Erzählungen aus dem Ries

By Melchior Meyer

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Title: Erzählungen aus dem Ries

Author: Melchior Meyer

Release date: March 22, 2025 [eBook #75688]

Language: German

Original publication: Berlin: Verlag von Julius Springer, 1856

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZÄHLUNGEN AUS DEM RIES ***



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                     Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
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Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~.

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                      Erzählungen aus dem Ries.

                                  Von

                            Melchior Meyr.


                            [Illustration]




                             Berlin, 1856.

                      Verlag von Julius Springer.




                                Inhalt.


                                              Seite
                     Ludwig und Annemarie         1

                     Die Lehrersbraut           109

                     Ende gut, Alles gut        277


                            [Illustration]




                               Vorwort.


Die erste der drei Erzählungen dieses Bandes wurde 1852 im
~Morgenblatt~ veröffentlicht. Der Beifall, den sie erhielt, und
die freundliche Aufforderung von Seiten der Redaction veranlaßten mich,
im letzten Winter die zweite zu liefern. Die dritte, im laufenden Jahr
geschrieben, erscheint hier zum erstenmal.

In der Einleitung zur ersten habe ich über das ~Ries~ die nöthigen
Aufklärungen gegeben und meine Ansicht über das Genre ausgesprochen,
das ebenfalls zu cultiviren ich mich berufen fühlte. Zur Unterstützung
des dort Gesagten nur wenige Bemerkungen.

Das, was man unter dem Namen »Dorfgeschichte« begreift, ist in
Bezug auf idyllische Darstellung im weiteren Verstande des Worts
ein Fortschritt, in sofern darin von erträumten Zuständen und
schablonenmäßiger Behandlung zur Auffassung der Natur und des
wirklichen Lebens übergegangen ist. Man gewann neue, frische
Gegenstände und eine neue Behandlung; und das Publikum überzeugte sich,
daß die Personen in den gelungensten dieser Erzählungen darum, daß
sie lebenswahr und individuell im Bilde stehen, an Reiz und Interesse
keineswegs verloren haben. Der Beifall, den diese Erzeugnisse fanden,
mag mit daran Schuld sein, daß man Anklagen gegen sie erhoben hat,
die nur ihre schwachen Nachahmungen treffen. Die Dorfgeschichte soll
freilich das getreue Bild eines wirklich vorhandenen Landlebens
aufstellen; allein ist der Erzähler dichterisch begabt, so verhindert
ihn nichts, dieses Leben poetisch zu verklären. Er kann das Material,
das ihm die Wirklichkeit bietet, zu einem Organismus ausprägen, der auf
den Leser alle Eindrücke eines künstlerischen hervorbringt. Er kann es
-- wenn er der Mann dazu ist.

Von Seiten derer, die in Fragen der Poesie nicht zu entscheiden
berechtigt sind, weil sie ihre Begriffe nur von einzelnen Erscheinungen
derselben abgezogen haben und das Werdende und das Seinsollende --
das Ideal nicht in Anschlag bringen können -- von Seiten dieser
in Deutschland nicht seltenen Urtheiler ist die Würde und die
Bedeutung des Gegenstandes angestritten worden, auf den sich der
Dorfgeschichten-Erzähler gewiesen sieht. Allerdings bewegt sich das
Leben des Landvolks -- und nun gar das eines bestimmten Landvolks!
-- in genau begränzter Sphäre. Allein innerhalb derselben findet
sich gleichwohl alles Menschliche -- alle Tugenden und Schwächen
des Menschen und eine reiche Bethätigung derselben -- wenn auch in
eigenthümlichen, nach gewisser Seite hin beschränkenden Formen. Wer das
Alles nun klar zu sehen -- wer die Tugenden und Fehler in Aufdeckung
ihrer Quellen treu zu schildern und in das Licht wahrer poetischer
Gerechtigkeit zu erheben, wer dem vorgeführten Conflict in Handhabung
dieser Gerechtigkeit einen befriedigenden Schluß zu geben vermag --
wie sollte der abgehalten sein, in Darstellung solchen Lebens ein
poetisches Werk hervorzubringen?

Von dem Erzähler, der auf diesem Gebiete dem Ideal sich nähern soll,
ist freilich außer der poetischen Begabung noch Eines unabweislich
gefordert: er muß unter dem Volke, das er zu schildern unternimmt,
gelebt und Leid und Freud mit ihm getheilt haben. Er muß im Innern der
Familien heimisch sein und seine Leute in Situationen gesehen haben,
die ihre derbere Natur und ihr einfacheres Wesen auch wirklich in
Bewegung zu setzen und zu antheilerweckenden Aeußerungen aufzuregen
vermochten. Dem flüchtigen Beobachter wird das Landvolk im Guten und
im Schlimmen sich nicht offenbaren, und weder im Wirthshaus noch in
der Amtsstube kann man den ganzen Bauer kennen lernen, weil hier wie
dort nur einzelne Seiten zum Vorschein kommen, und zwar keineswegs die
besten. Mit der Kenntniß des Gesammtlebens, wie sie nur der Mitlebende
sich erwirbt, muß der Autor zugleich jene Liebe zum Volke verbinden,
ohne die es unmöglich ist, das Schöne und Gute in ihm zu sehen und
herzgewinnend hervorzubilden. Allein die wahre Kenntniß und die Liebe
gehen immer Hand in Hand; denn nur die Liebe ist im Stande, wahre
Kenntniß zu erlangen.

Der Dorfgeschichten-Erzähler, in welchem die erforderlichen
Eigenschaften vereinigt sind, hat von seinem Gegenstand, der ihn auf
der einen Seite beschränkt, auch wieder ganz eigenthümliche Vortheile.
Er schildert Menschen, die entschieden ausgeprägt sind, und doch in
einer Sphäre der Naivität sich bewegen, die ihren Aeußerungen den Reiz
des Kindlichen verleiht und auch bei den ergreifenden uns ein Lächeln
entlocken kann. Rührung und Erheiterung -- wie dies namentlich auch die
Werke Jeremias Gotthelfs beweisen -- gehen in seiner Darstellung eng
verbunden zusammen. Das unmittelbare Sinnen- und Gemüthsleben, das in
der Sphäre unverdorbener Landleute herrschend ist, giebt auch der hier
bewußtesten Persönlichkeit und den von ihm entferntesten Eigenschaften
noch etwas von seinem Gepräge. Die ~Natur~ in ihrer Kraft, in
ihrem quellend frischen Leben, das uns umfließt, wie das Wasser des
lebendigen Stromes die Glieder des Badenden, sie, die nährende Trägerin
alles Lebens ist es, die ihr Füllhorn ausgießt, wenn der Darsteller nur
den Geist hat, dem sie liebend und mittheilend entgegen kommt! --

Ist die Möglichkeit einer wesentlich poetisch gehaltenen Dorfgeschichte
bewiesen, dann wird es Erzählungen, die in der That poetisch wirken,
nicht zum Vorwurf gemacht werden können, daß durch sie zugleich noch
andere Zwecke erreicht werden. Wenn sie, von ästhetischer Ergötzung
abgesehen, zur Kenntniß des Volkes, seiner Denkweise und Sitten
beitragen; wenn sie auf die Frage der Volkserziehung beachtenswerthe
Lichter werfen; wenn sie die geistige Scheidewand niederreißen helfen,
die zwischen den gebildeten Klassen und den Landleuten noch besteht,
und die einseitigen Begriffe, die sich jene von diesen machen,
berichtigen -- wenn sie den Beweis liefern, daß man sich des deutschen
Bauers gerade nicht zu schämen hat, und die gebildeten Classen zu
dem Gedanken erheben, daß sie mit dem richtig erkannten und richtig
behandelten Bauer Ein Volk zu bilden haben -- dann wird dies an solchen
Erzählungen kein Mangel, sondern nur eine Tugend mehr sein.

Wie weit ich mich in den folgenden Erzählungen dem Ziele, das ich mir
hiernach stecken mußte, genähert habe, das mögen berufene Kritiker und
freundliche Leser entscheiden. Kenntniß des Volks, das ich schildere,
und Liebe zu ihm wird mir nicht abzusprechen -- und das Streben, aus
dem ächten Material Kunstwerke zu bilden, wird nicht ganz ohne Frucht
geblieben sein. Die Gedanken, die der ersten und der zweiten Erzählung
zu Grund liegen und durch sie zur Anschauung gebracht werden sollen,
treten dem Urtheilenden so klar entgegen, daß ich über sie nichts
weiter zu sagen habe. Auch der dritten, in der ich den ungedämpften
Realismus des Riesers in die Sphäre des Humors zu erheben trachtete,
wird man vielleicht die Bedeutung eines Gleichnisses zugestehen. Die
Aufgabe, die ich mir hier gestellt, bedingte in den Gesprächen die
durchgängige Anwendung des Dialekts, worin die geführten Reden allein
die erforderliche Natürlichkeit und humoristische Kraft haben. Allein
der Rieser Dialekt ist leicht zu verstehen, und einzelne schwierige
oder in der Schriftsprache nicht gebräuchliche Ausdrücke sind in
Parenthesen erklärt. Bei gewissen Gegenständen ist die Mundart für
den geistigen Menschen, was die Landestracht für den leiblichen; und
wenn die schönwissenschaftlichen Arbeiten nebenbei die Kenntniß der
deutschen Dialekte fördern, so wird das wohl ebenfalls eine löbliche
und nicht unzeitgemäße Eigenheit sein.

Zur richtigen Lesung und zum Verständniß jener Gespräche werden
folgende Nachweisungen dienen.

Im Rieser Dialekt, ähnlich wie in andern, wird vielfach das n nicht
ausgesprochen, aber der Nasenton des ihm vorhergehenden Vokals oder
Diphthongen beibehalten. Die »Bahn« wird zur »Bah'«, aber das a darin
ebenso durch die Nase wie in dem hochdeutschen »Bahn« -- also wie das
französische +ban+ ausgesprochen. »Es scheint« wird »es schei't«;
der Diphthong behält den Nasenton des »scheint« und das Wort darf
keineswegs wie Scheit (Holz) gelesen werden. -- Ich habe diesen Ton
durch den Apostroph hinter dem betreffenden Vokal oder Diphthongen
bezeichnet.

Der Rieser legt bei gewissen Worten nach dem Vocal ein kurz und
gleichfalls durch die Nase zu sprechendes a oder e ein. Er sagt statt
»gut,« guat oder guet, statt »gern« geara'. Guet läßt etwas feiner als
guat.

In »ab«, »herab«, läßt der Rieser das b unausgesprochen; er sagt »ah«,
»rah«. Abfallen wird Ahfalla'.

Das au verwandelt man im Ries vielfach in o oder oh, das ei in oe, das
a in o, das i in e. Es heißt z. B. statt rauchen rohchen, statt klein
kloe, statt Mahl Mohl, statt finden fenden. Weiß man dies, so wird aus
dem Zusammenhang der Rede das entsprechende hochdeutsche Wort leicht zu
erkennen sein. Das oe habe ich, damit es nicht ö gelesen wird, in den
ersten Erzählungen mit trennenden Punkten versehen.

Wie in andern Gegenden Deutschlands, so wird auch im Ries häufig d
gesprochen, wo die Schriftsprache t -- b, wo sie p hat. Man sagt danza'
statt tanzen, doa' statt thun, Bost statt Post etc.

Für »wir« hat der Rieser »o's« (uns) -- aber nur da, wo der Nachdruck
auf diesem Worte liegt. Er sagt: »O's Rieser« = wir Rieser. »Send o's
net so guet, wie ander Leut?« = Sind wir nicht so gut wie andre Leute?
-- Hat »wir« dagegen nicht den Accent, so wird es zu mer (m'r) oder wer
(w'r). »Mer hont scho' gmuag« = wir haben schon genug. »Reißa' mer's
raus« = reißen wir's heraus.

Die Betonung hat auch sonst Einfluß auf die Fassung der Worte. »Ich«
lautet, wenn es mit Nachdruck gesprochen wird, »ih«. Bei geringerer
Betonung wird es zu i, bei der geringsten zu e. Es heißt: »Ih solls do'
haba'?« = ~ich~ soll's gethan haben? »Soll i's oh doa'? = soll
ich's auch thun? »Des hab' e do'«, = Das hab' ich gethan. »Dir« lautet
»Dir«, wen es den Accent hat; wo nicht, so wird es zu »Der«, »D'r«. Z.
B. »I hab ~dir's~ gsakt (gesagt). I hab d'r's ~gsakt~.«

Die Rieser Mundart braucht einzelne Worte in anderm Geschlecht als die
Schriftsprache. »Ich habe keine Lust dazu« heißt: i hab koen (keinen)
Luhft derzua'. »Luft« existirt weiblich und männlich. Die Luft ist
ruhige Luft; der Luft, active Luft, Wind. Man sagt z. B. »'s got (geht)
a starker Luhft!«

In Bezug auf Deklination ist zu bemerken, daß der Rieser statt des
hochdeutschen Genitivs ein »von« anwendet; z. B. die Größe meines
Sohnes = die Gröaß von mei'm Soh'; -- oder nach dem Genitiv ein Fürwort
setzt: z. B. des Bauern Haus = d's Baura' sei' (sein) Haus.

In der Conjugation weicht er von der Schriftsprache vielfach ab. Er
conjugirt: I hab (ich habe), du host, er hot; o's hont, uir hont, sie
hont. I wear (ich werde), du wurscht, er wurd; o's wearet, uir wearet,
sie wearet. I sig (ich sehe), du sikst, er sikt; o's sehet (seha't),
uir sehet, sie sehet. »Sie wearet« heißt auch, sie weara', und so
bei andern Zeitwörtern. Vom Imperfectum braucht der Rieser nicht den
Indicativ, wohl aber den Conjunctiv. Statt »ich ging« sagt er: i ben
ganga'. Für »ich ginge wohl« hat er aber: i geang wohl. Wenn er das
Imperfectum »war« anwendet, so bedeutet es entweder »wäre« oder »ist«.
Eigenthümliche Zusammenziehungen sind: Gommer = gehen wir; hommer =
haben wir; lommer = lassen wir.

Der Hiatus wird im Dialekt möglichst vermieden. A' = ein wird vor einem
Wort, das mit einem Vokal anfängt, zu a'n. Es heißt: a Fueß (Fuß); aber
nicht: a' Aug, sondern a'n Aug. --

Das dürfte genügen. Andere Abweichungen, Auslassungen von Buchstaben
und Zusammenziehungen, Dehnungen (die mit Einlegung eines h bezeichnet
sind) bieten für den Leser keine Schwierigkeit.

Schließlich haben wir nur noch zu bemerken, daß der Schriftsteller in
Gesprächen die mehr oder minder gebildeten Landleute durch minder oder
mehr entschiedenen Dialekt charakterisiren muß. Wenn man also auch
in unsern Erzählungen Variationen antrifft, so wolle man darin keine
Nachlässigkeit oder Willkür, sondern vielmehr das Bestreben erkennen,
den Modificationen zu folgen, die im Leben selber vorkommen.

  ~Ebermergen~ bei Harburg im Ries.

                                                    Der Verfasser.




                         Ludwig und Annemarie.


Das Ries ist ein Gau im Schwabenlande, einige Stunden nordwärts von der
Donau. Der größte Theil gehört zu Bayern, der nordwestliche Strich zu
Württemberg. Man braucht in diesem Gau nicht geboren zu sein, sondern
nur in guter Jahreszeit darin verweilt zu haben, um ihn für einen der
anmuthigsten und gesegnetsten in unserem Vaterlande zu halten. Wer an
einem schönen Juni-Abend auf einer der westlichen Anhöhen steht und die
von bewaldeten Hügeln umschlossene Ebene erblickt in dem glänzenden
Reichthum ihrer Feldfrüchte, die alte Reichsstadt Nördlingen mit ihrem
hohen Thurm, die fürstliche Residenz Wallerstein mit dem grauen Felsen,
der früher die Burg der Grafen von Wallerstein trug, hier und da ein
wohlerhaltenes Schloß oder ehemaliges Klostergebäude und die Menge
schmucker Dörfer, den wird ein freudiges Gefühl überkommen: er hat
nicht nur eine schöne, fröhliche Landschaft vor sich, sondern er fühlt
zugleich, daß ihre Bewohner begünstigte Menschen waren und sind.

Das Ries ist eine kleine Welt und birgt eine nicht unbedeutende
Mannigfaltigkeit von Lebenserscheiuungen in sich. Daß es theils
bayrisch, theils württembergisch ist, scheint zu seinem Wesen zu
gehören. Die Bewohner zerfallen in Protestanten und Katholiken,
die zerstreut durcheinander wohnen. Im protestantischen Theile und
namentlich unter den Geistlichen fanden sich vor einigen Jahrzehnten
die Extreme der frommgläubigen und rationalistischaufgeklärten
Anschauung vertreten, von denen die erstere eine sehr rege Thätigkeit
entwickelte. Auch Juden fehlen nicht in dem wohlhäbigen Landstrich.
Sie sitzen an einzelnen Orten, hauptsächlich in Wallerstein, in
verschiedenen Abstufungen des Vermögens und Ansehens, vom reichen
Kaufmann und Geldverleiher an bis herab zum Schmuser, der sich auf
Märkten durch leidenschaftliche Verständigungsversuche seinen Bedarf
erkämpft. Der Dialekt ist schwäbisch in besonderer Ausbildung, an
einzelnen Punkten von Alters her eigenthümlich modificirt. Nördlingen
und Wallerstein liegen kaum eine Stunde auseinander, und doch ist
der ächte Nördlinger von dem ächten Wallersteiner an Mundart und
Betonung sogleich zu unterscheiden. In Oettingen, wie überhaupt
an der nordöstlichen Grenze, herrscht der fränkische Dialekt. Der
Menschenschlag ist arbeitsam, gewerbthätig und von gemüthlichem,
vergnügtem Wesen, sehr geneigt zu Scherz und Neckerei. Man findet
darunter noch viele Exemplare von jenem angenehm drolligen und
komischen Gepräge, das der verständigen Ernsthaftigkeit unserer
Zeit immer mehr weichen zu wollen scheint. Das schöne Geschlecht
macht seinem Namen alle Ehre; auf den Dörfern begegnet man nicht nur
stattlichen und tüchtigen, sondern auch gar feinen und zierlichen
Gestalten. Die Landestracht ist kleidsam, wenn sie mit Geschmack
behandelt und von den Frauen in der Zahl der Röcke ein gewisses Maaß
eingehalten wird. Uebrigens greift auch hier die französische Tracht um
sich, und in dem Anzug der Frauen und Töchter wohlhabender Landleute
findet sich Einzelnes derselben mehr oder minder glücklich mit der
Landestracht verbunden.

Der Verfasser hängt an diesem Gau mit begreiflicher Liebe. Er ist darin
geboren und hat in ihm die schöne Jugendzeit verlebt. Als Gymnasiast
und Student verbrachte er hier die glücklichsten Ferientage. In dem
Alter, wo man um so reicher an poetischer Empfindung und Anschauung
ist, je weniger man sie noch kunstmäßig auszudrücken vermag, lebte er
das fröhliche Rieserleben mit und nahm mit nie versiegender Freude
seine Eigenthümlichkeiten in sich auf. Die Landschaft, von dem Duft
seiner Jugendgefühle übergossen, hat für ihn einen poetischen Reiz wie
keine andere.

Schon einmal im dem ländlichen Gedicht: »Wilhelm und Rosine,« das 1835
erschien und eine Dorfgeschichte in Hexametern genannt werden kann,
hat Schreiber dieses seiner Heimath in Schilderung ihres Dorflebens
seinen poetischen Dank abgetragen. Er versucht es zum zweitenmal in
einer Erzählung. Nach den ächten Darstellungen von von Immermann und
Berthold Auerbach ist das Genre der Dorfgeschichten durch Nachahmungen
bei uns in die Mode und wieder aus der Mode gekommen. Aber das kann
eine getreue Schilderung wirklicher Lebensverhältnisse nicht berühren.
Im deutschen Volke sind noch Schätze zu heben von eigenthümlicher
Art und Sitte, von eigenthümlichen Freuden und Leiden, von besondern
Verbindungen der überlieferten Stammesbildung mit der neuen
Zeitbildung. Wer von einem so bestimmten Leben ein dichterisch treues
Abbild zu geben weiß, der wird empfänglichen Menschen immer Freude und
Nutzen gewähren können. Das Aechte wie das Ewige hat immer seine Zeit;
und auch Annäherungen an das höchste Ziel, wie sie dem frischen Streben
gelingen, werden nicht unwillkommen sein.

Nun zu unserer Geschichte. Sie hat sich vor einer Reihe von Jahren
zugetragen, wo durch die Ebene noch nicht der Dampfwagen brauste und
das Leben überhaupt noch ein idyllisches Gepräge trug, wie es jetzt
nicht mehr so ganz der Fall sein mag.

                   *       *       *       *       *

Der Geistliche eines Dorfes in der Nähe von Nördlingen wandelte
an einem schönen Sommermorgen in seinem Garten, der hinter dem
wohlgebauten, zweistockigen Pfarrhause lag. Er hatte schon eine
Zeitlang gearbeitet und wollte nun einen Gang in freier Luft machen
und nach den Fortschritten der Gewächse sehen. Da dieser Mann in den
spätern Verlauf unserer Geschichte bedeutend eingreift, so wollen
wir den Leser schon jetzt näher mit ihm bekannt machen. Er war ein
Sechziger, bei mittlerer Größe von stattlichem Ansehen und offenbar im
Besitz einer stetigen Gesundheit. Aus den regelmäßigen Gesichtszügen
sprach Erfahrung, Verstand und eine heitere Freiheit des Geistes. Er
hatte auf der Universität neben den theologischen allgemein bildende
Studien getrieben, als Hofmeister in vornehmen Cirkeln und auf Reisen
die Welt kennen gelernt und die Laufbahn eines Geistlichen von unten
auf gemacht, bis er die einträgliche Stelle erhielt, wo er nun seit
zehn Jahren ein ruhig glückliches Leben führte. Der Glaube an die
Grundlehren der evangelischen Kirche war bei ihm ein Trieb und eine
Forderung des Herzens, aber sein Christenthum war liebevoller,
freundlicher Art. Die Natur mit Feuer und Schwert austreiben zu wollen,
aus einer Mücke einen Elephanten zu machen und die Gemüther durch
übertriebene Forderungen zu verwirren, war nicht seinem Charakter
gemäß. Er rügte streng, wo es ihm klare Einsicht gebot, aber lieber
schilderte er das höhere Leben in einer Weise, daß es durch seine
eigene Schönheit die empfänglichen Herzen gewann. Er war milde,
weil er zu unterscheiden wußte und das Gute in der Natur und in dem
Gehaben des Volks erkannte. Als Seelsorger und im sonstigen Verkehr
mit den Gliedern seiner Gemeinde freute er sich, jene brave Klugheit
anzuwenden, welche die Menschen mit leichten Mitteln zu lenken
versteht. Er war dem Scherz nicht abhold, und aus dem anmuthigen
Ausdruck seines Mundes konnte man schließen, das er freundschaftliches
Gespräch selber damit zu würzen verstand.

Die Sonne schien heiß vom wolkenlosen Himmel. Dieß hielt den Pfarrer
nicht ab, den Schatten der Kastanienbäume am Hause zu verlassen und
geschützt durch sei schwarzes Käppchen, unter dem rechts und links ein
silbergrauer Haarbüschel hervordrang, erst die Blumenbeete, dann auf
dem grasigen Platz die reifenden Kirschen zu betrachten. Aus einem
Gesicht, dessen bräunliches Roth sich von dem anderer Landbewohner
durch einen feineren, geistigeren Ton unterschied, sah eine innere
Freudigkeit, die mit der Schönheit des Sommertags ganz in Harmonie war.

Als er sich eben anschickte, unter die Kastanienbäume zurückzukehren,
wurde die Thüre, die vom Pfarrhaus in den Garten führte, rasch
aufgemacht und ein schlanker, blonder junger Mensch von etwa sechzehn
Jahren ging eilig auf ihn zu. Es war sein Enkel, der Sohn seiner
Tochter, die ihren Theodor dem Großvater zur Vorbildung für die letzte
Klasse des Gymnasiums zugeschickt hatte. Das sonst gleichmäßig blasse,
durch die Sonne nur wenig gebräunte Gesicht war jetzt erhitzt und
geröthet, und man sah aus allem, daß er etwas für ihn sehr Bedeutendes
zu berichten hatte.

»Großvater,« rief er dem alten Herrn zu, »es ist gut, daß ich dich
treffe! Drunten im Dorf -- nein, es ist zu arg!« Er hielt inne, um
zu verschnaufen. -- Der Alte kannte seinen Mann. Er wußte, daß der
junge Kopf seine eigenen Ansichten vom Leben hatte, und daß manches,
was damit in Widerspruch trat, ihn oft in unverhältnißmäßige Aufregung
versetzen konnte. Er war daher nicht erschreckt, sondern fragte ruhig:
»Nun, was ist denn schon wieder?« -- »Drunten im Dorf,« erwiederte
Theodor, »beim Angerbauer gibts Händel, Händel zwischen Vater und
Sohn. Ich hab's selber gesehen.« -- Der Alte wurde ernsthaft und eine
Bewegung seines Kopfes verrieth, daß ihm die Nachricht nicht ganz
unerwartet kam. Er sagte: »Erzähle mir, was du gesehen hast, aber in
der Ordnung.«

»Ich wollte in's Dorf hinunter, um hinter den Hecken mein Pensum zu
lernen. Da sah ich vor dem Hause des Angerbauers einen Haufen Leute
stehen, und wie ich hingehe, hör' ich wüthendes Geschrei aus der
Stube. Der Alte schmähte den Sohn und schrie wie rasend. Gott, welche
Schimpfworte und Flüche! Wie ist es möglich, daß die Menschen so roh
sein können!« -- »Es ist manches möglich, was du noch nicht begreifst,
mein Kind,« sagte der Pfarrer. -- »Und dieser Angerbauer,« fuhr der
junge Moralist fort, »der immer so gescheidt sprach und sich ein so
würdiges Ansehen zu geben wußte -- von dem hätt' ich's am wenigsten
geglaubt.« -- »Der Angerbauer,« bemerkte der Alte mit nachdrücklicherem
Ton, »ist ein ehrenwerther Mann und der Sohn deßgleichen. Das wirst du
noch einsehen. Aber nun erzähle weiter. Was hat der Bauer seinem Sohn
vorgeworfen? Oder hast du das im Eifer vielleicht überhört?« -- »Nein,
das kann ich dir genau sagen. Ludwig will die Annemarie beim Bäcker
heirathen, und der Angerbauer will's nicht zugeben.« -- »Ich dacht'
es mir,« sagte der Geistliche. -- »Wie ging der Streit aus? denn du
hast doch wohl das Ende abgewartet?« -- »Wie der Alte gerast, der Sohn
trutzig geantwortet und die Bäurin umsonst sich Mühe gegeben hatte, sie
zu begütigen, hörte man ein Knacken, wie von einem zerbrochenen Stuhl,
und der Vater schrie: »Fort! Geh aus meinem Haus und komm mir nie mehr
unter die Augen!« worauf Ludwig sagte: »Hab' keine Sorg, du wirst mich
nie wieder sehen,« und aus der Stube ging. Dann wurd's stille und ich
lief fort, um dir's zu erzählen.«

Der Geistliche schüttelte den Kopf, schien aber von diesem Ausgang
doch weniger beunruhigt zu sein, als sein Enkel erwartete. Er sah eine
Zeitlang vor sich hin und nickte dann, als ob er einen Entschluß gefaßt
hätte. Der junge Mensch sah ihn an und fragte: »Wirst du hingehen und
Frieden stiften?« -- Der Geistliche erwiederte mit leisem Lächeln über
diesen Eifer: »Der Streit ist ja aus, wie du mir sagst.« -- »Wenn aber
Ludwig auf und davon geht?« -- »Daran werd' ich ihn nicht verhindern
können.« -- »Aber, lieber Großvater« -- »Wirst du einem alten Pfarrer
lehren, was er zu thun hat, Junge? Komm jetzt zur Großmutter.« Er nahm
ihn wohlwollend bei der Hand und führte ihn in's Haus zurück.

                   *       *       *       *       *

Der Angerbauer war nach ländlichen Begriffen ein reicher Mann. Er
hatte seiner Tochter, die im Dorfe verheirathet war, sechstausend
Gulden mitgegeben, und mehr als das Doppelte hatte er noch am Zins.
Sein Sohn Ludwig sollte eben so viel und das jüngste Kind Andres nach
der bäuerlichen Erbfolgeordnung den Hof erhalten. Die Familie lebte
wohl und glücklich zusammen. Der Vater, ein hochgebauter, stattlicher
Mann mit schwarzen Augen und Haaren und gelblichbraunem Gesicht, hielt
gute Zucht im Hause, ohne jedoch seinen Kindern den herkömmlichen
Lebensgenuß zu verkümmern. Er war ein kluger Oekonom und sein Stolz
war, die bestbestellten Aecker im Dorfe zu haben. Seine Wohlhabenheit
und sein Ansehen in der ganzen Umgegend gaben ihm ein bedeutendes
Selbstgefühl, das sich auch in seiner würdigen Haltung ausdrückte.
Er sprach wenig, aber bestimmt, und wie gesetzt er in der Regel war,
so sah man doch, daß er, einmal in Leidenschaft gebracht, gewaltig
losbrechen konnte. -- Die Mutter war in ihrer Jugend sehr hübsch
gewesen, und noch immer machte die schlanke Gestalt einen angenehmen
Eindruck. Sie hielt mehr auf zierliche Reinlichkeit im Hause, als es
sonst in Bauerfamilien der Fall zu sein pflegt; in ihren Stuben und
Kammern mußte alles wie geleckt sein, und überdies alles am rechten
Platze stehen. Sonst zeichnete sie sich in der Kunst aus, Backwerk zu
verfertigen und namentlich »Küchle« zu liefern, die von den jeweiligen
Gästen mit entzückten Lobpreisungen verspeist wurden. Fröhlicher und
gutmüthiger als der Vater, hatte sie doch auch ihre Portion Stolz und
hielt sehr auf das, was sich ihrer Meinung nach für eine reiche Familie
geziemte. -- Ludwig schlug der Mutter nach, während der neun Jahre
jüngere Andres ein gemildertes Abbild des Vaters zu werden verhieß.

Die Hauptperson unserer Erzählung -- man sieht, daß dies Ludwig ist --
war einer der schönsten und angesehensten Bauernsöhne im ganzen Ries.
Tänzer und Sänger, wie es nur einen gab, dazu ein lustiger Bursche voll
guter Einfälle, hatte er schon in verschiedenen Dörfern Herzen erobert,
wenn er bei Verwandten auf Besuch war oder als Gast eine Hochzeit
mitmachte. Es war einer von den Menschen, denen alles wohl ansteht, die
Arbeit wie das Vergnügen. Wenn er Sonntags in dunkelgrüner sammtner
Juppe (Jacke) mit silbernen Knöpfen, schwarzen, knapp anliegenden Hosen
vom schönsten Hirschleder und hohen, über die Knie gezogenen Stiefeln,
die Kappe von Fischotter mit grünseidener Troddel auf's rechte Ohr
gesetzt und den silberbeschlagenen Ulmer Pfeifenkopf im Munde nach
der Stadt, d. h. nach Nördlingen, wanderte, so hätte er einem ruhigen
Beobachter wohl gefallen, den Mädchen aber, die ihm begegneten und
die er freundlich grüßte, war sein Anblick ein wahres Labsal, und sie
konnten sich selten enthalten, sich umzuwenden und ihm nachzusehen.
Dann sagte wohl eine in heiterer Anerkennung: »Des Angerbauers Ludwig
ist eben doch der schönste,« und die andern stimmten ihr bei, vergnügt
oder erröthend, je nachdem.

Auf welches Mädchen durfte ein so Begünstigter nicht Anspruch machen?
Welche Schönheit wäre fähig gewesen, ihn auszuschlagen? Indessen jede
Lebensstellung hat ihre Pflichten, und Ludwig durfte nicht unter den
Schönheiten des Rieses überhaupt, sondern nur unter denen wählen,
die eben so viel mitbekamen als er. Dieser Pflicht kommen die jungen
Bursche meist instinktmäßig nach. Der Bauer, am überlieferten Brauche
haltend, verliebt sich in der Regel nur standes- oder wenigstens
vermögensgemäß. Zu dem Ganzen, das ihn an einem Mädchen bezaubern
soll, gehört auch die reiche Ausstattung, die Ehre, die begüterte
Verwandtschaft. Das Mädchen muß aus einer Familie sein, die eben so
ästimirt ist wie die seinige, sonst entbehrt ihre Schönheit des rechten
Nimbus oder erweckt höchstens eine gönnerhafte Empfindung in ihm.
Für unsern Burschen war die Wahl einer Lebensgefährtin noch besonders
eingeschränkt. Da das Stammgut an Andres überging, so mußte er sich
einen passenden Hof kaufen, was seine Schwierigkeiten hat. Das Beste
war daher, eine einzige Tochter, eine Hoferbin, zu heirathen und in
eine schon bereitete Stätte als Herr einzuziehen.

Es war keine geringe Vermehrung der Zufriedenheit, welche der
Angerbauer und sein Weib ohnehin empfanden, daß sie für ihren Ludwig
solch einen »Anstand« wußten. In der That war dessen Künftige schon
gefunden in der einzigen Tochter eines entfernten Verwandten, der im
nächsten Dorf einen der stattlichsten Höfe besaß. Die Aeltern hatten
darüber gesprochen; die Angerbäuerin hatte zur gehörigen Zeit merken
lassen, daß die junge Base Eva eine rechte Frau für ihren Ludwig wäre,
und im Vorbeigehen die Summe namhaft gemacht, die sie ihrem Sohn
mitgeben könnten, worauf man sich verständigte. Ludwig hatte nichts
gegen den Plan. Für einen Geschmack, der auf dem Lande viele Vertreter
zählt, war Eva eine Art von Schönheit, nämlich eine große, tüchtige
Person mit nicht allzukleiner, etwas gebogener Nase und runden rothen
Backen, so eine, die der feinere Mann einen »Dragoner,« die solide
Anschauung der Mehrzahl aber »a rechts Mädle« zu nennen pflegt. Ludwig
fand in dem Aussehen seines Bäschens keinen Grund, sich in sie zu
verlieben, aber auch keinen, sich der Heirath zu widersetzen. Ihr Hof
leuchtete ihm ein und warf ein verschönerndes und verfeinerndes Licht
auf die Erbin. Er spielte bei Gelegenheit mit Anstand die Rolle eines
Verehrers, und die Heirath wäre ohne weiteres vor sich gegangen, wenn
der Vater Eva's sich hätte entschließen können, seinen Hof so früh zu
übergeben. Allein die erste Person im Hause zu sein, gefiel ihm noch
zu sehr, und er wollte wenigstens warten, bis seine Tochter in die
Zwanziger getreten wäre. Warum sollte er sich beeilen? Von allen Seiten
war man ja einverstanden, und ob früher oder später, sein reicher
junger Vetter wurde sein Schwiegersohn.

Kein Projekt der Menschen ist indessen so gesichert, daß nicht noch
etwas dazwischen treten könnte. Wenn man ein gewünschtes Gut schon in
der Hand zu halten glaubt, kann es noch entschlüpfen, um den Menschen
erkennen zu lassen, daß es bei den Dingen dieser Erde noch auf etwas
anderes ankommt als auf sein Wollen und Meinen. Als Eva neunzehn,
Ludwig dreiundzwanzig Jahre alt war, ereignete sich etwas, das die
Fäden, die von den zwei Familien gesponnen waren, zerriß und den Stoff
zu unserer Geschichte lieferte.

Dies war der plötzliche Tod eines braven Zimmermanns im nächsten
württembergischen Orte. Die einzige Tochter desselben, ein ungewöhnlich
schönes Mädchen, wurde dadurch eine Waise. Da sie erst siebzehn Jahre
zählte und auf ihr Erbe nicht heirathen wollte, so machte ihr Vormund,
der Bäcker unseres Dorfs, das Haus und die paar Morgen Ackerland zu
Geld, legte dieses gut an und nahm das Mädchen zu sich.

Die Ankunft Annemarie's brachte die Jugend des Dorfs in großen Allarm.
Wenn der Bauer in Bezug auf die Wahl einer Ehehälfte praktisch denkt,
so ist er doch keinesweges unempfindlich für Schönheit; ein sehr
schönes Mädchen wird auf dem Lande ausgezeichnet wie ein reiches, nur
auf andere Weise. Das Dorf, das eine solche Blume hegt, thut sich was
darauf zu gute, und es sagt wohl einer mit einem gewissen Triumphgefühl
zu einem Freund aus dem nächsten Dorfe: »So eine habt ihr doch nicht!«
Die jungen Leute, bei denen es irgend angeht, sind eifrig, sich bei
ihr »wohl dran zu machen;« denn einen schönen Schatz zu haben, ist,
abgesehen von der Freude, auch eine Ehre, und es ist höchst angenehm,
ihn von andern loben zu hören und sich darum beneidet zu sehen.
Annemarie fand außer einer guten Anzahl von Bewunderern und Neiderinnen
rasch auch mehrere entschiedene Anbeter; aber sie hatte eine eigene
ruhige Art, die Andringlinge zurückzuhalten oder ablaufen zu lassen.
Bald hieß es unter den Mißvergnügten: das sei eine Curiose, die sich
sehr viel auf ihre Schönheit einzubilden scheine; und doch sei's gar so
arg auch nicht damit.

Wie soll ich aber von dieser Schönheit einen Begriff geben? -- Mir
ist es manchmal so vorgekommen, als ob man eine kindliche, eine
jungfräuliche und eine mütterliche oder frauliche Art der Schönheit
unterscheiden könnte. Ein Mädchen von der ersten Art wird auch als
Frau und Mutter noch ein kindliches Wesen behalten, während die von
der dritten schon in der Zeit des jungfräulichen Aufblühens einen
mütterlichen Charakter gewinnt. Annemarie gehörte zu der dritten
Gattung. Ihr Aeußeres ist kurz beschrieben. Sie hatte etwas mehr als
mittlere Größe und eine natürlich schöne Gestalt. Nichts war dürftig
an ihr, alles reich, doch würde auch der strenge Kenner nichts
hinweggewünscht haben. Die Farbe ihres Gesichts war nußbräunlich,
mit mildem, aber entschiedenem Roth; Haare und Augen dunkelbraun. --
Allein die wahre Schönheit liegt in der Seele. Wie diese schon im
Mutterschooße auf die Formen des Leibes bildend einwirkt, so veredelt
und verfeinert sie ihn fortwährend. Der eigenthümliche Reiz, den
Annemarie ausübte, kam von der Güte, die aus ihrem Gesichte sprach.
Wenn eine Empfindung der Freude oder des Dankes ihr Herz erfüllte,
dann ging ein Glanz über ihre Züge und das schöne innere Leben gab ihr
eine Anmuth, daß auch der Stumpfe fühlen mußte, hier sei mehr als ein
gewöhnlich hübsches Mädchen.

Als Annemarie zu ihrem Vetter übersiedelte, war Ludwig abwesend; er
hatte Getreide nach Augsburg gefahren, wo dermalen der Preis höher
stand als auf der berühmten Schranne zu Nördlingen. Nach seiner
Rückkehr machte ihn das Lob, welches dem Mädchen von seinen Kameraden
gesungen wurde, neugierig, und er beschloß sogleich, sie zu sehen,
was auf dem Dorfe bekanntlich keine Schwierigkeiten hat. Mit der
Leichtigkeit, wie sie etwa ein junger Baron zeigt, wenn er sich
herabläßt, der hübschen Tochter eines Bürgers den Hof zu machen,
begrüßte er Annemarie, sprach seine Freude aus, daß ein so schönes
Mädchen in's Dorf gekommen sei, und sagte ihr mehrere Schmeicheleien
in der direkten Art, die für ein feineres Gefühl nichts Angenehmes
hat. Annemarie wurde ernsthaft und gab ihm kurze Antworten. Da Ludwig
gutmüthig war, so ahnte er, worin er gefehlt hatte. Er griff es das
nächstemal besser an, zeigte mehr Achtung vor dem Mädchen und sprach
sein Wohlgefallen nicht in Worten, sondern in bescheiden zärtlichen
Blicken aus. Dies wirkte. Die Wohlgestalt des jungen Bauers trat nun in
ihr Recht ein; dem guten Mädchen ging bei seiner Huldigung das Herz auf
und die Freude blickte aus ihrem Gesicht.

Ludwig mußte sich sagen, daß ihm eine solche Schönheit noch nicht
vorgekommen sei. Er wiederholte seine Besuche. Bald fing er an Unruhe
zu spüren, redete hie und da »aus dem Weg naus« und ließ seine
Geschicklichkeit in der Ansprache sehr vermissen, was ihm aber bei
Annemarie gar nicht schadete. Die jungen Leute waren glücklich sich zu
sehen und zu fühlen, daß eines bei dem andern etwas gelte.

Die erste Zeit einer entstehenden Liebe hat das Schöne, daß man noch
nicht fragt, was daraus werden soll. Man hat sich noch kein Ziel
gesetzt, darum sieht man auch noch keine Gefahren und Hindernisse.
Ein Wohlgefallen an einander haben darf man ja, man läßt daher seine
Empfindung gewähren und freut sich und macht Freude. Diese erste
Neigung wird auch noch von andern begünstigt. Die Leute lächeln,
wenn sie sehen, wie die beiden sich mit den Augen suchen und wieder
zusammenzukommen trachten; sie gefallen sich, darin sie gemüthlich zu
plagen und eines mit dem andern aufzuziehen. Und da es noch nicht zur
Erklärung gekommen ist, so kann das Mädchen einem solchen Plagenden
mit Wahrheit erwiedern, er irre sich, oder er sei nicht gescheidt. --
Aber in solchem Spiel webt sich aus dem ersten Wohlgefallen nach und
nach ein Band, durch das man sich gefesselt fühlt. Es sammelt sich ein
Schatz von Gefühlen und mehrt sich täglich, und weß das Herz voll ist,
deß muß der Mund übergehen.

                   *       *       *       *       *

Die Gelegenheit zur Erklärung gab eine Hochzeit, die nach Dorfsitte
mit Essen und Trinken, Spiel und Tanz im Wirthshause gefeiert wurde.
Nach überliefertem Brauche gehört der Tanzboden von Mittag bis Abend
den Hochzeitgästen. Hat aber nach der Abendmahlzeit und nach Abgabe der
Hochzeitgeschenke der Schullehrer eine Dankrede in Versen gehalten und
mit seinen Zöglingen ein geistliches Lied gesungen, dann kündigt ein
weltliches Lied, das ein kecker Bursche sich anzustimmen erlaubt, die
Herrschaft der jungen Leute des Dorfes an. Die Hochzeitgäste, zumal die
aus andern Dörfern, verlieren sich nach und nach, das Brautpaar wird
von einem Theil der Musikanten nach Hause begleitet: der zweite Theil
der Lustbarkeit, der »Ansing,« hat begonnen und die Jugend des Dorfs
nimmt den verlassenen Raum ein.

Ludwig hatte der Hochzeit als Gast beigewohnt, aber wenig getanzt
und überhaupt ein nachdenkliches Wesen gezeigt. Als er einmal allein
dasaß, kam ein munteres Mädchen auf ihn zu und sagte: »Warum tanz'st du
nicht, Ludwig?« Er wußte nichts Gescheidteres zu erwiedern, als, daß
es ihm nicht recht gut sei. Das Mädchen sah ihn lächelnd an und sagte:
»Die rechte Tänzerin ist nicht da. Aber hab' nur Geduld, sie wird
heute Abend schon kommen.« Ludwigs Gesicht erheiterte sich; er wußte
allerdings, daß er sie erwarten durfte. -- Nach dem Abendessen ging er
nach Hause, vertauschte den Hochzeitrock mit der Sammtjacke, kehrte
in's Wirthshaus zurück und setzte sich zu einem Burschen, der Regine,
die Tochter des Bäckers, zum Schatz hatte, und mit dem er daher in der
letzten Zeit vertrauter geworden war. Bald erhielten die beiden einen
Wink; sie gingen hinaus, und Hans führte Regine, Ludwig Annemarie unter
die Tanzenden.

Wer sich den Moment vergegenwärtigt, wo er zum erstenmal die, welche
er liebt, in den Arm fassen durfte, um nach dem fröhlichen Takt
eines Walzers durch den Saal zu fliegen, der begreift das Glück des
jungen Paares. Geflogen wurde hier freilich nicht; der Bauer bleibt
beim Tanz mit seinen Füßen mehr auf dem Boden, als der Städter, und
kommt langsamer vorwärts; aber die Wirkung ist dieselbe. Es war eine
Freude, den beiden zuzusehen. Sie waren ohne Vergleich das schönste
Paar und tanzten auch am schönsten. Dabei war Ludwig so vergnügt, daß
er, wie man zu sagen pflegt, den Mund nicht zusammenbringen konnte,
und Annemarie lächelte selig in sich hinein. Jene Muntere, die mit
ihrem Liebhaber wieder zum Tanz gekommen war, trat einmal zu ihm und
sagte: »Ist dir jetzt wieder gut, Ludwig?« Und dieser hatte den Muth zu
erwiedern: »Ja wohl, in meinem Leben wünsch' ich mir's nicht besser!«

Auf dem Dorfe tanzt man nicht Touren, sondern ~Reihen~, und zwar
deren so viel, als man wünscht und aushalten kann. Ein Bursche singt
ein Lied vor -- in Altbayern »Schnaderhüpfel,« im Ries »Schelmenliedle«
genannt -- und die Musikanten spielen es zum Tanz. Ist der Reihen aus,
so führt der Bursche sein Mädchen gehend an der Hand, während ein neues
Lied einen neuen Tanz einleitet. Diese Sitte verursacht manchmal Streit
und die Spielleute kommen in große Noth, wenn zwei tüchtige Bursche
verschiedene Lieder singen und jeder verlangt, daß seines aufgespielt
werde. In der Regel läßt indeß einer dem andern schon beim Singen den
Vorrang und wird auch wohl beim Streite noch zum Nachgeben beredet. --
Während man herumging, erklärte Ludwig der Geliebten die Frage jenes
Mädchens und seine Antwort; und die Glückliche, die so deutlich sah,
wie viel er auf sie hielt und wie ernst es ihm war, konnte sich nicht
enthalten, ihm dankbar die Hand zu drücken.

Nachdem sie sich so ziemlich müde getanzt, führten die beiden Kameraden
ihre Tänzerinnen in die Stube und boten ihnen zu trinken, worauf die
Mädchen, um mit Goldsmith zu reden, »den Rand des Kruges küßten.« Man
setzte sich zusammen, um zu plaudern. Ludwig hatte nicht bemerkt,
daß während des Tanzes sein Vater auf der Stiege gestanden, ihn mit
Annemarie gesehen und sehr verfinsterten Angesichts das Wirthshaus
verlassen hatte. Ein boshafter Nachbar hatte ihm gesagt, sein Ludwig
tanze heute so schön, und der Alte, dem es ganz recht war, daß sein
Sohn auch darin sich auszeichnete, wollte sich das Vergnügen machen,
ihn zu sehen. War es ihm nun schon sehr fatal, ihn mit Annemarie tanzen
zu sehen, von der man ihm gesagt, daß sein Ludwig ein Aug' auf sie
habe, so ärgerten ihn noch mehr die zärtlich glücklichen Mienen des
Paars. Er ging sehr verstimmt nach Hause, um zunächst der Ehehälfte
seinen Verdruß mitzutheilen, am nächsten Morgen aber mit dem Burschen
selbst ein Wörtchen zu reden. -- Von alledem ahnte Ludwig nichts,
seine Freude blieb daher ungestört. Nach einer Weile kam ein junger
Bursche und forderte Annemarie zum Tanz auf. Ludwig sah ihn groß an
und hatte gute Lust, ihm zu sagen, er solle sich fortscheeren und eine
andere suchen. Allein er besann sich, daß er dazu kein Recht habe, und
ließ sie ziehen. Er sah dem Tanzen zu und freute sich an der sittigen
Haltung Annemarie's und an der Art, wie sie den etwas unbeholfenen
jungen Menschen leitete. Als dieser, der sich gewaltig abgearbeitet
hatte, den Schweiß von der Stirne wischte, trat Ludwig zu ihm und
sagte: »Du bist müde, ich will dich ablösen.« Ohne Weiteres nahm er das
lächelnde Mädchen bei der Hand und mischte sich unter die Paare.

Den ganzen Abend tanzte er nur einmal mit einer andern, nämlich mit
jener Muntern, weil er sicher war, daß sie ihn mit der Geliebten
aufziehen und von ihr reden würde. Er kam Annemarie beinahe gar nicht
von der Seite, und sie hatte dabei ein Ansehen, als ob's nie anders
gewesen wäre. Beide waren in jener Stimmung, wo man ganz in dem Lichte
seliger Empfindungen lebt und das trunkene Auge in den Menschen umher
nur Schattengestalten erblickt, die wie in einer andern Welt ihr
Wesen treiben. Sie sahen nicht, wie man um sie her sich in die Ohren
zischelte und den Kopf schüttelte; sie bemerkten nicht, wie die zwei
langgewachsenen Töchter eines reichen Bauern, vor deren Augen Ludwig
ebenfalls Gnade gefunden hatte und die mit Bruder und Vetter da waren,
regelmäßig, so oft sie an dem glücklichen Paar vorübergingen, den
häßlichen Mund verzogen, wodurch er keineswegs schöner wurde.

Endlich kam Mitternacht heran und die gesammte Jugend begab sich in
die große Stube, um sich zum Schmause zu setzen. Ludwig blieb auf dem
Tanzboden mit Annemarie zurück; die Talglichter waren herabgebrannt
und der Raum beinahe dunkel. Er nahm die Geliebte bei der Hand und
führte sie zu einem offenen Fenster, und beide blickten in die laue,
trübe Mainacht hinaus. Nachdem sie eine kurze Zeit schweigend vor sich
hingesehen, sagte Ludwig: »Was ist das für ein schöner Ansing! In
meinem Leben bin ich nicht so vergnügt gewesen, wie heut. Aber du,«
setzte er herzlich hinzu, »bist auch die schönste und liebste Tänzerin,
die man finden kann.« -- »Mach mich nicht roth,« erwiederte sie und
wurde roth vor Freude, »du thust mir zu viel Ehr' an.« -- »Dir kann man
gar nicht zu viel Ehr' anthun,« rief Ludwig, um sein volles Herz durch
Lobpreisung zu erleichtern, »du bist das erste Mädchen im ganzen Ries!«

Annemarie schwieg. Mit einem leisen Seufzer und als ob sie die letzten
Worte nicht gehört hätte, sagte sie endlich: »Wenn ich deines Gleichen
wäre!« -- Sie wollte sagen: wenn ich die Tochter eines reichen
Bauern wäre! -- Ludwig, den Unterschied ohne Weiteres zugebend,
erwiederte: »Das ist mir einerlei, du bist mir die liebste, lieber
als alle Bauerntöchter miteinander. In meinem Leben wünsch' ich mir
keine Bessere wie dich!« -- Und er bekräftigte diese Betheurung mit
einem zärtlichen Händedruck. -- Das war zu viel für das gute Mädchen.
Sie erhob sich und sah ihn an. »Ach, Ludwig,« sagte sie mit einer
Stimme, die vor Freude zitterte, und mit einem Ton, als ob sie ihre
Worte keineswegs für ganz richtig hielte, »ach, Ludwig, ich bin dich
nicht werth!« -- Statt aller Antwort faßte Ludwig sie um den Hals und
drückte einen herzlichen Schmatz auf die schönen Lippen, die nicht in
der Stimmung waren, sich zu weigern, sondern vielmehr gleich darauf
das schöne Geschenk dankbar mit Zinsen zurückgaben. Niemand war Zeuge
dieses Vorgangs. Es war ganz dunkel geworden. Nur die feuchten Augen
der Glücklichen leuchteten gegen einander.

Regine trat aus der Stube, sie zu suchen; Annemarie eilte zu ihr und
ging mit ihr zurück. Ludwig kam später nach, strahlend vor Vergnügen.
Er ließ in der Freude seines Herzens eine Flasche Wein kommen und
auftragen, was gut und theuer war. Die beiden Langgewachsenen wurden
gelb vor Neid und Aergerniß.

Nachdem in der ganzen Stube die Messer und Gabeln bei Seite gelegt
waren, begannen die Spielleute »auf den Tisch hinein zu machen,«
nämlich Musik. An jedem Tisch pflegt der Bursche, der's versteht,
ein längeres Lied vorzusingen; die Musikanten setzen einen zinnernen
Teller auf den Tisch und spielen das Lied nach. Wenn dies ein paarmal
geschehen, so wirft jeder Bursche mit Art ein Geldstück auf den Teller
-- größer oder kleiner, je nachdem es die Ehre und der Beutel leidet --
und die Musikanten treten zu einem andern Tisch, um eine neue Ernte zu
halten. Der Meister der jungen Leute ist hier derjenige, der mit einem
~neuen~ Lied auftreten kann. Denn auch auf dem Lande will man
nicht immer dasselbe, sondern was Frisches hören und seine Kenntnisse
bereichern. Gewisse alte Volkslieder, die jetzt in gebildeten Kreisen
Glück machen, sind bei solchen Gelegenheiten geradezu verpönt; und als
diesmal der junge Mensch, der mit Annemarie getanzt hatte, sich ein
Ansehen gab und begann:

  Es steht ein Wirthshaus an dem Rhein --

brach ein allgemeines Gelächter aus. »Das hast du wohl von dei'm Aehle
(Aehnlein, Großvater) gelernt!« rief ihm Einer zu, und eine runde Dirne
an seinem Tisch sagte mit mütterlichem Ausdruck: »Besinn dich auf ein
anderes, Jakob; so ein junger Bursch darf kein so altes Lied singen!«
Dem verdutzten Jungen fiel jedoch nichts ein, so sehr er auch in die
Luft hinstarrte, als ob es dort abzulesen wäre. Er mußte es einem
andern überlassen, die Ehre des Tisches zu retten.

Die Zeit nach dem Essen ist überhaupt die, wo verschiedene Späße
losgelassen werden. Ein anderes Bürschchen, das zum erstenmal bei
einer solchen Gelegenheit war, sang ein bekanntes Lied in herzbrechend
falschen Tönen; ein geschickter junger Clarinettist copierte ihn Ton
für Ton, was große Heiterkeit verursachte und dem Musikanten von den
»Ausgelernten« großes Lob zuzog. Der junge Bursche kam zum erstenmal
über seinen Gesang zur Erkenntniß und wurde roth. Ein alter Musikus
mit gemüthlicher Kupfernase, der das Horn blies, sagte schmunzelnd:
»Laß dich nicht irre machen, Mathes, und halt's nur immer recht
mit den Musikanten, dann erleb ich's noch, daß du die andern alle
herunterstichst.« Das Bürschchen, das nicht dumm war, verstand den
Wink; um sich wenigstens auf eine Art auszuzeichnen, nahm er aus
seinem nagelneuen ledernen Beutelchen das Doppelte heraus, was er erst
hatte geben wollen, nämlich zwei Sechsbätzner, und warf sie in den
Teller, daß es klang. »Siehst du,« sagte der geriebene alte Hornbläser,
»~der~ Ton ist schon besser!«

Zuletzt kamen die Musici an den kleinen Tisch, wo Ludwig mit Annemarie,
Hans und Regine saß, und spielten eine kleine Einleitung. Ueber das
Gesicht des jungen Bauers verbreitete sich ein wohlgefälliges Lächeln.
Er hatte von Augsburg ein Lied mitgebracht, das wenigstens für die
anwesende Gesellschaft vollkommen neu war, und wollte sich nun gehörig
damit zeigen. Als die Musik zu Ende war, setzte er sich in Positur und
hub an:

  Wir winden dir den Jungfernkranz
  Mit veilchenblauer Seide u. s. w.

Allgemeinste Aufmerksamkeit! Die Musikanten, der Clarinettist voran,
fanden sich bald in die einfache Weise und nach einigen Mißtönen
ging's. Der Erfolg war außerordentlich. Als unter vollkommener Stille
das letzte »G'setz« gesungen war, riefen einige Mädchen: »Ah, das ist
aber schön!« und sahen mit einer Art von Andacht auf Ludwig. Mehrere
Bursche kamen herbei und sagten, das müßten sie auch lernen. Der Sänger
wurde der Mittelpunkt der Gesellschaft. Er mußte auf allgemeines
Verlangen sein Lied wiederholen und erntete noch größeres Lob. Seine
schöne Nachbarin erröthete auf's neue bei den bedeutungsvollen Worten
»Jungfernkranz« und »Freiersmann« und zeigte die liebenswürdigste
Freude über den Sieg ihres Tänzers. Dieser wollte nach einem solchen
Triumph im Singen keinen neuen Versuch mehr machen. Aber noch blieb
etwas übrig, was seinen Effekt nicht verfehlen konnte. Er griff ruhig
in die Tasche und legte, als wär' es ihm nichts, einen Kronenthaler
auf den Teller. Der Kamerad mußte nun ein Uebriges thun und legte
wenigstens einen halben dazu. Die Gesichter der Musikanten leuchteten.
Sie setzten mit Leidenschaft einen Marsch darauf, der wie ein Tusch
klang, und der Hornist blies, daß ihm beinahe die Backen platzten.
Als das Stückchen zu Ende war, strich er das Geld ein und sagte mit
schelmischem Schmunzeln: »Bleibt gesund, bis ihr's wieder kriegt!«

Es war ein Uhr geworden und die meisten jungen Leute fingen wieder an
zu tanzen. Auch Hans zeigte Lust dazu, aber Regine erklärte, sie und
Annemarie müßten nach Hause. Die Mädchen nahmen Abschied und Annemarie
dankte Ludwig gar schön für die Ehre, die er ihr angethan habe. Sehr
gern hätten die Verliebten ihre Mädchen nach Hause geführt, aber die
Bäckerstochter bestand darauf, daß sie hier bleiben sollten. Sie
durften ihnen nur auf der Treppe noch die Hand geben und gute Nacht
sagen.

Ludwig ging in die Stube zurück, um das letzte Glas Wein
auszuschlürfen. Er war aber heute zu glücklich gewesen, als daß nicht
ein Dämon sich gereizt fühlen sollte, in den Honigtrank einige Tropfen
Galle zu mischen; und so trat denn ein solcher in der Gestalt des
Vetters der beiden Langgewachsenen zu ihm und sagte: »Du hast dich ja
heut recht lustig gemacht, Ludwig. Allen Respekt vor deinem Tanzen
und Singen! Dein Vater hat dich mit der schönen Annemarie auch einmal
tanzen sehen, aber dem scheints nicht gefallen zu haben, denn er ist
gleich wieder fortgegangen.« Diese boshaften Worte gaben Ludwig einen
Stich in's Herz und jagten ihm das Blut in's Gesicht. »Meinetwegen!«
erwiederte er trotzig; der andere, der seinen Zweck erreicht hatte,
ging vergnügt auf den Tanzboden. Alles, was mit seinem Glück in
Widerspruch trat, stellte sich dem armen Burschen gespenstisch vor
die Seele und eine große Unruhe befiel ihn. Allein für heute war der
Strom der Freude in ihm noch zu mächtig und die Sorge wurde von ihm
hinweggespült. Eine halbe Stunde später ging er nach Hause, glücklich
im Nachgefühl des Erlebten. -- --

Nach einem unruhigen Schlaf erwachte Ludwig zur gewöhnlichen Zeit:
Sein Bruder, der in derselben Kammer schlief, schnarchte noch, obwohl
er gestern schon bald nach Verzehrung des Bratens, den Ludwig vom
abendlichen Hochzeitsmahl nach Hause gebracht hatte, zu Bette gegangen
war. Als unser Freund überdachte, was gestern geschehen war, fing sein
Herz an zu klopfen. Freude und Angst erhoben sich und wechselten in
seinem Herzen, bis die Angst zuletzt die Oberhand gewann. Eine Zeit
lang ließ er sich ruhig von ihr quälen; dann faßte er einen Entschluß,
kleidete sich an und ging mit festem Schritt, dem man aber doch das
Absichtliche ansah, in die Stube hinunter. Die Morgensonne schien durch
die Fensterscheiben und die friedliche Scene bildete einen eigenen
Contrast zu der Verwirrung in seinem Herzen. Er ging in »das Kanzlei,«
das in den Bauernhäusern gewöhnliche Nebenstübchen zum besondern
Gebrauch der Familie, von der Stube durch eine hölzerne, mit brauner
Oelfarbe bestrichene Wand getrennt, welche mit der einen Seite des
Ofens zusammenzulaufen pflegt. Der Vater saß an dem Wandtisch mit
tiefernstem Gesicht und die Mutter brachte eben den Kaffee. Ludwig bot
ihnen mit etwas unsicherer Stimme guten Morgen und setzte sich zum
Frühstück. Zu gleicher Zeit kamen die »Ehehalten« (Knechte und Mägde)
in die Stube, um die Morgensuppe zu verzehren. Der Oberknecht und die
Magd waren auf dem Ansing gewesen; sie blinzelten sich nun zu und sahen
auf das Kanzlei mit jenem Vergnügen, welches die schwache menschliche
Seele zu empfinden pflegt, wenn unter Höherstehenden ein scandalöser
Streit zu erwarten ist. Allein der Angerbauer war nicht der Mann, sich
und seine Familie preiszugeben, wenn der Zorn über seinen Verstand
nicht Herr wurde. Er wartete mit der Anrede, die er Ludwig zudachte,
und erst als der letzte der Ehehalten die Stube verlassen hatte, begann
ein Dialog, den wir, um den Lesern eine kleine Probe davon zu bieten,
in dem Rieser Dialekt wiedergeben wollen.

Der Alte sagte mit bitterem Spott: »No, du host de ja gestert recht
aufg'führt! Machst mer a rechta'n Ehr, des muß i saga'; Aufm A'seng,
wo Baura'töchter send, tanzst du da' ganza'n Obed mit'r Magd! Und net
gnuag damit, setzst sie oh no' neba' de he' und regalirst sie!« --
Ludwig, der sah, daß dem Vater schon geplaudert worden war, und die
Thatsache nicht leugnen konnte, hing sich an ein Wort und sagte: »No, a
Magd ist sie grad net!«

Der Angerbauer fuhr auf und blickte ihn mit drohenden Augen an.
»Schweig, sag i d'r! Mag sie sei', was sie will, sie ist net dei's
Gleicha', und es ist a Schimpf und a Schand, daß du di so mit'r ahgeba'
host! Wann du d's Nuibaurs Bäbe (die Reichste im Dorfe) so tractirt
hättst, so wärs o'schickleng gwesa'! Was wird die Ev' saga' und ihr
Vater? Die weara' se recht fräa', wenn sie höara', wie du di aufg'führt
host, und (setzte er verächtlich hinzu) mit weam!«

Der Angefahrene war von diesen Worten sichtlich getroffen. Er wußte
nichts Besseres zu seiner Entschuldigung zu sagen, als: »Sie tanzt
so guat!« -- »Tanzt so guat!« rief der Alte mit grimmigem Lachen.
»Ist des a'n Ausred? Tanzet ander Mädla' net oh guat? Muaß ma dorom
a hergloffens Mädle mit Wei' tractiera? Pfui, schäm di!« -- Er war
aufgestanden und wendete dem Schuldigen den Rücken zu.

Sein Zorn hatte offenbar den jetzt möglichen höchsten Grad erreicht.
Ludwig, entrüstet über den Ausdruck »hergloffens Mädle,« und fühlend,
daß jetzt überhaupt nicht mehr mit ihm zu reden sei, verstummte und sah
finster vor sich hin. -- Nach einer Weile drehte sich der Alte wieder
zu dem Tisch und sagte: »I will me ietz net verzürna! Gscheha'n ist
gscheha'! Der dumm Stroëch ist gmacht! Aber,« setzte er mit drohend
erhobenem Zeigefinger und mit entsprechend verstärktem Tone hinzu,
»des roth i d'r in Guatam: loß mi so ebbes net widder höara'! Denn
sonst -- -- du kennst mi!« -- Er wendete sich ab und verließ mit festen
Schritten die Stube.

Man sieht, der Vater war nur über das öffentliche Aergerniß entrüstet,
welches Ludwig gegeben, und strafte nur dieses. Daß sein Sohn auf
Annemarie ernstliche Absichten haben und um ihretwillen die Eva lassen
könnte, das kam ihm gar nicht in den Sinn. Hätte er Ursache gehabt,
an so etwas nur zu denken, so wäre natürlich ein ganz anderer Sturm
losgebrochen.

Der Delinquent athmete auf; denn im Grunde war er noch gut weggekommen.
Von der Mutter fürchtete er wenig. Er war ihr Liebling und wußte,
daß Frauen solche Verirrungen des Herzens überhaupt glimpflicher
aufzufassen pflegen. Er täuschte sich nicht. Während der Alte sprach,
hatte die Mutter zu wiederholten Malen ernsthaft mit dem Kopfe genickt,
dadurch ihr vollkommenes Einverständniß an den Tag legend. Als er fort
war, nahmen ihre Züge einen milderen Ausdruck an, und den Sohn bei der
Hand fassend begann sie: »Aber ietz sag m'r nor, Ludwig, wie ist's
mögleng, daß du di so host vergessa' und dei'm Vater und mir so ebbes
a'thoa' könna'?«

Ludwig hatte seinen ganzen Humor wieder. Da er noch keinen Plan über
die Zukunft gemacht hatte, nach welchem er handeln konnte, so folgte er
instinktmäßig dem Trieb, sich mit seinen Eltern wieder gut zu stellen,
und sagte, allerdings nicht sehr ritterlich: »Du woëst ja, Muater,
wie's oëm got, wama' lusteng ist und Bier und Wei' im Kopf hot!« -- »Ja
wohl,« versetzte die schon halb begütigte Mutter, »aber was zviel ist,
ist zviel! Die ganz Nacht mit oëm Mädle ztanza, die oën nex a'got! I
hätt' di wärle für gscheidter ghalta'!« -- »I hab d'r ja scho' gsakt,«
erwiederte Ludwig, »sie tanzt so guat; und,« fügte er nicht ohne
schlaue Absicht hinzu, »i hab gseha', daß sie oh geara' mit mir tanzt!«

Die Angerbäuerin konnte nicht umhin, heiterer auszusehen. Sie hielt
natürlich ihren Ludwig für den schönsten und geschicktesten Burschen
in der ganzen Umgegend, und daß er den Mädchen so sehr gefiel, konnte
ihr nichts weniger als unangenehm sein. Sie sagte daher mit dem Lächeln
einer etwas eiteln Mutter: »Des glob i, daß e so a Mädle frät, wann du
mit'r tanzst; aber des ist koë Entschuldigung für di!« -- Eine bessere
Regung machte sich in ihr geltend und sie fügte hinzu: »Die Annemarie
ist zu guet dafür, daß so a junger Mensch 'n Spaß mit ihr macht. Sie
ist brav und ordentlich und 's wird se gwiß a passender Ma' für se
finda'. Es wär a Sünd und a Schand, wann du ihr da' Kopf verdreha' und
sie in's O'glück brenga' thätst!« -- »No,« sagte Ludwig, »so arg wirds
net weara'!« -- Mit Eifer versetzte die Mutter: »I hoff's oh net! Du
host dein Vater ghöart und woëst, er hält was 'r sakt! I hoff, 's ist
dei' letzta' Dummheit gwesa'!« -- Ruhiger setzte sie hinzu: »So, ietz
gang naus zu dei'm Vater und mach'n widder guat!«

Ludwig folgte diesem Rath. Er fand Gelegenheit seinem Vater bei einer
Arbeit zu helfen, und da sie nothwendig mit einander reden mußten,
so stellte sich zwischen ihnen bald wieder ein äußerlich friedliches
Verhältniß her. Als später dem Angerbauer noch einige Einzelheiten
vom Ansing zu Ohren kamen, hatte ihn die Mutter schon durch die
Versicherung beruhigt, daß es nichts als der Narrenstreich eines jungen
Menschen gewesen sei, der etwas im Kopfe gehabt habe. Er verschluckte
daher diese nachträglichen Pillen, so bitter sie ihm auch schmeckten.
Seine Gedanken waren: »Der Mensch muß mir aus dem Haus, und das so bald
als möglich! Mein Andres, das weiß ich, wird mir keine solche Streiche
machen.« Auch die Mutter faßte den Entschluß, alles zu thun, um die
Heirath Ludwigs mit Eva zu beschleunigen. »Hätte der alte Narr,« sagte
sie in ihrem Verdruß, »den Hof abgegeben, so hätten wir diesen Aerger
nicht!« Sie wollte aber nun gerade aus dem Vorgefallenen die Gründe
schöpfen, die den Vater Evas zum Nachgeben bewegen sollten.

Einige Tage vergingen, ohne daß etwas besonderes vorfiel. Auch auf dem
Dorfe pflegt der artige junge Mann die Tänzerin, die er auszeichnete,
den andern Tag gelegentlich zu begrüßen und sie zu fragen, wie ihr das
Tanzen bekommen sei. Aber Ludwig mußte Scheu tragen, dies zu thun;
auch war er nicht in der Gemüthsverfassung dazu. In seinem Herzen
stiegen Gedanken auf, die sich wechselseitig bekämpften, seinen Geist
verwirrten und ihn zu keinem Entschluß kommen ließen.

Der guten Annemarie war sein Ausbleiben nicht so unlieb, als man denken
mochte. Ihr war es ergangen wie ihm. Glückselige und bange Gefühle
wechselten auch in ihrem Herzen, und die bangen überwogen zuletzt. Sie
dachte an den stolzen Angerbauer, an den Unterschied des Vermögens und
Standes, an das Gerede mit der Eva, und schüttelte mit betrübter Miene
den Kopf. Indem die Bilder jener Nacht vor ihre Seele traten, machte
sie sich Vorwürfe, zu weit gegangen zu sein. Es lastete etwas auf ihr,
als ob sie eine Sünde begangen hätte; und dieses Gefühl wurde dadurch
nicht gemindert, daß einzelne Mädchen sie nun mit Ludwig in einer Weise
zu plagen begannen, die nicht mehr von der Lust zu scherzen, sondern
offenbar vom Neide eingegeben war. Selbst Regine sah bedenklich aus,
als ob sie mit sich selber unzufrieden wäre, und der Vormund ließ Reden
fallen von Leichtsinn und Hoffahrt, die zu nichts Gutem führen würden
u. s. w.

Es hatte den Anschein, als ob eben durch das gesprochene Wort der Traum
des Glücks für immer zerstört und die innigste Annäherung der beiden
Herzen auch die letzte gewesen wäre. -- Aber die Liebe, die zwei junge
Seelen ergriffen hat, kann von den Bedenklichkeiten des Lebens nicht
so leicht unterdrückt werden. Die bänglichen und peinlichen Gefühle
mildern sich und verschwinden mit der Zeit, die Liebe bleibt. Die erst
so trüben Vorstellungen verlieren nach und nach ihr Schreckendes, die
Liebe gewinnt an Muth -- und das Menschenkind, das glücklich sein will,
folgt wieder dem Zug des Herzens.

Als der fünfte Tag verflossen war, konnte Ludwig seinem Verlangen,
Annemarie zu sehen, nicht länger Widerstand leisten. Er ging in das
Haus des Bäckers, indem er sich vornahm, diesen, der am Gärteln sein
Vergnügen hatte und nach Art solcher Leute seine Liebhaberei gern
weiter verbreitete, um Blumensamen zu bitten. Die Täuschung war nicht
nöthig, Annemarie war allein zu Hause. Nach einigem Stottern von seiner
und Erröthen von ihrer Seite waren die liebenden Herzen bald wieder
einig. Man rühmte jene Nacht, wo es so schön gewesen sei; das damals
empfundene Glück lebte wieder in ihnen auf und die Augen bestätigten,
was sich die Lippen verkündigt hatten. Die Liebe zog wieder als
Herrscherin in ihre Seelen und alle entgegenstehenden Gedanken wurden
daraus vertrieben. Die Reue, welche die Geängsteten gefühlt, die
Vorwürfe, die sie sich gemacht -- alles war vergessen. Sie freuten
sich eines am andern, und es war ihnen, als ob sie gar nichts Besseres
und Schöneres thun könnten.

Für diesmal konnte ihr Zusammensein nicht lange dauern. Annemarie
erwartete den Bäcker und mahnte den Geliebten, sie zu verlassen. Ludwig
fragte, ob er sie denn nicht einmal ungestört sehen könnte, er hätte
noch viel mit ihr zu reden. Annemarie sah ihn an; die blauen Augen
baten so schön und blickten so treu auf sie her. Nach einigem Zögern
erwiederte sie mit leiserer Stimme: »Nächsten Sonntag Nachmittag geht
mein Vetter mit Regine nach Wallerstein; sie werden spät wieder kommen;
in der Abendstunde, wenn's dunkel geworden ist, will ich in unserm
Garten auf dich warten.« Ludwig drückte ihr hocherfreut die Hand.
Annemarie setzte hinzu: »Es ist vielleicht nicht recht, was ich thue,
aber du willst es haben und es macht dir Freude.« Was konnte Ludwig
anders, als die Lippen, die so liebliche Worte gesprochen, entsprechend
belohnen? -- Er kam unbemerkt aus dem Hause. Wie bisher sein
trübseliges, so fiel seinen Eltern jetzt sein vergnügtes Wesen auf,
aber sie legten es zu ihren Gunsten aus. »Hab' ich dir's nicht gesagt?«
bemerkte die Mutter dem Alten. »So etwas geht bei jungen Leuten schnell
vorüber. Sei nur ruhig, es wird noch alles recht werden!«

Der Garten des Bäckers war in Folge der erwähnten Liebhaberei nach
dem des Pfarrers der schönste im Dorfe und der Stolz des Besitzers.
Er theilte sich in Gemüse- und Baumgarten, und in dem erstern war
den Blumen ein größerer Platz eingeräumt, als es bei dem wirthlichen
Sinn der Landleute sonst der Fall zu sein pflegt. Eine ziemlich hohe
dichte Hecke grenzte das Ganze von den Feldern, zunächst aber von dem
Fußweg ab, der sich an dieser Seite des Dorfes hinzog und auf welchen
eine hölzerne, für gewöhnlich verschlossene Thüre führte. Durch diese
Thüre, die heute nur aufgeklinkt zu werden brauchte, trat Ludwig zur
verabredeten Stunde in den Garten, und bald saßen die Liebenden auf
einem hölzernen Bänkchen ohnweit der Hecke und des Hauses in traulichem
Geplauder. Sie konnten sich diesem in der That mit einer gewissen
Sicherheit hingeben, denn wie nach dem Felde zu die Hecke, so schützten
gegen das Dorf das längliche Bäckerhaus und mehrere Scheunen, in denen
jetzt wohl kein neugieriges Auge zu fürchten war. Der Abend war sehr
schön. Von dem reinen Himmel blinkten schon einzelne Sterne, während
von Westen her die goldengrünliche Helle sich über ihn ergoß, die
Verheißung der untergegangenen Sonne, daß sie morgen einen schönen
Tag bringen werde. Die Bäume standen in voller Blüthe und hie und da
glänzte einer her wie ein großer weißer Strauß. Die Luft war leicht
bewegt und voller Wohlgerüche. Rings herrschte vollkommene Stille und
nur Maikäfer surrten zuweilen über die Köpfe der Liebenden hin, um die
größere Gesellschaft auf den Bäumen aufzusuchen. -- Unserem Pärchen war
es über alles heimlich zu Muthe. Ludwig rühmte den Garten, die Blumen,
den schönen Abend. Sie sprachen von diesem und jenem. Bald kamen sie
wieder auf den »Ansing«, und Ludwig scherzte über den jungen Burschen,
der mit Annemarie getanzt und »sich geplagt habe, als ob er im Taglohn
arbeitete.« »Der arme Kerl dauerte mich,« setzte er hinzu, »darum kam
ich so schnell und löste ihn ab.« Das Mädchen lächelte, sie wußt' es
besser. Beide erinnerten sich jetzt verschiedener Gesichter, die um
ihretwillen geschnitten worden waren, und die Ausdrücke von Aerger
und Neid kamen ihnen sehr lustig vor. Sie übten für das Geschwätz,
das über sie ergangen war, eine gemüthliche Wiedervergeltung, indem
sie einzelne Exemplare durchhechelten, wie es gutmüthige Menschen in
fröhlicher Laune thun. Ludwig fragte dann, ob's denn wahr sei, daß Hans
und Regine bald Hochzeit machen wollten. Annemarie erwiederte, so viel
sie wisse, auf den Herbst. Dies brachte sie auf ernstere Gedanken.
Nach einem Weilchen fragte sie erröthend und mit einem gewissen
schüchternen Lächeln: »Ist's denn wahr, daß dein Vater will, du sollst
des Kirchbauern Eva von ** heirathen?« Ludwig antwortete: »Ja wohl hat
er so was im Sinn gehabt; aber mir ist's nie rechter Ernst gewesen
und jetzt denk ich nimmer dran.« Annemarie wurde vor Vergnügen noch
röther. Dann sah sie vor sich hin, wie wenn sie über etwas nachdächte,
und unwillkürlich entschlüpfte ihr wieder das Wort: »Wenn ich doch ein
reiches Mädchen wär!« Ludwig faßte ihre Hand und sagte herzlich: »Es
kann nicht alles beisammen sein! Du bist die schönste und die beste
und die geschickteste, die ich kenne -- das ist mehr werth als Geld!«

Annemarie sah ihn dankbar an und schwieg. Dann sagte sie: »Ist dein
Vater wirklich so stolz, wie die Leute sagen? Verzeih mir diese Frage!«
-- »Mein Vater weiß, was er ist,« antwortete Ludwig, »und läßt sich
nichts nehmen. Aber er ist ein braver und gescheidter Mann und giebt
auch andern ihre Ehre. Meine Mutter ist gut und hält alles auf mich.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Wie verliebte Herzen einmal alles
fürchten, dann wieder alles hoffen, so war es ihr die letzten Tage her
nicht ganz unmöglich vorgekommen, daß sie doch noch Ludwigs Frau werden
könnte. Sie hielt etwas auf sich und glaubte, um ihretwillen könnte
wohl eine Ausnahme von der Regel gemacht werden. Aber nun wurde durch
das Bild des Angerbauers, dessen Stolz der Sohn zugeben mußte, ihre
Hoffnung wieder sehr erschüttert. Sie seufzte und sagte mit leiserer
Stimme: »Ich fürchte mich vor deinem Vater, Ludwig, und sehe nicht, was
aus uns beiden werden soll!«

Ludwig, der durch die feuchten Augen in das Herz des Mädchens sah,
wurde gerührt, Liebe und Großmuth loderten in ihm auf. Er legte wie
schützend den Arm um sie und sagte mit dem herzlichsten Ton: »Mach dir
das Herz nicht schwer, Annemarie! Ich hab dir gesagt, daß du mir die
liebste auf der Welt bist, und ich sag dir's noch einmal. Vertrau auf
mich und sorg nicht! Was ich mir ernstlich vornehme, das setz' ich auch
durch -- darauf verlaß dich!« -- »Ich vertraue dir,« sagte Annemarie,
»denn sonst hätt' ich das auch nicht für dich gethan. In meinem Leben
bin ich noch mit keinem ledigen Bursch so zusammen gekommen. Aber dich
hab ich so lieb, daß ich thun muß, was dich freut -- ich kann mir nicht
anders helfen!« -- Entzückt über dieses Geständnis, sah Ludwig das
schöne Mädchen an; Thränen traten in seine Augen; sie mit seinen Armen
umschließend, rief er aus: »O du liebes, liebes Mädchen! in meinem
Leben laß ich dich nicht!«

Dieser innige Ausruf weckte ein seliges Gefühl in dem Herzen
Annemarie's, zu gleicher Zeit warf er aber Schrecken in ein anderes.
Diejenige, für welche diese Worte am wenigsten bestimmt waren -- die
Mutter Ludwigs hatte sie vernommen, klar und deutlich vernommen. Die
Angerbäuerin war im obern Dorf auf Besuch gewesen und hatte sich
verspätet, indem sie zwar zu rechter Zeit in der Stube Abschied
genommen, aber auf der Haustreppe mit der Freundin von neuem und erst
recht wieder in's Gespräch gekommen war. Da der Fußweg am schnellsten
nach Hause führte, so schlug sie diesen ein. Als sie an der Hecke des
Bäckergartens hingehend ein leises Reden vernahm, horchte sie und das
Ohr der Mutter erkannte gar bald die Stimme des Sohnes. Die letzten
Worte, bei welchen die Leidenschaft den Ton vorsichtig zu dämpfen
vergaß und von denen ihr keine Silbe entging, sagten ihr alles. Sie
erschrack heftig und zitterte an allen Gliedern. Hatte sie doch so eben
noch der Freundin versichert, daß an dem Geschwätz wegen der Annemarie
gar nichts sei und ihr Ludwig bald Kirchbauer sein werde. Sie glaubte
vor Scham und Verdruß in die Erde sinken zu müssen. Da sie nicht mit
sich einig werden konnte, was sie beginnen sollte, und im Garten Stille
eingetreten war, ging sie weiter. Der Schrecken in ihrem Herzen machte
dem Zorn Platz. Sie so schändlich anzuführen, zu dem Mädchen zu gehen
wider ihr ausdrückliches Verbot und ihr so gottvergessene Dinge zu
sagen! Bevor sie noch in ihren Hof trat, war ihr Entschluß gefaßt. Sie
schwieg still und ließ sich nichts anmerken, weder vor dem Vater noch
vor dem Sohn, der nicht lange nach ihr heim kam.

                   *       *       *       *       *

Den andern Morgen, als der Angerbauer eben das Haus verlassen hatte
und Ludwig ihm folgen wollte, sagte die Mutter, sie habe noch etwas
mit ihm zu reden. Sie führte ihn in's Kanzlei zurück und sagte, gerade
auf das Ziel losgehend: »Du bist gestern Abend bei der Annemarie
gewesen!« -- Darauf war Ludwig nicht gefaßt. Er verlor etwas die Farbe
und stammelte: »Wie sollt' ich.« -- Aber die Mutter fiel ihm in die
Rede: »Läugn' es nicht, ich hab mit meinen eigenen Ohren gehört, was du
ihr gesagt hast!« -- Und indem sie ihn mit bekümmert erzürntem Blick
ansah, fuhr sie fort: »Es hilft also kein Reden an dir, du willst dich
mit Gewalt in's Geschrei bringen und ein unerfahrenes Mädchen durchaus
unglücklich machen!«

Bei diesem Vorwurf sammelte sich der Betroffene wieder. Er erwiederte:
»Wer sagt das? Ich habs ganz anders mit ihr im Sinn!« -- »Wie soll ich
das verstehen?« -- »Wenn ich sie nun heirathen wollte?« -- Die Mutter,
auf eine solche Rede gefaßt, zuckte die Achseln und sagte: »Du bist
nicht gescheidt!« -- Ludwig aber versetzte mit Ernst: »Ich weiß es, mit
keiner würd' ich so glücklich leben, wie mit der Annemarie. Grade die
gefällt mir, und sonst keine andere!«

Die Augen der Angerbäuerin funkelten. »Wie!« rief sie aus, »das
unterstehst du dich mir zu sagen, -- du, der mit der Ev' so gut wie
versprochen ist?« -- »Davon weiß ich nichts,« sagte Ludwig. -- »So,
davon weißt du nichts? -- Nun merk auf, was ich dir sag: wenn du von
diesen dummen Gedanken vor deinem Vater nur ein Wörtchen merken läßt,
so bringt er dich um! Das ist der Rechte, sich von einem Kind so etwas
gefallen zu lassen!«

Der Sohn erkannte das Gewicht dieser Worte und schwieg. Dann sagte er
in traurigem Ton: »Ich hätt' gedacht, du zum wenigsten würdest nicht
so hart gegen mich sein und dich meiner annehmen gegen ihn.« -- »So,«
rief die Mutter, »auf mich hast du dich verlassen? Du kennst mich
also nicht, wie es scheint. Ich sag dirs jetzt ein für allemal: nie
werd' ich zu einer solchen Heirath meine Einwilligung geben! Ich will
nicht, daß mein Sohn durch seinen Unverstand sich unglücklich macht
und der ganzen Freundschaft einen Schimpf anthut! Wenn du nicht von
diesem Augenblick an das Caressiren mit dem Mädchen aufgiebst, so
sag ichs deinem Vater und du wirst sehen, was dann geschieht! -- So,
jetzt kennst du meine Meinung und kannst dich darnach richten!« --
Nach diesen Worten verließ sie die Stube, indem sie die Thüre etwas
unsanfter zumachte, als gewöhnlich.

Es ist eine bekannte Sache, daß der Widerstand, den wir auf dem Weg
zu einem ersehnten Ziel erfahren, unsern Eifer und Muth, dahin zu
gelangen, oft nur steigert. Zuweilen bewirkt er aber das Gegentheil:
er führt zu einer Erwägung, in der uns das Ziel als ein unerreichbares
erscheint, so daß wir uns, wenn auch mit schwerem Herzen, zum Rückgang
entschließen. Die menschliche Seele ist ein eigen Ding. Namentlich
sind die weicheren für die Eindrücke des Entgegengesetzten empfänglich,
und wenn sie eine Zeitlang sich ausschließlich nach einer Seite
gewendet haben, so werden sie dadurch nur um so offener für die andere.
Dies sollte nun auch Ludwig erfahren. So erzürnt war seine Mutter nie
gewesen, so heftig hatte sie nie gegen ihn gesprochen. Er fühlte auf's
tiefste, daß er ~sie~ nicht zum Nachgeben bewegen würde; -- und
wie sollte ihm das erst bei seinem Vater gelingen! -- Die Gründe, aus
denen beide gegen eine solche Verbindung sein mußten, stellten sich
ihm dar, und er war so sehr Bauer und Sohn seiner Eltern, daß er ihre
Vernünftigkeit nicht bestreiten konnte. Annemarie war die Tochter und
Verwandte von Söldnersleuten, d. h. sie gehörte einem Stande an, über
dem sich der Bauer allenfalls eben so erhaben fühlt, wie der Adelige
über dem bürgerlichen. Der Bauer hat einen Hof mit Haus und Stadel
und zusammengehörigen Feldgütern, er besitzt Rosse und Rindvieh in
gehöriger Anzahl und hält sich Knechte und Mägde. Der Söldner hat nur
ein Haus, wenige Grundstücke, kein Roß, im besten Fall einiges Vieh.
Um sich besser durchzubringen, lernt er ein Handwerk und hilft dem
Bauer bei der Ernte, wodurch geringere Söldnerfamilien zu gewissen
Höfen in eine Art von Clientenverhältniß kommen. Daß der Bauer sich
nun als zu einer höheren Menschengattung gehörig ansieht, ist beinahe
so natürlich, als das Bewußtsein des Aristokraten gegenüber dem
Bürgerlichen. Das Vermögen übt freilich auch hier eine ausgleichende
Macht, und wenn der Söldner empor, der Bauer heruntergekommen ist, so
wird die Verbindung der Familien wieder möglich. Aber auch so kann sich
der traditionelle Stolz noch wehren, und mir ist ein Fall bekannt, wo
ein verschuldeter alter Bauer nur mit größter Mühe zu bewegen war,
seinen Sohn eine wohlhabende Söldnerstochter heirathen zu lassen, indem
er den Verwandten, die sie herausstrichen, immer wieder antwortete:
»Es ist doch keine Bauerntochter!« -- Bei Ludwig und Annemarie kam
zu diesem Mißverhältniß noch der große Unterschied des Vermögens,
da sie kaum den achten Theil desjenigen besaß, was er nur vorläufig
mitbekommen sollte; endlich vollends die Anknüpfung mit Eva. -- Der
Kopf des jungen Menschen brannte, nachdem er das alles überlegt hatte,
und an seine Eltern denkend rief er mit Verzweiflung aus: »Sie thuns
nicht, sie thuns nicht!«

Das Bild des Mädchens stand so schön und lieb vor seiner Seele, wie
jemals. Er hatte ihr gestanden, wie gern er sie habe, hatte ihr gesagt,
sie solle ihm vertrauen, und er wolle nicht von ihr lassen. Aber wenn
seine Eltern ihre Einwilligung verweigerten, so machte er Annemarie
nur unglücklich -- und durfte er das? Ein förmliches Versprechen hatte
er ihr nicht gegeben. Bis jetzt war es eben ein Liebeshandel, wie es
so manche giebt in der Welt, ohne daß es zum Heirathen kommt; ein
Liebeshandel, wo man ja vieles spricht, was man nicht halten kann, ja
nicht einmal darf. Andere hatten ganz andere Verpflichtungen gehabt,
als er gegen Annemarie, und doch zuletzt ihres Gleichen geheirathet.
Auf der andern Seite, -- war es denn gewiß, daß Annemarie die Sache so
schwer aufnahm? Vielleicht tröstete sie sich bald, heirathete einen
andern und wurde glücklich. -- Wenn das Herz Ludwigs diesen Gedanken
widersprach, so mußte er sie sich doch machen, und sie thaten ihre
Wirkung.

Ein Entschluß mußte gefaßt werden. Er hatte mit Annemarie eine neue
Zusammenkunft verabredet und er durfte sich nicht einfinden, wenn
er sich nicht entschieden hatte, seinen Eltern zu trotzen. Als er
nochmals alles hin und her überlegte, siegte zuletzt die Macht der
äußern Verhältnisse; der Verstand und die Einschüchterung gewannen
die Oberhand, die Liebe und die Leidenschaft gaben sich gefangen. --
Er wollte zum wenigsten ~versuchen~, ob er ohne Annemarie leben
könnte. Wenns ging, so wollte er in Gottes Namen seinen Eltern folgen.

Er kam nicht zum Stelldichein. Als er Annemarie einen Tag später mit
Regine begegnete, sagte er förmlich »guten Tag« und ging vorüber. Das
Mädchen war etwas »verhofft« und sah ihm nach mit fragender Miene;
aber sie entschuldigte beides. Zu der Bestellung hatte er nicht kommen
können und vor der Regine wollte er sich nicht verrathen. Wie er
nun aber mehrere Tage nichts von sich hören ließ, und endlich, als
sie allein mit ihm zusammentraf, auch nur mit gewöhnlichem Gruß und
dazu noch sichtlich verlegen an ihr vorüberging, da erkannte sie ihr
Geschick. »So,« sagte sie, indem ihr Herz zu klopfen begann, »so
ists gemeint?« Sie sah ihm nach und bemerkte, wie er schneller ging,
gleichsam um aus ihrem Bereich zu kommen. Ihre Augen füllten sich mit
Thränen. »Das ist der Mensch, der zu mir gesagt hat, daß ich ihm das
Liebste wäre auf der Welt! So hält er Wort! O, ich hätt' mir's denken
sollen!« Sie ging in's Haus zurück und eilte in ihre Kammer hinauf.
Ihre Thränen strömten, sie sah mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes
und der bittersten Kränkung vor sich hin. Dann sagte sie: »Es geschieht
mir ganz recht, daß es so gekommen ist! Warum bin ich so einfältig
gewesen und hab' ihm geglaubt? Warum hab' ich mir eingebildet, ich wär'
auch etwas werth? -- O, wie dumm!« setzte sie schmerzlich lächelnd
hinzu. »Als ob diese Leute von ihrem Stolz lassen könnten! Als ob wir
ihnen zu was anderem recht wären, als zum Spielen! Ja, ganz recht
geschieht's mir, grad so hat's kommen müssen!«

Regine kam die Treppe herauf und öffnete die Thüre. Annemarie bemühte
sich nicht, ihren Schmerz zu verbergen. Die Freundin sah sie mitleidig
an und sagte: »Ich weiß, warum du weinst. Ja, ja, 's ist so. Beim
Angerbauer hat's was gegeben. Der Alte und der Junge sind hinter
einander gekommen, und Ludwig muß die Ev' heirathen.«

»Muß er?« sagte Annemarie, die bei ihrem ruhigen Wesen doch heroischer
war, als Ludwig, und unter umgekehrten Verhältnissen sich standhafter
gezeigt hätte. -- »Ja freilich muß er, wenn sein Vater will,«
erwiederte Regine. -- »Nun,« versetzte die Gekränkte mit Stolz, »wenn
er mich lassen kann, dann kann ich ihn auch lassen!« -- Sie trocknete
ihre Thränen und ging mit der Freundin hinunter, um sie auf's Feld zu
begleiten.

Von da an erschien Annemarie vor andern gefaßt, ohne den Zustand ihres
Herzens verbergen zu wollen. Die Freude des Lebens war ihr genommen,
und sie wollte nicht thun, als ob's anders wäre. Ihr Gesicht verlor
nach und nach die blühende Farbe, bekam aber dafür einen eigenen
feierlichen Ausdruck, und ihre braunen Augen erhielten einen Glanz,
der selbst dem alten Bäcker auffiel, so daß er den Kopf schüttelte und
für sich murmelte: »Es ist Schade, Jammerschade; aber ich kann ihr
nicht helfen!« -- Ihr Schicksal, wie man es erkannte oder errieth,
flößte den Leuten Achtung ein. Selbst diejenigen, die im Dorf wegen
eines »bösen Mauls« berufen waren, unterstanden sich nicht, in ihrer
Gegenwart Anspielungen zu machen, und kein junger Mensch fand in sich
den Muth, ihr schön zu thun und ihr für den erlittenen Verlust einen
Ersatz anzubieten.

Ludwig setzte unterdessen den Versuch, ohne Annemarie zu leben, fort.
Er hatte zum drittenmal gewagt, sie zu grüßen; aber sie war mit einem
Ausdruck von gekränkter Würde an ihm vorüber geschritten, daß er es
fortan unterließ. Wenn er nun bei einer unvermeidlichen Begegnung
ihre Wangen sich färben und ihr Auge glänzen sah, dachte er wohl: sie
würde nicht so bös sein (freilich nicht der rechte Ausdruck für das
Gefühl des Mädchens), wenn sie wüßte, wie hart es mich ankommt! -- Sein
Leben wurde sehr einförmig. Er ging zu Hause und auf dem Felde still
seiner Arbeit nach und machte Sonntags, anstatt mit Kameraden fröhlich
zu sein, einsame Spaziergänge. Auf einem derselben sagte er zu sich:
»Leben kann ich wohl ohne sie, das hab' ich nun gesehen; aber was ist
das für ein Leben!« Er schüttelte den Kopf und ging traurig nach Hause.

Am dritten Sonntag nöthigte ihn seine Mutter, mit ihr einen Besuch beim
Vetter Kirchbauer zu machen. Sie sah, daß Ludwig ihr und dem Vater ein
Opfer brachte und daß es dem armen Menschen schwer wurde; sie war daher
auf dem Weg besonders gut gegen ihn und gab sich große Mühe, ihn zu
erheitern, indem sie ihm vormalte, welch' einen Herrn er als Mann der
Eva spielen könne, wo er schon zum Anfang einen schuldenfreien Hof und
Geld am Zins haben würde. -- Die Kirchbauerleute hatten natürlich von
der Geschichte mit Annemarie gehört. Eva konnte bei der Begrüßung sich
nicht enthalten, eine spöttische Miene zu weisen und gegen denjenigen,
der einen solchen Streich machen konnte, eine gewisse Geringschätzung
an den Tag zu legen. Indessen, der Sünder hatte eine Eigenschaft, die
mit Nothwendigkeit Vergebung forderte: er war der Sohn reicher Leute.

Man faßte denn auch die Sache von der heitern Seite auf. Als man beim
Kaffee saß, versuchte Eva scherzhafte Anspielungen zu machen, die
ziemlich plump herauskamen, und der arme Ludwig mußte nun seine Liebe
verleugnen und erklären, daß ja an der ganzen Sache nichts sei, daß er
was ganz anderes im Sinn habe u. s. w. Er strengte sich offenbar an und
wollte sich zwingen, Eva lieb zu gewinnen. Die Folge war, daß ihm die
große Person, die seinem Herzen bisher gleichgültig war, zuwider wurde.
Auf dem Heimweg sprach die Mutter davon, die Sache nun bald richtig
zu machen. Ludwig bemerkte: »Mit der Zeit wird sich alles geben; aber
jetzt, ich bitte schön, laß mich in Ruh und treib nicht an mir!« Die
Angerbäuerin fühlte, daß sie still sein müsse.

Die zweite Hälfte des Juni war herbeigekommen und mit ihr die
Nördlinger Messe. Diese dauert vierzehn Tage und ist ein Fest für das
ganze Ries. Die ländlichen Hausfrauen kaufen sich auf ihr den Bedarf an
Kleidungsstoffen, Hausgeräthen und Spielzeug, und an manchem Tag sieht
man auf den Hauptplätzen mehr Bauern als Städter. Namentlich ist dies
bei den Hafnern der Fall, wo die klugen Bäuerinnen durch wiederholtes
Klopfen die Güte der Geschirre prüfen und an großen und kleinen ein
Gemisch von Tönen hervorbringen, daß man ein wahres Concert zu hören
glaubt. Hat man gehörig eingekauft, so erquickt man sich an den
berühmten Nördlinger Brat- oder geräucherten Groschenwürsten, trinkt
Bier dazu oder gar ein Schöppchen Wein, und wandert in der Dämmerung,
trotz des gefüllten, wachstuchbezogenen »Donaugretzens,« den man zu
tragen hat, vergnügt nach Hause. Die Sonntage sind für die »Ledigen,«
die namentlich am zweiten, der eben deßwegen der »Bauernsonntag«
heißt, von allen Dörfern nach Nördlingen strömen, um in verschiedenen
Wirthshäusern der Lustbarkeit nachzugehen.

Ludwig hatte acht Tage vergehen lassen, ohne sich um die Messe zu
kümmern. Sein melancholisches Aussehen machte die Mutter besorgt und
selbst den Alten bedenklich. Als er gar am Bauernsonntag keine Anstalt
machte in die Stadt zu gehen, da hielt sich die Mutter nicht länger.
Sie nahm eine kleine Rücksprache mit dem Vater, dann ging sie zu
Ludwig, der in seiner Kammer war, und redete ihm mit mütterlichem Ernst
in's Gewissen: was denn das wäre, daß er gar nicht mehr unter die Leute
gehen wolle? Wenn andere ledige Bursche sich lustig machten, sitze er
da und sinnire; ob das eine Art sei für einen jungen Menschen? »Da,«
fuhr sie fort, indem sie einen Beutel voll Kronenthaler aus der Tasche
zog, »da nimm, geh nach Nördlingen, mach dir einen vergnügten Tag und
laß etwas drauf gehen! Du weißt ja, wir haben's!« Ludwig, den Beutel in
Empfang nehmend, sagte mit trübem Lächeln: »Nun gut, Mutter, ich will
dir folgen.« Das Gesicht der Angerbäuerin erheiterte sich. Sie wußte,
daß Eva in der Stadt sein würde, und hoffte, daß die beiden jungen
Leute sich treffen, mit einander tanzen und sich vollends verständigen
würden.

Ludwig kleidete sich trotz seiner Melancholie festlich an, wie
sich gebührte, und schlug nach der Stadt einen weitern und weniger
begangenen Fußweg ein, der durch Getreidefelder und Wiesen führte. Der
Tag war ausnehmend schön und klar. Die Nachmittagssonne schien warm
vom Himmel, aber ein frisches Lüftchen, das von Osten kam, milderte
ihre Wirkung. Still, zuweilen ein rührendes Lied summend, wanderte
Ludwig den heimlichen Gang durch das hochgewachsene Korn. Als er
auf die Wiese heraustrat und die Augen aufschlug, bot sich ihm ein
höchst erfreulicher Anblick. Etwa noch eine halbe Stunde entfernt
lag die Stadt Nördlingen da, von grünenden Gärten umgeben. Der von
grauen Quadern erbaute Thurm der St. Georgienkirche -- einer der
höchsten und stattlichsten in Deutschland -- erhob sich in dem klaren
sommerlichen Duft freundlich über die Häuser und bildete mit ihnen
ein Ganzes, dem man die Eigenschaften der Solidität und Wohlhäbigkeit
von weitem ansah. Und rechts und links, auf Straßen und Feldwegen,
zu Wagen und zu Fuß erblickte man geputzte Leute in ländlicher oder
städtischer Tracht, welche dem ~einen~ Punkte zustrebten. Die
Landschaft trug vielleicht eben jetzt ihr farbenschönstes Kleid.
Ueberallhin wogende Getreidefelder in mannichfacher Abstufung des Grüns
und Wiesen mit Blumen geziert, besonders mit der weißen »Meßblume,«
die den Rieserinnen dazu dient, das, »Er liebt mich von Herzen« etc.
vorzunehmen, und die in größerer Anzahl darüber verbreitet den Gründen
einen besonders heitern Charakter giebt.

Auf Ludwig machte das alles freilich nur traumhafte Eindrücke. Seine
Seele lebte in sich selber. Er war in einer Stimmung, wo man traurig
ist, aber sich nicht ganz unglücklich fühlt, wo man zugleich mit der
Trauer eine Lust der Ergebung empfindet, die alles Schmerzliche in
gemildertem Lichte sehen läßt. In dem Menschenherzen sind wunderbare
Quellen des Trostes, die sich aber nur öffnen, wenn es bedrückt wird.
Dann erhebt sich eine Kraft in ihm, die in sanfter Strömung Linderung
bietet, und die, wenn sie die früheren Hoffnungen nicht mehr beleben
kann, doch wenigstens ihr Grab verschönt. -- Als Ludwig die Erfahrungen
der letzten Zeit an seiner erweichten Seele vorüberziehen ließ, regte
sich leise und leise sogar die Hoffnung wieder. Die Sehnsucht erblickte
in weiter Ferne Bilder des Glücks, und das junge Herz fand ihre
Verwirklichung nicht mehr so ganz unmöglich.

In der Stadt angekommen, ohne recht zu wissen wie, ging er zuerst
auf den Markt beim Rathhaus und hatte dort kurze Ansprachen mit
verschiedenen Kameraden. Dann trieb er sich in bunter Menschenwoge bei
den Meßständen umher und kaufte einiges zu Geschenken. Als er müde war,
suchte er den »goldenen Ochsen« auf, wo die jungen Leute seines Dorfes
einzukehren pflegten. Fröhliche Musik erschallte von den Fenstern
des ersten Stocks. Er fühlte keine Neigung, sich unter die Jugend zu
mischen, trat in die untere Stube, ließ sich einen Krug Bier geben und
setzte sich in eine Ecke. Nach und nach regten die wohlbekannten Töne
des Horns und der Clarinette doch eine Neugierde in ihm an, und er ging
in den Saal hinauf, um dem Tanze zuzusehen.

Das erste, was ihm in die Augen fiel, war Hans, der sich mit Regine im
Tanze drehte. Sein Herz klopfte; er spähte im ganzen Saal umher, um die
zu erblicken, die er liebte. Endlich sah er sie in einer Ecke stehen,
den Blick auf die Tanzenden gerichtet, die Gedanken aber sichtlich
anderswo.

Das Hiersein des verlassenen Mädchens war dadurch veranlaßt, daß Hans
erklärter Hochzeiter der Regine geworden war. Als solcher wollte er
die Geliebte zur Messe führen, aber diese, die das arme Kind gern
wieder bei einem Vergnügen gehabt hätte, erklärte, sie gehe nicht ohne
Annemarie. Das gute Mädchen, wenn sie kein Störenfried sein wollte,
mußte dem Paar nun wohl Gesellschaft leisten.

Ludwig blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete sie, ohne von ihr
gesehen zu werden, in erschreckter Freude. Ihr Gesicht war nicht nur
blässer, sondern auch etwas schmaler geworden; aber wie schön und fein
war es! Die Trennung von ihm machte ihr mehr Herzeleid als ihm selber,
das mußte er sehen! Sie hatte ihn nicht vergessen, sie hing treu an
ihm, sie grämte sich! Reue, Mitleid, Liebe, Bewunderung stürmten auf
ihn ein, seine Wangen glühten, ein unendliches Verlangen ergriff ihn,
mit der Geliebten zu reden. Plötzlich faßte er einen Entschluß. Er ging
auf sie zu und fragte: ob es nicht erlaubt wäre mit ihr zu tanzen.

Das Mädchen schrak zusammen und starrte ihn an. Sie zog die Hand,
die er ergriffen hatte und in der seinen bebte, zurück, aber er ließ
sie nicht los. Mit dem herzlichsten Tone sagte er: »Ich bitte dich,
Annemarie!« und sah sie mit einem Blick so voll Liebe, Reue und
Ergebung an, daß die Kraft zum Widerstand ihr versagte. Erröthend,
zitternd, in tiefster Verwirrung ließ sie sich von ihm zum Tanze
führen.

Was soll ich weiter sagen? Ludwig fand Gelegenheit, sich gegen
Annemarie über alles auszusprechen: wie Vater und Mutter drohend von
ihm verlangt, von ihr zu lassen, wie er versucht habe, ihnen zu folgen,
wie es ihm aber unmöglich sei, da er keine andere liebhaben könne als
sie. Er wolle nun mit seinem Vater sprechen, gleich morgen. Sie müsse
sein Weib werden, geh' es wie es wolle. Er verspreche es ihr hoch und
heilig, und so wahr ein Gott im Himmel sei, er werde sein Versprechen
halten.

Annemarie glaubte ihm: sie fühlte, wie jedes Wort von Herzen kam. Sie
verzieh ihm das Vergangene, da sie einsah, welch einen schweren Stand
er hatte; sie bewunderte und theilte seinen Muth. Was fragte sie nach
der Welt? Er gehörte ihr wieder, ihr Leben, ihr einziges Glück! -- Sie
glänzte in seliger Schönheit. Die Freude hatte ihre Wangen nicht nur
wieder geröthet, sondern schien sie auch plötzlich runder gemacht zu
haben. Ludwig hatte sie nie so hold gesehen.

Die jungen Herzen erhob ein Gefühl, das sie vorher nie in dieser Stärke
gekannt hatten: der Heldenmuth der Liebe. Sie sahen, was ihnen drohte,
aber sie empfanden keine Bangigkeit. Die Kämpfe, die ihrer harrten,
waren ihnen beinahe lieb; denn sie _wollten_ sich bewähren, sie
wollten zeigen, was wahre Liebe vermöge, und daß man einer solchen
nichts anhaben könne. Es war ein Schwung in ihren Seelen, daß ihnen
nichts unmöglich erschien. Mögen sie nur kommen, mögen sie nur reden
-- dachten sie -- wir wollen sehen, wer das Feld behauptet! -- Mit dem
Glück leuchtete nun auch dieses heroische Gefühl aus den Gesichtern und
gab ihnen einen eigenen rührenden Ausdruck. Wer sie sah, der wußte, daß
sie einig waren und daß man sie nicht mehr auseinanderbringen würde.
Die einen schüttelten den Kopf, andere dagegen nahmen frohen Antheil.
Ein stattlicher Bursche ging auf das Paar zu, klopfte Ludwig auf die
Schulter und sagte: »Brav so! Laß dich nicht irre machen -- der Alte
muß nachgeben!« -- »Ja, Bruderherz,« erwiederte der Entschlossene, »das
muß er, ich kann ihm nicht helfen!«

Ludwig führte sich nun gerade am schönsten auf, er strampfte am
geschicktesten nach dem Takt vor seiner Tänzerin, er sang Lieder vor,
die sich auf ihr Verhältniß bezogen, darunter einige, die er offenbar
selber gemacht hatte -- er zog die allgemeine Bewunderung auf sich.

Nachdem sie genug getanzt hatten, nahmen die befreundeten Paare im
einer kleinen Stube Platz und setzten sich zum reichlichen Mahle.
Ludwig folgte seiner Mutter: er ließ etwas drauf gehen, und mehrere von
den schönen Kronenthalern, die er erhalten hatte, um damit vor Eva zu
prangen, blieben im goldenen Ochsen. Gegen eilf Uhr machten sie sich
auf den Heimweg. Ludwig führte die Geliebte und Regine hielt Hans mit
Fleiß etwas zurück, damit die beiden sich recht ausreden konnten. Die
Nacht war so schön wie der Tag; der Mond, beinahe voll, schien hell
in's Land, und silberne Nebel zogen sich über die Wiesgründe hin. So
wanderten die Glücklichen in dem Feldweg fort, sich wieder und wieder
betheuernd, wie lieb sie sich haben, wie glücklich sie seien und
wie sie sich treu bleiben wollten bis in den Tod. Vor dem Hause des
Bäckers nahmen sie Abschied, und nochmal sagte Ludwig an dem Halse der
Geliebten: »Verlaß dich auf mich!«

                   *       *       *       *       *

Den andern Morgen ersah Ludwig seine Zeit und ging entschlossen in
die Stube, wo seine Eltern allein waren. Er trat vor seinen Vater und
sagte: »Ich hab' etwas mit dir zu reden.« Der Alte machte ein grimmiges
Gesicht, welches zeigte, daß ihm von dem gestrigen Thun des Sohnes
bereits etwas zu Ohren gekommen war. »Das trifft sich gut,« erwiederte
er, »ich hab' auch etwas mit dir zu reden.« Und indem er ihn mit
verachtenden Blicken maß, fuhr er fort: »Nun sag mir, was ich mit dir
anfangen soll! Du hast also wirklich alle Scham verloren? Während ich
und deine Mutter glauben, daß du bei Leuten bist, die dir Ehre machen,
verbankettirst du dein Geld mit einer --«

»Schimpf nicht!« fiel ihm Ludwig in die Rede; »die Annemarie ist das
bravste und ordentlichste Mädchen! Und weils doch heraus muß, so sag
ich dir jetzt: die und keine andere wird mein Weib! Ich hab' euch
folgen wollen, ich hab' mir die größte Müh' gegeben; aber es geht nicht
-- ich ~kann~ ohne die Annemarie nicht leben! Und ich hab' ihr's
gestern gesagt, und sie hat mir's gesagt, und wir haben uns versprochen
vor Gott im Himmel, daß wir uns treu bleiben wollen, und wir halten
unser Wort!«

Der Alte war erstarrt. Er hatte in der Geschichte auch jetzt noch
nichts als eine ärgerliche Liebelei gesehen und fürchtete im
schlimmsten Fall einen Ausgang, der den Buben in's Geschrei bringen
und die Heirath mit Eva verderben konnte. Daß sein Sohn, der Sohn des
Angerbauern, daran denken könnte, ein Mädchen wie Annemarie zum Weib zu
verlangen, das hätte er sich nicht im Traum einfallen lassen. Er sah
ihn ordentlich erschreckt an, wie einen plötzlich Tollgewordenen, und
brachte mit Mühe die Worte heraus: »Was -- willst du thun?« -- Ludwig
erwiederte mit entschlossenem und zugleich bittendem Tone: »Ich will
die Annemarie heirathen, ich kann nicht anders, Vater!«

Der Angerbauer zuckte und seine Faust ballte sich. Noch hielt er die
Wuth, die in ihm aufkochte, zurück, aber mit solcher Anstrengung, daß
seine Glieder zitterten. Er fragte: »Wovon wollt ihr denn leben?« --
Ludwig versetzte: »Die Annemarie ist nicht so arm, sie hat auch etwas,
beinahe tausend Gulden, und mit dem, was ich kriege --« -- »So?« sagte
der Alte, »wer giebt dir denn etwas?« -- »Nun,« versetzte Ludwig, »du
würdest mir doch --« --

Der Alte lachte mit bitterem Hohn. »Wie!« sagte er, »bildest du dir
ein, daß ich Geld ausgebe, um eine solche Söhnerin zu bekommen? Bist du
von Sinnen? Nicht einen Heller bekommst du von mir!«

»Laß ab, Ludwig!« rief die Mutter, die geängstet zur Seite gestanden
hatte, »laß ab, um Gotteswillen! Er thut's nicht, er kann's nicht thun!
Hast du denn allen Verstand verloren?« -- »Nein,« versetzte Ludwig
fest, »ich hab' meinen Verstand noch ganz, und ich laß nicht ab, denn
ich hab's wohl überlegt, was ich thu'. Die Annemarie wird mein Weib,
mag geschehen was da will -- das ist meine letzte Rede!«

Nun war die Kraft, mit welcher der Angerbauer den Ausbruch seiner
Wuth niedergehalten hatte, zu Ende. »Wie!« schrie er den kecken Sohn
an, »du unterstehst dich mir zu trotzen? So weit treibst du die
Unverschämtheit? Du nichtsnutziger Bursche! Du frecher Bube! Heirathen
willst du sie? Eine Bettlerin? Du Dummkopf! Siehst du nicht, daß die
schlechte Person nur nach deinem Geld angelt?«

Ludwig hatte die Schmähungen, die ihn betrafen, ruhig über sich ergehen
lassen; aber bei den letzten Worten fuhr er auf. »Die Annemarie ist
das rechtschaffenste Mädchen unter der Sonne! Wer anders sagt, ist ein
Lügner!« -- Der Alte erhob den Arm und that einen Schritt gegen den
rebellischen Sohn, um ihn niederzuschmettern; aber die Mutter fuhr
dazwischen. »Um's Himmelswillen,« rief sie dem Rasenden zu, »thu' das
nicht! Siehst du nicht die Leute, die draußen stehen?« Der Vater ließ
den Arm sinken, aber nur um den Sohn desto grimmiger mit Worten zu
treffen.

Ich verzichte darauf, diese Scene weiter zu schildern. Der Zorn ist
eine Art von Wahnsinn. Hat er einmal die Dämme der Vernunft und
der Sitte durchbrochen, dann kennt sein Wüthen keine Grenzen mehr.
Er will den Gegner vernichten und greift darum zu den gröbsten
Schmähungen, weil sie die tödtlichsten sind. Der Zornige kann mit dem
ehrlichsten Ingrimm und mit der wahrsten Empfindung Dinge sagen, deren
Ungerechtigkeit er bei ruhigem Blute besser einsehen würde als irgend
ein anderer. Nur die Ungerechtigkeit kann ihm genug thun, er lebt von
ihr, er schwelgt in ihr. Die Worte, die dem Angerbauer angreifend und
dem Sohn abwehrend an diesem Morgen noch in den Mund kamen, würden
in dieser Darstellung keinen Platz finden. Noch einmal ging der Alte
auf Ludwig los, um ihn niederzuschlagen; noch einmal trat die Mutter
dazwischen und hielt ihm den Arm. Endlich rief er mit schäumendem
Munde: »Fort, fort! Aus meinem Hause! Du bist mein Sohn nicht mehr!
Fort!« Und Ludwig versetzte: »Sorg' nicht, ich geh', und nie wirst du
mich wieder sehen!« Er öffnete die Thüre und ging hinaus. Die Mutter
wollte ihm nach, aber der Angerbauer hielt sie mit eisernem Arm. »Laß
ihn, er soll fort und mir nie wieder unter's Angesicht kommen!«

In einer Art von heroischer Trunkenheit ging Ludwig in seine Kammer,
packte die nothwendigsten Kleidungsstücke in ein Tuch und wanderte mit
dem Bündel durch den Garten auf's Feld hinaus. Es war ihm ordentlich
wohl zu Muthe. Er wollte sich an seinem Vater rächen, und er wußte, wie
er das konnte. Gestern hatte er zufällig gehört, daß ein weitläuftiger
Anverwandter im untern Ries einen Knecht brauche. Zu dem wollte er
gehen und sich bei ihm verdingen. Er wollte als Knecht dienen, zur
Schande seines reichen Vaters, und so lange aushalten, bis dieser ihn
selber bäte wieder zu ihm zu kommen und -- Annemarie zu heirathen.
Dieser wollte er schreiben, ihr ausführlich berichten, wie tapfer er
sich gehalten und dadurch gewiß alles wieder gut gemacht habe. Er
fühlte sich recht als Mann und war mit sich und beinahe auch mit seinem
Schicksal zufrieden.

Das Dorf, in welches er zu wandern gedachte, war etwa drei Stunden
entfernt. Auf dem Feldweg, den er zunächst einschlug, begegneten ihm
mehrere Leute, die ihn verwundert anschauten, zuletzt auch sein Bruder
Andres, der ihn fragte, wo er hingehe. »Fort, in die weite Welt,« rief
ihm Ludwig zu. -- »Wie soll ich das verstehen?« fragte Andres. --
»Der Vater braucht mich nicht mehr: geh' heim und sag ihm, wo du mich
getroffen hast!« Und fort eilte er. Andres ging etwas rascher nach
Hause als er sonst gethan hätte, und richtete den Auftrag aus. Der
Mutter traten auf's neue die Thränen in die Augen; der Alte aber rief:
»Mag er laufen, wohin er will, der nichtsnutzige Bursche! -- Ich werde
nicht nach ihm schicken!« Der ruhige Andres ging zur Mutter und sagte
tröstend: »Er wird schon wieder kommen.«

Nach einer heißen Wanderung langte Ludwig im Hofe des Vetters an. Er
unterdrückte das Schamgefühl, das ihn anwandelte, und trat äußerlich
entschlossen, aber doch mit der Schüchternheit eines Menschen, der sich
anträgt, in die Stube. Der Bauer, ein gesundhagerer, sonnverbrannter
Mann mit angehenden grauen Haaren, war allein da und rief auf den
Gruß des Ankömmlings: »Ludwig! Sieh da! Was führt dich zu uns?« Auf
das Bündel blickend, setzte er hinzu: »Bringst du mir etwas?« --
»Kann sein,« erwiederte Ludwig. »Ihr braucht einen Knecht?« -- »Ja
wohl. Weißt du mir einen?« -- »Ich weiß einen.« -- »Nun?« -- »Ich
bin's selber.« -- »Du? Mach keinen Spaß!« -- »Ich mach keinen Spaß,
Vetter, sondern sag' Euch die reine Wahrheit.« Und er erzählte ihm das
Vorgefallne.

