Gran Cañon : Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

By Sven Anders Hedin

The Project Gutenberg eBook of Gran Cañon
    
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Title: Gran Cañon
        Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

Author: Sven Anders Hedin

Illustrator: Sven Anders Hedin


        
Release date: May 12, 2026 [eBook #78666]

Language: German

Original publication: Leipzig: F. A. Brockhaus, 1926

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78666

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GRAN CAÑON ***

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                     Anmerkungen zur Transkription

  Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit
  wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
  wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
  verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

  Im Original wurden viele fremdsprachliche Begriffe in Antiquaschrift
  gesetzt; daneben verbleiben einige Passagen in Englisch in
  Normalschrift, insbesondere bei Eigennamen.

  Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
  folgenden Symbole gekennzeichnet:

        fett:          =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:      +Pluszeichen+
        Kapitälchen:   ~Tilden~

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                              ~SVEN HEDIN~

                              +Gran Cañon+




[Illustration: Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und
Zoroaster-Tempel.]




                              ~SVEN HEDIN~

                              +Gran Cañon+

                Mein Besuch im amerikanischen Wunderland

                                   ★

                           Mit 38 einfarbigen
                     und 10 bunten Einschaltbildern
                      nach Skizzen des Verfassers,
                       einem Bildnis und 2 Karten


                             Zweite Auflage


                             [Illustration]


                   ~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1927~




               Copyright 1926 by F. A. Brockhaus, Leipzig
                           Printed in Germany




                              Dem Andenken
                        meiner geliebten Mutter




Zum Geleit.


An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut
nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem
Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose
Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger
großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft.

Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte,
schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah
aus alter Gewohnheit -- ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus
Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von
der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne
daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine
Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken
und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun
war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur
auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen
konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß
ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den
verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe
des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins
und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb
beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim
Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim
roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang
aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch
vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in
den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin,
wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen
Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den
Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte.

Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt
in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe,
empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie
meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern
Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie
hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach,
mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses
Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte
nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand,
entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres
Lebens.

Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund
verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue
geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben.
Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine
Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die
Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie
mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen
Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen,
die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer
letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich
ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist.

[Illustration: Anna Hedin.]

Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr
leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen
begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird,
noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit
zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch
als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann
werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück
hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des
Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben.




Inhalt.


                                                                   Seite

  +Zum Geleit+                                                         7

  +Erstes Kapitel.+ Einleitung                                        15

  +Zweites Kapitel.+ Nach dem fernen Westen                           32

  +Drittes Kapitel.+ Durch Neumexiko und Arizona                      48

  +Viertes Kapitel.+ Der erste Eindruck                               60

  +Fünftes Kapitel.+ Die Aussicht von Grand View                      86

  +Sechstes Kapitel.+ Nach Hermit Cabins                              99

  +Siebentes Kapitel.+ Der Rio Colorado                              125

  +Achtes Kapitel.+ Navaho Point                                     137

  +Neuntes Kapitel.+ Nach Havasupai Point                            158

  +Zehntes Kapitel.+ Nach Phantom Ranch am Nordufer des
  Colorado                                                           176

  +Elftes Kapitel.+ Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand
  hinauf                                                             194

  +Zwölftes Kapitel.+ Ausflug nach Cape Royal                        223

  +Register+                                                         240




Bunte Einschaltbilder.


  Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und
  Zoroaster-Tempel                                             Titelbild

  Blick von Navaho Point auf die Palisaden                            64

  Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus                    80

  Abendstimmung bei Navaho Point                                      96

  Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang                        112

  Brahma- und Zoroastertempel, von Wylie Way Camp aus                128

  Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright
  Angel Point                                                        144

  Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von
  Point Royal aus                                                    158

  Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus             176

  Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal                         220




  Einfarbige Einschaltbilder.

  Anna Hedin                                                           9

  Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West                            61

  Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten       67

  Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten      73

  Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West    77

  Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon       83

  Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten                        87

  Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten                 93

  Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden               101

  Hopi-Indianer                                                      105

  Hopi-Indianer                                                      109

  Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts       115

  Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten        119

  Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts        123

  Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten                       127

  Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in
  Nord 12° West                                                      131

  Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost   135

  Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten   139

  Aussicht von Havasupai Point nach Westen                           143

  Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West                    147

  Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon
  (Nord 30° Ost)                                                     151

  Blick von Havasupai Point nach Osten                               155

  Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch                    161

  Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten,
  Colorado aufwärts                                                  165

  Altarfall                                                          169

  Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost                            173

  Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni)    179

  Felskuppe im Bright Angel Cañon                                    183

  Felskuppe im Bright Angel Cañon                                    187

  Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon   191

  Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli)         197

  Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli)   201

  Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel)           205

  Blick von Cape Royal in den Gran Cañon                             209

  Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron            213

  Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West                          217

  Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final                225

  Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost                           229

  Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain                     235




  Karten.

  Übersichtskarte                                                     14

  Sonderkarte des Gran Cañon in Arizona, Maßstab 1 : 150000,
                                                      am Ende des Buchs.




[Illustration]




Erstes Kapitel.

Einleitung.


Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu
kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung
übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der
Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen
farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die
C. E. Duttons Werk „~Tertiary History of the Grand Canyon District~“
(1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer
Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung
bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch
bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon.

Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große
Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl
nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922
mein Werk „~Southern Tibet~“ beendet hatte und einige Monate Erholung
brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine
Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen
Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute
und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser
eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des
Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer
Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister
führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch
und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was
„~exploration~“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer
geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch
den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine
Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen.

Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der
Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen
auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war,
meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem
längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut
und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in
Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher
nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield,
ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte,
dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen
schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield
zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst
bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant
General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“;
dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle
Auskünfte geben, die ich wünschte.

Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der
Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die
Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus
liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe.
Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte,
Hotels, Verpflegung, mit einem Wort +alles+, sollte mir zur Verfügung
stehen, ich brauchte nur zu befehlen.

Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der
Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank
für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf
all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein
Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle
waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die
Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson,
Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West,
Tillotson und MacLean.

Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die
Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und
beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen
ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam,
überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser
Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser
berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die
Vereinigten Staaten verknüpft.

Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als
Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte
nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen.
In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe
ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste
gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit
Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen
besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt --
im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen
durchkreuzt.

Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern
überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt
geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in
naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer
Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht.

Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht
in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter
Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie
fanden, daß es eine „~arida zona~“, eine trockene, unfruchtbare
Gegend war -- Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der
Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder
zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado
selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar
begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu
den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter
anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das
Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado
eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit
sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er
wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den
Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“.

Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur
hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie
scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten
amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr
1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran
Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige
Male untersucht.

Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der
energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer
lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des
River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter
1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden
Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben
gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer.

Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war,
setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans
Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97),
Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die
Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten,
Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen
Flußfahrt „~Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico~“ (1920)
ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu
filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L.
R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der
Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob
es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon
den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924
erschienenen Buch „~Down the Grand Canyon~“ berichtet er über die
gewonnenen Ergebnisse.

In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und
gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es
erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich
will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte:
„~Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account
of its Rocks and Origin~“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen
Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „~The Grand
Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and
Appearances~“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in
der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe.

Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon
verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und
Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu
nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller
Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme
über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über
Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden.

Wie W. M. Davis (~An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado~)
anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden,
daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen
lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten
reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und
1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der
Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von
einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände
und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten
können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken,
die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er
stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen
der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die
Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei
Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines
feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen
Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen
verwickelten Hebung der Erdrinde.

Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die
Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado
fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes,
in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit
der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der
Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch
unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis
die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im
Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als
jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist
sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken
Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die
Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige
reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons
zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das
Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller
fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und
reicherem Pflanzenwuchs.

Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit,
durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf
geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und
Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar,
Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am
Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der
beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger
als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den
Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die
große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und
liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur
bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist
der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört.
Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des
Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und
der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden,
Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute
Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der
sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen,
Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und
präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke
unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind.

Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt
im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die
durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden
sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige
Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation
geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren
Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio
Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust.
Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den
Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen
ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber
der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen.
So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied
auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen
Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung
des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32
Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit
vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll
in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts
zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames
Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt,
mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen
und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und
Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu
verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d.❁h. in unsern
Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches
Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen
Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als
Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten,
regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt.
So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen,
denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei
solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt.

Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von
der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um
den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen
Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch
sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang,
21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die
Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt
der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt
viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr
kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde
aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken,
wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die
eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben.
Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven
wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen
angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand
des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der
Hand -- wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels.

                   *       *       *       *       *

Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt
Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen
zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen
ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen
Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt
keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen.
Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu
kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu
gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon
verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin
zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu
ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten
Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses
Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand
gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste.
Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des
Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in
dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig
wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde.

Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist
und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit
zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare
Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen
Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum
hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden
von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden
Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und
über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis
von Nischapur.

In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte
ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die
man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren
Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von
phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor,
daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts
wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem
ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen
wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand
spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten
Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und
der Palisaden kaum zu übertreffen vermag.

Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes
in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der
Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus
peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende
Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500
Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel
hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen.
Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen
sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit
aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von
niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten
stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von
tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und
hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind
als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen
der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die
Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze
eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben
Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington!

Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat
keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu
beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit
jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen
Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben.
Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden
verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten
schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der
ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und
die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten
Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind
sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden
in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und
tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt
das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden,
alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden
steigt blauviolett die neue Nacht empor.

Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern
versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man
fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht
die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und
greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur,
den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem
Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was
man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten
versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern -- und
findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und
mächtigere Sprache nötig.

Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich
beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran
Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als
die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und
fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte;
man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall
verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man
in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß
1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer
seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit
Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen,
nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der
Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend.
Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche:
man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von
Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben
ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt.

Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche
sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist
anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer
Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund
neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter
tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den
Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner
Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über
das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden.

Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht.
Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich
nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich
als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie
klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele
einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer
verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der
Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten,
die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten
eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet
die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen
Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder
von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne
legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein
Gefühl unendlicher Ruhe.

Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will
ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und
Macht des Gran Cañon nicht übertreiben +kann+. Wer das Tal des
Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß
sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die
Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg
gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus
Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und
paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die
Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und
riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen.
Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte,
den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige
Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt -- das nie
verstummende Brausen des Rio Colorado.

Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen
auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil
farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische
Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas
erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen
Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte
in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach
einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche
Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder -- haben also eine
Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit
solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen
mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es
vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach
bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr
wohl bewußt.

Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte.




Zweites Kapitel.

Nach dem fernen Westen.


Sonntag, 10. Juni 1923, verließ ich den schönen, gemütlichen University
Club in Chicago und fuhr nach dem Bahnhof der Illinois Central
Railroad, um mit dem Zug, der 9 Uhr 55 abends abging, nach Westen zu
fahren. Es regnete, und mitten im Sommer war es kühl und unbehaglich.
Dem Wetter im Verein mit dem Ruhetag war es zuzuschreiben, daß die
Straßen öde und leer waren.

Der schwere Zug rollt in die Nacht hinaus. Von dem hohen Bahndamm
sieht man auf die unzähligen Straßen hinab, die wir kreuzen. Matt
schimmert das elektrische Licht durch den Regen, und die weißen Augen
der Autos leuchten im Dunkel. Aber die Lichtpunkte werden spärlicher,
die große Stadt verschwindet hinter uns; man sucht seinen Bettplatz im
Pullmanwagen auf und schläft, während der Zug durch Illinois rollt.

Leider entgeht einem der Mississippi, den wir in pechschwarzer Nacht
bei strömendem Regen überqueren. Der größte Teil des Staates Missouri
liegt bereits hinter uns, bevor der Tag graut. Aber den Missouristrom
und seine mächtig wirbelnden Wassermassen erblicken wir wenigstens
bei vollem Tageslicht. Man läßt sich im Speisewagen nieder, der in
Kansas City abgehängt wird. Schon ehe wir diese Stadt erreicht haben,
geht ein Neger durch die Wagen und bietet Morgenzeitungen feil. Sie
sind voll lebhafter, farbenreicher Schilderungen der furchtbaren
Überschwemmungen, die in der letzten Zeit gewaltige Gebiete des Staates
Arkansas verheert haben. Ein Nebenfluß des Mississippi, der Arkansas,
der den gleichnamigen Staat quer durchschneidet, war aus seinen Ufern
getreten und hatte das Land unter Wasser gesetzt. Zollhohe, packende
Überschriften sprechen von Unglücksfällen und Verwüstungen, von
Verlusten, die auf Millionen Dollar geschätzt werden, und von den
Tausenden von Menschen, deren Wohnungen zerstört wurden und die jetzt
obdachlos sind.

Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, und der Himmel sieht immer
noch drohend aus. Um 11 Uhr 25 sind wir in Kansas City. Man stellt
seine Uhr um eine Stunde zurück. Um 12 Uhr fahren wir weiter. Im
letzten Augenblick ist ein Herr eingestiegen, den ich erwartet habe,
und hat mir gegenüber Platz genommen; sein Name ist R. Hunter Clarkson.
Meine Freunde von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft haben es so
eingerichtet, daß wir zusammen nach El Tovar fahren. Einen angenehmern,
kenntnisreichern Reisegefährten hätte ich mir nicht wünschen können.
Herr Clarkson ist überdies Schotte von schwedischer Abstammung. Schon
am Anfang einer für mich sehr lehrreichen Unterhaltung, die mehrere
Tage dauern sollte, kamen wir auf den Krieg, und es tat wohl, mit
einem Mann zu sprechen, der so vernünftige, humane und objektive
Anschauungen hatte. Wir fanden, daß wir im Sommer 1916 auf einem der
Kriegsschauplätze einander recht nahe gewesen waren. Als ich während
meines Besuchs bei Oberst Kreß von Kressenstein in El Arisch mit ein
paar türkischen Offizieren eine Autofahrt in der Richtung auf Ismaïlia
machte, lag Clarkson als Batterieführer bei diesem Ort. Nun erzählte
er von den nächtlichen Patrouillen, die zu Pferd oder auf Dromedaren
ständig durch die Wüste nach Osten ausgeschickt wurden, und wir lachten
bei dem Gedanken daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß
eine Patrouille meinem Auto den Rückzug abschnitt und mich selbst als
Gefangenen zu Clarksons Zelt brachte. Er beteuerte, daß ich in diesem
Fall nicht nur von ihm selbst, sondern auch von allen andern englischen
Offizieren mit größter Rücksicht behandelt worden wäre. Aber ich
versicherte ihm, ich zöge es vor, in der Santa-Fé-Eisenbahn in seinen
Händen, statt sein Gefangener am Suezkanal zu sein.

Wir haben inzwischen Kansas City verlassen und den gewaltigen Missouri
zur Rechten verschwinden sehen. Zwischen fruchtbaren Wiesen und
Feldern und üppigen Hainen und Gärten saust der Zug weiter durch den
Staat Kansas nach Westen und Westsüdwesten. Oft stehen die Äcker
unter Wasser, und alle Gräben sind bis zum Rand gefüllt. Auf saftigen
Triften weiden Rinder- und Schafherden, und hier und da wühlen
große Schweineherden in dem schlammigen Boden. Das Land ist flach
wie ein Eierkuchen. Lange Strecken glaubt man durch einen einzigen
ununterbrochenen Garten zu fahren.

Unser Wagen ist der letzte des Zuges; von seiner hintern Plattform aus
sehen wir die ständig enteilende recht einförmige Landschaft und die
schnurgerade laufenden Eisenbahngleise. Meistens sitzen wir jedoch
auf unsern bequemen Polstern und plaudern. Der Wagen ist vollbesetzt,
aber es wird nie eng -- man hat seinen Platz und braucht sich nicht
mit andern zu drängen. Ein Vorzug dieser Pullmanwagen ist, daß die
Reisenden gleichsam eine große Familie bilden; wenn man nichts anders
zu tun hat, kann man seine Reisegefährten, ihre Gewohnheiten und
Beschäftigungen beobachten. Die großen Fenster gewähren freie Aussicht
nach beiden Seiten. Wenn man in einem Wagen mit Seitengängen in einem
eigenen Abteil fährt, so ist man zwar ungestört -- was jungen Eheleuten
erwünscht sein mag --, aber man hat dann nur nach einer Seite Aussicht.

Es ist halb zwei, als der Zug in Emporia hält, wo wir eine halbstündige
Frühstückspause machen. Mit Hilfe des Telephons hat das Zugpersonal die
Bahnhofswirtschaft rechtzeitig benachrichtigt, wieviel Gäste kommen.
Man braucht sich daher nicht abzuhetzen, sondern geht in aller Ruhe an
seinen Platz. An kleinen Tischen ist für je 8 Personen gedeckt. Es gibt
Tomatensuppe, Schinken mit Gemüse, Eiscreme, Tee oder Kaffee. Clarkson
und ich haben es insofern besser als die andern Reisenden, als wir
nicht zu bezahlen brauchen, er als Beamter der Santa-Fé-Eisenbahn und
ich als Gast der Gesellschaft.

Alle andern Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten führen Speisewagen.
Aber bei der Santa-Fé ist die Verpflegung der Reisenden in der gleichen
Weise geordnet wie früher auf den schwedischen Eisenbahnen. Man glaubt,
daß alle Bahnlinien der Vereinigten Staaten mit der Zeit dieses System
einführen werden, denn es hat sich gezeigt, daß die Speisewagen
in den Zügen stets mit Verlust arbeiten. Im Jahr 1922 setzte die
Pennsylvania-Eisenbahn 50000 Dollar an ihren Speisewagen zu. Die
Bewirtung auf den Bahnhöfen dagegen ist ein ausgezeichnetes Geschäft,
da nicht nur die Reisenden der Züge, sondern auch andere, vor allem im
Auto vorbeifahrende, hier ihre Mahlzeiten einnehmen.

Dieser Aufenthalt ist eine angenehme Unterbrechung. Tee, Kaffee
und andere einfache Erfrischungen kann man bei den Negern seines
Wagens bekommen, aber Lunch und Mittagessen werden an Haltestellen
eingenommen. Sowohl die Speisen wie die Sauberkeit und Bedienung
gewinnen sehr dabei. Eine Reise von mehreren Tagen wird auch weniger
einförmig, wenn man zweimal des Tages an Land gehen und sich etwas
Bewegung machen kann.

Während wir unsern Lunch einnehmen, erzählt Herr Clarkson, daß die
Santa-Fé-Gesellschaft um 1845 gegründet wurde und sich anfangs nach
der Linie von Atchison nach Topeka, zwei Städten im nordöstlichen
Kansas, nannte. Jetzt ist sie mit einer Bahnlänge von etwa 20400
Kilometer die größte Eisenbahngesellschaft der Welt. Im Jahr 1866
begann Fred Harvey längs ihrer Bahnlinien Hotels und Speisewirtschaften
einzurichten. Nach seinem Tod im Jahr 1900 übernahm den Betrieb sein
Sohn Ford Harvey, der jetzt 25 große Hotels und zahllose kleinere
Restaurants besitzt. Im Jahr 1922 wurden in diesen 13 Millionen
Mahlzeiten verabfolgt. Es ist also ein riesiges Unternehmen und ein
Geschäft, das sich zu einer soliden und erstklassigen Organisation
entwickelt hat. Ford Harvey, der in seinem Fach größere Erfahrung hat
als sonst jemand in den Vereinigten Staaten, ist aufgefordert worden,
in New York und andern Städten Hotels zu errichten und zu betreiben.
Aber auf derartige Lockungen antwortet er ablehnend; er zieht es vor,
seine Tätigkeit auf die Santa-Fé-Eisenbahnen zu konzentrieren und dort
auszubauen; vermutlich ist er der Ansicht, daß die zwölf oder fünfzehn
Millionen, die er schon verdient hat, für seine irdischen Bedürfnisse
ausreichen. Für das Recht, den ganzen mit dem Gran Cañon verknüpften
Hotel- und Ausflugsbetrieb mit Hospiz, Unterkunftshütten, Wegen,
Mauleseln, Pferden, Cowboys, Personal, Automobilen usw. auszuüben,
zahlt er Abgaben an die Regierung. Der Gran Cañon ist nämlich wie so
viele andere Gebiete Nationalpark und gehört der Regierung. Aus meinem
Bericht wird man ersehen, daß die Aufsicht über diese großartigste und
wunderbarste Werkstatt der Natur keinen bessern Händen hat anvertraut
werden können als denen Ford Harveys. Ich hatte Gelegenheit, ihn in El
Tovar kennenzulernen, und kann versichern, daß er auch persönlich ein
ungewöhnlich prächtiger Mann ist.

Aber die halbe Stunde ist vorüber; wir nehmen wieder unsere Plätze
ein und rollen weiter durch das überschwemmte Land. Zu beiden Seiten
breiten sich riesige Wasserflächen aus, schmutziggrau oder braungelb;
an engen Durchgängen weisen sie starke Strömung auf. Bäume, Gärten,
Alleen und kleine Gehölze stehen mitten im Wasser. Auf manchen
Gemarkungen hat die Überschwemmung das reifende Getreide hinweggespült.
Wo der Boden abfällt, ist alles weggeschwemmt worden, Ackerkrume, Saat,
Keime und Getreide, aber wo das Land eben ist, und das ist gewöhnlich
der Fall, kann das meiste gerettet werden. Von Zeit zu Zeit fahren wir
an einer Farm vorüber, deren Besitzer gewiß voller Unruhe die Launen
des losgelassenen Wassers beobachtet.

Die Farmen in diesem Teil von Kansas haben durchschnittlich eine
Bodenfläche von 650 Acres (263 Hektar), eine Größe, die in Europa
als beträchtlich gelten würde. Der Staat Kansas erzeugte seinerzeit
den meisten Weizen in Amerika, ja sein Boden lieferte einen größern
Weizenertrag als alle übrigen Staaten zusammen. Noch heute steht der
Weizenanbau hoch, obgleich jetzt Gerste die wichtigste Getreideart
ist. Kansas City nimmt auch die erste Stelle unter den Orten ein, in
denen landwirtschaftliche Geräte hergestellt werden, und der Staat
Kansas übertrifft in dieser Hinsicht den nächsten in der Reihe um
23 vom Hundert. Die bedeutendsten Fabriken für landwirtschaftliche
Maschinen und Geräte sind in Chicago.

Wir fahren auf der nördlichen Linie durch Kansas, da die südliche unter
Wasser steht und unterbrochen ist. Aber auch auf unserer Linie saust
der Zug Stunde um Stunde zwischen überschwemmten Feldern hin, und der
Himmel ist ebenso grau wie bisher. Bei Peabody sehen wir einen Wald
von Bohrtürmen, ganz wie in Balachany am Kaspischen Meer oder südlich
von Los Angeles in Kalifornien, und schon von weitem riecht es nach
Rohnaphtha. Dann werden die menschlichen Spuren seltener; wir fahren
lange Strecken, ohne eine Menschenseele oder ein Haus zu erblicken.
In Newton, durch das wir am Nachmittag kommen, besitzt Harvey eine
Molkerei und einen Viehhof mit 270 Kühen. Obgleich ihm noch viele
derartige Besitzungen in Texas, Neumexiko, Colorado, Arizona und
Kalifornien gehören, reicht deren Ertrag an Milch, Butter und Käse
nur dazu, ein Zwanzigstel des Bedarfs der Eisenbahnwirtschaften zu
decken, und die Hauptmenge muß anderweitig beschafft werden. Harveys
Milchwirtschaften haben im Grunde nur die Aufgabe, den Markt zu
regulieren und zu kontrollieren.

In frischem, feuchtem Sommergrün breitet sich das flache Land zu
beiden Seiten endlos wie ein Meer aus. Die überschwemmten Gebiete
werden kleiner und immer seltener. Eine gute Weile nach Einbruch der
Dunkelheit hält der Zug in Hutchinson, damit wir unser Essen einnehmen
können. Die Mahlzeit, die in einem prächtigen Saal aufgetischt wird,
ist reichlicher als ein gewöhnlicher Mensch vertilgen kann, alles
ist trefflich zubereitet und von wahren Fluten von Eiswasser mit
kristallklaren Eisstücken begleitet. Dem Arkansas River folgend,
passieren wir am Abend Dodge City und überschreiten im Dunkel der
Nacht, nachdem wir unsere Uhren um eine Stunde zurückgestellt haben,
die Grenze von Kansas und Colorado. Ein freundlicher alter Herr aus
Texas schenkt mir einen mexikanischen Miniatur-Haarhut, dessen Band
den berühmten Namen „El Paso“ trägt. Im Wasch- und Rauchabteil erzählt
er seine Lebensgeschichte. Als ich dann in den Mittelgang des Wagens
komme, sind die schweren Vorhänge zugezogen, und mein Schlafplatz vom
Neger für die Nacht zurechtgemacht. Wenn man „~lower berth~“
mitten im Wagen hat, ist die Bewegung sanft und angenehm. Die Bahn ist
gut gebaut und sorgfältig unterhalten. In den überschwemmten Gebieten
sah man jedoch, daß das Wasser an steinigen Stellen nur noch 60
Zentimeter hätte zu steigen brauchen, um die Schienen zu erreichen.

Als mich der Neger am 12. Juni um ½7 Uhr mit der Erklärung weckte, wir
hätten nur noch 35 Minuten bis Trinidad, hatten wir schon La Junta
hinter uns und sausten schnurgerade nach Südwesten auf die Grenze von
Neumexiko zu. Der Tag war strahlend klar und das Land flach und öde;
Rinderherden weiden auf den riesigen Ebenen, und als wir in Trinidad
halten, glauben wir eine wirkliche Oase mitten in der Wildnis erreicht
zu haben. Das Bahnhofsgebäude ist wie die meisten andern in Colorado
und Neumexiko im spanisch-mexikanischen Klosterstil erbaut mit Arkaden,
Gängen und Höfen, sattgrünen Rasenteppichen und dichtbelaubten Bäumen.
Über dem Portal ist der Name des spanischen Konquistadors Cardenas
zu lesen, des ersten bahnbrechenden Pioniers in diesen Gegenden. Der
kleine Ort hat ein schmuckes Schulhaus und mehrere andere neue Gebäude.
Am Bahnhof warten ein Dutzend Fordautos. Aber die Reisenden haben nur
einige Schritte bis zur Wirtschaft, wo das Frühstück unserer harrt. Wir
befinden uns 1827 Meter über dem Meer, und die Morgenluft ist kühl und
frisch. Im Laufe des Tages steigen wir noch einige hundert Meter. Ich
merke die Luftverdünnung nicht -- ich habe in dieser Hinsicht ja schon
Schlimmeres erlebt. Aber Clarkson gesteht, daß er sie als Atemnot spüre
und daß es ihm schwer werde, bergauf zu gehen.

Dicht neben dem Bahnhof erhebt sich der erste kleine Hügel, und als
wir Trinidad verlassen haben, kommen wir sofort in hügelige Landschaft
aus anstehendem Gestein, Geröll und lockeren Erdschichten. Auf
vielen Abhängen wachsen mächtige Wacholder, und auf grauen Hügeln
und Höhenzügen heben sich Büsche als grüne Flecke ab; einige Höhen
sind ganz mit Gras überzogen und leuchten in frischem Grün. Die
Steigung ist schon recht merkbar, und unsere Lokomotive hat Hilfe
von einer zweiten erhalten, die von hinten schiebt. Später, als die
Steigung noch mehr zunimmt, wird eine dritte Lokomotive vor die erste
gekuppelt. Sie ächzen und arbeiten, um den schweren Zug auf die
Hochebene hinaufzuschleppen, und die Bewegungen werden ruckartig und
ungleichmäßig, jedoch nicht unangenehm. In starken Kurven steigen wir
das Tal hinan, das zum Ratonpaß hinaufführt. Auf den Hängen stehen
vereinzelte Kiefern. Wir kommen an einem Dorf vorbei, dessen spanische
Kirche auf einem Hügel thront, und an einer Kohlengrube, kurz darauf an
einer zweiten.

Wir befinden uns in den südlichsten Regionen des Felsengebirges und
haben nach Norden an einigen Punkten eine unbeschreiblich schöne
Aussicht auf schneebedeckte Gipfel. Südlich des Ratontunnels haben wir
die Wasserscheide zwischen dem Mississippi und dem Rio Grande del Norte
überschritten, und die Vorspann-Lokomotive wird abgekuppelt. Wir haben
hier den höchsten Punkt unserer heutigen Fahrt erreicht, 2323 Meter,
und sind also von Chicago aus, das 180 Meter über dem Meeresspiegel
liegt, mehr als 2000 Meter gestiegen. Nun fahren wir in nicht allzu
scharf sich dahinschlängelnden Tälern bergab und sehen von Zeit zu Zeit
eine Biegung der vorzüglichen alten Landstraße nach Santa Fé und der
Küste.

Auf einem kleinern Bahnhof überschwemmt die Tagesnummer der „Denver
Post“ unsern Zug, und alle verschlingen die großen fettgedruckten
Überschriften und Nachrichten von der immer noch zunehmenden
Überschwemmung und den Unglücksfällen und Verlusten. „Zwölf Menschen
sind in den Fluten umgekommen, die drei Staaten überschwemmen. 5000
obdachlos, Dutzende von Städten stehen unter Wasser. Ungeheuer große
Ackerflächen zerstört. Im Gebiet des Kansasflusses ist das Standrecht
erklärt“ und ähnlich lauten die sensationellen Überschriften lebhafter
Schilderungen. In kleinem Druck stehen weit hinten einige kurze
Nachrichten aus dem Ruhrgebiet und von Curzons Vermittlungsversuch. Ein
Telegramm meldet Pierre Lotis vor zwei Tagen erfolgten Tod.

Es nimmt also nicht viel Zeit in Anspruch, den Rahm aus der „Denver
Post“ abzuschöpfen, und nachdem Clarkson und ich dies getan haben,
nehmen wir unser Gespräch wieder auf und unterhalten uns über
die endlosen Weiten der Erdoberfläche, die sich zu beiden Seiten
der Bahnlinie ausbreiten und zum Staat Neumexiko gehören. Mein
Reisegefährte steigert auch meine Spannung auf das nächste Ziel der
Fahrt, den Gran Cañon, und ist selbst neugierig, welchen Eindruck er
auf mich machen wird. Clarkson betrachtet den Gran Cañon mit fast
religiöser Ehrfurcht und erklärt es für unmöglich, mit Farben, Worten
oder Tönen diese Landschaft zu beschreiben. Alle, die es versucht
haben, sind gescheitert. Zahllose Maler sind dorthin gekommen mit
ganzen Rollen gewaltiger Leinwand und allen Farben des Regenbogens in
ihren Tuben. Aber sie haben bald gefunden, daß sie vor einer unlösbaren
Aufgabe standen, und sind ohne Gemälde abgezogen, hoffnungslos und
mißmutig. Clarkson ermuntert mich auch mit der Aussicht, daß man den
Gran Cañon in einigen Tagen gar nicht in sich aufnehmen +kann+
und daß man wochenlang dort leben muß, ehe man zu begreifen beginnt,
daß das, was man sieht, Wirklichkeit ist und kein Traum. Die ersten
Tage verbringt man in stummem Staunen und atemloser Bewunderung.
Man sitzt nur da und schaut und merkt nicht, wie die Zeit im Fluge
vergeht. Man kommt sich wie eine kleine armselige Mücke vor, wie ein
Staubkorn, das vom Winde fortgeweht wird. Alles, was sich in der Welt
ereignet und zuträgt, der Menschen Fleiß und Anstrengung und rastlose
Jagd nach Geld, die politischen Fehden und der Kampf um vergängliche
Ehrenstellen -- alles erscheint einem lächerlich und klein, selbst
so etwas wie der Weltkrieg schrumpft zu einer kleinen unbedeutenden
Episode zusammen, die einem zu gleichgültig ist, als daß man sich ihrer
erinnerte, und an die man nicht einmal einen Gedanken verschwendet. Was
spielt es angesichts dieser gigantischen Wunderwerke der unaufhaltsamen
Arbeit der Naturkräfte für eine Rolle, daß einige Millionen Menschlein
einander totgeschlagen haben, und was bedeutet es angesichts der
aufgeschlagenen Chronikbücher der geologischen Zeitalter, auf welcher
Seite man während einer flüchtigen Sekunde der Ewigkeit gestanden
hat? Am Gran Cañon wird man Philosoph, man wird ein neuer Mensch, man
wird geläutert und bekommt eine wohltuende heilsame Gewißheit seiner
eigenen Kleinheit. Nach einer solchen Vorbereitung ist es wohl nicht
verwunderlich, daß ich mit steigender Spannung auf das warte, was da
kommen soll.

In einem offenen, flachen, von niedrigen Hügeln umrahmten Kesseltal
liegt die kleine Stadt Raton mit ihrem dunklen Bahnhofsgebäude in dem
üblichen spanischen Stil. Dann sausen wir auf weichem, graugelbem
Boden, der hier und da grünlich schimmert, ohne daß jedoch Wasser zu
sehen wäre, über das öde Hochland im nördlichen Teil von Neumexiko.
Die Bahn geht nach Südsüdwesten. Im Nordwesten läuft die ganze Zeit in
einer Entfernung von ungefähr 24 Kilometer ein langer Gebirgszug, über
seinem Kamm ist in der Ferne eine kleinere Schneekette zu sehen. Das
schnaubende Dampfroß durchquert nun das Gebiet, wo die Indianer einst
Büffel jagten. Noch vor 50 Jahren weideten hier riesige Herden dieser
königlichen Tiere. Jetzt ist kein einziger Bison mehr da. In Montana
wird eine Herde von 300, in Colorado eine solche von 5000 gehegt.
Nicht anders ist es den andern wilden Tieren ergangen oder wird es
bald ergehen. Der Puma, das schöne Katzentier, der hier ~mountain
lion~, Berglöwe, heißt, ist nunmehr sehr selten. In den Bergen nimmt
die Zahl der braunen, schwarzen Grisly- und Cenomanbären immer mehr
ab. Der Cojote dagegen, der Heul- oder Präriewolf, ein Verwandter des
Schakals, kommt überall auf den Prärien vor.

Von Zeit zu Zeit fliegt ein Städtchen oder Dörfchen an uns vorüber
und dann und wann eine Farm mit Ackerfeldern und Weideland, auf dem
Pferde, Rinder und Schafe grasen. Hier wohnt ein Ansiedler, der der
ausgeruhten Erde seinen Lebensunterhalt abgewinnt. Der Boden des
Tafellandes ist eben oder schwach gewellt. Auf lange Strecken wird die
Öde nur durch den einen und andern Trupp Bahnarbeiter unterbrochen. Die
Telegraphenstangen haben zwei Querbalken, sechzehn Drähte und grüne
Isolatoren. Wenn man ganze Tage lang auf demselben Pullmansofa sitzt
und zum Fenster hinaussieht, bemerkt man auch die unbedeutendsten Dinge
und beachtet alles. Man macht auch negative Beobachtungen, z.❁B. daß
nur selten ein Auto auf der uralten Landstraße dahinjagt, die vor der
Erbauung der Eisenbahnlinie der wichtigste Verkehrsweg zwischen Kansas
City und Santa Fé war und die älteste in den Vereinigten Staaten sein
soll. Vermutlich ist sie vor Zeiten ein einfacher Pfad gewesen, der von
den Indianern benutzt wurde.

Ohne zu halten, sausen wir an einem kleinen Ort vorüber, der Springer
heißt und von einem wasserarmen Bach durchflossen wird. Derartige
kleine Ortschaften tauchen von Zeit zu Zeit wie Oasen in der Wüste auf;
sobald wir sie hinter uns gelassen haben, umschließt uns wieder die
Wildmark mit ihrer bezaubernden Einförmigkeit und Unendlichkeit. Wasser
ist die erste Lebensbedingung dieser Städte oder Dörfer, und wo das
Wasser fehlt, späht man vergebens nach menschlichen Gemeinwesen. Die
Farmen sind auch nicht sehr zahlreich. Aber Schafe, Rinder und Pferde
sieht man oft in Herden auf der Weide. Eigentlich ist es ein Land für
Schafzucht, durch das wir fahren. Die Bodenwellen sind gewöhnlich dem
Auge kaum erkennbar. Aber man merkt sie an der Geschwindigkeit und
dem Geräusch. Wir befinden uns in einer Höhe von ungefähr 1525 Meter.
Der Abstand zwischen uns und dem Gebirge wird allmählich größer.
Schneeschutzwände aus senkrecht stehenden oder wagerecht liegenden
Planken verraten, daß Schneestürme hier oben auf der Hochebene rasen
können.

Hier und da erhebt sich auf dem flachen Land ein Hügel, eine Mesa, bald
kegel- oder pyramidenförmig, bald breiter und tafelförmig abgeplattet.
Diese Landschaftsform ist typisch für Neumexiko. Die Ingenieure haben
leichte Arbeit gehabt, als sie die Eisenbahn legten. Lange Strecken
waren kein Bahndamm und keine Einschnitte nötig, nur selten eine kleine
Brücke.

Im Valmoratal wird das Gelände steinig; anstehendes Gestein und
Blöcke auf beiden Seiten, Kiefern und Gras auf den Hängen, Wasser
in einem kleinen Rinnsal. Manchmal schneidet die Bahn durch gelbe
Sandsteinplatten. Die Linie ist hier einspurig, aber 8 Kilometer weiter
südlich läuft noch eine zweite Spur. Auf beiden verkehren Züge in
beiden Richtungen. Die Landstraße ist ganz in der Nähe; ein Auto, das
es eilig hat, überholt uns gerade in einer Wolke von Staub. Ein paar
eigentümliche Fuhrwerke erinnern an Rußland, da die drei Pferde wie bei
der Troika nebeneinander gespannt sind. Neben dem Wege sehen wir ein
Zigeunerlager, das sich um seine großen, mit tunnelförmigen Dächern
überspannten Packwagen häuslich niedergelassen hat.

Über dem Gebirge im Nordwesten haben sich Wolken zusammengezogen,
und prächtige Blitze flammen zwischen ihnen auf, aber unser Zug eilt
in glühender Sonne dahin, und es ist warm in den Abteilen. Im Westen
erheben sich herrlich blauende Berge, sie gehören zum Sangre de
Cristo. Die Wolken haben eine drohend blauviolette Gewitterfärbung,
aber im Südwesten ist es klar. Vielleicht entgehen wir dem kleinen
Unwetterzentrum, das über das Hochland von Neumexiko dahinzieht. Aber
die Blitze kreuzen einander immer noch zwischen den Wolken und leuchten
wie Degen kämpfender Riesen.

In Las Vegas haben wir eine halbe Stunde Aufenthalt für den Lunch.
Im Lunch Room des Bahnhofs speist man nach der Karte, im Dinner Room
nach festem Menü. Fünf Züge am Tage passieren die Station. Dazu kommen
verschiedene Beamte, die ihre Mahlzeiten hier einnehmen, und, wie ich
schon erwähnte, die Reisenden, die in ihren eigenen Autos vorbeifahren.
Im Durchschnitt betragen diese bis zu vierhundert am Tag. Es sind
meistens Touristen, die den Erdteil von Küste zu Küste durchqueren, ein
ebenso angenehmes wie lehrreiches Sommervergnügen in den Vereinigten
Staaten.

In Las Vegas sind wir in 1946 Meter Höhe über dem Meer. Gleich vor
der Stadt entrollt der gelbgrau und rot schimmernde Boden wieder
seine Unendlichkeit. Und doch ist dies scheinbar so öde Land „The Big
Cattle Country“, das große Viehland. Bald wird das Gelände wieder
bewegter, und wir fahren zwischen kleinen rotbraunen, oft von Büschen
dunkelgrün gefleckten Hügeln dahin. Das Unwetter scheint uns zu folgen.
Ein kleiner Regenschauer prasselt gegen die Fensterscheiben und
Fliegengitter. In einiger Entfernung zur Rechten sind einige „Pueblos“
zu sehen, Dörfer, die vor 3000 Jahren von Azteken erbaut und jetzt von
den Archäologen ausgegraben worden sind. Wir kommen durch eine „Lumber
Region“, wo die Abholzung anscheinend recht planlos unter Gelbkiefern
und Wacholder haust.

In 2262 Meter Höhe fahren wir über den Glorietapaß, eine Wasserscheide
zweiter Ordnung mit dem Dörfchen gleichen Namens. Dann geht es bergab,
dem Rio Grande zu. Die Geschwindigkeit nimmt zu; eine Motordräsine, die
uns dicht auf den Fersen folgte, kann nicht mehr mit. Nachdem die Bahn
225 Kilometer eingleisig gewesen ist, wird sie wieder doppelgleisig,
und wir begegnen einem Zug, dessen große eiserne Wagen mit Früchten
gefüllt sind. Der Boden hat hier denselben roten Farbton, der für den
Gran Cañon so charakteristisch ist. Wir durcheilen in engen Durchgängen
gewundene rote Täler, die oft zwischen senkrechten Bergwänden
eingeschlossen sind. Kalköfen ragen wie riesige weiße Bienenkörbe empor.

Bei dem kleinen Dorf Lamy zweigt nach rechts, nach Norden, eine
Nebenbahn nach dem 40 Kilometer entfernten Santa Fé ab, der berühmten
alten Stadt, die der Eisenbahngesellschaft ihren Namen gegeben hat.
Leider mußte ich darauf verzichten, die Adobehütten, charakteristische
spanische, aus ungebrannten Ziegeln errichtete Häuser, zu besichtigen,
und mußte mich mit einem flüchtigen Blick begnügen. Der nächste Ort
ist Los Cerrillos. Große Ziegenherden weiden auf der Prärie. Man sitzt
den ganzen Tag und betrachtet die entfliehende Landschaft, man wird
schläfrig und schlummert für eine Weile ein. An einem Pueblo erreichen
wir den Rio Grande del Norte, dessen Tal wir nun folgen. Wir befinden
uns jetzt in einem „Horsebreeding Country“, einem Pferdezuchtland, mit
üppigem Grün, saftigem Wiesenland und parkartigem Wald. Um ¾6 Uhr sind
wir in Albuquerque am linken oder Ostufer des Rio Grande.




Drittes Kapitel.

Durch Neumexiko und Arizona.


Es gehörte zu Clarksons Dienstgeschäften, in Albuquerque haltzumachen
und das vor zwei Monaten fertiggewordene Hotel Harveys zu besichtigen.
Diese Unterbrechung paßte mir vortrefflich, denn nach einer Bahnfahrt
von 2000 Kilometer ist man etwas steif in den Beinen. Das Hotel, das
in dem gewöhnlichen spanisch-mexikanischen Stil erbaut ist, hat nicht
weniger als 750000 Dollar gekostet, während das Gasthaus El Tovar am
Gran Cañon, das aus Holz ist, 250000 Dollar erfordert hat. Diese beiden
sind die größten von Harveys fünfundzwanzig Hotels, deren östlichstes
in Emporia liegt.

Vor dem Essen besuchten wir Harveys „Indian Shop“, der ein wahres
Museum ist. Hier werden moderne von Indianern angefertigte Gegenstände
verkauft, wie Körbe, irdene Gefäße, Puppen, silberne Ringe, Arm- und
Halsbänder und mit Türkisen aus Arizona besetzte Dosen. In einem
Schaukasten sind all die Arten von Halbedelsteinen ausgestellt, die im
Staate Arizona vorkommen. In einem großen Raum breitete man auf dem
Boden eine ganze Sammlung indianischer Teppiche aus in eigenartigen,
originellen Mustern, in denen Blitz und Hakenkreuz eine große Rolle
spielen, und man zeigte uns hübsche „Rugs“, ein Mittelding zwischen
Schal und Mantel, in Rot und Gelb, die die Indianer vor ein, zwei
Jahrhunderten getragen haben; die Sonne und die malerischen Wirkungen
des Sonnenlichts haben sicher Farbe und Muster beeinflußt. Die einfach
schwarzweißgestreiften sind seinerzeit von Häuptlingen getragen worden.
Auch allerlei Gegenstände alter spanisch-mexikanischer kirchlicher
Kunst stehen hier zum Verkauf, die teils aus Europa eingeführt,
teils im Lande von spanischen Missionaren angefertigt worden sind,
Heiligenbilder, Altargemälde, Kruzifixe, Bischofskreuze an silbernen
Ketten, Kandelaber und anderes mehr. Auf dem Bahnsteig, wo die
Reisenden während der Zeit des stundenlangen Aufenthalts, die nicht
durch das Essen in Anspruch genommen ist, lustwandelten, saßen eine
Reihe wirklich malerischer Indianerinnen vom Navahostamm in bunten
Gewändern mit roten Kopftüchern und Schals, geschmückt mit baumelnden
silbernen Schmucksachen; sie verkauften Tonwaren, irdene Gefäße und
andern Kram. Ich hätte am liebsten hierbleiben mögen, um zu zeichnen
und zu malen, doch meine Zeit gestattete es nicht.

