Der Weinhüter

By Paul Heyse

The Project Gutenberg EBook of Der Weinhueter, by Paul Heyse

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Title: Der Weinhueter

Author: Paul Heyse

Release Date: October, 2005  [EBook #9099]
[This file was first posted on September 6, 2003]

Edition: 10

Language: German


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Der Weinhüter

Paul Heyse

(1862-63)






Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus
Menschengedenken schon entschwunden sind, saß um die schwüle
Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der,
dicht an die Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des Küchelberges
bedeckt.  Die übermannshohen Laubengänge, in denen hier der Wein
gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, daß ein
dunkelgrünes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte,
zugleich eine träge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug.
Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingütern
schroff bergan laufen, spürte man, daß man ins Freie auftauchte.  Denn
das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier
doppelt schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen.  Auch sah man
selten einen Menschen des Weges wandern.  Nur zahllose Eidechsen
liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zähe
Efeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich umrankt.
Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen Beeren hingen
dichtgedrängt oben an der Wölbung der Laubengitter, und ein seltsam
perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hörbar,
als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen
Gewächs.

Der Bursch aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Reben
saß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz
seinen eignen düstern Gedanken hingegeben.  Er trug die uralte
abenteuerliche Tracht der Weinhüter oder "Saltner", die lederne Joppe,
ärmellos, mit breiten Achselklappen, an denen über den Hemdsärmeln die
ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen
festgehalten werden, Kniehosen und Hosenträger ebenfalls von Leder und
mit dem breiten, daumdicken Gurt umgürtet, auf dem in weißer Stickerei
der Namenszug des Eigners steht, die weißen Stutzenstrümpfe mit
durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber-
und Murmeltierzähnen.  Aber die Hauptstücke seiner Amtstracht lagen
neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, über und über mit
Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwänzen verbrämt, keine
kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige
Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck
zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet
nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will.

Tag und Nacht, ohne Ablösung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um
einen mäßigen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen"
jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die
ersten Beeren süß werden, bis die letzte Traube in die Kelter
gewandert ist.  Ihr saurer Dienst in Hitze und Nässe, obdachlos bis
auf den kümmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein
Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden.
Auch haben die gelinden sternklaren Nächte in der freien Höhe,
während in den Häusern die Tagesschwüle kaum je verdampft, ihren Reiz,
und die Besitzer der Weingüter lassen sich's angelegen sein, die
Wächter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei
Kräften und guter Laune zu erhalten.

Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns
genähert haben, nicht anzuschlagen.  Er hatte den Krug mit rotem Wein,
das Brot und die großen Schnitte geräucherten Fleisches, die ihm eben
erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte,
unberührt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch
vorstellte.  Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem
Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und trübsinnig verbiß er die
Zähne in das weiche Holz.  Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt
sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen
Züge des Gesichts deuteten auf frühe Leidenschaften; die Stirn aber
war, nach der Landessitte, von den Haaren verhängt, die, früh schon
dicht über den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken
gewöhnt hatten und um Schläfe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen.
Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurück, die ihm die Schatten
unter den dunklen Augen zu nehmen drohten.

Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fußsteige näherte,
machte, daß er plötzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die
Hellebarde ergriff.  Man konnte jetzt sehen, daß sein Wuchs hinter dem
landüblichen etwas zurückgeblieben war, immer noch stattlich genug und
durch das schönste Ebenmaß der gewölbten Brust und der straffen
Schenkel auffallend auf den ersten Blick.  Nur der Kopf schien fast zu
klein geraten und Hände und Füße gar mit einem Weibe ausgetauscht.
Geräuschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewölbgittern
entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und spähte vom
nächsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg.

Eine schmale, schwarzröckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem
Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese
dahergewandelt, im Schatten der Weidenbäume, ein offnes Buch in den
gefalteten Händen, über das hinaus der Blick zufrieden und
unbegehrlich nach den schönen Trauben schweifte.  Auch ohne den langen
Rock, der fast zu den Knöcheln der schwarzen Strümpfe herabreichte,
hätte jeder in dem bedächtigen Spaziergänger alsbald die geistliche
Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswürdigsten Züge, die
der großen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen
eigen sind.  Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der
Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens
und der Honig des Aberglaubens so lauter fließen, noch eine unerhörte
Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in
der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die
Ruhe gestört hatten, war wieder in tiefen Frieden zurückgesunken.
Also hatten die Diener der Kirche keine Ursach, ihren Hirtenstab als
Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemütsruhe die idyllischen
Tugenden ihres Standes pflegen.  Damals begegnete man nicht selten
jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse
Verlegenheit über ihre eigene Würde deutlich zu lesen war, eine stete
Sorge, der Majestät des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts
zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschöpfen nicht allzu
unnahbar feierlich gegenüberzustehn.

Der freundliche kleine Herr im schäbigen Hut war nun auch freilich
keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der
Pfarrkirche von Meran, der täglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen
hatte und dafür, außer einem Stübchen in der Laubengasse und einigen
andern Emolumenten, einen Gulden täglicher Einkünfte besaß.  Das Volk,
das ihn seines milden Gemütes wegen sehr in Ehren hielt und nächst den
Kapuzinern ihm das größte Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders
als den "Zehnuhrmesser" und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst.
Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der
Weinkrug und irgend ein Imbiß auf den Tisch gestellt wurde, so daß es
dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die
natürliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der
Würde seiner Erscheinung durch ein schüchternes Bäuchlein aufzuhelfen.
Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem übrigen Zuschnitt der Figur
nur um Gotteswillen vertrug, für ein profaneres Auge spaßhaft aus, wie
es schief und ängstlich unter dem dünnen Rocke festgeknöpft saß.  Aber
zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche
Bürde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen
Spätling der Natur zu belächeln.  Auch wußte niemand dem Herrn
Zehnuhrmesser eine Unmäßigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im
Almosenspenden.  Denn daß man allerorten sich beeilte, ihn mit dem
Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe,
dessen er genoß, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder
geistliche Zunge besser imstande, die Güte des Weins zu schätzen,
seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Fällen, wo ihm durch ein
kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben.  "Eine
Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser", war noch geraume Zeit das
Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu rühmen wußte.

Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber
der Mut nicht eben die stärkste.  Seine Nerven, obwohl er aus einer
Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen
tapfern Schützen geliefert hatte, ließen seine leicht erschütterte
Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, außer wo es eine fremde
Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfüllen galt.
Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer
physischen Stärkung nachzuhelfen, und sorgte dafür, daß ein mäßiges
Fäßchen voll weißem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen
zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte.  Heute nun,
da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurückkehren
mußte, war er keiner starken Prüfung gewachsen und erschrak aufs
heftigste, als plötzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von
der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustürzend seine Hand
ergriff.

Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd.

In Ewigkeit! antwortete der Bursch.

Du bist's, Andree, mein Sohn?  Hab' ich doch gemeint, der böse Feind
komme mir mit Macht über den Hals, der ja im Weinberge des Herrn
herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge.  Nun, nun, wenn man so
in Gedanken und Meditationen schwebt, kann's einem schon begegnen, daß
euer Hut einem wie das Hörnerhaupt des Leibhaftigen vorkommt.  Bist
also hier, Andree?  Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den
du hütest, ich meine, deiner Mutter?

Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins
Gesicht.  Da sei Gott vor, sagte er, daß ich den Fuß setzte in die
Güter meiner Mutter.  Seit sie mir zu Lichtmeß den Schlag ins Gesicht
gegeben hat, weil sie meint', ich hätte Feuer im Stadel angelegt, bin
ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei
Nacht.

Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, daß er einen wunden Fleck
berührt hatte.  Er schüttelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und
sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt.
Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und
ein Sohn sollt' es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch
ungerecht gezüchtigt hat?  Ich weiß wohl, daß es dir hart ankommen mag,
und daß jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste
Mal war.  Aber sieben mal siebenzigmal sollen wir verzeihen, Andree.
Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre?

Nein, Hochwürden, erwiderte der Jüngling fest.  Ich hab' mir's auch
angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann's über mich bringen,
solang ich vom Hause fernbleibe.  Aber wenn ich zurückkäme, würde mich
die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich haßt und nur darauf
sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag.  Sie wird mir auch mein
Erbe entziehen im Testament, selbiges weiß ich gewiß, und frage nicht
viel danach.  Ich werd' auch ohne das nicht verkommen, und gönn' es
wohl meiner Schwester.  Aber geschieden sind wir, und da kann keiner
was dazu tun.  Ich hab' mich beim Steirer verdungen, drüben in Gratsch,
als Großknecht, und heuer mach' ich den Saltner und hab' mein
Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus.  Aber die Mutter könnte mir
sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurückholen wollen, ich
ginge nicht.  Es hat alles einmal ein End'.

Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der
Meinung, daß es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch
weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen.  Er betrachtete jetzt mit
kundigen Augen die Reben oben über der Mauer und sagte:

Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen,
die Hertlinger anzupflanzen.  Sie sind noch jung, aber im nächsten
Jahr werden sie das Doppelte tragen.

Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch.  Droben ist meist
roter Farnatsch und einiges von Geißaugen dazwischen.  Was er drüben
hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer
ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod
getragen.

Auf wieviel Uhren rechnet ihr beiläufig?

Einhundertundvierzig bis--siebenzig immerhin.

Wie steht dir das Saltnern an, Andree?  Es mag hart werden auf die,
Länge.

Ha, es passiert, Hochwürden.  Noch spür' ich's nicht in den Gliedern.

Hast auch bei Nacht fein die Augen offen?

Die meinigen wohl.  Aber sind nur zwei, und ich müßt' ein Dutzend
haben, um allerorten zugleich nachzuschauen.  Die Weißröcke fangen
wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad
saftig genug, um ihr Kommißbrot anzufeuchten.  Und es kommen ihrer
immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben
indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm
Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen.

Die Stadt sollte sich beklagen.

Ja die Stadt!  Da müßten wir Zeugen und Beweise schaffen.  Aber wer
will's beschwören, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten
Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit
dem Säbel zerhauen finden aus Wüstheit und Schadenfreude, daß das nur
die Soldaten getan haben können?  Fassen wir einen am Kragen, so weiß
er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib.  Da bleibt nichts,
als ihn auf eigene Faust Spießruten laufen zu lassen, daß er's
Wiederkommen vergißt.  Den nächsten aber, den hängen wir, mein Eid! an
den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft
exerzieren.

Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist groß.  Ihr
solltet's menschlich mit ihnen machen.

Machen sie's denn nicht wie die Bestien?  Da seht, Hochwürden--und er
wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, daß das
Laub schon welk und gelb an den Ranken hing--das Herz blutet einem, so
ein gesundes, friedliches Gewächs, das nur auf der Welt ist, um seinem
Herrn das Faß zu füllen, von den Hundsföttern verheert zu sehen, aus
purer Niedertracht, uns zum Possen.  Find' ich einen einmal beim Werk,
so gnad' ihm Gott!

Er schüttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde
und bohrte sie darin heftig in den Sand.

Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergaß aber seiner Würde
nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, daß
er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der
Kaserne zu lassen.  Du aber bezähme deine Hitze, mein Sohn, und
bedenke, daß du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht
ihr überlassen sollst.  Behüt dich Gott, Andree.  Ich gehe heute wohl
auf Goyen hinauf, zum Hirzer.  Hast mir was aufzutragen an den Franz
oder die Rosina?  Einen Gruß etwa?

Nein, Hochwürden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und
mir.  Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach.
Die andern sind ganz rechtschaffen, möcht' ihnen beim Vater keinen
Verdruß machen, indem ich sie grüßen ließ'.  Aber wenn Ihr etwa meiner
Schwester begegnet--nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall.

Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bückte er sich nach der
Hand des Priesters, küßte sie ehrerbietig und schwang sich an dem
langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurück, wo er sogleich hinter
dichtem Rebenlaub verschwand.

Kopfschüttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das
Gespräch mit dem Jüngling beschäftigte sein menschenfreundliches Gemüt
noch eine geraume Zeit.  Aber die lange, tägliche Übung einer
ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Öl der Geduld
in eigene und fremde Stürme zu träufeln, hatten den schärfsten Stachel
des Mitgefühls bereits abgestumpft.  Es ahnte ihm nicht von fern, wie
es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishütte
lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrückt, als wollte er sich bei
lebendigem Leibe in den Schoß der Mutter Erde vergraben, um vor einem
übergroßen Kummer Zuflucht zu finden,

Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen
mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlöst, als ein
helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jählings erweckte.
Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa
geträumt habe.  Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und
dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mädchenlachen, das sich
von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm.  Im Nu war der
Jüngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestürzt, das den Blick
hinunter freiließ.  Auf dem nämlichen Weg unter den Weiden, den der
geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der
Stadtseite, ein Mädchen, das nicht über siebzehn Jahr sein konnte,
blond, eher klein als groß, in der dunklen, schwerfälligen
Landestracht.  Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam
und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, daß
jedes Auge ihr unwillkürlich folgen mußte.  Sie hatte die Hände ruhig
ineinandergelegt, wie es die Art der Mädchen hier zu Lande ist, wenn
sie nichts zu tragen haben.  Der runde Kopf aber blieb keinen
Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie
bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am häufigsten freilich zu
ihrem Begleiter, über dessen scherzhafte Reden sie beständig in ein
neues Lachen ausbrach.  Das war ein gewandter, rühriger Gesell, dem
die leinene Soldatenjacke, die enganschließenden blauen Hosen und die
schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht übel standen.  Sein dunkles
Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut.  Auch
hatte er große Mühe, sich dem Mädchen in seinem gebrochenen Deutsch
verständlich zu machen.  Aber schon der Klang seiner verstümmelten und
verwelschten Worte schien sie höchlich zu belustigen.  Mehrmals warf
er forschende Blicke in der Gegend umher.  Einen Bauern, der ein Kalb
mit Hilfe seines Hundes nach dem nächsten Dorfe trieb, ließ er mit
absichtlichem Zögern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke
des Weges verschwunden war, rüstete er sich offenbar, mit dem Mädchen
etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spähendes Auge plötzlich
die drohende Gestalt des Weinhüters entdeckte, der aus der Öffnung des
Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos,
hinunterwinkte.

Der Welsche stand unschlüssig still.  Auch das Mädchen hermmte den
gleichmütigen Schritt und sah hinauf.  Guten Nachmittag, Andree! rief
sie ohne jede Verlegenheit.  Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem
Soldaten gewendet, hinzu.  Macht, daß Ihr fortkommt; er versteht
keinen Spaß.

Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu würdigen, aber
durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu
fühlen.  Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar
tabacco; dann still sein, gut Freund.-Er griff in die Tasche und holte
eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des
Burschen droben vernahm: Zurück, Soldat, oder der Spieß fliegt dir an
den Kopf, daß du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergißt.

Der Welsche stand wie angewurzelt und maß den Weinhüter mit einem
wütenden Blick.

Deutsche Bär! murmelte er zwischen den Zähnen.  Maledetto!--Aber noch
konnte er sich nicht entschließen, umzukehren und sich vor den Augen
seiner Schönen in so nachteiligem Licht zu zeigen.  Diese stand,
offenbar durch seine heftigen und ohnmächtigen Gebärden ergötzt,
gelassen neben ihm und lachte ohne jede Schonung.  Aber dem Burschen
oben erschien der Auftritt nichts weniger als lustig.  In raschen
Sätzen sprang er, durch schmale Öffnungen der Lauben sich windend, den
Abhang hinab, und ehe der Welsche sich besinnen konnte, sahen zwei
funkelnde Augen unter dem wehenden Trutzhut ihm in das entfärbte
Gesicht.

Hast du Ohren, Kamerad? herrschte der Zornglühende ihn an.  Weißt
nicht, daß der Weg hier für deinesgleichen verboten ist?  Soll ich dir
die Jacke vom Leibe reißen, um ein Pfand zu behalten, welscher Fuchs?
Hast wohl Weinbeeren vergessen zu Nacht, und kommst nun zur Marend,
sie zu holen?  Den Augenblick scher dich heim, oder-Die Hand weg!
knirschte der Welsche, da er sich ungestüm gepackt und geschüttelt
flühlte.  Hätt' ich mein' sdégena-Wurm! rief der Jüngling.  Bring nur
deinen Degen mit das nächste Mal, und dein Gewehr dazu; es wär' doch
ein Pfand, das der Müh' verlohnte.  Aber nun beim Kreuz! fort mit dir,
oder ich spieße dich auf wie einen Frosch, und werfe dich in deinen
Kasernenhof zurück, daß du das letzte Stoßgebet nimmer zu Ende beten
sollst.

Damit schleuderte er den langen Gesellen einige Schritte weit fort,
daß er, über einen Stein strauchelnd, in die Knie fiel.  Im Augenblick
war er wieder auf den Füßen, und mit beiden Fäusten wie ein Weib gegen
den Feind drohend und eine Flut von welschen Flüchen hervorsprudelnd,
wich er der Gewalt und trollte hinkend und oft zurückblickend im
Schutz der Weiden dem nahen Stadttor zu.

Du hast's ihm aber arg gemacht, Andree, sagte die Blonde, indem sie
dem geschlagenen Galan ganz kaltblütig nachblickte.  Er hat so
g'spaßiges Zeug geredt, daß ich immer hab' lachen müssen.  Warum bist
du gleich so wild worden?

Der Bruder gab keine Antwort, seine Gedanken waren noch bei seinem
Zorn. 's ist noch nicht aus zwischen uns! sagte er vor sich hin.  Er
kommt mir schon wieder; meinetwegen! so heb' ich's ihm auf.--Moidi,
fuhr er fort, plötzlich zu dem Mädchen gewendet, und du, immer noch
das alte Lied?  Wer mir aufspielt, dem tanz' ich?  Schämst du dich
nicht, so einem tückischen Teufel das Wort zu gönnen und neben ihm her
zu gehen?  Wenn dir jeder recht ist, der dich lachen macht, so bleib
weg von mir.  Denn du weißt wohl, das Lachen ist rar bei mir, wie der
Schnee zu Pfingsten.

Das Mädchen war still geworden und sah mit zerstreutem Blick vor sich
hin.  Sie strich sich mit beiden flachen Händen über das Haar, das von
allen Seiten glatt über den Kopf zurückgekämmt und im Nacken mit einem
großen runden Kamm festgesteckt war, und ihr sehr zartgefärbtes
Gesicht rötete sich vor Verlegenheit.  Andree, sagte sie endlich, ohne
ihn anzusehen, soll ich wieder gehn?

Nein, bleib! erwiderte er kurz.  Bist du meinethalben gekommen?

Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu
begegnen.  Es ist ja schon eine Woche her, daß ich nicht habe abkommen
können.  Du läßt dich ja nimmer sehen.  Die Mutter war eingeschlafen,
es war so heiß in der Küche, da hab' ich gedacht, ich will einen
Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht.  Und da, einen halben
Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am
Sonntag gestern, nach der Kirch'.  Ich mag ihn nimmer, er ist soviel
süß.

Der Hirzerfranz?  Was hat der dir zu schenken?  Wenn's sein Vater
wüßte, es gäbe einen Teufelslärm.  Hat er dich etwa auch zu lachen
gemacht?

Der?  Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden
klappert.  Auch war meine Mutter dabei, weißt wohl; wen die anschaut,
dem vergeht der Spaß, wie den Mäusen, wenn sie die Katze spüren.  Mich
wundert's selbst, daß ich noch lustig sein kann.  Aber ich wär' längst
gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr
allein droben in der Hütte.

Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das
Mädchen.  So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um.
Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die
reifsten.  Ich hab' sie für dich abgebrochen.  Da! sie sind gut in der
Hitze!

Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er.  Komm, wir wollen sie zusammen
essen, droben im Schatten.

Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm,
allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb.  Auf seinem
alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte
sich neben ihn auf den breiten Stein und nötigte ihn, die Feigen zu
kosten.  Mit der Zeit, da keine neue Störung kam, schien ihm wohl zu
werden.  Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer
fernen Mühle an der Etsch und das Geräusch der Passer bis zu ihnen
herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schützen, die im
Schießstande drüben nach der Scheibe schossen.  Die Zeit wurde ihnen
nicht lang.  Er nötigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald
wieder in die alte lustige Laune brachte.  Auch die Heimlichkeit des
schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig,
aber nicht mehr unmutig, sie gewähren ließ, verwandte kein Auge von
ihr.  Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm
den Spieß in die Hand und ging mit großen Schritten die Laubengasse
hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwänze unter dem
Kinn zusammenhaltend, daß ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war.
Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fürchten, mein' ich, und
wenn die Mutter nicht wär', käm' ich alle Nacht zu dir und machte den
Saltner, während du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen.
Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt?

Der Jüngling lachte zum erstenmal.  Als sie sah, daß sie das Eis
seines Trübsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und
Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun
schau, Andree, tausendmal hübscher bist du, wenn du auch einmal lachst
wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und
dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz.  Bist du nicht ein
junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack
stecken zu lassen?  Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide
Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle
Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grämen, ich komm' zu
dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bös Wort auf
dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tür hinaustreiben will, das weiß
sie wohl.  Was hast also, daß du alleweil den Kopf hängst und mir
selber so finstre Augen machst, als wär' ich nicht deine liebe
Schwester, sondern eine Feindin?  Und wenn gar ein andrer Bub mir ein
Wörtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach.  Sag, möchtest du eine Nonne
aus mir machen, oder daß ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn
abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll?