Um den Mund des Schmiedbauern (so hieß der Mann vom Hofe) spielte ein
behaglich schadenfrohes Lächeln. Er war einer von denen, die sich
für besonders gescheidt halten und denen es höchst fatal ist, wenn
sie Einen treffen, der noch mehr Verstand zu haben glaubt als sie.
Diesen Verdruß hatte dem Schmiedbauern zu verschiedenen Malen der
Angerbauer gemacht, indem er ihm zu Nördlingen, wenn sie nach einer
»guten Schranne« beim Bier saßen, keine seiner kühneren Behauptungen
durchgehen ließ und ihm hie und da sogar übers Maul fuhr. Den Sohn
dieses stolzen und hoffärtigen Mannes nun als Knecht im Hause zu haben
und dem Alten gelegentlich einmal vor den Leuten sagen zu können, wie
er sich mache, war für ihn ein köstlicher Gedanke. Er beschloß Ludwig
zu dingen. Zu seiner Beruhigung sagte er sich: »Wenn ich ihn nicht
nehme, geht er vielleicht nach Augsburg, um sich als Hausknecht zu
verdingen, oder unter die Soldaten, oder Gott weiß wohin, so daß man
ihn am Ende gar nicht mehr findet. Bei mir aber lebt er in der Nähe und
kann am ersten wieder zur Vernunft gebracht werden.«

»Ei, ei, ei, ei!« rief er endlich aus, indem er vergnügt den Kopf
schüttelte, »was sind das für Sachen! -- Nun,« fuhr er nach einer Weile
fort, indem er sich zusammennahm und die Miene des Vetters allmählig
in die des Herrn übergehen ließ, »wenn du's nicht anders haben willst,
so will ich dir nicht entgegen sein. Du sollst mein Handknecht werden
und so viel Lohn haben, wie der vorige. Aber eins muß ich dir sagen:
ich ding dich nicht zum Spaß. Ich brauch einen Knecht, der ordentlich
schafft und nichts vor andern voraus haben will.« -- Ludwig versetzte
etwas empfindlich: »Ich schaff wie ein anderer und verlang nichts als
was mir gehört.« -- »Nun, mit dem Beding sind wir Handels eins.«

Michel, des Schmiedbauern einziger Sohn, ungefähr in gleichem Alter
mit Ludwig, kam in die Stube und grüßte den Vetter überrascht und
freundlich. »Was sagst du dazu,« redete der Alte ihn heiter an, »daß
Ludwig unser Handknecht wird?« -- »Was nicht noch?« versetzte Michel
ungläubig. Der Alte erklärte ihm den Handel, worauf der Haussohn
den neuen Knecht mit einem schelmischen und selbstzufriedenen
Lächeln betrachtete. Man sah ihm an, daß plötzlich das Gefühl des
Höherstehenden in ihn gefahren war. Er eilte in die Küche, um
seiner Schwester Madlene, welche seit dem Tode der Bäuerin die
Wirthschaft führte, die Neuigkeit mitzutheilen. Als Madlene mit dem
Nachmittagskaffee in die Stube trat, grüßte sie den Vetter nur obenhin
und mit etwas verzogenem Mäulchen; sie konnte einen Burschen nicht
begreifen, der wegen eines geringen Mädchens sich so herabzuwürdigen
vermochte. Der Alte sagte zu Ludwig: »Setz dich zu uns; heute kannst du
noch mit uns Kaffee trinken. Später freilich --« -- »Ich dank' schön,«
erwiederte Ludwig rasch, »mich dürstets, ich trink Wasser lieber.« --
»Das kannst du dir draußen am Brunnen selber pumpen,« sagte der Alte,
vergnügt über die Empfindlichkeit des jungen Burschen, »und trinke
so viel als dir schmeckt.« -- Die Familie setzte sich im Kanzlei zum
Kaffee. Ludwig verließ die Stube, ging zum Brunnen, trank tüchtig
und nahm sich vor, muthig auszuhalten und alles was sein neuer Stand
natürlicherweise Beschwerliches hatte, mit Geduld zu ertragen.

Nach zwei Tagen wurde an Annemarie von einem Hausirer ein Brief
abgegeben, worin der Liebende berichtete, was uns bekannt ist. Der
Schluß lautete: »Es geht mir hier recht gut. Ich muß tüchtig arbeiten,
aber das ist mir lieb. Bleib mir nur treu wie ich dir und alles, was
geschehen ist, wird zu unserm Glück sein.«

Das gute Mädchen hatte eine seltsam gemischte Empfindung. Die
standhafte Treue, die Ludwig bewiesen, erfreute und rührte sie
inniglich; aber der Gedanke, daß ~sie~ an der Uneinigkeit einer
solchen Familie Schuld sein sollte, fiel ihr schwer auf's Herz.
Sie ergab sich für jetzt in ihr Geschick und tröstete sich mit der
Hoffnung, daß der Himmel zwei so treu liebenden Herzen zuletzt doch aus
ihrer Noth helfen werde.

Im Dorf hatte natürlich das Davongehen Ludwigs den größten Rumor
gemacht, und die beiden Tage lang wurde in den Häusern und auf
dem Felde, beim Bier und Nachts auf der Gasse von nichts anderem
gesprochen. Alle die gegen die Familie des Angerbauers etwas hatten
oder sie beneideten, thaten sich von Herzen gütlich und sorgten dafür,
daß die Geschichte mit gehörigen Zusätzen weiter verbreitet wurde.

Unser junger Freund Theodor brachte die Nachricht mit einem gewissen
Selbstbewußtsein dem Großvater, indem er ausrief: »Hab' ich's nicht
gesagt?« Der alte Pfarrer sah ihn freundlich an und sagte: »Ja,
du bist ein ganzer Mann und großer Prophet!« Theodor machte ein
etwas verdutztes Gesicht; seine Erwartung, ein mit seinen Gefühlen
sympathisirendes »schrecklich! was es doch für Menschen giebt« etc.
zu hören, war auf's neue getäuscht. Dieselbe Erfahrung machte er, als
er die Kunde brachte, daß Ludwig sich als Knecht verdingt habe. »So?«
sagte der alte Herr, »ist die Nachricht gewiß?« -- »Ich habe sie von
einem Hausirer, der Ludwig selber gesehen hat,« erwiederte Theodor. Und
ihn ansehend, fragte er: »Was soll nun geschehen? was willst du thun?«
-- »Wir wollen ihn dienen lassen,« antwortete der Pfarrer und begab
sich in seine Studierstube. Theodor sah ihm kopfschüttelnd nach; bei
dieser Gelegenheit konnte er seinen Großvater nicht begreifen.

                   *       *       *       *       *

Das Leben des Bauern hat dadurch einen besonderen Reiz, daß seine
Thätigkeit an das Leben der Natur gebunden ist und seine Arbeiten in
Folge davon sehr mannigfaltig sind. Im Frühling wird beim Singen der
Lerchen das dampfende Feld gepflügt und besät und auf den Wiesen
die Streu -- die rein gewaschenen Ueberbleibsel des Strohdüngers --
zusammengerecht. Gemüse- und Baumgarten erhalten ihre Pflege. In den
Sommer und einen Theil des Herbstes fallen die Ernten des Heus, des
Winter- und Sommerkorns, des Grummets (im Ries »Ohmad« genannt), des
Flachses, Hanfs, der »Erdbirn«, der Rüben und des Krautes, die alle
gar verschiedene Fertigkeiten in Anspruch nehmen und insbesondere
dem rüstigen Burschen Gelegenheit geben, sich als »Mahder« (Mäher),
Schnitter, Garbenbinder, Wagenlader und Pferdelenker auszuzeichnen. Die
Einsammlung geschieht in fröhlicher Gesellschaft, die Familienglieder,
Knechte und Mägde helfen zusammen und erleichtern sich die Arbeit
durch lustige Reden; denn gewöhnlich fehlt in einem Hause weder ein
humoristischer Bursche, der Spaß macht, noch eine gemüthlich einfältige
oder unbewußt drollige Person, die ihm dazu den hauptsächlichsten
Anlaß giebt. Die Hausfrau schickt zu rechter Zeit Speise und Trank
auf's Feld und bewirthet die Arbeiter zum Schluß der großen Ernten
festlich mit »Schneckennudeln« oder »Küchlein;« mit den verschiedenen
Arbeiten sind auch verschiedene herkömmliche Ergötzungen verbunden.
-- Ackern und Pflanzen hat sich von Zeit zu Zeit wiederholt, bis
zuletzt noch die Wintersaat bestellt wird. Der Herbst und der Winter
bringen das Dreschen, für die Frauen und Mädchen das Spinnen, womit
in wohlgeheizter, schneeumflogener Stube unter dem Hinzutritt
unterhaltender Bursche die langen Abende ausgefüllt werden. Durch
alle Jahreszeiten hindurch erfordert die Viehzucht, die Besorgung der
Rosse, des Rind- und Federviehs, der Schafe und der Schweine besondere
Arbeiten und Geschicklichkeiten. Dann ist der Bauer auch Fuhrmann und
Handelsmann. Er fährt in Waldungen (im Ries oft in ziemlich entfernte),
um Holz zu holen, er fährt sein Korn zur Schranne, er fährt die Seinen
und für Geld oder gute Worte auch Andere zu näheren und weiteren
Besuchen. Er verkauft, kauft und tauscht, und verbringt auf Märkten,
den Reiz der Handelschaft genießend, keine geringe Zeit. Er wird
endlich verlockt und genöthigt, in verschiedene Künste zu pfuschen
und sich mit allerlei Werkzeugen bei kleinen Verlegenheiten selber zu
helfen.

Natürlich sind die Arbeiten ausgetheilt und an Einen kommen nicht alle
Arten; doch ist es nicht möglich, jeden einzelnen streng in seinem
Kreise zu lassen, und immer bleibt für ihn noch eine Mannigfaltigkeit
übrig, durch die er sich von dem Handwerker und zumal von dem
Fabrikarbeiter zu seinem Vortheil unterscheidet. Auch der Knecht hat
eine erfrischende Abwechselung von Beschäftigungen, und wenn er die
hauptsächlichsten Arbeiten vom Ausbund versteht und ein »rechter
Schaffer« ist, so kann er sich fühlen und genießt eines rühmlichen
Namens.

Jede Existenz in der Welt hat indeß ihre Kehrseite. Unter den
mannigfaltigen Geschäften sind solche, die weder sehr leicht, noch sehr
reinlich genannt werden können. In glühender Hitze Korn schneiden,
ist eine Arbeit, ergötzlicher anzusehen, als selber zu thun, indem
das stets wiederholte Hinabkrümmen des Oberleibes zur Erde eine sehr
unbehagliche Empfindung im Rücken zur Folge hat. In kalter Winterzeit
Morgens um vier aufstehen und beim düstern Schein einer Laterne
dreschen zu müssen, würde ebenfalls für Viele nichts Einladendes haben.
Den Acker zu bestellen, wenn es tüchtig geregnet hat, bringt mit der
Mutter Erde in eine Berührung, die man weniger innig wünscht. Indem der
Bauer die extremen Aeußerungen der Natur nicht so zu dämpfen vermag,
wie der Städter, und nicht auf gebahnte, sondern auf Wege gewiesen ist,
die meist noch in ursprünglicher Schlechtigkeit vorhanden sind, kann er
die Eigenthümlichkeit eines »wüsten Wetters« von Grund aus genießen.
In der Erntezeit gefällt sich die Natur zuweilen, den Fleißigen zu
necken, indem sie die getrocknete Frucht durch einen gehörigen Regen
netzt, um neues Umwenden nöthig zu machen, und dieses Manöver so lange
wiederholt, bis zuletzt auch dem Gutmüthigsten der Geduldfaden reißt.

Wie jeder weiß, spielt die größte Rolle in der Landwirthschaft der
Dünger oder Mist. Denselben in gehöriger Fülle und Fettigkeit zu
erzeugen, ist die Hauptsorge des umsichtigen Bauers. Und wo dieser
wundersam nährende Stoff hinkommt, da wächst das Gras, da blühen die
Blumen, da grünt das Korn und sprießt in die Höhe -- da steht die
Poesie der Landwirthschaft vor unsern Augen. Kein Wunder, daß der
Hofbesitzer mit besonderem Stolz auf seinen Misthaufen sieht und über
diesen Gegenstand mit Begeisterung zu reden vermag. Wenn aber die
segensreichen Wirkungen dieses Stoffes jeder zugiebt, so ist es doch
weniger erfreulich, sich mit demselben unmittelbar zu befassen. Ihn auf
einem dazu bestimmten Karren vom Stalle zum Haufen zu fördern, ihn, von
Jauche getränkt, auf einen Wagen zu laden und festzupatschen, ihn auf
Aecker und Wiesen zu führen und dort herumzubreiten, ist eine Arbeit,
welche gern zu thun eine besondere Liebhaberei erforderlich ist.

Natürlich geht es hier wie überall. Die Berufspflicht und die
Gewohnheit versöhnen mit Beschwerlichkeiten, die andern groß, ja
unerträglich erscheinen. Wer es gewohnt ist, der singt und pfeift bei
der genannten Arbeit und ist auf keine Weise davon belästigt, da sie,
genau genommen, in der freien Landluft auch weniger Uebelstände mit
sich führt, als Unkundige sich vorstellen mögen. Wer sie aber nicht
gewohnt ist und sich überdies zu gut dafür hält, den muß sie freilich
sehr hart ankommen.

Die Geduld unseres verlorenen Sohnes wurde auf eine schwere Probe
gestellt, als die mühseligen und für ihn demüthigenden Arbeiten nach
einander anrückten. Er hatte zwar alle Bauernarbeiten gelernt, die
beschwerlichen und unreinlichen aber seinen Knechten überlassen, und
für das, was die übrigen noch Lästiges mit sich führten wurde der
Liebling der Mutter reichlich entschädigt. Nun mußte er sich nicht nur
zu einer jeden hergeben, er mußte sie, seiner eigenthümlichen Lage
und seinem Versprechen gemäß, auch mit besonderem Fleiß und Eifer
verrichten und den andern mit gutem Beispiel vorangehen.

Dies war indeß noch nicht das Schlimmste. Als Handknecht stand er
unter dem Befehl des Bauern und seiner zwei Kinder, in gewissem Sinn
auch unter dem des Oberknechts. Dieser war zufällig ein brummiger
Kerl und machte seine Rechte um so mehr geltend, als er beinahe das
doppelte Alter Ludwigs hatte. Wenn es nun hieß: »Komm her! -- thu'
mir das! -- hol' mir jenes!« so mußte der arme Bursche laufen, die
Ausrufungen der Ungeduld anhören und Tadel hinnehmen, auch wo er ihn
nicht verdiente, sondern wo der Befehlende nur zeigen wollte, daß er
sich das Ausgeführte noch besser denken konnte. Seine Herkunft und
seine Vetterschaft nützten ihm dabei gar nichts. Der Schmiedbauer
hatte seinen Kindern den Plan mitgetheilt, den er in Bezug auf
Ludwig befolgen wollte und der so sehr mit seiner Herzensneigung
übereinstimmte; die würdigen Sprossen fanden ihn gut und handelten
treulich darnach, Michel, um sich einen übermüthigen Spaß zu machen,
Madlene, um die Genossenschaft der Bauerntöchter an ihrem Beleidiger
zu rächen. Der Oberknecht, der in frühern Diensten von reichen Bauern
gehunzt worden war, benutzte die Gelegenheit, bei dem Sohn eines
solchen es wieder hereinzubringen. Er that nicht nur so viel als er
konnte, sondern mehr als er durfte, und Ludwig, der nicht rechten
wollte und überhaupt einmal in der Selbstverläugnung begriffen war,
ließ sich möglichst viel gefallen.

Tief in der menschlichen Natur liegt der nicht sehr lobenswerthe Trieb,
die Gutmüthigkeit zu necken, die Hülflosigkeit zu mißbrauchen und dem,
der den Schaden hat, auch noch den Spott in den Kauf zu geben. Sogar
bessere Menschen können dem Reiz dazu nicht widerstehen, wenn der
Schaden nicht zu arg ist und der Betroffene ihn zu verdienen scheint.
Als Ludwig einmal den Roßstall säuberte und durch etliche Karrenfuhren
den Düngerhaufen vergrößerte, kam eben Michel herbei. Er konnte sich
nicht enthalten, lächelnd stehen zu bleiben und dem Burschen zuzurufen:
»Du kannst ja misten, Ludwig, als ob du nie etwas anderes getrieben
hättest!« Dann ging er zum Stall, schaute hinein und rief aus:
»Sapperment, hast du sauber gemacht! du bist ein Handknecht, wie wir
keinen bessern hätten kriegen können!« Ludwig erröthete und schwieg;
er fühlte, daß er den Spott entweder hinnehmen oder in einer Weise
beantworten mußte, die zum Bruch führte. Michel trollte selbstzufrieden
seiner Wege. Da er nicht sehr erfindsam war, so wiederholte er diese
Anrede mit geringen Variationen auch bei andern Arbeiten, und sein
Vater stand ihm mit ähnlichen Späßen bei, so daß Ludwig sich mehrmals
nur mit größter Mühe enthielt, den Spöttern ein paar tüchtige Ohrfeigen
zu langen. Der Oberknecht brach die Gelegenheit vom Zaun, auf ein
verzogenes Muttersöhnchen zu schelten und dem Untergebenen zu sagen:
mit ihm sei wenig ausgerichtet und er könnte nichts Besseres thun,
als wieder zu seinem Vater heimgehen. Am unbarmherzigsten fuhr aber
den Unglücklichen Madlene an, wenn er nach ihrer Meinung etwas nicht
recht gemacht hatte. Sie zeigte offenbar den meisten Eifer, den Sünder
zu bessern. Wenn dann Michel scherzend zu ihr sagte: »Hör einmal, du
machst's ihm doch zu arg,« so wurde sie roth und erwiederte: »Was da!
es gehört ihm nicht besser!«

Das Essen, das Ludwig erhielt, stand mit den Arbeiten, die er
verrichten mußte, nicht im Verhältniß, oder wenn man will, es stand
damit im Verhältniß; denn in der Regel bekommt ja doch gerade der,
welcher die sauersten Arbeiten thun muß, die magerste oder wenigstens
die gröbste Kost. Im Hause des Schmiedbauern, der sich keineswegs durch
Freigebigkeit auszeichnete, erhielten die Ehehalten Wassersuppe, sehr
einfach bereitete Gemüse in möglichst geringer Abwechselung, grobe
Mehlspeisen und allenfalls Speck und Salzfleisch, das vor Alter grün
und gelb geworden. Die andern, die es nicht besser gewohnt waren,
verschluckten solche Kostbarkeiten mit stets lebhaftem Appetit, der
Bauernsohn mußte sich aber, wie man zu sagen pflegt, »einen Zorn
einbilden,« um sie hinunter zu bringen. Da seine Mutter sich besonders
als Köchin auszeichnete, so war er mehr verwöhnt als andere seines
Gleichen: Fleischbrühsuppe, gutes Ochsenfleisch, schmackhafte Gemüse,
Eierspeisen und an festlichen Tagen Braten, das war es, was er zu
genießen pflegte. Nun mußte er die rohe Kost essen und dabei sehen, wie
die Herrlichkeiten, die ihm die Mutter früher mit aufmunternden Worten
vorgesetzt, von Madlene in's Kanzlei getragen und dort unter fröhlichem
Diskurs verspeist wurden.

In der ersten Zeit erduldete er alle diese Unbilden mit großer
Standhaftigkeit. Vor allem hielt ihn sein Trotz oben und ~er~
dachte wirklich mit jenem Jungen, der aus Mangel an Handschuhen die
Finger erfror: es geschieht meinem Vater ganz recht, warum hat er mich
aus dem Hause getrieben? Viel mehr aber stärkte und erhob ihn die Liebe
und das Bewußtsein, wie mannhaft er seine Treue bewähre und wie viel er
um der Geliebten willen ertrage. Wenn sie mich jetzt sähe, dachte er,
wie viel ich mir gefallen lasse um ihretwillen, ein Mensch wie ich bin,
es würde ihr gewiß an's Herz gehen! Wenige Tage nach Absendung seines
Briefes war von Annemarie eine Antwort gekommen, ein liebliches Echo
seiner Gedanken und Versicherungen. Das Vorgefallene beklagend, sprach
sie dem, der ihr Muth zugesprochen, wieder Muth zu und schloß mit
der sichern Hoffnung auf eine endliche glückliche Wiedervereinigung.
Ludwig freute sich innig, von der Geliebten zu hören, was er ihr selber
geschrieben hatte. Er malte sich aus, wie es ihnen wohl noch gehen und
unter welchen glorreichen Umständen sie wieder zusammen kommen möchten;
und solche Gedanken machten ihn allerdings hie und da bei der Arbeit
etwas zerstreut und ließen ihn kleine Fehlgriffe begehen, auf welche
sich seine Tadler mit einigem Recht berufen konnten.

Wenn Ludwig mehr innerlichen Lebens fähig war als viele seines
Gleichen, so war er doch kein Mann der Einbildungskraft von Profession
und keineswegs bestimmt, sich durch bloße Vorstellungen über den
Verlust reeller Güter trösten zu lassen. Die Wirklichkeit riß ihn
oft sehr grob aus seinen Träumen, diese verloren überhaupt nach und
nach ihre Kraft, und er fühlte die Erniedrigung seiner Lage, so wie
die Klemme, in der er steckte, doppelt und dreifach. Im Hause des
Schmiedbauern und im Dorfe fand er keinen Trost. Seinen Mitehehalten
blieb er fremd. Ein dritter Knecht und die Mägde hatten ihn zuerst mit
einer gewissen Rücksicht behandelt, weil sie glaubten, sein Vater würde
bald kommen und ihn abholen. Als das aber nicht geschah und Ludwig
still fortarbeitete, verlor sich ihr Respekt; sie nahmen ihn für einen
wirklichen verlorenen Sohn und für ihres Gleichen. Wenn er gewollt
hätte, so würde ihm sein »feines Gesicht« bei den Mägden gutes Spiel
bereitet haben. Die ältere, eine passabel hübsche Dirne, glaubte, so
viel wie eine Zimmermannstochter könne sie auch noch vorstellen, und
schickte dem Traurigen theilnehmend süße Blicke zu; da er aber nicht in
der gewünschten Art darauf antwortete, so erklärte sie ihn für einen
Hansnarren und wurde um so »schnötziger« gegen ihn. -- Nicht viel
besser erging es ihm mit den übrigen jungen Leuten des Dorfes. Es hätte
sich unter ihnen wohl ein Kamerad gefunden, wenn er ihn gesucht hätte.
Allein eine stolze Scheu hielt ihn zurück und man ließ ihn gehen.
Zuerst hatte sein Auftreten als Knecht ein mächtiges Gerede veranlaßt;
man begaffte ihn, schüttelte den Kopf und einzelne erlaubten sich mit
ihm zu scherzen und ihm zuzurufen, daß sein Dienen nicht lange dauern
werde. Nach und nach gewöhnte man sich an seine Stellung und es kam
ihm endlich vor, als ob die Leute sie ganz im der Ordnung fänden.
Das ärgerte und verletzte ihn noch am meisten. Durch die Tagesarbeit
tüchtig ermüdet, suchte er früh das Bett, gegen dessen Reinlichkeit
er sonst sehr viel einzuwenden gehabt hätte, und wenn er nicht süß
träumte, so schlief er wenigstens.

Als er in der vierten Woche seinen Zustand und sich selber in's
Auge faßte, fand er den Geldbeutel leer, den einzigen Anzug den er
mitgenommen, abgerissen, seine Hände viel schwieliger und sein Gesicht
viel verbrannter als vorher. Er mußte sich sagen, daß es doch seine
großen Bedenken habe, mit seinen Eltern zu brechen und sich ohne ihre
Hülfe von seiner Hände Arbeit zu ernähren. Es kam ihm vor, als ob er
gegen den Vater vielleicht etwas weniger hitzig hätte sein können;
allein diesen Gedanken verwarf er gleich wieder und sagte: »Nein, so
hab' ich handeln müssen!«

Die Sehnsucht, die Geliebte zu sehen, war unterdessen höher und höher
gewachsen. Er konnte ihr zuletzt nicht länger widerstehen und schrieb
ein Briefchen, worin er Annemarie bat, am nächsten Sonntag Nachmittag
um vier Uhr nach Nördlingen in einen vor dem Reimlinger Thor gelegenen
Wirthsgarten zu kommen, er müsse sie wieder einmal sehen und mit ihr
reden. Dann ging er zum Bauern und bat ihn um drei Gulden von seinem
Lohn. Der Schmiedbauer benutzte die Gelegenheit, ihm zu bemerken, daß
er sich doch besser gemacht habe, als er anfänglich geglaubt, und wenn
er sich nur das viele Sinniren abgewöhnen könnte, so würde er mit der
Zeit ein ganzer Knecht werden. Nach dieser Anerkennung schloß er ein
Wandschränkchen auf, nahm eine wohlgetrocknete, mit Geld gefüllte
Schweinsblase oder »Blotter« heraus und zählte dem Burschen im kleiner
Münze drei Gulden vor, indem er ihn ermahnte, damit hauszuhalten, da
er jetzt nicht gleich wieder mit Geld herausrücken würde. Ludwig,
von dieser Rede hinwegsehend, empfand ein ungewohntes Vergnügen, als
er das selbstverdiente Geld in der Hand hatte, und sein Muth stieg
bedeutend. Er beschloß, einen Gulden auf Ausbesserung seiner Kleider
zu verwenden, mit den beiden andern aber, wenn's nöthig wäre, seine
Geliebte zu regaliren wie ehedem.

Im Hause des Angerbauers ging indeß das alte Leben ohne Ludwig still
weiter. Das Geschwätz im Dorf, das Staunen, Vermuthen und Lügen über
diesen Gegenstand hatte, wenn nicht aufgehört, doch nachgelassen, und
schadenfrohe wie theilnehmende Freunde ließen die Familie mit ihren
Fragen und den Versicherungen ihres Bedauerns so ziemlich in Ruhe.
Der Angerbauer hatte dafür gesorgt, daß er für seine Person ganz
unangefochten blieb, indem er ein paar vorwitzige Frager auf eine
Weise abfertigte, daß sie ihm über die Grobheit ordentlich erstarrt
nachschauten und ihren Bekannten den Rath ertheilten, ihn gehen zu
lassen, sie wären verflucht heimgeschickt worden. Sonst hatte er
die würdige Ruhe wieder angenommen, die ihn auszeichnete, und nur
ein größerer Ernst und eine gewisse Freudlosigkeit in seinen Zügen
deuteten auf den Vorfall. Die Arbeiten der Heuernte -- des »Heuets«
oder rieserisch »Häats« -- zogen ihn von seinen Gedanken ab, und da
es Heu in Fülle gab, wurde er sogar wieder ein wenig aufgeheitert. Es
hatte den Anschein, als ob er das abgefallene Glied der Familie ohne
Umstände liegen lassen und seinen Weg fortsetzen wollte, als hätte es
nie existirt. Er verbot den Seinen, mit Einschluß des Schwiegersohns,
auf's strengste, dem Ungerathenen Botschaft zu thun oder ihm gar Geld
zu schicken, und da alle seinen Zorn fürchteten und dem Entlaufenen
mehr oder weniger zürnten, so gehorchten sie ihm. Die Mutter wagte nur,
sich durch eine Freundin nach ihrem Ludwig erkundigen zu lassen, wie's
ihm gehe.

Ein Makel haftete indeß an der Familie des Bauers, wie er, so weit
seine Kenntniß reichte, nie in derselben vorgekommen. Wenn er unter
die Leute ging, so drohten ihm wenigstens Anspielungen, die ihn
beschämten und quälten. Er mußte Gesichter sehen, die viel kränkender
durch ein Lächeln ausdrückten, was der Mund nicht zu sagen wagte. Das
stolze Dasein des reichen Mannes war ein gespanntes, verkümmertes
geworden; seine Zufriedenheit, die so sehr auf der Geltung seiner
Familie bei andern beruhte, war dahin. In der ruhigeren Zeit, die
nach dem Heuet eintrat, stellte sich ihm wieder alles recht vor die
Seele. Er bedachte, wie verständig sein Sohn sich immer aufgeführt,
er konnte nicht begreifen, wie er es vermochte, eine solche Schande
über die Familie zu bringen, und der Gedanke, daß Annemarie ihn in
eigennütziger Absicht verführt, daß sie eine schlaue Dirne sei, die
sich nur so brav anstellen könne und die Leute bisher getäuscht habe,
drängte sich ihm in neuer Stärke auf. »Er kann sich nicht so mir nichts
dir nichts geändert haben,« sagte er dann zu sich, »es muß etwas
Besonderes dahinter stecken.« In einem frühern Jahrhundert hätte er
das Mädchen vielleicht für eine Hexe ausgegeben und sie durch einen
Proceß verfolgt; jetzt glaubte er wenigstens, daß sie alle natürlichen
Mittel eines listigen, zu seinem Unglück schönen Weibsbildes angewendet
hätte, um seinen gutmüthigen Ludwig zu bethören. Dafür schienen ihm
namentlich auch die geheimen Zusammenkünfte zu sprechen, von denen ihm
die Mutter gesagt hatte. Er dachte sich wie es gegangen sein könnte,
und nachdem er sich's recht deutlich vorgestellt hatte, zweifelte er
nicht länger, daß es wirklich so gewesen. Als er seine Gedanken der
Ehehälfte mittheilte, trat diese -- froh die eigentliche Schuld von
ihrem Sohne genommen zu sehen -- eifrig seiner Meinung bei. »Ja ja,«
sagte sie, »so wird's sein. Sie macht zwar eine Miene, als ob sie die
Beste und Frömmste im Dorf wäre; aber stille Wasser gründen tief.
Solche Verführerinnen sind gerade die schlimmsten, und nur so eine
konnte den Ludwig so weit bringen!« In der stillen Hoffnung, daß der
Sohn nach kurzer Zeit doch wieder zu ihnen kommen würde, getäuscht
und über seinen fortdauernden Trotz aufgebracht, entlud sich das
Ehepaar nun seines Verdrusses und Zorns nach der Seite des Mädchens.
Sie habe das Unglück angestiftet, das über die Familie gekommen; von
ihr sei's ausgegangen, das wüßten sie nun gewiß, und was jetzt noch
Schlimmes daraus entstehen würde, das hätte man ihr zu danken. Sie sei
eine Scheinheilige, die's hinter den Ohren habe und vor der man jeden
jungen Menschen von Vermögen warnen müsse. Solche Dinge sagte man zu
den Vertrauten; diese sagten es hernach wieder ihren Vertrauten, und
in zwei Tagen war das ganze Dorf davon erfüllt. Man erzählte sich, daß
die Angerbäuerin ihrer Freundin im obern Dorf weinend geklagt habe,
welcher Jammer durch dieses fremde Mädchen über sie gekommen und wie
sie verzweifeln müsse, wenn sie ihren Ludwig nicht wieder sähe.

Annemarie hatte seit dem Tage, wo sie den Brief des Geliebten erhalten
und beantwortet, entsagend weiter gelebt und die Geschäfte des Tages
verrichtet. Man sah, daß etwas auf ihr lastete, aber auch, daß sie
entschlossen war, die Last zu tragen. Der alte Bäcker hielt ihr einmal
vor, welch schlimme Folgen ihre Bekanntschaft mit dem Ludwig gehabt
habe, und wie grausam unlieb ihm diese Geschichte sei. »Vetter,«
erwiederte das Mädchen mit bescheidenem, aber festem Ton, »ich weiß,
was ich Euch schuldig bin, und ich vergeß' es nicht, darauf verlaßt
Euch; aber in ~der~ Sache handle ich, wie ich's vor meinem
Gewissen verantworten kann, und ich bitt' Euch, redet mir nicht weiter
davon.« Der gutmüthige Vormund, von dem Ernst ihres Tones betroffen,
versetzte: »Nun meinetwegen! Aber nimm dann auch die Folgen auf dich!«
Seit dieser Zeit hatte sie Ruhe vor Einreden von dieser Seite, und
sonstiges Geklatsch war ihr gleichgültig.

Als die Vorwürfe, welche die Familie des Angerbauers ihr machte, an sie
kamen, wurde diese Festigkeit doch erschüttert. Eine Freundin sagte
ihr, welch eine Traurigkeit in jenem Hause sei, nun man sehe, daß
Ludwig es ernst gemeint habe mit seiner Rede vom Nichtwiederkommen.
Regine erzählte nach gehöriger Einleitung, daß man sie eine Verführerin
heiße, die nach einem reichen Manne gefischt habe und an allem Unglück
Schuld sei. Bei dieser zweiten Meldung goß sich eine Röthe über das
Gesicht des Mädchens und ihr Mund verzog sich zu dem Ausdruck stolzer
Verachtung. Bald aber faßte sie sich wieder und sagte mit traurig
ergebenem Ton: »Diese Leute dauern mich. Wenn sie solche Dinge über
mich ausdenken, so wackre Leute wie sie sind, dann müssen sie wirklich
unglücklich sein.« -- Sie wurde durch diese neue Erfahrung in eine
seltsame Aufregung versetzt. Es that ihr weh, daß sie eine Uneinigkeit
zwischen Eltern und Sohn gestiftet haben solle, deren Ende nicht
abzusehen war. Dann aber sagte sie sich: »Diese Leute sehen also die
Heirath zwischen mir und Ludwig für eine solche Schande an, daß sie
lieber unglücklich sein wollen, als sie zugeben! Sie heißen mich ein
schlechtes Mädchen und sagen Lügen über mich; sie halten es also in
gar keiner Art für mich möglich, daß ich einmal ihre Schwiegertochter
werden könnte!« Ein Gedanke durchzuckte sie, sie stand auf und that
einige Schritte. Plötzlich hielt sie an; eine Erwägung hatte sich dem
Vorsatz entgegengestellt, sie ging still wieder zu einer Arbeit. --
Ihre Seele war von da an eine Beute des Zweifels. Man sah sie in Unruhe
umhergehen oder tief in Gedanken stehen. Regine überraschte sie einmal,
wie sie bittere Thränen weinte.

Die einzige Person unserer Bekanntschaft, welche bei dieser Verwicklung
ihre Ruhe behielt, war der Pfarrer. Diese Ruhe war jedoch gegründet
auf wahre Theilnahme und auf den Entschluß, das zu unterstützen, was
er für das Bessere hielt. Noch hatte er sich nicht entschieden, wie er
eingreifen sollte. Aber er unterrichtete sich fortwährend über die Lage
der Dinge und lebte des festen Glaubens, seine Pflicht werde sich ihm
deutlich vor Augen stellen, so daß er über sie und über die Art ihrer
Erfüllung nicht mehr in Zweifel sein könnte.

Eines Morgens überdachte er eben diese Dinge, als an die Thüre seines
hellen, im obern Stocke gelegenen Studierzimmers geklopft wurde. Auf
sein »Herein« erschien Annemarie. Sie sah angegriffen aus wie wenn sie
wenig geschlafen und viel quälende Gedanken gehabt hätte; aber in ihrem
ganzen Wesen drückte sich die Ruhe eines gefaßten Entschlusses aus.
Nachdem sie mit ernster Anmuth einen Knix gemacht und den Morgengruß
gesprochen hatte, sagte sie: »Ich hätt' was mit Ihnen zu reden, Herr
Pfarrer, wenn ich Ihnen nicht ungelegen komme.« -- Der alte Herr,
innerlich erfreut, erwiederte freundlich: »Nein, mein Kind; sag mir,
was du auf dem Herzen hast!«

Annemarie, durch ihren Vorsatz über die einem jungen Mädchen
gewöhnliche Schüchternheit erhoben, begann mit nur leisem Erröthen:
»Sie wissen, Herr Pfarrer, was es beim Angerbauer gegeben hat und wie
ich dabei ins Geschrei gekommen bin. Ich will Ihnen die Geschichte
nicht wieder erzählen; sie wird Ihnen bekannt sein -- man hat ja so
viel darüber gesprochen! Nun hab' ich aber dieser Tage gehört, sie
sagen beim Angerbauer, ich allein sei an allem Schuld und ich habe
den Ludwig verführt. -- Her Pfarrer«, sagte sie, indem ihr Ton sich
verstärkte und ihre Wangen sich höher rötheten, »~ich~ kann Gott
zum Zeugen anrufen, daß das nicht wahr ist! Wir haben uns eben beide
von Anfang an gern gesehen, und -- -- Sie wissen ~ja~, wie's
geht, wenn man sich gern sieht und eine Person einem die liebste ist
auf der Welt. Ich hab ihn halt liebhaben müssen, grad wie er mich, und
so ist's gekommen, daß wir uns endlich gesagt haben, wir wollen nicht
von einander lassen und uns treu bleiben, bis wir mit Gottes Hülfe
endlich zusammenkommen. Wegen dieses Verspruchs ist Ludwig mit seinem
Vater in Streit gerathen und dient jetzt als Knecht. Ich hab das nicht
vorausgesehen, aber wenn ichs vorausgesehen, was hätt ich thun können?
Ich will Ihnen blos sagen und wills vor Ihnen beschwören, daß ich ihn
nicht verleitet habe. Er hat sich einmal seinen Eltern zu lieb fremd
gegen mich gestellt und mich nicht mehr angesehen, und ich bin ihm zu
dieser Zeit nicht nachgegangen, wie jeder weiß, sondern ich bin ihm
ausgewichen. Ich hab ihn nicht wieder gesucht, er hat mich gesucht --
und das ist die Wahrheit!«

Der Pfarrer betrachtete theilnehmend das Mädchen, dessen Augen in dem
Feuer gerechter Selbstvertheidigung erglänzten, und sagte: »Ich glaube
dir und weiß es, mein Kind.« Annemarie, ihn dankbar anschauend, fuhr
fort: »Ich hab das nicht gesagt, als ob ich gar keine Schuld haben
wollte. Ich hab jederzeit empfunden, daß es Verdruß geben würde, recht
viel Verdruß, und daß die Angerbauersleute recht bös auf mich sein
würden. Aber, Herr Pfarrer, wenn Sie gesehen hätten, wie gut der Ludwig
gegen mich war und wie er mich ansah, -- wenn Sie gehört hätten, was
er noch auf der Nördlinger Messe zu mir gesagt hat, Sie würden mirs
gewiß nicht so übelnehmen, daß ich ihm zur Antwort gegeben habe: »ich
wolle ihm gehören und die Seinige bleiben, so lang ich lebe!« -- »Es
ist eben,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »etwas in uns, das mehr
Gewalt hat, als unser Wille und unsere Sorgen.«

Der Pfarrer nickte mit ernster Miene, die Thatsache zugebend. Dadurch
ermuthigt, ging das Mädchen in ihrer Rede weiter und sagte mit
liebenswürdigem Selbstgefühl: »Ich will's Ihnen aufrichtig bekennen,
Herr Pfarrer: ich denke nicht so gering von mir, sondern halte auch
etwas auf mich. Ich komme von braven Leuten her und glaube, daß ich
keiner Familie Schande machen würde. Ich hab' etwas gelernt und bin
ein ordentliches Mädchen gewesen mein Lebenlang. Da hab' ich nun
gedacht, wenn ich auch keine Bauerntochter und nicht so reich bin, so
bin ich doch diejenige, mit welcher der Ludwig am glücklichsten leben
würde. Und ich hab' gedacht, sein Vater würde das am Ende einsehen und
nachgeben. Aber« -- fuhr sie nicht ohne eine gewisse Bitterkeit fort --
»das ist eben der Gedanke, den ich mir nicht verzeihen kann. Ach, Herr
Pfarrer, das Geld ist alles und der Stand ist alles, und die Tugend ist
nichts! Man redet wohl so, als ob die Tugend und die Liebe auch etwas
wären, aber wenn's drum und dran kommt, gelten sie doch nichts. Wenn
ein Mädchen keinen Verstand und keine Art hat, aber Geld und Gut, dann
ist sie die rechte. Wenn eine sich aber auf andere Dinge etwas zu Gute
thun will und merken läßt, daß diese eben so viel werth sind als Gut
und Geld, dann hält man sie für verrückt!« -- Ueber ihren Eifer und den
letzten starken Ausdruck erröthend, setzte sie hinzu: »Verzeihen Sie,
Herr Pfarrer!«

Der alte Herr lächelte und sagte: »Du hast nicht ganz Unrecht,
Annemarie. -- Aber nun sage, was begehrst du von mir? Worin kann ich
dir helfen?« -- »Herr Pfarrer,« versetzte das Mädchen, indem sie
sich augenscheinlich zusammennahm, »ich bin zu Ihnen gekommen, weil
ich Ihnen sagen möcht', was ich bei mir ausgemacht habe. Der Ludwig
hat mir Lieb und Treu versprochen für alle Zeit. Er hat's freiwillig
gethan und mir's zugeschworen bei allem, was heilig ist. Ich könnte
also ruhig sein und zusehen, wie der Streit ausginge. Ich hätte nur
mein Versprechen zu halten, wie ich's ihm gegeben hab', und könnte das
andere Gott überlassen. Aber«, fuhr sie bewegter fort, »ich will diese
Leute nicht in's Unglück bringen, wenn sie's dafür nehmen, und ich
bilde mir viel zu viel ein, als daß ich mich einer Familie aufnöthigen
möchte, die mich nicht haben will. Ich ~kann's~ nicht ertragen,
Herr Pfarrer, daß die mich verachten, die ich allzeit lieb und werth
gehalten hab', und darum will ich jetzt thun, was ich mit gutem
Gewissen thun kann.«

Sie hielt ein wenig inne, nahm sich nochmals mit offenbarer
Anstrengung zusammen und sagte dann mit einem Tone, dem sie vergebens
die erste Festigkeit zu verleihen suchte: »Ich will dem Ludwig sein
Wort zurückgeben, er soll von mir aus frei sein und thun können, was er
will. Er soll noch einmal die Wahl haben, ob er mich lassen und seinem
Vater nachgeben will oder nicht. Ich will durchaus nichts dagegen thun
und ihm in keiner Art hinderlich sein, wenn er glaubt, daß er mit einer
andern sein Glück findet. Wenn das ist, dann will ich fortgehen von
hier, daß ich ihn nicht mehr seh' und er mich nicht mehr. Ich hab'
einen Vetter bei Stuttgart, der wird mich zu sich nehmen. Ich will
nichts mehr von mir hören lassen, und es soll grad so sein, als ob ich
nicht mehr auf der Welt wäre. Ich will für meinen Theil« -- -- Aber
damit war die Kraft des guten Mädchens zu Ende. Ihr Mund zuckte, die
Stimme versagte ihr, Thränen waren in ihre Augen gestürzt. Sie gab
sich Mühe, das Weinen zu verhindern und kämpfte sichtlich dagegen an,
aber doch rollten ein paar große Tropfen über ihre Wangen. Indem sie
ausführte, was gekränkter Stolz und Großmuth sie thun hießen, glühte
die heißeste Liebe zu ihrem Ludwig in ihr auf; indem sie den Geliebten
frei geben wollte, klammerte sie sich an ihn an mit einem schmerzlich
innigeren Gefühl als je vorher.

Der Pfarrer erkannte das und sah mit Rührung auf sie, wie sie dastand
und ihre Thränen fließen ließ. Er wußte das Herkommen, den Brauch der
Welt zu schätzen, denn er kannte die guten Gründe, auf denen er ruht.
Er wußte, daß am besten sich Gleiches zu Gleichem gesellt, daß das
gleiche Vermögen und die gleiche Stellung mit dem gleichen Gefühl davon
sehr bedeutende Mittel zu einer guten Ehe sind. Aber er wußte auch,
daß das Recht der äußern Ordnung seine Grenzen hat, und daß es Dinge
giebt, vor welchen sie sich bescheiden zurückstellen muß. Er war nicht
rasch gewesen, die Partei des Liebespaares zu nehmen, weil er Fälle
kannte, wo das Kind reicher Leute den Eltern es später Dank wußte, daß
sie dem ersten verliebten Drängen nicht nachgegeben. Allein wie er sah,
daß er in Annemarie eine wahrhaft gute Natur vor sich hatte, wie ihr
Gemüth sich vor ihm enthüllte in seiner ganzen Bravheit und Schönheit,
da dachte er, erfreut und bewegt: »Die Sitte der Welt mag diesmal die
Segel streichen! Hier ist mehr als sie und ihre Herrlichkeiten. Der
Geist und das Gemüth, die sich so erproben, sind mir Bürgen für alles;
und wenn ~ichs~ machen kann, sollen sie diesmal die Oberhand
behalten.« Er stand auf, trat zu Annemarie und nahm sie väterlich bei
der Hand, indem er sagte: »Fasse dich, gutes Mädchen, du hast recht
gehandelt und der Lohn dafür wird nicht ausbleiben, in welcher Form er
dir auch kommen mag. -- Wirst du das alles auch Ludwig zu wissen thun?«
-- »Ja, Herr Pfarrer,« antwortete Annemarie, die sich wieder gefaßt
hatte. »Ganz das Nämliche, was ich Ihnen gesagt habe, will ich ihm
schreiben.«

Der alte Herr sah ihr forschend in's Auge und über sein gerührtes
Gesicht verbreitete sich ein fast unmerkliches Lächeln. Er glaubte aus
der Art, wie das Mädchen diese Antwort gab, schließen zu dürfen, daß
der Schritt, den sie that, auch zugleich eine letzte Probe sein sollte
für Ludwig, und daß sie die Hoffnung hegte, er werde sie bestehen. Er
sagte: »Thu das, mein Kind, und erwarte das Uebrige in Geduld. Hast du
sonst noch was auf dem Herzen?«

»Nein, Herr Pfarrer,« erwiederte Annemarie, indem sie sich die letzten
stehen gebliebenen Thränen von den Wangen wischte. »Ich dank' Ihnen,
daß Sie mich angehört haben, und bitte Sie nur noch darum, daß Sie dem
Angerbauer, wenn Sie ihn treffen, sagen, ich sei nicht das Mädchen,
für das er mich hält. Sie, Herr Pfarrer, kennen mich besser, und das
ist mein Trost. Ich dank' Ihnen nochmals recht schön für Ihre Güte
-- ich werde sie immer im Gedächtniß behalten!« -- Ihre weichen Züge
verklärte, indem sie dies sagte, ein schönes Bewußtsein und Dankgefühl.
Sie machte einen tiefen Knix und verließ die Stube, nachdem sie noch
einen Blick inniger Verehrung auf den Pfarrer geworfen.

Dieser sah ihr mit wahrer Freude nach. »Ja, ja,« sagte er dann zu sich,
»das ist eine bessere Schwiegertochter für den Angerbauer als Eva; und
wenn er nicht ganz verhärtet ist, soll er sie bekommen.«

Die erste Sorge des alten Herrn war nun, es so einzurichten, daß der
Angerbauer ihn ebenfalls zu seinem Vertrauten machte. Dieß mußte
geschickt angefangen werden, wenn es gelingen sollte. Denn der
Rieserbauer von der Art des unsrigen will sich nicht bevormunden
lassen, er hält sich für gescheidt genug, sein eigener Rathgeber zu
sein, und es verdrießt ihn über die Maßen, wenn man ihn über Dinge
belehren will, die er selber am besten zu verstehen glaubt. Natürlich
kann er auch geführt werden, aber nicht so geradezu wie dieser und
jener. Wäre der Pfarrer zum Angerbauer in's Haus gegangen und hätte mit
einer gewissen beichtväterlichen Miene gefragt, wie es sich denn mit
dem Streit zwischen Vater und Sohn verhalte, was der Vater nun zu thun
gedenke u. s. w., so wäre dieß das beste Mittel gewesen, ihn verstockt,
wo nicht gar unhöflich zu machen. Aber zu dieser Art von Seelsorgern,
die im Eifer ihres Herzens Gott mit Unverstand dienen, gehörte der
erfahrene alte Herr nicht. Er konnte warten und seine Zeit ersehen.
Dießmal erreichte er übrigens seinen Zweck leicht. Er hatte ein Stück
Vieh zu verkaufen, und als er dem Angerbauer einmal begegnete, lud er
den Sachverständigen ein, es anzusehen und zu taxiren. Der Bauer folgte
ihm sehr bereitwillig, denn er wußte den »braven und gescheidten Herrn«
sehr zu schätzen und hätte gerne schon einmal von seiner Noth mit ihm
gesprochen, wenn es sich nur »gut geschickt hätte.«

In dem kleinen Stalle des Pfarrers angekommen, unterzog er sich
dem Taxirungsgeschäft sehr ernsthaft. Er begriff das Stück an den
geeigneten Stellen, betrachtete es von allen Seiten und sagte dann
genau, wie viel der Pfarrer dafür fordern könne. Dieser dankte und
rühmte seine Kenntniß. Er selber, obwohl er immer einige Stück Vieh
haben müsse, sei doch unsicher, weil ihm die gerade üblichen Preise
nicht recht bekannt wären. Der Bauer versetzte höflich: »Wenn Sie
sich damit abgeben wollten, Herr Pfarrer, würden Sie's geschickter
machen als unser Einer; aber Sie haben was Besseres zu thun.« Der
alte Herr fragte hierauf mit unbefangener Freundlichkeit, was die
Angerbäuerin mache und ob bei ihm zu Hause alles gesund sei. Der Bauer
erwiederte mit einem Seufzer: »Gesund wären wir alle, Herr Pfarrer;
aber Sie können sich denken, wie's uns zu Muth ist nach dem, was bei
uns vorgefallen ist.« -- »Ja, ja,« sagte der Pfarrer, »ich habe davon
gehört und euch recht bedauert.«

Der Angerbauer, der sein Herz erleichtern wollte, sagte hierauf: »Ich
kanns noch immer nicht begreifen, so viel ich auch darüber nachgedacht
habe. Lustig und ein bischen auf's Vergnügen aus ist er immer gewesen,
aber in der Art und mit seines Gleichen. Runtergegeben hat er sich
niemals, was ich gehört hab'. Und nun ist er auf einmal ganz wie
verhext und will ein Mädchen heirathen, die -- nun, ich will mich nicht
ausdrücken vor Ihnen, Herr Pfarrer. Wie ich nicht gleich Ja sage,
lauft er davon und verdingt sich als Knecht. Und das thut er in dem
Augenblick, wo er einen Hof und ein Weib haben könnte -- ein Weib und
ein Gut -- ein anderer würde Gott auf den Knieen danken, wenn er's
kriegte!«

Der alte Herr war versucht, über diesen starken Ausdruck zu lächeln,
aber er hielt an sich und machte ein ernsthaftes Gesicht, das der Bauer
für zustimmend halten konnte. Dieser, einmal im Zuge, bewies, daß er
wohl auch reden konnte, wenn's ihn drückte. »Ach, Herr Pfarrer,« rief
er aus, »die Welt muß anders geworden sein, als sie zu meiner Zeit
gewesen ist. Ich bin auch jung gewesen und bei der Lustbarkeit grad
nicht der Letzte; aber wie meine Zeit zum Heirathen gekommen ist, hab'
ich mich unter rechten Mädchen umgesehen und gottlob ein Weib gefunden,
mit der ich nun glücklich gehaust habe volle neunundzwanzig Jahr. Wenn
ich nun verlange, daß meine Kinder mir nachschlagen und ihr Glück
auf dem Weg suchen sollen, wo ich's gefunden hab', ist das nicht in
der Ordnung? Muß ich als Vater nicht so handeln?« -- »Ja,« sagte der
Pfarrer mit nachdrücklicher Beistimmung, »das ist Eure Pflicht!«

Der Angerbauer, dem dieß wohl that, fuhr fort: »Sehen Sie, Herr
Pfarrer, in der Familie muß ein Zusammenhalt sein, alle müssen helfen,
wenn man weiter kommen soll. Ich hab' von meinem Vater einen schönen
Hof bekommen und mein Weib hat mir Geld in's Haus gebracht; wir haben
ordentlich gewirthschaftet und unser Vermögen vermehrt, daß wir nun
wohlhabende, und ich darf wohl sagen angesehene Leute sind. Ich kann's
meinen Kindern besser machen als es uns gemacht worden ist, und nun
will ich auch haben, daß sie's noch weiter bringen als wir und daß sie
für ihre Kinder noch mehr thun können. Sie müssen sorgen und immer
darauf aus sein, in rechter Art etwas zu erwerben. Nur so kommt man
empor, man findet ein sicheres Glück und Ehre in der Welt und kann sich
im Wohlstand seines Lebens freuen.«

»Wohl,« sagte der Pfarrer, »und es ist nicht bloß der Besitz, der Einen
erfreut, sondern das Streben und die Thätigkeit selber. Der Mensch muß
sich ein Ziel stecken, das über den Platz, auf den man ihn gestellt
hat, hinaus geht. Dann werden seine Tage ausgefüllt mit Arbeit, mit
Dichten und Trachten, mit Hoffen und Erwarten, und Schritt für Schritt
mit der Freude des Gelingens. Und indem er glücklich ist und sein Leben
verschönert, trägt er bei zur Verschönerung und Verbesserung der Welt.
Auf die Größe des Besitzes kommt es da nicht an. Der Kleine freut
sich am kleinen Gewinn, der Größere am größeren; jeden erquickt das
verhältnißmäßige Wachsen und Gedeihen, und so sind alle glücklich, die
ein verständiges Ziel vor sich haben. Wer aber nicht vorwärts strebt,
der kommt neben den Strebenden zurück und geht dem Mangel und der
Unlust zu.«

Der Bauer war dieser Rede mit Aufmerksamkeit gefolgt und rief nun
erfreut aus: »So ist's, Herr Pfarrer, grad so ist's, wie Sie sagen!
Darum« -- fuhr er mit Bedeutung fort -- »soll eben jeder in seinem
Stand bleiben, namentlich nicht unter seinem Stand und Vermögen
heirathen, sondern gleich da so gut als möglich anzukommen suchen. Ich
will gern zugeben, daß andere mit Wenigem auch glücklich sein können;
aber wer von vermöglichen Leuten herkommt, braucht mehr, weil er's
nicht anders gewohnt ist. Und, Herr Pfarrer, Sie wissen's ja selber,
um ein rechtes Vermögen ist's halt eine schöne Sache! Wenn ich das
habe, so kann ich mich sehen lassen, ich brauch mich nicht zu ducken
und nicht um das und jenes zu betteln, und wenn gute Freunde in der
Noth sind, kann ich ihnen helfen. In ein Gelump hineinkommen, wo
ich nothig thun und knickern müßte, um nur zu bestehen, müßte unser
einen desperat machen. -- Und,« fuhr er nach kurzem Innehalten fort,
indem seine Miene den Ausdruck erzürnter Bekümmerniß annahm, »dieser
leichtsinnige, tollgewordene Mensch will sich schlechter stellen, als
seine Geschwister, während er's viel besser haben könnte als sie! Er
will eine Lumpenwirthschaft anfangen, wo er sich quälen müßte und wo
doch nichts herauskommen würde, als ein Haufen von Bettlern!«

Der Geistliche hütete sich wohl, einzuwenden, daß im gegenwärtigen
Falle, wenn nämlich der Vater dem Sohn seinen gebührenden
Vermögenstheil zukommen ließe, von einer »Lumpenwirthschaft« doch
nicht die Rede sein könnte. Er wußte, daß den Erzürnten nichts mehr
verdrießt, als wenn man ihm den Grund seiner Klage verkümmern will, und
schwieg daher nachdenklich stille. Endlich sagte er: »Vielleicht geht
diese Sache doch noch besser aus, als Ihr denkt.« -- »Wie so?« fragte
der Angerbauer. -- »Die Annemarie,« versetzte der Pfarrer, indem er den
andern scharf ansah, »ist vor einigen Tagen bei mir gewesen, extra um
mir zu sagen, daß sie nicht Schuld sein wolle an der Uneinigkeit einer
solchen Familie, wie die Eurige, und daß sie zuviel auf sich selber
halte, um sich da aufzudrängen, wo man sie nicht haben wolle. Sie habe
sich entschlossen, dem Ludwig sein Versprechen zurückzugeben, und wolle
sich in keiner Art dawidersetzen, wenn er sein Glück mit einer andern
finde.«

Der Angerbauer horchte hoch auf und wußte nicht was er sagen sollte.
Er fragte dann in zweifelndem Tone: »Hat sie das wirklich zu Ihnen
gesagt?« -- Der Pfarrer erwiederte mit einem Ernst und einem Nachdruck,
der jeden Zweifel niederschlagen mußte: »Es sind ihre eigenen Worte,
Angerbauer! Sie hat mir versprochen, das Nämliche Eurem Ludwig zu
schreiben, und ich verbürge mich dafür, daß es geschehen wird.«

Der Bauer verstummte; er war in die Seele getroffen. Ein im Grunde
seines Wesens ehrenwerther Mann, der in der That jedem das Seine
gab, konnte ihn nur der Zorn und der tiefe Verdruß zu ungerechtem
Absprechen hinreißen. Nun mußte er sehen, daß ein Mädchen, die er eine
heuchlerische, gefährliche Person gescholten, brav und rechtschaffen,
ja weit über alles Erwarten rechtschaffen gegen ihn handelte. Es
zeugte für seine gute Natur, daß ihn diese Nachricht mehr rührte,
als erfreute, daß er sogleich sein Unrecht fühlte und seiner stolzen
Seele eine gewisse Achtung vor einem solchen Benehmen abgenöthigt
wurde. Endlich sagte er mit sehr ernsthaftem Gesicht: »Wenn sie das
gethan hat, dann ist sie besser, als ich gedacht habe. Sie mag ein
ordentliches Mädchen sein, ich will's nicht bestreiten.«

»Man muß jedermann Gerechtigkeit widerfahren lassen,« versetzte
der Geistliche. »Die Annemarie ist brav, geschickt, verständig,
wohlerzogen, und würde jeden glücklich machen --« -- »Von ihrem
Stande!« fiel der Bauer ein. -- »Das ist's, was ich sagen will,«
erwiederte der Pfarrer: »wenn die äußern Verhältnisse zustimmen.« --
»Gut,« sagte der Bauer. »Bei meinem Ludwig ist das aber nicht der Fall,
drum kann hier von einer Heirath nie die Rede sein.«

Der alte Herr schwieg. Dann fragte er leichthin: »Wie soll's nun mit
Ludwig werden? Was habt Ihr beschlossen?« -- Der Bauer konnte sich
nicht enthalten, ein wenig aufzufahren. »Beschlossen?« rief er. »Ich
glaube, da ist nichts zu beschließen, Herr Pfarrer. Dieser Mensch
mag bleiben, wo er will, und gehen, wohin er will! Soll ich ihm
nachlaufen? Soll ich ihn vielleicht bitten, daß er wiederkommen und die
Zimmermannstochter heirathen soll? Soll ~ich~ nachgeben, der Vater
dem Sohn?«

»Nein,« erwiederte der Pfarrer mit Ernst, »das sollt Ihr nicht,
Angerbauer! ~Er~ muß nachgeben, ~er~ muß wiederkommen und dem
Vater das Recht lassen, das ihm gebührt!« -- »Freut mich,« versetzte
der Bauer, »daß Sie so denken, Herr Pfarrer. So ein neustudirter Herr
hätte vielleicht gemeint, ich sollte meinem Buben seinen Willen lassen;
warum? weil die Leute in einander verliebt sind und die Annemarie doch
ein ordentliches Mädchen ist. Aber Sie kennen die Welt, Herr Pfarrer,
Sie wissen, daß es beim Heirathen noch auf ganz andere Dinge ankommt,
und daß der Vater für den Sohn denken und Verstand haben muß.« --
Nach diesen Worten lüpfte er die Alltagskappe, an welcher der sonst
werthvolle Pelz etwas röthlich geworden war, und fragte: »Kann ich
Ihnen sonst noch was dienen?« -- »Nein,« versetzte der alte Herr, »ich
danke Euch für Eure Gefälligkeit.« -- »So wünsch' ich Ihnen guten
Nachmittag,« sagte der Bauer und entfernte sich mit langsam würdigen
Schritten.

Das Gespräch hatte theils im Stalle, theils in dem heimlichen, mit
einer Mauer umgebenen Pfarrhof stattgefunden. Der alte Herr ging in
seine Studirstube zurück, mit der Unterredung sehr zufrieden. Er
hatte des Bauers Vertrauen gewonnen und wußte, daß dieser nun unter
schwierigen Umständen ihn von selber um Rath angehen würde. Dann
hatte er mit der Nachricht über Annemarie einen Keim in seine Seele
gesenkt, der wachsen und gute Früchte bringen konnte. Er sah voraus,
daß der Angerbauer seinem Weib und seinen nächsten Verwandten davon
sagen würde, und daß diese, die sich auf ihr Geld und ihr Ansehen
allerdings etwas mehr einbildeten, als recht war, in Annemarie ein
ihnen ebenbürtiges Gemüth erkennen mußten. Auf die wackeren Leute mußte
die Rechtschaffenheit, auf die stolzen das Selbstgefühl des Mädchens
einen günstigen Eindruck machen.

Als er, solchen Gedanken hingegeben, behaglich auf seinem Lederstuhl
sich dehnte, stürmte plötzlich sein Neffe in die Studirstube. Dieser
hatte schon erfahren, daß Annemarie bei seinem Großvater gewesen, aber
nichts Bestimmtes über die Unterredung aus ihm herausbringen können.
Nun sah er auf dem Heimweg von einem Spaziergang den Angerbauer aus dem
Pfarrhofe kommen und glaubte aus seinen Mienen auf eine Entscheidung,
ja auf eine glückliche Beilegung des Streites schließen zu können. Von
Neugier und gutmüthiger Theilnahme getrieben, eilte er zu dem Großvater
und rief aus: »Der Angerbauer ist bei dir gewesen und ganz zufrieden
fortgegangen. Ich bin ihm begegnet. -- Hast du ihn herumgebracht?«
-- »Wie so?« fragte der Alte. -- »Will er den Ludwig zurückrufen und
ihn die Annemarie heirathen lassen?« -- »Ei, ei,« erwiederte der
Alte heiter, »du hast dich also ganz auf diese Seite geschlagen und
willst aus Ludwig und Annemarie durchaus ein Paar machen?« -- »Ja,«
versetzte der Jüngling bestimmt, »das will ich. Die zwei sind nicht
nur die schönsten im Dorf, sondern auch die bravsten. Sie passen so
zusammen, als ob sie extra für einander geschaffen wären, und es kann
nicht sein, daß sie wegen einer so gemeinen Sache, als das Geld ist,
nicht zusammen kommen sollen!« -- »Du gehst rasch und machst die Sache
kurz ab,« erwiederte der alte Herr. »Wenn aber der Angerbauer nicht
will?« -- »Der muß,« entschied der Jüngling. -- »Wer wird ihn zwingen?«
fragte der Alte. »Willst du vielleicht zum Gerichte gehen, einen Befehl
auswirken, daß der Angerbauer sich fügen müsse, und die Sache mit
Gendarmen abmachen?«

Theodor, der die heiter fragende Miene des Großvaters nicht aushalten
konnte, sah zu Boden. »Ich habe gemeint,« sagte er dann, »~du~
würdest einmal mit ihm reden, wie sich's gehört, würdest ihm klar
machen, daß die geistigen Vorzüge viel höher stehen als die weltlichen,
würdest ihn überzeugen und ihn zwingen durch deinen Zuspruch.« -- »Der
alte Angerbauer,« erwiederte der Pfarrer, »ist ein sprödes und zähes
Metall; das bischen Feuer, das ich noch besitze, würde ihn nicht zum
Schmelzen bringen. Du siehst ja, ich bin alt und theilnahmlos geworden
und kann mich einer so schönen Glut, wie du sie hast, nicht mehr
rühmen. Wie wär's« -- fuhr er gemüthlich fort -- »wenn du der Sache
dich annähmest? Du willst ein Pfarrer werden und wirst als solcher
gewiß gar vieles geschickter anfangen und besser hinausführen als
ich. Wenn du beim Angerbauer dein erstes Probestück machtest? Wenn du
hingingest, ihm und der Bäuerin eine Rede hieltest über das Verhältniß
der ewigen und zeitlichen Güter und ihn durch begeisterte Worte
dermaßen in's Feuer brächtest, daß er den Ludwig zurückriefe und ihm
sein Liebchen zur Frau gäbe? -- Wie?«

Theodor wurde roth und schwieg. Er hatte den Rieser Bauer vom Schlage
des in Rede stehenden doch schon zu gut kennen gelernt, um nicht ihm
gegenüber seine Unzulänglichkeit zu empfinden und sich zu sagen,
daß ein solcher Versuch schmählich scheitern würde. Noch deutlicher
erkannte er freilich, wie sein Großvater mit ihm spielte. Er sagte
endlich mit gutmüthiger Empfindlichkeit: »Du hast mich zum Besten und
behandelst mich wie ein Kind; und doch bin ich kein Kind mehr, sondern
ein Mensch, der's gut meint und haben will, daß es andern wohl gehe,
wenn sie's verdienen.« -- Der Pfarrer sah ihn freundlich an, stand auf,
zog ihn zu sich und schloß ihn mit zärtlicher Liebe in seine Arme.
»Du bist ein Kind,« sagte er, »aber ein gutes Kind, und mit Gottes
Hülfe wirst du auch ein guter Mann werden. Gieb dich zufrieden. Wenn
es deinem alten Großvater möglich wird, sollst du deine Wünsche noch
erfüllt sehen.«

Der Angerbauer hatte, bald nachdem er in sein Haus zurückgekehrt war,
die Bäuerin in's Kanzlei gerufen und ihr von seiner Unterredung mit
dem geistlichen Herrn erzählt. Die Nachricht über den Entschluß des
Mädchens wirkte auf sie wie auf ihn. Sie sah ein wenig beschämt aus
und sagte: »So hätten wir dem Mädchen also doch Unrecht gethan! Ich
muß dir jetzt nur sagen: so ganz von Herzen hab' ich nie dran glauben
können. Es ist mir immer wieder gewesen, als ob sie am Ende doch nicht
so schlimm wäre.« -- Das Muttergefühl wußte nun auch auf das umgekehrte
Verhältniß eine Entschuldigung für Ludwig zu gründen. »Wenn die
Annemarie,« bemerkte sie nach einigem Bedenken, »so gesinnt ist, dann
begreif' ich freilich, warum der Ludwig so viel auf sie hält, daß er
nicht mehr von ihr lassen will. Die Schönste im Dorf ist sie ohnehin,
und wenn sie noch dazu so rechtschaffen ist und solche Gedanken im Kopf
hat -- das hat ihn eben verführt. -- Was meint denn der Pfarrer, daß
wir thun sollen?«

Der Angerbauer, dem diese Rede bedenklich mild vorkam, erwiederte
streng: »Der Pfarrer ist ganz einverstanden mit mir. Gehen lassen
sollen wir ihn, bis er von selber kommt, und nachgeben sollen wir
ihm in keiner Art. Ich hab' den Herrn immer für gescheidt gehalten,
aber das muß ich sagen, daß er in der Sach' ganz meiner Meinung ist,
hat mich besonders gefreut.« -- Die Bäuerin, an den Absagebrief des
Mädchens und seine Wirkung auf Ludwig denkend, sagte: »Wir wollen das
Beste hoffen.« -- Dann setzte sie hinzu: »Die Annemarie dauert mich
eigentlich. Wenn man nur einen passenden Mann für das Mädchen wüßte!
Ich kann mir's aber schon denken, nach dem Ludwig wird ihr keiner
gefallen.« -- »Bah,« erwiederte der Angerbauer, »bild' dir nicht so
viel auf deinen verrückten Buben ein. Es giebt noch Mannsbilder in der
Welt, die so ein Mädchen trösten können!« -- Nach diesen Worten verließ
er die Stube.

Die Mutter hatte nichts Eiligeres zu thun, als zu ihrer Tochter, der
Schmalzbäuerin, zu gehen und ihr das eben Erfahrene mitzutheilen.
Beide rühmten Annemarie und bedauerten, daß sie keine Bauerntochter
sei, indem sonst nichts an ihr auszusetzen wäre. Bald war die ganze
Freundschaft in Kenntniß gesetzt und alle sangen das Lob des Mädchens,
natürlich unter der Voraussetzung, daß sie's ganz ernstlich meine und
jeden Anspruch auf Ludwig aufgebe.

In der Freundschaft war jedoch eine Person oder vielmehr ein
Persönchen, das für die Familieninteressen wenig Sinn hatte, desto mehr
für das Glück des Liebespaares. Dies war »Johannesle,« das älteste
Kind der Schmalzbäuerin. Dem Ludwig gewogen von seinem ersten Denken
an, weil er sich am schönsten mit ihm abzugeben wußte, hielt er auch
besonders viel auf Annemarie. Bald nach ihrer Ankunft im Dorf hatte
sich diese nämlich in ein Gespräch mit ihm eingelassen und ihn zum
Lohn für seine hübschen Antworten so schön gestreichelt, daß er's
ihr nicht vergessen konnte. Als das Verhältniß zwischen den beiden
sich entspann, erhorchte und erfragte er so viel, daß er darüber so
ziemlich unterrichtet war, und ärgerte sich dann in der letzten Zeit
nicht wenig, daß man zwei so nette Leute nicht zusammenlassen wollte.
Zu wiederholten Malen versicherte er seiner Mutter, die zwei müßten
sich kriegen, und endlich trug er ihr auf, sie solle mit dem Großvater
reden. Die Mutter antwortete, er möge es doch selber thun. Und
Johannesle faßte sich ein Herz, trug dem Großvater die Bitte vor und
schloß damit: es ginge nicht anders, die zwei müßten sich heirathen.
Der Alte sah ihn verwundert an und fragte, wer ihm diese Dummheit in
den Kopf gesetzt habe. Johannesle versetzte ernsthaft: »Ich selber,
Aehle,« und wiederholte sein Gesuch. Der Angerbauer, um solche Gedanken
im Keim zu ersticken, machte ein böses Gesicht und sagte in erzürntem
Ton: »Du bist ein naseweiser Bursch! Diese Dinge gehen dich gar nichts
an, und wenn ich dir gut zum Rath bin, so laß mich so was nicht wieder
hören!« Eine gewisse Bewegung des Arms ergänzte den Sinn dieser
Antwort. Der Knabe, den Großvater angaffend, ging einige Schritte
rückwärts, murmelte dann aber, ein zweiter Galilei: »Sie kriegen sich
doch!« -- Von da an machte er verschiedene kindische Pläne, wie er
den beiden helfen wollte. Auf dem Dorfe nämlich, wo man gar vieles
offen verhandelt und auf etwa anwesende Kinder nicht immer Rücksicht
nimmt, bekommen diese früh von menschlichen Verhältnissen eine Art von
Begriff. Der Dorfbube lernt bald die erklärten Liebespaare in seinem
Orte kennen, das natürliche Gemüth findet es in der Ordnung, daß der
schönste Bursche auch den nettesten Schatz habe, und nimmt an ihrer
endlichen Verbindung einen naiv poetischen Antheil; so wie ihm auch
früh klar wird, daß zwei Verliebte sich treu bleiben müssen und nicht
von einander lassen dürfen. Als Johannesle von seinem Oberknecht hörte,
die Annemarie habe sich anders besonnen und dem Ludwig geschrieben, er
könne eine andere nehmen, erwiederte er bestimmt: »Ich glaub's nicht!«
Und als der Oberknecht bei seiner Behauptung blieb, wurde der kleine
Mann ganz hitzig und rief: »Es ist nicht wahr!«

Nachdem der Entschluß des guten Mädchens so in den Häusern der
Freundschaft besprochen war, kam er bald im ganzen Dorf herum. Der alte
Bäcker, der ihn auch erst auf diesem Wege erfuhr, nahm sein Mündel bei
der Hand, sah sie mit gerührtem Blicke an und sagte: »Du hast brav
gehandelt, Annemarie! Laß dich's nicht reuen und bleib dabei. Man muß
den eingebildeten Leuten zeigen, daß man auch seinen Stolz hat.«

Als Annemarie das Lob erhielt, das wir ihr gleicherweise von der
Familie des Angerbauers und ihrem Vormund haben spenden sehen, hatte
sie es noch nicht ganz verdient: der Brief an Ludwig war noch nicht
geschrieben. Sie hatte mehrere Versuche gemacht, im Kopf und mit der
Feder, aber sie konnte die Ausdrücke nicht finden, die ihr genug
thaten. Sie wollte einen ehrlichen Brief schreiben, der aus dem Herzen
kam; aber was sie zu sagen hatte, wollte dem Geliebten gegenüber
nicht aus dem Herzen kommen. Durfte sie, nach allem, was geschehen,
ihn nochmal fragen, ob er ihr wirklich treu bleiben wolle? Durfte
sie sich den Schein geben, als halte sie es für möglich, daß er ihr
Anerbieten annehmen und seinen Eltern folgen könnte? War das nicht
eine unverdiente Kränkung für ihn? Wie sollte sie's nun anfangen,
daß alles so gut und so schonend als möglich heraus kam? In Bedenken
und Fehlversuchen verging eine ganze Woche. Endlich vernahm sie,
daß ihre Unterredung mit dem Pfarrer bekannt geworden und wegen
ihres Versprechens im Hause des Angerbauers große Freude sei. Dieses
Bekanntwerden und diese Freude, sie »los zu werden,« brachte sie
wieder in die rechte Stimmung. Sie setzte sich hin und schrieb, ohne
abzusetzen, folgendes:

»Herzgeliebter Ludwig! Ich hätt' nicht gedacht, daß ich dir einen
Brief schreiben würde, wie ich jetzt thun muß. Aber so geht es in
dieser Welt. Man nimmt sich die besten Dinge vor, dann kommt etwas
dazwischen und nöthigt uns, anders zu handeln, als wir gedacht haben.
Seitdem ich an dich geschrieben hab', ist hier etwas geschehen -- so
lang ich lebe, hat mir nichts so weh gethan und mich so gekränkt wie
das. Ich will dir's nur kurzweg sagen. Dein Vater und deine Mutter,
wie sie gesehen haben, daß du wirklich nicht mehr kommst, haben ihren
Zorn und ihren Verdruß an mir ausgelassen; sie haben herumgesagt, ich
sei darauf ausgegangen, dich zu verführen, weil ich gern die Söhnerin
eines reichen Bauern geworden wäre; ich hätte dich listig gelockt, und
ihr gutmüthiger Ludwig hätte sich fangen lassen. Ich sei überhaupt eine
rechte Duckmäuserin und eine gefährliche Person, vor der man sich hüten
müsse. Diese Reden gingen durch's ganze Dorf und in allen Haushaltungen
wurde davon gesprochen. Ludwig, du kennst mich, dir brauch' ich nicht
zu sagen, wie mir bei diesen Lügen zu Muthe geworden ist. O die reichen
Leute! Nimm mir's nicht übel, Ludwig, aber die sind überall die
nämlichen. Sie glauben, es gäbe nichts Besseres als das viele Geld,
das sie haben, und wenn die andern etwas thun, so thun sie's einzig
und allein, um auch so viel Geld zu bekommen. Wenn nun erst ein armes
Mädchen den Sohn reicher Leute lieb hat, dann ist natürlich gar kein
Zweifel, daß sie nur eine reiche Frau werden will. Daß sie ihn lieb
hat, weil er brav und gut ist, daß sie ihn, wenn er arm wäre, grad so
lieb, ja vielleicht noch lieber haben würde -- das ist natürlich ganz
unmöglich!«

»Neben diesen Lügen über mich hab' ich auch noch hören müssen, daß
deine Leute ganz unglücklich sind über diese Geschichte, die ich ihnen
angerichtet haben sollte, daß Trauer und Kummer in deinem Hause sei.
Das ist die Wahrheit, Ludwig! Ja, ja, unglücklich sind sie gewesen! Es
ist aber auch gar zu arg! Eine Schwiegertochter zu bekommen wie ich
bin, ist das nicht eine Schande und ein Elend, wie es kein zweites mehr
gibt? Lieber eine Kröte in's Haus oder eine giftige Schlange! -- Als
ich das alles gehört hab' -- denn es ist mir alles zugebracht worden --
was sollt' ich thun? Im Zorn und in der Betrübniß meines Herzens hab'
ich dieß und jenes gedacht und bin ganz verzweifelt herumgelaufen. Denn
die Sach' ist so gewesen, daß ich nicht hab' ruhig sein können, weil
ich ein gutes Gewissen hab'; nein, meine Ehr' hat's nicht gelitten, ich
hab' etwas thun müssen. Endlich bin ich mit mir einig geworden. Ich bin
zum Herrn Pfarrer gegangen, zu dem ich das rechte Vertrauen hab', und
dem hab' ich gesagt: weil die Sachen so stehen, so soll's nun sein,
als ob du mir das Versprechen, der Meinige zu sein, gar nicht gegeben
hättest; du sollst ganz frei sein und nochmal überlegen, was du thun
willst, die arme Annemarie oder die reiche Eva oder eine andere reiche
Bauerntochter heirathen, und was du thust, soll mir recht sein. Der
Herr ist über die Maßen gut gegen mich gewesen, er hat mir gesagt, ich
hätte recht gehandelt, und alles das soll ich auch dir schreiben. Weil
ich's ihm versprochen hab' und weil's überhaupt geschehen muß, drum
thu' ich's jetzt.«

»Sieh, Ludwig, du hast mich recht lieb gehabt und hast für mich
gethan, was wenige thun würden. Und ich hab' mich inniglich gefreut
darüber und dir im Herzen tausendmal dafür gedankt. Aber wenn's dir
nun doch zu hart ginge in deinem Dienst, wenn du's auf die Länge nicht
aushalten könntest und wenn dir der Gedanke käme: es wäre doch besser,
wenn du mit deinem Vater dich vertragen und ihm gefolgt hättest -- um
Gotteswillen, Ludwig! wenn du einen solchen Gedanken hättest, und wenn
er wieder käme -- schreib augenblicklich an deine Eltern, sag' ihnen,
du wollest mich lassen und eine andere heirathen! Denn das kannst du
thun, ich geb' dir das volle Recht dazu. Deßwegen, weil du mir das
Versprechen gegeben hast, sollst du es nicht halten; ich verlang's von
dir, daß du dich daran nicht kehren und handeln sollst, wie du es jetzt
für gut findest.«

»Bedenk, wie deine Eltern gegen mich sind! Denn das muß ich dir noch
sagen, seitdem dein Vater vom Herrn Pfarrer erfahren hat, was ich
zu ihm gesagt hab', glauben sie bei dir, es werde nun bald aus sein
zwischen uns, und sind vergnügt darüber, man kann gar nicht sagen
wie! Bedenk das, Ludwig! Deine Eltern wollen mich nicht und verachten
mich; mit ihrem guten Willen kommen wir nie zusammen, du kannst nie zu
gleicher Zeit mit mir glücklich sein und mit ihnen. Du wirst mit mir
auch keinen Hausstand bekommen, wie du ihn gewohnt bist, und vieles
nicht haben, was du vielleicht nicht wohl entrathen kannst. Bedenk
das alles! -- Für mich brauchst du nicht zu sorgen. Ich hab' so viel,
als ich bedarf, und kann arbeiten und mit Gottes Hülfe werde ich dazu
auch gesund bleiben. Und wenn ich kein Glück mehr habe, so kann ich
doch sagen, daß ich glücklich gewesen bin, wenn auch auf kurze Zeit, so
glücklich, daß es mir immer die größte Seligkeit sein wird, nur daran
zu denken. Ich hab' schon dem Herrn Pfarrer gesagt, ich wolle dann
fortgehen in's Württembergische, so daß ich euch gar nicht mehr im Wege
bin. Und wenn mir dann die Regine zu wissen thut, daß es dir gut geht,
das soll meine Freude sein.«

»Lebwohl! Ich hab' mein Versprechen gehalten und gethan, was ich nicht
lassen konnte. Ueberleg' nun alles, herzlieber Ludwig! Denk nicht
schlimm von mir und glaub' nicht, daß ich anders gegen dich gesinnt bin
als sonst! Ich hab' nur nicht anders gekonnt und ergebe mich jetzt in
alles, was geschehen mag. Schreib mir ganz ohne Bedenken, was du thun
willst, oder laß es mich auf andere Art wissen, wenn's dir lieber ist.«

Als sie diesen Brief -- der hier freilich aus der eigenen Mischung von
Dialekt und Hochdeutsch, in der er ursprünglich abgefaßt war, möglichst
in die Form der Schriftsprache übertragen ist -- geendet hatte, las sie
ihn durch und empfand eine starke Versuchung, ihn wieder zu zerreißen.
Es kam ihr vor, als ob zu viel Aerger darin wäre und zu wenig Liebe.
Ihr Geliebter war ja ordentlich angetrieben, sie zu lassen; sie
fürchtete, er könnte am Ende doch auf den Gedanken gerathen, ~sie~
wolle ~ihn~ aufgeben. Sie las wieder und stand im Zweifel da,
was sie thun solle. In diesem Augenblick öffnete Regine die Thüre und
brachte einen kleinen Brief: es war die Einladung nach Nördlingen. Da
Ludwig alles, was er auf dem Herzen hatte, sich für die Zusammenkunft
vorbehielt, so bestand die Einladung nur aus wenigen einfachen Worten.
Annemarie fühlte, daß sie ein Ende machen müsse. Sie schrieb unter
ihren Brief: »Wie ich so weit gekommen bin, bringt man mir deine
Einladung auf morgen. Du siehst, daß ich jetzt nicht kommen kann. Lies
erst meinen Brief und gib mir Antwort. Lebwohl, lebwohl!« Sie machte
das Papier rasch zurecht, »pitschirte« es mit einem kleinen Geldstück
und übergab es Regine, die auf den Markt nach Nördlingen ging, zur
Besorgung.

Drei Tage vergingen. Ich will nicht schildern, welche Gedanken das
gute Kind sich machte, welche Angst sie empfand und wie sie sich
selber wieder tröstete und an die Stelle der Bangigkeit die Zuversicht
redlicher Liebe trat. Sie war, wie überhaupt seit der Bekanntschaft mit
Ludwig, etwas aus ihrem Charakter gegangen und bewegter und erregter
geworden, als derjenige, der sie früher gekannt, ihr zugetraut hätte.
Wer wird das aber verwunderlich finden? -- Am Morgen des vierten Tages
erhielt sie die Antwort von Ludwig, die er Sonntags geschrieben und die
-- in ähnlicher Uebertragung -- hier folgt:

»Meine liebste Annemarie! Du hast mir einen Brief geschickt, über
den ich mich recht gewundert hab'. Ich will dir aber keine Vorwürfe
machen; ich hab' mich nach und nach doch hineingedacht, wie's dir zu
Muth ist, ich hab' dich bedauert und schäme mich, daß meine Eltern
so gegen dich gehandelt haben. Ja du hast Recht! So sind die reichen
Leute, wenn sie auch sonst so gut und so brav sind wie mein Vater und
meine Mutter! Ich begreif', wie dich diese Lügen kränken und erzürnen
müssen. Ich begreif', was du gethan hast. -- Aber nun sag' mir: hast
du wirklich geglaubt, daß ich thun könnte, was du mir vorschlägst? Ich
hoff's nicht; ich hoff', daß du mich besser kennst. Wie! nach allem,
was zwischen uns vorgegangen ist, soll ich dich lassen? Und wenn ich
wüßte, daß ich mich unglücklich machen würde für mein ganzes Leben, ich
thät's nicht! Und wenn ich's vorher hätte thun können und eine andere
nehmen, jetzt könnt' ich's schon gar nicht mehr. Wie viel meinst du
denn, daß es Mädchen gibt, die so handeln, wie du gehandelt hast? Und
glaubst du, daß ich kein Herz habe und keinen Verstand, das einzusehen?
Ich weiß wohl, was ein Sohn seinen Eltern schuldig ist. Ich bin nie
ein schlechter Sohn gewesen, wie mir alle bezeugen müssen, und wenn
mein Vater verlangt, was er von Gott und Rechtswegen verlangen kann,
so will ich's thun. Aber wenn ich, um mit meinem Vater wieder gut zu
werden, ein Mädchen verlassen könnte wie du bist, so verdient' ich,
daß man mich rädern thäte und meine Glieder auf's Rad flechten! Red'
mir also nicht mehr von dieser Sache! Wenn dich dein Gewissen und
dein Stolz getrieben haben, zum Pfarrer zu gehen und ihm ein solches
Anerbieten zu machen, so begreif' ich das jetzt und schätz' dich um so
höher. Aber das will ich nicht glauben, daß du mich wirklich für fähig
gehalten hast, ein solches Anerbieten anzunehmen. Denn wenn das wäre,
dann wär' deine Lieb' zu mir nicht so groß, wie meine zu dir, sondern
viel kleiner! Ich hab' auch ein Gewissen und einen Stolz, und die sagen
mir, daß ich dir treu bleiben soll gegen alle Welt. Ich hab' kein böses
Gewissen, daß ich mein väterliches Haus verlassen hab', sondern ein
gutes, denn ich hab' nicht darin bleiben und dir treu sein können. Und
wenn ich wüßte, daß ich heute sterben und vor Gott treten müßte, ich
wär' ruhig.«

»Ich seh' nun wohl, daß wir für die nächste Zeit nicht zusammen
kommen werden, denn du hast deine Gedanken und bleibst dabei. Aber
ich vertrau', wir haben nicht nöthig uns zu sehen, um uns grad so
lieb zu haben. Ich hab' dich alleweil vor Augen; wohin ich geh', da
gehst du mit mir. Wenn ich bei der harten Arbeit müde bin und denk' an
dich, dann hab' ich wieder Kraft; es ist gerade, als hätt' ich einen
frischen Trunk gethan. Und jetzt nach deinem Brief will ich wieder
alles aushalten. Es ist freilich wahr, daß ich schwere Arbeit thun muß
und mancherlei Verdrießlichkeiten hab'; aber wenn's mir hier nicht mehr
gefällt, so kann ein Mensch, der gesund ist und sein Geschäft versteht,
sich überall fortbringen. Ueberall, wo ich bin, werd' ich gegen dich
der gleiche sein, und endlich, das weiß ich ganz bestimmt, werden wir
zusammenkommen und glücklich sein. Adies, herzgeliebte Annemarie!
Bleibe gesund und vertrau' auf Gott wie dein Ludwig!«

Als Annemarie in ihrer Kammer, wohin sie sich zitternd und bebend
geflüchtet, diesen Brief las und zu den ersten Versicherungen der Treue
kam, rief sie mit freudestrahlendem Gesicht: »Ich habs ja gewußt!« Beim
Weiterlesen wurde der Glanz ihrer Blicke getrübt durch wonnige Thränen,
die ihr bei den Ausdrücken herzinniger Liebe in die Augen traten, bis
endlich die Flamme der Freude auch durch sie hindurch drang und ihr
ganzes Wesen verklärte. Regine, von Theilnahme getrieben, erschien
an der Schwelle der Kammer. Das überglückliche Kind eilte auf sie zu,
fiel ihr um den Hals und rief mit holdseliger Gewißheit: »Nun gehört er
mein, und kein Mensch in der Welt wird mir ihn nehmen!« Regine hatte
das größte Verlangen, den Brief auch zu sehen; die Freundinnen setzten
sich zusammen, Wange an Wange lasen sie und unterbrachen sich selbst
durch entzückte und gerührte Ausrufungen. Regine sagte zuletzt: »Gewiß,
liebes Mädchen, der gehört dir; den bringt sein Vater nicht mehr herum!
Aber nun wirst du auch wissen, was du zu thun hast.« -- »Ja,« rief
Annemarie, »das weiß ich! Jetzt sind wir stärker als Vater und Mutter
und die ganze Freundschaft! Mögen sie sagen und thun was sie wollen --
nichts verdrießt mich mehr, ich verzeih ihnen alles im voraus!« Regine
sagte: »Nun wird's auch gut gehen.« -- »Und wenn's nicht gut ginge,«
erwiederte Annemarie, »so wären wir doch glücklich. Jetzt darfs gar
nicht schnell kommen, sonst wär's zu viel!«

Als sie noch manches so gesprochen, gingen sie die Stiege hinunter.
»Im Tennen,« d. h. in der Hausflur, angekommen, sahen sie einen Buben
zur Thür hereinkommen, der sich vorsichtig umsah. Es war der kleine
Gönner des Liebespaars, Johannesle. Annemarie, die schon gehört hatte,
wie sie bei dem Bürschchen in Gnaden stand, flog auf ihn zu, gab ihm
die Hand und fragte, was er wünsche, ob sie vielleicht mit einer guten
Birn aufwarten könne. Johannesle schüttelte ernsthaft den Kopf und
betrachtete sie mit prüfendem Blick, so daß die Mädchen sich lächelnd
ansahen, und Annemarie fragte, was denn sonst sein Begehr sei? Darauf
sagte er endlich: »Ich hab' gehört, du willst den Ludwig lassen und
einen andern heirathen. Ist das wahr?« -- »Nein,« rief das Mädchen
unbedacht, »das ist nicht wahr! Entweder den Ludwig oder keinen!« Der
Kleine war sichtlich erfreut. »Ich hab's ja gesagt,« erwiederte er
selbstzufrieden und wandte sich zum Abgehen, voll Begierde, seinen
»Stangenreiter« (Oberknecht) zu beschämen. Annemarie rief: »Bleib doch,
liebs Büble, und komm mit in den Garten!« Aber Johannesle rief: »Ich
muß fort,« und eilte davon. Regine sagte mißbilligend: »Da hast du's!
Der wird's unter die Leute bringen!« -- »Es soll auch unter die Leute,«
erwiederte Annemarie. »Das kann und darf nicht verschwiegen bleiben.
Heute noch geh' ich zum Herrn Pfarrer und sag' ihm alles.«

Sie erfüllte dieses Wort Nachmittags. Der Geistliche las den Brief,
den das Mädchen ihm übergab, mit ernster Aufmerksamkeit und mit
einer innerlichen Freude, die beinahe durchgebrochen wäre und seine
Parteinahme verrathen hätte. »Es ist gut!« rief es in ihm. Wie
Annemarie sah, daß er mit dem Lesen fertig war, sagte sie: »Herr
Pfarrer, Sie sehen, ich hab' mein Versprechen gehalten. Nun hab' ich
in der Sache nur noch eine Pflicht und der will ich nachhandeln, ohne
an etwas anderes zu denken.« -- »Die Pflicht,« versetzte der Pfarrer,
indem er sie lächelnd ansah, »in Geduld zu erwarten, was da kommen
soll.«

Der alte Herr achtete es unter den gegenwärtigen Umständen für
gerathen, den Angerbauer in seinem Hause aufzusuchen und ihm von dem
Stand der Dinge Meldung zu thun. Als der Bauer den Kern der Neuigkeit
und ein paar Ausdrücke aus Ludwigs Brief vernommen hatte, rief er
aus: »O Unsinn! o Tollheit! o verkehrte Welt! Nehmen Sie mir's nicht
übel, Herr Pfarrer, aber womit hab' ich' verschuldet, daß ich mit so
einem Menschen gestraft bin? Wenn ich nur im Grab läge, dann könnten
sie thun, was sie wollten!« Die Bäuerin ließ sich ähnlich vernehmen,
aber in gedämpfteren Tönen. Ihr Schlußwort lautete: »Wer hätte das dem
Menschen zugetraut! Man soll doch niemals sagen, daß man sich in Einem
auskennt, sogar bei seinem eigenen Kind!« Der Pfarrer versetzte: »Es
thut mir leid, daß euch meine Nachricht betrübt; aber da das Mädchen
zu mir das Vertrauen hatte und mir den Brief zu lesen gab, so hab'
ich's für meine Schuldigkeit gehalten, euch davon zu unterrichten,
obwohl ich mich sonst in Familienangelegenheiten nicht gern mische.«
Der Angerbauer sagte mit Würde: »Ich dank' Ihnen dafür, Herr Pfarrer.
Wir müssens hoch aufnehmen, daß Sie sich selber herbemüht haben.« Nach
einer Weile sagte die Mutter: »Was soll nun aber aus dem Ludwig werden,
wenn er so gesinnt ist?« -- »Was er selber will,« entgegnete der Vater
barsch. Die Mutter seufzte und sagte: »Aber --« -- »Nichts aber!«
rief der Bauer dazwischen. »Willst du etwa haben, daß wir uns durch
seinen Trotz einschüchtern lassen und nach ihm schicken sollen? Da,
frag den Herrn Pfarrer! -- Haben Sie,« fuhr er zu diesem gewandt fort,
»nicht neulich zu mir gesagt, wir sollen nicht nachgeben, er müsse
zu ~uns~ kommen?« -- »Ja,« antwortete der Pfarrer, »und das ist
noch jetzt meine Meinung.« Der Bauer sah sein Weib triumphirend an und
sagte: »Siehst du?«

Nach einigen Worten des Trostes empfahl sich der Geistliche; die
Eheleute begleiteten ihn bis zum Hofthor, von wo der Bauer düster, die
Frau kopfschüttelnd zurückkehrte.

Seit dem Tage, wo Ludwig das väterliche Haus verließ, war der
Angerbauer nicht nach Nördlingen gekommen. Er fürchtete zuerst
überhaupt Bekannte aus der Stadt oder aus andern Dörfern zu treffen,
deren Fragen er nicht so leicht mit einer Grobheit beantworten
konnte. Später scheute er hauptsächlich ein Zusammentreffen mit dem
Schmiedbauer, dessen Charakter und Manieren er kannte. Zuletzt konnte
er doch eine Fahrt zur Schranne nicht länger vermeiden: er hatte
noch altes Korn, der Preis war gut und nach seiner Ansicht keine
Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sich lange so halten werde. Er
ließ mit einer Partie des Getreides einen Wagen laden und war bald an
Ort und Stelle.

Das Gewühl in der Schranne war für diese Zeit groß. Es hatten sich
württembergische Händler eingefunden, die bedeutende Einkäufe machten.
Der Angerbauer wurde an einen derselben seinen ganzen Wagen Korn los;
er war froh und hoffte an diesem Tag nichts Unangenehmes mehr zu
befahren. Die Bekannten, die er getroffen, hatten ihn im Drang der
Geschäfte nur flüchtig begrüßt und an seine Familienangelegenheit nicht
gedacht, wenigstens nicht davon gesprochen. Den Schmiedbauer hatte er
gar nicht gesehen. Als das Korn abgemessen war, hieß er den Oberknecht
mit dem Wagen zu einem Wirthshause am Thor fahren, wo die Angerbäuerin
aufsitzen würde. Diese hatte sich bei dem guten Wetter zu Fuß nach der
Stadt begeben, um Einkäufe zu machen, wollte aber für den Nachhauseweg
den Wagen benutzen. Der Bauer wollte den Nachmittag in der Stadt
verbringen, um nach Bequemlichkeit heimzuwandern. Wie er unter einem
Seitenthor der Schranne stehend den Knecht wegfahren sah, hörte er
von der andern Seite her plötzlich den hellen Ruf: »Guten Tag, Vetter
Angerbauer!« Er sah sich um und erkannte den Schmiedbauer, der ihm
begierig zunickte. Augenblicklich ein »danke schön« brummend ging er
rasch auf die Straße und verschwand im Gewühl der Menschen und Wagen.

Anfangs war seine Absicht gewesen, zum »Fadenherrn« in der Nähe der
Schranne zu gehen, wo er gutes Essen und Bier zu finden gewohnt war.
Nun aber hütete er sich wohl, in einem Hause einzukehren, wo er sicher
mit dem »boshaften Kerl,« dem Schmiedbauer, zusammenkommen würde. Er
vermied aus demselben Grund auch das Wirthshaus am Thor und suchte
ein drittes auf, wo er sein spätes Mittagessen in Ruhe verzehren zu
können hoffte. Darin täuschte er sich nicht. Er traf zwei Männer aus
seinem Dorf, setzte sich zu ihnen und ließ sich Braten und Salat wohl
schmecken, während der Schrannentag ergiebigen Stoff zur Unterhaltung
bot.

Nach langer Zeit wurde es ihm wieder fast behaglich zu Muthe, wozu der
um den Leib geschnallte, gefüllte Geldgurt das Seine beitragen mochte.
Er trank nach Durst und übergab eben die blanke zinnerne Bierkanne der
behenden Wirthstochter zur zweiten Füllung, als die Thüre aufging und
der Schmiedbauer hereintrat. -- Dieser hatte ihn in nicht weniger als
drei Wirthshäusern vergebens gesucht. Sein Muth wurde dadurch nicht
geschwächt, und er war eben im Begriff, in ein viertes zu gehen, als
ihm von einem Bekannten das rechte verrathen wurde.

Der Angerbauer, als er den Gefürchteten erblickte, fuhr zurück, als
wenn ihn eine Schlange gebissen hätte. Der Schmiedbauer ging auf ihn
zu, das Gesicht von einem Vergnügen belebt, wie es Reineke der Fuchs
empfunden haben mochte, als er den ehrlichen Lampe in seiner Höhle
sah. Große, blanke Zähne weisend, die man ordentlich wässern sah, rief
er seinem Opfer zu: »Guten Tag noch einmal! Du bist heute schwer zu
finden, Vetter Angerbauer! Schon in drei Wirthshäusern hab' ich dich
umsonst gesucht!«

Der Angerbauer hatte sich wieder etwas gefaßt. Er bot ihm nicht
das eben ankommende Bier zum Trinken -- eine Höflichkeit, die man
eintretenden Bekannten sonst gewissenhaft zu erweisen pflegt, --
sondern antwortete trocken und ein wenig den Mund verziehend: »Woher
kommt dir denn auf einmal das große Verlangen nach mir?«

»Da haben wir's!« sagte der Schmiedbauer; »gleich wieder stolz!« --
Und indem er die beiden andern listig anblinzelte, fuhr er fort: »Bist
du denn gar nicht neugierig, etwas von deinem Ludwig zu hören?« --
Der Angerbauer, sich bezwingend, erwiederte: »Nicht im Geringsten!«
-- »Nun, nun,« versetzte der andere, »stell dich nur nicht so an, ich
weiß doch, daß du gern etwas von ihm hören möchtest. Du brauchst dich
auch gar nicht zu fürchten: ich kann ihn nur loben. Er macht sich
ganz vortrefflich, und ich muß dir nur sagen, ich hätt's dem Sohn
eines so reichen Mannes nicht zugetraut, daß er einen so geschickten
Handknecht abgäbe. Er sucht wahrhaftig seines Gleichen, namentlich im
Futterschneiden und Misten.«

Bei diesen Worten konnten die beiden Unbetheiligten sich nicht
enthalten zu lächeln; dem Angerbauer stieg das Blut in's Gesicht.
Finster entgegnete er: »Mag er machen, was er will! Er ist mein Sohn
nicht mehr und geht mich so wenig an, wie einen von euch!« -- »Geh',«
sagte der Schmiedbauer, »sei gescheidt! Unser Kind bleibt immer unser
Kind.« -- »Und ich sag' dir,« versetzte der Angerbauer mit zornigem
Nachdruck, »daß ich nichts mehr von ihm wissen will, und bitt' mir's
aus, daß du jetzt von ihm das Maul hältst!«

Auf diese verständliche Abweisung zuckte der Schmiedbauer die Achsel.
»Mir auch recht,« sagte er. »Wenn du nichts mehr von ihm wissen willst,
dann bleibt mir ein Handknecht, wie ich ihn brauche und wie man ihn
heutzutage nicht mehr findet. Schaffen thut er für Zwei und gehorchen,
als wenn er ein geborener Knecht wäre. Wenn ich, oder mein Sohn, oder
meine Tochter, oder mein Oberknecht ihm etwas sagen, läuft er wie ein
Wiesel. Wenn du ihn nicht mehr willst, gut! Ich hab' den Vortheil
davon.«

Indem er bei den letzten Worten die Zielscheibe seiner Bosheit ansah,
fühlte er, daß er für jetzt nicht weiter gehen dürfe. In dem Angerbauer
kochte es gefährlich. Seinen Sohn vor den beiden Männern als gehorsamen
Knecht loben zu hören, war für ihn schrecklich, und die Absicht des
Schmiedbauern, ihn zu verhöhnen, machte ihn wüthend. Wäre er mit diesem
allein gewesen, er hätte ihm eine Antwort mit der Kanne an den Kopf
gegeben, auf welche kein weiterer Bericht mehr erfolgt wäre. In der
vollen Wirthsstube mußte er an sich halten und schwieg daher grimmig
still. Der andere fand für gut zu bemerken: »Nun, ich sehe, es ist
dir wirklich unlieb, etwas weiter zu hören; lassen wir's also gehen!«
Der Angerbauer nickte bedeutsam, als wollte er sagen: »Du thust sehr
gescheidt daran!«

Von einem der beiden Bauern wurde das Gespräch wieder auf die
Schranne zurückgelenkt und blieb dabei. Auf diese Weise kam jedoch
der Angerbauer um eine Nachricht, die ihm lieb gewesen wäre, denn der
Schmiedbauer war bekanntlich kein bloßer Bösewicht. Er wollte heute an
dem Vetter sein Müthchen kühlen und an den »hoffährtigen Kameraden«
ein wenig ärgern; dann aber wollte er ihm sagen, daß der junge Bursch
in seinem Hause deßwegen kurz gehalten und tüchtig angespannt werde,
damit er sich nach den Eltern sehne und endlich demüthig heimkehre, wie
sich's gebühre. Er wollte sich dem Angerbauer von seiner ernsthaften
Seite zeigen, ihm Vorschläge machen, seine Wünsche hören. Allein da
dieser nach seiner Ansicht gar keinen Spaß verstand, so wollte er sich
auch auf den Ernst nicht einlassen. Er dachte: »Es ist der Alte! immer
gleich oben aus! Gut, für heute soll er nichts weiter hören!«

Als der Angerbauer die zweite Kanne noch nicht ganz geleert hatte,
zahlte er und schickte sich an zu gehen, indem er sagte, er habe noch
einen Gang zu machen. Den Schmiedbauern übermannte noch einmal der
Muthwille und er fragte den Abgehenden in schelmisch gemüthlichem Ton:
»Soll ich also wirklich deinem Ludwig keinen schönen Gruß von dir
ausrichten?« Der Angerbauer gab ihm hierauf eine Antwort, die ihm der
kindischen Bosheit der Frage allein entsprechend schien, und entfernte
sich, indem er die Thüre stattlich zuschlug. Je mehr Zorn jene Antwort
verrieth, desto vergnügter lachten die drei Zurückgebliebenen zusammen
und schwatzten noch eine Weile über diesen Spaß.

Unser Mann ging geradeswegs nach Hause. Indem er mit wenig gemindertem
Zorn in's Kanzlei eintrat, fand er dort sein Weib in einer ähnlichen
Stimmung. Ohne vorläufig darauf zu achten, erzählte er, was ihm
begegnet, und die Angerbäuerin stimmte in seine Ausrufungen über die
Bosheit der Menschen treulich mit ein. Dann bekannte sie, ihr sei
beinahe noch etwas Aergeres passirt. Neugierig drängte sie der Mann,
zu erzählen. Die Bäuerin hub an: »Ich bin zuerst bei der Melbersbas
gewesen und hab' mich etwas länger verweilt, als ich dachte. Dann bin
ich zum »Canditor« gegangen und hab' Zucker, Kaffee und Gewürz gekauft.
Wie ich aus dem Laden auf die Straße hinausgeh', wer kommt auf mich zu?
Die Ev' mit ihrer alten Bas! Ich will dirs nur sagen, ich bin ein wenig
verhofft gewesen und es ist mich ordentlich ein Zittern angekommen.
Aber doch bin ich gleich auf sie zugegangen, hab' sie freundlich
gegrüßt und »guten Tag« geboten. Die alte Bas hat gedankt; die Ev' hat
aber nur ihr »Schnäuzle« naufgezogen.« Der Angerbauer, der aus allem
abnahm, was kommen würde, bemerkte mit einem gewissen Humor: »Sag'
Schnauz, das paßt besser!«

Die Mutter fuhr fort: »Weil ich sie nun seit dem Vorgang nicht wieder
gesehen hab', so hab' ich nach etlichen Reden gesagt: »Uns hat halt
seitdem ein rechtes Unglück getroffen!« Denn wenn man sich so gut
kennt, dann kann man wohl vertraut mit einander reden.« »Ja, ja,«
antwortete die alte Bas, »das ist eine böse Geschichte! Wer hätte dem
Ludwig das zugetraut!« -- »Ja freilich,« hab' ich wieder gesagt, »hätt'
man ihm das nicht zugetraut; aber junge Leute machen eben manchmal
tolle Streiche. Alles ist deßwegen nicht verloren, er kann sich wieder
anders besinnen, kann heimkommen und alles kann noch gut werden.« Da
hättest du die Ev' sehen sollen! Roth wie ein welscher Hahn tritt sie
vor mich hin und sagt: »Ihr glaubet doch nicht, Frau Bas, daß es mit
Eurem Ludwig und mir noch was werden kann? Wenn Ihr so was denkt, dann
schlagt's Euch nur aus dem Sinn. Das wär' mir das Wahre! Ein Mensch,
der sich so aufführt! Nein, Frau Bas, für so einen bedank' ich mich
schön und bin froh, daß ich ihn los geworden bin.« Ich hab darauf
gesagt: »Was willst du denn? -- hab ich denn davon geredt?« Aber sie
hat sich nicht irr machen lassen und höhnisch gesagt »Aufrichtig, Frau
Bas, Ihr thätet am besten, wenn Ihr Eurem Sohn seinen feinen Schatz
ließet. Sie ist ihm nun einmal die Liebste auf der Welt, und ein
ordentliches Mädchen nimmt ihn ohnehin nicht mehr.«

»Was,« rief hier der Angerbauer auffahrend, »das hat sie dir gesagt?«
»Ja,« erwiederte sein Weib, »das hat sie gesagt.« -- »Gut!« versetzte
der Mann, »ganz gut! Also so eine ist die? Ein großes Unglück scheint's
nicht, wenn wir die nicht zur Söhnerin bekommen!« -- »Das mein' ich
auch,« bemerkte die Frau, »und das hab' ich ihr auch gesagt.« »So groß
gefehlt wär's nicht,« hab' ich ihr gesagt, »wenn er das Mädchen bekäme.
Denn wenn sie auch nicht reich ist, so ist sie doch brav und hat mehr
Art als manche reiche Bauerntochter, die ich kenne.« Dabei hab' ich ihr
steif in's Gesicht gesehen. Sie aber hat sich nichts daraus gemacht und
gesagt: »Nun, da wünsch' ich recht viel Glück dazu! Machts nur bald
richtig und vergeßt nicht mich auch auf die Hochzeit zu laden.« Damit
hat sie »guten Tag« gesagt und sich umgedreht und die Alte, die den
Kopf geschüttelt hat, mit sich fortgezogen.«

Der Angerbauer war ernsthaft geworden und brach nun in die Worte aus:
»Eine saubere Person, das muß ich sagen! Da dürfen wir ja von Glück
sagen, daß wir sie noch zu rechter Zeit kennen gelernt haben!« --
»Sicherlich,« erwiederte die Mutter.

Nach einem längeren Schweigen, während dessen sie nachdenklich vor
sich hingesehen hatte, begann sie wieder: »Vater, ich möchte dir
etwas sagen, aber du mußt nicht bös werden.« -- »Nun,« erwiederte
der Bauer mit argwöhnischem Ausdruck, »du wirst hoffentlich nicht im
Ernst verlangen, daß wir dem Burschen das Mädchen geben?« -- »Behüte,«
versetzte die Mutter, »das weiß ich schon, daß das nicht geht. Nein,
ich hab' nur sagen wollen, daß mich der Ludwig »a'fanga« dauert
(anfängt mich zu dauern). Ich glaub', er wär gern wieder bei uns, aber
er hat deinen Kopf: er kommt nur nicht, weil er's einmal gesagt hat.«
-- »Soll ich ihn,« bemerkte der Bauer, »etwa selber holen, weil er
meinen Kopf hat?« -- »Auch nicht,« sagte die Mutter. »Ich meine nur,
wir ließens ihm unter der Hand wissen, daß er kommen könnte; mit der
Ev' wollten wir ihn nicht mehr plagen.« -- Der Bauer versetzte: »Nein,
das geschieht nicht! um keinen Preis der Welt! Wenn ich da nachgäb',
müßt ich mehr nachgeben!« -- »Aber deßwegen --« -- »Das muß ich besser
wissen. Ich thu's nicht, jetzt erst recht nicht, und damit Punktum!« --
Wie gewöhnlich wenn er einen solchen Trumpf ausgespielt hatte, stand
er auf und verließ die Stube.

                   *       *       *       *       *

Während dieser Erlebnisse der Seinen arbeitete Ludwig mit neuer Kraft
und neuem Muthe weiter. Er hatte in Rücksicht auf sein Dienstverhältniß
einer Anfeuerung bedurft; das Schreiben der Geliebten und die Abfassung
seiner Antwort gewährten ihm diese aber in vollem Maße. Es war ihm
ganz, wie er geschrieben. Sein Geist war aufgerichtet; das Bewußtsein,
ein solches Herz gewonnen zu haben, das Gefühl, ihrer werth zu sein,
und die Hoffnung, die aus diesem Gefühl emporkeimte, ließen ihn alle
Mühen mit Freudigkeit ertragen. Er hatte nun auch eine Bekanntschaft
gemacht, die ihm angenehm und tröstlich war. Von seinem Bauer zum
Pfarrer des Ortes geschickt, antwortete er diesem auf seine Fragen so
verständig und gutmüthig, daß der Geistliche das Gespräch verlängerte,
so weit es anging, und den jungen Burschen aufforderte, ihn in freien
Stunden zu besuchen. Es war dieß ein Mann in mittleren Jahren, der aber
ähnliche Ansichten zu haben schien, wie der alte Herr, den wir kennen,
da er an den entlaufenen Sohn keine Ermahnungen richtete, die er nicht
hätte befolgen mögen, sondern sich unbefangen im Kreise allgemeiner
Belehrung hielt.

Die Annehmlichkeiten, die er aus alledem schöpfte, waren Ludwig auch
nöthig, um ein Uebel zu bestehen, das immer ärger zu werden schien.
Dieß war der Uebermuth Michels, der nicht selten in wirkliche Bosheit
ausartete. Verdroß es ihn, daß Ludwig bei seinen Neckereien nicht mehr
empfindlich wurde, sondern ihn lächelnd oder mitleidig ansah; war er
eifersüchtig auf die Seelenfreude, die verschönernd aus dem Gesichte
des Knechts leuchtete, oder auf das Lob, das sein Vater diesem hie und
da auf seine Unkosten ertheilte, genug, der junge Schmiedbauer ging in
seiner herrischen Anmaßung gegen Ludwig weiter und weiter, so daß er
alle die Seinen hinter sich ließ. Die schwache sinnliche Gutmüthigkeit,
wie man dieß in der Welt öfter sehen kann, bestand die Probe nicht, die
ihr auferlegt wurde, und verwandelte sich unter gewissen Anreizungen
geradezu in Gemeinheit. Eine solche Anreizung mochte für den Burschen
auch in der Nachricht seines Vaters liegen, daß der Angerbauer seinen
Sohn verläugne und, wie es scheine, wirklich nichts mehr von ihm wissen
wolle. Konnte man gegen einen Verstoßenen sich nicht gehen lassen nach
Belieben?

Als die kleinen Mittel nichts mehr verfingen, wendete Michel die
gröberen und plumperen an, und es gelang ihm nun allerdings wieder,
den Untergebenen zu ärgern und zu erzürnen. Ungerechte Behandlung
zu ertragen ist für gewisse Gemüther das Schwerste; und wenn sie
sich's auch vornehmen, bei den Anmaßungen der Dummdreistigkeit ruhig
zu bleiben, so glückt's ihnen doch nicht immer. Die Geduld Ludwigs
wurde auf harte Proben gestellt; das Betragen Michels erschien ihm so
kläglich, daß er den Ausbruch des Zorns und der Verachtung kaum mehr
zurückhalten konnte. So sammelte sich nun aber ein Maß von Galle in ihm
an, das nur noch berührt zu werden brauchte, um überzulaufen.

An einem Sonntag nach dem Essen kamen »Freunde« -- wie, man weiß,
Verwandte -- des Schmiedbauern zum Besuch angefahren, Vater, Mutter
und ein fünfzehnjähriger Sohn. Sie wurden mit Kaffee und »Goglopf«
(Guglhupf) traktirt, welchen Madlene und die Magd am Vormittag zu
diesem Zweck verfertigt hatten. Als endlich auch der »junge Vetter«
dem Nöthigen zu einer neuen Schale nicht mehr Folge leisten konnte,
führte man die Gäste im Hause herum und zeigte ihnen Küche und Keller,
Kasten und Schreine und deren Inhalt zum Bewundern, welcher Absicht die
Bauersleute höflich entgegenkamen. Michel empfand großes Verlangen,
ihnen die Ställe zu zeigen, und freute sich namentlich, ihnen die
Zierde derselben, einen schönen zweijährigen Braunen vorzuführen. Er
eilte voraus in den Roßstall, fand den Oberknecht ausgegangen, Ludwig
aber bei der Hand. Bei dem Anblick desselben fuhr der böse Feind in ihn
und gab ihm den Gedanken ein, sich selbst in seiner Herrlichkeit und
den Sohn des Angerbauern, der mit den Gästen ebenfalls einigermaßen
verwandt war, in seiner Erniedrigung zu zeigen. Er rief in barschem
Ton: »Ludwig, führ' den Braunen in den Hof!« Ludwig gehorchte und
dankte den Verwandten auf den Gruß, den sie ihm boten, mit bescheidener
Höflichkeit. Das junge Roß ward im Freien munter und fing an zu
laufen. Michel rief ärgerlich: »Nicht so schnell!« Der Angefahrene
hielt es zurück; Michel schrie nun: »Zu langsam! Marsch! Zu!« und
vexirte den andern so, daß die Gäste bald sahen, worauf es hier
angelegt war, den rothgewordenen Ludwig bedauerten und den Sohn des
Hauses für einen dummen Prahler hielten. Endlich rief Michel: »Laß ihn
laufen! Schnell! schneller!« Ludwig gehorchte; das Roß wurde im Trab
übermüthig, sprang auf die Seite, traf mit den Hinterbeinen in eine
kleine Kothlache, die vom gestrigen Regen herrührte, und bespritzte den
schön gestreiften Rock der Bäuerin.

Auf so etwas hatte Michel gewartet. Den Umstand, daß dieser armselige
Zufall nur in Folge seiner Befehle eingetreten war, natürlich außer
Acht lassend, ergriff er mit Begierde die Gelegenheit, zugleich seine
Machtvollkommenheit und seine Galanterie gegen die Base an den Tag zu
legen; er schrie Ludwig zornig an: »Du bist ein Esel! Nicht einmal
ein Roß kannst du führen, wie sich's gehört!« -- Das war aber dem
Burschen zuviel. Während die Gäste Ausrufe des Bedauerns hören ließen,
übergab er dem kurz vorher angekommenen dritten Knecht das Roß, trat
vor Michel hin und rief: »Du bist der jämmerlichste aller Menschen!
Noch ein solches Wort gegen mich, und ich brech' dich zusammen!«
Seine Augen funkelten, in seinem Gesicht brannte die Glut des Zorns
und der Verachtung, seine Arme zuckten, als ob er seine Rede sogleich
wahrmachen wollte. Michel erschrack und trat blaß geworden einen
Schritt zurück. Der gemeinschaftliche Vetter stellte sich zwischen
sie und ermahnte zur Ruhe. Unterdessen faßte sich Michel wieder, und
indem er eine hochmüthige Miene anzunehmen suchte, sagte er zu Ludwig:
»Mit dir wird man noch fertig werden, und das bald!« Dann sah er sich
um, ob nicht sein Vater oder der Oberknecht in der Nähe wäre. Ludwig
folgte dieser Bewegung, und seine Gedanken errathend, rief er: »Schrei
keinem, ich rath es dir! Wenn ihr zusammen über mich herfallt, dann
ist's Nothwehr, was ich thu', und« -- setzte er hinzu, indem er die
Hand an die Seitentasche legte -- »ich schwör's bei Gott: den ersten
der mich anrührt, stoß' ich nieder wie einen Hund!« Der Bauer, dem dieß
zu stark war, sagte: »Führ keine solche Reden, das geziemt sich nicht
für dich!« -- »Für mich geziemt sich alles,« entgegnete der Gereizte,
»was sich für einen freien Menschen geziemt! In dem Augenblick bin ich
kein Knecht mehr, sondern der Sohn meines Vaters! Aus diesem Haus geh'
ich fort, auf der Stelle -- das versteht sich von selbst!« Er wandte
sich zum Abgehen, drehte sich aber nochmal gegen Michel um und machte
mit geballter Faust eine Bewegung, als ob er sagen wollte: Du weißt,
was geschieht! Dann ging er in die Stallkammer zu seinem Lager und nahm
aus dem daneben liegenden Schrein seine wenigen Habseligkeiten heraus,
um sie zur Wanderung zusammenzubinden.

Unterdessen war der Schmiedbauer mit seiner Tochter aus dem Hause
gekommen. Auf sein Befragen, welch ein Lärm das sei, erzählte der
Vetter den Handel, war aber so gerecht zu sagen, daß Michel dem Ludwig
es zu arg gemacht habe, was von der Base mit der Bemerkung bestätigt
wurde, daß es wegen des »Spretzers« auf ihrer Schürze nicht der Mühe
werth gewesen wäre. Der Schmiedbauer verwies dem Sohn sein Betragen
und hieß ihn in die obere Stube gehen: die Sache wolle er nun allein
ausmachen. Michel entgegnete, dem Kerl werde er nicht aus dem Wege
gehen, entfernte sich aber doch.

Ludwig, sein Bündel unter dem Arm, kam herbei. »Schmiedbauer,« sagte er
mit verhältnißmäßiger Ruhe, »Ihr habt wohl schon gehört, was geschehen
ist, und werdet begreifen, daß ich in Eurem Hause nicht länger bleiben
kann.« -- »Das begreif ich,« sagte der Bauer. »Aber wo willst du hin?«
Ludwig erwiederte: »Ich geh' nach Augsburg.« Der Bauer bemerkte: »Es
wäre gescheidter, wenn du zu deinem Vater heimgingest. Die Gelegenheit
wär' gut.« -- Ludwig entgegnete unmuthig: »Behaltet Euren Rath für
Euch,« und wollte gehen. -- »Wie!« rief der Bauer, »ohne deinen Lohn?
Du bekommst noch zwei Gulden.« -- Ludwig erwiederte, er schenke ihm
den Lohn, worauf der Bauer nicht ohne Würde ausrief, er wolle nichts
geschenkt von ihm, was er verdient habe, müsse er nehmen. Ludwig
ließ sich die zwei Gulden bezahlen, drückte sie dem dritten Knecht
in die Hand, der ihn erstaunt ansah, wünschte den Umstehenden wohl
zu leben und richtete seine Schritte dem Wirthshaus zu. Da der Abend
herannahte, so wollte er hier übernachten und morgen mit dem Frühesten
nach Augsburg wandern, wozu er noch beinahe zwei Gulden vom früher
eingenommenen Lohn hatte. Sein Gedanke war, an diesem Ort, wie schon so
Mancher vom Ries, sein Glück zu machen, Annemarie nachzuholen und sie
in eine schöne Stadtwohnung als Frau einzuführen.

Als er in die stark besuchte, von Tabakrauch erfüllte Wirthsstube trat,
wurde er von einem Tisch junger Burschen freundlich begrüßt und zwei
davon streckten ihm mit der üblichen Frage: »Kann ich aufwarten?« ihre
gefüllten Gläser entgegen. Der Streit mit dem jungen Schmiedbauer war
von mehreren, die zufällig am Hofe vorübergingen, mit angehört worden,
und diese hatten nichts Eiligeres zu thun, als die Geschichte durch's
Dorf zu verbreiten. Kurz vorher war sie in der Wirthsstube erzählt
worden, und die Zuvorkommenheit der jungen Leute hatte ihren Grund
darin, daß Ludwig es dem eingebildeten Michel so hinausgegeben, und --
daß er kein Knecht mehr war. Unser Bursche that mit ebenbürtiger Miene
Bescheid, aß und trank, sagte dem Wirth, daß er über Nacht bleiben
wolle, und ließ sich von ihm in die obere Stube führen. Hier begehrte
er Schreibzeug und begann einen Brief an Annemarie, worin er ihr den
heutigen Vorgang und seine Pläne mittheilte. Als er fertig war, klopfte
es an die Thüre. Die Wirthsmagd brachte Licht mit einem Brief, der so
eben unten für ihn abgegeben worden sei.

Ludwig betrachtete die Aufschrift, erbrach das Schreiben und las,
zuerst mit allen Zeichen großer Ueberraschung; dann schüttelte er ernst
den Kopf, als ob er mit dem Inhalt nicht einverstanden sein könnte. Er
las weiter; eine eigenthümliche Empfindung spiegelte sich in seinen
Zügen, er sah empor, wie bewegt von einem lockenden und drängenden
Gedanken. Auf einmal stand er auf und rief entschlossen: »Ich thu's!«
-- Er setzte sich wieder, versank in Nachdenken, und sein Gesicht nahm
einen wehmüthigen Ausdruck an, wie das eines Menschen, der weiß, daß
sein Thun verdammende Urtheile erfahren wird. Er packte sein Bündel aus
und ordnete seine Habseligkeiten geschickter, als es in der ersten Eile
möglich gewesen. Was der Brief auch enthalten mochte, in dem Beschluß,
die Wanderung anzutreten, schien er ihn nur bestärkt zu haben.

