The Project Gutenberg eBook of Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3
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Title: Als ich noch der Waldbauernbub war. Band 3
Author: Peter Rosegger
Release date: September 28, 2026 [eBook #79665]
Language: German
Original publication: Leipzig: L. Staackmann Verlag, 1925
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79665
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALS ICH NOCH DER WALDBAUERNBUB WAR. BAND 3 ***
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1925 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Text in gesperrter Schrift wurde mit +Pluszeichen+ markiert.
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Als ich noch
der Waldbauernbub war
* * *
Von
Peter Rosegger
Für die Jugend
ausgewählt aus den Schriften Roseggers
vom Hamburger Jugendschriftenausschuß
206.–210. Tausend
[Illustration]
+L. Staackmann Verlag / Leipzig+
+1925+
Außerdem erschienen noch:
Als ich noch der Waldbauernbub war
I. Teil und II. Teil.
Von
Peter Rosegger
Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger Jugendschriftenausschuß
Inhalt des I. Teiles:
Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß. — Ums Vaterwort. — Allerlei
Spielzeug. — Wie der Meisensepp gestorben ist. — Wie ich dem lieben
Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte. — Wie das Zicklein starb. —
Dreihundertvierundsechzig und eine Nacht. — Als ich Bettelbub gewesen.
— Als ich zur Drachenbinderin ritt. — Als dem kleinen Maxel das Haus
niederbrannte. — Als ich das erstemal auf dem Dampfwagen saß. — Als
ich —.
Inhalt des II. Teiles:
In der Christnacht. — Was bei den Sternen war. — Auf der Wacht. — Wie
ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam. — Als ich das
Ofenhückerl war. — Als ich um Hasenöl geschickt wurde. — Als ich mir
die Welt am Himmel baute. — Von meiner Mutter.
Alle Rechte vorbehalten.
Inhalt.
Seite
1. Als ich Christtagsfreude holen ging 5
2. Das Schläfchen auf dem Semmering 18
3. Als ich nach Emaus zog 28
4. Am Tage, da die Ahne fort war 39
5. Der Fronleichnamsaltar 43
6. Weg nach Maria Zell 54
7. Als ich der Müller war 69
8. Als ich den Himmlischen Altäre gebaut 77
9. Als ich im Walde beim Käthele war 86
10. Als die hellen Nächte waren 95
11. Aus der Eisenhämmerzeit 102
12. Als ich zum Pfluge kam 114
Nr. 1, 3 sind dem Buche „Als ich jung noch war“
„ 8, 11 sind dem Buche „Hoch vom Dachstein“
„ 4, 6, 7, 9, 10, 12 sind dem Buche „Waldheimat I“
„ 5 ist dem Buche „Der Waldvogel“
„ 2 ist dem Buche „Idyllen aus einer untergehenden
Welt“ entnommen.
[Illustration]
Als ich Christtagsfreude holen ging.
In meinem zwölften Lebensjahre wird es gewesen sein, als am Frühmorgen
des heiligen Christabends mein Vater mich an der Schulter rüttelte:
ich solle aufwachen und zur Besinnung kommen, er habe mir was zu
sagen. Die Augen waren bald offen, aber die Besinnung! Als ich unter
Mithilfe der Mutter angezogen war und bei der Frühsuppe saß, verlor
sich die Schlaftrunkenheit allmählich, und nun sprach mein Vater:
„Peter, jetzt höre, was ich dir sage. Da nimm einen leeren Sack, denn
du wirst was heimtragen. Da nimm meinen Stecken, denn es ist viel
Schnee, und da nimm eine Laterne, denn der Pfad ist schlecht, und die
Stege sind vereist. Du mußt hinabgehen nach Langenwang. Den Holzhändler
Spreitzegger zu Langenwang, den kennst du, der ist mir noch immer
das Geld schuldig, zwei Gulden und sechsunddreißig Kreuzer für den
Lärchbaum. Ich laß ihn bitten drum; schön höflich anklopfen und den Hut
abnehmen, wenn du in sein Zimmer trittst. Mit dem Geld gehest nachher
zum Kaufmann Doppelreiter und kaufest zwei Maßel Semmelmehl und zwei
Pfund Rindschmalz und um zwei Groschen Salz, und das tragst heim.“
Jetzt war aber auch meine Mutter zugegen, ebenfalls schon angekleidet,
während meine sechs jüngeren Geschwister noch ringsum an der Wand in
ihren Bettchen schliefen. Die Mutter, die redete drein wie folgt: „Mit
Mehl und Schmalz und Salz allein kann ich kein Christtagsessen richten.
Ich brauch’ dazu noch Germ (Bierhefe) um einen Groschen, Weinbeerln
um fünf Kreuzer, Zucker um fünf Groschen, Safran um zwei Groschen und
Neugewürz um zwei Kreuzer. Etliche Semmeln werden auch müssen sein.“
„So kaufest es,“ setzte der Vater ruhig bei. „Und wenn dir das Geld zu
wenig wird, so bittest den Herrn Doppelreiter, er möcht’ die Sachen
derweil borgen, und zu Ostern, wenn die Kohlenraitung (Verrechnung)
ist, wollt’ ich schon fleißig zahlen. Eine Semmel kannst unterwegs
selber essen, weil du vor Abend nicht heimkommst. Und jetzt kannst
gehen, es wird schon fünf Uhr, und daß du noch die Achte-Messe erlangst
zu Langenwang.“
Das war alles gut und recht. Den Sack band mein Vater mir um die Mitte,
den Stecken nahm ich in die rechte Hand, die Laterne mit der frischen
Unschlittkerze in die linke, und so ging ich davon, wie ich zu jener
Zeit in Wintertagen oft davongegangen war. Der durch wenige Fußgeher
ausgetretene Pfad war holperig im tiefen Schnee, und es ist nicht immer
leicht, nach den Fußstapfen unserer Vorderen zu wandeln, wenn diese
zu lange Beine gehabt haben. Noch nicht dreihundert Schritte war ich
gegangen, so lag ich im Schnee, und die Laterne, hingeschleudert, war
ausgelöscht. Ich suchte mich langsam zusammen, und dann schaute ich die
wunderschöne Nacht an. Anfangs war sie ganz grausam finster, allmählich
hub der Schnee an, weiß zu werden und die Bäume schwarz, und in der
Höhe war helles Sternengefunkel. In den Schnee fallen kann man auch
ohne Laterne, so stellte ich sie seithin unter einen Strauch, und ohne
Licht ging’s nun besser als vorhin.
In die Talschlucht kam ich hinab, das Wasser des Fresenbaches war
eingedeckt mit glattem Eise, auf welchem, als ich über den Steg ging,
die Sterne des Himmels gleichsam Schlittschuh liefen. Später war ein
Berg zu übersteigen; auf dem Passe, genannt der „Höllkogel“, stieß ich
zur wegsamen Bezirksstraße, die durch Wald und Wald hinabführt in das
Mürztal. In diesem lag ein weites Meer von Nebel, in welches ich sachte
hineinkam, und die feuchte Luft fing an, einen Geruch zu haben, sie
roch nach Steinkohlen; und die Luft fing an, fernen Lärm an mein Ohr
zu tragen, denn im Tale hämmerten die Eisenwerke, rollte manchmal ein
Eisenbahnzug über dröhnende Brücken.
Nach langer Wanderung ins Tal gekommen zur Landstraße, klingelte
Schlittengeschelle, der Nebel ward grau und lichter, so daß ich
die Fuhrwerke und Wandersleute, die für die Feiertage nach ihren
Heimstätten reisten, schon auf kleine Strecken weit sehen konnte.
Nachdem ich eine Stunde lang im Tale fortgegangen war, tauchte links
an der Straße im Nebel ein dunkler Fleck auf, rechts auch einer, links
mehrere, rechts eine ganze Reihe — das Dorf Langenwang.
Alles, was Zeit hatte, ging der Kirche zu, denn der heilige Abend
ist voller Vorahnung und Gottesweihe. Bevor noch die Messe anfing,
schritt der hagere gebückte Schulmeister durch die Kirche, musterte
die Andächtigen, als ob er jemanden suche. Endlich trat er an mich
und fragte leise, ob ich ihm nicht die Orgel melken wolle, es sei der
Mesnerbub krank. Voll Stolz und Freude, also zum Dienste des Herrn
gewürdigt zu sein, ging ich mit ihm auf den Chor, um bei der heiligen
Messe den Blasebalg der Orgel zu ziehen. Während ich die zwei langen
Lederriemen abwechselnd aus dem Kasten zog, in welchen jeder derselben
allemal wieder langsam hineinkroch, orgelte der Schulmeister, und seine
Tochter sang also:
„Tauet, Himmel, den Gerechten,
Wolken, regnet ihn herab!
also rief in bangen Nächten
einst die Welt, ein weites Grab.
In von Gott verhaßten Gründen
herrschten Satan, Tod und Sünden,
fest verschlossen war das Tor
zu dem Himmelreich empor.“
Ferner erinnere ich mich, an jenem Morgen nach dem Gottesdienste in
der dämmerigen Kirche vor ein Heiligenbild hingekniet zu sein und
gebetet zu haben um Glück und Segen zur Erfüllung meiner bevorstehenden
Aufgabe. Das Bild stellte die vierzehn Nothelfer dar — einer wird doch
dabei sein, der zur Eintreibung von Schulden behilflich ist. Es schien
mir aber, als schiebe während meines Gebetes auf dem Bilde einer sich
sachte hinter den andern zurück.
Trotzdem ging ich guten Mutes hinaus in den nebeligen Tag, wo alles
emsig war in der Vorbereitung zum Feste, und ging dem Hause des
Holzhändlers Spreitzegger zu. Als ich daran war, zur vorderen Tür
hineinzugehen, wollte der alte Spreitzegger, soviel ich mir später
reimte, durch die hintere Tür entwischen. Es wäre ihm gelungen, wenn
mir nicht im Augenblicke geschwant hätte: Peter, geh nicht zur vorderen
Tür ins Haus wie ein Herr, sei demütig, geh zur hinteren Tür hinein,
wie es dem Waldbauernbuben geziemt. Und knapp an der hinteren Türe
trafen wir uns.
„Ah, Bübel, du willst dich wärmen gehen,“ sagte er mit geschmeidiger
Stimme und deutete ins Haus, „na, geh dich nur wärmen. Ist kalt heut!“
Und wollte davon.
„Mir ist nicht kalt,“ antwortete ich, „aber mein Vater läßt den
Spreitzegger schön grüßen und bitten ums Geld.“
„Ums Geld? Wieso?“ fragte er, „ja richtig, du bist der Waldbauernbub.
Bist früh aufgestanden heut, wenn du schon den weiten Weg kommst. Rast
nur ab. Und ich laß deinen Vater auch schön grüßen und glückliche
Feiertage wünschen; ich komm’ ohnehin ehzeit einmal zu euch hinauf,
nachher wollen wir schon gleich werden.“
Fast verschlug’s mir die Rede, stand doch unser ganzes Weihnachtsmahl
in Gefahr vor solchem Bescheid.
„Bitt’ wohl von Herzen schön ums Geld, muß Mehl kaufen und Schmalz und
Salz, und ich darf nicht heimkommen mit leerem Sack.“
Er schaute mich starr an. „Du kannst es!“ brummte er, zerrte mit zäher
Gebärde seine große, rote Brieftasche hervor, zupfte in den Papieren,
die wahrscheinlich nicht pure Banknoten waren, zog einen Gulden heraus
und sagte: „Na, so nimm derweil das, in vierzehn Tagen wird dein Vater
den Rest schon kriegen. Heut hab’ ich nicht mehr.“
Den Gulden schob er mir in die Hand, ging davon und ließ mich stehen.
Ich blieb aber nicht stehen, sondern ging zum Kaufmann Doppelreiter.
Dort begehrte ich ruhig und gemessen, als ob nichts wäre, zwei Maßel
Semmelmehl, zwei Pfund Rindschmalz, um zwei Groschen Salz, um einen
Groschen Germ, um fünf Kreuzer Weinbeerln, um fünf Groschen Zucker,
um zwei Groschen Safran und um zwei Kreuzer Neugewürz. Der Herr
Doppelreiter bediente mich selbst und machte mir alles hübsch zurecht
in Päckchen und Tütchen, die er dann mit Spagat zusammen in ein
einziges Paket band und an den Mehlsack so hing, daß ich das Ding über
der Achsel tragen konnte, vorn ein Bündel und hinten ein Bündel.
Als das geschehen war, fragte ich mit einer nicht minder tückischen
Ruhe als vorhin, was das alles zusammen ausmache.
„Das macht drei Gulden fünfzehn Kreuzer,“ antwortete er mit Kreide und
Mund.
„Ja, ist schon recht,“ hierauf ich, „da ist derweil ein Gulden, und das
andere wird mein Vater, der Waldbauer in Alpel, zu Ostern zahlen.“
Schaute mich der bedauernswerte Mann an und fragte höchst ungleich: „Zu
Ostern? In welchem Jahr?“
„Na, nächst Ostern, wenn die Kohlenraitung ist.“
Nun mischte sich die Frau Doppelreiterin, die andere Kunden bediente,
drein und sagte: „Laß ihm’s nur, Mann, der Waldbauer hat schon öfter
auf Borg genommen und nachher allemal ordentlich bezahlt. Laß ihm’s
nur.“
„Ich laß ihm’s ja, werd’ ihm’s nicht wieder wegnehmen,“ antwortete der
Doppelreiter. Das war doch ein bequemer Kaufmann! Jetzt fielen mir auch
die Semmeln ein, welche meine Mutter noch bestellt hatte.
„Kann man da nicht auch fünf Semmeln haben?“ fragte ich.
„Semmeln kriegt man beim Bäcker,“ sagte der Kaufmann.
Das wußte ich nun gleichwohl, nur hatte ich mein Lebtag nichts davon
gehört, daß man ein paar Semmeln auf Borg nimmt, daher vertraute ich
der Kaufmännin, die sofort als Gönnerin zu betrachten war, meine
vollständige Zahlungsunfähigkeit an. Sie gab mir zwei bare Groschen
für Semmeln, und als sie nun noch beobachtete, wie meine Augen mit
den reiffeuchten Wimpern fast unablösbar an den gedörrten Zwetschgen
hingen, die sie einer alten Frau in den Korb tat, reichte sie mir auch
noch eine Handvoll dieser köstlichen Sache zu: „Unterwegs zum Naschen.“
Nicht lange hernach, und ich trabte, mit meinen Gütern reich und schwer
bepackt, durch die breite Dorfgasse dahin. Überall in den Häusern
wurde gemetzgert, gebacken, gebraten, gekellert; ich beneidete die
Leute nicht; ich bedauerte sie vielmehr, daß sie nicht ich waren,
der, mit so großem Segen beladen, gen Alpel zog. Das wird morgen ein
Christtag werden! Denn die Mutter kann’s, wenn sie die Sachen hat. Ein
Schwein ist ja auch geschlachtet worden daheim, das gibt Fleischbrühe
mit Semmelbrocken, Speckfleck, Würste, Nieren-Lümperln, Knödelfleisch
mit Kren, dann erst die Krapfen, die Zuckernudeln, das Schmalzkoch mit
Weinbeerln und Safran! — Die Herrenleut’ da in Langenwang haben so was
alle Tag’, das ist nichts, aber wir haben es im Jahr einmal und kommen
mit unverdorbenem Magen dazu, +das+ ist was! — Und doch dachte ich auf
diesem belasteten Freudenmarsch weniger noch ans Essen, als an das
liebe Christkind und sein hochheiliges Fest. Am Abende, wenn ich nach
Hause komme, werde ich aus der Bibel davon vorlesen, die Mutter und
die Magd Mirzel werden Weihnachtslieder singen; dann, wenn es zehn Uhr
wird, werden wir uns aufmachen nach Sankt Kathrein und in der Kirche
die feierliche Christmette begehen bei Glocken, Musik und unzähligen
Lichtern. Und am Seitenaltar ist das Krippel aufgerichtet mit Ochs und
Esel und den Hirten, und auf dem Berg die Stadt Bethlehem und darüber
die Engel, singend: Ehre sei Gott in der Höhe! — Diese Gedanken trugen
mich anfangs wie Flügel. Doch als ich eine Weile die schlittenglatte
Landstraße dahingegangen war, unter den Füßen knirschenden Schnee,
mußte ich mein Doppelbündel schon einmal wechseln von einer Achsel auf
die andere.
In der Nähe des Wirtshauses „Zum Sprengzaun“ kam mir etwas
Vierspänniges entgegen. Ein leichtes Schlittlein, mit vier feurigen,
hochaufgefederten Rappen bespannt, auf dem Bock ein Kutscher mit
glänzenden Knöpfen und einem Buttenhut. Der Kaiser? Nein, der Herr
Wachtler vom Schlosse Hohenwang saß im Schlitten, über und über in
Pelze gehüllt und eine Zigarre schmauchend. Ich blieb stehen, schaute
dem blitzschnell vorüberrutschenden Zeug eine Weile nach und dachte:
Etwas krumm ist es doch eingerichtet auf dieser Welt: da sitzt ein
starker Mann drin und läßt sich hinziehen mit so viel überschüssiger
Kraft, und ich vermag mein Bündel kaum zu schleppen.
Mittlerweile war es Mittagszeit geworden. Durch den Nebel war die
milchweiße Scheibe der Sonne zu sehen; sie war nicht hoch am Himmel
hinaufgestiegen, denn um vier Uhr wollte sie ja wieder unten sein, zur
langen Christnacht. Ich fühlte in den Beinen manchmal so ein heißes
Prickeln, das bis in die Brust hinaufstieg, es zitterten mir die
Glieder. Nicht weit von der Stelle, wo der Weg nach Alpel abzweigt,
stand ein Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Es stand,
wie es heute noch steht, an seinem Fuß Johannes und Magdalena, das
Ganze mit einem Bretterverschlag verwahrt, so daß es wie eine Kapelle
war. Vor dem Kreuze auf die Bank, die für kniende Beter bestimmt ist,
setzte ich mich nieder, um Mittag zu halten. Eine Semmel, die gehörte
mir, meine Neigung zu ihr war so groß, daß ich sie am liebsten in
wenigen Bissen verschluckt hätte. Allein das schnelle Schlucken ist
nicht gesund, das wußte ich von anderen Leuten, und das langsame Essen
macht einen längeren Genuß, das wußte ich schon von mir selber. Also
beschloß ich, die Semmel recht gemächlich und bedächtig zu genießen und
dazwischen manchmal eine gedörrte Zwetschge zu naschen.
Es war eine sehr köstliche Mahlzeit; wenn ich heute etwas recht Gutes
haben will, das kostet außerordentliche Anstrengungen aller Art; ach,
wenn man nie und nie einen Mangel zu leiden hat, wie wird man da arm!
Und wie war ich so reich damals, als ich arm war!
Als ich nach der Mahlzeit mein Doppelbündel wieder auflud, war’s ein
Spaß mit ihm, flink ging es voran. Als ich später in die Bergwälder
hinaufkam und der graue Nebel dicht in den schneebeschwerten Bäumen
hing, dachte ich an den Grabler Hansel. Das war ein Kohlenführer, der
täglich von Alpel seine Fuhre ins Mürztal lieferte. Wenn er auch heute
gefahren wäre! Und wenn er jetzt heimwärts mit dem leeren Schlitten des
Weges käme und mir das Bündel auflüde! Und am Ende gar mich selber!
Daß es so heiß sein kann im Winter! Mitten in Schnee und Eisschollen
schwitzen! Doch morgen wird alle Mühsal vergessen sein. — Derlei
Gedanken und Vorstellungen verkürzten mir unterwegs die Zeit.
Auf einmal roch ich starken Tabakrauch. Knapp hinter mir ging — ganz
leise auftretend — der grüne Kilian. Der Kilian war früher einige Zeit
lang Forstgehilfe in den gewerkschaftlichen Waldungen gewesen, jetzt
war er’s nicht mehr, wohnte mit seiner Familie in einer Hütte drüben
in der Fischbacher Gegend, man wußte nicht recht, was er trieb. Nun
ging er nach Hause. Er hatte einen Korb auf dem Rücken, an dem er nicht
schwer zu tragen schien, sein Gewand war noch ein jägermäßiges, aber
hübsch abgetragen, und sein schwarzer Vollbart ließ nicht viel sehen
von seinem etwas fahlen Gesichte. Als ich ihn bemerkt hatte, nahm er
die Pfeife aus dem Mund, lachte laut und sagte: „Wo schiebst denn hin,
Bub?“
„Heim zu,“ meine Antwort.
„Was schleppest denn?“
„Sachen für den Christtag.“
„Gute Sachen? der Tausend sapperment! Wem gehörst denn zu?“
„Dem Waldbauer.“
„Zum Waldbauer willst gar hinauf! Da mußt gut antauchen.“
„Tu’s schon,“ sagte ich und tauchte an.
„Nach einem solchen Marsch wirst gut schlafen bei der Nacht,“ versetzte
der Kilian, mit mir gleichen Schritt haltend.
„Heut wird nicht geschlafen bei der Nacht, heut ist Christnacht.“
„Was willst denn sonst tun, als schlafen bei der Nacht?“
„Nach Kathrein in die Mette gehen.“
„Nach Kathrein?“ fragte er, „den weiten Weg?“
„Um zehn Uhr abends gehen wir von Haus fort, und um drei Uhr früh sind
wir wieder daheim.“
Der Kilian biß in sein Pfeifenrohr und sagte: „Na, hörst du, da gehört
viel Christentum dazu. Beim Tag ins Mürztal und bei der Nacht in die
Mette nach Kathrein! So viel Christentum hab’ ich nicht, aber das sage
ich dir doch: Wenn du dein Bündel in meinen Buckelkorb tun willst, daß
ich es dir eine Zeitlang trag und du dich ausrasten kannst, so hast
ganz recht, warum soll der alte Esel nicht auch einmal tragen!“
Damit war ich einverstanden, und während mein Bündel in seinen Korb
sank, dachte ich: Der grüne Kilian ist halt doch ein besserer Mensch,
als man sagt.
Dann rückten wir wieder an, ich huschte frei und leicht neben ihm her.
„Ja ja, die Weihnachten!“ sagte der Kilian fauchend, „da geht’s halt
drunter und drüber. Da reden sich die Leut’ in eine Aufregung und
Frömmigkeit hinein, die gar nicht wahr ist. Im Grund ist der Christtag
wie jeder andere Tag, nicht einen Knopf anders. Der Reiche, ja, der hat
jeden Tag Christtag, unsereiner hat jeden Tag Karfreitag.“
„Der Karfreitag ist auch schön,“ war meine Meinung.
„Ja, wer genug Fische und Butter und Eier und Kuchen und Krapfen hat
zum Fasten!“ lachte der Kilian.
Mir kam sein Reden etwas heidentümlich vor. Doch was er noch weiters
sagte, das verstand ich nicht mehr, denn er hatte angefangen, sehr
heftig zu gehen, und ich konnte nicht recht nachkommen. Ich rutschte
auf dem glitschigen Schnee mit jedem Schritt ein Stückchen zurück,
der Kilian hatte Fußeisen angeschnallt, hatte lange Beine, war nicht
abgemattet — da ging’s freilich voran.
„Herr Kilian!“ rief ich.
Er hörte es nicht. Der Abstand zwischen uns wurde immer größer, bei
Wegbiegungen entschwand er mir manchmal ganz aus den Augen, um nachher
wieder in größerer Entfernung, halb schon von Nebeldämmerung verhüllt,
aufzutauchen. Jetzt wurde mir bang um mein Bündel. Kamen wir ja
doch schon dem Höllkogel nahe. Das ist jene Stelle, wo der Weg nach
Alpel und der Weg nach Fischbach sich gabeln. Ich hub an zu laufen;
im Angesichte der Gefahr war alle Müdigkeit dahin, ich lief wie ein
Hündlein und kam ihm näher. Was wollte ich aber anfangen, wenn ich ihn
eingeholt hätte, wenn ihm der Wille fehlte, die Sachen herzugeben, und
mir die Kraft, sie zu nehmen? Das kann ein schönes Ende werden mit
diesem Tage, denn die Sachen lasse ich nicht im Stich, und sollte ich
ihm nachlaufen müssen bis hinter den Fischbacher Wald zu seiner Hütte!
Als wir denn beide so merkwürdig schnell vorwärts kamen, holten wir
ein Schlittengespann ein, das vor uns mit zwei grauen Ochsen und einem
schwarzen Kohlenführer langsam des Weges schliff. Der Grabler Hansel.
Mein grüner Kilian wollte schon an dem Gespann vorüberhuschen, da
schrie ich von hinten her aus Leibeskräften: „Hansel! Hansel! Sei so
gut, leg mir meine Christtagsachen auf den Schlitten, der Kilian hat
sie im Korb, und er soll sie dir geben!“
Mein Geschrei muß wohl sehr angstvoll gewesen sein, denn der Hansel
sprang sofort von seinem Schlitten und nahm eine tatbereite Haltung
ein. Und wie der Kilian merkte, ich hätte hier einen Bundesgenossen,
riß er sich den Korb vom Rücken und schleuderte das Bündel auf
den Schlitten. Noch knirschte er etwas von „dummen Bären“ und
„Undankbarkeit“, dann war er aber auch schon davon.
Der Hansel rückte das Bündel zurecht und fragte, ob man sich
draufsetzen dürfe. Das, bat ich, nicht zu tun.
So tat er’s auch nicht, wir setzten uns hübsch nebeneinander auf den
Schlitten, und ich hielt auf dem Schoß sorgfältig mit beiden Händen die
Sachen für den Christtag. So kamen wir endlich nach Alpel. Als wir zur
ersten Fresenbrücke gekommen waren, sagte der Hansel zu den Ochsen:
„Oha!“ und zu mir: „So!“ Die Ochsen verstanden und blieben stehen, ich
verstand nicht und blieb sitzen. Aber nicht mehr lange, es war ja zum
Aussteigen, denn der Hansel mußte links in den Graben hinein und ich
rechts den Berg hinauf.
„Dank dir’s Gott, Hansel!“
„Ist schon gut, Peterl.“
Zur Zeit, da ich mit meiner Last den steilen Berg hinanstieg gegen mein
Vaterhaus, begann es zu dämmern und zu schneien. Und zuletzt war ich
doch daheim.
„Hast alles?“ fragte die Mutter am Kochherd mir entgegen.
„Alles!“
„Brav bist. Und hungrig wirst sein.“
Beides ließ ich gelten. Sogleich zog die Mutter mir die klingendhart
gefrorenen Schuhe von den Füßen, denn ich wollte, daß sie frisch
eingefettet würden für den nächtlichen Mettengang. Dann setzte ich mich
in der warmen Stube zum Essen.
Aber siehe, während des Essens geht es zu Ende mit meiner Erinnerung. —
Als ich wieder zu mir kam, lag ich wohlausgeschlafen in meinem warmen
Bette, und zum kleinen Fenster herein schien die Morgensonne des
Christtages.
[Illustration]
[Illustration]
Das Schläfchen auf dem Semmering.