Sie war ihm während dieser Worte zutraulich nahe gerückt und hatte den
Arm leicht um seinen Nacken gelegt.  Aber wie wenn ein Gespenst ihn
angefaßt hätte, fuhr er auf und schüttelte ihre Liebkosung ab.  Seine
Brust arbeitete schwer.  Laß mich, keuchte er heftig hervor, rühr mich
nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und
komm nie wieder!

Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht
von der Stelle rühren.  Er mußte sie ansehen, wie sie, versteinert, im
Grase kniete, die Hände im Schoß gefaltet, mit einem Blick, der ihm
ins Herz schnitt.  Die Augen schienen größer geworden, der
halbgeöffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die
feinen Nasenflügel bebten.  Es war nicht das erste Mal, daß dieses
Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte.  Ja zuweilen mitten in ihrem
Lachen, das überhaupt oft kindisch klang, ward sie von plötzlichem
Schrecken überfallen und für eine Zeitlang wie von einem verstörenden
Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lösen
pflegte.  Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen
Auftritt verursacht zu haben.  Vielmehr rief man ihn, um den bösen
Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mühe zu gelingen.  Als er sie
aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld,
war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelähmt.

Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte tief auf.  Dann bückte er
sich zu ihr herab, faßte ihre Hände, die eiskalt geworden waren, und
sah ihr dicht in die Augen.  Ich bin's, Maria, sagte er inständig; der
Andree ist's; sieh mich an, höre mich, verzeih mir, ich bin ein
Rasender, aber es ist vorbei; laß auch du es gut sein und verzeih
mir's, du weißt nicht, wie mir ist, sonst hättest du Mitleiden.

Mit seinen heißen Händen drückte er die ihrigen, und ebenfalls
niedergekniet, dicht ihr gegenüber, wartete er mit leidenschaftlicher
Angst, daß das Leben in ihren Zügen wieder aufglimmen möchte.  Aber
noch blieb die Starrheit mächtig über ihr, keine Wimper zuckte, kaum
fühlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen
Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft.  Da
setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum
Vespergeläut und lösten den Bann, langsam, aber wohltätig.  Sie
seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann,
als sie sich wieder öffneten und die erwachende Seele sich der Welt
und ihrer selbst besann, quollen große Tränen hervor, und an seine
Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die
Erschütterung aus.

Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrückt
und horchte auf den wogenden Ton des Geläuts, verworrene Gebete bei
sich selbst hersagend.  Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er
nach dem Krug und reichte ihn ihr.  Sie näherte ihm die Lippen, wie
eine Kranke, die das Gefäß nicht selbst zu halten sich getraut, und
trank einen langen Zug.  Dann schloß sie die Augen, ohne sie zu
trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die
Hände unbeweglich gefaltet.

Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hörte, hob er sie auf und
legte sie bequem auf den abhängigen Boden nieder, seine Jacke unter
ihren Kopf schiebend, ohne daß sie erwacht wäre.  Er selbst, nach
einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den
Kopf in die Hand gestützt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht,
das nun ganz friedlich wie aus heiteren Träumen lächelte.  Wenn ein
Blatt sich bewegte und dann das Licht flüchtig auf ihrer Stirn spielte,
seufzte sie wohl noch leise nach.  Aber ihr war wohl, während es in
ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlüssen gewaltsam gärte
und jeder Blick in diese friedlichen Züge ihm neue Nahrung für seine
Qualen eintrug.

Welch ein rätselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir müssen,
um es aufzuhellen, um viele Jahre zurück, in eine Zeit, da die Mutter,
die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel
älter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schläft,
freilich in allem übrigen ihr volles Widerspiel.  Die Großeltern der
blonden Moidi besaßen droben auf dem Küchelberg ein schlichtes
Bauernhaus, das aber schön nach allen Seiten in die Täler hinuntersah,
links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus über die
Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener
Bergen.  Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvätern ererbt,
und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die
ausgedehnten Weingüter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und
ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernähren.  Von denen
war die jüngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein
wahres Sorgenkind, während von den übrigen im Guten oder Schlimmen
nichts Sonderliches zu berichten wäre.  Diese jüngste jedoch, nicht
allein, daß sie die Häßlichste war, und eher einer Alraune als einem
Meraner Landkinde ähnlich, die meist sauber und wohlgebildet
heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehörig, daß sie
viel Schläge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der
Vater, der ein mäßiger und am Hergebrachten hängender Mann war, sich
mehr und mehr dieser jüngsten zu schämen begann.  Mit der Zeit hörten
die Schläge auf, da es deutlich war, daß sie das Übel nur mehrten, und
es sich nicht obenein verkennen ließ, selbst für ein Bauernauge, es
sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf.  Der Pfarrer
hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den
verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten
wollen; und wirklich ließ sich ihrem Verstand, wenn man nicht
sorgfältiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie
verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und
selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschönigen.  Von
diesen nun war die ärgste eine ganz unzweckmäßige und mitleidswürdige
Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich
aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Häßlichkeit lenkte.
Das trug ihr eine Menge der bösesten Spottnamen ein, und die es am
besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die
"wüste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brüder aber nur "die Schwarze";
denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten,
buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein
merkwürdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und sträubte sich
beharrlich gegen Kamm und Flechtenbänder.  Ob der König aus Mohrenland
unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in
Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie
einige behaupteten, lassen wir dahingestellt.  Tatsache war, daß die
"wüste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen,
auf die lächerlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch
allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch,
behängte, ihre Person ansehnlicher und liebenswürdiger zu machen.  Was
sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die
redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bänder oder
gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar
durchflocht und so, zum großen Ärgernis der Alten und Gespött der
jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet
ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriß und
sie mit Hunger und Schlägen dafür büßen ließ.

Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen
Jahre kam und sich das Gefühl für den Spott der jungen Burschen in ihr
schärfte.  Zum Unglück aber löste eine noch unheilvollere Torheit jene
erste kindische ab, und sie ließ ihr, freilich mit besserer
Entschuldigung, noch haltloser den Zügel schießen.  Sie warf nämlich
ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brüdern verkehrten,
gerade auf den schönsten, der sie von früh an mit der unverhohlensten
Abneigung behandelt hatte.  Das war an Leib und Seele ein Bursch vom
guten alten Meraner Schlag, ein etwas träges Gemüt in einem starken,
herrlich gebildeten Körper, ein eifriger Kirchgänger, kundiger
Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur für den Hausbedarf
spann, am wenigsten aber mit unnützen Liebschaften Zeit und Geld
vertat, da es überhaupt in diesen romantischen Tälern im Punkte der
Liebe und Ehe meist kaltblütiger und geschäftsmäßiger zugeht, als
flüchtige Reisende sich träumen lassen.  Damals, als die schwarze
Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer,
der eines der alten Herrenschlösser unterm lfinger, auf einer Höhe
über der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn
gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den
feudalen Trümmern in großem Stile zu errichten.  Außer dem Sohne,
Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten
feinere Erziehung genoß und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als
der Vater plötzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun
heimkommen ließ, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern.  Es war
ein sanftes, blasses, schönäugiges Mädchen, älter als der Joseph, ihr
Bruder.  Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelüsten trug,
sich ein Stück Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht
heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der
Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Hütten der
Kranken und Dürftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne
es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine
Gebetlein hersagen zu lassen.  Der Bruder war sehr wohl mit ihr
zufrieden, da sie sein Haus, die Gemächer nämlich, die noch in
wohnbarem Stande waren, geräuschlos in Ordnung hielt.  Er hatte sich
von jeher aufs beste mit ihr vertragen.  Da er ein guter und durch
Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es
ihm zweckmäßig, daß seine Schwester ledig blieb.  Wenn er auf dem
Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte,
und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den
breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebräunten
Hände unter die geschlitzten Hosenträger gesteckt, hinaussah ins weite
Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen
Klostertürmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er
gedachte gern daran, daß die früheren, adligen Burgherren dort ihre
unversorgten Söhne und Töchter untergebracht hatten.  Es wäre ihm
nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den
Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht
hätte.  Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fürs erste noch im
Hause völlig nötig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres
Heiligenscheins, der auch auf ihn herüberstrahlte, vorlieb und war
nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen,
fleißig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins über die
Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden führten.

An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von
einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige
und häßliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefühl, daß es ihm
wohl zukomme, das väterliche Gut durch einen schönen runden Zuwachs zu
mehren.  Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend
war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, daß es ihm gar
nicht fehlen könne, wenn er überhaupt Ernst mache.  Auch nahm er
anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit
einer würdevollen Geringschätzung hin.  Auf die Länge aber, als das
Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt,
Kirchtag oder bei sonst einer öffentlichen Gelegenheit sehen lassen
konnte, ohne mit seiner Eroberung gehänselt zu werden, stieg ihm der
Ärger ernstlich zu Kopf, und er hielt es für passend, durch die
verächtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse
zu schaffen.

Manchem andern wäre dieselbe vielleicht mitleidswürdig erschienen;
denn sie äußerte sich nur in der rührenden Hartnäckigkeit, mit der die
Augen des Mädchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine
Naturgewalt bezwungen an seinem regelmäßigen, rot und weißen Gesichte
hingen und ihm überallhin folgten, unbekümmert um den Zorn, der statt
jedes Zeichens von Gegenliebe seine Züge verfinsterte.  Selbst in der
Kirche, wenn er hinter ihr stand, wußte sie's einzurichten, daß sie
wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so
sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, daß sie alles andere
darüber vergaß.  Wer die einfachen und kühlen Sitten des Volkes und
die ehrbare Gleichgültigkeit, mit der die Geschlechter sich hier
begegnen, bedenkt, wird das große Ärgernis begreifen, das ein solches
Betragen erweckt.  Auch waren die meisten ganz überzeugt, die Moidi
sei nur halb bei ihren Sinnen, und man müsse sie gewähren lassen, da
man sie doch nicht füglich vom Kirchgang zurückhalten könne, ohne den
bösen Geistern noch größere Macht über sie einzuräumen.  Die jungen
Burschen aber dachten minder christlich und hießen sie einfach
mannstoll, und da sich auch die Mädchen von ihr zurückzogen, war die
schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam
und ohne Gesellin den Küchelberg herab in die Messe ging, mit den
durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Männern am
Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend.  Dann geschah es wohl,
besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Köpfen den Ton
angab, daß einer der Hartherzigsten die schöne Passeirer
Altjungfernklage zu singen anfing:

Was muß ich armes Madl anheben,
Daß ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann?
Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben,
Vor mir lauft ein jeder darvon.
Jetzt ist mir nimmer wohl,
Weiß nit, was ich tun soll,
Daß ich halt nur grad' einen erlang'!


Und wenn der Refrain des Gelächters ein wenig verschollen war, die
zweite Strophe:

Fünfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen,
Nüchtern, und han mir nicht z' essen getraut.
Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen,
Daß ich dies Jahr möcht' werden a Braut.
Jetzt--und ist alles nichts;
Die Fastnacht ist auch schon für--
Ach, ich arme verlassene Haut!

Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen,
hörte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende
Gassenlaufen würde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben.
Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so völlig taub zu sein, daß
sie das Schimpflied weder hörte, noch sich zu Gemüte zog.  Auch für
die erbitterten Scheltreden ihrer Brüder war sie ganz unempfindlich,
erwiderte kein Wort, änderte aber um kein Haar ihr Betragen, und
selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren
gekommen, vermochte so wenig über diesen seltsamen Zustand, wie beim
Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt.

Da übernahm es endlich eine mitleidige unter den Mädchen, der Moidi
den Kopf zurechtzusetzen.  Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmäßig
erfunden, wissen wir nicht--, daß der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's
ihm drum zu tun wäre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, würde
er die Moidi heiraten.--Die Predigt über diesen kurzen und bündigen
Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein.  Denn seit dem Tage
war "die Schwarze" wie verwandelt, ließ sich nirgend sehen, stahl sich
vor Tagesgrauen in die Frühmesse, wo sie im hintersten Winkel der
Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete,
wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede.  Die Putzsucht
war vollends verschwunden.  Das Schlechteste und Gröbste trug sie am
liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr
um die Schläfen, daß sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand
mit ihr zu tun haben mochte.

Im übrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die
Eltern wohl mit ihr zufrieden und ließen sie in allem gewähren.  Der
Winter ging so hin.  Als im Frühling die Wiesen zu grünen anfingen,
kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine
Alpe ziehen zu dürfen, die höchste und einsamste im Passeier.  Der
Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen
Gemütszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen
Sommer lang die schwarze Moidi völlig verschollen.

Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den
Bergen heimkamen und das Gerücht mit ihnen ging: des alten Ingram
Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blühweißes und
rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit
schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Härlein, ein wahrer Staatsbub.
Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnügt, habe die
Schläge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen,
dem Vater aber auf das härteste Verhör nicht beichten wollen, wer der
Schuldige sei.  In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoßen, damit
sie den Schimpf nicht vor Augen hätte, habe die Tochter sich darauf,
so gut es ging, einen warmen Winkel für ihr Kind zurechtgemacht und
sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen.

Wem dies alles, zumal die gerühmte Schönheit des Knaben, unglaublich
schien, der hatte am nächsten Sonntag Gelegenheit, sich von der
Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen.  Denn am hellen Tage kam die
Vielgeschmähte vom Küchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den
Armen in ihre besten Linnen und Tücher gewickelt, und trug es mit
herausforderndem Mutterstolz zur Taufe.  Wenn einer sich ihr näherte
und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich
still, schlug den alten Flor zurück, der das schlafende Gesichtlein
bedeckte, und sagte fast spöttisch: Gelt, möchst den schwarzen Pudel
anschauen?  Da, es ist nix Rares daran.  Wo sollt's auch
herkommen?--und dann lachte sie mit großer Selbstgefälligkeit in sich
hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes überrascht,
nichts zu sagen wußte, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein
schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wäre das
gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, daß es
schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben
verbessert.

Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so großem Zulauf vonstatten
gegangen.  Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es
sich, daß die Moidi diesen wichtigen Punkt gänzlich übersehen hatte.
Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten
Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drängte
sich keiner zu einem näheren Verhältnis mit der Mutter, und die
Großeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg
nach Lana zur Kirche gegangen.  Da erhob sich endlich die zu allen
Opfern der Nächstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im
vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der
Moidi das Kind aus den Armen.  Diese Lösung des bedenklichen Knotens
erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem
überfließenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Sünderin
am füglichsten zu Hilfe kommen konnte.  Und so wurde der Knabe, weil
der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft
und mit großem Gefolge von der glückstrahlenden Mutter wieder durch
die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der
Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte.

Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin
denkwürdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen ließ,
nur für das Kind lebte und all ihre früheren Narrheiten in die eine
Leidenschaft der zärtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien.
Denn wie früher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den
kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien.  Man
konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen,
Kränze windend für das Kind und aus alten bunten Seidentüchern
seltsame Kleider für ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine
Puppe aufschmückte und stolz jedem Vorübergehenden zeigte.  Da dies
Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, ließ man sie
gewähren.  Nur der Joseph Hirzer legte den größten Abscheu gegen sie
an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde
irgendwelchen Verkehr zu pflegen.

Die Moidi schien wenig danach zu fragen.  Als ein Jahr darauf ihr
einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen
Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab
nicht das geringste Zeichen von Herzweh.  Die ganze Vergangenheit bis
zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedächnis wie
weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach
sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und
dem Kinde zu geben.

Da geschah es, daß erst ihre Eltern und dann die Brüder, einer nach
dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche,
die viele Opfer in diesen Tälern forderte.  Nun war auf einen Schlag
das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt.  Denn wenn sie bei
Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu fürchten hatte,
so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der
ansehnlichen Weingüter zu einer reichen Partie geworden; schade nur,
daß die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten
Liebschaft manchen Wählerischen abschrecken mußte.

Aber der praktische Trieb, der hier im Volke mächtig ist, kam ihr
dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal nötig, bei dem Freier, der
sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudrücken.  Es war ein
ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der
berühmten Feste gleichen Namens am Ende des Küchelberges liegt wo die
Wand der Muttspitze steil in die Höhe steigt.  Sein Vater hatte ihm
zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war,
so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine
gebracht.

So auch bei der Moidi.  Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden,
daß auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam.
Sie scherzte während der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im
vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen
Augen betrachtete.  Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten
hatte, eine große Tüte mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde
reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt.  Zwar bei einem
Vergleich mit dem Hirzerjoseph mußte des Wolfharts Franz den kürzeren
ziehen.  Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weißblonden
Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie
durch die Schablone gemalt, an Häusern, Torwegen und vollends in den
Kirchen zahlreich uns begegnen.  Aber die Moidi besaß Schwarz genug,
um in seine übermäßige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum
wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fühlen.
Nach dem raschen, durchaus geschäftsmäßigen Gang, den diese Dinge hier
nehmen, zog der Franz schon vier Wochen später als junger Ehemann in
das Haus seiner Neuvermählten auf dem Küchelberg, und damit war zum
zweitenmal das wiedererwachte Gerede über die Schicksale der schwarzen
Moidi verstummt und verschallt.

Nicht für allzu lange Zeit.  Über Jahr und Tag entsproß dieser Ehe
ein Mädchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den
teilnehmenden Nachbarn zu reden gab.  Es war das leibhaftige Ebenbild
des Vaters, schön weiß und rot, mit schlichtem blondem Haar, der
Mutter in keinem Zuge ähnlich, als daß sich früh Anwandlungen einer
phantastischen Gemütsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft
und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als
bei der Mutter und durch die große Anmut ihrer kleinen Person ins
Liebenswürdige gemildert, aber immerhin gefährlich, da es dem Kinde an
einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezügelt und die
schönen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet hätte.

Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen
Schmeichelkünste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so
vollständig, daß sie dem älteren Bruder selbst das Pflichtteil der
Barmherzigkeit mit entwendete.  Er, der früher der Abgott seiner
Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgültigkeit,
sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu
offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben.  Es half nicht viel,
daß der gutmütige Pflegevater sich des Knaben annahm.  Ja selbst, als
die kleine Schwester heranwuchs und sich mit stürmischer Zärtlichkeit
an den Bruder anschloß, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte,
den Widergeist der Mutter nicht zu bezähmen.  Vielmehr schien gerade
ihre Fürsprache den unnatürlichen Haß zu schüren, da sich nun eine Art
von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und böse Mißgunst auf die
liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem plötzlich
Verstoßenen begegnete.

So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem
armen Knaben gewonnen, daß er vor leiblicher Mißhandlung geschützt
wurde.  Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem
einstigen Liebling tätlich vergriff, war auch das letzte.  Damals
zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von
dem wir im Beginn unserer Erzählung ein Beispiel erlebt haben.  Zum
Glück war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu
hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstürmte.
Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden
Händen die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den
Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen
werden konnte.

Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jähen Anlässen ähnliche folgten,
erhob die alte Moidi bis zu jenem verhängnisvollen Tage der Trennung
nicht wieder die Hand gegen den Sohn.  Ihre Abneigung wurde aber nur
finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich
Luft zu machen wagte.  Sie schien das Dasein des Knaben völlig
verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Mädchen zu widmen.  Für diese
war sie unermüdlich, Ärzte und Kräuterwelber zu Rat zu ziehen,
Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die
schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womöglich jeden Anstoß aus dem Wege
zu räumen.  Der schwache und weichmütige Vater ließ alles geschehen.
Es war ihm nicht wohl in seinem Hause.  Aber die Stadt lag ja so nahe
zu seinen Füßen, daß er die grünen Büsche vor den Schenktüren bis
herauf winken sah.  So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen
Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender über und über rot
wird, und erzählte jedem, der es hören wollte, mit ahnenstolzer
Gemütsruhe, daß drei aus seiner Familie in den letzten fünfzig Jahren
am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei.

Seinem Weibe war er längst gleichgültig.  Sie liebte niemand auf der
Welt als das blonde Kind.  Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und
Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatürlichen Schrullen
den Leuten vollends ein Grauen erweckten.  Das Haus lag einsam auf dem
nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Straße, die sich um den
Küchelberg hinauf nach Dorf Tirol windet.  Niemand sprach sie im
Vorübergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage
besuchte, blieb der Platz neben ihr leer.

Es war unter solchen Umständen nicht zu verwundern, daß der Joseph
Hirzer jede Annäherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr
standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt,
wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen,
und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in
der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen
zu erzählen.  Er selbst war in allen Stücken mächtig emporgekommen,
galt für einen der wackersten Haushälter, eifrigsten Weinzüchter und
rechtschaffensten Ehrenmänner, während seine Schwester in gleicher
Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes
Vermögen im Testament an Kirchen und Klöster vermacht hatte, wofür die
Priester ihr verhießen, daß sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel
kommen würde".  Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden dürfen.  Sein
Sohn und die drei stattlichen Töchter waren auch ohne jede Erbschaft
von der Tante hinlänglich versorgt durch die blühenden weiten Güter
beider Eltern.  Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in
guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte
durch liebevolle Pflege dafür, daß ihres Bruders Kinder auch ohne
jedes klingende Vermächtnis sie in gutem Andenken behalten mußten.