                   *       *       *       *       *

Nach einem in mäßiger Arbeit verbrachten Tage saß der Angerbauer bei
seinem Weib im Kanzlei. Die Abendmahlzeit war vorüber, eben so das
Läuten der Kirchenglocke, das die Familien zum Abendgebete ruft,
und welches darum »Betläuten« genannt wird. Die Ehehalten waren zum
größten Theil schon im Bette, weil sie morgen sehr früh wieder heraus
mußten; nur der Oberknecht war noch im Roßstall und erzählte dem Andres
Geschichten. In der Stube herrschte große Stille, in welcher nur das
Ticken der Wanduhr -- stärker, als man ihrs bei Tage zugetraut hätte --
und das »Spinnen« der großen Hauskatze vernehmlich war. Der Angerbauer
hörte nichts von beiden; er ruhte gedankenvoll in dem braunledernen
Großvaterstuhl am Ofen. Die Bäuerin saß am Wandtisch, auf dem eine
brennende Oelampel stand. Sie sah bekümmert aus und war offenbar mit
einem bestimmten Gedanken beschäftigt. Diesen zu äußern brach sie das
Stillschweigen, und zwar in einem Tone, als ob sie ein unterbrochenes
Gespräch wieder aufnähme. »Was doch das Geld ist!« sagte sie mit einer
Art Seufzer. »Wenn das Mädchen nur einen Hof hätte wie die andere, eine
bessere Schwiegertochter könnten wir uns nicht wünschen!« -- Der Bauer
fuhr aus seinen Gedanken auf und erwiederte: »Was redest du da wieder!
Sie hat ihn nun einmal nicht! Wenn! Als ob einem damit geholfen wäre!«
-- Die Bäuerin ließ sich nicht irre machen und fuhr fort: »Ich hab' sie
heut' wieder an mir vorbeigehen sehen, und was mir besonders gefallen
hat, ist ihre Sauberkeit, und daß ihr alles so wohl ansteht. Das würde
eine Haushaltung werden wie unsere.«

Der Alte wurde ernstlich böse. »Ich möchte doch wissen,« rief er aus,
»was das für ein Vergnügen ist, sich Dinge vorzustellen, die nicht
sein können. Sei doch nicht kindisch!« -- »Nun ja,« erwiederte die
Frau, »ich weiß ja, daß es nicht sein kann; aber man darf doch wohl
davon reden.« -- Sie schwieg eine Weile still, konnte oder wollte sich
aber noch nicht zufrieden geben, und begann daher: »Wer hätte gedacht,
daß es uns so ganz unglücklich gehen würde! Statt einen Sohn gut zu
versorgen, müssen wir ihn bei Leuten dienen lassen, die ihn schlecht
behandeln, und vielleicht bald hören, daß er in die weite Welt gelaufen
ist, wo wir ihn gar nicht mehr sehen!« -- Der Vater erhob sich in
großem Unmuth. »Ich seh,« rief er, »es ist die höchste Zeit, daß wir
in's Bett gehen! Nimm die Ampel und zünde mir, ich geh!« -- »Nun,«
versetzte die Mutter, »thu' nur nicht gleich so wild!« Sie erhob sich
und folgte dem Mann in die Stube.

Als sie eben der Thür sich näherten, hörten sie ein Gebell vom
Hofhunde, das sich rasch in ein Freudengeheul verwandelte. Sie
horchten. Ein froher Lärm erhob sich vom Stalle her und bald vernahmen
sie den lauten Ruf von Andres: »Er ist da! Er ist da!« -- Das Herz der
Mutter klopfte, mit zitternder Hand öffnete sie die Thüre, sah umher
und erblickte an dem Ende des Ganges, der vom Stall in den Tennen
führte, den verloren geglaubten Ludwig, von Andres mit jubelndem Eifer
vorwärts gezogen. Einen Freudenschrei ausstoßen, die Ampel auf die
Ofenbank stellen, dem wiedergefundenen Sohn entgegeneilen, ihn fassen
und mit liebenden Worten begrüßen, war bei der guten Frau Eins. Sie
nahm ihn beim andern Arm und führte ihn vereint mit Andres der Stube
zu.

Der Angerbauer war von dieser, im gegenwärtigen Moment durchaus
unerwarteten Heimkehr in die innerste Seele getroffen. Seine
Gemüthsbewegung äußerte sich in einer Blässe, die über sein Gesicht
ging und eben so wie die Freudenröthe der Mutter das Gefühl für den
Sohn verkündete. Damit hatte er aber den Zoll der väterlichen Liebe
abgetragen; er faßte sich im Augenblick wieder, unterdrückte seine
Bewegung und sah dem Ankommenden in der Würde des häuslichen Richters
entgegen, da die Mutter nach seiner Ansicht in der Güte viel zu weit
gegangen war. Ludwig stand mit blutrothem Gesicht auf der Schwelle. Er
hatte der Mutter »guten Abend« gesagt; vor dem Vater zeigte sich aber
die Natur unfähig, den Beschluß des Willens auszuführen; der Mund war
ihm wie durch einen Zauber verschlossen. Eben so unfähig war der Vater,
diesen Zauber zu lösen durch ein mildes, entgegenkommendes, wenn auch
mit väterlicher Rüge entgegenkommendes Wort.

Allein ich darf in dieser Schilderung nicht weiter gehen. Ich kenne die
Leser und auch die schönen Leserinnen. Ich weiß, daß namentlich die
letzteren am Manne das Heroische, Durchgreifende, stolz Beharrende
lieben, und muß nun fürchten, daß unser Freund wegen seiner plötzlichen
Nachgiebigkeit in ihrer Achtung gar sehr gesunken ist und ihre
theilnehmenden Seelen von dieser Wendung überhaupt unangenehm berührt
worden sind. Da es mir nun doch hauptsächlich um ihre Gunst zu thun
ist, für mich sowohl als für meinen ländlichen Liebhaber, so muß ich
vor allem berichten, wie dieser dazu gebracht wurde, den unerwarteten
Schritt zu thun.

Als Ludwig sich vom Schmiedbauer in's Wirthshaus begab und den Brief
an Annemarie schrieb, war es bei ihm ausgemacht, am andern Morgen nach
Augsburg zu wandern. Eine Aenderung seines Entschlusses wurde durch den
Brief herbeigeführt, den er Nachts erhielt und der ihm ein anderes Ziel
der Wanderung bezeichnete. Er war geschrieben von dem alten Pfarrer und
ihm zugesandt aus dem Hause des jüngeren Amtsbruders, wo er für einen
Fall dieser Art schon bereit lag. Ich lasse ihn wörtlich folgen und
seine Sache selbst führen. Der alte Herr schrieb:

»Lieber Ludwig! Ich höre von meinem Freunde und Amtsbruder, daß du von
dem Bauer, bei welchem du als Knecht dienst, und von seinen Kindern
immer übler gehalten wirst, und da ich annehmen muß, du werdest
dich über kurz oder lang mit ihm überwerfen, so schreibe ich dir
diesen Brief, damit er im Augenblick der Entscheidung das Gewicht
eines freundschaftlichen Rathes in die Wagschale werfe, die sich zur
Versöhnung neigt. Du weißt selber, Ludwig, daß dein alter Freund nicht
zu denen gehört, die mit ihren Ermahnungen lästig werden, wo kein Wille
und keine Fähigkeit ist, sie zu befolgen; aber dir muth' ich jetzt
etwas zu, weil ich dir die Kraft zutraue, es zu thun. Um es offen zu
sagen: du mußt zu deinen Eltern zurückkehren! Du mußt es freiwillig und
sobald als möglich thun!«

»Ueber den Streit mit deinem Vater will ich jetzt nicht urtheilen. Ihr
seyd aneinander gerathen und du hast das väterliche Haus verlassen --
es sind geschehene Dinge. Aber nehmen wir an, es sei an dem Bruche
einer so gut Schuld wie der andere -- wem steht es zu, die Hand zum
Frieden zu bieten, dem Vater oder dem Sohn? Die Antwort hierauf wirst
du dir, wenn du unbefangen urtheilen kannst, selber geben. Der Sohn,
der nachgiebt, erfüllt die Pflichten kindlicher Liebe und kindlichen
Gehorsams; der Vater, der nachgiebt, verletzt die Pflichten der
Herrschaft in seinem Hause und gibt sich unmännlich in die Hand des
Kindes.«

»Wüßten deine Eltern nicht, daß sie dich aus dieser Ursache nicht
zurückrufen ~dürfen~, sie hätten's wahrlich schon lange gethan.
Denn sie kümmern und grämen sich, sie verzehren sich in Sorgen und
Unruhe, wie wenig sie sich vor andern auch anmerken lassen. Die
Freude und die schöne Zufriedenheit ist aus ihrem Hause gewichen.
Darf nun der Sohn, der davon Kenntniß erhält, zaudern, seinen Eltern
die verlorene Freude wieder zu geben? Darf er zaudern, auch wenn man
ihm zeigt, daß es seine Pflicht ist und er allein es vermag? Wenn der
natürliche Mensch in dir widerstrebt, wenn er sich dreht und windet und
allerlei Ausflüchte macht -- um so besser, Ludwig! denn dann hast du
Gelegenheit, in Ueberwindung desselben zu beweisen, daß du ein Christ
und ein braver, sittlicher Mensch bist.«

»Ich wende mich an den Ludwig, der mir im Unterricht gar oft durch
verständige und feine Antworten Freude gemacht. -- Wenn ein Sohn, der
trotzig davongelaufen, in das Haus seiner Eltern zurückkehrt, weil es
ihm draußen schlecht geht und er gern wieder besser essen und trinken
möchte, so ist er ein armer Sünder, dem man allenfalls verzeihen, aber
keine Achtung schenken kann. Wenn er aber heimkehrt aus Liebe zu den
Seinen und in der großmüthigen Absicht, ihnen Freude zu bringen, wenn
er heimkehrt, obwohl er sich sagen kann, daß er sich draußen selber
zu helfen vermöchte, dann ist er ein braver, edler Mensch und handelt
in dieser christlichen Selbstüberwindung viel männlicher, als wenn
er trutzig weiter und weiter liefe; denn es gehört viel mehr Kraft
dazu, seinen Willen zu brechen, als seiner Leidenschaft zu fröhnen.
-- Das Christenthum, Ludwig, das ich dich gelehrt, ist nicht einem
Gefäße gleich, das man in einen Kasten stellt, um es hie und da seinen
Freunden zu weisen; es ist eine Sache zum Brauchen. Und je mehr und je
fleißiger man diese Sache braucht, desto besser und schöner wird sie.«

»Erwäge noch etwas anderes! Du strebst nach einem eigenen, in deinen
Verhältnissen ungewöhnlichen Preis. Du begehrst ein Mädchen zur
Frau, die durch ihr Vermögen und ihre Stellung im Leben nach der
hergebrachten Ansicht nicht deines Gleichen ist. Du verlangst, daß
deine Eltern ihre Pläne opfern und ihre gewohnten Begriffe aufgeben
sollen um deiner Leidenschaft willen. Womit hast du denn das verdient?
Was hast du denn dafür gethan? Du forderst dem Vater seine Einwilligung
ab, und wie er sie verweigert, brichst du mit ihm und gehst davon.
Heißt das von seinen Eltern eine Gunst verdienen? Und wenn du nun ganz
fortwandertest in die Fremde, könntest du von dem völlig geflohenen,
doppelt gekränkten Vater erwarten, daß er dich dafür durch Erfüllung
deiner Wünsche belohne? -- Wenn du aber selbst ein Opfer bringst,
wenn du dich demüthigst und in freiem Entschluß als gehorsamer Sohn
zurückkehrst, dann möchte das wohl die Herzen der Deinen rühren, sie
möchten eine Anregung empfinden, nun ebenfalls ein Opfer zu bringen und
da zu belohnen, wo ein Verdienst vorhanden ist.«

»Ich will dir keine Hoffnungen machen, denn ich habe kein Recht dazu;
noch weniger kann ich für etwas der Art einstehen. Allein wenn du den
Segen des Himmels haben willst, so mußt du durch edles Handeln dich
seiner werth machen. Und wenn du bei deinem Vater etwas erreichen
willst, so darfst du nicht auf eine Schwäche rechnen, die er nicht hat,
sondern du mußt die Großmuth zu erwecken suchen, deren er fähig ist.«

»Und nun bedenke, was deine braven Eltern von jeher für dich
gethan haben, und frage dich, ob die Aufrechthaltung eines im Zorn
gesprochenen Wortes so schwer wiegen darf wie die Pflicht der
Dankbarkeit für unberechenbare Wohlthaten. Denke an die Freude, welche
du den Deinigen machen wirst -- und daneben auch ein wenig an die,
welche dein alter Freund haben wird, der dich gar gern wieder in seiner
Nähe hätte!«

Ob dieser Brief einen andern umgestimmt hätte? Ich weiß es nicht. Bei
Ludwig erfüllte er seinen Zweck, und der alte Herr bewies hier, daß
er seinen Schüler kannte. Der Verstand des jungen Burschen konnte den
Gründen des Geistlichen nicht Unrecht geben und sein gutmüthiges Herz
war empfänglich für die edlen Mahnungen, die er an sich gerichtet sah.
Er erkannte klar: geschehen muß etwas, mein Vater thut's nicht, darum
muß ich's thun. Er fühlte sich bei diesem Gedanken nicht kleiner als
vorher, sondern größer, und deutlich rief es in seinem Herzen, daß der
Gang nach Hause der Weg zu seinem Glück seyn werde. Er faßte seinen
Entschluß und blieb dabei.

Am andern Morgen zerriß er den Brief an Annemarie und schrieb einen
andern, der kurz so lautete: »Liebe Annemarie! Ich bin im Streit vom
Schmiedbauer geschieden und folge nun dem Rath unseres guten Pfarrers
und kehre aus freien Stücken zu meinen Eltern heim. Er hat mir seine
Meinung schriftlich zukommen lassen und du würdest ihm eben so recht
geben müssen, wie ich es thue. Ich bleibe dir unabänderlich treu und
thu' nur einen Schritt, der uns dem Ziel, das wir beide uns gesetzt
haben, näher bringen muß. Und vertrau dem Herrn Pfarrer und mir nur
ohne weiteres, wenn ich dich auch in der ersten Zeit nicht gleich
besuchen könnte. Es geschieht alles zu unserem Besten. Ich bin dein
ewig getreuer Ludwig.«

Nachdem er diesen Brief an Annemarie durch eine sichere Gelegenheit
abgeschickt hatte, wo sie ihn noch im Lauf des Tages bekommen mußte,
nahm er von den Wirthsleuten Abschied, ging zum Pfarrer des Orts
und theilte ihm sein Vorhaben mit. Der Geistliche lobte ihn sehr
und wünschte ihm alles Glück, indem er ihm freundlich lächelnd Muth
einsprach. Ludwig ging zuerst nach Nördlingen und richtete es so ein,
daß er in der Dämmerung auf Feldwegen nach seinem Dorfe wanderte. Als
er sich seinem Garten näherte -- denn durch ihn wollte er ins Vaterhaus
zurückkehren -- mußte er erfahren, daß auch bei der größten Willigkeit
des Geistes das Fleisch dennoch schwach sein könne. Wie fest er sich
vorgenommen, heimzukehren als ein Mensch, der weiß was er will und
der seine Pflicht erfüllt, so fing sein Herz doch gar mächtig an zu
pochen und er wurde roth vor sich selber. Trotz dieser Anwandlungen des
Schämens und Zagens ging er indeß vorwärts, bis er in den Hof und von
da in die Stallung kam. Das Uebrige wissen wir.

Als der Alte sah, daß sein Sohn nichts vorzubringen vermöge, brach
er das Stillschweigen auf eine Art, wie sie ihm für's erste allein
möglich war. Er sagte: »Es scheint, daß es dir beim Vetter Schmiedbauer
nicht recht gefallen hat, da du wieder zu einem Mann kommst, wie
dein Vater ist. Hat man den Herrn vielleicht nicht gut gehalten? Hat
man sich unterstanden, ihm durch den Sinn zu fahren? Wie oder hätte«
-- Weiter konnte er nicht reden, da die Mutter ihm mit dem Ausruf;
»Bist du gleich still?« den Mund zuhielt. Zu Ludwig gewendet, sagte
sie dann: »Kehr dich nicht an seine Reden, du kennst ihn ja! Ihm ist's
am liebsten von uns allen, daß du wieder da bist!« -- »Ja wohl,«
bemerkte Andres, »ihm ist ein Mühlstein vom Herzen gefallen!« -- Der
Alte sah Andres an und sagte: »Ihr seyd Narren, du und deine Mutter!«
-- Dann faßte er sich und sagte mit Würde: »Freilich ist's mir lieb,
wenn ich sehe, daß ein junger Mensch zur Einsicht kommt und seinem
Vater nachgibt wie sich's gehört! Wenn ein toller Streich wieder gut
gemacht und der Karren wieder ins Gleis geschoben wird, muß das einen
vernünftigen Menschen freuen.«

Diese Rede öffnete dem Sohne wieder den Mund; er sagte mit bescheidener
Festigkeit: »Vater, ich bin zu dir zurückgekommen aus freien Stücken.
Ich hab's nicht nöthig gehabt, denn einem Menschen, wie ich bin, steht
die Welt offen, und daß ich etwas ertragen kann, hab' ich bewiesen.
Ich bin zu dir zurückgekommen, weil ich mich überzeugt hab', daß
das Nachgeben meine Pflicht ist, und nun bin ich auch entschlossen,
alles auszuhalten, was mir geschehen mag.« -- Der Alte hatte hoch
aufgehorcht; die Rede und die Art, wie sie vorgebracht wurde, gefiel
ihm. Eben deswegen hing er sich aber an die letzten Worte und
erwiederte: »Dummheiten! Man wird dich wohl hier fressen? Du bist noch
immer der Alte!« -- Damit wandte er sich weg.

Die Mutter dachte nun an etwas anderes. Sie fragte: »Aber du wirst
hungrig sein, Ludwig, von dem Marsch! Gleich will ich ein Stück Fleisch
richten, das noch von gestern übrig ist!« -- Andres, der in bester
Laune war, bemerkte: »Du bekommst Kalbsbraten, wie dein Vorgänger im
neuen Testament.« -- Ludwig, auf den Scherz eingehend, erwiederte: »So
wie der komme ich drum doch nicht heim! Indessen hab' ich schon in
Nördlingen Kalbsbraten gespeist und muß für dein Anerbieten danken,
Mutter.« -- »Ah so,« rief Andres, »du hast dich gestärkt zu der großen
Anrede! Die Kraft hat aber doch beinahe nicht gereicht.« -- »Sei
still,« sagte die Mutter, »du bist grad wie dein Alter!« -- Sie bot
ihren Braten wiederholt an und Ludwig mußte es auf's bestimmteste
abschlagen, bevor sie sich beruhigte. Nun lud sie ihn ein, sich an den
Tisch zu setzen, wo der Vater schon Platz genommen hatte, und ihr zu
berichten, wie's ihm ergangen sey.

Ludwig erzählte seine ganze Geschichte, mehrfach unterbrochen
von Ausrufungen der Mutter: wie sie nie geglaubt hätte, daß die
Schmiedbauersleute von der Art seyen. Als er den Auftritt mit dem
jungen Schmiedbauer schilderte, konnte sein Vater nicht umhin, den
Jungen, der hier gezeigt, daß er auch »Schneid« habe, beifällig
anzusehen. Bei dem Bericht über die Umwandlung durch den Brief wurde er
aber plötzlich ernsthaft. »So, so,« sagte er, »ein Brief von unserem
Pfarrer. Darf man ihn vielleicht auch lesen?«

Ludwig bergab ihm den Brief, denn er hatte wohl gemerkt, daß er auch
für den Vater geschrieben war. Der Alte rückte die Ampel näher und las,
anfangs mit würdevollen Zeichen der Beistimmung und Anerkennung, dann
mit sehr bedenklicher Miene. »So, so, so,« sagte er, als er fertig war.
»Das schreibt der Herr Pfarrer? -- Nun seh ich, wie viel's geschlagen
hat!« -- »Nun?« fragte die Mutter mit großer Neugierde. -- »Jetzt kenn'
ich mich aus und bedank' mich schön,« fuhr der Alte mit empfindlicher
Miene fort.

Ludwig, seine Gedanken errathend, sagte: »Vater, ich weiß, was du
meinst. Aber ich verspreche dir's, nie sollst du von mir eine Bitte
hören. Wenn ihr mich nicht mehr mit der Base plagt, so will ich nichts
weiter.« -- Der Alte versetzte: »Du willst nichts weiter? Gut, schön!
Das heißt für die erste Zeit. Du kannst warten! Hab' ich's getroffen?«
-- Als er Ludwig leicht erröthen sah, setzte er hinzu: »Dein Pfarrer
und du, ihr dürft fein nicht glauben, daß der Angerbauer ein Brett
vor dem Kopf hat. Ihr seid mir noch lang nicht zu gescheidt! Daß ihr
euch nur nicht verrechnet.« -- Jetzt rief die Mutter in ernstlicher
Ungeduld: »Aber was hast du denn?« -- »Ach,« erwiederte der Alte, »die
ganze Geschichte ist mir zuwider, ich bin müd' und geh' in's Bett.«
Damit stand er auf und ging hinaus in die Schlafkammer.

Die Mutter »zündete« ihm nicht, wie sie sonst auch unaufgefordert
gethan hätte. Sie war zu neugierig, zu erfahren, was in dem Brief
stehe, und forderte Ludwig auf, ihn vorzulesen. Dieser las die
Hauptstellen: Als er geendet hatte, rief die gute Frau, während Andres
sehr schlau dreinsah. »Ei, ei, ei! Nun begreif' ich deinen Vater.« --
»Liebe Mutter,« sagte Ludwig, »heut' wollen wir von dieser Geschichte
nicht weiter reden.« -- »Ja wohl,« bemerkte Andres, »wir wollen uns
niederlegen, ich bin schläfrig. Komm, du gehst mit mir in die obere
Kammer. Hab' ich doch wieder einen Schlafkameraden!« Er wollte den
Bruder mit sich fortziehen, aber die Mutter hielt ihn noch und fragte:
»Willst du denn aber wirklich nichts mehr essen heute, Ludwig?« --
»Nein,« erwiederte dieser dankbar, gab ihr die Hand und sah ihr
zärtlich in's Auge, indem er sagte: »Schlaf wohl, gute Mutter! Führ'
meine Sach' beim Vater.«

       *       *       *       *       *

Die Mittheilungen, die Andres seinem Schlafkameraden gemacht, konnten
nur günstig gewesen sein; denn Ludwig zeigte am andern Morgen in seinem
Gesicht eine eigene stille Zufriedenheit und Hoffnung. Er wußte, daß
der Pfarrer früh aufzustehen pflegte, und wollte ihn daher zuerst
besuchen. Auf dem Weg wurde er den verschiedenen Bekannten erstaunt
angesehen, von einigen schelmisch begrüßt. Er war jedoch in zu guter
Stimmung, um verlegen zu werden; er dankte und antwortete wieder
scherzend. -- Der alte Herr war sehr erfreut, als er ihn sah. »Ah, brav
so!« rief er, ihm die Hand reichend, »du hast meinen Rath befolgt!« --
»Ja, Herr Pfarrer.« -- »Und bist wohl aufgenommen worden?«

Ludwig erzählte, wie es ihm ergangen. Der Alte hörte mit größter
Theilnahme zu und sagte: »Nun, ich kenne ja die Deinen! Es ist
gekommen, wie ich's dachte.« -- »Ja,« versetzte Ludwig, »Sie haben
sich meiner angenommen, Herr Pfarrer. Ich sehe nun wohl, wie Sie's
meinen, und weiß, daß wir alles Gute, was uns noch kommen wird, nur
Ihnen verdanken.« -- »Pst!« rief der alte Herr lächelnd und freundlich
warnend. »Still davon!«

Vom Pfarrer ging Ludwig zu seiner Schwester, die er allein in der
Stube traf. Sie hatte von seiner Ankunft schon gehört und gab ihm
die Hand, indem sie ausrief: »Bist du da, Vagabund? Du machst schöne
Streiche, ja!« Ludwig zuckte die Achseln und begrüßte den eintretenden
Schwager, der seine Frau fragte: »Hast du nicht den Ofen eingeschlagen
bei dem seltsamen Besuch?« -- »Wahrhaftig,« sagte diese, »das hätt' ich
thun sollen.« -- »Nun,« bemerkte Ludwig, »von jetzt an werd' ich schon
öfter kommen.« -- Die Schwester lächelte. »Du glaubst wohl selbander?
Aber das hat noch einen Haken.« -- »Man kann nicht wissen,« versetzte
Ludwig mit einem gewissen Uebermuth.

Er verließ die Familie sehr aufgemuntert. Aus allem, was er sah und
hörte, drängte sich ihm die Ueberzeugung auf, daß sich die Seinen --
vielleicht nur den Vater ausgenommen -- mit dem Gedanken einer Heirath
zwischen ihm und Annemarie schon vertrauter gemacht hatten, als er nur
irgend hatte hoffen können. Was würde er gesagt haben, wenn er erfahren
hätte, daß er diese Umstimmung zum großen Theil dem Benehmen der Eva
verdankte! Dieses hatte namentlich die Schmalzbäuerin empört, und da
bei der angestellten Vergleichung Annemarie doppelt gewinnen mußte, so
hatte die Schwester gegen ihren Mann und die Mutter zuerst den Gedanken
ausgesprochen, ~es~ würde am Ende das Beste sein, dem Ludwig das
Mädchen zu lassen. -- Als er an der Gasse vorüberging, die zu dem
Bäckerhause führte, sah er sehnsüchtig hin, und beinahe hätte er dem
Drange nachgegeben, zu der Geliebten zu eilen und ihr seine Hoffnungen
zu verkünden. Aber er sagte sich: »Nein, es darf nicht sein!« und ging
nach Hause.

In derselben Morgenstunde saß Annemarie bei einer Arbeit in der
Stube des Bäckers. Sie hatte Ludwigs Brief am gestrigen Tage richtig
erhalten, und ohne daß es jemand gesehen. Die Ueberraschung, welche der
ausgesprochene Entschluß des Geliebten in ihr hervorrufen mußte, hatte
bald einem großen Wohlgefühl Platz gemacht. Die Last, die sie noch zu
tragen hatte, war abgeworfen. Sie war nicht mehr eine »Stifterin des
Unfriedens zwischen Vater und Sohn;« man konnte ihr den ungerechten
Vorwurf gar nicht mehr machen. Die Selbstüberwindung Ludwigs begriff
das wackere und begabte Mädchen, und ihr Herz sagte ihr, daß diese
Heimkehr ihnen beiden zum Segen sein werde.

Als sie in diesen Gedanken glücklich dasaß, kam Regine athemlos
gelaufen und rief: »Weißt du die große Neuigkeit schon?« -- »Nun, was
ist's?« fragte Annemarie. -- »Fall nicht vom Stuhl, wenn du's hörst:
der Ludwig ist wieder bei seinem Vater!« -- Annemarie erröthete ein
wenig und erwiederte: »Das hab' ich schon gewußt, er hat mir's gestern
geschrieben.« -- »So?« versetzte die Freundin etwas empfindlich, »davon
sagst du mir nichts?« -- Annemarie sah sie gutmüthig an und erwiederte:
»Muß ich dir denn alles sagen? -- Auch jetzt muß ich dich bitten, von
diesem Brief niemand etwas merken zu lassen.« -- »Ich verrath' nichts,«
sagte Regine. »Aber wird er dich denn besuchen?« -- »Heute nicht,«
versetzte Annemarie ruhig, »und morgen auch nicht. Aber ich kann
warten.«

Ein gutes altes Sprichwort sagt: »Was sein soll, schickt sich wohl.«
Eine Zeitlang kann sich uns auf unserem Lebensweg Hinderniß auf
Hinderniß entgegenstellen, und wenn wir uns des Sieges erfreuen wollen,
finden wir nur immer neue Arbeit. Plötzlich ist's wie umgekehrt.
Alles gelingt, rasch geschehen Dinge, welche den letzten Widerstand
beseitigen und der kühnsten Hoffnung Erfüllung verheißen. Es liegt dann
in der Luft und jeder fühlt, daß die glückliche Entscheidung kommen
soll. -- So ging es auch hier.

Zwei Tage nach der Rückkehr Ludwigs wurde bekannt, daß die Hoferbin
Eva sich versprochen habe. Der Erkorene war jener Vetter der beiden
langen Bauerntöchter, den wir vom »Ansing« her kennen. Obwohl der
Gedanke einer Verbindung zwischen Eva und Ludwig vom Angerbauer selber
aufgegeben war, so lag in dem Ereigniß doch etwas Günstiges. Die
Möglichkeit war nun ganz verschlossen und der rasche Entschluß des
Mädchens reizte die schon freundlich gestimmten Seelen, auch ihrerseits
an's Werk zu schreiten.

Fast zu derselben Zeit wurde bekannt, daß ein Bauer sich auswärts
angekauft habe und sein Hof zu erwerben sei. Nun hielten sich die
Angerbäuerin und die Schmalzbäuerin nicht länger. Sie pflogen Raths und
förmlich wurde der Beschluß gefaßt, daß man dem Ludwig das Mädchen
geben müsse. Die Gründe waren: »Die Annemarie ist brav; vernarrt sind
sie in einander; eine andere nimmt er nicht; im Geschrei ist er mit
ihr; ein Hof ist zu haben; und endlich: es geht einmal nicht anders!«
-- Zuerst wurde der Schmalzbauer in's Geheimniß gezogen. Dieser, der
mit seinem Weib »gut hauste« und von der »Lieb« noch einen gewissen
Begriff hatte, erklärte seine Zustimmung und Beihülfe ohne weiteres.
Durch ihn verstärkt rückten die beiden Frauen endlich an einem
Nachmittag hinter den Angerbauer.

Obwohl dieser den Vorschlag hatte kommen sehen und selber sah, daß es
nicht wohl anders ging, so fuhr er doch gewaltig auf und fragte: ob sie
wirklich alle mit einander verrückt geworden seien? Alle Gegengründe
wurden von ihm hervorgeholt und ein Ach und O folgte dem andern. Sein
letzter Einwand war die »Söldnersfreundschaft.« Den hatte aber der
Schmalzbauer leicht zu widerlegen. Der Bäcker war in's Dorf gezogen
und in demselben ohne Blutsverwandte. Seine einzige Tochter sollte den
Hans, einen Bauern heirathen, wenn auch den kleinsten im Dorfe. Auf
diese Art hatte man nur Einen Söldner in der Freundschaft, den Bäcker,
und das war doch auch kein gewöhnlicher. Der Köcher des Alten war leer,
und da er nach und nach müde geworden war, so rief er: »Nun in's -- --
in Gottes Namen, er mag sie haben!«

Die Weiber, welche die Angelegenheit ganz zu der ihrigen gemacht
hatten, schrieen auf vor Freude und lobten den Alten über die Maßen.
Dann sagte die Schmalzbäuerin: »Nun laßt mich machen! Etwas gehört ihm
noch!« Sie rief Andres herbei und sagte, er solle Ludwig holen, er
sei im Garten. Andres nickte mit dem Kopf, wie einer, der begreift,
und richtete seinen Auftrag aus, ohne dem Bruder etwas von seiner
Vermuthung zu sagen. Als sie mit einander in die Stube traten, begann
die Schwester mit einer Art von Geschäftsmiene: »Ludwig, so eben ist
von dir die Rede gewesen. Du weißt, die Ev' heirathet, und wenn man
dir auch keine »Spreuer« (Spreu) vor die Thüre streuen wird, so ist's
doch keine Ehre für dich. Du mußt auch heirathen; und zum Glück ist
unerwartet ein Antrag an uns gekommen, der unsern ganzen Beifall hat,
und, wie wir hoffen, auch deinen. Das schönste und reichste Mädchen im
ganzen Ries sagt augenblicklich Ja, wenn du willst.« -- »Wer ist denn
die?« fragte Ludwig. -- »Des Wirths Tochter in **.« -- In der That war
diese, wenn nicht gerade die schönste, doch wenigstens ~eine~ der
schönsten und reichsten.

Ludwig, ungewiß, was er denken sollte -- denn die Schmalzbäuerin
hatte ganz ernsthaft gesprochen und die andern eben so ernsthaft
dreingesehen, -- erwiederte kurz: »Ich dank' schön.« -- »Wie?« rief die
Schwester, »ist dir die auch nicht recht?« -- »Gegen das Mädchen hab'
ich nichts, aber ich will überhaupt nicht heirathen.« -- »So?« sagte
die Schmalzbäuerin, »das ist etwas anderes.«

Nun wurde auch der Alte angesteckt. »Ich hab's euch ja gesagt!« rief
er den andern zu. »Sein erster Versuch ist so übel ausgefallen,
daß er's ganz verschworen hat. Wenn wir ihm nun auch die schöne
Zimmermannstochter geben wollten, die so »guet tanzt« und die mehr
werth ist als alle Rieser Bauern- und Wirthstöchter zusammengenommen
-- er würde auch sagen: ich dank' schön!« -- »Wirklich?« fragte die
Mutter, zu Ludwig gewendet, »würdest du das?«

Dieser, betroffen, verwirrt, schaute die Gesichter an und verweilte
bei dem des Vaters, der aber seine Rolle fest behauptete. Die Mutter
konnte sich nicht länger halten. Sie nahm den Sohn bei der Hand und
sagte: »Nun, Ludwig, mach einmal ein ganz freundliches Gesicht! Deine
Schwester, dein Schwager und ich, wir haben den Vater herumgebracht
-- du sollst die Annemarie haben!« »Ist's wahr?« rief der Glückliche,
drückte der Mutter die Hand, eilte zum Vater und dankte ihm in
überfließend zärtlichen Worten. Der Alte machte ein seltsames Gesicht.
»Ach!« rief er mit einem großen Seufzer aus, »nun muß man auch den Dank
noch hören! -- Geh fort,« setzte er hinzu, als Ludwig den andern seine
Liebe bezeigte, »geh' und sag's dem Mädchen, damit ein Ende wird!« --
Ludwig ließ sich das nicht zweimal sagen. Nach wiederholten Dankreden
eilte er davon. Als er hinaus war, sagte die Schmalzbäuerin zu Andres:
»Nun, was ist denn dir? du stehst ja da wie ein »Oelgötz!« Freust du
dich denn nicht?« -- »Gott!« erwiederte Andres, »daß das so kommen
wird, hab' ich ja längst gewußt!«

Ludwig kam zum Bäckerhaus wie im Traum. Als er die Thür geöffnet hatte,
sagte sein strahlendes Gesicht alles. Wie durch einen Zauberschlag
entzündet, glänzte sein Glück auf dem Antlitz der Geliebten, die
bei dem Bäcker und Regine saß; sie flog ihm entgegen und in der
zärtlichsten Umarmung flossen selige Thränen von ihren Wangen herab.
»Du bist mein, Annemarie, mein mit dem Willen meiner Eltern!« rief
Ludwig zum Ueberfluß und drückte die Geliebte fester an sich, deren vor
Freude gebeugtes Haupt an seine Brust gesunken war. -- Es war einer von
den Augenblicken, die man als unverdientes Geschenk empfindet, wenn man
in Noth und Sorgen, in Dulden und Sehnen Jahre lang darnach getrachtet
hat.

Das Schicksal hatte aber für die Liebenden noch eine Gabe im Füllhorn.
Zwei Tage nach der günstigen Entscheidung gelangte in's Bäckerhaus
die Nachricht, daß in dem württembergischen Städtchen Bopfingen (dem
Abdera oder Schöppenstedt des Rieses) eine Verwandte gestorben sei und
der Annemarie zweitausend Gulden vermacht habe. Dies war kein bloßer
Zufall, auch kein »Bopfinger Stückle« von der Verstorbenen, sondern
eine verständige Handlung, herbeigeführt durch das Mädchen selbst
und ihr braves Benehmen. Die kinderlose Base hatte davon gehört, und
da sie als eine erfahrene Frau so treu Liebe hoch hielt, so wollte
sie sterbend einen Beitrag leisten zu ihrer Belohnung. -- Als man
dem Angerbauer diesen Glücksfall hinterbrachte, war er zunächst sehr
erfreut über den Zuwachs des Vermögens, dann aber auch darüber, daß
er erst nach seiner Einwilligung bekannt geworden, so daß Niemand
behaupten konnte, er hätte nur um des Geldes willen Ja gesagt. Um so
mehr fühlte er sich nun angetrieben, gegen seinen Sohn ganz als Vater
zu handeln. Er kaufte den feilgewordenen Hof für Ludwig, der ihn als
sein Heirathgut haben sollte, obwohl er um ein gutes Theil mehr kostete
als sechstausend Gulden. Ueberdies ergänzte er den Viehstand und das
Geräthe, so daß die Besitzung nichts mehr zu wünschen übrig ließ. Dann
setzte er den Heirathstag (den Tag der Verlobung) selber fest.

In der Zwischenzeit fanden die ersten Besuche und Gegenbesuche statt.
Es war ein großer Augenblick, als Annemarie an der Seite ihres Vormunds
zum erstenmal in den Hof des Angerbauers trat. Ludwig war ihnen
entgegen geeilt und seine Eltern erwarteten die Gäste auf der Schwelle
der Hausthür. Wie muthig das Mädchen war, so kam sie doch ein Zittern
an, als sie dem stolzen Bauer, der so lange als die gefürchtetste
Person vor ihrer Seele gestanden, zur ersten Begrüßung entgegen ging.
Allein sie wurde sehr freundlich empfangen, wie es in der Natur der
Sache lag. Sobald der Angerbauer seine Zustimmung zu der Heirath
gegeben hatte, war das Verhältniß in seinen Augen auch sanctionirt. Die
Strahlen seines Lichtes fielen nicht nur auf Annemarie, sondern auch
auf den Bäcker und machten sie zu seines Gleichen. Annemarie war nicht
mehr die Tochter und die Verwandte eines Söldners, sie war die künftige
Schwiegertochter des Angerbauers, und als solche konnte sie die größten
Ehren in Anspruch nehmen. Niemand wäre zu rathen gewesen, daß er
jetzt in Gegenwart des Alten über diese Verbindung seine Verwunderung
ausgedrückt oder gar über das Mädchen geringschätzig gesprochen hätte.

Als Annemarie die Freundlichkeit der Eltern sah, fand sie ihren
Muth wieder und beantwortete die Begrüßungsfragen so anmuthig und
bescheiden, daß der Alte sie selber bei der Hand faßte und in die
Stube führte. Man würde den Landleuten sehr Unrecht thun, wenn man
ihnen nicht ein ihrem Stande entsprechendes Schicklichkeits- und
Zartgefühl zutrauen wollte. Als man hier an dem wohlbesetzten Tisch
saß, unterhielt man sich, als ob nie ein Streit vorgefallen wäre,
nicht eine Hindeutung erlaubte man sich darauf. Dagegen wurden die
erfreulichen und ehrenvollen Neuigkeiten besprochen: die Erbschaft, die
der Annemarie zugefallen war, der Kauf und die Einrichtung des Hofes.
Bei dieser Gelegenheit machte das Mädchen einige Bemerkungen, die der
Angerbauer mit vollem Beifall beehrte, indem er hinzufügte: er sehe
schon, daß sie die Sache verstehe. Natürlich saß Ludwig bald an der
Seite der Geliebten. Als die Angerbäuerin das schöne Paar zum erstenmal
beisammen sah, betrachtete sie es mit großem Wohlgefallen, und ein
vergnügtes, schlaues Lächeln spielte um ihren Mund, als sie später auch
den Vater über einem solchen Blick ertappte. Die Gäste nahmen endlich
Abschied, und Ludwig begleitete sie. »Nun,« fragte die Angerbäuerin,
»was meinst du zu dem Mädchen?« Der Alte erwiederte ernsthaft: »Das
Mädchen ist recht.«

Sonst ist von der Zwischenzeit nichts mehr zu erwähnen, als ein Besuch,
den der alte Angerbauer mit Ludwig in Nördlingen machte. Beide hatten
sich in ihren besten Staat geworfen, denn eigentlich wollte der Alte
nichts, als sich mit seinem Sohne dort sehen lassen. Da er zu diesem
Zweck Bekannte treffen mußte, so begaben sie sich zum »Fadenherrn.«
Als sie in der Stube sich umsahen, erblickten sie zu ihrer großen
Ueberraschung an einem Ecktisch die ganze Familie des Schmiedbauers,
Vater, Sohn, Tochter und Magd. Die Reihe, verlegen zu werden, war
nun an diesen. Sie waren in der That sehr betroffen und Michel sah
tiefbeschämt aus. Der Schmiedbauer faßte sich zuerst; er stand auf,
ging den beiden entgegen und sagte: »Nun, wie ich höre, kann man
gratuliren?« -- »Allerdings,« entgegnete der Angerbauer mit Würde, »das
kann man.« -- Der Schmiedbauer nahm hierauf eine lächelnde Miene an und
sagte: »Vetter Ludwig, du bist wohl bös auf mich zu sprechen? Aber ich
bin dein schlimmster Feind nicht gewesen. Wenn ich dich als den Sohn
des Angerbauers bei mir gehalten hätte, so stände die Sache jetzt nicht
so, wie sie steht.« -- »Ja wohl,« rief Michel, der auch aufgestanden
war, mit der halb komischen, halb Mitleid erweckenden Verlegenheit
eines schlechten Gewissens. »Wenn das nicht unser Gedanke gewesen wär',
so wär' manches nicht vorgefallen, am wenigsten die Geschichte am
Sonntag.«

Ludwig war zu glücklich, um streng zu sein. Er erwiederte daher mit
Ueberlegenheit zwar, aber auch mit Gutmüthigkeit: »So, nun soll ich das
am Ende für ein Freundschaftsstück nehmen? Auch gut! Aber daß ich's
nicht gleich gethan hab', mußt du mir nicht übel nehmen, Freund Michel:
du hast die Sache gar zu gut gemacht.« Hierauf grüßte er Madlene und
die Magd. Jene ward glühend roth und sah mit einem Blick zu ihm her,
daß er ihr alles verzieh und ihr die Hand zur Versöhnung gab. Die Magd
starrte ihn wie einen Prinzen an. Sie konnte gar nicht begreifen, wie
sie jemals ihre Augen zu so Einem habe erheben können, und machte sich
in der Ecke so klein als möglich. Auf dem Heimwege sagte Ludwig zu
seinem Vater: »Es ist mir lieb, daß es so ausgegangen ist.«

Endlich kam der Tag, wo es zwischen Ludwig und Annemarie »schriftlich
gemacht« werden sollte. Die Liebenden hatten ihn in der letzten Zeit
sehr herbeigesehnt. Ihr Glück war zu groß, als daß sie nicht hie und da
die Furcht hatte anwandeln sollen, es möchte wie ein Traum zerfließen,
und die Unterschrift war eine neue, große Sicherung und gab ihnen
festen Boden unter die Füße. Mit der Zusammenkunft der Familien zu
einem »Heirathstag« ist das Glück der Liebenden nicht immer schon außer
Frage gestellt. Zuweilen führt die Unterhandlung über die Mitgabe
selber noch zum Streit, und ein von der einen Seite begehrter, von
der andern verweigerter »Raupe« oder junger Stier kann Anlaß zu einem
Bruche werden, der nur allenfalls durch flehentliches Zureden der
jungen Leute wieder zu heilen ist. Wenn nämlich der Vater des Burschen
nach wiederholter vergeblicher Aufforderung zu dem des Mädchens sagt:
»Ich hätt' nicht geglaubt, daß du ein so intressirter Mensch wärst!
Wahrhaftig, schämen thät' ich mich« u. s. w. so kanns dieser krumm
nehmen, zornig werden, auf den Tisch hineinschlagen, daß die Krüge
wackeln und die Gläser umfallen, und erbost ausrufen: »Was? ich hab'
für mein Mädle so viel gethan, daß ich's vor meinen andern Kindern gar
nicht verantworten kann, und du willst mir so kommen? Himmel-Kreuz« u.
s. w. u. s. w.

Im gegenwärtigen Falle war dergleichen freilich nicht zu fürchten.
Die Angerbauersleute waren zu vornehm, als daß sie hätten markten
sollen; auch lagen die Verhältnisse anders als gewöhnlich. Als man
sich nun Nachmittags in der obern Stube des Angerbauers versammelt und
den Getränken und Backwerken der Bäuerin die gebührende Ehre angethan
hatte, setzte man sich zu einer Verhandlung, die nicht allzuviel Zeit
in Anspruch nahm. Der Protokollführer war der Schullehrer des Dorfs,
einer von der alten Gattung, ein Mann von etwas über fünfzig Jahren,
der sich noch »Schulmeister« nennen hören konnte und weniger nach
Ehre als nach einer guten Nahrung trachtete, im übrigen seinem Amte
wohl vorstand. Nach einer würdigen Einleitung des Angerbauers wurde
ausgemacht, daß Annemarie dem Ludwig ihr Vermögen von 2900 Gulden
(bei Nennung dieser Summe nickte der Schullehrer dem Bauer, den er
kannte, höflich bedeutsam zu, als wollte er sagen: »Alle Achtung!«)
und Ludwig der Annemarie seinen Hof anheirathe, mit Allem darin,
wie es geht und steht. Der Bäcker machte die Bemerkung, daß man bei
solchen Gelegenheiten zuweilen auch einen »Rückfall« bedinge, wenn
nämlich eines der Eheleute sterben sollte, ohne daß Leibeserben
vorhanden wären. Ludwig, der sah, daß der Alte damit seinem Vater
entgegenkommen oder ihn versuchen wollte, sagte rasch: »Wir hoffen mit
Gottes Hülfe zu leben und wollen für so einen Fall nichts ausmachen.
Wenn ich sterbe, dann gehört der Hof meinem Weib, wie umgekehrt mir
ihr Vermögen. Anders thut's mein Vater nicht.« Der Angerbauer schwieg:
er hatte die Möglichkeit vor Augen, daß Annemarie als kinderlose
Wittwe die Eigenthümerin des Hofes werden und ihn durch eine zweite
Heirath an eine andere Familie bringen könnte. Ludwig rief aber: »Nicht
wahr, Vater?« und der Bauer antwortete: »Ja, ja, darüber bedingen wir
nichts.« Sein Gesicht sah indeß nachher aus, als wollte er sagen: »Das
macht mir so leicht keiner nach!«

Als das Nöthige besprochen war, setzte der Schullehrer die
verschiedenen Punkte auf, las sie feierlich in einer Art von
Predigerton vor und reichte die eingetauchte Feder zum Unterschreiben.
Als dieß von allen nach der Reihe vollzogen war, ergriff Ludwig die
Geliebte rasch bei der Hand und hielt und drückte sie, als ob er sie
nicht mehr loslassen wollte. Gerührte Glückwünsche ertönten von allen
Seiten.

Unterdessen war der Abend gekommen und nun sollte erst die rechte
Festlichkeit angehen. Nicht umsonst waren die Angerbäuerin und ihre
Tochter wiederholt ab und zu gegangen. Eine Magd erschien mit zwei
brennenden Kerzen in spiegelblanken Messingleuchtern; die Tafel
wurde abgeräumt, mit einem schöngewirkten Tischtuch überzogen und
gedeckt. Je zwei Teller von Steingut, silberne Bestecke (die, nebenbei
gesagt, zum Theil der Schmalzbäuerin gehörten) und sogar Servietten
oder »Salveater« ließen auf ein tüchtiges Mahl schließen, was der
Schullehrer mit großem Interesse zu bemerken schien. Im Schein der
Lichter, die auf der Tafel prangten, sah die schöngeweißte, nett
gehaltene Stube sehr heimlich aus.

Nicht lange, so erschien die ganze Familie, und am Ende der Pfarrer
mit seinem Neffen. Nachdem sich der Sturm der üblichen Glückwünsche
einigermaßen gelegt hatte, fand sich der Pfarrer an der Seite der
Verlobten. Er fragte: »Nun, bist du zufrieden, Annemarie?« -- »O, Herr
Pfarrer!« erwiederte das Mädchen in einem Tone, der mehr sagte als jede
Versicherung. -- Der alte Herr sah sie liebevoll heiter an und sagte:
»Die Tugend, scheint's, ist doch auch etwas in der Welt werth und kann
auch zu etwas führen! Das Geld und der Stand sind doch nicht alles!«
-- Das Mädchen ward roth und erwiederte: »Ich schäme mich der Reden,
die ich damals geführt hab'. Ich bin tausendmal glücklicher, als ich's
verdiene.« -- Der Geistliche nickte beifällig und bemerkte: »Auf diese
Art holst du nach, was dir fehlt.«

Als er kurz darauf allein dastand und mit frohen Blicken die
Gesellschaft übersah, machte sich der Angerbauer an ihn und sagte:
»Sie freuen sich, Herr Pfarrer, und haben auch alle Ursache dazu; an
dem heutigen Tag sind doch eigentlich Sie Schuld.« -- »Ich?« fragte
der Pfarrer. -- »Sie,« versetzte der Bauer. »Sie mischen sich nicht
in Familienangelegenheiten? Ja freilich: ungeschickt nicht, aber
geschickt.« -- Der alte Herr fragte mit liebenswürdiger Schalkheit:
»Hab' ich's nicht recht gemacht?« -- Der Bauer drückte ihm die Hand und
rief: »Recht gemacht haben Sie's, Herr Pfarrer!«

Es versteht sich von selbst, daß es die Gastgeber während des
Tafelns an keiner Aufmerksamkeit fehlen ließen und namentlich das
schickliche »Nöthigen« nicht vergaßen. Am meisten Höflichkeit wurde
dem Pfarrer erwiesen, der Gegenstand der freundlichsten und zartesten
Ehrenbezeugungen war aber Annemarie. Ihr wurden die besten Bissen auf
den Teller gelegt, und wenn ihr zugeredet wurde, nahmen die Stimmen
den weichsten und sanftesten Ton an. Man fühlte, daß bei ihr etwas gut
zu machen sei, und that mehr und that es besser, als man es für eine
reiche Schwiegertochter gethan hätte. Alle Liebe, welche diese Leute in
sich hatten, kam gegen das Mädchen heraus, und der Pfarrer sah seinen
Enkel, der es zu bemerken schien, mit einem bedeutsamen Blick an.

Annemarie aß wenig und gegen das Ende der Mahlzeit wurde sie still
und stiller. Ihre Seele war in die Vergangenheit gerichtet. Sie dachte
an ihre Liebe und ihre Noth, an ihre Bitterkeit und ihre Klagen,
und wie sich alles das in unendliches Glück aufgelöst. Sie dachte
an die Feindschaft, unter der sie gelitten, und die sich nun in die
zärtlichste Freundschaft umgewandelt. Als ihr der Angerbauer von dem
eben zerschnittenen Kuchen das schönste Stück überreichte, machte die
Güte und die Achtung in seinem Blick einen solchen Eindruck auf ihr
erweichtes Herz, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten. Sie aß ein
Stückchen, um die Gabe zu ehren, aber der Strom der Wehmuth war im
Gange, das übervolle Herz mußte sich entlasten und unaufhaltsam brachen
ihre Thränen hervor.

Alles sah auf sie, ernst, bewegt; die meisten begriffen den Grund
dieser Thränen. Es entstand eine feierliche Stille. Ludwig drückte
der Geliebten auf's zärtlichste die Hand, die Augen der Frauen wurden
feucht. Der Angerbauer saß in tiefem Ernst da und in seinen Blicken
entzündete sich ein Feuer, das den Pfarrer beinahe noch mehr ergriff,
als das Antlitz der Braut. Niemand wollte das Wort nehmen, und der
Pfarrer dachte endlich selber daran, durch eine passende Bemerkung
einen Uebergang zu unbefangener Unterhaltung herbeizuführen, als ihm
ein anderer zuvorkam. Johannesle hatte die weinende Annemarie bisher
staunend angesehen; wie die Thränen kein Ende nahmen, sondern wieder
und wieder aus ihren Augen flossen, stand er auf, ging zu ihr und
sagte mit dem ehrlichsten Tone von der Welt: »Warum weinst du denn,
Annemarie? Du hast ihn ja jetzt!« Diese naive Rede rief auf dem Gesicht
des Mädchens ein sanftes Lächeln hervor und eine milde Heiterkeit in
der Gesellschaft. Annemarie sagte mit gütevoller Stimme: »Du wirst's
auch noch verstehen lernen, Kind, warum ich wein'! Aber jetzt will ich
aufhören.« Und sie trocknete ihre Thränen.

Als der Pfarrer mit seinem Enkel nach Hause ging, fragte er, wie
ihm heute der Angerbauer und seine Frau gefallen hätten. Theodor
erwiederte: »Ich bin ganz erstaunt über sie; nie hätt' ich ihnen
zugetraut, daß sie so gut und so wahrhaft zart sein könnten.« -- »Du
siehst also, daß du früher nicht ganz Recht hattest, diesen Mann, weil
er im Zorn grobe Reden ausstieß, ohne weiteres für roh zu erklären, und
wirst künftig mit deinem Urtheil behutsamer sein.«

Nach sechs Wochen fand die Hochzeit statt. Es war nur Eine Stimme über
die Schönheit der Predigt, die Andacht des Brautpaars, ihren prächtigen
Anzug, das vortreffliche Mahl, wobei die Wirthin des Dorfs sich selbst
übertraf, und das große, große Vergnügen. Die Musikanten hielten eine
Ernte, wie seit Jahren nicht. Der Höhepunkt des Festes war übrigens der
Moment, wo der Angerbauer in der Laune des Weins bewogen wurde, drei
Reihen allein mit der Braut zu tanzen. Er drehte sich taktfest, aber
etwas steif herum, und sein Gesicht drückte eine so eigene Mischung von
Galanterie und Selbstgefälligkeit aus, daß ein paar ältere Weiber, mit
denen er in seiner Jugend zu tanzen pflegte, nicht umhin konnten, sich
spöttisch lächelnd anzusehen, als wollten sie sagen: »Der alte Narr!
Wenn man ihm das vor einem Vierteljahr gesagt hätte!« Der Angerbauer
hörte dieß natürlich nicht, da es überhaupt nicht gesprochen wurde. Als
er daher unter großem Beifall den letzten Reihen geendet hatte, konnte
er in ungestörter Freude seiner Tänzerin ein Glas Wein präsentiren und
dann zu einem Vertrauten sagen: »Daß die Hochzeiterin am schönsten
tanzt, hab' ich gesehen; daß sie aber auch am besten tanzt im ganzen
Dorf, das kann ich jetzt aus Erfahrung bezeugen. Ueberhaupt: mein
Ludwig ist nicht dumm gewesen!«




                           Die Lehrersbraut.


                                  I.

In einem Dorfe mitten im Ries, in einem hübschen Hause, wohnten
glückliche Leute -- Mutter, Tochter und Vetter. Sie waren gesund und
verhältnißmäßig, d. h. nach ihrem Stande, wohlhabend. Die Mutter von
ruhigem Temperament, mehr geneigt sich am Angenehmen zu freuen, als aus
verdrießlichen Dingen, wie sie im Leben vorkommen, sich viel zu machen;
die Tochter, Christine, hübsch und wohlgemuth; der Vetter, Hans, wacker
und thätig, ein guter »Baur« -- wie man das im Ries nennt -- und »ein
rechter Schaffer.«

Ein eigentlicher Bauer im Sinne der dörflichen Rangordnung war Hans
freilich nicht; das war aber auch der verstorbene Glauning, der Vater
der Christine, nicht. Erst Söldner und Weber hatte sich dieser durch
ächt Rieserische Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zu einer Mittelstellung
zwischen Söldner und Bauer emporgearbeitet. Das Weberhandwerk wurde
aufgegeben und nur im Winter noch zum Wirken des eigenen Garnes
betrieben, um so fleißiger den Geschäften des Ackerbaus und der
Viehzucht nachgegangen. Es gelang dem stillen, ruhig fortarbeitenden
Manne, das Unglück eines Brandes, der nebst sechs andern auch sein
strohgedecktes Haus in Asche legte, zu überstehen, ein neues,
bequemeres, plattengedecktes an seine Stelle zu setzen, und bei seinem
Tode der Wittwe ein respektables Anwesen zu hinterlassen: das Haus
mit Wohnung, Stall und Stadel in Einem Bau, vier Kühe mit Nachzucht,
fünf Schweine, einen schönen Baumgarten, zwei »Dawert« (Tagwerke)
Wiesen und vier Morgen »in ein Feld« -- also, wer das nicht verstehen
sollte, zwölf Morgen Ackerland. Allerdings war dieses »schöne Sach«
nicht schuldenfrei; der alte Glauning hatte eine runde Summe aufnehmen
müssen, um die runde Zahl von Morgen Landes zu erhalten, die im
Ries mehr bedeuten wollen als anderswo. Aber der Hauptgläubiger war
gegenwärtig -- Vetter Hans.

Hans Burger -- denn der Mann verdient, daß wir seinen ganzen Namen
nennen -- war vom nächsten Dorfe, Sohn des dortigen Schmieds. Er
wurde von dem Vater in seinem Handwerk unterwiesen; aber trotzdem,
daß ihm ein paar Arme verliehen waren, die im Nothfall den Ambos in
Stücke schlagen konnten, hatte er für seine Person doch mehr Freude
am »Bauernhandwerk.« Nach dem Tode seiner Eltern führte er die kleine
Oekonomie und nahm Hammer und Zange nur als Gehülfe seines Bruders in
die Hand. Dieser konnte zu eben der Zeit, wo der alte Glauning starb,
»einen guten Heirich« (gute Heirath) machen. Hans überließ ihm Schmiede
und Oekonomie, nahm seinen Vermögenstheil heraus und ging zur Base
Glauning, um ihr die Wirthschaft zu führen. Christine war damals noch
nicht ganz fünfzehn Jahre alt; demungeachtet wollte man bemerken, daß
der Vetter sie verstohlenerweise schon mit ganz besondern Augen ansehe.

Drei Jahre gingen in's Land. Christine wuchs heran und wurde nach
den Begriffen des Dorfs immer schöner. Mittelgroß, rund, aber
von angenehmer Rundung, das gutmüthige, ruhig vergnügte Gesicht,
dessen Linien nicht ohne eine gewisse Anmuth waren, frischroth mit
bräunlichem Hauch, die Zähne regelmäßig und weiß -- konnte man
sie einem Apfel vergleichen, der untadelich gereift eben vom Baum
genommen wurde. Damals war unter den Rieser Bauernmädchen noch nicht
die Mode aufgekommen, die Haare doppelt zu scheiteln und auf beiden
Seiten herunterzukämmen, wodurch sie sich jetzt ein städtisches,
vornehmeres Ansehen zu geben suchen. Das Haar wurde von der Stirn
an zurückgestrichen und gegen die Mitte des Kopfes zu von dem
landesüblichen Käppchen bedeckt. Das ließ einfacher, munterer, und
stand besonders Gesichtern, wie Christine eines hatte. Am hübschesten
erschien diese, wenn sie an heiterem Sommertag, in weißen Hemdärmeln
und den Rechen in der Hand, auf die Wiese ging, ohne eine Ahnung von
Sorge, in Fülle körperlichen Wohlseyns schwimmend und gänzlich der
frohen Gegenwart hingegeben. Aus dem runden Gesicht blickte zugleich
ein eigenthümliches Selbstgefühl heraus, und das hatte seinen guten
Grund.

»Die schöne Christine« hieß sie im Dorf. Nur eine Bauerntochter konnte
mit ihr noch verglichen werden; aber da diese »so eine rahnenge«
war, nämlich allzu schlank, so erhielt Christine von den bäuerlichen
Schönheitsrichtern den Vorzug. Die jungen Bursche tanzten gern mit ihr,
und wenn einer sie an der Hand im Reihen führte, sang er wohl auch den
Musikanten Schelmenliedchen vor, ihr zu Ehren. Aus dem Stegreif zu
dichten, ist die Sache des Rieser Burschen nicht, solche Talente sind
dort Ausnahmen; dagegen weiß er bekannte Lieder passend anzubringen und
damit, ähnlich dem gelehrten Schriftsteller, der eine öfters citirte
klassische Stelle wieder citirt, auf bescheidene Weise elegant zu
werden. Wenn ein tüchtiger Kerl, mit Christine herumgehend, sang:

  Macht mer 'n Walzer auf,
  Der a weng luste geht,
  I hab' a Tänzere,
  'Sist der Müh werth --

dann im Takt strampfend schmunzelte, so gewann das oft gehörte Liedchen
wieder Bedeutung. Einige Zuschauer konnten lächeln und irgend ein alter
Bekannter der Christine gemüthlich zurufen: »Ja, ja, so isch -- sott
(solche) git's net viel!« Als unter den zuschauenden Weibern einmal
die noch immer stattliche Wittwe Glauning vornean stand, machte es der
zufällige Tänzer der Christine noch besser; er sang, indem er dem Liede
durch Gesichtsausdruck und Blick Sinn verlieh:

  A schneaweißa Däube (Täubin),
  A schwarzer Dauber;
  Und wann d'Mueter schön ist,
  No[1] wurd d'Tochter sauber.

Bei dieser Gelegenheit war die Heiterkeit der Mutter noch um vieles
lebhafter, als die der Tochter, die an solche schöne Dinge schon
gewöhnt war. -- All die Huldigungen aber, die sie erfuhr, gaben
dem Wesen des Mädchens nach und nach eine vergnügte Sicherheit,
Wohlgefälligkeit, und, wenn man dieses Wort in den Grenzen ländlicher
Möglichkeit verstehen will, einen Ausdruck von Huld, der ihr ganz gut
stand, aber auch mehr hinter ihr vermuthen ließ, als vorläufig noch
hinter ihr war.

Das Gefühl der Huld wurde in Christine vorzugsweise durch Hans genährt.
Beichten wir in seinem Namen ohne Umstände. Hans hatte sich allerdings
schon in die noch nicht Fünfzehnjährige versehen und nach einem Besuch,
kurz vor dem Tode des alten Glauning, ernsthaft zu sich gesagt: »Des
wurd (wird) a Mädle für mi!« Die Hoffnung seines Herzens hatte großen
Antheil an seinem Entschluß, der Base die Wirthschaft zu führen; sie
belebte sein ganzes Wesen und machte ihm die Bauernarbeit noch viel
lieber, als sie ihm ohnehin war. Bald freilich trat neben dieser
Hoffnung auch eine gewisse Furcht hervor; sie steigerte sich, als
Christine zu dem Glanz ihrer ländlichen Reize heranwuchs, und erzeugte
das Gefühl und den Humor der Entsagung, dem sich der gute Bursche mit
der halben Lust einer treuen, opferfähigen Seele hingeben konnte.
»Ja, ja,« sagte er dann wohl mit einem Seufzer, »i sig (sehe) scho,
die krieg i net; die ist z'schöa' für mi!« Aber dieses Gefühl konnte
natürlich nicht dauern; nach einiger Zeit kam auch die Hoffnung wieder
und er ermuthigte sich mit der Bemerkung: »Was doh (da)! A Bursch wie
ih kann oh a schöns Weib kriega'; des ist scho oft vorkomma'!« Dann
wich der Ernst aus seinem Gesicht, er wurde herzensvergnügt und that
der Mutter und der Tochter noch eifriger alles zu Liebe. Aber er fand
nicht den Muth, mit Christine von seiner Liebe zu reden.

Die Leserinnen dieser Erzählung haben schon errathen, wo es bei
unserem Freund haperte. War Stand und Vermögen gleich und das Herz
des Liebhabers doch ohne Zuversicht, so mußte es mit der Figur
nicht zum besten bestellt sein. Und das können wir allerdings nicht
leugnen. Hans gehörte unter den ledigen Burschen nicht zu den
Schönen, und auch nicht zu den Lustigen, die sich bei festlichen
Gelegenheiten »recht aufführen« können, auf diese Art den Mangel
besonderer Schönheit decken und den Mädchen ebenfalls in die Augen
stechen. Er war untersetzt und etwas krummbeinig. Seine Arme haben
wir charakterisirt; auf seinen Schultern konnte er ohne Anstrengung
ein »Schahf« (Scheffel) Korn tragen. Sein Gesicht war breiter, als
man's liebt, und die Nase nicht ganz regelmäßig, die Farbe für einen
noch in den Zwanzigen befindlichen Menschen zu braun. Eines war schön
an ihm: seine treu blickenden, braunen Augen. Sie waren sogar sehr
schön und ihr Glanz hatte einen rührenden Reiz, wenn er heimlich in
gutmüthigster Liebe einen Blick auf Sie warf. Nur Schade, daß er dies
immer bloß heimlich that, und wenn er ihr offen ins Gesicht sah, in
den Grenzen einer freundschaftlichen Herzlichkeit blieb, die wohl
einen angenehmen Eindruck macht, aber keinen Zauber ausübt, wie es der
Blick der Leidenschaft vermag. Hätte er sie im rechten Moment einmal
so angesehen, wie er es heimlich zu thun pflegte, dann wäre ihr Herz
vielleicht geschmolzen und ihr Gesicht hätte einen Ausdruck erhalten,
der ihm den Muth gegeben hätte, mit seinem Anliegen hervorzugehen und
die Schöne zu erobern. Dann hätten wir freilich auch unsere Geschichte
nicht schreiben können.

Noch eins war, ich will nicht sagen schön an Hans, aber proportionirt
und nicht zu tadeln: der Mund und seine mannhaften Zähne. Wann er bei
seinen Kameraden im Wirthshaus saß und in der Laune, die das braune
Bier erweckte, gutmüthig über andere und sich selber Spaß machte,
dann umspielte seine Lippen ein humoristisches Lächeln, das ihm sehr
gut stand und dem ganzen Menschen etwas Angenehmes gab. Das Gesicht
glänzte, und sogar die Zähne, die zur Hälfte zwischen den geöffneten
Lippen hervorsahen, schimmerten Heiterkeit. Aber auch in diesem Vorzug
konnte er sich nie vor der Geliebten zeigen. Einmal wollte er eine
lustige Geschichte, die im Wirthshaus großen Beifall gefunden hatte, zu
Hause wieder erzählen. Als aber Christine aufmerksam horchte und nicht
gleich vergnügt aussah, wo nach seiner Ansicht das »G'spässige« der
Geschichte schon begonnen hatte, brachte ihn die Furcht, sein Ziel zu
verfehlen, in Verwirrung; er verpfuschte das Ende und wies ein Gesicht,
das eher geeignet war Mitleiden als Heiterkeit einzuflößen. »'Sischt
doch grad,« sagte er darauf im Kuhstall, den er nach seiner Niederlage
aufgesucht hatte, »als wann's der Deufel g'macht hätt'! Im Wirthshaus
ka'n es, und derhoe'mt (daheim) ka'n es net und stell me a' wie a'n
Esel!« Als ihm hier eine Kuh, die nach Futter verlangte, diesen ihren
Wunsch durch eine Kopfbewegung und einen Blick zu erkennen gab, die er
sogleich verstand, sagte er: »Ja, ja, du sikscht (siehst) g'scheider
drei' und host meaner Segel im Hihra (mehr Grütz im Kopf) als ih!«
Gleichsam um das Vieh für seinen Verstand zu belohnen, gab er ihm etwas
extra. Bei sich selber aber beschloß er fest, seine Geschichten künftig
nur im Wirthshaus zu erzählen.

Sein Gefühl, das so sträubig war, sich in der Gestalt von Worten
zu offenbaren, bewies der gute Hans um so mehr durch Thaten. Die
Wirthschaft besser zu führen, als wenn's seine eigene gewesen wäre,
die Aecker herzurichten wie Gartenland, Korn und Vieh auf dem Markt
zum höchsten Preis zu verkaufen, und im Hause der Geliebten Freude zu
machen durch Erfüllung ihrer Wünsche, die sie entweder aussprach oder
die er ihr an den Augen ansah, das war seine Sache. Im Uebrigen wollte
er -- warten. »'S macht se villeicht amohl von o'gfohr« (von ungefähr),
dachte er und tröstete mit dieser Möglichkeit sein ungewisses Herz.
Sein Zögern hatte auch noch einen Grund, den die Leser ganz vernünftig
finden werden. Eins in's andere gerechnet, war sein Verhältniß zu
Christine für ihn auch jetzt schon eine Quelle von Vergnügen. Mit ihr
die ländlichen Arbeiten zu verrichten, wie die Jahreszeit sie brachte,
das Heu »zusammenzuschlohen« oder das Korn zu sammeln, auf dem Wagen
die Garben von der Gabel zu nehmen, die ihre rüstigen Arme ihm entgegen
streckten, und ihn so schön und gleichmäßig zu laden, daß sie ihn
bewundern mußte; im Winter mit ihr zu dreschen und seinen Flegelschlag
nach dem ihrigen kräftiger »auf dem Tennen« erschallen zu lassen;
Abends mit ihr und der Base zu schwatzen, Rath zu halten über die
Arbeiten des folgenden Tages, über Kauf und Verkauf; namentlich aber,
vom Markt heimgekehrt, ihnen aus dem ledernen Gurt das Geld vorzuzählen
und Lob dafür zu empfangen, daß er wieder so viel gelöst habe -- dieß
und anderes, wie es der Verkehr in einem Haus und Geschäft mit sich
bringt, war für ihn eine Kette von Freuden, Labsal und Trost für alle
Unbilden, die er erfuhr oder im zweifelnden Herzen sich selber anthat.
Sollte er nun das alles auf's Spiel setzen, indem er Christine zum Weib
verlangte und eine abschlägige oder auch nur eine ausweichende Antwort
erhielt? In diesem Fall mußte er das Haus verlassen, oder wenn er
blieb, war ihm die Freude verdorben und jede fernere Werbung untersagt.
Hans -- das haben wir nun hoffentlich schon klar gemacht -- war kein
gewöhnlicher Mensch; er hatte seinen Kopf und sein Ehrgefühl.

Und sie, die schöne Christine? Unstreitig werde ich nicht nöthig haben
den Leserinnen erst noch ernsthaft zu versichern, daß ~sie~ gar
wohl wußte, wie es mit dem Herzen des guten Burschen stand. Wo gäbe
es ein hübsches Mädchen, die hier nicht sogleich Bescheid wüßte?
Ich kann sogar verrathen, daß Christine schon als Fünfzehnjährige,
nachdem sie ihn einmal auf einem gewissen Seitenblick ertappt, von
dem Stand der Dinge gleich eine sehr entschiedene Ahnung hatte. Aber
ein unausgesprochenes Gefühl hat auch für die einfache Schöne das
Gute, daß es zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist. Sie kann ihm
gegenüber ihre Gedanken ebenfalls unausgesprochen lassen und thun, als
ob es nicht existirte, während es schon diplomatische Geistesbildung
erfordert, auch das ausgesprochene Gefühl zu ignoriren. Christine
sah, wie sie den Vetter am Schnürchen hatte, und freute sich darüber.
Es gefiel ihr besonders, daß er so bescheiden war, daß er sie nicht
nöthigte, Ja oder Nein zu sagen, sondern ihr die Freiheit ließ, in
der sie sich immer noch so wohl fühlte. Sie hatte eine Empfindung,
wie sie bekanntlich auch schöne junge Damen haben, die es ebenfalls
höchst reizend finden, eine Zeitlang als erstrebenswerthes Gut zu
glänzen, bevor sie ihre Macht und Freiheit an einen Einzelnen hingeben.
»Den kannst du haben und am Ende glücklich mit ihm leben,« dachte die
gute Christine, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wenn sie sich
vorstellte, wie glücklich sie den Vetter machen könnte, wenn sie ihm
entgegenkäme. »Aber es hat noch Zeit,« rief es dann in ihr; -- »wer
weiß!« --

Aehnlich dachte die Mutter. Daß sie für ihre Tochter einen Mann haben
konnte, brav, in der Arbeit geschickt und in seiner Art vermöglich,
war gut. Aber wer konnte sagen, ob ihrer Christine nicht noch was
Besseres, vielleicht was viel Besseres anstand? »Es hat noch Zeit,«
war darum auch ihr Refrain, wenn sich beide mit einander über diese
Angelegenheit besprachen. Einmal setzte sie hinzu: »Du därfst aber oh
nex thoa', daß 'r verschächt wurd (verscheucht wird)!« Und Christine
antwortete: »Des fällt mer net ei'! Er hätt's oh net om mi verdea't!«
Und sie folgte ihrer Natur und traf in ihrem Sinne das Rechte: sie
bewies gegen Hans eine Freundlichkeit, die seinem Wunsche die Aussicht
auf das Ziel freiließ, ohne sie selber zu verpflichten.

Aus diesen Gründen nannten wir im Eingang unserer Erzählung die drei
Leute glücklich. Hans war es durch seine Liebe, durch seine Herzensgüte
und seine Hoffnung. Mutter und Tochter waren es durch ihre behagliche
Existenz, durch die Ehre, die ihnen widerfuhr, durch die Sicherheit,
die ihnen Hans gewährte, und durch die Macht, die ihnen gegeben schien.
Das Glück des Hans war nun freilich um vieles löblicher, als das seiner
beiden Verwandten; allein ich wünschte doch nicht, daß Christine zu
streng beurtheilt würde. Sie schätzte den Vetter nur, sie liebte ihn
nicht; sollte sie ihm nun entgegenkommen und sich binden ohne Noth? Und
daß die Mutter aus bewußter, die Tochter aus instinktmäßiger Vorsicht
den wackern Burschen für dem Nothfall bewahrt zu sehen wünschten, das
wollen wir zwar nicht bewundernswürdig finden, aber -- aus Galanterie
-- auch für keine Todsünde halten.

Ein solcher Zustand kann nicht dauern, und soll es auch nicht. Die
unentschiedene Seele sieht sich auf einmal in eine Lage versetzt, wo
sie ein bestimmtes Ziel vor sich hat, welches alle ihre Wünsche an sich
reißt. Und nicht nur das Erreichen, auch das Erstreben dieses Ziels
kann das bisherige Glück trüben und alteriren.

Als Christine das achtzehnte Jahr hinter sich hatte, kam, was Hans in
den Stunden der Sorge befürchtete. Es trat ein Nebenbuhler auf.

Im selbigen Winter gab es zwei Hochzeiten, die im Wirthshaus gefeiert
wurden, also zwei Tanzgelegenheiten. Bei der ersten ging Christine
mit Hans und einer Kamerädin auf den »Ansing.« Wie man ohne Zweifel
schon aus seinem ganzen Charakter vermuthet, war das Tanzen die Stärke
des Hans nicht. Er hatte keine Freude daran, er leistete auch nichts
Rechtes darin und bequemte sich darum auch nur höchst selten dazu. An
diesem Ansing tanzte er nur ein paar Reihen, weil ihn Christine in
Folge der Koketterie, mit der hübsche Mädchen bescheidene Liebhaber
zuweilen auch unversehens beglücken wollen, selber dringend dazu
aufgefordert hatte. Nachdem er das Nöthige gethan zu haben glaubte,
bedankte er sich und sagte zu ihr mit gutmüthigem Lächeln, sie möge
sich den Abend nur recht lustig machen, vor ihm habe sie nun Ruhe.
Sie versetzte: »Was schwätscht ietz doh widder! 'S wär' koë Wonder,
i tanzet net geara' mit d'r!« Dann aber gab sie doch vergnügt einem
flinkeren Burschen die Hand, der schon auf sie gelauert hatte. Hans
belohnte sich für seine Anstrengung durch einen tüchtigen Trunk und
stellte sich in eine Ecke, um der Lustbarkeit zuzusehen. Das war ihm
lieber als selber mitzumachen, d. h. wenn Christine tanzte. Er freute
sich auch jetzt wieder, wie schön sie's konnte und wie sie ordentlich
»das G'rihß hatte« (wie man sich um sie riß).

Als später der stattliche Sohn eines reichen Bauern auf den geringern
Burschen, der sie eben im Reihen führte, zuging und zu ihm sagte:
»Komm, loß me oh a weng mit der Christine danza! Du host ietz gmuag
(genug)!« -- sie dann ohne viel Umstände nahm und nach einigen Worten,
die er an sie richtete, strampfte und den Kopf schüttelte, daß das
grünseidene Quästchen auf der Fischotterkappe baumelte, da war Hans im
Namen der Geliebten stolz auf die Ehre, die ihr widerfuhr; denn jener
Bursche war dermalen der »fürnemste« im ganzen Dorf, und der Gute
fühlte sich selbst geschmeichelt, daß so einer sie aufzog und, wie es
schien, das Tanzen mit ihr gar nicht hatte »verwarten« können. Bald sah
er auch, daß der schöne »Hansirg« (Hansjürg) sie wirklich recht gern im
Arm oder an der Hand haben mußte. Er tanzte lange mit ihr, so lange,
bis ihr die Schweißtropfen an der Schläfe standen und über die rothen
Backen herunterperlten. Dann führte er sie zu einem Trunk in die Stube.

Alles das war in der Ordnung und wurde von Hans auch durchaus so
gefunden. Als aber beide nicht lange nachher wieder mit einander
herauskamen, um sich herumzudrehen, da freute er sich plötzlich nicht
mehr. Er sah, wie der Bursche schon mit einer gewissen Vertrautheit
sprach, dabei ganz eigenthümliche Augen machte und die Stimme dämpfte,
so daß er seine Worte nicht verstehen konnte, und das Blut stieg ihm
in's Gesicht. Er mußte sich alle Mühe geben, sich nichts »anmerken«
zu lassen; und um dieß besser zu können, ging er in die Stube, setzte
sich an seinen Tisch und fing ein Gespräch an. Früher, als er glaubte,
kam Christine zurück und sagte zu ihm und zu der Kamerädin: »So, nun
will ich ausschnaufen, nachher gehn wir heim; für heut ist's gnug!«
Ein Stein fiel dem guten Burschen vom Herzen. Er wußte nicht, daß der
»Fürneme« in seiner plötzlichen Zärtlichkeit etwas zu weit gegangen,
Christine böse geworden war und sich ihm entzogen hatte, d. h. daß die
Sache für ihn, den Hans, immer noch sehr gefährlich stand.

Die zweite Hochzeit folgte wenige Wochen darauf. Christine war entfernt
mit der Braut, der reiche Bauernsohn mit dem Bräutigam verwandt, und
beide gingen als Gäste auf die Hochzeit. Durch die Miene des Trutzens,
die Christine gegen ihn annahm und in der sie ihm noch viel schöner
vorkam als letzthin, wurde der Bursche auf's neue gereizt. Er bat sich
mit höflicher Miene ein paar Reihen aus, und sie konnte es ihm nicht
abschlagen. Während des Tanzes fand er Gelegenheit, sie zu besänftigen
und Vergebung zu erhalten. Er war voll Freude, setzte sich in der Stube
neben sie, ließ eine Flasche Wein kommen, trank und »juxte« (jauchzte),
tanzte wieder, und so gings mit wenigen Unterbrechungen fort bis zum
»Obedmohl.« Bedenken wir, daß dieser Bursche, abgesehen von dem Reiz,
den er als der Sohn des vielleicht wohlhabendsten Bauern im Dorfe
hatte, hübsch, hochgewachsen, geschickt und ein vortrefflicher Tänzer
war, daß seine Zärtlichkeit ihm von Herzen ging und die Schmeicheleien
aus seinem Munde für Christine etwas außerordentlich Wohlklingendes
hatten, so werden wir es natürlich finden, daß das Herz des Mädchens
nach und nach erweicht wurde und eine Hoffnung in ihr aufflammte, die
sie berauschte. In dieser Hoffnung, in der süßen Aufregung ihres Innern
wurde sie so schön, daß das Herz auch des Burschen völlig schmolz und
er sich förmlich in sie verliebte.

Nach dem Mahl begab sich Christine nach Haus. Sie fühlte, daß es
für heute genug sei, ging nicht mehr auf den Ansing und vertraute
ihre Tageserlebnisse mit Auswahl der Mutter. Der junge Bauer blieb,
theilte im Rausch der Liebe und des Weins sein Glück einem Kameraden,
dem Bruder der Hochzeiterin, mit, schwur, daß er keine andere möge
als Christine, und daß er sie heirathen werde. Als der Kamerad ihn
an den Stolz seines Vaters erinnerte, entgegnete der Verliebte, sein
Vater habe ihm nichts zu sagen, was ~er~ wolle, müsse geschehen.
Christine bekomme so viel wie manche Bauerntochter und ihre Schönheit
sei nochmal so viel werth. Wenn er auch reichere haben könnte, auf's
Geld sehe er nicht, das kriege er selber genug. Sein Vater solle ihm
nur kommen -- Himmel-Kreuz-Tausend -- er werde es ihm schon sagen u. s.
w.

Auch der andere Morgen, das Getöppel der Seinigen, die sein gestriges
Benehmen für ein Plaisir ansahen, das er sich gemacht, auch das ruhige
Bedenken der Verhältnisse kühlte seine Glut nicht. Er hatte sich den
Gedanken in den Kopf gesetzt, und ein Mann wie er mußte seine Sache
durchführen. Am folgenden Sonntag nach dem Essen kehrte er unerwartet
mit dem Kameraden bei Christines Mutter ein. Hans hatte schon munkeln
hören und war in trüber Stimmung. Als die beiden stattlichen Bursche
in die Stube traten, sah er sie mit einem Gesicht an, auf dem kein
Willkommen zu lesen war. Und wie er nun die Freude sah, mit der die
Base und Christine die Gäste empfingen, die Geschäftigkeit, womit
sogleich in's Wirthshaus nach braunem Bier geschickt wurde und die Base
sogar Kaffee machen wollte -- in einem Hause, wo immer nur Milchsuppe
gefrühstückt und der Kaffee nur bei den seltensten Feierlichkeiten
aufgetischt wurde -- da gab es ihm einen Stich in's Herz. Er fühlte,
wie wenig er zu der Gesellschaft paßte, und schützte einen nothwendigen
Gang vor, um aus dem Hause zu kommen. -- Als er Nachts zurückkehrte,
war der Besuch natürlich fort, aber der Schein des Glücks, das er
gebracht hatte, glänzte noch auf den Gesichtern der beiden Weiber.
Christine sah wohl, daß ihre Freude dem guten Hans wehe that; sie
bedauerte es, aber sie konnte sich nicht helfen und den Strom ihres
Triumphgefühls nicht zurückhalten. Sie erblickte sich schon als eine
der ersten Bäuerinnen im Ries und ihr sonst so gesunder Schlaf wurde
mehrmals durch den süßen Tumult ihres Herzens unterbrochen.

Damit war's aber auch zu Ende. Der Vater des Burschen erhielt von dem
Besuch und dem wesentlichen Inhalt des gepflogenen Raths Kunde, und es
folgte nun zwischen beiden ein Auftritt, in welchem der prahlerische
Liebhaber gar bald den kürzeren zog. Der Alte entwickelte einen Zorn
und eine Machtvollkommenheit, wovor der Bursche sich verkriechen mußte.
Was der Wüthende forderte, wurde mit »ja, ja, i will's ja!« zugesagt
-- und in kurzem hieß es: »des Moürs (Maierbauers) Hansirg hat mit der
einzigen Tochter des reichen Bachbauers von ** Heirathstag gehalten.«

Christine war tief beschämt. Es ging die ersten Tage nicht ohne
Vergießung vieler Thränen ab. Allein ihr Temperament und ihr ganzes
Wesen war nicht von der Art, daß sich darum ein Gram in ihr befestigen
und an ihr zehren konnte. Da der Ungetreue noch dazu aus dem Dorf weg
heirathete, so hatte sie, auf gut ländlich, den Traum der Liebe und des
Ehrgeizes in wenigen Wochen vergessen.

Hans hatte seit jenem Sonntag ein Betragen angenommen, das er eine
Zeitlang unverändert festhielt. Er ging äußerlich ruhig seinem Geschäft
nach, beschränkte seinen Verkehr mit Christine und der Base auf das
Nothwendigste, machte ein gleichmäßig ernsthaftes Gesicht und suchte
zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Nachdem die Verlobung des
Nebenbuhlers bekannt geworden, zeigte er (wer ihn begriffen, sagt
sich das von selber) keine Schadenfreude. Er hatte diese nicht etwa
zurückzudrängen, sondern die eigentlich so zu nennende empfand er
gar nicht. Er bedauerte die Beschämte vielmehr, ging ihr aus dem
Weg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, und überließ sie ihrer
Traurigkeit. Als sie nach einigen Tagen schon um vieles getrösteter
aussah, gab er seiner Stimme im Gespräch mit ihr unwillkürlich einen
freundschaftlicheren Klang, um sie gewiß zu machen, daß er nicht böse
sei, und ihre Beruhigung, so weit es von ihm abhing, zu fördern.
Aber weiter ging er nicht. Es hatte ihn doch recht »verdschmohcht«
(verdrossen), daß sich die schöne Christine dem Bauernsohn mir nichts
dir nichts an den Hals geworfen und sich angestellt, als ob er, der
Hans, gar nicht mehr auf der Welt wäre. Er wollte sein Herz von nun
an nicht mehr an ein Mädchen hängen, die von ihm nichts wollte --
Christine sollte durch nichts mehr daran erinnert werden, daß er sie
jemals gern gehabt habe.

Diese guten Vorsätze wurden im Ausgang des Winters gefaßt. Im Sommer
stand das Verhältniß unseres wackern Freundes wieder so ziemlich auf
dem alten Fleck, ja es war im Begriff weiter zu gedeihen. -- Christine
hatte zwischen Hans und dem Ungetreuen Vergleichungen angestellt, und
es war ihr zum erstenmal klar geworden, daß Treue und Zuverlässigkeit
etwas seien, wovor man Respekt haben müsse. Das frühere Benehmen des
Vetters erschien ihr jetzt nicht mehr als ein Gegenstand herablassenden
Spiels, im Gegentheil, sie hatte dabei ganz ernsthafte Gedanken. Und
wenn sich nun ~er~ zurückhielt und gar nicht mehr dergleichen
thun wollte, so -- kam sie ihm selber entgegen; allerdings nur mit
einer gewissen Vorsicht. Sie offenbarte in ihrem ganzen Wesen nur mehr
Achtung und Freundschaft und der Ton ihrer Stimme erhielt nur eine
herzlichere Färbung. Zuweilen aber, wenn er im Geschäft etwas recht gut
gemacht hatte, warf sie mit ihren graublauen Augen ihm einen Blick zu,
dessen Dankbarkeit auch ein Unparteiischer durch eine bedeutende Zugabe
von Zärtlichkeit verstärkt gesehen hätte. Dem widerstehe ein liebendes
Herz, und obendrein ein großmüthiges! Hans ließ sich Schritt für
Schritt wieder zurückführen in die angenehme Gefangenschaft. Er kostete
nun seinerseits einen gewissen Triumph, wiegte sich in frohen Momenten
stolz im Gefühl der Macht und gab sich einer Sicherheit hin, die nur
zuweilen durch die Einwürfe der Bescheidenheit unterbrochen wurde. Dann
prüfte er wieder, hielt wieder an sich -- und Christine kam ihm einen
Schritt weiter entgegen. Die treue Seele war über die Maßen vergnügt;
aber dieses Vergnügen that ihm gar zu wohl, und ihm war, als müßte er
es vorläufig dabei lassen.

Der Verkehr der drei Leute nahm einen Charakter an, dessen reine
Fröhlichkeit jeden theilnehmenden Beobachter erquickt hätte. Man
scherzte und neckte sich; dem Vetter gelang es jetzt, der Schönen
lustige Geschichten, namentlich wenn sie kurz waren, ohne Anstoß zu
erzählen und sein Gesicht dabei durch jenes humoristische Lächeln
zu erhellen, das ihm so gut ließ. Das Dorf war über ihr Verhältniß
im Reinen, und wenn es geheißen hätte: Christine wird ihren Vetter
heirathen, so hätte sich kein Mensch darüber gewundert. Hans wurde
nun von seinen Kameraden mit ihr aufgezogen und gelegentlich ermahnt,
einmal ein Ende zu machen, damit man bald wieder eine lustige Hochzeit
bekäme. Und jetzt, in den Tagen des Herbstes, faßte er ernstlich den
Entschluß, ihr seine Herzensmeinung zu sagen. Er verschob indessen die
Ausführung von einem Tag zum andern. War es das Gefühl, daß Eile nicht
nöthig sei und Christine ihm doch nicht entgehen könne? oder war der
Geist des Zweifels wieder über ihn gekommen, oder vermochte er nur
nicht über die Anrede mit sich einig zu werden und wartete auf eine
Gelegenheit, wo sie sich von selber machte? Sei dem wie ihm wolle -- er
zauderte.

Da trat auf einmal ein Nebenbuhler auf, der noch gefährlicher war, als
der erste, und in kurzer Zeit die Hoffnungen des Guten zertrümmerte.


                                  II.

Der Nebenbuhler des Hans war der neue Lehrer, der den bisherigen in
der Dorfschule ersetzte. Der alte war im Ausgang des Sommers an eine
andere Stelle befördert worden, die jährlich um zwanzig volle Gulden
mehr trug. Der neue, ein geborner Rieser, im Seminar erzogen und als
mehrjähriger Gehülfe praktisch gebildet, übernahm sein Amt im Oktober.

Friedrich Forstner -- so hieß der junge Mann -- war kaum vierzehn Tage
im Dorf, als er schon die meisten Herzen gewonnen hatte. Ein Theil
erinnerte an das »neue Besen kehren gut« und wollte erst sehen, wie
er sich halte. Nur wenige alte Murrköpfe oder junge Eifersüchtige
erklärten ihn für einen »Windbeutel.« -- Der Contrast zwischen ihm und
dem bisherigen Lehrer war freilich sehr stark.

Der alte war seines Zeichens ursprünglich ein Weber, und, wie man
annehmen muß, an seine Stelle gekommen in Ermangelung eines Bessern.
Eine lange, hagere Gestalt mit kleinem Kopf und dünner Nase, von
der man sogleich auf einen charakteristisch näselnden Ton der Stimme
schließen konnte. Gutmüthig bis zu einem gewissen Grad, wurde er an
Einfalt nur von Einem seiner damaligen Collegen übertroffen. Indem er
zur Nothdurft lesen, schreiben und rechnen lehrte, genügte er dennoch.
Seine Hauptthätigkeit bestand im Abhören dessen, was die Kinder,
entweder von ihm aufgegeben oder freiwillig, auswendig gelernt hatten.
Diese Kunst war für einen Mann, der Gedrucktes lesen konnte, nicht
schwer, und da die »Schulfrau« (die Gattin des Lehrers) dies auch
verstand, so vermochte sie ganz gut für ihn Schule zu halten, wenn er
über Land gegangen war oder irgend ein dringendes Geschäft abzumachen
hatte. In einem Zweige der Pädagogik war der würdige Repräsentant der
guten alten Zeit Virtuos -- in Führung des Haselstocks. Wenn die Buben
oder keckeren Mädchen schwatzten und »bätschten,« d. h. Tauschgeschäfte
machten, was namentlich mit »Helgen«[2] zu geschehen pflegte; wenn
sie, zum Sprechen aufgefordert, dem Befehl nicht nachkommen konnten,
weil sie zu heimlichem Genuß eben Brod oder Obst in den Mund gesteckt
hatten; wenn sie statt das Auswendiggelernte ohne Anstoß »herzubeten,«
»gatzten« (stotterten) und nicht mehr weiter konnten, dann schwang
er, besonders wenn er schon vorher in gereizter Stimmung war, den
gefürchteten Stock mit einer Fertigkeit auf Achseln und Rücken
des Schuldigen, daß es eine Freude war zuzusehen. Und mit jener
Befriedigung, die man nach Ausübung einer Kunst empfindet, in der man
sich Meister weiß, legte er, während der getroffene Schlingel heulte,
das Instrument wieder bei Seite.

In den größten Zorn konnte der Mann gerathen, wenn er fand, daß ein
Schüler seine »Lection« übersprungen hatte. Damit verhielt es sich
so. Vielleicht um sich auch die Mühe des Aufgebens zu ersparen, oder
berücksichtigend, daß nicht einer ein so gutes »G'merk« (Gedächtniß)
habe wie der andere, stellte er es den Kindern anheim, aus Luthers
kleinem und großem Katechismus nach Oettingscher Einrichtung von vorne
beginnend auswendig zu lernen, so viel ihnen gutdünkte, indem er
dann abhörte, was sie ihm als gelernt bezeichnet hatten. Wie nun der
Ehrgeiz aus keinem Winkel der Erde zu verbannen ist, so lernten auch
die Schüler tüchtig; denn es galt die Erlangung des Ruhms, von allen
zuerst mit den sämmtlichen zweiundfünfzig »Lezgen« oder Lectionen des
großen Lutherischen Katechismus fertig geworden zu sein. Hie und da
besaß einer der geistreicheren Jungen viel Ehrgeiz, aber sehr wenig
Lernbegierde; was war natürlicher, als daß er nun gelegentlich einige
Lectionen überhüpfte? Manchmal gelang der Betrug, wenn auch die
Mitschüler nichts gewahr wurden oder so gute Kameraden waren, daß sie
schwiegen. Wenn aber der Lehrer selber stutzte, oder irgend ein Schelm
ihn durch Lachen aufmerksam machte, oder ein Verräther geradezu rief:
»Herr Schullehrer, der überhupft!« -- dann gerieth der Getäuschte in
eine schwer zu beschreibende Wuth, und die Streiche des Haselstocks
regneten auf den entlarvten Betrüger. Diesem blieb nichts übrig, als
die Schläge trotzend oder schreiend hinzunehmen und nach Umständen
außer der Schule den Verräther durchzuprügeln, was meistentheils
geschah, da der unternehmende Bursche in der Regel kräftig und gewandt,
der »Batscher« (Plauderer) schwach und feig zu sein pflegt.

So hielt der alte Lehrer Schule. In ähnlicher Weise kam er auch den
Pflichten eines Küsters, Organisten und Vorsängers nach, nämlich
immer in einer gewissen Entfernung. Für die Bauern war er doch »kein
unebener Mann.« Da er, mit einer Anzahl von Kindern gesegnet, »nothig«
und geschenkbedürftig war, so befleißigte er sich den Wohlhabenden
gegenüber stets der gebührenden Höflichkeit. Er war dienstwillig, und
wenn ein Vater anfragen ließ, ob sein Bube heute nicht »aus der Schule
bleiben« könnte, so nahm er es mit dem vorgeschützten Grunde niemals
genau. Sogar das Verlangen, den Haselstock zu führen, so mächtig es
in ihm war, konnte er »aus Rücksichten« bemeistern. Die »gestandenen«
Bauern fühlten sich in keiner Weise unter ihm. Er trug sich städtisch,
aber der städtische Anzug war das Produkt des Dorfschneiders und nicht
geeignet, neben der Rieser Tracht den Anblick von etwas Feinerem zu
gewähren. Er sprach ein wenig hochdeutsch; aber jeder Andere glaubte
in der ächten Rieser Sprache etwas Gescheidteres sagen zu könnnen. So
flößte er in keiner Art Respekt ein. Darum war es aber gerade commod
mit ihm umzugehen, und das ist eine Eigenschaft, die auch im Dorfe
Beifall und Gunst findet.

Friedrich Forstner war seiner ganzen Erscheinung nach das, was der
Rieser Bauer einen »Herrn« nennt. Mittelgroß, zierlich gebaut, sah
er in seiner einfachen, aber wohlgefertigten Kleidung nett, beinahe
elegant aus. Als ein aufgeweckter Kopf und von Natur anstellig zu
Allem, hatte er im Seminar eine nicht gewöhnliche Summe von Kenntnissen
erlangt; als Gehülfe in Dorf und Stadt hatte er die Klugheit
ausgebildet, die Niemand lästig wird und sich spielend nach den
Umständen zu richten weiß. Er sang hübsch, verstand mehrere Instrumente
und war ein vortrefflicher Gesellschafter.

Gleich bei seinem Einzug hatten die Glieder der Gemeindeverwaltung und
andere Männer, die mit ihm zusammen kamen, eine eigene Empfindung.
Forstner ließ es durchaus nicht an Höflichkeit fehlen, aber sie,
anstatt die Artigkeiten, wie bei seinem Vorgänger, wohlgefällig
hinzunehmen und nur kurz zu danken, fühlten sich unwillkürlich
getrieben, sie zu überbieten. Der junge Mann erwiederte bescheiden,
schlug mit Gewandtheit einen vertraulichen Ton an und wußte es zu
machen, daß die Bauern ihren Respekt behielten, ohne dadurch genirt zu
sein, ein Gefühl, das ihnen ganz neu war. Als der zeitige Ortsvorsteher
nach Haus kam, sagte er zu seinem Weib: »Höer du! der nui (neue)
Schulmoëster ist a fei's Mändle!«

Eine ähnliche Erfahrung machten die Schulkinder. Forstner hielt bei
seinem Auftritt eine Anrede an sie, und es war den meisten, als ob
sie das, was er sagte, verständen! Als die Eltern zu Hause fragten,
wie's gegangen sei, wußten sie sogar von dem Gehörten etwas wieder zu
erzählen und es einigermaßen zu expliciren! Am andern Tag fand eine
Aufmerksamkeit statt, wie sie die Wände der Schulstube nie gesehen
hatten. Bei einem entstandenen Lärm genügte ein Zuruf und ein Blick des
Lehrers, um zwei in Streit gerathene Buben augenblicklich verstummen
zu machen; und wie später einer mit seinem Nachbar schwatzen wollte,
stieß ihn dieser, anstatt auf das Vergnügen des »Blieselns« einzugehen,
mit dem Ellbogen in die Seite und rief mit gedämpfter Stimme ärgerlich:
»Halt's Maul!« -- Nach dem vierten Tage erlebten die Eltern etwas
Unerhörtes: die Kinder wollten nicht mehr aus der Schule bleiben! Ein
Söldner brauchte seinen zehnjährigen Sohn bei einer Arbeit und wollte
ihn zu Hause behalten; das Bürschchen widersprach, und als das nichts
half, begann es zu »flannen« (flennen). So lange das Dorf stand, der
erste Fall dieser Art.

Um diese Zeit begegneten sich drei Bauern auf der Gasse. »Was isch
denn mit deana' Kinder (diesen Kindern) iatz?«, begann der erste; »die
deant (thun) ja wie narret!« -- »'Sischt wärle wohr« (wahrlich wahr),
versetzte der andere; »der nui Schulmoëster hot's ganz verhext.« --
»No, no,« sagte der dritte, »'sist ja rehcht, wann's geara' en d'Schuel
gont« (gehen). -- »Des scho',« erwiederte der erste; »aber überstudiert
soll er's net macha', des paßt se net für Baura'.« -- »Ueberstudiert,«
entgegnete der dritte, »weara's no lahng net, wann's meaner (mehr)
learna', als beim alda'. Semmer (seien wir) froa', daß mer dean loas
send ond 'n bessera' hont« (haben). -- So behielt die Gunst auch hier
das letzte Wort.

Dem Talent des neuen Lehrers gelang es sogar, die Sonntagsschüler zu
gewinnen, mit Ausnahme nur weniger Burschen, die schon im achtzehnten
Jahre standen und durch nichts mit dem Gedanken versöhnt werden
konnten, sich von einem Menschen, der nur etliche Jahre älter war als
sie, noch etwas sagen lassen zu müssen. Am zweiten Feiertag fing eine
und die andere Jungfrau schon an, sich etwas besser zu putzen und dabei
anmuthig zu lächeln und ein wenig zu erröthen. Es trat ein Eifer des
Schulbesuchs ein, den bisher niemand wahrgenommen hatte und der zu
vielen guten und schlechten Späßen Anlaß gab.

Zuletzt eroberte Forstner auch die Bauern in der Wirthsstube. Er setzte
sich kameradschaftlich zu ihnen, ließ sich von ihnen über ökonomische
Verhältnisse und Einrichtungen des Dorfes belehren, beantwortete die
Fragen der Neu- und Wißbegierde, gab jedem seine Ehre und lieferte das
feinste und beste Salz zu den lustigen und satyrischen Gesprächen. --
So hallte in kurzem das ganze Dorf von seinem Lobe wieder. Mit wenigen
Ausnahmen sangen es Männer und Weiber, Mädchen und Bursche, Kinder
und Greise. Es kam so weit, daß hie und da ein wohlgesinnter, aber
maßhaltender Mann ärgerlich ausrief: »Ietz hab' i aber gnuag von uirem
(eurem) Schulmoëster, und bitt mer'n andern Diskursch aus.«

Das meiste Glück machte der hübsche, junge Pädagog freilich bei den
Mädchen des Dorfes, obwohl gerade diejenigen, denen er am meisten
gefiel, es am wenigsten Wort haben wollten. Alle, sogar die Tochter des
Wirths und die Töchter der reichsten Bauern, suchten dem »netten Mann«
zu gefallen. Forstner war Verehrer und Kenner des schönen Geschlechts
und mit Vergnügen galant; er konnte gar so freundlich »guten Tag«
sagen, und manche, die sich für schön hielt, schwenkte sich nun bloß zu
dem Ende an ihm vorbei, um von ihm bemerkt und gegrüßt zu werden.

Drei aus der Klasse derjenigen, die es für ein Glück halten konnten,
»Schulfrau« zu werden, hatten ernsthafte Absichten auf ihn. Man würde
sich irren, wenn man glauben wollte, Forstner, der so sehr gefiel,
hätte nun auch unter allen Dorfmädchen die Wahl gehabt, in der Meinung
etwa, daß ein im Seminar erzogener, mit den Gebildeten der Umgegend
verkehrender, im Dorf als »Herr« geehrter junger Man für die Phantasie
auch des wohlhabenden Bauers etwas Unwiderstehliches besitzen müßte.
Dem wohlhabenden Bauer flößen derartige Vorzüge den hier allein
entscheidenden Respekt nicht ein; er gibt dem »Herrn Lehrer« die
Ehre, behält aber seine Tochter. Der Bauer verlangt vor Allem, daß
sein künftiger Schwiegersohn ein eigenes Haus besitze; eine Existenz
ohne dieses scheint ihm sehr luftig, und wenn man ihm einen hauslosen
Schullehrer anträgt, dann kann er befremdet, ja entrüstet fragen:
»Soll i mei' Tochter auf d'Gaß naus heiricha' (heirathen) lossa'?« --
Und nicht nur die Eltern, auch die Tochter würde sich in der Regel
nicht mit dem Gedanken befreunden, die Frau eines Mannes zu werden,
der jährlich nur zwei bis dreihundert Gulden Einnahme hat, »alles
kohfa'« (kaufen) und von den Bauern Geschenke annehmen muß. Der Bauer
ist stolz darauf, in seiner Art Herr zu sein, d. h. auf tüchtigem Gute
thätig und behaglich zu leben und seine Töchter wieder an Bauern oder
an Wirthe, Müller und ausnahmsweise an wohlgesessene Handwerker der
umliegenden Städte zu verheirathen, die selbst einige Oekonomie haben.
So räth es ihm die Sitte und die Lebenserfahrung, und diesen folgt er.
Etwas anderes ist es mit dem besser gestellten Söldner, dem dörflichen
Handwerker, und allenfalls auch dem verschuldeten Bauer. Diese können
es für eine Ehre halten, wenn der Lehrer des Dorfs ihr Schwiegersohn
zu werden wünscht. Sein Einkommen entspricht hier dem Heirathsgut der
Tochter, und auch in den Augen des verschuldeten Bauers würde die
Schattenseite des Lehrerstandes durch die Lichtseite wieder aufgewogen.

Aus dieser Schichte der dörflichen Gesellschaft waren denn auch
die drei Mädchen, die es lüstete, die Hand des hübschen Mannes
davonzureißen. Sie gaben sich gewaltig Mühe, und eine davon hoffte
schon zu triumphiren. Sie hatte die betagte Mutter Forstners, die ihm
Haus hielt, wiederholt im Sonntagsstaat besucht und ihr -- was man sagt
-- »mit dem Holzschlägel gewinkt;« und da sie überdieß von den dreien
die reichste war, so glaubte sie nicht, daß es ihr fehlen könne. Indeß,
ein paar Tage später, und sie mußte hören, der Herr Forstner habe ein
Auge auf die schöne Christine geworfen. Eine Woche später, und auch sie
mußte sich von der Wahrheit dieses Gerüchts überzeugen, das nun in die
Reihe offenkundiger Thatsachen eintrat.

Die Mutter Forstners war mit der Wittwe Glauning verwandt; allerdings
sehr entfernt, doch das verhinderte die Glauning nicht, die Mutter des
Herrn Lehrers als Frau Base zu begrüßen und denselben Titel von ihr
zu empfangen. So war zwischen den Familien gleich in der ersten Zeit
ein Verhältniß hergestellt. Der junge Mann fand Christine hübsch, aber
in der geschäftigen Zeit der ersten Einrichtung, der Amtspflichten,
des Besuchmachens u. s. w. konnte er die Bekanntschaft nicht weiter
pflegen. Als er in seinem Neste warm saß, die Arbeiten ihren Gang
gingen und ihm freie Zeit übrig ließen, empfand er ein Verlangen, sie
wieder zu sehen; er folgte dem unbestimmten Drang und kehrte an einem
festtäglichen Abend in ihrem Hause ein. Als er sie sah im Sonntagsputz,
vom Schein der Ampel beleuchtet, mit ruhiger, aber herzlicher
Heiterkeit zu seinen Artigkeiten lächelnd, fühlte er sich getroffen.
Die unverdorbene, schöne Sinnlichkeit machte einen reizenden Eindruck
auf ihn, und er mußte sich sagen, daß in ihrem Wesen noch etwas liege,
das sie höher stellte, als ihre Gespielen. Er kam sehr eingenommen, in
merklicher Aufregung nach Hause und rühmte sie der Mutter in starken
Ausdrücken. Diese erwiederte sofort: »Weißt du, was ich mir schon
gedacht hab'? Das wär' eine Frau für dich.« -- »Frau?« erwiederte er
in einem Ton, der den Skrupel des »Gebildeten« ausdrückte. »Ja, Frau!«
versetzte die Mutter. »Die Glauningin wird ihre viertausend Gulden
Vermögen haben; Christine ist hübsch, wacker, versteht alle Arbeit
und paßt sich besser für dich, als so eine Städterin, die nichts als
Kleider mitbrächte.« -- »Aber man sagt ja, der Bursch da, der Hans,
wolle sie heirathen.« -- »Ausgemacht ist noch nichts,« bemerkte die
Mutter, »das weiß ich. Und so Einen,« setzte sie mit einem etwas eiteln
Blick auf den Sohn hinzu, »so Einen wirst du wohl nicht fürchten?« --
»Wir wollen sehen,« erwiederte Forstner nachdenklich.

Der Keim, den die Mutter ihm in die Seele gesenkt hatte, gedieh und
entwickelte sich. Am nächsten freien Abend fühlte er eine lebhafte
Begierde, den Besuch bei der Glauning zu wiederholen. Er legte den Weg
vom Schulhaus zu ihr mit raschen Tritten zurück, und das freundliche
Gesicht des Mädchens glänzte ihm entgegen wie der Vollmond. Wir haben
es schon angedeutet: Forstner war das, was man einen »Liebhaber des
schönen Geschlechts« nennt. Seine Freude an hübschen Gestalten dürfen
wir vielleicht ~poetisch~ nennen, in so fern dieses Wort ein fein
sinnliches und phantastisches Wohlgefallen ausdrückt. Die Empfindung
war so schön und so reizend! -- und er gab sich ihr nun, wo es die
Klugheit nicht widerrieth, ohne weitere Skrupel hin. Bei Christine
riethen ihm Neigung und Klugheit, für's erste nur den Galanten, den
heitern Liebhaber zu spielen. Er wollte das hübsche Mädchen umschwärmen
wie ein Schmetterling und hier vor allem die sinnlich romantische
Lust finden, die er suchte; er wollte sie bezaubern, den bäurischen
»Tölpel,« für den ein solches Mädchen wahrlich nicht geschaffen
war, verdrängen und sich zum Gebieter ihres Herzens machen, dann --
überlegen, ob und wann er sie zu seiner Frau machen könne.

Als er, von der Wittwe mit besonderem Eifer und schon mit einem eigenen
Blick empfangen, Platz genommen hatte, setzten sich auch Mutter
und Tochter wieder zum Spinnen. Forstner entwickelte sogleich seine
Unterhaltungskunst, und sein angebornes Talent und die Begierde, zu
gefallen, ließen ihn Scherzreden führen und Geschichten erzählen, wie
sie dem Bildungsstand der Zuhörerinnen entsprachen und nothwendig
belustigen mußten. Er wußte einer Geschichte ungezwungen eine für
Christine schmeichelhafte Wendung zu geben, und nicht nur herzliches
Lachen, sondern auch ein beglücktes Erröthen und ein im Abwehren
dankbarer Blick war sein Lohn. Forstner besaß eine Gewandtheit mit
hübschen Mädchen umzugehen, von der sich ein ehrlicher Bauernbursche
nichts träumen läßt. Der Bauer unterhält und schmeichelt im
Lapidarstyl, die niedliche Currentschrift mit zierlichen Schnörkeln
ist nicht seine Sache. Unser junger Mann war aber gerade hierin stark,
und er gab diesen Abend gleich eine Probe davon. Er bewunderte die
Kunst des Spinnens, worin Christine in der That sich auszeichnete, und
behauptete dann, er hätte es auch einmal zu lernen versucht und möchte
wohl sehen, ob's noch ginge. Natürlich lud ihn das fröhliche Mädchen
ein, es zu versuchen. Er setzte sich zum Rocken und es ging hinlänglich
schlecht; Christine lachte, zeigte es ihm, er versuchte es wieder,
und das alles bewirkte unter großem Vergnügen rasche Vertraulichkeit.
Nachdem dieses Mittel erschöpft war, erklärte Forstner, er wolle neben
einer solchen Meisterin nicht länger den Pfuscher spielen und lieber
ein anderes Geschäft treiben, das sich besser für ihn schicke. Er
setzte sich neben sie und machte sich's zur Aufgabe, ihr die »Aga'«
(Flachsabfälle beim Spinnen) von der Schürze zu schütteln. Und während
er die mündliche Unterhaltung fortsetzte, that er dieß gelegentlich
so nett und lustig, daß man's ihm nicht übelnehmen und nur lachend
Abwehrungsversuche machen konnte. Es stand ihm eben alles an, und er
konnte mehr wagen als ein Bauernbursche, weil er es zierlich machte
und in den Grenzen des Scherzes blieb. Als er endlich Abschied nahm,
erklärten Mutter und Tochter, so vergnügt wären sie lange nicht
gewesen, und er solle doch ja bald wieder die Ehr' geben.

Und Forstner kam wieder und wieder. Ihm ward so wohl in der warmen
Stube bei dem hübschen Mädchen und der gefälligen, heiter blickenden
Mutter. Draußen wirbelte der Schnee und sauste der Wind, drinnen
schnurrten die Räder und tickte die Wanduhr, und unter dieser
Begleitung ging das Spiel der Unterhaltung fort und gipfelte hie und da
in einem Terzett hellen Gelächters. Alle drei hatten im eigentlichen
Verstande eine poetische Empfindung. Mutter und Tochter sagten sich
dieß nicht, denn sie kannten das Wort nicht; aber Forstner sagte sich's
und schwelgte in seinen Gefühlen. Welchen Reiz übte Christine auf
ihn! die in ihrer Art vollkommene Gestalt, durch Fröhlichkeit erhellt
und verklärt, die sinnliche Fülle in ihrer schönsten Blüthe und im
reichsten Glanze des Glücks! -- Und dieses Mädchen war ihm gewogen und
wurde es immer mehr. Zu ihm neigte sie sich -- ein Wort von ihm, und
sie lag in seinen Armen. Welch süßes und stolzes Gefühl -- das Gefühl
der Macht über ein so liebenswürdiges Geschöpf! Nun hielt er beim
Abschiednehmen die Hand in der seinen und drückte sie, und dies wurde
mit Erröthen geduldet und erwiedert. Lieb war ihm da der Wind und der
herabwirbelnde Schnee, die seine glühende Wange auf dem Heimweg
kühlten.

Wir dürfen Christine nicht schwächer erscheinen lassen, als sie in
der That war. Sie ließ sich nicht ohne Weiteres gewinnen und dem
Vetter abwendig machen. Zuerst ahnte sie nichts und hatte gegen
Forstner nur das Gefühl der Dankbarkeit, weil er so freundlich und so
»unterhaltlich« war. Sie verliebte sich nicht in seine nette Gestalt,
wie jene drei andern, eben darum war sie auch nicht auf ihrer Hut und
ließ sich gehen -- und so verstrickte sie sich. Es gab in der ersten
Zeit einen Moment, wo die Wage für Hans und Forstner noch gleich stand.
Hätte jener seinen Antrag gemacht, vielleicht hätte der ehrliche
Freiersmann den bloßen Liebhaber (als mehr erschien Forstner bis dahin
noch nicht) aus dem Felde geschlagen. Aber während dieser dafür sorgte,
sein Gewicht zu vermehren, handelte der Ehrliche so, daß seine Schale
immer leichter werden mußte.

Hans hatte nie zu denen gehört, die den neuen Lehrer ohne Klausel
bewunderten. Gleich nach dem ersten Zusammentreffen mit ihm hielt er
ihn für einen Menschen, der ihm zu schlau dreinsehe und dem nicht zu
trauen sei. Bei dem ersten Besuch Forstners im Haus der Base hatte
indeß auch er noch kein Arg. Er stimmte von der Ofenbank, auf der er
saß, ein paarmal herzlich in das Gelächter der Weiber mit ein. Als
aber der Gewandte seine Künste begann, hatte der wackere Hans ein
unbehagliches Gefühl. Er erklärte ihn zuerst nur bei sich für einen
»öaden« (faden) Menschen, der ihm recht »auf d'Weibsbilder aus« zu sein
scheine und mit dem sich ein ordentliches Mädchen eigentlich nicht viel
abgeben sollte. Als er aber sah, wie Christine sich mehr und mehr auf
seine Späße einließ, wurde er ärgerlich und -- empfindlich. Er konnte
und wollte die Unterhaltung nicht weiter mit anhören, und wenn das
»Schulmoesterle« kam, ging Hans in den Stall oder aus dem Hause. -- Es
wogte sonderbar in der treuen Seele hin und her. Einmal war er erzürnt,
und wenn Christine ihn über irgend etwas fragte, brummte er sie an.
Dann glaubte er wieder, seine Befürchtung sei Unsinn und sein Trutzen
einfältig. Er gab sich Mühe freundlich auszusehen; er wollte ihr nun
auch etwas Schönes sagen und etwas Lustiges erzählen, und nun gerieth's
ihm wieder nicht. Zu dem Einzigen, was ihm den Sieg noch hätte
gewinnen können, zu einer herzhaften Erklärung konnte er sich jetzt
am allerwenigsten entschließen. Er wollte jetzt gerade sehen, wie die
Sache ginge. Wenn Christine »so 'n Kohbatza'« (winziger Fisch) lieber
zum Mann wolle als ihn, dann solle sie ihn haben und Schulmeisterin
werden. Sie kenne seine Meinung wohl und sie wisse recht gut, daß
sie auf ihn zählen könne. Wenn sie im Stande sei, ihn wieder so ohne
Weiteres aufzugeben, dann sei es ihm auch recht -- und am Ende besser,
daß er so eine gar nicht kriege. Aus diesen Gründen zog er sich mehr
und mehr zurück, und Christine neigte sich ganz zu Forstner.

Als der Treue sich davon überzeugen mußte, so daß er nicht mehr
zweifeln konnte, fühlte er eine Pein, wie nie zuvor. Aber bald war
auch sein Entschluß gefaßt. Was in der ersten stillen Nacht auf dem
einsamen Lager in ihm vorging, wollen wir nicht schildern und nur das
sagen, daß Zorn und Schmerz über Sie, über sich und sein Unglück so in
ihm brannten und sich wechselseitig steigernd ihn so bedrängten, daß
sich das gepreßte Herz in Thränen Luft machen mußte. Für eine tiefe und
leidenschaftliche Liebe -- und das war seine Liebe geworden -- ist es
eine unsägliche Qual, sich verschmäht zu sehen um eines Mannes willen,
den man nicht schätzen kann. Zur Vernichtung aller Hoffnungen auf das
einzige Glück des Lebens kommt noch die Pein der Verachtung, die man
erfahren, die Pein des Schmerzes über den Triumph des Nebenbuhlers,
die Wuth über sich selbst, daß man den Schatz seiner Liebe an die
Geringschätzung des Unbestandes verrathen konnte. Hans, in dem alle
diese Empfindungen nach einander aufloderten, empfand die Marter der
Verzweiflung in seinem Herzen. Welch ein Elend, sich Christine als das
Weib dieses »Leckers« denken zu müssen! welche Schande, noch einmal auf
die Seite gesetzt zu sein, nachdem schon von ihrer Hochzeit die Rede
gewesen war! »Du mußt fort!« rief es in ihm, »aus dem Haus, aus dem
Dorf!« -- Aber da rührte sich die gründlich gute Natur in ihm. »Nein,«
rief er dagegen, indem er sich ermannte, »nein das thu ich nicht, das
wär' mir zu miserabel! Ich bleib' und halt' aus -- jetzt grad! --
Hinter meinem Rücken mögen die Leut' sagen, was sie wollen -- in's
Gesicht« (und er blickte mit funkelnden Augen in die Morgendämmerung)
»in's Gesicht verspottet mich keiner, das weiß ich!« -- Nachdem so das
Bleiben vor seiner Ehre gerechtfertigt war, konnte auch die Großmuth
ihre Gründe dafür aussprechen. »Sie brauchen dich, und jetzt mehr als
sonst. Wer weiß, wie's geht? Der sieht mir grad so aus, als ob er mit
nochmal so viel fertig werden könnt' als er hat. Ich will die Sach'
vor der Hand noch zusammenhalten. -- Kein' Dank verlang ich nicht!«
Nach der Entschließung beruhigte sich die Leidenschaft endlich, die ihn
so mächtig hin und her geschüttelt hatte. Der Wille, auszuharren und
denen, die ihn gekränkt, Gutes zu thun -- das war der Balsam auf die
Wunde seines Herzens. Er kleidete sich an und ging in die Stube.

Christine saß mit ihrer Mutter am Tisch. Hans wünschte mit ruhiger
Stimme guten Morgen, aber mit einem Gesicht, daß Christine sich
augenblicklich sagte: er weiß es! Sie las in diesen Mienen ihr
Gericht und schrak zusammen. Das Gewissen, das sich plötzlich in ihr
aufrichtete, erhellte ihren Geist und schärfte ihr Urtheil; und während
sie sich vorher, ihrer Neigung folgend, gesagt hatte: »er ist selber
dran Schuld, warum red't er nicht?« so erkannte sie jetzt ihr Unrecht
und fühlte es tief. Das Schuldbewußtsein drückte sie darnieder und
ließ sie so verzagt erscheinen, daß Hans wieder Erbarmen mit ihr
empfand. Gemüther wie das seine können in der Strenge des Richters
nicht lange verharren; der Trieb, Gnade für Recht ergehen zu lassen,
ist zu mächtig in ihnen und geht unwiderstehlich in Wirksamkeit über.

