Sänger und Könige : Novellen

By Robert Hohlbaum

The Project Gutenberg eBook of Sänger und Könige
    
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States,
you will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.

Title: Sänger und Könige
        Novellen

Author: Robert Hohlbaum


        
Release date: September 9, 2026 [eBook #79542]

Language: German

Original publication: Leipzig: L. Staackmann Verlag, 1929

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79542

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄNGER UND KÖNIGE ***


=======================================================================

                      Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.

Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter umgestaltet. Ein Urheberrecht
wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt
genutzt werden.

Die Verlagswerbung ist an das Ende des Textes verschoben worden.

Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
worden:

     ~gesperrt gedruckter Text~        =antiqua  gedruckter Text=
                      _kursiv   gedruckter Text_
=======================================================================


                  Robert Hohlbaum / Sänger und Könige




                            Sänger und Könige

                   Der »Unsterblichen« dritte Folge


                               Novellen

                                  von

                            Robert Hohlbaum




                            [Illustration]




                 L. Staackmann Verlag / Leipzig / 1929




                  Umschlagzeichnung von Walter Prinzl


    Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, Dramatisierung,
             Verfilmung und Radiosendung vorbehalten. Für
           Amerika: =Copyright 1929 by L. Staackmann Verlag
                         G. m. b. H., Leipzig=

                         =Printed in Germany=




            Gedruckt und gebunden bei R. Kiesel zu Salzburg




                 Meinem verehrten väterlichen Freunde
                     Sr. Exzellenz Minister a. D.
                       Dr. Paul von Vittorelli!




                                Inhalt

                                                Seite
                 Die Ketzermesse                    9
                 Die keusche Kaiserin              23
                 Der Sieger von Waterloo           41
                 Der Hund                          59
                 Das Wunder von Lauchstädt         83
                 Das liebliche Fest                91
                 Legende vom heiligen Mörike       99
                 Samiels Ende                     111
                 Der Berg                         141
                 Der Gott in Flammen              159
                 =Ecce homo=                      169
                 Dämon Knopp                      199




Die Ketzermesse




Im Lichtschein des geöffneten Klostertores stand der Abt. Weit auf
tat sich das Tor, weiter floß die Helle über eine kleine Gruppe
uniformierter Männer, nur der Letzte hielt noch im Dunkel.

»Schaff' uns Quartier, Pfaff!« Der Ziethenhusar trat dicht an den Mönch
heran.

Der Priester wich nicht, stand aufrecht: »Sind drei Herbergen in der
Stadt, haben sicher noch ein paar Stuben frei!«

»Das wissen wir auch, aber ...« den erstaunt und erschreckt aus dem
Flur nachdrängenden Klosterbrüdern unhörbar, flüsterte er am Ohr des
Abtes. Ein leiser Aufschrei: »Ist das wahr?«

»Beim Herrn Jesus, 's ist wahr! Bei dem du mir schwören wirst, Pfaff,
daß du reinen Mund hältst, sonst ...«

Der Abt wies die Mönche ins Haus zurück, trat in die Straße, auf den im
Schatten Harrenden zu, beugte sich tief.

»Laß Er die Zeremoniens, meint's ohndem anders! Verlang's nicht! Will
ein Bettstatt für die Nacht, sonst nichts!«

»Wie Eure Majestät befehlen. Aber,« die Stimme schwang sich auf zu
einem freien, stolzen Klang, »halten zu Gnaden, ich bin kein Heuchler.
Führ' mich stets also, wie's in mir ist.«

Friedrich wandte das Haupt, sein großer Blick umfaßte den Abt.

»Er wird mir doch nicht weis machen wollen, daß ihm meine ungebetene
Visite ein großes Plaisier ist!«

»Es ist mir eine Ehre, Sire!«

»Schwatz Er nicht! Es ist keine Ehre, so ein Ketzer hier eintritt, der
nach Rechten sollte in der Höllen kampieren!«

»Es wäre mir auch eine Ehre, so Caesar, der Heide, wollte über meine
Schwelle schreiten.«

Der König stieß ein kurzes Lachen aus, es klang wie ein mühsam
geweckter, mißklingender Flötenton.

       *       *       *       *       *

»Hier ist Eurer Majestät Gemach, wenn's genehm ist.«

Wieder die tiefe Verbeugung, des Königs kurzes Nicken. Ein Laienbruder
stellte einen kalten Imbiß und eine Karaffe Weins auf den Tisch.
Friedrich aß, dumpf den ersten Hunger stillend, trank ein Glas in
die vom langen Ritt glühende Kehle, dann erhob er sich, durchmaß den
Raum. Es war eine Zelle, die hohe, spitz zulaufende Deckenwölbung, das
Kruzifix über dem Lager sagten es. Aber die Wände waren mit Decken
verkleidet, und den Schritt milderte ein dunkler Teppich.

Lächelnd sah Friedrich rundum. Er war im Laufe dieser Kampagne schon
in den seltsamsten und verschiedensten Nachtquartieren gelegen, aber
ein Kloster, ein richtiges katholisches Mönchskloster war noch nicht
darunter gewesen. Das Lächeln schwächte sich. Das hochmütig überlegene
Gesicht erweichte zu sanfterer Form. Hatte er vordem, da er nur
König gewesen, älter geschienen, jetzt trat der verfließende Schimmer
der noch immer suchenden Mannesjugend in seinen Blick, die herrisch
gepreßten Lippen lösten sich, als träumten sie ungenossenen Küssen
nach. Noch einmal schoß das Lächeln vor, wollte zu höhnendem Lachen
werden, ehe es laut wurde, erstarb der Ton, tiefer versank das Lächeln.
Hastiger schritt der König durch das Gemach, hob das Glas an den
Mund, setzte es wieder ab. Die Wände engten seine Brust, ein dumpfes,
drohendes Brausen ward die Stille. Wieder, aber tausendmal stärker als
sonst in dieser fremden, drohenden Umwelt, überfiel den Einsamen die
Sehnsucht nach einem Menschen. Einem Menschen, mit dem er sprechen
konnte. Nicht über das Harte, über Angriff und Abwehr, Schlacht und
Sieg, das nun schon so lange sein Leben füllte, nein, über das andere,
das verborgen, verkrochen in ihm lag, das aber auch droben am Himmel
leuchtete, den das harte Zellengitter von ihm trennte. Ein paarmal
griff die Hand nach der Glocke, zuckte zurück, tastete wieder danach,
bis ein Ton die Stille durchgellte.

Vor dem stumpfen Laienbruder versteinte sich das Gesicht, hart klang
die Stimme:

»Sage Er dem Herrn Abt, ich ließe ihn zu mir bescheiden.«

Ein fassungslos erstaunter Blick des Dienenden.

»Hat Er nicht verstanden? Ich befehle den Herrn Abt zu mir! Auf der
Stelle! Und nun, =allez, allez=!«

Einen Augenblick reute es ihn. Es war Schwäche, dieses
Nicht-Allein-Sein-Wollen! Ach was, Schwäche! Man konnte lernen! Ein
Mensch mehr! Und gar einer, der sich einem selten, niemals bot!
Haltung!

Ohne ein Wort oder eine Geste des Staunens stand der Abt vor dem König.
Aufrecht und wartend. Auch Friedrich wartete auf ein Wort des anderen.
Brach endlich, sich mühsam fassend, die Stille:

»Ich habe Ihn rufen lassen, weil ich mir von einem Discours mit ihm
was verspreche. Schenk' Er sich ein vorerst und trink' Er! Sein Wein
ist gut und klar, wenn Sein Geist einigermaßen ihm komparable ist,
will ich's zufrieden sein!« Er hob den Becher, stieß ihn wider den des
Mönches, trank in langem Zug das Glas leer. Sah dem Abt ins Gesicht.
Da war sie schon wieder, diese verfluchte sichere, demütig-gläubige
und doch unerschütterlich starke Miene. Woher nahm der Kerl das? Der
Stubenhocker, der sein Leben mit Mauern umzwängte, indes er, der König,
es an sich riß, darüber fortritt, es unter die Hufe seines Rosses trat,
und das doch immer wieder, einer Hydra gleich, vor ihm erstand in
tausendfacher Gestalt, ein ewig sich erneuendes Rätsel!

»Wie lange ist Er schon hier?«

»Seit meinem fünfzehnten Jahr, Majestät!«

»Phh! Das hat Er ausgehalten? Da ist ihm nicht manchmal der =goût=
gekommen, zu echappieren, he?«

Der Abt schwieg. Senkte den Blick nicht, sah dem König voll entgegen,
aus weiten Augen, in denen ein leiser, schmerzvoller Vorwurf zu lesen
war. Friedrich fühlte ihn, preßte die Scham nieder, Ärger sprang hoch.

»=Laissons ça!= Er schwatzt nicht aus der Schule. =Eh bien!=
Aber gedacht muß Er doch was haben in der langen Zeit! Sagen wir ...
über Gott etwa! Das ist doch, =c'est à dire=, Sein Geschäft, was?«

Unverändert der Blick.

Rot schoß in des Königs Gesicht: »Zum Teufel, antworte Er! Hat Er über
Gott meditiert oder nicht?«

Der wehe Schimmer schwand aus des Priesters Auge. Es festigte sich zu
innerlich leuchtender Klarheit.

»Ich habe nicht über ihn meditiert, sondern ich glaube und fühle ihn.«

»Ah, das Denken ist Ihm ja von Amtes wegen verboten. Nenne Er's fühlen
oder glauben, =c'est égal=. Ich hab' auch meditiert darüber, aber
mit meinem ordinären Verstande. Da soll Er mir ein wenig beistehen und
mir's ins Klare stellen! Er ist wohl also auch der gemeinen Ansicht,
daß Gott allgerecht ist, was? Warum läßt er da oftmals einen Guten vor
die Hunde gehen und setzt einen Schurken auf einen goldenen Thron, wie
mich =par exemple=, he?«

Der Abt fand ein Lächeln:

»Ich weiß gar wohl, daß Eure Majestät bislang ein' gar geringe Zeit
sind auf dem Thron gesessen, weit mehr im Sattel!«

»Die Raillerie steht Ihm nicht an! Setze Er mich beiseite und sag
Er mir, warum geht es den Guten schlecht und den Schlechten wohl auf
Erden?«

Der Priester erhob sich, wies nach dem Fenster, darin ein Stück des
Sternenhimmels stand:

»Belieben Eure Majestät einen Blick auf dies Bild der Gotteswelt zu
tun! Man darf wohl schließen, daß sich die kleinen Unebenheiten in der
Harmonie dereinst werden lösen.«

»Bleib Er mir mit dem Himmel vom Halse, vor den Ihr Eure Gitterstäbe
gesetzt habt! Ich stehe auf der Erde, das weiß ich, das andere ist
mir eine allzu =douteuse= Affaire. Aber =laissons ça=! Die
Frommen, zu denen Er sich zählet, sagen des weiteren, daß Gott allgütig
sei. Wie steht es damit? Seh' Er sich einmal ein Schlachtfeld an! Er
wird darüber ein Narre, jede Wette gagnier' ich an Ihm! Und Seinem Gott
ist das einerlei, Seinem allgütigen Gott! Was weiß Er mir da für einen
Reim darauf? Warum läßt der Allgütige all diesen Jammer zu, der zum
Himmel schreit?!«

Der Abt blickte sich sammelnd und fassend zu Boden, dann sah er auf.
»Darf ich Eurer Majestät so antworten, wie ich's verstehe und fühle?«

»=Naturellement!= Ich befehl' es Ihm sogar!«

»Auch wenn es Eurer Majestät geweihte Person sollte antasten?«

»Bin keine heilige Personage, bin ein Mensch wie Er! Red' Er
=franchement=!«

»Mit gütiger Permission. Sind nicht Eure Majestät auch an so
beschaffenen jämmerlichen Dingen ein wenig mitschuldig?«

In ganzer Größe richteten sich die blauen Augen des Königs auf den
Kühnen. Aber der hielt dem Blicke stand. »Eine kleine Hardiesse. Sei's
drum, hab's ihm erlaubt. Ja, Er hat recht. Dann aber sag Er mir, warum
legt mir der Alte da droben nicht das Handwerk? Da, mein Rock, mein
Hut, die Löcher sind noch nicht geflickt, alle von österreichischen
Kugeln. Warum hat er's nicht einen halben Zoll besser gelenkt? Dann
hätte die Welt Frieden, und Ihr könntet =Te Deum= singen lassen!
Warum also, he?«

Aus dem Auge des Priesters quoll ein Schein, warm, reich, umfloß
Friedrichs Gestalt, als wollte er sie der Nacht zum Trotz erhellen.
Leise Worte verwoben sich dem Glanz: »Das mag wohl deshalb geschehen
sein, weil Gott dereinst einen Funken Seiner Macht hat in Eurer
Majestät starke Seele gesenkt. Er kann Sein eigen Licht nicht erlöschen
vor der Zeit.«

Friedrich schloß die Augen vor dem unsichtbaren Licht, ein rätselhafter
Taumel ergriff ihn. Nie hatte er solche Worte gehört, niemand noch
hatte mit zarter, starker Hand den Schleier von dem gehoben, was als
kaum begriffene Ahnung in seinem Tiefsten lebte. Weich lösten sich
seine Züge, löste sich sein Herz ins Märchenlicht dieser Stunde. Bis er
die Weichheit fühlte; in seiner Kehle, auf seiner Zunge, wie eine allzu
süße Speise. Scharfe Lauge goß sein Geist darüber, bis die letzte Süße
getilgt war.

»Was redet Er da für unvergoren Zeug? Er wird sich's bei Seinem
Herrgott gar verschlagen, so Er mich für dessen vielgeliebten Sohn
deklarieret! Bin vieleher ein Sohn des Teufels, versteht Er!?«

Der Abt schüttelte nur den Kopf, die Rede abwehrend, die seine
Sicherheit nicht trübte: »Es wird einmal der Tag kommen, da sich's
erweisen wird, daß Gottes Gnade über Eurer Majestät waltet.«

Wie ein Berg ragte des Priesters Festigkeit vor dem König, wohin er
den Fuß setzte, er glitt ab, in sein aufgewühltes Herz zurück. Es
übertäubend, sprang er auf und schrie:

»Was faselt Er da? Gerad' ins Gesicht sag' ich's Ihm, laß Er mich
jetzt mit Seinem Herrgott zufrieden? Hab' ohne Gott meinen Weg aus
den dreckigsten Affairen gefunden, wird auch inskünftig so sein,
verstanden?! Hab Ihn gerufen, um was Kluges mit Ihm zu reden, nicht um
Schikanen zu machen! =Bonne nuit!=«

Grob wandte er dem Priester den Rücken. Vor ihm das Fenster. Darin der
Sterne undeutbares Lächeln.

       *       *       *       *       *

Der König fuhr aus dem Schlaf, sah in das vom unbestimmten Morgengrau
umflossene Gesicht des Abtes.

»Ich bitte Eure Majestät, rasch, wir haben nicht einen Augenblick zu
verlieren, ich beschwöre Sie, es ist ... die Kroaten ...« Nun tönte es
auf draußen, aus dem grauen Morgen, Flüche, Schreien.

»Majestät!«

Friedrich sprang vom Lager, der Abt warf ihm den Mantel um und zog den
halb von noch haftendem Schlaf, halb von dem wirren Geschehen Betäubten
mit sich, durch viele verschlungene Gänge, stieß eine Tür auf, das
matte Licht der Sakristei umfing sie.

Der Abt riß aus einem Wandschrank ein buntes Kleidergewirr, eine rote
Tunika, ein weißes Spitzenhemd, wollte es dem König überwerfen.

»Ist Er toll, will Er Seinen Narren machen aus mir?« Aber ein Blick
in des Abtes Gesicht, daraus die Ruhe geschwunden war und angstvoll
bettelnde Augen leuchteten, ließ ihn verstummen.

»Nicht fragen, Majestät! Es geht um Leben und Freiheit!«

Lauter gellte das wüste Geschrei der Feinde.

Friedrich erschauerte. Tod, was galt das! Aber lebendig in ihre Hände
fallen, als kostbarste Geisel, das Ziel, dem entgegen er kämpfte und
litt seit Jahren, in diesem einen Augenblick versunken auf ewig,
und sein Stolz ein Spott der Feinde! Nein! Noch einmal faßte sein
großes Auge griffig prüfend den Priester: »Ist Er ehrlich? Hat nicht
Er am Ende die da draußen ...« Er senkte die Lider vor des anderen
Gegenblick, folgte ihm willig in die Kirche.

»Majestät sind mein Ministrant,« flüsterte der Abt. »Achten Sie auf
mich! Wenn ich zur Seite gehe, folgen Sie mir, immer dicht bei mir,
wenn ich niederkniee und den Kelch hebe, dann läuten Sie mit dieser
Schelle und schwingen das Weihrauchfaß.«

Eiskalt umfing den König die Morgenluft der Kirche. Das Geschrei der
Kroaten verstummte unter werbendem Glockenton. Sie tappten herein,
mühsam den Schall ihrer Reiterstiefel dämpfend, knieten und murmelten,
die Brust schlagend, ihre Gebete.

Nun erst, in der folgenden Stille, gewann der König die freie Sicht
über seine Lage. Er sah an sich nieder, an dem Spitzenhemd, an dem
roten Ministrantenröckchen und fand ein Lächeln. All die regsamen
Stunden fielen ihm ein, da er im Verein mit dem essigscharfen Geiste
Voltaires sich an dem Aberglauben der Religion ergötzt und bewiesen
hatte, daß kein Gott sei. Und jetzt? Ja, jetzt hob sein Meister mahnend
die Hand, jetzt mußte er sich beugen und die Schelle klingen lassen,
zum Preise des Herrn, den er entthront hatte. Friedrich kicherte in
den Hall des Glöckleins hinein. Wieder war Stille. Er sah auf. Reglos,
zwei Stufen über ihm, hielt der Priester. Es hatte Friedrich vordem
belustigt, daß er, der König, als dienender Knecht die Glöckchen
schwang, dem Willen eines Mannes untertan, den er vernichten konnte,
wenn ihm danach der Sinn stand. Seltsam. Das dünkte ihn nun mit
einemmal gar nicht mehr spaßhaft. Nein. Es war ganz in der Ordnung
so. Rein und groß die Gestalt des Priesters, sie schien, von einer
wunderbaren Macht erfüllt, zu wachsen, ungehemmt von den Mauern des
Raumes, ins Unsichtbare und Undeutbare. Undeutbar ... Gab es das? Auch
für Menschen von Geist und Verstand, die auf so hoher Warte standen wie
er? Hatte er nicht alles erklärt, vom Letzten den Schleier gezogen?
Den Schleier, der nun, aus Weihrauchwolken geformt, sich zwischen des
Königs Blick und das Geheimnis spannte, das den Priester zu erfüllen
schien, zu dem auf er das erdentrückte Auge hob. Er durfte es heben,
der König nicht. Friedrich senkte den Blick. Aber nicht widerwillig,
von einem feindlichen Zwange gedemütigt, nein, freiwillig, sich vor dem
starken Geheimnis und dessen Träger beugend, ganz der sanften Macht
dieser Stunde hingegeben.

Der Priester wandte sich, breitete die Arme, segnete, nicht, die da
unter ihm knieten allein, segnete alle Menschen, die ganze in Sünde und
Zweifel sich quälende Welt. Noch einmal stieg sein Blick auf, wie eine
schimmernde Taube, dem Unsichtbaren, Unfaßbaren seligen Dank zu sagen.
Die Turmglocke rief ihn zurück. Langsam sammelte sich sein Auge wieder
zu fester, innerer Schau.

Die Kroaten stampften ins Freie, sprangen auf die Pferde und ritten
unter wieder erwachtem Schreien und Fluchen aus der Stadt. -- -- --

Eine Stunde später bestieg auch Friedrich sein Roß. Wie gestern beim
Eintritt stand der Abt an der Pforte, und auf seinem Antlitz lag
dieselbe demütig-starke Festigkeit.

Friedrich reichte ihm die Hand, der Abt wollte sich darüber beugen,
aber der König wehrte ihm, ergriff des Mönches Rechte, hielt sie lange
umschlossen. Nun festigten sich auch seine gelösten Züge wieder zur
gewohnten Bestimmtheit, darüber ein Lächeln floß.

»Jetzt will Er mich wohl noch zum Abschied daran gemahnen, daß früher,
als wir gestern ahnten, die Gnade des Allgütigen an mir sich hat
sichtbarlich erwiesen?«

Der Abt schüttelte nur stumm das Haupt und umfaßte des Königs Gestalt
mit einem warmen, starken, demütig Besitz ergreifenden Blick. Auch
Friedrichs Lächeln tönte sich wärmer. Dann aber schoß es zu einem
lustigen Blitzen auf.

»Ich will Ihm was sagen: Daß der Herrgott allgütig ist, das will ich
Ihm akkordieren. Aber allgerecht ist er nicht. Sonst hätte er mich
frivoles Subjekt nicht in Gnaden bewahrt, sondern den Kroatenschweins
vorgeschmissen, damit ich eines =avant-goûts= seiner Höllen
genieße! =Au revoir!=«

Friedrich trabte davon, noch immer das schöne Lächeln im Gesicht. Das
floß über auf das treue Tier und formte sich in ihm zu den zierlichsten
Courbetten und Kunstschritten, mit denen es in die weite Ungewißheit
des noch immer lastenden Morgennebels verglitt.




Die keusche Kaiserin




Der Pater Pankraz Kampfmiller hatte eine gute Stunde lang in der
dunklen menschenleeren Franziskanerkirche gebetet, nun trat er ins
Freie. Noch ganz erfüllt vom Segen der kühlen Einsamkeit, schwindelte
ihn in der schwülen Luft des Abends. Sein Blut, das eben noch in
wunschloser Stetigkeit geflossen, pulste plötzlich im qualvoll-regellos
stoßenden Rhythmus, sein Auge, das in der Ewigkeit des heiligen Lichtes
zur Ruhe gefunden, irrte durch die von späten Wanderern durchhuschten
Gassen, seine Nase, die den keuschen Weihrauchduft getrunken, witterte
die gemengten Dünste, die aus Toren und Fenstern drangen. Sein Blick
suchte den Himmel. Aber auch hier war kein Friede in dieser Nacht.
Wolken überhuschten ihn, zuchtlos die Sterne verhüllend und entblößend
im Bann des Windes, der immer wieder des Paters Kutte lüpfte. Aus
dem Fenster über ihm winkte eine Hand, jenem Fackellicht entgegen,
das einem Manne den sündhaften Weg erleuchtete. Näher, näher kam es,
verglitt im Tor des Hauses. Das Fenster war leer, der Kerzenschein
in der Stube erlosch, aber im grausamsten, grellsten Tageslicht sah
Pankraz Kampfmiller, was jetzt dort oben geschah.

Er hastete vorüber, seine derben Sandalen klapperten, Frauenlachen
silberte darein, ein Paar kam ihm entgegen, geblendet taumelte der
Priester, ins Gesicht leuchtete ihm der Freche mit der verruchten
Laterne, die seinem Schandweg glänzte! Pankraz Kampfmiller schlug
darnach, aber die Frevler waren schon vorbei, der Pater fiel vornüber,
hielt sich mühsam aufrecht, von verhallendem Lachen umgaukelt.

Der Zorn gab ihm die Freiheit wieder. Das war zu arg! Anstatt sich im
Dunkel der Schmach zu verbergen, trieb das Laster offen seinen Spott
mit der Tugend!

Er fand das Gleichgewicht wieder. Immer aufrechter gereckt schritt er
durch die sündhafte Welt.

Pärchen huschten an ihm vorüber, Schande verhüllende Karossen, ihr Hall
fand nicht mehr den Weg in Pankraz Kampfmillers Blut, sein Auge suchte
nicht mehr den vom unflätigen Erdenwind verwirrten Himmel. Geradeaus
blickte er, einem unsichtbaren Ziele entgegen. Ein liebeschwerer
Nachtfalter umtollte sein geschorenes Haupt, landete auf des Paters
Nase. Mit rascher Hand griff er nach dem Trunkenen, zerdrückte den
weichen, dicken Leib, zermalmte den armseligen Rest mit hartem Tritt.
Zwei-, dreimal trat der unbarmherzige Fuß; zertrat in Gedanken den
weichen schwellenden Leib des Lasters dieser verfluchten Stadt.

       *       *       *       *       *

Maria Theresias Fuß stampfte ungeduldig, die Finger trommelten auf dem
Marmortisch.

»Na, ist Er nicht bald fertig? Die Prozedur dauert heute noch länger
als sonst! Seine Neigung für so langweilige Ceremoniens wächst von
einem zum andernmal!«

Van Swietens Finger ließen den Puls der zuckenden Hand nicht frei, sein
breiter gedrungener Kopf hob sich langsam, die großen grauen Augen
sahen ruhig unter einem kaum merkbaren Lächeln zu der Herrin auf:

»Eure Majestät geben uns allstündlich das beste Beispiel für Fleiß und
Gewissenhaftigkeit. Sollten wir das gar leichtfertig übersehen?«

»Das läßt sich nicht vergleichen! Trag die Verantwortung für Staat und
Untertanen.«

Van Swietens Lächeln verstärkte sich.

»Trag ich die, ohne daraus Rühmens zu machen, nicht auch, indem mir ein
so kostbar Gut wie Eurer Majestät Leben und Gesundheit ist anvertraut?«

»Ich weiß, ich weiß, kenne Seine Treue! Aber nun laß Er endlich ab! Hat
Er was 'rausgeschnüffelt, he? Das sag' ich Ihm aber, ich hab' keine
Zeit krank zu sein, hört Er?«

Der Leibarzt erhob sich: »Gott sei Dank, nein. Eure Majestät sind ganz
gesund, die körperliche Frische ist nicht vermindert, der Geist so rege
wie stets. Indes ...«

»Indes, indes! Was will Er denn noch? Dann ist ja alles aufs Beste
bestellt!«

Der letzte Rest des Lächelns schwand aus Van Swietens Zügen. Tiefernst
war sein Gesicht: »Majestät vergessen, daß sie auch eine Seele haben!«

»Seele! Was schert Ihn die? Für die ist der Kampfmiller da und nicht
Er!«

»Ich will mir bei Gott nicht anmaßen, Euerer Majestät Beichtvater zu
sein. In den meisten seelischen Nöten mag der hochwürdige Herr genügen.
Jedoch gibt es Drangsale, die sich so tief den körperlichen Affairen
vermischen, daß man jene kaum davon zu trennen vermag.«

»Das ist wieder einmal eine Seiner Ketzereien, die ich nicht hören
will! Kein Wort mehr davon! Was Wichtigeres! Hör' Er! Ob Er auch
zuweilen schier als ein Freigeist sich gibt, was mich arg bekümmert,
halte ich Ihn doch für einen anständigen Mann, der für die Moralität
einen feinen Sinn mitbringt. Sag Er! Scheint es Ihm auch, daß es in
meiner Residenz damit nicht aufs Beste bestellt sei?!«

Van Swieten hob die Schultern: »Mein Gott, wohl nicht schlimmer als
anderswo. Eine volkreiche Stadt ist kein Nonnenkloster, es läßt sich
kaum vermeiden ...«

»Es muß aber vermieden werden! Es muß besser sein als in anderen
Ländern! Der Herr Friedrich von Brandenburg soll in seinem Ketzernest
die Dinge gehen lassen, wie er mag! Hier ist eine katholische Stadt,
versteht Er? Ich kann's nicht dulden, daß ich überall in der Leute
Mäuler komme und man in aller Welt ausstreut, Wien wär ein Sodom und
Gomorrha! Es muß anders werden, von heut auf morgen! Daß Er's weiß: ich
hab eine Moralitätskommission eingesetzt, der hochwürdige Herr Pater
Kampfmiller ist der Präses davon. Hat mir alles berichtet, ohne mir was
zu verhalten, wie's seine Pflicht ist. Der hat das feine Gefühl dafor,
was Ihm leider zu fehlen scheint! Hätt ich von Ihm nicht gedacht! Jetzt
wird's anders werden, ganz anders! Jetzt wird das Unkraut ausgerissen
mit Stumpf und Stiel, ohne jede Schonung! Ich will's so, ich will's!«

In den Schritthall der erregt den Raum Durchmessenden flossen des
Arztes Worte wie ein beruhigender Heiltrank.

»Vermeinen Majestät nicht, mit dem Unkraut auch manche Blume zu töten?
Hab gestern bei meinem Spaziergang im Prater meine helle Freude gefühlt
an einem Paar, das engumschlungen im Grünen spazierte und so eins war,
daß wohl gar der Herr Jesus selbsten dran hätte sein Ergötzen gehabt.«

»Laß er den Herrn Jesum aus dem Spiel! Waren die zwei ehelich
verbunden?«

Van Swieten lächelte: »Das, Majestät, vermochte ich nicht auszunehmen,
hab' nicht auf ihre Hände gesehen, sondern in ihre leuchtenden Augen.«

»Das war sehr unrecht von Ihm! Ist das Erste und Wichtigste izt! Mit
dem Ring am Finger sollen sie sich gaudieren, soviel ihnen darnach der
Sinn steht, sonst nicht!«

»Und Jene, denen's die Umstände verbieten? Es gibt Arme genug, die das
Copuliergeld nicht zu Wege bringen.«

»Die sollen's bleiben lassen! Es muß nicht immer scharmuzieret sein!
Solln was Gottgefälliges vor sich bringen in Arbeit und Tugendwerk, da
vergeht mit Gottes Hilf' alle Satanslust!«

Widerwillig senkte die Kaiserin die Augen unter Van Swietens Blick. Er
überstieg nicht die gesetzte Schranke, es war kein respektloses Werben
darin, nur ein stilles, starkes Bewundern, fast Ehrfurcht; aber nicht
vor der Herrin, sondern vor dem Weibe, dessen reife Lebenskraft in den
roten Wangen leuchtete, mit dem starken Atem die Brust schwellte, wie
der Sommerwind ein erntenahes Feld.

Maria Theresia hob das Haupt, sagte mit veränderter Stimme: »Sprech Er
nicht. Weiß schon, was Er meint! Kann's nicht verbergen vor dem Arzt.
Er kennt mich so gut wie Keiner. Gesteh's ihm zu; hab keine Limonade
in den Adern, weiß, weiß! Aber,« nun blickte sie auf, »hab ich mich
davon unterkriegen lassen, was? Hab ich nicht mit Gottes Hilfe dawider
gestritten und könnt heute Victoria schießen lassen wie der Daun bei
Kolin? Ist das die Wahrheit oder nicht? Sag Er's ehrlich!«

Nun senkte der Arzt das klobige Haupt: »Gewißlich Majestät, das ist
die Wahrheit. Und ich muß sagen, leider, leider! Majestät, legen Sie
mir's nicht für übel aus, ich hab's in mir vergraben, Jahr um Jahr!
Heut muß ich's sagen! Es ist ein heller Jammer, so man zusehen muß, wie
ein so herrliches, von Gott mit allem Guten an Geist und Leib gesegnet
-- ich bitte um Pardon, es gibt kein ander Wort -- ein so über alle
Maßen schönes Weib tagaus tagein Aktenstaub atmet anstatt Rosenduft.
Seine Majestät, der Kaiser, er hat mir nichts gesagt, kein Wort, aber
ich sehe schärfer als andere, das bringt meine Profession mit sich, er
leidet darunter. Majestät, werfen Sie mich auf die Straße, jagen Sie
mich fort, ich mußte es sagen! War meine Pflicht, meine reine Pflicht!«

Van Swietens Gestalt sank in sich, als erwarte er einen Schlag. Eine
lange Stille durchspann den Raum. Endlich tasteten die Worte der Frau:
»Ich weiß, daß Er's gut meinet, Van Swieten, aber, sag Er das nicht
mehr, ich will, ich darf nicht daran denken!«

Die Kaiserin nickte, die Audienz beendend. Tief verneigte sich
Van Swieten, zögerte in der Türe, aber kein Blick mehr traf
ihn. Geschlossenen Auges stand Maria Theresia in der Fülle des
Morgenlichtes, das mit jäher Gewalt durchs Fenster brach.

»Seine Hochwürden, der Herr Pater Kampfmiller«, meldete der Lakai, »er
ist auf diese Stunde befohlen«. Wieder nickte die Kaiserin.

Im Augenblicke, da er den Saal betrat, ergriff Pankraz Kampfmiller
stärker als je die qualvolle Unsicherheit, die ihn stets peinvoll
durchströmte, wenn er der Kaiserin gegenübertrat. Es war nicht die
Scheu vor dem hohen Rang der erlauchten Frau, der Jesuitenzögling wußte
längst, daß er dereinst im Himmel seinen Sitz Gott näher bereitet
finden würde, als alle Fürsten der Welt, und daß auch in dieser selbst
seine Macht sich mit jener der Kronen in Wahrheit messen konnte. Nein,
in solchen Augenblicken der Verirrung vergaß er die Kaiserin und
sah nur das Weib. Die Prunkgewänder fielen unter seinem taumelnden
Blick, ein Stück um das andere in süß quälender Langsamkeit. In diesem
Augenblick erst wurde er sich des Frevels bewußt, brach nieder vor
Gottes richtendem Blick, bis der Herrin feste, fast männlich tiefe
Stimme an ihn eine sachliche Frage stellte und er zu seiner sicheren
Wesenheit zurückfand. Länger als sonst währte dies heute. Dreimal
fragte Maria Theresia, bis er endlich befriedigende Antwort fand. Es
sei alles in bester Ordnung, die Kommission aus den sichersten und
frömmsten Männern gebildet, die Organisation aufs Beste in die Wege
geleitet, in den kleinsten Gassen -- und aufs Vornehmlichste in diesen
-- seien verläßliche Rottenknechte postiert, die den strengsten Auftrag
hätten, jeden und besonders jede =in moralibus= Verdächtige
festzunehmen und sich durch nichts, weder durch Bitte und Drohung noch
durch Bestechung verleiten lassen würden, davon Abstand zu nehmen,
indem sie so gut besoldet seien, daß sie wohl keine Neigung zeigen
sollten, ihr ausnehmend günstiges Amt zu vernachlässigen.

Die Kaiserin reichte ihm die Hand zum Kusse:

»Ich sehe schon, Er hat seine Affairen aufs Beste vorgebracht. Nur
Eines möge Er sich mahnend vor Augen halten und solches auch allen
seinen Helfern aufs Schärfste einprägen: daß man solle ohne jede
Ansehung der Person vorgehen! Ist mir bekannt, daß insbesonders die
vornehme Gesellschaft sich einer leichtfertigen Façon und lockeren
Sitten hat hingegeben. Ermahne Er all Tag Seine Leute, daß sie sich
nicht beifallen lassen dürften, einen Herrn oder eine Dame vom Adel
zu schonen. Im Gegenteil! Bei Abenteurern vom Stande sollen sie aufs
Doppelte eifervoll ihrer Pflicht obwalten. Und sollt's ein Glied
meines hohen Hauses betreffen, ich will, daß das Laster mit der Wurzel
aus dem Wiener Boden soll ausgerissen werden! Bin Ihm weiterhin in
Gnaden beigetan«.

Maria Theresia war allein. Eine Weile noch hing sie dem Gespräche
nach, dann versank das Erinnern daran, stärker als die Rede des Paters
klangen Van Swietens Worte auf. Ihre Zeit war erfüllt mit Arbeit,
Empfängen, Verpflichtungen der Repräsentation, immer fast war sie
Herrscherin, wenige karge Stunden, Augenblicke Frau. In den ersten
Jahren ihrer Regentschaft und Ehe war ihr dies Aufatmen noch reicher
gegönnt gewesen. Nun, da von Jahr zu Jahr nicht nur die Sorge, sondern
auch ihr Verantwortungsgefühl wuchs, wurde die Frist der Erholung ihr
in immer spärlicherem Maße zuteil. Und wenn sie dann für kurze Zeit
Gattin sein durfte, da fehlte ihr die Leichtigkeit, sich rasch der
ungewohnten Gnade anzubequemen, mit einem Schlage alle Grillen von
sich zu werfen. Sie gab sich der Stunde nicht ganz, oft sah sie auf
dem Haupte des Gatten eine mißmutige Falte der Enttäuschung erst, wenn
schon wieder die harte Pflicht sie rief und ihr die Muße mangelte, die
geliebte Stirne zu glätten. Als quälenden Vorwurf trug sie ihr Versehen
durch alle ihr auferlegte Mannesarbeit, bis zur nächsten gnadenvollen
Liebesstunde, und hatte doch wieder nicht die Kraft, alles gut zu
machen. Nun fühlten's auch schon die andern, Van Swieten zumindest,
der sie und den, ach, so über die Maßen geliebten Gatten bis in die
tiefsten Falten ihrer Seelen kannte. In ihrem anscheinend so glänzenden
und doch so grauen, harten Leben war dieser das einzige Weiche und
Helle geblieben. Alles, was sie früher geliebt, Tanz und Unterhaltung,
den Frühling von Schönbrunn und Laxenburg, das einte jetzt der noch
immer schöne Mann in seiner liebenswerten Persönlichkeit. Und er
glaubte vielleicht jetzt schon, ihre Liebe sei erkaltet! Sagen mußte
sie's ihm, wie es um ihr Herz noch immer bestellt war, auf der Stelle
mußte sie's ihm sagen! Mit zitternder Hand griff sie nach der Glocke.

