Das Geheimnis des Fisches : Eine frühchristliche Erzählung

By Peter Dörfler

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Title: Das Geheimnis des Fisches
        Eine frühchristliche Erzählung

Author: Peter Dörfler


        
Release date: May 20, 2026 [eBook #78714]

Language: German

Original publication: Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg, Wien: Herdersche Verlagshandlung, 1918

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78714

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEHEIMNIS DES FISCHES ***


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                     Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
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Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
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  ~gesperrt gedruckter Text~,   +antiqua gedruckter Text+

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                                  Das
                         Geheimnis des Fisches


                    Eine frühchristliche Erzählung
                                  von
                             Peter Dörfler




                          1. bis 15. Tausend


                       Freiburg im Breisgau 1918
                      Herdersche Verlagshandlung
         Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Straßburg und Wien

                               A. G. 14




                        Alle Rechte vorbehalten

    Buchdruck der ~Herder~schen Verlagshandlung in Freiburg i. Br.




                             Dem Andenken

              des Rektors am deutschen Campo Santo zu Rom

                             Anton de Waal

                               gewidmet

                      von seinem getreuen Schüler




In den großen Lichthof des reichen Mehlhändlers Theon, der aus Ägypten
nach Rom gekommen war, strahlte die Frühsonne eines Junitages. Sie
strahlte von dem rosenüberwucherten Garten quer durch das Tor des
Hinterhauses und schoß einige glückliche Strahlen bis zum Atrium vor,
denn auch die Mitteltüre stand offen; nicht der Sonne wegen, denn unter
ihrer Übermacht begann man bereits zu leiden, sondern aus Sehnsucht
nach Morgenkühle, die nun den ganzen schwülen Palast durchstrich.

Frühsonne und Morgenkühle ergötzten aber mit ihrer vollen Würze nur
~einen~ Mann in den vielen Räumen. Er saß hinter den Säulen des
Lichthofes, hatte würdevoll einen Krückstock in der Rechten, strich
den stattlichen schwarzen Bart, zupfte den Mantel zurecht und hatte
ganz das Aussehen eines Thronenden, der bereit ist, seine Beamten und
Untertanen zu empfangen. Von Zeit zu Zeit drehte er sein schmales,
dunkles Haupt horchend gegen den Vorhang, vor dem er saß und der ein
Zimmer nur halb verhüllte und nur schwach die Stimmen eines Knaben und
seines Lehrers dämpfte, die hier bisweilen hart und laut gegeneinander
stritten.

Der Mann mit dem würdigen Äußern und dem Krückstock war der »Pädagoge«
dieses Knaben, des einzigen Sohnes des Mehlhändlers Theon. Während dem
Lehrer und Hofmeister oblag, den Herrensohn, den man mit dem Kosenamen
Theonas zu rufen pflegte, zu unterrichten, war der Pädagoge nichts
weiter als der Knabenführer. Er hatte den Auftrag, ihn zu bedienen,
ihn durch die Straßen zu geleiten und ihm über verkehrreiche Plätze
den Weg zu bahnen. Die einzige Unterweisung, die ihm zustand, war,
den kecken Knaben bisweilen zu mahnen, daß der Anstand ihm gebiete,
gesenkten Hauptes einherzugehen, und daß er nicht versäume, Bekannte
seines Vaters und angesehene Männer zu grüßen. Diese Mahnungen waren
auch die einzigen Auflagen, die ihm beschwerlich fielen. Denn sie
erforderten einen gewissen Mut, einen Entschluß und den Aufwand eigenen
Willens, während es ihm durchaus unbeschwerlich schien, Befehle, die
andere erdacht hatten, auszuführen und sogar Schimpfworte und Schläge
von seinem Schüler hinzunehmen. Er war tief überzeugt, daß der Herr
ausschließlich die tätige, der Sklave die leidende Form des Lebens
darstelle, und fand es ganz in der Ordnung, daß der kleine Theonas ihn
Mulus nannte. Denn sein Beruf war wirklich der eines Maulesels, eines
Lasttieres.

Jetzt bewegte sich der schwere, golddurchwirkte Teppich zur Seite.
Theonas, ein gertenschlanker Knabe mit einem mädchenhaft zarten, aber
von einer scharfen Nase und kraftsprühenden dunklen Augen belebten
Gesichte, neigte sich rasch, spitzbübisch lächelnd, aber energisch
gegen Mulus und flüsterte ihm zu: »Bring einen Krug Wein, Falerner ...,
bring zur Vorsicht zwei Krüge, vom alten!«

Er verschwand, und Mulus erhob sich sofort, um den Befehl auszuführen.
Zwar Theon, der Herr, hatte es ihm verboten, für den Knaben Wein aus
dem Keller zu holen; der Speisemeister pflegte ihn zu prügeln, wenn
er ihn erwischte; Philota, die Lieblingssklavin seines Herrn, fauchte
ihn wie eine Katze an; Tyche, die Lieblingszofe seiner Herrin, hieß
ihn einen Hund, weil er längst nicht mehr esels-, sondern hundemäßig
dienerisch sei. Aber, was ging ihn das an? War er nicht zur Bedienung
des ~Theonas~ bestellt worden? Und hatte ihm dieser nicht einen
Befehl gegeben?

Inzwischen ging der Unterricht hinter dem Vorhang weiter. Der Schüler
hatte dem Hofmeister vorgeschlagen, lieber in den Garten zu gehen
und Morgenkühle und Rosenduft zu atmen. Apollonios aber, der dicke
griechische Hofmeister, fand das wider die Ordnung und wider seine
Bequemlichkeit. Weil sich nun der Knabe für unnötig gequält hielt,
spielte er den Tollen, um Apollonios die Qual heimzubezahlen.

»Dieses Zeitwort ist unregelmäßig, Theonas«, lehrte der kluge Grieche
und zog unzählige Falten auf die hohe Stirn.

Theonchen machte ein schlaues Gesicht und sagte: »Apollonios, ich
stehle einen Krug Wein für dich, wenn du sagst, daß es regelmäßig ist.«

Zu den unzähligen Falten gesellte sich noch eine krauslinige, dann
zürnte Apollonios: »Mach doch keine Possen, ernst ist das Leben!«
Theonas zwinkerte: »Heiter ist die Kunst und heiter ein Symposion bei
Falerner. Ich verschaffe dir zwei Krüge, wenn du mir den Willen tust.
Also, wenn ich schreibe: +dokeso+ und +edokesa+, so rechnest
du mir das nicht als Fehler an!«

Der arme Erzieher warf einen verzweifelten Blick gegen die Decke,
spürte plötzlich eine schmerzliche Trockenheit im Halse und gab nach:
»Schreibe, wie du willst.«

Der Knabe ritzte +dokeso+ mit tiefen Furchen in die Wachstafel
und jubelte: »Heil und Sieg, die unregelmäßigen Zeitwörter sind
abgeschafft! Dafür werden die kommenden Schülergeschlechter den
Apollonios unter die Heroen versetzen und als Soter[1] verehren.«

[1] Erlöser.

Und Theonas warf seinen Eisenstift auf den hellklingenden
Marmorestrich, schlug die Beine übereinander, wie einer, der
Feierabend machen will, griff in eine Schale, die mit östlichen roten
Kirschen gefüllt war, und ließ eine Frucht zwischen seinen zierlichen
Zähnen verschwinden. Als aber der Lehrer sich tief auf die Tafel beugte
und dabei die große leuchtende Fläche seines kahlen Scheitels gegen den
Schüler wendete, da flog der blanke Kern der entfleischten Frucht wie
ein Wurfgeschoß mitten auf die runde Scheibe des Kahlkopfs, und Theonas
jauchzte: »Applaudiere, Sklave, denn wir beide haben in dieser Stunde
für alle Schüler der Hellenen das goldene Zeitalter heraufbeschworen!
Applaudiere, daß ich dir zu unsterblichem Ruhm verhalf!« Und er ließ
nicht nach, bis der Alte die aufgequollenen Hände zusammenklatschte und
grinsend rief: »Ich applaudiere, du hast's gut gemacht, insbesondere
mit dem Wein!«

»Bravo«, lachte Theonas, »nun will ich laufen, dir das Trankopfer
für Bacchus zu verschaffen.« Und er eilte an die Türe, wo ihm Mulus,
glückselig über die hindernislose Erbeutung, die zwei Krüge Falerner
überreichte.

Theonas schenkte dem Hofmeister einen Becher ein, ohne den
schweren Trank mit Wasser zu mischen, kredenzte ihn und rief: »Der
Symposionkönig reicht keinen Froschwein. Trinke ohne Atem aus! Trinke
und sei fröhlich! Morgen bekommst du von meinem Vater die Peitsche,
weil du träge bist und ich von dir nichts lernen kann!«

»Du willst ja nichts lernen«, seufzte der Hofmeister, als er den Becher
geleert hatte, in gespieltem Verdruß.

»Und dafür sollst du deine Prügel haben«, lachte der Knabe. »Du
kannst mir bei Zeus nichts zeigen, was eine kleine Mühe lohnt, du
Erzschaumschläger! Ich komme hinter all deine feinen Lügen, Griechlein.
Gestern hast du mich angelogen, du hättest keinen Schluck Wein
getrunken -- und warst betrunken wie der Ziegenbock des Bacchus.
Gestern hast du geschworen, du wollest nicht mehr zu dem Zauberer
Mystarion gehen, um ein Sprüchlein gegen die Wassersucht zu kaufen:
Hingegangen bist du. O du Erzschelm! Du sagst mir, es gebe Götter
und man müsse sie fürchten. Ich habe dich belauscht, als du mit dem
Philosophen Glaukos über die Götter sprachst; da hast du über sie
gelacht wie ein Spitzbube. Wenn du mit mir im Homer liest oder im
Vergil, dann sagst du: ›Sieh, Theon, was Großes es um die Tugend ist!‹
Warum übst du sie selber nicht? Oder ist lügen, Wein schlemmen, die
Morgenstunden verschlafen, bei den Sklavinnen herumlungern, Neuigkeiten
klatschen, etwa Tugend? Niemand ist tugendhaft! Ich aber soll es sein,
daß ihr eure Ruhe vor mir habt.«

»Höre auf zu schwatzen«, sagte jetzt der aufgedunsene Lehrmeister, »wir
wollen die Fabeln des Äsop lesen.«

Aus den roten Lippen des Knaben flog ein Kirschenstein hervor und
traf mitten in Apollonios' Gesicht. Gleich darauf kam ebenso flink
die rote Zunge zum Vorschein, darauf eine bübische Grimasse, die das
feingeschnittene Gesicht des Knaben häßlich verzerrte; darauf sprudelte
sein Mund zornige Worte hervor: »Ich ~mag~ keine Fabeln. Lügen
kann ich selbst. Ich habe genug an den Fabeln, die du mir vormachst,
um mich zu betrügen. Die Mutter fabelt auch, der Vater ist darin ein
Meister, und erst die Zofen! Nur die Sklaven an der Mühle fabeln
nicht. Da erfahre ich allein die ungebrochene Wahrheit. Darum geh' ich
zu ihnen, wenn es mir beifällt. Es nützt dir nichts zu greinen: ›Sie
verderben dich!‹ Mögen sie! Vielleicht pass' ich dann besser zu euch!
Zur Unterwelt mit euren Fabeln! Ich habe satt davon.«

Darauf sprang Theonas auf und eilte aus dem Lernzimmer. Apollonios
atmete noch schwerer als sonst. Die Wassersucht bedrängte bereits sein
Herz. Aber ein Schluck aus dem Weinkrug verscheuchte all seine Sorgen.
»Morgen wird der Junge wieder lernbegieriger sein, wenn es die Götter
wollen«, brummte er. »Und wenn sie's nicht wollen, so wird hoffentlich
einmal der Stock nachhelfen! Ach, der Stock, dürfte ich den Stock
über dem Teufelchen schwingen! ... Andere Mütter haben zierliche
Pantöffelchen für ihre Söhne -- Frau Photis gebraucht sie nur für ihre
Klienten! Ach und oh!« Und er träumte noch lange, nachdem er sich in
einen heimlichen Winkel zurückgezogen hatte, wie herrlich es wäre, wenn
er prügeln dürfte, statt Prügel zu empfangen.

Theonas war inzwischen, um seine Erzieher zu ärgern, in das Mühlgewölbe
hinabgestiegen, wo die gequältesten und verzweifeltsten Sklaven schwere
Steintrichter rundumdrehten. Sie waren entweder ganz Muskel und Kraft
geworden und glichen den ans Joch gewöhnten Tieren, oder wenn sie
regen Geistes waren, hatte sich ihr Gemüt mehr und mehr vergiftet.
Und diese suchten den Rest ihres Verstandes durch die Bosheiten, mit
denen sie sich gegenseitig quälten, und die wilden Reden, mit denen
sie sich unterhielten, vor völliger Verödung zu bewahren. Es waren da
dunkle Mohren und stumpfnasige Skythen, breitschultrige Ägypter und
hochgewachsene Liburner vereinigt. Aber die Unterschiede der Herkunft
und Rasse waren durch den jahrelangen schweren Druck der Sklaverei fast
völlig aufgehoben worden, die nur den schlimmen Eigenschaften Wachstum
gewährte.

Der Herrensohn schaute ihnen eine Zeitlang zu, wie man den Tigern im
Käfig zuschaut, lächelnd, bewundernd und doch mit einem Gefühl des
Abscheus. Dann ging er auf Skopas, einen gewaltigen Afrikaner, zu,
tippte ihn auf die Schulter und sagte: »Du, Skopas, fluch einmal!« Der
Mann warf seinen eckigen, grobknochigen Kopf herum und schaute den
schönen Knaben mit seinen fahlen, tiefliegenden Augen grinsend an.
Auch die Mitsklaven zeigten in Mienen und Gesten etwas von tierischem
Vergnügen. Skopas setzte sich auf seine Fersen, hob die Hände so vor
sich hin, daß die Flächen auswärts gekehrt waren, bog den braunen
Stiernacken zurück und verfluchte mit gefletschten Zähnen Gott und die
Menschen. Man glaubte Beelzebub selber fluchen zu hören. Der Sklave
jauchzte seine Verwünschungen förmlich hinaus.

»Genug«, sagte endlich der Knabe zu dem wilderregten Mann, nachdem
er ihm eine Zeitlang mehr zugeschaut als zugehorcht und sich an der
naturhaften Gewalt der ausbrechenden Wut geweidet hatte.

Darauf wandte er sich an einen geschmeidigen Armenier mit klugem
Fuchsgesicht und befahl: »Kaor, erzähle!«

Und Kaor, lispelnd und lächelnd, seine Rede mit reichem Gebärdenspiel
würzend, erzählte Schmutz und Häßlichkeit. Er erzählte von den
Schandtaten der Götter, von den Diebstählen Merkurs, den Verirrungen
Jupiters und den Zänkereien Junos. Er spottete grausam über ihre
Hilflosigkeit gegen ihre Leugner und die Allmacht des Schicksals und
spottete über die Skandale der römischen Gesellschaft. Theonas stand
dabei, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und lauschte mit tiefem
Ernst. Wenn die schwarzen Sklaven vor Wonne ihre blühenden Zähne
zeigten, dann umwölkte sich seine Stirn. Er hatte offenbar Widerwillen
vor dem Unrat, der da trüb und eklig wie Sumpfblasen emporstieg, aber
er zwang sich in trotzigem Auflehnen gegen sein Zartgefühl zum Zuhören,
wie einer hart an dem Abgrund hinwandelt, dessen schwarze Nacht lockt
und schreckt. Theonas wurde zuletzt traurig und wußte nicht warum.
Er kämpfte gegen Tränen an, so sehr wurde er von geheimnisvollem Weh
gequält. War das wegen der Götter, die gelästert wurden? Kann man
lästern, was nicht ist? Und wenn sie sind -- verdienen solche Götter
nicht Schmach und Lästerung? -- War das wegen der Anspielungen auf
das Leben seiner Eltern? Warum haderten auch Vater und Mutter? Warum
gaben sie sich Abenteuern hin? Hatten sie denn ein Herz für ihn? Wann
opferten sie ihm eine Krume Zeit? Sie verdienen Schmähung! Und doch!
Diese wenigstens, diese ... Ware, diese Sklaven sollen es nicht wagen,
Vater und Mutter, auch nicht Götter anzutasten. Verachtung umspielte
seine feinen Lippen; noch kämpfte er gegen den aufsteigenden dunklen
Zorn. Er wandte sich von dem »ekelhaften Menschengewürm« ab und schaute
mit dem gleichen Interesse, mit dem er vorhin in das Antlitz des
Sklaven geschaut hatte, den Mühlsteinen zu. Wie hart und grausam sie
waren, wie roh sie die lebenden und wie in Todesangst sich sträubenden
Körner zermalmten!