Albuquerque ist nach dem berühmten Konquistador Alfonso d’Albuquerque
benannt, der um 1540 die Gegend verheerte und plünderte. Es ist eine
recht langweilige, alles andere als schöne Stadt. Aber in der Umgebung
soll es bemerkenswerte Überreste aus früheren Zeiten geben. Die
Bevölkerung besteht aus Mexikanern, Indianern und Ansiedlern.

Nachdem ich in einem entzückenden, kühlen Hotelzimmer mit den
unentbehrlichen feinen Drahtgittern vor den Fenstern eine angenehme
Nacht verbracht und mich richtig ausgeruht hatte, nahmen wir ein
„Yellow Taxy“ und fuhren in fünfunddreißig Minuten nach Isleta. Der
13 Kilometer lange Weg ist zementiert, ein Luxus, der hier auf
etwa zehn Dollar für das Meter zu stehen kommt. Den Rio Grande del
Norte überquert man auf einer schmalen eisernen Brücke mit hölzerner
Fahrbahn. Der Fluß ist gewaltig, aber seicht, wie dies hier im Westen
oft der Fall ist; sein Wasser ist dick wie Erbsenbrei.

Isleta ist in den letzten Jahren ansehnlich gewachsen und soll eine
Bevölkerung von 25000 Menschen haben. Die meisten sind Mexikaner. Die
Häuser sind im Adobestil erbaut, d.❁h. aus ungebrannten Lehmziegeln.
Die ansässigen Indianer, die Puebloindianer, sind katholisch. Mehrere
vornehme Indianer liegen unter den Steinplatten der mit billigen
Farbendrucken geschmückten, dreihundert Jahre alten Kirche begraben,
einer der ältesten in dieser Gegend. Der Pater, ein Franzose, der
dreißig Jahre an diesem schrecklichen Ort zugebracht hat, war nicht zu
Hause.

Die mexikanische Missionskirche San Felipe besuchten wir nicht. Während
die mexikanische Altstadt sonnige, staubige und langweilige Straßen
und graue Lehmmauern hat, ist die Neustadt rein amerikanisch und
besitzt Banken und Geschäftshäuser, Villenviertel mit schönen Häusern
und Gärten, Alleen und einen „Public Garden“. Tamarisken und Pappeln
sind überall zu sehen. Man tut alles, was man kann, um Vegetation und
kühlende schattige Bäume aus dem dürren gelben Boden hervorzuzaubern.
Die Straßenbahn der kleinen Stadt hat auch heute noch Frauen als
Schaffner und Führer, die ihren Verdienst nicht aufgeben wollten, als
die Männer aus dem Krieg zurückkehrten. Im Indianerviertel von Isleta,
dessen gelbe Lehmhäuser den Wohnstätten im westlichen Asien gleichen,
besuchten wir einen prächtigen Alten, den achtundsiebzigjährigen
Manuele Antonio Carpio, einen ausgezeichneten Typ, kupferbraun mit
schneeweißem Haar. Das Innere seiner Hütte war einfach, aber sauber;
auf dem Boden lagen sogar indianische Teppiche. Der Alte erntete auf
seinen Wiesen sieben Tonnen „Alfalfa“ (Luzerne) und war mit dem Leben
zufrieden.

Wir fahren nach Albuquerque zurück. Unser Tag neigt sich seinem Ende
zu; wir nehmen an der dichtbesetzten Tafel unser Essen ein und wandern
dann gleich den andern auf dem Bahnsteig auf und ab, den Abgang des
Zuges erwartend. Die meisten Reisenden sind uninteressante, aber
interessierte Touristen, die sich ihr großes Land ansehen. Auf ihrem
Weg vom Atlantischen zum Stillen Ozean folgen sie der Sonne und
gewinnen vier Stunden, denn der Erdteil hat vier verschiedene Zeiten:
die Ostzeit, die Mittelwestzeit, die Bergzeit und die Pazifische Zeit.
In Neumexiko stößt der Amerikaner, der aus einem der Oststaaten kommt,
auf eine neue Welt. Hier bilden Spanien-Mexiko und die Indianer den
vorherrschenden Einschlag, hier breiten sich die unendlichen, öden
Flächen aus, mit ihren Rinder-, Pferde-, Schaf- und Ziegenherden, hier
erheben sich die Bergketten auf einer Grundlage, die selbst hoch über
dem Meer liegt, hier ist die Bevölkerung spärlich in einem Land, das
U.❁S.❁A. noch nicht völlig erobert hat.

Um ½9 Uhr abends verließen wir Albuquerque. Etwa zehn Züge berühren
täglich die Stadt. Vor der Abfahrt ist der Bahnsteig voller Menschen,
und als wir in die Nacht hinausrollen, ist alles besetzt. Clarkson
und ich nehmen in einem Pullmanwagen Platz, obgleich der Zug, der den
Namen „The Scout“ trägt, auch einen „Tourist Car“ mitführt, der zwar
15 vom Hundert billiger, aber im großen und ganzen ebensogut ist wie
ein Pullman. Der Raum wird sorgfältig ausgenutzt. Alles Handgepäck
wird unter die Sitze geschoben, die großen Hüte der Damen steckt der
Neger in Papierbeutel, die er an die Decke hängt, dann schlagen der
schwarze Mann und sein ebenso schwarzer Gehilfe mit bewundernswerter
Geschicklichkeit die oberen Schlafsofas herunter und verstauen die
kleineren Sachen der Reisenden, Überkleider, Bücher, Zeitungen,
Zeitschriften und Handtaschen mit den Toilettensachen am Fußende der
Betten. Währenddessen sitzen wir im Rauchabteil und studieren die Karte
oder lesen die kleine Zeitung „The Albuquerque Herald“. Draußen sind
ungefähr 25 Grad, aber im Wagen ist es erstickend warm. Wir haben daher
das Fenster offen und begnügen uns mit dem Drahtgitter. Aber in der
Nacht erwacht man infolge der Kälte, die einen überschleicht, und läßt
das Fenster herab. Was die Landschaft betrifft, die wir in den nächsten
sechs, sieben Stunden durchfahren, so soll es kein großer Verlust
sein, daß Schlaf und Dunkelheit uns ihres Anblicks berauben. Den Rio
Grande del Norte haben wir schon bei Tageslicht erblickt, aber es
wäre interessant gewesen, den westlichen Teil von Neumexiko zu sehen,
den die kontinentale Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und dem
Stillen Ozean durchzieht.

Man wird von dem Neger geweckt und ist rechtzeitig zum Frühstück in
Winslow fertig. Der Speisesaal ist hell und freundlich, da hier die
Arkadengalerie fehlt, die sonst gewöhnlich dem Innenraum das Licht
nimmt. An heißen Orten, wie Albuquerque, tut diese ihre guten Dienste,
indem sie die Wärme und die Sonnenbestrahlung dämpft. In Winslow tischt
uns auch „The Los Angeles Examiner“ seine Neuigkeiten auf -- Morde,
Gerichtsverhandlungen, Ehescheidungen, Skandale, Boxen und Sport, die
beliebtesten Gerichte für den amerikanischen Bildungshunger.

Dann fahren wir wieder hinaus in dieses entsetzlich öde Land, wo kein
Lebewesen, keine Hütte, kein Zelt zu sehen ist und wo man vergebens
nach einem lebenspendenden Wasserlauf sucht. Nur endlose leicht
gewellte Einöde, so weit der Blick reicht. Sobald sich die Sonne ein
Stück über den Horizont erhoben hat, wird die Wärme fühlbar, ohne
jedoch irgendwie unangenehm zu sein. Hier und da weiden Rinder und
Pferde zwischen spärlichen Rasenhöckern. Wir sind im Staat Arizona und
nähern uns dem Hochland des Colorado. Im Norden sind niedrige Berge
zu sehen. Wir kreuzen einen ersten Miniaturcañon, bald darauf einen
zweiten tieferen. Über dem Horizont im Nordwesten schwebt ein mattrosa
Schein, vermutlich ein Widerschein der Morgenröte im Gran Cañon, wie
der „Eisblink“ im Eismeer die Nähe der Eisfelder verrät. Dunkelgrüne
Gürtel dichter Buschvegetation bringen eine Abwechslung in das Bild. An
einigen Stellen sind sie von flachen, mit Beifuß bewachsenen Furchen
unterbrochen. Der Cañon Diablo ist tief, eng und dunkel wie ein Abgrund.

Ein paar Stunden vor Williams setzt lichter Wald von Kiefern und
Wacholder ein, und je weiter wir nach Westen kommen, desto höher sind
die Bäume. Der Boden zwischen ihnen schimmert grünlich von Gras. In
dem durchschnittenen Gelände läuft die Eisenbahn zwischen Hügeln. Auf
einem von ihnen ist ein Beobachtungsturm errichtet, von dem aus man
ständig Ausschau hält über den Wald und im Falle eines Waldbrandes
Warnungssignale aussendet. Im Norden taucht ein Berg auf, der alle
andern der Gegend überragt, mit weißen Schneestreifen auf den Hängen.
Flagstaff ist der Name einer größeren Station, die im Wald zwischen
den Hügeln ganz prächtig liegt. Hier rasten einige Autos, beladen mit
Kisten, Koffern, Zelten und anderm Gepäck. Es sind transkontinentale
Touristen auf dem Weg nach Kalifornien, die es sich nicht entgehen
lassen wollen, einen flüchtigen Blick auf den Gran Cañon zu werfen.
Nicht weit vom Bahnhof wird Holz gefällt. Der Wald gehört dem Staat.
In der Nähe vom Bahnhof Flagstaff erhebt sich auf einem Hügel die
Lowell-Sternwarte, deren Astronomen das Studium des Mars zu ihrer
Spezialität gemacht haben. In der Gegend der kleinen Stadt Flagstaff
mit etwa 5000 Einwohnern sind mehrere rote Häuschen mit weißen Ecken
und Fensterrahmen zu sehen, und ich fragte mich, ob ihre Bewohner nicht
etwa schwedische Auswanderer sind. In einiger Entfernung im Norden
sollen sich die Ruinen einer 1500 oder 2000 Jahre alten aztekischen
Stadt befinden, mit gut erhaltenen Häusern, Befestigungen und einem
Sonnentempel.

Im Norden sind die ganze Zeit hindurch die San-Francisco-Gipfel
sichtbar, und gegen 10 Uhr kreuzen wir Arizona Divide, die
Wasserscheide zwischen Ost- und Westarizona. Der Himmel ist ganz klar,
aber im Wald ist die Wärme nicht schlimm. Die Landstraße schimmert
rötlich; es ist dieselbe Straße, die wir schon so oft gesehen haben und
die New York mit Los Angeles und San Francisco verbindet. Eine Reihe
Lastautos befördern Baumstämme aus dem Flagstaffwald. Die Arbeiter,
die mit dem Abholzen beschäftigt sind, wohnen in kleinen hübschen
Holzhäusern, die sie sich selbst gebaut haben.

Der Wald wird lichter, und die Hügel aus vulkanischer Asche treten
zurück, als wir uns Williams nähern. Um 12 Uhr erreichen wir den
kleinen Ort mit 400 Einwohnern, einigen kleinen Straßen und niedrigen
Häusern. Unser Zug hält zehn Minuten und verschwindet dann im Westen
auf seiner langen Fahrt nach Los Angeles. Aber wir, die wir nach dem
Gran Cañon wollen, bleiben zurück und vertreiben uns die Zeit damit, in
dem typisch westamerikanischen Ort umherzuwandern, der mit der Zeit zu
einer Stadt heranwachsen wird. Die bergumkränzte Ebene bietet ja Platz
genug. Ford Harveys Haus am Bahnhof hat eine große, gemütliche Halle
mit offenem Kamin, in dem im Winter ein tüchtiges Feuer brennt. Der
Fußboden ist mit indianischen Matten bedeckt, die nicht gerade schön,
aber mit ihren einfachen symbolischen geometrischen Mustern originell
und hier wenn irgendwo am Platze sind.

Obwohl der Zug von Williams nach dem Gran Cañon schon wartet, dauert es
noch zwei Stunden, bis er abgeht. Er besteht nur aus zwei Wagen, von
denen der zweite ein „Parlour Car“ ist mit offener Aussichtsplattform.
Die Zahl der Reisenden ist nicht groß; die beiden Wagen reichen
vollkommen aus, auch nachdem um 3 Uhr Zug Nr. 9 von Chicago nach Los
Angeles angekommen ist und noch einige Touristen mitgebracht hat, die
nach dem Gran Cañon wollen. Wir steigen ein und fahren nach Norden. Die
Luft ist herrlich und dank der Seehöhe von 2226 Meter, in der wir uns
befinden, sogar kühl. Williams verschwindet hinter uns. Die Bahn läuft
zwischen Hügeln und vereinzelten Bäumen in Kurven vorwärts. Nichts in
der ganzen Umgebung läßt auf die Nähe des Gran Cañon schließen, und
doch sind es bis dorthin nur noch ein paar Stunden Bahnfahrt. Aber
nach zehn Minuten kommen wir am Anfang des Havasupai Cañon vorüber,
der 88 Kilometer lang ist und in den Gran Cañon ausläuft. Doch wer
könnte den Raum, die Lücke in der Erdkruste ahnen, in die dieses kleine
unansehnliche Tal mündet? Nach allem, was man von andern gehört und
in Abbildungen gesehen hat, ist man jedoch von feierlicher Spannung
erfüllt und fragt sich, ob die Wirklichkeit den Erwartungen entsprechen
wird, die man sich gemacht hat. Nach Norden Ausschau zu halten, in der
Hoffnung, den ersten Anblick nicht zu verpassen, hat keinen Zweck,
denn nur ein paar Sekunden lang erblickt man in unmittelbarer Nähe
von El Tovar ganz flüchtig den Gran Cañon. Einer der merkwürdigen
Charakterzüge dieses größten Erosionstales der Erde ist, daß man von
seinem Dasein keine Ahnung hat, bis man nur wenige Schritt vor seinem
Rande steht.

Bald sausen wir zwischen lichtstehenden Bäumen dahin, bald zwischen
mäßig abgerundeten, mit Grashöckern bedeckten Hügeln. Die Gipfel des
San-Francisco-Gebirges tauchen wieder auf, jetzt im Osten. Aber nach
und nach verblassen und verschwimmen sie ebenso wie andere Berge in
ihrer Nähe. Es weht Südwind. Infolge der Zuggeschwindigkeit spüren wir
ihn nur während der kurzen Aufenthalte an den kleinen Stationen. Einmal
mußten wir jedoch eine Viertelstunde warten, um zwei vom Gran Cañon
kommende Züge vorüberzulassen. Auf dieser Bahn werden auch die Unmengen
von Lebensmitteln befördert, die im Hotel El Tovar verzehrt werden; ja
sogar das Wasser, nicht nur das Trink- und Kochwasser, sondern auch das
Badewasser, wird in Zisternenwagen auf diesem Weg an den Rand des Cañon
gebracht.

Bisweilen geht die Bahn durch dichtes Gebüsch. Die Hügel werden immer
flacher, und wir eilen über öde Flächen. Bäume und Sträucher hören
auf, nur Grashöcker wachsen da und dort auf der Prärie. Kleine kurze
Brücken führen über trockenliegende Geländefurchen. Die Bahn stellt
beinahe eine gerade Linie dar. Anita ist ein kleiner Ort mit Schulhaus
für die Kinder der Gegend. Dann setzt wieder Wald aus Kiefern und
Wacholder sowie „Buckhorn“, einer Kreuzdornart, ein. Zwischen den
Bäumen schimmert der Boden gelbrot wie bisher. Schließlich wird das
Gelände wieder hügelig, und die Bahn läuft in Bogen. Die Lokomotive
heult in jeder Kurve, um zu warnen, aber selten ist in dieser öden
Landschaft ein Lebewesen zu sehen. Nur manchmal erblickt man weidende
Pferde und Rinder. Streckenweise zeigt der Wald fast nordische
Schönheit.

Wir nähern uns dem Ziel! Nur noch zehn Minuten! Durch eine Lichtung
im Wald erhaschen wir einen Schimmer der hellroten Bergwand jenseits
des Abgrundes. Man findet kaum Zeit, Herzklopfen zu bekommen und in
Erstaunen zu geraten, dann ist dieses erste Traumbild schon vorüber.
Einige Minuten später hält der Zug bei El Tovar, und Autos bringen
uns zum Hotel hinauf. Man hat nur ein paar Minuten zu fahren, einige
Zickzackbiegungen, und ehe man sich dessen versieht, fährt das Auto
vor der nach Süden liegenden Veranda eines ziemlich großen braunen
Holzhauses vor, das im ländlichen Stil erbaut ist, zwei Stockwerke hat
und an ein Touristenhotel erinnert. Auf dem Platz vor dem Hotel spielt
sich der ganze Verkehr ab. Vom Gran Cañon ahnt man hier nichts, das
Hotelgebäude nimmt einem die freie Aussicht.

Bereits in Chicago hatte ich darum gebeten, ein Zimmer zu erhalten, von
dessen Balkon oder Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon hätte und
wo ich während einiger Ruhetage zeichnen und malen und die wechselnden
Lichteffekte im Laufe des Tages beobachten könnte. Aber im Hotel
El Tovar gab es keine solchen Zimmer und keine Balkone. Vermutlich
ist diese Anordnung absichtlich, sonst wäre sie nicht begreiflich.
Vielleicht bezweckt man damit, daß die Touristen nicht gleich bei der
Ankunft abgelenkt werden, sondern sich in Ruhe und Muße einrichten, ehe
sie ihre Schritte zum Rande des Abgrundes lenken.

El Tovar wimmelt von Gästen. Im Durchschnitt treffen täglich 500 ein,
davon viele in eigenen Autos, wahrscheinlich die meisten, denn die Zahl
der Autos beträgt täglich durchschnittlich 100 (die Mindestzahl ist 75,
die Höchstzahl 120). Die meisten Touristen kommen früh am Morgen an und
reisen am späten Abend wieder ab. Die 130 Zimmer des Hotels reichen
daher gewöhnlich aus. Im Notfall werden auch die einfacheren Zimmer
benutzt, die in kleinen provisorischen Hütten untergebracht sind und 1
oder 1½ Dollar kosten.

Bei unserer Ankunft in El Tovar empfing uns Herr Carleton J.
Birchfield, den ich schon in Chicago kennengelernt hatte. Er ist
Assistant General Advertising Agent bei The Atchison Topeka and Santa
Fé Railway System und untersteht Herrn William H. Simpson, der, wie ich
schon erwähnte, Assistant General Passenger Agent ist. Herr Birchfield
ist stets von seinem Photographen Herrn Edw. H. Kemp begleitet; die
beiden bringen jeden Sommer eine neue Ernte prächtiger Aufnahmen vom
Gran Cañon heim.

Mit noch zwei andern maßgebenden Persönlichkeiten des Ortes machte
ich sogleich Bekanntschaft, dem Obersten Crosby, Superintendent des
Grand Canyon National Park, und Herrn Victor Petrosa, dem Manager des
El Tovar Hotel. Beide waren mir während meines Aufenthalts in der
liebenswürdigsten und zuvorkommendsten Weise behilflich. Oberst Crosby
orientierte mich in dem ausgedehnten Gebiet und versah mich mit allen
notwendigen Karten und Begleitern, und Herr Petrosa sorgte für meine
Verpflegung auf den Ausflügen.

Mit meinen neuen Freunden verständigte ich mich dahin, alles ruhig und
überlegt zu nehmen. Man muß diese überwältigenden Landschaftsbilder
stückweise genießen, in kleinen Bissen, sonst erstickt man. In meiner
Schilderung des Gran Cañon werde ich den gleichen Grundsatz befolgen.




Viertes Kapitel.

Der erste Eindruck.


Nachdem ich mit Birchfield und Kemp in dem vollbesetzten Speisesaal
gegessen hatte, machten wir drei schon an diesem ersten Abend eine
Autofahrt zu einigen der nächsten Aussichtspunkte, Maricopa Point, Hopi
Point, Mohave Point und Pima Point; sie sind alle nach Indianerstämmen
benannt und liegen westlich von El Tovar. Der Weg folgt dem „Rim“,
dem scharfen Rand, von dem die Felswände senkrecht zu schwindelnder
Tiefe abfallen. Der Südrand des Gran Cañon ist jedoch durchaus keine
gerade Linie. Er ist im Gegenteil recht unregelmäßig mit seinen
bizarren „Halbinseln“ und seinen mehr oder minder tief eingeschnittenen
Cañonbuchten, wenn er auch in dieser Hinsicht keineswegs mit dem
Nordrand wetteifern kann. Unser Ausflug nach Pima Point war kaum 10
Kilometer weit, in gerader Linie nicht ganz 6 Kilometer; denn der Weg
geht erst nach Westen, dann nach Nordnordwesten nach Maricopa Point
und Hopi Point, darauf nach Südwesten und Nordwesten nach Mohave Point
und schließlich nach Süden, Westen und Westnordwesten nach Pima Point.
Er führt aber meistens am Rand entlang, und vom Auto aus sieht man
die ganze Zeit eine Landschaft, die durchaus einzigartig auf der Erde
ist und mit der an überwältigender und imposanter Schönheit nur
sehr wenige sich messen können. Bisweilen hat man kaum ein paar Meter
bis zum Rand des jähen Absturzes, bisweilen sieht man den gewaltigen
Abgrund zwischen den äußersten Bäumen wie von einer Galerie schlanker
Säulen aus. El Tovar ist im innersten Grund einer stumpfen Bucht
erbaut, die von zwei vorspringenden Kaps begrenzt wird. Das östliche
von ihnen heißt Yavapai Point, das westliche Maricopa Point. Zu diesem
fahren wir durch den Wald in einiger Entfernung vom Rand. Wenn man aus
dem sichern Halbdunkel des Waldes auf das offene Kap hinauskommt, das
wie ein spitz zulaufendes Sprungbrett in die Leere des Weltenraumes
hinauszuführen scheint, möchte einem fast schwindlig werden. Man bleibt
einige Minuten auf dem Grat des Kaps stehen, wo das Powell-Memorial
steht. Dieses Denkmal ist zur Erinnerung an Powells kühne Bootfahrt von
1869 durch den Cañon des Colorado errichtet worden.

[Illustration: Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West.

Ungefähr in der Mitte das „Kriegsschiff“.]

Dann geht man auf die äußerste Spitze hinaus. Auf drei Seiten, im
Westen, Norden und Osten, ist die Erdoberfläche verschwunden. Hier
tut sich der leere Raum bis zu einer Tiefe von 1500 Meter auf. Man
sieht die senkrechten Seiten des Vorgebirges nicht, auf dem man sich
befindet -- es sei denn, daß man sich hinlegt, den Kopf über den
Rand streckt und den Blick senkrecht an den Wänden hinuntergleiten
läßt. Doch am ersten Tag unterläßt man gern alle halsbrecherischen
Experimente und wartet, bis man sich auf seinen Kopf und seine Beine
verlassen kann. Denn es +kann+ vorkommen, daß man schwindlig wird
und die Herrschaft über seine Muskeln verliert. Man glaubt auf einem
freischwebenden Vorsprung zu stehen, ohne Boden unter sich, mit festem
Land nur im Süden, und wohin man blickt, hat man die unermeßliche
Tiefe unter sich. Ganz unten gewahrt man die dunkle Rinne, in der
der Colorado fließt, aber der Strom selbst hat sich so tief in den
Granit eingeschnitten, daß er nicht zu sehen ist. Uns gegenüber in
einer Entfernung von etwa 13 Kilometer verläuft der Nordrand, noch
unregelmäßiger und stärker eingekerbt als der Südrand; vor seiner Front
erhebt sich die gewaltige, von einer Meisterhand geformte Märchenstadt
von Pyramiden, Tempeln, Pagoden, Türmen und Mauern, die auf der Erde
nicht ihresgleichen hat. Es sind Blöcke der festen Erdrinde, die die
mechanischen Kräfte der Ausnagung und Verwitterung, das fließende und
aus den Wolken strömende Wasser, die Winde, die Hagelschauer, die
sengende Sonnenglut und der sprengende Frost, im Lauf von Millionen von
Jahren zu so vollkommener plastischer Schönheit ausgemeißelt haben,
wie sie diese Riesenskulptur in Kalkstein, Sandstein und Granit im
gegenwärtigen geologischen Zeitalter zeigt. Man kann sich nicht wohl
denken, daß diese herrlichen Meisterwerke der Natur je einen höhern
Grad von Schönheit erreichen werden. Nach neuen Millionen von Jahren
müssen sie vielmehr an Höhe abnehmen und zu Ruinen werden. Zwar gräbt
und sägt sich auch der Colorado tiefer in den Granit hinein, und der
Fluß befindet sich hier 760 Meter über dem Meer, aber er strömt in
seiner tiefen engen Granitrinne, dem „Inner Canyon“ oder der „Granite
Gorge“, und die Höhe der Tempel und Pagoden über dem tiefsten Teil des
Cañons wird davon nicht berührt.

Die freistehenden pyramidenförmigen Blöcke, hier gewöhnlich „Tempel“
genannt, sind regelmäßig gebaut; sie sind einander im großen ganzen
gleich, wechseln aber stets in den Formen. Ihr Dach ist wagerecht
und liegt in derselben Höhe wie die Fläche des Coloradohochlands im
allgemeinen. Ihre Seiten fallen teils ganz senkrecht, teils steil ab,
und diese Stufen von 150 bis 240 Meter Mächtigkeit wechseln miteinander
ab. Überall kehren sie in der gleichen Höhe und in den gleichen
Farbenschattierungen wieder; man lernt bald die verschiedenen Arten
und Schichten von Kalkstein und Sandstein voneinander unterscheiden,
und erkennt sie wieder, in welchem Teil des Gran Cañon man sich auch
befinden mag.

Alle diese tempelförmigen Blöcke sind als Ausläufer des Nordrandes
zu betrachten; sie liegen also auf dem Nord- oder rechten Ufer des
Colorado.

Der Nordrand des Gran Cañon, den die Touristen nur selten aufsuchen,
ist, wie ich schon sagte, weit launenhafter eingeschnitten und
zerklüftet und somit auch reicher an kleineren Seitencañons. Die
Aussicht von Süden nach Norden ist im allgemeinen vorteilhafter als in
entgegengesetzter Richtung. Denn in den hellsten Stunden des Tages hat
man die Sonne im Süden und wird nicht geblendet, wenn man nach Norden
schaut, während die Landschaft im Norden scharf beleuchtet daliegt und
all ihre Einzelheiten zeigt. Wandert man dagegen am Nordrand entlang,
dann wird man von der Sonne geblendet und sieht die Felswand des
Südrandes im Schatten. Daß man sich im Norden ungefähr 300 Meter höher
befindet als im Süden, ist einem unbewaffneten Auge kaum merkbar.

[Illustration: Blick von Navaho Point auf die Palisaden.]

Dies ist jedoch nur ganz im allgemeinen gültig. Denn die rote
Beleuchtung der Morgensonne und der Abendsonne ist gleich entzückend,
ob man sie vom Nord- oder vom Südrand aus erblickt, und ich werde
später zeigen, daß man vom Norden Szenerien schauen kann, die alle
Erwartungen übertreffen. Man kommt der Wahrheit wohl am nächsten, wenn
man gesteht, daß einen bei jedem Schritt, am Nordrand wie am Südrand,
Staunen und Bewunderung, ein seelisches Wohlbehagen erfüllen, die keine
Grenzen und keine Maße und darum keine Möglichkeiten des Vergleichs
haben.

Die Sonne nähert sich dem Horizont. Unter den roten, gelben, grauen,
braunen und violetten Tönen bekommen die roten immer mehr die Oberhand.
Die Abendröte beginnt ihr Spiel. Aber jetzt werden auch die Schatten
dichter und länger, die Vorboten der Nacht. Die ganze Skulptur dieser
wunderbaren Welt tritt daher mit außerordentlicher Schärfe hervor.
Die Märchenschlösser und Burgen, die javanischen Tempel und indischen
Pagoden, tausendmal größer als alle menschlichen Bauwerke, stehen
immer schärfer gezeichnet neben- und hintereinander, in ihrer stummen
Rätselhaftigkeit und der unergründlichen Mystik ihrer Erschaffung und
Vernichtung. Man spricht nicht mit seinen Begleitern, man faßt sich an
die Stirn und fragt sich, ob es Wirklichkeit ist oder Traum. Vergebens
sucht man die Ausmaße zu begreifen. Es ist ganz schön, wenn man
erfährt, daß es 13 Kilometer bis zum Nordrand sind und daß der Colorado
1500 Meter unter uns liegt. Aber das hilft einem nichts. Alle Maße und
Entfernungen kommen einem so ungeheuer vor. Wenn man an den Rand des
Gran Cañon tritt, glaubt man, ein unermeßliches Stück der Erdkruste
müsse fehlen. Es ist, als habe der Schöpfer, da er das feste Land auf
Erden zusammenfügte, vergessen, in sein Zusammensetzspiel das letzte
Stück einzusetzen, an dessen Stelle nun der leere Raum gähnt.

Noch ein anderer Umstand ist geeignet, den Besucher zu verwirren.
Während sein Auge sonst stets gewohnt ist, vom Fuß der Berge aus zu
ihren Hängen, Kämmen und Gipfeln emporzublicken, befindet er sich hier
selbst so hoch, wie man überhaupt kommen kann, und sieht auf diese
phantastisch herausgemeißelte Welt rotschimmernder Alpen hinunter.
So lange er bei El Tovar und an all den andern Aussichtspunkten am
Südrand weilt, befindet er sich immer in derselben Höhe. Die Winkel
der Ausblicke verändern sich daher nur in horizontaler Richtung, und
das Farbenspiel wechselt mit jeder Stunde des Tages -- wenn Stürme,
Wolkenmassen und Nebel dahinjagen, oft von Minute zu Minute. Wer sich
nicht der Mühe unterzieht, zum Fluß hinunterzusteigen, wird den Gran
Cañon mit unklaren Begriffen von seinen Ausmaßen und Formen verlassen.
Zu dieser Klasse gehören die meisten Touristen, solche, die diesem
wunderbarsten aller Schauspiele nicht mehr als einen flüchtigen Tag
opfern. Dazu gehört die vornehme Dame aus den Salons von New York, die
gemächlich die hundert Schritt vom Hotel bis zur Brustwehr am Hochrand
stolzierte, ihre Lorgnette vors Auge nahm, einen Blick über den Cañon
warf und mit blasiertem Dünkel sagte: „~Is that all?~“ (Ist das
alles?) Dazu gehört auch die Miß, das Jazzmädel der Ballsäle, die
das große Rätsel zu der flüchtigen Bemerkung vereinfachte: „~Is’nt
it cute?~“ (Ist das aber nett!) Oder der protzige Millionär, der
an Gummischuhen oder Kaugummi reich geworden war und sich von nichts
anderm imponieren ließ als von angehäuftem Kapital, und der ausrief:
„~What a hell of a gash!~“ (Was für eine verteufelte Schramme!)
Zu einer ganz andern Klasse naiver Philosophen gehörte dagegen das
Kind, das am Rande des Abgrundes seinen Vater fragte: „~What
happened?~“ In der Frage: „Was ist hier vor sich gegangen?“ ist in
der Tat alles enthalten, was die Geologen in jahrzehntelangen Mühen,
Entbehrungen und Nachdenken zu beantworten suchten.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach
Nordwesten.

Die Abendschatten nehmen zu.]

Wenn man von Ausmaßen und Formen des Gran Cañon einen einigermaßen
klaren Begriff erhalten will, darf man sich daher nicht mit den
Ausblicken begnügen, die in der Horizontalebene liegen. Man muß zum
Rio Colorado hinuntersteigen und von dort zum Nordrand hinaufklettern.
Auf einem solchen Ausflug hat man Gelegenheit zu beobachten, wie sich
auch die vertikalen Perspektiven verändern. Man erblickt die „Tempel“
von ihren Fundamenten aus und muß wie bei gewöhnlichen Bergen den Blick
zum Gipfel emporrichten. Und man sieht auch, wie die Felswände des
Südrandes und des Nordrandes senkrecht emporstreben.

Der Abstand zwischen der Sonne und dem Horizont wird immer kleiner.
Alle nach Westen liegenden vorspringenden Partien werden grell
beleuchtet und in großartigen roten Tönungen gefärbt, als wenn sie
aus Rubin wären und in ihrem Innern glühende Schmelzöfen brennten.
Die unbeleuchteten Teile sind fast schwarz, und in den dichten
Schatten sind die Einzelheiten schwer zu unterscheiden. Das Relief
tritt mit größter Schärfe und Deutlichkeit hervor, wenn die Sonne
tief steht. Die einzelnen, von den Kräften des Luftmeers, Wind, Regen
usw., herausgemeißelten Pyramiden und die durch Stufen und steile
Terrassenhänge in verschiedene Höhenschichten eingeteilten Felsrücken
heben sich dann mit einer Klarheit voneinander ab, die niemals erreicht
werden kann, wenn die Sonne auf ihrer Mittagshöhe im Süden steht und
die ganze Landschaft im Norden zu einem einheitlichen Hintergrund
verschmilzt, in dem die einzelnen, freistehenden Teile ihre eigenen
Schatten verdecken.

Für einen ersten orientierenden Blick über den Gran Cañon kann man
sich keinen bessern Aussichtspunkt denken als Hopi Point. Denn dieses
mittelste der drei Kaps Maricopa, Hopi und Mohave, die wie sehr spitze
Zacken von der westlich von El Tovar vorspringenden fast quadratischen
Halbinsel nach Norden schauen, ragt weiter in den Gran Cañon hinein als
irgendein anderer Punkt des Südrandes in der Nähe des Gasthauses. Man
steht hier gleichsam auf der Spitze einer sehr schmalen Halbinsel, die
auf allen Seiten außer im Süden von einem Meer umgeben ist, das nicht
mit Wasser, sondern mit Luft gefüllt ist. Man beherrscht daher so gut
wie den ganzen interessantesten Teil des Gran Cañon von der riesigen
senkrechten Felsenmauer der Painted Desert, der Bunten Wüste, den 32
Kilometer entfernten Palisaden im Osten, bis zu Gegenden stromab, die
ebensoweit im Nordwesten liegen.

Ehe ich fortfahre, den malerischen Eindruck dieser großartigen
Landschaftsbilder zu schildern, und so lange wir uns noch auf Hopi
Point befinden, will ich die Gelegenheit benutzen, den Blick auf die
hervorstechenderen Merkmale zu richten, wie sie sich uns von diesem
Punkt aus darbieten, von Osten nach Westen, d.❁h. in der Richtung,
in der der Colorado diesen Teil von Nordarizona durchströmt. Als
topographische Unterlage benutze ich die Karten, die ich in El
Tovar erhielt und nach denen die meinem Buch beigefügte Sonderkarte
gearbeitet ist; was den geologischen Aufbau betrifft, den ich in diesem
Zusammenhang nur flüchtig berühre, folge ich der ausgezeichneten
Darstellung, die N. H. Darton in seinem Werk „~Story of the Grand
Canyon of Arizona~“ gegeben hat.

Ganz hinten im Osten ahnen wir dank der Form des ganzen gewaltigen
Tals den scharfen Bogen, in dem der Colorado von seiner Südrichtung
nach Westen abbiegt; ahnen, denn von dem Fluß selbst erblicken wir
dort keinen Schimmer. Er hat sich zu tief in seinen engen Korridor
eingemeißelt. Wir sehen die großartig gezeichnete Felswand, die
vom Rand der Hochebene erst senkrecht, dann steil und in Absätzen
zum linken Ufer des Flusses abfällt, gerade in dieser fabelhaft
romantischen Gegend, wo der Rio Colorado seinen Bogen beschreibt. Die
Gesteine, die das ganze vom Fluß durchschnittene Tafelland bilden,
sind mit einigen Ausnahmen horizontal geschichtet. Zu oberst finden
wir den Kalkstein, der, wie die drei darunterliegenden Formationen,
der Steinkohlenperiode angehört und Kaibab heißt. Auf der Oberfläche
dieses Kalksteins laufen alle Wege auf dem Süd- und Nordrand, wachsen
die Wälder, steht das Gasthaus El Tovar und liegen all die berühmten
Aussichtspunkte, die die Touristen besuchen, und deren einer Hopi
Point ist. Der Kaibabkalkstein hat eine Mächtigkeit von 210 Meter
und bildet die senkrechten Abstürze, die wir überall zu oberst am
Süd- und Nordrand wie auch auf dem Gipfel vieler Tempel und Pyramiden
sehen. Unter dieser Formation liegt der 90 Meter mächtige, ebenfalls
der Steinkohlenzeit angehörende Coconinosandstein. Diese beiden Namen
finden sich auch in den Namen der Landschaft wieder; denn das ebene
bewaldete Land nördlich des Flusses heißt Kaibabplateau und das 300
Meter niedrigere, gleichfalls bewaldete Land südlich des Colorado
Coconinoplateau. Wenn der Fluß nicht gewesen wäre, wüßte man von
nichts anderm als dem Kaibabkalkstein. Aber dank den geologischen
Erscheinungen im Verein mit der Erosionskraft des Stroms sind all die
darunterliegenden Schichten -- mit Ausnahme derer, die von der „großen
Denudation“ hinweggespült worden sind -- bis zum Urgestein, zum Granit,
hinab bloßgelegt worden. Daher liegt die Geschichte der Erde hier offen
vor dem Forscher da wie ein aufgeschlagenes Buch und gewährt uns einen
Einblick in den Aufbau der Erdrinde wie in keiner andern Gegend der
Oberfläche unseres Planeten. Der Gran Cañon bietet daher nicht nur
den Menschen eine Welt unvergleichlicher Schönheit, sondern auch der
geologischen Wissenschaft Aufschlüsse von unschätzbarem Wert.

Die unter dem Kaibabkalkstein und dem Coconinosandstein liegenden
Schichten werden wir gleich kennenlernen. Jetzt will ich nur erwähnen,
daß sich östlich der senkrechten Felswand der Palisaden, die sich
auf der linken Seite der Flußbiegung erhebt, das flache, öde Land
ausbreitet, das unter dem Namen „Painted Desert“ bekannt und wegen
seiner Farbenpracht berühmt ist. Von Plätzen, die wir später besuchen
werden, sieht man die Hügel und Anhöhen, die im Osten und Nordosten die
„Bunte Wüste“ begrenzen. Dort, inmitten der sagenhaften Erinnerungen
aus der glücklichen Freiheitszeit der Indianer, wohnen noch die letzten
zusammenschmelzenden Scharen des Hopistammes in ihren einfachen
Lehmhütten.

Wenn wir von Hopi Point den Blick in die Taltiefe hinab und nach
Ostsüdosten richten, gewahren wir den ungeheuern, energisch
eingeschnittenen Granitkorridor, in dem der Colorado fließt, und wir
sehen ihn, so weit er reicht, d.❁h. bis zu dem Punkt, wo der Granit
verschwindet und von den uralten, nach Norden steil abfallenden
Gesteinen der Unkargruppe bedeckt wird. Hier und da sind auch die
Schieferhänge der 300 Meter mächtigen kambrischen Tontoformation zu
sehen; auf ihr erhebt sich wie eine senkrechte Mauer die 150 Meter
hohe Kalksteinschicht, die Redwall heißt und die älteste der hier
vertretenen Formationen der Steinkohlenzeit ist.

Im Ostnordosten von Hopi Point haben wir das Cape Royal, ein nach
Süden vorspringendes, selten besuchtes Kap des Kaibabplateaus im
Norden, einen der wunderbarsten Aussichtspunkte im ganzen Gran Cañon,
zu dessen schwindelnden Sturzhängen ich den Leser später führen
werde. Südlich dieses Vorsprungs, gleichsam eine Fortsetzung seiner
Halbinsel bildend, ragt Wotans Thron empor, eine fast freistehende
Partie mit einem tafelförmigen Dach aus Kaibabkalkstein, unter dem der
Reihe nach die übrigen Formationen liegen, der Coconinosandstein, der
330 Meter mächtige rote Sandstein und Schiefer der Supaigruppe, die
Kalksteinmauer des Redwall, die grünlichen Abhänge der Tontogruppe und
schließlich der dunkle Granit.

Östlich von Wotans Thron steht Vishnu Temple mit seiner Kuppel aus
Kaibabkalkstein und seinen zwei Ausläufern, dem Rama Shrine nach
Südosten und dem Krishna Shrine nach Südwesten, die sich also beide
auf dem nördlichen oder rechten Ufer des Flusses befinden. Der
Wischnutempel ist einer der monumentalen Kolosse im Gran Cañon, die von
fast jedem Punkt am Südrand aus wie von vielen Stellen am Nordrand und
in der Taltiefe sichtbar sind.

Richten wir den Blick nach Nordosten, so erblicken wir eine besonders
schöne Pyramide, die vorgeschobene Fortsetzung eines vom Kaibabplateau
im Norden ausgehenden halbinselförmigen Ausläufers, gleich diesem mit
Kaibabkalkstein bedeckt. Diese Pyramide trägt den Namen Buddha Temple.
Der Manutempel, dem der Kaibabkalkstein fehlt und dessen Dach aus
Coconinosandstein besteht, bildet gleichsam eine Brücke zwischen dem
Buddhatempel und dem Hochland nördlich davon.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach
Nordwesten.]

Ungefähr in der Mitte der Linie Hopi Point-Buddha Temple erhebt
sich die eigenartige tafelförmige Cheopspyramide. Sie besteht aus
Redwallkalkstein, ist aber isoliert und infolge der Verwitterung von
den Ausläufern des nördlichen Plateaulandes getrennt. Ihre 150 Meter
hohen Seiten sind senkrecht und ruhen auf den grünen Schieferhängen
der Tontogruppe. Die unteren Teile dieser Hänge gehen in dunkle
Quarzite, roten Schiefer und Sandstein der Unkargruppe über, der
unterbrochenen, wechsellagernden Schicht, die in dieser Gegend
häufig vorkommt zwischen dem Trinity Creek und dem Phantom Creek,
den beiden durch den Isistempel und die Cheopspyramide voneinander
getrennten kleinen Cañontälern. Auch hier fallen die Schichten der
Unkargruppe steil nach Norden ab, während alle übrigen Formationen so
gut wie wagerecht gelagert sind. Wo die Unkargruppe fehlt, sind es
die Hänge der Tontogruppe, die bis zum obern Rand des engen dunklen
Korridors hinabreichen, den der Colorado bis zu 300 Meter tief in den
Granit eingeschnitten hat. Die Entfernung zwischen Hopi Point und
Cheopspyramide beträgt nur knapp 5 Kilometer. Zwischen beiden strömt
der Colorado in seiner Granitrinne. An ein paar Punkten sehen wir das
feine graue Band des Flusses, dessen Breite hier doch bis 80 Meter
beträgt. Wir glauben, ihn fast gerade unter unsern Füßen zu haben. Der
Höhenunterschied ist 1400 Meter. Man darf also nicht schwindlig sein!

Die Cheopspyramide, der Buddhatempel und der Manutempel liegen also auf
einer von Hopi Point nach Nordosten gezogenen Linie. Gleichlaufend
mit dieser Linie, östlich von ihr, finden wir den mit ungeheurer
Kraft in die Ablagerungen der geologischen Zeitalter eingeschnittenen
Seitencañon, der von rechts oder Nordosten kommt und den Namen Bright
Angel Creek trägt. Von Hopi Point aus bietet dieses in einer merkwürdig
geraden Linie verlaufende Tal einen großartigen Anblick, eingeklemmt
wie es ist zwischen prächtigen Kulissen von Tempeln und Pyramiden mit
ihren in senkrechte Abstürze und steile Hänge abgestuften Seiten von
staunenerregender Wildheit und Größe. Sein oberes Ende im Innern des
Kaibabplateaus ist fast 18 Kilometer vom Colorado entfernt. Wir werden
später Gelegenheit erhalten, auch diesen Creek kennenzulernen.

