The Project Gutenberg eBook of Auf dem chinesischen Fluß
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Title: Auf dem chinesischen Fluß
Reisebuch
Author: Norbert Jacques
Release date: September 15, 2026 [eBook #79585]
Language: German
Original publication: Berlin: S. Fischer Verlag, 1922
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79585
Credits: Jeroen Hellingman, Richard Scheibel and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
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Im Inhaltsverzeichnis ist die Seitenzahl des "Verzeichnis der Bilder"
von 239 in 238 korrigiert worden.
Gesperrt gedruckter Text ist so ~gekennzeichnet~.
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AUF DEM
CHINESISCHEN
FLUSS
Reisebuch
von
NORBERT JACQUES
Mit Bildern
nach Aufnahmen
des Verfassers
1922
S. FISCHER / VERLAG / BERLIN
FÜNFTE BIS NEUNTE AUFLAGE
COPYRIGHT 1922 BY S. FISCHER, VERLAG, BERLIN
DER REISEKAMERADIN
IM SÜDEN DES
SEES
DIE SCHWELLE
Einen Tag lang Dampferfahrt aufwärts von Schanghai ist der
Jangtsekiang noch Meer. Erst allmählich, mit Ufern, die dünn, grau,
nebelig wie Sagen erdämmern, beginnt er seine Vermählung mit der Erde
des alten Landes China.
Wir fahren bis spät in die Nacht hinein. Dann bleiben wir vor
chinesischen Städten liegen, in denen jedes Haus ununterbrochen von
elektrischen Birnen durchleuchtet ist, wie von Röntgenstrahlen. Und
doch bleiben diese Städte wie ein Brausen in einer unbegehbaren
Schlucht an unserm Weg zurück. Nanking kommt, die alte, südliche
Gegenstadt von Peking, dem nördlichen. Es ist alt, vergangen,
zerbröckelnd und neigt sich zum Mutterleib des Erdbodens zurück. Und
am Schluß der ersten Reise Hankau, strotzend vor Jugend und Geschehnis.
Gegenüber in Wutschang hingen zwölf Köpfe am Tor. Sie steckten
auf Töpfen, in denen das Blut zusammenfloß, das ihre Hirne zu der
umstürzlerischen Verschwörung erhitzt, die vorzeitig entdeckt worden
war. Das Tor ist finster, klein, grau, wie Jahrtausende. Ein Jahr vor
diesem Tag war der Vizekönig entflohen durch dies selbe kleine Tor,
während die Revolutionäre siegend das Hirn und Blut der Mandschu- und
Beamtenkinder und Frauen an den Hauswänden aufspritzen ließen. Der
Vizekönig wollte, um sich zu retten, einen Dampfer des Norddeutschen
Lloyd kaufen. Aber es gab damals schon etwas für Kaufleute, das
"Neutralität" genannt wurde.
Heut bluten die zwölf Köpfe in die Gefäße für seinen republikanischen
Nachfolger. Allein und unverändert stehn blieb das dunkle schmale
Tor, das mittelalterliche chinesische Stadttor, in dem keine zwei
Stoßkarren aneinander vorbeikamen und das doch eine Stadt von einer
Million Menschen auf einen der größten und belebtesten Ströme der Erde
öffnete. Der Jangtse wälzte sich an ihm vorbei in die Maßlosigkeit
der Ebene hinein. Er ist immer angefüllt mit dem Sand, den seine
gewaltsamen Wassermassen in ganzen Hügeln aus den Ufern reißen.
Der Sand reibt sich mit einem prasselnden Lärm am Leib des Motorboots,
das schräg hinüberfliegt, ans Hankauer Ufer zurück, wo kilometerlang
der Damm der internationalen Siedlungen läuft. Ein Schiff an ihm neben
dem andern. Hastig werden sie vollgestopft mit den Waren des Umlandes
bis zum Tibet, und die tragenden Kulis geben ihre Lieder, die sie zu
den Lasten singen, unter denen sie sich biegen, mit obendrein ...
diese Lieder, in denen die Laute der ersten zur Arbeit im Schweiß des
Angesichts verdammten Menschheit aufbewahrt sind. Bureauhäuser als
Fassaden vor Fabriken. Hexenkessel und Akkumulator ... Weiße Gehirne
und gelbe Leiber schwitzen über der Erwerbsgier Europas, und das
Schlitzauge läßt nichts aus seinem Blick.
Aber neben dieser sauberen modernen europäischen Stadtansammlung
wuchten die Massen der beiden chinesischen Ruinenstädte Hankau und
Haniang ineinander. Trümmerfelder rauchgeschwärzt, blutgefleckt,
von asiatischer Grausamkeit geschwängert. Es ist ein Jahr nach der
Revolution Chinas.
Hier hatte ein Mann gewirkt, machtvoll und dunkel: Juan Tschi Kai. Er
hatte hier zerstört, um nach eigenem Kopf aufbauen zu können. In drei
Tagen hatte er die mächtigste Siedlung Asiens zerstört, eine Million
Menschen ihres Obdachs beraubt. Da wußte der Kaiser, daß Macht und
Armee Juan Tschi Kai gehörten, und in dem Augenblick, wo dieser für
die Mandschu, die er auf den Tod haßte und in deren Dienst er stand,
hätte die Früchte ernten sollen, ließ er über seinem kaiserlichen
Sieg die Revolution des Volks aufwachsen und den Kaiser abdanken. Aus
dem zerstörten Hankau hat er dann die Republik und seine neue Macht
aufgebaut.
Juan Tschi Kai ist für die meisten Europäer und die Schar der an
amerikanischen und europäischen Gedanken entgleisten Chinesen ein
dunkler Schurke. Aber er ist über die äußern Ereignisse hinweg
vielleicht eher ein Mann von einer chaosbezwingenden Moral,
eines der Herzen in roter Glut, die von Weile zu Weile plötzlich
selbstschöpferisch aus den Massen aufbrennen und eine Erneuerung von
Weltteilen erstreben.
Man war kleinmütig in China und vertraute ihm nicht. Man war
eifersüchtig und ließ ihn gehen. Und es blieb von seiner Tat nur
der alte Mordvater Jangtsekiang. Mit strudelnder Wucht geht er zu
Tal. Er ist so maßlos, wie die Ebene, in der er liegt. Er nahm die
ganze geschlagene Armee der chinesischen Revolutionäre auf, als sie
die verschiedenen Götter verlassen hatten. Sie stürmten ihn ...
Zehntausende von Menschen, aus der Hitze des Kampfes, dem Schwelen
der Todesverzweiflung herausstürzend, zwischen lohenden Ufermassen
herausbrechend, wurden von den schmalen Wasserträgergassen in den
furchtbaren alten gelben Krokodilstrom geworfen. Der Sand, das Wasser
rannen ihnen erstickend durch Nasenlöcher und Mund, verklebten
ihnen die Augen. Und vom Ufer aus erledigten die Kartätschen der
Kaiserlichen die wimmelnden schwarzen Massen der Schwimmenden und
den Todeszug der Kähne, die führerlos stromab gerissen wurden und
irgendwo, vor dem deutschen Konsulat, vor einer Fahne Frankreichs,
einer russischen Teefabrik oder einer Talgaussiederei, behäuft mit
Leichen und stöhnenden Sterbenden zwischen Dschunken und europäischen
Dampfern an den Strand geworfen wurden, wie Viehaas oder die spurlos
in der Unendlichkeit des Jangtses vergingen. Es war einer der
wüstesten Mordtage der Weltgeschichte.
Über diesen Ort und diese Zeitläufte traten wir ein in das große Reich
China. Es war zwischen seiner Revolution und dem Krieg der Welt gegen
Deutschland.
Die Tiefe des Europaverlassenen lockte. Dampfer fahren weiter von
Hankau stromaufwärts. Wir benutzten einen Japaner. Wir wollten zuerst
nach der Provinz Hunan; die chinesische Behörde in Schanghai hatte
gewarnt, als sie den Paß ausstellte. Hunan und Ssetschuan waren noch
nicht beruhigt und sicher.
Der Dampfer verließ den Jangtse und wandte sich südwärts in den
Siangkiang hinein, der an Tschangscha, der Hauptstadt Hunans
vorbeifloß. Aber eines Morgens erklärte der japanische Kapitän, der um
diese Stunde stets einen wundervollen, sehr schmutzigen Kimono trug,
er fahre nicht mehr weiter. Der Wasserstand sei zu niedrig und der
Kiel schleppe schon am Boden.
Wir waren die einzigen weißen Reisenden an Bord.
FEUERSBRUNST
Wir hatten noch ein gehöriges Stück den Siangkiang hinauf bis
Tschangscha. Der Dampfer blieb an einem Ort stehen, der jedes Jahr im
Winter, wenn der Jangtsekiang die Wasser des Tuntingsees verschlingt,
aus dem Nichts und einer Sandbank entsteht und in jedem Frühjahr, wenn
die Wasser wiederkommen, in alle Winde auseinandergeht. Am Ufer stand
in der Sandböschung eine dicht gedrängte Reihe gebräunter Häuser aus
Bambus und Schilf. Unser Dampfer war im Augenblick von großen und
kleinen Booten umzingelt. Es erhob sich ein wütendes Geschrei der
Bootbesitzer und der Herbergswirte um Kunden. Währenddessen näherte
sich ein merkwürdiges Fahrzeug. Auf einer hölzernen Plattform, die
gerade aus dem Wasser tauchte, hockten vorn und hinten zwei Häuschen;
zwischen beiden Häuschen lag ein zerfetztes Leinwanddach, das das
schwarze Rohr eines Schornsteins durchstach. Das Rohr spie Funken,
Asche und ein wenig Rauch; das Schiff prallte unachtsam und herrisch
in den Haufen der andern Boote hinein, und die ganze Horde Chinesen
von unserem Dampfer über die schaukelnden und springenden Sampans
hinweg auf das Boot zu, stopften es mit ihrem Gepäck voll, preßten
sich selber dazwischen. Da kam der Japaner und sagte uns in primitivem
Pidgin: »Das ist Ihr Boot nach Tschangscha.«
Wir erschraken. Es schien uns, als ob auch nicht mehr für einen der
zahlreichen Flöhe des Landes Platz auf diesem Fahrzeug wäre. Aber wir
wußten, es gab keine andre Gelegenheit, nach Tschangscha zu kommen.
Wir hatten niemanden, mit dem wir uns verständigen konnten. Unsre
zwanzig Koffer und Kisten wurden hinübergeturnt, über zehn oder zwölf
Schiffe hinweg. Wir gingen denselben Weg und hockten bald zwischen
Chinesengepäck und seine Besitzer geklemmt, am Rand des Boots. Das
Wasser spülte bis an unsre Schuhe. Das Boot fuhr rasch und schwankend
davon. Bald nah am Ufer, bald seichte Stellen vermeidend, in langsamen
Zickzacken. Einmal machte es bums! Ein Faß, zwei Körbe und ein Chinese
flogen über Bord, die ganze Angelegenheit stockte. Der Chinese zog
sich wieder heraus, das Faß schwamm davon, die Körbe wurden durch
ihre Besitzer gerettet. Mit Stangen wurde das Boot wieder abgestoßen,
und es fuhr weiter zwischen Sandböschungen, auf denen mächtige
Wasserbüffel mit vorgestrecktem Kopf, wild und schwerfällig ihre Hüter
auf dem Gesäß dahintrugen.
Auf einmal trat ein dicker Mann auf mich zu und sagte etwas, das
englisch sein und das "erste Klasse" heißen konnte. Ich ging mit
ihm und kam eine Stiege hinab in eine kleine Kajüte, in der drei
Holzpritschen angebracht waren. Er deutete auf sie und sagte:
Schlafen. Schiff nachts nicht gehn. Ich stürme hinaus und schrei Gre
zu: Wir müssen auf diesem Fahrzeug schlafen. Es kann nachts nicht
fahren. Schließlich erschien uns das doch nicht so schlimm. Gre kam
auch herunter. Wir beide saßen auf der größten Pritsche, auf der
andern verspeiste der dicke Chinese eine gebratene Wildente, eine
wirkliche Märchenente, und gab einem schönen alten Mann mit einem
feinen schlauen Gesicht davon mit. Wir hatten Hunger und nichts
zu essen, dazu die Aussicht, die Nacht hier zu verwachen. Eine
Zeitlang nährten wir unsre Spannung am Beobachten der Verrichtungen
chinesischer Hände. Welches Rätsel von Menschenentwicklung lebte in
ihnen! Jahrtausende geistigen Lebens schienen sich durch sie einen
körperlichen Ausdruck zu geben. Gotische Malerträumereien aus Europa
waren in ihnen Wirklichkeit geworden. Der alte Herr war in blaue
geblümte Seide gekleidet. Er sprach uns bald auf Pidgin-Englisch
an, davon konnte er ein paar Worte. Wir unterhielten uns mit einem
Wortschatz von etwa dreißig Ausdrücken sehr angelegentlich und gut.
Wir wußten bald, daß er als Komprador einer Petrolgesellschaft nach
Hankau gefahren war und nun nach Tschangscha zurückkehrte, und er
wußte, daß wir von Europa kamen, nach Tschangscha gingen und dort bei
meinem Freund wohnen sollten. Er kannte den Freund und schwärmte von
ihm. Er war höflich wie ein Chinese. Das ist ein Wort, das man für
Europa neu bilden muß.
Als unser Hunger unbezwinglich stieg, versuchte ich in die Gunst des
Entenbesitzers zu kommen und hielt ihm die Zigarrentasche hin. Er nahm
gleich die Tasche mit den Zigarren. Ich belehrte ihn hastig eines
Besseren und zog ihm zwei heraus, schaute auf eine seiner Enten, und
er stand nicht an, mit höflichem Lachen sich mit zwei Zigarren zu
begnügen und uns mit einer schönen Gebärde seiner andern Hand eine
der Märchenenten anzubieten. Dazu goß er in eine Tasse gezuckerten
Sherry. Nach und nach kam das ganze Schiff uns anschauen. Wir saßen in
der Kajüte, wie Ameisenbären in einem Käfig. Die Chinesen lachten uns
ergötzt und wohlwollend von draußen zu, schauten sich satt und machten
andern Platz.
Einen trieb die Neugier weiter. Er schlüpfte die Treppe herab, hockte
sich gleichgültig abschauend ruhig in die Ecke auf den Boden, pustete
auf das Ende einer Papierstange, ein Flämmchen sprang hervor, damit
zündete er sich die Wasserpfeife an, tat einen Zug und blies den
weißen Rauch zu uns herüber. Er pustete die Asche aus dem Rohr und
stopfte ein neues Kügelchen ein. Er saß da, als ob wir ihn nichts
angingen und er selber in dieser Ecke geboren und festgewachsen sei.
Bald saß ein zweiter in der andern Ecke, ein dritter zwischen ihnen.
Es kamen immer mehr. Wir waren schließlich ganz in sie eingehüllt, und
doch fühlten wir ihre enge Nähe nicht härter, als einen Windhauch, der
fremde sanfte Gerüche aus einem andern Wald bringt. Alle rauchten.
Es war Nacht geworden. Ein Öllämpchen schaukelte an der Decke, die
Flamme schwelte und zitterte. Der Rauch der Wasserpfeifen kneifte
uns Hals und Augen, und wir flüchteten in die frische Luft. Der Mond
schien aufs Wasser. Das Boot lief in einen Haufen anderer Schiffe
hinein, die ihre Masten im Wirrwarr rundum schwarz und steil ins
Mondlicht streckten. Die Pfeife begann in die Nacht zu brüllen. Die
Maschine beendigte ihr Stampfen. Der Anker wurde ins Wasser geworfen.
Im Nachthafen wurde es lebendig. Kleine Sampans mit flackernden
Lichtern tauchten zwischen den Dschunken heraus, umgaben uns mit
Rufen, Gongschlägen. Ein jeder war ein kleiner Laden, und man konnte
Kuchen und Quark von Bohnen, geröstete Bohnen, Erdnüsse, Hirsewein,
gezuckerten Mais, Reis und Öl kaufen. Bettlerboote zwängten sich
vor, und in andern Kähnen standen Mädchen, seltsame Wassernixen, und
lockten.
[Illustration: Markt in einem Jangtse-Städtchen]
Ich holte die Liegestühle herbei, die im allgemeinen Raummangel
aufs Dach geworfen worden waren, räumte einiges chinesisches Gepäck
fort und baute die Stühle auf Kisten auf, ganz nahe am Rand. Ich
sah das Wasser gerade unter mir. Gre lag daneben zur Schiffsmitte
zu. Die schmutzigen Fetzen des Dachs über der Nase, versuchten
wir einzuschlafen. Die Chinesen kauften, aßen, sprachen, brüllten,
schnarchten, rochen und vollzogen rundum ihre Bedürfnisse. Der Mond
schien kühl hernieder. Wir sahen unter dem Rand des Dachs eine kleine
Stadt, die sich im Hügel des Ufers errichtete. Sie glänzte schwarz,
mit befremdlichen Umrissen im Mondlicht.
[Illustration: In einem Tor in Tschangscha]
Plötzlich erklang Musik in ihr. Ein Dudelsack schien sich mit einem
Gong zu unterhalten. Wir sahen ganz oben einige Lichter gehen, zu
denen die Musik wohl gehörte. Die Lichter stiegen eine Straße herab.
Es flammte plötzlich zwischen ihnen an weißen Mauern hinan. Nur einen
Augenblick, dann war der Schein verlöscht. Die Musik setzte mit
neuer Heftigkeit ein. Wir schraken ein wenig aus dem Schlaf. Pauken
und Becken bummten und dröhnten. Bronzener Trommelklang schüttelte
die Luft. Die schwarze Masse der Stadt wuchs im Mondlicht hinauf zu
lang hinlaufenden Zinnen. Türme mit ausgeschweiften Dächern erhoben
sich hoch ins grüne Licht -- eine geheimnisvolle Architektur. Und
geheimnisvoll stiegen Lichterzug und Musik in Zickzacken immer tiefer
zum Wasser herab.
In der Stadt klangen kleine Saiteninstrumente in seltsamen zarten
Tonwellen aus dem metallischen Gewieher der alten Pauken und
schläferten uns wieder ein. Ganz hell singt eine Schalmei auf. Eine
Flamme taucht wieder aus dem Schwarzen hoch, reißt einen roten Fetzen
der Stadt aus der Nacht und verschwält hastig. Der Mond tritt über
eine Pagode. Er ist dick und streckt zwei kurze Beinchen in die Höhe.
Er liegt auf einem runden Rücken, nicht wie bei uns, wo man ein D oder
ein C aus ihm machen kann. Die weiche Schalmei und das Gesäusel der
Geigen und das bronzene Hallen der Trommeln vereinigen sich plötzlich.
Mitten aus ihrer Musik bricht eine Flamme durch die Stadt auf: Aber
sie verlöscht nicht mehr. Die Nacht färbt sich an ihr. Sie wächst,
züngelt an den Zinnen und Türmen hinauf und vergeht nicht.
Ein Chinese, der unter meinem Stuhl lag, springt auf und stößt meinen
Stuhl an. Der Stuhl rutscht mit einem Bein und kippt nach hinten. Ich
wache rasch und heftig ganz auf. Es brennt in der Stadt. Der ganze
Hafen wird lebendig. Er fängt an zu schreien und zu brüllen. Ich fühle
Gres Hand erschrocken nach meinem Arm zucken. Ich sage: "Die ganze
Stadt scheint zu brennen." Der Mond ist klein und blaß geworden. Auf
einem Boot neben uns krachen Schüsse. Menschen springen in Kähne. Der
Hafen schüttelt rasch den Schlaf ab. Kreuz und quer fliegen Sampans.
Große Dschunken stoßen sich schwerfällig weiter in den Fluß hinaus.
Da springen wir auch in einen Sampan und kommen zur Stadt hinüber. Die
Gassen rasen. In der Finsternis prallt ein Mensch gegen den andern
an. Einige halten flammende Fackeln über das Gewühl. Alle haben
aufgeschleißte Bambusstreifen in der Hand und lassen sie aufeinander
klappern. Der Lärm ist schrill und klingend. Wir werden im dunkeln
Zug gestoßen und mitgeschoben. Es geht rasch vorwärts. Über den
niedern schwarzen Dächern glüht die Nacht rot. An einigen Biegungen
der Straße fällt der Schein der Lohe bis in die Menschenhaufen hinab.
Kinder drücken sich zwischen den Beinen durch, werden niedergetreten
und stürzen schimpfend wieder weiter. Frauen pressen sich an die
Hauswände. Mit ihren abgebundenen Füßen trauen sie sich nicht in
den Sturm. Eine Gasse führt jäh bergan und dämpft die Eile. Der
Feuerschein wird wild und heiß. Über die enge Treppengasse stieben
Schwärme von Funken. Die Luft wird wärmer. Roter Schaum liegt auf
allen Dingen, und als wir oben angekommen sind und umbiegen, sehen
wir, daß eine ganze Seite der Gasse brennt, die dort auf der Höhe
im Kreis um den Hügel läuft. Am Eingang in die Gasse steht ein Mann
und hält eine lange Bronzetrompete steil in die Luft. Die stürmenden
Menschen strudeln um ihn. Er bläst wie ein Elefant hinein. Es klingt
wild, mächtig und klagend.
Die Gasse ist ein Sturzbach von Schreien. Wir wälzen mit der
Menschenmenge rasch hinein. Frauen werden aus den Häusern geführt. Sie
liegen gebrochen in den Armen andrer Menschen und stöhnen, als ob sie
verunglückt seien. Dicke Betten, Möbel, Päcke, Kinder, große Vasen
werden vorbeigetragen. Soldaten stehen an den brennenden Häusern.
Die einen haben gezogene Säbel in der Hand. Die andern reißen mit
Hakenstangen die leichten Häuser ein. Die Häuser sind aus Bambus,
Schilf, Moor und Zunder gebaut. Sie schleudern wilde Wolkenwunder
von Funken in den Mondhimmel. Der Mond ist bleich wie eine Rübe und
manchmal fast ausgewischt in Rauch und Feuer. Die Funken steigen wie
Feuervögel. Hunde jammern und bellen ihnen nach. Menschen schluchzen.
Die Funken erlöschen nicht. Sie wollen die ganze Stadt zu Feuerwerk
machen. Ihr Fauchen und zischendes Himmelfliegen nimmt den Hall
des wilden Menschengebrülls, der schrill aufeinanderschlenkernden
Bambusschleißen mit hinauf. Mit wehmütiger Wut brüllt die bronzene
Posaune über die Stadt.
Vor den Häusern der andern Seite, zwischen den Beinen des
Menschengewimmels, das ihre Wände einzudrücken droht, krachen
Pulverfrösche, Gonge bumsen, und Kracher und Gong rufen den Gott. Die
Bewohner verbrennen Papiergeldopfer. Das soll der Gott achten, und er
soll das Flehen der Menschen erhören und die noch heile Häuserseite
dem Feuer abspenstig machen. Aber drüben rast das Feuer in dem
Zunder. Die Soldaten sind wie kleine graue Kobolde zum Glück der
Menschen. Ihre Kraft und Ausdauer ist übermenschlich. Sie reißen mit
ihren Bambusstangen im Nu die Dächer ab, lösen Balken, alles fällt
in die Menge. Die Menge rasselt mit ihren Bambusschleißen, hilft,
stößt, schimpft und brüllt. Wir werden hin und her geschoben. Kommen
wir ans eine Ende, so wirft uns ein Strom Neuankommender wieder durch
die ganze Gasse zurück. Die Gesichtshaut ist erhitzt und gespannt.
Alle Gesichter tragen die heftige Glut rot auf den mongolischen
Backenknochen und daneben tiefe Schatten wie Löcher auf Totenköpfen.
Alle Münder sind groß und dunkel auf und voll Gebrüll. Ein brennender
Dachsparren sinkt langsam über die Gasse. Menschen springen weg. Die
Balken brennen in der Gasse und machen einen Engpaß. Menschenfüße
treten darauf und löschen das Feuer. Nirgend ein Strählchen Wasser.
Die Soldaten mit den Säbeln in den Händen stehn stumm und streng wie
Kirchenengel des jüngsten Gerichts an den flammenden Häusern, und die
andern löschen den Brand und besiegen die Flammen ohne einen Tropfen
Wasser. Die Funkenvögel steigen nur mehr in einem dünnen Schwarm aus
der Mitte der Brandstätte auf und fallen bald kraftlos über den Fluß
nieder. Nur im Schutt glimmt es noch. Weißer Rauch quillt aus der Erde
und wallt in die Nacht. Die Nacht liegt über der abgebrannten Stätte
wie eine opalene Landschaft, und in dem zitternden, weiß durchzogenen
Schleier der dunklen Luft erscheint der Mond wieder in einem bebenden,
blutenden Rot.
Da bohren wir uns aus der Gasse heraus und steigen höher durch den Ort
hinauf. Wir kommen an ein schwarzes leeres Tor. In seinem Halbbogen,
der wie ein Mund im Starrkrampf offensteht, glüht die grüne Nacht. Wir
treten hinein und tragen die Schauer des Erlebten in die einsamen
fremdländischen Äcker, die auf der Höhe, gepflegt wie Gärten, mit
einzelnen schwarzen Bäumen im Mondlicht dahinziehen.
Als wir wieder durch die Stadt hinab dem Fluß zu kletterten und in die
abgebrannte Gasse kamen, hatten sich die Menschen wieder verlaufen.
Nur beiderseits standen eine Reihe Männer, Frauen und Kinder,
scheinbar die Bewohner dieser Gegend. Zwischen ihnen sammelten sich
die Soldaten, die das Feuer gelöscht hatten und zogen in geschlossenem
Zug davon. Die Menschen beiderseits der Gasse aber drückten ein jeder
sich selber heiß die Hände, verbeugten sich tief, schön und oft vor
den Soldaten, und die Soldaten schritten mit strengen Gesichtern
schweigsam und rasch hindurch. Wir standen in einem dunklen Winkel und
sahen das in der kleinen chinesischen Nachtstadt.
Als die Soldaten fort waren, bückten sich die Menschen zum Boden
nieder. Vor jedem der verschonten Häuschen wurde ein Haufen Sand
aufgescharrt und brennende Räucherstäbe hineingesteckt. Pulverfrösche
krachten, ein Gong rief. Der Gott sah das Dankopfer, und der Mond
schritt wieder freundlich, dick werdend und seltsam die kurzen
Beinchen in die Höhe streckend, über die Stadt weiter.
IN TSCHANGSCHA
1
Den ganzen nächsten Tag rappelten wir auf dem Dampfkarren den
Siangkiang hinauf, südwärts auf Tschangscha zu, wohin wir wollten.
Dort wohnt ein Freund und leitet ein deutsches Geschäft. Wir glauben,
wir haben noch weit, denn wir sehen nichts von einer Stadt. Aber die
lag schon am Ufer, ein riesenhaftes Band von Nebel, Rauch und Bewegung
in verdunkelter Luft.
Als wir oben an einem europäischen Magazin anlegten, stand mein Freund
am Ufer. Er kommandierte auf chinesisch einige Kulis an unser Gepäck.
Daß er Chinesisch sprach, kam mir sehr bedeutend vor. Aber wir hörten
bald, daß man hier nur Chinesisch sprach. Wir wurden noch ein Stück
den Fluß hinaufgerudert. Die Stadtmauer bog ins Land hinein. Aber ein
ganzer Stadtteil saß hier noch auswärts an ihr, und in ihm lag, unfern
des Flusses, das Haus unseres Gastgebers. Europäische Häuser gab es
in Tschangscha noch nicht. Aber ein paar reiche Chinesen hatten, der
Mode folgend, Häuser gebaut, die den europäischen Häusern ähnlich sein
sollten. Das Haus, in dem wir wohnten, war von dieser Art. Es gehörte
dem Komprador des deutschen Handelshauses. Es war ein Doppelhaus.
Nach vorn hatte es ein Erdgeschoß. Ein kleiner Hof mit Blumen in
Porzellankübeln trennte das Vorderhaus vom Hinterhaus. Dieses hatte
aber ein großes erstes Stockwerk. Der Komprador und seine Familie
bewohnte die beiden Erdgeschosse, und unserm Freunde gehörte das erste
Geschoß und die große Veranda.
In allen Einzelheiten war das Haus chinesisch. Es hatte eine Galerie
vor den Fenstern im Hof. Fenster und Türen waren mit vergoldeten
Blumen ausgeschnitzt. Die Stühle und Tische waren aus schwerem Holz,
wie streng stilisierte Blumen geformt und geschnitzt, schwerfällig
und doch graziös prunkvoll. An einer Wand des Hauptzimmers stand
die Mandarinbank aus dunklem Holz mit Platten von schön geädertem
Marmor, und an den Wänden hingen lange Rollen mit Sprüchen, Kopien
von berühmten chinesischen Kalligraphen. Andere Rollen waren mit
Tuschezeichnungen von Vögeln und Bäumen bedeckt.
Das Haus war windig gebaut. Die Seite zum Hof und zu den Galerien hin
war nur Fenster und Türen. Die Glasscheiben klapperten im Wind. Der
Wind strudelte durch die Spalte herein. Keine Tür schloß. Alles Holz
war gequollen. Es begann Winter zu werden in diesen Tagen, und die
Diener klebten die Spalte und Scheibenränder und die überflüssigen
Türen mit Papierstreifen zu. Wenn man rasch durch ein Zimmer ging,
begann das Haus wie in einem Erdbeben zu wackeln, und die Möbel
tänzelten ein wenig an den Wänden. Das war das modische Europäische am
Haus.
Unten im Hauptzimmer des Chinesen, dessen Tür immer weit offen stand,
sahen wir den Hausaltar voll schöner Messing- und Bronzegefäße,
in denen Flämmchen glimmten und rauchten. Aber es stand auch ein
europäisches Büfett darinnen, auf dem zwischen dunkelgrünen und
granatroten Weingläsern aus Europa eine ganze Reihe unaufgebrochener
Champagnerflaschen sich aufhielt. Sonst ging es ganz chinesisch im
Erdgeschoß zu.
Wir machten bald dem Hausherrn unsere Aufwartung. Es war ein kleiner,
ganz schlanker Kantonese, sehr beweglich, mit einem feinen schmalen
Kopf und einem schlauen Gesicht. Er lachte immer, sprach ein paar
Worte Pidgin und war überaus höflich und liebenswürdig. Er ließ gleich
Tee bringen und setzte eine Schachtel getrockneter kantonesischer
Lidses auf den Tisch. Das sind die teuersten Früchte Chinas. Er nannte
gleich ihren Preis und lachte dazu. Er betastete die schwarze Perle,
die ich eigens zu dem Besuch angesteckt hatte, und fragte, wieviel
sie gekostet habe. Seine kleine dicke Frau kam. Sie hatte ein großes
weißes Mondgesicht mit dunkeln Augen. Eine glänzende schwarze, mit
grünen Nephritspangen besteckte Frisur umrahmte es. Sie trug eine
schwarze Seidenhose und eine hellblaue Jacke dazu, die bis an die Knie
reichte. Aber sie hatte als Kantonesin keine abgebundenen Füße. Sie
schüttelte, wie aus großer Ferne lächelnd, sich mehrmals die Hand,
indem sie sich des öfteren vor uns verbeugte. Wir taten desgleichen
und setzten uns wieder.
Sie nahm Gre mit nach hinten ins Frauenzimmer. Dort hatte sie eine
kleine Gesellschaft von Freundinnen. Ein paar chinesische Damen
spielten das schwierige Dominospiel und rauchten aus messingenen
ziselierten Wasserpfeifen. Gre wurde sofort bis auf die Haut
untersucht und bewundert und mit unverständlichen chinesischen Fragen
bestürmt.
Wir durften nicht hinein. Der Komprador bot uns eine Manilazigarre
an. "Sie kostet 20 Cents!" sagte er dazu. Er lachte und fragte
meinen Freund auf chinesisch, wie ich heiße, was ich sei und weshalb
wir nach Tschangscha gekommen seien. Ich gab ihm eine meiner roten
chinesischen Visitenkarten. Sie sah aus wie ein Plakat. Auf
chinesisch hieß ich: Tschie Ke se. So hatte der chinesische Schreiber
des holländischen Konsuls in Schanghai meinen Namen gelesen und
umschrieben. Er sagte, man könne diesen Namen auch verdeutschen so
wie die chinesischen Namen gewöhnlich einen Wortsinn haben, und er
hieße etwa: der Dankbarkeit fähig sein. Aber der Chinese, der den
Holzstempel für die Herstellung der Karten geschnitten, sagte, die
ganze Sache des Schreibers habe keinen Sinn.
Während unseres Besuchs sprang ein kleines häßliches Mädchen von
etwa acht Jahren ungebärdig umher, und ein scheuer schmutziger Junge
drückte sich in eine Ecke fest, um zuzuschauen. Das waren die Kinder
des Chinesen. Das kleine Mädchen war sehr verzogen und der Vater sehr
verliebt zu ihm. Es war ein kleines Äffchen, das rasch zutraulich zu
uns war und stets auf den Hof hinaussprang, wenn es uns die Treppe
herabkommen hörte, um sich an uns heranzumachen. Das Zimmer der Kinder
war im Vorderhaus. Wir sahen von der Galerie in sein offenes Fenster.
Von früh bis in die Dämmerung saß der Hauslehrer der beiden Kinder
an diesem Fenster, und wenn wir noch im Bett lagen, erscholl schon
von drunten der Unterricht. Der Lehrer war ein hagerer älterer Mann.
Er trug eine große Schildpattbrille und ein langes graues Kleid. Er
saß am Tisch und schnitzte Stempel. Der Junge stand an seiner Seite,
drehte ihm, wie es die Schulsitte verlangte, den Rücken, wippte von
einem Bein aufs andere und sagte aus dem Buch der Erziehungsgeschichte
auf. Bald leierte er, bald brüllte er. Das kleine Mädchen drückte
sich gern, und oft mußte der Lehrer aufspringen und ihr in den
Toreingang nachlaufen, um sie zurückzuholen. Von früh bis spät
lernten die Kinder. Aber wir waren nun oben auf der Galerie wie ein
fremder Magnet für Lehrer und Schüler, und die erste Zeit glänzte die
große Schildpattbrille mehr zu uns herauf, als der Kopf, für dessen
Gelehrtheit sie das Schild war, auf das Hersagen des Knaben aufpaßte.
Die kleine Schule drunten hatte eine merkwürdige Zeit. Neues und
weither Fremdes überstrahlte mit Bedeutsamkeit die starr stehenden
Dinge des Kungtse und seiner Schüler.
Aber während sich so unter uns das Hausleben der chinesischen Familie
halb im Dunkel lichtete, sahen wir zwischen Häuserlücken die nahe
Mauer die alte graue Stadt umschließen. Ich dachte wie an seltsame
Geheimnisse an sie, und an das Abenteuer, zum erstenmal in ihre
Fremde und Sonderbarkeit hineinzudringen, wie an ein Wagnis. Es war
eine Halbmillionenstadt, die sich in die Mauer dort einschloß, die
Hauptstadt der Provinz Hunan, der »Provinz im Süden des Sees«.
Durch unsern Freund hatten wir gesellschaftliche Verpflichtungen. Die
waren wohl karg, denn es wohnten wenig Europäer in dieser entfernten
Stadt des innern Reichs. Wir machten Besuche und kamen zu einer
lebhaften blonden Frau, deren Mann auf Reisen, im Innern der Provinz
war. Niemand wußte wo. Die Frau hielt fest. Die Besucher mühten sich
vergeblich ab, ihr Schweigen zu Fall zu bringen.
Es hatte sich nämlich eingebürgert unter den europäischen Kaufleuten,
daß sie ihre Fährten verwischten. Denn es war Sitte geworden, daß
einer neidisch dem andern aufpaßte. Im Innern waren Geschäfte zu
machen. Es lagen Erz- und Kohlenlager da, und man liebte es, sich
nachzureisen.
Die blonde Frau war die einzige deutsche Frau, die in Tschangscha
wohnte. Wir waren am Abend dort zu Tisch, um die Bekanntschaft der
übrigen paar Europäer zu machen. Es waren vier junge deutsche Leute.
In ihren Händen lag fast der ganze Handel, der diese Gegend mit
Europa verband. Der deutsche Kaufmann hatte sich Hunan gesichert. Die
jungen Leute sprachen natürlich über China, weil sie sich dachten,
daß wir etwas von diesem Land wissen wollten. Sie saßen sehr hoch
als europäische Kaufleute und taten so, als ob es nicht diese immer
sehr höflich und sehr nebensächlich lächelnden Kompradore gäbe. Der
Komprador ist der chinesische Mittelsmann, den die Kaufleute den
ausländischen Häusern aufgezwungen hatten. Nur durch ihn konnten Käufe
und Verkäufe mit Chinesen abgeschlossen werden. Es war der Vorhang,
der dem Europäer den Blick in den chinesischen Markt verdeckte. Aber
sie sprachen nicht lang. Sie redeten in programmäßiger Kürze ihre
chinesischen Sachen herunter.
Das Gespräch begann bald abzuschwenken und nahm einen Unbekannten in
seine Finger, der heute abend auch hätte kommen sollen. Sie nannten
ihn Emil Schlehmil. Sie wußten nur Närrisches von ihm zu erzählen,
nur unfruchtbare pedantische Streiche. Aber diese Dinge schienen
ein Beigemisch von seltsamem Gemüt zu haben und mochten einen Kopf
spiegeln, der nicht mit den Augen der jungen vier Kaufleute in
Tschangscha diese Welt anschaute. Aber sie sagten, er könne uns trotz
seiner Verrücktheit sehr nützen. Er spreche sehr gut Chinesisch und
verbringe seine Tage damit, durch die Stadt zu strolchen. Sie fügten
hinzu, es täte ihnen leid, falls wir überhaupt darauf halten sollten,
uns einmal die Stadt anzuschauen, uns in dieser Beziehung nicht
dienen zu können. Aber sie seien so mit Arbeit beladen, daß sie nie
Zeit fänden, sich in die Stadt zu begeben, und sie zögen es auch vor,
diesem interesselosen Dreck- und Gestankkessel aus dem Weg zu gehen.
Darüber kam ein Diener und brachte einen Brief von Emil Schlehmil an
die Hausfrau. Sie zeigte mir ihn. Er entschuldigte sich darin sehr
komisch, daß er nicht zum Abendessen komme. Der Brief War in Versen,
und witzige Zeichnungen illustrierten ihn. Diese Verse und Zeichnungen
waren merkwürdig. Ein krauser Humor überrankte in ihnen zärtliche
Gefühle. Der Schreiber schmiegte sich an die kleine goldblonde Frau
und verbarg unter Selbstspott hundert zärtliche Berührungen. Die Frau
sagte mir lachend: »Verrückt, nicht wahr?« Ich dachte: nein, und sah
ihr in die Augen. Und diese klugen und schönen Augen wußten, was der
Brief nicht verraten sollte. Übrigens waren alle in die Frau verliebt.
Die andern sprachen noch öfters über Emil Schlehmil. Schließlich
schien mir, daß die Art, wie er mit Ausdauer verbarg, was er in
Tschangscha machte, ihnen das Wichtigste an ihm sei. Mitten in die
Gespräche hinein begann es plötzlich wütend zu schießen. Es krachte
und donnerte hastig und brutal, der Lärm wuchs, das ganze leicht
gebaute Haus war auf einmal zitternd eingespannt in das dröhnende
Erbeben. Wir hörten auf zu sprechen. Keiner verstand mehr ein Wort des
andern, und alle hielten sich die Ohren zu.
Da kam ein chinesischer Diener und sagte der Hausfrau, der alte
Herr Jen Ling Tan, der Besitzer des Hauses, der unten wohnte, ließe
mitteilen, daß die Hauptfrau seines Sohnes ihren ersten Knaben
geboren habe. Dies zu feiern, brannten sie unten im engen Hof lange
mehrreihige Bänder von Pulverfröschen ab, und ihr Gedonner krachte
hoch in die Nacht der Geister den Unsichtbaren den Dank eines
beglückten Familienvaters zu.
2
Am nächsten Tag kam Emil Schlehmil zu uns. Er war ein blonder
Deutscher. Ein heller Schopf richtete sich auf seiner Stirn zurück. Er
hatte einen schönen Kopf mit festen Zügen, und in seinen blaugrauen
Augen standen manchmal abwesende Träume. Er wollte uns mit in die
Stadt nehmen. Ein Boy ging drei Tragstühle holen. Wohl sahen wir die
Stadtmauer kaum hundert Meter von uns weg. Aber sie hatte nur fünf
Tore und sonst keinen Einlaß, und wir hatten ein langes Stück Weg
bis in die Stadt. Die Stühle kamen. Sie waren außen dunkelblau und
im Innern mit handgedruckten farbigen Papieren, mit Spiegelchen und
festgemachten Väschen ausgestattet. Auf den Scheiben wuchsen gemalte
Blumensträuße. Aber die Fenster waren verhängt. Gre bekam zwei Träger,
wir beide jeder drei. Wir schlüpften auf den Sitz. Ein Brett wurde
zum Aufstützen der Arme vorgeschoben, dann fiel der Vorhang vor der
Öffnung. Ich saß in einem engen Halbdunkel, das plötzlich mit einem
Ruck schwankend in die Höhe sprang und leis schaukelnd davoneilte.
Ich schob den Vorhang so weit zurück, daß ich wenigstens einen
Streifen Ausblick hatte. Zwei Kulis trugen die beiden Tragstangen
vor mir auf den Schultern. Sie liefen mit nackten Beinen durch den
glitschigen Schmutz. Die Fersen klopften auf die Steinplatten der
Gasse, hart wie Holzklöppel. Die Körper waren in leichtem blauen
Baumwollzeug. Man sah Glieder und Muskeln darunter hüpfen. Alles ging
ruckweise im wippenden Takt der Bambusstangen. Die Körper waren mit
all ihren Bewegungen wie eingespannt in diesen Taktschlag. Die Kulis
trotteten wie Pferde. Sie eilten eine lange gewundene Gasse entlang,
die zwischen Fluß und Stadtmauer klebte. Ein dunkles Gewirr von
merkwürdigen Einzelheiten stürzte im kleinen Spalt, durch den ich
schauen konnte, zurück. Die Kulis brachen sich rücksichtslos Bahn.
»Dso, Dso!« schrien sie. »Ka de, ka de! dso, dso, chö, chö!« Kurz und
wütend. Wer war ihrer heiligen Arbeit im Weg? Ein altes chinesisches
Gesetz hieß: Dem arbeitenden Kuli tritt aus dem Weg! Die Gasse war mit
breiten Steinplatten gepflastert. Manchmal fehlte eine. Der Schlamm
spritzte an einem aufklopfenden Fuß hoch, der Fuß glitschte ein wenig,
ich dachte: Jetzt fällt die ganze Anstalt! Aber der Kuli stemmte sich
fest und eilte weiter. Meine Spannung mußte sich teilen. Was war in
all diesen dunkeln, offenen, von arbeitenden Menschen wimmelnden
Häuschen, die hastig und geheimnisvoll am Spalt vorüber eilten? Und:
ob nicht doch einmal einer der Träger stürzt?
Eine Treppe stieg vom Fluß in die Gasse. Züge von Wasser- und
Lastenträgern stürzten herauf und drangen ungestüm, ihrer Arbeit
anheimgegeben, in die in der Gasse schiebenden Massen von
Lastenträgern, Rickschas und Sänften hinein. Mein Stuhl flog in den
Wirrwarr wie ein Keil. Die Ader stockte. Eimer, Strohballen, große
Kästen, Hausiergestelle, Körbe mit Fischen und Gemüse, Rickschas,
Bambusstangen, Schubkarren, die den kostbaren Straßenschmutz in die
Äcker führten, klemmten sich zusammen. »Dso, dso!« brüllten meine
Träger und stampften wütend auf. Die ganze Verwirrung schreit, flucht,
droht, stößt gegeneinander und rammt sich immer fester. Da stürzt ein
Wasserträger. Ein Strudel von Bewegung entsteht über ihm. Er schlägt
sich kriechend ins nächste Haus. Das Ganze kommt rasch wieder in Fluß
und trennt sich mit wildem Geschimpf. Der Stuhl schwippt weiter auf
den Schultern der Männer. »Ka de, ka de! Dso, dso! Chö, chö!« brüllten
sie.
Auf einmal dreht der Stuhl unversehens um eine Ecke herum und dringt
in ein langes, pechschwarzes Loch hinein. Es ist vollgestopft mit
schiebenden Menschen. Das Gewölbe hallt von wütendem Geschrei. Man
sieht nur ein dunkles Gewoge und im Bogen des Ausgangs aus der langen
tiefen Höhle eine schmale gerade Straße etwas bergan ziehen. An den
meisten Häusern ist diese Straße mit Matten oder Brettern überdeckt.
Die Höhle war das kleine Westtor. Der Stuhl saust die Straße hinauf,
schlängelt um schmale Ecken, muß stets mit einem Ende in einen
der offenen Läden, damit er die Wendung bekommt. Krause Massen
von wunderbaren aufreizenden Einzelheiten bleiben, kaum erblickt,
hastig genommen zurück. Messing- und Zinnschmiede, gewebte Teppiche
mit herrlich gestreckt fliegenden Reihern, Apotheken und Teeläden
mit sonderbaren Gefäßen, Seidengeschäfte, buntes spielerisches
Flitterwerk, Straßenmusikanten. Dso, dso! brüllt es immer wieder.
Einer bekommt ein Ende der Tragstange vor die Brust, taumelt an einen
Ladentisch und bleibt zurück, ohne ein Wort zu sagen. Es beginnt zu
regnen. Die vorübergehenden Männer ziehen ihre langen Röcke hoch.
An den Sohlen ihrer Schuhe sitzen zwei handhohe Querhölzer. Frauen
humpeln mit Schnürfüßen an den Wänden entlang und bleiben jeden
Augenblick stehen, um eine Rickscha, eine Sänfte oder einen tragenden
Kuli vorbeizulassen.
Auf einmal beendigen unsere Kulis ihren Lauf. Der Stuhl hält, geht
hoch und saust plötzlich wie ein Ballon zur Erde. Aber er setzt sanft
auf. Die Gardine wird übers Dach zurückgeschlagen. Der Stuhl neigt
sich, und ich schlüpfe heraus. Gre und Schlehmil sind schon hinter
mir gelandet. Wir sind in einer schönen Straße. Sie hat neue hohe
Häuser. Ihre Fassaden sind manchmal wie goldene blühende Bäume, eine
üppige, seltsame und reiche Schnitzwerkphantasie. Kleine farbige
Menschlein, Könige und Götter, Weiber und Tiere sitzen in goldenem
Strauchwerk wie Vögel. Wir gehen in das schönste Haus hinein. Es ist
das Geschäft eines Silber- und Goldschmieds. Im Vorderraum stehen
Glaskästen mit bemalten alten Holzfiguren in wunderlich gespreizten
Stellungen. Wir werden mit Feierlichkeit begrüßt. Alle Angestellten
verbeugen sich viele Male. Man bringt uns Tee. Unser Führer spricht
mit dem Besitzer, und der Goldschmied öffnet seine Läden und zeigt
uns die Werke seiner Arbeit. Es sind Kannen für Tee, für Reiswein,
Teebehälter, Becher, Dosen für Puder und Schminke und Kästchen für
Tusche und Stempel. Die einen haben die östliche Blumenhaftigkeit
von sonderlichen, ziervollen, naturalistischen Einzelheiten, und
die andern, die man von China am wenigsten in Europa kennt und die
unserm Schönheitsgefühl zuerst am wärmsten sind, besitzen eine edel
fremdartige oder ruhig abgerundete Einfachheit. Wir kennen sie nicht,
weil uns die chinesische Kunst ja nur durch den Sammler übermittelt
wurde. Dem Sammler verschwimmt aber rasch das Unterscheidungsvermögen
zwischen schön und selten.
[Illustration: Zuckerbäcker mit Glückspiel]
Wir kamen an diesem ersten Tag noch in den großen Seidenladen von Tei
Ho Fong. Die Gestelle in dem tiefen, in mehrere Räume geteilten Haus
lagen beladen mit Tausenden von kleinen Seidenrollen, aus denen lange
Zettel mit chinesischen Zeichen hingen. Zahlreiche Männer standen vor
und hinter den Tischen, kauften und verkauften. Der Chinese kauft
selber für seine Frau ein. Man zeigte uns eine Stunde lang Seiden
aus allen Teilen Chinas; Futschauseiden, die mit A-jour-Rändern
eingewebte Blumen hatten, schwere Brokate aus Nanking, wilde Seide
des Eichelspinners, die fest und geschmeidig waren wie Rehleder, und
fließende Seidenkreps aus Ssetschuan.
[Illustration: Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha]
Als es dunkel wurde, schlössen alle Geschäfte. Um halb sieben waren
die Gassen ohne Leben und ohne Licht. Die offenen Läden waren mit
Bretterläden verschlossen. Unsere Sänften hasteten ungehindert durch
die menschenleere Dunkelheit. Bei jeder lief jetzt ein Kuli mit,
der eine große runde Papierlaterne dicht über dem Boden trug. Der
Straßenschlamm leuchtete wie poliert in ihrem Licht. Wir wurden nach
dem Tschin Dei gebracht. Das Tschin Dei war ein chinesisches Hotel.
Emil Schlehmil wohnte drin. Es lag in der Gasse am Fluß außerhalb der
Tore. Von der Gasse kamen wir gleich in einen großen Raum. Er war
nicht sonderlich sauber. Kulis saßen bei einer Öllampe und spielten
mit Karten. Sie tranken Tee dazu. Eine enge Stiege führte auf eine
Galerie in einem Hof. Um die Galerie herum lagen die Hotelzimmer,
kleine Verschläge, die von dem großen geschnitzten und mit farbigen
Gläsern versehenen Himmelbett fast ganz gefüllt waren. Emil Schlehmil
hatte die »Mandarinzimmer«. Es waren in einem abgeschlossenen Flur
vier ganz kleine Zimmer mit kreisrunden Türen. Emil Schlehmil wohnte
nicht luxuriös. Er hatte zwei Stühle, eine Bambusbank und zwei Tische
in einem, ein Bett und ein Waschgestell im andern Zimmer. Sein Kuli
bewohnte den dritten Raum und hatte ein Bett, das viel schöner war
als das seines Herrn. Der vierte Raum mit einem Petrolöfchen stellte
die Küche dar. Der nordchinesische Kuli kochte dort alle Mahlzeiten
in zwei leeren Konservendosen. Emil Schlehmil zeigte uns die vielen
kleinen und schönen Dinge, die er in den Kuriositätenläden der Stadt
eingekauft hatte.
Am nächsten Morgen gingen Gre und die goldblonde Frau dem Großvater
Jen Ling Tan einen Glückwunschbesuch machen. Ein Haufen von jungen
gepuderten und geschminkten Frauen warfen sich gleich über sie. Sie
waren die Nebenfrauen des Vaters. Sie rückten den beiden Besucherinnen
hart zu Leib. Sie untersuchten genau, fragten, staunten und lachten.
Dann wurde das Kind gebracht. Es steckte, ein zwerghaftes Kerlchen
von Fleisch und Leben, in schweren bestickten Seidengewändern. Ein
Kleid war übers andere gezogen. Es war nur ein Ballen von Seide. Die
Kleider hatten denselben Schnitt wie die Kleider der Großen. Auf dem
Kopf saß zuerst ein kleines Käppchen, das durch eine runde Öffnung
den Flaum des Schädels zeigte und darüber eine lange Kappe, die tief
über Schultern und Rücken reichte und mit Blumen bestickt war. Die
Besucherinnen wurden mit Tee bewirtet und mit allerlei Arten von
Figurengebäck entlassen. Die Wöchnerin hatten sie nicht gesehen.
Mittags war kühles Sonnenwetter. Wir gingen mit Emil Schlehmil
gleich am Westtor auf die Stadtmauer. Soldaten standen am Aufgang
und präsentierten. Die Mauer war breiter als die Gasse der Stadt.
Sie endigte nach unten in Zinnen. Unter den Zinnen lief ein hoher
schmaler Steinsteg. Er erweiterte sich manchmal, und hier und dort
lag eine alte Kanone umgedreht im Gras. Die alten Wachehäuser
waren am Verfallen. Auch die Mauer bröckelte, aber im ganzen war
sie noch fest und mächtig. Manchmal kamen erhaltene Bauwerke, ein
Papierverbrennungsofen oder ein Torhaus, in dem ein Offizier wohnte.
Wenn ein Tor kam, sahen wir hinab ins Leben, das die Stadt einatmete
und auspulste.
Einen schmutzigen Gang hinab glitten wir in die Stadt hinein. Wir
drehten um zahllose Ecken armer Gassen. Wir sollten zu einer Gasse
gehen, in der es viele Kuriositätenläden gab. Die Gasse kroch wie eine
Schlange durch die Stadt. In den kleinen offenen Läden leuchteten
Kupfer und Zinn, Porzellan und Stickereien. Ein Laden war am andern.
Der Raum für die Käufer ging ohne Verbindung von der Gasse hinein. Auf
dem Ladentisch standen Glaskästen mit Nephritscheiben, Halsketten,
geschnittenen Stempeln, Perlen, Väschen ... Wir schauten alles gierig
an. In der Gasse staute sich der Menschenverkehr. Emil Schlehmil
ging hin und setzte den Neugierigen auseinander, daß es sich nicht
schickte, fremde Käufer derart zu belästigen. Die Chinesen lachten
zustimmend und gingen weiter. Aber andere ersetzten sie sofort. Es
füllte den größten Teil unserer Zeit aus, daß Emil Schlehmil sein
Stöckchen und die Vorwitzenden in Bewegung hielt. Nie widersetzte sich
jemand.
Emil Schlehmil handelte mit den Verkäufern. »Was hast du da?« fragte
er. »Zeige. Da ist ein Riß ...« Der Chinese hob beschwichtigend die
Hand und sagte: »Was liegt daran!« Das ist ein nationales Wort in
China. Es ist Psychologie, es ist fatale Kraft. Der dunkle Keim, den
die überirdischen Mächte im Volk ewig lebendig halten. Das Wort ist
bös und gut. Eine andere Umschreibung für das Symbol des Jin Jang,
jenes Zeichens der zwei ineinander gebetteten Fötusse, das man oft
auf Hauswänden sieht. Das Jin Jang ist das männliche und weibliche
Ineinandergeschlungene, das positive und negative Prinzip, aus dessen
Zusammenwirken die Welt entstanden ist und sich erhält.
Der Verkäufer sagte also: »Was liegt daran!« Da nahm Emil Schlehmil
die Vase und klopfte sie dem Chinesen heftig an den Kopf. »Was liegt
daran! sagst du, daran, daß du mich betrügen wolltest, indem du diesen
Fehler verheimlichtest? ... Du dachtest, der Fremde ist ein Dummkopf,
er sieht das nicht. Du glaubst, daß nur ihr chinesische Tölpel die
Gescheitheit hinter euren flachen Augen habt. Ich geb dir 500 Käsch
dafür.« 500 Käsch waren weniger als I Mark. Der Chinese lächelte und
griff nach der Vase. Emil Schlehmil fuhr fort: »500 Käsch ist schon
zuviel für eine halb zerbrochene Vase.« Der Chinese zögerte ein wenig.