Die Sklaven blinzelten sich zu: »Der wird recht!« Kaor knirschte: »Wär'
ich Mundschenk, ich mischte ihm ein feines Giftchen .... Aber er muß
sich selber den Becher kredenzen. Er wehrt sich noch, doch schon liebt
er das Gift.« All diese Sklaven haßten den schönen Knaben, nur weil er
der Sohn ihres Herrn war, weil er zu den Vornehmen zählte, und weil sie
ein trostloses Dasein führen mußten, damit diese Kaste wie die Götter
leben könnte. Sie dachten wie die Teufel: »Wir sind zur Qual verdammt,
also sollen die auch leiden müssen.« Darum war es ihre Lust, den
Unbehüteten mit schlimmer Rede zu verderben.

Plötzlich sprang Theonas auf, fiel den häßlichen Skopas an, raufte ihm
sein krauses Haar, schlug ihn und stampfte mit den Füßen gegen ihn. Der
Sklave, die Peitsche des Aufsehers fürchtend, ließ es sich in stumpfer
Wut gefallen. Er wand seinen massigen Riesenleib unter den Füßen des
feinen Knaben wie der niedergesunkene Goliath sich unter Davids Füßen
krümmte. Theonas ging aus dem Raum wie einer, der in den Schmutz
gefallen ist und nun von Kot am ganzen Körper trieft. Er wäre gern
irgendwohin geflohen. Aber das verwöhnte Söhnchen eines reichen Hauses
hatte in der Tat niemand, zu dem es in seinen Nöten fliehen konnte. Sie
liebkosten ihn alle, und alle hatten ein leeres Herz für ihn.

Zuerst sprang er dem Frauengemach zu, um die Mutter zu suchen. Im
Vorraum traf er zwei junge Sklavinnen. Es waren die Zofen seiner
Mutter, zwei zarte Kätzchen mit rabenschwarzem Haar und leuchtenden
Tollkirschenaugen, die immer beisammen waren, aber sich heimlich
stets belauerten. Tyche horchte Philota über den Herrn, diese ihre
Rivalin über die Geheimnisse der Frau aus. Sie trieben das Ränkespiel
mit ausgesuchten, angeborenen und angelernten Künsten, jedoch immer
unter der Decke liebenswürdiger Formen und in gewissem Sinne vornehm.
Natürlich waren es Griechinnen. Denn diese verstanden es ja, sich in
alle feinen Dienste einzuschmeicheln. Tyche, die Ältere, umfaßte den
Knaben und küßte ihm die Hände. Philota, die kleine, zierliche, kniete
sich zu seinen Füßen nieder und küßte den Saum seines Kleides. Als sie
auch seine Hände küssen wollte, schlug er sie auf das zudringliche
Mündchen. Aber sie lachte und rief mit begeistertem Augenaufschlag:
»Theonas, wie schön bist du!«

»Du kleiner Göttersohn!« schmeichelte Tyche.

»Seh' ich dich, so muß ich an Eros denken und glaube schon den Pfeil
schwirren zu hören«, suchte die andere sie zu übertrumpfen. Da ward er
zornig, schleuderte die zwei schönen Katzen von sich, schlug nach ihnen
und schrie: »Da -- spürst du den Pfeil? Gib acht, ich habe noch mehr im
Köcher!«

»Wie geistreich!« staunten sie um die Wette.

»Platz da, ich will zur Mutter!«

Da zog Philota die Augenbrauen hoch, spitzte den Mund und sagte in
dem Tone einer Märchenerzählerin: »Du stehst vor einem verschlossenen
Heiligtum, vor einem unzugänglichen Garten. Leichter kommst du in den
Garten der Hesperiden als jetzt durch diese Pforte. Begehre nichts
wider die Götter! Deine Mutter ist beschäftigt.«

Theonas kräuselte die Lippen und rief: »Habt ihr's schon gehört? Ich
will zur Mutter!«

»Unmöglich«, hauchten die zwei Türhüterinnen.

»Wenn ich will, ist es nicht unmöglich«, trotzte Theonas, stampfte
mit den Füßen und schrie: »Und ich will, bei Styx und dem Hadeshund,
ich will!« Da erschraken die zwei Wächterinnen. Wenigstens rissen sie
ihre großen Augen wie in tiefem Entsetzen auf und hielten sich die
Ohren zu. Die abergläubische Philota klopfte, um die bösen Worte durch
Gegenzauber zu lösen, dreimal auf die Erde: »Frevle nicht! Wenn Götter
sind, soll man sie nicht reizen. Höre, du kleiner Titan!«

Tyche aber gestand die Wahrheit: »Theonas, kluger, schöner Theonas,
bedenke, jener Künstler ist in dem Gemach, der deiner Mutter die
Augenbrauen bringt und den Glanz der Haare und die roten Lippen.«

Da zog Theonas ab. Denn wenn der Künstler mit den neuen Augenbrauen,
der Haarfarbe und den roten Lippen bei der Mutter war, dann heischte
er stets vergeblich. O diese ewigen Schönheitskünstler! Diese
verwünschten Menschen jeglicher Art, die der Mutter zu jeder Stunde
des Tages zusetzten und die alle wichtigere Angelegenheiten hatten
als er und ihn tagelang von ihrem Angesichte verbannten! Wäre man
doch endlich wieder auf dem Lande, weg aus dieser menschengedrängten,
geschäftereichen und gesellschaftspflichtigen Stadt! Wofür hat der
Vater eine Villa in Antium am Meere und eine zu Sublacu im Gebirge?
Dort gibt es keine Langeweile! Dort ist er kein Waise wie hier! Er
dachte nun darüber nach, was ihm denn Freude machen könnte. Er fand
im ganzen Hause alles widerwärtig und öde. Ja, es ekelte ihn sogar
der Gedanke an die Mutter; denn er mußte immer an die gefärbten
Lippen und Brauen denken. Gelangweilt streifte er im Atrium umher, wo
die schönen Statuen standen, marmorne Blüten, lauter große Männer
und erhabene Götter: Homer, Sophokles, Mars und Juno, Venus und der
»Erlöser« Asklepios. Theonas wandelte unter ihnen, und da er wieder
Kirschen zu essen begonnen hatte, schleuderte er auch den Göttern
und Halbgöttern wohlgezielte Kerne in die hoheitsvollen, erhabenen
Gesichter. Er dachte: »Schöne Götter seid ihr! Was kann man von euch
alles hören! Könnten diese Büsten lebendig werden, -- ihr würdet auch
lügen, heimlich trinken, schmeicheln, die Haare färben und häßliche
Reden führen! Ich käme euch schon darauf, daß ihr gemein seid. Mein
Lehrmeister Apollonios hat auch zuerst den Großartigen gespielt, bis
ich ihm hinter die Larve geguckt habe, da ist er klein geworden.«

Auf einmal hüpfte er vor Freude auf wie ein losgeschnellter Bogen.
»Vater hat mir versprochen, er gehe in acht Tagen nach Bajä ins Bad,
und er nehme mich mit! Er ~muß~ mich mitnehmen. Evoe[2], das
Meer, das Meer, das blaue Meer, und dort soll der Weg in die Unterwelt
hinabführen, wie die Dichter sagen. Ich will versuchen, ob ich diesen
Weg finde! Und finde ich ihn, so steige ich hinab. Wer sagt, daß dieser
Odysseus mutiger war als ein echter Römerknabe? Will doch sehen, was
Wahres an diesem Homer ist! Evoe, evoe, es lebe der Höllenhund samt
allen seinen Rachen und Schwänzen!«

[2] Evoe, griechischer Jubelruf = Juchhe!

Da kam ein Bote auf ihn zu, brachte ein Päckchen und einen Brief und
ging sich stumm verneigend auf seinen weichen Sandalen davon. Das
Päckchen enthielt eine Auslese feinster Früchte, dazu Korallen und
Muscheln. Theonas zog die Augenbrauen zusammen. Wenn der Vater ihm
Geschenke schickt, so pflegt er kein gutes Gewissen gegen ihn zu haben.
Das Schreiben enthält also kaum eine freudige Post. Der Knabe öffnete
und las. Der Brief war kurz und lautete: »Theon an seinen Sohn Theonas!
Sei nicht böse, daß ich ohne Dich abgereist bin. Es war unmöglich, Dich
nach Bajä mitzunehmen. Ein andermal dann. Bitte, sei vernünftig. Lebe
wohl! Dein Vater Theon.«

Die feinen roten Wangen des Knaben waren beim Lesen blaß geworden.
Er ließ den Brief auf den Boden fallen und starrte verloren wie ein
Trostloser vor sich hin. Also auch der Vater wieder einmal! Warum
logen sie denn alle? Warum tat denn heute niemand seinen Willen?
Sollte er wirklich nicht mehr herrschen? Apollonios kam schleppenden
Schrittes und ein wenig angetrunken auf ihn zu. Sein Anblick reizte
die Wut des ungebändigten Knaben. Er geriet außer sich, nahm die
Früchte und warf sie auf seinen Hofmeister, daß der Saft gegen die
Säulen spritzte. Dann schleuderte er ebenso die Korallen und Muscheln
gegen den Hilflosen, dabei schrie er: »Lügner, Mörder!« Er zitterte,
halb wahnsinnig vor Erregung. Tyche und Philota kamen angerannt. Er
bombardierte auch sie mit Muscheln und Früchten, und als sie auswichen,
schlug er Mulus, der alles gelassen mit angesehen hatte und nun die
Streiche des Knaben geduldig auf sich niederrasseln ließ. Dann rüttelte
er an der Basis einer Statue, und als Tyche das unschätzbare Kunstwerk
schützte, da richtete sich sein Grimm ganz auf sie. Er riß ihr das
kunstvoll geordnete Haar auseinander und schlug sie in das Gesicht.
Andere Sklaven eilten hinzu. Als Theonas seine Kräfte erschöpft hatte,
da reckte er seine Zunge gegen die Zeugen seiner Schwäche und spuckte
sie an.

In diesem Augenblick erschien die Mutter an der Türe. Sie war offenbar
durch den Ruf: »Mörder!« erschreckt worden. Noch hatte sie den
Metallspiegel in der Hand, und auch die eine, ungefärbte Augenbraue
zeigte, in welch wichtigem Geschäfte sie gestört worden war. Hinter ihr
erschien ein ängstlich blickender Grieche mit rauchender Brennschere.

Sie hatte eben Gelegenheit, zu sehen, wie groß und rot die Zunge ihres
Sprößlings sei. Das setzte ihrem Gemüte so zu, daß die Sklavinnen sie
stützen mußten. Der Kleine ließ sich nicht beirren, er schrie: »Lüge,
Lüge, erlogene Götter, erlogener Vater, erlogene ..., ja auch du,
Mutter!«

Darüber faßte sich die gepuderte Frau, die erst so entsetzt mit den
schönen großen Augen um sich geblickt hatte; sie richtete sich mit
Würde auf und hielt dem Söhnchen entgegen: »So magst du auch lügen,
wenn du klug genug bist. Was liegt daran! Aber Grimassen schneiden, das
ist ungöttlich. Auch die Götter stellen die Worte nach ihrem Nutzen
oder nach dem Gesetze der Kunst, aber sie schneiden keine Grimassen,
sie sind nie häßlich. Sie sind schön. Und schön sollst auch du alles
tun, was du tust, Theon! Das ist Tugend! Du aber bist soeben häßlich
gewesen. Pfui, Theonas! Schafft ihn fort, er macht mich verrückt!«

Darauf wandte sie sich an den knienden und händereibenden Hofmeister
und sprach zürnend: »Ich lasse dich zu Tode peitschen, wenn du ihn
nicht nach meinen Grundsätzen erziehst. Lies ihm Dichter vor und ...
für heute, damit er zur Erkenntnis seines Fehlers komme, sperre ihn in
ein Gemach und stelle das Bildnis der hold lächelnden Aphrodite in den
gleichen Raum; das soll er eine halbe Stunde lang anschauen, dann wird
er sich vor der Schönheit schämen und Liebe zur Tugend bekommen.« Einen
Augenblick lang warf sie noch vernichtende Blicke auf den erblaßten
Hofmeister, dann machte sie gegen Theonas eine Bewegung des Unwillens,
winkte endlich mit gnädigem Lächeln dem Mann mit der Brennschere und
verfügte sich wieder in ihr Gemach.

Zehn starke Sklavenhände griffen nach Theonas, um ihn in das Zimmer der
Schönheitsgöttin zu schleppen. Aber er sprang auf und rief: »Ich geh'
selbst, ich lass' mich nicht von euch anrühren!«

Vor die Statue der süß lächelnden Göttin schoben sie ihm einen Schemel.
Theonas setzte sich darauf und schaute scheinbar andächtig zu dem
feinen Marmorbild empor. Plötzlich aber erschien zwischen seinen
Lippen ein roter Blitz. Philota und Tyche, die ihm schmeichelnd zur
Seite saßen, riefen in geheucheltem Schreck, aber innerlich belustigt:
»Theonas, das ist nicht schön!« Aber der Knabe drehte der Göttin Nasen
und trieb die Sklavinnen in neu erwachter Wut davon.