Hans blieb von diesem Moment an genau in der Zurückhaltung, die er
sich zum Gesetz gemacht hatte; aber er wurde freier darin, und Blick
und Ton seiner Stimme erhielten wieder mehr von dem Wohlwollen, das
unvertilglich in seinem Gemüth lebte. In der Güte, in der Großmuth
eines wackern Mannes liegt ein Quell von Kraft, von der die seichte,
egoistische Natur keine Ahnung hat. Im Besitz dieser Natur kann man
vergeben, und man vergiebt. Und man wird nicht schwächer, indem man
es thut, sondern stärker; man fühlt sich nach Ertheilung der Gnade
nicht ärmer, als nach Forderung und Erlangung seines Rechts, sondern
reicher, und man schwingt sich in dem Bewußtsein der Tugend über das
Leid hinweg, das die Seele überfluthen zu wollen schien. Dies vermag
der Bauer wie der König, wenn ihm Gott den Geist dazu gegeben hat, und
jeder thut's nach seiner Art. Unser Bauernbursche gewann nach seiner
innerlichen Ueberwindung einen Gesichtsausdruck, den man nur als edel
bezeichnen konnte. Dem Dorfmädchen war auch dieses Wort in seiner
moralischen Bedeutung unbekannt, aber von der Sache hatte sie eine
Ahnung. Sie fühlte kein Bedauern, sondern eine unwiderstehliche Achtung
vor dem Vetter; mit dem weiblichen Stolz, der so bereit ist, Mitleid
zu empfinden und namentlich zu offenbaren, war es aus. -- Aber ihre
Natur machte sich den Stand der Dinge nun auf andere Weise zu Nutze.
»Er ist getröstet,« sagte sie sich, »und wenn er sonst auch viel aus
mir gemacht hat, thut er es jetzt nicht mehr.« -- Einige Tage später,
und ihr Gewissen hatte sich wieder beruhigt und schwieg; die Neigung,
die Leidenschaft gewannen die Herrschaft wieder völlig. Das Weib fühlte
sich frei und gab sich ganz dem Drang ihres Herzens zum Glück hin.

Die Leser haben errathen können, daß Forstner und Christine
Liebesgeständnisse ausgetauscht und Hans gewisse Kunde davon erhalten
hatte. Zu einem Verlöbniß war es noch nicht gekommen; aber zu diesem
Ziele drängte es beide nun unausweichlich hin. Der junge Mann hatte
seiner Neigung und wenn man will seinem Gelüste folgen wollen, in der
Meinung, immer noch die Wahl frei behalten zu können; er hatte seiner
Mutter verboten, mit der Glauning von ernsthaften Absichten seinerseits
zu reden. Aber es ging, wie häufig in solchen Fällen: die Leidenschaft
wuchs und führte ihn weiter als er gedacht. Sein ganzes Wesen war von
Christine bezaubert; er war gebunden durch seine Liebe, gebunden durch
die Rücksichten, die er auf Mutter und Tochter, auf den Geistlichen,
auf das Dorf und seine Stellung darin nehmen mußte. Das Dorf hatte
schon ausgemacht, daß er Christine heirathen werde, und er konnte, er
durfte es nicht Lügen strafen. So gedieh das Verhältniß endlich zum
Abschluß. Die Wittwe Glauning hatte die Verheirathung ihrer Tochter mit
dem gefeierten Lehrer von dem Gesichtspunkt der Ehre ansehen gelernt,
und die Aussicht, den Flecken ihrer Verrechnung wegen jenes reichen
Bauernsohnes gänzlich zu tilgen und als »Schwieger« Forstners auf
eigene Art hervorstechen zu können, erfüllte sie mit Lust und mit jener
Begierde, der es unmöglich ist, länger müßig zuzusehen. Als Mutter
war sie jetzt ohnehin verpflichtet zu reden; und so ging sie denn
eines Tages zur Base Forstner und sprach ihre Meinung in dürren Worten
aus. Entweder -- oder! -- das war der Sinn ihrer Rede. Die Mutter des
Lehrers hatte für diesen Fall schon Vollmacht erhalten; sie sagte, daß
ihr Fritz nie eine andere Absicht gehabt habe, als das schöne und liebe
Bäschen zu heirathen. -- Auf einmal hieß es im Dorf: der Herr Lehrer
hat sich mit der Christine versprochen.

Die vollendete Thatsache machte doch ihr Recht geltend, obwohl man
sie allgemein hatte kommen sehen. Der Geist der Kritik fand sich
herausgefordert; jede Meinung, die der Sachlage nach möglich war, fand
einen Vertreter, und der Lärm war groß. Die einen, vorzüglich Weiber
und Mädchen, verdammten Christine. So einen braven Menschen wie den
Hans zweimal nach einander anzuführen, ihm »das Maul zu machen« und
ihn, wenn ein Vornehmerer komme, wieder fahren zu lassen, das wäre
keine Art nicht; das hätten sie niemals gethan -- und wenn ein Graf
gekommen wäre! Aber diese Christine sei eben ein hoffährtiges Ding,
man wisse das ja, und trachte immer über ihren Stand hinaus. Der
Hans hätte für sie gepaßt, der Herr Forstner sei zu fein für sie, und
man werde sehen, daß das nicht gut ausgehe. Die andern, hauptsächlich
ledige Bursche, machten den Hans für den Ausgang verantwortlich. Er
sei allein Schuld und ihm geschehe ganz Recht. Der Mutter jahrelang
das Hauswesen führen und sich dann die Tochter wegkapern zu lassen,
da müßte einer ungeschickter sein als der Teufel! Wenn sie den »Rang«
gehabt hätten, wenn sie bei der Christine im Haus gewesen wären, da
hätte so ein Schulmeister kommen sollen! Der hätte gleich gesehen, daß
er wieder gehen könnte. Auf so Einen zu warten, ja, das wär' ihnen das
Wahre gewesen! Aber der Hans sei eben ein »Lamech,« ein »Drockser,« ein
Kerl, der nicht von der Stell' komme; und wenn Christine den flinkeren
Schulmeister lieber habe, so könne ihr das kein Mensch übel nehmen.

Das Dorf, wie man sieht, beschäftigte sich eben so viel mit Hans als
mit Christine und Forstner. Der brave Bursche, der geschickte Bauer
hatte sich eben Respekt erworben und dadurch eine eigene persönliche
Bedeutung erlangt. Was wird er nun thun? fragte man sich. Wird er
gehen, sein Geld aufkünden und die beiden Weiber sitzen lassen?
»Freilich wird er gehen!« rief eine Gegnerin der Christine auf so eine
Frage ordentlich hitzig. »Er wird wohl bleiben und all den Spektakel
mit ansehen -- Hochzeit und am End' Kindtauf' auch noch. Er wird sich
die Tochter wegfischen lassen und der Alten noch länger den Knecht und
den Narren machen! Das wär' nicht mehr gut, sondern dumm -- und dumm
ist der Hans doch nicht.«

Die Frage war bald entschieden. Hans blieb, und ein großer Theil seiner
Vertheidigerinnen fiel nun auch von ihm ab und sagte, Christine habe
doch Recht gehabt, es ihm so zu machen. So ein einfältiger Mensch sei
ihnen ihr Lebtag noch nicht vorgekommen.

Durch Alles, was bisher in ihm vorgegangen, hatte Hans die Fähigkeit
erlangt, der Christine zu ihrer Verlobung ehrlich und ruhig Glück zu
wünschen. Er that es und ging so weit, ihr dabei die Hand zu geben.
Aber er vergab sich nichts damit; der Ausdruck seines Gesichts sorgte
dafür. Christine wurde roth über und über, sie sah ihn beschämt,
ja bittend an und ihre Hand zitterte in der seinen. Es war eine
Genugthuung für den treuen Burschen und er kostete ihre traurige
Süßigkeit. Aber dann fing er selbst ein anderes Gespräch an und half
dem Mädchen, aus Schonung, von der Tiefe der Empfindung wieder zur
Oberfläche empor. Beiden wurde leichter um's Herz, und Christine
überließ sich bald wieder der Freude und der Ehre ihres Brautstandes.

Am ersten Sonntag Abend nach dem »Verspruch« ging Hans in's Wirthshaus.
Einige junge Leute hatten vorgehabt, ihn aufzuziehen; aber er hatte
so was Eigenes in seinem Gesicht und in seinem Auge; sie trauten
dem Landfrieden nicht und dankten ganz ehrbar auf seinen Gruß. Man
discurirte über allerlei andere Dinge; unser Freund sprach resolut,
verständig und machte zuletzt sogar hie und da eine humoristische
Bemerkung in seiner alten Manier. Wie nun bei natürlichen, eben so wie
bei gebildeten Menschen keine wirkliche Kraft ohne Anerkennung bleibt,
so bekam der Wackere, als er die Wirthsstube verlassen hatte, von
seinen Kameraden ernstlich empfundenes Lob. »Der ist gescheidter,« hieß
es, »als die Leute glauben. Er macht sich aus der ganzen Geschichte
nichts, und er hat Recht. Die Christine ist eine falsche Person, die
einen so braven Kerl gar nicht verdient. Er darf sich Glück wünschen,
daß er sie nicht bekommt -- und wie's ihr geht, das wollen wir sehen.«


                                 III.

Die größte Heilkraft auf Erden besitzt -- die Zeit. Indem sie den
Menschen in ihrem Strome fortführt und andere Bilder vor seine Seele
bringt, entzieht sie ihn mehr und mehr der Einwirkung dessen, was
gewesen ist. Sie mildert den Schmerz, löst die Spannung, entkräftet
die Selbstanklage und giebt der Seele die Stärke und Ruhe wieder,
ohne die sie ihren eigenen Anfechtungen erliegen müßte. Was uns heute
unerträglich scheint, vielleicht in wenigen Tagen schon dünkt es uns
eine mäßige Last. Was uns im ersten Moment als eine ausgesuchte Schmach
niederdrückt, nach einigen Wochen erscheint es uns als ein gewöhnliches
menschliches Ungemach, und unser übertriebenes Leidwesen darüber kann
uns ein Lächeln entlocken.

Freilich kommt dabei sehr viel auf die Art des begangenen oder
erduldeten Unrechts, auf das Temperament und den Charakter des Menschen
an. Es giebt Dinge, die der Seele keine Ruhe lassen, die mitgehen
auf dem Wege, den sie nimmt, und ihr immer gegenwärtig bleiben. Es
giebt Naturen, welche Handlungen und Erlebnisse von geringerem Belang
festhalten und sich selbstquälerisch damit zu tragen im Stande sind;
Menschen, in denen die Vergangenheit sich immer wieder vergegenwärtigt
und die eine Beschämung roth machen kann, welche ihnen vor zwanzig
Jahren widerfahren ist. Andere Erlebnisse verflüchtigen sich von
selbst, und andere Naturen wissen Dinge von sich abzuschütteln, die
sich sonst wie Kletten anzuhängen pflegen. Auch der Bildungsstand ist
hier von großem Einfluß. Je mehr der Mensch seinen Geist entwickelt und
sich zu einem innerlichen Leben erzogen hat, desto leichter versetzt er
sich in die Vergangenheit, desto bedeutsamer ist für ihn das Gewesene,
desto mehr durchdringen sich in ihm die Zeiten. Je näher der Mensch der
Natur steht, desto mehr lebt er in der Gegenwart, desto mehr vergißt
er, desto weniger belästigt ihn seine Vergangenheit.

Der Bauer giebt sich nicht viel mit Erinnerungen ab, wenn sie nicht
von sehr gewichtiger Art sind. Durch seine Denkweise, durch Natur und
Gewohnheit, namentlich aber durch die ihm auferlegten Arbeiten ist
er vorzugsweise auf die Gegenwart gewiesen. Alle feinern Differenzen
kommen auf dem Dorfe gar bald wieder ins Gleiche, und nur tiefe
Leidenschaften in tiefen Gemüthern können auch hier still fortglühen.

In dem Haus, in welchem unsere Erzählung hauptsächlich spielt, war
äußerlich bald alles wieder im alten Gang und auch innerlich vieles
wieder hergestellt und gemildert. -- Am raschesten war es der Wittwe
Glauning gelungen, ihre frühere Gemüthsruhe wieder zu erlangen. Sie
hatte sich wegen ihres Benehmens gegen Hans im Stillen doch auch
einige Vorwürfe gemacht; aber nach wenigen Tagen schon war ihr das
neue Verhältniß etwas Gewohntes und übte auf ihren Geist die Macht
einer Sache, die nun einmal nicht anders ist. Wenn sie den Vetter sah,
wie er mit ernstem Fleiß weiter arbeitete, dachte sie wohl: »Das ist
doch wahrlich ein braver Mensch! Man sollte gar nicht glauben, daß
es noch solche Leute gäbe!« Aber eben durch diese Anerkennung fand
sie sich mit ihm ab. Hans war ihr von nun an der gute Vetter, der
sehr freundschaftlich gegen sie handelte, auf dessen Dienste sie aber
beinahe schon ein gewisses Recht zu haben glaubte.

Christine folgte der Mutter nach. Das beschämende Gefühl und die
Vorwürfe, die sich beim Anblick des Vetters zuweilen noch in ihr
erneuert hatten, kamen seltener und blieben endlich ganz aus. Sie lebte
im Wonnemond des Brautstandes, und die ganze Welt erschien ihr in
heiterem Lichte. Wenn man sie hinter ihrem Rücken scharf beurtheilte,
in's Gesicht gratulirte man ihr, lobte den Herrn Lehrer und pries sie
glücklich. Die Kunst, sich höflich zu verstellen, ist auf dem Lande
keineswegs unbekannt und gehört zur guten Lebensart wie anderswo. Es
giebt auch hier Leute, die um so lebhafter zu schmeicheln verstehen, je
nachdrücklicher sie dieselbe Person gegen Andere durchgehechelt haben;
Leute, von denen man als etwas Besonderes hervorhebt, daß sie sich
»recht anstellen,« d. h. einen Eifer, ein Vergnügen, eine Bewunderung
zeigen können, von denen ihr Herz nichts weiß. Der Glanz des Ruhms, den
sich der Bräutigam durch seine persönlichen Vorzüge erworben hatte,
warf seine Strahlen auch auf die Braut; um seinetwillen that man der
Christine mehr Ehre an und bewies ihr mehr Achtung als vorher. So sah
die Glückliche sich umhuldigt von allen Seiten und hatte in der Freude
ihres Herzens natürlich kein Arg, daß von den schönen Sachen, die man
ihr sagte, auch nur eine Sylbe abgehen könnte.

Forstner selbst zeigte sich jetzt gegen sie von seiner
liebenswürdigsten Seite. Er war von Leuten, auf deren Urtheil es
ihm ankam, wegen seiner verständigen Wahl gelobt worden; ein paar
muntere Collegen, die er von dem Vermögensstand der alten Glauning
unterrichtet und mit der Braut bekannt gemacht hatte, erklärten ihn
für beneidenswerth; er war in der besten Laune, sog den Blüthenduft
des schönen Verhältnisses mit vollen Zügen ein und that alles, was
der Erwählten angenehm und schmeichelhaft sein konnte. Wie hätte da
Christine noch Aug' und Ohr haben können für etwas anderes! Sie liebte
und sah den Geliebten glücklich, sie sah seinen Eifer, ihr Freude zu
machen, und fühlte keinen lebhafteren Trieb und wußte keine höhere
Pflicht, als ihm seine Liebe zu vergelten.

Das Glück hat die Eigenschaft, daß es sich aus sich selber vermehrt und
seine Vermehrung von außen her magnetisch anzieht; darum giebt es auch
eine Zeit, wo es in stetem Wachsen ist. Die Freude machte Christine
nicht nur holder und feiner, als sie bisher erschien, sondern auch
geistig aufgeweckter und heller. Sie war in der Freude sicher, und ihre
Urtheile, ihre Bemerkungen im Gespräch erschienen dem Verlobten gar oft
mit Recht sinnig und treffend. Forstner sah sich nun auch von dieser
Seite beruhigt -- er glaubte aus ihr eine Frau ganz nach seinem Herzen
bilden zu können. Dies verhehlte er ihr aber auch nicht; er erquickte
ihr Herz mit Lob über Vorzüge, die sie bis jetzt noch nicht an sich
gekannt hatte, und ein außerordentliches Behagen, ein liebevolles
Dankgefühl gegen ihn war die Folge davon.

Die beiden jungen Leute und eben so die beiden Mütter waren in einem
Zustande, wo man die Engelein im Himmel singen und musiciren hört. Der
Liebes- und Freundschaftsverkehr ließ bei der nothwendigen Arbeit des
Tages kaum so viel Muße übrig, um die Ausstattung der Braut und die
künftige Einrichtung zu erwägen und die ersten Vorbereitungen zu den
Unternehmungen der nächsten Monate zu treffen.

Hans ging seinem Geschäft nach und schien nur dafür Sinn und Auge zu
haben. Was er mit seinen Verwandten zu reden hatte, wurde kurz und
ruhig abgemacht; er war gern allein, man sah es und ließ ihn allein.
Da Christine an ihrer Ausfertigung arbeiten mußte und die strengere
Bauernarbeit für sie nicht wohl mehr schicklich war, so hatte man eine
Taglöhnerin für sie eingethan. Diese war schweigsam, eine von den still
hinlebenden, in ihrer Gedankenlosigkeit glücklichen Personen, wie man
sie auf dem Lande nicht selten findet, und der Bursche hatte zu seinem
Troste nichts zu leiden durch Geschwätz und durch Fragen, die ihm jetzt
doppelt zuwider gewesen wären.

Ihm war das zuletzt Erlebte freilich nicht verschwunden und von der
Gegenwart überdeckt, wie den andern; aber es hatte sein Peinliches
verloren, die Zeit hatte es gemildert und ihren Duft darauf geworfen.
Es war nicht mehr das bloße Leid, das er empfand. Diesem war die
niederdrückende Gewalt genommen, die man entweder überwinden oder
der man erliegen muß; es hatte selbst etwas Liebes und für die Seele
Wohlthuendes erhalten.

Was wir poetisches Gefühl nennen, ist von keinem Stande, von keiner
Schichte der Gesellschaft ausgeschlossen. Früher hätte man diesen Satz
vertheidigen müssen; jetzt, wo man die Volksmelodien und Volkslieder
kennt und ehrt, wird ihn niemand zu bestreiten wagen. Wo ist Liebeslust
und Liebesleid inniger, tiefer und rührender ausgesprochen, als
in eben diesen Liedern, die aus dem Volke hervorgegangen oder von
ihm angenommen und erhalten worden sind, und die immer noch, in
Gesellschaft oder in Einsamkeit, von ihm gesungen werden? Wenn das
tiefere Gemüth auf sich selbst und sein Leid beschränkt ist, fällt
ihm ein Lied ein, das seinen Zustand ausdrückt; der Mund summt es
unwillkürlich, das Herz schauert und die Augen werden feucht.

Der Winter war vergangen, die erste Frühlingszeit hatte schön begonnen
und die Feldarbeit nahm ihren Anfang. Wenn der letzte Schnee weicht,
die Sonne wärmer scheint, der Boden locker, die Wiese grüner wird und
die Lerche singend in den Himmel steigt, dann geht durch jede bedrängte
Seele ein Gefühl der Genesung. Auch die weichere Natur fühlt sich
körperlich und geistig stärker und fängt im Leid wieder an zu hoffen;
das männliche Herz gesundet fühlbar, wird seiner selbst mächtig und der
Bedrängniß überlegen. Dann ist aber gerade die Zeit gekommen, wo es das
Leid lieb gewinnt und es aus freien Stücken festhält und hinabsteigt zu
der Süßigkeit melancholischer Träumerei.

Unser guter Freund hatte mehr Anlage zu innerlichem Leben von der Natur
erhalten und in sich ausgebildet, als es auf dem Lande gewöhnlich ist.
Von der Lustbarkeit weniger angezogen, durch eine scheue Leidenschaft
auf sich selber gewiesen, kannte er schon länger den Reiz gemüthlicher
Vorstellungen. Die Neigung dazu und die Kraft, solche Vorstellungen
zu erzeugen, trat jetzt um so stärker in ihm hervor und gewährte ihm
die volle Lust herzlich gehegter Trauer. Freuten die Verlobten sich
in hellen Dur-Tönen -- ihm war ein Glück, und ein reiches Glück, in
Moll beschieden. Seine Arbeiten störten ihn darin nicht; er verstand
sie so gut, daß sie wie von selber ihren Gang gingen und ihm Zeit
genug übrig ließen, seinen Gedanken nachzuhängen. Wenn er mit seinen
Kühen wohlgehaltenes Land »äckerte« und von dem Hauch der frisch
aufgeworfenen Erde umdampft zuweilen »sinnirte,« wurden die Furchen
darum nicht schlechter und er rief den Thieren zeitig genug sein
»Härrerei'« zu, wenn er an der »G'wand« (Ackergrenze, wo umgewendet
wird) angekommen war. Auf der Wiese rechte er mit der Taglöhnerin um
die Wette Streu, obwohl es in seinem Innern summte, während in ihr die
vollkommene Stille des Nichts Platz genommen hatte. Die ländlichen
Arbeiten begünstigen zum Theil ein gewisses träumerisches Wesen;
besonders einladend dazu ist aber die mittägliche und abendliche
Heimkehr von einem entfernteren Ackerstück, so wie die Fütterungs-
und Verdauungszeit der untergebenen Thiere. In den völlig einsamen
Momenten, erfüllt von seiner Empfindung, kamen unserm Burschen allerlei
Lieder in den Sinn. Er sang sie mit herzlicher, gedämpfter Stimme
und fühlte ganz die Besänftigung und erneuerte schönere Aufregung
anspruchloser Kunst. So sang er das Lied:

  »Da droben auf jenem Berge,
  Da steht ein hohes Haus,
  Da schauen wohl alle Frühmorgen
  Drei schöne Jungfrauen heraus« u. s. w. --

wohl mehr wegen der lieben, rührenden Melodie, als weil die Reime
seinem Zustand entsprachen. Wenn er aber das letzte »G'setz« für sich
hinsummte, dann hatte er dabei doch auch seine ganz eigenen Gedanken.

  »Ach Scheiden, ach Scheiden,
  Wer hat doch das Scheiden erdacht!
  Es hat mein jung frisch Leben
  Das Scheiden so traurig gemacht.«

Er lebte mit der, die er liebte, in Einem Hause; aber er war viel
schlimmer geschieden als ein Liebhaber, der in die Fremde muß. Für ihn
gab es kein Wiederfinden, kein Wiedersehen, keine Wiedervereinigung! --
Bedachte er, wie sehr und wie lang er Christine geliebt und wie treu
er an ihr gehangen, dann kam ihm wohl ein Lied auf die Lippen, das im
Ries oft gesungen wird:

  »Treu hab' i geliebet,
  Was hab' i davon?
  Mein Herz ist betrübet,
  Das hab' i zum Lohn.«

Und in tiefem Ernst sah er dann für sich hin. -- Einmal wurde dieser
Ernst durch ein halb weh-, halb gutmüthiges Lächeln verdrängt. Es war
ihm ein anderes Liedchen eingefallen, das seine Erfahrung erklärte:

  »Wann's Mädle sauber ist,
  Und ist no jung, no jung,
  Muß der Bue luste sei',
  Sonst kommt er drum.«

»Ja freile,« sagte er dann zu sich, »doh hot's eba' g'fehlt, und i ka'
me net beklaga'. 'Sist oena' (eine) wie die ander. Wer koe (kein) so a
»Luftikus« (Variation von Windbeutel) ist, der ka' nex ausrichta' bei
da' Mädla'!« Und er erleichterte nun sein Herz in folgenden
Strafreimen:

  »Was hilft me a schöner Apfel,
  Wann er innen ist faul!
  Was hilft me a schöas Dea'del --
  Sie macht mer nor d's Maul!«

Der leichten Anklage der schönen Base folgte aber bei dem guten
Burschen in der Regel die Rechtfertigung, die Einsicht in die Natur
der Dinge und den Lauf der Welt, die Ergebung und die stille Trauer.
Einmal, als er nach der letzten abendlichen Fütterung im Stalle saß und
die Kühe wiederkäuend dalagen, summte er in der leise belebten Stille
eine Melodie ohne Text, die ihn dergestalt rührte, daß ihm Thränen in
die Augen traten. Er besann sich auf das Lied -- es war das bekannte:

  »Wann mei' Schatz Hochzeit macht,
  Hab' i a traurige Nacht,
  Sperr mi in mei' Kämmerlein
  Und wein' um mein' Schatz.«

Es klopfte und zitterte in seinem Herzen und die Thränen rollten die
Wangen herunter. Das war ihm aber doch zu arg. Er stand rasch auf,
wischte sich die Augen und rief mit wahrem Zorn: »Hohl der Teufel die
Narrheit! Ich werd' noch ganz zum alten Weib! -- Aber jetzt ist's auch
gnug!« Er ging in dem Gange vor dem »Bahren« (Futtertrog) hin und her
und fing ein kleines Gespräch mit einer Kuh an, die sich erhoben hatte
und ihn anmuhte. Allein er konnte nicht verhindern, daß ihm seine
Gedanken wie verwöhnte Kinder noch einmal zu dem verbotenen Gegenstand
entliefen. Er dachte an seine alten Träume, mit der Christine das
schöne Haus zu bekommen und drin mit Weib und Schwieger ein Leben zu
führen herrlich und in Freuden. Mit einer Art von Heroismus sang er
hierauf das launig desperate Lied:

  »Und aus isch mit mir,
  Mei' Haus hat kei' Thür,
  Und mei' Thür' hat kei' Schloß,
  Und mein' Schatz bin i los.«

»Ja, ja,« sagte er dann halb lächelnd zu sich, »Alles ist hin
miteinander! -- D's Haus freilich, das traut' ich mir wohl noch zu
kriegen; aber was hilft mich d's Haus ohne d's Weib!« -- »Nun,« setzte
er endlich sich ermannend hinzu, »am End' bleib' doch ~ich~ noch
da!«

Zu der schönsten Zeit auf dem Lande gehört der Morgen eines Feiertags,
wenn die Sonne scheint und die Luft mild und lieblich ist. Je mehr der
Bauer die Woche hindurch gearbeitet hat, desto besser versteht er am
Sonntag zu ruhen. Seine Bewegungen sind dann +con amore+ langsam, die
Mienen drücken ruhiges Vergnügen, sein ganzes Wesen tiefe Gelassenheit
aus. Mit der Arbeit der Wochentage hat er auch die Sorgen hinter sich
gelassen und ist zu einer Art von Naturstand zurückgekehrt, wo ihn ein
Hauch der goldenen Zeit und ihrer Glückseligkeit anweht. Er kommt an
solchem Tag in eine tiefere Stimmung und gibt sich entweder stiller
Träumerei hin oder freut sich an der Schönheit einzelner Gegenstände
der Natur, nicht wie ein schwärmender Poet freilich, aber schlicht und
naiv wie ein Kind. Und dieses Naturbehagen wird durch die kirchliche
Feier des Tags nicht gestört, es wird durch sie gestärkt, erhöht und
sanktionirt.

Nach und nach war der Mai herbeigekommen. Die Bäume glänzten in
frischem Laub, einzelne standen über und über in Blüthe. Es wurde nun
ein Lieblingsvergnügen des guten Hans, in der schönen Sonntagsfrühe
sich in den Garten zu begeben, und was in der Woche gewachsen und
ausgeschlagen, was von ihm selbst darin gearbeitet und hergerichtet
war, mit Ruhe zu beschauen. Er freute sich an dem grünen Laub und an
den schönen Blüthen der Bäume, aber auch an dem Gesurre der »Emmen«
(Immen, Bienen) darin; denn sie hatten an der Mauer des Hauses selber
einen »Emmenstand,« worin sich drei Stöcke befanden, und er hoffte, daß
einer davon bald schwärmen werde. Er freute sich bei den Stöcken der
rothen und gelben Hosen, welche die Bienen anhatten, und wie ordentlich
ein Vergnügen aus ihnen glänzte, mit so reicher Beute heimzukehren.
Zu der Südgrenze des Gartens hinabgewandelt, sah er mit Lust über die
weißblühende Dornhecke auf die Wiese hinaus und freute sich der schönen
Blumen darin, eben so des reichlichen Grases, das eine gute Heuernte
versprach. Die Lerchen schienen ihm noch lieblicher zu singen, als
an Wochentagen draußen auf dem Felde, und es war ihm, als müßte bei
diesem Gesang, bei der Schönheit und dem Wohlgeruch der Blüthen, bei
der warmen Luft und dem hellen Sonnenschein, und bei den herrlichen
Aussichten auf ein gesegnetes Jahr die ganze Welt sich glücklich
fühlen.

Er selber fühlte sich glücklich, glücklicher als seit langer Zeit. Es
war noch immer ein Zusatz von Trauer in seinem Glück, aber sie war
aufgelöst und hatte sich innig mit seinem Wohlgefühl verbunden. Das
genesende Herz war nicht nur gestärkt durch die Schönheit der Natur,
durch die stille Betrachtung des Blühens und Gedeihens, sondern auch
durch die religiöse Bedeutung des Tages. Hans gehörte nicht zu den
»Betischten,« wie man im Ries, das Wort von »Beten« ableitend, die
Pietisten nennt; er machte aus der Frömmigkeit nicht das Geschäft
seines Lebens. Aber man hat wohl schon bemerkt, daß in seinem Wesen
doch gar manches lag, was recht eigentlich christlich war, und bei
aller Natur, die mit ihm verbunden blieb, hätten wir einem solchen Mann
im Lebensverkehr doch mehr vertrauen mögen, als manchem von den Stillen
im Lande, deren Mehrzahl wir übrigens gerne nicht nur für ehrliche,
sondern überhaupt für respektable Leute halten. Hans hatte einen guten
»Unterricht« (mit diesem Wort bezeichnet der Rieser ausschließlich den
Religionsunterricht) genossen, und er war der Mann, von den Lehren
des Geistlichen mehr zu behalten als der erste beste. Er hatte ein
dankbares Gemüth gegen Gott und war ihm anhänglich und diente ihm in
den Formen, in denen er erzogen war. In seinem Hin- und Herdenken fiel
ihm nun auch wohl ein Ausspruch der Bibel oder des Gesangbuchs ein, der
ihn tröstete und von seiner Empfindung frei machte.

An einem besonders schönen Sonntagsmorgen steigerte sich unter solcher
Einwirkung die Stimmung seines Herzens bis zur Heiterkeit. Vor dem
religiösen Gefühl, wenn es die Seele auch nur als ein unbewußter Hauch
durchdringt, können gewisse trübe Empfindungen nicht Stand halten; wir
legen einen andern Maßstab an das Leid, und was uns sonst über die
Maßen begründet erschien, das kann sich uns als eine Einbildung, ein
Erzeugniß menschlicher Schwäche darstellen, und sein Wichtigthun kann
uns ein Lächeln abnöthigen. Die wahrhaft gute Natur wird dann frei von
der letzten Empfindlichkeit und fähig, nicht nur zu vergeben, sondern
auch zu vergessen. Als Hans an diesem Morgen in's Haus zurückkehrte,
weil die Glocken zur Kirche riefen und er die festlich geputzte
Christine im »Wurzgarten« am Hause sah, wie sie noch ein Sträußchen
pflückte, um ihren Schmuck zu vollenden, warf er im Vorübergehen einen
Blick auf sie, wie ihn ein Mann auf ein glückliches Kind wirft. Und als
sie ihn gewahr wurde und vergnügt und mit einer gewissen Gutmüthigkeit
rief: »Guten Tag, Hans!« da dankte er ihr von Herzen freundlich und
wünschte ihr eine »gute Andacht,« obgleich er wußte, daß ihre Andacht
hauptsächlich im Denken an ihren Bräutigam und in der Freude über sein
schönes Singen und Orgeln bestehen werde. Er selber ging würdig langsam
in die Kirche und erbaute sich in ihr mehr als sonst, weil er, durch
seine Herzenserfahrungen und sein Nachdenken darüber belehrt, mehr
als sonst von der Predigt verstand. Er kam aufgerichtet und froh nach
Haus, das Gefühl im Herzen, das wohl als ein Ersatz für die verlorene
Freude des Lebens gelten kann, das Gefühl, durch Selbstüberwindung und
Entsagung klarer und besser geworden zu sein.

Wer kann die Regungen eines Herzens schildern, das eben so der
Leidenschaft wie der Resignation, eben so des Schmerzes wie der
Erhebung fähig ist? wer das Spiel verfolgen der Trauer und der
Tröstung, des Hinabsinkens und des Emporstrebens, des Rückfalls und der
langsamen, langsamen Heilung? Nur andeuten läßt sich, was durch eine
Seele geht, die dem liebsten und theuersten Wunsch entsagen muß, und
das haben wir zu thun versucht.

Die Zeit und die Kräfte, die dem strebenden Menschen zu Hülfe
kommen, übten endlich auch auf unsern Freund ihre ganze Macht. Seine
Empfindungen zergingen freilich nicht wie die der andern, aber sie
traten zurück in das Innerste seines Herzens, das sich über ihnen
zuschloß. Er bewahrte sie hier, wie man im verborgensten Fache eines
Schreins ein ererbtes theures Kleinod bewahrt, des Besitzes gewiß, ob
man es zuletzt auch nur selten hervorzieht, um sich in seinen Anblick
zu versenken.

Als der Frühling hingegangen war, standen Mutter, Tochter und Vetter
wieder auf so freundschaftlichem Fuß, als ob ihr Verhältniß niemals
getrübt worden wäre. Wenn die Glauning sah, wie Hans jetzt fast noch
eifriger und gewissenhafter arbeitete, als früher, ging es ihr doch
zuweilen an's Herz und sie dachte bei sich selbst: »So ein braver
Mensch ist mir doch wahrhaftig noch nie vorgekommen! Der Bräutigam
meiner Tochter ist schöner und feiner; aber wenn er nur auch so gut
ist, wie der Hans.« -- Christine war von der Tugend des Vetters, die
sich so völlig anspruchlos in Thaten kundgab, auch gerührt; aber ihr
innerliches Lob schloß nicht mit einem Wunsch, der über die Güte
Forstners noch irgend einen Zweifel zuließ. Ihr Bräutigam war nicht
nur der schönste und feinste, sondern auch der beste aller Menschen;
das bewies er ihr ja täglich durch seine Liebe, durch seinen Eifer,
ihr Freude zu machen. -- Der Verlobte selbst begegnete dem Guten jetzt
mit viel mehr Rücksicht als früher. Wenn Hans ihm seine gebührende
Ehre gab und bei seinem Eintritt in's Haus mit ruhiger Freundlichkeit
»guten Abend, Herr Lehrer« sagte, sprach aus dem Ton seiner Erwiederung
und aus seinem Blick ein unwillkürlicher Respekt, und selbst zu
Hause im Gespräch mit seiner Mutter gebrauchte er über ihn nie mehr
despektirliche Bezeichnungen, wie sonst. Manchmal nahm er Gelegenheit,
dem Braven wegen seiner Geschicklichkeit als Bauer ein Compliment zu
machen und es so warm auszudrücken, daß Hans selber zu glauben anfing,
dieser Mann wäre am Ende doch besser, als er ihm zuerst vorgekommen
sei, und Christine könnte mit ihm glücklich werden.

In Christine regte sich, nachdem sie ihre Furcht und Verlegenheit vor
Hans gänzlich abgelegt hatte, die gute Natur. Die Achtung, die sein
Benehmen ihr einflößte, wurde zur Freundschaft, zur freundschaftlichen
Theilnahme. Sie fühlte den Trieb, ihn wohl zu halten und ihn
zu erfreuen durch Lob und durch die Aufmerksamkeiten, wozu der
Familienverkehr so viele Gelegenheit bietet. War sie auch nicht mehr
gedrückt durch das, was ihr früher als ein Unrecht vorkam, so fühlte
sie sich doch erleichtert, wenn sie etwas für ihn gethan hatte. Einmal,
als das Gespräch mit ihm eine scherzende Wendung genommen, sagte sie,
indem sie plötzlich einen ersteren Ton annahm: »Hans, du mußt auch
heirathen! Einem Mann in deinem Alter gehört ein braves Weib, und
du verdienst die beste!« -- Hans sah ihr betroffen und argwöhnisch
in's Gesicht; da er aber nur wirkliche Theilnahme darin erblickte,
so antwortete er mit einer gewissen Laune: »Für unser Einen ist's
Heirathen so eine Sach', man kriegt nicht immer die, die man gern
möchte.« -- Christine, die ein wenig roth wurde, rief um so lebhafter:
»Ein Bursch wie du kann sich jede aussuchen!« -- Hans verzog seinen
Mund und erwiederte: »Ich glaub's wohl! So Einem kann's nicht fehlen!
Wenn er die Hände ausstreckt, hängt an jedem Finger eine!« -- Ueber
diesen kitzlichen Punkt fand Christine für gut hinwegzugehen, und die
Heirath schon als geschehen betrachtend, sagte sie: »Dann werden wir
Gevatterleut' und ich heb' deine Kinder aus der Täf (Taufe), und wir
wollen recht vergnügt mit einander sein.« -- »Nun damit,« versetzte
Hans lächelnd, »hat's noch gute Weg'. Zuerst heirathest du, und dann
wollen wir sehen, was mit mir anzufangen ist.«

Freilich, auf die Hochzeit der Christine war mehr Aussicht als auf
die des guten Hans. Die Verlobten hatten beschlossen, sich im Herbst
»zusammengeben« zu lassen, und es wurde nun immer emsiger an der
Ausfertigung gearbeitet. Die Frage, wie Christine als Frau Lehrerin
sich kleiden solle, war erledigt. Heutzutage hätte man eine »Näherin«
eingethan, die sich als Kleidermacherin schon einen Namen erworben,
und der Lehrersbraut die gehörige Zahl bürgerlich französischer Anzüge
fertigen lassen. Damals warf man aber die Rieser Tracht noch nicht so
schnell über Bord, und es war demnach im Hause der Glauning beschlossen
worden, nur zu der feineren Kleidung im Rieser Styl fortzugehen, wie
sie die Weiber der reichen Bauern, der Müller, Wirthe und auch der
Schullehrer noch trugen. Es war immerhin ein Fortschritt, und das
Herz der Braut wurde außerordentlich erheitert beim Anblick zweier
seidener Halstücher, die ganz neumodisch waren, eines herrlichen
»geflammten« Rocks, der in zierliche Falten »gebegelt« (gebügelt) die
stattlich Hinschreitende umwogen sollte, und einer großen Radhaube,
nicht mit schwarzen, sondern mit weißen Spitzen und mit farbigen
seidenen Bändern, womit im Dorf bis jetzt einzig und allein die
Wirthin geprangt hatte. Als Christine dieses Wunder von Haube zuerst
probirte und die seidenen Bänder, zierlich verschlungen, von ihrem
Kinn auf die Brust herunter wallten, fühlte sogar die Taglöhnerin aus
ihrer pflanzenähnlichen Ruhe sich herausgerissen; sie hing an der
Beneidenswerthen mit einer Art von Andacht, stieß einen komischen
Seufzer aus und rief: »Bändel zieret halt da' Menscha'!« wobei sie in
ihrem Herzen dachte, daß sie in einer Haube mit so schönen Bändern sich
neben der Christine wohl auch noch sehen lassen könnte. -- Dem Vorrath
an Leinwand und Bettfedern, den die Mutter gesammelt hatte, wurde nebst
dem Geldbeutel stark zugesprochen, und der Wunsch der ehrgeizigen
Frau, ihre Christine wie eine reiche Bauerntochter auszustatten, und
das Verlangen, doch auch noch etwas übrig zu behalten, kamen öfters
mit einander in Streit. Hie und da gab es sogar einen kleinen Handel
zwischen Mutter und Tochter, der aber bald wieder in's Gleiche gebracht
wurde: Christine hatte den Vortheil, das einzige Kind zu sein. Indem
nun die beiden mit der Dorfnäherin und dem Dorfschneider in die Wette
arbeiteten, ging die Sache stetig vorwärts. Man war sicher, zu rechter
Zeit fertig zu werden und in's Schulhaus mit einem Wagen voll Hausrath
einzuziehen, wie er von einer Söldnerfamilie noch nie geliefert worden
war.

Daß zwischen dem Haus der Glauning und dem Schulhaus immer der engste
Verkehr statt gefunden hatte, versteht sich von selbst. Forstner
war fast in allen Stunden, die er sich abmüßigen konnte, bei der
schönen Braut gewesen, und seine Mutter hatte über alle wichtigen
Fragen mit ihr und der Base Rath gepflogen. Bei einem so lebhaften
Temperament, wie es der junge Lehrer besaß, konnte sich die Glut
des Liebenden freilich nicht immer auf der ersten Höhe behaupten;
gerade wenn sie dauern sollte, mußte sie sich mäßigen und so zu sagen
in regelmäßigem Flußbette hinströmen. So war denn mit der Zeit der
Verlobte ruhiger geworden, und ohne daß sein Wohlgefallen an der Braut
sich minderte, öffnete sich sein Herz auch wieder andern Dingen.
Den ganzen Frühling hindurch hatte er Einladungen seiner Freunde zu
fröhlichen Gelegenheiten ausgeschlagen. Er führte Christine mit seiner
und ihrer Mutter an schönen Feiertagen nach Nördlingen, Oettingen oder
Wallerstein, unterhielt sie, zeigte ihnen belehrend die Schlösser und
Hofgärten der fürstlichen Residenzen und ging in gemüthlichem Gespräch
mit ihnen nach Haus. Wie nun aber der Eifer der Ausfertigung, je weiter
diese vorschritt, nur um so lebhafter wurde und die Weiberherzen
ganz zu erfüllen schien, glaubte Forstner den Collegen und Kameraden
sich nicht länger entziehen zu dürfen. Man hatte in Oettingen ein
musikalisches Kränzchen gestiftet, und er mit seinem hübschen Tenor und
seinem Geschick auf der Violine war ehrenvoll dringend zur Theilnahme
aufgefordert worden. Er verpflichtete sich dazu, und da die Gesänge und
die Musikstücke, die man aufführte, bald gut zusammengingen, so legte
der rasche Fußgänger mit Vergnügen die ziemlich lange Strecke zurück,
die zwischen dem Dorf und dem Ort der Zusammenkunft lag, und freute
sich der künstlerischen Unterhaltung und der lustigen und geistreichen
Gespräche, die auf die kleinen Concerte zu folgen pflegten.

Forstners Temperament -- das hat man schon gesehen -- war überwiegend
sanguinisch. Von Leuten dieser Art ist bekannt, daß sie gewisse Dinge
schneller und lebhafter erfassen, aber schneller auch wieder lassen
als andere. Ich sage, gewisse Dinge. Es wäre schlimm, wenn der
Sanguiniker in seinem Geist und Herzen nicht die Kraft besitzen könnte,
einem Gedanken, einer Pflicht und einer ernstlichen Neigung treu
sein Leben zu widmen. Aber von gewissen Dingen, namentlich solchen,
die auf dem Felde der Unterhaltung und des Lebensgenusses liegen,
wird der Mann von leichtem Blut schneller hingerissen als andere
und weiter geführt, als er anfangs dachte, auch wenn er, wie unser
Lehrer, eine Dosis Phlegma besitzt, welche der Klugheit zur Unterlage
dient. -- Das musikalische Kränzchen in der genannten fürstlichen
Residenz gewann in raschem Aufschwung einen Stand der Blüthe, wie er
unter günstigen Verhältnissen bei solchen Verbindungen einzutreten
und eine Zeitlang zu dauern pflegt. In solcher Zeit gelingt alles;
die Theilnahme scheint ununterbrochen zu wachsen, die Freude kommt
ungesucht und der Ruhm des Instituts verbreitet sich in der ganzen
Umgegend. An den Tagen, wo man sich in Oettingen versammelte, fanden
sich nun bald auch Gäste von benachbarten fränkischen Orten ein, die
nach ihrem bekannten Naturell dem Vergnügen keinen Eintrag thaten.
Musiker trinken gern, und ein leichter Rausch ist der Zustand, der
allein würdig scheint, auf künstlerischen Enthusiasmus zu folgen,
weil er diesen nicht verglühen läßt, sondern liebevoll erhöht und
weiter trägt. Da nun das Bier, welches der Ganswirth lieferte,
vortrefflich war, so fühlten sie sich, wenn es auch meistens Dorf-
und Stadtlehrer mit zwei- bis fünfhundert Gulden Einkommen waren,
doch alle wie Könige. Die musikalischen Aufführungen gewährten edeln
und feinen Genuß, das darauf folgende Gelag machte sie fröhlich wie
die fidelsten Musensöhne, und die Gesänge, in welche die innere Lust
hier unwillkürlich ausströmte, klangen noch schöner und ergreifender,
als die kunstmäßig vorgetragenen, weil die Formen der Kunst von der
lodernden Glut der Seelen überschwänglich erfüllt wurden. -- Forstner,
eine Zierde sowohl der Aufführungen als der Gelage, sah sich in diesem
Zirkel geehrt und geliebt; seine Freundschaft wurde gesucht, ein Lehrer
aus der benachbarten fränkischen Stadt erklärte ihn für ein Genie und
schloß sich eng an ihn an; da war es ohne Zweifel natürlich, daß die
Theilnahme an dem Kränzchen in ihm endlich zur Passion wurde und daß
er an den Versammlungstagen regelmäßig als einer der ersten kam und
einer der letzten ging. Eben so natürlich war es aber auch, daß dabei
Zeit und Geld verthan wurden »nach Noten« -- und letzteres mehr als es
Forstners Einkommen vertrug.

An Zeit hat der Dorflehrer im Sommer keinen Mangel. Dessen ungeachtet
verminderten sich die Besuche des Bräutigams im Hause der Braut auf
eine Weise, daß es auch der Vielbeschäftigten und Arbeitstrunkenen
auffallen mußte. Sie machte ihm darüber Vorwürfe und setzte mit etwas
empfindlichem Ausdruck hinzu: es sehe beinahe aus, als ob's mit seiner
Lieb' zu ihr gar nicht mehr so arg sei, wie sonst. Allein da schloß
er sie mit einer Zärtlichkeit in seine Arme und sprach von seiner
ewigen Liebe und Treue in so schönen Ausdrücken, daß der halbe Zweifel
in der Seele des Mädchens rasch wieder getilgt war. Er zeigte eine
ernste Miene und belehrte sie, wie er sich im Singen und Musiciren
üben und Bekanntschaften machen müsse, weil ihm dies zu seinem
Fortkommen durchaus nöthig sei. Er erzählte ihr, welchen Beifall er in
dem Kränzchen erhalte und wie geehrt er sei -- und Christine, selbst
geschmeichelt, meinte, das sei dann freilich etwas anderes und auch sie
könne ihm jetzt nicht rathen wegzubleiben.

Mit seiner Mutter hatte Forstner eine andere Erörterung. Die alte
Frau besaß noch etwas Vermögen. Es war nicht mehr so viel als vor
einigen Jahren; denn der begabte und überall beliebte Sohn hatte als
Schulgehülfe mit seinen Einnahmen unmöglich reichen können, und jedes
Jahr mußten etwelche Schulden getilgt werden. In seiner jetzigen
Stellung war er ausgekommen, so lange er eingezogen lebte; jetzt hatte
sich wieder ein Deficit gezeigt, und er mußte die Mutter neuerdings
angehen. Diese sträubte sich und las ihm gehörig den Text. Allein
es gelang ihm auch ihr gegenüber zu beweisen, daß ihm die jetzigen
Ausgaben in Folge der gemachten Bekanntschaften zehnfach wieder
hereinkommen würden, und die beschwichtigte Mutter zahlte.

Der Sommer näherte sich seinem Ende. Die Ausstattung der Christine
war beinahe fertig -- ein Gegenstand der offenen Bewunderung und
des geheimen Neides besuchender Freundinnen. An den Kästen und
»Bettscha'den« (Bettstatten), an Tischen und Stühlen hatte der
Schreiner des Dorfs sein Meisterstück gemacht. Sie waren nicht von
Mahagoniholz und nicht polirt, aber mit brauner Oelfarbe überzogen,
so schön wie man's noch nie gesehen. Hemden, weiße Schürzen,
Schnupftücher, »Handswellen« (Handtücher), Tischtücher und Strümpfe
gewöhnlicher und feingemodelter Gattung lagen gewaschen und gebügelt
im »Weißwaarenkasten.« Die Betten waren schon überzogen mit blau- und
rothgestreiftem, selbstgewirktem Zeug. Spitzenhauben, Sonntagskappen
(wo das »Bödele« aus Gold- oder Silbergeflecht bestand) und
verschiedene Alltagskappen prangten im obern Fach des reichbehängten
Kleiderkastens. Ein neuer Spinnrocken mit Rad, von einem Nördlinger
»Dreher« kunstreich gefertigt, stand bereit, um an dem Tag des Einzugs,
mit dem feinsten und weißesten Flachs überzogen und mit rothseidenem
Band umwickelt, mitten auf dem Wagen zu prangen. Es fehlten
hauptsächlich nur noch ein paar Sessel, welche die alte Glauning, des
feinen Schwiegersohns wegen, sich auch noch zu bestellen entschlossen
hatte, und ein kleines Stück Hausrath, welches erst später nöthig zu
werden pflegt, das aber vorsorgliche und humoristische Eltern in der
Regel auch gleich mitfertigen lassen.

Was Christine an Geld mitbekommen und wie es gezahlt werden sollte, war
ausgemacht. Die Heirath des einzigen Kindes mit einem Lehrer versetzte
die Wittwe in eine Nothwendigkeit, die auf dem Lande stets mit
Leidwesen empfunden wird, das Gut, das ihr Mann von seinen Vorfahren
überkommen, vergrößert und so schön hergerichtet hatte, in andere
Hände übergehen zu lassen. Der angestellte Schwiegersohn konnte es
nicht übernehmen, und sie konnte es nach der Ausstattung ihrer Tochter
nicht mehr halten. Als sie das einmal vor Hans aussprach, bemerkte
dieser: er habe daran auch schon gedacht und bei sich überlegt, was
Haus und Feldung in heutiger Zeit wohl gelten möchten. Er sei über eine
Summe mit sich einig geworden, und um diese wolle er selber das Gut
an sich bringen. Die Wittwe, angenehm überrascht, ließ ihn die Summe
nennen; und da auch sie schon einen Ueberschlag gemacht hatte, dessen
Ergebniß von dem Gebot des Vetters nicht viel abwich, so wurden sie
bald »Handels eins.« Sie machten aus und gaben sich die Hand darauf,
daß nach der Heirath der Christine -- denn vorher wollten sie keine
Aenderung treffen -- die Sölde um die vereinbarte Summe von ihr an ihn
übergehen solle. Der alten Glauning fiel ein Stein vom Herzen. Sie
konnte mit dem Handel zufrieden sein, dann aber war es ihr lieb, daß
ihr »Sach« an einen »Freund« überging, und nicht minder, daß der um
sie verdiente Hans wenigstens ihr Haus und ihre Güter erhielt, wenn
auch nicht ihre Tochter. In dem Vergnügen, das sie empfand, sah sie ihn
mit gutmüthiger Schlauheit an und sagte: »Du hast g'wiß schon eine mit
zwei- oder dreitausend Gulden!« -- »Das nicht,« erwiederte Hans, »ist
aber auch nicht nöthig. Vor der Hand getrau' ich mir die Geschichte
allein zu behaupten.« -- »Wenn's Einer kann, so kannst du's. Aber
besser ist besser.« -- »Das schon; ich will auch gar nicht sagen, daß
ich ledig bleib'. Wenn ich in dem Haus da einmal festsitz', dann wird
sich wohl eine finden, die's riskirt mit mir.« -- »Hundert für Eine!«
rief die Base mit Wärme; »so viel du willst!« -- Hans zuckte die Achsel
und sagte: »Also dabei bleibt's! Wenn die Christine heirathet, bin ich
der Käufer.«

Die Uebernahme dieser Verpflichtung war kein Akt der Großmuth von
unserem Freund. Er hatte das Gut lieb gewonnen, die von ihm Jahre lang
bebauten und verbesserten Felder waren ihm an's Herz gewachsen, und
da sich eine so gute Gelegenheit bot, sie zu erhalten, wollte er sie
nicht auslassen. Trotz des Gemüthes, das wir an ihm kennen, war er
keineswegs so romantisch gesinnt, daß er sich etwa vorgenommen, selber
unbeweibt zu bleiben und nur der Erinnerung an seine Liebe zu leben.
Im Gegentheil, es war ihm ganz ernst mit dem, was er der Base gesagt
hatte; wenn Christine verheirathet war, so wollte er selbst eine brave
Frau nehmen, die von ordentlichen Leuten herkam und etwas hatte und mit
deren Eingebrachtem er nach und nach ganz schuldenfrei werden konnte.
Mit ihr, wenn sie auch der Christine an Schönheit lange nicht gleich
käme, wollte er leben, wie sich's gehört, und einen rechten Mann
machen.

Von derjenigen Seite, wo neue Einrichtungen getroffen werden mußten,
war demnach alles in Ordnung. Es blieb nichts mehr übrig, als die
Erfüllung der gewöhnlichen Formalitäten, und das Brautpaar konnte
verkündigt, die Hochzeit konnte gefeiert werden. Als die Glauning dies
dem Verlobten mittheilte und den Tag der Verkündigung bestimmt wissen
wollte, bemerkte dieser: es gehe jetzt noch nicht -- man müsse noch
warten. Mutter und Tochter sahen ihn bei diesen Worten befremdet an. Er
war in der letzten Zeit einmal auf drei Tage verreist und hatte vorher
auf Befragen nur erklärt, daß er nothwendige Geschäfte besorgen müsse.
Nach der Rückkehr war er unruhig und aufgeregt; Christine wußte nicht,
was sie aus ihm machen sollte; sie sagte es ihm und mußte mit einer
Antwort vorlieb nehmen, die sie nur für eine Ausrede halten konnte. Und
jetzt, nachdem alles fertig und alles im Reinen war, sollten sie noch
warten? Sie fragte nach der Ursache; er erwiederte, die könne er noch
nicht sagen. »Auch mir nicht?« entgegnete sie verletzt und erröthend.
-- »Auch dir nicht, gute Christine,« antwortete Forstner. »Es ist um
unseres gemeinschaftlichen Besten willen, und ich hoffe, in kurzem
kann ich reden.« -- Wie bedenklich das alles der Braut und der Mutter
erscheinen mochte, sie mußten sich in seinen Willen ergeben und
zusehen.

Eines Abends -- nachdem vier Tage verflossen waren -- kam Forstner
mit raschen Schritten auf das Haus zu und trat mit ernster, feierlich
aufgeregter Miene in die Stube. »Ich bring' eine große Neuigkeit!«
rief er Christine entgegen, die mit ihrer Mutter am Tische saß. Das
Mädchen fuhr unwillkürlich zusammen und erhob sich rasch. »Was für eine
Neuigkeit? Du erschreckst mich!« -- »Es ist nicht zum Erschrecken,
sondern zum Freuen,« erwiederte er. -- »So sag's!« rief Christine, noch
keineswegs ermuthigt. -- »Nun, ohne Umschweife: ich bin als Lehrer nach
** berufen« (er nannte eine fränkische Stadt, aus der sein Freund und
College vom Oettinger Kränzchen war) »und werde die Stelle mit nächstem
antreten.«

Das Mädchen war mehr bestürzt als erfreut über diese Nachricht. »Du
kommst in eine Stadt?« fragte sie zagend. »Was soll dann aber aus
uns werden?« -- »Du wartest hier bei deiner Mutter, bis ich mich
eingerichtet habe. Dann hol' ich dich ab und wir machen Hochzeit.«
-- »Ich in eine Stadt!« rief sie, indem sie, wenn auch dunkel, alles
Bedenkliche dieser Ortsveränderung empfand. »Da paß' ich nicht hin!«
Und die Mutter setzte bekümmert hinzu: »Dann hab' ich die halbe
Ausfertigung und alle die theuern Bauernkleider umsonst machen lassen!«
-- Forstner lächelte. »Wir werden manches brauchen können, was Ihr
angeschafft habt, Frau Schwiegermutter. Und für die Kleider, die nicht
in die Stadt passen, schaffen wir andere an. Ich bekomme für's erste
hundert Gulden mehr als hier, kann mir durch Privatstunden noch andere
hundert verdienen und habe die Hoffnung bald vorzurücken.«

Trotz all den schön eröffneten Aussichten wollte sich bei Christine
noch kein Vergnügen einstellen. »Ich weiß nicht,« sagte sie, indem
sie vor sich hinsah, »mir ist so angst!« -- »Wenn du an einen Ort
sollst,« erwiederte der Verlobte mit einem Blick des Vorwurfs, »wo
ich bin? Schäme dich, Christine! Freuen solltest du dich, daß ich
vorwärts komme, und etwas einbilden solltest du dir, die Frau eines
Mannes zu werden, der in zehn Jahren vielleicht Oberlehrer ist.« --
»Ich freu' mich auch,« erwiederte Christine, deren Mienen sich nun doch
aufklärten, »aber ich fürchte nur« -- -- »Du bist ein Kind,« versetzte
er, indem er sie bei der Hand faßte. Und mit einem zärtlichen Blick
setzte er hinzu: »Bei mir wirst du doch angewöhnen? Da wird's dir doch
nicht »and thun« nach deinem Dorf?« -- »Nun,« erwiederte das Mädchen,
der bei diesen Worten das liebende Herz aufging, »das mein' ich selbst.
Und in die Stadtleut' werd' ich mich am End' auch schicken!« --
»Freilich wirst du das! Ein schönes, liebes und gescheidtes Mädchen wie
du.«

Bei der Mutter hatte die Aussicht, eine Frau Oberlehrerin zu bekommen,
die fatale Empfindung, so feine Bauernkleider umsonst angeschafft
zu haben, bereits zurückgedrängt und sie sagte jetzt: »Es ist wahr!
Und das Weib muß Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen,
wie's in der Bibel heißt. Herr Lehrer, nehmen Sie die Stelle nur an,
meine Tochter wird sich drein finden.« -- »Es freut mich,« erwiederte
Forstner, »daß Ihr so verständig seid, obwohl ich bei Euch darauf
gerechnet habe.« Und in einem Ton, der halb dem Liebhaber, halb aber
auch dem Lehrer angehörte, sagte er zu der Verlobten: »Folg' mir nur,
liebe Christine, und gieb dir Mühe zu lernen, was dir fehlt. Ich will
dir alles sagen und zeigen, und in sechs Wochen wird dich kein Mensch
mehr von einem Stadtmädchen unterscheiden können. Du hast die Gaben,
du wirst sie unter meiner Leitung ausbilden und eine Frau werden, die
mir Ehre macht.«


                                  IV.

Ein schönes Ziel, auf dessen Erreichen man sich gefreut hat und durch
das man in heiterer Einbildungskraft schon vorher beglückt war,
plötzlich versinken zu sehen, ist betrübend, auch wenn sich in der
Ferne ein neues erhebt, das noch erstrebenswerther scheint. Christine
hatte geglaubt, in wenigen Wochen die Frau des Geliebten zu sein und
in ihrem Geburtsorte, wo es allein ihren Sinn reizte, etwas zu gelten,
in guten Verhältnissen und geehrt zu leben. Nun sah sie die Hochzeit
verschoben und sollte dann im eine Stadt ziehen unter fremde Leute,
an deren guter Meinung ihr nichts liegen konnte, wenn sie auch das
Vertrauen zu sich gehabt hätte, sie zu gewinnen. Statt der Gewißheit
hatte sie nur eine neue Hoffnung, die noch dazu bedeutend mit Furcht
gemischt war -- ein Ziel, das nur ihrem Verstande, nicht ihrem Herzen
ehrenvoll erschien, und das nur durch Anstrengungen erreicht werden
konnte, die ihr keine geringe Last dünkten. -- Doch, so war es einmal;
sie mußte sich darein fügen und dem neuen Stand der Dinge die beste
Seite abzugewinnen suchen.

Zu dem in den Verhältnissen liegenden Grunde, die Trauung zu
verschieben, trat in kurzem und unerwartet ein neuer: die Mutter
Forstners erkrankte und starb nach wenigen Tagen. Sie hatte sich
außerordentlich gefreut, daß ihr Sohn den Fuß auf eine Leiter gesetzt,
auf welcher er zum Gipfel der Ehre emporsteigen konnte, und sie
rühmte ihn jetzt, daß er, wenn auch mit einigen Kosten, so nützliche
Bekanntschaften gemacht habe; denn er hatte ihr nicht verschwiegen,
daß er seine Berufung hauptsächlich den Bemühungen seines Freundes vom
Oettinger Kränzchen verdankte. War es ihr nun auch nicht vergönnt,
ihn auf dem neuen Weg zu begleiten, so starb sie doch mit dem
erhebenden Gedanken, ihn an der Seite einer wackern und schönen Frau,
die eigentlich sie gewählt hatte, dem städtischen Oberlehrer zugehen
zu sehen. -- Der alte Geistliche benutzte diese Umstände zu einer
erbaulichen Rede, und die Verlobten weinten der Verstorbenen von Herzen
in's Grab. Nach Verlauf weniger Tage gehörten sie freilich wieder dem
Leben an und gedachten der sorgsamen Mutter gelegentlich mit Lob, aber
ohne Trauer.

Der Tag, auf welchen Forstner seinen Abzug angesetzt hatte, war
gekommen. Die Bauern zeigten sich bei dieser Gelegenheit freundlich und
diensteifrig. Der Lehrer hatte seine Pflichten nie vernachlässigt und
die Liebe der Kinder sich erhalten. In der letzten Zeit hatte unter
den Eltern allerdings die Meinung um sich gegriffen, daß er eigentlich
ein »leichter Passagier« sei, dem die Christine recht auf die Finger
sehen dürfe. Aber der Erfolg, die Anstellung in der Stadt überzeugte
auch sie eines Bessern; sie sahen in seinem »Gelaufe« ein kluges
Manöver und der gescheidte Mann stieg in der Achtung der praktischen
Dorfleute. Die Kinder, in denen die bessere Unterweisung neue, feinere
Gefühle ausgebildet hatte, ehrten den Lehrer durch sinnige Kränze
von Herbstblumen und durch ein gemeinsames Präsent. Gaben spendeten
auch wohlmeinende und vermögende Eltern, und die Nachbarn halfen den
Wagen beladen, den ein reicher Bauer unentgeltlich nach dem neuen
Aufenthaltsort zu fahren sich erboten hatte. Der Abschied von den
Repräsentanten der Gemeinde war freundschaftlich und herzlich, aber
heiter; Forstner sollte ja wieder kommen, um das schöne Dorfkind
abzuholen. -- Von den Segenswünschen seiner Braut und ihrer Mutter
begleitet, nach vielfachen zärtlichen Händedrücken, fuhr er aus dem
Dorf unter tüchtigem Knallen der Geißel, womit der Oberknecht, der auf
dem Sattelgaul saß, ihn und sich selber zu ehren suchte.

Die folgenden Tage beschäftigte sich Christine mit den ersten
Zurüstungen für die Stadt. Es war ihr lieb, daß ihr noch eine Frist im
Vaterhause vergönnt war, und sie ging mit einem ordentlichen Wohlgefühl
darin hin und her. Ueber den Aufenthalt in der Stadt, der sich für sie
noch vor der Trauung als nöthig herausgestellt hatte, war ein fester
Beschluß gefaßt. Die Glauning hatte sich erinnert, daß an dem Ort eine
Frau wohne, die mit ihr Einen Urgroßvater gehabt und deren Vater nach
vom Ries dahin gezogen war. Diese, die an einen Krämer verheirathet war
und ein Haus besaß, sollte Forstner aufsuchen und fragen, ob Christine
nicht die kurze Zeit bei ihr wohnen könne. Die Hoffnung, eine zusagende
Antwort zu bekommen und zunächst im Hause einer Verwandten leben zu
können, mochte dazu beitragen, das Herz der Braut in jene Ruhe zu
wiegen, mit der sie das Dorf noch recht genießen konnte.

Forstner hatte sogleich in wenigen Zeilen seine glückliche Ankunft
gemeldet. Nach einer Woche kam ein neues Schreiben von ihm, ziemlich
lang und sorgsam abgefaßt. Er schilderte zuerst, wie er von seinen
Collegen, von den Herrn Geistlichen und Magistratsräthen, bei denen er
Besuche gemacht, ausnehmend freundlich und schmeichelhaft aufgenommen
worden sei. Er habe sich überzeugt, das sei der Platz, wohin er gehöre,
wo er Gutes wirken könne mit seinen Gaben und Kenntnissen, und wo er
glücklich sein werde. Die Gespräche, die er geführt mit gebildeten
Männern und Frauen, hätten ihm außerordentlich wohlgethan, und er
freue sich über alles, bei ihnen zu leben und auch seine Christine in
ihre Gesellschaft bringen zu können. Er schätze jeden Stand und habe
gezeigt, daß er mit Leuten von jeder Klasse umzugehen wisse, aber
besser sei besser; man müsse höher hinaufstreben, wenn man könne,
und immer weiter und weiter zu kommen, das sei das wahre Glück. Er
fühle die Kraft in sich, zu steigen, und auch die Geliebte mit sich
hinaufzuheben. Sie müsse nun aber auch ihrerseits die Hand bieten und
sich alle Mühe geben, seine Arbeit ihm zu erleichtern. Das Glück,
das sie dort mit einander finden würden, sei so groß, daß es wohl
die Anstrengungen und Opfer verdiene, die nöthig sein würden, es zu
erreichen. Anstrengungen müsse er seiner Braut nun allerdings zumuthen,
und auch ein Opfer, wenn sie's dafür ansehen wolle. Die Hochzeit
noch in diesem Jahre zu feiern, wie sie zuletzt noch gemeint hätten,
verbiete eigentlich schon die Trauer wegen der seligen Mutter. Allein
es kämen noch zwei Gründe hinzu, die es durchaus nöthig machten, daß
die Trauung erst im nächsten Frühjahr stattfinde. Erstens sei ihm
gesagt worden, daß er nach einer halbjährigen Amtsführung, wenn er sich
als Lehrer auszeichne, eine nicht unbedeutende Zulage erhalten solle.
Sei es ihm nun gerathen, in der nächsten Zeit alle Kraft und allen
Fleiß auf Erfüllung seiner Lehrerpflichten zu wenden, so wäre es auch
gut für sie beide, die Zulage abzuwarten; denn das Leben in der Stadt
sei für ein Hauswesen doch kostspieliger, als er gedacht. Dann aber
sei es eben so eine Sache, vom Dorf her nach kurzem Aufenthalt in der
Stadt, wo man sich kaum darin umsehen konnte, eine Stadtfrau machen
zu wollen. Er selber habe sich das leichter vorgestellt, als er es
jetzt bei kaltem Blut finde. Man müsse eben doch ein anderes Benehmen
lernen, man müsse sich Kenntnisse aneignen, damit man in Gesellschaft
wisse, wovon die Rede sei, und selber mitsprechen könne, kurz, man
müsse das Bauernmädchen abthun und sich eine gewisse Bildung erwerben.
Das gehe aber nicht in einigen Wochen, dazu sei wenigstens ein halbes
Jahr nöthig, und da müsse man noch recht fleißig und aufmerksam sein.
Seine Meinung sei nun die: Christine solle zur Base Kahl ziehen, die
sie mit Vergnügen aufnehmen werde, und im nächsten Winter unter seiner
Leitung alles das lernen, was zu ihrem künftigen Stande erforderlich
sei. Die Kahl sei eine gute Frau, wenn es auch freilich mit ihrer
Bildung nur so so stehe. Er selber hätte seiner Braut wohl gewünscht,
in ein feineres Haus zu kommen; aber das sei nun eben nicht anders zu
machen. -- Der Brief schloß mit Liebesbetheurungen für die Braut, mit
schmeichelhaften Worten für die Mutter. Andern hätte er einen solchen
Vorschlag vielleicht nicht machen können, ohne mißverstanden und
verkannt zu werden; aber sie hätten bei jeder Gelegenheit Beweise von
ihrer Einsicht und ihrer Klugheit gegeben; sie würden ihn verstehen und
ihm Recht geben. --

Die Wirkung dieses Briefes war auf Christine trotzdem keine
erfreuliche. Der Bräutigam sprach darin so vornehm, so von oben herab
zu ihr! Die Vorstellung der Arbeiten, die sie sich zugemuthet sah,
lastete auf ihrem Gemüthe mit verdoppelter Schwere; ihre Bangigkeit
erneuerte sich und ihre Miene drückte Zagen und zugleich etwas
Empfindlichkeit aus. »Da haben wir's!« rief sie am Ende. »Ich bin ihm
so nicht gut genug und soll erst weiß Gott was lernen, bis er mich
heirathen mag!« -- Die Mutter, der die Schreibweise des künftigen
Schwiegersohns auch nicht ganz gefallen hatte, obwohl sie einem
»Herrn« seine eigene, vornehmere Sprache zugab, hielt es doch für
gerathen, davon zu schweigen und sich Forstners anzunehmen. »Mir
scheint's aber, daß er gar nicht Unrecht hat, Christine! Er will, daß
du recht hineintaugst in die Stadt und daß du verstehst, was du als
Frau Lehrerin brauchst. Er will dich gescheidt und geschickt machen
und das beweist ja grad, daß er recht viel auf dich hält und ein
braver, ehrlicher Mann ist.« -- »Das mag sein,« erwiederte Christine
etwas beruhigter; »aber er hätte mir das doch anders sagen können.« --
»Eigentlich,« versetzte die Mutter, »schreibt er freilich ein wenig
anders, als er früher geredet hat; aber das wird schon so sein müssen,
es wird eben die Mode sein unter den Herrn. Er meint's gut, und das ist
die Hauptsach'.«

Christine wollte das nicht bestreiten und fand sich endlich in den
Vorschlag und den Willen des Verlobten. Wenn wir es gestehen sollen,
so war ihr die tröstlichste Stelle in dem Briefe die, wo Forstner die
Base für nicht gebildet und fein genug erklärte. Sie fühlte zu ihr
gleich ein lebhaftes Zutrauen und setzte sich mit erleichtertem Herzen
an den Tisch, um die Antwort abzufassen. Im Wesentlichen sagte sie:
Was er geschrieben, wäre ihr und ihrer Mutter recht; sie wolle ihm
folgen und fleißig sein, und hoffe dann so weit zu kommen, daß sie ihm
in der Stadt keine Unehre mache. Was sie unter den jetzigen Umständen
für die Stadt brauche, werde sie bald hergerichtet haben; er könne sie
darum abholen, wenn er's für gut finde. -- Die Mutter nahm es auf sich,
die Abänderung in dem Plane der Verlobten gehörig unter die Leute zu
bringen. Ihre Christine werde erst im Frühjahr heirathen, was für Herrn
Forstner und sie ein großer Vortheil sei; aber sie werde jetzt schon
in die Stadt ziehen und was Ordentliches lernen, damit sie dort eine
rechte Frau machen könne.

Eines Vormittags in der ersten Woche des November kam Forstner in
einer Kutsche angefahren. Er war bei der ersten Begrüßung etwas
ernst; es schien als ob das Dorfmäßige der Wohnung und Kleidung
schon etwas Befremdendes für ihn erhalten hätte. Bald aber thaute er
auf und war wieder der Alte. Christine, die sich zu seinem Empfang
geputzt hatte und ihm aufwartete, sah in ihrem wirthlichen Eifer so
frisch und anmuthig aus! Sein Puls ging rascher, als er sie an seine
Seite niederzog und sie betrachtete. Was konnte er sich Schöneres
wünschen, als dieses Mädchen sein zu nennen? Er liebte sie, und wenn
er sie noch so weit zu bringen vermochte, daß sie ihn und sich in
seiner nunmehrigen Stellung nicht durch Unwissenheit und Dorfmanieren
bloßstellte -- war er nicht der glücklichste Ehemann? -- Die Furcht vor
dem Lächerlichen, wir können es nicht läugnen, war groß in dem jetzigen
Stadtlehrer. Sein Trieb, in Gesellschaft zu glänzen, hatte sich nach
Maßgabe seiner Erfolge in ihm ausgebildet, und in gleichem Verhältniß
war auch die Besorgniß gewachsen, in Gesellschaft zu mißfallen oder
ein Gegenstand des Bedauerns zu werden. Wie bedrückend war für ihn der
Gedanke, daß das, was er gut machte, durch seine Frau vielleicht wieder
verdorben wurde! Doch jetzt wich jeder Zweifel zurück im Anschauen des
liebenswerthen Mädchens. Das Herz ging ihm auf, er glaubte an sie und
traute ihr Alles zu. Er ward fröhlich und guter Dinge, scherzte nach
alter Sitte und machte Mutter und Tochter fröhlich.

Um die Mittagszeit war Alles zur Abfahrt bereit. Als Christine von
der Mutter, vom väterlichen Haus und vom Dorf Abschied nehmen sollte,
da ward es ihr doch plötzlich wieder ernst zu Muthe. Sie fühlte, was
sie that und wagte, und ihr Herz klopfte in bängeren Schlägen. Die
Mutter hatte sie und den Verlobten würdig ermahnt und feierliche
Gegenversicherungen erhalten; das war tröstlich, als sie noch beisammen
saßen. Draußen im Hof, unter dem grauen Himmel, in der frostigen Luft,
wo ihr noch einige Freundinnen »b'hüt dich Gott« sagten, um dann auf
die Gasse hinaus oder heimzugehen, erhielt die Furcht in dem Dorfkind
wieder die Oberhand. Der gute Hans, der schon beim Einpacken behülflich
gewesen, hatte noch eben eine Kiste mit Stricken auf der Kutsche
festgebunden. Sie trat zu ihm, gab ihm die Hand und dankte mit etwas
unsicherer Stimme, aber um so herzlicher für all die Freundschaft, die
er ihr und ihrer Mutter bewiesen habe. Hans erwiederte mit ernsthaftem
Gesicht: was er gethan habe, das hab' er gern gethan, und er wünsche
ihr jetzt alles Glück und Wohlergehen. -- In solchen Momenten leben
alte Gedanken und Gefühle wieder auf; die Seele wird heller, und was
völlig abgethan schien, steht in klarem Lichte vor ihr. Christine hielt
die Hand des Wackern fest und drückte sie; denn nicht nur die Liebe,
auch der gerührte Dank, auch die Hochschätzung muß sich in Aeußerungen
der Zärtlichkeit genug thun. Ihre Augen wurden feucht, und wie sie
ihn damit ansah, hätte er wohl eine Abbitte darin lesen können. Ohne
Zweifel verstand er sie. Eine leise Andeutung von gutmüthig wehmüthigem
Lächeln ging über seine ernsten Züge; er schüttelte ihr kräftig und
treuherzig die Hand, als wollte er sagen: »laß das gehen,« und wünschte
ihr nochmal wohl zu leben. -- Ein paar Minuten später, und Christine
saß in ihrem Dorfgewand, aber in einen Mantel gehüllt und um den
Kopf ein weißes Tuch gebunden, neben dem Verlobten im Wagen, der von
trabenden Rossen gezogen aus dem Dorf rollte.

Eine seltsame Reihe von Empfindungen zog durch das erweichte Herz
des Mädchens. Trauernde und sorgende, hoffende und freudige tauchten
abwechselnd auf, bis die Seele nach und nach ruhig wurde und in dem
Einen Gefühl der Ergebung die übrigen versanken. Sie machte eine eigene
Erfahrung an diesem Tag: das Zusammensein mit dem Geliebten kam ihr
nicht so schön vor, als sie sich's früher gedacht. Mit der Ruhe kam
aber die Empfänglichkeit für die aufmunternden und schmeichelnden Worte
des Bräutigams wieder in ihr Gemüth, und endlich saß sie vergnügt an
der Seite des Vergnügten.

Es war in der Abenddämmerung, als das Ziel ihrer Fahrt, die Stadt vor
ihnen lag. Diese gewährte in der guten Jahreszeit einen freundlichen
und hübschen Anblick; jetzt sah sie aus, wie eben eine Landstadt im
Spätherbst, und der guten Christine kam sie recht fremd vor. -- Die
Kutsche rollte durch das Thor in die Hauptstraße, lenkte bald in eine
Seitengasse ein, die zu den engen und düstern gehörte, und hielt vor
einem schmalen, zweistockigen Hause. Eine Frau in den Fünfzigen kam
heraus, hob Christine grüßend aus dem Wagen und führte sie in die Stube
zu ebener Erde. Sie war bei der Base Kahl.

Herr Kahl war ein Kleinhändler, dessen Geschäft seit dem Auftreten
eines reicheren und praktischeren Concurrenten in Abnahme gekommen war
und der nun, anstatt sich ebenfalls besser umzuthun, lieber ergeben
den alten Schlendrian fortführte und seinen Haushalt einschränkte. Er
wohnte mit seiner Frau und einer Magd, die auch im Laden aushelfen
mußte, allein in dem Hause, und weder die kleine Familie noch die
Stube, in der sie sich Mittags und Abends zusammenfand, konnte den
Eindruck des Wohlhäbigen machen. Es waren -- die gleichfalls in
gewissen Jahren befindliche Magd mit eingeschlossen -- längliche,
hagere Gestalten, die in ihrem ganzen Wesen etwas Kümmerliches hatten.
Dieß war ihnen freilich schon zur Gewohnheit geworden und erschien
durch mehrjährige Uebung gemildert; allein ihr Anblick hatte damit noch
nichts Vertraueneinflößendes gewonnen. Gutmüthig in gewissem Sinn waren
die alten Leute; sie konnten sich auch freuen über kleine Wendungen zum
Bessern und einzelne glückliche Zufälle, und spannen so ihr Leben am
Ende doch erträglich weiter.

Christine erhielt die Stube im ersten Stock, bisher eine Art von
Prunkzimmer der Familie, nebst einem Schlafkämmerchen. Ein kleiner
irdener Ofen, altes Möbelwerk und einige Bilder an der Wand zierten
das zweifenstrige Gemach, jedenfalls das beste im Hause. Unter andern
altmodischen Bildern sahen aber die Porträts der Hausleute, in ihrer
Jugend von einem Anfänger gemalt, so trübselig von der Wand, als ob
die Originale schon eine Ahnung gehabt hätten, daß sie zu besonderem
Glück im Leben nicht bestimmt waren. Als der Ofen nach so langem Feiern
und Frieren geheizt wurde, begann er tüchtig zu rauchen; die Fenster
mußten aufgerissen werden, und erst nach und nach brachte man in dem
frostgewohnten Raum einige Wärme zuwege. Die ersten Eindrücke, die
Christine in dem Hause erhielt, waren keineswegs angenehm.

In dem Vertrauen, das sie auf die Base gesetzt hatte, fand sie sich
aber nicht getäuscht. Frau Kahl, abgesehen von ihrer verhältnißmäßigen
Gutmüthigkeit, hatte auch alle Ursache, gegen das Bäschen gefällig
zu sein: diese zahlte Kost und Logis, wenn auch zu mäßigem Preis,
und vergrößerte so das geringe Einkommen. Dann aber war sie die
Braut des Herrn Forstner, der auch hier schon ein Gegenstand des
Anerkennens und Rühmens geworden war. Aus diesen Gründen war die Base
freundlicher und rücksichtsvoller gegen sie, als die seit Jahren im
Hause mitregierende Magd, die es hart anzukommen schien, von einer in
Bauernkleidern gekommenen und sich gar nicht auskennenden jungen Person
etwas zu halten und gegen sie zu thun, als ob sie etwas wäre. -- Der
sechzigjährige Vetter bezeigte sich freundlich und höflich, aber ohne
sonderlichen Eifer, dessen er überhaupt nicht fähig war. Mit ihm hatte
Christine wenig zu thun. Den Tag über war er in seinem Laden, beim
Mittagessen schwieg er und nach dem Abendessen duselte er in seinem
Sorgenstuhl ein.

Als die neue Hausgenossin sich so gut, als es anging, eingerichtet
hatte, war es ihre nächste Aufgabe, sich städtische Gewandung zu
verschaffen. Ein Alltagskleid war bald besorgt und das Anprobiren
desselben das erste wichtige Ereigniß in dem neuen Leben der
Lehrersbraut. Die Base half ihr dabei und hoffte, daß sie in dem
schöneren Anzug bedeutend hübscher und vornehmer aussehen würde. Allein
welche Ueberraschung, als sie nun die Fertige musterte! Sie mußte
sie viel weniger hübsch finden als vorher. Natürlich sagte sie das
nicht und strich und zupfte um so emsiger das Gewand zurecht, in der
Hoffnung, es möchte noch werden. Die Hoffnung erfüllte sich aber nicht
und der Grund war klar. Abgesehen davon, daß Christine das ungewohnte
Kleid nicht zu tragen verstand, war auch ihre Gestalt nicht dafür
geschaffen. Ihr Wuchs, der sich im Bauerngewand stattlich ausnahm und
von dem nichts hinwegzuwünschen war, hatte im städtischen Anzug -- wir
sagen es mit Bedauern -- etwas Unzierliches und Schwerfälliges, eine
boshafte Städterin hätte sagen können Plumpes. Als Frau Kahl sie von
oben bis unten betrachtet hatte und ein Lob unmöglich über ihre Lippen
bringen konnte, machte sie in der Verlegenheit des Augenblicks das
Kleid verantwortlich, das nicht gut gerathen sei und geändert werden
müsse. Aber Susanne, die Magd, die auch herzugekommen war und sich an
dem Anblick weidete, bemerkte mit entsprechendem Ausdruck: »Am Kleid
liegt der Fehler nicht.« -- Auf dem Tisch lag noch ein Hut, den Frau
Kahl erst gestern gekauft hatte, ganz neu und neumodisch. Vielleicht
daß er, den schönen Kopf zierend, eine günstige Veränderung im Ganzen
bewirkte. Sie setzte ihn darauf -- und sah sich auf's neue enttäuscht!
Das Gesicht, im Rieser Käppchen so hübsch rund und so reizend, erschien
im Hut zu voll. Christine, die zu merken anfing, welchen Eindruck sie
hervorbrachte, wurde befangen, das Blut stieg ihr in's Gesicht, und
dieses konnte dadurch weder an Rundung ab-, noch an Feinheit zunehmen.
Zu allem Unglück war die Temperatur in der Stube seit dem frühen
Morgen bedeutend gesunken, und indem die Röthe der etwas frierenden
Christine eine bläuliche Färbung gewann, vollendete sich die Tücke des
schlimmen Tags.

Wie sie so dastand und nicht wußte, was sie sagen oder thun sollte,
ging die Thüre auf und Forstner trat herein. Er kam zufällig, das
Unternehmen des Tags war ihm unbekannt. Als er die Verlobte in dem
langen Kleid sah, war er betroffen und betrachtete sie einen Moment
schweigend. Dann rief er mit einem Lächeln, das nicht ganz hinreichte,
einen gewissen verlegenen Ernst zu decken: »Wie siehst du aus,
Christine! Man kennt dich gar nicht mehr! So -- so vornehm!« Christine
versuchte zu lächeln und sagte mit etwas verzogenem Mund: »Nun --
gefall' ich dir nicht?« -- »O freilich,« erwiederte der Verlobte,
der vor der Base und der Magd gerathen fand, seine und ihre Würde zu
wahren. »Aber man ist's nicht an dir gewohnt und darum fällt's einem
auf. Nun, aller Anfang ist schwer; das wissen wir Lehrer. Mit der Zeit
wirst du's tragen wie eine Städterin, und uns wird's dann sein, als ob
wir dich nie anders gesehen hätten.« -- »Ja freilich,« bemerkte die
Base, die froh war, daß der Bräutigam ihr zu Hülfe kam; »es ist ja kein
Hexenwerk!« -- Die Magd, die unbeachtet in einer Ecke stand, schüttelte
den Kopf und verließ die Stube. Auf der Stiege sagte sie zu sich: »Das
wird nie eine Frau für diesen Mann!«

Forstner hatte Christine nicht sogleich anstrengen wollen und sie
bisher nur besucht, um sie zu grüßen und zu unterhalten. Allein die
Zeit war kostbar, und endlich mußte mit der Erziehung, die er ihr
zudachte, vorgeschritten werden. Nachdem auch die Base sich entfernt,
setzte sich das Paar auf einem kleinen Kanape zusammen und der Verlobte
entwickelte ihr den Plan, nach welchem sie die fehlende Bildung
nachholen sollte. Da er unter Tags in der Schule und mit Privatstunden
beschäftigt war, so wollte er wo möglich jeden Abend zu ihr kommen und
sie unterrichten. Sie sollte Lesen, Schreiben und Rechnen nachüben und
sich der Orthographie und der hochdeutschen Aussprache befleißigen.
Geographie und Geschichte konnten ihr nicht erlassen werden; denn
der Frau eines Lehrers mußte wenigstens bis zu einem gewissen Grade
bekannt sein, was es mit der Erde für eine Bewandtniß habe und wie
es dem Menschengeschlecht bis jetzt darauf ergangen sei. Wie leicht
konnte in Gesellschaft die Rede darauf kommen und sie ihn, wenn
sie aus Unwissenheit fragte oder gar mitreden wollte, in peinliche
Verlegenheit bringen! -- Dann mußte sie gute Bücher lesen lernen, die
Geist und Herz veredeln und Stoff bieten zu geselliger Unterhaltung. --
War sie nicht jung und hatte sie ihm nicht schon Beweise gegeben von
offenbarem Verstande? Wenn er sie nur erst eingeführt in den Garten des
Wissens, dann sollte sie schon Geschmack daran finden und selber darin
herumwandeln und an Blüthen und Früchten sich ergötzen. -- Als er ihr
das alles auseinander setzte, gerieth er in einen Eifer des Lehrers und
malte ihr die künftigen Herrlichkeiten so schön vor, als ob sie schon
da wären. Die gute Christine aber dachte: »Gott, wie wird das alles in
meinen Kopf gehen!«

Forstner stand auf, Abschied zu nehmen. Als er die Verlobte in dem
langen Kleid nochmal betrachtete (den Hut hatte sie glücklicherweise
schon abgelegt), konnte er doch nicht umhin, auf's neue bedenklich
zu werden. Der Anzug kleidete sie gar zu wenig! Die Gestalt war von
städtischer Zierlichkeit gar zu weit entfernt! und es drängte sich
ihm das Gefühl auf, daß Christine doch wohl nie eine feine Frau
werden möchte. Die Zufriedenheit, ja alle Munterkeit war aus seinen
Mienen gewichen; er sah ernst und befangen für sich hin. Christine
errieth oder ahnte seine Gedanken und stand halb niedergedrückt, halb
empfindlich vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Es war einer von jenen
schlimmen Augenblicken, wo man die Empfindungen, die man schweigend
verbergen wollte, in ihrer ganzen fatalen Realität sich gegenseitig aus
der Seele liest. Endlich nahm sich Forstner zusammen; er gab ihr die
Hand, sah sie freundlich, wo nicht zärtlich an und drückte einen Kuß
auf ihre Lippen, die auch in der gegenwärtigen ungünstigen Situation
ihren Reiz nicht verloren hatten. Das Mädchen wurde roth und die Freude
glänzte wieder aus ihr; sie blickte ihn so schön und lieb an, wie nur
jemals früher in ländlicher Unbefangenheit. Ihres Anblicks froh empfahl
er ihr noch zwei Bücher, die er mitgebracht hatte, als unterhaltend zum
ersten Leseversuch, und verabschiedete sich.

Das Leben des Mädchens hatte bald in jeder Beziehung seine Ordnung und
Methode. Einen Theil des Tages verbrachte sie bei der Base und half ihr
kochen und sonstige Hausarbeit verrichten. In der Kochkunst viel zu
lernen war bei Frau Kahl nicht die Gelegenheit; denn die Speisen, die
sie bereitete, waren sehr einfach und eine große Abwechslung fand nicht
statt. Auch wollte Christine finden, daß die städtische Kost, obwohl
öfter Fleisch auf den Tisch kam, als bei ihr zu Hause, doch nicht so
nahrhaft und wohlschmeckend sei und namentlich zu viel an Butter und
Schmalz gespart würde. -- Eine oder zwei Stunden täglich wurden von
weiblicher Arbeit in Anspruch genommen. Hier sollte sich das Dorfkind,
die in ihrer Weise ganz gut nähen und stricken, sogar ein wenig
schneidern konnte, die feineren Künste zu eigen machen, und zwar unter
der Leitung einer Verwandten des Vetters Kahl, die sich erboten hatte,
sich ihrer anzunehmen und sie so weit zu bringen, als es bei einer
Person, die unter Bauersleuten aufgewachsen sei, eben ginge. Diese
Verwandte führte den romantischen Namen Adelheid, hatte aber trotzdem
keinen Mann bekommen, und schuf sich dafür einen geistigen Ersatz
in Geltendmachung ihrer Ueberlegenheit und in stolzem Verziehen der
Oberlippe, die im Verlauf der Zeit einen Ausdruck männlicher Autorität
gewonnen hatte und auch mit einem entsprechenden Fläumchen geziert war.
Daß diese Stunden für Christine nicht die angenehmsten waren, erräth
man; allein sie mußte die Unterweisung, die Mamsell Adelheid ihr bot,
doch mit Dank aufnehmen und durch Fleiß, durch Aufmerksamkeit und
namentlich auch durch Bescheidenheit zu verdienen suchen. Was an Zeit
noch übrig blieb, war auf Erledigung der Aufgaben zu verwenden, die
Forstner ihr gegeben hatte.

Dieser begann seinen Unterricht mit der praktischen Klugheit, die
uns an ihm nicht unbekannt ist. Die ersten Stunden wurden mehr mit
Unterhaltung ausgefüllt; das Verfahren war darauf berechnet, das
Mädchen zu erheitern und ihre Neu- und Wißbegierde zu reizen. Nach
und nach mußten die Zügel freilich straffer angezogen werden. Die
Wißbegierde wollte sich eben in Christine keineswegs in der Stärke
einfinden, die der Verlobte wünschen mußte. Das gute Mädchen hatte mehr
einen Hang, sich mit dem, was sie wußte, zu begnügen, als einen Drang,
den Schatz ihrer Kenntnisse zu vermehren. Sie konnte nicht einsehen,
was es z. B. nütze zu wissen, daß die Hauptstadt von Preußen Berlin
heiße, und zu was es gut sei, mehr alte Römer kennen zu lernen, als
den Landpfleger Pontius Pilatus. Sie war daher manchmal zerstreut,
dachte an andere, ihr näher liegende Gegenstände, und hatte, was der
Lehrer ihr mit lebhaftem Eifer gesagt, öfters gar nicht gehört, viel
weniger verstanden. Sie offenbarte ein eigenthümliches Talent, das
was sie schon gelernt, mindestens nachgesprochen hatte, wieder zu
vergessen, und bei Dingen, die er als bekannt voraussetzen zu können
glaubte, dreinzusehen, als ob sie nie eine Sylbe davon gehört hätte.
Daß nun auch der Lehrer ärgerlich wurde, und daß es ihn zuweilen sehr
hart ankam, in den Grenzen der Höflichkeit zu bleiben, begreift sich.
Eine Zeitlang nahm er sich zusammen, und wenn er hitzig wurde und die
Verlobte einigermaßen verletzt schien, legte er als Balsam gleich
wieder sanfte Worte auf. Rief er einmal strafend: »Wie ungeschickt!«
oder: »Das hast du ja schon gewußt! -- wo sind denn deine Gedanken?«
-- und erröthete sie dann und sah gedemüthigt zu Boden, dann tröstete
er sie: es komme nur darauf an, die ersten Schwierigkeiten zu besiegen
und mehr Freude an der Sache zu finden; sie solle nur den Muth nicht
verlieren, und dergleichen. Wie nun aber diese Freude sich nicht
einstellte und die alten Fehler wiederkehrten, fand er's doch für
gerathen, bei den strafenden Worten zu bleiben und ihr aus einem
Schamgefühl nicht herauszuhelfen, das so wohl verdient schien. Es
entfuhren ihm nun zuweilen Ausrufungen wie: »Gott, was ist das für ein
Kopf!« oder: »das ist ja zum Verzweifeln!« -- und er versetzte damit
dem Selbstgefühl des Mädchens einen Schlag, der um so weher that, als
er früher ja ganz anders gesprochen hatte. -- Nach solchen Aeußerungen
mußte er freilich wieder einlenken; aber er that es nicht mehr in
sanften Worten, sondern erklärte, es thue ihm leid, so zu reden, aber
es sei seine Pflicht, die Sache mit mehr Ernst und Strenge anzugreifen,
da sie mit ihrer Langsamkeit und Zerstreuung sonst zu nichts kommen
würde. Was er thue, geschehe zu ihrem Besten und nur aus Liebe.

Das mochte alles ganz wahr sein, aber auf Christine konnte es keinen
erfreulichen Eindruck machen. Wenn Forstner als Liebhaber im ihre Stube
trat, sah sie diesen gar bald durch den Lehrer beeinträchtigt; nach und
nach wurde er ganz zum Hofmeister, und sie konnte von Glück sagen, wenn
der Liebhaber wenigstens beim Abschied wieder zum Vorschein kam.

Die Gute mußte endlich einsehen, daß sie wieder ganz zum Schulkinde
geworden war und die Leiden eines solchen zu erdulden hatte, ohne den
frohen und leichten Jugendmuth zu besitzen, der alles Unangenehme
schnell wieder abwirft. Sie war gehofmeistert von Mamsell Adelheid,
gehofmeistert von ihrem Bräutigam, und oft schien es ihr, als wäre
dieser schlimmer wie jene. Das Fatale dabei war: sie konnte die Bande,
wie schwer sie auf ihr lasteten, nicht abwerfen, nicht einmal an
ihnen rütteln; sie mußte das Joch tragen und damit weiter gehen. --
Erholung und Unterhaltung war ihr wenig geboten; denn außer den uns
bekannten Persönlichkeiten hatte sie keinen Umgang, da sie ja durch
diese zu weiterem erst befähigt werden sollte. Wenn sie sich nun an
einem grauen, kalten Tag in ihrer Stube mit ihren Aufgaben beschäftigen
wollte, aber durchaus keine Lust dazu verspürte und Buch und Papier
weglegte, um für sich hinzustarren, dann begann es ihr endlich »and zu
thun« nach der Heimath, und dieses Gefühl wurde stärker und stärker.
Sie kam sich recht einsam, recht verlassen vor und hatte zuletzt
eine Anwandlung von der Empfindung, die man im Ries mit dem Worte
»verzwazeln« (verzweifeln, vergehen) bezeichnet. Aber sie durfte von
diesem eigenen Leide niemand etwas sagen. Auch der Mutter mußte sie
schreiben, daß es ihr wohl gehe, und daß sie gern hier sei.

Endlich kam ein Tag, der wohl zu der Hoffnung berechtigen konnte, daß
er ihr Freude bringen und wieder Muth und Zuversicht einflößen werde.
Der städtische Sonntagsanzug, den man bald nach ihrer Ankunft für
sie bestellt hatte, war fertig geworden. Man hatte nichts gespart,
ihn so hübsch und glänzend herzustellen, als es bei ihr nur immer
anging. Alles hatte seinen Rath dazu gegeben und das Kleid war von den
geschicktesten Händen gefertigt, die man in der Stadt finden konnte.
Frau Kahl, der es eine Ehrensache geworden war, das Dorfbäschen in eine
Städterin umzuwandeln, hatte sich am eifrigsten dabei umgethan; sie
hoffte besonders auch eine gute Wirkung auf das Gemüth der Verwandten,
an der sie ein scheueres und gedrückteres Wesen zu ihrem großen
Bedauern wahrgenommen hatte. Kleider machen Leute, das ist ein gutes
altes Sprichwort, und mit einem feineren Anzug pflegt in gar viele
Menschen auch ein höherer Geist zu fahren. Sollte sich das nicht auch
an Christine bewähren? -- Als diese an dem festlichen Morgen unter
Beihülfe der Base und der Mamsell Adelheid fertig geworden war und
dastand im dunkeln Merinokleid, seidenem Halstuch, sammtnem Hut und
glänzend gewichsten Schuhen, wurde sie von den Richterinnen ernst und
aufmerksam geprüft. Beide gingen hin und her und betrachteten sie von
allen Seiten. Seltsames Mißgeschick! Die Erscheinungen beim ersten
Probiren des Alltagskleides wiederholten sich. Die Stoffe thaten ihre
Wirkung, die Gestalt war aber durch sie um nichts feiner und zierlicher
geworden, sie schien allen Verwandlungsversuchen widerstehen zu wollen.
»'S ist eben eine maskirte Bäurin,« dachte Mamsell Adelheid, und die
Base wußte gar nicht, was sie denken sollte.

Am ungefügigsten erwiesen sich zuletzt noch die Hände des Landmädchens.
Daß die Bauernarbeit, wie jede andere, die gleiche Anstrengung mit
sich führt, die Glieder mächtiger und stärker entwickelt, weiß jeder.
Ein Dorfkind bringt in der Regel die Anlage zu tüchtigen Fingern schon
von den Eltern mit, und die Ausbildung wird durch Rechen, Sichel und
Dreschflegel entsprechend gefördert. Die Haut wird auf der einen Seite
hart, auf der andern erhält sie eine röthlich bräunliche Färbung, und
die Dorfhand ist fertig. In ihrer Heimath wird sie so gerade geschätzt;
sie deutet auf Arbeit und Arbeitsfähigkeit -- die Ehre der Landleute
-- und paßt zum ländlichen Anzug. Ein schönes Mädchen weiß damit zu
schmeicheln, so gut wie eine Städterin mit ihren zierlichen Fingern,
und der Druck der Liebe soll unter dieser Voraussetzung um nichts
weniger süß und angenehm sein. Aber alles hat in der Welt seinen
natürlichen Platz, und wenn es diesen verläßt, wird das Passende
unpassend. Die Hände unserer Christine gehörten auf dem Dorf noch
nicht zu den stärksten; in der Stadt und für den städtischen Anzug
erschienen sie nun doch viel zu entwickelt, und dieß stellte sich
auf's klarste heraus, als die neugekauften Handschuhe darüber gezogen
werden sollten. Sie erwiesen sich zu klein und drohten zu platzen;
man mußte in den Laden schicken und Männerhandschuhe der größten Art
bringen lassen. Diese reichten endlich zu; aber den Händen, die mit
ihnen bedeckt waren, Beifall zu spenden, das war auch der wohlmeinenden
Richterin eine Sache der Unmöglichkeit.

Nach erneuerter Prüfung gewann es Frau Kahl zuletzt über sich, das
Bäschen mit Anerkennung aufzumuntern und zu bemerken, das Kleid stehe
ihr diesmal schon viel besser und sie könne sich sehr wohl damit sehen
lassen. Mamsell Adelheid schwieg; sie konnte eine gewisse Schadenfreude
in ihrem gelblichen und scharfen Antlitz nicht unterdrücken und sagte
zuletzt, für den Anfang sei es gut genug; man dürfe von einem Mädchen,
die im Dorf groß geworden sei, gar nicht verlangen, daß sie ein solches
Gewand gleich zu tragen verstehe, wie sich's gehöre. -- Christine,
durch alles das betroffen und irre gemacht, besah sich im Spiegel,
prüfte sich hin und her, und gefiel sich selbst nicht. Sie gehörte
nicht zu den Einfältigen, das gute Dorfkind, und ließ sich nicht von
den prächtigen Stoffen blenden; sie hatte ein Augenmaß und überzeugte
sich, daß ihr der ganze Kram nicht zu Gesichte stehe. Ihre Freude --
denn sie hatte sich doch auf die schönen Sachen gefreut -- war zu
Wasser geworden.

Eben hatte die Base wieder eine ermuthigende Bemerkung angefangen,
als der Verlobte in die Stube trat -- diesmal nicht zufällig. Es
war verabredet, daß er die Braut besuchen und sie mit Frau Kahl in
die Kirche führen solle. An der Thüre stehend und nur den schönen
neuen Anzug im Auge, stieß er ein fröhliches »Ah, wie schön!« aus.
Als er näher trat und die Geputzte genauer betrachtete, wurde er
ernst und ernster, und es war ihm unmöglich, in dem begonnenen Tone
fortzufahren. Die Hände waren ihm nie so groß vorgekommen als in den
feinen Handschuhen; aus dem Gesicht im Sammthut schien aller Geist,
alle Anmuth geflohen zu sein. Die Eitelkeit des jungen Mannes, der
sich eine Frau wünschte, mit der er prunken konnte, war erschreckt und
sah den unerfreulichen Thatbestand noch dazu mit übertreibenden Augen.
Christine sagte sich augenblicklich: »Ich gefall' ihm wieder nicht,
gar nicht -- und das ist kein Wunder!« Als der Verlobte sich endlich
mit Anstrengung zusammennahm und seine Verlegenheit hinter Worte des
Lobes und der Bewunderung verbergen wollte, die ihm aber durchaus nicht
von Herzen gingen und auf dem Gesicht der Mamsell Adelheid nur ein
boshaftes Lächeln hervorriefen, da hatte das gute Kind eine wahrhaft
peinliche Empfindung. Sie versetzte mit dem Ernst der Ehrlichkeit: er
möge sie doch mit solchen Reden verschonen, sie wisse recht gut, daß
ihr dieses Kleid nicht anstehe und immer noch das Bauernmädchen aus ihm
herausschaue. Aber das sei nun einmal so, und sie könnte sich nicht
anders machen, als sie wäre.

Sehr verstimmt trat man den Weg zur Kirche an. Als in der Hauptstraße
ein Herr und zwei Frauenzimmer daher kamen, die den Lehrer grüßten
und auf Christine blickend, heitere Mienen zeigten, war es ihm, als
ob er auf Nadeln ginge. Er wurde schamroth wie ein Mädchen, dankte
hastig, ging rascher und verabschiedete sich vor dem Kirchenthore
von Christine mit dem Gefühl wahrer Erleichterung. Für sie hatte die
niederdrückende Erfahrung, die der eilige Abschied des Bräutigams noch
vervollständigte, das Gute, das sie im Gotteshause Trost suchte und
der Predigt, die ihrer Lage entsprach und an sie gerichtet schien, von
Anfang bis zu Ende folgte. Es war dies das erste Mal in ihrem Leben;
aber Noth lehrt beten und öffnet das Verständniß für Aussprüche, die
früher nur als leere Klänge am Ohr vorüberzogen. Ihre Anstrengung
belohnte sich auch, sie kam getrösteter und ruhiger nach Hause.

Indem ich das Verhalten und die Schicksale Christinens der Wahrheit
gemäß schildere, bin ich weit entfernt, eine Theorie aufstellen
und etwa lehren zu wollen, ein Dorfmädchen passe in die Stadt und
für einen Städter überhaupt nicht, die geborne Bäuerin könne nur
mit einem Bauer glücklich sein und die Verpflanzung in eine höhere
Schichte der Gesellschaft niemals gelingen. Das wäre falsch und würde
namentlich auch im Ries durch gelungene Versuche widerlegt. Es kommt
hier, wie sich von selber versteht, auf den Geist und das Naturell
des Mädchens an. Ist diese begabt, strebsam und sehnt sie sich höher
hinauf, so wird sie als Braut und als Frau eines gebildeten Mannes
gar bald die Kultur annehmen, die von ihr gefordert werden kann;
denn eine Pariserin braucht sie ja in einer deutschen Kleinstadt
nicht zu werden. Sie wird das verhältnißmäßige Hochdeutsch lernen,
womit man im der städtischen Unterhaltung durchkommt; Begrüßungen und
höfliche Redensarten werden ihr bald geläufig vom Munde gehen; sie
wird Kenntnisse sammeln und in Gesellschaft mehr oder weniger ein Wort
mitreden können. Was die französische Kleidung betrifft, so wird eben
dieser Punkt am leichtesten erledigt sein. In dem strebenden Mädchen
regt sich der feinere Putztrieb von selbst, das neue Gewand, das Symbol
höheren Standes, wird mit freudiger Begierde angelegt, mit Selbstgefühl
getragen, und Lust und Liebe und angeborenes Geschick führen bald zu
der Herrschaft darüber, die sich in leichter und angenehmer Bewegung
ausspricht. Die Hände, wenn sie nicht schon von Natur feiner waren und
der Einwirkung der Arbeit widerstanden haben, werden zarter und feiner
mit der Zeit, und das Wagniß ist gelungen. Kommt es ja doch in der
Ehe und in einem Haushalt viel mehr auf Angebornes als auf äußerlich
Gelerntes an! Der natürliche helle Verstand findet sich darin viel
eher und besser zurecht als der trägere Geist, dem allerlei Wissen
beigebracht wurde, und wenn zuletzt auch einzelne Züge immer noch das
geborene Landmädchen verriethen, so könnten sie bei dem Vorhandensein
der erforderlichen reellen Eigenschaften doch zu nichts weiter als zu
scherzhaften kleinen Neckereien führen.

Ich möchte behaupten, daß eine solche Entwicklung bei Dorfkindern, die
von der Natur nicht stiefmütterlich behandelt sind und von Städtern
geehlicht werden, Regel ist. Die meisten werden, von dem Reiz geleitet,
den das Neue und Höhere auf ihr Gemüth übt, sich in die Verhältnisse
schicken, ihrem Stande Ehre zu machen sich bemühen und in ihrem Eifer
das vorgesteckte Ziel erreichen.

Unsere Christine gehörte aber nicht zu den Strebenden. Sie war für das
Dorf geboren und nur hier konnte sie wahrhaft glücklich werden. Auf
ihre Phantasie wirkte mehr der Reiz des Hergebrachten als des Neuen,
mehr die Poesie des Eigenen als des Andern. In dem Kreise des Dorfes
selber fortzuschreiten, aus einer Söldnerstochter eine angesehene
Bäuerin zu werden, das war ihr Ehrgeiz, ihr erster und schönster Traum
gewesen. Bei Forstner war es mehr die hübsche und einschmeichelnde
Persönlichkeit, die sie bestrickte, als der Lehrer und »Herr«; und
wenn der Gedanke ihr angenehm war, Frau Lehrerin zu werden, so war es
eben nur unter der Voraussetzung, daß sie es auf dem Dorf, ja in ihrem
Geburtsort würde und damit in ihrer Art zu der Höhe der ersten Frauen
darin hinaufrückte. Der Titel einer städtischen Frau Oberlehrerin
blendete sie nur mit flüchtigem Reiz, mit einem Schein, der bei näherer
Betrachtung nicht Stand halten konnte. Ihr angeborener Trieb führte die
Seele wieder und wieder zum Dorfe, zur Stätte des Jugendglücks, zur
Heimlichkeit der Heimath zurück.

Christine liebte die Rieser Tracht, fand sie schön und zierend, und
sie hatte alle Ursache dazu, denn ihr stand sie vortrefflich. Sie
hatte etwas von der Gesinnung in sich, die ehedem verbreiteter war
als jetzt, aber sich gewiß noch nicht ganz verloren hat; ich meine
die Gesinnung, in welcher der Bauer seinen Stand eigentlich für den
ehrenvollsten, seine Kleidung für die schönste hält, und die Herren
und Herrenfrauen, die in der Stadt leben und französische Kleider
tragen müssen, nicht nur für weniger begünstigt ansehen, sondern
geradezu bedauern kann. Schreiber dieses erinnert sich, in seiner
Jugend von wohlhäbigen Landmädchen mehrfach spöttische Bemerkungen über
Städterinnen gehört zu haben, die nur dem Stande und Gewande galten
und mit behaglicher Sicherheit, ohne alle Bosheit abgegeben wurden.
»So eine Langrockete,« hieß es von dem Stiefkinde der Verhältnisse,
das mit dem Flecken reizloser und unsolider Tracht behaftet war. Eine
geborene Wallersteinerin, Tochter eines angesehenen Bürgers und von
mütterlicher Seite mit einer jungen Bäuerin verwandt, besuchte diese
einmal zur Kirchweih und gewann in fröhlichem Gespräch bald ihr Herz.
Die Bäuerin freute sich ihrer und sagte endlich: »Du bist a brav's und
a lieb's Mädle -- wann d'nor oh (auch) andere Kloeder a'hättst!« --
»Warum das?« fragte die Wallersteinerin. Und sie erhielt zur Antwort:
»'s ist halt nex mit dem Häs (Kleidung) doh, und wo ma' he'kommt, ist
ma' halt veracht!« -- Diese Aeußerung kam dem heitern Mädchen sehr
ergötzlich vor, und noch als ältere Frau pflegte sie die Anekdote zur
Charakteristik des Rieser Landvolks und zur Belustigung städtischer
Hörer zu erzählen. Allein die Gesinnung, aus der solche Aeußerungen
hervorgehen, ist doch eine höchst respektable Quelle von Glück in der
Welt. Es ist der frohe Glaube an den Werth dessen, was man hat und ist,
das Erfülltsein von Liebe zu der hergebrachten Art und Sitte -- der
Grund der Zufriedenheit und Beständigkeit im Leben.

In Christine lebte etwas von diesem Glauben und dieser Liebe und trat
in den gegenwärtigen Verhältnissen, die freilich nicht darnach angethan
waren, mit ihren Erinnerungen in die Schranken zu treten, zuweilen
mit größter Stärke hervor. Doch sie durfte sich dem Zug nach dieser
Seite nicht hingeben, sie mußte ihn bekämpfen, mußte streben und
lernen, mußte sich bemühen, eine andere zu werden und städtische Sitten
liebzugewinnen.

Die Erziehung eines Mädchens wie Christine und ihre Angewöhnung in der
Stadt, sollte man glauben, hätte unter den geschilderten Umständen
dennoch, wenn auch langsam, fortschreiten müssen, da es ja doch
immer der Bräutigam war, der die Braut erzog, und die Liebe, die
beide zusammengeführt hatte, zuweilen allerdings getrübt, keineswegs
ausgelöscht war. Allerdings; aber die Liebe des Bräutigams und der
Entschluß, die gelobte Treue zu bewahren, hatten nun eben den Vorsatz
gefaßt, gegen den Zögling sich in consequentester Strenge zu beweisen.
Die Zeit verstrich und Christine mußte bis zum Frühjahr wenigstens so
weit gebracht werden, daß sie als Frau seiner nicht ganz unwürdig war.
Er mußte sie zwingen, sich Mühe zu geben und ihren Geist auszubilden.
War dieser entwickelt, dann sollte das übrige schon nachfolgen und
der nöthige Anstand ergab sich von selber. -- Durch diese strenge und
unter Umständen züchtigende Liebe des Bräutigams wurde die Liebe der
Braut auf die schwerste Probe gestellt. Es blieb eben auch nicht bei
dem Ernst, hinter dem eine Liebe regiert, die gut und consequent ist.
Dieser wäre es endlich wohl gelungen, das Ziel zu erreichen und ihre
Bemühungen gekrönt zu sehen; aber Forstner war in einer Gemüthslage,
wo ihm nichts rasch genug ging; er wollte, aufgeregt und ungeduldig,
die Frucht haben, bevor sie reifen konnte, und wiederkehrende Fehler
der Schülerin entrissen ihm nun bei schon angesammeltem Verdruß
Aeußerungen, die er zwar immer noch für wohlverdient hielt, Christine
aber nur als wahre Beleidigungen aufnehmen konnte. Es gab Auftritte
zwischen dem Liebespaar, und Stunden, ja Tage des Trutzens. Versöhnte
man sich wieder und that man das Gelübde, sich nie, nie wieder zu
kränken, so war dem Frieden die Dauer so wenig verbürgt, wie andern,
die auch auf ewige Zeiten abgeschlossen werden. -- Gegen die ernsten
Mahnungen Forstners konnte und wollte Christine nichts einwenden. Sie
faßte den Entschluß, sich Mühe zu geben, und sie gab sich Mühe; aber
Lust und Liebe zur Sache konnte sie sich nicht geben, und unter den
geschilderten Umständen konnten diese auch nicht in ihr keimen und
wachsen. Alles, was gegen die Natur verlangt wird, alles, was vor
der Zeit fertig sein soll, gewinnt aber in der Seele den Charakter
einer unerträglichen Last. Es wächst ein Widerwille dagegen, der zum
Abscheu werden kann; und wenn man die verhaßte Pflicht nun doch nicht
zurückzuweisen sich getraut, vielmehr die Nöthigung erkennt sie zu
erfüllen, koste es was es wolle, dann können sich im Herzen Elemente
der Verzweiflung ansammeln, die nothwendig zum Ausbruch kommen müssen.

Am Abend eines Tages, an dem Forstner nach wieder eingetretener
Spannung nicht erschienen war, saß Christine mit ihren Verwandten
und Mamsell Adelheid bei der frugalen Abendmahlzeit. Sie wurde mit
dem abwesenden Liebhaber geneckt, wie es ihr mißfallen mußte; nicht
aus heiterem und gutem Herzen (ein solches hätte unter den gegebenen
Verhältnissen überhaupt geschwiegen) sondern von Seiten der Base ohne
Laune, aus Langeweile, von Mamsell Adelheid ohne Wohlwollen, aus
Schadenfreude. Sie antwortete zuerst etwas empfindlich, und endlich
verbat sie sich diese Reden ganz. Wie meistens, wenn sie im Ernst
und von Herzen sprach, hatte sie diese Erklärung im Rieser Dialekt
abgegeben, und Adelheid, die sich auf dem einen Felde nicht mehr
genügen durfte, benutzte nun die Aussprache des Dorfmädchens, um
ihr etwas anzuhaben. »Pfui, Christine,« rief sie mit dem geheuchelt
wohlmeinenden Ausdruck, der bekanntlich viel widerlicher ist, als
ehrliche Unhöflichkeit, »pfui, wie bäurisch ist das wieder! Du mußt
dir dieses Rieserischreden abgewöhnen, gutes Mädchen; das geht hier
nicht mehr, du machst dich lächerlich damit, und für die Frau eines
Lehrers paßt es schon gar nicht!« Die Wahrnehmung, daß ihre Worte auf
Christine ihre Wirkung gethan hatten, ermunterten sie fortzufahren, und
sie bemerkte: »Du brauchst nicht ärgerlich zu werden. Wir meinen's gut
mit dir, drum sagen wir dir's, andere lassen dich reden und lachen dich
aus.«

Das hieß bei dem Rieser Kinde eine der empfindlichsten Stellen
berühren. Sie hatte jene Rüge und Ermahnung von ihrem Bräutigam und
von der Mamsell schon öfters hören müssen. Bei ihm hatte sie's in der
Ordnung gefunden und sich bestrebt, hochdeutsch zu reden. Zunächst
war freilich nur ein Mischmasch herausgekommen, der ihn zuweilen auch
wieder lächeln machte, und wenn sie sich bemühte, rein hochdeutsch zu
reden, dann sprach sie die Worte mit einer Betonung, die ihr nicht
natürlich war und pedantisch klang, so daß Forstner sie zuweilen wieder
bat, sie solle lieber reden, wie sie's gelernt habe. Es war auch eine
fatale Empfindung, sich sagen zu müssen, daß sie ihm nichts zu Dank
machen könne, und die ganze Sache hatte darum etwas Unangenehmes
für sie. Bei der Adelheid war ihr aber der Tadel ihrer Sprache um
so verdrießlicher, als sie ihr eigentlich kein Recht dazu einräumen
konnte, auch darum nicht, weil die Mamsell nicht sowohl hochdeutsch
als fränkisch-deutsch redete. Die Rieserin konnte durchaus nicht
begreifen, wie das fränkische »Na'« (Nein) schöner klingen sollte
als das Rieserische »Noë«, oder worin »Ah« (Auch) hochdeutscher wäre
als »Oh« u. s. w. Sie hatte bemerkt, daß man im Ries gewisse Worte
gerade nach der Schrift aussprach, während man sie im Fränkischen
veränderte, also verschlechterte, daß man z. B. im Ries ganz richtig
»mager« sagte, wo es hier »moger« hieß; und sie sah nun in keiner Art
ein, wie sie die Sprache ihrer Heimath gegen so eine Sprache sollte
schlecht machen lassen. Bei dieser Gelegenheit sagte sie denn mit der
Resolution des Unwillens alles, was sie auf dem Herzen hatte, und
schloß ihre Erwiederung mit den Worten: »Jedes hat seine Sprach' gern
und glaubt, sie sei besser als die andere, und das ist natürlich. Ihr
sagt, die Rieser sei so breit und hinausgezogen, mir kommt die eure
dagegen öd vor und recht »moger«, und ich mein', ich könnt' in ihr nie
von Herzen reden. Aber darüber will ich nicht streiten. Wenn ich mein
Rieserisch einmal ablegen soll, so will ich doch lieber gleich ein
rechtes Hochdeutsch lernen, sonst will ich beim Rieserischen bleiben.
Denn wenn's auch eine langsamere Sprach' ist wie die eure, so reden's
doch Leute, die ich lieb hab' und die ich hochschätz', und das kann ich
nicht von allen sagen, die ich kenne. Für heut' wünsch' ich Gutnacht!«
-- Sie war aufgestanden und verließ die Stube mit einem Blick der
Geringschätzung auf Mamsell Adelheid. -- »Hoffärtiges Ding!« rief
diese, die sich durch den Vorwurf der Schülerin wegen des Fränkischen
getroffen und durch ihren Abschiedsblick beleidigt fühlte. Aber Vetter
Kahl meinte, sie habe es ihr heute auch arg gemacht, und man könne es
der Christine jetzt nicht übel nehmen, wenn sie nicht bei guter Laune
sei. -- »Ja freilich,« setzte die Frau hinzu und nickte bedenklich.

Christine ging in ihre Stube hinauf, zündete ein Talglicht an, setzte
sich an den Tisch und versuchte in einem Buche zu lesen, das ihr
Forstner als unterhaltend empfohlen hatte. Bald legte sie's weg. Wie
sollte sie sich für die geschriebenen Sachen interessiren, während ihr
Herz so voll und so aufgeregt war von Unmuth und Sorge! Schweigend,
die Arme auf die Lehne des alten Stuhls gelegt, sah sie auf den Boden
und verharrte in formlosem Gedankenspiel eine Zeitlang in dieser
Stellung. Es fröstelte sie; aber sie wollt' es nicht anders haben und
rührte sich nicht. Wie traurig und öde war es in dieser Stadt! -- wie
unheimlich war es in der Stube, die eigentlich nie recht warm gemacht
werden konnte! Ihre Phantasie ging in die Heimath zurück, sie stellte
sich das Dorf und die Stube ihrer Mutter vor, und alles Liebe und
Heimliche baute sich nach und nach vor ihr auf. -- Wie schön war es
dort -- auch im Winter! die Stube so warm den ganzen Tag, weil man im
Rohr des eisernen Ofens kochte und das Holz nicht sparte. Welch ein
angenehmer Geruch, wenn am Sonntag ein paar Tauben gebraten wurden
oder ein frisches Stück Fleisch vom selbstgeschlachteten Schwein. Wie
heimlich war es des Abends, wenn sie mit ihrer Mutter spann und mit ihr
und dem braven Hans einen Rath hielt oder »ihren Gedanken Audienz gab«
und die runde Hauskatze hinter dem Ofen dazu »durnte!« Wie traulich
war es, wenn ein paar Freundinnen mit dem Rocken kamen, wenn man mit
einander schwatzte und lachte, und nicht eines besser zu reden glaubte
als das andere, und nicht eines das andere mit seiner Sprach' aufzog.
Dort waren die Leute gut, und auch die schlimmen hatten etwas an sich,
was man gern haben mußte. Es war eben dort alles lustiger, und auch die
schlimmen meinten's nicht so bös; und so hochmüthige gelbe Gesichter,
wie die Adelheid eines hatte, gab es dort gar nicht.