Das Mittagsmahl war vorüber. Den Rest der Milchsuppe hatte der
Kettenhund bekommen, der, dankbar mit dem Schweife wedelnd, die
Schüssel so blank leckte, daß die roten und blauen Blumen, sowie die
Zahl des Geburtsjahres der geräumigen Tonschüssel klar zum Vorscheine
kam. Der Hund beleckte, gleichsam zum Danke, dann auch noch die Blumen
und die Jahreszahl, und gut war’s. Den Rest der Schmalznocken hatte die
Bäuerin dem alten Zottentrager (Lumpensammler) verehrt, der auf der
Ofenbank saß bei seinem großmächtigen Bündel, in welchem alle alten
Fetzen von Alpel beisammen waren und der Papiermühle harrten. Der
Zottentrager nahm weder die „Zotten“ umsonst, noch die Schmalznocken,
er tat ein Täschlein auseinander und bot der Bäuerin zur Gegengabe
drei Ellen blaue Schürzenbänder und ein paar englische Nadeln. Der
Großknecht nannte ihn trotzdem einen Lumpenkerl.
Als wir vom Tische aufstanden, um wohlgesättigt wieder dem Tagewerke
nachzugehen, steckte der Großknecht Rochus einen Ballen Tabak in den
Mund. Trotzdem vermochte er noch zu reden und zum Hausvater das Wort zu
sagen: „Bauer, brauchst du heute das Bendel?“ Bendel, das ist nämlich
der geringschätzige Ausdruck für einen nichtigen kleinen Buben, der den
Leuten unter den Beinen umherschlupft, wenn er beim Vieh nichts zu tun
hat.
Das Wort Bendel mußte auf mich passen, weil der Zieselhofbauer, bei
dem ich damals als Schafhirt angestellt war, auf mich herabschaute und
die Achseln zuckte. Er brauche mich nicht. Die Schafe seien ja in der
eingezäunten Halde.
„Wenn du ihn nicht brauchst, so brauch’ ich ihn,“ sagte der Knecht.
„Wenn ich morgen ins Österreichische hinaus soll mit dem Leab, so muß
das Vieh heut ein paar Stunden umgetrieben werden auf dem Anger.“
Der Leab, das war durchaus kein „Vieh“, wie der Knecht in seiner
Grobmäuligkeit sagte, sondern das war unser falbes Öchslein, der
Liebling des Hauses. Es mußte besonders brav sein, denn es wurde
besser gehalten als die anderen Rinder, es bekam Heu statt Stroh und
Salzrübenbräu statt Spreufutter. Warum die Bevorzugung? Weil der Leab
eben ein lieber Kerl war und so schön jodeln konnte. Wenn er satt war
und vor dem Stalle stand, so begann er zu lauten, die Töne, die er
in kurzen Zwischenräumen ausstieß, waren wie heller Juchschrei, der
drüben im Wald klingend widerhallte. Die anderen konnten es bei weitem
nicht so. Ich wußte damals noch gar vieles nicht, unter anderem auch,
warum der Leab so schön jauchzte. War es, weil es gar so lustig ist auf
dieser Welt, wenn man nicht an den Pflug muß und so guten Salzrübenbräu
kriegt? oder war es, weil er Genossen und Genossinnen herbeirufen
wollte von den Weiden? oder war es, weil der Wald sein Jauchzen so
munter beantwortete? Kurz, es machte sich alles so fein und nett mit
dem Leab, und das war nicht bloße Höflichkeit, wenn es hieß, daß er
sehr gut aussehe. Mit diesem lieben Öchslein nun sollte der Knecht
Rochus am nächsten Tage ins Österreicherland reisen, über den Semmering
hinüber. Man sprach gar von Wien, wo der Leab, wie es hieß, sein Glück
machen sollte.
„Sodl, jetzt komm einmal, Bendel, nichtiges!“ Also hat der Knecht mich
geworben. „Jetzt führ den Leab aus dem Stall auf den Anger, und treib
ihn ein paar Stündlein langsam herum. Na, hast mich verstanden?“
Nun war das vom Leab eine besondere Gefälligkeit. Wenn ich ein gesunder
starker Ochs bin, wie der Leab, so lasse ich mich nicht von einem
siebenjährigen Jungen, den sie noch obendrein das Bendel heißen, mir
nichts dir nichts auf dem Anger umhertreiben. Entweder ich gebe ihm
einen Deuter mit dem Hinterbein, daß er mich in Ruh’ lassen soll, oder
ich tauche ihn mit dem gehörnten Kopf zu Boden. Mein Leab aber erkannte
mir die Oberhoheit zu, oder es war ihm nicht der Mühe wert, einem
winzigen Knirps sich zu widersetzen; er ließ sich gutmütig treiben.
Etwas schwerfällig trottete er auf dem Rasen dahin, ich trappelte
barfuß hinter ihm drein, und wenn er stehenbleiben wollte, um sich zu
lecken oder eine Schnauze voll Gras zu sich zu nehmen, so versetzte
ich ihm mit der Gerte einen leichten Streich an den Schenkel, daß
er weiter ging. So hatte es der Knecht angeordnet. Ich wußte nicht,
was das Herumtrotten heute zu bedeuten hatte, und mein Leab wußte es
wahrscheinlich auch nicht. Der Mensch, wenn er etwas nicht weiß, macht
sich Sorgen darob, der Ochs nicht, trotzdem kam letzterer genau so weit
als ich — etwa fünfzigmal um den Anger herum.
Am Abend, als wir müde und mit steifen Beinen in den Stall gingen, habe
ich’s erst erfahren, weshalb die Rundreise verhängt worden war. Der
Leab mußte sich für seine bevorstehende Fußpartie ins Österreicherland
eingehen, weil er das Marschieren nicht gewohnt war. Bei mir stand
die Sache nicht viel anders, denn auch ich war auserlesen, die Reise
mitzutun.
Am nächsten Frühmorgen hatten wir, der große Knecht Rochus und der
kleine Bendel, unser Halbfeiertagsgewand angelegt, ich auch mein neues
Paar Schuhe, dann aßen wir Sterz und Milch, und der Leab bekam noch
einmal seinen Salzrübenbrei. Während er mit Behagen sein Frühstück
verzehrte, ahnungslos, daß es das letzte war in der Heimat, striegelte
ihm der Ziegelhofbauer noch die Haare glatt und betastete mit
Wohlgefallen den rundlichen Leib.
„Unter hundertsechzig treibst ihn wieder heim,“ sagte er dann zum
Knecht. Das war mir nicht ganz verständlich, der Rochus aber nickte
seinen Kopf. „Geh nur her, Öchsel!“ sprach er und legte dem Genannten
den Strick um die Hörner. Ich stand hinten mit der Gerte. Als wir so zu
dreien durch das Hoftor hinaus davonzogen, brüllten die anderen Rinder
des Stalles, und der Leab stieß ein paarmal sein helles Jauchzen aus.
War ihm wirklich so wohl ums Herz, weil es jetzt in die helle Fremde
ging, oder hatte der Arme nur einen einzigen Laut für Freud und Leid?
Die Hausleute schauten uns nach, bis der Weg sich verlor im Schachen.
Anfangs ging’s etwas rostig, es waren uns die Beine noch steif von
der gestrigen Angerwanderung, aber schon über dem Alpsteige wurden
wir gelenkiger, und im Mürztale trabten wir zu acht Füßen ganz rüstig
fürbaß.
„Sodl,“ sagte der Knecht, „bis die Sonne abi geht, müssen wir z’
Gloggnitz sein. Heimfahren können wir morgen auf dem Dampfwagen, ist
sicherer mit dem Geld.“
Und kam es jetzt auf, was der Rochus im Sinn hatte. Den Leab wollte
er verkaufen. Zu Gloggnitz an einen Viehhändler, der ihn dann nach
Wien führen würde. — Nein, das konnte dem Knecht nicht ernst sein.
Verkaufen, den Leab! Derselbe Knecht hatte früher einmal am Feierabend
eine Geschichte erzählt, wie ein Mann seinen Bruder an den Juden
verkauft hatte ... Und stimmte denn das mit dem, was meine Mutter
daheim oftmals gesagt hatte, nämlich, daß auch das liebe Vieh unserem
Herrgott gehöre, und daß Ochs und Esel die ersten gewesen, die beim
Christkind Wache gehalten? —
Weil die Straße so breit und glatt vor uns da lag und das Öchslein
so willig fürbaß ging, so konnten wir plaudern. Daheim plaudert kein
Knecht mit dem Schafbuben, am wenigsten der ruppige Großknecht mit dem
Bendel, aber in der Fremde schließen die Menschen sich nahe aneinander,
selbst wenn ein Ochs dazwischen ist.
„Was wird er denn nachher machen, der Leab, z’Wien?“ fragte ich.
„Der wird totgeschlagen,“ antwortete der Knecht. Ich lachte überlaut,
weil ich das grobe Wort für einen feinen Witz hielt.
„Übermorgen um die Stund’ hängt er schon an den Hinterbeinen beim
Fleischhacker,“ setzte der Knecht bei. Mir ward plötzlich bange, ich
schaute dem Leab ins Gesicht, das glotzte harmlos drein; er hatte
nichts verstanden, gottlob. — Fleischhacker! Ich hatte den Namen
übrigens schon gehört. Als daheim die Mutter einmal schwer krank
gewesen war, hatte der Arzt ein Pfund Suppenfleisch verordnet, zum
Kraftmachen. Das war auch beim Fleischhacker geholt worden.
„Hi, Leab!“ sagte der Rochus und zog am Strick.
Dann fuhr er fort, wunderlich zu sprechen: „Das beste Fleisch geht
allemal nach Wien. Wenn unsereiner auf der Kirchweih beim Fleischhacker
im Dorfe ein Stückel kauft, kriegt man ein wiedenzähes Luder.“ — Was er
nur da redet!
Als wir beim jungen Lärchenwald am Anfang des Semmeringberges waren,
wußte ich alles. Es war ganz unerhört. — Zurückführen nach Alpel konnte
ich den armen, armen Leab nicht, ich hätte mit dem Knecht darum bis
auf den Tod raufen müssen. Der Knecht Rochus hatte eben vom Bauern den
Auftrag, den Leab in Gloggnitz dem Fleischhacker zu überantworten!
Dann sollte das gute Ochsl zur Schlachtbank geführt, dort mit einer
großen Hacke niedergeschlagen und hernach mit einem langen Messer
erstochen werden. Alsdann sollten ihm die schönen schwarzen Hörnlein
vom Haupte geschlagen und die Haut herabgezogen werden. Dann sollten
ihm die Eingeweide herausgerissen und das Fleisch in tausend Stücklein
zerschnitten werden. Und diese Stücke würden gekocht, gebraten, von den
Wienern verzehrt, so wie der Wolf das Schaf frißt und die Katze die
Maus! — Mir ward blau vor den Augen, ich taumelte hin an den Rain. Der
Rochus steckte mir einen Bissen Brot in den Mund.
Später, wieder zu mir gekommen, schaute ich den Leab an. Der biß
einen Grasschopf ab und kaute ihn mit aller Behaglichkeit hinab. Er
weiß von nichts. Er hat’s gehört, aber nicht verstanden. O, argloses
Gottesgeschöpf! — Ich hub an, laut zu brüllen.
Der Rochus lachte und gab mir zu bedenken, daß ich selbst schon
Ochsenfleisch gegessen hätte! Ich selbst? Das war noch schöner! — Ja!
am Leihkauftag, wie uns der Bauer beim Wirt Braten mit Salat gezahlt.
Das sei so etwas gewesen. — Mir wurde übel. Braten hatte ich freilich
gegessen, er war sogar sehr gut gewesen, aber daß das ein Stück
Tierleib sollte gewesen sein! Daß es ein Stück von einem Ochsen sollte
gewesen sein, der vorher gerade so warm gelebt und vielleicht so hell
gejauchzt hatte wie der Leab! — Und daß die Menschen so etwas tun!
Als mir das erstemal die Gewißheit ward, daß alle Menschen sterben
müssen, auch ich — da war mir nicht so abscheulich weh ums Herz, als
an diesem Tage, wie ich erfahren, daß der Mensch das Tier ißt, mit
welchem er vorher so zutraulich gelebt hat.
„Was ist denn das?“ fragte der Rochus und stupfte mit dem Stock auf
meinen Fuß. „Ist das nicht ein Schuh?“
„Das ist mein Feiertagsschuh,“ gab ich artig zurück.
„Gelt, und mit dem gehst du in die Kirche und betest fleißig. Sag mir
schön, hast du die Scheckige noch gekannt, die unser Bauer im vorigen
Jahr für ein Kalb umgetauscht hat?“
„Die scheckige Kuh, die mit dem Melkstuhl geschlagen worden ist von der
Stallmagd, weil sie keine Milch geben hat wollen?“
„Richtig. Und geben hat sie keine wollen, weil sie keine mehr im Euter
hat gehabt, und deswegen hat sie unser Bauer fortgetauscht. Was meinst,
Schafhalterbub, wo wird sie sein jetzt, die scheckige Kuh?“
Riet ich: „Auf der Fischbacher Alm.“
Sagte er: „O Tschapperl, auf der Fischbacher Alm! Wo du jetzt in ihrer
Haut steckst!“ Und tippte wieder auf meine Schuhe. — Mich machten diese
Offenbarungen ganz verwirrt. Inwendig Ochsenfleisch, auswendig Kuhhaut!
Und so einer will Kind Gottes sein! —
Auf der Semmeringhöhe, wo die grünen Matten waren, wollte unser Leab
auf einmal nicht weiter, sondern setzte sich nieder.
„Das ist gar nicht so dumm!“ meinte der Rochus und setzte sich auch
in den Schatten einer Lärche, denn es war heiß geworden. Ich hockte
ebenfalls hin und lugte heimlich auf das Öchslein. Das tat gemütlich
wiederkauen, der Knecht tat’s auch an seinem Tabak, und dabei kratzte
er das Tier zärtlich hinter den Ohren. Der Leab war dessen froh und
streckte traulich den großen Kopf so zurecht, daß der Rochus gut
krauen konnte. Und jetzt dachte ich: Wie doch der Mensch so falsch
sein kann! — Ich meinte damit den Knecht und mich und alle, die ein
Haustier so lieb haben, daß sie dasselbe endlich zur Schlachtbank
führen und aufzehren. Endlich hatte der Leab sein schweres Haupt auf
den Rasen hingelegt und machte die großen, runden Augen zu. Der Rochus
lehnte sich an den Baumstamm und duselte auch ein. Jetzt schliefen sie
beide — aber den Schlaf des Gerechten sicherlich nur einer. Der Knecht
hatte den Strick noch schlafend um die Hand gewunden, mit dem er das
ahnungslose Schlachtopfer hielt. Ich war voller Betrübnis.
Kam des Weges her, den wir gekommen, ein großes graues Bündel, unter
demselben gebückt der alte Zottentrager, der tags zuvor in unserem
Hause gewesen. Der stand still, streckte seinen langen braunen Hals
nach mir vor und fragte flüsternd: „Was hat’s denn, Bübel?“
Schluchzend stand ich auf und vertraute dem weltfremden Menschen meinen
Schmerz.
„Das Öchsl tut mir soviel derbarmen, weil es zum Fleischhacker muß.“
„So, so! zum Fleischhacker!“ flüsterte der Alte und verzog sein
runzeliges Gesicht zu einer schrecklich lächerlichen Larve. Aber ich
konnte nicht lachen, mußte immer noch heftiger weinen aus Erbarmnis,
weil der liebe gute Leab so arglos und unschuldig schlummerte.
„Ist das nit dem Zieselhofer von Alpel sein Knecht?“ fragte dann
leise der Zottentrager, auf den Rochus deutend. „Ist schon gut. Der
hat mich gestern mit einem Lumpenkerl angemurmelt. Lumpenkerl, der
bin ich, gewiß auch noch, daß ich’s bin. Weil ich ein Kerl bin, der
Lumpen tragt. Aber anmurmeln laß ich mich nit so. Gesagt ist’s! Heute
wird er die Lumpen nit verachten, wenn sie ihm der Viehhandler als
nagelneue Hunderter auf die Hand tut. Aber wart, altes Murmeltier, so
gut sollst es nit haben! Gesagt ist’s! Dem kleinen Edelmann da tut
eh der Ochs leid. Mir auch. Schlaf süß, du holdseliger Bauernknecht,
du kotzengrober! Der Ochs soll in den grünen Wald gehen und nit zum
Fleischhacker. Gesagt ist’s und —“ mit dem Taschenmesser schnitt er den
Strick durch — „getan ist’s.“
Das alles war im Flüsterton herausgestoßen, nun rüttelte er den Ochsen
bei den Hörnern: „Steh eilends auf, Herr Ochs, und fliehe!“
Der Leab glotzte ob solcher Belästigung etwas verblüfft umher, dann
stand er schlotterig auf, zuerst mit den Hinter-, dann auch mit den
Vorderfüßen und ließ sich vom Zottentrager in den Wald führen. Der alte
Spitzbube zischelte mir noch zu: „Du schlafst auch, Jüngling, und weißt
von nichts.“ Dann rückte er sein Bündel wieder auf und huschte davon.
Ein junger Mensch ist bald verführt, wenn er verführt sein will. Ich
streckte mich auf den Rasen, drückte meine Augen zu und wartete, bis
der Knecht Rochus die seinen aufmachte. — Das wird ein schreckliches
Erwachen werden! Ich bangte davor und war höllisch neugierig drauf.
Ich blinzelte zwischen den Augenwimpern wohl doch ein wenig auf ihn
hin. Er schlief so arglos, wie früher der Leab. Jetzt tat mir der
Knecht leid, wie früher der Ochs. Fest um die Hand gewickelt hielt er
den abgeschnittenen Strick. Jetzt zuckte er ein wenig mit derselben
Hand, als wollte er das Tier an sich ziehen. Das gab keinen Widerstand.
Er riß die Augen auf, warf den Kopf, sprang empor: „Der Ochs!“ Ein
wahrhaftes Angstgebrüll: „Bub, wo ist der Ochs?“
Ich tat, als wäre ich eben auch erst erwacht, streckte die Arme aus,
gähnte und sagte mit der ganzen Niederträchtigkeit eines Zottentragers:
„Hast du den Leab schon verkauft?“
„Gestohlen! Geraubt! Weggeraubt!“ schrie der Knecht und schoß umher wie
ein scharf losgelassener Kreisel. Die Faust, um welche der Strick noch
geschlungen war, streckte er gegen Himmel, und an mir vorüberrasend,
schien es einen Augenblick, als wollte er sie auf mich niedersausen
lassen. Mir war nicht zum Lachen, und die Freude an dem geretteten
Leab löste sich in eine schreckliche Angst vor dem schnaubenden
Großknecht. Seine Fäuste lösten sich bald in flache Hände auf, mit
denen er sich jammernd den Kopf hielt. Das viele Geld! Auf Jahre
hinaus der Dienstlohn weg, auf viele Jahre hinaus! Der Bauer werde ihm
nichts schenken. Vielmehr strafen werde er ihn für die Fahrlässigkeit.
Auf fremden Straßen einzuschlafen! Es sei auch zu pflichtvergessen!
Zu pflichtvergessen! „Mein Bübel!“ rief er mir zu, in seiner
Verzweiflung zärtlicher als je, „lauf du zurück auf der Straßen, wo
wir hergekommen, vielleicht derwischest du den Dieb! Ich werde auf die
Österreicherseiten hinaus. Weit kann er ja nicht sein. O, mein liebes
Geld, mein liebes Geld!“
So wollten wir uns aufmachen zur Verfolgung des Wichtes, der uns den
Leab gestohlen, da hub es im nächsten Dickicht an in hellen Stößen zu
lauten ...
O, Ochs, du jauchzest dich in den Tod hinein! — Drei Stunden später
hat zu Gloggnitz der Händler den Leab übernommen und ihn dem großen
Mastviehtransport einverleibt, der nach Wien ging.
[Illustration]
[Illustration]
Als ich nach Emaus zog.
Am Ostermontag, wenn der Gottesdienst vorüber ist und im Waldlande
die Leute beim Mittagsmahle sitzen, kommt es vor, daß einer sagt:
„Heut ist Ostermontag, heut sollen wir nach Emaus gehen.“ Und fast
allemal entgegnet ein anderer: „Nach Eb’naus (eben aus) gehen, das ist
bei uns im Gebirg’ eine Kunst.“ Aber der strenge Hausvater verweist:
„Gescheiterweis’ reden! Heilige Sach’ ist kein Spaß!“
Am Vormittag haben sie es bei der Predigt gehört, daß nach dem Tode
Jesu die Jünger gar vereinsamt und betrübt umhergegangen seien,
immer nur an den Herrn und Meister denkend, der ein paar Tage früher
gekreuzigt und begraben worden war. Und als sie die Straße entlang
gingen, die nach Emaus führte, da begegnete ihnen der Gekreuzigte
leibhaftig und grüßte sie: „Der Friede sei mit euch!“, also daß sie
wußten, er ist von den Toten auferstanden. — Dessen gedenkt man im
Waldlande frommen Sinnes, und sei es nun auf der Bergstraße oder im
Tale draußen, irgendwo steht doch ein Wirtshaus, und das ist das
Emaus, nach welchem man an diesem Tage pilgert. — Jenem, der still
beschaulich zwischen den grünenden Saaten dahinschreitet unter dem
Gesange der Vögel, die auf den treibenden Zweigen sich schaukeln, und
der in den milden Sonnenäther des Himmels aufschaut, Sehnsucht im
Herzen, dem begegnet der Auferstandene mit dem Gruße: „Der Friede sei
mit dir!“ — Jenen, die nach ernsten Berufsarbeiten zur feiertägigen
Erholung in heiterer Geselligkeit dem Wirtshause zuwandeln, sei es
Freund mit Freund, sei es Bursche mit Mädchen in ehrsamer Neigung, sei
es der Geigenspieler und der Pfeifenbläser zur hellen Osterfreudigkeit,
denen begegnet der Herr und grüßt sie: „Der Friede sei mit euch!“ —
Dem aber, der mit frömmelnder Miene, Schlimmes sinnend, nach „Emaus“
schleicht, dem begegnet der Heiland nicht — doch möglicherweise etwas
anderes.
Zur Zeit, als ich ein Knabe von etwa zehn Jahren war, wollte mein Vater
einmal in der Fasten einen eingewanderten vazierenden (herumlungernden)
Tagwerker aufnehmen; es gab zu solcher Zeit eigentlich nicht mehr
Arbeit in der Wirtschaft, als wir mit unserem Gesinde selbst verrichten
konnten, doch mein Vater meinte: „Arbeitet er schon nicht viel, so soll
er uns wenigstens fasten helfen. Wo will er denn sonst hingehen, jetzt?
Hat auch schon einen grauen Bart.“
„Ist selber schuld,“ antwortete die Mutter, „warum balbiert er sich
nicht. Der Tritzel gefällt mir nicht, sie sagen ja, er wäre schon
einmal eingesperrt gewesen.“
„Mußt nicht alles glauben, was sie sagen. Die Leut’ tun alleweil gern
andere noch schlechter machen, als sie selber sind.“
„Und der Tritzel gefällt mir nicht,“ wiederholte die Mutter, „er hat
einen krummen Blick.“
„Einen krummen Blick hat er, weil er schielt,“ sagte der Vater, „und
fürs Schielen kann der Mensch nicht.“
„Da hast freilich wieder recht,“ darauf die Mutter, „und wenn er jetzt
im Märzen keinen anderen Platz findet und er auf der freien Weid’ müßt’
liegen, da mögen wir ihn doch lieber nehmen.“
Also war es verabredet worden. Aber bei der Aufnahme konnte mein Vater
nicht unterlassen, den Tagwerker zu fragen: „Bist du nicht einmal in
der Keichen (im Arrest) gesessen?“
„Ja, das ist gewiß,“ antwortete der Tritzel.
„Was hast denn angestellt?“
„Schon etwas der Müh’ wert, das magst dir denken, Waldbauer. Mir ist
nicht zu trauen, mir!“
„Darf man’s wissen?“
„Warum denn nicht! Im Arzbachgraben bin ich ein armer Kleinhäusler
gewesen.“
„Deswegen werden sie dich doch nicht gestraft haben!“ rief mein Vater.
„Armut ist halt ein Verbrechen,“ versetzte der Tritzel sehr tiefsinnig.
„Und weil ich meine Steuer nicht hab’ zahlen können, so sind die
Pfändersleut’ gekommen und haben mir meine Kuh wegtreiben wollen. „Die
laß ich nicht!“ schrei ich, und hau dem Pfändersmann eine ins Gesicht.
Alsdann haben sie anstatt der Kuh mich fortgetrieben und eingesperrt.“
„Dem Pfänder hast eine gegeben!“ lachte mein Vater auf. „Na, bleib halt
da, Tritzel.“
Der Alte zog — aber so, daß es mein Vater nicht merkte — das runzelige
Gesicht schief, blinzelte mit den fahlen Wimpern und murmelte in seinen
Bart: „Ein Gusto, wie sich der anplauschen laßt! — Ja, freilich bleib
ich.“
Und abgemacht war’s.
Tat dann der alte Tagwerker Tritzel zuerst ein bissel Schnee schaufeln
bei uns um den Hof herum, dann ein bissel Streu hacken, hernach ein
bissel Dung führen mit der Schiebtruhe in den Garten hinaus. Dabei tat
er mit uns fleißig die vierzigtägige Fasten halten und ein sittsames
Leben führen. Als die Ostern nahten, gab mein Vater zu verstehen, daß
der Tritzel nun im Frühjahr wohl auch anderweitig einen Platz finden
würde, und jetzt war es meine Mutter, die sprach: „Weil er uns hat
fasten helfen, der Tritzel, so kann er uns auch essen helfen; wer weiß,
wo er sonst sein Weihfleisch und die Osterkrapfen finden kunnt.“
Also blieb der alte, graubärtige Bursch über das Osterfest in unserem
Hause, aß sich gewissenhaft satt und führte gern christliche Gespräche.
So sagte er am Ostermontag beim Mittagsmahle: „Heut sollen wir nach
Emaus gehen. Gehst mit, Bübel?“
Die Frage war an mich gerichtet. „Ja, nach Emaus ginge ich mit!“
„Versteht sich!“ begehrte die Mutter auf, „Kinder ins Wirtshaus!“
„Waldbäuerin,“ versetzte der Tritzel ernsthaft, „vom Wirtshaus ist
keine Red’. Bei mir schaut das Christentum anders aus. Der Gang
nach Emaus ist ein heiliger Gang. Ein heiliger Gang, meine liebe
Waldbäuerin! Wir gehen zu der Kreuzkapellen hinauf, dort werden wir den
Heiland sicherer finden, als im Wirtshaus — will ich meinen.“
„’s selb wär eh wahr,“ gab mein Vater bei, und ich durfte mit dem
Tritzel gehen.
Die Kreuzkapelle stand etwa eine Stunde von uns weiter oben im Gebirge,
auf einem Waldanger. Wenn der Wetterwind ging im Sommer und dort das
Glöcklein geläutet wurde, konnte man bei uns im Hof den Klang hören.
In der Fastenzeit war die Kapelle ein beliebter Wallfahrtsort,
kamen an jedem Freitag aus nah und fern Andächtige herbei, zündeten
vor dem lebensgroßen Kreuzbilde, das in der Kapelle über dem Altare
stand, Lichter an, beteten, legten bescheidene Opfergaben hin und
gingen erleichterten Herzens wieder nach Hause. Da in der Nähe dieses
Andachtsortes keine Menschenwohnung war, so ging täglich von den
Waldbauernhäusern ein altes Weiblein hinauf, um die Kapelle zu öffnen,
zu schließen und das Glöcklein zu läuten.