Darauf begab er sich zu seinem Studierzimmer, setzte sich und schrieb
zornbebend folgenden Brief an seinen Vater: »Theonas an Theon, seinen
Vater, Gruß! Das hast Du schön gemacht, hast mich angeschwindelt. Deine
Geschenke habe ich den Sklaven an den Kopf geworfen. Dazu mochten sie
taugen. Wenn Du nicht schleunigst nach mir schickst, werde ich das
ganze Haus auf den Kopf stellen. Und mit Dir sprech' ich nimmer und
wünsch' Dir nimmer ›guten Tag‹. Ich gebe Dir die Hand nimmer, und
vieles andere wird noch passieren, was ich Dir gar nicht schreiben mag.
Die Mutter sagt: ›Fort mit ihm, er macht mich verrückt!‹ Dem Apollonios
mache ich das Leben zu Essig. So gut also kannst Du lügen; wart nur,
ich glaube Dir den Atem nicht mehr! Und lüge Dich einmal recht herzlich
an. Für Deine Korallen dank' ich nicht, hast mich ja beschwindelt. Also
schick nach mir, sonst ess' ich nicht mehr und trinke nicht. Dann hast
Du's! Möge es Dir wohlergehen, das wünsche ich, Theonas.«

Am andern Morgen sollte ein Bote dieses Schreiben nach Bajä bringen.
Allein er bekam noch einen andern Brief von größerer Wichtigkeit mit.
Es geschah nämlich, daß der Hofmeister Apollonios in jener Nacht
plötzlich starb. Sein durch die Wassersucht längst geschwächtes Herz
erlag den beiden Krügen Falerner und vielleicht auch der Erregung über
die Unart seines Schülers und den ungnädigen, Schlimmes verheißenden
Blick der Herrin. Das bedeutete nun freilich kein allzu großes Unglück
für das Haus. Aber es war doch nötig, für einen Ersatz zu sorgen. Die
Mutter legte also einen zweiten Brief bei, in welchem sie ihren Gatten
anflehte, dafür zu sorgen, daß Theonas künftig ein tiefer Haß gegen
das Grimassenschneiden eingeflößt werde. »Unser Söhnchen«, fügte sie
bei, »hat sonst nur glänzende Anlagen. Wir können stolz auf ihn sein.
Ich wüßte nichts an ihm zu tadeln; aber die lange Zunge beleidigt mein
Feingefühl.«

Theonchen sollte der Anblick des toten Lehrers erspart werden. Es
gruselte ihm auch bei dem Gedanken, daß der Mann, dem er noch gestern
so viel Possen gespielt hatte, irgendwo als Leiche liegen sollte, und
dieser Gedanke war ihm ähnlich widerwärtig wie die Häßlichkeit der
fluchenden und grinsenden Sklaven. Aber gerade darum schlich er sich
in die Totenkammer ein und deckte das übel riechende Tuch auf, mit dem
der Gestorbene notdürftig und verächtlich zugedeckt war. Er hatte den
Toten nie geliebt, nicht einmal geachtet. Obwohl der Junge kaum einen
Begriff von Gut und Böse hatte, wußte er, daß der Sklave an ihm schwer
gesündigt habe. Nichts hatte er ihm tatkräftig verwehrt, und jeder
Bestechung war der Säufer zugänglich gewesen. Dennoch war er jetzt von
herzlichem Mitleid bewegt; Tränen strömten ihm über die Wangen, und er
wünschte lebhaft, dem Ärmsten weniger Verdruß gemacht zu haben. Die
Augen des Toten standen so bange suchend offen. Er glich einem weglos
Verirrten, der im Sterben noch umsonst nach einem Ziele späht. Als
Theonas aus dem Zimmer trat, schluchzte er noch und wischte sich die
beharrlich andrängenden Tränen weg. Tyche begegnete ihm und sah es.
»Armes Theonchen«, flüsterte sie, »sei nicht traurig. Freue dich, daß
du lebst und daß du jung bist. O welch ein Leben steht vor dir! Pflücke
es!« Da schämte sich der Knabe seiner weichen Stimmung. Er wollte nicht
getröstet sein, und die Worte der Sklavin waren ihm ganz widerwärtig,
denn er konnte jetzt nichts von Freude hören. Am liebsten wäre er weit
von allen Menschen weggelaufen. Er verscheuchte die Zofe, indem er die
Hand drohend gegen ihre Wange erhob. Dann ging er stolzen Schrittes
durch den Flur und suchte einen Winkel im Garten. In einer Laube, deren
Hinterwand eine Nische mit zierlichem Brunnenwerk schmückte, ließ er
sich nieder, schickte Mulus, der ihm gefolgt war, weg und warf sogar
gegen seinen eigenen Schatten Steinchen und zerpflückte Rosen. Er
begann wieder in sich hineinzutrotzen. Warum ist der Vater heimlich von
ihm weggereist? Philota hat ihm vor der Venus mit sehr bösem Kichern
gesagt: »In Bajä kann der Vater niemand brauchen, am wenigsten dich
und die Mutter. Diese kann er eigentlich nirgends brauchen. Aber sie
ihn noch weniger.« Der Vater kauft sich einen neuen Lehrmeister. Wie
kann ich diesen klein bekommen? Entweder ist er ein Weinsäufer oder ein
Kriecher; auf alle Fälle wird er Hörner haben, an denen ich ihn fassen
kann. Schließlich träumte er sich in die Sommerfrische. Im Sabinum gibt
es junge Füllen, junge Gänse, junge Esel. Im Sabinum hätte die Mutter
ein klein wenig Zeit für ihn.

       *       *       *       *       *

Der Vater kam und brachte den neuen Erzieher mit. Er sei ein großer
Gelehrter und habe ihn viel Geld gekostet, keine Adelsfamilie könne
sich kostspieligere Sklaven leisten. Die Mutter hatte schon am zweiten
Tag nach der Ankunft des Griechen, der sich Ptolomäus nannte, Zeit,
mit ihm über die Erziehung des Sohnes zu sprechen. »Mein Sohn«, sagte
sie, »ist ohne Fehl. Nur in den Fragen des Anstandes ist er noch nicht
ganz sicher. Er soll aber alles Häßliche verachten. Zeige ihm nur
fleißig schöne Gemälde und Bildsäulen. Das wird ihm Liebe zu Tugend und
Schönheit entzünden. Durch den Anblick des Schönen wird alles Gute, was
in der Seele schlummert, hervorgelockt wie Blüten von der Sonne.« Sie
war glücklich, daß sie sich über ihren Lieblingsgedanken, die Erziehung
zur Schönheit durch Schönheit, auslassen konnte.

Der Sklave verbeugte sich. Selbst die hochmütige Frau mußte sich Mühe
geben, nicht zu vergessen, daß Ptolomäus nur ein Sklave sei. So hoch
und majestätisch war seine Erscheinung, so edel und klangvoll war seine
Stimme, so bedeutend das von schwarzem Bart und Haar umlockte Haupt,
und mit solcher Würde verbeugte er sich vor seiner Herrin.

Auch Theonas hatte auf den ersten Blick erkannt, daß diesem Manne kaum
mit Weinkrügen beizukommen war. Das brachte ihn so in Harnisch, daß er
am liebsten die Zunge gegen den Würdevollen herausgestreckt hätte. Aber
er dachte: »Warte nur, ich bringe schon heraus, was an dir nicht echt
ist.«

Als sie im Studierzimmer zusammensaßen, setzte Theonchen seine
hochmütigste Miene auf, ließ sich mit übergeschlagenen Füßen vor seinem
Erzieher nieder, stützte das Köpfchen in seine Rechte und musterte den
ernsten Mann, wie man eine verdächtige Ware prüft. Ptolomäus wollte
eben beginnen: »Und nun, mein lieber Schüler, wolle die Gottheit uns
beiden Segen und ...«, da unterbrach ihn Theonas und stellte ein
wohlüberlegtes Verhör mit dem Lehrmeister an: »Was hast du gelernt?«
war die erste Frage. Ptolomäus erwiderte: »Die Gottheit ehren und den
Menschen nützen.« Theonas verdroß diese Antwort, denn er hatte gehofft,
daß der Sklave in aufgeblasenem Rühmen all die Sprachen aufzähle,
die er gelernt hatte, und all die Bücher, die er gelesen habe. Darum
herrschte er ihn an: »Und wenn du alle Sprachen der Welt verstehst und
alle Bibliotheken auswendig kennst, so bin ich doch gescheiter als du.
Sage mir aber eins: Kannst du lügen?«

»Nein«, erwiderte Ptolomäus. Theonchen lächelte verschmitzt: »Ich
glaube, das ist ein großer Mangel für dich. Denn in diesem Punkte bin
ich dir überlegen, und alle im Hause, Mulus vielleicht ausgenommen,
sind dir überlegen. Wollen wir aber gleich eine Probe machen! Glaubst
du an die Götter?« Ptolomäus sagte: »Ich glaube an die Gottheit.«
Theonchen sah mißtrauisch auf, runzelte die Stirn und drohte: »Weich
mir nicht aus! Sage mir, ob du an Asklepios Soter und ›die große
Mutter‹ glaubst.«

Ptolomäus sprach ruhig: »Nein!« Da sprang Theonas in die Höhe: »Du
willst also wirklich nicht lügen?« und er schaute in das ruhige und
feste Gesicht seines Lehrers in stummer Verwunderung und tiefem
Mißtrauen. Aber er fühlte immer mehr, daß er keinen Apollonios vor sich
habe. Endlich sagte er: »Mich betrügst du nicht. Ich bin zehn Jahre alt
und weiß mehr, als ihr glaubt. Mir kannst du keine neue Wahrheit sagen,
nur neue Märchen.«

»Die Gottheit gebe«, erwiderte Ptolomäus ernst, »daß ich dir auch eine
neue Wahrheit aufschließen kann.«

Am andern Tage wehte Scirocco in Rom. Es war schwül, und die Luft lag
wie Blei auf allem Leben. Darum wollte Theonas in der Stunde schlafen.
Er hatte die Nase des Hofmeisters so genau geprüft, daß er es gar
nicht versuchte, ihn mit Wein zu bestechen. Darum zog er eine goldene
Münze hervor, zeigte sie dem Sklaven und sagte: »Sieh das Bild unseres
Herrn und Kaisers, des göttlichen Mark Aurel. Nimm das Geld und laß
mich schlafen!« Ptolomäus sagte: »Behalte dein Gold! Ich verkaufe meine
Seele nicht!« Theonchen war wie vor den Kopf geschlagen. Er schaute
den Lehrmeister wieder mit dem langen, mißtrauisch forschenden und
bewundernden Blick an, dann fragte er:

»Was hat dann in deinen Augen Wert?«

»Die Weisheit«, entgegnete Ptolomäus.

»Was ist die Weisheit?« forschte der Knabe.

»Die Gottheit fürchten und ihren Willen tun.«

»Was ist der Wille der Gottheit?«

»Seine Pflicht zu erfüllen, die Gesetze zu ehren, für das Wohl der
Menschen zu sorgen.«

Spöttisch rief der Knabe: »Und hat die Gottheit dir das selbst gesagt?«

»Ihr Sohn«, sagte Ptolomäus.

Theonchen lächelte: »Nun aber fabelst du doch.«

»Ich fable nicht«, erwiderte Ptolomäus mit seiner warmen Stimme. »Denn
dieser Sohn hat sein Leben für seine Worte hingegeben, und auch ich bin
bereit, es zu tun.«

Noch nie hatte Theonchen mit jemand in so heilig-ernster Weise
gesprochen. Er stand auf, lehnte sich über den Tisch, das Gesicht ganz
nahe seinem Lehrer, und blickte ihn mit seinen klugen Augen forschend
und begierig an. Er sprach: »Erzähle mir von diesem Göttersohn!«

Allein Ptolomäus wehrte ab und sagte: »Noch kann und darf ich nicht.
Denn du bist noch nicht würdig, seinen Namen zu hören und seine
Geschichte zu erfahren. Das ist das große Geheimnis der Eingeweihten.
Wer ihn erkennen will, der muß erst die Wahrheit lieben und Sehnsucht
nach der Weisheit haben. Er muß Arbeit und Pflicht lieben und keine
Mühe scheuen.«

»Laßt uns also lernen«, rief Theonchen eifervoll. Und siehe da, Homer
und Äsop waren nicht mehr langweilig. Ptolomäus spottete weder über
die redenden Tiere oder über die Götter der Griechen, noch goß er die
Salbe pathetischer Reden über sie. Was wußte der Mann nicht alles über
das Gelesene zu sagen! Und manchmal schweifte er ab; jedoch nicht um
törichten, müßigen Einfällen nachzujagen, sondern offensichtlich, weil
ihm das Herz von einer Sache voll war, weil er spürte, daß der Knabe
Feuer gefangen hatte und aus innerstem Hungern und Bedürfen heraus
zuhörte. Oft traf er ein lange umsonst umworbenes Rätsel, und immer
hatte der Schüler das Gefühl, bereichert worden zu sein. Wie sonnig
und fruchtbar waren gerade die Stunden, wo der Schüler aus dem Herzen
heraus Fragen stellte und der Lehrer aus dem Herzen heraus lehrte! Zu
seiner Mutter sagte Theonas: »Ptolomäus ist wahrhaft gelehrt!« Danach
fand er, daß dies nicht das rechte Wort sei. »Er ist weise!« sagte
er im Selbstgespräch. »Nein, mehr ... er ist ein echter -- Vater.
Er hat Zeit .... Man kann ihm einfach keine Possen spielen! Und er
treibt keine Possen!« Doch beobachtete er Ptolomäus immer noch mit
Mißtrauen, jedoch nicht mehr in der Hoffnung, ihn bei einer schlechten
Tat zu ertappen, sondern in großer Furcht, er möchte den einzigen, der
wirklich tugendhaft war, auch verachten müssen. Er lernte begierig
und empfand zum erstenmal die selige Lust treu erfüllter Pflicht.
Dabei war es ihm aber auch wichtig, möglichst bald die Geschichte von
dem Göttersohn zu verdienen. Als er wieder danach fragte, erwiderte
Ptolomäus: »Ich darf dir nur geheimnisvolle Worte von ihm sagen.«
Dann war es, als ginge über sein Gesicht ein Scheinen, und er sprach
langsam wie in einem Gebete: »Er ist der Fisch des lebenden Wassers;
er das Weizenbrot, das auf den Bergen gesammelt wurde; er das Licht
der Sterbenden; er der Hirt und das Lamm; er Tür und Weg, Richter und
Bruder, Wahrheit und Wort. In ihm leben und weben und sind wir. Er
war und ist und wird sein. Er, das Wort.« Theonchen wurde durch diese
Worte verwirrt. Hätte sie Apollonios gesagt, so hätte er ihm den
Kopf mit Kirschensteinen gespickt. Aber vor Ptolomäus empfand er eine
unbezwingliche Ehrfurcht. Die Worte ließen fast alle einen tiefen Sinn
zu. Am wenigsten verstand er, was der Göttersohn mit einem Fisch zu tun
habe. Plötzlich sah er an Ptolomäus' Hals ein zierliches elfenbeinernes
Fischlein hängen, das er noch nie bemerkt hatte. Er zeigte darauf hin,
und Ptolomäus nahm sofort das kleine Zeichen in die Hand und küßte es.

»Lebt dein Göttersohn im Wasser, wie Poseidon oder wie Nereus und seine
Töchter?« Ptolomäus lächelte und schüttelte den Kopf: »Er hat nichts
mit dem Fisch gemein. Mein Fisch ist kein Fisch.«

Theonas begann über die dunkeln Worte zu grübeln; er fragte Bücher,
fragte seine Mutter und Tyche. Die Mutter sagte ihm, daß die Phönizier
ihren Gott Dagon mit einem Fischleib darstellten. Und er gab sich
zunächst mit dieser Auskunft zufrieden. Ptolomäus wußte ihn beim
Unterricht täglich aufs neue zu fesseln, und er brachte es durch Lob
und Tadel sogar dahin, daß Theonas mit Hingebung an der Veredlung
seiner geradezu trunkenen Buchstaben arbeitete. Schon spottete Tyche:
»Ptolomäus ist dein neuer Gott, das dritte Wort jeder Rede; Ptolomäus
muß ein eigenes Zaubermittel haben. Zauberern muß man mißtrauen,
Theonas; gib acht, der Fisch wandelt dich in einen Fisch!«

»~Hexen~ muß man mißtrauen!« antwortete der Knabe verächtlich.
»Der Zauber des Ptolomäus ist sein Geist -- der geht dir ab.«

Einmal aber sah er Ptolomäus in die Mühle eintreten. Siedend heiß stieg
es in ihm auf: »Er geht zu den Sklaven, er hat Langeweile, treibt doch
Possen und hat auch zwei Seelen. Was hat er bei den Mühlsklaven zu
suchen? Sklavenzoten! O er ist eben auch ein Sklave! Was reden, was
belachen sie in den Ruhepausen? Ich weiß es! ... Auch mich und meine
Dummheit! Possenreißer, Schaumschläger, Grieche!« Feindselig blickte
er ihn danach an und war während des Unterrichtes verdrossen und
zerstreut. Er beobachtete den schönen und ernsten Mund des Ptolomäus
und stellte sich vor, wie dieser sich bei den groben und schmutzigen
Reden der Sklaven zu einem widerlichen Lachen verzerrte. Und er konnte
es nicht glauben. Die Mutter kam in den Studierraum und ließ sich
ermüdet wie eine Lohnarbeiterin auf ein Polster nieder. Sie hatte aber
die Locken frisch gebrannt und die Lippen blutrot aufgefrischt. Sie
seufzte: »Theonas, lange schon wollte ich kommen, aber ich habe keine
Zeit. Ach, ich bin so viel mit Lektüre und Gesellschaft beschäftigt!
Wie bist du mit deinem Hofmeister zufrieden? Es wundert mich nicht,
daß er entspricht, denn er hat ein gutes Stück Geld gekostet. Das
allerdings wundert mich, daß dein Vater so viel Geschmack entwickelte
.... Die Beschäftigung mit dem Schönen tut mehr als alle Belehrung.
Ich sehe es an dir, denn du bist sichtlich in dieser kurzen Zeit um
vieles gesitteter geworden. Ptolomäus, fahre so fort, und ich werde
dich freilassen, sobald Theon erwachsen ist. Ach, heute abend werden
sich die Epikureer und Platoniker über die Seele streiten. Was hältst
du davon, Ptolomäus? ... Bajä wäre für meine Gesundheit notwendig.
Hier, wenn man Seele hat, muß sie im Lärm taub werden, zerrissen von
... Kennst du das Märchen von Amor und Psyche? Also, ich bin zufrieden
und freue mich, daß wenigstens die Sorge um den Knaben unnötig geworden
ist.« Theonas aber schaute immerfort in das Antlitz seines Lehrers, um
die geschminkten Wangen der Mutter nicht sehen zu müssen. Und er war
froh, daß die weggegangen war, nach der sich doch sein Herz immerfort
sehnte.