Der alte Kammerdiener, der sie schon auf der Hochzeitsfahrt begleitet
hatte, meldete, der Kaiser sei ausgefahren. »Majestät haben den
Bärenwagen befohlen«, fügte er mit ehrfürchtig-vertraulichem Lächeln
bei.

Maria Theresiens Enttäuschung schwand unter dem lieben Klang des
Wortes. Tausend Erinnerungen brachte es. Was sie doch damals für
Kinder gewesen! Ein Frühlingstag im ersten Ehejahr. Durchgebrannt
waren sie, richtig durchgebrannt! In aller Frühe schon waren sie,
die Überglücklichen, in den weiten Tierpark gegangen und hatten
die Geschöpfe Gottes gefüttert, auch diese ein wenig glücklich zu
machen. Ein Bär hatte ihre höchste Freude erregt. Wie possierlich er
sich präsentiert hatte! Würdig, mit erhobenen Pfoten, in seinen Pelz
gehüllt, als hielte er Peitsche und Leitseil. »Wie der Leibkutscher im
Winter!« hatte der Kaiser ausgerufen. Noch lange hatte der treffende
Vergleich sie belustigt. Zur Erinnerung an diese Stunde hatte die
junge Frau dem Gatten einen Wagen bauen lassen. Auf dem Bock vor
dem Kutschsitze saß ein goldener Bär, würdevoll mit hochgereckten
Pfoten, als dirigiere er die feurigen Lippizzaner Schimmel. Das war
der Bärenwagen, den bisher jeder bewundert und belacht hatte. Darin
war der Geliebte heute ausgefahren. Ein Gefühl warmer, vertrauender
Ruhe durchfloß Maria Theresia. Ihr war, als sei sie dem Fernen innig
nahe. Das Räderrollen würde ihm von der lieben alten Zeit erzählen, die
Polster mußten seinen Leib umschmiegen, wie der Segen ihrer unverändert
zärtlichen Liebe. --

Ein Gesandter bat um Audienz. Die Kaiserin empfing ihn mit einem
abwesenden Lächeln, das erst der trockene, in steife Etiquette
gezwängte Disput langsam aus ihren Zügen tilgte. -- -- --

Die Rottenknechte Vetter und Wögerl waren von einer vergeblichen
Streife in ihre Wachstube zurückgekehrt. Der große breite Vetter warf
sich auf die krachende Pritsche mit einem Fluch, der in ein tierisches
Knurren verglitt, der kleine Wögerl putzte sich mit dem Fazinettel
sorgsam die spitze Nase, hängte den Uniformfrack pedantisch über den
Sessel, schnallte den Säbel ab, stellte ihn in die Ecke und dann
streckte auch er sich vorsichtig, als wäre er aus Glas, auf seine
Lagerstatt.

Eine Weile lagen sie ausruhend, der kurze Atem des Kleinen stieß in das
riesenhafte Schnaufen des Gefährten.

»Wo is denn der Gamperling?« fragte dann der Wögerl ein wenig
beunruhigt.

»Was schert di der?«

»Amend erwischt er was, das uns auskommen is!«

»Der wird was erwischen!«, lachte der Vetter.

»Is eh wahr, tut nix wie Rosenkranz beten! Dös is a Tappschädel, sag
i dir! 's schönste Maderl is ihm einerlei. Für a jed's Paarl, das er
fangt, hat ihm der Pater Pankraz an hunderttägigen Ablaß versprochen,
dafür rennt er sich die Füß ab! Hast scho so an Trottl g'sehn?«

Die Worte verflossen in ein spitzes Kichern, darein sich das dröhnende
Lachen des Starken mischte. Wieder Schweigen. Und endlich Schnarchen
und pfeifender Atem der Schlafenden. -- --

Der Wögerl sprang vom Lager, der Vetter folgte ihm schwerfällig. Der
Gamperling stand in der Türe. Die Augen leuchteten in heiligem Eifer.
Seine zuckende Hand stieß ein Mädchen in die qualmende Stube.

»I frag di noch amal, willst reden! Bei der heiligen Jungfrau frag i
di, vielleicht verzeiht's dir ehender, wannst es sagst! Wer ist der
Cavalier g'wesen? Wem g'hört der Wagen?«

»I weiß net«, wimmerte das Mädchen, »i weiß wirkli net. Bei der
heiligen Jungfrau ...«

»Laß die heilige Jungefrau in Ruh, wannst weiterhin halsstarrig laugnen
willst! I tu di no amal fragen, zum letzten Mal!« Er wandte sich an die
Kameraden.

»Habt's scho so a ganz Ausg'schamte g'sehn?! Gerad will's zu ihnerm
Cavalier in Wagen steigen, er is scho drin g'sessen, hat die Hand
rausg'steckt, wie'r i's erwischt hab'. Aber wie der Kutscher mi sieht,
neing'haut in die Pferd und heidi! Und sie will's net sagen!«

Die Rottenknechte traten näher.

»Na schau, so sag's do, was is denn dabei!« flötete der Wögerl.

»Wir können dir vielleicht helfen, wannst sagst, wer's war!«, grunzte
freundlich der Vetter.

Halb voll Hoffnung, halb voll Angst, sah sie den Beiden entgegen: »I
weiß' aber wirkli net! A feiner Herr is es g'wesen!«

»No natürli a feiner Herr.«

»A schöner Herr! ...«!

»Na, an Schiechen wirst' dir aussuchen!«

»I hab'n net g'sucht, er is an mir vorüberg'fahren, hat'n Wagen halten
lassen ...«

Heilig-leuchtenden Zorn in den Blicken, stand der Gamperling vor ihr:
»Du Weibsbild, du ganz verfluchts, wannst no weiter lugst, i, i, meiner
Seel, i weiß net, was i mit dir tu ...«

»Mir wisseten's scho!« lachte der Wögerl. Der Vetter trat auf sie zu,
drückte mit der einen Tatze den Gamperling beiseite, indes er die
andere um ihre Hüfte legte: »Halt di an uns, Klane, laß den verruckten
Casper! Bei uns wird dir nix g'schehn, wannst a bißl liab bist!«

Sie hatten im Lärm das Trappen der Sänftenträger, die Schritte im
Korridor überhört. Zuerst gefaßt, sprang der Wögerl in die Ecke, dann
löste der Vetter die Hand, der Gamperling trat in Positur vor den Pater
Kampfmiller und die Frau, die jäh in der Türe standen.

»Ihre Majestät will sich höchstpersönlich von der Tätigkeit Ihrer
getreuen Diener überzeugen«, erläuterte Pater Pankraz, aber keiner
hörte auf ihn. Sie starrten auf die unfaßbare Erscheinung, alle, die
Rottenknechte und das verängstigte Weib.

»Was für eine Sache ist hier im Gang?«

Der Rottenknecht Gamperling berichtete mit von Eifer und Ehrfurcht
zitternder Stimme.

»Gut. Hat seine Pflicht getan, ob er schon ein wenig klüger hätte die
Affaire mögen angreifen. Nun, Sie da, Sie Weibsperson! Tret Sie näher!
Seh' Sie mir ins Aug! Wie heißt Sie?«

Das Mädchen hob langsam den Blick, sah zu der Kaiserin auf. Seltsam,
trotz aller angstvollen Ehrfurcht, die ihr in den Gliedern lag, sie
fühlte etwas wie Befreiung. Fremd, furchtbar fremd waren ihr die Männer
gewesen, nun überwehte sie ein Hauch von Vertrauen. Eine Kaiserin, ja,
aber doch ein Wesen, das ihr glich. Nur im tiefsten Unbewußten fühlte
dies das Mädchen.

»Eurer Majestät zu dienen, Jungfer Josepha Ambrukin«.

»Wie kommt Sie zu diesem schandbaren Gewerbe?«

»Majestät, halten zu Gnaden«, stammelte sie, »das is net mein Gewerbe,
na, na, g'wiß net, i bin a ...«

»Wird sich weisen. Erzähle Sie den Vorgang!«

Die Josepha Ambrukin stellte die Sache genau so dar, wie sie dem
Rottenknechte Bericht getan. Wenn dieser sie unterbrechen wollte, wies
die Kaiserin ihn zur Ruhe.

»Warum will Sie den Namen des sauberen Cavaliers nicht nennen?«

»Weil i'n net weiß, wahrhaftigen Gotts, bei der Jungfrau Maria und
allen lieben Heiligen, i weiß'n net!«

Maria Theresias feines für Echtheit und Komödie geschärftes Ohr hörte
den wahrhaften Ton.

»So, Sie kennt ihn nicht, will Ihr's glauben. Indes ist es wichtig für
uns, den Namen dessen, der in dies schimpfliche Abenteuer hineinspielt
und vielleicht die größere Schuld daran trägt, zu erfahren. Sage Sie
uns, wie der Cavalier ist beschaffen gewesen in Miene, Gestalt, Kleid!«

»I bitt um Pardon, gnädige Frau Kaiserin, er war schön und fein, aber i
bitt um Pardon, i war so verwirrt, weil so a feiner schöner Herr is so
freundli zu mir g'wesen, daß i'n net deutlich g'sehen hab. Es hat nur
all's so tanzt vor mir!«

»So? Das ist schade. Wir müssen wissen, wer's war, ich muß es wissen!
Der Filou darf uns nicht auskommen! Hat Sie vielleicht ein Erinnern an
andere Umstände? An die Karosse vielleicht? Welche Farbe sie und die
Pferde gehabt?«

»Net bös sein, bitt i, gnädigste Frau Kaiserin, bei der lieben
Jungfrau und Gottesmutter, i hab' ja g'sagt, 's hat mir all's vor
die Augen tanzt! Nur ans, nur ans, des weiß i noch. Des hab i mir
g'merkt, weil's«, nun floß ein scheues Lächeln über das verängstigte
Gesichtchen, »weil's gar so g'spassig und herzig war. Deswegen bin i a
net davon g'rennt, wier' i's hätt soll'n, i weiß, ja, ja! Aber i hab'
von Klein' auf alle Tier gern g'habt, Vögel, Katzen und Hunderln. Und
da is vorn am Kutschbock vom Wagen a Viecherl g'sessen, a g'macht's
natürli, i mein, 's hat an Bären vurstellen sollen, des, des war, na
zum Totlachen war's, weil's so ausg'schaut hat, wie daß er kutschieren
tät und net der Herr Kutscher oben. Es war ... Marand Josef, hab i am
End was Schlecht's g'sagt?! I bitt um Gott's willen, Majestät, sein S'
net bös auf mi! I kann mi hat net guet ausdrücken, i hab ja no nie net
im Leben mit große Personagen g'redt und schon gar net mit aner Frau
Kaiserin! I bitt, bei der heiligen Gottesmutter, bei der Frau Kaiserin
Namenspatronin, bei der heiligen Theres', bei allen gueten Heiligen
bitt i«, sie sank in die Knie, hob die Arme auf zu der todblassen
Taumelnden.

Pater Pankraz hatte Maria Theresia aufgefangen. Als sie seinen haarigen
Kuttenärmel im Gesicht fühlte, kehrte ihr Besinnen zurück, sie machte
sich frei, straffte sich, ein kurzes Nicken, sie ging. In der Tür
kehrte sie sich noch einmal um:

»Der Gefangenen ist die Strafe zu erlassen und sie allsofort auf freien
Fuß zu setzen!«

Hart und unnahbar wies sie den Dank der Nachdrängenden ab.

Aber da sie allein in ihrer Sänfte saß und in die Polster weinte,
war sie ein ärmeres, hilfloseres Weib, als die Josepha Ambrukin, die
beflügelten Fußes in die neue Freiheit lief. Und jenes Weib setzte am
nächsten Morgen den Namenszug der Kaiserin unter den Befehl, der die
Moralitätskommission für immerwährende Zeiten aufhob.




Der Sieger von Waterloo




Frau Hannah Rothschild saß reglos und sah zu dem Bilde auf, das über
ihrem Ankleidetisch hing. Tausendmal hatte sie das Bild gesehen, aber
noch immer lag etwas in den Zügen, das sie nicht zu deuten wußte,
lichte Kraft und Sicherheit und doch auch ein dunkles Geheimnis.
Allmählich glitt ihr Blick nieder, bis in ihre eigene Seele. Ihr Vater,
der reiche Barnett Cohen, hätte es kaum begriffen, daß eine seiner
Töchter sich mit solch einem Luxusartikel beschwerte. Das allerdings
hatte er in den geringen freien Stunden, die ihm sein Geschäft ließ,
bedenklich festgestellt, daß die kleine Hannah anders, ganz anders
sei, als ihre Schwestern. Die hatten ihm nicht viel zu denken gegeben,
hatten, wie sich's gehörte, Kaufleute aus erbgesessenen Londoner
jüdischen Familien geheiratet, deren Vermögenslage jedem Börsenbesucher
bekannt war, während das Sorgenkind sich den hergelaufenen Frankfurter
in den Kopf gesetzt hatte, von dem keiner damals etwas Rechtes wußte.
Es war ja gut ausgegangen. Über alles Erwarten sogar! Manchmal faßte
den alten Barnett Cohen schier der Neid, wenn er merkte, daß der
Name des Eidams langsam den eigenen zu überstrahlen drohte. Aber das
konnte man nicht leugnen, der Name Rothschild stand auf festen Füßen,
und wenn auch manche seiner Transaktionen so kühn waren, daß es dem
Schwiegervater den Atem verschlug, ein Abenteurer, nein, das war er
nicht, gewiß nicht. Solid war alles, gut und solid. Zu derselben Zeit
aber, da der alte Barnett Cohen Vertrauen zu dem Schwiegersohn faßte,
begann das Interesse der Tochter zu verblassen. Als er um ihre Hand
geworben, der kleine Fremde, da war ihr seine Gestalt vom Schimmer
bunter Zukunftsmöglichkeit verklärt erschienen. Alles, alles konnte
er noch werden, das war schön! Jetzt war er etwas geworden, mehr, als
alle seines Schlages, Gott ja, das bestritt sie nicht, aber doch nichts
anderes. Ein Kaufmann, der Geld verdiente. Lebte in ihr, dem eigenen
Erkennen verborgen, noch eine leise Sehnsucht nach dunklen Geheimnissen
ihres Volkes, Ahasverunrast, indes die anderen den Frieden mit ihrem
Geschick gemacht hatten und in Familie und Börse ihre Welt sahen?

Als Mädchen schon hatte Hannah ein Bild Napoleons an den Ehrenplatz
ihrer Schlafstube gehängt, in ihrer Brautzeit und den ersten Jahren
ihrer Ehe hatte es in einem Schrank gemodert, an dem Tage, da der Arme
nach Elba gebracht wurde, hatte sie, von tief erwachtem Mitgefühl
bedrängt, es wieder ans Licht geholt. Dann, als er den Kerker verlassen
und immer lautere Kunde von seinem Siegeszug durch Frankreich zu ihnen
gedrungen war, hatte sie von neuem und immer glühender zu seiner Macht
und Kraft emporgeschaut, und heute war sie schon in aller Frühe in den
Garten gegangen, hatte selbst die schönsten Purpurrosen geschnitten und
das Bild des Großen, Rätselvollen mit einem Ehrenkranze geschmückt.

Türknarren. In den Spiegel unter dem Gemälde trat ihres Gatten Gesicht.
Schmerzhaft empfanden Frau Hannahs überfeine Sinne den Gegensatz. Die
harte Miene des Erfolgreichen war ihr gleichgültig geworden, heute
aber verriß qualvolle Unrast die Züge, die Augen flackerten, die Hände
agierten in alter unbeherrschter Ghettositte, das alles war widerlich,
glitt nicht mehr nieder an der Seele der Frau, sondern fraß sich in sie
hinein, wie ein ätzendes Gift. Nun begann er gar noch zu sprechen. Auch
von den Worten war der Firniß des Gentleman gebröckelt, der Schwall der
Frankfurter Judengasse gellte an Hannahs Ohr:

»Was sitzest du schon wieder da vor dem Bild? Ich will nicht, daß du
sitzest vor dem Bild, es ist a Schand!« Die Augen blinzelten. »Du
hast gewunden a Kranz um das Bild! Weißt du, wem du das hast getan?
Dem Mallach, der uns wird jagen aus's Gan Eden und wird stoßen in
Armut und Elend, wenn nicht Gott bei guter Zeit hat a Einsehen, ihm
zu treten in den Weg mit fuirichtem Schwert. Nimm den Kranz erunter,
geb das Bild weg, ich sag dir« .. mit taumelnden Schritten stürzte
er nach der Wand, streckte die Hand nach dem Bild, sie sank nieder
vor dem Blick der Frau, die aufrecht, gebieterisch, wie ein zürnender
Engel vor ihm zu immer machtvollerer Höhe wuchs. Stumm sah sie von dem
kleinen agierenden Juden zu der Ruhe des Bildes auf. Im Vergleichen
stieg die Schale des Ehemannes noch leerer hoch, indes die des schönen
Traumbildes sich mit immer schwererer, süßerer Fracht füllte. Noch
einmal ging Nathan Rothschild zum Angriff über, wollte die Frau zur
Seite drängen, das Bild von der Wand reißen, zertrümmern ... wieder
traf ihn der Blick, noch kälter, verächtlicher, haßerfüllter, Nathan
wich zurück.

»Was siehst du mich eso an? Du sollst mich nicht ansehen eso, es is a
Schand, daß du auf mich siehst mit solche Augen!«

Er wich zurück, kam nicht los von ihrem Blick, immer noch sah er ihn
vor sich, als er schon die Treppe niedertappte, die Frage des Lakaien,
ob er den Wagen befehle, überhörend, in die Straße trat, sich im immer
dichteren Gedränge verlor, nicht mehr Nathan Rothschild, nur einer von
den Hunderttausenden der ungeheuren Stadt.

Die Gestalt der Frau verblaßte, versank, das Bild überwuchs sie, das
furchtbare Bild. War kein Bild mehr. War ein Mensch. Ein Mensch voll
brennenden Lebens. Feuer, Feuer war dieser Mensch, fressendes Feuer.
Sein heißer Atem rührte Nathans Gesicht, seine Arme umschlangen ihn,
Haar und Brauen sengte die Flamme. Unzerstörbar war dieses Feuer. Man
mochte es verlöschen, zehnmal, hundertmal, immer wieder brannte es auf
zu höherer alles fressender Gewalt.

Seit Nathan Rothschild die Erde Englands betreten hatte, war der
Entsetzliche sein Feind gewesen, der Feind eines jeden, dessen Leben
mit dem dieses Landes verbunden war. Es war ein gutes Land. Schätze
ruhten darin, dem stumpfen Fühlen der Masse verborgen, dem wunderbaren
Spürsinn Nathans offenbar in ihrer Fülle. Groß und mächtig war das
Land, mit tausend Adern der Welt vereint, der Welt, deren Pulsen
man spüren mußte, um zu leben. Nur hier hatte Nathan Rothschild das
werden können, was er heute war. Deshalb liebte er das Land mit einer
kühlen, dankbaren Liebe. Alles schwankte, in allem mußte man sich
umstellen von Minute zu Minute, der Boden Englands war das Feste,
das Unverrückbare, darauf Nathan sein Haus gebaut, das bleiben mußte
für alle Zeit. Und der, der, dieser, dieser Goi, dieser korsische
Soine, dieser schlechte balmechome, den Gott verdammen mußte, -- er
holte aus dem Erinnerungsschatz seiner Frankfurter Schulzeit alle
Schimpfworte, die ihm einfallen wollten, der wagte es, das gebenschte
Land anzugreifen, auch ihm den Boden unter den Füßen rauben zu wollen!
Jeder Sieg Napoleons war eine Niederlage Rothschilds auf der Börse,
jeder Triumphschrei des Korsen ein Wehruf des englischen Bankiers.
Alle, alle andern hatte Maier Amschels Sohn besiegt, kein naher
Gegner mehr wagte es, sich ihm entgegenzustellen, nur der Eine, der
Ferne, in Ewigkeit Verfluchte! Hatte Nathan ihn nicht schon zehnmal
erschlagen? In Spanien, als er dem großen Wellington auf vielen von
seiner Klugheit gebahnten Wegen das Geld sandte, das nötiger war als
Pulver und Blei? Hatte er nicht, er allein, Madrid erobert und Soult
geschlagen? Hätte es ohne das Haus Rothschild ein Leipzig gegeben? War
er nicht unsichtbar als segnender Schutzgeist mit den Monarchen der
heiligen Allianz in Paris eingezogen? Hatte nicht er den Verhaßten
in Elba begraben? Was hatte es genützt? Heller als je brannte die
furchtbare Flamme. Und nun schien sie grausam in den Frieden seines
Hauses, fraß sich in dessen Grundpfeiler, würde es in Brand setzen,
alles, alles, auch sein Ehebett, wenn man nicht im letzten Augenblick
ihm entgegenträte mit einem übermächtigen Halt! Wieder stieg Hannahs
Gestalt auf, sie sah aus ihm, ach, so fremden, unbegreiflich-fremden
Augen auf zu dem verhaßten Bild. Das trat aus dem Rahmen, umschlang die
Frau, aber nun war sie keine Frau mehr, sie war ein Börsenpapier, das
die freche Hand würgte, daß es zusammenschrumpfte. Ein Bettler würde er
werden, alles verlieren, Haus, Geld, Frau, alles, alles!

Nathan Rothschild schrak auf, sah rundum, fremd die schmutzigen,
düsteren Häuser, er stand im gemeinen Lärm eines Stadtviertels, das er
noch nie betreten hatte. Angst ergriff ihn. Rundum kein Wagen. Nichts
als verdächtige Gestalten. Die hielten wohl zusammen wie Kletten. Wenn
ein Verbrecher ihn anfiel, keiner würde die Hand rühren für ihn! Oder
wenn man ihn gar erkannte! Ihn verschleppte, weiß Gott wohin, ein
Lösegeld zu erpressen! Nathan Rothschild beschleunigte den Schritt,
lief, kehrte um, bog in diese, in jene Gasse, verlor die letzte
Besinnung, rannte hin und wider wie eine gequälte Maus. Stand still.
Räderrollen. Ein Reisewagen, er taumelte ihm entgegen, winkte mit
beiden Armen, schrie in den Räderlärm.

Der Wagen hielt, ein junger Offizier beugte sich aus dem Fenster:
»Herr Oberhofagent! Wie kommen Sie in diese Gegend!?«

»Gott meiner Väter!« stammelte Nathan, »sei tausendmal bedankt davor,
daß du hast gesandt die grausen Herrn Offiziers in meine Not! Ich, ich
hob mich verloffen, ich weiß nischt, wo ich bin ...« Langsam besann er
sich, fand aus dem Judendeutsch ins Englische zurück. »Ich bin froh,
daß ich den Herrn General und den Herrn Capitän-Adjutanten getroffen
habe, ich habe mich verirrt, ich weiß nicht, wie das gekommen ist!«

Der hohe Offizier machte eine einladende Geste: »Nehmen Sie Platz,
bitte!«

Aufatmend sank Rothschild in die Polster, die Pferde griffen aus, die
Koffer auf dem Wagendach polterten, bis sie im Gleichklang der Fahrt
zur Ruhe fanden.

Nathan wischte sich mit dem seidenen Taschentuch die Schweißperlen von
der niederen energischen Stirne.

»Die Herren machen a Reise?« fragte er.

Der General lachte: »Ja, eine große Reise!«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

Der letzte Rest der Angst versank, die Gier nach nützlichen Nachrichten
erwachte in ihm. Wenn ein General reiste, mit seinem Adjutanten reiste,
hatte das was zu bedeuten. Lustfahrten machte man nicht in dieser Zeit.
Der General war ihm verpflichtet, Nathan hatte ihm einmal aus der
Klemme geholfen.

»Nu, wollen die Herren mir nicht sagen, wohin sie fahren? Ist das a
Geheimnis?« Er lächelte. »Ich krieg's schon raus, wenn ich will!«

Der Adjutant sah fragend auf den Vorgesetzten. Der überlegte, nickte
dann und antwortete selbst:

»Sie sind verläßlich, Herr Rothschild, man weiß, daß Sie nichts
unternehmen, was dem Staate schaden kann. Ich weiß, ich weiß, im
Gegenteil, Sie nützen ihm, wo sie können. Im Vertrauen also: Wir fahren
meiner Division nach, ans Meer, die uns gestern nachts vorausmarschiert
ist. Morgen sind wir schon über'm Kanal.«

»Und wohin? Es is doch ... wenn Sie mir haben soviel gesagt, werden Sie
mir sagen das Ganze.«

»Nach Belgien hinüber.«

Nathan Rothschilds Augen preßten sich vor, der kurze Hals reckte sich
aus dem Jabot:

»Is dort,« die Hand deutete in die Höhe, »der, der, der ...«

Der General schwieg, auch Rothschild. Er wußte genug. Also, so nahe
war die Entscheidung. Jetzt ging's ums Letzte, auch für ihn. Nie
noch hatte er so klar gefühlt, wie sein Gedeihen und Leben mit dem
des britischen Staates verbunden war. Dort drüben wurde auch sein
Schicksal entschieden. Und er würde fern sein, machtlos, unfähig die
Hand zu rühren, ausgeschaltet aus dem großen Weltgeschehen. Was mit
Geld zu machen gewesen, hatte er getan. Sein halbes, sein ganzes
Vermögen steckte in der Sache. Und während die Würfel fielen, würde er
sehen müssen, wie seine Frau vor dem Bilde des Verhaßten saß, der ihn
vernichten wollte. Er würde nicht einmal wissen, in dem oder jenem
Augenblick, ob er nicht schon ein Bettler sei. Das ertrug er nicht.
Wahnsinnig würde er werden. Er blickte durchs Fenster, schon sah man
das Meer.

»Nun, wir sind bald am Ziel. Und Sie, Herr Oberhofagent? Hoffentlich
finden Sie einen Wagen zur Rückfahrt. Oder wollen Sie mit uns kommen?«

Nathan Rothschild hörte den Scherz nicht, er hörte nur die Frage.
Er dachte nicht an das Verhüllte, Unvorstellbar-Schauervolle,
dem sie entgegenfuhren, er dachte nur an das lähmend-qualvolle,
nervenfressende, tatenlose Warten, das daheim auf ihn lauerte.

»Wenn der Herr General will die Gnade haben, mich mitzunehmen, wär mir
das a Freude und Ehre.«

Der Engländer sah rascher, als es seine kühle Art war, auf, sein Blick
faßte scharf das Gesicht des Juden, spähte darin nach einem Lächeln,
nach einem verborgenen lustigen Zucken, das Rothschilds Miene zuweilen
bewegte, wenn er bei Tafel eine drollige Börsengeschichte erzählte, er
fand nichts.

»Ist das Ihr Ernst?«

»Bei allem, was ich hab zu verlieren,« erwiderte Nathan, seine Augen
waren feierlich geweitet, als schlösse er das größte Geschäft seines
Lebens ab, und seine Hand hob sich, als wollte er sie zum Schwur auf
die Thora legen.

       *       *       *       *       *

Nathan Rothschilds Knie zitterten, glühende Fieberwellen durchschlugen
seinen Leib, Ströme eiskalten Gletscherwassers lösten sie ab. Er
wollte eine Frage an den Adjutanten richten, tonlos bebten die Lippen,
vermochten kein Wort zu formen. Langsam tasteten die Hände nach einem
Halt, griffen ins Leere, in tiefster Qual suchte das Auge den Trost
eines Blickes, niemand beachtete ihn, er war nicht mehr für diese
Menschen, als der elende Baumstrunk, auf den er niedersank. Er, Nathan
Rothschild, war nichts, nichts, gar nichts. Nathan Rothschild. Von
seiner Nervenqual zwanghaft geformt, klang tonlos der Name. Fremd,
schauerlich fremd war er ihm. Nathan Rothschild, was war das? Ein
Mückensummen, ein Hauch, der ertrank. Das Brüllen der Geschütze
erschlug ihn, das regengleiche Rauschen des Salvenfeuers schwemmte ihn
fort, er starb unter Pferdehufen, die aufgerissenen hurrahbrüllenden
Mäuler der vorüberdröhnenden Truppen verschlangen ihn. Ein Namenloser
war er, wie die Tausende ringsum. Sein letztes Restchen Selbst
umkrallte er mit erschlaffender Faust, es entglitt ihm, löste sich in
den ungeheuren Höllenwolken aus Dampf und Staub. Er fühlte sich nicht
mehr.

Der Schlag einer Granate weckte ihn, der zweite riß ihn zur
Überwachheit auf. In grellster Schärfe stach das Bild der Umwelt
in seinen Blick: Der Adjutant, das Fernrohr schien mit seinem
Auge verwachsen, Meldereiter, Ordonnanzen, humpelnde Blessierte,
dezimierte, aus der Schlacht gezogene Bataillone, neue hurrahbrüllende,
vorwärtsdringende Formationen. Inmitten dieses Flutens der General,
reglos, unveränderten Blicks, das Bild umfassend, es regelnd,
beherrschend.

Noch einmal durchzuckte Nathan Rothschilds Leib ein Fieberschauer,
noch einmal tastete seine Hand nach Halt, verschwammen die Farben des
Bildes zu einem qualvollen Wirrwarr vor seinem schwindelnden Auge,
dann sah er klar. Sah nichts, als die unerschütterte Gestalt des
Generals. Zuerst erschien sie ihm hoch über ihm thronend, unfaßbar
hoch. Fremd, eiskalt fremd war diese Ruhe, ihm, den noch immer ein
leises Angstbeben durchzitterte. Dann aber senkte sich die Gestalt aus
ihrer unerreichbaren Höhe, so tief, daß Nathan jeden Zug, jede Falte
des eisernen Gesichtes sah. Langsam verlor es seine Fremdheit. Diesen
gepreßten Mund, diese unveränderliche Stirnfalte, dieses vorgedrückte
Kinn, das alles kannte er ja, das hatte er oft, täglich hatte er's
gesehen! Wo doch, wo doch? Er forschte in seinem Erinnern, eine Falte
grub sich in seine Stirne, die dicken Lippen engten sich, das Kinn trat
vor, jetzt wußte er's! All das war auf dem Bilde zu sehen, das ihn als
König der Börse zeigte. Von einem berühmten Maler war's, er hatte den
Namen vergessen, fünfhundert Pfund hatte der Ganeff dafür verlangt, es
hatte früher an der Stelle gehangen, wo jetzt das Bild des Verfluchten
hing, der, der da gegen ihn anrückte mit Feuer und Eisen, der die
Kugeln schmeißen ließ gegen ihn, der ihn vernichten, ihm sein ganzes
schwer erkämpftes Vermögen stehlen, sein Leben zertrümmern wollte!

Dicht neben dem General schlugen ein paar Geschosse ein, er stand
unbewegt. Nathan Rothschilds Blick umfaßte die eiserne Gestalt. Ein
Gefühl tiefster Gemeinsamkeit zog ihn zu ihr. Sie hatten denselben
Feind, um ihrer beider Sein, um den Zweck ihres Lebens ging es in
dieser Stunde. Immer deutlicher prägten sich des Briten Züge: die
eiserne gefurchte Stirne, der schmale Mund, das marmorne Kinn. Für
einen Augenblick versank die Schlacht. Der General stand inmitten des
großen Saales der Londoner Börse. Um ihn wirbelten die kleinen Leute,
er aber stand fest, nur dem Ziele zugewandt. Und wieder die tobende
Wirklichkeit des Kampfes. Aber nicht mehr der General lenkte ihn,
sondern er, Nathan Rothschild. Stärker klang der Name auf, überdröhnte
den Marschtritt der Truppen, den Hufschlag der Pferde, die Schauer der
Salven, das Höllendröhnen der schwerpfündigen Geschütze. In rascherer
Folge schlugen die Geschosse ein, immer näher, näher, er fühlte es
kaum. Er dachte mit dem Hirne des Generals, wenn dieser zu einem kurzen
Befehl die Hand hob, glänzte auch des Juden Solitär aus dem
Pulverdampf.

Ein Meldereiter. Ein triumphierender Schein erhellt des Generals
Gesicht, jagt über seine Offiziere fort, über die letzten Reserven, die
in den Kampf ziehen, eine jubelnde Botschaft auf Aller Lippen: »Die
Preußen sind da! Vierzigtausend Mann! Die Schlacht ist entschieden!«

Höherauf wogt die Symphonie zum jauchzenden Furioso, noch ein, zwei
Kugeln, dann schwächt sich mählich der Lärm, das wilde Orchester
verklingt, der Feind weicht. Schwadron um Schwadron der roten
englischen Reiter braust vorüber, ihn zu verfolgen.

Nathan Rothschild sieht es kaum. Einen Augenblick lang hat sein Herz
mitgejubelt über den Sieg, aber nun weiß er, jetzt ist nicht mehr hier
sein Platz. Was sich noch begeben wird, ist ihm gleichgültig geworden.
Jede Minute ist Verlust. Ein herrenloses Pferd umtänzelt ihn, er
schwingt sich darauf, er kann reiten, wahrhaftig, er kann reiten! Er
sitzt nicht schön, aber er meistert das Tier, er hält sich, er jagt die
Landstraße fort, weiter, bis das Pflaster der Straßen von Brüssel unter
den Hufen tönt.

Im schnellsten Eilpostwagen reist er durch die belgische Ebene,
am Morgen sieht er das Meer. Es braust, wilder, rasender, als die
Schlacht. Ungeheuer türmen sich die sturmgepeitschten Wogen vor
Nathan Rothschild, überbrüllen den machtvollen Namen. Kein Schiffer
will fahren, wie auf der Börse steigert der Bankier sein Angebot. Ein
tollkühner Kerl wagt's für zehntausend Francs. Die französischen Wogen
heben, begraben, heben das Schiff. Aber die englischen ducken sich vor
dem Namen, sie landen bei glatter See.

Er kehrt nicht heim in sein Haus. Furchtlos betritt er dunkle
Gäßchen, verrufene Häuser im düstersten Viertel Londons, gibt seinen
Geheimagenten Weisungen für den nächsten Tag, mit unerschüttert klarer
Kraft, als hätte er die letzten Nächte in den Daunenbetten seines
Palais herrlich geruht.

Am nächsten Morgen steht er auf seinem Platz im Börsensaal, vom
ängstlichen Bienenwirrwarr der Kleinen umsurrt. Aller Blicke
hängen an ihm, an der eisernen Stirnfalte, dem gepreßten Mund, dem
marmor-gemeißelten Kinn. Das alles aber ist heute von dem Dunkel einer
tiefen Sorge überschattet, das sie selbst an den bösesten Tagen nicht
an diesem unbeirrten Gesicht gesehen haben.

Höher auf, wirrer und angstvoller schwirrt der Schwarm. Und dann ein
Klageschrei, wie am großen Bußtag im Tempel. Das Haus Rothschild
verkauft Papier um Papier.

Die Kurse sinken.

»Wellington ist geschlagen!«

Die Kurse sinken.

»Wellington ist tot!«

Die Kurse sinken.

»Siebzigtausend sind tot!«

Die Kurse sinken.

»Hunderttausend!«

Die Kurse sinken.

»Die ganze Armee!«

Die Kurse sinken.

»Napoleon kommt zu fahren über den Kanal!«

Die Kurse sinken.

»Er hat betreten den Boden von England!«

Die Kurse sinken.

»Er ist in London!«

Tiefer, tiefer, tiefer sinken die Kurse. Einen Abgrund öffnet Gott,
darin versinken Sünder und Gerechte, die ganze Londoner Börse, wie
einst die Welt in der großen Flut.

Ein Makler deutet mit beiden Händen nach ein paar Männern, dunklen
Existenzen, kleinen Agenten aus den düstersten Vierteln Londons.

»Gott hat sie geschlagen, sie sind unsinnig geworden!« schreit der
Makler.

Aber die Männer lassen sich nicht beirren. Sie kaufen, kaufen Papier um
Papier.

       *       *       *       *       *

Am folgenden Tage trägt Nathan Rothschild sein blütenzartestes
Spitzenjabot und eine Purpurrose im Knopfloch, und auf seinem Gesicht
liegt der Abglanz des strahlenden Junitages. Mit weithinklingender
Stimme verkündet er den Sieg von Waterloo. Die Kurse steigen, steigen
zu nie geahnter Höhe.

Nathan Rothschild hat zwanzig Millionen verdient. -- -- --

Hannah Rothschild steht unter dem Napoleon-Bild und sieht in das
Gesicht des Gatten, der eben die Erzählung seiner Abenteuer beendet
hat. Nun liegt etwas Rätselhaftes in seinen Zügen, das sie nie an ihm
gesehen, das sie nicht zu deuten weiß, lichte Kraft und Sicherheit, und
doch auch ein dunkles Geheimnis.