Das war also unser Emaus, zu welchem der alte Tagwerker Tritzel und
ich auszogen — ein heiliger Gang, wie der Alte unterwegs wiederholt
versicherte.
Der Weg ging über Wiesen, durch Wäldchen hinan, war stellenweise noch
mit schmutzigen Schneekrusten belegt, stellenweise rann die Gieß,
und stellenweise ging es über aperen (schneefreien) Rasen. Bei jeder
Wegbiegung blickte ich scharf aus, ob uns nicht der liebe Heiland
entgegenkäme. Endlich sah ich von ferne aus dem Schachen hervortretend
die Gestalt; sie schwankte langsam heran, kam immer näher, und als sie
ganz nahe, war es nicht der liebe Heiland, sondern das alte Weiblein,
welches mit dem Schlüssel von der Kapelle kam.
„Jetzt wird doch einmal schön Wetter werden,“ redete sie der Tritzel an.
„Ja, Zeit wär’s,“ sagte die Alte und trippelte fürbaß.
Als wir sie nicht mehr sahen, sagte der Tritzel: „Das ist sauber, jetzt
hat uns die gewiß die Kapellen zugesperrt!“
„Ich lauf ihr nach, daß sie wieder zurückgeht,“ war mein Vorschlag.
„Ah geh, hast denn du kein Herz für alte Leut’!“ verwies er mir, „den
Weg etlichemal hin und wieder machen, wie ein Hundel! Die geht nicht
mehr auf ihren ersten Füßen wie du! Wir werden uns schon helfen.“
Bei einer Wegzweigung fragte mich der Tritzel: „Geht’s da links nicht
hinauf zum Schützenhof?“
„Ja, da geht’s zum Schützenhof.“
„Ist’s wahr, daß er so viel Sachen haben soll, der alte Schützenhofer?“
„Ja, sie sagen, daß er reich ist,“ war die Antwort.
„Nachher kommt der Schützenhofer in die Höll’. Die Reichen müssen alle
hinab,“ sagte der Tritzel. „Aus Nächstenlieb’ sollte man machen, daß
sie in den Himmel kommen.“
„Ist eh wahr,“ gab ich bei.
Endlich kamen wir auf den Waldanger. Da lag der Schatten, nur die
Baumwipfel standen im Sonnenschein. Auf dem Anger gab es noch Schnee,
auch auf dem Dache der Kapelle lag er und ließ am Rande tropfende
Eiszäpfchen herabhängen. Als wir dem Eingange nahe kamen, zog der alte
Tritzel den Hut vom Haupt und glättete mit der anderen Hand sein graues
Haar. Dann drückte er an der Türklinke. Da gab nichts nach, und er
blickte mich betroffen an.
„Ja, weil sie zugesperrt hat,“ sagte ich.
„Freilich hat sie zugesperrt, du Narr, sonst wär’ es offen!“ schnarrte
er mich an. Das war mir zuwider. Folgerichtig war mein Wort und seines
ebenfalls, aber warum denn so anschnarren!
Er ging rings um die Kapelle, als suche er einen zweiten Eingang.
„Schau du!“ rief er plötzlich, „da ist ein Fenster. Der Laden geht auf,
so! Er ist zwar nicht groß, aber eine Spindel wie du kann hinein!“
„Eine Spindel wie ich,“ war mein Aufbegehren; „nein, da schlief ich
nicht hinein!“
„Ei freilich schliefst hinein, Buberl. Nachher schiebst von innen an
der Tür den Riegel weg und laßt mich ein; wir knien uns hin vor das
Kreuz und beten eins miteinand’.“
Vor das Kreuz hinknien und beten, das war freilich verlockend, denn
ich hatte den gekreuzigten Jesus sehr lieb und wollte ihm mit dem
Gebet eine Freude machen. Ich ließ es also geschehen, als der Tritzel
mich emporhob, ins Fenster steckte und tapfer nachschob, weil es doch
ein bißchen eng herging an diesem Himmelspförtlein. Ein Ruck, und ich
kollerte drinnen hinab. Auf einen Schrei, den ich ausgestoßen, fragte
er draußen: „Hast du dir weh getan?“
„Weiß nicht, es ist ganz finster,“ war die Antwort, denn ich konnte es
nicht sehen, ob das Nasse an den Nüstern Blut war oder etwas anderes.
Hernach machte ich mich an die Tür. „Schieb den Riegel zurück!“ rief
draußen der Tritzel.
„Es ist kein Riegel,“ berichtete ich nach längerem Umhertasten.
„Lalli! Wird doch ein Riegel sein. Jedes Schloß hat einen Riegel.“
„Aber das ist ein eisernes Schloß, und man kann nicht dazu.“
„Ein eisernes? — Du verdammt! hätt’ ich bald gesagt, christlich Weih
ausgenommen.“ Also er draußen. Und fuhr fort: „Wart, Buberl, greif
ans Fenster. Da hast eine Zündholzschachtel. Damit zündst die Kerzen
an, die auf dem Altar stehen. — Raspel nur, raspel! Aber du raspelst
ja auf der verkehrten Seiten, wo das Weibsbild pickt! Auf der rauhen
mußt raspeln! So! Brennt’s schon? Richtig, brennt schon, bist ein
Buberl, ein braves. Kannst noch Mesner werden, du, oder gar Pfarrer und
Bischof, und noch ein bissel später Papst. Ei, das wohl! — Du Buberl,
weil du schon drinnen bist, geh, schau, siehst auf dem Altar kein
zinnernes Schüsserl nicht stehen?“
„Ja,“ antwortete ich, „und sind mächtig viel Kreuzer und Groschen drin.“
„Hat’s die Alte akkurat wieder stehen lassen!“ sagte der Tritzel
draußen in grollendem Tone. „Wenn man halt nicht überall nachschaut!
Auf die alten Weiber ist hell kein Verlaß. Für was geht sie denn Brot
sammeln bei den Bauern, wegen Kapellendienst, wenn sie doch aufs Geld
nicht schaut! Schandbare Leichtsinnigkeit! Mach, Bub, gib’s heraus! Das
Schüsserl sollst mir herausgeben, das zinnerne Geldschüsserl!“
Jetzt, das kam mir nicht ganz richtig vor.
„Kirchen ausrauben?“ sagte ich endlich.
„So ist’s! Kirchen ausrauben kunnten sie, die Schelm’, wenn man das
Geld tät stehen lassen da in der Kapellen!“ sprach der Tritzel.
„Kirchengut muß man wahren. Geh, Buberl, gib’s heraus, schau, ich
g’lang schon.“ Reckte den Arm zum Fensterchen herein und krabbelte mit
den langen, hageren Fingern in der Luft umher.
„O nein,“ war mein Bescheid, „Kirchen ausrauben tu ich nicht.“
„Kindisch, wer redet denn von so was! Bei dem heiligen Gang so dumm
reden! Dich wird unser Herrgott noch einmal recht strafen! Dem Herrn
Pfarrer tragen wir das Geld hinab. Der Herr Pfarrer hat mich gebeten,
daß ich ihm von der Kreuzkapellen das Geld möcht holen.“
„So hol’s, Tritzel.“
„Wenn ich aber nicht hinein kann. Und du bist schon drinnen. Willst in
den Himmel kommen?“
„Ja freilich.“
„So gib mir das Geld heraus!“
Ein kleines Weilchen überlegte ich, da war’s, als flüsterte irgendwo
jemand: „Tu’s nicht! Tu’s nicht!“ Und laut war mein Schrei: „Nun, ich
tu’s nicht!“
„Waldbauern-Bübel, mach keine Geschichten!“ schmeichelte er draußen.
„Dem Herrn Pfarrer muß man das Wort halten. Kannst ihn auch einmal zu
brauchen haben. Steig nur auf die Betbank und gib’s heraus. Verstreu
nichts, jeder blutige Kreuzer ist heilig! Na, mach Bürschel, mach!
Kriegst nachher was von mir.“
Es half ihm aber nichts. Und als er das endlich einsah, ging er
fluchend von dannen. Der Boden knarrte, da er über den Schnee
hinschritt gegen den Wald.
Ich war in eine trotzige Stimmung gekommen, ohne eigentlich recht zu
wissen, warum. Als es jetzt aber ganz stille war in der dämmerigen
Kapelle und die zwei von mir angezündeten Kerzen wie Totenlichter
brannten vor dem Kreuzbilde, da begann mir unheimlich zu werden. Das
Blut sah ich an den Händen und Füßen des Gekreuzigten, und als ich so
hinaufstarrte zum blassen, dornengekrönten Antlitze mit dem gebrochenen
Aug’, da war’s, als bewegte sich ein wenig das Haupt. Nur ein einzigmal
— und dann war’s wieder wie früher.
Mein Versuch, vermittels eines Betpultes zum Fenster wieder
hinauszukriechen, mißlang; so faßte ich den vom Türmchen
niederhängenden Glockenstrick und hub an zu ziehen, aber nicht
gleichmäßig, sondern mit heftigen Zügen und in Absätzen, wie man die
Feuerglocke läutet. Als die Erschöpfung kam, setzte ich mich an die
Altarstufen und wartete auf einen Retter.
Es erschien weder der Tritzel noch jemand anderer. Schreien und
Schluchzen, neues Zerren am Stricke. Vor Weinen und Läuten endlich ganz
matt geworden, mußte mich der Schlaf übermannt haben. Als ich wieder
zu mir kam, flackerte vor dem starren Kreuze nur noch eine Kerze in
den letzten Zügen, die andere war niedergebrannt und ausgeloschen. Zum
Fenster schaute die Nacht herein. Neu erwachende Angst gab mir zugleich
neuen Mut; ich kletterte wieder auf die Betbank, zwängte mich durch das
Fenster, diesmal zuerst den Kopf und den rechten Arm hinaus, und jetzt
ging es. Ich fiel in den Schnee, blieb aber nicht lange in demselben
liegen, sondern lief wegshin. Der Boden war gefroren, der Himmel
sternenbesäet. Was ich bei all diesen Unternehmungen gedacht habe, weiß
ich nicht — sehr viel kaum; wenn der Mensch so viel tut, hat er nicht
Zeit zum Denken. Nun aber, als ich über die Felder hinablief und von
weitem ein zuckendes Lichtlein sah, das immer näher kam, dachte ich:
Am Ende kommt mir jetzt der liebe Heiland entgegen. — Und er war’s.
Voran schritt ein Knecht vom Schützenhof mit Laterne und Glöcklein,
hinter ihm drein der Pfarrer in Chorrock und Stola, an seinem Busen das
Sakrament bergend. Allsogleich kniete ich am Wegrande nieder, wie es
Sitte ist, und bat um den Segen.
Der Pfarrer blieb stehen und sagte: „Das ist ja der Waldbauernbub.
Warum bist du noch aus so spät in der Nacht?“
Hab’ ich denn erzählt, daß der Tagwerker Tritzel mich in die
Kreuzkapelle gesteckt, um ihm das Opfergeld herauszulangen, und weil
ich es nicht tun wollen, er mich im Stiche gelassen hätte.
„O, dieser Spitzbub’!“ rief der Knecht vom Schützenhofe aus. „Aber
heut ist sein Krügel ’brochen. Hat den Ostermontag, wo die Leut’ im
Wirtshaus sitzen, nicht unbenützt lassen wollen. Von der Kreuzkapellen
in den Schützenhof, dort beim Bodenfenster einsteigen, Kästen
ausrauben, vom Bauer derwischt und niedergeschlagen werden — Ja, mein
lieber Waldbauernbub, das sind Geschichten! Und jetzt ist der Tritzel
just beim Sterben. Um den Geistlichen geht’s ihm, ich glaub’, diesmal
ist’s sein Ernst. Und so bin ich halt gelaufen bei der Nacht. Jetzt
rucken wir wieder an, er wird hart warten.“
Der Pfarrer gab mir den Segen, dann schritten sie weiter. Noch lange
sah ich das Lichtlein dahingleiten, bis es endlich zuckend zwischen dem
Gestämme des Waldes verschwunden war.
[Illustration]
[Illustration]
Am Tage, da die Ahne fort war.
Wenn Jammer ist, und es scheint die Sonne drein! Traurigeres weiß ich
nicht zu denken.
Die Großen waren alle fort in die Kirche gegangen. Die gute Ahne,
die sonst bei uns gewesen, hatten sie fortgetragen. Mir ist davon
sonst nichts mehr recht in Erinnerung, als daß wir Kleinen des allzu
weiten Weges halber daheim bleiben mußten und so den angstvollen Tag
verlebten. Wir hatten uns eingeschlossen ins Haus, schlichen auf
den Zehenspitzen umher und fürchteten uns vor Räubern und Mördern.
Zu den vergitterten Fenstern blaute der Wald herein, und über allem
lag das stille Licht der heiligen Pfingstsonne. Da eine ganze Stunde
der Einsamkeit vergangen war, ohne daß etwas Unerhörtes geschah, so
wurden wir etwas dreister, und allmählich kam sogar das Verlangen zur
Vormittagsjause, welche uns die Schwester Plonele zu kochen den Auftrag
hatte. Da war plötzlich draußen in der Vorlauben ein Gepolter. Wie
zum Tode getroffen, schraken wir zusammen und krochen zu einem Knäuel
ineinander.
„Meine Mutter Gottes steh uns bei,“ betete die Plonele, „ein Schelm
(Dieb) ist im Haus!“
Wir hörten ein Winseln und Kreischen. Da sprang der Halterbub, der
Hansel, auf, ein kecker Junge, armer Leute Sohn, den unser Vater erst
vor wenigen Tagen zum Viehhüten ins Haus genommen hatte, er trug schon
die Brottasche umgehangen, weil er eben das Vieh auf die Weide treiben
wollte. Der sprang auf, erfaßte das spitze Brotmesser und wollte in die
Vorlauben. Unsere Schwester hielt ihn zurück, er solle doch um Gottes
willen nicht mit dem Messer hinaus, das koste uns allen das Leben.
„Wenn’s ein Rauber ist, so steche ich ihn ab!“ knirschte der Hansel,
riß sich los und sprang ins Vorhaus.
Da draußen ging’s grauenhaft zu, ein paar Spatzen schossen kreischend
umher, und mitten in der Lauben auf der Erde lag ein zerrissenes
Vogelnest. Die Katze war eben daran, mit Vorderpfoten und Schnauze ein
Junges aus dem Halmgewebe zu fangen, als der Hansel hinzukam und ihr
mit dem Messerstiel einen Schlag versetzte.
Nun waren wir alle dabei. Wir kosten und herzten das hilflose Tierchen;
es gibt nichts Armseligeres auf der Welt, als einen Vogel ohne Federn.
Den Schnabel tat es auf, da brachte die Plonele schon eine Handvoll
Sterz von der Vormittagsjause, und der Hansel nahm das Spätzlein
geschickt in seine Hand und begann es zu atzen. Es war eine helle
Freude. Mittlerweile stand ich schon mit dem alten Vogelbauer daneben,
auf daß wir das Ding hineintäten und so auf einmal eine ungeahnte
Bereicherung unserer Güter hätten. Aber der Halterbub rief: „Bist ein
dummer Bub! Glaubst, es bliebe lebig? Sollst’s nur du probieren, wenn
du nicht essen und trinken kannst und sie sperren dich von deiner
Mutter weg in eine Vogelsteigen! Wird dir nicht taugen. Das Junge
gehört zu den Alten.“
Aber das Nest war von der Katze ganz und gar zerstört worden. So lief
ich — das Wort des Hansel tief im Herzen — mit dem Vogelbauer wieder
davon und kam mit meinem Kopfkissen zurück. Dieses taten wir in eine
Mauernische, legten das arme Vöglein drauf; der Schnabel ging stetig
auf und zu, und doch wollte es kein Krümchen Sterz mehr schlucken, die
kleine Brust wogte arg auf und nieder, und das Wesen war schier zu
schwach zum Piepsen. So lag es auf dem Kissen, im Grübchen, das ihm die
Plonele mit den Fingern gedrückt hatte. Wir ließen es auf Anordnung des
Hansel in Ruhe und hofften, daß nun die Alten kommen und ihr Kleines
hegen und pflegen würden.
Aber die Alten flatterten in Angst draußen um die Dachgiebel herum; der
tatkräftige Hansel strich mit dem Messer durch Stall und Scheunen. Er
suchte die Katze.
Was ich an demselben Vormittage ausgestanden habe! Ich lauerte ruhelos
in der Vorlauben herum, strengte meine Zehen an und meinen langen Hals,
aber allvergebens, ich war zu klein, um dem jungen Spatzen in sein
Bettlein gucken zu können. Ich horchte vergebens, ob ich es nicht etwa
piepsen oder Atem holen höre. Bruder Jackerl machte den Vorschlag,
um den kleinen Vogel zu sehen, solle ich ihn, den Jackerl, auf meine
Achsel steigen lassen. Er würde mir schon alles sagen, was er sehe. Wir
versuchten es, aber das Gerüste war zu schwach, wir kollerten beide
auf die Erde. Endlich um die Mittagszeit war’s, als die Schwester mit
trauriger Miene berichtete: „Jetzt ist das Vogerl schon hin!“
Es mußte sich im Falle zu arg verletzt haben, oder der Schreck! die
Angst! „Jetzt kannst das Vogelhaus bringen,“ befahl mir der Hansel.
Und im Vogelhause haben wir den kleinen Leichnam aufgebahrt. Er
lag auf einem Nestchen aus weißer Wolle; aus einem Stamm Rosmarin
und Maßliebchen hatten wir ihm einen Kranz geflochten; ich schlug
auch vor, daß man an dieser Bahre ein Öllämpchen anzünde, so wie es
bei der Leiche der Ahne gewesen war, aber meine Schwester gab mir
einen kleinen Stoß mit dem Ellbogen und meinte, so was wäre eine
Frevelhaftigkeit, der Spatz hätte ja keine Seele gehabt.
Wie schaute ich das Vöglein so traurig an! — Du armes Geschöpf, jetzt
hast du gar keine Seele gehabt. Bist unschuldigerweis’ von der Katz’
umgebracht worden und kommst doch nicht in den Himmel. Wenn man dich
ins Abendgebet einschließen täte, vielleicht wollt’ der lieb Herrgott
mit dir eine Ausnahm’ machen.
Am Abende, als es dunkel wurde, trugen wir das starre Vöglein hinaus
an den Rain, wo die Hagebutten stehen; dort scharrte der Hansel eine
Grube, und wir legten das Tierchen mitsamt seinem weißen Wollbettlein
und seinem Kranze hinein. Und als wir mit unseren kleinen Händen das
Gräblein zulegten, flatterte ein Spatz über unseren Häuptern hin und
her. Das Herz hätte uns allen mögen brechen, als die Plonele sagte:
„Das ist gewiß vom Vogerl die Mutter!“
Nach dem Begräbnisse schleppte der Hansel noch einen großen Stein
herbei und legte ihn auf das Grab, denn die Katze — er hatte sie nicht
erwischt.
Der Hansel lebt heute noch. Er hat Haus und Hof und was hineingehört,
er ist ein ganzer Mann. Schwesterlein Plonele ist sein Weib geworden.
Gegenwärtig atzen sie wieder ein Junges, aber mit mehr Glück als
dazumal.
[Illustration]
[Illustration]
Der Fronleichnamsaltar.
Wenn der siegreiche Heiland in Brotesgestalt durch das Dorf zieht, da
winken sie ihm mit Palmen zu. Die Palme der Alpen ist die Birke. So
wie zu Weihnachten die Tannenbäumchen ihr Leben lassen müssen, so zu
Fronleichnam die Birken. Zu Hunderten werden sie auf großen Karren
hereingeschleppt in das Dorf und werden an den Gassen, durch welche
die Prozession ziehen wird, der Reihe nach in den Boden gebohrt zu
beiden Seiten. Und wie sie so auf dem frischen Erdboden stehen und der
laue Wind in ihren leichten Zweigen rieselt, da ist’s, als führten sie
das junge fröhliche Leben, wie jene Stammesgenossinnen dort drüben am
Raine. Und man merkt es nicht, daß der Stamm in der Erde wurzellos
ist, abgehauen durch das Beil, daß die Säfte in ihren Adern nicht mehr
treiben, daß in wenigen Tagen die schönen, gezackten Herzblättlein
gilben werden; und die Raupe auf einem schwanken Ästlein, die ein
künftiges Schmetterlingsleben träumt, sie ahnt nicht, daß sie auf einem
Leichnam sich schaukelt.
Das Leben ist erfüllt, es kommt der Herr.
Bei der Fronleichnamsprozession werden im Freien an vier verschiedenen
Stellen die Evangelien gelesen. Dazu errichten die Leute vier Altäre,
damit „der Herrgott abrasten kann auf seiner Wanderschaft“. Auf
wessen Grund der Altar zu stehen kommt, und das ist seit alten Zeiten
bestimmt, der hat diesen Altar zu errichten. Die hübsch geschnitzten
und bemalten Bestandteile dazu sind das Jahr über auf dunkelm Dachboden
gelegen, nun werden sie hervorgeholt, von Staub und Spinnweben
gereinigt und im Freien zusammengestellt oft zu einem stattlichen,
kapellenartigen Aufbau mit dem Altartische, dem Tabernakel, den
anbetenden Engeln und den Kerzenleuchtern. Knechte, die gestern noch
Dung gegraben, zeigen sich heute als geschickte Architekten, errichten
den Altar noch vor Sonnenaufgang und umgeben ihn mit einem Birken- oder
Lärchenwäldchen. Der Hausvater stellt alle Heiligenbilder, die im Hause
vorhanden, auf den Altar oder heftet sie an, hoch oben an den Säulen.
Die Bäuerin bringt bunte Töpfe mit glutroten Pfingstrosen, um damit den
Altar zu schmücken, und die Dirnlein streuen Blumen und Rosenblätter
als einen Teppich vor die Stufen.
Die Glocken heben an zu läuten, die Böller krachen, über die Dächer her
klingt Musik, in allen Fenstern brennen Lichter, und so zündet nun auch
der Bauer die Kerzen an auf seinem Altare. Bald wehen die ersten Fahnen
heran, summen die Gebete der Männer, schallen die Gesänge der Weiber,
es kommen die langen Reihen der Kinder, die weißgekleideten Mädchen,
über ihren Häuptern bunte Bildnisse tragend. Endlich die Musikkapelle
mit hellen Trompeten und dröhnenden Trommeln, und dann der „Himmel“.
Der rote, von vier Männern getragene Baldachin, unter demselben, von
Ministranten und lichtertragenden Knaben umgeben, der Priester, der
hoch vor seinem Angesichte her die funkelnde Monstranze trägt.
Die Monstranze, das wissen wir alle, ist das Haus für die Hostie.
Diese ist von einem goldenen Strahlenkranze umgeben, ruht auf einem
mondkipfelförmigen Behälter und ist durch Kristall geschützt. Das
wichtigste Zubehör zu solchem Umzug ist der Glaube, und der ist
in Fülle vorhanden. Sie beten ja nicht das Brot an, sondern das
versinnbildlichte Geheimnis, in dessen Schoße unsere ewigen Geschicke
ruhen. Es ist ja eigentlich unrichtig, wenn man von Bilderanbetung
spricht, oder vom Götzendienste der Heiden, sie alle meinen dasselbe,
das versinnbildlichte göttliche Geheimnis, das sich jeder in seiner
Weise vorstellt, jeder nach seiner Natur fühlt. Und die Kraft, das
unfaßbare, unendliche Geheimnis auf eine den Sinnen faßbare Wesenheit
zu übertragen und so zu ihm in ein trauteres Verhältnis zu treten,
diese Kraft gibt der Glaube.
Die Menschenreihen kommen zum Altare im Freien, die vorderen müssen
weit voran, bis der Priester an die Stelle gelangt. Ist er da, so
stellt er das Sakrament in den Tabernakel und liest Verse aus einem
der vier Evangelien. Dann hebt er unter dem Dröhnen der Böller die
Monstranze, wendet sich mit ihr nach allen vier Himmelsgegenden hin und
segnet die Auen, die Fluren, die Lüfte, auf daß der Sommer fruchtbar
sei und kein Ungewitter den Fleiß des Landmannes vernichte. — Und die
Prozession zieht weiter.
So ist es in größeren Dörfern. In kleinen Gebirgsortschaften wird das
Fest einfacher abgehalten, doch nicht minder feierlich. Weil dort alle
Gassen und Straßen bestanden sind von lebenden Bäumen und Sträuchern,
so braucht keine Birke aufgesteckt zu werden, außer an Kreuzsäulen,
wo sie dann gleichsam wie zur heiligen Wacht stehen, eine zur Rechten
und eine zur Linken. Weil die Leute kleiner Ortschaften nicht vier
Altäre haben, um sie aufzustellen, so ist ein tragbares Altärlein
vorhanden, ein vierfüßiges Tischchen mit weißem Decktuche und der
Tabernakelnische, an welche auf blauem Grunde Engel gemalt sind, die
vor dem „Süßen Namen“ knien. Darüber ein Dächlein mit Goldquasten.
An der Rückseite sind die Tragbänder angebracht, mittels welcher ein
Bursche das Altärlein auf den Rücken nimmt und während der Prozession
von einer Evangeliumsstelle bis zur anderen trägt.
So ein Altartischlein haben sie auch zu Kathrein am Hauenstein. Wer
es sehen will, zur Sommerszeit steht es dort in der Kirche vor dem
großen Bilde der vierzehn Nothelfer. Schon in meiner Jugendzeit stand
es daselbst, und der Kaunigl, der mit der Hasenscharte, hatte die
Obliegenheit, am Fronleichnamstage das Tischlein hinauszutragen und von
einem Evangeliumsplatz zum anderen. War das eine Evangelium zu Ende
und die Prozession zog auf ihrem Wege weiter, allsogleich faßte er das
Altärlein bei den Tragbändern auf den Rücken, die Kerzenleuchter und
den Knieschemel in die Hände und hastig über den Bühel hin durch den
abkürzenden Waldsteig, um den Vorsprung zu gewinnen und am nächsten
Platze den Altar aufzustellen. An den Füßen des Tischchens wurden etwa
ein paar Steinchen untergelegt, daß nichts wackeln konnte, der Schemel
zurechtgestellt und die Kerzen angezündet, dann war die erste Fahne
aber auch schon in Sicht.
Und da ist’s einmal geschehen, daß ich aus solchem Anlaß in eine
seelenmordende Geschichte verwickelt worden bin. Ich war damals in den
Jahren, da noch niemand weiß, wo es mit einem solchen Lecker hinaus
will. Es kann ein halbwegs braver Kerl draus werden, aber auch ein
Lumperl, wer weiß es? Nur der liebe Gott, und selbst der läßt dem
schlanken blassen Bürschel die Wahl. Ich war an jenem Tage in meinem
Waldbauernhause drüben etwas zu spät aufgestanden, oder ich hatte mit
den bockigen Bundschuhen meine Plage, bis ich hineinkam, oder es
war die Frühsuppe nicht zur rechten Zeit fertig, kurz, als ich der
Kathreiner Kirche in die Nähe kam, ging es dort schon über und über
los, und zwischen den Bäumen her leuchteten die roten Fahnen, funkelten
die Lichter. Ich schlich mich hinterwärts hinüber, denn das einfach
Richtige zu tun, nämlich geradewegs auf die Prozession loszugehen und
mich unter die Leute zu mischen, dafür hätte ich mich zu Tode geschämt.
