, weil
nur ~ihm~ die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind;
der ~ehrliche~ Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und
will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen ~läßt~ auch
nicht alles aus sich machen. Aber ~das~ wünscht, und ~das~ kann jeder
Rechtschaffene und Weise bewirken, daß wenigstens die Bessern ihm
Gerechtigkeit widerfahren lassen: daß niemand ihn verachte; daß er
Frieden von aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß
und Gewinn aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe; daß
Andere ihn nicht mißbrauchen, oder durch Verstellung täuschen. Und wenn
er ausdauert, immer folgerecht, edel, vorsichtig und gerade handelt:
so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die
Menschen studirt hat, und sich durch keine Schwierigkeiten abschrecken
läßt, fast jede ~gute~ Sache am Ende durchsetzen. Hierzu nun die Mittel
zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, --
das ist der Zweck dieses Buchs.

Wer aber sein ganzes Leben hindurch, bei jeder willkührlichen Handlung,
bei jedem kleinen Schritte, den er zu unternehmen hat, erst nachsehen
wollte, ob er dazu in diesem Buche kein Recept, keine Vorschrift fände,
der würde freilich alle Eigenthümlichkeit des Charakters verleugnen.
-- Doch, wie kann das auch meine Absicht seyn? Kaum bedürfte es dieser
Erinnerung, wenn es weniger schiefe Köpfe und boshafte Ausleger in der
Welt gäbe.


                                  4.

Daß ich bei dieser Gelegenheit die Schwachheiten mancher Klassen
von Menschen habe aufdecken müssen, ohne jedoch auf Einzelne unedel
anzuspielen, das war wohl sehr natürlich. Aber o! was hätte ich sagen
können, wenn ich mein Buch mit wirklichen Anekdoten hätte auszieren,
und besondere Erfahrungen aus meinem Leben erzählen wollen! --
Schmeichle ich mir zu viel, wenn ich hoffe, daß man mir dergleichen
nicht Schuld geben, und mir wenigstens von ~dieser~ Seite Gerechtigkeit
widerfahren lassen werde?


Fußnoten:

[1] Die Teutschen haben von allen Völkern das meiste Lächerliche für
die große Welt an sich; vielleicht, weil sie noch gar zu ehrlich
sind, und die große Welt allzusehr verehren und bewundern. Wer
nichts anstaunt, steht mehr auf seinem Gleichgewicht. Der Engländer
glaubt, ihm kleide alles, er habe zu allem Recht; er verachtet, was
er nicht besitzt, und nicht mehr erwerben kann, tritt keck, auch wohl
bengelhaft auf. Der gutmüthige Teutsche will wenigstens zeigen, daß
er sein Möglichstes thue, Andern zu gefallen, und in diesem ehrlichen
Eifer merkt er kaum, wie schlecht es ihm oft gelingt. Der Franzose
und der Russe haben den sichersten, feinsten, und für alle in der
Gesellschaft Auftretende gefährlichsten Takt, das Lächerliche auf den
ersten Blick aufzufinden. Wer sich vor ihnen auf seinen Sprach- oder
Tanzmeister allein verläßt, den werden sie bald seinen Irrthum fühlen
lassen, vorausgesetzt, er habe Sinn genug, zu erkennen, daß eben das,
was man an ihm am meisten bewundert, sein Lächerliches sey. ~Klinger
Betrachtungen und Gedanken~ 1r Thl. S. 316.

[2] Man muß so viel Menschenkenntniß oder so viel Urtheilskraft haben,
um die Wirkung solcher theilnehmenden Fragen voraussehen zu können,
oder das Fragen ganz unterlassen, und lieber erwarten, daß nicht das
Gespräch sich von selbst auf diesen Gegenstand wenden wird. Denjenigen,
welche sich nicht taktfest in der Unterhaltung fühlen, sollten sich
überhaupt vor Fragen hüten, denn Fragen werden oft, wie Blicke, unsere
Verräther.

A. d. H.

[3] Ich entlehne diese Stelle, welche durch ihre treffende und
sinnreiche Darstellung sich auszeichnet, aus der Zeitschrift: ~Ernst
und Scherz~, oder der alte Freimüthige, Nro. 128. des Jahrgangs 1817,
und füge nur die Anweisung zum Betragen gegen diese Menschen hinzu.

d. H.

[4] Und das sind die Grundsätze eines Mannes, den Georg Zimmermann,
Aloisius Hoffmann und Consorten als einen Volks-Aufwiegler verketzerten!

[5] Die Verirrungen des Philosophen, oder Geschichte Ludwigs von
Seelberg, Theil 1. Seite 108.

[6] Vielleicht würde der Verf., wenn er die heutige Jugend sähe, in
ihr die Erfüllung seiner Hoffnung finden; wenigstens eine gewisse
männliche Gesetztheit, deutsche Geradheit und Festigkeit und
offene Freimüthigkeit wird man ihr nicht absprechen können. Aber
Bescheidenheit würde er sehr vermissen.

A. d. H.

[7] Hier, und an andern Orten ist der Verf. seinen Lesern die Lösung
dieser schweren Aufgabe schuldig geblieben, und man muß glauben, daß
er verzweifelte, sie zu lösen. Auch wird man wohl denen beipflichten
müssen, die es nicht der Mühe werth halten, sie zu lösen.

A. d. H.

[8] Wir haben in den neuesten Tagen dergleichen ärgerliche Auftritte
in großer Zahl gesehen, und die Klage des Verf. gilt also leider
noch immer, doch glücklicher Weise nur von den leichtfertigen
Schriftstellern des Tages und einigen Philologen.

D. H.


[9] Wer denkt hier nicht an Wielands und Johann v. Müllers gutherziges
Loben, und an des Letzteren übergroße Nachsicht gegen überlästige
Correspondenten?

D. H.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UEBER DEN UMGANG MIT MENSCHEN ***


    

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