So wie dieser Seitencañon im Westen vom Manutempel, Buddhatempel und
Cheopspyramide begrenzt wird, wird er im Osten von einer ähnlichen
Reihe wilder Erosionsreste von der gewöhnlichen Pyramiden- oder
Tempelform eingezwängt. Sie sind aus einem einst zusammenhängenden,
nach Südwesten vorspringenden Ausläufer des Kaibabplateaus im Norden
herausgemeißelt und heißen Deva Temple, Brahma Temple und Zoroaster
Temple. Alle drei haben ein Dach aus Kaibabkalkstein, der infolge
seiner Härte den darunterliegenden weichern Coconinosandstein vor
Verwitterung schützt. Auch hier finden wir die charakteristische 150
Meter hohe senkrechte Felswand des Redwallkalksteins, die stets gleich
leicht wiederzuerkennen und von den roten Steilhängen der Supaigruppe
überlagert ist, während an ihrem Grunde die Abhänge der Tontogruppe
einsetzen und mit einer Mächtigkeit von 300 Meter bis zum Sandstein aus
dem Kambrium hinabreichen, der auf der Granitbettung aufsitzt. Überall
herrscht dasselbe Gesetz; dieselben Stufen, Wände, Hänge, Terrassen,
Maße und Farben kehren wieder bis in die Seitencañons hinauf.

Genau im Norden unseres Aussichtspunktes erhebt sich in einer
Entfernung von etwas mehr als 8 Kilometer der herrliche Shiva Temple,
gleichfalls eine der berühmtesten Riesenbauten in der phantastischen
Märchenstadt des Gran Cañon. Hier sehen wir deutlicher als je die ganze
geologische Schichtenfolge in all ihrer Pracht bloßgelegt. Obwohl ich
die verschiedenen Formationen bereits genannt habe, wiederhole ich sie
noch einmal, damit wir sie uns besser einprägen. Wir erblicken also als
Dach des Schivatempels eine wagerechte Plattform aus Kaibabkalkstein
(210 Meter), darunter den Coconinosandstein (90 Meter), der überall im
Gran Cañon als wagerechtes Band von zarter hellgrauer Farbe sichtbar
ist; dann folgen die Schiefer und der Sandstein der Supaiformation,
teils anstehend als Felsvorsprünge, teils in Form steiler roter
Schuttkegel (330 Meter), die bis zum obern Rand des Redwallkalksteins
(150 Meter) hinabreichen, der auch am Schivatempel senkrechte Wände
bildet. Unterhalb des Redwall liegen auch die grünlichen Schiefer der
Tontogruppe in weniger steilen Hängen (300 Meter) und erstrecken sich
bis zu den Unkarschichten und dem Granit hinab.

Von den mittelsten Gehängen des Felsstocks des Schivatempels,
somit bedeutend niedriger als dieser, gehen höchst unregelmäßig
geformte Ausläufer aus, die dem Redwallkalkstein angehören und mit
Supaischiefern gekrönt sind. Auf dem westlichen von ihnen erhebt sich
der Osiristempel; er trägt sogar eine Haube aus Coconinosandstein, die
von Hopi Point aus in Nordnordwesten zu sehen ist. Der Osiristempel
seinerseits sendet nach Südwesten den „Tower of Ra“ aus, mit
malerischen roten Sandsteinmassen der Supaiformation. Derselben Gruppe
gehören zwei Erhebungen auf einem zweiten vom Osiristempel nach Süden
gehenden Ausläufer an, der Horustempel und der Set-Turm.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord
16° West.

Ein Wirrwarr von Tempeln mit scharfen Nachmittagsschatten.]

Der von Hopi Point aus in Nordnordosten sichtbare östliche Ausläufer
des Massivs des Schivatempels heißt Isistempel und besteht aus
Redwallkalkstein, der Supaigestein und auf dem Gipfel einen
kleinen Rest Coconinosandstein trägt. Auf dem Osiristempel und auf
dem Isistempel fehlt also der Kaibabkalkstein. Er ist durch die
Verwitterung abgetragen worden; der weiche Sandstein ist daher den
Einwirkungen von Wasser, Wetter und Wind mehr ausgesetzt und dazu
verurteilt, einer, geologisch gemessen, schnelleren Zerstörung
entgegenzugehen.

Wenn wir schließlich den Blick nach Nordwesten richten, d.❁h. den Gran
Cañon abwärts, gewahren wir eine ganze Reihe romantischer bewaldeter
Kalksteinkaps, die gleich Hopi Point vom Coconinoplateau nach Norden
vorspringen. Das entfernteste, das wir erblicken, heißt Havasupai
Point; es bietet ein unvergeßlich großartiges Bild, das wir später
kennenlernen werden. Zwischen all diesen Kaps liegen steil abfallende
Einschnitte oder Buchten; sie sind verhältnismäßig kurz im Vergleich
mit denen, die den Nordrand kerben. Ganz hinten im Nordwesten wird die
Linie des Horizonts vom Powellplateau gebildet, das als unerbittliche
Grenzwand die Aussicht auf die Fortsetzung des Gran Cañon sperrt. Auch
dort sieht man Kaps, Pyramiden und Seitentäler, von denen viele Namen
haben.

Der Überblick, den mir Hopi Point gab, war also sehr wertvoll und
umfaßte viele der charakteristischsten Punkte der großen Talschlucht.
Ich erhielt eine Ahnung von der Lage von Navaho Point im Osten,
Havasupai Point im Westen und Cape Royal im Nordosten, Hermit Cabins in
der Tiefe und der Hängebrücke über den Colorado, Stellen, die ich in
den folgenden Tagen besuchen wollte.

Aber der Abend schreitet langsam vorwärts. Wir steigen wieder ins Auto
und fahren auf dem Hopi Wall im Bogen am Rand des Abgrundes entlang,
der den Namen Inferno trägt. Von Mohave Point, wo wir eine kurze Rast
machen, erblicken wir dieselbe Landschaft vor uns; nur die nächsten
Umgebungen wechseln. Von hier aus folgen wir dem Great Mohave Wall auf
dem Hermit Rim Road genannten Weg. Unmittelbar zur Rechten haben wir
einen gähnenden Abgrund, der Abyß heißt. Nach 11 Kilometer sind wir am
Ziel unserer heutigen Fahrt, Pima Point. An die Brustwehr am äußersten
Rand gelehnt, sehen wir den Colorado als ganz schmales, schwach
gewundenes Band in der Tiefe. Der Fluß soll hier eine Breite von etwa
120 Meter und eine Geschwindigkeit von 29 bis 30 Stundenkilometer
haben. An mehreren Stellen bildet er Stromschnellen. Nur wenn der Wind
für einen Augenblick nicht in den Kiefern rauschte, konnte ich schwach
das Brausen der tosenden Wassermassen vernehmen. Später sollte ich es
stärker hören!

Von Pima Point aus sehen wir in einer Entfernung von anderthalb
Kilometer im Nordwesten, 1100 Meter unter uns, den Rastplatz Hermit
Cabins. Der Weg dorthinunter ist 12 Kilometer lang. Steht man am Rand
der senkrechten Felsenwand, dann begreift man nicht, daß ein Reitweg
dorthin führen kann. An einigen Stellen ist er durchs Fernglas als
feine hellgelbe Linie zu erkennen. Der mag halsbrecherisch genug sein,
denkt man und fragt sich, ob man nicht alle Aussicht hat, über den
Kopf des Maultiers zu gleiten und über den Rand eines senkrechten
Absturzes zu rollen. Von den Unterkunftshütten von Hermit Cabins hat
man noch 2½ Kilometer bis zum Fluß bei Hermit Rapids und steigt dabei
noch 366 Meter tief.

Doch jetzt ist der Tag verstrichen, und die Sonne geht im Westen unter.
Die Abendröte, die alle Tempel und Pyramiden rot gefärbt hat, erlischt,
die eben noch so prächtigen Tönungen verblassen und gehen erst in
violette, dann in schwarze Schatten über. Die Dämmerung sinkt auf diese
Märchenwelt herab, die Nacht ist im Anzug. Nun ist es Zeit, zu der
gastlichen Stätte in der Einöde zurückzukehren, die den Namen Tovars,
des ersten Spaniers am Gran Cañon, trägt.

Nach dreitägiger Eisenbahnfahrt und einigen Stunden am Cañon wird man
etwas still und gedrückt. Es verlohnt sich nicht, zu versuchen, seine
Gefühle des Entzückens und Erstaunens zu schildern. Man nimmt sich vor,
sich zu bezähmen und demütig zu sein angesichts des Unmöglichen. Und
doch kann ich nicht umhin, zu verraten, daß ich in mancher Hinsicht
stärker war als die andern Touristen. Vor vierzig Jahren hatte ich,
wie schon Seite 15 erwähnt, für einen Vortrag in riesigem Format eine
Anzahl amerikanischer Abbildungen des Gran Cañon abgezeichnet; diese
Zeichnungen sind vermutlich noch in der Technischen Hochschule in
Stockholm vorhanden. Ich hatte auch wie kein zweiter das gewaltige
Tal zwischen dem Transhimalaja und dem Himalaja kennengelernt, durch
das der Tsangpo, der obere Brahmaputra, strömt. An Länge, Breite
und Tiefe ist der Colorado Cañon ein Zwerg im Vergleich zu der
tibetischen Niederung, die gleichfalls zum großen Teil der Erosion
ihre Entstehung verdankt. Ich hatte auch die meisten Cañontäler
des Satledsch überschritten, von denen einige zwar in ihren Maßen
großartig, aber mit dem Gran Cañon verglichen doch harmlos sind. So muß
man zum Beispiel, um den Ngari-tsangpo, einen Nebenfluß des Satledsch,
zu überqueren, von der ebenen Hochfläche steil zum Fluß hinabsteigen,
der 830 Meter tiefer liegt. Großartige Erosion zeigen auch die
Felsentäler des Jangtsekiang, des Mekong und des Salwen im Grenzland
zwischen Tibet und China.

[Illustration: Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus.]

Aber im Gran Cañon sind die Oberflächenformen anders als sonstwo
auf Erden. Was uns am meisten in Erstaunen setzt, sind die
senkrechten Sturzhänge des Süd- und des Nordrandes, die treppen- und
terrassenförmig herausgemeißelten Pyramiden, die tiefe Granitrinne,
in der der Colorado fließt, die wüstenartige Öde, das glänzende
Farbenspiel, der paradox klingende Umstand, daß man trotz der
ungeheuren Maße und Ausdehnungen dennoch die ganze Landschaft
unmittelbar vor sich hat und, wie von Hopi Point, mit einem Blick
beherrscht. Durch diesen Umstand lassen sich viele dazu verleiten, zu
glauben, es genüge, sich den Gran Cañon von El Tovar aus anzusehen. Das
ist ein großer Irrtum! Ehe man nicht das ganze Erosionstal durchquert
und, mit dem Zeichenstift und dem Pinsel in der Hand, manche Stunde
an all den wichtigsten Punkten zugebracht hat, hat man keinen klaren
Begriff von dieser an Schönheit und Größe so überreichen Gegend.

Welches Schauspiel ist imposanter: dieses hier, das sich vor und
unter uns entrollt, wenn wir auf Hopi Point stehen, oder jenes, das
der Reisende erblickt, wenn er sich auf dem 5800 Meter hohen Paß
Tschang-lung-jogma im Kara-korum befindet? Nachdem ich den Teil der
Erdrinde geschaut hatte, den man vom Tschang-lung-jogma aus beherrscht,
schrieb ich in mein Tagebuch (siehe „Transhimalaja“ I, S. 78, 79):
„Über und hinter den näher liegenden, teilweise rabenschwarzen Bergen
sieht man einen weißen Horizont, eine sägezähnige Linie mächtiger
Himalajagipfel. -- In der Tiefe unter uns lag das kleine Tal, durch
das wir uns so mühsam emporgearbeitet hatten. Von hier aus sah es
jämmerlich klein aus, eine unbedeutende Abflußrinne innerhalb einer
Welt gigantischer Berge. Der Horizont war klar; seine Konturen
außerordentlich scharf gezogen. Silberweiße, sonnenbeglänzte Gipfel
türmen sich übereinander und hintereinander empor; gewöhnlich schimmern
die ewigen Schneefelder in blauen Schattierungen von wechselnder
Intensität, bald matt, bald dunkel, je nach dem Winkel der Hänge im
Verhältnis zur Sonnenhöhe. Dieses ganze aufgeregte Meer der höchsten
Gebirgswogen der Erde sieht seltsam gleichmäßig und eben aus, wenn der
Blick ungehindert über seine Kämme hinschweift.“

Wem der Vorzug zuteil wurde, diese beiden Landschaften zu schauen,
hütet sich wohlweislich vor allen Vergleichen. Den beiden Landschaften
fehlen alle Vergleichsmomente. Die eine zeigt uns das mächtigste und
tiefste Erosionstal der Erde, die andere das höchste Gebirgssystem
unseres Planeten. Sie überstrahlen einander nicht und verdunkeln
einander nicht. Es ist möglich, daß, wenn man am Rand des Gran Cañon
steht, die Erinnerung uns eine Vision des Himalaja im Hintergrund
erstehen läßt. Man staunt über die Kräfte, die es vermocht haben,
die Erdoberfläche bis zu einer Höhe von 8840 Meter über dem Meer
in Falten zu legen und emporzuheben, daß sie einem aufgeregten
Meer gleichen. Es schwindelt einem bei dem Gedanken, daß diese
Sandstein- und Kalksteinschichten des Gran Cañon, nachdem sie in einer
Mächtigkeit von Hunderten von Metern im Wasser abgelagert worden
waren, durch Bewegungen in der Erdrinde wieder, ohne Störung ihrer
horizontalen Lage, bis zu einer Höhe von 2100 Meter über die Oberfläche
des Weltmeeres emporgehoben, und daß sie in dieser Zeit von einem
Wasserlauf durchsägt wurden, der stark genug war, diesen ungeheuren
Graben auszumeißeln, und der nach wie vor, in jeder Minute, die
verstreicht, und durch unzählige kommende Jahrtausende hindurch, ohne
Rast und Ruh seinen Siegeslauf durch den harten Granit vollführt.

[Illustration: Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel
Cañon.]

Solchen Gedanken hing ich nach, als ich mich wieder in den großen
Raum des Hotels begab, in den die Touristen von ihren Ausflügen
zurückgekehrt waren, um sich nun in Gruppen über die heutigen
Erfahrungen und die morgigen Pläne zu unterhalten. Unter diesen
Männlein und Weiblein, die mich nicht im geringsten interessierten,
befand sich jedoch ein alter Herr, der mich im höchsten Grade fesselte,
Edward E. Ayer, einer der Direktoren des Field Museum in Chicago.
Sechsundzwanzig Jahre hindurch hatte er jährlich vier Monate Europa und
Nordafrika bereist, um auf dem Gebiet der Völkerkunde, Altertumskunde
und Kunst für sein Museum kostbare und seltene Gegenstände zu
sammeln. Nunmehr beschränkte er sich darauf, seinen eignen Erdteil
zu durchqueren, und fuhr jährlich vier Monate im Auto durch die
Vereinigten Staaten. Und dabei war er zweiundachtzig Jahre alt! Er
war ein großartiger Mensch, voller Leben und Arbeitslust und reich an
Ideen und Plänen. Jetzt war er nach dem Gran Cañon gekommen, den er
liebte; er machte jedoch nur eine ganz kurze Rast wie ein Zugvogel
und zog am nächsten Tage auf seinen rollenden Rädern weiter. An dem
Nordamerikanischen Bürgerkrieg hatte er 1862-64 teilgenommen. Im Jahre
1884 war er mit seiner Gattin, die ihn stets begleitete, in den Gran
Cañon hinuntergestiegen, damals ein gefährliches Unternehmen, als noch
kein einziger Pfad angelegt war. Von den Mühen und Gefahren, mit denen
ein solcher Abstieg verbunden war, wußte er viel zu erzählen. Unter den
Bekanntschaften, die ich auf meiner Amerikareise machte, gehörte Herr
Ayer zu denen, die ich nie vergessen werde.

Es war mir ganz erwünscht, daß ich mich nach den gewaltigen Eindrücken
des heutigen Tages endlich in mein hübsches Schlafzimmer zurückziehen
konnte und die Nacht ihre Herrschaft antrat, die Nacht mit ihrer Kühle
und ihrem Frieden.




Fünftes Kapitel.

Die Aussicht von Grand View.


Der 15. Juni war ein windiger Tag; dichte Wolken schwebten über
Arizona. Ich wanderte zu Fuß an dem Rand entlang, um ein paar Skizzen
zu zeichnen. Dann fuhr ich mit den Herren Birchfield und Kemp im Auto
nach Grand View, einem der hervorragendsten Aussichtspunkte des ganzen
Gebiets.

Der Punkt liegt 18 Kilometer südöstlich von El Tovar, aber der Weg ist
24 Kilometer lang. Er entfernt sich nämlich vom Rand und schlängelt
sich durch den herrlichen, duftenden Nadelwald, der die nördliche Zone
des Coconinoplateaus schmückt. Im Grunde der Einbuchtung, die vom Hance
Creek gebildet wird, liegt das kleine Gasthaus Grand View; 2½ Kilometer
nördlich davon springt der Kaibabkalkstein in dem scharf markierten
Kap vor, das Grand View Point heißt. Hier hat die Verwitterung die
wunderbarsten Säulen, Mauern und Türme ausgesägt; einige von ihnen
haben wenig anziehende Namen, wie Thors Hammer, Selbstmordklippe und
ähnliche.

[Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten.

Ganz rechts der Turm der Cathedral Spire.]

Der Aussichtspunkt selbst, an dem wir uns geraume Zeit aufhielten, ist
eine weiße Kalksteinplatte, die in den Raum hinausragt und auf allen
Seiten von senkrechten Abstürzen umgeben ist. Wir hatten nur ein paar
Meter bis zum Rand des Abgrundes. Auch wenn man an die schwindelnden
Pfade in Hochasien gewöhnt ist, ist einem doch etwas eigen zumute,
wenn man auf die äußerste Spitze des Kaps hinaustritt. Man schlendert
nicht darauflos und plaudert und schaut sich um, sondern heftet den
Blick unverwandt auf den Pfad und achtet sehr genau auf seine Schritte.
Man hütet sich wohl, zu stolpern oder auf einem rollenden Stein
auszugleiten. Ein Selbstmörder, der über den Rand des Suicide Rock,
der Selbstmordklippe, springt, kann ganz sicher sein, daß er sein Ziel
erreicht. Das bißchen, das dort unten in der Tiefe möglicherweise von
ihm noch übrig wäre, ließe sich ohne Hunde nicht aufspüren.

Im großen ganzen bietet sich hier dem Blick dieselbe Landschaft wie von
Hopi Point. Aber bei Grand View Point befinden wir uns 72 Meter höher
als dort, 2258 Meter über dem Meeresspiegel. Uns gerade gegenüber,
unterhalb des Nordrandes in der Richtung auf das Cape Royal, das 13
Kilometer von uns entfernt ist, schimmern die Bergwände in roten,
rotgelben und grauvioletten Farbtönen; vor der zusammenhängenden Front
erheben sich die malerischen Pyramiden, Tempel und Pagoden, die den
Ruinen einer von großen Architekten erbauten Zauberstadt gleichen.
Hinter uns hält, dunkel und majestätisch, der Wald Wache. Der einzige
Laut, der die Stille stört, ist das Rauschen des Windes in den Kronen
der Bäume. Wenn man bedenkt, daß diese ungeheure Ausnagung durch
ununterbrochene Zerstörung verursacht worden ist, erwartet man den
Widerhall eines Einsturzes zu hören, wenn eine dieser Kalksteinsäulen,
die von verhältnismäßig kleiner Basis zu schwindelnder Höhe
emporsteigen, endlich die Grenze der Möglichkeit, das Gleichgewicht
zu halten, erreicht hat und zusammenstürzt wie einst der Kampanile in
Venedig. Aber alles ist still. Wir vernehmen nicht einmal das Klappern
eines Steines, der sich gelöst hat und, dem unerbittlichen Gebot
des Gesetzes der Schwere folgend, hinabstürzt. Als ich selbst einen
faustgroßen Stein nehme und über den Rand schleudre, höre ich ihn nicht
fallen; ein bodenloser Abgrund scheint ihn zu verschlucken. Und doch
dauert die Abtragung ständig an. Man bekommt Achtung vor dem Zeitraum,
der erforderlich war, um den Bau zu erzielen, den wir jetzt bewundern.

Nicht nur in der Tiefe, wo der Colorado strömt, auch hier oben am Rand
ist es vor allem das fließende Wasser, das arbeitet; diese Arbeit
findet nur statt, wenn es regnet oder wenn der Winterschnee schmilzt.
Heftige Regengüsse lassen tobende, wilde Gießbäche entstehen, deren
außerordentliche Gewalt durch die Blöcke und das Geröll gesteigert
wird, die sie mit sich führen. Diese Sturzbäche unterminieren
vorspringende Felspartien, die schließlich infolge ihres eigenen
Gewichts und der sie durchsetzenden Sprünge abbrechen und in die Tiefe
stürzen, in tausend Stücke und Millionen Scherben zersplittern, zu
Pulver zermahlen und von Wind und Wasser in die Taltiefe hinabgeführt
werden, um endlich mit ihrem feinen Staub dem Fluß die trübe Farbe zu
verleihen, der er den Namen Rio Colorado verdankt. Da der Kalkstein
die Fähigkeit hat, sich im Wasser etwas zu lösen, entstehen in den
senkrechten Wänden Grotten, halbkugelförmige Nischen und Alkoven;
auch diese leisten eine Unterminierungsarbeit, die in hohem Grad dazu
beiträgt, daß die Cañonwände in den höchsten Regionen unterhalb des
Randes senkrecht abfallen.

Einige Worte noch über die Aussicht und die bemerkenswerten Punkte im
Gran Cañon, die man von Grand View Point aus erblickt. Im Nordosten
in einer Entfernung von 25 Kilometer springt ein Kap, Cape Solitude,
von der Kaibabkalksteinplatte der Painted Desert scharf vor und steigt
gerade über dem linken, dem Ostufer des Colorado auf. Der ungeheuer
steile Absturz, der hier die Painted Desert begrenzt, wird bis zum Cape
Solitude als Palisades of the Desert bezeichnet, nördlich des Kaps,
im Marble Cañon, heißt er Desert Facade. Diese Mauer, die horizontal
gemessen wenig mehr als 800 Meter vom Fluß entfernt und im Gegensatz
zu andern Teilen des Randes wenig eingeschnitten ist, wird unmittelbar
nördlich des Cape Solitude von dem von Osten kommenden Nebenfluß, dem
Kleinen Colorado, durchbrochen, dessen gähnendes Cañontor ich später
von Westen aus erblicken sollte. In seinem Korridor, dem Marble Cañon,
ist der Colorado zwischen der Desert Facade im Osten und einer Reihe
kleinerer Massive im Westen eingeschlossen. Weiter südlich bemerkt man
auf der Westseite die Basalt Cliffs.

Nordöstlich von Grand View Point sehen wir in dem tiefsten Teil des
Gran Cañon den Punkt, wo der enge Granitkorridor an die Gesteine
der Unkargruppe grenzt. Im Nordwesten dagegen tragen die dunklen
Mauern des Granits auf beiden Seiten des Flusses die verhältnismäßig
weniger steilen Hänge der Tontogruppe. Zwischen den Ablagerungen der
Unkargruppe ist das jetzige Flußtal offner als im Granit, und Felsen
aus Quarzit, rotem Schiefer und grauem Kalkstein erheben sich auf
seinen Ufern. Hier und da sind Basaltmassen in flüssigem Zustand
emporgedrungen und erstarrt. An einer solchen Stelle hat sich infolge
der Hitze Asbest gebildet, und unterhalb von Grand View Point sehen
wir an der Nordseite des Flusses ein kleines Nebental, das den Namen
Asbestos Canyon trägt.

Grand View Point ist ohne Zweifel das berühmteste und am meisten
besuchte Kap, das vom Coconinoplateau und vom Südrand des Gran Cañon
nach Norden vorspringt. Westlich davon gibt es eine ganze Reihe anderer
Kaps; alle sind zu Pferd oder zu Fuß zugänglich. Zwischen allen diesen
Kaps, die den Coconinosandstein und den Kaibabkalkstein vermissen
lassen und aus den älteren Supai- und Redwallformationen bestehen,
liegen kurze, steile Cañontäler. Jedes von ihnen hat einen „Creek“,
eine Abflußrinne des Regenwassers, und das eine und andere führt ein
aus Quellen entspringendes ständig fließendes Bächlein.

Vor Grand View Point gewahren wir im Norden ganz in unserer Nähe die
eigenartig gebaute Horseshoe Mesa, den Hufeisenberg. Sie gleicht einem
Hufeisen, dessen Bogen nach Süden liegt, und gehört dem Kalkstein der
Redwallformation an. Von meinen Führern darauf aufmerksam gemacht,
erkenne ich durchs Fernglas den kurzen, in zahllosen Windungen
laufenden Pfad Berry Trail oder Grand View Trail; nach Nordosten
und Norden führt er zum Hufeisenberg und von dort in schwindelnden
Absätzen zu dem Pfad, der auf dem Südufer am Fluß entlang, auf den
Sandsteinhängen der Tontoformation nach Westen geht, nach Indian Garden
und Hermit Cabins, zwei bekannten Stellen, die wir bald besuchen
werden. An der Horseshoe Mesa ist Kupfer zu finden.

Auch östlich von Grand View Point springt eine Reihe von Kaps nach
Norden vor. Von unserm Standort aus erblicken wir Three Castles und
Coronado Butte. Die letztere zeigt alle Formationen vom Tonto bis zum
Kaibab. In ihren Redwallmauern sehen wir die infolge der Zersetzung
des Kalksteins durch das Wasser entstandenen Aushöhlungen, die schon
erwähnten Nischen und Grotten. Was auf der Coronado Butte noch vom
Kalkstein übrig ist, gleicht seiner Form nach einem liegenden Kamel,
ein großartiges Monument auf einem Sockel von überwältigenden Maßen.

Weiter nach Osten reihen sich daran Moran, Zuni, Papago und Pinal
Point; alle stürzen in ungeheuer steilen, von Absätzen und Terrassen
unterbrochenen Hängen zum Fluß ab, der fast 1500 Meter unter ihnen
liegt. Dann folgt Lipan Point und schließlich Navaho Point oder
Desert View, das letzte Kap, ehe die Palisades of the Desert ihre
Linienführung nach Norden beginnen. In der gewaltigen Reihe der
Palisaden bemerken wir bis zum Cape Solitude hinauf nur ein Kap,
Comanche Point. Dieses ist leicht zu erkennen an seiner Gestalt
-- es gleicht dem Vordersteven eines Schiffes -- und an seinen an
der Palisadenmauer vorspringenden Abhängen, die an einen riesigen
versteinerten Wasserfall erinnern, schließlich an seiner Lage in der
Längsrichtung des Gran Cañon und seiner von keinem Pflanzenwuchs
verhüllten Nacktheit. Von den Palisaden habe ich mehrere Zeichnungen
gemacht; auf allen ist Comanche Point sehr deutlich zu sehen.

[Illustration: Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten.]

Was jedoch den Besucher von Grand View Point in erster Linie fesselt,
ist die geradezu phantastische und an wilder, großartiger Schönheit
unübertroffene Landschaft, die er im Norden erblickt. Dort sehen wir
im Hintergrund den gewaltigen Block des nördlichen Tafellandes, der
durch die tief eingeschnittene Talschlucht des Bright Angel Cañon
vom Kaibabplateau getrennt wird und Walhallaplateau heißt. Mit dem
Kaibabplateau hängt es durch einen verhältnismäßig schmalen Sattel
zusammen, eine Landenge mit Abgründen zu beiden Seiten. Auf seiner
Südfront ist das Walhallaplateau selbst tief gespalten durch das Tal
des Clear Creek. Nach dem östlich dieses Tals liegenden Teil des
Plateaus unternahm ich später einen meiner lohnendsten Ausflüge. Sein
südlichstes Kap ist das berühmte Cape Royal, das wir im Nordosten, uns
gerade gegenüber, erblicken. Rechts davon liegt Cape Final, das am
weitesten nach Osten vorspringende Kap des Walhallaplateaus.

Vom Cape Royal erstrecken sich nach Süden zwei Ausläufer von
seltsamster Form; sie gleichen gespaltenen Drachenzungen oder den
launenhaften malerischen Flammenzungen, mit denen die Chinesen in
ihrer Bildhauerei, Malerei und Textilkunst ihre Drachen zu umgeben
pflegen. Auf dem östlichen dieser Ausläufer erheben sich Freya Castle
und der schön pyramidenförmige Vishnu Temple, dessen Aufbau deutlich
erkennbar ist: zu unterst die Tontoabhänge, auf diesen die senkrechten
Redwallwände, darüber die Absätze und Terrassen der Supaigruppe und
zu oberst der Coconinosandstein mit seiner Haube aus Kaibabkalkstein;
dem Vishnu Temple vorgelagert ist im Südwesten der Krishna Shrine
und im Südosten der Rama Shrine, dem Kaibab und Coconino fehlen. Der
südwestliche Ausläufer des Cape Royal trägt das stattliche Massiv
Wotans Throne, das westnordwestlich von Vishnu Temple liegt. Dieses
Massiv ist weithin sichtbar. Südwestlich von Wotans Throne sehen wir
die wilden steilen Felsen, die den poetischen Namen „Engelpforte“,
Angel Gate, tragen.

Die große Einsenkung westlich des Clear Creek heißt Ottoman
Amphitheater; sie wird im Norden vom Walhallaplateau mit dem Kap Obi
Point und im Westen von den schon genannten stattlichen Pyramiden
begrenzt, die von ihm ausgehen und Devas, Brahmas und Zoroasters Namen
tragen. Westlich von ihnen haben wir wieder den Bright Angel Creek.
Wie ich bereits erwähnte, werden diese drei Tempel von der höchsten
Schichtlage gekrönt, dem Kaibabkalkstein, der auf dem mittleren Tempel
noch in einer Mächtigkeit von 122 Meter liegt.

Wie vorgeschobene Forts um eine Festung erheben sich also rings um
das Walhallaplateau in großartiger Sprachverwirrung und imposanter
Religionsvermischung das Walhall der nordischen und die Tempel der
indischen Götter und des Zoroaster brüderlich nebeneinander. Wir
dürfen uns damit trösten, daß wenigstens Thor Temple, westlich des
Cape Royal, und Wotans Throne, südwestlich davon, wirklich besser in
diese Nachbarschaft gehören. Aber einem Nordländer, der schon in seinen
frühen Schuljahren mit der Götterlehre seiner Väter ziemlich vertraut
war, und einem Asienreisenden, der das heilige Feuer in Zoroasters
Tempel hat brennen sehen, wochenlang an dem See, der Brahmas Seele
genannt wird, geweilt und Schiwas Paradies auf dem Gipfel des Kailas
umwandert hat, klingt diese, nur dem Klange der Namen nach pomphafte,
im übrigen aber willkürliche Nomenklatur alles andre als echt. Man
fragt sich, warum Götternamen der ältesten Religionen grade hier, auf
amerikanischem Boden, kunterbunt durcheinandergeworfen worden sind. Auf
ein und demselben Massiv finden wir Wotan, Thor und Freia im Verein
mit Wischnu, Krischna und Rama. Die ägyptischen Gottheiten sind die
nächsten Nachbarn der großen Religionslehrer Chinas. In keiner andern
Gegend der Erde ist ein geographischer Taufakt mit so wenig Pietät
vorgenommen worden. Namen wie Tovar, Powell, Navaho, Hopi, Kaibab,
Coconino sind hier ganz an ihrem Platz. Newton, Lyell, Huxley und
andere große Naturforscher mögen ruhig ihre Denkmäler in Stein an den
Ufern des Colorado erhalten. Namen, die bezeichnend sind für Form und
Gestalt, wie z.❁B. Scorpion Ridge, Three Castles, Horseshoe Mesa, für
Farben wie Red Canyon, für Minerale wie Asbestos Canyon, für Gesteine
wie Basalt Cliff, sind die besten; sie haben Sinn und Seele. Aber
diejenigen, die aus dem religiösen Leben fremder Völker und Erdteile
geholt worden sind, müßten ebenso rücksichtslos ausgerottet werden, wie
sie -- weiß Gott, von welchem Genie -- hierhergesetzt worden sind. Wo
sie durch echte, charakteristische und bezeichnende indianische Namen
ersetzt werden können, sollten solche statt der jetzigen eingeführt
werden. Und wo dies nicht möglich ist, mögen die natürlichen Tempel in
einsamer Majestät ihre Zinnen zu den ewigen Sternen erheben -- ohne
alle irdischen oder himmlischen Namen.❁--

Es ist 6 Uhr nachmittags; das Gemälde, das sich von El Tovar
aus vor uns ausbreitet, wird mit jeder Minute fesselnder und
prächtiger. Die Stunde der roten Farbtöne, der Abendröte und des
Sonnenuntergangs hat geschlagen. Die senkrechten Riesenmauern
treten in grellen, hellrubinroten Tönungen hervor, sie heben sich
scharf ab von dem dunkleren Graugrün der Halden und Steilhänge,
die von den Sonnenstrahlen nicht direkt getroffen werden. Von der
geraden Umrißlinie des Nordrandes strecken die Abendschatten ihre
scharfkantigen Keile zwischen Tempeln und Pagoden hinab und vereinigen
sich in der Tiefe des Tals mit dem Dunkel über dem Korridor des
Colorado. Ich sitze auf einer der Bänke auf der Terrasse vor dem Hotel
und bin nur durch eine niedrige zementierte Brüstung vom Abgrund
getrennt. Meine Aussicht umfaßt nur den Viertelkreis zwischen Nordosten
und Nordwesten, das übrige wird durch die beiden Vorsprünge Maricopa
Point und Grandeur Point verdeckt. Tief unter mir, im Nordnordwesten,
erhebt sich ein eigenartig geformter Fels, der den bezeichnenden Namen
The Battleship, das Kriegsschiff, trägt und eine Fortsetzung des
Maricopa Point ist. Er wirft seine Schatten auf die meisten Abhänge
südlich des Flusses.

[Illustration: Abendstimmung bei Navaho Point.]

Die prächtige Beleuchtung hält nicht lange an. Man würde nie dazu
kommen, sie zu malen, denn sie nimmt mit jeder Minute, die verstreicht,
neue, tiefere Farbtöne an. Das Karmesin wandelt sich in Hagebuttenrot,
dieses geht in Braun und schließlich in eine unsichere Farblosigkeit
über. Die Sonne ist untergegangen, und die Nacht tritt wieder ihre
Herrschaft über Arizona an.

Das Essen nahm ich mit meinen Freunden ein, die nicht müde werden, mir
neue Aufschlüsse über die Natur und das Leben um El Tovar zu geben.
Sie erzählen, daß man mit den Kühlmaschinen des Ortes 10 Tonnen Eis
am Tag herstellen kann und daß ganze Züge mit Wasser täglich 270
Kilometer weit zum Hotel gebracht werden. Dieses Wasser dient nicht nur
zum Trinken und Kochen, sondern auch zum Tränken von 130 Maultieren
und einer beträchtlichen Zahl von Pferden, zum Waschen, Baden, zur
Bewässerung und vielem andern. Ein recht großer Apparat ist nötig, um
die menschlichen Zugvögel zu bedienen, die bei El Tovar einfallen. Im
Jahre 1921 betrug die Zahl der Besucher 57000, im Jahre 1922 schon
85000, und in dem laufenden Jahre war sie noch im Steigen.

Jeden Abend um 8 Uhr wird zur Belehrung der Gäste in dem Musikzimmer
von El Tovar ein durch Diagramme, Tabellen und Photographien
erläuterter Vortrag gehalten. Ein solcher Vorbereitungskurs ist sehr
nützlich und wertvoll. Im großen ganzen ist das Thema stets das
gleiche; das tut jedoch nichts, da die Zuhörer ständig wechseln. Auch
andere Vorträge und Unterhaltungen werden von Zeit zu Zeit denen
geboten, die ohne Kino oder Musik nicht leben können und denen das
prächtige Schauspiel nicht genügt, das sich in der Tiefe unter ihnen
entrollt.




Sechstes Kapitel.

Nach Hermit Cabins.


Am Morgen des 16. Juni war es um 8 Uhr ordentlich kalt, und noch um
½10 Uhr hatten wir nur 12,2 Grad Celsius. Die Touristen waren sämtlich
schon auf; sie saßen an ihren Frühstückstischen, packten ihren Proviant
und machten sich für ihre verschiedenen Ausflüge im Auto oder zu Pferd
fertig. Der Himmel war fast ganz mit Wolken überzogen, und es war sehr
windig. Mit den Herren Birchfield, Kemp und Bryn und unserm Führer,
dem Cowboy Sandy MacLean, nahm ich in einem Auto Platz und fuhr auf
dem Weg, den ich bereits kannte, dem Hermit Rim Road zu, an Pima Point
vorüber durch den Wald zu den zwei kleinen Holzhäuschen von Hermit
Rest und weiter an den Punkt, der Head of Hermit Trail heißt. Von
hier geht der eine der beiden gewöhnlich benutzten Wege aus, die zur
Tiefe des Gran Cañon und zum linken oder Südufer des Coloradoflusses
hinabführen. Unser nächstes Ziel, Hermit Camp, liegt in gerader Linie
kaum 2,5 Kilometer nördlich des Ausgangspunktes. Wenn man jedoch
erfährt, daß der Weg 12 Kilometer lang ist und 3½ Stunden im Sattel
erfordert, kann man verstehen, daß er gewaltige Krümmungen macht und
nach allen Himmelsrichtungen läuft. Man reitet auch zunächst nach Süden
und Südwesten, um dann nach Norden und Nordosten und schließlich nach
Westen und Süden abzuschwenken. Der Pfad führt uns der Reihe nach durch
die fünf gewöhnlichen Formationen, Kaibabkalkstein, Coconinosandstein,
roten Sandstein und Schiefer der Supaiformation, Redwallkalkstein,
und endet auf den sanfteren Hängen der Tontogruppe. Man hat also
Gelegenheit, die verschiedenen Gesteine, die man bisher nur vom Rand
aus gesehen hat, aus der Nähe kennenzulernen.

Mit guten Augen oder mit Hilfe des Fernglases erblickt man von Head
of Hermit Trail das Ziel des heutigen Rittes, Hermit Camp, 1097 Meter
unter seinen Füßen. Es scheint ganz nahe. Im Gleitflug könnte man es
im Flugzeug in ein paar Minuten erreichen. Beschwerlicher ist es, die
jäh abfallenden Steilhänge auf einem Maultier hinabzureiten, über
dessen Kopf man bisweilen an den abschüssigsten Stellen einen Salto
mortale machen kann, wenn man nicht sicher in den Knien ist. Doch die
Maultiere sind merkwürdig zuverlässig und straucheln nie. Nur haben
sie die unangenehme Neigung ihres Geschlechts, am äußersten Rand des
Abgrundes zu gehen. Wenn ein Maultier nicht „broken“, d.❁h. gezähmt,
und an den Weg und dessen Überraschungen gewöhnt ist, kann schon ein
Steinblock, ein Busch oder ein entgegenkommender Wanderer es dazu
bringen, daß es scheut und sich mit der Schnelligkeit einer Sprungfeder
nach der Seite wirft. Bei dem heftigen Wind, der an den Felsenecken wie
Peitschenschläge klatschte und knallte, riet Sandy uns aufzupassen, daß
uns nicht die Hüte wegflögen; denn in diesem Falle würden die Maultiere
etwas wild werden, versicherte er. Ich selbst hatte keinen Grund, zu
klagen, aber Sandys eigenes Maultier war recht aufgeräumt und scheute
beim geringsten Anlaß.

[Illustration: Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden.

Die Sonne steht im Westen.]

Unsere Reittiere standen bei Head of Hermit Trail schon bereit; wir
saßen auf und begannen den Abstieg. Es war 11¼ Uhr, die Temperatur
war auf 13,5 Grad Celsius gestiegen. Der Pfad läuft auf der rechten,
der Ostseite des Hermit Basin genannten Einschnitts entlang, eines
kleinen Seitencañons des Colorado, und fällt gleich von Anfang
an recht beträchtlich. Nach einer halben Stunde befinden wir uns
bereits 250 Meter unterhalb des Randes, haben The White Zigzags und
den Kaibabkalkstein hinter uns und sind in die Sandsteinschicht der
Coconinoformation eingetreten.

Nach weiteren zehn Minuten sind wir 335 Meter tief gekommen und reiten
zwischen lichtstehenden Wacholdern und Kiefern. Eidechsen huschen
über die Steine, und hier und da ist eine Jukka oder Palmlilie auf
hohem Stengel zu sehen. Bei jeder Biegung des Pfades verändert sich
die Aussicht. Man ist daher ständig in gespannter Aufmerksamkeit, man
staunt beim Anblick dieser malerisch wilden roten Mauern, die neben
unserm Weg aufragen, und es schwindelt einem bisweilen, wenn man nur
einen Schritt bis zum Rand hat, von dem es steil oder senkrecht zur
Tiefe des Hermit Basin hinabgeht.

Neben dem Pfad stehen zwei kleine Hütten, die den Wegarbeitern, den
„Hermit Basin Trailkeepers“, als Unterschlupf dienen. In zahllosen
Zickzacklinien, die oft nicht mehr als doppelt so lang wie das Maultier
sind, steigen wir in die roten Geheimnisse der Sandsteinschichten der
Supaiformation hinab, die die rastlose Erosion des Colorado und des
Hermit Creek enthüllt hat. Der Hermit Creek, dessen Sohle wir uns
nähern, hat in seinem tiefsten Teil eine Abflußrinne, Hermit Gorge, die
jetzt zur Linken zu sehen ist.

Unser Weg führt an vorspringenden Dächern und Leisten roten Sandsteins
vorüber, ja bisweilen auch darunter durch, und an jeder neuen
Felsenecke, an der wir vorbeikommen, öffnet sich ein neues Bild von
berückender architektonischer Schönheit. Wie oft möchte man nicht
stehenbleiben, um eine Skizze zu zeichnen oder mit dem Pinsel diese
farbensatten Gemächer im Innern der Erde wiederzugeben, die sich nur
nach dem unendlichen Schlund des Cañon öffnen.

Stachlige Sträucher und andere Pflanzen gedeihen hier und da zwischen
den Steinen, aber die Bäume lichten sich und werden nach der Taltiefe
zu immer seltener. Der Wind springt an den Felsenecken um und heult;
mitunter schwankt man im Sattel. Wir kommen an einer Gruppe Touristen
vorüber. Unter den Tritten der Maultiere wirbelt der Staub auf, und
graue Wolken umtanzen uns, solange wir durch den grauen Kalkstein
reiten; sie gehen in Rot über, als wir die Region des roten Sandsteins
betreten.

Um 12¼ Uhr rasten wir bei Santa Maria Spring. Hier steht eine kleine
hölzerne Schutzhütte mit grünem Dach, unter dem wir uns auf den Bänken
rings um einen Tisch niederlassen und unsere in den Satteltaschen
verwahrten Pappschachteln vornehmen, die belegte Brote, Eier, Gebäck,
Äpfel und Apfelsinen enthalten. Die Quelle, deren feiner lauer Strahl
zu allen Jahreszeiten die gleiche Stärke hat, tritt im Innern der Hütte
zutage; vom Quellbecken wird das Wasser in einen langen Blechtrog
weitergeleitet, an dem sich die Maultiere satt trinken können.

Bei Santa Maria Spring befinden wir uns 490 Meter unterhalb des Randes,
während die Temperatur auf 19,5 Grad Celsius gestiegen ist. Man fühlt,
daß man sich auf dem Weg in ein ganz anderes Klima befindet, als dort
oben herrscht; der Wind, der an den Felsvorsprüngen klagt und pfeift,
wird immer wärmer. Gerade hier trennt uns eine scharf gezeichnete
Kulisse vom Hermit Creek.