Da war’s ja wieder, wo mir der liebe Gott die Wahl ließ: Geselle dich
zu den Andächtigen oder schlüpfe wie ein Strick durch die Büsche hin.
— Ich schlüpfte wie ein Strick durch die Büsche hin, und da begegnete
ich dem Kaunigl mit dem Altarl. Sogleich forderte er mich auf, ihm
tragen zu helfen. Das war mir auch recht, so kam mein abseitiger Weg
zu einer Rechtfertigung. Ich nahm dem Kaunigl Schemel und Leuchter aus
der Hand, und wir hasteten zwischen Jungwald hinauf zum Föhrenriegel,
der hinter der Kirche steht, und wo das letzte Evangelium abgehalten
werden sollte. Wir wirkten getreulich zusammen, und bald stand neben
der Felswand das Altärlein fest, und bald brannten darauf die Kerzen.
Die Prozession erschien noch nicht, sie hatte einen weiteren Weg
zwischen die grünenden Felder hin genommen, der Kaunigl-Bub war aber
nicht der Mensch, der eine Zeit unnütz verstreichen lassen wollte.
Mit einem flinken Griff zog er aus seiner Hosentasche ein Kartenspiel
und warf es auf das Altärlein hin, daß die Lichter zwinkerten vor den
flatternden Blättern. Schweigend, als wäre es so selbstverständlich,
warf er zwischen mir und ihm ein Spiel aus, ein „Brandel“. Es war nicht
das erstemal, daß wir zusammen „taten“, so hob ich die Karten auf, und
wir machten ein regelrechtes Spiel auf dem Fronleichnamsaltare bei
weihevoll brennenden Wachskerzen. Für ein zweites „Bot“ war auch noch
Zeit; während der Kaunigl ein drittes ausgab, kamen um die Biegung die
ersten Männer mit entblößten Häuptern, laut betend heran. Keine Katze
kann die behendige Maus hastiger packen, als der Kaunigl jetzt die
Karten zusammenscharrte und in den Sack schob. Gar harmlos stellten wir
uns auf die Seite und zogen unsere Kappen ab.
Bald kamen die Musikanten heran, der Eggbauer mit dem Flügelhorn,
sein Sohn mit der ersten Trompete, der Schneider-Naz (der später
mein Meister geworden ist) mit der zweiten, der Erhard-Bub mit der
Klarinette, der Schmied-Zenz mit der kleinen Trommel; der Rüssel-Franz
schleppte auf dem Rücken die große Trommel, auf welche der Hausteiner
Wirt mit Macht und Kunst dreinhieb. Der Jäger-Ferdl handhabte die
„Tschinellen“. Hinter dieser heftigen Musik kam der Himmel. Der alte
Herr Pfarrer mit dem weißen Haar trug das Allerheiligste hoch vor
sich her und hielt das Haupt tief geneigt, erstens aus Ehrfurcht, und
zweitens, weil ihm das Alter den Nacken schon stark gebogen hatte. Er
schritt dem Altärlein zu, um die Monstranze auf dasselbe hinzustellen.
Schon wollte das geschehen, da hielt er plötzlich ein und stand einen
Augenblick mit starrer Miene da. Hatte er nicht zwischen der Falte
des weißen Decktüchleins den Grünzehner gesehen? War nicht dieses
verhöllte Kartenblatt dort unversehens liegengeblieben? — Mit solchem
Grün den Fronleichnamstisch zu schmücken, das wollte dem Herrn Pfarrer
doch nicht ganz schicklich scheinen. Ohne ein Wort zu sagen, ohne eine
Gebärde des Unwillens zu zeigen, wendete er sich gegen den Felsen und
stellte die Monstranze auf einen vorspringenden Stein.
Die wenigsten Leute hatten es wahrgenommen, warum dieses geschehen; das
Evangelium, der Segen wurden ohne weiteren Zwischenfall abgehalten, ich
aber lugte zwischen den Haselstauden her und sah, daß der Pfarrer blaß
war bis an die Lippen. — Wäre er zornig geworden über seine Entdeckung
auf dem Altärlein, hätte er gewettert und die Täter bei den Ohren
nehmen lassen, ich würde das ganz stilgerecht gefunden haben, aber
sein demütiges Schweigen, sein trauriger Blick, und wie er den durch
das frevle Kartenspiel heimatlos gewordenen Heiland auf den wilden
Felsen hinstellen mußte — das hat mir einen Riß gegeben. Gewußt kann
er’s nicht haben, wer der Mitschuldige war, aber merken hätte er es
leicht können an meinem Armensündergesichte, so sehr dieses sich auch
zu bergen suchte hinter den Haselstauden. Nachher, als in der Kirche
das Hochamt anhub, zupfte der Kaunigl mich am Rockschößling und lud
mich ein, mit ihm auf den Turm zu steigen, wo wir zum Sanktus und zur
Wandlung die Glocken läuten und Karten spielen könnten. Den Grünzehner
hätte er schon wieder. — Das ist nun zwar nicht geschehen, aber
verloren bin ich doch geblieben. Ich getraute mich von diesem Tage an
nicht mehr zum Beichtstuhle. Der Kaunigl getraute sich, es war jedoch
nicht so einfach gewesen, als er es sich vorgestellt, er hat mir’s
später erzählt. „Ich habe einmal Karten gespielt,“ hatte er gebeichtet.
„So,“ antwortete der Pfarrer, „das Kartenspielen ist ja an und für sich
nicht so schlimm, wenn nicht um Geld gespielt wird.“ — „Ja, um Geld ist
nicht gespielt worden.“ — „Wo war es denn?“ — „Ja, auf einem Tisch.“ —
„Auf welchem Tisch?“ — „Ja, auf einem hölzernen.“ — „War es etwa auf
dem Fronleichnamstischlein?“ fragte der Pfarrer. „O nein,“ sagte der
Kaunigl. Dann ist er losgesprochen worden.
„So hast du ja bei der Beichte gelogen!“ hielt ich dem Jungen vor.
„Das macht nichts,“ antwortete er rasch, „die Lug bringe ich das
nächste Mal leicht wieder an, die nimmt mir jeder hinein beim Fensterl.
Weil ich nur das Kartenspiel vom Hals hab. Teuxel noch einmal, das hat
mich schon selber gefuchst, da kunnt einen auf die schönste Manier der
Ganggerl (Teufel) holen.“
Ich habe aus dieser Erfahrung meine Schlüsse gezogen. Wenn das
Kartenspiel an und für sich nicht so schlimm ist, um Geld wurde
nicht gespielt, so braucht man die Geschichte ja nicht zu beichten.
Es steht auch weder im kleinen noch im großen Katechismus, daß der
Mensch auf Altären nicht Karten spielen dürfe. — Diese feine Auslegung
half mir aber nichts. Wenn ich an jenen Fronleichnamsfrevel dachte,
bei welchem ich so dumm mitgetan, da ward mir manchmal ganz übel.
In den Nächten träumte ich davon, und zwar sehr ungemütlich, und
Sonntags in der Kirche sitzend, durfte ich gar nicht hinblicken auf
jenes Altartischchen, es stand so sonderbar da, als wollte es jeden
Augenblick laut zu sprechen anheben und mich verraten. Zum Überflusse
las ich um diese Zeit auch noch in einem alten Erbauungsbuche die
Geschichte, wo ein frevlerischer Schustergeselle im Wirtshause das
Aufwandeln der Hostie nachahmte, und wie ihm dabei die gehobenen Arme
erstarrten, so daß er sie nicht mehr zurückbiegen konnte, daß er mit
hoch in die Luft gestrecktem Arme herumgehen mußte, bis er durch die
Lossprechung eines frommen Paters erlöst worden. Das wäre so was, wenn
ich mit gehobenem Arm, das Trumpfas in der Hand, umhergehen müßte,
und die Leute täten spotten: Na, stich, Peterl stich! Und ich steche
endlich zu und steche meine arme Seele tot! Das wäre so was!
Ich allein konnte mit mir nicht fertig werden, das war nun klar. Also
ging ich eines Tages in der Feierabendstunde nach Sankt Kathrein zum
Pfarrer. Der stand gerade vor dem Hause an seinem Brunnentroge, in
welchem ein stattlicher Quell sprudelte, und der mit einem rostigen
Drahtgitter übersponnen war. Der Pfarrer mochte glauben, daß ich nur
so zufällig vorübergehe, er winkte mit seinem schwarzen Strohhut, ich
möchte zu ihm kommen. „Was sagst du dazu, Peterl?“ rief er mir mit
seiner weichen Stimme entgegen, „neun und fünf und sieben, macht das
nicht einundzwanzig?“
Ich war nie ein besonderer Kopfrechner, diesmal sagte ich auf gut
Glück: „Ja, das wird schon beiläufig so sein, einundzwanzig.“
„Nun also,“ sagte er, „und jetzt schau einmal her,“ er deutete in
den Brunnentrog, „da hat mir der Blasler-Bub vor vierzehn Tagen neun
lebendige Forellen verkauft, die habe ich in den Trog getan. Vor acht
Tagen hat er mir wieder fünf Stück verkauft, habe sie auch hineingetan,
und heute hat er mir noch einmal sieben Forellen verkauft, die habe
ich auch hineingetan, und jetzt, wieviel sind drinnen im ganzen?
Acht Stück, und nicht um ein Schwanzel mehr! Und ich kenn’s, es sind
dieselben, die er mir vor vierzehn Tagen gebracht hat, und es kann gar
nicht anders sein, der Lump, hätt’ ich bald gesagt, hat mir die Fische
immer wieder aus dem Trog gestohlen und neuerdings verkauft! Das ist
doch ein — ein —“ Er ballte die Faust in die Luft. — Der Blasler-Bub
wird die Forellen wohl schon gestohlen gehabt haben, bevor er sie das
erstemal verkaufte, denn der Blasler hatte gar kein Fischrecht. Daran
dachte der gute Pfarrer wohl kaum, er hatte sicherlich nur an seine
Fasttage gedacht; das Kirchengebot erlaubt an Freitagen und Samstagen
die Fische, ob es aber gestohlene sein müssen, davon schweigt es.
Zum Sündenbekennen war diese Gelegenheit nicht günstig. Ich unterließ
es also, küßte ihm den Rockärmel, weil zu einem Handkuß die Faust
nicht einlud, und ging weiter. Unterwegs erwog ich lange, welche
Sünde schwerer sein mochte, des Blasler-Buben seine, oder meine. Die
seinige erschien mir als ein Schelmenstück, die meinige jedoch konnte
eine Sünde gegen den heiligen Geist sein, und solche werden nicht
nachgelassen.
Einige Tage später trieb der Kogel-Mirt vom Kreßbachgraben eine graue
Ziege mit zwei Zicklein des Weges. Die Alte hatte ein volles Euter, die
Jungen hüpften um sie herum und wollten einmal ein wenig trinken. Der
Kogel-Mirt aber zischte: „Gscht, nichts da! Das volle Euter müess’n mer
dem Herrn Pfarrer bringen!“
Da war ich schon wieder neugierig, was dahinter wäre, und der Mirt,
ein eingewanderter Tiroler war’s, hatte auch noch seinen spitzen
„Sternstecherhut“ auf, und er sagte: „Das ischt halt so, mein du,
’s Weib ischt mir gschtorben. Die Gais, hat sie g’sagt, und die
Kitzen, hat sie g’sagt, vermach’ iach dem Kathreiner Pfarrer. Fürs
Versechengehn und auf etlich Messen. Das ischt noch ihr Willen g’west,
und nachher ischt sie g’schtorben. Dessentweg treib’ iach jetzter die
Viecher zum g’weichten Herrn abi.“
Gut, denke ich bei mir, und in einer Stunde komme ich nach! Heute
wird er gut aufgelegt sein, und heute ist die beste Gelegenheit. War
insoweit ganz klug angestellt. Ich ging hin, der alte Herr war an
demselben Nachmittage gar lustig und lud mich vor, eine Schale Kaffee
mit ihm zu trinken, es wäre frische Milch vom Kreßbachgraben dabei. Und
mitten im Kaffee war’s, daß ich plötzlich sagte: „Halt schon lang ein
Anliegen hab’ ich, Herr Pfarrer!“
„Du, ein Anliegen?“ lachte er auf, „na, das wäre sauber, wenn nun auch
die kleinen Buben schon ihr Anliegen hätten!“
Ich habe mit dem Löffel in der Schale eifrig den Kaffee gerührt, um
dem Herrn nicht ins Gesicht schauen zu müssen, und dabei habe ich die
Geschichte vom Kartenspiel auf dem Altarl erzählt.
Über alles Erwarten blieb der Pfarrer ganz ruhig. Dann fragte er: „Hast
du es zu Fleiß getan? Hast du die Absicht gehabt, den heiligen Tisch zu
verspotten?“
„Gott nein, Herr Pfarrer!“ antwortete ich, bis ins Herz hinein
erschrocken schon über den bloßen Gedanken.
„Nun also,“ sagte der Greis. Dann schwieg er ein Weilchen und trank
seinen Kaffee aus. Hernach sprach er folgendes: „Gehören tut sich so
was nicht, das muß ich dir schon sagen. Und dem Kaunigl will ich’s auch
zu wissen tun, daß man zum Gottesdienst das Gebetbuch mitnimmt und
nicht die Spielkarten! Wenn du aber bei dem dummen Streich keine böse
Absicht gehabt hast, so soll’s diesmal gut sein. Ist so weit brav, daß
du mir’s gesagt hast. Magst noch ein Tröpfel?“
Als somit jene Fronleichnamsangelegenheit aufs beste geordnet war,
hat die zweite Schale Kaffee doppelt gut geschmeckt. Als ich später
aufstand, um fortzugehen, legte der alte Herr mir die Hand auf die
Achsel und sagte gütig: „Mir ist jetzt leichter, weil ich genau weiß,
wie es gewesen ist an jenem Fronleichnamstag. Aber ein andersmal mußt
nicht, Peterl. Schau — unser lieber Herrgott ...!“
[Illustration]
[Illustration]
Weg nach Maria Zell.
Mein Vater hatte elf Saatfelder, die wir „Kornweiten“ nannten, und
wovon wir alljährlich im Herbste ein neues für den Winterroggenbau
eigneten, so daß binnen elf Jahren jeder Acker einmal an die Reihe kam.
Ein solcher Jahresbau lieferte beiläufig dreißig Metzen Roggen; für die
nächsten drei Jahre wurde dann das Feld für Hafersaat benutzt, und die
sieben weiteren Jahre lag es brach, diente als Wiese oder Weide.
Unser vier — ich, mein Vater und die zwei Zugochsen — bestellten im
Herbste das Roggenfeld. Hatten wir den Pflug, so führte mein Vater
hinten die Pflug- und ich vorn die Ochsenhörner. Hatten wir die Egge
mit ihren sechsunddreißig wühlenden Eisenzähnen, so leitete der Vater
die Zugtiere, und ich —
Ja, das war ein absonderlich Geschäft. Ich hockte mitten auf der
Egge oben und ließ mich über den Acker hin und her vornehm spazieren
fahren. Fuhr spazieren und verdiente dabei mein Brot. Der Acker hatte
nämlich stellenweise so zähes und filziges Erdreich, daß die Egge nicht
eingreifen wollte, sondern nur so ein wenig oben hinkratzte. Trotzdem
durfte die Egge nicht zu schwer sein, schon um der Ochsen willen, und
auch nicht, weil an anderen Stellen doch wieder eine mürbe Erdschichte
lag, in welcher tiefgehende Zähne mehr geschadet als genützt hätten.
So mußte denn stellenweise die Egge beschwert werden, und zwar durch
ein lebendiges Gewicht, das zu rechter Zeit aufhocken und zu rechter
Zeit abspringen konnte. Und dazu waren meine vierzig Pfunde mit den
behendigen Füßlein gerade recht. Gefiel mir baß, wenn die Ochsen gut
beim Zeug waren und die Egge hübsch emsig dahinkraute und auf und
nieder hupfte, so daß mir der Vater zurief: „Halt dich fest, Bub, sonst
fliegst abi!“
Da hat sich eines Tages das große Glück zugetragen.
Es war morgens vorher mein zweiter Bruder geboren worden — ein Junge,
daß es schon eine helle Freude war. Als wir hierauf das steile
Schachenfeld umeggten, war mein Vater etwas übermütig und knallte
stark mit der Peitsche. Fuhr- und Ackersleute, die keine Stimme haben
zum Jauchzen, lassen die Peitsche knattern und schmettern, daß es
hinhallt in das Gebäume und zu anderen Menschen, die sich mitfreuen
und, wenn sie wollen und können, mitjauchzen mögen. Wir fuhren gerade
an einem mit Büschen bewachsenen Steinhaufen vorüber, als meinem
Vater — sicherlich des kleinen Jungen wegen — wieder die helle Lust
aufschoß, die Peitsche schwang er und knallte eins herab. In demselben
Augenblick rauschte erschreckt eine ganze Familie von Haselhühnern aus
dem Gebüsche auf — davor machten unsere Ochsen einen gewaltigen Sprung
und schossen wild mit der Egge und mit mir, der darauf saß, quer über
das steile Feld hinab. Mein Vater war beiseite geschleudert worden und
konnte nun nachsehen, was mit seinem Gespann geschah. Die Rinder rasten
dahin, die Egge hüpfte hoch empor, und im nächsten Augenblicke war ich
unter den Zähnen derselben und wurde hingeschleift.
Mein Vater soll die Augen zugemacht und sich gedacht haben: Jesses,
kaum ist der Kleine da, ist der Große schon hin. — Dann schlug er die
Hände zusammen und rief es zu den Wolken empor: „Unser liebe Frau Maria
Zell!“
Mittlerweile waren Ochsen und Egge über den Feldrücken gerast und
nicht mehr zu sehen. Dort unten aber auf dem braunen Streifen, den das
Fuhrwerk über den Acker hin gezogen hatte, lag ein Häuflein und bewegte
sich nicht.
Mein Vater lief hinzu und riß es von der Erde empor — da hub es auch
schon ketzermäßig an zu schreien. Der ganze Bub voll Erde über und
über; ein Ärmel des Linnenröckleins war in Fetzen gerissen, über die
linke Wade hinab rann Blut — sonst gar nichts geschehen. Hinter dem
Feldsattel standen unversehrt auch die Ochsen. Mich nahm mein Vater
jetzt auf den Arm. Ich hätte zehnmal besser laufen können als er, aber
er bildete sich ein, ich müsse getragen sein, aus Zärtlichkeit und
Dankbarkeit, daß ich noch lebe, und aus Angst, ich möchte mich etwa gar
jetzt erst verletzen. Als ich hörte, daß ich eigentlich in Todesgefahr
gewesen war und von Rechts wegen jetzt in Stücke zerrissen nach Hause
getragen werden sollte, hub ich erst recht an zu zetern. — Und so
kamen wir heim, und wenn die alte Grabentrautel nicht vor der Tür die
Antrittsteine sauber fegt — weil die Godel (Taufpatin) kommen soll —
und sie uns solchergestalt nicht den Eingang zur Wöchnerin verwehrt, so
geschieht erst jetzt das Unglück: die Mutter springt vor Schreck aus
dem Bett, kriegt das Fieber und stirbt.
Auch das hat die liebe Frau Maria Zell verhindern müssen und hat es
durch ihre Fürbitte erwirkt, daß es der Grabentrautel eingefallen ist,
es wäre draußen der Antrittstein nicht ganz sauber, und die Godel könne
leichtlich daran ein Ärgernis nehmen.
Später hat das mein Vater alles erwogen und ist hierauf zum Entschluß
gekommen, mit mir zur Danksagung eine Wallfahrt nach Maria Zell zu
machen.
Ich war glückselig, denn eine Kirchfahrt nach dem eine starke Tagreise
von uns entfernten Wallfahrtsort war mein Verlangen gewesen, seit
ich das erstemal die Zeller Bildchen im Gebetbuche meiner Mutter
sah. Maria Zell schien mir damals nicht allein als der Mittelpunkt
aller Herrlichkeit der Erde, sondern auch als der Mittelpunkt des
Gnadenreiches unserer lieben Frau. Und so oft wir nun nach dem
Gelöbnisse auf dem Felde oder im Walde arbeiteten, mußte mir mein Vater
all das von Zell erzählen, was er wußte, und auch all das, was er
nicht wußte. Und so entstand in mir eine ideale Welt voll Sonnenglanz
und goldener Zier, voll heiliger Bischöfe, Priester und Jungfrauen,
voll musizierender Engel, und inmitten unter ewig lebendigen Rosen die
Himmelskönigin Maria. Und diese Welt nannte ich — Maria Zell, sie steht
heute noch voll zauberhafter Dämmerung in einem Abgrunde meines Herzens.
Und eines Tages denn, es war am Tage des heiligen Michael, haben wir
vormittags um zehn Uhr Feierabend gemacht.
Wir zogen die Sonntagskleider an und rieben unsere Füße mit Unschlitt
(Lichttalg) ein. Der Vater aß, was uns die Mutter vorgesetzt — ich
hatte den Magen voll Freude. Ich ging ruhelos in der Stube auf und ab,
so sehr man mir riet, ich sollte rasten, ich würde noch müde genug
werden. Rasten und dann müde werden, das schien mir nicht gut gedacht.
Endlich luden wir unsere Reisekost auf und gingen davon, nachdem wir
versprochen hatten, für alle daheim und für jedes insbesondere bei der
„Zellermutter“ zu beten.
Ich wüßte nicht, daß meine Füße den Erdboden berührt hätten, so wonnig
war mir. Die Sonne hatte ihren Sonntagsschein, und es war doch mitten
in der Woche. Mein Vater hatte einen Pilgerstock aus Haselholz, ich
auch einen solchen; so wanderten wir aus unserem Alpel davon. Mein
Vater trug außer den Nahrungsmitteln etwas in seinem rückwärtigen
Rocksack, was, in graues Papier gewickelt, ich ihn zu Hause einstecken
gesehen hatte. Er war damit gar heimlich verfahren, aber jetzt
beschwerte es den Säckel derart, daß dieser bei jedem Schritte dem
guten Vater eins auf den Rücken versetzte. Ich konnte mir nicht denken,
was das für ein Ding sein mochte.
Wir kamen ins schöne Tal der Mürz und in das große Dorf Krieglach, wo
einige Tage zuvor mitten im Orte einige Häuser niedergebrannt waren.
Ich hatte in meinem Leben noch keine Brandstätte gesehen. Ich schloß
die Augen und ließ es noch einmal nach Herzenslust brennen, so daß mich
mein Vater gar nicht von der Stelle brachte.
Eine Frau sah uns zu und sagte endlich: „Mein, ’s ist halt armselig mit
so einem Kind — wenn es ein Hascher ist.“
Ich erschrak. Sie hatte mich gemeint, und ich kannte die Ausdrucksweise
der Leute gut genug, um zu verstehen, daß sie mich — wie ich so dastand
mit offenem Mund und geschlossenen Augen — für ein Trottelchen hielt.
Ich war daher froh, als wir weiterkamen. Nun gingen wir schon fremde
Wege. Hinter dem Orte Krieglach steht ein Kreuz mit einem Marienbilde
und mit einer hölzernen Hand, auf welcher die Worte sind: „Weg nach
Maria Zell.“
Wir knieten vor dem Kreuze nieder, beteten ein Vaterunser um Schutz
und Schirm für unsere Wanderschaft. „Das greift mich frei an,“ sagte
mein Vater plötzlich und richtete sein feuchtes Auge auf das Bild, „sie
schaut so viel freundlich auf uns herab.“ Dann küßte er den Stamm des
Kreuzes, und ich tat’s auch, und dann gingen wir weiter.
Als wir in das Engtal der Veitsch einbogen, begann es schon zu dunkeln.
Rechts hatten wir den finsteren Bergwald, links rauschte der Bach, und
ich fühlte ein Grauen vor der Majestät und Heiligkeit dieses Zeller
Weges. Wir kamen zu einem einschichtigen Wirtshaus, wie solche in den
Wäldern der Räubermärchen stehen — doch über der Tür war trotz der
Dämmerung noch der Spruch zu lesen: „Herr, bleib bei uns, denn es will
Abend werden!“ — Aber wir gingen vorüber.
Endlich sahen wir vor uns im Tale mehrere Lichter. „Dort ist schon die
Veitsch,“ sagte mein Vater, aber wir gingen nicht so weit, sondern
bogen links ab und den Bauernhäusern zu, bei welchen es in der
Niederaigen heißt. Und wir schritten in eines der Häuser, und mein
Vater sagte zur Bäuerin:
„Gelobt sei Jesu Christi, und wir zwei täten halt von Herzen schön
bitten um eine Nachtherberg; mit einem Löffel warmer Suppe sind wir
rechtschaffen zufrieden, und schlafen täten wir schon auf dem Heu.“
Ich hatte gar nicht gewußt, daß mein Vater so schön betteln konnte.
Aber ich hatte auch nicht gewußt, daß er auf Wallfahrtswegen nur ungern
in ein Wirtshaus einkehrte, sondern sich Gott zur Ehr freiwillig
zum Bettelmann erniedrigte. Das war ein gutes Werk und schonte den
Geldbeutel.
Die Leute behielten uns willig und luden uns zu Tische, daß wir aßen
von allem, was sie selber hatten. Dann fragte uns der Bauer, ob wir
Feuerzeug bei uns hätten, und als mein Vater versicherte, er wäre kein
Raucher, und er hätte sein Lebtag keine Pfeife im Munde gehabt, führten
sie uns in den Stadl hinaus auf frisches Stroh.
Wir lagen gut, und draußen rauschte das Wasser. Das mutete seltsam an,
denn daheim auf dem Berge hörten wir kein Wasser rauschen.
„In Gottesnamen,“ seufzte mein Vater auf, „morgen um solch’ Zeit sind
wir in Maria Zell.“ Dann war er eingeschlafen.
Am andern Morgen, als wir aufstanden, leuchtete auf den Bergen schon
die Sonne, aber im Schatten des Tales lag der Reif. Von der Veitscher
Kirche nahmen wir eine stille Messe mit; und als wir durch das
lange Engtal hineinwanderten, an Wiesen und Waldhängen, Sträuchern
und Eschenbäumen hin, über Brücken und Stege, an Wegkreuzen und
Bauernhäusern, Mühlen, Brettersägen und Zeugschmieden vorbei, trugen
wir jeder den Hut und die Rosenkranzschnur in der Hand und beteten laut
einen Psalter. Des schämte ich mich anfangs vor den Vorübergehenden,
aber sie lachten uns nicht aus; an der Zeller Straßen ist’s nichts
Neues, daß laut betende Leute daherwandern. Mein Vater betete überhaupt
gern mit mir; er wird gewiß immer sehr andächtig dabei gewesen sein,
aber mir kamen im Gebete stets so verschiedene und absonderliche
Gedanken, die mir sonst sicherlich nicht eingefallen wären. War ich im
Beten, so interessierte ich mich für alles, woran wir vorüberkamen, und
wenn sonst schon gar nichts da war, so zählte ich die Zaunstecken oder
die Wegplanken.
Heute gab mir vor allem das Ding zu sinnen, das mein Vater in seinem
Sacke hatte und das im Rockschoß gerade so hin und her schlug wie
gestern. — Für einen Wecken ist’s viel zu schwer. Für eine Wurst ist’s
zu groß. —
Ich war noch in meinen Erwägungen, da blieb mein Vater jählings stehen,
und das Gebet unterbrechend rief er aus: „Du verhöllte Sau!“
Ich erschrak, denn das war meines Vaters Leibfluch. Er hatte sich ihn
selbst erdichtet, weil die anderen ja alle sündhaft sind. „Jetzt kann
ich schnurgerade zurückgehen auf die Niederaigen,“ sagte er.