Lächelnd öffnet er eine Schatulle, entnimmt ihr langsam eine
Perlenkette, deren Reiz durch riesige Brillanten, Saphire und Rubine
ins Maßlose erhöht wird, schmückt genießend der Gattin schönen Hals.

Worte des Dankes stammelt die Geblendete. Nathan Rothschild wehrt ab:
»Ka Ursach, ka Ursach! Aber«, er deutet, noch immer lächelnd, nach dem
Bild. »Tu'n erunter nemmen, den dort oben, indem ihn Gott hat schon
niedriger gehängt in die letzten Täg. Tu'n erunter nemmen, sog ich der,
sonst lachen die Leit über dir!«

Da erwacht plötzlich der Geist des alten Barnett Cohen in Hannah. Sie
senkt das schöne Haupt in den Schimmer der Edelsteine, als beuge sie
sich vor dem einzigen Gott ihres Vaters, dem Erfolg.

Dann blickt sie zaghaft zu dem Bilde auf.

Der Rosenkranz ist verwelkt, moderig riechen die kranken sich lösenden
Blätter, mißfärbig sind sie, sie tragen den Tod. Die Rubine, Saphire
und Brillanten aber flammen auf im siegenden Sommerlicht, voll starken,
unvergänglichen Lebens.

Langsam nimmt Frau Hannah Rothschild das Bild von der Wand.




Der Hund




Goethes Auge war hell und seine Stirne glatt, als er das Theater
verließ. Zwar hatte es auch heute genug des Ärgerlichen gegeben: Der
junge Genast hatte ein paar unreife Tölpeleien begangen, die Madame
Wolff ihre Rolle nicht ziemlich memoriert und deren Gatte seinen
gestrigen Rausch noch nicht abgeschüttelt. Aber all dies Dunkle
wich einem neuen Licht. Wilhelm Neander hieß der Schauspieler, der
sich heute zum ersten Male präsentiert hatte. Der Klang des Namens
lag Goethe wohlig im Ohr. Es war schön, daß er nicht irgendeinen
plumpen deutschen Namen führte. So stimmte alles überein: die
ebenmäßige Gestalt, der edle Kopf mit dem kühnen glänzenden Blick,
das wundervolle, in allen Registern klingende Organ. Nichts, nicht
das Leiseste, das den Gesamteindruck dem Empfindlichen gestört hätte,
es war alles vollendete Harmonie. Nie in diesem rauheren Lande hatte
Goethe Ähnliches empfunden, er mußte schon die Genüsse seiner großen
Genesungsfahrt nach Italien im Erinnern zum Vergleiche wachrufen.
Griechenland war der Jüngling, erfüllter Traum verhaltener Sehnsucht.
Aber nicht das allein.

Versonnen schritt Goethe weiter. Die Menschen ringsum, die ihn entweder
demütig grüßten oder frech begafften, störten ihn nicht mehr. Längst
trennte ihn eine Schicht kühler Luft von dieser kleinen unwürdigen
Welt. Eine Gestalt erwuchs vor ihm. Er selbst als Jüngling. Wie einen
Fremden sah er sich. In der Arbeit an seiner Lebensgeschichte, die
nun, umhüllt von Lob und Tadel, durch das Land zog, war er sich
selbst historisch geworden. Aber hatte er sich nicht heute gesehen,
in schönerem Leben, als es hellstes Erinnern zu zaubern vermochte?
Glichen seine Züge, die heute zum Marmor des Wissenden gemeißelten,
nicht jenen des Jünglings, hatte sein Auge nicht einst im selben Feuer
dem Leben entgegengeleuchtet, hatte nicht seine Stimme den gleichen
Klang getragen, als er im Tiefurter Park den Orest gesprochen, in jener
schönen Dämmerzeit, da ihm die Welt noch voll purpurner Geheimnisse
gewesen? Orest! Von dieser Stimme würde er ihn wieder hören können. Es
war genug des Glücks!

Auf dem Frauenplan lag die volle Frühlingssonne, der kühlen
Treppenhalle in des Geheimrats Hause blieb sie ehrfürchtig fern.

Über die Möbel, Wände und Geräte des Zimmers legte sie nur einen
stillen ebenmäßigen Glanz, jenem ähnlich, der noch immer auf der hohen
Stirne des Eintretenden lag. Nun tönte diese sich tiefer, gleich einem
Statuenhaupt, vom Flügelschatten eines Vogels gestreift. Der Diener
meldete einen Audienzwerber.

»Er möge ein andermal kommen!«

Aber der Diener blieb: »Ich bitte um Vergebung, Eure Exzellenz
vergessen wohl, daß heute Empfangstag angesetzt ist.«

Goethes Hand strich über die Stirne: »In der Tat, ich vergaß.«

Er straffte sich ins Gewohnte zurück. Pflicht! Keinen Schritt vom
Alltagswege, den er sich vorgezeichnet! Auch die Welt hatte ein Recht
an ihm.

»Wer ist's?«

Der Diener buchstabierte aus dem Anmeldebuch: »Schauspieler Christoph
Karsten, unfesten Aufenthaltes.«

»Gut, rufe Er ihn!«

Die lichte Stunde verschattete sich tiefer. Verhaßter Tabakdunst
drängte sich an Goethe. Ein breiter, derbknochiger Kerl verbeugte sich
ehrfürchtiger als nötig und ließ dann ein demütiges, grinsendes, ein
wenig ängstliches Gesicht sehen, in dessen Augenwinkeln doch gedrängt
eine plump-freche Vertraulichkeit saß, die nur lauerte vorzuschnellen
und sich zu verbreiten.

»Euer Exzellenz tiefgehorsamster Diener empfiehlt sich dero
Geneigtheit!«

Er hatte in der ersten Befangenheit die Türe schlecht geschlossen. In
die Stille der folgenden Augenblicke drang aus der Halle jappendes,
trappelndes Geräusch, mit unterdrückten Rufen des Dieners vermengt.
Der Türflügel schnellte auf, und über die Schwelle sprang ein Hund,
dessen lebhafte Gebärde in der bändigenden Stille des Raumes erstarb.
Reglos saß er, sah an seinem Herrn vorüber zu Goethe auf aus großen,
geweiteten Augen.

»Wie kommt dieses Tier in mein Haus?« rief Goethe, ergriff die Glocke,
schellte, der Diener taumelte herein in keuchender, stammelnder
Verwirrtheit.

Der Schauspieler, der noch eben mit einer lächelnden Geste den Pudel
hatte präsentieren wollen, stürzte sich nun mit einem Fluch auf ihn,
trieb ihn mit Fußtritten hinaus, hob ihn hoch und warf ihn die Treppe
hinunter, daß er wehheulend sich nach der Straße schleppte. Des Tieres
letzter hilfesuchender Blick hatte Goethe gesucht.

»Schließe Er das Tor!« befahl der Geheimrat dem Diener. »Und sei Er
das nächste Mal achtsamer! Der Hund gehört Ihm?« wandte er sich an den
Besuch.

Die gestaute Vertraulichkeit in des Schauspielers Augen hatte sich
verkrochen, nur Angst hockte nun darin.

»Zu dienen, Exzellenz, leider, das heißt, es ist mir nicht erklärlich,
wie das verhagelte Biest ...«

»Fluche Er nicht! Er hätte nicht so roh sein müssen. Das unvernünftige
Tier trägt nicht Schuld an Seiner Lässigkeit!« Eine abschließende
Handbewegung. »Was will Er von mir?«

Der Schauspieler fühlte, daß das Gewitter vergrollte, richtete sich
ein wenig auf, die Angst löste sich aus seinen Zügen: »Halten zu
Gnaden, Exzellenz! Ich war so unglücklich darüber, Eurer Exzellenz zu
mißfallen, daß ich meinen Hund ein wenig zu derb anfaßte. Es ist sonst
nicht meine Art, gewiß nicht, ich bin ein guter Mensch!«

»Rede Er nicht! Setzen wir den Fall beiseite! Komme Er zur Sache!«

»Die Sache,« fuhr der Schauspieler, nun ganz seiner Sicherheit
zurückgegeben, fort, »geht, ich muß leider sagen, im ersten Punkte
meinen Hund an. Eure Exzellenz haben einen Horreur vor diesen Tieren,
ich verstehe es, sie sind oft dumm und schmutzig. Aber mein Pudel
ist eine Ausnahme. Herausgesagt,« die Vertraulichkeit schoß aus den
Augenwinkeln, überfloß für einen Herzschlag fettig das ganze Gesicht,
»herausgesagt, er ist ein Kollege, ein Akteur. Und deshalb habe ich
mir untertänigst die Freiheit genommen, bei Eurer Exzellenz in Audienz
zu erscheinen.« Nun floß die Rede ungehemmt weiter. »Vielleicht darf
ich mir schmeicheln, Eurer Exzellenz nicht ganz unbekannt zu sein. Bei
dem regen Interesse, daß Sie allem bezeugen, was das deutsche Theater
angeht, ist es vielleicht nicht allzu vermessen. Ganz gewißlich aber
haben Sie von dem berühmten Stücke ›Der Hund des Aubry‹ Kenntnis
erlangt. Es war in Dessau, in Hamburg, in Wien sogar ein großer
Sukzeß. Ein Sukzeß, der wohl, ohne mich über Gebühr zu rühmen, fürs
allererste mir zu danken ist. Die Hauptrolle in diesem Stücke agiert
nämlich neben dem sagenhaften Ritter Aubry, den darzustellen ich
selbst die Ehre habe, ein Hund. Ja, ein wirklicher Hund! Deshalb hat
man das vortreffliche Werk solange nicht vorstellen können. Erst ich
habe es durch meine Wunderdressur dahingebracht. Und so wage ich es
denn, durch den bisherigen Erfolg ermutigt, die gehorsamste Bitte zu
stellen, Eure Exzellenz möchten anbefehlen, daß dieses Drama auch auf
der höchstberühmten Bühne zu Weimar möge ins Licht treten! O bitte, ich
weiß, daß ich kein so hohes Honorar werde fordern dürfen, wie etwa in
Wien oder im reichen Hamburg, ich bescheide mich, ich will überhaupt
kein Geld, die Ehre, hier an dem trotz seiner Kleinheit famösesten
Theater Deutschlands, unter den Augen seines größten Dichters, meine
Kunst zeigen zu dürfen, ist für mich von so unschätzbarem, idealem
Werte, daß der schnöde Mammon damit nicht im geringsten den Vergleich
hält. Ich bitte Eure Exzellenz auf das Untertänigste, Sie möchten mit
einem mächtigen Wort ...«

Das plumpe Lächeln erstarrte, schrumpfte ein, verkroch sich, der
Schauspieler sah vorerst auf Goethes, verfinsterte, von fremden Falten
durchfurchte Stirne, dann duckte er sich vor dem olympischen Zorne, der
auf ihn niederdröhnte.

»Was kommt Ihm bei! Ich soll erlauben, daß an der Stelle, da der
›Wallenstein‹ vorgestellt wurde, ein Harlekin wie Er mit einem Hund
seine Possen treibt?!« Die Glocke schrillte wie der Ruf des jüngsten
Gerichts. Zum zweiten Male erschien erblassend der Diener. »Dieser Herr
verläßt sofort das Haus!«

Christoph Karsten taumelte die Treppe nieder, das Licht des
Frühlingstages umtanzte ihn in tausend schillernden Ringen. Schwankend
durchschwamm er das Sonnenmeer des Frauenplanes. Dann schrak er auf,
vermißte den Hund. Er quälte ein Pfeifen von den vertrockneten Lippen,
sah mit lichtgewohnterem Auge rundum. Der Pudel saß vor Goethes
Haustor, unverwandt zu den Fenstern aufblickend. Christoph Karsten
rannte auf ihn los und zog das widerstrebende Tier würgend hinter sich
her, durch das lachende Volk, bis der Gasthof zum Erbprinzen ihn dem
Hohne verschloß ...

Die vornehme Lauterkeit des Raumes trübte ein dumpfer Schatten. Das
häßliche grinsende Gesicht schwand nicht, zwängte sich frech und breit
zwischen Goethes Blick und alles, was sonst stark und anmutig seine
Seele erquickte. Hartnäckiger Tabakdunst umbeizte ihn, er stieß das
Fenster auf, auch die reine Lenzluft war machtlos. Sehnsucht erwachte
in ihm, jener vergleichbar, die ihn nach seiner Rückkehr aus Italien
gequält hatte im grauen Land. Eine lange Zeit letzten Sichfindens,
Jahrzehnte kraftvoller schaffender und genießender Ruhe hatten sie
besiegt. Heute wuchs sie wieder auf, seiner verhaltenen Reife fremd und
unheimlich. Mit rascher, fast unbeherrschter Bewegung griff er nach der
Glocke.

»Gehe Er nach dem Theater,« befahl er dem Diener, »und bestelle Er
dort, ich ließe Herrn Wilhelm Neander, merke er sich den Namen wohl!
aufs dringlichste zu mir bescheiden. Ich hätte ihm etwas von Bedeutung
mitzuteilen. Spute Er sich!«

In seiner gewohnten Haltung, aber rascheren Schrittes als sonst,
durchmaß Goethe das Zimmer, hielt zuweilen am Fenster, sah über den
Frauenplan die enge Gasse fort, soweit der freie Ausblick reichte. Dann
schoß warme Freude aus seinem Herzen auf, er trat zurück, ließ sich in
den Armstuhl nieder und erhob sich erst, als der junge Schauspieler,
sich tief verneigend, eintrat.

»Es war sehr freundlich von Ihnen, meinem Ersuchen so rasch zu
entsprechen.« Die Stimme trug den alten königlichen Klang und auch
die Geste, die zum Platznehmen einlud, war wieder voll harmonischer
Ruhe. Nur in dem großen unverändert machtvollen Auge lag ein wärmeres
Leuchten.

Der Blick des schönen Jünglings begegnete ihm. Die Züge der beiden
Gesichter wiesen wahrhaftig dem äußerlich Vergleichenden manches
Ähnliche. Ja, die des Schauspielers waren vielleicht noch schöner und
ebenmäßiger, seine Gestalt noch bezwingender, als die des Alten in
jungen Jahren gewesen sein mochte. Freilich, dem tiefer Schauenden
blieb nicht verhüllt, daß die Lippen sich gewöhnlicher rundeten,
daß die Stirne niederer und voll äußerlicher Glätte war und daß die
Augen allzuwillig ein Leuchten verströmten, das nur der Oberfläche
erwuchs und nicht das Zeichen der Seele trug. Aber dem sonst so scharf
Sehenden, dem nichts Menschliches mehr ein Rätsel schien, war heute der
Blick getrübt; er sah sich selbst vor sich in schönerer Jugend, von
allen guten Göttern reinsten Griechentums gesegnet.

»Sie haben wohl nun auch ein Anrecht, aufs schleunigste zu erfahren,
warum ich Sie aus vielleicht angenehmerer und Ihrer Jugend
schicklicherer Gesellschaft riß. Nicht nur infolge mancherlei Arbeiten
und Obliegenheiten anderer Art, sondern auch durch die widrige
Zufälligkeit, daß sich eben nicht die geeignete Person finden wollte,
gehindert, habe ich die Zeit her von der Ausführung meines Planes,
meine ›Iphigenie‹ neu auf die Bretter zu stellen, Abstand nehmen
müssen. Jetzt aber scheint mir, wenn mich nicht alles trügen will, ein
recht freundliches Geschick die Verwirklichung bescheren zu wollen.
Nun sind Sie wohl noch jung und auch an der rechten Erfahrung, deren
Ihr Stand wie jeder andere auch nötig hat, wird es Ihnen noch ein
wenig gebrechen. Aber Sie bringen vieles mit, welches dieses Gebrechen
genugsam aufwiegt, und es steht zu hoffen, daß Sie mit ehestem gar
manchem Älteren den Schritt abgewinnen und den Rang abtrutzen werden.
All dies bedenkend, habe ich mich entschlossen, Ihnen, mein Bester,
die Rolle des Orest zuzuteilen, dafern Sie dafür eine Anmutung haben
sollten, wodurch mir eine besondere Freude geschehen würde.«

Ein mildes Lächeln erweichte das statuenstarke Gesicht. Innerlicher
leuchtete das große Auge. Aber aus dem Jungen schoß nun nach einem
Augenblick erstarrten Staunens raketengrell die Flamme des Triumphs.
Sie duckte sich, Klugheit zwang den Blick zu dankbarer Bescheidenheit.

»Ich bin im Tiefsten gerührt, Eure Exzellenz, wie soll ich danken für
diese gnädige Güte!« Er beugte sich nach blitzschnellem Überlegen
nieder, Goethes Hand zu küssen. Der entzog sie ihm, ließ sie auf seiner
Schulter ruhen.

»Wollen Sie mir beim Mittagstisch noch ein wenig Gesellschaft leisten,
so würde mich dies vergnügen. Wir mögen dabei in Ruhe die Sache
umständlicher zu Ende sprechen.«

       *       *       *       *       *

Christoph Karsten hatte in dumpfer Wut und Scham sein freudloses
Mahl verzehrt, nun lauschte er auf. Am Nachbartische sprach eine
Gesellschaft in gedämpftem Tone, aber deutlich artikuliert, wie es
Schauspieler zu tun pflegen. Christoph Karstens geübtes Ohr verstand
jedes Wort. Gierig trank er die unerwartete Kunde in sich wie einen
süßen Wein. Die Jagemann, die herrliche Heroine, von deren Kunst und
Schönheit er auf seinen Wanderfahrten schon mancherlei gehört hatte,
sei nun endlich sozusagen =Maitresse en titre= des Großherzogs
geworden, darnach sie lange gestrebt hätte. Daß sie seit Jahren Goethes
erbitterte Feindin wäre, sei wohl in Weimar allgemein bekannt. Nun
werde er also trotz seines Ruhmes nicht mehr lange der Allmächtige bei
hierortigem Theater sein und für die Favoriten des neuen Sterns würden
recht gute Tage kommen. Ach, wer doch auch unter diesen wäre!

Der Ausruf klang in dem Schauspieler nach. Wer doch auch ein Günstling
der großen Göttin wäre! Christoph Karstens Stirne furchte sich. Konnte
man nicht auch ein solcher werden, wenn man's schlau anstellte?
Er verspann sich in angestrengtes Überlegen. Bis die Falten sich
glätteten, ein hoffnungsvolles Lächeln sein breites Gesicht überfloß.
Er trat, den widerstrebenden Pudel aufs engste führend, in einen Laden
und wählte bedächtig das schönste Spitzenjabot, das eben gestern, wie
der Verkäufer versicherte, als letzte Neuheit aus Leipzig eingetroffen
war.

       *       *       *       *       *

Frau Karoline Jagemann hatte, wie dies in letzter Zeit nicht selten
vorkam, die Probe verschlafen, war eben erst mit der Grande-Toilette zu
Ende gekommen und trank ihre Schokolade, als Christoph Karsten gemeldet
wurde. Sie wollte schon, ihrer Gewohnheit folgend, ihn abweisen lassen,
da erinnerte sie sich, daß Serenissimus' Besuch erst für die vierte
Stunde angesagt sei. Sie war heute nicht in der Laune, zu lesen oder
gar eine neue Rolle zu memorieren, und so lagen drei Stunden vor
ihr, deren graue Eintönigkeit sie schreckte. Darum wandelte sich ihr
verneinendes Kopfschütteln in ein gnädiges Nicken, und bald stand
der Schauspieler vor ihr, ganz Demut, Ehrfurcht und Bewunderung. Die
Primadonna hob das Stielglas und musterte ihn unverhohlen, wie eine ihr
zum Kaufe gebotene Ware. Die Lorgnette fiel, die gesenkten Mundwinkel
sagten deutlich ihr Mißfallen. »Was will der scheußliche Kerl?« fragten
die Augen.

Christoph Karsten verlor seine Fassung nicht. Er war solchen Empfang
bei schönen Frauen gewohnt. Er panzerte sich mit noch tieferer
Devotion, duckte den Kopf, der Ungnädigen für einen Augenblick den
Anblick seines Gesichtes zu ersparen, und zwang seine Stimme zu
sanftestem Tone:

»Die hochverehrte Madame wolle gütigst verzeihen, daß ich, einer der
geringsten Knechte in Thespis' Tempel, es wage, der hochgefeierten
größten Künstlerin unserer Tage unter die schönen Augen zu treten!«

Die Miene der Jagemann erhellte sich langsam. Ihr Künstlerohr war für
jeden Wohllaut empfänglich. Sie senkte die Lider, um nichts zu sehen,
nur zu hören. Behutsam berichtete Christoph Karsten, setzte seine Worte
mit klugem Vorbedacht, auf daß sie sich dem Sinne der Frau anschmiegen
möchten, dessen Wandlungen sich in dem bewegten Gesichte erkennen
ließen.

Nun aber entspannte es sich. Ein Stück wollte er anbringen? Das wollte
jeder, das war langweilig!

»Ist zum Wenigsten eine Rolle darin, an der sich meine Kunst erquicken
kann, eine ...« die Augen flammten jäh geöffnet, eine reißende Geste:
»Königin, die alles beherrscht, die den Fuß auf den Nacken ihrer
Sklaven setzt?«

Christoph Karsten hob die Schultern so hoch, daß er fast bucklig
schien:

»Zu meinem tiefsten Leidwesen, das hat der Dichter verabsäumt. Es
agiert nur eine zarte, sanfte Dulderin in dem Stücke, die wohl ...«

Abwehrend hob sie die Hand, daß die kostbaren Ringe blitzten, die erst
ein paar Tage lang ihre gepflegten Finger schmückten:

»Halte Er ein! Mir wird übel, wenn ich von diesen ennuyanten
Weiberchens höre, wie sie unsere Poeten preferieren! Ich habe mir an
der Iphigenie und dem unerträglichen Gretchen den Magen verdorben!
Wenn Er nichts anderes weiß, dann ist wohl ...«

Sie kehrte sich nach dem Fenster, als sei sie schon allein. Über des
Schauspielers Gesicht zuckte ein sicheres Lächeln.

Er hielt seine Trümpfe fest, die nahm ihm keiner! Aber er wiederholte
in kläglichem Tone seine Bitte.

Die Frau wandte sich wild, fuhr ihm in die Rede:

»Was steht Er noch da? Was schiert mich überhaupt Seine Sache. Bin ich
Theaterleiter? Gehe Er zu Herrn Goethe und lasse Er mich in Frieden!«

»Ach meine allerbeste, liebste Madame, rauben Sie mir doch nicht meine
letzte Hoffnung! Ich komme ja soeben von Seiner Exzellenz ...«

»Wie? Er war bei ihm? Ja, warum kommt Er denn nicht zuerst ...«

»Wie hätte ich es wagen dürfen! Ich könnte mich ja selbst ins Gesicht
schlagen, daß ich mich jetzt dieser Kühnheit unterfing, da ich sehe,
wie meine demütige Bitte meine großgünstige Gönnerin erzürnt!«

»Ich zürne Ihm nicht, vielmehr ich zürne Ihm fast, daß Er den dort mir
vorangestellt hat!«

»Aber, höchstverehrte Meisterin, wie mögen Sie dies nur sagen! Ich ihn
einer Jagemann voranstellen! Die ganze Welt würde mich darob verlachen!
=Au contraire!= Man geht doch immer zuerst zur niederen und dann
zur höheren Instanz.«

Er hielt ihren forschenden Blick aus, ohne die Miene zu ändern. Sie
nickte zufrieden:

»Und mit welchem Erfolg? ...«

»Ach, lassen Sie mich davon schweigen, Edelste! Es fehlte nicht viel,
er hätte mich die Treppe hinabgeworfen. Aber, mich selbst beiseite
gesetzt, eines werde ich ihm nie vergessen! Daß er mein armes, kluges,
kunstreiches Hündchen, das eine gütige Seele hat, wie ein Mensch, mit
Fußtritten bedachte!«

Ein Schluchzen erstickte seine Rede.

»O, des Abscheulichen, o, des Rohen!« schrie die Jagemann. »Das durfte
man von ihm erwarten! Er hat keine Seele! Er trägt einen Panzer! Alles
gleitet nieder an ihm! O, wenn ich ihn treffen könnte, diesen Panzer
durchbohren, mitten ins Herz! O, welche Wollust wäre das, welche ...«
Sie besann sich jäh, ein schnellender Blick traf den Schauspieler, der
unbewegt in der alten Stellung hielt, als hätte er nichts gehört.

»Das arme, arme Tierchen! Wo ist es? Bringe Er mir's im Augenblick, ich
will es streicheln und liebkosen, daß es aller Unbill vergessen soll!
Wo ist es?«

»Mit Verlaub, ich habe das Hündchen unten an den Torpfosten gebunden.«

»Er ist ja auch ein herzloser Mensch! Rasch, bringe Er's mir! Rasch,
rasch!«

Als Christoph Karsten die Treppe hinablief, brach das zurückgedämmte
Triumphlächeln sich für einen Augenblick Bahn. Dann versiegte es, denn
er mußte alle Kraft aufwenden, des widerstrebenden Hundes Herr zu
werden.

In wildester Erregung durchmaß die Jagemann den Raum, ihr Atem
keuchte, ihre Füße traten wie die eines Mannes. Gleich einem warmen
Sturzbad überströmte sie die Erkenntnis dieser Stunde.

Daß jetzt endlich, endlich, sie wagte kaum, es zu denken, der
Augenblick da sei, den sie jahrelang fiebernd ersehnt hatte!

Ihre heiße Verwirrung löste sich in wilden Liebkosungen. Sie preßte den
Hund an sich, küßte ihn, wühlte sich in sein Haar. Reglos, in leiser,
stummer Abwehr hielt der Pudel. Nur seine Augen suchten in seltsamer
angstvoller Sehnsucht eine unbestimmte Ferne.

Mit jähem Ruck ließ die Jagemann den Hund auf das Kanapee niederfallen,
streckte dem Schauspieler beide Hände entgegen:

»Verlaß Er sich darauf, Sein Stück wird vorgestellt werden! Ich, ich
bürge Ihm dafür!«

       *       *       *       *       *

Als Goethe das Theater betrat, überreichte der Leibjäger ihm ein Billet
des Großherzogs, darin dieser den befehlenden Wunsch aussprach, das
Schauspiel »Der Hund des Aubry« mit dem pp. Karsten und dessen Pudel
als Hauptakteurs mit ehestem im Spielplan zu sehen, und zwar setze
man hiefür als Termin den achten Mai, da man willens sei, am neunten
schon für dieses Jahr Frühlings-sejour in Ettersburg zu nehmen. Goethe
zwang den aufkeimenden Ärger nieder und diktierte alsogleich seine
Antwort. Er gebe Seiner Hoheit zu bedenken, daß es nicht angehe, auf
jener Bühne, darauf die größten dramatischen Meisterwerke dargestellt
würden, einen dressierten Hund vorzuführen, daß er, in aller Ehrfurcht
gesagt, solange er die Theaterleitung innehabe, nie und nimmer darein
willigen werde, daß er für den achten Mai als Vorfeier zu Schillers
Todestag den »Don Carlos« angesetzt habe und seinen hochfürstlichen
Herrn in aller Devotion hiezu einlade.

Die Gesellschaft des jungen Neander tilgte den letzten Unmut in ihm.
»Ich habe eine neue große Aufgabe für Sie«, kündigte er dem Jüngling
an. »Sie haben doch den Posa studiert, nicht wahr? Halten Sie sich
bereit! Gerät es Ihnen zum besten, wie ich es Ihrer vortrefflichen
Begabung wohl zutraue, dann haben Sie das letzte Hindernis genommen.
Ich selbst werde die Rolle mit Ihnen durchnehmen. Besuchen Sie mich des
Nachmittags gegen die fünfte Stunde, wann immer Sie wollen. Es steht zu
hoffen, daß wir etwas Fruchtbares und Ersprießliches vorbringen
werden.«

Wenn auch Goethe die innere Erregung über den lästigen Vorfall
schon überwunden hatte, so war doch sein ganzes Wesen noch von dem
Erinnern daran wie von einem Schleier verhüllt, der auch seinen
unbeirrbar starken Blick trübte. So fiel ihm nicht auf, daß des jungen
Schauspielers Gehaben sich heute ein wenig gewandelt hatte. Sein Blick
war nicht so frei, seine Stimme klang nicht so unbekümmert hell wie
stets, doch lag noch dieselbe Ehrfurcht in seinem Verhalten, ja mehr
als sonst, allzuviel vielleicht. Und die Verbeugung, mit der er von
Goethe Abschied nahm, war tiefer als ziemlich, da er bestrebt war, dem
großen ihm heute unheimlichen Auge nicht zu begegnen.

       *       *       *       *       *

Der Großherzog wiederholte in noch bestimmterer Form seinen Befehl, die
Einwände Goethes nicht beachtend. Nun wußte dieser, daß ihm nur mehr
ein Mittel blieb, das Unerhörte zu verhindern. Er hatte schon einmal
bei einem ähnlichen Anlaß sich dessen mit Erfolg bedient. Wenn er heute
wieder seine ganze Person ins Spiel warf, dann war es gewonnen. Ihn
selbst würde trotz allem der gnädige und verstehende Herr nicht opfern,
einer Laune wegen. Torheit, daran nur zu denken!

Goethe erbat seine Entlassung.

       *       *       *       *       *

Am nächsten Tage sandte der Theaterdiener dem Dichter einen halb
scheuen, halb frechen Blick nach, wie einem verwundeten Tier, dessen
Kraft man noch immer zu fürchten hat. Erst als die aufrechte Gestalt
ihn nicht mehr schreckte, gerann der Blick zu einem schmutzig-giftigen
Lächeln. In den Korridoren standen und lümmelten Schauspieler und
Aktricen. Ihr Schnattern verstummte, aber ihr Gruß war heute weniger
ehrfürchtig als sonst. Aber jeder, auf dem eben für einen Herzschlag
das große Auge ruhte, duckte sich, als zwänge ihm eine Faust den Nacken
nieder. Auch der jugendliche Held Wilhelm Neander war in der Menge
gewesen. In dem Augenblicke jedoch, da er Goethes ansichtig wurde, war
er in einen Seitengang gehuscht, der in eine Nottüre mündete. Als der
Dichter ihn rufen ließ, war er nicht mehr zu finden.

Ein seltsames Gefühl ließ Goethe an der Türe seiner Kanzlei zögern. Er
kämpfte es nieder, betrat den Raum. Roch es nicht modrig hier? Waren
die Wände nicht kahler als sonst? Hockte nicht in den Ecken kalte
Fremdheit, kroch näher über Kanapee, Sessel und Schreibtisch? Ein
Brief mit dem großherzoglichen Siegel. Goethe griff nach dem Falzbein,
umpreßte es, mit einem zwanghaften Ruck, seiner gemessenen Art fremd,
öffnete er das Schreiben: Man sah sich genötigt, seinem berechtigten
Wunsche nach Schaffensmuße nicht entgegenzustehen, enthebe ihn in
Gnaden vom Amte eines Theaterleiters und sage ihm huldvollsten Dank für
seine unschätzbaren Dienste. Er war entlassen.

Still, ganz still saß Goethe. Starr geweitet sahen seine Augen ins
Unsichtbare. Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, das er an der Seite
seines Fürsten verlebt, zog an ihm vorüber, jede helle Stunde, jedes
warme Wort. Wohl eingefügt in Goethes geordnete Welt, hatte der Herr
seinen Ehrenplatz behauptet in unerschütterter Gesetzmäßigkeit, war ein
Pfeiler gewesen, der des Dichters irdisches Dach getragen. Der Pfeiler
fiel, nun wankte das Haus.

Der Brief entglitt Goethes Hand, seine Wangen erschlafften, müde war
er, müde und alt. Als er sich dessen bewußt wurde, schrak er auf. Das
durfte nicht sein! Einen Baum mußte er finden, einen kraftvollen,
jungen Stamm, sein erschüttertes Haus zu festigen. Das Bild des
Jünglings erstand vor ihm. Der war's, der! Der ihm ähnlich, der seine
Jugend war! Eine neue Jugend!

Goethe erhob sich, rasch durchschritt er das Haus, achtete nicht der
dummfrechen Blicke, die ihn umschnellten, suchte, suchte. Er fand ihn
nicht. Er trat auf die Straße. Kämpfte den Schwindel nieder, den das
jähe Sonnenlicht ihm ins Auge schoß, sah klar. Sah eine Karosse, die an
ihm vorüberfuhr. Die Jagemann saß darin. Und ihr zur Seite der, den er
suchte mit aller Sehnsuchtskraft.

Goethes Blick faßte den Jüngling. Wollte ihn zwingen, ihm zu stehen,
ihm frei zu begegnen. Keine Antwort. Der Schauspieler blickte vorbei,
nicht einmal ein Gruß, das tiefrote Gesicht beugte sich krampfhaft
nieder zu der lachenden Frau.

Christoph Karsten aber holte alle Frechheit hervor, die in seinen
Augen gespeichert lag, und grinste dem Großen entgegen. Der Hund riß
sich mit einem Jubelschrei los und sprang an Goethe hoch. Da wich die
Beherrschung von diesem, mit einem groben Schlag schleuderte er den
Pudel fort, den nun der Schauspieler fluchend an sich schnürte.

       *       *       *       *       *

Die weißen Wolken segelten über den seidenblauen Himmel, die weißen
Blütenbäume in den Gärten schienen ihr irdisches Spiegelbild.
Unmerklich, durch eine liebliche Dämmerung verglitt der goldene Tag in
eine milde Nacht.

Goethe saß daheim, öffnete das Fenster, im Frühling Trost zu finden,
schloß es wieder. Was ihm seine große Ruhe gegeben, war, daß er
immer eins gewesen mit Himmel und All. Nur so hatte er, was keiner
verstand, ohne Verlust seine kostbaren Jahre auf diesem kleinen
Erdenfleck verbringen können, weil auch hier aus den Blumen Gottes
Freude lächelte, aus den Wolken Sein großes Werden, Vergehen und Werden
sprach und aus dem Sternenhimmel das Gesetz Seiner Ewigkeit. Und weil
der Dichter, in diesem Glauben mit allem Schöpferwerke tief verbunden,
ewig an Gottes Herzen ruhte. Heute lauschte er vergebens dessen Schlag.
Er war gelöst aus der großen Welt des Herrn, taumelte, ein Mensch wie
Tausende, ohne Halt zwischen Himmel und Erde. Eisige Angst stieg in
ihm auf. Er selbst, der Ruhelose, Friedensferne, erwuchs vor ihm, ein
Gespenst, das mit kalten Schattenhänden ihn umschlang, seine Kehle
schnürte, daß sie stumm blieb, daß auch der letzte jämmerliche Trost,
der Wehschrei gequälter Kreatur, ihm versagt war.

Horch! Schrie sein Schmerz aus dem Unsichtbaren? Durch die gebettete
Stille schnitt ein Laut. Ein klagendes Heulen voll zager Angst und doch
voll letzten, tiefsten Verlangens.

Schweigen. -- Aber der Nachhall erfüllte des Einsamen Brust. --
Verebbte. -- Nun ersehnte er den Laut. Als könnte er sich daran halten,
als sei dieser mißtönige Schrei das Einzige, das ihn mit der grausam
verstummten Welt verband.

Mit innerem Jubel begrüßte er den wiederanhebenden Klageton. Dessen
unsichtbare Macht zog ihn langsam an, näher, wie ein Traumwandler
schritt Goethe die Treppe nieder, öffnete das Tor, schneeweiß
erglänzte der Pudel im Mondlicht, schwieg, kroch heran, rankte sich
demütig an dem Menschen hoch, leckte ihm die kalte Hand, die ihn nun
umfaßte, emporhob, trug, ihn sanft niedergleiten ließ. Ein leises,
halbersticktes Wimmern ließ der Hund noch hören, das in der Fülle des
jähen Glückes verging. Vertraulicher schmiegte er sich an Goethes Fuß.
Wohlig empfand der Dichter die Wärme, die aufwärts strömte in sein
Herz, das wieder im gewohnten Maße pochte.

Er beugte sich nieder, seine Hand ruhte am Herzen des Tiers, fühlte
dessen Leben wie ein Wunder. Sanfter faßte er den Hund, bettete ihn an
seiner Brust. In seltsamem Gleichklang schlugen die Herzen.

Goethe hob das befreite Haupt, sah geklärten Auges in den
Sternenhimmel. Und war mit seiner Ruhe, mit der atmend-bewegten Erde,
mit Gottes Drang und Stille wieder eins.




Das Wunder von Lauchstädt




Der Studiosus medicinae Christian Wittebold hatte stets sein
dröhnendstes Lachen aufgeschlagen, wenn die Theologen seiner
Landsmannschaft eine Disputation über die Wunder Christi und der
Apostel angestellt hatten. Und doch sollte auch ihm ein Wunder
widerfahren, das jedem, der ihn kannte, zumindest so groß erschien, wie
die Erweckung des toten Jünglings.