Nach einer halbstündigen herrlichen Rast steigen wir wieder in den
Sattel. Fast zwanzig Minuten lang halten wir uns auf ungefähr gleicher
Höhe, d.❁h. 518 Meter unter dem Rand, oder fallen nur 30 Meter. Wir
reiten auf den leicht vorstehenden Schichtenköpfen wie auf einem
Wandbrett. Bisweilen geht es sogar bergan. Dann umsegeln wir malerische
vorspringende Ecken und werden von dem gewundenen Pfad in keilförmige
Einschnitte zwischen hohen wilden Kulissen hineingeführt, um im
nächsten Augenblick wieder an ein scharf herausgemeißeltes Vorgebirge
zu kommen, das dem Strebepfeiler einer Kirchenwand gleicht. Und wie
vorhin ist es bei jeder Biegung, als würde ein Vorhang beiseitegezogen,
um uns eine neue Perspektive von staunenerregender Schönheit zu zeigen.
Das Bild vor uns im Norden ist nicht weniger großartig. Durch das
Mündungstor des Hermit Cañon sehen wir in blasseren Farben den großen
Cañon und in der Ferne seine senkrechte Nordwand in rötlichen und
graugrünen Tönungen mit dunklen wagerechten Schattenleisten.

Um ½2 Uhr sind wir genau 610 Meter tief gekommen und passieren den
Rücken des ungeheuren Vorsprungs, dessen äußerstes Kap unmittelbar
südlich von Hermit Cabins aufragt und dem Denkmal auf dem Grabe eines
Riesen gleicht. Eine Weile verdeckt das Vorgebirge wie ein Wandschirm
den Hermit Creek im Westen; nach Norden dagegen hat man vom Lookout
Point freie Aussicht. Ein kleiner Seitensteig zweigt hier nach links
ab und führt zu einer Wegarbeiterhütte. Von Zeit zu Zeit sind auf
kleinen Holztafeln oder auf flachen leicht sichtbaren Steinblöcken
die Höhenziffern angegeben, so daß man stets weiß, wie tief man schon
gekommen ist und wie tief man noch bis Hermit Cabins kommen wird.

[Illustration: Hopi-Indianer.]

Nach weiteren zehn Minuten reiten wir an Last Chance Spring vorbei und
haben eine Weile später eine über hundert Meter hohe senkrechte, zum
Teil überhängende Felswand zur Rechten und den senkrecht abstürzenden
Abgrund, den Kalkstein des Redwall, zur Linken. Wir sind 640 Meter
hinabgestiegen und müssen noch 460 Meter tiefer hinunter.

Hermit Camp tritt jetzt zur Linken deutlich hervor und bleibt, von
ein paar kleinen Unterbrechungen abgesehen, die ganze Zeit sichtbar.
Es leuchtet wie eine Oase, wie ein frischer grüner Fleck in der
graugelben Landschaft dort unten, wo die weniger steilen Geländewogen
der Tontogruppe ihre glockenförmigen Rücken wölben und zu den dunklen
Regionen des Granits abfallen. Scharf und klar sind die kleinen weißen
Hütten mit ihren grünen Dächern zu sehen und der helle gewundene Pfad,
der zu ihnen hinabführt.

Wir steigen noch etwa 30 Meter zum Breezy Point hinunter und sind
jetzt an dem 150 Meter mächtigen, senkrechten Redwall, der ein völlig
unübersteigbares Hindernis auf unserm Weg wäre, wenn seine Mauer
nicht in dem innersten Winkel seines Einschnitts durch den schroffen
Fall eines Schuttkegels unterbrochen wäre. Auf seiner Oberfläche
läuft der Pfad in zahllosen kurzen, abschüssigen, spitzwinkligen
Zickzackbiegungen, den sogenannten Cathedral Stairs, obgleich man nach
einer Kathedrale mit so unbequemen Stufen suchen könnte. Wenn man den
Anfang dieses schwindelnden Steilhangs erreicht, glaubt man, der Weg
höre auf und der Blick verliere sich in unerreichbaren Tiefen. Wenn man
sich an einer dieser Krümmungen befindet, sieht man bisweilen nicht
einmal die nächsten unter sich. Trotz des Vertrauens, das man in die
Sicherheit des Maultiers setzt, zieht man es hier vor, zu Fuß zu gehen.

Leider ging der Wind so heftig, daß wir nur ein paar Aufnahmen machen
konnten. Sonst -- es war so gedacht gewesen -- hätte ich nur auf
eine Aussicht oder eine Bergpartie zu zeigen brauchen, damit sie zur
Erinnerung an meine Wanderung im Bild festgehalten wurde. Aber ich
erhielt später ganze Stöße von Photographien vom Gran Cañon, wenn auch
nicht alle auf meine Wege und meine Erlebnisse Bezug hatten. Ein paar
Aufnahmen machten wir jedoch auf den „Kathedralstufen“ und an ihrem Fuß.

Nachdem wir Cope Butte, einen nach Norden gerichteten schmalen, scharf
gezeichneten Ausläufer aus Redwallkalkstein, hinter uns gelassen und
die steilen Hänge hinabgeklettert sind, beginnt „The Long Drag“, wo
wir auf den Geländewellen des Tontoschiefers langsam absteigen. Ein
gewundener Teil des Wegs heißt „The Serpent“; an seinem Fuß sind wir
schon 945 Meter unter der Hochfläche und steigen in den nächsten sieben
Minuten weitere 90 Meter hinunter. Hier wachsen Kakteen zwischen
herabgestürzten Blöcken. Einige Minuten später öffnet sich vor uns die
prächtige Aussicht nach Süden durch den wilden, engen, dunklen Cañon
des Hermit Creek, und schließlich, kurz vor 3 Uhr, sind wir am Ziel.

Wir waren also während des 3½ Stunden langen Rittes 1097 Meter
tief gekommen und befanden uns bei Hermit Camp 975 Meter über dem
Meeresspiegel.

Hermit Camp oder Hermit Cabins ist ein kleines Dorf in der öden
Tiefe des Gran Cañon. Das Zepter in diesem „Dorf“ führen Herr Poquett
und seine Frau, eine geborene Jonsson, die von schwedischen Eltern
abstammt, aber nie die Sprache ihres elterlichen Heimatlandes gelernt
hat. Ihr Vater ist ein vierundsechzigjähriger Farmer in Wisconsin. Frau
Poquett war nach einer schweren Krankheit und Operation so herunter
gewesen, daß sie fast dem Tode verfallen schien; aber nachdem sie jetzt
zwei Jahre in Hermit Camp zugebracht hat, hat sie ihre Gesundheit
wiedergewonnen, was sie dem Klima zuschreibt.

Wer Herrn und Frau Poquett in die Hände fällt, leidet keine Not. Ich
verbrachte in ihrer kleinen Oase zwei unvergeßlich herrliche Tage. Des
Reitens entwöhnt, zumal schwindlige Steilhänge Hals über Kopf hinab,
war ich anfangs ziemlich steifbeinig, erholte mich aber bald wieder.

Den Mittelpunkt des kleinen Dorfes bildet Poquetts Häuschen mit der
Küche und das Speisehaus, in dem die Gäste ihre Mahlzeiten gemeinsam
einnehmen. Daneben stehen die Vorratshäuser; sie sind mit allem
Nötigen stets gut versehen und werden von Zeit zu Zeit von kleinen
Karawanen aufgefüllt, die von El Tovar hinabgeschickt werden. Hühner,
Konserven, Brot, Früchte, erfrischende Getränke und anderes mehr sind
die wichtigsten Lebensmittel. Hühner gibt es am Ort selbst; gegenwärtig
werden 400 Hühnchen gemästet, damit sie in einem Monat für die Tafel
reif sind. Ein Gemüsegarten wird sorgfältig gepflegt, ein lichter
Pappelhain spendet dem Dutzend kleiner Häuser etwas Schatten. Der
kalkhaltige Boden ist unfruchtbar und muß gedüngt werden, damit die
Saat wächst. Es ist das Berieselungswasser aus dem Hermit Creek, das
die kleine Oase aus dem sonst fast wüstenartigen Boden hervorgezaubert
hat.

[Illustration: Hopi-Indianer.]

Mit El Tovar steht man in Telephonverbindung und kann daher neue
Vorräte rechtzeitig bestellen. Jede Gruppe von Reisenden, die nach
Hermit Camp hinabkommt, hat ihren Führer; dieser bringt auf einem
Maultier frisches Fleisch und Eis mit. Als man Anfang des Jahres zwölf
Tonnen Kohlen hinunterschaffte, hatten täglich zwanzig Maultiere einen
ganzen Monat zu schleppen. Die Wäsche -- Bettzeug, Tischtücher und
dergleichen -- wird mit zurückkehrenden Gesellschaften nach El Tovar
hinaufgeschickt.

Unmittelbar unterhalb des Speisehauses liegen die Unterkunftshütten,
„Cabins“, in einer Reihe mit einer gemeinsamen Veranda. Hier steht eine
Tonne, die stets mit frischem Trinkwasser gefüllt ist. In dem Duschraum
kann man, wann es einem beliebt, seinen Körper äußerlich abkühlen. Der
Ausruheraum vor den Hütten hat eine Veranda, die nach der schönsten
Aussicht im Tal hinausgeht. Man stemmt die Füße gegen die Brustwehr
und verträumt hier in bequemen Liegestühlen gern eine Stunde, wenn die
Sonne untergeht.

Eine Reisegesellschaft, zwei junge Herren und zwei junge Damen aus Los
Angeles, hatte es sich schon bequem gemacht. Während diese zum Colorado
hinabritten, nahm ich meine Behausung in Augenschein. Ich hatte mich
entschlossen, ein paar Tage hier zu bleiben, um die neuen wunderbaren
Bilder, die sich auf allen Seiten darboten, in aller Ruhe genießen zu
können und nicht wie andere Besucher nur einen Gewaltritt zum Fluß zu
machen.

Meine Hütte enthält ein Zimmer mit Bett, Waschtisch, Kommode, Tisch und
ein paar Stühlen sowie einem eisernen Ofen -- denn selbst im Winter
wird der Gran Cañon besucht, wenn auch nur von wenigen Reisenden.
Meine Veranda ist auf den drei Außenseiten von Moskitonetzen aus
feinstem Draht umgeben und gleicht einem Geflügelkäfig. Man ist also
sicher vor Fliegen, Mücken, Nachtfaltern, Klapperschlangen und andern
Tieren, die sich in der Oase heimisch gemacht haben. Herr Poquett hat
in seinem Reich schon drei Klapperschlangen getötet. Auch Skorpione
sollen vorkommen, obgleich sie sich, merkwürdig genug, erst während
der Regenzeit Ende Juli und August zeigen. Auf der Veranda stehen zwei
Betten; es ist selbstverständlich, daß man in der warmen Jahreszeit
hier die Nacht verbringt.

Bei herrlichem Sommerwetter (25,2 Grad um ½4 Uhr und 24 Grad um 6 Uhr),
unter einem merkwürdig klaren, türkisblauen Himmel und beim Brausen und
Sausen kräftiger, aber lauer Windstöße verfloß mein erster Nachmittag
in Hermit Cabins. Zuerst zeigte mir Herr Poquett seine Menagerie, deren
Tierbestand recht bescheiden, aber höchst ungewöhnlich war: einige
große weiße Mäuse, Albinos, mit rubinroten Augen, zwei rabenschwarze
Katzen und ein gelber Rattenpinscher namens Rock. Sie lebten in bestem
Einvernehmen miteinander, die Katzen spazierten mit den Mäusen auf
dem Rücken vorsichtig umher, und Rock fühlte sich nicht im geringsten
versucht, von seiner starken Übermacht Gebrauch zu machen. Die
Katzen schienen ihm jedoch nicht zu trauen, denn als er kam und sie
beschnupperte, wollten sie beißen.

Darauf nahm ich auf der Veranda Platz und betrachtete die prächtige
Gebirgslandschaft. Jetzt, da die sonst in immer dichteren Schatten
verschmelzenden Hänge, Kämme und Zacken von den Strahlen der
untergehenden Sonne getroffen wurden, leuchtete sie in leichten, roten
Farbtönen. Im Nordwesten hatte ich die mächtigen Ausläufer vor mir,
die von Mesa Eremita, einem Teil des Südrandes, ausgehen, und deren
Schuttkegel zum Granitkorridor des Flusses abfallen. In Nordnordwesten,
jenseits der Coloradoschlucht, erhebt sich ein schön gezeichnetes,
dem Nordrand, und zwar der Gegend um den Mencius Temple, angehörendes
Massiv. Im Norden ist ein Gipfel zu sehen, der Cathedral Spire heißt
und wirklich der Ruine einer Kirche mit Turm und Schiff gleicht. Hinter
mir hatte ich die herrlich beleuchteten Felsen, deren höchster Punkt
Pima Point ist. Dort traten jetzt in stark goldgelben Tönungen zwei
ungeheuere Kalksteinstufen hervor, unter denen drei weitere Stufen
aus ziegelrotem Sandstein liegen. Die Stufen selbst sind senkrecht,
aber die Zwischenräume zwischen ihnen sind schräge steile Hänge, die
Vegetation tragen und recht stark ins Grüne spielen. Auf dem untersten
von meinem Standort aus sichtbaren Abhang läuft unser Weg unterhalb der
„Kathedralstufen“.

Das Schönste von allem, was man von Hermit Camp aus erblickt, ist
jedoch die durch die Erosion in kräftigen und architektonisch
vollkommenen Linien und Formen herausgemeißelte Bergspitze des Hermit
Peak, als deren Wurzel im Südrand man die Gegend um den Head of Hermit
Trail bezeichnen kann. Sieht man sie von der Seite, von Osten oder
Westen, so nimmt sie sich wie ein langgestreckter Wandschirm aus. Von
Hermit Camp dagegen stellt sie sich in der Verkürzung dar und gleicht
einer wunderbar malerischen Turmspitze, die sich auf einer Pyramide
mit gewaltigen Stufen erhebt. Am frühen Morgen ist der schmale Giebel
grell von der Sonne beleuchtet, während die ganze westliche Langseite
zu einem kompakten Schatten zusammenschmilzt, in dem die feinen
Einzelheiten verschwinden. Nicht weniger fesselnd zeichnet sich
das großartige Bergmassiv am Nachmittag ab, wenn die ganze westliche
Langseite sich im Purpurglanz der sinkenden Sonne badet und der nach
Norden gerichtete Giebel im Schatten liegt. Dann wird die feine
senkrechte Skulptur der Stufen vom Dunkel verschluckt. Nur wenn die
Sonne zur Rüste gegangen und die Nacht gekommen ist, verschwindet
das ganze erhabene Gebilde. Sonst nimmt der Hermit Peak zu allen
Tageszeiten und bei allen Beleuchtungen einen der ersten Plätze unter
den Erosionserscheinungen ein, an denen der Gran Cañon so reich ist.

[Illustration: Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang.]

Bei El Tovar gibt es ein sogenanntes Hopi-Haus, ein aus ungebrannten
Lehmziegeln im reinen Indianerstil erbautes Haus. Es soll den
Touristen ein Bild davon geben, wie die Hopi-Indianer heute wohnen
und wie ihre Väter vorzeiten gewohnt haben. Im Erdgeschoß hausen ein
paar Hopifamilien; sie bereiten ihr Essen, wiegen ihre Kinder und
verfertigen allerlei indianische Handarbeiten. Auf dem Hof vor dem
Hause führen die Indianer jeden Nachmittag ihre alten Tänze auf, in
jener kriegerisch malerischen Ausstattung, deren wir uns aus Coopers
Indianergeschichten erinnern. Die Touristen stehen im Kreis herum oder
schauen vom Dach des Hopi-Hauses zu. Wenn die Indianer ihr Programm
erledigt haben, gehen sie herum und kassieren ihr Entgelt ein; sie
haben aus dieser täglichen Vorführung offenbar ganz gute Einnahmen.

Meine gastfreien Freunde waren auf den Einfall gekommen, mir eine
gelungene Überraschung zu bereiten, die schon an diesem ersten Abend
von Stapel gehen sollte. Der Hopihäuptling von El Tovar, Joo Secakuku,
„Die gelben Füße“, hatte den Auftrag erhalten, sich nach der gewohnten
Nachmittagsvorstellung mit dreien seiner Stammesgenossen nach Hermit
Camp herabzubemühen, um mir etwas vorzutanzen und vorzusingen. Sie
kamen auch. Dieselbe Strecke, die wir in 3½ Stunden hinabgeritten
waren, hatten sie in 1½ Stunden im Laufschritt zurückgelegt. Es wäre
keine Kunst, Zeit zu gewinnen, wenn man Richtwege benutzen dürfte,
die die wilden Krümmungen abschnitten. Aber das ist streng verboten,
da Steine sich lösen und herabrollen und andere Wanderer verletzen
könnten. Joo Secakuku und seine Gefährten mußten daher dem Weg in allen
seinen Windungen folgen. Ihre Kleidung war ihnen bei ihren Bewegungen
nicht hinderlich, denn sie trugen nur eine Stirnbinde, ein dünnes
Gewand, das lebhaft an Badehosen erinnerte, und Mokassins. Sie liefen
in gleichmäßigem, sicherem Zotteltrab, atmeten, ohne sich anzustrengen,
und kamen auch in bester Verfassung in Hermit Camp an.

Zuerst erhielten sie ein recht ausgiebiges Essen, das sie zwei volle
Stunden beschäftigte. Sie aßen und tranken, plauderten, lachten und
sangen und machten einen schrecklichen Lärm. Beim Schein einer Laterne,
die uns den Weg zeigte, stiegen wir um 10 Uhr abends in den Grund des
Hermit Creek, des hohlwegartig engen Seitentals, hinab. Dabei kamen
wir an der Höhenmarke vorüber, deren Zahl verrät, daß wir uns 1250
Meter unterhalb des Hochrandes befanden. Von hier hatten wir nur noch
20 Meter bis zu der kiesigen Sohle der Schlucht, in der schon ein
riesiges Feuer flammte und seinen roten Schein auf die senkrechte oder
überhängende Sandsteinwand warf: ein wirkungsvoller Hintergrund zu dem
Schauspiel, dem wir beiwohnten.

[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado
aufwärts.]

Auf einem kleinen offenen Fleck am Ufer des Quellbaches, auf allen
Seiten von dem undurchdringlichen nächtlichen Dunkel umgeben, tanzten
die Indianer ihre alten Tänze. Phantastisch wild und echt sahen sie
beim Feuerschein aus, und ihre Tänze wirkten bezaubernd. Man konnte
sich in die Zeit versetzt denken, ehe Amerika von den Weißen entdeckt
worden war, als die Rothäute in Arizona und an den Ufern des Rio
Colorado noch in Freiheit lebten und keine andern Feinde hatten als die
umwohnenden Stämme. Unbezwingbare Wehmut lag über diesem wunderbaren
Bild, und mich beschlich ein beklemmendes Gefühl von Sympathie für
diese letzten Trümmer eines stolzen herrlichen Volkes, das verdrängt
und erstickt wird und ausstirbt. Ihren Gesang begleiteten sie mit einer
Trommel und ein paar Klappern. Joo Secakuku erklärte die Bedeutung der
Lieder und Tänze in tadellosem Englisch. Alles ging jedoch so schnell,
daß ich mit meinen Aufzeichnungen nicht recht nachkommen konnte.
Ich muß mich hier mit einigen Andeutungen begnügen, die Kenner der
sterbenden indianischen Kultur mehr als mager finden dürften.

Der erste Tanz, den Joo „Kachina“ nannte, war den Naturkräften
gewidmet. Aus allen Erklärungen Joos ging hervor, wie tief die
Ehrfurcht vor der Natur und ihren geheimen Kräften noch heute in dem
Bewußtsein der Indianer wurzelt, obwohl die Berührung mit der weißen
Christenheit zersetzend eingewirkt hat auf das Vertrauen vieler,
wahrscheinlich der meisten von ihnen, zu den religiösen Anschauungen
ihrer Väter. Doch soll es nach wie vor Stammeslieder geben, die nach
dem, was Joo erzählte, nicht vor Fremden, sondern nur innerhalb des
Stammes gesungen werden dürfen. Was den Häuptling selbst betrifft, so
bekam ich den Eindruck, daß er noch an dem alten Glauben festhielt;
daß er es jeden Nachmittag bei El Tovar und heute nacht im Hermit
Creek über sich gewann, vor Fremden aufzutreten und zu tanzen und zu
singen, geschah einzig und allein des Verdienstes wegen. Es wäre ja
nicht zu verwundern, wenn sich die letzten Trümmer der schwächeren
Rasse widerstandslos von dem Strom hinwegführen ließen, der „die Jagd
nach dem Dollar“ heißt und an dessen Ufer die weiße Christenheit ihrer
höchsten Gottheit, dem Mammon, Tempel erbaut hat.

Im Schein der roten Flammen, während rote Farbenfelder über die
Felswände zogen, vollführten die Indianer den „Frühlingstanz“, eine
Huldigung an die vier Himmelsgegenden und an die gelben Wolken aus
dem Norden, an die grünen Wolken aus dem Westen, an die roten aus
dem Süden und die weißen aus dem Osten, die Regen bringen und den
Menschen Getreide und Früchte schenken zum Lebensunterhalt. Gutgebaut,
abgehärtet und wettergestählt waren die Tänzer, kupferbraun ihre Haut,
aber jetzt trugen sie ihre charakteristischen Trachten in bunten
Farben, ihre Schmucksachen und Halsbänder, ihre federgeschmückten
Stirnbinden und ihre schönen Waffen, deren Ahnen in einer Zeit zu
suchen sind, die im Dunkel der Sage verschwindet.

Die Niederschläge spielen wie bei den Völkern des Morgenlandes
so auch bei den Indianern eine wichtige Rolle. Gewisse Tänze und
Lieder scheinen eine fromme Beschwörung zu enthalten, um den
Regen herbeizulocken, eine inständige Anrufung und Bitte an die
Geistermächte, die darüber zu bestimmen haben. Das „Schmetterlingslied“
singt und sagt von regenschweren Wolken mit Blitz und Donner, von
befruchtenden Schauern, die alles keimen und die Wassermelonen
schwellen machen. Dann tanzen Knaben und Mädchen und stimmen ihre
Danklieder an für den Wohlstand und das Glück, die den Menschenkindern
durch die Niederschläge geschenkt worden sind. Joo erzählt, daß der
„Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen“ der Freude
Ausdruck gab, die die Jungen wie Alten darüber empfanden, daß die
gelben, grünen, roten und weißen Wolken wohlwollend und segenspendend
waren.

Mit kräftig klingender Stimme und einem breiten Lächeln um den Mund
hielt Joo vor jedem Tanz und Lied seine kleine Rede. Königlich gerade
und selbstbewußt, wie es einem Häuptling geziemt, stand er da und
sprach mit Kraft und Überzeugung, als wollte er, daß wir den tiefen
Sinn dieser Worte und Bewegungen verstünden und was sie ihm und seinem
Volk bedeuteten. Seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen, seine
Zähne wie Schnee, sein Gesicht und seine Arme wie Kupfer. In seiner
Stimme glaubte ich jedoch einen Unterton von Wehmut zu hören. Er muß
eine atavistische Empfindung davon gehabt haben, daß diese Abendstunde
und die ganze Umwelt echt waren. In derartigen tief eingeschnittenen,
verborgenen Talschluchten hatten vielleicht seine Väter gewohnt. Die
gleichen Feuer hatten an den Lagerplätzen gebrannt, wo sie ihre Tänze
aufführten und ihre Gesänge widerhallen ließen. Der gleiche rote Schein
hatte in einer fernen Vergangenheit die Felsenspalten überzogen wie das
Erröten die Wangen eines Mädchens. Und der Bach, der jetzt den fremden
Namen Hermit Creek trägt, murmelte heute nacht noch ebenso melodisch
wie in jenen entschwundenen Zeiten, als die Rothäute in ungestörter
Freiheit Pumas in den Schluchten und Büffel oben auf den Prärien
jagten. Joo Secakuku freute sich der Welt von Erinnerungen, die wie
Gespenster aus dem nächtlichen Dunkel rings um das Feuer aufstiegen,
er sprach mit Begeisterung, er sang mit Wärme und tanzte, als wenn der
lange steinige Weg von El Tovar eine Kleinigkeit gewesen wäre.

[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach
Südsüdwesten.]

Bald zeichneten sich die Tänzer als schwarze Umrisse gegen die Flammen
ab, bald zeigten sie sich in scharfen Formen, zur Hälfte beleuchtet vom
Feuerschein, zur Hälfte verdunkelt vom Schatten, bald wieder hoben sich
ihre Gestalten hell und rot von dem dunklen Hintergrund ab, und ihre
Schatten tanzten wie riesige Gespenster auf der Felswand.

Anmutig, weich und elegant wie der Tanz der Frauen in Samarkand,
Dehli oder Kioto oder der Männer in Kaukasien ist dieser Tanz nicht.
Er ist vielmehr eckig, wild und hastig. Die Indianer schleichen,
ducken sich, kauern sich zusammen wie Katzen, schnellen empor,
werfen sich zum Sprung nach vorn, drehen sich herum und stoßen ein
durchdringendes Geheul aus. Während die orientalischen Tänze in
Träume wiegen, berauschen und in unbekannte Länder führen, fesselt
der Indianertanz in einer ganz andern Weise: man ist aufs äußerste
gespannt, läßt sich keine Bewegung entgehen und fragt sich stets, was
im nächsten Augenblick kommen soll. In Ladak und bei den Afridis und
andern nordindischen Völkern kann man Tänze sehen, die an die der Hopi
erinnern. Die Beschwörungstänze in tibetischen Klöstern sind jedoch
anderer Art; dabei stehen die Tänzer und hüpfen bald auf dem rechten,
bald auf dem linken Bein, drehen sich im Kreis herum, daß ihre Mäntel
Pilzen gleichen, und fuchteln mit Armen und Beinen herum.

Der Häuptling des Stammes und der Oberpriester bestimmen den Zeitpunkt
für die alljährlich wiederkehrenden Tänze, die von dem Stand der
Sonne und den Phasen des Mondes abhängen. Joo ahnte kaum, wie recht er
hatte, als er ausrief: „Unsere Tänze sind ernst, euere nur Spiel und
Zeitvertreib.“

Die Tänze der Indianer haben Inhalt, Absicht und Zweck. Sie sind
religiöse Handlung, Mittel, die Natur und ihre unbekannten Mächte zu
verehren und anzurufen. Der „Büffeltanz“ der Hopi-Indianer, den wir
jetzt sahen und der sonst in den Herbst gehört, bedeutet eine Bitte um
reiche Jagdbeute und viel Schnee im kommenden Winter; denn die Dörfer
und Farmen des Stammes liegen in der Painted Desert, und ihr Wohlstand
hängt von den Niederschlägen und dem Vorrat ab. Die Tänzer sind
hierbei als Büffel angeputzt mit Fell und Hörnern, und ihre Sprünge
und Bewegungen erinnern an die des Büffels. Nachdem die verschiedenen
Abteilungen des Tanzes erledigt sind, schreitet man zum Heiligtum, um
den Naturkräften Opfer und Verehrung darzubringen.

Dem „Adlertanz“ folgte ein „Kriegstanz“. Joo erklärte dazu, die
Hopi-Indianer seien friedlich gesinnt, aber in früheren Zeiten hätten
sie in der Notwehr tapfer gekämpft, wenn sie angegriffen worden seien.
Daher hätten sie auch ihre Kriegsgesänge. „Aber fragt die Navahos und
die Apachen,“ fügte er hinzu, „ob der Hopistamm nicht friedliebend ist.“

Er erzählte von religiösen Vorstellungen und Bräuchen, die uns dunkel
sind, von Geistern und ihrer Zaubermacht und von dem „Schlangentanz“,
den Fremde selten zu sehen bekommen und der außerhalb der Grenzen des
Indianerterritoriums nicht aufgeführt wird. Die Tänzer halten dabei
lebende Schlangen im Munde. Im Zusammenhang hiermit sprach Joo auch von
einer Art Brüderschaft, dem „Schlangenorden“, der in hohem Ansehen
steht und dem er selbst angehört. Zuletzt sang er das „Erntelied“, das
erotischen Inhalts zu sein scheint. Burschen und Mädchen sind auf den
Feldern, um das Getreide zu mähen. Da sehen sie regenschwere Wolken
aufsteigen; ein Gewitter ist im Begriff loszubrechen. Alle eilen
hinweg, um in einer nahen Grotte Schutz zu suchen, in deren Mündung sie
ein großes prasselndes Feuer anzünden. In der „Rauchgrotte“ vertreiben
sie sich die Zeit mit Liebesspielen und fühlen sich sehr glücklich.

Joo und seine Gefährten tanzten und sangen eine Stunde und noch eine
zweite Stunde, bis sie um Mitternacht erklärten, sie hätten ihr
Programm erledigt. Irgendwelche Müdigkeit war ihnen nicht anzumerken;
wie Gemsen kletterten sie den Hang hinauf und verschwanden im Dunkel.
Am nächsten Morgen sollten sie um 6 Uhr nach El Tovar zurückkehren und
dabei unsere Maultiere benutzen dürfen, die Sandy zurückbringen sollte.

Wir selbst verließen die verglimmende Glut und folgten den Indianern
nach Hermit Camp hinauf. Den Anstieg von 175 Meter fühlte ich in meinen
nach dem Ritt steifen Knien, und ich war recht froh, als ich endlich
zur Ruhe ging, um in meinem Gitterkäfig die erste Nacht in der Tiefe
des Gran Cañon zu verbringen. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte
dem Geschrei der verwilderten Esel, der „Burros“. Sie wurden einst vor
etwa fünfzig Jahren von Bergleuten zurückgelassen, schlugen sich allein
durch, tranken aus Fluß, Bächen und Quellen und hatten zur Genüge
Weide. Ihre Zahl wird jetzt auf ungefähr 3000 geschätzt. Sie streifen
in kleinen Herden umher, jedoch nur südlich des Flusses. Niemand tut
ihnen etwas zuleide, aber gleichwohl sind sie fast ebenso scheu wie
die Wildesel in Tibet. Sie einzufangen und zu zähmen, hält man nicht
der Mühe für wert, da sie durch die ständige Inzucht entartet und zur
Arbeit untauglich sind.

[Illustration: Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado
abwärts.]

Über die Wärme brauchte man sich nicht zu beschweren, obwohl wir Mitte
Juni hatten. Um 12 Uhr nachts waren 20 Grad, um 6 Uhr morgens am 17.
Juni 16,7 Grad, so daß es einem sogar kühl vorkam, um 12 Uhr mittags
25,5, um ½3 Uhr 29 und um 4 Uhr 32,5 Grad Celsius. Ich benutzte diesen
Tag dazu, um einige kürzere Streifzüge zu unternehmen, Skizzen zu
zeichnen und zwei Bücher über den Gran Cañon zu lesen, die ich bei mir
hatte. Meine Reisegefährten Birchfield, Bryn und Kemp kehrten nach El
Tovar zurück; an ihrer Stelle kam ein deutscher Professor, Leede, aus
Seattle mit zwei Damen an.




Siebentes Kapitel.

Der Rio Colorado.


Am nächsten Tag unternahm ich eine Fußwanderung durch das enge,
gewundene, unbeschreiblich romantische Tal des Hermit Creek hinab
an das Westufer des Coloradoflusses. Die Wärme hatte schon etwas
zugenommen; um 11 Uhr hatten wir 27,3 Grad, aber unten im Hohlweg um
½1 Uhr waren es 34,2 Grad. Der Himmel war strahlend klar, und heftige
Windstöße wirbelten zwischen den Felsen. Der Pfad führte an dem
Schauplatz des nächtlichen Tanzes vorüber und kreuzte dann wiederholt
den kleinen klaren Quellbach, der in seinem steinigen Bett dahinrieselt
und dessen Ufer hier und da mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen ist.
Auf der ganzen, 2½ Kilometer langen Strecke steigt man 275 Meter hinab,
also fast einen Eiffelturm. Der Weg ist sehr bequem und an einzelnen
Stellen mit Geländer versehen. Senkrechte oder steil abstürzende
Felswände schließen die Schlucht Hermit Gorge ein. Eidechsen huschen
zwischen Geröll und Felsblöcken umher. Sonst ist das Tierleben arm. Nur
hin und wieder fliegt summend eine Bremse vorbei.

Der Bach ist oft nur so breit, daß man mit einem Satz hinüberspringen
kann. Wo er etwas anschwillt, sind Steine gelegt, auf denen man
hinübergeht. Fünfzehnmal muß man den Wasserlauf überschreiten. Bei
jedem Übergang bellte mein einziger Begleiter, der Rattler Rock, und
ich kam bald dahinter, was er wünschte. Er wollte, daß ich einen Stein
ins Wasser warf, den er dann blitzschnell holte und mir brachte.

Nachdem man den Bach zum letztenmal gekreuzt hat, befindet man sich
plötzlich an dem Punkt, wo der Hermit Creek in den breitern und doch
so engen und scharf eingeschnittenen Korridor mündet, in dem der
Colorado seine ungeheueren Wassermassen dahinwälzt. In dem Mündungstor
des Nebentals, dessen Breite 25 Meter nicht übersteigen dürfte,
hat sich ein kleines Feld Sanddünen gebildet, die zum Teil durch
Pflanzenwuchs gebunden sind. Im übrigen ist der Fleck trocknen Bodens,
der sich zwischen der Talmündung und dem Flußufer ausbreitet, voller
Blöcke und Kies. Das Flußwasser hat graubraune Farbe und ist dick wie
Erbsensuppe. Man glaubt zu fühlen, wie der Boden unter den schweren
Wassermassen erzittert, und ein dumpfes massiges Dröhnen erfüllt die
mächtige Granitrinne, die vom Hochrand aus wie ein ganz schmaler
Streifen aussieht. Die Landschaft, die sich rings um mich entrollt, ist
großartig, aber nicht merkwürdiger als die Uferlandschaft irgendeines
Flusses im Himalaja. Man ist zwischen hohen Granitfelsen eingeschlossen
und sieht nur in den Verlängerungen der beiden Täler, d.❁h. auf drei
Seiten, einen Schimmer ferner Höhen. Oben auf dem Rand bei El Tovar
oder andern Aussichtspunkten befindet man sich so hoch, wie man nur
kommen kann, und muß bei der Betrachtung der eigenartigen Landschaften
in horizontaler Richtung oder nach unten schauen. An der Stelle jedoch,
wo ich jetzt stand, war ich so tief unten im Gran Cañon, wie man
überhaupt hinabsteigen kann, und richtete den Blick geradeaus und nach
oben, als ich die wilden Formen betrachte, die die Erosion erzeugt hat.

[Illustration: Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten.

Die Mauer der Palisaden mit Comanche Point in der Mitte; links im
Schatten Marble Cañon und der Colorado; auf der Höhe der Palisaden
rechts die Bunte Wüste.]

Der Colorado kommt hier unmittelbar von Osten und ist von dunklen,
steilen Granitfelsen eingerahmt. Längs des linken Ufers stromauf zu
gehen, ist unmöglich; die Bergwände fallen senkrecht zum Wasser ab. Von
meinem Beobachtungspunkt aus macht der Fluß einen langgestreckten Bogen
nach Nordwesten, den auf dem linken Ufer senkrechte, oft überhängende
Felswände einfassen, während die Berge des rechten Ufers steile Hänge
bilden. Und wenn ich nach Südwesten blicke, das Tal des Hermit Creek
hinauf, gewahre ich eine mächtige Bergpartie, die abwechselnd aus
Terrassen und Stufen besteht und in der Gegend von Hermit Basin vom
Südrand vorspringt.

Unmittelbar unterhalb der Einmündung des Nebentals in das Haupttal
fesseln unsere Aufmerksamkeit die Hermit Falls. Hier kocht und siedet
der Fluß, und die Wassermassen scheinen miteinander zu ringen; sie
zwängen sich zwischen Blöcken hindurch, die ins Bett herabgestürzt
und über Wasser nicht zu sehen sind. In Wirklichkeit sind es keine
Fälle, sondern nur Stromschnellen. Oberhalb, d.❁h. östlich von ihnen,
ist der Colorado breiter, ruhiger und stiller. Aber dann beginnt der
Sog der Stromschnelle. Das Wasser baucht und wölbt sich in schön
geformten blanken Wogen, die bei dieser Wassermenge ständig die gleiche
Lage und Gestalt behalten. Die erste große Woge krümmt sich zu einem
überhängenden Kamm, der keine Schaumkrone trägt, aber einen dunklen
Schatten unter sich hat. Die nächste bricht sich in zischendem,
schäumendem Gischt. Aus diesem Hexenkessel steigt das Dröhnen auf, das
das Tal erfüllt.

[Illustration: Brahma- und Zoroaster-Tempel, von Wylie Way Camp aus.]

Ich blieb hier mehrere Stunden und machte einige Zeichnungen. Um 3
Uhr war die Temperatur auf 36,1 Grad gestiegen, aber ich befand mich
ja auch in dem eingeschlossenen Tal zwischen Felsplatten, auf die die
Sonne brannte. Die Luft war meist ruhig, nur hin und wieder kam eine
frische Ostbrise, die den Flugsand in tanzenden Wolken aufwirbelte.
Von Zeit zu Zeit eilten kleine schwarze Stämme und Äste Treibholz auf
der Oberfläche des Flusses vorüber. Sie verrieten deutlicher als das
Wasser selbst, wie kräftig der Sog der Strömung war. In den Strudeln
der Stromschnellen verschwanden sie spurlos.

Meinem Freund Rock muß ich einige Zeilen widmen. Einen angenehmern
Gesellschafter hätte ich am Ufer des Colorado kaum haben können. Er
war prächtig. Ich saß auf einem runden Block, der halb vom Wasser
umspült wurde, und zeichnete. Gleich davor ragte ein zweiter Block
aus den graubraunen Wogen; zwischen beiden wurde das Wasser vom Sog
zusammengedrängt, so daß es ununterbrochen aufspritzte und plätscherte.
Es sah aus, als würden unaufhörlich Steine ins Wasser geworfen; dieser
Scherz reizte Rock. Er stellte sich auf die äußerste Spitze meines
Blocks und bellte sich heiser. Von Zeit zu Zeit wandte er sich an
mich, um sich über diese rücksichtslose Verhöhnung zu beklagen. Mir
blieb nichts anderes übrig, als einen Stein in den Fluß zu werfen. Der
Hund sprang mit wirklich großartiger Kühnheit ins Wasser, tauchte,
fischte den richtigen Stein unter tausend andern heraus, kam triefend
naß wieder ans Ufer und legte ihn neben mich, gab mir eine Dusche, die
mein Skizzenbuch in Gefahr brachte, spitzte die Ohren, sah mich an und
wartete auf den nächsten Stein. Er hütete sich wohl, in allzu tiefes
Wasser zu geraten, und war stets darauf bedacht, daß er festen Grund
unter den Füßen hatte. Zwar störte er mich beim Zeichnen, aber keiner
von uns wurde des Spiels müde, und ich weiß nicht, wer von uns den
größten Spaß daran hatte, Rock oder ich.

Um ½6 Uhr zeigte das Thermometer 18 Grad im Fluß und 29 Grad in der
Luft. Als ich eben im Begriff stand aufzubrechen, um nach Hermit Camp
zurückzukehren, erschien Herr Poquett mit zwei Maultieren; ich brauchte
daher die 275 Meter nicht zu Fuß zu erklimmen. Wir kamen grade zum
Essen zurecht. Außer ~Dr.~ Leede und seinen beiden Damen war noch
eine Gesellschaft von El Tovar angelangt. Es waren junge Mädchen,
Lehrerinnen an irgendeiner Schule, die ihre Ferien dazu benutzten,
ihren Bildungshunger zu stillen und ihr großes Land kennenzulernen. Nur
10,2 vom Hundert aller Touristen, die El Tovar besuchen, gehen auch in
den Cañon hinunter, und von diesen sind 60 vom Hundert Damen, meist
Lehrerinnen und Kinderfräulein.

Am Abend goß eine schmale Mondsichel ihren bleichen, gespenstischen
Schein über das wunderbare Tal, und an ein paar Stellen ertönten die
Schreie der wilden Esel. Wie ein mächtiges Denkmal, eine rätselhafte
Sphinx der Sagenzeit hob der Hermit Peak seine dunkle Spitze zum
Nachthimmel empor; über ihm funkelte wie ein Diadem ein Stern.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die
Tempel in Nord 12° West.]

Da ~Dr.~ Leede und seine Frau am Nachmittag des 19. Juni nach
El Tovar zurückkehrten, beschloß ich, mich ihnen anzuschließen. Die
Versuchung, am Fluß entlang nach Indian Garden zu gehen und von dort
nach El Tovar hinaufzusteigen, war nicht groß; einerseits hatte ich
einen Ausflug über Indian Garden und den Colorado nach dem Nordrand
des Gran Cañon bereits geplant, anderseits ist der mehr als 32
Kilometer lange Weg längs des Flusses ziemlich eintönig. Übrigens hält
er sich auf ein und derselben Höhe, ungefähr der gleichen wie Hermit
Camp, und da er einen Tag fast ganz in Anspruch nimmt und so gut wie
ohne Wasser ist, bekommt man keine Gelegenheit, zu zeichnen. Er heißt
Tonto Trail, weil er die ganze Zeit auf den Hängen der Tontoformation
läuft. Gleich unterhalb Hermit Camp trennt er sich von dem Pfad, auf
dem wir vom Südrand herabgekommen waren. In scharfen zeitraubenden
Biegungen nach Süden muß er tief eingeschnittenen Nebencañons
ausweichen, dem Monument Creek und dem Horn Creek, um schließlich in
den Indian Garden Creek zu münden. Dann muß er in ebenso scharfen
Krümmungen nach Norden die vorspringenden Kaps des Südrandes umgehen,
Cope Butte, die Fortsetzung von Pima Point, auf dessen Rücken die
steilen Cathedral Stairs liegen, und The Alligator mit seinen beiden
nach Nordwesten und Norden vorspringenden Felsenzungen.

Wir brachen also nach dem Lunch auf, kamen an einem Platz mit dem
bezeichnenden Namen Four Echo Rock vorüber und waren nach zwei Stunden
wieder bei Santa Maria Spring, wo wir Wasser tranken und Apfelsinen
aßen. Unten bei Hermit Camp war die Temperatur 33,5 Grad gewesen, jetzt
war sie auf 26 gefallen.

Der Ritt die steilen Hänge hinan ist für einen ungeübten Reiter viel
leichter als der Ritt bergab. Im erstern Fall sitzt man wie in einem
Stuhl, der Schritt für Schritt ruckweise in die Höhe gehoben wird, im
andern Fall muß man die Füße fest gegen die Steigbügel stemmen, um
nicht kopfüber über das Maultier zu rutschen. Wie man mir erzählte,
ist in den siebzehn Jahren, seitdem El Tovar gebaut war, nicht ein
einziger Unglücksfall vorgekommen.

Am obersten Rand ist eine gemütliche Unterkunftshütte, Hermit Rest,
errichtet. Hier brennt an kalten Tagen ein Feuer in einem offnen
Herd, und jetzt im Sommer erhält man für wenig Geld erfrischende
Getränke, Gebäck und Ansichtskarten. Ein telephonisch bestelltes Auto
brachte uns im Nu nach El Tovar zurück, das voller hübscher Misses und
Vergnügungsreisender aller Art war.

Der ganze Himmel war den Tag über bewölkt und sah drohend aus. Die
eigentliche Regenzeit beginnt jedoch erst einen Monat später. Man
fand aber das Jahr 1923 kälter als gewöhnlich und argwöhnte, der
Regen werde früher als sonst einsetzen. Ich gab mich der Hoffnung
hin, das Wetter werde sich halten, bis ich alles gesehen hatte, was
ich sehen wollte; denn bei Regen verliert der Gran Cañon seinen Reiz,
die charakteristische Skulptur kommt nicht zu ihrem Recht, und die
herrlichen Farben verschwinden. Dagegen rufen die Nebel, die von Zeit
zu Zeit die gewaltige Talfurche füllen, überaus eigenartige Wirkungen
und höchst überraschende Landschaftsbilder hervor. Tempel, Pagoden und
Felsenkaps ragen dann aus dem Nebel empor wie Riffe und Schären in
einem aufgeregten Meer.

Einen Ruhetag benutzte ich dazu, am Rand entlang spazieren zu
gehen und von malerischen Punkten aus Skizzen zu zeichnen. Auch
verbrachte ich geraume Zeit bei dem liebenswürdigen Oberst Crosby, dem
Regierungsvertreter. Er wohnt nicht weit vom Bahnhof im Wald in einem
ungewöhnlich hübschen Landhaus. Er schenkte mir Karten, Broschüren
und Photographien, und wir schmiedeten Pläne zu ein paar neuen
Autoausflügen am Südrand entlang, so weit man überhaupt kommen kann.