Indem die Träumende von diesen Vorstellungen aufsah und sich in ihrem
düster erhellten, todtenstillen Zimmer erblickte, hatte sie das Gefühl
eines verlorenen Paradieses. Dort war alles so gut und so schön, dort
konnte sie glücklich werden. Hier hatte sie keine einzige Gespielin,
keine einzige vertraute Seele! Hier war sie verachtet und verspottet,
sie, die in ihrem Dorfe geehrt und gepriesen war. Hier wurde sie
mißhandelt! Und er, der ihr Trost und ihre Stütze sein sollte, er,
der ihr ewige Liebe geschworen hatte, wurde mit jedem Tage härter und
liebloser gegen sie! Er hatte keine Geduld mit ihr, er »kappte sie
herab,« er beschimpfte sie, er schämte sich ihrer! Das mußte ~sie~
erleben! -- und das mußte sie von ~ihm~ erleben! Und wenn er nun
schon als Bräutigam so gegen sie handelte, was hatte sie zu erwarten,
wenn er ihr Mann war und ihr Herr? Welchen Ehestand sollte das geben?

Der Gedanke, daß sie das Unrechte gewählt habe, daß ein unglückliches,
verfehltes Leben ihrer warte, und daß sie selber daran Schuld sei,
begann den Geist des Mädchens zu überwältigen. In ihrem Herzen fing ein
Zittern und Beben an, das sich über den ganzen Körper verbreitete, das
nicht mehr zurückgedrängt werden konnte und nicht mehr enden zu können
schien. Der Sturm der Verzweiflung war über ihre Seele gekommen. Wenn
dieser einmal im Innern zu sausen und zu brausen beginnt, dann helfen
keine Einreden des Verstandes mehr. Alle Gründe, die dagegen sprechen
sollen, fallen kraftlos zu Boden, das Toben der Angst geht weiter mit
der Gewalt eines übermächtig gewordenen Feuerbrandes, man hat nur noch
Ein Gefühl und Ein Wort: Verloren! verloren!

Christine konnte nicht mehr glauben und nicht mehr hoffen. Es war ihr,
als ob sie auf und davon müßte; aber wohin sollte sie? Sie konnte
nicht fort, sie mußte bleiben und alles erdulden, was ihr auferlegt
war. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie in einen Brunnen gefallen
wäre und nicht mehr heraus, ja nicht einmal um Hülfe rufen könnte.
Welch eine Noth! -- welche Bangigkeit! Und hätte sie nur weinen und
Erleichterung finden können in Thränen! Aber in solchem Zustande des
Herzens kann auch das Weib nicht weinen; nur leiden kann es, leiden und
beben, wie das Lamm in den Klauen des Raubthiers.

Endlich erhob sich die Unglückliche mit entschlossener Anstrengung. Sie
legte sich nieder, ob ihr vielleicht der Schlaf ein Erlöser würde; aber
die empörten Wogen der Seele ließen sie nicht schlafen. Sie verbrachte
die schwerste, peinvollste Nacht ihres Lebens und sank endlich nur aus
Mattigkeit in einen unruhevollen Schlummer.


                                  V.

Die Verzweiflung, von der eine leidende, gedrückte Seele befallen
wird, trägt oft am meisten zu ihrer Wiederauflebung und Stärkung bei,
wenn die Verhältnisse, in denen sie lebt, nicht an sich desperat,
sondern von ihr nur so empfunden worden sind. In dem Wirbel der Sinne
übertreibt sie und sieht im schlimmsten Licht; und wenn der Hauptanfall
ausgehalten ist, kann sie diesen Irrthum erkennen, zur Betrachtung der
bessern Seite hingedrängt und dadurch wieder beruhigt werden. Bleibt
noch so manches Unebene zurück, so liegt der Gedanke nahe: ob denn auch
alles so accurat sein müsse, ob denn bei andern alles so accurat sei?
Und sie ermuthigt sich, sie bescheidet sich, sie hofft wieder.

Ein Sturm, der im Herzen sich erhebt, fegt dieses ohnehin, ich möchte
sagen physisch aus. Er nimmt manchen phantastischen Anspruch, den man
an die Welt und ihr Glück zu haben glaubt, mit sich hinweg und läßt
erkennen, daß man in ihr vielmehr dulden und etwas leisten müsse. »Thu'
was du kannst, in's übrige füge dich!« -- mit diesem Vorsatz tritt man
den Anfechtungen des Lebens entgegen und findet dann auch wieder, daß
es doch nicht so schlimm ist, als man sich's vorgestellt.

Bei Christine war es aber nicht mit einem Tage abgemacht. An dem
folgenden ging sie körperlich erschöpft, im Innern gebrochen einher
und die Quelle der Verzweiflung strömte ruhiger, aber stetig in ihr
fort. Sie trug alle Merkmale einer qualvoll durchwachten Nacht an sich;
doch war ihr Mund still und ihre Miene ergeben, so daß die Base wahres
Bedauern mit ihr empfand und auch Susanne und Adelheid nicht ganz
ungerührt blieben. Forstner kam auch an diesem Tage nicht. Christine
mußte an das Schlimmste denken; sie that es mit schauerndem Herzen;
aber das Schlimmste war eine Entscheidung und hatte für ihr jetziges
Gefühl auch wieder etwas Beruhigendes. Ermüdet legte sie sich zu Bette
und fand bald das Heilbad des Schlafes.

Kräftiger stand sie auf und erfreute die Base beim Frühstück durch eine
getröstete Miene. Sie hatten von häuslichen Dingen gesprochen und waren
eben daran, die Arbeiten des Tages zu erwägen, da trat der Verlobte
herein -- mit allen Zeichen der Eile und einem entschiedenen Ausdruck
der Reue, die wieder gut machen will.

Das ist leicht zu erklären. Die Base hatte gestern in der Nacht noch
Vetter Kahl zu ihm geschickt, und dieser hatte ihn von dem Stande der
Dinge unterrichtet und ihm ins Gewissen geredet. Eindrucksfähig wie er
war, hatte sich Forstner die Worte zu Herzen genommen, sein Gewissen
hatte sich gerührt und ihn zu dem Entschluß gebracht, Christine noch
vor der Schule zu besuchen.

Er ging auf sie zu, drückte ihr die Hand und entschuldigte sein
Ausbleiben mit unaufschieblichen Arbeiten, die ihn leider abgehalten
hätten, zu ihr zu kommen u. s. w. Christine, durch sein Erscheinen
erfreut, ließ alles gelten, und es kam zu einer vollständigen
Versöhnung. Als sie vom Unterricht zu reden begann, nahm er
Gelegenheit, sich selbst anzuklagen. Er sei offenbar in der letzten
Zeit zu ungeduldig gewesen und habe mehr verlangt, als sie leisten
konnte; er müsse sie wirklich um Verzeihung bitten; aber sein Amt und
die Plage mit seinen Kindern mache ihn eben auch zuweilen verdrießlich
und ungerecht. Das Mädchen entgegnete: daß er mit ihr die Geduld
verloren habe, sei ganz natürlich, sie komme auch gar nicht weiter.
Aber nun solle er sehen, nun werde sie sich recht zusammennehmen, und
es werde gewiß besser gehen. -- Von seiner Seite Geduld, von ihrer
Seite Fleiß und Mühe -- was brauchte es mehr zur Eintracht und zum
Glück?

Als Forstner in die Schule ging, dachte er: wenn sie auch nicht alles
hält, was ich mir von ihr versprochen habe, so giebt es doch eine gute
Frau. Sie ist fügsam, das ist schon etwas werth. Nach und nach wird
sie auch lernen, was nöthig ist; ich darf nur nicht zu viel von ihr
verlangen.

Die nun folgenden Unterrichtsstunden gingen bei solcher Stimmung des
Lehrers und der Schülerin ganz wohl vorüber. Es waren zunächst nur
wenige. Die Christfeiertage kamen heran und machten eine Unterbrechung
nöthig. Die Verlobte hatte mit Hülfe der Mamsell Adelheid einen
zierlichen Tabaksbeutel zu Stande gebracht, sie kaufte noch ein schönes
Buch, das der Bräutigam zufällig einmal gewünscht hatte, und machte
somit eine ganz hübsche Bescheerung. Forstner beschenkte sie mit einem
Shawl und einem kleinen galanten Gedicht. In dem Vergnügen dieser Tage
hatte Christine auch Susanne und Adelheid mit Gaben bedacht, welche die
mäßigen Erwartungen derselben übertrafen, und bessere Gesichter dafür
erhalten. Alles ließ sich erfreulicher an, und Christine konnte ein
verspätetes kleines Präsent an die Mutter mit einem Brief absenden,
worin die Versicherung, daß sie recht fröhliche Weihnachten gefeiert
habe, durchaus von Herzen kam. Sie hatte jetzt auch den Muth gefunden,
einer wiederholten Aufforderung der Base nachzukommen und die Mutter
zum Besuch einzuladen; ja sie hatte auf ihre Faust hinzugefügt, daß
sie sich durch Vetter Hans herführen lassen solle. Die Erwartung eines
frohen Wiedersehens trug dazu bei, daß sie das neue Jahr unter heiterem
Austausch von Gratulationen und vertrauensvoll antrat.

Die Hoffnung auf das Wiedersehen trog sie nicht. Frau Glauning war
neugierig, ihre Christine in der Stadt zu sehen, und da nach Neujahr
eine Masse Schnee fiel, dann kalte, trockene Witterung eintrat, so
riskirte sie's, die Bahn zu benutzen und den Besuch mit Hans in einem
entlehnten Schlitten zu machen. Am heiligen Dreikönigstage saßen alle
unsere Personen bei Herrn Kahl um den Mittagstisch, der lange nicht so
reichlich besetzt gewesen war. Man hatte sich ausgewundert, ausgegrüßt,
ausgelobt und unterhielt ein behagliches Gespräch, das Forstner zu
männiglichem Ergötzen mit seinen besten Einfällen zierte, so daß man
sich endlich auch in dieser Hinsicht gesättigt und vergnügt vom Tisch
erhob.

In der Laune, die das Mahl in ihr angeregt hatte, nahm die Glauning
ihre Tochter in eine Ecke und sagte: »Hör', Mädchen, du bist doch ein
wenig »schmalbackeder« geworden, seit du hier bist. Man ißt wohl bei
der Base nicht alle Tag' so gut wie heut?« -- Christine lächelte und
sagte: »Ach, liebe Mutter, je weniger ich esse, desto besser ist's!
Denn ich bin für die Stadt noch lange nicht »schmalbacked« genug.« --
»So, so?« erwiederte die Alte. »Nun, du siehst wenigstens gesund und
vergnügt aus. Aber das kann ich dir nicht verschweigen, recht närrisch
kommst du mir vor in dem Kleid da.« -- »Ist andern auch passirt,«
versetzte Christine. -- »Aber diese haben sich dran gewöhnt, wie's
scheint, und dir wird's auch so gehen.« -- Wie die Mutter hier den
Bräutigam auf sich zukommen sah, fragte sie: »Wie macht sich denn aber
meine Christine in der Lehr', Herr Forstner? Geht's recht vorwärts?«
-- »Jeden Tag,« erwiederte dieser heiter. -- »Verspotte mich nicht,«
rief ihm Christine zu; »ich weiß recht wohl, daß ich einen langsamen
Bauernkopf hab'.« -- »Nein,« fuhr er zur Mutter fort, »in der letzten
Zeit bin ich sehr zufrieden gewesen, und wenn's so fortgeht, wird sie
noch eine ganze Gelehrte werden.« »O Jerum,« rief die Gelobte mit
komischem Ausdruck. Die Alte sah mit Vergnügen auf das Paar, das Arm in
Arm vor ihr stand.

Vor dem Abschied fand Christine noch Gelegenheit, eine vertrauliche
Zwiesprach mit Hans zu halten. Sie dankte ihm und rühmte ihn wiederholt
wegen seiner Freundschaft und Herzensgüte. Dann fragte sie mit einem
Lächeln, in dem neben wirklicher Theilnahme ein Hauch von Scham nicht
zu verkennen war: »Hast du noch immer keine, Hans? Ist noch keine
Aussicht, daß ich dir auf die Hochzeit gehen kann?« Hans ging auf
die Unterhaltung ein und versetzte nicht ohne Laune: »'S hat sich
noch nicht machen lassen. Gut Ding will Weile haben!« -- »Ja wohl,«
erwiederte sie schon heiterer. »Aber man muß doch auch anfangen. Du
thust dich nicht um!« -- »Kommt drauf an,« entgegnete Hans. »Aber du
weißt ja, ich wart' auf deine Hochzeit.« -- »Da kannst du vielleicht
noch lange warten.« -- »Wie so?« -- »Bis zum Frühjahr sicher,
vielleicht aber auch bis in den Sommer hinein -- ich muß noch gar viel
lernen.« -- »Lernen? Was fehlt dir denn noch?« -- »Ach, Hannesle,«
sagte das Mädchen mit einem humoristischen Seufzer, »noch gar viel!
Das verstehst du nicht.« -- Hans dachte: »Was so ein Schulmeister
doch heutzutag nicht alles verlangt!« Aber er sagte das natürlich
nicht, sondern wünschte dem Bäschen alles Glück und drückte ihr in
freundschaftlicher Theilnahme die Hand. Christine sah, daß er noch
immer etwas auf sie hielt und daß er ihr nichts nachtrug; beides freute
sie.

Nach diesem letzten festlichen Tag wurde der unterbrochene Unterricht
wieder fortgesetzt. Forstner nahm es zuerst wieder leicht und führte
das Spiel nur sachte zum Ernst hinüber. In der Zwischenzeit hatte aber
Christine von ihrem Talent, Gelerntes zu vergessen, wieder ziemlich
Gebrauch gemacht, so daß Fortschritte nirgends sichtbar werden wollten,
und bald stacken sie wieder in der Prosa des Lebens. Geschmack an
geistiger Beschäftigung, ein Trieb, selber vorwärts zu gehen, etwas zu
thun und zu suchen, wollte sich eben in der Schülerin nicht melden. Sie
lernte nie einsehen, wozu das alles eigentlich gut sein sollte; die
Kopfarbeit blieb ihr beschwerlich und sie konnte darin nicht einmal
eine rechte Arbeit sehen. Neigung, angeborener und anerzogener Respekt
drängte sie zur Arbeit mit der Hand, und nur wenn sie hier etwas fertig
gebracht, glaubte sie wirklich etwas gethan und ihre Pflicht erfüllt zu
haben.

Forstner überzeugte sich jeden Tag mehr von der Unmöglichkeit, der
Verlobten das beizubringen, was er an Geistescultur von seiner Frau
glaubte fordern zu können. Aber die Wirkung war nun eine andere auf
ihn als früher: er wurde nicht mehr erzürnt -- er entsagte seiner
Hoffnung. Er that es mit Seufzen und tröstete sich mit dem Gedanken,
daß Christine jedenfalls eine gute Hausfrau sein werde. -- Damit war
ein bedeutender Schritt zum Glück des Paares hin gethan; denn das
Glück wird dann erst möglich, wenn man von sich und von andern nur das
fordern lernt, was die einmal gegebene Natur zu leisten im Stande ist,
und sich dabei genügen läßt. -- Aber nun zog ein Wetter, das schon
lange am Horizont gestanden hatte, rasch am Himmel auf und hing bald
drohend über dem Haupte des Dorfmädchens. -- Um dieß zu erklären, muß
ich in der Geschichte um mehrere Monate zurück gehen.

Jener College Forstners, der sich im Oettinger Kränzchen so eng an
ihn angeschlossen und dessen Betriebsamkeit er hauptsächlich seine
jetzige Stelle verdankte, war bei seinen Bemühungen von wirklicher
Freundschaft zu dem talentvollen, liebenswürdigen jungen Mann
geleitet. Der Eifer, den er zu seinen Gunsten anwandte, beruhte aber
doch nicht ausschließlich auf diesem persönlichen Wohlwollen; er war
zugleich, und zwar nicht minder stark, durch sein eigenes Interesse
getragen. Gustav Dobler (denn er muß jetzt mit seinem Namen in unsere
Erzählung eintreten) hatte zwei Schwestern, die bei ihm, dem noch
unverheiratheten Manne, wohnten. Die jüngere war noch nicht aus der
Schule, die ältere, Wilhelmine, führte seinen Haushalt. Diese befand
sich in den Jahren, wo sich ein vorsichtiges Mädchen schon einige Jahre
um eine Partie umgesehen hat -- sie war in der Mitte der Zwanziger,
dabei schlank, hübsch, gebildet, mit einem Geiste begabt, der gern
das Regiment führte und es liebte sein Licht leuchten zu lassen.
Was war natürlicher, als daß der schon in den Dreißigen stehende
Dobler wünschte ihr einen Mann zu verschaffen? Er konnte dann selbst
heirathen, was bei der Anwesenheit der herrschaftgewohnten Schwester
nicht zu rathen war, und sie hatte für ihr Talent den rechten Boden und
das Glück ihres Lebens gefunden. In Forstner hatte der sorgliche Bruder
gleich den Mann erkannt, der für seine Schwester in jeder Hinsicht
passend war, den liebenswürdigen, begabten, im Hause zu leitenden Mann,
und in dieser Ueberzeugung hatte er gehandelt.

Das Verhältniß des neuen Freundes zu einem Bauernmädchen seines Dorfes
konnte ihm begreiflicherweise nicht verborgen bleiben. Allein er faßte
es nicht so ernst auf, als es war; er glaubte nicht, daß ein solches
Mädchen dem feinen Mann genügen könne, und nahm an, es sei gut für
beide, wenn die Bekanntschaft rechtzeitig abgebrochen würde. Da nun
in seiner Geburtsstadt eine Stelle vacant wurde, so spannte er alle
Segel auf, die Ernennung Forstners durchzusetzen. War er nur erst hier,
dachte er, so löste sich das Verhältniß mit Christine von selbst, und
das ihm wünschenswerthe knüpfte sich.

Als Dobler nach der Uebersiedlung des Collegen das erste vertraute
Gespräch mit ihm hatte, mußte er sich freilich überzeugen, daß er sich
getäuscht. Er hatte mit einiger Deutlichkeit auf den Busch geklopft,
hatte von einer Frau gesprochen, die sich der angestellte hübsche junge
Mann unter den schönen Mädchen des Orts auswählen könne, und Forstner
war genöthigt gewesen, ihm zu sagen, daß er ernstlich verlobt sei und
daß er seine Braut hieher berufen habe, um sich im Frühjahr mit ihr
trauen zu lassen.

Christine kam an, und die Hoffnung des Stadtlehrers, den Freund zu
seinem Schwager zu machen, schien gänzlich gescheitert. Dobler hatte
der Schwester den Phönix unter den Rieser Lehrern schon vor seiner
Ankunft gerühmt, ihr seinen Plan mitgetheilt, und Wilhelmine war sehr
neugierig gewesen, ihn kennen zu lernen. In der That gewann Forstner
auch gleich bei der ersten Zusammenkunft ihren vollen Beifall und
konnte aus ihrem Benehmen wohl schließen, daß unter andern Umständen
eine Bewerbung von seiner Seite hier keine ungünstige Aufnahme gefunden
hätte. Aber seine Treue gegen Christine wurde auch in Gedanken nicht
erschüttert. Wilhelmine hatte offenbare Vorzüge der Gestalt und
der Bildung; aber wie artig sie war und wie zuvorkommend sie ihn
behandelte, so ahnte der junge Mann in ihr doch den herrschenden Geist
und konnte nicht umhin, eine gewisse Scheu vor ihr zu fühlen. Sein Herz
und seine Phantasie hingen an der Verlobten; ihr naturfrisches Bild
erschien ihm unvergleichlich poetischer, als die Eleganz der Städterin;
er blieb bei seiner ersten ernstlichen Neigung und hielt sein Wort.

Dobler und Wilhelmine bewerkstelligten einen anständigen Rückzug. Sie,
von ihren Vorzügen durchdrungen, konnte nicht alle Hoffnung aufgeben
und freute sich zu hören, daß Forstner seinen Dorfschatz erst noch
bilden wolle, bevor er Hochzeit machte. Ehe so Eine gebildet wurde,
konnte gar manches geschehen. Der sonst so verständige Mann werde
Vergleichungen anstellen und Augen bekommen für den Unterschied
zwischen ihr und einer Bäuerin, und dann werde sich zeigen, wer den
Platz behaupte. Natürlich fühlte sie durch die Zurückhaltung Forstners
auch ihren weiblichen Stolz gekränkt und ihre Ehre herausgefordert.
Das Versagte reizte sie und ihr Wohlgefallen an ihm steigerte sich zum
leidenschaftlichen Wunsch, ihn zu erobern. Sie war indeß klug genug,
ihre Gefühle zu verbergen, zu warten und ihre Zeit zu ersehen.

Als sie durch Mamsell Adelheid gelegentlich hörte, wie plump Christine
im französischen Kleid aussehe und wie ungeschickt sie sich zu aller
feineren Arbeit anlasse, hatte sie die erste freudige Empfindung.
Eine süße Hoffnung schwellte ihr Herz. »Er wird mir kommen!« rief
sie, als sie allein war, mit der Zuversicht des Stolzes. Und auch
sie rechtfertigte ihren Plan und ihr Verhalten durch die Annahme, es
sei für das Bauernmädchen viel besser, wenn sie wieder in ihr Dorf
zurückginge und das Weib eines Bauern würde.

Wenn Forstner in ihr Haus kam, zeigten Bruder und Schwester, die sich
mit einander verständigt hatten, nur freundschaftliche Theilnahme an
ihm und seinem Verhältniß. Man erkundigte sich, wie Christine sich in
der Stadt gefalle; man begriff, daß er sie jetzt noch nicht unter die
Leute bringen wolle, man fragte nach ihren Fortschritten u. s. w. Als
der Lehrer, zutraulicher gemacht, sich über die Langsamkeit beklagte,
womit die Schülerin lernte, und über die sonderbaren Antworten, die er
von ihr zuweilen erhalte, tröstete man ihn. Das sei begreiflich, würde
bei jeder andern auch der Fall sein, und er solle darum den Muth nicht
verlieren; zuletzt werde alles auf einmal kommen. War er über Christine
betrübt, ja konnte er einen ernstlichen Unmuth nicht verbergen, dann
ließ man ihn wohl auch reden und hörte mit bedauerndem Antheil zu. Man
bot alle Freundlichkeit und Herzlichkeit auf, ihn zu beruhigen, und
man entfaltete alle geselligen Talente, ihn zu entschädigen. Er sollte
nicht anders können, er sollte sich genöthigt sehen, Vergleichungen
anzustellen, die zu Gunsten der Prätendentin ausfallen mußten.

Die Folge war, daß Forstner, so oft er Verdruß empfand und Trost
bedurfte, das Haus der Freundschaft aufsuchte. Die Scheu vor Wilhelmine
hatte sich verloren; denn er mußte sich ja überzeugen, daß sie nur
sein Bestes wollte und wahrer Anhänglichkeit fähig war. Der Umgang mit
ihr und Dobler wurde ihm Bedürfniß.

Er war der Gefährlichen schon sehr nahe gekommen. Er hatte in der That
und wiederholt Vergleichungen angestellt; er hatte sich gesagt, daß
die gebildete Städterin doch in jeder Hinsicht besser für ihn passen
würde -- und das Verhältniß zu Christine war ihm eine Fessel geworden,
die ihn beengte und drückte. Da kam, durch Vetter Kahl eingeleitet,
nach dem letzten Streit mit der Verlobten die Versöhnung; es kamen die
Feiertage und die wechselseitige Beschenkung; es kam der Besuch und das
Mittagsmahl, wo man insgesammt wieder Ein Herz und Eine Seele wurde.

Als er nun aber in Folge erneuerter vergeblicher Versuche mit Christine
dazu gekommen war, auf ihre Ausbildung, wie er sie sich erst gedacht
hatte, zu resigniren, machte er eine eigene Erfahrung, eine Erfahrung,
die Kennern des menschlichen Herzens nichts neues ist und die, wie er
einmal war, in seine Beziehungen überhaupt eine Veränderung bringen
mußte. Das stärkste Band, das uns an eine werthe Person knüpft, ist
die Hoffnung, sie werde die Herzenswünsche, die wir für sie und für
uns hegen, erfüllen und dem Bild entsprechen, das wir im Geist ihr
vorhalten. Zaudert sie dieß zu thun, und glauben wir uns getäuscht,
dann wird an die Stelle der entflohenen Hoffnung zunächst die
Beschämung, der Unmuth und der erzürnte Vorwurf treten. Aber der Unmuth
ist immer noch ein Band, das uns an die Erkorene fesselt. Immer ist
unser Blick auf sie gerichtet; sie wollen wir strafen, sie wollen wir
bessern, sie wollen wir zwingen, unserem Willen sich zu fügen, und wir
haben kein Auge für andere. Endet aber der Unmuth in Entsagung, dann
droht der Existenz des Verhältnisses selber Gefahr. Wir sind nicht mehr
beschäftigt, weder durch Hoffnung und Freude, noch durch Verdruß und
Schmerz, und es ist Raum geworden für die Gleichgültigkeit.

Eine ähnliche Erfahrung war es, die unser Lehrer machte. Eben in der
Resignation wurde er frei gegen die Verlobte, seine Augen wurden
aufgethan für die Vorzüge der Freundin, und die Wagschale neigte sich
wieder und viel stärker zu ihren Gunsten.

Forstner hatte jedoch nur auf Eines resignirt bei Christine: auf
ihre Geistesbildung. Die Hoffnung, daß sie das Benehmen lernen werde,
mit dem sie in der Stadt als seine Frau durchkommen könnte, hatte er
noch nicht aufgegeben. Und wenn seine Neigung zu ihr gesunken war, so
bestand doch noch das Wort, das er ihr gegeben und das er sich nicht
zu brechen getraute. Er faßte sich kurz und entwarf einen andern Plan.
Er wollte nicht zuerst ihren Geist bilden und das feinere Benehmen als
natürliche Folge davon erwarten; er wollte nun praktischer verfahren
und sie in bessere Gesellschaft bringen, damit sie zunächst das
Leichtere lerne. Stellte sie sich am Anfang auch ungeschickt, mit der
Zeit lernte sie doch die nöthigen Formen, und es erfüllte sich ihm
wenigstens Eine Hoffnung.

Nachdem er dieß beschlossen hatte, war auf die Frage: wohin zuerst?
bald geantwortet. Welches Haus lag ihm zu jenem Zweck näher, als das
seines Collegen? Von wem konnte die Verlobte mehr lernen als von
Wilhelmine? Hatte die Mamsell (in jener Zeit mußte sich auch die
Schwester des Stadtlehrers noch mit diesem Titel begnügen) doch zwei
Jahre bei Verwandten in Nürnberg gelebt und war seit ihrer Zurückkunft
eine Zierde der bürgerlichen »Erheiterung« ihrer Stadt! -- Christine
konnte nun zeigen, ob sie für ihn auch etwas zu thun im Stande sei, und
ob sie sich mindestens das Nothdürftigste anzueignen vermöge. Sie mußte
ihm gehorchen. Ihr alles zu erlassen, ihr alles nachzusehen, das war
nicht von ihm zu verlangen.

Er fragte bei Dobler an, ob er die Verlobte bringen dürfe, ob er
Mamsell Wilhelmine nicht damit belästige? »Im Gegentheil,« erwiederte
diese, »Sie machen mir die größte Freude.« -- Und das war ganz richtig.
Sie empfand die größte Freude, sich neben dem Dorfmädchen sehen zu
lassen, ihre Ueberlegenheit beweisen und sie vor dem Bräutigam tief in
Schatten stellen zu können.

Als dieser die Braut aufforderte, mit ihm einen Besuch bei seinem
Collegen zu machen, fand er zuerst entschiedenen Widerstand. Fühlte
sie überhaupt eine Scheu, zu »fremden Leuten« zu gehen, so war ihr der
Gedanke, gerade mit diesen anzufangen, besonders fatal. Wilhelmine
hatte schon von weitem einen unangenehmen Eindruck auf sie gemacht. Sie
hatte von den häufigen Besuchen Forstners in ihrem Hause gehört, und
wenn sie nach den letzten Erfahrungen nicht an seiner Treue zweifelte,
so mußte sie doch in ihr eine Nebenbuhlerin argwöhnen. Der Ruf der
Feinheit und Geschicklichkeit, den die Mamsell sich erworben, flößte
ihr Furcht ein, und sie hatte eine sehr deutliche instinktmäßige Ahnung
von ihrer Gesinnung in Bezug auf sie. Der Verlobte redete ihr aber zu,
er unterstützte seine Gründe mit einer ernsten Willenserklärung; sie
wußte ihm zuletzt nichts mehr zu entgegnen und sagte mit Ergebung: »Nun
meinetwegen!« -- Zu ihrer Einwilligung hatte doch auch die Neugierde
beigetragen, diese Wilhelmine näher kennen zu lernen und den Bräutigam
bei ihr zu sehen.

An einem Sonntag Abend fand der Besuch statt und verlief ungefähr so,
wie Christine gefürchtet. Wilhelmine war beim Empfang seelenvergnügt,
das Gefühl der Ueberlegenheit strahlte ordentlich aus ihrem Gesicht;
aber sie nahm sich zusammen und milderte es zu einer herablassenden
Freundlichkeit, die freilich für den damit Begnadeten auch gerade
nichts Schmeichelhaftes hat. Christine trat befangen und gezwungen
auf, und der Ausdruck in dem Gesicht der Mamsell, den sie wohl
verstand, machte sie confus. Man setzte sich, und Wilhelmine begann die
Unterhaltung mit allerlei Erkundigungen. Sie fragte das Dorfmädchen
aus, wie man ein Kind ausfragt, und belächelte ähnlich ihre naiv
klingenden Antworten. Christine sah gleich, wie sie mit ihr daran war;
sie erkannte in ihr eine Art Adelheid, die zwar feiner, aber im Grunde
ihres Herzens viel schlimmer sei als die Sticklehrerin. Gewissermaßen
Hülfe suchend richtete sie ihre Augen auf den Verlobten. Dieser stand
ihr auch bei und antwortete für sie; aber er that ihr's viel zu höflich
und versäumte die Gelegenheit, der vornehmen Person bei ihren unnützen
Fragen etwas hinauszugeben. Sie bemerkte überhaupt zwischen beiden
einen vertrauten Ton, der ihr nicht gefallen wollte, und überdieß in
den Reden ihres Bräutigams gegen die Mamsell einen Respekt, der für sie
etwas Kränkendes hatte, weil er im Gespräch mit ihr nicht zum Vorschein
kam. Es wurde ihr sehr unbehaglich zu Muthe und sie war froh, als
Wilhelmine sich zum Klavier setzte und die Unterhaltung, so weit sich
Gelegenheit dazu bot, dem Bruder überließ, der ihre Rolle in milderen
Formen, und wir können sagen auch mit mehr Gutmüthigkeit fortsetzte.
Die Wirthin spielte und sang; sie that beides gut, und Christine
freute sich endlich daran und lobte sie aufrichtig, obwohl die Lieder
selbst ihr nicht so schön vorkamen, wie die, welche man in ihrem Dorfe
sang. Die Musik löste ihre Seele dennoch und sie fing an sich wohler
zu fühlen. Als aber Forstner ein neues Lied der Sängerin beklatschte
und ihren Vortrag mit großer Wärme für ganz vortrefflich erklärte, da
fühlte sie sich wieder getrübt und gedrückt und war durch nichts mehr
zu erheitern. Beim Abschied reichte Wilhelmine der Stadtnovize die Hand
und erklärte mit lächelndem Wohlwollen, es würde ihr sehr angenehm
sein, wenn sie ihr recht oft die Ehre geben wollte. Christine fühlte
den Spott, der sich das Wohlwollen als Maske vorgenommen hatte, sagte
aber doch den schicklichen Dank, und athmete tief auf, als sie mit
Forstner auf der Straße war.

Auf dem Heimweg fragte sie dieser, wie es ihr gefallen habe. Sie
erwiederte: »Ich muß dir aufrichtig sagen, mir hat's nicht gefallen.«
-- »Und warum nicht?« -- »Ich passe nicht für solche Leute und komme
nur in Verlegenheit bei ihnen.« -- »Das wird sich geben,« bemerkte
der Bräutigam tröstend, »und dann wirst du den Umgang mit gebildeten
Frauenzimmern angenehm finden.« -- »Das mag sein; aber dann müssen die
gebildeten Frauenzimmer besser sein, als diese Wilhelmine.« -- »Wie
so? Ist sie unhöflich gegen dich gewesen?« -- »Das nicht, aber sie hat
gegen mich ein Wesen angenommen, wie eine gnädige Frau, und das ist
sie doch noch lange nicht. Ich hab' auch wohl gemerkt, daß sie mich
ausgelacht hat.« -- »Warum nicht gar!« rief Forstner dagegen. »Nun ja,
ein paar von deinen Antworten sind freilich von der Art gewesen, daß so
Eine sie curios finden mußte. Aber das muß man sich gefallen lassen,
sonst lernt man nichts. Und wenn sie lacht, so lache du wieder!« --
»Das kann ich nicht,« erwiederte Christine. »Ich seh' schon, bei der da
wird's mir nie wohl zu Muthe werden.« -- Forstner kam in Eifer. »Das
ist wieder kindisch!« rief er mit strafendem Ton. »Ich sage dir, gerade
die ist das Muster, das du vor Augen haben mußt, wenn du das rechte
Benehmen lernen sollst! Du mußt zu ihr gehen, und wenn es dir zehnmal
nicht wohl bei ihr zu Muthe wird. Umsonst hat man nichts in dieser Welt
und ohne Mühe und Anstrengung kommt niemand vorwärts.«

Sonderbare Empfindung, auf der sich unser Lehrer an diesem Abend
ertappt hatte! Die Verwirrung, das Ungeschick, die naiven Antworten,
durch welche die Braut einigemal in der That komisch wurde, beschämten
ihn nicht so, wie sie es früher gethan hätten. Er gönnte ihr den Spott,
der ihm begreiflicherweise nicht entgangen war, als gerechte Strafe für
ihre Mängel. Mußte er doch auch die Folgen einer Verpflichtung tragen,
die er einmal eingegangen hatte, und zum bösen Spiel gute Miene machen!

Nach Verfluß einer Woche forderte er Christine mit einer Art von
Genugthuung auf, den Besuch bei Dobler zu wiederholen. Er hatte fest
beschlossen, sie nicht zu schonen. Sie mußte entweder etwas profitiren
oder den verdienten Spott hinnehmen. Zog sie sich ihn zu, so war er
ihr auch gesund, und es war Schwäche, ihr ihn ersparen zu wollen. --
Als Christine zagend erwiederte, sie thue es ungern, recht ungern, kam
wieder eine Reihe von Gründen zum Vorschein, denen zu widerstehen sie
keine Macht hatte. Sie ging mit, wie das Opfer zur Schlachtbank.

Wilhelmine war diesen Abend in bester Laune. Sie hatte den Verlobten
ausgeholt und glaubte annehmen zu dürfen, daß er im Innersten seines
Herzens wünschte, das Verhältniß mit Christine aufgelöst zu sehen.
Als diese nun mit ihm ankam und in ihrem ganzen Wesen ihre Stimmung
offenbarte, zeigte sich auf dem Antlitz der Sicheren jene Heiterkeit,
welche demüthigen soll, und mit dieser Absicht wahrhaft beleidigt.
Die Reden waren dagegen um so freundlicher und schmeichelhafter, und
die gute Christine war gezwungen, dankende Antworten darauf zu geben,
die ihr nicht von Herzen gingen und ihr durchaus nicht zu Gesichte
standen. Forstner konnte nicht umhin, bei diesen Erwiederungen zu
lächeln; er sah Wilhelmine an und ihre Blicke tauschten ihre Gedanken
aus. Christine sah diese Blicke, ahnte ihre Bedeutung, und setzte sich,
einen Pfeil im Herzen, zur Gesellschaft.

Außer der Familie Dobler waren noch zwei Freundinnen Wilhelmines
da, gleich ihr belesen, und namentlich bewandert in der städtischen
Leihbibliothek. Man fragte sich, wie eines und das andere der neueren
Bücher gefallen habe, man lobte und tadelte, und es entwickelte sich
ein Gespräch, das gerade nicht von Geist übersprudelte und keineswegs
mit gerechten und feinen Urtheilen geziert, aber vielleicht eben
darum für unser Dorfkind zu hoch war. Die Gute blickte stumm für
sich hin und horchte in der Hoffnung, daß man zuletzt doch auf etwas
kommen müsse, wo sie auch mitreden könne. Endlich leuchtete ihr ein
Ausspruch im Allgemeinen ein: sie glaubte zeigen zu müssen, daß sie
ihn verstanden habe, und nickte beistimmend. Wilhelmine, die gebotene
Gelegenheit ergreifend, fragte: »Haben Sie die Erzählung auch gelesen,
Jungfer Christine?« Diese mußte mit Nein antworten, und um sich zu
entschuldigen, fügte sie hinzu, daß sie zum Lesen immer noch nicht
recht kommen könne. -- »Was thun Sie denn aber den ganzen Tag?« fragte
die Gebildete. Christine erwiederte: »Ich lerne -- ich nähe, stricke,
ich sticke und helfe kochen.« -- »Das Nähen und Stricken,« warf die
andere hin, »ist Ihnen wohl lieber als das Lesen?« -- »Ich kann's
nicht leugnen,« war die ehrliche Antwort. »Was man von Jugend auf
getrieben hat, was man versteht und was einem leicht geht, das thut man
gern.« -- »Nun,« versetzte Wilhelmine lächelnd, »da würden Sie wohl
auch lieber Korn schneiden und dreschen als lesen?« Ein spöttisches
Vergnügen belebte bei dieser Frage die Gesichter der Freundinnen.
Christine fühlte die Absicht derselben, die Galle stieg ihr auf und
sie entgegnete: »Warum nicht? Das Dreschen ist zwar eine grobe Arbeit
und verträgt sich nicht recht mit feiner Lebensart; aber das Lesen,
scheint's, macht auch nicht immer fein und höflich.« -- Damit hatte die
Gebildete auch ihren Hieb. Sie schwieg und lächelte. Es war aber nicht
mehr das überlegene, sondern das aushelfende Lächeln, das den Mangel
einer treffenden Erwiederung decken soll, bis die Gelegenheit zur Rache
kommt.

Zunächst lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand, wobei
sie zu ihrem Vortheil erscheinen mußte und Christine zum Schweigen
verurtheilt war. Sie sprach von Nürnberg und erzählte, was sie dort
gesehen und welche Bekanntschaften sie gemacht. Der edle Gegenstand
machte auch das Herz des gereizten Frauenzimmers wärmer und
honetter; sie rühmte die Schönheit der Stadt, die Gastlichkeit und
die Geselligkeit der Bewohner so gut, daß Christine im Verlauf der
Erzählung ihren Groll vergaß und ihr mit Vergnügen zuhörte. Forstner
und der Bruder, welche die Perle der vaterländischen Städte kannten und
liebten, gaben ihre Bemerkungen dazu, und die Spannung löste sich in
allgemeine Vertraulichkeit.

Christine gehörte zu den Naturen, die verzeihen können, wenn sie in
denen, die sie verletzt haben, nur auch wieder etwas Gutes sehen.
Sie setzte sich zu Wilhelmine, lobte sie und suchte dadurch ihren
Stich von vorhin wieder auszugleichen -- das arme Kind! Wilhelmine
nahm die Anerkennung als etwas auf, das ihr gebühre, und schritt, nur
ihre Erhöhung im Auge, zur Entfaltung eines neuen Vorzugs. Sie hatte
mit Forstner in den letzten Tagen ein vierhändiges Stück eingeübt,
besonders gefällige und reizende Musik. Von ihren Freundinnen gebeten,
etwas zu spielen, forderte sie den Lehrer auf, und beide setzten sich
an's Clavier. Das Spiel ging vortrefflich zusammen und die Zuhörer
waren bald voll Bewunderung. Christine war aufgestanden und näher
getreten. Sie sah die beiden, wie sie Ein Herz und Eine Seele waren
und zusammen paßten, als ob sie für einander geschaffen wären. In ihre
Bewunderung mischte sich ein demüthigendes, niederschlagendes Gefühl:
sie erkannte, daß ihr gerade das fehlte, was an Wilhelmine zu Forstner
so besonders paßte. Nachdem ein brillanter Schluß den musikalischen
Vortrag gekrönt hatte, brach die Gesellschaft in den lautesten Beifall
aus. Die beiden dankten, sahen sich in's Auge und lächelten sich an,
zufrieden und glücklich. Eifersucht -- zum erstenmal helle, klare
Eifersucht loderte in dem Herzen der Verlobten auf. Eine peinliche
Empfindung lastete auf ihr, zum geringsten Theil auf Neid, zum größten
auf der klaren Anschauung eigenen Unvermögens und Unwerthes beruhend.
In ihrem Herzen fing es wieder an zu gähren und zu beben; aber sie
bezwang sich, wie viel es sie auch kostete, trat mit Fleiß zu der
Gefeierten und sprach ihren Dank und ihre Bewunderung auf ihre Art aus.
Es sei doch wahrhaftig zum Erstaunen, wie schön sie's könne und mit
welcher Geschwindigkeit! Sie begreife nicht, wie man so schnelle Finger
bekommen und ein so langes Stück spielen könne, ohne einen Fehler zu
machen. Wilhelmine erwiederte: das lerne sich durch Uebung; man müsse
sich eben recht dran halten, dann gebe sich alles.

In dem Uebermuth, den der Beifall in ihr angeregt, in der Erinnerung
an die kleine Schlappe, die sie von dem Dorfmädchen erlitten hatte,
fuhr der böse Geist in ihr Herz. Sie suchte ihren sanftesten Ton, gab
ihrem Gesicht den mütterlichsten Ausdruck und sagte: »Sie müssen das
auch lernen, liebe Christine. Wenn man einen so geschickten Musiker
zum Bräutigam hat, wie Sie, darf man die Gelegenheit nicht versäumen,
sich in die Kunst einweihen zu lassen.« -- »O,« rief Christine, »das
würde nicht gehen!« Die Mamsell hatte unterdessen ihre Hand ergriffen,
welche die ländliche Derbheit immer noch bedeutend zur Schau trug,
und betrachtete sie und drehte sie hin und her. »Die Finger,« sagte
sie mit anmuthigem Kopfwiegen, »sind freilich noch etwas zu stark und
zu schwer, sie verrathen noch zu sehr die Arbeit mit der Sichel und
der Heugabel und würden vorläufig zum Klavierspiel noch nicht ganz
geschickt sein. Aber man muß an nichts verzweifeln, mit der Zeit ändert
sich alles, und auch diese Glieder können noch leicht und gelenkig
werden.« Die Gesichter der Freundinnen zeigten bei diesen Worten
zugleich Schadenfreude und Spannung -- die Hand der Verhöhnten zuckte.
Wie gern hätte sie der boshaften Person gezeigt, daß ihre Finger, wenn
auch nicht zum Klavierspiel, doch zur Ertheilung einer wohlverdienten,
tüchtigen Ohrfeige ganz vortrefflich paßten! Aber sie mußte sie ruhig
zurückziehen und sich alle Mühe geben, ihre Gekränktheit sich nicht
anmerken zu lassen. Ihren Unmuth hinunterschluckend erwiederte sie
aber: »Meine Finger sind eben wie sie sind, und wenn sie nicht zum
Klavierspielen passen, so ist das mein geringster Kummer. Ich bekomme
einen Mann und eine Haushaltung und werde nicht nöthig haben, mir mit
Singen und Spielen die Zeit zu vertreiben.« -- Das war auch nicht ganz
übel. Forstner, der bei der Verhöhnung der Hand, die noch immer seinen
Verlobungsring trug, eine entschieden mißbilligende Miene gezeigt
hatte, ergötzte sich an der Replik und die Freundinnen der Getroffenen
dachten im Stillen: da seht mir die Bäuerin! Wilhelmine aber hielt
aus und sagte lächelnd: »Das ist freilich wahr!« Bei sich aber dachte
sie: wir wollen sehen, du Rieser Gänschen! -- College Dobler begann
einen andern Discurs, der das Vorgefallene in Vergessenheit zu bringen
bestimmt war, und man trennte sich unter höflichen Redensarten.

Die Verlobten legten den Weg zu Kahl schweigend zurück, da beide
keinen Beruf in sich spürten, die Erlebnisse des Abends zu besprechen.
Christine hatte sich überzeugt, daß die Mamsell darauf ausgehe, sie vor
ihrem Bräutigam zu beschämen und zu beschimpfen; sie nahm sich vor, nie
wieder in ihr Haus zu gehen. Wie es mit ihr und ihm stehe, das wollte
sie doch erfahren und dann sehen, was zu thun sei. -- Forstner hatte
das Haus mit einer sehr gemischten Empfindung verlassen. Die Absicht
Wilhelminens war deutlich genug. Obwohl nun ihr heutiges Betragen
gegen seine Braut ihn wirklich verletzt hatte, so lag in dem letzten
Endzweck, ihm besser gefallen zu wollen als diese, für ihn doch immer
noch etwas, das einen mildernden Schein auf ihr Benehmen warf und keine
rechte Entrüstung in ihm aufkommen ließ. Er faßte den Entschluß, zu ihr
zu gehen, ihr die unpassende Art, Christine zu necken, vorzuhalten und
sich die gehörige Rücksicht für sie auszubitten.

Gleich am andern Tag führte er seinen Vorsatz aus. Als man an der
Einleitung sah, wohin er wollte, ließ man ihn gar nicht ausreden. Die
Mamsell hatte sehr wohl gefühlt, daß sie zu weit gegangen war, und der
Bruder hatte ihr zu Gemüthe geführt, daß das nicht die Art wäre, seinen
Collegen zu gewinnen. Der Verstand hatte über das gereizte Gefühl
gesiegt, und die Gewandte fiel nun dem Freund mit zerknirschter Miene
ins Wort: »Ich habe sehr gefehlt -- es ist wahr und ich weiß es! Sie
selber können mich nicht schärfer anklagen, als ich es schon gethan
habe. Ich hab' einen Scherz machen wollen, aber ohne daß ich bedachte,
was ich that, hab' ich Dinge gesagt, die ihrer lieben Braut weh thun
mußten. Verzeihen Sie mir! Ich hab' es gebüßt, und es soll nie wieder
geschehen!«

Damit war Forstner entwaffnet. Er erwiederte: »Wenn Sie so denken,
dann ist's um so besser; und ich will Ihnen nicht verbergen, daß Sie
mir damit eine Freude machen. Wohin sollt' ich Christine bringen und
wo sollte sie die rechte Art lernen und den gehörigen Muth in der
Unterhaltung, wenn nicht in diesem Hause?« -- »Nun,« sagte Wilhelmine
mit halbem Lächeln, »an Muth und auch an Geistesgegenwart fehlt es ihr
gerade nicht. Haben Sie gesehen, wie sie mir gestern geantwortet hat?
Sie hat mich fühlen lassen, daß ich nicht so glücklich bin wie sie!«
-- Forstner verwirrte sich einigermaßen und sagte um so rascher: »Ich
werde also nächstens wieder mit ihr kommen, und danke Ihnen für Ihre
Gefälligkeit.«

Ein paar Tage darauf gewann es die Schwester des Stadtlehrers über
sich, der Verlobten einen Besuch abzustatten. Christine war zufällig
nicht zu Hause. Als sie später davon hörte, sagte sie ruhig: »So, die
ist dagewesen? Sie wird nimmer kommen, schätz' ich.« Die Base sah das
Mädchen verwundert an, machte dann aber ein Gesicht, als ob sie den
Sinn ihrer Worte begriffe.

Wieder ein paar Tage und Forstner kam zu Christine und sagte: »Heute
ist Gesellschaft bei Dobler und wir sind eingeladen. Halte dich bereit.
Nach sechs Uhr komm ich und hole dich ab.« -- Christine erwiederte:
»Ich geh' nicht hin.« -- »Wie soll ich das verstehen?« entgegnete
der Verlobte. »Willst du gar nicht mehr« -- -- »Allerdings,« rief
Christine, indem eine leichte Röthe ihr Gesicht überzog -- »ich will
gar nicht mehr in dieses Haus gehen!« -- »Und warum nicht?« -- »Weil
ich zu gut dazu bin, um mich von einer boshaften Person aufziehen und
verspotten zu lassen.« -- »Du nimmst den kleinen Spaß, den Wilhelmine
sich gemacht hat, viel zu ernsthaft. Ueberdies bereut sie ihn und wird
dir von jetzt an alle Ehre anthun, die du erwarten kannst.« -- »Ich
glaub's nicht.« -- »Sie hat mir's selber gesagt.« -- »Das mag sein,
aber ich glaub's doch nicht. Die mag sich vornehmen und versprechen was
sie will, sie wirds doch nicht halten und es bei nächster Gelegenheit
ärger machen als vorher. Aber dafür thu' ich ihr!«

Dem Verlobten stieg nun gleichfalls das Blut ins Gesicht. »Wenn du so
denkst,« rief er in seinem Hofmeisterton, »dann wirst du niemals die
Manieren lernen, niemals die Bildung, die« -- Aber das Mädchen fiel ihm
in gerechter Entrüstung in die Rede: »Geh mir doch mit deiner Bildung!
Wenn das Bildung ist, Leute, die einen besuchen, so zu behandeln, wie
diese Mamsell mich behandelt hat, dann will ich lieber ungebildet sein
und bleiben mein Leben lang. Wenn die Bildung die Leute nicht besser
macht und aufrichtiger, dann geb' ich keinen Pfifferling um sie!«

Forstner schwieg; er war von der ungewohnten Entschlossenheit und
Heftigkeit betroffen. Endlich sagte er: »Du bist empfindlich und machst
aus einer Mücke einen Elephanten!« -- Christine sagte: »Ich mach mir
nichts aus den Dingen, die geschehen sind; aber ich mach' mir alles aus
der Person, die mir's gethan hat. Die ist falsch gegen mich und wirds
bleiben, und mit ihr will ich nichts mehr zu thun haben.« -- »Du irrst
dich,« erwiederte Forstner nochmal im Ton der Ueberredung. »Sei klug,
geh heute noch mit hin und überzeuge dich selbst, daß du Unrecht hast.«
-- »Nie!« versetzte Christine mit dem Ausdruck eines unerschütterlichen
Gefühls; »zu der geh' ich nie mehr, um keinen Preis der Welt!« -- »Aber
ich bitte dich« -- -- »Ich will nicht und ich mag nicht. Du kannst mich
hinführen, wohin du willst, und ich will's nirgends genau nehmen; ich
will mir etwas gefallen lassen und Geduld haben -- ich bin gar kein
solches Christkindle, wie du meinst, und kann auch etwas aushalten;
aber von Der laß ich mir nichts gefallen, von Der will ich auch nichts
lernen, und damit gut für heut.«

Forstner war verstummt. Der eigentliche Grund der Weigerung seiner
Verlobten war ihm klar. Er fühlte, was dafür sprach, er begriff sie,
und widersprechende Gefühle stritten in ihm. Aber der Verdruß, sie
wider alles Erwarten gegen seinen ausgesprochenen Willen unbeugsam zu
finden, überwog zuletzt doch. Er sagte: »Nun, wenn du so eigensinnig
bist und alles Reden nicht hilft, so bleib zu Hause!« -- »Das will ich
thun,« erwiederte Christine ruhig. »Und du geh hin zu der gebildeten
Mamsell und unterhalte dich gut.« -- »Das will ich auch thun,«
antwortete er und verließ die Stube.

Es giebt eine Schickung in der Welt, die in das Leben der Menschen eine
gewisse Methode bringt. Ueber den Grund und die mitwirkenden Ursachen
kann man streiten, über die Thatsache schwerlich. Das Geschick unseres
Landmädchens war es, in einer Stadt und unter einem Menschenschlag, wie
es so viele gutmüthige, ehrenhafte, fröhliche und freundliche Leute
giebt, nur solche näher kennen zu lernen, die sie verletzten und ihr
das Leben daselbst verleideten. Sie war nun beinahe vier Monate in
der Stadt, und nicht ihre Hoffnungen, nur ihre Befürchtungen waren in
Erfüllung gegangen. Doch auch für sie sollte ein Tag der Entscheidung
kommen.

Forstner hatte sich an jenem Abend geradeswegs zu Dobler begeben, um
dort, wo nicht Aufheiterung, doch Zerstreuung zu finden. Das Band,
das ihn an Christine knüpfte, beruhte nur noch in dem Versprechen,
das er ihr gegeben und in einer Mischung von Gewissenhaftigkeit und
Zaghaftigkeit, es zu brechen. Die Liebe und die auf sie gegründete
Achtung waren aus seinem Herzen entflohen; die Hoffnung auf eine
Aenderung war aufgegeben. In der Klemme, in der er sich befand, konnte
er einer theilnehmenden Erkundigung von Seiten Wilhelminens nicht
widerstehen; er erzählte den Auftritt mit der Verlobten und machte
seinem Herzen in Klagen Luft. Das Herz der Bewerberin klopfte; aber sie
hielt ihre Empfindung stark zurück und war so klug, mit bedauernder
Miene Trost und freundschaftlichen Rath zu ertheilen. »Zwingen Sie das
gute Kind nicht, zu uns zu kommen,« sagte sie mit sanfter Stimme, »und
haben Sie Geduld mit ihr. Wenn man von Kindheit an auf dem Land gelebt
und sich an seine Manieren gewöhnt hat, da fällt's einem schwer, sich
in andere zu finden. Lassen Sie ihr Zeit dazu.« Forstner seufzte. »Ich
will Geduld haben, ich muß es, denn es ist das Einzige, was mir übrig
bleibt. Ich hab' mich mit ihr versprochen, sie ist meine Braut -- ich
muß sie nehmen, wie sie ist.« -- Für Wilhelmine hatte diese Erklärung
viel mehr Ermuthigendes als Niederschlagendes. Sie erwartete neue,
heftigere Auftritte zwischen den Verlobten, und in Folge davon die
Auflösung des Verhältnisses.

Zunächst kam es doch weder zu dem Einen, noch zu dem Andern. Forstner
hatte eben in der Resignation, die sich nun auf alle seine früheren
Erwartungen ausdehnte, wieder die Ruhe gefunden, seinen Unterricht und
seine Unterhaltung mit Christine, äußerlich und obenhin, fortzusetzen.
Er that es, weil er angefangen hatte, weil die Zeit ausgefüllt werden
mußte; einen innern Grund gab es nicht mehr. Es waren graue, leere
Tage der Unentschiedenheit, des Hinwartens, des Gehenlassens. In der
Verlobten der stille Trotz, in Forstner die Gleichgültigkeit. Nur
selten und nur auf Momente thauten die Herzen ein wenig auf. Wenn er
ihr aber dann auch die Hand reichte, so fühlte sie doch nicht mehr den
Druck der Liebe, und wenn er ihr zum Abschied einen Kuß gab, so war
es eben eine Ceremonie, ohne wahres Verlangen ertheilt, ohne Glauben
empfangen.

Dieser Stand der Dinge konnte den Hausgenossen und Bekannten des
Mädchens natürlich kein Geheimniß bleiben. Man zeigte bedenkliche
Mienen, man schüttelte den Kopf, und auch die Magd Susanne und Mamsell
Adelheid konnten sich nicht enthalten, zuweilen mit Blicken wirklichen
Bedauerns auf sie zu sehen. Man erfuhr, daß der Lehrer immer häufiger
zu Dobler komme; man sah Wilhelmine vergnügt und stolz über die Straße
gehen, wie Eine, die ihrer Sache gewiß ist, und man erwartete nicht
anders, als daß es in kurzem heißen werde: der Herr Forstner hat dem
Bauernmädchen abgeschrieben.

Daß diese nach und nach zur Ueberzeugung gewordene Ansicht im Gespräch
mit Christine durchschimmerte, und die Andeutungen, die man gab, nicht
so fein waren, um nicht verstanden werden zu können, begreift sich.
Die Base hielt es für ihre Pflicht, noch weiter zu gehen und ihrer
Verwandten geradezu mitzutheilen, was man in der Stadt über Forstner
und sein Verhältniß zu Wilhelmine sagte. Christine sah sie einen Moment
an; dann erwiederte sie: »Ich kann es nicht glauben. So schlecht
handelt er nicht an mir!« -- Sobald sie aber von der Tagesarbeit frei
war, suchte sie die Einsamkeit ihrer Stube auf. Sie dachte über die
Möglichkeit nach, daß es wirklich aus sein könne zwischen ihr und ihrem
Bräutigam -- aus für alle Zeit. Wird er es thun? wird er sein Wort
brechen? wird er mich -- -- Der Gedanke, verschmäht und verlassen zu
werden, trat zum erstenmal in vollster Bestimmtheit vor ihre Seele.
Und so sehr sie durch Alles, was sie bisher erfahren, darauf hätte
vorbereitet sein müssen, sie empfand nun doch alle Pein und alle
Bitterkeit desselben.

In jenem schönen Winter, in welchem sie die Bekanntschaft des Lehrers
gemacht hatte, war sie von seiner Liebenswürdigkeit in Wahrheit
bezaubert und seiner Bewerbung zuletzt in leidenschaftlichem Verlangen
entgegengekommen. Sie war an die Vorstellung gewöhnt, ihm zu gehören
und ihm treu sein zu müssen, und ihre Liebe hatte alle Anfechtungen
bestanden, die sie in den letzten Monaten erfahren. Als sie nun in
ihrer einsamen Erwägung zu dem Schlusse kam: ja, er bricht sein Wort,
er verläßt dich, er nimmt ~sie~ -- da flammte mit dem Schmerz auch
all ihre Liebe und Leidenschaft wieder auf. Sie fühlte ein glühendes
Verlangen, ihn wieder zu gewinnen, ihn zu halten, und sie fragte sich
mit angstvoller Seele, wie sie's anfangen solle, das Unglück und die
Schande abzuwenden, die ihr drohten. Sie wollte Alles thun, was in
ihren Kräften stand, sie wollte lernen, wollte in Gesellschaft gehen,
wollte sich Tadel und Spott gefallen lassen. Sie wollte dem Bräutigam
ihre Schuld bekennen, wollte ihn bitten, sie auf die Probe zu stellen
und ihr das Schwerste aufzugeben. -- Wie sehr sie sich aber zu Allem
bereit fühlte und welche Wirkung sie sich von ihren Anerbietungen auf
ihn versprach -- es wollte kein Vertrauen in ihr Herz kommen. Mitten
in der Selbstermuthigung rief es in ihr: er liebt dich nicht mehr --
er schätzt dich nicht mehr -- du bist ihm nicht mehr gut genug! -- Sie
sah vor sich hin und athmete hörbar. Es war die Bewegung der Angst,
verbunden mit dem Gefühl der Ohnmacht, welche die Brust der Verlassenen
regelmäßig hob und senkte. Es waren Verzweiflung und Ergebung, die
ihr Herz erfüllten -- Verzweiflung an ihrem Glück, Ergebung in ihr
unvermeidliches Elend.

Nach und nach war es dunkel geworden. Die Stille der Nacht wirkte
heimlicher auf das verwundete Gemüth, als die Oede des grauen Tages.
Die Ergebung wuchs in dem Herzen der Unglücklichen; sie wurde ruhiger,
gefaßter. Sie fühlte sich in ihrer dunkeln, einsamen, lautlosen Stube
der Welt, die ihr so viel Schmerzen gemacht hatte, entrückt und vor
ihren Angriffen gesichert. Ihre Seele wurde frei zu Vorstellungen, die
mit ihrem Leide zusammenhingen und traurig waren, aber doch auch etwas
Wohlthuendes hatten.

Unwillkürlich summte sie ein Lied, und ein schmerzliches Lächeln ging
über ihr Gesicht. Es war eines der schönsten Volkslieder, das ihr
in den Sinn kam, ein Lied der Liebe und des Leids, der schlichten
Entsagung und der Erhebung zu einer ahnungsvollen Vision. Im
Schwabenlande heimisch und verbreitet, hatte es Christine schon in
ihrer frühen Jugend gelernt. Da war es freilich nur ein Lied mehr für
sie, das unter andern gesungen wurde; aber schon damals verfehlte es
auf einem einsamen Gange oder in der Stille der nächtlich erhellten
Stube seines Eindrucks nicht. Jetzt sang sie es mit tiefer Empfindung
und jedes Wort hatte Bedeutung für sie:

  Jezt gang i an's Brünnele, trink aber net:
  Da such' i mein herztausenda Schatz, find'n aber net,

  Da laß i meine Aeugelein rund ummi gehn,
  Da seh i mein herztausenda Schatz bei'm Andre stehn.

  Und bei'm Andre stehn sehn, ach das thut weh!
  Jezt b'hüt di Gott, herztausender Schatz, seh di nimmermehr!

  Jezt kauf i mir Federn und Dint' und Papier,
  Und schreib mei'm herztausenda Schatz einen Abschiedsbrief.

  Jezt leg' i mi nieder auf Heu und auf Stroh,
  Da fallen drei Röselein mir in den Schooß.

  Und diese drei Röselein sehn blutigroth;
  Jezt weiß i net, lebt mei Schatz oder ist er todt!

Ihre Augen waren feucht geworden bei dem Lied; aber wer sie gesehen,
würde doch einen Glanz darin bemerkt haben, der noch etwas anderes
ausdrückte als Verlust und Schmerz. Das Gebilde der Poesie hatte seine
Wirkung geübt; das Leid war der Bedrängten gegenständlich geworden und
ihre Seele hatte eine Macht darüber erlangt, die immer einen gewissen
Trost mit sich führt. -- Die Trauer verschwindet freilich nicht in
einem solchen Falle, sie erhält nur ein milderndes Licht, und das
Gemüth wird fähig, ihren Gegenstand ruhiger und wie von einer höheren
Sphäre herab anzusehen.

»Und bei'm Andre stehen sehn, ach, das thut weh!« wiederholte sie und
setzte hinzu: »Ja, das erfahr' ich nun auch, wie es schon manches
erfahren hat!«

Sie versank in Stillschweigen. Sie hatte an ihren guten Vetter gedacht
und fühlte nun plötzlich auf's genaueste, wie es ihm gewesen und was er
gelitten. -- Ihre eigene Richterin, nickte sie zu wiederholten Malen
traurig ernst mit dem Haupte und sagte: »Du guter Hans -- du hast's
auch erfahren -- und ich bin daran Schuld gewesen! Ich hab' deinem
treuen Herzen weh gethan, hab' deine Lieb' und Freundschaft mit Undank
vergolten!« -- Sie folgte einem innern Drange, sich vorzustellen, wie
es damals gewesen, und wie sie jetzt ihr Leid empfand, sah sie ihr
damaliges Unrecht im hellsten Licht und auf eine Weise, daß das Bild
davon in ihrem Geiste blieb und nicht wieder ausgelöscht werden konnte.
Sie übertrieb ihre Schuld und empfand eine Lust, sich damit zu strafen
und zu quälen. »Ja,« sagte sie, »ich hab' gewußt, wie du gesinnt warst
gegen mich, ich hab' gewußt, daß du der beste Mensch bist von der Welt
-- eine so treue, grundgute Seele, wie mir keine sonst vorgekommen ist!
Du hast an meiner Mutter gehandelt wie ein Sohn, und an mir wie ein
Bruder, und wir haben deine Wohlthat angenommen, als hätten wir ein
Recht darauf -- und zum Lohn dafür hab' ich dich betrogen und an der
Nase herumgeführt. Du warst mir der Gutgnug, wenn kein anderer da war;
sobald ein anderer kam, ließ ich dich fahren! Ich hab' damals zu mir
gesagt: »Warum redet er nicht? Er ist selber daran Schuld.« Aber jetzt
erkenn' ich, was das für eine elende Ausrede gewesen ist! Als ob ich
nicht gesehen hätte, wie du's mit mir gemeint, als ob ich nicht in dein
Herz gesehen hätte und in jedes Winkele davon! Ich hab' gewußt, daß
du mich lieber hast als alles in der Welt, und ich hab' dir das Maul
gemacht eine Zeitlang, und dann bin ich dir untreu geworden, weil der
andere schöner und geschickter und vornehmer war, und weil er besser
schwätzen und schmeicheln konnte. Und wenn ich mich dann auch ein
wenig geschämt hab', so hab' ich's doch bald wieder vergessen und hab'
gethan, als ob nichts vorgefallen wäre. O, ich hab' schlecht gehandelt
-- schlechter als manche, die in's Zuchthaus gekommen ist! Aber ich
hab' meine Straf' auch gekriegt! So hat's mir gehen müssen, das hat mir
gehört -- und ich darf mich nicht beklagen, nein, und ich will mich
auch nicht beklagen. Ich würde nur eine neue Sünde begehen, wenn ich's
thäte, und ich hab' an denen genug, die ich begangen habe.«

Während dieser Anrede, die sie an den guten Vetter und sich selber
hielt, waren ihr Thränen in die Augen getreten und herunter gelaufen
über ihre Wangen, die Worte begleitend, die ihr vom Munde gingen.
Endlich behaupteten sie allein das Recht und flossen reichlich und
lange und begossen die Saat einer neuen Erkenntniß.

Das Bauernmädchen hatte den Unterricht eines andern Lehrers empfangen,
als der gute Forstner ihr sein konnte. Die wahren Einsichten, die
fruchtbar sind und Macht und Gewalt haben, in ein neues Leben zu
führen, werden dem Menschen nur durch Schicksale, die er erdulden muß,
durch Schmerzen, die über ihn verhängt werden und ihm die Augen öffnen.
Das Unrecht, was wir gethan, wird uns dann klar durch das Unrecht,
das wir leiden. Haben wir damit aber die Kraft erlangt, uns selber
zu richten, dann wird uns eben die Strafe und die Buße zur Staffel,
auf der wir hinansteigen können zu einem höheren Leben. Wo nichts ist
freilich, da kann auch nichts herauskommen; aber für diejenigen, die,
wenn auch unter eiteln und selbstsüchtigen Trieben, den Stoff zur
Erhebung in sich bergen, für diese ist die Züchtigung im eigentlichsten
Sinn ein Werk der Liebe -- das einzige Mittel ihrer Rettung.

In Christine lag ein Keim, der sich der rettenden Hand darbot -- ein
Keim der Gutmüthigkeit, ein Keim der Fähigkeit, Reue zu fühlen und
sich selber das Urtheil zu sprechen. Sie hatte ihr Leid verdient, in
Wahrheit verdient; aber jetzt, nachdem sie es getragen, verdiente sie
auch seine Hülfe und sein Heil.

Als sie ausgeweint hatte, fühlte sie eine Stille in ihrem Gemüth, die
sie vorher nie gekannt, eine Stille nicht blos gedankenlos ruhigen
Lebens, sondern vereint mit klarer Anschauung ihres Seelenzustandes.
Sie athmete leicht, als ob sie eine Last abgeworfen hätte; ihre Züge
waren verwandelt, sie waren lichter und geistiger geworden. Sie war
gefaßt auf alles, was ihr begegnen mochte. Was über sie kam, es war
gut, und vielleicht nur um so besser, je schlimmer und schmerzlicher es
war.

Das ist die heilspendende Kraft, die in der wirklichen Erkenntniß,
nicht in der bloß vorübergehenden Empfindung begangenen Unrechts liegt.
Das Leid, das uns unerträglich schien und trostlos machte, nimmt, wenn
wir eine gerechte Strafe darin erblicken, eine andere Gestalt, ein
anderes Wesen an. Aus dem Gegner wird ein Helfer zur Freiheit, die
wir durch Erduldung der Strafe gewinnen. Die Last, die uns zu Boden
drückte, fällt in unsere Wagschale und hilft unsern wahren Feind
aufwiegen. Und wir müssen segnen, wo wir geflucht, wir müssen lieben wo
wir gehaßt haben.

Obwohl die äußere Lage unseres Dorfkindes gegenwärtig um vieles
schlimmer war als in jener trüben Zeit vor den Feiertagen, so wurde
sie doch nicht mehr ein Raub der Angst und Verzweiflung. Sie sah genau
wie es stand und was sie zu fürchten hatte, aber sie blieb ruhig.
Sie stellte sich vor, daß der Mann, dem zu Liebe sie das beste Herz
beleidigt und für immer verloren, dem zu Liebe sie ihr Vaterhaus
verlassen hatte, in die Stadt gezogen und ihrem Stand untreu geworden
war, in den nächsten Tagen zu ihr kommen und sagen könnte: »es ist aus
mit uns Zweien, wir taugen nicht zusammen, geh wieder heim in dein
Dorf!« Aber wie groß die Schmach war, die ihrer dann wartete, und wie
schmerzlich bei dem Gedanken, ihr ganzes Leben zerstört zu sehen, ihr
Herz erzitterte, sie faßte sich doch wieder. Sie legte sich nieder und
sank in dem Frieden der Ergebung in tiefen Schlaf.

Am andern Morgen erschien sie in der untern Stube mit einer Sanftmuth,
und wir können sagen mit einer Würde in dem etwas blässeren Gesicht,
daß es allen Hausgenossen auffiel. Es war unmöglich, ihr nicht mit
Rücksicht zu begegnen. Die Reden beim Mittagessen waren darauf
berechnet, sie zu erheitern und ihren Geist von ihren Zuständen
abzulenken, und sie lächelte ein paarmal gutmüthig dazu. Selbst
Vetter Kahl strengte sich an, eine Geschichte zu erzählen, die er für
ergötzlich hielt, und freute sich an den Zeichen des Erfolgs. Das
Verlangen der Schadenfreude, das die Magd früher empfunden hatte, war
schon lange mehr als gesättigt. Was dem armen Bauernmädchen widerfuhr,
war ihr gar zu arg, und da sie nun auch so freundlich, so bescheiden
mit ihr sprach, so empfand sie wahres Mitleid mit ihr.

Als Christine Nachmittags allein in der untern Stube war, machte
die Bekehrte sich an sie, und jene merkte gleich, daß sie etwas auf
dem Herzen habe. Auf ihre Frage, was es Neues gebe, begann Susanne
mit einer scharfen Kritik der Männer im Allgemeinen und fuhr dann
fort: »Liebe Jungfer Christine, ich hab' mich besonnen, ob ich Ihnen
sagen soll, was ich heute früh gehört hab'; aber es ist mir doch
vorgekommen, als ob's besser wäre, wenn Sie es wüßten; denn wenn's
wahr wäre und Sie es plötzlich erfahren würden -- vielleicht ist's
aber nicht wahr, man schwätzt gar viel, wenn der Tag lang ist -- aber
ich glaub' doch, es ist besser, wenn Sie's erfahren« -- -- »Nun,« fiel
Christine ein, »was ist es denn?« Die Magd sah sie mit großem Bedauern
an und erwiederte: »Ich hab' heut gehört, daß Herr Forstner mit der
Mamsell Wilhelmine ganz im Reinen sei, daß sie sich heimlich schon mit
einander versprochen hätten, und daß Sie sich gefaßt machen müssen,
-- Sie verstehen« -- -- »Ja wohl,« entgegnete Christine. »Vorläufig
ist das aber nur ein Gerede, das boshafte Leute ihm aufgebracht haben
können. Ich werd' es nur dann glauben, wenn ich es von ihm selber
höre!« -- »Es kann ja sein, daß nichts dahinter ist,« versetzte die
Magd; »aber es kann auch Grund haben, und gewiß werden Sie mir's
nicht übel nehmen --« -- »Durchaus nicht, gute Susanne,« erwiederte
Christine, »ich dank' Ihr dafür. Mag kommen, was da will -- ich hoff'
es mit Gottes Hülfe zu ertragen.«

Dem Herannahen der immerhin peinlichen Entscheidung vermochte das
Mädchen doch nicht zu widerstehen. Ihr Geist konnte die Ruhe und
Stärke nicht behaupten, die er erlangt hatte, und je weiter die Zeit
vorrückte, je mehr klopfte ihr das Herz im Vorgefühl des Schlages,
den sie für unvermeidlich hielt. Als sie in der Abendstunde, wo der
Verlobte heute kommen sollte, in ihrer Stube saß, rang ihr Wille mit
ihrer Aufregung, und als sie plötzlich seinen Tritt auf der Treppe
hörte, war es ihr, als ob die Sinne ihr vergehen müßten.

Forstner trat ein und grüßte. Sie nickte nur mit dem Kopf und starrte
ihn an, in der Meinung, daß die Worte, die sie sich selber schon gesagt
hatte, ihm ohne Verzug vom Munde gehen müßten. Bald erkannte sie, daß
sie sich getäuscht. Er nahm an ihrer Seite Platz, um den gewöhnlichen
Unterricht fortzusetzen. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob er
Verdruß gehabt, aber den Vorsatz gefaßt hätte, sich nichts merken zu
lassen. Doch sah sie wohl, daß er sich Mühe geben mußte, mit ruhigem
und einigermaßen freundlichem Tone zu beginnen.

Forstner hatte sich nicht mit Wilhelmine verständigt. Was die Magd
Susanne gehört, beruhte auf einer Annahme und einer darauf gebauten
Versicherung. Er war freilich jeden Tag zu Dobler gekommen und Bruder
und Schwester hatten ihn mit großer Klugheit nach der Forderung ihrer
Absichten behandelt. Wilhelmine nahm an, daß er ihr eigentlich schon
gehörte; sie hatte darum alle direkten Bestrebungen unterlassen, sich
durchaus in der Rolle einer theilnehmenden Freundin gehalten und
nur dafür gesorgt, daß ihre Kenntnisse, ihre Zierlichkeit nebst den
schönsten Geistes- und Herzensgaben dem Verehrer immer deutlicher
würden. Forstner war auch in der That ganz von ihr eingenommen: die
feste Ueberzeugung, daß sie die Frau sei, die ihm durch ihren Geist und
ihre Gaben zu Hause Freude, im Umgang mit Andern Ehre machen würde,
hatte seine Bezauberung vollendet. Wenn er sich aber dachte, wie er
mit Christine brechen sollte -- wenn er sich vorstellte, welchen Lärm
es geben würde, sowohl hier in der Stadt als im Ries unter seinen und
ihren Bekannten, dann konnte er doch nicht zu einem Entschluß gelangen.
Er war talentvoll, der gute Forstner, strebend, klug und gewandt; aber
ein Mann war er nicht und als Mann konnte er nicht handeln. Endlich
nahm er sich in seiner Verlegenheit vor, mit Christine und ihrer
Bildungsfähigkeit nochmal einen Versuch zu machen, nochmal zu prüfen,
was ihr möglich sei oder nicht, und darnach einen Entschluß zu fassen.
Mit diesem Gedanken war er heute gekommen.

Man sagt sich selbst, daß die letzte Zeit nicht darnach angethan war,
unserer Christine die Schulaufgaben des Verlobten besonders wichtig
erscheinen zu lassen und einen erhöhten Lerneifer in ihr anzufachen.
Die innere Aufregung, die erfahrene Kränkung, das Nachdenken über
die beängstigende Lage hatten ihr Herz und ihren Geist beschäftigt,
und wenn sie Zerstreuung bedurfte, konnte sie diese nur in der Haus-
und Handarbeit finden. In der innern Umwandlung, die an dem einsamen
Abend mit ihr vorgegangen war, in der gewonnenen Einsicht in ihre
Schuld, in der Erkenntniß, daß ihr nur mit demselben Maße gemessen
würde, mit dem sie gemessen hatte, und in dem Troste, den sie daraus
geschöpft, in der ganzen für sie tiefbedeutsamen Erfahrung dieser Tage
war ihr der Bildungsflitter, mit dem sie gegen ihre Natur und ihre
Bedürfnisse behängt werden sollte, in seiner ganzen Seelenlosigkeit
und Armseligkeit erschienen, und es war ihr, trotz der wohlgemeinten
Vorsätze, welche die Angst geboren hatte, nicht möglich geworden, auch
nur ernsthaft daran zu denken.

Die Bildung ist, wie jeder wahrhaft Gebildete weiß, nur Gewinn, wenn
sich die Materialien, die sie uns zuführt, organisch mit dem Geiste
verbinden und, in sein Leben sich einfügend, ihn bereichern. Kommt
es dazu nicht, bleiben diese Materialien ihm äußerlich, dann ist die
Bildung nur eine sogenannte und Verlust, wie die Speisen, die den
Leib nähren, wenn sie verdaut werden, unverdaut seine Schwächung
und Verkümmerung herbeiführen. In solchem Falle ist es dann viel
besser, jene Stoffe abzuweisen und in seinem Leben und seiner Einheit
zu bleiben, in einer schlichteren, beschränkteren Einheit, aber in
einer Einheit. Denn nur die Einheit gewährt ein Bild, und nur die
Bereicherung, welche die Einheit festhält, verdient in Wahrheit den
Namen der Bildung.

Christine sagte sich das freilich nicht, aber sie hatte ein Gefühl
davon und sie handelte darnach. Voll von ihren Anschauungen und
Gedanken, die wahrlich ohne Vergleich mehr Inhalt und Bedeutung hatten,
konnte sie es nicht dahin bringen, von der gerühmten Weisheit des
Pädagogen viel zu halten, und sie hatte darum wieder einen Theil der
schon eingetrichterten, dem keine Verbindung mit ihrem Innern gelungen
war, verdunsten lassen.

Der Lehrer, der sie auszufragen begann, sah bald, wie es mit ihr
stand. Bei der ersten daneben treffenden Antwort, die er bekam,
zuckte er und konnte nicht verhindern, daß der Blick, mit dem er sie
ansah, eine ziemliche Dosis Geringschätzung enthielt. Er nahm sich
indeß zusammen, um die Prüfung fortzusetzen. Er fragte nach einer
geschichtlichen Thatsache, die er ihr schon wiederholt eingeprägt
hatte. Christine wurde ängstlich; sie wußte, daß ihr das schon einmal
bekannt gewesen, und da er nun doch wieder gekommen war und es am
Ende nicht so bös meinte, als sie gefürchtet, so hätte sie ihn gar
zu gern mit der richtigen Antwort erfreut. Je hastiger sie aber nach
dem Abhandengekommenen suchte, desto weniger konnte sie es entdecken;
sie mußte ihre Unwissenheit eingestehen. »Das wird gut!« sagte
Forstner mit dem Ausdruck eines Mißmuths, der nur in Folge innerer
Anstrengung nicht als erzürnte Heftigkeit hervortrat. Endlich richtete
er eine Frage an sie, die mehr durch den Verstand als das Gedächtniß
zu beantworten war. Christine, durch das Bisherige verwirrt, hatte
ihn kaum gehört und gab in ihrer Confusion eine geradezu verkehrte
Antwort. Nun war der letzte Rest von Kraft und Willen, den aufkochenden
Unmuth zurückzuhalten, in ihm verzehrt, und es kam zum Ausbruch. Der
Pedant, der die Perlen seiner Lehre so schlecht gewürdigt sah, fühlte
sich beleidigt; die Unwissenheit und Unfähigkeit, die er in dieser
Antwort erblickte, hatte tiefen Widerwillen in ihm erweckt; allein
er folgte doch keineswegs bloß dem Drange dieser Empfindungen! Die
Charakterschwäche, die nicht den Muth hatte, offen zu erklären: »wir
passen nicht für einander und es ist gut, wenn wir uns trennen,« diese
Schwäche sah die Möglichkeit, eine Auflösung des peinlich gewordenen
Verhältnisses gelegentlich beizuführen, und zu dem empörten Gefühl
gesellte sich nun instinktmäßig der Wille, diese Gelegenheit zu
benutzen.

Von seinem Sitz emporgefahren, stellte er sich vor sie hin und rief
mit dem Ausdruck des Zorns und tiefer Verachtung: »Das ist Unsinn, der
abgeschmackteste Unsinn, der je aus dem Munde einer hirnlosen Person
gekommen ist! Geh mir! Aus dir wird nie etwas, du bist und bleibst eine
Bauerntrutschel, ein einfältiges, dummes Weibsbild! Ich bin verrückt
gewesen, ich hab' eine unverzeihliche Thorheit begangen, daß ich --« --
Er hielt inne und -- schämte sich. Christine war aufgestanden und hatte
ihn groß angesehen, mit einem Blick, wie die beleidigte Rechtlichkeit,
ja der beleidigte wahre Verstand die sinnlose Wuth und Gemeinheit
ansieht. Sie hatte die Verachtung in seiner Miene gefühlt, sie hatte in
sein innerstes Herz gesehen und den Vorsatz erkannt, mit ihr brechen zu
wollen, und in ihrem Gemüth hatte sich auch eine Verachtung erhoben,
aber eine, die auf besserem Grund fußte, und mit Blitzesschnelligkeit
war ein Entschluß gefaßt. Eben in der Glut dieser Empfindungen zeigte
sie ihm das Gesicht, das ihn erschreckte und verwirrte; und wie er nun
innehielt, fiel sie ergänzend ein: »Daß du dich mit mir versprochen
hast, willst du sagen? Ja, das ist wahr, da hast du Recht! Und ich
bin ein schwaches, einfältiges Mädchen gewesen, daß ich dir getraut
hab'! Aber glaub' ja nicht, daß du mich jetzt haben mußt. Hab' ja keine
Furcht! Du hast mich gesucht, du bist zu mir gekommen, nicht ich zu dir
-- das weißt du und das sagt dir dein Gewissen. Aber darum, und weil du
mir dein heiliges Versprechen gegeben hast, und weil du mich genöthigt
hast, in diese Stadt zu kommen und meinen Stand zu verändern, und weil
ich nun wieder nach Haus gehen soll und Schande und Spott erleben von
aller Welt, darum will ich dich doch nicht zwingen, dein Versprechen zu
halten! -- Nein,« rief sie, indem sie den Verlobungsring schnell von
dem schlanker gewordenen Finger zog, »nein, im Gegentheil! Hier ist
dein Ring, nimm ihn, und wir sind geschiedene Leute!« -- Forstner sah
sie an und entgegnete: »Ich hätte gute Lust --« -- »Freilich hast du
gute Lust!« fiel das Mädchen verächtlich ein; »das seh' ich und eben
deswegen geb' ich dir den Ring zurück. Her deine Hand und gieb mir den
meinigen, und es ist aus mit uns für alle Zeit!«

Als Forstner das Zeichen der Verlobung in ihren Fingern blinken und
sich aufgedrängt sah, da zuckte bei dem Gedanken, daß er es nur
annehmen dürfe, um einer für ihn unerträglich gewordenen Fessel
entledigt zu sein, ein Freudenstrahl aus seinem Auge und er rief: »Ist
es wirklich dein Ernst?« -- Wenn sie noch nicht völlig entschlossen
gewesen wäre, mit ihm zu Ende zu kommen, so wäre sie es durch die
unendliche Kränkung dieser Freude geworden. Mit funkelnden Augen der
Entrüstung rief sie: »Ja, es ist mein Ernst, und ich verlang' jetzt
meinen Ring für deinen! Ich sage ~dir~ ab, ich künde ~dir~
auf und will nichts mehr mit dir zu thun haben mein Lebenlang!«

Forstners schwache Seele, beschämt, verwirrt, schwankte noch einen
Moment; aber eine Stimme rief ihm zu: »benutze das!« und entschied ihn.
»Nun,« rief er, indem er selber den Kopf erhob, »wenn du so hochmüthig
bist, so soll dein Wille geschehen!« Er zog den Ring vom Finger, gab
ihr ihn und nahm den seinen. »So,« sagte sie, indem sie ihn mit eben so
viel Stolz als Geringschätzung ansah, »und jetzt halt' ich dich nicht
mehr auf in meiner Stub'!« -- Forstner sagte: »Du willst es, gut! Ich
geh' und komm nie wieder!« -- »Ich hoff's,« entgegnete sie mit Hohn,
indem ihr Gesicht brannte, »ich hoff's, daß du nicht wieder kommst!«
Und indem sie mit der Hand auf die Thüre wies, rief sie mit der größten
Heftigkeit: »Geh! geh! geh!«

Forstner hatte die Thüre ergriffen, und wie von diesen Worten
hinausgeschleudert, war er verschwunden.


                                  VI.

Christine sah noch eine Zeitlang auf die Thüre, die Forstner hinter
sich zugeschlagen hatte. Ein heroisches Gefühl glänzte auf ihrem
Gesicht. Er war es nicht, der ihr den Abschied gegeben, sie war
ihm zuvorgekommen, sie hatte ihn weggeschickt, sie hatte das Recht
behauptet und ihre Ehre gerettet! Das Bewußtsein, dem Ungetreuen die
Thüre gewiesen und ihn nach Verdienst behandelt zu haben, erfüllte sie
mit süßem Stolz, und sie kostete diesen in der Aufregung des Sieges von
Grund ihres Herzens.

Endlich trat sie zurück. Die Fluth ihrer Empfindung war gesunken und
Gedanken tauchten auf, die andere Bilder vor ihre Seele riefen. Es
war also aus mit ihm, wirklich aus und für immer! Und nun? -- Sie
mußte wieder in die Heimath, in ihr Dorf zurück. -- Wie sie diese
unausweichliche Nothwendigkeit zum erstenmal klar erkannte und die
Folgen überschaute, fühlte sie einen kalten Schauer im Herzen und sank
erschöpft auf einen Stuhl.

Wir wissen, Christine besaß einen Ehrgeiz -- eine Art desselben, die
auf dem Lande häufig vorkommt: den Ehrgeiz, der sich Andern möglichst
immer in Würde und Wohlergehen darstellen und dem ganzen Dorfe damit
Respekt einflößen will. In volkreicher Stadt kann man leicht dahin
kommen, nach der Meinung Anderer gar nichts mehr zu fragen, weil diese
Andern eben zum größten Theil Fremde sind und die Befreundeten keine
Zeit haben, sich mit Einem viel abzugeben. Auf dem Dorf hingegen,
wo man Alle kennt und von Allen gekannt ist, bildet sich natürlich
das Verlangen aus, auch von Allen geachtet zu sein. Man wahrt die
Außenseite, man »prangt,« man fragt sich bei einem absonderlichen
Vorhaben in der Regel, was die Leute dazu sagen werden, man fürchtet
sich vor dem Schaden, aber häufig mehr noch vor dem Spott, der dem
Schaden folgt. Diese Rücksicht auf Andere kann zur Schwäche werden
und macht gar oft auch kleinlich und lächerlich; aber auf der andern
Seite ist sie die Mitursache guter Sitte, rechtmäßigen Handelns und
stattlicher, angenehmer Lebensformen. Der Kenner des Dorflebens wird
sie auf ihre Stelle beschränkt, aber gewiß nicht vertilgt, ja nicht
einmal gemindert wünschen.

In Christine war eine starke Dosis dieses Triebes, und wie wir gesehen
haben, war da, wo ihr Herz gewonnen wurde, immer auch ihr Ehrverlangen
mit im Spiele; der Reiz des Glanzes wirkte mit dem der Schönheit und
Liebenswürdigkeit zusammen auf sie. Dieses Ehrverlangen bezog sich aber
gerade auf ihr Dorf, gerade auf ihre Freunde und Bekannte. In ihren
Augen hervorzustrahlen war ja ihr Streben, ihr beglückendster Gedanke.
Und nun sollte sie, die das Vaterhaus ehrenvoll und beneidet, an der
Seite des Bräutigams verlassen hatte -- sie, die Gesuchte, Gefeierte
-- sie sollte zurückkehren als eine, die den Laufpaß bekommen (denn
das war und blieb sie in den Augen der Leute trotz ihres Redens), sie
sollte zurückkehren beschimpft und erniedrigt für ihr ganzes Leben!
Sie sollte vor ihren Vetter treten als eine Verschmähte, die Mitleid
und Geringschätzung einflößen mußte! Sie sollte vor ihre Mutter treten
in Schmach und Schande -- vor die gute Mutter, deren Stolz und einzige
Freude sie gewesen, die keine Ahnung hatte von ihrem Unglück und in
kurzem ihren »Ehrentag« mitzufeiern hoffte! -- Sie sollte den Spott
und die übeln Nachreden der bösen Zungen über sich ergehen lassen! Sie
sollte erleben, wie man mit Fingern auf sie zeigte, sollte es in ihre
Ohren hören, wie man sagte: »Da seht sie, die so hoch hinaus wollte!
Nun ist sie wieder da! Ihr Stadtlehrer hat sie fortgeschickt, und nun
mag sie auch kein ehrlicher Bauernbursch mehr!«

Die Erlebnisse der letzten Tage hatten das Mädchen im Tiefsten erregt,
ihre Seele gerüttelt und geschüttelt, ihr Gefühl krankhaft gereizt. Wie
sie nun bei der Vorstellung, so kläglich in ihre Heimath zurückkehren
zu müssen, alle Marter empfand, welche die Schmach der Niederlage
dem Ehrgeiz auferlegt, da folgte auf den heroischen Stolz, den die
Verabschiedung des Bräutigams in ihr erweckt hatte, der Zweifel,
das Zagen, die Reue. Hab' ich auch wirklich Ursache gehabt, ihm
aufzukünden? Bin ich nicht zu hitzig gewesen? Hab' ich nicht am Ende
unrecht gesehen und gemeint, er wolle mit mir brechen, bloß weil ich
in der Zeit davon habe schwatzen hören? Kann er nicht bloß übler Laune
gewesen sein, und sind meine Antworten nicht am Ende so ungeschickt
gewesen, daß er nicht anders konnte als zornig werden? -- Solche Fragen
traten in ihr hervor und konnten es wohl; denn ein Dorfmädchen ist an
eine derbere Sprache und Handlungsweise von Jugend auf gewöhnt und
mußte die vernommenen Schmähworte nicht für so beweiskräftig halten
als eine gebildete, zarte Städterin. In ihrer Gemüthslage wurden ihr
nun auch die andern deutlichen Zeichen wieder zweifelhaft, und als sie
bedachte, daß sie das Elend, welchem sie entgegen ging, hätte vermeiden
können, da wandelten sie wieder Schrecken und Verzweiflung an. Sie
raffte all ihre Kraft zusammen und überlegte, wie Forstner sich die
letzte Zeit her und heute gegen sie benommen. Endlich aber rief sie
fest und entschlossen: »Nein, ich hab' mich nicht getäuscht! Nein, ich
hab' recht gehandelt! Was ich gethan hab', das hab' ich thun müssen
-- ich hab' ein gutes Gewissen -- und nun mag mir's auch gehen, wie's
will!«

Sie stand auf, in der Meinung zur Base hinunterzugehen, denn es war
noch nicht die gewöhnliche Schlafenszeit. Allein sie fühlte sich
überaus müde, die Glieder zitterten ihr. Sie hielt es für besser, sich
niederzulegen.

Ihr Schlaf war unruhig, sie fuhr mehrmals auf in schweren Träumen. Als
sie Morgens erwachte, waren ihre Glieder wie gelähmt, ihr Kopf brannte,
die Zunge klebte ihr am Gaumen. Sie war krank -- ein Fieber hatte sie
ergriffen.

Die Base, die sie vergebens zum Frühstück erwartet hatte, ging hinauf,
um nachzusehen. Sie wußte noch nicht, was geschehen war. Gestern hatte
sie freilich ein paarmal die Stimmen herunter gehört und auf einen
Wortwechsel geschlossen; aber das war ja schon öfter vorgekommen, und
da Forstner ruhig aus dem Hause, Christine zu Bett gegangen war, so
glaubte sie nicht an einen Ausgang, wie er stattgefunden hatte.

An's Bett des Mädchens getreten, erkundigte sie sich theilnehmend nach
ihrem Befinden. Christine erklärte sich für unwohl und erzählte ihr
alles. Die gute Frau war tief betroffen. »Ich hab' mir's gedacht,«
rief sie aus, »aber nun bin ich doch erschreckt! Was wird deine Mutter
dazu sagen, die an so etwas gar nicht denkt? Ich muß ihr's zu wissen
thun, Alles und Jedes, und das heute noch.« -- Christine verbot das.
»Ich will's selber thun, wenn ich wieder auf bin -- ich allein kann's
recht thun.« -- »Aber wenn du ernstlich krank würdest,« entgegnete die
Base, »wenn du --« -- »Sterben würdest, meinen Sie? Das wäre vielleicht
das Beste für mich; aber eben darum glaub' ich nicht daran. Wenn
Gefahr kommt, dann können Sie schreiben, aber jetzt nicht -- Ihre Hand
darauf!« -- Die Base beruhigte die Kranke durch ein ausdrückliches
Versprechen und ging hinunter, einen Arzt holen zu lassen.

Dieser kam und erklärte den Zustand des Mädchens für den Anfang
einer Krankheit, vor deren ernstlichem Ausbruch sie vielleicht noch
bewahrt werden könnte. -- In Befolgung dessen, was er vorschrieb, und
im strengster Diät verging eine Reihe von Tagen. Zuletzt siegte die
gute Natur des Dorfkindes, das Fieber wich, ihr Blut wurde ruhiger,
ihr Appetit regte sich wieder, sie erholte sich und hatte das Gefühl
der Genesung, jenes leichte, süße Gefühl, um dessentwillen es wohl
der Mühe werth erscheint, eine Krankheit ausgehalten zu haben. In
der Genesung ist von dem Zustande des Leidens nichts mehr übrig, als
eine körperliche Schwäche, in der ein innerliches Leben um so reicher
sich entfalten kann, eine Schwäche, die alle Gefühle mildert und
uns die ganze Welt in sanftem Licht erscheinen läßt. Und zu dieser
Poesie der Krankheit gesellt sich eine stille Lust des Aufstrebens und
Fortschreitens zu neuem Wohlsein und Glück, das ahnungsreich vor der
Seele webt. Der Genesende kann nicht verzweifeln. Auch nach dem größten
Verlust muß er wieder hoffen auf eine Entschädigung, sei es auch nur
die Kraft, den Verlust ohne Schmerz ertragen zu können.

Während Christine sich leiblich erholte, genas sie auch geistig.
In ihrem stillen, helleren Seelenzustande sah sie zurück auf ihre
Erlebnisse und dachte jenes Moments wieder, wo sie in ihrem Unglück
eine gerechte Strafe erkannt und es in diesem Sinn willkommen geheißen
hatte. Und es fiel ihr ein, daß sie später doch wieder verzweifelt war,
als sie sich vorstellte, wie sie verachtet und verlassen zur Mutter
heimkehren -- das heißt doch eigentlich: die heilvolle Strafe zu Ende
dulden sollte. -- Sie lächelte ernst über sich selbst und sagte: »Ich
hab's wieder vergessen gehabt! -- Das geht nicht auf einmal, wie's
scheint!« -- Nun faßte sie aber in Wiederholung jener Anschauung den
Entschluß, alles zu dulden, was an Schmach und Beschimpfung über sie
verhängt sein sollte. Und nun konnte sie hoffen zu triumphiren, denn zu
ihrer Erhebung und Selbstüberwindung half ihr die Natur.

In ihrer Leidenszeit hatte sie die sorgsamste, wir können sagen
liebevollste Pflege erfahren, und diese setzte sich während ihrer
Genesung fort. Die Base und der Vetter thaten alles, was in ihren
Kräften stand. Susanne war wie verwandelt, ganz Aufmerksamkeit und
Güte für sie, und nichts schien sie mehr zu beglücken, als wenn ihr
Christine freundlich die Hand gab und sie dabei mit erkenntlichem Blick
ansah. Auch Mamsell Adelheid kam täglich, sich zu erkundigen und sie zu
trösten. Die Vornehmheit der Lehrerin war verschwunden und hatte ganz
einer würdigen, mütterlichen Theilnahme Platz gemacht. Auf Christine in
ihrer jetzigen Weichheit machte das alles einen rührenden Eindruck. Mit
Thränen im Auge sagte sie sich: »Die Menschen sind doch viel besser,
als man denkt! Man sollte eigentlich niemand für schlecht ausgeben,
sondern warten, bis er wieder gut wird.« Sie dachte daran, daß auch die
Leute in ihrem Dorf nicht so schlimm sein würden, als sie sich zuerst
vorgestellt, und der Gedanke der Heimkehr verlor auch aus diesem Grunde
mehr von seinem Peinlichen und Schreckhaften.

Wenn sich übrigens Mamsell Adelheid in der That über Erwarten
theilnahmvoll gegen ihre Schülerin erzeigte, so war sie damit noch
nicht ein Muster von Zartheit geworden, und dem Drange, Gericht zu
halten über irgend jemand, konnte sie nicht unbedingt widerstehen. --
Eines Vormittags kam sie mit hastigeren Schritten als gewöhnlich in
die Stube, wo sich die Reconvalescentin befand, und man sah gleich, daß
sie etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte. Sie zögerte nicht, es los zu
werden, und rief nach ihrem Gruße der anwesenden Frau Kahl zu: »Nun,
liebe Frau Base, haben Sie's auch schon gehört? -- Ich habe manches
erlebt in der Welt, aber das geht doch über alle Begriffe! So schnell
-- und in dieser Zeit! Nein, für so schlecht hätt' ich diesen Menschen
doch nicht gehalten!« -- »Was gibt's denn?« fragten Christine und die
Base zu gleicher Zeit. Adelheid sah theilnehmend auf das Mädchen und
sagte: »Sei froh, Christine, und wünsche dir Glück, daß du ihn nicht
bekommen, daß du ihn noch zu rechter Zeit kennen gelernt hast! Besser
vor der Hochzeit als nachher!« -- »Ah so,« erwiederte das Mädchen,
indem eine leichte Röthe über ihr blasses Gesicht flog; »nun kann ich's
errathen! Er hat sich mit ihr versprochen?« -- »Das hat er gethan,
gute Christine, und zwar an demselben Tag, wo du im ärgsten Fieber
lagst.« -- Frau Kahl sah die Mamsell vorwurfsvoll an und rief: »Das
hättest du nicht sagen sollen! Wenn sie nun wieder schlimmer wird?«
Aber Christine hatte sich von dem Canapee, worauf sie gesessen, rasch
erhoben und rief: »Nein, das macht mich gerade gesund!« -- Sie sah in
der That genesen aus und athmete leicht, als ob sie von einer großen
Last befreit worden wäre.

Und das war sie. Die Meldung hatte sie befreit von der letzten
Ungewißheit in Bezug auf den Lehrer, von dem letzten Grunde, sich
selbst mit der Vorstellung einer übereilten Handlung zu quälen. Was
sie gedacht hatte, war nun bewiesen. Wenn er nur von ihr weggehen und
mit jener sich versprechen konnte, dann hatte er schon lange keine
Liebe mehr zu ihr, sondern zu jener; dann war er mit der Absicht zu ihr
gekommen, Händel zu suchen, um sie los zu werden; dann hatte sie ganz
recht gehandelt und das beste Gewissen. Nun war sie frei von ihm ganz
und gar; sie war frei von Achtung und Liebe zu ihm, sie war frei von
Haß gegen ihn und von Eifersucht gegen sie. -- »Mag er glücklich sein!
mögen sie glücklich sein alle beide!« das waren ihre Gedanken. -- Wen
man nicht achtet, den kann man nicht hassen und nicht beneiden. Man
fühlt ihn unter sich und machtlos und dürftig bei allem äußern Glück.

Christine erklärte sich für gesund. Der Arzt, der bald darauf im's
Zimmer trat, bestätigte dieß und erlaubte ihr, an einem der nächsten
Tage nach Hause zu reisen.

In einer Stimmung, die ihr selber auffiel, mit einer Ruhe, die nur
selten durch lebhaftere Empfindungen unterbrochen wurde, machte sich
Christine zur Heimkehr bereit. Sie schloß mit ihrem Stadtleben ab und
hatte das Gefühl eines Wanderers, der sich nach langem Irrgehen wieder
zurecht findet. Er hat Zeit und Mühe verloren, er wird zu spät kommen,
aber er ist doch wieder auf dem rechten Weg.

Nun war die Zeit gekommen, den Brief an ihre Mutter abzufassen. Sie
meldete kurz, was in den letzten Wochen geschehen war, fügte aber dann
Alles hinzu, was sie für die Mutter Tröstliches zu sagen wußte. Sie hob
hervor, daß sie für die Stadt nicht passe, daß sie mit Forstner nie
glücklich geworden wäre und dem Himmel danken müsse, noch zu rechter
Zeit seinen Charakter kennen gelernt zu haben. Sie unterstrich die
Nachricht, daß sie ~ihm~ aufgesagt habe, und daß sie ihn nicht
mehr gemocht hätte, wenn er auch wiedergekommen wäre. Jetzt sei er mit
seiner Wilhelmine versprochen, und das sei gut, denn die beiden taugten
für einander und wären einander werth. Sie selber habe ihren Entschluß
gefaßt, sie wolle nach Hause gehen und mit der Mutter überlegen, was
zu thun sei. Glücklich wolle sie nicht mehr werden, aber verzagen
wolle sie deßwegen auch nicht. Sie wolle schaffen und arbeiten, wie
sie's gelernt habe, sie wolle ihre Schuldigkeit thun und als ein
rechtschaffenes Mädchen leben und sterben.

Vorsichtshalber trug sie den Brief selber auf die Post. Durch die
Aufschrift hatte sie dafür gesorgt, daß er sicher einen halben Tag vor
ihrer Ankunft in die Hände der Mutter gelangte.

Als sie am zweiten Morgen nach ihrer Wiederherstellung aufgestanden
war, ging sie im Unterkleid zu der alten Commode, zog das oberste
Fach heraus und lächelte, mit einer seltsamen Mischung von Freud und
Leid. Die Bauernkleider, in denen sie hergekommen war, lagen darin.
Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, betrachtete sie, als sie
auf dem Tisch ausgebreitet waren, mit einer Art von Feierlichkeit, und
kleidete sich damit an. Als sie fertig war und in den Spiegel sah,
schüttelte sie erst den Kopf, dann hing sie mit zufriedenen Blicken an
dem Bild. Die Kleider waren ihr zu weit geworden und kamen ihr so im
ersten Moment doppelt ungewohnt vor. Aber es waren doch die Kleider,
in denen sie schöne Tage gesehen hatte -- jetzt das Wahrzeichen einer
verständigen Umkehr und eines neuen Lebens.

Groß war die Verwunderung, als sie in diesem Anzug, allen unerwartet,
in die untere Stube trat. Und sie minderte sich nicht, als die kaum
Genesene der Base erklärte, da das Wetter so gut sei, wolle sie nicht
nach Hause fahren, sondern gehen. An ihrer Krankheit sei Schuld
gewesen, daß sie sich zu wenig Bewegung gemacht habe; das Gehen würde
ihr gesund sein und sie würde sich's jetzt um keinen Preis abkaufen
lassen. Alle Einreden der Sorglichkeit waren umsonst, und man fügte
sich endlich in ihren wiederholt erklärten Willen.

Nach dem Frühstück nahm sie die Base mit auf ihre Stube, wo ihre
Stadtkleider in drei verschiedenen Partien auf dem Canapee lagen.
Sie bat ihre Verwandte, die erste mit den werthvollsten Stücken zum
Andenken von ihr anzunehmen und die beiden andern der Mamsell Adelheid
und der Susanne zu übergeben. Das Sträuben der guten Frau wurde
überwunden und die Einwilligung erzwungen. Die Geschenke, die sie
von Forstner erhalten hatte, lagen auf einem Ecktisch. Sie nahm der
Base das Versprechen ab, ihm alle zusammen heute noch in's Haus zu
schicken. Wenn er dafür die ihrigen zurücksende, so bäte sie den Herrn
Vetter, sie zu behalten. Sie würde kein Fäserchen von diesem Manne bei
sich dulden können. -- Die Kiste, in der sie ihre Habseligkeiten vom
Dorf mitgebracht hatte, stand bepackt in einer Ecke. Man sollte sie
dem Fuhrmann übergeben, der am folgenden Tage die Stadt passirte. Es
blieb nichts mehr übrig, als von der letzten Geldsendung der Mutter
die kleine Schlußrechnung der Base zu bezahlen. Dieß geschah, und das
Landmädchen war fertig mit der Stadt.

Es war nach neun Uhr, als sie der kleinen Zahl ihrer städtischen
Bekannten Lebewohl sagte. Die gute Frau Kahl und Susanne weinten, der
Vetter hatte feuchte Augen und Mamsell Adelheid widerstand mit Mühe
dem Drang ihres Gefühls. Christine war über diese Zeichen wahrer
Theilnahme zu erfreut, um gleich den andern weich werden zu können.
Sie gab allen die Hand, sah mit glänzenden Blicken der Liebe und des
Dankes auf sie, und jetzt endlich standen Thränen auch in ihren Augen.
-- »Lebwohl, lebwohl, du gutes, liebes Kind!« rief die Base, indem sie
ihre Hand zärtlich gefaßt hielt. »Du hast hier keine guten Tage gehabt,
du hast viel gelitten; aber dir wird's auch noch gut gehen!« -- »Mir
wird's gehen, wie ich's verdiene,« erwiederte Christine, »und anders
verlang' ich's nicht!«

Wenige Minuten später, und sie ging allein, wie sie sich's erbeten
hatte, durch die Hauptstraße der Stadt. Ein paar Vorübergehende kannten
sie, starrten sie an und sahen ihr kopfschüttelnd nach. Christine that,
als ob sie nichts gemerkt hätte, und ging ruhigen Schrittes weiter;
aber doch war sie froh, als sie die Stadt endlich hinter sich hatte.

Es war in der zweiten Hälfte des März und der Tag wie zu einer
Fußwanderung geschaffen, Frühlingsanfang, nicht nur dem Kalender nach,
sondern in der That. Der Winter hatte schon seit einigen Tagen weichen
müssen, der Lenz hatte das Feld behauptet, und schmetternde Lerchen
verkündeten seinen Sieg dem Himmel und der Erde. Die Luft war milde,
die Sonne von leichten Wolken umzogen, so daß ihr Schein durchdringen
konnte, wenn auch nicht ihr Bild, und der Weg trocken, hie und da noch
gefeuchtet und weich, dort schon bedeckt von Märzenstaub. Und Gras und
Laub, welche dieser bringen soll, waren reichlich verheißen in dem
frischeren Grün der Wiesen, in den Knospen der Bäume und Gesträuche.

Christine wanderte still weiter, die Straße weiter, auf welcher sie
hergefahren war und die sie nun zum erstenmal wieder sah. Ihr Mund sog
die lau frische Gottesluft ein, ihre Augen schweiften umher auf dem
Feld und den Waldstücken, die in der Landschaft hervortraten, und ihr
Gesicht ward heller und freundlicher bei diesem Anblick. Bald fühlte
sie sich wieder hineingezogen in ihr Inneres, sie überließ sich den
Gedanken ihrer Seele und ging dahin, wie eine, die im Traume wandelt.

Ein Rieser Bauernmädchen ist im benachbarten Frankenlande nichts
Seltenes und kann schon darum nicht bemerkenswerth erscheinen, weil
ihre Tracht von der dortigen ländlichen nur wenig unterschieden ist.
Aber Christine hatte in ihrem Wesen etwas, das auffallen mußte und
wirklich auffiel. Die Landleute, die ihr begegneten, der Steinklopfer
am Wege sahen sie an und grüßten sie theilnehmend. Als einer sie nach
erhaltenem Dank fragte: »Wohin denn noch heute?« und mit sanfter Stimme
die Antwort erhielt: »In's Ries,« da betrachtete er sie noch einmal
genau, bevor er weiter ging, schien aber doch nicht mit sich einig
werden zu können, was er aus ihr machen solle.

In Folge des Lebens in der Stadt und der Leiden, die sie darin
ausgehalten hatte, war die Gestalt des Landmädchens um vieles schlanker
geworden; die Fülle des Gesichts war geschwunden, die Farbe, die ihr
auf dem Dorf ein so frisches Aussehen gegeben hatte, war gewichen
und die jetzige Blässe nur von einem bräunlichen Hauch und in Folge
des Gehens von einer leichten, flüchtigen Röthe bedeckt. Da sie den
gestreiften »Kittel« (das Gewand des Oberkörpers) offenbar nicht mehr
ausfüllte, so sagte sich jeder, daß sie krank gewesen sein und viel
ausgestanden haben müsse. Aber das war es nicht allein, was auffiel.
Ihr bleiches Gesicht hatte einen Glanz, aus ihren feuchten Augen, wenn
sie damit aufsah, ging ein Blick, und der ganze Kopf hatte ein Gepräge
und einen Ausdruck, daß jeder augenblicklich sah, nicht nur daß es ein
schönes Mädchen sei, sondern auch daß es mit ihr eine ganz besondere
Bewandtniß haben müsse.

Es war die Erfahrung ihres Geistes, welche dem Gesicht diesen Ausdruck
lieh, es waren die Empfindungen und Bilder ihrer Seele, die es
verklärten. Die Erdenschwere des Leides war ihr abgenommen, aber sein
Schein und sein Duft waren geblieben. Die Freude des Lebens, ja die
Hoffnung auf sie waren geflohen, aber ein stiller Friede, gegründet
auf das Bewußtsein, endlich recht und gut gehandelt zu haben, waren
eingezogen in sie. Eine Wehmuth erfüllte sie, die etwas Süßes hatte,
weil sie durchdrungen war von holdem Licht und getragen von einem
erstarkten Geist. Alles das weckte und nährte das Spiel der Phantasie,
eine Träumerei, welche das Mädchen weiter und weiter zog und neue,
wunderbare Welten ihrem Blick öffnete. -- Die Poesie der Lieder, die
sie in schönen Tagen auf dem Dorfe gelernt und gesungen hatte, lebte
wieder in ihr auf. Traurige und fröhliche summten durch einander in
ihr und feuchteten bald ihre Augen und regten zarte, süße Schauer in
ihr an. Sie hörte die Melodien ordentlich in ihrer Seele, und Stimmen
in der Luft, nahe und ferne, schienen in sie einzuklingen. -- Die gute
Christine! Jetzt war sie fein, und ihr Gesicht war geistig und ihr
ganzes Wesen von einem Reiz übergossen, daß es auch der eitle Pedant in
der Stadt hätte anerkennen müssen. -- Zu spät! -- Aber zu ihrem großen
Glück! -- Jener hätte sie nicht verdient, auch wenn es ihm möglich
gewesen wäre, sein Versprechen zu halten und seine Treue zu bewahren.

Wir haben damit erklärt, was die Vorübergehenden Absonderliches an
Christine wahrnahmen. Hübsche Mädchen in Rieser Tracht kann man viele
sehen, wenn man durch die gesegnete Ebene wandert -- und Glück hat.
Aber Bilder, wie Christine in ihrer jetzigen Seelenstimmung eines
darbot, wird man unter allen Umständen nur selten bemerken können.

In der Einsamkeit eines Waldthals nahmen die Gedanken der Fußgängerin
eine bestimmte Richtung. Ein Verhältniß, wie sie es mit Forstner
gehabt, läßt sich nicht abthun und vergessen; die Seele wird eine
Zeitlang immer wieder zurückschauen und sich den Verlauf und den
Ausgang zu erklären suchen. -- Christine ließ das Handeln Forstners
wieder an ihrem Geist vorüberziehen. Wie billig sie war und wie viel
sie sich selber zur Last legen mochte, nahm sie alles zusammen und
hatte sie ihn in den hauptsächlichsten Momenten vor Augen, so konnte
sie sein Benehmen zwar begreiflich finden, aber auch nicht der leiseste
Hauch von Achtung dieses Mannes war ihr möglich. Im Besitz dessen,
was Natur und Geschick ihr an Einsicht verliehen hatten, kam ihr die
ängstliche Sorge und die Wichtigkeit, womit er ihr den Flitterkram
seiner Bildung aufdrängen wollte, über alle Maßen kleinlich vor; und
daß er diesen als die Hauptsache ansah, für die wirkliche Hauptsache
dagegen, welche sie jetzt auf's allerklarste anschaute, keine Augen und
kein Gemüth hatte, das erfüllte ihre Seele mit einer Geringschätzung,
in welcher sie ihn zu einem Nichts hinschwinden sah.

Es war unvermeidlich, hier nicht an das Benehmen des Vetters Hans zu
denken. Obwohl sie eine Scheu davor empfand, so konnte sie dem Reiz
doch nicht widerstehen, sich zu vergegenwärtigen, wie sich dieser von
der ersten Zeit an gegen sie betragen hatte. Seine treue Liebe, die
sich erst so bescheiden verbergen wollte und sich doch verrieth; seine
Freude an ihr und das Vergnügen, das aus ihm leuchtete, wenn er sie bei
der Arbeit loben konnte und sie dabei ansah; die stete Sorge für sie
und ihre Mutter, der Eifer für ihr Wohlergehen und ihre Ehre; seine
Großmuth, als er erfahren hatte, was ihn auf's tiefste schmerzen, auf's
bitterste kränken mußte; der Stolz, der sich vor den Leuten nichts
anmerken ließ und alles vergessen zu haben schien; die unendliche
Gutmüthigkeit, womit er sie später als Verwandte und Jugendfreundin
behandelte, als ob sie ihn nie beleidigt hätte -- alles das stellte
sich vor ihre Seele und verband sich zu einem einzigen Bilde. Die ganze
Schönheit eines von Gott und Natur mit gleicher Liebe beschenkten
Gemüths glänzte vor ihr und sie war jetzt in der rechten Stimmung, sie
zu erkennen und nach ihrem Werth zu schätzen. Thränen stürzten aus
ihren Augen, die nur der edlen Seele galten. Sie fühlte die Liebe und
Treue eines solchen Mannes als das Liebste und Holdeste, was es geben
könne auf der Erde; in ihrem Herzen gährte und bebte es und eine Glut
entzündete sich und loderte empor und übergoß ihr bleiches Gesicht
urplötzlich mit brennender Röthe.

Es war geschehen. Sie hatte ein Gefühl, als ob nichts wahr gewesen
wäre in ihrem ganzen Leben, als diese Liebe zu dem besten Menschen auf
der Welt. Alles, was ihr an andern schön vorgekommen war und reizend
und vornehm, erschien ihr jetzt wie gar nichts, wie Rauch, den ein
Windhauch verjagte. Sie begriff nicht, wie man sich davon blenden
lassen, wie man daran sein Herz hängen, wie man darauf bauen und
vertrauen könne.

Und sie hatte sich zweimal davon blenden lassen! Sie war von dem,
der allein aller Lieb' und Treue werth gewesen, zweimal abgefallen!
-- Das Gesicht, auf welchem sich die Blässe wieder gelagert hatte,
wurde auf's neue überströmt -- von der Röthe der Scham; und diese
blieb länger auf ihm als die Farbe der Liebe und des Entzückens. --
»Du hast keine Augen gehabt,« rief sie sich strafend und leidvoll
zu, »du hast nichts gesehen -- du Blinde, Dumme, Sinnlose!« -- Sie
fühlte ihre ganze Unwürdigkeit dem braven, uneigennützigen, unendlich
liebevollen Manne gegenüber. Das Licht der Erkenntniß, das ihr zuerst
in schwachem, vorübergehendem Aufzucken, dann im klaren, hellen Scheine
zu Theil geworden war -- jetzt flammte es vor ihr empor und leuchtete
und brannte vor ihr und faßte und durchloderte sie, und drohte sie zu
verzehren. -- Das war das Maß, mit dem ihr gemessen werden sollte --
das volle, gerüttelte und geschüttelte, überfließende Maß.

In der Qual dieser Flamme gab es nur Eine Rettung für Christine, und
sie griff darnach. »Er soll's nie, nie erfahren, wie es mir zu Muth
ist! Kein Sterbenswörtchen soll er von mir hören, aus keiner Miene,
keinem Zuck soll er's errathen können! Im Herzen will ich ihn tragen
Tag und Nacht -- todtschlagen will ich mich lassen für ihn, wenn's sein
muß -- aber sterben will ich, ohne daß er weiß, wie ich gesinnt gewesen
bin!« -- Nun brachen wieder Thränen aus ihren Augen und rollten die
Wangen hinab; aber es waren lindernde Thränen. Sie und das Gelübde, das
sie gethan, halfen zusammen, der Tieferregten nach und nach die Ruhe
wieder in's Herz zu flößen, in der sie still ergeben, aber zugleich mit
einem gewissen Stolz der Entsagung fortwanderte.

Endlich fühlte sie sich müde und erschöpft, und im nächsten Dorfe
ging sie in das Wirthshaus, das an der Straße lag. Sie nahm ein
einfaches Mahl zu sich, ruhte aus und erholte sich. Als sie nach der
Zeche fragte, sah die schon ziemlich bejahrte, stattliche Wirthin
sie prüfend an. »Du bist wohl im Dienst gewesen und krank geworden?«
fragte sie theilnehmend. -- Christine richtete merklich verletzt
den Kopf auf und erwiederte: »Krank gewesen bin ich, aber im Dienst
nicht.« -- Der theilnehmende Blick der Wirthin verwandelte sich in
einen spöttischen. »Ah,« sagte sie, »da bitt' ich um Verzeihung, daß
ich der Jungfer Unrecht gethan hab'!« Sie überlegte ein wenig, nannte
die Summe, erhielt das Geld, bedankte sich und ging hinaus. Die Zeche
war ziemlich groß, und Christine fühlte, was sie gethan hatte. »Du
bist wieder dumm und am unrechten Ort empfindlich gewesen,« dachte
sie. »Die Frau ist gut und wollte dir eine kleine Zeche machen, und
du bist ihr lächerlich vorgekommen mit deinem Stolz, und sie hat Recht
gehabt, dir eine Lehre zu geben. Im Dienst! 'S wär besser, du wärst im
Dienst gewesen und könntest jetzt nach Hause gehen --« -- Ihr Geist
verlor sich in Gedanken, dann erhellten sich plötzlich ihre Züge; mit
einem Aussehen, als ob sie einen Vorsatz gefaßt hätte, erhob sie sich
und verließ die Stube. Im »Haustennen« stand die Wirthin. »Geht's
schon weiter, Jungfer?« war die noch immer spöttische Frage. »Ja,«
erwiederte Christine. »Lebt wohl, Frau Wirthin, und haltet mich nicht
für einfältiger als ich bin!« Das behaglich breite Gesicht lächelte und
der Spott darin erhielt einen Zusatz von Wohlwollen. »O bewahre!« rief
sie, »ich seh' schon, wen ich vor mir hab'. Glück auf den Weg!«

Es war nothwendig, daß Christine sich gestärkt und erholt hatte --
sie kam dem Ries näher und näher. -- Eine Stunde darauf und sie war
eingetreten in seinen Kreis und ihr Herz klopfte, ihr Kopf schwindelte.
Sie sah, was ihr bekannt war von Jugend auf, aber das Bekannte erschien
ihr wie ein Mährchen. Dort rechts der Felsen von Wallerstein im Kranze
von Häusern und Bäumen, geradeaus der graue Thurm von Nördlingen, und
jetzt in dem Schein der Sonne, die vorübergehend aus den Wolken trat --
ihr Geburtsort. -- War es nicht ein Traumgesicht? Waren die Bilder, die
vor ihren Augen flimmerten, nicht aus Luft gewoben und hergezaubert,
um auf einmal wieder zu verschwinden? -- Nein, sie standen fest und
blieben stehen und traten immer größer und deutlicher hervor. Sie
hatten gezittert und gegaukelt vor ihr, weil ihren eigenen Kopf eine
Art von Trunkenheit ergriffen hatte, und in der Schwärmerei des
Staunens hatte das Altgewohnteste den Charakter des Wunders angenommen.

Sich endlich besinnend und fassend, ging sie weiter und weiter, ihrem
Dorfe zu. Sie freute sich an der Heimath, an den Leuten, die ihr
begegneten, an den Arbeitern auf dem Felde, die sie von weitem sah,
und an der schönen und traulichen Rieser Tracht; aber sie fürchtete
sich, daß irgend Jemand sie erkennen und bei ihrem Namen rufen möchte.
Unangefochten langte sie indeß an der Feldung ihres Geburtsortes an.
Sie schlug einen Fußweg ein. Je näher sie dem Ziele kam, desto mehr
entsank ihr der Muth. Sie konnte nicht anders -- sie mußte sich
wieder vorstellen, was die Leute von ihr denken, was sie sagen und ihr
nachsagen würden. Alle Schmach, als eine Verstoßene, der Verläumdung
Preisgegebene heimzukehren, stieg wieder vor ihrer Seele auf. Da fiel
ihr aber auch wieder ein, daß sie Leid und Beschwer ja gewünscht und
gut gefunden hatte. Sie lächelte mitleidig über sich selber und ging
mit neuer Entschlossenheit vorwärts.