„Habt Ihr denn was vergessen?“
„Das wär’ mir ein sauberes Kirchfahrtengehen,“ fuhr er fort, „wenn
man unterwegs die Leut’ anlugt! — Hast es ja gehört, wie ich gestern
erzählt hab’, ich hätt’ mein Lebtag keine Pfeifen im Maul g’habt.
Jetzt beim Beten ist’s mir eingefallen, wie ich dort den Holzapfelbaum
sah, daß wir daheim auch einen alten Holzapfelbaum gehabt haben und
daß ich unter dem Holzapfelbaum einmal ’glaubt hab’, ’s ist mein
letztes End’. Totenübel ist mir gewesen, weil ich mit dem Riegelberger
Peter das Tabakrauchen hab’ wollen lernen. — Das ist mir gestern
nicht eingefallen, und so hab ich unserm Herbergvater eine breite Lug
geschenkt, und desweg will ich jetzt frei wieder zurückgehen und die
Sach’ in Richtigkeit bringen.“
„Nein, zurückgehen tun wir nicht,“ sagte ich, und in meinen Augen wird
Wasser zu sehen gewesen sein.
„Ja,“ rief der Vater, „was wirst denn sagen, wenn du unsere liebe Frau
bist und einer kommt weit her zu dir, daß er dich verehren möcht, und
bringt dir eine großmächtige Lug mit?!“
„Gar so groß wird sie wohl nicht sein,“ meinte ich und sann auf Mittel,
das Gewissen meines Vaters zu beruhigen. Da fiel mir was ein, und ich
sagte folgendes: „Ihr habt nur erzählt, daß Ihr Euer Lebtag keine
Pfeife im Mund gehabt hättet. Das kann ja wohl wahr sein. Ihr habt
bloß das Rohr und von dem nur die Spitze im Mund gehabt.“
Darauf schwieg er eine Zeitlang, und dann sagte er: „Du bist ein
verdankt hinterlistiger Kampel. Aber verstehst, das Redenverdrehen
laß ich dir nicht gelten, und auf dem Kirchfahrtweg schon gar nicht.
Ich hab’s so gemeint, wie ich’s gesagt hab’, und der Bauer hat’s so
verstanden.“
„So müsset es halt gleich beichten, wenn wir nach Zell kommen,“ riet
ich — darauf ging er ein, und wir zogen und beteten weiter.
Beim Radwirt hielten wir an, mußten uns stärken. Wir hatten nun die
Radsohl zu übersteigen, den Sattel der Veitschalpe, die mit ihren
Wänden schon lange auf uns hergestarrt hatte. Die Wirtin schlug die
Hände zusammen, als sie den kleinwinzigen Wallfahrer vor sich sah, und
meinte, der Vater werde mich wohl müssen auf den Buckel fassen und über
den Berg tragen, wenn ich nicht brav Wein trinke und Semmeln esse.
Hinter dem Wirtshause zeigte eine Hand schnurgerade den steilen Berg
hinan: „Weg nach Maria Zell.“ Aber ein paar hundert Schritte weiter
oben im Waldschachen stand ein Kruzifix mit der Inschrift: „Hundert
Tag Ablaß, wer das Kruzifix mit Andacht küsset, und fünfhundert Tag
vollkommenen Ablaß, wer Gelobt sei Jesus Christus sagt.“
Auf der Stelle erwarben wir uns sechshundert Tage Ablaß.
Dann gingen wir weiter, durch Wald, über Blößen und Geschläge, bald auf
Fahrwegen, bald auf Fußsteigen, und nach einer Stunde waren wir oben.
Wir setzten uns auf den weichen Rasen und blickten zurück in das weite
Waldland, über die grünen Berge hin bis in die fernen blauen. Und
zwischen den blauen heraus erkannte mein Vater jenen, auf welchem
unser Haus stand. Dort ist die Mutter mit dem kleinen Brüderlein, dort
sind sie alle, die uns nachdenken nach Zell. Wie müssen die Leute jetzt
winzig sein, wenn schon der Berg so klein ist wie ein Ameisenhaufen! —
Es war die Mittagsstunde. Wir vermeinten vom Veitschtale herauf das
Klingen der Glocke zu hören.
„Ja,“ sagte dann mein Vater, „wenn man’s betrachtet, die Leut’ sind
wohl recht klein gegen die große Welt. Aber schau, mein Bübel, wenn
schon die Welt so groß und schön ist, wie muß es erst im Himmel sein?“
Ich habe die Frage nicht beantwortet.
Wir erhoben uns und gingen den ebenen Weg, der hoch auf dem Berge
dahinführt, und ich sah schaudernd zum schroffen Gewände der Veitsch
empor, das schier drohend, als wollte es niederstürzen, auf uns
herabstarrte. Endlich standen wir vor einem gemauerten Kreuze, in
dessen vergitterter Nische ein lieber, guter Bekannter war. Der heilige
Nikolaus, der alljährlich zu seinem Namenstage mich mit Nüssen, Äpfeln
und Lebzelten beschenkte, anstatt daß ich ihm es tat. Und von diesem
Kreuze sahen wir hinab auf die Zeller Seite. Doch wir sahen noch lange
nicht Zell; wohl aber ein so wildes, steinernes Gebirge, wie ich es
früher meiner Tage nicht gesehen hatte. Ein Gebet beim Nikolo, und wir
stiegen hinab in die fremde, schauerliche Gegend.
Wir kamen durch einen finsteren Wald, der so hoch und dicht war, daß
kein Gräslein wuchs zwischen seinen Stämmen. Mein Vater erzählte mir
Raub- und Mordgeschichten, welche sich hier zugetragen haben sollen,
und ein paar Tafeln an den Bäumen bestätigten die Erzählungen. Ich war
daher recht froh, als wir in das Tal kamen, wo wieder Wiesen und Felder
waren und an der Straße wieder Häuser standen.
Wir waren bald in der Wegscheide, wo sich drei Wege teilen, der eine
geht nach Veitsch und auch nach Neuberg, der andere nach Seewiesen, und
den dritten weist eine Hand: „Weg nach Maria Zell.“
„Wenn du nach Zell gehst, so wirst du die größte Kirche und die
kleinste Kirche sehen,“ sagte mein Vater, „die größte finden wir heut
auf den Abend, zur kleinsten kommen wir jetzt. Schau, dort unter der
Steinwand ist schon das rote Türmlein.“
Das Wirtshaus war freilich viel größer als die Kirche; in demselben
stärkten wir uns für den noch dreistündigen Marsch, der vor uns lag.
Dann kamen wir an der gezackten Felswand vorüber, die hoch oben am
Berge steht und die „Spieler“ genannt wird. Drei Männlein sitzen dort
oben, die einst in der Christnacht hinaufgestiegen waren, um Karten
zu spielen. Zur Strafe sind sie in Stein verwandelt worden, und sie
spielen heute noch.
Die Straße ist hin und hin besät mit Wegkreuzen und Marienbildern; wir
verrichteten vor jedem unsere Andacht, und dann schritten wir wieder
vorwärts, wohl etwas schwerfälliger als gestern, und im Rockschoße
meines Vaters schlug fort und fort das unbekannte Ding hin und her.
Neben uns rauschte ein großer Bach, der aus verschiedenen Schluchten,
zwischen hohen Bergen, hervorgekommen war. Die Berge waren hier gar
erschrecklich hoch und hatten auch Gemsen.
„Jetzt rinnt das Wasser noch mit uns hinaus,“ sagte mein Vater, „paß
auf, wenn es +gegen+ uns rinnt, nachher haben wir nicht mehr weit nach
Zell.“
Wir kamen nach Gußwerk. Das hatte wunderprächtige Häuser, die waren
schön ausgemeißelt um Türen und Fenster herum, als ob sich die Steine
schnitzen ließen wie Lindenholz. — Und da waren ungeheuere Schmieden,
aus deren finsterem Innern viel Lärm und Feuerschein herausdrang. Wir
eilten hastig vorbei, und nur bei der damals neuen Kirche kehrten wir
zu. Das war wunderlich mit dieser Kirche — nur ein einzig Christusbild
war drin und sonst gar nichts, nicht einmal unsere liebe Frau. Und so
nahe bei Maria Zell! Die Lutherischen sollen es gerade so haben. — Wir
gingen bald davon.
Und als wir hinter dem letzten Hammerwerk hinaus waren und sich die
Waldschlucht engte, daß kaum Straße und Wasser nebeneinander laufen
konnten — siehe, da war das Wasser so klar und still, daß man in der
Tiefe die braunen Kieselsteine sah und die Forellen — und das Wasser
rann gegen uns.
„Jetzt, mein Bübel, jetzt werden wir bald beim Urlaubkreuz sein,“ sagte
der Vater, „bei demselben siehst den zellerischen Turm.“
Wir beschleunigten unsere Schritte. Wir sahen die Kapelle, die gerade
vor uns auf dem Berge stand und die Sigmundsbrücke heißt. Da oben hat
vor noch nicht lange ein Einsiedler gelebt, der sich nicht für würdig
gehalten, bei der Mutter Gottes in Zell zu sein, und der doch ihr
heiliges Haus hat sehen wollen jede Stund’. — Ein Vöglein hätte ich
mögen sein, daß ich hätte hinauffliegen können zum Kirchlein und von
dort aus Zell etliche Minuten früher schauen, als von der Straße aus.
An der Wegbiegung sah ich an einem Baumstamm ein Heiligenbild.
„Ist das schon das Urlaubkreuz?“
„Das kleine,“ sagte mein Vater, „das ist erst vom Urlaubkreuz das
Urlaubkreuz. Schau, dort steht das große.“
Auf einem roten Pfahl ragte ein roter Kasten, der hatte ein grün
angestrichenes Eisengitter, hinter welchem ein Bildnis war. Wir eilten
ihm zu; ich hätte laufen mögen, aber mein Vater war ernsthaft. Als wir
vor dem roten Kreuze standen, zog er seinen Hut vom Kopfe, sah aber
nicht auf das Bild hin, sondern in das neu hervorgetretene Tal hinaus
und sagte mit halblauter Stimme: „Gott grüß dich, Maria!“
Ich folgte seinem Auge und sah nun durch die Talenge her und durch die
Scharte einiger Bäume eine schwarzglänzende Nadel aufragen, an welcher
kleine Zacken und ein goldener Knauf funkelten.
„Das ist der zellerische Turm.“
Ein klein wenig haben wir alle beide geschluchzt. Dann gingen wir
wieder — einen Schritt vorgetreten, und wir haben den Turm nicht mehr
gesehen. Wir sollten ja bald an seinem Fuße sein ...
Wir stiegen die letzte Höhe hinan und hatten nun auf einmal den großen
Markt vor uns liegen und inmitten, hoch über alles ragend und von der
abendlichen Sonne beschienen, die Wallfahrtskirche.
Die Stimmung, welche zu jener Stunde in meiner Kindesseele lag, könnte
ich nicht schildern. So, wie mir damals, muß den Auserwählten zumute
sein, wenn sie in Zion eingehen.
Wir taten, wie alle andern auch — auf den Knien rutschten wir zum
Gnadenbilde hin, und ich wunderte mich nur darüber, daß der Mensch auf
den Knien so gut gehen kann, ohne daß er es gelernt hat.
Wir besahen an demselben Abende noch die Kirche und auch die
Schatzkammer. An den gold- und silberstrotzenden Schreinen hatte ich
lange nicht die Freude, wie an den unzähligen Opferbildern, welche
draußen in den langen Gängen hingen. Da gab es Feuersbrünste,
Überschwemmungen, Blitzschläge, Türkenmetzeleien, daß es ein Schreck
war. Es ist kaum eine Not, ein menschliches Unglück denkbar, das in der
Zellerkirche nicht zur bildlichen Darstellung gekommen wäre. Wer hat
diesen Volksbildersälen eine nähere Betrachtung gewidmet?
Wir stiegen auch auf den Turm; das war unerhört weit hinauf in den
finsteren Mauern, und wie oft mochte der Rockschoß meines Vaters hin
und her geschlagen haben, bis wir oben waren! Und endlich standen
wir in einer großen Stube, in welcher zwischen schweren Holzgerüsten
riesige Glocken hingen. Ich ging zu einem Fenster und blickte hinaus
— was war das für ein Ungeheuer? Eine Kuppel der Nebentürme hatte ich
vor Augen. Und, du heiliger Josef! wo waren die Hausdächer? Die lagen
unten auf dem Erdboden. — Dort auf dem weißen Streifen krabbelte eine
Kreuzschar heran. Als der Türmer dieselbe gewahrte, hub er und noch
ein zweiter an, den Riemen einer Glocke zu ziehen. Diese kam langsam
in Bewegung, der Schwengel desgleichen, und als derselbe den Reifen
berührte, da gab es einen so gewaltigen Schall, daß ich meinte, mein
Kopf springe mitten auseinander. Ich verbarg mich wimmernd unter
meinen Vater hinein, der war so gut und hielt mir die Ohren zu, bis
die Kreuzschar einzog und das Läuten zu Ende war. Nun sah ich, wie die
beiden Männer vergeblich an den Riemen zurückhielten, um die Glocken
zum Stillstand zu bringen; hilfebereit sprang ich herbei, um solches
auch an einem dritten niederschlängelnden Riemen zu tun — da wurde ich
schier bis zu dem Gebälke emporgerissen.
„Festhalten, festhalten!“ rief mir der Türmer zu. Und endlich, als die
Glocke in Ruhe und ich wieder auf dem Boden war, sagte er: „Kleiner,
kannst wohl von Glück sagen, daß du nicht beim Fenster hinausgeflogen
bist!“
„Ja,“ meinte mein Vater, „kunnt denn da in der Zellerkirchen auch ein
Unglück sein?“
Abends waren wir noch spät in der Kirche; und selbst, als sich
die meisten Wallfahrer schon verloren hatten und es auch an dem
Gnadenaltare dunkel war bis auf die drei ewigen Ampeln, wollte mein
Vater nicht weichen. Gar seltsam aber war’s, wie er sich endlich von
seinen Knien erhob und in die Gnadenkapelle hineinschlich. Dort griff
er in seine Rocktasche, langte den von mir unerforschten Gegenstand
hervor, wickelte das graue Papier ab und legte ihn mit zitternder Hand
auf den Altar.
Jetzt sah ich, was es war — ein Eisenzahn von unserer Egge war es. —
Und am andern Tage gegen Abend, als wir meinten, unsere Kirchfahrt
so verrichtet zu haben, daß Maria und unser Gewissen zufrieden sein
konnten, gingen wir wieder davon. Beim Urlaubkreuz blickten wir noch
einmal zurück auf die schwarze, funkelnde Nadel, die zwischen zwei
Bäumen hervorglänzte.
„Behüt dich Gott, Maria Zell,“ sagte mein Vater, „und wenn Gottes
Will’, so möchten wir noch einmal kommen, ehvor wir sterben.“ —
Dann gingen wir bis Wegscheid, dort hielten wir nächtliche Rast. Und am
nächsten Tage überstiegen wir wieder den Berg und durchwanderten das
Veitschtal. Als wir zu den Bauernhäusern der Niederaigen kamen, sprach
mein Vater dort zu, wo wir auf dem Hinweg zur Nacht geschlafen hatten,
und überreichte der Bäuerin ein schön bemaltes Bildchen von Maria Zell.
Als wir am Abende desselben Tages heimgekommen waren und uns zur Suppe
gesetzt hatten, soll ich, den Löffel in der Hand, eingeschlafen sein.
[Illustration]
[Illustration]
Als ich der Müller war.
Etwa ein Jahr nach dieser Wallfahrt gab’s ein merkwürdig Geschichtchen
daheim.
Nicht gar weit vom Hause, zwischen und unterhalb von Feldrainen und
Wiesenlehnen, ist eine Schlucht. Sie ist voll dichten und hohen
Erlen- und Haselnußgebüsches, zwischen welchen Germen, Schierling
und Sauerampfer wuchern. Unter diesen Gewächsen rieselt ein Wasser,
das seinerzeit zuweilen nur von einem durstigen Krötlein aufgesucht
wurde, sonst aber, so klar und frisch es war, ganz unbeachtet blieb,
bis unser Nachbar, der Thoma, dem die Schlucht gehörte, eine Mühle in
dieselbe baute. Die Mühle stand so versteckt im Gebüsche, daß ich, wenn
ich bei meiner Rinderherde auf dem Wiesenraine stand, vergebens nach
derselben gespäht hätte, wenn an ihr und hoch über den Gesträuchen
nicht zwei Tannen emporgeragt haben würden. Auf diesen Tannen saß gern
ein Habicht und pfiff zu mir und meinen Rindern herüber, daß ich vor
Grauen im Gedanken oft ein heilig Vaterunser betete. Auch vor der Mühle
fürchtete ich mich; sie kam mir mit ihren ewigen Schatten und traurigem
Wasserrauschen schier so schauerlich vor wie jene im Märchen meiner
Mutter, in der die schöne einschichtige Müllerstochter zwölf Räuber mit
der breiten Mühlhacke geköpft hat.
Da kam aber eine Zeit, in der ich näher mit der Mühle im
Schierlinggraben Bekanntschaft machen sollte.
+Unsere+ schöne Mühle im lichten Wiesentale, in der ich meinem Vater so
oft das Korn mahlen half, war in einer Nacht niedergebrannt, bis auf
die zahllosen Eisennägel und die zwei Mühlsteine, die ganz dunkelrot
angelaufen und dann in mehrere Stücke auseinandergefallen waren. Das
Wasserrad am halbverkohlten Gründel allein war stehengeblieben, und
auf dasselbe schoß der Mühlbach nieder, und das Rad lief und tanzte in
hastiger Eile wie närrisch. Verrückt war es geworden ob des Unglückes.
Und erst als mein Vater den Mühlbach ab in den Fluß leitete, blieb
das Rad stehen und stand viele Jahre lang hoch und kohlschwarz und
unbeweglich über dem Schutt.
Ich und mein Vater hatten alle Eisennägel zusammengesucht auf der
Brandstätte, aber der Schmied gab uns dafür nur fünfundzwanzig
Groschen; und die Mühle konnten wir nicht mehr aufbauen.
Da ging mein Vater zum Nachbar Thoma und fragte an, was er
Gegendienstes leisten müsse, wenn er die Mühle im Schierlinggraben an
Tagen, da sie leer stehe, benutzen dürfe.
Der Thoma legte meinem Vater einen Brotlaib vor: er möge sich
abschneiden, nur ein recht groß Stück, er, der Nachbar, habe gut Korn
gebaut. Ja, und von wegen der Mühle, die könne er, mein Vater, schon
haben; so einen, zwei Tage die Woche stehe sie ja leer; und eines
Gegendienstes wegen könne keine Rede sein; er, mein Vater, sei mit dem
Feuer unglücklich gewesen; ja, und das könne jedem geschehen, solle
sich nur noch Brot abschneiden, ein rechtschaffen Stück. Gesegne Gott!
Gesegne Gott!
In unserem Hause ist mein Vater selbst der Mühlesel gewesen. Und so
stieg er eines Tages, den Kornsack auf der Achsel, nieder in den
Schierlinggraben. Ich, ein blöder Junge, war entweder hinter meinen
Rindern oder hinter meinem Vater her; mein Vater war mir stets der
unfehlbarste und erste Mensch auf Erden, und alle anderen Leute liefen
nur so neben mit; nur der Pfarrer und der Amtmann ausgenommen, die
standen höher; der eine hielt’s ganz mit Gott, der andere mit dem
Kaiser — und mit uns hielt’s keiner von beiden.
So wand ich mich denn hinter meinem Vater durch das Erlen- und
Haselnußgebüsch der Mühle zu. Und als wir vor derselben standen, zog
mein Vater einen hölzernen Schlüssel aus dem Sack, sperrte die graue,
niedrige Tür auf, und wir standen jetzt in der finsteren Mühle, in
welcher nur der staubige Mehlkasten und über demselben das Steingehäus
und die Aufschüttmulde uns matt entgegenblickten. Wir stiegen
über sechs oder acht Stufen empor zum Schüttboden; an die braune,
spinnwebige Wand desselben waren mehrere Heiligenbilder geklebt, eine
Art Hausaltar, an dem auch ein grünes Weihbrunngefäßchen gängelte.
Mein Vater besprengte sich damit; dann leerte er seinen Kornsack in
die Schüttmulde und guckte noch ein wenig durch ein Fensterchen auf
das stetig rauschende Wasserfloß hinaus und zwischen den Fugen in die
Radstube hinab, aus welcher erst eine rechte Finsternis hervorglotzte.
Und als er sah, daß alles in Ordnung, tauchte er mit beiden Händen eine
aus der Wand stehende Stange nieder. Da wurde es lebendig. Zuerst hörte
ich einen einzelnen Klapper, bald einen zweiten, dritten; der Boden hub
sachte an zu dröhnen, zu schütteln; das Klappern wurde schneller und
schneller und kam endlich in ein gleichmäßiges Rollen und Klirren und
Schrillen. Es ging die Mühle.
Von dem zitternden Schnabel der Schüttmulde rieselte das braungelbe
Brünnlein des Kornes in den Steinhals, an welchem seines raschen Laufes
wegen weder ein Kern noch ein Maserchen zu erkennen war.
Mein Vater unterwies mich in den Dingen, auf daß auch ich das Müllern
lerne, und machte endlich die Decke des Mehlkastens auf, in dem bereits
der feine, weiße Staub des Mehles flog.
Erst spät abends — als es schon so finster war, daß ein zur Tür
hereinsprühendes Johanniswürmchen mich ins Herz hinein erschreckte,
weil ich im Augenblicke wähnte, es sei ein Feuerfunke und es hebe
auch diese Mühle zu brennen an — drückte mein Vater wieder an der
Wandstange; da wurde das Klirren und Klappern langsamer, noch dröhnte
und ächzte das Räderwerk träg und träger, dann stockte es und war
verstummt. — Mir klang es in den Ohren, und draußen rauschte wieder das
Wasser.
Mein Vater besprengte Steingehäus und Mehlkasten mit dem Weihwasser,
auf daß über Nacht kein Unglück komme; dann verschloß er die Tür mit
dem hölzernen Schlüssel, und wir stiegen durch das wilde Gesträuche und
über die Wiesen- und Feldlehnen hinan zu unserem Hause. Als wir über
die Leinwandbleiche gingen, huschte ein Weibsbild an uns vorbei und hin
über den Anger, auf welchem die Eschen und die Kirschbäume standen.
„Ich denk’ gar, das ist die kohlschwarze Stina gewesen,“ sagte mein
Vater vor sich hin, „wie närrisch lauft denn die herum in der Nacht!“
„Der wär’ es sicher nicht uneben gewesen, wenn sie unsere
Bleichleinwand noch gefunden hätt’ auf dem Anger,“ meinte meine Mutter
daheim.
„Ei, das kannst nicht wissen,“ sagte mein Vater ablehnend. „Sie macht
sich ihr Brot bei der Kohlenbrennerei, und Schlechtes kann man ihr doch
just gerade eben nicht gar recht viel nachsagen.“
„Gutes auch nicht,“ versetzte die Mutter; dann war nicht weiter mehr
davon die Rede.
Wir gingen zum Abendessen. Nach diesem setzte sich meine Mutter zum
Spinnrad und sang ein Lied und erzählte ein Märchen. Das Märchen von
der weißen Frau, wie sie um Mitternacht durch das Ritterschloß schwebt
und mit dem blutigen Dolch eine Unglücksprophezeiung an die Wand
schreibt — es ließ mir die ganze Nacht keine Ruhe, und ich kroch aus
Angst und Furcht vor der weißen Frau dem alten Einleger-Jobst, bei dem
ich schlief, schier hinters Hemd hinein.
Am andern Morgen, als wir aufstanden, war die Nachricht da, mein Vater
müsse eilends roboten gehen. Zwar war es schon ein Stück Weile nach dem
Jahre des Heiles Achtundvierzig, aber unser guter Verwalter hielt stets
noch an der ehrwürdigen Sitte, die Bauern ins Joch zu spannen, und die
Bauern bogen willig ihre sonst so steifen Nacken.
Mich aber traf’s an diesem Morgen wie ein Donnerschlag: „Bub,“
sagte der Vater zu mir, „so mußt heut du der Müllner sein unten im
Schierlinggraben.“
Noch ging er mit mir hinab, um die Tür aufzuschließen und die Mühle
anzurichten.
Ersteres wäre nicht nötig gewesen; die Tür war kaum verriegelt, und
mein Vater brummte: „So ein hölzern Schloß ist just für die Katz’; der
erst’ best Bettelmann taucht mit dem Stock den Riegel in Scherben.“
Dann gab mir der Vater noch Verhaltungsmaßregeln; unterwies mich,
wie man mittels der Wandstange das Wasser vom Holzfloße leite, daß
es seitwärts tief in das steinige Bett hinabstürze und die Mühle
stehen bleibe. Ferner bereitete er mir einen Kübel Wassers auf dem
Schüttboden, „im Falle, daß was sein sollte“. Er dachte ans Feuer. Dann
ging er, und ich war allein in der dunkeln, klappernden Mühle.
Mir war, als obläge mir die Sorge über eine ganze, wildwirbelnde Welt.
Ich schlich und spähte herum, ob überall alles in Ordnung; ich guckte
in die Aufschüttmulde; es rieselte immer aus ihr, aber sie wollte nicht
leerer werden. Ich hub in Gedanken an zu zählen und dachte, bis ich
fünftausend gezählt hätte, würde das Korn wohl zur Rüste sein; aber ich
zählte bis zehntausend, zählte bis — da war mir plötzlich, als stiege
aus dem Mehlkasten Rauch empor.
Ich stürzte zur Stange, bald stand das ganze Radwerk still, und ich
sah, es war nicht Rauch, es war nur Mehlstaub gewesen.
Ich richtete die Mühle wieder an und wurde nun etwas zuversichtlicher.
Aber in dieser ewigen Dunkelheit des alten Baues, in diesem
fortwährenden Tosen und Klirren wurde ich anderartig aufgeregt ... Ich
spähte nach rechts und nach links und gegen die dunkelsten Winkel hin.
Was gängelt doch das Weihbrunngefäß in einem fort?! — schon wieder
wollte ich zur Wandstange eilen — da ist plötzlich ein Gepuster und
Gepolter — siehe dort! — langsam und von sich selbst hebt sich der
Deckel des Mehlkastens, eine Gestalt, eine Menschengestalt richtet
sich auf im Kasten — bleich ist sie bis in die Augen, bis in den
Mund hinein. Jesus und Heiland! Die weiße Frau! — Meine Augen wollen
vergehen vor Schreck; aber sie sehen es noch, wie die Gestalt polternd
aus dem Kasten steigt und hinaushuscht zur Tür.
Ich bin sehr erschrocken; aber der Schreck war verhältnismäßig kurz
gewesen. Die Hast und Eile des Gespenstes kam mir verdächtig vor; ein
ordentlicher Geist weiß sonst stets Würde und Anstand zu bewahren.