Ängstlich sagte er: »Herr, lies unten. Ming-Dynastie!« Emil Schlehmil:
»Das glaubst du ja selbst nicht. Der Scherben und Ming-Dynastie.
Das machen eure Fälscher drunter. Die Vase ist ja nichts wert, mein
Lieber. Da hast du sie zurück.«
Mit dem Chinesen konnte man kein Geschäft machen. Er blieb höflich und
zuvorkommend. Aber sobald es an den Preis ging, wurde er widerspenstig
und merkwürdig. Wir gingen weiter. Schlehmil stritt abwechselnd mit
den Zuschauern, die sich bald in Scharen hinter uns herdrückten,
bald mit den Verkäufern. Er wurde aufgeregt, und unter seinen hellen
Augen saßen rote Flecken. Gre geriet in Angst, die Chinesen möchten
ihre Gutmütigkeit aufgeben und Schlehmils Nervosität mit einem Krach
beendigen.
3
Wir nahmen einen Diener und seine Frau auf, die uns später auf
unserer Reise nach Ssetschuan begleiten sollten. Er war ein kleiner
Hankauchinese mit einem dicken Kopf voll stacheliger schwarzer Haare
und war einer der wenigen Chinesen, die rote Backen hatten. Man fragt
nicht nach dem Namen der Diener, die man anwirbt. Sie kommen, bleiben
und gehn, sind tüchtig und ehrlich, wenn man sie in Zucht hält, und
betätigen auch im Dienst der Europäer den Handelsdrang, der ihrer
Rasse Innewohnt. Das nennt man dann »squeezen«. Unser Boy sprach
nur Rudimente des chinesischen Pidgin-Englisch. Wir waren zunächst
gegenseitig etwas aufs Erraten angewiesen.
Aber zugleich lernten wir Chinesisch. Wir lernten nicht nach einem
System, sondern sozusagen nach der Lebensforderung. Wir riefen den
Boy. Es ist unmöglich, diese Sprache anders als durchs Ohr zu lernen.
Das erste Wort, das kam, war: Seide. Wir hatten Bücher. Darin stand:
Seide--se. Seide heißt auf Chinesisch: se, nicht wahr? fragte ich
den Boy. Er sagte: Nein. 'Tse, heißt es. Wir wußten schon mehrere
Wörter, die man se schrieb und die jedesmal etwas anderes bedeuteten
und natürlich jedesmal ein anderes Schriftzeichen hatten. Se hieß:
Seide, ja, Löwe, Papier, schreiben, es hieß vier und zugleich zehn
und bedeutete auch das Zeitwort sein. Also einige der im Umgang
wichtigsten Begriffe deckten sich unter den zwei lateinischen
Buchstaben s und e. Der Unterricht begann. Wir gingen der Reihe
nach die verschiedenen Bedeutungen phonetisch durch. Ich zeigte dem
Boy das Schriftzeichen. Er las es. Seinen Mund sahen wir die Töne
bilden. "Sein" klang se, "schreiben" tzì, "Papier" tssse mit vielen
sanften s, "vier" hörte sich sehr weich an, es wurde in aufsingender
Modulation söeee gesprochen und "zehn" tönte kurz sse. "Seide" war
tze, "Löwe" tzö und "ja" wurde ssse gezischt. Nur die trainierteste
Equilibristik der Stimmbänder bringt die Unterschiede heraus, die in
einem andern Sinnkreis wieder nur aus der Stellung der Satzgefüge
ihre Bedeutung gewinnen. Es gab Wörter, die siebzigerlei hießen,
zum Beispiel Tschuan. Nicht die Betonung, sondern die Intonierung
war das akustische Gesetz der Sprache. Etwas Schwebendes trug sie
schwirrend wie eine Stimmgabel. Hörte man die Menschen sprechen, so
stießen die Wörter sich in einem purzelnden Singen mit Überschlagungen
der Stimme, mit tausend flüchtig verschlungenen Modulationen, mit
rasch gurgelnden Auspuffen und unversehens heimlich zurückhaltenden
Aspirationen aus der Kehle.
Eines Tages wagten wir uns allein in die Stadt. Ich nahm meinen Kompaß
mit. Wir gingen durch das Südtor hinein, und ich dachte, ich finde
die große Kuriositätengasse zurück. Dort hatte Schlehmil für mich auf
eine schöne alte Tautaukette aus 120 haselnußdicken Mondsteinen und
mit Behängen aus Nephrit und Korallen gefeilscht, und ich hatte den
Eindruck gehabt, als ob der Chinese nicht mit uns handeln wollte. Er
hatte 80 Tael verlangt. Wir hatten ihm 30 geboten. Aber er wollte
auf die Kette nicht handeln. Wir kamen durchs Südtor. Dann mußte man
gleich hinter der Mauer abbiegen. Dort waren schmutzige Löcher, in
denen Chinesen Lumpen aufeinanderklebten. Die Lumpen sahen aus wie
Brutstätten von furchtbaren Bazillen. Schuhsohlen wurden aus den
aufeinandergeklebten Lappen gemacht.
Wir kamen um die Ecke zu dem Laden, vor dem die schönen blauen Tücher
hingen. Sie waren mit Vögeln, Ornamenten, Menschen, Blumensträußen
bedeckt. Die Muster wurden mit Kalk aufschabloniert, dann färbte man
das Tuch in einem Kessel, und die kalkbedeckten Stellen blieben weiß.
Es war eine derbere Art des Batik, kräftig und volkstümlich. In allen
Gassen gab es Blaufärber, die diese Tücher machten.
Aber nach diesem Laden endigte die Gasse in einen unbekannten
lebhaften Straßenzug, der nach rechts und links hinlief. Da stimmte
es schon nicht mehr. Mit dem Kompaß in der Hand strichen wir kreuz
und quer. Die Chinesen kamen auf uns zu und wollten sich den Kompaß
anschauen. Sie lachten und gingen weiter mit uns. Wir hetzten bald
einen ganzen Haufen Menschen durch Gassen, in denen wir bestimmt nie
gewesen waren. Verkrätzte und verhungerte Hunde liefen mit, und Säue,
vor deren Größe wir staunend zuerst erschraken, hoben sich aus dem
Schmutz und stürmten grunzend quer vor uns über den Weg zu ihrer Brut,
die in Rudeln mitten durch die Gassen sich Nahrung suchte und keines
Kots Feind war. In den offnen Häusern und Läden saßen Chinesinnen,
an deren gewölbten frischen Brüsten mit kräftigem Lebenswillen die
gesündesten und lieblichsten Kinder tranken. In einer Gasse stand ein
taoistischer und ein buddhistischer Mönch in friedfertigem Gespräch
beisammen. Vornehme Chinesen wurden durch die Gassen getragen und
hielten kleine schön geschnitzte Riechhölzer an ihre Nase. Große Läden
mit getrockneten Fischen überstanken alle Gerüche, und Fisch- und
Gemüsehändler ließen die üppige Lebendigkeit des freien Landes in der
grauen Gasse leuchten.
Bald schien unserer Erinnerung die Ähnlichkeit einer Ecke
zielverheißend. Aber wir waren immer genarrt. Wir mußten weitab
gekommen sein, denn als ich der Sicherheit halber das Südtor
zurücksuchte, fanden wir es nicht mehr. Ich wußte nur, daß die
Gasse der Händler zwischen Süd- und Osttor lag. Wir eilten lange
Straßen hinab, in denen Haus an Haus die Schreiner ihre farbigen
Möbel zimmerten. In andern hämmerten und drehten die Kupfer- und
Zinnschmiede und hatten die Gestelle voll eigenartiger Gefäße und
Töpfe. Sonderbare und unbekannte Gewerbe wurden von Haus zu Haus
getrieben: Die Matratzenmacher mit ihren großen Zupfbogen, die
Reisstampfer, die riesenhafte Holzkeulen traten, die Verfertiger der
großen Kugellaternen aus dünnem Seidenbast, der mit roten Zeichen
bemalt wurde, die Regenschirmmacher. Stickende Frauen und Mädchen
saßen an den Häusern, tief über ihre kleine feine Arbeit gebeugt.
Die großen Stickarbeiten wurden von Männern gemacht. Zwischen den
Läden eiterten öffentliche Anstalten wie eine Pest. Kulis, die den
Inhalt in Holzeimern vor die Stadtmauer in die Gruben der Unternehmer
brachten und Wasserträger liefen in Ketten schwankend aneinander
vorbei. Musikanten strebten durch die Menge, ihre Instrumente hingen
wie tot in den Händen und warteten, daß sie klingen sollten, wenn ein
musikbegieriges Haus sie zu sich lud. Blinde gingen mit gleichmäßigen
Schritten mitten durchs Gewühl und schlugen von Weile zu Weile schrill
auf eine Metallplatte, um für ihr Gebrechen den Straßenverkehr
behutsam zu machen.
Einige Male kamen ältere Herren; sie spürten die nahende Kälte und
waren in dick wattierte Mäntel eingehüllt. Der Kopf steckte in einer
Kapuze, die mit einem Umhang weit über Rücken und Schultern fiel.
Aus der Kapuze sah das farblose Gesicht heraus, nicht viel mehr als
zwei kreisrunde mondgroße Brillengläser auf einem Kürbis von Nase.
Es war wie eine Schrulle. Der alte Herr schien kühl und beleidigt
erstaunt zu sein, daß es so etwas gab wie wir. Die dünnen Hände
drückten sich fester um das Messingöfchen, und die marsbewohnerhafte
Erscheinung spazierte langsam weiter und schaute nicht mehr um. Es gab
Chinesen mit mongolischen Nasen, kurz, breit, in die Höhe gequetscht,
und andere mit großen gebogenen, deren fremde Abstammung in der
Bezeichnung weiterlebte, die die Chinesen für die Mohammedaner hatten.
Sie nannten sie die Langnasigen. Im ganzen war die Verschiedenheit
des Typs von großer Reichhaltigkeit, und vom halbfertigen Gesicht
des stupiden Mikronesiers bis zur edlen ausgereiften Ebenheit der
klassischen Schönheit -- hier eigenartig durch die flachen Augen
modifiziert -- gab es alle Zwischenstufen von dumm zu intelligent,
häßlich zu schön. Aber die meisten dieser Hunanleute hatten kernige
und etwas trotzige Gesichter scharfer Krieger des Mittelalters. Das
schwarze Kopftuch war ein guter Rahmen für diese Züge.
Seitdem das Tragen des Zopfes Staatsverrat bedeutete, hatten die
Barbiere, die überall in den Gassen arbeiteten und aus der Neuerung
keinen Nachteil schöpfen wollten, die Haarmode in eine große
Verwirrung gestürzt, in der die Mode des geschorenen Vorderkopfes
und die des weich aufgebäumten und weich zurückfallenden, halblangen
Haarwuchses der französischen Lyriker besonders heftig gegeneinander
stritten. Die "Gent" und die Ladenschwengel, Boys und Schreiber
zogen die letzte vor, die erste liebte der Kuli. Die älteren Herren
gingen fast ausnahmslos glatt geschoren. Nie sah man mehr einen Zopf.
Die Barbiere massierten auch. Darin waren sie sogar Spezialisten.
Auch der Kuli läßt alle Arten von Massage an sich vollziehen. Wir
sahen eine Frau mit einer genial einfachen Einrichtung von zwei sich
überschneidenden, mit zwei Fingern bewegten Zwirnschnüren Backen, Kinn
und Stirn einer Freundin behandeln.
Am beliebtesten aber war das Ohrenputzen. Jedermann frönte dieser
Einrichtung wie einem unwiderstehlichen Laster, und es muß als eine
Art von Erotik betrieben werden. Eine ganze Sammlung von Instrumenten
diente dazu. Zum Beginn kam ein solides Holzlöffelchen, dem ein
Metallstab folgte. Dann wurde die Behandlung mit kleinen Schaufeln an
biegsamen Stäbchen fortgesetzt, ein feiner weichfedernder Bambushalm
mit einer Perle, einer mit einem dünnen Messingring, quirlten im Ohr
herum. Wenn all die Kitzel zu leicht geworden, wurde mit einer feinen
scharfen Metallspitze an einem nachgiebigen Messingstab hier und
dort ins Ohr gepickt: Der Behandelnde versank auf dem Stuhl wie in
selige Träume, drückte die Augen fest zu, schlug verloren die Beine
weg, und hundert Schauer zuckten durch all seine Züge und Muskeln.
Abgeschlossen wurde die Behandlung dann mit einer beruhigenden Quaste
aus Seidenbast an einem langen Hornstäbchen, das der Barbier wonnig im
Ohr herumdrehen ließ. Das Ohrenputzen war Volksleidenschaft.
Wir gerieten auf der Wanderung auf einmal aus dem Kreis der Menschen
heraus, wo wir all das sahn. Schmale Schlüffe brachten uns in andere
Gegenden, in ein Stadtviertel, das nur aus Mauern zu bestehen schien.
Keine Gasse war mit der andern verbunden. Alle taten so, als liefen
sie ins Endlose hinaus und seien nur für sich da. Wir kamen nie an
einen Platz, der Züge von Straßen in sich aufgefangen hätte. Alle
Gassen waren mit Steinplatten gepflastert, und ein Abfuhrkanal führte
unter jeder Gasse. Aber es war kein Wasser drin, das den Schmutz
weggespült hätte, und es stank drunter herauf wie von Äckern nach dem
Dung im Frühjahr. Eine geschlossene Sänfte eilte hastig und heimlich
durch eine der geheimnisvollen Mauergassen und drückte uns in der
Enge an die Wand. Auf der Wand war die große Scheibe des Jin Jang
aufgemalt. Die zwei im Kreis ineinandergeschlungenen Zeichen waren rot
und schwarz gemalt, und rundum fügten sich die Balken der Urzeichen
aneinander.
Endlich öffnete sich eine etwas zurückliegende Tür in der Mauer.
Auf ihren großen Holzflügeln standen in mächtiger Farbigkeit zwei
riesenhafte bedrohende Spukgestalten -- die Geister von Tsin Su Pao
und Wo King Te, deren Wachsamkeit vor Jahrtausenden einem Kaiser
das Leben erhalten hatte, damit sie nun auf den Mauern chinesischer
Paläste weiterlebten. Aber die Flügel waren fest zu wie in einer
Erstarrung. Dann war die Mauer wieder kalt und eintönig, weiß und
langweilig. Und was war vielleicht dahinter? Nie ist das so heftig
Fremde, so aufregend Rätselhafte des Landes gleich ungestüm an die
Phantasie gesprungen wie auf dieser ersten verirrten Wanderung durch
die Gassen der unheimlichen Stadt.
Und immer hinter uns her strömte alles an Menschen, was unsern
Weg traf und was gerade nichts zu tun hatte: Knaben und Kulis,
alte bebrillte Lehrer und junge Verkäufer mit glatten schwarzen
Frisuren. Aber niemals Frauen. Sonst kribbelte die Stadt vor Fleiß
wie ein Ameisenhaufen. Als es sich immer weiter wiederholte, daß
uns Erinnerungen und Ähnlichkeiten täuschten und wir uns verloren
in das Unbekannte der Stadt eingesponnen hatten -- es ging in die
vierte Stunde, daß wir so umherwanderten -- da benutzten wir ein
Radikalmittel. Wir gingen eine der geraden Geschäftsstraßen mit
Hilfe des Kompasses nach Westen. Wir kommen so auf jeden Fall an die
Stadtmauer, dachte ich, und gehn zum nächsten Tor. Wir gelangten
schließlich auch an die Mauer. Ein schmaler Schluff lief dort,
angefüllt mit Gestänken. Dunkle Löcher öffneten sich aus ihm. Die
plumpe Stadtmauer sperrte Licht und Luft ab. Wir sahn in den Löchern
die armen Leute zu zehn und fünfzehn in einem Raum hausen, öffentliche
Mädchen sich in Ställen hingeben. Sie kamen in die Tür und lachten uns
zu. Wir hatten nun die Wahl, nach dem Westtor oder dem Südtor zu gehn.
Das konnten wir schon etwas primitiv auf Chinesisch fragen: dsai na li
da si mena? fragte ich, und die Leute nickten mit dem Kopf, lachten
und schienen glücklich, uns zu zeigen, in welcher Richtung das große
Westtor lag.
Ich hoffte, daß wir einen Ausgang auf die Mauer fänden. Aber sie
waren alle versperrt und zugeschüttet. Nichts von dem Elend und den
Gerüchen der engen Gasse an der Mauer blieb uns erspart. Wir hasteten
eine halbe Stunde lang durch sie dahin. Hier folgte niemand uns, außer
einigen schmutzriechenden Hunden. Die Leute schienen wie benommen zu
sein von dem Stumpfsinn, der Licht- und Luftlosigkeit in den Löchern
ihres Lebens. Die Gasse war Schweinestall wie Abort. Wir waren erlöst,
als die plumpe Gestalt des Toraufbaus in der begonnenen Dämmerung
erschien.
Dann gingen wir ins nahe Tschin Dei und erzählten unsere Abenteuer.
Emil Schlehmil gab Gre seinen Tragstuhl, und sein Kuli ging einen
andern für mich holen.
4
Tag für Tag durchzogen wir nun allein die Stadt. Durch solch eine
Stadt zu gehn, ist, wie sie durchpflügen. Man ist Pflug und Saat
zugleich. Man gräbt sie auf und sät sich hinein in die an ihrer
Fremdheit fruchtbare Stadt und wartet selig gequält wie ein Märztag,
was aus dem geheimnisvollen Schoß aufsprießen mag. Neue Dinge
kommen in Fluten, und wenn wir etwas schon Bekanntes treffen: einen
Brunnen, einen Hund Fo, einen Tuchweber, an den wir uns erinnern,
so sind wir auf einmal stolz vertraut mit diesem rätselhaften und
fremden Wirrwarr, in dem einige hunderttausend Menschen wohnen, deren
geringste Intellektäußerung uns so stark und unbekannt aufstachelt wie
die höchsten Dinge unsrer Heimat.
Es wurde rasch eine Leidenschaft, zu den Kuriositätenhändlern zu gehn
und die ungesichteten Zusammenhäufungen zu durchwühlen. Wir konnten
schon selbständig die Preise erfragen, handeln, kleine Bemerkungen
machen. Der ganze Haufen der Neugierigen, der uns folgte, nahm den
lebendigsten Anteil an allem, was wir taten. Sie fühlten unsere
Kleider ab, Gres Schmuckstücke, und, geborne Händler, wollten sie
stets wissen, wieviel die fremden Dinge gekostet haben. Haudi! sagten
sie dann und streckten den Daumen in die Höh'. Das heißt: es ist sehr
schön. Wenn Frauen im Laden waren, wurde Gre bis auf ihre Intimitäten
erforscht.
Die Leute in der Gasse, an den Laden gedrängt, waren nah am Platzen
vor Neugier, was nun von den chinesischen Dingen das Interesse
der Fremden erregen mochte. Wir handelten und bewunderten alles,
was der Händler hatte. Das tat ihm wohl. Wir waren ihm sehr
vertrauenerweckend. Es fiel mir auf, daß man uns für dieselben
Gegenstände oft niedrigere Preise vorschlug, als wenn Schlehmil mit
war. Wenn die Zuschauer genügend unsere Mäntel, Krawatten, Stock,
Kniestiefel, die wir immer wegen des Schmutzes trugen, untersucht
hatten, beteiligten sie sich auch am Handeln. Besonders Listige
stellten sich neben uns auf und taten so, als ob sie uns zum Händler
geführt hätten. Vielleicht fiel nachher eine Kommission für sie ab.
Aber sie ließen sich gutmütig zurückweisen und schoben, lachend
darüber, entdeckt zu sein, ab.
Der Händler, brachte stets zuerst die landesüblichen Vasen und
bronzenen Räucherbecken und war zunächst außer Fassung, wenn wir sie
zurückschoben und andere weniger beliebte Dinge in die Hand nahmen.
Das war für den Preis vorteilhaft. Er wurde sozusagen überrumpelt.
Aber manchmal geschah auch das Gegenteil. Unser Interesse gab dem
Ding einen unerwarteten phantastischen Wert. Wir lachten dann, wenn
der Chinese den fabelhaften Preis nannte. Auch die Masse unserer
Neugierigen fand sich durch den hohen Preis ergötzt. Sie lachten im
Chor mit, und der Händler fragte hitzig und enttäuscht: Wieviel gibst
du?
Wurde ein Kauf abgeschlossen, so entstand eine Bewegung unter unsern
Zuschauern, und ihr Handelsinstinkt sagte befriedigt: bravo!
Eines Tages fand ich den Laden mit der alten Kotaukette aus
Mondsteinen wieder. Der Händler schien sich nicht zu erinnern, daß
wir vor vierzehn Tagen dreißig Tael dafür geben wollten. Ich nahm sie
in die Hand und fragte, wieviel er dafür haben wollte. Er antwortete
etwas, das ich nicht verstand. Ich sagte ihm, die Kette sei sehr
schön, ich gebe ihm zehn Djau dafür. Das waren etwa fünfzehn Mark. Er
überlegte sich's ein Weilchen. Dann packte er sie in ein Papier und
gab sie mir. Dreißig Tael waren hundert Mark gewesen. Wir hatten zu
Hause schon eine Lade voll alter Stickereien, Schnallen und Anhänger
aus Nephrit, ziselierte Kupferdosen, einen achteckigen getriebenen
Handofen, mehrere Sätze aus Stein und Elfenbein geschnittener
Stempel mit Löwen ... Schöne Bilder, wie ich sie so gern gehabt
hätte, von dem dunkeln heftigen Expressionismus alter chinesischer
Landschaftskünstler fanden wir nicht. Überhaupt sahn wir nur sehr
selten alte Kunstwerke großen Stils. Die Händler hatten sie wohl.
Aber sie wanderten bei den chinesischen Liebhabern umher. Die
Chinesen glichen darin den Parisern, sowie ja auch die Art ihrer
Kuriositätengassen vervettert war mit der Rue de Seine. Sie sammeln
mit Leidenschaft Gegenstände ihrer heimatlichen Kunst und kennen sich
gut in ihnen aus. Sie gehn selten in die Läden. Der Händler schickt
die Dinge ins Haus, und der Chinese hat sie dort monatelang, in denen
er ununterbrochen um den Preis handelt, sie betrachtet und auf ihre
Echtheit studiert.
Aber indem wir so der Leidenschaft für die Kunst fremder Phantasie
folgten, kamen wir zugleich zu Menschen und Stadt. Wir machten oft
lange Zickzackreisen, bis wir die Gassen der Händler fanden. Ganz
sicher wurde die Kenntnis der Stadt nie. Die Stadt war zu willkürlich
gebaut, zu abgehobelt in persönlichen Äußerungen. Sie überschwemmte
das Gelände mit keinem andern Willen als dem, von Augenblick zu
Augenblick die bescheidene Notwendigkeit des gleichmäßigen Volks zu
erfüllen. Auch die großen Inseln der reichen Häuser, die in den Gärten
der langen Mauergassen lagen, waren unter sich gleich, die Tempel,
die Gildenhäuser. Die Stadt war auch eine ins Große aufwuchtende
Wiederholung der einfachen oder kunstvollen Dinge, die wir kauften
und die eine fließende Gleichart in ihrem Prunk oder ihrer einfachen
Stilgröße hatten. Die Stadt war ein Abbild ihrer Menschenmassen,
und sie spannte diese so in sich ein, wie das chinesische Leben und
die chinesische Moral mit stählernem, gleichmäßigem Feststehn den
vierten Teil aller Menschheit gebunden hielt. Das Skelett waren die
Geschäftsstraßen, die kreuzweise zu den Himmelsrichtungen und den
Toren liegen. Rund um sie war es bewachsen, wie das Bedürfnis es
verlangte, ohne Bequemlichkeit und Schönheit kennen zu wollen. Die
Funktionen der Stadt waren einfacher als die eines Bauerndorfes in der
Heide.
Überrascht hielt uns plötzlich in dem Gedudel von Schlüffen und Gassen
ein Toreingang an. Er war in aller Kreisheit der Einfälle mit der
naiven Buntheit der Phantasie, dem spielerischen naturalistischen
Erzählen seiner Darstellung von einer klassischen Sammlung. Er war
glanzvoll ruhig und schmelzend. Er führte zu Anlagen von spärlich
bewachsenen Gärten mit strengen Teichen und zu Häusern, die uns
geheimnisvoll blieben. Tempel öffneten sich mit Höfen unerwartet in
der Gasse. Vor ihnen hielt der Hund Fo Wache und machte ein ornamental
bissiges, mythologisch spukhaftes Gesicht auf seinem Sockel. Die
schönsten Tempel waren stets die rotgemalten Kungfutsetempel.
Tschangscha hatte nur zwei von ihnen. Sie wären die ersten Gebäude
von großer Architektur, die wir in China sahn. Um ausgedehnte Höfe
mit Wasserbecken liefen schmale Gebäude, in denen die Schüler des
Kungfutse standen und China groß und jung und doch in seinem Altertum
hielten. In einem Hof erstand dann das Tempelhaus hoch über die andern
Bauwerke der Anlage. Verknorrte alte Pinien starben zwischen den
Fliesen des Hofs, hohe eiserne Öfen für Opferpapier in fremdlichen
Formen standen, mit alten Schriftzeichen bedeckt, unter ihnen. Treppen
mit steinernen Galerien führten in das heilige rote Dunkel des
Tempelraumes. Der war um den purpurgoldenen Altar groß, streng und
karg aufgebaut.
[Illustration: Theater in einem Gilde-Tempel]
Aber außen wuchs um den Tempel die üppige Krausheit der in die
Einzelheiten vernarrten Künstler die ausgeschwungenen Dächer hinan.
Riesenhafte Drachen aus Porzellan krochen die Dachkanten hinauf, und
der höchste First war eine doppelmannshohe Galerie von verschlungenen
Blumen und Tieren.
Kungfutse jedoch war nicht mehr im Tempel. Die Republik hatte seinen
Geist entthront im Jahre 1913, sozusagen zum 2100. Jubiläum jener
alten Bücherverbrennung, durch die der Kaiser Schi Hoang Ti im
Jahre 213 v. J. den geschichtlichen Überlieferungen und Kungfutse
zu Leibe rückte. Soldaten in halb europäischen Uniformen gingen mit
scharfgeladenen Gewehren Wache in den Tempelhöfen und lungerten in
allen Gebäuden herum. Die Altäre und Götterbilder verfielen. Das alte
China sollte mit ihnen zerbröckeln.
Aber einige Tempel dienten noch der naturfrommen Gläubigkeit der
Einwohner. Sie waren im Innern nichts als ein hohes verrußtes
Dunkel. Die Götter schauten kaum heraus. Die Götter verzerrten
sich plump, ein geschwärzter Spuk, glotzten mit aufgerissenen
goldenen Froschaugen, bleckten Zähne wie Holzsägen, hoben Vogelbeine
und zückten krumme Schwerter und drohten mit dunkel aufgereckten
Bewegungen aus den Winkeln der rußigen Tiefen. Unten am Boden lagen
die Betenden und warfen Hölzchen vor ein Götterbild und sahen aus der
Art, wie sie fielen, die Geneigtheit des Geistes, den sie brauchten.
Eine süße fremde Lilie, mit ihrer Seltsamkeit und ihrer mythischen
Frömmigkeit voll Schmelz behangen, barg sich weißen Gesichts die
heilige Frau Kuan Jin in die Dunkelheit, bereit für den Flehenden.
Ihr Leib war mit einer leisen Verrenkung gebogen und verheißend
gewölbt, und ihr großes jasminweiches Gesicht umfaßte alle erregenden
Geheimnisse der Schönheit fremdrassigen Frauentums. In schweren
Bronzebecken brannten Kerzen und Papier, und ihr beunruhigtes Licht
zuckte angstvoll und zaghaft wie blaßrote Fledermäuse über die dunkeln
Grausigkeiten. Rauch schwelte dicht auf und zog in die unbekannten
Höhen des Gebälks.
[Illustration: Fischer bei Tschangscha]
Draußen im Hof des Tempels, wenn er zu einem Gildenhaus gehörte, stand
der Theaterpavillon, ein Bauwerk von weltlich schweifender Arbeit. Auf
hölzernen Säulen trug er goldene gewundene Drachen mit Kamelnasen, in
den Paneelen saßen zierliche Schnitzereien aus der Geschichte, und
eine schwere Seidenstickerei hing als Soffite über die Bühne. Das
Dach schwang sich in allen vier Kanten weit aus, war mit farbigen
Glasuren, Vögeln und Menschlein bedeckt. Einmal sahn wir diesen
Theaterpavillon voll merkwürdig schreitender Gestalten, die schrill im
Diskant sangen. Lange, schwerbestickte Kleider hingen an ihnen. Sie
verstummten, hoben die Beine wie Störche, feierlich, und schritten
dumm im Kreis hintereinander, vereinigten sich wieder, schrien und
sangen im Kehlkopf. Ein Alter warf sich den Bart wild über den Arm
und durchfuchtelte die Luft mit Lanzenstößen. Eine Frau beugte sich
weinend über ihre Arme. Eine andere Gestalt mit goldblutigen Gewändern
und der Maske eines schwarz-weißen, schweren und aufgebäumten Kopfes
kam über sie. Die große Raserei erfaßte diese Gestalt. Aber ihr Körper
stand ruhig, und nur ihre Hände warfen unverständlich den Zorn über
die Frau, und diese Hände klangen uns auf einmal entgegen wie Worte
großer Dichter, die voll von heimlichem Sinn bebten, der das Gefühl in
die Unendlichkeit warf und es in das nimmerrastende Fluten alter Dinge
zurückversenkte.
Währenddessen gingen Scharen von Alltagsleuten auf der Bühne herum.
Die Musik, die mit Bronzedeckeln, Trommeln und kleinen schreienden
Geigen arbeitete, saß in alltäglichen Kleidern im Hintergrund. Im
Hof drängten sich Kulis, Weiber und Kinder zusammen, horchten zu
und sprachen, rauchten in ihren messingenen Wasserpfeifen, sogen
zwei Züge, bliesen die Asche heraus, stopften wieder, pusteten den
Fidibus an und sogen ihre zwei Züge und reichten die Pfeife weiter.
Es gingen auch Männer umher, die Pfeifen vermieteten. Die Zuschauer
kauten Sonnenblumenkerne und spuckten dem, der vor ihm stand, die
Schalen auf den Rücken. Die steinernen Tiere, die vor dem Tempel Wache
hielten, Elefanten und Löwen, waren von kleinen Buben beritten. Als
wir aber aus der Dunkelheit des Tempels hinaus in den Hof traten, um
zu photographieren, waren wir auf einmal für Darsteller und Zuschauer
Bühne und Theaterstück.
5
Dem Straßenleben der Stadt gaben auf einmal Soldaten, die in
Scharen hindurchzogen, ein neues Aussehen. Man sah viele Kinder in
europäischen Kleidern mit großen Denkmünzen auf der Brust. Am Westtor
wurde gearbeitet. Gerüchte kamen, daß das von Europäern verwaltete
Zollhaus überfallen werden sollte. Dann hieß es, die Räuber seien
entdeckt und eingelocht worden, und schließlich entlud sich all der
Trubel in der einfachen Nachricht, Tschangscha bereite sich vor,
seinen Helden, den General Huang Schien, zu empfangen. Huang Schien
war noch vor anderthalb Jahren Lehrer in Tschangscha gewesen. Er
schlug sich zur Revolution und mußte deshalb eines Nachts fliehn.
Wir versäumten seinen Empfang am Ufer. Einen Tag später kamen wir
ans Yamen, an das Palais des Gouverneurs, als gerade durch ein Tor
ein Zug Soldaten in den mit Laternen und Fahnen geschmückten Garten
einzog. Wir blieben stehn. Ein Offizier fegte auf einem kleinen Roß
die Gasse herauf und verschwand im Garten. Am Schweif des Rosses
flog der Pferdeknecht mit. Und plötzlich kam inmitten von Soldaten
in einem offenen Stuhl aus Bambus, der von vier Leuten getragen
wurde, ein dicker Mann, ein Mastschwein von einem Mann. Er trug einen
Gehrock, einen harten runden Hut und eine goldene Brille, die moderne
Zeremonienbekleidung des Chinesen. Er sah eher aus wie ein Japaner.
Er schaute mich mit einem bösen und griesgrämigen Blick an. Um den
Stuhl herum gingen mehrere europäisch gekleidete Chinesen, die den Hut
abnahmen, sobald der Zug in den Garten kam.
Das war Huang Schien, der Held Tschangschas. Juan Tschi Kei hatte ihm
eben zusammen mit dem in Europa als Volksbefreier geschätzten Sun
Jat Sen seine Demagogie und Stänkertätigkeit für zwei Millionen Mark
abgekauft. Huang kam sich seinen Landsleuten zeigen als Vertreter
des neuen Gedankens, der in China die Zöpfe und die märchenhaften
Mandarinenkleider abgeschafft hatte, Kungfutse der Seele des Volks
entreißen wollte, um Politik in die Rasse zu tragen. Nordamerika hatte
diese Proselyten infiziert. Sie arbeiteten mit dem Geld von reichen
Leuten aus dem Süden, die ein Geschäft aus der Demokratisierung
zu machen hofften, und Sun bearbeitete im Sold japanischer und
nordamerikanischer Finanzgruppen, wie man sagte, merkwürdige
Eisenbahnfragen. Er stänkerte dabei gegen Deutschland. Aber er war ein
Christ.
Am Nachmittag dieses Tages wurde vor dem Nordtor von republikanischen
Soldaten ein alter Kuli erschossen, weil er ein unverbesserlicher
Opiumraucher war.
Emil Schlehmil sahen wir fast jeden Tag. Wir beschlossen unsere
Wanderungen bei ihm, saßen im Schlupf seines Zimmers, tranken den
besten Tee Chinas und sprachen über die Seele dieses Landes. Ich
liebte ihn. Er war ein unglückseliger Querkopf. Manchmal gingen wir
an den Fluß, wo sich Hunderte von Dschunken ineinander klemmten und
ihre wankende Stadt ein selbständiges Leben führte. Mit dem Leben der
Häuserstadt war es durch die heiße Arbeit der Armee nie rastender
Kulis verbunden. Sie schleppten die zerbrochenen, wasser- und
schlammtriefenden Treppen hinauf und herab, was die Dschunken brachten
und forttrugen, und sangen stöhnend dazu. In ihrem Gesang hatten sich
die Laute der ersten zur Arbeit gezwungenen Menschen erhalten. Es
waren große Antimonschmelzen in Tschangscha, und die meisten Schiffe
fuhren mit Kisten voll von diesem Metall flußabwärts. Drunten zwischen
den Schiffen ruderten Boote mit jungen, schönen und geschminkten
Dirnen und mit alten Kuppelhexen werbend umher. Haufen verschmutzter
und verfallender Bettlerboote drängten sich überall durch. Ihre
Insassen begannen, zeugten und beschlossen alles Leben ihrer Gilde
unter den zerfetzten runden Matten dieser Sampans. Kaufläden, Garköche
und Priester ruderten um die schweren Leiber der Dschunken, und wenn
ein Schiff den Anker hob und fortwollte, klebte der Schiffer rote
Papiere ans Bug, schlug den Gong, um den Geist des Flusses zu rufen,
und brannte ihm zu Ehren Pulverfrösche und Opfergeld ab. Am Strand
machten Ärzte inmitten einer Einrichtung von geheimtuenden Töpfen und
Zeichen unwahrscheinliche Operationen. Merkwürdige zweirädrige Karren
erkletterten geschickt Treppenstiegen. Auf der Höhe des Ufers baute
manchmal eine Theatertruppe eine offene wacklige Bühne und spielte
lärmend alte Stücke, während schwarze Schwärme von Zuschauern im Hügel
hingen. Große Truppen von Fischern umspannten den halben Fluß mit
ihren Netzen und zogen reiche Beute ans Land. Wir segelten mit Emil
Schlehmil zwischen ihnen hindurch den Fluß hinauf bis zur nächsten
chinesischen Zollstation. Am Ufer stand ein kleines buntes Tempelchen.
Kormoranfischer fuhren vorbei. Die Vögel saßen schwarz auf dem Boot
und bissen nach ihren Halsringen.
Wenn es sonnig war, leuchtete der Jo Lo San drüben mit seinen
geweihten herbstfarbigen Bäumen aus kahlen Hügelzügen heraus. Der
Jo Lo San war ein heiliger Berg. Am Fuß des Berges errichteten sich
inmitten von wassergetränkten Reisfeldern die Bauwerke einer alten
Universität mit großen Examenhöfen. Man ging durch Wald hinauf, unter
dessen machtvollen Bäumen sich ein ziervolles Quellentempelchen barg.
China kennt keine andern Wälder als die geheiligt um seine Tempel
stehenden. Sein ganzer Boden ist gerodet. Oben stand ein Kloster. Die
Boys brachten Essen und Wein, wir frühstückten unter den starren Augen
goldner Götter, und alte Chinesen kamen und verrichteten inmitten
unsres Lärms und Trinkens ihre Andachten. Dann legten wir uns ins Gras
und schauten in die milde schöne Fremdheit der Landschaft hinab, in
der in einem zerfließenden Parallelismus weiche Bergzüge durcheinander
blauten. Am Fluß drunten lag flach die große Stadt, und die Nebel
saugten sie auf.
Einige Male gingen wir auch durch die Gräberhügel um die Stadt. Soweit
man sah, wuchsen die Steinhaufen, die die Särge lose deckten, aus dem
dürren Gras. Schwarze Schweine wühlten im Boden. Rotten von räudigen
Hunden zogen miteinander keifend zwischen den Gräbern dahin. Große
weiße Elstern mit schwarzen Streifen flogen auf. Manchmal erhob sich
aus der Gleichmäßigkeit wie ein kleines Tor das Grab reicher Leute.
Ein Mann mit einem großen roten Schirm kam und suchte ein Grab. Er bog
manchmal mit den Händen das hohe Gras auseinander. Er fand es nicht.
Aber auf einmal warf er sich nieder und fing an zu schreien und zu
weinen. Es sind Hunderttausende von namenlosen Gräbern rund um die
Stadt ins Gras versenkt. Es ist ein Gürtel des Todes, der Tschangscha
umgibt.
Wenn die goldblonde Frau bei diesen Wanderungen mit war, wurde Emil
Schlehmil unleidlich. Er war zu uns von einer nervösen Schulmeisterei
und zu ihr von einer Galanterie, die einmal spöttisch war und einmal
in kindlichem Flehen zerfloß. Er wechselte zwischen Glückseligkeit und
Versagen.
Eines Tages lud uns ein chinesischer Bankier zu einem Abendessen
ein. Die goldblonde Frau sollte auch mitkommen. Wir freuten uns
auf das fremde Fest. Zum Frühstück kam ein junger Chinese zu
unserm Freund, um ihn um Rat zu fragen. Er war der Sohn eines der
reichen Antimonhüttenbesitzer. Er wollte nach Berlin gehn, um
Ingenieurwissenschaften zu studieren. Er hatte in europäischem Sinn
gute Manieren, gab sich sehr höflich und bescheiden. Zum Schluß des
Essens kam plötzlich Emil Schlehmil hereingewettert. Er hatte einen
hochroten Kopf, grüßte uns hastig, setzte sich verbissen hin und
übersah den chinesischen Gast. Darüber stellte ihn, als der Chinese
gegangen war, unser Freund zur Rede. Da brach Schlehmil los: "Sie gehn
heut mit den beiden 'Missies' zu dem Chinesen. Das geht nicht! Wissen
Sie denn das noch nicht? Und daß Sie den Chinesen in Gegenwart von
Europäerinnen zu Tisch laden! Das will soviel heißen wie: Nimm sie,
sie sind dein."
Die kleine goldblonde Frau trat auf den Erbosten zu und tippte ihm
mit dem Finger auf die Stirn: "Sie brauchen Kompressen", sagte
sie. Da verwirrte sich Emil Schlehmil in seinem Zorn und versuchte
zu erklären, in welcher Weise es in den Anschauungen des Chinesen
begründet lag, daß man eine fremde Frau nicht an seinen Tisch führen
dürfe. Die chinesischen Gastmähler werden immer nur mit Singmädchen
und den Mätressen der Teilnehmer veranstaltet. Der Chinese halte
seine eigene Frau stets von ihnen fern ... Aber wir lachten nur. Ich
sagte ihm: "Der junge Wu sah nicht so aus, als ob er an ein solch
weitgehendes Angebot gedacht hätte." Schlehmil antwortete nur: "Der
Chinese ist und bleibt ein Schwein! Und wenn Sie's besser wissen, so
gehn Sie mit den 'Missies' hin."
Das taten wir auch. Aber wir erlebten eine Enttäuschung. Von
Singmädchen keine Spur. Von Eßstäbchen keine Spur. Von Haifischflossen
und Schwalbennestern keine Spur. Der Gastgeber wollte uns besonders
entgegenkommen und hatte durch irgendeinen Koch europäisches Essen
herstellen lassen. Dazu gab es ein fürchterliches Rheinweingift
und französischen Champagner. Seine chinesischen Gäste hatten vor
uns gegessen, saßen in einem andern Zimmer, spielten und schrien.
Chinesisch wurde es nur, als seine schöne weißhäutige Frau kam. Sie
trug eine schwarze Seidenjacke und eine blumengestickte Hose. Wir
standen auf. Sie verbeugte sich lachend und schüttelte sich herzlich
die Hände, in denen sie ein europäisches Taschentuch hielt, und war
so geniert, daß sie in weitem Bogen in das hohe Gefäß spuckte, das in
der Zimmerecke zu diesem Zweck stand. Sie versuchte mit Messer und
Gabel zu essen. Aber es gelang ihr nicht, und sie legte die fremden
Instrumente lachend beiseite und gab das Essen auf.
Nach dem Essen gingen wir zu den chinesischen Gästen. Sie spielten
ein Hazardspiel mit Hunderten von Steinen. Es schien eine Kombination
von Domino und Poker zu sein. Sie spielten sehr hoch. Sie nahmen
die durchlochten Kupferkäsch als Spielmünzen, aber jeder Käsch galt
ein Tael, das ist ein Taler. Die zehn- bis zwölfjährigen Kinder
des Gastgebers trieben sich zwischen den Spielern herum bis nach
Mitternacht und nahmen einen sachkundigen und lärmenden Anteil an dem
Hin- und Herschassieren des Spielglücks. Ihr Vater spielte mit uns
Einundzwanzig, nachdem die Damen sich verabschiedet hatten. Er gewann
und lachte.
Es sei eine Europäerin angekommen, hieß es einige Tage später.
Wer denn? Wer denn?
Denn es ist schon ein Ereignis, wenn ein Europäer in Tschangscha
ankommt, er sei denn ein Missionar.
Nun, Frau A., sagte jemand.
Frau A. war bekannt für ihre Spezialität, die unerfahrenen Ehefrauen
über die Reisen ihrer Männer auszuholen.
Emil Schlehmil sagte: "Ah so, das gilt der goldblonden Frau. Wir laden
uns zum Tee ein. Wetten zwei Flaschen Mumm, daß Frau A. dort ist!"
Frau A. saß wirklich dort, als wir hinkamen. Mit unschuldiger Miene
sprach sie vom jungen Eheglück in den einsamen Gegenden des innern
Chinas, von der Vortrefflichkeit des Gatten und wie gefährlich nur es
jetzt in einzelnen Gegenden Chinas zu reisen sei.
Wir kämpften mit dem Lachen und Emil Schlehmil erzählte folgende
Geschichte:
"Kirchbach von Arnberg & Co. verreiste ins Innere. Er kaufte in Hankau
ein Billett für die Pekinger Bahn; und es kam, wie üblich, in die
Zeitung, er sei nach Hupeh verreist. Aber er war schlau. Er wollte
nach dem Süden von Ssetschuan. Vielleicht war dort etwas los und er
kam als der Erste und Einzige zur rechten Zeit hin. Aber unterwegs
bekam er den Verdacht, in Hupeh entginge ihm nun doch etwas und
Jobbs und Sandmeyer seien ihm, auf die Mitteilung in der Zeitung
hin, dorthin nachgereist und schnappten ihm die Sache weg. Er in
Eilmärschen nach dem Norden und nach Hupeh.
Jobbs und Sandmeyer aber hatten ihm sein Reiseziel nicht geglaubt,
sie reisten ihm nicht nach Hupeh nach, sondern blind irgendwohin, wo
vielleicht Minen zu entdecken oder elektrische Anlagen zu vergeben
waren, und sie treffen sich, erstaunt und geärgert, eines Morgens auf
einem Anlegeplatz am obern Jangtse. Es war nicht mehr zu ändern; aber
sie waren wenigstens nur zu zweien als Konkurrenten, und sie machten
unter sich ab, sie wollten sich faire Konkurrenz machen. Sie beendeten
ihre Reise dort, wohin sie Kirchbach machen wollte, bevor er es mit
der Angst auf Hupeh bekam. Sie haben Glück. Sie kommen ans Geschäft.
Ein Chinese will für eine Stadt eine elektrische Anlage machen lassen.
Er läßt sich von beiden Kostenvoranschläge machen und zeigt den des
einen dem andern und umgedreht. Infolgedessen verbringen sie drei
Monate im Süden Sseschuans, um sich gegenseitig zu unterbieten.
Als der Chinese schließlich Kostenanschläge hat, die ihn befriedigten,
schickte er beide an Arnberg & Co. nach Hankau, wo der inzwischen
zurückgekehrte Kirchbach sie zur Bearbeitung bekommt, und fragt an, um
wieviel unter diesen Anschlägen Arnberg & Co. die Anlage herstellen
könnten. Also, Missie" ... endete Schlehmil, "sagen Sie ruhig Frau A.,
Ihr Gatte sei nach dem Süden, um Schwefellager oder Silberminen zu
entdecken."
Frau A. lächelte jähzornig und bemerkte mit einer süßlichen Fassung:
"Es ist nicht, wie Sie meinen!"
"Ich meine nur, wie es ist!"
"Mein Mann reist nie jemanden nach. Er hat das nicht nötig."
"Ich erzählte die Geschichte vorhin unter einem Namen Jobbs. Es
sollte, da Sie sagen, Ihr Mann reise nie jemanden nach, eigentlich
Herr A. heißen. Denn er war der eine der beiden, die nachreisten."
Das sagte Emil Schlehmil, indem sein Gesicht plötzlich wie mit einer
Feuersbrunst sich überloderte. Wir bekamen Angst.
Frau A. rief hitzig:
"Sie lügen!"
Da stand Emil Schlehmil ruhig auf und, ohne ihr mit einem weitern Wort
zu antworten, verbeugte er sich gegen alle. Nur der goldblonden Frau
gab er die Hand und sagte: "Ich wollte Sie nur davor bewahren, das
Reiseziel Ihres Mannes zu verraten. Bitte um Entschuldigung." Dann
ging er.
An diesem Abend sollten wir ins Theater gehn. Wir mußten die Erlaubnis
holen, da wir außerhalb der Stadtmauern wohnten, uns nach acht Uhr das
große Westtor öffnen zu lassen.
6
Als wir abends ins Theater eintraten, kamen einige Chinesen mit tiefen
Verbeugungen. Sie lachten höflich und hoben rasch und in einer geraden
Linie ihre langen, schönen Hände empor, um uns den Weg zu weisen. Wir
kamen in einen vollen Saal. Viele Menschen saßen und gingen lärmend
rundum. Eine dunkle Kammer nahm uns auf. Sie war in den Saal hinein
offen. Das ganze Theater drehte sich die Sitze um, als wir kamen,
und wir waren eine Weile Bühne. Kaum saßen wir, so kamen Diener des
Theaters und stellten vor jeden von uns kleine Teller, die gefüllt
waren mit Sonnenblumenkernen, Erdnüssen, geschälten und zerteilten
Orangen, in Scheiben geschnittenen weißen Rettichen, Zigarren und
Zigaretten. Auch Tee brachten sie. Ein junger Chinese war mit uns.
Er sollte unser Dolmetscher sein. Zwei Männer kamen, verbeugten sich
tief, lächelten viele Male und bewegten ihre schmalen Hände gegen
uns. Das waren die Theaterdirektoren. Sie sagten uns: "Wir Kleinen
wissen die hohe Ehre, die der hohe fremde Gelehrte durch seinen Besuch
dem Abendtheater erweist, sehr wohl zu schätzen. Der hohe gnädige
Prinz würde seinen ergebenen Dienern eine außergewöhnliche Gnade
bereiten, wenn er geruhte, an diesem ersten Abend seines Besuchs,
sich als der Gast der vor ihm stehenden und ihn verehrenden kleinen
Männer zu betrachten." Die Chinesen lächelten und schmolzen vor
Liebenswürdigkeiten. Wir lächelten dankend zu. Wir drückten uns alle
selber die Hände, verbeugten uns tief und vielmals voreinander, und
die beiden Chinesen gingen wieder.
Sofort begann die Vorstellung.
Auf der Bühne erschien es wie ein in Menschenformen verzauberter
Blumengarten, der sich feierlich durcheinander bewegte. Eine
unsichtbare steinerne Kugel fiel hinten auf einen riesenhaften
Bronzedeckel und sprang unablässig, regelmäßig und hart darauf
herum, Trommeln schrien mit klopfendem Gebrüll los, Geigen rissen
heftige Tonreihen von ihren Saiten, und eine Stimme erklang, hohl
und spitz wie eine Pappel und sang. Der Blumengarten geriet in eine
neue Bewegung und gliederte sich in Theater spielende Einzelheiten
auseinander. Einer stand rechts, einer links, beide einander zugebogen
mit einer sonderbaren Haltung der Körper, wie in einem Traum.
Einer von unten saß auf einmal auf einem Balken. Die beiden unten
unterhielten sich hoch im Falsett singend miteinander. Sie klagten
und waren unglücklich. Es waren zwei Frauen, eine junge und eine
alte. Plötzlich schoß der auf dem Balken mit einem unglaubhaften
Saltomortale donnernd zwischen die beiden andern auf die Bühne nieder.
Die Frauen kreischten wie erschrockene Zickzacke zurück. Die Geigen
verloren den Atem. Die Steinkugel und die losbrüllenden Trommeln
radauten allein. Der Akrobat sang aus einer Kehle, die so eng war wie
das Loch einer Zwirnspule und warf seine Hände schmal und schön und
schwirrte umher mit einem ungebärdigen erregenden Fluß der Bewegung,
wie ein Vogel, dem auf einmal menschliches Temperament unters Gefieder
kommt.
Die jüngere der Frauen war lang und schmal und hatte die Eckigkeit
einer Lilie. Sie trippelte so unwahrscheinlich umher, eingehüllt in
die prunkende Fremdheit ihrer farbigen Stickereien, so beladen mit dem
fremden aufregenden Reiz ihrer seltsamen Bewegungen. Ihr Gesicht war
rot gemalt und leuchtete aus dem schweren Behang ihrer Gewänder, wie
das einer Göttin fremden Glaubens. Es war pervers. Die Chinesen riefen
guttural allenthalben: »Cha, cha!« (Gut, gut!) Wir wußten, dieser
absonderliche Menschenreiz auf der Bühne war ein Mann.
Da kam eine Alte zu uns herein. Sie humpelte bedächtig auf ihren
geschnürten Klumpfüßen, hatte einen Stoß ungebrauchter heißer
Handtücher auf dem Arm, aus denen ein warmer Dampf aufzog, und wir
nahmen jeder eins und sahen, wie auch im Theater solche Tücher in
großen Haufen herumgetragen wurden. Dort gingen die Burschen, die
ganze dampfende Arme voll hatten, durch die Mitte. Hundert Arme
streckten sich hoch. Auf den zwei Galerien beugten sich Menschen
über und streckten die Arme vor. Die Burschen warfen das Handtuch,
es bohrte sich durch die Luft hinauf oder flog über die Köpfe ins
Parterre, eine Hand griff in den drehenden Flug, der weiße Vogel
stockte und wickelte sich rasch um die Hand. Die Hand fuhr sorgfältig
lang und genießerisch damit übers Gesicht, Kopf und Nacken. Da machten
wir dasselbe. Es war sehr erfrischend.
Die Bühne spielte weiter. Die schreckliche Kugel prallte wieder auf
das tönende Becken. Die Geigen schrien. Die Trommeln klopften wie
erregte Drescher. Die Pfeifer zischten wie Dampfventile. Und manchmal
dämpfte sich dieses so fremde, für unser Ohr noch so undifferenziert
Lärmende zu einigen milden melodischen Wogen, in die sich eine
beruhigte Stimme erlösend und erfreuend einschmiegte. Die junge Frau
stand vor einem alten Mann, der mächtige farbige Backen aufhatte,
und in seiner komplizierten Maske eine auf der chinesischen Bühne
althergebrachte Abdeutung seines Charakters mit sich trug. Die junge
Frau war wie ein kratzbürstiges Ornament. Der Alte warb. Sie durfte
sich nicht entziehen. Und sie entzog sich doch, und ihre Bewegungen
unter der streichelnden Begehrlichkeit des Alten waren wie eine Flucht
in boshaften, spöttischen, ängstlichen Mäandern.
Auf der Bühne gab es keine Kulissen. Ein Tisch war ein Felsen. Wurde
eine Festungsmauer gebraucht, so brachte ein Kuli in Straßenkleidern
einen Stuhl. Änderte sich der Schauplatz, so gingen sämtliche
Darsteller ein Weilchen rundum. Auf den Seiten und in der Tiefe der
Bühne trieben sich allerlei Leute herum, die nicht zum Stück gehörten.
Sie gingen ab und zu, rauchten in ihren Wasserpfeifen, sprachen,
spuckten und kletterten wieder in den Zuschauerraum hinab. Hinter den
Darstellern saßen die Musikanten in gewöhnlichen Kleidern. Manchmal
wurde einem Schauspieler eine Tasse Tee gebracht. Er drehte sich um
und schlürfte sie aus. Im Saal ging es ebenso zu. Man plauderte und
schrie, blies die Wasserpfeife aus und die Fidibusse an, spuckte und
schneuzte sich und zerbiß ununterbrochen Sonnenblumenkerne. Soldaten
erzwangen sich lärmend freien Zutritt. Die Frauen saßen für sich
auf der ersten Galerie. Sie waren alle sorgsamst in hellfarbige
Seidenjacken gekleidet, schwarze Hosen und buntbestickte Schuhe, die
so groß waren wie ein Fingerhut. Ihre schwarzen Haare lagen glatt und
glänzend an die schöne Rundung des Schädels geschmiegt. Alle Gesichter
waren gepudert und geschminkt; alle Frauen waren mit seltsamer Kühle
bereifte Blumen. Ihre Kinder spielten um sie oder schauten zu. In
Gruppen saßen schöne Singsangmädchen beisammen.