Die Sonne war hinter dichtere Wolken getreten; es war trübe und kühler
geworden und die laublosen Gärten des Dorfes sahen nicht gerade
erfreulich aus. Als sie eine Hecke entlang ging, um auf die Südseite
zu kommen, wo ihr Haus stand, bemerkte sie in einem Garten eine
Jugendfreundin, die ein Beet umhackte. Die Tritte der Vorübergehenden
vernehmend, schaute diese auf und Christine erwartete einen Zuruf; aber
er blieb aus. »Sie kennt mich nicht mehr,« dachte das Mädchen. »Nun,
das ist ja natürlich!«

An der kleinen Thüre, die von ihrem Garten auf den Fußweg hinaus
führte, stand die Mutter. Sie hatte sich, von ihren eigenen Gefühlen
einen Schluß ziehend, eben hier aufgestellt, um die Tochter zu
erwarten. Christine ging rascher und gab ihr mit leis gesprochenem
Gruße die Hand. Die Wittwe sah kummervoll und blaß aus, aber ihr
Gesicht war nicht ohne eine Art von Würde. »O Christine!« rief sie mit
gedämpfter Stimme -- weiter nichts. Man konnte sie sehen und hören vom
Haus oder Garten des Nachbars, und niemand sollte wahrnehmen, wie's ihr
um's Herz war. -- Sie führte die Tochter an der Hand durch den Garten
in den kleinen Hofraum. Hier stand Hans. Er sah Christine an mit einem
Gesicht, in welchem das Mitleid hinter tiefem Ernst verborgen war, und
sagte ruhig: »Guten Abend, Christine!« Sie dankte, ohne ihn anzusehen,
und ging mit der Mutter in's Haus.

Als sie allein waren, öffnete die Mutter ihr Herz und ließ den Klagen,
die sie bis jetzt zurückgepreßt hatte, freien Lauf. »Wer hätte das
gedacht!« rief sie mit tiefer Betrübniß. »Wer hätte das diesem Menschen
zugetraut! -- Ich hab' gemeint, ich müss' umsinken vor Schrecken, wie
ich deinen Brief gelesen hab'. Nicht glauben hab' ich wollen, was du
geschrieben hast! Aber jetzt, wenn ich dich ansehe, muß ich freilich
alles glauben! -- Du armes Mädchen,« setzte sie hinzu, indem sie die
Tochter in zärtlichem Mitleid bei den Händen faßte, »so elend, so
verfallen! -- Das ist nun das Glück, das du gemacht hast! Das ist die
Freude, die ich an meinem einzigen Kind erlebt hab'!« -- Ihre Thränen
flossen, das Schluchzen ließ sie nicht weiter reden. Christine tröstete
sie und sagte: »Sei ruhig, Mutter! Laß dir's nicht so zu Herzen gehen!
-- Ich bin gesund und werde bald wieder aussehen wie sonst.« -- »Ja,«
entgegnete die Wittwe, »dein elendes Aussehen wird vergehen auf dem
Land, aber die Schande wird dir bleiben. Was wird man von dir jetzt
alles sagen im Dorf! Was werden wir uns gefallen lassen müssen! Das
Unglück, das einem widerfährt, ist ja den Leuten nie groß genug, sie
müssen's noch größer machen. Und wir, denen ohnehin so manches Feind
ist im Dorf -- was werden erst wir hören müssen! Ich trau' mir gar
nimmer unter die Leute -- ich schäme mich zu Tod!«

Als die Tochter die von ihr überwundene Furcht an der Mutter sah, kam
sie ihr in keiner Art würdig vor, und sie erwiederte mit Ernst: »Was
die Leute sagen, liebe Mutter, ist mir einerlei, und dir kann's auch
so sein. Eine Zeitlang wird man schmähen, dann kommt wieder etwas
anderes auf, und wir sind vergessen. Und wenn man auch spottet über uns
und uns ausrichtet -- haben wir's nicht verdient? Ist uns mit unserm
Hochhinauswollen nicht Recht geschehen? -- Von ~der~ Seite muß
man die Sache auch betrachten. So oder so ist das Gerede der Leute
gleichgültig. Wenn sie lügen über mich, so geht's mich nichts an,
und wenn sie die Wahrheit sagen, muß ich's aushalten. Und am Ende --
wenn's mir hier wirklich zu arg würde, giebt's nicht noch einen Dienst
anderwärts? Man kann sich immer helfen, wenn man noch zu was gut ist in
der Welt, und alles ist noch lang nicht verloren.«

Diese gefaßte Sprache des Kindes that der Mutter wohl und flößte auch
ihr wieder Trost und neuen Muth ein. Sie sah schweigend auf das blasse,
aber feinere und vornehmere Gesicht und fühlte, daß ihre Tochter in
der Stadt nicht nur verloren, sondern auch etwas gewonnen hatte. Ihre
Mienen klärten sich auf und es war, als ob sie etwas auf der Zunge
hätte. Sie schwieg aber. Sie hatte, wie es schien, nicht den Muth zu
sagen, was sie dachte.

Als am andern Tag die große Neuigkeit in dem Dorf bekannt wurde, gab
es freilich ein Geschrei, das dem, welches die Verlobung des Mädchens
mit dem Lehrer hervorgerufen hatte, in keiner Weise nachstand. Im
Gegentheil, die Ausrufungen waren jetzt noch leidenschaftlicher,
das Gewunder größer und nachhaltiger, weil die Nachricht wirklich
ganz unerwartet gekommen und wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel
hernieder gefahren war. Welch ein Ohrenschmaus für die ehemaligen
Mitbewerberinnen! Welch ein Triumph für diejenigen, die in ihrer
sittlichen Entrüstung einen schlimmen Ausgang vorhergesagt hatten! --
Die Partie der Weiber und Mädchen hatte gesiegt; das Schicksal hatte
ihnen Recht gegeben. Und nun ließen sie's die jungen Bursche, die ihnen
früher widersprochen hatten, gehörig empfinden und kosteten den Ruhm
bewährter Prophetengabe von Grund aus. »Hab' ich's nicht gesagt? Hab'
ich's nicht vorher gewußt? Du hast mit mir gestritten, aber nun siehst
du, wer Recht gehabt hat. Mit Schand und Spott ist sie heimgekommen,
die eitle Närrin! Und nun wird's aus sein mit ihrer Vornehmheit -- aus
für alle Zeit!«

Die große Frage war nun: wie werden die Leute mit einander forthausen?
Ist's denn möglich, daß sie beisammen bleiben? Und wenn sie's thun,
was soll am Ende draus werden? -- In einer zahlreichen Bauernfamilie,
wo dieser Punkt beim Abendessen erörtert wurde, meinte der Oberknecht:
»Am End' nimmt sie der Hans doch noch zum Weib.« -- Da fuhr aber
die älteste Tochter, die nicht zu den Schönsten gehörte und ihre
Sechsundzwanzig hinter sich hatte, empört auf und rief: »Red nicht so
dumm, alter »Gischpel«! Ein Mensch wie der Hans, der etwas hat und
andere kriegen kann, wenn er will, der wird wohl eine nehmen, die ein
halbes Jahr mit einem Schulmeister herumgefahren ist! Schäm dich! 'S
ist sündlich, einem braven Burschen so was zuzutrauen!« -- »No, no,«
versetzte der in der That schon etwas bejahrte Knecht phlegmatisch
lächelnd, »man kann nicht alles so genau nehmen, und 's hat sich schon
gar manches noch g'macht in der Welt.« -- »Und ich wett', was du
willst,« erwiederte die erzürnte Person, »er nimmt sie nicht mehr!« --
»'S kann auch sein,« versetzte der Knecht. »Ich kenn' den Hans nicht so
genau, daß ich weiß, was er in einem Jahr thun wird. Ich weiß nur, was
ich thät' -- und ich thät' sie nehmen, wenn sie mich möcht'.« -- »Du!«
entgegnete die Tochter des Hauses mit verächtlichem Blick, während die
andern Ehehalten lachten und die Magd schließlich meinte: »Du wärst
»net blöad« (blöde), Heiner! So eine könnt' dich aufrichten!«

Einige Tage später, und die Frage, die so viele Zungen in Bewegung
gesetzt hatte, war entschieden. Man erfuhr, die Christine sei in
*** (einem zwei Stunden entfernten, westlich gelegenen Dorfe) beim
Holzbauern in Dienst gegangen. Damit erhielt das Gerede einen Kehraus,
der den bisherigen Lärm würdig abschloß. »Die Lehrersbraut eine
Bauernmagd! Und bei dem, wo's noch keine auf die Läng' hat aushalten
können! -- bei dem gröbsten aller Menschen im ganzen Ries! Die hat's
zu was gebracht, das muß man sagen! Die kann sich freuen!« -- Zur Ehre
des Dorfs muß ich übrigens bemerken, daß auch gar mancher die Sache von
einer andern Seite ansah. Als ein ehrenhafter alter Bauer davon hörte,
sagte er zu seiner Ehehälfte: »Wenn das in ihrem Kopf gewachsen ist,
dann fang' ich wieder an etwas zu halten von dem Mädchen.«

Allerdings war es in dem Kopf der Christine gewachsen, und zwar ging es
so zu.

Am andern Tage nach der Heimkehr ihrer Tochter hatte die Glauning schon
einen großen Theil ihrer Ruhe und Besonnenheit wieder erlangt. Gedrückt
war sie noch immer und traurig ging sie im Hause umher; aber ihr Geist
richtete sich allmählig auf und überlegte, wie sie das Unglück, das sie
betroffen hatte, wieder gut machen könne. Leute wie sie überreden sich
leicht, daß sich alles auf eben die Art wieder ausgleichen lasse, die
ihnen erfreulich dünkt. Als sie nun ihre Tochter in der Stube und Küche
wieder arbeiten sah wie ehedem, als sie den Vetter mit ihr umgehen
sah, wie wenn nichts vorgefallen und sie höchstens von einem längeren
Besuch zurückgekehrt wäre, da beurtheilte sie die beiden nach sich und
glaubte, alles könnte noch recht werden. Als erfahrene Frau mußte sie
am besten wissen, was man alles zu thun habe, um in dieser Welt etwas
zu erreichen; als Mutter hatte sie die Pflicht, für ihre Tochter zu
denken und zu sorgen. Die Scheu, die sie gestern noch gefühlt hatte,
wich daher einer Entschließung.

Nachmittags fing sie gegen Christine auf's neue an zu klagen und ihre
Bekümmerniß auszusprechen; es geschah dieß aber in einem Ton, daß die
Tochter gleich fühlte, der eigentliche Schmerz sei schon vorüber und
eine ernstliche Tröstung nicht mehr vonnöthen. Sie entgegnete mit
Ruhe, daß diese Reden jetzt zu nichts mehr führen könnten. Man müsse
das Geschehene geschehen sein lassen und nicht mehr daran denken,
dann werde vielleicht alles wieder besser in's Gleiche kommen, als
man glaube. »Da kannst du auch Recht haben,« erwiederte die Mutter
begütigt. Und nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Man glaubt oft,
man müsse ein recht großes Glück machen und deßwegen ein kleineres,
das einem entgegenkommt, verschmähen. Aber das große ist einem nicht
bestimmt und bleibt aus; und wenn man das sieht und gescheidt ist,
nimmt man das kleinere an und lebt auch zufrieden dabei.« -- Christine
sah ihre Mutter befremdet an: diese glaubte, sie müsse sich deutlicher
erklären, und sagte: »Du hast Recht, Christine, alles kann wieder in's
Gleiche gebracht werden, und du hast's in deiner Hand. Mir kannst du
wohl glauben, denn ich versteh' mich darauf -- der Hans hat dich noch
immer gern! Er ist einer von den guten Menschen, die alles verzeihen
und denen es nicht möglich ist, etwas nachzutragen. Wenn du dich wieder
freundlich gegen ihn benehmen und ihm ein wenig schönthun wolltest, so
bin ich überzeugt.« --

Das Gesicht des Mädchens hatte sich während dieser Rede, nach dem
ersten deutlichen Wort, mit tiefer Röthe bedeckt; jetzt funkelten
ihre Augen und mit erzürnter Heftigkeit rief sie: »Red' nicht weiter,
Mutter! -- ich bitte dich! -- Wenn der Hans mich jetzt noch nähme, so
wär' er ein Tropf -- der jämmerlichste Mensch, der auf Gottes Erdboden
herumwandelt! Und wenn er's wäre und wenn er mich wollte, so möcht' ich
~ihn~ nicht, weil ich ihn verachten würde! Pfui! wie kannst du an
so etwas denken und einem ehrlichen Mädchen solche Vorschläge machen!«
-- Die Mutter war betroffen; sie faßte sich indeß wieder und sagte:
»Nun, ich rathe dir nichts, als was gar manches Mädchen schon gethan
hat, die jetzt als Frau hoch in Ehren steht. Du kennst die Welt nicht.
Ich bin deine Mutter, ich muß für dich sorgen, ich muß dich wieder
auf den rechten Weg weisen --« -- »Red nicht weiter,« rief Christine
am ganzen Leibe zitternd, »oder es geschieht ein Unglück! -- Noch ein
Wort davon -- und ich geh' fort und spring' in's Wasser!« -- Die Alte
starrte sie an. »Um Gotteswillen,« rief sie, »thu nur nicht gleich so
wild! Ich hab' nur gemeint --« -- »Du sollst nichts meinen, was eine
Schande wäre für mich und für ihn. Glücklich sein muß man nicht in der
Welt, aber seinen Charakter muß man behaupten und seine Ehre! Und das
sag' ich dir jetzt: wenn du nochmal von dieser Sache anfängst, wenn du
nur noch eine Sylbe davon sprichst, dann geh' ich aus deinem Haus und
deiner Lebtag wirst du mich nicht wieder sehen!«

Die Alte schwieg, seufzte tief und verließ die Stube. In ihrer
Herzensangst ging sie in den Stall und traf dort den Vetter, der eben
vom Felde heimgekommen war. Sie sah ihn traurig an und schüttelte
den Kopf. Hans fragte, was ihr wäre, und sie erwiederte: »Ich bin
betrübt über meine Tochter. Nicht nur daß sie unglücklich heimgekommen
ist -- sie ist auch bös heimgekommen. Wenn ich etwas sag' und ihr
einen guten Rath geben will, fährt sie mich an wie rasend. Als ob
ich eine Schlechtigkeit von ihr verlangte! Guter Gott, wer hätte das
gedacht! Wer hätte geglaubt, daß ich noch so was erleben müßte!«
Hans fragte, um was es sich denn eigentlich handle, und die Mutter,
die ihr Herz erleichtern mußte, erzählte ihm den ganzen Auftritt
mit Christine, indem sie nur in Bezug auf ihn die zu seiner Ehre
nöthigen, schmeichelhaft klingenden Veränderungen anbrachte. Allein
das fruchtete sehr wenig. Hans war bei ihrer Erzählung braunroth
geworden und ein Blitz zuckte aus seinen Augen. Es kostete ihn Gewalt,
den Zorn hinunterzudrücken, den er empfand; aber es gelang ihm und er
entgegnete mit einer gewissen Ruhe: »Die Christine hat Recht gehabt.
Mit uns beiden ist's aus. Je freundlicher sie gegen mich wäre, um so
weniger möcht' ich sie, und Ihr würdet mich dann nicht lang mehr bei
Euch sehen.« -- Die Mutter sah ihn tief betroffen an und rief: »Kann's
denn wahr sein! ist wirklich alle Lieb' vergangen in dir?« -- »Alle,«
erwiederte Hans mit Nachdruck. »Und ich muß Euch nur sagen, Base, auch
mir wär's lieb, wenn Ihr davon nicht mehr reden wolltet.« -- »Ach,«
rief die eben so von der Liebe des Hans wie von der Schönheit ihrer
Tochter überzeugte Frau in ihrer Noth, »ich kann's nicht glauben, daß
es dir ernst ist! Geh weiter! Mit der Zeit --« -- Aber nun sah Hans,
dem die Stirnader schwoll, mit einem Gesicht auf sie, daß sie schleunig
rief: »Sei ruhig, sei ruhig! ich will nichts mehr sagen!« -- Hans
drehte ihr den Rücken zu und ging an eine Arbeit.

Nun war die Reihe zu verzweifeln auch an die Alte gekommen. Wenn die
Sachen so standen, dann war alles verloren; die letzte Hoffnung war
ihr geraubt und die Schande, die auf sie herabgefallen war, blieb auf
ihr sitzen. Ein ehrbarer, vermöglicher Mann, das fühlte sie, meldete
sich jetzt schwerlich mehr um ihre Tochter. Einen armen Teufel, einen
Liederlichen konnte sie nicht brauchen, um so weniger, als ihr Vermögen
im letzten Jahr ohnehin eine ziemlich bedeutende Einbuße erlitten
hatte. Und wenn auch einer von der Mittelgattung kam, war zu glauben,
daß die »bockbeinige« Christine ihn nehmen würde? -- Ihr ganzes Leben
war verdorben, durch die Schlechtigkeit eines Menschen, dem sie getraut
hatte. Sie konnte nichts dagegen thun, sie mußte ruhig dasitzen und
alles über sich ergehen lassen, Schadenfreude, Spott und Verachtung. --
Als sie sich das recht deutlich machte, stand ihre Seele, die vor allem
auf eitler Ehre Glanz gerichtet war, Folterqualen aus. Sie weinte und
wehklagte und rief zu wiederholtenmalen: »Warum muß denn ~mir's~
grad so gehen? Warum muß denn ich grad so unglücklich sein?«

Auf diese Fragen gab es eine Antwort, und auch das in moralischen
Dingen nichts weniger als fein empfindende Weib kam endlich auf ihre
Spur. Nach einer Weile des Zurückdenkens in die Vergangenheit sagte
sie sich: »Ja, ja! -- hätten wir nicht immer weiter getrachtet, wären
wir beim Hans geblieben -- hätt' ich selber das Maul aufgethan damals,
wie ich's hätte thun können und müssen, dann wär' alles anders jetzt.
Wir wären geachtet, wohlhabend und glücklich alle mit einander.« Und
nun, in Noth und in Schaden und in der Erkenntniß ihrer Mitwirkung dazu
klopfte auch bei ihr das Gewissen an. Es ging ein Licht auf in ihrem
Kopf und ein Feuer durch ihr Herz und sie rief: »Ich bin selber Schuld
an meinem Jammer, ja ja, ich selber! -- ich hab's nicht anders haben
wollen!« -- Sie stöhnte unter dem doppelten Druck des Unglücks und der
eigenen Anklage, und nur in Thränen fand sie einige Erleichterung.

Christine ließ sie weinen. Sie verrichtete die Arbeiten des Tags und
schien für nichts anderes mehr Sinn zu haben. Hie und da sah sie zu
der Betrübten auf; aber ihr Gesicht verrieth eher Befriedigung als
Bedauern. Es war, als ob sie sagen wollte: »Fühl' es nur! Das kann dir
nur gut sein, wie es mir gut gewesen ist!«

Der Sonntag kam und brachte einen Besuch. Es war wieder eine Base
(deren jede gestandene Person im Ries eine ungezählte Menge hat),
zugleich mit der Glauning und mit Hans verwandt, eine Söldnersfrau aus
dem Dorf des Holzbauern, die einem Hiesigen Zins bezahlt hatte. Nach
geschehener Einweihung in das erlebte Unglück und der Empfangnahme von
Worten des Bedauerns und Trostes kam die Rede auf die Angelegenheiten
der Freundin, auf ihr Dorf und auf den genannten Bauern, der unter
allen durch Reichthum, Verstand, Heftigkeit und Grobheit hervorragte.
Frau Hubel (so hieß die Base) erzählte, daß dieser sonst so gescheidte
Mann eben je älter, je ärger würde, daß er wieder eine Magd wegen einer
kleinen Vergeßlichkeit ausgeschimpft habe »für's Vaterland,« daß die
Magd ihm auch »ein rechtes Maul angehängt« habe und davon gelaufen sei.
»Und nun,« setzte sie hinzu, »kann er sehen, wo er eine kriegt. Seit
einem Jahr ist das die vierte, die er weggejagt hat, und schon ist
eine Woche vorbei und noch immer hat er keine. Er kriegt auch keine,
sag' ich, wenigstens keine ordentliche.« Christine, die der Erzählung
aufmerksam zugehört hatte, erwiederte: »Doch, Base, er kriegt eine,
und ich hoff' auch eine ordentliche.« -- »Wen denn aber?« fragte die
Base verwundert. -- »Mich selber,« versetzte das Mädchen. »Ich will zu
ihm gehen und mich anbieten, und ich hoff', er wird mich nicht wieder
fortschicken. Gleich heute will ich mit Euch nach *** -- Ihr werdet so
gut sein, mich über Nacht zu behalten.«

Man kann sich denken, welches Staunen diese Erklärung bei der Hubel,
welchen Sturm sie bei der Mutter hervorrief. Aber alle Einwendungen und
alle Vorstellungen, die man ihr machte, wurden beantwortet und blieben
fruchtlos. Das Mädchen sagte zuletzt: »Auf so eine Gelegenheit hab' ich
gepaßt, und wenn ich sie jetzt nicht benutzen wollte, wär's eine
Sünde.«

In ihrer Aufregung suchte die Alte wieder den Hans auf, theilte ihm ihr
Leid mit und rief: »Nun, was sagst du dazu? Was hältst du von diesem
neuen Einfall?« -- Hans bemerkte ruhig: »Ich find' ihn ganz vernünftig.
Wir haben hier nicht auf sie gerechnet und brauchen sie nicht. Da
sie aber doch schwerlich mehr in die Stadt heirathet, so wird's gut
sein für sie, wenn sie die Bauernarbeit wieder recht lernt; und beim
Holzbauern ist sie in der besten Schule.« -- »Aber denk nur,« rief die
Glauning, »dieser jähzornige Mensch, der nach niemand was fragt! Wenn
er in seiner Wuth ist, wird er sie herstellen vor allen Leuten wie ein
Bettelmädchen!« -- »Bah,« versetzte Hans, »so arg ist's nicht! Und am
Ende,« setzte er lächelnd hinzu, »kann's ihr nicht schaden, wenn sie
ein bischen unter die Fuchtel genommen wird.«

Frau Glauning schüttelte bedeutend den Kopf, kehrte seufzend zurück
und hatte keine Widerrede mehr. Christine packte Wäsche und Kleider
zusammen und verließ gegen Abend mit der Base das Haus.

Am andern Morgen ging sie in den großen, stattlichen Hof des
Holzbauern. Sie traf diesen vor dem Haus und eröffnete ihm ihr Begehr.
Der Bauer, hochgewachsen, breitschultrig, von rothbraunem Gesicht und
mit dem Gebiß eines Wolfs, schien von ihrem Aussehen nicht sehr erbaut
zu sein und fragte, wer sie wäre. Christine nannte ihren Namen und
ihr Dorf. »So,« erwiederte er mit verdrießlicher Geringschätzung, »du
bist die? Hab' vorgestern von der Geschichte gehört. -- Nun, und du
glaubst, du könnt'st wieder eine Bauernmagd abgeben?« -- »Ich hoff's,
Herr Bosch,« antwortete Christine dem Manne, der schon zweimal an der
Spitze seiner Gemeinde gestanden hatte. -- »Verstehst du denn die
Arbeiten noch?« -- »Was man von Jugend auf getrieben hat, verlernt man
nicht in einem Winter.« -- »Kommt darauf an,« erwiederte der Bauer. Und
ihre Hand fassend und betrachtend sagte er: »Das Händle da scheint mir
die Arbeit schon recht verg'wöhnt zu haben.« Er drehte sie hin und her
und schüttelte mürrisch den Kopf. Das Mädchen konnte nicht umhin zu
lächeln. Ihre Hand, die man in der Stadt zu groß gefunden hatte, sollte
nun wohl zu klein und zu fein sein. In der des Holzbauers war sie
freilich klein; aber das war auch eine darnach, nicht sowohl eine Hand,
als eine »Doap« erster Größe. -- Doch sie mußte antworten und sagte
so ernsthaft als möglich: »Die Hand da wird so viel schaffen als eine
andere, und bei Euch, glaub' ich, wird sie bald wieder gröber werden.
Uebrigens will ich mich Euch nicht aufnöthigen. Wenn Ihr mich wollt,
so versucht's mit mir; steh ich Euch nicht an, so sagt's, und ich geh
meiner Wege.« -- Die entschlossene Sprache gefiel dem Holzbauern, der
ohnehin nicht gemeint war, ein Mädchen, das er so nothwendig brauchte,
wieder gehen zu lassen. »Der Teufel!« sagte er, »dein Maul geht ja wie
ein Mühlrad. -- Nun, probiren will ich's mit dir. -- Viel trau ich dir
nicht zu, das muß ich dir aufrichtig sagen; aber am End' -- No, so komm
'rein zur Bäuerin', da wollen wir den Handel richtig machen.«

Christine ging mit ihm in's Haus, bestand die Prüfung auch der würdigen
Ehehälfte des Gewaltigen und war gedungen. Als sie, dem ersten Befehl
gehorchend, die Stube verlassen hatte, sagte die Bäuerin: »Eigentlich
ist das doch »a rechts Häa'le« (Hühnchen)! Ich glaub' nicht, daß wir
die lang haben werden.« -- »Wenn's ihr nicht gefällt bei uns,« brummte
der Bauer, »dann kann sie meinethalben wieder zum Teufel gehen!«


                                 VII.

Nachdem die Fluth der Ereignisse, wie wir sie im letzten Kapitel
zu schildern versuchten, abgelaufen war, trat in dem Leben unserer
Personen eine Ebbe ein, die für sie wohlthuend und nöthig war, uns aber
als geschichtslose Epoche wenig zu sagen bietet. Das Außerordentliche
hatte für jetzt ein Ende gefunden und alles ging seinen gewöhnlichen
Gang. Hier und dort wurden die Arbeiten des Frühlings die Hauptsache,
und hier und dort sah man seine persönlichen Angelegenheiten durch sie
in den Hintergrund gedrängt.

Von dem Frieden, den eine solche Epoche mit sich bringt, genoß übrigens
am wenigsten die Wittwe Glauning. Sie mußte zugeben, daß unter den
obwaltenden Verhältnissen das Dienen ihrer Tochter eine Auskunft
war; aber den gewaltigen Sprung von der Lehrersbraut und künftigen
Oberlehrerin zur Bauernmagd konnte sie nicht verwinden, und es war ihr
eine ängstliche Sache, das Mädchen, die ihre einzige Freude war, bei
dem »Wilden,« d. h. beim Holzbauern zu wissen und sich vorzustellen,
wie er sie anfahren und heruntermachen werde.

Zu der Plage, die sie sich mit ihren Gedanken selber anthat, gesellte
sich noch eine andere. Das Schicksal der Christine war zu merkwürdig,
zu seltsam, als daß in den guten Freundinnen der Mutter und der Tochter
sich nicht ein unwiderstehliches Verlangen hätte regen sollen, das
Nähere darüber zu erfahren. In den Stunden der Muße kam nun eine
um die andere angeschlichen, und den Versicherungen der Theilnahme
folgten regelmäßig Fragen, welche die gute Frau sehr inkommodirten. Sie
erklärte zwar die Vorgänge durchaus zur Ehre ihrer Tochter; aber was
half das? Ein Gesicht wie beim Erzählen eines glücklichen Ereignisses
konnte sie doch nicht machen. Und wenn die Freundinnen Christine lobten
und hinzufügten: das hätten sie an ihrer Stelle auch gethan, und sie
hätte sich benommen wie ein rechtes Mädchen, so klang dies in den Ohren
der Mutter lange nicht so gut, als die Ausrufungen und Gratulationen
geklungen hätten beim Verkündigen der Nachricht: ihre Tochter sei Frau
Lehrerin. -- Und wenn gar erst eine von der schlimmen Sorte kam und
ein ungläubiges Gesicht machte und eine gewisse Schadenfreude nicht
verbergen konnte und von den unschuldigen Fragen zu den spitzigen
überging, da wurde die Situation der ehrgeizigen Mutter höchst fatal.
Sie konnte nur mit Mühe die Ungeduld ihres Herzens bemeistern; ein
paarmal, gegenüber von besonders Zudringlichen, gelang ihr dies nicht
und sie mußte sich mit entschieden unhöflichen Antworten helfen. Damit
gewann sie aber nichts; die Weiber entschuldigten sich heuchlerisch und
lächelten dabei noch viel beglückter als vorher.

Doch die Zeit verging, das Mißgeschick der Familie wurde altmodisch, in
einem Bauernhause des Orts gab es ein Aergerniß, das bedeutend von sich
reden machte, obwohl es lange nicht so außerordentlicher Natur war,
und die Glauning bekam endlich Ruhe. -- Christine hatte schon zweimal
Grüße geschickt und der Mutter zuletzt noch herunter »verbieten«
(entbieten) lassen: sie sei gesund und es gehe ihr gut; der Holzbauer
wäre nicht so bös, als man ihn mache, zum wenigsten meine er's nicht so
bös, und ihr selber sei alles recht bei ihm. Diese Nachrichten trugen
dazu bei, das Herz der Mutter zu beschwichtigen, so daß sie hie und
da sogar wieder behagliche Stunden hatte. Sie wußte freilich nicht,
was aus ihr und ihrer Tochter werden sollte. Sie wußte nicht, ob Hans
gesonnen war, bei ihr zu bleiben, oder was er sonst im Sinn hatte.
Der sonderbare Mensch arbeitete weiter, als ob er der Sohn des Hauses
wäre. Er hatte von dem Ankauf des Gutes nicht mehr gesprochen, sagte
überhaupt sehr wenig und wollte offenbar nicht gefragt werden. Aber
konnte er nicht jeden Augenblick zu ihr kommen und sagen: er hätte
nun eine gefunden, die ihm passe, er wolle heirathen und müsse nun
entweder sein Geld oder das Gut haben? Diese Unsicherheit der Zukunft
hatte nichts Tröstliches, aber vor der Hand war dem Herzen doch eine
wirkliche Last abgenommen, und ein's in's andere gerechnet, konnte
man sich in sein Schicksal ergeben. Die Wittwe nahm sich ein Beispiel
an dem Vetter, und so hauste man zusammen weiter und ließ es, auf gut
deutsch und auf gut ländlich, gehen, wie's eben ging.

An einem Sonntag in der zweiten Hälfte des Mai kam unerwartet eine
Einkehr, in der Person der Base Hubel. Diese gehörte zu den Weibern,
die gerne Neuigkeiten einsammeln und verbreiten, und deswegen auch
öfter über Land gehen, wenn sie gerade Zeit und dem Mann gegenüber
einen Vorwand haben. Diesmal hatte sie im Dorf eigentlich nichts zu
thun; sie wollte nur erzählen und hören, und sehen, wie's bei der
Glauning stehe. Zunächst richtete sie recht schöne Grüße von Christine
aus. Auf Befragen der Mutter, was diese mache und wie ihr das Dienen
anschlage, legte sie ihr Gesicht in bedenkliche Falten und bemerkte:
»Ja, da wär' viel zu sagen! 'S geht ihr eben recht hart bei dem
Menschen, recht hart!« -- »So?« erwiederte die Mutter. »Aber sie hat
mir ja sagen lassen, sie sei wohl zufrieden?« -- »Ja seht, Base, das
ist eben zum Verwundern. Sie selbst thut, als ob ihr nichts zuviel und
alles recht wär'. Sie schafft mehr als die andern, und besser. Aber
anstatt nun ein Einsehn zu haben und sie zu schonen, verlangt der
alte Bär immer mehr von ihr, und wenn sie »in der Acht« (unversehens)
ein kleines Fehlerle gemacht hat, schnurrt er sie an. 'S ist grad,
als wenn der Teufel in ihn gefahren wär'! Eine andere wär' schon lang
davongelaufen. Aber wenn die Christine noch so meint, es müßt' sein,
sie wird doch auch nicht bleiben können: sie macht's nicht aus auf
die Läng'.« -- »Du lieber Gott!« rief die Mutter, »was sind das für
Sachen! Aber wie steht's denn mit ihrer Gesundheit? Wie sieht sie denn
aus dabei?« -- »Wie wird sie aussehen, Base! Wie man eben aussieht,
wenn man alles thun muß! Mager ist sie und »schwarz« (braun) und
gelb im Gesicht.« -- »Meine Christine!« rief die Alte, wie von einer
Schlange gebissen. »Aber das kann so nicht fortgehen, sie kann's
nicht aushalten, und ich darf's nicht leiden.« -- »Das hab' ich ihr
auch gesagt, erst heut früh noch. Mädle, hab' ich gesagt, das kannst
du nicht prästiren, du bist's nicht gewohnt und du schaffst dir die
Schwindsucht an den Hals. Wenn du deinen Sinn nicht ändern und mit
Gewalt dienen willst, so such dir wenigstens einen andern Platz; 's
giebt ja bessere. Aber was hat sie mir darauf gesagt? Grad ~der~
Platz ist mir recht und grad da will ich bleiben!«

»Da seh eins den eigensinnigen Kopf! Guter Gott! 's ist ja grad, als
ob sie sich expreß zu Grund richten wollte?« Und die unglückliche
Mutter wendete sich zu dem Vetter, der am Ofen »Speikel« schnitzte
zum Festmachen einer Hacke am Stiel, und rief: »Nun, Hans, was sagst
denn du zu der Neuigkeit? Soll ich das dulden? Ist's nicht meine
Schuldigkeit, sie mit Gewalt von dem Menschen wegzubringen?« -- »Base,«
erwiederte Hans nach kurzem Besinnen, »Ihr wißt, daß ich nicht gern in
anderer Leut' Sachen rede; aber weil Ihr mich gefragt habt, will ich
Euch doch meine Meinung sagen. Daß man sich die Schwindsucht an den
Hals ärgert, mag sein, zum wenigsten sagt man so; aber daß man sie sich
an den Hals schafft, hab' ich noch nie gehört. Ich glaub' auch nicht,
daß es mit dem Aussehen der Christine grad so arg ist, wie's die Bas
Hubel macht. Die Bas red't manchmal gern ein Bischen mehr, als an der
Sach' ist; und natürlich, wenn man über zwei Stunden Wegs macht, um
etwas zu erzählen, so muß es doch auch der Müh' werth sein.«

Hier verzog die Hubel bedeutend die Oberlippe; Hans aber, ohne sich
daran zu kehren, fuhr fort: »Runde und rothe Backen muß man grad nicht
haben, sonst wär's bös für viele Leut' in der Welt. Im Uebrigen ist
die Christine ein Mädchen, die ihren Verstand hat und selber am besten
wissen muß, was sie vertragen kann; ich mein' also, daß Ihr sie lassen
sollt, wo sie bleiben will.« -- »Geh weiter!« rief die Hubel, »du bist
mir auch der rechte geworden! Wenn das die Christine hörte, daß du dich
jetzt so gar nichts mehr um sie bekümmerst, dann thät' sie's kränken,
recht in der Seel' kränken, das kann ich dir sagen.« -- »Ich glaub's
nicht,« erwiederte Hans, der unterdessen aufgestanden war; »übrigens
müßt' ich's mir gefallen lassen, ich kann mich nicht anders machen, als
ich bin.« -- Dann verließ er die Stube und hämmerte draußen die Speikel
ein. Die beiden Weiber sahen sich an und schüttelten den Kopf. »Wer
hätte das geglaubt?« rief die Hubel. Und die Glauning jammerte: »Alle
sind verhext! Ist das ein Elend!«

Manches wurde noch hin und her geredet. Endlich rüstete sich die Base
zum Aufbruch und fragte, was sie der Christine sagen solle. »Sie soll
sich schonen,« rief die Glauning eifrig; »und wenn ihr's der »Unmassel«
zu arg macht, soll sie zu ihrer Mutter kommen. Das sag ihr!« -- »Sagen
will ich ihr's,« versetzte die Base; »aber ich sorg', es wird nichts
helfen.«

Und es half nichts. Christine hörte es, dankte der Base -- und blieb.
Gelegentlich ließ sie der Mutter sagen: sie werde das Schaffen immer
mehr gewöhnt, und man solle doch ja keine Sorge haben um sie.

Mehrere Wochen gingen vorüber. Die Glauning war wieder ruhiger
geworden, da sie nichts Besonderes von ihrer Tochter erfuhr, und ihr
Herz hatte sich wieder einigermaßen der Lebensfreude geöffnet. Nun
brachte aber das Schicksal eine andere, stärkere Prüfung an sie. An
einem Sonntag in der Heuernte kam ein Besuch von ***, der sich mit
einem Gruß der Hubel einführte. Es war eine Nachbarin derselben, etwas
verwandt mit ihr, weswegen sie auch die Glauning sofort mit dem Titel
Frau Base anredete. Als die letztere nach den ersten Höflichkeiten
und nachdem sie ein gutes »Vorbrod« auf den Tisch gesetzt hatte,
die Frau genauer ansah, merkte sie an einer gewissen bedenklichen
Ernsthaftigkeit derselben alsbald, daß sie etwas Neues bringen werde
von Christine, aber nichts Gutes. Sie erkundigte sich etwas kleinlaut,
was ihre Tochter mache, und ob sie's noch aushalte in ihrem Dienst.
»Noch immer, Frau Base,« war die Antwort; »aber ich kann's Euch wohl
sagen, 's wundert sich alle Welt drüber.« -- »Wie so?« fragte die
Glauning; »wird sie noch alleweil so hart gehalten?« -- »Frau Bas,«
erwiederte die Andere, »ich hätt' mir nicht getraut zu erzählen, was
vorgefallen ist; aber die Bas Hubel hat gesagt, weil ich hier grad
etwas zu thun hätt', sollt' ich zu Euch gehen und Mittheilung machen,
denn Ihr müßtet's wissen.« -- »Guter Gott,« rief die Mutter, »was werd'
ich wieder hören müssen!«

Und die Andere begann: »Wie Eure Christine, die's doch wahrhaftig
nicht nöthig hätt', alles thun muß beim Holzbauern, wie er ihr mehr
aufhängt als andern, und wie sie auch wirklich mehr schafft als andere,
das wißt Ihr schon; 's ist zum Verstaunen! Da ist nun »vodertags«
(vorgestern) zum »Häat« (Heuernte) schön's Wetter kommen, und der
Bauer ist wieder gewesen wie der »Massich« und hat gemeint, alles
müss' auf einmal drin sein. Er hat gethan und gewirthschaftet auf der
Wies, daß »a Graus« gewesen ist. Am Himmel ist a Wölkle gestanden,
ganz klein und unscheinbar; aber er hat doch gesehen, das könnt' ein
Wetter geben, denn gescheidt ist er, das muß man ihm lassen. Wie nun
ein Fuder heimgefahren und die Christine mitgegangen ist zum Abladen,
hat er ihr noch nachgerufen, sie sollt' des Nachbars Wagen »verdleihen«
(entlehnen) und rausschicken. Nun, wie's einem eben geht -- entweder
hat sie's nicht recht verstanden oder sie hat's vergessen -- du lieber
Gott, was passirt einem nicht in der Unmuß', wenn alles auf einen
hineinschreit? Die Bäuerin hat auch noch schnell was haben wollen von
ihr, und wenn die red't, muß auch gleich alles laufen und springen;
kurz, der Bauer wartet und der Wagen bleibt aus, aber das Wetter kommt
am Himmel rauf. Da hättet Ihr den Mann sehen sollen! Reingelaufen
ist er wie »wüadeng« (wüthend), und wie er erst vom Nachbar gehört
hat, daß der Wagen gar nicht bestellt worden ist, da ist's gar aus
gewesen. Herrgott, Frau Bas, wie hat der die Christine hergestellt!
Ich bin grad am Hof vorbei gegangen und stehen geblieben; mein Lebtag
hab' ich keinen Menschen so lästern hören. »Du dummes Thier! Du
einfältiger Mensch! Bist »do'sohrad« (taub), he'! oder denkst an dein'
Schulmeister, wann ich was sag'? Ich hätt' n' guten Lust und nähm' die
Karbatsch und thät' dir die Gedanken austreiben, daß sie deiner Lebtag
nimmer kommen.« -- Ach, Frau Bas, ich will nicht sagen, was er alles
noch geschrieen hat. 'S ist so arg gewesen, daß die andern Ehehalten
ganz blaß dagestanden sind und ordentlich verstarrt, und zuletzt auch
die Bäuerin gerufen hat: »Jetzt sei still einmal und schäm dich vor den
Leuten. Geschehen ist geschehen!««

Die Mutter war bei den Schimpfreden, womit ihr Kind befleckt
worden, von der Bank aufgesprungen mit einer Miene, als ob sie
das Schrecklichste vernommen hätte, und sogar die uns bekannte
pflanzenruhige Taglöhnerin, die hinter dem Ofen gestrickt hatte,
war herbeigeeilt. »Das ist meiner Tochter passirt?«, rief die Alte
zitternd vor Entrüstung, »~meiner~ Christine? und sie hat dem
Schandmenschen nicht augenblicklich den Dienst gekündigt und ist auf
und davon gegangen?« -- »Jede andere hätte das gethan,« versetzte
das Weib, »keine hätte sich das gefallen lassen.« -- »Ich wahrhaftig
auch nicht,« rief die Taglöhnerin, deren Backen sich gefärbt hatten,
ordentlich aufgebracht. -- »Die Christine,« fuhr die Erzählerin fort,
»hat sich's gefallen lassen und ist geblieben. Zuerst ist sie bestürzt
gewesen und hat ihn mit großen Augen angesehen. Je mehr er aber
gewüthet hat, je ruhiger ist sie geworden; und wie er endlich aufgehört
hat, weil ihm ganz der Schnaufer ausgegangen ist, da hat sie gesagt:
»Herr Bosch, ich seh's ein, ich hab' gefehlt. Verzeiht mir's -- es soll
nimmer geschehen.«« -- Die Glauning war empört. »Das hat meine Tochter
gesagt?« rief sie. »Mit der muß was vorgegangen sein. Es ist nicht
anders möglich -- bei der ist's nicht mehr richtig im Kopf!«

Das Gesetz der Schwere, wie man weiß, gilt in der geistigen Sphäre so
gut wie in der materiellen. Die Schwäche gravitirt nach der Stärke; wer
außer sich ist, strebt zu dem Festen und Gefaßten hin und klammert sich
an ihn an, und zwar zunächst ganz instinktmäßig, ohne alle Reflexion
und trotz aller Anprallungserfahrungen, die man gemacht hat. -- Diesem
Instinkt zufolge suchte die Glauning den Vetter auf; sie traf ihn im
»Emmenstand« und erzählte ihm die Geschichte. Der Bursche horchte mit
großem Ernst und die Mutter, die hierin Uebereinstimmung mit ihren
Gedanken erblickte, schloß mit den Worten: »Nun wirst du mir doch
Recht geben, wenn ich's nicht mehr leide, daß sie noch länger bei dem
Menschen dient? Gleich morgen in der Früh' geh ich hin und nehm' sie
mit nach Haus.« -- Hans, nach kurzem Schweigen, versetzte: »Wenn sie
nun aber nicht mitgeht?« -- »Nicht mitgehen?« rief die Mutter. »Das
will ich doch sehen, ob ich über mein Kind keine Gewalt mehr hab'.
Sie ~muß~ mit!« -- »Base,« fuhr Hans fort, »übereilt Euch nicht
und macht überhaupt die Sache nicht ärger als sie ist. Wenn man Heu
hereinbringen will und durch den Fehler eines Dienstboten wird's
verregnet, so ist das für einen Bauern eine sehr ärgerliche Sach'. Der
Christine hat was gehört, und wenn der Bosch es ihr nicht geschenkt
hat, so ist das begreiflich.« -- »Aber so rasend, so abscheulich thun«
-- -- »Das will ich gar nicht loben,« versetzte Hans. »Aber kennt man
den Holzbauern denn nicht? Wenn der zornig wird, ist's grad, wie wenn
ein Wetter ausbricht. 'S geht nicht anders, es muß raus aus ihm, er
kann sich nicht anders helfen, und darum kann man's ihm auch nicht so
übel nehmen wie andern Leuten. Das wird sich die Christine wohl auch
gedacht haben und drum ist sie geblieben.« -- »In einem Haus, wo man
einen so schandbar behandelt hat,« erwiederte die Glauning mit dem
Ausdruck der Entrüstung und Geringschätzung, »da bleibt man nicht mehr,
wenn man ein ordentliches Mädchen ist. Und die da, die zu mir gesagt
hat, daß man vor allem seinen Charakter und seine Ehr' behaupten müss'
in der Welt -- die will sich so was gefallen lassen!« -- »Sie wird eben
unter Charakter und Ehr' etwas anderes verstehen, als Ihr, Base.« --
»Meinetwegen!« rief die Mutter, erzürnt darüber, den Burschen gegen
ihr Vermuthen auch diesmal im Widerspruch mit sich zu finden. »Ich
leid's einmal nicht, daß sie noch dort bleibt. Und ich geh hin und hol'
sie und mit Gewalt nehm' ich sie mit mir!« -- »Ihr kennt Eure eigene
Tochter nicht,« rief Hans mit Nachdruck. »Ich sag' Euch, sie geht nicht
mit Euch!« -- »Das wird sich zeigen, -- ich thu's nicht anders und
setz' alles in Bewegung.« -- »Dann, Frau Base,« rief Hans mit strengem
Gesicht, »dann macht Ihr einen thörichten Streich und kommt doch nicht
zu Eurem Zweck. Die Christine, das könnt Ihr nun wohl sehen, hat sich
was in den Kopf gesetzt und läßt sich nicht davon abbringen; und ich
für meine Person, ich denk', ich kann's errathen. -- Bah,« fuhr er mit
einem eigenen Lächeln fort, »an einem Schimpfwort stirbt man nicht --
namentlich wenn man nicht ohne Schuld ist, und je mehr man aushalten
lernt, desto besser ist's.« -- »Aushalten!« rief die Glauning; »Schande
soll niemand aushalten.« Aber nun wurde Hans aufgebracht. »Base,« rief
er, »ich will Euch meine Meinung rund heraus sagen. Ihr seid eine eitle
Mutter und wollt nichts als Ehr' haben und flattirt sein und prangen
mit Eurer Tochter. Euer Prangen ist Euch aber schlecht bekommen bis
jetzt. Wer weiß, wer weiß, ob nicht Euch so gut als Eurer Tochter die
Schande gesünder ist.«

Die Alte war von diesen Worten getroffen -- und entwaffnet. Sie ging
niedergebeugt ins Haus zurück und sagte zu sich selber: »Der ist nun
auch ein Satan geworden. -- O ich unglückliche Mutter!« -- Als die
neue Base Abschied nahm, erhielt sie keinen andern Auftrag, als der
Christine zu sagen, sie solle doch ja heimkommen oder in einen andern
Dienst gehen und nicht mehr bei dem Menschen bleiben; es wär' ja ein
Schimpf und eine Schande für die ganze Freundschaft.

Die Mahnung hatte aber denselben Erfolg wie die erste. Christine blieb
und ließ bei Gelegenheit herunter sagen, es sei Alles wieder in Ordnung
und Alles vergessen.

Mit der Satanschaft, welche die Glauning dem Vetter beilegte, war es
freilich nicht weit her. Ich glaube, daß es an der Zeit ist, die Leser
nun ein wenig mehr in das Herz des Burschen blicken zu lassen, damit
sie das Verhalten desselben vollständiger begreifen und würdigen können.

Hatte die Natur den Hans nicht zu einem Satan bestimmt, so war er doch
eben so wenig zu einem sogenannten »guten Menschen« geschaffen, d.
h. zu einem, der aus Schwäche gegen andere und ihre Prätensionen die
Pflichten verletzt, die er gegen sich selber hat. Unser Freund sollte
werden, was man auf dem Land einen rechten Mann -- einen Ehrenmann
nennt. Zu einem solchen gehört die Güte und die Großmuth, die in seinem
Wesen lag, als nothwendiges Element, aber eine Güte und eine Großmuth,
die weiß, was sie will, und sich nicht beikommen läßt, mit ihren
Vorzügen den eiteln Trieben der Welt zu dienen. Die Lehre, die ihm
das Schicksal gegeben, war nicht fruchtlos geblieben; er hatte etwas
profitirt von seinem Leid und sich ein Benehmen vorgezeichnet, das er
streng einhalten wollte. Er hatte sich vorgenommen, sich selbst höher
zu achten, nicht zu thun, was andere, sondern was er selber für gut
ansah, und den größten Schatz, den er besaß, nimmermehr an ein Wesen zu
verschleudern, das seiner nicht werth war.

Als die Glauning ihm den Brief mittheilte, worin Christine das
Auseinanderkommen mit Forstner meldete, war er zuerst hoch überrascht;
denn auch er hatte an einen solchen Ausgang nicht mehr gedacht. Das
Benehmen und die Ausdrücke des Mädchens gefielen ihm; er freute
sich, daß sie den Menschen, dem er freilich nie recht getraut, nach
Verdienst behandelt habe; er freute sich an ihrem Stolz und daß sie
sich achtungswerther zeigte, als er von ihr erwartet. Zugleich hatte
er aber ein Gefühl der Genugthuung, und er unterdrückte es nicht. Sie
war gestraft -- er gerechtfertigt. Sie hatte erfahren, wie viel mehr
ein braves Herz werth ist, als ein glattes Gesicht, und das war ihr gut
und heilsam. Sie hatte das Schicksal, das sie gewollt -- sie mußte es
hinnehmen.

Die Rückkehr des Mädchens änderte seine Empfindung in etwas, aber nicht
in der Hauptsache. Ihr Aussehen, die Folge der erduldeten Krankheit,
regte sein Mitleid an; er fühlte, wie es ihr zu Muthe sein mußte, und
bedauerte sie von Herzen. Indem er überlegte, wie er sich gegen sie
benehmen sollte, hielt er es in jeder Hinsicht für das Beste, sie
mit Fragen ganz zu verschonen und zu thun, als ob nichts vorgefallen
wäre. In seinem Herzen mußte freilich auch er sich fragen: was soll
aus ihr werden? was soll am Ende aus uns allen werden? Er fühlte das
Bedenkliche und Aengstliche des gegenwärtigen Zusammenlebens und dachte
darüber nach, wie es allenfalls geändert werden könnte. Aber die
Auskunft, die andern eingefallen war und die in jenem Bauernhause den
Streit zwischen Knecht und Tochter hervorgerufen hatte, stellte sich
nicht einmal als Möglichkeit vor seine Seele. Ein Mädchen aus Mitleid
zu heirathen und gar die Untreue zu belohnen mit dem Besten, was er
hatte, das war nicht die Sache unseres Burschen. -- Er konnte vergeben
und vergessen, er konnte Freund und Vetter sein, er konnte Hülfe
leisten und Wohlthaten erzeigen; aber Christine zum Weib zu nehmen,
wär' ihm jetzt nicht eingefallen, auch wenn er sie noch geliebt hätte.
Er verlangte von der Seinen, daß sie ihm in Lieb' und Treue anhänglich
sei und ihn zu schätzen wisse nach Verdienst. Und wenn er auch aus der
Noth eine Tugend machte, wenn er eine nahm, die er selber nicht liebte,
wie er Christine geliebt hatte, dann mußte es doch eine sein, die ihn
gern und an ihm ihre Freude hatte und die ihn höher achtete, als jeden
andern in der Welt.

Daß ihn bei dieser Gesinnung die Erzählung der Mutter von ihrem Streit
mit der Tochter, d. h. die Ansicht und die Hoffnung der Alten selbst,
wie verzuckert sie ihm präsentirt wurde, empören mußte, leuchtet ein.
Er empfand eine solche Wuth in seinem Herzen, noch einmal für den
Gutgenug gehalten zu werden, daß er ein ungewöhnliches Zucken in seiner
Rechten verspürte und die größte Anstrengung nöthig hatte, gegen die
»dumm unverschämte Zumuthung« nicht loszuplatzen. Dagegen was ihm von
den Reden der Christine mitgetheilt wurde, gefiel ihm und er freute
sich ihrer »Einsicht.«

Seinen ganzen Beifall hatte der Entschluß des Mädchens, als Magd zu
dienen. Die Fragen, die ihn belästigten, fanden damit ihre Erledigung
und das gegenwärtige bängliche Beisammensein ein Ende. Er mußte sich
sagen, daß in Christine doch ein Geist wohne, der nach mehr aussehe,
als er ihr bisher zugetraut hatte. Es war ihm recht, daß sie gerade zum
Holzbauern kam, und er rechnete es ihr als Tugend an, daß sie ihn nicht
scheute. »Bei dem,« sagte er zu sich selber, »ist sie am rechten Platz,
um das Frauenzimmer ganz wegzucuriren und wieder etwas nutz zu werden
für das Dorf.«

Die Berichte, die nach einander von den zwei Basen gemacht wurden,
konnten seine Achtung vor ihr nur erhöhen und seinen innerlichen
Beifall nur verstärken. Er überzeugte sich, daß Christine einen
Zweck habe, so zu handeln, und er glaubte ihn zu kennen. Da es nun
gerade nicht nöthig ist, Philosoph oder Theolog zu sein, um zu wissen,
daß eine unter gewissen Umständen, mit Fleiß und aus guten Gründen
erduldete Beschimpfung keine Schande, sondern vielmehr Ehre bringt; da
es zu dieser Einsicht genügt, nur kein Geck zu sein und das Herz auf
dem rechten Fleck zu haben, so konnte Hans auch bei der zweiten Meldung
nicht mit der Entrüstung und dem Lamento seiner Base harmoniren.
Nachdem er dieser seine Meinung gesagt und in der Einsamkeit das
Vernommene wieder überdacht hatte, rief er im Gegentheil zufrieden für
sich hin: »Bravo!«

Man würde unsern Freund mißverstehen und ihm Unrecht thun, wenn man
glauben wollte, die Achtung, die er empfand, sei der Art gewesen,
daß sie in natürlicher Steigerung zum Wiederaufleben seiner Liebe
führen mußte und nicht mehr weit davon entfernt war. Er fühlte Respekt
vor dem Respektabeln, er freute sich an dem Erfreulichen -- nichts
weiter. Alte Liebe rostet nicht, sagt das Sprüchwort; aber gerade
bei den liebefähigsten Menschen kann sie unter Umständen doch etwas
rostig werden. Die liebefähigsten sind nämlich in der Regel auch die
liebeklarsten und fühlen und wissen, daß an der Geliebten eben ihre
Liebe die höchste und schönste, d. h. die liebenswürdigste Eigenschaft
ist. Wenn diese ihre Liebe nun dahinschwindet oder als bloßer Schein
erkannt wird, dann schwindet für einen solchen Menschen eben das
Höchste, das Licht und Leben der Schönheit hinweg, und die Flamme, die
von der Anschauung dieses Höchsten genährt war, muß zu Boden sinken.

Unser Bauernbursche hatte treu geliebt in Hoffnung, wenn auch anfangs
mit schüchterner Hoffnung; er hatte verziehen und wieder geliebt, als
er in der Geliebten Reue und Liebe zu sehen glaubte; er hatte das
Leid der unglücklichen Liebe im Grund seines Herzens durchgelebt und
überwunden. Damit war's aber auch zu Ende.

In seiner jetzigen Gesinnung und in der Freude, daß eine
Jugendfreundin, eine Verwandte von ihm sich so über Erwarten hielt,
hätte er übrigens der Christine gern seinen Beifall kundgegeben und
sie dadurch in ihrer Handlungsweise bestärkt; aber das ging unter den
bestehenden Verhältnissen nicht an. Da bot ihm der Zufall unverhofft
eine Gelegenheit, für sie doch gewissermaßen etwas zu thun und
zugleich, einem alten Grolle genügend, sein Müthchen zu kühlen.

Eines Sonntags nach Tisch begab er sich nach Oettingen. Er hatte dort
Einkäufe zu machen, ging hin und her und stärkte sich endlich durch
ein Maß kühlen und kräftigen Sommerbiers. In rüstiger Stimmung und
etwas unternehmungslustiger als vorher trat er aus der Wirthsstube auf
die Straße. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als er von weitem
eine Gestalt erblickte, die ihm bekannt war. Seine Augen täuschten ihn
nicht, denn er hatte gute Augen -- es war der Mann, der ihm sein ganzes
Leben verdorben -- der, welcher ihm das Liebste abwendig gemacht und es
dann gekränkt und unwürdig behandelt hatte: es war der Lehrer Friedrich
Forstner, der in Begleitung eines andern ihm entgegenkam. Als er ihn
erkannte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fuhr ein Zorn und
ein Geist der Rache in ihn, der für den Menschen, der ihm sein Glück
gestohlen, eine exemplarische Züchtigung verlangte. Allein er hatte
Zeit zu überlegen; eine andere Stimme ließ sich in ihm hören und er
sagte sich unmuthig und geringschätzig: »Ich kann's ihm nicht machen,
wie er's verdient -- der Kerl blieb' mir in der Hand.« Das gute Glück
hatte gleichwohl eine Art Genugthuung für ihn bereit. Forstner war mit
seinem Begleiter -- seinem künftigen Schwager Dobler -- in eifrigem
Gespräch; er erkannte den Hans nicht und sah nur im Allgemeinen, daß
ein Bauernbursche auf ihn zukam. Von einem Gönner, den er besucht
hatte, besonders freundlich behandelt, fühlte er sich noch etwas höher
als gewöhnlich, und daß nun ein Bauernbursche, wenn er ihm begegnete,
mit Respekt auf die Seite treten müsse, das verstand sich von selbst.
Hans aber ging fest und gerade auf ihn zu; er wich, im Gefühl der
Gleichheit, nur zur Hälfte aus, Forstner im Bewußtsein des Höherstehens
gar nicht, und so stießen sie aneinander. Diesen Moment benutzte der
Brave, um dem Zierlichen einen Ruck zu geben, daß er und sein Begleiter
drei Schritte weit auf die Seite flogen und sich mit Mühe auf den
Beinen hielten. Dobler raffte sich zuerst auf und rief zornig: »Was ist
das für ein unverschämter« -- -- Aber Forstner hielt den Vordringenden
bei der Hand zurück und rief ihm ein gedämpftes, warnendes »Ruhig«
zu. -- Er hatte den Vetter erkannt, sein Gewissen hatte sich gerührt
und seinen Muth beschwichtigt. -- Hans richtete seinen Kopf stolz
empor und fragte: »Ist den Herren was gefällig?« Es mußte ihnen wohl
nichts weiter gefällig sein, denn sie wichen der »brutalen Gewalt« und
gingen ruhig weiter. Der Sieger schritt befriedigt und in männliche
Gedanken verloren vorwärts. Plötzlich stieß er wiederum an und eine
gewaltige Baßstimme rief: »Kreuzmillionen, was ist denn das?« Er sah
auf, erkannte den stärksten Burschen seines Dorfs, lachte gutmüthig
und sagte: »Nichts für ungut, Bruder, ich bin in Gedanken gewesen!« --
Der Stattliche, wieder begütigt, sagte mit Achselzucken: »Du bist aber
»ebbes« in Gedanken! Will das gar kein End' nehmen?« -- Unser Freund
hätte zur Erklärung gern sein kleines Abenteuer erzählt; er fühlte
aber, daß es ihm nur unliebsame Bemerkungen zuziehen würde, und schwieg
und sprach auf dem Heimweg mit dem Kameraden nur über Gegenstände des
Feldbaus.

Die Zeit der Ernte kam heran und gab auch im Hause der Glauning vollauf
zu thun. Es war sehr heiß diesen Sommer, man hatte viel auszustehen
beim Schneiden und Sammeln; die Beschwerden der Mutter wurden aber
dadurch noch vermehrt, daß sie sich die Leiden der Tochter vorstellte.
»Gott,« rief sie einmal aus, als die Sonne gewaltig niederbrannte,
»wie wird es meiner Christine gehen! Die schwindet mir ganz zusammen
diesen Sommer und wird alt vor der Zeit!« -- Hans, dem sie diese Worte
zu Gehör geredet, lächelte und schwieg. Die Alte fuhr fort: »Wie sie
wieder heimgekommen ist von der Stadt, bin ich froh gewesen, daß ich
ihre Bauernkleider und sonstige Ausstaffirung nicht verkauft gehabt
hab', denn ich dacht' mir: wer weiß, was geschieht! Aber jetzt, wenn
sie so zusammengeht, wie ich höre, kann sie die Sachen ja doch nicht
brauchen, und es wär' gescheidter gewesen, ich hätt' sie weggegeben.«
-- Hans zuckte die Achseln; dann sagte er: »Was der Sommer nimmt,
das bringt die Winterszeit wieder. Wenn's kühl wird und die Arbeit
nicht mehr so scharf geht, dann wird sie schon wieder runder werden,
Eure Christine. Und dann wird auch gewiß bald ein Hochzeiter da sein.
Wenn sie ein Jahr beim Holzbauern gedient hat, dann hat sie die Prob'
gemacht, und dann werden Bursche, die ein sauberes und fleißiges Weib
suchen, von allen Seiten kommen. Verliert den Muth nicht, Base! Solche
Mädchen bleiben nicht übrig im Ries!« -- Ein tiefer Seufzer war die
Antwort. Die Wittwe hatte ihre frühere Sicherheit ganz verloren; sie
konnte nicht mehr glauben an ein Glück, und die Worte des Hans, die ihr
wie Spott klangen, waren nicht geeignet ihren Geist aufzurichten.

Mühevoll -- denn auf die heißen Tage folgte noch Regenwetter -- und
freudlos -- denn sie wußte nicht, für wen sie sich eigentlich so plagte
-- ging die Erntezeit für die Glauning vorüber. Als die Feldfrüchte,
auf die es hauptsächlich ankam, im Stadel gesichert waren, hatte sie
doch wieder eine frohere Empfindung. Sie berechnete, daß sie vorwärts
kam in diesem Jahr und von dem Ausfall des letzten etwas zu decken
vermochte, und so etwas muß einer Person, die von Kindesbeinen an
auf's »Hausen und Sparen« gerichtet wird und nur durch die Ehre zu
außergewöhnlichen Ausgaben vermocht werden kann, immer wohl thun.

An einem Sonntag im September, nach dem Essen, saß die Gute mit Hans
an dem abgedeckten Tisch. Sie hatten eben zusammen eine Geldzählung
vorgenommen, die zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war, und erfreuten
sich daher einer Stimmung, in der sie eine gemüthliche Ansprache
hielten. Die Wittwe hatte dem Vetter eben wieder bedeutendes Lob
gezollt, als die Thüre aufging und mit den Worten: »Grüß euch Gott
miteinander!« die Hubel in die Stube trat. Ihr Aussehen fiel dem
Burschen im ersten Moment auf. Sie war nicht nur vergnügter als
gewöhnlich, sondern zeigte auch eine eigenthümliche Feierlichkeit,
wie eine Person, die sich bewußt ist, etwas in der Hand zu haben.
Nach den ersten allgemeinen Fragen und Antworten rief die Glauning
gastfreundlich: »Dasmal muß ich aber der Bas einen Kaffee machen --
ich thu's nicht anders!« -- Die Hubel versetzte: »Ich hab' nichts
dagegen; denn ich hab' heut' früher gegessen als sonst, von wegen weil
ich bald wieder zu Hause sein will, und mir ist's »wäger« (wahrlich)
schon wieder »a bisle eitel« im Magen.« -- »Der Hans da,« bemerkte
die Wittwe, »kann dir unterdessen was Neues verzählen, oder du ihm.«
-- »Wie's kommt,« erwiederte die Hubel. »Gott sei Dank, jetzt sieht
er doch wieder aus, daß man sich ein Wort mit ihm zu reden getraut!«
-- »Ja,« sagte die Glauning, »ein wenig hat er sich gebessert,« und
verließ die Stube.

Sie wollte was Rechtes machen, denn ihre verständige Ansicht war
immer: entweder gar keinen Kaffee oder einen guten. Gebrannte Bohnen
waren in einem Haus, wo das Kaffeetrinken zu den Ausnahmen gehörte,
natürlich nicht vorräthig, und ihr war das lieb; frischgebrannte gaben
ein besseres Getränk, und wenn sie ein wenig später fertig wurde, was
schadete das?

Freilich dauerte es nun geraume Zeit, bis sie die blanken zinnernen
»Kanden« (Kannen) füllen konnte. Als sie diese mit glücklicherweise
vorhandenen Schneckennudeln in die Stube trug und auf den Tisch setzte,
fiel ihr, die sich bei dem Auftreten der Base nichts Besonderes gedacht
hatte, doch das Ansehen des Hans auf. Glänzend saß er da, ein freudiger
und ein stolzer Blick ging aus seinen Augen, und noch dazu schien
es, als ob er das Vergnügen, das er empfand, gar nicht alles heraus
lassen wollte. -- Verwundert sah die Wittwe von dem einen zur andern
und sagte dann: »Ihr müßt euch ja recht gut unterhalten haben. Seit
langer Zeit hab' ich den Hans nicht so hellauf gesehen!« -- Dieser nahm
sich zusammen und erwiederte: »Man spricht von allerhand. Und die Base
da kommt unter die Leute und wird immer was Neues inne.« -- »Das ist
wahr,« sagte die Hubel, »und »ebbania'« (etwanje, zuweilen) ist's recht
gut, wenn man was erfährt, und manchem geschieht ein Gefallen damit,
wenn man ihm zu rechter Zeit was sagt.«

Diese Reden und die beiden Gesichter dazu kamen der Glauning seltsam
vor. Hatte die Hubel eine ausfindig gemacht, die den Hans wollte, eine
schöne und eine reiche -- am Ende eine Bauerntochter? Darnach sah er
wahrhaftig aus! Und einem Burschen mit seinem Geld und mit dem Lob, das
er hatte, konnte auch gar wohl ein solches Glück anstehen. -- Ihr Herz
war bei diesen Gedanken plötzlich schwer geworden; es kostete sie Mühe,
die schickliche Freundlichkeit aufzubringen, mit welcher zum Trinken
und Zulangen ermahnt werden mußte. -- Nach einer längeren Pause, die
mit dem Genuß und Lob des Kaffees ausgefüllt wurde, begann die Wittwe:
»Aber nun erzähl' mir doch noch etwas von meiner Christine. Ist sie
immer noch so schmal?« -- »Stark ist sie nicht geworden,« erwiederte
die Base, »aber sie ist gesund und wohlauf.« -- »Gott sei Dank!«
versetzte die Mutter, »das ist doch das Best'. Und ist derweil nichts
mehr vorgefallen mit dem Bauern?« -- »Nichts was der Rede werth wäre
zu sagen. Du weißt ja, der ist eben, wie ihn unser Herrgott erschaffen
hat, und wenn er bös ist, wird er auch wieder gut.« -- Die Mutter
erwiederte: »Was hilft's, wenn man einem den Kopf herunter gerissen
hat und will ihn dann wieder aufsetzen! -- Aber was sagt man denn bei
euch im Dorf über sie?« -- »Nichts als Gutes, Base. Man sieht, wie sie
schafft und aushält, und alle ordentlichen Leute schätzen sie und loben
sie.« -- »Nun, das ist doch ein Trost,« erwiederte die Mutter. Und mit
einem Selbstgefühl, das ihrem gedrückten Wesen eine Art Würde verlieh,
setzte sie hinzu: »Ein braves Mädchen ist sie eben doch, die Christine.
Und wer weiß, am End' gibt's auch für sie noch ein Glück in der Welt.«
-- Nach kurzem Schweigen bemerkte sie: »Nun sag' ihr aber, sie soll
mich endlich einmal besuchen, jetzt, wo die Hauptarbeit doch gethan
ist.« -- Die Andere schüttelte den Kopf: »Darüber hat sie ihre eigenen
Ansichten, Base, ich glaub' nicht, daß sie jetzt schon kommt. Besuch du
lieber mich einmal, dann kannst du sie bei mir sehen.« -- »Ist das eine
Welt jetzt!« rief die Wittwe. »Die Kinder folgen ihrem Kopf und die
Alten sollen ihnen folgen! -- Nun, ich will sehen.«

Das Gespräch wandte sich andern Gegenständen zu, wobei auch Hans wieder
mitreden konnte. Endlich erklärte die Hubel, es sei die höchste Zeit,
sie müsse fort. Die Mutter gab ihr die Hand, dankte für den Besuch und
trug ihr Grüße an ihre Tochter auf. »Habt auch von mir Dank,« fügte
Hans hinzu, »und kommt gut heim.« Die Wittwe sah ihn mit einem Blick
an, der wahre Gekränktheit verrieth. »Nun,« sagte sie, »läßt du die
Christine nicht auch grüßen? Einen Gruß ist sie doch wohl noch werth,
sollt' ich glauben!« -- »Meinethalb,« rief Hans, »grüßt sie auch von
mir!«

Am Abend ging der Bursche in's Wirthshaus. Der mannhafte Schritt, mit
dem er auftrat, das Glück, das aus seinem Gesicht leuchtete, konnten
nicht unbemerkt bleiben. »Was Teufel ist denn mit dem Hans?« rief ein
junger Mensch an einem Tisch zu seinen Zechgenossen; »der sieht ja
aus, als ob er das große Loos gewonnen hätt'!« -- »Wird wohl endlich
eine gefunden haben, die ihm ansteht,« warf ein anderer hin. »Kannst
Recht haben,« versetzte jener Gewaltige, an den Hans in Oettingen
in seinen Siegesgedanken angestoßen war. Und mit einer gewissen
großartigen Geringschätzung setzte er hinzu: »'S ist doch merkwürdig,
was der Mensch auf d'Weibsbilder gibt! So'n Kerl, und läßt sich von
der einen traurig und von der andern wieder vergnügt machen! Bah! das
könnt' mir einfallen!« -- Der erste bemerkte: »'S ist so ein Stiller,
der Hans, die sind alle so.« -- Und der zweite sagte: »Am End' ist's
ihm auch zu gönnen, wenn er eine kriegt nach seinem Sinn. Die Christine
hat ihm doch Verdruß genug gemacht.«

Hans war an einem andern Tisch niedergesessen, den etliche nähere
Bekannte von ihm in Besitz genommen hatten. Nach dem Naturgesetz, das
auf dem Lande wie in der Stadt, in der niedersten wie in der höchsten
Schichte der Gesellschaft gilt, muß jeder, der ein auffallendes
Vergnügen blicken läßt, geneckt werden. Dieß geschah denn auch unserem
Burschen. Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert, die sich
alle um den vorhin erörterten Punkt drehten. Hans war indeß nicht in
der Stimmung ärgerlich zu werden, im Gegentheil, sein Humor stieg in
Folge der Angriffe; er duckte einen, der sich ungeschickt dabei benahm,
gehörig in's Wasser und bekam die Lacher auf seine Seite. Als er an
einem andern Tisch Bescheid that, sagte einer der Bekannten: »'S ist
schon richtig, er hat eine! -- aber wen?« -- Man rieth hin und her,
konnte aber nicht schlüssig werden und tröstete sich mit dem Gedanken,
daß es jedenfalls wieder eine Hochzeit geben werde und einen lustigen
Ansing.

Jeden Tag in der Woche erwartete die Glauning, daß der Vetter im Staat
vor sie treten und sagen würde, er müsse über Land gehen; denn ihr saß
der Gedanke, der in ihr aufgestiegen war, so fest im Kopfe, wie den
Kameraden des Burschen. Als sie sich auch am Donnerstag getäuscht sah,
meinte sie: nun wird er am Sonntag gehen. Und in der That, am Vorabend
erklärte Hans, er werde morgen über Land -- fahren. »Fahren?« rief die
Wittwe betroffen. -- »Warum nicht?« erwiederte Hans lächelnd. »Der
Hiesinger leiht mir seinen Braunen und sein Wägele. Und darf sich
unser einer nicht auch einmal ein Plaisir machen?« -- »Wegen meiner
fahr' du,« entgegnete die Glauning. »Du bist dein eigener Herr und
kannst thun was du willst.« -- Sie that ihm aber nicht die Ehr' an oder
sie hatte nicht den Muth, zu fragen wohin.

Am andern Tag, im Schein der Morgensonne, als der Bursche von ihr
Abschied nahm, geputzt wie nochmal einer, der »auf d'Gschau« geht,
hatte sie doch so viel Kraft erlangt, mit einer Art von Lächeln zu
sagen: »Nun, Hans, ich wünsch' dir viel Glück! Du wirst dir hoffentlich
nicht einbilden, daß ich nicht weiß, worauf du ausgehst?« -- »Nein,«
erwiederte Hans gemüthlich. »Vor Euch kann man sich nicht verstellen,
Base -- und ich versuch's auch nicht. Was wollt Ihr? einmal muß man
doch dran!« -- Er gab ihr die Hand und verließ mit kräftigen Schritten
den Hof. Die Base sah ihm nach. »Wie sicher er seiner Sach' ist!«
dachte sie. »Nun, wenn er ein Glück macht, ich muß es ihm gönnen --
allein um mich hat er's verdient.« Diese Gedanken konnten aber doch
nicht bewirken, daß sie sich über sein Glück freute; im Gegentheil, sie
hatte ein Gefühl, als ob ihr der letzte Rest des ihrigen genommen würde.

Hans ging zu dem Bauer, den er Hiesinger genannt. Das Wägelchen
stand im Hof, aber der Gaul wurde noch gefüttert. »Mach' »fürsche«
(vorwärts),« rief der Bauer dem Handknecht mit Laune zu, »und spann an!
In solchen Geschäften will man bald an Ort und Stelle sein.« -- Einige
Minuten später, und Hans fuhr im Trab durch's Dorf. »Aha,« rief einer
von seinen Kameraden, der ihn sah, »nun werden wir's bald inne werden!«

Wenn die Glauning gesehen hätte, in welchen Weg der Bursche einlenkte,
dann hätte vielleicht ihr Herz zu klopfen und wieder zu hoffen
angefangen. -- Die Leser haben das Ziel der Fahrt schon errathen -- sie
sind scharfsichtiger als die Bauern. Sie wissen, daß eine Geschichte
nach ihrem Anfang und Verlauf nur Einen, d. h. eben nur den Ausgang
haben kann, der im Verlauf begründet ist; und zwar nicht, weil es
der Erzähler so will, sondern weil es bei den Personen, an denen es
überhaupt etwas zu demonstriren liebt, das Schicksal so will, dem der
Erzähler folgen muß. Könnte nach allem Bisherigen ein Erfahrener noch
in Zweifel sein, wohin das Wägelchen unseres Burschen rollte? Er fuhr
dem Dorf zu, in welchem Christine sich befand. Er konnte es, er durfte
es -- er mußte es; und das hoff' ich jedem klar zu machen, wenn ich
erzähle, was sich unterdessen begeben hatte.

Die Art, wie Christine bei dem Holzbauern ihre Pflicht erfüllte,
zusammengehalten mit ihren ungewöhnlichen früheren Erlebnissen, hatte
die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfs *** auf sie gelenkt. Das Mädchen
hatte die Zweifler und Spötter, die sich auch dort aufgethan, beschämt;
ihr ausdauernder Fleiß in dem beschwerlichen Dienst hatte ihr nicht
Geringschätzung, wie die Mutter gefürchtet, sondern Achtung, bei
Einzelnen sogar Bewunderung erworben. -- Mit der Zeit wird jeder Tugend
ihr Recht auch in dieser ungerechten Welt. Die Anfeindung stumpft sich
ab, das Geklatsche wird langweilig und vergeht, die Anerkennung tritt
an seine Stelle und besteht.

Bei Christine kam noch etwas anderes hinzu, was ihr eine besondere
Bedeutung gab. Ihr Aussehen hatte sich nicht so geändert, daß man sie
nicht mehr für ein ungewöhnlich hübsches Mädchen hätte müssen gelten
lassen. Die frühere Fülle allerdings war nicht wiedergekehrt; aber die
verhältnißmäßige Schlankheit, mit der sie aus der Stadt heimgekommen
war, hatte in Folge der ländlichen Arbeiten einen gesunden Charakter
erhalten. Ihre Gesichtsfarbe war keineswegs gelb, wie die Hubel auch
für die erste Zeit übertreibend berichtete, sondern der ihr eigene
bräunliche Ton war nur kräftiger geworden, hatte dann aber auch wieder
einen Hauch frischen Roths erhalten. Sie war noch immer die »schöne
Christine,« die ehemalige Lehrersbraut und jetzige Bauernmagd; aber sie
war mehr als das. Ihr Gesicht hatte einen eigenen höheren Charakter
erhalten -- den Charakter, der das natürliche Erzeugniß innern Lebens
und einer Kraft ist, wie sie die Geprüfte besaß und bewies. Eine tiefe
Leidenschaft, die man aus Stolz zu verheimlichen entschlossen ist; den
Willen, eine Handlungsweise, die man als unrecht erkannt hat, zu büßen
und sich in die Folgen seiner Schuld unbedingt zu ergeben; den Willen,
seine Pflicht zu thun, wie schwer sie einem auch gemacht werde, und
seine Ehre darein zu setzen, gerade da auszuhalten, wo andere nicht
die Stärke dazu fänden -- dergleichen kann man unmöglich in Kopf und
Herzen tragen, ohne daß der Abglanz davon auf dem Gesicht bemerklich
würde. Ob sie nun im Haus, auf dem Felde thätig war, oder ob sie in der
Kirche den Worten des Geistlichen horchte, die Magd Christine hatte
etwas in ihrem Wesen, dessen sich kein anderes Mädchen im Dorf rühmen
konnte. Die Töchter der wohlhabenden Bauern konnten den Kopf hoch
halten und an Festtagen in ihrem besten Staat und ihrer Stellung sich
bewußt mit fein geschlossenem Mäulchen anmuthig über die Gasse sich
schwenken, so fein und so vornehm sah doch keine von ihnen aus, wie
unsere dienende Heldin, und aus keinem Auge blickte so viel Seele, als
aus den uns bekannten graublauen, die mit dem Gehalt (wenn dieses Wort
hier gestattet ist) auch an Umfang zugenommen zu haben schienen.

Unter denen, die das Mädchen und ihr Verhalten zu taxiren wußten,
stand eine Familie obenan, und zwar eine Bauernfamilie. Der Vater war
ein Landmann der besten Art -- einer von denen, die ihren Stand hoch
halten, aber noch höher die Tugenden, die den ächten und rechten Bauer
machen. Er führte mit Weib und Kindern einen musterhaft geregelten
Haushalt, und die Folge war, daß er, der mit Schulden begonnen hatte,
jetzt unter die Wohlhabendsten des Orts zählte. Der Kinder waren nur
zwei, ein Sohn und eine Tochter, jener siebenundzwanzig, diese neunzehn
Jahr alt, beide noch unverheirathet. Der Sohn, ein Abbild seines
Vaters und nur etwas weniger lustig, als der Alte im ledigen Stand
gewesen, befand sich wohl unter dem Regiment der Eltern, und darum und
weil er einigermaßen scheu war und wählerisch, hatte er noch keine
Frau gefunden und noch nicht den ihm gebührenden und bestimmten Hof
erhalten. Die Tochter, ein angenehmes, gutes Geschöpf, trug schon ein
Bild in ihrem Herzen, d. h. ein Mannsbild. Ein Bauernbursche, der alle
Qualitäten besaß, die sie und ihre Eltern nur verlangen konnten, war
ihr gewogen, und ihre Hochzeit stand in Aussicht, sobald der Vater des
Liebhabers sich entschloß, den Hof zu übergeben.

Diese Familie war es, die unsere Christine von allen zuerst mit
günstigen Augen betrachtete. Der Alte, der an ihr die guten
Eigenschaften wahrnahm, die er von einem rechten »Bauernweibsbild«
verlangte, rühmte sie, und Mutter, Kinder und Ehehalten stimmten
mit ein. Was man von ihrem Schicksal erfuhr, konnte dem Mädchen bei
wohlwollenden Beurtheilern nicht schaden. Hatte sie schon als halbe
Mamsell in der Stadt gelebt, so war es um so verdienstlicher, daß sie
eine so brave Magd wurde, und die Gerüchte, welche zuerst über sie
umliefen, wurden durch ihren streng ehrbaren Lebenswandel vollkommen
widerlegt. Sie war noch nicht sechs Wochen im Dienst, als der Alte
schon zu seinem Weib sagte: »Wenn das Mädchen eine Bauerntochter
wäre, eine bessere für unsern Sohn könnten wir nicht bekommen.« --
Nach und nach erfuhr man, was die Glauning der einzigen Tochter immer
noch mitgeben konnte, und wenn es auch nur den vierten Theil dessen
betrug, was der Alte gab, so verfehlte es doch nicht, das Haupt der
Magd in seinen Augen mit einem gewissen Schein zu umgeben. Endlich kam
es dahin, daß der wackere Mann sich fragte: »Muß es denn gerad' eine
Bauerntochter sein? Und wenn sie weniger hat als mein Sohn, ist ihr
Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihre Tugend nicht mehr werth als Geld
und Gut?« Weib und Tochter, denen er seine Gedanken mittheilte, traten
ihm lebhaft bei. Gutmüthig, wie sie waren, hatten sie das Mädchen in's
Herz geschlossen, und die Tochter namentlich interessirte sich für den
Heirathsplan mit dem ganzen Eifer einer liebesglücklichen Jungfrau.
Sie sprach mit dem Bruder und brachte aus ihm heraus, daß er ganz im
Stillen selber schon ein Auge auf Christine geworfen! -- Allgemein
war die Zufriedenheit über diese Entdeckung; nach der Ernte hielt man
nochmal einen Familienrath und das Projekt gedieh zum festen Beschluß.

Das Mittel der Liebeswerbung konnte unter den gegenwärtigen Umständen
allerdings nicht in Anwendung kommen. Wäre unser Freier auch der Mann
gewesen, ein Mädchen durch Schmeichelreden zu gewinnen, so hätte er
von dieser Fähigkeit gegenüber einer Magd beim Holzbauern doch keinen
Gebrauch machen können. Aus allen Gründen mußte man den bewährten
alten, auch jetzt noch immer praktischen Weg der Unterhandlung durch
eine dritte Person gehen, und wandte sich an Base Hubel.

Hilf Himmel, welch einen Eindruck machte die Eröffnung auf die nicht
sehr bemittelte Söldnerin! Ihr Bäschen eine Bäuerin -- und was für
eine! Sie selber zur Freundschaft einer der ersten Familien im Ries
gehörig! Und sie hatte das in der Hand! sie sollte das machen -- sie
wurde darum gebeten! Das Entzücken der guten Frau war so groß, daß sie
für den ersten Augenblick sprachlos dastand, weil sie ganz eigentlich
den Mund nicht mehr zusammenbringen konnte, um Worte zu bilden, so
daß Mutter und Tochter, welche die Eröffnung gemacht hatten, sich
Mühe geben mußten, das Lachen, das sie ankam, zu einem Lächeln zu
mildern. -- Natürlich versprach die Gebetene, als sie endlich sprechen
konnte, Alles. Die Sache war schon gemacht -- sie brachte das Jawort
der Christine heut Abend noch. Gott, welche Ehre war es für diese und
welche Freude! Welche Ehre und welche Freude für die Base Glauning und
für sie alle miteinander!

Mit brennendem Kopfe lief sie zu dem glücklichen Mädchen. Es war an
einem Feiertag nach der Betstunde, und Christine konnte ihrer Einladung
zu einer wichtigem Unterredung in ihrem Hause ungehindert folgen. Als
sie allein waren, bedachte die Erfahrene, daß das Mädchen vielleicht
vor Freude in Ohnmacht fallen könnte, wenn sie ohne weiteres ihren
Auftrag ausrichtete; sie begann daher mit Reden, welche sie auf das
beispiellose Glück, das ihrer wartete, vorbereiten sollten. Christine,
ungeduldig, fragte, was es denn wäre. Die Unterhändlerin machte ihre
Eröffnung triumphirend und in der sichern Erwartung, die Glückliche
würde, außer sich, ihr um den Hals fallen, mit Freudenthränen »ja, ja«
rufen und des Dankes kein Ende finden. Welch ein Erstaunen, ja welch
ein Schrecken, als Christine nach vorübergehendem, leichtem Rothwerden
ernst und ruhig erwiederte: »Die Leute sind gut gegen mich und thun
mir eine große Ehr' an. Ich dank' ihnen auch von Herzen dafür, aber
ich kann's nicht annehmen, Base.« -- Die Hubel sah starr auf sie, wie
auf eine plötzlich toll Gewordene. »Du willst's nicht annehmen?« rief
sie endlich. -- »Ich kann nicht,« war die Antwort. -- »Bist du rasend,
Mädchen?« -- »Nein, ich bin bei gutem Verstand. Geht zu den Leuten und
dankt ihnen in meinem Namen recht schön, und sagt ihnen, ich kann nicht
heirathen -- weil ich überhaupt nicht heirathen will!«

Zu dem Erstaunen der Base gesellte sich jetzt die Entrüstung, der
Geist und die Autorität einer Mutter fuhr in sie, und sie stellte dem
Mädchen vor, welch unsinnigen Streich sie mache, wenn sie eine der
ersten Bäuerinnen im ganzen Ries werden könne und nicht wolle. »Hast du
etwas gegen die Leute? Hast du etwas gegen den Menschen? Ist er nicht
brav und geschickt und häuslich und ein sauberer Bursch obendrein?« --
Christine mußte das zugeben. -- »Und du willst nicht? Du willst so ein
Glück versäumen, mit Füßen von dir stoßen? Warum? weßwegen?« -- Das
Mädchen, bewegt, geängstigt, rief: »Um Gotteswillen, Base, fragt mich
nicht! -- es geht nicht!«

In dem Kopf der Hubel blitzte ein Gedanke. »Wär's möglich,« begann sie,
»hättest du einen andern im Kopf? Denkst du vielleicht« -- (die Wangen
des Mädchens begannen sich zu färben) -- »kannst du deinen Schulmeister
nicht vergessen?« Die Farbe verging wieder auf dem Gesicht der
Gefragten und ihre Lippe verzog sich geringschätzig. Da ging der Base
ein Licht auf wie eine Fackel; sie rief bestimmt: »Du hast den Hans
im Kopf!« -- Eine glühende Röthe überströmte das Gesicht der Armen,
sie zitterte -- Thränen stürzten ihr in die Augen. -- »Der ist's also!
der Vetter! Himmel, was ist das!« -- »Ja,« rief das Mädchen, die jetzt
wirklich außer sich gebracht war, »der ist's! der beste Mensch, der
bravste Mensch, und mir der liebste auf der Welt! Ich hab' schändlich
gehandelt gegen ihn, er haßt mich, er verachtet mich, und er hat Recht,
und ich will's nicht anders haben. Aber nun wißt Ihr, warum ich auf
Euch nicht hören kann! Ihn krieg' ich nicht und verdien' ich nicht,
einen andern will ich nicht und mag ich nicht, und darum heirath' ich
nicht und will als Bauernmagd leben und sterben!«

Die Frau, von der Leidenschaft des Mädchens überwältigt, verstummte.
Sie kannte den Wunsch der Glauning, ihre Tochter an Hans verheirathet
zu sehen; sie wußte, daß er der Mann war, ein Weib glücklich zu machen;
aber wenn er sie nicht mehr wollte, war's nicht ganz widersinnig,
wegen seiner ein ganzes Lebensglück aufzuopfern? Sie mußte doch noch
ein Wort reden, die erfahrene Mittelsmännin, und sie sagte daher, mit
größerer Ruhe zwar, aber mit Nachdruck: »Mädchen, Mädchen, bedenke,
was du thust! Ein solcher Antrag wird dir nicht wieder gemacht! Und
wenn du ihn ausschlägst um eines Menschen willen, der nichts mehr nach
dir fragt -- aus Eigensinn, aus Tollheit -- es wird dich reuen, all
dein Lebtag wird's dich reuen.« -- Aber hierauf erwiederte Christine
bestimmt und entschlossen: »Base, ich hab' Euch gesagt, wie ich denke,
und nun ist's genug. Streiten will ich nicht mit Euch. Redet also
nichts mehr, es hilft Euch nichts, jedes Wort ist umsonst.« -- »Gut,«
versetzte die Hubel, »dann hab' ich wenigstens meine Schuldigkeit
gethan und kann dich deinem Schicksal überlassen. Ich hätt' nicht
geglaubt, daß ich von einem Mädchen, wie du bist, mit so einer Antwort
zu solchen Leuten gehen müßt'. Aber sie warten darauf, ich hab' ihnen
versprochen, die Antwort heute noch zu bringen, und ich will hingehen
und sagen, daß du nicht willst und warum du nicht willst.«

Christine stand erschreckt. Das Geheimniß, das sie bewahren wollte
vor jedermann, war ihr entrissen, und jetzt erst merkte sie's. Scham
und Angst bemächtigten sich ihrer und im dringendsten Tone rief sie:
»Nein, das dürft Ihr nicht! Sagt, daß ich überhaupt nicht heirathen
will, daß ich mich für solche Leute nicht gut genug achte, sagt was Ihr
wollt, nur sagt nichts vom Hans! Es könnte herum kommen -- er könnt's
erfahren, und (setzte sie heftig hinzu) er soll's nicht erfahren! Ich
geh' nicht von Euch, Base, bis Ihr mir's versprecht! Gebt mir die Hand
darauf, ich bitt' Euch, ich beschwör' Euch!« -- »Gott,« entgegnete
die Frau, »ist das ein Kreuz mit dem Mädchen! Nun gut, ich versprech'
dir's.« -- »Ich dank' Euch, Base,« rief das Mädchen herzlich und
gerührt; »ich dank' Euch für all Eure Güte und Freundschaft! Sagt den
braven Leuten alles Schöne und Gute in meinem Namen; sagt, ich wolle
gar nicht heirathen, und sie würden sehen, daß ich auch keinen andern
nehme. Sagt ihnen, ich würde keine Seele etwas merken lassen von ihrem
Antrag, und sie sollten sich jetzt eine bessere aussuchen, als ich
bin, denn mit mir wäre ihr Sohn doch niemals glücklich geworden.« Sie
faßte die Frau bei der Hand und sah ihr in's Gesicht. Ihre Augen waren
feucht geworden und füllten sich mit Thränen. Wehmüthig lächelnd, in
liebevollem Ton sagte sie: »Ihr seid brav -- ich kann mich auf Euch
verlassen!« Und ihr die braune Wange streichelnd setzte sie hinzu: »So,
nun geht und macht Eure Sache gut!« -- Sie schüttelte ihr die Hand
und verließ die Stube, nachdem sie ihr nochmal einen bittenden Blick
zugeworfen hatte.

Die Base Hubel gehörte indeß nicht zu jenen Personen, die, wenn sie ein
Versprechen gegeben haben, nun auch glauben, es unter allen Umständen
halten zu müssen. Im Gegentheil, sie hatte eine heroische Ader in sich,
und wenn sie gutmüthig genug war, auf eine dringende Bitte ja zu sagen,
so besaß sie doch auch den Muth, sich »nach Gestalt der Sach« von
der übernommenen Verpflichtung selber zu dispensiren und ihr Wort zu
brechen. Als sie allein war, rief sie daher: »Du einfältiges Mädchen!
Nichts sagen vom Hans? Das ist ja das Einzige, was in deine Antwort ein
bischen Sinn bringt und Verstand, so daß ich nicht ganz in Schand' und
Spott dastehen muß vor diesen Leuten, und du mit mir! Augenblicklich
sollen sie's erfahren!« -- Um vieles langsamer dennoch, als sie es
verlassen hatte, ging sie in das Haus des Bauern zurück, traf die
Eltern und die Tochter und erzählte alles, indem sie nicht versäumte,
über den Wahnsinn des Mädchens entrüstet ihr Verdammungsurtheil
auszusprechen. Die wackern Leute bedauerten die Antwort von Herzen;
aber -- offen zu reden -- ihre Betrübniß wäre doch größer gewesen, wenn
der Korb von einer in jeder Hinsicht Ebenbürtigen ertheilt worden wäre.
Sie hatten doch daran denken müssen, welches Aufsehen die Verheirathung
ihres Sohnes mit der Magd des Holzbauern machen würde, und der Umstand,
daß nun dieses Aufsehen mit all seinen Unbequemlichkeiten wegfiel,
erleichterte ihnen die Tröstung ihrer Seelen bedeutend.

Der alte Bauer klärte sich endlich auf und sagte zu der Hubel: »Nun
habt Ihr Euer Geschäft aber erst halb gemacht.« -- Die ihrer vornehmen
Freundschaft beraubte und darum niedergeschlagene Söldnerin sah ihn
fragend an. -- »Die Hauptsach' ist jetzt, daß Ihr die Christine und
ihren Vetter zusammenbringt.« -- »Aber wie soll ich das anfangen?« rief
das Weib. Der Bauer fuhr fort: »Hat nicht der Hans sein Bäschen für
sein Leben gern gesehen?« -- »Ja wohl,« erwiederte sie; »aber jetzt
will er durchaus nichts mehr von ihr wissen.« -- »Ganz natürlich! --
weil sie ihn aufgegeben hat und er glauben muß, sie halte nichts von
ihm und habe keine Zuneigung zu ihm. Geht aber jetzt nur hinunter und
erzählt ihm, was die Christine gesagt hat und was geschehen ist, und
dann seht zu, ob er noch immer nichts von ihr wissen will. Ich bin der
Meinung (setzte er lächelnd hinzu), daß ihr noch immer Euern Kuppelpelz
verdienen könnt.« -- Das Gesicht des Weibes erhellte sich bei diesen
Worten. »Ihr könnt wahrhaftig Recht haben! -- Aber darf ich denn auch
alles sagen?« -- »Alles,« versetzte der Bauer, »mit der Bedingung, daß
es unter der Familie bleibt.« -- »O, das versprech' ich mit Freuden!
Kein Mensch weiter soll etwas davon erfahren!« -- Beim Abschied reichte
die Bäuerin der Guten die Hand und sagte: »Habt Dank für die Mühe, die
Ihr Euch unsretwegen gemacht habt. Wenn auch nichts draus geworden ist,
so bleiben wir doch gute Freunde.« -- »O,« rief die Hubel, »das ist
eine große Ehre für mich! -- Und wer weiß, vielleicht kann ich Euch
doch noch einmal auf eine andere Art dienen!«

»Was für gute Leute das sind!« rief sie mit einem Seufzer, als sie
ihrem Hause zuging; »'s ist doch Jammerschade!« -- Etwas indeß war ihr
geblieben. Sie faßte nun das neue Geschäft in's Auge und ihre Seele
erheiterte sich wieder. »Wenn das geräth, wenn die Zwei zusammen kommen
und glücklich sind, dann bin's eben doch ich, die's gemacht hat und der
sie danken müssen für ihr Glück, so lang sie leben.«

Am nächsten Sonntag trat sie die Wanderung bei Zeiten an, um den Vetter
sicher zu treffen, und erzählte ihm, während die Glauning den Kaffee
machte, Alles und Jedes. Hans konnte nicht zweifeln; die Base beschwor
ihre Aussagen bei allem, was heilig ist, und gab ihm in jeder Hinsicht
die beruhigendsten Versicherungen. -- Und nun erstand die entschlafene
Liebe plötzlich, wie wenn ihr ein neues schöpferisches Werde zugerufen
worden wäre. Der Deckel des Schreins, in dem sie verborgen lag, flog
auf und sie glühte hervor und durchloderte und durchleuchtete ihn mit
wonnevoller Glut. -- Nun war's also doch geschehen, woran er nicht
mehr glauben, worauf er nicht mehr hoffen konnte. Das Mädchen, das
ihm lieber war als Alles, war sein! Sie war zur Erkenntniß gekommen,
sie verstand ihn -- sie liebte ihn -- ihn allein und über alles! --
O, nun war es besser als vorher -- tausendmal besser! Er mußte ihr
nicht nur vergeben -- nein, Gott danken mußte er für den Weg, den sie
geführt worden -- Gott danken für ihr Leid und ihre Erkenntniß, und
sie lieben und ehren und ihr Leben versüßen und sie glücklich machen
-- glücklicher, wenn's möglich wäre, als er selbst wurde! -- Die
Empfindungen des Glücks und des Dankes strömten durch sein Herz und
erschütterten ihn so gewaltig, daß ihm Thränen in die Augen traten und
die gute Verwandte in gerührter Theilnahme sich freute, daß ihr dieses
zweite Werk gelungen war, und nicht das erste. Eine innere Stimme rief
dem Glücklichen zu, vor der Mutter die Kunde noch geheim zu halten; er
gebot der Hubel auf's strengste, seiner Base nichts zu sagen und sie
auch nichts merken zu lassen, und eben so der Christine alles geheim zu
halten. Die Hubel versprach beides. Sie kam der Mutter gegenüber der
Forderung auch sogleich nach; der Liebende selbst aber vermochte es
nicht, und die Glauning hätte das Geheimniß errathen müssen, wenn ihre
Gedanken nicht schon vorher auf falscher Fährte gewesen wären.

Das war es, was unsern Freund bewog, heute dem Dorfe zuzufahren, in
welchem Christine lebte. -- Und nun kein Wort mehr zur Erklärung seines
Handelns.

Als das nette »Gefährt« im Sonnenschein über den trockenen Weg
hinrollte, näher und näher dem lieben Ziel, da hatte unser Freund
eine glückselige Empfindung, und die Wirkung davon ward sichtbar
in seiner ganzen Erscheinung. Man weiß, daß George Sand -- eine
Schriftstellerin, der ich gern das heutzutage so sehr mißbrauchte Wort
»genial« zuerkenne, ohne darum alles in ihren Werken für wahr und schön
zu halten -- Personen in relativer Häßlichkeit auftreten und nach
und nach schön, ja unwiderstehlich anziehend werden läßt. Sie kann
sich damit auf die Wirklichkeit berufen. Es giebt Gesichter, an denen
sich gar manches aussetzen läßt, sofern man sie nach einem Ideal der
Formvollendung beurtheilt. Wenn aber die Seele sich entfaltet, wenn
das Licht der Liebe, der Güte, des Glücks es durchleuchtet, dann ist
ein solches Gesicht nicht nur charaktervoll, sondern schön; die Seele
herrscht in ihm und schmelzt in allbelebender Strömung die Theile zum
harmonischen Ganzen; die Schönheit der Seele triumphirt über die Form
und macht diese zur Trägerin und Verkünderin ihres Glanzes; ihre Flamme
bricht durch und überstrahlt die Züge und tilgt alles Widerstrebende
darin hinweg. Daß ein solches Gesicht hernach das bloß äußerlich schöne
in Schatten stellt, daß eine geliebte Person, die für seine höhere
Schönheit empfänglich ist, sich davon entzückt, hingerissen fühlt,
das ist durchaus natürlich -- der natürliche Sieg des Innern über das
Aeußere, des Geistes über den Stoff.

Wenn eine theilnehmende Freundin unsern Burschen heute gesehen hätte,
so würde sie vielleicht gerufen haben: er sieht aus »wie verklärt;«
denn dieses Wort ist unter dem Rieser Landvolk bekannt und wird ganz
richtig angewendet. Und in der That, verklärt war das Gesicht des
Guten, verklärt durch die Liebe, die der Gegenliebe sicher geworden,
verklärt durch das Bewußtsein des Sieges, der zu der Liebe die Ehre
gebracht hat. -- Es ist eben doch schön, wenn man nicht mehr ganz
allein auf sich und seine Tugend angewiesen ist, wenn man der Welt
nicht bloß zu verzeihen, sondern auch etwas zu danken hat, wenn die
Kraft der Seele getragen wird von der Schwellung des Glücks, wenn zu
dem Gefühl, den Sieg zu verdienen, die stolze Freude des wirklich
errungenen Sieges kommt. Aus dem Gesicht des Liebenden sprach jetzt
nicht allein das Glück und die Freude, sondern auch die Würde des
Mannes, der sich endlich auf die Stelle erhoben sieht, nach der er
getrachtet hat und die ihm gebührt.

Als der Wagen in das Dorf rollte, lag auf diesem eben das feierliche
Schweigen des Sonntags: die Kirche hatte eben begonnen und die Gemeinde
horchte dem Worte des Geistlichen. Hans fuhr in's Wirthshaus, versorgte
mit dem anwesenden Knecht das Roß und ging dann im Hof umher. Die
Glocke, die beim Vaterunser geläutet zu werden pflegt, verkündigte das
baldige Ende des Gottesdienstes, Hans erwartete es, sah die Leute des
Hauses und der Nachbarschaft von der Kirche heimkehren, und machte
sich endlich selber auf den Weg, mit Herzklopfen zwar, aber mit dem
überherrschten eines Mannes, der mit tiefer Zuversicht dem Erfolg
entgegengeht. Er hatte sich vorgenommen, bei der Geliebten sich nicht
ohne weiteres auf die Erzählung der Verwandten zu berufen, er wollte so
ruhig, als es ihm möglich war, als Besuch auftreten, zuerst von andern
Dingen reden und selber hören und sehen.

Als er in den Hof trat, sah er das »Mädle«, d. h. die zweite Magd der
Bauers. Er fragte nach Christine, indem er hinzufügte, er sei ein
Verwandter und hätte mit ihr zu reden. Die Gefragte erwiederte, die
Magd sei im Garten, und wies ihm den Eingang. Hans trat hinein und sah
Christine von weitem Gemüse abschneiden, das ihr die Bäuerin zu bringen
aufgetragen hatte. Sie war in der Kirche gewesen, hatte aber an dem
warmen Tage den Kittel ausgezogen und bückte sich zu Boden in blanken
Hemdärmeln, die indeß nur den Oberarm bedeckten. Als sie jemand gehen
hörte, schaute sie auf. Sie erkannte den Vetter und sah erröthend vor
sich hin.

Hans trat näher und sagte treuherzig: »Guten Tag, Christine!« -- Die
Gegrüßte dankte und erwiederte mit erkenntlichem Blick: »Du kommst
herauf? Das hätt' ich wahrlich nicht erwartet!« -- »Nun,« sagte Hans,
»ich muß doch auch einmal sehen, wie's dir geht.« -- Die Brust des
Mädchens hob sich und ein leichter Strahl der Freude ging über ihre
Züge. Sie versetzte: »Gottlob, mir geht's gut, ich bin gesund und
zufrieden.« Und in der That, so sah sie aus. Hatten Sonnenschein und
Regen in Frühling und Sommer sie erfrischt und gestärkt, so war sie in
den letzten, weniger »unmüßigen« Wochen schon wieder auch etwas runder
geworden und ihre ganze Erscheinung hatte den Charakter einer größeren
sinnlichen Ruhe erhalten. Hans lächelte. »Das freut mich,« erwiederte
er. »Du scheinst den Holzbauern nicht so schlimm zu finden, wie deine
Vorgängerinnen?« -- »Er ist auch nicht so schlimm,« versicherte
Christine. »Hitzig ist er freilich, und wenn er in seinen Zorn kommt,
weiß er nicht mehr, was er sagt; aber im Grund seines Herzens ist
er ein ehrlicher Mann und meint's besser als so ein glatter, süßer
Schwätzer. Seit dem letzten Sturm im Heuet« -- setzte sie lächelnd
hinzu -- »kommen wir ganz gut mit einander aus. Ich paß' aber auch
besser auf.« Nach einem Moment des Schweigens ernster geworden, sagte
sie: »Was macht denn aber meine Mutter? Ist sie doch wohlauf?« -- »Ja
wohl,« versetzte Hans, »und auch zufrieden -- bis auf die Gedanken,
von denen sie zeitweis geplagt wird. Sie kann sich immer noch nicht
drein finden, daß ihre Christine, ihre einzige Tochter bei einem
andern dienen soll.« -- »O,« rief das Mädchen, »daran wird sie sich
eben doch gewöhnen müssen! Mir gefällt das Dienen, und ich bin lange
nicht so vergnügt gewesen, wie jetzt.« -- Der Bursche betrachtete sie
mit innigem Wohlgefallen. »Ja,« sagte er, »du bist auch wieder eine
ganze Magd geworden.« Und mit gutmüthigem Stolz setzte er hinzu: »Das
Bauernhandwerk ist halt doch das schönste und gesündeste, und über
den Bauernstand geht nichts in der Welt!« »Das ist wahr,« erwiederte
Christine, durch seine Anerkennung geschmeichelt und erfreut. »Drum
will ich auch fortarbeiten, weil ich seh', daß ich's doch nicht ganz
vergessen hab', und dazu lernen, was ich noch nicht versteh', und das
kann ich am besten auf so einem großen Hof wie hier. Sag' das meiner
Mutter, sag' ihr nur, ich bin gern eine Bauernmagd und hoff's noch
lange zu bleiben.«

Um den Mund des Burschen spielte ein fast unmerkliches schelmisches
Lächeln. »Nun,« erwiederte er endlich, »auf einem Bauernhof kann man
auch etwas anderes sein als Magd. Du bist keine Magd, wie die erste
beste, du bist das einzige Kind deiner Mutter, und wenn das der Rechte
erfährt und wenn er sieht wie du schaffen kannst in einem großen
Werk, dann könnten wir auf einmal hören, daß die Magd eine Bäuerin
geworden ist.« -- Christine, des an sie ergangenen Antrages gedenkend,
wechselte die Farbe und sah den Vetter scharf an; aber dieser hielt
aus und verrieth seine Kenntniß der Sache mit keinem Zug. Das Mädchen
entgegnete mit Ernst: »Ich trachte nicht so hoch hinaus; ich begnüge
mich mit dem, was ich bin, und bleib' im ledigen Stand.« Eine sanfte
Heiterkeit verbreitete sich über ihr Gesicht mit einem Hauch von Trauer
gemischt, der sich indeß im Ausdruck wahrer Theilnahme verlor. Sie
sagte: »Aber von dir hört man jetzt, daß du an's Heirathen denkst. Nun,
wundern wird sich niemand darüber. Du weißt ja, wie oft ich dir selbst
früher zugeredet hab'.« Und plötzlich erröthend rief sie: »Am End hast
du schon eine? und willst mich zur Hochzeitmagd?« -- »Eins ist wahr,«
erwiederte Hans, »heirathen will ich.«

Das Mädchen erschrak bei diesen Worten, ihr Gesicht wurde blaß und
im Augenblick darauf purpurroth. Aber nun war es zu Ende mit der
Zurückhaltung des Burschen. Wie er die Zeichen der Liebe an dem
Mädchen erblickte, die er sich erkoren hatte, als sie fast noch im
Kindesalter stand, wie er das Bild, das ihn im Spiegel der Seele
entzückt hatte, mit Augen schaute, da schlug die Flamme seiner
Leidenschaft durch, und mit jenem Blick unendlicher Liebe, den er
früher nur verstohlen auf sie zu richten gewagt hatte, sah er ihr
muthig und gerade in die Augen. Und sie verstand ihn -- mit der
Schnelle des Blitzes erleuchtete sie die Erkenntniß, daß er alles
wisse, und erschüttert und beseligt stand sie vor ihm. Hans ergriff
ihre Hand und sagte im herzlichsten Ton: »Ja, Christine, heirathen will
ich: aber ich brauch' keine Hochzeitsmagd, sondern eine Hochzeiterin!«
Und als sie bei diesen Worten zuckte, als ob sie sich ihm entziehen
wollte, rief er: »Laß mir die Hand! -- Die Base hat mir alles gesagt.
Ich bin heraufgekommen, um dich zu fragen, ob du mein Weib werden
willst -- und nun red' und sag' es!«

Das Herz des Mädchens drehte sich im Busen um vor Wonne; aber noch
wagte sie nicht, das ihr vom Himmel gefallene allzugroße Glück
anzunehmen und sie rief: »Wie! -- mich, die so gegen dich gehandelt
hat -- mich willst du zum Weib?« -- »Still!« entgegnete Hans mit
einer Bewegung, als ob er ihr den Mund zuhalten wollte; »das ist
vorbei und vergessen, und nun thu' dir nicht selber Unrecht. Ich
kenne kein Mädchen in der ganzen Welt, die ich für besser und für
rechtschaffener halte und die ich höher schätze, als dich.« -- Nach
dieser Ehrenerklärung, welche die Liebeserklärung diesmal ergänzte und
sanctionirte, sah das Mädchen mit dem rührendsten Blick der Liebe und
des Dankes auf ihn. »Ja,« rief sie mit Thränen in den Augen, »du bist
eben immer der beste der Menschen! Wie viel hab' ich erfahren, wie viel
hab' ich leiden müssen, um das einzusehen.« Und während die Thränen
über ihre Wangen rollten, vergaß sie alles und fiel im Drang ihres
Herzens dem Guten und Treuen um den Hals und küßte ihn und weinte an
seinem Gesicht.

Sie hatten Glück, die Glücklichen. Kein Wesen sah diesen Vorgang, der
am hellen Tag und unter freiem Himmel auf dem Dorf höchst ungewöhnlich
ist, ein einziges paar Schwalben ausgenommen, die auf dem Stadeldache
saßen und die Flügel streckend neugierig herunterzulugen schienen.

Aber nicht lange mehr sollten sie ungestört bleiben. Indem der
Erschütterung auf beiden Gesichtern innige Heiterkeit folgte und das
Mädchen ihre Thränen mit der Sonntagsschürze trocknete, vernahmen sie
von der Gartenthür her plötzlich den Ruf: »Aber was Kreuzblitz ist
denn das?« -- Sie sahen hin, in höchst eigener Person und in voller
Autorität des Richters kam der Holzbauer auf sie zu. »So?« rief er
zu Christine, »die Bäuerin wartet auf dich und du unterhältst dich
mit einem -- wer ist der Bursch da?« -- Hans trat mit festem Schritt
vor den Gefürchteten hin und sagte: »Mein Nam' ist Hans Burger.« --
Der Bauer betrachtete ihn und rief sich erinnernd: »Ah so, du bist
~der~!« -- »Ja,« sagte Hans, »und die Christine hier ist mein
Bäschen, und seit einigen Minuten -- meine Hochzeiterin.«

Der Holzbauer stand überrascht und sah ihn groß an. Er war zu
gescheidt, um nicht einzusehen, daß seine Autorität jetzt ein
Ende hatte; so schnell indeß konnte er das nicht einräumen. »Das
Donnerwetter,« polterte er mit einer eigenen Mischung von wirklichem
Unwillen und gespieltem Zorn, »was ist denn aber das für eine Art?
Du kommst so mir nichts dir nichts her zu mir und heirathest mir
meine Magd weg? Da soll ja doch gleich« -- Hans, von diesem Spaß des
Holzbauern ergötzt, entgegnete: »Ja, da kann ich nicht helfen, das
Heirathen geht Allem vor.« -- »Hol's der Teufel!« brummte der Bauer.
»Die bösen Weibsbilder laufen einem weg, und hat man eine, die ein
wenig ordentlich wäre, dann kommt so ein verfluchter Kerl und nimmt
sie einem zum Weib! -- Nun,« setzte er mit einem satyrischen Blick
hinzu, »und du willst's also wirklich riskiren? -- mit der Feinen?«
-- »Ja, Holzbauer,« versetzte Hans mit der Laune des Glücklichen.
»Nachdem sie ein halbes Jahr bei Euch gedient hat, mein' ich, kann
ich's riskiren.« -- Der Bauer, der heute einen Sonntagshumor hatte und
von Natur Spaß verstand, lachte. »Ja, ja,« sagte er dann, »hast auch
Recht -- jetzt kannst du's. Ich hab' sie dir gezogen und du kannst
dich bei mir bedanken.« -- Indem er seine Zornanfälle auf diese Art
sich als Tugend anrechnete, konnten die beiden Liebenden nur mit Mühe
den Ausdruck ihres Vergnügens zurückhalten. Hans nahm sich indessen
zusammen und sagte: »Ich dank' Euch auch, Holzbauer, von Herzen.« --
»Und ich desgleichen,« setzte Christine hinzu, »bei Euch hab' ich
grade gelernt, was mir fehlte, und ohne Euch wär' ich meiner Lebtag
nicht glücklich geworden.«

Der Holzbauer, wie alle Großen, war darum, weil er Schmeichelworte
als etwas ihm Zukommendes betrachtete, für ihre Süßigkeit keineswegs
unempfindlich. »Freut mich,« erwiederte er, »daß ihr das einseht.« Und
in dem Gefühl seiner unleugbaren Güte setzte er hinzu: »Da sagt man
immer, ich sei bös und schimpfe die Leute. Dummköpfe, Ochsen, alberne
Weibsbilder sind's, die so was sagen. Ich schimpfen! Einfältiges
Lumpenpack verfluchtes! -- Ich verlang' was recht ist, und wenn etwas
Dummes geschieht, laß' ich's nicht durchgehen; und so muß man's auch
machen, sonst wird nie etwas aus den Leuten. Da hat man nun das
Beispiel! -- Und's freut mich doch, daß ihr das einseht und daß man
auch einmal seinen Dank bekommt in der Welt.« Im vollen Genusse des
Selbstgefühls hielt er ein bischen inne, ließ seinen Blick auf dem
Mädchen ruhen und sagte dann zu Hans: »Noch ein Jährle, wenn ich sie
hätt' -- dann solltest du sehen!« -- »Nein, nein,« versetzte Hans
lachend, »man muß nicht zu viel verlangen. Von jetzt an will ich sie
schon selber ziehen.« -- Der Bauer sah ihn an, wie etwa ein Kaiser
einen jungen Grafen ansieht, der sich auch fühlen zu können glaubt.
Durch seinen guten Leumund, der auch zu ihm gedrungen war, schon für
ihn eingenommen, fühlte er sich von seinem Wesen angesprochen und
sagte daher mit der Miene huldvoller Approbation: »Nun, die Postur
hast du dazu.« -- Hans bemerkte: »Vor der Hand, nämlich bis wir uns
zusammengeben lassen, bleibt die Christine ohnehin noch bei euch,
wenn Ihr nichts dagegen habt. Heute freilich möcht ich bitten, daß
Ihr sie mit mir zu ihrer Mutter fahren lasset.« -- »Alles was Recht
ist,« versetzte der Bauer mit Würde. Und mit der Freundlichkeit, deren
sein Gesicht überhaupt fähig war, fügte er hinzu: »Seid vergnügt mit
einander und macht bald Hochzeit und ladet mich auch darauf. Ich komm',
ich versprech's euch, und wär's nur, um die dummen Weiber zu ärgern.
Dann sollen sie mir nochmal sagen, keine Magd könnt's aushalten bei
mir und jede käm' in Unfrieden von mir weg! -- Aber Sapperment!« rief
er, sich plötzlich unterbrechend, »jetzt müssen wir in die Küche!«
Und zu Christine gewandt, setzte er hinzu: »Klaub das Zeug da zusammen
und schneid' noch ein wenig ab. Ich will indeß zur Bäuerin gehen und
dich entschuldigen; denn die könnt' am End' nicht so Spaß verstehen wie
ich!« Und in einer Laune, wie man ihn seit langer Zeit nicht gesehen,
schritt er hinweg.

Als das Mädchen zur Bäuerin kam, erhielt sie für die Scheltworte, die
sie sonst zu erwarten hatte, einen freundlichen Glückwunsch.

Eine halbe Stunde später trat unser Paar in die Stube der Hubel, die
natürlich augenblicklich wußte, woran sie war. Christine rief: »Ihr
habt nicht Wort gehalten -- Ihr habt mich verrathen!« -- »Sei still,
du dummes Ding,« entgegnete die Base. »Wo wärt Ihr jetzt, wenn ich das
Maul nicht aufgethan hätt'?« -- »Ihr habt Recht gehabt,« erwiederte die
Glückliche und drückte ihr die Hand. Hans sah die Base heiter an und
sagte dankbar: »Mir habt Ihr Wort gehalten.« -- Die Hubel versetzte
würdig: »Wo ich reden muß, da red' ich, und wo das Schweigen nothwendig
ist, da kann ich auch schweigen.«

Man giebt mir zu, daß ich im Verlauf dieser Erzählung den Leser nicht
mit der bekannten Versicherung behelligt habe, dieses oder jenes könne
nicht geschildert werden, der Autor müsse die Ohnmacht der Darstellung
bekennen, müsse es der Einbildungskraft der Leser überlassen, sich die
Dinge auszumalen u. s. w. Eigentlich ist ja doch alles zu schildern,
was lebt und sich offenbart und angeschaut werden kann, und jene
Versicherung bedeutet darum auch in der Regel nur so viel als: ich bin
nicht im Stande meine Schuldigkeit zu thun. -- Zuweilen dürfte der
Autor aber doch befugt sein, an die Phantasie des Lesers zu appelliren
-- der Kürze halber. Ich möchte darum jetzt die Freunde unseres Paares
ersuchen, sich vorzustellen, mit welchen Gefühlen sie, nachdem sie im
Wirthshaus die von Hans bestellte Mahlzeit eingenommen hatten, auf
dem Wägelchen der Heimath zufuhren. -- Es giebt Momente, wo sich eine
solche Fülle von Glück zusammendrängt, daß wir ein ganzes Leben voll
Schmerzen dadurch aufgewogen sehen, Momente, wo in überschwänglicher
Liebe zu Gott und zu der Welt der letzte Hauch von Leid, der letzte
Hauch von Schuld hinweggetilgt, in Seligkeit verschlungen ist.

Im Schwunge der Freude geberdet sich der natürliche Mensch frisch und
lustig. In's Dorf einlenkend knallte unser zum Hochzeiter gediehene
Freund, daß es eine Art hatte, und ließ das wohlgefütterte Roß traben,
daß die Leute ihnen nur nachsehen und ein paar am Wege stehende Freunde
nur die einfachsten Laute des Staunens ausrufen konnten. -- Der Gute
eilte der Mutter zu, die trotz alledem und alledem nun auch wieder
einmal eine Freude haben sollte.

Als er am Fenster des Hauses vorbei fuhr, erkannte die Glauning nur
ihn, der Kopf der Christine war verdeckt. Der Wagen rollte in den Hof.
»Da haben wir's!« rief die Wittwe, in's Herz getroffen; »nun bringt
er sie mir gar in's Haus.« Allein es galt ihre Ehre, sie drückte die
Betrübniß in's Innerste ihres Herzens zurück und hatte eine würdig
freundliche Miene zu Stande gebracht, als sie zur Begrüßung heraustrat.
»Da ist nun die Hochzeiterin,« rief Hans, »das heißt, wenn Ihr nichts
dagegen habt!« Die Mutter, Christine erkennend, stieß einen Schrei aus
und fing das vom Wagen steigende Kind in ihren Armen auf. »Gott sei
Dank!« rief sie, und Thränen der Freude stürzten aus ihren Augen.

Bei dem besten Kaffee, den man jemals in diesem Hause trank, wurde
die Mutter in das Geheimniß der letzten Vorgänge eingeweiht. Wenn ein
moralisch ästhetischer Knauser vielleicht denken sollte, die Wittwe
hätte das Glück, solche Kinder zu besitzen, eigentlich nicht verdient,
so beschämen wir ihn mit der Thatsache, daß sie bei Erwähnung der
abschlägigen Antwort, die Christine dem reichen Bauernsohn gegeben, nur
ein Augenblickchen eine curiose Empfindung hatte, sich aber durchaus
nichts ansehen ließ und aufrichtigst ihren Dank gegen Gott wiederholte
für den glücklichen Ausgang, und den Kindern gerührt ihren Segen gab.