Wenn das ein Mensch gewesen wäre, ein schlechter Mensch, ein Mehldieb,
den wir des Morgens in der Mühle überrascht und der sich in den Kasten
verkrochen? — Noch immer wirbelte der weiße Staub aus dem Mehlkasten
auf. Ich guckte zum Fensterchen hinaus. Ich sah, wie die weiße Gestalt
durch das Gesträuche kroch. Zuweilen, wo das Gebüsche eben recht dicht
war, blieb sie ein wenig kauern und lauerte; sie meinte wohl, von der
Tür aus müsse sie verfolgt werden, aber ich beobachtete sie durchs
Fensterchen. Sie strich ängstlich hin und her, kroch endlich durch
Erlen und hohe Germen und Sauerampfer in das steinige Bett des Baches,
über welchen das Mühlfloß ging. Hier in dem tiefen Graben mochte sie
sich sicher denken; mir aber kam ein verteufelter Gedanke. — Jetzt,
bist du ein Geist oder nicht, dachte ich, frisch Wasser ist eine
Gottesgabe; das kann nicht schaden.
Sofort rückte ich die Wandstange, und in demselben Augenblicke
kreischte ein greller Schrei draußen im Wassergraben, in welchen das
ganze Mühlwasser niederschoß auf die weiße Gestalt.
Diese blieb sie aber nicht lange; kaum sie sich so weit aus den Fluten
hervorgearbeitet hatte, daß ich sie wieder sehen konnte, war sie nicht
mehr weiß, war fahlgrau, war braun, war die kohlschwarze Stina.
Sie hatte sich so sehr in ihre nassen Kleider und in das Gestrüppe
verwickelt und verkettet, daß sie noch hübsch an Ort und Stelle war,
als ich zu ihr hinauskam.
„Stina!“ sagte ich, „hast du uns wollen das Korn stehlen oder das Mehl?“
Da wollte sie mit einem Steine nach mir werfen. Darüber erhob ich einen
gewaltigen Lärm, und als auf denselben der Nachbar Thoma, der in der
Schlucht Zaunstangen gehackt hatte, herbeikam, war die davonwatschelnde
Stina noch zu sehen.
„Mach dir nichts draus, daß dich mein Mühlwasser schwarz gewaschen
hat,“ rief er ihr nach, „in der Haftstuben wirst schon wieder trocken
werden. Mein Weib freilich, die hängt die nassen Lumpen zum Trocknen an
den Strick!“
Hierauf untersuchten wir den Mehlkasten; da drin war arg gewirtschaftet
worden, und hätte der brave Mehlstaub die Diebin nicht noch rechtzeitig
aus dem Schlupfwinkel getrieben, ich und mein Vater, wir hätten das
Korn nicht für uns gemahlen.
Ich richtete die Mühle nicht mehr in den Gang; der Thoma faßte das Mehl
in einen Sack und trug es hinauf in unser Haus.
Dann ging er und fing die Kohlschwarze ein.
Die Mühle im Schierlinggraben steht heute noch und ist versteckt unter
den Büschen.
Das Mehl, das ich gemahlen, ist längst gebacken und gegessen, die
kohlschwarze Stina längst trocken und vergessen.
[Illustration]
[Illustration]
Als ich den Himmlischen Altäre gebaut.
Wenn wir Kinder die Woche über brav gewesen waren, so durften wir
am Sonntag mit den erwachsenen Leuten mitgehen in die Kirche. Wenn
wir aber beim lieben Vieh daheim benötigt wurden, oder wenn kein
Sonntagsjöppel oder kein guter Schuh vorhanden, so durften wir nicht in
die Kirche gehen, auch wenn wir brav gewesen waren. Denn die Schafe und
die Rinder bedurften unser wesentlich notwendiger als der liebe Gott,
der nachgerade einmal Post schicken ließ: Leute, seid auf die Tiere
gut, das ist mir so lieb wie ein Gottesdienst.
Wir blieben jedoch nur unter der Bedingung zu Hause: „wenn wir einen
Altar aufrichten dürften“. Gewöhnlich wurde uns das erlaubt, und zu
hohen Festtagen stellte der Vater das Wachslicht dazu bei. Hatten
wir unsere häuslichen Beschäftigungen vollbracht, etwa um neun Uhr
vormittags, während in der Kirche das Hochamt war, begann in unserem
Waldhause folgendes zu geschehen: Die Haushüterin, war es nun die
Mutter oder eine Magd, hub an, am Herde mit Mehl und Schmalz zu
schaffen; der Haushüter, war es nun der Vater oder ein Knecht, holte
von der Wand „die Beten“ (den Rosenkranz) herab, vom Wandkastel
den Wachsstock heraus, aus der Truhe das Gebetbuch hervor; und der
kleine Halterbub, war es nun mein Bruder Jackerl oder ich, hub an,
die Heiligtümer des Hauses zusammenzuschleppen auf den Tisch. Von
der Kirche waren wir weit, keinen Glockenklang hörten wir jahraus
und jahrein; also mußten wir uns selber ein Gotteshaus bauen und
einen Altar. Das geschah zuhalb aus kindlichem Spielhange und zuhalb
aus kindlicher Christgläubigkeit. Und wir — mein Bruder Jackerl
oder ich, oder beide zusammen — machten es so: Wir schleppten das
alte Leben-Christi-Buch herbei, das Heiligen-Legenden-Buch, die
vorfindlichen Gebetbücher, unsere Schulbücher, das Vieharzneibuch
und jegliches Papier, das steif gebunden war. Solches gab das
Baumaterial. Die Bücher stellten wir auf dem Tische so, daß sie
mit dem Längenschnitt auf der Platte standen und ihre Rücken gegen
Himmel reckten; wir bildeten daraus ein zusammenhängendes Halbrund,
gleichwie der Raum des Presbyteriums (Raum am Altare). An die Wände
dieses Halbrundes lehnten wir hierauf die papierenen buntbemalten
Heiligenbildchen, welche in den Büchern zwischen den Blättern
aufbewahrt gewesen, zumeist von Verwandten, Patenleuten, Wallfahrten
als Angedenken stammten und verschiedene Heilige darstellten. Die
Heiligen Florian und Sebastian kamen in der Regel ganz vorne zu stehen,
denn der eine war gegen das Feuer und der andere gegen das Wasser,
also gegen die zwei wilden Schrecken, die den Menschen alleweil auf
kürzestem Wege den Himmlischen zujagen. An Namenstagen von uns oder an
sonstigen Heiligenfesten erwiesen wir aber dem betreffenden Heiligen
die Ehre, im Bildchen ganz vorne stehen zu dürfen. Am Osterfeste, am
Christtage fand sich wohl ein Osterlamm mit der Fahne oder ein holdes
Kindlein auf dem Heu. Letzteres wollte einmal am Christfeste mein
Bruder nicht anerkennen, weil kein Ochs und kein Esel dabei sei,
worauf der alte Knecht sich ganz ruhig zu uns wandte und sprach: „Die
müsset halt ihr zwei sein!“
Waren nun die aus Büchern beschriebenerweise geformten Wände mit
solchen Bildlein, auch kleinen in Glas gefaßten „Breverln“ darunter,
belehnt, so kam vom eigentlichen Hausaltare hoch oben in der Wandecke
das Kruzifix herab und wurde mitten in das Halbrund gestellt. Das war
der eigentliche Mittelpunkt unseres Heiligtums. Vor dem Kruzifix kam
hernach der Wachsstock zu stehen, und wir zündeten ihn an. Nicht zu
sagen, welche Feierlichkeit, wenn nun das Kreuz und die Heiligenbilder
rötlich beleuchtet wurden, denn so ein geweihtes Wachslicht gibt einen
ganz anderen Schein, als die klebrige Talgkerze oder der harzige
Brennspan, oder gar im Wasserglase das Öllichtlein, „welches bei der
Nacht nur so viel scheint, daß man die Finsternis sieht“. Die Sonne,
welche draußen leuchtete, wurde abgesperrt, indem wir die Fenster
verhüllten mit blauen Sacktüchern, wir wollten den himmlischen Schein
ganz allein haben in unserem Tempelchen. Wenn nun gar erst Allerseelen
war und ein Bildchen mit den armen Seelen im Fegefeuer vor dem Kreuze
lag, da gab’s eine Stimmung, die zur Andacht nachgerade zwang. Knieten
wir dann um den Tisch herum, so daß unsere Knie auf den Sitzbänken,
unsere Ellbogen auf der Platte sich stützten, und beteten laut
jene lange Reihe von Vaterunsern und Avemariens mit Ausrufung der
„Geheimnisse“ aus dem Leben des Herrn, welche der Rosenkranz oder auch
der Psalter genannt wird. Ich wendete während des ganzen Gebetes keinen
Blick von den bildlichen Darstellungen. Natürlich sah ich nicht das
Papier und nicht die Farben, ja selbst die Bilder als solche nicht,
ich sah die Heiligen leibhaftig, sie waren mir in der Tat anwesend,
sie hörten freundlich auf unser Gebet, sie ließen uns hoffen auf
ihren Schutz und Beistand in Tagen der Not und Gefahr, sie nahmen
gütig die Liebe unserer Herzen an, und also schlossen wir mit ihnen
vorweg schon Bekanntschaft für die ewige Gemeinsamkeit im Himmel, der
wir ja entgegenstrebten. — O welch ein herrliches Gut ist der Glaube,
unendlich mächtiger, schöpferischer, beseligender, erlösender, als
alles Wissen und Wähnen der Irdischen!
War endlich die Andacht zu Ende, so losch der Knecht die Kerze aus,
und wir hüpften aufs Fletz hinab; bald krochen wir freilich wieder
auf den Tisch, um gemächlich den Tempel zu zerstören und seine Teile
wieder an Ort und Stelle zu bringen, woher wir sie genommen, denn
der Tisch sollte nun Schauplatz anderer Ereignisse werden. In der
Küche war aus Mehl und Schmalz eine Pfanne voll Sterz (Mehlbrei in
Fett geröstet) geworden, und diese kam herein, um unsere sonntägige
Andacht zu krönen. So war’s der Brauch am Sonntag Vormittage von der
neunten bis zur zehnten Stunde, während die anderen in der Kirche saßen
oder vor derselben sich für das Wirtshaus vorbereiteten. — Solches
waren freilich freundlichere Wandlungen des Tischaltares, als es jene
gewesen im Hause des Waldpeter. Hatten die aufsichtslosen Kinder in der
Christnacht auf dem Tische aus Büchern und Papierbildchen einen Tempel
gebaut, denselben mit einem nach unten halb offenen Buche eingedeckt
und eine brennende Kerze in das Heiligtum gestellt. Noch zu rechter
Zeit kam der Waldpeter herbei, um die auf dem Tische entstandene
Feuersbrunst zu löschen. Darauf soll es keinen Sterz gegeben haben,
sondern — was Schlimmeres.
Noch erinnere ich mich an einen besonderen Tag. Ein gewöhnlicher
Wochentag war’s im Winter; ich beschäftigte mich in der dunkeln
Futterscheune, mit einem Eisenhaken, dem Heuraffel, Heu aus dem
festgetretenen Stoße zu reißen und in die Ställe zu tragen. Da fiel
es mir plötzlich ein, ich müsse diese Arbeit bleiben lassen, in die
Stube gehen und auf dem Tische einen Altar bauen. Die Mutter war mit
meinem jüngsten kranken Schwesterchen beschäftigt, kümmerte sich also
nicht um mich, und ich stellte aus Büchern und Bildchen den gewohnten
Tempel auf, als sollten die Leute nun zusammenkommen wie am Sonntage
und beten. Wie ich hernach das hölzerne Kruzifix hineinstellen wollte,
tat ich es nicht, sondern ging durch die Stube zu einer Sitzbank hin,
über welche ich das Kreuz vermittels eines Schnürchens an die Wand
hing. Und da war es, als ob auch die anderen ähnliche Gedanken hätten
mitten im Werktage; der Vater wurde ins Haus gerufen, er holte aus dem
Schrank den Wachsstock hervor, zündete ihn an, doch anstatt ihn an
meinen Altar zu stellen, ging er damit ans Bettlein, wo das zweijährige
Trauderl lag; sie begannen halblaut zu beten, und die Mutter netzte
mit Essig die Stirn des Schwesterleins. — Plötzlich hielten sie im
Gebete ein, da war es still, so grauenhaft still, wie es bisher nie
gewesen auf der Welt. Dann hub die Mutter an zu schluchzen, erst
leise, hernach heftiger, bis sie, in ein lautes Weinen ausbrechend,
sich über das Köpfchen des Kindes niederbeugte und es mit wilder Gier
herzte und küßte. Das Schwesterlein aber tat nichts desgleichen, die
hageren Händchen auf der Decke ausgestreckt, im Gesichte schneeweiß,
mit halbgeöffneten Augen lag es da; die flachszarten Locken gingen nach
rückwärts und waren noch feucht von dem Essig.
Der Vater trat zu uns übrigen Kindern und sagte leise: „Jetzt hat uns
die Trauderl halt schon verlassen.“
„Sie ist ja da!“ rief der Bruder Jackerl und streckte seinen Finger aus
gegen das Bett.
„Ihre unschuldige Seel’ hat der liebe Herrgott zu sich genommen, sie
ist schon bei den Engelein.“
Wer von uns es nicht wußte, der ahnte nun, unsere kleine Schwester war
gestorben.
Wir huben an zu weinen, aber nicht so sehr, weil das Schwesterlein
gestorben war, sondern weil die Mutter weinte. In meinem Leben hat mich
nichts so sehr ans Herz gestoßen, als wenn ich meine Mutter weinen sah.
Das geschah freilich selten; heute vermute ich, daß sie viel öfter
geweint hat, als wir es sahen ...
Nun kamen die Knechte und Mägde herein, standen um das Bettlein herum
und sagten mit flüsternden Stimmen Liebes und Gutes von dem Kinde. Der
Vater kniete zum Tische, wo — siehe da! — der Altar aufgerichtet stand,
und begann laut zu beten; er rief das Kreuz und Leiden des Heilandes
an, seine heiligen Wunden, seine Todespein und seine Auferstehung. Er
sagte den Spruch vom jüngsten Tage, wie auf des Engels Posaunenschall
die Toten aus den Gräbern steigen werden. Ich sah alles vor mir. —
Dunkel war’s und dämmernd wie im Morgenrote; der Himmel war verhüllt
mit Wolken, die einen roten Schein hatten, wie Rauch über dem Feuer.
Aus allen Gründen — soweit das Auge reichte — stiegen Menschen aus der
Scholle empor. Ich selbst sah mich hervorgehen aus dem Sarge, neben mir
die Mutter, der Vater in langen weißen Gewändern, und aus einem Hügel,
der mit Rosen bedeckt war, kroch — schier schalkhaft lugend mit hellen
Äuglein — das Trauderl und hüpfte zu uns heran ...
Während wir beteten, senkte die Nachbarin Katharina das Leichlein in
ein Bad, bekleidete es dann mit weißem Hemde und legte es auf ein
hartes Bett, auf die Bank zur Bahre. Mit Leinwand ward es zugedeckt;
an sein Haupt stellten sie den Wachsstock mit dem Lichte und ein
Weihwassergefäß mit dem Tannenzweig. Vom Altare nahmen sie die
Heiligenbildchen, um solche als letzte Gabe der kleinen Trauderl an
die Brust zu legen. Der Vater hub an, das Kruzifix zu suchen, um es zu
Häupten der Bahre hinzustellen, er fand es nicht, bis die Nachbarin
Katharina sah, daß es schon an der Wand hing, gerade über dem Leichlein.
Also ist es gewesen, daß eine Stunde vor dem Sterben des Schwesterleins
mir Ahnungslosem eine unsichtbare Macht die Weisung gab: Gehe in die
Stube, denn sie werden bald alle hineingehen; baue den Altar, denn sie
werden beten; hänge das Kreuz an die Wand, denn es wird dort ein totes
Menschenkind hingelegt werden.
Wir gingen hin und schauten die Trauderl an. Es ist nicht zu
beschreiben, wie lieblich sie anzuschauen war und wie süß sie schlief.
Und da dachte ich daran, wie sie noch wenige Tage früher voll
schallender Freude, glühend am Wänglein und glühend im Äuglein, mit
uns Versteckens gespielt. Sie versteckte sich immer hinter dem Ofen,
verriet sich aber allemal selbst, noch bevor wir an sie herankamen,
durch ein helles Lachen.
Bald kamen die Nachbarsleute, sie knieten nieder vor der Bahre und
beteten still. Im ganzen Hause war eine große Feierlichkeit, und ich —
der ich so umherstand und zusah — empfand etwas wie Stolz darüber, daß
ich eine Schwester hatte, die gestorben war und solches Aufsehen und
solche Weihe brachte.
Nach zwei Tagen am frühen Morgen, da es noch dunkel war, haben sie
in einem weißen Trühlein die Trauderl davongetragen. Wir Geschwister
konnten sie nicht begleiten, denn wir hatten keine Winterschuhe für
den weiten Weg nach dem Pfarrdorfe. Wir blieben daheim. Und als alle
laut betend davongezogen waren und das von dem Hause hinwegschwankende
Laternenlicht noch seinen zuckenden Schein warf durch die Fenster in
die Stube herein, stand ich (meine Geschwister schliefen noch ruhsam in
ihrer Kammer) eine Weile vor der Bank und schaute auf die Stelle hin,
wo das weiße Gestaltlein geruht hatte. Das Weihwassergefäß war noch da,
und beim Morgenrot, das matt auf die Wand fiel, sah ich dort das Kreuz
hängen mit dem sterbenden Christus, der nun mein einziger Genosse war
in der stillen Stube.
Ich nahm ihn von der Wand und begann ihn auszufragen, was die Seele der
Trauderl denn wohl mache im himmlischen Reich. — Es ist keine Antwort
auf Erden. Ich stellte das Kruzifix wieder auf den Hausaltar, der hoch
im Wandwinkel war, und dort stand es in heiliger Ruh, es mochte Kummer
sein in der Stube oder Freude, beides war oft und manchmal im raschen
Wechsel, wie es schon geht auf dieser Welt.
Nach Jahren, als eines Tages meine ältere Schwester mit
niedergeschlagenen Augen in der Stube umging, angetan mit rosenfarbigem
Kleide und dem grünen Rosmarinstamm im braunen Haar, und ein schöner
junger Mensch unfern von ihr stand, sie heimlich anblickend in
Glückseligkeit, hob ich meinen lieben Christus wieder einmal auf den
Tisch herab, ob er vielleicht zusehen wolle, was da war und werden
sollte.
Da traten die zwei jungen Leute vor den Tisch hin, nahmen sich an der
rechten Hand und sagten ganz leise — aber wir hörten es doch alle: „Wir
wollen treu zusammen leben, bis der Tod uns scheidet.“
Auf meinem Lebenswege bin ich schon an vielen Altären vorübergewandelt.
An Altären der Liebe und des Hasses, an Altären des Mammons und des
Ruhmes — ich habe jedem geopfert. Aber mein Herz, mein ganzes Herz
habe ich nur an jenem einen Altar niedergelegt, der einst in der armen
Stube des Waldhauses gestanden. Und wenn ich weltmüde dereinstmalen die
Himmelstür suche, wo kann sie zu finden sein, als in dem dämmernden
Wandwinkel über dem Tische, wo das kleine hölzerne Kruzifix gestanden.
Kreuze habe ich gesehen aus Gold und an Ehren reich, Kreuze aus
Elfenbein, geschmückt mit Diamanten, Kreuze, an welchen Weihe und Ablaß
hing — bei keinem habe ich je Gnade gefunden. Das arme Kreuz in meinem
Vaterhause wird mich erlösen.
[Illustration]
[Illustration]
Als ich im Walde beim Käthele war.
Seit Menschengedenken standen in unseren Wäldern die Lärchbäume nicht
so hoch im Preise, als zur Zeit des Eisenbahnbaues durch das Tal. Mein
Vater verkaufte an die dreißig Stämme um schöne Banknoten. Aber er gab
die schönen Banknoten bald wieder weg, zuweilen gar eher, als er sie
hatte. Er nahm beim Krämer Mehl und Salz und sagte: „Sobald ich Geld
vom Holzhändler krieg, kriegt Ihr’s von mir.“ Zuletzt sagte er dasselbe
sogar den Steuerbeamten.
Aber unser Holzhändler, ein sehr alter Mann, der im Walde sein Haus
hatte, und um den, außer den Fichten und Tannen, noch ein Wald von
Kindern und Enkeln herangewachsen war, hatte dem Vater den größten Teil
des Lärchengeldes zwar gezahlt, aber mit dem Rest war er ausgeblieben.
Wohl ein halbdutzendmal ging mein Vater die vier Stunden durch die
Wälder zum Alten und bat: „Herr Zaunreuter, seid doch ja so gut und
reichet mir heut das letzt Zipfel von dem Lärchengeld, meine Kinder
brauchen was zu essen.“
Die meinen halt auch, mochte sich der Alte gedacht haben, aber er
sagte: „Ich seh’s wohl ein, der Waldbauer tät auch sein Sach’ gern
haben, aber wenn mir der Waldbauer alle Säck’ umkehren will, so wird er
heut keinen Knopf darin finden. Ich krieg’ erst morgen das Geld von
der Eisenbahn, nachher will ich dem Waldbauer das Restl schon mit Fleiß
und Dank zustellen.“
Meines Vaters Herz war kein Stein, und er dachte: es klemmt ihn halt,
und einen Tag muß ein Christenmensch schon noch warten. Aber es verging
ein Tag, und es vergingen mehrere, und es vergingen viele Tage, und der
gute Zaunreuter kam nicht mit dem Gelde. Da ließ mich — ich war damals
so ein Schlingel von elf Jahren — mein Vater einmal von der Kuhweide in
sein Stübchen rufen und sagte: „Bübel, leg jetzt dein besseres Jöpplein
an, geh hinüber in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter und sag ihm,
du bliebest so lang in seinem Haus und tätest essen an seinem Tisch
und tätest schlafen unter seinem Dach, bis er dir tät das Geld geben.
Sei aber schön ordentlich und tu danken nach jedem Essen, und wenn
er dir eine Arbeit schafft und du kannst sie verrichten, so tu’s mit
Schick und Fleiß, und wenn du das Geld hast bekommen, so steig nur fein
geschwind wieder heim.“
Hierauf legte ich mein besseres Jöpplein an, ging hinüber durch die
dichten Wälder in das Weißbrunntal zum alten Zaunreuter. Dieser saß
vor seinem Häuschen unter einer dichtbeästeten Fichte und hielt das
Pfeiflein in der Hand und nickte mit dem Kopfe auf und nieder, wie
die Zweige oben im Winde. Ich blieb von fern stehen und sah ihm zu;
der Mann war doch gar alt. In seiner Kindheit waren hier die Urwälder
ausgerodet worden; in seinen Jünglingsjahren hatten sich kleine
Bauernwirtschaften angesiedelt; in seinem Mannesalter waren durch
kalte, unfruchtbare Jahre die Bauernwirtschaften zugrunde gegangen, und
nun in seinen Greisentagen ließen sie das Weißbrunntal wieder anwachsen.
Ich trat endlich zum Alten hin und sagte: „Mein Vater hat mich
geschickt, und jetzt bleib’ ich in Eurem Hause so lang und ich geh’
nicht eher fort, bis Ihr mir das Geld gebt.“
„So geh hinein in das Haus, Kleiner, und setz dich auf die Bank, oder
geh hinauf an die Lehne und hilf meiner Enkelin Ziegen hüten.“ Er blieb
sitzen, nickte mit dem Kopfe und hielt das Pfeiflein in der Hand.
Ich ging in das Haus und saß eine Zeit auf der Bank in der Stube; als
mir endlich aber doch die Zeit lang wurde, kletterte ich die Lehne
hinan zur Ziegenhüterin. Ein Mädchen mit roten Wangen und lichtblonden
Haaren, wohl um einige Jahr älter als ich, saß da oben, es flocht sich
mit seinen behendigen Fingern, mit Beistand der weißen Zähne, die
Haare. Da es mich sah, sprang es auf und floh ins Dickicht.
Als der Abend kam, füllte sich das kleine Haus im Anwuchs mit Menschen;
es waren Weiber und Kinder gekommen und zwei junge, lustige Holzhauer
und ein übermütiger Almhirt, der allweg pfiff, gern auf einem einzigen
Fuße stand, tänzelte und die Weiber neckte. Es kam ein Wurzner und
eine Ameiseiergräberin, und sie erzählten, wo sie an diesem Tage waren
und was sie für Beute gemacht hatten. Alle diese Menschen, zum Teil
schon betagt, zum Teil noch jung und klein, waren Nachkommen des alten
Zaunreuter.
Als sie sich alle um den Tisch zur Abendsuppe setzten, stand ich an
der Tür und kaute an einem Finger. Ich empfand doch, daß ich hier
nicht daheim, und getraute mich nicht zum Tisch. Da sagte der Alte:
„Waldbauernbub, setze dich neben das Käthele und iß mit uns eine
Suppe!“ Nach diesen Worten errötete das Mädchen, das ich früher oben
als Ziegenhüterin gesehen hatte, dann rückte es ein wenig zur Seite.
So setzte ich mich daneben hin und aß; aber mir wollte es nicht recht
schmecken, ich schämte mich, daß ich den Leuten wegen so ein paar
Gulden an der Schüssel lag.
Nach dem Nachtmahle nahm mich der Almhalter mit in sein Bett; es stand
nicht im Hause und nicht im Freien, sondern hinter einer Felsnische
unter drei dichten Tannen. Der Halter zog sich aus bis auf das Hemd
und pfiff und tänzelte immer noch dabei und kitzelte mich in das Bett
und unter die Decke hinein, daß ich laut schrie und kicherte. So war
ich mit ihm gleich bekannt, und so kauerten wir uns recht aneinander,
und er erzählte mir von seinen Kühen und Kälbern, und dabei zog er die
Decke immer mehr über unsere Köpfe herauf, und sein mächtiger Atemstrom
ergoß sich so sehr auf mein Gesicht, daß ich schier ersticken wollte.
Als ich am andern Morgen aufwachte, flunkerte die Sonne durch das
Geäste, und der Halter war schon längst davon. Ich stand auf und
dachte, heute wird mir der Zaunreuter das Geld wohl geben. Es wurde
die Morgensuppe vorgesetzt; das Käthele schnitt mir Brot hinein, und
dabei flüsterte es mir zu, ob ich heute nicht mit ihm wolle mitgehen
in die Geißhalde? Ich ging mit, und das Mädchen machte mich bekannt
mit den Ziegen und mit seinen Spielplätzen. Das Käthele hatte unter
einem Felsvorsprung eine Sennerei; aus Baumrinden hatte es einen Stall
aufgezimmert, unter diesem stand eine Reihe dürrer Fichtenzapfen, das
waren die Kühe. Das Mädchen lehrte mich von diesen Kühen die Namen und
schob sie auf die Weide und wieder in den Stall. Auf einmal aber, als
es merkte, daß ich mich nicht recht in diese Wirtschaft hineinfinden
konnte, wendete es sich ab, hielt die Schürze vor das Gesicht und
schämte sich. Als ich ein wenig später wieder an die Stelle kam, waren
die Fichtenzapfen über den Hang geschleudert und der Stall zerstört.
Es verging der Tag, der Alte war nicht zu Hause, ich bekam das Geld
nicht und blieb. Das Käthele zerrte mich überall mit, und als gegen
Abend ein kalter Wind strich, schlug es sein Lodenjäckchen um meinen
Kopf und wickelte meine Hände in seine Schürze, daß ich nicht sollte
frieren können. Am Abend nahm es mich mit in den Stall und zeigte mir,
wie es die Ziegen melke, und als wir in der Milchkammer standen, strich
es mir mit dem Finger Rahm in den Mund.