Die Kinder aber, obwohl sie den Vater fürchteten, konnten ihm doch
nicht so blindlings gehorchen, daß sie auch in der Schule zu Meran dem
Andree und seiner Schwester ausgewichen wären.  Moidi, mit ihrem
leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr
freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie
wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wußte, daß sie so
heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekümmern dürfe.
Im übrigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender
Knabe, der am liebsten sein Wesen für sich hatte und früh eine ganz
befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte.  Es war
ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen
Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die
Kleine sich für niemand putzte als für ihn allein.  Sie hatten unter
einem überhangenden Felsstück, wo wilde Beeren in Fülle wuchsen und
die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei
errichtet, mit vielen wichtig behüteten und nur von den Eidechsen
ausgespürten Verstecken für ihre kindischen Siebensachen. lm
Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fuß ihres Schlupfwinkeis
wucherte, saßen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte
unermüdlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskörner auf lange
Fäden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand.  Waren die.  Ketten
fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck
in künstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme.  Dabei hatten sie
allerlei konfuse, andächtige Vorstellungen, und die Geschmückte fühlte
eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar
etwas vom Heiligenschein um ihren törichten Kindskopf zu tragen.  Der
Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu
gekommen wäre und seine Huldigung gestört hätte.  Der Schwester selbst
nahm er es jedesmal übel, wenn sie plötzlich zu lachen anfing und aus
Übermut und Langeweile die gelben Kettchen zerriß, daß die Körner
eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel
umsehen mußten.

Die ersten Jahre ließ sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und
vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestört.  Als aber der Andree
größer wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen
immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Haß gegenüberstand, suchte
sie ihn der Kleinen durch allerlei böse Reden und schwarze
Verdächtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder
zu trennen, mit gehässiger Schadenfreude.  Sie lag ihrem Manne sogar
an, den unnützen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem
Zehnuhrmesscr zu tun, daß der ihm Unterricht gebe und einen
Geistlichen aus ihm mache.  Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand
und großen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan
beiden Männern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem
geistlichen Herrn.  Er war sehr still und traurig beim Abschiede von
der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.--Der
Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren
Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne
keinen Zugang findet.  Die schmalen Häuser mit winkligen engen Höfen
und düsteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber
gehalten, haben eine beträchtliche Tiefe, und an die Hintergebäude
stoßen nach Norden zu weite Weingärten, bis an den Fuß des
Küchelberges, nach Süden öffnen sie sich gegen die Stadtmauer.  Hier
sind hellere Räume, und man blickt aus den Fenstern auf die
Wassermauer und über den Fluß hinweg ins breite Etschtal hinaus.  Auch
das bescheidene Quartier des Hilfspriesters genoß diesen Vorzug.  Aber
der Knabe, an die freie Luft oben auf der Höhe gewöhnt, schien sich
dennoch ein Gefangener.  Ja, er hätte wohl gern seine sonnige
Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus
er den Berg und die kleine Felshöhle oben über den letzten Reben, den
Ort seiner Kinderspiele, hätte sehen können.  Er verstummte noch mehr
als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters.  Das
Lernen war ihm plötzlich verleidet; er aß wenig und schlief schlecht,
so daß er in vier Wochen blaß und hohläugig wurde.  Und eines Tags kam
er zu seinem Lehrer und erklärte ihm, er werde sterben, wenn man ihn
länger in der Stadt halte.  Den Namen seiner Schwester hatte er nie
genannt.  Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, daß ihn ein
brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestürzt übernahm er es, der
Mutter die Notwendigkeit der Rückkehr vorzustellen.  Die Alte wütete
und schalt und wollte nichts davon hören.  Am Abend desselben Tages
aber klopfte der Knabe drohen in der Hütte wieder an, und nach einem
leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der
kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabänderliche,
unter der Bedingung, daß der entlaufene Student dem Vater
Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter
dem Hause aufschlagen mußte.

Die Kleine war sehr glücklich, ihn wieder zu haben, und er selbst
schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zurücksetzung zu hart zu
finden.  Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater
auftrug, arbeitete in den Weinbergen, ließ sich willig über Land
schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden
nie ein Wort gewechselt wurde.  Da er kein Geld erhielt und an
Kleidern nur das Notdürftigste, blieb er von den anderen Burschen
seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein für allemal weg
und schien nichts daran zu entbehren.  Denn an den Feiertagen pflegte
er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch
zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein kräftiger
Jüngling wurde und sie längst den Burschen ein Ziel mancher
zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein
kindischer, ihr Gespräch ein törichtes Geplauder.  Sie tat, was sie
nur wußte und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm
von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder,
da sie näschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen brüderlichen
Anteil, und wenn er jenes verschmähte, nahm er doch ihre eigenen Gaben
mit sichtbarer Freude.  Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders
in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen
Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und
saß im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken
und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde.  Sie hatte ihren Spaß, wenn
er im Dunkeln nicht begriff, daß sie bei ihm war, und ihre Hand, die
ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme
ihm etwa eine Feldmaus zu nahe.  Wachte er dann auf, so hörte er ihr
helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in
verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. länger zu erleiden.  Sie tat
es nicht anders, als daß er sie zur Kirche begleiten mußte, wo er dann
von den Burschen, die sich ihr näherten und die sie zu verscheuchen
gar keine Lust bezeigte, manchen eifersüchtigen Stich ins Herz empfing.
Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und hätte
sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge
grüßte, gern genähert.  Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt,
ließ durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, daß er sich jede
Annäherung des vaterlosen Burschen verbitte.  Und so blieb es auch
zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gruß, obwohl die Moidi
öfters dem Bruder mit Lachen erzählte, daß die Rosina, des Hirzers
jüngste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern
noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm
getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei.

Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit
das Tagesgespräch war, wurde der Jüngling doppelt nachdenklich und
brach eilig ab.  Ihm selbst schienen alle Mädchen eher unbequem und
alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein.  Ob er darüber nachdachte,
jemals ein eigenes Hauswesen zu gründen, war nicht zu enträtseln.
Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester
ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft
verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Möglichkeit erschien,
die doch wohl zu verwinden wäre.  Du bist ein Kind, sagte er dann.
Wer darf dich heiraten?  Die Männer sind alle schlecht und Ehstand ist
Wehstand.  Du sollst bei mir bleiben, ich will schon für dich schaffen
und dir ein gutes Leben machen.  Was schwatzest du von anderen?  Eh'
mir einer gut genug ist für dich, muß die Passer den Ifinger
hinanfließen.

Sie lachte zu solchen Reden und ließ sie sich gefallen, weil sie ihr
schmeichelten.  Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten
Sinn wurzeln zu können.  Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich
von ferne blicken ließen, zurückzuschrecken.  Und so blieb durch viele
Jahre droben auf dem Küchelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen,
und keine Änderung war abzusehen.

Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon
seinen würdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte.  Er starb im
Säuferwahnsinn.  Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe
darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen.  Eine nähere
Schilderung jenes bösen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf,
wird uns gern erlassen werden.  Die Geschwister trennten sich; die
blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer
zweiten Mißhandlung auszusetzen.  Geh nur, sagte sie.  Es ist besser
so.  Ich verlass' dich schon nicht.  Du weißt ja, ich mach' mit ihr,
was ich will, und wenn sie mir das Türl versperrt, spring' ich zum
Fenster hinaus und lauf zu dir.

Auch hielt sie Wort.  Aber was half's ihm, daß keine Woche verging, wo
sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen?
Täglich, stündlich war er ihre Nähe gewohnt gewesen.  Jenes kindische
Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft
genug, wenn er nach heißer Arbeit unter den Kastanienzweigen saß, so
unbezwinglich über den Kopf, daß er den schroffen Abhang des Berges
dicht über dem Dorfe Gratsch hinanstürmte, um nur vor Schlafengehen
noch das Dach des Häuschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Mädchen
selber glich.  Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen,
wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, daß er in fiebernder
Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie
zurückhalte.  Er lag dann förmlich im Hinterhalt.  Kam ein Bursch
vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine
Mienen auszukundschaften.  Ihm war unselig dabei zu Mut.  Eine Ahnung
dämmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und löblich.  Warum
gönnte er der Schwester nicht, was allen Mädchen zukam, Freiheit in
Wünschen und Neigungen?  Mit heißer Angst jagte er diese Gedanken von
dannen, die immer zudringlicher zurückkamen.  Freilich ihr Vater war
nicht der seine.  Aber waren sie darum weniger Geschwister?

Oft genug kam es ihm auch, daß er fort müsse, daß es ihm draußen
leichter ums Herz werden würde.  Was stand ihm auch im Wege?  Was
hielt ihn?  Hier nicht besser als in der weiten Welt mußte er sich
hart durchs Leben schlagen.  Und wer weiß, er konnte wohl seinen Vater
draußen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu
verändern.  Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen hätte!

Von neuem wälzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei
der Schlafenden saß und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn
bewachte.  Die Erschütterung, von der sie nun erquicklich und
erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der
Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung.  Er
suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Gelübde zu tun, das
ihn forttriebe von hier, wo die natürlichsten Bande sich so unheilvoll
verstrickt hatten.  Neben ihr begriff er nur zu gut, wie nötig es sei,
zu fliehen.  Aber wenn er darin wieder allein war, fühlte er, daß es
unmöglich sei.

Er rührte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren
nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu küssen.  Aber die
Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen,
leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein
Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen.

Es ward schon abendlicher draußen, denn der Marlinger Berg im Westen
verbirgt die Sonne früh.  Die Schläferin erinnerte sich jetzt,
richtete sich im Grase auf und sah mit großen Augen umher.  Als sie
den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an.  Wie
lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert.  Wie kam es denn, daß
ich mich hier niedergelegt hab'?

Es war heiß, sagte er.  Nun aber geh nach Haus, Moidi.  Ich muß drüben
nachschauen, ob alles in Ordnung ist.

Sie stand auf und gab ihm die Hand.  Gute Nacht, Andree, sagte sie
hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr
auf.  Übermorgen ist Sonntag.  Du kommst doch in die Kirche?

Nein, Moidi.  Du weißt ja, daß ich auf dem Posten bleiben muß, solang'
ich den Saltner mache.

Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich.  Ich komm' aber schon wieder
zu dir.  Gute Nacht!

Er kämpfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen.
Aber ehe er sich entschließen konnte, war sie schon auf und davon.  Am
Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das
steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte
sich zierlich um ihre Knöchel, bei jedem Schritt wie ein Fächer die
Falten öffnend und wieder zusammenschlagend.  Von oben winkte sie noch
einmal zurück mit der Hand.  Er grüßte nicht hinauf; das Geländer
zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange
verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust.

In diesem Augenblick hörte er einen raschen Männerschritt von unten
heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbärtigen
starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgerüstet, statt der
Hellebarde eine große Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren
wuchtiges Ende er lustig winkend schwang.  Andree! sagte er, als er
ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht?  Soll ich mit dir wachen?
Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt.  Und sei
gewiß, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstärkung mit.
Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spaß zu versalzen!--und er
zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und ließ
den Hahn knacken.

Ich dank', Köbele, erwiderte Andree.  Der Welsche ist feige wie die
Sünde.  Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist,
sind wir zwei doch zu schwach gegen sie.  Ich gebe dann das Zeichen,
und du magst's den andern sagen, daß sie fein aufpassen.  Das Ding
da--er wies auf die Taschenpistole--laß aber in Frieden.  Bei der
Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst bloß das Kraut.
Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schläge besser als so
ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns.

Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort.  Es ist halt nur auf alle
Fälle.  Ich wollt' aber, sie kämen.  Sie haben eine schöne Rechnung
bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die
Halunken.  Einmal müssen wir's ihnen eintränken.

Andree schwieg, und der Bärtige stieg mit einem kurzen Gruß wieder
hinab.  Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewähren zu lassen
und sich ihm nicht aufzudrängen.

Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden währte
es, bis die Nacht die Herrschaft gewann.  Denn zur Rechten hoch aus
dem Vintschgau zuströmend und drüben bis an den Gürtel des Ifinger
hinab waltete noch die Tageshelle, und ein bläulicher Duft wölkte sich
über dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen,
der hinter der Bergwand sich in die Täler hereinstahl.  Die Hirten
trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den
Dörfern hinauf belebten sich mit schönen falben Kühen, die über Tag an
den Bächen unten geweidet hatten.  Im Süden aber die Trientiner Berge
und die schöne, kühn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich
unter den feuchten Dünsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte.

Spät erst kam ein schmales Stück des Mondes hervor, warf einen
unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der
schweren Feuchte, die sich träge an den Bergen hintrieb.  Das letzte
Geräusch in der Stadt, wo der Feierabend frühzeitig eintritt, das
letzte Geläut von den Türmen hüben und drüben verklang.  Nur die
raschen Bergwässer rauschten, und von ferne summte der Südwind daher,
trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch
die Blätter des vergangenen Herbstes.  Auch das ward still, als es
gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne
Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm über der Erde und goß ihren
Schlaftau auf die tausend Augen.

Die Weinhüter schliefen nicht, und sie wußten warum.  Es war nicht die
erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengänge
versucht und schweren Schaden verübt hatten.  Oben bei seiner
Maisstrohhütte saß Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im
Dunkeln öfters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch
hatte füllen lassen.  Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das
Blätterdach auf ihn eindrangen, fühlte er kaum in seinen dichten
Haaren.  Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf
geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht
über der Straße, wo die Laube durch grobe Kürbisblätter und ein
vortretendes Mäuerchen zu einem Spähewinkel ausgebaut war.  Hier
duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und
zündete eine neue Pfeife an.  Sein Blut war viel ruhiger als über Tag.
Es tat ihm wohl, daß er zu tun bekam, daß er seine heiße Unruhe an
einer Gefahr austoben konnte.  Denn daß der Welsche die Nacht nicht
vorüberlassen würde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest.

Aber der Feind ließ sich Zeit; er schien die Wächter sicher machen zu
wollen.  Man hörte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte
sich nichts.  Einer der Saltner, der das Nachbargut hütete, strich bei
seiner Runde an Andree vorbei.  Heut kommen sie nicht, sagte er.  Ich
geh' hinauf in die Hütten.  Passiert was, so brauchst nur pfeifen.
Gute Nacht! murmelte Andree.  Es war ihm lieb, daß der Kamerad zu
schlafen vorzog.  Er hätte am liebsten ganz allein Mann an Mann mit
dem Welschen zu tun gehabt.

Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte plötzlich der Einsame
hoch auf.  Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weingütern
sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Brüllen, und gleich
darauf stürmte unter heftigem Krachen zersplitternder Geländerstäbe
eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich.  Der
Lauschende sprang auf seine Füße, das Herz klopfte ihm, unwillkürlich
schlug er ein Kreuz.  Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube
drüben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und spähte, auf die
Hellebarde gestützt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der
Lärm erscholl.  Es kam näher und näher, ein Geheul wie von einem
angeschossenen Tier in der Wildnis, das wütend den Jäger sucht.  Und
jetzt donnerte es drüben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus
den Fugen, stürzten prasselnd die Stufen hinab, und nach stürzte durch
die Bresche, sich überschlagend im Fall, das rätselhafte Ungetüm mit
solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, daß die Mauer, auf der
Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte.

Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gestöhn drang zu den Ohren
des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse
zusammengestürzt war.  Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darüber,
daß es eine von den Kühen des Nachbarn sei, deren Stall an den
Rebengarten grenzte.  Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf.  Er
pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang
sich über die Mauer auf die Straße.

Das gestürzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen
eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hörner in den Boden
einwühlend.  Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch
die Lauben gehetzt hatte; es stieß nur dann und wann ein dumpfes
Brüllen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und
geduldig, als Andree herantrat.

Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen
Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie
Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen.  Andree
schwieg und spähte am Boden umher.  Plötzlich hob er mit dem Eisen
seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf.  Es ist richtig! sagte er,
ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins
ihrer Bubenstücke.  Da seht!

Er hielt ihnen ein Stück Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch
fortbrannte.  Schandvolk! brauste er auf.  Sie haben's der
unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen.  Wäre
sie nicht zu Fall gekommen, so hätt' sich's durchgebrannt, bis ins
Hirn, und sie wär' jetzt für den Schindanger reif.  So hat sich's
herausgeschüttelt, und der Bauer kann von Glück sagen.  Hätt' ich den
Buben, heiliges Kreuz--!

Der Köbele knackte am Hahn seiner Pistole.  Willst du mit mir kommen,
Andree?

Nein.  Laß das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort.
Macht, daß ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim.
Ich will allein gehen.

Er sprang mit großen Sätzen geräuschlos durch die Weiden gegenüber und
über das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust glühte in ihm,
die alle seine Sinne schärfte.  Der Regen fiel jetzt gleichmäßig und
mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste stärker.  Dennoch
hörte Andree, als er dem Stadttor näher kam, ferne Schritte unter den
Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und
erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weißen Jacken der verhaßten
Feinde.  Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht.
Aber sie kamen langsam von der Stelle.  Der eine--er war jetzt nahe
genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte mühsam am Arme seines
Kameraden hin.  Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hörnern zur
Wehr gesetzt haben.  Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der
Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Rächer vom Morgen her
nur zu gut bekannt war.  Aber das Lachen ward jählings zu einem Schrei
des Entsetzens.  Denn von einem wütenden Schlag der Hellebarde
getroffen, stürzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon.  Ein
neuer Stoß streckte ihn stumm zu Boden.  Sein Geselle, der ihm
beispringen wollte, wurde von zwei stählernen Fäusten gepackt, ein
wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur
die Zähne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander
dicht ins Weiße der Augen.  Da sah der Soldat seinen Vorteil und
drängte den Feind dicht an den Rand des Grabens, daß ihm der Fuß auf
dem schlüpfrigen Boden ausglitt und er rücklings niedertaumelte.  Ehe
er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weißrock entsprungen, und
Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf
alles Rufen und Rütteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab.

Er ist hin! sagte der Bursch laut für sich, da ihm die leblose Masse
wieder aus den Armen glitt.  Bei dem Ton seiner eigenen Worte
schauderte er unwillkürlich zusammen.  Sein ganzes elendes Leben stand
ihm plötzlich vor der Seele.

Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel.
Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und
was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke.  Wenn der andere
Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm
dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache
seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen wohl
schwerlich nahegegangen.  Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt
hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine
Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es
jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah,
sein fluchwürdiges Schicksal.  Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am
Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht.  Was war ihm der
Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Tier?  Einen ganz
anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwegene Gesell mit dem
Mädchen schön getan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie
ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte.  Darum hatte
er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der
vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder,
geächtet von seinem eigenen Gewissen.

Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den
hoffnungslos Brütenden auf.  Er sprach kein Wort auf alles, was der
andere redete und rannte.  Er bedeutete ihm mit stummen Gebärden, daß
sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das
hart am Tor von Meran über die Mauer blickt.  Erst dort an der
Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er
dumpf: Zieh an der Glocke, Köbele, und wart, bis sie aufmachen.
Kannst ihnen sagen, daß ich's getan hab'.  Und behüt dich Gott; mich
wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand
in der dunklen Straße.

Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam
seine Glieder weiterschleppen, so schwer lähmten ihn seine Gedanken.
Als er die finstern Bogengänge der "langen Lauben" betrat, wo er vor
dem Regen geschützt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und
lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler.  Hier saß über Tag das
alte Mütterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet.  Die Erde
war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Nägelschuhen
krachten.  Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu
stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten!  Und dort,
wenige Häuser aufwärts, war der Laden des Zuckerbäckers, dem die Moidi
ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte.  Er sah noch deutlich das große
Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft.
Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die
Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen hätte; denn sie
weinte, als sie es getan hatte.  Noch jetzt, da er an diese kindischen
Tränen zurückdachte, fühlte er eine triumphierende Freude, daß er so
viel Gewalt über ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte,
und in demselben Augenblicke erschrak er über diese seine Freude.  Er
sprang verstört wieder auf und tappte sich vorwärts in dem öden
Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte.  Die
Haustür war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe
so dunkel, daß jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu
brechen.  Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe.
Die Fledermäuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der
geistliche Herr sein Quartier hatte.  Da stand er eine Weile an der
Tür und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hörte.  Darin
entschloß er sich einzutreten.

Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoßenden Kammer, wo er selbst
als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht.  Und als ob er sich jetzt
erst recht von Gott und Menschen verlassen fühlte, setzte er sich auf
das unberührte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurück und
brütete über finsteren Entschlüssen.

Die große Katze, die Haushälterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht
heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um
ihn herum.  Jetzt sprang sie ihm auf den Schoß und rieb ihren weichen
Rücken gegen seine Brust.  Da stürzten ihm die Tränen mit Gewalt aus
den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten
Lieblings.  Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft
von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege
wieder hinunter.  Denn draußen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht
zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte.

Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte
gehen wollen, nach dem Schloß hinauf, wo der Hirzer wohnte.  Der
Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben
in geistlichen Gesprächen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe
verspätet haben und über Nacht geblieben sein.  Wenigstens würden sie
dort wissen, wohin er sich gewendet habe.  So durchschritt der
Flüchtling mit freierem Fuße die Laubengasse und das Passeirer Tor und
betrat den steinernen Steg über die wilde Passer.  Der Regen rieselte
jetzt weicher herab, das Gewölk wurde luftiger, und der Wind kam
lebhaft aus Nordost und klärte schon ein Stück des Himmels, daß
schwache Mondstrahlen in die schäumenden Wellen der Felsschlucht
fielen.  Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und
er hätte in das Fenster spähen können, hinter dem seine Schwester
schlief.  Und hier über die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes
Gebet und ein rascher Sprung--und er wäre aller irdischen Qual
entrückt gewesen.  Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr
graute, schritt er nun hastiger über die hallenden Steinplatten der
Brücke und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, als er drüben die
Abhänge von Obermais betrat.

Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fußpfade
hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede
auf weitere Fragen.  Immer ungeduldiger sah er zu der Höhe auf, von
der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unförmlicher
Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch
die Weingärten die Bäche zu Tale flossen.  Dieses Weges war Andree
nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die
Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach
verlangend, seine sanfte, blasse, schönäugige Pate zu sehen, die Tante
Anna.  Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe
weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen.
Knirschend war er gegangen, und nichts hätte ihn vermocht, die
Schwelle wieder zu betreten.  Aber die Not, in der er war, ließ ihn
all den alten Hader vergessen.

Erst wie er droben war, nach mühseligen Irrwegen über die Felsen, fiel
es ihm aufs Herz, daß er in dem Gewinkel des alten Baues nicht
Bescheid wußte, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem
Bogentor, das in den untern Hof einführt.  Er sah wohl die schmale
Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte
und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemächer
zu gelangen.  Wenn er die feindseligen Männer umsonst weckte und den
geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mußte er dastehen, und
was sollte er ihnen sagen, den nächtlichen Besuch zu entschuldigen?
Sein Kopf war so wüst und leer, daß er Mühe hatte, sich alles
zurechtzulegen.  Und fast wäre er wieder umgekehrt, wenn nicht das
Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der
Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen hätte.

Denn kaum hatte der alte Wächter, der mit den Jahren zu träge geworden
war, sich von der Stelle zu rühren, aber in seinem leisen Schlaf jeden
fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor
sich hin gebellt, so öffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine
Tür, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe.  Andree
hörte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Träume
verwies und den Lärm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse.  Rosine!
rief er hinauf.  Das Mädchen erschrak und trat in die Tür zurück.
Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum
zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spähend an das
Stiegengeländer vor.  Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme.
Bist du's, Andree?

Ich bin's, gab der Jüngling zur Antwort.  Ist der Zehnuhrmesser droben
im Haus?

Sie schien die Frage überhört zu haben.  Im Nu war sie in das Haus
zurückgesprungen und ließ ihn in zorniger Ungeduld drunten harren.
Rosine! rief er überlaut, daß die Trümmerwölbungen widerhallten.  Da
trat sie schon wieder heraus, ein Tuch übergeworfen, und huschte an
dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab.  Andree!  Ist's möglich?
flüsterte sie, hastig auf ihn zueilend.  Was suchst du hier zu dieser
Zeit?  Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such'
ich, unterbrach er sie.  Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden
kann.

Er ist droben, antwortete sie rasch.  Komm hinauf.  Ich bring' dich zu
ihm, der Vater schläft fest, niemand soll's wissen als die Tante.

Auch die nicht, herrschte der Bursch.  Ich habe keine Zeit übrig.  Gut,
daß du bei der Hand warst.  Ich war drauf und dran umzukehren.

Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber ließ
sie unangefochten eintreten.

Ich hab' von dir geträumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mädchen,
während sie in der Küche, dicht neben dem Hausgang, ein Lämpchen
anzündete.  Es war schrecklich.  Du lagst tot auf der Wassermauer; sie
hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben
bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Laßt ihn doch, es
hilft ja alles nichts!  Und dabei wurde ich selber eiskalt übern
ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mußte
immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte
der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei
gelobt!

Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zähnen, aber er
wollte sie nicht noch mehr ängstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe
noch, Rosine, aber ich muß fort von hier, du wirst bald genug hören,
warum.  Und diese Nacht noch muß ich gehn, sobald ich den hochwürdigen
Herrn gesprochen habe.

Das Mädchen ließ die Lampe aus der Hand gleiten, daß das Öl auf den
Herd floß.  Ihr feines blasses Gesicht rötete sich heftig, und die
schönen braunen Augen blickten verstört auf, als hätten sie ein
Gespenst gesehn.  Fort willst du? sagte sie.  Ist es möglich, Andree?
Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du
wiederkommen?  Was ist denn geschehen?  Hat die Mutter wieder-Schweig
von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort.  Frag nicht weiter, es
kommt alles an den Tag.  Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schläft.
Ich habe keine Minute übrig.

Sie nahm das Lämpchen mit demütigem Stillschweigen vom Herd und ging
ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weißgetünchten Wänden
ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tüncher geschont hatte,
aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen.  Eine enge
Steintreppe lief hinauf zu den oberen Räumen; alles war durchduftet
von dem Geruch schöner reifer Äpfel, die droben im Winkel
aufgeschichtet lagen.  Eine alte Wanduhr tickte mit hartem
Pendelschlag, und die Mäuse liefen, durch die nahenden Schritte
aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflöcher zurück.

Hier! sagte das Mädchen, auf eine große altertümliche Tür zeigend.
Sie gab dem Jüngling die Lampe in die Hand und blieb draußen im
Hausgang stehn, bis er eingetreten war.  Einen Augenblick fühlte sie
sich versucht, das Ohr ans Schlüsselloch zu legen.  Darin schüttelte
sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die öde
Küche, zu warten, bis er wiederkäme.

Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit
dunklem Holz ausgetäfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen
Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschließen, den
friedlich Schlafenden zu wecken.  Zum erstenmal fühlte er es dunkel,
daß sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stürme zu
beschwichtigen, wie sie in seinem Gemüte tobten.  Eine dunkle Angst,
mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flüchten,
hatte ihn hierher getrieben.  Aber der Frieden, der auf diesem ruhig
atmenden, leicht geröteten Gesichte lag, war nicht für ihn.  Wozu
sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte.

Er zog schon den Fuß zurück, um die Halle sacht, wie er gekommen war,
wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lämpchens
beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor
sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser.
Schau nur fleißig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwürdiger Herr,
sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um
Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' störe.  Aber ich möcht' doch
nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen.

Erschrocken fuhr der Träumende in die Höhe und starrte mit weit
aufgerissenen Augen den nächtlichen Besucher an.  Himmlische
Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen?  Andree--bist du's
wirklich, hier oben auf Schloß Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und
mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig?

's ist mir auch danach zu Mut, Hochwürden, erwiderte der Jüngling.
Ich muß mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen
und keine Ruhe mehr auf Erden.

Andree! rief der entsetzte Hörer.  Du hast--Das Wort erstarb ihm auf
der Zunge; mit entgeistertem Gesicht saß er im Bette da und faltete
mechanisch die Hände über der rotgewürfelten Decke.  Der Jüngling
erzählte mit scharfer Kürze, wie sich alles zugetragen.  Von der
Schwester sagte er kein Wort.

Er schloß damit, daß er nun zunächst in einem Kloster Zuflucht suchen
wolle und den hochwürdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben,
daß man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte.
Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu
sagen würde.

Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin.  Das geht nicht an,
mein Sohn, sagte er endlich mit bekümmerter Miene.  Die Gerichte
werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen
erhalten hast, wirst du wieder zurückgebracht werden.  Und was können
sie dir auch so Schlimmes antun?  Du warst nicht der Angreifer und
hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schändlichen
Räubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron.  Also mein' ich,
du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das
Gericht dazu sagt.  Denk, wenn du landflüchtig würdest, was sollt'
deine Schwester anfangen, die keine Stütze hat als dich, wenn die
Mutter die Augen schließt.

Die Glut schoß dem Jüngling ins Gesicht, und er wandte sich ab.  Es
ist einmal nicht zu ändern, sagte er dumpf.  Hier bleiben, Rede stehen,
bestraft und bedauert werden?  Lieber gleich in die Hölle fahren,
--Gott verzeih' mir die Sünde!  Wenn Sie mir nicht beistehen wollen,
Hochwürden, so sag' ich behüt' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist
was--fuhr er zögernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das
stößt mich fort von hier, daß mir ist, als müßt' ich grad' ersticken,
wenn ich zwischen diesen Bergen noch länger Odem holen sollt'.  Und
wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich
ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich
selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tät'.
Aber irgendwo muß ich hin, wo ich für alle und jedermann wie tot und
begraben bin und auch ganz vergesse, daß noch Menschen auf der Welt
sind.  Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich
hier vor Ihnen stehe.

Der Priester zog die dünnen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck
von Wichtigkeit in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her.  Was sind
das für secreta mysteria? sagte er mißbilligend.  Auch deinem
Beichtvater willst du's nicht sagen?

Dem wohl, erwiderte der Jüngling ausweichend und immer tiefer errötend.
Aber erst wenn ich im Kloster bin.  Und darum bitt' ich inständig,
Hochwürden, daß Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne
Empfehlung gehen lassen.

Mag's drum sein, armer Sohn, sagte der kleine Priester mitleidig.  Du
hast früher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und
ich meine, vom Latein wird dir noch einiges hängengeblieben sein.  Ich
will dich an den Pater Benediktus empfehlen--und er nannte ihm den
Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen
seiner rauhen Luft wenig besucht ward--dem sage einen Gruß von mir,
und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage
auseinandersetzt.  Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen
Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn
dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Nöte auszuschütten, so
weißt du, daß du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige
Fürsorge und Teilnahme bei mir finden wirst.  Gott sei mit dir, mein
Sohn!

Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Jüngling statt
aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte.  Dann ging er
mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tür sacht hinter
sich zu.

Aber so leise er den gewölbten Gang hinunterschritt--denn er scheute
sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu
begegnen--, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt,
eine schmale, blasse Hand öffnete die Tür einer Kammer, die neben der
Küche lag, und ein zartes, frühgealtertes Gesicht spähte dem
Lichtschein entgegen, der über die enge Steintreppe herunterfiel.  Die
Tante Anna war aufgewacht, da sie das Mädchen am Herde hantieren hörte,
und hatte sie zu sich hereingerufen.  Er will niemand sehen als den
hochwürdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.--Mich wird er schon sehen
müssen, war die leise, aber nachdrückliche Antwort gewesen.  Und dann
hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und,
ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet,
bis der späte Gast die Stufen herabkäme.  Sie hatten kein Licht in dem
engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die
kleinen Scheiben hereindrang.  Das Kruzifix über dem Bett, der
Betschemel in der Ecke, das saubere Gerät, das an den Wänden
herumstand, alles hatte eine wehmütige Heimlichkeit, wie sie eine alte
Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen
Lebenshoffnungen abgeschlossen hat.  Diese Kammer hatte manche Träne
fallen sehen und manches heiße Gebet flüstern hören.  Und die Rosine
sah auch jetzt, daß sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und
wagte nicht, ihre andächtigen Gedanken zu stören.

Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die
Tür.  Andree! rief sie leise in den Flur hinaus.

Der Jüngling blieb unschlüssig an der Treppe stehen.  Es trieb ihn,
ohne Aufenthalt seine nächtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte
er nicht mit einem flüchtigen Gruß vorübereilen, zumal da er diese
stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte.  Ihr
seid wach, Pate, sagte er endlich.  Ich bat die Rosine doch-Ich bin
voll selbst aufgewacht, antwortete sie.  Aber komm herein, Andree--und
sie zog ihn in die Kammer?  Und jetzt sage mir, was du vorhast, und
was geschehen ist, daß du zu dieser Stunde hier heraufkommst.  Bist du
nicht auch Saltner unten am Küchelberg, und wie kommt's, daß du deinen
Posten verlassen hast?

Sie hatte seine Hand gefaßt und diese Worte hastig an ihn
hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen.  Er
sah trübsinnig zu Boden und überlegte, wie viel er ihr vertrauen
sollte.  Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt,
aber viel an sie gedacht und sehnlich gewünscht, sie einmal allein zu
treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr hänge, und
wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen.  Und jetzt fühlte er,
wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen könnte,
so wäre es niemand als sie.  Aber die Rosine stand am Fenster, und die
Zeit drängte, und überdies--was sollte es helfen?  Auch diese Heilige
hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben.

Pate, sagte er, der hochwürdige Herr wird Euch morgen alles erzählen,
um was ich ans der Gegend fort muß.  Ich war ein elender Mensch von
Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glück und Stern.  Es ist das
beste, daß ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch
geworden bin.  Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir
lieb, daß ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit
eine große Liebe und Verehrung zu Euch gefühlt, und der Himmel weiß,
es stünde wohl besser um mich, wenn ich Euch öfter hätte sehen und
sprechen dürfen.  Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt
friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, daß
Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe
gehoben habt, und bitte, daß Ihr für mich beten wollt auch in Zukunft,
damit sich der Herrgott meiner erbarme.  Denn wahrlich, ich habe es
nötig.

Damit drückte er ihre Hände und wollte mit einem Behüt' Euch Gott! aus
der Kammer.  Aber die Alte hielt ihn zurück und sagte: Ins Kloster?
Und ich soll dich nimmer wiedersehen?  Ich muß alles wissen, Andree.
Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz blaß und
kalt wie der Tod.  Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen?

Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er ängstlich, denn er
fühlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, würde sie ihm das
innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte über ihn die
sanfte Stimme und das große schmerzliche Auge.  Seid mir nicht böse,
fuhr er fort, aber Ihr könnt nichts ändern, und wenn ich denken müßte,
daß ich auch Euch das Herz schwer gemacht hätte mit meiner Trübsal,
würde ich noch elender sein.  Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt,
legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein
Abschied ist für die Ewigkeit.

Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten
hatte.  Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Tränen in das blasse
Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurück, zog ihn fest in ihre Arme
und küßte ihn lange und heiß auf Mund und Augen, daß auch er wie ein
Kind in Schluchzen ausbrach.  Sie standen eine geraumie Weile in
dieser inbrünstigen Trauer, und über der Wohltat, sich so zu halten
und zu haben, vergaß die Alte ganz, was kommen sollte, und der
Jüngling, was hinter ihm lag.

Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir
gewesen.  Vergeßt auch Ihr mich nicht, und so sei's genug.  Die Hähne
krähen bald.  Ich darf nicht weilen.

Andree, mein armes Kind! hauchte die Alte und sank in den Sessel
zurück, als er über die Schwelle schritt.  Plötzlich fuhr sie auf, ein
Gedanke schoß ihr durch den Sinn, sie rief seinen Namen, als hätte sie
ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben; dann fiel ihr Blick auf das
Kruzifix über dem Bett, sie stand still, wie plötzlich vor einer
drohenden Gefahr zurückbebend, schüttelte traurig den Kopf und ging
mit müden Schritten ans Fenster, um durch die Nacht zu spähen, ob sie
seinen Weg verfolgen könnte.  Ins Kloster! sprach sie vor sich hin.
Barmherziger Gott, dein Wille geschehe!

Draußen unter der Haustür im Dunkeln stand die Rosine, die vorhin aus
der Kammer geschlichen war.  Andree, sagte sie, als der Bursch sich
ihr näherte, du bist ja ohne Hut und in der Saltnerjacke.  Ich habe
dir ein Gewand von meinem Bruder geholt und einen alten Hut von ihm.
Er ist in Innsbruck und braucht's nimmer.

Der Jüngling griff hastig nach der Lodenjoppe und vertauschte sein
Lederwams dagegen.  Ich dank' dir, Rosel, sagte er.  Auch du bist gut,
du bist wie die Tante.  Denk fein an mich, wenn ich fort bin.  Die
Sachen da schick' ich bald einmal zurück.

Das Mädchen schwieg, bis sie ihre ausbrechenden Tränen wieder
bezwungen hatte.  Weiß es die Moidi? sagte sie endlich.

Nein.  Du kannst es ihr sagen, Rosel.  Grüß sie noch ein letztes Mal
und dann--gute Nacht für immer, Rosel!

Und er schritt, ihre zitternde Hand flüchtig berührend, die Freitreppe
an der Mauer hinunter, eilte über den düsteren Hof und verschwand in
der lautlosen Nacht, die nun klar und abgekühlt über Bergen und
Schluchten stand und einen heiteren Morgen ankündigte.

In aller Frühe sah man den Zehnuhrmesser eilfertig von Schloß Goyen
heruntersteigen, die Rosine mit ihm, die der Tante Anna über das
blutige Abenteuer der Nacht nähere Nachrichten und der Moidi den
letzten Gruß des Entflohenen bringen sollte.  Sie fanden unten in
Meran keine geringe Aufregung, das Landvolk stand auf der Straße
beisammen und wechselte feindselige Reden gegen die Soldaten, und
Andrees Name war auf aller Lippen.  Wo sich eine Uniform blicken ließ,
wurde das Gespräch leiser, aber die Blicke wilder und die Fäuste
drohend geballt.

Der kleine Mann des Friedens setzte seinen Weg mit wachsender
Bekümmernis fort.  Aber sein Gesicht heiterte sich wieder auf, als er
bei den Kapuzinern hörte, daß der Welsche nicht tot sei, vielmehr nach
stundenlanger Ohnmacht Augen und Lippen wieder geöffnet habe, und daß
der Arzt alle Hoffnung gebe, ihn nächstens wieder marschfertig auf die
Beine zu stellen.  Auch der Bescheid, den er auf der Kommandantur
erhielt, war befriedigend.  Man war dort sehr geneigt, die Sache
niederzuschlagen, falls der Flüchtling sich einstweilen im Kloster
still verhalten oder gar Profeß tun würde.  Eine schärfere Mannszucht
sollte die Wiederkehr ähnlicher böser Händel verhüten.  Der
Spießgesell des Welschen saß im Arrest; der Bauer, dem das Weingut
verwüstet war, sollte entschädigt werden.  Und so ließ sich alles
tröstlich und versöhnlich an, und der sorgenvolle Menschenfreund
konnte der Tante Anna gute Zeitung schicken und zwei schöne und
erbauliche Briefe ins Vintschgau hinauf entsenden, den einen an seinen
Freund, den Prior, den andern an sein Beichtkind, dem er ernstlich ins
Gewissen sprach, falls er sich mit schwerer Sünde belastet fühle,
nicht zu säumen, sondern dem geistlichen Freunde seiner Jugend in
einem umgehenden Schreiben offene Beichte abzulegen.

Ein solches Schreiben aber blieb nicht nur in nächster Zeit, sondern
alle Wochen und Monate hindurch beharrlich aus.  Vom Prior freilich
lief bald darauf eine freundschaftliche Antwort ein, des Inhalts, daß
der Andree Ingram richtig eingetroffen, auch bereits in die Laienkutte
gesteckt sei, da er seinen Entschluß, im Kloster zu leben und zu
sterben, auf die dringendste Art wiederholt ausgesprochen habe.  Ein
späterer Brief, erst um Weihnachten geschrieben, erwähnte nur kurz,
daß sich der Noviz Andreas zu aller Zufriedenheit aufführte,
schweigsam und bescheiden seinen Dienst tue und in den Stunden der
Muße in den Klosterbüchern studiere, zu einem Schreiben an die
Seinigen aber nicht zu bewegen sei.  Von einem gebeichteten Geheimnis
stand natürlich in dem geistlichen Briefe nichts zu lesen.

Über diese Zeitung schüttelte der kleine Hilfspriester nachdenklich
den Kopf, die Tante Anna schloß sich einen ganzen Tag in ihre Kammer
ein, um ungestört unter Fasten und Gebet das Seelenheil ihres
Patenkindes dem Himmel zu empfehlen, Rosine ging mit geröteten Augen
und abwesenden Gedanken im Hause herum, selbst die Mutter, die
schwarze Moidi, verriet, daß sie eine menschliche Regung fühlte und
sich im stillen über ihre Härte und Bosheit gegen den armen
Ausgestoßenen anklagte.  Nur die Schwester selbst, die doch am meisten
an ihm verlor, schien am wenigsten um sein Schicksal bekümmert zu sein.
Sie behauptete, es sei ihr zum Totlachen, wenn sie sich den Andree
in der Kutte mit geschorener Platte vorstellen solle.  Auch könne
sie's nicht glauben, daß er wirklich im Kloster hause.  Er habe gar
keine geistliche Gemütsart, und das alles sei nur ausgedacht, um dem
Militärgericht Sand in die Augen zu streuen.  Er werde drohen im
Vintschgau sitzen, Gemsen schießen und neuen Wein trinken, und eines
schönen Tages wieder zum Vorschein kommen, ohne langen Kapuzinerbart
und so weltlich, als er gegangen sei.

Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig.  Drei Tage
lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem
Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum
Schluß die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es
"sehr notwendig nach ihm habe".  Sie zeigte den Brief der Rosine, mit
der sie jetzt öfter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster
gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den
Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Mädchen, das ihm ganz
gleichgültig war.  Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn
wieder hin.  Er war ihr lange nicht herzlich genug.  Wenn er darauf
nicht kommt, sagte die Moidi, so muß er einen Schatz haben, droben in
den Vintschgerbergen.--Wo denkst du hin? erwiderte die andere.  Der
Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.--Moidi wurde blaß.
Wenn's wirklich wäre, ich grämte mich halbtot, sagte sie.  Dann wäre
niemand dran schuld als--die Mutter, wollte sie sagen; aber sie
schwieg. Denn sie hörte die Alte im Nebenzimmer husten und stöhnen, da
sie von einem jähen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag.  Es
waren böse Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde,
wunderliche Reden aus ihr heraus, über denen ihr Kind glücklicherweise
einzuschlafen pflegte.  Der Zehnuhrmesser sprach fleißig vor, auch die
Tante Anna stieg, da es sich auf das Frühjahr verschlimmerte, einige
Male den Küchelberg hinauf.  Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der
wieder von Innsbruck zurückgekehrt war, bis an die Tür des kleinen
Hauses mit, und während sich die Alten drinnen besprachen, führte er
in der üblichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlässigen
Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl
alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war.  Moidi, sagte die
Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, daß du mit dem Franz im reinen
bist?  Er sagt's, und ich würde es ja gewiß wünschen, aber ich weiß
nicht, ich kann es nicht glauben.--Warum nicht? sagte die Moidi
trutzig und strich sich mit gleichgültiger Miene die Haare hinters Ohr.
Einen muß ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein
anderer.  Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weißt,
Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter.  Mir eilt's auch gar nicht,
's ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und
wenn der Franz kommt und mir was Neues erzählt, oder auch nur da auf
die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die
Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu
lachen.

Die andere hörte das still mit an.  Sie begriff nicht, wie einem die
Liebe so lustig vorkommen könne.

Darüber ward es Frühling, die Wiesen waren längst wieder grün, die
Kastanienbäume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so
hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, daß man den Lärm bis oben in
dem kleinen Hause auf dem Küchelberge donnern hörte und die letzten
Nächte der schwarzen Moidi auch für ihre arme Tochter schlaflos
vergingen.  Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, daß es mit der Mutter
trübselig stehe.  Sie wußte, er werde doch nicht kommen, und auch die
Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu
sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fieberträumen oft genug nannte.
Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie
in einer stürmischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied.

Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen.  Sie
drückte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den
englischen Gruß und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die
gewitternde Frühlingsnacht.  Da stand sie droben und sah in das weite
Etschtal hinaus, wo über den hochgehenden Strömen das wetterleuchtende
Nachtgewölk hinjagte, und fühlte sich so armselig und allein, daß sie
in bitterliches Weinen ausbrach.  Ein heftiger Zorn auf Andree überkam
sie.  Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und
die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn,
unter allen Schrecken und Nöten ihres jungen Lebens allein lassen!
--Der Regen rauschte stärker herab, und der Wind strich kalt um die
freien Berglehnen.  Zitternd tappte das verwaiste Mädchen an den
Wänden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager
gehabt hatte.  Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle,
und wie sie daran dachte, mußte sie heftiger weinen und schlief
endlich schluchzend, hungrig und in abergläubischem Grauen vor der
Nähe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein.

Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was
sie quälte, und als sie spät am andern Morgen aufwachte, mußte sie
sich erst besinnen, daß die Mutter wirklich gestorben war.  Auch
konnte sie, so gern sie es gewollt hätte, keine rechte Trauer
erschwingen, nur ein unheimliches Gefühl hielt sie lange zurück, die
Tür zu öffnen und das Haus wieder zu betreten.  Sie fand aber drinnen
den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, daß ihr
alle weitere Sorge abgenommen wurde.  Am Tage nach dem Begräbnis
sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte
hell auf über ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf
dem Boden herumtummelten.  Vierzehn Tage später saß sie im leichten
Wägelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie
fuhren die Vintschgauerstraße hinauf, und wer ihnen begegnete, stand
still, um dem schönen blonden Mädchen nachzusehen, das in
Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in
der grünen Frühlingslandschaft herumschweifen ließ.

Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem
kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur spärlicher Baumwuchs, und die
Schlucht dahinter schon am frühen Nachmittag schwarz und schauerlich
wie ein Tor der Hölle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein
Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem
schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah.  Ein armes Dorf lag unten am
Fuß des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingärten und
Feigenbäumen so lustig umwachsen wie die Dörfer um Meran.  Auch das
fiel der Moidi aufs Herz.  Sie war nie eine Tagereise weit von Hause
entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher
vorgestellt.  Ganz blöde und traurig stieg sie vom Wagen herab, als
sie vor der Tür der unsäuberlichen Dorfschenke hielten.  Sie mochte
nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den
Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen.
Franz blieb bei den Pferden zurück.  Er war dem Andree schon früher
lieber aus dem Wege gegangen, als daß er ihn gesucht hätte.

So gingen die Mädchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt,
sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein
Wort zu wechseln.  Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe
gekommen waren, daß sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache
wuchs, stand die Moidi plötzlich still, blickte wie ein furchtsames
Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Möchtest du da hausen,
Rosel?--Ihre Freundin schüttelte nur den Kopf.--Das Herz würde mir's
abdrücken, fuhr die andere fort; nichts Grünes herum, keine Weinrebe,
kein Kornfeld.  Du wirst sehen, es ist nicht wahr, daß er den Winter
über hier gewesen ist.  Wir finden ihn gar nicht.  Wer weiß, wo er
steckt in der weiten Welt!

Auch darauf erwiderte die Rosine nichts.  Sie wußte nur zu gut, daß
sie ihn finden würden, und fürchtete sich davor, ohne recht zu wissen,
warum.  Als sie oben am Klostertor die Glocke läuteten und den Bruder
Pförtner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die
hübschen Kinder forschend an.  Er soll herauskommen, warf die Moidi
rasch hin.  Es sei ein Bote da von Meran.  Aber sagt ihm nicht, wer.

Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten.
Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur überstanden
hat! sagte die Schwester.  Sie strich sich mit den Händen über die
Stirn, die ihr glühte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um
ihre Unruhe zu verbergen.  Die Rosine saß still an die Mauer gelehnt,
beide Hände im Schoß, die Augen zugedrückt, als blende sie das
Abendrot drüben an den Berggipfeln.

Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, grüß dich
Gott, ich bin's! stürzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals.
In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurück.  Er war es
und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre
gealtert zu haben.  Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie
unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, daß sie
in den Boden versinken möchte wie ein Spukbild, oder er selber aus
einem Traume erwachen.  Sie hatte sich's wohl spaßhaft gedacht, ihn zu
necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte sähe.  Jetzt war ihr das
Weinen näher als das Lachen.

Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an.  Hab' ich's
ungeschickt gemacht, daß ich selber gekommen bin?  Da ist auch die
Rosel; sagst du ihr nicht einmal "grüß Gott"?  Der Franz hat uns
gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wüst und traurig
hier herum, wie hast du's nur ausgehalten?  Freilich, man sieht dir's
auch an, ganz hager und blaß bist du worden, als hättst du schon
einmal unterm Rasen gelegen.  Aber es wird schon wieder werden, die
Luft ist hier so herb, du mußt nun wieder nach Meran kommen, der
Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja
noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Häusel droben, denn
du weißt noch nicht, Andree, die Mutter ist tot.

Während sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder gelöst und
ihre Züge erheitert, daß es wunderlich war, wie sie das letzte, die
Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte.  Er schien sich
ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich
danke dir, Moidi, daß du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine.
Aber daß die Mutter tot ist, ändert die Sache nicht, und heimkommen
und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher daß ich noch
weiter wegkomme, in ein Kloster drüben in Italien, oder gar nach
Frankreich hinein.  Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt
mir nicht.

Er sah düster und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden.

Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich
nicht ganz traurig machen willst und böse dazu.  Ich hab' gar keine
Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich
gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist,
und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Ländern, als wenn ich
dich gar nichts anging'.  Wenn ich so Reden von dir hör', könnt' ich
fast denken, die Mutter hätt' recht gehabt, als sie im Fieber immer
vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie hätt' dich ja
nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu
machen, da sie selber so wüst war.  Ja denk, davon konnte sie halbe
Stunden lang reden, und wenn ich sehen muß, wie wenig du auf mich
hältst, fang' ich wahrhaftig an zu fürchten, du wärst gar mein Bruder
nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst.

Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und starrte sie mit
weit aufgerissenen Augen an.  Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge,
ist das wahr?  Kannst du's beschwören, daß das wahrhaftig der Mutter
Reden gewesen sind?

Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er
sie ihr hastig entzog.  Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die
vor dem Bänkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich
unterreden zu lassen.  Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke
an, der sie zittern machte.  Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der
Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurück.--Damit winkte er
der Schwester, daß sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke
der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tür in einen
Krautgarten, wo nur drüben unter den Apfelbäumen ein dienender Bruder
grub und pflanzte.  Sein Wesen war plötzlich verwandelt, sein Gesicht
glühte über und über, er schien wieder um zehn Jahre verjüngt und
schritt rüstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht
hatte.

Jetzt, da sie allein in dein Gärtchen standen, wandte er sich zu ihr
um.  Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal,
was du von der Mutter gehört hast, alles, und so lieb dir deine
Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hängen daran.

Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drückte sie fieberhaft.  Ich
weiß nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen.  Was ist es
denn, wenn sie es auch gesagt hat?  Und gesagt hat sie's freilich,
Wort für Wort und mehr als einmal.  Aber du weißt ja, daß sie einen
Haß auf dich hatte.  Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen
Teil an der Erbschaft bekämst, weil sie mir alles allein gönnte.
Vielleicht war's auch nur so ein Geschwätz, weil sie Reue hatte über
das Böse, das sie dir ihr Lebtag angetan.  Sie hat sich selber
einreden wollen, du wärst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich
nicht wie ihr eigenes gehalten hat.  Was liegt aber daran?

Besinne dich, drängte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind
übergeben hat?  Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat?
War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und
geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie
sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte?

Wer dich zu ihr gebracht hat?  Nein, davon hat sie nie geredet,
erwiderte das Mädchen und suchte sich ernsthaft auf alles
zurückzubesinnen.  Aber wart, es fällt mir ein, daß der Zehnuhrmesser
einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre
sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie
wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte
sie gehen, daß es überall ausgerufen würde, du seiest nicht ihr Sohn.
Ich kam aus der Küche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwürdige
Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurückhielt, und als er
mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was
ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen können; darauf ist sie
still geworden.  Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der
Einbildung, was kann es dich kümmern, Andree?  Und wenn's wirklich so
wäre, mußt du mich darum nimmer liebhaben?  Sind wir nicht doch wie
Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken können, und nun wär's
auf einmal aus mit uns beiden?  Schau, Andree, ich könnt' mich nit so
ändern.  Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen ließe, wie's die Mutter
gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Häusel wär'
dein und der Weinberg und alles.  Zudem, ich werde doch nicht da
wohnen bleiben.  Denn du mußt nur wissen, ich hab' mich mit dem
Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und
ich wohne dann droben auf Goyen.  Du bist doch nicht bös darüber, daß
ich dich nicht erst gefragt hab'.

Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wußte selbst
nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere
Sünde, daß sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie hätt' es gern
ungeschehen gemacht; denn sie wußte ja, daß er mit ihrem Bruder nicht
gut Freund war.  Sie stand zitternd und demütig wie ein Kind, das
gescholten zu werden erwartet.  Doch als er immer noch schwieg, wurde
es ihr nur banger und trauriger ums Herz.  Sie hätte lieber gescholten
sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut
machen.  Aber die tödliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich,
und endlich traten ihr die großen Tropfen in die Augen und rollten
über das junge Gesicht.  Da brach er das Schweigen.

Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange
zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast?

Sie sah schüchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte
sie, verzeih mir's nur.  Ich weiß selber nicht, wie es gekommen ist.
Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da
hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus.  Und
die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wär' ein braver Bursch, und
wenn ich ihn nähm', wär's für alle das beste, zumal da er so unsinnig
vernarrt tut, und du warst ja nicht da, daß ich dich hätte fragen
können.

Und wenn ich nein gesagt hätte, würdst du dich daruin gegrämt haben?
fragte er hastig.

Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rührender
Heiterkeit und Liebe an.  Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte
sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet.  Nun
ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gäb' eine neue
Todfeindschaft, wenn ich jetzt käm' und sagte: Ich mag ihn nicht.  Sei
nur wieder gut und komm selber herüber, die Tante Anna läßt dich so
vielmals schön grüßen und es verlangte sie sehr, daß du kämst, sie
hätt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wär' sie
doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszögst, in der du
gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen
bist.  Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken
muß, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustößt, Krankheit
oder so, bin ich nicht da, für dich zu sorgen.  Versprich mir's,
Andree, daß du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles
mit der Tante bereden.

Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er
duldete es mit eingedrückten Augen, während ein leises Zittern seines
Mundes den inneren Kampf verriet.  Kein Wort mehr jetzt! brach er
endlich schweratmend heraus.  Ich komme morgen früh ins Wirtshaus
hinunter, dich noch einmal zu sehn.  Dann sag' ich dir, was werden
soll.  Tu deine Hände weg von meinem Gesicht.  Sei guten Muts, Moidi.
Es wird alles werden, wie Gott will.  Hab gute Nacht!

Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch
den kleinen Garten den Klostergebäuden zu und verschwand in der Tür,
ohne nur nach ihr umzublicken.  Sie aber sah ihm nach in schweren
Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie
nicht erraten könne, wie er es meine, und was er vorhabe.
Kopfschüttelnd und in großer Betrübnis verließ sie endlich den Garten
und suchte die Rosel wieder auf, die in ängstlichem Kummer draußen
gewartet hatte.  Daß die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal
daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz.

Ich weiß nicht, was er hat, sagte die Blonde.  Ich hab's wohl gewußt,
ihm ist's nicht halb recht, daß ich den Franz nehme.  Aber was soll
ich machen?  Morgen in der Früh will er hinunterkommen und mir
Bescheid sagen.  Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will
er nichts wissen.  Wenn ich nur wüßt', warum ich mir's so annehmen
muß?  Ich könnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne
ihn zu fragen.  Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken
kann, und er war immer gut zu mir.  Ach, warum hat alles so kommen
müssen!

In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab,
und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig.

Der Franz war nie ein großer Redner gewesen, und was mit dem Andree
geschehen würde, kümmerte ihn nicht im geringsten.  Er rauchte und
trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als
die Mädchen schon lange in ihren Betten lagen.

Freilich schlief nur die eine, die Moidi.  Rosine tat die ganze Nacht
kein Auge zu.

Als der Tag noch lange nicht graute, hörte sie einen Schritt draußen
über den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer
nähern.  Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt.
Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger
Ahnung.  Die Moidi schlief ruhig fort.

Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte
leise an die Scheiben.  Moidi! rief die wohlbekannte Stimme.

Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mädchen verstohlen; die Moidi
schläft noch.  Soll ich sie wecken?

Tu's, Rosel.  Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich
hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt.

Eine Viertelstunde verging, dann öffnete sich leise die hintere Tür
der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen
Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet.  Guten
Tag, sagte sie.  Du kommst aber früh.  Wenn du nur Gutes bringst,
Andree, wird's mich schon munter machen.

Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort.  Es ist frisch, und
du bist die Luft hier nicht gewohnt.  Wir wollen ein paar Schritte
weit gehen.

Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung
wieder zu ihm hinaus.  Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die
nächtliche Öde über den Bergen, der Bruder ihr gegenüber in der
Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte
Lachlust.  Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels über den Kopf.
Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu.
Er faßte ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof.

Die Pferde im Stalle rührten sich, das Federvieh sträubte die Flügel,
ein junger Hahn krähte voreilig den Morgen an.  Die Menschen aber in
den niedrigen Hütten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele,
die in Schmerzen durch das trübe Fenster in den Hof starrte und sich
mit schweren Seufzern, glühend und fröstelnd wieder zu Bett legte, um
den Tag heranzuwachen.

Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht
zurück.  Der Hirzerfranz saß mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer
hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Straße hinaus, ob
von seiner Braut noch immer nichts zu erspähen sei, und schirrte
endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flüchen gegen den Andree.
Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz;
es mochte nun geschehen, was da wollte, für sie war es mit aller
Freude und Hoffnung vorbei.

Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrüder einen Brief,
den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand,
daß er einen Bußgang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, für die Seele
seiner Mutter zu beten.  Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten,
sie sollten daher ihre Zurückkunft nicht abwarten, sondern nach Haus
fahren.  Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen.

Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den
Tisch, daß die Gläser klirrten, und wollte im ersten Jähzorn auf und
davon und dem Andree nachsetzen.  Da aber die Kirche, zu der sich der
Büßer verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner
nichts anderes wußte, als daß der Prior dem Bruder Andreas Urlaub
gegeben habe, mußte der Grimm und Haß des Burschen sich auf eine
spätere Gelegenheit vertrösten und einstweilen an den Rückzug denken.

Es war eine harte Reise für die arme Rosine, neben dem zornmütigen
Bruder, der immer von neuem gegen den heimtückischen Verführer
loswütete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei,
dem Andree die Tür zu verschließen, wie es auch sein Vater all die
Jahre her gehalten habe.  Er habe gleich Einspruch getan gegen die
dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein
rechter Schwager werden würde.  Aber die Weiber hätten sich's in den
Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze.  Ein Narr sei er gewesen,
daß er nachgegeben habe.  Aber die Moidi würde es noch zu hören
bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht.  Vor allem aber sei
sie, die Rosine, daran schuld; sie hätte schon am Morgen nicht leiden
dürfen, daß er mit der Moidi abzog--und dann eine Flut von
brüderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen.
Denn ein viel härterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert.

Der Sommer kam, die Reben am Küchelberg hatten längst abgeblüht, und
die Weinbeeren schwollen und röteten sich, die erste Feigenernte war
vorüber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus.  Als auch
die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage
kam, gab es wenige, die noch geglaubt hätten, sie würden überhaupt
jemals wieder auftauchen.  Da niemand so recht sich vorstellen konnte,
was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an
seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald
von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede.  Anfangs
freilich hatte man viel darüber hin und her gerätselt.  Denn das
befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler
ein bußwanderungslustiges Völkchen sind, sondern daß eine Stunde über
das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen
war.  Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie
langsam und in eifrigem Gespräch einen Saumpfad die Höhen hinangingen.
Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem
ernsthaften Gesicht und das schöne blonde Mädchen im Bauernmantel an
seiner Seite.  Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers
Andringen in den nächsten Gebirgsdörfern nachgeforscht wurde, wohin
die zwei ihre Schritte gelenkt hätten, entsann sich kein Schankwirt
und kein Bauer, daß ein solches Paar an seine Tür geklopft habe.  Die
Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem
Erfolg.  Die Geschwister blieben verschwunden, als hätte sich der Berg
gespalten, um sie für immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der
Menschen zu entziehen.

Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf
Schloß Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der
verschiedensten Leidenschaften.  Nur der alte Hirzer trank ruhig
seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, daß er nun hoffentlich von
der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hören werde.
Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstünde, wieder
über seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen--und ein
Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nähe des Zehnuhrmessers sich nicht
gern versündigte.  Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich
aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu
freien, deren Güter ihm gerade bequem lagen.  Franz nahm die Sache
nicht so kaltblütig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie
war der einzige Gedanke, der seine träge Natur jemals in Flammen
gebracht hatte. Also ließ er den Befehl des Vaters einstweilen auf
sich beruhen und lüftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so daß
die Seinigen viel Not mit ihm hatten.  Die Tante Anna verschwand auf
mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand
ihr fest, daß die beiden verunglückt seien, wo sie nicht gar Hand an
sich selbst gelegt hätten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte
niemand sehen als den hochwürdigen Herrn und die Rosine.  Mit dieser
stillen Dulderin saß sie schlaflose Nächte hindurch am Herde, einen
Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im
Gespräch die Stunden hinbringend.  Das Mädchen allein blieb steif und
fest dabei, daß die beiden noch am Leben seien, und suchte es der
Tante immer wieder glaubhaft zu machen.  Daß sie freilich je
wiederkommen würden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen
Augenblick mehr geglaubt.

Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft
der kleine geistliche Herr.  Ja, es schien förmlich, als wäre ihm
durch diese Selbstverbannung seines Zöglings eine Last vom Herzen
genommen.  Er sprach noch immer fleißig vor auf Goyen, hörte jeden
nach seiner verschiedenen Gemütsart mit Wohlwollen an, sprach überall
zum Guten und wußte das Gespräch bald auf die heurige Lese und die
Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein
Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergründet hatte und
selbst den theologischen Erörterungen mit der Tante Anna entschieden
vorzog.

Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem
Küchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengärten, unten in
der Stadt Meran wogte das geschäftige Treiben eines der jährlichen
Schlacht- und Viehmärkte durch die engen Gassen, das Samstagsgeläut
war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr
auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in
der Dämmerung noch ein Stück vor sich hin zu phantasieren, ehe die
Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte.  Der Kater lag
behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im
Ofen, da die Nacht kühl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein
paar schöne Geraniumtöpfe standen, kam ein süßer Duft, den die feine
Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und während er in den
glücklichsten Flageolettönen alle Waldvögel auf seiner Geige überbot
und taktmäßig zwischen seinen niedrigen vier Wänden auf und ab schritt,
hatte er so seine gottwohlgefälligen Gedanken, wie ihm doch
eigentlich zur vollkommenen Glückseligkeit nichts Wesentliches mangle,
zumal da ihm einer seiner Amtsbrüder drunten in Sankt Valentin eine
Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen
Brüder in ihrem sonnigen Tal am Fuß des Ifinger ziehen, und der heute
abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte.