Am Nachmittag hörte ich einen sehr spannenden, lehrreichen Vortrag
des Herrn Ellsworth L. Kolb, der eine verwegene Bootfahrt auf dem
Coloradofluß durch den Gran Cañon unternommen hatte, wie seinerzeit
Major Powell. Dann besuchte ich Joo Secakuku in seinem Haus, nachdem
er seine gewohnten Tanzvorführungen beendet hatte. Er zeigte mir
indianische Matten mit eigenartigen Mustern, und ich kaufte zehn davon.

Schließlich traf ich auch mit Herrn Ford Harvey und dem Vizepräsidenten
seines Konzerns, Herrn Wells, zusammen, zwei liebenswürdigen,
sympathischen und gastfreien Herren. Sie waren nach El Tovar gekommen,
um mit ihrem Architekten und andern Sachverständigen an Ort und Stelle
über die Erbauung eines neuen großartigen Hotels zu beraten, da das
alte, das mehr als eine Million Reichsmark gekostet hat, jetzt nicht
mehr ausreichte und in wenigen Jahren viel zu klein sein würde. Wie
ich schon erwähnte, ist die Zahl der jährlichen Besucher ständig im
Steigen. Am heutigen Tag waren achthundert Gäste eingetroffen, und
wenn auch die meisten Automobilisten sind, die in oder neben ihren
Kraftwagen übernachten, so ist das Hotel doch stets vollbesetzt.
Ich erlaube mir dem jungen Architekten als meine Ansicht zu sagen,
ein Hotel bei El Tovar müsse so liegen und so gebaut werden, daß
man von möglichst vielen Zimmern freie Aussicht auf den Gran Cañon
hat. Ich würde es auch nicht in eine eingeschnittene Bucht legen,
wie es jetzt in El Tovar der Fall ist, wo die im Osten und Westen
vorspringenden Felsenkaps nur eine Aussicht gestatten, die nicht einmal
die Breite eines Quadranten erreicht. Nein, ich würde es auf Hopi
Point errichten, von wo aus man durch die Fassadenfenster zwei volle
Quadranten oder den halben Gesichtskreis und von den Eckzimmern drei
Quadranten beherrschen könne. Das jetzige Hotel bei El Tovar ist, was
die Aussicht anlangt, so mißraten wie nur möglich.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord
60° Ost.

Rechts Yavapai Point.]

So plaudernd, saßen wir in der großen Halle, die gleichzeitig als
Gesellschaftszimmer dient, und die Feuer prasselten in den Kaminen.
Auch heute war das Wetter trüb, windig und kalt gewesen, und um 2
Uhr nachmittags hatte das Thermometer nur 9,2 Grad gezeigt. Der
beträchtlichen Höhe über dem Meer ist es zuzuschreiben, daß hier mitten
im Sommer und in 36 Grad nördlicher Breite eine so niedrige Temperatur
herrscht.




Achtes Kapitel.

Navaho Point.


Nach einem Besuch bei dem Maler Dawson Watson, der mir seine
verzweifelten Versuche zeigte, die Pracht des Gran Cañon in Öl
wiederzugeben, und nachdem ich im Museumsgebäude Aykens großes
Gemälde über das gleiche hoffnungslose Thema betrachtet hatte, ein
Gemälde, das in künstlerischer Hinsicht recht gelungen ist, fuhr ich
im Auto ostwärts nach dem gegen 48 Kilometer (30 englische Meilen[1])
entfernten Desert View oder Navaho[2] Point. Es war 3 Uhr, und die
Temperatur angenehm (20 Grad), als ich aufbrach, um das Ziel meiner
Fahrt zu erreichen, ehe die Sonne unterging.

Herr Petrosa hatte mich mit Mundvorrat für den Abend und den
ganzen nächsten Tag versehen; denn ich wollte in einer der drei
Unterkunftshütten übernachten, die sich bei Navaho Point befinden,
jedoch unbewohnt waren. Man gab mir daher auch Petroleum für die Lampe
mit und Bettzeug, Laken und Decken, sowie vor allem den Schlüssel zum
Küchenhäuschen, das mit einem Herd ausgestattet war und wo ich Tee oder
Kaffee kochen und vielleicht in den Schränken etwas Eßbares, Marmelade
oder ähnliches, finden konnte. Kurz vor dem Aufbruch fragte einer der
Herren im Hotel, ob ich nicht eine Feuerwaffe mitnehmen müsse, da man
vor Pumas, Luchsen, Wildkatzen und Heulwölfen nicht sicher sei, aber
ich faßte seine Warnung als Scherz auf und wurde auch von wilden Tieren
nicht gestört.

Herr Tillotson, einer der Herren des Stabes am Gran Cañon, fuhr mich
in einem kleinen Fordwagen durch den Wald. Bis Grand View war der Weg
ausgezeichnet. Wir kamen an Thors Hammer vorüber, ließen Grand View
zur Linken und mußten infolge einer Panne eine gute Stunde bei einem
Ranch halten, der einst als Gasthaus gedient hatte. Hier ist die Grenze
des Nationalparks. Das Gebiet ist vom Zeitungskönig W. R. Hearst
gekauft worden, der die Absicht haben soll, sich am Rande des Abgrundes
ein Haus zu bauen, um sich dadurch noch eine friedliche Wohnstätte
zu verschaffen zu den vielen, die er schon besitzt und in die er
sich für ein, zwei Wochen von seinem geräuschvollen Zeitungsgewerbe
zurückzuziehen pflegt. Von diesem Punkt hat man eine prächtige Aussicht
auf den Cañon und seinen Südrand, der nach Nordosten zu höher zu werden
scheint, wo sich drei bewaldete, durch senkrechte, nackte Felswände
voneinander getrennte Kaps hintereinander zeigen.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach
Ostnordosten.]

Der Weg wird schlechter, aber nirgends schwierig. An einzelnen Stellen
waren kleine Trupps von Navaho-Indianern damit beschäftigt, die
Fahrbahn auszubessern. Von einem hölzernen Aussichtsturm, der über
den Wald emporragt, wird ständig Ausguck gehalten, um die Viehhalter
und Farmer der Gegend zu warnen, wenn ein Waldbrand ausgebrochen
ist. Es muß ein schrecklich langweiliger Beruf sein, dort oben zu
sitzen und den Wald anzugucken. Wenn man dagegen so wie ich zum
erstenmal durch diese dunklen, kühlen Säulengänge dahinsaust, hat man
seine Freude daran. Hier ist es still und feierlich. Selten rauscht
ein Windhauch durch die Kronen der Bäume. Ein Reh, ein Murmeltier
und ein Präriehund waren die einzigen Bewohner des Waldes, die sich
erblicken ließen. Der graugelbe Präriehund, ein Nagetier, saß in einer
Lichtung und betrachtete uns gelassen. Auch Stachelschweine sollen
hier hausen und nicht selten in Sehweite kommen. Plötzlich hallte ein
schrecklicher Lärm durch den sonst so stillen Wald; eine ganze Karawane
von Autoomnibussen kam uns entgegen, nicht weniger als acht Wagen,
voll besetzt mit Touristen, die von ihrem Ausflug nach Navaho Point
zurückkehrten. Die Wagen donnerten und rasselten an uns vorüber, und
der Boden erzitterte unter ihnen. Es war recht angenehm, zu wissen, daß
wir also die Luft rein finden würden, wenn wir Navaho Point erreichten.

Herr Tillotson machte mich auf die in diesem Urwald vorherrschenden
Bäume aufmerksam. Es waren die Gelbkiefer (~Pinus ponderosa~), die
Douglastanne (~Pseudotsuga taxifolia~), der Utahwacholder (~Juniperus
utahiensis~) und die Färbereiche (~Quercus tinctoria~). Eine halbe
Stunde, ehe man am Ziel ist, hört die Gelbkiefer auf, und die Nußkiefer
(~Pinus edulis~) herrscht vor. Die Gelbkiefer zeigt sich jedoch wieder
in einer Senke, wo die lockere Erdschicht mächtiger ist; denn dieser
Baum beansprucht mehr Erde als die andern.

Der Weg läuft in so scharfen Biegungen, daß man bisweilen nach Westen
fährt. Hier und da sind „Tanks“ angelegt, Teiche zum Ansammeln des
Regenwassers für das im Wald weidende Vieh, das sonst verdursten würde.
Wir lassen Lipan Point zur Linken und sind um ¾6 Uhr am Ziel.

Zwischen den Bäumen auf dem nach Norden vorspringenden Kap Navaho Point
oder Desert View sind etwa hundert Schritt vom Rande des Abgrundes
entfernt drei Unterkunftshütten errichtet. Die östlichste von ihnen ist
an ihren beiden Schmalseiten mit Veranden versehen, die von Drahtnetzen
umschlossen werden, und enthält den Speiseraum und die Küche. In
der Küche befinden sich ein kleiner Herd und wandfeste Schränke mit
einigen Vorräten wie Tee, Zucker, Kaffee, Marmelade und Keks, eine
Wasserleitung, Eimer, Kannen, Schöpfkellen, Teller, Schüsseln, Tassen
usw. aus emailliertem Blech.

Die westlichste Hütte besteht aus einem einzigen Raum mit Veranda.
Das Zimmer ist mit Bett, Kommode, Waschgestell, einigen Rohrstühlen
und einem eisernen Ofen ausgestattet. Von der gleichen Art ist die
mittlere Hütte. Ein paar kleinere Reisegesellschaften können also an
dem Ort übernachten. Doch jetzt war keine Menschenseele in Navaho
Point, kein Wächter oder Diener, nicht einmal ein Indianer oder ein
Neger. Den letzten Besuchern waren wir unterwegs begegnet; keiner
von ihnen hatte Lust gehabt, hier über Nacht zu bleiben. Ich würde
also mutterseelenallein in der Wildnis sein, fern von El Tovar, dem
äußersten Vorposten der Zivilisation.

Tillotson öffnete die beiden Hütten, die ich benutzen wollte, und
zeigte mir, wo ich alles finden konnte. Nachdem wir Gepäck und Proviant
abgeladen und in meine Schlafhütte gebracht hatten, sagte er mir
Lebewohl und verschwand mit seinem Auto im Wald. Ich trug ein paar
Stühle an den Rand des Kaps und begann einige Umrißskizzen zu zeichnen
und zu kolorieren. Es muß schnell gehen, denn die Schatten werden mit
jeder Minute länger, und das Farbenspiel wechselt ständig. Die ganze
von Norden nach Süden laufende Felswand der Palisaden, die die denkbar
schärfste Grenze gegen die Painted Desert im Osten bildet -- eine
viel gewaltigere Grenze als die Chinesische Mauer in den Tagen ihres
Glanzes -- und an deren Westfuß der Colorado fließt, ist jetzt bei
Sonnenuntergang in leuchtend rotes Licht getaucht. Fast alles andere
liegt im Schatten. Im Talgrund ist noch das sich schlängelnde silberne
Band des Flusses zu unterscheiden.

Die Sonne steht am Horizont in der westlichen Verlängerung des Gran
Cañon und geht in Feuergluten unter. Da verblaßt die rote Beleuchtung
auf den „Palisaden der Wüste“, und alle Farben schmelzen zu einem
ziemlich tonlosen Violett und Grau zusammen. Auch diese Beleuchtung
versuchte ich in einer schnellen Skizze festzuhalten, wobei ich mehr
die Stimmung als die Einzelheiten der Topographie berücksichtigte. Nach
einer Weile verwischen sich die Einzelheiten mehr und mehr, die bei
Tageslicht so scharf hervortretenden Formen verschwimmen, und nur die
großen Züge machen sich in verschiedenen kräftig beschatteten Feldern
geltend. Über dem westlichen Horizont lag noch eine Zeitlang ein
starker Widerschein der sinkenden Sonne, und über der Erde schwebte wie
eine lange gerade Brücke eine Wolke.

[Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Westen.]

Nur ein Meter von meinem Aussichtspunkt entfernt gähnte die
schwindelnde Tiefe. Ein undurchdringlicher Nebel scheint dort unten
zu herrschen. Nur der Nordrand des Cañon ist noch scharf gezeichnet,
und das Flußbett hebt sich als hellerer Streifen von seiner Umgebung
ab. Aber die Dämmerung wird dichter, und der Vorhang der Nacht senkt
sich vor die großartige Skulptur. Hinter mir rings um die Hütten wird
der Wald dunkel, der Mond steht hoch am Himmel, und die Fichten ragen
wie Spukgestalten mit ausgestreckten Armen in die Höhe, sie werfen
rabenschwarze Schatten auf die hellen Kalksteinflächen. Die leichte,
ungleichmäßige Abendbrise, die in den Baumkronen gerauscht und das Kap
umbraust hat, ist eingeschlafen; es ist grabesstill am Rand des Gran
Cañon.

Die Stimmung ist wunderbar, ihre Erhabenheit unbeschreibbar. Das
Gefühl des Schwindels verschwindet -- man sieht jetzt ja nicht, wie
tief es bis zur Talsohle ist. Ich sitze immer noch da und lausche und
habe die Empfindung, als erwartete ich, daß etwas geschehen werde.
Aber kein Laut stört die Stille. Doch was ist das? Ach, nur eine
Schleiereule. Vergebens warte ich darauf, zu hören, daß ein Stein sich
löst und den Steilhang hinunterstürzt. Aber in dieser Nacht stehen die
Mauern des Cañon fest, nichts fällt hinab. Ich meinte sicher zu sein,
daß die Heulwölfe, die Cojote der Painted Desert, an den Waldrand
kommen und klagen und heulen würden. Aber vergebens warte ich auch
auf sie. Vielleicht wittern sie, daß sich ein Mensch in der Wildnis
niedergelassen hat, und halten sich daher fern.

[Illustration: Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei
Bright Angel Point.]

Es ist ein recht ungewöhnliches und eigenartiges Gefühl, ganz allein
zu sein, nicht einmal einen Hund als Gesellschaft zu haben und zu
wissen, daß es bis zum nächsten Menschen vierzig, fünfzig Kilometer
sind. Nachdem ich jetzt beobachtet hatte, wie die Nacht den Gran Cañon
in ihre Obhut nahm, hatte ich nichts weiter zu tun, als im Küchenherd
Feuer zu machen, Teewasser aufzusetzen und in meiner Hütte die
schönen Sachen aufzutischen, die Herr Petrosa in meinen Korb gepackt
hatte, belegte Brote, Brot, Butter und Käse, Huhn und Eier, eine
Flasche Rotwein und eine Flasche Sahne, Apfelsinen, Pfirsiche und
Pflaumen. Das Schweigen des Waldes und des Abgrundes umgab mich. Ich
vermißte nicht die Signale der Lokomotive, das Ächzen des Motors
oder das Brausen menschlicher Stimmen. Mein Zimmer hatte fünf
Fenster mit Glasscheiben, und ich zog die Vorhänge auf, um den Mond
hereinscheinen zu lassen. Die Tür zwischen Stube und Veranda durfte
offenbleiben, die Außentür der Veranda dagegen war geschlossen, und
die unternehmungslustigen Katzen hätten wohl vergeblich versucht, das
Drahtnetz zu zerreißen. Das Dach ist doppelt; es besteht aus Schindeln
und Sackleinwand und flattert und klatscht wie ein gewöhnliches
Zelttuch, wenn ein nächtlicher Windstoß über die Gegend zieht.

Über die Wärme brauche ich mich nicht zu beklagen: es war ziemlich
frisch, um 8 Uhr abends 12,2 Grad und um 11 Uhr 7,8. Nachdem ich mir
mein Lager zurechtgemacht und aus der Küche Waschwasser geholt hatte,
ging ich wieder auf das Kap hinaus, um einen Abschiedsblick auf die
rätselhafte Urwelt zu werfen, die offen in der Nacht dalag. Dann legte
ich mich hin, löschte die Lampe und lag im Mondschein noch eine Weile
wach; nach wie vor lauschte ich vergeblich auf das Abendlied der Cojote.

Am andern Morgen um ½6 Uhr war ich schon wieder draußen auf dem Kap.
Gerade war die Sonne aufgegangen. Aber der rote Schein fehlte ganz,
der am Abend vorher die Mauer der Palisaden gefärbt hatte; er wird
wahrscheinlich von den in der Luft herumfliegenden feinen Staub- und
Wasserdampfteilchen hervorgerufen. Jetzt war der Himmel vollkommen
klar und blau, die roten Töne verschwunden. Im Westen war der Cañon
herrlich beleuchtet, doch nicht in den warmen Tönen des Abends. Die
Palisadenwand und der von Norden nach Süden strömende Teil des Colorado
lagen in tiefem Schatten. Die Landschaft hatte ihr Aussehen völlig
verändert. Aber die großen Linien waren stets dieselben, die vom
Nordrand und Südrand vorspringenden Kaps, Hügelketten und Tempel waren
vom Licht des Morgens übergossen. Das Thermometer zeigte 8,4 Grad; um
½10 Uhr war die Temperatur auf 14 Grad gestiegen.

Nachdem ich in der Küche mein Frühstück eingenommen hatte, begab ich
mich mit Zeichenblock, Wasserfarben und Wasser wieder auf das Kap
hinaus und stellte meinen Stuhl in den Schatten einer Kiefer. Der
Tag war strahlend klar, aber es wehte ziemlich frisch, und der Wind
heulte in Schroffen und Vorsprüngen und in den Kronen der Bäume. Eine
Schwalbe schießt an mir vorüber, knapp über der Erde; aber eine Sekunde
später, nachdem sie den Felsrand hinter sich gelassen und über den
Cañon hinausgesegelt ist, befindet sie sich plötzlich 1400 Meter über
dem Erdboden. Sonst ist das Vogelleben wenigstens hier draußen auf dem
Kap recht arm; auch die Insekten sind spärlich vertreten. Ein paar
Fliegen summen in der Luft, und eine Libelle blitzt über dem Abgrund
auf, kehrt aber um und fliegt in den Wald hinein. Die Schwalben wurden
gegen Abend recht zahlreich und schienen Vergnügen daran zu finden,
einander über die gähnende Tiefe hinauszujagen. Im übrigen stört mich
nichts; keine Laute sind zu vernehmen, keine Stimmen zu hören, tiefster
Sonntagsfrieden herrscht überall. Einsam sitze ich am Hochrand, vor
mir und unter mir das großartigste Schauspiel, das es auf Erden gibt.
Ich schaue nur und bewundere und kann mich nicht dazu bringen, mit
Zeichnen zu beginnen. Man ertrinkt ja in diesem ungeheuren Reichtum
an Einzelheiten, man kommt sich ungeschickt, lächerlich und verzagt
vor und findet, daß die Aufgabe völlig unlösbar ist. Und nimmt man
seine Zuflucht zu einer Kamera mit großen Platten und scharfen Linsen,
dann erhält man zwar ein treues Bild dieser Hunderttausende dunkler
senkrechter Furchen, die durch die Erosionskraft des Regens und die
Verwitterung entstanden sind, und dieser wagerechten Schichten,
Leisten, Stockwerke und von steilen Stufen unterbrochenen Mauern, die
die Ablagerungen der geologischen Zeitalter erkennen lassen, aber die
Farben fehlen und die Luft; die Perspektive, die Entfernungen und die
ungeheuren Tiefen kommen auf einer Photographie nicht zur Geltung.

[Illustration: Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West.]

Mit Todesverachtung beginne ich endlich ein Aquarell. Der ganze Cañon
ist von Sonne überflutet. Die Schatten machen sich wenig geltend. Sie
sind sonst eine Hilfe, denn sie verbergen die Einzelheiten gewisser
Felder. Ich versuche, alle Nebensächlichkeiten auszuschließen und mich
an die großen Linien zu halten, aber bald finde ich, daß ich mich
trotzdem in allzu viele Kleinigkeiten verliere und daß die Zeit nur
zu schnell entflieht. Und ohne Einzelzüge fehlt dem Cañonbild doch
viel von seinem eigenartigen Reiz. Diese zahllosen hervortretenden,
sonnenbeleuchteten Säulen zwischen den senkrechten Erosionsrinnen
gleichen riesigen, in verschiedenen Stockwerken übereinanderliegenden
Galerien einer Kathedrale von übermenschlichen, phantastischen Maßen,
ihrer unermeßlichen Anzahl gegenüber fühlt man sich machtlos. Dennoch
arbeite ich drauflos; aber das Ergebnis ist jämmerlich. Gestern abend,
als die letzten Minuten einander jagten und die ganze Landschaft rot
war oder in Schatten lag, gelang mir die unbeschreibliche Stimmung
besser.

Im Osten fallen die senkrechten Mauern meines Kaps in eine
kleinere Einbuchtung ab, einen Seitencañon ohne Namen, an dessen
gegenüberliegendem Rand die Mauer der Palisaden einschwenkt und in die
eingekerbte Linie des Südrandes übergeht. Auf der Hochfläche östlich
der Palisaden schimmern schwach gewellte grüne Felder, die Wiesen
gleichen; wahrscheinlich sind es Sträucher, Präriepflanzen, vielleicht
Unterholz, das sich infolge der Entfernung nur durch sein Grün geltend
macht. Ein tafelförmiger Berg ist auch in dieser Richtung zu sehen. Im
Osten und Nordosten breitet sich Painted Desert, die Bunte Wüste, aus,
auf deren „Mesas“ die Hopi-Indianer ihre Dörfer erbaut haben. Diese
Wüste nimmt die ganze Nordostecke des Staates Arizona ein und erstreckt
sich auch in die Nachbarstaaten Utah, Colorado und Neumexiko hinein.
Ihre Westgrenze ist der Cañon des Colorado; von hier zieht sie sich,
so will es dem Auge scheinen, ins Unendliche; sie schillert in den
leichtesten, entzückendsten Farbtönen und Übergängen, in Gelbgrau und
Rot, in Rosa und Hellgrün, in Blau und Violett. Flache Bodenwellen und
einige platte, tafelförmige Anhöhen sind in immer helleren Tönungen
bis in eine verschwindende Ferne zu sehen; man kann nicht immer
entscheiden, ob ihre Umrißlinien der Erde angehören oder nur Dunstbänke
sind oder dünne Wolkenschleier am Horizont. Diese Wüste, so ungleich
den asiatischen Mustern mit ihrem eintönigen Graugelb und ihren ewigen
Flugsandfeldern, übt wie diese einen geheimnisvollen Zauber aus, und
ich muß meine Sehnsucht bekämpfen, ein, zwei Wochen in ihrem Innern
zuzubringen.

Ein sehr charakteristischer, scharf hervortretender Zug in dem mir
am nächsten liegenden Teil der Painted Desert ist die dunkle Linie,
die den Cañon des Kleinen Colorado bezeichnet. Dieser linke Nebenfluß
des Colorado entspringt auf dem Coloradohochland und fließt in fast
gerader Linie nach Nordosten, um sich mit dem Hauptstrom zu vereinigen,
kurz bevor dieser sein scharfes Knie nach Westen macht. Da sich der
Beschauer auf Navaho Point fast in derselben Höhe befindet wie die
allgemeine Oberfläche der Painted Desert, ist es klar, daß die ganze
Tiefe des Korridors des Kleinen Colorado seinen Blicken verborgen
bleiben muß. Das einzige, was er sieht, ist der oberste Rand des
rechten Ufers, der ebenso senkrecht und scharf gezeichnet ist wie der
„Rim“ an den Seiten des Großen Cañon. Daß man überhaupt etwas von
diesem rechten Rand erblickt, beruht darauf, daß er höher ist als der
linke.

[Illustration: Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran
Cañon. (Nord 30° Ost.)]

Vertieft man sich in die Aussicht von Navaho Point, dann ist man sich
klar: dies ist doch das Großartigste, was ich bisher vom Gran Cañon
gesehen. Allerdings: denselben Eindruck hatte ich vorher bei Grand
View gehabt. Man tut wohl am besten, gar keine Vergleiche anzustellen,
sondern einfach zu gestehen, daß jeder dieser Aussichtspunkte uns
eine Welt unvergleichlicher, ungeahnter Schönheit schenkt. Von El
Tovar aus beim satten Purpurglanz des Sonnenuntergangs gesehen, sind
die Pagoden und Türme am Nordrand vielleicht das prächtigste all der
Schauspiele, denen man hier beiwohnen darf. Aber Navaho Point beschert
uns nicht nur den Anblick der roten Pracht der Abendbeleuchtung auf den
Palisaden, sondern hat auch den Vorzug, daß wir das Tal des Colorado
sowohl nach Norden im Marble Cañon beherrschen wie nach Westen, wo er
seine Stromrinne in den Granit eingesägt hat. Denn Navaho Point liegt
gerade im Knie, wo der Fluß seinen Lauf ändert und nach Westen fließt,
nachdem er eben noch von Norden nach Süden strömte. Von Nordnordosten
kommend, wälzt er sich durch den Marble Cañon und beschreibt
unmittelbar oberhalb und unterhalb der Mündung des Kleinen Colorado
nur sehr unbedeutende Bogen. Gerade unter Comanche Point hat er sich
in Mäanderwindungen eingeschnitten, deren erste auf einigen Skizzen
von mir deutlich erkennbar ist. Mit Hilfe des Fernglases sehe ich, wie
sich die Wassermassen ungestüm vorwärts wälzen, aber kein Laut ihres
Tosens dringt an das Ohr. Das Wasser selbst und die Kiesbänke an den
Ufern haben die gleiche graue Färbung wie die Tontohänge. An ein paar
Stellen des Ufersaums sind schmale grüne Vegetationsbänder zu sehen. Im
Nordwesten und Westen wird der Fluß und der weiter stromab beginnende
Granitkorridor von einem mächtigen Ausläufer der Felswand des Südrandes
verdeckt. Links von der Pyramide dieses Ausläufers wird ein Stück
der Granitschlucht als ungeheurer, klaffender Spalt sichtbar, mit
Seitentälern, die gleich dunklen Keilen die Tontohänge durchschneiden.
Von hier aus gesehen, erscheinen diese Abhänge nicht besonders steil,
und bei der Beleuchtung, die um Mittag herrscht, schimmern sie grau
mit einem Stich ins Grüne. Über der Tontoformation erheben sich die
gewöhnlichen, leicht erkennbaren Schichten, der Redwall mit seinen
senkrechten Abstürzen, die steilen Hänge der Supaischichten und
die Coconino- und Kaibabablagerungen in etwas unbestimmten, trüben
Farbtönen, in denen jedoch das Rot überwiegt. Gerade unter mir in
Westsüdwest zieht sich ein kleiner Seitencañon hin, der Tanner Cañon.
Auf seiner Sohle schlängelt sich ein graues Band -- ich kann nicht
erkennen, ob es nur Geröll ist oder ob auch ein Bächlein in dieser
Furche hinabfließt.

Das gewaltige Tal streckt sich nach Westnordwesten und scheint ganz
hinten in der Ferne in Dunst und Nebel überzugehen. Aber es weht auch
eine recht frische Brise, und die Luft ist nicht klar.

Schaue ich nach Nordwesten, dann erblicke ich zuerst unmittelbar vor
mir den der Supaiformation angehörenden Ausläufer, der die beiden
Erhebungen Escalante Butte und Cardenas Butte trägt, die erstere
mit Resten von Coconinosandstein auf ihrem Gipfel. Dahinter liegt
der Colorado in der Tiefe und jenseits des Flusses mehrere der
obengenannten Tempel und Pyramiden, die sich auf Ausläufern des
Walhallaplateaus erheben. Diese herrliche Gegend sollte ich bald näher
kennenlernen.

Hinter der Reihe von „Tempeln“, die nach Apollo, Venus, Jupiter
und Juno benannt sind, zu einem sehr unregelmäßigen Ausläufer des
Walhallaplateaus gehören und ihre Wurzel in der Nähe des Cape Final
haben, erheben sich zwei Pyramiden, die Siegfried Pyre und Gunther
Castle heißen und auf einigen meiner Skizzen in verschiedenen
Beleuchtungen zu sehen sind.

In einer wichtigen Hinsicht hat der Bogen des Colorado, oberhalb dessen
wir uns jetzt befinden, ein ganz anderes Aussehen als die übrigen
Teile des „Innern Cañons“, die wir von andern Aussichtspunkten und
von der Mündung des Hermit Creek aus gesehen haben. Hier im Osten ist
das Tal offener und breiter, im Westen dagegen ist es eingeengt wie
ein schmaler Korridor. Das beruht darauf, daß der Fluß beim Austritt
aus dem Marble Cañon durch die weicheren Schichten der Unkarformation
fließt, während er weiter stromab, ungefähr 10 Kilometer unterhalb
Navaho Point, seine Rinne in den Granit einzusägen beginnt. Die Hänge
der Unkargruppe, durch die sich der Strom hindurchgeschnitten hat,
bestehen aus rotem Schiefer und grauem und braunem Sandstein, spielen
aber meist ins Rote. Die schwarzen Felsbänder, die hier und da die
Unkarhügel unterbrechen, bestehen aus Diabas, der in flüssigem Zustand
aus dem Innern der Erde emporgepreßt worden ist und sich zwischen die
sedimentären Schichten hineingezwängt hat.

Auf meinen Skizzen von Navaho Point aus, die die prächtige Felsenmauer
der Palisaden darstellen, tritt Comanche Point hervor, besonders auf
der Bleistiftzeichnung (S. 127), wo dank der Abendbeleuchtung und der
scharfen Schatten das Relief kräftiger zur Geltung kommt.

Die Stunden schritten vorwärts, und die Schatten im Tal wurden nur
allzu schnell länger. Wie angewurzelt saß ich am Rand dieses riesigen
Grabes, in dessen Schoß unzählige Jahrtausende hinabgesunken und dann,
dank der Erosion des Colorado, wiederauferstanden waren von den Toten.
Und dieses Grab ist zugleich ein Monument des scheinbar so launischen
Spiels der Naturkräfte, eine Stadt von Denkmälern, Tempeln und Türmen,
eine Bibliothek von Urkunden der Geschichte der Erde. Einsam sitze ich
hier und hänge meinen Träumen nach und mache verzweifelte Versuche,
in Farben und Federstrichen das Wesentliche in meinem Skizzenbuch
festzuhalten.

[Illustration: Blick von Havasupai Point nach Osten.

In der Tiefe der Colorado.]

Plötzlich stört ein Lärm im Wald den Frieden. Es ist 3 Uhr. In schweren
Autoomnibussen kommen Menschen angerollt, Herren, Damen und Kinder,
Großkaufleute, Kontoristen, Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen,
junge Eheleute, mit einem Wort Touristen. Ihre Art und Weise, sich
zu benehmen, ist nicht sehr fein; sie stellen sich gerade hinter
meinen Stuhl und betrachten meine armseligen Skizzen mit größerer
Aufmerksamkeit und Neugier, als sie dem Cañon widmen, den sie gar nicht
verstehen. Es ist recht spaßhaft, unfreiwillig ihrem geistreichen
Gespräch zu lauschen. „Was ist das Graue dort unten? Ist das ein Weg?“
-- „Nein, das ist der Fluß.“ -- „Welcher Fluß?“ -- „Der Colorado.“
-- „Ach, das ist der Colorado. Wie interessant!“ Zum Glück blieben
sie nicht viel länger als eine Stunde, und ich war froh, als ich das
Rattern der Autoomnibusse verhallen hörte und Schweigen wieder den Wald
erfüllte.

Übrigens hörte ich auf meinen Streifzügen manche sonderbare Äußerungen
über den Gran Cañon. Eine, die mir gerade einfällt, lautete: „Dieses
Tal ist die Hölle ohne Feuer und Schwefel, von der man den Deckel
weggenommen hat.“ Ja, Dante hätte neue Gedanken erhalten, wenn er den
Gran Cañon gesehen hätte, obgleich das von einem Zeitgenossen Marco
Polos wohl etwas viel verlangt ist. Meister Doré hätte sich hier an
einer Architektur weiden können, die seine kühnsten Phantasien weit
übertraf.

Stunde um Stunde verrinnt, und bald ist der Tag verstrichen, wieder
eine Sekunde in der Ewigkeit. Um 6 Uhr esse ich in der Küche mein
Mittagbrot; in aller Eile, um nicht das Schönste des abendlichen
Schauspiels zu versäumen. Die Sonne sinkt, die Bergwände beginnen
wieder wie Rubine zu glühen. Es ist, als würde die Erdrinde durch das
flüssige Magma von innen erhitzt und als würden die hohen Felsenmauern
des Cañon bald weich werden, zusammensinken und schmelzen. Im Tal des
Colorado liegt es wie ein Nebelschleier. Ich unterscheide gerade noch
den vorher von schwarzen Schatten bedeckten Marble Cañon. Im Westen,
wo die Sonne den Horizont berührt, sind die Berge farblos; höchstens
kann man sagen, daß die entferntesten als leicht graublaue Wandschirme
in der Ferne hervortreten. Die Mauern und Ausläufer des Cañon
erscheinen in immer dunkleren Tönungen, je näher sie meinem Standort
liegen, und die Partie unter meinem Kap ist bereits pechschwarz.

Der Wind rauscht ununterbrochen. Die Dämmerung senkt sich herab. Ich
warte darauf, das Ächzen des Automobilmotors im Walde zu hören. Es war
verabredet, daß ich heute abend nach Sonnenuntergang abgeholt werden
sollte. Doch alles blieb still. Ich traf daher meine Vorbereitungen
für eine neue Nacht, holte Wasser in meinen Schlafraum und war gerade
damit beschäftigt, meine Petroleumlampe zu füllen, als ein gelles
Hupensignal das Schweigen durchschnitt und ein Whiteauto vorfuhr.
Meine Sachen wurden im Wagen verstaut, dann fuhren wir nach El Tovar
zurück. Die Scheinwerfer warfen ihre weißen Lichtkegel auf den Weg, und
der Mond beleuchtete die Landschaft. Am Wegrand tauchten einmal ein
paar Stachelschweine auf, und ein andermal hätten wir beinah eine Kuh
überfahren. In El Tovar leuchteten die elektrischen Lampen wie in einer
Stadt. Die Zivilisation, zu der ich zurückkehrte, erschien mir recht
armselig im Vergleich mit der Stimmung, die an meinem Wallfahrtsort
geherrscht hatte, am Rande der Wüste.


  [1] Diese Zahl gab man mir in El Tovar, und der Kraftwagenführer
      bestätigte sie. Nach Dartons Buch beträgt die Entfernung nur 20
      engl. Meilen (32 Kilometer), aber nach der Karte ist sie
      mindestens 25 engl. Meilen (40 Kilometer).

  [2] Spanisch geschrieben Navajo.




Neuntes Kapitel.

Nach Havasupai Point.


Den 23. Juni benutzte ich dazu, kleinere Streifzüge am Rand entlang
zu unternehmen und Skizzen zu zeichnen. Als ich am Vormittag an dem
großen, im Freien errichteten Käfig der Luchse vorüberging, waren die
unglücklichen Gefangenen aus dem Wald nicht zu sehen; sie scheuten
das starke Sonnenlicht und hielten sich in ihrem künstlichen Bau
verborgen. Am Nachmittag sah ich mir wieder den Tanz der Indianer an
und verfolgte wehmütig Joo Secakukus gewohnte Sprünge vor den weißen
Zuschauern. Die Indianer waren bei diesen Gelegenheiten mit all ihrer
barbarisch malerischen Pracht geschmückt und trugen bunte Federn in
der Stirnbinde, Halsbänder und Armreifen, hagebuttenrote Mäntel ohne
Ärmel, Bogen und Pfeile. Aber sie sind Gefangene, wie die Luchse, und
das unsichtbare Gitter, das ihr Leben und Treiben umgibt, läßt sie
ebensowenig durch wie die Eisenstangen des großen Käfigs die Luchse.
Sie sind ein sterbendes Volk mit einer Vergangenheit voller Freiheit
und Wildmarkpoesie; das ganze Leben ist für sie ein Sonnenuntergang
ohne Hoffnung auf einen neuen Morgen.

[Illustration: Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden,
von Point Royal aus.]

Als es dämmerte, ging ich wieder zu den Luchsen. Jetzt, in der Stunde
der Schatten, waren sie erwacht, jetzt weiteten sich ihre Pupillen,
und von den nackten Ästen des Baumes, der in der Mitte des Gefängnisses
stand, konnten sie ihre Blicke nach Süden in die dunklen Verstecke
des Waldes schweifen lassen, wo sie einst Rehe, Kälber, Schafe und
Hasen gejagt hatten. Nun mußten sie von Fleisch leben, aus dem schon
die Wärme geflohen war, die aus den pulsierenden Schlägen des Lebens
und des Blutes stammte. Eins der Tiere mit Backenbart und langen
Pinselhaaren an den Ohrenspitzen, mit Mienen voll unauslöschlichen
Hasses und unbezähmbarer Wildheit und Grausamkeit, saß am Gitter,
unbeweglich wie eine Bildsäule, als lauere es auf ein Opfer und
sei fertig zum Sprung. Als ich näher trat, um den Gefangenen zu
betrachten, fuhr er wie von einer Schlange gestochen auf, schlug die
Tatzen um ein paar Gitterstäbe, zog die Oberlippe hoch, sperrte den
Rachen auf und fauchte mit unheilkündender Kraft, als wollte er am
liebsten seine Hauzähne in meine Kehle senken. Ich fuhr zusammen und
trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Meine Rache beschränkte sich
darauf, daß ich oberhalb des Kopfes der kleinen wütenden Bestien mit
dem Stock an die Eisenstange schlug. Pfeilschnell sprang das Tier zu
einem der obersten Äste des Baumes hinauf, und seine Augen glühten wie
feurige Kohlen, als wollte es mich mit seinen haßerfüllten Blicken
durchbohren. Es ist verwunderlich, daß ein Tier von so viel Haß erfüllt
sein kann. Aber vielleicht ist es auch nicht einmal so wunderlich --
der Luchs kennt seine gefährlichsten Feinde und wahrt sein Recht zu
leben.

Etwas östlich von El Tovar auf dem Weg nach Grandeur und Yavapai
Point teilt sich der Fußweg längs des Randes in zwei Steige, die
in zwei verschiedenen Stockwerken laufen. Der obere führt zwischen
Bäumen hin; auf ihm kann man getrost und sicher lustwandeln. Der
untere folgt einem Absatz, einer schmalen, unregelmäßigen Stufe, und
geht am äußersten Rande des Abgrundes bergauf und bergab. Hier muß
man bei jedem Schritt achtgeben und wissen, wohin man den Fuß setzt,
sonst kann der Spaziergang recht kurz werden, oder wenn man lieber
will, sehr lang, denn wenn man ungeschickt ist und ausgleitet, geht
es in die Ewigkeit. Selbst hier wachsen Bäume, Kiefern, Wacholder und
Eichen; bisweilen haben sie ein paar Meter unterhalb des Pfades in
Spalten und Rissen festen Fuß gefaßt. Dann ragen nur ihre Kronen über
die weiße Kalksteinkante empor, und man wandelt wie in einer schmalen
Galerie mit der senkrechten nackten Felswand auf der Innenseite und
einer unregelmäßigen Reihe von Säulen auf der Außenseite. Von diesem
Säulengang aus hat man eine großartige Aussicht auf die wunderbare
Welt des Gran Cañon in den bloßgelegten Eingeweiden der Erde. Alle
zehn Schritt wechselt das Bild, und immer wieder macht man bei neuen
staunenerregenden Ausblicken halt.

[Illustration: Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch.]

Selbstverständlich bleibt die Fernsicht über die ganze Talniederung
unverändert, und das Bild des Labyrinths der jetzt bei Sonnenuntergang
kupferroten Tempel und Pagoden mit ihren hellen Zinnen aus Kalkstein
wird von so geringen Änderungen des Gesichtswinkels nicht merklich
beeinflußt. Der Vordergrund dagegen, der Rand mit seinen Vorsprüngen,
Kaps und bisweilen freistehenden Pfeilern wandelt sich und gibt dem
roten Hintergrund in der Talschlucht einen ständig wechselnden Rahmen.
Immer wieder bleibt man stehen voll Staunen, Entzücken und Bewunderung.
Ich mache auch hier und da Rast, um eine Skizze zu zeichnen. Mich in
Farben zu versuchen, dazu reicht die Abendstunde nicht. +Wie+
ich das Bild haben möchte, sehe ich genau, aber ich kann nicht, und
die Zeit reicht nicht. Jetzt, da der Purpurglanz verblaßt ist, würde
ich die Pyramiden und Tempel mit der Farbe einer frischgeputzten
Kupferkanne decken, aber nicht blank und glänzend wie diese, sondern
matt. Ich wünschte, ich könnte die Aussicht auf Osiris-, Schiva-,
Isis- und Buddha-Tempel in einer Reihe von Bildern darstellen mit dem
sterbenden Licht der Abendröte auf den Steilhängen. Während der zwei
Stunden vor dem Sonnenuntergang müßte in jeder Viertelstunde ein Bild
gemalt werden. Das würde eine Reihe geben, in der jedes Bild von den
übrigen verschieden wäre. Man würde dann sehen, wie die prächtige rote
Beleuchtung anfangs beträchtliche Felder der Hänge und Abstürze färbt,
wie diese Lichtfelder dann allmählich an Umfang und Glanz abnehmen und
wie sie unmittelbar nach dem Sonnenuntergang völlig erlöschen. So würde
man finden, daß um 7 Uhr nachmittags sieben Zehntel des Tales unter
Schatten verborgen sind. Und wo die Schattenfelder sich ausbreiten,
verschwinden die Einzelheiten. Aber je mächtiger die Schatten werden,
desto schärfer zeichnen sich die noch von der Sonne beleuchteten Teile
ab. Wie dunkel die Schatten auch sind, so spielt ihr Farbton doch stets
ins Bläuliche. Über dem Ganzen wölbt sich ein merkwürdig hellblauer
Himmel, und im Vordergrund unter meinen Füßen erhebt das „Kriegsschiff“
seinen dunklen Rumpf wie ein für immer verankertes Gespensterschiff.

Sechs Stunden lang streifte ich einsam am Rand entlang. Als die
Dämmerung ihre Fittiche über den Gran Cañon breitete, schlug ich den
sichern Waldweg ein, auf dem sich jetzt kein Lebewesen blicken ließ,
und kehrte nach El Tovar zurück, um den Abend in der Gesellschaft des
Herrn Harvey, des Obersten Crosby, des Herrn Clarkson und des jungen
Architekten Shaw zu verbringen. Auch heute sprachen wir über die
brennende Frage, die uns schon mehrmals beschäftigt hatte, über das
neue Hotel. Ich äußerte meine persönliche Meinung unumwunden -- die
Amerikaner haben die ungewöhnliche, sehr sympathische Eigenschaft, mit
Vergnügen und Aufmerksamkeit die Ansichten anderer Menschen anzuhören,
auch wenn diese ihrer eignen Auffassung gerade entgegengesetzt sind.
Ich erzählte, daß ich in Chicago im Bureau der Santa-Fé-Gesellschaft
eines Tags die bescheidene Bitte aussprach, im Hotel in El Tovar ein
Zimmer zu erhalten, von dessen Fenster ich freie Aussicht auf den Cañon
hätte. Ich würde dann zu jeder beliebigen Tageszeit eine schnelle
Skizze zeichnen oder einen flüchtigen Beleuchtungseffekt festhalten
können und meine Zeichen- und Malutensilien stets bei der Hand haben;
ich könnte im Schlafrock den Sonnenaufgang bewundern und könnte mitten
in der Nacht das zauberhafte Spiel des Mondscheins auf den Zinnen der
Tempel schauen. Doch als ich nach El Tovar kam, fand ich, daß es ein
solches Zimmer nicht gab. Ein halbes Jahr vorher hatte ich in San
Remo im Grand Hotel gewohnt, wo wenigstens jede Wohnung ihren eignen
kleinen Balkon mit Aussicht aufs Meer hatte. Denn gerade das Meer will
man vor Augen haben, wenn man San Remo aufsucht, um sich zu erholen.
Und was ist das Meer im Vergleich zum Gran Cañon! Das Meer mit seiner
Unendlichkeit ist stets fesselnd, und man wird nicht müde, es zu sehen.
Aber es nimmt sich doch in allen Küstenstädten ziemlich gleich aus.
Der Gran Cañon dagegen ist einzigartig, und wenn man wie die meisten
Touristen nur für einen oder zwei Tage hierherkommt, will man sich
seine Schönheit möglichst nachhaltig einprägen. Wir waren, glaube ich,
in diesem Punkt ziemlich einig, und ich gebe mich der frohen Hoffnung
hin, wenn ich das nächste Mal den Gran Cañon besuche -- falls daraus
jemals etwas wird --, in einem Zimmer wohnen zu können, wie ich es mir
gedacht habe.

