The Project Gutenberg eBook of Im Dienste
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Title: Im Dienste
Erinnerungen aus verworrener Zeit
Author: Welter Nikolaus
Release date: July 22, 2026 [eBook #79155]
Language: German
Original publication: Luxemburg: St. Paulus Druckerei, 1925
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79155
Credits: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM DIENSTE ***
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion
des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind
stillschweigend korrigiert worden.
Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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Nikolaus Welter
Im Dienste
Erinnerungen
aus
verworrener Zeit
1925
Verlag der St. Paulus-Druckerei
Luxemburg
Alle Rechte, besonders
das der Übersetzung, vorbehalten.
Erstes Buch.
I.
An den Sonntagen vom 28. Juli und vom 4. August 1918 fanden im
Großherzogtum die Wahlen für die Verfassungskammer statt.
Verfassungs- und Lebensmittelfragen bildeten die Kernziele des
Wahlkampfes.
Die Rechtspartei, als Anhänger der Verhältniswahl, empfahl ihren
Freunden im Escher Kanton die Unterstützung der proporzfreundlichen
Sozialisten und Freien Volkspartei gegen die dieser Forderung
feindlichen Liberalen.
Die Losung wurde gehalten und die Liberalen unterlagen.
Gewählt wurden:
23 Rechtsparteiler: HH. Altwies, Bech, Charles Buffet, Duhr, Dr.
Ecker, Eichhorn, Gerard, Ant. Hansen, Eugen Hoffmann, Huß, Jacoby,
Jungers, Adolf Klein, Nikolaus Klein, Mackel, Meyers, Petges, Reuter
(später ersetzt durch Hrn. Wolter), Schiltz, Thinnes, Aug. Thorn, de
Villers, Wirtgen;
12 Sozialisten: HH. Blum, Housse, Kieffer, Krieps, Krier, Léon, Mark,
Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn;
10 Liberale, wovon 2 gemäßigte: HH. Brasseur, Diderich, Jak. Gallé,
Koch, Lacroix, Laval, Palgen, Pescatore; Hemmer, Schmitz;
5 Freie Volksparteiler: HH. Glesener, Herschbach, Kappweiler,
Steichen, Winandy;
2 Nationalparteiler: Böver, Prüm;
1 Unabhängiger: Kellen.
Keine Fraktion verfügte über die Mehrheit. Auch ein Zusammenschluß
hätte den Linksparteien im Verein mit der Volkspartei diese Mehrheit
kaum dauernd verbürgt.
Die neue Kammer trat am 27. August zusammen. Am Ministertische saß die
Regierung Kauffman, die bereits in ihren Grundzügen gelockert schien.
Eine am 4. September eingebrachte Anfrage über Luxemburgs Beziehungen
zum deutschen Reich, dessen Truppen das Gebiet des Großherzogtums
seit Kriegsbeginn widerrechtlich besetzt hielten, wurde von ihr als
unangebracht abgelehnt und mündete in eine Mißtrauenskundgebung.
Die Regierung gab ihre Entlassung. Eine Lösung der Krisis war nicht
leicht. Eine einheitliche Regierung war unmöglich, weil ja keine
Partei die dazu erforderliche Mehrheit besaß. Man einigte sich auf die
Bildung eines Geschäftsministeriums.
Hr. Mathias Mongenast, der langjährige Generaldirektor der Finanzen,
war bereit, beim Zusammenschluß eines solchen mitzuhelfen. Die
verschiedenen Parteien sollten ihm ihre Kandidaten vorschlagen; er
selbst werde als Staatsminister gewissermaßen das neutrale Haupt
bilden, das die einzelnen Glieder des Ministeriums zum einträchtig
friedlichen Tun zusammenhalte.
In jenen Tagen kam ich auf einem Spaziergang mit meinem Freunde, dem
Rechtsanwalt und sozialistischen Abgeordneten ~J. P. Probst~,
in ein Gespräch über die innerpolitische Lage und meinte im Verlauf
der Unterredung, wenn es seiner Partei wirklich darum zu tun wäre bei
der neuen Regierung mitzuhelfen, so könnte ich ihm einen tüchtigen
Schulmann als Unterrichtsminister empfehlen. Ich nannte dessen Namen.
Es war ein guter Freund von uns beiden, ein Mann von vornehmer
Gesinnung und freisinniger Weltanschauung, aber doch so friedfertiger
Natur, daß ich mich heute, nach all den persönlichen Erfahrungen in
den Wirren der Zeit, verwundert frage, wie ich überhaupt nur hatte
daran denken können, den zartnervigen Menschen auf diese Galeere zu
bringen.
Hr. Probst sah mich erstaunt an und bemerkte, der Mann sei ja auch
ihm ganz lieb; aber er seinerseits habe sich angesichts der so ganz
verfahrenen innerpolitischen Verhältnisse seine eigenen Gedanken
gebildet und seine Wahl getroffen. Er werde seiner Partei mich als
Vertrauensmann empfehlen.
Von Kindheit auf befreundet, hatten Hr. Probst und ich in unserm
Heimatdorfe Mersch und seiner romantischen Umgebung eine an
sonnigen Erinnerungen reiche Jugend verlebt. Wir waren während der
Studentenjahre noch inniger zusammengewachsen und uns seither sehr
nahe geblieben, wenn auch die beiderseitige Entwicklung nicht immer
gleich gelaufen war.
Hr. Probst kannte mich schon aus meinen Jugendversen als den Menschen
von starkem Mitgefühl. Er hatte mir zur Zeit das Gedicht "Die
Schmiede" abgelockt; er hatte das stürmische Lied im "Escher Journal"
untergebracht und damit der Öffentlichkeit und dem Hader ausgeliefert.
Das tiefe Mitleid mit aller menschlichen und irdischen Not war mir bei
allen Wandlungen geblieben; ich hatte es in zahlreichen Dichtungen
gestaltet.
Am überzeugendsten war ich für den auch unbekannten Proletarier
eingetreten grade in den kurz vor dem Krieg erschienenen Bekenntnissen
des "Franz Bergg", einem Buche, das aus dem Erbarmen geboren wurde
und mir von Seiten des preußischen Kriegsministeriums zwei Prozesse
eingebracht hatte, die, in Frankfurt und Hamburg anhängig, durch den
Kriegsausbruch niedergeschlagen oder vielmehr zurückgenommen wurden.
Meinen Lesern in Deutschland mußte ich auf Grund dieses Werkes als
Sozialdemokrat gelten. Der inländischen Partei war ich niemals
beigetreten. Ich fühlte in manchen wesentlichen Punkten mit ihr. In
andern billigte ich ihre Bestrebungen nicht. Und im übrigen ist es mir
im Leben stets unmöglich gewesen, mich einer Partei zu verschreiben.
Das war auch meinem Freunde bekannt. Aber es schreckte ihn nicht ab.
Im Gegenteil.
Die Partei, so erklärte er mir, denke nicht daran, wieder einmal
jemand aus ihrer Mitte in die Regierung zu schicken. Sie werde sich
für einen Vertrauensmann entscheiden, der nicht auf das engere
Parteiprogramm eingeschworen sei und dem damit auch eine größere
Bewegungsfreiheit gestattet werde. Ich sei der richtige Mann. Ich
besäße einen geachteten Namen, die Zuneigung der breitesten Kreise.
Die Partei, so warb er weiter, werde Ehre mit mir einlegen; ich
brauche mich nicht verpflichtet zu fühlen; sie müsse im Gegenteil mir
dankbar sein dafür, daß ich ihr meinen Namen und meine Person zur
Verfügung stelle.
Ich wandte u. a. ein, er kenne doch meine politischen Anschauungen.
In einem Zwist zwischen Krone und Partei z. B. könne ich als Minister
der Großherzogin unmöglich auf die Seite der Republikaner treten; das
verbiete mir mein persönliches Ehrgefühl.
Hr. Probst suchte mir klar zu machen, daß es zu einem solchen Konflikt
in dieser Zeit überhaupt nicht kommen werde. Die Partei denke nicht an
politische Abenteuer. Auch die Sozialisten müßten sich hauptsächlich
darum bemühen, aus den schwierigsten Volksernährungssorgen
herauszukommen, die Verfassungsreform durchzuführen und damit zu
klareren Verhältnissen hinzufinden. „Dieses Geschäftsministerium, so
beteuerte er, soll eben die Brücke zu einer friedlicheren Zukunft
schlagen helfen. Die verschiedenen Hauptparteien sind in der neuen
Regierung vertreten. Sie bringen zum ersprießlichen Zusammenarbeiten,
wenn auch keine Begeisterung, doch den aufrichtigen Willen mit. So
scheint das Neue unter nicht grade ungünstigen Gestirnen geboren zu
werden."
Den Ausschlag bei meiner Entscheidung brachte schließlich die
Erwägung, wie ich durch eine solche Beförderung an eine höchste
leitende Stelle in die Lage versetzt werde, das Leben und die
Menschen unter Verhältnissen kennen zu lernen, die mir bis dahin ganz
verschlossen waren. Mein innerer Mensch werde unter der bereicherten
Erfahrung notwendigerweise wachsen, und zudem werde es mir so möglich
gemacht, den einen und andern Lieblingsgedanken, der mir während
meiner Lehrtätigkeit teuer geworden, zu verwirklichen.
„Denn", so entschied ich schließlich, „selbstverständlich komme ich
nur für den Posten des Unterrichtsministers in Betracht. Auf einen
andern passe ich nicht."
Unter den Führern der sozialistischen Gruppe zählte ich neben Probst
noch manchen andern guten Bekannten. Sie konnten mich, fast ohne
Ausnahme, sämtlich gut leiden. Der Dichter der „Schmiede" und des
„Franz Bergg" sagte ihnen zu.
Des Freundes Vorschlag fand willige Ohren.
Am 18. September 1918, nachmittags gegen 4 Uhr, traf ich mich mit den
Vertretern der sozialistischen Kammergruppe in einem Caféhaus des
Paradeplatzes zu einer Aussprache.
Herr Probst führte mich ein, setzte die Ziele der Partei für die
nächste Zukunft auseinander, betonte den Wunsch auf ein friedliches
Zusammenarbeiten mit den übrigen Parteien, um der wirtschaftlichen
Sorgen und Hemmnisse Herr zu werden, und teilte mir schließlich mit,
die sozialistische Kammerfraktion sei bereit, mich als ihren einzigen
Vertrauensmann in Vorschlag zu bringen.
Die freundlichen Mienen der Anwesenden bewiesen, daß dieser Gedanke
allgemeine Zustimmung fand.
Ich dankte für das Vertrauen, das mir zuteil ward, und sagte: „Dieses
Vertrauen ehrt mich doppelt, denn ich bin, wie Sie wissen, nicht
Mitglied der Sozialdemokratie. Aber ich fühle sozial und denke
demokratisch von Jugend auf. Von dieser Gesinnung habe ich Proben
gegeben, die Ihnen gewiß bekannt sind. Ich werde auch in Zukunft
diesem Geiste treu bleiben. Wenn Ihnen diese Zusicherung genügt,
können wir zusammenarbeiten."
Diese Worte weckten Zustimmung. Ein weiteres Glaubensbekenntnis, so
hieß es, wolle man von mir nicht hören.
Ich warf ein: „Gewiß aber werden es die andern Parteien als sonderbar
empfinden, daß Sie Sozialdemokraten mit Ihren besondern Plänen und
Bestrebungen in der neuen Regierung für sich gerade den Posten des
Unterrichtsministers fordern, denn für einen andern mag ich mich nicht
melden."
„O", bemerkte Freund Probst, „dem öffentlichen Unterricht kommt
doch auch eine höchst bedeutsame soziale Aufgabe zu. In nächster
Zukunft muß z. B. der so wichtige Fortbildungsunterricht bei uns
zweckmäßiger gestaltet werden. Dabei hättest du das entscheidende
Wort zu sprechen. Dem Werke der Volkserziehung und der Jugendbildung
bringt der Sozialismus bekanntlich eine besondere Liebe entgegen.
Außerdem leben wir in der Zeit der Lebensmittelbeschlüsse mit ihren
gerade für den armen Mann und den Arbeiter so drückenden Folgen. Diese
Verordnungen werden im Ministerrat getroffen. Also hättest du auch
dabei entscheidend mitzureden."
„Schön. Nur dürfen wir uns nicht falsch verstehen, meine Herren. Ich
möchte als Ihr Vertrauensmann nicht von den Launen oder der Willkür
eines Einzelnen Ihrer Abgeordneten abhängen, dem ich vielleicht
mißliebig bin oder werden könnte. Um mich zu entfernen, brauchte
dieser nur eine Prinzipienfrage vom Zaun zu brechen, mit der Regierung
und Kammermehrheit nicht einverstanden sein könnten; dann aber wäre
der Bruch zwischen uns da und ich müßte austreten. Ich will mit Ihnen
aufrichtig arbeiten, aber ein Hampelmann mag ich nicht sein."
„Diese Gefahr besteht nicht. Ein einzelner Abgeordneter darf sich
solche Seitensprünge nicht erlauben. Die Fraktion als solche allein
entscheidet. Und die kennt ihre Verantwortung."
„Es bleibt also dabei: Alle brennenden Fragen werden zurückgestellt?
Wir wollen fruchtbare Arbeit leisten? So ist es ja gemeint?"
Die Runde antwortete: „Ja! Ja!"
„Wir halten es mit einer Politik, die sich ohne weitere Nebenabsichten
in die Tat umsetzen läßt?"
„Gewiß, gewiß! So meinen wir's auch."
„Es wäre aber zu wünschen", warf der Abgeordnete Josef Thorn ein, „daß
der Vertrauensmann in beständiger Fühlung mit der Partei bleibe und
seinen Leuten nicht so fern, ja so fremd gegenüberstehe, wie das im
letzten Ministerium für die liberalen Vertreter der Fall gewesen zu
sein scheint."
„Natürlich werde ich das. Und das um so lieber, als ich mich ja nicht
als Strohmann behandelt wissen will. Ich werde darauf bedacht sein,
Sie geziemend auf dem laufenden zu halten und Ihrer Meinung meine
Ansicht gegenüberzustellen."
Damit war diese erste Besprechung zu Ende. Es wurde nichts weiter
verhandelt und kein übriges vereinbart.
Soviel aber wußte ich von vornherein, daß ich, als Vertreter der
Fraktion, bei deren Abhängigkeit von dem stets schwankenden Fühlen und
Wollen der Masse immer mit der Ungewißheit und den Launen zu rechnen
hätte. Ich war entschlossen, diese Gefahr auf mich zu nehmen und im
entscheidenden Augenblick an meiner Aufrichtigkeit keinen Zweifel zu
lassen.
Gleich nach dieser Sitzung begab sich Herr Probst zu Herrn Mongenast.
Eben verließ der Führer der Rechtspartei dessen Haus. Er schien nervös
und blickte unzufrieden drein.
Probst erklärte Herrn Mongenast, seine Partei sei bereit, ihn als
künftigen Regierungspräsidenten anzuerkennen, und gab ihm den Namen
des sozialistischen Vertrauensmannes.
Herr Mongenast war erstaunt und meinte nach einigem Bedenken: „Wissen
Sie, Herr Probst, ich kann Herrn Welter ganz gut leiden."
„Aber das hoffe ich, Herr Mongenast."
„Herr Welter ist ein tüchtiger Professor. Das habe ich auch als
Präsident des Kuratoriums feststellen können. Um seine Kandidatur
aber ist es heikel bestellt, besonders wegen der Haltung, die die
Klerikalen ihm gegenüber einnehmen werden."
Herr Probst lachte verständnisvoll und erinnerte an den Widerstand,
den die Rechtspartei zur Zeit meiner Ernennung zum Gymnasialdirektor
entgegengestellt hatte.
Das aber war so gekommen.
Herr ~G. Zahn~ hatte am 2. August 1917 seine Entlassung als
Direktor des Athenäums erhalten. Ich wurde von den Linksparteien,
die damals die Mehrheit in der Kammer besaßen, als sein Nachfolger
empfohlen. Herr Probst, und besonders Herr Robert Brasseur, setzten
sich mit allem Eifer zu meinen Gunsten ein. Mit Erfolg, wie wir
zu hoffen wagten. Der damalige Generaldirektor des öffentlichen
Unterrichtes, Herr Moutrier, ein guter Freund des Herrn Brasseur, gab
ihnen und mir sein Wort.
Inzwischen hatte man sich auch im Rechtslager gerührt. Eine
Abordnung wurde in der Regierung vorstellig und legte gegen meine
Ernennung schärfsten Verwahr ein. Der Verfasser der „Lene Frank" und
des „Abtrünnigen", so hieß es, dürfe unmöglich an die Spitze der
vornehmsten Unterrichtsanstalt des Landes treten.
Herr Moutrier blieb fest und schlug mich der Großherzogin für den
Direktorposten vor. Großherzogin Maria Adelheid, die mir vor nicht gar
langer Zeit durch ihren Hofmarschall, Hrn. van Dyck, ihre Anerkennung
hatte aussprechen lassen für die starke und erfreuliche Wirkung,
die ich auf die studierende Jugend ausübe, nahm den Vorschlag ihres
Ministers kühl entgegen und verlangte acht Tage Bedenkzeit.
Herr Moutrier faßte das als Absage auf und suchte sich einen
anderen Kandidaten. Er fand deren zwei, denn es mußte nun auch der
Direktorposten an der Gewerbe- und Handelsschule neubesetzt werden.
Die Entwicklung, die diese Ernennungsangelegenheit genommen hatte,
war ziemlich allgemein bekannt. Auch Herr Mongenast wußte Bescheid.
Er nickte also zustimmend zu der Bemerkung meines Freundes, lächelte
fein, bewegte sich zu seiner Bibliothek und entnahm ihr ein Buch. „Das
hier ist Schuld daran", sagte er. Es war „Der Abtrünnige".
„Soeben haben mir", fuhr er fort, „die Klerikalen durch Herrn Huß
zwei Mann empfohlen. Ich kann sie unmöglich annehmen. Herr Huß wird
morgen wiederkommen und mir die endgültigen Vorschläge seiner Partei
unterbreiten. Mit dem Namen des Herrn Welter halten wir einstweilen
zurück. Es ist besser so. Wir dürfen ihn nicht gleich in die
Öffentlichkeit werfen."
Herr Probst erklärte sich mit dieser vorsichtigen Haltung
einverstanden, fügte aber hinzu, seine Partei werde keinen andern
Kandidaten in Vorschlag bringen.
Mir gestand er gleich nach dieser Unterredung, Herr Mongenast werde
kaum etwas erreichen.
Herr Mongenast verzichtete denn auch kurz nachher auf die Bildung des
neuen Geschäftsministeriums.
Jetzt konnte nur noch, wollte man überhaupt aus dem Wirrwarr
herauskommen, an eine richtige Koalitionsregierung gedacht werden. Der
Rechten, als der bedeutend stärksten Partei, kam dabei die Führung zu.
Sie sollten zwei Mann stellen.
Zwischen den Parteien wurde heftig und verworren hin und her
verhandelt. Links und rechts wurde bald dieser, bald jener Mann
vorgeschoben. Immer aber sollte Herr Emil Reuter, den die Rechtspartei
als den würdigsten auserlesen hatte, das Haupt der neuen Regierung
abgeben.
Schließlich kam es zwischen den Parteien zu einer Einigung
und am 28. September 1918 trat das Koalitionsministerium
~Reuter--Neyens--Welter--Liesch--Collart~ ins Amt.
II.
Die neue Regierung stellte sich am 3. Oktober der Kammer vor.
Staatsminister Reuter entwickelte deren Programm. Zustande gekommen,
so führte er aus, sei sie auf Grund einer Verständigung zwischen
den Parteien; als Hauptaufgabe stelle sie sich folgende Ziele:
Verfassungsrevision, Volksernährung, internationale Beziehungen.
Die Aufnahme war freundlich. Die einzelnen Parteien schienen wirklich
beseelt von dem guten Willen, zu dem sie sich bekannt hatten.
Persönlich hätte ich mir in der Regierung keine bessern Verhältnisse
wünschen können. Der Regierungspräsident, Hr. ~Emil Reuter~,
war mir vom Konvikt her sehr gut bekannt und hatte mir in späteren
Jahren manchen Beweis freundschaftlicher Teilnahme gegeben. Die beiden
Generaldirektoren ~Neyens~ und ~Collart~ waren mir beide als
Schüler wert und vertraut geworden. Herrn ~Liesch~ hatte ich, da
ich über dem „Franz Bergg" saß, als den früheren Verteidiger meines
„Helden" schätzen lernen; seine offene, entschiedene Art forderte
Achtung und weckte Vertrauen. Und so verband die fünf, unter so ganz
verschiedenen Zeichen zusammengekommenen Männer in kürzester Frist
wirkliche Freundschaft und Einmütigkeit.
Die ersten Wochen vergingen ohne besondere Zwischenfälle.
Ich lebte mich in die neue Arbeit ein. Ein rechter Stolz kam darüber
nicht auf. Allzuoft fühlte ich mich als Unterfertigungsmaschine.
Zum Eindringen in die fremden Gegenstände fehlten Zeit und Ruhe.
Auch glaubte ich nicht, daß meines Bleibens lange im Schatten der
Liebfrauenkirche sein könne, und so drängte es mich, wenigstens im
Schulfach die eine und andere Besserung durchzuführen, wodurch dem
Unterricht und den frühern Kollegen zugleich gedient werde.
An Lebenserfahrung allerdings nahm ich rasch zu. Dabei halfen
Umgebung und Gesellschaft mit. Die Erfahrung war nicht immer
erfreulicher Natur. Viele sind der Leute, die Ansprüche stellen und
mit unerfüllbaren Forderungen kommen. Eine solche Belastungsprobe hält
das, was im gewöhnlichen Freundschaft heißt, nicht immer aus. Und auf
Klienten ist kein Verlaß.
* * * * *
Draußen gehen inzwischen die Kriegsereignisse ihren erschütternden
Gang.
Die deutsche Westfront weicht dem französisch-englisch-amerikanischen
Druck. Die Gefahr rückt stets näher an unsere Grenzen.
Bulgarien wird in die Kniee gezwungen und bittet um Waffenstillstand.
In Preußen äußern sich die demokratischen Forderungen mit drohendem
Ungestüm.
Der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden richtet ein Friedensangebot
an den Präsidenten Wilson. Die von Deutschland und Österreich
gemachten Zusagen genügen den Verbündeten nicht. Waffen und Mord wüten
weiter.
Schon geht auch durch unser Volk eine gewisse Aufregung, die die
Regierung zu einer ersten Kundgebung veranlaßt.
„Alle aufreizenden Handlungen und Kundgebungen", heißt es in dem
Aufruf, „die den Beteiligten sowohl wie deren Mitbürgern zum Schaden
gereichen könnten, sollen vermieden werden. Es bleibt Pflicht eines
jeden Luxemburgers, in seinem Verhalten die Besonnenheit und Würde
zu bewahren, die den Umständen angemessen sind. So wird dem Wohl des
Vaterlandes und der Allgemeinheit am besten gedient."
Unsere Hoffnungen richten sich ebenfalls auf den Präsidenten der
Vereinigten Staaten, der in seiner Botschaft der Vierzehn Artikel den
Sieg des Rechtes zwischen den Nationen zu verheißen schien.
Am 8. Januar 1918 hatte er diese Forderungen dem Kongreß in Washington
übergeben. Die Botschaft vom 10. Februar brachte dazu eine glückliche
Ergänzung. Und schon schwärmten Unzählige von Wilsons Verkündigung als
der sichersten Grundlage für die künftigen Friedensverhandlungen und
Völkerbeziehungen.
Vor allem die Rechte der kleinen Nationen wurden anerkannt und das
Selbstbestimmungsrecht aller Völker gegen jede Gewaltpolitik kräftig
behauptet.
„Die nationalen Wünsche", sagte Wilson, „müssen gewahrt werden. Die
Völker dürfen nur ihren eigenen Wünschen entsprechend regiert werden.
Selbstbestimmung ist kein eitles Wort, es drückt sich darin eine
gebieterische Forderung aus, die kein Staatsmann künftighin ohne
Gefahr übersehen darf.
„Dieser Krieg hat seinen Ursprung in der Verachtung des Rechts der
kleinen Nationen und Nationalitäten, die der Einheit und der Macht
entbehrten, um ihren Forderungen sowie einer eigenen selbstherrlichen
Politik Nachdruck zu verleihen. Es müßten jetzt Vereinbarungen
getroffen werden, die solche Vorfälle in Zukunft unmöglich machen.
Diese Abmachungen müßten gestützt werden durch die vereinten Kräfte
aller Nationen, die das Recht achten und bereit sind, ihm um jeden
Preis Geltung zu verschaffen."
Diese goldenen Worte eines weisen politischen Toren enthielten
den Freiheitsbrief der kleinen Völker und fanden auch bei uns den
freudigsten Widerhall.
Am 8. Oktober 1918 wandte sich die Luxemburger Kammer in einer
Tagesordnung an den Präsidenten der Vereinigten Staaten und bat
um Schutz unserer Rechte, um Räumung des Großherzogtums durch die
fremden Besatzungstruppen sowie um die Freilassung der in deutscher
Militärhaft schmachtenden Luxemburger.
Großherzogin Maria Adelheid rief den Beistand des Papstes an und
erflehte seine Vermittlung, damit das Land von den Deutschen frei
gegeben und Luxemburgs Neutralität von den kriegführenden Mächten
neuerdings anerkannt und geachtet werde.
Die Regierung ihrerseits übermittelte Wilson den einstimmigen
Wunsch der Landesvertretung und der Regierung auf Fortbestand des
unabhängigen Großherzogtums und rief seinen wohlwollenden Beistand
an, damit die Zukunft des Landes bei den Friedensverhandlungen
sichergestellt werde.
Am 17. Oktober verkündete die Kammer in einer Tagesordnung die
demokratischen Gesinnungen des Luxemburger Landes und forderte
die Regierung auf, „die Frage über den Eintritt des unabhängigen
Luxemburgs in den Völkerbund zu studieren und den Anschluß an diesen
Bund, der von der Demokratie der ganzen Welt gewünscht wird, so weit
als möglich vorzubereiten".
Auch die belgische Regierung schien sich zu unsern Gunsten zu rühren
und ersuchte, auf Anregung und Wunsch der im belgischen Heeresverband
dienenden Luxemburger, den Präsidenten Wilson und die verbündeten
Regierungen, bei dem Abschluß eines Waffenstillstandes, mit der
Räumung Belgiens zugleich „die Räumung des mit Belgien eng verbundenen
Großherzogtums Luxemburg von den Deutschen zu fordern".
Kurzum, Völker und Einzelne witterten einen neuen Morgen. Man fühlte
sich an der Schwelle großer Ereignisse.
In einer Note vom 20. Oktober an den Präsidenten Wilson nimmt die
deutsche Regierung die in den 14 Artikeln gestellten Bedingungen
rückhaltlos an und ersucht um Waffenstillstand. Diesem Antrag kann,
so antwortet Wilson am 23. Oktober, nur stattgegeben werden, wenn
die bisherigen Machthaber Deutschlands, die den Krieg geführt haben,
zurücktreten oder Deutschland sich bedingungslos ergibt.
Darob erwiderte die deutsche Regierung bereits am 28. Oktober,
Deutschland habe jetzt eine Volksregierung, der auch die Militärmacht
unterstellt sei; die verbündeten Mächte möchten daher die Bedingungen
eines Waffenstillstandes, der einen Rechtsfrieden der Völker
herbeiführen könne, bekannt geben.
Am folgenden Tage treten die Türkei und Österreich-Ungarn mit den
Verbündeten in Sonderverhandlungen ein.
Die Türkei streckt am 31. Oktober die Waffen. Österreich-Ungarn geht
aus den Fugen. In Prag und Budapest übernehmen Nationalräte die
Regierung. Offiziere und Soldaten stellen sich ihnen zur Verfügung.
Der deutsche Rückzug bereitet sich vor. Zugleich wälzt sich die
Kriegsgefahr stets drohender an unser Land heran. In der ausländischen
Presse mehren sich die falschen Nachrichten und die Tatarenmeldungen
über die Zustände in Luxemburg, über die Wünsche der Bevölkerung, über
die Haltung des Landes und besonders seiner Herrscherin während des
Krieges.
Dieser ganze Feldzug scheint einer einzigen dunklen Quelle zu
entströmen und einem besondern Ziele zuzustreben.
Ich rate im Regierungskolleg dringend zur Einrichtung einer
Pressestelle in Bern.
Sämtliche Länder, so betone ich meinen Kollegen gegenüber, verfügen
über besondere Geldmittel zur Förderung oder zur Wahrung des
nationalen Gedankens. Ein solches Amt hätte auch für Luxemburg gleich
zu Kriegsbeginn im Ausland geschaffen werden müssen. Jetzt mag es in
allerletzter Stunde vielleicht zu spät sein. Aber versucht werden muß
es, und zwar ohne Aufschub.
Die geeignete Persönlichkeit bei uns ausfindig zu machen ist
allerdings nicht leicht. Eine gewandte Feder und journalistisches
Geschick wären für die ihr gestellte Aufgabe unerläßliche
Vorbedingung. Der Vertrauensmann würde unserer Berner Geschäftsstelle
zugeteilt. Er müßte Beziehungen zu den bedeutendsten politischen
Blättern des verbündeten Auslandes suchen, jede falsche Nachricht
aus oder über Luxemburg berichtigen: er müßte ausgiebig mit Mitteln
versorgt werden, die es ihm ermöglichten, seine eigenen Zuschriften
unterzubringen und eine wirksame Propaganda zu Gunsten des Landes
einzuleiten. Für den patriotischen Zweck kann ja keine Ausgabe zu groß
sein.
Der Gedanke gefiel. Aber der geeignete Mann war in der Eile nicht
aufzutreiben. Schließlich einigten wir uns auf die Person eines jungen
Richters, der in der Schweiz Erholung suchen mußte. Herr Adam, so
bekräftigte man, sei zuverlässig, klug, fleißig, und schreibe einen
klaren Stil.
Diese Wahl fand nur meine halbe Zustimmung. Die Lage erforderte einen
ganz andern Mann. Wo den finden? Diesen und jenen hätte ich schon
vorschlagen können. Aber auf keinen von ihnen, das spürte ich, war in
nationaler Beziehung Verlaß. Grade bei ihnen mußten wir uns, unter den
heutigen Umständen, doppelt vorsehen. Etwas aber mußte getan werden.
So durfte es in keinem Falle weitergehen.
Herr Adam reiste alsbald nach Bern, um das luxemburgische Presseamt
dort einzurichten und zu leiten.
* * * * *
Zwischen den Verbündeten und Österreich-Ungarn kam es am 4. November
zum Waffenstillstand.
In stets stärkeren Massen wurden die deutschen Krieger durch Luxemburg
zurückbefördert. Auffällig dabei war eine bisher unerhörte Lockerung
der Zucht. Handlungen des Übermutes, ja des verbrecherischen
Mutwillens mehrten sich.
Angesichts der stets engeren Bedrängung der deutschen Heere
durch den Feind, mußte mit der Möglichkeit gerechnet werden,
daß schließlich auch Luxemburg in den Schlachtenfeuerbereich
geraten werde. Die Regierung erließ dementsprechende Weisungen
an die Gemeindeverwaltungen und gab Verhaltungsmaßregeln für den
entsetzlichen Notfall.
Am 6. November kamen der deutsche Gesandte und der deutsche
Befehlshaber in Luxemburg dem Staatsminister melden, das Land
werde vielleicht schon in den ersten Tagen ganz oder teilweise ins
Etappegebiet einbezogen werden.
Gegen diesen neuen Neutralitätsbruch legte die Regierung alsbald in
Berlin und bei der Entente Verwahr ein. Kammer und Volk schlossen sich
ihr entrüstet an.
Endlich war die Friedensfrucht in Brand und Schrecken reif geworden.
An demselben 6. November reiste die deutsche Abordnung zur
Entgegennahme der Friedensbedingungen nach dem Westen.
Am 8. November überreicht ihr Feldmarschall Foch im Walde von
Rhetondes bei Compiègne diese Waffenstillstandsbedingungen und fordert
Antwort innerhalb 72 Stunden, spätestens also für den 11. November
gegen 11 Uhr morgens. Ein Antrag auf einstweilige Waffenruhe wird
abgelehnt.
In Deutschland kommt es zur Revolution. Schon am 7. November leiten
die Kieler Matrosen den Umsturz ein. In allen Städten bilden sich
Arbeiter-Soldaten-Bauernräte und reißen die Gewalt an sich. Münchens
Bevölkerung beschließt die Absetzung der Dynastie Wittelsbach. Wilhelm
II. dankt in unwürdiger Weise ab und flüchtet auf holländisches
Gebiet. Der Kronprinz folgt in noch unrühmlicherer Art dem väterlichen
Beispiel.
Luxemburg wird Durchmarschsgebiet. Deutsche und österreichische
Truppen fluten stets stärker zurück.
Der Schlachtendonner rollt aus immer beängstigenderer Nähe herüber.
Und auch die Fliegerangriffe halten immer noch die Menschen in
beständiger Aufregung.
In Luxemburg rührte sich der Unfriede und hob schnuppernd die
Schnauze. Die Feinde der Dynastie, die Feinde des unabhängigen kleinen
Vaterlandes, die Freunde eines Regierungswechsels, Republikaner,
Parteigänger Belgiens: alle halten sie ihre Stunde für gekommen. Die
in ihrem Solde stehenden Zeitungen herrschen in stets stärkeren,
rücksichtslosen Tönen. Katilinarische Gesellen lauern und rüsten sich
zum Ansprung, zu Schlag und Raub.
Großherzogin Maria Adelheid vor allem stand im Kreuzfeuer der
Verdächtigungen und der Anklagen.
Über ihre Haltung seit Kriegsbeginn und dem deutschen Einfall gingen
die widersprechendsten Gerüchte. In ausländischen Zeitungen wurde sie
schonungslos angegriffen. Ein Teil der in Paris ansässigen Luxemburger
forderte ihre Absetzung und den Anschluß des Landes an Frankreich.
Sie war, so wollten es ihre Ankläger, die Freundin Deutschlands. Sie
hatte dem General, der als erster luxemburgisches Gebiet verletzt
hatte, Audienz gewährt. Sie hatte den deutschen Kaiser empfangen und
gastfreundlich zu Tisch geladen. Sie hatte für den Sieg der deutschen
Waffen gebetet, auf den Erfolg der großen glorreichen deutschen Heere
einen Trinkspruch getan. Sie hatte es zugelassen, daß unter ihren
nächsten und höchsten Hofbeamten einzelne Kriegsdienste im deutschen
Heere taten. Sie plante den Anschluß Luxemburgs an das deutsche Reich.
Sie hatte, um das Maß voll zu machen, ihre Einwilligung gegeben zu
der Verlobung ihrer Schwester Antonia mit dem bayrischen Kronprinzen
Rupprecht, dem „Henker Flanderns"; sie hatte sogar die Stirn gehabt,
diese Verlobung den Herrschern der Ententeländer zur Kenntnis zu
bringen.
Diese und andere Anwürfe und Beschuldigungen wurden in steter
Wiederholung der Öffentlichkeit ins Bewußtsein gehämmert. Sie machten
Eindruck. Die Dreistigkeit, womit sie in den Tag geschleudert wurden,
die planmäßige Folge, mit der sie seit Kriegsbeginn aneinandergereiht
wurden, nahmen auch die Menge gefangen. Niemand erinnerte sich;
niemand rief sich andere Worte und Geberden der jungen Fürstin ins
Gedächtnis, die zu diesen Behauptungen und Gerüchten im schroffsten
Gegensatz standen; niemand stieß sich an der Verblendung, die
allein eine solche Haltung hätte eingeben oder gebieten können. Die
öffentliche Meinung ward im starken Maße vergiftet.
Und doch versuchten die Freunde und Anhänger des Herrscherhauses das
Mögliche, diese öffentliche Meinung zu bekehren. Sie erinnerten an die
tapfere, gebieterische Haltung der jungen Großherzogin gleich nach
dem Einbruch der fremden Heere. Sie wiesen hin auf die Verantwortung
des damaligen Regierungspräsidenten, der ihr den einen oder andern
Schritt als notwendig hingestellt hatte und dem sie sich nur unwillig
fügte. Sie entlarvten so manchen Anwurf ihrer Widersacher als schnöde
Erfindung und Verleumdung.
Für mich stand eines fest: Was auch Maria Adelheid im einzelnen, mit
oder ohne Willen, an Unklugheiten oder Verdächtigem hatte geschehen
lassen, Luxemburgerin war sie immer gewesen und geblieben. Mit ihrem
freien, unabhängigen Vaterlande wollte sie stehen und fallen.
Sie hatte sich zu feierlich und zu entschieden dazu bekannt, um ihr
fürstliches Wort so schnöde Lügen zu strafen.
Ich erinnere nicht einmal an ihre vaterländischen Worte in den
Notsitzungen der Abgeordnetenkammer nach dem Einbruch der Deutschen.
Aber auch am 3. November 1915, kurz vor der Bildung des Ministeriums
Loutsch, sprach sie das stolze Wort: „Ich trage die Krone eines freien
unabhängigen Staates, dessen Verfassung ich beschworen habe. Ich will
diese Freiheit und Unabhängigkeit aufrechthalten und schützen. Niemals
gebe ich meine Zustimmung zu einem Anschluß Luxemburgs an Deutschland.
Niemals reiche ich die Hand zu einer Umgestaltung des Großherzogtums
in einen deutschen Bundesstaat."
Und als ihr die demokratischen Verbände des Landes, als Verwahr gegen
die Auflösung der Kammer, nach einer gewaltigen Straßenkundgebung am
2. Januar 1916 eine Adresse überreichten, da hieß es in ihrer Antwort:
„Alle meine Anstrengungen verfolgen das eine Ziel: dem Vaterlande
seine selbständige Fortdauer, seine Unabhängigkeit und seine Freiheit
zu sichern.
„Ich bin Luxemburgerin, Luxemburgerin von Geburt aus, im Herzen und in
der Seele.
Ich liebe mein Land und ich liebe mein Volk. Ich will mein Land frei
und unabhängig, ich will mein Volk frei und glücklich wissen."
Solche Worte sprechen eine heilige Überzeugung aus. Maria Adelheid
hat keine öffentliche Handlung gesetzt, die mit diesem feierlichen
Gelöbnis nicht vereinbar gewesen wäre.
Aber in jenen Tagen kam es weniger darauf an festzustellen, wie sich
im Ausland dieser und jener zu der Frage von Maria Adelheids Schuld
oder Unschuld, ihrer Haltung gegen Deutschland, ihrer Gesinnung
gegen die Ententemächte stelle; in jenen Tagen galt es vor allem zu
erwägen, wie die Luxemburger in ihrem Herzen und in ihrem Glauben zu
ihrer Landesfürstin standen.
Nun aber hatte Maria Adelheid innerhalb weniger Monate bei einem
großen Teil ihres Volkes stark an Liebe eingebüßt. Die monarchisch
fühlenden freisinnigen Kreise vor allem vergaßen nicht die
unerfreulichen Überraschungen, die ihnen die junge Fürstin, die erste
auf heimatlicher Erde geborene und erwachsene Großherzogin, schon bald
nach ihrem mit unendlichen Hoffnungen begrüßten Regierungsantritt
bereitet hatte.
Ihr Zögern und ihre Weigerung, Männer liberaler und radikaler Richtung
an hohe Vertrauens- und Amtsposten zu ernennen, mochte es dabei zur
Regierungsumbildung und zu Ministerkrisen kommen, die Entsendung
des Ministeriums Loutsch vor eine starke feindliche Kammermehrheit,
die Kammerauflösung von November 1915: diese und andere Handlungen
wurden als Äußerungen eines Herrscherwillens empfunden, der bei den
Voraussetzungen und vieljährigen Erfahrungen unserer demokratischen
Vergangenheit befremden und Widerspruch hervorrufen mußten.
Ob und inwieweit die Verfassung der Landesherrin das Recht gab,
ihrem Gewissen und nicht ihrem verantwortlichen Minister zu folgen,
wurde nicht untersucht. Die Kammerauflösung, die beinahe zu einem
Wahlsieg der Rechtspartei geführt hatte, wurde von dem Linksblock
als rückständiger Staatsstreich verschrieen und Maria Adelheid war
in ihrer inneren Regierung den freisinnigen Luxemburgern verdächtig
geworden.
Dazu gesellten sich in jenen Tagen stets lauter, dreister, drohender
die unfreundlichen Stimmen aus dem Ausland, die Anklagen auf
Deutschfreundlichkeit, d. h. auf Landesverrat.
In den ersten Tagen, davon durfte man überzeugt sein, standen schwere
Kämpfe bevor. Es handelte sich dabei um das Schicksal des Vaterlandes.
Eine Rettung aus der bedenklichen Lage konnte, so fürchtete ich,
im entscheidenden Augenblick nur mit Hilfe des einmütigen, auf das
~eine~ große Ziel gerichteten Volkswillens erreicht werden. Dabei
blieben Dynastie und nationale Selbständigkeit unzertrennlich. An den
Fortbestand des freien Großherzogtums ohne das durch internationale
Verträge beglaubigte und angestammte Herrscherhaus war in jenen Zeiten
nicht zu denken.
Die überwiegende Mehrheit unseres Volkes war zweifellos monarchisch
und dynastiefreundlich. Ob sie aber in gegebener Stunde zu Maria
Adelheid stehen würde, durfte bezweifelt werden. Ich persönlich konnte
mich, angesichts der eben angedeuteten Verhältnisse, nicht zu der
Hoffnung aufschwingen, daß es möglich wäre, sämtliche zur Rettung der
Heimat erforderlichen Kräfte der Anhänglichkeit und der Opferfreude
im Zeichen ~ihres~ Namens zu ~einem begeisterten~ Entschluß
zusammenzubinden. Maria Adelheid war, weniger durch eigene Schuld als
durch die Unbesonnenheit oder die Beschränktheit unverantwortlicher
Höflinge und Ratgeber sogar für manche fürstentreue Katholiken zum
Stein des Anstoßes geworden.
Nicht der Rumor im Ausland, die Stimmung im Lande machte mir
Sorge. Aus der Tiefe des eigenen Volkes drohte in der Stunde der
Schicksalswende der übel beratenen Herrscherin Gefahr.
Die Großherzogin selbst schien ein Vorgefühl zu haben von dem
Verhängnis, das sich aus allen Winkeln des politischen Himmels
gegen sie zusammenballte. Das beweist ein schon im Oktober 1918 aus
persönlicher Eingebung an den Staatsminister gerichteter eigenhändiger
Brief. In diesem Schreiben erklärt sie Hrn. Reuter, seine Regierung
brauche bei einer etwaigen Neuregelung der staatlichen Verhältnisse
Luxemburgs nach Kriegsschluß auf Ihre Person keine Rücksicht zu
nehmen. Sie denke an freiwilligen Verzicht. Für die Zukunft des
luxemburgischen Herrscherhauses sei die Sicherung der Nachfolge
und der Nachkommenschaft unerläßliche Vorbedingung. Sie denke an
keine Vermählung. Ihre Schwester Charlotte werde schon jetzt im
Familienkreis als ihre Nachfolgerin angesehen. Die Prinzessin sei mit
ihrem Vetter, Prinz Felix von Bourbon-Parma, verlobt und ein möglichst
baldiger Abschluß der Verbindung sei wünschenswert.
Gewiß eine äußerst bezeichnende und hochwichtige Mitteilung!
III.
Am 9. November im Nachmittag kam Generalmajor Teßmar in die
Regierung und meldete, von Trier her seien deutsche Aufwiegler im
Anzug auf Luxemburg; aus Differdingen werde ihnen Verstärkung durch
luxemburgische Arbeiter kommen. Die Absicht der Empörer sei, auch
in Luxemburg eine Sowjetherrschaft einzurichten. Mit den deutschen
Rädelsführern gedenke er schon fertig zu werden. Schlimmer stehe es,
wenn sich die Luxemburger zu den Deutschen gesellten. Er habe darauf
gehalten, uns auf die Gefahr aufmerksam zu machen; wir möchten die
Großherzogin benachrichtigen und nachtsüber am Fernsprecher bleiben.
Er selbst werde sich nicht niederlegen und stets zu erreichen sein.
Von einer eigentlich revolutionären Bewegung im Differdinger Becken
war uns nichts bekannt. Ich zog die Herren Probst und Housse ins
Vertrauen. Auch sie waren ahnungslos. Ich hatte die Herren nach
Schluß einer Stadtratssitzung getroffen. Auf einmal trat der zweite
Stadtschöffe in den Saal; er trug ein großes Blatt und rief: „Hier
ist ein Aufruf der Regierung!" und breitete das Papier auf den Tisch.
Alles stand herum, las und lachte. Einer der Herren freute sich baß
und laut, daß auch bei uns der Bolschewismus so rasch überhand nehme;
zugleich beglückwünschte er, in meiner Anwesenheit, Herrn Probst, daß
er in diesem Augenblick nicht Minister sei.
Wir beschlossen, den Abend und die Nacht im Regierungsgebäude zu
verbringen. Staatsminister Reuter wollte noch an demselben Abend nach
Berg, um die Großherzogin von dem Ernst der Lage zu unterrichten. Ich
sollte ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin begleiten.
Kurz nachher trägt uns der Wagen durch die Nacht. Die Baumgänge an der
Straße vertiefen sich im Lichte der Scheinwerfer zu endlosen Hallen
mit schlanken bleichen Säulen. Mir ist, als ob an jeder Straßenwendung
das Schicksal auf seinem Einhorn hervorlenken könne.
Die Großherzogin wartet. Im fußfreien schwarzen Rock tritt sie
uns mit freundlichem Lächeln entgegen. Auf dem Tisch stehen zwei
Blumensträuße; der eine verbirgt ihr Herrn Reuters Gesicht; sie rückt
die Vase still zur Seite.
Wir wiederholen die Warnung des Generalmajors und reden von der
Unruhe, die sich stets stärker in den Reihen besonders der städtischen
Bevölkerungen fühlbar mache; auch die Stimmen von jenseits der Grenzen
seien äußerst sorglich; ja, es stehe zu befürchten, daß im gegebenen
Augenblick Maria Adelheids Verbleib auf dem Throne dem Ausland als
unerwünscht gelten könne.
Bei den letzten Worten lehnt sich die Fürstin tief in den Sessel
zurück. Die rechte Hand liegt fest auf dem Tisch. Um den Mund zeigt
sich ein Zug müden Schmerzes. Das edle Haupt auf dem schlanken Halse
neigt sich etwas nach vorn. Doch schon hat sie sich gefaßt, das
Antlitz hebt sich und die großen Augen blicken still und klar.
„Wenn Herr Teßmar wahr gesprochen hat", meint Herr Reuter, „und wenn
die Bewegung um sich greift, dürfte es morgen in der Stadt gefährlich
werden."
„Dann komme ich morgen nach Luxemburg gefahren", erwidert sie rasch.
Wir raten ab.
Ein Verzicht auf den Thron, so erklärte sie dann mit ruhiger Stimme,
falle ihr an sich nicht schwer. Aber sie möchte es vorher doch auf
den klar ausgesprochenen Willen des Volkes ankommen lassen; diesem
Volkswillen werde sie sich fügen.
Teßmars Absicht, mit Gewalt Ordnung schaffen zu wollen, wird scharf
von ihr mißbilligt und als Torheit zurückgewiesen.
Inzwischen hatten sich auch die Wangen wieder gerötet; die Augen
lächelten. Die ganze Haltung bezeugte innere Festigkeit.
Nach einer Stunde schieden wir.
Im Vorzimmer des Regierungsgebäudes hatte sich unterdessen eine
Gendarmeriewache eingerichtet.
Nach 1 Uhr nachts gingen Herr Reuter und ich, um Herrn Teßmar
zu sprechen. Er war nicht in seinem Amtsquartier zu finden. Wir
klingelten ihn im Gasthof an. Der Herr lag zu Bett.
Wir sahen uns an, lachten und gingen nach Haus.
Am folgenden Morgen, kurz nach acht, stehen wir Herrn Teßmar wieder
gegenüber. Wie sich der Mann in einer Nacht geändert hat! Nichts
Herausforderndes mehr in seiner Haltung, nichts Herrisches und
Barsches! Freundlich reicht er uns die Hand, ein abgespannter,
sorgenvoller Greis; seine Stimme tönt müde, fast weich.
„Gute Nachrichten", so verkündet er, „sind eingelaufen. Die englischen
Matrosen sind in den Generalstreik eingetreten. Hindenburg drängt auf
schleunigen Abschluß des Waffenstillstandes. In Trier ist es ruhig.
Die Zugverbindung mit Luxemburg ist abgebrochen; die Einfahrtssignale
in den Bahnhöfen sind abgestellt. Und nun mögen die Rebellen kommen!
Für den Nachmittag erwarte ich ein zuverlässiges Bataillon. Wir werden
die Herren ~warm~ empfangen."
Während der törichte Polterer so sprach und flunkerte, hatte sich in
Luxemburg bereits ein deutscher Soldatenrat gebildet. Die Offiziere
wurden ihrer Abzeichen entkleidet und entwaffnet. Nachmittags schon
schritt auch Herr Teßmar seinen Gang, ganz bescheiden, mit hängender
Schulter und mit tiefem Haupt, ohne Säbel und ohne Achselklappe.
Seit dem Tage habe ich den gestürzten Machthaber nicht wiedergesehen.
Die blutigsten Gerüchte folgten ihm nach Trier und über den Rhein
hinüber, und ein Spruch des Kriegsgerichtes von Lüttich verurteilte
ihn im Februar 1925 im Abwesenheitsverfahren zum Tode als den Henker
der 123 Opfer von Rossignol.
Durch die Straßen der Stadt wälzte sich indessen der Rückzug in
trüben, aufgeregten Wogen. Hoch durch die Luft aber strebten die
Luftzeuggeschwader in langen Zügen moselzu und heimatwärts.
Die für die Annahme der Friedensbedingungen gestellte Frist lief am
Montag vormittag ab. Die Annahme galt als sicher. Und schon richtete
sich alles auf die neuen Verhältnisse ein.
Am Nachmittag des 10. November befand ich mich im Zimmer des
Staatsministers. Da wurde Herr Obergerichtsrat F. X. gemeldet. Er
trat vor Herrn Reuter und führte mit geläufiger Zunge in langer Rede
folgendes aus: „Die Lage im Innern ist verzweifelt. Die Großherzogin
muß fort. Die Regierung liegt am Boden. Der Aufruhr droht. Nur ein
rasches Eintreffen der Ententetruppen kann retten. Schicken Sie
einen Parlamentär im Schutz der luxemburgischen Flagge an die Front
und ersuchen Sie die Franzosen um raschen Einmarsch. Falls Sie den
richtigen Mann zu dem Zweck nicht haben, stelle ich mich Ihnen gerne
zur Verfügung. Ich bin der Mann, den Sie brauchen und ich nehme auch
eine Kugel mit in den Kauf."
Wir freuten uns dieser verdächtigen Beredsamkeit und der
Staatsminister komplimentierte den todesmutigen Mitbürger hinaus.
Schon hatte sich auch unter der unmittelbaren Auswirkung des
Waffenstillstandes die sog. „+Ligue Française+" gegründet. Ihre
Ziele umschreibt sie in der folgenden Kundgebung:
„Die alte und die neue Welt haben das Selbstbestimmungsrecht der
Völker feierlich verkündet.
Kraft dieses Rechtes richten wir an alle Bürger und Bürgerinnen, ohne
Unterschied der Parteien, den dringenden Ruf, der eben gegründeten
Französischen Liga beizutreten.
~Die Liga fordert den Anschluß unseres Landes an Frankreich.~
Dieser Anschluß entspricht unsern kulturellen Bestrebungen sowie
unsern moralischen und materiellen Interessen.
Wir bitten, unverzüglich die Beitrittserklärungen an die Adresse
Georges Schommer, Paradeplatz 6, zu richten."
Der provisorische Exekutivausschuß i. A.:
gez.: Jean Angel, Emile Mark, Armand Michel, Paul
Palgen, Paul Reisen, Georges Schommer, Henry
Schreiber, Paul Stümper, Paul Sivering,
Georges Traus."
Das „Escher Tageblatt" machte es sich zur patriotischen Pflicht, den
Bestrebungen der französischen Liga den Weg zu bereiten; allerdings
entsprach der Erfolg nicht ganz der darauf verwandten Beredsamkeit.
Schon bald trat der Verband im jungen Werbeeifer an die
Öffentlichkeit. Zum ersten Mal geschah das in der Volksversammlung,
die am Nachmittag des 10. November im Saale Brosius abgehalten wurde.
Der Sprecher der Liga, der sich seinen Landsleuten auf französisch
vorstellte, wurde von dem Unwillen der Anwesenden, die nur die
Heimatsprache hören wollten, alsbald zum Schweigen gezwungen.
Während der Tagung traf, wie die „Luxemburger Zeitung" vom 11.
November 1918 zu berichten weiß, Herr Josef Thorn aus einer
Versammlung der sozialistischen Parteileitung ein und teilte mit,
die Partei werde sofort an die Regierung die Frage stellen, wie sie
sich zu folgenden Forderungen verhalte: Republik, Beschlagnahme der
Großbetriebe durch den Staat, Achtstundentag usw. Lehne die Regierung
ab, so werde der Vertrauensmann der Sozialisten (Hr. Nik. Welter)
austreten und die Partei werde sehen, was weiter zu geschehen habe.
Nach längerem verworrenem und stürmischem Gerede wurde ein sogenannter
Arbeiter- und Bauernrat zusammengesetzt und man beschloß als
wesentlichste Neuerungen die Abdankung der Großherzogin, die Absetzung
der Dynastie und die Ausrufung der Republik.
Auch in verschiedenen Gegenden des Erzbeckens bildeten sich nach
deutschem und sowjetistischem Muster Arbeiter- und Bauernräte.
Für den folgenden Abend wird eine neue Volksversammlung auf dem
Wilhelmsplatz einberufen.
Am Montag morgen kommt die Nachricht, der Waffenstillstand sei zur
Tatsache geworden. Friede! Friede! Endlich erlöst! Die Freude ist
groß. Im Nu wallen die Häuser im Fahnenschmuck!
Es war, wie sich später herausstellte, für uns eine Rettung in
allerletzter Stunde.
Auf den 14. November hatte Marschall Foch den großen Lothringer
Angriff festgesetzt. Zugleich sollte ein Vorstoß der Verbündeten in
der Richtung Longwy-Luxemburg erfolgen. Noch einige Tage also des
blutigen Treibens und die Kriegsgeschichte wüßte heute wahrscheinlich
von der großen Schlacht an der Sauer oder Mosel zu berichten.
Vor diesem entsetzlichen Schicksal wurden wir am 11. November
glücklich errettet.
Jetzt aber, wo das Land Luxemburg am Rande des Schicksals wie durch
ein Wunder erhalten wurde, begann für uns im Innern erst recht der
Kampf um die Heimat.
IV.
Als ich in der Zeitung die von dem Abgeordneten Josef Thorn während
der Volksversammlung vom 10. November gesprochenen Worte las, kamen
mir besondere Gedanken. Diese Worte waren nach Inhalt und Ton für
den Vertrauensmann schlechthin verletzend. Der Vertrauensmann der
Sozialisten, so heißt es kurz, wird, wenn diese Bedingungen nicht
erfüllt werden, austreten. Ich war aber mit keinem Wort auf diese
Möglichkeit vorbereitet worden. Hinter meinem Rücken wurde über mich
verfügt, wie über ein Werkzeug, das sich nach Belieben muß hantieren
lassen. Eine heimliche Furcht wurde mir dadurch zur Tatsache. Ich
wollte, wie ich gleich anfangs der Partei erklärte, kein bloßer
Hampelmann zwischen den Fingern der politischen Laune und Berechnung
sein. Man schien mich aber nur als solchen halten zu wollen.
Mit dieser bitteren Feststellung richtete sich schon am 11. November
die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes mit der Fraktion drohend
vor mir auf.
Im Herzen Europäer, also weltbürgerlich gesinnt, fühlte ich doch
von Jugend auf als begeisterter Sohn der kleinen neutralen Heimat.
Dem neutralen Luxemburg mit seiner menschlich vornehmen Gesinnung
verdankte ich eine ganz persönliche Stellung gegenüber dem sog.
Vaterlandsgedanken und seinen engen Forderungen.
Schon im „Franz Bergg" hatte ich den kleinen Staaten und ihrer
kostbaren Bestimmung das Wort geredet, da ich schrieb:
„Dies eben ist der große Vorzug der kleinen neutralen Staaten.
Sie denken friedlich und urteilen gerecht. Sie empfinden
~international~, also ~menschlich~ im höchsten Sinne.
Sie predigen nicht den Haß aus Vaterlandsliebe. Zwischen den
eisenstarrenden Riesen liegen diese Kleinen eingeklemmt, hilflos wie
Kinder, aber doch Lieblinge des guten Geistes, denn in ihrem Gefühl
verdichtet sich das Gewissen der Menschheit. In ihren Ansichten über
Geschichte und Entwicklung sind sie den sogenannten Großmächten um
Jahrzehnte vorauf. An dem Tage, wo der letzte dieser Kleinen der
Kriegslist und Eroberungsgier eines Großen zum Opfer fällt, traure die
Menschheit, denn sie ist in ihrer Seele ärmer geworden."
Denselben Gefühlen hatte ich auch in „über den Kämpfen" Ausdruck
verliehen, stellenweise sogar fast mit denselben Worten, in dem
Gedicht:
An die Großmächte.
Spottet nicht der kleinen Staaten, die in eurem Schatten stehn,
die mit Bangen und Bewundrung auf zu eurer Größe sehn.
Laßt sie ungehindert wachsen wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zum Preise und zum Herzensschmuck der Welt.
Zwar sie können kaum sich decken hinter Schwert und Mörserschild,
sind in euren Panzerfäusten wie ein Alabasterbild;
Doch sie heben voll Vertrauen ihre Augen zu euch hin,
denn sie hoffen, daß sich Stolz und Stärke paart dem Edelsinn ..
Dieses aber bleibe unsres Daseins Vorrecht bis zuletzt,
daß es euch, den Himmelsstürmern, freigewollte Schranken setzt,
daß ihr auch im Eisenkleide Ehrfurcht tragt für euren Schwur,
unterm Zwang der Not nicht mordet eure bessere Natur.
Laßt daher die Kleinen wachsen wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zur Prüfung und zum Herzenstrost der Welt;
alle guten Engel Gottes schrecktet ihr schon längst hinaus,
bauten ihnen unsre Hände nicht ein stilles Tempelhaus.
Nähert ihr euch einem Nachbarn, lenkt euch nur der Eigennutz;
da im Nachbarn ihr den Feind seht, denkt ihr nur an Schutz und Trutz;
schon dem Kind fälscht ihr den Menschbegriff im Herzen und im Hirn
und entehrtet die Geschichte gern zu eurer Eigendirn.