Auf der Bühne ging es ungestört weiter. Die Stimmen sangen hoch
im Diskant fremde Musik, psalmenhaft eintönig, ein schrilles
Rezitativ. Es schien, als wollte es bis zum Zerspringen der Stimme
in die Höhe dringen, als wollte es die Stimme durch die Schädeldecke
hinausschießen. Das Orchester lärmte und rauschte rätselhaft, reizte
und hüllte die fremdartige Pracht der Gewänder, die Absonderlichkeit
der Vorgänge, die malerische Fremdheit der Bewegungen auf der Bühne
in das weite und gewaltsame Geräusch der Instrumente, erdrosselte
manchmal die Stimmen. Lange Augenblicke raste nur das eintönige
brutale Schlagen auf die helltönenden Becken, und aus ihm flossen
plötzlich ein paar Sätze einer schönen malerischen Melodie. Sie
brachen kurz ab, bevor sie vollendet waren, in einer Kadenz, die in
die Höhe trieb und hoch über uns irgendwo hängenblieb.
Als ich mich einmal an den Dolmetscher wandte, es war noch im ersten
Stück, wußte er nicht, was ich wollte, und erzählte mir nur die Fabel:
Die Junge sollte den Alten heiraten. Sie wollte nicht. Der Mann, der
vom Balken sprang, versprach, zu helfen. Er verkleidete sich, daß er
wie das junge Mädchen aussah. Kulis brachten das Brautbett auf die
Bühne. Der alte Liebhaber erschien, bebend vor Begier. Sie gehen zu
Bett. Der Alte bekommt einen Schlaftrunk, denn der Verkleidete ist ein
Räuber. Er läuft mit der Geldtruhe davon. Die Diener des Beraubten
stürzen dem Dieb nach, scheinbar ins Endlose, in Wirklichkeit aber nur
in ein neues Stück hinein.
Denn die letzten Darsteller des ersten Stücks waren noch nicht durch
die rechte Tür verschwunden, die Musik hatte keinen noch so kleinen
Punkt, nicht einmal einen Beistrich gemacht, so hatte schon ein
neuer Vorgang begonnen. Ein Mann erschien, großmächtig, wunderbar
gekleidet, mit einem Bart wie ein Stratuswolkenstreifen. Seine Maske
war gewaltig und wie aus emaillierter Bronze. Sie erstickte alles, was
Menschenfleisch an diesem Gesicht war. Die Gestalt ging feierlich,
breitspurig, zog die Knie eckig hoch und setzte die Beine schwer
nieder. Sie war ein Denkmal, das aus dem fremden Wald der chinesischen
Mythologie herausgestiegen war, für einen Abend schweres Blut genommen
hatte und wie in einem andern Bewußtsein an unserm Auge vorbeiging.
[Illustration: Der Hund Fo]
Diesem Koloß folgte eine kleine verschmierte Dreckigkeit, mit Ruß
im Gesicht, mit den Fetzen eines Mönchgewandes auf dem Leib -- der
chinesische Bühnentrottel -- und spuckte das Denkmal an. Die Beine des
Denkmals tanzten wie marmorne Winkel auseinander, der Bart flog in die
Luft wie ein Ball und dann von Arm zu Arm nieder wie ein Wasserfall,
die tote Maske versteinerte sich noch böser. Das Denkmal war in Wut.
Der Närrische sprang auf einen Tisch. Andere kamen. Der trottelige
Schmutzfink spuckte wieder gegen die Großmächtigkeit. Die Musik blies
und schoß wie verrückt. Der Dolmetscher kam meiner Hilflosigkeit
entgegen. Der Große ist ein Mandarin, der Närrische ein Mönch. Der
Mönch stellt sich verrückt, um dem Mandarin die Wahrheit über sein
schlechtes und grausames Leben zu sagen. Das war alles.
Solcher Stücke kamen viele. Es war ein Einakterabend. Wir hatten
Theaterzettel bekommen, fettig bedruckte Papierfetzen. Der Chinese
zeigte mir auf ihm, daß an dem Abend zwölf Stücke gespielt werden.
Er erklärte uns jedes. Es waren alles alte klassische Stücke, und
ein jedes war ihm bekannt. Es waren eher Bilder, Arabesken von
allerlei Einzelheiten ohne dramatische Schürzung, ohne Abrundung zu
einem großen Traurigen oder Heitern. Hingestickte Reiher zwischen
Tempeln und über Föhren; ein Mensch, eine mit Goldfäden gestickte
Wolkenkontur, ein Fisch von humorvoller Rundung, ein fataler grauer
Regensturm einen baumlosen Berg hinan.
[Illustration: Wir segeln durch den Tunting-See!]
Stück floß ohne Unterbrechung an Stück. Alle ertranken im lärmenden
Gebraus des kleinen Orchesters. Aber auf einmal geschah etwas anderes.
Eine Schar berittener Amazonen stürmte herein. Pferd und Mensch waren
eins. Die Amazonen staken in dem kleinen Pferd. Ihre Beine schauten
unten als Menschenbeine heraus. Der Kopf des Pferdes wuchs aus ihrem
Bauch. Sie ritten zunächst Parade mit diesen prächtig gezäumten
Steckenpferden. Ein artistisches Kunststück von eigenartigem Geblüt.
Die Rosse tummelten sich, widersetzten sich, wurden mit Mühe gebändigt
und fügten sich mit heißem Widerstreben. Die Amazonen wirbeln hinaus.
Ein General erscheint in der schweren klassischen Uniform der alten
chinesischen Armee. Soldaten umgeben ihn. Alles singt und gebärdet
sich. Waffen blitzen. Man sieht: ein Kampf naht. Der Krieg beginnt.
Aber immer ringen nur zwei und zwei gegeneinander. Die übrigen
verlassen die Bühne. Die zwei heben lange Schwerter. Es ist, als
ob sie sie aus dem Erdboden der Bühne herauszögen. Die Schwerter
schwingen sich in den Händen, tanzen auf, zeichnen wilde Tollheiten
in die Luft, wirbeln in den Händen wie Steine an einer Schnur, malen
das Ornament der Blutgier, der Raserei, des Erwürgens, des Greuels der
Kriege in die rauchende Atmosphäre des Theatersaals. Tanzend umkreisen
sich zugleich die Gegner, springen, fallen und siegen, würgen und
töten, rasen, und die Körper machen bald dasselbe Spiel wie die
Schwerter. Und all diese brutale Wut ist hochgebändigte bewußte Kunst,
ist chinesische Stickerei, Porzellanmalerei, Bronzegießerei, die auf
diese Stunde im Öllicht des Theaters von Tschangscha aus ihrer starren
Pracht lebendig geworden sind.
So kommt Paar um Paar. Hinter den Kämpfern tollen die Pauken. Es
ist als stürzen Felsen über Meere, die aus bronzenen Schalldeckeln
bestehen. Die ganze Stadt von 800000 Menschen draußen fliegt in die
Luft. Die Geigen schreien, wie Kehlen, die sich vor dem Ermordetwerden
rettend davonbrüllen wollen. Die Zuschauer springen erregt auf
ihren Plätzen, stampfen wild und pfeifen und verzehren mit feurigen
Organen alles, was die Bühne gibt. Dort wird das Umtanzen immer
abenteuerlicher, die Schwerter rasen in immer wahnsinnigeren Figuren
durch die Luft, die Sprünge werden immer erdenbefreiter. Einer dreht
sich wie ein bergab-sausendes Rad auf einer Hand und einem Bein und
scheinbar auf der Nasenspitze herum ... immer rascher, immer hitziger.
Er wird ein wirbelndes Etwas. Es schwindelt zuzuschauen. Das ganze
Theater rast, stampft, schimpft, pfeift in genießenden Wonnen.
Zum Schluß kämpft die Anführerin mit dem General. Sie ist schöner
gekleidet als eine Sommerwiese im deutschen Märchen. Sie ist golden
und blumig, wie ein ganzer Sommergarten voll Sonnenblumen. Die
Amazonen werden besiegt. Das Feuer schießt über die Bühne, äschert
ihre Stadt ein, und in seinem Rauch erscheinen den Kriegshelden die
Götter. Sie werden von der Erde befreit und als Heroen ins Jenseits
genommen.
... In allen Stücken wiederholten sich einzelne Gestalten,
wiederholten einzelne Gestalten verschiedene Verrichtungen. Das waren
alte, feststehende, fast Begriff gewordene Einrichtungen des Theaters.
Sie und alles waren von jeder Wirklichkeit befreit, wie eine Seele
vom toten Körper. Es war ein Theater, das seine Erdenschwere ganz
verloren hatte. Es war zu einer hehren Figurenhaftigkeit geworden, es
war wie eine gotische Kathedrale gegenüber einer von Erdkatastrophen
aufgetürmten Felsenmasse.
Um die Flanken der wahnsinnigen Fremdheit dieser fast zu
Formengebilden stilisierten seelischen Erlebnisse bei chinesischen
Theaterabenden, denn Seelenerlebnisse sind letzter Art doch immer
die Zelle einer jeden Fabel, schlug die Musik auf der Bühne ihre
Klangräusche. Ich horchte und horchte und verstand nichts. Es blieb
mir verschlossen wie ein Gebirge, was für ein Willen in diesen
Tonzusammenstößen wirken könnte, was für einem Gesetz unseres Ohres
oder unseres Geistes sie unterlegen sein könnten. Ich hatte öfter
unsern chinesischen Diener oder auf den Schiffen und in den Gassen
Chinesen diese langen schrillen gleichmäßigen Tonreihen singen hören,
ja, auf Phonographen in chinesischen Häusern spielen hören. Das Volk
hatte diese Musik in Herz und Ohr.
Aber schließlich, was verstehen wir von China? Was konnten wir von
allem, was wir in diesem Land gesehn, so in die Hand nehmen, daß es in
klarer Form von allem Zweifel und allem Fremden frei unser war? Der
die Erdenrassen verbindende Instinkt, der uns von Jenseits von Kung Fu
Tse, Jesus Christus, Griechenland usw. noch einige Blutkanälchen mit
den fremden Völkern erhalten hat, vermochte wohl mit genießendem und
erschauerndem Versinken der dunkeln und fremden Wahrheit dieses großen
Volkes auf Augenblicke heiß und wahr in die Augen zu schauen. Aber
dann war es aus und fertig, wie nach dem wonnetollen Abenteuer einer
unaufgeklärt bleibenden Sommernacht.
Das Theater wurde mir -- im Gegensatz zum europäischen -- ein
leidenschaftliches Erlebnis. In ihm war die Rätselhaftigkeit der
abstrakt auseinanderschwärmenden und so zäh zusammengehaltenen Rasse
bis zu einem blumigen, farbendurchwirkten und poetischen Ornament
gezeichnet und objektiviert. Es hatte sich zu einem schillernden
seelischen Rätsel fürs Auge geformt, was vordem in dunkeln kosmischen
Fetzen durch den Verstand trieb.
7
Gleich in der Früh ließ ich mich ins Tschin Dei tragen, um mit Emil
Schlehmil mich über den Theaterabend aussprechen zu können. Er war
aber nicht zu Haus. Später hörte ich, er sei bei der goldblonden Frau
gewesen. Er muß sich mit ihr erzürnt haben. Sie ging leicht über
seinen Besuch hinweg, während sie sonst all die kleinen Ereignisse in
der stillen Eintönigkeit ihres Strohwitwertums für sich zu wichtigen
Dingen ausbaute. Daraus war zu schließen, daß der Besuch dem armen
Schlehmil eine böse Enttäuschung eingetragen habe. Er ließ sich nicht
blicken.
Am übernächsten Tag ging ich wieder in sein Hotel. Als ich dort ankam,
setzten drei Kulis gerade Schlehmils Stuhl ab. Emil Schlehmil entstieg
ihm und wollte hastig ins Haus. Ich rief ihn an. Er war in einem
merkwürdigen Staat. Er hatte einen zerbeulten Zylinderhut auf, der ihm
zu klein war. Er trug die manchmal geflickte, durch die Gamaschen, die
er gewöhnlich umschnallte, ganz zerknüllte dunkelblaue Hose seines
Alltagsanzugs, sie wurde von einem gelben Lederriemen gehalten, den
man unter der Weste sah und an dem ein dicker Revolver hing. Ein
Gehrock, der zu kurz und überall zu eng und schon einige Jahrzehnte
alt zu sein schien, vervollständigte die Kostümierung.
Ich stand mit offenem Mund vor ihm. Er zog mich rasch hinein. Dort
lachten wir uns zuerst aus. Ich sagte ihm, so komisch passend habe
ich mir keine Kleidung an ihm vorstellen können. Er antwortete, der
Gehrock sei zwar zwanzig Jahre alt, aber kein Spaß. Auf die Art
der Nebenumstände komme es nicht an. Verlangt werde für Besuche bei
hohen Beamten eben nur der Gehrock und der Gehrock des Tutu sei auch
nicht viel schöner gewesen. Der sei zu lang und seiner zu kurz. Dann
bat er mich ängstlich, ich möchte den andern Europäern ja nur nichts
davon sagen, daß ich ihn so gesehen. Sonst wüßten sie, daß er einen
Besuch beim Gouverneur gemacht habe und könnten ihm ein wichtiges
Waffengeschäft verderben.
Es war in den letzten Tagen vielfach bei den Europäern die Rede
gewesen, daß es Emil Schlehmil trotz der mystischen Betriebsart, mit
der er seine Geschäfte mache, sehr schlecht gehe und daß er wohl
hungere. Sie erzählten, er habe nur mehr ein Hemd, und sein Kuli
wasche das jede Nacht aus. Ich sagte ihm das. Da lachte er und zeigte
mir eine Kiste, die mit Rollen von den großen Silberdollarstücken
gefüllt war. Die sei gestern gekommen. "So!" lachte er lauernd dazu,
"sie sprechen immer über meine Geschäfte? Die Nuß können sie nicht
knacken. Was sagen Sie?" Er schien mir nervös, und trotz der Geldkiste
war ich mir selber nicht sicher, ob er nicht doch vor dem Hunger
stand. Ich sagte ihm: "Ich bin eigens von Europa nach Tschangscha
gekommen, um Ihre vier jungen Kaufleute hier auszufragen, was sie über
Ihre Geschäfte denken. Die kleine goldblonde Frau läßt Sie grüßen."
Da schaute er mich an. Aber er sagte gleich kühl: "Es ist nicht wahr!"
"Nein, es ist auch nicht wahr. Ich wollte nur wissen, ob Sie sich
mit ihr gezankt haben." -- "Weshalb interessiert Sie das?" fragte
er. -- "Weil ich diese Frau sehr lieb und gescheit finde und es sich
lohnt, daß man um sie wirbt." -- "Sie hat ihren Mann", sagte er. --
"Es gibt auch noch etwas anderes an einer schönen Frau, als das,
was ihres Mannes Recht und Besitz ist." Er tat so, als zweifle er.
"Glauben Sie", fragte er. Ich antwortete: "Hielten es sonst so viele
kluge und begehrte Frauen bei ihren Trotteln von Ehemännern aus?" Er
schaute auf, wollte etwas sagen, machte aber nur: "Maski!" Was liegt
daran! Er rief: "Lei, lei!" hinaus. Sein Kuli kam. Emil Schlehmil
bestellte Essen. Er lebte fast nur von Konserven. Viel mehr konnte
der Kuli auf dem Petrolofen nicht kochen. Wir aßen auf weißem Papier.
Nachher rauchten wir dürre schlechte Manilazigarren, sprachen über
das Theater und das Geheimnis des Jin Jang und hätten vielleicht ganz
gern über etwas anderes gesprochen. Aber schließlich war das Jin Jang
auch etwas, das uns nahe stand, denn es begriff alle unsere Sorgen und
Erhebungen und alle schönen fremden Frauen in sich.
Als ich tags darauf allein und zu Fuß in die Stadt gehen wollte, traf
ich unterwegs einen der Europäer, und wir gingen ein Stück durch die
stinkenden Gassen zusammen. Es war wärmer geworden, und die Gerüche
flogen reicher auf. Da kam uns ein Rudel von Menschen entgegen. Sie
hielten uns an und schoben einen Mann auf uns zu, der aus einer Wunde
am Kopf blutete und ein Schild auf der Brust trug. Darauf stand auf
chinesisch, mein Begleiter übersetzte es: "So wurde ich von einem
Europäer zugerichtet." Der Auftritt schien ein wenig bedrohlich, und
wir gingen weiter, ohne uns weiter um den Zug zu kümmern. Wir trafen
einen chinesischen Schreiber aus einem deutschen Geschäft. Von dem
hörten wir, man erzähle sich, daß Emil Schlehmil einen Kuli mit einer
Flasche auf den Kopf geschlagen habe und daß die Verwandten des Kuli
nun mit diesem herumzögen, um gegen die Europäer aufzureizen. Das
täten sie aber nur, um Geld zu erschinden. Emil Schlehmil sollte in
das Gebäude einer europäischen Firma geflüchtet sein und dort von
Chinesen belagert werden.
Ich ging ins Hotel Tschin Dei. Die Tür zum Flur Schlehmils war
geschlossen und öffnete sich nicht, als ich klopfte. Dem Wirt konnte
ich mich nicht verständlich machen. Vor dem Gebäude der europäischen
Firma stand ein Haufen Chinesen. Aber dort war eine Wand, an der die
Veröffentlichungen der Regierung angeschlagen wurden. Die waren stets
endlos lang, und die Chinesen entzifferten sie durch halbe Stunden. Im
Haus waren nur chinesische Angestellte, von denen niemand etwas von
Schlehmil wußte.
Wir blieben uns im Unklaren sowohl über seine Tat wie über seinen
Verbleib. Aber am nächsten Tag kam mit der chinesischen Post ein
Brief. In ihm sagte Emil Schlehmil uns adieu. Er habe plötzlich in
dringenden Geschäften abreisen müssen und komme nicht nach Tschangscha
zurück. Im Lauf des Tages hörten wir noch, daß der verwundete Kuli
in Schlehmils Räume habe eindringen wollen und daß Schlehmils Diener
sich seiner nicht habe anders erwehren können, als mit einem Knüttel.
Der Kuli wurde angezeigt und bestraft. Emil Schlehmil hatte sich von
niemandem verabschiedet, und kein Mensch wußte, wie und wohin er
abgereist sei. Doch das lag ja im Stil der europäischen Kaufleute und
war auch die Fortsetzung von Emil Schlehmils geheimnisvoller Art,
Geschäfte zu machen. Niemand zerbrach sich den Kopf darüber. Ein jeder
fand es in der Ordnung, daß der Narr verschwand, wie er gelebt hatte.
Auch unsere Zeit kam. Der Fluß hatte wenig Wasser. Dampfer und
Motorboote konnten nicht mehr fahren. Der Verkehr war stark
zurückgegangen, und wir fanden nicht gleich ein Fahrzeug, das uns
zum Jangtse hinabbringen konnte. Aber eines Abends kam ein Chinese
und gab uns eine große rote Visitenkarte. Der Name eines hohen
chinesischen Staatsbeamten stand darauf. Anfangs fanden wir nicht
heraus, was das zu bedeuten hatte. Am nächsten Tag erfuhren wir
durch einen Brief, der mit den Worten begann: "Wir wünschen Ihnen
eine geruhsame Nacht...", daß uns für die Reise eines der schönen
Regierungsboote zur Verfügung stand.
Und eines Morgens glitt das Boot an der ganzen Stadt entlang den Fluß
hinab. Wir standen vorn zwischen den vier Ruderern. Wir erkannten
die einzelnen Aufbauten der Tore und die Dächer der Tempel in der
Stadt wieder. Wir waren so oft an ihnen vorbeigegangen auf unsern
Entdeckungsreisen in die Stadt. Aber wieviel hatten wir von dem Spalt
der Maske gelupft, die sie bedeckte?! Die Stadt war fremd, wie vorher,
noch fremder, da wir sie inzwischen zu erkennen versucht hatten.
Aber hatten wir von Emil Schlehmil, dem Europäer und Deutschen, mehr
erblickt, als manchmal ein hastiges Blitzen seines Herzens, und war er
nicht -- unerkannt -- vor uns diesen Fluß hinab nach Süden oder hinauf
nach Norden ins unermeßliche gelbe Land davongefahren, der Liebe nahe
gekommen, wie wir der Stadt, und fremd geblieben, wie sie? Alles ist
fremd und keusch von Mensch zu Mensch, alles eingekleidet, mondenreich
und mondenfern, wie eine chinesische Frau.
FLUSSFAHRT
Im schönen Boot trieben wir langsam den Fluß hinab. Es war ein
langgestrecktes Schiff aus hell geöltem Holz. Vorn war ein Platz
für die Ruderer. Dann versenkte sich die kleine Kajüte in den
Schiffskörper. Eine Treppe führte neben dem Mast vom vorderen kleinen
Deck in sie hinein. Sie bestand in ihrem Aufbau aus lauter schönem
Stabwerk, einem zierlichen Gitter aus naturfarbenem Holz. Aber zum
Schutz gegen die Kälte waren Bretter vorgeschoben. Auch das Dach hob
sich ganz auf. Das Skelett des Schiffs lief an den Wänden des Zimmers
offen vorbei. Es waren feste Balken, mit der Hand gesägt und behauen.
Die Willkürlichkeit malerischer Einzelheiten der Handarbeit, kleine
Stützbalken und Hölzer, die in schönen Vasenformen ausgearbeitet
waren, das Holz mit seiner fremden markigen Zeichnung machten sie
uns zu einem Kunstwerk, das wir reichlich genossen. Die ganze Breite
ihrer der Tür entgegengesetzten Wand war vom Bett eingenommen. Das war
beträchtlich hart. Es war eigentlich nur eine breite hohe Holzbank.
Über ihr öffnete sich eine kleine Schiebetür in die Küche. Achtern
dieses Küchleins stand im Freien, wie auf einem Balkon, der Steuerer.
Auf einmal war auch die Frau unseres chinesischen Dieners, die wir
bisher nie gesehen hatten, auf dem Boot. Sie war eine kleine hübsche
runde Person mit grauen schief stehenden Augen, mit glänzend an
den Kopf angesträhltem Haar, ordentlich gekleidet und mit kleinen
Händen, die rundlich gedrechselt waren und fein zugespitzte Finger
hatten. Frau Boy nannten wir sie. Man erfährt nie den Namen seiner
chinesischen Diener. Sie sind wie Geister um einen.
Der Führer des Boots war ein alter Hunanese; er hatte einen schmalen
hohen Kopf, um den ein schwarzer Tuchturban gewickelt war, eine starke
gebogene Nase und einen dünnen heftig zugepreßten Mund. Er saß immer
vorn auf einem Knauf und schaute uns zu. Er war streng und immer auf
der Jagd nach den vielen Dingen, die sein Schiff unsauber machen
könnten. Neben dem Führer hatten wir noch vier Ruderknechte und einen
Steuerer.
In der kleinen Küche kochte uns der Boy. Wir hatten als Reisegeschenk
einer Freundin eine kleine Aluminiumküche mit. Unser erstes
selbständiges Essen war ein Festmahl. Der Boy war ein vortrefflicher
Koch. Ich fragte ihn, wo er gelernt habe, und er sagte, bei einem
Franzosen in Hankau.
Er spreche auch Französisch, leitete er eine längere Unterhaltung
ein. "Po'a joun, moschö!" war die erste Probe seines "fanchois". So
begrüßten sich die Franzosen, behauptete er. Und der Fasan, den er uns
zum ersten Frühstück brachte, hieß auf französisch "Feschang". Der Boy
war ein wenig dumm. Aber er schien mir so etwas wie Gemüt zu haben,
wenn diese Äußerungen nicht auch aus dem großen Ehrgeiz herausflossen,
der ihn ganz und in jeder Sekunde beherrschte.
Die Fahrt ging mit wonniger Eintönigkeit durch die besonnten kühlen
Tage. Es war einerlei, wann wir an der Mündung des Siangkiang in den
Jangtse ankamen. Wir hatten zur Sonnenseite einige Bretter ausschieben
lassen und sahen das Ufer hügelig und sandig, mit dunklen Bäumen
bekrochen, langsam zurückstreichen. Der heilige Berg Jo Lo Shan
schimmerte in seinen Herbstfarben aus den kahlen Hügeln heraus. Am
Tor des Klosters droben stand ein Baum, in den eine alte Glocke
eingewachsen war. Die Glocke war vom Himmel gefallen vor vielen
tausend Jahren.
Am Ufer wurden große Hebenetze, eins am andern, aus kleinen Hütten
heraus in den Fluß gesenkt und hochgehoben. Kormoranfischer schickten
um uns ihre schwarzen Vögel auf den Fang ins Wasser. Die Tiere hatten
einen Ring um den Hals, damit sie die Beute nicht verschlucken
konnten. Sie kletterten auf Stangen, die ihnen die Fischer hinhielten,
wieder aufs Boot und setzten sich in einer Reihe nebeneinander
auf das Dach. In Äckern am Ufer wurde die zweite Reisernte des
Jahres geschnitten und gleich an Ort und Stelle in tragbaren Kästen
ausgedroschen. In den Dörfern sah man zweirädrige Schiebkarren
lastbeladen steile Treppen erklimmen. Kleine Tempel mit Fassaden wie
Stickereien sahn aus dem winterlich benagten Laub von Baumgruppen
heraus. Töpferdörfer qualmten, als ob aus den Hügeln, die sie zu ihren
Brennöfen ausgehöhlt hatten, die Hölle ihre Schlote herausstreckte.
Am Ufer lagen große Haufen von Tongefäßen, kleine Krüge und große
Badewannen.
Manchmal kamen an einem Dorf drei, vier runde Bütten rasch auf uns
zugerudert. Es saßen derbe schmutzige Mädchen mit festen Fäusten,
brauner Haut, frechen großen Augen drin. Sie schlugen die Bütten mit
armlangen Rudern hüpfend durchs Wasser. Es waren Bettlerinnen. Mit
diesen Bütten reisten sie von ihren entfernten Wohnungen durch die
Kricks an den Fluß, sie paddelnd, wenn eine Wasserlache kam, sie
vor sich herrollend, wenn es eine Landzunge zu überqueren galt. Es
war das übliche Fahrzeug dieses Flachlandes. Die Frau Boy hatte die
Aufgabe, sie zufriedenzustellen. Sie griff in ihr gepolstertes Wams,
in dem Brüste und Hüften wie in einer Kugel verschwanden, und gab ein
paar Kupferstücke. Die Weiber in den Bütten hielten sich am Schiff an
und sagten ihren Spruch. Einmal kam die letzte bei der Verteilung zu
kurz. Der Frau Boy waren die Käschstücke ausgegangen. Das ließ sich
das Frauenzimmer nicht gefallen. Mit trotzigem Geschimpf verlangte sie
gleiche Behandlung wie alle. Ihr dicker Mund sprang gemein auf. Sie
ließ uns nicht los, bis wir ihr Almosen ergänzt hatten. Dann ruderte
sie bös und maulend in ihrer Bütte wieder ans Ufer.
In einem Städtchen war Markt, und das ganze Ufer hinauf wimmelte von
Menschen. Am ersten Abend kamen wir bis zu einem andern Städtchen.
Ein Haufen chinesischer Kriegsdschunken lag davor. Es waren lange
niedrige Boote. Vorn auf dem Bug saß eine kleine Kanone, die einzige
Armierung. Über dem Ruder war eine Kabine aufgebaut, Fahnen wehten auf
dem Schiff, die fünffarbige der Republik und das Sternenbanner der
Soldaten. Auf dem Topp des Mastes standen allerlei Amulette in die
Höh. Die Soldaten lagen vorn auf dem Deck und kochten sich Reis. Sie
waren alle in Kaki von chino-europäischem Schnitt und trugen Mützen.
Dem Führer unseres Bootes schien es das Sicherste zu sein, sich
zwischen sie zu legen. Die Soldaten standen alle auf, als wir kamen,
und halfen. Sie schlugen vor uns an, und einer, der am Ufer Wache
ging, tat so, als präsentiere er sein Gewehr. Der Boy sollte Einkäufe
in der Stadt machen. Wir gingen mit. Wir kletterten ein zerrissenes
Ufer hinauf. Dort stand ein großes Gebäude, in dem ein kleiner
dunkler Tempel war. Der Hund Fo, der mythologische Wächter von Tempel
und Haus, stand in Stein mit einem bissigen Gesicht und Schreck
einjagenden Augen davor. Ein Weg schlang sich eng und zerfallen an der
Kante des schroffen Hügels um die weißen Tempelmauern. Wir kamen in
eine enge schmutzige Gasse, in der offene dunkle Handwerkerwerkstätten
waren. Die Stadtmauer lief mitten durch diese Gasse. Über dem Tor war
das Gewölbe ausgebrochen.
Die Dämmerung überfiel uns bei den Einkäufen. Schweine liefen aus
der Dunkelheit heraus zwischen unsere Beine, grunzten und flohen
erschreckt. Räudige Hunde kamen schnuppern und rissen aus. Ein Ballen
von Chinesen heftete sich dicht gedrängt an unsere Schritte. In einem
Hof spielte ein Marionettentheater. Das erste, was wir kauften,
war eine Laterne, eine große runde Laterne aus Bambusgeflecht, das
von einer gelblichen Seidengaze übersponnen war. Der Boy wollte,
daß der Verkäufer unsern chinesischen Namen draufmalen sollte, so
wie es Sitte war. Ich hatte aber keine meiner chinesischen Karten
bei mir. Es mußte jedoch etwas auf die Laterne gemalt werden. Der
Boy verhandelte mit dem alten krummnasigen Chinesen, und der malte
schließlich schöne große rote Buchstaben auf die Laterne. Wir mußten
auch noch Tassen kaufen. Wir suchten welche aus. Der Boy fragte nach
dem Preis. Der Chinese sagte etwas und schaute uns unwahrscheinlich
an. Der Boy wäre ihm fast an den Hals gesprungen. "Master!" schrie
er, "dis men wantschi one hondert käsch oll pieci", das waren also
fürs Stück fünfzehn Pfennige. Ich hätte sie gern gegeben, aber da der
Boy nicht wollte, sagte ich dem Mann, es sei Betrug, die Fremden so
ausnutzen zu wollen. Da gab er die Tassen für die Hälfte des ersten
Preises und machte ein betrübtes Gesicht darüber, daß es ihm nicht
geglückt war, uns ein wenig übers Ohr zu hauen. Wir kauften rote
Talglichter, die auf hohen Stengeln saßen, unten dünn und oben dick
waren. Bei einem Fischhändler gab es einen Korb voll köstlichster
Barsche. Wir kauften auch Orangen. Alles trug der eine Ruderknecht,
den sich der Boy mitgenommen hatte. In einem Verkaufsstand waren zwei
Wildenten. Der Händler verlangte fünfzig Pfennige für das Stück. Der
Boy war entrüstet und wütend. Maulend kam er wieder heraus. Wir gingen
weiter. Der Händler kam uns mit seinen beiden Enten nach und gab sie
uns für vierzig Pfennig. Auch kleine süße Kastanien und Erdnüsse in
Haufen gab es. So waren wir bald schwer beladen. Die Nacht war finster
in die endlose gewundene Gasse gefallen. Offene Öllichter und matte
Seidengazelaternen brannten in den dunkeln Höhlen der Läden. In der
Finsternis kamen die Neugierigen, die uns noch nicht gesehn hatten,
nah bis an uns heran und flüchteten gleich wieder.
Der Boy ging voraus und trug an einem Stock die neue Laterne. Hinter
uns kam der Kuli, mit den Einkäufen beladen, wie ein Maulesel, und
dann das halbe Städtchen, stoßend und schiebend zusammengedrängt.
So gelangten wir zum Fluß und rutschten den Hügel hinab. Unter den
Zeltdächern der Kriegsdschunken leuchtete Feuer. Wir sahn unser Boot
nicht zwischen ihnen. Es war schon zu finster. Aber über eine der
Dschunken kamen wir zu ihm. Der alte Laopan stand mit einem Wischer
am Bug und reinigte unsere Schuhe. Der Boy und der Kuli mußten
die ihrigen ausziehn. Auf den Dschunken schallten dumpfe schöne
Beckenschläge, ein Papierfeuer brannte auf und verflammte. Eine Seele
rief ihren Gott. Wir zündeten die große Laterne an und setzten uns an
den Tisch, Nach einer kleinen Weile schon kam ein gutes Nachtessen.
Da plötzlich, während wir über dieses Essen her waren, begannen wieder
einige Trommeln zu brummeln, lange Trompetenstöße fuhren dazwischen
auf wie Raketen, hell und heftig, immer nur ein Ton. Von Schiff
zu Schiff wuchs diese Musik. Trommeln und Posaunen wurden immer
heftiger. Sie rangen miteinander. Die einen waren wie dunkle bärtige
Kriegsscharen, die andern wie helle heftige Reiter. Sie mischten sich
ungestüm und wild, und auf einmal donnerten zwei Kanonenschläge auf.
Wir waren ins Freie gekommen. Die Schüsse verklangen den Fluß hinan,
und der ganze Hexensabbat der Trommeln und Posaunen verstummte mit
seinem Verhallen. Es war ein chinesischer Zapfenstreich gewesen.
Der alte Schiffsführer stand vor uns und machte mit der Hand: seid
ruhig, es geschieht euch nichts! Im weißen Giebel des Tempels über uns
war ein Licht eingemauert. Es flackerte einige Male bei den Schüssen
und brannte wieder klein und ruhig und die stille schweigsame Schwärze
der Nacht sauste unversehens wie ein Strudel über uns, schön, maßlos
und fremd.
Am dritten Tag kamen wir in den Tuntingsee. Dörfer wie aus Lehm lagen
von langen Reihen von Dschunken umlagert, auf den schmalen gelben
Uferstreifen. Die Dächer waren aus braun bemoostem Schilf. Regen und
Wasser hatten Ufer und die Siedlungen zu eins gemacht. Die Sonne hob
diese Niederlassungen kaum aus dem Land. Auf dem Wasser schwammen
Flöße von Bambusstangen und Baumstämmen. Sie sehn aus gelb und grau,
wie die Ufer, wie das Wasser, wie die Ortschaften. Sie sind wie Inseln
so groß. Ein jedes ist ein ganzes Dorf mit Hütten und Tempeln, Weibern
und Kindern, die alle umher spielen, arbeiten, kochen, schimpfen,
baden, schlafen. Vorn ist etwas wie ein Tor, von Fahnen und bunten
Flicken umflattert. Ein Altar steht dort. Vor dem Tor drehn schreiende
Männer an einer Winde. Erst nach einer Weile sehn wir, auf welch
merkwürdige Art das riesenhafte Floß weiterbewegt wird. Ein Kahn fährt
jedesmal ein Stück voraus, ankert sich fest, und an ihm windet sich
die Insel von Bambus und Baumstämmen durchs Wasser weiter.
[Illustration: Ssetschuanesische Krämerfamilie]
Wir segeln sacht vorbei und überholen Floß um Floß. Im Sommer wirft
der Jangtsekiang seine Wasser in diesen Tuntingsee und reguliert
sich so. Der See wächst weit über die Ländereien wie ein Meer. Aber
im Winter gehn die Wasser wieder ab. Überall stoßen Inseln und Bänke
von Schlamm heraus, trocknen rasch und bewachsen sich mit dünnem
Riet. Dörfer entstehn, um im Frühjahr, wenn die Flut steigt, wieder
zu verschwinden. Weit und hoch im Land liegen schwere Schiffe, die
nicht rechtzeitig wegkamen. Auf einer hohen Böschung sitzt ein toter
Dampfer. Wir segeln rasch zwischen den milchkaffeefarbigen Landzungen,
die in unendlich weicher Zartheit der Farbe ins Wasser gestrichen
sind, fast eine Spielerei des Lichts unseres schönen Sonnentages.
Ein Zug von Kulis, die am Ufer Schiffe schleppen, geht über eines
dieser Bänder. Die Menschen stehn in ihrer Arbeit gebückt und doch
groß, trächtig und schwarz in der Luft. Ihre nackten Beine leuchten
kaneelfarbig. Und vor uns, jetzt wo der See uferlos wird, streichen
zahllos die weiß gebreiteten Flügel der Segel, rund gebogen, hoch
in den zarten Dunst der Ferne hinein. Große Salzdschunken mit
geflochtenen Mattensegeln heben sich aus ihrem stillen Flug heraus.
Wir haben die Korbstühle vorn aufs Deck gestellt, liegen drin und
strecken die Beine weg. Das dünne silbrige Blau des Himmels scheint
über uns und die Erde zu sickern. Die Ruderkulis liegen vorn auf dem
Rücken und schauen in die Luft. Vom hohen weißen Segel, das der Alte
mit strengem Gesicht führt, strahlt ein weißer Glanz über das Schiff.
Wir sind uferlos und verloren in die gelöste Luft und die schwebende
Fremde, ein Vogel im Schwarm der andern Vögel. Über den braunen
Landstrichen erscheint immer wieder leichtes dunkles Gewölk. Wenn es
näher kommt, beginnt es in Millionen Tropfen zu beben, und bald fliegt
es als schreiende Sturmwolken von Zügen wilder Enten und Gänse über
unsere Köpfe.
[Illustration: Ein Briefschreiber]
Der Boy bringt mir das Gewehr. Aber man liegt so tief in den Stuhl
und den lichtglühenden Tag gesunken. Ich sage ihm, er habe ja Enten
gekauft. "Wann kommen wir nach Jotschau? Frag' den Laopan!" Er fragt.
Der Laopan spricht allerlei. Der Boy übersetzt allerlei. Wir hören mit
Müh' eine kleine arithmetische Problemstellung heraus. Der Laopan sagt
nicht: Heute nacht! Sondern: Bis zum nächsten Ort sind es noch zehn
Li. Wenn wir um zwei Uhr dort sind, so sind es noch achtzig Li bis
Jotschau.
Es war mir nicht schwer auszurechnen, was der Aberglaube des
Schiffers, aus Furcht dem Gott des Wassers etwas vorwegzunehmen, nicht
aussprechen wollte, daß wir also gegen Mitternacht dort ankämen. Ich
fragte: "Fährt er denn in der Finsternis?" Der Boy verhandelt lang.
Schließlich sagt er uns: "Ich weiß nicht."
Wir kamen in der tiefen Nacht in ein Gewirr von Booten. Wir lagen
schon und schliefen. Wir hörten aber das Schiff bald rechts, bald
links anstoßen, bis es plötzlich still lag. An einem schmierigen
Regenmorgen erwachten wir. Hunderte von Schiffen drängten sich rund um
uns ans Ufer. Dort reihten sich ein paar elende Gassen von Hütten aus
Rohr und Laub auf, inmitten derer Garköche, von Hunden und Schweinen
umlagert, ihr Geschäft in offenen Räumen betrieben. Aber über diesem
Elend stand auf Felsen, Abhängen und Treppen eine bewegte, romantische
und unbegreifliche graue Silhouette -- die Stadt Jotschau. Merkwürdige
Türme und Tempelgiebel streckten sich in den grauen Regen. Ich
lief hinauf und eine Stunde durch enge Gassen, in denen sich große
Menschenmengen um die Läden preßten, Hunderte von Gemüsehändlern mit
wunderbaren weißen Rüben, Kohlköpfen wie aus dem Märchen, schwellendem
Salat und Fischhändler mit meterlangen Barschen umhereilten und ihre
Waren ausschrien. Sahn sie mich, so blieb ihnen auf einmal der Mund
tonlos offen. Bizarre, abenteuerlich fremde Tempel schoben sich auf
die Kante des Abhangs.
Vor Jotschau hatte der See sich wieder zum Fluß verengert. Wir
mußten heut noch einen halben Tag rudern, um an seine Mündung in
den Jangtse zu kommen. Ich war unruhig und wollte den Dampfer nicht
versäumen. Aber wir fuhren nur auf Gutglück, denn wir wußten nicht,
wann der nächste Dampfer kommen könnte. Ich traf den Boy mit einem
Einkaufskorb. Wir gingen zusammen zurück. "Was hast du gekauft?"
fragte ich. Er lachte und zeigte chinesisches Gebäck, Vermicelle
und Seetang. "Nicht für den Herrn und die Dame!" sagte er. "Porc
chops for master and missie!" Er zeigte eine ganze Seite schöner
Schweinekoteletten. Dann erzählte er, wie er die machen würde.
"Stewed, stewed!" sagte er mit Betonung. Sein Hankaumaster habe sie
immer so sehr gerühmt. Den ganzen Weg sprach er von seiner Kunst,
"stewed Porcchops" zu machen und von den Erfolgen, die er damit bei
seinen verschiedenen Mastern errungen.
Das Schiff war schon zur Weiterreise bereit, als wir unten ankamen. Es
stieß sich etwas gewaltsam zwischen den vielen Booten hindurch. Es
regnete wieder. Es war windstill dazu. Die beiden Kulis setzten spitze
runde Hüte aus Fasern auf und hingen Pelerinen aus zotteligem Bast
um die Schultern. Der Steurer spannte einen großen roten Schirm über
sich, und wir ruderten langsam mitten im breiten Fluß dem Jangtse zu,
dessen Tal man drunten blaß im Regennebel zwischen schroffen Hügeln
plötzlich erscheinen sah. Wir saßen fröstelnd in der kleinen Kabine.
Sie war ganz geschlossen. Nur die beiden Türbretter waren ausgehoben
und ein eintönig grauer Himmel schaute zu dem Loch herein. Die zwei
Ruderer standen groß in ihm in ihrer struppigen, tierhaften Tracht und
ruderten unterm Regen gleichmäßig, hart und unermüdlich, als hätten
sie eine Maschinerie im Leib.
STURM
Nachmittags kamen wir nach einer Fahrt von vier Tagen nach
Tschenlingschi und an den Jangtsekiang. Der Dampfer war noch nicht da.
Kein Mensch wußte zu sagen, wann er komme: ob heut oder morgen oder in
acht Tagen. Der Ort lag höher als der Fluß. Der Fluß ging im Sommer
bis an die Mauern der Häuser. Aber jetzt im Winter war, wie überall,
ein breiter Platz zwischen Ufer und Dorf, und eine neue Siedlung war
darauf entstanden: arme Hüttenstraßen, in denen der Schmutz, das
Laster, der Gestank und die Arbeit zu Haus waren. Wir lagen etwas
flußabwärts von den dunkeln und verworrenen Rudeln der Dschunken und
Sampans, die sich unterhalb der Stadt erregt zusammendrängten. Ein
kleiner Schleppdampfer rauchte zwischen ihren altertümlichen Masten,
und zwei riesenhafte eiserne Leichter ankerten schwarz am Rand des
Schiffsrudels der Flußmitte zu und zeigten, daß Europa bis hierhin
wirkte. Im Hinterland lagen die Kohlengruben von Pinschiangpa.
Tschenling hatte einen Aufstapelplatz dieses Unternehmens. Wir sahen
in ununterbrochenen Ketten Kulis mit Kohlenkörben laufen, eine Arbeit
ohne Besinnung in einem grauen Tag.
Den Ort kannten wir in der ersten halben Stunde. Es war nur eine lange
schmutzige Gasse voll Handwerkskram und Läden, hatte ein Tor und Reste
einer Stadtmauer. Außerhalb des Tors lagen die großen europäisch
gebauten Zollgebäude. Der Schiffer hatte das Boot unterhalb des Tors
nur leicht aufs Ufer auflaufen lassen. Das Ufer stand einige Meilen
flußabwärts, wo das Jangtsetal heranstieß, in schroffen Felsenriffen
kerzengrad in der grauen Luft. Eine Pagode stieg nüchtern unfern über
einem Hügelzug auf.
Der Boy ging öfter zu den Chinesen, die die Vertreter der
Dampfergesellschaften waren. Einmal brachte er den Bescheid, die
"Kwei Li" werde für morgen erwartet. Dann lachte er geniert, wand
sich und sagte, er mache dann zum Abendessen seine berühmten
Schweinekoteletten, von denen er uns immer erzählt hatte.
Der Tag wurde lang. Es regnete wieder zäh und heftig. Die Wolken
strichen durch die Pagode hindurch, verschlangen sie und spuckten
sie wieder steil und nüchtern, ein plump gespitzter Steinklotz, wie
sie war, in die Luft ... Sie setzten sich schwer auf die Hügel.
Das Jangtsetal war nur ein Kessel von Grau und öder Traurigkeit.
Wir schlossen den Käfig unserer Kabine dicht zu, streckten die
Beine in die Bettsäcke und tranken einen warmen Wein. Wir warteten
aufs Abendessen. Der Wind stieß das Schiff ein paarmal ans Ufer.
Der Boy reichte den ersten Gang durch die Schiebetür. Es war Reis,
zusammengekocht mit Stückchen des feinen, kernigen Mandarinbarschs,
der im Siangkiang dreißig und vierzig Pfund schwer wird. Ich ging
trotzdem noch hinaus, weil ich sehen wollte, was das Aufstoßen des
Schiffes zu bedeuten hatte. Ich sah unsern alten Schiffsführer
ans Ufer springen und das Schiff abstoßen. Er wies mich mit einer
Handgebärde zurück. Der Steurer half ihm. Die drei Ruderknechte
standen auf dem Vordeck und schlugen ihre langen Ruder heftig ins
Wasser. Man wollte das Schiff wohl für die Nacht in die schützende
Mitte der Dschunkenstadt legen, die ein Stück flußaufwärts sich am
Ufer aufscharte. Wir kamen schwer weg. Der Wind war heftig und stieß
das Schiff in kleine Sampans hinein. Die Sampanleute schimpften. Der
Alte arbeitete mit dünn aufeinander gepreßten Lippen. Bevor ich zu
essen anfing, ging ich noch einmal schauen. Die große Kugel unserer
Seidenlampe mit den roten Schriftzeichen brannte schon. Die Dämmerung
war schwer. Ich sah, daß das Schiff schon etwa dreißig Meter vom Ufer
und rundum kein anderes Boot war. Der Wind strich aus dem Jangtsetal
gegen die Strömung und kräuselte das Wasser. Auf den Wellen kochte
leiser Schaum.
Plötzlich riß ein Windstoß das Boot auf. Es legte sich ein wenig.
Die Kulis bogen sich über die Ruder. Auch der Alte ruderte. Aber der
lange wütende Windstoß blies das Schiff dem Haufen der Dschunken zu,
so stark die Männer auch ruderten. Da schleuderte der Alte hastig sein
Ruder hin, erfaßte den Anker, warf ihn ins Wasser, und mit einemmal
kamen Nacht und Sturm zugleich über uns hergefahren.
Die Wellen spritzten aufs Deck. Das Boot schaukelte. Der Wind umraste
es heulend und stieß es krachend in der festen Ankerkette. Er warf
Regengüsse an die Wände. Ich mußte die Türbretter vorschieben, und
wir waren in die enge Kammer eingeschlossen. Sie tanzte wie ein
Zauberkasten. Das Aluminiumgeschirr schleuderte vom Tisch, die
runde Laterne hopste, die Stühle rutschten und schlugen um, die
Koffer brachen in ihrem kunstvollen Aufbau zusammen. Alles warf sich
durcheinander. Auf dem Boden lagen Kerzen, Eßgeschirr, Kleider, das
Gewehr, Papiere und wir. Man konnte sich nicht anders festhalten.
Schließlich flog die runde Leuchtkugel von ihrem Nagel, die Kerze
erlosch. Gre begann in der Finsternis "große Seereise" zu spielen. In
der Küche stöhnte der Boy, und die Frau Boy schluchzte, schimpfte und
stieß Wehklagen aus. Die berühmten "Stewed chops" kamen nicht mehr.
Ich durfte Gres Fischreis mitessen. Sie hatte sich schließlich auf das
breite Holzbrett geturnt, das die Tiefe der kleinen Kajüte einnahm.
Das Segel mit seinen hundert Bambusstangen trommelte aufs Dach. Der
Mastbaum, der durch unsere Kajüte führte, brüllte knatternd zwischen
seinen Versteifungen, und bei jedem heftigen Hin und Her stöhnte er
mit wildem Schmerz im Leib des Boots wie eine Gebärende.
Ich schob ein Brett aus der Tür und klemmte mich in den Spalt.
Der Regen schoß wild auf mich nieder. Der Sturmwind fuhr wirbelnd
aufs Schiff. Die Kulis ruderten nicht mehr. Die vier Männer lagen
entkleidet vorn auf Deck mit den Händen in der Ankerkette. Der Sturm
drückte uns mit dem Steuer nach vorn auf den dunkel erkennbaren Haufen
der Dschunken zu. Wir waren keine zwanzig Schritt von ihnen weg. Ihre
hohen Maste fuhren mit irren Schwankungen durch die dunkle Luft. Ihre
Leiber donnerten aneinander. Aber in ihrer Mitte wäre die Rettung für
uns. Die Männer hoben den Anker hoch. Der Sturm schmiß sofort hastig
das Boot den Dschunken entgegen. Heimtückisch raste es den dunkeln
aneinander tobenden Massen zu. Die Kette krachte wieder über den Bug,
und das Schiff fuhr an ihr hoch, wie ein aufbäumendes Roß. Der Anker
hielt. Wir wären sonst zwischen den plumpen mächtigen Fahrzeugen
erdrückt worden. Von Dschunke zu Dschunke gingen Schreie. Alles war
ein Gemengsel von Bewegungen, die in der Finsternis und im rasenden
Geheul von Sturm und Nacht ertranken. Aber im Ort oben waren viele
große, hell erleuchtete Fenster, und Musik erklang droben. Plötzlich
jagt ein Kanonenschuß durch den brüllenden Sturm. Die Schiffer ziehen
den Anker wieder hoch. Das Boot treibt den Leichtern entgegen, die
ganz auswärts liegen. Die Leichter liegen undeutlich im Strom wie
gefährliche Wälle aus dunklem Stahl.
Es waren Menschen auf ihnen. Sie standen hinter dem kleinen Aufbau
des Steuerhauses, aus dem heraus sie das hüpfende Licht einer Öllampe
beleuchtete, und schauten uns zu. Keiner half uns. Als das Boot so nah
war, daß wir ihnen ein Seil hätten zuwerfen können, gingen sie ins
Innere des Häuschens hinein. Unser Boot trieb, vom Sturm geworfen,
schräg der schwarzen Mauer des äußersten Leichters entgegen. Der
Leichter stieg wie ein furchtbares schwarzes Tier im sturmbewegten
Wasser auf und ab. Der Wind bog unsern Mast mit einem grausamen Klang
fest auf seine hohe Kante. Wir zerschellen an ihm!
So stand ich in die Tür geklemmt, festgeriegelt zwischen Leben und
Tod. Ich fühlte die Tollwut dieser Nacht, die diesen Sturm durchdrang,
diesen Ort, dieses Land überwogte, wie rasend um uns strudeln. Die
vier in der Finsternis schweigend und verbissen arbeitenden Chinesen,
die so toll waren, nur mit einem Anker gegen den Sturm in den Hafen
flüchten zu wollen, und die Menschen auf den Schiffen, die uns nicht
halfen, weil sie dem göttlichen Geist des Flusses die Opfer nicht
entziehen durften, die er sich vielleicht ausgewählt. Hinter mir lag
meine Kameradin, auf dem Boden stand in einem breiten Leuchter eine
dicke, brennende Kerze, und ihr Licht schaukelte düster durchs Zimmer
... wir schwebten beide so zwischen dem wahnsinnigen Wind und der
Tiefe des Wassers, vereinsamt in die schaurige Unverständlichkeit
dieser fremdrassigen Nacht.
Und auf einmal stand das Schiff wieder, sein Hinterteil rieb sich
heftig am Leichter, und an mir vorbei flog wie ein Schatten durch den
Nebel ein nackter Mensch, zuckte wie ein schwarzer Muskel heftig auf
die Kante des hohen Leichters hinauf. Ein Tau wurde ihm geworfen. Der
Anker klirrte hoch, und das Schiff flog, am Tau gehalten und vom Sturm
geworfen, mit einer erschreckten Schwenkung, wie ein Fisch, der an der
Angelschnur gefangen davonrast, um den plumpen Klotz des Leichters
herum, drehte auf einmal hinter ihm sacht ein und wurde dann, von den
beiden Ungetümen vor dem Sturm geschützt, leicht an einem sicheren
Platz verankert.
AUF DER KWEI LI
Der Dampfer, der uns flußaufwärts bringen sollte, kam immer noch
nicht. Die vielen Regentage und die Sturmnacht hatten unser kleines
Boot mit Wasser durchsetzt. Man fühlte überall Feuchtigkeit. Wir
liefen jede Stunde zum Chinesen, der die Agentur hatte; die Ungeduld
ward fieberhaft. Wir ließen uns ans andre Ufer setzen. Es war eine
unübersehbare flache Sandwüste, und Millionen von wilden Enten lebten
drin. Wir gingen in der Verzweiflung durch den Sand, bis wir nichts
mehr sahn, als den Himmel und die gelbe vogeldurchlärmte Einöde.
Ich schoß nach wilden Enten und Gänsen. Jähzornig und unverletzbar
strichen sie vor meinen Kugeln auf und davon. Dies war ~ihr~
Eiland. Hier war ihre einsame Insel, mitten in Asien, mitten in der
Welt -- das Reich der wilden Enten und Gänse. Weshalb kam man sie
hierhin stören?!
Und wenn wir zurück nach dem Tschenglingufer kamen, war immer noch
nichts von einem Dampfer zu sehn.
Am fünften Morgen wurden wir heftig geweckt.
"Er kommt! Er ist da!" rief der Boy.
Unser Boot ruderte schon die Strömung hinab in den Jangtse hinein, auf
den Dampfer zu, der eine nur leichte Wendung auf Tschengling machte,
als ob er sich zu landen noch überlegte. Dann stoppte er, fast mitten
im Jangtse. Aber er warf keinen Anker. Die Knechte ruderten, daß
die Stangen sich bogen. "Hund!" schimpfte ich voll Bangigkeit zu dem
Riesenklotz hinüber. Aber wir erreichten ihn schließlich. Der Laopan
warf sich mit einem Haken an die Bordwand fest.
Dort stand ein Chinese. Der sagte: "Kein Platz mehr frei. Wir können
Sie nicht mitnehmen." Ich warf eine Handtasche hinüber. Die andern
folgten meinem Beispiel. Koffer um Koffer ging über die Bordwand. Der
Kapitän beugte sich auf der Kommandobrücke weit über die Reeling und
brüllte:
"Kein Platz für Sie!"
Ich antwortete nur bei mir, das chinesische "maski" zurück ins
Götzische übersetzend, hob Gre auf das kleine Fallreep, die Frau Boy
kugelte ihr nach und lachte dazu, blaß und fern wie der Vollmond. Der
Kapitän brüllte nochmals: "Ich sage doch: kein Platz mehr frei für
Sie!"
"So werden wir im Mastkorb schlafen!" rief ich ihm zurück.
"Wir haben keinen Mastkorb!" schrie er wütend.
"Wenn Sie nur einen ordentlichen Whisky an Bord haben", brüllte ich
hinauf.
"No", sagte er milder herab, "Black and white!"
Damit war unsere erste Unterhaltung geschlossen. Ich wußte, mit
welchem Gentleman wir zu tun hatten. Der Dampfer fuhr schon. Er hieß
"Kwei Li", was man mit "Rascher Gewinn" übersetzen konnte. Er gehörte
zur "China Merchant Co.", einer chinesischen Gesellschaft.