Wir saßen noch eine Zeitlang im Vortragssaal und hörten im Rundfunk
Gesang und Musik von Los Angeles und Kansas City. Es kam mir etwas
banal vor, war aber doch merkwürdig, hier mitten in der erhabenen
Stille der Wildnis.

Mein nächster Ausflug galt dem Teil des Südrandes, der westlich von El
Tovar liegt. Im großen ganzen geht der Weg erst nach Westsüdwesten,
dann nach Nordwesten und Norden und schließlich nach Osten. Den Rand
selbst berührt man erst, wenn man das Ziel, Havasupai Point, fast
erreicht hat. Die ganze Reihe von Kaps, die auf dieser Strecke in den
Cañon hinausragen, bleibt in beträchtlicher Entfernung zur Rechten und
ist von unserm Weg aus nicht sichtbar.

In diesen westlichen Regionen beschreibt der Fluß in seiner
Granitschlucht (Granite Gorge) gewaltige Krümmungen. Auf dem
Havasupai-Kap hat man den Colorado im Osten, Norden und Westen.
Man befindet sich auf einer Halbinsel, deren Nordrand die
jahrmillionenlange Erosion bis aufs äußerste zerfressen und zernagt
hat. Westlich dieser Halbinsel macht der Fluß einen plötzlichen
scharfen Bogen nach Süden um den Rücken, der Marcos Terrace, herum, die
auf dem Nordufer vom Powellplateau vorspringt. Südlich davon schneidet
eine mächtige, Aztec Amphitheater genannte Einbuchtung tief in den
Südrand ein. Noch weiter im Westen fließt der Colorado eine Strecke
nach Nordosten, ehe er in gewaltigen Krümmungen nach Westen und Süden
biegt, um erst die Grenze zwischen Arizona und Nevada und dann zwischen
Arizona und Kalifornien zu bilden und schließlich auf mexikanischem
Gebiet in den Golf von Kalifornien zu münden. Im Imperial Valley,
nahe der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko, hatte ich später
Gelegenheit, den Fluß wiederzusehen, einen der merkwürdigsten auf Erden.

[Illustration: Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten,
Colorado aufwärts.]

Besser hätte ich den Mittsommertag nicht feiern können als durch
diesen unvergeßlichen Ausflug nach Havasupai Point. Herr West, einer
der prächtigen Führer von der Verwaltung des Nationalparks, fuhr mich
in einem kleinen Fordauto die 45 Kilometer, die uns von unserm Ziel
trennten. Wir hatten einen entzückenden Tag. Ich segnete unsern kleinen
Fordwagen und seinen großen Vater Henry; denn daß das Auto dieses
Stückchen überstand, war ein Wunder. Mit Recht sagt N. H. Darton in
seinem obengenannten Buch: „Leider ..... sind diese Punkte (Havasupai
und seine Umgebung) von Straßen und Pfaden ziemlich entfernt und
deshalb nicht bequem zu besuchen.“

Anfangs geht es noch, aber später ist der Weg schrecklich, ein
Waldpfad, auf dem das Auto schlingernd und schleudernd über Wurzeln und
Reisig rollt und in tiefen, unangenehmen Radspuren stößt und schüttert.
Der Wald besteht zum größten Teil aus Kiefern; majestätische Stille
herrscht zwischen den hohen dunklen Stämmen. Dann lichtet sich der
Wald und hört auf, und es folgt Prärie mit Büschen und Rasenhöckern.
Hier muß man sich bisweilen festhalten, um nicht hinauszupurzeln! Und
dabei fuhr Herr West ebenso vorsichtig wie geschickt. Am schlimmsten
war es, als wir über Felsen fuhren, die aus den lockern Erdschichten
emporragten und wo man jeden Augenblick befürchten mußte, daß einem im
scharfkantigen Schutt ein Reifen zerschnitten wurde.

Ein Reh setzte in leichten Sprüngen über das Gelände, und an
einigen Büschen faulenzte eine Herde von sieben verwilderten Eseln.
Sie spitzten die Ohren, betrachteten uns unverwandt und standen
unbeweglich, solange wir fuhren. Aber als wir einmal hielten, stoben
sie in wilder Flucht davon, um an einem entferntern Ort wieder
haltzumachen und uns von neuem zu beobachten -- ganz wie die Wildesel
in Tibet, wenn eine Karawane daherzieht.

Wir fuhren an einer Hütte vorüber, wo ein Pferdebesitzer sein
Hauptquartier hat, schaukelten zwischen Black Bush und Sage Brush[3]
vorwärts und erreichten schließlich einen sehr schönen Wacholderwald.
Die Wacholder waren so groß wie Bäume, und wirkungsvoll hoben sich ihre
schwarzen Stämme von dem frischen tiefen Grün der Nadelkronen ab, ein
prächtiges Bild, zumal der Boden ziegelrot war. Nach zweieinviertel
Stunden waren wir glücklich bei Baß Camp, wo ein paar Hütten stehen
und einige Männer im Dienste des Nationalparks beschäftigt waren. Von
diesem Punkt hatten wir nur noch zwanzig Minuten bis Havasupai Point.

In der Nähe des Kaps war der Boden ziemlich hart und eben. Wir fuhren
bis auf die Spitze hinaus. Wenn man hier in voller Fahrt ankommt und
am Motor oder Steuerrad etwas nicht in Ordnung ist, hat man alle
Aussicht, über den Rand in den Luftraum hinauszurollen, um einige
Sekunden zwischen Himmel und Erde zu schweben und 1000 Meter tiefer
in einen Scherbenhaufen verwandelt zu werden. Aber Herr West stoppte
im rechten Augenblick und stellte den Fordwagen in den Schatten eines
Wacholders. Er nahm eins der Autopolster und legte es auf die äußerste
Spitze des Kaps, und ich ließ mich hier mitten in der Sonnenglut
nieder. Die Steine waren so warm, daß man sie nicht berühren konnte,
und das Kissen roch fast wie angesengt.

Havasupai Point liegt 2028 Meter über dem Meeresspiegel; die Aussicht
ist überwältigend, so ungeheuer sind die Maße und so kühn und
wunderlich bizarr die Linien.

Es war fast ¾1 Uhr, als wir unser Ziel erreichten. Ich hatte also
knapp viereinhalb Stunden zur Verfügung, denn spätestens um 5 Uhr
mußten wir die Rückfahrt antreten. Im Dunkeln ist es ganz unmöglich,
den Weg zu finden, ja selbst bei Tageslicht fährt man auf einzelnen
Strecken nach dem Gefühl, wo einem das Gelände gerade fahrbar zu sein
scheint. Ich wußte ja nicht, ob ich jemals in meinem Leben an diesen
Platz zurückkommen würde, und die fliehenden Stunden mußten darum
ausgenutzt werden. Die erste halbe Stunde kommt man nicht aus dem
Staunen. Man ist benommen von diesem Anblick und schaut und schaut. Es
ist zu viel auf einmal. Nach allen Richtungen, außer nach Südwesten,
ist die Aussicht überwältigend. Man wird still und stellt keine Fragen.
Für den Augenblick interessiert es mich nicht im geringsten, wie alle
diese Pyramiden, Rücken und Abgründe auf der Karte heißen. Mir ist,
als stünde ich vor dem Hochaltar der heiligsten Kirche der Erde. Ich
vergesse fast zu atmen und ringe nach Luft. Ich brauche Zeit, mich
zu sammeln und meine Eindrücke und Begriffe von Raum und Entfernungen,
von Maßen und Neigungswinkeln, von Farben und Formen zu ordnen. Ich
erblicke den Fluß unten in der Granitschlucht und habe eine Stütze für
die Orientierung.

[Illustration: Altarfall.]

Dann richte ich meine Aufmerksamkeit auf die nächste Umgebung. Ich
stehe auf einem Kap, das wie ein Bugspriet nach Nordosten vorspringt
und das auf allen Seiten, im Westen, Norden, Osten und Süden, von
bodenlosen Abgründen umgeben ist, nur in Südwesten hängt es mit
der breiten, vom Colorado umflossenen Halbinsel zusammen. Auch auf
Havasupai Point befindet man sich wie auf einem Sprungbrett, das in
den leeren Raum hinausragt. Von dem Fluß selbst sind beträchtliche
Strecken zu sehen, die sich als schmales graues Band abheben, und hier
und da erkennt man deutlich die Stromschnellen. Nach Osten, d.❁h. in
die Gegenden, die ich schon kannte, reicht der Blick bis zu der wohl 50
Kilometer entfernten Mauer der Palisaden. Dieser prächtige Hintergrund
ist in schwachen leichten Tönungen wie durch ein offnes Tor zu sehen,
dessen Pfeiler von scharf gezeichneten, jäh abstürzenden Kaps des Nord-
und des Südrandes gebildet werden. In mein Tagebuch schrieb ich zum
fünftenmal: Dieser Punkt bietet doch die schönste Aussicht im Gran
Cañon! Sie übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. In der Zeit,
die ich am Rio Colorado schon zugebracht hatte, hatten sich meine
Eindrücke von diesem märchenhaft herausgemeißelten Teil der Erdrinde im
Crescendo gesteigert, und ich nahm als feststehend an, daß Havasupai
Point ein Höhepunkt sein werde, der nicht mehr überboten werden konnte.

Nachdem ich mich von dem ersten Erstaunen erholt hatte, nahm ich
Zeichenblock und Bleistifte hervor. Zu irgendwelchen farbigen Versuchen
reichten die armseligen vier Stunden nicht. Ich begann eine Skizze der
Landschaft im Westen. Sie zeigt einen nahen Ausläufer des Südrandes,
der in Westnordwesten in den Fossil Mountain übergeht. Dieses Bild gibt
eine recht klare Vorstellung von dem bei allen Tempeln und Pagoden
wiederkehrenden Wechsel zwischen steilen Absätzen und senkrechten
Wänden und von den vorspringenden Leisten, die deutlich die horizontale
Lagerung der Schichten verraten. Man läßt den Blick an diesen
Steilhängen hinuntergleiten und sieht, wie sie bis in schwindelnde
Tiefen unmittelbar unter unsern Füßen hinabreichen. Hinter diesen
pyramidenförmigen Gipfeln sieht man den überall im Gran Cañon gleichen
Hintergrund mit seiner Schichtenfolge in verschiedenen Farbtönen.

Nachdem ich mich mit meiner ersten Zeichnung fast zwei Stunden lang
abgemüht habe, beginne ich die nächste, indem ich mich weiter nach
rechts wende und die Richtung Nord 20° West in die Mitte des Blockes
nehme. Im Vordergrund der Skizze (S. 147) ist die Spitze eines
Ausläufers zu sehen, der wohl zum Fossil Mountain gehört und auf seiner
Ostseite eine Reihe von vier einander recht ähnlichen senkrechten
Partien zeigt. Da sie aus der in dichtem Schatten liegenden Mauer
vorspringen, von der sie ein Teil sind, werden sie scharf von der Sonne
beleuchtet und heben sich von dem schwarzen Hintergrund grell ab. Sie
gleichen den Pfeilern eines riesigen Bauwerks. Ein übermenschlicher
Baumeister hat die Zeichnung dazu entworfen. In ihrer dekorativen
Schönheit und Größe sind sie grenzenlos phantastisch, und man fragt
sich, ob man vor einem archäologischen Rätsel steht. Ist es möglich,
daß die Natur selbst diese regelmäßigen wandfesten Säulen hat formen
und modellieren können? Wie ich mit dem Bleistift ihren Umrißlinien
folge und die Schatten einzeichne, so wie ich sie sehe, kann ich
mich nicht des Gedankens erwehren, daß dieses Detail auf der Skizze
höchst unwahrscheinlich aussieht. Wenn jemand an der Richtigkeit der
Darstellung zweifelt, kann er ja hinfahren und nachsehen. Die Reise
ist äußerst bequem, und bis man den Gran Cañon erreicht hat, wird
der schlechte Weg, den ich beschrieben habe, ohne Zweifel durch eine
Zementstraße ersetzt worden sein.

Die hohe Partie, die auf meiner Zeichnung über und hinter den Pfeilern
zu sehen ist, ist Grand Scenic Divide, und die Taltiefe diesseits
seines Rückens ist der Serpentine Cañon. Noch weiter hinten erblickt
man andere Teile der Einrahmung des Gran Cañon. Es ist jedoch nicht
immer leicht herauszufinden, wie das, was man sieht, zusammenhängt,
da bei gewissen Beleuchtungen die stets in gleicher Höhe liegenden
Schichten zu scheinbar fortlaufenden Linien verschmelzen, während sie
in Wirklichkeit verschiedenen Teilen angehören. Aus demselben Grund ist
es nicht leicht zu bestimmen, wo der Colorado die Landschaft, die wir
sehen, verläßt.

Jenseits des Flusses, im Nordwesten, hebt sich das mächtige
Powellplateau ab mit einer Menge von Ausläufern nach Süden, Südwesten
und Westen, im Osten begrenzt von dem tief eingeschnittenen Muav Cañon.

[Illustration: Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost.]

Schließlich hatte ich nur noch eine halbe Stunde zur Verfügung; sie
wurde zum größten Teil zu einer Skizze der Aussicht nach Nord 30° Ost
(S. 151) benutzt. In ihrem Vordergrund ist die Rinne des Flusses zu
sehen, dahinter das Gewirr der Felsrücken und Seitencañons, die zum
Shinumo Amphitheater gehören. Dieser ganze Teil des Gran Cañon lag
jetzt in der Glut der Nachmittagssonne, und die Schatten hatten sich
noch nicht der Hänge der Berge bemächtigt. Ohne diesen harmonischen
Wechsel von Licht und Schatten tritt die rücksichtslos kühne Skulptur
nicht hervor. Die Entfernung bis zu dem ganz hinten im Nordosten
liegenden Nordrand, der auf meiner Skizze angedeutet ist, beträgt fast
17 Kilometer.

Da noch acht Minuten bis 5 Uhr fehlten, nahm ich ein neues Blatt vor
und warf in aller Eile eine Umrißzeichnung der Landschaft im Osten
(S. 155) aufs Papier. Es konnten freilich nur die großen Züge gegeben
werden, ein flüchtiger Eindruck, eine Stütze fürs Gedächtnis.

Zum Schluß will ich einige Zeilen Dartons über die Geologie dieser
Gegend anführen. Er sagt über das Powellplateau: „An dessen
südöstlichem Ende liegt Dutton Point mit großen Steilhängen aus
Kaibabkalkstein und grauem Coconinosandstein und darunter mit
gewaltigen Stufen aus rotem Supaisandstein. Am Südrande des
Powellplateaus liegt Wheeler und weiter nach Westen Ives Point,
die überall dieselbe Schichtenfolge zeigen wie Dutton Point. Die
Granitschlucht läuft jenseits dieser Kaps nach Westen weiter, hört
aber auf, wenn der harte Granit schließlich an der großen Flußkrümmung
südlich des Powellplateaus untertaucht und verschwindet. In der Tiefe
des Shinumo Creeks und längs der Abhänge des Gran Cañon rechts und
links der Mündung des genannten Creeks sieht man große Massen von
dunklem Sandstein, Kalkstein und rotem Schiefer der Unkargruppe,
die über dem Granit liegen. Die Unkarschichten sind infolge vieler
Verwerfungen stark gefaltet und gebrochen.“

Während ich zeichnete, hatte Herr West Feuer gemacht, Kaffee gekocht
und den Inhalt unseres Proviantbeutels aufgetischt. Im Schatten eines
üppigen Wacholders nahmen wir unsern späten Lunch ein, mit Gebäck und
Apfelsinen als Nachtisch. Schnell waren wir fertig, dann packten wir
unsere Siebensachen wieder ins Auto und traten die Rückfahrt an --
durch einsamen Wald und Prärien.


  [3] Professor Skottsberg teilt mir mit, daß Black Bush und Sage
      Brush die zwei wichtigsten charakteristischen Sträucher auf dem
      Coloradoplateau und den Cañonhängen sind: Black Bush, ~Coelogyne
      ramosissima~, ist eine Rosazee; Sage Brush, ~Artemisia
      tridentata~, ist eine Beifußart.




Zehntes Kapitel.

Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado.


Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, von El Tovar geradeswegs
nach Los Angeles zu reisen. Allgemein sagte man mir, ich könnte
mir den Nordrand des Gran Cañon recht gut schenken, da er sich an
Naturschönheit mit dem Südrand nicht zu messen vermöge. Als Beweis
führte man an, daß der Nordrand mit seiner höchst phantastisch
eingeschnittenen und zernagten Umrißlinie und seinen ungemein
malerischen Pyramiden und Tempel einen unvergleichlich schönern Anblick
vom Süden aus gewähre als die Südseite; dieser fehlten von Norden
gesehen die scharfen Einbuchtungen und freistehenden Türme und Tempel.
Man wies auch darauf hin, welche Bedeutung die Beleuchtung habe. Da
die Sonne im Süden steht, muß man vom Südrand aus seine Beobachtungen
machen, wenn man die Wirkungen des Sonnenlichts auf die im Norden
gelegenen riesenhaften Skulpturen sehen will. Von Norden aus zeigt die
Mauer des Südrandes dagegen eigentlich einen fortlaufenden Schatten
ohne Einzelheiten und ohne hervortretende Formen. Schließlich hob man
auch hervor, der Nordrand sei im allgemeinen 300 Meter höher, so daß
sich der Südrand, von der gegenüberliegenden Seite aus gesehen,
weniger imposant ausnehme als umgekehrt.

[Illustration: Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus.]

Eines Tags lernte ich jedoch einen Herrn kennen, der selbst auf dem
Nordrand gewesen war und der erklärte, die Aussichten, die man von
dort aus genieße, seien das Großartigste, was der Gran Cañon an
überwältigender Naturschönheit biete. Seiner Ansicht nach ist die
Entscheidung über die Vorzüge der beiden Ränder nur eine Frage der
Konkurrenz. Die Union Pacific Railway Co. soll nämlich die Absicht
haben, eine Bahnlinie an den Nordrand des Gran Cañon zu bauen und
dort ein prächtiges Hotel zu errichten, das nach Fertigstellung den
Wettbewerb mit der Santa-Fé-Bahn und El Tovar aufnehmen werde. Ich
für meinen Teil glaube freilich, daß, selbst wenn dieser Plan ins
Werk gesetzt wird, die Santa-Fé-Gesellschaft und Ford Harvey ganz
beruhigt sein können. Denn welche Vorzüge der Nordrand auch haben mag
-- Vergleiche sind hier übrigens unmöglich --, so hat man den Gran
Cañon gar nicht gesehen, wenn man nicht den Südrand in der Gegend von
El Tovar und vor allem bei Navaho Point (Desert View) besucht hat.
Nur von Süden aus sind die Tempel in Verkürzung und in der feuerroten
Abendbeleuchtung zu sehen. Im Norden hat man zwar ihre ungeheuren
Felsmassen viel näher, aber man beherrscht sie nicht alle auf einmal,
und es entgeht einem die gleichmäßige tiefe Glut der Abendsonne auf
ihren Hängen. Ich glaube daher nicht, daß ein Konkurrent im Norden eine
Gefahr für die Entwicklung von El Tovar bedeuten könnte -- eher einen
Vorteil.

Denkt man sich auf jeder Seite des Gran Cañon ein prächtiges Hotel,
die beide mit magnetischer Kraft Massen von Touristen an sich ziehen
würden, so entsteht die Frage, wie zwischen ihnen eine Verbindung quer
über die Taltiefe herzustellen wäre. Eine Bahnlinie ist unmöglich. Aber
eine Autostraße mit Tunneln und malerischen Galerien!

Eine solche würde es jedem, auch älteren Leuten, ermöglichen, den Gran
Cañon gründlich zu sehen. Doch Automobile im Gran Cañon wären eine
Geschmacklosigkeit, die den Zauber der Wildnis vernichten würde, eine
Entheiligung, die den Tempelfrieden des Tales stören würde. In dieser
Hinsicht teile ich die Auffassung Clarksons und, wie ich glaube, auch
der andern Herren in El Tovar: meinetwegen mag man in und über dem
Gran Cañon in Flugzeugen kreisen, die keine Wege brauchen und keine
Spuren hinterlassen, aber nur keine Automobile! Wer sich nicht der Mühe
unterziehen will, auf dem Rücken eines Maultiers die schmalen, steilen
Pfade hinabzureiten, muß darauf verzichten, am Ufer des Flusses zu
rasten.

Für mich war es freilich ein leichtes, meinen Entschluß zu fassen. Ich
hatte mich in den Gran Cañon eingelebt und hinreichend viel von ihm
gesehen, um mir klar zu sein, daß ich diese Gegend nicht verlassen
+konnte+, ohne auch am Nordrand gewesen zu sein. Meine Freunde
Crosby, Clarkson und Petrosa billigten meinen Plan und erleichterten
seine Ausführung in jeder Weise. Ich wollte den Bright Angel Trail
hinabreiten, über den Fluß und zum Camp des Nordrandes hinauf und
einige Tage im „Lager“ bleiben, um dann mit dem Auto nach Salt Lake
City zu fahren. Nach dieser Stadt wurde also mein ganzes schwereres
Gepäck mit der Bahn geschickt, und ich nahm nur das unbedingt
Notwendige in einer kleinen Tasche mit, vor allem Zeichen- und
Malgerät. Meine ganzen Habseligkeiten hatten in einer Satteltasche
meines Maultiers Platz. Man telephonierte an die Stationen im Norden
und willfahrte gern meinem Wunsch, Sandy MacLean, den ich schon kannte,
als Führer zu erhalten. Oberst Crosby gab mir alle Aufschlüsse, die ich
brauchen konnte, und ein paar neue Kartenblätter.

[Illustration: Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost
(29. Juni).]

An den beiden letzten Abenden in El Tovar war ich draußen am Hochrand,
um die wunderbare Stimmung zu genießen, die der Mondschein hervorrief.
Eine ungestörte, fast unheimliche Stille lag über der Gegend. Nur
hin und wieder hörte man das Rufen eines Nachtvogels. Die Kiefern
ganz draußen am Rand werfen dunkle Schatten auf den Boden. Bisweilen
ist hier oben nur der Schatten des Stammes zu sehen, während der
Schatten der Krone über tausend Meter tiefer im Grunde des Tales
den Boden trifft. Nur die nächsten Kaps und Vorsprünge heben sich
in bleichem, bläulichem Licht ab. Aber vor ihnen gähnt der dunkle
unbekannte Abgrund, in dem alle Einzelheiten wie unter einem Schleier
verschwinden. Die herrschende feierliche Stimmung läßt sich mit
Worten nicht beschreiben. Wie angewurzelt steht man am Rand. Es ist
Nacht. Die Erde schläft. Unter mir öffnet sich das unermeßliche Grab,
dessen Schlund vom Silberschein des Mondes erfüllt ist und doch in
geheimnisvollem Dunst verschwindet.

Ich wollte in der Frühe des 27. Juni mit Sandy aufbrechen. Aber ehe die
letzten Vorbereitungen getroffen und Mundvorrat und Gepäck auf unsere
beiden Maultiere geladen waren, war ein großer Teil des Vormittags
verstrichen. Zum Schluß wurde ich noch photographiert. Man wünschte
durchaus, ich sollte mich dazu an den äußersten Rand eines Absturzes
setzen, der fast 300 Meter maß; das Bild, das nach Haus geschickt
wurde, zeigt auch, daß ich mich nicht unbedingt auf mein eigenes
Gleichgewicht verließ, sondern mich mit beiden Händen aufstützte.
Nachdem ich meinen Freunden Lebewohl gesagt hatte, brach ich endlich
um 11 Uhr auf. Oberst Crosby begleitete mich zu Fuß bis zu dem Punkt
am Rand, wo der Pfad in unzähligen Zickzackbiegungen steil hinabführt.
Er beginnt unmittelbar westlich des Hotels. Im allgemeinen gilt er als
steiler als der westlichere, nach Hermit Camp führende Pfad. Sicher
ist, daß man in noch höherm Grade die Bewegungen des Maultiers zu
parieren sucht, indem man sich nach hinten lehnt und auf den Rücken
seines Reittiers zu liegen kommt. Auf den Hängen wachsen Laubbäume, vor
allem Eichen, und Sträucher. Wir befinden uns noch im Schatten der fast
senkrechten Kaibabmauer. Die Luft ist herrlich. Oben hatten wir um 10
Uhr 23,5 Grad gehabt.

Darton gibt in seinem Buch einen Überblick über die Schichten und
Gesteine, an denen man auf diesem Weg vorüberkommt, und führt auch
die Mächtigkeit der verschiedenen Ablagerungen an. Die oberste, der
Kaibabkalkstein, auf dem 2093 Meter über dem Meer El Tovar erbaut
ist, ist hier 206 Meter mächtig, und gewisse Lagen seiner weißen
feinkörnigen Schichten, auf denen der Bright Angel Trail gebaut ist,
sind reich an Abdrücken fossiler Muscheln und an Bruchstücken harten
gelben Feuersteins.

Gerade da, wo dieser Kalkstein aufhört und man den 95 Meter mächtigen
grauen Coconinosandstein betritt, ist ein kleiner kurzer Tunnel
gesprengt. Die Grenze der beiden Formationen ist sehr deutlich. Am
Tunnel kommt man auch an einer gewaltigen Verwerfung vorüber. Der Teil
der Cañonmauer, der westlich der Verwerfungslinie liegt, ist durch
eine Hebung der Erdrinde 43 Meter über den östlichen emporgehoben
worden. Der Tunnel selbst verläuft daher ganz im Coconinosandstein.
Übrigens liegt der Bright Angel Trail zum größten Teil östlich der
Verwerfungslinie; erst weiter unten, wo der Pfad die Ablagerungen der
Tontogruppe betritt, führt er westlich davon. Unmittelbar ehe man
die östliche Mündung des Tunnels erreicht, sieht man sehr deutlich
die Schichtung des Kalksteins und Sandsteins in ihrem gegenseitigen
Verhältnis und zur genannten mächtigen Spalte, in der die Bruchflächen
der Erdrinde aneinander abgeglitten sind. Lockeres Material des
Verwerfungsgebietes ist hinuntergestürzt und hat einen Schuttkegel
gebildet, ohne den es unmöglich gewesen wäre, einen Pfad anzulegen
und an dem sonst unübersteigbaren Hindernis vorüberzukommen, das die
senkrechte Coconinomauer im Gran Cañon überall bietet.

Auf der ganzen Strecke von El Tovar bis hinunter zur Brücke und über
den Colorado bewegt man sich im großen und ganzen nach Nordosten,
während der Pfad zahllose kleine scharfe Krümmungen macht.

Der Übergang vom Coconino zu der roten Supaiformation, die hier eine
Mächtigkeit von 340 Meter hat, ist sehr schroff. Die amerikanischen
Geologen haben gefunden, daß Schichten von hartem Sandstein mit solchen
von weichem Schiefer abwechseln; das hat zur Folge gehabt, daß die
Kräfte des Luftmeers Terrassen und Tische herausgemeißelt haben, die
immer rot und oft von prächtiger architektonischer Wirkung sind. Diese
Struktur tritt an dem „Kriegsschiff“, das unmittelbar westlich unseres
Weges seinen Rumpf erhebt, und an mehreren andern Steilhängen in
unserer Nähe besonders schön hervor.

[Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon.

Südwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.]

Dann folgen die Felsen des Redwall mit einer Mächtigkeit von 170
Meter. Darton weist auf eine allgemein vorkommende Erscheinung hin,
die man vor allem bemerkt, wenn man die Riesenmauern des Gran Cañon in
Farben wiederzugeben sucht. Die senkrechten Abstürze des Redwall sind
nämlich von dem Schlamm, den das Regenwasser von den darüberliegenden
roten Schiefern mit sich führt, in verschiedenen Schattierungen rot
gefärbt, während der Kalkstein selbst im Bruch hellgrau ist. Die rote
Farbe ist also eine Folgeerscheinung, die aber zu dem Namen Redwall
Anlaß gegeben hat.

Auf Metallschildern, die die Geologische Landesuntersuchung hat
anbringen lassen, sind die absoluten Höhen angegeben. Auch hier
erfährt man also von Zeit zu Zeit, wie tief man unter den Hochrand
hinabgestiegen ist. Bei der Höhenzahl 3876 Fuß (1181 Meter) über dem
Meer soll Platin gefunden werden, wie mir Sandy erzählt. Der Weg
dorthin trägt den bezeichnenden Namen „Jakobsleiter“; er ist in der Tat
halsbrecherisch.

Die Ablagerungen der Tontogruppe, auf denen wir uns jetzt befinden,
sind 245 Meter mächtig. Der Indian Garden, wohin es von der Höhenmarke
3876 nur noch einige Minuten sind, liegt also im Tonto. Der
Seitencañon, dem wir die ganze Zeit gefolgt sind, heißt Garden Creek.

Unser heutiger Ritt maß fast 20 Kilometer, und wir waren fünf Stunden
unterwegs. Aber wir rasteten auch mehrere Male, um zu zeichnen, und
gönnten uns im Indian Garden eine herrliche Ruhestunde. Die Temperatur
betrug hier um 1 Uhr 35 und in der Sonne 46 Grad. Der Indian Garden ist
eine kleine prächtige Oase in dieser sonnendurchglühten Steinwüste.
Hier treten lebenspendende Quellen zutage und bilden einen munter
plätschernden Bach mit klarem, lauwarmem Wasser von 23,6 Grad.
Wie Darton berichtet, benutzten die Indianer es zur Bewässerung
ihrer Getreidefelder, mehrere hundert Jahre vor der Ankunft des
weißen Mannes. Mit Weinranken überwachsene Weiden und ein üppiger
Pflanzenwuchs bilden ein kühle, feuchte Laube, durch die der Quellbach
fließt. Ungern verläßt man den angenehmen Schatten, um sich wieder der
Sonnenglut auszusetzen. Die zu El Tovar gehörenden Häuser am Anfang des
Bright Angel Trail sehen von hier unten wie kleine Punkte aus.

Auf dem harten Sandsteingrund der Tontoplattform führt unser Weg
entlang, nachdem wir den Indian Garden und seinen Creek verlassen
haben. Wir reiten eine Strecke nach Osten und haben Isis und Buddha
Temple zu unserer Linken und Brahma und Zoroaster Temple halb links
vor uns. Den Tonto Trail, dessen Anfang wir bei Hermit Camp sahen,
lassen wir links liegen. Hoch oben auf den Hängen unterhalb des
Südrandes erblicken wir eine Reiterschar. Infolge der Entfernung sieht
es aus, als bewege sie sich nicht von der Stelle. Yavapai und Yaki
Point schweben hoch über uns als scharf gezeichnete Vorsprünge. Wir
kommen an zwei Grotten vorüber, die in einer senkrechten Felswand
etwas über dem Boden liegen; in ihnen haben vor Zeiten Höhlenbewohner
gehaust. Eine kleine Herde verwilderter Esel (Burros) kreuzt kaum
100 Meter vor uns den Pfad und verschwindet zwischen den Hügeln in
einer hellgrauen Staubwolke. In der Ferne ist eine zweite Herde zu
sehen. Ich betrachtete sie nicht mit derselben Aufmerksamkeit und
Bewunderung wie ihre wilden Stammesgenossen in Tibet. Sie sind wie wir
selbst Fremdlinge in dieser erhabenen Natur; nur ein Zufall hat sie
hierhergeführt. Büsche, die in Erosionsfurchen und Schluchten wachsen,
und die vertrockneten Grashöcker auf den Hängen geben ihnen Nahrung.

Wir betreten nun den Pipe Creek, mit dem sich weiter unten der Garden
Creek vereinigt. Hier steht noch eine grün angestrichene Hütte aus der
Zeit, als Phantom Ranch, unser nächstes Ziel, erbaut wurde. Nach kurzer
Frühstücksrast kommen wir an Burro Spring und seinem kleinen Rinnsal
vorüber, und eine halbe Stunde später hebt sich in der Tiefe unter
uns jenseits des Flusses Phantom Ranch ab. Eine Tafel gibt an, daß
wir bis zur Brücke über den Colorado noch zwei Meilen (3,2 Kilometer)
haben. Kurz darauf treten alle die Felsen und Vorsprünge zurück,
die bisher die Aussicht auf den Fluß verdeckten. Die Landschaft in
ihrer dunklen engen Wildheit wird jetzt wieder überwältigend, und auf
halsbrecherischen Abhängen steigen wir in die Granitschlucht hinab,
die hier 421 Meter tief ist. Schon von der Tontoplattform hatten wir
eine prächtige Aussicht auf die Rinne, aber jetzt stehen wir an ihrem
Rand, und alle Einzelheiten treten hervor. Je tiefer wir hinabkommen,
desto stärker wird das Tosen der Stromschnellen. Die Hängebrücke über
den Fluß erscheint schmal wie ein Streichholz, und ihr ebenso schmaler
Schatten liegt als schwarzer Strich auf dem grauen Wasser.

Während des ganzen Abstiegs hatten wir, ebenso wie von El Tovar aus,
vorzügliche Aussicht auf das Tal, das von Nordosten kommend in den
Gran Cañon mündet und Bright Angel Creek heißt. Dies Tal wollten wir
am nächsten Tag hinaufreiten. Seine untern Teile schneiden in Granit
und Gneis ein, während die mittlern Regionen durch die Gesteine der
Unkargruppe führen. Im Nordwesten, nördlich des Colorado, wie im Osten,
südlich des Flusses, tritt die Unkarformation an mehreren Stellen
zutage.

[Illustration: Felskuppe im Bright Angel Cañon.

Nordwestlich vom Rastplatz, 29. Juni, 10½ Uhr.]

Der Rio Colorado ist hier 90 Meter breit und 7½ bis 10½ Meter tief. Am
südlichen Brückenkopf rasten wir im Felsschatten, und ich zeichne eine
Skizze (S. 161), während Sandy die Maultiere hinüberführt. Die Brücke
ist 128 Meter lang, 1½ Meter breit und mit Bohlen belegt. An den Seiten
ist sie mit Drahtnetz geschützt, so daß man ganz beruhigt sein kann,
selbst wenn die Maultiere scheuen. Dagegen kann es gefährlich sein, sie
bei starkem Wind zu überschreiten. Wie Sandy erzählt, geriet einmal
die Brücke bei einem schrecklichen Sturm in so heftige Schwingung, daß
sie sich überschlug. Seitdem ist sie mit Hilfe von eisernen, an den
Seiten angebrachten Kabeln besser verankert worden. Wir befinden uns
hier 762 Meter über dem Meer und sind somit von El Tovar 1331 Meter
hinabgestiegen.

Nach Überschreiten der Brücke reitet man ein Stück auf einem Gesims
am rechten, nördlichen Ufer, unmittelbar über den sich dahinwälzenden
Wassermassen. Dann verläßt man den schwindelerregenden Pfad, kreuzt
einen Flugsandgürtel, auf dem Büsche wachsen, und erreicht schließlich
den Punkt, wo der Bright Angel Creek in die Rinne des Colorado, die
Granite Gorge, mündet. In dem Seitental fließt ein Bach, an dessen
Westufer der Pfad zu der gemütlichen Unterkunftsstation Phantom Ranch
hinaufführt. Hier sind hübsche Steinhütten erbaut; jede hat zwei kleine
Veranden, zum Schutze gegen Insekten mit feinen Drahtnetzen versehen.
Ebenso wie in Hermit Camp sind Küche und Speiseraum in einer besondern
Hütte untergebracht, in der sich die Gäste zu bestimmten Zeiten
versammeln.

Vom Sonnenuntergang sah ich heute abend nicht viel. Phantom Ranch
liegt auf dem Grunde dieser tief eingeschnittenen Talschlucht, und man
ist wie in einem Korridor eingeschlossen. Nur die Zinne des südlichen
Cañonrandes rings um Yavapai Point wird von der sinkenden Sonne
vergoldet, und auf den höchsten Kämmen, die den Bright Angel Creek
umrahmen, blitzt hier und da ein goldner Streifen. Bald erlöschen sie,
und schnell bricht dann die Dämmerung herein, hier unten in der Tiefe
viel früher als auf den offnen Weiten von El Tovar.

Meine Hütte hat nur ein einziges Zimmer, das Schlafgemach mit
indianischen Matten auf dem Fußboden, und ein Kämmerchen, in dem man
sich durch eine herrliche Dusche erfrischen kann. Da es um ½10 Uhr
auf der Veranda, wo mein Bett stand, noch 34,6 Grad hatte, besprengte
ich Fußboden, Dach und Gitter mit Wasser und erreichte dadurch, daß
die Temperatur auf 28,6 Grad sank. Langsam steigt der Mond am Himmel
empor. Während die Bergwand der rechten Talseite fast bis zum Fuß hinab
beleuchtet ist, liegt die linke in dichtem Schatten. Es dauerte noch
eine Weile, ehe der Mond sich über ihrem Kamm blicken ließ. Der Gesang
der Grillen und das Murmeln des Baches sind die einzigen Laute, die die
Stille der Nacht stören. Ich hatte erwartet, daß des Nachts ein kühler
Bergwind ins Tal wehen würde, aber der herrschende Luftzug vermochte
kaum die Blätter zum Rascheln zu bringen. Die Hitze des Tages bleibt
im Tal drückend liegen, und die von der Sonne erhitzten Berghänge
strahlen während der Nacht ihre Wärme aus. Trotz der eigenartigen
Schönheit der Gegend und der Gemütlichkeit und Behaglichkeit in Phantom
Ranch kann man sich nicht des Gefühls erwehren, als säße man in einem
geschlossenen Wagen, und man sehnt sich nach weiten Horizonten. Ich
beschloß daher, die nächste Nacht an einem höhern Punkte des Tals
zuzubringen.

Am 28. Juni waren es um 5 Uhr morgens 25, um 10 Uhr 30,1 und um 11 Uhr
31,2 Grad.

Ganz in der Nähe der Stelle, wo der Bright Angel Creek in den Colorado
mündet, ist auf einem Hügel eine kleine Hütte errichtet. Hier wohnt
das ganze Jahr hindurch, einsam wie ein Eremit, ein Mann, der täglich
den Wasserstand des Flusses und jeden zweiten Tag die Wassermenge
mißt und telegraphisch nach Imperial Valley und Denver meldet. Seine
einfache Wohnung erhält ihr Wasser durch eine Rohrleitung, die von
einem Punkt oberhalb Phantom Ranch ausgeht, aber seine Mahlzeiten nimmt
der Beobachter im Speisezimmer zusammen mit den Touristen ein. Er
heißt J. W. Johnson und sein Titel lautet U. S. T. S. Recorder Grand
Canyon, Chief Hydraulic Engineer U. S. Geological Survey, Washington,
D. C. (Beobachter am Gran Cañon im Telegraphischen Staatsdienst,
Wasserschutz-Oberingenieur der Geologischen Landesuntersuchung).
Ich lernte also Herrn Johnson kennen und erhielt von ihm folgende
Aufschlüsse.

[Illustration: Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright
Angel Cañon.

Aussicht nach Nord 25° Ost (29. Juni).]

Die Messungen werden von einem Korb aus vorgenommen, der auf einem
neben der Brücke gespannten Kabel auf Rollen läuft. Das Kabel ist in
zwanzig Abschnitte mit 15 Fuß (4,6 Meter) Zwischenraum eingeteilt;
denn der Fluß hat hier eine Breite von 300 Fuß (91,5 Meter). Die
Stromgeschwindigkeit in zwei verschiedenen Tiefen und die Flußtiefe
werden also an neunzehn Punkten gemessen. Die mittlere Tiefe betrug
jetzt etwas mehr als 9 Meter. Im Winterhalbjahr (September bis März)
erreicht die Wassermenge ihren Tiefpunkt mit 153 Kubikmeter in der
Sekunde, die bei dem Gefälle etwa 5400 Pferdestärken entsprechen.
Bei meinem Besuch belief sich die Wassermenge auf 1740 Kubikmeter,
und der Wasserstand war 4,9 Meter über Normal. Am 4. Juni hatte er
8,05 Meter und im Jahr 1921 9,75 Meter betragen. Am 4. Juni war die
Wassermenge fast doppelt so groß gewesen wie heute am 28. Juni, nämlich
3400 Kubikmeter in der Sekunde. Die Stromgeschwindigkeit hatte an
jenem Tag im Durchschnitt 2,13 Meter in der Sekunde erreicht. Die
höchste Geschwindigkeit ist 3,35 Meter, die geringste 0,46 Meter in
der Sekunde. Am Tage vor meiner Ankunft war die Wassermenge um 85
Kubikmeter geringer als am 28. Juni, und der Bright Angel Creek führte
nur 0,86 Kubikmeter Wasser in der Sekunde. Das Wasser des Bright Angel
Cañon stammt aus vier Quellen.

Im Jahr 1923 wollte E. L. Kolb zum drittenmal das Wagestück
unternehmen, im Boot den Colorado hinabzufahren. Er war der Leiter
einer Gruppe von zehn Topographen mit vier Booten. 1922 hatten sie
ihre Messungen und kartographischen Arbeiten am Green River in Utah
begonnen. Sie hatten zwei Monate gearbeitet und wollten jetzt in den
nächsten drei Monaten nach Needles in Kalifornien hinunterfahren. In El
Tovar hatte ich darüber einen interessanten, durch Karten und Bilder
besonders gut erläuterten Vortrag von Herrn Kolb selbst gehört. Der
erste, der sich durch eine solche Bootfahrt berühmt machte, war, wie
schon erwähnt, Powell im Jahr 1869. Bei einer so tollkühnen Fahrt,
auf der man ständig Gefahr läuft, in den Stromschnellen zermahlen zu
werden, braucht man noch nötiger als sonst die Kraft seiner beiden
Arme. Powell hatte nur einen Arm, aber er führte sein Wagnis trotzdem
glücklich durch.

Man berechnet, daß jährlich an 300 Millionen Tonnen Schlamm in den
Golf von Kalifornien geführt werden. In der Imperial Valley genannten
Gegend, die auf der Grenze von Arizona und Kalifornien nicht weit
von der Mündung des Colorado liegt, ist im Lauf von unübersehbaren
Zeiten durch die Anschwemmungen des Flusses ein überaus fruchtbarer
Boden entstanden. Aber da der Colorado in seiner Rinne durch sie
hindurchfließt, ist das Gebiet selbst ohne Wasser und daher ganz
wüst und öde. Später hat man sich den Fluß zunutze gemacht, Kanäle
gegraben und ein Bewässerungsnetz angelegt, durch das viele Tausende
Quadratkilometer der Wüste entrissen wurden. Vor einigen Jahren noch
war diese Wildnis wertlos. Seitdem aber der Boden unermeßlichen Ertrag
an Baumwolle und Früchten liefert, muß man bis zu zweitausend Dollar
für einen Acre (40,5 Ar) bezahlen.

Im Interesse dieser Bewässerung macht Herr Johnson seine Beobachtungen
und telegraphiert täglich nach Yuma, dem Hauptort im Imperial Valley.
Man weiß daher volle sieben Tage vorher, welche Wassermenge man zu
erwarten hat, und kann danach seine Vorkehrungen treffen. Später
hatte ich Gelegenheit, in Begleitung eines der größten kalifornischen
Grundbesitzer, der besonders im Imperial Valley begütert war, des Herrn
Harry Chandler, diese merkwürdige Gegend zu besuchen.




Elftes Kapitel.

Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf.


Ich hatte in Phantom Ranch zu bleiben gedacht, um zu sehen, wie Herr
Johnson seine Messungen machte, aber am Nachmittag erhielt Sandy den
telephonischen Bescheid, wir müßten uns beeilen, da die Maultiere in
El Tovar gebraucht würden. Obgleich es schon 2 Uhr war, machten wir
uns also zu einem kürzeren Ritt fertig, zehn Kilometer aufwärts zu den
Altar Falls, wo wir die Nacht verbringen wollten. Bei Phantom Ranch
betrug die Temperatur um diese Zeit 36,1 Grad, um 3 Uhr, ein Stück
weiter aufwärts im Bright Angel Cañon 39,6 und im Bach 22,8. Das Tal
war schmal wie ein Korridor. An einer Stelle schrumpft es zu einem
nur 6 Meter breiten Hohlweg zusammen. Hier und da wachsen Weiden und
Büsche. Der Pfad ist recht schlecht, aber den Maultieren ist jedes
Gelände recht. Das Tal ist von dem Brausen des tosenden Baches erfüllt,
und in weißschäumenden kleinen Fällen und Stromschnellen zwängt sich
das sonst klargrüne Wasser zwischen Steinen und Blöcken hindurch. Nicht
weniger als sechsundachtzigmal mußten wir das Bächlein überschreiten.