Wir empfinden viel gerechter, fühlen menschlicher als ihr:
wo ihr neidet, da bewundern, wo ihr haßt, da helfen wir,
und wenn ihr euch, wahnverblendet, herzlos bis zum Tod zerfleischt,
hebt sich betend unsre Stimme, die für euch Erbarmen heischt.
„Friede, Friede den Menschen auf Erden!" das ist unser Schlachtenruf;
unser Schwert der Stab des Moses, der aus Felsen Brunnen schuf;
unser Traum Triumph der Güte, Treu und Rechttun unser Ruhm,
unser Ziel das freiste Bürger- und das reinste Menschentum.
Weh dem armen Bruder, den sich eure Selbstsucht unterwarf,
weil er fürder nur auf eure Vorurteile schwören darf!
Ach, bei jedem Freien, den ihr hart in euer Prunkjoch schirrt,
fühlt die Menschheit fröstelnd, daß sie in der Seele ärmer wird.
Schont darum und schützt die Kleinen, die in eurem Schatten stehn,
laßt sie als Gewissenszeugen mahnend euch zur Seite gehn;
laßt sie blühend sich entfalten wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zum Heile und zum Herzensstolz der Welt.
Sinnt den Worten, die der Göttlichste der Erdgeborenen sprach,
sinnt den Worten Jesu aus dem kleinen Jordanlande nach:
„Wollt ihr Großen selig werden, werdet diesen Kindern gleich!
Laßt die Kleinen zu mir kommen, ihrer ist das Himmelreich."
Erst wenn der Tag des Heils gekommen ist, wo sich das zerrissene
Europa zu den Vereinigten Staaten Europas zusammenschließt,
durchdrungen von demselben Ideal des Rechtes und des Friedens, das
sich bis heute nur in den kleinen neutralen Völkern verkörpern
konnte, erst dann wird sich neben Dänemark, Holland, Belgien und der
Schweiz auch Luxemburg seines eigenen Wesens erfreuen können. Von
seinem besseren Selbst braucht es dann nichts aufzugeben und auch der
angestammte Name bleibt ihm für immer erhalten.
Dieser lichte Zukunftstraum wird leider nur ein Traum bleiben. Recht
lange noch werden vaterländische Grenzen und patriotische Vorurteile
die Völker des sich selbst zerfleischenden Europas scheiden. Holland,
die Schweiz, Belgien werden trotzdem für sich fortbestehen. Dann
aber sehe ich nicht ein, warum auch Luxemburg nicht dauern dürfte
und sollte. In dem Besten seines Geistes, das sich in jedem rechten
Luxemburger ausspricht, darf es, selbstbewußt wie diese Größeren,
sein Recht auf Dasein geltend machen.
Weiterleben aber kann es nur als ~Monarchie~. Eine Republik
Luxemburg, das war und das bleibt meine Überzeugung, wäre ein
totgeborenes Kind. Diese Regierungsform führte bei uns im Innern bald
zur schlimmsten Familien-, Kasten- oder Parteiwirtschaft und müßte
nach außen rasch beim Aufgehen im größeren Frankreich enden.
Auch ein Dynastiewechsel wäre verhängnisvoll. Hut ab vor dem
hochherzigen belgischen Königspaar! Aber die Personalunion mit Belgien
käme, in diesem Augenblick, einem Anschluß an Belgien gleich. Nur im
treuen Ausharren bei der heimischen Dynastie liegt die Bürgschaft der
Zukunft. So allein bekundet das Land seinen Willen zum unabhängigen
Fortbestand.
V.
Am Vormittag des 11. November wurde die Regierung von Maria Adelheid
in Audienz empfangen.
Das Gespräch bewegte sich anfangs um die Ereignisse des Sonntags. Die
Gründung der Arbeiter- und Bauernräte, die revolutionären Forderungen
wurden besprochen. Niemand von uns fand so recht das Herz, von dem
Wesentlichen zu reden, das allein in dieser Stunde nottat und dessen
Gebot auf allen Lippen zitterte.
Schließlich baten wir um eine längere Unterredung, bei der es
jedem Regierungsmitglied möglich gemacht würde, seine Ansicht zur
gegenwärtigen Lage eingehend zu entwickeln.
Die Großherzogin hörte aufmerksam und schweigend zu. Dann erklärte sie
sich gerne zu dieser Aussprache bereit und fragte, ob wir vielleicht
lieber einzeln zu ihr reden wollten. Zwei Mitglieder äußerten den
Wunsch, die Fürstin möchte die Herren getrennt, und zwar nach Parteien
anhören. Sie gestand das auf der Stelle zu und wir sollten am
Nachmittag wieder vor sie treten.
Kurz nachher meldeten sich in der Regierung beim Staatsminister die
Abgesandten des „Arbeiter- und Bauernrates". Ich war eben anwesend.
Die Vertreter der neuen Gewalt erstatteten Bericht über den Verlauf
der Sonntagsversammlung und überreichten die Forderungen des
Luxemburger Volkes.
Diese sowjetistischen Forderungen lauteten wie folgt:
„In spontaner Bewegung hat sich gestern in Luxemburg-Stadt und
Umgebung aus den versammelten Arbeitern, Bauern und Beamten, ein
Luxemburger Arbeiter- und Bauernrat gebildet. Die Versammlung verlangt
stürmisch die Einsetzung der Luxemburger Volksrepublik auf Grund
nachstehender Forderungen:
„Art. 1. -- Luxemburg bildet einen Freistaat, der seine politischen,
ökonomischen und sozialen Angelegenheiten frei und unabhängig ohne
Rücksicht auf irgendwelche Verträge, die als nicht mehr bestehend
angesehen werden, und ohne Rücksicht auf irgendwelche dynastischen
Interessen, regelt.
„Art. 2. -- Es wird eine Volksregierung gebildet, die aus einem
Arbeiter- und Bauernrat besteht. Die Vollmachten dieser Regierung
sind provisorisch und hören mit der Konstituierung einer definitiven
Regierung durch die zu wählende Nationalversammlung auf.
„Art. 3. -- Die Nationalversammlung setzt sich zusammen aus
Abgeordneten, die von dem Luxemburger Volk gewählt werden.
„Art. 4. -- Wähler und wählbar ist jeder Luxemburger (auch jeder
Beamte), einerlei welchen Geschlechtes, der einundzwanzig Jahre alt
ist und keine entehrende Strafe erlitten hat.
„Art. 5. -- Außer der gesetzgebenden Gewalt hat die
Nationalversammlung konstituierende Befugnisse zur Ausarbeitung einer
neuen Verfassung.
„Art. 6. -- Die Soldaten und Gendarmen des Freiwilligenkorps wählen
ihre Chefs selbst und leisten den Eid auf die Verfassung.
„Art. 7. -- Die Eisenbahnen gehen in den Besitz des Staates über,
Hüttenwerke und Banken bis zum Betrage von 51 Prozent ihres
Aktienkapitals. Durch Dekret des Arbeiter- und Bauernrates können
auch noch andere Betriebe und Betriebsarten bis zum selben Betrage
verstaatlicht werden. Der Achtstundentag und ein 36-stündiger
wöchentlicher Ruhetag soll schleunigst eingeführt werden.
„Art. 8. -- Alle Gerichtsurteile werden in Zukunft im Namen des
Arbeiter- und Bauernrates gefällt."
Der Wortführer verhandelte mit Herrn Reuter in wässerigen, unklaren
Phrasen. Schließlich verlangte er, wir Regierung sollten die Republik
ausrufen, und zwar auf der Stelle.
Da konnte auch ich nicht länger zurückhalten und fragte, seit wann
denn der Brauch bestehe, daß in einem monarchischen Lande die von
einem konstitutionellen Fürsten ernannten Minister im Handumdrehen
die Republik ausrufen müßten! Ob die Herren der Ansicht wären, wir
„Fürstendiener" hätten nicht auch so etwas wie ein Gewissen!
Nun wurde dem Herrn Abgesandten der Bescheid, auch die Regierung
werde sich, ihrem Beispiel folgend, an das Volk wenden und dessen
Willen befragen. Sie tue das im Auftrag der Großherzogin selbst, die
schon vor längerer Zeit den Wunsch geäußert habe, die zukünftige
Staats- und Regierungsform Luxemburgs einem freien Volksreferendum zu
unterstellen. Damit werde das Schicksal des Volkes in dessen eigene
Hände gelegt. Zu diesem Standpunkt bekenne sich die Herrscherin in
Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Grundsätzen über das
freie Selbstbestimmungsrecht der Völker. Mehr könnten schließlich auch
die Arbeiter- und Bauernräte nicht verlangen.
Zum Schluß entließen wir die etwas verdutzte Gesellschaft mit der
Mahnung: „Sie, meine Herren, behaupten hier zu stehen als die
Vertreter des Volkes. Nun gut, als solche müssen auch Sie sich Ihrer
großen Verantwortung bewußt werden. Sie sind verantwortlich für die
öffentliche Ordnung, für die Zucht in den Reihen Ihrer Anhänger. Zur
Anarchie darf es nicht kommen."
Die Herren versprachen, dieser Pflicht nachzukommen, und gingen.
Der Entschluß der Großherzogin, die zukünftige Staats- und
Regierungsform Luxemburgs einer regelrechten, auf breitester
Grundlage vorgenommenen Volksabstimmung zu unterwerfen, wurde durch
Maueranschlag zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Das war der erste
Schritt auf dem Wege der nationalen Verteidigung.
Kurz nach vier Uhr nachmittags wurde ich von der Großherzogin
empfangen.
Ich legte ihr vorerst meine Stellung als Vertrauensmann der
sozialistischen Kammerfraktion auseinander. Ohne der Partei
anzugehören, ohne ihre jüngst lautgewordenen Wünsche und Pläne zu
billigen, weil ich sie für die Zukunft des Landes verderblich, ja
tödlich erachte, fühlte ich mich doch durch das mir erwiesene
Vertrauen verpflichtet und sei fest entschlossen, auf eine erste
bestimmte Aufforderung hin aus der Regierung zu scheiden; das gebiete
mir die Aufrichtigkeit.
Die Großherzogin erwiderte, sie verstehe diese meine Auffassung und
müsse mir Recht geben.
Die darauf folgende Unterredung berührte natürlich auch die bekannten
Zwischenfälle sowie die umlaufenden Gerüchte, die leider von allzu
vielen geglaubt wurden. Die Fürstin sprach schlicht, freimütig und
bestimmt. Schmerzlich war es ihr, wieder einmal zu vernehmen, wie
sehr ihre guten Absichten verkannt, und sogar ihre so häufig und
nachdrücklichst betonte und beschworene gut luxemburgische Gesinnung
bezweifelt oder geleugnet wurde.
Ein einziges Vorkommnis, warf ich ein, hätte ich von vornherein
entschieden mißbilligt, denn es habe mein vaterländisches Gefühl
zu schwer verletzt. „Der preußische General, der an erster Stelle
Luxemburgs Neutralität und Gebiet vergewaltigte, hätte von Ihrer
Königl. Hoheit unter keinen Umständen empfangen werden dürfen."
Maria Adelheid entgegnete mit scharfer Betonung: „Sie haben recht. Das
war eine Dummheit. Aber man hat mir auch dazu geraten."
Bei einer Bemerkung, die ich zu der Erörterung eines innerpolitischen
Ereignisses vorbrachte, richtete sich ihre schlanke Gestalt straffer
auf: sie warf das edle Haupt hoch und meinte: „So müßte ich das
unterzeichnen, was meine Minister mir unterbreiten?"
Ich erwiderte: „Königliche Hoheit, einem modernen Herrscher muß die
beschworene Verfassung, vor der alle Bürger gleichberechtigt sind,
wie eine Stimme des Gewissens sein. Diese Beschränkung mag nicht
besonders rühmlich scheinen. Aber, Königliche Hoheit, das Volk in
seiner Gesamtheit fährt bei solchen Regierungsgrundsätzen sicherer
und steter, als wenn bei heikeln Personenfragen z. B. persönliche
Gewissensskrupeln entscheidend in die Schale fallen. Der Minister ist
sich, im Augenblick, da er eine Ernennung zur Bestätigung vorlegt,
doch auch der Verantwortung bewußt, die er damit vor seinem Fürsten
sowohl wie vor dem Volke übernimmt. Er steht mit seiner Person und
mit seiner Stellung ein für den Entscheid, den er von dem Herrscher
fordert. Eine Weigerung muß ihm als ein Ausdruck Allerhöchsten
Mißtrauens gelten und er weiß, daß ihm angesichts dessen nur noch ein
Weg offen bleibt."
Maria Adelheid sieht mich groß an und schweigt. Nach einer Pause holt
sie tief Atem, nickt wie unter einem widerwilligen Zwang und sagt:
„Ja!" Dann drückt sie den Kopf an die hohe Sessellehne zurück und
flüstert mit einem Lächeln fast schmerzlicher Verlegenheit: „Aber es
fällt schwer!"
Ich verneigte mich. „Dies Geständnis ehrt Königliche Hoheit. Ich aber
danke für das mir bezeigte hohe Vertrauen."
VI.
Am Abend des 11. November fand auf dem Wilhelmsplatz eine aufgeregte
Versammlung statt. Die rote Fahne flatterte auf der Treppe des alten
Rathauses. Abdankung der Dynastie! Ausrufung der Republik! war auch
hier die Losung. Die französischen Annexionisten wurden wieder
höhnisch überjohlt. Verworren und mit kindischem Ungestüm äußerten
sich daneben die krassesten sozialen Forderungen. Die Abgeordneten
Housse und Probst sprachen sich gegen jedes gewaltsame Vorgehen aus;
eine Verwirklichung der neuen Gedanken werde sich, so hofften sie, in
nächster Zukunft mit gesetzlichen Mitteln erreichen lassen.
Den Beschluß der Versammlung, worin die Abdankung des Hauses
Nassau-Braganza verlangt wurde, brachten uns die Vorstände der
„Bauern- und Arbeiterräte" am folgenden Nachmittag in die Regierung
und ersuchten, ihn der Kammer zu übermitteln.
Einige Stunden später platzten in dieser Versammlung Liebe und Haß
zum Herrscherhaus aufeinander. Wenn ich bis dahin immer versucht
war, die lärmfrohen Kundgebungen einer unverantwortlichen Masse als
groben Unfug anzusehen, in dieser Kammersitzung, angesichts der
Volksvertreter, von denen jeder einzelne doch seine Verantwortung zu
tragen hatte, trat mir der bittere Ernst der Stunde zum ersten Mal
beunruhigend ins Bewußtsein.
Herr Staatsminister Reuter verständigte die Kammer von dem festen
Willen der Großherzogin, die Frage über die zukünftige Regierungsform
einem Volksreferendum, also dem freien Willen des Volkes selbst zu
unterstellen.
Der Vorschlag fand keine Gnade. Liberale und Sozialisten brachten
eine Tagesordnung ein, in der die Kammer den Wunsch ausdrückte, die
Dynastie möge zum Wohl des Vaterlandes auf den Thron verzichten.
Diese Tagesordnung lautete in ihrer ersten verletzenden Fassung:
„Die Kammer,
in Anbetracht, daß die Herrscherin außerstande war, im Innern den
verfassungsmäßigen Schranken gemäß zu regieren noch auch den Wünschen
aller Kreise ihres Volkes Verständnis entgegenzubringen wußte;
in Anbetracht, daß die Landesfürstin und das Haus Nassau-Braganza die
Interessen des Landes nach außen gefährdet haben:
drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie auf den Thron des
Großherzogtums verzichte, und beauftragt das Kammerbüro, diesen
Beschluß der Herrscherin zur Kenntnis zu bringen.
gez. Brasseur, Pescatore, Lacroix, Probst, Thilmany."
Der Präsident weigerte sich, diesen Wortlaut zur Abstimmung zu
stellen, denn die Person der Fürstin sei unverletzlich.
Darauf erklärten die Antragsteller, sie seien bereit, die
vorausgeschickten Begründungen zu streichen und als Tagesordnung den
einzigen Schlußabschnitt festzuhalten.
Die Rechtspartei ihrerseits beantragte folgende Tagesordnung:
„Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und fordert sie auf,
das Luxemburger Volk in seiner Gesamtheit auf dem Wege des Referendums
über die zukünftige Staatsform zu befragen.
gez. Aug. Thorn, Prüm, Hansen, Huß, Bech."
Das Ganze stand also wirklich auf dem Spiel. Stets rücksichtsloser
stürmte die politische Leidenschaft vor. Draußen die Straße warf die
Klänge der Marseillaise in die parlamentarische Brandung herauf.
Die Tribünen lärmten mit Äußerungen des Beifalls und des Unwillens
herunter.
Herr Reuter sprach tapfer und klug und fand bei seinen Freunden
wackere Unterstützung.
Die Versammlung ging in höchster Aufregung auseinander. Am andern Tag
sollte die Entscheidung fallen.
Die Aussichten waren trüb. Der Regierung fehlte der starke Rückhalt
einer entschiedenen Mehrheit. Die beiden Vertrauensmänner der
Linken wußten sich mit ihrer Überzeugung im schroffen Widerspruch
zu ihren Parteien. Gesichert war der Rechten von vornherein nur die
Unterstützung der beiden unabhängigen Nationalparteiler. Bei der
Freien Volkspartei stand die Entscheidung. Diese fünf Männer sahen
sich in einer äußerst verzwickten Lage. Sie durften, bei allem guten
Willen ihrerseits, von dem Gefühl der Arbeitermassen, zu denen die
große Mehrheit ihrer Wähler gehörte, nicht ohne weiteres absehen.
Ihre Verlegenheit war groß. Ihre Stellungnahme war zweifelhaft. Ihr
Führer aber hatte sich als Mitglied eines Arbeiterrates bereits für
die Republik ausgesprochen und erklärte nach der Sitzung auch dem
Staatsminister, er werde für die antidynastische Tagesordnung stimmen.
Ich sah an dem Abend die Zukunft des Landes jählings an den Abgrund
gestellt. Viel Liebe für die Dynastie hatte ich bei der Kammer nicht
in Rechnung gebracht; niemals aber erwartete ich beim Ansturm der
Linken, vor solch einem Dammbruch der Abneigung und Feindseligkeit
stehen zu müssen.
Kurz nach unserer Rückkehr in die Regierung überraschte uns, in
Abwesenheit des Herrn Reuter, Herr Kammerpräsident Altwies mit der
Mitteilung, es sei ihm der Einfall gekommen, mit den Führern der
verschiedenen Fraktionen in eine Besprechung einzutreten, ob sich
nicht doch vielleicht eine Einigung erzielen ließe mit der Aussicht
auf Rettung der Dynastie.
Herr Reuter wurde telephonisch benachrichtigt und hergebeten. Herr
Liesch und ich setzten uns mit unsern Parteien in Verbindung. Und so
erschienen im Regierungsgebäude gegen 8 Uhr: von den Liberalen die
Herren Pescatore, Brasseur und Lacroix; von den Sozialisten die Herren
Probst und Housse; von der Rechtspartei die Herren Altwies und Schiltz.
Herr Altwies empfing die Geladenen mit den aufklärenden Worten:
„Vielleicht habe ich Sie vergebens herbemüht, meine Herren. Mir ist
nach der Kammersitzung der Gedanke einer Lösung gekommen, mit der
sich die Kammermehrheit möglicherweise zufrieden geben dürfte.
Die Großherzogin Maria Adelheid würde abdanken und eine ihrer
Schwestern die Nachfolge antreten. Dann müßte allerdings aus der
bewußten Tagesordnung der die ganze Dynastie einbegreifende Ausdruck
verschwinden. Das war so mein Gedanke. Ich habe ihn auch einigen
Mitgliedern meiner Partei unterbreitet. Die einen stimmten zu, die
andern nicht. Ich hatte Herrn Aug. Thorn und auch Hrn. Prüm gebeten,
hieherzukommen. Beide haben entschieden abgelehnt. Ich habe mithin
keinen Auftrag, Sie im Namen meiner Partei mit diesem Vorschlag zu
befassen. Ich tue es nur in meinem eigenen Namen."
Herr Schiltz bestätigte die letzten Aussagen des Kammerpräsidenten
mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel an seiner eigenen
Mißbilligung ließ. Er war durch einen Freund zur Besprechung
eingeladen worden, ohne recht zu ahnen, worum es sich handle. „Hätte
ich Bescheid gewußt", so erklärte er bestimmt, „dann wäre auch ich
fortgeblieben."
Nach dieser wenig verheißenden Einleitung begannen die Erörterungen.
Ein erster Vorschlag zielte auf die Beseitigung der
dynastiefeindlichen Tagesordnung unter der Voraussetzung, daß
Großherzogin Maria Adelheid abdanke und durch Prinzessin Charlotte
ersetzt werde. Diese Lösung wurde von den Linksparteien als
unzulänglich abgelehnt. Herr Brasseur vor allem erklärte, die
Antragsteller der Linken hätten mit Absicht die ganze Dynastie in ihre
Tagesordnung einbezogen; es müsse einmal, und zwar gründlich, Schluß
gemacht werden.
Nach weiterem Hin und Her bedeuteten die Gegner, sie könnten nur dann
von ihrer Tagesordnung absehen, wenn Großherzogin Maria Adelheid
abdanke und ihre Nachfolgerin sich der Ausübung ihrer Herrschergewalt
enthalte, bis das Volk in einer Gesamtabstimmung über die zukünftige
Regierungsform verfügt habe.
Dieser Vorschlag wurde von der Regierung und ihren Freunden
entschieden verworfen; zugleich wurde auf die verfassungsrechtlichen
Schwierigkeiten hingewiesen, die einer solchen Lösung entgegenstünden.
Herr Schiltz besonders war sprachlos. Er rief in seiner sanguinischen
Lebhaftigkeit, mit dem ersten Antrag könnte er sich im Notfall
schließlich noch abfinden, niemals aber mit dem zweiten; er begreife
nicht, wie man auch der Nachfolgerin Maria Adelheids eine so unwürdige
und durch gar nichts verschuldete Demütigung zumuten könne; er erkläre
es von vornherein für unmöglich, daß sich auch nur ~ein~ Mitglied
der Rechtspartei zur Billigung eines solchen Auswegs verstehen könne.
Da taucht aus dem Munde des Hrn. Housse ein dritter Vorschlag auf.
Großherzogin Maria Adelheid, so führte Herr Housse aus, enthält sich
auf Wunsch der Kammer jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt, bis
eine aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangene Volksvertretung
über die zukünftige Regierungsform des Landes befunden hat. In
der Zwischenzeit werden die Geschäfte von der heutigen Regierung
weitergeführt. Einstweilen genügt zur Durchführung dieser Maßregel
eine Änderung von Art. 32 der Verfassung.
Der Gedanke des sozialistischen Abgeordneten und Bürgermeisters
ging seinen Freunden nicht weit genug. Sie beharrten bei ihrer viel
radikaleren Lösung.
Herr Staatsminister Reuter erkannte in dem Antrag des Herrn Housse
immerhin die Möglichkeit zu einer Verständigung; doch legte er sich in
keiner Weise fest.
So kam es zu keiner Einigung. Schließlich wurde folgendes vereinbart:
Eine Abordnung fährt noch an demselben Abend nach Schloß Berg, um die
Großherzogin über die Lage und den Stand der Verhandlungen aufzuklären
und ihre persönliche Ansicht einzuholen. Nach Mitternacht treffen sich
die Anwesenden wieder in der Regierung.
Gegen 10 Uhr fuhren die Herren Altwies, Reuter und die übrigen
Regierungsmitglieder hinaus.
Der Staatsminister erstattete Bericht. Wir legten darauf den Ernst der
Lage dar und verständigten die Fürstin von der Tragweite der einzelnen
Anträge.
Zu dem ersten Vorschlag erklärte Maria Adelheid ohne alles Zögern,
sie sei bereit abzudanken, wenn damit die Dynastie gerettet werde.
Doch könne niemand anders ihr Nachfolger sein als Prinzeß Charlotte;
ihrer dritten Schwester, Prinzeß Hilda, sei jeder Gedanke an eine
Thronbesteigung fremd.
Einer von uns wandte ein, gegen Prinzeß Charlotte als künftige
Großherzogin würden in jedem Fall Bedenken erhoben, denn sie sei
ja dem Prinzen Felix von Parma verlobt, und der Prinz habe im
österreichischen Heere gedient.
Maria Adelheid blickte erstaunt und entgegnete: „Das schon! Aber die
Bourbon-Parma sind doch Franzosen."
„Allerdings, Königliche Hoheit. Es wird aber auch ein großes Aufsehen
gemacht mit einem Telegramm, gemäß dem Prinz Felix als Erster in
Premysl eingerückt sei."
Trotz des ernsten Augenblicks konnten wir uns bei diesem Einwurf eines
Lächelns nicht erwehren.
Die Großherzogin sah uns verwundert an. Dann lachte auch sie und sagte
lebhaft: „Mein Gott, muß der gute Junge auch noch herhalten! Meine
Herren, ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, Prinz Felix ist
so ein charmanter Mensch, er würde im Handumdrehen die Herzen aller
Luxemburger gewinnen."
Diese Rede war mir nicht unlieb zu hören. Prinzeß Charlotte war mir
von Persönlichkeiten, die viel in ihrer Nähe lebten, als zuverlässig,
offen und weitherzig gerühmt worden. Die einigen Male, wo ich sie
selbst gesehen hatte, so vor einigen Monaten noch im Stadttheater bei
der Uraufführung der romantischen Oper: „Griselinde", hatte sich ihr
Bild meiner Erinnerung aufs vorteilhafteste eingeprägt.
Auch in die zeitweilige Suspendierung ihrer Regierungsgewalt ist
Maria Adelheid bereit einzuwilligen, falls eine solche Amtsenthebung
verfassungsgemäß zulässig ist.
Darauf wendet sich die Rede dem Antrag der Linken zu, für den
sich, angesichts der wahrscheinlichen Haltung der Volkspartei, die
Mehrheit der Kammer vielleicht doch entscheiden könnte: Abdankung der
Großherzogin und zeitweilige Amtsenthebung der Nachfolgerin.
Auf diese Frage fällt der Fürstin die Antwort schwerer. Sie bedenkt
sich, blickt uns zweifelnd an und meint, wie im Kampfe mit sich
selbst, zögernd und gedämpften Tones, den Zweck und die Notwendigkeit
dieses Antrages könne sie eigentlich nicht einsehen; wenn aber das
Wohl des Landes es wirklich erfordere, so sei sie auch zu diesem Opfer
bereit; sie stelle uns die Lösung anheim und lasse uns voll Vertrauen
freie Hand für die eine oder die andere Entscheidung.
Viertel nach eins waren wir wieder im Regierungsgebäude, wo uns die
übrigen Herren erwarteten.
Herr Altwies teilte das Wesentliche mit und die Verhandlungen setzten
aufs neue ein.
Den Antrag Housse erklärten die Vertreter der Linksparteien endgültig
für durchaus unannehmbar.
Über den Antrag Brasseur entspinnt sich ein aufregender
Meinungsaustausch. Herr Reuter weist ihn entschieden ab; er verstoße
zudem gegen den Vertrag von 1867.
Herr Schiltz wehrt sich dagegen mit verzweifelten Hand- und
Armbewegungen: er begreift nicht, warum Maria Adelheid überhaupt
zur Abdankung gezwungen werden müsse; seine Partei sei für solchen
Gewaltschritt unter keiner Bedingung zu haben.
Da nimmt das Wort Herr Neyens und sagt mit ernster Stimme: „Doch,
Herr Schiltz, diese Abdankung kann notwendig werden. So schwer es
mir das Herz drückt, aber ich muß gestehen, daß sich Maria Adelheid
auch meinem Gefühl nach kaum noch halten könnte, sobald zwei starke
Parteien, wie die liberale und die sozialistische, solch schwere
Anklagen gegen die Krone erheben und sie zum Abgang auffordern. Das
würde dann eine recht ernste Sache, der die Krone unter Umständen
Rechnung tragen müßte. Übrigens würde, wenn die Gegner draußen auch
nur über eine starke Minderheit verfügen, die Krone, meiner Ansicht
nach, unter bestimmten Verhältnissen von selbst aus dieser Lage die
Folgen ziehen. Ich meinerseits werde mein Bestes tun, daß sich die
Partei der Rechten mit der Zwischenlösung, wie sie durch die zweite
Formel aufgestellt wird, abfinde, wenn sich wirklich keine andere
Möglichkeit für die Rettung der Dynastie bietet."
Herr Schiltz stutzte ob dieser so entschieden und ruhig vorgebrachten
Rede. Er schüttelte das Haupt, brummte unwillig und schwieg. Nun erst
merkte er, wie verzweifelt die Sache stand, und er schien nahe daran
seinerseits zu schwanken.
Gegen 3 Uhr früh trennten wir uns, um am Vormittag 11 Uhr wieder
einmal zusammenzukommen.
Beim Fortgang stellte ich Herrn Pescatore an der Türe des Vorzimmers
und sagte: „Hören Sie mal: Genügt es denn wirklich nicht, daß Maria
Adelheid abdankt? Für das Land wäre es das Beste, wenn Charlotte ihr
einfach folgen könnte." „Nein, gab er schroff zurück, sie müssen alle
fort."
Des andern Tages sprach ich am Fuße der Kammertreppe ähnlich zu
Herrn Probst. Er hörte mich ungeduldig an und gab zurück: „Weißt du,
Maria Adelheid hätte gleich gehen sollen, dann wäre die Sache schon
in Ordnung." „Nun", meinte ich, „dazu ist ja immer noch Zeit. Und
Charlotte kommt an ihre Stelle." Er aber, mit polterndem Unwillen:
„Dazu ist es jetzt zu spät", und eilt die Treppe hinan.
Um 11 Uhr vormittags hatten wir uns inzwischen ein drittes Mal im
Zimmer des Staatsministers zusammengefunden. Herr Altwies war nicht
zugegen, wohl aber Herr Jos. Thorn.
Die verschiedenen Anträge wurden ein andermal erörtert. Zu einer
Einigung kam es auch jetzt nicht. Für den Fall jedoch, wo der radikale
Vorschlag der Linksparteien Annahme fände (auch die Volkspartei schien
ja dafür gewonnen!) wurde vorgeschlagen, einen Regentschaftsrat
einzusetzen mit den Herren Altwies, Pescatore und Probst als
Mitgliedern und Hrn. Staatsrat Vannerus als Präsidenten; die Regierung
könne im Amte bleiben.
Am Nachmittag sollte die verworrene Frage ein letztes Mal in den
einzelnen Fraktionsversammlungen besprochen und nach allen Seiten
erwogen werden. Hr. Neyens seinerseits erklärte wieder, er werde,
wenn nötig, nach besten Kräften die Rechte zur Annahme sogar des
schlimmsten Antrages zu bekehren suchen, um so wenigstens an dem
Äußersten vorbeizukommen.
Die Nachmittagssitzung wurde gleich nach Eröffnung unterbrochen und
die einzelnen Parteien traten zusammen.
Die Rechte weigerte sich lange entrüstet, den zweiten Antrag auch
nur ernstlich in Erwägung zu ziehen. Manche ihrer Mitglieder wurden
allerdings in ihrer Zuversicht erschüttert, denn mit dem Abfall der
Volkspartei zu den Gegnern wurde das Los der Dynastie doch aufs
äußerste gefährdet.
Die Volkspartei ihrerseits kam auch nicht leicht zum Entschluß. Sie
bestand in ihrer Mehrheit aus gemäßigten Männern, die sich zu einer
republikanischen Stellungnahme niemals verpflichtet hatten. Ihre
Wähler hatten sie entsandt, nicht um bei einer Revolution mitzuhelfen,
sondern um besonders für eine Aufbesserung des Arbeiterloses
einzutreten. Herr Kappweiler, ihr Führer, allerdings hatte sich
für den Antrag des Linksblocks ausgesprochen. Herr Generaldirektor
Collart, der Vertrauensmann der Gruppe, sprach versöhnliche Worte
und suchte zu beschwichtigen. Die Partei war ja auch nicht zu den
nächtlichen Verhandlungen geladen worden, sie wußte nicht Bescheid und
hatte sich keinem verpflichtet.
Herrn Collart kam zu Hilfe Herr Prüm. Auch er war nicht zu den
Besprechungen im Regierungsgebäude erschienen. Da hörte er in
den Wandelgängen der Kammer aus dem Munde eines sozialistischen
Abgeordneten, seine Fraktion habe soeben den Antrag Housse, der die
zeitweilige Amtsenthebung der alleinigen Großherzogin Maria Adelheid
fordere, mit Stimmenmehrheit verworfen und sich für die schroffere
Lösung ausgesprochen.
Herr Prüm ließ sich genauer unterrichten und begab sich zu der
Volkspartei. Er verständigte diese von dem Gedanken des Herrn Housse
und meinte, wenn sich in der republikanischen Sozialistengruppe
wenigstens eine Minderheit mit der Suspendierung der einen
Großherzogin hätte befreunden können, so dürfte die viel gemäßigtere
Volkspartei ihrerseits denselben Antrag Housse aufgreifen und vor
ihren Wählern vertreten. Auf das Drängen seiner Partei hin ließ sich
schließlich auch Herr Kappweiler gewinnen. Er fand sich sogar bereit,
seinen Namen unter eine Tagesordnung zu setzen, die dem Antrag der
Rechten als Zusatz angefügt werden sollte.
Die Rechtspartei war inzwischen immer noch nicht schlüssig geworden.
Da eröffnete der Antrag Prüm den Ausweg aus der Bedrängnis. Er wurde,
neben Herrn Kappweiler, von drei Mitgliedern der Rechten, den HH.
Meyers, Hansen und Bech gezeichnet.
Sozialisten und Liberale hatten sich indessen schon wieder in den
Sitzungssaal begeben. Herr Liesch und ich waren all die Zeit über
im Saal oder im Vorzimmer zurückgeblieben. Wir konnten mit unsern
Parteien nicht einiggehen und hielten uns abseits.
Die Linke zweifelte nicht an dem Sieg. Von der Schwenkung der
Volkspartei war ihr nichts bekannt. Sie ging also nach Wiederaufnahme
der Sitzung der schmerzlichsten Enttäuschung entgegen.
Die Sprecher der Rechten wiesen den gegen die Dynastie gerichteten
Antrag als beleidigende Zumutung zurück. Herr Prüm brachte seine
Tagesordnung ein. Herr Kappweiler rechtfertigte seine Unterschrift:
Die Konstituante, so erklärte er, habe ganz andere Aufgaben zu lösen
als einen Dynastiesturz; zu einem solchen sei ihr vom Land überhaupt
kein Auftrag geworden; die Arbeiterschaft im besondern fühle sich
durch nichts veranlaßt, die bestehende Staatsform einzureißen, ohne
vorher zu wissen, durch welches neue Gebilde sie ersetzt werde und was
bei dem politischen Gehaben für das Volk eigentlich herauskomme.
Die Linke saß verblüfft. Die Stimmen der Volkspartei waren von ihr in
sichere Anrechnung gebracht worden. Besonders der Umschwung in der
Haltung des Herrn Kappweiler kam gar zu unerwartet.
Darob Ärger, Entrüstung, Vorwürfe, Schimpf, verdoppelter Grimm und
entsprechende Abwehr.
In vorgerückter Stunde kam es zur Entscheidung.
Die von der Rechtspartei durch Herrn Aug. Thorn eingebrachte
Tagesordnung lautete: „Die Kammer billigt die Erklärungen der
Regierung und fordert sie auf, das Luxemburger Volk in seiner
Gesamtheit auf dem Wege des Referendums über die zukünftige Staatsform
zu befragen."
Sie wird mit 28 gegen 21 Stimmen angenommen.
Der zu dieser Tagesordnung angeschlossene Zusatzantrag Prüm: „Die
Kammer äußert zur Beruhigung des Landes den Wunsch, daß sich die
Großherzogin jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt enthalte, bis das
Volk in einem Referendum über die Staatsform befunden hat", wird
gutgeheißen mit 36 Stimmen gegen 2 und 10 Enthaltungen.
Die von der Linken eingebrachte Tagesordnung endlich: „Die Kammer
drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie zum Wohle des Landes auf
den Thron des Großherzogtums verzichte", wird zurückgewiesen mit
21 Stimmen gegen 19 und 3 Enthaltungen. Es stimmten dafür die HH.:
Brasseur, Diderich, Housse, Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix,
Laval, Léon, Mark, Polgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh.
Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum. Es stimmten dagegen die noch
anwesenden Mitglieder der Rechten mit den HH. Glesener, Herschbach,
Noesen, Böver und Prüm. Es enthielten sich die HH. Kappweiler, Kellen
und Vinandy.
Die Abstimmung über diesen Antrag war angesichts der beiden
vorhergegangenen nichts anders als eine Farce. Aber der törichte
Spaß wäre fast ins Verhängnis umgeschlagen. Wenn sich dafür eine
Mehrheit gefunden, hätte unmittelbar darauf die heilloseste Verwirrung
entstehen können.
Die nächste Gefahr war damit abgewandt und wir fühlten uns von einer
schweren patriotischen Sorge befreit.
Herr Staatsminister Reuter hatte während der Fraktionsverhandlungen
die Großherzogin über den Gang der Verhandlungen auf dem laufenden
gehalten. Die unerwartete Wendung der Dinge rief ihre Befriedigung
hervor und sie beauftragte den Minister, auch im Namen der
großherzoglichen Familie allen, die an dieser würdigsten Lösung
mitgeholfen hatten, den Dank des Herrscherhauses und des Vaterlandes
auszusprechen.
Die Linksparteien allerdings schimpften, der 12. und der 13. November
sei für sie eine Nacht und ein Tag der Gefoppten geworden, wo sie
von den Klerikalen und von den Volksparteilern richtig übers Ohr
gehauen wurden. Am Abend des 12. habe der Führer der Volksparteiler
den Liberalen versprochen, für ihre Tagesordnung zu stimmen. Das
hätten auch die Klerikalen gewußt. Deshalb seien sie mürbe geworden
und hätten sich anfangs, wie besonders auch das Geständnis des
Herrn Neyens beweise, mit der Abdankung Maria Adelheids und der
Amtsenthebung ihrer Schwester abgefunden. Herr Collart aber und Herr
Prüm hätten die Volkspartei durch Versprechungen herübergelockt. Da
habe es keines Zauderns mehr bedurft und nun seien die Klerikalen
in der bekannten rabiaten Entschiedenheit zur Krone gestanden. Die
Linksparteien hätten sich also in eine Falle locken lassen und sie
wären nun für alle Zukunft gewarnt.
So blieb bei den Geschlagenen ein bitteres Gefühl der Niederlage
zurück, das bald wieder sein Recht verlangte.
Der Beschluß des Abgeordnetenhauses wurde der Großherzogin zur
Kenntnis gebracht. Sie war bereit, sich dem Spruche des Volkswillens
zu fügen. Nur müßten Mittel und Wege gefunden werden, dem Wunsche der
Volksvertretung in den gesetzlichen Grenzen nachzukommen.
„In der Erfüllung meiner Pflichten, so schloß die Fürstin ihre
Erklärung, verfolgte ich als einziges Ziel immer nur das höhere Wohl
unseres geliebten Heimatlandes. Was auch geschehen mag, weder die
Rechte der Dynastie noch mein Wille werden jemals dem Luxemburger Volk
ein Hindernis sein auf dem Wege zur Erreichung seines freigewählten
Ideals von Wohlfahrt und Glück."
In Ausführung des Kammerbeschlusses vom 13. November wurde bereits am
19. November der Staatsrat mit der Vorlage befaßt, die ein nationales
Referendum vorsah, in dem sich das Luxemburger Volk, Männer und
Frauen, über die Beibehaltung der heutigen Großherzogin und des
heutigen Herrscherhauses in geheimer Abstimmung äußern sollte.
Zugleich ließ der Staatsminister durch Vermittlung der
Distriktskommissare an die Gemeinden ein Rundschreiben gelangen,
in dem sie ersucht wurden, die in naher Zukunft abzuhaltende
Volksabstimmung im einzelnen vorzubereiten.
VII.
Die nächsten Tage brachten unserm Volke vorerst hohe Stunden
patriotischer Begeisterung und nationalen Glückes.
Seit dem 11. November hatte sich der deutsche Rückzug machtvoll
fortgesetzt. In den ersten Tagen vollzog er sich in etwas chaotischer
Auflösung. Dann kam Ordnung hinein. Das militärische Gesetz regelte
wieder die Beziehungen in den Soldatenreihen; also herrschte die
Manneszucht. Die Mannschaften trugen die alten Abzeichen und erwiesen
die gewohnten Ehrenbezeugungen. Nichts Bolschewistisches war in der
Führung der ernst und gemessen Vorübermarschierenden wahrzunehmen.
Den Blick geradeaus, eherne Starre in den gebräunten, etwas hagern
Gesichtern zogen sie unter den ausgehängten Siegesfahnen hindurch.
Ein Oberst leistete sich sogar beim Einzug durch die Montereyavenue
das Vergnügen einer Parade. Mit klingendem Spiel marschierte das
Regiment in strammer Haltung an ihm vorbei und in die Straße hinein.
Tags darauf kamen die Befreier.
Vorerst die Amerikaner. Am 20. November meldete General Parker die
baldige Ankunft des Obergenerals John J. Pershing.
Am 21. erschien dieser selbst. Mit ihm seine Truppen.
Unbeschreiblicher Jubel empfing die heißersehnten Gäste.
General Pershing begab sich alsbald ins Schloß und begrüßte die
Großherzogin. An ihrer Seite nahm er vom Schloßbalkon aus die
Truppenschau ab.
Wie die ersten khakigrauen Reihen durch die Wilhelmstraße am
Kammergebäude heruntermarschieren, schlägt mir das Herz. Im niedrigen
Sturmhelm mit flachem Tellerrand, die länglichschmalen sackartigen
Segeltuchtornister im Rücken kommen die herrlichen Jungens heran,
leichten, federnden Schrittes. Prächtige Gestalten! Eine Lust für Auge
und Gemüt.
Auf jedem Antlitz ruht die Weihe der Stunde. Alle Mannschaften tragen
Blumen.
Als sie „Augen links!" vorüberwogten, quoll es mir weich und warm in
den Blick. Ich sagte mir: Diese tapferen Burschen und braven Männer
sind die Retter auch deiner Heimat! Und mein Dank jauchzte ihnen zu.
Des andern Tages kamen die Franzosen, das 109. Regiment,
Oberstleutnant Randier an der Spitze. Die Begeisterung der Luxemburger
überschlug sich. Jeder Helm war kranzgeschmückt. Ein jedes Gewehr
schien ein blühender Friedensstab.
Oberst Randier und Kommandant de Beaucoudray saßen auf ihren Rossen
wie Helden aus Bronze. In den Tiefen ihrer Augen fror noch die
Erinnerung an die furchtbaren Blutstunden, die hinter ihnen lagen.
Keine Muskel zuckte im Antlitz. Aus dem Grau der Zerstörung und des
Todes zogen sie unter dem Freudensturm eines glücklich verschonten
Volkes durch eine unversehrte festliche Stadt. Welch erschütternder
Übergang! Ich grüßte sie wie Erscheinungen aus der antiken Vorzeit.
Auch Oberst Randier stattete der Großherzogin seinen Besuch ab.
Inzwischen war am Abend des 21. November Prinz Albert de Ligne, der
neue Vertreter Belgiens, in Luxemburg eingetroffen. Doch sollte er als
Geschäftsträger nur bei der Regierung beglaubigt werden.
Am 25. November kam dann unangemeldet Marschall ~Foch~.
Im frühen Nachmittag sprach sein Ordonnanzoffizier im großherzoglichen
Palast vor. Doch die Fürstin weilte auf Schloß Berg.
Auch keines der Regierungsmitglieder war anwesend. Gegen 5 Uhr ließ
der Marschall ein andermal seine Karten beim Staatsminister abgeben,
mit der Meldung, er müsse leider abreisen; doch werde er in den ersten
Wochen wiederkehren und dann seinen Besuch bei der Großherzogin und
der Regierung nachholen.
Auf dem Bahnhof hatte ihn kurz nach seinem Eintreffen der belgische
Generalleutnant Baltia begrüßt. General Baltia war luxemburgischer
Abstammung. Er trug, wie er mir selbst erzählte, ein Schreiben des
französischen Außenministers bei sich, das seine Ernennung zum
Platzkommandanten von Luxemburg bestätigte. Das zur Besetzung des
Landes und der Stadt bestimmte Regiment wartete marschbereit in der
Nähe der Stadt Arlon. Es bestand zum größten Teil aus Mannschaften,
die dem belgischen Luxemburg angehörten und denen die luxemburgische
Sprache vertraut war. Unter den Offizieren zählte es einige geborene
Luxemburger, die sich während des Krieges besonders hervorgetan hatten
und mit Recht als Helden der belgischen Armee gefeiert wurden.
General Baltia überreichte dem Marschall seine Bestallung. Foch gab
ihm kurz ablehnenden Bescheid. Er habe sein eigenes Leibbataillon
mitgebracht, sagte er: dieses werde die Stadt besetzt halten, denn
eine Besetzung Luxemburgs sei notwendig zur Sicherung des Vormarschs
in die Rheinlande.
Die Absage des Feldherrn war für Belgien eine erste schwere
Enttäuschung.
Am 2. September klagte u. a. der Brüsseler „+Soir+": „Wenn
Marschall Foch, der glorreiche Sieger des Krieges, wüßte, wie sehr es
den belgischen Soldaten am Herzen liegt, ihrerseits nach Luxemburg
zu kommen, würde er sich gewiß gleich bereit finden, von unseren
Kavalleriedivisionen die dorthin zu entsenden, die seit Tagen
marschfertig steht, um das Luxemburger Land zu besetzen."
Die innere Lage gestaltete sich, trotz der erhebenden Jubeltage der
Befreiung, wo sich Fest an Fest reihte, stets unerfreulicher.
Die Feinde der Dynastie hatten nach der Niederlage vom 13. November
die Waffen noch nicht gestreckt.
„Fort mit den Braganza! Die Stunde der Braganza! Der Prozeß der
Großherzogin! Die Jugend Luxemburgs wünscht die Republik;": Solche
und ähnliche Schmähartikel in „Escher Tageblatt", „Volkstribüne"
und andern Blättern der Linksparteien deuten zur Genüge den
angeschlagenen Ton an.
Einen häßlichen Streich lieferten sich am 21. November die Leiter
des zu Ehren der Amerikaner veranstalteten Festzuges. Um den General
Pershing und seine Leute von der Unbeliebtheit der Landesfürstin zu
überzeugen, hatten sie die 60 luxemburgischen Gesellschaften, die
den siegreichen Truppen das Ehrengeleite gaben, verhindert an dem
großherzoglichen Palaste vorbeizuziehen. Sie beschimpften damit nur
das eigene Volk und ernteten einen regelrechten Hereinfall. Denn die
ganze Kundgebung klang in einer Huldigung für die Herrscherin aus.
Beim Einmarsch der Franzosen unterblieb jeder Vorüberzug am Schloß.
Weder dem Hofe noch der Regierung war von einem Festzug oder einer
Festzugsordnung an dem Mittwoch, 22. November, irgendwelche Mitteilung
zugekommen.
Auch die sog. Arbeiter- und Bauernräte wühlten weiter, hetzten, tobten
und schrieen stets ungeberdiger nach Abdankung und Republik.
Immer ungeduldigere Stimmen verlangten das Aufgehen Luxemburgs in der
Republik Frankreich.
Die junge „französische Liga" hatte diesen Untergang ja schon in ihrem
Aufruf vom 15. November gefordert. Die meisten Linksblätter: „Escher
Tageblatt", „Landwirt", „Volkstribüne" usw. zogen auch an diesem
Strang.
„Wir können nicht unabhängig bleiben!" so orakelte es hier und dort.
-- „Die Zukunft unserer Kinder liegt bei einem großen Land -- die
einzige Rettung besteht für uns in der Eingliederung in ein großes
Nachbarland. -- Nun gibt es nur eine mögliche Umorientierung: Das ist
ein Anschluß an Frankreich." -- „Die einzige Rettung aus dem Sumpfe
ist offenbar die Einordnung in ein großes Ganzes, in ein ~möglichst
großes~ Ganzes, also der Anschluß an den Großstaat Frankreich.
Der schauerliche Nonsens unserer internationalen Situation hat
sich 1914 in seiner ganzen Geistlosigkeit offenbart. Benutzen wir
um Gotteswillen die Gelegenheit endlich etwas zu werden." („Escher
Tageblatt", 16. Nov. 1918.)
Auch die Zeitschrift der freisinnigen Studentenschaft „+La Voix
des Jeunes+" stieß bedauerlicherweise in dieselbe Posaune. Unter
den sog. Akademikern leistete sich ein wortberauschter Heldentenor
folgenden Tusch: „Luxemburg ist nicht unser Vaterland. Alle Merkmale,
die das Vaterland ausmachen, sind uns noch immer abgegangen. Eine
einzige Lösung drängt sich auf: Vereinigung unseres Landes mit unserem
großen Mutterlande Frankreich!"
Die Röte steigt einem immer noch ins Gesicht beim Gedanken, daß sich
solche Knechtesgesinnung gerade vor unserer studierenden Jugend äußern
durfte, ohne daß ein Sturm der Entrüstung die Phrasendrescher von
hinnen fegte und Verachtung ihnen den Mund schloß. Das berüchtigte
Wort Treitschkes, das wir immer als blutigen Schimpf empfunden haben,
das Wort von dem „vaterlandslosen Gesindel", „von dem Volk ohne
Vaterland und daher ohne Ehre", auf diese Leute und ihresgleichen
trifft es zu. Und es ist besonders merkwürdig, wie sich dem
„Vaterland" des Luxemburgers gegenüber Treitschke, der Preuße, und
der unentwegteste Herold Frankreichs halb und halb sogar im Ausdruck
treffen. Die Scham hätte den Männern Schweigen gebieten müssen sowie
das elementarste Dankesgefühl gegen das wehrlose Land, von dem sie
seit ihren jungen Jahren nur Wohltaten und Förderung genossen hatten.
In andern Ländern wäre solchen Defaitisten und Verrätern mit Kerker
und Kugel gedroht worden. Unsere Koalitionsregierung war ihnen
gegenüber und auch den andern, die später dieselben Wege gingen,
zur Ohnmacht verurteilt. Wir mußten eben auch hier auf den gesunden
Sinn unseres Volkes bauen, das in seiner kühlen Ruhe die Windmacher
nach ihrem Wert zu schätzen wußte und in den geheimsten Triebfedern
ihres Handelns durchschaut hatte. Was aber, so sagte ich mir in jenen
Tagen oft, kann von der vaterländischen Zukunft erwartet werden, wenn
sie gerade in dem Gefühl derer, die einst zu Leitern und Lehrern
des Volkes berufen sind, von solchen unverantwortlichen Amoralisten
vergiftet wird!
Diesem tollen Liebeswerben für Frankreich innerhalb des Großherzogtums
antwortete bald von jenseits unserer Grenzen stets ungeberdiger der
Ruf nach einer Rückkehr zu Belgien, als dem wirklichen Mutterlande
Luxemburgs von alter Zeit her.
Die Lage unserer Regierung wurde damit nicht erfreulicher. Und
zugleich hob um einzelne ihrer Mitglieder der schon längst erwartete
Rumor an.
Die ritterliche Haltung der fremden Heer- und Truppenführer vor Maria
Adelheid hatte den Groll ihrer Gegner noch stärker aufgebracht. Sie
fahndeten schließlich nach einem Sündenbock.
Besonders in sozialistischen Kreisen bleibt die Empörung über
den vereitelten Fürstensturz groß. Das klägliche Ergebnis lohnt
schließlich nicht die Unterstützung einer Regierung, die wie
~ein~ Mann zum Thron steht und nur darauf bedacht ist, die gegen
diesen entworfenen Pläne mit allen Mitteln zu hintertreiben! Was hat
in dieser Regierung ein sozialistischer Vertrauensmann zu tun!
Herr Probst vor allem wurde mit Vorwürfen bedacht. Er hatte mich mit
Einsetzung seiner Person ins Ministerium gebracht. Er war so zum
Mitschuldigen an meinen Untaten geworden.
Ich, so hieß es um ihn her, ich hätte es fertig gebracht, daß die
Großherzogin Maria Adelheid neben General Pershing auf dem Balkon habe
erscheinen dürfen. Ich hätte diese Komödie in Szene gesetzt, um ihr
mit diesem Trugspiel wieder zu einer „politischen Jungfrauschaft" zu
verhelfen.
Über diesen Punkt erfolgte zwischen den beiden Freunden eine bittere
Aussprache.
Als ich den Vorwurf, bei der „Balkonposse" gewissermaßen den Barnum
gespielt zu haben, nur mit einem Lächeln und Achselzucken beantworten
konnte, kam der Unwille zum Durchbruch: „Du hältst, so hieß es
schließlich, mich und die Partei zum besten. Und für wen! Einem jungen
Mädchen zulieb, das das Land an der Nase führt."
An dem Abend fühlte ich zum ersten Male so ganz das Zweideutige und
Gebundene meiner Stellung.
Den Freund selbst verstand ich. Sein Festhalten an mir brachte ihn bei
den Parteigängern in arge Verlegenheit. Sein Ruf und seine Beliebtheit
stand auf dem Spiel. So sehr er mir auch innerlich zugetan blieb,
länger, so ahnte ichs, durfte mich Probst nicht in Schutz nehmen.
Von dem Tage an saß ich in der Regierung wie ein Vogel auf dem Reis,
von meiner Amtstätigkeit nur halb befriedigt, durch meine Stellung im
Ausdruck persönlichen Empfindens gehemmt.
Wegen der spanischen Grippe und der andauernden Truppendurchmärsche
sind sämtliche Schulen monatelang geschlossen und so ist an eine
regelrechte Einrichtung des Dienstes kaum zu denken.
Rundum tobt der Kampf um Luxemburgs Zukunft und Bestand. In unserm
eigenen Lande trommeln die Franzosen und trompeten die Belgier.
Grüne Jungen, kecke Schreier prahlen als Heilande ihres Volkes.
Selbstsüchtige Männer hoffen, sich in die neuen Verhältnisse
einrichten zu können als Schrittmacher und Handlanger der Fremden,
auch auf Kosten des unabhängigen Vaterlandes, das diese Helden dem
Luxemburger überhaupt absprechen möchten. Greise werden kindisch unter
den Eingebungen eines befangenen, lange zurückgedämmten Grolles.
Dazwischen geberden sich die Ultranationalisten wie tollpatschige
Pudel.
Befreiende Lieder möchten sich der Seele entringen, um Zeugnis
abzulegen für meinen Glauben und meine Liebe. Statt dessen muß ich als
Mitglied einer von allen Seiten gehetzten Regierung meinen Schritt
nehmen, vorsichtig, schweigsam und sacht.
Einige Tage später kündigte sich die Entscheidung an. Am 26. November
beschied die sozialistische Kammerfraktion ihren Vertrauensmann zu
einer Besprechung in die Vereinsschenke.
Ich traf die Versammlung in einem schmalen, dumpfen Zimmer: eine Dame
und neun Herren. Herr Probst fehlte.
Wortführer war Herr Josef Thorn.
„Die Partei", so begann er, „fährt schlecht mit einem
Koalitionsministerium. Sie wird in der klerikalen Presse beschimpft
und verdächtigt; sie wird in der Kammer übervorteilt, und das unter
Beihilfe der Regierung. Auch Ihnen als unserm Vertrauensmann kann
dieser Vorwurf nicht erspart bleiben."
Ich ersuche um größere Deutlichkeit. Die Sozialisten, so führt Herr
Thorn nun aus, fühlten sich durch den Ausgang der Debatte über das
Schicksal der Großherzogin betrogen; die Klerikalen hätten ihren guten
Glauben mißbraucht; ein Minister, Herr Collart, habe seine Leute in
der Freien Volkspartei durch Verheißung des Achtstundentages für die
Klerikalen gekapert.
Seither hätte besonders ich dazu beigetragen, die Rettung der
Großherzogin zu bewerkstelligen. Auf mein Betreiben sei die
Anwesenheit des Generals Pershing und der Einzug der Amerikaner dazu
verwandt worden, das arg ramponierte Ansehen Maria Adelheids neu
aufzuputzen. Auch an den Umtrieben unsers Presseamtes in Bern trüge
ich die Hauptschuld. Ich sei der Vater dieser Einrichtung; die Herren
in Bern aber wären nur darum bemüht, dynastische Politik zu machen
und über die Vorgänge in Land und Kammer in den Ländern der Entente
falsche Nachrichten zu verbreiten.
Dann sprang die Anklage auf das soziale Gebiet über. Die Regierung
müsse die Hand auf die Eisenbahnen legen; wir müßten endlich aus dem
Finanzmarasmus heraus, und dergleichen mehr.
Jetzt griffen auch die dem Arbeiterstand angehörigen Abgeordneten
ein und kamen ihrerseits mit Forderungen und Klagen; besonders die
Genossin sprach schroff und scharf. Als ich einem ihrer Anwürfe
begegnete, kam die bissige Erwiderung, sie begreife ganz gut, daß es
mir schwer falle von einem fetten Posten zu scheiden.
Schließlich stellte Herr Jos. Thorn den Antrag auf Auflösung des
Koalitionsministeriums. Manches Gesicht zeigte schwere Bedenken. Ich
erlaubte mir auf die Folgen dieses Beschlusses aufmerksam zu machen,
trotz der Gefahr, wieder in der eben angegebenen Art abgeblitzt zu
werden.
„Überlegen Sie, was Sie damit tun", sagte ich. „Geht dies Ministerium
auseinander, so kommt kaum ein anderes zustande, das wissen Sie
selbst. Und es folgt dann der allgemeine Wirrwarr."
In einigen Augen flackerte Zustimmung. Besonders Herr Krieps mahnte
und warnte zur Vorsicht.
Auf einmal rief jemand, wenn die Koalitionsregierung bestehen
bleibe, so solle doch allenfalls die Gelegenheit wahrgenommen
werden, besondere wirtschaftliche Forderungen zu stellen wie z. B.
auf Achtstundentag und Mindesttagelohn. Aber sogar Herr Thorn mußte
alsbald bemerken, diese Wünsche ließen sich nicht so ohne weiteres
erfüllen und vielleicht auch nicht unserseits allein durchführen.
Ich spürte bei dem vielen unklaren Hin- und Herreden, daß es den
meisten Anwesenden selbst bei ihren Einfällen nicht ganz geheuer war.
Auch Herr Jos. Thorn schien einen Rückzug ihrerseits zu befürchten,
und als ich wieder einmal an die Verantwortung erinnerte, die sie auf
sich laden wollten, rief er plötzlich, indem er jedes seiner Worte mit
schweren Fausthieben durch die dumpfe Luft unterhämmerte: „Ach was,
Verantwortung! Was liegt daran! Wir müssen vom Fleck kommen!" Und er
stellte seinen Antrag zur Abstimmung.
Ich fragte, wie sich die Herren meinen Rücktritt eigentlich dächten.