Aber wieder kam Ptolomäus eines Tages aus der Mühle. Der Knabe war nahe
daran, auf ihn zuzustürmen und ihn zu beschimpfen. Ein Zorn faßte ihn,
ähnlich jenem, als er die Lüge seines Vaters erfahren hatte. Er hatte
Lust, seinem Lehrmeister in den schönen schwarzen Bart zu fahren. Aber
Ptolomäus schaute ihn mit solch festen und abgründigen Augen an, daß er
die Sicherheit verlor und beschämt seine Augen senkte.

Lange war er nun nicht mehr zu den Sklaven gekommen. Jetzt wollte er
zum Trotz wieder in die Herde tierhafter Menschen eintreten. Ptolomäus
hatte ihm gesagt, daß der Verlust der Tugend selbst den Königssohn zum
Bettler mache. Wenn aber Ptolomäus ein heimlicher Freund des Bösen war,
was war ihm dann die Tugend? Als er eintrat, merkte er wohl, wie ein
Schrecken durch die Reihen lief statt des erhofften Jubels. Er ging
auf Skopas zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte in der gewohnten
Weise: »Skopas, fluche!« Und Skopas zauderte einen Augenblick, dann
warf er sich auf die Knie, hob, wie er immer getan hatte, seine Hände
und sprach: »Gepriesen sei der Herr, der heimgesucht hat sein Volk,
Erlösung ihm verschafft, daß wir furchtlos, aus Feindeshand befreit,
ihm dienen in Heiligkeit und in Gerechtigkeit vor ihm all unsere Tage!
Preiset den Herrn, alle Werke des Herrn, lobet und erhebet über alles
ihn in Ewigkeit! Preiset, ihr Menschenkinder, den Herrn!«

Theonas staunte. Er hatte sich schon auf die gräßlichen Worte gefaßt,
so wie man sich auf den Donner gefaßt macht, um nicht zusammenzuzucken,
wenn der Strahl niederschmettert. Und nun diese jubelnden Worte! Dieser
Ausbruch von Glückseligkeit!

Er ging zu Kaor. »Kaor, erzähle!« Und Kaor erzählte. Güte und Friede
strahlte über sein scharfes, hageres Gesicht, und zitternd vor innerem
Jubel klang seine Stimme: »Ich bin Schüler des heiligen Hirten, der
Schafherden weidet auf Bergen und Fluren. Große, alles sehende Augen
hat der gute Hirt. Er lehrte mich verläßliche Weisheit. Er zeigte
mir die mit goldenem Gewande und mit goldenen Sandalen bekleidete
königliche Frau, auch das Volk mit dem strahlenden Siegel. Und sie
reichen mir den Fisch zur Speise, den reinen, welchen die heilige
Jungfrau fing. Heiligen Wein trinken wir gemischt mit Brot. O wahres
Brot und du, Fisch des lebendigen Wassers, rettet mich zum Leben!«

Ein unbeschreibliches Gefühl überkam Theonas. Er merkte, daß Ptolomäus
ihnen diese Worte in den Mund gelegt hatte, und er wurde eifersüchtig
auf die Sklaven, denn diesen hatte er offenbar das Geheimnis von dem
Fische schon anvertraut.

»Sind dir die Sklaven lieber als ich?« sagte er trotzig zu seinem
Lehrer.

Ptolomäus antwortete: »Wer ist unglücklicher, du oder die Sklaven?«

»Die Sklaven«, warf Theonas schnippisch hin.

»Und wer hat mehr zu leiden?«

»Warum sollen denn Sklaven nicht mehr leiden?« trotzte der Knabe
ungeduldig.

»Wer am meisten gelitten hat, ist am geschwindesten reif für den
Gottessohn«, sagte nun Ptolomäus in großem, feierlichem Ernst, »denn
er kennt die große Sehnsucht nach dem Heil. Und in der Sehnsucht eilt
er dem Lichte entgegen.«

»Aber ich leide ja, ich habe große Sehnsucht nach ... dem Landgut und
nach meiner Mutter und nach der Weisheit, die in dir wohnt. Und ich
möchte wissen, was denn ohne Lüge und Schein gut ist. O so vieles
ersehne ich!« rief mit Leidenschaft der Knabe. Da legte Ptolomäus seine
gute Hand auf des Kindes Scheitel und sagte mit weicher Stimme: »Selig
sind, die hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden! Bald
bist du reif für den Fisch, bald siehst du den Hirten, bald trinkst du
von den Wassern des Lebens!«

Gerade um diese Zeit wurde Rom durch ein großes Fest der »Mutter
Cybele«, deren Heiligtum auf dem Palatin lag und von orientalischen
Priestern, Galli genannt, bedient wurde, in Atem gehalten. Die Feier
begann am 21. März und erreichte am dritten, dem sogenannten Bluttage
ihren Höhepunkt. Theonas war in Begleitung seines Pädagogen auf das
Forum gegangen, um von den Stufen des Dioskurentempels herab die
berüchtigte Prozession der Orientalen anzusehen. Als von ferne ein
verworrenes Getöse wie von dumpf schallenden Musikinstrumenten und
klagenden Weibern herdrang, sagte Theonas: »Ich kann das nicht anhören.
Laß uns weitergehen!« Natürlich echote Mulus: »Laßt uns weitergehen!«
Aber nun erklang aus dem Gewirr schrill hervorspringend eine Trompete
und zugleich ein markerschütternder, wie in Todesnot gellender Schrei,
und eine Gruppe in eigentümlicher Ermüdung tanzender, wie Puppen
ihre schlaffen Arme und Beine um ihren Körper werfender Männer, die
Gesichter barbarisch bemalt, erschien an der Straßenbiegung. Da sagte
Theonas rasch, aber in übler Laune: »Torheit; wer wird davonlaufen!«

»Gut, so bleiben wir«, nickte Mulus und kaute seelenruhig an einem
dürren Halm. Während nun die Leute ringsumher auf den Stufen die Hälse
reckten und ihre Gespräche unterbrachen, um ja nichts von dem sich
aufrollenden Schauspiel zu versäumen, steckte sich Theonas hinter
Mulus, immer noch mit Verlangen und Abscheu ringend. »Ist das nicht
Totenklage?« fragte er den Alten, als die phrygische Flöte in dem Lärm
der Zimbeln und Klappern immer mehr die Führung bekam und das Weinen
der Priester in ein erregendes Heulen ausartete.

»Ja, das ist Totenklage.«

»Um wen?«

»Um Attis.«

»Wer ist Attis?«

»Er ist entweder der Vater oder der Sohn oder der Bräutigam der großen
Mutter Cybele, was weiß ich!«

Ein weiteres Gespräch war zunächst unmöglich. Jegliches der
Musikinstrumente schien zum wilden Tier geworden zu sein. Sie
schrillten, schmetterten und tobten, die einen wie in Wut, die
andern wie in Verzückung. Die Galli schritten nicht mehr in
Tanzbewegungen umher, sondern glichen alle von kataleptischen Anfällen
ergriffenen Menschen, die nur durch eine unbegreifliche Zufälligkeit
aufrechterhalten wurden. Sie hatten ihr langes Haupthaar aufgelöst und
schüttelten ihre Köpfe, daß man glauben mußte, sie wollten sich die
Augen aus den Höhlen schleudern. Ihre Gesichter waren voll Schweiß
und Staub; aber die Augen glühten und die geöffneten Lippen zeigten
blühende Zähne.

»Und liebt die große Mutter solchen Orgiasmus?«

»Ich denke, sie wird ihn lieben.«

Theonas und Mulus mußten schreien, um sich verständlich zu machen.

»Ist denn dieser Attis wirklich gestorben?«

»Er ist, glaube ich, nicht gestorben.«

»Dummkopf -- sieh doch, wie sie heulen!«

»Sie stellen sich vor, er sei wirklich gestorben.«

»Mulus, +nomen et omen+! Wegen einer bewußten Einbildung wird man
so etwas tun, sieh her!«

Einer der Galli hatte eine scharfe Astragalengeißel aus dem Gürtel
gezogen und zerpeitschte damit unter Heulen und Jauchzen den entblößten
Oberkörper.

Mulus betrachtete das alles mit seinen zufriedenen, gleichmütig
glänzenden Augen, kaute an seinem Halme und rief dem erregten Knaben
mit pfiffigen Mienen in das Ohr: »Und hat Theonas nie gespielt? Ein
Würfelknochen war der Schädel. Theonas hat ihm geopfert, ihn als Heros
erklärt ... begraben!«

Doch in diesem Augenblicke vergaß Theonas seine Bedenken. Zwei
Priester hatten ihre Messer gezogen und verwundeten sich so, daß die
zunächststehenden Gaffer vor dem spritzenden Blut unwillig auswichen.
Da erwachte der Römer, erwachten Vater und Mutter und Ahnen und alle
Vorfahren, deren höchster Genuß die Gladiatorenspiele und Tierkämpfe
des Zirkus gewesen waren, in dem Knaben. Er schwang sich auf die
Schulter des Pädagogen, ergriff die Marmorsäule, die neben ihnen zum
Gebälke aufragte, und sah so, hoch aufgerichtet, auf die Prozession
nieder. Für ihn war sie kein religiöser Umzug mehr, nur noch ein
Schauspiel, das die grausamen Schauer aus den dämmrigen Tiefen des
Herzens hervorrief. Mit dem gleichen wilden Behagen war er vor Wochen
an der Seite des fluchenden Skopas und des erzählenden Kaor gestanden.

Trotz aller Gier aber hatte der flinke Geist des Knaben noch
Aufmerksamkeit für die Kleidung und die Gebärden der Galli. Er
verspottete den Obergallus, der seine Geißel mit einer gewissen
Schonung auf den armen Leib niedersausen ließ, und weidete sich an den
majestätischen Bewegungen eines schwarzen Zimbelschlägers. Plötzlich
aber verlor er das blutige Schauspiel aus den Augen. Er sah einen
flinken Knaben durch die gedrängte Schar der Umstehenden gleiten und
jedem auf geschickte Weise einen Zettel zustecken. Selbst zu den
verzückten und in närrischer Lust ihre Gesichter aufwärts reckenden
Galli drängte er sich durch und drückte dem einen oder andern das
zusammengerollte Papier in die eingekrampfte Hand. Vielleicht wäre
Theonas' Aufmerksamkeit rasch wieder von dem geschäftigen Knaben auf
das blutige Schauspiel zurückgeglitten, wenn ihn nicht das merkwürdige
Gebaren der Empfänger in Erstaunen gesetzt hätte. Da gab es solche,
die das Papier wie ein übelriechendes Tier mit allen Gebärden des
Abscheus von sich warfen und sich nach reinigendem Wasser umsahen.
Andere lasen, schüttelten den Kopf, zeigten es den Genossen und
berieten sich, die Orientalen vergessend, über den Inhalt. Aber was
sollte er von denen denken, die glücklich lächelnd das enträtselte
Papier wieder zusammenrollten, es küßten und sorgsam in ihrem Gürtel
bargen? Kaum hatte Theonas ein paar von diesen beobachtet, als er dem
Knaben zuwinkte und durch Gebärden und Worte um einen Zettel bat. Doch
dieser winkte ihm schelmisch entgegen, warf ihm eine Kußhand zu, rief:
»Das Saattuch ist leer, -- wer Perlen will, muß sich das Fischen nicht
verdrießen lassen!« und verschwand in der Menge.

Aber Mulus hatte inzwischen mit seinem Krückenstocke einen von den
verunreinigten und zertretenen Zetteln hervorgeangelt und seinem
Herrn übergeben. Dieser sprang von seinem hohen Standpunkt auf die
Fliesen nieder, entfaltete das Papier und las: »Himmlischen Fisches
göttlich Geschlecht, heilige dein Herz, indem du unter Sterblichen am
unsterblichen Quell göttlicher Wasser dich labst! Erquicke, Lieber,
deine Seele an den stets fließenden Wassern bereichernder Weisheit!
Nimm des Erlösers honigsüße Speise der Heiligen: iß und nähre dich,
den FISCH in Händen haltend! Es sitzen die Brüder beim heiligen Mahl
und harren auf euch. Jene sind es, die der Fischer gezogen hat aus dem
Meer der Welt. Ihr Blut fließt im Bekenntnisse, weil sie den Unreinen
nicht unrein dienen. Aber sie leben in Ewigkeit, wenn sie standhaft im
Zeugnis gewesen sind. Denn der FISCH ist das Licht der Sterbenden.«

Vier-, fünfmal las Theonas den Zettel. Ihm war, als wäre in demselben
Augenblick, als er las: »Himmlischen Fisches göttlich Geschlecht«, jede
Flöte und menschliche Kehle um ihn her in wesenlosen Äther aufgelöst.
Er vernahm keinen Laut mehr und sah keine Gestalt. Er hatte wieder eine
der geheimnisvollen Adern aufgeschürft, in denen sein Rätsel durch Rom
lief. War er heute zu seinem Schlüssel gekommen? ... Sooft er wieder
las, verwirrte sich der Text noch mehr. Nein, das Geheimnis ist heute
nicht mit klaren Augen zu ihm gekommen. Es ist nur weiter aus seinen
Wolken hervorgetreten, aber jedes weitere Wort der Enthüllung ist ein
Rätsel mehr.

Als er aufschaute, war der Platz vor dem Tempel menschenleer. Nur
fernes Schreien und das Schmettern der Tamburins erinnerten noch an den
Umzug.

»Mulus«, sagte der Knabe erwachend, »ich bin jetzt auch ein Mulus
geworden; denn ich trage eine große Last.«

Mulus nickte, indem er die traurige Miene seines kleinen Herrn
nachahmte, und sagte willfährig: »Mein Herr trägt eine große Last.«

Als Theonas am Abend seinen Lehrer gefunden hatte, sagte er ihm zuerst
von dem Zettel nichts, sondern forschte ihn nach den Mysterien der
Cybele aus.