Als der Kapitän und wir uns dann Aug in Aug sahn, war die
gesellschaftliche Form, in der wir miteinander verkehrten, wie
umgewechselt. Er bot uns seine eigene Kabine an. Aber ich sagte ihm,
wir schlafen auf unsern Streckstühlen in unsern Schlafsäcken. Dann
müßten wir wenigstens seinen Toilettetisch benützen. Aber auch das
war überflüssig, da es ein ordentliches Badezimmer an Bord gab.
Verdammte Zeit! flüsterte er, alles ist von diesem "impossible people"
besetzt und zeigte auf das Dutzend Männer, Frauen und Kinder, die sich
in der ersten Klasse aufhielten, und in denen unschwer angelsächsische
Missionare zu erkennen waren.
Dann leerten wir zusammen eine Flasche Whisky.
Unser Gepäck lag hin und her. Der Boy schaffte es zusammen in den
Speisesaal des Schiffs. Der lag im Innern des obern Decks, zwischen
die Kabinen eingeklemmt, ging aber nach vorn frei aufs Deck. Wir
wußten nach nicht, was werden sollte. Die Koffer lagen schließlich in
einem abgesperrten Gang hinterm Speisezimmer. Jeden Augenblick, wo
man ging oder saß, erschien ein Herr, an dem einige Kinder hingen und
grüßte mit einem überaus freundlichen Lächeln. Dasselbe machten die
Damen. Ihre Toiletten waren ländlich. Als man schließlich auf all die
so freundlich lächelnden Aufforderungen nie anders antwortete, als mit
einem höflichen Lüften der Mütze, wurde man bei Gelegenheit zwischen
Tür und Angel eingeklemmt und gefragt: "Are you going far?"
Diese liebenswürdige Fürsorge hörte erst auf, als die Herren sich
vergewissert hatten, daß man nicht auch Missionar war. Es waren
Kanadier. Ich sagte dem Kapitän, ich hielte ihn seinem Aussehn
nach für einen Südfranzosen. Er war aber ein Inder. Er sagte, die
Missionare gingen alle nach Ssetschuan hinauf und zum Tibet. Sie
seien vor der Revolution geflohn und hätten seitdem in Schanghai
in der Fremdenniederlassung den Mut abgewartet, wieder ins Innere
zurückzukehren. Von der Bezeichnung "impossible people" ging er nicht
mehr ab.
In einer Kabine war noch ein Bett frei. Eine alte Missionarin
besetzte das andre. Dort wurde Gre untergebracht. Ich erkor mir als
Schlafstelle den Platz auf dem alten roten Plüschsofa hinter der
breiten Dampfheizung. Dann ging ich ins Bad. Ich eroberte es den
Kindern der Missionare ab, die dort Ententeich und Feuerwehr spielten.
Mit Hilfe des Boys, der mir einen Pack frischer Kleider brachte,
setzte ich sie gewaltsam an die Luft. Er befreite mich von den
schweren Kniestiefeln und dem Anzug, die neun Tage Feuchtigkeit und
Regen eingesogen hatten.
Nach der Toilette erschien ich im Salon in Sandalen und Kniehosen.
Ich setzte mich auf die Plüschbank. Nebenan saß eine der Frauen und
erzählte den Kindern etwas. Puff! stürzt die ganze Horde auf mich
los. Welche Sandalen! Puff! Sie bohren ihre Finger in die Ausschnitte
hinein. Welche gelben Strümpfe! Puff! Welche Samthose! Puff! Ich zieh
einen über und versetz ihm ein paar kräftige Hiebe. Aber sie nahmen
die Sache nicht wie sie gemeint war, sondern als Laune, mit ihnen
puffen zu spielen. Sie boxen mich an. Die dicke Mama, die mit einer
goldnen Brille und einem gestauten fetten Gesicht daneben saß, ließ
die Kinder gewähren.
Gre kam und setzte sich neben mich. Sie hatte einen zierlichen
Reisefußschemel, der sich zusammenklappen ließ und für ihre kleinen
Füße praktisch und zart war. Kaum hatte sie ihn für sich aufgestellt,
als das Rudel darüber herstürzte und ihn sofort eintrampelte. Dann
sollte es über meinen Apparat hergehn. Ich rettete ihn in einen
Koffer. Mit Holdrio stürzte die zahlreiche Nachkommenschaft über
das Kehrblech und den Besen, mit denen ein chinesischer Diener den
Raum reinigen wollte. Die dicke Mama, mit der goldnen Brille, dem
mancherlei Fett und dem gefrorenen Gesicht war in ihre Kabine
gegangen. Dort hatte sie sich bei offener Tür auf ihr Bett gelegt und
sang einmal ein religöses Lied aus einem dicken schwarzen Buch und
einmal "I love you" aus losen Notenblättern. Alle Missionare waren
derweil verschwunden.
Wir schauten uns das Schiff an. Wir bewohnten als erste Kajüte einen
kleinen Teil am Kopf. Es war ein riesenhafter Dampfer. Er gehörte
einer chinesischen Dampfergesellschaft. Das übrige Schiff war durch
drei lange Decks hindurch nur von Chinesen besetzt. Alles quoll
vor Menschen. Alle Räume waren voll, alle Gänge waren mit ihnen
zugestopft. Ganz oben war ein großes offenes Deck. Dort hatten sie
sich mit Decken und Gepäckstücken kleine Kammern eingerichtet. Sie
lagen auf Kotten und blauen kalkgedruckten Tüchern, und einer sang
dem andern aus kleinen Büchern die alten Geschichten der chinesischen
Volksliteratur vor. Wir fanden auch unsern Boy und die Frau Boy
droben. Sie hatten sich mit unsern und fremden Stühlen eine wohnliche
Kabine hinter einem Schornstein gebaut. Andre lagen auf dem Bauch und
spielten Karten. Und auf einmal trafen wir auch die verschwundenen
Missionare. Sie predigten hier oben und wollten mit schlauen Reden
dem Konfuzius Seelen abfangen. Die Chinesen standen um sie herum,
und der eine oder der andre warf spöttische Fragen in die Reden der
Missionare, und alle lachten, wie Chinesen lachen, höflich aber
deutlich: wir sind wir und du bist du, rede, mein großer Fremder!
Nachher bei Tisch unterhielten sich dann die Missionare über die
witzigen Kniffe, mit denen sie in ihren Predigten den chinesischen
Schweinen das Christentum näher brachten. Einer wetteiferte mit dem
andern. Aber gegen allen Witz und die Milliarden, die Amerika und
England in seine Missionen gesteckt hat, führten die Statistiken
150000 dem evangelischen Christentum gerettete chinesische Seelen an.
China zählt 400 Millionen Menschen. Aber diese Missionare waren ja
politische Agenten. Sie waren die Instrumente, mit denen die Fälle
konstruiert wurden, die England den Anlaß geben, Kriegsschiffe zu
schicken, Häfen zu öffnen und Macht zu erringen. Denn die europäischen
Kanonen sind besser als die chinesischen, und für die Weltgeschichte
hatte man ja die europäische Kultur.
Der Kapitän gab mir die neuesten Zeitungen aus Hankau. Es stand viel
drin über die Politik der Engländer in Tibet. Der Kapitän zeigte
auf das "impossible people", als er mich auf die Artikel aufmerksam
machte, und sagte, daß seit vier Wochen jeder Itschangdampfer mit
Missionaren überfüllt den Strom hinauffahre.
Auf dem Schiff gingen viele Soldaten herum, die schwere schwarze
Turbane auf dem Kopf hatten. Es waren ihrer einige Hunderte. Sie
trugen Kakikleider, doch in chinesischem Schnitt. Es waren die
ssetschuanischen Soldaten, die die Regierung vor vier Jahren gegen den
Dalai Lama geschickt hatte. Die Engländer hatten sie gefangengenommen
und sie nach Cales hinuntergebracht. Von dort fuhren sie über
Singapore nach Schanghai und kamen endlich nach vier Jahren den
Jangtse hinauf wieder in ihre Heimat zurück. Es waren schöne starke
Burschen, etwas verkommen und verlaust, aber von einem gutmütigen
Humor. Sie saßen den ganzen Tag in den Gängen auf dem Boden und
suchten immer nach Flöhen. Ihre Strümpfe und Sandalen hatten sie sich
aus Schnüren geflochten. Mit ihnen waren drei Soldatenmädchen. Es
waren Tibetanerinnen. Sie waren grobhäutig und hatten breite Schultern
wie Raubtiere. Sie waren schmutzig, wild, mit schweren schwarzen
Köpfen und großen zornigen braunen Augen wie Lamas. Sie verließen nie
den Liegeplatz im Gang an der Reeling. Ich wollte sie photographieren,
aber sie drehten sich weg und drückten die Gesichter auf den Boden.
Die Burschen lachten. Ich überrumpelte sie einmal. Da spuckte die
eine mich an wie eine wilde Katze. Die Soldaten hatten auch noch eine
vierte. Die soll sehr schön sein. Aber sie halten sie in einer Kammer
verborgen.
[Illustration: Zieher an einer Schnelle]
Wir gehn so den ganzen Tag auf dem Schiff herum. Die Missionarskinder
machen den Aufenthalt in der ersten Kajüte unmöglich. Zur Nacht wagt
sich das Schiff nicht weiter. Es ist niedriges Winterwasser. Es ankert
an einer Biegung bei einem kleinen Dorf und im Mondschein mitten im
Fluß. Die Strömung preßt sich fest an seine Flanken, und es bebt die
ganze Nacht hindurch. Die "impossible people" gehn Gott sei Dank
früh zu Bett. Ich lege mich aufs Sofa. Der Boy hat mir ein Bett dort
schön zurechtgemacht. Aus der Kabine der fetten Missionarin singt es
noch eine Viertelstunde lang "I love you" und "Nearer o God." Dann
schnarcht einer der Missionare. Die Dampfheizung zirpt, und manchmal
geht ein jäher Klang durch sie. Man hört den Sand, den der Strom mit
sich trägt, am Schiffsrumpf reiben.
Am nächsten Morgen ist Nebel, durch den die Sonne eine zaghaft
kommende und gehende Wärme flicht. Der Wind treibt den Nebel.
Dschunken erscheinen zurückgehalten in ihm, mit steilen Segeln stromab
gehend. Die Maschine des Dampfers fliegt ununterbrochen, und das
eintönige unverständliche Rufen des Tiefenmessers erklingt im Singsang
beiderseits des Decks. Dieser Strom ändert Jahr um Jahr. Die Chinesen
sagen: wenn das Wasser fällt, fällt der Boden. Wenn das Wasser steigt,
steigt der Boden. Man weiß nie, wie man dran ist. Jeden Augenblick
kann man aufsitzen. Um zehn Uhr kommen wir an einem japanischen
Dampfer vorbei, der nah am Ufer auf Grund geraten ist. Aber den
Japanern hilft kein Schiff. Wir fahren vorbei. Der Japaner heizt seine
Kessel, und der schwarze Qualm zerfließt dick im dünnen Nebel. Auf
einmal ist der Nebel weg.
[Illustration: Zieher]
Ich denke mir, hier ist jetzt kein Raum, in dem man eine
Minute für sich und vor der Geschwätzigkeit der Missionare in
Sicherheit sein kann. Ich nehme mir vor, mich in einer Arbeit
vor ihnen sicherzustellen. Ich will unsre Erlebnisse auf Sumatra
niederschreiben. Das Ufer gleitet nah vorbei. Es sind vom Strom
zerbröckelte hohe Sandböschungen. Ein Rand Gras steht darüber.
Strohhütten erheben sich manchmal wie kleine Pocken der Erde aus dem
grauen Feld. Dahinter fließt die weite Ebene spärlich bewachsen. Der
Jangtse ist gelb und fließt dick mit Sand gefüllt. Ein paarmal sehe
ich, wie mächtige Rutsche Erde aus der Böschung jäh niederstürzen
und von dem gierigen Strom verschlungen werden. Ich komme nicht ans
Arbeiten. Das Land hat so etwas Neutrales und Ruhiges. Man ruht sich
in diesem ewig gleichen Anblick aus. Karren mit vollen Holzrädern
werden plump von Wasserbüffeln über die Kante der Böschung gezogen.
Ein einsamer Wasserbüffel grast in der dürren Ebene. Sein Wächter
sitzt hinten auf dem Gesäß des Tieres und schläft. Der Strom ist so
mächtig und 1200 Kilometer von seiner Mündung noch breiter als der
Rhein in Holland. Im Sommer wird er doppelt so breit. Man sieht weite,
weiße Sandflächen, über die er des Sommers hindurchströmt. Jetzt haben
sich provisorische Dörfer drauf erbaut, Häuser aus Holz und Ried.
Am dritten Tag dehnt sich der Jangtse zu weiten Seen aus. Weit übers
gelbe Land liegen viele flache blaue Wasserschalen, in denen der
Himmel glänzt. Wolken von Enten und Gänsen flattern aus ihnen auf. Sie
ballen sich mit kinematographischem Zittern zusammen und verteilen
sich in Schwärme, wachsen wieder zusammen. Sie sind bald wie schwarzes
Konfetti und bald, wenn sie wenden und die Sonne die weißen Bäuche
trifft, wie ein Durcheinanderflimmern silberner Kugeln. Wilde Schweine
ziehn vorbei. Ein Schwarm Segler gleitet zu Tal. Ganz fern liegt
ein weißes Dorf in grünen Bäumen. Dort ist das Ufer im Sommer. Eine
Pinasse ist an Bord. Sie wird angefeuert, herabgelassen, fährt voran
und steckt vorsichtig unsern Weg durch den See ab.
Am späten Nachmittag kommt die Stadt Schasi. Wir bleiben dort über
Nacht. Ich geh allein einige Stunden durch die Gassen. Sie fallen
bald aus der Dämmerung in die Nacht. Die Lichter erscheinen. Eine
lange Straße gehe ich hinab. Sie will nicht endigen und ist voll
Gedränge. Alle Häuser sind offene Läden. In allen Läden und in der
Gasse schweben offene Lichter, Öllampen, hängen Seidenlaternen mit
Schriftzeichen. In dieser Beleuchtung ist die Stadt ein angeräuchertes
Durcheinander, wie auf einem alten holländischen Bild, aber
geheimnisvoll von Fremdheit Überflossen.
Ich werde sacht geschoben. Die Geschäfte schließen rasch. Doch aus
ihrem erlöschenden Leben taucht unversehens ein zweites Leben auf. Vor
ihren Bretterverschlägen tun sich kleine Händler auf, vor jedem Laden
ein Händler. Sie breiten ihre Schuhe, ihre Tücher auf dem Boden aus,
nageln ihre Kleider, ihre Felle an die Bretterwände, Köche kochen in
wandernden Öfen und beim Schein von Ölflämmchen in hoch aufgebauten
Töpfchenreihen komplizierte Gerichte, Briefschreiber sitzen in ihren
Winterkappen da, die ihnen eine wichtige Art geben, Wahrsager legen
ihre Schildkröten aus, ein Scharlatan ordnet seine Töpfe und Flaschen,
weiße Mäuse in einem klingenden Rad ziehn die Aufmerksamkeit auf ihn.
Händler mit konservierten Enteneiern bieten die schmutzigen Dinger
an und heben einigen die Kuppe ab, daß das schwarze gallertartige
Fleisch, das wie eine polierte Trüffel hervorleuchtet, die Leckermäuler
reize. Aber die meisten Händler verkaufen allerlei Kuriositäten:
Keramiken, Stickereien, getriebene und ziselierte Handöfen, zinnerne
Krüge und bronzene Räucherbecken. Es ist wie in Paris, wenn ein
Arrondissement seine Messe hat. Ich kaufe einige alte Stickereien von
einem Mandarinengewand: goldene Fohunde und Reiher in blauen Wolken.
Ich treibe weiter. Das Geschiebe der Menschen durchbricht mit wildem
Gebrüll ein Rikschahkuli. Ein schlafender dicker Chinese sitzt in
dem Gefährt. Er hopst wie ein Fußball. Ein Tragstuhl mit einem
aufgeputzten und rot geschminkten Singmädchen gleitet vorbei. In einem
andern sitzt eine schöne, zarte junge Chinesin. Singende Kulis eilen
durch die Menge und schleppen auf Traghölzern schwere Steine in die
Stadt. Alles Vorbeigehende ist immer nur auf Augenblicke zu sehn,
im flackernden Schein von Lichtern, die sich mischen oder kreuzen.
Und immer alles in den schönen samtigen Nebel der verräucherten
vielfachen Beleuchtung getaucht. Der Vollmond steht über der Straße.
Er steht dort nur, um eine lichtgrüne Decke über dieses dunkle
bewegte Bild zu legen, die Zeichnungen des kunstfertigen und zarten
Gitterwerks der Firmenschilder und die Drachen -- und Reiherknäufe der
aufgeschwungenen Dachenden als schwarze merkwürdige Silhouetten fern
und unbeweglich über das Gedränge zu halten. Ich hülle mich in meinen
Mantel, -- und man sieht keinen Fremden in mir, und ich gehe ganz
unter in der Fremdheit der nächtlichen, erregten Stadt.
Der Nebel hielt uns auf einmal mitten im Strom fest. Der Dampfer warf
Anker. Ich spazierte auf dem obersten Deck. Die Missionare predigten.
Die Chinesen lachten. Sie spielten Karten und saßen herum. Da zog
ein Europäer, den ich noch nicht an Bord gesehn hatte, seine Kappe
und sagte auf deutsch: "Schlechtes Wetter für die Fahrt." Ich nickte
verbindlich ja. Der Fremde: "Der Herr ist in Tschenglin an Bord
gekommen." Ich wie vorhin. Ich hatte keine Vorstellung, von wo er
auf einmal aufgetaucht war, und mochte weiter nichts mit ihm zu tun
haben. Aber er fragte zum drittenmal: "Der Herr geht seine Filialen
besuchen?" Ich: "Meine Filialen, welche?" Der Fremde: "Der Herr ist
doch der Chef von Arnsberg & Co." Also auf einmal war ich der Chef
eines großen deutschen Ostasienhauses. Ich erkundigte mich, woher
seine Information stamme. Er: "Oh, die Chinesen sagten es auf dem
Dampfer."
Da kam einer der chinesischen Stewards die Treppe heraufgestürzt, an
der wir standen: "Master, your boy, your boy!" rief er mir zu. Ich
fragte erschrocken: "Was denn, my boy?" "He fight!" rief der andre
aufgeregt und zog mich mit. Wir liefen den Gang hinab, dann eine
Treppe in ein dunkles Loch hinein, wieder ein Loch und waren auf
einmal in einem großen Raum, in dem es von Chinesen wogte. Überall
ragten die hohen Turbane der ssetschuanischen Soldaten heraus, und
in der Mitte sah ich aus einem hin und her schlagenden Knäuel den
Kopf unseres Boys immer heraustauchen und verschwinden. Alle Chinesen
schrein und heben die Arme. Ich dringe in das Wirrwarr hinein,
schwimme eine Weile zwischen den brüllenden Menschen und zwänge mich
durch. Kaum hat mich der Boy gesehn, als er wie ein Panther auf einen
großen pockennarbigen Chinesen losstürzt und brüllt: "Der hat ihn
gestohlen!" Andere dringen wütend auf den Boy ein. Ich schiebe sie
zurück und frag': "Was hat er genommen?" Der Boy hebt seine Hand hoch
und zeigt den Finger, an dem sein goldner Ring (seine Sparbüchse)
sonst steckte. Der Ring fehlte. Der Boy sagte: "Den Ring hat er
genommen und meine Mütze auch, sie hat 1 Dollar 40 gekostet." --
"Wer?" -- "Dieser Mann." Wutsch, hatte der die kleine Faust des Boys
in den Zähnen. Ich schob die zwei auseinander. Ich fragte: "Wer ist
der Mann?" -- "Ein Angestellter des Kompradors", sagte der Boy.
Ich bat den Chinesen, der auch Pidgin sprach, er solle zum Kapitän
mitkommen und schob ihn hinaus. Er sagte lächelnd, es sei nicht wahr,
er wisse nichts vom Ring. Der Boy stürzte, wie ein Tier aufs Futter,
hinter uns her. Er hatte einen dicken roten Kopf und seine Augen waren
blutunterlaufen. Ich fand den Kapitän nicht. Auch der Boy war auf
einmal verschwunden. Die Sache wurde zu einem Kuddelmuddel, in dem ich
nicht mehr zurechtkam.
Da ging ich zu dem einen Missionar, mit dem wir öfters sprachen und
erzählte ihm den Fall. Er sagte mir: "Seien Sie vorsichtig und tun Sie
gar nichts. Wir Europäer kommen nie durch ihre Konflikte. Überlassen
Sie die Leute sich selber." Ich bat ihn, bei Chinesen zu erfragen, was
losgewesen sei. Er kam bald zurück und erzählte mir, daß die Stewards
Hankauchinesen, wie unser Boy, seien, die Kompradorsangestellten
aber Kantonesen. Zwischen den beiden Teilen seien die ganze Reise
schon Reibereien im Gang gewesen. Mein Boy habe sich auf Seite seiner
Landsleute dran beteiligt. Die Feindschaft des Südens gegen den
Norden! Einer der Kompradorleute sei heut morgen, während der Boy
und die Frau noch in ihrer Stuhlkammer schliefen, hingegangen, habe
gefragt: wo sind eure Fahrscheine? Der Boy habe ihm eine landesübliche
unflätige Antwort gegeben. Da habe der andere die Decke von den beiden
weggerissen und sei erzählen gegangen, er habe die beiden erwischt. Es
entstand eine Keilerei. Die Soldaten stellten sich auf die Seite der
Kompradorleute. Der Boy mußte in eine Stewardkammer flüchten.
Weiter bekam ich nichts heraus. Der Boy kam wiederholt und fragte:
"Gibt der Mann mir meinen Ring wieder?" Ich sagte ihm: "Ich weiß das
nicht. Das mußt du selber mit ihm abmachen. Ich bin ein Fremder,
kenne eure Sprache nicht und kann nichts machen." Er sagte: "All
right", ging und kam immer wieder. Endlich bat ich ihn energisch, mich
ungeschoren zu lassen.
Inzwischen war der Nebel gegangen. Wir fuhren unter schön bewegten
hohen Hügeln, und in der Ferne zogen Gebirgsmassen auf. Durchs Wasser
jagten ganze Rudel von Fischottern. Dörfer und Städtchen lagen in
grünen Hängen. Die Missionare packten alle. Wir hatten das Deck ganz
für uns allein. In den Bergmassen in der Ferne lagen unsere kommenden
Monate. Was brachten sie?
In der Dunkelheit kamen wir vor Itschang an. Der Dampfer ankerte im
Strom. Ein Boot und ein Brief warteten auf uns, und wir wurden noch am
Abend in eines der Häuser aufgenommen, die manchmal plötzlich wie eine
heimatliche Insel in einer fremden Reise liegen und die Freunde für
die Zukunft werden.
Unser Gastgeber war der europäische Zolldirektor der chinesischen
Zollverwaltung; denn Itschang gehörte zu den "offnen" Städten Chinas.
Er lebte in einem kleinen Palast, Gelehrter und Gentleman. Er wußte
etwas von chinesischen Dingen.
Das Ehepaar hatte einen halbjährigen Sohn. Er hieß Tang. Dieser hatte
eine dicke chinesische Amme, in der etwas buddhistisch Weltversunknes
von Mütterlichkeit, Weiblichkeit und Vorsorglichkeit war. Diese
Tugenden sind die Gefahren auch, denn die Kinder, die in der Obhut
chinesischer Ammen aufwachsen, werden aufs unerhörteste verzogen.
Die dicke Amme zwitscherte von früh bis spät mit Tang. Alles war
goody friend: Lämpu goody friend ... bath goody friend ... milk goody
friend ... Sie turbelte ihn wie ein Puppenmännchen in den Händen
herum und sagte: How fashion this man!...
Die Amme wurde von der übrigen Dienerschaft mit "Mutter" angeredet.
Der Koch durfte gerade acht Tage lang nicht Mutter zu ihr sagen, weil
er gespielt hatte. Es war ihm nur erlaubt, sie Schwester zu nennen.
Der bedienende Boy war ein älterer schlanker Mann. Ab und zu schleppte
er sich herum, wie eine erfrierende Fliege. Dann verschwand er, und
wenn er nach kurzer Zeit wiederkam, glänzten seine Augen, seine
Schritte federten, seine Bewegungen waren feurig. Ein Geruch, süß und
leise, nach Opium schwebte irgendwo aus einem Keller ins Haus herauf.
Der Kuli, der die Öfen besorgte und sonst nichts zu tun hatte, war ein
altes verbeultes Tier.
"Alter Prinz," sagte ihm der Hauptboy, "der große Herr hat befohlen,
du sollst im Schlafzimmer der fremden Herrlichkeiten heizen!"
"Ich werde es tun, Hausobermeister!" erwiderte der alte Prinz.
"Der große Meister", meldete die Amme, "hat heut Tauben gekauft und
wird sie morgen braten."
Und als nächsten Tags die Tauben auf den Tisch kamen, sah ich, wie
der "Hausobermeister" heimlich, als er seinem Herrn zum Bedienen die
Platte hinhielt, ihm einen der Braten zuschob. Es war die fetteste und
jüngste Taube. Der zweite Koch war der Meister. Eine alte Frau hatte
keine andere Verrichtung, als die Klosetts zu besorgen. Ihr Titel war:
"Herrliche Tante."
Am nächsten Morgen kam der Boy wieder und fragte, als ob ich ihn nie
damit abgewiesen hätte: "Herr, bringen Sie den Kompradorboy nun ins
Gefängnis?"
"Muß es gleich sein?" fragte ich scherzhaft zurück. "Ja!" sagte er
ernst und mit fiebrigen Augen, "denn die Kwei Li fährt am Nachmittag
wieder nach Hankau zurück und da geschieht ihm nichts, weil er seine
Freunde dort hat und der Herr sich der Sache nicht mehr annehmen kann!"
"Geh doch zum Richter!" sagte ich ihm. "Mir hat er nichts gestohlen!"
Ich solle ihm dann wenigstens einen Brief mitgeben.
Dann schrieb ich auf eine Visitenkarte, er sei mein Diener. Später
hörte ich, er sei mit der Visitenkarte zum englischen Konsul
gegangen und, abgewiesen, zu den zwei andern Europäern, die in
Itschang wohnten. Dann auf die Schiffsagentur und schließlich, als
er nichts erreichen konnte, zu allen seinen chinesischen Bekannten
in der Stadt, und er habe ihnen gesagt, auf der Karte stünde, der
Kompradorangestellte habe ihm seinen Ring gestohlen und man solle ihn
ins Gefängnis bringen.
Unser Gastgeber war der Zolldirektor der Stadt, die eine große
Bedeutung hatte, weil in ihrem Hafen alle Güter des Jangtse- und
Tibetgebiets auf den besonders gebauten Schnellenbooten bis Itschang
gebracht und dort zum Meer oder nach Hankau weiter verfrachtet wurden.
Um tiefer stromaufwärts zu reisen, mußte man in Itschang sich ein
Schnellenboot besorgen. Nam San, ein kantonesischer Kaufmann, der sich
zur Flucht in der Revolutionszeit eines hatte bauen lassen, vermietete
es uns mitsamt der Mannschaft. Wir zahlten eine feste Summe. Darin
war einbegriffen: Lohn und Verpflegung von zwanzig Ruderknechten,
fünf Schiffern und dem Kapitän, alle Ausgaben und Abgaben unterwegs
für Hilfstreidler usw. an den Schnellen, einen Monat Aufenthalt in
Tschungking und die Talreise nach Itschang. Man rechnete 30 Tage
hinauf und 10 Tage flußabwärts, so daß wir voraussichtlich das Boot
zweieinhalb Monate benutzten. Der Preis war in damaliger deutscher
Währung 750 Mark.
TAGEBUCH DER
SCHNELLEN-REISE
25. November.
Unsere Freunde begleiteten uns zum Hausboot. Es lag inmitten von
Sampans und Dschunken. Es war eine Mittagsstunde, in der Sonnenglast
und Wolkenschatten über die Berge liefen. Die Berge errichteten
sich am Strom wie eine Reihe von Pyramiden. Das Boot war ein langes
Fahrzeug aus hellem Holz, in den schönen bauchigen Formen gezimmert,
die sich die chinesische Schiffbauerei bewahrt hat, aber für die
Befahrung der Schnellen flachleibig. "Kwaze" war der technische Name
dieser Hausbootart. Mittschiffs lagen unsere Räume, ins Fahrzeug
halbversenkt. Hinter ihnen stieg das Steuerhaus wie ein kleiner Turm
über das Dach, und vor unserer Türe lag ein langes Vorderdeck wie ein
Altan. So waren die Boote gebaut, die die Jangtse-Schnellen besiegen
mußten. Das ganze Vorderdeck war für die Ruderer und Zieher bestimmt.
Als wir kamen, waren sie schon bereit zu fahren. Es waren ihrer
zwanzig, junge und alte, mit nackten Beinen, kurzen, zerschlissenen,
blauen Hosen und ausgewaschenen ganzen oder zerlumpten blauen Kitteln.
Dazu kamen fünf Schiffer und der Laopan, der Führer. Der Laopan
empfing uns. Er war klein und in der winterlichen Fülle der Kleider
rund wie eine Kugel, hatte ein schlaues Gesicht mit einer krummen
Nase, einem Knebelbärtchen und zugekniffenen Äuglein und trug einen
schwarzen Turban.
Wir waren ungeduldig, in unsere Kammern zu kommen und uns
einzurichten. Unsere Freunde gingen über den langen Steg, der das
sumpfige Ufer überspannte, zur Stadt zurück. Wir stiegen die drei
Stufen in unsere Räume hinab. Zuerst kam das Wohnzimmer. Es hatte
vier große Schiebefenster. Ein Tisch stand in der Mitte unter einer
europäischen Lampe. Ein Schrank für Geschirr war an eine Wand
angebaut. In einer Ecke hatte unser Boy einen Blechofen aufgestellt
und das Rohr zum Fenster hinausgeleitet. Der Raum war so hoch, daß ich
mit den Fingerspitzen die Decke kaum erreichte. An das Zimmer schloß
sich die Schlafkammer an. Sie hatte zwei Betten an den Schiffswänden
und einen Gang dazwischen, der in eine dritte Kammer führte, in der
wir unsere Koffer und allerlei Vorräte unterbrachten. Wir zogen alte
Stickereien, die wir in einer Pfandleihe gekauft, aus der Kiste und
behingen damit die Wände und stellten auf den kleinen Tisch in der
Ecke einen bronzenen Mandarin und einen wandernden Holzheiligen,
der einen Kopf wie eine Rübe hatte und aussah, als ob er, so wie
er vor uns stand, aus einer Baumwurzel gewachsen war. Eine unserer
dicken Seidenlampenkugeln hingen wir im Wohnzimmer und eine in der
Schlafkammer auf. Auch mein Gewehr bekam eine Stelle, an der es gut
zu sehen und rasch zu erreichen war. Aus der Abstellkammer führte
eine Treppe und eine Tür in die Küche hinauf. Die Küche war zugleich
Ruderhaus. Sie war schon in dem schräggestellten hinteren Aufbau,
und der Steurer ging auf einem Brett, das quer vor der Tür in halber
Höhe angebracht war, hin und her. Dieser hintere Aufbau reichte über
das Dach unserer Räume hinaus und war über der Steuerbank nach vorne
offen. In dieser Öffnung bewegte der Laopan den Baum des Steuerruders
und schaute seinen Weg. Der Boy und die Frau Boy schliefen in einem
Raum hinter der Küche, hoch über dem Wasser und dem Ruder. Ihr Bett
füllte den ganzen Raum.
Wir richteten mit Eifer ein. Wir wollten uns gleich ein Zuhaus machen
für die lange Reise. Das Schiff trieb derweil langsam flußaufwärts.
In den Schlägen der Ruderer ruckelte es in regelmäßigen Takten. Das
Schiff wurde nach der Landessitte gewriggt. Es hatte zwei Ruder, von
denen jedes zwanzig Meter lang war. Sie lagen auf ausgebauten Balken
zu beiden Seiten des Vorderdecks, und an jedem Ruder arbeiteten
zehn Kulis. Einer sang vor. Auf dem Dach lag das Segel. Es war kein
Wind. Das Segel war weiß und blau gestreift; hohe militärische
Beamte reisten mit diesem Segel. Wir verdankten es wohl chinesischer
Höflichkeit.
An diesem ersten Nachmittag fuhren wir nur schräg flußan ans andere
Ufer. Kein Schiffer, der die obere Jangtsereise beginnt, wagt es, am
ersten Tag weiterzugehen. Drüben wird dem Geist des Flusses ein Huhn
geopfert. Aber wir sahen nicht, daß unsere Schiffer das taten. Sie
zogen nur mit furchtbarem Lärm allerlei Balken hervor, stellten sie
auf, legten die langen Ruder drüber und deckten das ganze Vorderdeck
mit aus Bambus geflochtenen Matten ein. In der Mitte des Vorderdecks
war eine Versenkung. Darin stand der Kochherd, und ein dicker,
schmutziger Bursche, der aussah wie ein Neger, kochte Reis. Der Reis
wurde in einem Holzfaß ohne Boden gekocht, das über eine eiserne
Pfanne gestülpt und mit Säcken zugedeckt war.
Es war mir immer schon aufgefallen, daß die Chinesen sich ihrer
üblichen zeremoniösen Verrichtungen enthielten, wenn wir dabei waren.
Auch die Hunanschiffer, die uns den Siankiang heruntergebracht hatten,
sahen wir niemals den Gott rufen und Papiergeld verbrennen. Rund um
uns lagen andere Schiffe, die morgen mit uns die Reise fortsetzen
wollten. Auf allen klebten rote Papiere, auf allen bumsten die Gonge
und alle riefen den Gott, damit er merken sollte, daß ihm Opfer
dargebracht wurden. Überall rundum verflammten Papiere.
Wir sahen uns abends noch den Proviant an, den der Boy in Itschang
gekauft hatte. Es war ein kleiner Hühnerhof, zwei geschossene
Fasane, eine Seite Schweinsrippen, ein Kloben Rindfleisch und ein
Lammschlägel, der ein Ziegenschlägel war, ein Sack Mehl, eine Kiste
mit Dosen voll Milch und Butter. Ein Korb war angefüllt mit Kuchen-
und Brotformen, die der Boy aus den Blechwänden von leeren Behältern
hatte machen lassen. Eine Kiste mit deutschem Wein stand unter einem
Bett, und wir freuten uns, in den kleinen, flußan in fremde Länder
wandernden Stuben so üppig unsern Haushalt führen zu können. Wir
hatten in Itschang Tassen und Schüsseln gekauft, billige chinesische
Sachen, mit einfach stilisierten bunten Zweigen bemalt. Mit ihnen war
der Boy nicht zufrieden. Das sei Kuligeschirr, sagte er und packte
eine hohe Vase aus; sie hatte einen bauchigen Wulst und einen weiten
Trichter. Sie war aus einem japanischen Bazar europäisch bemalt. Er
hielt sie mir stolz hin. Ich fragte: "Wozu ist das?" Er konnte sich
nicht erklären. "Me no save in English", sagte er schließlich, setzte
sie nieder, und um zu zeigen, wozu sie diente, spuckte er hinein. Ich
nahm das scheußliche Ding und warf es hinaus in den Fluß. Der Boy
erschrak. Ich lachte ihn aus. Ich sagte ihm: "Me no ... spucken!" Er
sah mich ganz ängstlich an. Es wurde kein Licht hinter seinen dummen,
großen Krötenaugen. Dann sah ich noch, daß das Eßgeschirr des Boys und
der Frau Boy in europäischer Art war. Es hatte goldene Ränder, und
breite, geschmacklose Blumen waren um die fünffarbige republikanische
Fahne aufgedruckt. Diese Industrie verdankt das Land der japanischen
Betriebsamkeit, und durch dieses Loch zieht Europas technische
Sieghaftigkeit in China ein.
Kaum wurde es finster, so legten sich die Chinesen auf dem für die
Nacht überdachten Vorderdeck in zwei Reihen nieder. Wo der eine den
Kopf hatte, da hatte der aus der andern Reihe die Füße. Sie lagen ganz
nackt nebeneinander, deckten sich in ihre Lumpen und waren gleich
eingeschlafen. Unsere Lampe brannte lange zwischen den hellen Wänden
und den Stickereien und über dem Tisch und unsern weiten Korbsesseln
und über dem goldnen guten Mandarin, über dem Fasan und der Flasche
vom Rhein. Es war ein Glück, so einsam in der Ferne zu wandern. Wir
hatten die Fenster geöffnet vor der Nacht, die draußen stand. Der Fluß
klang, und das fremde Land wartete.
26. November.
Ich erwachte. Es kam nur ein schwaches graues Licht durch die
geschlossenen Schiebeläden über meinem Bett. Alles war mäuschenstill.
Aber das Schiff fuhr. Ich fühlte es weich und geräuschlos gleiten.
Ich öffnete den Fensterladen vom Bett aus und sah ein nahes Ufer
dunkel, jäh und hoch hinaufragen. Da sprang ich auf. Wir hatten den
ersten Aufbruch verschlafen. Wir fuhren in einer tiefen Schlucht. Die
Morgensonne hob kaum Strahlen über den Rand der steilen Berge, die
in mächtigen Buckeln von den Pyramiden, Kegeln, viereckigen Klötzen,
hohen Sarkophagen, zerhackten Steilen, die ihre Grate bildeten,
niederwärts in den Jangtse fuhren. In ihre bewegten Massen gruben
sich Täler und enge Schluchten, in denen das Sommerwasser die Steine
weißgewaschen hatte. Höhlen und Grotten schauten wie dunkle Augen aus
den Steinwänden, und die Kanten der Felsenmassen hoch oben schäumten
von krausen roten Herbstwäldern, die nur noch lebten, weil nie ein
Mensch in ihre Steilheit gelangte. Auf Terrassen leuchteten später
kleine weiße Häuschen; dunkle, ewig grüne Orangenwälder, in denen die
goldnen Kugeln bis herab zu uns schimmerten, zogen sich hinter ihnen
den Berg hinan. Über alle Hänge waren die milden Flammen einzelner
sterbender roter Bäume aufgestellt, und verstreute Palmen erhoben sich
neben ihnen sonderbar und befremdlich.
[Illustration: Fischerboot]
Es sah alles aus, wie von wilder Absichtslosigkeit geschaffen, die
Flanken der Berge wie ihre unebenen Grate, die süße Zartheit der
kleinen Einzelheiten wie die brutale Dunkelheit der ganzen Schlucht.
Aber als das Auge gewohnt war, in die steilen, braunen Erd- und
Felsenmassen zu schauen, sah es, daß alle diese Berghänge bis in den
letzten Winkel und den äußersten schmalen Vorsprung von den Menschen
bearbeitet waren. Wie Treppen stiegen die kleinen Gärten bergan. In
steilen Halden krochen Obstbäume hinauf. Auf schmalen Steinplatten
schmiegten sich die Häuschen an die Ackergärten an.
Wieder schiebt sich eine schwere Felswand aus dem Bergstock. Oben auf
ihr liegt ein Dörfchen. Graue, breitdachige Häuschen drücken sich
zwischen Gesträuch auf eine schmale Plattform. Über dem Dörfchen
steigt der Fels weiter schroff zum Himmel. Das Dörfchen ist zwischen
Himmel und Erde eingeklemmt. Mehrgeschossige Leitern verbinden es mit
der Welt. Die Leitern stehen senkrecht und hoch an die Steinwände
angeklammert. Wir sehen, wie oben gerade ein Mann sich über die Kante
auf die erste Leiter schiebt, langsam und vorsichtig Sprosse für
Sprosse herabklettert. Aber wir waren schon um die Flußbiegung, ehe er
ganz unten ankam.
[Illustration: Gräber abgestürzter Zieher]
Wir haben anfangs immer nur hinaufgeschaut. Die fremden Höhenwände
schwammen zwischen dem Glanz der blanken Himmelsstreifen und der
dunkel strahlenden Bräune des Stromtales. Aber von unserm Schiff aus
geht ein Seil ans nahe Ufer und scheint sich in den Felsblöcken,
die dort übereinandergetürmt sind, geheimnisvoll weiterzubohren.
Auf einmal schnellt das Seil hoch, und auf einer steinernen Kanzel
erscheinen Mann um Mann, unsere Ruderer, gleiten über den Stein, das
Ziehseil auf der Schulter und verschwinden jenseits wieder. Die Zieher
kommen auf eine ebene Bahn, die in doppelter Haushöhe über das Geröll
fuhrt. Sie watscheln in zwei Reihen. Ein jeder ist mit einem eignen
Strick an das Ziehseil gebunden, und sie beugen sich alle vornüber.
Der Kuli, dessen hartes, geschlossenes Gesicht mir gestern gleich
auffiel, geht hinterher. Er befehligt die andern und zieht nie. Er ist
der Vogt.
Hinter uns kommen und vor uns ziehen andere Schiffe talaufwärts. Ihre
Zieher sehen wir in Haufen zwischen den Steinen herumklettern. Die
Strömung ist nicht sehr stark. Hinter der Schlucht fließt der Jangtse
rasch in die breite Ebene aus. Auf einmal hört droben der Weg vor
einem hitzig und roh in den Fluß springenden Felssturz auf. Die Kulis
stürzen zwischen den Felsblöcken dem Wasser wieder zu. Sie haben
Strohsandalen an, die sie mit Schnüren an die nackten Füße binden. Im
Nu sind sie auf dem Deck, haben die Ruder in der Hand und schlagen ins
Wasser; nach vorn einen kurzen Stoß, das Ruder dreht dann in der Hand,
indem es ruckweise wieder zurückgerissen wird. Der Vogt singt dazu. Er
steht vorn am linken Ruder, drückt den Kopf in den Nacken, daß sein
Hals frei ist, und reißt den Mund beim Singen groß auf. Am rechten
Ruder löst einer ihn regelmäßig ab. Das ist ein kleiner, dicker Kerl
mit einem frechen, lachenden Gesicht. Er könnte genau so gut eine
böhmische Dienstmagd wie ein chinesischer Kuli sein, so sieht er aus.
Sie singen um die Wette. Die Ruder schlagen gewaltsam ins Wasser. Das
Schiff wird vom Ufer frei. Es geht langsam flußan. Die Strömung wirft
sich stärker ans Boot. Es bleibt im Strom haften. Die Singkulis singen
laut, schreien tirilierend, und auf einmal überfällt es die Ruderer
wie ein Taumel. Sie springen hoch auf, wenn sie die Ruder zurückziehen
und stampfen wütend nieder. Sie schreien, lachen brüllend und singen,
arbeiten. Die Arme, die Lumpen, die Leiber, die Ruder fliegen. Der
kleine Dicke steht ganz an der Spitze seines Ruders. Er hat es mit
einer Hand beim Knauf und zieht so mit. Er reißt den Mund weit auf
und gibt schrille, aufbohrende Töne von sich, die das Meckern eines
aufgeregten Bocks mit dem rauhen Gebrüll eines Esels verbinden. Die
ganze Schar liegt tief in einem wirbelnden Hexensabbat von Geschrei,
Gestampf, Bewegung und Lachen. Sie ist an der Arbeit wie man auf
unsern Bauernfesten beim Tanz ist, in einem johlenden Verlorensein an
die krampfende, heiße Kraft der Muskeln. Das ganze Schiff erdonnert
von ihrer Arbeitswut. Es ruckelt heftig und schwankt und drängt
langsam durch die gurgelnde Strömung hinauf. Von den Schiffen, die
uns folgen, dringt derselbe Lärm heran. Die ganze Schlucht schallt
vom brünstigen Gebrüll der Arbeit. Große Weihe streichen über uns
zahlreich durch die Luft und jagen zu den Felsenspalten hinauf.
Schwerbeladene Schiffe gleiten auch an uns vorbei zu Tal. Sie haben
fünfzig und sechzig Ruderer an Bord.
So ging es stundenlang, ohne daß die Wut der Ruderer sich merklich
kühlte. Dann wurde das Schiff ans Ufer gerudert. Die Schiffer
schlangen die Bambustaue um Felsblöcke und legten das Schiff fest.
Die Kulis stürzten über das Faß mit Reis, das weiße, dicke Dämpfe
ausschlug. Ein jeder haute mit einer Kelle seine Schüssel voll, hockte
sich in die Knie nieder, und die Stäbchen schaufelten hastig den
Reis in den Mund. Wir sind ihrer Neugier preisgegeben. Halb scheu,
halb selbstverständlich kommen sie an unsere Fenster und schauen
sich die fremdländischen Affen drinnen an. Einer, der keine Zeit
verlieren will, löst seine Hose und setzt sich vors Fenster. Ich
rufe dem Boy, er soll ihm einen geeigneteren Ort zeigen. Der Bursch
springt erschreckt auf und läuft in seiner gelösten Toilette davon und
beendigt das Geschäft anderswo.
Gleich nach dem Reis gehts weiter. In einer späten Nachmittagsstunde
haben wir die Schlucht besiegt. Ihr Eingang liegt schwerfällig und
zerklüftet umstürmt hinter uns, ein dunkler Spalt in der Erde. Die
Landschaft weitet sich, und mit den wilden hingeworfenen Steinblöcken
sieht sie aus wie eine ungeheure, von urhaften Katastrophen
zersprengte Riesenstadt Neuyork, London, Paris, Berlin bis in die
Fundamente und Untergrundbahnen hinab zerstört. In der Ferne hinter
ihr schwingen leichte Hügelzüge auf. Wir laufen an einem Dörfchen an.
Die Häuser verbergen sich alle in dichtem Bambuswald. Aber am Ufer ist
fleißiges Getriebe. Dort sind lange Reihen von Schuppen, vollgestapelt
mit den hohen Rollen der Bambusseile. Sie werden hier gemacht. Die
Bambusstämme werden in schmale Streifen zerspleißt, diese Spleißen
mehrfach durcheinandergezopft und ineinandergeflochten und das fertige
Tau in einem Kessel über einem Erdlochfeuer ausgekocht. Unser Laopan
ging gleich mit einem der Schiffer hinauf Tauwerk kaufen. Die Kulis
sprangen an Land und setzten sich gleich auf den ersten Stein hin,
um ihre Bedürfnisse zu verrichten. Eine Zahl anderer Schiffe lag vor
uns. Der ganze Strand saß voll Chinesen, die jener Beschäftigung
anheimgegeben waren. Schmutzige, verkrätzte Hunde kamen zwischen den
Steinen angeschlichen. Jeder Hund stellte sich in die Nähe eines
Mannes und wartete, und kaum war der Mann weg, so stürzte der Hund
über die Mahlzeit. Bauern kamen mit Körben, um sich den Dung für ihre
Äcker zu sammeln. Sie mußten mit den räudigen Hunden kämpfen. An
einigen Stellen haben die Bauern irdene Töpfe in den Boden gegraben,
in die die Hunde nicht hineinlangen.
Mächtige Dschunken drückten sich um unser Hausboot zusammen. Die
Leiber der Dschunken waren breit gerundet und schwanger voll Ladung.
Die Schiffswände standen hoch über unser Boot hinaus und machten
unsere Zimmer dunkel. Haufen von Menschen, Männer, Frauen und Kinder,
krochen unter den rund überdeckten Räumen herum und kamen an unsere
Seite. Sie wollten uns alle sehen. Überall auf den Dschunken trieben
sich zwischen den andern Reisenden Haufen von tibetanischen Soldaten
herum. Das war uns nicht sehr recht. In Itschang hatten wir gehört,
daß die Soldaten in Wanschien, einer Stadt, die halbwegs von unserm
Ziel lag, entlohnt werden sollten. Man fürchtete, daß sie sich das
nicht gefallen ließen. Das ganze Land war ohnehin von Soldaten, die
die republikanische Regierung entlassen hatte, unsicher gemacht. Wir
ließen die Läden schließen. Ich nahm die Flinte, und wir wollten
durch eine Bambusschlucht die Bergwand hinangehen. Vielleicht gab es
Hasen oder einen Fasan. Da leerten sich alle Boote. Die Soldaten und
hundert andere Chinesen folgten uns, die Kinder des Dorfes liefen
zusammen und schlossen sich an, die Tauwerkverkäufer ließen ihre
Kunden stehen und kamen mit. Ich hatte gut sagen: "Dso, dso!" (Geht,
geht!) Sie lachten nur höflich, nickten und folgten uns. Da drehte
ich die Flinte um, hob lachend die Rohrmündung auf die Zudringlichen,
und die ganze Karawane stürzte auf einmal zurück und auseinander
wie eine Schar Spatzen, in die ein Schrotschuß kommt. Sie liefen,
was sie Beine hatten, den sandigen Hang hinab und rasten dem Schutz
der Seilerschuppen zu. Wir lachten ihnen nach und stiegen in die
Einsamkeit der Berge hinauf.
Das Flußtal legte sich unter uns. Der Strom schoß mächtig durch das
Gebiet der ungeheuerlichen Felsenwüste herab. Wir sahen die erste
Schnelle, die wir morgen früh zu besiegen hatten. Auf einem Baum
hockte ein großer, schöner Vogel. Das Laub verbarg halb seine Größe
und sein Gefieder. Aber es war klar, daß es ein Fasan war. Ich schoß,
und er fiel lautlos zwischen den Ästen herab. Wir stiegen hin. Es war
kein Fasan. Es war ein schöner, schlanker Vogel, der Ähnlichkeit mit
einem Fasan hatte, aber schmäler und zarter war. Gre war betroffen und
gerührt von seinem lautlosen Hingang und seiner schmalen, farbigen
Schönheit. Sie weinte eine Träne. Auch mein Herz war weich. Ich bin
kein Jäger. Wir nahmen ihn mit. Als der Boy ihn sah, lächelte er
überlegen: "Er ist nicht zum Essen." Ganz Utilitätsmensch war dieser
Boy. Ich machte mir dabei das parallele Geständnis, daß, wenn ich nun
wirklich einen Fasan geschossen hätte, mein Herz nicht weich geworden
wäre. Aber die Kulis aßen ihn doch. Sie brieten seinen schmalen,
nackten Leichnam in der riesenhaften runden Halbkugel über ihrem Herd,
in der der Koch den Reis bereitete. Sie machten das sehr fachmännisch
und sorgsam mit Gewürz und kleinen gehackten Gemüsen.
Ich machte auf einmal eine interessante Entdeckung: an der Hand der
Frau Boy stak der gestohlene Ring. Er war unverkennbar, weil die
Schriftzeichen lateinisch und nicht, wie üblich, chinesisch waren und
obendrein ein verkehrt gezeichnetes S hatten. Ich sagte nichts mehr.
Es war mir die erste rein chinesischen Angelegenheit widerfahren und
klargeworden: der Komprador-Angestellte hatte dem Boy "das Gesicht"
genommen. Der Boy wollte sich rächen, indem er durch eine falsche
Beschuldigung den Gegner ins Gefängnis zu bringen versuchte.
Die Angelegenheit war nun erledigt worden -- wohl durch die üble
Nachrede, mit Hilfe meiner Karte. Aber ein Europäer hätte den Ring
verborgen gehalten.
27. November.
Wir waren früh an der ersten Schnelle. Haufen von Booten lagen da und
warteten. Wir sahen sie eines nach dem andern hineingehen, die großen,
steifen Dschunken und die kleinen, schaukeligen Wupans, und dachten
mit Aufregung an den Augenblick, wo die schießenden Strudel unser
Schiff erfaßten. Die Bewegung des Wassers sah nicht so gefährlich aus.
Aber die Schiffe gingen so langsam hindurch, ihre Zieher verschwanden
im Felsengeröll des Ufers. Die Schiffer brannten Pulverfrösche und
Papiere ab, um Gott zu Hilfe zu rufen, waren verbissen, stumm und
heftig an der Arbeit, und in der Mitte des Stroms schossen die zu Tal
gehenden Dschunken rasend im Strudel vorbei.
Endlich kamen wir selber dran. Wir lagen hinter einer felsigen Ecke,
noch vor dem Strudel geschützt. Dann rief der Laopan etwas vom
Steuerruder. Der kleine Schiffer, der mit seinem Schnauzbart und
seinen kleinen, fremden Augen einem Seehund glich und den wir nach
diesem Tier nannten, schlug auf eine Trommel, die vor ihm stand.
Alles, was an Bord bei uns war, stieß mit Stangen das Schiff vom
Gestein ab, auf das es zutreiben wollte. Alle brüllten auf einmal.
Das Seil schnellte, unsichtbar gezogen, über den hohen Steinen straff
auf. Es hing fast in der Tophöhe des Mastes. Das Schiff legte sich
tief über, glitt erst zurück und fiel dann in die strudelnde Schnelle,
in der es aufsprang und am straffen Seil angespannt hin- und herging.
Die Schiffer stürzten alle auf das lange Vordersteuer und hoben es ins
Wasser. Sie hängten sich dran, um mit ihm das Schiff hinüberzudrücken
und sangen schreiend den Takt zu ihrer gewaltsamen Arbeit.
Auf einmal fuhr, wie ein erschreckter Ruf, ein Krachen durch das
Holz des Schiffs. Der Boy stürzte nach vorn, der Seehund fiel die
Treppe herunter in unser Wohnzimmer. In einem Augenblick waren
Tische, Stühle, Schrank hinausgeräumt, die Bodenbretter hochgehoben,
und wir sahen das Wasser in einem armdicken Strahl durch den Bauch
der Kwaze ins Schiff einschießen. Wir waren auf einen Fels geworfen
worden und leck gesprungen. Draußen klang die Trommel. Das Wasser
füllte rasch die Kammer, in der das Loch war. Zwei Männer begannen es
auszuschöpfen. Einer trat auf das Loch. Sie schöpften wie rasend. Wir
sahen das Wasser allmählich geringer werden, und bald kam der Boden
zum Vorschein. Er war nur aufgekracht, nicht durchlöchert. Wir gaben
ein Kissen her. Der Seehund riß es auf und stopfte die Daunen in die
Bruchspalten. Die andern fuhren fort zu schöpfen. Der Schiffer schlug
die Daunen mit einem Meißel immer fester hinein. Das Wasser floß immer
dünner durch die splitterige Wunde.
Inzwischen ging das Boot weiter und war auf einmal mitten in der
Schnelle. Alle waren ganz stumm, und die nicht am Leck Beschäftigten
hingen am Baum des Vordersteuers. Die Trommel klang eintönig und wild
in die Muskeln der Arbeitenden. Das Seil fuhr straff gespannt über
die Steine des Ufers. Manchmal schoß ein Krachen hindurch, als ob
es bersten wollte. Wir sahen nun auch die Zieher. Sie hatten fremde
Hilfe bekommen, und wenigstens fünfzig Menschen hingen zwischen den
Steinen niedergebeugt am Ende des Taues. Wir sahen nicht, daß wir
vorwärtskamen.
Lauter und eindringlicher ging die Trommel. Auf dem Felsen saßen
zwei Fischer und schauten nicht einmal herüber zu uns. Sie zogen
gleichmäßig geduldig kleine Netze an Gabeln immer wieder durchs
Wasser. Eines der roten, mit Soldaten besetzten Rettungsboote stand in
einem Felsloch und war bereit. Vor uns hing eine mächtige Dschunke im
Schnellen. Das Wasser spritzte vorn an ihr hoch. Ein nackter Chinese
stieg im Uferwasser hinter einem Seil her, das sich immer zwischen
Steinen verfing. Wenn das Tau der Dschunke risse! Wenn die Schnelle
die Dschunke auf unser Hausboot schleuderte!