„O, meinte Herr Thorn, das ist doch ganz einfach. Sie schreiben einen
Brief an den Herrn Staatsminister und geben Ihre Entlassung."
„So!", entgegnete ich scharf. „Ich soll mich also drücken. Sie möchten
mich so ganz im geheimen auf die Seite bringen. Nein, meine Herren!
Wenn ich einmal gehen muß, so geschieht es frei und offen. Ich werde
jedenfalls vor der Kammer eine diesbezügliche Erklärung abgeben."
„Da haben wir's!" hieß es nun von verschiedenen Seiten. „Wenn es dann
zum „+gâchis+" kommt, so werden die Klerikalen schreien, wir
Sozialisten seien schuld daran."
Ich bestand auf meinem Willen und die Genossen gaben schließlich
selbst zu, ich könne nicht anders tun; das andere sei für mich doch
ein zu kläglicher Rückzug.
Darauf kam es zur Abstimmung. Der Antrag Thorn wurde mit 4 Stimmen
gegen 5 und eine Enthaltung verworfen.
Die Dame stimmte dafür. Ihr Wort fiel scharf und hart wie ein
Messerhieb.
Dem Koalitionsministerium wurde aber nur eine Galgenfrist eingeräumt,
und das unter folgenden zwei Bedingungen: Der Achtstundentag, hieß es,
müsse eingeführt und die Suspendierung der Großherzogin durchgeführt
werden.
„Die Kammer", wandte ich ein, „hat die Amtsenthebung der Großherzogin
gefordert; Maria Adelheid ist bereit, sich diesem Wunsche zu fügen.
Vorerst müssen nun die gesetzlichen Wege ausfindig gemacht werden, die
den Schritt ermöglichen sollen."
„Es geschieht aber nichts."
„Die Regierung tut, was sie kann. Sie hat dem Staatsrat die Frage
unterbreitet. Die Ausführung des Referendums durch die Gemeinden ist
auch so weit eingeleitet. Für wann wünschen Sie denn die Erfüllung
dieser Forderung?"
Die Runde rief durcheinander: „Gleich! In drei Tagen! In acht Tagen!
In vierzehn Tagen!"
„Wie wollen Sie aber in der kurzen Frist auch den Achtstundentag
eingeführt sehen! Die Regierung ist mit dem Achtstundentag
grundsätzlich einverstanden. Sie hat an eine wenigstens zeitweilige
Einführung in unsern gewerblichen Betrieben bereits gedacht, und das
kraft ihrer diktatorialen Gewalt. Die Reform läßt sich aber durch
uns allein nicht verwirklichen. Herr Probst selbst hat in der Kammer
darauf aufmerksam gemacht, wie die Einführung des Achtstundentages
eine internationale Angelegenheit sei. Herr Generaldirektor Liesch
bemerkte dazu mit Recht, die einseitige Durchführung dieser Neuerung
im Inland würde den Ruin unserer Großindustrie nach sich ziehen. Wie
wollen Sie da innerhalb einiger Tage den Achtstundentag verwirklicht
sehen?"
Einzelne unter den Versammelten teilten diese Ansicht. Schließlich
meinte der junge Arzt, Hr. Dr. Franz Knaff, die Partei könnte sich
auch mit der Suspendierung der Großherzogin zufrieden geben.
„Diese Angelegenheit unterliegt, wie Sie selbst wissen, der
Begutachtung des Staatsrates. Hoffen wir, daß seine Antwort in den
ersten Tagen eintrifft."
Ob ich denn mit einer Frist von vierzehn Tagen einverstanden sei?
Jede andere Frist wäre mir gerade so recht gewesen. Ich antwortete:
„Warum nicht? Sagen wir also: vierzehn Tage!"
„Schön!" hieß es zurück. „Bis zum 10. Dezember müssen also die zwei
Forderungen erfüllt sein."
Ich ging zur Regierung und berichtete.
Herr Reuter rief unwillig: „Herr Josef Thorn als Jurist müßte doch
wissen, daß einer Suspendierung der Großherzogin Verfassungsbedenken
entgegenstehen! Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht von heute auf
morgen aus dem Wege räumen!"
„Laß ihnen den Willen", erwiderte ich. „Sie müssen ja einen Vorwand
haben."
Gegen die zeitweilige Amtsenthebung der Großherzogin erhob der
Staatsrat in seinem Gutachten vom 5. Dezember wirklich Einspruch und
empfahl in seiner Mehrheit einen Aufschub des Referendums.
VIII.
Auch die Liberalen hatten die parlamentarische Schlappe vom 13.
November nicht vergessen noch verziehen.
Am 5. Dezember erhob sich in der Kammer ihr Wortführer zu einer
Interpellation über die Mittel und Wege, wie die belgische Regierung,
oder vielmehr das belgische Nationalkomitee mit Hilfe Amerikas, die
Lebensmittelversorgung auch des Großherzogtums regeln und sichern
wolle. Diese Darlegung gab ihm Veranlassung, auf das in Vorbereitung
befindliche Referendum und auf die dynastische Frage selbst
einzugehen. Bevor das Volk seinen Willen in voller Sachkenntnis äußern
könne, sei es geboten, eine eingehende Untersuchung über die Haltung
der Krone während des Krieges vorzunehmen; er bringe daher im Namen
der Linksparteien folgende Tagesordnung ein:
„Die Kammer beschließt eine parlamentarische Untersuchung über die
nachstehend erwähnten, sowie über alle übrigen Tatsachen, die sich
während der Untersuchung ergeben könnten:
1) Beziehungen der Krone zu den Staatsoberhäuptern und den Angehörigen
der Herrscherhäuser jener Staaten, die unsere Neutralität verletzt
haben; als z. B. Empfang Kaiser Wilhelms und seiner Familie, seines
Kanzlers und etwaige Kundgebungen zu ihren Gunsten;
2) Handlungen der Dynastie und ihrer Umgebung zum Schaden der
Neutralität und der Würde unseres Landes.
Das Ergebnis der Untersuchung wird den Signatarmächten des Londoner
Vertrages zur Kenntnis gebracht."
gez. Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Léon, Brasseur.
Diese durch nichts gebotene Tagesordnung erweckte Staunen und
Unwillen. Schon aber gab die Rechte den Schlag zurück und die HH.
August Thorn, Bech, Huß, Ecker und Schiltz stellten in ihrem Namen und
als Ergänzung der liberal-sozialistischen Tagesordnung den Antrag,
diese parlamentarische Untersuchung auszudehnen auf die Haltung der
verschiedenen Regierungen seit 1914, sowie über die Tragweite aller
von ihnen gesetzten Handlungen.
Am 10. Dezember trat die Kammer in die Besprechung der Tagesordnungen
ein.
Der dynastiefeindliche Linksantrag machte, besonders
in seiner fadenscheinigen Verquickung mit der
Lebensmittelversorgungsangelegenheit, einen durchaus unangenehmen
Eindruck. Damals bereits hetzte die belgische Presse in allen Tonarten
gegen Großherzogin und Herrscherhaus. Damals schon wurde der Anschluß
an Belgien oder zum mindesten die Personalunion mit Belgien als die
beste Bürgschaft für Luxemburgs gedeihliche Zukunft angepriesen.
Auch mir kam in jener Stunde das Gefühl, als wolle man durch die
Verknüpfung zweier scheinbar so weit auseinanderliegenden Fragen die
Bevölkerung hinweisen auf die Gefahren, die die Anwesenheit einer
deutschfreundlichen Dynastie für Volk und Land heraufbeschwören könne;
unter Umständen dürfe diese Anwesenheit sogar ein Hindernis zur
Lebensmittelversorgung des Großherzogtums ergeben. Auch mir kam das
alles vor wie ein richtiges Winken mit dem Zaunpfahl. „Achtung, ihr
Luxemburger! so hieß es: Paßt auf, was ihr tut, oder der Brotkorb wird
euch höher gehängt!"
Die Ausfälle gegen Maria Adelheid äußerten sich schonungsloser
denn je. Aus den sozialistischen Reihen fielen besonders scharfe
Zwischenrufe, die beweisen, daß man sich des Sieges gewiß wähnte. „Die
Krone ist verurteilt!" so scholl es her. „Sie muß fort! Und sie geht
fort!"
Nach der Sitzung traf ich mich mit meiner Fraktion in einem
Sektionszimmer des Abgeordnetenhauses.
Von den am 26. November an mich gestellten Forderungen war die eine
nur halb, die andere nicht erfüllt.
Auch die übrigen damals vorgebrachten Anklagen und Vorwürfe gegen
mich wurden aufgetischt. Die Partei, so hieß es, könne so nicht mehr
mitgehen. Es müsse endlich Schluß gemacht werden.
Ich gab zu: „Allerdings kann die Partei als solche mit der Wendung der
Dinge nicht zufrieden sein. Aber Sie müssen doch auch ans Ganze, Sie
müssen auch an das Land und seine Zukunft denken. Wenn ich austrete,
fällt das Ministerium. Dann aber bricht das Chaos herein, denn bei
der heutigen Zusammensetzung der Kammer und unter den heutigen
Verhältnissen bringen Sie keine Regierung mehr zusammen, das wissen
Sie genau so gut wie ich."
Kein Einwand wurde beachtet.
Da wagte ich es mit einem letzten Gedanken, auf die Gefahr hin, mich
damit wieder der Verdächtigung und dem Hohne auszuliefern.
„Ließe sich denn nicht dieses erreichen? Die Sozialisten wollen nichts
mehr mit einem Koalitionsministerium zu tun haben. Gut, sie sagen sich
also von der Koalition los, dulden es aber, daß die heutige Regierung
als Geschäftsministerium im Amte bleibt. So wird ein Bruch vermieden.
Die Kammer kann die Verfassungsreform zu Ende führen, die Wahlen
finden statt und die heutige Regierung geht auseinander. So stirbt sie
eines natürlichen Todes und es bleibt dem Lande jede verhängnisvolle
Störung erspart."
„Nein, nein!" hieß es von verschiedenen Seiten, „davon wollen wir
nichts wissen."
Und schon hörte ich auch wieder eine Stimme, die andeutete, man
begreife, daß es mir schwer falle zu gehen.
Ich hob die Achsel und sagte: „Ich habe das Meine getan. Tun Sie
jetzt, was Sie nicht lassen können."
Vor der Abstimmung verließ Herr Probst den Saal. Sämtliche Anwesenden
forderten, bei einer Enthaltung, den sofortigen Austritt des
Vertrauensmannes aus der Koalitionsregierung.
In der Mittwochssitzung (11. Dezember) wurde gegnerischerseits die
ganze Reihe sämtlicher gegen Maria Adelheid in Umlauf gesetzten
Gerüchte aufgerollt und grell beleuchtet. Dabei fiel sogar der
ungeheuerliche Ausspruch, bei einem Referendum zu ihren Gunsten
werde, wenn nicht durch eine vorherige Untersuchung volles Licht
geschaffen worden sei, jeder der der Dynastie seine Stimme gebe, als
deutschfreundlich gelten müssen.
Auch die bekannten Verhandlungen im Regierungsgebäude während der
Nacht und am Vormittag des 13. November kamen wieder zur Sprache, denn
die Linke konnte die im Nachmittag des 13. erlebte Enttäuschung immer
noch nicht verschmerzen.
Kurz vor Sitzungsschluß meldete ich mich zu Wort und sprach: „Meine
Herren, ich erachte es als meine Pflicht und empfinde es als ein Gebot
persönlicher Würde, der Kammer folgende Erklärung abzugeben:
Am 25. November beschied mich die sozialistische Partei, die mich in
die heutige Koalitionsregierung als ihren Vertrauensmann entsandt hat,
zu einer Zusammenkunft, wobei einige Punkte der Regierungspolitik
besprochen werden sollten.
Nach einem Gedankenaustausch beschloß die sozialistische Partei, der
Regierung eine Frist von 14 Tagen einzuräumen, um die ordnungsgemäße
Verzichtleistung der Krone auf ihre souveränen Rechte entsprechend den
Wünschen der Kammermehrheit durchzusetzen und um den Achtstundentag
in allen großindustriellen Betrieben und Transportunternehmen
einzuführen. Sollte innerhalb der eingeräumten Frist diesem Beschluß
nicht Rechnung getragen sein, so werde die sozialistische Partei ihren
Vertrauensmann aus der Regierung zurückziehen.
Ich brachte dieses Ultimatum meinen Kollegen im Ministerium zur
Kenntnis. Inzwischen ist der Achtstundentag in den Grenzen der
Möglichkeit verwirklicht worden. Die zweite der Forderungen konnte die
Regierung trotz allen besten Eifers nicht durchführen, und das aus
den in der gestrigen Sitzung vom Herrn Staatsminister entwickelten
Gründen, die ich zudem auch dem Führer der sozialistischen Fraktion
brieflich zur Kenntnis gebracht hatte.
Nach Schluß der gestrigen Sitzung erklärte mir die sozialistische
Fraktion, sie könne angesichts dieser Sachlage der Regierung ihr
Vertrauen nicht länger gewähren, und forderte mich auf, meine
Entlassung zu geben. Als sie diesen Beschluß faßte, machte die
sozialistische Partei Gebrauch von einem unbestreitbaren Rechte. Mir
bleibt nichts anders übrig, als mich ihrem Wunsche zu fügen.
Da ich vor einigen Monaten in die Regierung eintrat, brachte ich dazu
mit den Reichtum meiner schönen Absichten, die ganze Kraft eines guten
Willens. Ich hatte das Glück, daß mir ein Wirkungskreis zugewiesen
wurde, der meiner Erfahrung und meinen Wünschen entsprach.
Ich verlasse diesen Posten, nicht weil mich der Wille der Kammer
hinauswiese, nicht weil mich die Mißbilligung einer parlamentarischen
Mehrheit von hinnen fegte. Einen solchen Ausgang könnte immerhin der
tiefe Glanz umstrahlen, der den Fall auf dem Felde der Ehre verklärt.
Mein Abgang ist weniger ruhmvoll. Aber als ich zur Zeit dem Rufe
der sozialistischen Fraktion Folge leistete, wußte ich recht wohl,
daß meine Stellung immer ein wenig unsicher sein mußte, da sie den
launenhaften Schwankungen der Politik ausgeliefert war. Ich mußte
damit rechnen, daß eines guten Tages ein Wandel eintreten würde in der
Stellung, die die Fraktion anfangs der Regierungspolitik gegenüber
einzunehmen willens war.
Ich scheide von meinem Posten mit einem langen Rückblick auf eine
reiche Ernte, die meine Kräfte und mein Herz zu rufen schien.
Es ist mir kaum gestattet worden, aus all der Fülle eine erste Garbe
zu binden. Aber ich scheide hohen Hauptes und ohne Bitterkeit. Ich
habe einige Wochen erlebt, Wochen von besonderem Gewicht in dem
Schicksal unseres Volkes und in dem Dasein eines Mannes.
Ich bitte die Partei, die mir an einer kritischen Wendung unserer
inneren Politik ihr Vertrauen schenkte, auf die Stimme der Stunde
zu hören. Die Gegenwart ist, wie Sie sehr wohl wissen, dem
Internationalismus nicht günstig. Heute mehr als jemals muß jedermann
ein Vaterland haben. Während der so langwierigen und harten Prüfungen
der letzten Jahre hat sich das kleine Luxemburg um seine Söhne wohl
verdient gemacht. Wir schulden ihm dafür jede Huldigung. Wir müssen
ihm auch das Opfer unserer gewagten, manchmal ganz unerfüllbaren
Träume zu bringen wissen.
Ich meinerseits bin glücklich, daß ich einmal wenigstens von dieser
Stelle aus Zeugnis ablegen kann für den Gedanken, in dessen Dienst ich
das Beste meines Wesens gestellt habe. Ich grüße meinerseits heute die
Seele unsers kleinen Vaterlandes, dem endlich die Stunde der Befreiung
geschlagen hat.
Ich wünsche, daß es sich fröhlich entfalten kann in der Sonne der
lateinischen Freundschaft und Hochherzigkeit, umhegt von der treuen
Liebe all seiner Kinder. Den Untergang meiner stolzesten Hoffnungen
aber müßte ich betrauern an dem Tage, wo ich mich gezwungen
sähe, zu verzweifeln an der Zukunft eines freien, unabhängigen,
vielhundertjährigen Luxemburgs."
* * * * *
Mein durch nichts angekündigter oder als notwendig empfundener
Austritt löste bei den Vaterlandsfreunden Verblüffung und Entrüstung
aus.
Auch die „Luxemburger Zeitung" schrieb unter einer ersten Regung des
aufrichtigen Gefühls: „Herr Welter verläßt die Regierung nicht mit der
Überzeugung der Notwendigkeit seines Ausscheidens.
„Dies ist eine Ministerkrisis ohne eine Spur von innerer
Notwendigkeit. Man sieht nicht ab, wie sie zu lösen wäre. Statt die
Krisis zu verschärfen, wäre vielleicht eine andere Lösung am Platze.
Wenn die Sozialisten aus Prinzip und absolut draußen bleiben wollen,
so hindert nichts, daß Herr Welter als Vertrauensmann der Liberalen,
denen er politisch viel näher steht, wieder in die Regierung eintritt."
Des andern Tages allerdings führten die liberalen Führer in der Kammer
eine ganz verschiedene Sprache.
Am Vormittag des 12. Dezembers kündigte ich, im Beisein des Herrn
Reuter, der Großherzogin meinen Austritt an.
Am Nachmittag folgten in öffentlicher Kammersitzung die Herren Liesch
und Collart meinem Beispiel.
Damit war das Koalitionsministerium aus den Fugen.
Am 13. Dezember tagte die Kammer ohne Regierung. Es kam zu einer
scharfen Auseinandersetzung zwischen den Parteien wegen der so
überflüssigen und mutwillig heraufbeschworenen Krisis. Eine
Tagesordnung sprach der abgehenden Regierung das Vertrauen der Kammer
aus und forderte sie auf, um das Land in dieser schwierigen Zeit nicht
durch eine Ministerkrisis aufzuregen, als Geschäftsministerium vor die
Kammer zurückzukehren. Diese Tagesordnung wurde von den Herren Prüm
und Böver eingebracht und auch von den Herren Hemmer, Herschbach und
Huß gezeichnet.
Der Antrag wurde mit 32 gegen 7 Stimmen angenommen. Die Sozialisten
hatten sich vor der Abstimmung entfernt.
Nach Erledigung dieser Angelegenheit erhob sich Herr Bech zu einer
Rede, die dem jungen überzeugten Patrioten zur Ehre gereicht. Dabei
gedachte er meiner mit besonders warmen Worten, die mir damals sehr zu
Herzen gingen.
„Die schöne Rede", so sagte er, „die Herr Welter vor einigen Tagen
in diesem Saale halten mußte, klang aus in einen bewegten Wunsch für
die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes. Ganze Geschlechter
junger Luxemburger anerkennen ihn als einen der berufensten
Wortführer der luxemburgischen Seele. Er gehört zu den seltenen
Luxemburger Gebildeten, deren Werke im Ausland geschätzt sind.
Das Glaubensbekenntnis, das er in jener Stunde hier ablegte, wird
denn auch endgiltig mit dem Märchen aufräumen, das einige anonyme
Zeitungsschreiber zu verbreiten suchen und gemäß dem die Luxemburger
Gebildeten kein Vaterland hätten.
„Herr Welter konnte keinen andern als diesen vornehmen Abgang finden.
Ich halte darauf, ihm meine öffentliche Anerkennung auszusprechen
dafür, daß er die Sache des unabhängigen Vaterlandes mit dem Gewicht
seines Ansehens gestützt hat.
„Das wenigstens ist ein Mann, den diese würdelose Politik nicht
erniedrigt hat."
Für dieses edle Zeugnis bin ich immer dankbar.
Der freundlichen und ehrenvollen Aufforderung der Kammer aber konnten
wir nicht entsprechen.
Am 14. Dezember reichte die Gesamtregierung ihre Entlassung ein.
Dabei kam die Rede natürlich auf die Lage des Landes.
Auch nach außen gestalteten sich ja die Verhältnisse höchst
beunruhigend.
Die fremden Gesandten fanden den Rückweg nach Luxemburg immer noch
nicht.
Der Anstandsbesuch, den der belgische Geschäftsträger bei Hofe getan
hatte, galt den Verwandten, nicht der Landesfürstin; er war also nur
ein persönlicher Schritt.
Die Telegramme, die die Großherzogin zum Dank für die Befreiung des
Landes an die Staatsoberhäupter der Entente gerichtet hatte, fanden
eine gar kühle oder gemessene Antwort. Auffallend besonders war die
wortkarge Zurückhaltung in den Antworten des Präsidenten Poincaré und
König Alberts.
Um so wärmere Grüße und Versicherungen aber gingen der Kammer zu als
der Vertretung des luxemburgischen Volkes.
Soviel schien festzustehen: Dem luxemburgischen Volke gehört das
Wohlwollen der Entente. Ihre Gefühle zu der Großherzogin sind zum
mindesten zweifelhaft, eher ablehnend.
In Belgien und in belgofreundlichen Zeitungen der Ententeländer mehren
sich die Stimmen, die ein Aufgehen Luxemburgs in Belgien beantragen.
Der bekannte Sozialist und Politiker Destrée forderte kurzweg
Luxemburgs Rückkehr zu Belgien, zu dem es gehöre wie Elsaß-Lothringen
zu Frankreich.
Er begegnete sich in dieser irrigen Ansicht mit seinem französischen
Parteigenossen Marcel Sembat, der als Mitglied des Ministeriums
Briand schon im Oktober 1916 dem Gesandten Belgiens in Paris, Baron
de Gaiffier d'Hestroy erklärt hatte, Luxemburg werde wahrscheinlich
nicht selbständig bleiben, es müsse an Belgien zurückfallen, worauf
der Gesandte angelegentlich beteuerte, diese Rückkehr zu Belgien
entspreche den heißesten Wünschen und den berechtigten Ansprüchen
seines Landes.
Zahlreiche Zuschriften über die „Annexionsgelüste Belgiens" in
deutschen Zeitungen bestätigten diese Hoffnungen und Absichten.
Luxemburg seinerseits aber, so wurde in jener Stunde erörtert, muß
einen neuen wirtschaftlichen Anschluß suchen. An wen kann es sich
dafür wenden? An Belgien, das sich ihm zu nähern sucht mit der
Gesinnung des Wolfes in der Fabel? Welcher Aufnahme kann es gewärtig
sein bei einem Frankreich, dessen öffentliche Meinung vergiftet wird
durch die stets heftigern Anklagen auf Ententefeindlichkeit, die gegen
die Großherzogin sogar im eigenen Lande mit Leidenschaft und mit
Verschlagenheit wiederholt werden. Könnte so die Fürstin dem Wohle des
Landes nicht, wenn auch ohne ihre Schuld, im Wege stehen? Könnte nicht
durch ihre Anwesenheit sogar der Bestand des Großherzogtums bedroht
sein?
Während dieser Reden gefiel sich Maria Adelheid in einer etwas
befremdeten Zurückhaltung. Dann richtete sie sich auf und sprach mit
etwas herber Betonung: „Auf Befehl des Auslandes, meine Herren, gehe
ich nicht. Ich darf so nicht gehen. In dem Falle könnte mein Rücktritt
auch den Verlust der Unabhängigkeit bedeuten, oder nach sich ziehen.
Dem inneren Frieden des Landes zuliebe wäre ich schon eher zum Abgang
bereit. Vorher will ich dann aber doch meine Meinung sagen, und das
~ganz~ und ~scharf~."
Und sie preßte das zarte Fäustchen fest auf die Tischplatte.
Dabei blieb es an dem Morgen.
Vor der Kammer aber zogen sich in Abwesenheit einer Regierung die
Verhandlungen über die antidynastische Tagesordnung hin bis zum 19.
Dezember. Da kam es endlich zu einem vorläufigen Abschluß.
Ein Antrag des Herrn Böver verschmolz die von links und rechts
aufgeworfenen Wünsche und ging in seinen äußersten Forderungen darüber
hinaus. Er besagte:
„Die Kammer beschließt die Einsetzung einer parlamentarischen
Kommission:
1) Zur Festsetzung der Haltung, die seit August 1914 die verschiedenen
Staatsgewalten, insbesondere die Krone und die verschiedenen
Regierungen der Neutralität des Landes gegenüber beobachtet haben;
2) zur Aufdeckung aller weiteren Tatsachen, die dazu angetan wären,
das neutrale Großherzogtum bei den Garantiemächten bloßzustellen."
Der Antrag wurde mit 25 Stimmen gegen 12 bei 5 Enthaltungen angenommen.
Die liberal-sozialistische Tagesordnung Pescatore, die die
Untersuchung auf die Dynastie und ihre Umgebung beschränkt wissen
wollte, wurde verworfen mit 24 Stimmen gegen 22.
Abgewiesen wurde weiter eine sozialistische, von Herrn Jos. Thorn
eingebrachte Aufforderung an die Kammer, sich für das republikanische
Prinzip auszusprechen, und das mit 25 Stimmen gegen 16 bei 5
Enthaltungen. Dagegen stimmten die Rechtspartei und Herr Böver. Dafür
die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Vinandy, Blum, Diderich, Gallé, Housse,
Koch, Krieps, Krier, Laval, Léon, Mark, Palgen, Jak. Schaack, Joh.
Schaack. Es enthielten sich die HH. Brasseur, Kellen, Lacroix, Noesen,
Pescatore.
Die beiden letzten Abstimmungen bewiesen wieder mit erschreckender
Deutlichkeit, wie stark, trotz allem, die Gegner von Krone und
Monarchie in der Kammer vertreten waren und wie das Geschick von
Großherzogin und Herrscherhaus, in dieser Versammlung wenigstens, auf
des Messers Schneide stand.
In der Sitzung vom 10. Dezember hatte Herr Bech zur Abwehr und in
richtiger Erkenntnis dessen, was dem Ausland gegenüber besonders
nottat, folgendes zur Abstimmung vorgeschlagen:
„Die Kammer, im Vertrauen auf die Staatsverträge und auf die
hochherzigen, von unsern Befreiern verkündeten Grundsätze, die den
Völkern das Recht auf freie Selbstbestimmung zusichern; bewogen durch
den sorglichen Wunsch, nicht den geringsten Zweifel an den wirklichen
Gefühlen der Luxemburger aufkommen zu lassen: erklärt neuerdings
aufs feierlichste, und ohne damit einem wirtschaftlichen Bündnis mit
den Ländern der Entente vorgreifen zu wollen, daß das Großherzogtum
als selbständiger, freier und unabhängiger Staat weiterzubestehen
wünscht."
Für diesen hochpatriotischen Antrag fanden sich im ganzen 29 Stimmen
gegen 11 bei 6 Enthaltungen.
Es stimmten dafür die HH. Aug. Thorn, de Villers, Vinandy, Wirtgen,
Wolter, Altwies, Bech, Boever, Buffet, Delaporte, Duhr, Ecker,
Eichhorn, Gerard, Hansen, Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Kellen,
Ad. Klein, Nik. Klein, Mackel, Meyers, Noesen, Petges, Jak. Schaack,
Schiltz, Schmitz.
Es stimmten dagegen die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Gallé, Housse,
Koch, Laval, Léon, Mark, Palgen, Joh. Schaack.
Es enthielten sich die HH. Brasseur, Diderich, Krieps, Krier, Lacroix,
Pescatore.
In die Entschlüsse der Regierung aber war seit dem 14. Dezember ein
Neues getreten.
IX.
Verschiedentlich schon war in Kammer und Öffentlichkeit darauf
hingewiesen worden, wie dringlich es sei, mit den Ententeregierungen
in Verbindung zu treten, um sie von den politischen und
wirtschaftlichen Absichten des Luxemburger Volkes zu verständigen.
Dieser Erwartung und Forderung mußte entsprochen werden. Zugleich
bestand so die Möglichkeit, uns auch über andere, für den Augenblick
noch brennendere Fragen, die an die Wurzeln der Selbständigkeit
rührten, Aufschluß zu holen.
Belgiens Haltung flößte wenig Vertrauen ein. In Paris war, so wähnten
wir, mit größerer Aufrichtigkeit zu rechnen. Auch mußte hier so
manches weiteren Rätsels Lösung liegen.
Ich bat Herrn Reuter ganz angelegentlich, im Hinweis auf den von
der Kammer geäußerten Wunsch, nach Paris zu fahren, und sich, wenn
möglich, von Herrn Geschäftsträger Vannerus begleiten zu lassen.
Herr Vannerus billigte den Plan, bedauerte aber, dem Staatsminister
nicht folgen zu können, da ihm sein hohes Alter und sein in letzter
Zeit ziemlich gebrechlicher Zustand die unter den damaligen
Verhältnissen äußerst beschwerliche Reise verbiete.
Herr Reuter forderte nun mich zur Begleitung auf. Ich war gerne
bereit, riet aber, auch Freund Liesch mitzunehmen, damit so die drei
stärksten Parteien der Kammer an der Erkundigungsfahrt beteiligt
wären, denn es werde wahrscheinlich zu bedeutsamen Feststellungen
kommen.
Die beiden jüngeren Kollegen und Herr Vannerus waren einverstanden.
Die Reise sollte möglichst unauffällig vorbereitet werden, aber
tunlichst rasch, denn auch in Frankreich regte sich stets schroffer
die rücksichtslose Scharfmacherei gegen Maria Adelheid und das Haus
Braganza.
Wir besprachen uns im Vertrauen mit Oberst Randier und baten, uns mit
Unterstützung des Marschalls die Fahrtmöglichkeit für die nächsten
Tage zu erwirken. Herr Randier tat alsbald die erforderlichen
Schritte. Schon hatte er uns die Pässe eingehändigt, da mußte er
in letzter Minute, und das mit etwas befangener Miene, erklären,
der Marschall lasse bitten, die Reise etwas hinauszuschieben;
Außenminister Pichon sei nicht in Paris; Foch selbst werde demnächst
nach Luxemburg kommen und hoffe, uns die Fahrt im einzelnen
einzurichten.
Wir waren über den unerwarteten Aufschub, für den wir keine richtige
Erklärung hatten, etwas betroffen und beunruhigt. Im Lande äußerte
sich stets stürmerische Leidenschaft; die Haltung des Auslandes wurde
immer bedrohlicher; von Seiten unserer eigenen Geschäftsträger draußen
liefen nur belanglose Nachrichten ein. Wir mußten selbst zu irgend
einer Gewißheit zu kommen suchen.
Inzwischen brach der 11. Dezember herein und es kam zur Auflösung des
Ministeriums.
Was tun?
Die Stimme der Selbsterhaltung wies nach Paris. So wie die
Dinge lagen, mußte mit der Wahrscheinlichkeit einer längeren
Regierungskrisis gerechnet werden. Wir durften den Gedanken nicht
fallen lassen. Trotz unserer eigentümlichen Stellung besaßen wir noch
das Vertrauen einer starken Kammermehrheit, die unsere Rückkehr mit
Ungeduld erwartete. Wir konnten es deshalb schon wagen, einen von
dieser Mehrheit selbst mehrfach gewünschten Schritt zu unternehmen.
Das war die Rechtfertigung nach außen. Mir persönlich war es bei der
Reise um Wichtigeres zu tun.
Da kam am Sonntag, den 15. Dezember, Marschall Foch.
Im Laufe des Nachmittags fuhr er bei der Großherzogin vor.
Am folgenden Morgen, gegen 10 Uhr, traten die Regierungsmitglieder
zwischen den an der Eingangspforte aufgepflanzten Schilderhäuschen
hindurch in das Konservatoriumsgebäude, wo der Feldherr sein
Hauptquartier eingerichtet hatte.
Man weist uns zu ebener Erde in ein geräumiges, helles Zimmer.
Foch erhebt sich hinter seinem mit Papieren bedeckten Tisch und
kommt auf uns zu: ein untersetzter, kräftig gebauter Soldat, in
schlichter Uniform, ohne Orden. Das Gesicht scheint bleich, die Züge
tiefgegraben, etwas verzogen, wie unter einem geheimen körperlichen
Leiden. Die starken, ergrauten Augenbrauen, der kräftige graue
Schnurrbart, das massige Kinn werden in ihrem etwas strengen Ausdruck
gemildert durch die Freundlichkeit des kleinen, scharfen Auges, aus
dem die Herrschgewalt blitzt, sowie durch eine Gutmütigkeit, die die
schmalen Lippen lächelnd umspielt.
Er drückte uns allen die Hand. Der Staatsminister sprach eine kurze
Begrüßungsrede und dankte dem Sieger und Befreier. Foch erwiderte
in einer Antwort, die, wohl überlegt, auf eine besondere Wirkung
berechnet schien und deren mit Kraft, fast ruckweis hervorgestoßene
Worte durch ein energisches Rudern des Armes und Aufundnieder der
geballten Faust unterstrichen wurden.
„Ja, meine Herren, sprach er u. a., wir haben gesiegt. Wir haben
gesiegt durch die Kraft. Wir sind in unserm Vormarsch stehen
geblieben, weil wir stehen bleiben wollten. Sonst wären wir in einigen
Wochen und Monaten an den Rhein, über den Rhein, nach Berlin, kurzum
so weit vorgerückt, als es in unseren Wünschen gelegen hätte. Auf
die Kraft kommt es an. Stark mußten wir sein, um in diesem Sturm zu
bestehen. (Und die bezeichnenden Ruderbewegungen zogen sich immer
wuchtiger her und hin.) Die Kraft aber liegt in der Einigkeit.
Das ist denn auch der Rat, den ich Ihnen geben möchte. Sie müssen
versuchen, stark zu werden. Dazu bedarf es des Anschlusses an einen
Starken. Wie Sie das zu verwirklichen wünschen, das ist Sache der
Regierenden. Bedenken Sie, daß wir unsere Rettung nur der Kraft
verdanken. Und daß ein Deutschland mit 70 Millionen Einwohner immer
ein gefährlicher Nachbar und Gegner bleibt. Daher, wie gesagt, sich
anschließen an einen Starken und sich vorsehen für die Zukunft! Führen
Sie die Wehrpflicht ein und suchen Sie sich gegen Deutschland durch
Befestigungen zu sichern. Kurzum: Werden Sie stark und sehen Sie sich
vor!"
Mir wurde bei diesen Worten heiß, fast wirblig. Ich verstand: Der
Marschall predigt militärischen Anschluß an Frankreich! Und Aufgabe
unserer Neutralität! Zugleich aber schwang es mir durch den Sinn:
„Ho, Foch ist Soldat. Er redet als Soldat. Und er redet zugleich als
Franzose."
Das Gespräch berührte sodann die Lebensmittelverhältnisse des Landes.
Wir deuteten an, daß auch wir es in der Hinsicht nicht gerade leicht
gehabt haben. „Klagen Sie nur nicht, unterbrach er eifrig. Sie hätten
unrecht zu klagen. Da müßten Sie das Land an der Aisne, an der Somme,
in den Argonnen sehen! In 100 bis 200 Kilometer Länge, in 30 bis 50
Kilometer Breite kein Haus, keine Mauer, kein Baum! Alles fortgefegt
und rasiert! Von Ortschaften, wie Noyon, Roye, Bapaume, Fleury
und vielen anderen bleiben höchstens Mauerstümpfe, so in der Höhe
dieses Tisches." Und die Linke führt einen kräftigen Schlag auf die
Tischkante.
„Übrigens, meine Herren", rief er dann in munterer Erregung, „habe ich
für Sie noch eine Meldung aus Paris, eine gute Nachricht."
Er ging auf die Türe des Nebenzimmers zu, mit schwerem, breit
ausladendem Schritt, wobei die markige Gestalt, die elementare, darin
gebundene Kraft überzeugend zum Ausdruck kam, und öffnete.
Ein Mann in Mittelgröße trat herein, jünglinghaft schlank, noch
schlichter als Foch.
Der Marschall stellte vor: „Herr Weygand, mein Mitarbeiter und mein
Freund, vor dem ich keine Geheimnisse habe."
General Weygand, der Generalstabschef Fochs, seine rechte Hand, der
Mitersinner seiner Siege! Der erste Blick nimmt für den Mann gefangen!
Der General überreichte ein Telegramm. Foch nahm und sprach: „Hier
ist, was Sie zu hören wünschen." Und er las: „+Le ministre des
Affaires étrangères ne voit aucun inconvénient à ce que M. le
Président du Conseil avec les quelques hauts fonctionnaires dont
question se rende à Paris pour y discuter avec le Ministre ou avec
Monsieur Mollard des questions de ravitaillement et autres.+"
„Sie sehen also, meine Herren, man erwartet Sie." Damit faltete er das
Blatt und legte es auf den Tisch. „Sie fahren natürlich nach Paris.
Ich besorge Pässe und Fahrtgelegenheit. Ich wünsche Ihnen eine gute
Reise. Und auf fröhliches Wiedersehen!"
Ein erneuter Händedruck, ein freundlicher Blick, ein ermunterndes
Nicken und der mächtige Greis setzte sich wieder hinter seinen Tisch.
General Weygand geleitete uns hinaus.
Die Unterredung hinterließ eine starke Nachwirkung. Dieser Soldat ist
eine Natur. Ob ein großer Geist? Jedenfalls ein Wille. Wer mit dem
Mann zu tun hat, sehe sich vor. Er läßt nicht locker. Er geht auf sein
Ziel los wie eine mit Volldampf geladene Maschine, die Stahlplatten
eindrückt und Mauern umwirft. Die den Deutschen aufgelegten
Waffenstillstandsbedingungen und deren eiserne Durchführung verbürgen
dies Gefühl.
Im Nachmittag spricht in der Regierung vor ~General de la
Tour~, der von Foch bestellte Platzkommandant von Luxemburg. Ein
freundlicher, grauer Herr, von zierlichem Wesen und geschmeidiger
Beweglichkeit. Er trägt die französische Dienstmütze schräg auf dem
von weißem Verband geschützten Kopf. Er wurde bei einem der letzten
Sturmangriffe verwundet und ist noch nicht ganz heil. Der General
spricht die Erwartung aus, daß die herzlichen Beziehungen, wie sie
bisher zwischen der Regierung und Oberstleutnant Randier bestanden,
auch mit seiner Person weiter unterhalten würden.
Diese Worte waren uns recht aus dem Herzen gesprochen.
Dann rüsteten wir zur Fahrt nach Paris.
Vorher, am 18. Dezember, mußten wir noch nach Arlon.
König Albert besuchte seine treue, schwergeprüfte Stadt. Die
Luxemburger Kammer entsandte eine Abordnung. Auch die Regierung ging
hin. Und zwar vollzählig. Wir wollten den belgischen Nachbarn und
Vettern unsern ganzen guten Willen zeigen.
Trotz des strömenden Regens wurde aus der Fahrt ein erhebender
Tag. Ich erfuhr, vor allem in den Hallen des Arloner Doms, was es
heißt, ein volkstümlicher Fürst sein, der Stolz, der Liebling, der
Ruhm seines Volkes. Der schlichte, tapfere Mann in seinem etwas
schwerfälligen, fast schüchternen Gehaben, dem ich aus der Ferne schon
einmal im Liede gehuldigt hatte, ließ mein Inneres erzittern, als mich
sein Vorübergang streifte.
Doch auch er war der Gefangene der Politik. Wie die Luxemburger
Abordnungen vor ihn traten, fand er herzliche Worte des Dankes und
der Freundschaft für die Mitglieder der Kammer als die Vertreter des
Volkes.
Staatsminister Reuter hatte ihm in seiner Ansprache auch die Grüße der
Großherzogin entboten. In seiner Antwort gedachte der König unserer
Großherzogin, seiner nahen Verwandten, mit keinem Wort; statt dessen
fiel ein Satz, der uns aufhorchen ließ.
„Bei der bevorzugten Stellung, so hieß es am Schlusse der königlichen
Rede, deren sich Belgien heute durch den Sieg und das Vertrauen der
Mächte erfreut, wird es dem Luxemburger Volke, sobald dies um seinen
Schutz ersucht, nach Kräften zuhilfe kommen und dessen moralische
und materielle Interessen, soweit es sie ihm anvertrauen will,
verteidigen."
Das war klar und klug gesprochen. Leider zu vorsichtig, gar zu
geschäftlich kühl. Maria Adelheid wurde auch von ihrem Vetter, dem
ritterlichen König Albert, ignoriert.
Vertreten war die belgische Regierung in Arlon durch Hrn.
Staatsminister Orts. Der bewegliche Herr umwarb Herrn Reuter mit einer
unheimlichen Zutraulichkeit. Über Tisch hörte ich, wie ihm Herr Reuter
von unserer morgigen Reise nach Paris erzählte. Ich erschrak und
schaute scharf. In dem Gesichte des belgischen Diplomaten hatte die
Aufmerksamkeit sämtliche Federn gespannt. Die Augen brannten. Er paßte
auf wie ein Jagdhund.
An dem Tage kam mir die Überzeugung, daß unser Besuch in Paris zur
ehernen Notwendigkeit geworden war. So oder so! Wir mußten Gewißheit
haben.
X.
Am 19. Dezember fuhren wir im Auto über Metz durch kriegverheertes
Gelände nach Nanzig. Herr Foch hatte versprochen, den Reisemarschall
zu spielen.
In Nanzig hieß es sich gedulden. Die Züge liefen mit starken
Verspätungen. Um 11 Uhr nachts war von dem Pariser Zug noch keine
Meldung eingelaufen. Wir durchwachten die Nacht im Wartesaal des
unsäglich trostlosen Bahnhofes und rückten so nahe wie möglich an
den mächtigen, kaum erwärmten Ofen. Um uns ein zigeunerhaftes Bild.
Soldaten, Kinder, Frauen lagen, saßen, lehnten in allen Stellungen. Um
warm zu werden, hockten wir schließlich auf der den Ofen umlaufenden
Eisenstange wie kranke Hühner.
Gegen halb 6 Uhr morgens kam endlich der Zug. Er war natürlich voll
besetzt. Ein unbeschreibliches Schieben und Drängen entstand. Eine
Viertelstunde warteten wir im Schneegestöber, denn von den großen
Hallendächern war kein Splitter mehr zu sehen. Wir kamen nicht
vorwärts. „Drinnen," so schrieen unzufriedene Mäuler, „drinnen in den
Abteilen liegen zwei, drei Offiziere und schnarchen. Die Soldaten in
den Gängen haben nicht den Mut, sie zu stören. Und sowas muß sich das
Volk gefallen lassen!"
Schon wurde zur Abfahrt gerufen. Wir standen in Verzweiflung. Endlich
erinnerten wir uns, und Herr Liesch rief einem Bahnbeamten zu, ob
Herr Marschall Foch keine Plätze habe belegen lassen. Der Name
wirkte Wunder. „Marschall Foch? O ja, gewiß. Plätze für die Minister
aus Luxemburg." „Nun, die sind wir." „+Oh, alors, suivez-moi,
messieurs!+"
Er bahnte uns einen Weg durch den Wirrwarr. „Hier ist Ihr Wagen."
Natürlich war kein Platz mehr frei. Die Insassen stellten sich
taub, aber sie wurden im Namen des Marschalls aufgerüttelt und
herausbefördert. Wir nahmen ihre Plätze ein. Es war ein Halbabteil
und gerade groß genug. Wir ließen uns mit erlöstem Aufatmen nieder.
Draußen im Gang aber ging das Schnattern und Fluchen los. „Unerhört!"
schimpfte es im aufgeregten Durcheinander. „Sowas kann nur in
Frankreich vorkommen. Gute Franzosen wirft man hinaus und bringt an
ihrer Stelle drei ,+Boches+' unter."
Diese Fahrt nach Paris wird einem jeden von uns, auch wegen anderer
komischen Zwischenfälle, unvergeßlich bleiben.
Kurz nach Mittag stiegen wir im Ostbahnhof aus. Unser Geschäftsträger
empfing uns im Gasthof mit langem Gesicht. Wie wir nach Paris hätten
kommen können! Er habe uns doch gedrahtet, zu Hause zu bleiben. Herr
Pichon werde die luxemburgischen Minister nicht empfangen.
Wir bedauerten, eine solche Meldung sei uns nicht zugegangen. Wir
seien schon seit gestern morgen von Luxemburg fort.
Dann allerdings! Er habe das Telegramm erst gestern abgeschickt. „Und
es ist wirklich dumm," meint Herr Leclère mit bekümmerter Miene, „daß
meine Meldung Sie nicht erreicht hat. Sie haben sich vergeblich hieher
bemüht. Sie werden überhaupt von niemand empfangen. Sogar nicht von
Herrn Mollard. Ich selbst wollte diesen Abend heimfahren. Lassen Sie
sich raten und fahren Sie mit."
Wir blickten uns an und gaben kurzen Bescheid. „Wenn Sie glauben
fahren zu müssen, Herr Leclère, bitte, lassen Sie sich nicht
aufhalten. Wir sind hier und wir bleiben hier."
Herr Leclère reiste tatsächlich. Herrn Leclères Vertrauter in Paris
war besonders der ~luxemburgische~ Generalkonsul, Herr Bastin.
Aber Herr Bastin war zugleich ~belgischer~ Generalkonsul. Auch
der bedauerte, uns versichern zu müssen, daß wir in keinem Ministerium
Gehör finden würden.
Eine Unterkunft in Paris ließ sich damals nur schwer ausfindig machen.
Die Gasthöfe waren überfüllt. Herr Liesch suchte vergebens Quartier.
Da überließ ich ihm mein Bett und verzog zu meiner Schwester.
Wir sprachen bei Herrn Mollard vor. Der Empfang war, trotz böser
Verheißungen, recht herzlich.
Das Gespräch erging sich in der Hauptsache über die wirtschaftlichen
Sorgen des Landes. Herr Mollard empfahl unserm Staatsminister, Herrn
Außenminister Pichon brieflich um eine Unterredung zu ersuchen.
Am folgenden Tage besuchte ich den Grafen ~de Fels~; ich lernte
in dem Schwager Jacques Lebaudys, des einstigen Kaisers der Sahara,
einen guten Freund Luxemburgs kennen. Er wußte recht wohl Bescheid in
den Absichten der verschiedenen Verbände und Vereinigungen, die sich
in Paris um den französisch-luxemburgischen Anschluß bemühten. Trotz
allen gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen glaubte er an Maria
Adelheid und war der Überzeugung, daß sich Frankreich mit ihr abfinde.
Luxemburg müsse, so führte er aus, ein selbständiges Land bleiben und
sich wirtschaftlich an Frankreich anschließen. Vor Belgien gelte es,
auf der Hut zu sein. Er stellte sich unserer Regierung mit seinem
Einfluß zur Verfügung und wollte, wenn wir es wünschten, auch bei
Herrn Pichon vermitteln.
Graf de Fels hätte in Paris zu gerne die Rolle des luxemburgischen
Vertreters spielen wollen. Leider war er nicht Luxemburger.
Wahrscheinlich hätten wir in ihm einen recht nützlichen Mann gefunden.
Er schien aufrichtig und gewandt, hatte einflußreiche Verbindungen und
führte ein großes Haus. Einen bessern Freund zählten wir damals in
Paris kaum.
Im Nachmittag traf ich mich mit einem andern Freunde, einem Landsmann
und Verwandten. Der horchte in manche einflußreiche Kreise hinein und
zog als kluger Mann seine Schlüsse.
„Belgien", so bekräftigte auch er mir, „Belgien heißt die Gefahr für
Luxemburg. Frankreich soll in schicksalsschwerer Stunde durch den Mund
Ribots Luxemburg gewissermaßen an Belgien preisgegeben haben. Dies
Versprechen drückt Frankreich heute schwer. Pichon und Clemenceau sind
der Ansicht, das Wort Ribots müsse eingelöst werden. Unsere Lage ist
äußerst bedroht, und der böse Ruf Großherzogin Maria Adelheids trägt
nicht dazu bei, sie zu bessern. Ihre deutschfreundliche Politik, --
du leugnest sie allerdings, aber die Fürstin hat sich nun einmal in
den bösen Ruf gebracht -- ihre Deutschfreundlichkeit ist Wind in die
belgischen Segel. Ihr solltet euch doch an die Amerikaner wenden und
deren besonderen Schutz anrufen. Jedenfalls wäre es angezeigt, den
amerikanischen Gesandten in Paris oder den Obersten House, Wilsons
Freund, von der Lage unseres kleinen Landes zu verständigen. Unterm
Schutz des Sternenbanners säßen wir geborgen. Und wer weiß, Luxemburg
dürfte nach dem Friedensschluß gewissermaßen ein Stapelplatz werden
für den amerikanischen Absatz in Europa."
Er deutete mir zugleich einen Weg an, der mich an den Vertreter der
Vereinigten Staaten herangeführt hätte. Aber die Sorgen der wenigen
Tage, die uns zur Verfügung standen, erlaubten mir keine Ausnützung
der Gelegenheit.
Immerhin, der Freund hatte damals klug gesehen und schlau geraten.
Wir mußten die amerikanische Hilfe später doch anrufen, und zwar in
allerletzter Stunde, da es eben zwölf schlagen sollte.
An dem Abend brachte uns Herr Konsul Mersch mit einigen französischen
Abgeordneten zusammen. Sie konnten die ablehnende Haltung des Herrn
Pichon nicht verstehen, versuchten ihn noch nach zehn Uhr nachts am
Fernsprecher zu erreichen, und versprachen, sich anderntags tatkräftig
zu unsern Gunsten zu verwenden. Weitere Schritte in der Kammer
behielten sie sich vor.
Am Morgen des 23. Dezember begab ich mich mit meinem Bruder zu Herrn
Minister Mollard, der mich persönlich zu sprechen gewünscht hatte. Die
Rede kam auf die innere Politik des Großherzogtums.
„Die französische Regierung," so versicherte mir dieser gute Freund
Luxemburgs, „bringt dem Großherzogtum die wärmsten Gefühle entgegen
und denkt nicht daran, des Landes Selbständigkeit zu gefährden. Die
Feinde des freien Großherzogtums sitzen anderswo. Wünschen Sie
Beweise dafür?" Und er zog die Schublade seines Schreibtisches auf.
Ich winkte ab. „Wir glauben Ihnen aufs Wort, Herr Minister. Sie
bestätigen uns die eigenen Vermutungen."
„Wie aber", fuhr ich fort, „stellt sich Frankreich zur Großherzogin
Maria Adelheid?"
„O", entgegnete Herr Mollard lebhaft und schob die beiden Handflächen
abwehrend gegen mich heran, „auf die Frage kann Ihnen der französische
Minister keine Antwort geben."
„Ich verstehe", erwiderte ich. „Aber meine Frage wendet sich auch
nicht an den Minister, sondern an Herrn Mollard. Warum, Herr Mollard,
kehrt der französische Minister in Luxemburg, Herr Armand Mollard,
nicht auf seinen Posten zurück?"
Er lachte, sah mich forschend an und sprach nach einer Pause: „Gut,
so wird Ihnen Herr Mollard antworten. Aber unter Zusicherung der
Verschwiegenheit."
„Ich verspreche das."
„Nun wohl, der Minister Frankreichs kommt nicht nach Luxemburg, weil
die Regierung Frankreichs von Maria Adelheid nichts mehr wissen will.
Sie hat sich zu großer -- sagen wir -- zu großer Unklugheiten schuldig
gemacht. Sie muß fort."
„Ich verstehe Ihr Gefühl, Herr Minister. Aber es hält schwer,
der Großherzogin ihre Abdankung als unabwendbare Notwendigkeit
nahe zu bringen. Von dieser Notwendigkeit müßten Sie schon unsern
Regierungspräsidenten, Herrn Reuter, der zugleich das Haupt der
unserer Fürstin sehr ergebenen Rechtspartei ist, überzeugen. Versuchen
Sie das doch, ich bitte. Aber in einer Weise, die ihm keinen Zweifel
übrig läßt. Ich selbst bin ja durch mein Ihnen gegebenes Wort
gebunden."
„Ich will mir die Sache überlegen."
„Nehmen wir also an, Maria Adelheid entsage dem Thron. Wie stellt sich
dann Frankreich zur Dynastie? Denn eine Republik Luxemburg ist ein
Ding der Unmöglichkeit."
„O, da können Sie beruhigt sein. Frankreich wünscht nichts sehnlicher,
als daß Luxemburg als selbständiges Land fortbestehe unter seinem
eigenen Fürsten. Gegen die Dynastie hat die Republik nichts
einzuwenden."
„Es dürfte also eine ihrer Schwestern Maria Adelheids Nachfolge
antreten?"
„Selbstverständlich."
„Aber welche? Prinzeß Charlotte, die zweite, ist bekanntlich verlobt
mit dem Prinzen Felix von Bourbon-Parma, der im österreichischen
Heere gedient hat. Prinzessin Antonia ist die Braut des Kronprinzen
Rupprecht von Bayern; die muß also von vornherein ausscheiden.
Prinzeß Hilda, die dritte der Prinzessinnen, will überhaupt von einer
Thronfolge nichts wissen. Die beiden jüngsten Schwestern sind noch
minderjährig. Die Großherzogin Mutter Maria Anna müßte alsdann die
Regentschaft führen. Und das sagt Frankreich doch auch nicht zu."
„Nein, das geht nicht."
„Es bleibt also nur Prinzessin Charlotte. Mit ihr müßte sich
Frankreich abfinden. Trotz ihrer Verlobung. Sie wäre, meinem Gefühl
nach, auch die bestgeeignete."
„Das ist wirklich Ihre Überzeugung?"
„Entschieden."
Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit einem leichten
Schnippchen in die Luft: „He, warum auch nicht! Mag der Prinz auch in
österreichischen Diensten gestanden sein ....."
„Gegen Frankreich hat er nie gekämpft, Herr Minister. Und seine beiden
Brüder Sixtus und René, nun, Sie wissen ja ....."
„Gewiß, gewiß! Und schließlich: Er bleibt trotz allem ein Bourbon.
Also ein Franzose. Geben Sie mir Bedenkzeit. Ich werde Erkundigungen
einziehen. Und wir werden über den Punkt weiter reden."
Ich bat Herrn Mollard an der Türe ein zweites Mal, doch um jeden
Preis Herrn Reuter über die Gefühle Frankreichs zur Großherzogin zu
unterrichten, und zwar auf eine Art, die ihm jeden Zweifel nehme.
„Ich will daran denken."
Damit schieden wir.
Meine Kollegen waren von diesem Schritt nicht unterrichtet.
Da ich bekanntlich auswärts wohnte, sah ich sie an dem Tage nicht
mehr bis kurz vor dem Abendessen. Da aber sagte mir Herr Reuter mit
seltsamer Befangenheit:
„Weißt du, wir sind gegen fünf Uhr bei Herrn Pichon gewesen."
Ich stand starr und machte große Augen.
„O!" fiel Herr Liesch gleich ein. „Sei froh, daß du nicht mit dabei
warst. Du hast nichts verloren."
Sie erzählten, am Nachmittag sei vom Quai d'Orsay aus in den Gasthof
gemeldet worden, Herr Minister Pichon erwarte die luxemburgischen
Minister für 5 Uhr. Sie hätten mich auch telephonisch nicht erreichen
können und seien allein hingegangen.
Herr Pichon habe sie freundlich empfangen und ihnen gleich folgende
Rede gehalten:
„Meine Herren! Ich spreche zu Ihnen in aller Aufrichtigkeit. Die
französische Regierung war nicht gesonnen, Sie zu empfangen.
Die Drahtung, die Ihnen durch Marschall Foch übermittelt wurde,
beruht bestimmt auf einem Irrtum. Unsere ganze Absicht war, der
großherzoglichen Regierung gegebenenfalls zu erlauben, sich in Paris
mit den zuständigen Stellen in Verbindung zu setzen, um mit ihnen
wirtschaftliche und ähnliche Fragen zu erörtern. Die französische
Regierung empfängt nicht die Minister der Großherzogin. Wenn ich Sie
trotzdem sprechen wollte, so geschah es aus Höflichkeit und auf das
dringende Ersuchen des Herrn Mollard. Es sind in den letzten Jahren
Dinge geschehen, die in ihren Folgen gewissermaßen auf einen Abbruch
der Beziehungen hinauslaufen. Das ist auch der Grund, weshalb Herr
Mollard noch nicht auf seinen Posten zurückgekehrt ist."
Herr Pichon machte eine Pause und Herr Liesch warf ein: „Herr
Minister, wir danken Ihnen für Ihre aufrichtigen Worte. So wird
von vornherein eine klare Lage geschaffen. Sie deuten auf gewisse
Tatsachen und Zwischenfälle hin, auf die einzugehen leider jetzt nicht
der Augenblick ist. Soviel aber möchte ich bemerken, daß die heutige
Regierung an diesen Geschehnissen unschuldig ist."
„Mißverstehen Sie mich nicht, meine Herren. Die luxemburgischen
Minister als solche sind uns sehr sympathisch. Wir sind über die Dinge
in Luxemburg genau unterrichtet. Und wenn die französische Regierung
Sie nicht empfangen will, so liegt der Grund dafür nur in dem Umstand,
daß Sie die Vertreter der Großherzogin sind."
„Wenn die Sachen so liegen", fiel ihm Herr Reuter ins Wort, „so wollen
wir nicht länger stören und empfehlen uns, Herr Minister."
Herr Pichon schien über den raschen Aufbruch etwas verblüfft und
beeilte sich hinzuzufügen: „Meine Herren, ich halte darauf, Ihnen zu
versichern, daß Land und Volk Luxemburgs Frankreichs ganze Sympathie
besitzen."
„Luxemburg erwidert diese Gefühle, Herr Minister."
Die beiden Herren gingen.
Das waren allerdings schlimme Nachrichten. Und trübe Aussichten.
Soviel schien festzustehen: Maria Adelheid wird von der Regierung
Clemenceaus nicht anerkannt. Aber was dann? Wie denkt sich Frankreich
die Weiterfahrt? Wie stellt es sich zu einer künftigen Gestaltung
Luxemburgs?
Nach einer schlaflosen Nacht gab ich meinem Bruder folgenden Auftrag:
„Du gehst heute vormittag zu Herrn Mollard. Du erzählst ihm von
dem Empfang bei Herrn Pichon, dessen Verlauf er allerdings schon
kennen wird. Und du sagst ihm in meinem Namen folgendes: ‚Wenn wir
mit nichts anderm als mit diesem Bescheid nach Hause kommen, ist es
um Maria Adelheid, aber auch um die Dynastie geschehen. Stürzt die
Dynastie, so wird Luxemburg Republik, wenigstens für den Augenblick.
Eine Republik Luxemburg hat keinen Bestand. Und dann tritt todsicher
dieses ein: Luxemburg fällt an Belgien. Das aber will Luxemburg nicht
und auch Frankreich nicht. Deshalb ist mein letzter Rat: Prinzessin
Charlotte muß anerkannt werden, oder alles ist verloren. Wir müssen
diese Zusicherung nach Hause bringen.' Das sage ihm in meinem Namen.
Inzwischen ist mir der Zweck des gestrigen Empfangs und die Art der
Aufnahme durch Pichon klar geworden. Schade, daß ich nicht dabei sein
konnte."
Mein Bruder ging, fand Herrn Mollard aber erst im frühen Nachmittag.