»Einer von den Tempeldienern, der sich ärger schlug als die andern und
so orgiastisch schrie, daß ihm der Schaum auf die Lippen trat, begann
gerade vor mir -- ich konnte ihm alle Zähne zählen -- zu singen, zu
heulen:

  ›Gegessen hab' ich aus dem Tymbanon,
  Getrunken hab' ich aus dem Zimbalon,
  Getragen habe ich die heilige Lade,
  Ein Eingeweihter des Attis bin ich geworden.‹

Sage mir, was das bedeutet! Was hat er aus den Schallbecken gegessen
und getrunken? Was liegt in der heiligen Lade verborgen? Was wissen die
Eingeweihten des Attis?«

Ptolomäus erwiderte: »Die vielen essen beim heiligen Mahl den Wahn,
einige die Ahnung, andere die Sehnsucht. Ein Vorbild ist dieses Mahl;
ich kenne die Erfüllung. Wir, die wir in das Geheimnis des Fisches
eingeweiht sind, essen und werden satt, trinken und werden erquickt,
hören Geheimnisse und werden erleuchtet.«

»Ich weiß, wer die Flugzettel geschrieben hat«, rief jetzt der Knabe
lebhaft. »Denn hier ist vom gleichen Fisch die Rede« -- er zog das
Papier hervor --, »den du den Sklaven gezeigt und geschenkt hast.
Und ich weiß jetzt auch, was die Eingeweihten des Fisches bei ihrem
heiligen Mahl essen: ›Iß und nähre dich, den Fisch in Händen haltend.‹
Siehst du, ich habe den Schlüssel gefunden. Ich bin ein Eingeweihter!«

»Du bist es noch nicht. Wer ist der Fisch?«

»Zeige ihn! Gib mir zu essen!«

»Geschrieben steht: ›Wer unwürdig dieses Mahl genießt, der versündigt
sich an der Gottheit, der ißt und trinkt das Gericht in sich hinein.‹«

»So mache mich würdig, weihe mich ein!«

»Kannst du ein Gesetz auf dich nehmen, das dir Leiden und Tod bringen
kann? Denn wer dieses Gesetz kennt, muß es über alles lieben und ihm
bis in den Tod nachfolgen. Er lernt die Gottheit kennen. Aber sie
verlangt von ihren Eingeweihten das gleiche, was der Feldherr von dem
Krieger verlangt: Treue bis in den Tod.«

»Ich bin ein Römer!« rief Theonas mit blitzenden Augen und stolzer
Gebärde.

Da neigte sich Ptolomäus, der in einer Laube des Gartens saß, tief
nieder und schrieb seiner Gewohnheit gemäß mit einem Stab die Umrisse
von Fischen in den Sand. Dabei sprach er leise, aber in großer
Bewegung: »Du bist der Pfirsich gleich, wenn sie schon gerötet ist und
weich zu werden beginnt. Dann ist die Stunde der Reife nahegekommen.
Ich will dir von Ihm erzählen -- dann magst du dich prüfen, ob du Sein
werden willst. Denn auch Er feiert in wenigen Wochen seinen Bluttag.
Wenn du dein Abendmahl eingenommen hast, so komm wieder zu dieser
Laube. Ich erwarte dich!«

Als die Sonne über die Vatikanischen Hügel ein Gebirge von Purpurgluten
aufschichtete, ehe sie sich gänzlich im Meere barg, begann Ptolomäus zu
dem nach Schülerart vor ihm stehenden Theonas: »Im Anfang erschuf Gott
den Himmel und die Erde. Aber die Erde war wüst und leer .... Und Gott
sprach: ›Es werde Licht!‹ ....« Dann erzählte er in großen Linien vom
Paradies und der ersten Sünde, von den Urvätern und vom auserwählten
Volk, von David und den Propheten, von der Verheißung des Messias und
der großen Sehnsucht der Völker nach dem Erlöser.

Unwillkürlich wandte sich der Knabe allmählich von dem Erzähler ab.
Von der Laube aus hatte man einen Blick auf das Kolosseum und die
Palatinischen Paläste, auf das Kapitol und seinen gewaltigen Tempel.
Rom wurde dem Lauschenden zu Jerusalem. Wie er einst Cäsar und Augustus
in die übermenschlich gewaltigen Bauten gedacht hatte, so sah er jetzt
die Propheten auf den Mauern sitzen, und als eine Sternschnuppe über
den Himmel glitt, barg er sein Antlitz in den Falten seiner Tunika.
Denn die Macht der inneren Gesichte erfüllte ihn mit solcher Weihe,
daß er nicht einmal das Dreinreden der ewigen Roma ertragen konnte.
Sosehr er am Anfang stoffhungrig nach einem raschen Vorübergleiten der
Geschehnisse gedrängt hatte, so froh war er, als Ptolomäus endlich
bei Prophetenworten verweilte, gedanken- und ahnungsreiche Sinnbilder
deutete und zuletzt den Faden der Erzählung ganz abriß. Er war
übersättigt, überwältigt und fühlte, daß er eine weitere Spannung nicht
mehr ertrug. Kaum hatte der Hofmeister seinen Bericht unterbrochen,
als er seine Bälle hervorsuchte und mit kindlicher Hingabe Urania, das
Himmelspiel, übte, so, als hätte ihn nie etwas anderes begeistert und
als wollte er die Bälle durch die ganze Nacht hintanzen lassen wie der
Himmel seine Sterne.

Am folgenden Abend führte Ptolomäus seinen Jünger nach den Stätten
der evangelischen Geschichte. Er schuf ihm in leuchtenden Worten das
Bild des Wundertäters am See Genesareth, und in klagloser Ruhe, mit
heimlich-bewegten Worten zog er den Tiefergriffenen mit sich auf
die Höhe der Schädelstätte, wo er ihn das sonnverdunkelnde Leid des
Bluttags und das welterhellende Wunder des Ostermorgens erleben ließ.

Theonas weinte diesmal Tränen des Erbarmens und der Begeisterung. Er
kam in ein heißes Hassen und Lieben. Plötzlich aber nahm er die Hände
von dem in zarter Scham verborgenen Gesicht, lächelte leichtsinnig
und pfiffig, wie einer, der ein Rätsel durchschaut hat, und fragte
Ptolomäus, genau wie vor zwei Tagen den Mulus:

»Und ist denn dieser ... ~wirklich~ gestorben?«

»Er ist wahrhaft gestorben!«

»Wahrhaft? Nein, ihr nehmt an, er sei ...«

»Er ist wahrhaft gestorben!«

»Und wann? Ha, ich weiß es: +olim+! Es war einmal ...«

»Du irrst: Als Pontius Pilatus Landpfleger von Judäa war und zu Rom
Kaiser Tiberius regierte!«

»Und weißt du auch, wann dieser Gott Attis, den sie auch begraben und
auferstehen lassen, seinen unseligen Tod fand?«

»+Olim!+ Ich will sagen: nie. Oder besser sage ich: Jahr um Jahr.
Denn Attis ist keine Person, sondern ein Name, ein Sinnbild für die
Natur. Sie stirbt im Winter hin und ersteht wieder im Frühling. Sie
ist Attis, Mithra, Osiris, und wie die Götter alle heißen, in deren
Geheimnisse sich Römer und Barbar einweihen kann. Hinfort aber werden
diese Namen wieder verschwinden. Die Natur wird von den Menschen
empfangen, was ihr gebührt: die Ehre eines Meisterwerkes. Hingebung
jedoch und letzte Ehrfurcht wird wieder aufsteigen zum Meister und
seinem Eingebornen. Nicht an einen Mythos hängen wir unsere Lehre,
sondern an eine Person. Darin liegt die Gewißheit unseres Sieges. Wir
klagen und jauchzen nicht, als ob ..., wir klagen und freuen uns, weil
..., weil das Wort Fleisch geworden, sich für uns hingegeben und uns
erlöst hat. Ich habe dir noch vieles verschwiegen, insbesondere die
Erzählung von dem heiligen Mahle, bei dem uns der Fisch in die Hände
gelegt wird. Das kannst du noch nicht tragen. Doch das eine sollst
du sicher haben: Attis ist von Menschen geschaffen, wie spielende
Kinder einen Holzstock ihr Pferd heißen. Der Heilige von Nazareth
aber ist wahrhaft in die Welt getreten und ist nicht nur ein Name für
Schicksale, sondern hat wirklich Leiden, Verfolgungen und Tod gelitten.
Morgen führe ich dich in das Staatsarchiv auf dem Kapitol. Ohne
Mühe werden wir die Rolle empfangen, in welcher Pontius Pilatus den
amtlichen Bericht über den unglücklichen Gerichtstag gibt.«

       *       *       *       *       *

Nachdem sie den wohlerhaltenen Akt zusammen entziffert hatten,
war Theonas voll Fröhlichkeit und drängte seinen Lehrer, ihn zum
Eingeweihten Christi zu machen.

Es war das in jenen Tagen, als die Leidenschaft des zynischen
Philosophen Kreszenz, die Härte des Stadtpräfekten Rustikus und die
Nachgiebigkeit des Kaisers Mark Aurel eine neue Verfolgung der Christen
entzündeten. In den Gymnasien und Ringplätzen, in den Frauengemächern
und den Räumen, wo unbeschäftigte Sklaven standen, wuchsen die
Gerüchte über die Verbrechen der Christen wie unheimliche Schatten im
Zwielicht der Dämmerzeit. Theonas hörte aus dem Munde seines Lehrers
den Ruhm des Kreuzes, aus dem Munde seiner Mutter und ihrer Sklavinnen
seine Schmach. Ptolomäus erzählte ihm, wie Jesus als Wohltäter durch
die Gaue wanderte und sich im Wohltun erschöpfte; die Philosophen,
die den Spielen der Jugend in den Ringschulen zuschauten, nannten
Ihn einen Hasser des menschlichen Geschlechtes. Auf den Straßen und
Plätzen schrie das aufgeregte Volk: »Nieder mit den lichtscheuen
Naturverkehrern! Sie essen Menschenfleisch, sie schlachten Kinder,
sie beten einen Esel an!« In der Laube vernahm der Knabe in geweihten
Abendstunden, wie die Christen nach dem Ebenbild ihres Meisters heilig
leben und die Bruderliebe im Wohltun beweisen müßten. Aber seine Seele
litt unter dem Zwiespalt seiner Umgebung nicht. Denn sein Herz gehörte
dem Gottmenschen des Ptolomäus ganz und schlug ihm in jugendlichem
Feuer ohne Wanken.

Als nun die ersten blutigen Opfer dieser Verfolgung, zwei eifervolle
Sklaven, fielen, schien Ptolomäus heftig zu erschrecken. Er wurde
vorsichtig, ja zurückhaltend und kam nicht mehr zur Katechese in die
Laube. Aber Theonas nahm ihn bei der Hand, blickte ihn fest an und
sagte mit stolzer Stimme: »Ich bin ein Römer!«

Ptolomäus aber hatte nicht aus Furchtsamkeit gezögert, den Knaben
weiter in die Heilsgeschichte einzuführen, sondern weil er seinen
Schüler jetzt noch nicht fähig hielt, seinen Glauben auch im Sturme
festzuhalten. Er sah, wie die Natur des Knaben so beschaffen war, daß
er ganz vom Augenblick bestimmt wurde. Er konnte jetzt »den Herrn, der
Himmel und Erde und alles, was darin lebt, erschaffen hat«, mit der
Inbrunst eines im göttlichen Dienst Ergrauten anbeten und im nächsten
Augenblick mit seinem Mulus rücksichtslos wie mit einem Strohmann
spielen. Es gab Tage, wo er nur Homer aufsagte, und Tage, wo er auf den
Händen ging, sich auf Stelzen tummelte, mit den Sklavinnen Schabernack
trieb oder gar mit hartnäckiger Leidenschaft Morra spielte. Nicht
selten geriet er in Wut, schlug seinen Pädagogen und ohrfeigte die
Mägde. In der Ringschule hatte er einmal folgenden Vexiersyllogismus
gehört: »Ein Mann wird gefragt, ob er seinen Vater kenne. ›Das sollte
ich denken!‹ antwortet er. Aber der Frager fährt weiter: ›Wenn ich dir
nun einen verhüllten Menschen vorführte und dich fragte: Kennst du
den? -- was wolltest du antworten?‹ -- ›Daß ich ihn nicht kenne!‹ --
›Ausgelacht! Der Verhüllte war eben dein Vater; da du ihn nun nicht
kanntest, so ist klar, daß du deinen eigenen Vater nicht kennst.‹«
Theonas grübelte Tag und Nacht über eine befriedigende Antwort auf die
böse Frage nach und vergaß darüber das Geheimnis des Fisches, ja, wie
es schien, sogar die Bücher der Frohbotschaft. All das verlief nach
dem alten Satz: +Sunt pueri, pueri puerilia tractant+[3]. Aber war nun
wirklich auch Tiefe in dem Knaben?

[3] Kinder sind's, Kinder treiben Kindisches.

War sein Eifer für die religiösen Geheimnisse nichts anderes als
Hunger nach Erlebnissen, Drang nach Abenteuern? Oder waren diese
Äußerungen einer geistig regen Jugendkraft wirklich aufsprossende
Keime einer religiösen Natur?

Ptolomäus rief den Knaben nie zu einem Gespräch über religiöse Fragen.
Ja er wich ihm aus, ließ sich nötigen und antwortete auf sein Drängen
nach Offenbarung der christlichen Lehren standhaft: »Wenn du sie
kennst, so verpflichten sie dich. Denn wer das Wort hört, aber nicht
aufnimmt und befolgt, verfällt dem Gericht. Wer einmal eingeweiht ist,
empfängt die Gnaden und die Erkenntnisse ganz, aber auch ganz die
Pflicht zum Bekenntnis und zur Nachfolge.«

Theonas' Mutter war in das Bad nach Bajä, der Vater nach Alexandrien
gegangen. Sosehr der Knabe beide liebte, so freute er sich doch, daß
sie weggereist waren. Denn die Eltern standen im Scheidungsprozeß, und
wenn das Söhnchen zum Vater kam, so schmähte dieser auf die Mutter,
und diese benutzte jede Gelegenheit, um Haß und Verachtung gegen den
Vater in des Knaben Herz zu säen. Beide aber waren im übrigen mit ihren
Angelegenheiten so beschäftigt, daß sie den Sohn völlig dem Gesinde
überließen und ihm nur von Zeit zu Zeit Leckereien und Spielsachen in
sinnlosen Mengen zusandten.

Ptolomäus war ganz von dem Gedanken beseelt, daß das Ende der Welt nahe
sei. Die neuausbrechende Verfolgung, die täglichen Hinschlachtungen der
Heiligen, das Harren und Bangen der noch Unverklagten, die seltsamen
gnostischen weltfeindlichen Lehren, welche im Schoße des Christentums
selbst emporwuchsen, brachten ihn in eine Stimmung, daß er den Sohn
des Menschen Tag für Tag in den Wolken des Himmels erwartete. Er
fragte darum nicht, ob er durch seine Unterweisungen in die Rechte
der Eltern eingriff. Es handelte sich für ihn um die Rechte Gottes.
Das Himmelreich leidet Gewalt -- Gewalt wollte er brauchen. Wenn das
Ende nahe war, so mußte das Evangelium in der kostbaren Frist, die der
Verkündigung gesteckt war, so weit als möglich getragen werden. Er trat
in seinem Kreise offener mit seinem Bekenntnisse hervor und wirkte
unter den Sklaven, Freigelassenen und Klienten kühn für die geheimen
und verbotenen Lehren. Schließlich überwand er auch seine Bedenken
in betreff seines Zöglings und entschloß sich, ihn als Katechumene
aufnehmen zu lassen. Denn er bemerkte, daß Theonas auch ohne seine
Führung in der heiligen Erkenntnis weiterschritt. Es war also nicht
mehr sein Einfluß allein, der diese Seele zu den christlichen Lehren
hinzog, sondern diese arbeiteten sich bereits aus eigener Kraft oder
durch gelegentliche Hilfe an das Licht. Wenn aber dem Knaben das
Christentum nicht mehr Ptolomäus war, sondern ein Gut, das an keine
lebendige Persönlichkeit gebunden war, so konnte er seinen Weg auch
ohne ihn finden.