Am Ufer richtete sich ein gescheitertes Schiff hoch auf. Es war an
Land gezogen worden. Das Tal scholl von den Schreien der arbeitenden
Zieher. Auf der Dschunke schlug man den Tamtam und brannte
Pulverfrösche ab. Drinnen in unserm Zimmer deckte man das Leck zu. Es
ging noch ein zweites Kissen voll Daunen hinein. Dann brachte der Koch
seinen ganzen, warmgequollenen Reis. Der wurde in einer dicken Schicht
über das Leck gestrichen und festgeschlagen. Ein leerer Petrolbehälter
wurde aufgeschnitten und drübergenagelt. Meine ganze Nagelkiste ging
drauf. Aber es kam kein Wasser mehr herein.
Wir siegten uns langsam durch die Schnelle hindurch. Wir brauchten
dreiviertel Stunden, um hundert Meter zu machen. Die Kwaze glitt
oberhalb der gefährlichsten Stelle auf das sandige Ufer. Ich mußte
ans Land, den Ziehern zuschauen. Hinter uns wollte noch eine ganze
Schar Dschunken durch die Schnelle. Ihre Treidler schrien zwischen den
Felsen. Das hatte ich nie gesehen: diese selbstvergessene Wucht der
Arbeitskraft, diese Energie der Muskeln und das rasende Einordnen des
Willens in einen Zweck. Wir liefen ihnen entgegen. Sie kamen aus einer
Sandmulde in Steingeröll. Sie lagen zwischen den Steinen und hingen am
verästelten Tau. Sie beugten sich tief auf die Erde und krallten sich
an die Blöcke fest, bohrten sich in das Geröll hinein wie Schrauben.
Sie preßten die Beine gegen die Felsen und spannten eine jede Muskel
ihres Körpers in den steinernen Rahmen, zogen und schwitzten und
wandten ihre Augen nicht ab von der nackten Erde, an der sie hingen.
Die Adern sprangen und die Muskeln sprangen. Das Schiff hing fest
und minutenlang unverrückbar am Tau in der Schnelle. Das Tau federte
und krachte. Die Vögte gingen von Mann zu Mann, streichelten ihnen
über den Rücken und beobachteten mit Geieraugen ihre Muskeln, und
sangen: Zo oh ohe! Je ue uhe! Je wei o ho! Und die Zieher preßten
sich in die Seile und skandierten das Lied der Aufseher mit kurzen,
hart herausgestoßenen: Hä, hä! Hä, hä! für sich in der Tiefe ihres
Wesens die angespannte Kraft des Leibes zu einem Laut werden lassend.
Die Vögte brüllten und drohten und schossen wie Bluthunde von einem
zum andern. Das Schiff ging langsam hoch. Die Zieher bohrten sich von
Stein zu Stein weiter.
Es waren alte Männer unter ihnen mit grauen Haaren und altersmageren
Beinen und Knaben mit glatten, hageren Körpern und ganz jungen
Gesichtern. Die Knaben hatten graue Fäden in ihren langen, schwarzen
Haaren. Verlumpte Weiber waren mit ans Seil gespannt. Eine war
schwanger. Die andere eine idiotische Greisin. Das Schreien und
Rauschen des schnellenden Flusses raste um die Boote. Zwischen den
Steinen sang der Wille der Menschen wütend und laut: Zo oh ohe! Je wei
o ho! Und die Muskeln knirschten kurz, hart und wild wie eine bergan
stampfende Lokomotive: Hä, hä! Hä, hä!
Das war eines der größten Menschenerlebnisse der Erde und meines
Daseins. So gab es Hunderte von Millionen Kräfte in diesem Land. Das
Land war so alt, und seine Menschen führten ihr Leben in Formen,
die uns fossilienhaft närrisch schienen, und hatten sich doch diese
Urkraft des Willens und diese Brutalität der Natur bewahrt. Was vom
kommenden Erdenschicksal hielten sie in ihrer Kraft gebunden?
28. November.
Hoch in den Felsen zieht der Zieherweg. Er ist in die glatte,
senkrechte Felswand eingehauen; wie der Weg eines Ungetümen,
vorsintflutlichen Wurms steigt er in Windungen auf und ab, aus dem
Gestein gefressen. Droben gehen die Zieher. Sie schweben am Seil über
der Tiefe. An einigen Stellen sind Ketten in die Wände eingelassen.
Die Steine sind von den Leibern, die sich jahrtausendelang arbeitend
und in Angst vor dem Abgrund angedrückt haben, glattgeschliffen.
Das Tal ist ungeheuerlich und anmutig. Die Zeit hat in ewigem
Wechsel Burgen, Türme und gotische Kirchen aus den Graten der Berge
gehauen, die Luft fließt um diese dunklen, strahlenden Gebilde.
Altäre schauen mit farbigen Götterbildern aus hohen Felswänden. Die
Höhlen sind von Opferfeuern geschwärzt, und kein Mensch weiß, wie
die Beter hinaufgekommen sind. Felsberge bersten aus den gewaltigen
Hängen heraus und führen ihre Schichtung in ungeheueren gewölbten
Bogen gebrochen durch die Bergflanke. Dörfer und Städtchen liegen
in schmalen Streifen oben in den Bergwänden, eingeschlossen in
herbstbunte Tuffe von Bäumen, die golden und granatrot sind und
einen Schimmer von Grün bewahrt haben. An einsamen, kahlen und
dunkeln Stellen bauchen sich die Kugeln einiger uralter, schwerer und
grüner Dattelbäume über kleine weiße Tempel. Ein Landschaftsgefühl
von verfeinerter Art hat sie so gestellt. Oft brennt hoch oben in
den Hängen von braunem, dürrem Sperrgras die einzelne Flamme eines
schmalen Herbstbaumes wie eine große, rote Edelsteinsäule. Kleine,
weiße Ziegen hängen in Scharen zwischen den Sträuchern und laufen über
die Kanten der Abgründe. Die großen Weihen schweben aus den hohen
Felsen nieder und durchstreifen schreiend über uns die Luft. Alles ist
Größe, von Anmut beschienen. Das ist China.
Der Singkuli ruft den Schrei der Weihe nach, und die Ruderer fallen
ein: Dallalalala! rufen sie. Damit rufen sie den Gott des Windes, und
wenn der Wind das Segel straff buckelt, dann hüten sie sich, diesen
Schrei weiter auszustoßen. Die Kulis wechseln oft zwischen Ziehen und
Rudern.
Wir übernachten am Fuß eines hochgebauten Städtchens. Wir waren dem
Schiff vorausgegangen und hinaufgestiegen. Das Städtchen war steil
gebaut. Die äußersten Häuser standen zum Teil auf hohen Pfählen überm
Abhang. Die Hauptgasse führte manchmal auf Brettern über die Höfe und
Dächer der unteren Häuser, und wenn sie keinen Platz hatte, mitten
durch die Stuben der Chinesen. Unfreundliche Menschen kamen in die
Türen und gingen an uns vorbei. Die Kinder riefen uns feindselig nach.
Drunten im Jangtse sahen wir, schon in der Dämmerung, unser Hausboot
gegen eine Schnelle kämpfen. Wir gingen hinab. Es wurde rasch Nacht.
Das Boot war schon festgemacht, als wir unten ankamen. Unsere Lampen
brannten. Der Laopan wollte uns etwas sagen. Ich mußte den Boy als
Dolmetscher rufen. Der Laopan wollte uns erzählen, daß diese Schnelle
der Schin Tan sei; jetzt gebe er sich noch harmlos, aber wenn wir
wieder herunterkämen, dann sei er die gefährlichste Schnelle des
Jangtsetales. Vielleicht aber wollte mir der Laopan etwas anderes
sagen. Ich merkte, er vertrug sich nicht mit unserm Boy, und der Boy
fuhr ihn manchmal jähzornig an. Ich fragte den Boy: "Wer sind die
Leute, die immer hinten im Ruderhaus sitzen und nicht mitarbeiten?" Er
sagte: "Sie gehören zum Kapitän." Und erzählte, daß nur der eine von
ihnen sein Freund sei. Der Laopan wollte von diesem für die Mitfahrt
sieben Tael haben. Er habe aber kein Geld mehr.
Die Leute waren also ein Nebengeschäft vom Boy oder vom Laopan. Sie
benutzten die Gelegenheit, daß wir ein Schiff gemietet hatten, um
billig zu reisen. Da nannten wir sie "Die Gratisblitzer". Es schienen
sonst ordentliche Gesellen zu sein. Der Geldlose war Verkäufer und ein
anderer war Arbeiter in einer Gewehrfabrik. Mehr konnten wir nicht
erfahren. Es war auch ein ganz Dicker unter ihnen, der den ganzen Tag
irgend etwas aus seinen Taschen heraus aß. Man hatte mir erzählt, daß
Chinesen mit Vorliebe auf dem Schiff eines Europäers reisen, weil
diese Schiffe vor den Flußräubern sicherer waren, als die Dschunken.
Wir aßen zu Nacht. Es war wunderbar, in dieser fremden Einsamkeit zu
zweit zu hausen, und wir waren glücklich und immer neu gespannt von
dem mannigfaltigen rätselhaften Dadraußen. Wir schoben ein Fenster in
der Nacht auf. Der Schnellen rauschte. Die Nacht war finster, wenn man
sich ins Fenster legte. Aber hatten wir eine Weile hinausgeschaut,
so sahen wir plötzlich die Berge ihre schwarzen Bogen jäh über
unsere Stirn aufbauen. Wir hatten sie ferner und sachter gedacht und
erschauerten. Andere Boote lagen rund um uns mit einigen verdeckt
brennenden Feuern und rasch lärmenden und verstummenden Rufen. Im Berg
gegenüber gingen ein paar Lichter geheimnisvoll nach oben.
29. November.
Vom Hügelstädtchen steigt der Hochzeitszug
Zum Fluß hernieder, rasch, rot, und die Geigen
Säuseln in den klingenden Gong hinein.
Die Gaben brüsten sich auf schönen Platten.
Im roten Stuhl sitzt rotverhüllt die Braut,
Um die der Zug so feierlich, so fremd
Zum Jangtseboot den Hang hinab sich windet.
Wir stehn im Sand und sehn die fremde Sitte
Und sehn den Kahn den Fluß hinübergehn;
Der Zug entsteigt ihm, bildet feierlich sich neu,
Bewegt sich langsam, rot, musikumrauscht
Jenseits den Hang hinauf, auf dem das andre Städtchen
In grauen Mauern liegt und wartet.
Der rote Tragstuhl, der die junge Frau
Aus einem Städtchen in das andre Städtchen,
Aus einem Kreis in andre Kreise trägt,
Geht hoch, geheimnisvoll verschlossen in dem Troß ...
Und aller Geigen helles Singen,
Und all das schüttelnde Getön der Becken
Und der Posaune Ruf aus alter Bronze
Umhüllt ihn, wie ein Rausch von fremden Rätseln.
Wer bist du, Frau? -- Wir standen neben dir
Und konnten dich, Verhüllte, doch nicht sehn.
Wir hielten offen unser Herz dir, Feierliche --
Dein roter Stuhl blieb hart verschlossen.
Wir haben dich geliebt, Geheimnisvolle;
Denn fremd wie deine Nähe war,
So fremd, wie dich der Gäste und der Geiger Zug
Von einer Stadt zum andern Städtchen trug,
So fremd sind unsre eignen Schritte uns,
Wenn sie dem Glück entgegengehn.
Nachmittags.
Die Ufer sind überall mit ganzen Völkerschaften von Ziehern bedeckt,
und an den stärkeren Schnellen ergänzen sie die Bewohner der nahen
Berge. Der Boy steigt jetzt an jeder Schnelle aus. Die Frau Boy wäre
nicht um ein Hundert schönster Nephritspangen an Bord zu halten
und kollert mit den abgebundenen Füßchen, die in hellseidenen,
blumenbestickten, fingerhutgroßen Schuhen staken, über die Steine. In
der kühlen Witterung war es bei ihr mindestens acht Kleider kalt, und
sie sah in all dem Zeug, das sie nach chinesischer Sitte übereinander
anzog, aus, wie ein Spatz, der sich aufbläst. Der Boy trägt in unserer
Handtasche unser Geld, die Dokumente und die photographischen Platten.
Die Gratisblitzer folgen ihnen. Die ganze Gesellschaft läßt sich stets
sofort bei einem Garkoch nieder und fängt an zu essen. Der Beleibte
schlägt dabei alle andern. Sie lassen sich jedesmal Tee geben, essen
ein Körbchen voll Erdnüsse, eins voll Sonnenblumenkerne, eins voll
kleiner Orangen, drei bis fünf Reiskuchen, die in großen Scheiben
locker gebacken sind, sechs bis zehn dicke, geröstete und überzuckerte
Maiskugeln. Bäuerinnen hausieren zwischen den Steinen, Hütten und
Schiffen mit allerlei eßbaren Dingen, die sie in Körben tragen, und
auch bei ihnen kaufen die Eßfreudigen noch Vorrat für die Fahrt bis
zur nächsten Schnelle.
Nur der arme, magere und bleiche Verkäufer streicht um die Buden herum
und kann sich nichts kaufen. Auf dem Schiff geben ihm die andern mit
zu essen. Reis bekommt er aus dem Faß der Kulis, soviel er will. Den
Gratisblitzern genügt der Reis nicht. Bald bringen sie sich ein Stück
Schwein, bald ein Stück Ziege und dicke Bündel von schönem, saftigem
Gemüse mit. Wenn der Koch mit seinem Reis fertig ist, bemächtigen sie
sich der großen Eisenhalbkugel und kochen und braten darin mit viel
Umständlichkeit und Sorgfalt ihre Sachen. Der Boy hockt zwischen ihnen
und ißt mit und redet ganz großartig, wie ein General, immer gegen den
Kapitän.
Die Kulis kommen an unsere Fenster, wenn wir gegessen haben, schauen
ein Weilchen herein und stecken dann den Daumen in den Mund, indem sie
dabei die Faust hochheben. Anfangs dachten wir, sie wollten etwas zu
trinken haben. Aber sie baten uns nur um die leeren Weinflaschen. Sie
sammelten sie mit Leidenschaft, denn für jede Flasche bekommen sie
hundert Käsch, das war soviel wie ein Tagelohn. Zwanzig Pfennige! Wenn
sie gut gearbeitet hatten, gaben wir ihnen Zigaretten. Sonst rauchten
sie alle zwanzig aus einer Pfeife, die sie aus einem Bambus gemacht
hatten, und in die eine Pille ihres haarfein geschnittenen gelben
Tabaks ging. Sie drehten sich auch aus den dunkeln Tabakblättern
dicke Zigarren. Sie sahen aus wie Schweizer Stumpen und wurden in
einem Metallpfeifchen geraucht. Auch dieses Pfeifchen war gemeinsamer
Besitz. Die Zigarren waren furchtbar stark, aber schmeckten nicht
schlecht. Sie waren würzig und derb.
30. November.
Wir wollten den Jeh-tan nehmen, eine der heftigsten Schnellen. Wir
waren mitten drin. Die Schlepper hingen weit vor uns im Sand am Tau.
Ihre Zahl war wenigstens verdreifacht worden. Die Schifferknechte
warfen sich heftig auf das Vordersteuer. Aber das Boot konnte das
Bug nicht gradaus halten. Die Wirbel drückten es heftig zur Seite.
Auf einmal schoß es längsseits in den Strudel. Leute liefen aus den
Verkaufsbuden am Ufer heraus. Auf den wartenden Schiffen hinter uns
kamen alle heraus, um zu schauen. Der Seehund schlug auf die Trommel.
Das Tau springt weg. Wir stürzen in der Schnelle sausend zurück,
wieder flußabwärts. Der Boy fährt wütend aus seiner Kammer auf den
Laopan am Steuer, brüllt ihm ins Gesicht, stößt ihn weg, nimmt selbst
das Ruder und brüllt immer wieder dieselben Worte, während er den
Balken führt: "Muo dau, bu chau! Muo dau, bu chau!" (Ich fragte
nachher. Es heißt: "Du bist ein schlechter Trottel!") Das Schiff
gleitet von dem gefahrvollen Zusammenstoß mit den flußab wartenden
Dschunken weg und treibt in der Mitte des Flusses hastig zu Tal. Auf
dem Vorderdeck haben die Schiffer die Arbeit hingeworfen. Der eine mit
den stachelig aufgerichteten Haaren, das Stachelschwein, schimpft.
Alle schimpfen auf einmal zurück auf den Laopan. Am wütendsten ist
der kleine Pockennarbige mit dem breiten, runden Rücken. Er ist ganz
Gift und Galle. Dann setzt er sich vorn auf den Steuerbaum. Er sitzt
da wie eine jähzornige, dicke, häßliche Eule. Der Laopan ruft Befehle.
Niemand folgt. Alle schimpfen ihn an. Die Eule dreht sich nicht um
und wettert giftig mit seinem galligen abgewandten Gesicht und mit
kurzen Worten. Eines der roten Rettungsboote war uns gefolgt. Aber die
Strömung treibt uns von selber sacht dem Ufer zu.
[Illustration: Das Salzdorf]
Als wir zwei Stunden später, so weit waren wir den Fluß hinabgeworfen
worden, von neuem in die Schnelle gingen, riß das Ziehtau. Auf einmal
fiel es lautlos in zwei Stücke auseinander. Aber die Schiffer hatten
das Boot vorher mit einem andern Tau an einen großen Stein am Ufer
festgemacht. Wir trieben nur gegen das Ufer. Die Zieher hatten gleich
ein anderes Seil und zogen uns mit stöhnendem Seufzen aus den rasenden
Wirbeln.
[Illustration: Goldsieber]
Den ganzen Tag über endigte das Gekeife zwischen Mannschaft und Laopan
nicht. Sie fuhren immer wieder gegen ihn auf. Der Boy stand neben ihm
auf der Steuerbrücke und schimpfte ihm zornig ins Gesicht. Den Laopan
schien es wenig zu kümmern. Er antwortete kaum mehr.
Die auseinanderschweifenden Berge sammelten sich wieder, wogten
ineinander hinein, ein jähes Tor von Felsenbergen und Pyramiden
schlang uns ein; die Grate zackten sich stürmisch übereinander.
Wolkenreiter fuhren in dunklen Scharen hindurch, preßten sich in
die wilden, herbstlich gefärbten Seitenschluchten. Die Ufer waren
felsenhohe Halden, aus Sand und zahllosen Steinblöcken aufgetürmt.
In einer solchen Landschaft legten die Schiffer das Boot in der
beginnenden Dämmerung zwischen mächtige, hohe Ssetschuan-Dschunken.
Über die Brüstungen der Dschunken beugten sich Scharen von
tibetanischen Soldaten, um in unser Wohnzimmer zu schauen, in dem die
Lampe schon brannte. Die Läden waren noch offen.
Beim Landen erneuerte sich der Streit mit dem Laopan. Nun rupften ihn
die Zieher. Er hockte vorn zwischen ihnen und schimpfte abgewandt
in die Dunkelheit hinein. Wir stiegen, um dem Lärm zu entgehen,
zwischen dem Geröll hinauf. Aber wir kamen nicht bis an das bewachsene
Land. Wir setzten uns oben auf einen Stein. Die Nacht war schon da.
Auf den Schiffen unter uns brannten verhohlene Lichter und Feuer.
Chinesen strichen unerkennbar zwischen den Steinen herum. Einige von
den tibetanischen Soldaten schienen unter ihnen zu sein. Der Strom
rauschte. Die Schlucht war in die Finsternis der Nacht gesunken und
doch schroff und wüst in ihren Massen, die wie dunkle, stöhnende
Atemzüge der Erde dann und wann aus der Nacht heraustauchten. Wir
sahen mitten im Strom mit Geschrei und dem polternden taktfesten Lärm
der Ruderschläge, dem dumpfen Skandieren der Ruderer, wie eine wilde
Jagd, zwei große Gespensterschiffe den Schnellen herabstürzen. Wir
sahen es und sahen es nicht, so wie die kernige Finsternis mit den
Augen spielt. Es war fremd und kalt.
Wir stiegen hinab in unser gutes, warmes Wohnzimmer. Der Boy brachte
das Nachtessen. Das Essen war merkwürdigerweise immer bereit. Er
erzählte dabei, daß im vorigen Jahr an dieser Stelle des Nachts zwei
Amerikaner in einem Hausboot von Chinesen überfallen wurden. Die
Chinesen schnitten ihnen in den Betten die Hälse durch.
Eine der Dschunken, auf der Soldaten fuhren, stieß, von der Strömung
gedrängt, mit einem dumpfen Gedonner an unser Boot. Wir erschraken.
Der Boy sagte mit einem lächelnden Gesicht, uns könnte so etwas nicht
geschehen wie den Amerikanern. Er ging ins Schlafzimmer und brachte
die Büchse herein. Er sagte "Angenommen ... so macht der Herr piff
paff!" und gab mir die Büchse.
Wir schliefen schlecht. Die ganze Nacht war durchwühlt von tausend
Geräuschen. Schließlich kam ein Geräusch immer wieder. Ein kleiner
Feuerschein zuckte über die Decke des Wohnzimmers, die ich von meinem
Bett aus sah. Der Lärm war vielleicht im Wohnzimmer, vielleicht
draußen. Das konnte man nicht unterscheiden. Ich stand geräuschlos
auf. Neben dem Bett lagen die Büchse und ein Revolver. Mit dem
Revolver ging ich nach vorn. Das Wohnzimmer war leer. Aber vorn auf
dem Deck lärmte es. Es war noch nicht drei Uhr. Ich zog die Tür auf,
und aus dem Ofenloch lachte mich das fette Negergesicht des dicken
Koches an. Um diese Zeit machte er schon Feuer und stellte den Reis
auf, mit dem die Zieher ihren Arbeitstag begannen.
1. Dezember.
Wir fahren noch immer in der Schlucht. Alle Flanken und Flecken der
Felsen sind mit Obstgärten, kleinen Äckern, Wiesen von zahlreichen
Menschen ausgenutzt. Das sieht sehr lebendig aus. Aber schön ist es
erst, wo das violettrote Herbstgesträuch auf Stein schäumt: das sind
blühende Felsen, eine senkrechte norddeutsche Heide im Sommer. Die
Bergwände sind lebendig von ihrer Schönheit, vom Fleiß der Bauern und
der rufenden Arbeit der Schifferknechte. Immer in Rudeln treiben die
Boote zu Tal. Es kommen wuchtige Fahrzeuge; sie haben hundert Menschen
an ihren langen Wriggrudern, und alle sind in der heißen Bewegung von
Dampfmaschinenkolben, der heiligen Bewegung des Erschaffens. Einer
steht zwischen jedem Ruderpaar in der Mitte hoch über die andern
heraus. Er hat ein langes Rohr in der Hand und streichelt und prügelt
damit. Er steht da wie der Taktschläger in den alten Kriegsgaleeren
und singt den Takt für die mit kurzen Schlägen arbeitenden Ruderer:
Si-e, si-e! Das Si-e, si-e zieht wie atemlos rasche Peitschenhiebe
durch die arbeitende Masse auf dem Schiff. Und der Chor nimmt ab,
feierlich fast: Ho e ho! Alles ist mit Gut bepackt. Die Waren
überschwemmen die Dächer der Schiffe und sind an den Seitenwänden
angebunden. Die Dschunken liegen tief im Wasser. Sie eilen mit dem
Fluß schwer der Welt zu, die auf sie wartet. Heute überfuhren wir die
Grenze von zwei Provinzen und sind nun in Ssetschuan.
2. Dezember.
Im frühen Tag, aufgeweckt durch den furchtbaren Lärm des Aufbruchs,
stieg ich den Berg hinan. Gre pflegte noch ihren geliebten
Morgenschlaf. Am Ufer zwängte sich eine lange, schmale Stadt mühsam
in ihre grauen Mauern. Die Berge wichen hinter ihr zurück und fuhren
fern mit merkwürdigen Launen durch die Landschaft. Die Schlucht lag
nah hinter uns. Ein Berg schoß mit jähem Bogen an ihrem Eingang in
die Höhe. Ich stieg durch Erbsenäcker und Hirsefelder bergan. Alle
diese Pflanzen sind mit der Richtschnur eingesät, und sie leuchten
in ihrem ersten Grün vor saftiger Kraft. Die Bauernhäuschen, die
braun und grau, schilfbedacht kaum aus den Steinen und Äckern
herausschauten oder sich in Bambusbüschen bargen, verrieten sich nur
durch die kleinen Rauchsäulen ihres Morgenfeuers. Der Geruch des
nassen, brennenden Holzes mischte sich in die Düfte, die von den
Grashängen und den Wäldern herniederfielen. Hunde kamen mir von weitem
entgegengesprungen. Sie waren gepflegt und ungebärdig und stellten
sich mit wütender Energie. Die Frauen flüchteten vor mir in die
Häuser. Die Hunde kamen mir nach. Ich sah drunten das Boot friedlich
und langsam am Ufer hinaufkriechen. Es überholte mich; bald sah ich
nur mehr das Segel, dann verschwand es hinter den Felsen des Ufers.
Über mir stand unter einem weiten, schweren Baum ein weißes, kleines
Kloster und davor ein hoher steinerner Greif. Ich wollte noch hinauf
und photographieren.
Unten kam August über eine Sandkuppe. August war der Schiffskuli, der
aussah wie ein böhmisches Dienstmädchen. Er war ein pausbäckiger Junge
mit blonden Haaren und vielen Sommersprossen, kurz und dick, und von
der großen, humorvollen Gutmütigkeit, die im Namen August, den wir
ihm gaben, für uns zu liegen schien. Als er mich über sich sah, rief
und winkte er mit aller Energie, ich solle zurückkommen. Der Laopan
hat ihn geschickt, dachte ich mir, und ich kümmerte mich nicht um sein
Winken. Ich stieg dem Kloster zu. Dem Laopan lag an einer raschen
Reise, weil er im Pauschale bezahlt wurde.
August stürzte mir nach und holte mich bald ein. Er sagte etwas. Er
zupfte mich am Ärmel. Ich kniff ihn in seine dicken Backen und gab
ihm eine Zigarre. Ich zeigte auf das Kloster. Aus seiner Tür trat in
diesem Augenblick ein grau gekleideter Mönch, der zu uns herabkam,
sich vor mir verbeugte und mich anredete. August deutete: nein! und
zeigte aufs Schiff zurück.
Da dachte ich mir, daß mich der Mönch zum Eintreten eingeladen habe;
ich faßte August am Genick und schob ihn mit. Ich verbeugte mich tief
vor dem Mönch, und wir traten ein. Wir kamen in einen großen Raum,
dessen Vorderwand aus geschnitztem Holzwerk bestand, das mit weißem
Papier überklebt war. Es war eine Schule, und eine Anzahl Buben saßen
in den Bänken. Einige ergriffen atemlos erschreckt die Flucht. Über
den Schulbänken ragten Entsetzen einflößende Götter ins Dunkle der
Decke hinauf. An einem Pult saß ein schöner, alter Mann mit einem
milden Gesicht und einer hohen, merkwürdig gebundenen Mönchsmütze. Er
stand auf, kam heraus und schüttelte sich die Hände, indem er sich oft
verbeugte. Die Kinder, die den Mut hatten, sitzenzubleiben, schauten
mich groß und mit offenem Mund an. Ich wurde durchs Kloster geführt.
Hinter dem Schulraum lag ein Höfchen. Ein kleiner Tempel mündete
hinein mit Göttern aus Gold und Farben, die bedrohlich von der Höhe
ihrer Altäre auf uns niedergrinsten und in gespreizten, erschreckenden
Stellungen die Glieder verrenkten. Auf der andern Seite führte eine
runde Tür in den Empfangsraum. Ich wurde unter hundert Verbeugungen
dort hineingeleitet.
Ein Chinese kam herein, während wir umhergingen. Er wandte sich an
einen der Mönche. Der nahm ihn mit in den Tempel. Sie stellten sich
zusammen vor einen Altar. Der Mann brannte Papiergeld ab und zündete
eine der papiernen Spiralen an, die von der Decke herabhingen.
Der Mönch schlug oft auf einen Gong und schien laut zu beten. Er
verrichtete allerlei Zeremonien um den Mann und den Altar. Dann ging
der Mann wieder.
Wir setzten uns nieder. Ein Mönch drehte mir eine Zigarre, schob sie
in seine Metallpfeife, und ich rauchte einige Züge daraus. Ich bekam
Tee, Orangen und Sonnenblumenkerne vorgesetzt, und als wir gingen, gab
man August einen Sack voll süßer Kartoffeln mit. Ich ließ dem Mönch
ein Häuflein Käschstücke in die Hand gleiten. Da verdoppelte er die
Portion der Kartoffeln.
Wir gingen schräg durch Erbsenäcker zum Fluß hinab. Die Kwaze lag
in einer Bucht festgemacht. Alle winkten mir Eile zu. Ich ließ mich
gemächlich über die Steine hinabgleiten. Gre lag im Fenster und
zeigte mir ein riesenhaftes Butterbrot. Da machte ich rascher. Unser
Frühstück war an jedem Morgen eine Verrichtung voll Poesie. Das Schiff
zog langsam dahin. Die schöne Landschaft und der Strom schauten
zu den Fenstern herein. Unsere Stube schwamm wundersam durch den
aufgefrischten Tag.
Heute floß Schnelle um Schnelle. Jede zwei Stunden kämpften wir uns
durch eine hindurch, bis die steilen Bergklötze aus dem weiten Land
sich wieder zusammendrängten, eine Schlucht uns in ihre dunkle,
gepreßte Straße nahm und Felsen und Berge in abenteuerlichen,
feierlichen und brutalen Gebilden sich hoch über uns errichteten.
3. Dezember.
Ein Weg war oben in die Felsen gehauen und folgte allen ihren
Windungen. Es schien eine Verkehrsstraße zu sein, nicht nur ein
Zieherweg. Von Weile zu Weile gingen beladene Menschen droben. Große
Inschriften waren über dem Weg in den Felsen gehauen. Wir waren in
der schönen, gewaltigen Fong Siang-Schlucht. Der Weg war in die
glatten Felswände hineingegraben. Die Zieher gingen nicht bis zu
ihm hinauf. Er führte etwa dreihundert Fuß hoch über dem Wasser.
Die Zieher durchkletterten die Felsenmassen, die am Ufer sich
übereinandertürmten. Wir sahen sie manchmal gefährliche Kletterpartien
machen. Hinter uns kam eine große Dschunke. Ihre Arbeiter und Kulis
brüllten, daß das Tal scholl. Sie schienen uns überholen zu wollen.
Die Dschunke hatte gegen hundert Zieher. Ihr dickes Tau ging schon
über unsern Mast hinweg. Da sahen wir, wie auf einer schroffen
Felsbank die Scharen ihrer Zieher mit unsern Kuli sich einen
Augenblick mischten. Das Seil der Dschunke verfing sich gerade hinter
einem Stein. Ein Kuli sprang hin und schob es los. Es war armdick. Es
schnellte mit einem drohenden, grollenden Laut in die Luft und jagte,
wie eine Peitsche für Ichthyosauren von Stein zu Stein und auf die
Felsplatte zu, auf der die Zieher an die Seile gespannt lagen. Es
schlug in die Gruppe hinein. Die Menschen schwankten, stürzten hin,
zwei überschlugen sich; sie glitten bis an die Kante des Felsens;
sie griffen hoch in die Luft; aber die Tiefe besaß sie schon, und
sie fielen haltlos hintenüber und sausten ohne Schrei und ohne Laut
hinunter ins Wasser. Das Wasser hatte sie gleich in seinen Strudeln
zermalmt und vergraben.
Die andern ziehen weiter. Es ist nichts geschehen. Es sind keine
Menschen vom Fels gefallen. Die Treiber brüllen, die Kulis singen und
ziehen. Die Schar der Hundert trennt sich allmählich aus dem Haufen
unserer Zieher und strebt rasch vorwärts. Die schwere Dschunke gleitet
nah an uns vorbei und überholt uns.
Wir wissen nicht, ob die Ertrunkenen zu uns gehören. Ich frage den
Boy. "Was weiß ich!" lächelt er. "Angenommen, sie seien tot, so
gibt es in Kweitsou tausend andere." Ein Menschenleben war eine
vorüberhastende Sekunde. Sie stürzten in Scharen durch die Tage. Sie
ertranken spurlos in den kommenden. Es warteten Millionen, sie zu
ersetzen.
Als das Schiff zum Reisessen anlegte, sprang die Schar unserer Zieher
lustig und johlend zwischen den Steinen herab, dem Boot zu. Nur einer
hinkte nach. Das war ein plumper, großer Bursch. Er hatte einen dicken
Kopf und ein Gesicht, wie eine Bogenklampe mit einer großen Nase und
einem langen verbogenen Mund. Die Äuglein verschwanden in all den
wurzelhaften Dingen dieses Gesichts, und wirre, unordentliche, nie
gekämmte Haare fielen unter dem weißen Kopftuch heraus. Er hatte einen
steifen ungefügen Körper in einen Haufen flatternder Lumpen gekleidet,
die aus allerhand Fetzen bunt zusammengestückelt waren. Auf seinen
großen Füßen ging er mit komischer Plumpheit einher; und er lachte
uns immer mit seinem faltigen Gesicht und seinen Schweinsäuglein zu,
sobald er uns sah, und je fester gerudert wurde, um so mehr lachte er,
als sei es eine ganz komische Geschichte, so wild zu arbeiten. Wir
nannten ihn das Nilpferd.
Aber heute kam er mit einem elenden Gesicht lange hinter den andern.
Er hinkte, kroch aufs Schiff und setzte sich auf den Balken vor
unserer Tür. Als wir später die Tür öffneten, standen sie zu vier
dort und die andern zeigten ihn und sagten etwas. Er hob seinen
großen Fuß hoch, und wir sahen, daß auf der Sohle ein tiefer Fetzen
herausgerissen war. Gre wusch die Wunde und verband den Fuß. Das
Nilpferd zeigte sich sehr befriedigt. Er saß auf dem Balken, schlug
das Bein mit dem verbundenen Fuß hoch über das andere. Alle sahen
es, und er schaute es immer bewundernd an. Abends wurde er wieder
verbunden. Der ganze Trupp scharte sich umher, um zuzuschauen.
4. Dezember.
Ein Pfad ging zu dem Felsenweg hinauf. Wir ließen uns an Land setzen.
Der Weg windet sich an den Felsen entlang, klettert auf und ab, biegt
sich um Schluchten, in denen Sommers wilde Bäche niederstürzen. Einmal
hängt ein Felsberg mit ungeheurer Masse schräg weit über den Weg
geneigt. Auf den einsamen und weglosen Höhen wohnen Orang-Utans, die
manchmal Steinblöcke auf die Schiffe herabschleudern.
Ein Häuschen ist an die Steine geklebt, in dem die Zieher Tee und
Essen bekommen. August kommt uns entgegen. Er hat die Treidlerbande
verlassen, weil er uns durch diese wilden Fährlichkeiten leiten zu
müssen glaubt. Ich kaufe ihm vier gekochte Enteneier in dem Häuschen.
Er bricht die Schale ab und bietet uns immer zuerst an, bevor er
selbst ißt. Er geht stumm hinter uns. Nur wenn der Weg zu schmal wird,
tritt er zwischen Gre und die Tiefe, wartet, bis sie vorbei ist, und
lacht. Wir überholen zwei Zieher, die sich einsam daherschleppen.
Der eine ist ein Knabe, der andere ein älterer Mann. Beide scheinen
sich innerlich verletzt zu haben. Sie sind bleich und rasten jeden
Augenblick. Tief unter uns fließen Schiffe zu Tal. Andere ziehen den
Strom hinan. Wir sehen unser Segel idyllisch dahinstreben. Leute
kreuzen unsern Weg, die an Stangen die papierverklebten großen Körbe
mit Baumöl oder Säcke mit Reis tragen. Der Weg ist wie eine schmale
gewundene Rille im Fels. Der Fels steigt in wunderbarer Masse noch
1500 Fuß über ihn, nackt, glatt und fürchterlich.
Schließlich wird der Weg etwas breiter. Unter einer riesenhaften
goldenen Inschrift im Felsen sind einige Haufen von Steinen
aufeinandergelegt. Wir fragen August. Er spricht nicht. Er weiß, das
verstehen wir nicht. Er stellt sich an den Rand der Tiefe, wirft den
Kopf hintenüber, reißt den Mund starr auf, schließt die Augen zu und
zeigt mit beiden Händen unter sich in den Abgrund. Wir erschrecken,
aber wissen gleich, daß das die Darstellung des Verunglückens ist und
daß die Steinhaufen mit den Baumsäulchen und der großen Inschrift
symbolisch Gräber abgestürzter Zieher sind.
Der Weg führt um den Berg herum, noch einmal hoch hinauf. Die Schlucht
ist gewaltig, und um einen Berggipfel schlingt sich ein Wolkenkranz.
Tragende Menschen glänzen an den Wegbiegungen schwarz über der
Tiefe. Drunten schallt der Gesang der Ruderer. Der Weg fällt in ein
Seitental. Der Fluß verschwindet. Wir gehen durch Äcker, umsteigen
einen anmutigen zauberischen Berg, auf dem sich weiße Tempelanlagen
in rotflaumigem Herbstwald leuchtend einbetten, und kommen in eine
verfallene Stadt. Zwei Tore in Ruinen, eine lange Mauer im Verfall,
armselige verkommene Häuser, schmutzige Menschen. Die Straße führt
mitten durch ein Haus hindurch. Manchmal kommt der kleine Wegaltar
eines Gottes. Aus einer dieser Nischen schaut die heilige Frau Kuan
Jün. Am Rand des Steins stehen zwei Paar roter blumenbestickter
Schuhe. Sie sind ganz winzig, so groß wie eine Streichholzschachtel.
Frauen, denen der Wunsch nach Kindern von der Göttin erfüllt wurde,
haben sie hingestellt, und Frauen, die mit diesem Wunsch der Göttin
sich nähern, sollen sie mitnehmen und wenn ihr Schoß fruchtbar
geworden, neue hinstellen. Gre nahm sich ein Paar, liebste schöne
heilige Kuan Jün aus China!
Wir sahen den Jangtse wieder. Er fließt in einem breiten Bett.
Wir gehen auf der halben Höhe eines weitansteigenden Hügels, der
mit Gräbern übersät ist. An einem Grab am Wege sitzt ein Chinese
und schreit und klagt. August wiederholte seine Darstellung des
Todes, schlug sich aufs Herz und wischte sich die Augen aus. Das
heulende Wehklagen des Trauernden erklang schauerlich in dem dürren
Grasberg. Eine blaurote Sänfte kam schwankend über den sandigen halb
abgerutschten Weg. Eine tote Frau saß drin.
Unter der Ebene am Flußufer steigen Hunderte von blendendweißen
Rauchwolken heftig aus einer großen Niederlassung, und hinter diesem
seltsamen Ort baut sich auf einer Plattform über den Fluß grau und
streng, wie alle Städte in diesem grauen sonnenlosen Tal, das große
Kwei-tschu-fu auf. Die Mauer, mit regelmäßigen Zinnen, umgürtet die
Stadt, weit ins Gebirge hinauflaufend. Eine dünne, glatte weiße Pagode
sticht auf einem hohen Berg in den Himmel.
Wir kommen zu der Niederlassung mit den vielen blendendweißen
Rauchwölkchen, die so ungebärdig in die Luft quellen. Es ist ein
Salzsiederdorf. Nur im Winter besteht es; denn es liegt eigentlich
im Flußbett des Jangtse. In einem tiefen ausgemauerten Erdloch
fließt eine Quelle, die salzhaltig ist. Eine Treppe führt hinab, und
Hunderte von Kulis schöpfen ununterbrochen Wasser in ihr. Sie bringen
es auf einen künstlich angelegten Hügel über der Quelle. Dort stehen
zahlreiche Fässer. Aus jedem Faß führt eine Bambusrohrleitung zu einem
Salzsiedekessel. Die Kessel liegen über großen, in die Erde gebauten
Öfen. Jeder Kuli gießt sein Wasser in das Faß, das seinem Arbeitgeber
gehört. Das Wasser läuft in dem Bambusrohr zum Ofen, verdunstet eilig
mit festgeballten schneeweißen Wölkchen über der Hitze und läßt das
Salz in der großen Eisenpfanne. Die weite Niederlassung wimmelt vor
Arbeit. Hunderte von Menschen hasten und schaffen durcheinander. Aus
einer nahen Kohlengrube bringen seltsam schöngebaute Kähne die Kohlen
zum Heizen.
Wenn im Sommer der Fluß steigt, fliehen alle diese fleißigen Menschen,
und der Jangtse überströmt bald die Quelle und die vielen großen
Ofenanlagen.
August bekam Schelte, als wir wieder beim Boot anlangten. Aber ich
sagte: "Laßt den August ruhig!" Sie lachten alle verbindlich und
versuchten "ruhig" nachzusprechen. Die Kwaze schob sich dann bald in
die lange Reihe von Dschunken und Wupans, die sich unterhalb Kweitschu
Fus am Ufer zusammendrängten, die Kulis gingen an Land. Es war wie
überall. In langen Reihen saßen Chinesen am Ufer und verrichteten,
von Hunden umlagert, ihr Geschäft. Auf dem breiten Winterstrand hatte
sich eine ganze Stadt gebaut. Große Reisläden, Ärzte, Händler mit
alten Kleidern, Garköche, Teelokale, Töpferniederlagen, Bordelle ...
alles durcheinander in geraden Straßen und mit Häusern aus Brettern,
Bambus, Petroltins und Mattenwänden. Wir gingen auch oben durch die
graue Stadt, gefolgt von Scharen von Männern und Kindern, denen
wir eine Sehenswürdigkeit waren. Es gab mancherlei kunstfertige
Dinge zu kaufen. Der Boy mußte für neue Lebensmittel sorgen. Er kam
nachher mit seinen Einkäufen und zeigte sie uns. Er hatte Hühner und
Fasane; sie kosteten etwa vierzig Pfennig das Stück. Hundert frische
dicke Eier hatte er für zwei Mark gekauft, und schönes knochenloses
Rindfleisch für sechs Pfennig das Pfund. Schweinskoteletten waren
etwas teurer. Kräuterig gewürzter schmaler Schinken aus Jüan, kräftig
und wohlschmeckend wie der beste Ardenner, war für achtzehn Pfennige
das Pfund zu haben gewesen. Kleine Orangen kosteten sechzig Pfennig
das Hundert. Nur Holzkohlen, mit denen unser Ofen geheizt wurde,
waren verdächtig kostspielig, und ich unterhielt mich über ihren
Preis etwas scharf mit dem Einkäufer. Der Boy wußte natürlich einen
Grund für diese besondere Teuernis. Die Verkäufer hörten an seiner
Sprache, sagte er, daß er ein Hupehchinese sei und die Ssetschuanleute
verkauften dem gehaßten Nachbar deshalb die Kohlen so teuer.
Plötzlich erscheint das Nilpferd lachend an der Tür. Er ist schön
zurechtgemacht, trägt Kleider, die zwar nicht neu sind, aber doch
nicht nur aus Löchern bestehen wie die ersten. Er hat den Vorderkopf
reinlich ausrasiert, die Mähne gestrählt und in ein sauberes weißes
Tuch eingefangen. Als Gre ihn sah und auf die Umwandlung deutete,
indem sie: "Chau di!" So bist du schön! sagte, schmolz er vor
Glückseligkeit. Er verbeugte sich mit weiten Schwankungen und einem
wilden Hintenausschlagen zwanzigmal vor ihr. Er machte ganz verliebte
Schweinsäuglein, alle Falten seines Gesichtes lachten; er humpelte
vergnügt mit seinem lahmen Fuß umher und vollführte ein paar Schritte
von einem graziösen Nilpferdtanz.
Es wurde dunkel, und Boote mit aufgeputzten Dirnen fuhren zwischen
den Schiffen umher und boten käufliche Liebe an. Diese Liebe war in
Kweitschu Fu nicht teurer als Rindfleisch.
In der Nacht fielen mitten in meinen Schlaf wie eine Katastrophe
abenteuerliches Gebrüll und Feuerschein. Der Feuerschein floß in
flammigen Bächen durch die Spalten der Läden herein. Wir jagen aus
den Betten hinaus. Rundum brennt der Fluß. Flammeninseln zucken und
wandern durcheinander. Die Schar der kleinen Bettlerboote liegt
mitten im Feuer, und aus allen Kähnen schlagen Ruder mit irrsinnigem
Entsetzen in die flammenden Wellen. Feuer spuken an den schlagenden
Rudern in die Höhe. Ganze Völker brüllen und heulen. Die nackten
Kulis und Schiffer halten die brennenden Wasser von unserer Kwaze ab.
Streifen feuerzüngelnder Wogen fließen ein Stück in der Strömung. Die
schwarzen Bettlerboote zucken über den feurigen Grund wie Fledermäuse,
die eine Fackel in einem Gewölbe aufgescheucht hat.
Eine Petroldschunke war in Brand geraten. Die Dschunke war rasch
zerstört. Sonst blieb alles unversehrt. Die Strömung trug den Brand
rasch flußabwärts und tötete ihn.
5. Dezember.
Das Nilpferd pflegt seinen verwundeten Fuß. Zweimal des Tags muß Gre
ihn verbinden. Aber nun kommt jeder mit einem Leiden zu Gre. Die Frau
Boy hat einen wehen Magen. August hat sich das Kreuz gezerrt. Der
eine Gratisblitzer hustet, der Koch und der Stacheligel haben sich
in den Finger geschnitten. Die Frau Boy bekommt Speisesoda, August
eins hintenüber, der Huster Chinin mit Himbeersaft, der Koch und der
Stacheligel einen rosa Leukoplaststreifen über den Finger. Diesen
Streifen lieben sie stolz und zärtlich. Sie umwickeln ihn mit einem
schmutzigen blauen Lappen, damit er reinlich bleiben soll.
Die Gratisblitzer essen noch an jeder Schnelle ihre guten Portionen
und wechseln nur, je nach der Spezialität des Orts, zuckergebackenen
Mais- oder Reiskuchen. An Bord hat man sie fortwährend und überall
aufgestört. Nun haben sie ihren Platz gefunden. Sie liegen auf dem
Dach des Steuerhauses auf dem Bauch und spielen Karten.
Unterhalb einer Schnelle liegt das Wrack einer großen Dschunke. Es
ist an Land gezogen, ragt mit seinem zerrissenen runden Bauch hoch
aus dem Wasser. Nackte Männer arbeiten drauf herum. Die Ladung liegt
über das Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Es ist Baumwolle und Tang,
den die Chinesen leidenschaftlich gern essen. Am Nachmittag treffen
wir noch mehrere gescheiterte Dschunken, denen es nicht gelungen ist,
die Schnellen zu nehmen. Auch aus dem Sand des Ufers schauen manchmal
die Gerippe von Schiffen heraus, und am Beginn einer Schnelle liegt
eines der grünen Postboote bis an die Nase im Wasser. Man sagt, daß
ein Schiff, das beim Hinaufgehen verunglückt, meist nur Teilschaden
nimmt, daß aber das Schiff, dem das Herunterkommen mißlingt, mit Mann
und Ladung rettungslos verloren ist. An den Schnellen liegen überall
öffentliche rote Rettungsboote, bereit zu helfen.
6. Dezember.
Alle Tage sind voll kleiner Erlebnisse. Alle Tage voll fremder
aufreizender Dinge, voll Kampf und Genießen. Wir fuhren heut lang
über die Dämmerung hinaus. Der Boy sagte, es sei kein Ort nahe. Man
könne nicht allein in der Einsamkeit und der Nacht anlegen. Überall
seien Flußräuber. Aber der Boy sprach nie den Namen "Räuber" aus.
Er nannte sie immer nur: "Die schlechten Männer". Die Finsternis
deckte den Strom dicht zu. Auch vom Ufer sah man nichts. Aber das
Ziehtau fuhr straffgespannt durch den Lichtschein des Reisherds in
die Nacht hinein, und hin und wieder riefen und antworteten Stimmen.
Die Fahrt fand kein Ende. Bis auf einmal ein paar Lichter auf einer
Höhe erschienen, und unter ihnen ging das Schiff mit großem Gebrüll
zwischen Laopan und Mannschaft an Land. Es dauerte eine Weile, bis
alle Zieher sich aus der finsteren Steinwüste des Ufers auf dem Boot
zusammengefunden hatten. Sie aßen stumm ihren Reis und fielen gleich
nebeneinander in ihre zerlumpten Decken und schliefen ein.
7. Dezember.
Das Dorf von gestern abend ist eine merkwürdige und große Stadt. Sie
verschanzt sich über uns in ihre Mauern. Vor Sonnenaufgang schreite
ich hinauf, klettere etwas seitlich eine hohe Treppe zwischen Häusern
auf die Mauer zu. Eine Herde von kleinen Pferden steigt, mit Säcken
und Körben behangen, im Zickzack die Treppe herab. Oben laufe ich
eine Stunde an der Mauer entlang, ohne an ein Tor oder in die Stadt
zu kommen. Zwischen den Häusern, die sich zahlreich vor der Mauer
zusammengebaut hatten, wuchsen hohe vielästige Kaktusbäume, die
ich nirgends sonstwo gesehen. Ich klettere zwischen Gräbern in den
Berg hinauf, bis ich in die Stadt hineinsehe. Sie liegt mit weiten
Gebäuden, engen Treppen und Gärten lang gezogen in der Mauer. Nun
finde ich mich auch in sie hinein. Die Handwerker und Krämer öffnen
gerade ihre Geschäfte. Bettler schliefen noch in Hausgängen. Ein
dünner Sack deckte sie nur halb zu, der Kopf lag auf der kleinen
Bettlertasse. Eine Straße führt auf der Mauer über den Fluß und
dort durch Häuser hindurch. Man sieht in offene Schlafräume. Unten
am Strand bläst der Wind den Sand in gelben Wolken auf. Im steilen
Ufer der andern Flußseite schmiegt sich eine prunkvolle Anlage von
Pavillons in ein Felstal.
Und ich allein stand hoch über der fremden Stadt, und mein einsames
Herz kämpfte um China.
Dann ging ich eine zerfallene Stiege von der Mauer herab in ein
Geschluff von Gäßchen. Der Nebel drückte den Rauch der Herde tief
zwischen die Häuser nieder. Kein Mensch war da. Nur ein schmutzender
Hund bekroch die Ecke. Aus der ganzen Stadt hob sich der Gestank in
den modrigen Winkel zusammen.
Da kam sie.
Langsam auf den kleinen Füßchen kam sie daher, und die enge Gasse
erzwang von ihren Schritten den atemberauschenden Zauber, als ob sie
gerade auf mich zukäme. Sie kam heran. So fern und so goldenbleich wie
der Mond war ihr Gesicht einen Augenblick lang neben meinen Augen. Ich
spürte den fremd riechenden Dunst ihrer Haut, so drängte die Gasse uns
zusammen; aber der geschweifte Bogen ihrer Augen öffnete sich nicht
ein Krümchen einer Sekunde zu dem fremden und ungewohnten Ausländer.
Mein Herz stammelte ihr zu: Jasmina!
Opalenweißes Gesicht! Unter der pudrigen Schminke lockte die
Haut föhnweich. Die kleinen Lippen leuchteten geschwungen, wie
zwei feuerrote Blütenblätter, die der Wind einer Geranie entriß
und vor sich frei herschweben ließ. Auf der Stirn war der sanfte
himbeerfarbene Kreis aufgemalt, Künder heimlicher Sitten und Gemächer
...
Wie ihre Augen waren, weiß ich nicht. Ein goldner Glanz vielleicht,
von langen Wimpern in einem schmalen Spalt zurückgehalten, fremd,
wie Urgestein, das wieder in Feuer geraten war ... Aber ihre Wangen
stiegen wie die gotischen Bogen unserer mittelländischen Dome hoch und
geheimnisvoll in ihrem Gesicht auf. Ihr Gesicht begann durch die ganze
Stadt zu leuchten, über die ganze Erde, umfassend Küsten und Rassen.
Es war das fremde Wunder, das sich mir, der nun monatelang europalos
zwischen chinesischen Männern, Frauen und Kindern irrte und suchte,
verschloß. Jetzt war es auf einmal greifbar wie eine Frucht vor mich
hingestellt und ging auf porzellanenen goldnen Lilien davon, Mythe
fremdrassiger Körperlichkeit. Wie in einer Katastrophe war ich zu dir
hingestellt worden, in diesem Nebeltag des Jangtsetals, allein mit dir
in dieser Welt: China ... o schönste junge Frau des himmlischen Reichs!
Das Geheimnis der östlichen Augen hob das Geheimnis des östlichen
Schoßes in die Phantasie, und ich ging hinter der Fremden her, gebannt
an diese Koralle der ssetschuanesischen Stadt, wie ein Verwunschener.
Die weitfaltige Tracht verhüllte alles ihres Leibes. Nur die Hüften
unter dem vorsichtigen Zwang der Füßchen, die Schmutz und Steinen
auswichen, schaukelten in morgenländischer Lust.
Jasmina, Unerreichbare! Hoch und gestaltenreich wie eine Wolke ...
Mond und Perle, Muschel und Nebel. Soll ich die Arme hoch und stark
erheben?. Aber ich war nur mit hundert Kniffen bedacht, daß mein
Fremdländertum, zu dem sie die Enge der Gasse hinzwang, nicht ihre
chinesische Weiblichkeit verletze. An jeder Ecke suchte ich Vorwände,
etwas zu sehn, was in der Gasse, die ihre goldnen Lilien immer in
derselben zarten kristallenen Kadenz gingen, meinen Weg hinter ihr
rechtfertigte, ohne daß meine Verfolgung ihrer östlichen Scham zum
Bewußtsein kommen könnte.
Ich trug meinen Apparat in der Hand. Mit tausend Wünschen hätte ich
ihr Bild halten wollen. Aber ich durfte, dankbar, nicht stören, was
das Haus eines chinesischen Mannes, wie die geheime Ampel des fremden
Volks, wundertätig mir in dem einsamen Nebelmorgen leuchten ließ.
Einziger Wunsch zu schauen, zu empfinden ... dann zu leiden an
dem Unlösbaren ihrer Bindung an das Volk des östlichen Landes ...
Wehmuterstrahlend ein keuscher Ritter zu sein, der den Weg nach dem
Heiligen Land suchte, durchbohrt von der Sehnsucht ewig unstillbaren
Mannestums. Seele und Leib hingen gekreuzigt über den Rassen.
Wie sie gekommen war aus dem Gewirr, so verschwand Jasmina ins
Gerümpel der Stadt. Mein Abenteuer war aus. Ich stieg hinab aus der
Stadt zum Hausboot. Meine Augen waren so heiß wie mein Herz. Es war
geschehn, daß zum erstenmal Blut an Blut gekommen war zwischen China
und mir.