Nicht weit von Jena im Bade Lauchstädt spielte die Weimarer Truppe,
seitdem die schöne Jahreszeit die vornehmen Gäste in großer Menge
angelockt hatte, an jedem Sonnabend zum nötigen Ergötzen der
Gesellschaft ein schönes Stück. Und da mit den Komödianten auch die
Hofgesellschaft und Celebritäten der Residenz sich einfanden, hatten
die Neugierigen ein doppeltes und dreifaches Schauspiel. In den
frühesten Vormittagsstunden füllten sich die Straßen, die von Jena,
Halle und Leipzig dem aufblühenden Orte zustrebten, mit Studenten.
Die Leipziger Stutzer fuhren in feinen Karossen oder ließen sich von
Sänften tragen, die Hallischen Waisenhäusler trabten bescheiden zu
Fuße, indes die Jenaer Burschen auf allen Gäulen der Pferdeverleiher
peitschenknallend und sporenklirrend aus den Toren ritten.

Die zierlichen Herrchen fügten sich aufs beste in das zartbunte Bild
der gemessenen Badepromenade, die armen Stipendisten drückten sich
scheugeduckt durch die unheimliche Pracht, die Jenenser aber stießen
die galanten Kavaliere zur Seite, als rempelten sie den Breiten Stein
lang, und es gab gar oft einen unliebsamen Zwischenfall, wenn einer
ihrer riesigen Hunde sich in dem Reifrock einer Dame verfing.

An solchen Abenden saß Christian Wittebold allein in der Kneipe zum
»Halben Mond« und fluchte über die Zierbengels, die ihm des dummen
Affenplaisirs wegen echappiert seien, aber mitzuhalten, dazu war er
nie zu bewegen gewesen. Heute kündigten die Komödianten die »Räuber«
des Hofrates Friedrich Schiller an. Die Generation, die ihn noch vom
Katheder her gekannt, hatte längst die Akademie verlassen, und nach
Weimar war Christian nie gekommen, denn seine Weltsehnsucht war mit
Ziegenhain, Kospoda und Liechtenhain, wo er die Würde eines Bierherzogs
bekleidete, vollauf gestillt. Von dem Schauspiele aber hatte er schon
manches gehört. Schon der Titel hatte ihm stets zugesagt: Räuber! ...
das schien ihm zuweilen wenn die Manichäer ihn härter als ziemlich
bedrängten, ein besserer Beruf zu sein, als ein Studiosus der
Heilkunde, und gar ihr Hauptmann zu heißen, rühmlicher als Thus X., der
statt des Schwertes nur eine Kanne trübflüssigen Bieres schwang. So
kam's, daß Christian Wittebold an einem Maimorgen mit den anderen auf
dem wuchtigsten Klepper Jenas Lauchstädt entgegenritt.

Verschiedene Zwischenfälle füllten den Tag. Der Hund Pandur biß
einem armen Favoritpudel zum Zeitvertreib den Schweif ab, sein Herr
schalt einen Kammerherrn einen ramassierten Pomadenhengst und brachte
es endlich dahin, daß alles flüchtete und die Jenenser allein die
Promenade behaupteten, bis es ihnen zu langweilig wurde und sie sich
für den Nachmittag hinters Weinglas setzten. So gelangte man endlich in
die rechte Theaterzeit. Des Christian Wittebold wilder Baß durchdröhnte
unbekümmert das Haus, bis die Vorstellung anhub. Wohl sprach er noch
laut in die ersten Worte hinein, aber allmählich fesselte ihn das
Geschehen droben immer mehr und mehr, daß er verstummte. Dumpf empfand
er, daß auf der Bühne etwas geschah, das von der Göttin seines Lebens
geformt war, der Kraft.

Hie und da ein halblauter Ausruf: »Wetten wir, das ist ein
Schweinekerl, dem man sollte den Schädel einschlagen!« knurrte er,
als Franz seine süßen Heuchelworte sprach. Und als der alte Moor
seine zitternde Klage keuchte, da rührte leichter erweichender
Erinnerungswind die harte Fläche seines dunklen Seelenteiches, denn
er dachte an seinen eigenen Vater, der noch immer hart ersparte Taler
nach Jena sandte. Mit dem Beginn von Karl Moors Donnerrede brodelte in
ihm ein wilder Widerhall hoch, bei jedem Kraftwort schlug er auf die
Sessellehne und im höchsten Entzücken suchte er mit dem Hieber Feuer
aus dem Boden zu wetzen, bis er merkte, daß dieser aus bescheidenem
Holze sei, und die Freunde ihn mühsam zur Ruhe mahnten.

In den böhmischen Wäldern lösten schlummernde Urinstinkte sich in einem
wilden Entzücken, ein gröhlendes Lachen dankte jedem Keulensatz der
Libertiner, sein kantiger Baß stimmte in das Räuberlied ein, seine
Fäuste krampften sich um den Hieber über Franzens Schurkerei, und in
seiner heißen Begeisterung überhörte er das moralische Ende, das die
Gutgesinnten mit der erschreckenden Wildheit des Ganzen versöhnte.

Kraft! Kraft! jubelte es in dem Wittebold, ließ ihn die Hände
zusammenschlagen wie Wetter, brach aus ihm als wilder ›Vivat‹-Schrei:
»Das ist ein Kerl!« brüllte er in das Getöse. »Wo ist er, der Hofrat
Schiller, den muß ich sehn, das muß ein Haupthahn sein, gegen den
wir alle ein Dreck sind! Ran muß er! Runda ziehn muß er mit mir! Ein
Schmollis sauf ich ihm an! Wo ist er! Raus mit ihm! Raus mit ihm!«

Die letzten Worte schrie der Begeisterte in jähe Stille. Rauh standen
sie, allein, widerhallten, ihr Widerhall duckte sich, ertrank.

In einer Loge stand ein Mann. Kerzenlicht überfloß ihn. Zeigte die
kalkfahle Farbe seines Gesichtes, jede Furche der schmerzhaft gepreßten
Züge. Lang und jammervoll dürr wuchs der Hals aus der schmalen,
gehöhlten Brust, wie kraftlose Fänge eines sterbenden Vogels umpreßten
die Hände die Brüstung. Aber die Augen leuchteten, leuchteten in
unfaßbarem Glanz. Tiefere, tiefste Stille ... Nur das leise Wehen eines
unsichtbaren schwarzen Flügels über dem blassen Haupt. -- -- --

Als die Landsmannschafter noch einmal in die Weinschänke traten, die
sie vor dem Schauspiel verlassen hatten, stahl sich der Wittebold von
ihnen fort und ritt allein nach Jena zurück. Seine Peitsche schwieg,
der Hufhall dünkte ihn zu laut, ihm war, es müßte alles verstummen
in dieser Nacht. Er mühte sich in dumpfer Qual, einen Blick in sein
eigenes Herz zu tun, der Blick verglitt im unendlichen Dunkel, er war
sich selbst ein Rätsel in dieser Rätselnacht. Nichts sah er, als das
bleiche, wehe Antlitz, daraus die Augen leuchteten, machtvoller als die
Sterne des stillen Himmels, aber ihnen doch geheimnisschwer verwandt.

Des Christian Wittebold Seele kroch in sich, duckte sich klein in
schwingenlahmer Scheu. Bis eine Hand sie zart umfaßte und emporhob zum
ersten scheuen Flug ins Licht der Sterne.




Das liebliche Fest




Der Leutnant Leopold von Tappeiner wäre noch zur Zeit des unseligen
Feldzuges anno fünf eine im österreichischen Heere unmögliche Gestalt
gewesen. Jetzt, da die romantische Welle auch Wien überrauschte und
ein wirklicher Dichter im Hauptquartier saß, um recht schwungvolle
Armeebefehle zu verfassen, mußte auch der Oberst, wenn auch ungern, ein
Auge zudrücken, wenn etwas von den seltsamen Neigungen seines jüngsten
Offiziers ihm zu Ohren kam. Er konnte dies um so leichter, als Leopold
von Tappeiners Dienstfreude unter seinen poetischen Neigungen in keiner
Weise litt.

Seit der Leutnant wußte, daß es neben dem Leben, das aus Exerzieren,
Waffenkunde, dem Studium der Taktik und gelegentlichen Liebesmahlen
bestand, noch ein zweites gab, eines, das oft gar unscheinbar in
fleckiges Papier und ein schlichtes Leinenkleid gebannt war, und daß
neben der Sonne, die des Morgens über den Donauauen aufstieg, und
des Abends über dem Schönbrunner Schloß zur Ruhe ging, eine andere
in Deutschland leuchtete, die keine Nacht mehr würde vernichten
können, hatte er an jedem Pfingstmorgen aus einem wunderschönen,
in frühlingsgrüne Seide gebundenen Büchlein, dafür er seine ganze
Wochengage ausgegeben, den ersten Gesang aus dem »Reineke Fuchs« des
Herrn Johann Wolfgang von Goethe gelesen. Erst aus diesen Worten war
ihm die ganze Schönheit des begnadigten Festes kund geworden, an dem
der heilige Geist in tausendfacher Blütengestalt zur Erde niederflutet
und die Vögel mit tausend feurigen Zungen allen Völkern des Ewigen
Ehre verkünden.

Auch an dem Pfingstmorgen des Jahres neun hatte er es so halten wollen,
und nun war das alles anders gekommen. Er hatte keinen Vogel gehört,
denn der Kanonendonner hatte jede Kreatur überdröhnt, er hatte keine
Sonne gesehen im Pulvernebel von Aspern, und nun, da der Sieg errungen
war und er in der Stille eines Bauernhauses seinen Tornister auspackte,
beim kargen Talglicht seine versäumte Andacht nachzuholen, wurde er
mit Bestürzung inne, daß der grüne Seidenband, den er sorgsamer als
Feldflasche und Strümpfe verpackt hatte, fehlte. Er hatte ihn wohl in
dem furchtbaren Getümmel des heißen Tages verloren.

An diesem Tage hatte er mehr des Grauenvollen gesehen, als in
seinem ganzen Leben, ein Freund war an seiner Seite gefallen,
seltsam, furchtbar, das alles war an ihm, dem Stumpfgewordenen,
vorübergeglitten, der Verlust des Büchleins traf ihn als tiefer
Schmerz. Er sann ihm beim schwelenden Schein des nun zwecklos
gewordenen Kerzenlichtes nach, bis er ihn in seiner ganzen Bitterkeit
ausgekostet hatte und seinem Geiste der Weg in andere Bereiche frei
war. An seiner endlich zu einem Nachbeben geweckten Seele vorüber
zog der Tag: Banges Warten, näher rückender Donner, Salvenknattern,
Befehle, Degenblitzen, Roßgestampf, irrsinniges Hurragebrüll, wut- und
angstverrissene Fratzen, Blut, Aufheulen der Getroffenen, und darüber,
nur geahnt, mit letzter Kraft der Weichheit ersehnt, die verhüllte,
geschändete Sonne des heiligen Festes. Aber mit einem Male wußte er,
daß all das nicht das Furchtbarste gewesen, das es verblaßte, verklang
vor einem Antlitz, einem Wort. Beides war seinen betäubten Sinnen im
Lärm der Schlacht nicht so gegenwärtig geworden wie jetzt, da er das
Wort hörte, als dröhne es ein Mund an sein Ohr, das Antlich sah, als
beuge es sich zu ihm nieder. Blond war der feindliche Offizier gewesen,
blaue Augen hatten Tappeiner Haß entgegengesprüht, blau, blau wie die
seinen. Ein deutsches Kommandowort. In der Mitte zerfetzt, war es
gellend im Todesschrei verklungen. Er, sein Degen hatte es erschlagen.
Und über ihnen hatte die verborgene Sonne des Pfingsttages geleuchtet,
wie über jenem Tage, da der Große die herrlichen Verse geschrieben,
er, dessen Licht über allen leuchtete, denen eine deutsche Mutter das
erste Wort der heiligen Sprache vorgesprochen. Der Schmerz tiefster
Hoffnungslosigkeit überfiel den Leutnant. Wozu, wozu strahlte die Sonne
über ihnen, wenn niemand sie sah? Wozu goß ein Ewiger die Harmonie
seines großen Herzens in die Musik seines Wortes, wenn niemand sie
hörte? Wozu ließ Gott immer und immer wieder einen heiligen Pfingsttag
erstehen, wenn das verblendete Volk seinen Ruf überdröhnte mit dem
Mißklang wahnsinnigen Brudermordes? Wozu? Wozu? Zum erstenmal in
seinem jungen Leben erstand diese Frage vor dem Leutnant, wie ein
schattenhaftes, jedem Griff entgleitendes, sich im Dunkel lösendes, von
neuem sich ballendes, vergehendes, werdendes, ewig rätselhaftes Untier
der Nacht.

Stimmen schrecken Leopold von Tappeiner auf; die Kameraden des
Regiments waren's, sie riefen ihn, er sollte mit ihnen kommen, den Sieg
zu feiern. Von einer jähen, atemschnürenden Furcht erfaßt, löschte er
das Licht, tastete sich durch den Flur, unerkannt an den lärmenden
Offizieren vorüber, ins Dunkel.

Die Wolken, die der Abend über den Himmel gebreitet hatte, teilten
sich, da und dort zitterte ein Stern. Immer freier erwachte der
Glanz der Nacht. Und nun streifte der Mond den letzten silbernen
Flußnebelschleier von sich und wies dem Jüngling, das Verborgenste
grausam enthüllend, das stöhnende, fiebernde oder in letzte Stummheit
versinkende Schlachtfeld.

Der Leutnant hastete durch das Grauen, das er nicht bannen, durch die
tausendfache Qual, die er nicht lindern konnte, von einem suchenden
Drang erfüllt, etwas ersehnend, darin er Frieden und Ruhe finden
könnte.

An einer seltsam geformten Baumgruppe erkannte er die Stelle: Hier
waren sie heute morgens eingesetzt worden, hier hatten sie den Angriff
des feindlichen Regiments abgeschlagen. Hier, hier ... eine kalte
Hand umpreßt sein Herz, läßt es frei, daß es wildpochend die Dämme
der armen Brust zerreißen will: Hier, im vollen Mondschein liegt der
deutsche Offizier. Weit geöffnet zu stummer Frage, zum fühllosen Himmel
aufstarrend das gebrochene Auge, frei fließt das blonde Haar über die
Stirne. Des Oesterreichers Hand tastet nach dem eigenen Haupt, als wäre
es nicht mehr sein, als gehöre es dem Stummen, er greift nach seinem
pochenden Herzen, fühlt den eigenen Degen, der die Brust des andern
durchbohrt hat, dem er verbunden ist, dessen Sein er von dem eigenen
kaum mehr zu lösen vermag. Er kniet nieder, beugt sich über den Toten,
streicht mit der Hand, die eben noch das Pulsen seines Herzens gefühlt
hat, über das blutgetränkte Kleid, als könnte er des Anderen Herz zu
gleichem Leben erwecken. Immer wieder gleitet die Hand, die ganze
gestaute Sehnsucht seines erschütterten Seins liegt in dem Streicheln.
Die Hand fühlt etwas Hartes, das ihr den Weg zu dem armen durchbohrten
Herzen sperrt. Behutsam löst er es aus der Brusttasche des Toten,
zieht es langsam frei, es ist ein Buch. Blutbefleckt, von seinem Degen
durchbohrt. Ehrfürchtig hebt er es ins Mondlicht, ein grünseidener
Band, fiebernde Hände öffnen es, durch halberstarrtes Blut wirren die
Buchstaben, formen sich zu jenen herrlichen, Musik gewordenen Worten,
die ihn den ganzen furchtbaren Tag dumpf und weh durchklungen haben:

  »Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen,
  es grünten und blühten Feld und Wald ...«

So tönt es ihm, zum erstenmal von klarer Melodie getragen, durch
Hirn und Seele. Er versucht aus dem Buche zu lesen. Die Verse sind
verstümmelt, sein Degen hat die Worte »Pfingsten, das liebliche Fest
...« durchbohrt. Die Sinne schwinden ihm, er bricht nieder, liegt neben
dem Toten.

Ein Klang weckt ihn, ein Vogelruf. Noch ist es Nacht, noch zittern
die Sterne, noch trägt der Mond silbernen Schein. Aber die Seele des
verborgenen Tieres ahnt schon den Morgen.

Morgenreinheit kühlt des Lebenden Sinn. Er sieht den Toten in
schmerzender Klarheit, er weiß, dieser wird heute noch sich in Erde
lösen, indes er atmen wird, solange es Gott gefällt. Aber er weiß auch,
daß er dem Toten, über dessen wildem Leben dieselbe Sonne geleuchtet
wie über dem seinen, untrennbar verbunden sein wird für alle Zeit. Noch
immer singt der Vogel, ein zweiter, ein dritter, unzählbare Stimmen
einen sich zu einem rauschenden Jubelchoral, der das Erwachen des
heiligen Gestirns vorahnend kündet.

Der Lebende aber kniet nieder an des toten Bruders Seite und spricht an
seinem Ohr die Worte des geliebten Liedes in den Lobgesang der Kreatur.

Die Schwingen dieses Sanges tragen das Lied auf zu Gott. Und die Seele
des Toten, Gott, Welt, Leben und Tod sind ein Großes, untrennbares
Herrliches in dieser aus dem Schoße der Ewigkeit strömenden Stunde.




Legende vom heiligen Mörike

(Herrn Geheimrat Dr. Rudolf Krauß!)




Über Cleversulzbach drohte das erste Gewitter des Jahres. Der Pfarrherr
hatte es schon in allen Nerven gefühlt, als er noch unter blauem Himmel
durch die von keinem Winde geschreckten kindlichen Ährenfelder seinem
Hause zuschritt. Früher als die fleißige Amsel ahnte er es, die noch
immer im blühenden Apfelbaum sang. Des Pfarrherrn Blick hing an dem
unbegreiflich sorglosen Vogel. Jähe Einsamkeit schüttelte ihn. Niemand,
niemand bangte mit ihm. Er sog den Duft des Baumes, fühlte die kühle
Flut, tiefer verwühlte er sich darein, Schutz suchend vor der Welt.
Blüten lösten sich, sanken wie Tränen.

Eduard Mörike sah nieder auf die armen zarten Blättchen, die bald ein
achtloser Fuß zertreten würde. Heimat war ihnen der Baum, Fremde die
fühllose Erde. Gab es Furchtbareres, als der Heimat fern zu sein? All
das Heimweh, das er in seinem Leben gelitten hatte, überfiel ihn,
mehrte seine rätselhafte Trauer.

Über den Dingen seiner Arbeitsstube lag der letzte Sonnenschein, über
den Blumenstöcken im Fenster, dem Pult und den Seiten des Evangeliums,
dem großen, heute zwecklosen Ofen, den Bildern mit den vertrauten
Szenen aus dem heiligen Buch. Seltsam verwirrend gemengter Hauch füllte
den Raum, der Duft des Apfelbaumes kämpfte sich durchs Fenster, die
bedächtigen Topfblumen stritten dawider, der unvergängliche Moderduft
der Möbel, der im Winter Heimlichkeit gewesen, war jetzt der mächtigen
Frühlingssüße so fremd wie der vorwitzige Tabaksruch, der untilgbare
Rest freudloser Arbeit.

Noch immer hing der Ton des Amselliedes in der Luft. Nun verstummte
er jäh. Der Pfarrherr beugte sich durchs Fenster. Der Vogel strich
schweren Flugs an ihm vorüber, versank im dichter fließenden
Dämmerschleier. Die Blütenflut erblich zu mattem Perlenglanz, zu
tieferer Fahlheit, verfloß im großen Grau, das die Welt erfüllte.

Still war's. Ein dunkles lauerndes Tier der Himmel. Still blieb's.
Tückisch zögerte das Gewitter. Immer schwerer lastete sein gebanntes
Drohen. Als qualvolles Leben, von lähmender Müdigkeit geduckt, bangte
die geahnte Schrecknis in des Pfarrherrn Nerven. Und mit einem Male
schien ihm, das Bangen hätte sie und seine Seele stets mit einem
Zittern erfüllt, das nur die ereignislose Stille des dörflichen Alltags
gefesselt hatte. Eine jähe, unbestimmt nach allen Winden drängende
Sehnsucht überfiel ihn. Was hatte er erlebt in den letzten Jahren?
Nichts, nichts. Im Rückschauen schrumpften sie zur Armseligkeit einer
einzigen leeren Stunde. Darum, darum gelang ihm kein großes Werk,
darum sank sein Geist immer wieder flügellahm nieder in den Abgrund
des Alltags. Weiter zurück, in verklungene Zeit glitt sein Blick.
Tübingen. Das Stift. Ein paar kindische Studentenstreiche. Aber da,
aus dem matten Erinnerungsglanz leuchtete es, zwei Augen, voll des
rätselhaftesten Glanzes. Süß und furchtbar waren sie, stießen ihn
ab und zogen ihn an sich mit geheimer Gewalt, als wären sie seinem
Sehnsuchtslande erblüht, in dem Königinnen und Nixen den seligen
Verirrten alle Schönheit himmlischer Erde und sündhaften Himmels
schenken. Klarer stieg Peregrinas Gestalt aus den Nebeln: das undeutbar
lächelnde Antlitz, der wundervolle Hals, der Nacken, die schimmernde
Brust.

Eduard Mörike schloß die Augen, dem Zauber nicht zu verfallen. Aber mit
immer leuchtenderen Farben schmückte sich das Traumbild. Barg denselben
süßen Schrecken wie einst. Warum war er damals geflohen? Warum hatte er
sich nicht in die lockende Flut dieses Märchens gestürzt, all dessen
Schönheit getrunken, den Schatz vom Grunde gehoben? Nun würde er seine
fahlen Tage erleuchten mit sicherem Glanz! Feige war er gewesen,
ein Krieger, der aus der Schlacht gewichen und der nun ewig in der
Stille eines verhaßten Friedens den verscherzten Siegespreis fruchtlos
ersehnen mußte. Wilder wuchs die Unrast seines Herzens. Die ganze Welt
hätte er an sich reißen mögen, aber wenn er nur den Arm heben wollte,
sank er zurück in den lähmenden Bann, der noch immer alles umfangen
hielt, den bleiernen Himmel, den fahlen Blütenbaum, das hilfloser
verdunkelnde Land.

Von der Dorfstraße her drangen Schritte überlaut in die dumpfe Stille.
Mörike spähte durchs Fenster. Die Gestalt des Wanderers hatte sich ins
schwere Dunkel gelöst, wesenlos klang der nahende Schritt. Schwieg
vor dem Tor, hallte stärker von den Fliesen, suchend den Gang auf
und nieder, nun pochte es an der Tür, etwas, das stärker war als
er, antwortete aus Mörike mit einer ihm selbst fremden Stimme. In
verschwimmenden Umrissen nur stand die Gestalt in der Stube, die nun
eine Frauenstimme erfüllte. Sie ergriff Besitz von dem Raum. Mörike
wich zurück, dicht an die Wand, fühlte dankbar den stützenden Halt,
vermochte der Stimme zu lauschen. Ein herbsüßer Klang lag darin, neu,
wunderbar neu in der Stille, schreckhaft neu fast, aber doch auch
vertraut, als bärge sie den Zauberhauch eines Märchens, das er einmal
ersonnen, erlebt, erträumt; sein Denken versiegte, er lauschte nur und
trank die Stimme wie ein Lied.

»Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, den Überfall! Ich verließ bei Nürtingen
im hellsten Sonnenschein den Postwagen, um mir ein bißchen Bewegung zu
machen. Das jähe Dunkel überraschte mich, ich verlor den Weg, ein Bauer
wies mir das Pfarrhaus. Und da es ja doch Ihr Amt ist, allen zu helfen,
die in Not sind, so machte ich mir kein Gewissen daraus, Sie zu stören.
Nein, ich mache mir keins daraus, gewiß nicht!«

Die Kadenz eines Lachens perlte, nur eine kleine, kaum merkbare
Dissonanz bebte darin, des Pfarrherrn feines Ohr fühlte sie. Die
Wirrnis der Klänge umflocht den Stummen.

»Nun keine Antwort? Soll ich wieder gehen? Jeden Augenblick kann
das Unwetter beginnen! Stoßen Sie mich hinaus? Soll mich ein Blitz
erschlagen?«

Eduard Mörike sah durch's Fenster. Schwer lag die drohende Nacht. So
schwer und doch von geheimem Beben erfüllt, wie die Einsamkeit seiner
letzten Jahre. Ja, jetzt wußte er's, immer, immer hatte auf ihrem
Grunde ein Drohen geruht, jeden Augenblick bereit, ihn anzuspringen. Ob
er durch die reinen Felder schritt oder auf der Kanzel stand, ob er den
Vögeln gelauscht oder Gott in den Sternen gesucht hatte, am reinsten,
heiligsten Morgen hatte es in einem Winkel seiner Seele gelauert. Die
Stimme, die da unbekümmert durch die bleierne Stille klang, die tilgte
das Drohen, nein, sie tilgte es nicht, sie nahm es auf, erfüllte es mit
ihrer Süße, daß es kein Drohen mehr war, sondern nur ein berauschendes
Bangen.

»Gehen Sie nicht fort,« bat er, »bleiben Sie! Setzen Sie sich, warten
Sie, ich will nur Licht machen.«

Wieder hallten die Schritte auf, näher tönte die Stimme: »Lassen Sie
das, bitte! Ich will's nicht!«

Des Pfarrherrn Hand, die schon nach Stahl und Stein griff, sank nieder
unter dem sanften Zwang der Worte.

»Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir!«

Er gehorchte. Alles, alles würde er tun, was diese Stimme ihn hieß.
Nichts mehr in ihm bäumte sich dawider auf. Süße Wollust war es, den
armen Willen in Schlummer zu betten, nur mehr zu fühlen, wie eine
Pflanze im Windhauch der Sommernacht.

Leiser tönte die Stimme. Eduard Mörike verstand nicht den Sinn der
Worte, nur eine fein sich fortspinnende Melodie waren sie, die er nicht
deuten durfte, der er sich ergab, in deren Rhythmus er atmete. Er
versank im Traum. --

Fernher murrte der erste Donner. Der Pfarrherr hörte ihn nicht, höher
erhob sich das Drohen des Unsichtbaren, dem er diente. An seinem Ohr
glitt es vorüber, das trank den Hall der Stimme, deren gleichmäßig
fließende Süße stärker war als die wachsende Gewalt. Sie sprach vom
Leben. Vom großen Leben, davon kein Hall in die entrückte Einsamkeit
drang. Gierig trank Mörikes Seele den Klang. Unbewußte betäubte
Sehnsucht hatte in ihm gelebt, all die stummen Jahre lang. Nun erwachte
sie zu schmerzend wildem Leben. Eine unerträgliche Spannung füllte
seinen Leib. Das Blut schlug an die Adernwände, dröhnte an sein
berauschtes Hirn.

Das Wetterleuchten geisterte nicht mehr über den Hügeln. Noch eine
kurze atempressende Stille, dann riß jäher Wind die arme gelähmte
Welt zu irrsinnigem Tanz. In ächzender Scham beugten sich die Bäume,
die manneshohe Faust riß ihnen den jungfräulichen Blütenschmuck vom
Haupt in den Staub der Straße, wirbelte die fahle Masse hoch, daß
alles in Unreinheit erstickte. Bis das teuflische Spiel verstummte
vor der Stimme des Herrn. Seines Blickes Zornblitz steckte die Erde
in Brand. Vor Eduard Mörike schoß grell aus dem Dunkel das Antlitz
der Frau. So wie es manchmal aus dem Dunkel des Erinnerns erwacht war
in schmerzender Gewalt. So wie es damals in Tübingen dem Jüngling
geleuchtet hatte, furchtbar und süß, voll tiefster Qual, voll höchsten
Entzückens. Zum andern, zum dritten Male schoß das Bild auf. Der
tückische Gott gab und nahm, nahm und gab im wirren Wechsel. Furcht
weckte das grelle Bild, Sehnsucht das Dunkel.

»Peregrina,« stammelte Mörike, »Peregrina!«

Aber der Donner verschlang den Laut, er erstarrte im schmetternden
Blitz. Im wechselnd erneuten Licht stand die Frau, dem Blitze verwandt,
voll Urgewalt wie er. Der Donner dämpfte sich, matter leuchtete das
Licht des Blitzes. Nieder rauschte, alles ertränkend, die himmlische
Flut. In der Flut der Worte ertrank Mörikes Herz.

»Warum bist du damals vor mir geflohen? Immer, immer habe ich dich
gesucht, die ganze lange Zeit. Und ich weiß, du hast es bereut, denn
ich war dein Glück. Ich bin dein Glück! Hast du das Große geschaffen,
das du erträumtest? Du kannst es nicht ohne mich! Ich bin dir bestimmt
von Gott und Schicksal, du gehörst mir!«

Eduard Mörike fühlte den Hauch ihres Atems. Es war der Atem der
durchwühlten Welt. Er nahm den Verstummten auf seine Schwingen, sie
trugen ihn über Enge und Dumpfheit in die schwindelnde Weite. Und dann
riß er ihn nieder in die Flut eines süßen, warmen Stromes.

Machtvoll rauschte der Regen.

Sanfter tönte sich das Rauschen, ward leises Raunen, schwieg. Die
letzten Wolken versanken, gute Sterne leuchteten. Der Mond wanderte.
Langsam glitt er die gottbestimmte Bahn. Bis er im Fenster stand.
Still, unbeirrt durchfloß sein keusches Licht die Stube. Wieder wuchs
das Antlitz der Frau hell aus dem versunkenen Dunkel.

Anders, ganz anders war es nun im sicheren Licht. Fremd, fremd, in
kaltem Feuer leuchtend das Auge, üppig schwellend der Mund, aber von
einer harten, bösen Falte umgrenzt, ein ruhelos feindliches Zucken
überspielte das Gesicht, ein wildes Suchen, das zu dem freundlichen,
stillen Licht in schmerzvollen Gegensatz trat. Mörike wich vor dem
Antlitz, vor den zwanghaft gebreiteten Armen. Freundlich leuchteten die
gewohnten Geräte im Mondlicht, in lieber Heimlichkeit, blickten Mörike
an und fragten: Was will die Fremde hier?

Weiter wich der Pfarrherr nach dem Fenster, selig lächelte das Land
nach der Prüfung des Wettersturms, die festen Blüten des Baumes, die
hellen Wiesen, die Häuser, die vertraute Straße, die hütenden Berge.
Und auch sie fragten: Was will die Fremde hier?

Mörikes Seele tauchte in den Segen der lichten Reinheit, trank die
schützende Sicherheit in sich, bis er von ihr tief und stark erfüllt
war. Tastend, sicherer dann kehrte sein Blick zurück zu der Frau.
Qualvolle Wirrnis lag auf ihren Zügen. Ihre Arme regten sich, als
wollten sie gegen die Stille kämpfen, sanken gelähmt nieder.

Allein war ihr zerrissenes, suchendes, dumpfes Wesen inmitten der
erlösten Welt.

Fest und still schritt er auf die Frau zu, neigte sich zu ihr,
streichelte ihr Haar, Stirn und Wangen, bis die zuckenden Wellen sich
glätteten unter der Güte seiner Hand. In jäher, dumpfer Müdigkeit
überließ sie sich seiner reinen Kraft.

Er bettete sie, saß an ihrem Lager. Heller, satter floß das Licht.
Weckte unerbittlich die Betäubte. Sie sah in das unergründlich
lächelnde Antlitz des Mondes.

Barg das Gesicht in den Händen. Ein Schluchzen schüttelte sie.

Wieder tröstete des Pfarrherrn Hand. Das ferne Licht des Mondes lag
darin, der Glanz der Blüten, der hellen Wiesen, die Sicherheit der
befreiten Berge. Zu stillerem Weinen verfloß ihr Schmerz.

»Wenn ich nur einmal, einmal im Leben eine Hand, eine so gute Hand ...«

Das Flüstern verglitt in stummen Hauch. Ihr Schlummer fügte sich in die
Erlöstheit der Welt. -- --

Er trat ins Freie. Die erste silberne Ahnung stand über den Höhen.
Gedämpften Schrittes ging er in das große Geheimnis. Es war, als sei
ihm Macht gegeben von Gott, die Welt zu erwecken.

Aus dem Dämmern wuchs die Himmelsrose des Morgens. Einen Abglanz ihrer
Reinheit trug Mörikes Herz.




Samiels Ende




Karl Maria von Weber trat in das Vorzimmer des königlichen
Audienzsaales und sah im großen Wandspiegel sein Bild. Der grüne,
goldgestickte Staatsfrack und die alabasterweiße Weste grellten in
seine kurzsichtigen Augen, daß er sie schloß. Als er sie öffnete, trat
ein von wehem Spott gezeugtes Lächeln in sein blasses Gesicht. Wie eine
Wachspuppe, urteilte er, die man zu einem Fastnachtsscherz verdammt
hat. Der Schneider hatte all seine Kunst aufgewendet, es war vergebens.
Das Feierkleid wollte sich der eckigen Brust nicht bequemen, die
dünnen Beine staken jämmerlich in den Eskarpins und Seidenstrümpfen.
Das Lächeln schärfte sich zu verbissener Wut. Wie er dieses Kleid
haßte, wie ihm die unbarmherzig kühle Luft, das Halbdunkel der hohen
Hallen den Atem preßte, wie, ach Gott, wie er sich sehnte nach seiner
sonnigen Stube daheim, wie ein lebendig Begrabener sich nach dem Leben
sehnt! Und wieder stieg die alte Frage in ihm auf: Warum? Warum trieb
er dies unwürdige Spiel? Warum katzbuckelte er in diesem lächerlichen
Aufzug vor einem Fürsten, der ihn ja doch nicht liebte, der ihm bei
jedem Anlaß zu verstehen gab, daß der Italiener und seine Kunst an
die erste Stelle gehörten? Warum? Damit die Seinen, die Frau und das
eben ihnen geschenkte Kind nicht Not leiden müßten? Vielleicht; aber
doch, nein, das allein war's nicht. Sie könnten in einem kleinen Hause
mitten im Walde leben, soviel, daß sie nicht verhungerten, würde seine
Arbeit schon einbringen. Und ein Dasein, fern von Staub und Lärm,
seinem Leben sicher ein paar arbeitsreiche Jahre zulegen. Wieder
schloß Weber die Augen, hörte den Wald rauschen über seinem Haupt,
den deutschen Wald. Noch eins war's, das ihn hielt, jetzt wußte er's
klar. Wie hatte der Intendant Graf Vitztum gesagt, als er ihn berief,
damit er eine deutsche Oper schaffe, all den Feinden zum Trotz? »Wir
stehen hier auf einsamem Posten, wir zwei, mein lieber Weber, den
dürfen wir nicht verlassen!« Er durfte nicht. Zähne zusammenbeißen.
Bleiben bis zum letzten! Es war nicht leicht. Er war kein Kämpfer.
Wie sehnte er sich nach Stille und Frieden! Fort mit der Weichheit!
Wieviele wohl, die ihr Leben in furchtbarem Kampfe hingegeben, hatten
dieselbe weiche Sehnsucht in sich getragen! »Pfui über dich Buben
hinter dem Ofen ...« Er hatte diesen unbarmherzigen Worten klingende
Töne geliehen. Nun mußte er in ihrem Sinne leben, sonst würde die
starke harmonische Sicherheit, die er als sein Bestes in sich trug,
zerbrechen und mit ihr er selbst, der Mann, der er bisher gewesen und
der er weiter sein wollte mit Gottes Hilfe. Weber schrak auf. Ein Blitz
fegte durch den Raum, pfeilschnell, dann ruhte der Wandspiegel wieder.
Aber er trug ein anderes Gesicht. Webers Bild war daraus gelöscht, die
flackernden Gesten eines Mannes füllten die Fläche, der eben aus dem
Audienzsaal getreten war. Als er Webers ansichtig wurde, stürzte er
auf ihn zu, drückte ihm beide Hände und überschüttete ihn mit einem
Schwalle italienischer Worte: Wie er sich freue, den teuren Amtsbruder
hier zu sehen! Wie sehr er bedaure, daß dies so selten geschehe!
Was er denn dem lieben Freunde getan habe, daß er ihm ausweiche, ja,
ausweiche! Gewiß Zwischenträgereien, Verleumdungen, oh, an den Hals
wolle er den Schurken, die ihn seinem hochverehrten Kollegen entfremden
wollten! Nichts, kein Wort solle er glauben! Alles Verleumdung, pure
Verleumdung! Da sie doch so viel Gemeinsames verbinde, die Liebe zur
Kunst, ihrer Göttin vor allem! Und die Verehrung für den gnädigsten
Fürsten, der einmal neben dem Gönner Tassos würde genannt werden!
Und jetzt gar noch das schöne Zusammentreffen! Daß sie fast auf den
gleichen Tag Vater geworden seien! Seinen innigsten Glückwunsch sage
er! Wie es der hochzuverehrenden Wöchnerin gehe? Seiner Frau gehe es
ausgezeichnet! Und auch seiner Kleinen. Da nun dem verehrten Meister
ein Sohn geschenkt sei, könnte er dereinst seine Tochter heiraten.
Als Sinnbild der Versöhnung, ach was, Versöhnung, der unwandelbaren,
eisenfesten Freundschaft, die sie immer verbunden habe!