Herr Mollard hörte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an und sagte
bedächtig: „Ich bedaure ebenfalls, daß Ihr Bruder gestern abend nicht
bei Herrn Pichon zugegen war. Er hätte verstanden und die Herren
wären nicht so fortgelaufen. Der Minister war selbst über den raschen
Aufbruch verwundert. Im übrigen hat Ihr Bruder recht. Er spricht als
weiser Mann. Kommen Sie in zwei Stunden mit ihm zu mir zurück. Dann
hoffe ich, Ihnen Bescheid geben zu können."
Nach der Unterredung mit Pichon erschien ein längerer Aufenthalt in
Paris ohne Zweck. Auch war aus Luxemburg die Meldung eingelaufen, die
Kaserne meutere.
So wollten wir am 24. abends in jedem Fall die Heimfahrt antreten.
Gegen 6 Uhr abends fuhr ich mit meinem Bruder bei Herrn Mollard vor.
Herrn Reuter hatte ich kurz vorher von den inzwischen angeknüpften
Fäden verständigt. Er billigte den Schritt. Herr Mollard sprach mit
Bedauern: „Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen die in Aussicht
gestellte Antwort jetzt schon zu geben. Sie müssen mir noch zwei Tage
Frist gönnen. Ich lasse Ihnen durch Ihren Bruder Nachricht zukommen.
Beunruhigen Sie sich nicht. Ich habe mich der Sache angenommen. Sie
werden gewiß bald von mir hören. Und hoffentlich das Gute, das wir
beide wünschen."
Mit dem schwachen Troste nahm ich Abschied.
Ich machte dann mit meinem Bruder rasch das Nötige ab. Daß ich
Bescheid erhalten werde, stand für mich felsenfest. Ich kannte
den Diplomaten Armand Mollard als Ehrenmann, dem es nur um einen
wirtschaftlichen Anschluß des Großherzogtums an Frankreich zu tun war,
wie ein solcher ja auch in den Wünschen des Landes zu liegen schien.
Mein Bruder weilte seit Kriegsschluß wieder in Paris. Er hat sich kurz
nach Ausbruch des Krieges mit Billigung der Regierung ins Ausland
zurückbegeben, um sich auf die ihm zugesagte Stellung des Badearztes
und -direktors in Mondorf weiter vorzubereiten. In dieser Erwartung
sah er sich beim Austritt +Dr.+ Welters aus der Regierung
rücksichtslos betrogen. +Dr.+ Welter, der ihn bei einem Besuch
in Paris als sein oberster Vorgesetzter in Bekanntenkreisen als den
zukünftigen Leiter des luxemburgischen Staatsbades vorgestellt hatte,
der ganz kurz vor seinem Rücktritt noch die Weisung gegeben hatte, dem
Dr. Eloi Welter die Bedingungen des mit der Regierung abzuschließenden
Vertrags bekannt zu geben, zog es vor, sich selbst als Badearzt nach
Mondorf ernennen zu lassen.
Um meinen Bruder für die schmerzliche Überrumplung in etwa zu
entschädigen, ließ ihm Herr Generaldirektor Lefort durch meine
Vermittlung den Posten eines Hilfsarztes an der Heilanstalt
in Ettelbrück anbieten, und zwar unter der ausdrücklichen und
schriftlichen Zusicherung der Direktorstelle nach dem Amtsablauf des
heutigen Anstaltsleiters, Hrn. +Dr.+ L. Buffet. Mein Bruder nahm
dieses neue Angebot an und suchte sich in dem altberühmten Irrenhaus
Sainte-Anne in Paris mit seinem neuen Berufe vertraut zu machen.
Einer Aufforderung der luxemburgischen Regierung, seine Stellung
in Ettelbrück anzutreten, konnte er nicht Folge leisten, denn die
deutschen Militärbehörden verweigerten ihm hartnäckig den Paß über die
Schweizer Grenze. Da war er aus der Schweiz nach Paris zurückgekehrt,
um von dort den Weg nach Haus zu finden, nachdem ihm jede Möglichkeit,
sich in Frankreich ein neues Wirkungsfeld zu schaffen, verschlossen
schien.
In Paris lebte auch unsere älteste Schwester. Wir machten uns
diesen Umstand zunutze und vereinbarten eine Geheimsprache, die von
vornherein nichts Auffälliges an sich hatte. Für die beiden einzigen
Möglichkeiten wurde sogar der Wortlaut festgelegt.
Am Christabend fuhren die luxemburgischen Vertreter aus Paris
fort. Ein Mißverständnis nötigte uns, in Nanzig einen freudlosen
Weihnachtstag zu verbringen.
Den 26. Dezember, im Spätnachmittag, waren wir wieder daheim.
XI.
Unsere beiden Kollegen, die HH. Neyens und Collart, warteten unser
in Spannung und Ungeduld. Die Freiwilligenkompanie meuterte. Die
Revolution stand vor der Türe. Wir aber brachten einen trostlosen
Bescheid, der sogar in verletzender Form gegeben worden.
Des andern Tags erstatteten wir der Großherzogin Bericht. Nun erkannte
Maria Adelheid, daß für sie keine Rettung mehr war, denn geheimhalten
ließ sich die Geschichte ja nicht. Ich meinerseits verständigte
sie von dem Schritte, den ich zugunsten von Prinzessin Charlotte
unternommen hatte und über dessen Erfolg mir in den ersten Tagen
Bescheid werde. Bis dahin glaubten wir einen Entschluß aufschieben zu
dürfen.
Auch die sonstigen Verhältnisse gestalteten sich sorglich genug.
Unsere Fahrt nach Paris war den Feinden der Dynastie von der ersten
Stunde an zuwider gewesen. Sie schrieen und zeterten, was sich ein
abgegangenes Ministerium noch um auswärtige Politik zu kümmern habe.
Vor allem waren sie neugierig zu erfahren, was bei einer solchen Reise
ans Auswärtige Amt in Paris der Unterrichtsminister zu tun hatte.
Herr Liesch fühlte sich verpflichtet, den Liberalen ohne Verzug den
Verlauf der Audienz am Quai d'Orsay darzulegen. Er tat es, meiner
Auffassung nach, mit etwas übermäßigem Vertrauen, der überzeugendste
Beleg für seine volle Aufrichtigkeit.
Ich wollte meinerseits den Sozialisten Bescheid geben. Ihre Zeitung
„Die Schmiede" hatte allerdings schon am 21. Dezember einen ersten
Schmähartikel gegen mich losgelassen, ein Beweis, wie für sie das
frühere Verhältnis bereits gelöst war.
Nichtsdestoweniger verständigte ich bei einer Begegnung Herrn Probst
von meiner Absicht. Ich erfuhr eine heftige Abweisung.
An diesem Abend des 29. Dezember 1918 wurden für mich die Beziehungen
zur Partei abgeschnitten.
* * * * *
In der Kaserne war es inzwischen zu den unerfreulichsten
Zwischenfällen gekommen.
Vor unserer Abreise bereits hatten die Freiwilligen die Kammer mit
einer Eingabe befaßt, in der sie Klage führten gegen das harte und
willkürliche Vorgehen ihrer Offiziere. Zugleich forderten sie die
Umgestaltung der Kaserne in eine Militärschule. Die Bittschrift fand
in der Kammer heiße Befürworter und es wurde eine parlamentarische
Untersuchungskommission ernannt.
Feldwebel Eiffes, der die Bewegung leitete, wurde von seinen
Vorgesetzten in Schutzhaft gesetzt. Die Soldaten erbrachen die Türe
des Arrestlokals, befreiten den Führer mit Gewalt und verjagten die
Offiziere. So war der Aufruhr da.
Die von der Kammer bezeichnete Kommission hatte wenig Glück. Unsern
Kriegern, vor allem ihrem selbstgegebenen Haupt, war es um eine rasche
Erledigung sämtlicher Forderungen zu tun, nicht um eine besonnene,
zweckentsprechende Untersuchung. Bald auch wird von ihren Anhängern
der Argwohn verbreitet, als arbeiteten im Schoße der Kommission so
manche gegen die Freiwilligen. Nun gab der Kommissionspräsident,
Herr Lacroix, seine Entlassung. An die Soldaten aber erging die
Aufforderung, vorerst in die Schranken der Ordnung zurückzukehren. Die
wackeren Jungen wollten davon so wenig hören, daß aus dem Munde eines
andern Kommissionsmitgliedes die Worte fielen, mit Rebellen könne man
nicht verhandeln.
Während unserer Abwesenheit erschien eine Abordnung in der Regierung.
Hier wurde ihnen der Bescheid, angesichts der durch die Kammer
anberaumten Untersuchung sei ein Eingreifen von Verwaltungsseite recht
erschwert worden, doch möchten die Mannschaften sich vorher wieder der
Gesetzlichkeit und Ordnung unterstellen.
Die Truppe weigerte sich weiter, ihre Offiziere wieder anzuerkennen,
und richtete am 29. Dezember an die Untersuchungskommission
eine Bittschrift von über sechzig Punkten mit den schwersten
Anschuldigungen gegen die Offiziere.
In einer eigenen Flugschrift gaben sie sodann die hauptsächlichsten
Anklagen der Öffentlichkeit preis und bewogen damit ihre Vorgesetzten,
ihrerseits gegen die Schmähschrift bei der Staatsanwaltschaft Klage
einzureichen.
Inzwischen hatte sich die Kaserne als Militärschule eingerichtet; doch
die Mannschaften bezogen die Wache wie sonst.
Die Gendarmen hatten ebenfalls Klagen und Wünsche vorzubringen. Sie
weigerten sich aber, mit den Meuterern gemeinsame Sache zu machen. Sie
standen treu zur Obrigkeit und zur Ordnung.
Des Zündstoffes häufte sich tagtäglich mehr. Als die Einzelheiten des
Empfangs bei Herrn Pichon bekannt wurden, erhob sich bei den Gegnern
der Dynastie und des Referendums ein Gewieher der Befriedigung.
Der Prozeß der Nassau-Braganza, hieß es, ward in Paris entschieden,
und zwar gegen sie. Das Volksreferendum ist überflüssig geworden.
Wir aber walteten nach Pflicht und bestem Vermögen. Am 30. Dezember
versammelte sich um die Großherzogin ein Kronrat, dem auch die
Präsidenten der Kammer und des Staatsrats beiwohnten. Man beschloß
folgende Mitteilung an die Regierungen der Verbündeten und
Nordamerikas: „Die großherzoglich-luxemburgische Regierung hat die
Verträge mit Deutschland über die Zollgemeinschaft und die Eisenbahnen
gekündigt. Die Regierung wünscht mit den Verbandsmächten Verhandlungen
wegen einer neuen wirtschaftlichen Annäherung anzuknüpfen. Sie stellt
die Unabhängigkeit des Großherzogtums unter den hohen Schutz der
Mächte."
Damit wurde das langjährige Band mit Deutschland, das dieses selbst
durch den rohen Einfall von 1914 einseitig zerrissen hatte, endgültig
gelöst. Das Tor zu einer neuen Zukunft stand offen.
Die Gegner stimmten ein Zetermordio an über die Dreistigkeit einer
am Boden liegenden Regierung, die sich solche souveränen Schritte
herausnähme.
Mit trübem Mute traten wir über die Schwelle des Jahres 1919.
Auch ließ die Antwort aus Paris noch immer auf sich warten.
Wenn sie sich noch einige Tage verzögerte, so dürften, das fürchtete
ich, sogar die Kollegen meinen Worten und Versicherungen nicht mehr
trauen. Umsomehr als von Privatseite die widersprechendsten Gerüchte
aus Paris einliefen und uns in der Regierung heimsuchten.
Endlich, am 3. Januar nachmittags, kam der Bote. Ich riß das Blatt
unter Herzklopfen auf und las: „+Soeur va mieux, suit bien les
conseils du médecin luxembourgeois.+"
Ich ging zum Staatsminister und deutete die Botschaft. „Großherzogin
Charlotte wird anerkannt. Nur muß sie den Ratschlägen ihrer Regierung
entsprechend handeln."
Welches Wort und welche Geberde an erster Stelle von ihr erwartet
wurden, war uns bekannt.
Wir begaben uns zu Maria Adelheid. Ich unterbreitete das Telegramm und
berichtete. Sie war bereit, der Schwester zu weichen.
Draußen ging die Hetze zielbewußt weiter. In Belgien brach der
Annexionshunger in ein stets heisereres Gekläffe aus.
Aus Paris herüber kam Bote auf Bote und meldete, und immer aus erster,
bestimmter Quelle, auch Charlotte werde nicht anerkannt werden; Herr
Mollard habe das ausdrücklich erklärt.
Ich legte mich auf die eingelaufene Drahtung fest, stärkte die
Hoffnung und belebte den Glauben.
Die Rechtspartei ließ Listen umgehen und forderte das Volk auf zu
einer Massenkundgebung an die Kammer. Die Eingabe begehrte: 1.
Politische Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Anschluß an die
Westmächte; 2. Das Referendum über Staatsform und Dynastie; 3.
Unveräußerliches Selbstbestimmungsrecht des luxemburgischen Volkes.
Die Listen füllten sich umgehend mit Zehntausenden von Unterschriften.
Die +Action Républicaine+ ihrerseits schürte aus Leibeskräften
unter dem fanatischen Eifer der gegnerischen Zeitungen. Die Pariser
Reise wurde grimmig ausgebeutet. Man wähnte sich des Sieges gewiß.
Sämtliche Parteien rüsteten für die nächste Kammersitzung vom 9.
Januar.
Auch wir mußten zu einem Entschluß gelangen und hielten Ministerrat.
Wir kamen vor lauter Bedenken nicht vom Fleck.
Herr Reuter hatte sich über die ausschließliche Tragweite des mir
zugegangenen Telegramms in letzter Stunde volle Gewißheit holen
wollen und zugleich einen äußersten Schritt zur Rettung der Fürstin
versuchen lassen. Marschall Foch war bereit, bei der Regierung in
Paris zu vermitteln, wenn die Großherzogin einen schriftlichen Wunsch
äußern wolle. Maria Adelheid empfand unter der ersten Regung eine
solche Handlung für unwürdig. Der Staatsminister gab zu erwägen, ob
es doch vielleicht nicht ihre Pflicht sei, für sich selbst und für
das Land dieses letzte Mittel zu ergreifen. Schließlich unterstützte
ihn auch Großherzogin Maria Anna mit den Worten: „Ja, Kind, der
Herr Staatsminister hat recht. Wir haben die Pflicht, auch dieses
Opfer nicht zu scheuen." Nun schrieb Maria Adelheid, im alleinigen
Verlangen, wie sie erklärte, dem Lande zu nützen.
Herr Reuter befördert den Brief in aller Eile nach Luxemburg. Der Zug
des Marschalls wartet im Bahnhof; er ist glücklicherweise mit einigen
Minuten Verspätung eingelaufen. Das Schreiben geht ab. Nach einigen
Tagen kommt die Antwort. Dem Staatsminister wird darin aus sicherster
Quelle die Versicherung, bei den Ententemächten sei die Stimmung ganz
so, wie Herr Welter es dem Ministerrat auseinandergelegt habe; Maria
Adelheid sei nicht zu halten.
Nun waren auch für Herrn Reuter die Würfel gefallen. Am 8. Januar kam
es also im Regierungskonseil zur Abstimmung. Wir sprachen uns einmütig
für die Abdankung der Großherzogin Maria Adelheid aus. Die Mehrheit
forderte sofortige Entscheidung.
Regierungs- und Kammerpräsident sollten noch an demselben Mittwoch
nach Berg fahren. Herr Collart bestand darauf, daß ich die beiden
Herren begleite. Schließlich ging auch er mit.
Wir sprachen unterwegs bei einem Freund vor. Als dessen Gattin
vernahm, worum es sich handle, geriet sie in unbeschreibliche
Aufregung. Ihr Antlitz brannte. Sie sprang gegen uns mit dem zornigen
Ruf: „Die Männer sind doch alle Feiglinge! Sie hätten das arme Kind
bis aufs Blut verteidigen müssen!" Es wurde ihr die ruhige Antwort:
„Glauben Sie uns, Madame, zu dem Schritt, den wir jetzt unternehmen,
gehört des Mutes noch mehr."
Gegen 9 Uhr langten wir im Schlosse an.
Herr Reuter ging zuerst zur Großherzogin, dann empfing sie auch
uns. Es war in dem anmutigen Rosazimmer. Wir führten alle dieselbe
Sprache. Durch Frankreichs schroffe Ablehnung wird die wirtschaftliche
Zukunft des Landes schwer geschädigt. Um die Dynastie zu retten,
gibt es nur einen Weg. Maria Adelheid erklärt sich zum Rücktritt
bereit. Neuerdings empfiehlt sie uns als Nachfolgerin aufs wärmste
ihre Schwester Charlotte. Sie will alsbald mit ihr reden, um sie
vorzubereiten. Morgen vormittag gegen halb elf wird sie selbst dem
Herrn Staatsminister die Antwort bringen.
* * * * *
Am nächsten Morgen warten wir vergebens auf die in Aussicht gestellte
Urkunde. Der Großherzogin sind über Nacht, unter eigener oder fremder
Eingebung, Bedenken gekommen.
Sie läßt den Staatsminister wissen, sie sei bereit, gleich abzudanken,
wenn die Rechtspartei ihren Abgang als für das Wohl des Landes
notwendig erkläre.
Die Rechtspartei nimmt diesen Wunsch mit Verwunderung entgegen.
Sie erwidert, sie weigere sich nachdrücklichst eine Erklärung
abzugeben, die sie nicht geben könne. Maria Adelheids Verbleib, das
sei die Überzeugung der Partei, würde an sich dem Lande nur zum Heil
gereichen. Ob aber besondere Nebenumstände ihre Abdankung vielleicht
nicht als ersprießlich erscheinen ließen, das zu beurteilen sei Sache
der großherzoglichen Regierung.
Herr Reuter fuhr im Nachmittag des 9. Januar nach Berg und
verständigte die Fürstin von dieser Auffassung der Rechtspartei. Sie
verstand alsbald und sagte: „Die Partei hat recht. Mein Verbleib
wäre, wenn nur möglich, eine Wohltat für das Land. Die Verhältnisse
aber, die meine Entfernung vielleicht als geboten hinstellen, die zu
beurteilen ist tatsächlich die ausschließliche Angelegenheit und Sorge
von Großherzogin und Regierung."
Die Abdankungsurkunde wurde unter Zurateziehung eines ihrer
entschlossensten Paladine in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar
aufgesetzt.
Die Ereignisse, die sich kurz vorher am Nachmittag und am Abend
in Luxemburg abgespielt hatten, haben den letzten Entschluß Maria
Adelheids nicht entscheidend beeinflußt.
Die junge Fürstin unterzeichnete in aller Seelenruhe und tröstete
den Staatsminister, der in sichtbarer Erregung vor ihr saß, mit den
Worten: „Man darf sich durch nichts aufregen lassen, Herr Reuter. Man
muß die Dinge und Ereignisse sehen, wie sie sind, und sie auch so
entgegennehmen."
XII.
Vor Beginn der Kammersitzung des 9. Januar tagt und tobt auf dem
Wilhelmsplatz eine republikanische Versammlung. Die Führer verlesen
einen Aufruf an die Volksvertretung. Sie fordern die Absetzung der
Dynastie und die Republik.
Die aufgeregte Menge zieht vor das Kammergebäude.
~Im Sitzungssaal ist der Regierungstisch noch immer leer.~
Der Tag setzt stürmisch ein. Eine Tagesordnung der Liberalen,
gezeichnet von den Herren Brasseur, Pescatore, Palgen, Diderich, Gallé
verlangt, aus Gründen der innern, und noch mehr der äußern Politik,
wobei der Haltung des Herrn Pichon und dem Ausbleiben des Herrn
Mollard ein besonderes Gewicht beigelegt werden, die Entfernung der
Großherzogin und des Herrscherhauses.
Der Bürgermeister von Differdingen, dem die Erinnerungen an das
Revolutionstribunal in Paris durch den Kopf spukten, schrie, eine auf
dem Wilhelmsplatze tagende Volksversammlung habe soeben die Absetzung
der Dynastie beschlossen. Man solle dem Volke den Zutritt in die
Kammer gestatten, damit es durch eigene Wortführer seinen Willen
verkünden könne.
Herr Schiltz mahnt, die Erörterungen über diese Angelegenheit etwas
aufzuschieben; in vielleicht einer halben Stunde schon könne von
Seiten der Regierung eine wichtige Meldung einlaufen, die jede
Weiterdebatte überflüssig machen dürfte; er beantrage einstweilen, die
zur Untersuchung der Militärverhältnisse eingesetzte parlamentarische
Kommission aufzulösen und die Weiterführung dieser Untersuchung an die
Regierung sowie an die Staatsanwaltschaft zu verweisen.
Die Tribünen greifen fortwährend störend in die Verhandlungen ein.
Nach vergeblicher Mahnung zur Ruhe unterbricht Herr Präsident Altwies
die Sitzung unter dem verzweifelten Protest der Gegner. Die Sitzung
wird an dem Tag nicht mehr aufgenommen.
* * * * *
Die Ereignisse jagen und überstürzen sich. Sie streifen dann und wann
an die entscheidende Schicksalsstunde eines Volkes, überpurzeln sich
ins Groteske und enden in der Lächerlichkeit.
Gleich nach Unterbrechung der Sitzung bemühten sich Radikale und
Sozialisten, eine provisorische Regierung von fünf Mann auf die Beine
zu bringen.
Im Kasernenhofe wartete inzwischen die Truppe ihrerseits auf die
Ereignisse; doch waren nur die sog. Militärschüler anwesend. Einige
Mitglieder der +Action républicaine+ hatten den Leuten vorher
verkündet, im Laufe der Nachmittagssitzung werde es in der Kammer,
unter dem Druck des Volkes, zur Ausrufung der Republik kommen; eine
neue Regierung werde eingesetzt; die Soldaten möchten sich bereit
halten, um dieser republikanischen Regierung zur Verfügung zu stehen.
In der Kammer aber konnten sich die Linksparteien nicht so im
Handumdrehen auf die neue Regierung einigen. Die Menge draußen
schwoll stets stärker an und schrie immer ungeduldiger nach den Namen
des republikanischen Ministeriums. General de la Tour trat in das
Kammergebäude und erinnerte die Abgeordneten an seine Pflicht, für
die öffentliche Ordnung zu sorgen und alle störenden Ansammlungen zu
verhindern; wenn die Herren in einer Viertelstunde die Menge nicht
beschwichtigt hätten, so müsse er eingreifen. Der Bürgermeister
von Luxemburg wollte von der Kammertreppe herunterreden; er wurde
ausgezischt. Feldwebel Eiffes rief dem Volke zu, er werde die
Militärmusik kommen lassen und sie wollten dann einen Umzug durch die
Stadt halten. Alles johlte und niemand wich.
Vor der Hand schrie ein Quidam von der Treppe des Kammergebäudes
herunter die Republik aus. Allgemeines Hallo und Gebrüll!
In die Kaserne wird sofort gemeldet, die Kammer habe den Beschluß
der Volksversammlung gebilligt und die Republik eingesetzt; die
Mannschaften möchten sich der neuen gesetzmäßigen Ordnung anschließen.
Darauf entfernen die Militärschüler den Namenszug der Großherzogin von
den Tschakos und erklären sich für die Republik.
Im hohen Haus aber stößt die Einrichtung des Wohlfahrtsausschusses
auf mannigfache Schwierigkeiten. Frühere Politiker, die man für
die neue Regierung gewinnen wollte, lehnen ab. Doch gelingt es
schließlich, eine Anzahl Leute zusammenzubringen, die für den andern
Tag die provisorische Regierung gebären sollen. Dieser öffentliche
Wohlfahrtsausschuß besteht aus den Herren Emil Servais, Brasseur,
Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Mark, Kayser und Diderich.
Herr Eiffes bringt den neuen Männern kein rechtes Vertrauen entgegen
und aus dem Volke schallt es ihnen zu, sie sollten sich nur nicht
erlauben, Komödie zu spielen.
Jetzt kommt auch die Militärkapelle heranmarschiert und sucht, die
Menge an ihren klingenden Zug zu fesseln. Der Pöbel steht wie eine
Mauer. Da erscheinen französische Soldaten und schaffen Raum.
Inzwischen sitzt der Wohlfahrtsausschuß an seiner ersten Botschaft
an das Volk. Die Sache fleckt nicht. Feldwebel Eiffes redet ein
Herrenwort mit und macht dadurch die Sache nicht leichter. Er läßt
den Herren endlich durch einen Soldaten melden, wenn der Aufruf nicht
in fünf Minuten fertig sei, so werde er selbst die Sache in die Hand
nehmen. Da läuft sogar dem Würdigsten der erlauchten Versammlung
die Galle über und er schreit empört, eine Regierung könne man doch
nicht aus dem Ärmel schütteln, und so ein Manifest auch nicht, und
schließlich sei er nicht der Sklave des Herrn Feldwebels.
Unterdessen hatte die Musik ihre Straßenpromenade beendet und den
Kiosk des Paradeplatzes umstellt. Die Menge lärmte vor Ungeduld über
das Ausbleiben des Wohlfahrtsausschusses. Es sollten Leute bezeichnet
werden, die im Namen des Volkes bei dem Ausschuß vorstellig würden.
Endlich hatte der Ausschuß das neue Evangelium der Freiheit fertig.
Die Väter des Vaterlandes stellten sich in Positur und marschierten
unter dem Schutze des Herrn Eiffes zum Kiosk des Paradeplatzes,
damit von diesem Kapitol der Stadt Luxemburg das Reich und das Heil
verkündet werde.
Doch siehe, die Botschaft befriedigte nicht. Grundsätzlich zwar
hatten sich die neuen Machthaber für die Republik ausgesprochen; sie
erklärten aber, nur eine gesetzlich gewählte Nationalversammlung könne
über die endgiltige Regierungsform befinden.
Der Pöbel pfiff und zischte; er wünschte unmittelbare Einrichtung
der Republik. Dagegen sträubte sich das Gewissen der zum ersten
Wohlfahrtsausschuß zählenden, vom Rechtsempfinden angekränkelten
Advokaten, die den Weg der Gesetzlichkeit nicht verlassen wollten.
Herr Eiffes seinerseits trat vor und wollte erfahren, ob die
Forderungen der Freiwilligen anerkannt würden. Ihm kam die Antwort,
erst müsse das umfangreiche Dossier geprüft werden. Zu dieser Prüfung,
so herrschte der Gewaltige zurück, habe man vierzehn Tage Zeit gehabt;
seine Geduld sei zu Ende und er verlange sofortige Zustimmung.
Vergebens suchten die Redner die Masse zu beschwichtigen. Auch der
verwöhnte „Sohn des Volkes" wurde niedergezischt. Da schämte sich
der eine und andere der Vernünftigen vor sich selbst, trat von den
Demagogen fort und ging nach Haus.
Der erste Wohlfahrtsausschuß hatte gelebt.
Während dieser den Platz überheulenden Groteske saßen in den
Wirtshäusern um den Platz herum die echten Luxemburger Bürger,
droschen ihren Skat, tranken ihren Humpen in aller Heiterkeit des
Gemütes und ließen die Retter der Volksfreiheiten und die Heilande des
Volkswohles schwitzen und schwatzen.
Kaum war der erste Wohlfahrtsausschuß gegangen, so beantragte Herr
Eiffes die Ernennung eines zweiten: Dieser sollte sich zusammensetzen
aus zehn Soldaten und zehn Bürgerlichen. Sofort und auf dem Platze
selbst sollte der neue Soldaten- und Bürgerrat ausgewählt werden.
Nach einer Pause gespannter Erwartung meldeten sich zu der Ehre
vier Bürgerliche, jeder für sich eine wirklich außergewöhnliche
Persönlichkeit. Sie begeben sich zur Kammer zurück. Die Menge wälzt
ihnen nach. Von dem ersten Wohlfahrtsausschuß sind nur noch drei am
Platz. Der zweite Wohlfahrtsausschuß setzt sich ans Werk und müht sich
über Nacht.
In der Nacht kommt es zu bedauerlichen Ausschreitungen. Ein
verzweifelter Bursche, früherer Telegraphenbeamte, bricht ins
Postgebäude ein, um nach Telegrammen und Flugschriften Umschau zu
halten.
Am Morgen des 10. Januar sind Regierung, Schloß, Post und Sparkasse
von französischen Soldaten bewacht oder besetzt.
Im Kammergebäude bildet sich nach vielen Verhandlungen zwischen
Sozialdemokraten, Republikanischem Ausschuß und Soldatenführern eine
neue vorläufige Regierung. Es gehören dazu die HH.: René Blum, Gaston
Diderich, Jacques Gallé, Aloys Kayser, Adolf Krieps, Eduard Léon,
Emil Mark, Josef Palgen, Jakob Schaack, Emil Servais, Josef Thorn,
Jules Ulveling, Dr. Michel Welter. Die Dreizehn Männer lassen gegen
halb fünf Uhr nachmittags, wieder von der Kammertreppe herunter, aus
Greisenmund die Abschaffung der Dynastie und die Republik verkünden.
Auch im Regierungsgebäude sprechen die neuen Männer vor, um sich beim
Staatsminister als die Erwählten des Volkes zu melden und unsere
Plätze einzunehmen. Sie wurden nicht vorgelassen und nahmen bald einen
stillen Abgang, denn die wachehaltenden Poilus flößten ihnen kein
rechtes Vertrauen ein.
Die Regierung ihrerseits blieb nicht untätig.
Freiwilligenkompanie und Musik wurden wegen umstürzlerischer
Haltung aufgelöst; eine Neubildung des „Korps", so hieß es im
Regierungsbeschluß, werde zur geeigneten Stunde erfolgen.
Die Gendarmen hatten sich hartnäckig geweigert, die Meuterei
mitzumachen. Sie wollten ihre eigenen Forderungen auf dem friedlichen
Verwaltungswege erreichen und erklärten, an der Bewegung in der
Kaserne unbeteiligt zu sein. Wir waren leider nicht genügend über den
guten Geist unterrichtet, der diese wackere Truppe beseelte.
Eine durch Feldwebel Eiffes im Kasernenhof einberufene
Massenversammlung wurde von dem französischen Ordnungsdienst vereitelt.
Der neue Wohlfahrtsausschuß erschöpfte sich im Aufstöbern geeigneter
Wege, um mit den ausländischen Gesinnungsgenossen in Verbindung zu
treten, und besonders um die Ansicht Pichons und der französischen
Regierung über ihre zukünftige Stellung zum Großherzogtum zu erfahren.
Alle für die Sicherheit des Staates gefährlichen Telegramme wurden
zurückgehalten.
An die Bevölkerung erließ die Regierung folgenden Aufruf:
Mitbürger!
Eine revolutionäre Bewegung ist gestern in der Hauptstadt unseres
Landes ausgebrochen. Sie bezweckt die Ausrufung der Republik und die
Absetzung der Dynastie.
Durch die Unruhen, zu denen diese ungesunde Aufregung führen muß, wird
die nationale Ehre und die Unabhängigkeit des Großherzogtums in der
kritischsten Stunde seiner Geschichte schwer bedroht.
Die Regierung richtet an alle Bürger, denen die Wahrung dieser
kostbarsten Güter am Herzen liegt, die dringende Bitte, mit Einsetzung
aller Kraft für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der
Gesetzlichkeit einzutreten.
Dies ist umso notwendiger, als sich das Land vor die folgenschwersten
Entscheidungen, von denen die Zukunft seines wirtschaftlichen
Aufschwungs abhängt, gestellt sieht. Die Regierung ist willens,
den wirtschaftlichen Anschluß an die Ententemächte, besonders an
Frankreich und an Belgien, herbeizuführen. Die zu dieser Annäherung
erforderlichen Verhandlungen müssen in naher Zukunft angeknüpft werden.
Tatsachen der letzten Wochen haben bewiesen, daß die Person unserer
Landesherrin unter Umständen den Verlauf dieser Verhandlungen
ungünstig beeinflussen könnte.
Ihre Königliche Hoheit, der das Wohl des Landes warm am Herzen liegt,
erklärte sich deshalb bereit, der Krone zu entsagen. Sie ersucht die
Regierung, die zur Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und der
Beibehaltung der Dynastie gebotenen Maßregeln zu treffen.
Zur Erledigung dieser Pflicht wird die Regierung ohne Verzug mit der
Kammer in Verbindung treten.
Die Regierung ist überzeugt, daß in diesem Augenblick die Erhaltung
der Dynastie eine wesentliche Gewähr ist für den Bestand unserer
nationalen Selbständigkeit, und daß auch die Verwirklichung des
erwünschten wirtschaftlichen Anschlusses dadurch in keiner Weise
beeinträchtigt wird.
Das höhere Wohl des Vaterlandes gebietet uns, das Volk nicht auf den
verhängnisvollen Weg der Anarchie hinauszudrängen. Dieser Wunsch wird
von der übergroßen Mehrzahl unserer Mitbürger geteilt.
Der endgiltige Entscheid über die dynastischen, sowie über alle
übrigen, das Schicksal des Landes betreffenden Fragen bleibt der
Willensäußerung des Luxemburger Volkes vorbehalten, das in aller
Freiheit und auf gesetzliche Weise darüber befinden soll.
Wir bitten unsere Mitbürger inständigst, sich auf dem Boden der
nationalen Verständigung einmütig zusammenzuschließen. So allein
sichern wir unsere Würde angesichts der großen, uns befreundeten
Nationen. So allein erhalten wir unserm Lande die Ruhe und den
Frieden, deren es so dringend bedarf.
Luxemburg, den 10. Januar 1919.
Die Mitglieder der Regierung,
+E. Reuter+,
+N. Welter+,
+A. Liesch+,
+A. Neyens+,
+A. Collart+.
Das Regierungsgebäude selbst bietet ein abenteuerliches Bild. Gleich
das Eingangstor steht unter dem Schutz eines französischen Jägers. Nur
wer sich ausweisen kann, erhält Zutritt.
In der Vorhalle starrt eine Gewehrpyramide. Im Vorzimmer, im Gang,
lehnen und wandeln blaue Krieger im Stahlhelm. Am Abend, beim
elektrischen Licht, wird der Eindruck geradezu phantastisch. Man wähnt
sich in einer Wachstube aus spät mittelalterlicher Zeit, aus den Tagen
der Reisläufer und Landsknechte.
Für unsere Sicherheit ist gut gesorgt. Aber man trägt in sich das
beschämende Gefühl: „Fremde müssen die Ordnung und die Vertreter der
öffentlichen Ordnung schützen, weil die Luxemburger Mannschaften,
gleich das erste Mal, wo die Pflicht des Fahneneides an sie herantrat,
schimpflich versagten."
Im Kammergebäude geht es inzwischen zu wie in einem Bienenhaus. Ein
verworrenes Abundzu, Ausundein, ein Schwirren und Schwärmen, besonders
von Leuten, die dort nichts zu suchen haben.
Schließlich fühlte sich der französische Offizier, dem die
Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen anvertraut war, durch die
ewige Unruhe behindert, und meinte zu Herrn Altwies, seines Erachtens
sei nun auch für den Herrn Kammerpräsidenten die Zeit gekommen, im
Parlamente selbst Ordnung zu schaffen.
Wir ließen den Gendarmeriehauptmann rufen. Der war der Meinung, er
könne zu der Säuberung des Gebäudes nur zwei zuverlässige Leute zur
Verfügung stellen.
„Das wäre allerdings wenig, beschied ihm Herr Altwies; doch gehen
Sie immerhin mit den beiden Leuten in die Kammer und fordern Sie
die unbefugten Eindringlinge auf, sich zu entfernen. Ihre Haut
brauchen Sie dabei nicht zu Markte zu tragen. Dann erstatten Sie mir
schriftlich Bericht."
Herr Beck ging und meldete bald nachher, die zwei Brigadiers hätten,
dem Befehl des Kammerpräsidenten entsprechend, die in der Kammer
Anwesenden zum Fortgang ermahnt; ein Abgeordneter habe geantwortet,
der Kammerpräsident habe nichts mehr in der Kammer zu suchen; die
übrigen hätten auch keine weitern Anstalten zum Fortgehen getroffen;
daraufhin hätten sich die beiden Gendarmen zurückgezogen.
Der Wohlfahrtsausschuß stellte jetzt Nachweiskarten aus, deren Trägern
allein das Betreten des Kammergebäudes gestattet wurde.
Die folgende Nacht gebar manch neuen Unfug. Der Regierungsaufruf wurde
auf dem Wege von der Druckerei zur Post von Militärschülern entwendet
und verschleppt. Ein Anschlag auf das Staatsauto wurde durch die
Geistesgegenwart des treuen Gendarmen und Führers, Herrn van Dyck,
vereitelt.
Im Vormittag des 11. Januar verhinderten eine Anzahl Militärschüler
den Versand des „Luxemburger Wort". Ein Haufen Nummern wurde aus der
Bahnhofsbibliothek geraubt und verbrannt. Der Redaktionshof mußte
durch französische Mannschaften behütet werden.
Gegen Abend erschien ein neues Mal die revolutionäre Regierung in St.
Maximin und verlangte, vom Staatsminister empfangen zu werden. Ihr
wurde eine schriftliche Absage hinausgeschickt. Einige Mitglieder
beriefen sich auf ihre Eigenschaft als Abgeordnete. Sie erhielten
den Bescheid, sie hätten sich als Abgeordnete selbst außerhalb des
Gesetzes gestellt. Da kam die Antwort: Schön, so würden sie warten.
Das bleibe ihnen unverwehrt, scholl es zurück.
Kurz nachher verließen wir einzeln das Haus. Die Herren hockten im
Vorzimmer und sahen uns gehen. Da kehrten sie still in die Kammer
zurück. Hier wartete ihrer bald eine neue Überraschung.
Wir hatten inzwischen die Gendarmen, die sich erreichen ließen, in
die Regierung beschieden. Herr Generaldirektor Liesch, als Chef der
Justiz, prüfte sie auf ihre Gesinnung. Sie stellten sich sämtlich der
Regierung in strammer Entschlossenheit zur Verfügung. Sie erhielten
den Befehl, der Weisung des Kammerpräsidenten entsprechend zu handeln.
Nach wie vor hielten sich mit dem Wohlfahrtsausschuß auch eine Anzahl
Freiwilliger im Kammergebäude auf. Die Ordnung im Hause wurde nicht
gerade als erbaulich gemeldet. Herr Altwies beschloß, sein Haus
endgiltig zu säubern.
Im Hinweis auf den vom Gendarmeriehauptmann vergeblich unternommenen
Versuch, forderte er den französischen Leutnant, der die Zugänge zur
Kammer bewachte, auf, die Revoluzzer in Uniform aus dem Hause zu
entfernen. Die trutzigen Militärschüler räumten das Feld.
Dann erhielten unsere Gendarmen den Befehl, alle übrigen im
Kammergebäude anwesenden Personen, ob Abgeordnete oder nicht, an die
Luft zu setzen. Die Leute traten an. Ehe sie noch die Treppe erstiegen
hatten, war der letzte Wohlfahrtsausschüssler verduftet. Sie tagten in
einem nahen Wirtshaus weiter.
Herr Altwies verfügte, daß die Kammer bis zur nächsten Sitzung
geschlossen bleibe. Zutritt sollte nur erhalten, wer sich schriftlich
vom Präsidenten oder der Regierung ausweisen könne.
Sonntag vormittag, den 12. Januar, sollten die Freiwilligen im
Kasernenhofe auf die Republik vereidigt werden. Da lasen sie an der
Mauer eine Regierungserklärung des Inhalts, sämtliche Leute, die an
der Eidesleistung teilnähmen, könnten nicht wieder eingestellt werden;
wer sich aber zu einer besseren Einsicht bekehre, der dürfe sich für
die Neubildung der Kompanie in der Regierung wieder anmelden; die
Gesuche würden einzeln geprüft und erledigt werden.
Die Eidesleistung fand nicht statt.
Gegen halb zwölf erschien in der Regierung eine Abordnung aus der
Kaserne, bestehend aus zwei Feldwebeln, zwei Sergeanten, zwei
Gemeinen. Sie seien gekommen, so erklärten die Leute, im Namen aller
Soldaten, auch im Einverständnis mit Feldwebel Eiffes, um zu melden,
daß ihr unüberlegter Schritt ihnen leid tue. „Gewisse Politiker",
gestanden sie, „haben uns irre geführt. Wir sind bereit, in die
Ordnung zurückzutreten."
„Gut!" lautete der Bescheid. „So beugen Sie sich vorher dem Befehl
und lösen sich auf. Der Namenszug der Großherzogin muß sofort wieder
auf den Tschakos erscheinen. Kleider und Waffen werden ordnungsgemäß
abgeliefert. Dann gehen Sie nach Hause und warten das Weitere ab."
Am Nachmittag schon begann der Auszug aus der Kaserne. Jeder einzelne
Soldat erhielt durch den Hauptmann die auf seinen Namen lautende
Entlassung aus dem großherzoglich-luxemburgischen Militärdienst
eingehändigt und es wurde ihm damit der Abschied erteilt.
Die Ausreise verlief nicht ohne Humor und unter muntern
Zwischenfällen. Vor und hinter allerlei Fuhrwerken, die mit Körben
und Kisten hochbepackt waren, zogen sie gruppenweise, in Uniform,
in Zivil, zum Bahnhof. Den meisten der Jünglinge war bei dem Werke
des Umsturzes überhaupt nicht ganz geheuer gewesen. Sie waren froh,
so leichten Kaufes wieder zu Muttern zu kommen. Ihr Haupttrupp zog
hüteschwenkend über den Viadukt und sang im Chor: „Muß i denn, muß i
denn zum Städtle hinaus."
Wäre es den Vertretern des Öslings, den Herren Böver und Prüm,
nach Wunsch gegangen, den edlen Kämpen wäre von den Nachkommen der
Klöppelmänner ein ganz anderer, gar übler Empfang bereitet worden. Das
wenigstens war die erzieherische Absicht, die die beiden Abgeordneten
bei ihrer forschen „Proklamation an die Öslinger" geleitet hatte.
Herr Feldwebel Eiffes fand den Weg über die Grenze. Die Mitglieder der
Militärkapelle baten ebenfalls um Verzeihung und Vergessen.
Eine Anzahl Reuiger unter den Entlassenen wandte sich kurz nachher
an den Staatsminister mit der Bitte um Wiedereinstellung; sie
überreichten zugleich die folgende Erklärung, die den ganzen Putsch
in die richtige Beleuchtung und Bedeutung rückt und beweist, wie eine
innerverwaltliche Angelegenheit in zielbewußter Vorbereitung zu einer
politischen umgewandelt wurde:
„Die Unterzeichneten beehren sich, Ew. Exzellenz folgende Erklärung
abzugeben:
Wir bedauern an den politischen Ereignissen der letzten Tage Anteil
genommen zu haben. Es ist dies nicht unsere Schuld. Wir waren stets
bestrebt, aus unserer rein internen militärischen Angelegenheit jede
Politik fernzuhalten. Lediglich falsche Vorspiegelungen und geheime
Umtriebe haben uns zu diesem Schritt geführt.
Um unsere Haltung in dieser Hinsicht näher zu kennzeichnen, seien
folgende Tatsachen angeführt:
1. Zu jeder Zeit haben wir gegenüber dem Hauptbeteiligten offen unsere
Meinung vertreten, daß wir eine eventuelle Einmischung in die Politik
nicht billigen könnten. (Aus diesem Grunde erklärt es sich, warum
dieser uns über seine Beziehungen zu Außenstehenden bis zur letzten
Stunde keine Mitteilung machte.)
2. Um bei uns keinen Argwohn zu erregen, wurde uns versichert, unsere
Angelegenheit bezwecke nichts Politisches.
3. Als für Donnerstag, den 9. Januar, eine Kundgebung auf dem
Wilhelmsplatz angesagt war, verlangten die Unterzeichneten die
Konsignierung der Truppe, weil dieselben in diesem Umstand die
beste Garantie erblickten, die Freiwilligen von dieser Bewegung
fernzuhalten. Dieses Zugeständnis wurde uns aber erst nach längerm
Zögern gemacht.
4. Wir hatten keine Kenntnis davon, daß die Absetzung der Dynastie
sowie die Proklamierung der Republik in der von uns einberufenen
Versammlung in der Kaserne auf der Tagesordnung standen.
Dadurch, daß dies dennoch geschah, waren wir vor eine fertige Tatsache
gestellt.
5. In derselben Versammlung wurden uns falsche Nachrichten über die
Vorgänge in der Abgeordnetenkammer überbracht, welche dahin lauteten,
Großherzogin und Regierung hätten abgedankt, die Kammer hätte die
Republik erklärt, und eine neue Regierung sei gebildet. Diese
Nachricht riß die ahnungslose Kompanie mit sich fort und verleitete
dieselbe, sich den politischen Kundgebungen von draußen anzuschließen.
Aus vorstehenden Erörterungen mögen Ew. Exzellenz ersehen, auf welche
hinterlistige und versteckte Weise wir irregeleitet und gegen unsere
Absicht und unseren Willen zu dem verhängnisvollen Schritt geführt
wurden, der uns unsers Ansehens beraubt hat und der unsere Existenz zu
vernichten droht, für die wir während langen Jahren dem Staat unsere
besten Kräfte und unsere Gesundheit geopfert haben.
Genehmigen Ew. Exzellenz den Ausdruck unserer größten Hochachtung."
Am Sonntag abend den 12. Januar schon beschloß der Wohlfahrtsausschuß
einstimmig nachstehende von den dreizehn Mitgliedern gezeichnete
Mitteilung an die Blätter:
„Auf Grund der Erklärungen, die General de la Tour der Delegation des
Wohlfahrtsausschusses unterm Datum des 11. Januar gegeben hat und
denen zufolge er den Wohlfahrtsausschuß ermächtigt, der Bevölkerung
mitzuteilen, unter welchen Umständen die republikanische Bewegung
durch das Einschreiten der französischen Truppen gehemmt wurde,
sieht sich der Wohlfahrtsausschuß gezwungen zu erklären, daß er
die republikanische Bewegung keineswegs einstellen wird, daß aber
angesichts der Maßnahmen, welche die fremden Truppen auf Ersuchen der
Regierung und des Präsidenten der Abgeordnetenkammer ergriffen haben,
der Wohlfahrtsausschuß nicht mehr in der Lage ist, alle Mittel zu
gebrauchen, die die Luxemburger Verfassung und die Landesgesetze zu
seiner Verfügung stellen.
Der Wohlfahrtsausschuß wird mit Hilfe der ihm übrig bleibenden
Freiheit die Einführung der republikanischen Staatsform betreiben."
Ein vertrackter Satz, voll Verdrehungen, Verrenkungen und
Verschlagenheit! Aber doch ganz klar in seiner Bedeutung: Die
Revolution war gescheitert.
XIII.
Für Dienstag, den 14. Januar 1919, war die Kammer einberufen. Am 11.
Dezember 1918 hatte ich sie verlassen und seither das Gebäude nicht
mehr betreten.
Dem Rufe der Mehrheit, als Geschäftsministerium weiterzuwirken, hatten
wir keine Folge geleistet.
Noch am 9. Januar tagte die Kammer ohne Regierung. Der
Revolutionssturm war inzwischen abgeschlagen worden und noch hatten
Herr Liesch und ich uns zu keinem neuen Entschluß aufraffen können.
Am 13. Januar erschien die Regierung vor Großherzogin Maria Adelheid.
Auch ihre Nachfolgerin war anwesend. Maria Adelheid bat uns, ihre
Schwester in dieser schweren Stunde nicht zu verlassen. Großherzogin
Charlotte wiederholte diese Bitte.
Wir sahen uns an und schwiegen. Wir fühlten uns müde und mutlos.
Endlich sagte Herr Liesch: „Ja, Königliche Hoheit. Aber es wird einem
nicht leicht." Ich fügte hinzu: „Es fällt allerdings schwer, aber es
geht nicht anders, wir sehen es ein."
Damit war die neue Regierung gebildet.
Noch heute wird immer wieder gedruckt, die Regierung Reuter sei
nach ihrem Abgang am 11. und 12. Dezember ruhig vor die Kammer
zurückgekehrt; denn diese habe sie in ihrer großen Mehrheit schon
am folgenden Tage aufgefordert, als Geschäftsministerium ihres
Amtes weiterzuwalten. Dieser Aufforderung war jedoch von uns nicht
entsprochen worden.
Niemand von uns hatte in den fünf Wochen jemals an diese Möglichkeit
denken wollen, seitdem der von mir im letzten Augenblick gewagte
Vorschlag von den Sozialisten höhnend abgewiesen worden war.
Wir blieben inzwischen am Ruder, nicht weil uns die Kammer am 13.
Dezember als Geschäftsministerium neu bestätigt hatte, sondern
weil eben kein anderer für uns einspringen konnte noch wollte. Wir
schafften im übrigen, was uns die Sorge um die Zukunft unseres Volkes
als Pflicht auferlegte.
Die Ereignisse überfielen uns. Wir hielten stand. Aber Maria Adelheid
hatte abgedankt. Prinzeß Charlotte sollte den Verfassungseid leisten.
Wer anders konnte diese bedeutsame Entscheidung vertreten, als die
Männer, die sie herbeigeführt hatten! Wer anders durfte und mußte
dafür die Verantwortung vor dem Volk und vor dem Ausland übernehmen?
Wäre es nicht Feigheit gewesen, sich dieser Verantwortung zu entziehen?
Zudem war, trotz des einstweiligen Erfolges, die Gefahr noch nicht
vorbei, weder für die Dynastie, noch für das Land. Die schwersten
Kämpfe standen noch bevor. In der Kammer wird, das wußten wir, die
entfesselte Bestie toben. Jenseits der Grenzen lauert der Feind und
wartet auf den Fall der reifen Frucht.
Der Rettungsfaden, den wir in Paris angeknüpft haben, ist nur für den
Eingeweihten vorhanden, und auch für diesen nur, soweit er gläubigen
Herzens ist. Wir müssen uns alle einsetzen für das Gelingen dessen,
was ein Einzelner von uns glaubte wagen zu müssen. Wie hätte da
besonders ich mich drücken dürfen!
Als nun die beiden Fürstinnen ihre Stimme vereinen, da ist es
entschieden: Wir werden vor die Kammer zurückkehren.
Das Koalitionsministerium aber hat damit keine Auferstehung erfahren.
Zwar sind es dieselben Männer, die sich zum neuen Gang vor die
Volksvertretung entschlossen haben. Doch kommen sie in anderm Auftrag,
beehrt und beschwert mit dem Vertrauen eines neuen Herrschers.
Sie kommen mit einer andern Aufgabe. Sie sollen nicht mehr als
Koalitionsregierung zwischen den einzelnen Parteien vermitteln.
Sie kommen als ein Ministerium der nationalen Verteidigung. Sie wenden
sich an alle patriotischfühlenden Männer in der Kammer, welcher
Richtung sie angehören. Ihr Ziel ist die Rettung der Freiheit und der
Unabhängigkeit ihres Landes aus der vielleicht schwersten Bedrängnis
seiner neueren Geschichte.
Sie holen sich für ihr Handeln das Gesetz allein bei der Notwendigkeit
und bei ihrem Gewissen.
Sie kommen in geschlossener Einheit, mit dem Mute der Aufrichtigkeit;
sie unterwerfen sich von vornherein dem Urteilsspruch der Nation.
Zweites Buch.
XIV.
Wie sehr auch die Lage des Vaterlands drängt,
Bewahr deine Kunst dir als reine;
Wer sich in die patriotische Kleie mengt,
Den fressen die politischen Schweine.
An diesen grimmigen Spruch Grillparzers mußte ich in den folgenden
Wochen häufig denken, wenn es in Kammer und Zeitungen gegen mich
sprang und grunzte.
Meine Person und meinen Namen hatte ich dem politischen Zank und
jeder Bosheit hingeworfen. Aber ich vertraute auf die im Laufe der
Jahre gewonnene nachsichtige Skepsis, um mich gegen die Stänker
zu behaupten. Ich kannte meine Pappenheimer, und besonders deren
Flügelmänner. Auch unsere kleinstädtischen Pressetürken und die
krittlenden Mamelucken unter ihrem knechtischen Troß.
Für den parlamentarischen Verkehr mit den früheren politischen
Freunden steckte ich mir eine ganz persönliche Richtschnur fest.
Ich verstand ihren Groll und entschuldigte ihren Haß. Ich wollte
bewußt kein Wort fallen lassen, das als Herausforderung verletzen
könnte. Ich nahm mir vor, auf die unvermeidlichen Anwürfe und
Verdächtigungen nur das Nötigste zu erwidern, mich auf eine
verschwiegene Zurückhaltung zu beschränken, auf die Gefahr hin, als
der Mann mit dem bösen Gewissen und als der Minister im Klebsessel zu
gelten.
Wie sich der frühere Freund von ähnlichen Gefühlen leiten ließ,
erkannte ich aus dem Umstand, daß er in all den Sitzungen, wo meine
Person im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und im Vordergrund der
Angriffe stehen mußte, abwesend war.
Ich stellte das jedesmal mit wehmütiger Genugtuung fest. Statt seiner
besorgten andere das Werk der Abrechnung, und das mit Lust und mit
Lärm.
Ich war natürlich der Abtrünnige, der Wortbrüchige, der Verräter, der
Kleber und Streber, der für seine zwölftausend Franken Ministersold
seine Überzeugung verkauft hatte. In die Hand hätte ich der Partei
versprochen, auf den ersten Wink auszutreten! +Ad nutum+ hätte
ich mich ihr zur Verfügung gestellt! Geschworen hätte ich, auf
den ersten Pfiff zurückzustehen! +Ad nutum!+ Man kann sich
denken, wie das geheimnisvolle Wort, in dem tragischen Tonfall, die
lateinunkundigen Zuhörer mit einem fröstelnden Gruseln überrieselte
beim Anblick des moralischen Halunken, der hinter dem Ministertische
in seiner Schande saß und schwieg! +Ad nutum!+ Und dabei
sauste die Luft von den sie bearbeitenden Faustschlägen oder den
wie tobsüchtig mähenden Armen; gesteifte und weiche, rote und blaue
Männerbrüste knitterten und knackten, Verbissenheit schwitzte, Ingrimm
dampfte, Bosheit krähte, Rächerzorn durchschütterte Pfeiler und Decke,
die Augen der Reinen glänzten und die Herzen der Treuen bebten in der
Runde.
Ich saß gewöhnlich kühl bis an den Hals und sagte mir zum Troste den
Reim vor, der mir in einer dieser Zirkusstunden angeflogen war:
„Was soll das Gebelfer und das Geschrei,
Das grimme Gesichterschneiden:
Das Land steht über der Partei!
Auch ihr sollt's lernen und leiden!"
Im übrigen bliesen sie Wind und streuten Sand.
Aber die Schäker von damals sind sie geblieben.
Ich bin ihnen immer noch der bequemste Mann des Großherzogtums.
Kommt ihnen das Bedürfnis nach sittlicher Entrüstung, so trommeln
sie auf dem breiten Rücken des einstigen Vertrauensmannes einen
Sturmmarsch der Verachtung. Kommt ihnen das Bedürfnis nach Versen
für ihre Feiertage, sie suchen und finden sie regelmäßig und fast
ausschließlich in den Gedichten desselben wortbrüchigen Verräters.
Sie stehlen dann wie die Spatzen, ohne zu fragen, und sie lohnen mit
Spatzen .... dank.
So hielten sie es in der „Schmiede". So halten sie es in der
„Arbeiterzeitung". In der Festnummer zum 1. Mai 1825 prangt unter
meinem vollen Namen mein bis dahin immer noch ohne Namen erschienenes
Frühlingslied an die Schlehenblüte und den Weltfeiertag, ohne jede
Druckermächtigung meinerseits. In der Kammersitzung vom 25. Mai aber
verspürt ihr parlamentarischer Wortführer wieder den Reiz, sich in
heiliger Empörung aufzuregen über „diesen Mann", denn, so tönt es,
„dieser Mann hatte uns in einem gegebenen Augenblick sein Ehrenwort
gegeben (sobald wir mit der Regierung nicht mehr einverstanden wären,
würde er ohne weiteres zurücktreten ...), und in einer Besprechung mit
uns erklärt, er gehe weiter als wir selbst, er sei Edelanarchist (!)."
So nützen sie mich moralisch, plündern mich literarisch und werden an
mir zum Dichter. Wenn ich nicht da wäre, sie müßten mich erfinden.
Ihre Märchen aber zerfließen im hellen Tag. Als ich mich im September
1918 der Partei zur Verfügung stellte, wurde meinerseits kein Wort
gegeben und ihrerseits kein Versprechen gefordert. ~Mir~
aber hatte ich gelobt zu gehen, sobald die Mehrheit der Fraktion
es wünschte, ob mit oder wider Willen, ob mit oder ohne Billigung
meinerseits.
Dieses mir gegebene Wort hatte ich gehalten. +Ad nutum!+ Auf den
ersten Fingerschnalz hin war ich zurückgetreten.
Wenn ich trotzdem an den Regierungstisch zurückkehrte, so geschah das
unter eigenem Gesetz; ich war für diesen Schritt nur mir und dem Lande
Rechenschaft schuldig.
Es kam auch nicht darauf an, daß ich viel redete und rechtete;
wesentlich war, daß ich da war und durchhielt.
Wohl setzte mich meine Zurückhaltung der Mißdeutung aus; meine
scheinbare Gleichgiltigkeit konnte und mußte als Verlegenheit
ausgelegt werden; ich saß da als der falsche Bruder, dem das böse
Gewissen den Mund schloß. Meinen Gegnern gab ich durch mein Schweigen
Waffen in die Hand; sie machten ausgiebig davon Gebrauch und
stolzierten in der Toga des Edelsinns, der für Großmut und Vertrauen
nur Verrat und Undank eingeheimst hatte. Aber auch ich gefiel mir
in meiner Rolle. Gerade die Tatsache, daß ich den Widersachern mit
Wissen und Willen auf Augenblicke zu einer kleinen rhetorischen
Entladung verhalf, bereitete mir eine eigentümliche Genugtuung. Dieser
Genugtuung mischte sich das Gefühl einer behaglichen Verachtung.
Ich empfand es als Genuß, daß ich mir den moralischen Luxus dieser
lässigen Gleichgiltigkeit gestatten konnte, in der festen Hoffnung,
endlich doch das letzte Wort zu haben.
Zudem war ich unserm Volke schon seit langen Jahren als überzeugtester
Nationalist bekannt. Ich hatte in allen meinen Schriften, in Vers
und in Prosa, als unentwegter Luxemburger geworben, gepredigt und
geschwärmt. Die Sozialisten im besondern hätte ich schlagen können mit
dem Bekenntnis, das grade der langjährige leidenschaftliche Führer der
Partei, der lange Zeit vergötterte Liebling der Arbeitermassen, eines
Tages im Wirbelsturm einer patriotischen Empörung aus der Kammer in
das Land hinausgerufen hatte. Am 10. November 1915, in einer Stunde,
wo das Schicksal des Großherzogtums doch nicht in dem Maße auf dem
Spiele stand, angesichts der Regierung Loutsch brach +Dr.+ Michel
Welter in die Worte aus: „Ich spreche nur zum Wohle des Landes. Diesem
Wohl opfere ich mein Ehrgefühl, die Ansichten und die Überzeugungen
meiner Freunde, alle meine Grundsätze, denn das Wohl des Landes steht
jedem andern voran!" Die ganze Kammer rief Bravo! Und auch die engeren
Parteifreunde klatschten dem Begeisterten Beifall.