Im Dorfe freilich wurde über Hans zunächst gar manches Näschen und
manches Mäulchen gerümpft, wovon eigentlich nicht jedes die zierliche
Benennung verdiente. In Kurzem war aber auch hier von dem wahren
Sachverhalt Einiges durchgesickert, wir wollen ununtersucht lassen,
durch wessen Vermittlung. Ein Name zwar wurde nicht genannt, bald
aber sagte eines dem andern: die Christine hätte gar einen Reichen
und Großen haben können, wenn sie gewollt hätte, aber sie hat ihn
ausgeschlagen, weil ihr der Hans lieber ist als Alle. Man begriff
endlich das Paar, und an die Stelle der Kritik, die nicht mehr
sachgemäß war, trat allgemein freundliche und achtungsvolle Theilnahme.

Hans hatte die Braut an jenem Sonntag wieder zum Holzbauern
zurückgeführt. Hier, wo sie nun mit auffallender Rücksicht behandelt
wurde, schrieb sie an die gute Base Kahl und meldete ihr Glück und den
wunderbaren Weg dazu, und ließ an alle ihre Bekannten in der Stadt, an
den Herrn Vetter, an Mamsell Adelheid und Susanne die schönsten Grüße
ausrichten. Nach einer Woche lief die Antwort ein. Die Schreiberin
freute sich unendlich, daß ihre Prophezeihung so schnell eingetroffen
sei, und konnte die Theilnahme der Bekannten nicht warm und lebhaft
genug schildern; ihr sei's gewesen, als ob eine Tochter, der Adelheid
und Susanne, als ob eine Schwester das Glück gehabt hätte. Jetzt könne
sie übrigens ihrem lieben Bäschen auch melden, was sie bisher sich
nicht zu schreiben getraut, daß Herr Forstner schon seit drei Wochen
mit der Wilhelmine verheirathet sei. Diesen könne sie aber, nach Allem
was sie höre, keinen glücklichen Ehestand prophezeihen. Die Wilhelmine
habe ihren jetzigen Mann schon ganz unter dem Pantoffel; außerdem sei
sie eifersüchtig und hüte ihn wie ein Drache. Wenn das schon in der
ersten Zeit geschehe, was würde der Mann erst später zu erdulden haben!
Im Uebrigen müsse sie sagen, was wahr sei: vorgestern habe in der
»Erheiterung« ein Concert stattgefunden und Herr Forstner habe auf der
Violine gespielt, daß Alles Bravo gerufen und Beifall geklatscht habe.

Bei dem letzten Satz lächelte Christine; es schien, als ob sie sich
nicht unglücklich fühle, daß ihr künftiger Mann dieser Qualität
entbehrte. Die Vorhersagung eines unglücklichen Ehestandes anlangend,
dachte sie: die Base wird wohl übertrieben haben und meint mir
vielleicht einen Gefallen damit zu thun; aber da kennt sie mich
schlecht. Ich habe nicht das Geringste gegen diese Leute und gönne
ihnen von Herzen alles Glück, das sie sich verschaffen können.

Aus der Zeit ihres Dienstes beim Holzbauer haben wir nur noch weniges
zu berichten. Eines Abends, als sie eben vom Felde heimging, begegnete
ihr vor dem Dorf jener Alte, der ihr die ehrenvolle Stelle einer
Söhnerin zugedacht hatte. Dem Mädchen klopfte das Herz in Dank und
Achtung, und als sie ihm nahe kam, grüßte sie ihn mit einem Blick
der liebevollsten Erkenntlichkeit und -- Abbitte. Der Bauer lächelte
und sagte, indem er ihr freundlich wie einem Kinde zunickte: »Ich
gratulire, Christine!« Das vollendet heitere Aussehen des Alten
hatte, wie wir gestehen wollen, noch einen andern Grund als seine
Gutmüthigkeit. Christine war ersetzt. Der Hubel, der ihre Niederlage
gegenüber den guten Leuten keine Ruhe gelassen, war eine große That
gelungen; sie hatte für den Sohn eine ausgemittelt, ihm an Stand und
Vermögen völlig gleich und in jeder Hinsicht wundersam passend für
ihn, und die Unterhandlungen waren bereits dahin gediehen, daß der
Heirathstag in naher Aussicht stand. Christine erfuhr es etliche Tage
später, und diese Ausgleichung trug dazu bei, ihr die letzte Zeit bei
dem Holzbauern zu der angenehmsten zu machen.

Im Oktober lud Hans mit seinem Bruder, dem Schmied, und mit dem
jetzigen Dorflehrer Freunde und Bekannte im Ries herum zu seiner
Hochzeit ein. Er lernte den letzteren, den die Vereinigung der
Seminarbildung mit einem wackern, schlichten, zufriedenen Sinn für
eine Schulstelle auf dem Lande ganz besonders qualificirte, bei
dieser Gelegenheit näher kennen und freute sich, an ihm künftig einen
guten Freund zu haben und an der braven, muntern Frau desselben eine
richtige, nützliche Bekanntschaft für Christine.

Mit der Erwähnung der feierlichen Einladung haben wir schon gesagt,
daß die Hochzeit im Wirthshause gehalten wurde. So hatte es Hans
gewollt. Alle Welt sollte die Christine sehen im bräutlichen »Horbet,«
dem jungfräulichen Kopfputz: alle Welt sollte ihn an ihrer Seite
erblicken, stolz und glücklich. -- Es war eine große Hochzeit für
ein solches Brautpaar, die meisten Geladenen, die zugesagt hatten,
waren auch gekommen, und richtig befand sich unter ihnen auch der
Holzbauer. Derselbe trank sich nach und nach in eine ausnehmend gute
Laune hinein, die sich übrigens, bei gelegentlich an ihn gerichteten
Fragen, mehr in ergötzlichen als höflichen Antworten kundgab. Nachdem
er einige wirksame Trümpfe ausgespielt und namentlich auch seine Güte
und Verträglichkeit in so kräftigen Ausdrücken vertheidigt hatte, daß
ihm niemand zu widersprechen wagte, schöpfte die glückliche Christine
aus seinem vergnügten Aussehen den Muth, einem neckischen Verlangen
nachzugeben und den Wunsch laut werden zu lassen, er möchte doch auch
ein paar Reihen mit ihr tanzen. Der Hochzeiterin dies abzuschlagen,
ging nicht wohl an, und außerdem konnte er durch Erfüllung des Wunsches
am besten beweisen, wie gut man es bei ihm habe und wie vortrefflich
sie mit einander ausgekommen seien. Deshalb unterdrückte er die bereits
auf seiner Zunge befindliche Frage: ob sie toll geworden sei? führte
sie unter allgemeiner Aufmerksamkeit auf den Tanzboden und drehte sich
so stattlich herum, als es seine Leibesbeschaffenheit irgend zuließ.
Nach den schicklichen drei Reihen wollte er aufhören; Christine, der
es Vergnügen machte, den »Wilden« so zahm an der Hand zu haben, bat
ihn noch um einen. Aber nun war seine Geduld zu Ende. »Geh zum -- es
geht nicht, Mädle! -- Jungfer Braut, wollt' ich sagen!« -- Hans, der
heiter zugeschaut hatte, nahm ihm die Tänzerin ab, und statt ihrer trat
die Mutter zu ihm und rühmte ihn, wie »feindle« (feindlich) schön er's
noch könne und was für eine »grausame Ehr'« er ihnen angethan habe, daß
er auf die Hochzeit gekommen sei. Zufrieden setzte er sich zur Kanne,
und während er auf den Tanzlorbeeren ruhte, sammelte er sich neue als
Zecher und Redner.

Das Fest ging seinen fröhlichen Gang, der Abend kam heran. Die
Ehrentänze, die bei solchen Gelegenheiten für das Brautpaar eine
Pflicht der Höflichkeit werden können, waren getanzt, der Hochzeiter
und die Hochzeiterin setzten sich an den »Bräuteltisch,« an welchem
sich dermalen nur die Mutter befand. Die Gäste waren zum größten Theil
auf dem Tanzboden, wo der junge, lustige Hochzeitknecht berufsmäßig
eine nach der andern in den Reihen geführt hatte und sich eben nach
geheim erhaltenem Auftrag mit der Base Hubel herumdrehte, zum Lohn für
ihre Verdienste. In der Stube waren nur zwei entferntere Tische mit
Zechenden besetzt, die in lebhaften Diskurs gerathen waren und nur
Aug' und Ohr für sich selber hatten. Gewissermaßen allein gelassen und
von der Festesfreude schon etwas ermüdet, saßen unsere drei Personen
stille da und gaben sich ihren Gedanken hin. Die Musik draußen störte
sie nicht, die bekannten Töne klangen freundlich in ihre Vorstellungen
ein. Das Vergnügen, das Nachmittags hell auf ihren Gesichtern
geleuchtet hatte, nahm nach und nach einen ernsteren Charakter an und
ihre Mienen wurden feierlich, fast so wie sie in der Kirche gewesen.
-- Die Mutter sah zuerst aus ihren Träumen empor; sie ließ ihren Blick
liebevoll auf den Beiden ruhen, die so ganz und gar zusammengehörig
ihr gegenüber saßen, und sagte dann bedeutsam: »Wie lang hat's dazu
gebraucht! Es ist doch wahrlich gerade, als ob's früher nicht hätte
sein sollen!« -- Hans erwiederte auf diesen unwillkürlichen Ausruf in
dem milden Tone, wie er tieferen Menschen in ernster Empfindung eigen
ist: »Es hat auch wirklich nicht sein sollen, Schwieger! In der Welt
ist's nicht jedesmal gut, wenn man ohne weiteres bekommt, was man gern
möchte: man muß zum rechten Glück erst fertig gemacht werden. Ich hab'
die Christine besser bekommen, als es früher möglich gewesen ist, und
sie mich. Glücklich wären wir auch früher mit einander geworden, aber
wir hätten nicht gewußt, was wir aneinander haben, und jetzt wissen
wir's.« Christine sah ihn bei diesen Worten mit feucht glänzenden Augen
an und drückte ihm zärtlich die Hand.


Fußnoten:

[1] No, nocht, nochta = nachher, dann.

[2] Ursprünglich Heiligenbilder, dann Bilder überhaupt bis zum farbigen
Papier herab.




                         Ende gut, Alles gut.




                       Der Michel und die Gret.

Wenn der Rieser nicht gerade zu der größten und stärksten Menschenart
im deutschen Vaterlande gehört, so wird man ihm das Prädikat
»wohlgewachsen« nicht versagen können. Begreiflicherweise gibt es
in dem volkreichen Gau allerhand, kleine und große, »wie's der Hirt
zum Thor naustreibt«; in der Regel begegnen wir aber doch schlanken
Personen von guter Mittelgröße und darüber. Enakssöhne -- Bursche, die
eine Verbindung von Größe, Schulterbreite und Gliederstärke zeigen,
die wir mit Staunen betrachten -- sind selten und kommen in andern
deutschen Gauen häufiger vor; zuweilen gelingt aber auch im Ries ein
solches Erzeugniß, und es wächst, sofern der Geist mit dem Körper
nicht geradezu in Widerspruch steht, eine Person heran, die sich in
ihrer Umgebung eines besondern Respekts zu erfreuen hat. Wenn so einer
freilich keinen Verstand, keine Würde und am Ende gar auch keine
»Schneid« hat, dann hilft ihm sein Körperbau nichts; man belegt ihn
mit den despectirlichen Namen eines »Drieschlags,« eines »unklamperen
Kerls,« verspottet und hänselt ihn. Sind ihm aber jene Eigenschaften,
namentlich die letzte, in merklichem Grade verliehen, dann ist er in
seiner Art eine Macht; man fürchtet ihn und schmeichelt ihm.

Zu den leiblich außerordentlichen Erscheinungen im Ries gehörte auch
der Held der Erzählung, womit wir dießmal die Leser zu unterhalten
gedenken. Wir sagen mit Bedacht: der Held. Denn obwohl unsre Geschichte
keineswegs eine Reihe von Thaten vorführen wird, bei welchen die
Stärke des Armes die Hauptrolle spielt, so hoffen wir jene, für
einen Bauernburschen sonst nicht wohl passende Bezeichnung doch zu
rechtfertigen.

Michel Schwab wurde im ersten Zehntel unsres Jahrhunderts geboren.
Der Vater, ein wohlhabender Söldner und auch schon ein ungewöhnlich
großer und gliederstarker Mann, erlag einer hitzigen Krankheit in
seinen besten Jahren. Die Wittwe, die gut mit ihm gehaust hatte und den
zehnjährigen Sohn über alles liebte, beschloß nicht mehr zu heirathen,
damit ihr Einziger das ganze »Sach« bekäme, wie es der Vater gehabt
hatte. Sie war selbst eine stattliche Frau, froher Gemüthsart und
regierte gern -- ein Grund mehr, um als ehrsame Wittib fortzuleben und
die erste Person im Hause zu spielen, bis sie die Herrschaft an den
Sohn abtreten mußte.

Michel wuchs heran -- die Augenweide und der Stolz der Mutter. In der
Schule zeichnete er sich nicht besonders aus; sein Verstand war etwas
langsam zum Begreifen, sein Gedächtniß zum Behalten von Sachen, deren
Nutzen ihm zweifelhaft erschien, nicht sehr bereitwillig, und Ehrgeiz,
der ihn hätte stacheln können, besaß er nicht. Er lernte nur, was
nicht zu umgehen war, ging lieber auf's Feld als in die Schulstube,
und empfand eine dunkle Sehnsucht nach der Zeit, wo er gar nicht mehr
hineinmußte, außer an Sonntagen. Um so besser gedieh sein Körper. Er
war offenbar der stärkste von den Buben seines Alters; die Mutter hielt
ihn überdieß für den schönsten und war nach dörflichen Begriffen wohl
dazu berechtigt. Auf dem Dorf ist es vorzugsweise die derbe, robuste
Schönheit, die eine ungemischte Bewunderung erweckt. Der Bauer hat
auch ein Auge für zarte, feine Schönheit; aber wenn ein Kind mit einer
solchen von ihm Lob erhält, so wird doch aus seinem Ton zugleich ein
gewisses Mitleid herauszuhören sein, zumal wenn es ein Bube ist. Kennt
er die Eltern gut, so erlaubt er sich in diesem Fall hinzuzusetzen: »a
bisle kräftenger könnt' 'r freile sei'! No, 's kommt vielleicht no'
(noch)!« Im Stillen denkt er aber: »Schad für des Büeble, daß er gar
so elend ist!« Bei dem hübschen Jungen dagegen, der zugleich rothe
Backen und tüchtige Gliedmaßen aufweist, geht die Gratulation durchaus
von Herzen und das Lob wird mit den Zeichen der Achtung ausgesprochen.
»Kott's Blitz,« ruft hier der Freund, während seine Augen im Glanze des
Wohlgefallens blinken, -- »des ist a Kerl! Des gibt a Mannsbild! Des
weara't a' baar (paar) Aerm' zum Garba' naufgeba'!« Und er lächelt
dabei mit Würde und nickt den Eltern seine volle Anerkennung zu.

In solcher Art wurde der junge Michel gerühmt, namentlich von Gästen
aus andern Dörfern, die ihn längere Zeit nicht gesehen hatten, und
am lebhaftesten von Weibern. So eine sagte wohl im Doppeleifer der
Höflichkeit und der wirklichen Empfindung zu der Mutter: »Aber wie uir
(euer) Michel widder g'wachsa'n ist! Doh muße me nor so aufwondera'
(aufwundern)! Und a Boschdur (Positur) und a G'sicht hot er grad wie
sei' Vader! Wie ra'grissa' (herabgerissen, d. h. vom Vater)! Und die
roth' Backa', die er hot! Und die schöa' brau' Oga'! Doh müsset 'r aber
doch a rechta' Fräd (Freud) haba' mit so'm Buaba' -- net wohr, Bas?«
-- u. s. w. -- Die Mutter suchte derartiges Lob, wie es der Brauch
verlangte, wieder zu dämpfen, indem sie einwarf, daß in dem Alter
alle Buben rothe Backen hätten, wenn ihnen grad nichts abginge, oder
in Bezug auf besseres Lernen in der Schule und Angewöhnung besserer
Manieren klagend ihre Wünsche aussprach. Aber solche Einwendungen
erfuhren natürlich die gehörige Widerlegung; und wer konnte es der
Glücklichen nun verdenken, wenn sie, den schönen Versicherungen in
ihrem Innern beistimmend, an ihrem Michel eine Art Wunderkind zu haben
glaubte?

Als das ersehnte Ziel erreicht und der Bursche »in die Zahl der
Erwachsenen aufgenommen war,« entwickelte er sich indeß mehr nach
seinen natürlichen Anlagen, als nach den Gesamtwünschen der Mutter; und
die gute Frau mußte ihrerseits erfahren, daß es nichts Vollkommenes
gebe unterm Monde!

Zum Theil zwar erfüllte der junge Michel nicht nur ihre Erwartungen
-- er übertraf sie. Er wurde größer als sein Vater und ragte bald ein
andrer Saul über seine Altersgenossen hervor. Gestalteten sich die Züge
verhältnißmäßig derb, so waren sie doch regelmäßig. Die bräunlich rothe
Gesichtsfarbe paßte zu den Formen, die dunkeln Augen und das dunkle
Haar waren untadelich, und mit alledem konnte ihn die Mutter immer
noch für den Schönsten im Dorf halten, wenn auch minder befangne Augen
einigen andern Burschen den Vorzug geben mußten.

Das Bauernhandwerk lernte er gern und gut. Die Mutter hatte
zur Besorgung der Feldarbeiten ihres Vaters Bruder, einen alten
Bauernknecht, ins Haus genommen. Dieser weihte den Burschen nach und
nach in alle Künste der Landwirthschaft ein, und der Zögling machte
sie sich ein wenig langsam, aber gründlich zu eigen. Er gewöhnte sich
eine stetige Art zu schaffen an, die ohne Uebereilung auch zum Ziele
kommt. Falls es aber gerade sein mußte -- z. B. in der Erntezeit, wenn
man vor dem drohenden Regen noch schnell ein Fuder hereinbringen wollte
-- da konnte er auch arbeiten »wie ein Roß!« Durch den trunkenen Eifer
beflügelt, den im ächten Landmann die Nothwendigkeit aufzuregen pflegt,
leisteten die gewaltigen Gliedmaßen Staunenswerthes; und wenn zufällig
ein alter Bauer vorüberging, konnte er sich überzeugen, daß die jetzige
Zeit doch auch noch Mannsbilder aufzuweisen habe und die tüchtigen
Leute im Ries nicht aussterben würden!

Unter den ledigen Burschen im Dorf erwarb sich Michel eine
außergewöhnliche Stellung. Schon als Bube hatte er im »Moestern«
(Meistern), d. h. im Ringkampf, nicht nur seine Mitschüler, sondern
auch ältere Bursche bezwungen und die Kniffe, womit die Schlaueren
über ihn Herr zu werden suchten, durch überlegene Kraft wett gemacht.
Er hatte verschiedene unverschämte Kerle in die Grenzen des Anstandes
zurückgeprügelt, und die Partei, die ihn bei Schläghändeln auf ihre
Seite bekam, durfte sich für geborgen halten. Wie er als Lediger
zuletzt »auf die Gass' ging,« glaubten ihn zwei ältere Bursche,
die bis dahin für die Stärksten gegolten, »für'n Narren halten«
und vornehm behandeln zu können. Das »Geträtze« reifte zu einem
nächtlichen Kampf, und dieser verlieh jedem die Ueberzeugung, daß die
Gefürchteten ihren Meister gefunden hatten. Michel, von einem Kameraden
secundirt, schickte die Gegner jämmerlich zerdroschen heim! -- Von da
an ließ man ihn nicht nur in Ruhe, sondern wich ihm bescheiden aus
und behandelte ihn mit Rücksicht. Er kam nicht mehr in den Fall, die
Stärke seines Armes geltend zu machen, außer wenn er sich bei einer
entstandenen Prügelei bewogen sah, »auszuwehren,« d. i. thatsächlich
Ruhe herzustellen. Die Veranlassung dazu bot sich ihm nicht oft, aber
vor etwa dreißig Jahren doch öfter, als es jetzt sein könnte, wo der
kriegerische Geist der Rieser Bauernburschen durch die fortschreitende
Bildung und die Gendarmerie auffallend zurückgedrängt ist. Bei solchen
Gelegenheiten pflegte Michel die Bursche, die sich ihm nicht fügten und
immer wieder angriffen, mehr als just nöthig war zu puffen und dadurch
den Glauben an seine Ueberlegenheit so aufzufrischen, daß zuletzt das
ganze Dorf davon durchdrungen war.

In der angenehmen, behaglichen Stellung, die sich unser Mann
erobert, bildete sich folgerichtig ein eigenthümlicher Geist in ihm
aus. Obwohl von Natur nicht anmaßend, gewöhnte er sich doch einen
kurzen, befehlenden Ton an, weil ihm nach seinem Gefühl kein anderer
zustand. Er saß beim Bier unter seinen Kameraden in der Regel mit
schweigsamer Würde, ließ sich unterhalten, belohnte den Spaß, der einem
»Narra'sager« gelungen war, mit beifälligem Lachen, und spielte nur hie
und da selbst einen Trumpf aus, der dann gerade nicht der feinste zu
sein brauchte, um günstig aufgenommen zu werden. Wenn aber ein Streit
entstand über Dinge, die er zu verstehen glaubte, so pflegte er zu
entscheiden. Auch andern Disputen machte er zum öftern ein Ende, nicht
durch ein siegreiches Argument, sondern durch die einfache, kräftig
betonte Erklärung, daß man »d's Maul halten« solle! -- Er war kein
Liebhaber von vielen Worten, unser Michel -- selbst nicht, wenn Andere
sie machten; und wenn seiner Ansprüche im Umgang immer wenige blieben,
so wollte er diese doch auch befriedigt sehen. Dank sei es dem Namen,
den er sich erworben -- unter seinen Kameraden setzte er seine Wünsche
durch!

Das wäre Alles gut und schön gewesen, und eine Mutter hätte Ursache
gehabt, mit so einem Buben zufrieden zu sein; aber das Bild hatte seine
Kehrseite. -- Michel nahm keine Manier an! Er konnte sich nicht abgeben
mit Vettern und Basen, wie die Schwabin es wünschte -- er lernte
keine Höflichkeit! -- Schon als kleiner Junge, wenn ihn die Mutter in
die Stube rief, um ihn einem besonders werthen Besuch vorzustellen,
pflegte er ein »wildes« Gesicht zu machen, auf die gewöhnlichen Fragen,
halb verlegen, halb trotzig, kurze, zum Theil verkehrte Antworten
hervorzustoßen und sobald als möglich das Weite zu suchen. Dem Knaben
wurde das verziehen, weil man doch sah, daß er's eigentlich so bös
nicht meinte, und auch die etwas beschämte Wittwe konnte über irgend
eine komisch-alberne Antwort achselzuckend mitlächeln. Als er aber
heranwuchs und seine Sache immer noch nicht besser machte, wurde sie
höchst verdrießlich.

Der Bauer hat keine Zeit, die Unterhaltung als Kunst zu betreiben,
und Gesellschaften im städtischen Sinn giebt es auf dem Dorfe nicht.
Allein man empfängt doch Besuche und macht welche, es giebt fröhliche
Zusammenkünfte, und dem jungen Burschen fehlt es keineswegs an
Gelegenheit, sein Licht leuchten zu lassen, wenn er eines hat, oder
sich wenigstens in herkömmlicher Weise schicklich zu benehmen. -- Bei
Michel waren dem Erlernen auch solchen Benehmens zwei Eigenschaften
hinderlich, die sich in ihrem Bunde unüberwindlich zeigten: Ehrlichkeit
und -- Faulheit. Seiner geraden Seele widerstrebte es, Dinge zu
bewundern, die er nicht besonders, ja nicht einmal gewöhnlich gut
fand; und in den Eifer, wo einem derartige Versicherungen allenfalls
vom Munde gehen, sich hineinzureden, war ihm unmöglich; denn dazu
hätte es einer Anstrengung bedurft, die ihm schon beim bloßen Gedanken
abschreckend vorkam! So blieb es in der Regel bei einem schweigsamen
Gesicht -- einem »Hm,« »Ja,« »Jo« (ja doch), »Freile« und andern
lakonischen Aeußerungen, womit sich Leute seines Gleichen aus der
Affaire ziehen. Bei ungelegenen Fragen kam noch das im Ries sehr
gebräuchliche »Bah« hinzu, das mit stark ablehnender, unter Umständen
verächtlicher Miene hingeworfen wurde. Es war in der That unmöglich, in
einer unvermeidlich gewordenen Unterhaltung sich kürzer auszudrücken
als unser Michel, zum großen Leidwesen seiner Mutter, die ihn gern auch
im Diskurs, wo nicht musterhaft, doch löblich gesehen hätte. Manchmal
blieb es aber nicht dabei -- manchmal, wenn man seine Ehrlichkeit
allzustark reizte, platzte er direkt mit der Wahrheit heraus und beging
damit eine Unschicklichkeit, bei der es der Mutter grün und gelb vor
den Augen wurde. Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, die grobe Rede
zu vertuschen; wenn es aber nicht gelang und die beleidigte Person
sichtlich böse dastand, dann übernahm sie die Rache selber, indem sie
den Schuldigen für einen einfältigen Schwätzer erklärte, der nichts
verstehe und ein Esel bleiben werde »all sein Lebtag!«

In der ersten Zeit folgte solchen Unterhaltungen in der Regel ein
Zwiegespräch, in welchem die Mutter dem Sohn in's Gewissen redete
und ihn mit dem Nachdruck der gerechten Entrüstung über seine Mängel
aufzuklären suchte. Als er sich einmal durch düstre Schweigsamkeit
und kurze Antworten ausgezeichnet hatte, begann die Alte: »Aber ietz
sag mer nor, Michel, wie isch (ist es) mögle, daß ma' se so benemma'
ka' vor da' Leuta'! Ka'st denn ietz net oh a weng reda', wie's der
Brauch ist, und a froendle's (freundliches) G'sicht macha'? Fällt
der denn gar nex ei', daß d'alleweil dohstost (dastehst), als ob d'r
d's Maul zuag'wachsa' wär'?« -- Michel, etwas unmuthig, fragte wie
er schon öfter gethan: »No, was soll i denn saga'?« -- Die Schwabin
kam in Eifer. »Was er saga' soll, frogt er me! -- Was ander Leut'
saget -- Badde (alberner Mensch)! Merkst denn gar net auf? Host denn
gar koe Hihra' (Hirn)?« -- Michel über diesen Ausdruck verdrießlich,
erwiederte: »I ka' des domm' G'säg (Gesage, Gerede) net leida'.« --
Aber nun wurde die Alte hitzig. »Wer sakt denn, daß d' a domm's G'säg
haba' sollst, o'verständenger Mensch? Ebbes G'scheidt's sollst reda',
daß ma'n a'n Unterhalteng hot und vergnügt ist! Gang weiter. A Kerl
so stark und so groaß wie a' Bohm (Baum), und hot net amol soviel
Versta'd wie a' Schuelbüable! An dir wear' e no' a rechta' Fräd (Freud)
verleba', daß Gott erbarm'!« u. s. w.

Kräftiger noch war die Rüge, wenn Michel seiner Ehrlichkeit freien Lauf
gelassen und die Wahrheit gesagt hatte, wo Höflichkeit an der Stelle
gewesen wäre. Nach dem ersten auffallenden Verstoß dieser Art kam es zu
folgender Scene.

~Mutter.~ No ha'et (heut) host widder a Dommheit g'macht! Du bist
doch der Dipplengst[3] em ganza' Doraf (Dorf)! Sakt ma'n oem so ebbes
en's G'sicht? Setzt ma' d'Leut so en Verlega'heit?

~Michel~ (trutzig). S'ist nor d'Wora't (Wahrheit) g'wesa', was e
g'sakt hab'!

~Mutter~ (bitter lachend). D'Wora't! O du o'sennenger (unsinniger)
Mensch! Sakt ma' d'Wora't, wann's o'gschickt rauskommt und d'Leut
verdrießt? -- Was weara'n ietz die von der denka'? Und was weara's von
d'r verzähla', wann's hoem (heim) kommet!

~Michel.~ Mei'twega' was went (was sie wollen)! I frog' nex
dernoch!

~Mutter.~ Oh rehcht (auch recht)! Du frogst nex dernoch, wamma'
de für'n Esel hält und dei' Mueter für a Weib, die de net zoga' hot?
Du wurscht a saubers Mannsbild weara'! Du wurscht schöa' durch d' Welt
komma'! -- Ietz möcht' i nor wissa, w'rom ih grad so gstroft ben und
so'n Narra' zum Soh' hab!

~Michel~ (ärgerlich). »No, ietz isch gmuag! -- -- A'n andersmol
du' es (thu ich es) nemmer!« --

Diese Zusage, die ihm das Verlangen nach dem Schluß erpreßt hatte,
konnte der gute Michel indessen nicht immer halten. Wenn er aber auch
in weitern Verstößen sich selbst übertraf -- wenn er, zum Sprechen
genöthigt, in seinem Widerwillen vollständig »aus dem Weg naus« redete
oder, durch sein eigenes Schweigen belästigt, in der Zerstreuung und
ohne Kenntniß des eben Gesprochenen eine Frage that, daß man ihn für
»meschucka'« (hebräisch: verrückt) hielt -- kurz wenn er auf dem
eingeschlagenen Wege consequent fortging, so hörten die Predigten der
Mutter doch nach und nach auf. Einmal wurde die wackre Frau müde, stets
dasselbe zu sagen für nichts und wider nichts. Dann regte sich, je mehr
er heranwuchs und Autorität unter den Dorfburschen erlangte, in Michel
ein Geist der Widersetzlichkeit, der sich das »Repermandiren« nicht
mehr gefallen lassen wollte. Die Schwabin beschränkte sich zunächst auf
einzelne kurze Bemerkungen, wie z. B.: »No, ha'et host widder a Schluap
(großes Maul) rahgh'ängt, des muß i saga'! Wann de nor em Spiegel
g'seha' hätt'st -- du hätt'st der gwiß selber g'falla'!« Oder: »Ha'et
host widder 'n Einfall g'hett (gehabt)! Wie d'nor drauf komma' bist!
A'n Anderer brächt's net raus, er därft' se Müa' geba'!« -- Aber Michel
wurde endlich auch dadurch verletzt und sagte einmal unmuthsvoll: »Ietz
laß me amol ganga'! I ben wie'n e ben, und durch dei' ewengs (ewiges)
G'schimpf wear' e net anderst! Weam e net g'fall, der soll derhoemt
(daheim) bleiba', oder -- -- i hätt' schier ebbes g'sakt!«

Die Mutter seufzte. Sie mußte einsehen, daß sie sich in einem Punkte
geirrt und ihr Sohn eben doch einen Fehler habe, und zwar einen großen,
den er vielleicht nie ablegen werde. Aber noch blieb ihr eine Hoffnung.
Michel war noch jung, es konnte noch werden. »Vielleicht got's 'm«,
dachte die Gute, »wies scho' manchem ganga'n ist! -- vielleicht wurd 'r
zoga', wann 'm a Mädle g'fällt!« -- Dieser Gedanke leuchtete ihr ein
und rief eine Art von Lächeln auf ihr Gesicht. Es gab manche im Dorf,
die ihr als Söhnerin nicht unlieb gewesen wäre. Wenn Michel an einer
seine Freud' hätte, sich »um sie herummachte« und sie zum Tanz führte,
dann müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ihm der Verstand nicht
kommen und das Maul nicht aufgehen sollte! -- Die gute Frau stellte
sich das so hübsch und natürlich vor, daß sie recht erheitert wurde und
auf diese Medizin das vollste Vertrauen setzte. Sie beschloß, ihn gehen
zu lassen und zu warten.

Michel wurde neunzehn, er wurde zwanzig Jahre alt -- und noch gefiel
ihm keine. Die Mutter schüttelte den Kopf. Nicht nur, daß er keiner den
Vorzug gab -- er machte sich aus den Mädchen überhaupt nichts. Er lief
ihnen nicht nur nicht nach, er wich ihnen aus oder that wenigstens, als
sähe er sie nicht. An Lustbarkeiten nahm er Theil, aber nur, um sich
zu Mannsbildern zu setzen, die ohne Schatz waren, wie er. Mit diesen
zechte, dampfte und diskutirte er in der schon beschriebenen Art und
ging endlich zufrieden nach Hause. Ein paarmal ließ er sich von einer
Nachbarin, die einige Jahre älter war als er und ihm gegenüber eine Art
von Erziehungstrieb spürte, zum Tanzen verleiten. Als aber nach dem
zweiten Versuch eine alte Base zu ihm sagte, er tanze, daß »dem Teufel
dran grause«, und er müsse es besser lernen, sonst wärs g'fehlt -- da
hatte dies nicht zur Folge, daß ers besser lernte, sondern ganz und gar
aufsteckte. -- Die Mutter wurde recht bedenklich, und an die Stelle der
Hoffnung trat das Mißvergnügen und die Sorge.

Auf dem Lande heirathet man verhältnißmäßig früh, und früh knüpfen sich
auch Liebesbündnisse. Zwei junge Leute, die sich gefallen, gedeihen
eben darum bald zum Liebespaar, weil sie auch bald zum Ehepaar gedeihen
können; und der Dorfgeschichten-Erzähler wird nicht leicht in den
Fall kommen, seine Leser für das Verhältniß eines Vierzigers mit einem
zwanzigjährigen Mädchen interessiren zu müssen, was der Novellist
der höhern Stände immer seltner wird umgehen können. Daß ein Sohn zu
spät oder zu wenig nach den Mädchen fragt, ist ein Unglück, welches
bäurischen Eltern selten begegnet. Oefter kommt es vor, daß einer in
jungen Jahren zuviel darnach fragt und dann natürlicherweise Folgen
sich ergeben, die den Eltern viel Verdruß machen können, in der Regel
aber auch wieder eine gute Ausgleichung finden. Vernünftige Eltern
wünschen niemals, daß ihr Sohn eine Liebschaft anfange, wenn er kaum
ein paar Jahre aus der Schule ist. Aber wenn ein Jahr ums andere
vergeht, wenn er in die Zwanzige eintritt und immer noch thut, als ob's
gar keine Mädchen auf der Welt gäbe, dann findet man das auf dem Lande
nicht natürlich.

Als Michel das zwanzigste Jahr hinter sich hatte, achtete es die
Schwabin für ihre Pflicht, ihm in dieser Beziehung Ermahnungen zu geben
-- freundliche, liebevolle Ermahnungen: sie wußte ja, daß andere bei
ihm nicht anschlugen! -- Bei Gelegenheit eines Tanzes forderte sie ihn
auf, ins Wirthshaus zu gehen und sich auch einmal ein Vergnügen zu
machen. Er habe ja die letzte Zeit her genug geschafft, und für Leute
seines Alters wären ja solche Gelegenheiten da. Michel antwortete, er
wolle sich schon ein Vergnügen machen. Die Mutter schüttelte den Kopf
und sagte: »I moe (meine) net, daß de widder he'setzst und rohchst
aus dei'm Pfeifa'kopf -- i moen, daß d'oh a Mädle nemmst und danzst
mit 'r, wie ander' jung Leut'.« -- Michel schwieg einen Moment, dann
sagte er: »du woescht (weißst), Mueter, d's Danza' frät me net.«
-- Hier konnte die Mutter ihre Ungeduld nicht bemeistern. »Kott's
Blitz, red net so! Fang's nor a', 's wurd de scho' fräa'!« -- Und in
freundlicherm Ton setzte sie hinzu: »Ha'et kommt dei' Bäsle von ** ins
Wirthshaus, a saubers Weibsbild -- ka' alle Arbet und hot ebbes! Des
wär' a Dänzere für di! Mach de lusteng mit 'r (ihr), nemm's mit in d'
Stub' nei' und loß 'r ebbes auftraga'. Kott's Kreuz nei', a Mensch, der
ins oenazwanzengst Johr got.« -- »Aber i ka' ja net danza«, entgegnete
Michel. »D'Leut lachet me aus.« -- »Wie wursch (wirst du's) denn
aber learna', wann's net probierst?« versetzte die Alte. »Learngeld
hommer (haben wir) alle geba' müssa' -- des verstot se. Aber die
Bäbe, die wurd de scho' regiera'; die brengt de rom -- doh ka'st de
drauf verlossa'. -- Komm, versprich mer's!« -- »Ach Gott«, erwiederte
der gute Bursche mit einer Miene, als ob er Arznei nehmen sollte --
»i due's recht o'geara'.« -- »Ietz verzürn' me net«, entgegnete die
Mutter, »oemol mueß sei',« -- »I hab' koe Gloech (Gleich, Gelenk)
derzue,« versetzte der noch immer Bedenkliche. -- »Dommheita'! du
host dei' grade Glieder! Und du ka'st ja doch bei der Arbet sprenga'
(springen, laufen) wann's sei' muß!« -- »Ja bei der Arbet!« erwiederte
Michel, als ob er hinzusetzen wollte: »das ist auch was ganz Anders!«
-- »Beim Danza' got's no' (noch) besser!« versicherte die Mutter; und
indem sie ihn schmeichelnd auf die Schulter klopfte, setzte sie hinzu:
»komm, sei brav, versuch's und due (thu) oh amol ebbes, was e (ich)
geara' hab'!« -- Der gute Michel verspürte bei diesen bittenden Worten
einige Rührung, und um der Sache ein Ende zu machen und loszukommen,
sagte er: »No, i will seha'!« -- »Also du willst?« rief die Mutter. --
»Ja, ja«, erwiederte Michel, »i will seha'!« --

Als er am andern Morgen in die Stube trat, fragte die Schwabin: »No,
wie hot's ganga'?« -- »Ganz guet«, versetzte Michel. -- »Bist z'recht
komma'?« -- »Des will i moena'«, erwiederte der Sohn mit Selbstgefühl.
-- »No«, sagte die Alte erheitert, »des hab' i ja g'wißt! -- Host
aber oh ebbes auftraga' lossa'?« -- »Des net.« -- »Wie, 'r Dänzere,
zu der ma' Froed (Freund) ist?« -- »Ja so«, versetzte Michel, »du
red'st vom Danza'?« -- »No, von was soll i denn reda'?« -- »Ja, lieba'
Mueter«, erwiederte der Sohn mit einer Art von Bedauern, »des muß i d'r
scho' saga': danzt hab' e net.« -- »Was? Aber du sakst ja --« »Ja«,
entgegnete der Enakssohn, »i hab denkt, du moest ebbes andersts. 'S hot
nämlich bald 'n kloena' Handel geba', und doh hab' e ausg'wehrt. Doh
ist so a kloener Grippel (Krüppel; bedeutet hier bloß die Kleinheit)
g'wesa', der gar koen Fried hot geba' wölla'. I hab' wärle Earnst
macha' müassa'! -- Aber ietzt«, setzte er mit Befriedigung hinzu,
»ietzt, hoff' i, wurd er oh an mi denka'!« -- Die Mutter, ärgerlich,
versetzte: »Aber des wurd doch net eweng daurt haba'? Später wurd's
doch oh no Zeit geba' haba' zum Danza'?« -- »Ja«, sagte Michel, »doh
hab i nocht (nachher) mei' Unterhalteng scho' g'hett (gehabt), und i
hab denkt: für ha'et isch gmuag!« -- Die Alte wußte nicht, sollte sie
weinen oder lachen über so einen Menschen. »No«, sagte sie endlich,
»i sig scho', an dir ist Hopfa'n und Malz verloara'!« -- »Desdawega'
(deßwegen) no net«, erwiederte Michel behaglich, und ging langsamen
Schrittes an seine Arbeit.

Trotz des schlechten Erfolges dieser ersten Ermahnung richtete die
Mutter ähnliche noch zu wiederholtenmalen an den Sohn. Die gute Frau
meinte: »'s ist doch a Vergnüaga, was i von 'm haba' will! 's ka' ja
net sei', daß 'r gar koen G'falla' dra' fendt! 'S ist doch no a'n ieder
endle drauf komma'!« -- Allein ihre Bemühungen blieben fruchtlos.
Einmal ließ sich Michel bewegen, noch einen Tanzversuch zu machen;
aber abgesehen davon, daß er nicht das geringste Vergnügen dabei
empfand, hörte er auch aus einer Ecke von zwei Mädchen ein »Kuttern«
(gedämpftes Lachen), das er nur auf sich beziehen konnte, und in dem
Aerger, den »Fratzen« zum Gespötte zu dienen, sagte er zu seiner
Tänzerin: »So, ietz ist gmuag, ietz ka'st widder ganga'!« und kehrte
in die Stube zurück, um seinen Unmuth zu vertrinken. Ein Kamerad, den
er auf's Gewissen fragte, wie er eigentlich tanze, erwiederte mit
bedeutungsvollem Blick: »Loba' ka'n e's net!« Michel nickte schweigend;
und als er heimkam und seine Mutter wieder fragte, ob er »sich lustig
gemacht« habe, antwortete er mit Unmuth: »Ja, danzt hab' e; aber desmol
und mei' Lebteng net widder! Aus isch! Globst du, doß i da' Leuta' da'
Narra' ahgib? doh bild' i mer doch z'viel ei'! Kott's Kreuz-Taused«
-- -- »Aber« -- »Ietz hör' auf oder du machst me falsch! I will
endlich 'n Fried' haba' mit dem Sakermentsdanza' doh! -- 'S wär koe
Wonder, 's käm' ebbes dabei raus!« -- -- Die Mutter sah den Burschen
achselzuckend an und schwieg. Sie mußte sich überzeugen, daß an so
einem Menschen kein Reden was helfen kann! In Gottes Namen! Sie hatte
ihre Schuldigkeit gethan; und wenn er nicht mehr auf den rechten Weg
zu bringen war -- ihr konnten keine Vorwürfe gemacht werden. Hatte sie
sich doch auch schon erboten, ihn selber tanzen zu »lernen« (lehren)!
Aber was hatte er drauf gesagt? »Mit mei'r Mutter z'danza', kommt mer
so öad für, daß mer übel wurd, nor wann e dra' denk'!« Mit so einem
Menschen fang' eines was an! Nein! -- er soll thun, was er will! Und
wenn er »a'n alter Esel« wird und keine kriegt, soll er's haben!

Um es kurz zu machen -- unser Bursche hatte das sechsundzwanzigste Jahr
hinter sich -- und noch konnte er das Tanzen nicht und noch hatte er
keinen Schatz, geschweige denn ein Weib. Er näherte sich dem, was auf
dem Dorf ein »alter Jungg'sell« heißt; denn wenn der Bursche einmal in
der zweiten Hälfte der Zwanzige steht, dann kann er sich nicht mehr
viel auf seine Jugend einbilden und es ist Zeit, daß er seine Wahl
trifft. Hat er einmal »drei Kreuz auf'm Buckel (Rücken)«, dann ist
er schon sehr anrüchig, und er muß andere Qualitäten bedeutender Art
haben, falls er auf eine Dorfschöne noch Eindruck machen will.

Bei seiner Weise zu leben wurde Michel natürlich ein eigenthümlicher
Kauz. Von Herzen gutmüthig, konnte er doch leicht und schnell böse
werden, wenn man ihn durch eine Zumuthung belästigte oder durch
Widerspruch reizte. Der kurze, befehlende Ton unter Kameraden wurde ihm
zur andern Natur, er gebrauchte ihn ganz gemüthlich und hatte keine
Ahnung davon, daß er einen Andern damit in einer Art ansprach, die er
von ihm sehr übel aufgenommen hätte. Wer ihn zu behandeln wußte, konnte
gleichwohl Alles mit ihm anfangen. Auf eine gute Rede, für einen guten
Freund wär' er in's Feuer gegangen. Natürlich wurde er bei alledem kein
großer Menschenkenner. Er bildete mehr die Gabe des Glaubens, als das
Talent der Prüfung und Unterscheidung aus, glaubte an seine eigenen
Einfälle und anderer Leute Versicherungen und handelte in diesem
Vertrauen oft sehr naiv. Er gab im Dorfe zu manchem Spaß Anlaß, der
gute Michel, und man lachte bei solchen Gelegenheiten weidlich über ihn
-- aber hinter seinem Rücken! Denn ihm ins Gesicht zu lachen, wollte
doch Niemand räthlich finden! --

Die Mutter ließ ihn gehen. Am Ende, wenn er nicht heirathete, blieb
sie die Herrin im Haus bis an ihr letztes Stündlein; und wir wissen,
sie regierte gern. Aber ihr Muttergefühl überwog doch. Eine rechte
Söhnerin ins Haus und für sie »Enkala'« zu wiegen, wär' ihr doch lieber
gewesen. -- Wenn sie daran dachte, verlor sich ihre Zufriedenheit; sie
schüttelte den Kopf und seufzte. Zuweilen tröstete sie sich selbst mit
den Worten: »Was ka'n i macha'? 'Sist eba'n a Blohk (Block) und bleibt
oer!«

Damit aber that sie ihrem Sohn unrecht. Die Fähigkeit, die sie so gern
bethätigt gesehen hätte, fehlte nicht, sie schlief nur und harrte
ihrer Zeit. Und die Zeit kam endlich und eine neue Periode begann für
Michel -- die geschichtliche. Kurz: er sah »die Rechte« -- die bestimmt
war, sein Herz zu rühren. Und bei dem ersten Anblick schon wurde ihm
höchst seltsam zu Muthe, und was die Mutter ihm vorgepredigt und was er
niemals verstanden hatte, das begriff er mit einem Schlag.

Diese Rechte war Margareth, zweite Tochter eines Söldners und Maurers,
dessen Haus in der nämlichen Gasse lag. Als »Greatle« war sie aus dem
Dorf gekommen, um zu dienen -- als »Great« kam sie wieder, da ihre
ältere Schwester sich verheirathet hatte und der verwittwete Maurer
sie im Haushalt brauchte. Vor vier Jahren, wo sie das elterliche
Haus verließ, hatte sie noch wenig »gleichgesehen« (vorgestellt);
jetzt verwunderte sich Alles über ihre »Aussicht.« Sie war stattlich
und groß -- um ein Gutes kleiner freilich als Michel, aber doch das
größte Mädchen im Dorf. Zugleich war sie ein sehr hübsches Mädchen.
Sie gehörte zu jenen gesunden, kräftigen Blonden, welche das heiterste
Bild froher Weiblichkeit gewähren. Ihre Züge waren regelmäßig, die
Gesichtsfarbe hell; die Backen hatten nur einen leichten rosigen
Anhauch, aber desto röther waren ihre Lippen; und wenn sie lachte,
war es ein Vergnügen, ihre weißen Zähne durchblinken zu sehen. In
gemüthlicher Aufregung pflegten die Flügel ihrer wohlgebildeten Nase
sich etwas in Bewegung zu setzen, was auf ein lebhaftes Temperament
schließen läßt. Allein wer ihre ziemlich hohe, klare Stirn sah und ihre
hellen blauen Augen, der erkannte in ihr ein Mädchen, die zu gescheidt
war, um ihrem Temperament die Zügel schießen zu lassen. In der That
war sie ein fröhliches, aber unverdorbenes Geschöpf; vielleicht eben
darum unverdorben, weil sie fröhlich war und nach der Arbeit in Scherz
und Spiel ihre Erholung und Befriedigung fand. Sie war das letzte
Jahr zu Nördlingen im Dienst gewesen, und es hatte ihr an verliebten
Nachstellungen durchaus nicht gefehlt. Allein Margareth war ein ächtes
Bauernmädchen -- ein rechter »Bauernburscht« ging ihr über Alles, und
da sie so einen noch zu bekommen hoffte, so konnte ein »Nearlenger
Da'le (Daniel; Spottname der Nördlinger unter den Bauern)« keine Macht
über sie gewinnen. Im Uebrigen war das Schaffen ihr Vergnügen. Sie
gehörte zu den Personen, denen nach dem Rieser Ausdruck »etwas aus der
Hand geht« -- die nicht lange fackeln und herumtappen, sondern die
Sache gleich recht angreifen, und die gerne arbeiten, weil sie immer
etwas Ordentliches fertig sehen.

Gewiß ein Mädchen, der es zustand, das Herz unsres Burschen in Bewegung
zu setzen! Wäre Michel geschickter gewesen, so hätte man sagen können:
sie war unter den Mädchen des Dorfs, was er unter den Burschen. Allein
unter den gegenwärtigen Umständen ragte sie über ihn empor, und das war
auch nöthig, wenn sie dem Stolzen einleuchten und den Selbstgenügsamen
zu der Erkenntniß bringen sollte, daß ihm doch noch etwas fehle und daß
er sich um etwas zu bemühen habe.

Als Michel ihr das erstemal begegnete und sie ihm guten Tag bot, sah
er sie verwundert an und erwiederte stehen bleibend: »I muß scho'
saga'« -- Das Mädchen, ihm zu Hülfe kommend, rief: »Du kennst me
g'wiß nemmer, Michel? I ben d's Maurers Margret!« -- »Kott's Blitz«,
erwiederte Michel, »'s ist wohr! -- Aber du bist ja a Fetza'mädle
woara!« -- Der Ausdruck »Fetza'mädle«, obwohl eine tüchtige Person
bezeichnend, klang doch von einem Burschen zu einem hübschen Mädchen
nicht besonders zierlich und rief auf dem Gesicht der Gret ein Lächeln
hervor. Sie sagte ein wenig schnippisch: »Uir Mannsbilder moenet wohl,
uir könnet alloe groaß wäara'? Aber manchmal g'rothet (geräth) von o's
doch oh oena'! -- No, godda' Morga'!« -- Sie ging weiter. Michel hatte
mechanisch das »godda' Morga'« wiederholt und sah ihr jetzt mit einer
curiosen Empfindung nach. Endlich sagte er: »Des ist ja a verfluacht
saubers Weibsbild woara, die Great! Wer hätt' des g'lobt (geglaubt)!«
Er drehte sich um und ging weiter; aber das Bild der Gret stand immer
vor ihm und seine Gedanken konnten nicht von ihr loskommen. Es gährte
und »grubelte« in seinem Herzen, und nachdem sein Mund eine halbe
Stunde geschwiegen, verrieth er die Beschäftigung seiner Seele, indem
er plötzlich murmelte: »A saubers Weibsbild, wärle! A Mädle, wie von
Wachs!«

Der Keim war in unsern Burschen gelegt. Bei weiterem Nachdenken
erkannte er immer mehr, daß die Gret diejenige sei, die er haben
möchte, zum Schatz -- zum Weib! Er begriff, wie man einem Mädchen
nachlaufen könne; denn eigentlich wäre er der Gret jetzt selber gern
nachgelaufen! Was ihm früher zuwider gewesen, das erschien ihm jetzt
lieb und angenehm. Es dünkte ihn schön, sehr schön, mit der Gret
eine »Ansprach« zu halten, sie zum Tanz zu führen, sie ordentlich
herumzudrehen und ihr tüchtig auftragen zu lassen! Was die Mutter
früher umsonst gewünscht hatte, jetzt hätte er's ausführen können Alles
miteinander! -- -- Allein er wäre nicht Michel gewesen, wenn er die
Sache nun so angegriffen hätte, daß er zu seinem Zwecke gelangen mußte.

Zuerst überlegte er, und dabei kam ihm ein Skrupel, der ihn höchst
bedenklich machte. »Wann's de aber no net möga' dät? Wann's de
auslacha' dät und du ständest doh« -- -- Es ging ihm heiß durch die
Brust bei diesem Gedanken und er sah gewaltig düster für sich hin.
Michel hatte nichts von der Eitelkeit, die junge Bursche glauben läßt,
jedes hübsche Mädchen müsse sich in sie verlieben; aber um so mehr
besaß er jenen Stolz, für welchen der Gedanke, sich verachtet zu sehen,
empörend ist. Wenn Er, der niemals nach den Mädchen was fragte, der
ihnen auswich, der zu wiederholten Malen erklärte, er könne ihr »G'säg«
nicht leiden -- wenn er, der Michel, vor dem Alles Respekt hatte, nun
plötzlich einer nachginge und schlecht ankäme! Wenn sie ihn verspottete
und es käme heraus und das ganze Dorf spottet über ihn -- -- Ein
Kernfluch entrang sich bei dieser Vorstellung seinen Lippen. Nein, so
durfte er sich nicht in Gefahr begeben. Das mußte klug und vorsichtig
-- sehr vorsichtig angefangen werden.

Er faßte den Entschluß, keinem Menschen zu sagen, wie's ihm war. Zur
Mutter zu gehen und ihr zu beichten, er hätte ein Mädchen gern, wäre
ohnehin nicht in seinem Charakter gelegen; nachdem er aber so lange
ihren Ermahnungen widerstanden hatte, wäre sie die letzte gewesen,
der er seine Bekehrung hätte vertrauen mögen. »Vor der Hand« sagte
er endlich zu sich selbst, »will i seha', wie's got! -- Und was will
e? Z'erst muß e ja doch oh d's Mädle nommol (nochmal) betrachta':
vielleicht g'fällt's m'r nemmer so.«

Mit dieser Hoffnung täuschte er sich freilich. Als er sie wieder sah,
gefiel sie ihm nicht weniger, sondern noch viel besser als das erste
Mal. Sie hatte just ihren schönsten Tag, war in ihrer heitersten Laune
und glänzte vor Vergnügen! -- Das Herz des Guten klopfte, als er sie
grüßte, und er hätte jetzt nicht stehen bleiben und mit ihr ein paar
Worte reden können! Eine höchst ungewohnte Aufregung trieb ihn an
ihr vorbei, und erst als er ein paar hundert Schritte gegangen war,
beruhigte er sich wieder. -- »Des ist nex g'wesa',« sagte er endlich zu
sich selbst und schüttelte höchst ernsthaft den Kopf.

Er war gefangen, der arme Michel. Er hatte seinen Theil -- und konnte
sehen, wie's ihm ging. -- Zu dem schönen Aussehen der Gret kamen
zuletzt noch die Urtheile, die er von Andern über sie hörte. In diesem
Punkte sind wir Alle Menschen! Wir lieben die Geliebte um ihrer selbst,
um der Schönheit und Tugend willen, die uns aus ihr entgegen leuchtet.
Allein wenn sie nun auch von Andern gerühmt wird, so hat das nicht zur
Folge, daß unser Wohlgefallen an ihr sich mindert -- im Gegentheil;
das Lob, was ihr gesungen wird, ist ein Hauch, der die Flamme unsres
Herzens oft noch viel stärker anblasen kann. Michel horchte herum,
indem er mit gutem Erfolg den Gleichgültigen spielte; denn die Liebe
schärft den Verstand aller Wesen. Und wie er nun hörte: »a g'schickt's
Mädle -- a schöas Mädle -- a bravs Mädle« -- ja, von einem alten Kenner
»a Staatsmädle,« da war's ihm zu Muthe als wenn er dieses Mädle kriegen
müsse, koste es was es wolle. Er fühlte einen unwiderstehlichen Trieb,
sie wieder zu sehen -- und ging ihr nun extra zu Gefallen.

Nachdem er sich ein paarmal umsonst bemüht hatte, kam sie ihm eines
Nachmittags mit einer Kamrädin entgegen. Er wollte sie diesmal recht
darauf ansehen, ob sie denn wirklich eine solche sei, wie die
Leute sagten; deshalb ließ er seine Augen während des Grußwechsels
tiefprüfend auf ihr ruhen, indem er, den Blick zu verlängern, auch
noch den Kopf nach ihr drehte. Als er vorüber war, sagte die Kamrädin
zur Gret: »Aber der hot a baar Oga' g'macht auf dih hear! Kommt mer
grad für, als ob er -- no des wär' aber zom Lacha'!« -- »Was moest
(meinst) denn?« fragte die Gret lächelnd. -- »Gang,« erwiederte die
andere, »du verstost me wol net!« -- »Du moest, er wär'« -- »Oh (auch)
in di verliebt, ja, so kommt's mer für!« -- Die Gret versetzte: »Sei
g'scheidt! Dean kennt ma' ja! -- Mir isch gar net so fürkomma'!«

Natürlich log hier das hübsche Mädchen. Ihr war's erst recht so
vorgekommen -- und heute nicht das erste Mal. Schon bei der zweiten
Begegnung hatte sie »ebbes gnissa'« (bemerkt), und jetzt war's klar,
oder Alles mußte trügen. -- Die Gewißheit, die sie erlangt hatte,
machte einen sehr wohlthuenden Eindruck auf sie. Fürs erste wars eine
Ehr', den verrufenen Sünder zu bekehren und den Mädchenverächter
dahin zu bringen, daß er auch daran glauben mußte. Aber das war das
Geringste. Michel gefiel ihr! Seine Statur und der Ruhm seiner Stärke
hatten ihr schon früher Achtung eingeflößt; gegenwärtig kam ihr sein
Gesicht für ein Mannsbild hübsch genug vor, die Gutmüthigkeit, die
ihm aus den Augen sah, rührte ihr Herz -- und das »B'sondere« und
»O'gschickte,« das er an sich hatte, erheiterte sie, ohne ihm bei ihr
zu schaden. Als sie wieder allein war, lächelte sie für sich hin. »Es
ist oft guet,« sagte sie endlich, »wann der Ma' net gar z'g'scheidt
ist!« --

Wie man sieht, gingen ihre Gedanken ebenfalls ziemlich rasch. Das
ist natürlich und -- ländlich. -- Aber ihre Sache war es nicht, ihm
nachlaufen; wenn es ihm ernst war, mußte er kommen -- sie konnte
zusehen. Ihr Gesicht klärte sich schelmisch auf. »Wie er se a'stella'
wird derzue?« fragte sie sich. »I bin wirkle neugiereng!« Er hatte
ihren Beifall, der gute Michel, sie konnte ihn zum »Burscht,« sie
konnte ihn zum Manne nehmen, wenn's sein mußte, -- ja es regte sich
der Wunsch in ihr, daß es so ausgehen möchte; -- aber sie bereitete
sich doch vor, ihn auszulachen, und freute sich darauf! -- Sie war ein
Mädchen.

Michel hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß die Leute ganz recht hatten
mit dem, was sie über die Gret sagten. Aber wenn dies seine Liebe
noch mehr schürte, so fachte es auch seine Sorgen an. Die Gret hatte
ihn diesmal gar nicht angesehen (er hatte noch keine Kenntniß davon,
daß die Mädchen nicht sehen und doch sehen können!) und es war ihm
beinahe vorgekommen, als ob sie ein etwas spöttisches Gesicht gemacht
hätte. Was sollte er thun? Sollte er warten und stillschweigen? Dann
kam vielleicht ein Anderer und nahm sie ihm weg. Oder sollte er ihr
nachgehen und reden mit ihr? Dann sagte sie vielleicht, er könne wieder
gehen, woher er gekommen sei, und er wurde das Gespötte des ganzes
Dorfes. -- Die Klemme war verwünscht und guter Rath theuer.


                         In der Unterhaltung.

Jede Versäumniß rächt sich. Man soll in jungen Jahren nicht denken:
Wozu hab' ich das nöthig? Wozu könnte das gut sein? -- Man soll
Kenntnisse sammeln und sich Fertigkeiten aneignen, wie die Gelegenheit
sich bietet, auch wenn zunächst keine Neigung dazu vorhanden und
Anstrengung erforderlich wäre; denn man weiß nie, wozu man sie später
brauchen kann! --

Davon überzeugte sich jetzt auch Michel. Die Liebe trieb ihn hin und
her, sie ließ ihm keine Ruhe, und er sah ein, daß er etwas unternehmen
müsse, geh es, wie es wolle. Er mußte mit der Gret reden -- er mußte
erfahren, was er zu hoffen habe -- sonst wurde er toll! -- Aber wie
sollte er's anfangen? Wie sollte er sein Anliegen vorbringen?

Er dachte darüber nach und nichts fiel ihm ein, was er für anwendbar
und gut gehalten hätte. Es dünkte ihn so närrisch, von der Liebe zu
reden; es war ihm, als würde es nicht herausgehen aus ihm, als würde
er stecken bleiben und dastehen, wie d's Kind beim -- -- Da hatte er's
nun! Gab's nicht Kerle im Dorf, denen bei den Mädchen das Maul ging
»wie geschmiert?« die nicht nur sagen konnten, was sie auf dem Herzen
hatten, sondern noch viel mehr dazu lügen? Hatte er nicht gehört, daß
mancher schon eine, die ihn zuerst gar nicht leiden konnte, durch
bloßes Reden soweit gebracht, daß sie endlich zu Allem Ja sagte?
-- Aber so geht's! Hätte er in jüngern Jahren auch mit den Mädchen
diskurirt, mit ihnen getanzt und sich lustig gemacht, -- hätte er sich
das bischen Mühe gegeben und gelernt, wie man mit ihnen umgehen muß --
dann könnte er's jetzt und müßte sich nicht den Kopf zerbrechen! -- Er
fühlte ganz ernstlich Reue, der gute Michel! Er wurde verdrießlich,
sehr verdrießlich. »I ben a'n Esel g'west, und des a großer,« sagte er
zu sich selbst. »Aber,« setzte er hinzu, »wie hab i oh wissa könna, daß
mer no' so ganga' wurd!«

Ein paar Tage ließ er vorbeigehen. Zuletzt, durch den Kampf der
Leidenschaft mit der Furcht gequält und geärgert, rief er zornig: »Hol
der Teufel alles! So ka'n e's nemmer aushalta' -- i muß woga', komm's
raus wie's will!« -- Die Gret stand vor seiner Seele so schön und mit
einer Miene, die nichts Abschreckendes hatte! »Dommheit«, rief er
beherzt. »I sott me wohl vor'm Mädle färchta' (fürchten)? Des wär' ja
zum Lacha'.« -- Er faßte den Entschluß, bei nächster Gelegenheit mit
der Gret zu schwätzen und sein Anliegen vorzubringen oder wenigstens
»drom rom« (darum herum) zu reden, zu sehen, was sie für ein Gesicht
dazu mache, und dann ein andersmal weiter zu gehen.

Recht schön fügte sich's, daß er das Mädchen eines Abends, als ihn
ein Geschäft auf den Fußweg hinter den Dorfgärten geführt hatte, ganz
allein gegen sich herkommen sah. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger
sein, er mußte sie benutzen. Was er zuerst zu ihr sagen wollte, wußte
er genau, nämlich: »Godda'n Ohbed (guten Abend) Margret!« Das Uebrige
gab sich dann von selbst. Entschlossen ging er vorwärts. Wie er aber
die Gret näher und näher kommen sah, machte er eine seltsame Erfahrung.
Sein Herz fing an zu klopfen, vor den Augen begann es ihm zu flimmern,
und die Lippen wurden so schwer, als ob Gewichte daran gehängt worden
wären. Es schien ihm unmöglich, sie zu bewegen -- und da halte einer
eine Ansprache! Vor der Gret angekommen, machte er eine unerhörte
Anstrengung und rief mit grimmiger Freundlichkeit: »Godda'n Ohbed,
Margret!« -- »Godda'n Ohbed, Michel,« antwortete die Gret mit heller
Stimme und mit einem Ausdruck auf ihrem Gesicht, als ob sie recht gut
wüßte, in welchem Spittel der arme Bursche krank läge. Dieser nahm
indeß nichts wahr. Nach der Leistung, die er sich abgerungen, trieb es
ihn mit unwiderstehlicher Macht an ihr vorüber -- weiter und weiter.
Nachdem er hundert Schritte gemacht hatte, athmete er auf; aber erst
als er um eine Ecke bog und nicht mehr gesehen werden konnte, wurde
er leichter und ruhiger. -- Er hielt an, dachte nach -- -- und sein
Benehmen stand klar vor seinen Augen. Er hatte sich nun doch gefürchtet
-- und die schönste Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen! Unmuth
erfüllte seine Brust und sehr ärgerlich rief er: »Ietz möcht' e mer
glei (gleich) selber a'n Ohrfeig' geba' daß mer der Kohpf somsa' dät!
Fürcht' me wärle, und zitter' am ganza Leib, als wann e oen ombrocht
hätt! Sott ma' denn globa', daß ma' so domm sei' ka'?« --

Die Sache war indeß nicht anzufechten, sie war geschehen und der
Verdruß konnte nichts daran ändern. Für Michel gab es nur Einen
vernünftigen Entschluß: sie zu vergessen und sich vorzunehmen, es ein
andermal besser zu machen. Dazu verstand er sich denn auch. »I ben a
Narr,« sagte er, »daß e me verzürn'! Verloara'n ist no nex, und so
wurd's net allmol ganga' (gehen).« -- Er stellte sich vor, wie er das
nächstemal reden werde, er hatte Einfälle, wie man sie nach einer
versäumten Gelegenheit zu haben pflegt -- und so von weitem schien ihm
die Sache ganz leicht zu machen. »Bah,« meinte er endlich, »des ist
ha'et nor so a dommer A'fall g'wesa'! 'S müeßt ja beim Deufel sei',
wann ih net könnt', was jeder ander' ka'!« -- Er tröstete sich und ging
beruhigt und mit neuem Muthe nach Hause.

Wieder verstrich einige Zeit. Es war in der letzten Woche des Monat
Mai, und unter dem Wehen der Ostluft kam ein wunderschöner Tag herauf.
Ein leichter Reif hatte auf der Landschaft gelegen, die Sonne, in den
wolkenlosen Himmel sich erhebend, sog ihn weg und goß den Silberglanz
des Morgens über die Erde. Die Lerchen sangen, die Landleute, die sich
an ihre Arbeit begaben, zeigten vergnügte Gesichter, das Vieh, das zum
Saufen getrieben wurde, brüllte vor Lust und sprang rechts und links
in die Höhe. Das Alles war so fröhlich, so ermuthigend! Es war einer
von den Morgen, wo im Herzen so wenig eine Sorge aufkommen kann, wie am
Himmel ein Wölkchen -- wo im Innern der Frohsinn regiert und draußen
der Sonnenschein.

An diesem Morgen fühlte sich unser Michel frisch und munter, wie seit
langer Zeit nicht. Er dachte an die Gret -- mit stillem, ruhigem
Vergnügen. Es war ihm, als könnte er heute schwätzen und Spaß machen
nach Belieben, und wenn's sein müßte, gelegentlich auch ein ernstes
Wort reden -- kurz, er fühlte sich aufgelegt. Indem er sich's lebhaft
vorstellte, empfand er ein Verlangen, sein Vermögen in's Werk zu
setzen. Er faßte sich kurz und machte sich auf den Weg durch die
Gasse, in der Hoffnung, die Geliebte zu sehen. Im Nothfall, wenn er
sie nämlich vor ihrem Hause nicht traf, konnte er hineingehen und den
Maurer bestellen; denn an seinem Hause war ein Stück weit der Mörtel
abgefallen, und wenn es auch auf dem Lande nicht grad nothwendig war,
ihn wiederherzustellen, so konnte es doch auch nicht schaden.

Sein guter Muth und seine Laune minderte sich nicht, als er der
Wohnung des Maurers sich näherte. Er hatte ein paar Vorübergehende
gegrüßt und die gewöhnlichen Formeln waren ihm so leicht und lustig
vom Munde gegangen, daß ein junges Weib sagte: »Du bist aber ha'et
alert, Michel!« -- Darin lag für ihn ein neuer Beweis, daß er heute
seinen guten Tag habe, und rüstig ging er vorwärts. In dem kleinen
Hofe sah er die Gret nicht; aber im Wurzgärtlein, von der Gasse nur
durch einen niedrigen Zaun getrennt, war sie über ein Beet hin gebückt.
Wie er sie hier unvermuthet erblickte, war er doch betroffen. Es hieß
nun wieder: »Vogel friß oder stirb,« und vor dem strengen Antlitz der
Nothwendigkeit entfloh der leichte Humor in seinem Herzen, um den
Anwandlungen von letzthin Platz zu machen. Es mahnte ihn etwas, zu
thun als ob er sie nicht gesehen hätte, und sachte weiter zu gehen.
Aber heute war er nicht gemeint, auf die Stimme des Kleinmuthes zu
hören; er unterdrückte die Bewegungen seines Innern, blieb stehen und
rief entschlossen: »Godda' Morga', Margreat!« -- Das Mädchen sah auf
und erwiederte: »Ei, godda' Morga', Michel! Bist oh scho' en der Höa'
(Höhe, d. h. aufgestanden)«? -- Diese Frage kam ihm ungelegen; denn
eigentlich hatte er selber fragen wollen: »Oh scho' auf?« -- und wenn
sie dann, wie es nicht wohl anders möglich war, mit Ja antwortete, so
hätte er ihr was Schönes gesagt über ihr frühes Aufstehen, ihren Fleiß
u. s. w. Das konnte er nun, wenigstens in der zuerst ausgedachten
Weise, nicht mehr, und dieser Umstand machte ihn ein wenig verwirrt.
Er antwortete zögernd: »Ja wohl,« und da er sich auf diesen Fall nicht
vorgesehen hatte, so entstand eine kleine Pause. Allein mit Recht
hatte er geglaubt, daß er heute seinen guten Tag habe. Nicht lange
besann er sich, und ein neuer Einfall war da. Er drehte seinen Kopf
in der Luft herum und sagte: »Ha'et hommer (haben wir) amol a schöas
Wäder (Wetter)!« -- Die Gret erwiederte heiter: »Ja Gottlob! Mer (wir)
könna's aber oh braucha'!« Und ohne Unterbrechung und würdig setzte er
hinzu: »Descht (das ist) wohr! -- Des könna' mer!«

Bis hieher war's gut gegangen, trotz der nothwendig gewordenen
Aenderung, und Michel konnte sich dessen bewußt sein. Aber nun war
eine neue Rede nöthig, und nichts wollte ihm einfallen. Es entstand
eine längere Pause. Ein besserer Beobachter als Michel hätte an dem
Gesicht des Mädchens wahrnehmen können, daß sie gar wohl im Stande
gewesen wäre zu reden und dem Burschen aus der Noth zu helfen -- daß
sie aber aus irgend einem Grunde nicht wollte! Michel besann sich, und
ein neuer Einfall kam. Er sagte: »Bischt allweil g'sond und wollauf?«
-- Diese Frage schien der Gret so curios hinterdrein zu hinken und so
sehr eine bloße Geburt der Noth, daß sie mit Mühe das Lachen halten
konnte. Sie nahm sich indeß zusammen und erwiederte ruhig, aber nicht
ohne eine gewisse schelmische Heiterkeit durchblicken zu lassen: »Dank
der Nochfrog (Nachfrage)! Mir fehlt Gottlob nex!« -- Michel, wie uns
bekannt ist, war im eigentlichen Sinn weder dumm noch blind. Die
Bedeutung dieses Vergnügens auf dem Gesicht der Gret blieb ihm nicht
ganz verborgen; er hatte eine Ahnung, daß sie ihn eigentlich auslache,
und schwieg, indem eine Wolke der Verstimmung seine Züge beschattete.
Die Gret erkannte, was in ihm vorging, sie fühlte, daß sie etwas gut
zu machen habe, und einen Schritt vortretend sagte sie zugleich mit
gutmüthigem und schlauem Lächeln: »Host vielleicht so'st ebbes g'wöllt
(gewollt)?« -- Diese Frage fiel wie eine Bombe auf den guten Michel. Es
war klar: er hatte sich verrathen; sie wußte, wie's ihm um's Herz war,
und forderte ihn heraus! Er konnte -- er sollte reden -- da war kein
Zweifel! Aber diese Möglichkeit, reden zu können, und diese Nöthigung,
reden zu sollen, traf ihn mit solchen Schrecken der Ueberraschung, daß
er dastand wie vom Donner gerührt und nicht ein Wort hätte vorbringen
können um die ganze Welt! In der Verwirrung, die ihn überkam und ihn zu
übermannen drohte, nahm er instinktmäßig seine Zuflucht zu dem einzigen
Mittel, das ihm noch übrig blieb -- zur Grobheit! Mit trotzigem Gesicht
und wie beleidigt rief er endlich: »Was sott (sollte) i denn wölla'? I
wißt net was! -- Godda' Morga'!«

Und mit starken Schritten ging er seines Weges.

Die Gret sah ihm nach und lachte -- nicht laut -- dafür aber, wie man
zu sagen pflegt, mit dem ganzen Gesicht. Als er hinter dem Nachbarhaus
verschwunden war, sagte sie zu sich selber: »Ietz so o'g'schickt hätt'
i mer'n doch net vorg'stellt! -- I sig scho' -- doh mueß i mi der Sach
selber a'nemma', wann ebbes draus weara' soll!«

Michel ging nach Hause. Der Unwille, zu dem er gekommen war, er wußte
selber nicht wie, verging, eine dumpfe Ruhe trat an seine Stelle. In
dieser Ruhe erhielt er bald eine deutliche Anschauung von der Art
seines Betragens -- eine gelinde Verzweiflung fiel ihn an und brachte
sein Blut auf's neue in eine schlimme Gährung. Er entlastete sein Herz
in unarticulirten Lauten; dann, die Einsamkeit seines Stadeltennen
aufsuchend, bildete er bestimmte Gedanken und konnte nicht umhin, ihnen
Worte zu geben. »Also widder nex,« rief er, -- »widder a Dommheit!
Isch denn net grad, als wann's verhext wär'? W'rom ka'n e denn ietz
net reda', wann e vor dem Ohs (Aas) dohstand? W'rom got's mit m'r
em Reng rom, als wann e g'suffa' (betrunken) wär'? Der Deufel mueß
g'macht haba'!« Er stöhnte vor Verdruß und strampfte den Boden, daß
es schallte. Nach einer Weile fuhr er fort: »Host so'st ebbes g'wöllt
-- hot's me g'frogt. Des ist doch offa'bar, daß g'wöllt hot, i soll
d's Maul aufdoa'! W'rom hab' e denn ietz net g'redt? Hätt'e net saga'
könna': Mädle, du g'fällst mer, i will de heiricha' (heirathen) --
willst me? -- oder so'st ebbes! No (nachher) hätt's reda' müessa', ja
oder noe, ond i wihßt ietz, wie e dra' ben! Aber so stand e doh wie a'n
Ochs, der mit 'm Beil oes naufkriegt hot auf's Hihra' (Hirn, Stirn),
und nocht mach e a G'sicht ond due an se na', als ob's m'r ebbes do'
(gethan) hätt'! Die wurd se 'n schöna' Begriff macha' von mir! Die hält
me doch g'wihß für da' dommsta'n ond o'g'hobelsta' Menscha'n em ganza'
Ries? Ond wann's me vorhear oh g'möcht hätt, ietz mag's me g'wihß
nemmer ond ka' me nemmer möga'! So'n Esel! I bedanket' me selber, wann
e a Mädle wär!«

Der gute Bursche versank nach dieser desperaten Selbstanklage in eine
dumpf-düstere Stimmung. Er war unerfahren, unschuldig, aber ein Mensch,
der in seiner Art Anlage zum Reflectiren hatte. Diese Anlage begann
unter den obwaltenden Umständen sich zu entwickeln und seinem Wesen
einen neuen charakteristischen Zug zu verleihen. Je mehr er von sich
hielt, je mehr Ansehen er bisher unter seinen Kameraden genossen,
um so mehr forderte er von sich einem Mädchen gegenüber auch das
rechte würdige Benehmen. Je weniger er aber im Stande war, sich so zu
benehmen, wie ers seiner für würdig hielt, desto mehr kapitelte er sich
hinterdrein selber, stellte sich vor wie er sich hätte benehmen sollen
und können, ärgerte sich, daß er sich nicht so benommen habe etc. etc.
-- kurz, er wurde ein denkender Mensch. Er unterhielt sich mit sich
selber, er strafte sich, er quälte sich selber. Daß das Letztere nicht
zu weit ging, dafür sorgte als guter Genius die Bauernnatur, die sich
auch hier in natürlichen Gränzen bewegt und sich aus dem Quell der
unbewußten Lebenskraft immer selber wieder herstellt.

Für jetzt sank er gleichwohl in Abgründe der Verzagtheit. Mit der
Gret wieder eine Ansprache zu versuchen, kam ihm unmöglich vor. Er
hatte eine stille Wuth gegen sich, eine stille Wuth gegen sie -- wie
sollte er da reden? Und wenn er sich nöthigen wollte, müßte es nicht
tausendmal ungeschickter herauskommen, als dießmal, wo er vergnügt war
und im Grunde ganz gut angefangen hatte? -- Nein -- es half nichts.
Einem Mädchen zu gefallen, hatte er nun einmal keine Gaben -- es ging
nicht -- er mußte es aufgeben! --

Als er so weit gekommen war, ging er in den Hof, um sich an einer
Arbeit zu erholen. Hier begegnete ihm seine Mutter. Sie sah ihn an und
sagte: »Was machst denn du ha'et für a G'sicht?« -- »Ih, a G'sicht?«
versetzte Michel. -- »Wie ka'n e des wissa'? Guck i ebba' en Spiegel?«
-- »Gang weiter«, entgegnete die Schwabin, »du host ebbes! Hot d'r
ebber (etwer, jemand) ebbes do'?« -- »Mir?« erwiederte Michel, indem
er mit einer heroischen Miene aufsah, -- »mir ebbes do'? I wott's koem
rotha'!« -- Er ging weiter, indem er bei sich dachte: »du därfst lang
warta', bis e dir ebbes sag'!« -- Die Mutter sah ihm kopfschüttelnd
nach. »Er ist halt doch net vergnüagt«, dachte sie, »und des ist
natürlich! In deam Alter muß a'n ordentlichs Mannsbild a Weib haba' --
so'st isch nex!« -- Sie ahnte nicht, wie Michel sich schon abgemüht
hatte, um ihre Herzenswünsche zu erfüllen.

Einige Tage ging unser Bursche melancholisch umher und wenn ihn beim
Zurückdenken an seine Niederlagen ein Zorn anwandelte, so ließ er
ihn an irgend einer Arbeit aus. Er bot denen, die seiner wahrnahmen,
ein neues und eigenthümliches Bild. Schweigend hatte man ihn oft
gesehen; jetzt sah man ihn »sinnirend« und vernahm hie und da grimmige
Ausrufungen, wozu man keinen Grund wußte. Fragte man ihn darnach, so
war die Antwort, sofern eine erfolgte, keine höfliche. Man wußte nicht,
was man aus ihm machen sollte. Den Zustand seines Herzens ahnte Niemand
im ganzen Dorf. Die einzige Person, die außer ihm davon Kenntniß
hatte, schwieg nicht nur selber -- sie hatte auch jener Kamrädin ihre
Vermuthung wieder auszureden gewußt und ihr das Versprechen abgenommen,
sie mit dem Michel nicht in's Geschrei zu bringen. Es giebt Mädchen,
die das Genie der Verschwiegenheit haben, d. h. die ohne besondern
Vorsatz und mit Lust verschwiegen sind und sich an dem Geheimniß
weiden. Die Gret war heiter und hoffte mit Zuversicht, ihre Wünsche
gekrönt zu sehen -- sie brauchte nicht zu schwätzen.

Michel war es nicht; er war unmuthig und verzweifelte am Erfolg -- er
spürte einen Trieb zu reden und konnte endlich einer Gelegenheit, sei
Herz zu entlasten, nicht widerstehen.

Unser Enakssohn hatte einen Kameraden, der ihm unter allen Burschen,
die zu ihm hielten, der liebste war. Kaspar, der Sohn eines Webers,
hing mit aufrichtiger Theilnahme an Michel und wußte sich auch am
besten in seine Manieren zu fügen. Obschon drei Jahre jünger, hatte
er in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine hinreichende Summe von
Erfahrungen -- er wußte, wie man sie behandeln mußte, und galt darum
auch »seinen Batzen« bei ihnen. Mittelgroß, »rahneng,« von angenehmer
Gesichtsbildung hieß er bei ihnen nur »a nett's Bürschtle« und »a
lustengs Männdle,« dem man gut sein müsse. Trotz der Gunst, die er bei
den Spenderinnen der Lebensfreude erfuhr, hatte er doch nicht mehr
Selbstgefälligkeit als allenfalls natürlich war; er genoß das Lob eines
fleißigen Menschen und wußte sich unter den Mannsbildern ebenso den Ruf
eines guten Kameraden zu bewahren. -- Dieser Bursche, zum Vertrauten
wie geschaffen, wußte durch eine wohlgemeinte und geschickte Frage dem
Michel sein Geheimniß zu entreißen. Allein mit ihm sah er den düster
vor sich Hinstarrenden theilnehmend an und sagte dann: »Michel, di
drückt ebbes! Wannd' mer's net geara' sakst, will e de net weiter
froga'. Wann's aber ebbes ist, wo i d'r vielleicht helfa' ka', so red!
-- Du woescht, wie e's moe (ichs meine).«

Diese treuherzig gesprochenen Worte machten des Leidenden Herz weich
und folglich geneigt zur Mittheilung. »Ach,« erwiederte der Verliebte
nach kurzem Schweigen mit einem riesenmäßigen Seufzer, »mi drückt
freile ebbes!« -- »Was isch?« fragte Kasper. »Sag's, wann e's (ich es)
wissa' därf!« -- »Am End,« erwiederte Michel, »bist du grad der Recht',
der mer'n Roth (Rath) geba' könnt! -- No mei'dawega' (meinetwegen), i
will der's saga'!« -- Er schwieg. -- »Nossa' (nun so dann),« mahnte
Kasper. -- »Z'erst mueß e der saga',« erwiederte Michel mit tiefem
Ernst, »daß koe Mensch ebbes davo'n enna' weara' (inne werden) därf!«
-- »Gang weiter! Ben i a Schwätzer?« -- Die Möglichkeit, daß Kasper
es doch unter die Leute bringen könnte, hatte aber den Michel schon
aufgeregt. »Kerl,« rief er eine Faust machend, »wann d'ebbes sakst --
's got d'r schlecht!« Der Andere kannte seinen Mann; er zuckte die
Achsel und erwiederte: »Du bist net g'scheidt!« -- »Guet,« versetzte
Michel. »Ietz woesch (weißt dus) -- und ietz will i der's saga'!«
-- Wieder eine Pause. »I höar,« erwiederte der Andere, indem seine
Mienen sich ahnend erhellten. -- »No,« begann endlich Michel mit
neuer Anstrengung, »doh (da) die Great -- d's Maurers seine moen' e«
-- Kasper sah den wiederholt Innehaltenden mit gutmüthig schlauem
Lächeln an und rief, ihn ganz durchschauend: »Fehlt's d'r doh?« -- »Ja,
Bruder,« ging's endlich aus Michel heraus, »doh fehlt's m'r! Des Mädle
g'fällt m'r, die mueß e haba -- -- und Kreuzdonner ond's Wetter: i woeß
net, wie e's a'fanga' soll!«

Kasper unterdrückte das Lachen, das ihn bei diesem Bekenntniß
anwandelte, und forderte ihn auf, ihm zu sagen, wie's eigentlich stehe.
Michel, einmal im Zuge, erzählte Alles, und zwar mit einer Naivität,
bei welcher der Erfahrene, wenn er nicht lachte, doch wenigstens zu
»schmöhzeln« (schmunzeln) nicht umhin konnte.

Bekanntlich hat der Mensch nicht leicht eine angenehmere Empfindung,
als wenn er an einem Andern, der ihm bisher Respekt abgenöthigt hat,
plötzlich eine Schwachheit entdeckt. Es gibt deren, die eine solche
Wahrnehmung geradezu beseligen kann und die das so erlangte Wohlgefühl
zu den höchsten Genüssen zählen, womit der Himmel die armen Sterblichen
begnadet hat. Sogar Freunde, will man wissen, sollen in diesem Fall
erheitert werden und aussehen, als ob ihnen ein Glück widerfahren wäre!
Und ihr Benehmen gegen den Träger dieser Schwachheit soll nach der
Entdeckung ein vielfach anderes sein, als vorher! -- Wir lassen diese
Behauptung in ihrer Allgemeinheit auf sich beruhen, müssen aber der
Wahrheit gemäß bekennen, daß unser wackrer Kasper bei der Erzählung
seines Kameraden eine ziemlich lebhafte Genugthuung empfand und in
seinem Gesicht einen Ausdruck heiterer Ueberlegenheit zeigte, den er
vorher nie gegen ihn hatte blicken lassen.

»Des isch, was me drückt,« schloß Michel seinen Bericht. »Schlechter,
des wurscht selber saga', hätt's net ganga' könna', und Alles ist
verspielt. I ben eba' zom O'glück geboara', und mit mei'r Fräd isch
aus auf der Welt!« -- »So,« versetzte Kasper, indem er ihn mitleidig
ansah; -- »willst de net lieber glei gar versäufa'?« -- Michel
schaute ihn an. »Du bist a Narr,« fuhr Kasper fort, »des sag d'r ih!
Nex ist verspielt, gar nex!« -- »So,« erwiederte Michel, »wamma' se
so o'gscheidt benemmt ond« -- »Dei' Benemma' schad't d'r gar nex,«
fiel Kasper ein. »Des ist eba' d'Liab! D'Liab macht verwirrt, ond
wamma' verwirrt ist, macht ma' Dommheita'. Aber d'Liab ist ja eba',
was d'Mädla' haba' wöllet! ond wann oer vor lauter Liab duet als ob
'r narred wär, globst, des nemmt d'r oena'nübel? Ja bis Wuch (auf die
Woche d. h. niemals)! Fräa' duet se's ond geara' hont's so oen!« --
Dem Michel schien dieß einzuleuchten. »Du ka'st Rehcht haba',« sagte
er getrösteter. »'S ist wohr, i därf me no' net ahschrecka' lossa'!«
-- »Wie moest,« setzte er mit neuerwachtem Muthe hinzu, »soll e glei
rausrucka' mit der Farb? Soll e saga', daß e's heiricha' will?« -- »Des
got net,« entgegnete Kasper mit der Miene der Autorität. »Ma' mueß net
mit der Thür en's Haus falla'! Allweil oes noch'm Andra'! -- Z'erst
muescht doch oh seha', ob's de haba' will!« -- »Ja so,« versetzte
Michel wieder etwas herabgestimmt. »Was soll e denn aber so'st doa'
(thun)?« -- »G'späß macha',« erwiederte Kasper munter. »Siksch (siehst
du), des ist d'Hauptsach. Da' Mädla' g'fällt nex besser, als Narrheita!
Z'erst G'spaß und nocht Ernst -- des ist der recht Weg! Foppa' mueß
ma's ond ploga', wamma' zo ebbes komma will! Je meaner (mehr) as (als)
ma's plogt, je lieber as oen hont (haben)!« -- Dem geradsinnigen
Michel schien diese Behauptung sehr gewagt; er sah den Rathgeber
fragend an. »Du globsch wohl net?« sagte dieser; und als der Bursche
den Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Weil d'eba' koe Erfahreng host en
deana' (diesen) Sacha'! Siksch, des ist so! Wann e a Mädle fopp ond
plog, no sikt's, daß e ebbes mit 'r haba' will, no sikt's, daß e's
liab -- ond 'n Spaß hot's obadrei'! Ond so went (wollen) se's grad
haba'!« -- Michel begriff; er sagte mit Anerkennung: »Kapper (traulich:
Kasper), du bist a verfluechter Schlengel!« -- »No,« erwiederte Kasper
behaglich, »wann e des net wihßt!«

Es erfolgte eine kleine Pause, in der Michel auf's neue bedenklich
wurde. »Ja,« begann er zögernd, »wann e aber nocht G'späß macha' will
ond 's g'rothet mer net? Wann e me widder o'gschickt a'stell -- wie
doh?« -- »Des wär freile fehlerhaft,« erwiederte Kasper mit Ernst.
»Eweng därfa't (dürfen) Dommheita' net daura', so'st verliera't
d'Mädla' da' Respekt!« -- »Doh hosch (hast du's)!« versetzte Michel mit
einem Ausdruck, als ob nun er wieder Recht hätte. »Ond mir isch grad
so, als ob's mer net g'rotha' könnt! Was ietz?« -- »No,« erwiederte
Kasper mit einer Art von Unmuth, »doh ka'n e d'r koen andera' Roth
geba', als daß d'r eba'n a bisle meaner ei'bildst! Kott's Heidablitz!
A Kerl wie du! Ist des koe Ehr' für so a Mädle, wann du 'n G'falla'n
an 'r host? Mueß (sie) doh net stolz drauf sei'?« -- »Ih sott's
(sollt' es) beinah globa',« bemerkte der Enakssohn mit entsprechendem
Selbstgefühl. Und Kasper erwiederte: »No, ond wann d'net vergischt,
wer du bist, nocht wurscht oh reda' und G'späß treiba' könna' mit
so'm Deng doh!« Ruhiger setzte er hinzu: »Ma' mueß se net gar z'viel
macha'n aus da' Mädla' -- des ist a Fehler! Drom wamma'n amol a bisle
z'hitzeng g'wesa'n ist, no mueß ma'n extra widder a weng huf (zurück)
ganga' und doa' als ob ma' gar wohl ohne se leba' könnt! Nocht kriega'
sie widder 'n Luhst! -- Also, bei d'r nächsta' G'legenheit duast, was e
d'r g'sakt hab', ond i garantir d'r, sie kommt d'r!« -- »I will seha',«
erwiederte Michel. Dann, nach kurzem Schweigen, setzte er hinzu: »Also
nommol (nochmal)! D's Maul g'halta'n oder« -- Er machte mit der Faust
eine verständliche Bewegung. Kasper lachte. »Du wärst am End em Stand
und brächst mer da' Hahls, zom Dank für mein' gueta' Roth?« -- Michel,
wieder auf seinem Boden stehend und sich fühlend, erwiederte: »Wann de
dernoch aufführa' dätst -- 's käm m'r net drauf a'! -- No, ietz b'hütet
de Gott!« -- -- --

Michel war durch die Aufklärung des gewandten Kameraden in der That
getröstet und faßte wieder frischen Muth. Das Gefühl seiner Kraft und
das Vertrauen auf sich selbst kehrte zurück. Es war ihm zuweilen, als
ob er nur hingehen dürfte zu der Gret, um Spaß zu machen nach Noten!
Aber extra zu ihr gehen, das wollte er nicht: da würde sie ja glauben,
daß er's gar zu nothwendig hätte -- und das sollte sie nicht! -- Er
wollte die Gelegenheit abwarten, dann aber auch benutzen.

Eines Nachmittags schlenderte er gemüthlich auf dem Anger hinter
seinem Garten. Es war ein Sonntag; er hatte gut gegessen, ein wenig
»gedurmt« (geschlummert), sich dann schön angezogen, die Pfeife in den
Mund gesteckt und war hieher gegangen, um zu sehen, was ihm weiter
belieben werde. An einem solchen Nachmittag fühlt sich der Bauer immer
behaglich, sogar wenn er verliebt ist. Michel ging langsam, blieb
zuweilen ein bischen stehen -- er dachte an die Gret. Er war heute
so unternehmungslustig und dabei so sicher! »Jetzt wann's mer käm',«
dachte er -- »Sapperment nei'!« -- Er ging wieder einige Schritte
und sah umher -- und wie's denn manchmal geht, dort, den Weg von der
linken Gasse zum Anger herunter, kam die Gret! Michel eilte mit großen
Schritten zum Ausgang des Wegs, um sie noch eben zwischen den Gärten zu
treffen. Sie sollte ihm nicht entwischen -- sie sollte ihm Rede stehn
und nicht mit einem bloßen Gruß davon kommen!

Es gibt auf dem Lande nichts Reizenderes als jene Gänge zwischen
lebendigen Hecken, die eben breit genug sind, daß man sich ausweichen
kann. In der schönen Jahreszeit, wo die Hecken grünen und blühen, wo
der trockene Weg von Gras und Blumen eingefaßt ist, gewährt es ein
wahrhaft poetisches Vergnügen, hindurchzuspatzieren, zumal wenn beim
Schein der Sonne der Schatten dicht belaubter Gartenbäume drüber fällt.
Es ist so traulich und so heimlich darin, daß man nur bedauert, so bald
wieder ins Freie zu kommen! --

Ein solcher Gang war es, in dem unser Michel die Geliebte festhalten
wollte. Seine großen Schritte hatten bewirkt, daß er noch rechtzeitig
kam: die Gret ging erst in der Mitte des Weges. -- Wie schön war sie!
Sie hatte an dem warmen Tage keinen Kittel an: in blendendweißen
Hemdärmeln, in gestreiftem, farbigem Mieder und rothem Halstuch
kam sie ihm entgegen. Die Kleider standen ihr so gut, ihr Gang war
so geschickt: das Dienen in der Stadt hat eben doch seine großen
Vortheile! -- Dem guten Michel lachte das Herz im Leibe, als er sie
ins Auge faßte. Wann aber das Herz lacht, dann schwebt es und kann
consequenterweise nicht -- -- -- fallen. Unser Freund behielt seinen
Unternehmungsgeist, obwohl die Gret mit schelmisch heiterm Antlitz
näher und näher kam; und als sie endlich vor einander standen, sagte er
heroisch: »No Margreat, wo kommst denn du hear?« -- »Von der Fischere«,
war die Antwort. -- »So! -- Ond wo willst denn he'?« -- »Hoem! -- I
ben mit 'm G'strick ausganga' -- ond hab d's Gara' (Garn) vergessa'!«

Unser Bursche machte ein curioses Gesicht. Es schien ihm hier eine
vortreffliche Gelegenheit gekommen, die Gret zu foppen und zu plagen,
und er beschloß sie zu benutzen. Sich breit auf den Weg hinstellend
sagte er mit schlauer Miene: »Doh hommer's (da haben wirs)! An was host
ietz doh denkt?« -- Die Gret, seine Gedanken errathend, erwiederte:
»Ja, wann e's saga' dät!« -- »No«, versetzte Michel, »des ka'n e mer
fürstella': an a Mannsbild!« -- »So?« entgegnete die Gret schnippisch.
»Woescht du des so gwihß?« -- »Wamma (wenn man) des net wihßt!«
versetzte Michel mit selbstgefälliger Sicherheit. »Des ist ja doch uir
(euer) oezengs Dichta'n ond Drachta'!« -- »Doh bildet 'r ui (ihr euch)
doch a bisle z'viel ei'«, erwiederte die Gret. -- »Bah«, rief Michel
im Hochgefühl des Rechthabens, »wär koe Wonder, des wär net bekannt!«
-- Das Mädchen versetzte mit einem Schein von Ernst und Schärfe: »Ma'
sakt manchmol, es sei ebbes so, derweil hätt' ma nor geara', daß so
wär! Omkeart (umgekehrt) wurd a Schua' (Schuh) draus!« -- »Ho ho!« rief
Michel. -- »Uir (ihr) Mannsbilder«, fuhr die Gret fort, »lebet en der
Ei'bildeng -- und des ist natürlich. Uir wisset net, was o's (uns, wir)
denket; aber o's wisset, was uir denket!« -- »Des wär' der Deufel!«
versetzte Michel, verwundert über die kecke Behauptung. »Wie sottet'r
(solltet ihr) des wissa?« -- »Wie?« erwiederte die Gret, indem sie ihm
heiter ins Gesicht sah; »weil d'r (ihr) uire Gedanka' verrothet, weil
d'r o's nochloffet (nachlauft)!« --

Michel war betroffen. »D's Ohs hot Rehcht,« dachte er in einem Moment
des Schweigens. Es blieb ihm indeß noch der Ausweg, die Thatsache zu
läugnen -- und das that er tapfer. »Bah«, rief er geringschätzig, »wear
duet des? A rechter Kerl net!« -- »Ih«, setzte er mit Stolz hinzu,
»ben mei' Lebteng no' koer nochgloffa'!« -- »Ist des wohr?« fragte die
Gret lächelnd. -- »So wohr i dohstand«, sagte der Ehrliche. Die Gret,
die recht wohl gesehen, wie der Enakssohn zu dem Durchgang geeilt
war, hätte bei dieser naiven Behauptung beinahe gelacht; allein sie
unterdrückte die Anwandlung und sagte scheinheilig: »Doh ist d'r also
oh gar net drom z'doa', daß d' mit oer redst?« -- Michel ahnte, wo sie
hinaus wollte; aber er hatte A gesagt und mußte B sagen, und ohnehin
wollte er sie ja uhzen (foppen)! Heroisch erwiederte er: »Gar net! --
I wihßt oh net, worum!« -- »So«, sagte die Gret, »doh mueß e m'r ja
nocht a Gwissa' draus macha', doß e de mit mei'm Gschwätz aufhalt.
-- Bhüet de Gott!« Sie wollte vorbei. Michel war aber nicht gemeint,
eine Unterhaltung, die bis jetzt so schön gegangen war, so schnell
abbrechen zu lassen; er rief mit Eifer: »So wart nor no' a weng! -- Du
wurscht doch Gspaß verstanda'?« -- »Des scho',« versetzte die Gret;
»aber i muß ietz zu meina' Kamrädenna'!« -- »Gang weiter«, entgegnete
Michel, »lauter Weibsbilder! Was wurd des für a'n Onderhalteng sei'!«
-- »O«, rief die Gret, »o's onderhalta' se recht guet!« -- »Was net
no'!« erwiederte Michel seinerseits ironisch. Und selbstgefällig setzte
er hinzu: »Von was hont'r (habt ihr) ietz gredt?« -- Die Gret sah ihn
an und ihre Lippe zuckte unmerklich. »Von was redt ma'«, sagte sie
dann, vor sich hinschauend, »wamma' se guet onderhalta' will: von da'
ledenga' Burscht'!« -- Michels Gesicht klärte sich auf. »No, was hab'
e gsakt?« rief er. »Ietz gibst m'r doch selber Rehcht!« -- »I hab me
verschnappt«, erwiederte die Gret. -- »Ja, ja«, fuhr Michel fort,
»d'Mannsbilder stecket ui (euch) em Kopf -- des woeß e ja!« -- »No«,
setzte er in behaglichem Stolz hinzu, »en was für 'r Art hont 'r von es
(uns) gredt?« -- »Mer hont g'rotha«, erwiederte das Mädchen nach kurzem
Zögern, »weller (welcher) ietz wol d'r G'scheidtst ist em Doraf!« --
»So«, versetzte Michel. »Send 'r oeneng (einig) woara'?« -- »Noe«,
erwiederte die Gret. »Jeda' hot 'n andera' a'geba'!« -- »Natürlich«,
bemerkte unser Bursche, indem ihn das Vergnügen über die entlarvte
Schwäche der Mädchen verhinderte zu sehen, welche Gefahr er selber
lief. »Wean host denn aber du a'geba'?«

Es giebt eine Mischung von Unschuld, Ungeschicklichkeit und
Selbstgefälligkeit, die auch wohlwollende Naturen reizt, den Träger
derselben, was man sagt, anlaufen zu lassen. Die Absicht, necken zu
wollen, fordert heraus, und das Unvermögen, das in keiner Art zur Sache
kommt, erweckt ein Verlangen, zu strafen. Unsre Gret fühlte einen
Antrieb dazu und konnte ihm diesmal nicht widerstehen; sie erwiderte:
»I hab no' gar koen a'geba' -- i hab koen gwißt. Aber ietz -- ietz
woeß e oen -- ond ietz muß e eila', daß e widder z'ruck komm. Mei'r
(meiner) wurd gwihß alla'n ei'leuchta'!« -- Nach einem Blick, dessen
Bedeutung nicht zu verkennen war, schlüpfte sie an ihm vorbei und ging
rasch weiter.

Michel sah ihr nach -- -- er fühlte mit einemmal, was die Gret ihm
angethan, und die Röthe der Scham überströmte sein Gesicht. Bald erhob
sich der Zorn in ihm und verstärkte das Roth zu düsterem Braun. »Wann
de nor der Deufel holla' dät,« rief er -- »du Hex du! -- Hot ihren
Spoht (Spott) auf m'r und stellt me he' wie'n Esel! -- O wann e's nor
doh hätt' --« Er hielt inne. Es fiel ihm ein, daß er hier gehört werden
konnte, und die Furcht, dem ganzen Dorf zum Gespött zu werden, hieß ihn
abbrechen. -- Langsam ging er zurück. Er dachte nach, wie er zu diesem
Verdruß gekommen sei -- und lachte bitter. »I hab's foppa wölla'! Die
do, d's ärgst Ohs em ganza' Dorf! Doh ben ih d'r recht Ma' derzue!« --
Nach einer Pause setzte er unmuthsvoll hinzu: »Der Kapper ist a'n Esel
gwesa' mit sei'm Roth, und i a Narr, daß e'm gfolgt hab! -- Des hot
grad no' gfehlt! Des hot d'Butt bonda (die Bütte gebunden, die Sache
fertig gemacht)!« -- Am Ende des Ganges blieb er stehen und ließ eine
Zeitlang gedankenvoll sein Haupt hängen. Endlich murmelte er: »'S soll
amol net sei'! I gib m'r alle Müa ond dua', was e ka' und hab nex als
Verdruhß ond Onear (Unehre) dervo'. Noe, noe -- i loß d's Heiricha
sei'! Aus isch ond gar isch! --«

Als er bei diesem desperaten Satz angekommen war, hörte er Tritte
in der Nähe und schaute auf. Es war die Gret, die mit dem Garn
zurückkam. Daß sie's dem guten Michel so arg hinausgegeben, hatte sie
doch ein wenig gereut, und ihr Gesicht drückte jetzt Wohlwollen und
Freundlichkeit aus. Wie sie ihn aber dastehen sah mit der trotzig
verlegenen Miene, da änderte sich ihre Stimmung etwas. Sie konnte sich
nicht enthalten, mit neckischer Verwunderung zu fragen: »No Michel,
stost (stehst du) no' allweil doh?« -- Der Bursche, auf's neue gereizt,
erwiederte: »Dirdawega (deinetwegen) net!« -- »O,« versetzte Gret, »des
bild e m'r oh net ei'! Kott's Blitz! doh mueß e nor macha', daß e d'r
bald aus da'n Oga' komm!« -- »I halt de net auf!« rief Michel. -- »Hu
hu!«, erwiederte die Gret, und rasch verschwand sie in dem Gange.

Michel, in dem Gefühl, daß es nun wirklich aus sei, verließ mit
langsamen Schritten den Anger. Er suchte den Kasper auf und traf ihn
allein in seinem Garten. »No,« sagte er unmuthig zu ihm, »du host m'r
'n schöana' Roth geba', des mueß e saga'! Du bist a gscheidter Kerl!«
-- Der Kamerad sah ihn verwundert an und fragte: »Wie so?« -- »No doh
mit dei'm Foppa'n und Ploga', wo d'me a'glearnt host! -- Des ist a
Dommheit gwesa'!« -- Kasper ahnte was vorgefallen war; er forderte ihn
auf zu erzählen, was passirt sei, und Michel gab ihm, so gut er konnte,
ein Bild von dem Verlauf der Ansprache.

Wie lächerlich die Geschichte dem Erfahrenen und Gewandten auch vorkam,
so hielt er es im Moment doch weder für rathsam zu lachen, noch das
Benehmen des Burschen zu tadeln. Er richtete seine Kritik gegen das
Mädchen und sagte: »'S ist a'n Ohs!« -- »So,« erwiederte Michel, für
welchen diese Zustimmung etwas Angenehmes hatte, »siksch ietz oh ei'?
-- Freile isch a'n Ohs, d's ärgst em ganza' Doref! Für da' Narra' hot's
me ghett; -- ond für da' Narra' dät's me halta, so ofts könnt' -- wann
i net gscheidter wär! Aber doh wurd a Riegel fürgschoba'! Koe Wöartle
mea' (mehr) red e mit'r. Nemmer a'seha' du e's (thu ich sie)!« -- »No,
no,« warf der Kasper ein, »gar z'hitzeng muest oh net sei'. Durch des,
was d'mer verzählt host, ist no' net bewiesa', daß's de net mag!« --
»Was,« rief Michel, »doh isch no' net bewiesa?« -- »Noe,« bemerkte
Kasper. »Du host sie foppa' wölla'n aus Lieb, ond sie hot di gefoppt --
vielleicht oh aus Lieb!« -- Der Bursche konnte sich bei diesen Worten
nicht enthalten, ein wenig zu lächeln und rasch loderte in Michel der
Zorn empor. »Willst du me oh no' für da' Narra haba'?« rief er, indem
er ihn grimmig anschaute. »Des net,« erwiederte Kasper. »Aber d' Mädla'
deant (thun) oft grad d's Conträre von deam, was denket! Der Spoht« --
»Mach me net wild,« fiel Michel ein. »Wean e verspott, auf dean halt'
e nex! Du bist a'n Esel, wann's anderst sakst!« -- Kasper zuckte die
Achseln. »Du bist halt a grober Kerl,« versetzte er. -- »Weil e Rehcht
hab,« entgegnete Michel. »Doh ben e doch a weng z'guet dafür, doß e
so'm Fratza' da' Narra'n ahgib! -- Nex doh! Aus isch ond gar isch!« --


                          Beim braunen Bier.

Ein Mädchen wie die Gret gefiel natürlich mehreren ledigen Burschen.
Zwei oder drei Handwerker hätten gern mit ihr anbinden mögen, aber
sie erfuhren, daß sie schon angebunden war -- sehr kurz nämlich
ihnen gegenüber, die etwas dreist vorgehen wollten. Auch ein paar
Bauernsöhne schauten sie mit großem Wohlgefallen an und einer schien
gute Lust zu haben, sie zu dem Rang seiner Geliebten zu erheben. Es
lag indeß nicht in der Art des Mädchens, nach einer solchen Verbindung
zu streben. Sie war zu fröhlich, um ehrgeizig zu sein, und verspürte
keine Neigung, zwischen Sohn und Eltern Streit zu veranlassen und sich
durch Händel und wüsten Lärm zu einer höhern Stellung durchzukämpfen.
Die Liebe, die ihr den heroischen Muth dazu vielleicht gegeben hätte,
meldete sich nicht, und so erfuhr der junge Bursche bei dem zweiten
Annäherungsversuch eine lachende, aber deutliche Abweisung.

Wenn sie die sämmtlichen Dorfbursche durchging, war und blieb es eben
unser Michel allein, bei welchem ihr Herz sich regte. Zu ihm verspürte
sie nachgerade einen Zug, über den sie sich selber wunderte. Sie hatte
gesehen, daß es der ärgste »Lackel« sei im ganzen Dorf -- unerfahren
wie ein Kind, und so ungeschickt, daß er einen ordentlich dauerte.
Aber der ungeschickte Kerl war ihr der interessanteste! Sie mußte
immer wieder an ihn denken; sie fühlte einen Trieb zu überlegen, ob
ihm nicht zu helfen sei, ob er nicht doch am Ende gescheidter sei als
er aussehe, und ob ihm der Verstand nicht noch kommen könnte, wenn
auch spät, u. s. w. -- Wer in Herzensangelegenheiten erfahren ist, der
weiß, was dieses Spiel der Gedanken für Folgen hat. Eben im Scheine
solcher Vorstellungen entwickelt sich der Keim einer Neigung; die
heitere Beschäftigung mit dem Bilde kommt dem Original zu Gute, und
dieses ist zuletzt in der Lage, erndten zu können, wo es persönlich gar
nicht gesät hat. Die Gret gewöhnte sich an die Vorstellung des Michel
und an den Gedanken, daß er für sie bestimmt sei. Bald war sie mehr
verstrickt, als sie selber ahnte; und während der gute Bursche glaubte,
seine Sache sei verloren, stand sie just so gut als möglich.

Je mehr Ernst in die Neigung kommt, desto weniger läßt man dem
Gegenstand etwas thun, desto weniger will man Scherz mit ihm treiben.
Als die Gret bedachte, wie sie den Michel bei dem letzten Diskurs doch
abgeführt hatte, fühlte sie Gewissensbisse und auch eine plötzliche
Sorge, er könnte so bös geworden sein, daß er gar nichts mehr von
ihr wissen wollte. Dies Letztere schien ihr bei näherer Betrachtung
nicht gerade wahrscheinlich; aber doch nahm sie sich vor, bei nächster
Gelegenheit sich nicht wieder vom Uebermuth hinreißen zu lassen,
sondern mit seinem guten Willen vorlieb zu nehmen und ihm wohlmeinend
unter die Arme zu greifen.

Eine Reihe von Tagen war vergangen und sie hatte den Burschen nicht
wieder gesehen, außer von weitem. Daß er jetzt keinen neuen Versuch
machte, mit ihr zu reden, begriff sie, und es war ihr lieb, daß sie
sich in der ersten Zeit nach jenem Auftritt im Heckengang nicht
zufällig begegneten. Der Aerger in Michel sollte erst verdampfen und
der Liebe wieder Platz machen; dann wollte sie ihn so freundlich
grüßen, daß er gewiß wieder Muth bekam und mit ihr ein erwünschtes
Gespräch anfing. Sie hatte eine sehr angenehme Empfindung bei der
Vorstellung, das er dann das rechte Wort finden könnte, sie ihm sagen
müßte, wie's ihr um's Herz sei -- und Alles zu gutem Ende käme.

Endlich führte sie der Zufall einander entgegen. Sie kam von der Wiese,
er ging hinaus. Als das Mädchen seiner ansichtig wurde, erröthete sie
etwas und sah lieblich heiter aus; sie wollte ihn grüßen so schön wie
sie's nur konnte! Allein in ihm hatte der Anblick derjenigen, die
ihn für'n Narren gehabt, schon den Unmuth wieder angeregt; und wie
er nun gar ihr Vergnügen wahrnahm, das nach seiner Meinung nur Spott
sein konnte, loderte ein ganz ehrlicher Zorn in ihm auf. Er machte
ein Gesicht so »wild« als möglich; die Gret, bei dem Anblick etwas
verhofft, sagte guten Tag lange nicht so schön wie sie sich's gedacht
hatte -- und der Gegrüßte ging vorüber, ohne zu danken. Ihrerseits
verletzt, sah das Mädchen ihm nach und schüttelte den Kopf. »Also
doch,« sagte sie einigermaßen verlegen und ging langsam weiter. Bald
aber tröstete sie sich. »Er moent eba', d's erstmol muß er doch no'
trutza'! 'S ist a Mensch ohne Manier! Aber er moet's doch net böas --
ond d's nächstmol wurd er scho' danka'!« --

Bei der nächsten Begegnung schaute das Mädchen den Burschen erst
erwartend an; ihre Wünsche hatten die Hoffnung schon so sehr wieder
belebt, daß sie meinte, er könnte zuerst grüßen. Als er sich aber
mit düsterm Gesicht näherte, ohne eine Miene zu verziehen, rief
sie: »Godden Tag, Michel« in dem Ton einer Gekränkten, als ob sie
hinzusetzen wollte: »Worom grüescht me denn net? Hab' e d'r denn ebbes
do'?« Dieser Ton traf unsern Burschen; aber da er beschlossen hatte,
trutzend an ihr vorüberzugehen, so war nicht von ihm zu verlangen, daß
er in dem einzigen noch übrigen Moment diese Bestimmung änderte. Er
führte demnach seinen ersten Gedanken aus, weil er einmal im Schuß war,
und beleidigte nun freilich die wohlmeinende Gret in einer Weise, die
ihrerseits einen Entschluß hervorrufen mußte. Sie schaute sich diesmal
nicht um, sondern ging mit rötherem Gesicht weiter und murmelte für
sich: »'S ist a Dommkopf ond bleibt oer! Mit deam ist nex a'zfanga'! No
meit'weg! Vo' mir soll'r net weiter encommodiert weara'!« --

In Folge dieser niederdrückenden Erfahrung gerieth das gute Mädchen
in einen Gemüthszustand, der ihr neu war, den sie aber eben darum
sorgfältig geheim zu halten suchte. In die Heiterkeit ihres Innern war
ein Schatten gefallen. Sie wurde leichter ärgerlich als früher, sie
fühlte sich in andern Augenblicken weicher als sonst und eine Art von
Trauer wandelte sie an, so daß sie ein Verlangen empfand, ihr Herz
einer Kamerädin aufzuschließen. Allein das zu thun, schämte sie sich
doch allzusehr; sie fühlte, daß es ihr nicht anstand, und schwieg.
Auf sich selber beschränkt, gab sie sich stillen Erwägungen hin. Es
begegnete ihr, daß sie überlegte, welcher von den übrigen Burschen wohl
derjenige sei, der sich am besten für sie passen würde. Sie konnte sich
für keinen entscheiden; aber indem sie sich vorstellte, wie einer »mit
ihr ging«, erquickte sie sich an dem Gedanken, daß der Michel sich
recht darüber ärgerte. Denn das wußte sie: ärgerlich war es ihm doch,
wenn sie einen Andern hatte, so ein dummer und einfältiger »Stoffel« er
auch war. --

In dieser Zeit kam ein junger Mensch in's Dorf zurück, der auswärts
gearbeitet hatte. Es war der Sohn eines der zwei Schneider, die der Ort
nährte -- selbst Künstler mit der Nadel und das, was man auch auf dem
Land, wenigstens im Ries, »a gallants Bürschle« nennt. Weder groß noch
stark, sondern eher klein und schmächtig, war er doch gut gewachsen;
und wenn sein helles, glattes Gesicht etwas zu mädchenartig ließ, so
war das für gewisse Jungfrauen kein Grund, weniger davon zu halten.
Bei viel natürlicher Gutmüthigkeit besaß er eine bedeutende Portion
Selbstgefühl, das sich auf die Ansicht gründete, daß ihm an Feinheit,
Geschicklichkeit und höherem Anstand keiner der gegenwärtigen Burschen
des Dorfes gleich käme. Er hatte in der kleinen Stadt, in der er sich
aufgehalten, allerlei Redensarten gemerkt, die er bei Gelegenheit zum
Besten gab, sprach ein wenig »hochdeutsch,« wenn's drauf ankam, und
hatte für sich eine Mischung von bäurischer und städtischer Kleidung
erfunden, die seiner Erscheinung etwas besonders Nettes gab. Einmal
war ihm der Gedanke gekommen, ob er nicht vielleicht zu etwas Höherem
bestimmt sei und in der weiten Welt sein Glück suchen sollte. Aber
sein Vater wurde alt, er hinterließ ihm ein Haus und Feldgüter, und in
diesem Betracht schien es doch gerathen, auf sein ehrgeiziges Projekt
zu verzichten und als Geselle des Alten die Zeit zu erwarten, wo er
sich als Meister im Dorf setzen konnte.

Jakob -- so hieß unser Schneider -- war mit dem Maurer befreundet und
kehrte bald nach seiner Ankunft bei ihm ein. Die stattliche Schönheit
der Gret überraschte ihn und machte auf sein leicht erregbares Herz
sogleich einen mächtigen Eindruck. Er nahm sich zusammen, setzte die
Reden und sagte dem Bäschen Schmeicheleien, die ihr nach seiner Meinung
unendlich wohlthun mußten. Die Gret lächelte, halb schelmisch, halb
wirklich vergnügt, und nun kam sie ihm so reizend vor, daß eine Stimme
in ihm rief: »Dieses Mädchen mußt du kriegen!« -- Die Gret konnte
ebenfalls hochdeutsch reden, wenn sie wollte, und es hatte bei ihr
überhaupt Alles einen andern Furm (Form) als bei den Mädchen, die nie
aus dem Dorf hinaus »geschmeckt« hatten: waren sie beide nicht recht
eigentlich für einander geschaffen? -- Freilich war sie fast einen
halben Kopf größer wie er, und dieses Verhältniß hätte er umgekehrt
lieber gehabt; allein im Grunde, schadete das was? Es gab Exempel, wo
eine große Frau und ein etwas kleinerer Mann recht gut mit einander
gehaust hatten. »Wenn sonst nichts fehlt,« dachte der gute Bursche,
»das kann man sich gefallen lassen!« Und darin hatte er ganz Recht:
wenn sonst nichts fehlte, dann stand es vortrefflich.

Vor der Hand fehlte indeß noch die Hauptsache: die Gret hatte von ihm
keineswegs eine ähnliche Ansicht erlangt, wie er von ihr, und ihr war
es gar nicht so vorgekommen, als ob sie für einander geschaffen wären!
-- Als ein kluges und natürliches Mädchen durchschaute sie den Burschen
sogleich. Er war gutmüthig und eitel -- so recht einer von denen, die
eine Gescheidte am Narrenseil führen kann, ohne daß sie's merken. Ein
»Männdle«, mit dem eine Lustige zu ihrer Unterhaltung spielt, von dem
sie sich flattiren und Gefälligkeiten erweisen läßt und den sie dann
ohne große Gewissensbisse nach Hause schickt, wenn sich ein Besserer
meldet. Wie hätte die Gret vor so einem Respekt haben können? Wenn sie
aber keinen Respekt haben konnte, dann konnte sie auch nicht lieben. --
Das lag in ihrem Wesen und das merkte sie auch nachgerade selbst.

Unser Schneider hätte sich eher alles Andre einfallen lassen, als daß
die Gret über ihn solche Gedanken hegte. Er hatte den besten Muth; denn
Alles zusammengenommen, konnte so ein Mädchen nicht von Glück sagen,
wenn sie ihn bekam? Er war eifrig, dieß lag in seiner Natur; aber er
war eifrig mit Zuversicht. Zunächst kehrte er beim Vetter Maurer ein,
so oft es anging, und wenn er der Gret einen Gefallen thun konnte, so
ergriff er die Gelegenheit mit Begierde. Als sie in diesen Tagen einen
neuen kattunenen Kittel zu haben wünschte, fertigte er denselben (denn
er war Männer- und Frauenschneider) in kürzester Zeit und brachte darin
eine sinnreiche Neuerung an, indem er behauptete, ein Mädchen, die in
der Stadt gewesen sei, müsse sich feiner tragen als eine gewöhnliche
Bauerntrutschel! Er brachte ihr von Hause Sträußchen mit und spitzte
dabei seine Complimente so fein zu, daß er selber daran seine Freude
hatte. Kurz er huldigte der Schönen auf eine Weise, der man ansehen
mußte, daß er sie anderswo gelernt habe, als zu Hause bei seinem Vater.

Nach und nach fand die Gret doch Gefallen daran. Der Schneider hatte
aber auch eine günstige Zeit getroffen. Die Spannung zwischen ihr
und Michel dauerte fort. Bei einer dritten Begegnung hatte sie, wie
natürlich, ihn nicht gegrüßt, und er war mit einem nur um so »wildern«
Gesicht an ihr vorübergeschritten. Die Grobheit eines Menschen, dem sie
vor Allen den Vorzug gegeben hätte, verdroß das Mädchen im Innersten
ihres Herzens, und in diesem Zustande hatte die Höflichkeit des
Schneiders etwas Wohlthuendes für sie. Sie brauchte einen Ersatz, der
junge Vetter gewährte ihr ihn, und sie konnte sich nicht enthalten,
ihn freundlich dafür anzusehen. Einmal, in weicherer Stimmung, dankte
sie mit besonderer Wärme, und dem Blick, mit welchem sie die Worte
begleitete, gab die Dankbarkeit der gerührten Seele einen Glanz und
einen Schmelz, wie ihn der Schneider noch nicht gesehen. Jetzt konnte
er sich nicht mehr täuschen; das schöne Bäschen gehörte ihm, sie hatte
sich verrathen! Jetzt durfte er nur reden und die Sache war fertig! --
Er redete zunächst doch nicht; vielleicht weil er des Sieges gewiß war,
oder weil ihn der schelmische Genius, der sein Loos zu weben hatte,
davon abhielt. Das konnte er sich aber nicht versagen, beim Abschied
die Zuversicht seines Herzens mit wohlgefälliger Miene fein anzudeuten.