Da klopfte es an seiner Tür, und in der Meinung, es sei eben nur die
Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein
Spiel zu unterbrechen.  Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als
die Tür aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt
des verschollenen Andree vor ihm stand.

Erschrecken Sie nicht, Hochwürden, ich bin's, sagte der Jüngling,
indem er vollends hereintrat.  Da sehen Sie, der Kater kennt mich
wieder, der würde wohl das Fell sträuben, wenn ich nur ein Spuk wäre.
Ich hätte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine
Briefpost.

Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu
verbergen.  Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die
ihn ganz verwandelt erscheinen ließen.

Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es überlief
ihn kalt und heiß.  Alles, was er in der ersten Bestürzung sagen
konnte, war: Und die Moidi?

Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als
Sie, und wenn Sie mir nicht raten können, bin ich ein elender Mensch
in dieser und in jener Welt.

Indem hörten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und während die
Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger,
wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rüstete, die Kerze hinstellte
und ihrer Überraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten
die beiden Männer Zeit, sich zu sammeln und auf das Gespräch, das nun
folgen sollte, im stillen vorzubereiten.  Die Magd ging zögernd wieder
hinaus.  Sie hätte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt.  Indessen
fürchtete sie sich vor der ungewöhnlich feierlichen Miene ihres
hochwürdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich
öfters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das
erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem
gewohnten Kennerzug an die Lippen zu führen.  Denn seine Zunge war
bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der
nächsten Zeit gesprochen werden mußten.

Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl,
hochwürdiger Herr, wenn ich mich setzen muß.  Aber wir sind heut
vierzehn Stunden über die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not
mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,--die Knie wollen mich
nimmer tragen.  Wenn Sie wüßten, Hochwürden, was wir ausgestanden
haben, so sähen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind
allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Sünder
ohne Trost und Stärkung von sich gelassen.

Der kleine Seelsorger schien von diesen demütigen Worten getroffen zu
werden.  Er hob das Glas, ließ es erst gegen die Kerze in seiner roten
Glut spielen, trank einen bedächtigen Schluck, und reichte es dann
seinem Zögling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen
wagte.  Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen können. 's
ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter
weg, ich hab' ihn heut erst bekommen.

Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung
gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es
wieder über den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwürden.  Aber was
ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten
müssen: Bin ich der Maria Ingram--Gott hab' sie selig!--ihr Sohn, oder
bin ich's nicht?

Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschöpfung litt es ihn
nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fäuste beide auf einen
Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt
auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer
Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rückte.

Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine
weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine
Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi.  Nun du das
weißt, gib dich über alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen,
verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und würde dir auch zu nichts
frommen.

Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes ließ plötzlich nach,
und die Züge wurden nur kummervoll und hoffnungslos.  Ich dank' Ihnen,
sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewußt.
Auch wenn mir's niemand gesagt hätt', meine Mutter könnt's nicht
gewesen sein.  Und ich würde mich auch damit zufriedengeben, denn am
Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden können, muß ich mich
wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan.
Aber das arme Weib, Hochwürden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat,
weil sie meint, es wär' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie
mich zu sehr gehaßt hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb
gehabt hätte--nein, Hochwürden, da hilft nichts als Brief und Siegel,
sonst fürcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbärmlich,
wie sie sich's zu Gemüte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine
schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist.

Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermüdung.  Der
Hilfspriester aß und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu
verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt hätten, von denen er
keinen Bissen schmeckte.  Erzähl erst, sagte er, wie's so weit
gekommen ist.  Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch
gutmachen läßt.  Wo hast du die Monate her gesteckt, daß kein Hahn
nach dir krähen konnte?

Nicht in der Kutte, hochwürdiger Herr, sagte der Bursch, und seine
Züge heiterten sich in der Erinnerung an gefährliche und listige
Abenteuer ein wenig auf.  Sehen Sie, fuhr er fort, als mir die Moidi
zuerst sagte, ihre Mutter habe mich als einen Findling oder Gott weiß
woher von der Alm mit heruntergebracht, da war mir's, als käme ich
plötzlich aus glühenden Ketten und Banden los, die ich allezeit mit
mir geschleppt hatte, und die auch im Kloster droben nicht von mir
abfallen wollten.  Denn nicht einmal in der heiligen Beicht' hat mir's
über die Zunge gewollt, was ich die letzten Jahre her von wegen der
Moidi ausgestanden hab', und daß ich's nicht überleben würde, wenn ein
anderer sie heimführte.  Und das wußt' ich ja wohl, daß es eine
Todsünde war, wenn ich wirklich der Sohn ihrer Mutter gewesen wäre;
und doch konnt' ich's nicht von mir abtun, denn es war stärker als
mein bißchen Verstand und Religion und alles, was ich von Ihnen
gelernt und in den heiligen Büchern gelesen hatte.  Als ich's aber mit
Händen greifen konnte, daß ich mich die langen Jahre unnütz abgehärmt
hatte und gar nichts Sündhaftes dabei sei, wenn ich das Mädchen lieber
als mein Leben hätte, da bin ich plötzlich ganz lustig in mir geworden
und hab' mir sogleich vorgesetzt, mein müßt sie werden, und wenn der
Kaiser selbst uns wollt' auseinanderreißen lassen.  Denselben Abend
aber hab' ich mir noch nichts merken lassen, nur wie ich in meiner
Zellen gesessen bin, da hätt' ich singen und jauchzen mögen so laut,
daß man's bis nach Meran hinunter hätte hören sollen.  Ich hab' aber
allerhand Sachen herzurichten gehabt, auch den Brief geschrieben an
die Rosine, und so ist die Nacht auch endlich herumgegangen.  Und dann,
da es noch kaum dämmerig war, stand ich schon unten und holte das
arme Ding ab, das keine Ahnung hatte, was werden sollte.  Ich tat auch
zu Anfang ganz vernünftig, bis wir ein paar Stunden weit weg waren,
redete immer von der Wallfahrt, und sie war nicht böse drüber, daß ich
sie mit mir nahm.  Denn sie hätte gern noch ein Stück weiter in die
Welt hineingeschaut.  Als wir aber hoch oben zwischen den Bergen waren
und sie immer neugieriger fragte, wo's denn hinginge, ließ ich sie ein
wenig niedersitzen ins Moos, trat hinter einen Felsen und kam gleich
darauf wieder hervor, aber nicht mehr als Kapuziner, sondern in der
Jacke und Hosen und allem, wie ich's getragen hatte in der Nacht, als
ich von Goyen wegfloh; denn die Sachen, die dem Franz gehörten, hatte
ich noch immer nicht wieder zurückgeschickt.  Da lachte sie erst über
die Maßen und sagte, ich gefiele ihr viel besser so als in dem langen
Klosterrock, und wir aßen zusammen auf, was ich heimlich mitgenommen
hatte.  Dann aber wurde sie auf einmal still, und ich mußte ihr wohl
ganz besonders vorkommen, denn sie nahm mich scharf ins Gebet, und als
ich endlich in meiner Herzensfreude damit herausplatzte, ich würde
nimmermehr in die Kutte zurückkriechen, auch gar nicht wallfahrten
gehen, sondern sie als mein Weib in die weite Welt entführen, erschrak
sie gewaltig und fing heftig an zu weinen.  Ich aber gab ihr die
besten Worte und blieb ganz ruhig, damit sie nur nicht wieder einen
Anfall bekäme von ihren alten Krämpfen; und so, während ihr die Tränen
immer langsamer flossen, setzte ich ihr auseinander, daß es gar nicht
anginge, erst wieder nach Meran zu gehen und bei Pontius und Pilatus
anzufragen, ob sie auch nichts dagegen hätten.  Das gäbe einen noch
viel größeren Lärm, als wenn wir gar nicht wiederkämen, und wenn wir
endlich doch einmal Heimweh nach unserm Häusel erleiden sollten und
kämen in Meran wieder zum Vorschein als Mann und Frau, so müßten's
eben alle hinnehmen, wie's wäre.  Sie sollt' nur einmal an den alten
Hirzer denken und den Franz, wie die aufbegehren würden, wenn ich
plötzlich vor sie hinträte und sagte: Die Moidi ist mein, und ich geb'
sie nimmer heraus.  Und die Tante Anna und der Herr Dekan und die
ganze Stadt, die uns so lang' als Bruder und Schwester gekannt hatten,
und das Geschrei und Geschreibe beim Amt und allen Teufeln!  Und
zuletzt spielt' ich den besten Trumpf aus und sagte: Wenn ihr freilich
der Franz lieber wäre als ich, so möcht' sie's nur dreist sagen, es
wär' noch nicht zu spät, umzukehren und dann Abschied zu nehmen auf
Nimmerwiedersehen.

Da hielt sie's nicht länger aus und fiel mir uni den Hals und rief
unter Lachen und Weinen, daß sie keinen andern Willen hätte als den
meinigen, und hernach half sie mir selbst große Steine über die Kutte
wälzen, daß niemand sie finden und unsern Weg darnach aufspüren sollte.
Und denselben Tag sind wir noch viele Stunden weit gewandert,
seelenvergnügt und immer in der Einsamkeit, und haben manchmal
zurückgeschaut nach der Gegend, wo Meran liegen mußte, und über den
Franz unsere Schadenfreude gehabt, der nun ohne Braut nach Hause
fahren und den Spott aller Leute erdulden mußte.  Ich hab' auch wohl
an Sie gedacht, Hochwürden, daß Sie mir's übelnehmen könnten, und an
meine Pate und die Rosel, die es immer gut mit mir gemeint haben.
Aber das hielt nicht lange vor.  Denn wenn ich die Moidi neben mir
ansah, die ich nun herzen und küssen durfte, soviel ich wollte, und
die geduldig dazu stillhielt--nun, Sie können das freilich nicht
wissen, Hochwürden, wie's einem ist, wenn er mit seinem Schatz so
mutterseelenallein unter freiem Himmel hinwandert; aber wenn Sie es
auch einmal so gut gehabt hätten, zumal nach so langer Not, würden Sie
uns beiden die Sünde nicht so schwer anrechnen, sondern uns das
bißchen Glück wohl gönnen, das so nicht lange gedauert hat.-Er
verstummte wieder und sah traurig vor sich hin.  Der Hilfspriester
schob den Teller zurück, seufzte einmal recht von Herzen auf und
schenkte das Glas wieder voll, um es seinem Beichtkind hinzureichen.
Der Bursch trank, seufzte dann ebenfalls und fuhr in seiner stillen,
eintönigen Weise fort:

Die erste Nacht haben wir auf einer Alm geschlafen, wo uns der Senner
zu essen gab, auch nicht weiter fragte, wer wir wären; denn wie es
zwischen uns stand, mochte er leicht erraten.  Er hat uns auch am
andern Morgen versprochen, keiner Menschenseele zu sagen, daß er uns
in seiner Hütte beherbergt habe, und so gingen wir guten Muts weiter
im Hochgebirg und waren noch glückseliger und verliebter als den Tag
vorher.  Die Gegend war mir ganz fremd, ich wußte aber, wenn wir immer
gegen Westen zu wanderten, kämen wir zuletzt in die Schweiz, und weil
sie da Freiheit haben, zu leben, wie sie wollen, und keine Polizei,
dacht' ich einstweilen da zu bleiben, hatte auch keine Furcht, daß sie
uns an der Grenze um unsern Paß fragen würden; denn wo wir gingen,
hoch unter der Schneide der Berge hin, von Sennhütte zu Sennhütte,
ist's den Herren Landjägern zu abschüssig, und wir sind auch kein
einzig Mal angehalten worden.  Nun muß ich aber noch sagen, daß wir an
jenem zweiten Tag an eine Stelle kamen, wo ein steiler Grat mitten aus
den Wiesen aufsteigt, weit höher als die Muttspitz oder der Ifinger.
Da redete ich der Moidi zu, hinaufzuklettern und von da oben in die
Welt hinauszuschauen.  Ich hatte aber eine Absicht dabei; denn um die
Ferner und Schneefelder war mir's gar nicht zu tun.  Auf der Spitze
nämlich stand ein Kreuz, und hing auch der Herr Christus daran, ein
grobes Schnitzwerk, wie's einmal ein Senner mit dem Brotmesser
zustande gebracht haben mochte.  Mir aber war's gut genug.  Denn als
wir droben waren und die Moidi still und zufrieden um sich schaute,
nehm' ich sie sacht bei der Hand und knie mit ihr vor dem Kreuz hin.
Zuerst beten wir miteinander, hernach wollte sie aufstehen.  Ich aber
sag': Bleib noch knien, Moidi; 's ist noch nicht zu Ende.  Und da
fang' ich an und sage auf Lateinisch alles her, was notwendig ist, um
eine richtige Ehe zu schließen, und hernach zieh' ich ihren silbernen
Ring vom Finger und geb' ihr den meinigen dafür und lege meine Hand
auf ihren Kopf und ihre auf meinen, während ich den Segen spreche; ich
dacht' eben, man muß sich zu helfen wissen, und wie's eine Nottaufe
gibt, mag's ja auch einmal eine Nottrauung geben, nichts für ungut,
Hochwürden, und späterhin könnt's immer noch ordentlich und richtig
gemacht werden.  Sie mochte das auch bei sich denken, denn sie ließ
mich machen, was ich wollte, und kniete andächtig vor dem Kreuz.  Wie
ich nun mit meinem Latein zu Ende war, küßte ich sie von Herzen und
sagte: Nun bin ich dein Mann und du bist mein Weib, und nur der Tod
soll uns scheiden!--Sie nickte, und das Herz lachte ihr aus den Augen,
und darauf standen wir von den Knien auf und blieben noch eine Weile
droben stehen, und es war uns wundervoll zu Mut in der großen Stille
und Heimlichkeit, wie wir da mitsammen an die hundert Meilen weit auf
Länder, Städte und Flüsse hinuntersahen, und niemand war bei uns als
unser Herrgott, vor dessen Angesicht wir uns eben Treue bis in den Tod
gelobt hatten.

Sie kennen ja die Moidi, Hochwürden, und daß sie lieber lacht als
weint, auch für ihr Alter noch immer zu viel Kinderpossen im Kopf
hatte.  Aber an unserm ganzen Hochzeitstag haben wir gar nicht gelacht,
auch nicht viel geredt miteinander, sondern sind so feierlich, als
wenn das ganze Gebirg nur eine große Kirche wäre, in der schönen Sonne
hingewandert, nur daß die Moidi im Gehen Blumen pflückte und mir einen
hochzeitlichen Strauß an die Jacke steckte, sich selbst aber ein
Kränzel band und an den Arm hing.  Geld hatten wir auch noch und
konnten in der nächsten Hütte uns auftragen lassen, was der Senner nur
hergeben wollte.  So war's eine ganz lustige Hochzeit, und weder sie
noch ich dachten mehr daran, was dahinter lag und was noch kommen
sollte.

Das fiel uns alles zuerst wieder ein, als unser Geld auf die Neige
gegangen war; es mocht' eine Woche inzwischen verstrichen sein, und
von der Schweiz waren wir noch weit, da wir keine Straße einhielten,
sondern gingen, wo es uns lustig schien.  Am ersten Abend, als wir uns
mit leeren Taschen nach einem Nachtlager umsahen und wollten eben in
einen Heustadel kriechen, fiel mir ein großer Einödhof in die Augen,
und ich dacht': Da versuchst noch einmal dein Heil.  Wir fanden da
auch richtig ein Unterkommen, aber aus der einen Nacht wurde ein
halbes Jahr.  Denn der Hof gehörte einer Witfrau zu, die dort mit ein
paar Knechten und Mägden hauste, und den Oberknecht hatte sie eben
heiraten wollen, da hatte er sich beim Holzmachen verfallen, und die
Bäuerin trauerte um ihn wie um ihren ersten Mann.  Als ich ihr nun
erzählte, ich hätte flüchtig gehen müssen, weil ich einen Welschen
erschlagen, und meine Schwester da--denn dafür gab ich sie aus, weil
die Bäuerin sich mit Eheleuten wohl nicht beladen hätte--die Moidi
also hätte mich nicht allein ziehen lassen wollen, und nun seien wir
ohne einen Kreuzer, da bot sie mir an, bei ihr in.  Dienst zu treten,
und für meine Schwester gebe es auch Arbeit.  Das waren wir natürlich
zufrieden, und nur die Moidi machte mir hernach Vorwürfe, daß ich sie
nicht für mein Weib anerkannt' hätt', und ich hatte Mühe, sie wieder
zu versöhnen.  Also blieben wir, und der Sommer verging, und wir
hatten über nichts zu klagen.  Denn daß die Bäuerin ein Auge auf mich
geworfen hatte, wie ich nach und nach merkte, und mich zum Oberknecht
machte, um mich hernach wohl auch noch weiter zu befördern, konnte ich
mir ja ruhig gefallen lassen und zur rechten Zeit noch immer nein
sagen.  Aber auf einmal wurde es mit der Moidi so traurig, daß ich Tag
und Nacht keine Ruhe mehr hatte.  Es war vor etwa einer Woche, da
mähte ich auf der obersten Wiese und sehe plötzlich mein Weib
heraufkommen, mit einem ganz verwilderten Gesicht.  Und wie sie droben
ist, fällt sie vor mir nieder und beschwört mich mit aufgehobenen
Händen, ich sollt' sie umbringen aus Gnad' und Barmherzigkeit, sie
könne nicht leben mit der Sünde auf dem Gewissen, sie trage ein Kind
unterm Herzen, und diese Nacht sei ihre Mutter ihr im Traum erschienen
und habe ihr zugeraunt: Der Andree ist doch mein Sohn, und dein und
sein Kind wird verflucht sein in alle Ewigkeit.

Sie können sich nun denken, Hochwürden, wie ich erschrocken bin; denn
da sie steif und fest dabei blieb, ist mir's selber zuletzt ganz angst
und bange worden, weil ich keine rechten und klaren Beweise hatte, es
sei alles doch so, wie wir's bisher geglaubt, und der Traum nur eine
Einbildung gewesen.  Herrgott, dacht' ich, wenn's dennoch wahr wäre!
Und es überlief mich eiskalt, und ich dachte wahrhaftig einen
Augenblick, wie ich das arme händeringende Weib vor mir auf der Erde
liegen sah: Das beste wär', du gingest mit ihr auf und davon, und wo's
recht jäh in einen Abgrund hinunterschießt, drücktet ihr die Augen ein
und spränget geradewegs in die Hölle.  Hernach wurde ich freilich für
meinen Part wieder ruhig; ich überlegte alles noch einmal und blieb
zuletzt dabei: Es kann nicht sein!  Aber das arme Weib war nicht damit
zu getrösten.  Sie verlangte nicht mehr zu sterben, da's eine doppelte
Sünde wär' wegen des Kindes, aber nach Meran zurück, und hier müsse
sich's entscheiden.  Mir selbst war's ein saurer Gedanke; ich wußte
wohl, daß es ohne Lärm hier zu Hause nicht abgehen würde.  Aber da die
Moidi immer verwirrter aus den Augen schaute, zudem auch die Bäuerin
was Unrechts witterte und mir antrug, die Schwester wegzuschicken,
mich aber zu behalten, da war schon nichts anderes zu machen, als
unser Bündel zu schnüren und den harten Bußweg anzutreten.

Ich will Sie nicht damit langweilen, Hochwürden, wie jämmerlich uns
unterwegs zu Mut war, wenn wir an so manche Stelle kamen, die uns vor
sechs Monaten angelacht hatte, und wo nun das arme Weib in jedem Wind
Stimmen zu hören glaubte, die sie anklagten und verdammten.  Wenn wir
Sünde getan hatten, daß wir ohne jemand zu fragen und ohne den Segen
der Kirche als Mann und Frau in die Welt gegangen waren, so haben
wir's auf dem Heimweg hundertfach abgebüßt, zumal ich selber, da ich's
für sie mitzutragen hatte.  Und denken Sie nur, als wir wieder an die
Bergspitze kamen, wo ich uns im Frühling zusammengegeben hatte, war
das Kreuz verschwunden.  Wahrscheinlich haben's die Stürme
hinuntergerissen.  Aber der Moidi fiel es aufs Herz, wie wenn das
damals nur ein Blendwerk des Teufels gewesen wäre, der uns in die
sündhafte Ehe hätte verlocken wollen, und sie fiel mir ohnmächtig in
die Arme, und eine Stunde lang hatt' ich zu tun, sie wieder zu sich zu
bringen.-Er schwieg, und es überschauerte ihn sichtbar wie ein
Fieberfrost, in der Erinnerung an alle überstandenen Drangsale.  Der
geistliche Herr war längst aufgestanden und hatte hin und her wandelnd
die Beichte mit angehört, während er in immer kürzeren Pausen aus
seinem Döschen von Birkenrinde schnupfte.  Die letzte Prise hielt er
lange zwischen Daumen und Zeigefinger und stand dabei still vor einem
großen Kupferstich, die Magdalene in der Wüste darstellend, dem
einzigen Schmuck seiner kahlen vier Wände.  Er getraute sich nicht,
dem Rat- und Hilfesuchenden das Gesicht zuzuwenden, denn der Fall war
so schwierig, daß er wenig Hoffnung hatte, alles glücklich
hinauszuführen.