Diese hohen Töne und pathetischen Geberden widerstrebten mir. Ich
brauchte nicht soweit zu gehen, meinem Ehrgefühl keine Zumutung zu
stellen, von meinen Grundsätzen aber auch keinen aufzugeben.
Wie es mir in der nationalen Bedrängnis ums Herz war, hatte ich schon
im ersten Kriegsjahr in den Versen eines Neutralen „Über den Kämpfen"
ausgesprochen. Diese Dichtungen waren überall im Lande verbreitet und
geliebt. Dort steht auch der schönste, der selbstbewußte Treuschwur an
die Heimat, den ich hierhersetzen will:
An die Heimat.
Wenn ich in sichern Friedenstagen
dir, Vaterland, ergeben war,
wie sollt ich dir nicht Treue tragen
im bittern Ernste der Gefahr!
Dir schuld ich alles, was dem Leben
Bestand und Schwung und Würde leiht:
der Bildung Glück, das frohe Streben,
den Mut zur freien Tätigkeit.
Mag auch die Fremde draußen locken
mit buntrem Kranz und lautrem Lohn,
das Silberläuten deiner Glocken
bleibt meines Herzens Lieblingston.
Und fehlt uns gar in diesen Zeiten
ein Schwert, ich traure dem nicht nach;
von allen Erdenscheußlichkeiten
nenn ich den Krieg die ärgste Schmach.
In dem Gefühl werd ich nicht wanken,
von rechts nicht noch von links beirrt,
und wills der Heimat ewig danken,
daß man an ihr zum Menschen wird.
Und soll die arme Welt genesen
von Schlachtengier und Barbarei,
misch' einen Schuß aus unserm Wesen
der Völkerarzt dem Heiltrank bei.
In diesem Sturm von Blut und Eisen,
o Land, wie keines schwach und klein,
soll deiner Kinder Art beweisen,
daß du es wert bist, ~Du~ zu sein!
Ich fühlte Stolz, daß es mir gegönnt wurde, in jenen Tagen die
Aufrichtigkeit dieses Gewissensschwures durch die Tat zu beweisen.
XV.
Zu Beginn der Sitzung vom 14. Januar verlas Staatsminister Reuter im
Namen der Großherzogin Maria Adelheid folgende Erklärung:
„Schloß Berg, den 9. Januar 1919.
Auf Grund des mir von der Regierung über die Unterredung, die sie
kürzlich zu Paris mit dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten
hatte, erstatteten Berichtes, habe Ich beschlossen, der Krone des
Großherzogtums zu entsagen.
Bei der Erfüllung meiner Aufgabe war Ich stets beseelt von der Liebe
zu meinem Land und von dem Wunsch, zur Hebung seines moralischen und
geistigen Wohles beizutragen.
Ich wünsche deshalb, dem Luxemburger Volke jede Schwierigkeit,
die die von der Regierung zur Vorbereitung und Einrichtung der
wirtschaftlichen Zukunft des Landes mit der einen oder andern
Nachbarnation anzuknüpfenden Verhandlungen hemmen könnte, zu vermeiden.
Die Regierung wird Meinen Entschluß der Abgeordnetenkammer zur
Kenntnis bringen und Meine Abdankung wird durch deren Mitteilung in
der nächsten Sitzung des Parlamentes vollzogen sein.
In dem Bewußtsein der mit der Annahme der Krone des Großherzogtums und
durch den auf die Verfassung geleisteten Eid übernommenen Pflichten
beauftrage ich die Regierung, die zur Regelung der Thronfolge sowie
zur Sicherstellung der nationalen Selbständigkeit erforderlichen
Maßnahmen zu treffen.
In dem Augenblicke, wo das Ende des Weltkrieges das Großherzogtum
Luxemburg vor einen neuen Abschnitt seiner Geschichte gestellt hat,
habe ich meine Absicht bekundet, die Geschicke des Landes in die Hände
des Luxemburger Volkes zu legen.
Die Ausübung dieses, den kleinsten Völkern durch die Grundsätze des
neuen Völkerbundes gesicherten Rechtes wird es ihm ermöglichen, den
von ihm frei gewählten Einrichtungen die dauerhafte Grundlage zu
verleihen, die sich aus dem Gemeingefühl und der Verantwortlichkeit
aller Bürger ergibt.
Möge das Luxemburger Volk mit Hilfe der göttlichen Vorsehung einer
Zukunft des Friedens und Gedeihens entgegengehen! Möge es seine
nationalen Überlieferungen und den unermeßlichen Schatz seiner
Unabhängigkeit unversehrt erhalten!"
Großherzogin war nun Prinzeß Charlotte und die Kammer sollte die
Abgeordneten bezeichnen, in deren Hände die neue Herrscherin den
Verfassungseid ablegt.
Die Gegner der Dynastie beantragten, die Eidesleistung aufzuschieben,
bis zu dem Augenblick, wo eine verantwortliche Regierung imstande sei,
gestützt auf amtliche Belege, zu versichern, daß die Ententemächte
bereit seien, die Minister der Großherzogin zu empfangen und mit der
Großherzogin die diplomatischen Beziehungen in der Herzlichkeit wieder
aufzunehmen, wie es vor dem Kriege der Fall war.
Dieser von Herrn Brasseur eingebrachte und von den HH. Probst,
Pescatore, Mark, Koch unterstützte Antrag entfesselte wieder das große
Toben. Herr Reuter stellte sich mit der ganzen Kraft seiner beredten
Aufrichtigkeit hinter die ihm von meinem Bruder und mir verbürgte
Gewißheit und sprach:
„Die Zusicherungen, die wir erhalten haben, brachten uns die
Überzeugung, daß die französische Regierung keine Schwierigkeiten
erhebt, nach der Thronbesteigung der Prinzessin Charlotte die
diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen."
Rufe links: „Legen Sie die Schriftstücke vor!"
Hr. Reuter: „Ich werde nichts vorlegen."
Rufe rechts: „Wir trauen den Aussagen der Regierung."
Hr. Reuter: „Sämtliche Regierungsmitglieder teilen diese Überzeugung,
und zwar ohne Vorbehalt."
Rufe rechts: „Das genügt uns!"
Hr. Reuter: „Wir legen keine Schriftstücke vor, wir dürfen keine Namen
nennen. Wenn die Kammer uns nicht glauben will, so möge sie tun, was
sie für nützlich findet!"
Von diesem Standpunkt wird der Staatsminister auch bei allen folgenden
Auseinandersetzungen kein Haarbreit abweichen. Immer wieder beruft er
sich auf die heilige Überzeugung sämtlicher Regierungsmitglieder und
auf deren Vaterlandsliebe; beständig weigert er sich, Namen zu nennen
und der Kammer die geforderten Belege zu unterbreiten.
Das Vertrauen hielt stand. Der Antrag wurde mit 30 gegen 19 Stimmen
abgelehnt.
Dagegen stimmte die Rechte sowie die HH. Glesener, Herschbach, Laval,
Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver;
dafür stimmten die HH. Diderich, Hemmer, Housse, Kellen, Kieffer,
Koch, Krier, Lacroix, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak.
Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum und Brasseur;
es enthielten sich die HH. Kappweiler und Krieps.
Dasselbe Schicksal fand bei 31 Stimmen gegen 19 und 1 Enthaltung eine
zweite von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Tagesordnung des Inhalts:
„Da die französische Regierung sich weigerte, bei aller Sympathie für
das luxemburgische Volk, die Minister der Großherzogin zu empfangen;
da es aber notwendig ist, mit der französischen Republik wieder in
enge Beziehungen zu treten, schiebt die Kammer die Ernennung der
Kommission auf und bezeichnet aus ihrer Mitte eine Vertretung von
drei Mitgliedern, die im Namen des Luxemburger Volkes alsbald mit der
französischen Regierung sowie mit den übrigen Ententemächten Fühlung
nehmen sollen."
* * * * *
Am 15. Januar, um 4 Uhr nachmittags, wurde Großherzogin Charlotte
vereidigt. Sie schloß an die feierlichen Worte folgenden Ausspruch:
„Ich bin stolz auf den Eid, den Ich soeben in die Hände der Vertretung
der luxemburgischen Kammer abgelegt habe.
Ich fasse meinen Eid in dem Sinne auf, daß Ich die Interessen des
Luxemburger Volkes über Alles stelle, daß ich sein Leben leben und an
seinen Freuden und Leiden teilnehmen will.
Ich wünsche mit dem Luxemburger Volke zusammenzuarbeiten, um die
freundschaftlichen Bande zu festigen, die es mit den Verbandsmächten,
an deren wirtschaftlichem Leben es teilnehmen soll, verknüpfen sollen.
Ich wünsche, daß aus dieser Vereinigung sich dem Land eine Zeit des
Wohlstandes, des inneren und äußeren Glückes eröffne."
Der Kammerpräsident dankte I. K. H. und verlieh der Hoffnung
Ausdruck, unter dem gedeihlichen Zusammenwirken von Fürst und Volk
werde das Großherzogtum einer glücklichen und unabhängigen Zukunft
entgegengehen.
* * * * *
In der Sitzung vom 16. Januar stand auf der Tagesordnung das
Vertrauensvotum für die neue Regierung.
Ich rechtfertigte meine Handlungsweise in einer längeren Erklärung,
deren Ton und Ausführungen ausschließlich von den angedeuteten
Gefühlen bestimmt wurden: nur der Heimat und dem Heimatgedanken
sollten meine Worte gelten.
„~Herr Generaldirektor Welter~: Ich verlange das Wort in einer
persönlichen Angelegenheit. Während der Dienstagssitzung wurde ich
mit gewissen Liebenswürdigkeiten bedacht, deren Sinn und genauen
Wortlaut ich in dem allgemeinen Tumult nicht verstehen konnte. Erst
als ich gestern morgen den analytischen Kammerbericht las, konnte
ich mir von diesen Vorwürfen eine bestimmte Vorstellung bilden.
Man gibt darin, unter anderm, meinen Namen der Verachtung aller
ehrlichen Leute preis. Die Kammer wird mir gestatten, auf diesen
kleinen Zwischenfall zurückzukommen. Nicht als ob diese Ausfälle mir
besonders nahe gegangen wären, aber ich möchte auch nicht den Anschein
haben, als wollte ich mich einer freiwillig und bewußt übernommenen
Verantwortung entziehen. Auch möchte ich durch meine Erklärungen dem
Lande begreiflich machen, daß man ein ehrlicher Mann bleiben kann,
sogar wenn es einem unmöglich gewesen ist, bis zum äußersten der
Politik einer Partei zu folgen, der man durch aufrichtige Sympathien
und tiefe Freundschaft verbunden war.
Wenn ich verschiedene andere Unterbrechungen richtig verstanden habe,
ruft man besonders nach dem Verrat des Dichters der „Schmiede" und des
einstigen Vertrauensmanns. Aber weder in der einen noch in der andern
Eigenschaft habe ich jemals verraten oder getäuscht.
Der Verfasser der „Schmiede" verleugnet noch heute keinen der in
diesem Gedichte ausgesprochenen Gedanken. Im Gegenteil, ich denke
immer mit Vergnügen daran und es macht mich diese Erinnerung um 20
Jahre jünger. Ich empfand denn auch eine aufrichtige Genugtuung an dem
Tage, wo ich die Entdeckung machte, daß der Dichter der „Schmiede"
sich gewissermaßen als Pate des sozialistischen Parteiblattes
betrachten darf. Es war auch nur die lebhafte Sympathie für die
sozialen Bestrebungen dieser Partei, die mich zur Annahme des Postens
in dem Koalitionsministerium bewog, das glücklicherweise aufgelöst
ist, leider aber nicht selig im Herrn entschlafen konnte. Den besten
Beweis dafür, daß die „Schmiede" für mich keine Jugendsünde ist,
für die ich heute büßen möchte, finden Sie unter anderem in dem
Leben eines Proletariers, in dem Buche „Franz Bergg". „Franz Bergg"
hat mir kurz vor Beginn des Krieges in Deutschland, auf Befehl der
Militärbehörden, zwei Prozesse eingebracht. Sie werden mir also
glauben, wenn ich Ihnen noch einmal versichere, daß ich der Einladung
der sozialistischen Partei gefolgt bin, aus reiner Sympathie für die
sozialen Ideen, die sie vertritt, einer Sympathie, der sich auch etwas
menschliche, leicht begreifliche Neugier mischte. Aber an dem Tage, wo
ich mich vor die Einladung der sozialistischen Partei gestellt sah,
war ich darauf bedacht, meinen Vorbehalt zu machen. Und so gab ich
denn einem Freunde zu verstehen, daß es mir in einem Konflikt zwischen
Monarchie und republikanischem Prinzip vielleicht unmöglich gemacht
würde, der Erwartung meiner Auftraggeber ganz zu entsprechen. Es wurde
mir die Antwort, daß es zu einem solchen Konflikt kaum kommen dürfte;
meine diesbezüglichen Bedenken seien also unbegründet.
Sie erkennen daran, daß ich von Anfang an darauf bedacht war, jedem
Mißverständnis vorzubeugen und mir in der Hinsicht meine Freiheit
vorzubehalten. Man hat demnach Unrecht, mir einen Vertrauensbruch
an der Fraktion vorzuwerfen. Ich habe niemals die Abdankung meiner
Persönlichkeit verpfändet.
Ich bin weit davon entfernt, ein eingefleischter Monarchist zu
sein. Republikaner in Frankreich, in der Schweiz, in dem heutigen
Deutschland, dürfte ich es, und besonders unter den heutigen
Umständen, nicht in Luxemburg sein, und zwar so ziemlich aus
denselben Gründen, die Herr Laval vorgestern mit der ganzen Kraft der
Überzeugung auseinandergesetzt hat.
Ich kämpfe, wie ich es an dieser Stelle bereits ausgesprochen habe,
für die Unabhängigkeit des Landes. Ich will, daß Luxemburg, trotz
aller wirtschaftlichen und anderen Bande, in seiner innern Politik
möglichst selbständig bleibe. Ich gehöre nicht zu den Landsleuten,
die dem Auslande weismachen wollten, der Luxemburger habe wohl eine
Heimat, aber kein Vaterland. Dieser lächerliche Sophismus wird sogar
von großen ausländischen Schriftstellern wiederholt und verbreitet.
Das Großherzogtum ist nun aber unser Vaterland. Dieses Vaterland ist
allerdings klein. Sein Volk ist, und war es niemals mehr als heute,
der Schwächste der Schwachen. Aber dieses Vaterland wird uns dadurch
nur um so teurer, weil sich gerade den Kleinen und den Schwachen die
Zärtlichkeit unserer ganzen schützenden Liebe zuwendet.
Wenn es Männer gibt, die sich ihres Vaterlandes schämen, die es dazu
drängen möchten, im Abgrunde der Größe einer benachbarten Nation
unterzugehen, so bin ich immer stolz darauf gewesen, Luxemburger zu
sein, und ich hoffe immer Luxemburger bleiben zu können.
Nun gestatten Sie mir, m. H., Ihnen zu erklären, weshalb wir bleiben
möchten, was wir sind, weshalb wir freie Luxemburger bleiben möchten.
Seit meiner Kindheit lernte ich Luxemburg lieben als ein Land, wo das
Leben trotz allem nicht zu schwer ist, obschon ich mich in meiner
Jugend niemals an die Tafel des Überflusses setzen durfte. Ich konnte
mich auch schon früh davon überzeugen, daß dem Talent bei uns seine
Förderung wurde, daß der freie Gedanke und das freie Wort unter uns
eine Stätte hatte, daß die Kraft und der Mut auf der heimatlichen
Erde ein geeignetes Arbeitsfeld fanden oder wenigstens auf einen Weg
gestellt wurden, der sie auf die großen Kreuzungspunkte und die weiten
Kampfplätze menschlicher Tätigkeit führte.
In diesem kleinen neutralen Lande wurde uns aber auch schon früh
ein Ideal in die Seele gepflanzt, das mir immer teuer blieb, ein
friedliches, antimilitaristisches, rein menschliches Ideal, dessen
Verwirklichung heute mehr als jemals zu den großen Sorgen der Völker
und der Individuen gehört.
Es ist aber auch nur zu natürlich, daß die Gedanken von idealer
Gerechtigkeit und von menschlichem Recht gerade uns tief ins Herz
gesenkt wurden, denn dem Schwachen bleibt nur das Recht und die
Gerechtigkeit, um sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.
Und so lernte der Luxemburger, wie ich mir ihn denke, sein Ideal
vom Menschen und von Menschlichkeit sehr hoch stellen. Bürger eines
schwachen Staates, schritt er doch auf den Gipfeln, von denen aus sein
Blick messen konnte, was unvergänglich und groß, aber auch was klein
und vergänglich war an dem Tun der großen Reiche, deren nationale
Vorurteile ihm den Scharfblick seines Urteils nicht trübten. Und
deshalb behaupte ich wieder einmal, daß die kleinen neutralen Staaten
ihren Platz in der politischen Staatengruppierung haben müssen.
Zwischen den erzgepanzerten Riesen bergen sich diese Kleinen schwach
und furchtsam, aber in ihnen, viel lebhafter und feiner als in den
Großstaaten, verkörpert sich das Gewissen der Menschheit. An dem Tage,
wo der letzte dieser kleinen Staaten der Begier des Imperialismus
hingeopfert würde, müßte der gute Geist der Menschheit sich in Trauer
hüllen, denn er würde sich bis in den Kern der Seele verarmt fühlen.
Das, meine Herren, ist meine Auffassung über die kleinen Staaten
wie Luxemburg, das ist nach meinem Empfinden die moralische
Daseinsberechtigung dieser Staaten, und das ist auch einer der
wichtigsten, einer der hauptsächlichsten Gründe, weshalb ich fordere,
daß ein freies und unabhängiges Luxemburg erhalten bleibt.
Wir neutralen Kleinstaater sind sogar in mehr als einer Hinsicht
der Entwicklung voraufgegangen, die sich in der Welt vorzubereiten
scheint. Wir waren immer die begeisterten Anhänger der Forderung,
gemäß der jede Nation das Recht haben müßte, frei über ihr Schicksal
zu verfügen. Dieses Ideal, das heute von der höchsten Völkerkanzel neu
verkündigt wird, war immer das unsrige. Die schwache Flamme, die mit
ihrem trauten Schein unsern schlichten Herd beleuchtete, brennt auch
in der Fackel, mit der Präsident Wilson heute den großen Nationen die
Wege der Zukunft erhellt.
Die beste Gewähr einer weiten und gesicherten Selbständigkeit aber
sehe ich, wie Herr Laval, in einer einheimischen Dynastie. Ich
verehre, wie Sie alle, das siegreiche und schutzbringende Frankreich,
das geheiligte Vaterland der Gesetze, der Künste und der Armeen. Aber
ich will nicht, daß das kleine Luxemburg im Reichtum und in den Tiefen
Frankreichs untergehe. Eine luxemburgische Republik müßte, für den
Fall, wo sie eingerichtet werden und bestehen könnte, notgedrungen
bald von einer benachbarten starken Macht aufgesogen werden. In dieser
Richtung übrigens bewegen sich die Hoffnungen vieler Mitglieder der
„+Action républicaine+" und deshalb konnte ich ihre Bestrebungen
niemals billigen. Die „+Action républicaine+" hat sich ja
schließlich selbst für die Selbständigkeit des Landes ausgesprochen,
aber ich erlaube mir, die Absichten vieler ihrer Mitglieder etwas
anzuzweifeln. Ihr republikanischer Block bedeutet mir nichts Gutes.
Unter den Führern der „+Action républicaine+" stehen die Namen
von Politikern und andern Leuten, die von der ersten Stunde an
sozusagen das Aufgehen des Landes in Frankreich herbeigewünscht
haben. Ebenso sind unter ihren eifrigsten und feurigsten Anhängern
viele, die für den Augenblick allerdings die annexionistischen Wünsche
in den Hintergrund gestellt haben; sie werden diese heimlichen
Absichten aber ganz gewiß wieder laut werden lassen, sobald sich ihnen
bessere Aussichten auf Gelingen eröffnen. Ich habe daher gar kein
Zutrauen in die Unschuld ihrer späteren Erklärungen, ich betrachte
diese Erklärungen vielmehr als politische Camouflage.
Im Anschluß an diesen Gedankengang kann ich es mir nicht versagen,
Ihnen eine recht bezeichnende kleine Begebenheit zu erzählen. Vor
kurzem kam ein französischer Soldat unsere Freiheitsavenue herauf,
während sich ein Deutscher in der Richtung des Bahnhofs ihm entgegen
bewegte. Ein junger Luxemburger kam ebenfalls daher. Als er an dem
Franzosen vorbeiging, rief er „+Vive la France!+" Dann wandte
er sich gegen den andern und schleuderte ihm ein „+M.... pour
la Prusse+" ins Gesicht. Da wandte sich der brave Poilu um und
bemerkte dem luxemburgischen Gassenbuben im vorwurfsvollen Tone:
„+Oh, Monsieur, cela n'est pas beau.+"
Nun wohl, meine Herren, unsere Herren Annexionisten nehmen ungefähr
dieselbe Haltung ein. Sie kehren sich nach Südwesten und jubeln mit
schriller Stimme „+Vive la France!+" Dann wenden sie sich,
aber diesmal nach dem eigenen Lande, und höhnen: „+Flûte pour le
Luxembourg!+" Aber es kann ihnen leicht widerfahren, daß das
edelmütige Frankreich auch ihnen die Antwort des braven Poilu gibt und
ihnen ebenfalls bemerkt: „+Oh, Messieurs, cela n'est pas beau.+"
Aus allen diesen Gründen bin ich also ein überzeugter Gegner der
Annexion. Ich will, daß wir selbst in möglichst weitem Maße Herren
bei uns bleiben. Deshalb habe ich mich von der ersten Stunde an, wie
auch meine Kollegen sehr wohl wissen, für eine nationale Dynastie
ausgesprochen, und ich bekannte mich auch immer zu der Lösung, die die
Mehrheit der Kammer gebilligt hat. Diese Haltung gebot mir zudem schon
das schlichte Gerechtigkeitsgefühl.
Ich möchte weiter den Thron möglichst fest und sicher zwischen das
Großherzogtum und seine Nachbarn pflanzen als eine Art Schranke, die
uns erlaubte, unser eigenes Leben zu leben, unsern eigenen Haushalt zu
führen gemäß unserm Charakter, unsern Sitten und Gebräuchen.
Das, meine Herren, hat mich dazu geführt, mich für die Beibehaltung
der Dynastie auszusprechen. Sie sehen, daß bei alledem kein Verrat und
kein persönlicher Hintergedanke war. Ich bin dem nationalen Gedanken,
zu dem ich mich mein Leben lang bekannt habe, treu geblieben, dem
nationalen Gedanken, der sich neben den sozialen Ideen wie ein roter
Faden durch alle meine Schriften zieht.
Ich weiß eigentlich nicht, worüber sich die Herren drüben beklagen.
Ich wurde der Lehnsmann der sozialistischen Fraktion, wo ich mich
doch bis dahin niemals einer politischen Partei hatte verschreiben
wollen. Und ich habe mich als Vertrauensmann aufrichtig und gefügig
benommen, das müssen die Herren selbst zugestehen. Ich habe die Ideen
und Pläne der Fraktion nicht immer gebilligt, und ich habe mich doch
unterworfen. In der entscheidenden Stunde hoben sie meinen Ratschlägen
zuwider entschieden und ich bin zurückgetreten.
Aber am Tag, wo ich die Kammer verließ, ging ich mit leichteren
Schritten heim, denn ich war wieder ein freier Mann geworden.
Seitdem habe ich die laufenden Geschäfte erledigt. Ich habe mich
geweigert, in ein anderes Ministerium einzutreten und wartete darauf,
dem Nachfolger meinen Sessel abzutreten. Die Ereignisse überrumpelten
mich. Auch ich mußte mich der Einrichtung der revolutionären Republik
widersetzen. Aber als der öffentliche Wohlfahrtsausschuß uns im
Regierungsgebäude die Ehre seines Besuches schenken wollte, da hatte
ich das Bewußtsein, daß wir fünf politischen Leichen, wie man uns so
gerne schimpft, daß wir, die gegangenen Minister, in Wirklichkeit den
engeren nationalen Wohlfahrtsausschuß bildeten, dem der Schutz der
Gesetzlichkeit und der nationalen Würde anvertraut war.
Die Revolution, mit der man es versucht hatte, war zudem von
vornherein zum Scheitern verurteilt. Die große Mehrheit der
Luxemburger ist nicht republikanisch gesinnt. Dafür haben wir noch
nicht genug gelitten. Die Revolution, meine Herren, ist, wie Sie sehr
gut wissen, das Kind des Elends. Die revolutionäre Republik ist die
Tochter der Drangsal. Der Baum der revolutionären Freiheit wurzelt
in den Tiefen der gequälten Herzen, der zerrissenen Eingeweide. Sein
Stamm wird mit Blut getränkt, aus seiner Krone tropfen die Tränen
der Mütter, der Witwen und der Waisen. Das Beispiel Rußlands und
Deutschlands beweist leider wieder einmal diese trostlose Wahrheit.
Und diese leidvolle Entwicklung, diese soziale Revolution bildet auch
den Grundgedanken meiner „Schmiede".
Sie, meine Herren, haben es nur mit einer politischen Revolution
versucht. Aber wir hatten immer noch nicht genug gelitten, als daß
auch dieser Versuch bei uns hätte gelingen können. Trotz aller
Bedrängnis der letzten Jahre hat Luxemburg noch lange nicht dieselben
Marter- und Todesängste durchgemacht, wie die benachbarten Nationen,
die auf einem endlosen Leidensweg ihr Kreuz von Station zu Station
schleppen mußten. Unser Land wurde gerettet, gerade in dem Augenblick,
wo das Schicksal mit ehernem Hufe gegen unsere Schwelle stieß. Die
benachbarten Länder mußten die Tiefe der Erde mit der sterblichen
Hülle ihrer grausam hingemähten Söhne bevölkern. Die Blüte der
Luxemburger Jugend aber ist unversehrt und lacht in die Sonne, bereit
ihren Flug zu nehmen.
Und noch in manch andern Hinsichten blieb uns das Elend erspart, das
in einer Revolution seine natürliche Sühne und Erlösung sucht und
findet. Ich durfte also mit vollem Rechte schon einmal an dieser
Stelle behaupten, daß sich das kleine Luxemburg um seine Kinder wohl
verdient gemacht hat.
Haben wir daher, meine Herren, haben wir wenigstens den Mut zur
Dankbarkeit, denn dem unabhängigen und neutralen Vaterlande schulden
wir unsere unverhoffte Rettung. An uns ist es jetzt, zu beweisen, daß
uns dieses unerhörte Glück nicht ganz unverdient geschenkt worden ist.
Das, meine Herren, sind die Gründe, die es mir als Pflicht
auferlegten, die republikanische Bewegung zu bekämpfen. Ich mußte in
dieser Bewegung eine Bedrohung der Zukunft unseres Landes sehen. Ich
habe nach meinem Gewissen gehandelt und bin mir selbst treu geblieben
als Mensch und als Dichter. Ich habe übrigens in der Zwischenzeit
meine Erfahrungen gemacht. Ich bin keine politische Natur, das weiß
ich jetzt. Ich habe wenig in mir vom Herdeninstinkt und nichts
vom Demagogen. Ich werde mein Leben lang ein unverbesserlicher
Individualist bleiben.
Seit der „Schmiede" bin ich nur etwas kritischer geworden. Ich bin
vor allem zu dem Skeptiker geworden, der durch die Menschen und die
Ereignisse des Tages mit dem Lächeln seiner schwermütigen Ironie
seinen Weg geht. Aber ich habe mir doch den nationalen Glauben
gewahrt. Und wenn ich an diesen Platz zurückgekehrt bin, so geschah
es, weil ich als guter Luxemburger eine patriotische Pflicht zu
erfüllen hatte. Im Augenblicke, wo ich mich dazu entschloß, wollte ich
nicht den Stimmen lauschen, die mit verführerischer Gewalt aus den
Tiefen meiner Vergangenheit heraufriefen. Ich verschloß mein Ohr dem
Vorwurf des Freundes und der Schmähung des Gegners. Ich folgte der
Eingebung meiner gereiften Überlegung. Ich gehorchte dem Drang meines
luxemburgischen Blutes. Ich nahm meinen Schritt nach dem Pulsschlag
meines luxemburgischen Herzens."
* * * * *
Den sich diesen Erklärungen anschließenden heftigen Vorwürfen,
Anklagen und Übertreibungen des sozialistischen Parteiredners setzte
ich, meinem bereits dargelegten Vorsatz gemäß, Stillschweigen entgegen.
Dann sprach Herr Liesch. Er tat es, seiner ganzen überlegenen Art
entsprechend, scharf, schneidig und klug. Auch er erkannte einer
Republik Luxemburg die Daseinsmöglichkeit ab, ging mit beißender
Ironie ins Gericht mit den luxemburgischen Jünglingen, die in Paris
ihre Annexionsgelüste austoben ließen zum Schaden des Landes, sprach
von den Lehren der Vergangenheit und bekannte sich mit flammender
Überzeugung zur neuen Herrscherin, zur Heimat und ihrer Zukunft.
Tagelang zog sich das Gehader hin. Der Revolutionsputsch wurde
in seinem ganzen Verlaufe aufgerollt, von dem Radau in der
Kaserne angefangen bis zur Lüftung des Kammergebäudes durch die
luxemburgischen Gendarmen. Spätere Lustspieldichter könnten in
den verschiedenen Abschnitten dieser von den Wohlfahrtsmenschen
aufgeführten politischen Hanswurstiade sowie aus deren
parlamentarischer Aufmachung noch für Jahrzehnte schöpfen. Manchmal
allerdings duftete das Häßliche allzu widerlich durch und es dampfte
die Schamlosigkeit.
Die Freunde der Dynastie, allen vorauf die Herren August Thorn,
Schiltz und Prüm, ließen sich nicht verblüffen, erwiderten Hieb auf
Hieb und zogen die Revolutionäre vor ein hochnotpeinliches Gericht.
Herr Staatsminister Reuter kämpfte mit dem starken Schwung seiner
begeisterten Überzeugung und juristischen Schlagfertigkeit.
Die Regierung fand Glauben. Das Vertrauen sprach sich auch auf den
Lippen des einen und andern Linksabgeordneten rührend aus.
Besonders ergreifend und wirkungsvoll tat das, unmittelbar nach
seinem Freunde Hrn. ~J. Schmitz~ aus Garnich, der frühere
Präsident und jetzige Alterspräsident Herr ~Notar Hemmer~, da
er als Vorsitzender am 24. Januar zur Begründung seines Votums diese
Erklärung gab: „... Meine Herren, die gegenwärtige Regierung ist kein
Koalitionsministerium mehr. Sie ist nur noch ein Geschäftsministerium,
und dem ist auch besser so.... Ich persönlich vertraue den Männern,
die der Regierung angehören. Mir ist von ihnen keine Handlung bekannt,
die mich bestimmen könnte, ihnen mein Vertrauen zu entziehen....
Besonders aber, und ich halte darauf, das hervorzuheben, besitzen
mein Vertrauen die beiden Generaldirektoren, die am schärfsten
hier angegriffen werden.... Ich wage zu hoffen, daß die nunmehrige
Geschäftsregierung in der Unterstützung der Kammermehrheit die Kraft
finden wird, deren sie bedarf zur Erhaltung von unseres Landes
Unabhängigkeit und Selbständigkeit, gemäß dem heiligsten Wunsch der
ungeheuern Mehrheit unseres Volkes."
Kurz nachher sprach dann auch die Kammer der Regierung mit 30 gegen 17
Stimmen ihr Vertrauen aus. Gegen sie stimmten die HH. Kieffer, Koch,
Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Jak.
Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur und Gallé.
Für die Regierung erklärten sich neben der Rechten die HH. Glesener,
Hemmer, Herschbach, Kellen, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver.
* * * * *
Inzwischen hatte Großherzogin Charlotte ein erstes Wort an ihr Volk
gerichtet und die leitenden Grundsätze ihrer Regierung in den großen
Linien dargelegt in folgender
Proklamation.
„Die Krone des Großherzogtums Luxemburg ist mir in einem der
kritischsten Augenblicke unserer nationalen Geschichte zugefallen. Ich
nehme sie an, weil Ich es als Meine Pflicht erachte, das Gut unserer
öffentlichen Einrichtungen, die das Luxemburger Volk bislang als
eine Gewähr seiner Unabhängigkeit und seiner Zukunft angesehen hat,
unversehrt zu erhalten.
Das Großherzogtum schickt sich an, die Grundlagen seines
wirtschaftlichen Lebens neu zu gestalten und Verbindungen einzugehen,
die seine gedeihliche Entwicklung sicher stellen und für das Land
eine neue Zeit des moralischen und materiellen Fortschrittes eröffnen
werden.
Ich werde bemüht sein, die Bande, die zwischen dem Großherzogtum und
den Ententestaaten geknüpft wurden, zu festigen und immer enger zu
gestalten.
Unsere internationalen Beziehungen müssen aufgebaut werden auf der
herzlichen, rückhaltlosen Freundschaft, die zwischen dem Luxemburger
Volk und den verbündeten Mächten besteht, und auf dem gegenseitigen
Vertrauen, das die Frucht dieser Freundschaft sein wird.
In dem Augenblick, wo das Großherzogtum diese Umstellung seiner
Geschicke vornimmt, will ich es nicht unterlassen, im Namen des
Luxemburger Volkes wie in Meinem eigenen Namen unserm innigsten Dank
Ausdruck zu verleihen für die Befreiung, die uns die siegreichen
Heere in der Stunde der höchsten Gefahr gebracht haben. Dank ihrem
unwiderstehlichen Ansturm ist Luxemburg vom Joche befreit worden, das
der fremde Eindringling, den feierlich beschworenen Verträgen zuwider,
auf uns lasten ließ.
Unserer Dankbarkeit paart sich eine tiefe Ergriffenheit beim
Gedanken an die Söhne der Luxemburger Erde, die unter den Fahnen der
verbündeten Mächte gekämpft haben.
Ich bin glücklich, mich der Huldigung anzuschließen, die die
Abgeordnetenkammer unsern Landsleuten dargebracht hat. Indem sie
ihr Blut für die Ehre ihres selbstgewählten Vaterlandes vergossen,
haben diese Tapfern mitgeholfen, die Unabhängigkeit ihres kleinen
Heimatlandes wieder herzustellen und zu sichern.
Alle Meine Anstrengungen bleiben darauf gerichtet, Meine Pflichten als
luxemburgischer Fürst gewissenhaft zu erfüllen.
Unser Volk hegte stets neben der Liebe zu seinen nationalen
Überlieferungen den Kultus der Gerechtigkeit und der Freiheit. Ich
werde Meine hohe Aufgabe in demselben Geiste durchführen.
In der Ausübung der höchsten Gewalt sollen die Verfassung und die
Gesetze des Landes Meine Richtschnur sein. Eine auf das Vertrauen des
Volkes gestützte Regierung soll Mich leiten und beraten.
Die demokratische Reform unsers Grundgesetzes, die von der
verfassunggebenden Versammlung in Angriff genommen wurde, wird Meine
volle Zustimmung finden.
Ich will das Leben Meines Volkes leben, von dem Mich keine Schranke
trennen soll.
Ich will seine Freuden und seine Leiden teilen.
Wunderbarerweise von den Greueln des Krieges verschont, wünscht unser
kleines Land unabhängig in der großen Völkerfamilie und im Lichte der
neuen Freiheit weiterzubestehen.
Luxemburgerin von ganzer Seele, werde Ich es als Meinen schönsten
Ruhmestitel ansehen, zur Verwirklichung dieses nationalen Wunsches
beizutragen.
Schloß Berg, den 18. Januar 1919.
~Charlotte.~"
Der Hinweis auf die Luxemburger Legionäre in den Heeren der Entente
und das am Schlusse gegebene Versprechen machten im Ausland, und
besonders in Frankreich, den besten Eindruck.
Am 28. Januar 1919 feierte Großherzogin Charlotte ihren ersten
Geburtstag als Landesfürstin.
Zum ersten Male war beim feierlichen Tedeum der großherzogliche
Hof durch einen luxemburgischen Hofmarschall, Herrn Fr. de Colnet
d'Huart, vertreten. General de la Tour, die französischen Offiziere,
ein englischer Offizier hatten ihre Plätze im Chor eingenommen.
Der belgische Geschäftsträger, Prince de Ligne, bedauerte, einer
durch ein Regierungsmitglied überbrachten mündlichen Einladung des
Staatsministers nicht entsprechen zu können; er hielt aber darauf,
wie er erklärte, persönlich, unter dem andächtigen Volke der Feier
beizuwohnen, um den Luxemburgern einen Beweis seiner Sympathie zu
geben.
Am 31. Januar konnte die Regierung endlich auch die Vorlage über das
politische Referendum einbringen.
XVI.
Die Haltung, die der Prince de Ligne bei der Geburtstagsfeier vom 23.
Januar eingenommen hatte, befremdete. Sie wurde als Unklugheit gebucht
und als Fehlgriff empfunden. Wie wir überhaupt der belgischen Politik
nur mit äußerstem Mißtrauen gegenüberstehen konnten.
In der vom Senatsausschuß in Brüssel entworfenen Antwortadresse auf
die Thronrede König Alberts heißt es gegen den 14. Dezember 1918: „Der
Krieg hat die Verträge erschüttert, die der Entwicklung Belgiens im
Wege standen.... Mehr als jemals richten sich die Wünsche Belgiens
auf das Großherzogtum Luxemburg, das von Belgien gegen den Willen des
Volkes unter Verletzung tausendjähriger Rechte (!) abgetrennt wurde
und das gleichzeitig mit Belgien überwältigt worden ist. Belgien wird
imstande sein, Luxemburg brüderliche Hilfe zu leisten."
In Frankreich dagegen hatte Louis Barthou die Forderung gestellt:
„Es muß Luxemburg anheimgestellt werden, seine Zukunft selbst zu
bestimmen. Frankreich wird dafür sorgen, daß der Wille seiner
Einwohner geachtet werde, so wie er sich aus einer mit aller Gewähr
für ihre Aufrichtigkeit veranstalteten Volksbefragung ergeben wird."
Barthou sprach eben als Sohn eines Landes, wo schon zur Zeit
der Revolution der große Carnot, der Organisator des Sieges der
Konventsarmeen, die hochherzigen Europäergrundsätze aufgestellt hatte,
die in Wilsons Botschaft aus Amerika machtvoll widerklingen sollten
und sich in diesen lapidaren Sätzen aussprechen:
„Ein jedes Volk, wie klein auch sein Gebiet sei, ist unumschränkter
Herr im eigenen Haus. Sein Recht wiegt gleich dem Rechte der
Mächtigsten und kein anderes Volk darf seine Unabhängigkeit antasten.
Die französische Revolution gründete das Völkerrecht auf die den
Menschenrechten geschuldete Achtung."
Aus diesem Geiste heraus gab auch das Pariser Blatt „+L'Oeuvre+"
in der Nummer des 5. Dezember 1918 folgende freimütige Erklärung:
„.... Wem Luxemburg gehören soll? Nun, wir antworten ohne Zögern: den
Luxemburgern! Allerdings gibt es Franzosen, die anderer Ansicht sind,
auch Belgier und Deutsche -- ja, sogar Luxemburger. Die ungeheure
Mehrzahl der Luxemburger aber fühlt, wie sie es seit langen Jahren
schon singen: „+Mir welle bleiwe, wat mir sinn!+" Sie wollen frei
bleiben, zum mindesten politisch frei!
Wem sie sich wirtschaftlich angliedern sollen? Das steht ganz in ihrem
Belieben. Der von Präsident Wilson aufgestellte Grundsatz gesteht
allen Völkern das Recht der freien Selbstbestimmung zu. Wir haben
diesem Prinzip zugestimmt, wir hatten es sogar eine Zeit vor ihm
verkündet.
Mag Luxemburg auch ein ganz kleines Land sein -- 250000 Einwohner!
-- mag es auch einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert darstellen --
es soll unter den stahlerzeugenden Ländern an sechster Stelle stehen
--, so erlaubt das alles uns nicht, ihm ein Recht vorzuenthalten, das
allen Völkern zugestanden wird."
Aus Belgien scholl es dagegen seit vielen Wochen ganz anders zu uns
herüber.
Ein bedauerliches Mißverständnis ließ die Belgier glauben, die
Luxemburger wären ihrer Selbständigkeit müde und verzehrten sich
in Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem, wie ihre Politiker
und Geschichtsschreiber mit Vorliebe lehren und predigen, das
Großherzogtum 1839 wider seinen Willen und mit Willkür entrissen
worden sei. Für viele Belgier war das unabhängige Luxemburg, wie
Destrée sich ausdrückt, ein belgisches Elsaß-Lothringen! Nun aber
weiß jeder Kundige, daß diese Auffassung den Tatsachen aber auch gar
nicht entspricht. Sogar im Verband der spanischen und österreichischen
Niederlande hatte das Herzogtum Luxemburg seine Selbständigkeit
gewahrt. Es war weder völkisch noch politisch mit den übrigen
Provinzen der Vereinigten Niederlande verschmolzen, und die von ihm
bewilligten Geldmittel wurden ausschließlich zum Nutzen des Herzogtums
verausgabt. Das Großherzogtum Luxemburg vollends ist nie belgisch
gewesen. Im Gegenteil: als selbständiger Staat des neuen Europas ist
es älter als Belgien und 1839 wurde ihm, Belgien zuliebe, die größere
Hälfte seines unabhängigen Staatsbesitzes geraubt.
In den Dienst dieses politischen Größenwahns mischten sich in Brüssel
besonders die Männer des sog. +Comité de Politique Nationale+,
und das mit dreistester Voraussetzungslosigkeit. Am 31. Dezember 1918
leistete sich z. B. das halbamtliche Blatt „+Le XX^e Siècle+"
folgende Stilblüte: „Die heutige Lage ist derart, daß Luxemburg, wenn
es genötigt ist, die Beziehungen zur Entente enger zu knüpfen, nichts
anders werden kann als entweder ein kleines französisches Departement
oder eine große belgische Provinz. Das Großherzogtum möge wählen!"
Zum mindesten aber wären, so glaubte in Belgien jedes Kind, die
Luxemburger ihres Herrscherhauses überdrüssig und wünschten nichts
ungeduldiger als die „verpreußten" Nassau-Braganza nach Deutschland
zurückzuschicken, um sich im Heldenkönig Albert durch Personalunion
einen Großherzog nach ihrem Herzen zu geben.
Schon am 17. November 1918 hatten eine Anzahl belgischer Luxemburger
in einer Adresse an den König den heißen Wunsch geäußert, Luxemburg
möchte Belgien zurückgegeben werden.
Eine Personalverbindung mit Belgien forderten dann die in Brüssel
ansässigen Luxemburger in der Kundgebung vom 8. Dezember 1918 auf der
+Place des Martyrs+, und es hatte ihrem ungestümen Übereifer der
Beifall aus Regierungskreisen nicht gefehlt.
Diese irrige Beurteilung der luxemburgischen Gesinnungen und
Verhältnisse darf aber nicht ganz wunder nehmen.
„Seit Jahren, so erklärte der Prince de Ligne selbst einer
luxemburgischen Abordnung, wurde in Belgien durch Briefe, Zuschriften,
Gespräche usw. von Luxemburgern selbst verbreitet, das Großherzogtum
wolle sich durchaus mit Belgien verbinden; in Brüssel hatte man
deshalb gehofft, durch Unterstützung der Annexionsbestrebungen dem
innigsten Wunsch der Luxemburger entgegenzukommen."
Wie hätte das in eingeweihten Kreisen auch anders sein können,
angesichts folgender ungemein bezeichnender Tatsache:
Im Frühjahr 1916 hatte sich Baron Orban de Xivry, Senator der Provinz
Luxemburg, wie er mir am 28. Juli 1920 in Arlon bei der Überführung
der armen Opfer von Rossignol persönlich gestand, auf dem Umweg über
London nach La Panne begeben und hier seinem König Albert im Namen der
luxemburgischen Kammermehrheit die Krone des Großherzogtums angeboten.
Der König erschrak über eine solche Zumutung und wies sie zurück mit
dem entrüsteten Ausruf: „+Ça, jamais, jamais, jamais!+"
Er fand in dieser ritterlichen Empörung eine Geberde, die auch seiner
Base Maria Adelheid nicht fremd war und von dieser Belgien gegenüber
wiederholt wurde.
Deutschland, so wurde ihr eines Tages beteuert, trage sich mit dem
Gedanken, bei Friedensschluß die deutschen Bezirke von dem belgischen
Luxemburg abzutrennen und mit dem Großherzogtum zu vereinigen.
„Aber für wen hält man mich! rief die Fürstin in edelm Zorn. Das
unglückliche Belgien! Man hat ihm das größte Unrecht angetan! Und man
wagt es, uns eine solche Handlung zuzumuten! Nie! Niemals!"
Wenn aber ein belgischer Senator glaubte, im Namen einer Luxemburger
Kammermehrheit, die als solche nur auf zwei Augen stand, den bekannten
Antrag stellen zu dürfen, so begreift man schließlich die kühle
Ignorierung der Großherzogin Maria Adelheid durch ihren königlichen
Vetter beim feierlichen Empfang in Arlon.
Die Anwesenheit der Franzosen in Luxemburg durchkreuzte
geheimgesponnene Pläne. Marschall Fochs Weigerung ließ keinen
belgischen Soldaten dauernd über Luxemburgs Grenze, mochte er auch
noch so geläufig luxemburgisch reden.
Der Fehlschlag der Revolution und die in Aussicht stehende Abdankung
der Großherzogin Maria Adelheid enttäuschte in Brüssel. „Frankreich,
so hieß es im „+Soir+" vom 12. Januar, machte Belgien Hoffnungen
auf Luxemburg. Aber die Militärpartei und die +Ligue française+
wollen die Dynastie erhalten. Dann wird die Personalunion mit Belgien
hinfällig, das Land entzieht sich Belgien und kann sich Frankreich
später angliedern. Französische Interessenpolitik verlangt die
Anerkennung Charlottens."
„Eine Republik Luxemburg hätte die spätere Personalunion mit Belgien,
für die sogar die Sozialisten zu haben waren, nicht ausgeschlossen
und die republikanische Bewegung hätte sehr leicht in Bolschewismus
ausarten können."
Das war doch aufrichtig gesprochen und zugleich sehr naiv.
Auch die Auslandspresse wurde zugunsten wenigstens der Personalunion
mit Belgien bearbeitet und bedient.
Schon ~gegen Mitte Dezember 1918~ heißt es auf dem Umweg über
Paris und Haag: „Nach Meldungen aus Luxemburg ist die Abdankung der
Großherzogin ~in der ersten Hälfte des Januar~ zu erwarten." Die
Mehrheit des luxemburgischen Volkes, so wird dann angedeutet, sei für
die Personalunion mit Belgien.
Aus belgischen Quellen wird am 13. Januar 1919 über die Grenzen
verkündet, 30 luxemburgische Abgeordnete hätten, nach dem Abgang der
Rechten, die Abdankung der Großherzogin beschlossen. Von den 30 hätten
16 die Republik ausgerufen. Die 14 übrigen möchten von einer Republik
nichts wissen, die von 52 nur 16 Stimmen auf sich vereinigt habe. Was
dazu die Rechte denke, bleibe abzuwarten.
Auch bei dieser ironischen Glossierung einer durchaus falschen
Tatsache redet eine heimliche Hoffnung mit.
Der revolutionäre Aufruhr schlug fehl. Die Belgier waren enttäuscht.
Sie suchten einen Schuldigen und fanden den in General de la Tour.
Ohne das Eingreifen des französischen Stadtkommandanten, so wurde
geschimpft, hätte der Umsturz gesiegt. Dies Verbrechen heischte
Sühne, d. h. die Maßregelung seines Urhebers. Clemenceau gab nach.
Der französische General Roque kam zu einer Untersuchung herüber, und
General de la Tour wurde abberufen.
Unserm Kollegen, Herrn Generaldirektor Collart gegenüber, ließ sich
ein belgischer Diplomat zu dieser bezeichnenden Klage hinreißen: „Sie
hätten Großherzogin Maria Adelheid nicht fortschicken sollen. Sie
hatte sich beim Volk und bei der Entente unlieb gemacht. Man hätte
sich ihrer sehr leicht entledigen können. Prinzeß Charlotte aber ist
ein junges Mädchen, dem kein Vorwurf gemacht werden kann. Es wird
recht schwer halten, sie zu verdrängen."
Dieses Geständnis redet Bände.
Wie man damals in Brüssel die Freundschaft und die Rücksicht verstand,
beweist das Erscheinen des Blattes „+Le Luxembourg+", das in
der zweiten Hälfte des Monats Januar 1919 in unserer Hauptstadt
plötzlich auftauchte. Ein Blatt, mit belgischem Gelde gegründet
und gedruckt, das den Wählern gratis ins Haus geschickt wurde und
belgisch-nationalistische Politik trieb. Allein der Titel schon war
eine Herausforderung. „+Le Luxembourg!+" Ich stellte mir mehr
als einmal vor, was wohl in Brüssel geschehe, wenn holländische
Annexionisten die Stirn hätten in Belgiens Hauptstadt ein in ihrem
Solde stänkerndes Blatt herauszugeben und es dazu noch „+La
Belgique+" zu taufen! Den Hallo hätte ich hören mögen!
Sogar vor der Friedenskonferenz in Paris äußerten sich die
belgischen Wünsche. Zwar wurde die Rückkehr Luxemburgs an Belgien
nicht ausdrücklich gefordert, aber da ja die ganze Bevölkerung des
Großherzogtums ihre Heimkehr zum Mutterlande verlange, so hofften die
belgischen Vertreter, die Friedenskonferenz werde den Luxemburgern
den Anschluß an Belgien empfehlen. „Luxemburg, so verlangte Herr
Hymans am 1. Februar, müsse Belgien in Personalunion angegliedert,
Großherzogin Charlotte könne von der Entente nicht anerkannt werden."
Am 12. Februar behauptete er, ein neutrales Luxemburg im neuen Europa
sei ein Widersinn. Belgien wolle keine Gewalt gebrauchen, aber es wäre
glücklich, wenn die Entente den Anstoß zu einer Annäherung der beiden
Länder gebe.
Es blieb also Tatsache: Die belgischen Politiker waren auf dem
Kriegspfade gegen das freie, zum mindesten das neutrale Luxemburg.
Aber sie gingen einen Irrweg; sie schufen sich selbst Ärger und
Niederlagen; sie brachten uns zeitweilig in unverdiente Bedrängnis;
sie zwängten so zwischen die beiden einander recht nahestehenden
Länder eine Spannung, durch die ein von vornherein herzliches und
vertrauensvolles Verhältnis in überflüssiger und verhängnisvoller
Weise getrübt wurde.
In der französischen Öffentlichkeit wurde die Nachricht von der
Thronbesteigung Charlottens mit fast ermunternder Freundlichkeit
aufgenommen. Sogar bei Blättern, die die Einrichtung einer
luxemburgischen Republik eifrig begrüßt hatten, war keine Enttäuschung
festzustellen.
Es lag also der Schluß nahe, solches geschehe nicht ohne Weisung von
oben. Das geht zudem klar aus den Worten des Schriftstellers Maurice
Barrès hervor, der am 24. Januar 1919 im „+Echo de Paris+" seine
annexionistischen Freunde wissen ließ, er werde sich in Zukunft jeder
Kritik zu den luxemburgischen Verhältnissen enthalten und sich damit
den leitenden Gedanken der französischen Staatsmänner unterordnen.
* * * * *
Am 28. Januar 1919 verließ Großherzogin Maria Adelheid das Land. Ihre
Mutter, Großherzogin Charlotte, die Prinzessinnen Hilda und Antonia
begleiteten sie bis Diedenhofen. In einem letzten Aufruf an ihr Volk
nahm die tapfere Fürstin von der Heimat und ihrem Volke den würdigsten
Abschied.
Wie aufrecht und wahr auch die Seele ihrer Nachfolgerin von der ersten
Stunde ab empfand, das beweist ein Vorfall, der in seinen genauen
Einzelheiten der Öffentlichkeit entzogen bleiben muß.
Ein sehr einflußreicher Ausländer ließ im Februar 1919 Großherzogin
Charlotte um eine persönliche Audienz bitten, zu der er inkognito
als Journalist erscheinen wolle. Er sei bereit, und zugleich in der
Lage, die Anerkennung der Großherzogin bei König Albert und in London
zu erwirken, unter der Bedingung, daß I. K. H. mit Belgien in ein
wirtschaftliches und militärisches Bündnis trete.
Kaum hört die Fürstin, worum es sich handelt, so ruft sie in ehrlicher
Entrüstung: „Aber sowas ist doch unerhört! Ich empfange den Herrn
nicht. Wenn das Wohl des Landes auf dem Spiele steht, will ich nichts
hinter dem Rücken der Regierung tun. Unter keiner Bedingung gebe ich
mich zu einer Abmachung her, bei der es sich um das Glück des Volkes
handelt, auch nicht meinem Haus und meiner Krone zulieb."
Nur auf den dringlichen Zuspruch ihrer Umgebung ließ sie sich bewegen,
ihre Absage zu begründen, und so wurde dem freundlichen Vermittler der
Bescheid, die Großherzogin könne seinem Wunsche nicht nachkommen, aus
konstitutionellen Rücksichten, denn eine so wichtige Frage müßte doch
dem Außenminister unterbreitet werden.
Um 6 Uhr abends schon war die Großherzogin beim Staatsminister und
erzählte den Vorfall.
Wir unserseits lernten aus diesem kleinen Ereignis, daß die
Entschlossenheit, womit Fürst, Regierung und Volk einmütig hinter dem
Willen zur Unabhängigkeit und freien Selbstbestimmung stand, auch im
Ausland an entscheidender Stelle Eindruck gemacht hatte.
XVII.
Während der letzten Wochen konnte die Regierung endlich auch die Frage
über den wirtschaftlichen Anschluß Luxemburgs ernstlich in Angriff
nehmen.
Am 30. Dezember hatten wir bekanntlich die Ententemächte von der
Lösung des Zollverbandes mit Deutschland und dem Wunsche einer
wirtschaftlichen Annäherung an die Westmächte verständigt.
Eine von der früheren Regierung zum Studium der wirtschaftlichen
Umorientierung des Landes eingesetzte Kommission, die aus zwölf
den verschiedensten Berufen entnommenen Mitgliedern bestand,
sprach sich am 2. Januar einstimmig, bei einer Enthaltung, für den
wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich aus.
Ende Januar ging dem Staatsministerium von Herrn Pichon, als Antwort
auf unsere Mitteilung vom 30. Dezember, folgende Note zu:
„Ich habe mit Befriedigung vernommen, daß die wirtschaftlichen Bande,
die Ihr Land an Deutschland knüpften, nunmehr gelöst sind, und es
war mir angenehm festzustellen, daß Luxemburg, nach wiedergewonnener
Freiheit, eine wirtschaftliche Annäherung an die Verbandsmächte
wünscht. Allem Anschein nach ~gestattet es die allgemeine Lage
nicht~, gleich jetzt schon in die erforderlichen Besprechungen
einzutreten. Sobald der Augenblick dafür gekommen ist, wird die
französische Regierung, dessen dürfen Sie gewiß sein, diese
Angelegenheit in der günstigsten Gesinnung prüfen."
Der Ausdruck „die allgemeine Lage" wurde von unsern Gegnern in der
Kammer im Sinne von „die dynastische Frage" gedeutet und die Krone
dementsprechend immer und wieder als das alleinige und große Hindernis
zu unserm wirtschaftlichen Glück hingestellt.
Und doch bestand ja seit einer geraumen Zeit bereits -- und unsere
Liberalen besonders waren als Anhänger einer Personalunion mit Belgien
besser unterrichtet als wir -- eine luxemburgische Frage.
Außenminister Hymans selbst hatte sie bekanntlich auf der
Friedenskonferenz aufgeworfen und, mit Hinweis auf die allgemeine
Zustimmung seines Landes erklärt, Belgien verzichte auf jede
gewaltsame Angliederungspolitik. Aber wenn das nationale und
internationale Statut des Großherzogtums nicht fortbestehen könne,
dann mache Belgien Rechte geltend, die in einer langen Vergangenheit
wurzeln. Dabei rechne es, wie schon erwähnt, auf den Beistand der
Mächte, um zwischen Belgien und dem Großherzogtum eine Annäherung zu
fördern, die sich sowohl durch starke geschichtliche Erinnerungen als
durch die Rücksichten auf seine Sicherheit rechtfertige.
Die belgischen Wünsche brachten Frankreich, bei allem Wohlwollen für
Luxemburg, in Verlegenheit. Die luxemburgische Frage spitzte sich
recht heikel zu. Bei voreiliger und oberflächlicher Behandlung wäre
der Widerstreit zwischen dem belgischen und dem französischen Vorteil
in fordernde Erscheinung getreten. Für Frankreich war also doppelte
Vorsicht geboten und es verstand sich der Hinweis Pichons auf die
allgemeine Lage als Erklärung seiner Zurückhaltung von selbst. Die
allgemeine, d. h. die internationale Lage gestattete dem französischen
Minister eben keinen andern Bescheid auf die Luxemburger Mitteilung.
Diese allgemeine Lage erlaubte es den Ententemächten ebenfalls nicht,
die diplomatischen Beziehungen mit dem Großherzogtum ohne weiteres
wieder aufzunehmen.
Herr Schiltz sprach in dem Punkt das Richtige, als er in der Sitzung
vom 6. März u. a. die Worte fand:
„Ich behaupte, der Grund weshalb Frankreich, Italien usw. ihre
Gesandten noch nicht nach Luxemburg geschickt haben, liegt darin, daß
man Belgien eine privilegierte Stellung hier im Lande eingeräumt hatte
und nicht den Anschein erwecken wollte, als wolle man Belgien in den
Weg treten .....
Zur Zeit wo dieser Plan (auf Vertreibung der Dynastie) möglicherweise
bestehen konnte -- ich glaube nicht, daß er jetzt noch besteht --
damals hat hier in Luxemburg ein heftiger Feldzug gegen unsere
Dynastie eingesetzt; damals schien es, als ob Luxemburg selbst diese
schmutzige Arbeit tun wollte, die die fremden Staaten nicht besorgen
wollten.