Weber hatte bald seinen ruhigen Widerstand gefunden, der Phrasenschwall
glitt über ihn hinweg, und er hatte Muße, den Italiener zu mustern.
Ein bitteres Gefühl stieg aus seinem Herzen auf. Schön war der Kerl,
das konnte niemand bestreiten! Welche Figur er machte! Wie ihm der
Staatsfrack saß, wie die Strümpfe sich um die gemeißelten Waden
spannten! Kein Wunder, daß er bei Hofe, wo es ums Äußere ging, mehr
Glück hatte als er mit seiner dürren, armseligen Gestalt! Wie die
Augen leuchteten, wie die Locke malerisch in das bewegte Gesicht
sank! Der kurzsichtige Weber sah scharf, das Mienenspiel verwirrte
ihn nicht. Deutlich nahm er wahr, wie der andere, indes er von warmen
Freundschaftsworten überfloß, den Gegner kühl beobachtend abschätzte
und triumphierend seine bezaubernde Persönlichkeit mit Webers
schlechter Gestalt verglich.

Es war, als töne sich mit einem Schlage das Dämmerdunkel in
freundliches Licht, als schrumpfe der schlanke Italiener in sich
zusammen vor einem großen, breiten Mann. Auch er trug ein Staatskleid,
reicher geziert noch als das des Künstlers, aber es engte und
beschwerte ihn nicht, man fühlte, er war Herr darüber in seiner aus dem
Innersten leuchtenden Kraft, wie über all den düsteren Prunk ringsum.
Unbekümmert um Morlacchi, dessen Gruß er nur mit leichtem Nicken
dankte, schritt er auf Weber zu, schüttelte ihm beide Hände und sprach
mit einer Stimme, die so reich und licht war, wie sein ganzes Wesen:
»Schon lange antichambriert?«

»Ich weiß nicht, Exzellenz, ich hab's nicht wahrgenommen. Zuerst hing
ich meinen Gedanken nach, und dann hat mein verehrter Amtsgenosse mir
die Zeit verkürzt.«

Der Generalintendant wandte den Kopf; sein helles Gesicht verdunkelte
sich: »Sie waren in Audienz, Herr Kapellmeister?«

»Zu dienen, Herr Graf, Ihre Majestät haben mir viel =favore=
bezeugt.«

»Darum fragte ich Sie nicht, das ist Ihre Affäre allein.« Er maß den
Fremden mit einem Blick, der die Abneigung nicht verhehlte. Der
Italiener errötete, aber er hielt stand. Er wußte, Graf Vitztum wollte
mit seinem Günstling noch vor dessen Audienz ungestört sprechen. Das
mußte er verhindern. Jeden Augenblick konnte der König den Gegner rufen
lassen.

»Sie werden an Ihre Arbeit gehen wollen, Herr Kapellmeister! Es wäre
mir ein Vorwurf, die Geburt eines ewigen Werkes zu verzögern. Ihre
Verehrer würden mir das nie vergeben!«

In des Italieners Gesicht trat ein gefrorenes Lächeln, den Zorn über
des Verhaßten Spott verdeckend: »=Mille Grazie=, Exzellenz, für so
große Gunst, die ich nicht meritiere. Ich habe mir heute einen freien
Tag gemacht.«

Frecher schärfte sich das Lächeln. Eine Blutwelle schoß in des Grafen
Gesicht, ein wildes Funkeln trat in die sonst so guten Augen.

Mit einem Ruck warf er alle Rücksicht von sich.

»Dann muß ich Ihm's auf deutsche Art sagen, daß Er hier zu viel ist!
Daß ich mit dem Herrn Kapellmeister Weber einige Dinge zu besprechen
habe, die nur sein Ressort angehen!«

Der Italiener duckte sich unter dem niederprasselnden Zorn. Erst als
der Deutsche ihm den breiten Rücken wandte, richtete er sich langsam
auf, und Blick und Geste des Abgehenden glichen jäh einem Bravo, der
meuchlerisch den Dolch zückt.

»Ich muß Ihnen rasch noch einiges mitteilen, lieber Weber, Sie können
jeden Augenblick gerufen werden. Also fürs erste, die Majestäten
nehmen die Patenstelle an. Es ist gut, daß Sie die Bitte stellen, jeder
vom Hofe tut's, Sie hätten Anstoß erregt, umsomehr, als der Kerl, der
Morlacchi ... lassen wir ihn, freuen wir uns, daß wir ihn los sind. Und
zum Zweiten und noch Wichtigeren. Sie wissen doch, daß die Hochzeit der
Prinzessin auf den Juni festgesetzt ist. Es war kein leichtes Stück
Arbeit, gegen die ganze italienische Bande aufzukommen, aber es ist mir
doch geglückt. Sie sollen, man wird Ihnen ...«

Wieder fegte der kühle Blitz durch den Raum. In der Tür stand ein
Lakai, statuensteif, mit vereisten Zügen, als lade er zum letzten
Gericht. Ein Händedruck noch, ein Griff nach dem Spitzenjabot, den
Degen militärisch gefaßt, wieder lag die Antichambre still. Graf
Vitztum sah noch eine Weile nach der geschlossenen Türe, dann ging er
mit unhöfisch lautem Schritt die Marmortreppe nieder, trat in die mäßig
bewegte Straße und dankte freundlich den Grüßen der Bürger als ein
Mann, der mit seinem Tagwerk zufrieden schien.

       *       *       *       *       *

Frau Karoline Weber strich dem eifrig Erzählenden über das noch immer
unverletzt glatte Haar:

»Es ist ja sehr erfreulich, daß unser Junge so vornehme Patenschaft
bekommt, aber war nicht der Einsatz zu groß? Ist's dir nicht recht
schwer gefallen, so demütig, wie's einmal bei Hofe nicht anders geht,
darum zu bitten? Du unterdrückst es ja immer mir zu Liebe, aber ich
spür's doch, wie schwer es dir fällt, was du Tag um Tag hinunterwürgen
mußt, unsertwegen! Wie viele Zeit bringst du auf so lästige Weise hin,
die kostbar für deine Arbeit wäre! Besonders jetzt, da du ganz erfüllt
bist von deinem neuen Plan!«

Weber blickte ins Unbestimmte an der sorgenden Frau vorüber.

»Es hat alles zwei Seiten«, sagte er dann still. »Manchmal freilich,
da möchte ich am liebsten den Taktstock in den Ofen werfen und auf und
davon laufen, weiß Gott wohin. Aber dann, wenn's vorüber ist, wenn
ich wieder mir gehöre für ein paar Stunden, lieber Gott, immerfort
=C=-Dur, das wäre doch langweilig, muß schon manchmal ein Moll
oder gar eine kleine Dissonanz dabei sein. Und demütig? Ich bin's
nicht. Zumindest kommt's mir nicht zu Sinn. Denn schließlich, der König
ist ja doch mein Herr.«

»Das denkt sich der Morlacchi sicher nicht, obwohl der dir nicht
das Wasser reicht und dir doch in jeder Art vorgezogen wird, daß es
manchmal nicht mehr zum Ausdenken ist.«

Still strich Weber über die erregte Hand der Frau.

»Der Morlacchi ist ein Italiener, der kann das nicht fühlen. Ich
aber bin ein Deutscher. Das liegt im Blut, ich kann nichts dafür.
Ich bin nicht blind und weiß und sehe alles. Aber das ist ja das
Wandelbare, das heute so und morgen anders sein kann. Schau, warum
haben denn unsere alten Baumeister so hohe Türme gebaut, warum gehen
denn die Fugen vom alten Bach so hoch hinauf, daß es ihm selber oft
geschwindelt haben muß? Weil wir aufschauen wollen. Und,« fuhr er
lebhafter fort, »es wird besser, viel besser! Ich hab dir ja noch
das Wichtigste nicht erzählt« -- nun stürmten die lange gedämmten
Worte vor, wie ein Sprudelquell: »Ich hab einen Auftrag! Ich soll die
Festkantate schreiben für die Hochzeit im Juni! Majestät selbst haben
mir's anbefohlen! Ich! Nicht der Morlacchi! Nicht der Italiener, der
Deutsche! Lina, weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß endlich,
endlich jetzt das kommt, wofür ich mich geschunden, wofür ich alles
hinuntergefressen habe! Der Sieg ist da, Lina, der Sieg!«

Karoline Weber sah halb beglückt, halb bangend in das blasse Gesicht,
das jähe rote Flecken trug.

»Wann wirst du denn mit der Festkantate fertig sein?«

»Wie kann ich das wissen? Ich werde jedenfalls nichts zusammenhudeln,
sondern mich bestreben, das Beste zu geben. Das muß was werden, das den
Morlacchi, das die ganze italienische Musik aus dem Feld schlägt!«

»Und der ›Freischütz‹?«

Weber griff sich an die Stirne, wie erwachend. Blaß waren wieder die
Wangen:

»Der Freischütz. -- Der Freischütz? ... Ja, den muß ich jetzt natürlich
aufschieben. Das geht nicht anders.«

Karoline rückte näher:

»Karl, täusch dich nicht! Glaub mir's, der wird dein Sieg werden, nicht
die aufgezwungene Arbeit! Jede Stunde, die du ihm wegnimmst, ist ein
Verbrechen! Schau, mach dich frei, wirf das alles hin, ziehen wir
ganz nach Hosterwitz in die Stille. Ich kann sparen, schränken wir uns
ein, bis du gewonnen hast! Wenn der Freischütz fertig ist, brauchst du
keinen Menschen mehr!«

Starr saß Weber, eine tiefe, steile Falte in der Stirne:

»Glaubst du wirklich? Mir ist's ja manchmal auch so!« Ein Ruck straffte
die zarte Gestalt, die Stirne glättete sich zu stiller
Entschlossenheit:

»Nein. Zuerst muß das fertig werden. Lina, glaubst du, wenn unsere
Soldaten an der Katzbach davongelaufen wären, sie hätten Leipzig
schlagen können? Und meinst du, ich könnte noch eine Note schreiben, so
recht aus dem Herzen heraus, wenn ich hier den Platz, auf den mich Gott
gestellt hat, verlassen würde? Es wäre was zerbrochen in mir, das nicht
mehr zu heilen ist.«

Still küßte er ihre Stirne, schritt nach seinem Arbeitszimmer,
schichtete Notenpapier auf dem Schreibtisch, öffnete das Klavier.
Karoline Weber blieb. Eine seltsame Scheu hielt sie, ihr war, sie dürfe
ihm nicht nahen in dieser Stunde. Wie hatte er gesagt: Aufschauen. Ja,
das durfte sie. Aufschauen.

Sie trat ans Fenster. Im sanften Mondlicht lag ein altes Giebelhaus. Es
glich einem Antlitz, das fromm in den Himmel blickt.

       *       *       *       *       *

Die große Glocke blieb stumm, als der kleine Zug, der den Eltern und
ihrem Täufling das Geleite gab, durch ein Seitenportal die Schloßkirche
betrat. Nur ein paar ganz nahe Freunde waren's, und am Altar
erwartete Graf Vitztum die Feiernden. Der im tiefsten weiche Weber,
der würdigen Andacht der Stunde völlig hingegeben, sah nicht, daß des
Gönners sonst so unerschüttert helles Gesicht heute von einem tieferen
Schatten getönt war, als der dämmerdunkle, heilig-bannende Raum dies
rechtfertigen konnte.

Der Priester kam, alles war bereitet, nur die hohen Paten fehlten.
Warten, warten, warten. Langsam verglitt die Hoheit des Gotteshauses
in Starrheit, die Himmelskühle in Frösteln, die Unendlichkeit in
Endlosigkeit. Zuweilen tat Graf Vitztum einen Schritt nach Weber, trat
überlegend wieder zurück.

Endlich fuhr ein Wagen vor. Fremd drang der Alltagslaut in die Stille.
Nun kehrte Allen rasche Sammlung und Spannung zurück, ihre Blicke
wandten sich nach dem Haupttore.

Feierliche Schritte, näher, näher, alles steht in ehrfürchtiger
Straffheit, bereit, die Majestäten dankbar zu grüßen. Nun schreiten
sie hinter der deckenden Säule vor, das Licht eines Fensters übergießt
sie mit Buntheit, daß ihre Kleider noch greller erstrahlen ... jetzt
sehen es die Gäste, diese Kleider sind Livree, ein Kammerdiener und
eine Zofe. In mehr als fürstlichem Hochmut gehen sie an den Bürgern
vorüber, stehen vor dem Grafen, melden ihm mit leiser, aber umso
selbstbewußterer Stimme, sie hätten Befehl erhalten, das Königspaar bei
der Taufe zu vertreten.

Graf Vitztum mißt sie mit einem wilden Herrenblick, vor dem sie sich
ducken, ballt die Fäuste, hebt sie hoch, sie weichen, er besinnt sich,
läßt die Arme sinken, wendet sich zum Gehen, blickt zurück, sieht in
Webers verzerrtes Gesicht, stellt sich an seine Seite, dicht neben ihn,
bis die Zeremonie vorüber ist und die Paten, sich wieder nur vor dem
Grafen neigend, die Kirche verlassen haben.

Die Gäste treten ins Freie, stehen verwirrt im plötzlichen Licht, atmen
auf, als fiele ein dumpfer Traum von ihnen. Das bescheidene Wägelchen
fährt vor, Kind und Eltern nach dem kleinen Landhause Hosterwitz,
zwei Stunden von der Stadt, zu bringen, dem stillen, alljährlichen
Sommeraufenthalt der Familie. Die Lust zum Taufschmaus ist Allen
vergangen.

Schon will Weber die Kalesche besteigen, da zieht ihn Graf Vitztum
beiseite.

»Ich muß mit Ihnen allein sprechen,« stößt er vor, »heute noch, auf der
Stelle. Es ist ein Opfer, ja,« fügt er langsamer bei, »Frau und Kind
eben nach dem, was sich hier abgespielt hat, alleinzulassen, aber es
geht nicht anders. Nur eine Stunde! Am Abend sind Sie wieder daheim.«

Weber sagt Karoline ein paar erklärende Worte, sie verbeißt tapfer die
Enttäuschung, die Pferde ziehen an, biegen um die Ecke, und so bleibt
der Frau ein Anblick erspart, der sich vor den beiden Männern grell
enthüllt: Zwei Hofwagen, in dem einen Morlacchi, Signorina und Kind,
im andern das höchste Paar des Landes. Alle Glocken der Schloßkirche
dröhnen Triumph. Das neugierig drängende Volk bildet eine Gasse, und
durch diese trägt der König den respektlos schreienden Säugling zur
heiligen Handlung in die weit und golden aufgetane Kirche.

Schweigend schreiten Graf Vitztum und Weber durch die Gassen.
Stocksteif gehen sie. Einmal hebt der Graf die Hand, sie Weber tröstend
auf die Schulter zu legen, zieht sie zurück, sie ballt sich zur Faust.
Vor einer in Giebelenge versponnenen Weinschenke hält er:

»Gehen wird da hinein. Um diese Stunde ist niemand drinnen.« Wortlos
sitzen sie in einer dunklen Ecke. Gierig nach Betäubung stürzt Graf
Vitztum das erste Glas in sich, und als der Römer frischgefüllt vor ihm
leuchtet, sagt er endlich:

»Das hat noch gefehlt. Das war das Letzte. Nun steht's fest.« Wieder
trinkt er in langen Zügen, setzt zum Reden an, schüttelt den Kopf,
trinkt, schlägt mit der Faust auf den Tisch, daß Weber auffährt, erfaßt
dessen Hand, umspannt sie mit schmerzendem Druck.

»Einmal muß es heraus«, keucht er. »Ich war daran, es Ihnen schon
in der Kirche zu sagen, hab's mir überlegt, wollt Ihnen das schöne
Fest nicht verhunzen. Schönes Fest! Wär schon einerlei gewesen! 's
ist wirklich schon einerlei, nach dem, was heute geschehen ist. Nach
dieser, ja, eine Hundsfötterei war's,« schreit er, »eine Hundsfötterei,
und wenn's nicht der wär, dem, dem man nicht ankann, Herrgott, der
alles tun darf und keinem Rechenschaft geben muß, er müßt mir,« zum
Flüstern sank die Stimme, »vor den Degen.« Der Graf wischte sich die
Tropfen von der breiten Stirn. »So weit kommt man. So weit. Wie viele
von meinen Ahnen haben sich zusammenhauen lassen für das Haus. Auch
ich hätt's getan, bei Gott. Immer war ich ihm treu, auch wie's am
schwersten war. Als ich in der verfluchten irrsinnigen Zeit, die, Gott
sei Dank, vorüber ist, mit den Franzosen zusammen gegen Deutsche ritt.
Ja, das hab ich getan und 's ist mir damals gar nicht aufgegangen, was
ich tat. Der König hat's befohlen, gut. Bis zu dem einen Tag. Weiß
nicht mehr, wo's war, ist alles im roten Nebel, auch im Erinnern noch.
Führte eine Schwadron Kürassiere. Uns gegenüber preußische Landwehr.
Rannten wie die Teufel gegen uns an, brüllten was allesamt, das ich im
Lärm und Wirbel nicht verstand. Und dann ging's los. 's ist mir, wie
gesagt, nur wie ein roter Traum heute. Nur eines seh ich vor mir: Ein
junges, blasses Gesicht, irre Augen, ein verrissener Mund, der wieder
etwas schreien will, gerade in diesen Mund fetz ich hinein mit meinem
Pallasch. Vornüber fällt er, am Pferderücken vorbei, auf mich, die
zerfetzten Lippen sagen noch das Wort, ganz leise, aber nun verstand
ich's deutlich, in den Ohren gellt's mir, ins Herz krallt sich's mir
ein: Vaterland.«

Des Grafen Haupt sank, die Augen starrten. Es war, als lausche er. Dann
riß er sich auf, trank und sprach still weiter:

»Ich habe auf der Stelle meinen Abschied genommen. Aber ein paar
Jahre später, nach Leipzig, hab ich mich wieder gemeldet. Bei Ligny
hab ich gut gemacht, was möglich war. Aber es war noch nicht genug.
Immer wieder ist das blasse Gesicht vor mir aufgeschienen, immer und
immer hab ich das Wort gehört. Es ist eine verflucht tote Zeit, in
der man's nicht mit dem Säbel übertäuben kann, eine ekelhafte Zeit
für unsereinen. Da hab ich hier einmal die wälsche Oper gehört, das
heißt, einen Akt, dann bin ich davon. Der Ekel ist mir hochgestiegen,
hab mir gedacht, haben wir's nötig, die wir die ganze Welt geschlagen
haben? Gibt's keine deutsche Kunst? Und dann hab ich angefangen, kein
Mittel war mir zu schlecht, was hab ich alles getan! Weiß selber nicht,
wie's mir gelungen ist. Denn, daß ich nicht sehr beliebt bin droben
seit damals, wissen Sie ja. Aber es ist doch gegangen. Nur einer hat
noch gefehlt, der Mann, der deutsche Künstler. Der Mozart ist tot, der
Beethoven ist verrückt. Also wer? Da hab ich, weiß auch nicht mehr wo
und wann, ihre Körnerschen Lieder gehört. Und hab's gewußt, der Mann
muß her. Und so haben denn wir zwei ...« Ein neuer Trunk gab der Stimme
Festigkeit. »Ich rede da alles mögliche herum, und hab noch immer nicht
das Wichtigste und Schwerste heraus, daß heute alles aus ist und alles
umsonst war. Ja, 's ist so.« Schwer, stoßweise rangen sich die Worte
vor:

»Mein lieber Weber, Sie brauchen an Ihrer Festkantate nicht
weiterzuarbeiten. Ihre Majestät haben anders verfügt. Ich muß wohl
nicht sagen, wer Ihr Ersatzmann sein wird.«

Eine Uhr schlug in die grausame Stille. Starr saß Weber, eine bleiche
Maske das Gesicht, bis endlich langsam aus seinen Augen die Tränen
schlichen. In jähem, wildem Aufbäumen verhüllte er das Haupt. Graf
Vitztum sprang auf, daß das Glas fiel und der Wein über den Tisch rann,
umfing den Gebrochenen.

»Aber, Weber, Mensch, Meister, Freund! Ich hab's ungeschickt und roh
herausgesagt, zum Diplomaten war ich immer verdorben! Aber ich mußt' es
doch sagen! Und es ist doch auch einerlei. Ein solcher Kerl wie Sie,
der die Unsterblichkeit in der Tasche trägt, ist doch nicht von der
Laune eines undeutschen Narren abhängig! Ein paar Leute kenn ich schon
noch, die was für mich tun, in Berlin, in Kassel! Dort wird man Sie
besser einschätzen, auch in punkto Dukatens, mein Lieber! Kopf hoch!
Vielleicht gehe ich sogar mit, ja, hab hier nichts mehr verloren. Hab's
ihm heute schon vor die Füße geschmissen! Bin frei, mir kann keiner
mehr was sagen!«

Er hielt inne. Die Tränen in Webers Auge waren versiegt, klar ruhte
sein Blick auf dem Grafen.

»Sie gehen? Wahrhaftig, Sie gehen?«

»Was soll ich denn tun? Das, was man Ihnen antut, ist doch mir
vermeint! Man haßt mich doch bei Hof, man will mich draußen haben!«

Webers Stimme zitterte: »Um Vergebung, wenn ich jetzt etwas sage, was
mir wohl nicht zukommt, aber es muß gesagt sein und ich weiß nicht, wie
anders ich's auch ausdrücken soll. Sie waren doch Soldat, Herr Graf.
Haben Sie je einen Posten verlassen, auf den Sie gestellt waren?«

»Damals, als ich meinen Abschied nahm. Ich erzählte 's Ihnen ja eben.«

»Da zwang Sie Ihre Überzeugung, das meine ich nicht. Aber jetzt ist's
doch eben das Gegenteil!«

»Ich kann doch nichts mehr nützen hier! Ist ja alles verloren!«

»Das ist nicht wahr,« sagte Weber stark, »solange wir bleiben, nicht!«
Wieder ein Schweigen. Graf Vitztum saß tiefgesenkten Kopfes, als
forsche er in sich hinein. Endlich begann er, langsam, unsicher
tastend:

»Ich hab nie viel über mich nachgedacht, hab nur immer getan, was
ich tun mußte. Jetzt aber ist mir wieder ein Erinnern gekommen, das
hat mir mit einemmal manches in mir klar gemacht. Es war, glaub ich,
auch bei Ligny. Wir waren Reserve und warteten. Aber die Franzosen
hatten uns irgendwie entdeckt, und ihre Artillerie nahm uns unter
Feuer. Eine Stunde um die andere verging, bis endlich der Befehl zum
Angriff kam. Ich habe nie mehr im Leben solch ein Gefühl der Befreiung
gehabt. Und heute weiß ich, wenn der Befehl nicht gekommen wäre, ich
wäre ausgerissen, jawohl, ausgerissen, nach vorne oder rückwärts,
gleichviel. Das steckt mir im Blut. Alle meine Ahnen haben immer nur
dreingehauen, ducken und ertragen hat keiner von ihnen gelernt. Sehen
Sie, so ist's heute wieder. Geben Sie mir freie Bahn! Lassen Sie mich
kämpfen, ob mit dem Säbel oder dem Maul, einerlei! Nur hocken und
warten und all diese Kübel von Gemeinheit auf mich niedergehen lassen,
das kann ich nicht. So sag ich Ihnen noch einmal, gehen wir fort, wir
beide, nach Preußen, nach Hessen, einerlei, irgend wohin, wo wir atmen
und schaffen können!«

Still saß Weber, sein großes Auge sah an dem Grafen vorbei. Noch einmal
zuckte es weich über das feine Gesicht, noch einmal formte sich der
Mund zu einem ungesprochenen Sehnsuchtswort, dann schloß er sich herb,
die Züge festigten, versteinten sich, die Blicke fanden ein Ziel.

»Ich trag zwar ein ›von‹ bei meinem Namen, aber damit ist's nicht weit
her«, sagte er leise. »Meine Ahnen zählten, das fühl ich in mir, zu
den Tausenden, die nicht führten und kämpften, die unter harter Fron
standen und tausend Bitternisse ertragen mußten. Aber sie haben's
ausgehalten. Sie sind auf der Scholle geblieben. Wenn ich auch heute
ein unstäter Wanderer geworden bin, das habe ich von ihnen geerbt. Ich
bleibe.«

Ein fassungsloses Staunen trat in des Grafen Auge. Scheu blickte er zu
dem bleichen Antlitz auf, über dessen vielfältigem bunten Seelenspiel
der Panzer des Willens lag. Dann senkte der Vornehme das Haupt, als
beuge er sich vor dem Kleinen, Unscheinbaren, der nicht wußte, woher er
kam. Und mit ihm beugte sich ein starkes Geschlecht der Erwählten vor
der Kraft eines Volkes.

       *       *       *       *       *

Weber hatte den Wagen des Grafen abgelehnt und wanderte nun durchs Tor,
die Landstraße fort, in den späten Tag hinein. Hinter ihm im Glanz des
Westens lag die gleißende Stadt, vor ihm der sich immer dunkler tönende
östliche Himmel. Aber all dies sah Weber nicht. Er fühlte auch nicht
die in melodischen Linien vorübergleitende Landschaft, die wallende
Elbe, die lichten Häuslein, die sanften Weinberge, die weiße und rosige
Blütenflut. Dies alles hatte sich ihm sonst in Tönen gedeutet, wie
alles Schöne ihm zu Klang wurde. Heute blieb es stumm. Denn in ihm
wallte es regellos, von keiner Harmonie geklärt. Dem Grafen gegenüber
hatte ihn die Kraft seines Entschlusses aufrecht gehalten, nun aber,
allein in der heute fremden, verständnislosen Weite, wurde er ein Raub
der dunklen Gedanken, die stärker waren als die lösende, ersehnte Kraft
des Wanderns.

Dunkler, dunkler wurde es über ihm. Die schwarze Wolke blähte sich,
kroch, tückisch vorerst, dann rascher und herrischer, den Himmel auf,
drängte das letzte ängstlich-fahle Licht zurück, blendete das machtlos
erlöschende Auge.

Die Gegend wurde einsam. Kein Haus mehr, die Felder verloren sich in
zweckloses Gelände. Dann trat Weber in die Nacht des Waldes. Das jähe,
noch tiefere Dunkel weckte ihn, bannte seinen Fuß, riß seinen Blick
hoch. Nun überfiel ihn mit doppelter Gewalt die Angst der Stunde.
Weiter, weiter! Schwer war der Fuß, der ermüdende Leib. Die Erde
hielt ihn, die Äste hemmten ihm den Weg, aber in ihm war, stärker als
in allem ringsum, von der eisernen Gewalt umzwängt, die zitternde
Ruhelosigkeit.

Nun erfaßten Webers schmerzhaft geschärfte Sinne die Umwelt: da war
der Wald, der sich mehr als eine Stunde weit hinzog, seitab ein paar
Schritte von hier die Schlucht. Sie ist verrufen im Volk, der wilde
Jäger spukt darin in entfesselter Nacht, zuweilen gar der Teufel. Wie
oft hatte er mit Karoline der ängstlichen Leute gelacht. Heute sprang
ihm das Fabelwort an die geschnürte Kehle, griff mit kalter Hand an
sein Herz.

Nun ging ein Wehen durch die Stille, ein banges Flüstern. Langsam lösen
sich die Schatten aus dem Dunkel, flattern, umhuschen des Wanderers
Haupt. Riesige Vögel; sie schließen einen Kreis um ihn, begleiten ihn,
lautlos hüpfend und flatternd, sehen ihn an aus großen, höhnenden
Augen. Quer über den Weg läuft es, steht höllengrell im Schein des
ersten fernen Blitzes, Feuer bricht aus Rachen und Nüstern. Höher an
schwillt das Wehen, schweigt, setzt ein mit stärkerer Wucht, zerrt
die Äste, beugt die Bäume, den, jenen, wächst auf zum Brausen, eine
Wolkenhand faßt den Wald, beugt ihn nieder, reißt ihn wieder auf, fetzt
Äste, hebt Wurzeln hoch, schmettert Wipfel und Stämme. Schutzsuchend
verkrampften sich die bleibenden, vermengen sich zu einem ächzenden,
heulenden, krachenden, dröhnenden Gemenge. Wolken, Bäume, Erde sind
ein sinnloses Wirrsal. Aber nun lösen sich Laute daraus, Wiehern,
Peitschenknallen, Pferdegetrapp, heulender Hussahruf, Blitze schnellen
aus teuflischen Büchsen, jeder Schuß trifft, ein Baum verdröhnt, eines
Tieres Todesschrei ertrinkt im höhnenden Brausen. Immer wieder werden
sie sichtbar im blauen Licht, schattenhaft und doch voll furchtbarer
Gewalt. Hunde fletschen den Höllenrachen, feuernde Pferdehufe über
des Wanderers Haupt, zauberische Hirsche senken drohend ihr Gehörn,
teuflische Jäger zücken den Dolch nach seiner Brust.

Vorüber. Tiefschwarze Nacht. Einen Augenblick Stille, das Furchtbarste
erwartend, das nun kommen muß, dann Blitz auf Blitz, Blitz auf Blitz,
hieher, dorther, immer näher rücken die zwei Gewalten aus Ost und West,
nun ein Anprall, ein Feuerschwert spaltet die Welt, im Urweltdonner
versinkt sie ins Nichts, die Hölle gellt ihr schrillstes Lachen,
tausend Teufel schnellen blaue Freudenlichter durch die schwarze Leere.
Und dann stürzen die Wasser der Sündflut nieder, das letzte Leben zu
vernichten.

       *       *       *       *       *

Immer noch rollen die Donner, züngeln die Blitze vor des Überwachen Ohr
und Auge, als er schon längst im warmen Bett liegt. Aber Karolinens
sanfte Hand und der beruhigt rauschende Regen streicheln die glühenden
Lider zur Ruhe.

Noch in den ersten Schlaf grellen und donnern die Schrecken der Nacht.
Aber Gott und die Liebe, segnendes Rauschen und gütige Frauenhand
finden auch den Weg in den Traum. Mildern und glätten das Grellen
zum strahlenden Licht, das Donnern und Brausen zu gewaltigem Klang.
Und der teuflische Wirrwarr, den er durchlebt hat, löst sich zur
Himmelsharmonie der Musik.

       *       *       *       *       *

Noch schläft alles im Hause, noch ruht das Land im ungewissen
Silbergrau, da sitzt Weber, aus erquickendem Schlummer erwacht, am
Arbeitstisch, und der freundliche Gott, der ihm auf den leisen Füßen
des Morgens naht, führt ihm die Feder und segnet das neue Werden seines
Werkes, dem er nun wieder ganz gehören darf. Aber auch der Gott des
Zornes, der sich ihm gestern geoffenbart, birgt keinen Schrecken mehr.
Der sanfte Herr des Morgens streicht über des Schaffenden klare Stirne:
»Mußte ich dir nicht im Wettern erscheinen, auf daß du mich erkennst?«
fragte er lächelnd. Einen Abglanz trägt nun Webers helles Gesicht. Und
im dankbaren Erschauern fühlt er in sanfter, verklärender, gnadenvoller
Macht, wie selig er über den Dingen der Erde schwebt, wie nahe er dem
Herrn ist in dieser Stunde.

Jubelnd ruft ihn der Tag. Er folgt ihm in die reine Luft, in das
starke Leuchten des Lebens. Die jungen Felder wehen, die Blütenbäume
leuchten, ein Spiegelbild der guten Wolken, in ernster Freude steht
unerschüttert der Wald. Eine Glocke singt ihr ungestörtes Lied,
Mädchenkleider flattern blumenhell, Kranzjungfern holen die Braut ein.

Und Webers Arme breiten sich, als wollte er die ganze liebe deutsche
Welt umfangen.

       *       *       *       *       *

Erst nach der zweiundvierzigsten Probe sagte Gasparo Spontini,
der Generalissimus der Berliner Musik, den Sängern, Musikanten
und Regisseuren seine allerhöchste Zufriedenheit und meldete dem
Könige, daß nun der Aufführung kein Hindernis mehr im Wege stehe.
Immer größere Wellen zogen die Gerüchte von der nun zu erwartenden
Herrlichkeit. Friedrich Wilhelm ›der Sparsame‹ hatte 20000 Taler aus
der Privatschatulle bewilligt, das Orchester war verdreifacht worden,
der Chor agierte in zehnfacher Stärke. Es ging die Sage, daß sogar
leibhafte Barone und Hofdamen der guten Sache zu Liebe mitten unter den
Plebejern so niederen Dienst taten. Und einige Stunden vor Beginn der
Oper verließen ein paar würdevolle Elefanten ihre Ställe und trabten,
vom Jubel des Volkes begleitet, durch die Gassen, bis das Tor des
Opernhauses sich hinter ihnen schloß. Zum Schluß erließ der Präsident
des Zensurbeirates das strenge Verbot an alle Berliner Blätter, die
Musik des Herrn Spontini in irgendwelcher Weise zu tadeln. Fürst und
Hof, Generalität und Beamtenschaft beugten sich vor ihm, und indes
der Hohenzoller in einer bescheidenen Karosse nach dem Theater fuhr,
zogen den Großen, der heute wahrhaft König war, sechs blumengeschmückte
Rappen nach der Stätte des unbestreitbaren Triumphs. Ihm folgte der
endlose Zug der Wagen, mit allem was Namen, Rang und Ahnen besaß,
und füllte das Theater mit gezierten Galafräcken, goldüberhäuften
Uniformen, Juwelen und kostbaren Frauenkleidern. Aber sie waren nur
ein Auftakt zu dem unerhörten Gepränge, das die Bühne den Überraschten
bot. Und mit diesem Glanz einte sich die aus prunkender Sicherheit
geborene, sieghaft-dröhnende wälsche Musik, einer Schönen gleich, die
gewohnt ist, die Welt vor sich demütig im Staube zu sehen. Nach jedem
Aktschluß gab der König das Zeichen zum Applaus, in den das ganze
vornehme Berlin einstimmte. Freilich, die Herzen schlugen nicht so laut
wie die beifallspendenden Hände, und auch die Augen leuchteten nicht
heller, als des Königs Beispiel dies vorschrieb. Sie Alle trugen nicht
mehr davon, als den Nachhall eines Dröhnens und den Abglanz einer fast
schmerzenden Pracht. Der Widerhall dieses Triumphs aber posaunte aus
allen Gazetten der großen Stadt. Auf Befehl des Königs wurde die Oper
»Olympia« vierzehn Tage lang =ensuite= angesetzt. Der »Freischütz«
des Herrn Karl Maria von Weber, den sich der Intendant Graf Brühl hatte
unbegreiflicher Weise aufschwätzen lassen, wurde auf den achtzehnten
Juni verschoben.

Den Mut der deutschen Partei hatte der rauschende Erfolg
niedergedröhnt. Gedrückt schlichen die Vaterlandsfreunde durch
die vom Lobe des Maëstro widerhallenden Gassen. Nur ein einstiger
Landwehroffizier schwenkte das Zeitungsblatt mit der bösen Post so
hoch, als es sein halblahmer Arm erlaubte, und sagte:

»Ausgezeichnet! Der achtzehnte Juni ist der Tag von Belle-Alliance!«

Die zweite und dritte Aufführung der großen Oper war noch vom neuen
Reichtum gefüllt, der es dem Hof und Adel nachtun wollte, die vierte
und fünfte von Neugierigen aller Art, denen es vornehmlich auf das
niegesehene Prunkwerk ankam, die sechste und siebente wiesen Lücken,
und am achten Tage liefen die Theaterdiener in alle Kaffeehäuser und
Bierstuben und boten Freikarten aus. Hochauf reckten sich die Jahnschen
Turner, die alten Lützower, die jungen Studenten, wenn sie von oben her
das Geschenk ablehnen und beifügen konnten, sie hätten die Elefanten
schon in Herrn Schulzens Tierbude auf der Hasenheide gesehen.

Der Jahrestag von Belle-Alliance brach an. Nur wenige Wagen hielten
heute vor dem Theater. Aber der Strom der Fußgänger nahm kein Ende. Aus
dem Gewirre stach das Turnerkleid, glänzten die frischgeputzten Knöpfe
alter Lützower- und Landwehruniformen, und aus der Menge der biederen
Hüte ragte da und dort ein junger Kopf, der sein altdeutsch-langes Haar
frei im Sommerwinde wehen ließ.

In schwerer Erwartung atmete das Haus. Brach los im ersten grüßenden
Sturm, als Weber an das mit Rosen bekränzte Pult trat. Dreimal senkte
er den Taktstock, dem immer wieder einsetzenden Willkomm zu danken.
Dann spann der Wohllaut der Ouvertüre seinen Duft durch den Raum.