Am dritten Tage war ich schon um ein bedeutendes zutraulicher; da
pflückte ich dem Käthele Erdbeeren und schenkte ihm ein Sträußchen
rotblühenden Klees. „Die Erdbeeren mag ich schon,“ sagte sie, „aber den
Klee steck nur der Geiß zu, ich weiß damit nichts anzufangen.“
„Es wär’ aber Honig drin, Käthele,“ sagte ich.
„Ja, weil ihn die Bienen nicht heraussaugen dürfen,“ versetzte das
Mädchen, „weißt du, was der heilige Petrus gesagt hat? Ja, der hat zu
den Bienen gesagt: Was wollt ihr lieber, den Sonntag feiern, oder den
roten Klee meiden? Haben die Bienen zur Antwort gegeben: den roten Klee
meiden. Deswegen dürfen sie beileib’ nichts zu schaffen haben mit dem
roten Klee, und der Honig davon kommt in die Geißmilch.“ —
Der Alte ging aus und kam heim, aber nie sagte er etwas von dem Gelde.
Ich blieb im Hause, wurde zu Tische geheißen, schlief beim Halter und
konnte die übrige Zeit machen, was ich wollte. Ich ging immer mit dem
Käthele, und das führte mich im Walde umher, in jede Schlucht und auf
jeden Felsblock, und wußte allweg zu plaudern und erzählte mir sogar
einmal im Vertrauen: Zuweilen, wenn es so ganz still sei und nur die
Hummel brumme oder ein Lüftchen wispere, da gehe Gott durch den Wald.
Er sei größer wie der allergrößte Baum, aber er kümmere sich um jedes
Rehlein, und wenn wo eine Ameise krieche, der sie einen Fuß abgetreten,
so helfe er ihr weiter, und wenn wo ein Blümlein stünde, das nicht
aufwachsen kann, weil ihm ein Steinchen anliegt, so neige sich der
liebe Gott auf die Erde und tue dem Blümlein den Stein vom Herzen.
Wenn das Käthele ähnliche Dinge redete, so sah ich es nur so an, und
da war ein Glanz in seinem großen dunkeln Auge, wie in der Kirche zur
heiligen Christnacht.
Einmal führte sie mich auf einen Steinbühel, um welchen Rotkiefern und
Wacholder wuchsen, legte ihre beiden Hände auf meine Schultern und
sagte: „Das freut mich, Waldbauernbub, daß du in unser Haus und zu mir
in den Wald gekommen bist.“ Nach diesen Worten geleitete sie mich von
dem Steinbühel wieder herab. Weshalb ich aber da war, das wußte sie
nicht.
Vergaß ich ja doch endlich selbst darauf. Ich lebte in dem Hause des
Zaunreuters wie daheim, nur waren die Leute freundlicher mit mir, und
ich durfte nicht so viel arbeiten, als ich es an der Seite meines
Vaters gemußt.
Da kam eines Tages durch den Holzschläger von meinem Vater der Auftrag,
ich möge doch endlich das Geld heimbringen, das Steueramt wolle nicht
mehr länger warten und habe ihm einen Soldaten ins Haus geschickt, der
ohne den Steuerbetrag nicht fortgehen wolle und welcher — setzte der
Bote bei — der Kuhmagd schon ganz den Kopf verrückt habe und mit ihr
heimlich die Butter verzehre. Das sei eine gefährliche Belagerung, und
ich möge doch kommen und das Haus befreien. — Ich trug dem Alten unser
Anliegen vor. Dieser nickte stetig mit dem kleinen Kopfe und machte mir
dann in bittendem Tone den Vorschlag, er wolle die Exekutionsmänner
austauschen, mich heimgehen lassen und den gefährlicheren Soldaten
in sein Haus nehmen, bis er zahlen könne. Das brachte mich fast auf,
denn ich konnte dadurch nur verlieren, ohne das Geld heimzubringen.
Ich murmelte daher zu Boden starrend und den Hut tief in die Stirne
gedrückt: „Ich will unser Geld haben.“
Da sprang der Alte auf, einen Schritt gegen mich und stieß die Worte
hervor: „Vom Erdboden herausgraben kann ich’s nicht! Willst mir die
Haut abziehen? Ich bin alt und hab’ eine Familie; du kennst von der
Welt noch nichts wie das Essen. Wenn ihr glaubt, ich will euch was
abstehlen, so verkaufet mein Haus, da steht’s! und jagt die Kinder
hinaus zu den Tieren des Waldes und scharrt den alten Mann in die
Erden!“
Das traf mich, niederfallen hätt’ ich mögen vor dem Greis und ihm
sagen, daß ich’s so nicht gemeint. Ich schlich davon und wollte heim
zu meinem Vater und ihm sagen, ich hätte das Geld wohl bekommen, aber
ich hätte es unterwegs in dem dichten Gesträuche verloren, und ich
wolle dafür arbeiten Tag und Nacht und fasten dabei, und er möge mich
strafen, wie er wolle.
Als ich sonach durch die Schlucht ging, rief mich das Käthele an.
Es stand hoch auf einem Baumstrunk und sagte mir, ich möge auch
hinaufkommen, denn man sehe von dort aus ins Land, wo die Feigen
wachsen. Da mußte ich denn freilich hinauf; allein, als ich oben stand
bei dem Käthele, schalt es, daß ich so langsam geklettert sei, es seien
in der Weile die Bäume so hoch gewachsen, und nun könne man nicht
mehr in das Land der Feigen sehen. Ich stellte mich, als hätte ich
dem Käthele alles aufs Wort geglaubt. Ich vergaß aber dabei auf mein
Heimgehen.
Als wir eine Weile beisammengestanden waren, lispelte sie: „Ich will
dir was sagen, Waldbauernbub,“ und zerrte mich mit fort, zwischen den
Bäumen und durch Gesträuche, fort und fort, bis wir hineinkamen tief
in den Hochwald. Dort blieb sie endlich stehen, blickte verwirrt um
sich und ließ sich auf einen verwitterten Strunk nieder. Ich stand vor
ihr; sie faßte meine Hände und legte sie in ihren Schoß. Dann neigte
sie das Haupt vor gegen meine Stirne und flüsterte: „+Du bist mein
lieber Waldbauernbub!+“ — Sie war gerötet, sie ließ alle Haarsträhne
niedergleiten über ihr Antlitz, daß ich es nicht hätte sollen sehen
können, wie sie glühte.
Gleich darauf erhob sie sich, und wir gingen zurück durch den Wald,
durch das Gesträuche, wie wir gekommen waren.
An demselben Abend lud mich der alte Holzhändler ein, daß ich mich zu
ihm auf das Fichtenbänklein setze. Als ich es getan hatte, sagte er,
daß ich heute wohl nicht mehr fortgehen könne, da der Weg zu meinem
Vaterhause lange durch unwirtliche Waldungen führe. Ich blickte ihn an,
da fuhr er in den Sack, zog ein abgegriffenes Büchlein hervor und aus
demselben eine Geldnote: „Da nimm, Waldbauernbub, ich laß deinen Vater
grüßen; und ich laß mich bedanken, daß er mir so nachgewartet hat, bis
ich’s jetzt zahlen kann. Ich hab’ ihm deswegen auch um zwölf Groschen
mehr zugelegt.“
Ich getraute mich an demselben Abend bei dem Mahle kaum einen Bissen zu
essen, und in der Nacht lag ich mäuschenstill neben dem Halter — ich
war bezahlt, ich hatte kein Recht mehr, das Bettgewand zu strapazieren.
Am andern Tage stand ich gar zeitlich mit dem Halter auf und eilte
meiner Heimat zu.
Es war auch schon die höchste Zeit; der Exekutionssoldat hatte im
Kuhstalle und in der Butterkammer bereits schauderhaft gewirtschaftet.
Nun erhielt er den Steuerbetrag und damit den Laufpaß.
Bei meinem Vater erntete ich nicht die Ehren, die ich für das
Aufbringen des Geldes zu beanspruchen geglaubt hatte.
„Dalkerter Bub,“ sagte er, „jetzt gehst gleich und tragst dem
Zaunreuter die zwölf Groschen wieder zurück!“
So lief ich denn. Im Walde traf ich wieder das Käthele. Es sah mich
kaum an, es spielte mit den dürren Fichtenzapfen und hatte sein Gesicht
dicht mit den Haaren verschleiert. Es hatte erfahren, daß ich nur des
Geldes wegen so lange bei ihm in dem Wald geblieben war.
[Illustration]
[Illustration]
Als die hellen Nächte waren.
Der Sommer war heiß gewesen. Das Moos des Waldbodens war fahl und
spröde geworden, und zwischen den Halmgerippen der Gräser sah man auf
den grauen Erdboden. Neben den dürren Nadeln des Waldbodens lagen tote
Ameisen und Käfer. Die Steine in den Betten der Bäche waren trocken und
weiß wie Elfenbein. Wo dazwischen noch ein Tümplein stand, da starb
darin eine Forelle oder ein anderes Tier des Wassers.
Die Luft war dicht, und die Berge — auch die nahen — waren blau. Die
Sonne war des Morgens rot wie das verdorrte Blatt einer Buche, dann
blaß und glanzlos, so daß man ihr ins Gesicht sehen konnte. Matt kroch
sie hin über die graue Wüste des Himmels, als wäre sie erschöpft vor
Durst. Gegen Abend stiegen häufig scharfgeränderte, glänzende Wolken
auf; die Leute fingen zu hoffen an, aber es kam ein Luftzug, und am
anderen Morgen waren die Wolken vergangen und der nächtliche Tau
aufgesogen.
Draußen im Dorfe wurde ein Bittag um Regen angeordnet. Da strömten
aus unserem Walde die Leute davon, nur der alte Knecht Markus und ich
blieben im einsamen Hause, und der Knecht sagte zu mir: „Wenn das
schön Wetter gar ist, wird’s regnen, was hilft der Bittag! Wenn uns ein
Herrgott hergesetzt hat, so wird er keinen schwachen Kopf haben und
unser vergessen. Und hat er keinen Kopf, so daß er die Welt nur mit den
Händen zusammenstellt und mit den Füßen auseinandertritt, nun, so hat
er auch keine Ohren. Wofür hernach das Geschrei! Sagst du nicht auch
dasselb’, Bübel?“
Leute, was läßt sich drauf sagen! „Der Knecht Markus ist ein alter
Spintisierer“ — das läßt sich drauf sagen.
Jetzt sprang der Riegelberger Halter zur Tür herein. Er war vor
Aufregung sprachlos, durch das Fenster wies er mit beiden Zeigefingern
auf den Rücken des Filnbaumwaldes hin. Der Knecht sah es und schlug die
Hände zusammen.
Dort hinter dem Waldrücken stieg ein riesiger Wirbel von rotem Rauch
auf und verfinsterte den Himmel.
„Das kann ein Unglück geben!“ rief der Markus, langte nach einer Axt
und eilte davon.
Der Rauch flutete immer heftiger auf und wurde immer breiter und
dichter. Ich fing doch das Geschrei an, dem der Knecht keine Bedeutung
beilegen wollte. Es hatte auch keine, wie sich’s wies.
An den sonnigen Lehnen des Filnbaumschlages war’s gewesen, wo das
dürre Gestrüppe lag. Nahe, wo der halbverdorrte Lärchenanwuchs begann,
war die Flamme entstanden, kein Mensch wußte wie. Zuerst mochte sie
leicht hingehüpft sein von Reisig zu Reisig, dann empor von Ast zu
Ast mit flatternden Flügeln. Plötzlich entfaltet das Element seine
wilde Gewalt, seine roten, siegreichen Fahnen. Der Wald wird höher
und dichter, an dem Geäste hängen lange Moosflechten nieder, und
die vor wenigen Jahren von einem schweren Hagelschlage geschädigten
Stämme sind harzig bis hinauf zu den Wipfeln. Hei, wie die feurigen
Zungen lechzen und emporlodern! Und in den Gründen züngeln sie wie ein
Schlangengezücht, und allerseits beginnt sich ein fürchterliches Leben
zu entwickeln.
Die wenigen Holzhauer rennen in Verwirrung herum und fluchen und rufen
nach Hilfe. Aber der Wald und seine Hütten sind menschenleer, alles
ist bei der Bittprozession. Bis sie nach Stunden endlich kommen, ist
der Hochwald im Brande. Das ist ein Fiebern und Zittern in der Luft,
ein Krachen und Prasseln weithin; Äste stürzen nieder, Stämme brechen
zusammen und sprühen noch einmal auf in den wogenden Rauch. Hohl
brüllend, blasen glühende Luftströme durch das Gehölz; die Flammen
erzeugen sich selbst den Sturm, auf dem sie fahren. O gewaltiges,
nimmersattes Element! Es zehrt, solange es lebt, und lebt, solange es
zehrt, es verzehrt die Welt und, wenn sie erreichbar, tausend Welten
und hat nimmer genug. Keine Macht kann so ins Unendliche wachsen als
das Feuer, darum stellt es der Seher als den letzten Sieger über alles
dar, als den Herrscher in Ewigkeit.
Die Menschen arbeiteten und arbeiteten; manchen trugen sie halb
verbrannt von dannen. Der Knecht Markus sah die fürchterlichen Folgen,
aber er jammerte nicht, und er verzagte nicht, er war die stille, die
ruhige Tat. Schon begannen seine harzigen Kleider Feuer zu fangen, da
eilte er hinab zum Bachbett und wälzte sich im Sand, bis sich dieser an
alle Teile seines klebrigen Anzugs gelegt hatte. Nun war er gepanzert.
Äste haute er ab, Bäume hieb er um — o Gott, das schlug nicht an.
Der glühende Strom brauste weiter; die kahlen Äste in der Runde, die
rotnadeligen Zweige harrten schon der nahenden Flammenbraut und huben
noch früher zu brennen an, als sie der erste Kuß erreichte.
Nun suchten die Arbeiter, die von allen Seiten herbeigekommen waren,
den Flammen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen durch breite
Abstockungen eine Grenze zu setzen, aber es teilte sich der Brand in
Arme nach verschiedenen Himmelsgegenden. Zur Abendstunde erhob sich
ein Wind und zerzauste die mächtigen Feuerfahnen in tausend Fetzen und
vervielfältigte überall das Element. Das war ein unheimliches Dröhnen
in den Lüften und ein wunderlich Leuchten hin über das weite, dunkle
Waldland.
Erschöpft und ratlos ließen die Männer ihre Hände sinken, die Weiber
räumten ihre Hütten aus und wußten mit der Habe nicht wohin.
In tiefen Tälern war es noch ruhig, da hörte man nichts als das leise
Flüstern der hohen Tannen, aber der nächtliche Himmel war rosig,
und zuweilen flog hoch oben ein Feuerdrache dahin. Dann wieder kam
eine zwitschernde Vogelschar, und die heimatlosen Tierchen schossen
planlos umher, und die Rehe und Hirsche kamen erschreckt heran zu den
Menschenwohnungen.
„Wie diesen Tieren geht’s uns allen!“ klagte ein Weib; „keine
Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird — alles brennt, alles
brennt! O Christi Heiland, es ist das Jüngste Gericht!“
Tagelang währte der Greuel.
Von unserm hochgelegenen Hause aus sahen wir aus den Wäldern des
Filnbaum und der Felsenleiten die Flammen still und langsam aufsteigen.
Die ganze Gegend lag in einem trüben Schleier, und scharfer Brandgeruch
stach in unsere Nasen. Unser Berg schien eingewölbt von Rauch, daß
es oft schier dunkel war. Und da stand ein großes, trübrotes Rad
über uns, das der Rauch umwirbelte, verdeckte und doch nicht ganz
vertilgen konnte. Es war die Sonne. Wir sahen aber auch, wie das Feuer
allmählich gegen uns heranrückte; es stieg über die Höhen her, und es
stieg in die Täler nieder, und es stieg endlich an unserm Berghange
heran. Wir bedurften des Abends keines Kienspans mehr in der Stube,
wir hatten vollauf Licht, denn zehn Minuten weit vom Hause brannte der
schöne Kienwald.
Das Vieh hatten wir längst auf die Almweide gejagt und die
Einrichtungsstücke des Hauses mitten auf das freie Feld
hinausgeschleppt. Halb wahnsinnige Menschen kamen herbei. Der
Vernünftigsten einer war der uralte Martin, dem die Hütte verbrannt war
und der nun mitternächtig beim Scheine des Waldbrandes Preißelbeeren
pflückte.
Mein Vater kletterte auf den Dächern unseres Gehöftes herum, und mit
einer langen Stange, an deren Ende er einen nassen Lappen gebunden
hatte, schlug er die Funken tot, die herangeflogen kamen und sich auf
das Dach gesetzt hatten.
In der fünften Nacht, als wir, in einer Ecke unserer ausgeräumten
Stube kauernd, schliefen, wurden wir plötzlich von einem lauten Tosen
geweckt, und der alte Markus, der auf dem Dache Nachtwache hatte, rief:
„Das ist schon recht! Das ist schon recht!“
Ein Wettersturm hatte sich erhoben und wütete in dem brennenden
Walde, daß es eine schreckbare Pracht war. Als ob ein wüstes Gewässer
dahinbrauste zwischen den Stämmen, so toste und dröhnte es. Aber das
Feuer wurde in die entgegengesetzte Richtung von unserm Hause geworfen,
und das war es, was dem alten Markus so recht schien. Die Flammen waren
wie auf wilder Flucht; sie übersprangen ganze Waldpartien und zündeten
an neuen, entlegenen Stellen.
„’s ist vorbei, jetzt sind wir fertig!“ sagten die Leute, waren ratlos
und taten den Mund auf. Ja wahrlich, es fielen gebratene Vögel aus der
Luft. Etliche, als sie die kahlgebrannten Hänge sahen, gewannen sogar
ihren Humor wieder und meinten, es müsse schon ein gar besonderes Fest
kommen, daß sich gar die Berge rasierten.
Aschermittwoch, wie sich’s zeigte.
Als sich der Orkan gelegt hatte, kam ein Regenguß. Der Regen währte
tagelang, und die Wolken stiegen träge auf und nieder. Lange noch
mischte sich mit ihnen der Rauch der kohlenden Strünke — endlich
aber war alles Feuer ausgelöscht. Über alles legte sich der feuchte,
frostige Nebel — es war die herbstliche Zeit.
So ist die Begebenheit hier erzählt. Der Brand unserer Wälder war so
großartig, daß er nur mit den glühendsten Farben einer wilden Phantasie
recht dargestellt werden könnte. Da mir diese nicht zur Hand sind,
blieb nichts anderes übrig, als mit dem halbverblaßten Stifte der
Erinnerung einfach zu skizzieren.
Doch endet der Wald mit seinem Untergange nicht, und nach jedem Ende
kommt ein Anfang.
Der Nebel des Herbstes spann den Schnee; im Winter sahen wir von
unsern Fenstern aus weit mehr weiße Flächen als sonst. Aber erst als
der Lenz kam, sahen wir, was der Waldbrand angerichtet hatte. Überall
verkohlter Grund, rostfarbige Steine, halbverbrannte Wurzeln, und
darüber ragten die schwarzen Strünke einzelner Baumstämme. — Nun kamen
die Leute und rodeten. Sie stachen den schwarzen Rasen um, sie säeten
Korn in das Erdreich; den Obdachlosen wurden neue Hütten gebaut.
Und als der Frühherbst kam, war’s eine Herrlichkeit. Kein Mensch in
unserem Waldlande hatte je eine so große goldgelbe Pracht gesehen,
als es das Kornfeld war, das sich über die Berge hinzog. Wir mußten
alle zusammenhalten, die Flut der Halme, wovon einer sein schweres
Haupt auf die Achsel des andern legte, einzuheimsen. Ich erinnere mich
noch an das Wort, das bei dieser Gelegenheit der Pfarrer sprach: „Der
Herr schlägt die Wunden, aber er spendet auch den Balsam, sein Name
sei gelobt!“ — Am nächsten Tage schickte er seine Knechte, um von der
reichen Ernte den Zehent zu holen, und er hat recht getan.
Nach diesen Tagen war vom Filnbaumschlag bis zu unserm Hause heran
Feld um Feld, und gegen dreißig Jahre lang gab der Grund des
verbrannten Waldes den Menschen Brot. Heute haben sich die Menschen
verzogen, zerstreut oder sind gestorben, und neuerdings sproßt auf
den Berghöhen der junge, grüne Wald. Neues, unendliches Leben webt
darin — eine üppige Pflanzenwelt, ein lustiges Tierreich, eine helle
Gottesmorgenfreude.
[Illustration]
[Illustration]
Aus der Eisenhämmerzeit.
Die vierziger Jahre hatten strenge Winter. Im März aber kam stets
plötzlich der Föhn und schmolz den Schnee in wenigen Tagen. Wir freuten
uns des wieder enthüllten Rasens, der alsbald zu grünen begann;
aber damit war die leichtlebige, heitere Wintersrast dahin, und die
wachsenden Tage brachten arbeitsschwere Zeit des Pfluges und der Egge,
der Sichel und der Sense. Diese Zeit der blinkenden Werkzeuge hatte
einst ein kleines Vorspiel.
Noch tief in der Nacht weckte mich an einem Frühlingsmorgen mein Vater
und sagte, er gehe heute in das Mürztal. Wenn ich mitgehen wolle, so
möge ich mich eilig zusammentun, aber die scharfbenagelten Winterschuhe
anziehen, es sei der Weg noch eisig.
Sonst, wenn ich in früherer Stunde zur Alltäglichkeit geweckt wurde,
bedurfte es allerlei Anstrengungen außer und in mir, bis ich die Augen
zur Not aufbrachte, um sie doch wieder auf etliche Minuten zufallen
zu lassen, denn meine alte Ahne war der Meinung, ein allzurasches
Aus-dem-Schlaf-springen mache Kopfweh. Heute war ich mit einem Ruck
munter, denn ins Mürztal mitgehen, das war in meiner Kindheit das
Herrlichste, was mir passieren konnte. Wir waren bald reisefertig, der
Vater nahm seinen großen Stock, ich meinen kleinen; die Laterne nahmen
wir nicht, weil es sternhell war — und so gingen wir davon. Die erste
halbe Stunde war es wie allemal, wenn ich früh morgens mit dem Vater
ging, wir schwiegen still und beteten während des Gehens jeder für sich
das Morgengebet. Wir hatten wohl so ziemlich das gleiche, aber ich
wurde immer ein gut Teil früher fertig als er und mußte mich dann still
gedulden, bis er den Hut aufsetzte und sich räusperte. Das war das
Zeichen, daß ich ein Gespräch beginnen durfte, denn ich war fortwährend
voll von Fragen und Phantastereien, auf die der Vater bisweilen
derart einging, daß alles noch rätselhafter und phantastischer wurde.
Gewöhnlich aber unterrichtete er mich in seiner gütigen und klaren
Weise, daß ich alles wohl verstand.
Nachdem wir an diesem Frühmorgen etwa zwei Stunden gegangen und
hinausgekommen waren über die entwaldete Berghöhe, lag vor uns das
weite Tal der Mürz. Von Mürzzuschlag bis Kapfenberg dehnte es sich
stundenlang, und wenn ich es sonst im Morgengrauen sah, lag im Tale
der Nebel wie ein grauer See, aus welchem einzelne Höhen und die
jenseitigen Berge blauduftig emporragten. Heute war es anders, und
heiß erschrak ich vor dem, was ich sah. War denn der Franzose wieder
im Land? Oder gar der Türk? In Kindberg, das tief unter uns lag,
lohte an vielen Stellen glührotes Feuer auf. Auch im oberen Tal, über
Mitterdorf, Krieglach und Feistritz und gen Mürzzuschlag hin waren rote
Feuersäulen; im nahen Kindtal sprühten mächtige Garben von Funken empor.
„Närrlein, du kleines!“ sagte mein Vater, als ich mich mit beiden
Fäusten krampfhaft an seinen Rock hielt, „das ist ja nichts. Das sind
ja nur die Eisenhämmer. Lauter Schmiederauchfänge, aus denen Funken
springen. Hörst du denn nicht das Pochen und das Klappern der Hämmer?“
„Ich höre es wohl, aber ich habe gedacht, das wären die Kanonen und
Kugelstutzen,“ versetzte ich aufatmend.
„Kind, wo käme denn jetzt der Feind her? Der liebe Herrgott hüte unser
Steirerland!“
„Aber wie ist es denn,“ fragte ich, „daß die Dächer nicht brennend
werden, wenn so viel Feuer herumfliegt?“
„Die Dächer sind voller Staub und Asche, das brennt nicht. Und dieses
Feuer, das so schreckbar wild aussieht, es ist nicht so arg, es ist
auch nur glühende Asche, Ruß und Geschlack, wie es aus der Esse
aufsprüht, wenn der Blasebalg dreinbläst.“
„Und warum sprüht es denn just in der Nacht so?“ fragte ich.
„Es sprüht auch beim Tag so,“ antwortete der Vater lächelnd, „aber
gegen das Sonnenlicht kommt dieser Schein nicht auf, und was jetzt so
blutrot leuchtet, das ist bei Tag nur der rußige Rauch, der aus dem
Schornsteine aufsteigt.“
„Tun sie denn in den Schmieden nicht schlafen?“
„Das wohl, aber sie stehen sehr früh auf, oder lassen in den größeren
Essen gar das Feuer nicht ausgehen, weil es sonst schwer ist und viel
Kohlen braucht, bis die Hitze wieder erzeugt wird. Da wachen und
arbeiten die einen Schmiede, während die anderen schlafen.“
„Gibt’s denn so viel Ochsen zu behufen im Mürztal?“ war meine Frage,
denn ich hatte einmal dem Hufschmied zu Haustein zugeschaut, wie er
einem Zugochsen Hufeisen an die Klauen nagelte.
„O Knäblein, Knäblein!“ rief mein Vater, „die Schmiede haben noch ein
wenig mehr zu tun, als wie zu hufen. Du bist ein Steirer; wenn wir
auf unserem Gebirge auch nichts haben, als Feld und Alm und Wald,
solltest du doch schon wissen, wozu die vielen hundert Krippen von
Holzkohlen verwendet werden, die unsere Nachbarn Jahr für Jahr ins
Tal hinausführen. Solltest auch wissen, daß dein Heimatland Steiermark
das Land der Hammerschmiede ist. Wenn du jetzt, bevor der Tag aufgeht,
vom hohen Himmel mit sehr guten Augen herabschauen könntest auf unsere
Steiermark, so würdest du, besonders im Oberland, auch die anderen
Täler so sprühen und leuchten sehen, wie hier das Mürztal. Es sprüht
in Neuberg und bei Mariazell und in der Veitsch, es sprüht im Ennstal
und im Murtal, an der Feistritz, an der Kainach, an der Sulm und an der
Sann, wo die Leut schon gar nicht mehr Deutsch sprechen, aber sprühen
tut’s doch. In Vordernberg, in Eisenerz, in Hiflau sollst es erst
sehen, und überall, wo Hochöfen sind. In den Hochöfen wird das Erz,
das sie aus dem Gebirg graben, geschmolzen, daß das Eisen herausrinnt
wie ein hellglühender Mühlbach. Da sprüht’s auch, mein Bübel! Da sind
— wenn ihrer zwei, drei Hochöfen nebeneinander stehen — in der Nacht
schier die Felsberge rot vor lauter Schein. Und schaust in den Ofen,
so siehst ein schneeweißes Licht, blendend wie die Sonne. Das ist ein
anderes Feuer, als daheim bei unserem Hufschmied. Das Erz graben sie
aus dem Erzberg, der weit drinnen im Gebirg steht und mehr wert ist,
als alles Gold und Silber von Österreich. Das Eisen, das im Hochofen
aus dem Erz rinnt, erstarrt in der freien Luft sogleich, wird nachher
mit Hämmern zerschlagen und in schweren Schollen durch das ganze Land
verführt, zu jedem Eisenhammer hin, wo sie aus diesem Roheisen immer
feineres Eisen, das Schmiedeeisen, den Stahl, und daraus allerhand
Geräte und Werkzeuge machen.“
„Auch Schuhnägel vielleicht?“ fragte ich, weil mich einer davon durch
die Schuhsohle in die Ferse stach.