Da konnte es den Ententeländern bequem erscheinen, uns gewähren zu
lassen. Wenn für die Pläne des Auslandes unser Thron ein Hindernis war
und die Luxemburger selbst dies Hindernis beseitigen wollten, warum
sollte man sie nicht gewähren lassen? Warum sollte man diese Bewegung
nicht bis zu einem gewissen Grad unterstützen? Ist das vielleicht
nicht auch ein Grund, weshalb die fremden Mächte fern bleiben, warum
sich die Diplomatie einer gewissen Sprache bedient hat, welche die
antidynastische Bewegung hier im Lande begünstigen konnte! Diese
inländische Hetze war ja Wasser auf ihre Mühle. Warum sollte also die
Diplomatie diese Bewegung nicht begünstigen!"
Diese Worte trafen den Nagel auf den Kopf.
Um so notwendiger erschien es, angesichts der hinterhältigen Stellung
des Auslandes, das Luxemburger Volk doch einmal selbst auf den Plan zu
rufen. Das politische Referendum drängte sich unumgänglich auf. Der 5.
März brachte diese hochwichtige Frage endlich vor die Kammer.
Sie wurde mit einer unheimlichen Gründlichkeit erörtert. Die
Gegner der Dynastie zogen wieder alle Schleusen weitschweifendster
Redseligkeit, alle Register ihres vaterländischen Empfindens, alle
Griffe der Verschlagenheit, um die ihnen so unbequeme Volksbefragung
zu verhindern.
Die Freunde ihrerseits nahmen die Gelegenheit wahr, den unwürdigen
Feldzug des Hasses und der Verleumdung im In- und Ausland wieder
einmal grell zu beleuchten und zu verurteilen.
Der Regierung wurde von ihren Gegnern jedes Recht abgesprochen, mit
den Ententeregierungen in Verbindung zu treten und im Namen des
Luxemburger Volkes zu reden. Am bestimmtesten taten sie das in einer
Tagesordnung vom 12. März, die einen schon am 14. Januar abgewiesenen
Antrag in erweiterter Fassung wiederholt und folgendes bestimmt:
„Da es im Vorteil des Landes liegt, die freundschaftlichen Beziehungen
zu der Entente ohne Verzug zu bekräftigen; da der französische
Außenminister Pichon, bei aller Sympathie für das luxemburgische
Volk, sich weigert die heutige Regierung zu empfangen und es somit
Pflicht der Volksvertretung ist, die neuen Bande mit den befreundeten
Ententeregierungen zu knüpfen; da es angesichts der so bedauerlichen
Ausweisung der Vertreter Frankreichs, Belgiens und Italiens notwendig
geworden ist, im Namen des luxemburgischen Volkes unmittelbar mit den
Alliierten Mächten Fühlung zu nehmen: bezeichnet die Kammer aus ihrer
Mitte drei Vertreter, die sich alsbald mit den Ententeregierungen, und
besonders mit Frankreich, England und Belgien in Verbindung setzen
sollen, und bringt den gegenwärtigen Beschluß den Ententestaaten zur
Kenntnis.
gez. Probst, Jak. Schaack, Mark, Jos. Thorn, Léon."
Der Antrag wird am 18. März mit 29 Stimmen gegen 21 verworfen.
Mit 30 Stimmen gegen 20 beschließt sodann die Kammer die Veranstaltung
einer allgemeinen Volksbefragung über die zukünftige Staats- und
Regierungsform Luxemburgs. Sämtliche Luxemburger und Luxemburgerinnen
sollten dabei das Wort haben.
Für diesen Antrag stimmten die Rechte sowie die HH. Noesen, Prüm,
Schmitz, Vinandy, Böver, Glesener, Hemmer, Herschbach und Kellen.
Es stimmten dagegen die HH. Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark,
Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos.
Thorn, Blum, Brasseur, Diderich, Gallé, Housse, Kieffer und Koch.
* * * * *
Auch der Sonntag, 16. März, war schon ein Fest des nationalen
Gedankens geworden.
An dem Tage sollten die luxemburgischen Legionäre in der französischen
Armee von der Heimat begrüßt und gefeiert werden. Sie hatten
auf Frankreichs Boden für das Recht und für die Freiheit, für
Frankreich, aber zugleich, wie sie mit Stolz betonten, für den
Bestand des unabhängigen Vaterlandes gekämpft und geblutet. Hunderte
von ihnen waren gefallen. An den heißesten Sturmtagen an der Somme,
an der Aisne, bei Verdun schrieb sich die Luxemburgische Legion mit
Flammenzügen in die Listen der Verluste, in die Tafeln des Ruhms, in
das Dankesbuch der Geschichte.
Französische Abgeordnete, Senatoren und andere Politiker begleiteten
sie. Die Herren kamen auch, um zu beobachten und die luxemburgische
Volksseele zu belauschen.
Die Vereine Luxemburgs zogen zum Empfange auf. In der Halle des alten
Stadthauses wurde den Legionären im Beisein von Gemeinderat und
Regierung die Ehrenfahne überreicht.
Von den übrigen Festveranstaltungen war die Regierung absichtlich
ferngehalten worden. Die Einladungen dazu gingen aus von den erklärten
Gegnern der Dynastie, zum Teil sogar des unabhängigen Großherzogtums.
Das war häßlich. Am Tage des Vaterlandes hätte das Haupt der
Landesregierung nicht fehlen dürfen.
Wenig vornehm erschien auch die Kundgebung, zu der sich für den Tag
der Vorstand der französischen Liga verpflichtet wähnte.
Eine zu Ehren der Legionäre veröffentlichte Festschrift enthält
auf der letzten Seite das Programm der Liga in acht Forderungen,
gezeichnet von sämtlichen zwanzig Vorstandsmitgliedern. Dort liest man
Forderungen wie die folgenden: „.... Absetzung der Dynastie Nassau --
das republikanische Luxemburg unter der Schutzhoheit Frankreichs usw."
Man merkt daraus: Auch die Luxemburger Vaterlandsfreunde im
„französischen Bund" hatten nicht abgerüstet. Sie waren, durch üble
Erfahrungen gewitzigt, für den Augenblick etwas politischer geworden.
Früher wollten sie mit selbstmörderischem Opfermut aus dem freien
Großherzogtum ein ganzes oder halbes französisches Departement machen.
Heute gaben sie sich mit einer Republik als französischem Bundes- und
Vasallenstaat zufrieden. In heißer Erwartung natürlich des Besseren
und Stolzeren, das in ihren Träumen oder in ihren Berechnungen der
Erfüllung harrte.
Bei solchen Gesinnungen auf Seiten der Festveranstalter durften
unsere Legionäre auch nicht den Weg zur Landesherrin finden. Nicht
einmal am großherzoglichen Palaste sollten sie vorbei. Es wiederholte
sich dasselbe klägliche Spiel, das ein erstes Mal beim Einzug der
Amerikaner in Anwesenheit des Generals Pershing abgekartet worden war.
Aber sie sind doch gekommen, aus freien Stücken; mit ihrem
Oberstleutnant Rollet, dem Tapfersten der Tapfern von denen, die die
Tapferkeitsschnur in der Blutfarbe der Ehrenlegion tragen durften.
„Wir müssen uns ja bei unserer Regierung melden, hieß es in schlichter
Rede aus dem Munde der Wackern; wir alle sind einig in der Liebe zu
unserm lieben Land und zu seiner freien Zukunft."
Auch zur Großherzogin ging wenigstens eine Abordnung hin, um der
Landesfürstin zu huldigen.
Beim Festbankette stiegen hohe Reden von Einheimischen und Ausländern.
Die Phrase schwebte und das Pathos schwang.
Für die von allen Seiten in der Hauptstadt zusammengeströmten
Landeskinder aber wie für die Legionäre selbst, wurde der Sonntag zu
einem Tag der Nation: „+Mir welle bleiwe, wat mir sinn+", so
stand auf den Fähnchen zu lesen, die zum Besten der Hinterbliebenen
gefallener Legionäre auf den Straßen verkauft wurden.
Den Feinden eines freien selbständigen Luxemburgs im Großherzogtum
selbst brachte der 16. März also trotz aller Schläue, keine Freude.
Und doch, hätten sie alles erfahren, sie hätten wieder neue Hoffnungen
geschöpft und verstärkten Radau geschlagen. Kurz nachher kam mir
nämlich von dem vertrauten Freunde aus Paris folgende Meldung:
„Am 19. März traf ich einen hiesigen Deputierten, der mir mitteilte,
er gehe in einer halben Stunde mit vier Kollegen zu Clemenceau, um
ihm über ihren Besuch in Luxemburg zu berichten. Der Herr erzählte
dann und schloß seine Schilderung des Legionärfestes mit dem lapidaren
Spruch: „+Pas de Princesse boche!+" Ich erwiderte: „Hören Sie
mal, wenn es so steht, wie konnte man dann das Großherzogtum dermaßen
zum besten halten?" Er entgegnete scharf: „Reuter hat nicht die
Wahrheit gesagt". Ich staunte, überlegte und fand mich bewogen, ihm
folgende Rede zu halten: „Kurz vor Neujahr wurde mir ein wichtiger
Zwischenfall erzählt, von dem ich noch zu niemand gesprochen habe
und den ich Ihnen jetzt verraten will, da mir keine Verschwiegenheit
auferlegt wurde. Ich gebe Ihnen die Sache aber als durchaus verbürgt.
Als Ende 1918 Großherzogin Maria-Adelheids Stellung erschüttert
schien, wandte sich die luxemburgische Regierung durch eines ihrer
Mitglieder an den Diplomaten und Minister Mollard, mit der Frage,
ob seines Erachtens die Prinzessin Charlotte nicht die Nachfolge
ihrer Schwester antreten könne. Der Diplomat erbat sich einige Tage
Bedenkzeit. Dann antwortete er, dieser Nachfolge stehe kein Hindernis
im Wege. Ein verantwortlicher Minister spricht aber bekanntlich nicht
in seinem eigenen Namen, sondern im Namen seiner Regierung! Nur aus
dem Grunde gewiß hatte Herr Mollard auch Bedenkzeit gefordert." Der
Abgeordnete schien durch diese Mitteilung lebhaft berührt. Und ganz
unvermittelt fragte er auf einmal: „Sagen Sie mal, wer ist eigentlich
dieser Herr Dr. Welter?"
„Des andern Tages begegnete ich dem Abgeordneten wieder und fragte,
wie denn die Audienz bei Clemenceau verlaufen sei. „Das ist alles
strenges Geheimnis", war die Antwort. Kurz nachher aber erfuhr ich
doch, Clemenceau habe den Politikern, die einem Anschluß Luxemburgs an
Frankreich das warme Wort redeten, entgegnet: „Was wollen Sie? Wenn
die Belgier Luxemburg haben wollen, sollen sie es sich nehmen." Die
Besucher erhoben erregten Einspruch. Clemenceau aber rief: „Jedenfalls
dulden wir keine preußische Fürstin mehr. Fort auch mit den kleinen
Staaten! Wenn Belgien Luxemburg nicht erhält, so stecken wir es ein.
Aber, meine Herren, so schloß der Alte, gehen Sie doch zu Pichon. Der
weiß in der Frage besser Bescheid."
Diese Mitteilung schuf mir keine besondere Unruhe. Die verblüffenden
Sprünge der Launen auch noch des greisen „Tigers" waren ja allgemein
bekannt. Es sollte uns später nach einem besonders entscheidenden
Augenblick eine weitere Probe seines politischen Humors aufgetischt
werden.
XVIII.
Am 2. April 1919 befaßte Herr Reuter die Kammer mit der Vorlage auf
Veranstaltung eines Referendums über den wirtschaftlichen Anschluß.
Wir kamen nämlich auch auf wirtschaftlichem Gebiete keinen Schritt
vorwärts. Die allgemeine Lage bedrückte das Land bis zur Beklemmung.
Die Stimme des Volkswillens schien auch hier allein noch retten zu
können.
Da kam am 5. April aus Paris folgende halbamtlich vertrauliche Meldung:
„Über die im politischen Referendum gestellten Fragen spricht sich
Frankreich nicht aus; die Republik denkt nicht daran, sich in die
innere Politik des Großherzogtums einzumischen.
Frankreich war immer der Ansicht, daß sich das Luxemburger Volk in
Freiheit über seine Wünsche und Bestrebungen äußern dürfe.
Im Irrtum befindet sich, wer Frankreich, und im besondern Herrn
Pichon, feindselige Gesinnungen gegen Großherzogin Charlotte beilegt.
Die Tatsache, daß sie den deutschen Hofmarschall entfernte und sich
mit Luxemburgern umgab, wurde ihr besonders gut geschrieben.
Wenn die verschiedenen Mächte, und nicht nur Frankreich, die
Mitteilung ihrer Thronbesteigung bis heute noch nicht beantwortet
haben, so liegt der Grund dafür an den unsichern, verworrenen
Verhältnissen in Ihrem eigenen Lande; zugleich an den von Seiten
bestimmter Parteien fortdauernd erhobenen Beschuldigungen, als hätte
sich die Dynastie während des Krieges am Nationalbewußtsein vergangen.
Auch die revolutionäre Bewegung mit der unmittelbar darauf erfolgten
Abdankung Maria Adelheids und noch weitere Gründe tragen zu dieser
Unsicherheit bei.
Bis heute ist es nicht möglich, sich von den Wünschen des Volkes bei
Ihnen Rechenschaft zu geben. Ehe man zu einem Entschlusse kommen darf,
will man vorher klar sehen."
Durch großherzoglichen Beschluß vom 10. April 1919 wurde endlich das
luxemburgische Volk für Sonntag, den 4. Mai, an die Urne gerufen,
um über die dynastische Frage und die zukünftige Staatsform zu
entscheiden.
Der Stimmzettel sollte lauten:
„Ich wünsche:
die Beibehaltung der Großherzogin Charlotte;
die Beibehaltung der Dynastie unter einer andern Großherzogin;
die Einsetzung einer andern Dynastie;
die Einführung der Republik."
Am 11. April begannen zugleich in der Kammer die Besprechungen über
das ~wirtschaftliche~ Referendum.
Der Staatsrat, dem am 22. Februar die Frage unterbreitet worden
war, ob der wirtschaftliche Anschluß des Landes der Gegenstand
eines Referendums bilden könne, war nicht ohne Bedenken. Er empfahl
aber schließlich die Vorlage aus der Erwägung heraus, daß die
Einzelinteressen in ihrer Mehrheit mit den Gesamtinteressen des Volkes
möglichst genau zusammenfallen dürften.
Die Regierung (ich bekannte mich stets zu dieser Auffassung) wollte
den Ausgang des Referendums eher als einen Wunsch und eine Richtlinie
denn als wirklichen Auftrag entgegennehmen. Das Referendum sollte
angeben, mit welchem Land das Luxemburger Volk an erster Stelle
wirtschaftlich verhandeln möchte. Niemals aber dürften Kammer und
Regierung dadurch genötigt werden, mit dem bezeichneten Land um jeden
Preis und zu jeder Bedingung abzuschließen.
Den letzten unserer mit dieser öffentlichen Kundgebung verbundenen
Gedanken umschrieb mit aller Deutlichkeit in der Sitzung vom 15.
April der Abgeordnete Probst, als er sagte: „.... Die Regierung
wünscht schließlich, Frankreich freie Hand zu geben für den Fall,
wo sich das Referendum für den französischen Anschluß ausspräche,
denn es ist heute ja ein offenes Geheimnis, daß Frankreich Belgien
bestimmte Versicherungen und Versprechen wegen eines Wirtschaftsbundes
mit Luxemburg gegeben hat; dafür will sich Frankreich aus Rücksicht
auf Belgien in keinerlei Weise in diese Angelegenheit einmischen.
Belgien aber beruft sich auf das ihm gegebene Versprechen oder die
ihm gegenüber eingegangene Verpflichtung. In diesen Ansprüchen und
Bestrebungen wird es von den Vereinigten Staaten, von England und von
Italien unterstützt. Damit ist es dem französischen Außenminister auch
unmöglich gemacht, irgendwelche Verpflichtung zu übernehmen noch in
irgend eine Verhandlung einzutreten."
Diese Worte legten die internationale Lage in vortrefflicher Klarheit
dar und sollten bald ihre Bestätigung finden.
Am 14. April benachrichtigte die belgische Regierung die
luxemburgische amtlich von ihrem Wunsch, mit dem Großherzogtum wegen
eines wirtschaftlichen Anschlusses zu verhandeln.
Im Vormittag des 16. April lief vom luxemburgischen Geschäftsträger
eine Drahtung ein, mit der dringenden Bitte an den Staatsminister, das
Gesetz über das Referendum aufzuschieben.
Gegen 1 Uhr erschien aus Trier der amerikanische General Smith mit der
Meldung, der Viererrat wünsche den Aufschub des Referendums bis nach
dem Abschluß des Vorfriedens. Die Friedenskonferenz wolle mit diesem
Wunsch die Arbeiten des Kongresses vor jeder unliebsamen Störung
sichern und zugleich die glückliche Lösung der luxemburgischen Frage
fördern.
Staatsminister Reuter brachte noch an demselben Nachmittag den Wunsch
des Viererrates der Kammer zur Kenntnis und beantragte dementsprechend
den Aufschub der Debatten zur Referendumsvorlage.
In einer Geheimsitzung kam es deswegen zu erregten Erörterungen. Viele
Abgeordnete empfanden, und dies Gefühl wurde von der Öffentlichkeit
mit Entrüstung geteilt, diesen Wunsch als eine Zumutung, als
eine Vergewaltigung des von Wilson so feierlich verkündeten
Selbstbestimmungsrechts auch und besonders der kleinen Völker.
Am folgenden Tage trat die Kammer mit leidenschaftlichem Ungestüm in
die Besprechung der Lage ein. Die Anhänger des belgischen Anschlusses
drängten auf Abbruch der Debatte. Die Liebhaber der französischen
Lösung wollten sich das Recht wenigstens auf ~Fortsetzung der
Besprechung~ nicht nehmen lassen; sie wollten das Gesetz zur Hand
haben, für den Tag, wo das Referendum von den Großmächten zugestanden
würde. Die Ruhigdenkenden predigten Vernunft und empfahlen Rücksicht
auf die gewiß guten Absichten der Mächte, denen nur zeitweilig um die
Vorbeugung bestimmter internationaler Schwierigkeiten zu tun sei.
Aus Brüssel kam, am Vormittag des 17. April, dem Staatsminister ein
amtliches Schreiben des Inhalts:
„Die Regierungen Englands und der Vereinigten Staaten ersuchen die
luxemburgische Regierung, das Referendumsgesetz hinauszuschieben.
Die französische Regierung ist auf dem laufenden und gibt alle
Ansprüche auf Luxemburg auf, um den Wünschen seiner Verbündeten nicht
entgegenzustehen. England und Nordamerika wollen um keinen Preis, daß
Luxemburg, unter dem Anschein eines wirtschaftlichen Anschlusses mit
Frankreich verbunden, von diesem später annektiert werde. Regierung
und Kammer befänden sich in ganz heikler und falscher Stellung, wenn
die Kammer ein Gesetz erledigte, das auf Befehl der Mächte müßte
rückgängig gemacht werden."
Ein Anruf in Paris bestätigte noch an dem Abend, daß Frankreich
tatsächlich auf dem laufenden sei.
Mit General Smith hatte die Regierung am 17. April eine neue
Besprechung. Auf die Frage, ob auch ein Aufschub des politischen
Referendums gewünscht werde, wußte er persönlich keine Antwort. Doch
erklärte er sich bereit, auf dem Luftweg einen Brief an Präsident
Wilson gelangen zu lassen, bei dem wir genaueren Aufschluß erfragen
könnten.
Das tat Herr Reuter noch in derselben Stunde.
„... Luxemburgs Kammer und Regierung, so schreibt er u. a., haben
beschlossen, dem Wunsche der Friedenskonferenz zu entsprechen.
Nur gestatten wir uns, Ew. Exzellenz darauf aufmerksam zu machen,
daß die Kammer bereits am 21. März ein Gesetz erlassen hat, das ein
Referendum vorsieht über die Beibehaltung der regierenden Dynastie
sowie über die Staatsform. Dieses Gesetz ist seit geraumer Zeit
veröffentlicht und das Referendum auf den 4. Mai festgesetzt. Es
bezieht sich ausschließlich auf die innere Landespolitik.....
Eine Mitteilung unseres Geschäftsträgers in Brüssel, in dem nur
von einem Aufschub des wirtschaftlichen Referendums die Rede geht,
bestärkt uns in der Auffassung, daß die Ausführung des politischen
Referendums von Seiten der Großmächte nicht beanstandet werden dürfte.
Wir wären Ew. Exzellenz sehr verbunden, wenn Sie uns diese Auslegung
dringlich bestätigen wollten.....
Zugleich wünschen wir angelegentlich, unser Volk wegen seines Rechtes
auf freie Selbstbestimmung beruhigen und ihm zugleich jetzt schon die
Versicherung geben zu können, daß es sich nur um einen ~Aufschub~
des wirtschaftlichen Referendums handelt und daß es ihm nach
Friedensschluß freisteht, das Referendum, falls es immer noch als
nützlich und notwendig erachtet wird, vorzunehmen."
Schon am 19. April vormittags überbrachte General Smith Wilsons
Antwort.
„Der Präsident, hieß es darin, hat die Mitteilung der luxemburgischen
Regierung dem Viererrat unterbreitet. Der Rat hält es für angezeigt,
die beiden Volksbefragungen aufzuschieben. Der Präsident gibt dem
Großherzogtum die Zusicherung, daß ihm sein Wohl am Herzen liegt;
er wird sein Möglichstes tun, damit seine Bevölkerung ihre Zukunft
wunschgemäß ausgestalten kann. Der Rat begrüßt den Aufschub der beiden
Referenden als eine freundschaftliche Handlung von Seiten Luxemburgs."
Auf eine weitere Frage des Staatsministers antwortete der General,
seiner Überzeugung gemäß dürfe die Luxemburger Kammer das
wirtschaftliche Referendum durch Gesetz beschließen, nur sollten wir
dessen Ausführung hinausschieben. Auf dem Friedenskongreß aber werde,
der Zusicherung des Präsidenten gemäß, über unser Land gewiß nicht
verfügt werden, ohne daß sein Volk vorher gehört worden sei.
Am 21. April wurde aus Brüssel gemeldet:
„Die Regierung des Königs hat sich bei der Friedenskonferenz die
Unterstützung Englands und der Vereinigten Staaten sowie den Verzicht
Frankreichs zu holen gewußt. Die Mächte haben beschlossen, daß der
wirtschaftliche Anschluß zwischen Belgien und Luxemburg erfolgen müsse.
Die belgische Regierung ist gesonnen, mit dem Großherzogtum auf dem
Fuße völliger Gleichheit zu verhandeln, beseelt von dem Wunsche, den
Vertrag zur vollen Zufriedenheit der beiden Länder zu tätigen.
Belgien achtet Luxemburgs Selbständigkeit und schützt seine Dynastie.
Diese bestimmte Zusage des Königs Albert ist mir noch diesen Morgen
ausdrücklich vom Ersten Minister wiederholt worden.
Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ein anderes Land gegen die
Großherzogin Bedenken erhebe; in dem Fall wird ihr königlicher Vetter
ihr zu Hilfe kommen.
Wenn sich die belgische Regierung bis jetzt in dieser Frage nicht
amtlich erklärt hat, so geschah es, um nicht die Gunst der radikalen
Parteien des Großherzogtums zu verscherzen, die der erlauchten Fürstin
so feindselig gegenüberstanden, daß es sogar die Regierung für
angezeigt und geboten hielt, durch ein Referendum die Beibehaltung der
Dynastie beschließen zu lassen.
Heute ist, meiner Auffassung nach, ein dynastisches Referendum
überflüssig geworden; ein wirtschaftliches aber könnte für uns
gefährlich werden.
Belgien ist entschlossen, uns mit seinem ganzen Einfluß zu
unterstützen. Es gedenkt, weder unserer Selbständigkeit noch unserer
Dynastie zu nahe zu treten. Wir dürfen uns seiner Ehre und seiner
Aufrichtigkeit ganz anvertrauen...."
Dieses Schreiben fand teilweise seine Bestätigung in der amtlichen
Eröffnung, die am 22. April der belgische Geschäftsträger im Namen
seiner Regierung Staatsminister Reuter überreichte.
Auch in diesen Zusicherungen der Regierung verwahrt sich Belgien
gegen jedes annexionistische Gelüst, das sich unter der Decke eines
wirtschaftlichen Anschlusses verbergen könnte. Diese wirtschaftliche
Annäherung werde, das hoffe die Regierung König Alberts, für den
luxemburgischen Staat statt einer Gefahr, eine neue Gewähr seines
Bestandes bilden.
Von der Dynastie geht, auffallenderweise, in dieser eingehenden
Regierungserklärung keine Rede.
XIX.
Am 24. April begannen in Brüssel die Verhandlungen über einen
wirtschaftlichen Abschluß zwischen Belgien und Luxemburg. Die Herren
Neyens und Collart vertraten die luxemburgische Regierung.
Am 25. folgte ich, in Vertretung des Staatsministers, der in Luxemburg
zurückgehalten wurde.
Ich empfand die Stimmung in Brüssel gar nicht so freundlich, wie sie
uns geschildert worden. Belgischerseits schienen sich die Herren Orts
und de Bassompierre noch immer mit besonderen Hintergedanken zu tragen.
Um so herzlicher trat uns der Regierungschef, Herr Delacroix, entgegen.
Als wir uns am Vormittag des 26. April zur Abschiedssitzung
zusammenfanden, fühlte sich Herr Orts veranlaßt, in etwas scharfem
Ton, auf eine für den folgenden Sonntag in Luxemburg geplante
Volkskundgebung zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit
aufmerksam zu machen. Es sei dies eine antibelgische Kundgebung und
die Brüsseler Regierung mache die luxemburgische verantwortlich für
alle etwaigen Ausschreitungen gegen Belgien und die belgische Fahne.
Wir erwiderten kurz und kühl, Luxemburg habe das Recht, wie jeder
andere selbständige Staat, seinen Willen zur Ausübung seines
Selbstbestimmungsrechtes auf seine Weise zu betonen. Wir seien der
Auffassung, die Kundgebung richte sich durchaus nicht gegen Belgien.
Im übrigen hätten wir Vertrauen in die Besonnenheit unserer Mitbürger.
Nein, nein, von Herzlichkeit war dieser Ton noch weit entfernt.
Und solche Reden führte ein belgischer Minister gerade in Brüssel,
an dessen Ecken immer noch die Annexionskarten prangten mit der
auffälligen, tiefroten Hervorstreichung der früher von Belgien
„losgetrennten" Gebiete; die luxemburgische Wunde an der Ostflanke
Belgiens blutete besonders breit und rot! Tatsächlich ein aufreizend
häßlicher Fleck! Es hieß noch immer sich vorsehen.
Die zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit als feierlicher
Verwahr gegen den Gewaltspruch des Viererrates und dessen Eingriff
in die freie Betätigung des Luxemburger Volkswillens vorbereitete
Massenkundgebung vom 27. April verlief eindrucksvoll und ohne
Zwischenfall. Die meisten Gemeinden des Landes sind vertreten.
Mitglieder feindlicher Parteien schreiten Arm in Arm. Unzählige
Schilder künden dieselben Wünsche und die gleichen Forderungen.
Aus den Falten der hundert Fahnen und Banner rauscht im Sturmhauch
der die Straßen fegenden Windsbraut die alte Liebe und das neue
Verlangen. Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung wird unter
Anrufung Wilsons machtvoll betont. Der Wille zur Fortdauer in Freiheit
und Unabhängigkeit kommt bezwingend zum Ausdruck. „+Letzeburg de
Letzeburger!+" ist die Losung des Tages. „+Mir welle bleiwe
wat mir sinn+" ist der Herzensschrei vieler Tausende, der auf
den Schallwogen ununterbrochen sich ablösender Musikkapellen über
die Firste und Türme der Hauptstadt ins Land hinausgetragen wird.
Dieser Sonntag wurde wirklich zu einem Weihefest der Nation, zu einem
fröhlichen Ostern für die unsterbliche Seele des Vaterlandes.
Am 6. Mai führte die Regierung einen Entschluß aus, mit dem sie sich
lange getragen hatte. Er wurde, nach dem Eingreifen der Großmächte in
des Landes Geschick, als Notwendigkeit empfunden.
An dem Tage wandte sich Staatsminister Reuter in einem
bedeutungsvollen Schreiben an die Herren Clemenceau, Wilson, Lloyd
George und Orlando, bei denen damals Europas Zukunft lag.
Er erinnerte vorerst an den auf Wunsch der Großmächte verfügten
Aufschub des Referendums und schrieb im Vertrauen auf das feierlichst
festgelegte Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker wie folgt:
„Das luxemburgische Volk ist überzeugt, daß die Friedenskonferenz
nicht daran denkt, die eine oder andere an die Regierungsform und die
Lebensbedingungen des Großherzogtums rührende Frage zu regeln, ohne
das Land vorher in seinen berufenen Vertretern anzuhören.
Dieses Vertrauen wird gekräftigt durch den Inhalt der Mitteilung,
die uns im Namen der Friedenskonferenz zuging und aus deren
Wortlaut erhellt, daß es unserm Volke anheimsteht, gleich nach
Unterzeichnung des Vorfriedens in aller Freiheit das Referendum über
die Lebensfragen, die sein politisches und wirtschaftliches Schicksal
bestimmen, vorzunehmen.
Das luxemburgische Volk wäre dem Rat der Großmächte zu besonderm
Dank verpflichtet, wenn es ihm in der kritischsten Stunde der
folgenschwersten Entschlüsse gestattet würde, durch seine Vertreter
die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und die
Wünsche seiner Bürger darzulegen.
Es äußert diesen Wunsch in Erinnerung an die zahlreichen
luxemburgischen Freiwilligen, die unter den Fahnen der Entente gedient
und ihr Blut für das Recht und die Freiheit vergossen haben."
Am 24. Mai gegen Abend überbrachte der luxemburgische Geschäftsträger
in Paris folgenden Bescheid:
„Mein lieber Minister!
In Beantwortung Ihres Schreibens vom 6. Mai darf ich Ihnen im Auftrag
des Rates der Großmächte mitteilen, daß der Rat gerne bereit ist, zu
jeder Zeit eine luxemburgische Abordnung zu empfangen zur Darlegung
der Luxemburgs unmittelbare Zukunft berührenden Fragen, die die
verbündeten Mächte in aller Aufrichtigkeit einer für die Luxemburger
günstigen Lösung entgegenführen möchten.
Haben Sie die Güte, mir auf jedem beliebigen Wege mitzuteilen, wann
eine solche Abordnung nach Paris kommen könnte. Wir werden dann das zu
einer Audienz Nötige veranlassen.
Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Luxemburgs glückliche Zukunft
Ihr aufrichtigst ergebener
Woodrow Wilson."
Herr Reuter antwortete umgehend, die luxemburgische Vertretung stehe
zur Verfügung des Hohen Rates.
Am 27. Mai kam die Nachricht, der Viererrat werde die Vertreter des
Großherzogtums am Mittwoch, 28. Mai, gegen 4 Uhr nachmittags empfangen.
In der Kammer ging es beim Bekanntwerden dieser Meldung wieder einmal
nicht ohne Widerstand ab.
Vorerst gelte es, so führten die beiden Linken aus, zu untersuchen,
wer das Recht habe, als Vertreter des Landes vor dem Hohen Rate zu
reden. Die Regierung nicht, jedenfalls nicht allein; denn sie vertrete
in der Kammer nur eine Partei und nur einen Teil des Landes. In der
feierlichen Stunde aber müßten in Paris sämtliche Schichten der
Bevölkerung vertreten sein.
Sie stellten also durch den Mund des Herrn Brasseur den Antrag, die
nach Paris zu entsendende Vertretung solle zusammengesetzt werden aus
Abgeordneten sämtlicher Parteien sowie aus mehreren Mitgliedern der
Regierung.
Diese Tagesordnung wurde abgewiesen mit 31 Stimmen gegen 15.
Die Rechtspartei ihrerseits schlug folgendes zur Abstimmung vor: „Die
Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und hofft, daß es ihr
gelinge, vor der Friedenskonferenz der Stimme des luxemburgischen
Volkes Gehör zu verschaffen und die gerechten Wünsche des Landes zur
Annahme zu bringen."
43 Stimmen bei 2 Enthaltungen billigten dieses Vertrauensvotum, sodaß
die von der Regierung bezeichnete Abordnung tatsächlich doch im Namen
des gesamten Volkes reden durfte.
Wir reisten noch denselben Abend ab, Herr Staatsminister Reuter,
Geschäftsträger Staatsrat Leclère, Geschäftsträger Staatsrat Lefort
und ich. Als Sekretär ging mit Herr Regierungsrat Funck.
* * * * *
Am 28. Mai fuhren wir um die angegebene Stunde an Wilsons Quartier,
dem Haus de Croisset-Bischoffsheim an der +Place des Etats-Unis+,
vor.
Bei unserm Eintritt trat die Wache, schlanke, stramme Sammies, ins
Gewehr.
Das Haus, das sich Wilson zur Residenz ausgewählt hatte, durfte sich
sehen lassen.
Gleich auf der Treppe bleckt uns ein gefleckter Tiger aus buntem
Marmor entgegen; dem andern Tiger sollten wir in einigen Minuten
gegenüberstehen.
An der Mauer glüht in satter Farbenpracht eine mythologische
Jagdszene. Der rotgestiefelte Jägerfuß auf dem schwarzen Vorderbein
des gefällten Keilers sprüht.
Ein amerikanischer Diener leitet uns ins Vorzimmer und ersucht zum
Sitzen. Der Mann hält unentwegt eine Zigarette zwischen den Zähnen und
bläst den Rauch gottvergnügt vor sich hin. Wir sind doch in Amerika!
Unter der Zimmerdecke laufen pompejanische Friese in sanfter
Abtönung. Über der Türe blinkt die Erdkugel in Gold, zwischen zwei
kranztragenden Genien.
Drunten im Garten flutet Sonnenschein. Kastanien schatten, Goldregen
glüht, Efeu umsäumt die Beete, aus denen weiße Blumen heraufschimmern.
Wir müssen längere Zeit warten. Die Türe zum Hauptsaal steht offen.
Unser Zeremonienmeister rückt die Stühle und Sessel und dampft weiter.
Der Saal liegt im Zwielicht; aber ein Frauenbildnis leuchtet her; es
gemahnt an Velasquez. Landschaften und andere Bildnisse bekleiden die
Wände. Über dem vornehmen Kamin prangt ein Wappen mit Lilien, von zwei
Krokodilen gehalten, die birnendicke Tränen weinen.
Dieser Anblick verführt gar leicht zu einem bittern Schluß auf das
Arge, was im Zeichen bösen Mitleids in diesen Räumen vielleicht schon
an der Menschheit verbrochen wurde. Aber lassen wir die schneidende
Ironie! Und bleiben wir getrost. Unsere Schwäche ist unsere Stärke.
Heute ist es für einen Großen keine Ehre mehr, einem Kleinen weh
und unrecht zu tun. Ein erwachsener Schlingel, ein Kraftboxer, der
ein Kind quält, verfällt der Verachtung. Wilsons Botschaft hat
die Menschheit aufgeregt und er zwingt auch einen Clemenceau zu
Rücksichten. Unter seinen Augen dürfen wir uns sicher fühlen.
So harren wir der Viermänner, der Gebieter Europas, der Herren der
Erde.
Da tritt ins Zimmer ein kleiner, schlanker, weißer Herr. Erst trippelt
er zierlich, unhörbar an uns vorbei. Dann hält er an, macht kehrt und
stellt sich vor: „~Hymans!~" Herr Reuter seinerseits nennt die
Namen der Anwesenden. Herr Hymans lächelt, lispelt einige Worte und
verschwindet im Nebenzimmer.
Endlich erscheinen die Gewaltigen. Freundlicher Händedruck begrüßt
uns allerseits; Dolmetsch und Stenographen nehmen Platz. Eine
liebenswürdige Einladung von Seiten Clemenceaus: wir setzen uns. Er
ruht in einem Lehnstuhl mit hohem Rücken, Wilson auf einem Diwan; wir
andern sitzen auf niedrigen Polsterstühlen und Sesseln.
Clemenceau weist mit einem einleitenden Wort auf den Zweck der
Zusammenkunft hin und erteilt Herrn Reuter, der zu seiner Rechten
sitzt, das Wort.
Inzwischen habe ich Muße, die allmächtige Vierheit zu mustern.
~Clemenceau~ macht trotz seiner 80 Jahre einen frischen Eindruck.
Unter den grauen Brauenbüscheln dringt aus den schräggeschnittenen
Augen ein fester Blick scharf hervor. Der hängende graue Schnurrbart
unterstreicht den mongolischen Ausdruck des Gesichts. In der massig
untersetzten Gestalt und bei der fast orientalischen Starre in
Antlitz und Haltung erinnert der mächtige Greis an einen imposanten
chinesischen Obermandarin mit der weltüberlegenen Seelenruhe eines
Buddha.
Clemenceau trägt graue Handschuhe, die er nicht ablegt. Beim Sprechen
beugt er das Haupt an die hohe Lehne zurück, legt die grauen Hände auf
die Stuhlarme und spricht bald mit geschlossenen Augen, als gehe er
innern Gefühlen nach, bald mit geradeaus gerichtetem Blick, als sehe
er über die Häupter der Anwesenden hinweg in grenzenlose Weiten. Er
spricht langsam, klar und gewählt. Die Rede ergießt sich anfangs etwas
eintönig, schwillt an, fließt lebhaft, behauptet bestimmt, entscheidet
stark, fordert mit metallischer Resonanz. Keine längere Pause
unterbricht die Satzfolge. Jedes Wort ist überlegt und findet sich
wie von selbst an seinen Platz. Die Aufmerksamkeit ist mit dem ersten
Wort gefesselt und bleibt wach. Dabei ruhen die Hände fast beständig
um die Stuhllehne; selten nur lösen sie sich zu einer kurzen,
kraftvollen Geberde. Bei einer persönlichen Wendung kann das graue
Auge ungemein freundlich aufleuchten und lächeln, und aus der Rede
plaudert einschmeichelnde Vertraulichkeit. Der kühle Berechner, dessen
Sarkasmus so rücksichtslos beißen kann, wird dann zum herzgewinnenden
Zauberer.
Der viel jüngere ~Wilson~ sieht hinter seinem Tischchen auf
dem breiten Sofa ungleich älter aus. Der schlanke Herr in Schwarz,
mit dem hagern, glatten Gesicht scheint eitel Feierlichkeit, ein
Professor, der stark an den Reverend mahnt. Müdigkeit friert über
dem Antlitz und Starre fesselt seine Haltung. Das Auge ruht glanzlos
hinter dem Glas. Von den schmalen bleichen Lippen graben sich tiefe
Furchen hinunter. Die Wangen sind grau und schlaff. Dieser Mann
scheint in den letzten Wochen Erschütterndes durchlebt zu haben.
Geheime Leiden und schlaflose Nächte haben seinen Zügen ihren scharfen
Stempel eingedrückt. Sein Antlitz trägt den fahlen Widerschein all
der Enttäuschungen, die er innerhalb weniger Wochen auf europäischem
Boden erleben mußte. In ihm wurde der Idealismus wieder einmal das
Opfer der Politik. In der Weltentfremdung seiner Gedanken entwarf sich
der Professor ein Programm, das seinen Inhalt und seine Zuversicht
schöpfte aus den amerikanischen Vorstellungen von Demokratie und
Freiheit, unter Mißachtung der Hemmnisse und Schwierigkeiten, denen
seine Verwirklichung begegnen mußte. Wie er, so kannten auch seine
nächsten Vertrauten sich nicht aus in den Mitteln und Winkelzügen der
europäischen Staatskunst. Den Meistern im Ränkespiel am grünen Tisch
war der „reine Tor" aus dem weißen Haus nicht gewachsen. Clemenceau
und Lloyd George haben seine Unschuld verstrickt und seine auf den
vierzehn Artikeln aufgebaute Welt des Völkerrechts und Völkerfriedens
untergraben. Worin Wilson eine heilige Sendung erblickte, daraus
machten diese beiden Realisten ein Geschäft im großen. Wo er
allgemeine schöpferische Gedanken vertrat und Menschheitsprinzipien
aufstellte, da verfolgten George und Clemenceau ihren nationalen
Sondervorteil, holten sich Revanche für die Vergangenheit und sorgten
rücksichtslos für die Zukunft.
Wie es diesem Manne mit allem heiliger Ernst ist, verrät seine
gegenwärtige Haltung zur Genüge. Regungslos sitzt er und horcht auf
eine Rede, deren Französisch er nicht versteht. In bestimmten Pausen
kommt der Dolmetsch zu Wort. Dann lauscht Wilson mit gespannter
Aufmerksamkeit. Man merkt: dieser Mann fühlt sich verantwortlich; er
sucht, wo das Recht ist.
Heute, wo nach einem vorzeitig tragischen Zusammenbruch seine
Körperlichkeit dahin ist (dagger 2. II. 1924), denke ich dieses
Idealisten mit noch stärkerem Mitgefühl. In jenen Tagen richteten sich
an seiner Anwesenheit Millionen auf; die Herzen und die Hoffnungen
der Nationen hingen an seinem Mund und seinen Augen. Er ist auch
schließlich meinem Land ein Retter geworden.
Unter all den Persönlichkeiten, die auf der politischen Weltbühne
der Nachkriegszeit in Paris bei der größten Tragikomödie der neuen
Geschichte fördernd und hemmend, drohend und schachernd, zersetzend
und zerstörend mithalfen, steht er als ein leidender Held.
Wilson kam Ende 1918 übers Weltmeer als der erwartete Erlöser des
alten in seinem Kern erschütterten Europas. Da er in Cherbourg ans
Land stieg, jauchzten ihm die Völker zu als dem Moses, der sie unter
Vorauftragen der Tafeln seiner Vierzehn Gebote in das gelobte Land der
Völkerverbrüderung führen sollte. Aber die dunkeln Mächte gewannen
Macht über ihn. Statt aus der Höhe Herrscherworte zu reden, wozu ihn
seine Stellung als Oberhaupt des mächtigsten Volkes befähigt hätte,
ließ er sich von dem schlauen Clemenceau hinter den Beratungstisch
bannen, gab damit die Führerstellung an diesen selbst ab, geriet, bei
seiner Unkenntnis der französischen Sprache, in manche Verlegenheiten,
machte Zugeständnisse, wurde sich untreu, sank in Scham und Schwäche.
Er war gekommen, um unter den Streifen des Sternenbanners die hohe
Botschaft der Völkerrechte und des Menschheitsfriedens zu verkünden
und zu gründen. Er brachte übers Meer nach Haus den -- Friedensvertrag
von Versailles, für das 20. Jahrhundert vielleicht ein noch
schlimmeres Geschenk als es der hundert Jahre früher geschlossene
Wiener Vertrag für das 19. Jahrhundert gewesen ist. In Präsident
Wilson wurde hinter dem grünen Tisch ein neues Mal die Menschheit
betrogen.
Da ist ~Lloyd George~ ein ganz anderer Kerl, ein durchaus
quecksilberner Geselle. Untersetzt wie Clemenceau, mit einem klaren
Blick, in dem die Sicherheit glänzt, aber auch der Frohsinn, ja der
Mutwille lacht, über dem spöttisch gerafften Mund den etwas schüttern
grauen Schnurrbart, das lange, dünne Haar glatt zurückgestrichen, den
Kneifer am breiten Band, so hält er sich schweigsam im Hintergrund,
so belauscht er listig die Fremden, so schiebt er sich manchmal zu
Wilson hin und wechselt mit ihm lächelnd ein leichtes Wort; beim Gehen
schleift ein Fuß leicht nach. Von sämtlichen Anwesenden empfand ich
in jener Stunde Lloyd George als den Schläuling, der sich mit den
besondersten Gedanken trägt.
An ihm und den beiden Kollegen gemessen scheint ~Orlando~ das
leichte liebe Weltkind, das es im Leben nie ganz schwer gehabt hat und
dem nicht so rasch etwas durch die steife Hemdbrust an die Seele geht.
Wohlgepflegt, selbstzufrieden, gesund, ein gutmütiger Onkel, so sitzt
er da, tut als ob er besonnen zuhörte, läßt den goldenen Bleistift an
der Uhrkette um den Zeigefinger wirbeln und lächelt angenehm in die
Luft.
Herr ~Hymans~ darf wohl auf besondere Einladung hin als Fünfter
im Bunde thronen. Er scheint sich nicht besonders wohl zu fühlen. Dem
Gedankengang des Herrn Reuter folgt er mit spitzer Aufmerksamkeit.
Nach den ersten Worten Clemenceaus spielt in seinen Mienen eine
geheime Unruhe. Wenn des Alten Darlegung einen unvorhergesehenen
Gedankensprung macht, wird sein Gesicht zusehends länger. Bei
bestimmten Zusagen des Unberechenbaren schaut er verdrießlich, fast
betrübt. Seine ganze Person umfröstelt Kälte.
Ich sehe Herrn Hymans, ich denke zugleich seines Freundes Orts und mir
schießt durch den Sinn: „Trau ihnen nicht, sie meinen's falsch!"
Staatsminister Reuter findet mit den ersten Worten seiner längern Rede
eine natürlich sichere Haltung. Seine Sätze fließen klar und bestimmt.
Er macht sichtlich einen guten Eindruck. Clemenceau besonders folgt
seinen Worten mit ermunternder Freundlichkeit.
Über die Verhandlungen wurde ein Protokoll aufgesetzt, das ich hier
anfügen will. Dabei sind Herrn Reuters Ausführungen etwas gekürzt.
~Clemenceau~: Meine Herren, Sie haben den Wunsch ausgedrückt, von
uns gehört zu werden. Wir sind bereit, Ihnen das Wort zu geben. Im
Namen der Mächte und meiner Regierung danke ich Ihnen, daß Sie unserer
Einladung nachgekommen sind.
Reden Sie, bitte, ohne Vorbehalt. Sie stehen vor Männern, die
der Gerechtigkeit in einer friedlichen Ordnung nachstreben. Wir
werden handeln gemäß dem durch den Präsidenten Wilson festgelegten
Grundsatz: Der allgemeine Friede muß aufgebaut werden auf dem freien
Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Ohne jeden Hintergedanken, mit dem größten Freimut werden wir
Sie fragen. Sie geben Ihre Antwort in voller Freiheit. Unsere
Unterstützung ist Ihnen gewiß.
~Reuter~: Der Rat der Mächte begreift meine Bewegung in der
Minute, da ich vor Ihnen das Wort ergreifen soll. Ich danke den hohen
Herren vorerst für die freundliche Einladung an uns, die Wünsche des
kleinen Luxemburger Volkes vor der Friedenskonferenz darzulegen.
Vor ihrer Abreise nach Paris hat die luxemburgische Regierung mit der
Kammer Fühlung genommen. Sie hat in den großen Zügen das Programm
entworfen, das sie hier zu entwickeln gedenkt und dafür bei der Kammer
einstimmige Billigung gefunden. Unsere Abordnung spricht also im Namen
unseres ganzen Volkes.
Das Luxemburger Volk wünscht vor allem sein eigenes, unabhängiges
und selbständiges Dasein in möglichst enger Freundschaft mit den
verbündeten Mächten fortsetzen zu können. In dieser Unabhängigkeit
hat es von jeher seinen kostbarsten Schatz gesehen und es hat, seiner
Ansicht nach, nichts getan, um dieses großen Gutes beraubt zu werden.
Es hat den der Friedenskonferenz übermittelten Wunsch geäußert, in
den Völkerbund aufgenommen zu werden. In seinem Namen ersuchen wir um
Kenntnisgebung der besondern Bedingungen, die Luxemburg zu diesem
Eintritt auferlegt werden können.
Die Gestaltung und die Einrichtung unserer innern Staatsform wollen
wir in Freiheit regeln. Um unsere Staatsform auf der breitesten,
festesten und demokratischsten Grundlage zu errichten, beschlossen
wir, unsern Willen mit dem feierlichen Nachdruck des Referendums
zu äußern. Die von unserer Kammer bereits genehmigte politische
Volksbefragung wird zwischen Republik und Monarchie entscheiden und
sich über die Beibehaltung der Dynastie aussprechen.
Das luxemburgische Volk wagt zu hoffen, daß die Großmächte der
so getroffenen Lösung ihre Zustimmung nicht versagen. Diese
Hoffnung stützt sich auf den Grundsatz, auf den der Präsident der
Friedenskonferenz soeben hingewiesen hat.
Aus der kürzlich erfolgten Bekanntgabe der Friedensbedingungen
erfuhren wir, daß die Konferenz an die Abschaffung unserer Neutralität
denke, die 1914 allerdings durch eine der Garantiemächte verletzt
wurde. Das luxemburgische Volk möchte erfahren, welche Folgen
diese Aufhebung für unsere inländischen sowohl wie internationalen
Verhältnisse haben dürfte.
Hinsichtlich unserer wirtschaftlichen Orientierung wurde der
Friedenskonferenz bekannt gegeben, daß jede Beziehung zum deutschen
Zollverband endgiltig von uns gelöst ist. Aus diesem Wechsel ergibt
sich notwendigerweise eine Wendung nach den Ententemächten, wie sie
seit den ersten Tagen des Waffenstillstands in den Wünschen unserer
Regierung lag.
Die ideale Lösung dieser Frage bestände nach luxemburgischer
Auffassung in einem wirtschaftlichen Zusammenschluß mit Frankreich
und Belgien. Wir stehen zur Besprechung dieser Frage mit den beiden
Regierungen bereit.
Unsere sämtlichen Bevölkerungsklassen, Erzeuger und Verbraucher,
begrüßen in diesem Bündnis eine ideale Lösung. Eine von der Regierung
ernannte Studienkommission aber kam zu dem Schluß, daß dem Vorteil
der meisten Berufsgruppen in unserm Lande durch den wirtschaftlichen
Anschluß an Frankreich besonders gedient werde.
Diese Schlußfolgerung wurde seitdem lebhaft in Presse und Parlament
erörtert.
Wir haben die französische und die belgische Regierung von unsern
Absichten verständigt.
Belgien ließ uns wissen, es wünsche wegen eines Wirtschaftsbündnisses
mit uns zu verhandeln. Diese Besprechungen haben vor ein paar Wochen
begonnen und dauern an.
Die französische Regierung hatte uns im Monat Januar erklärt, die
allgemeine Lage scheine ihr nicht zu gestatten, schon jetzt solche
Verhandlungen anzuknüpfen; im günstigen Augenblick aber sei sie
bereit, den Antrag mit dem größten Wohlwollen zu prüfen.
Verschiedene wirtschaftliche Gruppen unseres Landes haben sich
ebenfalls mit der Frage beschäftigt. Mit einer einzigen Ausnahme
haben sich unsere Landwirtschaftsverbände für eine wirtschaftliche
Gemeinschaft mit Frankreich erklärt.
Unsere Eisenindustrie wünscht den wirtschaftlichen Bund mit beiden
Ländern; so sichert sie sich auch für die Zukunft die erforderlichen
Erze und ein möglichst weites Absatzgebiet. Bei Frankreich besonders
wird sie jedenfalls um den Vorzug nachsuchen, die Erze zu denselben
Bedingungen wie die benachbarte lothringische Eisenindustrie beziehen
zu dürfen.
Der Verband der landwirtschaftlichen Vereine erblickt in Frankreich
unsere natürliche Bezugsquelle für Kali und Sämereien. Auch dürften
die Erzeugungsverhältnisse in der luxemburgischen Landwirtschaft den
lothringischen Verhältnissen entsprechen.
Die luxemburgische Regierung bittet die Friedenskonferenz, Deutschland
zur zollfreien Einfuhr bestimmter landwirtschaftlicher Artikel zu
verpflichten, denn eine gebührenfreie Einfuhr bleibt während der
Übergangszeit für unsere Landwirtschaft eine Lebensfrage.
Wäre ein wirtschaftlicher Anschluß an die beiden Nachbarländer nicht
zu erreichen, so wünscht die Regierung unumstößlich feststellen
zu lassen, nach welcher Seite das wirtschaftliche Interesse des
Landes überwiegend neigt. Sie hat deshalb, im Einverständnis mit dem
Staatsrat, die Kammer mit einer Vorlage über die Abhaltung eines
wirtschaftlichen Referendums befaßt. Auf diesem Wege soll eine seit
Monaten im Lande erörterte Streitfrage endgiltig entschieden werden.
Unsere Bevölkerung hofft die beiden Länder, mit denen es verhandeln
möchte, durch diesen Ausdruck seines nationalen Willens leichter zur
Kundgebung ihrer Absichten zu bewegen.
Wir bitten die Konferenz, dem Großherzogtum den Weg zu Besprechungen
und Verhandlungen mit den beiden Ländern möglichst frei zu machen,
damit die Lösung dieser Frage in aller Sachkenntnis und Freiheit
getroffen werden kann.
Wir ersuchen zugleich den hohen Rat um Unterstützung unserer Ansprüche
auf Ersatz der dem Großherzogtum durch die deutsche Besetzung
verursachten Schäden. Unsere zukünftigen wirtschaftlichen Verbündeten
werden diese Ansprüche gewiß befürworten.
Ich hege die feste Zuversicht, daß die Wünsche meines kleinen Landes,
das sich beständig der Freundschaft und des Schutzes der Ententemächte
erfreuen durfte, bei den Vertretern der Großstaaten ein geneigtes Ohr
finden. Ich schmeichle mich der Hoffnung, daß der Rat der Mächte,
gemäß der so liebenswürdigen Zusicherung des Präsidenten Wilson, sein
Möglichstes tun wird, um den Wünschen des luxemburgischen Volkes zu
willfahren.
~Clemenceau~ (nach einem kurzen Seitenblick auf Herrn Hymans):
Wenn sich niemand zum Worte meldet, so will ich der luxemburgischen
Abordnung einiges zur Erwiderung sagen.
Drei Fragen wurden von ihrem Vorsitzenden gestellt.
Herr Reuter scheint vorerst darüber erstaunt, daß wir die Frage der
Neutralität aufgeworfen haben.
Die Erklärung ist einfach. Der Krieg hat bewiesen, daß die Neutralität
einen ungenügenden Schutz ausmacht. Belgien und Luxemburg haben das
erfahren. Es ist daher ganz natürlich, daß die Friedenskonferenz zu
der Ansicht kam, diese Frage müsse vorher geregelt werden. Das ist
alles, was ich über den Punkt sagen darf, und ich bin überzeugt, damit
den Gedanken meiner Kollegen auszudrücken.
Inbezug auf den zweiten Punkt täte es mir unendlich leid, wenn
die luxemburgische Regierung eine Art Mißachtung von seiten der
französischen Regierung in der Tatsache erblickte, daß diese sich noch
nicht zu wirtschaftlichen Verhandlungen bereit gefunden hat. Ich will
mich in aller Aufrichtigkeit aussprechen und ich hoffe (mit einem
flüchtigen Blick auf Hrn. Hymans), niemand der anwesenden Herren wird
sich verletzt fühlen, daß ich so rede. Wir wünschen zum Volk und zur
Regierung Luxemburgs die besten Beziehungen zu unterhalten. Sie sind
uns wohl bekannt. Groß ist die Zahl der Luxemburger in Paris und in
Frankreich; viele haben freiwillig ihr Blut auf Seiten der Verbündeten
vergossen. Diese Tatsache können wir nicht vergessen; ich halte
darauf, das zu betonen.
Das alles aber rührt an die allgemeine Politik. Wir wollen mit dem
Volke Luxemburgs auf dem besten Fuße stehen, aber wir wünschen, es
auch mit dem belgischen Volke ähnlich zu halten. Belgien ist in den
Kampf eingesprungen mit einem opferfreudigen Eifer, dem immer neues
Lob gebührt. Wir bewahren ihm eine große Dankbarkeit und wir sind
darauf bedacht, daß der Friede die durch diese Waffenbrüderschaft
geknüpften Bande noch enger und fester ziehe. Die Freundschaft
Belgiens war uns während des Krieges von größtem Wert. Sie bleibt es
während des Krieges. Wir wünschen besonders, daß bei allen unseren
Besprechungen mit Luxemburg auch Belgien sein Wort mitreden darf.
Weil uns aber die politische Lage noch nicht genügend geklärt
erschien, weil so manche Vorurteile noch nicht gehoben waren, hielten
wir es für nützlich, die bewußten Verhandlungen aufzuschieben. Einen
andern Grund für diesen Aufschub gibt es nicht.
Nun verstehen Sie auch das Gefühl, das uns bestimmte, Sie um
die Vertagung des wirtschaftlichen Referendums zu ersuchen. Wir
erachteten es als notwendig, den Geistern Zeit zur Beschwichtigung
zu geben, sowie eine heikle Frage, an der Luxemburg, Belgien und
Frankreich gleichermaßen beteiligt sind, nach ihren verschiedenen
Seiten zu betrachten. Es hätte uns tief geschmerzt, wenn der Wille
des luxemburgischen Volkes laut geworden wäre, bevor sich über das
jüngste große Kriegsgeschehen die verschiedenen Meinungen in Ruhe und
endgiltig hätten bilden können.
Deshalb, und wenn ich das in meinem persönlichen Namen ausspreche,
so weiß ich mich nach der zwischen uns gepflogenen Aussprache in
Übereinstimmung mit meinem Kollegen, deshalb bitte ich Sie, das
wirtschaftliche Referendum aufzuschieben. (Wilson stimmt eifrig zu.
Clemenceau wirft Herrn Reuter einen freundlichen Blick zu und legt ihm
die Hand zutraulich auf den Arm.) Die wirtschaftlichen und politischen
Fragen müssen als innerlich verwandt nach ihren verschiedenen Seiten
untersucht werden; wir würden uns alle behindert fühlen, wenn diese
Untersuchung nicht vollständig wäre. Mein Land wenigstens würde damit
in Verlegenheit sein, seine Ansicht in Freiheit zu äußern. Schließlich
läge es auch nicht im Vorteil des luxemburgischen Volkes selbst,
wenn es darauf bestände sich auszusprechen, ehe sämtliche damit
zusammenhängenden Fragen erledigt wurden.
Geben Sie sich doch, bitte, Rechenschaft von den Verhältnissen,
unter denen diese Konferenz zusammentrat. Wir kommen eben aus dem
furchtbarsten und blutigsten Krieg, den die Weltgeschichte kennt;
wir kamen hieher mit einem Programm, wie es sich schwieriger noch
für keine solcher Versammlungen gestellt hat. In Europa, in Asien,
in Afrika standen alle Fragen offen. All die alten Verbrechen der
Geschichte mußten mit ihren unseligen Auswirkungen vor unsern
Schranken erscheinen. Aus dem heißen Wunsch heraus, einen Frieden
der Gerechtigkeit zu schließen, damit es ein dauernder Friede werde,
mußten wir, und damit sage ich nichts, was Sie verletzen könnte,
vorerst an brennendere Grundfragen herantreten, bevor wir uns der
luxemburgischen Frage zuwenden konnten.
Aus dieser Gesinnung heraus ersuchten wir Sie um den Aufschub.