Die Anhänger Spontinis, mit denen von einer geschickten Regie das
ganze Theater durchsetzt war, hatten strengen Befehl, das Zeichen
des Führers, der allen sichtbar in einer Proszeniumsloge stand,
abzuwarten. Neben dem feinen, zarten Herrn saß ein uralter Student,
der seine Blüchersche Uniform trug und böse nach Knaster und Juchten
stank. Eben in dem Augenblick, da der letzte Ton des Vorspiels
verklang, zog der Italiener das parfümierte Taschentuch, die Attacke
auf seine empfindliche Nase abzuwehren. Das hielt ein Übereifriger
für das verabredete Signal, brach los, ein zweiter, dritter, alle
stimmten ein, dröhnten ihr Pfeifkonzert in den anhebenden Beifall,
der verzweifelten Gesten des Generals nicht achtend, der vergeblich
bemüht war, den verdorbenen Schlachtplan einzurenken. Bis er eine wilde
Pranke am Nacken fühlte, ein tabakduftender Mund ihm Soldatenflüche ins
schreckensbleiche Gesicht schrie und er mit einem Male im Freien stand,
in der lächelnden deutschen Juninacht. Er war nicht lange allein. Rasch
sammelten sich seine Getreuen. Nun zischte die ganze in Angst erstarrte
Wut aus ihm nieder auf die Sünder, die nun wieder, da ihr Amt zu Ende
war, seine Herrschaft nicht mehr anerkannten, und bald füllte jener
ohrenzerreißende Lärm nutzlos die Gasse, der eigentlich bestimmt
gewesen, zur größeren Ehre des göttlichen Spontini die verhaßte
deutsche Oper zu erdrosseln, die nun drinnen ihren nicht mehr gestörten
Fortgang nahm.

Zuerst verdoppelter Beifallssturm, und dann =dacapo=-Rufe aus
allen Ecken, die sich zum Unisono einten. Noch einmal genossen sie die
Musik des Vorspiels. Zuerst fühlten sie nur den Zauber des Klangs. Aber
schon als der Vorhang aufging, flüsterte eine Frau dem Gatten zu:

»Ach, sieh mal, sieht das nich aus wie die Waldschenke bei Köpenick?«

Und ein Nachbar nickte gewichtig: »'n Schützenfest. Ich bin ooch mal
linker Ritter jewesen in Lichterfelde.« Aber dann verstummten sie vor
dem zwingenden Wohllaut in Maxens Wälderlied.

»Jetzt ist wohl ihr Fenster offen ...« Wie vielen Jünglingen war's, als
sänge es ihr eigenes Herz! »Meinst du nich, daß unsere Rieke ein wenig
dem Ännchen gleicht? Sie ist doch immer so munter vorne weg wie jene?«

»Da haben Sie's gut. Meine Jette, die hat 'ne schwere Hand wie die
andere, die Agathe, sie bringt's fertig und sieht 'n janzen Abend lang
egal in 'n Mond!«

Dann aber verstummten auch diese. Denn sie erschraken vor einer
plötzlichen Erkenntnis. Was da droben vor sich ging, das waren sie,
das war ihr eigenes Leben. Manches alten Burschen Herz tanzte Kaspars
höllisches Trinklied mit, manches Jungen, Langgelockten unbestimmte
Sehnsucht ließ sich wohlig tragen von des liebenden Jägers zarten
Melodien. Sie alle, auch die Mutigsten, hatten bangend die Schauer
einer Wetternacht im wilden Walde durchbebt, sie alle die Traulichkeit
des deutschen Heims empfunden, die ihnen hier aus schlichten Tönen
entgegenklang. All das Widerspruchsvolle ihres Wesens, Liebe zur Heimat
und Drang in die Ferne, Friedenverlangen und Rausch der Kampflust, das
alles sahen sie vor sich, gedeutet, erhöht, verklärt. Und sie, die oft
gedrückt und am eigenen Lande verzweifelnd zur Fremde aufgeblickt,
erkannten befreit ihres Wesens Wert, das, mündig geworden, allein
bestehen konnte. Denn da droben war jeder Widerspruch zur Harmonie
gelöst, in den Klängen pulste ihr eigenes Herz.

Tief ein drangen die Melodien ihnen in Seele und Blut. Erfüllt davon
traten sie dann in die weiche Nacht. Die Linden rauschten über ihnen
wie der ewige deutsche Wald. Eines Landwehrhauptmanns Sporen klirrten
im Takt von Kaspars Trinklied, ein junger Student sang Maxens und sein
eigenes Sehnen in den wohlgefällig niederschauenden Mond, ein paar
Mädchen summten das Lied vom Jungfernkranz. Sie alle trugen träumend
die Siegeskunde durch die bewegte Stadt ...

»Sieg.« Auf den Wangen der Kämpfer von einst glühte er, aus den
schwarz-rot-goldenen Bändern, die heute seit Jahren zum ersten Male
dem Verbote trotzten, leuchtete er, mit den Fackeln flammte er zu
dem Gefeierten auf, der im Fenster des Beerschen Hauses stand, von
den Getreuesten umgeben. Und dann stieg das große kaum geglaubte Wort
aus seinem Werk, aus »Lützows Jagd«, aus »Männer und Buben«, aus dem
»Schwertlied«.

Immer mehr Stimmen fielen ein, es war, als dröhnte die Stadt, das Land,
das ganze beglückte Volk.

Dann Stille. Einer tritt vor, dem zuerst der Schauer des großen
Augenblicks die Stimme bricht, die sich aber dann an der Herrlichkeit
der Stunde aufrankt zu desto stärkerem Klang:

»... Zum zweiten Male wurde heute Belle-Alliance geschlagen! Ein
Lebehoch dem Blücher der deutschen Kunst!«

Aufrecht, aus seinem Wesen gelöst, über sich selbst erhoben, steht Karl
Maria von Weber. Der Gattin überselig-kalte Hand ruht in der seinen. Er
fühlt es nicht. Ihm ist, er halte ein Schwert.




Der Berg




Seit Peter Cornelius den Brief erhalten hatte, der ihn zu Richard
Wagner rief, war sein Handeln traumhaft und das eines Menschen gewesen,
der, seines eigenen Wesens kaum bewußt, unter einem übermächtigen
Zwange steht. Erst der Ruck des anfahrenden Zuges hatte sein Ich wieder
über die Bewußtseinsschwelle geschleudert. Nun wachte es hilflos,
verwirrt und mußte der zwingenden Macht ins unerschütterte Auge sehen.
Diese Augen, diese furchtbaren Augen! Furchtbar. Waren sie furchtbar?
Konnte nicht vollste Liebe aus ihnen leuchten? Freundschaftliche
Sorgsamkeit? War ihr Zauber nicht oft zart, weich, süßtönend, wie die
Betörung des Preisliedes? Ja, ja, tausendmal ja! Unwiderstehlich,
herrlich war das alles! Aber warum dann diese steil wie eine Flamme
schnellende oder heimlich wie ein Eisschauer aufkriechende Angst,
dieses Atemschnüren und Herzpressen, als ging es ums Leben? Das war das
Rätsel, das Zwiespältig-Verzehrende. Peter Cornelius sann ihm nach im
ewigen Gleiten des Zuges.

Das ungestört sich fortwebende Geräusch beruhigte ihn. Das Gerüst des
Rhythmus umkleidete sich allmählich mit Musik. Eine Melodie. Ein Lied,
dessen Keim ihm gestern auf einem einsamen Spazierweg aus gestilltem
Herzen erwachsen war, bis der Brief, der Ruf aus der Ferne, es wieder
ins dunkle Nichts gestoßen hatte.

Der Zug fuhr schneller. Das Lied verklang. Die wilder sich drehenden
Räder zermalmten den zarten Leib. Eine andere Musik sprach aus dem
wühlenden, dröhnenden Takt. Groß, gewaltig, stark, überreich, wie das
Lächeln, die Sorge, die Güte, wie alles, alles, das an dem Andern war,
ihm angehörte, aus ihm wurde. Peter Cornelius sank in sich, fühlte das
Rauschen, fühlte es mit der Angst des Erstickenden. Und doch war eine
Sehnsucht in ihm, den letzten Rest des Lebens in die machtvolle Flut zu
senken, ganz in ihr zu vergehen.

Der Zug hielt mit hartem Ruck, die Musik schwieg, wieder wurde Peter
Cornelius sich seines Wesens bewußt. Am Nachbargeleise hielt der
Gegenzug. Die Rettung! Rettung. Nichts anderes dachte er, nichts
anderes durchzuckte sein Hirn, als dies grelle Wort. Er riß den Koffer
aus dem Netz, stieß die Wagentüre auf, stand auf dem Stufenbrett. Sein
Schritt stockte. Der Ruf aus der Ferne klang auf. Übermächtig, seine
Angst, sein Ich übertäubend. Der Nachbarzug zog an. Entglitt. Der
Schrei des Schaffners trieb Peter Cornelius auf seinen Platz zurück wie
ein aus der Herde gebrochenes Tier.

Wieder der Rhythmus der Räder. Der Einsame versank in der dumpfen
Unabänderlichkeit.

Er hatte den Freund nicht von seinem Kommen verständigt, um sich nicht
den letzten tröstenden Trug der Freiheit des Handelns zu rauben.
Niemand erwartete ihn. Er stellte den Koffer auf dem Bahnhofe ein,
fragte nach dem Weg und ging dann langsam, jeden Schritt als ein
letztes süßes Geschenk genießend, die stille Dorfstraße fort.

Hinter dem letzten Hause zweigte der Feldweg ab, den man ihm bezeichnet
hatte. Er führte durch eine Blumenwiese voll ungemessener bunter aber
doch schlichter Pracht. Noch lag trotz der späten Tagesstunde über ihr
ungestört die süße Last der duft- und sonnenschweren Luft, noch spannen
die Honigträger ihre vielstimmige, nie erlahmende Musik. Tiefatmend
trank Peter Cornelius den Zauber. Noch einmal rief die ferne Stimme.
Aber die süße Gewalt der Stunde stärkte ihn. Er durfte verweilen,
niemand erwartete ihn, noch war er frei. Er sank nieder in die bunte
Flut. Fühlte sein Herz, fühlte die Blumen, fühlte wie das Herz ihnen
verwandt war. Blühen und stille sein, gab es ein schöneres, Gott
näheres Los? Traumhaft wuchs aus ihm sein Lied, fand seinen Orgelpunkt
im Sang der Käfer und Bienen und fühlte sich so der Gotteswelt in
unerschütterlicher Sicherheit verbunden.

In den Duft des Tages strich erster Abendhauch. Die Musik verstummte.
Die warme Luft verhauchte, kühl atmeten die Blüten und Gräser. Peter
Cornelius' Herz erwachte. Langsam erhob er sich, fremdgeworden schien
die Welt. Er schritt gesenkten Blicks den Weg weiter, kaum des Ziels
bewußt. Scharf bog der Weg, fühllos kalt wehte die Luft, Peter
Cornelius sah auf, sah in das unbewegte schneebleiche, streng gefurchte
Antlitz eines hohen Berges. Der Rest des vielfältigen kleinen Taglebens
verstummte, ertrank im Dunkel, das dichter aus der Tiefe quoll. Selbst
die Halme, die noch im Abendwind vor dem kommenden Ewig-Unfaßbaren
gebebt, ergaben sich dem großen Willen der Nacht, der starr aus dem
Antlitz des Berges niedersah auf die unterjochte Welt.

Peter Cornelius schritt rascher aus, die Wärme seines Lebens zu fühlen,
den Laut seines Schrittes zu hören, aber sein Blick haftete an dem
Berge. Immer wenn er versuchte, ihn zu lösen, erfaßte ihn die stille,
kalte Macht und gab ihn nicht frei.

Am Fuße des Berges, von der Flut seines Geisterlichtes übergossen, als
sei es ein Teil von ihm, lag ein Haus. Aus ihm drang Musik. Aber sie
war kaum als Äußerung einer anderen Wesenheit erfühlbar, groß, klar,
unerbittlich, erhaben über allem Lieblich-Kleinen, war sie die Stimme
des Berges, die Stimme der Nacht.

Peter Cornelius stand still. Sein Schritt hatte nicht die Kraft, gegen
die tönende Macht, sich aufzulehnen, der Wanderer ergab sich ihr.
Allmählich gelang es dem Musiker, sie aus der bannenden Umwelt zu
lösen; er versuchte, nach den Regeln der Zunft sie zu teilen und zu
gliedern, umsonst, die Teile fügten sich wieder zum ungeheuren Ganzen,
nur dieses blieb, übermächtig, Ergebung fordernd.

Wagners freudiger Willkommschrei klang nach in den überfeinen Nerven
des Gastes, als ein Fremdes, Unbegreifliches. Ein warmes, stilles
Wort, ein stummer Händedruck, das hätte ihm wohlgetan. Sein Verstand
sagte ihm, daß er Unrecht tat. Daß er, den das große Ich des andern
quälte, nun sich selbst zum Maß aller Dinge machte. Umsonst, noch immer
schmerzte der Nachhall des Schreis. Kaum verstanden rauschte Wagners
Rede über ihn fort. Das Kommen des Gastes hatte jäh die Schleusen,
damit der Einsame seine Seele fesselte, durchrissen, nun brauste
die lange gestaute Flut. Er sprach von sich, nur von sich. Und dann
wandelte sich die Rede zum Klang. Kaum merkbar floß sie über in jene
Musik, aus der das Antlitz des Berges starrte und die erdferne Gewalt
der stummen Nacht.

Über Peter Cornelius floß Müdigkeit. Das Bild des Berges verblaßte,
die Musik wogte an ihm vorüber, ohne in seinem Fühlen und Begreifen zu
haften. Dankbar empfand er, wie seine gespannten Nerven sich lösten.

Die Musik schwieg jäh, die Stille riß Peter Cornelius zu schmerzender
Überwachheit.

»Du bist müde«, sagte Wagner. »Du folgst mir nicht!«

Die beteuernde Geste des Gastes erstarb in der Macht der Stimme.

»Ja, du bist müde!« Mit ein paar hastigen Schritten zwang der Meister
die Enttäuschung nieder und fand zur Besinnung.

»Du mußt ja müde sein und hungrig, nicht wahr?«

Peter Cornelius ergab sich. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen,
jetzt kam's ihm erst zu Sinn.

Mit einem Schlag wandelte sich Wagner und war nichts als sorgender
Gastgeber. Er läutete gellend, er schrie nach dem Flur, rannte die
Treppe nieder, seine scheltenden, beschwörenden Worte tönten aus
der Küche auf, er hastete zurück, riß selbst das Tischtuch aus der
Lade, lachte überlaut, weil Cornelius helfen wollte und sich recht
ungeschickt anstellte, warf Gabeln und Messer, klirrte mit Gläsern
und Flaschen, entkorkte sie, prüfte die Blume des Weines und war so
ganz dieser Tätigkeit hingegeben, als sei sie die seiner Neigung
entsprechendste.

Staunende Blicke folgten ihm schwerfällig, ohne Begreifen. Wie konnte
man jäh ein so ganz anderer sein! Wenn der Gast eine fremde Musik
gespielt hatte -- vom eigenen Schaffen zu schweigen -- umhüllte sie ihn
noch lange wie ein Schleier, der ihm Hirn, Schritt und Hand lähmte.
Und der Freund? Ewig ein andrer. Wo faßte er ihn zum Beharren, damit
er einmal ihm zu ruhig-prüfendem Blick sich böte, damit die hundert
verwirrenden Bilder zu einer klarlinigen Gestalt sich formten!

Aber indes er dies dachte, bot sich schon wieder ein neues Bild. Der
Freund saß ihm gegenüber und hob den Römer, wie der konsekrierende
Priester den Kelch, ruhig, voll klarer Würde.

»Du kommst an einem bedeutungsvollen Tage. Das Werk ist vollendet, ich
schrieb heute die letzte Note, deshalb rief ich dich«.

Die Gläser klangen, Peter Cornelius stammelte seinen Glückwunsch.
Wagner hörte es nicht mehr. Während vordem in seiner Rede nur die
Wasser der Oberfläche gerauscht hatten, brach es jetzt aus den Tiefen,
dem Grundquell des Seins. Wie das Werk geformt, wie es gewachsen und
sich zum Wesen gebildet, geheimnisschwer im Menschlichen, ätherleicht
im Bewußtsein der Verbindung mit Gott und den Sternen, wie er darum
gebangt und gelitten in schwerer Krankheit und daran genesen zu
herrlicherem Lebensgefühl, das breitete er aus vor dem Freunde, sich
davon befreiend, Raum schaffend im Herzen für neues Glück und neuen
Schmerz. Der Diener trat ein, der Zugwind löschte die Kerzen. Im
plötzlichen Dunkel des Fensterbildes stand der Berg, dunkelschwer in
seinen Grundquadern, mit dem monderhellten Gipfel schon dem Himmel
gehörend. Wieder flammten die Lichter auf, Peter Cornelius' Sinne
hielten das Bild. Das verband sich den Worten des Freundes, wuchs
auf hinter dessen Gestalt, erhellte sein Gesicht mit geisterklarem,
undurchdringlich-abwehrendem Schein. Aber nun fühlte Peter Cornelius
sich von fiebernden Menschenhänden umschlossen. Die Stimme warb.

»Freust du dich mit mir, Peter? Ich hab's nicht mehr allein tragen
können! Ich wäre daran zu Grunde gegangen! Ich mußte dich haben! Freust
du dich?«

Die erste Frage war abgeglitten an Peter Cornelius' Herz, die zweite
bohrte sich darein. Freute er sich? Freute er sich? Ja. Lüge! Nein,
nein, tausendmal nein! Worüber sollte er sich freuen? Daß der Berg vor
ihm wuchs, höher, im kalten Prunklicht, daß er im eisigen Schatten
erfrieren würde, wie alles kleine Leben, das sich dem Furchtbaren
töricht nahte?

Ein kleiner Nachtfalter huschte durchs Fenster, umtaumelte das Licht,
landete auf Peter Cornelius' hilfreich gebotener Hand. Der Blick des
Mannes klammerte sich an das schmucklose Wesen, fühlte das Beben der
Zitterfüße, das Wehen der Fühler, den Hauch des Farbenstaubes, versank
in Andacht vor dem Wunder dieser lieblichen Kleinheit, die er wärmend
an sein Herz betten konnte, die seinem Herzen den Trost ihrer Wärme
gab.

Indessen sprach Wagner, an seinen Worten sich zu immer freudigerer Glut
entzündend, die starken, durchnervten Hände agierten, die Kerzenflammen
duckten sich immer wieder vor dieser Macht. Die Motte flog auf von
des Gastes Hand, umhuschte die Lichter, streifte trunken Wagners
Stirn, er griff darnach, das zarte Wesen verging. Ein jäh stechender
Schmerz durchriß Peter Cornelius' Brust, als hätte eben sein Herz den
Druck jener Hand gefühlt, die sich nun wieder hob, als dirigierte sie
mit einem Zauberstabe das Orchester der Welt. Keinem gönnte sie sein
schlichtes Eigenlied, er mußte einstimmen in den ungeheuren die Erde
überschattenden, in den Himmel wachsenden Klang.

»Du bist müde, Peter, nicht wahr?« Gedämpft, zart klang die Stimme.
Müde? Nein. Er wollte nicht müde sein, es wäre völliges Ergeben
gewesen. Noch lebte etwas in ihm, das sein Leben fühlte, das sich
auflehnte gegen das Ungeheure.

»Ich bin nicht müde, nein, wirklich nicht.«

»Du sollst ganz aufrichtig sein. Es hat keinen Zweck. Wenn du das Neue
hörst, mußt du frisch sein, es aufnehmen mit allen Sinnen. Es ist nur
Nervosität von mir, am ersten Abend deinen Widerhall hören zu wollen.
Wir werden ja noch so viele Abende gemeinsam haben.«

»Das wohl kaum. Ich werde bald wieder heimfahren müssen.« Heimfahren.
In die Freiheit, in die Stille! Tief auf atmete Peter Cornelius.

»Warum? Was zwingt dich dazu?«

»Ich habe eine Arbeit begonnen.« Arbeit, war es nicht lächerlich? Was
lag dem Gott, dem Dämon da drüben, an seiner Arbeit, die aus kleinem
Menschenglück und -leid keimte!?«

»Arbeiten kannst du hier auch. Du bist ganz ungestört in deiner Stube.
Wir hören nichts voneinander. Nur am Abend, dann spielst du mir's vor.«
Ein Peitschenhieb. Ein Almosen. Warum demütigte er ihn immer bitterer?
Stand er nicht schon tief genug?

»Schön wird das sein, wunderschön,« fuhr Wagner lebhafter fort, »wir
beide hier! Herrlich wird das sein! Einen Menschen haben, einen
Menschen, in den man all das gießen kann, was einem sonst die Brust
zersprengt!« Er sprang auf, faßte des Freundes Hände. »Peter, ich
wollt's diplomatisch machen, es geht nicht, es muß heraus! Du darfst
überhaupt nicht mehr fort! Du bleibst bei mir!« Nun überstürzten sich
die Worte, »Alles ist vorbereitet! Der König gewonnen, ein Amt in
München wartet auf dich, nur pro forma, es wird dich nicht drücken, du
wirst immer bei mir sein, wirst alle Phasen meines Schaffens begleiten
und wirst selbst schaffen können, ruhig, ungestört, viel ruhiger als
jetzt! Peter, sag ja, heute noch ja, du mußt ja sagen!«

Ein dichter schwarzer Vorhang sank nieder vor Peter Cornelius' Blick,
eine dunkle Gewalt umschnürte ihm Hals und Brust. Vor ihr starb Denken
und Begreifen. Er mühte sich, den Sinn der Frage zu verstehen, eine
Antwort zu formen.

»Sag' ja, Peter, du ahnst nicht, welche Freude du mir machen würdest,
ich wäre ganz glücklich! Sag ja, heute noch! Ich brauche dich! Du mußt
bei mir bleiben!«

Bleiben, hier bleiben. Aufgehen in der fremden, ungeheuren Macht, mit
des andern Hirn denken, mit seinem Herzen fühlen, das würde das Ende
sein. Und die eigene kleine, zarte Welt würde zerstäuben wie der arme
Leib der Motte.

»Ich kann nicht! Ich kann nicht!« keuchte er.

»Warum? Es hält dich doch nichts! Und ich sagte dir doch, ich habe
alles vorbereitet. Warum willst du nicht?«

Peter Cornelius hörte nicht das Bangen, das in der befehlsgewohnten
Stimme mitschwang. Nichts hörte er, als das Brausen der Flut, die ihn
erstickte. Er schrie: »Weil, weil du mich erschlägst, weil ich an dir
zu Grunde gehe! Laß mich doch leben! Leben, leben will ich!« Die Worte
verglitten. Ein flehender Klang zitterte nach. Wildes Schluchzen warf
den Leib. Wagner war zurückgeprallt vor dem Ausbruch, den er nicht
faßte. Nun, da der Freund in doppelte Schwachheit sank, regte sich das
Mitleid des Starken.

»Aber, Peter, was sprichst du denn! Ich will dich erdrücken? Wodurch
hab ich den Vorwurf verdient? Bist du nicht der Einzige gewesen, dem
ich mich ohne Rückhalt erschlossen habe? Hast du nicht jedes Werk von
seinem ersten Keim an wachsen sehen? Hab ich nicht teilgenommen an
deinem Schaffen? Peter!«

Peter Cornelius fühlte die Liebe, die aus diesen Fragen sprach, fühlte
die gewaltige Hand, von dieser Liebe zur Zartheit gemildert, auf seinem
Haupte. Fühlte, daß diese mitleidige Liebe ihn nicht emporhob, sondern
in immer qualvollere Tiefen zwang. Aber er hatte nicht mehr die Kraft,
sich dagegen zu stemmen. Sehnsucht ergriff ihn, nach dem Ende dieser
Qual, nach dem Nichts. Ganz vergehen, sich nicht mehr fühlen, seinen
ringenden, armen Atem verhauchen in des Großen die Welt erfüllenden
Sturm!

»Verzeih, ich weiß nicht mehr, was ich sage! Eine augenblickliche
Verwirrung, meine Nerven sind ein wenig mitgenommen. Jetzt hab ich
mich wieder in der Hand.«

»Ist schon gut, weiß alles. Und jetzt gehst du schlafen; komm, ich
führe dich in dein Reich, das du hoffentlich recht lange, vielleicht
für immer, beherrschen wirst!«

»Nein, bitte, nicht schlafen gehen!« bat Peter Cornelius wie ein Kind.
»Bitte, spiel mir vor! Ich sehne mich nach deiner Musik! Spiele,
Richard, meinetwegen! Jetzt brauch ich dich!«

Peter Cornelius löschte die Lichter. Ins Fenster trat der Berg. Um das
bleiche Tyrannenhaupt schlangen kalte Sterne ein Diadem. In wollüstiger
Gier nach Vergehen trank Peter Cornelius das Bild in sich. Und dann
türmte sich ein zweiter Berg, auf den Grundmauern der Bässe wuchs
das strahlende Gletscherlicht des Melos in den Himmel auf, Sterne
umkreisten sein Haupt, das furchtlos in Gottes Antlitz sah.

Einmal noch zuckte des Hörers Lebensflamme in letzter Angst, dann
ertrank sie im ungeheuren rauschenden Licht.

Schon eine geraume Weile schwieg die Musik, als Peter Cornelius
sich dieses Schweigens bewußt wurde. Aus den Wassern der Betäubung
auftauchend, fühlte er sich staunend neu, dem Dunkel der letzten
Stunden nur durch ein zartes, schmerzloses Erinnern verbunden. Er
erhob sich, jeder Schritt, jedes Regen der Hand war eine Äußerung
dieses neuen Lebenswillens. Das erste Traumgrau des Morgens durchwob
den Raum, unhörbar der Atem der Welt. In ihm verfloß der Atem
des Schlummernden. Wagner lag, von schwerer Müdigkeit gefällt,
zurückgeworfen im Sessel, die Glieder erschlafft und verkrümmt. Im
ungewissen Nebellicht schwamm das Antlitz.

Leise trat Peter Cornelius zu ihm. Sah die verfallenen Wangen, die
spitze Nase, die zerquälte Stirne im Banne tödlicher Erschöpfung.
Tief grub sich dies Bild in des Schauenden Sinn, verdrängte alle
Erinnerungen an den Übermächtigen, schmerzvoll Umworbenen, Geflohenen,
fast Gehaßten. Das letzte Dunkle des Ich überwindend, wuchs ein Mitleid
aus dem Erschütterten, das sich ganz zu übermächtiger Liebe wandelte.
In unendlicher Zartheit streichelte er die bleigrauen Wangen, die
erschlafften Hände, rückte den Sessel an das Ruhebett, bettete den
Müden, hüllte ihn in Decken, ein dankbares Aufatmen, ein Entspannen
der Züge zur Erlösung segnenden Schlafs. Reglos saß Peter Cornelius an
dem Lager, dem Wesen des Andern hingegeben, nichts als selig wachende
Sorge. Ihm war, als sei diese Stunde befreit vom Gesetz des Vergehens,
der Ewigkeit gegeben.

Heller tönte sich das Gespinst des Morgengraus. Der erste Vogel rief.
Der Wachende hörte ihn nicht. Es rief zum andern, zum drittenmal. Nun
drang der Urlaut in das erschlossene Herz. Das Herz verstand ihn.
Der Vogel rief, warnte. Brangänens Wächterruf. Die Stunde war nicht
ewig. Ein Morgen kam. Die Liebe verbrannte in seinem Schein. Qual,
vergebliches Ringen, Vergehen und Haß.

Unerbittlich klar klang der Ruf des Vogels.

Peter Cornelius wußte, er mußte gehen. Auf immer. In dieser Stunde,
die voll Liebe war. Noch einmal umfing sein Blick den Schlafenden.
Seine Lippen rührten ehrfürchtig die Stirne, das Tor, das Qual und
Glück seines verklungenen Lebens verschloß, und folgte dem Ruf, der
immer wieder aus dem Märchen des Morgens drang. Nichts als der Sang des
Vogels und der Schritt des Menschen. Unsichtbar, von Nebeln verhüllt,
der Berg. Nun drangen Bäume freundlich nah aus dem Schleiermeer, wehten
grüßend, sangen mit der Stimme unsichtbarer Vögel. Nun fühlte des
Wanderers Fuß die Weichheit der Wiese. Nun schwiegen auch die Vögel in
der letzten tagnahen Stille. Ehrfürchtig erstarb des Wanderers Schritt,
dankbar zog ihn die Erde an sich, in die kühle, grüne Weichheit. Eins
mit allem, fühlte er das klare verkündende Wehen, das erste warme Gold
floß über seine Lider, wie über die Blumen und Halme.

Mit dem süßen Sonnenduft erwachte die Musik der Bienen. Aus der treuen
Sicherheit ihres unabänderlichen Summens erblühte dem Beglückten eine
Melodie, nur ihm zu Eigen und dem kleinen Stücklein Welt, das sein war
und dem er angehörte. Nichts wollte er hören, als dieses Lied und den
von keinem Geschehen gestörten zarten Orgelton, nichts fühlen, als
den eng gebannten Hauch des Windes und die Gräser und Blumen, dieses
Hauches selig ergebenes Spiel. All das verschloß er andächtig in seinem
Herzen zu dauerndem Besitz. Und wußte, daß nun Gott darin lebte, der
aus dem Wehen des kargsten Halmes spricht, wie aus dem Glanz der
Sterne.




Der Gott in Flammen




Anton Bruckner war der seligste aller Menschen. Im letzten Lichtschein
des Februartages hatte er die letzte Note seiner neuen Symphonie
geschrieben, und nun mit dem sanft einsinkenden Dämmern, auf den
Purpurwolken seiner verklingenden Vision schwebte Gott selbst in den
kargen Arbeitsraum nieder, Gott, dem ja jeder Klang in Bruckners
Seele geweiht war, Gott, um den er gerungen hatte im Auf und Nieder
des Schöpferglücks und -leids. Nun, da das Werk vollendet, kam Er
ungerufen, aus freiem herrlichen Willen, segnete ihn und verkündete ihm
mit einer Stimme, die süßer und mächtiger klang als die Wunderorgel von
Sankt Florian, daß Er ein Wohlgefallen habe an Seinem Knecht und daß
dessen Werk Friede und Erlösung spenden werde Allen, die eines guten
Willens sind.

Erwählt! erwählt! widerklang es in dem Verzückten, vor Allen erwählt,
Gottes Liebe zu künden, die Menschen zu erhöhen, ihnen das Brot des
ewigen Lebens zu schenken! Vorschmack des Himmels, unnennbares, kaum in
Tönen zu formendes Glück!

Anton Bruckners übermächtige Seelenkraft ermattete ins Irdische
zurück, Gottes Bild löste sich ins immer tiefere Dunkel. Ein Geräusch
vom Hausflur scheuchte den letzten berauschenden Himmelsklang. Näher
rückten die Wände, umzwängten Bruckners Brust und Herz gleich drohenden
Höllengestalten. Er griff nach Kerze und Zündholz, das Flackerlicht
formte huschende Reflexe und Schatten über die Mauern hin. Im
Abendwind, der durch die Fensterritzen strich, hob und senkte sich die
Flamme. Leckte wie ein gieriges Tier nach den hochgeschichteten Bogen
des Manuskriptes. Bruckner erschauerte. Furchtbarer Gedanke, daß die
Flamme, die stumpfe, tierisch-blöde Flamme, Macht gewänne über Gottes
Geist! Er löschte die Kerze, sah starrgebannt auf den niederglimmenden
Docht. War nicht ein Funke übergesprungen? Die zitternde Hand tastete,
strich über die Blätter. Nein. Kühle, reine Gotteskühle lag darüber
ergossen.

Wieder nahten die Wände, engten ihm den Atem, Sehnsucht nach reiner
Luft überfiel ihn. Nach dem Wind, der nun über die schneeverwehten
Felder Sankt Florians strich, nach der weiten Schau über das
Heimatland, bis zu den Bergen des Salzkammergutes. Fern war die
Heimat. Aber die große Heimat, der Himmel, der wölbte sich auch über
dem feindlichen Steinmeer der großen Stadt. Die ersten Sterne traten
tröstend ins Fenster.

Noch einmal witterten Bruckners Nüstern nach tückischem Brandgeruch.
Nichts, nichts, er konnte gehen. Sein von Gott geschenktes Kind lag
wohl behütet, engelrein auf seinem Arbeitstisch.

       *       *       *       *       *

Gedränge füllte die Heßgasse. Eine Weile trieb der Einsame im Strom.
Das Ringtheater prangte im Lichterschmuck. Ein wenig Bitterkeit stieg
auf in Bruckner. Er dachte an das kleine Häuflein Getreuer, das seine
Konzerte füllte. Ja, zu der neuen Oper, in deren zweitem Akt -- das
hatten ihm seine Schüler erzählt -- es von halbnackten Weibern nur so
wimmelte, da rannten die Leute wie besessen und prügelten sich um die
Karten!

Der ahnungsschwere den nahen Vorfrühling kündende Wind rührte ihn
wie eine mahnende Hand. Aber, aber, was waren denn das für Gedanken!
Heute, da Gott selbst ihn gesegnet, heute dachte er an Menschengunst
und irdischen Ruhm! Heimlich schlug er die Brust, die Lippen murmelten
ein Stoßgebet, erbaten Vergebung für die Sünde der Weltlichkeit. Der
Menschenschwall ließ ab von ihm, befreit ging er die stiller werdende
Ringstraße nieder, immer weiter, weiter, bog nach dem Kai ein. Der
Donaukanal rauschte ihm zu Füßen wie ein sicherer Orgelpunkt, und über
ihm leuchtete Gottes unendliches, in tausend Akkorden klingendes Melos,
der Sternenhimmel. Seine Symphonie klang aus den Wellen, leuchtete in
den Sternen. Ihre Töne füllten die Welt, hoben Anton Bruckner auf ihre
erzenen Flügel, trugen ihn, immer höher, höher zu Gott empor. Nahe,
ganz nahe war er dem Herrn. Erwählt, erwählt vor Allen, den Menschen
ein sichtbares Zeichen der Güte Gottes zu bringen, sie zu beglücken,
von irdischen Fesseln zu befreien, emporzuführen zu Gott! Gottes Güte
durchwogte wie ein warmer Strom sein Herz. Er war gut! Beseligender
Gedanke: Er war gut! -- -- --

Ein Purpurschein im lieblich weichen Gegensatz zu den scharf gezackten
dunklen Dächern floß über den Himmelsrand. Bruckners seliges Auge trank
die milde Glut. War es der Bogen des Friedens, das Zeichen des Bundes,
den Gott mit ihm geschlossen?

Da schlägt es hoch. Ein jäher Blitz, Flammen über den Giebeln, Lärm
braust auf, Feuersignale aus der Ferne, näher, näher, Wagen rasseln,
Fenster öffnen sich wie erschreckte Augen, Türen, wie Lippen zu
entsetzter Frage.

Starr steht Bruckner. Um ihn beginnt ein Fluten, hin und wider. Erst
allmählich faßt er Worte und Rufe:

»Feuer, Feuer!«

»Wo, wo?«

»In der Wipplingerstraßen!«

»Nein, beim Burgtor!«

»Nein, die Museen brennen!«

»Die Oper!«

»Das Rathaus!«

»Die Votivkirchen!«

Aber nun wälzt es sich anschwellend heran, ein Wort, das bleibt,
das schwillt, alles übertönt, Schreckensschrei der Tausende wird:
»Ringtheater, Ringtheater, Ringtheater!«

Für Bruckners schwerfällig arbeitendes Hirn ist es vorerst ein Schall
ohne Sinn. Langsam wird er zum Begriff. Theater. Hundert, aberhundert
Menschen. Aber: Ringtheater, Ringtheater! Gegenüber sein Haus! Sein
Arbeitszimmer. Sein Klavier, die Zimmerorgel. Alles versinkt. Nur
eines bleibt: Auf dem Tische ein Stoß weißer engbeschriebener Blätter.
Sein Manuskript!

Manuskript. Die Füße versagen. Bunter Schwindel blendet sein Auge.
Der alte Herr umklammert einen Laternenpfahl, von der Menschenwoge
umbraust. Dann aber durchreißt ein ungeheurer Wille seinen Leib.
Retten, retten! Das eine nur!

Der Strom treibt ihn, schwemmt ihn fort als kleine Welle. Weiter,
weiter! Nun biegt die Flut, ergießt sich in den Ring.

Ein Aufschrei.

Ein gelbrotes brüllendes Untier.

Das brennende Haus.

Aber inmitten von Brüllen, Johlen, Kreischen, Heulen, inmitten
ziellosen Irrsinns ein Wille. Der wächst, wächst auf zu immer höherer
Kraft. Die trockenen Lippen beben:

»Lieber Gott, du lieber Gott, Vater unser, der du bist im Himmel, dös
kannst net wollen, dös kannst net wollen, na, dös net!« Aber die Fäuste
ballen sich, Bauernfäuste bahnen sich einen Weg, ohne Bedenken, ohne
Rücksicht.