Gre wurde nicht eifersüchtig und lachte mich auch nicht aus. Sie
schwieg, wie in der Messe, wenn die Heilige Wandlung durch die
Hallen steigt. Von der ich ihr erzählte, war ja kein Weib, war eine
Lotosblume, auf eine Vase gemalt, auf einen Teich gezaubert, vom
erhabenen Urrätsel China auf die grüne Wasserfläche heraufgehoben.
So soll sie nun die Jahre weiter blühn auf dem See meiner Seele.
Wir segelten bald weiter und in einen ereignisvollen Tag hinein.
Die mächtige Sin-Long-Schnelle machte uns schwer zu schaffen. Das
erstemal wurden wir zurückgetrieben. Der Boy kam wutschreiend nach
vorn gestürzt und zeigte mir, daß die Schiffer mit einem kleinen Ruder
als Vordersteuer die Schnelle nehmen wollten. Sie hatten bei der
Landung in der Nacht das große Steuer gebrochen. Der Laopan wollte
kein anderes kaufen. Ich zwang ihn. Er pumpte sich bei mir das Geld
zu einem Baum. Der Baum kostete eine Mark. Der Laopan fuhr ohne jeden
Pfennig. Das Geld, das der Besitzer der Kwaze ihm mitgegeben, hatte er
in Salz angelegt. Im Laopan war der Handelsgeist des Chinesen. Der
Transport kostete nichts, durch den Provinzzoll schmuggelte er die
Waren, weil man Schiffe, in denen Europäer reisen, nie anhält, und
er konnte sein Salz in Ssetschuan vorteilhaft verkaufen. Er hatte es
unter unserm Wohnraum verborgen.
Der zweite Versuch, die Schnelle zu nehmen, warf uns auf einen Stein,
von dem wir nur mit Mühe abkamen. Da flüchtete alles von Bord. Die
Gratisblitzer voran; die Frau Boy kam ins Zimmer und sprach das
einzige europäische Wort, das sie wußte: "Missie!" und deutete meiner
Frau dringlich nach dem Ufer. Der Boy nahm die Handtasche. Wir
blieben. Ich half vorn mit. Vom Ufer aus zerrten vier Reihen Zieher
an unserm Boot. Alles was Arme und Beine hatte aus den Dörfern rundum
war an den Seilen. Ein drittes Tau war oberhalb der Schnelle an einem
Felsen befestigt. An ihm zogen die Schiffer; der Stacheligel und der
Segelknecht und ich hielten uns mit Bambusstangen gegen das Ufer
gestemmt, in dessen Steine die Strömung das Boot immer hineindrücken
wollte. Auf einmal stießen die Strudel das Fahrzeug jach in die Mitte
des Flusses. Da wurde gebrüllt, gesungen, getrommelt, gestöhnt,
gezogen, die ganze Landschaft lauschte, wie erregt verstummt, dem
Lärm unserer Kulis. Auf den Steinen am Ufer hockten Chinesen in
ihren langen Kleidern wie riesenhafte Vögel. Die Gäste kamen aus
den Garküchen heraus. Die Trommeln gingen eintönig und hölzern,
wie ein heftiger Pulsschlag all der Kraft, die sich hier gegen den
großen Strom in die Taue festspannte. Das Wasser rieb sich rauschend
am Leib des Schiffs. Es prasselte unter unsern Füßen wie von einem
Gewitterregen. Das waren die Sandkörner, die die Strudel an die
Planken hetzten. So kamen wir nach vier Stunden leidenschaftlicher
Arbeit durch die Schnelle.
Am Abend gingen wir durch ein steiles Städtchen. In die enge
dunkle Gasse warf eine offene Tür viel Licht, man hörte Lärm
und Beckenschläge. Im Innern lagen und hingen Menschen, Tiere,
Silberbarren, alles Flitterwerk aus farbigem Papier. Ein großer
bunter papierener Tragstuhl mit Püppchen, Rosetten und Bändern stand
da. Die Kerzen flatterten über die kühle Buntheit, und Schießfrösche
krachten. Weiße buddhistische und schwarze taoistische Priester
bewegten sich murmelnd, Gonge schlagend und Papier verbrennend, mit
leblosen Gesichtern zwischen den farbigen Spielereien umher. Im
Hintergrund ist etwas verhängt. Dort liegt ein Toter. "Der taoistische
Priester führt ihn zum Himmel, der buddhistische öffnet ihm die Tür."
Auf der Gasse sahen wir auf einmal einen tellergroßen Teich zwischen
einem Lehmwällchen, und drauf schwamm ein Schifflein mit einem
Licht. Im Schifflein schwimmt die Seele in die Ewigkeit, und sobald
die papierenen Anzüge, Pferde, Tragstühle, Diener drinnen durch das
Aufgehen in Flammen eine reale Existenz für die Schattenwelt gewinnen,
begleiten sie den Toten auf seiner Reise.
8. Dezember.
Den Tag begannen wir mit dem Besuch eines großen Höhlentempels, der
gegenüber der kleinen Stadt Pan To in Felsen liegt. Wuchtige Gestalten
plumper Götter schlafen bunt bemalt im Stein. Durch einen Spalt über
der abschließenden Wand fällt reiches Licht auf sie. Das übrige des
Tempels schwimmt mit den Bildern sämtlicher Schüler des Kung Tse in
mattem Dunkel. Die Mönche sind überaus liebenswürdig und führen uns
bereitwillig durch alle Räume. Ich darf überall photographieren. Die
Mönchszellen liegen in Felsenkammern. Außerhalb des Tempels ist,
von einer kleinen Pagode umbaut, ein seltsamer Gott aus den Felsen
gehauen. Er sitzt groß und schwerfällig da, wie ein Elefant. Sein
Körper ist bis zum Kopfscheitel mit Nischen besät, und in jeder Nische
brennt ein Öllicht. Der ganze Gott trieft von herabfließendem Öl und
er hält das Insignum der männlichen Fruchtbarkeit, der sein Geist
dient, trächtig zur Schau.
Der Mönch, der uns führt, verbeugt sich noch immer, während wir schon
wieder den Weg zum Ufer hinablaufen. Wir fahren gleich weg. Ich
sehe auf einmal die Eule am Steuer stehen. Unter dem Dach guckt ihr
giftiges Gesicht zwischen den hohen Schultern böse heraus. Der Laopan
aber läuft an Land mit den Ziehern. Das ist neu und interessant. Der
Boy radebrecht die Erklärung. Er ist aufgeregt. Während wir oben im
Tempel waren, haben sie den Laopan einfach abgesetzt. Der gestrige
Tag hat sein Schicksal besiegelt. Er läuft, in seine dicken Kleider
gepackt und mit seiner kleinen Gestalt hinter den Ziehern her und
streckt den Ziegenbart hoch in die Luft. Er läuft da, wie das fünfte
Rad. Gres Herz schmilzt. Er bekommt die leeren Weinflaschen von
gestern und heut. Eine war eine weiße. Für die gibt es in Tschungking
einen halben Pfennig mehr.
Es regnet. Aber es regnet über einer fremden schönen Landschaft.
Mehrstufige bewegte Höhenzüge verdehnen sich ins Land hinein. Über
alle Linien der Berggrate laufen einzelne auseinander stehende hohe
Bäume. Sie verdichten sich auf einer Kuppe oder in einer Hügelflanke
um einen weißen Tempel. Ferne und nahe Bergspitzen sind mit kleinen
grauen Bergfestigungen wie mit Hüten bedeckt. Die Städte des Tals
haben sie sich für unsichere Zeiten gebaut. Auch in hohen Felswänden
sind Zufluchtsstätten ausgehauen, zu denen nur Leitern hinaufführen.
Der neue Steuerer setzt uns am Nachmittag auf einen Felsen auf. Die
Gratisblitzer springen mit einer Stange ans Ufer und lachen ihn aus.
Der Laopan steht am Ufer und tut, als sei nichts geschehen. Die Eule
wird giftig. Sie schleudert jähzornige Flüche ans Land. Sie sagt dem
Laopan: "Du flickst das Schiff mit Blechstücken von Petrolgefäßen,
wenn etwas geschieht; ich schlage meine Knochen in das Loch, das ich
hineinfahre." Der Laopan hilft aber bald heißblütig mit, das Boot
freimachen.
Nahe der Stelle, wo wir aufsaßen, wühlte eine Schar Menschen das
Ufer auf. Wir gingen hin. Es waren Goldsucher. Sie hatten schiefe
gerillte Bänke, über die sie die Körbe auswuschen, die andere
Männer fortwährend mit Ufersand und Steinen füllten. Die Leute
waren sehr mißtrauisch, und wir konnten nicht erfahren, wie sie dem
ausgewaschenen Sand zum Schluß das Gold entzogen.
9. Dezember.
Pagoden stachen weiß und spitz auf den Bergen in den Himmel. In der
Tiefe des nebeligen Morgens dämmerten Hügelzüge auf, die dicht mit
grauen Häusern übersät waren. Das war Wan Schien. Wir kamen näher. Wie
dunkle schwere Blätter lagen die Dächer übereinander. Ein Nebenfluß
des Jangtse durchschnitt die bebauten Hügel, und eine Brücke sprang
als ein feiner dünner und doch mächtiger Bogen, wie ein Klang aus
Stein, von Ufer zu Ufer. Auf dem Scheitel seines Gewölbes saß ein
Haus. Auf den kahlen Stadtmauern breiteten Türme ihre ausgeschwungenen
Dächer über mehrere Geschosse, und hinter der Stadt klang eine
vertraute Landschaft auf. Wir sahen sie tausendmal auf chinesischen
Vasen, auf Tuschbildern. Die zierliche Kühnheit des Schwungs dieser
Berge, das zahllose abwechselnde Wiederholen derselben anmutig und
kokett, bizarr und fremdartig aufhüpfenden Formen war so chinesisch
wie die dunkle geschlossene Stadt und die flachäugigen struppigen oder
gepflegten Männer, die am Ufer standen. Diese Landschaft war so, als
ob Götter der Wohlförmigkeit, aus dem Himmel herniederfassend, sie mit
schlanken feinen Händen aus der Erdkruste herausgezupft hätten.
Wir gingen gleich zur Stadt hinauf. Am Ufer dehnten sich die Buden
einer weiten Winterstadt von Händlern und Garköchen aus. Darüber
hockten auf hohen Stangen und an die Stadtmauer geklebt, Scharen von
Häusern und Hütten. Treppen führten schmutzig und steil zwischen ihnen
durch finstere Tore, in gewundene dunkle Gassen. Bettlerkinder fallen
uns an. Ich begehe die Torheit und gebe einem mehrere Käsch. Obgleich
dieses Wesen nackt war, so blieb es doch unerkenntlich, ob wir einen
Knaben oder ein Mädchen vor uns hatten, so war sein magerer Leib
schwarz verkrustet. Es hatte seine Schultern mit einem dünnen Sack
bedeckt und hielt uns in der Hand eine Kumme bettelnd hin. Kaum hatte
es sein Geld, so schwärmten auf einmal von allen Seiten verkrätzte und
nackte Kinder herbei. Sie gingen hinter uns her, und das ganze Rudel
plärrte im Takt mit weinender Stimme, immer dieselben zwei Wörter.
Die Stadt ist so malerisch, so dunkel hin und her und auf zum Licht
und ab ins Düstere. Ihr Leben ist so heftig und so vielfach in die
braunen Schatten der engen Gassenwirrnis gepreßt. Läden mit schönen
Kupferarbeiten locken uns. In andern Auslagen liegen tellergroße
Reiskuchen aus farbigen Ringen, Kringeln und Blumen. Sie sehen aus wie
ein schönes steifes Biedermeierbukett.
Die Bettlerkinder lassen uns nicht. Die Öfen der Garköche sind in die
Gassen gebaut. In jedem warmen Ofenloch sitzt ein schwarzer nackter
Balg vor der Kälte festgeklemmt. Man sieht nichts von ihm, als den
mageren geschwärzten Hintern. Sie alle löst der Zug hinter uns aus den
warmen Steinen. "Jang sien scheng ... e ... ne, jang sien scheng ...
e ... na" weinen sie im Rhythmus hinter uns her. Ich drohe. Es nützt
nichts. Ich hebe den Stock. Sie kommen weiter mit. Sie betteln für
einen Unternehmer. Dessen Stock wird kräftiger sein als meiner, wenn
sie abends leer heimkommen. Sie haben also nichts zu verlieren. Sie
fürchten sich auch nicht, weil sie auf die starke Gilde vertrauen,
deren Macht sie schützend hinter sich haben. Ich kann mich schließlich
nicht mehr anders wehren und belade mich mit der Rachegefahr der
ganzen Zunft. Ich haue dem ersten, den ich erreiche, meinen Stock
einige Mal über das schmutzige Fell. Die ganze Bande schreckt ein
wenig zurück. Aber gleich sind sie wieder alle um uns und skandieren
jammernd: "Jang sien scheng ... e ... ne ..., jang sien scheng ... e
... naaaa ...!" Da kamen wir an zwei chinesischen Schutzleuten vorbei.
Sie standen in der Straße und hielten dicke Knüppel in der Hand. Sie
befreiten uns im Nu vom ganzen Schwarm.
Während wir beim Mittagessen im Hausboot sitzen, entsteht in der Küche
ein furchtbarer Lärm. Der Boy schreit, die Frau brüllt stöhnend. Ich
gehe hinaus. Die Frau Boy hängt an ihrem Gemahl. Sie hat sich an
seinen Kragen festgekrallt und läßt sich nachschleppen. Sie hat die
Augen geschlossen und stöhnt. Eine alte Waschfrau wusch unser Zeug in
einer roten Holzwanne. Die hilft mit, und wir befreien den Boy von der
kleinen Furie. "Bad fu jen!" sagt der Boy. Eine schlechte Frau. Die
Frau Boy zieht sich böse in die Schlafkammer hinter der Küche zurück.
Von dort wirft sie uns ihre Haarspangen, ihr Halstuch und nach und
nach all ihre Kleidungsstücke an den Kopf. Der Boy erklärt:
"Sie wollte nicht waschen für die Missie und sagte: wenn ich die Ama
der Missie wäre, so würde ich waschen. Der Boy antwortete ihr: du
kannst die Ama der Missie nicht sein, denn die Missie hat kein Baby!
Die Missie hat thousand more und flickt ihre Sachen trotzdem selber,
und wir haben zwanzig Dollar Monatslohn und ich muß Wäscherinnen
bezahlen. Der Boy sagt ihr auch: du hast fast nichts zu tun. Du
kannst dir deine Schuh doch selber nähen und sticken. Sie antwortete:
Weshalb? Man bekommt ja Schuhe fertig zu kaufen ... Sie ist ein
schlechtes Weib." Der Boy war ganz rot und aufgeregt.
Es war wohl kein Zweifel, daß die Sache auch noch ein anderes Gesicht
hatte. Es schien ein kleiner hysterischer Eifersuchtsanfall zu
sein, der die Frau Boy so wild machte. Ihr Mann wollte gerade mit
den genießerischen Gratisblitzern in die Stadt gehn ... Aber dieser
Auftritt war nur eine Wiederholung von zahlreichen Beobachtungen,
die wir in den Dörfern und Städten machten. Überall wird über
die untergebene und unselbständige Stellung der chinesischen
Frau geschrieben. Dem Buch nach besteht sie vielleicht. Aber das
Leben überholt das geschriebene Wort. Der Chinese drängte seine
Frau immer ins Innere des Hauses und dort wucherten die Frauen in
Unselbständigkeit und Faulheit, nur Konkubinen oder Erzeugerinnen. Sie
setzten sich in ihrem passiven Dahinleben zusammen und klagten und
schimpften und allmählich hat sich in ihnen mit der Verkümmerung der
vortrefflichen Instinkte ihrer Rasse auch eine Bosheit angesammelt,
die heute manchem Chinesen das Leben schwer machen mag. Man sieht
überall Chinesinnen, die mit einer Dynamik die Männer ankeifen,
gegen die die berühmte Maulfertigkeit der Damen der Halle in Paris
christliche Sanftmut ist. Die Frauen scheinen mir auch untüchtig zu
sein, die entsprechenden Produkte des Lebens, zu denen das Wort des
Gesetzes sie zwang. Das "Mulier taceat in ecclesia" hat in China auch
gegolten und in dem einfügsameren aber instinktstärkeren und zäheren
Geist dieser Rasse üblere Folgen gebracht, als in den christlichen
Ländern. Die Frauen sind hübsch und gesund. Man sieht sie überall in
den Türen ihren Säuglingen üppig fruchtbare schöne Brüste reichen; die
Kinder sind meist von lieblicher Schönheit und kernigem Wohlergehen,
aber verwahrlost, wie das Innere der Häuser.
Auch im Kind liegt schon die eingepreßte Heftigkeit und Wehrhaftigkeit
des Frauencharakters. Wie bei einem Konflikt mit den Eltern solch
ein Kind seinen Willen durchsetzt, ist wertvoll zu erleben. Diese
Vitalität des Trotzes! Diese Spannkraft des Gebrülls! Einmal sah ich
ein Mädchen von etwa zwölf Jahren an einem Mann vorbeigehen, der eine
der großen Laternenkugeln aus Marienglas trug. Das Mädchen schlug mit
einem Korb unachtsam dagegen und das Glas zersplitterte. Das Mädchen
wartete nicht erst die Vorwürfe des Mannes ab, sondern ging sofort
zum Angriff über, fuhr mit heißem Zorn gegen den armen Laternenträger
los und nahm ihm mit wütender Strafrede jeden Einwand, daß doch sie
es sei, die die Laterne zerstört habe, vor der Nase weg. Der Mann
geriet in die Defensive und zog sich mit den Scherben seiner Laterne
geschlagen zurück.
Nachdem die Frau Boy gebändigt in ihrem Bett lag, ging der Boy in
die Stadt. Einer der fingerhutgroßen Schuhe flog noch zornig aus dem
Vorhang heraus.
Damit waren unsere chinesischen Erlebnisse dieses Tages aber noch
nicht zu Ende. Als wir nachher zwischen den Buden der Winterstadt
umherschlenderten, von August, dem Laopan und einigen unserer Schiffer
begleitet, kam ein Chinese auf uns zu und grüßte uns. Wir hatten ihn
nie vorher gesehen. Er blieb uns dicht auf den Fersen, und als wir
unser Boot wieder betraten, reichte er uns eine Visitenkarte und einen
Brief. Auf der Karte stand: André Pithous, enseigne de vaisseau. Den
Brief riß ich gleich auf. Er war von unserm Gastgeber aus Itschang. Er
hatte folgenden Inhalt:
"Itschang, den 27. November.
Lieber Herr Jacques!
Namsang war soeben in großer Aufregung bei mir. Der Kapitän des
Hausboots hat einen Booten hierhin geschickt, der um Unterstützung
gegen Ihren Boy bitten soll. Ihr Boy hat acht Passagiere an Bord
geschmuggelt, und da der Raum infolgedessen sehr beschränkt ist
und der Reis nicht ausreicht, so fürchtet der Kapitän einen Streik
seiner Leute. Es dürfen nicht mehr als 25 Chinesen an Bord sein,
ausschließlich Ihrer Dienerschaft. Was drüber ist, ist vom Übel.
Ihr Boy wird mir hier als ein minderwertiges Subjekt geschildert,
und Namsang riet dringend, in Tschunking einen anderen Diener zu
nehmen. Vor allem entledigen Sie sich aller überflüssigen Menschen
an Bord und vertrauen Sie nur dem Laopan. Sie setzen sich sonst der
Möglichkeit eines Überfalls aus, denn wer weiß, was für ein dunkles
Handwerk diese Passagiere Ihres Boy betreiben? Um so mehr, als Ihr
Boy, wie an Bord der Kwei Li behauptet wird, ein alter Flußpirat ist
und öfters im Gefängnis saß.
Unter den obwaltenden Umständen wäre es vielleicht geraten, ein
Rotboot (Hung tschuan) mit Soldaten zu engagieren. Dann darf sich
der Boy nicht mucksen. Vielleicht versuchen Sie, Namsangs Boy, der
einen französischen Offizier, durch den ich Ihnen diesen Brief
schicke, bis Wan Schien begleitet, zu engagieren. Suchen Sie
jedenfalls Herrn Kanin auf, der in Wan Schien wohnt, ein deutscher
Kaufmann ist und für die Firma Arnberg & Co. arbeitet."
Ich rief den Boy. Der Chinese, der uns den Brief gebracht, war spurlos
verschwunden. Wir gingen den im Brief erwähnten Herrn aufsuchen. Die
Stadt hatte etwa 100000 Einwohner. Sie war dem europäischen Handel
verschlossen, und wenn ein deutscher Kaufmann trotzdem in ihr wirkte,
so tat er das im geheimen. Nach zwei Stunden hatten wir die Post
und in der Post einen Chinesen gefunden, der den Fremden kannte. Er
führte uns. Wir stiegen hoch hinan über zahlreiche hin und her irrende
Treppen. Dann gingen wir in ein Haus. Aber es war, als ob dieser
ganze Stadtteil zu diesem einen Haus zusammengebaut wäre. Hundert
Höfe, Galerien, einzelne Häuser, wuschelten sich ineinander. Endlich
kamen wir in das richtige Haus. Ich wurde bereitwillig aufgenommen,
erzählte, und der Deutsche sagte: "Ich hab seit sechs Jahren einen
Diener, das ist das schlaueste, halunkenhafteste Produkt der gelben
Rasse. Den wollen wir auf Ihren Boy loslassen, und er soll zunächst
ein wenig auskundschaften. Wenn Sie wollen, kann er Sie auch bis
Tschunking begleiten."
Dieser Boy kam. Er war ein schlank gewachsener, sehr schöner Kerl mit
einem schmalen Kopf und großen feuchtglänzenden Augen, ein Apollo
der gelben Rasse, eben, wie aus Bronze, schmachtend und verschlagen,
geschmeidig und jung. Sein Herr erklärte ihm, er winkte "ja" und ging
los.
Als wir abends an Bord kamen, saß der Sherlock-Holmes-Boy mitten
zwischen der Mannschaft. Er ging mit uns ins Zimmer und sagte, daß
alle acht Gratisblitzer zu unserm Boy gehörten, daß der Boy aber mit
dem Laopan ein Übereinkommen getroffen habe. Später kam unser Boy
und fragte uns mit verlegenem, lächelndem Gesicht, ob wir erzählt
hätten, daß sein Freund im Kupfer arbeite, und ob wir erzählt hätten,
er koche so gut und sei so fleißig und hielte den Laopan und das ganze
Schiff in Zucht. Das war nun wahr und nicht wahr. Der Gauner schien
sein Werk gut begonnen zu haben. Am nächsten Morgen sollte er nun die
wichtigere Arbeit vollführen und etwas über die Vergangenheit und die
Zuverlässigkeit unseres Boys erkundschaften.
Wir legten uns zu Bett, mit einem Kopf, der voll rätselhafter
chinesischer Zeichen und Dinge drehte. Log der Laopan, log der Boy?
Waren die Tatsachen, die wir gesehen hatten, das Streiten mit dem
Laopan und seine Entthronung denn nur eine Lüge?
10. Dezember.
Schon am frühen Morgen sahen wir den Detektiv wieder am Werk. Man
hatte uns öfter gesagt, die Chinesen seien alle vortreffliche
Detektive, und es gelänge den Stadtpolizisten immer mit einem
einfachen überraschenden Aufblitzenlassen der Blendlaterne, mit
der sie in der Nacht an den Gassenkreuzungen warten, Verbrechern
Geständnisse abzufangen, so wie das Blinkfeuer eines Leuchtturms
die Vögel aus der Finsternis an die funkelnden Scheiben reißt. Man
erzählte auch, daß der deutsche Polizeimeister von Hankau seine
anerkannten großen kriminalistischen Erfolge dem Mitwirken seiner
chinesischen Diener verdanke.
Der Chinese, der uns den Brief gebracht hatte, und der unter Umständen
unsern Boy ersetzten sollte, ließ sich nicht mehr blicken. Wir
entschlossen uns rasch zum ersten Schritt und befreiten uns von der
unterhaltsamen Gesellschaft der Gratisblitzer. Wir taten es schweren
Herzens. Ich ließ ihnen sagen, das Schiff habe nur die Konzession,
außer den europäischen Reisenden 25 Mann chinesischer Besatzung
mitzuführen. Dem Magistrat der Stadt sei von irgendwelcher Seite
gemeldet worden, daß auf unserm Boot acht Mann mehr mitreisten.
Und der Magistrat wolle am Nachmittag Soldaten schicken, die diese
Angelegenheit untersuchten. Ich hoffe, daß sie uns den peinlichen
Besuch des Militärs ersparten.
Sie begannen gleich ihre Sachen zusammenzulegen, stopften ihre
Toilettedinge in die Waschschüssel, ihre Waschschüssel in einen Korb
und umwickelten den Korb mit ihren Betten, schnürten zu, zogen alle
ihre Kleider über und wollten gehen. Wir gingen zu ihnen hinaus
und sagten, es täte uns leid, aber wir kämen gegen chinesische
Vorschriften nicht an. Sie lächelten höflich, verbeugten sich vielmals
vor uns und verließen das Schiff. Gott sei Dank die Form der Kündigung
schien ihnen "das Gesicht" nicht genommen zu haben, und wir konnten
wenigstens ohne Furcht vor der Rache ihres beleidigten Ehrgefühls
reisen. Nur dem dicken Genießer ging es an die Nieren, daß er das
sichere und bequeme Boot aufgeben mußte. Er ging böse und ohne Adieu.
Sie wollten zu Fuß über Land die Reise fortsetzen. Einen baten wir an
Bord zu bleiben. Es war der magere Geldlose.
Wir hätten alle Schwierigkeiten mit einem Schlag beendigen und den
Boy und die Frau Boy an die Luft setzen können. Aber wir waren sonst
so bequem mit ihm gefahren. Er hatte in einem französischen Haus
kochen gelernt, und unser Tisch übertraf alle Küchen, die wir bisher
in China genossen hatten. Ja, selbst wenn er Flußräuber gewesen wäre!
In China hängt der Beruf nicht immer mit dem Charakter zusammen. Die
sonderbaren und oft willkürlichen Umstände dieses dezentralisierten
Reichs, Selbstwehr und Not mochten oft Menschen zu Räubern machen,
die im Grund etwas anderes waren. Es sprach wohl allerlei dafür, daß
die Mitteilung stimmte. Der Boy kannte jeden Ort am Fluß und sein
rasches, tatkräftiges und fachmännisches Eingreifen, wenn der unfähige
Laopan das Schiff in Gefahr brachte, seine Furcht vor Schiffsräubern
vor allem schienen auf seinen früheren Beruf hinzuweisen. Doch ich
gestand mir den Hauptgrund, weshalb ich unseren Schwierigkeiten kein
radikales Ende bereiten wollte, nur halb ein. Es schien mir von
einem kämpferischen Reiz zu sein, fremdes Land mit einem Menschen zu
durchreisen, der nicht nur brav und langweilig das war, was man an
ihm sah, sondern auch Möglichkeiten von heftigen Zusammenstößen und
nackten Abenteuern in sich barg.
[Illustration: Brücke in Wan Schien]
Wir konnten uns vorläufig noch zu nichts anderm entschließen, als
unsere stets offnen Koffer und die Kiste mit den Dollarstücken, die
unter meinem Bett stand, zu schließen. Wir blieben noch den Tag in Wan
Schien und warteten. Der Laopan pumpte mich noch einmal an, um Reis zu
kaufen. Wir gingen wieder durch die graue Stadt. Es waren am Morgen
große Plakate angeschlagen worden. Die Regierung begann ihren heftigen
und rücksichtslosen Kampf gegen das Opium auch nach Ssetschuan
auszudehnen. Diese Provinz lebte zum Teil vom Opiumbau. Der Krieg
galt nicht nur den Genießern, sondern auch denen, die vom Mohnbau ihr
Leben fristeten. Die Plakate drohten jeder Person, die Opium pflanzte,
den Tod an. Auch die unverbesserlichen Raucher wurden erschossen und
überall an unserm Weg hörten wir von Hinrichtungen. China hatte auch
gerade den Kampf gegen das englisch-indische Opium aufgenommen, und
in Schanghai war eine Ladung verbrannt worden. Daraus drohte das
tugendsame England, das so viel Geld aus den Lastern eines fremden
Volks gewann und seit Jahrzehnten diese Laster emsig pflegte, einen
Konflikt zu machen. In den Tälern hinter Wan sollten noch überall
Mohnäcker blühen. Überall entstand Aufruhr, den das Militär kaum zu
unterdrücken vermochte. Die Opiumbauer, deren Erwerb man so energisch
unterband, wurden Räuber und machten den Verkehr auf dem Jangtse
unsicher. Dschunken und Postboote wurden überfallen und ausgeraubt.
Die chinesische Regierung hatte uns mit der Übergabe des Reisepasses
zugleich mitgeteilt, sie warne uns, das Innere Ssetschuans zu bereisen
und müsse jede Verantwortung für diese Gegenden ablehnen.
[Illustration: Wan Schien]
Während wir durch die Morgengassen gingen, kam uns auf einmal ein
seltsamer Zug entgegen. Vorn ging ein Mann, der hatte eine hohe
Narrenmütze auf. Die linke Hälfte seiner Kleidung war blau, die andere
rot. Er trug ein Schild an einer Stange, das mit Zeichen bedeckt
war. Hinter ihm schritt ein Soldat, der einen festen Bambusstock in
der Hand hatte. Hinter dem Soldaten kam wieder ein solch närrisch
gekleideter Mann, gefolgt von einem anderen Soldaten. So gingen vier
Männer und vier Soldaten durch die Gasse. Der Boy erklärte uns: auf
den Schildern stand: "Jetzt haben wir wieder einen erwischt, der Opium
geraucht hat." Die Erwischten mußten ununterbrochen einer nach dem
andern rufen: "Ich hab Opium geraucht!" Die Bambusstöcke der Soldaten
besorgten eine regelmäßige Folge dieser Rufe. Die Soldaten salutierten
uns. Sie salutierten Europa, den Geist ihrer neuen Republik. Später
trafen wir den Zug noch einmal, und wieder schlugen die Soldaten an.
Als wir abends nach Hause kamen, hörten wir, daß der Untersuchungsboy
da gewesen sei. Unser Boy sagte es uns mit einem betretenen Gesicht.
Er schien die Gefahr zu riechen. Er war emsig, aufmerksam und
briet zum Essen zwei Wildenten, ein Meisterstück. Wir hatten uns
entschlossen, mit unserm Boy weiter zu fahren. Wir schrieben dem
Besitzer des schlauen Dieners adieu und Dank und gaben dem Laopan den
Befehl, am nächsten Morgen um zehn Uhr aufzubrechen.
11. Dezember.
Die Kulis sind widerspenstig. Sie wollen schon um sieben Uhr
aufbrechen. Ich gehe einfach an Land. Da können sie nicht weg. Ein
Leichenzug fährt über den Strom. Ein flaches großes Boot ist ganz in
Rauch gehüllt, Pulverfrösche knattern endlos. Weißgekleidete Menschen
fahren in einem Kahn voraus. Frauen und Mädchen, die über farbigen
Seidenkleidern weiße Tücher sehr schön und sorgfältig um den Kopf
gefaltet und hinten in langen Streifen herabhängen haben, stehen am
Ufer und schauen dem Zug nach.
Bis zehn Uhr gehe ich photographieren. Nun sollen wir weg. Aber jetzt
wollen die Kulis auf einmal nicht mehr. Diesmal scheint es gegen den
Laopan zu gehen. Am Morgen ging es gegen mich. Ich sprach einmal
energisch das Wort: Kuan! Das heißt: Magistrat, Behörde! Auf einmal
griffen sie ans Ruder und fuhren. Der Boy sagte: "Es sind schlechte
Männer. Es sind Ssetschuan-Männer!"
Das Boot fuhr den breiten schnellenlosen Fluß in eine sachte weite
Landschaft hinauf. In einem Städtchen war Markt. Das Ufer wimmelte
von blauen Chinesen. Sie hingen zwischen den Felsblöcken das Ufer
hinan, wie Beeren einer riesenhaften Dolde. Eine rot gekleidete Frau
brannte zwischen all dem Blauen, wie ein Flämmchen. Mit Menschen und
Vieh überladene Kähne lagen am Ufer. Wu Lin Tschi hieß das Städtchen.
Steil gingen seine Gassen in die einzige wagerechte Straße hinauf. Der
ganze Markt kam uns nach. Einigen verschlug es den Atem, so unerwartet
Fremde vor sich zu sehen, und Frauen und Kinder stürzten über Hals
und Kopf in die nächsten Türen hinein. Aber die Menschen wurden rasch
heimelig. Freundlich schüchtern begannen sie bald uns zu folgen. Wir
gingen in eine alte verkommene Tempelanlage hinein. Einmal ist ein
Tempel nicht von Soldaten besetzt. Die wilden Götter tanzen in der
dunklen Einsamkeit. Sie sind grausiger, als sonstwo. Sie sind ein
Haufen unheimlicher Scheusäligkeit mit Vogelbeinen, aus den Flanken
dringenden Rippen, gezückten Schwertern, Bleckkiefern mit Zahnsägen,
Adlerköpfen, wüsten Nasen, drohenden Fäusten. Alle haben das Maul dick
und schmutzig mit braunem Zucker beschmiert. Das soll sie gut stimmen.
Mitten zwischen ihrer Gruseligkeit aber steht eine kleine zarte Frau,
schmal, lieblich und ruhig. Sie trägt ein Kindlein auf dem Rücken
und an einem Arm hängt ein winziges Paar Schuhe, das Ex-voto eines
fruchtbar gewordenen Schoßes, -- Kuan Jin.
Die Anlage des Tempels läuft nach hinten in eine düstere, großartig
grausame Landschaft, in der zwischen grauen ungestümen Felsblöcken
sich zahllose Gräber eingenistet haben. Auf dem Kamm der Anhöhe aber
wachsen mächtige Baumkronen in den Himmel. Fern hinter der Stadt, die
allmählich in das graue Gräberfeld versinkt, zieht ein ungeheures
Gebirge auf. Wir gehen über die Felder auf den hohen schmalen Dämmen,
die die Reisäcker voneinander trennen. Am Tempel bleibt das ganze
Städtchen stehen und schaut uns nach.
12. Dezember.
Beim Morgengange kam ich in ein Töpferdorf, das in einem Hügel
qualmte. Schon von weitem schollen mir wild aufgeregte Stimmen
entgegen. Oben im Dorf hatten zwischen den kleinen Töpfen und den
faßdicken Wassertöpfen ein Mann und eine Frau Streit. Die Frau stand
oberhalb des Wegs, der Mann im Weg. Der Mann brüllte im Baß, die Frau
schrillte im höchsten Sopran. Sie hatten beide die Gesichter in die
Luft gestreckt, wie kampfbereite Hähne, und schauten immer aneinander
vorbei, wenn sie sich anschrien. Sie sprangen gegeneinander wie zwei
Hunde, die wütend an ihren Ketten hängen. Der Lärm war furchtbar.
Aber sie wußten, daß sie nicht aneinander kämen. Die Frau keifte wie
ein tollwütiges Piston hinab und er dröhnte wie eine verstimmte Orgel
hinauf, bei der auf einmal alle Luft rasend durch eine Pfeife jagt.
Keiner vermittelte, wie es sonst bei chinesischen Streitereien sofort
geschieht. Jedermann wußte: die Entfernung schützt vor dem Äußersten.
Die Entfernung ließ jedem "sein Gesicht". Es brauchte keiner die
Beleidigungen durch mutige Ohrfeigen zu rächen, um sein gekränktes
Ehrgefühl wieder zu heilen.
August ging mit mir. Er nahm sonst das Leben von der allerheitersten
Seite. Jede krumme Schulter stachelte sein lustiges Gemüt. Hier ging
er vorbei, als ob die beiden friedfertig zusammen plauderten. Er
schaute nicht hin. Ich zupfte ihn und zeigte auf die beiden. Aber er
winkte mir mit der Hand ab. Er schnitt ein geringschätziges Gesicht,
sagte: bu chau, das ist nicht schön! und ging weiter. Auch die
Arbeiter, die Töpfe zum Strand hinuntertrugen, schienen den Auftritt
nicht zu bemerken.
Unten, wo das Hausboot auf mich wartete, lag ein Haufen fertiger
Tonsachen. In die Wand eines faßgroßen Gefäßes war das Zeichen des Jin
Jang eingeschnitten. In den Städten sah man dieses Zeichen manchmal
auf Hauswänden gemalt. Es war ein schwarzer Fisch, der eng mit einem
roten zusammengeschlungen war. Es waren keine Fische, es waren
Fötusse. Die Entstehung dieses merkwürdigen Zeichens war die folgende:
Anfangs war das Nichts. Aus ihm dämmerte allmählich die Form auf, die
erste Begrenzung einer Einheit. Das war ein Punkt in einem Kreis, die
"erste Ursache", "ein Zeitgeist".
Lange später spaltete sich dieser Zeitgeist in zwei Prinzipien.
Das eine war ein tätiges, das andre ein stilles. Das eine war ja,
das andre nein. Das Licht und die Finsternis, das Männliche und
Weibliche. Und alle Dinge entstanden aus der vereinten Wirkung dieser
beiden Prinzipien. "Die beiden Elemente der Natur sind des Menschen
Eltern", lehrte Laotses Schüler Tschuang Tse. Das war die chinesische
Erschaffung der Erde und alles Lebens. Das wurde Jin Jang genannt.
Das Zeichen war das Rätsel von allem chinesischen Leben. Es war voll
fruchtbarer Geheimnisse, eine Sichtbarmachung der geheimsten und
stärksten Dinge der Rasse. Wir hatten es wie oft erlebt auf unserer
Reise. Die Verwaltung hatte nie einer bewaffneten Gewalt bedurft. Die
Instinkte ergaben sich dem Ganzen. Die Gesellschaft hatte sich von
selbst in Kreise eingeteilt, von denen der eine sich in den andern
fügte. Und doch war, trotz dieses Einordnungsgefühls der Masse, in
einzelnen etwas Widerspenstiges. Es sah so aus, als ob mit diesem
Widerspenstigen ein jeder seinen Zwang sich einzufügen regelmäßig
ventilierte und seine Kraftinstinkte frisch hielt, dem Jin das Jang
vermählte.
Der Europäer hält die Chinesen im allgemeinen für Schurken, weil
sie sich in ihrem alten Landgebilde nicht so ohne weiteres den
europäischen, oft räuberischen Erwerbssinn gefallen ließen, und sich
nicht beeilten, den Jang Kwei Tse, den fremden Teufeln, ihre Seele
zu erschließen, die aus ganz andern Ursubstanzen besteht und aus
andern Evolutionen entwickelt ist als unsere. Unsere Kulis hielten
wir auch nicht mehr für die harmlosen Naturburschen, für die wir sie
anfangs ansahn. Sie hatten Tücken. Sie waren heut Freund und Arbeiter
in unserm Dienst, glühend vor Arbeitskraft und konnten morgen, wenn
eine andre Macht sie kaufte oder ein anderer Gedanke sie führte,
unsre Mörder sein, mit derselben Wut der Hingabe, derselben selbstlos
überschäumenden Härte, mit der sie jetzt am Ziehseil und an den Rudern
hingen.
Wir reisten mit offenen Koffern. Unser Geld war jedem zugänglich.
Es wurde nie etwas gestohlen. Aber auf dem Kohleneinkauf betrog
uns der Boy. In jedem Chinesen waren endlose Abstufungen hinab des
Befehlens und Befohlenseins. Alles, was wir in den letzten Wochen an
Chinesischem erlebt hatten, war unklar und zwiespältig geblieben. Das
Land war ein Hexenkessel von Ehrlichkeit und Betrug, feiger Hinterlist
und Mut. Das rote und das schwarze Prinzip kreiste durch alle seine
Atome.
So schien im Zeichen dieses Jin Jangs die Volksseele die
geheimnisvollen Mysterien ihres Innern gefunden und zu einem
Bild gemacht zu haben. Schlechtes und Gutes, das in ewigem
Kreislauf ineinander drängt und sich -- ein Fludium fortwährender
Erzeugungskraft -- zu stetem Neuwerden befruchtet; eine ewig
fließende Regeneration aus den Spannungen der Rasse. Die Ausübung
der alten Gesittung und Gewohnheiten schienen uns teils närrisch,
teils verbrecherisch; das Wissen und Denken fossilienhafte
Formelversteinerung. Aber in den Elementen, die wir aufspürten, und
die lebendig in den Menschen waren, lebte eine Wahrheit, die uns
schauern machte. Wir konnten sie aus unsern fremden Gefilden heraus
nur intuitiv erfassen, und das Jin Jang gab uns in seinem Bild ihr
Symbol.
In diesen beiden feindlichen Fötussen, die sich so innig zu solcher
Gemeinsamkeit umschlingen, wirkt etwas wie die Naturkraft der
positiven und negativen elektrischen Ströme, die sich anziehn und
abstoßen und eine Philosophie, die machtvoller ist als die, die jemals
ein europäischer Kopf ersann. Denn sie ist nicht aus der Spekulation
gedanklicher Erwägungen, aus dem Aufrechnen hirnhafter Abstraktionen
gegeneinander entstanden, sondern ist eine schöpferische Wirksamkeit,
die in 400 Millionen Seelen wahrhaftig und schwebend lebendig ist.
Ein erregendes, tiefes und hohes Geheimnis des Menschseins -- uns
halb gelüftet, mit Wonnen und Schauern, Grübeln und sich verlierendem
Versinken von uns genossen.
Das stand auf dem großen Tongefäß. Das Tongefäß fährt aber vielleicht
dieser Tage auf einer Dschunke nach Schanghai hinab und kommt in ein
europäisches Haus, und ein Kaufmann steigt morgens zum Bad hinein
und denkt dabei nach, wie er immer mehr der Angestellte seines
chinesischen Kompradors wird, als dessen Herr er sich aufspielt. Das
erscheint ihm von seiten Chinas als hinterlistig und betrügerisch und
das Zeichen des Verkommens.
13. Dezember.
Die Operation in Wan Schien, die wir anfangs fürchteten, hat
unerwartet geholfen. Der Pirat ist von großer Aufmerksamkeit, gehorcht
auf einen Wimpernschlag und läßt alle Künste seines Kochtalents
spielen. Nur einmal noch versucht er etwas zu retten. Er begann in
seinem englisch-chinesischen Gestammel den Deutschen aus Wan Schien
schlechtzumachen. Er kenne ihn von früher ... Er peitsche seine Diener
und habe zwei chinesische Mädchen gekauft usw. Ich sagte ihm: "Es ist
gut, spring mein Sohn, die Sache ist erledigt." "Finish?" fragte er.
Er verstand nicht. Ich winkte ja.
Der geldlose Freiblitzer scheint von Dankbarkeit erfüllt zu sein.
Er lacht uns immer an mit seinem gelben abgemagerten Gesicht und
hilft, wo es geht. Er macht dem Boy plötzlich die halbe Arbeit. Der
Boy tyrannisiert ihn und spielt ihm gegenüber den Herrn. Er hat ihm
wahrscheinlich gesagt, daß er auf seine Fürsprache bleiben durfte und
er rechne drauf, daß er ihm das in Tschungking lohne.
Einen neuen Patienten haben wir auch. Unter den Ziehern sind zwei
Brüder, zwei kräftige Kerle mit langen Haaren und langen Röcken. Sie
sehn aus wie Pilger aus "Tannhäuser". Der Kranke scheint Ischias zu
haben. Vielleicht ließen ihn aber auch die Pflaster der andern nicht
ruhn. Jedenfalls gibt Gre ihm dreimal am Tag ihr Universalmittel
Chinin mit Himbeersaft und außerdem Säcke mit heißem Sand. Er ist nun
der Held. Es ist eine außerordentlich wichtige Sache, diesen Trank
zu nehmen und die Säcke aufzulegen. Alle sind bei dieser Operation
beschäftigt. Wenn wir kommen, zeigt er auf seinen Schenkel, lacht und
sagt, es sei schon besser. Er kann sich nicht bewegen und wohin er
sich setzen will, trägt ihn sein Bruder mit nie müder Bereitschaft.
August hat, seitdem es ihm mit seinen Kreuzschmerzen nicht geglückt
war, eine Wunde am Bein. Er bekommt eine der kleinen Reisweintäßchen
voll Wasser, in das ein wenig Karbol gemischt wird. Bevor wir Zeit
haben, ihm zu sagen, daß er sich damit die Wunde auswaschen solle,
hat er es rasch hinuntergetrunken. Das bekam ihm wenig. Es scheint
sich aber allmählich die Vorstellung herausgebildet zu haben, daß wir
die Reise nur unternehmen, um Medizin zu verteilen. Der Singkuli Nr.
2 puffte Gre heute in die Seite, rieb sich den Bauch und verzog das
Gesicht. Dann winkte er, sie müsse ihm etwas dagegen zu trinken geben.
Ich wies ihn mit einem Nasenstüber ans Ufer, wo sechs Chinesen auf
Steinen ausdauernd und andächtig und von Hunden umlagert bei ihrem
Geschäft saßen.
14. Dezember.
Tse Pau Tsai. Ein merkwürdiger Klang. Es heißt Edelstein. Einer Ebene
am Jangtse entsteigt plötzlich die schmale Säule eines schroffen
hohen Felsens. Ein Städtchen schachtelt sich um seinen Fuß herum.
Aus den Dächern heraus lehnt sich eine Pagode an den Fels und ihre
geschwungenen Dächer, die wie Nasen übereinander stehn, reichen bis
über die obere Kante des Steins. Droben erscheinen niedrige weiße
Gebäude. Wir gehn zur Stadt hinauf. Schöne Tempel sind in ihr. Ein
jeder liegt voll Soldaten, und in den Höfen stehn altertümliche
schwere Gewehre mit gußeisernen Rohren auf verfallenen Gestellen. Die
Soldaten tun sehr wichtig und ernst und schießen ihre scharfgeladenen
Gewehre in die Luft, als wir wieder gehn. Dann steigen wir durch die
Pagode zum Felsen hinauf. Es ist ein Kloster oben. Viele Hallen liegen
voll Götterfiguren. Sie sind in Trümmer zerschlagen. Ein Chinese
tat es, der ihnen untreu wurde und das Christentum, das er annahm,
fanatisch gegen sie wandte. So bleiben sie nun liegen. Es müssen
merkwürdige Darstellungen gewesen sein. Man sieht in ihnen viele
Torsos von schwangeren und gepfählten Frauen. Fern ziehen durch die
graue Luft die mächtigen Stufen eines riesenhaften Gebirgszugs. Um den
Felsen-Einsamen fließt eine milde, weiche Landschaft auseinander, die
drunten im Dunst des Tages silbern verschwimmt.
Wir wollen den ganzen Tag hierbleiben. Ich geb der Mannschaft einen
Djau. Sie bringen es fertig, mit diesen anderthalb Mark sich zu
fünfundzwanzig Mann zu betrinken. Es ist das erstemal auf der Reise,
daß sie Branntwein trinken. Sie kommen abends streitsüchtig an Bord
und brüllen herum. Sie legen sich gleich schlafen. Auf einmal wird es
wieder laut. Bums! fliegt unsre Tür auf, und ein nackter Bursch stürzt
die Treppe herunter. Ich befördere ihn hinaus und sende ihm etliche
deutsche Flüche nach. Bald schlafen sie. Nur August steigt noch herum.
Aber er hat einen fröhlichen Rausch. Während wir baden, öffnet er von
außen das Fenster. Ich schmeiße ihm einen Topf warmen Wassers über den
Kopf. Er lacht und winkt, ich möge ruhig sein, er schaue nicht mehr
herein.
15. und 16. Dezember.
Die Stadt der Tempel -- Tsongtsau! Eine Stadt, die stirbt und in
der die Reste alter Blüte verfallen. Ein einziger Tempel macht eine
Ausnahme. Es ist die schönste Tempelanlage, die wir in China gesehn.
Die Gebäude wachsen eng nebeneinander auf, Tempel, Theater, Höfe,
Pavillons. Es ist eine Seidenstickerei auf Goldbraun. Mächtige
Holzsäulen halten Dächer über den Besucher, die aus farbigem Email
zu sein scheinen. Am Theater sind subtile Schnitzarbeiten. Viel Gold
und Farben sind in die weiche Düsternis der Anlage eingelassen. Es
ist Größe und spielende Freude an Ausschweifung in Kleinigkeiten.
Die Strenge und Anmut Chinas ist in diesem Werk. Es ist der einzige
Tempel, der gepflegt ist. Fast alle andern Tempel Tsongtsaus sind
geschlossen, einige Kasernen.
Die Stadt liegt in eine weite Mauer gegürtet auf Felsen, und mit
merkwürdigen Überraschungen durchklettern sie ihre Gassen. Einst
blühte sie als Examenstadt. Das ist vorbei. Aber von jener Zeit
hat sie noch einen Hauch in ihrem Innern, in schönen, sonderbaren,
reichen Hausfassaden, feinen Brückenbauten, mächtigen Anlagen von
Beamtengebäuden und Tempeln. Am Fluß ist eine große Winterstadt mit
breiten Straßen aufgebaut. Ein emsiges Leben füllt sie. Viele Schiffe
reihn sich an ihr auf. Ganze Haufen von Orangen und Nüssen gibt es,
Fasanen und Hasen; ich kaufte ein Paar Wildtauben für zwölf Pfennige.
Das Leben gibt sich so chinesisch wie es ist. Bettler jammern einen
halben Tag vor unserm Boot und folgen uns bis in die Stadt. Es sind
entsetzliche, krätzige Wesen, Knaben, kleine Mädchen und Männer,
mit Schmutzkrusten bedeckt, mit nie gereinigten Haaren, von den
Ofenlöchern geschwärzten Leibern und, als einzige Bekleidung, den
zerfetzten Sack über dem Rücken. Sie dringen bis aufs Hausboot hinauf.
Die Chinesen wagten nicht, sie zu vertreiben. Ich mußte es selber
besorgen.
Scharlatane und Wahrsager, Barbiere und Ärzte schieben ihre Tische
mitten in den Verkehr. Alte Herren tändeln durch die Menge und
rauchen ihre selbstgedrehten Zigarren aus anderthalb Meter langen
Bambuspfeifen. Ein jeder Platz ist Bedürfnisanstalt; doch findet man
schon Rudimente des W. C. Eine Matte ist im Halbkreis aufgestellt.
Primitivste Freudenhäuser mit einer urhaften Einrichtung locken die
Kulis. Große Teehallen beben vom Geschrei ihrer Besucher. Mitten in
den Wegen vermieten am frühen Morgen Leute Waschbecken, warmes Wasser
und Tücher an die Kulis.
Wir blieben zwei Tage in Tsongtsau. Man durchstreift eine solche
Stadt wie zu einer Entdeckungsreise, und die Neugier ihrer Bewohner
folgt uns, wie Dorfkinder einer Menagerie. Diese Neugier ist
gutmütig und liebenswürdig, teils scheu, teils naiv aufdringlich. Der
photographische Apparat feiert Triumphe. Wenn ich die Chinesen durch
die Mattscheibe schauen lasse, sind sie ganz weg vor Entzücken und
Heiterkeit. Dieses liebliche Reduzieren der Zeichnung, belebt vom
kühlen Glanz der Farben, ist etwas, das ihrem Sinn liegt.
17. Dezember.
Eine leere Stadt, eine Stadt, die keine Stadt ist, liegt auf
einem Berg. Weite Festungsmauern umspannen mit schönen betürmten
Toren ödes Land, aus dessen dürrem Gras nur Haufen von entlaubten
Maulbeerbäumen wachsen. Im Innern verfallen einige große Jamen und
Tempel. Kein einziges Wohnhaus hat diese Stadt jemals besessen. Es
ist ein Fungtuschien, das kein Fungtuschien wurde. Das wirkliche
Fungtuschien liegt eine Weile davon ab, unten am Fluß. Es wurde einst
vom Hochwasser weggespült und die Regierung wollte die Bewohner, die
gerettet wurden, in sicherer Lage neu ansiedeln. Sie baute die Mauern
und die öffentlichen Gebäude. Aber die Bewohner kümmerten sich nicht
darum und setzten sich wieder in ihr altes Nest.
Wir kamen auf einem langen Fußweg über Land in die Stadt. Eine
große weiße Pagode auf einer Bergspitze hatte seit langem ihre
Nähe angezeigt. Der Zugang führte über eine gedeckte Brücke, auf
der sich drei Haushalte eingerichtet hatten. Fungtuschien ist eine
Wallfahrtsstadt, oder ist es gewesen. Wir fanden all die zahlreichen
Tempel -- jedes dritte Haus ist ein Tempel -- von Soldaten besetzt
oder an Handwerker und Teehäuser vermietet. In einem wurden Möbel
gezimmert, im andern Gewehrrohre fabriziert, hier war ein Reismarkt,
dort eine Garküche und dort eine Spinnerei und Weberei, wo vordem
die Götter einen Lieblingsplatz hatten, von dem aus sie den
Menschen geneigter waren als anderswo. In allen Tempeln waren feine
Schnitzereien und überall hielten "Hunde Fo" Wache, die wunderbare
Ornamente aus Stein waren. Aber die Gassen wimmeln von Mönchen. In
jedem Ofenloch klebt ein schmutziger Bettler, und unter den Geschäften
gibt es viele Pfandleihhäuser, in denen das verstorbene Regime einige
alte, seidene, reichbestickte Mandaringewänder für uns untergebracht
hat.
18. Dezember.
Der Strom kommt mit verhaltener Macht aus der Unendlichkeit des
Nebels. Auf einem Bergkamm wischt der Nebel langsam eine plumpe Pagode
aus der Luft. Die Hügel laufen so zart rund um den grauen Dunst.
Nur die Äcker leuchten von dem starken Grün der Pflanzen. Ein Ufer
ist nur ein Hauch. An dem andern Ufer, an dem wir fahren, ist alles
Silhouette. Stromauf schmiegen sich die hohen Flügel der Segelschiffe,
die uns vorausfahren, in die weiche Luft, und an ihrer Seite tauchen
rasch die großen, vom Rudern erdonnernden, vom Schreien erfüllten
großen Dschunken auf und gleiten hastig und mächtig zu Tal. Ein feiner
Staub sprüht aus der Luft. Der Westwind wirft ihn heftig gegen unsre
Gesichter. Aus den zerrissenen Felsenufern erheben sich von Zeit zu
Zeit große Reiher, segeln einsam und in bizarrer Körperhaltung vor uns
vorbei, bis der Nebel ihre breiten Flügelschläge ganz einschlürft.
Im Nebel zeigt sich das Fremde noch fremder: die weißen Hausgiebel in
Akkoladenform, die kleinen Türme mit den Dächern, die wie Tannenäste
von der Achse des Gebäudes abschweifen, die kargen hohen Pagoden, die
Eingänge der Tempel, die wie mit bunten kleinen Scherben beworfen in
den großen, einfachen weißen Mauern stehn, und über dem Menschenwerk
die Schöpfung Gottes -- die mit dünnen langen Baumreihen ausgezogenen,
spielerischen Züge der Hügelkämme ... ein landschaftliches Pizzicato.