Ich bin glücklich darüber, denn gewisse Unstimmigkeiten, gewisse
Meinungsverschiedenheiten wegen Luxemburgs, scheinen ihrer
Beschwichtigung entgegenzugehen. Dieses glückliche Ergebnis wird der
ganzen Welt und an erster Stelle Luxemburg selbst zugute kommen.
(Lloyd George lehnt wie schlafend, mit geschlossenen Augen im
Sessel. Wilson beschreibt einen schmalen Zettel und läßt ihn zu ihm
hinüberbringen. Lloyd George wird munter, liest, lächelt, geht langsam
und schleppenden Ganges zu Wilson hin; beide tuscheln miteinander und
schmunzeln; dann kehrt der Premier unauffällig zu seinem Platz zurück.)
Es bleibt nun noch der wirtschaftliche Zusammenschluß. Ihr Volk,
Ihre Eisenindustrie, Ihre Landwirtschaft besonders würden, wie
Sie erklärt haben, aus einem Zollbündnis mit Frankreich Vorteil
schöpfen. Zugleich möchten Sie, wie nicht minder auch wir, die
wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Belgien, Frankreich und
Luxemburg zusammenschließen.
Über diesen Punkt fordere ich Sie nun zu einer Aussprache auf. Ich
freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich auch, daß Herr
Hymans zugegen ist. Wenn Ihnen an einer Besprechung zu dreien wegen
der wirtschaftlichen Ordnung gelegen ist, Frankreich ist bereit, dabei
das erste Wort zu reden.
~Hymans~: Wir haben die luxemburgische Regierung wissen lassen,
daß wir bereit sind, mit ihr zu verhandeln. Wir haben mit diesen
Besprechungen begonnen; sie berühren ausschließlich wirtschaftliche
Fragen.
~Clemenceau~: Ich wünsche nichts anders. Es würde mir sehr leid
tun, wenn ich Ihnen bei Ihrer Aussprache zu zweien als Eindringling
erschiene. Ich werde mich, wenn nötig, mit der geziemenden Rücksicht
zurückzuziehen wissen. Da sich aber der Präsident der luxemburgischen
Regierung mit einer Bitte an mich gewandt hat, und zugleich mit
einem leichten Vorwurf darüber, daß ich nicht früher habe antworten
wollen, so erkläre ich, daß wir glücklich wären, zu dem Anschluß zu
dreien zu gelangen. Nichts kann zwischen der arbeitsamen Bevölkerung
Nordfrankreichs, Luxemburgs und Belgiens einen dauernderen Frieden
herbeiführen, als dieses wirtschaftliche Bündnis. (Zu Hrn. Hymans.)
Ob Sie diese Auffassung teilen, weiß ich nicht; aber es ist die meine.
Um dem Vorwurf zu entgehen, als wollten wir das in Vorbereitung
begriffene Einvernehmen zwischen Ihnen stören, haben wir eben nicht
früher antworten wollen. Wollen Sie uns aber einen dritten Sitz im
Bunde anbieten, so werden wir glücklich sein, unsere Freundschaft
darauf niederzulassen. (Lächeln. Herr Hymans blickt verlegen.)
Ich habe diesen Worten nichts anzufügen. Sie, meine Herren, sind
durchdrungen von dem Bewußtsein Ihrer Rechte, die Sie aufrechthalten
wollen. Wie die Bevölkerung Nordfrankreichs und Belgiens sind auch Sie
ein Volk des wohlgeregelten Fleißes. Das neue Europa kann sich nur
durch die Disziplin der Arbeit erhalten. Könnten diese drei Völker
dazu das Beispiel geben und mit Hintansetzung aller Eifersucht aus der
Vergangenheit zusammen eine feste wirtschaftliche Ordnung schließen,
so bedeutete das für den Frieden der Welt, bei dessen Herbeiführung
die Konferenz stolz ist mitzuhelfen, einen großen Gewinn. (Beifall der
HH. Wilson, Lloyd George und Orlando.)
~Reuter~: Die luxemburgischen Vertreter stimmen dem Vorschlag
des Präsidenten der französischen Regierung mit Freuden zu. Der
wirtschaftliche Anschluß zu dreien wäre in den Augen Luxemburgs eine
ideale Lösung und entschieden zum Vorteil der drei Länder.
Die zwischen Belgien und Luxemburg bisher gepflogenen Besprechungen
verfolgen den Zweck gegenseitiger Aufklärung. Es sollten die
Grundbedingungen für einen etwaigen Vertrag gefunden werden. Nichts
dürfte, unserer Auffassung nach, Frankreich hindern, sich an diesen
Besprechungen zu beteiligen. Luxemburg würde, im Gegenteil, seine
Anwesenheit als ein glückliches, sämtlichen Beteiligten dienliches
Ereignis begrüßen.
Der Herr Präsident erklärte auch, seiner Ansicht nach hingen
politisches und wirtschaftliches Referendum in gewisser Hinsicht
zusammen und besondere Gründe ließen den Aufschub auch des letzteren
als wünschenswert erscheinen. Da dieser innige Zusammenhang doch nicht
so ganz gebeten erscheint, wünscht die luxemburgische Regierung aufs
lebhafteste eine möglichst rasche Lösung der Frage, und es wäre diese
Lösung der innerpolitischen Gesundung des Großherzogtums äußerst
förderlich.
~Clemenceau~: Sind Sie bereit, das Referendum hinauszuschieben?
~Reuter~: Die Kammer hat uns ermächtigt, diesem Wunsch der
Großstaaten zu willfahren.
~Hymans~ (zögernd und leise): Ich habe der vornehmen Sprache
des Herrn Clemenceau mit Aufmerksamkeit gelauscht. Er empfiehlt eine
wirtschaftliche Einigung zwischen Frankreich, Luxemburg und Belgien.
Es ist das ein neuer Gedanke, der plötzlich auftaucht. Politisch wie
wirtschaftlich ist er von entscheidender Bedeutung. Ich kann mich in
diesem Augenblick nicht dazu äußern und will den Vorschlag bedenken.
~Clemenceau~ (im schlichten, klaren Tone der Entschuldigung):
Ich habe nur auf die Fragen antworten wollen, die mir von der
luxemburgischen Abordnung gestellt wurden.
~Reuter~: Die Mächte wünschen den Aufschub des wirtschaftlichen
Referendums. Doch wird unsere Kammer höchstwahrscheinlich das
Referendumsgesetz selbst verabschieden wollen.
~Clemenceau~ (wirft einen fragenden Blick auf Wilson und Lloyd
George. Nachdem Präsident Wilson verständigt worden, gibt er seine
eifrige Zustimmung. Lloyd George nickt lächelnd.): Sie regieren
bei sich, wie Sie es für gut finden. Niemand kann in Ihre Rechte
eingreifen.
~Reuter~: Auch möchte ich ein Exemplar unseres Sitzungsprotokolls
erhalten.
~Clemenceau~: Wir werden Ihnen ein Exemplar zuschicken.
~Reuter~: Wäre es mir nicht gestattet, den Bericht unserer Kammer
in geheimer Sitzung zur Kenntnis zu bringen?
~Clemenceau~ (blickt zu den Kollegen hinüber: Lloyd George zuckt
die Achsel; Wilson nickt entschlossen; Orlando lächelt in die Luft):
Aber nur unter der Bedingung, daß nichts ausgeplaudert wird. Wir
haben in dem Punkt unsere Erfahrungen mit den Journalisten und den
Parlamentariern gemacht.
~Reuter~: In öffentlicher Sitzung möchte ich aber der Kammer
in gedrängter Kürze die hier ausgetauschten Gedanken und Ansichten
andeuten, denn nur so können wir unserm Volke Rechenschaft über unsere
Sendung geben. (Allgem. Zustimmung. Schluß der Sitzung.)
* * * * *
Es war halb sieben. Wir wurden in liebenswürdigster Weise entlassen.
Wir waren, da wir hinausschritten, einer schweren Sorge ledig. Wir
hatten eine bedeutsame Stunde erlebt. Luxemburg stand nicht schutzlos
da. Und wir waren den richtigen Weg gegangen.
Heute, wo von dem Großen und Guten, was damals als möglich angekündigt
wurde, noch so gar wenig zur Tatsache werden durfte, auch heute noch
lebt trotz dieser Enttäuschung in mir das hohe Gefühl von damals nach.
Bei unserer Rückkehr in den Gasthof wurde Herrn Reuter ein Telegramm
eingehändigt.
Die „+Nationalunio'n+" in Luxemburg bat die Abordnung, beim
Viererrat die Rücküberlassung der abgetrennten altluxemburgischen
Kantone Bitburg, Neuerburg, St. Vith usw. zu beantragen.
Ein böser Zufall (oder steckte vielleicht eine böse Absicht dahinter?)
ließ die Aufforderung zu spät an uns gelangen.
* * * * *
Am folgenden Tage stattete ich mit Herrn Reuter Herrn ~Hymans~
einen Besuch ab. Ich hatte persönlich zu dem Schritt geraten, um
unserseits den besten Willen zu bekunden. Besonders herzlich war der
Empfang nicht. Das am Vorabend gemeinsam Erlebte lag uns auf den
Lippen. Aber es ward uns nicht möglich gemacht, mit einem Wörtchen
daran zu erinnern; Herr Hymans tat, als ob gar nichts geschehen wäre.
Wohl aber ging die Rede von den in Brüssel gepflogenen
wirtschaftlichen Verhandlungen und deren Fortsetzung.
Ich warf mit Absicht eine Frage über die Anerkennung der Großherzogin
Charlotte ein. Der belgische Außenminister gab den ausweichenden
Bescheid, diese Anerkennung sei eine internationale Angelegenheit, an
der Belgien nicht allein beteiligt sei.
So mußten wir uns, trotz der tröstlichen Zusicherungen aus Brüssel,
immer unsere besonderen Gedanken machen.
Ehe wir nach Hause kamen, sahen wir uns auch wieder vor das Problem
Clemenceau gestellt. Nach der Ratssitzung vom 29. Mai, so wurde uns
versichert, eilte Herr Hymans zu Herrn Pichon und führte scharfe
Klage über die Herzlichkeit, mit der Clemenceau zu den Luxemburgern
gesprochen, und besonders über die ihnen eröffneten Aussichten, die so
ganz gegen die Abmachung verstießen.
Pichon seinerseits begab sich zu seinem Herrn und Meister und machte
diesem Vorwürfe über seine impulsive unpolitische Art. Schließlich riß
Clemenceau die Geduld und er sprudelte Pichon ins Gesicht: „Geben Sie
endlich Ruhe, wie! Meinetwegen können Sie den Belgiern ganz Luxemburg
überlassen, alles, Land und Leute. Es sind ja doch lauter Pfaffen und
Boches."
Sogar wenn dieser Ausfall mehr wäre als eine der gewohnten
Clemenceau-Anekdoten oder ein fauler Journalistenwitz, so büßte der
28. Mai 1919 nichts von seiner Bedeutung für Luxemburg ein. In der
Stunde wenigstens hat Clemenceau es ganz ehrlich gemeint und hat
gesprochen, wie er fühlte. Er hat überhaupt Belgien und Luxemburg
gegenüber offen geredet und klug gehandelt. Die Belgier waren nicht
immer mit ihm zufrieden. Aber wer hätte es gewagt, sogar in der Runde
der großen Friedenskonferenz und des kleineren Zehnerrates, gegen die
kalte Schroffheit des Alten aufzumucken!
An dem Tage empfanden wir für uns, was André Tardieu, Clemenceaus
Mitarbeiter und Vertrauter, über Frankreichs Verhalten gegen Belgien
und Luxemburg ein Jahr später der Welt verraten wollte. In seinem
Buche „+La Paix+" schreibt er darüber folgendes (S. 252 ff.):
„Eine letzte und heiklere Frage war die Luxemburger Frage. Sie war
heikler, denn sie konnte, wenn man nicht darauf achtgab, zu einem
wenigstens scheinbaren Konflikt zwischen dem belgischen und dem
französischen Vorteil führen. Schon am 11. Februar 1919 erklärte Hr.
Hymans, gestützt auf die Einstimmigkeit der öffentlichen Meinung
Belgiens, sein Land denke an keine Annexionspolitik, es hoffe aber auf
den Beistand der Mächte zu einer Annäherung zwischen Belgien und dem
Großherzogtum, wie sie durch die Macht der Erinnerung und die Sorge
um die Sicherheit geboten werde. In Luxemburg andererseits näherten
sich viele von denen, die eine Änderung der Vorkriegsverhältnisse
wünschten, politisch wie wirtschaftlich Frankreich und nicht Belgien.
Ihr Wunsch fand in Paris Gehör. Viele unserer Mitbürger, und besonders
viele Abgeordnete, beriefen sich auf die zahlreichen Luxemburger,
die in unseren Reihen geblutet hatten, und stellten angesichts der
belgischen Forderungen die Vorfrage. Sie verlangten, Luxemburg müsse
sich in Freiheit aussprechen dürfen und Frankreich müsse seinem
Wunsch, dessen Sinn für sie nicht zweifelhaft war, Gehör schenken.
Schon vor dem Waffenstillstand hatte die französische Regierung den
Streit dieser beiden entgegengesetzten Strömungen verspürt. Herr
Aristide Briand hatte sich in seinem vertraulichen Rundschreiben
vom Februar 1917 über die Kriegsziele ganz allgemein und unbestimmt
ausgedrückt. Fünf Monate später aber (9. Juni 1917) erklärte der
damalige Ministerpräsident Herr Ribot dem belgischen Gesandten Baron
de Gaiffier, eine Annexion Luxemburgs liege nicht in den Kriegszielen
Frankreichs, und ermächtigte den Vertreter König Alberts, von dieser
Erklärung Gebrauch zu machen. Bei Beginn der Friedenskonferenz gab es
für die französische Politik keine andere rechtliche Unterlage als
diese verneinende Zusicherung. Trotz unserer lebhaftesten Sympathie
für das Luxemburger Volk, das 1914 von seiner Dynastie an Deutschland
ausgeliefert worden (!), seither aber den festen Willen zur Freiheit
bekundete, mußten wir unserseits naturgemäß darauf bedacht bleiben,
Belgien einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. Während der
Verhandlungen von 1919 wurde Herr Clemenceau in verschiedenartigem
Sinn beeinflußt, aber er behandelte trotzdem diese schwierige Frage
in der einzigrichtigen Weise, d. h. durchaus ehrlich und freimütig.
Von dem ersten Tage ab sagte er den Belgiern, was er wolle und was er
tun könne. Er deutete zugleich das Einzige an, das er nicht tun könne.
Er bestätigte ohne Rückhalt das Versprechen des Herrn Ribot, indem er
sagte: „Frankreich verfolgt in Luxemburg weder offene noch versteckte
Annexionsabsichten" und fügte bei: „Frankreich wird zufrieden sein mit
jeder Abmachung, die zwischen Belgien und Luxemburg zustande kommt.
Es wird sich nicht bloß darüber freuen, sondern auch mit allen in
seiner Macht stehenden Mitteln dabei behilflich sein." Er machte nur
folgende, übrigens recht begreifliche Einschränkung: „Einigen Sie sich
mit Luxemburg, aber verlangen Sie nicht, daß ich durch eine amtliche
Handlung Sympathien abweise, die nach Frankreich neigen, und fordern
Sie nicht, daß ich die belgische Lösung aufdränge, denn diese Lösung
muß meines Erachtens aus einer freien Aussprache hervorgehen und ein
weiteres Bindemittel zwischen den drei Ländern darstellen."
Bis zu seinem Rücktritt hat Herr Clemenceau durch seine Haltung den
Belgiern die unwandelbare Aufrichtigkeit seiner Erklärungen bewiesen.
In der Frage nach der Anerkennung der luxemburgischen Regierung
weigerte er sich stets, selbst vorzugehen, weil er Belgien den
Vortritt lassen wollte. Um dem Wunsche der Belgier zu entsprechen,
ließ er am 5. März die Audienz der luxemburgischen Delegation vor dem
Obersten Rate aufschieben.
Um diese Zeit hatten sich in Luxemburg Zwischenfälle ereignet, für
welche Belgien einen französischen General verantwortlich machte:
dieser General wurde seines Amtes enthoben.
Um Belgien die vollste Handlungs- und Verhandlungsfreiheit zu sichern,
befürwortete Clemenceau zu zwei verschiedenen Malen die Aufschiebung
des politischen und des wirtschaftlichen Referendums. Als endlich
am 28. Mai der luxemburgische Staatsminister, Herr Reuter, von dem
Viererrat angehört wurde, legte der französische Regierungschef
die Sachlage folgendermaßen dar: „Wir sind Ihre Freunde und wollen
es sein. Wir wollen auch mit dem belgischen Volke, das sich mit
unvergeßlichem Heldenmut in den Kampf geworfen und sich uns dadurch
stark verpflichtet hat, auf dem besten Fuße stehen. Da die politische
Lage in Luxemburg uns nicht vollständig geklärt schien, hatten
wir vorgezogen, Sie um Aufschiebung Ihres Plebiszits und Ihres
Referendums zu ersuchen. Ich freue mich, daß wir gewartet haben.
Die Schwierigkeiten, die möglichen Mißverständnisse sind im Begriff
beigelegt zu werden. Sie wünschen eine Annäherung zwischen Frankreich,
Belgien und Luxemburg. Die Besprechungen mit Belgien haben bereits
begonnen. Wir sind bereit, daran teilzunehmen, wenn es beiderseits
gewünscht wird. Ich will mich nicht aufdrängen, aber wenn Sie unsere
Beteiligung an den Besprechungen wünschen, werden wir es mit Freuden
und in Freundschaft tun."
Unter diesen Umständen und in dieser Stimmung bearbeitete eine
Kommission, in der ich den Vorsitz führte und in der Baron de Gaiffier
Belgien vertrat, die auf Luxemburg bezüglichen Artikel 40 und 41 (des
Versailler Vertrags). Auf Grund dieser Artikel verzichtet Deutschland
auf die Vorteile aller Verträge und Abmachungen, die von 1842 bis 1902
zwischen ihm und dem Großherzogtum zustande gekommen waren. Luxemburg
trat aus dem deutschen Zollverein aus. Deutschland verzichtete auf
alle seine Rechte im Eisenbahnbetrieb und stimmte im voraus allen
Abmachungen zu, die bezüglich des Großherzogtums zwischen den Mächten
getroffen würden. Außerdem wurde Deutschland in dem 5. Zusatz zum Art.
8 verpflichtet, jedes Jahr soviele Kohlen an Luxemburg zu liefern, wie
dieses vor dem Kriege aus Deutschland bezogen hatte. Damit war die
preußische Vormundschaft endgültig erledigt und die Bahn lag frei für
den Abschluß weiterer Abmachungen .....
So wurde durch die unwandelbare Aufrichtigkeit des französischen
Regierungschefs die ruhige Behandlung einer Frage gesichert, die weder
durch Belgiens noch durch Frankreichs Schuld, aber unter dem Zwang der
Umstände, zu gewissen Zeiten Reibungen hätte hervorrufen können. Der
Weg war offen für eine endgültige und allgemeine Einigung mit unsern
Nachbarn. Das wurde kurz nachher auch amtlich festgestellt."
XXI.
Nach wieder recht bewegten Debatten beschloß unsere Kammer am 4.
Juni 1919 mit 30 Stimmen gegen 16 Enthaltungen, daß das Luxemburger
Volk zugleich mit dem politischen Referendum und unter denselben
Bedingungen auch darüber zu befinden habe, ob es mit Frankreich oder
mit Belgien einen wirtschaftlichen Anschluß tätigen wolle.
Die Weltereignisse gingen inzwischen einem einstweilig großen Abschluß
entgegen.
Am 23. Juni erklärte sich Deutschland zur Annahme der ihm
aufgezwungenen Friedensbedingungen bereit.
Am 28. Juni wurde im Spiegelsaale von Versailles, der am 18. Januar
1871 die Ausrufung des neuen deutschen Kaiserreiches schauen mußte,
der Friede zwischen den Verbündeten und der Republik Deutschland
unterzeichnet.
Unsere Volksvertreter förderten das Werk der Verfassungsrevision
endlich mit einem wirklichen Eifer. Die Verhandlungen mit Belgien
schritten ebenfalls fort, wenn auch nicht gerade in beschleunigtem
Tempo. Im übrigen kam es zu mancher aufregenden Überraschung.
Am 13. August beriet die Kammer über die Verteilung einer
Teuerungszulage von 15 Millionen an die Arbeiterschaft des Landes.
Eine zugunsten der Industriearbeiter und Privatbeamten am 16.
Januar eingebrachte Tagesordnung war am 14. März auf die gesamte
Arbeiterschaft des Landes ausgedehnt worden. Die Industriearbeiter
wollten für sich einen besondern Vorzug erzwingen, und so waren die
Vertreter der Gewerkschaften entschlossen, es an dem Tage mit einem
Druck von außen zu versuchen.
Am Vormittag schon strömte es in dichten Scharen aus dem Erzrevier
nach der Hauptstadt. Der Nachmittag brachte stürmische Kundgebungen
auf dem Wilhelmsplatz und vor dem Parlament. Die Hundstaghitze reizte
die Köpfe noch mehr.
Die in Aussicht gestellten Zulagen mit den für deren Verteilung
festgesetzten Regeln befriedigten die Masse nicht. Die Erregung
steigerte sich zur Wut. Aufwiegler hetzten. Einige Rädelsführer
drangen in die Kammer, brachten die Forderungen der Arbeiter
mit verbissenem Trotze vor und drohten. Vergebens erprobten die
parlamentarischen Parteiführer den Einfluß ihrer Beliebtheit.
Sie wurden niedergebrüllt und unter Äpfelwürfen in die Kammer
zurückgetrieben.
Szenen nie erlebter Wildheit spielten sich vor meinen Augen ab.
Ein junges dralles Frauenzimmer geberdete sich wie die Mänaden der
Revolution; jeder Nerv an ihr schlug; sie klatschte aus den Fenstern
dem unten tobenden Haufen zu, schrillte, kreischte, schrie: „Sowjet!
Sowjet!" und tobte wie berauscht.
Der Kammerplatz schien mit flammenden Gesichtern bepflastert. Dunkle
Augen blitzten, klaffende Mäuler drohten herauf. Auf den Brüsten die
roten Kravatten brannten wie blutige Flecken.
Die Gewerkschaftsgewaltigen in der Kammer verzweifelten an der Macht
der Organisation. Mächtige Schreier wurden zu gar stillen Bürgern.
Auf einmal steigt aus der Masse draußen ein schriller Ruf und dann ein
wildes Geheul: eine Schnellzuglokomotive unter Volldampf setzt sich
so mit gellendem Pfiff und dröhnendem Schnauben in Gang; ein rasender
Stier stürzt so mit blutigen Augen, aus denen der Tod glotzt, auf den
Feind. Die Menschenwoge draußen brandet vor, die Treppe hinauf zur
Türe, über das niedrige Eisengitter der Blumengärtchen zu den Fenstern
empor. Steine fliegen durch die Scheiben, eiserne Gitterstäbe folgen.
Das Haus der Volksvertretung wird gestürmt. Im Erdgeschoß hinter der
Treppe stehen vier Gendarmen mit gezogenem Revolver. Alle übrigen
Gäste des Hauses suchen sich vor den Würfen zu bergen. Einige steigen
zum Sitzungssaal; der aber wird von außen ebenfalls unter die
Schleuderfaust genommen und es müssen die dort Geborgenen von Wand zu
Wand kriechen, umhagelt von Steinen und Scheibensplittern.
Andere retten sich unters Dach und wagen durch das Mansardenfenster
dann und wann einen zagen Blick in den johlenden Aufruhr.
Die meisten verziehen sich in das Kellergewölbe.
Ich verweile eine Zeitlang hinter der Treppe neben den Gendarmen. Das
Kammergebäude ist, das tritt jetzt auffällig ins Gefühl, von drei
Seiten leicht verwundbar und bietet seine zahlreichen ungeschützten
Fenster jedem Angriff preis. Die Scheiben splittern und klirren zu
Boden, die Türen dröhnen unter Hieb und Wurf. Auf einmal fliegt
auch das Mittelfenster im Erdgeschoß in Scherben und ein junger
Regierungschauffeur, der zurückgeblieben ist, stürzt zu Boden. „Nun
schießen die Kerle auch noch!" ruft jemand den Gendarmen zu und ich
tauche meinerseits in den Keller hinab.
Hier hält die gemeinsame Gefahr sämtliche Parteien in Eintracht und
flüsternder Sorge. Durch die Decke nieder dröhnt es und kracht wie von
Schüssen.
Auch vom Hofe aus wird der Sturm versucht. Das kleine Kammergebäude
lehnt sich bekanntlich an das großherzogliche Schloß. Die Angreifer
dringen in die Schloßküche, um von dort einen Weg ins Parlament zu
suchen. Vergeblich. Da reißen sie die schweren Küchenherdringe an sich
und schleudern sie durch die Hinterfenster ins Kammerhaus. Der eine
und andere Eisentopf nimmt und findet denselben Weg.
Die Kellergewölbe geben das Tosen dröhnend zurück. Überhaupt dieser
Keller als Zufluchtsort! Im blutigen Ernst wäre es die richtige
Mausefalle gewesen. Mit ziemlich breiten Luken öffnet er sich auf
die Straße; die Beine der draußen Hin- und Herlaufenden kreuzen die
Öffnungen in stets flatternden Maschen. Eine einzige Stinkbombe zu
einem der Löcher herein und aller Zank und Zwist hinter den Stirnen
der hier unten sich Drängenden ist ausgelöscht.
Freilich, auch die Tapferkeit kommt zu ihrem Recht.
Ein Abgeordneter, der sich im Besitze eines kleinen Revolvers weiß,
hält die Waffe beständig in der Tasche mit heißer Faust umkrampft,
wandert tragischen Blickes aus einem Winkel in den andern und schwört,
sein Leben möglichst teuer zu verkaufen.
Der entnervende Spaß hält schließlich zu lange an. Bald rufen auch die
schärfsten Gegner der französischen Besatzung nach den Franzosen.
Endlich rücken die Befreier an. Es sind unsere eigenen
neueingestellten Rekruten. Mit gefälltem Bajonett säubern sie den
Platz. Französische Jäger stehen zur Unterstützung bereit.
Die Jungens scheinen energischen Willen bewiesen und arg gestichelt zu
haben. Die städtischen Ärzte hatten an „Männern aus dem Volke" in der
Nacht zahlreiche Wunden zu besorgen.
Wie der Lärm über uns verstummt, steigen wir wieder ans Licht.
Inzwischen ist es Abend geworden. Kammer und Umgebung sind eine
Trümmer- und Scherbenstätte. Ein richtiges Opfer hat der Sturm nicht
gefordert. Unser Chauffeur war nur durch einen Stein an der Stirn
verwundet worden. Die Gendarmen dagegen haben über die Köpfe hinweg
geschossen. Türen und Wände trugen die Spuren der Kugeln. Eine
Schußwaffe scheinen die Meuterer nicht gebraucht zu haben.
Gegen 10 Uhr nachts gehen wir nach Haus.
Wir haben den Dämon Masse einige Stunden am Werk gesehen. Der
Geist aber erwägt die Möglichkeiten, die beim Hereinbruch der
Volksherrschaft, der sowjetistischen Freiheit grauenvoll aufspringen
müßten.
Die unter dem Druck der Verhältnisse, d. h. der Kammerzusammensetzung
damals zugestandene Teuerungszulage an die Arbeiterschaft in der Höhe
von 15 Millionen galt mir vom ersten Augenblick an als ein neues
Opfergeld zugunsten der nationalen Freiheit und Selbständigkeit.
* * * * *
Am 10. September verkündete Herr Reuter der Kammer, es sei die Pflicht
der Regierung, die beiden Referendumsgesetze endlich zur Ausführung zu
bringen.
Die Friedenskonferenz war schon am 29. Juli von der Notwendigkeit
dieses Schrittes verständigt worden.
Am Sonntag, 28. September, schritten die großjährigen Luxemburger
und Luxemburgerinnen zum ersten Male Seite an Seite zur Wahlurne und
befanden über die zukünftige Gestaltung der Heimat.
Das Wahlergebnis stellte sich wie folgt:
Eingeschriebene Wähler: 125775
Wählende: 90984
Politische Befragung: Gültige Zettel: 85871
Für Großherzogin Charlotte: 66811
Für die Republik: 16885
Für eine andere Großherzogin: 1286
Für eine andere Dynastie: 889
Wirtschaftliche Befragung: Gültige Zettel: 82375
Für Frankreich: 60133
Für Belgien: 22242
Ungültige und weiße Zettel:
Beim politischen Referendum: 5113
Beim wirtschaftlichen Referendum: 8609.
Luxemburgs Volk hatte endlich gesprochen, und das bestimmt und klar.
Großherzogin Charlotte blieb Siegerin. Der republikanische Wahn war
erledigt, der belgische Traum zerstört. Aber auch eine Partei Maria
Adelheid -- die Abstimmung bewies das in aller Deutlichkeit -- besteht
bei uns nicht.
Die belgische Regierung zeigte sich über den Ausgang des
wirtschaftlichen Referendums äußerst unzufrieden.
Ihr Geschäftsträger Prince de Ligne wurde abberufen.
Am 3. Oktober kam dem Staatsminister folgende amtliche Mitteilung:
„Im Anschluß an das Referendum ist die Regierung des Königs der
Ansicht, daß die mit dem Großherzogtum auf dessen Wunsch angeknüpften
Besprechungen wegen eines wirtschaftlichen Anschlusses zwischen den
beiden Ländern als geschlossen gelten dürfen.
Damit ist der Auftrag des Prince de Ligne beendet."
Der Prinz reiste ab. Und das Blatt „+Le Luxembourg+" stellte sein
Erscheinen ein.
* * * * *
Am 17. Oktober war auch für unsere Konstituante die Stunde gekommen.
Sie hatte die ihr gestellte Aufgabe endlich bewältigt. Die
Staatsgewalt war auf durchaus demokratische Grundlage gestellt
worden. Das Wahlgesetz wurde umgestaltet. Allgemeines Wahlrecht,
Frauenstimmrecht, Verhältniswahl wurden eingeführt. Das Land umfaßte
nur noch vier Wahlbezirke; die Zahl der Abgeordneten wurde leider
nicht genügend herabgesetzt.
Mit der politischen Gleichberechtigung der Frau war ich seit
langen Jahren einverstanden. Ich achtete die um mich wirkenden und
emporwachsenden Luxemburgerinnen zu hoch, als daß ich ihnen ein Recht
hätte vorenthalten wollen, das dem letzten der Mannskerle zugestanden
wurde. Ein stärkerer politischer Einfluß der Frau kann zudem der
Menschheit nur zum Vorteil sein. Ohne die Beihilfe der Frau kann die
Herrschaft der Menschenwürde, kann der soziale Friede, kann auch der
Friede der Welt nicht gegründet werden.
Allerdings hätte ich das wahlberechtigte Alter für alle nicht auf 21,
sondern auf 25 Jahre hinausgerückt.
Mit der Verhältniswahl konnte ich mich schwerer befreunden. Im
Leben wie in der Kammer entscheidet im kritischen Augenblick und
als letzter Ausweg gewöhnlich die schlichte Mehrheit. Für bestimmte
Parteien bedeutet die Neuerung allerdings einen Gewinn und eine
gewisse Sicherheit. Als Unfug aber muß es bezeichnet werden, daß sich
ein Gewählter ohne weiteres zugunsten eines Nichtgewählten, der, bei
einem Kartell z. B. einer andern Partei angehören kann, zurückziehen
darf. Damit wird es letzten Endes dem ersten besten möglich, gegen den
ausgesprochenen Volkswillen den Zutritt zur Kammer zu erschleichen
oder zu erzwingen. Wir haben nach der Richtung schon Erfahrungen
gemacht. Der ganze um das Wahlgeschäft vertane Aufwand endet damit in
der Posse.
Die Tagung der Konstituante reicht vom 17. August 1918 bis zum 17.
Oktober 1919. Dieses Jahr besteht wahrscheinlich als das bewegteste
und das inhaltreichste unserer neuern Geschichte. Wie in größern
Nachbarstaaten, so entbrannte auch bei uns der Kampf zwischen dem
überlieferten Recht und dem neuen Verlangen. Der Streit wurde scharf
geführt und tobte sich in der Leidenschaft der Stunde mehr als einmal
am Rand des Abgrundes aus. Aber Vaterlandsliebe und Überlegung
behielten die Oberhand. Das bewährte Alte wurde in die Gegenwart
herübergerettet und die neue Zukunft umsichtig vorbereitet.
Auch in ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit darf die Konstituante mit
Ehren bestehen.
Sie hat sich um das freie Vaterland verdient gemacht.
* * * * *
Sonntag, den 26. Oktober fanden die allgemeinen Neuwahlen statt.
Gewählt wurden 27 Rechtsparteiler, 8 Radikale, 8 Sozialisten, 3
Nationalparteiler und 2 Volksparteiler.
Die Rechte wird in der neuen Kammer über die Mehrheit verfügen.
Das Land hat die Politik des Ministeriums
Reuter--Welter--Liesch--Neyens--Collart entschieden gutgeheißen.
Damit war für mich die Frist gekommen, die ich für meinen Rücktritt
gestellt hatte.
Die politische Lage war geklärt, die Hauptgefahr vorbei, die
Rechtspartei durfte eine einheitliche Regierung bilden.
Am 1. November 1919 schrieb ich folgendes Gesuch:
„Königliche Hoheit!
Ich nehme mir die ehrerbietigste Freiheit, Ew. Königl. Hoheit zu
bitten, mir meine Entlassung als Generaldirektor des öffentlichen
Unterrichts zu gewähren.
Die Gründe, die mich zur Zeit der Thronbesteigung Ew. Königl. Hoheit
zum Wiedereintritt in die Regierung bestimmten, sind hinfällig
geworden.
Die Selbständigkeit des Großherzogtums ist gesichert. Seine
Unabhängigkeit wird gewährleistet durch die Anwesenheit eines
Herrscherhauses, das Wurzel faßt im heimatlichen Grund und in den
luxemburgischen Herzen.
Die Wahlen haben in die Volksvertretung eine einheitlich geschlossene
Mehrheit entsandt, die befähigt ist, die wirtschaftliche und
politische Zukunft unseres Landes einzurichten.
Ich glaube daher, von dem Posten scheiden zu dürfen, zu dem Ew.
Königl. Hoheit mich zu berufen geruhten und den ich mit aufrichtiger
und gefaßter Überzeugung innehielt. Ich trete zurück, um mich
Beschäftigungen wieder zuzuwenden, die meinem Charakter besser
entsprechen und wobei es mir gestattet sein wird, auch künftig dem
Vaterland zu dienen, meine Pflicht zu tun als guter Bürger und als
treuer Beamter."
Ich bat den Staatsminister, dieses Schreiben an die Großherzogin
weiterzugeben.
Er wies es als unbestellbar an mich zurück und redete im Unmut auf
mich ein. Wie ich überhaupt so was schreiben und behaupten könne! Die
Lage sei doch gar nicht so geklärt, das Wichtigste sei kaum begonnen,
geschweige zum guten Ende geführt.
Herr Reuter behielt mit seinem Bedenken gegen mich recht. Ich nahm den
Brief zurück.
XXII.
Das Großherzogliche Haus aber rüstete zur Vermählungsfeier der
Großherzogin.
Am 4. November verlieh die Kammer Ihrem Verlobten, dem Prinzen Felix
von Bourbon-Parma, das luxemburgische Bürgerrecht. Dabei kam es zu
neuen widerlichen Ausfällen und Ungezogenheiten.
Am 6. November fand die Vermählung statt.
Der König von England hatte Glückwünsche entboten und die englische
Regierung ließ wissen, sie werde die diplomatischen Beziehungen mit
Luxemburg wieder aufnehmen.
Diese Mitteilung war ein fröhliches Hochzeitsgeschenk. Sie warf einen
tröstlichen Zukunftsschimmer in den regnerischen Tag.
Die bürgerliche Trauung erfolgte im Schlosse, bei offenen Türen.
Die kirchliche Einsegnung vollzog Msgr. Nicotra, der auch in Luxemburg
beglaubigte Internuntius aus Brüssel.
Nur die engern Familienmitglieder waren bei der Feier anwesend.
Trotz häßlicher Wühlereien und Anreizungen kam es zu keinem Mißton.
Das Volk verhielt sich würdig. Die Bürgermeister der Landgemeinden
hatten sich ebenfalls eingefunden. Die Straße huldigte dem hohen Paare
durch freudigen Zuruf.
Während der Vermählungsfeierlichkeiten sang der Domchor u. a. das
Lied: „Wie unsre Väter flehten."
Großherzogin Maria Anna erklärte mir nach dem Festmahl, das Lied sei
auf einen besondern Wunsch Ihrerseits sowie der Großherzogin Charlotte
eingesetzt worden; es sei auch das Lieblingslied der Großherzogin
Maria Adelheid gewesen.
Diese freundlichen Worte wurden mir einen Augenblick später von
Großherzogin Charlotte in liebenswürdiger Weise bestätigt.
Die junge Fürstin bot in dem schwerseidenen weißen Brautkleide unter
dem das Antlitz zart umrahmenden tief herabfallenden Schleier, im
Glanze des reichen Diadems und der strahlenden Augen, ein fast
hieratisches Bild.
* * * * *
Inzwischen hatte sich Herr Collart aus persönlichen Gründen
entschlossen, die Regierung zu verlassen.
In der Audienz vom 13. Dezember überreichte er der Fürstin, mir etwas
unerwartet, seine Entlassung. Ich bemerkte dazu: „Königl. Hoheit, wenn
mich Herr Collart von dieser seiner Absicht rechtzeitig benachrichtigt
hätte, würde ich mein Entlassungsgesuch angefügt haben."
Die Großherzogin blickte mich bei diesen Worten bestürzt an. Der
Staatsminister und die Kollegen redeten scharf gegen meinen Wunsch.
Ich wiederholte, wie ich mir von Anfang an diesen Zeitpunkt als Grenze
gesetzt hätte und wie ich niemals anders als freiwillig aus meiner
Stelle scheiden dürfe noch wolle. „Den Generaldirektor", meinte ich
schließlich, „kann unter den heutigen neuen Verhältnissen ein jeder
spielen. Ich weiß mir außerhalb der Regierung Aufgaben, die vielleicht
kein anderer vollführen könnte."
Am 16. Dezember erschienen in meinem Amtszimmer nach der Kammersitzung
die Herren Schiltz, Huß, Düpong, Bech und mein Schulfreund Eduard
Kirsch aus Sprinkingen. Sie kamen im Auftrag ihrer Partei und baten
mich im Namen der Siebenundzwanzig zu bleiben.
Ich legte auch ihnen meine Gründe dar. Sie widersprachen, drängten
und klagten. Herr Schiltz meinte schließlich in seiner schlichten
Offenheit: „Aber was wollen Sie denn jetzt schon gehen! Warten Sie
doch, bis sich eine Gelegenheit zu einem würdigeren Rücktritt bietet.
In absehbarer Zeit muß ja der Posten des Oberschulinspektors frei
werden. Warten Sie so lang und dann lassen Sie sich an die Stelle
nennen. Dann haben Sie doch was davon."
Ich erwiderte lachend, auf solche Weise wollte ich überhaupt nicht
gehen, denn es dürften sich an meinen Austritt keine andern Erwägungen
knüpfen.
Schließlich wurde unter dem lebhaftesten Einreden mein Widerstand ein
andermal erschüttert. Die Herren wiesen auf die Ungelegenheiten hin,
die ihnen in dem Augenblick aus meinem Rücktritt entstehen würden,
umsomehr, als Herr Liesch dann doch auch austreten müsse.
Diese Gründe entschieden. Zu der Rechtspartei hatte ich zudem, auch
bei der Erörterung von Grundfragen, immer die besten Beziehungen
unterhalten; sie war mir nie mit einer Zumutung genaht und ich war
überzeugt, daß wir auch in Zukunft sehr gut miteinander auskommen
dürften.
Ich mußte später dieser Unterredung allerdings mit besonderen Gefühlen
gedenken. Leider war da Herr Schiltz nicht mehr zugegen, um zu sehen,
wie der eine oder andere seiner mit anwesenden Freunde beflissen war,
meine Ernennung zu dem bescheiden besoldeten Amt, mit der er mich
damals zu locken suchte, so merkwürdig zu fördern!!
An dem nämlichen Abend war Hofdiner.
Die Großherzogin erwies mir nach Tisch besondere Aufmerksamkeit. Ich
redete ihr von dem Schritt der Rechtspartei und verständigte sie von
meinem Entschluß zu bleiben. Sie freute sich aufrichtig. Sie gestand
mir mit lebhafter Zustimmung, die von mir während unserer Audienz
vorgebrachten persönlichen Gründe habe sie zu würdigen gewußt und sie
verstehe meine Absicht. „Besonders als Sie sagten, wenn Sie einmal
wieder draußen wären, könnten Sie vielleicht manches schaffen, was
ohne Sie nicht getan würde, mußte ich Ihnen recht geben. So schwer es
mir auch geworden wäre, Herr Welter, doch da Sie es ~selbst~ so
wünschten, hätte ich Sie gehen lassen. Aber es hätte mir sehr leid
getan."
Ich dankte und versprach ihr als dichterisches Hochzeitsgeschenk ein
„Wilhelmuslied".
Am 5. Januar 1920 trat Herr Collart aus der Regierung.
Damit war die Waffenbrüderschaft zu Ende, die das erste Ministerium
der Großherzogin Charlotte in den schwersten Stunden so kampffreudig
und so treu umschlossen hielt. Damit war das nationale Ministerium vom
13. Januar 1919 aufgelöst.
Während der ersten Tage nach Herrn Collarts Scheiden lauschte ich
manchmal zum Nebenzimmer hin, wo er gesessen hatte. Die Wände
gaben keinen Schall mehr. Die jugendliche Spannkraft und ein
unverwüstlicher, manchmal landwirtschaftlich saftiger Humor waren aus
Sankt Maximin geschwunden. Ich mißte den jungen Freund anfangs sehr.
Herr Collart wurde in der Regierung ersetzt durch die Herren Ant.
Pescatore und Raymond de Waha.
Einige Tage später machte England sein Wort wahr. Sir Romuald Graham
überreichte am 15. Januar der Großherzogin sein Beglaubigungsschreiben
als englischer bevollmächtigter Minister.
Am 23. Januar wurde während der Tedeumsfeier zu „Großherzogins
Geburtstag" mein Lied: „+De Wilhelmus+" zum ersten Mal vom
Domchor gesungen.
Schon Großherzogin Maria Adelheid hatte mir den Wunsch äußern
lassen, auf die alte Wilhelmusmelodie, die ihre Lieblingsweise sei,
luxemburgische Worte zu suchen. Die richtige Stimmung kam mir erst
nach dem Vermählungsfest vom 6. November 1918 im Hochgefühl dessen,
was inzwischen für die Heimat erreicht worden war. Und so hielt ich
das der Fürstin am 16. Dezember gegebene Wort.
Ich wollte zugleich meine politischen Freunde, die gespannt auf meinen
Abgang lauerten, in ganz unparlamentarischer Weise ärgern.
Letzteres gelang. Das Lied und sein Verfasser wurden mit Lust
verhöhnt und mit Wonne beschimpft. Die alleswissenden Schreiber und
Vaterlandsfreunde fanden sogar, die berühmte Weise sei künstlerisch
minderwertig und müsse zugleich als ganz unluxemburgisch abgewiesen
werden.
Der Text lautete in erster Fassung:
+De Wilhelmus.+
+E neit Litt op eng al Weis.+
I.
+Nun ass verbei de Stûrm, d'No't ass aus,
d'Mënschhet trëtt erle'st un d'Lîcht eraus:
Nun ass verbei de Stûrm, d'No't ass aus:
Letzeburg bleift Här am êgnen Haus.
Den Himmel huet no lânger Nuecht
d'neit Fre'jor bruecht
a rëscht all Dîr mat gre'nger Friddensstrauss.
Lo stêt we' ni so' fro' Hand an Hand
Gro'ss a Kleng am Letzeburger Land.+
II.
+Zwê Kinnekskanner, de' trei sech le'f,
ko'men ausenaner weit an de'f;
Zwê Kinnekskanner, de' trei sech le'f,
hunn och stëll gebiet, dat Fridde ge'f:
Haut weisen si der ganzer Welt
an ~engem~ Feld
d'Goldlilje mat dem ro'de Kro'nele'w;
Haut dron s'a jongem Glëck Hand an Hand
d'Hoffnonk vun dem Letzeburger Land.+
III.
+D'Wilhelmusweis voll Mutt, Krâft a Schwonk
fle'sst durch d'Blutt ons we' e Feierdronk:
d'Wilhelmusweis voll Mutt, Krâft a Schwonk
mëcht al Hierzer an al Zeite jonk,
An op de Fielzen un der Our
de weissen Tur
hieft himmelhe'ch eng sche'n Erënneronk.
Haut dre't e stolzt Geschlecht Hand an Hand
Nuem a Le'ft vum Letzeburger Land.+
IV.
+Mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
't go'ng fir d'Freihet an et go'ng fir d'Land;
mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
d'E'er agesat zum Ennerpand.
A wann eng nei Gefor en drêt,
mir si berêt,
mir hale nês mat Hierz a Wëlle stand.
Da stêt rem ~fro'~ a stolz Hand an Hand
Gro'ss a Kleng am Letzeburger Land.+
V.
+So' werden s'ëmmerzo' êneg gon,
Fürst a Vollek Fred we' Lêd mat dron;
So' werden s'ëmmerzo' êneg gon,
ganz hir Pflicht ge'nt sech an d'Hemecht don,
s starke Stam an aler Erd,
an duebel wert
mat freier Kro'n voll Saft a Sonn ze ston.+
+O Hergott, lêt du trei Hand an Hand
d'Kanner vun dem Letzeburger Land!
Aus all Gefore lêt glëcklech durch
Blutt a Gêscht vum freie Letzeburg!+
Aus der Zeit geboren, spricht das Lied in der Anfangsstrophe eine
Stimmung aus, die in den Tagen seines Entstehens viele luxemburgische
Seelen erfüllte: das Gefühl, endlich wieder einmal ans sichere Land
gerettet zu sein.
Später habe ich es von diesem zeitlich Bedingten zu entlasten gesucht
und daraus eine Hymne des Hauses Luxemburg--Nassau--Bourbon schaffen
wollen. Ich hatte nach Kräften und mit Liebe dazu beigetragen, dem
Volke die angestammte Dynastie zu erhalten; ich sah in ihr eine Gewähr
für Unabhängigkeit und innern Frieden. Da erachtete ich es auch als
Schuldigkeit, den Herrschern den Weg in die Herzen ihrer Mitbürger
bereiten zu helfen und das Volk im Gefühl für sie und ihre Nachkommen
zu verpflichten.
In dieser jüngern Fassung ist das Lied ins „Soldatenliederbuch"
und ins Lesebuch übergegangen und kann seine Werbekraft auf die
jugendlichen Gemüter erproben.
+De Wilhelmus.+
+E neit Litt op eng al Weis.+
+Zwe Kinnekskanner, de trei sech le'f,
Ko'men ausenaner weit an de'f;
zwe Kinnekskanner, de' trei sech le'f,
hu gebângt ob d'Gleck nach ble'e ge'f.
Haut weisen si der ganzer Welt
an _engem_ Feld
d'Goldlilje mat dem ro'de Kro'nele'w.+
+Haut stêt em si voll Fred Hand an Hand
d'Vollek vun dem Letzeburger Land.+
+Mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
t' gong fir d'Freihet an et gong fir d'Land:
mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
d'E'er agesat zum Ennerpand.
A wann eng nei Gefor en drêt,
mir si berêt,
mir hale nês mat Hierz a Welle stand.+
+Da stêt rem stark a stolz Hand an Hand
d'Vollek vun dem Letzeburger Land.+
+So' werd et emmerzo' êneg gon,
voll Vertraue Gleck an Ongleck dron;
So' werd et emmerzo' êneg gon,
fro' seng Flicht ge'nt Tro'n an Hemecht don,
e starke Stam an aler Erd,
an duebel wert
mat freier Kro'n voll Sâft a Sonn ze ston.+
+O Herrgott, schîrm a lêt Hand an Hand
d'Vollek vun dem Letzeburger Land!
Durch all Gefore lêt secher dûrch
Blutt a Gêscht vum freie Letzeburg!+
XXIII.
Am 9. Februar 1920 kommt endlich Herr Mollard, der so heiß Ersehnte,
nach dem besonders unsere politischen Gegner so oft und mit eigenen
Gedanken gerufen hatten.
Auch Belgien verspricht die Entsendung eines neuen bevollmächtigten
Ministers.
Am 15. Februar begrüßt Großherzogin Charlotte den Präsidenten Poincaré
in Diedenhofen. Die Zusammenkunft der beiden Staatsoberhäupter ist
äußerst herzlich. Die Regierung ist durch Herrn Reuter vertreten. In
seiner Begleitung befinden sich die beiden Generaldirektoren Liesch
und Welter.
Damit geben sich endlich auch die zähesten Zweifler geschlagen. Das
freie Großherzogtum, so merken sie, wird mit seinem Herrscherhaus in
Unabhängigkeit weiter bestehen.
Trotz aller Liebesschwüre aber ließ Frankreich im Mai 1920 der
luxemburgischen Regierung melden, für den Augenblick sei es nicht in
der Lage, mit uns in einen wirtschaftlichen Anschluß zu treten und es
rate, vorerst eine wirtschaftliche Einigung mit Belgien zu tätigen.
Das bedeutete für Belgien den Gewinn aus der am 8. April 1920
beschlossenen Frankfurter Waffengemeinschaft mit Frankreich.
Luxemburg dagegen wurde wieder einmal die beschämende Gewißheit, daß
im Spiel der Politik der Kleine und Schwache besten Falles eine Ziffer
ist. Wir wurden regelrecht über unsern Kopf hinweg vergeben.
Was war Luxemburg im entscheidenden Augenblicke für Frankreich? Ein
Köder für die belgische Freundschaft, ein Tauschding für die belgische
Hilfe.
Was ist Luxemburg für Belgien? Eine Befriedigung der nationalen
Eitelkeit, ein zukünftiges Ziel des uneingestandenen nationalen
Ehrgeizes.
Wem verdankt Luxemburg letzten Grundes seinen heutigen Fortbestand?
Der Eifersucht zwischen Belgien und Frankreich, die es keiner dem
andern gönnen.
Daß wir es zur richtigen Stunde verstanden, diese Eifersucht zu
nutzen, darin liegt unser bescheidenes Verdienst.
Unsere Stärke ruhte gerade in dem steten Bewußtsein unserer Schwäche
und im zähen Willen zum Leben.
Wilsons Evangelium, dessen freudige Entgegennahme durch die Schwachen
und die treue Unterstützung gleichgesinnter Neutralen, vor allem
Hollands, brachte und verbürgte uns das Heil!
* * * * *
Am 23. Juli setzten die wirtschaftlichen Besprechungen mit Belgien
wieder ein und wurden beiderseits rasch gefördert.
Als der Abschluß nach Jahresfrist zur Tatsache wurde, gehörte ich der
Regierung nicht mehr an.
Ich mußte das mir gegebene Wort endlich einlösen. Ich fürchtete im
stillen, meine Anwesenheit dürfte auf die Dauer für die Rechtspartei
eine Verlegenheit werden. Immer wieder rechtfertigte die Kammerlinke
ihren planmäßigen Widerstand gegen die parlamentarische Mehrheit mit
dem Hinweis auf die „wortbrüchigen" Minister. Diese unversöhnliche
und stets gleich begründete Gegnerschaft stellte mich vor eine neue
Verantwortung: Es mußte etwas geschehen, das es ermöglichte, diese
Herren auf die Aufrichtigkeit ihrer Behauptungen festzunageln.
Sogar die Bildung eines Koalitionsministeriums wurde von den Führern
der Rechtspartei wieder in Betracht gezogen. Nach Neujahr 1921
kam es deswegen zu einer Fühlungnahme mit den Liberalen und der
Nationalpartei.
Sämtliche Regierungsmitglieder ersuchten, zur Förderung der
Besprechungen und Verhandlungen von ihren Personen ganz abzusehen.
Ich machte mir zu diesem Zwischenspiel meine eigenen Gedanken.
Die Rechtspartei, so sagte ich mir, muß sich doch in besonderer
Verlegenheit spüren, sonst könnte sie mit den altbekannten Gegnern
einen schon einmal schmählich mißlungenen Versuch nicht noch einmal
wagen wollen. Kein Gewitzigter würde dem unter solchen Umständen
neugezimmerten Burgfrieden Vertrauen entgegenbringen.
Die Verhandlungen scheiterten, denn es konnte wegen der einen und
andern innerpolitischen Frage zu keiner Einigung zwischen rechts und
links kommen.
In mir aber reifte der unabänderliche Entschluß. Herr Reuter und
die übrigen Freunde erhoben wieder die alten Bedenken. Mich selbst
bekümmerte eigentlich nur die durch meinen Rücktritt erschütterte
Stellung von Hrn. Generaldirektor Liesch.
Die nächsten Wochen brachten den großen Streik der Industriearbeiter.
Auch die Rücksicht auf den Verlauf der wirtschaftlichen Verhandlungen
mit Belgien gebot, mit der Ausführung meines Entschlusses noch etwas
zu warten.
Dann erkrankte Herr Reuter und es war eine weitere Verzögerung geboten.
Als ich aber am 23. März die Kammer verlassen hatte, stand bei mir
sicher, daß es auf Nimmerwiederkehr war.
Während des letzten Jahres war es mir erfreulicherweise ermöglicht
worden, den einen und andern Gedanken, der mir am Herzen lag, im
Bereiche meiner Zuständigkeit zu verwirklichen.
Auf das ~Lehrergehältergesetz vom 6. Mai 1920~, das unserer
Lehrerschaft endlich eine anständige Besoldung sicherte und mir in der
sparsamkeitswütigen Gegenwart noch immer in bestimmten Kreisen verargt
wird, bin ich stolz. Ich hoffe, damit dem Werke der Volkserziehung
gedient zu haben.
Die wichtigsten durch dieses Gesetz erzielten Fortschritte lassen
sich andeuten wie folgt: 1) Einreihung der Lehrerschaft in die
Staatsbeamtengehältergruppen; 2) Auszahlung der Lehrergehälter durch
den Staat; 3) Würdigere Besoldung in den Grenzen eines für die
verschiedenen Gruppen festen Mindest- und Höchstgehalts; 4) drei
Gehaltsklassen statt vier.
Durch diese Neuerungen wurden die meisten der seit länger als einem
halben Jahrhundert stets lauter sich äußernden Lehrerwünsche im
wesentlichen erfüllt.
„Mit der Annahme dieses Gesetzes, so erklärte ich am 10. Oktober 1919,
geschieht es zum letzten Mal, daß ein Gesetz über die Aufbesserung
der Staatsbeamtengehälter durch ein Sondergesetz zugunsten unserer
Lehrerschaft ergänzt werden muß. In Zukunft werden die Lehrergehälter
in den Rahmen der Beamtengehälterordnung eingefügt und sind demselben
Rhythmus unterworfen ..."
„..... Die neuen Gehälter umfassen nur noch drei Gruppen. Die vierte
Gehaltsgruppe fällt fort ....
„Die Lehrer der heutigen vierten Gehaltsklasse haben dieselbe Mühe
und die nämliche Verantwortung wie ihre begünstigteren Amtsgenossen
der größeren Ortschaften; sie wirken sogar unter viel ungünstigeren
Verhältnissen. Nur aus der Ferne und von außen dürfen sie jene
Schulpaläste bewundern, den Stolz und die Zier so mancher unserer
Städte, die von der Schönheit durchsonnt sind und, allen Forderungen
der neueren Gesundheitslehre entsprechend, zum heiteren Schulheim
eingerichtet wurden. Sie hingegen bewohnen das bescheidene kleine
Dorfschulhaus, das noch allzuhäufig nicht einmal sämtlichen
Vorschriften der Dienstordnung entspricht. In dem kleinen Dorf, in
dem verlorenen Weiler müssen sich Lehrer und Lehrerin ganz anders
vertraut machen mit der den Dingen innewohnenden Schwermut, mit dem
Jammer des Alltagsdaseins, mit der Kleinlichkeit und der Härte des
Landlebens. Sie müssen sich bis zur Übersättigung nähren von dem
wilden Honig der Einsamkeit, der auf die Dauer zu einer aufregenden,
gefährlichen Giftspeise werden kann. Nur schwer erhalten sich diese
Einsamen in beständiger Berührung mit den Stärkeströmen des Lebens.
In der zersetzenden und beklemmenden Luft seiner Umgebung kann sich
der Lehrer des kleinen Dorfes nur behaupten mit Einsetzung aller Kraft
seines seelischen Stolzes und seiner geistigen Sehnsucht.
Auch seine Lehrertätigkeit drückt ihn schwerer als den begünstigteren
Amtsgenossen. Diesem unterstehen häufig nur drei, zwei, ja nur eine
Klasse. Seine Schule jedoch begreift gewöhnlich der Schulgänge
sieben. Die seinem Eifer anvertrauten Kinder aber muß er an dieselben
Quellen heran-, zu denselben Erfolgen emporleiten. Die Zahl der Kinder
mag häufig nicht gar groß sein. Dafür ist diese Schülerschaft auch
gewöhnlich undankbarer, weil unter ihr die Begabungen spärlicher
vertreten sind als in den bevölkerteren Stadtschulen.
„Grade diesen bescheidenen Dienern einer erhabenen Sache gebührt daher
eine besondere Entschädigung. Sie erhalten diese in der Abschaffung
der 4. Gehaltsklasse ....
„Mit dem besseren Gehalt kommt ihnen zugleich das Gefühl einer
stärkeren Unabhängigkeit, wie es ihrer Würde gebührt .....
„.... Wir geben ihnen viel, weil ihnen viel geschuldet wird. Reich
aber werden sie damit noch nicht. Wo wäre überhaupt der Beamte, dem
es möglich gewesen, sich im alleinigen Staatsdienst zu bereichern!
Und sollte sogar der eine und andere unserer Lehrer zu einem gewissen
Wohlstand gelangen, so ist das noch lange kein Unglück.
„Diese Aufbesserung der untersten Lehrergehälter ist zudem
vielleicht das wirksamste Mittel zur Steuer der Lehrerlandflucht.
Diese Landflucht ist nur zu begreiflich. Mit seinem Verzug in eine
bedeutendere Ortschaft entflieht der Lehrer der Vereinsamung. Der
neue Wirkungskreis sichert ihm, außer dem bessern Gehalt, kostbarere
Nebenbezüge, nützliche Bekanntschaften und Verbindungen, günstigere
Verhältnisse zum Unterricht oder zur Anstellung seiner Kinder. Infolge
dieser Aufbesserung grade zu seinen Gunsten läßt sich der gute
Landlehrer leichter ans Dorf fesseln. Weniger als sonst bestimmen ihn
äußere, aber doppelt zwingende Gründe zum Verlassen der Ortschaft, wo
er Wurzel gefaßt hatte, zum Verlassen der Kinder, die ihm liebgeworden
sind. Ich kenne Lehrer, die sich ihrer durch äußere Notwendigkeit
gebotenen Landflucht schämen, als hätten sie Fahnenflucht begangen.