„Schuhnägel, Messer, Stifte und Eisendrähte, das machen sie draußen
bei Stadt Steier herum. Bei uns im Land machen sie in den Eisenhämmern
Pflugscharen, Eggenzähne, Strohschneidemesser, Hacken, Äxte, Drähte,
Nägel, Schlösser, Ketten, Pfannen und allerlei, was du aus Eisen an
den Häusern und Werkstätten nur sehen und denken magst. Die kleineren
Schmiede, die fahren damit auf die Jahrmärkte. Größere Hämmer gibt’s,
die machen auch Zeug zum Leutumbringen — mußt du wissen. Das Wichtigste
aber, was in den steirischen Hammerwerken gemacht und auch weit in
fremde Länder verführt wird, sind Sensen und Sicheln. Millionen Stück
werden dir verschickt alle Jahr, und darum können die Hammerherren mit
ihren Frauen so vornehm herumfahren mit flinken Rößlein. Und mit dem
Geld prahlen sie, daß es nur so prasselt im Land, und wo ein übermütig
Stückel aufgeführt wird, da ist gewiß ein Hammerherr dabei. Ist
alleweil so gewesen im Land: wo der Hammerschmied, dort gilt der Bauer
nit. — Wird auch einmal besser werden, verhoff’ ich. Jetzt müssen wir
noch froh sein, daß wir unsere Kohlen zu Geld machen können. Gar zu
Gescheite sind gewesen, haben es mit Steinkohlen probiert, die tun’s
aber nicht; das rechte Eisen muß mit Holzkohlenfeuer gearbeitet werden,
sonst ist’s nichts nutz. Die Holzkohlen, die wir Bauern liefern, die
machen es ja, daß steirisch Eisen in der Welt so gut estimiert wird.
Kommen halt die polnischen und russischen Juden und türkischen Händler,
auch aus Ungarn und Böhmen, werden von den Hammerherren brav bewirtet
und kaufen ihnen die Eisenwaren ab, oft zu tausend Gulden auf einmal.
Sollen da draußen in einer großen Stadt die Schmiede von der ganzen
Welt einmal zusammengekommen sein um einen eisernen Tisch, und jeder
wollt’ die schärfsten Sensen haben, den feinsten Stahl drin. Der
steirische Schmied hat nicht mitgestritten, sondern soll zuletzt mit
seiner Sense den eisernen Tisch mitten auseinandergehauen haben.“
„Wird sie wohl schartig worden sein, die Sense. Nicht?“
Ohne auf diese müßige Frage Antwort zu geben, fuhr der Vater — indem
wir im Morgengrauen sachte talab stiegen — fort zu sprechen:
„Wie die Anzeigen sind, wird’s nicht immer so dauern mit den
Eisenhämmern. Man hört allerlei Sachen. Merkwürdige Sachen, mein Bübel,
wie sie unsere Vorfahren nicht gehört haben. Da draußen auf dem flachen
Land irgendwo — sie sagen im Mährischen oder wo — da bauen sie eine
Eisenbahn.“
„Eine Eisenbahn? Was ist das?“
„Da legen sie auf der Straße hin und hin zwei eiserne Leisten, daß
darauf die Wagenräder recht glatt und eben gehen können. Auf diese
Weise sollen ein Paar Rösser schwere Wagen fünf und sechs auf einmal
ziehen können. Es wird auch gelogen über die Sach’, daß sie eine
Maschine erfunden hätten, die das Feuer treibt anstatt der Fuhrmann,
und die vor die Wagen gespannt wird und wie ein Roß ziehen kann. Sind
dumme Sachen, ich sag’ dir’s nur, daß du’s nicht glauben sollst, wenn
du davon hörst.“
Dreiundvierzig Jahre ist es her, seit von einem zwar einfachen, aber
vernünftigen Manne diese Worte gesprochen worden sind, in Steiermark,
wenige Stunden vom Semmering.
„Nein, Vater,“ antwortete ich, „das werde ich gewiß nicht glauben.“
„Aber das ist wahr,“ fuhr er fort, „daß sie jetzt viel mehr Eisen
brauchen in der Welt als vor Zeiten. Es werden da und dort auch schon
große Eisenhämmer gebaut, wo mehr als hundert Schmiede beschäftigt
sind, und wo sie extra noch mit Wasserdampf arbeiten sollen, was weiß
ich, wie! In diesen großen Werken machen sie alles und weit wohlfeiler
als in den kleinen, und desweg wird’s ein rechter Schade sein für
unsere Eisenhämmer, und hört man, etliche sollen schon keine Arbeit
mehr haben, zugesperrt oder an die großen Werke verkauft werden.
Nachher ist’s traurig um uns. Weiß Gott, wie’s noch wird mit der Welt!“
Mittlerweile war es licht geworden, und wo früher die feurigen
Springbrunnen aus den Schornsteinen gestiegen waren, da flog jetzt
dünner, brauner Rauch auf. Wir waren in das Tal gekommen, gingen
an einem überquellenden Hammerbachfloß entlang und auf glattem,
kohlschwarzem Wege einer der Hämmerhütten zu, aus deren offenem Tor uns
greller Glutschein entgegenleuchtete.
Über dem Tore war das Bergmannszeichen, die gekreuzten Hämmer
und Schlegel, über dem schwarzen Dache ragten die weißgetünchten
Schornsteine auf, die an ihrer Mündung mit lenkbaren Klappen versehen
waren, womit man, wie der Vater belehrte, den Luftzug regeln könne.
So waren wir der Schmiede ganz nahe gekommen. Ich sagte nichts, denn
ich wollte in die Schmiede gehen und hatte doch Angst vor dem Lärm, der
drinnen war, und vor den Funken, die durch die finsteren Räume flogen.
Mein Vater sagte auch nichts, sondern führte mich hinein. Vor dem Tore
hatte eine Tafel gestanden: „Fremden ist der Eintritt nicht gestattet!“
Aber ein Mann, den mein Vater fragend angeblickt, sagte: „Nur zu!“
Was ich zuerst sah, das war ein sprühendes Stück Sonne, das von der
brüllenden Esse mit Schwung herbeigebracht wurde und auf den Amboß
geworfen, tonlos, als wäre es von Teig. Jetzt hob sich auf massigem
Hebelbaume der Hammer und fiel nieder in die weiche Masse, daß ein
Meer von Funken durch die Hütte schoß. Ich barg mich vor Schreck und
Angst hinter den Rücken meines Vaters, aber die Funken waren bereits
angeflogen an mein Leiblein, und ich war nur höchlich überrascht, daß
ich nicht lichterloh brannte, ja nicht einmal einen Schmerz wahrnahm
an den Händen, an welche die feurigen Mücken gesaust waren. Auch der
zweite und dritte Hammerschlag jagte ein Heer von Schlacken und Funken
hinaus, aber je platter das Eisenstück geschlagen wurde, je rascher der
Hammer darauf niederfiel, desto weniger sprühte es. Ein Schmied stand
da, der wandte mit langer Zange das Eisenstück hin und her, bis das
Geschlacke von allen Seiten herausgehämmert war. Das weiße Glühen war
immer röter und matter geworden, und endlich hatte das Stück nur mehr
die graue Farbe des Eisens. Es wurde hingeschleudert, der Hammer stand
still.
Ich war ein wenig dreister geworden und besah mir jetzt die Dinge,
obwohl es ganz dunkel war, wenn das Feuer nicht leuchtete. Vor allem
fiel mir ein großer Lederkasten auf, der Atem schöpfte. Der Blasebalg
war’s, welcher, von Wasserkraft aufgezogen, durch Röhren in die Esse
blies. Auf der Erde lag allerlei altes Eisen umher. An den Wänden
lehnten und hingen in ganzen Reihen Zangen, Hämmer, Schlegel, Feilen,
Hacken, Beile und anderlei, was ich gar nicht kannte. Jetzt erst fielen
mir auch die Schmiede auf, über deren rußige Gesichter und entblößte
Brust die Schweißtropfen rannen. Wir gingen weiter und kamen zu anderen
Essen, wo die Schmiede mit Eisenschaufeln Kohlen in die Glut warfen,
die sofort mit glanzloser, blauer Flamme grollend zu brennen begannen.
In einer Esse glühte man Eisenstücke, die hernach unter kleinere,
rascher pochende Hämmer kamen. Hier wurden sie — wie sie der Schmied
wendete und drehte — in längliche Formen gehämmert, an denen ich nach
und nach die Gestalt der Sense erkannte. Weil das Eisen bald kühlte
und noch unrein war, so mußte es immer wieder in die Esse, aus der es
glühend und sprühend hervorkam. So wiederholte sich’s, bis der Hammer
und das kleine Handgehämmer der Schmiede endlich eine vollkommene Sense
zuwege gebracht hatte, die dann schrillend auf einen Haufen von Sensen
hinfiel.
War der Lärm in der Schmiede auf einen Augenblick verstummt, so hörte
man draußen das Rauschen des Wassers, das von hohem Floß auf die Räder
niederstürzte. Aber der Lärm ging immer von neuem los, und es geschah
an den Essen und Hämmern immer dasselbe. Auch meine Sense, die ich
werden sah, war lange noch nicht fertig. Sie wurde neuerdings geglüht
und kam unter die Handhämmer der Schmiede, die sie feiner formend in
gleichem Takte bearbeiteten, bis der Henkel und der Rückenrand und
die Schneide und die Spitze fertig waren. Sie hatte nun eine Reihe
von kleinen Narben bis zur Spitze hinaus und war überlaufen mit einem
schönen, violetten Blau.
Mir fielen aber die Schmiede auf. „Warum sie allemal noch einen leeren
Schlag auf den Amboß machen, wenn die Sense schon weggezogen ist?“ so
fragte ich. Mein Vater antwortete: „Das tun die Schmiede überall; mit
dem Schlage auf den Amboß schmieden sie die Kette fester, mit welcher
der höllische Drach’ gefesselt ist; sonst tät sie endlich brechen, und
der böse Feind war los und ledig.“
Nun kam die Sense noch auf einen Schleifstein; der ging so scharf,
daß die Stahlschneide, die fest auf ihn gedrückt lag, unter
ohrenzerreißendem Geschrille beständig einen hellen Blitzschein von
sich gab, was noch das Allerschönste war in der ganzen Schmiede.
Wollte ich’s genau nehmen, so müßte ich auch das Personal aufzählen,
durch dessen Hände ein Stück Eisen geht, bis es Sense ist, ich müßte
den Kohlenbuben, Strecker, Breitenheizer, Abschinner und Kramrichter
nennen und vor allem den Obersten, den Essemeister. Ich müßte auch den
Streckhammer, den Breithammer und den Kleinhammer genauer beschreiben,
endlich das Abschinnern (Abschaben) der fertigen Sensen und das
Stempeln mit dem Firmazeichen und das Kramrichten (das in den Kram-,
ins Magazinbringen der Ware).
Ich bin aber kein gelernter Schmiedegeselle und werde wohl manche
Handgriffe und Vorgänge übersehen haben, bis das Werkzeug des Mähders
fertig war. — Ähnlich, sagte mein Vater, würden auch die Sicheln
gemacht, aber ganz anders die Messer und alle Schneidewerkzeuge, die
einen federigen Stahl haben.
„Glückauf!“ rief mein Vater den Schmieden zu. Diese hörten nichts. Wir
gingen — stets angefochten von sprühenden Funken — ins Freie. Dort war
es freilich noch schöner; wir gingen unter Pappeln hin und hörten noch
lange das dumpfe Hammerpochen und das Wasserrauschen hinter uns.
Ich hatte ein blauschimmerndes Stück Schlacke mit mir genommen und
betrachtete es jetzt wie einen errungenen Schatz.
„Das ist nichts,“ sagte mein Vater und zog ein Schöllchen Roheisen aus
dem Sacke. Das war rostfarbig und durchlöchert wie ein Schweizerkäse.
„Wenn’s auch nicht so glänzt wie das deinige, es ist doch mehr. Aus
diesem Ding — heb einmal, wie schwer es ist! — kann man feine Werkzeuge
machen, die wie Spiegel funkeln. Du sollst mir auch noch das Tüchtige
vom Schimmernden unterscheiden lernen.“
Nun gingen wir in den Marktflecken Kindberg hinein.
Wir hörten an allen Ecken die Hämmer pochen, und auf der Straße fuhren
schwarze Kohlen- und Roheisenwagen, aber auch fertige Eisenwaren in
Kisten, Fässern und Strohgewinden sahen wir schleppen die weiße
Reichsstraße entlang gegen Graz und gegen Wien.
Im Brauhause bekränzten sie das bogenförmige Einfahrtstor mit
Tannenreisig und schmückten es mit Fahnen, mit Hämmern, Hacken und
Zangen. Mein Vater fragte, was das bedeute. Ja, morgen hätten die
Schmiede hier einen Ball, sagte der Brauknecht.
„Den eigentlichen Ehrentag des Schmiedehandwerks, den feierten sie doch
erst zu Jakobi!“ meinte mein Vater.
Das sei schon richtig — doch zur selben Zeit sei etwas anderes, da
hätten die Schmiede einen zwei Wochen langen Feiertag, da täten sie
nichts, als gut essen und trinken, tanzen und scheibenschießen, und
da kämen die Hammerherren von weit und breit, um Schmiede zu werben
für das nächste Jahr. Die Geworbenen kriegen den Leikauf auf die
Hand und werden zu nächsten Silvester durch aufgeputzte Wagen oder
Boten an ihren neuen Werksort gebracht. Vom Werksherrn kriegen sie
nebst dem vereinbarten Jahrlohne auch die Kost; der Essenmeister
speist gar mit der Herrschaft. „Ich weiß das alles,“ versetzte mein
Vater dem gesprächigen Brauknecht, „aber meines Buben wegen ist’s mir
lieb, daß du’s erzählst, der ist schon alt genug, und wenn er gleich
Bauer bleiben wird, so schadet es ihm nicht, daß er auch anderer
Stände Arbeit und Brauch kennen lernt. Ich hab’ ihn darum vom Berge
herabgeführt.“
„Und bei solchem Schmiedefeste,“ erzählte der Mann weiter, „da kommen
sie halt zusammen, jeder, der’s hat, im Steirergewand, jeder eine kecke
Feder oder einen Gamsbart am Hute, jeder eine schwersilberne Uhrkette
mit Talerbehängseln an der Brust, jeder eine volle Geldtasche im Sacke,
jeder sein Mädel am Arme. Schmetternde und trommelnde Spielleute
voran, so ziehen sie ins Wirtshaus zum Trunk, zum Tanz und zu anderer
Lustbarkeit. Da darf sich kein Bürgerssohn, kein Bauernbursch, kein
Holzknecht blicken lassen; denn diese Eindringlinge spotten die
Schmiede ob ihrer Schwerhörigkeit, ob ihrer Kröpfe und dergleichen, und
ihr Trachten geht dahin, den Hammerschmieden die Dirndlein wegzunehmen.
Den Schmieden gehört der Tag und der Marktflecken, und die Leute lassen
sich’s gefallen — es springt Geld um. So kohlrabenschwarz sie am
Werktag sind, die Schmiede,“ schloß der Brauknecht, „am Sonntag gibt’s
keine hochmütigeren Menschen als diese Rußteufel. Und sind doch so viel
Gaggen (Halbkretins) dabei!“ War aber nicht so arg.
Schon jetzt, als wir dastanden und das geschmückte Haustor bewunderten,
kamen sie herbei von den unteren und oberen Hämmern, um nachzusehen,
wie weit die Vorbereitungen gediehen seien, und ein Glas Bier durch die
Gurgel zu sprengen.
Da kam plötzlich ein Bote gelaufen, rußig im Gesicht, aber weiß
vor Straßenstaub an den Beinen. Einen Sturmhut hatte er auf wie
Landwehrmänner zu Kriegszeiten. Ein langes Messer hatte er an der Seite
baumeln, und schier atemlos war er, als er rief: „Kameraden! Kameraden!“
„Was gibt’s?“ fragten sie ihm entgegen.
„Keinen Schmiedball gibt’s! Kein Flanieren und Karessieren gibt’s!
Jetzt heißt’s Messer, Spieß und Säbel schmieden, Kanonen, Kugeln
gießen!“
„Ja,“ sagten sie, „wer gibt uns dazu das Privileg?“
„Ich!“ rief der Bote. „Denn der Kaiser Ferdinand ist fort. In Wien ist
Revolution!“
[Illustration]
[Illustration]
Als ich zum Pfluge kam.
Das ist eines der allerkürzesten, aber der allerwichtigsten Kapitel,
es führt mich aus der ersten kindlichen Jugend und aus der Hirtenzeit
hinaus zur zielbewußten Arbeit und zur jungen Mannbarkeit.
Es bedurfte vieler Ränke, bis ich’s vom Rinderhirten zum Pflüger
brachte. Ich mußte mir den Fuß verstauchen, daß ich den Tieren
nicht mehr entsprechend nachlaufen konnte; ich mußte auf der Weide
Vogelnester entdecken, wodurch mein jüngerer Bruder geneigt wurde,
an meiner Statt das Hirtenamt zu übernehmen; ich mußte endlich den
Knecht Markus, der sonst den Pflug geleitet hatte, gewinnen, daß dieser
versicherte: ’s wär ein bequemes Zeug, ließe sich handhaben wie ein
Taschenfeitel, und ich — der junge Bub — sei leidlich genug stark und
geschickt, den Pflug zu führen.
Und ich stand da und streckte mich, daß ich dem langen Markus
mindestens bis an die Achsel langte, und ich schüttelte einen
Zaunstecken, daß er ächzte — zum Beweise meiner Reife für den Pflug.
Aber mein Vater lachte und rief: „Geh, du bist ein kleiner Prahlhansel!
Wär’ not, es tät dir noch alle Tag ein anderer dein Hösel stäuben. Na
ja, und jetzt will er den Ausgewachsnen spielen. Ist recht, pack nur an
— wird nicht lang dauern!“
Auf dem Acker war’s gesprochen. Der Markus stand zurück, und ich packte
den Pflug bei den Hörnern.
Der Pflug in der Gegend meiner Heimat ist zwar nicht mehr der gekrümmte
Baumast der Wilden, sonst jedoch ein unvollkommenes, plumpes Werkzeug.
Der Bauer zimmert ihn selbst aus Birkenholz, die Eisenteile dazu nur
holt er sich vom Schmied und die Räder vom Wagner. Die Hauptstücke
des Pfluges sind: das Sech, Pflugmesser, welches den Rasen senkrecht
durchschneidet, der Arling oder die Schar, welche denselben wagrecht
abledigt, so daß eine Rasensohle entsteht, welche vierseitig und
etwa eine Spanne breit und eine halbe Spanne dick ist. Dann ist das
Mull- oder Tauchbrett, welches die abgeschnittene Sohle aus der
Furche emporhebt und umlegt, so daß die Rasenseite nach unterwärts
zu liegen kommt. Weitere Teile, vermittels welchen diese Hauptstücke
am Gründel befestigt sind, heißen die Griessäule, die Sohlschwelle,
die „Katze“. All diese Vorrichtungen müssen doppelt vorhanden sein,
da die wechselweise Hin- und Herfahrt auf bergigem Acker solches
bedingt. Voran liegt der Pfluggründel auf der Räderachse, an welche
zumeist ein Paar Ochsen gespannt ist. An der Rückseite des Pfluges
stehen drei Hörner oder Sterzen, die Handhaben, hervor, durch welche
der Pflug von einem kräftigen Manne geleitet wird. An der Leitung
dieses „Pflughabers“ liegt es, die Rasensohle breit oder schmal, die
Furche tief oder seicht zu machen; diesem Manne obliegt es, am Rande
des Ackers den Pflug gut einzusetzen und auszuheben, auch muß er es
vermögen, auf steinigem Boden vor jedem größeren Steine den Pflug
herauszureißen, denn die Ochsen sind nicht plötzlich zum Stehen zu
bringen und der unbewachte Pflug würde gar bald in Trümmer gehen.
Außer diesem Pflughaber ist zum Gefährte auch noch ein Fuhrmann nötig,
der die Ochsen leitet, so daß im Paare der eine stets in der Furche,
der andere auf dem Rasen schreitet. Dann muß endlich ein „Nachhauer“
sein; das ist zumeist eine Magd, welche mit einer Haue dem Pfluge
folgt, nicht gut umgelegte Sohlen niederdrückt, fehlerhafte Furchen
aushaut — kurz, den Korrektor des Pfluges abgibt.
Man sieht, daß die Sache nicht einfach ist. Es gehört ein langer Tag
dazu, um mit einem Pfluge ein Joch hängigen Ackerlandes umzukehren.
Nun, und wie ist’s dabei dem jungen Pflughaber ergangen?
Fest hatte ich den Stier bei den Hörnern gefaßt. Es war aber wahrhaftig
ein Stier. Vom Markus hatte sich das Zeug wie ein Spielwerk handhaben
lassen; es war, als hielte er sich nur des Vergnügens wegen an die
Handhaben. Jetzt war’s eine andere Art. Die Rinder zogen an. Mich
schleuderten die Handhaben nach rechts und nach links, der Pflug wollte
aus dem Geleise steigen, und meine Barfüßlein kamen etlichemal unter
die Erdsohle. „Er ist zu gering beim Steiß!“ hörte ich den Vater und
den Knecht noch lachen; das Wort weckte mich. Es handelte sich um
meine Ehre, um meine Mannbarkeit. Nicht mehr der Halterbub wollt’ ich
sein, der am Tisch bei der untersten Ecke sitzen mußte, der nirgends
ein Wörtlein mitsprechen durfte, der — wußte er was Gescheites —
dasselbe mit den Kälbern und Schafen bereden konnte. Mein Sinn stand
nach dem Höchsten; groß, stark und selbständig wollte ich sein wie
der Weidknecht. Und siehe, der Mensch wächst mit seinen höheren
Zwecken! Ich führte den Pflug und schnitt eine leidliche Furche. Die
ausgeackerten Regenwürmer hoben verwundert ihre Köpfe, zu sehen, wer
heute ackere!
Die Äcker meines Vaters hatten zähe, gelbrote, mit Graswurzeln
durchflochtene Erde, und die Sohlen waren ein endloser Darm und brachen
auf der ganzen Pflugstrecke kaum ein einzigmal ab. Mich freute das,
denn so blieb der Pflug stets gleichmäßig in seiner Lage, und die
Furche war regelmäßiger wie Teichgräberarbeit. Meinen Vater freute
das nicht; er hätte viel lieber schwarze und mürbe Erdsohlen gehabt.
„Schwarze Erde, weißes Brot!“ sagte der Spruch.
Als ich den Pflug das drittemal über den Acker leitete, lugte ich nach
der Sonnenhöhe. Ach, diese Uhr stand! Es waren Wolken davor. Und wenn
der Herrgott boshaft sein will und es heute nicht Mittag werden
läßt ...!
Es dauerte lange, bis zur Mahlzeit oben beim Hause die Mutter auf dem
Söller stand wie einst die Ahne, zwei Finger in den Mund hielt und
einen Pfiff ausstieß, den der Waldschachen so prächtig nachmachte. Ich
ließ die Handhaben los und gestand mir’s: so schön habe die Mutter noch
gar nie gepfiffen.
Dann ging’s zum Mittagsessen. Ich hütete mich wohl, die Erde mir von
den Händen zu reiben, denn eben diese Kruste gab mir das Ansehen:
ich war nicht mehr der Halterbub, ich war der Pflughaber, hatte die
gleichen Rechte mit den Knechten; ich saß neben dem Vorknecht und
bestrebte mich, gewichtige Reden zu führen. Man sprach über meine
Leistung; da schwieg ich, denn meine Leistung verstand sich von selber.
Es ist ein kleines Ding aus der Jugendzeit, es ist kaum groß genug, daß
man’s so laut erzählt; aber für den Landmann ist’s ein wichtiger Tag,
wenn er das erstemal seine Hand an den Pflug legt; es ist eine heilige
Tat. Das Schwert, das Kreuz ist Gegenstand großer Ehren; — ich halte
auch den Pflug für ein Symbol der Welterlösung. Den grauen Erdstaub,
der damals an meiner Hand kleben blieb und mit dem ich zum Mittagsessen
ging — ich habe ihn bis heute nicht weggewischt —, er ist mir das, was
dem Schmetterling der Goldstaub.
Und so mag ich’s wohl noch sagen, daß ich im selben Jahre den ganzen
Acker umgebaut habe, daß mein Vater mit frommer Hand das Korn in die
Erde gestreut hat und daß im nächsten Frühjahr das Korn in schönster,
erfreulichster Grüne gestanden ist.
„Seit zehn Jahren hab’ ich kein solches Kornfeld mehr gehabt,“ hatte
mein Vater hierauf gesagt.
Im Hochsommer, als die schweren Halme zur Reife neigten, schlug der
Hagel die ganze Frucht tief in den Erdboden hinein.
So war mein erstes Ackern ausgefallen. Es war lange nicht mein letztes
gewesen, aber endlich ist uns die Lust vergangen, in ewiger Mühsal
dort zu bauen, wo fast jedes Jahr gröber oder leichter die Schloßen
dreinfuhren. Mein Vater hat darüber niemals geflucht, jedoch, durch
mannigfaltige Mißgeschicke entmutigt, allmählich den Streit mit den
Elementen aufgegeben.
Heute steht auf jenem Felde, über das ich den Pflug geleitet, ein
schöner junger Lärchenwald; ich kann mit meiner Hand die Wipfel nicht
mehr erreichen. Frisch aufwuchert es allerwärts, wo früher meines
Vaters und seiner Kinder Pflug und Spaten gewühlt — frisch auf zu einem
neuen Hochwald. Allmählich sind wir teils fortgedrängt worden, teils
willig davongezogen von der sandigen Scholle der Vorfahren. Meine
Geschwister kamen zu fremden Bauern. Ich lernte ein Handwerk und ging
dann in die Fremde, um es wieder zu vergessen. Die Mutter wurde nach
manchem Jahre herber Mühsal durch den Tod erlöst. Nur der alte Vater
ist am längsten noch geblieben in einem Häuschen mitten im sprossenden
Wald.
Endlich, da ihm die Wildhühner unter dem Dache genistet und
die Eichhörnchen zu den Fenstern hineingelugt haben, ist auch
er aufgestanden und, gestützt auf einen Stock des Wacholders,
niedergestiegen in das sonnige Tal der Mürz.
[Illustration]
Druck von Carl Seifert in Köstritz.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ALS ICH NOCH DER WALDBAUERNBUB WAR. BAND 3 ***
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