Wir haben uns angewöhnt, seitdem das Land gemächlicher geworden ist,
die Hälfte des Tages zu Fuß am Land zu gehn. Am Ufer sind jetzt
überall ganze Scharen von Goldwäschern. Ihre Arbeit zwischen Steinen
sieht in der grauen farblosen Luft so armselig aus. Die Leute sind
alle zerlumpt gekleidet. Es ist lächerlich, daß sie Goldgräber sind.
Allenthalben kommen die steilen Weglein zwischen den Ackergärten
Menschen herab und setzen sich ins nächste Fährboot. Wenn es so voll
ist, daß es fast untergeht, beginnt es rasch in den grauen Strom
hineinzufahren und sich quer ans andre Ufer treiben zu lassen. Wir
hören die Trommel unserm Schiff Zeichen geben. Eine Schnelle rauscht,
und Zieher schreien unsichtbar im Nebel.
Da kommt jenseits auf der halben Höhe eines Berges ein Leichenzug.
Schalmeien tönen hart und dumpf, der Gong brummt wie eine Glocke, und
langsam taucht der Zug durch den Nebel vorbei: weiße Fahnen, ein roter
Baldachin, ein roter Tragstuhl, weißgekleidete Menschengruppen. Die
Landschaft ist eintönig, einsam und traurig. Die Musik des Leichenzugs
ist wie der Atem dieser eintönigen, wehmütigen und sonderbaren
Nebellandschaft.
Aber diesen grauen Tag schloß die einzige Sternennacht, die wir bisher
auf der Reise hatten. Stromauf und -ab flutete ein leiser heller
Nebel, in dem die Strömung sacht rauschte. Der Sand knisterte am
Boot unter unsern Füßen. Die Gipfel der Berge waren voll schwarzer
Klarheit und drüber dehnte sich der flimmernde Glanz des Himmels. Ein
Boot mit einer Fackel kam im Nachtnebel heran. Ein Mann wollte uns
Gemüse, Eier und Hühner verkaufen. Er hatte auch in kleinen runden
Schüsseln die vielen Speisen für die Chinesen.
19. Dezember.
Futso'u ist eine große Stadt. Sie taucht uns geheimnisvoll und langsam
auf einer Bergecke entgegen, und plötzlich scheint die Sonne über sie.
Sie ist nicht viel anders wie die andern Städte, die wir durchgangen
sind. Sie liegt über dem Zusammenfluß des Kung tan Ho mit dem Jangtse.
Im Kung tan Ho lagen die merkwürdigsten Schiffe, die ich jemals
gesehn. Es waren riesenhafte, plumpe Fahrzeuge drunter. Aber sie waren
alle wie verdrückt. Sie waren nicht in graden Linien gebaut wie andre
Schiffe, sondern wie ein Pfropfenzieher umgebogen. Die Kiellinie
verlängerte sich nach außen durch den Rand der Steuerbordreling.
Hoch über ihre Mitte ging eine fliegende Brücke, bis zu der das
Steuer reichte, dessen Hebel aus einem etwa 30 Meter langen Baumstamm
bestand. Die Chinesen nannten diese Fahrzeuge Wai pi kü'rh. Die
Kenntnis der Ursache, weshalb diese Dschunken so absonderlich gebaut
waren, hatte sich unter den Schiffern verloren. Der Fluß hatte eine
besonders heftige und in kurzer Biegung drehende Stromschnelle, und
es waren vielleicht alte Erfahrungen, die den Schiffen nach und nach
diese Form gegeben hatten.
Hinter Futso'u liegen alte Opiumbau-Täler. Die Bevölkerung war,
seitdem die Regierung das Mohnpflanzen verbot, in Aufstand getreten
und zum Teil Räuber geworden. Vor zwei Tagen hatten Soldaten hier
zwölf dieser Räuber gefangen und nach Tschunking geführt. Ich sah,
daß hier noch Opium geraucht wurde und ließ mich von dem brenzligen
Geruch auf ein Schiff im Kung tan Ho führen. In einem offenen
Verschlag lagen zwei Chinesen an einem der Opiumlämpchen, bereiteten
sich gegenseitig die Pfeifen und schauten mich, stumpfsinnig und schon
in ihr Verdämmern gesunken, an.
[Illustration: Alte Ssetschuanesen]
Als wir aufs Schiff zurückkamen, trat mir ein Chinese entgegen,
der ein ganz zartes schönes Mädchen von etwa sechs Jahren auf den
Armen hatte. Er verbeugte sich und zeigte uns den Kopf des Kindes,
der von bösem Ausschlag verwüstet war. Wir konnten ihm nur "schi,
schi!" sagen, d. h. sauberhalten. Dieser Besuch wurde abgelöst durch
den Besuch eines im Jangtsetal gefangenen kleinen Orangs, der uns
allerlei komische Kunststücke vormachte. Dann sahen wir den Laopan
den Hügel von der Stadt herunterkommen. Die kleine dicke Kugel kam,
wie an einer Schnur hin und her pendelnd, rasch heruntergelaufen. Er
hatte die Hälfte seines Reises verkauft. Das sah man ihm und, als wir
weiterfuhren, auch dem Schiff an. Man hatte ihn für die Abfahrt ans
Steuer gelassen. Ich vermute, um ihm vor seinen Bekannten, die am
Ufer standen, "das Gesicht" nicht zu nehmen. Ein Rausch in China war
ungewöhnlich selten, aber auch ungewöhnlich billig. Wir blieben über
Nacht an einem Dorf, in dem nur Körbe und Matten gemacht und Schweine
geschlachtet wurden.
20. Dezember.
Wir sind glücklich, daß die Schwierigkeiten, die uns in Wan über den
Weg liefen, so gut überwunden sind. Der Boy ist vielleicht ein Pirat
gewesen, aber er ist ein ganz außerordentlicher Diener. Wenn es nur
keine Holzkohlen gäbe! In Futso'u mußte er wieder welche kaufen.
Wir haben bisher mehr Geld für Holzkohlen als für Essen verbraucht.
Dafür besteht im China der Europäer das Wort "Squeeze". Es gab einen
Zusammenstoß. Ich glaube, er weinte. Aber nach solchen Auftritten,
bei denen seine ehrgeizige Veranlagung sehr zu Schaden kommt, ist
er immer von neuer Frische. Die Instinkte seines chinesischen
Einordnungsgefühls sind neu gestärkt. Er tritt in seinen Kreis zurück.
Das Jin hat über das Jang gesiegt.
[Illustration: Garkoch]
21. Dezember.
Mit der Flinte ging ich morgens einen Hügel hinauf, der steil über
dem Fluß stand. Eine weite Mauer umschloß ihn. Es sind Türen in der
Mauer. Aber sie sind fest und verschlossen. An einer brüchigen Stelle
klettere ich hinauf. Innerhalb liegen nur Äcker. In einer Mulde steht
ein Bauernhof und Bambus. Von unten hat man ihn nicht gesehn. Ich
geh hin. Männer und Knaben kommen mir entgegen. Der alte Bauer hat
eine Pfeife wie eine Waffe in der Hand. Sie ist ganz aus Eisen, eine
kleine Keule. Er ruft mir zu "Zoa, zoa!" (Geh', geh'!) Er war sehr
heftig und bös. Ich ging doch am Hof vorbei, weil ich nicht denselben
Weg zurücknehmen mochte. Alle kamen ein Stück hinter mir drein, wie
Räuber, die sich nicht sicher sind, ob sie den Überfall wagen dürfen,
bis sie sahen, daß ich den Pfad zum Fluß hinabging. Sie riefen etwas
nach. Aber ich bin nicht sicher, ob es das Fluchwort gegen die Fremden
war, das gefürchtete "Jang Kwei Tse" -- Fremder Teufel! Wir haben es
noch nirgends gehört.
22. Dezember.
Die Landschaft wechselte wieder. Kleine heftige Hügel sprangen im
silbernen Dunst aus den Uferfelsen. Hinter ihnen wogte das Land
hügelig weiter bis zu kühn gewölbten Gebirgen, die der Nebel in sich
gefangen hielt und nur figurenweise der Luft gab. Bauernhöfe lagen
in Bambus verborgen. Nur ihr Rauch verriet sie. Rund um sie war
der Boden bis ins allerletzte ausgenutzt und die Äcker mit Hirse,
Getreide, Kohl, Erbsen sahen aus wie Mustergärten. Alle die Millionen
kleiner Pflanzen standen in geraden Strichen, und der fettbraune Boden
schimmerte durch. Die Äcker waren heftig grün, wie Patina auf Bronze,
über die dunkle Erde gelegt.
Die Hunde der Bauernhäuser fielen mich an. Die Weiber standen mit
offenem Munde, von meinem Erscheinen betroffen, in den Höfen und
stürzten plötzlich Hals über Kopf ins Haus. Der Riegel klappte zu.
Schwere feindselige Wasserbüffel gingen durch die Landschaft. Über
einer Stadt, hoch im Gebirg, zog eine zinnen- und turmbebordete Mauer
über Anhöhen und in Täler hinab.
Gegen Abend weitete der Jangtse sich aus. Er wurde ein See, im
Dunst der Abendröte erglühend. Schiffe mit hohen Segeln standen mit
langsamem Weg im Blut des Wassers. Wasserbüffel pflügten auf der Kante
der Hügel gegen den brennenden Himmel und glimmerten dunkel gegen das
Licht. Der Bauer führte den alten Pflug. Er sah aus in seiner Faust
wie ein starker hölzerner Bogen.
Wir kamen in ein kleines Dorf, das in den Ausgang einer Schlucht
gebaut war. Ein kleiner Tempel ohne besonderes Aussehn stand am Weg.
Er war offen, und wir gingen hinein. Es schien der Tempel einer
Schiffergilde zu sein. Überall lagen roh gezimmerte Schiffsmodelle.
Überall war auch Verfall in ihm. Nur auf allen Altären standen
Fayencen von großer alter Schönheit, blau und weiß, eigenartig und
seltsam in den Zeichnungen, und tief und leuchtend im Schmelz. Es
waren zum Teil kindergroße Vasen, immer in abgestimmten Sätzen von
fünf Stücken zusammen. Ein alter, halb vertrottelter Chinese kam nach
langer Zeit heraus, sagte etwas mit seinem zahnlosen Mund, und ich gab
ihm einiges Geld.
Wir lagen über Nacht eine halbe Stunde flußaufwärts. Ich sagte dem
Boy, er solle mit dem Gratisblitzer in das Dorf und zu dem Tempel
gehn und versuchen, ob er die Fayencen kaufen könne. Das Trinkgeld
für ihn, wenn es gelinge, sei sein doppelter Monatslohn. Wir warteten
erregt auf die Rückkehr der beiden. Es wurde tiefe Nacht. Ach, wir
haben uns umsonst erregt. Der Alte ließ uns sagen, er möchte ja wohl
die Gefäße verkaufen, aber jedermann in der Gegend kenne sie, und ich
solle ihm es nicht verargen, daß ihm sein Kopf lieber sei, als meine
Silberstücke. Diese fünfundzwanzig Vasen waren so mächtig, so schön,
so seltsam, wie ein ganzer großer Berg voll blauen Rittersporns in
einer Schneelandschaft und unter einem seidenblauen Himmel.
23. Dezember.
Drei kleine chinesische Erlebnisse hatte ich heut.
Morgens drohte eine Dschunke mit uns zusammenzustoßen. Alle Mann
stemmten sich gegen das schwere Fahrzeug. Ich griff mit ein und kam
grade neben den Koch. Dieser schwerfällige fette Kerl glitschte aus
und sank zwischen die Wände der beiden Boote, die unaufhaltsam sich
einander näherpreßten. Ich bekam ihn noch rechtzeitig zwischen den
Beinen zu fassen und zog ihn heftig herauf. Dabei rutschte sein
Kopftuch ab, und ein anderthalb Meter langer Zopf rollte sich auf.
Alle Kulis stürzten auf ihn los, einer nahm sein Messer, einer ein
Beil, und sie wollten ihm im Scherz den Zopf abschneiden. Andre traten
doch besorgt dazwischen. Keiner hatte gewußt, daß der Reiskoch noch
einen Zopf trug. Heimlich verbarg er das Zeichen, mit dem er an dem
alten China hing. An den Toren der Städte standen Soldaten, die jeden
Zopf abschnitten, der vorbeikam.
Mittags stand ich einem Chinesen drei Minuten lang auf der nackten
dicken Zehe. Das kam so: Wir gingen in einen Tempel, der ganze Ort
hinter uns drein. Sie schoben sich einer vor den andern, um von den
fremden Affen keine Bewegung zu verlieren. Im kleinen Tempel, von
Menschen umringt, sah ich einen merkwürdigen Gott. Ich blieb plötzlich
stehen, zog den Apparat heraus und trat einen Schritt zurück, um
Distanz zu bekommen. Ich fühlte, daß ich auf etwas Weichem stand,
schaute zum Boden und sah einen nackten Fuß. Er rührte sich nicht.
Meine Stiefel waren nicht aus Samt. Ich dachte mir: mach' die Probe
und bleib auf der Zehe stehn. Ich machte die Aufnahme. Es dauerte
eine ganze Weile. Ich spürte die weiche Zehe unbeweglich unter meinem
Absatz. Als ich fertig war, gab ich die Zehe frei und drehte mich
rasch um. Hinter mir stand ein junger Mann mit einem schönen, ebenen
Gesicht. Er schaute an mir vorbei auf den Gott. Er warf keinen Blick
auf seine geschundene Zehe und brachte nicht einmal durch Zurückziehen
des Fußes den Verdacht drauf, daß irgend etwas an ihm mit mir zu tun
hatte. Was war die Ursache eines solchen Benehmens?
Abends kamen wir auf einmal an eine Bucht, die das Flußufer zwischen
Felsen bildete. Es wäre schwierig gewesen und ein großer Umweg,
über die Felsen zu klettern, und ein Chinese hatte sich in seinem
Erwerbssinn diesen Umstand zunutze gemacht, seinen alten Kahn in
der Bucht verankert und von achtern und vom Bug Bambusstangen ans
Ufer gelegt. So war eine primitive und nicht sehr sichere Brücke
geschaffen. Wir turnten hinüber, hinter unsern Ziehern her. Unser
Schiff legte mit andern gleich hinter der Brücke an, und der Chinese
ging mit seiner Fackel absammeln. Der Laopan gab ihm für jeden Zieher
etwa einen halben Käsch. Ich gab ihm für uns beide dreißig. Hätte
ich ihm auch nur einen halben gegeben, so wäre er zufrieden gewesen.
So aber kam auf einmal, durch das unerwartete Überzahlen angelockt,
der Geist des Verdienens mit den Vorspiegelungen abenteuerlicher
Möglichkeiten, die er aus den reichen und wohl auch dummen Fremden
herausholen könnte, über ihn. Er kam gleich und wollte mehr haben.
Die halbe Nacht lang mochte er sich nicht vom Hausboot trennen, und
er verbrannte eine Fackel nach der andern vor unsern geschlossenen
Fensterläden und rief seine Forderungen herüber.
24. Dezember.
Wie eine Überleitung kommt ein Auftakt in die Landschaft. Aus dem
Hügelland sammeln sich wieder die Berge zu einer breiten Schlucht. Sie
ist voll Buchten, und eine jede sieht mit ihren verzogenen Ufern und
dem ruhig und breit strömenden Fluß aus wie ein Gebirgssee. Überall
heben sich die Schächte kleiner Kohlengruben aus den Flanken der
Berge. Auf fernen Höhen stehn religiöse Denkmäler: Ehrenbogen, aus
denen sich zahllose steinerne Arme wie Krallen zum Himmel aufheben.
Eine stürmische Bö jagt uns mit vollem Segel durch die Schlucht.
In einer Nachmittagsstunde erschienen, erst in der grauen Luft
geheimnisvoll zurückgehalten, die Dächerscharen von Tschunking hoch
über dem Strom auf einem geneigten, riesenhaften Felsenplateau, in
grauen Farben in die dunstige dunkle Luft geschüttet. Der Strom ist
hier, 2500 Kilometer von seiner Mündung ins Meer, noch zwei Kilometer
breit. Die Stadt baut sich über seiner mächtigen Bahn fremd und
großartig auf. Ein breiter Fluß strömt in den Jangtse, und an seinem
Ufer, gegenüber von Tschunking, dämmert eine andre große Stadt im
Nebel.
Wir mußten mit unserm Boot zuerst am Zoll anlegen, warten. Die
Zollstation war auf dem der Stadt entgegengesetzten Ufer. Wir gingen
am Strand hinauf und schauten sehnsüchtig und voller gieriger
Erwartung nach Tschunking hinüber. Was wartete dort auf uns? Die Stadt
war eines der großen Mäusenester Chinas. Wir sahen am Ufer unterhalb
eines Tors dunkle schwere Menschenmassen sich zusammendrängen. Wir
gingen zum Boot und fragten. Der Boy erkundigte sich. Er kam, lächelte
und erzählte, daß man jetzt drüben die zwölf Räuber köpfte, die man
vor einigen Tagen in Futsou gefangen hatte. Die Menschenmasse quoll
hin und her. Die hohe Treppe zum Tor hinauf war wie ein dunkles
bewegtes Band.
Den Fluß aufwärts standen steile Gebirge im grauen Abend. Es
waren die ersten Regungen des Tibet. Sie hatten kalte, verhüllte,
befremdende Formen. In dieser Stunde begann man zu Haus in Europa den
Weihnachtsbaum anzuzünden.
SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT
STADT
Vom Jangtsekiangstrand, wo unterhalb des hohen Tores Tung Sui vor
dem hin- und hertanzenden Scharfrichter die zwölf Flußräuberköpfe
in den Sand gefallen waren, stiegen wir die mächtige steile Treppe
zur Stadt Tschunking hinauf, mitten in den Scharen der Leute, die
hinab schauen gegangen waren. Ein Chinese ging vor uns, hielt ein
Ästlein mit gelben Blüten vor sich, als sei es aus Glas und Porzellan
gesponnen. Er drehte sich einmal nach uns um. Seine Blicke waren wie
aus Jett ... das Rätsel ... das Rätsel! Wir sahn unser Hausboot gelb
unten zwischen Dschunken liegen. Dreißig Tage waren wir mit ihm den
Strom heraufgefahren, durch Schluchten und über die tollen Schnellen
und an Stadt und Dörfern vorbei und während uns diese Fahrt, mit allen
Abenteuern und überstandenen Gefahren, mit allen Lüsten und Mythen der
verzweifelt und ekstatisch fremden Reise noch das Blut dunkelte, sahen
wir hinter der mächtigen Stadt die steilen ersten Gebirge des Tibet
nebelig in den Abend tauchen.
Diesen ersten Abend in Tschunking verbrachten wir in dem Haus, in
dem der Norddeutsche mit dem Genfer einen sich sonderbar ergänzenden
Haushalt zusammen führten. Es waren nur sehr wenige Europäer in der
Stadt. Das Haus hieß Ba-Fung. Ein Tannenbaum brannte im Eßzimmer,
und er war mit chinesischen Nippes behängt. Es war infolgedessen
der erste wirklich vollkommene schöne Weihnachtsbaum, dieser
Weihnachtsbaum, den ein chinesisches Christkind geschmückt hatte und
dessen Seele so von Deutschland duftete.
Aber nachher wurden wir in Sänften zu dem Haus getragen, das man
für unsern Aufenthalt so liebenswürdig vorbereitet hatte. Der Stuhl
mit der leichten Gre flog vor mir her und verschwand bald in der
Finsternis der bald ebenen, bald steilen Gassen, die sich wie ein
geheimnisvolles geometrisches Werk vor den aufgerissenen Augen
aufbauten und zurückgingen. Die nackten Fersen der drei Träger
klopften auf die Steinfliesen wie eilige Stockschläge.
Sie stürzten dahin wie ein Federwerk. Ein mitten durch die Straße
verschlossenes Holzgatter fing sie auf einmal auf. Sie schimpften
etwas in die Finsternis. Die enge Nachtgasse erbebte von ihren
Gurgellauten. Der Laternenträger, der immer vor dem Stuhl herlief,
griff zwischen die Stäbe des Gitters. Auf der andern Seite stand ein
Polizist, der sich aber nicht rührte. Ein Ballen Lumpen tauchte neben
ihm auf und reichte einen Schlüssel. Einige Münzen fielen. Schon
liefen die Kulis wieder hinter dem geöffneten Gatter.
Gre, die wir am Straßentor eingeholt hatten, war uns wieder entwischt.
Es kam bald ein zweites dieser Holztore. Es ging wie beim ersten. Die
unter den Kehltönen erbebende Dunkelheit, der Lumpenballen mit dem
Schlüssel hinter dem reglosen Polizisten, die auf die Steinfliesen
klingenden Münzen, das Lumpenbündel wie ein Vogel drüber niederfallend
... Die Träger stürzten wieder an.
Und auf einmal war es, als rissen sie sich aus ihrem Lauf. Pan go!
brüllte einer ... Wechseln! Sie wechselten die Schulter im Nu unter
dem Tragbalken. Trappetrapp! klopften die nackten Fersen weiter über
die Steinplatten. Die dicke Papierlaterne mit dem großen roten Zeichen
des Hauses Ba-Fung vergoldete im Fliehn die Hauswände. Die Hauswände
zitterten in der Finsternis zurück.
Unterwegs waren viele Treppen. Einige stiegen mit mehreren hundert
Stufen steil hinauf. Ich lag dann tief hintenüber in der Sänfte.
Ich dachte: so kannst du hintenüber hinausstürzen und rückwärts bis
in alle Ewigkeit dieser Dunkelheit kugeln und kugeln. Was wird dich
aufhalten? Kein Häkchen steht aus deinem Hirn heraus zum Anklammern
in dieser fremden Geographie des Geistes, und dein Gemüt ertrinkt
eher in einer Irrenanstalt, als daß es mehr als Liebe hergäbe zu dem
geheimnisvollen Sturz durch die Finsternis Chinas.
Aber die Treppen milderten den Takt der Träger.
Dann ging es wieder eben, und der Lauf begann von neuem. Treppen, die
nicht mehr als haushoch waren, fuhren sie mit einem einzigen Anlauf
hinan, der aus ihren Muskeln stürzte, zugleich wo ein anfeuernder
Schrei sich ihrem Mund in die Finsternis entbohrte.
Auf einmal tauchten wir in einen finstern Torbogen wie in einen
Schwamm. Der Stuhl wurde durchgerissen, flog atemlos Stiegen an und
oben schien der Sternenhimmel über mir und nah seitwärts auf der Höhe
meines Sitzes glitten die Zacken der gezinnten Stadtmauer vor der
Tiefe zurück. Ich erschrak. Zwei Ratten liefen eine Weile im Licht der
Papierkugel vor mir die dunkeln Zinnen entlang. Unten sah man wenige
Lichter auf dem Fluß. Weiter entfernt und höher leuchtete es hier und
dort in den schwarzen Massen der Stadt Kiangpe jenseits des Kiating,
und über alles floß die tiefe klare Sternenfinsternis. Der Stuhl fuhr
jäh und rasch den Weg über die Mauer, sauste wieder Treppen hinauf
und glitt vorsichtig Stiegen hinunter. Die Stangen wippten im Takte.
Ich schien so über die Zinnen der Mauer gehoben hoch durch die Tiefe
der Nacht geschaukelt zu schweben. Der Lichtschein der Papierlaterne
beleuchtete einmal die Fesseln des Trägers vor mir. Sie zitterten,
als ob die Füße abbrechen wollten. Jetzt stürzt er, fuhr es in mir
auf. Ich stemmte mich gegen den Fall. "Pan go!" Halt und wechseln. Die
Stöcke klopften nieder. Fast im selben Augenblick lagen die Bäume auf
der andern Schulter. Der Stuhl eilte weiter. In einem Totenhaus --
rasch vorbeigeweht -- ist Bumbum, Geleier, Geheul und Lichter. Endlos
in weiten Biegungen fahren unsere Sänften über die Mauer. Die der
leichten Gre entwischt meinen Trägern immer weiter. Ferner und hoch
seh ich bald das Licht ihres Stuhls die Finsternis erklimmen. Dann
verlöscht es.
Schließlich schwankte mein Stuhl mit kurzer Wendung in eine Gasse,
schlüpfte hastig und heimlich durch ein Gewuschel von Treppen und
Schlüffen, Höfen, Häusern und stieg endlich ins Tor unseres Hauses
hinein. Dort stand Gre schon und wartete. Wir waren wie geblendet
von der Fahrt durch die finstere Stadt. Es war eine Vision, ein
geheimnisvoller und abenteuerlicher Flug in einem Luftballon durch
China.
Das Haus war wie ein Kastell, an die Kante der Stadt zwischen hohe
Mauern gestellt. Von der großen Veranda, die das erste Stockwerk
umlief, sahen wir die Stadtdunkel und mit den mächtigen Dächern
der Tempel der Nacht anheimgegeben. Auf die glasierten Drachen und
Blumengitter der Dachfirste glitzerten ganz fein die Sterne nieder.
Ein Musikant fiedelte durch die Gassen vor dem Tor. Ein Garkoch rief.
Ein Nachtwächter ging draußen vorbei und schlug dröhnend auf seinen
Gong, um die Diebe zu erschrecken. Ein Tamtam wollte den Sinn der
Götter auf die Erde lenken, auf die vor Fremdheit wie eine Äolsharfe
tönende, unerschöpfliche, finstere Erde.
Gleich des andern Tags begannen wir die Stadt zu erforschen. Ihr
Leben war so bewegt und mannigfaltig wie ihre Anlage. Die Stadtmauer
führte wie ein Wall über der Tiefe der beiden Flußtäler. Im Winkel
des Zusammenflusses unterhalb alter finsterer Toreingänge lag die
Flußstadt. Sie bestand nur des Winters. Der Jangtse ist ein Strom
von so mächtiger Rätselhaftigkeit wie China selber. Hier oben, 2500
Kilometer von seiner Mündung, stieg sein Wasserspiegel zu Beginn
eines jeden Sommers um dreißig Meter. Seine Breite erreichte etwa
zwei Kilometer. Im Winter floß das Wasser wieder ab, und an dem
breiten Strand erbaute sich wie überall an diesem Strom die Stadt
mit Läden, Garköchen, Teehäusern, Handwerkern, Ärzten, Wahrsagern,
Freudenhäusern und einem immer in Fleiß verwühlten Leben. Am Ufer
drängten sich die Scharen der Dschunken und Wupans zusammen. Große
Hausboote lagen da. Bettler- und Dirnenboote, rudernde Küchen, Krämer
und Geistliche fuhren zwischen den Schiffen hin und her. Vom Fluß
stiegen Treppenaufgänge zur hohen Stadt, deren Leben dem Treiben
in der Flußstadt nichts fortzunehmen schien. Breite Menschenmassen
überfluteten die Treppen mit arbeitender Hast und zwängten sich
oben an der Mauer in dunkle schmale Tore hinein. Bevor man ins Tor
hineinging, sprang von der Treppe eine lange Gasse von Häusern ab,
die auf hohen Stangen an die Stadtmauer gelehnt waren und droben wie
zerbrechliche Nester anklebten. Zwischen Fluß und Stadt gab es keinen
Quadratfuß Weg, den nicht fortwährend der nackte Fuß des Kulis beging
und der den chinesischen Fleiß von Jahrtausenden in tiefen Spuren in
den Leib geprägt trug. Der Jangtse zog ins Tal hinab, gelb vom Sand
der Ufer, wie die Stadt grau war, und mächtig wie sie.
Im Innern standen an den Toren Polizisten, und einer hatte die Pflicht
darüber zu wachen, daß kein bezopfter Chinese in die Stadt kam. Er zog
die Kopftücher herunter und jeder Zopf wurde bis auf die Haarwurzeln
abgesäbelt. An den Toren unterbrach die Schnur der Wasserträger, die
von früh bis spät die Stadt mit dem Fluß verband, den eintönigen
schweren Takt ihres Zugs. Andere Kulis nahmen hier die Eimer ab und
liefen mit dem Wasser an der Tragstange weiter die engen Treppengassen
hinauf, die von den tiefen Toren in die Stadt hinauf auseinander
kletterten.
Die Gassen schlangen sich klimmend durcheinander, liefen eine Weile
eben und führten plötzlich wieder auf hohe Stiegenabgänge, die sich
wieder zu tiefer liegenden Stadtteilen hinabsenkten. Die Anlage, die
Gassen waren von einem feuerigen Temperament, ganz anders wie in dem
strengen Tschangscha. Anfangs verliefen wir uns immer und machten
zwischen Ba-Fung und unserm Haus Umwege von zwei Stunden. Aber das
Dasein der Gassen war so bunt und anreizend. In jeder der dunklen
Höhlen arbeiteten fleißige und geschickte Hände. Es wurde geschnitzt,
gestickt, getrieben, gedrechselt, gemalt, gewebt, ziseliert. Hier
wurde in großen Läden verkauft, dort gekocht und gegessen oder Seide
abgesponnen, Tuch gewalkt, Reis gedroschen, zarte Bambuskugeln wurden
zu farbigen Seidenlaternen bekleidet und Menschen und Tiere aus bunten
Papieren aufgebaut und zur Begleitung der Toten ins andre Reich
bereitgehalten. In schönen runden Haufen hingen die roten Kerzen in
den Läden und die goldverzierten roten Feuerwerksfrösche häuften sich
in den Gestellen hoch.
Alle Gassen waren bebend gefüllt mit vorandrängenden Menschen.
Manchmal durchbrach eine Reihe von fünf, sechs Blinden hastig im
Gänsemarsch, einer die Hand auf der Schulter des andern, die wogende
Menge. Der erste quäkte ein Lied und die andern sangen den Kehrreim.
Die Bettler waren nicht wie in andern Städten. Sie waren einigermaßen
Artisten. Zweien begegneten wir immer, von denen der eine drei
bestielte Kerzen, der andre drei große Brotmesser im Kopf feststecken
hatte. Ab und zu nahmen sie sie heraus und steckten sich sie vor
unsern Augen von neuem ins Hirn. Einer kam jeden Morgen an unserm Tor
vorbei, der tagein, tagaus ein altes Weiblein, seine Mutter, auf dem
Rücken durch die Gassen trug. Fürchterlich aber war der Mann, der
von Laden zu Laden ging, unversehens ein Hackbeil hochhob und sich
lächelnd damit in den Arm schlug. Der Arm war voll blutiger Schnitte
und die Kleider mit Blut besudelt. In der hohen Treppe, die zum Haus
unsrer Freunde hinabführte, kniete jeden Tag bis in die Dunkelheit
hinein ein Mann, der, sobald jemand nahte, plötzlich mit aller Wucht
den Kopf auf eine Steinstufe niederschlug. Es klang wie von einem
Hammerschlag. Man fuhr erschrocken auf. Der Bettler hob aber den
Kopf und ließ seine flehenden Hände die Kleider der Vorübergehenden
streifen. Auf der Stirn hatte er eine dicke graue Beule wie einen
steinernen Keil.
Und immer sah man Kinder umherlaufen, die, erst Schüler, diese Dinge
unvollkommen und im kleinen nachmachten. Auch einige Bettelmönche
durchstreiften Tag für Tag die Gassen. Sie gingen wie in einem kleinen
schmutzbedeckten Traum daher. Ein alter Mann war unter ihnen. Er
hatte seine spärlichen langen grauen Haare über den Schläfen in zwei
Schnecken aufgebunden, wie ein deutscher Backfisch. Er trug einen
Baumast als Stock, dessen Wurzeln ausgeschnitzt waren und hielt als
Bettelschale einen geschnitzten und rotlackierten Wurzelstock hin.
In den Gassen saßen schmutzige und mit Aussatz behaftete Weiber.
Sie riefen einem von fernher eindringliche Worte zu und griffen
mit magern Armen wie Spinnen nach dem Vorübergehenden, der nichts
gab. Eine Bettlerin, die nichts hatte, um ihre nackten Beine zu
bekleiden, legte sich Papiere über die entblößten Schnürfüße. Es war
unstatthaft, die "goldnen Lilien" zu zeigen. Rotbärtige Tibeter, mit
Lammfellen bekleidet, irrten fremd durch die Fremdheit der Volksmassen
Tschunkings.
Mit der Dämmerung, um sechs Uhr etwa, schlossen die Geschäfte. Die
eisenbeschlagenen schweren Türen der Stadttore wurden zugerammt und
trennten Stadt und Land. Ein letztes Aufatmen ging durch die Gassen.
Ein neues verkleinertes Geschäftemachen begann. In der Sin Fung
Gai, der neuen Windstraße, breiteten kleine Händler allerlei Dinge
im Schein von offenen Ölflammen an den geschlossenen Wänden der
Geschäfte aus. Man konnte hier manchmal ein schönes Kupfergefäß oder
eine Stickerei kaufen. Dort, wo die Gassen mehr Platz machten, und in
den kleinen Teelokalen erschienen Erzähler. Die einen erzählten im
Takt von Instrumenten in alten Versen, sonderbar und eintönig dazu
tänzelnd; die andern saßen auf einem erhöhten Tisch im Teehaus. Sie
waren von der Regierung angestellt und sollten den Gedanken an die
Republik verbreiten. Sie schlugen von Weile zu Weile, ohne ihre Rede
zu unterbrechen und ohne Zusammenhang mit ihr, mit einem kleinen
Brett heftig auf den Tisch, um eine abgeirrte Aufmerksamkeit wieder
heranzuziehen. Erzähler von schmutzigen Geschichten sammelten, aus
Furcht vor der Polizei, in dunklen Hofecken einen Kreis von lachenden
Zuhörern um sich.
Es gab viele Theater in Tschunking, und berühmte Gesellschaften
spielten in ihnen. Dann lief die ganze Stadt hin und die Vorstellungen
begannen oft schon vormittags und dauerten bis in die Nacht. Man hörte
bis in die Straßen den Lärm ihrer Musik. Ihre Eingänge waren mit
Lampions in Gestalt von phantastischen Tieren behängt. Es ward uns zur
Leidenschaft, uns ihren Rätseln anheimzugeben. Sie waren prunkvoll und
primitiv, verworren und glasklar, lärmend und ergreifend.
Niemals in irgendeiner Kunstäußerung war etwas so bis zur Grenze des
geistig Möglichen in Stil gewandelt worden. Hier sahn wir den Zorn
stilisiert, die Dummheit, die Häßlichkeit, die Liebe, Vaterlandsgefühl
und Kraft, Mut und Tod. Aber alle Stilisierung war irgendwie im
Zusammenhang mit etwas Lebendigem geblieben, mit etwas der Kreatur
Anhaftendem. Es schien der Bewegungslinie schönster Tiere abgeschaut
worden zu sein. So schüttelt sich, Nerv bis in das letzte Federaug,
der Pfau, der im Brunstzorn das Rad aufschlägt; der Hengst, der frei
auf einer Wiese rast und sich in der Hand des Zähmers bändigt ...
Wie in allen Gesellschaften waren auch hier die männlichen Darsteller
der Rollen junger Frauen bei den Zuschauern am beliebtesten und auch
für die europäische Phantasie am aufregendsten. Sie waren schmal und
schön, von kostbar bestickten Gewändern überflossen; eine Kultur
der reinen Lasterhaftigkeit im geistig Erotischen war in ihnen. Sie
waren von einer engschultrigen, hüftenspielenden weiblichen Linie
und weichen, vollkommenen Bewegungen, und doch lag in allem, was
sie taten, ein letzter Schimmer männlicher Herbheit. Sie schufen
ein Zwischengeschlecht, dem die Phantasie anheimfiel. Die Chinesen
wurden lasterhaft durch sie. Wenn eine dieser Gestalten auf der Bühne
erschien, schrie das ganze Theater seine wie erbost und in jäher
Flamme des Eros hervorgestoßenen Cha! Cha! ... Du bist schön.
Europäer belachen dies Theater, weil es so fern von dem Verismus
ihrer Bühne ist. Sie hätten wohl recht, wenn es feststünde, daß ihr
europäisches Theater etwas Primäres und etwas endgültig Naturhaftes
wäre. Wenn es als Axiom zu gelten hätte, daß die Verquickung von
produzierender Kunst des Dichters mit der reproduzierenden des
Darstellers etwas Gottgegebenes sei. Ist es aber nicht möglich, daß
der einmalige Zufall einer Genialität wie der Shakespeares das ganze
europäische Theater in eine Bahn lenkte, in der es heut scheinbar von
selber läuft?
Leiden nicht alle wahrhaftigen Dichter blutig bei uns unter der
Übermittlung ihrer Werke durch den Schauspieler? Und ist der
Schauspieler selber nicht ein Mensch geworden, dem das Reale unter
den Sohlen entgleitet, ohne daß er den geringsten selbsttätigen
Anteil an der Ursache des schattenhaften Verhältnisses hat, in dem
er zur Wahrheit steht? So sehr unter den Sohlen entgleitet, daß er,
abgerechnet das, was groß- und kleinstädtische Dummheit, Mode und
Suggestion aus ihm machen, ein pendelndes geistiges Neutrum ist, das
sich nie ganz frei von Lächerlichkeit und Lüge und sich nirgends
mit seinen zwei eigenen Beinen in unsere Welt gestellt weiß! Ist es
nicht auszudenken, daß, vor einer Äone geistigen Lebens, unser ganzes
Theater von heute in Europa ein Irrtum ist, von dem größere Zeiten den
europäischen Geist wieder reinigen werden?
Im chinesischen Theater ist der Darsteller in gewissem Maß zugleich
der Produzierende und der Wiedergebende. Die Stoffe dieser Stücke sind
wirklich Stoff, nur Stoff, wie der Lehm dem Bildhauer. Man sagte mir,
es bestünden eigentlich keine Texte, der Schauspieler improvisiere.
Das ist wohl so zu verstehen, daß das Theater nur aus dem Prinzip des
Improvisierens entstanden ist, daß sich im Laufe der Zeit aber eine
Überlieferung herausgebildet hat, an die sich der Darsteller hält!
Das ist um so wahrscheinlicher, als der Schauspieler, bevor er auf die
Bretter gelassen wird, ja von Kind an, eine Schule strengster Zucht
durchmachen muß; denn er soll nicht nur eine reine Geistigkeit sein,
sondern muß, für eine Anstalt, in der die Ausstellung des Körpers doch
die wahrhaftigste Bedeutung ist, lernen, diesem Körper eine Befreiung
von seiner Schwerkraft zu geben, die seine Äußerungen der leichten
Atmosphäre der Geistigkeit nahebringt. Dazu muß er Akrobat werden.
In der Darstellung vermag dann der chinesische Schauspieler seine
Physis in eine europäischem Begriff übermenschlich erscheinende, in
eine flughafte und mit Fließkraft versehene Bildhaftigkeit aufzulösen,
wobei ich nicht an die Saltomortales denke, sondern an seine
Bewegungsart überhaupt.
Wohl erschien dies Theaterspielen uns Fremden zunächst als reine
Artistik. Aber haben wir nicht rasch gelernt, mehr darin zu sehn ...
ganz etwas anderes und größeres? Lebt in dieser Bühne Chinas nicht
dieselbe befruchtende und beseligende Symbolhaftigkeit, die wir selber
bei uns etwa aus der Wohnkunst unserer Vorfahren unmittelbar durch die
Augen in unser Herz leiten? Jene Wohnkunst stammt auch vom Handwerker,
vom Wirkenden mit der Hand. Der Hand aber die Geistigkeit zu geben,
die ihre Produkte über die Vergänglichkeit des Muskels in die lichten
Räume von Gehirn und Empfinden hineinführt -- für Hersteller und
Betrachter -- ist das Artistentum?
Ebensowenig ist der chinesische Schauspieler Artist. Er ist ein
Stilkünstler ohne Vergleich. Das Barock in Europa hat durch die
sprengende Macht seiner weltlichen Stilkraft den Gedanken besiegt,
dem es dienen sollte -- der strengen weltabwendenden Kirche. Das
chinesische Theater hat Leib und Seele, wie im Geheimnis des Jinjangs,
zu Stil zusammengefügt, und für China und seine Ewigkeit das Problem
Bühne gelöst.
Wenn man dies anerkennen würde, müßte freilich die Alleingültigkeit
Europas aufgegeben werden, auf die man nach Lowells Buch über den
Osten noch weniger verzichten will als vorher ...
Gegen zehn Uhr waren die Theater zu Ende. Das Leben in den Gassen
erstarb rasch. Die Gittertore, die im Innern der Stadt die einzelnen
Straßenzüge voneinander trennten, wurden geschlossen. Es war
Mittelalter und graue Stummheit, und nur in einigen Vierteln wachten
noch einige Lichter und Geräusche, wachte noch einige Arbeit und
dröhnte der bronzene Gong der Nachtwächter. Wir flogen in den Sänften,
von der ungestümen Kraft und Gewandtheit der Träger dahingerissen,
treppauf, treppab, über die unheimliche Stadtmauer, auf die aus
der Nacht heraus die Düsternis und Grausamkeit des Mittelalters
niedersprühte, unserm Haus zu.
Die Schauspieler einer der fremden Truppen wohnten an unserm Weg nach
Ba-Fung. Sie wohnten in einem Haus mit einem großen finstern Hof,
in den ein Tor führte. Darin saßen sie oft, erkenntlich an ihrer
süßlichen Art sich auszustatten, sich die Haare zu glätten unter den
kleinen runden schwarzen Käppchen mit einem roten Knöpflein auf dem
Dach. Sie waren nicht nur Schauspieler, wie gesagt, sondern aufgesucht
von der Lasterhaftigkeit der verriebenen Erotik gewisser Kreise des
Volkes.
Ich sah einem Straßenarzt zu, der mitten im Verkehr tätig war, etwa
an der Ecke der Linden mit der Friedrichstraße. Er hatte einen alten
Kuli auf einer Bank vor sich sitzen. Er mischte in einer Schale zwei
Flüssigkeiten, besprach sie, trank davon und gab darauf dem Patienten
zu trinken, indem er murmelte und beschwörende Bewegungen machte.
Dann stellte er die Schale fort, löste dem Kuli das Hosenband, die
Hose fiel zurück bis auf die Knie, die ganze Partie hinten und vorn
entblößte sich dem Patienten, und es erschien ein trächtiger Bubo. Der
Arzt nahm eine leichtgebogene Klinge, die nicht sehr scharf schien und
mit Rost bedeckt war und stieß sie unversehens in den Bubo hinein.
Das Leben des Nachmittags umstrudelte die Operation. Der Arzt nahm
Reispapier, trocknete damit das Blut auf; der Kuli band sich die Hose
wieder über, bezahlte mehrere Kupferstücke und ging davon.
Hinter einem Ladentisch, die mit geringen Ausnahmen sich alle in die
Straße öffneten, zeigte einer der Verkäufer, während ich etwas kaufte,
einem andern die Fortschritte einer Geschlechtskrankheit am Objekt
selber.
Die Prostitution der niedern Klassen vollzog sich ohne Türen noch
Vorhang. Für die körperlichen Ausscheidungen suchte man nie nach einem
verschwiegenen Ort, sondern hockte sich an die erste, etwas freie Ecke
oder an den Wegrand.
Aber die Frauen kannten diese Sitten nicht. Sie waren ängstlich auf
größten Wohlanstand bedacht, auf die unverletzbarste Verschwiegenheit.
Das außereheliche Liebesleben der bessern Kasten aber vollzog sich
unter reizenden, graziösen und formvollendeten Zeremonien, bei denen
dem Liebesmädchen alle Freiheit, ja mehr Achtung der Selbständigkeit
erwiesen wurde, als etwa einer Ehegattin. Nie, auch nicht beim Kuli,
wurde ein öffentliches Mädchen mit Europäern geteilt. Der Hingabe
an einen Weißen folgte, sobald sie bekannt wurde, der vollkommene
Ausschluß aus jeder chinesischen Gesellschaft.
TEMPEL UND SOLDATEN
Wir kamen an andern Tagen in schöne Tempel und in prunkvoll gebaute
Gildenhäuser, die von außen wie Tempel aussahen. Bei fast allen
steckte in einer eintönigen schlichten Fassade das Tor wie buntes
Flitterwerk. Zwei Hunde Fo, grimmige, berankte Steingrotesken, standen
in fremder und böser Erstarrung Wache davor, und das Innere entfaltete
unerwartete, von Dunkelheit samtig bereifte Schönheit und Kunst. Die
erhabenste dieser Anlagen war die des roten Kungfutsetempels. Er stand
oben über der Stadt. Eine vielstöckige hohe Pagode leitete ihn ein,
wie eine aufklingende fremde Hymne. Die Pagode stand unvermittelt
in den kleinen schmutzigen Geschäftshäusern dieses abgelegenen
Stadtteils, in dem alte Möbel und Kleider und am Spieß gebratene
Hunde durcheinander verkauft wurden. An ihr vorüber ging man in den
Vorhof. Schöne Steinbrücken spannten sich über tote Teichanlagen, und
große Tore führten weiter von ihnen in den Tempelhof. Hier stand vor
dem großen Heiligtum über dem Steingebild, das die Seele Kungfutses
in seine granitnen Mysterien eingeschlossen hielt, ein edles altes
Räuchergefäß aus Bronze. Über ihm öffnete sich hinter geschnitzten,
vergoldeten Paneelen die dunkle rote Halle des ersten heiligen Raums
mit dem purpurnen hohen Kungfutsealtar.
Die Tempelanlagen waren verlassen. Sie waren bejahrt und leer und
hallten erstaunt von unsern fremden seltenen Schritten, wie eine alte
schlafende Seele. Aber alle andern Tempel der Stadt waren von Soldaten
besetzt und zu Kasernen gemacht worden. Das hatte die Republik sehr
geschickt vollbracht. Die Stellen, die Kungfutses Geist bewohnt hatte,
waren mit scharfgeladenen republikanischen Gewehren besetzt worden.
Kungfutse, der in jedem Individuum immanente Gedanke Chinas, die
schöpferisch erhaltende Kraft dieser Rassen lehrte, daß die Macht
gotterlaubt sei, und die Republik ließ ihre Macht von den Plätzen aus
ins Volk scheinen, an denen vordem der ewige Willen des Erziehers
Chinas wie ein steter Brunnen ins Land geflossen war.
Überhaupt war die ganze Stadt voll vom Treiben der Soldaten.
Tschunking war der Akkumulator der großen und mächtigen Provinz
Ssetschuan und schickte seine Wellen bis tief in den Tibet hinauf
und bis zum Meer hinab. Es war der Regierung eine Macht, diese
Stadt sicherzuhaben, die voll unsicherer Elemente war. Blut floß
hier von Hinrichtungen, wie eine unversiegbare Quelle. Im Jahre
1913 hatte Ssetschuan 50000 Hinrichtungen gehabt. In der Stadt
wohnten viele reiche, machtlüsterne Menschen, die das alte und das
neue System gegeneinander ausspielten und doch nur sich meinten.
Politische Attentate waren ungehemmt öffentlich ausgefochten worden
wie Versteigerungen. Man hatte auch wiederholt, um der Regierung
Schwierigkeiten zu machen, Komplotte gegen die paar Europäer
geschmiedet, die Tschunking bewohnten und andre Parteien hatten
diese hintertrieben. Unsere Freunde in "Ba-Fung" hielten jederzeit
Strickleitern bereit, um im Falle von Gefahr nachts über die
Stadtmauer, die unter ihrem Haus lag, sich zum Hausboot hinab zu
retten.
Es lag der Regierung daran, sich hier mächtig zu zeigen. Über Ba-Fung
war eine große Kaserne, ein alter Tempel. Tagein, tagaus übten die
Soldaten im Hof um die steinernen ingrimmigen Wachthunde Fo. Wir
blieben oft am Tor stehn, um zuzuschauen. Eine Schar Soldaten ging
im Kreis um einen kleinen jungen Offizier herum und übte einen
Parademarsch. Es wurde dazu gezählt: "i ... örl ... san ... se! ...
I ... örl ... san ... se! ..." und die Soldaten mußten zum Takt des
Zählens zugleich Beine und Arme hochheben und niedersetzen. Es waren
jedoch zwei im Kreis, denen das absolut nicht gelang. Trat der Fuß
nieder, so hob sich unversehens der Arm rasch in den Himmel. Hasteten
sie dann, den Fehler einsehend, mit dem Arm herab, so schnellte das
Bein wieder hoch. Es war wie in einer dummen Posse. Aber alle benahmen
sich tiefernst dabei. Überall herum saßen Soldaten und wollten auf
europäischen Trompeten blasen lernen und lernten es nie. Die Mißtöne
fuhren hart und grell aus allen Stadtteilen durcheinander, und bis
in die Nacht hinein war die Stadt vom falschen Lärm dieser Trompeten
angefüllt.
Unten am Strand waren oft Übungen und Paraden. Die Paraden wechselten
dort mit den Flußräuberhinrichtungen ab. Kamen die Soldaten wieder zur
Stadt herauf, so sangen sie zum Marschieren. Aber sie sangen nicht
nach heimatlicher Art, sondern von Europa bezogene Lieder. Einer
dieser Gesänge war ein deutsches Kinderreigenlied. An den Kolonnen
vorbei sprengten die Ponys feuerspritzenden Hufs, heißblütig mit den
Offizieren die Treppen hinauf und durch die Gassen.
NEUJAHR
Der erste Januar nahte. Auch das alte Fest des Jahresbeginns, das
in China zu Anfang des Februars gefeiert wurde, sollte auf den
europäischen Jahresbeginn verlegt werden. Das verlangte die Republik,
und in den Kasernen schmückten die Soldaten die Höfe, und die
Kaufleute, die von der Regierung abhängig waren, hängten schon jetzt
die roten Laternen und die goldenen Sprüche auf roter Seide aus.
Auf einmal sollte der alte Kreis gesprengt werden. Die technischen,
wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen der weißen Rassen
sollten gewaltsam die geweihten Dinge des gelben Volkes wegschwemmen.
Dem Genie dieses Landes waren solche Entwicklungen fremdgeblieben.
Es ruhte mit bronzener Heiligkeit noch in der schweren uralten
Gesetzlichkeit seiner gesellschaftlichen Systeme und seiner Kultur.
Der japanische Bruder schien ihm in die Nase zu stechen, und es sah
nicht, daß dieses Land, das aus seinen Flanken entstanden, durch das
unvermittelte Übernehmen europäischer Dinge zum Zusammenbruch seiner
wirtschaftlichen Kräfte und zu dem schlimmen Zusammenbruch seines
Volkscharakters getrieben war. Überall in der Welt, wo wir etwas mit
einem Japaner zu tun gehabt hatten, waren wir betrogen worden. In
den chinesischen Städten saßen die japanischen Bazare und vertrieben
betrügerisch hergestellte Waren, die den alten chinesischen Geschmack
und die alte Solidität durch windigen Schwindel ersetzten. Überall
saßen die japanischen Zahnärzte und bemühten sich, das von der Strenge
der Regierung besiegte Opiumlaster durch Äther und dergleichen zu
ersetzen.
Aber schließlich ging das Volk den Weg der Regierung noch nicht mit.
Es verstand nicht, was man von ihm wollte. Es ließ Kaufleute und
Kasernen das europäische Neujahr feiern und bereitete sich auf sein
uraltes Fest vor. Zuerst mußten die Schulden bezahlt werden, und dann
kamen die Tage der hemmungslosen Vergnügen. Die Pfandleihen lebten auf
in diesen Wochen.
Der Boy kam eines Abends zu uns und fragte, ob ich nicht ein kleines
Mädchen kaufen wollte. "Wer will denn eins verkaufen?" fragten wir.
"Die Ama", antwortete er. "Ist es denn ihres?" -- "Nein!" -- "Weshalb
verkauft sie es denn?" -- "Weil sie Geld nötig hat zu Neujahr." Wir
dankten dem Boy für das Angebot. Was sollten wir mit einem Mädchen
machen, hielten wir ihm entgegen. Da erzählte er, daß alle seine
europäischen Herren vor uns sich Chinesinnen gekauft und sie mit auf
ihre Reise genommen hätten, und daß auch der eine "Master" in Ba-Fung
eine Chinesin hätte. Sie sei aber ein Kantonesin und nur gemietet, und
gehöre einer alten Frau in Hankau. Der bezahle er jeden Monat zwanzig
Dollar. Sie heiße Tai kin.
Als wir nachmittags uns nach Ba-Fung tragen ließen, geschah etwas,
was ich schon lange erwartet und gefürchtet hatte. Es war naß, und
der vorderste Kuli meines Tragstuhls stürzte, als die Träger ungestüm
eine Treppe hinaufeilen wollten. Die Querstange schlug ihn aufs Genick
und drückte ihn so fest mit dem Gesicht zwischen zwei Stufen nieder,
daß er sich nicht von selber befreien konnte. Die beiden andern Kulis
liefen zu ihm, bevor ich aussteigen konnte, denn ich lag in der
schrägen Treppe hilflos tief hintenüber im Stuhl. Sie hoben die Stange
hoch und zogen den Mann auf die Beine. Im selben Augenblick war er
wieder mit den Schultern unter dem Tragbalken, und die Sänfte hastete
weiter.
Aber ich sah, daß der Mann unsicher ging und ein wenig taumelte,
und plötzlich war eine breite Blutspur hinter ihm. Da ließ ich
halten, stieg aus und ging zu ihm. Er hob ein blutiges Gesicht mit
zwei stumpfen bittenden Augen zu mir hoch. Er hatte sich die Nase
entzweigeschlagen und die Lippe gespalten. Trotzdem wollte er seine
Arbeit zu Ende führen. Die andern versuchten mich wieder in den Stuhl
zu drängen. Sie fürchteten, der Verdienst ginge ihnen verloren. Sie
stießen mich sachte zurück und beschwichtigten mich durch Gebärden.
Aber ich bezahlte sie so, als ob sie den ganzen Weg gegangen wären und
gab dem Gestürzten einen Silberdollar. Sie dankten lachend und ich
ging hinter Gres Stuhl zu Fuß weiter.
Ich hätte sie nicht bezahlen brauchen, denn nach dem chinesischen
Gesetz ist der Stürzende selber schuldig, wenn er auf nasser oder
gefrorener Straße fällt. Weil es naß oder glatt ist, muß er doppelt
aufpassen.
Wir hatten schon so vielmals gesehen, daß in China das Gegenteil von
dem galt, was man von Europa her gewöhnt war. Wenn die Kinder vor dem
Lehrer aufsagten, kehrten sie ihm nicht das Gesicht zu, sondern den
Rücken. Schaufelt der Chinese Sand oder sonst was, so schaufelt er
nicht von sich fort, sondern zu sich heran. Die Trauerfarbe ist weiß,
nicht schwarz. Das Essen beginnt mit der süßen Speise und endigt mit
der Suppe. Beim Spiel muß der trinken, der verliert. Beim Essen nimmt
sich der Chinese nicht zusammen; er löst seine Kleider und übergibt
seinen Körper, wie bekannt, allen Äußerungen, die ihn verlassen
wollen. Seine Kleidung paßt er der Kälte an, nicht indem er unter die
Oberkleider Unterkleider anzieht, sondern indem er Kleid über Kleid
von innen nach außen legt, bis es ihm warm genug wird. Er betrachtet
die Gründung einer Familie nicht als Sache, die den Staat angeht,
sondern als eine Angelegenheit, um die sich nur die Familien des
Bräutigams und der Braut zu kümmern haben.