Die ersten Bahren zwängen sich durchs Gewühl. Bruckner sieht sie nicht.
Jammerschreie gellen aus unnennbarer Not. Bruckner hört sie nicht. Er
sieht nur sein Haus, sein Fenster. Feuergrell flammt es im furchtbaren
Widerschein, nun schlagen rotschwarze Wolken darüber hin, hüllen es
ein, geben es wieder frei.

»Lieber Gott, Du lieber Gott«, betteln die Lippen, die Fäuste ballen
sich zur letzten Kraft.

Das Haustor, die Treppe. Immer noch beben die Lippen, immer noch
stoßen die Fäuste, taumeln ins Leere, drei-, viermal entgleitet der
Schlüssel den zitternden Händen. Endlich! Das Zimmer! Das Klavier, die
kleine Orgel, der Tisch. Und darauf, unversehrt, weiß, nur ab und an
vom Widerschein der Flammen überhuscht, der Schatz, das Manuskript.
Bruckner reißt es an sich, preßt es ans Herz wie ein Kind.

»Du lieber Gott, Du lieber Gott«, beben die erschlaffenden Lippen.

       *       *       *       *       *

Nachtkälte kriecht in ihm auf, Morgenkälte schon. Erweckt ihn. Dunkel
das Zimmer, seltsam fremd die Dinge ringsum. Zuweilen noch leuchten
die Fensterscheiben im düstern Rot, das immer matter verbleicht, der
Straßenlärm dämpft sich, vergleitet.

Bruckner fühlt, sein Werk ist gerettet. Gott hat ihn gehört, Gott liebt
ihn. Er ist erwählt, ein Wunder ist an ihm geschehen. Erwählt vor Allen
ist er. Behutsam bettet er das Manuskript wieder auf seinen Platz
zurück.

Kalt, kalt ist's. Fremd die Dinge. Die Wände rücken drohend heran wie
schwarze Tiere, als wollten sie seine Brust zerpressen. Gott hat den
Raum verlassen. Aber draußen lebt Er. Bald wird Er aufsteigen, groß,
gewaltig im neuen Tag.

Bruckner tritt in die Gasse.

Vor ihm ein dunkles, da und dort noch aus schwälenden Feueraugen
glotzendes Tier. Erst jetzt erkennt er ganz das Furchtbare, erst jetzt
weiß er, was geschehen ist in dieser Nacht. Die Fäuste umklammern den
Torpfosten, die Lippen beben, aber sie sprechen kein Wort, wagen es
nicht, Gottes Namen zu formen.

Der erste graue Morgenschein gießt seine kalte Hoffnungslosigkeit über
das Bild. Ein paar Feuerwehrleute graben noch in den Trümmern, die
letzten Toten werden auf Bahren gebettet. Einen stellen sie dicht vor
Bruckner nieder. Nur Füße und Leib weisen Wunden, ehe die Flamme das
Gesicht ergreifen konnte, hat man den umsonst Geretteten geborgen.
Eine niedere, stumpfe Stirne, grobe Züge. Nur die Augen. Man hat sie
noch nicht geschlossen. Ungehemmt starren sie Bruckner entgegen. Hart,
anklagend, voll von einer zerschmetternden Frage.

Die Feuerwehrleute sehen schweigend in das versteinte Antlitz. Endlich
sagt einer leise:

»Den kenn i, dem armen Teufel hätt i's Leben vergunnt. Sechse hat er
aus'm Feuer g'holt, bis's ihn selber derwischt hat!«

Dann heben sie ihn auf, tragen ihn fort. Die Augen bleiben.

Starren Bruckner entgegen, aus allen Ecken seines morgenfahlen Zimmers.
Auf den Bogen des Manuskriptes liegt ihr harter Glanz, wie feurige
Weißglut.

Die frißt sich in Bruckners Augen, daß er sie schließen muß, ganz
fest schließen. Er verwühlt das Gesicht in die Hände, und ist kleiner
als der geringste Knecht vor Gott, in dessen Unergründlichkeit der
anklagende Blick des Toten versinkt.




=Ecce homo!=

Meiner Tochter Hanni!




Als Tilman Riemenschneider das Fenster der schwülen Schlafstube
öffnete, stieß ihm ein Wind entgegen, wie eine Faust, daß er taumelte.
Als er, wieder gefaßt, sich weiter hinaus beugte, lag die Gasse,
die Stadt, der Himmel still. Kaum merkbar schlichen die Wolken, der
Wetterhahn auf dem Eckardsturme regte sich nicht, die Faust stieß
nicht zum zweiten Male nach seiner Kehle. Aber er fühlte ihren Druck.
Mühsam würgte er im Verein mit Weib und Kindern die Frühstückssuppe.
Von einem zum andern ging sein aufgestörter Blick. Das tausendmal
Gesehene hatte schon seine Bildkraft verloren und sich längst ins
gestaltlose Alltagsgrau gelöst. Heute tauchte es aus dem Nebel, gewann
Linie und Form, drängte sich vor zu schmerzender Überdeutlichkeit.
Seines Weibes langweilig gedehntes, lebensstumpfes Gesicht, dessen Mund
sich im Schlürfen träge, fast widerwillig öffnete, die ältere Tochter,
ihr ähnlich, wenn auch noch täuschende Jugend über den Zügen lag, die
jüngere, rund, grundlos lächelnd, dumpf-zufrieden, der Sohn nur dem
Genuß der Speise verfallen, sie alle aber ihrem Schicksal ergeben,
nicht von dem leisesten Willen beseelt, es zu ändern, unter der Macht
einer unsichtbaren Faust. Nun fühlte Tilman Riemenschneider, auch er
war wie die andern. Auch er löffelte seine Suppe wie alle Tage, brach
das Brot mit derselben Geste. Mühsam löste sich sein Blick, quälte
sich höher, kroch die Wand hoch zur niederen Decke, da, da schwebte
die Faust über ihnen, bildhaft, wie von ihm selbst gemeißelt, mit
Poren, Rinnen und Adergeflecht, und doch hoch über ihm, gewaltig, ihn
bedrohend, beherrschend, daß er, demütiger als die andern, das Haupt
senkte, sich niederduckte ins Grau des unmutig zähe fließenden Lebens.

Wieder fühlte er den Druck der Faust an seinem Hals, er warf den Löffel
auf den Tisch, sprang auf. Frau und Kinder sahen ihm nach, schüttelten
den Kopf. Dann aßen sie weiter.

Tilman Riemenschneider betrat seine Werkstatt. Es war noch früh
am Tage, ein einziger war schon an der Arbeit, der neue aus dem
Schwäbischen zugewanderte Geselle, der erst gestern bei ihm
eingestanden war. Er grüßte nur kurz und schnitzte weiter.

Tilman Riemenschneiders Blick prüfte ihn heimlich, umfaßte die eifrig
aber ruhig arbeitende Hand. Der Meister nickte. Da hatte er einen guten
Fang getan! Der verstand das Handwerk! Der setzte nicht zu scharf an,
grub nicht zu tief, hatte das Schnitzmesser in festem Griff, das war
kein Geselle mehr, ein Meister war's! Nun bot sich die einen Augenblick
überlegend rastende Faust deutlicher, bildhaft mit Poren, Rinnen und
Adergeflecht.

Ein jähes Erschrecken durchschoß Tilman Riemenschneiders Leib. Das
war doch, ja und tausendmal ja, die Faust, die er heute morgens schon
gesehen, die über allem schwebte, drohend, allmächtig, unerbittlich!

Ach, Torheit, eine Hand wie alle andern!

Nein, nicht wie alle andern, der Meister verstand sich darauf, sein
bildhaftes Sehen konnte nichts trüben, es war dieselbe Hand in allen
nur dem kundigen Blick erkennbaren Einzelheiten.

Der Geselle wandte sich, nicht hastig, aber stark, mit sicherem Ruck,
sah dem Meister ins Gesicht und lächelte. Ein wissendes Lächeln war's,
als kenne er jeden Gedanken des andern.

Der Meister fühlte heißes Rot in seine Wangen steigen, hub an mit
überlauter Stimme die Lehrjungen zu schelten, die sich verspätet
hatten, dann trat er an seinen Tisch, riß die Hülle von seinem
Arbeitsstück, seine Hand umpreßte das Werkzeug, in der Berührung des
vertrauten Dinges Ruhe und Kraft zu finden.

Er fand sie nicht. Die Hand zitterte, fühlte das Schnitzmesser, das ihn
sonst ein Glied des Leibes dünkte, als etwas Fremdes. Mit aller Kraft
zwang er sich, setzte es an das behauene Stück, aus dem die Züge eines
Christuskopfes tauchten. Lange hatte der Bildner den Plan zu diesem
Werke in sich getragen, ehe er gewagt hatte, es in Angriff zu nehmen.
Er wollte in diesem =Ecce homo= sein Bestes und Letztes geben,
etwas, das noch keinem vor ihm geglückt war. Das Antlitz des Herrn
sollte nicht nur den leiblichen Schmerz des Gepeinigten tragen, aus
tiefster Seele sollte er aufblühen, wie eine Passionsblume, ganz Seele
werden sollten die Züge des Dulders. Aber nicht nur sein Schmerz sollte
daraus sprechen, das Leid Aller, der Menschheit, der Welt, das Leid des
Schaffenden und von seiner Schöpfung getäuschten Gottes wollte der
Künstler aus dem spröden Holze wecken. Die Hand setzte an, zwang sich
zu schürfender Kraft, glitt ohnmächtig nieder.

Tilman Riemenschneider starrte auf sein Werk. Nur als Oberfläche bot
sich ihm des Heilands Antlitz, als eine erstarrte Maske, die sein Blick
nicht durchdrang. Äußerlich alles, kein Zug, der aus dem Innern geformt
schien, weltenweit das Erreichte von dem, was dem Meister in seinen
vorschaffenden Träumen aus dem brauenden Chaos sich geformt hatte.

Ein feiger Trost tauchte auf: Warte auf eine bessere Stunde, morgen
schon vielleicht wird es dir gelingen. Der Trost versank vor der
unheimlich harten Erkenntnis: Die Stunde wird nicht kommen. Nie wird es
dir gelingen. Du stehst am Ende deiner Kraft und Kunst.

Tilman Riemenschneider hörte die Mittagsglocke nicht, nicht den Lärm
der Gesellen und Lehrjungen, die ihre Arbeit verließen, er saß reglos,
selbst einer gemeißelten Statue gleich, das Messer zwecklos in der
schlaffen Hand, der Blick im Banne des starren Werkes erstarrt. Er
hatte den Schritt nicht gehört, die stille Nähe des Andern aber schlich
in seinen Körper, durchfloß ihn als wachsende Unruhe, die ihn endlich
zwang, sich zu wenden. Die Unruhe schoß aus allen Adern zum Herzen,
ballte sich zu jähem Erschrecken, als er den neuen Gesellen vor sich
sah, der allein in der Werkstatt verblieben war. Tilman hatte einst
zu seiner und der Seinen harmloser Freude unter den Gestalten eines
Altarschnitzwerkes auch sich selbst geformt und seit diesem Tage war
ihm sein Antlitz in allen auch den geringsten Zügen gegenwärtig.
Nun sah er, was ihm gestern im unsicheren Abendlicht nicht zu Sinn
gekommen: der Geselle war ihm ähnlich. Aber diese Ähnlichkeit war nicht
vertrauenspendend, sondern furchterweckend, denn an dem Andern war
alles ins Scharfe, Unerbittliche gesteigert, was sich in des Meisters
Zügen nur in gefälligem Keime bot. Wölbte sich des Meisters Stirne
leicht und eigenartig aufwärts, so sprang die des Gesellen vor wie ein
drohender Fels; gab die leichtgebogene Nase dem Alten etwas Starkes,
Entschiedenes, so krümmte sich die des Jungen wie ein grausamer
Adlerschnabel, trug Tilmans Blick leuchtende Festigkeit, so grellte
es zuweilen aus Hans Bermeters Auge wie ein pfeilscharfer Blitz. Der
schlug in Tilman Riemenschneiders Herz und hielt es fest.

»Euch will das Werk heute nicht recht von der Hand gehen, Meister?«

Der Bildner wollte auffahren, der Zorn erlosch, tiefer in den Bann
vergleitend, nickte der Meister.

»Wie langt lebt Ihr in dieser Stadt?«

»Wohl die vierzig Jahre.«

»Allimmer auf demselben Fleck?«

»Nein. War zweimal in Nürnberg, einmal in Frankfurt, in Männerstädt,
Greglingen, Rothenburg, als ich die Altare schnitzte ...«

Hans Bermeters Mund verzog sich zum Spott, die Hand schlug
verächtlich: »Das ist kein' Pfennigs wert. Wart Ihr nie über den Alpen,
in Wälschland, in Paris?«

Langsam, in müdem Nachsinnen, schüttelte der Alte den Kopf. Ja, diese
Länder waren manchmal in der Stille des Morgens oder Abends, wenn die
pflichtgebannte Seele sich im verschwimmenden Dämmern lösen durfte, vor
ihm über den blauen Grenzbergen erstanden als seltsamer Wolkentraum,
der alsbald wieder im Graunebel des Tages ertrunken war. Hans Bermeter
ließ ihm nicht Zeit, sich dem Erinnern hinzugeben.

»Wie viele Jahre lebt Ihr in Euerm Ehstand?«

Tilman Riemenschneider zählte mühsam. Es war eine graue, unbewegte
Flut, aus der sich erst allmählich die Jahre aufrangen, wie stumpfe
Straßenbäume aus zähem Nebel.

»Geht auf fünfunddreißig, vermein' ich.«

»Und habt nie in der langen Zeit mit andern Frauen zu schaffen gehabt,
seid immer im selben Bette gelegen?«

Tilman Riemenschneider riß an der bannenden Fessel. »Wie fragt Ihr?
Wißt Ihr nicht, daß ich ein ehrsamer Bürger bin?«

Was kam dem Kerl bei? Wer gab ihm das Recht? Wer ihm das Recht gab? Er,
er selbst, er selbst fragte ja, kein Fremder stand vor ihm, nur ein
seltsames Abbild seines bisher verborgenen Wesens.

»Ein ehrsamer Bürger sein, das mag einem Schuster ein hohes Ziel
dünken, Ihr seid ein Künstler ...«

Ein Künstler. Zuweilen war dies Wort in ihm aufgegaukelt, wie ein
bunter Schmetterling. Er hatte den lockenden verscheucht, in Sorge, den
Stand auf festem Boden zu gefährden.

»Nein, nein,« wehrte er ängstlich, »will nichts sein, als ein ehrlicher
Handwerker.«

»Das lügt Ihr, Meister, Ihr wollt mehr sein! Wäret Ihr ein Handwerker,
Ihr wäret zufrieden mit dem braven Schnitzelwerk da! Ihr seid's nicht!
Und werdet's nie sein! Nie werdet Ihr weiter kommen! Da,« er riß den
Judaskopf hoch, den er heute in erstaunlich kurzer Zeit zu halber
Vollendung gefördert. »Da, seht Ihr das gierige Auge, den lauernd
gepreßten Mund? Vermeint Ihr, ich hätte das vermocht, so ich nicht das
Leben in mich gefressen hätte? Hört Ihr's nicht, fühlt Ihr's nicht? Um
Euch braust es und rauscht es, und Ihr verkriecht Euch davor in eine
dumpfe Kammer und ein muffig Bett. Ich mein's Euch gut, Meister, glaubt
mir! Kommt heut zu Nacht mit mir, ich weiß Euch einen Ort, zwei Gassen
weit von hier, da soll Euch manches offenbar werden, davon keiner der
Ehrsamen einen Hauch verspürt hat! Kommt, vertraut mir, Meister, zu
Eurem Heil!«

Die letzte Mittagsglocke schwang aus, zur Stille. Aus ihr kroch Angst
auf. Mit letzter Kraft löste der Alte den Blick frei.

»Kommt, sie werden unser schon warten mit dem Mittagbrot!« würgte er,
drängte an dem Gesellen vorüber die Treppe nieder. -- -- --

In der tiefen Nacht erwachte Tilman Riemenschneider von einem Ruf.
Mochte wohl ein Traumklang gewesen sein, aber der Nachhall hing noch
im ungeheuren schwarzen Schweigen, als ein rätselhaftes Tönen. Es
rief, rief ins Weite, Ungewisse. Aber die brennende Enge, die stumpfen
Atemzüge der Frau, der Kinder hielten ihn fest. Der Ruf verglitt in
Farbe, in ein leuchtendes Rot, das den Horizont seines neuen Traumlands
umsäumte, wie eine Feuersbrunst. -- -- --

Am andern Morgen mied er Hans Bermeters Blick. Auch nahm er nicht die
gestern unterbrochene Arbeit an dem Christuskopfe vor, sondern machte
sich da und dort an geringen Dingen zu schaffen.

Als er des Nachts im Ehebette lag, ertönte wieder der Ruf. Er
brach nicht mehr aus dem Traum. Überwach lauschte der Meister. In
unverminderter werbender Kraft klang es fort. Ein purpurnes Licht
erhellte den dunklen Raum, wie der Widerschein eines Brandes.

Weiten Auges starrte Tilman Riemenschneider in das erschreckende
Wunderlicht, in seinem Ohre rauschte der klingende Ruf. Düsterrot tönte
sein Blut ihm zu Häupten, sein Denken flog auf in die freie Welt,
fiebernd quälte sich der Leib. Bis er dem Geiste folgte, dem Tönen
nachschritt durch das rote weisende Licht. -- -- --

Das Licht erlosch. Das Klingen schwieg im dichten Rauchnebel der
Kellerschenke. Tilman Riemenschneider hielt in der Türe. Eben wollte
er, langsam zur eigenen Entschlußkraft zurückfindend, sich entfernen,
da stand Hans Bermeter vor ihm, zog ihn an einen Tisch, an dem zwei
Weiber saßen.

Des Verwirrten Auge unterschied ihre Züge und Formen nicht, ihm war,
als seien sie nur zu seltsamer Dichte geballte Gestalten des alles
erfüllenden Dunstes, der ihm die Augen trübte, den Hals schnürte.
Bald fühlte er nichts, als das ängstende Würgen, Worte und Lachen der
andern verklangen fern, ihm war, als sinke er ins Vergehen. Immer
dichter umschnürte der graue Ring den Hals. Die Hände tasteten nach
dem Glase, das Hans Bermeter ihm gefüllt hatte, bebten es zum Mund,
unter der Kraft des rinnenden Weines weitete sich der schnürende
Ring, ließ ab von ihm, verschwebte, löste sich im Grau, das lichtete
sich, Nebel im wachsenden Frühschein. Aus dem Weine leuchtete es auf,
wie Morgenrot, die Becher klangen feinen Ton, jenem gleich gestimmt,
der ihn gerufen, nur zarter, ruhiger, nicht mahnend, sondern ihn
umwebend zu ruhigem Beharren. Aus den sinkenden Schleiern wuchsen die
Gestalten: Hans Bermeter, vertrauter als sonst, die scharfen Züge hatte
das neue Licht erweicht, dann die beiden Frauen, die Lippen rot wie
der wachsende Schein, ihr Lachen fügte sich in den fein gestimmten
Klang. Der Rhythmus des Klanges durchfloß seinen Leib, löste ihn ins
allgemeine weiche Schweben. Seine Hand glitt, fühlte warme, lebendige
Form. Strich über einen Arm, eine Schulter, einen schlank aufblühenden
Hals, eine fruchtweiche Wange. Gewann langsam darüber Herrschaft. Sein
Werk wurde es, von seiner Hand geformt. Er mühte sich nicht wie sonst
mit harter, schürfender Qual, göttlich leicht erstand es unter seiner
zarten Berührung. Ward im Augenblick so herrlich, wie er es nie im
Fernsten erreicht, wie es ihn nur zuweilen in lähmender Weite gehöhnt
hatte, erwachend und sterbend im jammervollen Grau. Nun wuchsen die
Gestalten seines Schaffens auf, verklärt, ohne Makel, durchblutet mit
höchstem Leben, Eva, Maria Magdalena, nicht die büßende, nein die heiße
Sünderin, die einer ganzen Welt Freude schenkte, weil in ihr eine Welt
voll Freude war. Eine Welt erstand unter ihrem schwesterlich winkenden
Arm, liebliche Frauengestalten, in Duft getaucht, ihre Brüste wie
Knospen, ihren Schoß wie den dürstenden Blütenkelch ihm bietend. Unter
ihrem Fuß wuchsen Blumen, ihnen gleich an Lockung und Lieblichkeit,
regten sich im Tanzschritt, verbanden sich zu Kränzen und Girlanden,
Bilder der perlenden Töne, die alles erfüllten, der Musik, der alles
sich hingab, von ihrem Zauber getragen, schwerelos zu schweben,
befreit von Körperlast, Duft und Ton zu sein. Aus dem Weine flammte
es, rubinrot, scharlachen, feurig in das zarte Weiß, zu tausendfachem
Farbenspiel. Was je eines Menschen, was Gottes, was Satans Auge
entzückte, das wies sich überreich dem Auge des trunkenen Künstlers.
Und er war zum Herrn darüber gesetzt, seiner Hand, seinem Herzen,
seinem Hirn entquoll es, sein Werk war es, sein über alles herrliches
Werk.

Nein, es sollte nicht sein Werk sein; das Trennende, das zwischen
Schöpfer und Geschöpf lag, begann zu schmerzen. Ein Teil des Unfaßbaren
werden, ganz darin vergehen, nichts mehr fühlen, als das beglückende,
tönende Rauschen und den letztes Besinnen tötenden Duft!

Seine Hand gleitet über das atmende Glück, faßt es, die pulsende Stirn
verwühlt sich, sein Leib sinkt, taucht auf und nieder im Takt der Musik
und ertrinkt im Meer. -- -- --

       *       *       *       *       *

Aus diesem Meere tauchte er auf, als er des Morgens erwachte. Aber
das Rauschen umklang, erfüllte ihn, machte seinen ersten Schritt in
die gewohnte Umgebung zum trunkenen Taumeln. Fremder noch als in
den verflossenen Tagen, unfaßbar fremd war sie ihm heute. Die Wogen
seines Blutes schlugen an Wände, Dinge, Menschen, prallten ab von
ihrer Stumpfheit, drangen wieder in Tilman Riemenschneiders Wesen zu
doppelter Gewalt. Von ihr erfüllt, betrat er, die Werkstatt meidend,
die vom alltäglichen Treiben mäßig bewegte Stadt. Weiter greifend
schlugen die Wogen aus ihm, aber wieder brachen sie sich, kehrten
zurück, füllten, umflossen, schieden ihn von allem, was ihn umgab.
Fremd, furchtbar fremd alles, alles: die schlichten Menschen, deren
Mienen, die traulichen Häuser, deren Giebel sich zu hölzernen Fratzen
verzogen, so unnahbar, ungreifbar, wie das kläglich verlassene Werk
seiner ohnmächtigen Hand. Erst als der Hastende das Tor durchschritten
hatte, als sein Fuß weichen Wiesenboden und seine Stirne ungehemmten
Freiwind fühlte, ruhigte sich das Brausen seines Blutes, fügte sich
allmählich in den Rhythmus der windbewegten Welt, der ersten Gräser ihm
zu Füßen, der singenden Bäume über seinem Haupt, der stumm ziehenden
weißen Wolken, die kündeten, daß der Atem des Windes Macht habe über
Erde und Himmel. Lange wanderte er Wege, die er zum ersten Male betrat,
bis der Laut des eigenen Schrittes ihn störte. Er hielt, sank nieder,
dehnte sich, sein Ohr trank das Lispeln der Gräser, sein Auge suchte
durch die sicher bewegten Äste die letzte Unrast lösende gleitende Ruhe
des Himmels.

Vor dem Ruhenden stieg ein Feld an, dessen Kimmung die Schau schloß.
Tilman Riemenschneiders Blick sank nieder aus dem Wolkengleiten auf
die braune, zu einem Teile von frischen Furchen durchzogene Erde,
fremd schied sich das aufgewühlte Land von dem glatten in herber
Verschlossenheit harrenden. Bis auch darein zeugend die Pflugschar
schlug. Jäh, aus der Verborgenheit tauchend, blitzte sie auf, ihr
Lichterspiel übergrellte den Lenker. Erst als er in den Schatten des
nahen Holzes trat, ward er dem Schauenden deutlich. Gebückt schritt er,
aber nicht demütig-schlaff, eine unterdrückte lauernde Kraft sprach aus
den krampfig-gepreßten Armen, dem breiten, tiefeingrabenden Schritt.
Weiter, weiter fraß sich die Furche, wie eine Wunde. Einen Augenblick
rastet der Bauer, erweicht sich die qualvollgedrungene Gestalt.

Da, eine zweite neben ihr, aus dem Dunkel des Holzes stößt sie auf,
eine Geißel schnellt hoch, durchzuckt das weiße Wolkenbild, fällt
nieder auf den Rücken des Müden, verschwindet, mit ihr der Fronvogt.

Tiefer in sich versunken, gräbt der Pflüger seine Pein in die Erde.
Schielt tückisch-spähend, ein lauerndes Tier, seitwärts, bis der Mann
mit der Geißel seinem Blicke ganz entschwunden ist.

Dann wächst er langsam, mühevoll aus seiner Niedrigkeit, die Arme heben
sich, verkrallte Fäuste stoßen in den Himmel. Der Wind verwühlt sich
in die gereckte Gestalt, läßt das Hemd flattern, wie eine Fahne, reißt
die Haare in seine Macht, daß sie das zerquälte Gesicht umkreisen wie
Schlangen, nimmt den aus der Brust wie aus Urwelttiefen brechenden
Schrei und wirft ihn über das Land.

Tilman Riemenschneider liegt gebannt, der Schrei dröhnt an sein Herz,
macht ihn erbeben. Bis in ihm ein leiser Widerhall erklingt, bis er
weiß, daß der Keim dieses Schreies auch in ihm geschlummert hat, alle
Jahre seines Lebens. Aber als er sich dessen bewußt wird, dringt ein
Schauer aus dem Tiefsten seiner Seele, faßt seinen Leib. Furcht jagt
ihn auf, er läuft den Weg zurück, den er gekommen ist. Langsam löst
sich der Schreck von ihm. Ehe er weiß, daß die Furcht vor sich selbst,
vor dem Erwachen des Verborgenen in ihm ihn ergriffen hat, ist sie
verweht. Er wirft sich wieder zur Erde, wühlt sich darein und fühlt die
verborgene Kraft ihres zum ersten Atmen erweckten Schoßes. -- -- --

       *       *       *       *       *

Die Kellerschenke, darin Tilman Riemenschneider mit Hans Bermeter fast
Abend um Abend saß, wies immer stärkeren Besuch auf. Menschen, die der
Bildhauer, Angehöriger des Rates, kaum kannte oder zumindest, als tief
unter ihm stehend, bisher nicht beachtet hatte, Kleinbürger, die diesen
Titel kaum mehr verdienten, Gesellen und Knechte aus der dunkelsten
Vorstadt, kurz Menschen ohne Besitz und festen Stand, in deren Kleidern
und Körpern der dumpfe Geruch der Armut nistete. Wenn der Ratsbürger
die Schenke betrat, engte dieser Dunst ihm den Atem, aber allmählich
ließ er von ihm, gebannt von einem neuen Gefühl, das mächtiger war, als
Gewohnheit und Vorurteil: Von diesen Menschen, die an nichts hafteten,
strömten Schwingungen aus, der quälenden Bewegtheit seines Innern
verwandt, die am Tage an starren, harten Mauern und Herzen sich wund
stieß. Hier durften die Wellen seiner Seele ungehemmt ausschwingen,
sich dem Rauschen der allgemeinen Rede vermengen, in ihr befreit sich
lösen. Tief ein sog Tilman Riemenschneider diese Freiheit, Himmelsluft
und -weite war ihm der dumpfe Brodem des niederen Raumes. Ein Bild
stand jäh vor ihm. Seine Kinder hatten einen Raben gefangen und in
einen Käfig gesperrt. Ihn mit Liebe und Sorgfalt überströmt. Aber
vergeblich, immer wieder versuchte er die Flügel zu breiten. Auf dem
Turm der Franziskanerkirche sammelten sich die Brüder und Schwestern,
riefen den Gefangenen. Da hatte Tilman verstohlen den Käfig geöffnet
und den Vogel befreit. Und als er sah, wie dieser die Schwingen
breitete, wie er sich in den Schwarm der Freien mengte, hatte auch ihn
ein unsagbares Wohlgefühl erquickt. In klarer Form und Farbe wie damals
schwebte das Tier vor seinem ins Weite träumenden Blick. Wuchs. Die
Flügel hoben sich, wurden zu Armen, zu aufdrohenden Fäusten, die Federn
zu Haaren, die im Winde wehten, im Sturm, der über die von Gottes
Pfluge aufgewühlte Erde zog. Der Rabe öffnete den Schnabel, nein, es
war ein Mund, ein qualverrissener Mund, ein Urlaut brach aus ihm, die
schwarzen Schwingen des Windes trugen ihn ins Unfaßbare.

Zum zweiten Male der Laut in wilderer Wirklichkeit. Er riß den Meister
aus dem Traum. Der Traum war Wahrheit, das Bild Leben. Erhobene Fäuste
stießen sich an der niedern Decke, schweißnasse Haare, von einem
verborgenen Wehen geworfen, aus dem verrissenen Mund brach der Schrei.
Wieder und wieder. Bis er sich endlich zu ungefügen furchtbaren Worten
formte. Tilman Riemenschneider verstand sie nicht, mühte sich nicht,
sie zu verstehen. Nur die wilde Musik ihres Sturmes fühlte er. Und
wußte, daß es das Brausen seiner Seele war, zu tausendfacher Gewalt
erhöht.

Erst als er in die freie Kühle der Nacht trat, gerann das Gehörte
wie glühendes Erz. Hans Bermeters begleitende Worte meißelten es zur
klaren Form: Der Meister habe wohl die wüsten Bauernworte nicht ganz
verstanden, das sei begreiflich; er, Hans Bermeter, habe die dumpfe
Sprache aufs beste zu deuten gelernt auf seinen Wanderungen durch
Deutschland. Aber woher solle ein ehrsamer Bürger sie kennen! Hätten
sich doch alle in ihre Mauern verschlossen, seien nur darauf bedacht
gewesen, über die Wünsche der großen Ritter und Prälaten vom Schloß
Bescheid zu wissen, aber von den armen Tieren, die da draußen das
unermeßliche Feld der Gewaltigen bestellten, von denen hätte man nicht
mehr gewußt, als daß sie eben Tiere seien, die Joch und Schläge dulden
mußten. Tiere, ja, das seien sie gewesen. Aber Tiere hätten eine feine
Witterung. Und so hätten die verdreckten Nüstern den anziehenden Sturm
schon längst gespürt, indes noch kein Hauch davon in die Paläste oder
behaglichen Häuser gedrungen sei. Immer näher käme der Sturm, der Sturm
der Zeit; trage auf seinen Flügeln das Wort vom freiem Evangelium, das
Wort des Herrn, daß alle Menschen gleich seien vor dem Allmächtigen,
daß es keine Knechte gäbe mit krummen Rücken und keine Herren und
Vögte mit Stock und Peitsche. Näher, näher, immer näher brause der
Sturm. Hätte schon seinen Weg gefunden durch die Lumpen der Armen und
rüttle ihren nackten geschundenen Leib, blähe die keuchenden Lungen zu
einem Schrei, der einmal werde aufbrechen, über das Land gellen, mit
so unfaßbarer Gewalt, daß die Mauern der Zwingburgen, die Wände der
Bürgerhäuser einstürzen würden, wie die Mauern von Jericho vor Josuas
Trompetenschall. Nichts würde diesem Sturm widerstehen können. Nur eine
Rettung gäbe es, ein Teil dieses Sturmes zu werden, mitzubrausen nach
dem Willen der allmächtigen Zeit.

Jedes Wort vernahm Tilman Riemenschneider, als spräche es sein eigenes
Herz. Das sandte ein Verlangen aus, wie einen sehnsuchttrunkenen Vogel.
Er flog auf, stieß sich an den Wänden der Häuser, taumelte nieder
an den Mauern der hohen Burg. Des Meisters Gestalt reckte sich, die
verkrallten Fäuste stießen zum Himmel auf, in seinen Kleidern und
Haaren wühlte der Wind. -- -- --

Am andern Morgen brachte ein bischöflicher Bote dem Meister ein
Schreiben. Mit diesem ward ihm der Auftrag, eine Marienstatue für
den neuen Altar der Schloßkapelle zu schnitzen. Alles war ihm
vorgeschrieben, Material, Größe, Himmelskrone und Faltenwurf des
Kleides. In herrischem, hochfahrendem Tone. Er war nicht herrischer,
nicht verletzender, als er stets gewesen. Nie vorher hatte er den
Meister verletzt. Heute stieg ein Würgen hoch in seiner Kehle, die Hand
umkrallte den Brief, ballte, zerriß ihn, löste sich befreit. Ein Spiel
des Windes, trieben die Fetzen.

Ein Spiel des Windes, trieben die Blütenblätter über die Mauergärten.
Schwül, fremd war der Wind in den Tagen des Frühlings, der war über
Land und Stadt gekommen, nicht allmählich, jungfräulich erblühend,
nein, jäh, schwer, berauschend. Der Duft der treibenden Blüten, der
sprießenden Blätter mengte sich dem Gassenbrodem zu einem geilen,
brünstigen Schwalm. Auch wenn der Tagwind schwieg und, unheimlicher,
unfaßbarer noch, die Stummheit der Nacht aufwuchs, lastete der dumpfe
Brodem in ihr. Der Tagwind trug lautes Gerücht aus dem Land: In ganz
Schwaben seien die Bauern im Aufruhr, die Schlösser zündeten sie an.
Die Herren ließen sie durch die Spieße rennen. Immer näher käm's. Auch
die um Tauberbischofsheim, um Wertheim, um Rothenburg ständen auf. Bald
würden sie vor den Toren sein. Der Bischof sei geflohen, bei Nacht,
gegen Heidelberg. Kanonen hätten die Bauern und der Berlichingen Götz
sei ihr Führer. All diese Nachrichten schwirrten, ängstlich geflüstert
oder gejubelt, je nachdem ein reicher Bürger des Rats oder ein armer
Keuschler der Vorstadt sie sprach, durch den Tag. Des Nachts wuchsen
sie auf zu albschweren Gespenstern oder zu leichtem, von aller Schwere
lösendem Traum.

Immer wieder gellte in Tilman Riemenschneiders Fieberschlummer ein Ruf.
Jäh erwacht, schlich er ans Fenster, sah in das stumme Dunkel, den
Nachklang des Rufes im Ohr. Feuerlicht zuckte da und dort im Süden und
Osten aus der Nacht, der Widerschein seines brennenden Herzens.

In wachsender Schwüle reihte sich Nacht an Nacht. Im schweren
Dunstgewölk drohte der Sommer. -- --

Hatte der Frühling mit der Rätselstimme des dumpfen Windes die langen
Tage erfüllt, der Sommer war stumm. Unerbittlich starren, glühenden
Auges sah er nieder auf Land und Stadt. Die Ähren flüsterten nicht, die
Bäume rauschten nicht, die grellen Häuser senkten ihre schrumpfenden,
wachsenden und endlich im schwarzen See der Nacht ertrinkenden
Schatten.

Im Dunkel erwachte die Stadt, die Schenken trotzten bis weit über
Mitternacht dem Verbot des Rates, dessen Macht vor der höher
schwälenden Volksglut schrumpfte, wie die Schatten im Mittagslicht.
Hochauf mit Waffen gefüllte Wagen fuhren ohne Unterlaß durch die Tore,
von den Bauern gesandt. Bald trug der geringste Knecht Speer, Pallasch
und Büchse. Wachen sperrten jede Zufuhr zum belagerten Schloß. Die
ersten seltenen Kugelgrüße wechselten hinauf, hinab, aber auch sie
vermochten nicht, die lähmende Tagesstille zu zerreißen.

Auf Tilman Riemenschneiders innerster Unrast lastete sie mit
unerträglicher Schwere. Als furchtbaren Schmerz fühlte er die stete
Bewegung seiner aufgescheuchten Sinne in Nerven und Blut. Er war nicht
mehr fähig zu schaffen, zu denken. Nichts war er als flammender Drang
nach etwas, das in ferner zerfließender Unbestimmtheit nur zuweilen
für Augenblicke zu halbgehörtem verklingendem Ton oder zu einer rasch
geballten und vergehenden Wolke sich formte. Sein schmerzendes Ohr,
sein gepeinigtes Auge suchten sie festzuhalten, nichts anderes ernteten
sie, als immer neu gefühlte dumpfe drängende Ohnmacht. Nur in den
Nächten, wenn er mit Hans Bermeter von Schenke zu Schenke zog, ward
ihm Linderung. Da warf er sein Sehnen in den verworrenen Lärm, ins
zwecklose Rasseln der neuen Waffen. Seine zitternde Hand umkrampfte den
Degen, er preßte die Kugelbüchse an sein glühendes Herz und fand kurze
traumhafte Kühlung.