Theonas liebte außer Ptolomäus am allermeisten Kaor, den Erzähler. Zu
ihm ging er, als der Lehrer unter dem ersten Eindruck der Verfolgung
stockte. Er tippte ihn an, lächelte ihm zu und bat: »Erzähle!« Und
wie das Wasser der Erde aus dem Munde besonderer Quellen eine eigene
Kraft und Frische hat, so quoll das Wasser des Lebens aus Kaors
Herz und Mund in ganz wundersamem Geschmacke hervor. Er berichtete
wie Ptolomäus. Aber wie formte sich der Bericht in seinem Geist! Er
erzählte mit erhobenen Händen und zurückgeworfenem Kopf; das ganze
Evangelium wurde in seinem Munde zum Hymnus, und die Kraft gewaltiger
Worte verklärte die schlichten Geschehnisse. Von ihm erfuhr der Knabe
zum erstenmal und in einer Sprache, die zu erhaben war, um deutlich
zu berichten, von jenem wundersamen Mahle: »In jener Stunde lagen
die Fischer am Ozean der Liebe, die Tauben waren um den göttlichen
Adler herum in glückseliger Stille. Und siehe: Es erhob sich unser
Herr wie ein Held, stellte sich auf wie ein Gewaltiger, betete zu
seinem Vater, blickte auf zum Himmel und eröffnete die Schätze wie
ein Mächtiger. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Glieder
glichen den Lichtstrahlen, seine Gedanken brannten gleich Lampen. Er
stand da und trug im heiligsten Geheimnisse sich selbst aus Liebe und
hielt seinen eigenen Leib hoch in seinen Händen. Seine Rechte war
ein heiliger Altar, seine erhabene Hand ein Tisch des Erbarmens. Er
sprach: ›Kommet und empfanget mich, denn ich will es; esset mich, denn
ich bitte darum. Dies ist der Leib, welchen die Engel wegen seines
Glanzes nicht anzuschauen vermögen. Dies ist das Brot der Gottheit.
Kommet, empfanget mich, zerteilt und kostet mich unter den Gestalten
verhüllt. Kommet, meine Jünger, ich will mich in eure Hände legen. Ich
verbrenne nicht den, welcher mich ißt, aber den, der mir fernbleibt.
Kommet, meine Lieben, trinket auch mein Blut. Trinket den Becher der
Flamme, das Blut, welches alle, die es trinken, entflammt. Dies ist der
Becher, durch welchen das Blut der Opfertiere ersetzt wird, der eine
Erquickung ist in aller Mühe. Dies ist das Blut, durch welches Friede
und Eintracht zwischen Himmel und Erde hergestellt werden. Dies ist der
Becher, in welchem verborgen liegen Barmherzigkeit und Gericht, Leben
und Tod.‹«

Gegen Ende erzählte Kaor nicht mehr. Er sang vielmehr den Lobpreis
des Geheimnisses. Lautlos verrichteten die Genossen an seiner Seite
ihre harte Arbeit, so hurtig und geschäftig, als reichten sie sich
Trinkbecher herum. Ihr ödes und freudloses Geschick schien vergessen.
Der Knabe lauschte auf die dunklen Worte hin wie auf eine wundersame
Musik, die man nicht verstehen kann, die aber die Seele im Innersten
bewegt.

Ein andermal goß Kaor eben eine Schütte Weizen in goldener Flut in die
Mahltrichter; dabei sang er: »Er ist das Weizenkorn, ist Himmelskraft
und Erdenfrucht. Er wird zermalmt und zertreten. Aber er ist Speise --
er der Fisch.« Und er zeichnete mit seinen Fingern einen Fisch in die
Körner. Darüber schrieb er die Buchstaben Ι·Χ·Θ·Υ·Σ, was auf griechisch
»Fisch« heißt. Theonas entging es nicht, daß er nach jedem Buchstaben
einen Punkt machte. Und auf einmal blitzte ein Verstehen in ihm auf.
»Ich kenne das Geheimnis des Fisches«, rief er und rannte zu Ptolomäus.
»Jeder Buchstabe ist der Anfang eines eigenen Wortes«, jubelte er
seinem Meister zu. »Ich ergänze die fehlenden Buchstaben und habe nun:
Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser. Es trifft sich wundersam, daß die
Anfangsbuchstaben dieser fünf Wörter zusammen gelesen das Wort Fisch
geben.«

Ptolomäus beugte sich liebevoll zu seinem Schüler nieder: »Siehst du
jetzt, daß mein Fisch kein Fisch ist?« -- »Ja«, rief Theonas entzückt
über seine Entdeckung, »und ich weiß auch, warum man ihn das Weizenkorn
nennt. Die Juden haben ihn ja zermalmt wie die Mühle das Korn. Alles,
alles weiß ich jetzt. Auch daß er der alles sehende Hirt ist und der
Eckstein. Ich weiß, wer das Volk mit dem strahlenden Siegel ist: das
sind die getauften Christen. Und die königliche Frau mit dem goldenen
Gewande, das ist die Gemeinde, der du angehörst.«

Eilig holte er den sorgfältig verborgenen Zettel hervor, der ihm am
Blutfest durch jenen Jungen zugekommen war, und las ihn triumphierend
durch. Auf einmal aber stockte er: »Genieße reinen Herzens vom
himmlischen Fisch .... Iß, trink, der du in Händen hältst den Fisch.
Was ist das?« fragte er bedächtig, den Finger am Munde, angestrengt
nachdenkend. Ptolomäus sprach: »Das ist das letzte Geheimnis, das
erhabenste. Nur Eingeweihten dürfen wir das Mysterium kundtun. Komm nun
-- und werde auch ein Schüler der Frau mit dem goldenen Gewande.«

An dem darauffolgenden Sonntag nahm Ptolomäus den Knaben zum erstenmal
in die gottesdienstliche Versammlung seines Bezirkes mit. Sie fand
im Hause eines wohlhabenden Römers am esquilinischen Hügel statt.
Der Türhüter öffnete auf ein bestimmtes Zeichen. Ptolomäus schritt
darauf mit dem Knaben durch den offenen Hof in den Raum, in welchem
in andern vornehmen Häusern die Speisesofas zu stehen pflegten. Auch
hier erinnerten Wandgemälde daran, daß dieses Zimmer bis in die
letzte Zeit als Speisezimmer gedient hatte. Heute aber stand darin
nur ein einziger mit Broten und Kelchen besetzter Tisch. Dieser war
nahe an die eine Schmalwand gerückt. Ein Priester in weißem, nach Art
eines Philosophenmantels gefaltetem Gewand ordnete ihn, während zwei
Diener mit Fächern aus Pfauenfedern bereitstanden, andrängende Mücken
abzuwehren.

Die Versammelten knieten alsbald auf ein Zeichen des Priesters
nieder, und einer seiner Helfer betete zu Beginn der Feier über die
Katechumenen, daß Gott ihre Sehnsucht erfülle, ihnen enthülle das
heilige Evangelium seines Christus, sie mit Erkenntnis erleuchte und
sie würdige des Bades der Wiedergeburt. Jede Bitte bekräftigte die
Gemeinde mit einem lauten: »Herr, erbarme dich!«

Danach mußten die Katechumenen in die Nähe des Priesters treten. Der
Diakon rief ihnen zu: »Neiget euch und empfanget den Segen!« Als sie
tiefgebeugt am Boden knieten, streckte der schwarzbärtige Priester über
sie die Hand und sprach: »Allmächtiger Gott, sieh nun herab auf deine
Diener, gib ihnen ein neues Herz und erneuere in ihnen den guten Geist.
Würdige sie der Einweihung und mache sie der Geheimnisse teilhaftig,
durch Christus, unsere Hoffnung!«

Wie enttäuscht aber war Theonas, der Enthüllungen und staunenerregende
Vorgänge, erhabene Gesänge und magische Geschehnisse erwartete, als
der Diakon darauf rief: »Katechumenen, ihr seid entlassen!« Ehe er
recht zum Bewußtsein kam, stand er wieder im Freien und befand sich mit
seinem Lehrer auf dem Heimwege. Wie viel hatte er zu fragen, wie mußte
er sich mühen, seine Enttäuschung zu verbergen, ja seinen Unwillen zu
verhehlen! Wiederholt rief er aus: »Das hat mir nicht gefallen! ...
Ist das euer ganzes Opferfest?« Aber der Lehrer wies auf die drängende
Volksschar, legte den Finger auf die Lippen und sprach nur: »Warte!« So
drängte der Knabe denn nach Hause, um sein erregtes Gemüt entfesseln
zu können. Aber als sie in das Atrium kamen, traten zwei Soldaten
hervor und nahmen Ptolomäus im Auftrage des Stadtpräfekten fest. Die
Sklaven standen in erregten Gruppen umher, es war ein Rennen und Summen
durch das ganze Haus wie in einem aufgestörten Bienenstock; nur die
Worte »Christianer« und »Magier« schrillten bisweilen lauter aus dem
dumpfen Chor. Theonas schrie laut auf und widersetzte sich zornig der
Ergreifung seines verehrten Meisters. Aber als Ptolomäus ihm zusprach:
»Du bist ein Römer -- vergiß das nicht!« da verstummte er, neigte sich
gegen eine Säule und verbarg sein schmerzvolles Antlitz an ihrer kalten
Glätte, während der Lehrer im Dunkel des Hausflurs verschwand. Dann
ging er in seine Gemächer, ließ sich von Mulus bedienen wie sonst,
zeigte den Sklavinnen ein herbes Gesicht, lenkte ihre Aufmerksamkeit
von sich ab und benützte die erste Gelegenheit, um in das Mühlgewölbe
zu kommen. Aber -- auch Kaor und Skopas waren weg. Fremde Gestalten,
wild und trotzig, bewegten ihre gewaltigen Leiber in dem dämmerigen
Raum. Tyche, die listige, die ihm nachgeschlichen war, zupfte ihn
von hinten am Rock und flüsterte: »Die Götter seien gelobt, die
Menschenfresser sind entdeckt ... sie werden von den Löwen gefressen.
Was sucht mein Herr? Ach es ist so öde im Haus, seitdem die Herrin
in Bajä weilt! ... Der Fisch-Hofmeister ist weg ... wollen wir Ball
spielen? Nicht? Dann ... Morra! Ach ja, Morra!«

Theonas sah zu ihr auf. Sie hatte wieder ganz jenes leichtsinnige,
verschlagene Bubenmädchengesicht, das ihn immer zu Ohrfeigen reizte.
Aber er mäßigte sich, ließ sie stehen, schickte sie, als sie ihm wie
eine schmeichelnde Katze nachschlich, schroff an ihre Arbeit und schloß
sich in sein Gemach ein, um sich so recht satt weinen zu können. Das
schien für ihn vorläufig der einzig mögliche Trost.

An den folgenden Tagen war es ihm nicht möglich, ein Zeichen von
Ptolomäus zu erhalten. Das Haus war wieder öde und langweilig,
wie in den früheren Tagen. Theonas tummelte seine Phantasie in
Rettungsgedanken müde. Dann erinnerte er sich, daß Ptolomäus das
Ende der Zeiten vorausgesagt hatte, und machte den Versuch, etwas
zur Vermehrung des Reiches Gottes zu schaffen und -- hielt vor Mulus
die Angel seiner Lehre. Mulus schluckte sie willig. Er nickte innig
beistimmend, wenn ihm der Herr von dem Gottmenschen von Nazareth,
von dem einen wahren Gott und von der Torheit der Götzen sprach. Nie
zeigte sich Widerspruch, nie Überraschung, nie Verlegenheit oder Leid.
Mit allem, was der Knabe ihm vortrug, so einverstanden, als wäre er
von Jugend an ein Bekenner des neuen Glaubens, widersprach er auch
nicht dem Ansinnen, sich taufen zu lassen, und schien sich durchaus
nicht vor dem Los des Ptolomäus zu fürchten. Anfangs freute sich der
Knabe über die Willfährigkeit seines Pädagogen; aber schließlich wurde
er unsicher. Er fühlte, daß ihm nie eine eigene Regung des Alten
entgegenkam, und begann zu mißtrauen. Er lehrte am folgenden Morgen,
um seinen Jünger auf die Probe zu stellen, er habe erkannt, daß der
Himmel eitel Luft und Dunst sei. Nie habe es einen Gott gegeben, nie
auch eine unsterbliche Seele, und recht hätte die Grabschrift seines
Großvaters, die bekenne: Niemand ist unsterblich. Mulus nickte heute
in ebenso freudiger Zustimmung und bekannte sich ohne Zaudern zu
dem Gesinnungswechsel seines Herrn. Da mußte Theonas in all seiner
Traurigkeit lachen: »Mulus, nun sage mir doch, was denkst du selbst,
aus deinem eigenen, über diese Dinge?« Mulus sah erstaunt auf: »Ich?
Nichts anderes, als was unser Herr denkt. Ich habe nie etwas anderes
gedacht! Ich lebe und sterbe in dem Bekenntnis meines Herrn. Er möge
mir befehlen, daß es einen Gott oder eine Seele gibt, und sie sind da!«

Von Stund an gab es Theonas auf, diesen Sklaven in die Freiheit zu
setzen, die ihm selbst noch mangelte. Er hatte von der aufgewendeten
Mühe die eine Frucht geerntet, daß er lehrend über manchen Punkt klarer
geworden war als hörend. Als er zwei Tage darauf, von Mulus durch das
Gedränge der Straßen geleitet, zu dem Haus an dem esquilinischen Hügel
eilte, um dem Gottesdienste beizuwohnen, fand er es geschlossen, mit
kaiserlichen Siegeln verwahrt und von einem Soldaten bewacht. So hatte
also auch hier der Drache seine Fänge ausgestreckt und das Gottesreich
weggeraubt! In tiefer Mutlosigkeit wanderte er zurück. Seine Gedanken
suchten nach einem Tröster. Er hatte alles, was er liebte, verloren,
und es kam ihm vor, er sitze im Gefängnis, Ptolomäus aber, Kaor und
die andern müßten in der Freude über ihre Gemeinschaft die dunklen
Mauern vergessen. Saßen sie nicht zusammen wie die Bienen im Stock,
und war Ptolomäus nicht wie die Königin in einem solchen Stock, deren
Nähe Friede und Harmonie schafft, so daß die vielen wie ~ein~
Leib zusammenhängen? Er sehnte sich nach dem Leben des Kerkers und
schauderte vor dem Tod, der seine Freiheit umgähnte. Da plötzlich stand
jener flinke Knabe vom Dioskurentempel vor ihm, schob ihm einen Zettel
in die Hand, verbeugte sich, warf ihm eine Kußhand zu und eilte davon
wie einer, der ein Rennen zu gewinnen hat. Theonas öffnete das Papier,
an dessen oberem Rand ein Milcheimer mit angelehntem Stab und ein Fisch
mit einem Brotkorb auf dem Rücken mit flüchtigen Zügen hingekritzelt
war, und las: »An die Heiligen in der Zerstreuung. Das Weizenkorn
muß gemahlen werden, daß es Brot werde. Das Blut der Märtyrer muß
fließen, daß es Same neuer Heiligen werde. Die zerstreuten Schäflein
sammeln sich an der Ardeatinischen Straße im Hypogäum der Domitilla,
an der Nomentana beim Quell. Dort warten Milcheimer und Honig auf
sie, dort das Mahl des Fisches. Die entschlafenen Heiligen der Tiefe
schützen uns. Vergesset nicht der Schwachen und Verschüchterten, nicht
der Armen, nicht der Eingekerkerten! Stark ist die Gewalt des Todes,
stärker die der Liebe. Weh dem, der allein steht! Alle Katechumenen,
die Kraft fühlen, Bekenner zu sein, sind zu den Geheimnissen geladen.
Wasser fließt in dem Kerker und unter der Erde. Brot und Fisch und
Heiliger Geist in Fülle erleuchten die Räume des Elends. Kommt ohne
Säumen, daß keinen der Tod ohne das Leben ereile!«

Theonas hüpfte vor Freude, als er diese Zeilen las. Die Heimat strahlte
in seine Fremde hinein. Er lachte und schnippte mit den Fingern, so daß
Mulus die Warnungsformel hervorholen mußte: »Den Kopf senken! Nicht an
erwachsene Männer anrennen! Bescheiden ausweichen! Dort der Mann in der
Toga ist ein Bekannter des Hauses, grüßen!«