So gibt es hundert Dinge, von den alltäglichsten Verrichtungen bis
zu den Äußerungen der schwebendsten Geistigkeit, in denen er unsere
Anschauungen vollkommen auf den Kopf stellt. Diese Unterschiedlichkeit
birgt wohl den Schlüssel des Geheimnisses chinesischer Psyche.
Als wir nach Ba-Fung kamen, fragte ich den Genfer: "Weshalb
unterschlagen Sie uns den schönsten Teil Ihres Haushalts?" Er schaute
mich fragend an. "Tai kin!" sagte ich. Da war er plötzlich geniert
und bemerkte: "Oh, mais Madame Jacques! Vous savez les femmes ..."
Aber Gre lachte und verlangte Tai kin kennenzulernen. Eine schlanke
braunhaarige Chinesin kam. Sie hatte lange seidene Hosen an und
mehrere bunte und schwarze Jacken drüber. Sie schaute furchtsam zu Gre
auf, bewegte sich durchs Zimmer in ihren Hosen so zart und wippend
wie ein Vogel und sagte dem Genfer: "O my heart moves so strong."
Er tröstete sie und versprach ihr, daß sie morgen ins Theater gehen
dürfe. Das war ihre einzige Leidenschaft. Nur ein Kind wünschte sie
sich noch heißer. Der dicke Norddeutsche aber trug sich mit einem
skeptischen und ein wenig traurigen Lächeln, in dem sehr deutlich
zu verstehen war: Hätte ich doch eine gute deutsche Frau hier! Oder
wenigstens eine Tai kin. Aber ich komme niemals weder zu dem einen
noch zu dem andern.
Am nächsten Morgen saßen wir in unserm Haus beim Frühstück, da kam
der Boy und sagte, es seien zwei Männer draußen, die wollten uns
Stickereien verkaufen. Wir ließen sie hereinkommen. Der eine war
sehr ruhig und dick, der andre sehr mager und laut. Sie hatten beide
schwere Päcke, die ihnen Kulis getragen hatten. Sie öffneten sie und
breiteten ganze Haufen alter Seidenstickereien vor uns aus.
Im Hinterland Tschunkings lag die alte Beamten- und Mandschustadt
Tsöngtu. Dort hatte vor einem Jahr die Revolution die reiche Kaste
hingeschlachtet und jetzt erst, wo sich die Ereignisse verwischt
und die Verhältnisse beruhigt hatten, trieb Neujahr die gestohlenen
Sachen heraus. Es waren weite, wie mit Blumenbeeten, Flußgründen
und Wolkenhimmeln bestickte Seidengewänder, rote seidene Streifen
von Flitterwochenbetten mit Blumen und mit Darstellungen aus dem
Leben, riesenhafte Tempelvorhänge, auf denen die grimmigen Kolosse
wahnsinniger Götter in menschenfresserischen Masken ihre uralten Tänze
tanzten und Lanzen schwangen, während unschuldig über ihnen mit einem
weißen Gesicht die heilige Kuan Jin auf einer Wildente oder einem Hahn
aufflog. Soffitten von Theatern mit im Tanz und Spiel bewegten Gruppen
alter Figuren.
Die Händler verkauften auch tibetische Bronzen, alte, zarte,
verträumte Göttinnen, die wie rankende Pflanzen in sanften Drehungen
aus dem Metall wuchsen und Gesicht und Leib mit Steinen besät hatten.
Die langen Mandelaugen waren aus Silber eingelegt und schauten in
stumpfer Heiligkeit, wie eine Felswand, ins Leere der Erde. Das war
die "Grüne Tarâ". Auf verwitterten Altarbildern tibetischer Tempel
ordneten sich um den in feierlicher Urdummheit aus drei Gesichtern
träumenden, acht Arme verrenkenden Gott Sanedui ganze Ränge kleiner
Heiliger. Über ihre Zahllosigkeit atmete der wie mit Bronze behauchte
dunkelgrüne Schimmer der Gebirge aus, die wir täglich voll Geheimnis
vor unsern Augen um die Stadt Tschunking herum dem Herzen Asiens
entgegenziehn sahn.
AUSRITTE
Gre hatte ein Pferdchen, das gelb war wie ein schwedischer Handschuh,
meines war schwarz, und unser Begleiter, der dicke deutsche Kaufmann,
ritt einen kleinen Schimmel. Die Mafus, die Pferdeknechte, hielten
die Tiere fest beim Maul. Die Gasse der ssetschuanesischen Stadt war
nicht viel breiter als die Länge der Pferde. Wir versuchten auf die
Tiere zu kommen. Der Kaufmann saß schon oben. Gres Gelber bockte,
stieg und schlug nach hinten. Der Mafu schraubte seine Hand fester in
die Zügel. Mit der andern Hand hielt er ihn beim Schwanz. Ich half Gre
hinauf, sie ritt Herrensattel, und kaum war sie oben, als das kleine
Tier dahinschoß und klappernd durch die Gasse davoneilte. Mit meinem
Schwarzen hatte ich weniger Schwierigkeiten. Das Pferd ging mir bis an
die Achselhöhlen. Es merkte wohl, daß etwas los war, als der Knecht es
fester am Zügel nahm, tänzelte ein wenig beunruhigt, fügte sich aber
gleich meinem soliden Gewicht. Wir schossen Gre nach. Der Mafu hing
sich hinten an den Schweif, um mitzukommen. Es dauerte eine Weile, bis
ich Gre und den Kaufmann eingeholt hatte.
Wir galoppierten durch die engen Gassen zum westlichen Stadttor
hinauf. Vor den offenen Häusern stand alles voller Menschen. Meine
Stiefel streiften oft Männer und Frauen. Aber es war nicht nötig, den
Galopp zu dämpfen. Das Pferdchen sprang schmiegsam und weich dahin.
[Illustration: Das Tung-Sui-Men in Tschungking]
An einem kleinen Tor, auf dessen Scheitel ein Töpfer sein Geschäft
unter freiem Himmel führte, wurde gerade einem Bauern von einem
Polizisten der lange dünne Zopf abgeschnitten. Der Bauer brachte
Hühnerfedern in die Stadt und hatte gehofft, den Zopf unter seinem
Kopftuch hinein- und hinausschmuggeln zu können. Er stammelte den
Soldaten schmerzlich flehend an. Dann erboste er sich. Aber der Soldat
hatte ihn fest am Schopf gefaßt und schnitt unerbittlich weiter. Wir
ritten eine glitschige Treppe hinauf auf die Stadtmauer. Die Pferdchen
schlugen sich mit den Köpfen den Takt zum Steigen, der Mafu ging
hinterher, und wenn ein Tritt Schwierigkeiten machte, stemmte er sich
unter den Steiß des Tiers und schob nach. Dann ging es auf der Höhe
der Mauer weiter, durch einen Schwarm von Dirnen hindurch, die, von
furchtbarem Aussehen, in steingebauten Höhlen auf der Mauer beisammen
wohnten.
Durch die Zinnen der Stadtmauer sahen wir ein schmales Tal quer vom
Fluß herauf allmählich hochsteigen und an einem Toraufbau an der Mauer
die Höhe der Stadt erreichen. Der Berg jenseits war kahl und mit
zahllosen großen und kleinen Grabhügeln und Grabsteinen übersät. Er
sah wie verzweifelt aus. Die Grabsäulen standen drin wie versteinerte
Stümpfe eines abgehauenen Waldes.
Wir verließen die Stadt durch das Tor. Die Pferde zierten sich erst
ein wenig, in die dunkle Höhle hineinzusteigen, als ein Zug von
bepackten Maultieren uns aus der Dunkelheit des Torbogens entgegenkam.
Auf einmal sprang die weiße Stute des Kaufmannes wie ein rasender Floh
auf die Maultiere los. Der dicke Kaufmann saß in einem hohen engen
Holzsattel. Wir hatten nur zwei europäische Ledersättel auftreiben
können. Die Maultiere stürzten durcheinander und bissen um sich, die
Knechte schrien, schlugen und zerrten. Die Weiße schnellte mit dem
Hintern gegen die Maultiere herum und gab ihnen heftige Fußtritte.
Sie tanzte minutenlang trotz ihrer Last mit den Hinterbeinen bockend
durch die Luft. Sie war Gift und Galle. Ihre Augen funkelten und ihre
Sehnen schlugen vor Wut in den dünnen Beinen wie kleine Maschinen.
Der Kaufmann war ein mehr als guter Reiter. Mit Mühe und harter
Strenge riß er das Pferd von den verhaßten Tieren los und peitschte
es ins Tor hinauf. Unsere Tiere waren auch aufgeregt worden und
stiegen jenseits mit bebenden Beinen die Treppen hinab auf den uralten
ssetschuanesischen Handelsweg, der Tschunking mit der Hauptstadt
Tsöngtu verband.
[Illustration: Der Arzt]
Eine chinesische Handelsstraße kennt die Beförderung durch Wagen
nicht. Nur Lasttiere und tragende Menschen beschreiten sie. Auch
diese berühmte, jahrtausende alte Straße war nicht breiter, als
daß zwei Tragpferdchen aneinander vorbeikamen. Sie führte als ein
schmaler Deich zwischen nassen Reisäckern dahin und war mit breiten
Steinplatten eingedeckt. Die Steinplatten waren so acht Reisetage lang
eine hinter die andere gelegt. Wir sahen den Weg vor uns an der Flanke
des Gräberberges als steile Treppe hinaufsteigen. Die Pferde sprangen
mit zuckenden, langsamen Sätzen von Stiege zu Stiege. Sie wieherten
unwillig gegen die zu überwindenden Schwierigkeiten. Wir sahen nichts
als Grabhügel und Steine, von braunem Gras überwuchert, die Sonne
beschien sie trocken und blaß. Die Steigung ging oft in Treppen von
hundert und mehr Stiegen an tiefen Abhängen dahin. Die Steine kippten
auf dem unterwaschenen Weg. Das Pferd war aber gleich wieder auf einem
sicheren Halt. Wir hatten in den Jangtsestädten oft Chinesen gesehen,
die auf ihren Bergpferden solche Treppen auf und ab kletterten, und
hatten diese artistischen Reiterstücke angestaunt. Nun kletterten wir
selber, und wir sahen, daß jedes Pferd das konnte, und der Reiter, das
Tier unterstützend, es nur mitzumachen brauchte.
Noch öfter kamen Maultierzüge vorbei, die Seide aus dem Innern nach
Tschunking brachten. Der Kaufmann führte sein Pferdchen jedesmal in
die Gräber hinauf und stellte es mit dem Hinterteil gegen die Tiere,
deren Anblick den Schimmel so heißblütig reizte. Dann waren wir auf
dem Berg und sahen tief unten über Gräber, Gärten und Häuser hinab den
Jangtse breit und leuchtend sich dem Tibet entgegenbetten, während
auf der andern Seite der Berg wie eine jähe Wand ins schöne Tal des
Kiating, des Nebenflusses des Jangtsekiang, hinabsauste.
Vor uns stand, noch zu erobern, eine ummauerte Bergstadt auf der Höhe.
Der Weg stieg steil und in Treppen hinan. Über den Treppen errichteten
sich gelbe Felsen, die mit Inschriften und mit riesenhaften, aus den
Steinen gemeißelten, vergoldeten Göttern ganz ausgearbeitet waren.
Viele Bettler saßen auf den Treppen und flehten mit inbrünstiger
Dringlichkeit um eine Gabe, griffen in die Zügel und streckten die
Hände hoch.
Die Stadt droben war mehr Mauer als Stadt. Sie bestand nur aus einer
Straße, und der Weg führte zwischen zwei Reihen offener Häuser
hindurch. Die meisten dieser Häuser waren Garküchen. Ein Koch rief
vorübergehenden Chinesen seine Speisekarte zu. In den großen dunklen
Räumen saßen viele Männer und aßen. Hunde fielen uns an. Die Pferde
kümmerten sich nicht um sie. Wir ritten quer durch den Ort und zum
andern Tor wieder hinaus. Die Steinplattenschlange des Weges stieg
ins Tal und wand sich über sachte Hügel lang zwischen Äckern und
bewässerten Reisfeldern hindurch in die Ferne hinein. Mächtige
Ehrenbogen aus Stein standen Spalier. Weit hinter den Hügeln sah
man noch einigemal diese Pforten am Weg ihre bizarren geometrischen
Formen errichten. Ein großes Grabmal, ein steinerner Halbbogen, an
dessen beiden Eingängen auf baumhohen dünnen Säulen zwei Hunde Fos
mythologisch bös in die Landschaft schauten, war zwischen schlammigen
Reisäckern hochgehoben. Mitten in den Sumpf der Äcker hinein
drückte sich ein einsamer großer Bauernhof. Eine Herde ungetümer
schwarzer Wasserbüffel trieb sich in ihm herum und äugte uns mit
blutunterlaufenen Augen bös an. Man sagt, die Wasserbüffel könnten
den Geruch der Europäer nicht vertragen. Zwischen den Ehrenpforten
wurde eine blaue Sänfte den Berg hinangetragen. Von Weile zu Weile zog
ein Transport mit Maultieren dahin. Am Weg rasteten vier Kulis, die
europäisches Baumwollzeug nach Tsöngtu brachten. Sie trugen an jedem
der beiden Enden ihrer Stangen zwei Zentner. Sie hatten noch zehn Tage
Weg vor sich und gaben uns lachend Bescheid.
Ein anderes Mal ritten wir über eine Höhe in ein Tal hinab. Von oben
sahen wir in der Tiefe kleine Pagoden aus allerlei verschachteltem
Bauwerk und aus Bäumen aufsteigen. Das war der Garten einer Gilde, zu
dem wir wollten. Es war der Kuei-Hua-Jü, der Garten der Zimtblume. Im
Sommer veranstalteten dort die Mitglieder der Gilde ihre Festmahle.
Aber heute war er fast leer. Man kam durch weite Gebäude in den
Garten. Die Gebäude hatten Hallen und kleine Räume, Altäre und schöne
Möbel. Die Türen, Füllungen und Fensterrahmen waren geschnitzt und
vergoldet. Der Geist des chinesischen Schönheitsgefühls hatte jeden
Winkel beatmet.
Dann kamen wir unter der kleinen Pagode in den Garten, in einen
Garten, in dem die Sträucher in die Formen von Fischen, Reihern und
Schmetterlingen gefügt waren. In der Mitte lag ein Teich. Sein Wasser
schimmerte wie heller Grünspan, und Lotospflanzen betteten sich
auf den grünen Teppich. Eine durchbrochene Mauer umgab den Teich.
Bäume wuchsen durch die Löcher und bogen sich über das Wasser. Die
blätterlosen Bäume der La-me-hua, der Blume des letzten Monats, waren
mit kleinen gelben Sternchen wie bestreut und dufteten in schwüler
Süße durch die Winterluft. An den Pflaumenbäumen rundeten sich schon
die Knospen.
Pavillons standen um den Teich. In dem großen spielten erregte Trinker
jauchzend und brüllend mit einem Händespiel um Reiswein. Wer verlor,
mußte trinken. Ist das nicht eine viel richtigere und aufrichtigere
Art zu wetten? Sie hatten alle rote Gesichter und bebten, wie mit
Lebensfreude angestopft. Wir setzten uns in ein kleines, zierliches
Häuschen über dem Wasser, und unsere Diener, die wir herbestellt
hatten, kochten im Garten in einer Kiste das Mahl.
Auch in die jähen Gebirgszüge, die am andern Ufer des Jangtsekiang
lagen, trugen uns die Pferdchen. Sie fuhren vor uns in einem Kahn
hinüber. Ihre kleinen Köpfe reichten grade über die Schiffswand.
Sie standen nebeneinander und schauten mit halb erbosten, halb
erstaunten Augen in die Wirbel, die am Bug auftrieben und das Wasser
hochspritzten. So oft ein Guß kam, erschraken sie, traten feindselig
ineinander und wieherten sich wütend an, als ob sie glaubten, daß
eines das andere bespritzt hätte.
Wir ritten die Steinplattenwege hinan, die oft wie schmale hohe
Stege die Reisfelder durchquerten und an der Kanalisierung der
Äcker mithalfen, oft sich um Schluchtenränder hinaufwanden und in
lange Treppenaufstiege ausgingen. Die Pferdchen kletterten, bis sie
der Atem verließ. Dann blieben sie mit schlagenden Flanken stehen
und waren nicht weiterzubringen. Die Tiere gaben ihr Äußerstes her.
Sie auch durchdrang die Atmosphäre dieses Landes. Sie waren wie die
chinesischen Arbeiter, die das Gefühl des Einordnens in ihre Aufgabe
mit einem Pflichtbewußtsein durchdrang, das Rasseninstinkt geworden
war. Trieb man die Pferde über ihr Maß weiter, so versagten sie. Sie
gingen unsicher, glitten und fielen, und die Abgründe schienen sie
schwindlig zu machen. Die Pferdeknechte, die das Tier nie verlassen,
auch wenn der Reiter davongaloppiert, haben ein sicheres Gefühl für
die Leistungsfähigkeit ihrer Tiere.
Ich hatte diesmal ein braunweiß geflecktes Pferd und mußte bald zu
Fuß weiterklettern. Es hatte das Steigen etwas verlernt. Die leichte
Gre ritt auf ihrem Ledergelben bis auf den Sattel der Berge, wo
ein Europäer sich und seiner Familie ein schönes Sommerhaus gebaut
hatte. Wir waren Gäste dieses Bungalows. Die Dame des Hauses war eine
Chinesin. Sie war von einer schwärmerischen Weichheit und hatte die
zarte Scheu einer Winde.
Wir stiegen in die Dunkelheit hinab wieder dem Fluß zu. Jenseits
lag die Stadt über ihre Berge ausgebreitet, wie ein Sternenhimmel.
Die Pferde kletterten vorsichtig hinter uns. Ihre Hufe schlugen auf
die Steinfliesen. Wir hatten Angst, nicht mehr vor Schluß der Tore
hinüberzukommen, und beeilten uns. Aber das letzte Tor fanden wir
noch geöffnet, als wir drüben ankamen. Wir sprangen auf, und die
Pferde galoppierten gleich in die finstern Gassen hinein. Die Menschen
wichen wie in mechanischer Funktion immer im letzten Augenblick aus.
Die Tiere sprangen ungehemmt die dunklen Treppen hinan. Die Mafus
liefen lautlos hinterher. Die Gassen schlossen ihre Läden, löschten
ihre Lichter. Wir sprengten auf den kleinen Tieren heiß in die enge
Finsternis hinein. Der Huf fühlte jede Stiege, die heimtückisch
einzeln in der Dunkelheit durch die Gasse ging. Die Steine klapperten
eilig hinter uns. Die Pferdchen setzten hastig die letzte Treppe vor
unserm Haus hinauf. Ein Mafu rief etwas. Das Tor öffnete sich wie von
selbst, und wir ritten bis an die helle Haustür. Gre gab ihrem Gelben
einen Kuß auf die im Flurlicht rosig leuchtenden dünnen Nüstern.
Der helle Kopf glitt mit entsetzten Augen schnell zurück in die
Nacht. Mein Abschied von dem Gefleckten fiel derber aus. Er tänzelte
erschrocken und rasch zum Tor zurück dem Gelben nach.
FESTESSEN
In einem langen schmalen Raum eines chinesischen Hotels stand ein
langgezogener schmaler Tisch. Wir Europäer waren um fünf Uhr gekommen.
Ein Haufen von festlich gekleideten Chinesen in reger Stimmung
schwärmte uns mit Verneigungen entgegen. Alles war schmucklos und das
Tuch auf dem Tisch etwas unsauber. Wir waren vier Europäer, die an dem
Mahl teilnahmen, die chinesischen Gäste waren etwa fünfundzwanzig,
lauter Kaufleute, die in irgendeinem Zusammenhang mit den Kompradoren,
den Geschäftsvermittlern der beiden deutschen Firmen Tschunkings
standen. Einer der Kompradore hatte zum Festessen eingeladen. Wir
waren mit zahllosen Verbeugungen an unsere Plätze geführt worden.
Um mich, rechts und links, saßen zwei wohlbeleibte, schöne Männer.
Der eine war schon bei Jahren und hatte graue Haare auf seinem
schmalen Kopf und ein edles Gesicht. Er trug einen dunkelgrauen Rock
aus Seide. Der andre, dessen Sutane aus einem blauen schillernden
und blumendurchwirkten Seidendamast war, schien ein lebenslustiger,
genießerischer Mensch zu sein. Er wußte auch gleich einen
"Pidgin"-Satz zur Begrüßung, und ich antwortete. Der Alte verbeugte
sich dreimal und schüttelte sich selber die Hände. Dann warteten
beide, bis ich saß und setzten sich auch.
Unten am Tisch zwischen Chinesen saß ein seideaufgeputztes
Singmädchen. Die Chinesen brachten es heran an das Tischende, wo wir
Europäer waren. Es zierte sich ein wenig. Der dicke Lebenslustige
aber zog lachend seinen Stuhl zurück, schob dem Mädchen einen andern
hin und drückte es zu mir. Nun saß es da. Es hatte ein breites,
gewöhnliches Gesicht mit schönen stahlgrauen Augen. Seine Haut war
gepudert, und rote Scheiben waren lebhaft auf seine Wangen gemalt.
Sein Teint hatte dadurch den etwas kalten Schmelz einer rotbetupften
Lilie. Dieses Schminken war nichts Unangenehmes; dadurch, daß es nicht
zum Wegtäuschen von Mängeln gemacht ward, sondern nur wie zur Erhöhung
der Feierlichkeit, war es Stil und gab der Frau einen Reiz, dem
sozusagen das Persönliche genommen ward. Es ist Uniform, eine Maske.
Es sagt: Ich bin eine Frau! Einerlei, was und wie ich sonst bin: eine
Frau!
Das Mädchen saß neben mir. Es sprach kein Wort einer andern Sprache
als der ihrigen, und meine Kenntnisse des Chinesischen langten noch
nicht zu galanter Unterhaltung. So schwiegen wir und schauten uns
an. Wir suchten das Fremde einer im Gesicht des andern. Wir schauten
uns wohl so an wie zwei Pferde, wenn vor fremder Tür ihre Mäuler
aneinanderstoßen. Ich lächelte und sie lachte auf einmal, als ob ich
etwas sehr Komisches wäre. Sie lachte und drehte sich weg, schaute
wieder und lachte wieder, indem sie sich abwandte. Ihr Kleid und
ihre Hosen waren aus einer schönen Seide, sehr hellgrün und mit
verschlungenen, eingewebten Quadraten und Punkten gemustert. Wie das
Gesicht, war auch die Gestalt, kurz und etwas derb. Aber ihre Hände
waren schön und in ihren Bewegungen heiß wie verzauberte Blumen.
Allmählich hatten wir uns genug angeschaut, und das Mädchen glitt mehr
zu dem lebenslustigen Chinesen hinüber.
Da kamen drei andere Mädchen durch die Türe herein. Sie wurden
laut und lachend begrüßt. Sie kamen herein, als hätten sie,
verschiedenfarbige Astern, grade ihre Beete verlassen. Sie waren
winzig und zart, die eine in rosenfarbenen Hosen und Jacke, die andere
vergißmeinnichtblau und die dritte dotterblumengelb. Sie hatten auch
alle drei ihre Gesichter weiß und mit roten Scheiben geschminkt,
die Haare glatt und schwarz fest an den Kopf gekämmt, und ein flach
anliegendes Büschel Haare über die Schläfen gelegt. Rote Blumen staken
im Haar und grüne Nephritspangen. Die Chinesen brachten die Mädchen
zu den andern Europäern. Die Mädchen scheuten erst sehr, setzten sich
dann aber. Bald jedoch kam noch eine fünfte Chinesin. Sie hatte ein
kleines, fünfjähriges Mädchen an der Hand, ein kleines, dickes Kind
mit aufgeblasenen Backen, gekämmt, geschminkt und gekleidet wie die
andern, ein Dirnchen in Kinderschuhen, eine Schülerin der Liebe. Sie
wurde angelernt.
Als sie hereintrat und der dicke deutsche Kaufmann mit seinem guten
unverehelichten aber sehnsüchtig gebliebenen Herzen sie liebevoll
begrüßen wollte, flog sie zurück wie vor einem Teufel und begann zu
heulen. Die Frau, die sie mitbrachte, zog sie auf den Arm. Diese
Frau war schlank und mager, in grauem Kleid, mit einem schmalen und
schönen Kopf und harten großen Augen, die flach waren und wie kalte
geschliffene graue Achate glänzten. Sie beruhigte das Dirnchen rasch.
Die Mädchen setzten sich alle in eine Ecke zu einem Violinspieler.
Dann begann die Kleine zu singen. Sie sang mit hoher dünner Stimme
zu dem Gekreisch der schlechten Violinsaiten, und wenn sie nicht
weiterkam, half ihr die Graue. Sie sangen darnach alle, überhell und
laut, und zogen die Melodien wie Gummibänder lang auseinander. Es
war ein eintöniges, hochgespanntes Aufheulen in den höchsten Noten,
die menschliche Stimmbänder sich abzwingen können, ein fistelndes
kreischendes Psalmodieren. Wir verstanden es nicht. Es war ein Singen
von Geistern, die einen Sturm übertönen wollen, hexenhaft fremd,
ohne jemals in einem beruhigenden Wohllaut abzusetzen, aufregend und
peitschend.
Die Mädchen waren endlich fertig mit Singen und die Tischgesellschaft
rief laut durcheinander: cha, cha! Im selben Augenblick wurde der
Tisch gedeckt. Vor jedem lagen Ebenholzstäbchen mit silbernen Spitzen,
ein mit Blümchen bemalter Porzellanlöffel, eine Schale und ein
Täßchen. Dann kam der erste Gang, worauf auch der Wirt des Hotels am
Tisch Platz nahm.
Der Festgeber hob seine Eßstäbchen in der Hand hoch, verbeugte sich
vor der Gesellschaft nach rechts und links und forderte zum Nehmen
auf, indem er mit den Eßstäbchen auf die Schüsseln zeigte. Er lachte
verbindlich und legte dem rothaarigen europäischen Nachbar etwas auf
den Teller. Der Bayer (der vierte europäische Gast) schaute ihn wütend
an. Er sagte auf deutsch: "Leg' mir eine Kalbshax' hin, Schinees! Gut!
Aber euern Dreck freßt selber." Ich schaute ihn an. Der dicke deutsche
Kaufmann schaute ihn an. Der Genfer schaute ihn an. Der rothaarige
Europäer hielt das für eine harmonische Zustimmung. Er lachte und
sagte: "Seine Schweinsborsten kann er mir verkaufen. Aber mit diesen
Schweinereien soll er mir vom Leibe bleiben."
Mein alter Nachbar verbeugte sich gegen mich, indem er seine Stäbchen
hochhob und mir von dem ersten Gericht auf den Teller legte. Ich
dankte ihm und tauschte mit dem lebenslustigen rechten Nachbar einen
höflichen lächelnden Gruß zu Beginn und gutem Appetit aus. Die Diener
brachten Zinnkrüge. Sie waren mit warmem Reiswein gefüllt. Jeder
Gast hatte eine Schüssel vor sich und ein kleines Weintäßchen. Die
Nachbarn bedienten mich auch mit dem warmen Wein. Der rothaarige
Europäer sagte lachend: "Ich muß doch sagen können, ob's besser ist
als unser Spaten." Er spuckte den Wein gleich hinter sich auf den
Boden und wollte einen Anfall bekommen. Wir andern verdoppelten die
Liebenswürdigkeit gegen unsere Gastgeber. Aber die Chinesen taten, als
ob sich der Gast nicht im geringsten schlecht benehme. Sie tauschten
lächelnde, verbindliche Gespräche mit uns aus.
Alle zehn Minuten kamen Leute und brachten Stöße von heißnassen
Handtüchern, in die jeder sich Gesicht, Kopf, Nacken und Hände abrieb.
Da gab's drüben bei unserm Landsmann wieder etwas. Ich hatte nicht
gesehen, was geschehen war. Aber der Genfer sagte ihm: "Stellen Sie
uns bitte nicht bloß. Wenn Ihnen nichts von dem Essen paßt, so können
Sie ja nach Hause essen gehen. Sagen Sie, Sie seien krank." Ich
wurde auf die Sache aufmerksam, weil der Nachbar, während er mir die
Handhabung der Stäbchen zeigte, ohne aufzublicken oder einzuhalten
doch auf etwas anderes aufzupassen schien. Ich sagte ihm auf englisch:
"Ich danke Ihnen. Jetzt bin ich bereit, Chinese zu werden, da ich
nun auch diese Kunst kenne. Bis dahin wäre ich verhungert." Er aber
antwortete mir plötzlich lachend in gutem Deutsch: "Oh, weshalb!
Chinesisches Leben ist schlechtes Leben." Ich erschrak ein wenig, in
dieser fremden Anstalt so unerwartet diese Sprache zu hören. Er lachte
ungemein liebenswürdig und legte mir geschäftig mit seinen Stäbchen
schöne fette Schwämme in meine Schüssel.
Die Gerichte folgten sich rasch und zahlreich. Alle zehn Minuten kommt
ein Diener mit brennend heißen feuchten Handtüchern, in die man das
Gesicht badet. Die Singmädchen gingen zwischen den Gästen umher,
gossen ihnen Hirsewein ein und reichten ihnen Speisen mit den Stäbchen
in den Mund.
Das fünfjährige Dirnchen saß mit seinen dicken, hellgeschminkten
Backen, den fünf roten Tupfen auf Stirn und Nase, seinem farbigen
Seidenkleidchen und den Blumen im Haar wie ein aufgeplusterter Vogel
zwischen zwei Männern, die sie fütterten. Die Graue kam zu mir. Sie
hob mit ihren Eßstäbchen einen Streifen des gewürzten Jünanschinkens
hoch und schob ihn mir in den Mund. Sie schaute mich kalt und frech
an. Ich lachte. Da ging sie wieder, ohne ein Wort gesagt zu haben. Als
sie hinter dem Stuhl des schwitzenden Bajuvaren vorbeischritt, blickte
sie auf dessen dicken roten Kopf hernieder, verschnitt ihr Gesicht
zu einer ganz flüchtigen verächtlichen Grimasse und sagte im Lärm
der Gespräche und des Gejohls, wie von der Höhe einer Pagode herab
für sich: "Rote Schweinsborsten!" Der Genfer verhandelte mit einem
"schroff" des Gastgebers. Er wollte eines der Mädchen mitnehmen. Aber
es gelang ihm nicht. Sie wären jedem Chinesen sofort zu Willen gewesen.
Er sprach mit dem Mädchen selber. Es rief laut: "Er zwickt mich in den
Hintern!" und ging lachend von ihm.
Der warme Hirsewein rötete die Köpfe. Das Tischtuch war begossen
von ihm. Die Speisen drängten sich. Ich habe mir einige Dutzend
Gänge gemerkt. Das Essen begann mit gefüllten "Taschkerln", die
auf chinesisch den Namen eines Körperteils tragen, den man in
Gesellschaft nicht erwähnen darf. Mit diesen Taschkerln kamen
gutschmeckende süße Kuchen. Der zweite Gang, der eine feststehende
Einrichtung chinesischer Gastmähler war, bestand eigentlich aus
sechzehn verschiedenen Gängen, die alle zugleich auf den Tisch
gesetzt wurden. Es waren: trockene Fische, Huhn, Ente, Schinken,
Wurst in Scheiben, Geflügelleber, überzuckerte Gurken und Kürbisse,
kandierte Pflaumen und Birnen, kalte Pilze mit Lauch, Oliven, Algen
in Sauce, Kastanien, eingemachter ungekochter Kohl und die berühmten
in der Erde schwarzgebeizten Enteneier, die für den europäischen
Gaumen kein großes Fest, aber doch nicht übelschmeckend waren.
Darnach folgten Krabben in Tunke, ein nächster verband Krabben mit
Bambussprossen. Nun kam eines der berühmten und teuern Gerichte,
eine der Nationalfeinschmeckereien, die reiche Leute in ganz China
auf ihrem Tisch lieben: eine Art weißer Pilze, die in Ssetschuan
zu Hause waren. "Sie kosten 60 Mark das Pfund", sagte mein für
derlei Dinge eingenommener Nachbar. Auf die Pilze folgte die andere
Nationaldelikatesse: Haifischflossen. Bambusmark in Brühe, gebackne
Fischstückchen, "Moos der tausend Jahre" in einer Brühe, fette Enten,
Lotoskerne in süßer Tunke und ein Haufen solcher Dinge, die eine für
unsern europäischen Gaumen zu subtile flüchtige Fremdheit besaßen.
Diener stellten schöne große Kupferkessel auf den Tisch, in denen
Wasser siedete. Um die Kessel herum wurden im Kreis verschiedene
Sachen auf Schälchen angeordnet: zerschnittener Salat, zweierlei
roher Fisch und Nieren in feinen Scheiben, Pommes de terre paille
und rohe Kartoffelstreifen, Lauch, eine dicke Sauce aus Pflaumen und
Bohnen, und daneben wurde auf ein Tellerchen ein Häuflein abgezupfter
Blumenblätter der weißen Aster gelegt. Das war der "Djue hua go", der
Asterntopf. Die Gäste leerten ihre Weintassen in den Feuerbehälter
unter dem Kupferkessel, zündeten an, und als das Wasser fest wallte,
warfen wir alle die kleinen Dinge hinein, zum Schluß kamen die
Asternblätter. Nach einer Weile war die Suppe fertig. Man füllte seine
Schalen und aß es mit Porzellanlöffelchen, und es war, als ob man
einen herben feinen Blumenduft äße.
Die Chinesen sind Feinschmecker wie die Franzosen und haben ein wenig
deren Art im äußern Anrichten von Genußmitteln. Sie lieben, auch in
den armen Häusern, das kleine Vielerlei, flüchtige pikante Dinge, und
nirgends in der Welt kann man Geflügel so braten wie in China. Es
wurde noch Rindfleisch gegeben. Das hätte früher kommen sollen. Aber
aus Artigkeit gegen meinen vornehmen Nachbar, der aus Ningpo war, wo
man das Fleisch des Rindes nicht aß, weil es in menschlichem Dienst
arbeitet, war es außerhalb der Reihe gestellt worden. An seine Stelle
kam dann, in einer Verdoppelung der Aufmerksamkeit, Reis. Niemand
aß mehr. Die Mädchen waren schon aufgeregt und spielten mit einigen
Gästen die chinesischen Fingerspiele. Aus Höflichkeit aß er ein paar
Körner.
Ein Mädchen kam zu ihm. "Trink mit mir, Großpapa", sagte sie und hob
ihr Weintäßchen. Er gab ihr ernst und reserviert Bescheid und füllte,
indem er sich verneigte, meine Tasse mit Lau dsiu.
Sie spielten schon alle am Tisch mit den Mädchen. Sie spielten das
"Hua dsuan". Die zwei Spieler schlagen sich durch die Luft dreimal
die Hand entgegen, das drittemal läßt jeder eine Anzahl von Fingern
herausspringen und ruft zugleich eine Zahl. Stimmt diese Zahl mit
der Summe der von beiden Händen zugleich gezeigten Finger überein,
so hat er gewonnen. Bei diesem Spiel erregten sich rasch die Hände
der Männer und Frauen, wie edle feine Tiere. Sie gerieten aus der
ruhig- und anmutigedlen Feierlichkeit ihrer schlanken Länge in
eine leidenschaftliche Heftigkeit. Ein Spieler suchte den andern
irrezuführen. Die Finger flogen beim dritten Niederschlagen aus
der Hand wie Vögel, schwebten und stürzten kopfüber wieder in die
Faust, richteten sich allmählich lauernd nacheinander halb auf und
sprangen im Augenblick, da der Arm ganz ausgestreckt war, plötzlich
grad und steif, während von geschwungenen Lippen heftig die Zahl
fiel, die gewinnen sollte. Oft spielten zwei Hände dreißigmal rasch
hintereinander dies Spiel, ehe ein Mund die richtige Summe schrie, und
dann toste der Jubel heiß los, und alle brüllten durcheinander während
der Verlierer hastig den Wein hinunterstürzte und hastig von neuem
begann.
O diese wunderbaren Hände! Diese Märchen der Schöpfung, die über ganz
China gebreitet waren und keinen Unterschied zwischen Arm und Reich
machten. Diese Blumen, die aus ewig jungen urhaften Gedanken wie aus
Blumengärten gewachsen waren! Bei uns waren sie einst verflüchtigende
Schönheitsträume verliebter gotischer Madonnenmaler. Hier wachsen sie,
fleischgewordene Gedanken über tausend Jahre alter Schönheit, durch
ein Land von Hunderten von Millionen Menschen.
Ich saß da, spielte mit und genierte mich meiner Tatzen und schaute
immer und immer. Diese Hände waren fremde Orchideen. Ich glitt an
ihnen immer ferner aus dem Kreis der Chinesen und wurde immer fremder.
Und dennoch gab es einen unter uns, der, obschon flachäugig und mit
aufgereckten Backenknochen, noch fremder in dieser Gesellschaft
zu sitzen schien als ich Luxemburger, das war der "Laupapa" neben
mir, der alte graue Mann aus Ningpo, der diese Ssetschuanchinesen
verachtete und haßte.
[Illustration: Ssetschuanesische Händlerinnen]
[Illustration: Fahrt zu Markt]
DER SCHIN TAN
Wir waren einen Monat in Tschunking. Dann wurde das Hausboot, das in
der ganzen Zeit im Kiating, inmitten eines Rudels ruhender Schiffe
festgelegt war, in Ordnung gebracht, und eines Morgens begann die
Talfahrt.
Die erste Hälfte des Rückwegs ging rasch und glatt. Der Mast war
abgenommen und an der Seite festgebunden worden. Es wurde nur
gerudert. Die alten Kulis, mit denen wir die lange Fahrt den
Jangtsekiang heraufgemacht hatten, waren nicht mehr da. Die neuen
Ruderer schienen nicht so gut, es waren zu junge Knaben und zu alte
Männer und Faulpelze dabei. Sie waren nur mehr zu zwölf. Der Laopan
wollte Geld schinden. Er bezahlte jedem Kuli für die ganze Reise zu
Tal etwa anderthalb Mark. Es kam ihm teuer zu stehen.
Am sechsten Tag der Reise hatten wir schon weit über die Hälfte des
Wegs hinter uns, und wir dachten, in drei Tagen in Itschang sein zu
können. Da kam aber auf einmal Sturm den Strom herauf. Die Talenge
faßte den Wind heftig zusammen und er schlug wie durch ein enges Rohr
eingepreßt auf uns. Die Ruder setzten sich bald nicht mehr durch gegen
ihn. Der Wind trieb das Schiff langsam immer nur wieder von einem
Ufer zum andern, die Leute mochten sich in die Ruder werfen, wie sie
wollten. Wir lagen halbe Tage lang am Ufer. Ich schoß Wildenten und
Reiher, die in großen Trupps von Ufer zu Ufer flogen, und ging, die
Flinte auf dem Rücken, mit Gre zu den Bauernhöfen, in die Berge und in
die vereinsamten Bergbefestigungen hinauf. Verwilderte Orangen hingen
klein und golden an den grünen Bäumen in der grauen harten Luft, und
die winterliche Ackererde war unter den Schritten weich und zäh wie
Teig.
Die Ruderer gewöhnten sich rasch an dieses träge Leben. Als am zehnten
Tag der Wind schwächer wurde und wir auf die Weiterreise drangen,
ruderten sie so faul, daß das Schiff nicht voran kam. Rund um uns
gingen die Dschunken zu Tal. Ich zeigte auf sie. Die Kulis sagten, sie
kämen nicht weiter, weil das Schiff zu wenig beladen sei und im Wasser
keinen Widerstand gegen den Wind habe. Da ließ ich Steine aufladen.
Diese Arbeit ging ihnen wider den Strich. Sie warfen ein paar Steine
auf, fuhren weiter und ruderten bald wieder an Land. Sie gingen gleich
zu einem Haus hinauf, in dem sie sich zum Teetrinken und Plaudern
niederließen. Bei diesem Haus stand ein Bambusbusch. Ich schnitt zwei
feste Stecken und besuchte die Teetrinker. Sie waren im Nu auf dem
Schiff. Wir kamen dann gegen den Wind an.
Ein roter Engländer, Mr. Joney Nutknacker, der zufällig mit uns von
Tschunking weggefahren war und der auch nach Itschang wollte, ließ uns
nicht locker. Er fuhr in einem kleinen mit Matten eingedeckten Wupan
mit drei Ruderern. Es regnete hinein, und die Wellen spritzten sein
Bett mit Wasser voll. Infolgedessen hielt er sich mit Vorliebe auf
unserer trockenen und gewärmten Kwaze auf.
Unsere Ruderer waren jetzt sehr fleißig. Sie ruderten und sangen
dazu. Einer sang vor. Das war der Kuli Nr. 1. Er war einer jener
großen ungeschlachten Ssetschuanesen, die die gewaltsame Brutalität
der Tataren in ihrem Äußeren bewahrt hatten. Er war ein Hunne, ein
Menschenschlächter, so wie er aussah. Und er war doch vielleicht
ein liebenswürdiger und gutmütiger Mann. Die Ohrfeigen, die unser
kleiner Diener ihm schenkte, weil er einmal kein Badewasser für uns
warmgemacht hatte, steckte er jedenfalls als wohlverdient ein, obschon
er den Boy mit einem Schlag seines breiten Kinns von oben herab hätte
zermalmen können.
Dieser gutmütige Hunne sang also vor, und die andern holten jedesmal
mit "Hejo, haija ... haija, haija!" ab und ließen die zwei großen
Wriggruder im Takt dieses Refrains gehen, während ihre blauen Lumpen
um die Körper tanzten. Der Singkuli sang:
Der Mandarin aus dem Tugendland und seine Frau fahren drinnen sehr
warm und haben gut essen.
Und die andern riefen singend im Chor: Hejo, haija ... haija, haija!
Die Kwaze geht schnell. Sie kommt von Tschunking und hatte fünf Tage
Wind. Wenn der Wind aufhört, sind wir in zwei Tagen in Itschang.
Hejo, haija ... haija, haija!
Unsere Kwaze ist schön. Aber der Wupan, in dem der fremde Mandarin
fährt, ist schlecht.
Hejo, haija ... haija, haija!
Der fremde Mandarin im Wupan ist schäbig. Aber unserer ist reich. Er
hat uns heut mit dem Bambus geschlagen. Wir waren faul und verdienten
die Schläge wohl.
Hejo, haija ... haija, haija!
Der im Wupan hat rote Borsten auf dem Kopf, wie die hellen Schweine.
Die Frau unseres Mandarins hat ein schmales Gesicht und ein schönes
kleines Kinn wie eine Kastanie. Sie ist schön und gibt uns Apfelsinen
und Medizin. Ihre Nase ist so schmal wie ein Sonnenblumenkern.
Hejo, haija ... haija, haija!
Schnell, schnell, wir wollen uns von den Dschunken nicht überholen
lassen und der fremde große Herr will bald in Itschang sein. Der
fremde Mandarin ist so dick, wie ein Gott aus Gold.
Hejo, haija ... haija, haija!
Der Vogel fliegt mit uns und will Fische fangen. Der fremde Mandarin
hat ein Bumbum und kann ihn töten.
Hejo, haija ... haija, haija!
Weshalb tötet er ihn nicht? Er gäbe uns den Leib und wir könnten das
Fleisch in unserm Reis kochen.
Hejo, haija ... haija, haija!
Unser fremder Mandarin ißt nur den Leib der Wildenten und reißt den
Reihern die Federn aus der Brust. Wir essen alles im Reis, Weih und
Reiher. Es ist gut.
Hejo, haija ... haija, haija!
Es wird Abend. Schnell, Ruderer, wir legen an und bekommen Reis!
Hejo, haija ... haija, haija!
Es ist wohl zu erwarten, daß der fremde große Herr uns etwas gibt
in Itschang. Vielleicht zweitausend Käsch. Dann bekommt jeder
hunderfünfzig Käsch. Dann geh' ich zu den Mädchen. Aber der Huang muß
nach Haus. Ihn holt seine Frau ab.
Hejo, haija ... haija, haija! brüllten alle lachend dem Huang zu.
Huang war mindestens siebzig Jahre alt.
Der Mond scheint. Wir rudern durch sein Licht. Die Mädchen von
Kweitsou fu werden heute Nacht schimpfen. Sie kommen in Kähnen. Aber
der Mandarin nimmt sich kein Mädchen. Er reist mit seiner schönen
jungen Frau.
Hejo, haija ... haija, haija!
Nur der Rotborstige bleibt den Mädchen von Kweitsou fu.
Hejo, haija ... haija, haija!
Der Rotborstige ist aber ein Geizhals. Er fährt in einem Wupan für
achtzehn Tael. Und als es gestern regnete, wurde sein Bett naß ...
schnell, schnell! sagte er auf einmal, wie von außen einen Riegel
vorschiebend. Er war schon etwas zerstreut, denn der Reis duftete aus
dem Kübel. Auch der Chor sang nur mehr zum Teil: Hejo, haija. Viele
drehten sich oft am Ruder um und steckten die Nase in den Geruch, der
aus dem Kochloch heraufkam. Plötzlich hielten sie mit Rudern ein und
stürzten sich über das Reisfaß, das der Koch im selben Augenblick vom
Herde hob.
Eines Tages kamen die Schnellen. Wir flogen eine nach der andern
hinab. Es war ein sausendes Zutalschaukeln. Die Kwaze war noch fester
als sonst in das Stoßen der erregten Ruder gespannt. Der vordere
Steuerbaum flog hin und her. Der Laopan schrie erregt am Hintersteuer
unter dem niederen Dach über das Schiff hinweg. Es war immer alles
auf dem Spiel: Schiff und Leben. Ein Boot, das im Zutalgehn in der
Schnelle scheiterte, war rettungslos und ganz verloren. Die Landschaft
strudelte um uns auf, wild und stark wie die Schnellen.
Dann waren wir eines Morgens am Schin Tan. Der schmale Durchlaß einer
wütenden Schlucht türmte sich über dem Strom auf, dunkel und rauh. Er
engte ihn ein. Der Fluß wird hart und verwegen wie die Landschaft. Am
linken Ufer unterhalb des grauen Städtchens, das droben auf Mauern
und Pfählen steht, lag eine lange Reihe von Dschunken. Ein großer Zug
von Kulis trug ihre Ladung am felsigen Ufer hinab und stapelte sie
weit unterhalb der Schnelle im Sand auf. Dort nahmen die Schiffe
sie wieder ein, wenn die Durchfahrt durch die Schnelle geglückt
war. Einige kleinere Schiffe kamen an diesem Ufer den sprudelnden
Fluß herauf. Die Schnelle war wie ein Wasserfall. Man sah die
heraufkommenden Schiffe nur, bis wo der Mast ins Dach ging. Das sah so
aus, als ob sie gesunken wären.
Am andern Ufer standen einige Häuschen auf einer langen Plattform.
Es schallte Musik von dort herüber, und die Plattform wimmelte von
Menschen, wie ein Fliegenglas voll schwarzer Fliegen. Drüben ist die
Fahrrinne für die größeren Dschunken und für die zu Tal gehenden
Schiffe. Diese müssen zwei Lotsen nehmen, zwei Lotsen für zwei Meter
Fahrt. Manchmal sehen wir eine Dschunke sich von unserm Ufer lösen und
nach der andern Seite rudern. Nach einer Weile stößt sie drüben wieder
hervor, fährt langsam mit dem Rücken voran, der Kante der Schnelle
zu, dreht auf einmal und sinkt in den Wasserfall hinein, springt und
schleudert, kreiselt und taucht und taumelt durch die Wut des Stroms
aufgeregt in wahnsinniger Eile zu Tal.
Von unserm Hausboot zog alles aus, was nicht bleiben mußte. Unser
Diener kam und flehte uns an, wir möchten nicht mit die Schnelle
hinabfahren. Das sei Gefahr fürs Leben. Aber wir gaben ihm die
Handtasche mit dem Geld, den Papieren und Photographien. Dann fuhr
das Hausboot ans andere Ufer. Dort lag auf der Plattform Zug neben
Zug von Ziehern. In der Schnelle unmittelbar am Ufer stand, von sechs
Tauen festgehalten, eine große Dschunke. In den Häusern spielten
Musikanten auf Trommeln, Becken und vielen flehenden Geigen, um die
Zieher anzufeuern. Zweihundert Menschen stemmten sich, auf dem Boden
liegend, in die Ziehtaue. Die aufregende Musik fliegt in sie hinein.
Die Dschunke steckt wie festgerammt, in dem kurzen Wirbel, der
dunkel und glatt, wie ein Bogen aus kochendem Porphyr, mit rasender
Kraft ans Bug schlägt und sich auswärts wölbt. Bis auf einmal ein
kleiner Ruck ins Schiff kommt. Die zweihundert Zieher, die an die
Seile angekrallt liegen, stürzen ein wenig vornüber, aber der kleine
lockernde Ruck ist schon von den Seilen aufgefangen und festgehalten,
und langsam, hartnäckig eisern folgt Ruck auf Ruck. Die Musikanten
fiedeln begehrlicher, die Becken dröhnen ungeduldiger, und die
Trommeln wirbeln, und durch die Muskeln droben rast ein Schauer, Tier
und Schöpfung, finster und ewig, und Maß um Maß unterliegt die Tochter
der Natur und der Willen des Menschen siegt sich hinauf.
Uns schauert ein wenig. Die Lotsen sind grade an Bord gekommen. Zwei
junge dünne Burschen in den reinlichen langen Gewändern der besseren
Klasse. Die Ruderer haben sich alle ausgezogen und ihre Kleider
geborgen. Außer den Rudern wird alles festgebunden. Die Kulis legen
sich nieder und halten sich an. Wir beide werden ins Innere des Boots
eingeschlossen. Aber wir schieben die großen Fenster auf. Das Boot
treibt langsam schräg rückwärts, auf die Kante der Schnelle zu. Wir
sehen sie in tiefem dunklem Bogen ruhig, aber gewaltvoll abstürzen und
dann plötzlich in einem ungeheueren Strudeln und Schießen, Donnern und
Spritzen sich erregen und in heißen Bogenwellen talwärts fliegen, sich
beruhigend.
Wir wissen, daß unter dem wilden Wasser die Felsenhaufen unsichtbar
einen engen Paß bilden, der nicht viel breiter ist als unsere Kwaze.
In diesen Durchgang müssen wir hineinstürzen. Dann glückt es. Mit
einemmal hat uns die saugende Kraft gefaßt. Das Schiff geht etwas
herum, neigt sich in den Wasserfall. Der Lotse hinten am Steuer brüllt
über das Schreien, Fauchen und die Kanonenschüsse des Wassers hinweg.
Wir steigen hinten hoch, wippen über, alles rutscht und stürzt, die
Ufer, die Felsenklötze, die Berggrate, wir im Innern Eingeschlossene.
In schweren Fetzen schlagen die Wellen aufs Schiff herauf. Wir wissen
nicht: ist es Leben oder Tod? Einen Augenblick lang kochen alle
Bewegungen, die es gibt, zugleich mit uns auf.
Wir haben uns ans Fensterbrett festgekrallt. Das Zimmer schwänzelt
wild herum. Die Landschaft schüttelt sich. Das Schiff fliegt,
stolpert, bäumt auf, macht Sprünge wie ein Karpfen außerhalb des
Wassers und dreht sich, wie kreisend zu Tal rollende Felsen, ins
Gewoge zurück. Unter unsern Augen saust und stockt das Wasser,
schleudert auf, bohrt und windet sich und schießt geradeaus. Wir sehen
die Kulis über die Ruder herfallen, das Schiff richtet sich auf und
noch durchtobt uns das feurige Flammen dieses wehrlosen verwilderten
Sturzes, so gleiten wir schon eilig wie in gutem Wind mit wohligem,
ebenmäßigem Schaukeln mitten im Fluß zu Tal. Am Ufer schauen uns die
Leute nach. Das war der Schin Tan.
Eine halbe Stunde unterhalb wird das Schiff ans Land gerudert. Die
beiden Lotsen wollen sich von uns verabschieden. Sie verbeugen sich
oft, und ein jeder von uns schüttelt sich wiederholt selber die Hände.
Die Lotsen zeigen zur Schnelle zurück und wir sagen: bu chau -- das
war gefährlich. Aber sie wehren lachend ab und sagen: Mas ki -- was
liegt daran! -- und gehen unter vielen liebenswürdigen Verbeugungen
an Land. Der Boy und die andern kommen wieder an Bord. Wir strömen
zu Tal. Die Ruderer singen und arbeiten ununterbrochen. Wildenten
fliegen auf und gehen jäh vor uns hoch. Meine Flinte holt noch eine
aus dem Himmel, eine schön braun-, grau- und weißgefiederte mit
einem grünmetallischen Helm. Ihre Farben sind wie Email so kühl und
glänzend.
Am nächsten Nachmittag waren wir in Itschang und bald auf der Reise
nach der Küste zurück, und andre Weltteile und Rassen kamen. Doch
keine mehr, die in derselben Geste ein solch überströmendes Gewähren
zugleich mit solch rätseldurchschauertem Sich-Versagen uns hinhielt.
Wir sprechen das Wort: Heiliges China! wenn wir in der Folge uns all
die Erhebungen und all die Liebe, und all das Unnennbare, Unerfüllbare
... das, wie einer andern Schöpfung Entquellende vergegenwärtigen
wollten ...
VERZEICHNIS DER BILDER
Markt in einem Jangtse-Städtchen 16
In einem Tor in Tschangscha 17
Zuckerbäcker mit Glückspiel 32
Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha 33
Theater in einem Gildetempel 48
Fischer bei Tschangscha 49
Der Hund Fo 64
Wir segeln durch den Tunting-See! 65
Ssetschuanesische Krämerfamilie 80
Ein Briefschreiber 81
Zieher an einer Schnelle 96
Zieher 97
Fischerboot 112
Gräber abgestürzter Zieher 113
Das Salzdorf 128
Goldsieber 129
Brücke in Wan Schien 160
Wan Schien 161
Alte Ssetschuanesen 176
Garkoch 177
Das Tung-Sui-Men in Tschunking 208
Der Arzt 209
Ssetschuanesische Händlerinnen 224
Fahrt zu Markt 225
INHALT
IM SÜDEN DES SEES
Die Schwelle 11
Feuersbrunst 15
In Tschangscha 24
Flußfahrt 75
Sturm 86
Auf der Kwei Li 92
TAGEBUCH DER SCHNELLEN-REISE 107
SSETSCHUANESISCHE GROSS-STADT
Stadt 187
Tempel und Soldaten 200
Neujahr 203
Ausritte 209
Festessen 217
DER SCHIN TAN 227
Verzeichnis der Bilder 239
WERKE
von
NORBERT JACQUES
FUNCHAL
Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Auflage
HEISSE STÄDTE
Eine Reise nach Brasilien. 2. Auflage
DER HAFEN
Roman
PIRATHS INSEL
Roman. 32. Auflage
LANDMANN HAL
Roman. 10. Auflage
SIEBENSCHMERZ
Roman. 8. Auflage
Druck des
Bibliographischen Instituts
in Leipzig
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS ***
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