Ab und zu ist der Nordrand zu sehen, die Zinne des Plateaus, in das der
Fluß sich eingesägt hat. Dann weitet sich das Tal mehr und mehr. An
einigen Stellen wachsen Pappeln; sie stehen meistens einzeln und tragen
oft üppige Laubkronen. In einer kleinen Talweitung, wo mehrere Bäume
einen Hain bildeten, machten wir auf einem schattigen Sandhügel kurze
Rast. Die Temperatur war auf 37,8 Grad gefallen. Wir stiegen ja auch
bergauf, im ganzen etwa 370 Meter.

Schließlich bogen wir in ein kleines Seitental zur Linken ein und
erreichten bald die Altar Falls, wo wir uns 1160 Meter über dem Meer
befanden. Das Seitental ähnelt einer Nische oder Tasche in dem roten,
zur Unkargruppe gehörenden Gestein. Im innersten Teil dieser Nische hat
der Quellbach in ihre senkrechte Hinterwand eine Kerbe eingeschnitten,
und über deren Kante stürzt das Wasser in einem frei fallenden Strahl
hinunter. Rauschend und spritzend schlägt es an einen sehr steilen,
24 Meter hohen Kegel aus Kalksinter, der an einen Altar erinnert, und
fließt an seinen üppig bemoosten Seiten hinunter. Zischend peitscht das
Wasser das Moos, und schießt dann in das kleine Becken hinab, das am
Fuße des Kegels entstanden ist. Auch zu beiden Seiten sickern kleine
Rinnsale hervor und bahnen sich einen Weg durch Kies und Moos, wo graue
nasse dunkelbraune Tausendfüßler umhereilen. Unmittelbar unter dem Fall
hatte das Wasser um 6 Uhr nachmittags eine Temperatur von 18 Grad. Von
den 860 Sekundenlitern des Bright Angel Creek stammt nur ein geringer
Teil von den Altar Falls. Die Höhe des Wasserfalls beträgt 35 Meter.

Für ein Freiluftlager kann man sich keinen angenehmern Platz wünschen.
Nur dreißig oder vierzig Schritt unterhalb des Falls bestand der Boden
aus rotem Sand. Hier wuchsen vereinzelte Pappeln und einige Sträucher.
Unmittelbar am Fuß der senkrechten, zum Teil überhängenden Felswand
grub mein braver Cowboy eine Vertiefung in den Sand für mein Bett.
Er hatte nämlich Decken, Laken und Kissen mitgenommen. Die Maultiere
wurden angebunden. Wasser hatten wir ganz in der Nähe, und Brennstoff
gab es im Überfluß. Bald kochte es in den Töpfen, und die Eßvorräte,
die wir von Phantom Ranch mitgenommen hatten, wurden auf dem Sande
aufgetischt. Um 8 Uhr waren es 27 Grad in der Luft. Der Abend war
herrlich, still und klar. Die Dämmerung wurde dichter. Am flammenden
Lagerfeuer nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Kaffee und Pfeifen erhöhten
die Gemütlichkeit, und dann gingen wir zeitig zur Ruhe. Ich lag noch
bis Mitternacht wach, genoß die wunderbare Stimmung und lauschte dem
Rauschen des Falles und dem Murmeln des Baches, das von einem ganzen
Konzert von Fröschen und Grillen begleitet war. Mit den Augen folgte
ich der Bahn der Sterne über den schmalen Streifen Himmel, der zwischen
den Felsgraten zu sehen war. Das kleine Seitental der Altar Falls läuft
von Nordwesten nach Südosten. Die Sterne verschwanden nacheinander
hinter der hohen Bergwand südwestlich des Lagers, die der Mondschein
mit seinem Silber übergoß. Schließlich stieg der Vollmond über den
Rand der Felsenmauer im Nordosten empor. Ich schlief eine Weile, und
als ich wieder für einen Augenblick erwachte, hatte auch der Mond den
dunkelblauen Raum zwischen den Felsenzinnen überschritten.

[Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1.
Juli).

Die waldbewachsene Erhebung links ist McClellan Point.]

Am 29. Juni betrug die Temperatur um 7 Uhr 22,2 Grad in der Luft und
16,7 im Bach. Wir frühstückten, packten unsere Sachen und setzten
unsern Ritt den Bright Angel Creek hinauf fort, indem wir wie gestern
wiederholt den Bach kreuzten. Der Weg ist schlecht, aber die
Touristen verirren sich ja auch selten zum Nordrand; in diesem Jahr war
es nur ein paarmal vorgekommen. Bei einer kleinen von links kommenden
Schlucht mit einem verschwindend kleinen Bächlein, das mein Begleiter
Wall Creek nennt, befinden wir uns 1190 Meter über dem Meer. Von
hier sieht man mit Hilfe des Fernglases El Tovar und den Rauch einer
Lokomotive. Kurz vor 10 Uhr sind es 39,6 Grad, die größte Wärme, die
ich im Gran Cañon ablas; offenbar war diese Zahl durch die Ausstrahlung
der Bergwände beeinflußt, denn oben in freierem Gelände stieg die
Temperatur nicht so hoch.

Man verläßt nun den Talboden und steigt sehr steil eine Bergschulter
hinan, nach Manzanita empor. Der Name ist nach Sandy mexikanisch und
bedeutet „kleine Orange“; dieser Strauch kommt nämlich hier vor. Auf
den Hängen der andern Talseite wachsen Kiefern und Wacholder. Der
Weg führt meistens durch dickichtartige Gebüsche mit harten Zweigen.
Nachdem wir die Höhe erreicht haben, geht es wieder Hals über Kopf zum
Bach hinab. Von links kommt ein kleiner Bach und bildet schöne Fälle
auf den Felsenplatten. Jetzt steht Wacholder- und Kiefernwald auch auf
unserer Seite.

Bei Roaring Springs sind wir kaum 1200 Meter von Bright Angel Point
entfernt, dessen gewaltige Mauern im Westsüdwesten fast senkrecht
über uns emporragen. Trotzdem haben wir noch 5½ Stunden bis dorthin,
denn wir müssen mehrere Kilometer den Bright Angel Cañon hinauf nach
Nordosten reiten, ehe wir an eine Stelle kommen, wo das Gelände auf
das Hochland hinaufzusteigen erlaubt; dann müssen wir ebensoweit nach
Südwesten reiten, um das Lager am Bright Angel Point zu erreichen.

Von rechts kommt ein kleiner Nebenfluß, der sich in schäumenden Fällen
über bewachsene Abhänge hinabstürzt. Wir befinden uns in 1420 Meter
Höhe. Das Wasser in unserm brausenden Gießbach hat eine Temperatur von
12,3 Grad und fühlt sich eiskalt an. Die Vegetation ist üppig; rote
Felsrücken und Mauern ragen aus dem Grün empor und rufen mit ihren
frischen lebendigen Farben prächtige Wirkungen hervor.

Um ½11 Uhr gönnen wir den Maultieren und uns selbst eine halbstündige
Rast; ich benutze sie dazu, ein paar flüchtige Skizzen zu zeichnen. Die
Landschaft ist berückend schön. Hier ist es warm und herrlich -- wie
gern wäre ich auch hier länger geblieben; aber wir mußten uns beeilen,
denn die Maultiere wurden in El Tovar gebraucht. Wir haben den Bach
überschritten und befinden uns auf seinem rechten Ufer, nachdem wir
bisher den ganzen Tag auf dem linken geritten waren.

Jetzt geht es im Zickzack die ungemein steilen Hänge der rechten
Talseite hinan, nach links und nach rechts, bergauf und bergab, in
unzähligen Windungen. Bisweilen ist der Pfad nur handbreit und läuft am
Rande des Abgrunds entlang. Das Maultier braucht nur einen Fehltritt zu
tun! Am schlimmsten ist es da, wo der schmale Pfad sich nach dem Tal zu
neigt und die äußere Kante weich ist. Einmal gab der Boden unter der
Last meines Maultiers nach; es glitt mit dem äußern rechten Vorderfuß
aus, parierte aber gut, indem es sich auf das Knie des innern Beines
fallen ließ und sich wieder erheben konnte, ehe es das Gleichgewicht
verlor. Aber „Sparkplug“, wie es heißt, ist auch ein erstklassiges
Reittier, und ich fühle mich auf seinem Rücken ganz sicher. Hier und
da liegen runde Blöcke und hohe Steinstufen mitten auf dem Pfad; die
Zickzackwindungen sind nur ein paar Meter lang, das Maultier klettert
und springt den Pfad hinauf, und man macht sich so geschmeidig wie
möglich, um seinen Bewegungen zu folgen und sie zu erleichtern. Wenn
es bergauf geht, läßt man es sich noch gefallen, aber wenn es solche
Treppen Hals über Kopf hinabgeht, ist einem nicht ganz wohl zumute. In
der Tiefe breitet sich das üppige Grün wie ein orientalischer Teppich
zwischen den roten Bergwänden aus, man sieht den dunkel malachitgrünen
Bach und seinen schneeweißen Schaum und lauscht seinem Brausen.

Wieder kommen wir lange Strecken durch herrlichsten Nadel- und Laubwald
und durch dichte Gebüsche. Wenn man unter überhängenden Felsmauern
reitet und vorstehende Blöcke über sich hat, fragt man sich, ob man
vorbeikommen wird, ehe der Block sich löst und niederstürzt, um sich
in donnernden rollenden Sprüngen zu seinen Vorgängern an den Ufern und
im Bett des Baches zu gesellen. Zu den geringeren Unannehmlichkeiten,
die man nicht weiter beachtet, gehören die Erfahrungen, die man
macht, wenn dornige Zweige des Dickichts, durch die der Pfad sich
hindurchschlängelt, einem die Beinkleider zerreißen.

So reiten wir bergauf und bergab, aber im großen ganzen nähern wir uns
dem Plateaurand. Der Pfad ist rot, die Wacholderstämme schwarz; ihre
Nadelkronen dunkelgrün. Auch dadurch unterscheidet sich der Nordrand
des Gran Cañon vom Südrand, daß er viel reicher an Vegetation ist. An
manchen Stellen ist der Wald im Bright Angel Cañon geradezu üppig.

[Illustration: Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten
(1. Juli).]

Am Ufer eines kleinen Bachs, der von der rechten Talseite kommt,
steht ein einsames Zelt. Hier hausen Arbeiter, die die schlimmsten
Schäden des Weges auszubessern haben. An manchen Stellen ist der Pfad
recht lebensgefährlich, an andern leidlich. Aber wunderbar ist stets
die Landschaft, und zwischen den Stämmen der Bäume öffnen sich die
herrlichsten Ausblicke. Man reitet wie durch natürliche Säulengänge
und man weiß nicht recht, soll man lieber dem Selbsterhaltungstrieb
folgen oder den mit jeder Minute wechselnden Landschaftsbildern seine
Aufmerksamkeit schenken.

Gleich nach Mittag rasten wir eine Weile am Rande der kleinen Quelle
Trough Spring, wo die Lufttemperatur auf 33,6 Grad gesunken ist. Man
beginnt zu merken, daß man sich weiteren Horizonten nähert und nicht
mehr in enge Hohlwege eingesperrt ist. Von Roaring Springs an folgen
wir ständig den Hängen der rechten Talseite, gewöhnlich in bedeutender
Höhe über dem Talboden, doch nicht höher, als daß wir stets das Brausen
des Baches hören können.

Auf der linken Seite eines kleinen Seitentals reiten wir immer höher
hinauf durch Wald von Eichen und Birken mit pechschwarzen Stämmen,
durch Dickichte von Sträuchern und Disteln und weiter oben durch
herrlichen Wald von Gelbkiefern und Fichten. Von Zeit zu Zeit machen
wir im tiefsten Schatten kurze Rastpausen, damit die Maultiere
verschnaufen können. Wenn wir unsere Blicke durch den Bright Angel
Cañon hinabschweifen lassen, sehen wir zur Linken seines offenen
Mündungstores den Brahma- und den Zoroastertempel, die sich als hohe
imposante Pyramiden gegen den hellern Hintergrund des Südrandes
abheben. Dagegen erscheint der nördliche Cañonrand, zu dessen Zinnen
wir hinaufstreben, nicht mehr so gewaltig wie unten von der Taltiefe
aus.

Als der Pfad gerade schmal und tückisch ist, kommt uns eine
Maultierkarawane entgegen. Zum Glück haben ihre Führer uns rechtzeitig
gesehen und warten an einer breitern Stelle, wo wir an ihnen vorbei
können, ohne in die Tiefe hinuntergestoßen zu werden. Fichten, Kiefern
und Wacholder bilden auf den Hängen ganze Armeen. Jenseits des Tales,
im Osten, ungefähr in der gleichen Höhe, die wir erreicht haben, tritt
die Grenze zwischen dem roten Coconino und dem weißgrauen Kaibab
außerordentlich scharf hervor. Ein paar aufgescheuchte Rehe flüchten in
leichten Sprüngen durch den Wald. Am Rande eines Abgrunds bleiben sie
stehen und betrachten uns eine Zeitlang, mit aufgerichteten Lauschern,
unbeweglich wie Bildsäulen, um schließlich wie Schatten zu verschwinden.

Kurz nach 2 Uhr nehmen wir die letzte Schwelle und kommen schließlich
auf die fast ebene Fläche des Kaibabplateaus hinauf. In einem
Nadelwald, zwischen dessen Bäumen auch die eine oder andere
Zitterpappel ihre Laubkrone erhebt, machen wir zum Frühstück Rast, am
Rande eines jener ausgeschachteten, mit Dämmen umgebenen „Tanks“, die
den Zweck haben, Regenwasser für das Vieh zu sammeln. Die Temperatur
ist angenehm, 29,5 Grad.

Bis zur North Rim Rancher Station und Vaughan Jensens Camp hatten wir
noch einige Kilometer durch den herrlichsten Tannenwald zu reiten.
Jensen war daheim, und sein Auto stand bereit. Er war ein großer
starker Mann, der Sohn dänischer Auswanderer, deren Muttersprache er
jedoch nie gelernt hatte. Nun hatte Sandy mich guten Händen anvertraut.
Nachdem ich ihm gedankt und die Hand geschüttelt hatte, kehrte er
um; er wollte heute noch den langen Weg nach Phantom Ranch hinunter
zurücklegen. Jensen und ich stiegen ins Auto, fuhren an Bright Angel
Spring (wo das Wasser nur 10 Grad maß) vorüber und hatten dann nur noch
kaum 5 Kilometer nach Wylie Way Camp, der einzigen Touristenstation am
Nordrand.

Hier stehen fünfzehn viereckige Zelte mit Holzgerippe und
Bretterfußboden; sie sind mit Bett, Tisch, Stuhl und Waschgestell
ausgestattet. Der Leiter des Lagers, Herr McKee, wohnt mit Frau und
Sohn in einem größern Zelt, neben dem die Küche und das Speisezelt
aufgeschlagen sind. Da ich mir den Sonnenuntergang dieses ersten Abends
am Nordrande nicht entgehen lassen wollte, begaben wir uns, Herr
Jensen und ich, auf den Bright Angel Point hinaus, den ich im Laufe
des Tages von unten gesehen hatte. Man muß ein gutes Stück auf dem
Grat des schmalen, senkrecht aufragenden Ausläufers gehen, vor dessen
äußerstem Kap sich ein Pfeiler aus Kaibabkalkstein erhebt. Dieser
Pfeiler, der zum Teil freisteht und mit dem festen Felsen durch eine
kleine, über schwindelnder Tiefe schwebende Holzbrücke verbunden ist,
trägt den Namen Bright Angel Point. Seine Zinne mißt nur wenige Meter
im Durchmesser und besteht aus zwei Absätzen, deren oberer eine einem
Rundsofa ähnliche natürliche Bank bildet. Hier liest man die Höhenzahl
der Geologischen Landesuntersuchung 8153 Fuß (2485 Meter). Es darf
einem nicht schwindlig werden, wenn man sich auf dieser winzigen Fläche
aufhält, die wie eine kleine Insel, eine Schäre, aus dem Luftmeer
emporragt und von deren Rand die Seiten der Kalkpfeiler Hunderte von
Metern senkrecht in die Tiefe abfallen. Es ist, als stünde man auf
dem Kapitell einer riesigen Säule. Ich hielt mich an die Steinbank
und war froh, daß ich nicht zu stehen brauchte; denn man hat überall
nur ein oder zwei Meter bis zum Rand des Abgrunds. Doch Jensen schien
dies nicht im geringsten zu stören. Denn als er mir die Landschaft
erklärte, stellte er sich in des Wortes wahrster Bedeutung auf den
äußersten Rand, so daß die Zehenspitzen überragten. Ich fuhr zusammen
und fühlte, wie kalte Schauer mich überliefen, sagte aber nichts.
Gerade, ruhig und gelassen stand er da, als stünde er mitten in einem
Saal; er zeigte auf die verschiedenen Tempel und Täler, ließ seine
Blicke am Horizont entlang schweifen und schien die ungeheuere Tiefe
nicht einmal zu merken, die er gerade unter sich hatte. Wer Lust dazu
hat, kann es ja versuchen, sich auf den äußersten Rand eines Gesimses
zu stellen, das von dem Dach eines vier- oder fünfstöckigen Hauses
vorspringt, unbeweglich da zu stehen und über benachbarte Hausdächer
hin zu blicken, unbekümmert um die Straße, die unter ihm gähnt. Der
Unterschied ist nur der, daß die Höhe der senkrechten Wand des Bright
Angel Point zehnmal größer ist.

[Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost
(Wischnutempel).]

Wenn wir auf den Grund des Bright Angel Cañon in der Gegend der Altar
Falls schauen, die in der Luftlinie keine 4 Kilometer entfernt sind,
dann beträgt der Höhenunterschied 1326 Meter. So viel, viereinhalb
Eiffeltürme übereinander, waren wir auf unserm heutigen Ritt gestiegen.
Den ganzen Weg, den wir von Altar Falls an zurückgelegt hatten, kann
man mit dem Blick in die Tiefe verfolgen, selbst wenn der Pfad im
Gelände verschwindet oder unter Grün verborgen ist.

Der vorspringende Teil des Kaibabplateaus, auf dessen äußerstem Kap wir
stehen, wird im Nordosten von dem Seitental, an dessen Mündung wir bei
Roaring Springs vorbeigekommen waren, im Südwesten von dem Seitental
The Transept begrenzt. Im Süden thronen Deva- und Brahmatempel mit
ihren hellen sonnenbeleuchteten Zinnen, die sich scharf von dem in
leichteren Tönen hervortretenden Südrand abzeichnen, mit ihren scharfen
Schatten und ihren ziegelroten Steilhängen.

Eine Abendstunde auf der Plattform dieser Säule bietet fürwahr
seelische Erschütterungen, die man nie vergißt. Ganz abgesehen von
meiner Angst, zu sehen, wie Herr Jensen im nächsten Augenblick das
Gleichgewicht verlor und über den Kalksteinrand verschwand, rang ich
nach Atem beim Anblick dieser Landschaft, die aller Worte und aller
unbeholfenen Versuche mit Feder und Pinsel spottet. Man fühlt sich
überwältigt und verstummt. Was hat es für einen Zweck, zu reden, wenn
der Sprache die Mittel fehlen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die man
empfindet. Es ist am besten, demütig einzugestehen, daß man, gemessen
mit den Maßen dieser märchenhaften Landschaft, nicht viel mehr ist als
ein Sandkorn, das die Strömung des Colorado zum Meer hinabführt.

Auch in topographischer Hinsicht ist diese Aussicht belehrend und
orientierend. Wenn man von El Tovar oder von andern Punkten des
Südrandes aus alle diese pyramidenförmigen Tempel sieht, schaut man
sie in der Verkürzung; sie verdecken sich und bilden ein einziges
unentwirrbares Durcheinander, ein Labyrinth senkrechter oder steiler,
höchst phantastisch herausgemeißelter Berge. Aber hier vom Nordrand
aus sieht man deutlich, wie die Tempel sich auf dem Rücken ein und
desselben nach Süden vorspringenden Ausläufers des Kaibabplateaus
erheben. Auf meinem jetzigen Aussichtspunkt befand ich mich weit
nördlich vom Deva-, Brahma- und Zoroastertempel und sah sie etwas von
der Seite, aber auch in Verkürzung, in einer ganz andern Anordnung als
von Süden. Die Begriffe klären sich, und den Hauptbahnen der Erosion
zu folgen wird leichter. Man hat unmittelbar unter sich Täler zweiter
Ordnung wie den Bright Angel Cañon und noch näher Täler dritter Ordnung
wie The Transept. Man kann verfolgen, wie das Nagen und Fressen der
Erosion aus den festen Gesteinsmassen Schritt für Schritt Gebilde in
immer geringeren Größenordnungen schafft, bis zu den allerkleinsten
Einschnitten hinunter, die das Regenwasser seit unermeßlichen Zeiten
gegraben hat. Steter Tropfen höhlt den Stein!

Der Ausläufer des Kaibabplateaus, zu dem die eben genannten Tempel
gehören, ragt also wie eine ungeheure Trennungsmauer zwischen dem
Gran Cañon und seinem Seitental, dem Bright Angel Cañon, auf. Dieser
beherrschende Zug tritt auch sehr deutlich auf meinem Aquarell (siehe
Titelbild) hervor. Die Beleuchtung war überaus günstig. Es ging auf
den Abend zu. Der Südrand und seine ganze Mauer lagen zum größten
Teil im Schatten. Aber infolge der Entfernung von etwa 16 Kilometer
und unzähliger Lichtblinke aus den tieferen Teilen des Cañon zeigten
sich selbst die geschlossenen Schattenfelder in zarten grauvioletten
Tönungen, während die Schatten auf den Westseiten der Tempel und in den
Spalten der Abhänge dunkel, fast schwarz aussahen. Hier und da wurden
vorspringende Teile des südlichen Cañonrandes von den Sonnenstrahlen
getroffen und bildeten senkrechte Lichtfelder von prächtigster Wirkung.
Am schönsten von allem war jedoch der Rücken mit den Tempeln. Ihre
hohen zerklüfteten Kuppeln aus Kaibabkalkstein leuchteten hell gelbgrau
mit einem Schimmer von Rosa, die Coconino- und Supaischichten
unter ihnen dagegen waren intensiv ziegelrot. In der Tiefe unter uns
lagen bereits dunkle Schatten auf dem gewundenen Weg, den wir im
Lauf des Tages zurückgelegt hatten, aber auf meinem Bild werden die
schwindelnden Abgründe von dem dichten Grün meiner nächsten Umgebung
verdeckt.

[Illustration: Blick von Cape Royal in den Gran Cañon.

In Süd 65° Ost eine Krümmung des Colorado.]

Herr Jensen weckte mich aus den Träumen und Gedanken, denen ich
nachhing. In El Tovar hatte man mir erzählt, auf den Weiden und in
den Wäldern des Nordrandes ästen 40000 Rehe, und als ich mich bei
Herrn Jensen auf dem Wege von seinem Kamp danach erkundigte, hatte
er mir erwidert, diese Zahl komme der Wahrheit allerdings nahe und
ich könne mich an Rehen satt sehen, wenn ich gegen Sonnenuntergang
achtgäbe. Daran anknüpfend, machte er den Vorschlag, wir könnten noch
eine Spazierfahrt machen und die schönen Tiere aufsuchen. Die Rehe
bringen jetzt im Sommer den ganzen Tag in den Verstecken des Waldes zu
und treten gerade bei Sonnenuntergang auf das offene Gelände hinaus,
um dort die ganze Nacht hindurch zu äsen -- sei es, weil der Wald am
Tage kühler und nicht so voller blutsaugender Insekten ist, oder weil
sie sich bei Tageslicht leichter hüten können vor ihren auf den Bäumen
lauernden Feinden aus dem Katzengeschlecht als in der Nacht, wo sie
sich auf freiem, offenem Gelände sicherer fühlen.

Wir hatten 26 Kilometer bis zu dem sogenannten V. T. Park
(„Viti“-Park)[4] zu fahren, wo der Weg aus dem Walde tritt, um sich
durch langgestreckte Gürtel Wiesenland zu schlängeln. Die Sonne war
untergegangen, und die Dämmerung breitete sich allmählich über die
Erde. Aber der Himmel war klar, und es war noch hell genug, um deutlich
zu sehen. Wir fuhren auf die Wiese hinaus. Ein paar Rehe sprangen in
anmutigen elastischen Sätzen über das Gras dahin. „Warten Sie nur,“
sagte Herr Jensen, „es werden bald mehr!“

Kurz darauf zählte ich eine Anzahl von 85 Stück, und wohl sechs ebenso
große Bestände waren gleichzeitig in Sehweite, außerdem viele einzelne
Rehe oder Paare. Sie waren nicht gerade sehr scheu. Als das Auto an
ihren Weideplätzen vorüberratterte, schauten sie auf, betrachteten uns
genau und folgten mit dem Kopf unsern Bewegungen; erst als wir ganz
nahe waren, wandten sie sich und traten in den Schatten des Waldes.
Dieses schöne entzückende Schauspiel wiederholte sich mehrere Male. Die
meisten Rehe waren links vom Weg in der Nähe des Waldrandes. Einmal
hatten wir ein Rudel von 20 Stück rechts vom Weg, wo der Wiesengürtel
ganz schmal und der Wald sehr nahe war. Statt in diesen zu trollen,
beschlossen sie, nach dem Wald im Westen zu flüchten; um dorthin zu
kommen, mußten sie den Weg vor uns kreuzen. Sie zogen nicht paarweise,
sondern fast im Gänsemarsch. Die letzten, die sich nicht sonderlich
beeilten, veranlaßten mich, Herrn Jensen am Ärmel zu fassen, denn sie
waren keine fünf Meter vor uns, und wir fuhren ziemlich schnell. Aber
ihr Wagnis glückte, und sie gesellten sich mit heiler Haut zu ihren
Gefährten.

Als die Dämmerung allzu dicht wurde, kehrten wir nach Wylie Way Camp
zurück. Inzwischen war es dunkel geworden, aber auf einem offenen Platz
vor den Zelten hatte man ein gewaltiges Feuer angezündet und Stühle
ringsherum gestellt.

Von Salt Lake City waren einige Touristen in eigenen Autos angekommen,
und Thomas McKee, der Wirt des Lagers, war gerade dabei, ihnen vom Gran
Cañon zu erzählen. Mit seiner Frau, seinem Sohn und einigen Dienern
verbringt er im Wylie Way Camp jedes Jahr die vier Monate der Saison,
Anfang Juni bis Anfang Oktober, und hat dabei sein gutes Auskommen. Die
fünfzehn Zelte nebst vier neuen eben aufgeschlagenen werden im Oktober
zusammengepackt und den Winter über gut aufbewahrt. Während der kalten
Jahreszeit wohnt die Familie McKee in Pasadena in Kalifornien, sie
sehnt sich aber stets nach dem Gran Cañon zurück.

McKee erzählte, der Panamakanal habe den Eisenbahnlinien dieser Gegend
Abbruch getan. Die Seefracht ist nämlich 25-30 vom Hundert billiger.
Die Dampfschiffe ziehen Güter und auch Reisende vom Landweg ab. Das
kalifornische Obst z.❁B. wird jetzt im Kühlraum durch den Panamakanal
nach New York und Europa verfrachtet, während es früher stets auf dem
Schienenweg quer durch den Erdteil versandt wurde. Die Eisenbahnen tun
daher, was sie können, um durch Entfaltung der vorhandenen Lockmittel
den Strom der Reisenden an ihre Linien zu ziehen. Die vorzüglichste
Lockspeise ist natürlich der Gran Cañon.

[Illustration: Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron.]

In Herrn McKee lernte ich einen ungewöhnlich tüchtigen, kenntnisreichen
und liebenswürdigen Mann kennen, und die Tage, die ich in seiner
Gesellschaft verbrachte, gehören zu meinen besten Erinnerungen an
Amerika. Er ist Naturforscher und Schriftsteller und schreibt in
verschiedenen Zeitschriften über Menschen und Tiere, besonders über
den Puma, den Berglöwen, und über die Hunderasse, die man abgerichtet
hat, dieses Katzentier aufzuspüren. Auch mir erzählte er allerlei
von ihm. Die Pumas, die ihre Jagdgründe am Nordrande des Gran Cañon
haben, sind fett und plump und strengen sich nicht übermäßig an. Aber
gleichwohl sind sie blutdürstig, und wenn sie in großer Anzahl getötet
werden, merkt man binnen kurzem, wie der Rehbestand zunimmt. Hier in
der Gegend heißen sie Kuguare. Ihre Höhlen haben sie auf den Nordhängen
des Gran Cañon; des Nachts kommen sie in den Wald hinauf. Sie lauern
auf den Bäumen und springen auf vorüberziehende Rehe hinunter. Vor
einigen Tagen hatte ein Puma nur ein paar hundert Meter von Wylie Way
Camp ein Reh erbeutet, wie Haut und Knochen verrieten, die man eines
Morgens fand. Wenn der Puma ein Reh erlegt hat, frißt er sich satt und
deckt den Rest mit Laub und Zweigen zu oder gräbt ihn ein, um nach
zwei Tagen zurückzukommen. Ist das Fleisch inzwischen verdorben, dann
rührt er es nicht an; er lauert lieber einem neuen Opfer auf. Glückt
ihm dies nicht, dann nimmt er auch mit Fleisch vorlieb, das schon einen
kleinen Stich hat. Heulwölfe, Wildkatzen und Luchse folgen seiner Spur,
um sich an dem, was er von seiner Beute übriggelassen hat, gütlich zu
tun; sie selbst wagen sich nur an junge Tiere. In Gegenden, wo es viele
Rehe gibt, tötet der Puma jeden zweiten Tag ein Tier; er frißt nur die
besten Stücke und säuft das Blut.

Uncle Jim, ein großer berühmter „Löwentöter“, wurde seinerzeit von der
Regierung angestellt und erhielt den Auftrag, zum Schutze der Rehe
möglichst viele Raubtiere zu vernichten. Fünfundzwanzig Jahre lang
verfolgte er den Puma und erlegte in den Wäldern des Walhallaplateaus
1500 Stück, davon etwa 1100 in der Gegend von Wylie Way Camp. Dabei zog
er eine besondere Hunderasse auf, die eigens auf den Puma abgerichtet
war, dessen Wegen auf den Felsenhängen und in den Wäldern folgte und
ihn auf Bäume hinaufjagte, wo er leicht geschossen werden konnte. Der
Hund, der der Stammvater dieses Geschlechts von Pumatötern war, hatte
allein 607 Pumas aufgespürt, aber als er der Fährte des 608. folgte,
wagte er sich zu weit auf einen vereisten Felsabhang hinaus, verlor den
Halt und stürzte in die Tiefe. Doch der Puma, der den Jagdeifer seines
Verfolgers zu so verhängnisvoller Unvorsichtigkeit entflammt hatte,
mußte auch sein Leben lassen. Einmal kam Präsident Theodor Roosevelt
nach dem Walhallaplateau, um unter Uncle Jims Leitung Pumas zu jagen.
Der Präsident war von der erfolgreichen Jagd so entzückt, daß er zur
Erinnerung daran Uncle Jim ein Jagdgewehr mit goldenem Namensschild
schenkte. Der Alte bezog ein Gehalt von der Regierung und erhielt auch
von Farmern und Viehbesitzern Bezahlung für seinen Ausrottungskrieg
gegen die raubgierigen Katzen.

Ja, McKee konnte Geschichten von Tieren und Menschen erzählen! Eine von
ihnen hatte eine Hütte zum Schauplatz, an der ich später auf dem Weg
nach Salt Lake City vorüberkam, den V. T. Ranch im V. T. Park. Hier
hatte sich achtzehn Monate vor meinem Besuch folgende dramatische Szene
abgespielt.

In einer Stadt im südlichen Arizona hatte ein Mann einige Wertpapiere
gestohlen und war nach Norden geflohen, um den Gran Cañon zu
überschreiten und sich nach Utah zu begeben, wo er allen Spähern und
Polizisten entgehen zu können glaubte. Auf dem Weg durch den Cañon
gelang es ihm, einen verwilderten Esel zu fangen, der wieder so gut wie
zahm geworden war. Auf diesem ritt er zum Nordrand hinauf, wo hoher
Schnee lag. Schließlich erreichte er die Hütte des V. T. Ranch und ging
mit seinem Esel hinein. Keine Menschenseele war in der Gegend, aber die
Farmer hatten bei ihrem Aufbruch einen erheblichen Vorrat an Kartoffeln
zurückgelassen.

Nachdem der Flüchtling einige Tage hier zugebracht hatte, erhielt er
unerwarteten Besuch. Ein anderer Abenteurer war von Utah aufgebrochen
und eines Tages in dem weiter nördlich gelegenen Hof des Pumajägers
Uncle Jim aufgetaucht. Er erklärte, er habe die Absicht, nach Süden
über den Gran Cañon zu gehen, um in Arizona bessergelohnte Arbeit zu
suchen. Uncle Jim warnte ihn und sagte, bis zum nördlichen Cañonrand
liege hoher Schnee. Aber der Mann versicherte, er sei an Wald, Wildnis
und Schnee gewöhnt und werde auch hier schon durchzukommen wissen.

Er brach also auf und watete durch den Schnee nach Süden. Nachts hatte
er keinen Schutz und war dem Erfrieren nahe. Völlig erschöpft erreichte
er schließlich den V. T. Ranch und sah aus dem Schornstein der Hütte
Rauch aufsteigen. Er ging an die Tür und klopfte an. Der Dieb öffnete
die Tür ein wenig, hielt seine Axt drohend erhoben und erklärte, er
werde den Ankömmling töten, wenn er sich nicht entferne. „Hier ist nur
für einen Nahrung, nicht für zwei!“

Der andere bat und flehte um Einlaß; er war ganz entkräftet vor Kälte,
hatte sich mehrere Zehen erfroren, konnte keinen Schritt weiter und
hatte es nötig, sich in der warmen Hütte auszuruhen. Der Dieb blieb
unerbittlich, kein Mensch dürfe über die Schwelle, erklärte er, und
wieder hob er drohend die Axt. Da packte den Ankömmling die Wut,
er zog sein Messer, riß die Tür auf und zischte: „Gut, dann soll es
wenigstens einen Kampf auf Leben und Tod geben.“

[Illustration: Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West.]

Nun wich der Dieb zurück und wurde kleinlaut. Es hing an einem Haar,
daß sie mit ihren Waffen aufeinander losgingen. Eine Zeitlang lebten
sie auf Kriegsfuß. Sie mißtrauten und fürchteten einander, beobachteten
sich und schielten sich gegenseitig verstohlen an, und keiner wagte,
dem andern den Rücken zu kehren. In der Nacht hatte der eine seine Axt,
der andere sein Messer zur Hand. Tag und Nacht fiel Schnee, immer höher
wurden die Schneewehen. Sie sahen ein, daß es unmöglich war, die Hütte
zu verlassen, solange das Schneewetter anhielt, daß die Wartezeit -- es
war noch nicht einmal Neujahr -- lang und hart werden konnte und daß
sie einander brauchen und helfen konnten; darum schlossen sie Frieden
und legten Axt und Messer beiseite.

Als der Kartoffelvorrat zu Ende war, schlachteten sie den Esel und
hatten nun für lange Zeit Fleisch. Mitte Dezember 1921 hatten sie sich
in der Hütte getroffen und vier Monate mußten sie dort bleiben. Es
schneite noch immer, und die Schneewehen türmten sich fast vier Meter
hoch.

Im März fertigten sie Schneeschuhe an, dann brachen sie mit ihrem
letzten Fleischvorrat nach Norden auf. Der Mann aus Utah, der sich
die Füße erfroren und seine Zehen verloren hatte, war schlimm daran,
er konnte sich ohne die Hilfe des Diebes nicht vorwärts bewegen. Sie
kamen daher durch die ungeheuren Schneewehen nur langsam vorwärts und
hatten bald nur noch ein kleines Stück Fleisch übrig. Als sie einmal
den losen Schnee weggeschaufelt und sich hingelegt hatten, um zu
schlafen, benutzte der Dieb die Gelegenheit, sobald der andere fest
eingeschlummert war, und machte sich mit dem Fleisch und den Stücken
einer Plane aus der Hütte davon. Er nahm als sicher an, daß sein
Gefährte in der Einsamkeit umkommen werde.

Schon am folgenden Tag erreichte er den Hof Uncle Jims und log diesem
eine Geschichte vor, die glaubhaft scheinen konnte. Dabei beging er
jedoch die eine und andere Unvorsichtigkeit, die Uncle Jim und seine
Leute Verdacht schöpfen ließen, daß nicht alles richtig sei und daß ein
Mann fehle.

Am Abend trat plötzlich der Gefährte ein, und als er den Dieb
erblickte, der ihn so verräterisch im Stich gelassen hatte, zog er das
Messer und stürzte sich auf ihn; er hätte ihn getötet, wenn ihn die
Anwesenden nicht daran gehindert hätten.

Während der Nacht wurden die beiden in getrennten Räumen untergebracht
und bewacht. Am Morgen wollte der Dieb durch den Schnee nach der Stadt
Hurricane weiter. Er ließ sich von den andern nicht abschrecken, die
ihn vor dem 120 Kilometer langen Weg warnten und ihm rieten, lieber
nach Fredonia zu gehen, das nur 22 Kilometer entfernt sei. Er machte
sich also auf den Weg nach Hurricane, erreichte aber nie sein Ziel.
Obwohl ein Jahr seitdem verflossen ist, hat niemand etwas von ihm
vernommen. Wahrscheinlich ist er in der Kälte umgekommen und dann von
Heulwölfen aufgefressen worden.

Der andere wurde in das Krankenhaus St. George in der Südwestecke von
Utah gebracht, dem nächsten Ort, wo er richtige Hilfe erhalten konnte.
Die Füße mußten ihm abgenommen werden, und freundliche Menschen nahmen
sich seiner an.

Wir saßen am prasselnden Feuer und plauderten und sahen zu, wie die
sprühenden Funken zum mondhellen Himmel emporwirbelten. Mit Herrn
Jensen besprach ich den Plan eines zweitägigen Ausfluges nach Cape
Royal.

Den ganzen folgenden Tag, 30. Juni, benutzte ich dazu, einige Skizzen
und flüchtige Aquarelle hinzuwerfen, von denen ich zwei wiedergebe (S.
128 und S. 144). Auf dem einen sieht man den Deva- und Brahmatempel
und einen Schimmer des Zoroastertempels, während das Kap Obi Point,
von dem ihr Sockelrücken ausgeht, von Bäumen verdeckt wird. Das
zweite Bild zeigt die Aussicht nach Norden und Nordnordosten auf das
kleine Seitental und im Hintergrund einen Teil der innersten Regionen
des Bright Angel Cañon. Die ganze Landschaft schimmert hier in Grün
und Rot. Das Grün der Vegetation herrscht auf den Höhen vor, das
Rot breitet sich nach der Tiefe zu aus. Der Kaibabkalkstein bildet
senkrechte, ins Violette spielende Wälle. Es ist eine farbensatte,
seltsame Landschaft, die recht unwahrscheinlich aussieht.

Am folgenden Morgen weckten mich Autogeratter und Stimmen; es war
ungewöhnlich lebhaft am Wylie Way Camp. In dem einen Auto kamen
Touristen angefahren, die auf das Kap hinausgingen und die Aussicht
bewunderten, um auf dem gleichen Wege zurückzukehren. Die Insassen des
zweiten waren drei Männer aus dem Volk, unter ihnen ein älterer Mann,
voller Scherze und heiterer Einfälle. Ohne weiteres begann er von der
bevorstehenden Präsidentenwahl zu sprechen und war der Überzeugung,
daß Ford vom Volk gewählt werden würde. Er selbst wolle ihm gern seine
Stimme geben, wenn Ford ihm als Gegengabe ein Auto schenke. „Manche
Leute benutzen solche Methoden bei der Präsidentenwahl,“ sagte er,
„aber vielleicht ist Ford doch nicht aus +dem+ Holz.“

[Illustration: Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal.]

Mit dem jungen Robert McKee wanderte ich durch den Wald nach
dem anderthalb Kilometer entfernten nordöstlichen Rand des tief
eingeschnittenen kleinen Seitencañons The Transept. Vom Rand aus
kletterten wir eine steile Steinrinne zwischen zwei Kalksteinfelsen
hinab und balancierten dann vorsichtig auf einem sehr schmalen Gesims
vorwärts, wo wir den Abgrund zur Rechten und die Felswand zur Linken
hatten. Zum Glück war dieser schwindlige Steg über die jähe Tiefe
nicht lang, und ehe ich mich dessen versah, standen wir am Eingang
einer Grotte, in der Höhlenbewohner, „Cliffdweller“, gehaust hatten.
Wir traten in die kühle Dämmerung ein. Der Boden stieg recht steil
zum innersten, höchsten Teil der Grotte an, der vom äußern Teil durch
eine Mauer aus Steinen, Holzstücken und Mörtel abgetrennt war. Es sah
aus, als sei der äußere Raum die eigentliche Wohnstätte, der innere
vielleicht eine Vorratskammer gewesen. Als der junge McKee vor einiger
Zeit diese Höhlenwohnung entdeckte, fand er Scherben von Tongefäßen,
die er auflas. Deutlich konnte man noch sehen, wo die Feuerstätte
gewesen war; nach den Spuren zu urteilen, kann es nicht besonders lange
hergewesen sein, daß die Grotte bewohnt wurde. Von der Plattform vor
der Höhle aus zeichnete ich eine Skizze des Ausläufers, der im Süden
den Cañon The Transept begrenzt und dessen innerer höchster Teil Oza
Butte heißt, während der äußere, eine kegelförmige Höhe, den Namen
McClellan Point hat (S. 197). Zwischen Ausläufer und Grotte gähnt der
schwindelnde Abgrund.

Im Laufe des Tags segelten weiße Wolken über Arizona hin. Es konnten
die ersten Herolde der Regenzeit sein, obwohl diese gewöhnlich erst um
den 20. Juli beginnt. Sie bringt einen oder zwei heftige Regenschauer
am Tag. Die Luft wird dadurch abgekühlt, und der Regen ist besonders
für das Vieh willkommen, das in den dürren Wäldern weidet. Alle
Zisternen füllen sich mit Wasser, auf längere Zeit hinaus braucht man
nicht zu fürchten, daß die Herden durch Durst gelichtet werden.

Über die Wärme konnte man sich in Wylie Way Camp nicht beklagen. Um
Mitternacht sank die Temperatur auf 19,2 Grad. Aber Wylie Way Camp
liegt auch bedeutend höher als der Südrand, nämlich 2515 Meter über dem
Meer.


  [4] Auf meine Frage, was die beiden Buchstaben bedeuteten, erhielt
      ich die Antwort, sie seien ursprünglich nur ein Brandzeichen
      gewesen, durch das ein Viehbesitzer seine Tiere von denen seiner
      Nachbarn unterscheiden wollte; man habe diese beiden Buchstaben
      gewählt, weil sie leicht einzubrennen seien.




Zwölftes Kapitel.

Ausflug nach Cape Royal.


Der 2. Juli war ein herrlicher Tag. Als wir um ½11 Uhr aufbrachen,
stand kein Wölkchen am Himmel, und die Temperatur betrug nur 25
Grad. Es galt, den obersten Teil des Bright Angel Cañon zu umgehen
und das ganze Walhallaplateau zu queren, den südöstlichen Block des
Kaibabplateaus, mit dem es durch einen schmalen Hals zusammenhängt. Wir
mußten also nach Norden, Osten, Südosten und Süden steuern, um unser
Ziel zu erreichen, Cape Royal, das südlichste Kap des Walhallaplateaus,
nordwestlich von Navaho Point.