In immer wilderer Zahl zuckten brennende Weiler und Burgen auf im
Umkreis der Stadt. Näher, näher rückten die Bauern. -- -- --

       *       *       *       *       *

In einer Nacht, da Tilman Riemenschneider seit langem zum ersten Male
bleiernen Schlaf gefunden hatte, riß ihn ein Ruf zu schreckvoller
Wachheit. Er griff nach den Waffen, taumelte die Treppe nieder. Aus
allen Gassen rauschte Lärmen, staute sich an den Wänden, rauschte
zurück über die aufgewühlte Stadt. Hans Bermeter, von dessen Zügen die
gewohnte ruhige Maskenhülle gefallen war, berichtete mit hastigen,
zerfetzten Worten: Das Heer der Bischöflichen sei überraschend
herangerückt und rüste zur Schlacht gegen die Bauern. Eben sei ihr
Bote gekommen, halbtot vom wahnsinnigen Ritt, Hilfe sei bitter not,
alles in der Stadt, was Waffen trage, müsse auf, nur eine kleine Schar
solle bleiben zur Bewachung des Schlosses. Ob er vielleicht seines
Alters wegen, es werde heiß hergehen draußen ... Tilman Riemenschneider
hörte die letzten Stammelworte nicht mehr, er griff aus, mühlos,
schwebend, fühlte nicht die Last der Waffen, die Last der Jahre. Noch
einmal faßte ihn die alte Unrast, als sie am Tore die aus allen Teilen
der Stadt zuströmenden Kämpfer erwarteten. Endlich zogen sie aus.
Eine wundervolle Ruhe erfüllte Tilman Riemenschneider. Er sah nicht
zurück nach den im Dunkel versinkenden Türmen und Giebeln, er sah nur
vorwärts, dem Ziel entgegen, das sich immer klarer seinem gekühlten
Auge bot, je tiefer sie in die brauende Ungewißheit des nächtlichen
Landes drangen. -- -- --

       *       *       *       *       *

Es war, als trenne eine undurchdringliche lautlos abwehrende Schicht
Tilman und seine Welt von dem Geschehen um ihn. Er fühlte es kaum, als
sich die Bürger dem unermeßlichen Haufen der Bauern vermengten, er
hörte nicht Flüche und Dörperreden, ihn quälte nicht der unerträgliche
Schwalm von Schweiß, Wut und Angst, er war gefeit. Auch gegen die
eigene Unrast. Sie fiel ihn nicht an, als sie, den Tag und ihr
Schicksal erwartend, lagerten, seine Seele schritt ungehemmt weiter den
eigenen einsamen Weg. -- -- --

So von ungeheurer ahnungtrunkener Stille war noch kein Morgen erfüllt
gewesen in Tilman Riemenschneiders Leben, so groß und königlich ihm
noch keine Sonne aufgegangen, wie an diesem Tag. Und doch war er eins
mit allem, das Wehen der Stille war sein Atem, und sein herrlich
erhöhtes Herz stieg aus Dunst und Wolken die Bahn des Tages. Wie eine
purpurne Rose erblühte das Gestirn, darin alle Brunst und Süße des
Lebens ruhte, geklärt zu ungetrübtem, tiefem, ruhevoll berauschendem
Duft.

Sein Leib lag mit den andern im letzten Warten. Seine Füße schritten
aus im ungewohnten Marschtakt, seinen Rücken drückte die schwere Waffe,
sein Haupt der quälende Helmschutz. Seine Seele fühlte es nicht. Sie
stieg mit der Sonne.

Und dann stand sie mit ihr in der Scheitelhöhe des Mittags. Das
Bauernheer hielt. Stille. Das letzte Wort erstarb. Nichts als Auge
wurden sie. Vor ihnen der Feind. Grausam wies ihn das Mittagslicht, die
gleißenden Panzer, die wehenden Sturmfedern, Speerspitzen, Klingen,
Flintenläufe.

Atmen, Atmen, Atmen.

Keuchen. Aber noch immer Stille.

Da zuckt es himmelwärts. Der Degen des Führers. Durch alle Herzen fegt
der Blitz. Durch die betäubten Hirne gellt Kommandowort.

Und dann: Aus Urwelttiefen, verschüttet bisher, von einer jäh aus
Höllendunkel krallenden Faust aufgerissen in diesem Augenblick, bricht
ein Schrei, überdröhnt die Angst der Kreatur. Immer wieder, immer
wieder gellt er auf, Schüsse, Salven vermengen sich ihm, Schlag,
Stich und Stoß, höherauf schwillt das Brüllen, es muß Röcheln und
Todesruf überdröhnen und die Wahnsinnsangst in der eigenen Brust.
Dicht neben Tilman Riemenschneider gellt Hans Bermeters Todesschrei.
Zu seiner Seele dringt er nicht. Die schreitet weiter, unbeirrt, ins
ewig sich Erneuende, was jetzt geschieht, ist im nächsten Augenblick
Vergangenheit.

Tiefer sinkt die Sonne, zögert schön über dem Dunkel der Berge. Das
furchtbare Gewirr liegt in ihrem letzten blutigen Schein. Es erstarrt.
Ein paar Herzschläge lang schweigt die Schlacht.

Die Bauern und Bürger schweigen, zögern, starren in das Dunkel der
feindlichen Flintenläufe, der Feldschlangen, das sie verschlingen will.
Wenden sich, weichen, rasen zurück, ins letzte rettende Licht.

Nur Tilman Riemenschneider dringt weiter, wie die Sonne. Bis er wie sie
in unergründlicher Nacht versinkt. -- -- --

       *       *       *       *       *

Zum ersten Male nach Monden der Betäubung fühlen Tilman
Riemenschneiders Sinne die Umwelt. Das Dunkel der Tiefe, das
dumpf-sickernde Grau des hohen Gitterfensters, den Herbststurm, der nur
ein schwaches Brausen in den Kerker wirft.

Tückisch kriecht es durch die matten Glieder. Aber er fühlt es kaum.
Nichts fühlt der Erwachende, als seine Seele. Sie wächst auf, breitet
sich aus vor ihm, neu, unbegreiflich neu, voll ungeheuren Erlebens. Das
erfüllt ihn körperlich, droht ihm die schwache Brust zu sprengen, bläht
den mageren Hals und löst sich doch nicht zu befreiendem Laut. Einem
Wort, zu den harten Wänden gesprochen, zu dem Stücklein grauen Himmels,
das unfaßbar fern im Fenstergitter über ihm schwebt. Er bleibt stumm.

Er fragt nicht, als die Knechte eintreten, ihn aufreißen, den dumpfen
Gang fortschleppen, in die Qualzelle stoßen, wo rätselhafte Instrumente
lauern, im Schein der Flackerfackel zu sehen, wie furchtbare Tiere.
Ihre Krallen dringen in seine Stirne, ihre Pranken umpressen seine
Hände, ihr Rachen schnappt nach seinem Hals, er soll reden, gestehen,
die Schuldigen des Aufstandes nennen, dann ist er frei. Er will
sprechen, monatelang hat er geschwiegen, qualvoll erfüllt ihn sein
Erleben, zum Bersten geschwellt: nicht einmal ein Stöhnen ringt sich
aus ihm. Er bleibt stumm.

Mitleidige Ohnmacht rettet ihn.

Wieder umfängt ihn der Kerker. Das Brausen des Herbststurms wirbt
umsonst um seine gelähmte Seele.

       *       *       *       *       *

Im Atlasglanze tiefen Schnees liegt die Stadt. Er mildert die Stöße
des jämmerlichen Wagens, der Tilman Riemenschneider in die Freiheit
führt. Dreimal hat er die Folter erduldet, ohne Laut und Wort. Nun
hat ihn der Bischof begnadigt. Er darf Gnade üben. Die Bürgerschaft
liegt ihm demütiger denn je zu Füßen. Das Land ringsum ist still. Die
Bauern haben sich in ihre Hütten verkrochen, werden im Frühling stumm
den Pflug über fremde Erde führen, keine Faust wird sich zum Himmel
recken. Der Gedanke an die Toten, die nutzlos Geopferten wird sie
niederziehen zur grausamen Mutter Erde. Der Bischof darf barmherzig
sein. Der Gebrochene, der da, die müden Augen vor dem ungewohnten
Lichte schließend, auf dem Krümperkarren durch die Gassen fährt, wird
ihm nicht mehr schaden. Er öffnet die Augen nicht, als ihn Frau und
Kinder vom Wagen heben. Sie klagen nicht, sie haben das laute Wort
verlernt in der furchtbaren Zeit. Stumm sitzen sie bei Tische. Der
Vater, im Lehnstuhl versinkend, öffnet langsam die Augen, umfängt das
einst gewohnte Bild.

Ganz wie einst ist es, reglos sitzt die Frau, reglos die Kinder. Wie
einst, wie einst, vor, vor ... er weiß es nicht. Ihm ist, als seien
hundert Jahre verflossen seit diesen Tagen, daran sein Erinnern hilflos
tastet.

Stumm sitzen Frau und Kinder. Wie tote Gestalten aus Holz oder Stein.
Von seiner Hand geschnitzt. Von seiner ohnmächtigen zerbrochenen Hand.
Er hebt die Hand, sie sinkt nieder. Stumm sitzen die Gestalten. Er
kann ihnen kein Leben schenken. Obwohl in ihm Leben ist, tausendfach
geschwelltes Leben, aber erstarrt in seiner jämmerlichen Hülle, wie
Lava, die einst geglüht. Und jetzt Tod ist, nichts als Tod.

Weiter, weiter rücken die Menschen, die erstorbenen Dinge in eine
verlorene Ferne. Er ist allein. Mit verdoppelter Qual preßt das
erstarrte Leben die arme Hülle des Leibes, die arme, keuchende Brust,
die zermarterte Stirne, die zerbrochene Hand, in der einst wundervolle
Kraft gelebt. Er sieht sich, den, der er einst gewesen, als einen
Fremden, den er nicht versteht, der ihm entgleitet, in die Ferne der
andern Dinge.

Er ist allein. Ganz, ganz allein. Wie nie ein Mensch vorher. Nur einer
vielleicht. Einer. Der die Jammerworte rief: »Könnt Ihr nicht eine
Stunde mit mir wachen!?« Rief er sie? Nein, nur seine gefolterte Seele
hat sie gebebt mit letzter Kraft vor dem großen Verstummen. -- -- --

Der erste graue Winterschein dringt in die Schlafstube. Tiefatmend
schlafen Frau und Kinder. Sie leben. Weit, weit fern von ihm liegt
dieses Leben. Und doch, es dringt in seine Stille, ein Mißton der Welt,
mit der er nichts mehr gemein hat.

Er kriecht vom Lager auf, wie ein lahmes Tier. In unendlicher Qual.
Aber sie dringt kaum in sein Fühlen. Weiter kriecht er, bis er das
Atmen der Menschen nicht mehr hört. Weiter, weiter, bis er auch die
Spuren ihres Lebens nicht mehr fühlt. Still wie ein Kirchhof ist seine
Werkstatt. Wochen-, monatelang hat sie wohl niemand betreten. Dicker
Staub liegt auf den vollendeten Bildwerken, darunter Form und Linie
erstorben sind. Tilman Riemenschneider sieht sie kaum. Sie wecken kein
Erinnern. Sie sind tot, wie alles, was einst mit ihm gelebt hat.

Mit letzter Kraft schleppt er sich an den Werkzeugtisch, bricht nieder
auf den Schemel. Eine Weile schwindet ihm das letzte Bewußtsein.
Ungefühlt gleitet die Zeit.

Der Morgen wächst, sein Licht erweckt ihn. Über den Tisch fließt es.
über die Instrumente, Meißel, Hammer, Schnitzmesser. Über ein Stück
Holz. Durchdringt die dicke Staubschicht, legt langsam die Züge frei.
Sie sind roh, unfertig, aber sie weisen doch deutlich: Es ist der
Entwurf eines Christuskopfes, des gemarterten, letzte Qual erduldenden
Heilands.

Tilman Riemenschneiders dumpfe Augen haften daran, weiten sich zu
wachsender Größe im Anblick seines Werkes. Sein Werk, er fühlt es mit
jäher Besitzkraft. Er greift darnach, die armen Lungen blasen den Staub
fort, die schwachen Hände streichen über das Holz, immer, immer wieder.
Es tut wohl. Aus dem Holze strömt es auf ihn über, geheimnisvoll,
eine rätselhafte Kraft. Durch die Adern der Hand, des Armes, durch
den ganzen Leib, durch Seele und Hirn. Hell sieht er die Stunde, da
er zum letzten Male hier gesessen, um sein Werk gerungen. Feindlich,
fremd war es ihm damals; heute ist es ihm nahe, eng vertraut. Immer
tiefer verbunden ist er dem wunderbaren Holz, seinem wachsenden Segen.
Allmählich erweicht sich die starre versteinte Masse, die ihn erfüllt,
regt sich, pulst, atmet, lebt, wird Leben, nie gekanntes überreiches
Leben durchfließt seinen Leib, sein Hirn, seinen Arm, seine Hand.
Kraft, Kraft fühlt er in ihr, so herrlich, so über alles je Genossene
herrlich, daß ihn ein Staunen faßt. Aber neue Ströme der Kraft
durchrinnen ihn, in deren Zauber auch alles andere vergeht, daß er nur
sie fühlt, nur sie fühlen und denken kann.

Die Hand greift nach dem Schnitzmesser, sie drückt das Holz an des
Meisters Herz, daß dessen Pochen und das geheime Leben der Ringe und
Fasern eins werden, sich herrlich lösen im Pulsschlag der gotterfüllten
Welt. Und die Hand mit den Malen des Schmerzes formt ihren Schmerz zum
Bilde des Ewigen, der alle Qual der Erde uns vorgelitten und in jedem
Leide sich wunderbar erneut.




Dämon Knopp




Wilhelm Busch ging heim. Heim. Das Wort trug zuerst einen zarten,
traumhaften Klang. So wie sich's für ein so schönes deutsches Wort
gehört. Ofensurren war darin und Lampenknistern. Das Rauschen der
Bäume auf eigenem Gartengrund und, ja vielleicht auch ein sorgender
Frauenatem. Zu einem gütigen Antlitz wurde das Wort, das den Einsamen
anlächelte aus frohen, treuen Augen. Heim. Weiter klang das Wort.
Zerriß zur Dissonanz. Böse quäckendes Kinderschreien war darin,
mißtöniges Hundegebell, falsches Klavierspiel auf einem mißhandelten
Jammerinstrument, der ganze Lärm des Münchener Vorstadthauses, das
schon in fernen Umrissen vor ihm erwuchs. Das gütige Gesicht seiner
Vision verzerrte sich. Wurde zur kalkweißen Fratze seines nüchternen,
freudlosen Zimmers. Mit seinen Mauern, deren Kahlheit nur ab und zu ein
schauerlicher Öldruck unterbrach, seinem harten Sofa, das, wie eine
kantige, lieblose Frau, allen Versuchen, sich ein wenig warm darein
zu schmiegen, kalten Widerstand leistete, den steiflehnigen Sesseln,
Herrgott, und auch noch arbeiten sollte man in dieser freudlosen
Umwelt! Man mußte leben. Morgen lief der Termin ab. Noch kein Strich,
kein Wort davon stand auf dem Papier, ja, schlimmer noch, nicht
einmal in des Künstlers Kopf. Leer, leer war's in ihm, leer, wie in
dem grauenvollen Zimmer, dessen Fenster nun schon höhnisch auf ihn
niederglotzten.

Wilhelm Busch zog den Fuß zurück, den er schon auf die erste Stufe
gesetzt hatte. Angst vor seinem Zimmer faßte ihn. Die kargen Bäume
des Hausgartens rauschten. Armselig waren sie, aber sie trugen doch
grünes Laub, daran sich das bescheidene Auge erfreuen durfte. Ein
paar Schritte ging Busch in ihrem Schatten auf und nieder. Er hielt,
sprang zurück, eine verkrallte, kreischende Masse wälzte sich ihm vor
den Füßen. An der Stimme erkannte er die Kinder seines Nachbarn, des
dicken glatzköpfigen Rentners. Busch sprang zu, riß die beiden Jungen
auseinander. Des einen verkrallte Hand hielt noch ein Büschel Haare,
indes des andern erhobene Faust, noch immer zum Schlag geballt, sich
nicht lösen wollte. Wilhelm Busch sah entsetzt in die wutverrissenen
Gesichter, die Augen, die, bar jedes kindlichen Zuges, nichts waren,
als tierisch-wilder Haß. Nun aber ließen ihre Blicke voneinander und
einten sich in der Abwehr gegen den Störenden. Es lag wohl nun auch
ein wenig geduckte Furcht vor dem starken Erwachsenen darin, aber umso
tückischer zwängten sich die harten Kinderaugen. Nun weiteten sie sich
frecher unter dem Klang einer fetten Stimme, die aus der Rosenlaube
herübertönte: »Aber, Herr Busch, warum stören Sie denn den Kinderchens
ihr Vergnügen, sie haben doch eben so nett gespielt!«

Die unförmige Frau rührte bei ihren Worten nicht ein Glied, sie hob
nicht einmal die stumpfen wasserblauen Augen vom Strickstrumpf. Busch
wandte sich ohne Antwort und schritt den Kiesweg zurück, wilder Triumph
der Knabenaugen grellte ihm nach. Dann kreisten sie eifrig durch den
Garten, nach neuem Zeitvertreib Ausschau haltend. Unweit der Mutter
lag ein Hund, ein rasseloses Kötervieh. Halb schlafend jappte er
zuweilen nach Fliegen, dann wälzte er sich erwachend im Erdreich.
Da schlichen die beiden Jungen heran, packten ihn jäh am Schweif,
rissen ihn hoch, wirbelten ihn durch die Luft, die sein Jammergeschrei
erfüllte. Mit dumpfem Krach entfiel er den ermüdeten Händen, eben als
eine Katze vorbeischlich. Ihre Witterung weckte den Halbbetäubten, der
neu erwachte Schmerz paarte sich mit der uralten Jagdlust, die Zähne
faßten den Feind im Nacken, ein Biß, ein Zucken der Katzenglieder, dann
war's zu Ende. Das alles war so schnell geschehen, daß Wilhelm Busch
nicht Zeit gehabt hatte, sich der Verfolgten anzunehmen. Er trat zu
dem verendeten Tier, sein Malerauge umfaßte die gestreckten Glieder,
ihm selbst unbewußt, überwog die Lust des forschenden Künstlers das
Mitleid des Menschen. Nun aber sah er: Die Zähne des kleinen Raubtiers
hielten noch immer den Leichnam eines kleinen Vogels fest, wie dieser
in seinem Schnabel den letzten Wurm, den ihm das grausame Schicksal
nicht mehr zu fressen gegönnt hatte. In Wilhelm Busch's Stirne trat
eine tiefe, schwere Falte. In diesem kleinen Spiel bot sich ihm der
ganze furchtbare Kreislauf des Lebens. Ein Geschöpf quälte und fraß das
andere, das war der Weisheit letzter Schluß. Über allem, was lebte,
schwebte etwas Drohendes, Unfaßbares, dem es nicht entrinnen konnte.
Und jeder, jeder, ob er nun auf zwei oder vier Beinen schritt, aus
Mund, Rachen oder Schnabel pfiff, kannte kein anderes Bestreben, als
diesem Drohenden zu entfliehen und dem Schwächeren seine Angst zu
vergelten.

Ein Grauen faßte Wilhelm Busch. Grauen vor dem ungetrübten Himmel, der
sich verlogen über dem wirren qualvoll-gelösten Rätsel wölbte, fühllos
lächelnd, wie die dicke Frau, deren wolkenlos unbewegtes Gesicht sich
über das stumpfe Spiel des Strickstrumpfs beugte.

Ein dunkles Gefühl keimte auf in Wilhelm Busch. Zuerst Ekel, der sich
allmählich verdichtete, wuchs und Haß wurde. An die Kehle diesem
Weib, es würgen, daß die stumpfen Augen sich zum Entsetzen weiten,
das blöde-zufriedene Gesicht sich in Angst verzerren mußte! Unbewußt
verkrampften sich des Künstlers Hände. In Gedanken umkrallte er ihren
fetten, schwammigen Hals. Der engte und dehnte sich, zog sich zu mehr
als schwanenartiger Länge, die Augen traten krebsgleich vor, es war
lustig zu sehen. Nun zog der Maler auch an den Füßen, zu unendlicher
Länge dehnte sich die Gestalt, das Gesicht, der Mund, die Augen, zum
Totlachen die groteske Qual, die daraus sprach ...

Wilhelm Busch erwachte, war sich selbst mit einemmal fremd, unheimlich,
wie die ganze ihn träge umkreisende Welt. Unverändert beugte sich das
wolkenlos unbewegte Gesicht der dicken Frau über den Strickstrumpf.

Ein Schlag, Dunkel vor den Augen, mühsam riß Busch den Hut hoch, sah
in ein pfiffig-lächelndes kahlköpfiges Männergesicht. Nun ward das
Lächeln in einem dröhnend-kollerndem Lachen laut: »Gelt, jetzen hab
i's derglengt? Wie's da so ganga san, so ganz langsam und verlurn,
hab i glei g'wust, der denkt an was, den müss'mer stören, mach'mer
an Spaß mit ihm!« Er hängte sich in den schlaff-abwehrenden Arm des
Hausgenossen. »Wissen's, i hab soviel Humor in mir, i waß oft net,
wohin damit, dös müssa's doch verstengen, wo Ihre Bildeln doch aa so
lustig san! Na, na, nur fei kan falsche Bescheidenheit, dös vertrag
i net! Lustig san's, ans wie's andere! Alle ham's g'sagt heut beim
Frühschoppen im ›Franziskaner‹. Sogar der Stettner Schorsch. Und der is
net aso, dös is a strenger Kritiker, der is in Paris g'wesen und gar in
Rom! Ja, ja! Wie i g'sagt hab, daß i Sie kenn, haben's alle g'meunt:
bring'n mit! Kemma's nur, Sö sein gern g'sehgn, wirkli! Alle lustigen
Leit sehgn mir gern bei uns, nur kane Bazis, kane kopfhängerten könna
mir brauchen, kane, kane, was is dös für a Wort, es hört mit Mist auf,
i kann mir dös net dermerka ...«

Die Knaben sprangen mit wildem Geheul heran, entrissen dem Vater die
aus den Taschen starrenden Tüten, liefen davon und balgten sich um den
süßen Inhalt. Der fröhliche Herr wälzte sich lachend über den Rasen
hin der Strickerin zu, drückte einen langen schmatzenden Kuß auf ihre
Lippen und kehrte wieder zu Busch zurück, ehe dieser ins Haus enteilen
konnte.

»Ja, ja, da schaugn's Sö Junggesell, Sö ausg'schamter, der wo nix
für dö Population leista tuat! I muaß Ihna scho saga, i leb fei in
aner sehr glücklichen Eh', aber scho in aner sehr glücklich'n! Da
ham's kan Vorstellung net davon! I sag, a guada Mensch muaß heurata,
ja! Und wer net heurata tuat, der -- Sö verzeihn scho, aber dös is
mei Weltanschauung, es is net persönlich g'moint, -- der is ka guada
Mensch! Na! Wann ma abends daham sitzt und sein Schlafrock und sein
Pantoffeln hat und sein Mütz, Sö, mei guade Frau hat mir oane g'stickt
aus rodem Sammet, mit silberne Perlen und Ähren und Weinlaub drauf, a
so a guade Haut is', da fühlt ma erscht, wie guat's oam geht. Aber ma
waß aa, daß ma sich's verdeant hat. Der Bauch is so schön voll, von
dö vier Maß Franziskaner, wo i jeden Abend beim Dämmerschoppen trink,
net oans mehr, net oans weniger, so halt i 's scho zwanzig Jahr, i bin
für a Ordnung. Also, Sö keman do, net wahr? I sag Eahna«, er faßte den
Großen, Schlankgewachsenen am Knopf und zog ihn zu sich nieder, »i sag
Ihna, dö Kellnerin dort, dös is scho fei's Höchste! I bin ihr heunt so
ganz zart bei'n Zahlen, über die Haxn g'fahra, ja dös is, dös is, a
Genuß is dös, a Genuß!« Er lehnte sich zurück, das Gesicht löste sich
in einem seligen Lächeln, die Hände falteten sich fromm über dem Bauch
...

Als er merkte, daß der Künstler sich entfernen wollte, haschte er
wieder nach dem Rockknopf, ein mißtrauisch-böser Blick schnellte hoch!
»Is Ihna eppa mein' G'sellschaft net convenable, han? I moan, a jeder
kann si gratuliera, wann er mit mir verkehra derf! Es haben si scho
andere Leit um mi g'rissa! Wer mi net mag, der muaß blöd sein, aber
scho ganz ausg'schamt blöd! Aber na, na, Sö san fei net blöd, Sö san a
g'scheita lustiga Mensch! Sö san net so, wie der Trottel da droben,« er
zeigte nach einem Fenster, »der hochnasige! Weil er fei a G'studierter
is, bin i ihm wohl z'weng? A Dichter soll er sein, a Dichter, a
Künschtler. Is es net zum Lacha? Wissa's, so an Künschtler wia Sö, den
laß i mir g'falla, da kann ma lacha! Aber so aner, wia der! Nix zum
Fressa hat er, rein nix zum Fressa! I bin a guada Mensch, sag i Ihna,
a sehr guada, i wünsch koan nix Schlechts, aber dem und seiner Frau,
der blöden Gans, a Baronin soll's g'wen sein, dös aa no, denan vergun
i's! Ausschau'n tuan's zum ins Grab legen, die Kinder ham Boan wia dö
Zaunstecken! Aber auf's hoche Roß setza müssa s'si, dö Hungerleida, dö
notigen!« Aus verborgenen Abgründen brach ein grausam-kaltes Licht,
trat in die engen, verschwommenen Augen des Dicken. Jäh erschauernd
riß Busch sich los und schritt grußlos rasch ins Haus, die Treppe
überknarrte den nachhallenden Ruf des Verlassenen.

Im letzten Abendschein glänzte das Bild auf der Staffelei. Es war eine
norddeutsche Landschaft, in tiefen Gottesfrieden getaucht. Ein paar
schlichte Menschen im Vordergrund, in ihrer einfältigen Güte eins mit
Getier, Pflanze und Himmel. Voll reinster Harmonie flossen Linien und
Farben.

Wilhelm Busch riß den alten Malerkittel vom Haken und warf ihn über
das Bild. Lüge war die Kleckserei, erbärmlicher Kitsch! Pfui Teufel!
Er nahm das nüchterne Reißbrett vor, die Eckigkeit, das schlichte
Grauweiß des Zeichenblattes taten ihm wohl, er spitzte den Bleistift
zur letzten Schärfe. Wie eine Lanze mußte er sein. Eine Lanze, die
man der scheußlichen Welt ins Herz stoßen konnte. Der schlappe Pinsel
glitt daran nieder, verkroch sich und malte dann so verlogenes, feiges
Zeug, wie dieses Bild da, das, Gott sei Dank, jetzt der alte bekleckste
Mantel verhüllte, daß man kein Fleckchen davon sah. Spitz war der
Bleistift. Nüchtern leer das Blatt. Sie warteten. Bis morgen mußte
eine Zeichnung fertig sein. Etwas Lustiges, darüber die Leute Tränen
lachten. Ja, das mußte es sein, dafür bekam man Geld. Lustig, lustig,
ja! Weil das Leben so lustig war. Und alle Menschen so gut waren,
Ebenbilder Gottes, durch seine Gnade mit Pflanze und Tier verbunden
zur himmlischen Harmonie, wie er es auf der dummen Patzerei da hatte
darstellen wollen. Nicht daran denken! Arbeiten! Würde ihm schon etwas
einfallen. Aus dem Bleistift da würde es kommen, den er nun zur Hand
nahm, auf das erwartungsvoll-weiße Blatt setzte.

Ein wilder Strich fegte über das Papier, das Reißbrett flog krachend
auf den Tisch. Himmelherrgott ging es schon wieder an! Wie allabendlich
um dieselbe Stunde. Zuerst das »Gebet der Jungfrau«, dann der Walzer
im gleichen Holzhackertempo mit den traditionellen Fehlern an ewig
derselben Stelle! Er hatte der Nachbarin doch gestern einen Brief
geschrieben, sie in höflichstem Tone gebeten, ihre Klavierübungen auf
eine andere Stunde zu verlegen, der Abend sei seine Arbeitszeit, seine
mühsam erkaufte, die er brauchte, um sein Brot zu verdienen, um leben,
schaffen zu können. Was mußt du leben, schrillte das Instrument, was
mußt du schaffen! Wenn nur ich klingen, schrillen, dröhnen kann, das
ist die Hauptsache, das ist das einzig Wichtige in der Welt. Alles
andere ist mir einerlei, völlig einerlei, verstehst du?

Busch trommelte an die Wand, er flehte, schrie, brüllte um Ruhe,
unbekümmert weiter knarrte, quiekte, klapperte, stach, bohrte das
höllische Instrument in seine Nerven. Still saß Busch. Seine gequälte
Phantasie trieb schauerliche Blüten. Er zwängte die Hände der Spielerin
in teuflische Daumschrauben, daß sie sich lang zogen wie Spinnenfüße.
Er rief den Metzgermeister von nebenan zu Hilfe, den er erst vor
kurzem auf einem Bilderbogen verewigt hatte, der zog sein langes
Messer, schlitzte der Spielerin den Bauch auf, rollte ihre Därme auf
eine Haspel und verknüpfte sie den Saiten des Klaviers, daß sie deren
Schwingungen, in Schmerzen sich windend, mitmachen mußte, gezwungen,
sich selbst zu foltern. Umsonst, sie schien es gar nicht zu fühlen.
Ohne Störung ratterten die Tasten weiter bis ans Ende der üblichen
Zeitspanne. Endlich war Stille.

Nein, es war nicht Stille. Die Kinder des Rentners wurden zu Bette
gebracht. Wütendes Schreien, sanfte Schmeichelworte der Mutter, noch
lauteres Gebrüll, das langsam abflaute und endlich nur mehr gedämpft
aus dem ferner gelegenen Kinderzimmer die zweifache Wand durchbrach.

Dünn, ganz dünn waren die Wände des Zinshauses. Jedes Wort hörte man.
Dem Zimmer des Malers benachbart war das eheliche Schlafgemach.

Nun war es eine Weile wirklich ruhig. Ganz ruhig. Wilhelm Busch tauchte
in diese Ruhe, wie in ein warmes, schmiegsames Bad. Ach, immer so still
sein dürfen und allein! Allein mit Gott, Wolken, Wind und Himmel!
Hier war ihm der Weg versperrt. Für einen Augenblick erschien ihm der
Himmel der Heimat. Gott sah auf ihn nieder, vom Weißhaar der Wolken
umflattert, aus herbblauem nordischem Auge. Ein Schatten, Wolken,
Himmel, Gott verschwinden, der dicke Rentner und seine Frau verdecken
ihn, lassen nicht ein Endchen frei, breit, breit, unendlich breit ihre
verschwommenen Gesichter, nichts, nichts sonst, sie füllen die Welt.

Eine Stimme dringt durch die dünne Wand. Ja, die Stimme des Dicken
ist's. Jedes Wort versteht der Nachbar. Er kennt die Worte. Es ist
immer dasselbe. Der dicke Herr wird zärtlich. Busch will's nicht hören.
Er verstopft sich die Ohren. Aber die Hand mit den Weißwurstfingern
drückt ihm den Arm nieder, faßt ihn am Knopf, zieht ihn dicht an die
Wand heran. Zuhören, zuhören! Ich will mein Publikum! Immer süßer,
schmalziger werden die Worte, wie ranzigfettes übersüßtes Gebäck
fühlt sie Busch auf der Zunge, jetzt ein langer Kuß, und jetzt, jetzt
... Wilhelm Busch will fliehen, die Füße kleben, eine grauenvolle
Macht bannt ihn fest. Die Hand, die ihn am Knopf hält, wächst. Ins
Riesige wachsen die dicken Leiber der beiden Menschen. Ihre stumpfen
Augen glühen auf in giftiger grausamer Lust. Tiere sind's. Furchtbare
Urwelttiere, die Arme wachsen zu gebreiteten Flügelflossen, ihr
stumpflachender Mund wird zu riesigem Rachen, die Flossen umschlingen,
die Rachen verwühlen sich einander im unzähmbaren Trieb, sich zu
mehren, nicht zu vergehen, ewig zu sein. Ewig, ewig werden sie arme
Tiere und Menschen quälen, ewig werden sie Himmel und Gott verdunkeln
dem hungernden Blick. Die Wand fällt. Untrennbar verschlungen stehen
sie vor dem Einsamen, von immer neuen Scharen gefolgt. Wachsen,
wachsen, umkreisen den Künstler, rücken dichter heran, ihre Flossenarme
greifen, ihre Rachen schnappen nach ihm, wehrlos steht er vor ihnen.
Einen Schild, eine Waffe, gütiger Gott! Wilhelm Busch's zitternde Linke
umkrallt das Reißbrett, stemmt es vor die bedrohte Brust, die Rechte
hascht nach dem Bleistift, hebt ihn gegen den Feind, der weicht zurück,
wird kleiner, schrumpft ein, die Flossen werden wieder zu dicken Armen,
die Rachen zu einem grinsend verrissenen Mund. Nur die Augen blicken
tückisch, spähen nach einer Blöße des Gegners. Im dankbaren Gefühl der
Befreiung sucht Wilhelm Busch das Himmelslicht im Fenster. Schon will
der feindliche Arm schwellen, der Mund wachsen, aber der Bedrohte ist
auf der Hut. »Halt« schreit er, hebt die Waffe, läßt sie auf den weißen
Schild niedersinken. »Halt! Nicht einen Zoll vor! Ich halt euch fest,
ich banne euch, ihr tragt von jetzt ab die Gestalt, die ich euch gebe!«

Warme, beglückende Kraft durchfließt den Maler. Von ihr geführt,
gleitet der spitze Bleistift über das Papier. Der dicke Dämon will
ängstlich den Kopf bewegen, er kann es nicht, er muß ihn so halten,
genau so, wie er auf dem Papiere steht, genau so muß er die Augen
zwängen, die dicke Hand spreizen, ganz genau so. Er und die Frau an
seiner Seite. Nicht einmal ein wenig mit der Cul darf sie wackeln,
wenn es der da nicht erlaubt, der Furchtbare, Mächtige, dessen spitzer
Zauberstab sie zu willenlosen Sklaven seiner tyrannischen Laune gebannt
hat.

Je sicherer und eifriger Wilhelm Buschs fleißige Hand sich regt, desto
schöner und stärker wächst sein machtvolles Lächeln. Nun taucht es
in den hellen Mondglanz, der durchs Fenster fließt. Es ist dasselbe
Lächeln, wie es der weise himmlische Nachtwächter trägt, der nun schon
unzählbare Jahrhunderte lang diese jämmerliche Erde hütet und ihre
geheimsten, dunkelsten Falten mit seinem mitleidlosen Lichte zauberhaft
erhellt.


                         ~Von Robert Hohlbaum~
                    erschienen im gleichen Verlage:


                            ~Unsterbliche~

                        ~Novellen / 9. Tausend~
                           ~Leinen Mk. 3.50~


                        _Himmlisches Orchester_

                      Der »~Unsterblichen~« neue
                                 Folge


                        ~Novellen / 12. Tausend~
                           ~Leinen Mk. 3.50~



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄNGER UND KÖNIGE ***


    

Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for an eBook, except by following
the terms of the trademark license, including paying royalties for use
of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
copies of this eBook, complying with the trademark license is very
easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
of derivative works, reports, performances and research. Project
Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away—you may
do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
license, especially commercial redistribution.


START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG™ LICENSE

PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase “Project
Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg
electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the
Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country other than the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg work (any work
on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the
phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

    This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
    other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
    whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
    of the Project Gutenberg™ License included with this eBook or online
    at www.gutenberg.org. If you
    are not located in the United States, you will have to check the laws
    of the country where you are located before using this eBook.
  
1.E.2. If an individual Project Gutenberg electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase “Project
Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg work in a format
other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg website
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain
Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg electronic works
provided that:

    • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
        the use of Project Gutenberg works calculated using the method
        you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
        to the owner of the Project Gutenberg trademark, but he has
        agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
        Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
        within 60 days following each date on which you prepare (or are
        legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
        payments should be clearly marked as such and sent to the Project
        Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
        Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg
        Literary Archive Foundation.”
    
    • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
        you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
        does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™
        License. You must require such a user to return or destroy all
        copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
        all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™
        works.
    
    • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
        any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
        electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
        receipt of the work.
    
    • You comply with all other terms of this agreement for free
        distribution of Project Gutenberg™ works.
    

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set
forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right
of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg™
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our website which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org.

This website includes information about Project Gutenberg,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.