Zu Hause lag ein Brief des Vaters: »Den Göttern sei Dank gesagt, daß
sie dem Menschenfeind zur rechten Zeit die Verkleidung des Weltweisen
weggerissen haben. Ich habe ihnen den fettesten Stier geopfert für
die Rettung aus großer Gefahr. Solltest du wissen, welch ein Drache
dieser Ptolomäus gewesen ist, dann vergiß sein Andenken und reinige
Leib und Seele von seinem Anhauch. Natürlich, deine Mutter hatte mit
Schminke und Schönheitsmitteln zu tun, sie konnte den bösen Dämon nicht
entlarven. Ich höre, sie hat eben eine neue Ehe eingegangen. O wie bin
ich betrogen! Für dich habe ich einen neuen Hofmeister gekauft. Er hat
mir geschworen, von der Pest der Christianer nichts zu wissen. Du bist
jetzt ohne Leitung, nachdem du so lange mißleitet warst. Aber jetzt
wirst du in gute Hände kommen. Das wollen die Götter gewähren, wenn
Götter sind. Ich für meine Person habe mich hier der Verehrung der
Cybele und des Attis übergeben. Dein neuer Hofmeister ist ein Myste der
Isis. Beiliegende Geschenke mögen dich über meine Abwesenheit trösten.«

Der Knabe beachtete an diesem ganzen Brief nur die Stellen, die von
der baldigen Ankunft des neuen Hofmeisters sprachen. Diese Nachricht
mußte ihn drängen, die wenigen Stunden der Freiheit, die ihm vielleicht
noch blieben, zu benutzen. Er rief Mulus herbei, klopfte ihm auf die
Schulter und sprach bald herrisch bald kindlich hilflos bettelnd auf
ihn ein: »Mulus, höre, ich habe dir einen strengsten Auftrag! Bitte,
Mulus, wenn du das zustande bringst, was ich dir jetzt sage, so ändere
ich deinen Namen, und du sollst künftig Aquila oder Leo heißen oder wie
du willst! Nämlich du hast jetzt auf der Stelle Ptolomäus aufzusuchen.
Und -- höre! -- du mußt zu ihm kommen, ob er gleich hinter zehn Mauern
und zwanzig Wachen liegt, das hält einen Leo nicht ab. Mit List,
Gewalt, kluger Überredung und goldener Hand -- ja wohl, hier hast du
zwanzig Goldstücke --, so fallen die Wachen und Mauern nieder wie Dunst
und Rauch. Mein lieber Mulus, denke jetzt nicht daran, wie ich dich
kränkte und mißhandelte, sondern wie ich mit dir Morra spielte und dich
beschenkte! Auch hast du heute ein Christ zu sein, hast Seele und einen
strengen Gott! Ich befehle es! Und du grüßest Ptolomäus, überreichst
ihm diesen Brief und sagst, du seiest jeglichen Vertrauens würdig! Und
ich müsse ihn sprechen. Ich verlange das Geheimnis -- nein, sage, ich
flehe darum. Und ich sei ein Römer!«

Mulus warf sich, als der Knabe geendet hatte, in die Brust: »Ich bin
auch ein Römer«, sagte er dann unter vielen Verbeugungen, »und ich
zähle mich zu den Christianern und werde dich zu Ptolomäus bringen. Ich
weiß ein Mittelchen, daß es gelinge. Dem Merkurius opfere ich einen
Hahn; wenn ich an dem Herkulesbild vorbeigehe, so huste ich siebenmal
und sage ein ephesinisches Wort. Kurz und gut -- mit oder ohne goldene
Hand: Du bekommst Audienz im Kerker.«

Am andern Tag, um die Zeit der römischen Nachmittagsstarre, stand
Theonas wirklich im Gefängnis bei Ptolomäus. Er schmiegte sich an
ihn, wie Kinder sich an die endlich heimgekehrte Mutter zu schmiegen
pflegen, und genoß die Nähe des verehrten Meisters wie einen
erquickenden Trank. Kaum vermochte er zu reden. So sehr sich auch
sein Römerstolz gegen jede Furcht auflehnte, so vermochte er doch
ein eigentümlich drückendes Gefühl nicht zu verscheuchen. Kam diese
Pressung von den harten Soldaten am Eingang oder von den scharf
beobachtenden Gefängniswärtern im Vorraum? Von dem Schlagen der
schweren eisernen Tore und vom Klirren der vielen krausen Schlüssel?
Doch all das lag ja hinter ihm. Die Wärter waren an dem Tor geblieben;
er war mit Ptolomäus und seinen Mitgefangenen allein. Wer aber waren
diese Menschen in Ketten und Fußschellen? Seine großen, glänzenden
Augen glitten von einem zum andern und spähten ihre traurige Kleidung
und ihre Gesichter ab, soweit das im Dämmern der Zelle, die nur ein
in doppelter Manneshöhe über dem Fußboden steil in die breite Mauer
eingeschrägte Fensteröffnung erleuchtete, möglich war.

»Fürchte dich nicht«, sagte jetzt Ptolomäus. »Was diese hier auch immer
gewesen sein mögen, jetzt sind alle gut: Einige, wie du, Katechumenen,
andere aber Brüder seit langem, und mehr, sie sind Bekenner und werden
morgen Märtyrer sein. Ihr Urteil ist schon gesprochen!«

»+Deo gratias!+« klang es freudig aus einer Nische. Als Theonas
hinblickte, sah er dort Männer mit erhobenen Händen und mit einem
Ausdruck, wie er auf Gesichtern zu liegen pflegt, die eben etwas
Übermenschliches erlebt haben. Theonas ward von diesem Überschwang der
Züge so betroffen, daß er aufs neue von Scheu und Bangen ergriffen
wurde. Der Schweiß perlte ihm von der Stirne. Es war hier so schwül und
trübdunstig, daß alle Gesichter in fahlgelben Tönen schwammen. Die Luft
beschwerte die Brust, die unter der Last geistigen und körperlichen
Druckes schwer arbeitete, während das Herz heftig pochte.

Doch nun faßte Ptolomäus den Knaben bei der Hand, und seine tiefe,
beruhigende Stimme zog den Knaben sehr rasch von den düstern äußeren
Eindrücken weg in den Bann seines Geistes.

»Der Herr ist nahe und rückt eilig heran. Was wir heute beendigen
können, dürfen wir nicht auf morgen schieben. Nahe ist die Nacht, die
allem Wirken ein Ziel setzt. Übermorgen ist mein Gerichtstag -- wenn
Gottes Gerichtstag nicht eiliger anbricht. So will ich denn keine
Arbeit zurücklassen. Bist du bereit, morgen die drei Mysterien: Taufe,
Mahl und Besiegelung zu empfangen?«

»Ich darf? Du öffnest das Tor? Und ob ich bereit bin?«

»Noch ist dir das Geheimnis des Ichthys nicht ganz offenbar. Du sollst
jetzt inne werden, was die Eingeweihten keinem Heiden offenbaren,
in keinem Buche beschreiben, ja in keinem Bilde darstellen dürfen.
Die draußen stehen, wissen nur so, daß sie nicht wissen, sehen nur
Sinnbilder, die aufzeigen und verbergen.«

»Kaor, sing, ehe ich beginne, den Hymnus des Bechers.« Und Kaor, der in
einer Nische bei den Märtyrern saß, trat aus den tiefen Schatten vor
und sang: »In jener Stunde lagen die Fischer am Ozean der Liebe ....«

Als er geendet hatte und ohne ein Zeichen des Erkennens, ganz wie ein
Ehrfürchtiger, der Angehörigen im Heiligtum, in der Nähe der Gottheit
begegnet, in das Dunkel zurückgekehrt war, erzählte Ptolomäus in den
schlichten Worten der Evangelien das letzte Ostermahl des Herrn und
das Vermächtnis der Stunde, ehe er sein Leiden auf dem Ölberg begann;
und er deutete aus, wie die Gemeinden beim Gottesdienste, wenn die
Katechumenen und Büßer entlassen sind, das Gedächtnis des Leidens, die
Erneuerung des Herrenopfers und schließlich die mystische Gemeinschaft
mit ihm durch Genuß des gesegneten Brotes und des gesegneten Kelches
feiern. Und er schloß: »So ist immer ~er~ unter uns, wenn wir zur
Eucharistie zusammenkommen. Nichts geschieht ohne ~ihn~. ~Er~ mit uns,
~er~ in unserem Leib und Geist! ~Er~ in jedem Glied der Gemeinde. Darum
sind wir alle eins, Reiche und Arme, weil sein Blut und seine Kraft
in uns strömt. Wir trinken in ihm das Leben in uns hinein. Die Arznei
gegen Sterblichkeit, die uns die Zauberer betrügerisch -- nein, als
unbewußte Wahrsager -- anbieten, hier wird sie dargereicht. Göttliches
essen wir, und darum Unsterblichkeit. Die Liebe wird unser Anteil,
und darum jegliche Kraft. Die Verklärung, und darum Erhabenheit über
Tod und Schmerz. Das ist das Geheimnis des Ichthys. Und morgen sollst
du es erfahren. Denn andere Geheimnisse sind entfaltet, wenn man den
Schleier von ihnen hebt. Das Geheimnis des Ichthys aber erfreut nicht
so sehr dadurch, daß wir es wissen, als dadurch, daß wir es wirken.«

Theonas weinte vor innerer Erschütterung, als Ptolomäus nach einer
Pause ehrfürchtigen Schweigens hinzufügte: »All das geschah nicht
Olim, sondern unter Pontius Pilatus. Ich erzähle es dir nicht, als ob
es geschehen wäre, wie ein schöner Mythos, sondern weil ich glaube
und weiß, daß es geschehen ist. Zeugen sind die Apostel gewesen --
im Blut. Mein Bluttag wird morgen oder am folgenden Tage anbrechen.
Da baut man nicht mehr auf Träume, als ob ..., da zeugt man für
die Lebenswahrheiten, die auch im Untergang der eigenen Welt noch
feststehen. Lieber Theonas, das Himmelreich wankt nicht, da die Sterne
meines Lebens erbleichen und aus dem Blauen fallen.«

Nachdem er auch dieses Zeugnis langsam und fast verschämt vorgebracht
hatte, schien es ihm, er habe dem Knaben zuviel des Erhabenen und
Abgründigen zugemutet; er strich ihm darum über den Kopf, fragte nach
Tyche und den andern Mägden, wie es ihren Zöpfen gehe, und ob die
Siegelfinger in ihren Wangen schon alle erloschen seien. Endlich zeigte
er auf Mulus, der Angst, Feierlichkeit, Tränen und Ergriffenheit seines
Herrn treulich in seinem Antlitz gespiegelt hatte: Es scheine, Mulus
sei auch bereit, den Glauben der Christen zu bekennen.

Mulus nickte eifrig.

Aber Theonas schüttelte den Kopf. »Er ist Sklave geworden an Leib und
Seele. Für ihn gibt es keinen Weg zur Freiheit. Er kann nur ja und
nein sagen. Aber nicht ja und nein bekennen. Die Christen sind heute
eine Todeslegion. Laßt die alle draußen, die nicht aus der hohlen Hand
trinken.«

»Du bist in Stunden gereift wie andere in Jahren«, sagte Ptolomäus
darauf und unterließ es, den Ernst dieser Lehrstunde weiter durch
Scherze aufzuhellen. Ja er gestand dem Knaben: »Morgen nach
Sonnenaufgang werden wir alle, diese hier und ich, in der Gerichtshalle
am Forum zum letztenmal verhört und darauf -- ohne Zweifel verurteilt:
Die Starken zum Bergwerk, die Lehrer und Schwachen zum Tode. Beginne
du den Tag des dreifachen Mysteriums, indem du Zeuge bist, wie man für
den alles hingibt, der alles für uns hingegeben hat. Wenn wir alle ja
und nein bekannt haben, dann feiern wir in Jubel und Frohlocken als
glückseligen Lohn dein Fest. Wenn wir aber verleugnen, dann geh in dein
Haus zurück und sage, die Christen seien so elend ... nein, dann suche
die Mysterien, wo du sie findest, denn nicht Christus ist schwach,
nur wir armseligen Menschen. Nicht seine Gnade wankt, sondern ihr
Werkzeug. Du bist jung -- das Himmelreich ist auch jung. Und nie wird
es alt werden. Gott ist auch jung und altert nicht, jung und stark; und
wer in ihm ist, der ist jung und stark.«

Als Ptolomäus diese Worte sprach, ging seine gesetzte Ruhe in die
Bewegung begeisterter Sänger über, die Bekenner und Märtyrer kamen aus
den Nischen und Schatten hervor und drängten sich ehrfürchtig herbei,
indem sie flüsterten: Der Geist ist über ihn gekommen, er redet in
Zungen. Ihm ist das Prophetencharisma geworden.

Und wirklich stieg die Rede des Lehrmeisters in ätherische Höhen.
Theonas verstand nur noch erhabene Worte. Sein kindlicher Geist folgte
der Rede, wie das Auge gewaltige Berggipfel anblickt, um deren Gestein
silberne Nebel, flutende Sonnenstrahlen und blaue Düfte ringen.

Als Theonas wieder im Freien stand, wurde er von Gruppen umdrängt, die
dastanden, um eine Botschaft von den Bekennern zu erhaschen oder ihnen
Gaben zur Erleichterung ihrer traurigen Lage zukommen zu lassen. Eine
Frau küßte Theonas auf die Stirne; in ihrem Gesicht lag eine warme
Zärtlichkeit, als sie sagte: »Den Hauch der Märtyrer habe ich auf
deiner Stirne geküßt. Glückselig deine Augen, die ihre Leiden sehen
durften!« Ein Mädchen aber zupfte einen mürben, graulichen Strohhalm
aus seinem Gewande, hielt ihn lächelnd empor und schmeichelte: »Willst
du mir das schenken? Ich möchte es bewahren zum Gedächtnis an die
Heiligen und zum Pfand ihrer Fürbitte.« Als ihr diese Bitte gewährt
worden war, leuchtete ihr Auge auf, als hätte sie eine schöne, goldene
Spange erhalten. Die andern drängten sich um sie und waren glücklich,
den armen Halm berühren zu dürfen.

Zu Hause lag wieder ein Eilbrief des Vaters: »Tyche hat mir zu meinem
großen Kummer geschrieben, daß du eine gefährliche Dosis Gift von
diesem Ptolomäus aufgenommen habest, aber zugleich zu meinem großen
Trost, daß der Henker diesen Schwefelpfuhl ein für allemal ausbrennen
wird. Ich schicke dir den neuen, vortrefflichen Hofmeister auf einem
Eilschiffe. Es ist wunderbar, wie er über Mysterien spricht. Ich habe
mich nun auch in den Isisdienst -- jener war mir Führer und Hierophant
-- einweihen lassen. O Theonas, ich kann mich jetzt den Freuden dieser
Stadt ohne stilles Bangen hingeben. Denn wenn der Becher dieser
irdischen Lust von meinen Lippen sinkt, dann reichen mir Isis oder
die große Mutter den Becher ihres ewigen Reiches! Ich schicke dir die
süßesten Datteln. Von deiner Mutter rede ich nie mehr, und ich will
auch nicht, daß du ihren Namen nennest. Sie ist es nicht wert. Ich
schwöre dir bei allen Heiligtümern: Sie ist es nicht wert!«

Am andern Morgen, als das ganze Haus noch schlief, und auch Tyche,
die dem Knaben gedroht hatte, sie werde sich ihm den ganzen Tag an
die Fersen heften wie Merkur den Schatten, von den Nachwehen eines
Bacchusfestes in bleiernem Schlafe festgehalten wurde, begab sich
Theonas, von seinem treuen Mulus begleitet, auf das Forum. Eine
erregte Menge umstand das Gerichtsgebäude. Der Prokonsul wurde mit
Händeklatschen, der Zug der Christen mit Steinwürfen, Zischen und
Schmähreden empfangen. Das Verhör war kurz. Die Angeklagten bekannten
sich als Christen, stellten in Abrede, Feinde des Staatswesens zu sein,
und leugneten insbesondere, irgend etwas von den dunklen Verbrechen
zu wissen, deren sie die öffentliche Meinung beschuldigte. Sie wurden
zu den Bergwerken verurteilt und beantworteten das Urteil mit: +Deo
gratias+.