Zuerst fuhren wir im Auto. Kurz hinter Jensens Station bestiegen wir
einen Herrn Jensen gehörenden „Tallihoe“, einen hohen Holzwagen mit
großen Rädern, der von zwei prächtigen Maultieren gezogen wurde. Der
Kutscher Ernest Apling und ein Cowboy, Fuller, kutschierten dieses
abenteuerliche Gefährt. Beide waren „Breakers“, Bereiter, und gehörten
zu jenem frischen Schlag Freiluftmenschen, deren ganzes Leben darin
besteht, sich in Wald und Wildnis herumzutummeln. Jetzt sollte auch ich
die Waldluft in tiefen Zügen einatmen und dabei dem Gran Cañon neue
Bilder abgewinnen.

Anfangs war der Weg leidlich, aber wir hatten von unsern 22 Kilometern
erst wenige zurückgelegt, als es auf einem Weg, der aus Erde, Sand und
Kalkstein bestand, Hals über Kopf einen greulichen Abhang hinunterging,
in tiefen Radspuren, mit schrecklichen Stößen und Sprüngen und jähen
Wendungen. Man wurde hin- und hergeschleudert, streifte an Baumstämme,
man glaubte, man bleibe in Hohlwegen stecken, und bewunderte die
Maultiere, die ihre ganze Kraft aufbieten mußten, damit der schwere,
hohe Wagen nicht in die Tiefe rollte. Und dabei bremste Ernest, was
er konnte. Doch wir kamen glücklich in eine Bodensenke hinunter und
fuhren durch schönen Wald zur Neal-Pferdeweide mit ihrem Wiesenland.
Viele Bäume, die von Insekten heimgesucht worden waren, waren ganz
abgestorben oder nahe daran. Ein gewaltiger Nadelbaum war umgestürzt
und hatte sich quer über den Weg gelegt; als wir ihn umgingen, mußte
mancher junge Baum sich unter unserm Wagen beugen. Eine wunderbare
Stimmung herrschte in diesem Wald, der der Zerstörungssucht des
Menschen trotzt, aber doch wohl einmal seine Kronen wird senken müssen,
wenn die Eisenbahn von Norden bis an den Nordrand des Gran Cañon
geführt wird. Der Weg, den wir benutzten, war nicht alt. Er war erst im
Jahr 1922 angelegt worden. Und weshalb? Der Präsident der Union Pacific
Railway Co., Herr Adams, besuchte damals Wylie Way Camp und unternahm
einen Ausflug nach Cape Royal, um zu untersuchen, was hier in der Art
wie in El Tovar ausgeführt werden könne. Sein Plan war vermutlich, eine
Bahn bis an den Nordrand zu legen und in der Nähe des Cape Royal ein
Touristenhotel zu errichten. Herr Adams hatte zum Reiten keine Lust.
Daher mußte in aller Eile ein Weg gebaut werden; er wurde auch danach.
Jetzt hatten auch wir Nutzen davon und konnten bequem Mundvorräte,
Wasser und Betten mitnehmen.

[Illustration: Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final.

In der Mitte (Nord 74° Ost) die Mündung des Kleinen Colorado; links
davon Chuar Butte, rechts Cape Solitude.]

Wir sind oben auf dem Kamm des schmalen Halses, der das Walhallaplateau
mit dem nördlichen Hochland verbindet. Eine großartige Aussicht öffnet
sich nach Osten auf den Teil des Gran Cañon, wo der Colorado im Marble
Cañon von Norden nach Süden fließt. Jenseits des Marble Cañon breiten
sich die flachen Bodenwellen der Painted Desert bis in die fernste
Ferne aus; dort liegt auch das Schutzgebiet der Navaho-Indianer.

Ich war ganz erstaunt, als uns mitten in diesem wilden Wald aus
Fichten, Kiefern und vereinzelten Espen ein Zaun mit geschlossenem
Gatter aufhielt. Er hat den Zweck, die Pferde am Ausreißen zu hindern.

Ein Stück weiter erreichten wir den Greenland Lake, einen kleinen
Tümpel in dem eingezäunten Wald. Hier steht eine Hütte, in der Salz für
die Pferde aufbewahrt wird. Auch für die Rehe richtet man im Freien
Salzlecken ein. Ein Reh stand gerade da und äugte uns neugierig an, ehe
es pfeilschnell zwischen den Bäumen flüchtig wurde.

Bei Broad Hollow befanden wir uns in der Nähe des Randes. Wir
rasteten im Schatten, um die Aussicht auf den Gran Cañon und Point
Harris in Nordnordwesten zu genießen, den höchsten Punkt des ganzen
Randes. Wieder fesseln unsere Aufmerksamkeit die zarten leuchtenden
Farbtöne der „Bunten Wüste“. Herr McKee, der diese unvergleichlichen
Bilder schon so oft gesehen hat, wird ihrer nicht satt; er sagt, sie
zeigten sich fast stets in neuen Farben; jedesmal entdecke man neue
Einzelheiten und gewinne sie immer von neuem lieb.

Um ½2 Uhr zeigt mein Thermometer 29,4 Grad. Nördlich von Point Harris
werden in einem Tal 85 Bisons gehegt. In der Wildnis gen Westen leben
an tausend wilde Pferde, die Nachkommen verwilderter Ausreißer aus
der spanischen Zeit. Sie sind sehr scheu und können nur mit Hilfe
umfassender Korrale oder Einzäunungen eingefangen werden; man jagt sie
in diese hinein, um sie mit dem Lasso zu fesseln. Wie McKee erzählt,
sind sie nicht schwer zu zähmen, und wenn man sie gut behandelt, sind
sie sehr zutunlich und lenksam. Sie scheinen fast dankbar dafür zu
sein, daß man sich ihrer annimmt, und führen jede Arbeit aus, die man
von ihnen verlangt.

Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir das Ziel, eine von Cape
Royal ein gutes Kilometer entfernte Quelle. Hier schlugen wir ganz
in der Nähe des Randes das Lager auf, ließen die Maultiere auf die
Weide und machten ein herrliches Feuer an. Die Tiere bekamen Glocken
umgehängt, damit wir sie immer hören konnten. Während ich in der Gegend
umherstreifte, bereiteten die andern das Essen und machten unsere
einfachen Freiluftbetten zurecht -- denn das Zelt, das wir mitgenommen
hatten, verschmähten wir; man schläft besser unter freiem Himmel.

Drei Stunden lang saß ich auf einem Kap und malte. Das Farbenspiel war
hier anders, als ich es von Süden gesehen hatte. Die Sonne beleuchtete
das linke, östliche Ufer des Colorado, und die Bergwände und Böschungen
schimmerten in Graugelb, Violett, Lila, Ziegelrot, Rubinrot und
wieder Violett, alles in leichten, zarten, traumhaften Farbtönen,
nicht sattleuchtend wie vom Südrand aus. Auch hier überwältigt die
Landschaft durch ihre Schönheit und ihre unbeschreibliche Erhabenheit,
und mein Bild -- wenn ich meinen Versuch so nennen darf -- gibt nur
einen flüchtigen Begriff von der Wirklichkeit. Nachdem die Sonne
untergegangen ist, verblassen die reinen Farben; senkrechte Felswände
und abschüssige Hänge treten in dunkelvioletten, verschwommenen
Tönungen hervor, die Einzelheiten verschmelzen, alles liegt im
Schatten, und hellviolett steigt die Nacht über den Horizont der Wüste
empor.

Als ich in unser Lager zwischen hochstämmigen Kiefern zurückkehrte,
brannte das Feuer hellodernd; bei seinem Schein aßen wir und tranken
Tee. Bis der Mond um 11 Uhr aufging, waren wir auf und plauderten. Im
Geist sah ich wieder einen ganzen Aufzug von Pumas, die sich von den
Bäumen auf die Rücken wilder Pferde stürzen und ihnen mit ihren Zähnen
die Hälse aufreißen, von Luchsen, Wildkatzen und Rehen, Heulwölfen,
Klapperschlangen, Taranteln und Skorpionen. Ernest hatte einen
unerschöpflichen Vorrat an Jagdgeschichten. Schließlich hatten wir aber
genug, und jeder kroch in sein Nest. Noch lange lag ich wach und sah
das Feuer verblassen und den Mond zwischen den Kronen der Nadelbäume
dahinsegeln. Das einzige, was die Stille unterbrach, war das Rauschen
des Südwestwindes in den Bäumen und das Klingen der Glocken der
Maultiere.

Nachdem wir am 3. Juli zeitig gefrühstückt hatten, gingen wir zum
nächsten Kap und rollten einige Kalksteinblöcke die Abhänge hinab. Das
war knabenhaft und unnötig, aber sehr lustig. Der Block drehte sich
ein paarmal und sprang über den Rand, senkrecht fiel er die Felswand
hinunter und schlug auf dem nächsten Hangabsatz auf, und aus der Tiefe
erklang ein Dröhnen wie von entferntem Donner. Die Pumas in ihren
Höhlen dort unten in den unzugänglichen Schluchten wunderten sich wohl,
was los sein mochte.

[Illustration: Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost.]

Dann gingen wir auf das lange schmale Vorgebirge hinaus, das wie ein
Finger nach Süden zeigt. Seine äußerste Spitze, Cape Royal, ist sicher
einer der berühmtesten und großartigsten Punkte des Gran Cañon. Um das
Kap zu erreichen, muß man eine ziemlich tiefe Einsenkung überschreiten,
einen Graben, der allmählich die mächtige Säule des Cape Royal in eine
vom Walhallaplateau abgesonderte Insel verwandelt. Zwischen lichten
Bäumen und Büschen steigt man auf Geröll und Gras etwa 200 Meter
steil hinab, um dann aus dem tiefsten Teil der Rinne ebenso steil
hinaufzuklimmen zu der Zinne dieses kleinen inselartigen Plateaus,
das mit harten, hinderlichen Sträuchern und Nußkiefern bewachsen ist.
Nach halbstündigem Klettern machten wir ungefähr auf halbem Weg ein
Weilchen halt an der Wurzel eines höchst eigenartigen, vom Rand nach
Nordnordosten vorspringenden Ausläufers. Er bildete einen Wandschirm
aus sehr dünnem Kalkstein, dessen Nordende senkrecht abgeschnitten
und dessen oberer Teil mit einem rechteckigen Fenster versehen war
(S. 220). Auf dem Steilhang unter dem Fenster wuchsen lichtstehende
Nadelbäume von der schönen Pyramidenform der Fichte. Die Mauer war so
regelmäßig geformt, daß man glauben konnte, sie sei von Menschenhänden
errichtet. Aber sie war zu mächtig, ihre Maße waren ungeheuer. McKee
machte den Vorschlag, auf ihren Kamm hinauszugehen, doch ich widerstand
hartnäckig seinen Lockungen. Denn an einer Stelle nahe der Wurzel war
die ebene Fläche dieses Fußsteigs wenig mehr als ein Meter breit, und
zu beiden Seiten gähnten 200 und 250 Meter tiefe, senkrechte Abgründe.
Wenn man seiner nicht ganz sicher ist, tut man klug daran, auf einen
solchen Spaziergang zu verzichten.

Auf dem äußersten Vorsprung des Cape Royal richteten wir uns so bequem
wie möglich ein und blieben dort fast den ganzen Tag. Auch hier
erfüllt einen ein Gefühl der Beklemmung angesichts der großartigen
Schönheit der Landschaft, und ohne weiteres gesteht man sein Unvermögen
ein, diese staunenerregenden Bilder, diese in allen Schattierungen
schillernden Farben und diese großartige Architektur im Bild
wiederzugeben. Nach Westen ist der Cañon bis Havasupai Point und noch
weiter hinaus von der Sonne beleuchtet; die hohe Wand des Südrandes
dagegen liegt im Schatten. El Tovar ist leicht zu erkennen an einer
Rauchsäule, die von einer Lokomotive aufsteigt. Desert View im Südosten
kann man ungefähr bestimmen, und im Osten sieht man wieder in äußerst
starker Verkürzung die „Bunte Wüste“, deren berühmtes Farbenspiel zwar
entzückend, aber kaum so eigenartig ist, wie das Gerücht behauptet hat.
In der Ferne löst sich alles in Dunst und Nebel auf.

Ich nehme meinen Zeichenblock vor und beginne eine Skizze der Aussicht
nach Westen, die der Zoroaster- und Brahmatempel beherrschen. Links
von ihnen ahnt man die tiefe Riesenfurche des Colorado, während das
Felsenkap rechts im Vordergrund unser nächster Nachbar unter den nach
Süden vorspringenden Kaps des Walhallaplateaus ist. Wie ganz anders
nehmen sich die Tempel von hier, von der Seite gesehen, aus! Aber,
ich wiederhole es, in Linien wie in Farben bieten sie einen schönern
Anblick, wenn man sie bei Abendbeleuchtung von El Tovar aus betrachtet.

Von seltsamer Schönheit und überwältigender Mächtigkeit ist auch das
isolierte massige Felseneiland Wotans Thron. Seine Kaibab-, Coconino-
und Supaischichten folgen aufeinander in senkrechten Wällen und
steilen Hängen. Hinter dem gewaltigen Block zeigt sich in leichten
Farbtönen die Mauer des Südrandes. Wotans Thron gleicht einem Sarkophag
auf seinem Katafalk.

In Süd 15° Ost sehen wir den Wischnutempel und einen Teil des Rückens,
dessen höchster Punkt er ist (S. 205). Auf der Südseite des Tals
zeichnet sich die Grenzmauer zwischen Zuni und Papago Point ab. Über
dem Südrand in einer Entfernung von 100 Kilometer ragt der 3887 Meter
hohe, gewölbte Gipfel des San-Francisco-Gebirges empor.

Die nächste Skizze zeigt die Landschaft im Südosten mit dem Seitental
Unkar Creek im Vordergrund und in der Tiefe eine Biegung des Rio
Colorado (S. 209). Die Steilhänge zur Linken sind die letzten
Abdachungen des Apollo-, Venus- und Jupitertempels. Dem Beschauer
gerade gegenüber, jenseits des Flusses, liegt Navaho Point oder Desert
View, wo ich übernachtet hatte.

Cape Royal liegt in gerader Linie nur 13 Kilometer im Südosten von
Wylie Way Camp, aber unser Weg war fast 23 Kilometer lang. An dem
gewaltigen Bogen, den man machen muß, sind vor allem der Bright Angel
Cañon und der Clear Creek schuld, die in Gestalt zweier tiefer,
nach Nordosten gerichteter Kerben in den Block des Walhallaplateaus
einschneiden.

Ein Tag am Cape Royal gehört zu den herrlichsten Erinnerungen, die man
vom Gran Cañon mitnehmen kann. Beim Licht des Morgens sieht man die
Mauer der Palisaden im Schatten und die westlichen Regionen scharf
beleuchtet; grell heben sie sich ab von der infolge der Entfernung
leicht in Dunst gehüllten Welt des Hintergrunds. Im Laufe der Stunden
verändern die Schatten ihre Umrisse, die Vorsprünge und Erker der
Palisaden werden immer mehr von der Sonne getroffen, und ihre dunklen
Spalten schrumpfen zu immer schmaleren Linien zusammen, um schließlich
ganz zu verschwinden. Gleichzeitig werden die Schattenfelder unter
dem Südrand größer. Das Schönste ist die Nachmittagsbeleuchtung über
dem Land im Osten, nicht so sehr der Formen und Umrißlinien wegen als
der Farben. Die Schatten, die sonst stets wichtig sind, damit die
Formen sich kräftig herausheben, machen sich dann nur wenig geltend,
da sie auf der Rückseite der Tempel liegen und die Sonnenstrahlen in
die Spalten der Palisaden eindringen. Fast alles, was man im Osten
erblickt, ist von Sonne überflutet und prangt in hellen, bunten,
feinen, vornehmen Farben, unter denen Rot, Violett, Grün und Gelb
vorherrschten.

Mein letztes Bild vom Cape Royal ist ein matter Versuch, der Phantasie
wenigstens eine schwache Stütze zu geben. Denn der Versuch, nur mit
Worten einen Begriff vom Gran Cañon zu geben, ist völlig hoffnungslos,
das habe ich schon mehrere Male betont. Ganz links erblicken wir die
Spitze des Cape Final und die Südhänge des Walhallaplateaus zwischen
den beiden berühmten Kaps. In der Ferne sieht man Jupiter-, Venus- und
Apollotempel, hinter ihnen die Palisaden. Über ihrer Mauerkrone ist
in der gewohnten starken Verkürzung ein Schimmer der Bunten Wüste zu
sehen. Den Vordergrund beherrscht der Unkar Creek, der im Süden vom
Wischnutempel begrenzt wird.

Im Vorhergehenden habe ich schon die große Ungleichheit hervorgehoben,
die zwischen der Gestalt und dem Verlauf des Süd- und Nordrandes
herrscht und die darin besteht, daß der Südrand wenig eingeschnitten,
der Nordrand dagegen von der Erosion in der phantastischsten
Weise angegriffen ist. Eine Reihe von Seitentälern von der Art des
Bright Angel Cañon haben ihre Rinnen tief ins nördliche Tafelland
eingeschnitten. Wir haben gesehen, wie dem Walhallaplateau in einer,
geologisch gesprochen, sehr nahen Zukunft das Schicksal bevorsteht,
völlig abgeschnitten und in einen freistehenden Block verwandelt zu
werden, der infolge der von allen Seiten arbeitenden Erosion mit der
Zeit die Form der jetzigen Tempel annehmen wird. Der Staatsgeologe
N. H. Darton hat in seinem Buch eine sehr einfache Erklärung der
Ursachen dieser Ungleichheit des südlichen und nördlichen Cañonrandes
gegeben. Der erstere liegt über 300 Meter höher als der letztere, da
der Kaibabkalkstein allmählich nach Süden abfällt. Als der Fluß seine
Rinne durch die Schichten schnitt, lag der Nordrand notwendigerweise
höher als der Südrand. In den höheren Regionen sind die Niederschläge
reichlicher. Die Regenfluten strömen nach Süden und stürzen die
Hänge des nördlichen Cañonrandes hinab, um sich mit dem Colorado zu
vereinigen; es liegt auf der Hand, daß ihre den Boden angreifende Kraft
hier unvergleichlich größer sein mußte als im Süden, wo die Regenbäche
ihre Quellen im Randgebiet haben und dann nach Süden fließen, vom Cañon
weg.

Eine kurze Lunchpause unterbrach meine Arbeit. McKee hatte, während
ich zeichnete, Tee gekocht und unsere Vorräte unter einer knorrigen
Kiefer auf dem äußersten Vorsprung aufgetischt; in ihrem Schatten
nahmen wir unsere Mahlzeit ein. Dann zeichnete ich weiter und hörte
erst bei Sonnenuntergang auf. Als der Tag verstrichen war, die rote
Pracht erlosch und die Farben verblichen, traten wir eiligst den
Rückweg in unser Lager unter den Fichten an. Beim prasselnden Feuer
aßen wir unser Abendbrot; dann wurden wieder haarsträubende Geschichten
von Klapperschlangen und andern ungemütlichen Tieren erzählt, und
schließlich krochen wir in unsere Freiluftbetten.

[Illustration: Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain.]

Am 4. Juli standen wir früh auf, aber es dauerte stundenlang, bis
die Maultiere wiedergefunden wurden. Erst gegen Mittag konnten wir
aufbrechen.

Wir wollten zunächst in die Nähe des Cape Final; aber dorthin führte
nicht die Spur eines Weges. Ernest saß auf der vordern Querbank und
kutschierte, und ich saß auf der hintern Bank. Auf dem Rand, kaum zwei
Meter vom Abgrund, war der Boden am ebensten. Man hatte die gähnende
Tiefe unmittelbar unter sich zur Rechten. Ich war auf alles gefaßt
und gab gespannt acht, um mich im Fall einer Katastrophe durch einen
Sprung retten zu können; ich fühlte mich erst dann wieder beruhigt, als
Ernest vom Rand abbog. Aber jetzt mußten wir einen schrecklich steilen
Hang hinab in eine vom Wasser ausgearbeitete Rinne hinunterfahren,
die quer vor unserm Weg lag. Das Bremsen half nicht viel, und die
Maultiere konnten den Wagen nicht halten, wie sehr der Kutscher
auch die Zügel anzog. Sie gaben nach, der Wagen kam ins Rollen und
sprang und schwankte über die Unebenheiten des Bodens. Zwischen den
Bäumen hindurch zu fahren war nichts weniger als leicht. Ehe wir uns
dessen versahen, fuhren wir schnurstracks auf einen jungen Baum los,
der im Wege stand. Ich nahm als selbstverständlich an, wir würden
umkippen, und sprang ab, um nicht durch einen Beinbruch in der Wildnis
festgehalten zu werden. Aber der Wagen stürzte nicht um, und nun
standen wir da, ein Maultier rechts und eins links vom Baum.

Nachdem wir unsere Equipage wieder flottgemacht hatten, fuhren wir
weiter und fischten McKee auf, der vorausgegangen war. An einem Punkt
nicht weit von Cape Final rasteten wir, um auch diese Aussicht eine
Weile zu genießen; sie erinnert im wesentlichsten an die von Cape
Royal. Eine Strecke weiter nördlich machten wir wieder halt, in der
Nähe von Fair View, so daß ich Gelegenheit hatte, wenigstens ein
flüchtiges Bild der ungeheuren, von Wasser, Wetter und Wind ungemein
malerisch herausgemeißelten Felsmassen zu zeichnen, die hier in
wild-romantischen Wänden zur Tiefe abfallen.

Dies war die letzte Stunde beschaulicher Betrachtung, die ich einer
Gran-Cañon-Landschaft widmete, denn der Tag neigte sich seinem Ende
zu, und Wylie Way Camp würden wir erst in der Dunkelheit erreichen. Es
wurde mir schwer, mich loszureißen. Aber es mußte sein, und ich tat es
mit dem Gefühl, daß ich den Gran Cañon noch ein zweites Mal besuchen
müsse. Hätte es etwas geholfen, einige Münzen in die Tiefe zu werfen
wie in die Fontana di Trevi in Rom, ich hätte es getan. Aber Rom ist
von Menschen erbaut, der Gran Cañon von Gott, und da helfen keine
Bestechungen.

Zum letztenmal suchte ich darum meinem Gedächtnis das Bild dieser
wunderbaren Welt der Erhabenheit, der Einsamkeit und des Schweigens
einzuprägen -- eines Landes, wo keine Vegetation die Nacktheit
der Felsen verhüllt und wo die Farbe der Gesteine zu ihrem Recht
kommt, bald von Schatten gedämpft, bald von der Sonne in roten Tönen
gesteigert; einer Landschaft, die man in der Tiefe unter sich hat,
nicht über sich zwischen den Wolken wie den Himalaja und andere
Gebirge. Sie gleicht einer Matrize oder Gießform, die die Talsenke
des Gran Cañon darstellt und groß genug ist, eine ganze Gebirgskette
von 1600 Meter Höhe, 16 Kilometer Breite und 349 Kilometer Länge
aufzunehmen. Diese Gebirgskette ist im Laufe von Jahrmillionen
zerrieben worden und liegt jetzt in den Anschwemmungen des Colorado und
auf dem Meeresboden ausgebreitet.

Nimmt man vom Gran Cañon Abschied, dann erwägt man erneut, welcher
Seite man den Preis der Schönheit geben soll, dem Südrand oder dem
Nordrand. Das einzig Richtige ist natürlich, beide zu besuchen. Aber
nur ein sehr geringer Teil des Touristenstroms nimmt sich die Zeit
dazu. Wer nur einen oder zwei Tage dem Gran Cañon opfern kann, hat
keine Wahl; er muß sich mit dem Südrand begnügen. Von hier aus hat er
die großartige Aussicht auf die Tempel, die er in der Verkürzung sieht,
und den brennenden Glanz der Abendröte auf ihren Westhängen. Von der
Tiefe und der Länge der Täler zwischen den Tempeln erhält er keinen
klaren Begriff, es sei denn, daß er noch einige Tage opfert und den
Nordrand aufsucht.

Das Schönste, was ich vom Nordrand aus erblickte, war das Farbenspiel
in der zweiten oder dritten Nachmittagsstunde. Denn diese Farben sind
prächtig, aber leicht und zart, nicht stark oder schreiend, sie sind
wie ein Traumspiel, wie ein Rosengarten, wie rosa, violette oder
hellgrüne Gewänder junger Mädchen in einem Ballsaal, wie Wolken, von
der Morgenröte beleuchtet. Dank ihnen erscheint diese ganze Landschaft
so leicht und luftig, daß es aussieht, als könne der erste Windhauch
sie hinwegblasen. Und dabei sind es schwere, harte Steinmassen, die
allein die Zeit bezwingt, das Wasser und die Verwitterung!

Wir fuhren weiter durch den wegelosen Wald, und bald lagen die letzten
Bilder des Gran Cañon hinter uns. Nach einer Weile kamen wir wieder auf
den schlechten Weg, den wir vor zwei Tagen gefahren waren.

Die Dämmerung war schon dicht, als wir das Auto erreichten. Die Lampen
wurden angezündet, und wir sausten durch den schlummernden Wald der
Rehe nach dem Zeltlager von Wylie Way Camp.




Register.


  Albuquerque, Stadt 47. 48. 49. 51.

  d’Albuquerque, Alfonso 49.

  Altar Falls 194. 195. 196. 206.

  Arizona 18. 48. 53. 54. 149. 221.

  Arizona Divide 54.

  Arkansas, Fluß 33. 39.

  ~Artemisia tridentata~ 167.

  Asbest 91.

  Ayer, Edward E. 84. 85.


  Basalt 90.

  Basalt Cliffs 90.

  Birchfield, Carleton 16. 17. 58. 60. 86. 99. 124.

  Birken 202.

  Bisons 227, s. a. Büffel.

  Black Bush 167.

  Brahmatempel 75. 95. 202. 207. 220.

  Bright Angel Cañon (Creek) 75. 92. 95. 186. 189. 190. 192. 194. 195.
      196. 198. 200. 206. 208. 220. 232.

  Bright Angel Point 198. 204. 206.

  Bright Angel Spring 204.

  Bright Angel Trail 178 ff. 181. 182. 185.

  Brögger, Professor 15.

  Bryn 99. 124.

  Buddha Temple 72. 74.

  Büffel 43.

  Bunte Wüste s. Painted Desert.

  Burros s. Esel.


  Cañonbildungen 81.

  Cañon Diablo 53.

  Cape Final 94. 153. 236. 237.

  Cape Royal 72. 79. 88. 94. 95. 224. 227. 230. 231. 232. 233.

  Cape Solitude 90. 92.

  Cardenas, Konquistador 18. 39.

  Cathedral Spire 112.

  Cathedral Stairs 106. 132.

  Chandler, Harry 193.

  Cheopspyramide 74.

  Chicago 15. 32. 38.

  Chuar-Gruppe 23.

  Clarkson, R. Hunter 17. 33. 34. 35. 36. 40. 41. 42. 48. 178.

  Clear Creek 94. 95.

  Cliffdweller 221.

  Coconinoplateau 70. 86. 91.

  Coconinosandstein 70. 71. 72. 74. 75. 76. 78. 91. 94. 100. 102. 174.
      181. 182.

  Coconinoschichten 152. 153. 203. 208. 231.

  Cojote (Heulwolf) 43. 144. 145.

  ~Coelogyne ramosissima~ 167.

  Colorado, Rio 28. 29. 62. 63. 64. 65. 68. 69. 70. 71. 74. 79. 80. 102.
      125. 128. 142. 146. 149. 150. 152. 153. 154. 156. 164. 166. 170.
      172. 182. 188. 190. 193. 226. 231. 234; Bett 23. 24;
    Brücke 79. 186. 188;
    Dauer der Erosion 23;
    Entdeckung 18. 19;
    Flußfahrten 19. 192;
    Gesteinstransport 23;
    Name 89;
    Rinne 63. 81;
    Schlucht 186;
    Stromschnellen 128;
    Uferwände 128;
    Unterlauf, Regulierung 20;
    Wasser 126;
    Wassermessungen 190. 192.

  Coloradohochland 53. 64. 70. 150.

  Comanche Point 92. 154.

  Cope Butte 107.

  Coronado, Konquistador 18.

  Coronado Butte 92.

  „Creek“ 91.

  Crosby, Oberst 17. 58. 59. 133. 178. 180. 181.


  Davis, W. M. 20. 21.

  Darton 69. 137. 166. 174. 181. 184. 185. 234;
    Werk über Gran Cañon 20.

  Denudation, die große 22. 71.

  Desert Facade 90.

  Desert View (Navaho Point) 22. 92. 137. 141. 177.

  Devatempel 75. 95. 207. 220.

  Devon 22.

  Diabas 154.

  Douglastanne 140.

  Dutton, C. E. 15. 20. 21.

  van Dyke, John C. 20.


  Eichen 181. 202.

  Eiszeit 21.

  El Tovar 22. 31. 56. 70. 86. 113. 130. 133. 141. 157. 177. 180. 181.
      182. 185. 188. 189. 192. 194. 198. 231;
    Aussicht 96. 97. 150;
    Automobilverkehr 134;
    Besucher 97. 98;
    Hotel 57. 58. 84. 97. 163. 164, altes 135, neues 134;
    Konkurrenz 177;
    Lage 62;
    Meereshöhe 181;
    Zweigbahn nach 55-57.

  Erosion 23. 63. 88. 89. 102. 112. 128. 154. 164. 208. 234.

  Esel, verwilderte 122. 124. 130. 167. 185.


  Fair View 237.

  Färbereiche 140.

  Flagstaff, Stadt und Bahnhof 54.

  Ford, Henry 220. 221.


  Gelbkiefer 140. 202.

  Glorietapaß 47.

  Gneis 22. 186.

  Gran Cañon 53. 55. 56;
    erster Anblick 56. 57;
    geologischer Aufbau 70. 94. 174;
    Aussicht vom Nordrand 207;
    Aussichtspunkte 86. 177;
    Automobilverkehr 178;
    Beleuchtung 25. 27. 28;
    Besucher 25. 66. 84. 97. 98. 99. 110. 130. 133. 140. 141. 154. 156.
        177. 212. 220. 238;
    bildliche Darstellungen 30. 31. 42;
    Denudation 21;
    Eisenbahn am Nordrand 225;
    Entdeckung und erste Besucher 18. 19;
    Entstehung 84;
    geologische Erforschung 18;
    Formen 26. 68. 81. 148. 149. 171. 172;
    Gemälde 137;
    Geologie 20;
    geologische Geschichte 22;
    Gesteine 90;
    Hotelbau 177. 224;
    Karten 69;
    Klima in geologischer Zeit 21. 22;
    Namengebung 95;
    im Nebel 142;
    Nordrand 60. 63. 64. 65. 68. 78. 81. 104. 170. 174. 176. 177. 178.
        194. 200. 204. 214. 233. 234. 238;
    im Regen 133;
    Schichten 64;
    Schichtenfolgen 23. 72. 75. 76. 91. 92. 94. 100. 181;
    Südrand 60. 63. 64. 65. 68. 81. 91. 138. 164. 170. 176. 177. 200.
        202. 208. 233. 234. 238;
    größte Wärme 198;
    Werke darüber 15. 19. 20. 25. 69;
    Zweigbahn an den Nordrand 177.

  Grand View, Gasthaus 86. 138;
    Aussicht 150.

  Grand View Point 86. 88. 90. 91. 92.

  Grand Wash 23.

  Granit 22. 23. 63. 71. 72. 74. 75. 76. 90. 106. 150. 154. 174. 186.

  Granite Gorge 23. 63.

  Granitkorridor 71.

  Granitschlucht 152. 174. 186. 188.

  Greenland Lake 226.


  Harvey, Ford 17. 36. 37. 38. 134;
    Hotel in Albuquerque 48, in El Tovar 48.

  Harvey, Fred 36.

  Havasupai 22.

  Havasupai Cañon 55.

  Havasupai Point 78. 79. 164. 166. 168. 231;
    Aussicht 170 ff.

  Hearst, W. R. 138.

  Hermit Basin 102. 128.

  Hermit Cabins 79. 80. 91. 104. 107.

  Hermit Camp 100. 106. 107. 108. 110. 112. 130. 132. 181. 185.

  Hermit Creek 23. 102. 104. 107. 108. 110. 114. 125. 126. 153.

  Hermit Falls 128.

  Hermit Peak 112. 113. 130.

  Hermit Rapids 80.

  Hermit Rest 133.

  Hermit Rim Road 79.

  Hermit Trail 99. 100. 102.

  Heulwolf 43. 144. 214.

  Högbom, Professor 15.

  Höhlenbewohner 185. 221.

  Hopi-Indianer 71. 113. 149. 158;
    Haus 113;
    Kleidung 114;
    Tänze 113. 114. 116. 158.

  Hopi Point 60. 69. 70. 71. 72. 74. 75. 76. 81. 88. 136.

  Horseshoe Mesa 91.

  Hufeisenberg 91.

  Hunderasse zur Pumajagd 214. 215.


  Imperial Valley 166. 193;
    Bewässerungsnetz 193.

  Indianer 43. 44. 51. 185;
    Brüderschaft 121. 122;
    Lieder 116. 117. 118. 122;
    Tänze 116. 117. 118.

  Indian Garden 91. 130. 184. 185.

  Isleta 49. 50.


  Jensen 203. 204. 206. 207. 210. 220.

  Joo Secakuku 113. 114. 116. 117. 118. 121. 122. 134. 158.

  ~Juniperus utahiensis~ 140.


  Kaibabkalkstein 22. 70. 71. 72. 75. 76. 78. 86. 91. 92. 94. 95. 100.
      102. 174. 181. 203. 204. 208. 220. 234.

  Kaibabplateau 70. 72. 75. 90. 94. 203. 206. 208. 224.

  Kaibabschichten 152. 231.

  Kalkstein 22. 64. 72. 89. 90. 103. 106. 174. 182. 230.

  Kambrium 75.

  Kansas, Staat 34. 37. 38.

  Kansas City 32. 33. 34. 38. 44.

  Kathedralstufen 107. 112.

  Kemp, Edw. 17. 58. 60. 86. 99. 124.

  Kiefern 53. 57. 102. 160. 166. 198. 226.

  Klapperschlangen 111.

  Kleiner Colorado 23. 24. 90. 150. 152.

  Kolb, Brüder 19;
    Ellsworth L. 19. 134. 192.

  „Kriegsschiff“ 97. 182.

  Kuguar 214.

  Kupfer 91.


  Landwirtschaftliche Maschinen 38.

  Las Vegas 46.

  Leede, Professor 124. 130.

  Los Angeles 38.

  Lowell-Sternwarte 54.

  Luchse 158. 159. 214.


  Mac Lean, Sandy, Führer 17. 99. 100. 180. 184. 188. 194. 203.

  Marble Cañon 26. 90. 150. 152. 153. 156. 226.

  Maricopa Point 60. 62. 97.

  Maultiere 17. 100. 107. 130. 181. 194. 199. 200. 203. 224. 227. 236.

  McKee 17. 204. 212. 215. 221. 226. 227. 230. 234. 237.

  Meeresmollusken 24.

  Mesa 45. 149.

  Mesa Eremita 112.

  Mexiko 18.

  Minotto J., Graf 16.

  Mississippi 32. 33. 41.

  Missouri 32. 34.

  Mohave Point 60. 79.


  Nationalpark 37. 138. 167.

  Navaho-Indianer 49. 138. 226.

  Navaho Point 79. 92. 137. 140. 141. 152. 154. 177. 232;
    Unterkunftshütten 137. 141. 145.

  Neumayr, Professor 24.

  Neumexiko 39. 41. 43. 45. 51. 52.

  Nußkiefer 140. 230.


  Obi Point 95. 220.

  Obst, kalifornisches 212.

  Osiristempel 76. 78.


  Painted Desert (Bunte Wüste) 69. 71. 90. 142. 144. 149. 150. 226.
      231. 233;
    Grenze 149.

  Palisaden 26. 69. 71. 90. 92. 142. 145. 146. 149. 150. 154. 170.
      232. 233.

  Panamakanal, Einfluß auf Verkehr 212.

  Petroleum 38. 137.

  Petrosa, Victor 17. 58. 59. 137. 178.

  Pferde, wilde 227.

  Pferdezuchtland 47.

  Phantom Ranch, Unterkunftshütten 186. 188. 189. 190. 194. 204.

  Pima Point 60. 79. 99. 112.

  ~Pinus edulis~ 140.

  ~Pinus ponderosa~ 140.

  Platin 184.

  Pliozän 22. 24.

  Point Harris 226.

  Poquett, Herr und Frau 108. 111. 130.

  Powell, J. W. Major 19. 20. 21. 134. 192;
    Bootfahrt 62.

  Powell Memorial 62.

  Powell Plateau 78. 164. 172. 174.

  Präriehund 140.

  Präriewolf 43.

  ~Pseudotsuga taxifolia~ 140.

  „Pueblos“ 46.

  Pueblo-Indianer 50.

  Puma 43. 214. 215.


  Quarzit 74. 90.

  ~Quercus tinctoria~ 140.


  Raton, Stadt 43.

  Ratonpaß 40. 41.

  Raubtiere 214.

  Redwall, Felsband 22. 94;
    Name 184;
    Formation 91. 92;
    Kalkstein 72. 74. 75. 76. 78. 100. 106;
    Schicht 182. 184.

  Regenzeit 26. 221. 222.

  Rehe 203. 210. 211. 214. 226.

  Rio Colorado s. Colorado.

  Rio Grande del Norte 41. 47. 50. 52.

  Roaring Springs 198. 202. 206.


  Sage Brush 167.

  Salt Lake City 178. 212. 215.

  San-Francisco-Gebirge 54. 56. 232.

  Sangre de Cristo 45.

  Santa-Fé, Eisenbahn 16. 17. 33. 35. 36. 177.

  Santa-Fé, Stadt 44. 47.

  Santa Maria Spring 103. 132.

  Sandstein 64. 74. 100. 154. 174. 182. 185;
    (Kambrium) 75;
    roter 72. 102. 103.

  Schafzucht 44.

  Schiefer 71. 72. 74. 76. 90. 100. 154. 174. 182. 184.

  Schivatempel 76. 78.

  Silur 22.

  Simpson, William H. 16. 17. 58.

  Skorpione 111.

  Skottsberg, Prof. 167.

  Stachelschwein 140. 157.

  Steinkohlenformation 22. 23. 70. 72.

  Supaiformation 76. 78. 91. 100. 102. 153.

  Supaigruppe 72. 75. 76. 94.

  Supaischichten 152. 174. 210. 231.


  „Tempel“ 63. 68. 153. 207. 208. 231. 238.

  Teppiche, indianische 48.

  Tierwelt 43. 125. 138. 140. 146.

  Tillotson, Führer 17. 138. 140. 141.

  Tontoformation 71. 91. 92. 94. 132. 152.

  Tontogruppe 22. 72. 74. 75. 76. 90. 100. 106. 182. 184. 185. 186.

  Tontoschiefer 107.

  Tonto Trail 132. 185.

  Tovar, Konquistador 18. 80.

  Transept-Cañon 207. 208. 221.

  Trinidad 39. 40.


  Überschwemmungen 33. 34. 37. 38. 41.

  Uncle Jim, Löwentöter 214. 215. 216. 219.

  Union Pacific Railway Co. 177. 225.

  Unkargruppe 23. 71. 74. 76. 90. 153. 154. 174. 186. 188. 195.

  Utahwacholder 140.


  Vegetation 22. 40. 53. 102. 103.  149. 185. 194. 195. 198. 199. 200.

  Versteinerungen 181.

  V. T. Ranch 210. 215. 216.


  Wacholder 40. 46. 53. 57. 102. 160. 167. 198. 200.

  Wald 26. 46. 53. 54. 57. 86. 102. 103. 138. 140. 166. 181. 198. 200.
      202. 203. 225. 226.

  Waldarbeiter 54.

  Waldbäume 140. 160.

  Walhallaplateau 94. 95. 153. 215. 224. 226. 230. 231. 233. 234.

  West, Führer 17.

  Wildkatzen 214.

  Winslow 52.

  Williams 53. 54. 55.

  Wind 100. 103. 104. 188.

  Wischnutempel 72. 94. 232.

  Wotans Thron 72. 94. 231. 232.

  Wylie Way Camp 22. 204. 211. 212. 215. 220. 222. 232. 239.


  Yavapai Point 62.

  Yuma 193.


  Zigeuner 45.

  Zitterpappeln 195. 226.

  Zoroastertempel 75. 95. 202. 207. 220.




VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG


Sven Hedins Werke

Hauptwerke, reich mit Abbildungen und Karten ausgestattet

  Durch Asiens Wüsten.
  2 Bände. Lwdb. M. 30.--

  Zu Land nach Indien.
  2 Bände. Lwdb. M. 32.--

  Ein Volk in Waffen.
  Lwdb. M. 11.--

  Bagdad–Babylon–Ninive.
  Lwdb. M. 15.--

  Mount Everest.
  Halblwdb. M. 6.--

  Von Peking nach Moskau.
  Lwdb. M. 15.--

  Im Herzen von Asien.
  2 Bände. Lwdb. M. 32.--

  Transhimalaja.
  3 Bände. Lwdb. je M. 16.--

  Nach Osten.
  Lwdb. M. 11.--

  Jerusalem.
  Lwdb. M. 15.--

  Verwehte Spuren.
  Lwdb. M. 15.--


Illustrierte Jugendschriften

  =Von Pol zu Pol.= 3 Bde. I: Rund um Asien. II: Vom Nordpol zum
  Äquator. III: Durch Amerika zum Südpol. Jeder Band, Lwdb. M. 5.--

  =Abenteuer in Tibet.= Lwdb. M. 12.--


Sven Hedins erste Dichtung:

  =Tsangpo Lamas Wallfahrt.= Bd. 1. Die Pilger. Bd. 2. Die Nomaden.
  Jeder Band, Lwdb. M. 6.50


Kleine Schriften

  Persien und Mesopotamien.
  Geh. M. 1.60

  Ossendowski und die Wahrheit.
  Geh. M. 2.--


Alma Hedin

  =Arbeitsfreude.= Was wir von Amerika lernen können. (An Stelle eines
  Vorworts: Sven Hedin, Der 9. November. Ein Gruß an das Deutsche
  Volk.) Lwdb. M. 3.40

  =Mein Bruder Sven.= Nach Briefen und Erinnerungen.

  Mit 61 Abbildungen. Lwdb. M. 15.--. +Volksausgabe+: Mit 17
  Abbildungen. Geh. M. 3.30, Lwdb. M. 5.--




~VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG~


Sven Hedins Werke

Gekürzte Volks- und Jugendausgaben mit zahlreichen Abbildungen und
Karten

              *

  Abenteuer in Tibet.
  Band 1 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

  Transhimalaja. (Neue Abenteuer in Tibet.)
  Band 2 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

  Durch Asiens Wüsten.
  Band 7 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

  Zu Land nach Indien.
  Band 8 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

  General Prschewalskij in Innerasien.
  Band 19 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

  Meine erste Reise.
  Band 20 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

  An der Schwelle Innerasiens.
  Band 23 der Sammlung „Reisen und Abenteuer“
  Halb-Lwdb. M. 2.80, Lwdb. M. 3.50

              *

  Ein Volk in Waffen.
  Geb. M. 3.--

  Bagdad–Babylon–Ninive.
  Geh. --.20

  Nach Osten.
  Geb. M. 3.--

  Jerusalem.
  Geh. M. --.20




~VERLAG F. A. BROCKHAUS / LEIPZIG~


~G. I. FINCH~

Der Kampf um den Everest

Deutsch von Walter Schmidkunz

Mit 88 Abbildungen, 1 Anstiegsskizze und 2 Karten

In Ganzleinen gebunden M. 11.--


~G. WINTHROP YOUNG~

Die Schule der Berge

Deutsch von Willy Rickmer Rickmers

Mit 39 Einschaltbildern und 19 Abbildungen im Text

In Ganzleinen gebunden M. 16.--


~HENRY HOEK~

Wetter, Wolken, Wind

Ein Buch für jedermann

Mit 31 Einschaltbildern

In Halbleinen gebunden M. 9.--


~CARL STÖRMER~

Aus den Tiefen des Weltenraums bis ins Innere der Atome

Mit 65 Abbildungen

In Halbleinen gebunden M. 6.--


F. A. Brockhaus, Leipzig.



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GRAN CAÑON ***


    

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and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our website which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org.

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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