Wo ist sie jetzt? fragte er endlich kleinlaut.

Droben in unserm Häusel auf dem Küchelberg, versetzte der Bursch.  Wir
sind vor ein paar Stunden angekommen, über Dorf Tirol, und die Leute
haben uns wiedererkannt und mit Fingern auf uns gezeigt, und wie ich
allein unten durch die Lauben kam, mochten sie's schon wissen, denn
sie sind mir ausgewichen, als hätte ich eine Seuche und Pestilenz an
mir.  Droben aber sitzt das arme Weib und wartet, daß ich Sie mit
heraufbringe, und wenn Sie keinen Trost für sie haben, steh' ich für
nichts.  Denn es ist ein verzweifelter Geist, der ihr aus den Augen
sieht, und ihr armer Verstand hängt an einem dünnen Faden.  Noch ein
Riß, so fällt er ins Bodenlose; darauf verlassen Sie sich, Hochwürden.
Drei Wochen können's weit bringen mit so einem armen Weib.

Er stand nun auch auf, als wollte er dadurch den schweigsamen
geistlichen Herrn zu einem Entschlusse treiben.  Der aber blieb noch
eine ganze Zeitlang vor dem Kupferstich, obwohl er kaum einen Strich
davon an der dunklen Wand unterscheiden konnte.  Erst die achte Stunde,
die es vom Turm schlug, schien ihn zu mahnen, daß Gefahr im Verzuge
sei.  Er kehrte sich von der Wand ab, machte dem Andree ein Zeichen,
daß er sogleich wiederkommen würde, und stieg, das einzige Licht vom
Tisch mitnehmend, die Treppe hinab, immer tiefer und tiefer, bis der
letzte Schimmer verschwand.

Aber kein Vaterunser lang währte es, so tauchte der Lichtschein wieder
auf, und der würdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug
eine Maßflasche, mit einem zartgelben Wein gefüllt, wie einen Säugling
im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Gläsern.  Siehe, sagte er zu
Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der
wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trösten, geziemt
es, unser eigenes Gemüt zu kräftigen.  Trink, armer Sohn; du wirst ihn
noch wiederkennen.  Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber
reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Bläschen mehr.

Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe
er trank, und stieß mit seinem bekümmerten Pflegling herzlich an.  Ich
hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon übte die Nähe des
edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung.  Gaudete in Domino semper,
stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir
auch der armen Büßerin ein Fläschlein füllen, denn sie wird es
brauchen können.

Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser
ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der über den
Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in großen Zügen und
setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den
Tisch.  Als die große Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen
Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd,
eine schöne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen
Fiorituren verbrämt, ein Stück, das er immer an wichtigen und
bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstück, der
mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht
herumwandelte und mit den großen grünen Augen den Andree ansah, als
wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein.  Dem aber
brannte vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, und nur seine
Ehrfurcht und das eigene Schuldbewußtsein hielten ihn ab, den
geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu
erinnern, daß die Moidi die Minuten zähle, bis er ihr Trost brächte.

Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich
mit dem Ärmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein
schwarzes Gewand.  Die Magd kam, goß den Rest des Terlaners in ein
Fläschchen, das Andree einstecken mußte, brachte dem Herrn seinen Hut
und leuchtete ihnen die Treppe hinunter.  In der Laubengasse war es
indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hörte man das Singen
und Lachen der welschen Maurer und Tagelöhner und hie und da Streit
und heftige Reden, und die Wächter saßen bei den offenen Buden und
rüsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach.  Als sie
auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser
stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim
Herrn Dekan ein Geschäft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann.  In
einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, daß
ich gesagt hätt', es wird noch alles gut.

Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig küßte, und
stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich
entschließen konnte, hinaufzugehen.  Aber der Terlaner half ihm, und
nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er
droben in der Pfarrwohnung an.

Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden,
hat er niemand verraten wollen.  Als er aber eine Viertelstunde später
wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des
Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafür
eingetreten.  Er seufzte oft, während er die rauhe Straße zum
Küchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Häuschen liegen
sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dämmerte,
seufzte er noch stärker und wäre am liebsten wieder umgekehrt.  Aber
wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht
allein lassen in ihrem Unglück, und so öffnete er ohne anzuklopfen die
niedrige Tür und trat über die wohlbekannte Schwelle.

Er fand das junge Paar in der Küche, wo die Mutter gestorben war; der
Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu
kochen, die Moidi saß still und teilnahmslos auf dem Bett drüben an
der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite
Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde
auch nirgends wieder eine Heimat finden.  Als der geistliche Herr an
sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein
Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett
zurück und saß in sich geschmiegt, die Hände vors Gesicht gedrückt,
ohne einen Laut von sich zu geben.

Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr?

Sie nickte hastig vor sich hin.

Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen
zu mir?

Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte.  Er
schüttelte traurig den Kopf.  Andree, sagte er, geh einstweilen in die
Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden.

Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer,
sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwül in dem Hause, wo
er so viel Leids erfahren hatte.

Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein
Herz zu mir und höre, was ich dir sage.  Ihr habt freilich Sünde getan,
und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte
Zucht und Buße vom Herrn hinzunehmen.  Aber so schwer ist eure Sünde
nicht, daß ihr sie nicht wieder gutmachen könnt, und was dich am
meisten ängstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich--dem Himmel sei
Dank--von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht
deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu
christlichen Eheleuten machen.  Also sei getrost und erhebe dein
Angesicht und betrübe mich und den Andree nicht mit deinen
Einbildungen, die das Übel nur ärger machen und dem bösen Feind
entstammen, der die Seelen verderben will.

Er erwartete, daß sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein
Wort sprechen würde.  Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als gälte
alles, was er sagte, nicht ihr.  Er trat noch näher zu ihr heran und
nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hände, die kalt und feucht waren, vom
Gesicht.  Da sah er, daß ihre weichen, kindlichen Züge in den kurzen
Monden schmerzlich verwandelt waren.  Sie hielt die Augen fest
geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen
Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren
Umrisse feiner und schärfer erschienen, übergoß plötzlich eine tiefe
Röte, als der geistliche Herr ihr die Hände wegzog.

Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden.  Sprich ein Wort, Moidi,
sagte er mit Nachdruck.  Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht
weiß, wo es dir fehlt.  Ist es dir nicht genug, daß ich dir beteure,
der Andree ist nicht dein Bruder?

Da schüttelte sie heftig den Kopf und öffnete die Augen mit einem
starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte.  Ich weiß es besser, sagte
sie dumpf vor sich hin.  Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich
nicht irremachen lassen, sie hätte alle betrogen, die geistlichen
Herren und das Amt und alle.  Aber den Herrgott betrügt niemand.  Wie
sollt's auch anders sein?  Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft
sie ihm nicht, jetzt da er elend ist?  Ich weiß es besser, uns hilft
niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und
laßt mich allein, was sucht Ihr hier?  Ich muß nur erst das Kind-Da
stockte sie, und es schüttelte sie wieder über den ganzen Leib, und
sie schloß die Augen von neuem.  Plötzlich wurde sie wieder stiller,
als sinne sie über etwas nach.  Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem
Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen über uns
sprechen?  Ja, wenn das anginge, das wäre wohl schön.  Aber ich weiß
es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es käm'
die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun hätte, daß der Andree und die
Moidi ein Paar werden sollen, da würdet Ihr's erleben, da würde
plötzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, daß sie Euch
betrogen hat, und Ihr könntet den Segen nicht sprechen.  So wird es
kommen; ich weiß es besser!

Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein
unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine
Vorspiegelung des bösen Feindes, um dich in noch größere Sünde zu
verstricken.  Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich weiß, wer
des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil
es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin?

Sie sah plötzlich groß auf zu ihm, ohne ein Wort über die Lippen zu
bringen.  Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, daß er
tief davon erschüttert wurde und sich abwenden mußte, um sich wieder
zu fassen.  Da hörte er, wie sie leise höhnisch vor sich hinlachte.
Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr könnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn,
es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der
Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber
wer kann uns helfen?  Wenn Ihr wüßtet, wer seine Eltern sind, würdet
Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, daß man mit Fingern auf
die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder
und Schwester und hätten doch ein Kind.  Aber Ihr könnt die Eltern
nicht rufen, denn wo sind sie?  Die Mutter kenne ich wohl, sie hat
mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich weiß es besser!-Da
widerstand er nicht länger.  Höre mich an, sagte er und trat dicht an
ihr Bette.  Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hören und will
dir sagen, was ich weiß, und was so wahr ist, wie daß ein barmherziger
Gott im Himmel wohnt.  Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele,
daß du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen
willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam
vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstört ist und es noch
schlimmer werden möchte, wofern ich schwiege.  Willst du mir auf das
heilige Sakrament versprechen, es für dich zu behalten?

Sie nickte dreimal mit aufmerksamer Miene, in der ein schwacher
Schimmer von Hoffnung aufdämmerte.  Siehe, fuhr er fort, der Andree
bedarf's nicht; er hat keine Zweifel und Gewissensqual und wird dich
ohne Furcht in die Kirche führen.  Und ich denke wohl auch, daß dann
seine Mutter mit unter den anderen sitzen und im stillen den Segen
mitbeten wird, aber nicht der abgeschiedene Geist der Maria Ingram,
deiner armen Mutter, sondern--und er neigte seinen Mund dicht an ihr
Ohr--die Tante der Rosine, die Anna Hirzer, die ihn aus der Taufe
gehoben, die wird mitbeten und wahrlich keinen Einspruch tun.

Er hatte die Worte mit hastigem Flüstern herausgestoßen und fuhr, wie
von seiner eigenen Rede erschreckt, in die Höhe, ob kein dritter sie
gehört habe.  Das junge Weib saß still und starr; es war, als hätte
die Enthüllung dieses Geheimnisses keinen Eindruck auf ihre verstörte
Seele gemacht.

Nun du so viel weißt, meine Tochter, fing der kleine Priester nach
einer Pause wieder an, sollst du auch wissen, wie das alles gekommen
ist, denn sonst dächtest du, auch das sei nur eine Vorspiegelung.  Du
weißt aber wohl, daß deine Mutter den kleinen Andree damals von der
Alm mit heruntergebracht hat.  Auf selbiger Alm hat ihn die Anna
Hirzer geboren.  Ein Jahr zuvor nämlich ist ein fremder Herr aus
Deutschland nach Innsbruck gekommen, ein Offizier, der hatte einen
Feldzug gegen den Napoleon mitgemacht, und wie seine Wunden geheilt
waren, schickten ihn die Ärzte ins Tirol hinein, weil die Luft droben,
wo er zu Hause war, ihm nicht guttat.  Nun, da hat er die Anna Hirzer
auf der Straße gesehen, und es ist bald richtig zwischen ihnen
geworden, denn er war ein rascher und ritterlicher Herr, und was er
sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte geschehen, grad wie der
Andree es von klein auf gemacht hat.  Aber die Sache hatte noch einen
schlimmen Haken, denn der Offizier--du hörst doch, was ich sage, Moidi?

Sie nickte rasch mit dem Kopf und hob beide Hände auf, als wollte sie
ihn bitten, sich nicht über ihr starres Wesen zu verwundern, sondern
ruhig fortzuerzählen.

Ja siehe, Kind, sagte er, der Herr war sonst ein wackrer Herr, von
Adel und reich, und gedachte die Anna auch zu heiraten.  Aber er war
ein Lutheraner und wollte von unserer heiligen Kirche nichts wissen,
und die Anna weinte Tage und Nächte, daß sie ihn in der Verdammnis
wissen und ihm nicht helfen sollte.  Und als sie merkte, daß ihr
Bitten und Beten nichts über ihn vermochte, ist sie zu ihrem
Beichtvater gegangen, der hat ihr geraten, ihr Herz Gott zum Opfer zu
bringen und vor dem Versucher zu fliehen.  Und weil sie ein frommes
und heiliges Gemüt hatte, ist sie auch wirklich von Innsbruck weg,
ganz heimlich, daß es ihr Bräutigam erst erfuhr, als sie schon wieder
auf Goyen angekommen war, bei ihrem Bruder.  Der hat sie sehr gelobt,
daß sie lieber geflohen war, als das schwere Ärgernis zu geben; denn
du weißt, daß die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind für unsern
katholischen Glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den
rechten Arm wollt' er missen, als ein Glied seiner Familie
verlorengeben an die Ketzer und Widerchristen.  Die Anna aber hatte
sich doch zuviel zugetraut, denn schon nach ein paar Tagen glich sie
sich selber nicht mehr und ging wie ein Schatten herum, nahm auch kaum
einen Mund voll Speise, daß ich dachte, sie wird ausgehn wie eine
Lampe, der man kein Öl nachschüttet.  Sie hing schon allzusehr an dem
Fremden, und Gott weiß, was ich drum gegeben hätte, wenn sich die
armen Leutchen hätten ehelich verbinden können.  Ich hab' auch mit dem
Herrn Dekan damals viel verhandelt, aber zuletzt zerschlug sich's
immer wieder, weil die Kinder nicht auch verdammt sein sollten, das
hätte auch die Anna nicht übers Herz gebracht.  Und so vergingen sechs
oder sieben Tage; da kommt der Joseph eines Morgens zu mir, feuerrot
vor Wut und Ärger, und erzählt mir, der Ketzer, der Bräutigam, sei ihr
nun wirklich nachgereist und wohne auf Schloß Trautmannsdorf, weil er
mit dem Grafen bekannt sei.  Was nun werden solle?--Ich wieder zum
Dekan, und wieder der alte Bescheid; und dann zur Anna hinauf und von
der zu dem Fremden--an die Tage will ich denken, so alt ich werden mag,
die haben mich nicht wenig Schweiß und Herzblut gekostet.  Aber
während wir noch alle mit Sorgen und Reden und Raten zu schaffen
hatten und ich fast glaubte, wir würden an dem Fremden, der ein sehr
ehrerbietiges Benehmen gegen mich hatte, der Kirche einen verlornen
Sohn zuführen, wußte sich der trotzige und wagehalsige Mann heimlich
des Nachts auf Schloß Goyen zu schleichen und trotz der Wachsamkeit
des Joseph seine Liebste wiederzusehen.  Wohl vier Wochen lang dauerte
die Heimlichkeit.  Eines Morgens aber, noch lang vor der ersten Messe,
als er in der grauen Dämmerung eben wieder fortwollte und zwar wie
immer zum Fenster hinaus, wo neben der rauhen Burgmauer die Fichte so
dicht stand, daß er sich wie an einer Leiter hinunterschwingen konnte,
da war der Joseph Hirzer früher als sonst aufgewacht und sah die
Gestalt herabklimmen und wußte alles.  Da gab es einen wilden Kampf in
der stillen Schlucht droben, wo's nach der Naif zu steil abfällt, und
die Anna mußte aus ihrem Fenster mit ansehn, wie der Bruder den
Bräutigam zuletzt niederrang und ihn mit den Füßen trat.  Der Fremde
war aber gegen einen Felsen gefallen und hatte sich so schwer verletzt,
daß er sich nur mühselig, eh' es Tag wurde, bis nach Trautmannsdorf
schleppen konnte und dort elendiglich darniederlag.  Er verlangte
gleich, sobald er zur Besinnung kam, fort, und so ließ ihn der Graf in
seinem eigenen Wagen nach Venedig bringen, und kaum drei Wochen war er
dort, so kam die Nachricht, daß er gestorben sei.

Der kleine Priester schwieg ein wenig, nahm bedächtig eine Prise aus
dem Rindendöschen und sagte dann, vor sich hin blickend: Friede sei
seiner Seele!  Er war ein feiner und edelmütiger Kavalier und
stattlich von Gesicht und Statur.  Der Andree ist sein wahres Ebenbild,
nur daß er kleiner ist und die Augen von der Mutter hat.  Niemals ist
mir's so nah gegangen wie damals, zu denken, warum doch der
verschiedene Glaube unter den Menschen bestehen muß und der eine
verdammen, der andere selig machen.  Aber Gott hat es so eingesetzt,
und wir kurzsichtigen Menschen müssen es hinnehmen.  Ich war es selbst,
der aus Venedig die Nachricht der Anna bringen mußte.  Das war auch
ein saurer Gang, meine Tochter!  Es ist aber hernach wieder friedlich
droben zugegangen, der Joseph und die Anna haben sich kein böses Wort
drüber sagen dürfen, sie hatten sich beide was zu vergeben.  Und wie
der Sommer kam, ist die Anna zum Schein nach Bozen abgereist, heimlich
aber ging sie auf die Alm zu deiner Mutter, denn außer uns fünfen hat
nie eine lebendige Seele erfahren, was in jener Nacht geschehen.
Nicht einmal auf Trautmannsdorf wußten sie, zu wem der fremde Herr bei
Nacht auf Besuch ging.  Und als alles vorbei war und deine Mutter den
Knaben von der Alm mit nach Hause gebracht hatte, da ließ die Anna ihr
Testament aufsetzen und verschrieb ihr halbes Vermögen der Kirche von
Meran und die andere Hälfte der Kirche in Innsbruck, wo sie ihren
Bräutigam zum erstenmal gesprochen hatte, und stiftete jährlich eine
Anzahl heiliger Messen für die Seele des Toten, ob der Herrgott sich
seiner erbarmen möchte.  Das ist nun alles so gekommen und nicht mehr
zu ändern, und ist besser, das alte Ärgernis, das nunmehr
eingeschlafen ist, nicht aufzuwecken.  Auch würde es dem Andree übel
anstehn, das Testament anzufechten und die Seele seines Vaters der
kirchlichen Gnaden zu berauben.  Also ist es auch für ihn heilsamer,
er erfährt sein Lebtag nichts von Vater und Mutter, zumal er ja auch
kein Verlangen danach trägt.  Du aber, meine Tochter, wirst dessen
eingedenk sein, was du mir gelobt hast, und dann wird die heilige
Mutter Gottes Fürbitte tun, daß eure Sünden euch vergeben werden und
ihr ein friedliches und Gott wohlgefälliges Leben miteinander führen
könnt nach so mancherlei Prüfung.  Amen!

Er hatte die letzten Worte in feierlich ermahnendem Ton mit erhobener
Stimme gesagt und wartete jetzt, ob sie noch eine Frage zu tun oder
einen Einwand vorzubringen hatte.  Sie aber saß mit geschlossenen
Augen ganz still auf dem Bette, den Kopf an die Wand zurückgelehnt,
die Hände im Schoß gefaltet.  Die ängstliche Wildheit war aus ihrem
Gesicht gewichen, die Stirn unter dem wirren blonden Haar geglättet
und heiter, ihre Brust atmete friedlich.  Nach einer kleinen Weile
neigte sich das Haupt auf die Schulter, und die verschlungenen Hände
lösten sich.  Die Erzählung des kleinen Seelsorgers hatte sie wie ein
Wiegenlied eingelullt, und sie war nach den Mühen und Beschwerden der
letzten Zeit zum erstenmal wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf
gesunken.

Der Hilfspriester stand auf, mit zweifelhafter Miene; eine solche
Wirkung seiner Seelsorge hatte er nicht erwartet.  Es fiel ihm jetzt
erst wieder aufs Gewissen, daß er einem armen gestörten Wesen, das
schwerlich ganz zurechnungsfähig sei, das bedenkliche Geheimnis in die
Hand geliefert habe.  Und sie hatte nicht einmal ihr Gelübde, zu
schweigen, selber abgelegt und nur zu allem genickt mit zerstreutem
Blick und vielleicht tauben Ohren.  Aber was geschehen, war nicht zu
ändern, und so viel wenigstens gewonnen, daß sie schlief und also für
diese Nacht kein Unheil stiften konnte.  Morgen ließ sich dann weiter
sorgen.

Leise trat er von dem Bette zurück und ging aus der Tür.  Andree saß
noch draußen auf der Bank, stand aber nicht auf, als der geistliche
Freund herauskam.  Auch er, da er sein armes Weib in treuer Flut wußte,
hatte die überwachten Sinne nach so langer Anspannung endlich wieder
sich selbst überlassen, und so war der Schlaf über ihn gekommen, der
beste Seelsorger der Jugend.

Zu derselben Stunde dachte droben auf Schloß Goyen niemand an Schlaf.
Am späten Abend war ein Bursch aus Dorf Tirol, der auch vorzeiten der
Moidi nachgegangen war, zum Franz gekommen und hatte ihm die Neuigkeit
von der Heimkehr der beiden Verschollenen und wie es um die Moidi
stehe, hinterbracht.  Es sei ein großer Zorn unter allen Leuten und
ein allgemeines Gerede, das dürfe, nicht geduldet werden, die
Geistlichkeit müsse einschreiten und solchen Greuel mit Bann und Feuer
von der Erde tilgen, zum furchtbaren Exempel für alle Zeiten.