Zuletzt trat Ptolomäus vor. Die liebe Stimme des Lehrers, der ihn einst
aus dumpfer Hilflosigkeit zu frischem Leben geweckt hatte, berührte den
Knaben so, daß sich jedes Wort unverwischbar in seine Seele einschrieb.

Der Stadtpräfekt Urbicus sprach: »Du bist zwar als ein Vorsteher und
Priester dieser Sekte erfunden worden und hast mehr verschuldet als
diese hier. Aber auch du kannst Nachsicht erhalten, wenn du den Göttern
opferst und Vernunft annimmst.«

»Ich habe niemand Böses getan. Meine Religion lehrt Gutes tun.«

»Laß von diesem Wahnsinn!«

»Von der Weisheit kann ich nicht lassen. Darum muß ich bleiben, was ich
bin.«

»Willst du noch eine weitere Frist zur Besinnung?«

»In einer so klaren Sache braucht es keine Besinnung.«

»Wenn du versprichst, reiflich nachzudenken, so sollst du eine
Bedenkzeit von dreißig Tagen bekommen.«

»Ich bin unwiderruflich Christ.«

Darauf verurteilte ihn der Präfekt zum Tode. Auch Ptolomäus antwortete:
»Ich danke Gott.«

Alle Verurteilten wurden noch einmal in das Gefängnis zurückgeführt.
Die zu den Bergwerken Verurteilten sollten nach Sonnenuntergang in
Ostia verladen und nach Sardinien geschifft werden. Die zur Hinrichtung
Bestimmten waren über den Tag und den Ort ihres Schicksals noch im
ungewissen.

Dem Knaben Theonas, der mitten in einer Schar von christlichen
Zuschauern stand, hatte sich nach anfänglichem Schrecken das
Triumphgefühl der Umgebung mitgeteilt. Denn so oft einer tapfer
bekannte und so oft einer das Urteil freudig mit einem »Ich danke Gott«
bestätigte, murmelten diese, sich heimlich die Hände drückend und
bedeutsam zuwinkend: +Deo gratias+. Der Ausgang der Verhandlung,
der allen die Verurteilung brachte, erschien ihnen als glücklicher Tag.
Denn keiner hatte verleugnet. Die Macht des Glaubens und der Gnade
war vor ganz Rom sichtbar geworden. Aufs neue waren sie erfüllt von
der Zuversicht auf den Sieg ihrer Sache. Denn sie waren sicher, daß
fallende Helden die Saat neuer Helden seien. So war denn Theonas stolz
auf seinen Lehrer. Immer hatte er ihn als die Wahrheit inmitten der
Lüge und Verstellung angesehen. Nun war er ihm die verklärte Wahrheit
und erschien ihm wie ein Triumphator, der siegreich aus dem Felde
zurückkehrt.

Die goldene Hand seines Mulus und -- wie er behauptete -- mehr noch
sein goldener Mund öffneten dem Knaben ohne jede Schwierigkeit die
Pforten des Gefängnisses. Der Wärter sagte zu dem Eintretenden: »Sie
sind wahnsinnig geworden; denn sie singen wie Bacchanten!« Und wirklich
hörte Theonas schon auf dem finstern Gang zu der Zelle und ganz
deutlich vor ihrem Eingang hymnische Lieder. Und jetzt war wohl über
Ptolomäus wieder das Charisma der Prophetie gekommen. Er sang allein
mit tiefer Stimme:

  Fürst heiliger Schar,
  Allwaltendes Wort
  Vom Vater der Höhn,
  Du, der Weisheit Born,
  Im Leiden ein Fels,
  Der Unsterblichkeit Herr,
  Und des Menschengeschlechts
  Heiland, Jesus,
  Hirt und Vater zugleich,
  Du Steuer und Zaum,
  Schwungfittich der hoch
  Aufstrebenden Schar.
  Du Fischer am Meer
  Des Lebensgewühls,
  Der aus Wogen der Schuld
  Mit der Angel des Worts
  Die Seelen voll Huld
  Emporzieht zum lieblichen Leben.

Wie erstaunte Theonas, als er dann beim Eintritt in den Raum der
Gefangenen kein Grab um lebende Menschen wie gestern, sondern eine
heilige, von vielen Lampen erhellte Grotte fand. Auch Blumen quollen
aus Wasserkrügen und Brotladen. Zwar war das Gewölbe grau und feucht
wie gestern, aber die schweren Tropfen, die gestern wie Tränen
niedergefallen waren, hingen heute wie Tau in Farben aufleuchtend an
der Decke. Das Stroh, das gestern einen moderigen Geruch ausgeatmet
hatte, war von feinen Decken überbreitet und nur die Blumen ergossen
ihre Düfte in den Raum. Theonas wollte auf Ptolomäus zueilen. Aber
dieser stand in dem weißen Philosophenmantel, der die eine Schulter
freiließ, ganz wie der Priester in dem Hause des Esquilin. Da hielt
ihn ehrfürchtige Scheu zurück. Als er sich nach Kaor und den andern
bekannten Gesichtern umsah, erblickte er auf einmal jenen flinken
Knaben, der ihm kürzlich den Zettel zugesteckt hatte. Dieser trat auf
ihn zu: »Ich darf bei den Mysterien dein Diener sein. Lache, Bruder,
denn jetzt beginnt deine erste Himmelfahrt, die im Geiste! Du wirst
erhoben über Sonne und Sterne.« Theonas wurde sich erst bei diesen
Worten ganz bewußt, was ihm bevorstand. Zwar hatte er sich seit der
gestrigen Unterweisung nach der Vorschrift der Apostel durch Fasten und
inniges Gebet auf die Heiligtümer vorbereitet, aber er war so sehr in
dem, was den Bekennern geschehen war, aufgegangen, daß das Große, das
ihm selbst bevorstand, für eine Weile in den Schatten zurückgetreten
war. Jetzt glühte es in ihm auf. Und seltsamerweise überkam ihn zuerst
eine heiße Sehnsucht nach Vater und Mutter. Nie soll ich an die Mutter
denken! Aber ich werde immer an sie denken. Cybele und Attis, Isis und
Serapis haben den Vater angezogen, warum nicht ~Er~? Weil er den
~einen~ Becher für Gift erklärt? Und warum darf die Feier nicht in
meinem Hause statthaben? Wozu bin ich reich, als daß heute alle Sklaven
rennen, um Teppiche und reines Gold aus den Truhen zu holen? Warum habe
ich ein prachtvolles Haus, als daß es den Herrn der Herren empfange?

Doch nun sangen die Gefangenen. Der fremde Knabe führte nach einiger
Zeit Theonas an ein Wasserbecken. Die Sänger schwiegen; die lautlose
Stille ward nur von den Schweißtropfen der Decke, die mit hellem Klang
in das Taufwasser fielen, unterbrochen. Jetzt betete Theonas die zwölf
Sätze des Bekenntnisses. Und er gelobte, den Weg des Lebens zu gehen,
und verschwor sich gegen den Weg des Todes. Dann ward er getauft, und
alsbald warf ihm der dienende Knabe ein weißes Gewand über, das ihm
bis zu den Sohlen herabfiel und aus dem der schlanke Hals und der
zartgebaute, schwarze Kopf so anmutig aufragte, daß die Nahestehenden
sich zuwinkten: Das Bild eines Engels! Danach legte Ptolomäus dem
Neugetauften die Hände auf und prägte ihm das Siegel Christi ein.

Nun trat Ptolomäus vor den Tisch, auf welchem Brot und Wein in Körben
stand. Ptolomäus betete zuerst in feierlich-ekstatischen Worten, dann
neigte er sich über den Tisch, fast so wie der Prophet sich über den
Jüngling neigte, als er ihn zum Leben auferweckte. Dann erhob er sich
und rief: »Das Heilige den Heiligen!« Und mit diesen Worten legte er
zuerst Theonas gesegnetes Brot in die Hände und erquickte ihn darauf
mit dem heiligen Wein. Als Theonas einen Augenblick lang in Schauer
und Ergriffenheit zögerte, das heilige Mahl zu genießen und noch
einmal prüfend die Festigkeit seines Mutes wog, da flüsterte Ptolomäus
ihm gütig zu: »Nimm des Erlösers honigsüße Speise; iß und nähre dich,
denn du hast den Ichthys in den Händen.« Da rief der beseligte Knabe:
»Jesus Christus, Gottessohn, Erlöser!« genoß die Geheimnisse und sah
und hörte im Danksagen und Lobpreisen nicht, wie all die Bekenner und
Märtyrer vor dem Gang nach ihrem Golgatha sich mit dem Mahl des Herrn
erquickten, und wie Ptolomäus danach laut die Danksagung der Liturgie
verrichtete. Erst als dieser mit der Gewalt, die ihm seine tiefste
Überzeugung lieh, betete: »Es komme die Gnade und vergehe diese Welt!
Hosanna dem Gott Davids! Ihm eile entgegen, wer heilig ist. Wer es
nicht ist, bereite sich auf seine Ankunft durch Buße. Maranatha! Amen!«
-- richtete sich Theonas auf.

Und jetzt zupfte es von hinten an seinem Gewande. Theonas sah auf,
und da beugte sich Mulus zu seinem Ohr: »Warum bekomme ich keinen
weißen Mantel? Und warum nicht Brot und Wein? Bin ich denn nicht auch
Christianer wie du?«

Mulus war von der Feier ausgeschlossen worden. Aber der goldene Weg
hatte ihn doch hereingeführt. So mochte er denn nun bleiben, da die
Feier der Geheimnisse zu Ende war. Theonas tröstete ihn kurz, aber
wirksam: »Du bekommst heute das schönste Wollengewand und vom besten
Wein!«

Schon drängte der Wärter, daß sich die nach Sardinien Bestimmten
bereithielten. Da wandte sich Ptolomäus, um ihnen den Scheidegruß
zu geben. Aber sein volles Herz strömte in gewaltiger Rede über:
»Glückseligste und geliebteste Brüder! Ihr geht nun von uns und
wisset nur eines, daß ihr in Elend und Darben wie in ein tiefes Meer
hinabsteigt. Aber der den Jonas vernahm, als er ihn rief im Innern des
Ungetüms, hört auch euch. Alles verlasset ihr, was euch lieb war, nur
nicht den Trost Christi. Ketten und Bande harren auf euch. Schon sind
eure Füße in Fesseln gelegt und die glückseligen Glieder und Tempel
Gottes in schmähliche Bande geschlagen. Aber mit dem ~Körper~
kann man euern ~Geist~ nicht binden. Er wird immer frei sein für
Christus. ~Zierden~ sind eure Fesseln und nicht ~Schmach~. O
glückselig gefesselte Füße, die nicht von einem Schmiede, sondern von
dem Herrn aufgelöst worden! O glückselig gefesselte Füße, die hurtig
eilen auf dem Wege des Heiles und das Paradies erreichen wie früh ans
Ziel gelangende Wettläufer! O Füße, in der Welt für den Augenblick
gebunden, um immerdar beim Herrn frei zu sein! Nicht wird in den
Bergwerken der Körper durch Bett und Polster erquickt, aber durch die
Gnade und den Trost Christi wird er aufgerichtet. Auf dem Boden liegt
der von der Arbeit erschöpfte Leib; aber bei Christus wird er einst in
Herrlichkeit ruhen. Von Schmutz und Unrat werden eure Glieder entstellt
sein; aber eure Seelen werden leuchten vor Gottes Augen. An Brot wird
es euch fehlen, aber Manna vom Himmel wird euch gegeben, und ihr werdet
essen, den Fisch in den Händen haltend.«

Während er sprach, erloschen die Lampen nach und nach und nur hier und
dort zog ein goldener Lichtfaden durch die wachsende Finsternis. Die
Decken wurden von der grämlichen Frau des Gefängniswärters gierig und
mißtrauisch weggeschafft; sie stellten neben andern Werten den Lohn für
das Stillschweigen ihres Mannes dar. Das faulende Stroh kam wieder zum
Vorschein und mahnte aufdringlich daran, daß hier ein Gefängnis sei.
Ptolomäus verabschiedete den Knaben kurz: »Als ich an dir zweifelte,
hieltest du mir entgegen: ›ich bin ein Römer!‹ Ein stolzerer Titel ist
nun dein: Du bist ein Christ. Sei ein Christ!«

Darauf segnete er ihn und mahnte ihn, das Gefängnis zu verlassen. Die
letzte Lampe erlosch. Kaor rief: »+Lumen Christi!+« Die andern
antworteten: »+Deo gratias!+« Darauf waren sie sehr heiter und
sprachen vom Licht.

»Geh nun, geh im Frieden! Halte dich an die Brüder, denn: Wehe dem
Alleinstehenden!« drängte Ptolomäus wiederholt. Theonas rief weinend:
»Wohin, Vater, soll ich gehen ohne dich?«

»Den Weg des Lebens!« sagte der Meister. Da umarmte ihn Theonas innig
und zärtlich, rief immer wieder: »Vater, Vater!« verabschiedete sich
auch von Kaor und den Übrigen und verließ endlich, mehr geschoben als
freiwillig, das Gefängnis.

Als er auf der breiten Straße dahinschritt, war es ihm, als hätte er
einen Ort blendender Helle und goldener Fülle zurückgelassen, und
schon jetzt erfaßte ihn das Heimweh. Es war noch schlimmer als in den
Oktobertagen, da er früher regelmäßig das Landgut mit seinen jungen
Tieren, seinen Wasserfällen und tausend Spielgelegenheiten verlassen
hatte. Immerhin hielt er sich tapfer empor. Denn heute hatte er ja den
Fahneneid geleistet, war des siegreichsten Feldherrn Streiter, war bei
ihm zu Gast gewesen, mit seinem Siegel besiegelt und mit seinem Kusse
gesegnet worden!

Am folgenden Tage wartete er auf die Nachricht von dem Zeugentod seines
»Vaters«. Er verbrachte die Stunden in einer gewissen Bangigkeit, so
wie man in der Heimat an einem Schlachttag auf die Siegesbotschaft
harrt, die man sicher erwartet, aber um die man gleichwohl in Sorge
lebt. Plötzlich stand der scheue, flinke Knabe, sein Diener vom
Einweihungstage her, vor ihm: »+Deo gratias!+« rief er, lächelte,
warf ihm eine Kußhand zu und verschwand. Da sagte auch Theonas +Deo
gratias+, aber Tränen perlten über seine Wangen. Denn er wußte, daß
ein Vater verloren, aber ein Märtyrer gewonnen war.

Durch des treuen Mulus Vermittlung konnte er die Überreste des grausam
zerfleischten Ptolomäus bergen und in einem schönen Hypogäum beisetzen
lassen. Auf die Grabplatte wurde eine Palme und ein Fisch geritzt.
Dazwischen fanden die Worte der Flugschrift, die Theonas am Blutfeste
zugeflogen war, Raum. Er fügte ihnen nur noch bei: »Sättige uns mit dem
Fische, Herr und Retter! Im Frieden ruhe Ptolomäus, so flehe ich dich
an, Licht der Sterbenden! Beim Mahle des Fisches gedenke des Knaben
Theonas.«

Als er das alles in Eile angeordnet hatte, kam der Vater mit dem neuen
Hofmeister zurück. In ruhiger Zuversicht begegnete ihnen der Knabe.
»Isis und Attis -- Olim«, tröstete er sich, »Christus gestern und heute
und in Ewigkeit!«

[Illustration]




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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEHEIMNIS DES FISCHES ***


    

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additions or deletions to any Project Gutenberg work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg

Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza #516,
Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

Section 5. General Information About Project Gutenberg electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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facility: www.gutenberg.org.

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