„.... Tüchtige Lehrkräfte tun der Landschule vielleicht noch mehr not
als den städtischen Schulen. In den stärkeren Stadtschulen wechselt
das Kind verschiedentlich den Lehrer und wird so der Mittelmäßigkeit
eines Einzelnen weniger entscheidend ausgeliefert als in der kleinen
Dorfschule, wo der Schüler ganz in die Hände des einzigen Lehrers
gegeben ist. Grade in den gemischten Schulen ist der Lehrer, ist die
Lehrerin so recht die Vorsehung der Kinder.
„Die genügende Besoldung wird es dem Lehrer auch ermöglichen, seine
ungeschmälerte Tätigkeit in den Dienst seines Amtes zu stellen.
Er braucht sich nicht mehr wie bisher nach Nebenbeschäftigungen
umzusehen, die, mehr oder minder ergiebig, mehr oder minder würdig,
mit seinem Hauptberufe weniger zu tun haben. So kann er dem Werke des
Unterrichts und der Erziehung seine Hauptkräfte widmen. Unsere Kinder
und unser Volk werden daraus den größten Nutzen schöpfen....
„Die Lehrergehälter werden zukünftig vom Staate bezahlt, dem die
Gemeinden ein Drittel der Ausgabe rückvergüten.
„Der Freund des Volksunterrichts und seiner Lehrerschaft wird auch
diesen Wandel mit Freuden begrüßen....
„An dem Tage, wo der Staat den Volksunterricht als obligatorisch und
unentgeltlich erklärte, setzte er sich an die Stelle der Familienväter
und der Gemeinde; er übernahm damit Verpflichtungen, die er den Mut
haben muß ganz zu erfüllen.... Diese Erfüllung sollte sogar die
edelste seiner Sorgen bilden....
„.... Die neue Besoldungsweise macht den Lehrer nicht ohne weiteres
zum Staatsbeamten. Nein, seine Stellung und deren Pflichten sind
derart, daß er unter der Aufsicht und dem Einfluß der Gemeindebehörden
verbleiben muß....
„.... Die neue Ordnung erlaubt aber dem Gemeinderat keinen Einfluß
mehr auf die Feststellung der Lehrergehälter. Damit wird der Lehrer
viel unabhängiger, von dem launischen Spiel der Lokalpolitik, und das
wieder zum Heil seiner Erziehertätigkeit....
„..... Manche der wesentlichen Verfügungen unseres Gesetzes brechen
mit der Überlieferung und leiten eine Entwicklung ein. Zu deren
Verwirklichung bestimmte mich nicht der eitle Wunsch, um jeden Preis
den Neuerer zu spielen, sondern die tiefe Liebe zu dem hohen Werke
des öffentlichen Unterrichts und zu dessen treuen Dienern, die seine
Wohltaten über das Land verbreiten.
Zugleich wollte ich damit Rechnung tragen den Bedürfnissen der Zeit
und den Bestrebungen der Gegenwart.
„Auch in den Nachbarländern steht die Aufbesserung der Lehrergehälter
auf der Tagesordnung. Ließen wir uns von diesen Staaten überholen,
so wären wir übelberaten. Wohl sind diese Länder ungleich mächtiger
als wir, aber ihr Nationalvermögen wurde auch in ganz anderm Maße vom
Schicksal mitgenommen. Ein kleines Volk vor allem muß es sich als
Pflicht auferlegen, an der Spitze des Fortschrittes zu schreiten,
und das dank der hohen Gesinnung, mit der es an die Lösung einer im
Kern so friedlichen Frage, wie es die Förderung des öffentlichen
Unterrichts ist, herantritt. Auf diesem Wege besonders huldigt ein
kleines Volk auf eigene Weise dem guten Geiste, der trotz allem die
Geschicke der Menschheit leitet. Damit besonders bekundet es ein neues
Mal sein Recht auf Dasein und kränzt seine Schwäche mit dem Schimmer
der Schönheit....
„.... Mit der Empfehlung dieser Gesetzesvorlage wollen wir
ausschließlich dem Wohl des Volkes dienen. Wir wollen den Erziehern
unserer Kinder die Wohltaten einer festen und geziemenden Besoldung
sichern. Das Gespensterbild vom „hungrigen Schulmeister" soll für
immer im Nebel der Vergangenheit zerrinnen....
„.... Dem Manne, der Frau, die mit Wort und Beispiel die Geister
befruchten, die Herzen bilden und so die Seele des Vaterlandes formen,
diesem Mann und dieser Frau soll es ermöglicht werden, an ihr Tagewerk
zu schreiten hohen Hauptes, ledig im Geiste der schweren Lebenssorgen,
die den Blick trüben und die Stirn furchen, die der Stimmung wehren
und jeden Schwung erdrosseln. Wir wollen ihnen Liebe einflößen zu
ihrem Amte, das so häufig undankbar und also doppelter Ermutigung wert
ist. Unsern Kindern erwachsen daraus die besten Früchte.
Ohne Liebe zum Werk kann auf keinem Felde menschlicher Betätigung
das Große erstehen. Ohne diese Liebe gibt es vor allem keinen guten
Lehrer. Nirgends schöner als in der Schule ist es die Liebe, die
lebendig macht, denn sie läßt die Geister innig zusammenwachsen, denn
sie bleibt die große Freudenspenderin. Die Freude aber trägt den
hellen Tag auch in den ärmsten Schulsaal, die Freude ist die Sonne,
die den Samen zum Keimen bringt.
„Erhalten wir also unsern Lehrern und Lehrerinnen die Freude am Amt
und es ist damit die Sache des öffentlichen Unterrichts zum großen
Teil gewonnen." -- --
* * * * *
In der Stunde, wo ich diese Worte redete, dachte ich nicht im
entferntesten daran, daß ich eines Tages an der Spitze unserer
inländischen Lehrerschaft stehen könnte. Es gereicht mir heute zur
doppelten Genugtuung, daß ich damals so handeln durfte, und ich
habe aus meiner Rede vom 10. Oktober 1919 sowie aus meinen längeren
Erklärungen vom 12. März 1920, wo es galt, das in erster Lesung von
der Kammer genehmigte Gesetz, das in den Augen des Staatsrates keine
Gnade gefunden hatte, ein neues Mal zu verteidigen, auch heute noch
kein Wort fortzunehmen.
Eines allerdings bedauere ich immer: daß es mir bei der einzigen
Gelegenheit nicht möglich war, das bedeutsame Werk so ganz nach
persönlichem Wunsch zu gestalten. Meinem Gefühl nach müßten, genau
so wie unsere Mittelschulprofessoren, sämtliche Volksschullehrer
das nämliche staatliche Grundgehalt beziehen. Der letzte
Öslingsschulmeister dient an seiner Stelle dem Ganzen grade so ganz
wie der vornehmste Stadtlehrer und zwar, wie ich es verschiedentlich
hervorgehoben habe, unter sogar schwierigeren und entmutigenderen
Verhältnissen.
Gleicher Lohn daher für alle, soweit es dabei auf die Pflicht des
Staates ankommt. Die Ortszulagen allein würden das Grundgehalt der in
bedeutenderen Ortschaften wirkenden Kollegen verschieben.
Soweit durfte ich 1919 nicht gehen. Ich entschloß mich widerstrebend
für die Beibehaltung der drei Lehrergruppen. Nach der Seite mußte
also das wohlüberlegte Werk ein Torso bleiben. Der Zukunft bleibt es
vorbehalten, auch hier dem gerechten Empfinden zum vollen Rechte zu
verhelfen.
Im mittleren Unterricht konnte ich, bei der ungünstigen Zeitlage, nur
die eine und andere Verwaltungsmaßregel treffen, die bezeugt, daß ich
meinen als Professor aufrichtig vertretenen Grundsätzen treu blieb und
das alte Standesgefühl hoch hielt.
Wie diese Treue der Erinnerung auch im Ausland nicht immer als
selbstverständlich und alltäglich hingenommen wird, beweist der
folgende kleine Vorfall:
Im Sommer 1920 besuchte ich zugunsten der an deutschen Hochschulen
studierenden Luxemburger die Unterrichtsministerien in Berlin und
München.
In München traf ich den bekannten Pädagogen, meinen lieben, am 29.
Januar 1925 allzufrüh geschiedenen Freund ~Dr. Xaver Thalhofer~.
Wir tauschten unsere letztjährigen Erlebnisse und Erfahrungen aus und
ich erzählte unter anderm, was ich vor einiger Zeit auch zugunsten
unserer höheren Lehrerschaft verfügt hatte.
Eben ging an unserm Tisch ein Herr vorbei, der meinen Nachbarn
freundlich grüßte. Dr. Thalhofer ruft ihn an, wendet sich mit einem
raschen: „Sie gestatten doch!" mir zu, stellt mir seinen Freund,
einen Schulmann, vor, und meint mit pathetischer Geberde: „Erlaube,
daß ich dich mit einem Manne bekannt mache, der seinesgleichen nicht
hat. Denk dir, Mensch! Dieser Luxemburger war Oberlehrer, er ist nun
Unterrichtsminister und er hat als solcher wirklich etwas für seine
früheren Kollegen getan. Das ist doch unerhört, wie!" Der Angeredete
bestätigte lachend und verneigte sich tief.
Weitere Reformen oder Neuerungen, auch auf dem Gebiete der
öffentlichen Gesundheitspflege, wurden in Angriff genommen und zum
Teil bis an den Abschluß weitergeführt.
Ich spürte mich bei jedem dieser Werke auf eigene Verantwortung
gestellt. Wenn auch von einer Partei in meiner Regierungsstellung
abhängig, hielt ich mich immer über den Parteien und ich könnte mich
auch nie in ein anderes Verhältnis finden.
Der innere Friede der Heimat lag mir besonders am Herzen. Einem
gewissermaßen einmütigen Willen unserer Bevölkerung durfte auf die
Dauer niemand sein Recht versagen.
In diesem Sinne wurde die Gesetzesnovelle vom 2. August 1921,
wodurch der so heiß umstrittene Artikel 22 des Schulgesetzes vom
10. August 1912 seine volle Ausführungsmöglichkeit erhalten sollte,
von mir vorbereitet. Unser neuernannter Bischof, Msgr. Nommesch,
hatte mir gegenüber den Wunsch geäußert, die Spannung zwischen
Kirche und Staat gehoben zu sehen, und erklärte, uns in den Grenzen
seiner Kräfte entgegenzukommen. Seinen aufrichtigen Worten edler
Versöhnlichkeit gebührte Vertrauen. Ich erachtete es als meine
Pflicht, staatlicherseits das Nötige zu veranlassen, um das durch den
Gesetzgeber von 1912 gegebene Versprechen zu halten, und arbeitete die
Novelle aus. Sie wurde einige Monate später von meinem Nachfolger zur
Annahme gebracht.
Staat und Kirche haben sich bei dieser friedlichen Beilegung eines
überflüssigen Zwistes nichts vergeben. Unsere Volksschule aber wurde
damit dem innerpolitischen Parteihader, hoffen wir für immer, entzogen.
* * * * *
Endlich hatten sich die Führer in Rechtspartei und Regierung mit einem
Umbau des Ministeriums vertraut gemacht und suchten neue Männer.
Da Herr Pescatore zugleich mit Hrn. Liesch und mir austreten wollte,
stand der Weg zur Bildung einer einheitlichen Rechtsregierung offen.
Damit wurden klare Verhältnisse geschaffen und die Steuerung ganz den
Händen anvertraut, die imstande waren, das nach harten Stürmen wieder
seetüchtig aufgetakelte Schifflein mit eigener Kraft und zielbewußt
vollends in den Hafen zu lotsen.
Am 15. April 1921 bewilligte uns ein großherzoglicher Beschluß den
erbetenen Abschied.
XXIV.
Seither ging manches Jahr ins Land. Das blutige Kriegsspiel hat in
seinen Nachwirkungen noch lange nicht ausgeschwungen. Verzweifelt
mühen sich die Leiter der Großmächte um die Einrichtung des Friedens
auf Grund der internationalen Sicherungen, die allein die Wiederkehr
der ungeheuerlichen Verbrechen am Leibe der Völker, am Rechte der
Bürger, an der Würde der Menschheit verhindern könnten.
Keines der Nachbarländer ist von seinen Wunden genesen. Die Zukunft
und die Ausgestaltung der Republik Deutschland schwankt im Sturm des
Parteihaders. Frankreich und Belgien kranken an der Entwertung des
Frankens und an so manchem innern Zwist. Im Leben auch der meisten
andern Staaten Europas sind für Frieden und Freude der Stätten nicht
viele bereitet.
Ein Ausgleich der Kriegsschäden konnte auch für Luxemburg noch nicht
erreicht werden. Zwar hat sich seit Kriegsschluß manches zum Bessern
und zum Guten gewendet. Das Vaterland blieb in seinem unabhängigen
Bestand erhalten. Unser Herrscherhaus hat sich in der Liebe des Volkes
ein Heim gegründet; seine Zukunft blüht in frischen Kindern empor. Wir
haben, nach außen wie nach innen, Gründe genug, mit der Entwicklung
der Dinge zufrieden zu sein und des neugewonnenen Besitzes uns zu
freuen, mit dem aufrichtigen Willen, seinen Segen durch Treue und
Opferwillen tagtäglich zu verdienen.
Die letzten Mitglieder des nationalen Ministeriums vom 13. Januar
1919 sind am 19. März 1925 aus der Leitung unserer Staatsgeschäfte
geschieden. Die Kammerverhandlungen zu dem Eisenbahnvertrag mit
Belgien endigten bekanntlich im Januar dieses Jahres in einer
Ministerkrisis und in der Kammerauflösung.
Die Neuwahlen vom 1. März 1925 brachten Herrn Staatsminister Emil
Reuter einen großen persönlichen Erfolg. Aber die richtige Mehrheit
erhielt, wie es unter den besonders heikeln und trüben Verhältnissen,
die diese Wahl bestimmten, kaum anders möglich war, die bisherige
Regierungspartei nicht mehr. Nach längeren Versuchen, ein neues
Koalitionsministerium auf die Füße zu bringen, kam es zu einer
Regierung sämtlicher sieben Oppositionsparteien. Herr Reuter trat mit
seinen Kollegen zurück.
Die Regierungszeit des Staatsministers Reuter gehört zu den
bewegtesten und bedeutsamsten Abschnitten unserer Landesgeschichte.
Luxemburg, das als freies Volk dem Untergang geweiht schien, hat sich
unter seiner klugen, zielbewußten Führung behauptet. Im Rate der
Völker stand es bei Emil Reuters Abgang geachteter und gesicherter
als je. Seiner wirtschaftlichen Zukunft wurden die neuen Gleise durch
wichtige Verträge bereitet oder vorgezeichnet.
Auch um den Frieden im Innern hat sich diese Regierung redlich bemüht
und es ist nicht die Schuld ihrer Mitglieder, wenn der Aufrichtigkeit
und Versöhnlichkeit nicht besser gelohnt wurde.
Zu den Mitarbeitern Herrn Reuters gehörte seit der ersten Stunde der
Generaldirektor der Finanzen, Herr Alphons Neyens. Ihm war seit Anfang
die undankbarste Aufgabe geworden. Aber die finanzielle Sanierung
unsers Staatshaushalts ist ihm schließlich doch geglückt und die
Zukunft wird dieses große Verdienst nicht vergessen.
* * * * *
Noch ein anderes, und zwar das ergreifendste Kapitel unserer neueren
Geschichte hatte inzwischen einen unerwartet raschen Ausgang gefunden.
Am 24. Januar 1824 ~starb Großherzogin Maria Adelheid~. Mit
ihrem Tode geht ein irdisches Schicksal zu Ende, das an die Weihe
der Tragödie heranreicht. Maria Adelheid ist der erste seit dem
Ausgang des 13. Jahrhunderts auf freier Luxemburger Erde geborene und
erzogene Fürst; sie geht, bei den besten Absichten und ohne eigentlich
persönliches Verschulden, des Thrones und der Heimat verlustig und
stirbt in der freiwilligen Verbannung.
Ich erachte es als den natürlichen Abschluß dieser Erinnerungen,
meinen Lesern kurz anzudeuten, wie mir das Bild dieser vornehmen
Frauenerscheinung aufgegangen ist. Zugleich ergibt sich ein
umfassender Rückblick über das politische Geschehen, dessen
Entwicklung die erste größere Hälfte meiner Darstellung füllt.
Maria Adelheid wurde geboren am 14. Juni 1894 auf Schloß Berg als das
älteste Kind von Erbgroßherzog Wilhelm von Nassau und Erbgroßherzogin
Maria Anna von Braganza. Da dem Herrscherpaar der Sohn versagt
blieb, sicherte Großherzog Wilhelm durch eine Abänderung am Nassauer
Familienstatut seiner ältesten Tochter die Nachfolge und ließ diese
Verfügung am 4. Juli 1907 durch Beschluß des Abgeordnetenhauses
bestätigen.
An Stelle des schwer erkrankten Gatten führte seit dem 13. November
1908 Großherzogin Maria Anna als Regentin die Regierung und bekleidete
diese Würde nach dessen am 25. Februar 1912 erfolgten Ableben bis zur
Großjährigkeit ihrer Tochter.
Am 14. Juni 1912 besteigt Maria Adelheid den Thron. Vier Tage später
hält sie ihren Einzug in die Hauptstadt und leistet in feierlicher
Sitzung vor Kammer und Regierung den Verfassungseid. Die Luxemburger
Bürgerschaft bereitet der jungen anmutigen Fürstin einen Empfang, wie
er begeisterter wohl noch keinem Herrscher bei uns zuteil geworden
ist. Die neue Herrscherin ihrerseits findet in ihrer Thronrede
Worte, die in alle Herzen widerklingen und die reinsten Hoffnungen
erschließen.
Ich kann mir nicht versagen, diese herrliche Jungfernrede unverkürzt
folgen zu lassen.
„Meine Herren!
„Tief bewegt weile ich heute inmitten der Vertreter des Landes.
Die Gefühle der Anhänglichkeit, die Sie stets dem ritterlichen
Sinn meines Vaters und meines Großvaters entgegenbrachten, die
tiefgefühlten Worte, die Sie dem edlen Opfersinn meiner innigst
geliebten Mutter sowie meiner hochverehrten Großmutter zollten, geben
mir die Versicherung, meine Herren, daß auch deren Kind auf Ihre
ganze Treue zählen kann.
Doppelt schwer empfinde ich an diesem Tage den Schmerz, daß es mir
nicht vergönnt war, an der Hand meines Vaters in die Staatsgeschäfte
eingeweiht zu werden. Auf Ihre weisen Beratungen gestützt, hoffe ich
jedoch mich der hohen Aufgabe, die meiner wartet, würdig zu zeigen.
Meine erste Pflicht besteht in der Erfüllung des in Art. 5 der
Verfassung enthaltenen Wunsches:
„Ich schwöre, die Verfassung und die Gesetze des Großherzogtums
Luxemburg zu beobachten, seine nationale Unabhängigkeit und die
Integrität seines Gebietes, die öffentliche und individuelle
Freiheit sowie die Rechte aller und eines jeden meiner Untertanen
aufrechtzuhalten und, wie es einem guten Herrscher ziemt, alle Mir
kraft der Gesetze zur Verfügung stehenden Mittel zur Erhaltung und
Vermehrung der allgemeinen Wohlfahrt zu gebrauchen.
„Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!"
Der Gedanke liegt mir fern, an dieser Stelle ein vollständiges
Regierungsprogramm auch nur andeuten zu wollen. Meine innersten
Gefühle, mein Streben und Hoffen möchte ich jedoch nicht vor Ihnen
verbergen.
Mein sehnlichster Wunsch ist es, den Namen eines guten Herrschers
im Sinne des eben geleisteten Eides zu verdienen, und so verspreche
ich hiermit, an aller Wohl Anteil zu nehmen und Allen durch Güte und
Wohlwollen hilfreich zu sein. Liegt nicht im Streben des Herrschers
nach möglichster Verwirklichung des Schönen, Wahren und Guten der
herrlichste Schmuck seiner Krone?
An der Außenseite des Großherzoglichen Palais in Luxemburg befindet
sich das Reliefbild des blinden Königs Johann mit dessen Wahlspruch,
den auch mein Hochverehrter Vater sich angeeignet: „Ich dien!" Und
nicht weit davon sieht man das Bild seines großen Vaters, Kaiser
Heinrichs VII. sowie dessen Lieblingsspruch: „+Judicate juste!+
Richtet gerecht!"
Nach diesen leuchtenden Vorbildern werden meine Handlungen stets den
Anforderungen der Billigkeit und Gerechtigkeit entsprechen. Meine
einzige Richtschnur soll sein das Recht und das Wohl meines Landes.
Gerechtigkeit soll für Alle gleich sein, besonders aber den Kleinen
und Schwachen zum Schutze gereichen. Unsere Zeit krankt an der
stets wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit der Menschen, und
der so sehnlichst erstrebte ~soziale~ Friede ist bis heute ein
unerreichtes Ideal geblieben. Dürfen wir aber nicht hoffen, daß das
so tief in der Menschheit wurzelnde Rechtsbewußtsein diese Gegensätze
ausgleichen wird und daß die stetig wirkenden, ewigen Gesetze des
Rechtes uns endlich Ruhe und Frieden bringen?
Mein in Gott ruhender Vater wollte für das Volk und mit dem Volke
regieren. „Hand in Hand mit dem Volke", sagte er, „wollen wir an die
Lösung der schwerwiegenden Aufgaben, welche die Zukunft uns vorbehält,
herantreten." Es ist ein verantwortungsvolles Erbe, das ich von meinem
erlauchten Vater übernehme. Doch Ihre von Weisheit und Erfahrung
getragene Vaterlandsliebe, meine Herren, wird mir zur festen Stütze
gereichen und der Allmächtige unsern gemeinsamen Bestrebungen seinen
Segen verleihen.
Zugleich will ich den zahlreichen Staatsoberhäuptern und auswärtigen
Regierungen gegenüber eine Pflicht der Dankbarkeit erfüllen für die
gelegentlich unserer Trauer dem Lande und seiner Herrscherfamilie
bekundete warme Teilnahme. Wir werden ihrer stets in dankbarer
Erinnerung gedenken.
Das Großherzogtum verdankt sein Gedeihen hauptsächlich den
internationalen Verträgen, die seine Unabhängigkeit und Neutralität
verbürgen, ihm dafür aber auch, und das zum Wohle Europas, strenge
Pflichten auferlegen. Im Rechte liegt unsere Kraft. Ein brüderliches
Band umschlingt Recht und Pflicht. In rückhaltloser Erfüllung unserer
Pflichten wollen wir stets so handeln, daß niemals der geringste
Zweifel an der Geradheit und Aufrichtigkeit unserer Absichten obwalte.
Durchdrungen von Liebe zu meinem Lande, bin ich glücklich und stolz,
seinen Namen und seine Krone zu tragen. Meine einzige Freude soll es
sein, ganz in seinem Dienst zu stehen, und mit Ihrer Hilfe, meine
Herren, stets für sein Wohl zu arbeiten.
Die schwachen Mädchenhände, denen heute das Luxemburger Banner
anvertraut wird, werden dieses mit Gottes Hilfe stets hochhalten. Ich
werde mutig für dessen Ehre kämpfen.
Kind des Hauses Nassau, werde ich gleich meinen Ahnen treu
bleiben dem edlen Wahlspruch unsers alten adligen Hauses: „+Je
maintiendrai!+""
* * * * *
Diese von reifster Staatskunst in weiser Erkenntnis der einheimischen
Volksseele eingegebenen Worte aus holdem Mädchenmund bezauberten. In
der wundersamen Stunde schwärmten die Luxemburger; das Land stand wie
ein Mann um den Thron. Die reizende hochsinnige Herrscherin durfte
bewundert und gepriesen werden als die reinste Blüte demokratischen
Volkstums.
Der rührende Gleichklang wurde aber schon bald getrübt.
Seit den Tagen Wilhelms II. von Holland war es der Luxemburger
gewohnt, seinen inneren Staatshaushalt nach eigenem Ermessen zu
gestalten und zu führen. Unter der langjährigen Statthalterschaft
des Prinzen Heinrich, der seinen Bruder König Wilhelm III. in
der Regierung des Großherzogtums vertrat (1850-1879), erfreute
sich das Land mehr und mehr der seltenen Vorzüge einer richtigen
Selbstverwaltung. Der Wohlstand hob sich, die Liebe zum unabhängigen
Vaterland erstarkte im Ansturm mannigfacher Gefahren. Es wuchs
zugleich das Selbstgefühl seiner Bürger.
Nach dem Tode des letzten Oraniers (1890) kam die Krone des
Großherzogtums an das Haus Nassau.
Großherzog Adolf betrachtete sich als den ersten Diener des Staates.
Volksvertretung und Minister leiteten recht eigentlich die Geschäfte.
Großherzog Wilhelm trat in des Vaters Fußstapfen. Er ging, wie er es
in seiner Thronrede gelobt hatte, Hand in Hand mit seinem Volke.
Auf das vornehme Beispiel des Vaters berief sich denn auch Maria
Adelheid in ihrer Thronrede mit besonders verheißungsvollen Worten.
Leider wich sie bald von dieser goldenen Richtschnur ab.
Prinzeß Maria Adelheid war ein lebhaft munteres Kind. Über ihr
unschuldiges Glück warf aber der Jammer des Daseins schon frühe seine
frostigen Schatten. Mit dem leiblichen Zusammenbruch des Vaters wurde
das kleine Mädchen dem Leiden und dem Tod vertraut. Sie half ihrer
erlauchten Mutter in der nie ermüdenden Pflege des Kranken und reifte
rasch in der harten Schule des Schmerzes und des Opfers.
Wie der Tod des geliebten Vaters für die siebzehnjährige Jungfrau zum
entscheidenden Ereignis wurde, das bezeugen die folgenden Worte ihrer
Mutter:
„Maria Adelheid, so versicherte diese, war nicht immer so fromm
wie jetzt. Manchmal kostete es Mühe, sie zur Erfüllung ihrer
Christenpflichten zu bewegen. Aber an dem Tage, da ihr Vater,
Großherzog Wilhelm, auf der Totenbahre lag, kniete sie lange neben
der Leiche. Was mit ihr vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber von
der Stunde an war sie umgewandelt. Als sie sich erhob, mußte sie
einen Entschluß gefaßt haben, den sie mit der ihr eigenen Energie
durchführte."
Um jene Zeit scheint es auch zu Einflüssen gekommen zu sein, denen
vor allem darum zu tun war, sie mit einem hohen Bewußtsein ihrer
Bestimmung zu durchdringen, den Herrscherwillen in ihr zu nähren, sie
mit den weitgehenden Vorrechten des Fürsten von Gottes Gnaden, wie sie
in der damaligen Verfassung niedergelegt waren, vertraut zu machen und
das Gefühl ihrer Verantwortung, besonders im Hinweis auf das Heil der
Seelen und das Wohl der Kirche, aufs höchste zu steigern.
Das Land mußte es schon bald inne werden: die Tage Adolfs I. und
Wilhelms IV. waren vorbei. Ein neuer Geist gebot auf dem Thron.
Innerhalb weniger Jahre sprach er sich mit auffälliger
Folgerichtigkeit stets bestimmter aus.
Die Ernennung des früheren Abgeordneten Brincour zum Staatsrat stieß
bei der jungen Fürstin auf Widerspruch. Herr Brincour hatte sich
zwar in dem durch den Grafen Merenberg, Großherzog Adolfs Neffen aus
morganatischer Ehe, aufgeworfenen Erbfolgestreit als ein Hauptretter
der Dynastie hervorgetan, aber er war zugleich geständiger Freidenker.
Die Besetzung des Hollericher und des Differdinger
Bürgermeisterpostens durch freidenkerische Radikale wurde, entgegen
dem Willen der Wählerschaft, anfangs nicht vollzogen. Infolgedessen
gab der zuständige Generaldirektor Hr. P. Braun, der Vater des
Schulgesetzes von 1912, mit seinem Freunde, Generaldirektor Karl de
Waha, seine Entlassung.
Für die erledigte Stelle des Normalschuldirektors war schon geraume
Zeit Herr Professor Eduard Oster, der langjährige Hoflehrer der
Großherzogin, in Aussicht genommen; Herr Oster sollte aber auch zu den
Unkirchlichen gehören und seine Ernennung wurde verweigert.
Das Ministerium Eyschen sah sich damit ein neues Mal den Äußerungen
eines Regierungsgrundsatzes gegenüber, der als unzeitgemäß und
gefährlich erschien und dem die Regierung nicht länger folgen dürfe.
Der Gegensatz spitzte sich derart zu, daß Staatsminister Paul Eyschen,
der langjährige Regierungspräsident, der erprobte Ratgeber der Krone,
der Freund des Hauses Nassau, der Maria Adelheid den Weg zum Throne
hatte bereiten helfen, die Vertrauensfrage stellte.
Am Vorabend des Tages, wo es zu der von ihm schmerzlich gefürchteten
Entscheidung kommen sollte, wurde der kränkelnde Staatsmann durch
einen Herzschlag (12. Oktober 1915) von hinnen gerafft. Man darf
behaupten, daß der um Land und Herrscherhaus wohlverdiente Greis an
dieser schwersten Enttäuschung seines Lebens gestorben ist.
Kurz nachher kamen die übrigen Regierungsmitglieder, da sie sich in
einer wichtigen Prinzipienfrage mit der Herrscherin nicht mehr einig
wußten, um ihre Entlassung ein.
Um jene Zeit starb auch Herr Kammerpräsident August Laval. Bei dem
Zivilbegräbnis des hochgeachteten Mannes, des ersten Bürgers der
Nation, ließ sich die Großherzogin nicht vertreten.
Diese Vorgänge ergaben innerhalb weniger Jahre eine ununterbrochene
Folge von Tatsachen, die alle aus demselben Geist hervorgehen und
einem bestimmten leicht erkennbaren Ziele zustreben.
Das verfassungsmäßige Recht zu ihrer bei jedem Einzelfall beobachteten
Haltung darf und soll der Fürstin nicht abgesprochen werden. Von einer
Vergewaltigung der Volksrechte durch Laune oder Willkür kann nicht die
Rede sein.
Und doch ist des Schlimmen genug daran.
Dem Wortlaut der Verfassung geschieht bei all dem Zögern, Verschieben,
Verweigern keine Gewalt; wohl aber bedeutet das alles eine Abkehr
von dem Geiste, in dem seit 1848 die in der Verfassung umschriebenen
Rechte des Landesherrn bei uns aufgefaßt und durchgeführt wurden. An
die siebzig Jahre hindurch war damit eine Überlieferung geschaffen
worden, die bei dem Volke den Glauben erwecken durfte, als seien
es seine Abgeordneten und die Minister, die regierten, während der
Fürst sich damit begnüge, deren Beschlüssen durch seine Bestätigung
Gesetzes- und Rechtskraft zu verleihen. Jetzt wurde plötzlich mit
anderm Wind gefahren. Neben und über Kammer und Regierung wollte die
junge Großherzogin beim Regierungsgeschäft, wie berichtet wurde, „auch
etwas zu sagen haben".
Dieser Regierungswille war der Herrscherin unbestreitbares Recht.
Leider hatte sie damit Unrecht vor der Vergangenheit und bekam Unrecht
vor ihrem Volke.
Die Luxemburger sind, bei aller Aufrichtigkeit ihrer katholischen
Überzeugung, politisch in der überwiegenden Mehrzahl ausgesprochen
demokratisch, frondierend von der Wiege auf, auch auf dem Lande, und
zum großen Teil liberal, besonders in der Hauptstadt.
Die letzten Erfahrungen beweisen das bei jeder Wiederholung.
Luxemburg, die gläubige Stadt der Trösterin der Betrübten, stimmt,
trotz allem Mahnen, Warnen und Drohen geistlicherseits, überwiegend
links.
Heute strömen ja auch die Frauen und Mädchen auf dem Wege zu und aus
der Sonntagsmesse an die Urne. Was aber ist das Ergebnis?
Ein Nichtchrist hält unter den Gewählten die Spitze; die
rücksichtslosesten Freidenker erfreuen sich, wie arg auch gegen sie
geklagt und geworben wurde, einer überwiegenden Mehrheit.
Solche Wirklichkeit müßte doch zu denken geben und sollte zur Vorsicht
raten. Jedem ausgesprochenen Herrenwillen von oben ballt sich unten
der Trotz entgegen, antworten aus der Tiefe Mißtrauen und Groll.
Vor der Verfassung hatte Maria Adelheid auch recht, als sie am 3.
November 1915 das Ministerium Loutsch vor eine zu zwei Drittel
feindliche Kammermehrheit entsandte und nach dessen übelm Empfang die
Volksvertretung heimschickte.
Wohl wurde dieser Gewaltschritt als Staatsstreich gebrandmarkt,
aber die Landesherrin bewegte sich auch hier innerhalb der
Verfassungsschranken.
Die einzige Gebärde, zu der sie sich vielleicht nicht hätte verstehen
dürfen und die zum mindesten unklug war, ist die gegen Neujahr 1916
inmitten des Wahlkampfes verkündigte Armenspende von 100000 Fr.
Diese großmütige Handlung mußte als eine Einmischung zugunsten ihres
Ministeriums aufgefaßt werden. Damit trat die Krone in den Wahlkampf
der Parteien.
Die Wahlen von 1916 ergaben eine Mehrheit von einer Stimme zugunsten
des freisinnigen Blocks. Die Regierung wurde gestürzt. Das
Wahlverhältnis zwischen den beiden großen Kammerfraktionen war aber
derart verschoben worden, daß ein reines Parteiministerium kaum noch
möglich war; in den Wirren und in den wirtschaftlichen Nöten der
Zeit wäre eine solche Kampfregierung unerwünscht, ja verhängnisvoll
gewesen. So suchte man wieder zu einer Art Burgfrieden zu gelangen.
Seit 1916 löste dann eine Geschäftsregierung die andere ab. Zu einer
Unstimmigkeit mit der Krone kam es nicht mehr. Man ging beiderseits
einer Veranlassung dazu aus dem Wege.
In den gelichteten Reihen der Blockkämpen aber lebte die Erinnerung
an die infolge der Kammerauflösung erlittene Schwächung weiter. Die
Wunden verharschten nicht.
Wie weit der Groll gegen Maria Adelheid sich grade nach den Neuwahlen
von 1916 verstiegen hatte, beweist unheimlich scharf der von mir
erwähnte Schritt des belgischen Senators Orban de Xivry. Im Namen
der luxemburgischen Kammermehrheit (die Mehrheit stand auf zwei
Augen!) durfte er König Albert die Krone des Großherzogtums anbieten.
Schon damals hieß es also auf Seiten wenigstens der eingeweihten
Blockführer: „Fort mit Maria Adelheid! Hoch König-Großherzog Albert!"
Seit dem verhängnisvollen Winter 1915-1916 war die junge Fürstin einem
großen Teil der Luxemburger verdächtig und mißliebig geworden. Die
freisinnigen Kreise schalten sie eine Feindin der Volksfreiheit im
Dienste jesuitischer Herrschaftsgelüste.
Kein Wunder, daß in diesen Kreisen die manchmal so verblüffenden
Anklagen auf Deutschfreundlichkeit und Vaterlandslosigkeit ein
willkommenes Gehör fanden; daß im Lande wie außer dem Lande ihre
politischen Gegner den wider sie in Umlauf gesetzten bösen Gerüchten
Mund und Feder liehen, um sie auch bei den Ententemächten in Verruf
zu bringen; daß hüben und drüben die unentwegten Republikaner,
Französlinge, Belgomanen auf diese Unbeliebtheit der Landesfürstin
ihre Hoffnung bauten, um zugleich mit ihr das ganze Herrscherhaus über
die Mosel zurückzudrängen.
Der Unwille und die Abneigung, die sich so rundum im Lande gegen Maria
Adelheid angesammelt hatten, kamen bei Kriegsschluß zum Ausbruch. Ohne
die innerpolitischen Geschehnisse von 1914 und 1915 wäre es, meiner
Ansicht nach, nicht zu den Kundgebungen und Umsturzversuchen im Herbst
und Winter 1918-1919 gekommen.
Die Kammerstürme vom 12. und 13. November 1918, der Putsch vom 9.
und 10. Januar 1919 reichen in ihren ersten Wurzeln auf die in
jenen Jahren gesetzten Handlungen eines ausgesprochen einseitigen
Herrscherwillens zurück. Auch die Hoffnungen Belgiens rechneten
stark mit der Nachwirkung des damals Verschuldeten. Das Verkennen
des Zeitgeistes, die stets wiederholten Zumutungen an das
demokratisch-freisinnige Volksgefühl taten der Liebe zur Monarchie
schmerzlichen Eintrag grade zu einer Zeit, wo für deren Heil und
Zukunft das Volksgefühl und der Volkswille entscheidend in die
Wagschale fiel.
Nach Maria Adelheids Tode hörte man aus dem Munde der überzeugtesten
ihrer nicht zahlreichen Anhänger (der Ausgang des Volksreferendums
vom 4. Juni 1915 hat letzteres bewiesen!) die Behauptung, die Fürstin
hätte nicht abdanken müssen, die Regierungen der Entente hätten sich
mit ihr abgefunden.
Ich leugne diese Möglichkeit.
Gewiß, auch gegen Belgien, Frankreich und das übrige Ausland hätte
das kleine Luxemburg seine Fürstin halten können, wenn es solches in
leidenschaftlicher Entschlossenheit gewollt, wenn es sich in seiner
eindrucksvollen Mehrheit um ihren Thron geschart hätte, bereit für die
liebe Großherzogin, als das kostbarste Sinnbild seiner Unabhängigkeit,
Gut und Kraft einzusetzen und mit einem einmütigen +Moriamur pro
rege nostro!+ die Sache Maria Adelheids als die des Landes zu der
seinigen zu machen.
Daß ihm solche Rettungstat möglich war, sobald es mit dem Herzen und
mit dem Willen ans Werk ging, den Beweis hat es erbracht. Großherzogin
Charlotte, getragen von der Liebe und dem Vertrauen unseres Volkes,
siegte gegen belgischen oder französischen Annexionismus. Maria
Adelheid aber hätte diese gläubige Stütze nicht gefunden. Sie hatte zu
viele enttäuscht oder verletzt.
Sie mußte den Thron aufgeben, nicht weil das Ausland gegen sie
verbündet schien, sondern weil ihr Name seinen Zauber bei ihrem Volke
eingebüßt hatte. Mit der opferfreudigen Liebe der überwiegenden
Mehrheit ihrer Mitbürger im Bunde hätten Regierung und Kammer Maria
Adelheid auch gegen Minister Pichon verteidigt.
Das allzugroße Mißtrauen, das innerhalb unseres Landes um sie
emporgewachsen war, hat sie letzten Endes vom Thron geschieden.
Nicht das Ausland, Luxemburg hat Maria Adelheid fallen lassen.
* * * * *
Und doch war sie ein gutes Luxemburger Kind und ist es geblieben.
Jedem ihrer Worte, jeder ihrer öffentlich und privat gegebenen
Versicherungen gebührt Vertrauen. Dafür war sie doch allzusehr die
Tochter ihres Vaters, die Enkelin ihres alten stolzen Geschlechtes.
Der Sorge um die Heimat galt ihr Abschiedswort. Am Heimweh ist ihr in
der Fremde das junge Herz geschmolzen.
„Ich habe Heimweh nach Luxemburg", so schreibt sie einige Monate vor
ihrem Tode. „Jetzt bin ich schon vier Jahre von zu Hause fort."
Wie so viele andere Große und Kleine hat auch Maria Adelheid es
erfahren müssen:
Viel Raum hat draußen die Erde.
Doch wer verbannt von Haus,
Der sucht mit Schmerzgeberde
Die Welt nach der Heimat aus;
Den friert im warmen Hauche,
Der wird in der Fülle matt --
Dann weht vom Maienstrauche
Ein krankes Rosenblatt.
Der Verzicht auf die Krone war an sich kein besonders schweres
Opfer für ihren tapfern Sinn. In dem von mir erwähnten Oktoberbrief
verständigte sie bekanntlich aus eigenem freiem Entschluß
Staatsminister Reuter von ihrer Absicht, freiwillig und zugunsten
ihrer ältesten Schwester zu entsagen. Aber sie wollte die Zeit ihres
Scheidens selbst bestimmen. Der Abgang fiel ihr schließlich nicht
leicht. Sie sträubte sich entschieden. Unter ~den~ Umständen,
unter dem Befehl des Auslands wollte sie nicht weichen. Sie war sich
keines Unrechts bewußt. Um sich selbst ein immerhin mögliches, wenn
auch ungewolltes Verschulden vorzutäuschen, wünschte sie in letzter
Stunde, die ihr ergebene Rechtspartei möchte ihren Weggang als für das
Wohl des Landes notwendig erklären. Sie hätte es als Eingeständnis
eines unbegangenen Fehlers empfinden müssen, wenn sie ohne weiteres
zugegeben hätte, daß ihr freiwilliger Verzicht zu einem erzwungenen
Opfer wurde. Endlich brachte sie dieses Opfer doch, ihrem Haus und
ihrem Volk zuliebe. Sie vollzog diese Selbstentäußerung, ihrem
ganzen Wesen gemäß, würdig und tapfer, schlicht und gottergeben.
Ihr Scheidegruß an das geliebte Land ist eine Urkunde edelsten
Menschentums.
~Schloß Berg~, den 28. Januar 1919.
„Aus allen Teilen des Luxemburger Landes sind mir in diesen Tagen
unzählige Beweise treuen Gedenkens und rührender Anhänglichkeit zum
Ausdruck gebracht worden, die mein Herz beglückt und mit Dankbarkeit
erfüllt haben. Da es mir leider unmöglich ist, jedem einzeln zu
sagen, welch tiefe Freude und Genugtuung mir dadurch bereitet wurde,
so möchte ich auf diesem Wege meinem Herzensbedürfnis entsprechen
und allen meinen wärmsten und innigsten Dank sagen. Ich danke allen
denen von Herzen, die während meiner ganzen Regierung und besonders
in diesen letzten Zeiten in Wort und Tat, in Gedanken und Gebeten
mir so treu zur Seite gestanden, die mit mir gearbeitet und gekämpft
haben für das Wohl unseres geliebten Vaterlandes. Gott und unsere
Landespatronin, die Trösterin der Betrübten, mögen es ihnen lohnen;
ich werde es ihnen nie vergessen. Die Liebe zu meinem Land und Volk,
die mir von jeher Richtschnur gewesen und die mir auch das letzte
schwere Opfer erleichtert hat, kann durch keine Ereignisse verringert
werden. Meine Gedanken und innigsten Segenswünsche werden auch
künftighin der geliebten Heimat gelten. Meinem Dank möchte ich auch
noch eine Bitte hinzufügen, daß alle, die mir so gute Untertanen und
Helfer waren, von jetzt an mit der gleichen Treue und Aufopferung
zu ihrer neuen Fürstin stehen, in deren Hände ich voll Vertrauen
die Geschicke unseres Landes gelegt habe; es wird dies meine größte
Freude sein.
Mein herzlichster Wunsch an alle ist: Haltet hoch die guten Sitten
der Väter; seid treue Kinder unserer hl. Kirche; bleibt echte, freie
Luxemburger!
~Maria Adelheid.~"
Deutsches und südliches Fürstenblut hatten in Maria Adelheids
Persönlichkeit eine wertvolle und gefährliche Mischung erfahren.
Anfangs schien sie den Stimmen zu lauschen, die aus der Tiefe des
mannhaft besonnenen Nassauerstammes zu ihr emportönten; dann gelangte
in ihr der unruhiger fordernde Braganzageist zur Herrschaft. Sie
wollte kein konstitutioneller Scheinfürst sein. Sie fühlte sich an
verantwortungsvollster Stelle Gott verpflichtet und dem Heil der
christlichen Seelen. Die Welt aber dachte nüchtern und kalt. Sie
konnte diesen seligen Eifer nicht verstehen, sie wollte ihn nicht
entschuldigen. Und auf einmal fühlte sich Maria Adelheid nicht mehr
heimisch in der zersetzenden Luft einer an jederlei Zugeständnissen
siechenden Gegenwart. Ihr Wesen war aus einem kristallenen Guß.
Ihrem Gottgefühl war jeder Ausgleich ein Greuel. Sie ging, scheinbar
besiegt, aber im Gewissen sich treu und treu ihrem in Flammen der
Prüfung gehärteten Ideal. Und so wirkt die zarte Mädchengestalt mit
den großen ruhigen Augen und dem versonnenen Lächeln tragisch im hohen
Sinn.
Aber sie bedeutet menschlich noch mehr.
Als Fürstin und als treue Tochter der Kirche einer Gräfin Mathilde
nachstrebend, schien sie sich zum fraulichen Vorbild die hl. Elisabeth
von Thüringen, die Mutter der Armen und Kranken, auserwählt zu haben.
Durchdrungen vom Selbstgefühl ihres vielhundertjährigen Adels und
fürstlichen Ursprungs, wurde ihr doch so recht wohl erst im Dienste
der Schwachen und Hilfsbedürftigen, in der Schürze der Pflegerin, im
Häubchen der Schwester.
Genügte es einer Fürstin als Verkörperung der reinsten weiblichen
Tugend durch ihre Zeit zu schreiten, um damit für ihr persönliches
Regierungsverlangen Verständnis und Billigung zu ernten, Maria
Adelheid hätte sich der schwärmerischen Zuneigung und Verehrung ihrer
Mitbürger zeitlebens erfreuen müssen.
Während des Krieges stellte sie es sich zum heiligen Ehrgeiz, ihren
Landsleuten ein Hort und eine Zuflucht zu sein. In der Richtung
allein nützte sie den Einfluß, den Kaiser Wilhelm II. der durch
seinen taktlosen Besuch verletzten und bloßgestellten Großherzogin
zugestehen mußte. Unser Volk weiß, wie in jener Zeit der eisernen
Not niemand vergebens Maria Adelheids Vermittlung und Hilfe anrief.
Sie kannte dabei keinen Unterschied des Standes und der Anschauung.
Viele Luxemburger danken der mächtigen Fürsprache ihrer Fürstin
Leben, Freiheit und Heimkehr. Maria Adelheid war in diesen Jahren
der Bedrängnis, nach der ganzen Glut ihres Herzens und im Maße ihrer
Kräfte, die Vorsehung der Gefangenen und die Trösterin der Betrübten.
Aber es war doch nicht Sankt Elisabeth, die Gattin und Mutter, der
die Tochter Maria Annas von Braganza nacheiferte. Mystische Inbrunst
drängte sie auf die weltabgewandten Bußpfade der wundersamen Spanierin
Theresia von Avila.
Maria Adelheid dachte nicht an Vermählung. Sie wollte sich als
Klosterbraut dem Herrn ganz zum Opfer bringen. Doch durfte sie diesen
Schritt äußerster Weltentsagung nicht tun, ohne daß wenigstens einmal
Jugend und Liebe in Demut und in Treue um ihr Herz geworben hätten.
Grade um die letzten Stunden ihrer tragischen Bedrängnis webt die
reinste Herzensromantik einen lieblich ergreifenden Zauber.
Ein naher Verwandter war der anmutigen Spielgenossin schon früh in
herzlicher Zuneigung ergeben. Die beiderseitigen Familien hätten es
mit Freuden begrüßt, wenn aus dem Vetter ein Bräutigam geworden wäre.
Die Angebetete aber verhielt sich freundlich abweisend.
Am 9. Januar 1919, kurz vor der Schicksalsstunde, wo der große
Verzicht unterzeichnet werden sollte, erschien der Prinz, inkognito,
als Hauptmann in englischen Diensten. An maßgebender Stelle, so
versicherte er, sei ihm bestätigt worden, durch eine Verbindung mit
ihm, der in den Reihen der Entente ruhmvoll gekämpft hatte, dürfte
sich Maria Adelheids Anerkennung doch noch erreichen lassen.
Die Großherzogin wird von diesem Antrag des Jugendfreundes
verständigt. Ihre Mutter redet zu. Sie aber erklärt, es tue ihr recht
leid, doch wisse man ja, daß sie nicht an Heirat denke.
In der Angst um ihr Schicksal bittet der Prinz, sie möchte dulden,
daß das Gerücht einer Verlobung mit ihm in die Welt hinausgehe; nach
beschworener Gefahr werde er bereitwilligst zurückstehen. Ihm wird zur
Antwort, die Aufrichtigkeit verbiete, an ein solches Spiel auch nur zu
denken.
Der Prinz reist noch in derselben Stunde von Schloß Berg ab. Bevor er
den Zug besteigt, treibt ihn die innigste Sorge, am Fernsprecher es
mit einem letzten Anruf zu versuchen. Es erfolgt der nämliche Bescheid
und der hochherzige Mensch muß dem Schicksal und einem jungfräulichen
Heldenwillen weichen.
* * * * *
Maria Adelheid ertrug den jähen Wechsel des Geschickes mit
bewunderungswürdiger Fassung. Das Glück der Schwester war ihre
erste Sorge. Ihr warmes Zureden vor allem bewog die am 12. Dezember
1918 abgetretene Regierung während der Audienz vom 12. Januar 1919,
Großherzogin Charlotte zu Diensten vor die Abgeordnetenkammer
zurückzukehren.
Sie sollte die am 28. Januar 1919 mit dem liebevollsten Heil- und
Segenswunsch verlassene Heimat nicht wiederschauen. Sie hatte die
Bitterkeit der Welt und die Nichtigkeit ihrer Güter erfahren.
Losgetrennt von den Sorgen irdischen Glanzes wandte sie ihre Sehnsucht
höheren Formen zu.
Am 14. September 1920 trat das älteste Kind des protestantischen
Wilhelm von Nassau zu Modena in das Kloster der Karmeliterinnen und
vergrub sich als eine geistliche Tochter der hl. Theresia in das
Schweigen des Gebetes, in die Schauer der Abtötung.
Aber es stand geschrieben, daß diesem armen Fürstenkinde nichts nach
Wunsch geraten dürfe.
Den Entbehrungen und der Buße hielt ihre Gesundheit nicht stand.
Der Wille ihrer Obern wies sie schon bald in eine minder strenge
Lebensführung zurück.
Sie ging nach Rom und vertauschte hier das Bußgewand der
Karmeliterinnen mit dem Schleier der Kleinen Armenschwestern. Doch
das römische Klima zeitigte ein tückisches Leiden. Maria Adelheid
mußte auch das Kleid der schlichten Barmherzigkeit von sich tun und
kehrte zu ihrer verehrten Mutter auf Schloß Hohenburg zurück. Dem
klösterlichen Geist der Entsagung und Aufopferung blieb sie auch in
den leichteren Verhältnissen treu. Der Krankenpflege gehörten ihre
liebsten Stunden. Um die zur vollkommenen Ausübung des Pflegerdienstes
nötige wissenschaftliche Vorbildung zu erwerben, setzte sie sich an
das Studium der Medizin. Auch ihr reger Geist verlangte stets nach
neuer Nahrung und Beschäftigung.
Dann wurde sie selbst durch ein langes Siechtum gefesselt. Ihre
Samariterseele verleugnete sich auch nicht auf dem eigenen
Schmerzenslager. Gegen ihre Wärterinnen war sie eitel Sanftmut und
dankbare Rücksicht.
Seit ihrem Niederstieg vom Thron, auf dem sie ihr Herrschbewußtsein so
nachdrücklich bekunden wollte, hatte sie sich -- für ihre Natur ein
Gipfel seelischer Selbstentäußerung! -- des eigenen Willens freudig
und schrankenlos begeben. In Hohenburg beugte sie sich, wie kurz
vorher unter das Wort der Oberin, vor der Liebe der Mutter. Aus deren
Mund erbat sie sich schließlich die Ermächtigung zum letzten Abschied.
Einige Tage vor ihrem Tode sprach sie zu Maria Anna mit weichem
Flehen: „Mutter, ich habe dir stets gehorcht und deinen Willen
erfüllt: Gib mir jetzt die Erlaubnis zu sterben!" Die leidgeprüfte
Frau und fromme Christin erwiderte: „Wenn Gott es so haben will,
Sein Wille soll geschehen." Die Sterbende, das Antlitz von einem
Lächeln schmerzlicher Entsagung überzittert, flüsterte zurück: „Mir
ist ja auf Erden nichts geglückt. Darum will ich sie verlassen. Ich
sterbe gerne." Ihre letzten Worte an Mutter und Schwestern waren eine
Tröstung todüberwindender Liebe. „Trauert nicht, hauchte sie; seid
fröhlich und freut euch mit mir."
Am 24. Januar 1924, gegen halb zwei nachmittags, hatte Maria Adelheid,
Großherzogin von Luxemburg, neunundzwanzigjährig, heimgefunden.
Drei Tage später wurde ihre leichte Hülle von Schwesterhänden in
Blumen gebettet und unter dem Hochaltar der Schloßkapelle beigesetzt.
* * * * *
Warum ich grade diese ergreifenden Äußerungen eines versöhnten Lebens-
und verklärten Sterbewillens hervorhebe? Nun, erst bei der Betrachtung
dieser letzten irdischen Wandlung ist mir Maria Adelheids Bild zur
klareren Anschauung gekommen. Nach ihrem Verzicht auf die Kronen der
Welt kommt die reine Hoheit ihres Wesens zur strahlenden Entfaltung.
Mir drängt sich die Ahnung auf, um aus der Fülle ihres eigenen
Gottempfindens heraus zu reden, als seien ihr die Jahre des Herrschens
nur geschenkt worden zur Prüfung ihres aufrichtigen Wollens und zur
Läuterung ihres vom Atem irdischen Machtbewußtseins geschwellten
Selbstgefühls. So wird sie der Gnade gewürdigt, durch die Dornen der
freiwilligen Demütigung und Entsagung den Pfad zu finden, den die
Auserwählten geführt werden, in denen die Menschennatur einem Gipfel
entgegengetragen wird; die berufen sind, nach der Auflösung des
irdischen Verlangens in den Gluten der Gottesliebe, als Leuchten und
als Fürbitter zu bestehen in der Verehrung der kommenden Geschlechter.
Nicht die Großherzogin Maria Adelheid unter dem Himmel des Thronsaals,
die sanfte, stille Soeur Marie des Pauvres unter dem Kelter der
Heimsuchung zwingt zur Huldigung vor der erhabenen Größe einer
durchgotteten Natur.
Ihr wechselvolles, blitzgezeichnetes Schicksal, ihr Leben in
Schönheit, Güte, Wahrheit und Treue, ihr Sterben im Kranze der
Jugend, in der Krone der Vollendung unter dem Weihekuß des Leids
ruft den Dichter. Die Legende wird ihr Vorüberschweben durch
die Welt des Scheins mit dem Goldstift in wunderbaren Bildern
gestalten und verewigen. Unsere Landesgeschichte rechnet schon
heute die erste luxemburgische Großherzogin zu den wenigen starken
Persönlichkeiten, die auf unserm alten, etwas undankbaren Grund
erwachsen durften. Der schwermutsdunkle Sterbeseufzer eines Joseph
II. durchzittert ihre letzten Worte mit eindringlicher Wehmut, und
Gregors VII. erschütternde Todesklage wurde der Scheidenden aus
freisinnigem Mund als Rechtfertigung in die Fremde nachgerufen. Was
aber die katholische Kirche in der späten Enkelin Philipps III.,
des nassauischen Reformators, schaut, Papst Benedikt XV. hat es
ausgesprochen: „Die Großherzogin ist eine heiligmäßige Person. Sie war
ganz gewiß durch ihr Gebet und ihre Opfer der Blitzableiter, der vom
Luxemburger Lande die schrecklichen Gefahren ablenkte, die ihm gedroht
haben."
* * * * *
Der kühlere Sohn eines politischen Zeitalters freilich fühlt sich
bewogen, nach einer kurzen vorurteilslosen Erwägung dieses seltenen
Fürstenlebens, seine Landsleute mit einem Rat und mit einer Bitte zu
bedenken.
Der Gegenwart, das lehren die Ereignisse der letzten Jahre im großen
wie im kleinen, ist jeder Überschwang zuwider. Scharfmacherei sät das
Mißtrauen, nährt den Unwillen, erdrosselt die Liebe, reizt zur Abwehr,
heischt die Abrechnung; sie stürzt in ihrer Blindheit über den eigenen
Fuß.
Der edle Mensch ist anderseits zu gut, um von berechnenden
Eiferern als Werkzeug gehalten und mißbraucht zu werden. Die Zeit
mittelalterlicher Schwarmsucht ist auch für Luxemburg vorbei.
Diebstahl am Ganzen begeht, wer sich diese Tatsache nicht beständig
in das Verantwortungsbewußtsein stellt. In der entscheidenden Stunde,
wir habens erfahren müssen, rettet, und vor allem das kleine Land, nur
die Kraft der in ~=einem= Gefühl =gläubig= und =gern=
verschlungenen Hände~.
Und es dürfen auch die Schatten der verklärten Toten nicht
heraufbeschworen werden, um den Frieden der Lebendigen zu stören, um
Zweifel und Störung hineinzutragen in das Gefühl der Zukunft, für
deren Sicherung und Gedeihen in entscheidender Stunde alle, die gutes
Willens waren, mit Überzeugung gestritten und gelitten haben.
Maria Adelheids Bild steht an der Wegkreuzung unserer jüngsten
Geschichte; für die einen Zeugen unter den Zeitgenossen bleibt es
ein Zeichen, dem sie widersprechen wollen oder müssen; für die
andern soll es am Wege ragen als eine Schranke zur Besinnung und zur
Erkenntnis.
Maria Adelheid hat sich versöhnten Geistes bei lebendigem Leib in die
Grundfesten einfügen lassen, auf denen die Zukunft des geretteten
freien Vaterlandes auf- und ausgebaut werden kann. O, so möge der
heilige Zauber dieses jungfräulichen Blutopfers nachwirken zum Glück
ihrer Nachfolger und zum Segen ihres Volkes!
Nikolaus Welter
Gesammelte Werke
in fünf Bänden.
Inhalt.
1. ~Band~: Gedichte
2. ~Band~: Siegfried und Melusine.
Griselinde.
Die Söhne des Öslings.
Adlers Aufflug.
3. ~Band~: Der Abtrünnige.
Lene Frank.
Professor Forster.
Das Vaterunser.
4. ~Band~: Mansfeld.
Der Wurm.
Dantes Kaiser.
5. ~Band~: Hohe Sonnentage.
Verlag
Georg Westermann in Braunschweig.
Anmerkungen zur Transkription.
Worte in Antiqua sind kursiv dargestellt.
Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die
Korrektur.
S.29
Wie der Mann
Wie sich der Mann
S.127
und lieh der Hoffnung
und verlieh der Hoffnung
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM DIENSTE ***
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