Den Franz traf diese Nachricht gerade in der übelsten Laune.  Er war
frischweg von einem Bräutigamszwist mit der jungen Witwe nach Haus
gekommen, und da man ihm droben in solchen Stimmungen sorgfältig aus
dem Wege ging, griff er begierig nach dem neuen Anlaß, seine Galle zu
erleichtern.  Er konnte sich's nicht versagen, in das Zimmer zu treten,
wo der Vater hinter der Flasche und einem alten Zeitungsblatt, die
Tante und die Rosine an ihren Spinnrädern saßen, um hier im derbsten
Stil die saubere Historie von den beiden Landfahrern zum besten zu
geben.  Niemand erwiderte ihm ein Wort, es war ihm aber schon eine
Genugtuung zu sehen, daß die Tante totenblaß wurde und der Rosel in
die Arme sank.  Sie hatte immer dem Andree das Wort geredet; nun
mochte sie's erleben, daß er auf die elendste Art zu Grunde ging.  Mit
einem höhnischen Gute Nacht! ging er aus der Tür und strich mit seinem
Gesellen die steilen Pfade hinab durch die laublosen Kastanienwälder
der Stadt zu, um dort die Nacht zu verzechen und finstere Pläne zu
schmieden.

Die drei, die auf Goyen zurückblieben, saßen wohl eine Viertelstunde
schweigend beisammen, die Tante, die sich rasch wieder erholt hatte,
schien zu beten, Rosel sah, keines eigenen Gedankens fähig, auf den
Vater, der unverändert auf das Zeitungsblatt starrte und heftig
rauchte.  Endlich stand er auf, klopfte die kleine Holzpfeife
bedächtig aus und befahl der Tochter, zu Bett zu gehen.

Als er mit der Anna allein war, trat er dicht vor sie hin und sagte:
Laß einmal das Beten!  Man betet nichts weg, was einem der Teufel auf
den Weg gelegt hat.  Du hast gehört, daß der Landstreicher--ich mag
ihn nicht nennen--wieder einpassiert ist.  Kann wohl sein, daß er Wind
davon hat, wie er auf die Welt gekommen ist, und Lärm machen will, um
sich aus der Klemme zu helfen.  Ich sag' dir aber, über meine Schwelle
darf er mir nicht, weder er noch seine Dirne.  Unsere Familie soll
nicht an die vierzig Jahre in Ehren bestanden haben, um über Nacht den
Schimpf zu erfahren, daß solch ein lutherischer Findling sich bei uns
eingedrängt und des Joseph Hirzer eigene Schwester auf ihre alten Tage
in der Leute Mäuler bringt.  Wenn all dein Beten und Heiligsein zu
weiter nichts gut gewesen wär', als dich nach zwanzig Jahren zum
Kinderspott zu machen, so wollt' ich, du--Er schluckte die Fluchrede
hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, denn sie sah ihm geradeaus
und mit ernsthaftem stolzen Blick in die Augen.--Es ist schon gut,
fuhr er in etwas gelinderem Tone fort, wir brauchen darüber nicht viel
Redens zu machen, du weißt so gut wie ich, was alles kommen wird, wenn
du nicht Vernunft behältst.  Ich lasse morgen früh anspannen und fahre
mit dir nach Lana, erst in die Messe, hernach zu unserm Vetter, wo du
so lange bleiben kannst, bis hier wieder reine Luft ist.  Denn ich
denke, es soll nicht lange hergehen.  Ich will die Hand in die Tasche
stecken und ihm ein Abstandsgeld anbieten lassen, wenn er sich
verpflichtet, das Weite zu suchen und nimmer heimzukommen.  Allenfalls
könnte man ihm das Haus samt den Gütern abkaufen und die Dirne in den
Kauf geben, so wäre man ihn los und hätte sich nichts gegen ihn
vorzuwerfen.  Ich will das noch überlegen, 's ist Zeit genug morgen
auf der Fahrt, und zu Mittag komm' ich dann heim und kann mit dem
Zehnuhrmesser den Handel abkarten, der vermag noch das meiste über den
Tollkopf und wird selber einsehen, daß alles Aufsehen vermieden werden
muß.  Handelst du aber meinem Willen zuwider, Schwester, so laß dir's
gesagt sein: Ich treib's, soweit ich kann, damit ich dir nicht einen
Kreuzer herauszuzahlen brauch', und müßt' ich mich unter die Erde
prozessieren.  Nun weißt du's, und nun sei gescheit und rede mir
nichts drein und such keine Finten und Umwege.  Denn es wäre umsonst;
darauf magst du das Sakrament nehmen.

Er ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, und sie hörte,
wie er noch einmal in den Keller hinabstieg, um sich einen Schlaftrunk
zu holen, den er trotz seiner festen und zuversichtlichen Rede wohl
brauchen mochte.  Die Rosine schlich wieder herein und sah die Tante
mit scheuen, verweinten Augen an.  Komm, sagte die Alte, wir wollen in
meine Kammer gehen; ich habe dir was zu sagen.

Sie stand ruhig auf von ihrem Spinnrad, und ihre Hand, die das Licht
ergriff, um es über den Flur an ihr Bett zu tragen, zitterte nicht.
Während der Bruder ihr seinen harten Willen eröffnet hatte, war auch
in ihr ein unerschütterlicher Wille erstarkt.  Sie war auch eine
Hirzerin, und der Bruder wußte es wohl.  Und darum brauchte er den
Schlaftrunk, denn trotz seiner drohenden Sicherheit ahnte ihm nichts
Gutes.  So hatte ihn die Anna nur einmal im Leben angeblickt: als er
ihr zum erstenmal nach jenem nächtlichen Kampf wieder unter die Augen
zu treten wagte.

Der Schlaftrunk aber tat seine Schuldigkeit.  Als unten in Meran die
Glocken zur Frühmesse geläutet wurden, lag der Herr von Schloß Goyen
noch im tiefen Schlaf und überhörte es auch, daß der alte Hofhund
freudig aufbellte und mit der Kette rasselte.  Auch der Franz konnte
es nicht hören, er hatte die Nacht in Meran zugebracht.  So stiegen
die beiden weiblichen Gestalten in ihren dunklen Sonntagsgewändern
unbemerkt die Holzstufen an der Mauer herab und traten ihren Weg durch
die neblige Winterfrühe schweigend und eilfertig an.

Sie hatten beide die Nacht durchwacht und den Morgen herbeigesehnt.
Denn die Alte hatte der Jungen alles erzählt, was diese bisher nur
dunkel ahnte und aus einzelnen aufgefangenen Worten des Vaters, wenn
er im Rausch war, sich zusammenreimen konnte.  Das geheimste Fach
ihres großen Wandschrankes war aufgeschlossen worden, und alte Briefe,
ein kleines Bildnis des Toten und die verblichenen Geschenke, die sie
von ihm bewahrte, kamen zum erstenmal vor andere Augen als die beiden,
die nicht müde wurden, über sie zu weinen.  Nur in dieser Nacht
vergossen sie keine Träne; sie leuchteten vielmehr von einem schönen
Heldenmut, der das ganze Gesicht wunderbar verjüngte, die Wangen
rötete und auch jetzt, da sie durch den Morgen hinschritt, ihren Gang
jugendlich beflügelte, daß die Junge der Alten nur mit Mühe zur Seite
bleiben konnte.

Es lag aber ein Nebel über den Tälern der Naif und Passer, daß sie wie
in einer Wolke wandelten und drüben den Küchelberg und die Trümmer der
alten Zenoburg nur mit den obersten Zinnen über den Dunst heraufragen
sahen.  Noch immer klang das Geläut und dazwischen das Tosen der
Passer, und auf den vielen Fußpfaden links und rechts hörten sie
Kirchgänger, die ihnen im Nebelduft unsichtbar blieben, eifrig
miteinander reden und dann und wann die beiden Namen nennen, die ihnen
das Herz klopfen machten.  Unten am steinernen Steg war es bereits
lebhaft von Männern und Weibern, die ehrfurchtsvoll grüßten, als die
Anna Hirzer, die Heilige, in ungewohnter Hast durch sie
hindurchschritt.  Auch standen alle still und steckten die Köpfe
zusammen.  Denn die Alte wandelte nicht wie sonst mit dem Strome der
übrigen links durch das graue Stadttor der Kirche zu, sondern man sah
sie in die steile Straße zur Rechten einbiegen, die auf den Küchelberg
führt.  Viele gingen ihr nach, zumal die Straße ungewöhnlich belebt
war, als seien droben wundersame Dinge zu schauen.  Stieg doch die
Anna Hirzer hinauf, die Heilige, des Andree Pate.  Was wird sie dem
verirrten Paar, das in Schmach und Sünde wieder heimgekommen ist, zu
sagen haben?  Will sie mit ihrer Heiligkeit die armen Sünder gegen
geistliches und weltliches Gericht beschützen, oder selbst das Wort
der Verdammnis über sie aussprechen?

So raunten die Bauern und ihre Weiber untereinander.  Die Anna aber
sah nicht rechts noch links, erwiderte auch die Grüße kaum mit einem
leisen Kopfnicken, sondern ging die steinige Fahrstraße hinan, als
wäre sie schon ein abgeschiedener Geist, der weder irdische Beschwerde
fühlen, noch Menschenrede achten könne.  Dicht hinter ihr schritt die
Rosine mit de in stillen Gesicht, das alle gewohnt waren.  Nur war es
heute so bleich, daß mitleidige Weiber es sich mit Achselzucken und
Kopfschütteln zeigten, während das Gesicht der Alten von einem
frischen Rot angehaucht war.  Sie nahm sich auch nicht die Zeit, auf
der halben Höhe auszurasten, wo eine Bank am Felsen stand.  Es war,
als triebe sie die Ahnung vorwärts, daß sie keine Minute zu verlieren
habe.

Und freilich hatte die Nacht Unheil gebraut und gegen Morgen ein
drohendes Gewitter um das kleine Haus auf dem Küchelberg
zusammengezogen.  Bald nach Mitternacht war der Schläfer vor der Tür
aufgewacht, von der Kälte geschüttelt.  Er hatte sich sacht in den
Flur geschlichen, und als er sein armes Weib sanft eingeschlafen fand,
vor den Herd gestreckt, um noch ein paar Stunden auszuruhen.  Als er
von seinen bangen Träumen im Zwielicht des weißen Morgennebels
erwachte, hörte er Stimmen vor dem Fenster und sah Gestalten durch die
Scheiben hereinspähen, die dann wieder verschwanden, um anderen Platz
zu machen.  Er horchte durch die Haustür, die er zum Glück in der
Nacht verriegelt hatte, und vernahm abgerissene Worte, die ihn nicht
zweifelhaft ließen, was draußen umgehe.  Aber wenn er erst durch den
Nebel hätte blicken und die Straßen und Gärten überschauen können,
wäre ihm vollends das Herz gesunken und das Haar zu Berg gestanden.

Denn draußen hatte sich die halbe Bevölkerung der Dörfer Tirol,
Gratsch und Algund, durch welche sie tags zuvor in ihrem elenden
Aufzug gewandert waren, in dichten Massen angesammelt, und keinem kam
es darauf an, die erste Messe zu versäumen.  Was sie hier suchten und
weshalb sie das Haus umstanden, wußte so eigentlich niemand.  Bei
allen regte sich nur das dunkle Gefühl, daß sich etwas Unerhörtes mit
zwei Menschen ereignen müsse, die so unerhört sich versündigt, die
Neugier, wie sich die Obrigkeit dem Greuel gegenüber benehmen würde,
bei sehr wenigen das Mitleiden.  Denn was die blonde Moidi etwa an
Teilnahme der Nachbarn genoß, wurde durch die geringe Gunst, die sich
der wortkarge Andree erworben, ja durch die Feindseligkeit, zu der
sein herrisches Wesen die jungen Burschen gereizt hatte, völlig wieder
aufgewogen.

Und so hörte man unter den Haufen der Neugierigen nur finstere Reden
und sah nur strenge Gesichter.  Von Meran herauf gesellten sich nicht
wenige hinzu, auch ein stattlicher Trupp von den Weißjacken, die des
Andree Abenteuer mit ihrem welschen Kameraden noch nicht vergessen
hatten, und je länger das Geläut zur Kirche anhielt, desto zahlreicher
strömte drüben aus den Passeirer Dörfern das Landvolk die steilen
Bergpfade herauf Denn seitdem man Reben am Küchelberg gezogen und Wein
gekeltert hatte, war manche wilde und blutige Tat und mancher
empörende Frevel geschehen, aber einer Todsünde, die so frei und frank
sich vor das Auge der Menschen gewagt hätte, konnte sich niemand
entsinnen.

Während nun das Summen und Murren der Volksmenge immer noch anwuchs
und doch keiner wußte, was werden sollte, hörte man plötzlich, da
gerade die Glocken eben verhallten, eine rauhe Stimme überlaut rufen:
Schlagt die Tür ein!  Mit den Fäusten will ich ihn herausschleppen,
den Lump, den elenden, in Stücke will ich ihn zerfetzen, hin muß er
werden, 's ist ihm geschworen, so wahr ich der Hirzerfranz bin, mit
vier Rossen soll er zerrissen werden und Glied vor Glied in die Passer
geschmissen, so gehört sich's dem Höllenhund, und wer was dawider hat,
der soll's mit mir zu tun kriegen.

Eine lautlose Stille hatte sich auf einen Schlag über die Kopf an Kopf
gedrängte Menge gelagert.  Die tausend neugierigen Augen richteten
sich auf die Straße, auf der der Hirzerfranz daherschwankte, rechts
und links von einem seiner Zechkumpane geführt, mit denen er die Nacht
drunten in der Schenke zusammengesessen hatte.  Er war ohne Hut, das
Gesicht stark gerötet, aber sein Gang und Wesen nicht wie eines
Trunkenen.  Der Haß und das Bewußtsein, der Wortführer der großen
Menge zu sein und eine preiswürdige Rachetat zu vollziehen, hatten ihn
nach kurzem Schlaf völlig wieder ernüchtert.

Der Gefangene im Hause drinnen hörte die wütenden Worte deutlich und
gleich darauf das orkanartige Brausen der tausend Zurufe, die von
allen Seiten losbrachen und den Vollstrecker des Strafgerichts
ermunterten.  Er hörte, wie das Gewühl näher heranschwoll, und es
überlief ihn todeskalt.  Sein eigenes Leben hätte er immerhin
darangegeben; die Welt war ihm feindlich gewesen von Jugend auf.  Aber
das arme junge Geschöpf, das drinnen so ahnungslos von der
wochenlangen Mühsal ausruhte, wie konnte er es retten, wie ertragen,
daß es um seinetwillen ein furchtbares Martyrium erlitt?  Sollte er
hinaustreten, um sich zu opfern und alle Schuld auf sich allein zu
nehmen?  Aber wer würde ihn anhören, wer ihm glauben, selbst wenn er
sich auf das Zeugnis seines geistlichen Freundes berief?  Und doch
mußte es versucht werden, auf alle Gefahr, denn das Getümmel draußen
erhitzte sich mit jeder Minute.  Er hörte jetzt auch, wie sein alter
Geselle, der Köbele, sich ins Mittel zu legen und den Franz
wegzudrängen versuchte.  Sie sollten warten, was das Amt beschließen
würde, der Herr Dekan solle gerufen werden oder der Zehnuhrmesser, der
der Beichtvater der schwarzen Moidi gewesen sei, es sei nicht richtig
mit dem Handel, die Gerichte würden's schon ausweisen.  Und dann
wieder die überlaute Fluch- und Greuelrede des Franz, und dazwischen
Geschrei welscher Soldaten, das Ruheheischen einiger alter Männer,
Zeter und Wehklage der Weiber und bis zu den fernsten Gruppen hinüber
der dumpfe Widerhall einer empörten Menschenmenge, die von blinden
Leidenschaften hin und her gerissen wurde.

Der Gefangene gab sich verloren.  Schon bedachte er, ob er nicht die
Moidi wecken und dann seinen Stutzen von der Wand nehmen und sie und
sich erschießen sollte, um sie vor Ärgerem zu bewahren; da wurde es
draußen auf einmal stiller, und er hörte ein vielfaches Beschwichtigen
und Ruhegebieten, dem nur der Franz nicht gehorchte.  Aber auch dessen
Stimme verstummte plötzlich, und statt ihrer vernahm der Lauscher
drinnen im Flur die sanfte, aber feste Stimme der Tante Anna, die
jetzt nur noch wenige Schritte von dem Hause entfernt sein konnte.

Du solltest dich schämen, Franz, hörte er sie sagen, hier am heiligen
Sonntag zu toben und zu fluchen und die anderen Leute aufzuhetzen, die
alle nicht wissen, was sie hier tun.  Geh heim, auf der Stelle, und
zieh dein Feiertagsgewand an, und dann komm wieder herab zur Kirche
und bete zu unserm Heiland auf den Knien, daß er dir deine Sünden
nicht schwerer anrechne als dem Andree und der Moidi da drinnen, die
du armseliger Mensch zu Gericht ziehen willst, als wärest du der
Richter, und bist selbst nur ein unwissender, sündiger Mensch, wie wir
alle sind.  Steh mir hier nicht länger im Weg, fuhr sie mit erhobener
Stimme fort, und ihr andern geht auch eurer Wege; nur ich habe ein
Recht, an diese Tür zu klopfen, denn daß ihr es nur wißt, da drinnen
wohnt mein Sohn, den ich mit Schmerzen geboren und lange Jahre
verleugnet habe, weil ich ein schwaches Weib gewesen bin und die
Schande vor der Welt gefürchtet habe.  Jetzt aber sage und bezeuge ich
vor dem Angesicht Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen
Geistes und vor den Ohren aller, die hier versammelt sind: Mein ist er,
und wer ihn anklagen oder schmähen will, der klage mich an, denn ich
habe es verschuldet, daß er in Schuld und Elend gefallen ist, weil ich
ihn nicht an meiner Hand gehalten habe, wie eine Mutter ihr Kind
halten soll, sondern habe ihn einer Fremden überlassen, die ihn nicht
lieben konnte.  Nun wisset ihr's, und nun gehet in die Kirche hinunter
und betet für eine große Sünderin, die ihr für fromm und gerecht
gehalten und geehrt habt, und die von allen Frauen die letzte und
verachtetste sein muß, wenn Gott sich ihrer Reu' und Leiden nicht in
Gnaden erbarmen will.

Als sie das gesprochen hatte, blieb alles stumm, und niemand regte
sich von der Stelle, außer dem Franz, der verstört zurückwich und
jetzt unter der Menge verschwand.  Die Anna aber pochte an die Tür des
Hauses, die sich alsbald öffnete.  Auf der Schwelle stand der Andree
wie ein Träumender.  Da sah er die Augen der Mutter auf ihn gerichtet
und sah, wie sie überflossen und wie ihr die Knie wankten, als sie
einen Schritt ihm entgegen tat, und sie wäre vor ihm niedergefallen,
wenn er nicht beide Arme fest um sie geschlungen und sie wieder
aufgerichtet hätte, daß sie an seiner Brust sicher ruhen und sich
ausweinen konnte.  Jetzt erst kam wieder Leben unter die Volkshaufen;
aber sie lösten sich geräuschlos auf, untereinander flüsternd, die
Weiber drückten ihre Tücher gegen die Augen, die Männer gingen
schweigsam hinweg. Viele blieben zurück und starrten in die offene
Türe, in der die Mutter mit ihrem Sohn verschwunden war.

Es währte auch nicht lange, so traten sie wieder heraus, die Mutter in
der Mitte, der Andree zu ihrer Rechten, die Moidi zur Linken, alle
drei Hand in Hand.  Sie sprachen nicht miteinander, sie blickten mit
stillen Gesichtern wie verklärt vor sich hin.  Und als die Moidi
draußen der Rosel ansichtig wurde, ließ sie auf einen Augenblick die
Hand der Mutter los und fiel der Getreuen mit weinenden Augen um den
Hals.  Dann zog sie die Freundin mit sich fort, und die vier wundersam
verbundenen Menschen gingen durch die stillen Haufen des Volks die
Straße hin, die nach der Stadt hinunterführt.  Ein lautloser Strom
Andächtiger schloß sich ihnen an.

Unten aber, wo der Marktplatz von Menschen wimmelte, öffnete sich
ihnen eine breite Gasse.  Das Gerücht war ihnen vorausgeeilt, an allen
Haustüren und Fenstern standen die Bürger und Bauern, um die Anna
Hirzer zu sehen, die Heilige, die ihren Sohn einherführte, um ihn der
ganzen Stadt zu zeigen und Zeugnis abzulegen, daß sie große Sünde
getan und der Barmherzigkeit ihres Gottes bedürftiger sei als mancher,
der sie heilig gesprochen.

Und eine Stunde später, als die Zehnuhrmesse eingeläutet wurde, kniete
die Mutter mit ihren beiden Kindern ganz vorn zwischen den Stühlen auf
dem kalten Stein.  Der Geistliche am Altar sah sie wohl.  Seine Stimme
zitterte, als er die ersten Worte sprach.  Dann tönte sie immer voller
und freudiger durch den hohen Raum, und als die Orgel zum Schluß
einfiel, sah er mit einem Blick nach oben, als wolle er allen Segen
des Himmels auf das gebeugte graue Haupt und die beiden jugendlichen
ihm zur Seite herabflehen.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Weinhüter, von Paul Heyse.




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