Die Gret sah ihm trübe lächelnd nach. »Du guts Bürschtle« rief sie für
sich und zuckte die Achseln. -- Ihre Gedanken nahmen den Lauf wieder
zu dem Enakssohn. Nach einer Weile sagte sie: »Könnt' ietz der Michel
net oh höflich sei' und dischgeriera' und flattiera' wie der Schneider?
Mueß denn grad der, den e möcht', der gröbst und der dommst sei' em
ganza' Doraf? 'Sist doch nex en der Welt, wies sei' soll!« --

Wenn sie in andern Momenten wieder dachte, Michel könnte sich am Ende
doch bessern, so erfüllte dieser ihre Erwartung fürs erste nicht. Er
trutzte weiter -- er wollte in der That nichts mehr von ihr wissen; d.
h. er wollte im Grunde immer noch gar viel von ihr wissen, aber er gab
es nicht zu erkennen. Die Besuche des Schneiders und die Reden, die
darüber im Dorf umzugehen anfingen, brachten in seinen Gedanken keine
Aenderung hervor. Daß ein Mädchen wie die Gret so einen »Krampen«
wie den Schneider möge, konnte er fürs erste nicht glauben. Wenn sie
ihn aber mochte, wenn sie so einen »miserabeln Kerl« lieber haben
könnte, als ihn, dann sollte sie ihn nur nehmen und zum Gespötte werden
mit ihm! Unser Bursche hatte über die »Weibsbilder« schon soviel
nachgedacht und vernommen, daß er wußte: sie seien eigentlich »d's
Deufels« und auskennen werde sich so leicht keiner in ihnen. Als er
sich aber vorstellte, daß die Gret sich wirklich dergestalt verirren
und den Schneider nehmen könnte, wo doch Er, der Michel, zu haben war,
da stieg ein Gefühl der Geringschätzung gegen ihren Verstand, ihren
Charakter, ihre ganze Person in ihm auf, welche die Liebe für den
Moment gänzlich überdeckte. »Wanns so komma dät, wanns dean lieber
hätt' wie mih, nocht dät e me doch schäma', doß e nor a Menutt ebbes
von 'r ghalta' hab!« -- Es war ihm aber auch bei diesem Ausruf noch,
als obs eigentlich doch nicht so sein könnte.

Unterdessen hatte die Ernte begonnen, und in dieser Zeit können
es Leute, die in einem Dorfe, zumal in einer Gasse wohnen, nicht
vermeiden, sich öfter zu sehen. Michel traf die Gret eines Tages mit
dem Maurer, dieser grüßte, und unser Bursche konnte nicht so sehr
die Lebensart außer Acht setzen, daß er nicht dankte. Wie er nun
mit ehrbarem Ton »Godda'n Ohbed« sagte, benutzte das Mädchen die
Gelegenheit, um mit etwas gedämpfter Stimme gleichfalls ein »Godda'n
Ohbed« anzufügen. Was sie sich dabei gedacht, konnte zweifelhaft
sein; gleichwohl empfand Michel diesmal bei dem Ton ihrer Stimme ein
wohlthuendes Zucken in seinem Herzen, und es schien ihm unmöglich, daß
dieses nachträgliche »Godda'n Ohbed« nicht etwas zu bedeuten habe, und
zwar etwas Gutes. -- Das nächstemal kam sie ihm allein entgegen. Sie
grüßte nicht, weil sie jetzt eben von ihm gegrüßt zu werden hoffte. Als
er aber wieder stumm blieb, sah sie ihn von der Seite mit einem Blick
an, der auch einen Härtern, wie er war, in die Seele hätte treffen
müssen. Dieser Blick sagte: »O du dommer Kerl, willst du a Mädle net
grüeßa', die so viel auf de hält?« -- Michel konnte sich der Wirkung
dieses Blickes nicht entziehen. Als er einige Schritte weiter gegangen
war, sagte er ernsthaft zu sich: »Ietz isch m'r doch so fürkomma'n,
als ob -- -- am End hot doch der Kapper Rehcht!«

Denselben Abend noch suchte er den Kameraden auf und machte ihn mit
seiner Erfahrung und seiner Vermuthung bekannt. Wie Kasper ihn auf
solchem Wege sah, rief er: »No, was hab' e denn g'sakt? Die Great hot
dih em Kopf, des hab' e scho' lahng gwißt; aber du loscht (lässest)
ja net mit d'r reda'!« -- »No no,« erwiederte Michel begütigend; und
nach einem Moment des Nachdenkens setzte er hinzu: »Du moest also, i
hätt' Hoffneng -- 's ist dei' Earnst?« -- »Freile isch mei' Earnst,«
entgegnete Kasper. »Wer ka' doh no zweifla'! -- Aber ietz mach amol
'n Fried mit dei'm oefältenga' Trutza' doh und dua', was se für a
rechts Mannsbild g'höart!« -- Michel stand mit tiefsinnigem Gesicht da.
»Wann's d'Glegenheit git (gibt),« erwiederte er endlich, »will e seha'!«

Dieser abendliche Diskurs fand gegen Ende der Woche statt. Nachdem
am Samstag noch ein tüchtiges Gewitter sich entladen und die Luft
abgekühlt hatte, kam ein schöner und nicht allzuheißer Sonntag. Das
Wintergetreide war größtentheils zu Hause, die Gerste der Sichel
entgegengereift, und da sich die Ernte so gut angelassen, glaubte man,
sie werde auch gut zu Ende gehen. In solchem Vertrauen entwickelt
sich in der Seele des Bauers ein gründliches Behagen und er fühlt das
Bedürfniß, sich ein Plaisir zu machen.

Heute stellte sich bei Michel nach dem Essen der Kamerad ein und
machte den Vorschlag, »zum braunen Bier zu gehen.« Zu den Eigenheiten
unsres Burschen gehörte es, auch dann, wenn er etwas zu thun geneigt
war, sich nöthigen zu lassen. Er sah dermalen den Andern mit einer
Miene an, die weit entfernt war, Beistimmung auszudrücken. Die eben
anwesende Mutter rief indeß: »Gang mit! Kommst doch oh widder amol
aus'm Doraf naus ond unter d'Leut!« -- »Ha'et wurd's vohl (voll),«
bemerkte Kasper. »D's Bier soll gar fei'dle guet sei' ond d's Wäder ist
schöa'!« -- »Wer woeß,« sagte er lächelnd zu Michel, »ob d'net ha'et
oena sikscht, die d'r gfällt!« -- Die Mutter zuckte die Achseln und
entgegnete für Michel: »Gang weiter! Deam gfällt oena'! Dia' Hoffneng
hab e lang aufgeba'!« -- Sie verließ die Stube. -- Kasper machte ein
pfiffiges Gesicht und sagte zu Michel: »Die merkt no' nex!« -- Auch
unser Bursche verrieth auf seinem Gesicht einige Schlauheit; dann aber
erwiederte er: »Sie soll oh nex merka', bis d'Sach klor ist!« Und mit
einem bedeutungsvollen Wink setzte er hinzu: »Woescht no', was e d'r
g'sakt hab?« -- »Ja wohl,« entgegnete Kasper mit Lachen. »Aber ietz
mach!«

»Zum braunen Bier gehen«, hieß auf den Dörfern in der Nähe von
Wallerstein so viel als: auf den Keller der fürstlichen Brauerei gehen.
Diese Bezeichnung datirt ohne Zweifel aus einer Zeit, wo in jenen
Dörfern ausschließlich weißes Bier gesotten und das braune (das in
Norddeutschland s. g. bayrische) zunächst nur von der »Herrschaftsbräu«
geliefert wurde. In den Jahren, in denen unsre Geschichte spielt,
verdiente aber das hier producirte Getränk die Auszeichnung einer
solchen Benennung immer noch durch seine Güte, wie es denn auch jetzt
noch unter den Bieren des Rieses einen ehrenvollen Rang behauptet.

Die Kameraden legten die mäßige Strecke von ihrem Dorf nach Wallerstein
in gemüthlichem Diskurse zurück. Die Zahl der »Schöber,« die sie schon
eingeführt hatten und die sie noch zu bekommen hofften, der Stand des
Sommerkorns und die Hoffnungen des Brachfeldes bildeten den Hauptinhalt
ihrer Ansprache. Im Markt angekommen, schlugen sie den nächsten Weg zu
der Anhöhe ein, auf welcher die fürstliche Brauerei liegt und nebst den
ausgedehnten Oekonomiegebäuden den grauen Felsen, der das alte Schloß
getragen, kranzartig umschließt. Sie fanden noch Platz auf einer der
Bänke vor der Brauerei, ließen sich jeder eine Maaß geben, würdigten
den schäumenden Trank, der aus dem gepichten Bauche der hölzernen
»Bitsch« in ihre Kehlen floß, mit tiefem Zuge und theilten bald,
schmauchend und nach entsprechenden Intervallen die Zungen befeuchtend,
das Vergnügen der zechenden Versammlung.

Kasper hatte Recht gehabt. Das in dem Felsenkeller gelagerte Bier
war heute ganz besonders wohlschmeckend und der Trinkplatz, der die
Aussicht in den nordöstlichen Theil des Rieses darbot, vollständig
besetzt. Wallersteiner Herren -- fürstliche Beamte und Bürger --
etwelche Nördlinger, »kadollische« und »luttrische« Bauern saßen
größtentheils standesmäßig vereinigt, hie und da aber auch zufällig
gemischt um die hölzernen Tische, die heute für die »Herrn« durch
einige hübschere aus der Zechstube vermehrt waren. Das schöne
Geschlecht war nicht zahlreich vertreten; doch sah man außer der
französischen auch noch katholische und protestantische Rieser Tracht
nicht ganz unwürdigen Inhalt umschließend. Alles war vergnügt. Die
Hauptsache war unerschöpflich vorhanden, und wer Appetit nach etwas
Eßbarem hatte, für den war nicht nur durch die Wirthschaft, sondern
auch durch Wallersteiner Buben gesorgt, die Rettiche und »Würst'
siedhoeße« ausriefen und die letztern auch dann noch mit dem lockenden
Prädikat schmückten, wenn sie schon zwei Stunden hin und hergetragen
waren.

Unsre Kameraden tranken sich nach und nach in jenen angenehmen Dusel
hinein, in welchem die jetzigen Sterblichen eine Ahnung von dem Gefühl
erhalten, durch das die Menschen des goldenen Zeitalters beglückt
worden sein mögen. Michel hatte einen Blick auf das Dorf Birkhausen
und auf das Fasanenwäldchen geworfen, das ihm so hübsch gegenüber
lag; er hatte die Gäste gemustert und nach flüchtiger Betrachtung der
anwesenden Bauernmädchen die Ueberzeugung gewonnen, daß Kasper in
dieser Beziehung nicht gut prophezeiht habe! Jetzt ließ er die Augen
ruhen und verharrte im Gegensatz zu dem Kameraden, der sich von Zeit
zu Zeit umsah, in unveränderter Stellung, sichtlich in Nachdenken
versinkend. Ohne aufzusehen, murmelte er endlich: »Wann e's nor gwihß
wihßt'!« -- Kasper sah ihn an und sagte lächelnd: »Bist scho' widder
doh mit deina' Gedanka'?« -- »Hol's der Deufel,« rief Michel, »i ka'
net dervo' loaskomma'! Wann's ietz doch nex wär'? Wann's doch da'
Schneider lieber hätt'? Gestert ist der Kerl a'mer verbeiganga',
als ob's scho' sei' wär'! I hätt 'm glei oena' stecka' könna', so
hoaffärteng hot 'r ausgseha', der Grippel!« -- »Da' Schneider,
glob' e, host net z'färchta',« erwiederte Kasper. -- »I sott's oh
net moena,« sagte Michel; und mit großartiger Verachtung setzte er
hinzu: »So a Krack -- so a Stump von 'm Menscha'! -- net gröaßer als
a Säustallthürle! I schmieß 'n über a Haus nüber, wann's sei' müeßt'!
-- 'S ka' net sei'!« -- »Sie müeßt se ja schäma', wann's mit 'm geang
(ginge),« setzte Kasper hinzu. »D'Leut dätet lacha 'n über so a Baar!«
-- »'S ist wohr,« sagte Michel. »Aber auf der andera' Seit; reda'
ka'n er, schwätza' ka'n er, ond d'Mädla' send Mädla'. Wer'n (ihnen)
flattirt, der hot scho' halb gwonna'.« -- »Des ist freile oh widder
wohr,« bemerkte Kasper. »Ond a'n Ohs ist der Schneider! Allweil woeß
er ebbes Nuis. Ond manch's Mädle hot scho' so'n Kerl gnomma', weil's
geara' d'Hosa'n a'ghett hätt! Vielleicht daß d'Great« -- -- Aber eine
solche Zustimmung war es nicht, was unser Bursche jetzt wünschte. Seine
Züge hatten sich verdüstert und unmuthig fiel er ein: »Schwätz net so
domm! I glob's mei' Lebteng net! A Mädle wie d'Great will'n rechta'
Ma'! Ond i woeß net, was grad do' (gethan) hot, daß d' so elend von 'r
denkst!« -- Kasper schwieg. Er wußte wohl, daß er nichts profitirte,
wenn er nachwies, daß er nur Michels eigne Meinung wiederholt hatte! --
Der Gewaltige ertränkte den unliebsamen Gedanken durch einen tüchtigen
Zug aus der Bitsch und beide sahen stumm vor sich hin. Auf einmal
erhellte sich das Gesicht Kaspers -- man hätte sagen mögen schadenfroh
-- und Michel rief: »Aber kommt denn doh net -- hol me der Deufel, sie
send's!«

Sie waren's in der That, nämlich die Gret und ihr Vater. Sie kamen von
der Westseite, denn sie waren auf Besuch bei der Schwester gewesen, die
in dem nächsten württembergischen Dorfe verheirathet war, und fanden
sich darum auch erst zu einer Zeit ein, wo der Nachmittag in den Abend
überging. Als sie den Kameraden sich näherten, rief Kasper: »Godda'n
Ohbed, Maurer!« und hielt ihm die Bitsch entgegen. Man wechselte Grüße
und der Maurer that Bescheid. »Doh ist no' Plahtz,« sagte Kasper auf
die Bank deutend. Der Maurer besorgte sich auch eine Bitsch, und man
setzte sich zusammen.

Michel war überrascht gewesen und hatte die mit langsamen Schritten
herbeikommende Gret sonderbar angestarrt. Sie war eben wieder sehr
schön in ihrem Sonntagsstaat und namentlich in einem neuen seidnen,
prächtig glänzenden Halstuch feinster Qualität! Der Gang in der Sonne
hatte ihr Gesicht höher gefärbt, und ein guter Beobachter hätte
bemerken können, daß ihre Augen, sobald Michel sich ihnen darbot,
durch ein reizendes Funkeln belebt wurden. -- Zu anderer Zeit hätte
sich der erste Eindruck in dem Burschen vielleicht länger erhalten und
eine verhängnißvolle Confusion der Gedanken zur Folge gehabt; allein
zwei Maaß Lagerbier trinkt man nicht ohne Wirkung! Michel saß bald mit
ruhiger Würde neben dem Maurer und nahm gemüthlich an dem Gespräche
Theil, das sich entspann.

Kasper hatte gefragt, wo sie herkämen -- nicht um es erst zu erfahren,
sondern um vor ihnen und Michel zu verbergen, daß er es schon wußte.
Nach der Antwort des Alten fragte Michel, wie's den Eheleuten ginge
und wie der jungen Frau die Haushaltung anschlüge! Hierauf gab die
Gret erfreulichen Bescheid: sie kämen gut fort und hausten recht gut
zusammen. Anknüpfend an dieses gute Zusammenhausen nahm der Diskurs
eine heitere Wendung. Kasper ging voran, und Michel bewies, daß er
auch einen Spaß machen konnte, wenn's drauf ankam. In dem Behagen,
das er empfand, war es ihm geradezu unbegreiflich, wie ihm vor der
Gret jemals das Reden hatte schwer werden können! Beim Teufel! Heut
konnte er schwätzen mit ihr wie mit seiner Mutter! Fragen -- Antwort
geben -- Alles dünkte ihn ein Spaß! -- was war das doch für ein Unsinn
früher? -- Der Umstand, daß er sich endlich in der Stimmung fühlte,
nach der er getrachtet hatte und die er allein seiner würdig hielt,
erfüllte ihn jetzt mit einem gewissen Stolz und einer eigenthümlichen
Sicherheit. Die Gret war auch so vergnügt, daß ein Blinder hätte sehen
müssen, wie sie sich freute, bei ihm zu sitzen! Die Furcht, als könnte
sie den Schneider gern haben, war eine Dummheit, die größte, die ihm
jemals vorgekommen! Den Schneider! So ein Mädchen! -- Nein! Er -- er
selbst war der Glückliche! -- Das war klar, daran konnte nur ein Narr
zweifeln! -- -- Aber heute wollte er auch sein Wort anbringen! heut auf
dem Heimweg wollte er sich an sie machen, Alles frisch weg heraussagen
-- das stand fest -- und -- auf den Herbst sollte die Hochzeit sein! --

Unterdessen hatte man das Bier nicht warm werden lassen. Auch die Gret,
die sich durstig gelaufen, that aus der Bitsch, wo man's nicht sah,
etwas bessere Züge, als sie's aus einem Glase gewagt hätte. Sie war in
der That von ganzer Seele vergnügt. Michel in seiner Unbefangenheit,
seiner guten Laune, gefiel ihr ausnehmend. Er war schöner als er ihr
sonst vorgekommen, und offenbar auch viel gescheidter! Die Neigung, die
sie immer für ihn gehegt hatte, steigerte sich diesen Abend zu dem
ernstlichsten Wohlgefallen, und sie empfand das lebhafteste Verlangen,
ihn endlich zur Erklärung zu bringen. Daß sie ihm gleichfalls
heute nicht weniger gefiel, als früher, davon erlangte sie gewisse
Ueberzeugung, und in der Hoffnung, einen solchen Prachtburschen zum
Mann zu bekommen, wuchs ihr Vergnügen zu einer Art von Uebermuth.
Sie neckte den Glücklichen von wegen weil er auf die Mädchen nichts
gebe, was ein Unglück und eine schlechte Ehre sei für alle. Michel
erwiederte: auf ihn käme nichts an, da gebe es andere, z. B. den jungen
Schneider, der in der Fremd' gewesen sei und draußen Dinge gelernt
habe, wo sie im Dorf nichts davon wüßten. Das wäre ein Kerl, der könne
den Mädchen sagen, was sie gern hörten! Worauf die Gret versetzte: Der
Schneider sei allerdings »a gallants Bürschtle,« an dem könnte sich
mancher ein Exempel nehmen; aber es gebe eben so vornehme Bursche, die
der Meinung seien, für sie wäre keine gut genug etc. etc. -- Diesem
kleinen Gefecht hörte Kasper mit Vergnügen zu, weil er seinen Plan dem
Gelingen zureifen sah; der Maurer ergötzte sich daran, ohne den Ernst
hinter dem Spaß gewahr zu werden. Zuletzt, nachdem sie einen Moment vor
sich hingesehen, sagte das Mädchen: »Wie wär's, wammer (wenn wir) auf
da' Felsa' naufgeanget, so lang d'Sonn no' schei't? Mir isch, als ob's
ha'et bsonders schöa' sei' müeßt do droba'!« -- Der Maurer wand ein,
es möchte doch zu spät sein; sie müßten heim. Allein die Gret bat, die
Kameraden traten dem Vorschlag bei und der Alte fügte sich.

Der nächste Weg vom Keller zum Felsen geht hinter dem Brauhause
vorbei. Man gelangt, wenn man eine Treppe emporsteigt, auf einen
grasigen Platz, der meist eben um den Felsen herumläuft -- ehemals
der innerste Hof des Schlosses.[4] Als unsre kleine Gesellschaft auf
ihm der südwestlichen Seite zuging, neigte sich die Sonne schon den
fernen Anhöhen zu. Vom Keller an hatte sich Michel zu dem Maurer
gesellt. Wir wissen, daß er den Entschluß gefaßt, seine Wünsche auf dem
Heimweg anzubringen; er folgte daher um so eher einem instinktmäßigen
Trieb, nach der geschehenen Annäherung sich wieder ein Bischen
zurückzuziehen, die Gret dem Kasper zu überlassen und zur Hauptaction
neue Kräfte zu sammeln. Das war aber nicht die Rechnung des Mädchens,
die das Besteigen des Felsen eben vorgeschlagen hatte, um dem Michel
zu weiterer Annäherung Gelegenheit zu bieten, in der Hoffnung, einen
Moment herbeiführen zu können, wo ihm, der einmal im Zuge war, das
Schloß vom Munde fallen sollte. Wie sie nun, am Felsen angekommen, ihn
ernsthaft mit dem Vater diskuriren und zurückbleiben sah, warf sie
einen Blick des Bedauerns auf den Liebhaber, der die gute Gelegenheit
versäumte, mit ihr aufzusteigen und ihr allenfalls dabei zu helfen.
Damals war der Weg (er befindet sich auf der Südwestseite) noch nicht
so bequem wie jetzt, wo neue Treppen in den Felsen gehauen sind.
Kasper, der mit der Gret hinan stieg, kam einmal im den Fall, ihr die
Hand reichen zu müssen, um sie einige Schritte zu führen; und es ist
zu vermuthen, daß sich diese Nothwendigkeit für Michel öfter ergeben
hätte. »'S ist doch a'n o'gschickter Mensch«, sagte sie sich. Aber ein
Gedanke beruhigte sie wieder: »Vielleicht will er se bei mei'm Vader
wohl dra' macha', des ghöart oh zor Sach, obwohl der nex dagega' haba'
wurd -- o conträr!« --

Alle waren endlich auf dem Gipfel angekommen. Man ging hin und her und
schaute. »Ei wie schön!« rief die Gret und hing mit freudigem Blick
an der Landschaft. »Du host Rehcht,« setzte der Maurer hinzu. »'S ist
wärle der Müh wearth gwesa', daß mer (wir) raufganga' sind.«

Der Bauer ist kein schwärmerischer Bewunderer der schönen Natur.
Zunächst weil er überhaupt nicht so leicht schwärmt; dann aber weil
er gewissermaßen selber zur Natur, zur Landschaft gehört und mit ihr
auf zu vertrautem Fuße lebt, um über ihre Erscheinungen außer sich zu
kommen. Ein recht schöner Anblick verfehlt aber auch auf ihn seine
Wirkung nicht; er freut sich darüber herzlich und kindlich -- und
das Ries im Schein der Abendsonne ist ein Bild, dessen Reiz auch die
substantiellere Natur eines eingebornen Dorfbewohners zu ergreifen
vermag.

Die Luft war klar, auf der nordwestlichen Seite kein Wölkchen am
Himmel. Die gelben oder noch grünlichen Getreidefelder -- die schon
»geschnittenen« Aecker, zum Theil noch mit »Sammelten« bedeckt -- die
lichtgrünen Wiesen, die Brachfelder mit verschiedenen Abstufungen
von hellerem und dunklerem Grün -- die zahlreichen Orte in der Nähe
und in der Ferne -- Alles das stand vor den Augen in deutlichen
Umrissen und durch den zarten sommerlichen Duft gleichwohl zu einem
schönen landschaftlichen Ganzen verbunden. Unter ihnen lag der
Markt Wallerstein mit den beiden fürstlichen Schlössern und den
Parkanlagen; am nordwestlichen Horizont ragte das hochgelegene Schloß
Baldern über Hügel ins Ries herein; nach Westen zu erhob sich das
ehemalige Lanenkloster Kirchheim auf mäßiger Höhe, und weiterhin stieg
der Langenberg und der Nipf bei Bopfingen empor. Eine halbe Meile
entfernt, gegen die südlichen Hügel hin, war die Stadt Nördlingen
gelagert mit ihren vielen ansehnlichen Gebäuden, Zwingern, Gärten
und Alleen -- und rechts und links wohlhäbige Dörfer über die Ebene
hingesät. Die Ruine Hochhaus schimmerte aus Wäldern hervor; auf den
südöstlichen Höhen prangten das Schloß Reimlingen und die ehemalige
Benedictiner-Abtei Deggingen, weiter nach Osten die Schlösser Harburg
und Lierheim und die Reste von Allerheim. Kehrte man sich nach der
nördlichen und nordöstlichen Seite, so erblickte man die stattliche
Kirche von Zipplingen, das Kloster Maihingen und den langen Hesselberg
-- die Schlösser Hochaltingen und Spielberg, den uralten Thurm von
Hohentrüdingen, die Städte Oettingen und Wemdingen. Die nordwestlichen
Anhöhen standen in grünlichem Duft, unter der Sonne golden überhaucht;
die südwestlichen erquickten das Auge mit wenig gedämpftem Waldesgrün;
die entfernteren südlichen und östlichen glänzten in wundervollem Blau,
hie und da von helleren Partien der Getreidefelder durchzogen. Eben die
Anhöhen, welche die Ebene rings umgeben, erwecken in dem Eingebornen
das Gefühl, daß er in einem Paradiese lebt -- in dem landschaftlich
eingeschlossenen und abgeschlossenen, fruchtreichen, schönen Ries!

Unsere Leute genossen das Malerische des Anblicks auf ihre Weise, in
großen Linien, und verwendeten deshalb weniger Zeit darauf als wir auf
die Beschreibung. Sie gingen zu einer sachlichen Unterhaltung -- zur
Hervorhebung einzelner Gegenstände über. Sie zeigten sich Orte, die das
Merkwürdige hatten, daß darin Freunde von ihnen hausten; sie machten
Anhöhen namhaft, die sich dadurch auszeichneten, daß sie von ihnen
schon bestiegen worden waren. Die Gret deutete das Haus ihrer Schwester
an, welches leider von einem großen Bauernhaus verdeckt sei; und
zuletzt concentrirte sich die Aufmerksamkeit auf dem interessantesten
Dorf -- auf dem eigenen. Man zeigte sich seine Häuser, Wiesen und
Aecker, und Anblick und Besprechung dieser traulichen Objekte
versetzten die Landleute wieder in eine muntere und fröhliche Stimmung.

Michel hatte sich hie und da an die Seite der Gret gestellt, allein
nach seinem Plane sich nicht mehr mit ihr abgegeben, als mit den
Andern, obwohl der Kamerad den Maurer ein paarmal abseits geführt
hatte, ihm Gelegenheit zu verschaffen. Die Gret, dadurch gereizt und
in der erhöhten Laune des Tages, beschloß ihm einen Schreck einzujagen
und -- ihm entgegen zu kommen. Als die Andern in die östlich gelegene
Spalte hinabgestiegen waren und Michel schweigend neben ihr stand, that
sie einen Schritt gegen den Rand des Gipfels, von dem es hier schroff
abwärts ging, zuckte und »grillte« (kreischte), daß es eine Art hatte.
Michel erschrak in der That und versäumte, rasch zuzugreifen; als er
sah, daß sie selber feststand, hielt er es nicht mehr für nöthig und
schaute sie beruhigt an. Die Gret verzog den Mund. »Du bist a schöaner
Nochber,« sagte sie; »du ließest me nonterfalla' ond sächtest (sähest)
ganz ruheng zua'!« -- Der Ehrliche war etwas beschämt, weil er selbst
fühlte, daß er zu langsam gewesen; aber eben darum wollte er den
Vorwurf zurückweisen. »No, no,« erwiederte er, »du host de ja selber
ghalta'. -- I hab' eba' denkt, du wurscht Versta'd gmuag haba' ond
net z'weit nausganga!« -- Für einen Liebhaber keine galante Rede! Die
Actien des Burschen, insbesondere seiner Gescheidtheit, sanken wieder,
und das Mädchen, etwas empfindlich geworden, suchte die Andern auf.

Die Sonne zerschmolz eben am Horizont -- der Alte mahnte zum Aufbruch.
Die Gret, um den Michel für sein Ungeschick zu strafen, ging zuerst
hinunter und that, als ob er gar nicht mehr da wäre. Natürlicherweise
fühlte nun er, dem es doch schwante, daß er sie »geärgert« habe, einen
Trieb, ihr nachzugehen und sie wieder gut zu machen. Nachdem sie alle
auf dem schon thauigen Rasen angekommen waren, führte Kasper, der des
Kameraden Absicht merkte, den Alten im Gespräch links um den Felsen.
Unser Paar sah sich allein. Der Bursche sagte ihr etwas Schönes wegen
der Geschwindigkeit, womit sie den Felsen herabgestiegen war. Sie, noch
ein wenig schmollend, aber seines guten Willens halber schon wieder auf
dem Weg zur Güte, entgegnete: »Ja, a bisle gschwender ben e freile als
du! Bei dir hoeßt's eba': komm' e ha'et net, komm' e morga'. I sorg',
du wurscht überal z'spät komma'!« -- »Oho,« erwiederte Michel und
lächelte, denn das Gesicht, womit ihm dieser Vorwurf gemacht worden,
hatte nichts Beleidigendes. Das Mädchen sah ihn an -- und nochmal
fühlte sie eine Regung, für ihn etwas zu thun. Sie sagte: »Globsch
(glaubst du), du ka'st me net fanga', wann e spreng (springe, laufe)?«
-- »Ih dih?« versetzte Michel und konnte nicht umhin, über so eine
Behauptung die Achseln zu zucken. -- »Ja, du mih,« erwiederte die
Gret mit Nachdruck. Das hieß den Michel bei der Ehre angreifen; und
im Gefühl seiner langen Beine rief er mit stolzer Sicherheit: »Loß de
net auslacha'!« -- »Ja,« sagte das Mädchen, »pranga' ka'n a'n ieder;
aber i glob's net!« -- »Du bist net gscheidt!« entgegnete Michel. »No,
so zoeg's,« fuhr die Gret fort, »ond fang me, wann d' ka'st!« -- Sie
faßte ihren Rock auf beiden Seiten, hob ihn ein wenig in die Höhe, um
den Beinen mehr Freiheit zu gewähren, und lief -- aber nicht links, den
Andern nach, sondern rechts um den Felsen, einer Grube zu, die sich auf
der nördlichen Seite des Felsens befindet. Michel, so herausgefordert,
hatte sich bereit gemacht; er ließ ihr einen Vorsprung, dann fing er
an auszugreifen, daß er sie schon im Eingang der Grube erreichte. Aber
der Triumph, sie nun zu fassen und zu halten, war ihm ein viel zu
geringer -- er lief einige Schritte über sie hinaus, bis sie schnaufend
zurückblieb, drehte sich um und rief siegesfreudig: »No, was hab e
gsakt? Ka'n e's oder ka'n e's net?« -- Die Gret sah ihn mit einem fast
wehmüthigen Blick an, und mit dem Doppelsinn, den ihr die Situation
aufdrängte, versetzte sie: »Ja, ja, i hab' me g'irrt en dir -- ond
mueß me schäma'!« -- Michel, weit entfernt zu begreifen, trat näher
und sagte mit dem Tone wohlwollender Ueberlegenheit: »No, no, z'schäma
brauchst de grad net, wann ih über de nausloff!«

Der absolute Mangel an Verständniß machte die Gret lächeln und die
grundehrliche Meinung des Burschen versöhnte sie wieder. In der Grube
war es schon dämmerig; der Spaziergang, auf den sie so viele Hoffnung
gesetzt, nahte sich seinem Ende, und daß die beiden Burschen mit ihr
heimgehen würden, konnte sie nicht als gewiß annehmen. Wer wird es
ihr nun verdenken, wenn sie bei der Redlichkeit ihrer Absichten die
Gelegenheit ergriff, mit dem Burschen noch einen Versuch zu machen? Am
Ende -- sie that damit ihre Schuldigkeit, und wenn gleichwohl an ihm
nichts half, so brauchte sie sich wenigstens keinen Vorwurf zu machen.

Sie hatte gemerkt, daß sie beim Laufen die Glufe, womit das Halstuch
des Rieser Bauernmädchens auf dem Rücken angeheftet wird, um daselbst
ein regelrechtes Dreieck zu bilden -- verloren und ihr schönes seidenes
Halstuch sich verschoben hatte. Indem sie eine Glufe von der Brust
auszog, wo sie minder nöthig war, sagte sie zu Michel: »Ietz muß e de
no' om a Gfälligkeit bitta'! I spür, daß mei' Gluf rausgfalla'n ist aus
mei'm Halstuch, ond's wär mer lieb, wann d' mers widder nei'stecka'
möchtst, vor mer zrückgont (zurückgehen).« Während sie dieses sagte,
hatte die Phantasie ihr vorgezaubert, was ihr Herz wünschte. Michel
fand während dieser Beschäftigung den Muth der Liebe, folgte ihm
freudig und hielt jene Anrede an sie, die wenn auch noch so kurz, doch
vom Munde des Mannes gehen muß, um von dem Mädchen bejaht den Bund der
Herzen thatsächlich zu knüpfen.

In diese Seelenmusik ertönte plötzlich die Antwort des wirklichen
Michel: »I will's versuacha'! Muß d'r aber scho' saga', daß e mit
deana (diesen) Sacha' net recht omganga' ka'!« -- wodurch die Gret
belehrt wurde, daß es noch nicht an dem sei. Der Bursche nahm die
Gluf und stellte sich hinter sie; er wollte ihr nun auch wirklich
gefällig sein und genau thun, was sie haben wollte. Als er anfing, das
Halstuch zurechtzurücken, wurde ihm doch sehr curios. Sein Herz fing
an zu schlagen, vor seinen Augen begann es zu schwimmen; er fühlte ein
außerordentliches Verlangen, just das zu thun, was sie wünschte und ihr
Phantasiebild wortwörtlich zu erfüllen. Allein zu rechter Zeit noch
mahnte ihn die Pflicht und sein Vorsatz. Ihr die Gluf anzustecken,
das hatte sie verlangt, darum war es ihr zu thun, und darin mußte er
ihr zu Willen sein. In der Verwirrung seiner Lebensgeister zog er das
Tuch rechts und links, ohne ihm die gehörige Lage geben zu können. Die
Gret rief: »Daß 's fei' recht en d' Mitt nei' kommt!« Denn grad in der
Mitte des Rückens muß die Spitze befestigt werden, wenn das schöne
Dreieck herauskommen soll. Dieser Zuruf des offenbar etwas ungeduldigen
Mädchens traf den Burschen. Das Tuch hing eben zu weit rechts. In
seiner Confusion that er instinktmäßig einen Riß gegen die Mitte, wobei
er die Kraft seiner Finger nicht erwog, und -- ein Fetzen des Halstuchs
blieb in seiner Hand.

Nun riß aber auch die Geduld der guten Margret! Nachdem sie so weit
gegangen -- nachdem sie ihm auf eine Art entgegen gekommen war, daß
der Einfältigste hätte begreifen müssen -- ihr, anstatt ihren Wunsch
zu erfüllen und ihr um den Hals zu fallen, das schöne neue Halstuch zu
zerreißen -- das war denn doch in Wahrheit »dümmer, als verlobbt ist.«
So einen Menschen zum Mann zu kriegen, ist am End auch kein großes
Glück, und -- -- sie hatte sich umgedreht, sah den Fetzen in seiner
Hand, sah das Gesicht halb verlegen, halb lächelnd gegen sie gewendet,
und rief erzürnt: »Du bist aber doch o'gschickter als der Deufel! So a
Mannsbild! Gang nor glei (gleich) morga' zom Schulmoester ond loß d'r
dei' Schuelgeld widder rausgeba'; denn des ist net verdeat (verdient)
woara!« -- Das war auch nicht höflich, und so etwas hatte Michel noch
nie gehört. Er wurde seinerseits ärgerlich und entgegnete: »I hab d'r
ja gsakt, daß e mit deam Zuig (Zeug) net omganga ka' -- w'rom trägst
mer's auf?« Und mit stolzem Selbstgefühl setzte er hinzu: »I hab ebbes
anderst's z'doa' en der Welt, als da' Mädla' d'Halstüacher na'zmacha!«
-- Die Gret sah ihn achselzuckend an und sagte: »Ja, des glob' e!« --
Der Bursche fühlte einen Drang, sich von jedem Vorwurf rein zu waschen;
deswegen, den Fetzen emporhaltend, bemerkte er: »Des Tuech doh, nemm
mers net übel, ist aber oh nex nutz gwesa'! 'S ist eba' widder so a
nuimodischer Lompazuig (Lumpenzeug), so dent (dünn) wie Spennawett
(Spinnweb)! Mei'r Mueter ihr Halstuch wär' m'r net in der Ha'd
blieba'.« --

Das Mädchen wußte nicht, sollte sie lachen oder weinen. Sie hielt an
sich und erwiederte: »Du host natürlich Rehcht! Ma' woeß ja, doß d'r
Gscheidtst bist en der ganza' Gmoed (Gemeinde). -- So, ietz ka'n e
mit 'm verrissenga' Halstuech hoemganga'!« -- Michel, der einmal in
den Schuß der Dummheit gekommen war, verstand die letzte Rede wieder
falsch. Er trat mit ritterlicher Intention einen Schritt näher und
sagte tröstend: »Doh brauchst de net z'kränka'! -- ih ka' d'r scho'
a nuis kohfa!« -- Das gab ihm bei dem Mädchen den Rest. Wahrhaft
beleidigt, riß sie ihm den Fetzen aus der Hand und rief; »So viel Geld
hab' e no' übreng, um m'r a nuis Halstuch z'kohfa! I brauch nex von
dir, du oefältenger Mensch!« -- Sie wandte sich rasch ab und ging fort.

Michel stand verdutzt. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß er doch
nicht ganz richtig gehandelt haben könnte. Ein Aerger erhob sich in
seiner Brust -- über sein Unglück, über die Hitze der Gret, über das
Mißgeschick, das ihn überall verfolgte. Indem er nachdenken wollte,
fühlte er, daß ihm heute auch das Denken nicht mehr geriethe. Er spürte
eine ziemliche Mattigkeit in seinen Gliedern, setzte sich auf ein
Felsstück und überließ sich der formlosen Bewegung seiner unmuthvollen
Seele. Endlich erhob er sich rasch und trat den Rückweg an; er wollte
doch sehen, wie's stehe und was zu thun sei!

Als er an seinen Tisch trat, waren der Maurer und die Gret schon
fort; Kaspar erwartete ihn, unwissend, was er denken sollte, und
höchst neugierig was denn passirt sei. Die Gret sei zurückgekommen,
sehr ernsthaft und ärgerlich, und habe erzählt: sie hätte ihren
Fürwitz gebüßt, sie wäre in einer Grub am Felsen hingegangen und ein
spitziger Stein hätte ihr das Halstuch zerrissen. Er, Kasper, habe
nicht begreifen können, wie das zugegangen sei, und nach ihm, dem
Michel, gefragt; worauf sie zur Antwort gegeben, sie wisse nicht wo er
hingelaufen sei. Dann habe sie an ihrem Vater getrieben, sie müßten
nach Hause, sie habe noch etwas herzurichten auf morgen früh -- und der
Maurer sei mit ihr fortgegangen. »Was hot's denn geba'?« rief der gute
Bursche zuletzt mit dem Antheil eines Freundes, der das Seine gethan.
»Send'r (seid ihr) oeneng woara'n oder« -- »Jo«, rief Michel mit dem
Humor der Verzweiflung, »oeneng! -- Aus isch!« -- Kaspar fuhr empor.
»Was! -- aus?« -- »Aus«, erwiederte Michel, »wie'n e der sag!« -- »Aber
wie hot's denn ganga'? So verzähl m'r doch!«

Unser Bursche war gedrückt von dem Unstern, den er gehabt, von dem
Unwillen, der in seiner Seele emporschwoll -- er mußte sein Herz
erleichtern, und er wollte dem treuen Kameraden Alles vertrauen. Wie er
erzählte, daß er in der Grube über die Gret hinausgelaufen sei, machte
Kaspar Bewegungen, als ob er das Gliederreißen hätte. »Nausgloffa?«
wiederholte er mit unwilligem Staunen; und den Zorn des Gewaltigen
riskirend, setzte er entrüstet hinzu: »O du dommer Kerl! Host denn net
gseha', wos die gwöllt hot?« -- »No, was denn?« fragte Michel. Und
Kaspar fuhr fort: »Fanga' hättsch (hättest du sie) solla' -- ond d's
Maul hättst aufdoa' solla, wann's ghett hättst! Desdawega' hot's de
rausgfoadert!« -- Michel war betroffen; die Sache leuchtete ihm ein,
und nur kleinlaut sagte er: »Moest?« -- »Ach, i bitt' de!« rief der
Kamerad höchst verdrießlich. -- »No, verzähl weiter!«

Michel erzählte das Uebrige. Kaspar sah ihn an, wie einen, bei dem's
nicht recht richtig ist, und brach in ein lautes Gelächter aus.
»Lieber Michel«, sagte er endlich, »nemm mer's net übel, aber dir
muß ma' da' Dippel boara' (der Düppel bohren)! Was! doh host no' nex
gmerkt?« -- Unser Bursche, einmal auf dem Wege der Selbsterkenntniß,
begriff -- und ein dumpfes Schamgefühl begann in ihm aufzuquellen.
Allein seine Handlungsweise hatte doch auch ihre Gründe, und zu
seiner Rechtfertigung mußte er sie geltend machen. »Aber i sag d'r«,
entgegnete er etwas verlegen -- »ihr Halstuech ist wärle verschoba'
gwesa'! Ond i hab gmoet« -- -- »Ietz höar auf«, rief Kaspar »ond
ärger' me net! Die hot se ebbes om ihr Halstuech kümmert! Des ist 'r
aufglega'! -- no' derzue bei der Nahcht, wo's koe Mensch sicht!«

Bei dieser Hinweisung auf die Nacht ward es Tag in unserm Burschen.
Er schämte sich in den Tiefen seiner Seele, und ein großer Verdruß
über sich selbst erhob sich in ihm. Indessen wenn man angegriffen ist,
muß man sich doch vertheidigen, und darum sagte er: »'Smag sei'! Aber
'sist vielleicht besser, daß's so komma'n ist! Mit dem Mädle hab e
amol nex acks (als) O'glück -- und wear woeß« -- Kasper fiel ihm in die
Rede: »O'glück haba' nennt 'r des! Ietz wurd's mer zviel! Glück host
tausedmol meaner (mehr) as der Brauch ist -- -- aber (auf die Stirn
deutend) ~doh~ fehlt's!« -- Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu:
»Ietz bitt' e de nor om oes! Verzähl m'r koem Menscha' nex dervo'! Ih
as dei' Kamrad mueß me schäma' für di! Du host de benomma, daß a wahra'
Schand ist! Wie a Dommkopf, wie a Sempel, wie a -- --«

Der gute Kaspar wollte die Gelegenheit der Vernichtung Michels benutzen
und sich für die Grobheiten, die er von ihm schon anzuhören gehabt
hatte, entschädigen. Aber nun wurde es dem Enakssohn zu bunt. Er
richtete sich empor in seiner ganzen Macht und rief mit dunkelbraunem
Gesicht: »Ietz sei mer still, oder i schmeiß de onter da' Dihsch
(Tisch) nonter, doß d's Aufstanda' vergischt! Kott's Höllablitz!
-- Willst me du oh no' verzürna'? -- I hab mei' Lebteng mit deana
Lueders-Weibsbilder nex z'doa ghett -- wie sollt' ih ihr' Ränk ond
Schwänk kenna'?« -- Kasper, zur Mäßigung gemahnt, versetzte mit Humor:
»So got's eba'! Wer nex lernt, der ka' nex!« -- »Was doh«, rief Michel
unmuthig. »Falsche Ohser sends alle mit anander! I ben froa', daß so
ganga'n ist, ond meiner Lebteng loss' e me ietz mit koer mea' ei'! Aus
isch!« -- Er ergriff die Bitsch, leerte sie auf einen Zug, stand auf
und rief mit dem alten Herrscherton: »Ietz komm!« -- Er ging. Kasper
folgte.

Auf dem Heimweg schüttelte der Erfahrene noch zu wiederholtenmalen den
Kopf. Es war freilich beinahe nicht zu glauben, wie der Kamerad sich
benommen hatte. Aber abgesehen von den Gründen, die er selber angab,
war er ein Deutscher und hieß Michel. Er war ein Schwabe und erst
sechsundzwanzig Jahre alt.


                              Beim Tanze.

Als die Gret am andern Morgen in ihrem Bett erwachte, überlegte sie
bei dem heitern Schein der eben aufgegangenen Sonne die Vorfälle des
gestrigen Abends in ihrem Zusammenhang und ihrer Steigerung -- und
brach in ein helles Gelächter aus. Nichts in der Welt kam ihr so
närrisch vor wie der gute Michel in seiner Einfalt. Was sie gestern
erzürnt hatte, das erschien ihr heute unendlich lustig, und um keinen
Preis hätte sie sich ihr zerrissenes Halstuch abkaufen lassen. »O ist
des a gueter Kerl!« rief sie, Lachthränen in den Augen. »Ist des a
dommer Mensch!«

Mit dem Unmuth war aber auch die Geringschätzung, die sie gegen ihn
empfunden hatte, völlig aus ihr gewichen. Die Heiterkeit stimmte sie
zur Milde, zur Gerechtigkeit. Sie fühlte, wie gut ers eigentlich
meinte, wie durch und durch ehrlich er war, und wie ihm nur die rechte
Art fehlte. Ihre Seele hing an seinem Bilde, wie das Aug einer Mutter
an ihrem Kind, mit liebend mitleidigem Antheil. »G'scheidt ist er
freile net,« sagte sie endlich, »ond wie ma' mit da' Mädla'n omgot, des
woeß er gar net. Aber was schadt's? 'S ist am End besser, er lernt's
von mir, als wann ers scho' von 'r andra' glernt hätt!«

Da sie die Schwäche des Burschen von der schönern Seite betrachtete,
so leuchtet ein, zu welchem Schlusse sie kam. Sie wollte ihn durchaus
nicht aufgeben, ihm vielmehr Alles verzeihen und bei der nächsten guten
Gelegenheit sich alle Mühe geben mit einem neuen Versuch. »'S ist
freile net en der Oarneng (Ordnung),« sagte sie mit etwas bedenklichem
Gesicht, »daß d's Mädle widder a'fangt. Aber was ka'n e macha'? 'S got
amol net anderst, ond a jeds mueß doa', was eba' ka'! -- So o'stearisch
(unsternisch, unglücklich), wie desmol,« setzte sie erheitert hinzu,
»wurds ja doch net allmol ganga'!«

Es hatte einen ganz absonderlichen Reiz für die muntere Gret, den
dummen prächtigen Michel zu gewinnen. Sie lächelte holdselig für sich
bei diesem Gedanken, ihre Augen glänzten und schelmisch verlangend
rundeten sich die schönen rothen Lippen.

Vergnügt kam sie in die Stube. Als sie nach der Begrüßung des Alten
wieder an Michel und sein Benehmen dachte, konnte sie sich nicht
enthalten, für sich hinzulachen. Ihr Vater sah sie verwundert an und
sagte: »Was host denn? Du bist ja gwihß net gscheidt?« -- Die Gret
erwiederte: »'S ist m'r grad ebbes ei'gfalla'!« -- »Gang weiter,« sagte
der Maurer, der nicht zu den scharfsichtigsten Menschen gehörte, »du
bist a verruckts Mädle! Mach lieber, daß mer a Supp krieget ond zom
Schneida' kommet!«

Anders war die Nachwirkung des gestrigen Abends bei dem Burschen. Auch
er sah klar an dem hellen Morgen, aber bei ihm erzeugte die Klarheit
nicht Heiterkeit und Milde, sondern grimmigen Verdruß und Wuth über
sich selbst. Schon ~Göthe~ hat hervorgehoben, wie der arme Mensch,
des Morgens im Bette erwachend, in der Passivität des Daliegens den
Pfeilen der Selbstanklage und der Reue wehrlos preisgegeben ist.
Michel, in dem Nachtheil seiner Lage, erkannte aufs deutlichste, wie
dumm er sich gestern benommen; Scham färbte sein Gesicht, er strampfte
mit dem Bein, daß die Bettstatt krachte. »O du Ochs«, rief er aus und
gab sich einen Schlag vor die Stirn, der einer minder harten gefährlich
werden konnte. »So domm sei'! -- net seha', was d's Ohs will, ond
globa', sie will des, was sie sakt! Als ob's net grad allmol ebbes
andersts wölla' dätet, die -- --! -- Ietz kenn e's (ich sie) auf oemol
-- ietz, wo's nex mea' hilft!«

Michel, wie der Leser schon gesehen, war hinterdrein immer um ein
Gutes klüger als vorher; er machte sich seine Erfahrungen in Wahrheit
zu nutze, er ging vorwärts, und es war darum keineswegs an der
Durchbildung seines Verstandes zu verzweifeln, wenn man ihm nur Zeit
gab, die hiezu nöthige Zahl von Erfahrungen zu machen. Das ist aber
eben das Schlimme bei dieser gründlichen Art der Entwicklung, daß man
oft gewisse Einsichten erst zehn Jahre später erlangt, als wo man sie
brauchte, und unter solchen Verhältnissen gar vieles unwiederbringlich
verloren bleibt.

»So a Glegenheit«, murmelte der Bursche für sich hin. »Moets so guet
mit m'r, richt't mers na' -- a'n oezengs Wöartle, ond mei' wär's! --
Ond ih ben so hihra'dippleng und verreiß 'r d's Halstuech! Noe (und er
brach selber in ein Lachen aus) so 'n oefältenga' Menscha' gibts en
der Welt nemmer! Des ist gar net möglich! -- Natürlich isch wüadeng
woara', des begreift se -- über so'n Esel! Die möcht' i oh seha', die
doh d'Geduld net verliera' dät!« --

Er versank in tiefes Nachdenken. »'Sist verloara'«, begann er aufs
neue, »ganz ond gar verloara'! So'n domma' Menscha muß ma verachta',
's got net anderst; ond wo amol koe Respekt mea' ist, doh hot's mit d'r
Liab a'n End! -- O, i wott glei« -- --

Er sprang auf, zog sich an, und murrte dabei fortwährend über sich
selbst. -- Als er in die Stube trat und der Mutter guten Morgen bot,
sah ihn diese an und sagte: »Wie sikscht denn du ha'et aus? -- Du host
g'wiß gestert z'tief en d'Bitsch nei'guckt!« -- Michel war froh, die
Alte auf dieser Fährte zu sehen, und dichtete sich einen Katzenjammer
an, obwohl mindestens das doppelte Quantum des gestern Getrunkenen
erforderlich gewesen wäre, ihm eine Andeutung davon zu geben. »Ja«,
erwiederte er, »i ben a bisle z'weit ganga'! Aber (setzte er mit saurem
Gesicht hinzu) i hab a Lear (Lehre) kriegt, ond wear me a'nandersmol
hüeta'!«

Als er nach dem Frühstück auf's Feld hinausging, dachte er: »Ietz nor
Alles ha'et, als dem Mädle net begegna'!« Er empfand eine grausame
Scheu, das Gesicht zu sehen, das er sich nicht anders als höhnisch
denken konnte und dessen bloße Vorstellung ihm schon einen Stich
ins Herz gab. Unbehelligt kam er an seinen Acker, und froh über
dieses Glück schnitt er rüstig in Gesellschaft seiner Mutter und
einer Taglöhnerin die zeitgemäße Gerste. Aber seine Furcht war doch
eine Ahnung dessen, was kommen sollte! Da sie den Acker noch fertig
schneiden wollten, so gingen sie erst spät zum Mittagessen heim. Michel
blieb in Gedanken zurück, und wie er in die Gasse einlenkte, kam
ihm die Gret entgegen. Er erschrak, und sein Gesicht zeigte eine so
komische Mischung von Verlegenheit, Verdruß und Empfindlichkeit, daß
das Mädchen, als er ohne zu grüßen an ihr vorüberschritt, sich nicht
anders helfen konnte -- sie mußte grad hinaus lachen.

Es that ihr unendlich leid, sobald es geschehen war. Sie fühlte, daß es
jetzt zu Ende sei mit ihm, und daß ein Wunder geschehen müßte, wenn er
ihr dieses Lachen verzeihen sollte! -- Sie schalt sich selbst, wurde
sehr ernsthaft und beruhigte sich endlich nur in dem Vorsatz: für jetzt
sich zurückzuhalten und Alles in Geduld zu erwarten.

Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Michel war im Tiefsten beleidigt.
»I habs ja gwißt«, sagte er schamerglühend zu sich selbst, --
auslacha' wurd's me! -- No, ietz isch aber verbei, -- ietz sig e's
nemmer a' meiner Lebtag! I ben a'n Esel gwesa', daß e denkt hab', sie
hält doch ebbes auf mi! Wean ma' so auslacht, auf dean hält ma'n ebbes,
ja wohl! -- Nia hot ma'n ebbes auf 'n ghalta'!«

In seiner gerechten Entrüstung ging er zu dem Kameraden und erzählte
ihm, was ihm passirt sei und was er nun denken müsse. Kasper wollte
die Schlußfolge Michels nicht gelten lassen; aber dieser machte ein
Gesicht, daß er seine Einwendung gern fallen ließ und meinte: es könnte
doch so sein! -- Gewisse Leute finden immer Beistimmung.

Michel faßte den Entschluß, die Gret nicht nur ihres Weges gehen zu
lassen, sondern gar nicht mehr an sie zu denken. Zunächst wurde er aber
doch noch an sie erinnert. Seine Mutter erfuhr nämlich im Lauf der
Woche von einem Nachbar, Michel sei am Sonntag beim Maurer und seiner
Tochter gesessen, er sei recht »lebendeng« gewesen, und es habe just so
ausgesehen, als ob ihm die Gret gefiele. -- »Des gäb' a rechts Baar«,
hatte der Wohlwollende hinzugesetzt, -- »doh müsset 'r a Bisle helfa'!«
-- Die Alte war sehr erfreut über diese Nachricht und nahm sich gleich
vor, bei guter Gelegenheit auf den Busch zu klopfen und zum Zwecke zu
reden.

Als sie einen Tag darauf nach dem Essen allein in der Stube waren,
begann sie mit jenem Lächeln, das nur Müttern eigen ist, wenn sie auf
eine ihnen genehme Liebschaft des Sohnes anspielen: »Des mueß ma' doch
saga', d's Maurers Margret ist doch ietz d's erst' Mädle em ganza'
Doraf! Wie die so gschickt ist ond wie der Alles aus der Ha'd got!
'Sist wärle zum Verwondra'!« -- Michel blieb stumm. -- »No, isch net
wohr?« fuhr die Alte fort und sah ihn an. -- »'S ka' sei'«, entgegnete
Michel. -- »Die Gschwendne (Geschwindigkeit)«, begann die Mutter
wieder, »hab' e no' net leicht gseha' bei 'm Mädle! Sie schafft für
zwua (zwo, zwei).« -- »Mei'daweg für drei!« versetzte der Bursche.
Die Alte wollte aus dieser Antwort entnehmen, Michel schäme sich zu
bekennen, und fuhr fort: »Wer die zom Weib kriegt, deam isch net gfehlt
-- der hots troffa' -- noch mei'r Moeneng!« -- »I wensch 'm Glück
derzue«, bemerkte der Sohn ohne aufzusehen und mit einem Ton, der der
Alten doch befremdlich klang. »No, was host denn ietz?« rief sie; und
lächelnd setzte sie hinzu: »bist net amol aufrichteng mit dei'r Mueter?
I will der's nor saga': die Great wär a Mädle für dih, ond wann de a
Bisle om se rommacha' dätst« -- --

Michel sah auf mit unmuthigem Gesicht. »Die Great«, erwiederte er kurz,
»wär die Letscht (Letzte), die i näam (nähme)!« -- »Aber worom denn?«
rief die erstaunte Alte. -- »Weil's a'n Ohs ist«, war die Antwort, »ond
weil e's net leida' ka'!«

Die Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen. »Aber du sollst de ja
beim brauna' Bier recht guet mit 'r onderhalta' haba'!« -- »Descht
(das ist) a domma' Schwätzerei -- weiter nex!« entgegnete Michel. Und
indem alle Schmach, die er erfahren, in seiner Seele brannte, rief er
mit Nachdruck: »Von deam Mädle red m'r nex mea' -- i will nex von 'r
höara'!« -- Die Alte war bestürzt und schwieg einen Moment still. Dann
sagte sie mit einem Klageton, der aus der Seele kam: »Aber sag m'r nor,
willst denn ietz barduh (partout) net heiricha'? Magst denn gar koena'?
Soll e meiner Lebteng koe Söhnere mea' ens Haus kriega'?« -- Dieser
Ton traf den Burschen; -- und da es die Mutter doch so gut meinte und
vielleicht die einzige Person in der Welt war, die es gut meinte mit
ihm, so ging er auf sie zu, nahm sie bei der Hand und sagte von Herzen:
»Mueß denn aber grad gheiricht sei'? I hab ja a brava' Mueter, die m'r
nex ahganga' (abgehen) loßt and bei ders m'r wöller ist, als bei so 'r
jonga Butzdock (Putzdocke)!« -- »Ach«, erwiederte die Alte, die sich
doch etwas geschmeichelt fühlte, »wann e aber stirb, was nocht?« -- »Du
lebst länger als ih«, rief Michel, nickte versichernd -- und suchte das
Weite.

Wie vorsichtig die gute Frau war, und wie sehr sie eine Scheu empfand,
über ihren Michel ein Gerede zu veranlassen, das ihn erzürnen würde --
den Widerspruch zwischen der Erzählung des Nachbars und dem Benehmen
des Burschen konnte sie doch nicht verwinden. Sie erkundigte sich
gelegentlich bei dem Kameraden. Dieser spürte kein Verlangen, die
Wahrheit zu sagen und unter Umständen die Kraft der Michelschen Fäuste
zu empfinden; er erwiederte, sie hätten allerdings eine Ansprache mit
dem Maurer und seiner Tochter gehabt, aber diese hätte dem Michel ein
paar spöttische Reden hinausgegeben, das habe ihn geärgert und nun sei
sie ihm zuwider. -- Die Mutter seufzte und resignirte noch einmal. Zum
Nachbar sagte sie: »Desmol hont 'r falsch gseha'!« Der Alte meinte:
»Nocht wurd's halt d's brau' Bier gwesst sei', was 'n so monter gmacht
hot!« -- »Des glob' e ehr«, entgegnete die Mutter -- und die Frage war
abgemacht für sie.

Die Erndte ging ihren Gang. Das letzte Fuder Hafer war ins Dorf
gefahren, und das Verhältniß zwischen Michel und der Gret noch
das alte. Mit dem Maurer wechselte der Bursche die gewöhnlichen
Grußformeln. Begegnete er dem Mädchen, so spielte er mit Erfolg einen
Menschen, der ganz in seine Gedanken verloren hinwandelt, und sie ging
mit dem Ernst der Ergebung an ihm vorüber, mit wiederholtem innigem
Bedauern über ihr unglückseliges Lachen und mit erneuertem Vorsatz,
bei der nächsten Gelegenheit, wenn ihr ja das Glück noch einmal wollen
sollte, sich so gut, so klug und so lieb als möglich gegen ihn zu
benehmen.

Der Schneider hatte unterdessen seine Besuche und Huldigungen
nicht ausgesetzt, obwohl die Erntezeit, die ihn in einen Schnitter
verwandelte, sie nicht in solcher Häufigkeit zuließ wie früher. Er sah
zu seiner Verwunderung, daß sein Bäschen mehr und mehr ihre Munterkeit
verlor, sich hie und da in einem sonderbaren traurigen Nachdenken,
zuweilen auch in einer sehr ärgerlichen Stimmung betreffen ließ. Dieß
erschien ihm nicht wohl begreiflich, da sie doch nach seiner Ansicht
Alles hatte, was sie wünschen konnte, namentlich einen Liebhaber, der
deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er sich, wenn es sein mußte,
in einen Ehemann verwandeln könnte. Er setzte ihr Betragen indeß auf
Rechnung der bekannten weiblichen Launen und tröstete sich, daß sie
gehen würden, wie sie gekommen.

Auf den ersten Dienstag nach der Ernte fiel eine Hochzeit, die, zum
Vergnügen der jungen Leute des Dorfes, im Wirthshaus gefeiert wurde.
Unsre Leser haben schon aus den frühern Erzählungen gesehen, welche
Rolle in der Sphäre ländlicher Ergötzungen die Hochzeiten spielen.
Die Dorfjugend mitten im Ries hat im ganzen Jahre nur zwei regelmäßig
wiederkehrende Tanzgelegenheiten: die Ortskirchweih und die Nördlinger
Messe. Zur Ergänzung der eignen Kirchweih machten ehedem Solche, die
Belieben darnach trugen oder von Verwandten eingeladen waren, die
eines und des anderen Nachbardorfes mit, was vorläufig durch die
büreaukratisch angeordnete Verlegung sämmtlicher Kirchweihtänze auf
Einen Tag, ins Reich der Unmöglichkeit verwiesen ist. Da ein paar
Tanztage im ganzen Jahr einer lebenslustigen Jugend nicht genügen
können, so werden natürlich die wirthshäuslichen Hochzeitsfeste mit
Freuden begrüßt und als ein Gnadengeschenk der Verhältnisse um so
dankbarer hingenommen, als auch sie schon seltener zu werden anfangen.

Bei dieser Gelegenheit müssen wir bemerken, daß eben diese
Festlichkeiten für das gesellige Leben des Rieser Landvolks eine
Bedeutung haben, die wir gehörigen Ortes anerkannt zu sehen wünschten.
Es sind Mittelpunkte, wo sich Gäste aus den verschiedenen Dörfern
treffen, in fröhlichem Verkehr einander ihr Herz aufschließen und
neue Verhältnisse sich entspinnen, die auseinander wohnende Familien
wieder mit einem Bande der Verwandtschaft umschlingen können. Die
Thatsache, daß das Rieser Landvolk derselben Confession gewissermaßen
eine große Familie bildet, wird hier anschaulich gemacht und zu ihrer
Erhaltung immer wieder beigetragen. Wer dieß zu schätzen und die guten
Folgen solcher Mischung sich vorzustellen weiß, der wird um einiger
Rohheiten willen, die dabei vorfallen können, die aber meist nur dem
verzärtelten Geschmack als solche erscheinen, nicht die Axt an eine
Sitte gelegt zu sehen wünschen, die so viel Gutes mit sich bringt --
von der Rekreation, welche der Bauer in Folge seiner ununterbrochenen
Thätigkeit doch ebensosehr bedarf als verdient, ganz abgesehen.
Es ist immer nur Schwäche, die, um den Mißbrauch zu verhüten, den
Gebrauch aufheben will; Schwäche und Unfähigkeit, die sich bewußt
ist, auf positive Weise nicht helfen zu können, wo zu helfen wäre.
Durch die Vernichtung der überlieferten Sitte würde das Landvolk zur
Charakterlosigkeit, zur socialen Nullität gebracht werden -- und
mehr werth als diese, sollte man glauben, wäre ein selbstständig
ausgeprägtes Leben doch bei weitem, auch mit etwelcher Rohheit, die
ohnehin der fortschreitenden Cultur schon vielfach gewichen ist und
immer mehr wird weichen müssen. Wolle man doch ja sociale Zahmheit und
Dürre nicht gewaltsam herbeiführen! Es ist möglich, daß sie von selber
kommt, früher und vollständiger kommt, als es sogar ihren jetzigen
Liebhabern lieb sein wird! --

Die Hochzeit war die eines wohlhabenden jungen Söldners mit der Tochter
eines kleinen Bauern. Die Familie Schwab gehörte zur »Freundschaft« des
letztern -- es war daher unumgänglich nöthig, daß ein Glied derselben
als Gast an der Feier theilnahm, um so mehr, als der Bauer vor Zeiten
auch den Ehrentag der Wittib mitgefeiert hatte und die Schicklichkeit
eines Ersatzes in die Wagschale fiel. Wenn der Brauch will, daß ein
Geladener dem Freund oder guten Bekannten »auf die Hochzeit gehe« und
»auf die Hochzeit schenke«, d. h. einen verhältnißmäßigen Geldbeitrag
zum Beginn der Wirthschaft liefere, so will er nicht minder, daß
dem Gaste bei Gelegenheit seiner eigenen Verbindung oder der eines
Blutsverwandten die Ehre und das Geschenk wieder zurückgegeben werden.
Der Brauch übt einen sanften Zwang zur Wiedervergeltung und fördert
so den Austausch reeller Höflichkeiten, indem er jedem abwechselnd
das Wohlgefühl des Empfangens und Gebens verschafft. Denn es bleibt
natürlich dem Rieser unbenommen, das, was die Sitte gebietet, aus
freien Stücken zu thun und in der Wiedervergeltung nicht eine bloße
Pflichterfüllung, sondern einen natürlichen Erweis der Großmuth zu
sehen, deren Freude es ist zu schenken und glücklich zu machen! --

Schon acht Tage vor diesem Fest hatte zwischen Michel und seiner Mutter
ein kleiner Kampf über die Frage begonnen, wer es mitmachen solle.
Michel wollte die Last der Mutter aufbürden, die Mutter wollte die Lust
dem Sohne gönnen. Die gute Frau kam eben, wenn auch nur im Stillen,
immer wieder auf den Wunsch und die Hoffnung zurück: es möchte ihm
Eine gefallen! Da nun im Dorfe selbst offenbar Keine so glücklich war,
so wünschte sie um so lebhafter, der Sohn möchte auf dieser Hochzeit
Jungfrauen aus andern Orten sehen, die nicht fehlen konnten. -- Das
Bewußtsein, als Mutter für sein Bestes sorgen zu müssen, gab ihr
diesmal in der That die Kraft zu widerstehen und seine Einwendungen
zu entkräften. Wie oft er auch wiederholen mochte: es mache ihm keine
Freude, er habe gar »keinen Luhst« dazu, es sei ihm grausam zuwider!
-- am Ende mußte er sich den Ermahnungen, womit die Alte ihm zuzusetzen
nicht müde wurde, dennoch fügen und in den sauern Apfel beißen. Zur
Verzweiflung gebracht rief er endlich: »No mei'daweg, i will ganga'!
Aber du wurscht seha', 's gibt widder ebbes. Denn der Deufel ist loas
ond loßt m'r koe Rua'!« -- Die Mutter war zu vergnügt über seinen
Entschluß, als daß sie dieser Rede weiter nachgedacht hätte.

Ob Michel sich deswegen so lange sträubte, weil er erfahren hatte, daß
auch die Gret auf die Hochzeit kommen würde -- oder ob er deswegen
endlich nachgab -- wer konnte es wissen? -- Der Kamerad, den er von
dem Streit mit der Mutter in Kenntniß gesetzt, machte ihm gelegentlich
und vorsichtig jene Mittheilung, indem er hinzufügte, nun würde er
gerade auch darauf gehen und dem Mädchen zum »Tort« sich um eine andere
herummachen, was sie gewiß recht ärgern würde. Michel hatte indessen
geantwortet, er kümmere sich um das Mädchen überhaupt gar nichts mehr,
und später diesen Gegenstand nicht wieder berührt. -- Sei dem, wie ihm
wolle -- er folgte der Alten, und mußte sich am Hochzeitsmorgen mit dem
Gedanken der Nöthigung doch schon einigermaßen versöhnt haben, denn
er wusch und putzte sich nach Kräften und zog sich so stattlich an,
als es der Kleiderkasten zuließ. Wie er endlich vor seine Mutter trat
in schwarzen Hosen von Hirschleder, die kein Fältchen warfen und fast
bis eine Spanne über das Knie von den Stiefeln bedeckt waren, -- in
manschesternem Leibchen mit versilberten Knöpfen, im neuen, schwarzen,
baumwollbehaarten Barchentkittel mit flachen, thalergroßen Knöpfen
-- über das wohlgebundene dunkle Halstuch den feinsten Hemdkragen
gezogen und den Kopf mit dem landesüblichen Schaufelhut bedeckt --
da ging der guten Frau das Herz auf und undenkbar schien es ihr, daß
so ein Mannsbild sollte durchs Leben gehen können, ohne ein braves
Weib glücklich zu machen und ohne eine würdige Nachkommenschaft
zu hinterlassen. -- Sie hatte eben in das Papierkäpselchen des
Gesangbuchs, das ihm auf dem Weg zur Kirche übergeben werden mußte,
einen großen Kupferzweier gesteckt, den er als »Opfer« in den
Klingelbeutel werfen sollte; nun wünschte sie ihm von Herzen gute
Unterhaltung und gab ihm geschwind noch ein paar Schicklichkeitsregeln
mit, ihn besonders ermahnend, daß er zu den Brautleuten sagen sollte:
»Ich gratuliere«, nicht: »Ich condoliere,« wie es einmal einem zu
seiner großen Schande passirt sei. Michel zuckte die Achseln und ging,
da es eben zehn Uhr schlug, in langsamen Schritten dem Wirthshaus zu.

Eine Rieser Hochzeitsfeier hatte in jenen Tagen einen andern Verlauf
als jetzt, wo dem Geiste der Zeit verschiedene Glieder der alten
Ordnung zum Opfer gefallen sind. Wir müssen unsre Leser schon ersuchen,
zunächst eine Schilderung und Charakteristik derselben freundlich
aufzunehmen, da wir ohne eine solche in der Erzählung nicht so
verständlich sein könnten, als wir gerne wären. Abgesehen davon möchte
es den künftigen Riesern von Interesse sein, das, was die Alten fromm
und fröhlich getrieben, wenigstens aus einem Buch kennen zu lernen.
-- --

Wenn das »Ander gelitten«, d. h. wenn mit Einer Glocke das zweite
Mal vor dem Beginn der kirchlichen Handlung geläutet wurde, begaben
sich Bräutigam und Braut, Hochzeitknecht und Hochzeitmagd und die
nächsten Verwandten ins Wirthshaus. Der Hochzeitknecht trug einen
Säbel mit breitem farbigem Seidenband; er ist der Beschützer der Braut
-- eine Sitte, die aus Zeiten datirt, wo thatsächlicher Schutz noch
erfordert werden konnte. In der obern Stube angekommen nahmen sie
Platz am Bräuteltisch zunächst der Thüre und erwarteten die nach und
nach anlangenden Gäste, deren jeder zum Brautpaar trat und in würdigem
Ernste »zum Ehrentag und zum fröhlichen Kirchgang« gratulirte. Hatten
sich die Gäste eingefunden, so beschenkte die Hochzeitmagd sie mit
Rosmarin, und das Frühmahl wurde aufgetragen: Suppe, Rindfleisch und
ein Viertellaib des schmackhaften »Hochzeitbrodes.« Weißbier und
Branntwein (und zwar jenes den ganzen Tag durch) gehörten zum »Mohl«
(Mahl); Wein und braunes Bier wurden gegen Bezahlung gereicht. Den
behaglichen Genuß des Frühstücks erhöhten die Musikanten -- deren
es bei kleinen Hochzeiten viere, bei größeren sechse gab -- durch
Aufspielen ihrer schönsten Arien. Endlich wurde »zusammengeschlagen,«
d. h. mit zwei Glocken zum Kirchgang geläutet, Pfarrer und Schullehrer
kamen im Ornat zum Wirthshause und empfingen je eine Citrone und einen
Rosmarinstrauch, die männlichen und weiblichen Gäste, mit Rosmarin
schon geputzt, sonderten sich, und unter dem Vortritt der Musikanten,
die einen Marsch bliesen, begann der Zug vom Hofe des Wirthshauses in
die Kirche; die Männer mit Pfarrer und Schullehrer voran, die Braut an
der Spitze der Weiber vom Hochzeitknecht mit blankem Säbel geleitet. Am
Thore des Kirchhofs machten die Musikanten Halt, die weltliche Musik
verstummte, und der Zug ging über den breiten Weg des Kirchhofs, wo die
Gäste durch die Ihrigen mit Gesangbüchern versehen und von Verwandten
und Bekannten mit leckereigefüllten »Guckern« beschenkt wurden, in das
Gotteshaus. Bei der Trauung hatte der Hochzeitknecht seinen Stand zur
Seite des Paares, um die Braut nach Beendigung der kirchlichen Feier
sogleich wieder in Empfang zu nehmen. In derselben Ordnung, wie er
angekommen, ging der Zug zurück und vor dem Kirchthor stellten sich
die Musikanten, stattlich blasend, wieder an die Spitze. Im Hofe des
Wirthshauses bildete man einen Kreis, der Pfarrer nahm Glück wünschend
Abschied, und nun trat der Schullehrer in die Mitte, um seinerseits
in feierlichem Ton eine gereimte Anrede zu halten, worin er nach der
kirchlichen Ermahnung als Repräsentant des praktisch-moralischen Sinnes
die Bedeutung des Tages beleuchtete und mäßigen Genuß und ehrbare
Fröhlichkeit empfahl.

In jeder Beziehung geistig versehen, begaben sich die Gäste in's
Haus, der Hochzeiter nahm die Hochzeiterin bei der Hand, führte sie
auf den Tanzboden und tanzte mit ihr drei Reihen allein, worauf
der Hochzeitknecht mit der Hochzeitmagd, und die übrigen schon
bereitstehenden Paare sich anschlossen. Wenn der Aufwärter zum
Mittagessen rief, setzte man sich in bunter Reihe an die Tafeln.
Jeder Gast fand bei seinem Gedeck einen »Hochzeitlaib« vor, und
nach einander wurde aufgetragen: Suppe mit weißen Semmel- und
braunen schmalzgebackenen »Knöpfen«, Rindfleisch mit Reis, Blut- und
Leberwurst, Leberkuchen und Bratwurst, endlich Braten. Nach dem Mahl
begann der Tanz wieder und dauerte bis zum Abendessen. Die ältern Leute
unterhielten sich trinkend und diskurirend oder zuschauend; die Braut
-- oder wenn sie tanzte, eines der ihrigen -- nahm Hochzeitsgeschenke
in Empfang, die ihr von Dorfbewohnern gebracht wurden, und wartete
ihnen mit Schnaps oder Wein auf. Die Dorfbewohner nämlich -- so
verlangte es die schöne Sitte -- waren ~alle~ geladen, auch den
ärmsten nicht ausgenommen, und wenn so einer nicht als Gast erscheinen
konnte, so schenkte er wenigstens nach Verhältniß seines Vermögens.

Das Abendessen vereinigte Alle wieder in der Stube. Es gab zum
drittenmal Suppe -- Rindfleisch mit süßer Rosinenbrühe, Braten und
für jede Person ein Viertel Torte. Das »Mohl« war damit vollendet;
und jetzt nahm der Schullehrer die Aufmerksamkeit der Versammlung
noch einmal in Anspruch. Er hielt eine Rede, worin er (der gleich
dem Geistlichen seinen Antheil vom Bräutigam in's Haus gesendet
erhalten hatte) Gott pries, der sie so reichlich gespeist habe, die
Summe namhaft machte, die je ein Gast zu entrichten hatte, und den
Brautleuten mit einer feinen Anspielung auf das Läuten der Taufglocke
alles Glück und allen Segen wünschte. Während dieser Rede hatten sich
die ältern Schulbuben um ihren Meister gesammelt, die Musikanten
in der Nähe sich aufgestellt, und es ertönte zum Beschluß mit
Instrumentalbegleitung der Choral: »Nun danket Alle Gott!«

In der feierlichen Stimmung, welche dieses Lied erweckte, sammelte
der Schullehrer mit einem Blutsverwandten des Brautpaars die
»Hochzeitschenk« ein, die von jedem erhaltene Summe genau notirend; und
der einmal geöffnete Geldbeutel durfte sobald nicht wieder geschlossen
werden. Zunächst folgte der Wirth, um die Bezahlung für das Mahl
(damals anderthalb Gulden und etwas darüber, jetzt über zwei!) in
Empfang zu nehmen. Dann erschienen nach einander der Aufwärter, die
Köchin, die Magd und das Mädchen, um die Gäste zu brandschatzen, die
aber ihrerseits auch zu immer kleinerer Münze griffen, bis zuletzt
in das Pfännchen des Mädchens Kreuzer und nur ausnahmsweise Groschen
geworfen wurden. Während diese Schaar sich entfernte, um schnell die
Beute zu überzählen und sich nach Verhältniß entweder zu freuen oder zu
ärgern, hielten die Musikanten ihren Umgang bei den Tischen, spielten,
was ihnen vorgesungen wurde, und zogen das Honorar ein, das in jener
Zeit um ein Ziemliches bedeutender ausfiel, als heutzutage. Die
Hochzeitgäste, vor allen die aus andern Dörfern, nahmen Abschied. Die
Brautleute begaben sich mit befreundeten Paaren in den Haustennen, wo
unter Absingung bezüglicher Liedchen nochmal getanzt und Wein gezecht
wurde. Der Bauer liebt die Gründlichkeit auch in der Ergötzung -- wenn
er sich einmal darauf einläßt -- und das Austrinken des Vergnügens
bis zum letzten Tropfen. Darum ließ sich nun der Bräutigam von den
Musikanten auch noch »heimmachen«, und in seiner Stube erst wurde
der Kehraus getanzt. Dehnte sich dieser zu lang, dann konnte Murren
unter den jungen Leuten des Dorfes entstehen, die sich zum »Ansing«
versammelt hatten. In der Regel aber hatte man diesen schon früher
ein paar Musici überlassen, und während in der Wohnung des Bräutigams
die Hochzeit endigte, war auf dem Tanzboden die freie Lustbarkeit der
Ledigen schon in vollem Gange, die früher erlaubtermaßen bis zum Morgen
dauerte.

In der Ordnung des eigentlichen Festes, wie man sieht, waren
Geistliches und Weltliches verbunden wie zwei Elemente, die sich zur
Bildung eines Ehren- und Freudentages wechselseitig ergänzen sollen.
Jeder Moment war ausgefüllt mit dem, was den Bauer ergreift und über
die Prosa des Daseins erhebt. Nach der Weihe der kirchlichen Handlung
leitete ihn Musik zu dem Orte, wo er fröhlich den Tag verbrachte, der
Schullehrer, als Mittelsmann zwischen Geistlichem und Weltlichem,
sorgte für den Uebergang und lenkte nach der letzten Mahlzeit die
Herzen noch einmal zu einer ernsten Betrachtung des Tages zurück.
Die Naivität und, um es nur zu sagen, die geistige und gemüthliche
Gesundheit früherer Zeiten nahm an dieser Verflechtung der beiden
Elemente kein Aergerniß, und Schreiber dieses erinnert sich noch wohl
der ernsten, ja feierlichen Gesichter der Hochzeitgäste beim Absingen
des Kirchenliedes. Man muß die Natur des Bauers, die Derbheit seiner
Empfindungsorgane, die Hingebung an die Gegenwart -- und auf der andern
Seite die Einfachheit seines geistigen Lebens im Auge behalten, wenn
man über eine solche Ordnung gerecht urtheilen will. Der Bauer quält
sich nicht mit dem Gedanken, ob er nicht vielleicht Gott beleidige,
wenn er sich nach der kirchlichen Handlung dem Vergnügen überläßt;
er tanzt ohne Arg, dem Gebrauch und seinem Drange folgend. Und wenn
er nach der Lustbarkeit den Choral singen hört, so stört ihn nicht
die Frage, ob dies wohl auch in's Wirthshaus gehöre; er läßt, die
Lustbarkeit vergessend, den Gesang auf sich wirken, nimmt sich's dann
aber auch in keiner Weise übel, wenn die ernste Stimmung, in die er
versetzt war, nach dem Schlusse des Liedes selbst wieder ein Ende nimmt
und erneuter Fröhlichkeit Platz macht. Für ihn ist die sittegeregelte
Fröhlichkeit eben selbst eine Erhebung! Was ihm ein solcher Tag bietet,
ist ihm Kunst und Poesie; und so wenig man diese der gebildeten
Menschheit rauben darf, so wenig darf man dem Bauer nehmen, was sie ihm
ersetzt.

In den letzten Jahrzehnten hat das Ganze dieser ländlichen
Hochzeitsfeier die Begleitung des Zuges durch die Musikanten -- die
förmlichen Reden des Schullehrers und das Absingen des Chorals nach
der Abendmahlzeit -- endlich das Tanzen im Haustennen und den Heimgang
der Brautleute mit Musik -- verloren. Das erste hat die Geistlichkeit
anstößig gefunden, das zweite scheint den jungen Lehrern, die das
Seminar gebildet hatte, nicht mehr gepaßt zu haben, das letzte
untersagte die Polizei. Das besondere Tanzen nach dem Abendessen hat
sich der Bauer indeß nicht nehmen lassen. Die Brautleute tanzen jetzt
in der untern Wirthsstube und lassen sich beim Abschied wenigstens zum
Hause hinaus blasen!

Die Sitte des Volks ist ein natürliches Gewächs; wenn ihre Zeit
vorüber ist, läßt sie sich durch Befehle nicht mehr erhalten, und kein
Vernünftiger wird darüber klagen, daß das, was kein inneres Leben mehr
hat, dem Untergang verfällt. Was aber an überlieferten Gebräuchen vom
Volke selbst erhalten, mit Lust und Liebe erhalten wird, das sollte
weder von der geistlichen noch von der weltlichen Macht angetastet
werden, sofern es nicht einer männlichen, über Nervenschwachheit und
Pedanterei erhabenen Sittlichkeit widerspricht. Wollte man dem Bauer
die öffentliche Hochzeitsfeier mit Musik und Tanz verbieten, in der
Meinung etwa, daß ein solcher Tag in ernster Stille begangen werden
müsse, so würde das, außer dem schon erwähnten Uebelstand, für das
Rieser Landvolk insbesondere noch die Folge haben, daß die bäurische
Natur an Essen und Trinken Ersatz nähme und sich den Magen überladend
in dumpfer Gedankenlosigkeit hinbrütete, was nach der Angabe eines
glaubenswerthen Mannes in Tyrol geschehen soll, wo die geistlichen
Väter das Landvolk auch dem höhern Leben zu gewinnen glauben, wenn
sie ihm das Tanzen ausreden. -- Man veredle und bereichere den Geist
der Landleute, man befähige sie durch Bildung zu höheren und feineren
Genüssen, namentlich zu jenen würdigen und tiefsinnigen Gesprächen, wie
sie die Gebildeten bei ihren Diners zu führen pflegen -- dann werden
sie auf ihre Gebräuche und ihre noch immer beliebten Vergnügungen von
selber verzichten. Bis dahin aber lasse man ihnen ihre Sitten, ihre
Freuden und, was auch eine gar schöne Sache ist -- ihren Humor!

Als Michel in die obere Wirthsstube kam, waren außer dem Brautpaar und
seinen Angehörigen nur erst wenige Gäste dort. Er trat stattlich zu den
beiden Glücklichen und sagte die Gratulation ohne Anstoß, worauf der
Dank mit einem gewissen ernsten Lächeln ausgesprochen wurde, welches
namentlich auf dem Gesicht der Braut zu bedeuten schien: Nimm dir
ein Exempel dran! An einem benachbarten Tisch hatten schon ein paar
ältere Männer aus dem Dorfe und eine Matrone von auswärts Posto gefaßt;
er setzte sich zu ihnen, um, da er nicht tanzte, wenigstens eine
vernünftige Ansprache zu haben.

Die Gäste mehrten sich. Auf einmal trat auch die Gret ein, die in
der schwarzen Spitzenhaube und in dem dunkeln Anzug, wie ihn das
protestantische Landvolk bei ernsten Gelegenheiten zu tragen pflegt,
ein eignes feierliches Aussehen hatte. Allein nachdem das Auge rasch
die Tische überflogen, stimmte das helle Antlitz nicht mehr zu dem
ernsten Gewand; es glänzte froh dem Brautpaar entgegen und wünschte
schon Glück, ehe die Lippen sich öffneten.

Michel hatte bei ihrem Eintritt in seinem Herzen einen kleinen Ruck
empfunden und konnte sich nicht enthalten, sie in der Stellung des
Gratulirens anzusehen -- und sie wieder schöner zu finden als alle
andern Mädchen und Weiber! -- Plötzlich verdunkelten sich seine Züge;
der Schneider war angekommen in funkelnagelneuem Tuchrock und sehr
vergnügten Gesichts. Er sprach einen Glückwunsch, der nur den Sinn der
alten Bauernformel enthielt, und setzte sich an die Tafel, an welcher
die Gret Platz genommen hatte, um sofort mit ihr einen Diskurs zu
beginnen.

Das Fest begann und verlief nach der Regel, und die Gäste fühlten sich
bald wohl und wohler -- mit Ausnahme eines Einzigen.

Michel hatte den Entschluß, die Gret nicht mehr anzusehen, während
ihrer vergnügten Unterhaltung mit dem Schneider erneuert. Beim
Aufstellen des Zugs ging er an ihr vorbei, ohne irgend von ihr Notiz zu
nehmen. In der Kirche sah er sich aber unwillkürlich zur Uebertretung
des von ihm aufgestellten Gesetzes verlockt. Der Pfarrer hob in seiner
Predigt die Bedeutung des Ehestandes so schön hervor; er sprach über
den Segen, der an diesen Bund geknüpft sei, mit solcher Weihe, daß
Michel instinktmäßig den Kopf nach der Gegend hinkehrte, wo die Gret
saß. Diese hatte den ihrigen just in entgegengesetzter Art gewendet --
die Blicke trafen aufeinander. Obwohl er nun sein Haupt rasch wieder
in die alte Stellung zurückdrehte und eine Miene annahm, als ob nichts
geschehen wäre, so fühlte er sich doch ertappt, die Gret konnte von ihm
denken, Gott weiß was, ihn auslachen und ihn verspotten. -- Er war sehr
ärgerlich.

Von da an war unser Bursche kein aufmerksamer Hörer der Predigt mehr,
und auch die Rede des Schullehrers ging ungewürdigt an ihm vorüber. Es
begann ihn zu reuen, daß er der Mutter nachgegeben; und nur mechanisch
ging er mit andern Zuschauern auf den Tanzboden. Was er da sah, war
gleichfalls nicht geeignet, ihn aufzuheitern.

Als das Brautpaar die drei Reihen getanzt hatte, wirbelten bald zwölf
Paare herum -- und unter diesen der Schneider mit der Gret. -- --
Alles was recht ist: der Schneider tanzte vortrefflich. Er kam dabei
sogar ein bischen größer heraus, sintemal er städtisch hüpfte; er
hatte die Gret fest am Kittel gefaßt und drehte sie kräftiger herum,
als man's ihm zugetraut hätte. Dabei schimmerte sein glattes Gesicht
in dem Vergnügen seines Herzens und in anmuthiger Selbstgefälligkeit,
so daß er allgemein gefiel. Nur unserm Burschen mißfiel er. Namentlich
war diesem das selbstgefällige Lächeln des kleinen Kerls in einer Art
zuwider, daß er's ihm gerne durch eine Ohrfeige vertrieben hätte, wobei
ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Allein das ging nicht an, er mußte
seinen Verdruß hinunterschlucken. Er wäre in die Stube zurückgegangen,
wenn er nicht der Gret hätte zeigen wollen, daß ihn diese Tanzerei
durchaus nicht schenire! Das schien ihm aber seiner Würde gemäß.
Indem er ein gleichgültiges Gesicht zu machen suchte, gelang es ihm
wenigstens ein freudloses hervorzubringen, das an ihm Niemand auffiel.

Eine Tänzerin wie die Gret ließ man dem Schneider nicht allein. Ein
andrer Lediger nahm sie ihm ab und drehte sich, wenn auch mehr auf dem
Boden, ebenso lustig mit ihr im Reihen. Michel hatte wenigstens die
Genugthuung zu sehen, daß das Mädchen mit diesem just so vergnügt,
ja fast noch vergnügter aussah, wie mit dem Nebenbuhler. Es kam ihm
der Gedanke, sie könnte den Schneider auch nur für'n Narren halten;
und das war ihm ergötzlich und erheiterte seine Züge. Ein Schmunzeln
der Schadenfreude umspielte seine Lippen, als er das Bürschchen aus
einer Ecke, und zwar mit einem gewissen Ernst im Gesicht, auf das
Paar schauen sah. Er verzieh ihm und konnte nicht umhin, die Tänzerin
wohlwollender und unbefangener zu betrachten.

Die Gret, obwohl sie ihm nicht ins Gesicht sah, mußte doch etwas
gemerkt haben. Als sie wieder im Reihen an ihm vorüberging, glänzte
ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das ihm galt -- ein Lächeln, wie es
gefallen muß, kein falsches, sondern ein gutes Lächeln. Das Herz unsers
Burschen begann aufzuthauen. Aber es sollte noch besser kommen. Das
Wirthsmädchen hatte wiederholt zum Essen gerufen, die Musik verstummte,
mit einer Art von Gedränge gings der Thüre zu. Die Gret kam in die Nähe
des Burschen, sie schaute ihm ins Gesicht und sagte mit einem Tone, aus
welchem die Seele klang, zugleich heiter, weich und süß: »Godden Dag,
Michel! Bist oh auf d'r Hoaxet?« Michel konnte in der Ueberraschung
allerdings kein ebenso freundliches Gesicht machen -- gewissermaßen
brummte er nur sein Ja. Allein die Gret schien das nicht schlimm zu
deuten; vielmehr sagte sie: »No, mach de nor recht lusteng«, nickte ihm
aufmunternd zu und setzte sich an ihren Tisch.

Das war denn doch freundlich! Da gebe sich einer nicht erneuerter
Hoffnung und glücklichen Empfindungen hin! -- Michel setzte sich an
seinen Tisch, und da er dem Frühmahl wenig Theilnahme geschenkt hatte,
so aß er jetzt im Verhältniß zu seiner Statur -- so ziemlich mit dem
Appetit eines Herkules. Ländlich, sittlich. Ein romantisch Gebildeter
hätte vielleicht nach einem so holdseligen Gruße der Geliebten lange
nichts gegessen und nur von dem geistigen Leben seines Herzens gezehrt;
-- unsern Burschen trieb eben die Seelenfreude auch zur Erfreuung des
Leibes. Das Mahl war vortrefflich -- die Schöpfung einer Wirthin,
die mehr nach Lob als nach Gewinn trachtete -- und er ließ es sich
schmecken, so lange der Appetit seine Kraft behauptete. Dies war lange,
da das braune Bier, das er sich geben ließ, sie wiederholt erneuerte.
Er fügte auch noch dem Braten eine ziemlich bedeutende Wunde zu und
konnte nur wenig »einwickeln« lassen, um es der Mutter heimzubringen.

Die Genüsse des Mahles und das Glück der Liebe und der Hoffnung
harmonirten in ihm durchaus. Die Blicke, die er zu dem Tisch hinüber
warf, an dem die Gret saß, wurden immer herzhafter, und er fühlte sich
so wohl wie seit langer Zeit nicht. In seinem Behagen erfüllte er sogar
die Unterhaltungspflicht an seinem Tisch und sprach über die Preise,
die das Korn, der Roggen und die Gerste im Herbst haben und im Winter
behaupten würden, Gedanken aus, die, wenn sie nicht unfehlbar waren,
doch mit einer Miene gegeben wurden, als ob sie es wären, und bei den
ältern Männern lächelnde Zustimmung fanden.

Der Tanz begann wieder. Michel hatte sich erhoben, und als die Gret von
einem dritten Burschen an ihm vorbeigeführt wurde, hatte er schon den
Muth, ihr mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen zuzurufen: »Scho'
widder auf da' Da'zboda'! O uir (ihr) Weibsbilder!« -- »Was will e
doa'?« erwiederte die Gret. »Wer a'fangt, mueß furtmacha'!« Und nach
einem freundlichen Blick auf ihn ließ sie sich hinausführen.

Michel ging nach Hause. Die Mutter sah ihn an und sagte: »No, es
schei't doch, 'sgfällt d'r!« -- »No ja,« erwiederte der Sohn, »'s ist
am End doch a Vergnüaga! -- Aber,« setzte er, das Eingewickelte auf
den Tisch legend, hinzu, »i hab' en Gedanka' verfluecht zuag'langt
ond breng d'r weng mit!« -- »Wann's d'r nor gschmeckt hot!« rief die
gute Alte; und heiter sagte sie: »Du host de am End gar oh scho' recht
lusteng gmacht (d. h. getanzt)?« Michel erwiederte: »Bis ietz no'
net. Aber wer woeß? Der Letscht hot no' net gschossa'!« -- Die Mutter
bemerkte: »Wie d'r (ihr) en d'Kirch ganga' send, hab e a baar Mädala'
gseha', die wära' wohl wearth, daß ma's romdreha' dät!« -- »I wills net
verreda',« erwiederte Michel. »Aber z'erst muß e no' a weng zecha'.«

Als er wieder dem Wirthshause zuging, begegnete ihm Kasper vor einem
ochsenbespannten Pflug, durch dessen Lenkung er sich heute das
Vergnügen des Ansings verdienen wollte. Die Ochsen wurden zum Stehen
gebracht, der Kamerad fragte, wie sich die Hochzeit anlasse. Michel, in
der frohen Aufregung seines Herzens, erzählte, wie die Gret sich gegen
ihn benommen. Kaspers Gesicht erhellte sich. »Willst ietz no' allweil
zweifla',« rief er aus, »daß des Mädle a'n Og (Aug) auf di hot? O wann
e an dei'r Stell wär!« -- »Was soll e doa'?« fragte Michel. -- »Danza'
muest mit'r, wanns oh nor a baar Roea' wära't! Schwätza' muest -- en
d'Stub muasch (mußt du sie) füara', a Bodell (Bouteille) Wei' muest
komma' lossa -- Kott's Heidablitz! Wann's doh net got, nocht got's sei'
Lebtag nemmer!«

Unser Bursche war bedenklich geworden. »I ka' d's Danza' net rehcht«,
entgegnete er, »ond du woescht, i hab' O'glück!« -- »O'glück!«
versetzte der Kamerad etwas ärgerlich. »Ietz kommt 'r widder mit dear
Ei'bildeng!« -- »Ja, ja,« sagte der gute Bursche, »'s ist doch so.
Mir got nex naus!« -- »Gang weiter! A Kerl, dem d'Mädla' nochloffet!«
-- Michel, obwohl von dieser Vorstellung erheitert, erwiederte: »Du
wurscht seha', 's wurd nex!« -- »Ja freile«, rief Kasper, »wann's
widder so machst, wie d's Wallerstoe!« -- »Ietz doh hab koe Sorg«,
versetzte der Bursche mit einem gewissen Selbstgefühl. »Des passiert
m'r nemmer!« -- Kasper knallte den Ochsen und rief im Abgehen: »Ha'et
Ohbed, hoff' e, ka'st m'r ebbes Nuis verzähla'!« -- »'S ka' sei'«,
erwiederte Michel und folgte den Tönen der Clarinette, die vom
Tanzboden herunter in die Gasse drangen.

Michel fühlte, daß er nach dem offenbaren Entgegenkommen der Gret
einen Versuch machen und als tüchtiger Bursch handeln müsse. Bei
der Vorstellung indeß, wie er nun zu ihr gehen und sie zum Tanz
auffordern sollte, spürte er doch wieder eine eigenthümliche Bewegung
in seinem Herzen. Es fiel ihm ein, daß er beschlossen hatte, fürs
erste zu trinken und zu rauchen; er trat in die Stube, setzte sich,
zündete seine Pfeife an, und führte seinen Vorsatz männlich aus.
Nachdem er schweigend und diskurirend zwei fernere Maaß Braunes in sich
aufgenommen hatte, fühlte er sich gekräftigt -- muthig, lustig und in
einer Stimmung, wo er glaubte, daß ihm nichts fehlen könne. -- Der
Wirth und Bräuer war ein solider Mann und die Gerste seit einem Jahr
billig.

Er ging auf den Tanzboden. Da er die Gret, die sich nicht in der Stube
befand, auch hier nicht erblickte, so war sie offenbar nach Hause
gegangen. Die Vertagung seines Unternehmens, welche dieser Umstand
nothwendig machte, war ihm nicht unlieb. Er sah den Paaren zu, die es
am besten konnten, und überzeugte sich, daß dieses Tanzen am Ende auch
kein Hexenwerk sei. Nachdem er genug gesehen, wollte er in die Stube
zurück; im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Stiege -- und siehe,
an der Seite einer auswärtigen Freundin stieg die Gret herauf.

Bei diesem Anblick fühlte er sich etwas überrascht. Auch sie erröthete
lieblich; aber in ihrem Herzen regierte der Muth der Liebe und der
Wille, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie ging auf ihn
zu und sagte gutmüthig fröhlich: »No, Michel, host no' net danzt?« Der
Bursche, der zu seiner Verwunderung fühlte, daß ihm wieder etwas von
seinem Unternehmungsgeist abhanden gekommen war, versetzte: »Allweil
no' net!« -- Er spürte einen gewissen Trieb, wieder in die Stube zu
kommen, und hatte schon seinen Fuß auf die Schwelle gesetzt; aber das
Schicksal hatte es anders beschlossen. Die Gret fuhr fort: »Willst denn
aber gar net a'fanga'? Willst da' ganza' Dag dohsitza', ond romstanda'
auf 'r Hoaxet?« -- »Wie soll i danza'«, entgegnete Michel; »d's ganz
Doraf woeß ond du wursch (wirst es) oh wissa, daß e's net ka'!« -- »I
hab de aber doch früher scho' amol danza' seha'!« bemerkte die Gret.
-- »Ja wohl,« versetzte der Bursche mit einer gewissen Laune, -- »aber
wia?« -- »Auf oemol got nex en der Welt«, erwiederte das Mädchen
tröstend und ermuthigend. »Wamma'n ebbes lerna' will, mueß ma's öfter
probiera'!« -- Michel, dem in Abwehrungsfällen die Gründe nicht so
leicht ausgingen, versetzte: »Manch Sacha' ka' ma'n oh ganz bleiba
lossa, wamma' z'alt derzue ist!« -- »Kott's Blitz«, rief die Gret,
»wann e nor so ebbes höar! Z'alt zom Danza! A jonger Burscht wie du!
Schäm de doch!« -- Und indem sie ein wenig näher trat, sagte sie mit
aller Güte und Liebe -- mit einer Stimme, welcher der Durchbruch ihrer
Empfindung eine honigsüße Weichheit verlieh: »Komm Michel! -- probiers
mit mir!« Dem Burschen war es seltsam durch's Herz gegangen, er wußte
nichts zu entgegnen. »Komm!« rief das Mädchen heiter und zärtlich,
indem sie ihn bei der Hand faßte. Michel begriff, daß es im höchsten
Grade feig und in jeder Beziehung unschicklich gewesen wäre, jetzt
nicht zu folgen. Er wollte handeln wie ein Mann, er wollte sein Bestes
leisten -- und entschlossen führte er sie in den Reihen.

Unser Bursche gehörte vermöge seiner Größe, seiner Stärke und seines
besonderen Wesens noch immer zu den ausgezeichnetsten Persönlichkeiten
des Dorfs. Dergleichen in eigenthümlichen Situationen zu sehen, ist
interessant, besonders wenn man hoffen kann, daß die Schadenfreude ihre
Rechnung dabei findet. Wie nun einer in die Stube kam und sagte, der
»Schwoba-Michel« tanze mit des Maurers Gret, da verfügten sich schnell
noch etliche zu den auf dem Tanzboden schon befindlichen Zuschauern --
begierig der Dinge, die da kommen sollten.

Der Gang im Reihen war vollendet, das Tanzen begann. Die Gret wußte
sehr gut, welcher Aufgabe sie sich unterzogen hatte, und war nun darauf
bedacht, alle Kraft und Geschicklichkeit anzuwenden, um das Wagniß gut
hinauszuführen. Den Tänzer festhaltend leitete und drehte sie ihn, so
viel sie konnte. Daß ihre Arbeit nicht gering war, merkte sie freilich
bald. Micheln wohnte nur eine sehr schwache Ahnung vom Takte bei und
zu gleicher Zeit wirkte in ihm eine gewisse Centrifugalkraft, die ihn
immer der Wand zutrieb, so daß ihn die Gute nur mit Mühe im Reihen
halten konnte. Trotz alledem -- es ging. Die Kunst und die Liebe des
Mädchens triumphirten, und sie war sich dessen nach Beendigung des
Reihens mit Freude bewußt.

Michel war sehr vergnügt. Jeder Spur von Furcht entledigt blickte er
frisch umher -- er begriff gar nicht, wie er diese Lumperei für so
schwer hatte halten können! »Siksch, es got!« rief die Gret, indem sie
ihn freundlich ansah; und er erwiederte allerdings: »Ja freile, wamma'
so a Dänzere hot!« -- aber er war doch überzeugt, daß er's konnte, und
sein Gesicht schrieb einen guten Theil des Erfolgs auf seine Rechnung.

In dieser Stimmung wollte er's das zweite Mal noch besser machen. Er
wollte sich Mühe geben und alle die Kraft und Stärke anwenden, die
er in seinen Gliedern fühlte; denn das erstemal hatte er eigentlich
nur gespielt! -- Er arbeitete nun wie an einer Schanze und machte
Bewegungen, als ob er Centnersteine vom Boden lupfen wollte. -- Der
Gret wurde es saurer als das erstemal, ihn im Geleise zu erhalten,
und die Schadenfreude, die aus den Ecken lugte, fand eine reichere
Ausbeute. Man lächelte sich an und zuckte die Achseln. »Descht a
Mannsbild!« rief eine Bäuerin mit gedämpfter Stimme einem Nachbar zu,
-- »der macht widder a'n Arbet (Arbeit)!« Und der Andere versetzte:
»Er schafft, als ob er mit 'm Danza' sei' Brod verdiena' müßt! Gommer
(gehen wir) a bisle z'ruck, daß 'r es (uns) net doat (todt) tritt!« --

Der Bursche merkte davon nichts. In dem Bewußtsein der Mühe, die er
sich gegeben, meinte er seine Sache vorzüglich gemacht zu haben. Er
lächelte mit Stolz und erkannte in dem satyrischen Zuschmunzeln einiger
Kameraden nichts als den verdienten Beifall. Da die Gret diesmal
schwieg, um auszuschnaufen, so sagte er selbst zu ihr: »'S got doch
besser, als e gmoet hab!« -- Die Gret dachte in ihrem Herzen: »daß
Gott erbarm'!« -- behielt aber diese Meinung wohlweislich für sich und
erwiederte: »W'rom sott's net ganga'? Was ander' Leut könnet, wäara'
mer doch oh könna?«

Gern hätte sie ihn gebeten, sich dessen ungeachtet etwas weniger
anzustrengen, die Sache sich leichter zu machen; aber sie wußte, daß
er nicht in der Stimmung war, diesen Rath gut aufzunehmen -- und für
den Moment wär's ohnehin zu spät gewesen. In dem Vergnügen, das ihn
belebte, in der Kühnheit, die sein Herz rasch emporwachsend erfüllte,
hatte er ein Lied begonnen. Ein Andrer war ihm zuvorgekommen; aber
dieser, ein kleiner Kerl, schwieg auf der Stelle, als er die Stimme
des Gewaltigen vernahm, und Michel sang das seine zu Ende, mehr kräftig
als schön, aber für seinen Zweck immer passirbar. Dann nahm er die Gret
bei der Hand, strampfte, daß der Tanzboden zitterte, »juxte«, daß seine
Nachbarn an die Ohren langten, faßte die Tänzerin und drehte sich mit
ihr »was host, was geift« (was hast du, was gibst du, so schnell etc.
als möglich). -- Und besser gings als das letzte Mal -- nach seiner
Meinung. Die Bethätigung des Kraftüberschusses, der in ihm wogte -- die
Freude, die Herzallerliebste herumzudrehen und es zu ~können~ --
durchgoß ihn mit einem Wohlgefühl, wie er es nie empfunden. Herrlich
wars und prächtig gings -- bei weitem besser, als er sich's zugetraut
hätte! -- Jedenfalls hatte die Gret dafür gesorgt, daß er einmal die
Wand, an die er streifte, nicht einstieß und dann ein Paar, das vor ihm
den gewöhnlichen Bauernschritt einhielt, nicht über den Haufen tanzte.

Die Heiterkeit der Zuschauer war bei dieser neuen Leistung nicht
geringer geworden. Ein sonnverbrannter Alter nickte ihm seine
Anerkennung mit gemüthlichem Faungesicht zu und rief: »Kreuzschwernoth,
Michel! du bist ja der erst' Dänzer em ganza' Land!« -- Michel, in
der Freude seines Herzens, entgegnete: »Net wohr, des hättet 'r m'r
doch net zuatraut!« -- »Wärle net«, versetzte der Alte. »So ebbes mueß
ma' seha, wamma's globa' soll!« -- Die gute Gret begann es zu reuen,
daß sie den Geliebten auf eine Bahn gelenkt hatte, wo er so schlechte
Ehre gewann. Aber vielleicht schlug er nun selber eine andere ein,
wo er Aussicht hatte, besser zu bestehen. Schon hatte die ungewohnte
Anstrengung seine Lungenflügel in Bewegung gesetzt und der Schweiß
rann von seiner Stirn. Vielleicht hörte er auf, nahm sie in die Stube
-- setzte sich zu ihr -- und es ereignete sich, was ihr alle Mühen und
Leiden tausendfach vergütete.

Fürs erste ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Michel tanzte aufs
neue; und der Umstand, daß es wieder ohne Unglück ablief, steigerte
seine Lust und Sicherheit. Sein Hintermann, ein begüterter junger
Bauer, klopfte ihn auf die Schulter und rief: »Aber Michel, sag m'r
doch, wo host denn d's Danza' so glearnt?« -- »Was woeß ih«, erwiederte
der Bursche mit stolzem Behagen -- »auf oemal got's halt! -- Aber
Sapperment«, setzte er, die Augen sich wischend, hinzu, »doh stobbt's
(staubt's) ja, daß ma' kamm (kaum) sei' Dänzere sicht! -- ond des ist
doppelt schad', wamma' so a schöana' hot, wie'nih! -- He, Mädle!« --
Er schaute sich nach dem Wirthsmädchen um, die den Staub mit Wasser
zu löschen pflegt; und da er sie nicht gleich erblickte, schrie er
aus Leibeskräften und jede Silbe breit ausdehnend: »Mädleh! Auf da'
Da'zbodah'! Spretzah'!« -- Unter allgemeiner Heiterkeit erschien die
Herbeigerufene, ein schnippisches Ding von sechzehn Jahren, mit einem
Kübel Wasser, und die Tanzenden traten auf die Seite. »So«, rief
Michel ihr zu, »spretz (spritz, sprenge) nor rehcht! D'r Deufel mag
doh danza'!« -- Das Mädchen sah ihn von der Seite an, murmelte was von
einem »Drieschlag«, langte mit der Rechten in den Kübel und schleuderte
herumgehend das Wasser auf den Boden. »Meaner, meaner (mehr)«, schrie
unser Bursche, der als ächter Bauer alles gründlich haben wollte. Das
Mädchen, durch den herrischen Ton gereizt, spritzte wahre Lachen.
»So, ietz isch gmua!« rief Michel, stellte sich fest hin, sang ein
Lied und tanzte auf dem erfrischten Boden mit erhöhter Lust, in einer
wahren Trunkenheit des Eifers und der Liebe zur Sache. Es ging besser
und immer besser. In dem Jubel seines Herzens, unwillkürlich sich
selber bewundernd, rief er mit strahlendem Gesicht: »Hopp hopp! hopp
hopp! Juhu!« -- -- Plautsch lag er da. Auf der nassesten Stelle war
er ausgeglitscht, in dem Schwunge des Tanzens war es auch der Gret
unmöglich gewesen, ihn zu halten; sie mußte ihn fahren lassen, um nicht
mitzufallen -- und der riesige Bursche »schlug hin« (wie der Rieser in
solchem Falle treffend sagt), daß der Boden krachte und ein Zuschauer
nur durch einen raschen Seitensprung sich vor Zerquetschung rettete.
Nach dem triumphirenden Hopphopp dieser Sturz, der Länge nach, auf die
Hinterseite des Leibes -- es war unmöglich, das Lachen zurückzuhalten.
Von allen Seiten des Tanzbodens, aus allen Winkeln, sogar von der
Treppe herauf (wo sich ebenfalls Zuschauer befanden) erschallte es laut
und selig; und nicht wurde es beschwichtigt, als Michel nach einem
grimmigen Fluch mit der Physiognomie der Wuth und der Scham aufstand,
wozu die Gret ihm behülflich war. Diese hatte mit etwas erschreckter
Miene einen Augenblick auf den Liegenden geschaut; jetzt, als sie ihn
wieder strack dastehen sah, wandelte sie das Lachen hinterdrein an, und
nur den eigentlichen Ausbruch zurückhaltend rief sie: »Komm, des macht
nex«, und wollte zum Weitertanzen seine Hand fassen. Aber Michel zog
sie heftig zurück.

Der Bursche hatte die Empfindlichkeit des Sonderlings und Anfängers.
Ein flotter Tänzer wäre aufgesprungen, hätte mitgelacht und weiter
getanzt. Aber den Schüler dünkte der Sturz unauslöschliche Schande
-- das Selbstbewußtsein des Gewaltigen hatte einen Schlag erlitten,
der ihm schrecklich vorkam. Hinzufallen -- ausgelacht zu werden von
»einfältigen Weibsbildern, alten Eseln und elenden Buben«, und nicht
dreinschlagen zu dürfen -- das nehme ein Michel von der lustigen Seite!
-- Er trat in eine Ecke, seiner Ansicht nach für sein ganzes Leben
beschimpft. Und als die Gret ihm nachging und ihn aufs neue ermahnte,
doch fortzutanzen, entgegnete er hochverdrießlich: »Gang weiter! I
hab' d'r ja gsakt, daß e net danza' ka'! Du hätt'st me en Rua' (Ruhe)
lossa solla'!« -- Die Gret erwiederte begütigend: »'S ist ja ganz
guet ganga'! Für d's Falla' ka' ma' nex, des ka' n'm G'schicktsta'
passiera'! Komm! Wer net omwirft, der lernt net fahra'!«

Bei ihrem heitern Wesen hatte das Mädchen nicht umhin gekonnt, ihm
diese Ermahnung mit einem Lächeln zu ertheilen, in welchem die
Schelmerei über die Gutherzigkeit den Sieg davon trug. Michel, dies
gewahrend, fühlte den schlimmsten Argwohn, den er haben konnte; und im
Unmuth desselben rief er: »Höar amol? -- suach d'r 'n andera' Narra'
-- ih mach d'r 'n net zom zwoetamol! -- Moest, i ben doh, daß e me
auslacha' ond da' Spoht auf m'r haba' loß?« -- Das Mädchen, durch diese
unerwartete Sprache betroffen und ihrerseits verletzt, erwiederte mit
vorwurfsvollem Ausdruck: »Wer hot denn da' Spoht auf d'r?« -- »Du!«
rief Michel, für den sein Argwohn schon eine bewiesene Sache war, mit
erzürntem Ton. »Falsch send 'r all mita'nander -- ond du bist die
fälscht (falscheste)!« -- Das war zuviel! Das Mädchen trat zurück und
sagte mit Verdruß: »Du bist halt a grober Kerl! Gang he' wo d' willst
-- ih mueß de wärle net haba' -- ih krieg scho' n andera' Dänzer!«
-- »Mei'thalb danz mit 'm Deufel«, rief Michel und ging mit starken
Schritte in die Stube.

Die Gret war ernstlich böse. »So a'n o'gschickter Mensch -- ond
so grob ond so hochmütheng! Noe mit deam ist nex a'zfanga' -- i
mueß 'n aufgeba'!« -- Während sie diese Gedanken hatte, machte sie
mit weiblicher Geistesgegenwart gleich wieder gute Miene. In die
Heiterkeit, welche die letzten Worte Michels und sein wüthender Abgang
erregten, hatte sie halb mit eingestimmt. Nun zeigte sie ein Gesicht,
daß es schien, als ob sie ihn mit ihrem Tanzen wirklich nur zum Besten
gehabt hätte; und als eben der Schneider von Hause zurückkam, reichte
sie ihm, der sie schnell aufzog, ihre Hand und tanzte so gut und so
schön, als ob sie heute noch an nichts Anderes gedacht hätte. Als
der Zierliche von der Affaire des Michel hörte, rief er in seinem
Mischmasch von Dialekt und Hochdeutsch: »'S ist nicht z'globa', daß es
so ongschickt Menschen geba' ka'« -- lächelte selbstzufriedener als je,
begann noch flotter den neuen Reihen, rief ebenfalls Hopphopp und Juhu,
fiel aber nicht, sondern machte es so gut, daß ihm alle mit Vergnügen
zusahen.

Das Gelächter, das unserm Burschen vom Tanzboden nachgeschickt worden
war, hatte nicht besänftigend auf ihn gewirkt. Tief ergrimmt setzte er
sich an seinen Tisch und patschte gewaltig mit seinem Bierkrug wegen
erneuter Füllung. Der Aufwärter eilte, ihn zu befriedigen. Einer der
beiden Alten, die in gemüthlichem Diskurs dagesessen hatten, schaute
zu ihm auf und rief: »No, Michel, w'rom machst denn du so a Gsicht auf
oemol?« -- Der Bursche, statt aller Antwort, that einen tiefen Zug aus
dem Maaßkrug. Ein dritter Alter, der mit dem Faungesicht, war von dem
Tanzboden hereingekommen und begann lächelnd: »Du host a kloes O'glück
ghett, Michel? -- No, no, desdawega' brauchst de net z'kränka'! 'S ist
scho' oft oer g'falla' beim Danza'!« -- »So so?« versetzte der erste
mit schlauem Gesicht, »des ist 'm passiert?« Und mit der Bosheit, die
sich ein alter Bursch gegen einen jungen wohl erlauben kann, setzte
er hinzu: »W'rom host denn aber dei' Dänzere net mit rei'brocht? Die
hot gwihß 'n rechta' Schrecka' ghett und hätt oh 'n Tro'k (Trunk)
zor Stärkeng braucha' könna', so guet wie Du!« -- »Oh«, antwortete
der dritte für Michel, der in stiller Wuth vor sich hinsah, -- »die
g'fohrts net (achtets nicht)! Sie danzt scho' widder!« -- »Welle isch
denn?« -- »Welle wurds sei'!«, erwiederte der dritte, »d's Maurers
Great!« -- »So!« bemerkte der erste mit einer Miene, als ob ihm ein
Licht aufgegangen wäre. Und kopfschüttelnd setzte er hinzu: »Ietz
gfällt m'r die Gschicht nor halb! -- Die hätt' de zor Noath halta'
könna', Michel, -- wann's gwöllt hätt'!«

Durch diese Bemerkung sah der Bursche seinen Argwohn bestätigt,
er fühlte sich verkauft und verrathen und ließ eine »Schluap«
herunterhängen, daß es die Alten Mühe kostete, ihm nicht geradezu ins
Gesicht zu lachen. Nach einem Moment sagte der dritte mit ironischer
Tröstung: »Was doh! Gspäß müssa' trieba' sei'! Sott jong Mädla' sticht
manchmol der Uebermuth ond doh macha's eba' Norrheita'! A rechts
Mannsbild verzürnt se desdawega net -- er kriegt's oh widder amol
derfür!« -- »Ih« rief Michel in stolzem Unwillen, »ben d's erstmol ond
d's letztmol von 'r a'gführt -- dohfür stand e guet!« -- Der erste
bemerkte: »Ma' mueß nex verreda'!« Und vergnügt setzte er hinzu: »Wann
ih no' mein Zwanzger hätt' (noch in den Zwanzigen wäre), nocht wißt' e,
was e dät!« -- Michel versetzte: »I woeß oh, was e dua'!« -- Und mit
einem scharfen Blick und entsprechender Kopfbewegung setzte er hinzu:
»Globet 'r mers?« -- Der Alte lachte und sagte zu seinem Kameraden:
»Was send des für jong Leut ietz! Glei da Kohpf verliera'! Doh hont se
o's (haben wir uns) anderst gholfa' zu o'srer Zeit -- net wohr?« --
Er stieß mit ihm an; der Andre brachte eine Geschichte in Erinnerung,
die dies bestätigen sollte -- Michel, dem das Vergnügen der »alten
Narren« höchlich zuwider war, trat zu einem jungen Burschen, der ihn
respektirte, und fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm wieder etwas
beruhigt.

Der Abend kam heran -- man setzte sich an die Tafeln, um das letzte
Mahl einzunehmen, das Interesse der Gäste wurde auf andre, wichtigere
Dinge gelenkt, und nach dem feierlichen Schluß des eigentlichen
Festes dachte mit Ausnahme der Nächstbetheiligten Niemand mehr an das
Zwischenspiel auf dem Tanzboden.

Michel hatte wenig gegessen und demgemäß viel eingewickelt. Er blieb
in dumpfer Stimmung sitzen und handhabte nur von Zeit zu Zeit den
Bierkrug. Auf einmal erblickte er den Kasper an der Thür; er erhob
sich, nahm sein Eingewickeltes und ging auf ihn zu. »No?« fragte
Kasper, den die Neugier so früh zum Ansing geführt hatte, »wie stot's?«
-- »Nor still!« versetzte Michel, »i will d'rs glei verzähla'!« --
Er führte ihn in ein gästeleeres Seitenstübchen, theilte ihm seine
Erlebnisse mit und fragte mit der Miene der Unfehlbarkeit: »No, was
sakst ietz? Hab' e Rehcht ghett -- hab' e O'glück mit deam Mädle?« --
Kasper hatte große Mühe gehabt, bei der Erzählung ruhig zu bleiben;
aber auf diese Frage konnte er seine Meinung nicht zurück halten.
»Brueder«, rief er, »bedenk doch --« -- »Still!« fiel Michel, der
seine Absicht errieth, erzürnt ein, -- »red m'r nex zom Guata', oder
du machst me böas! -- Mei' Lebteng sig' es nemmer a' -- ond mei'
Lebteng gang e auf koe Hoaxet mea'!« -- »No, no«, erwiederte Kasper,
der wohl sah, daß ihm heute mit Ernst und Vernunft nicht beizukommen
war, lächelnd, »du wurscht doch auf dei' oegana' (eigene) ganga'?« --
»Halt's Maul« rief Michel in Verachtung solcher Späße und stand auf, um
heimzugehen. Kasper fühlte die Pflicht, ihn zu begleiten.

Unterdessen hatte das Tanzen wieder begonnen. Der Schneider ging im
Reihen, die Gret an der Hand, und sang ein lustiges Stückchen. Wie er
den Michel mit seinem Päckchen an der Stiege sah, war er nicht sowohl
schadenfroh als schadenselig, -- vom Siegesjubel hingerissen juxte er
und tanzte er fortjuxend, bis ihm der Athem ausging. »Doh siksch!«
bemerkte unser Bursche zu Kasper, während sie die Stiege hinuntergingen
-- »so a miserabler Schneider, dear gar net he'falla' ka', weil 'r
fliegt wie a Bettfeder -- des ist der recht Ma' für dia! -- No so
mei'tweg -- dean soll's oh haba'.«


                         Ende gut, Alles gut.

Es ist eine eigenthümliche Sache um das Schicksal! -- -- Der Mensch
will an einem schönen, glückverheißenden Ziel anlangen, aber der Weg,
den er einschlägt, führt ihn nur weiter ab davon. Er nimmt die Lehre
der Erfahrung an, er geht, die täuschende Bahn vorsichtig meidend,
eine andere. Da gewahrt er, daß man durch Schaden immer nur sehr
verhältnißmäßig klug wird: der erprobten Falle entgehend, stürzt er
in eine andere. Er sieht den Zweck verloren. Wie sollte er ihn noch
erreichen? So und so hat er ihn verfehlt. -- Auf einmal bringt ihn
sein guter Genius in eine Situation, wo die Anwendung der ~ihm~
vorzugsweise verliehenen Gaben zum Siege führt! Und nun kann er
sein Schicksal schmieden -- wenn er entschlossen ist, den Hammer zu
schwingen und die von ihm geforderten Schläge zu führen.

Unser Bursche hatte ein Mädchen, die er liebte, foppen wollen -- und
war von ihr gefoppt worden. Er hatte sie durch Ausführung ihrer Befehle
erfreuen wollen -- und hatte sie durch Nichterfüllung ihrer Wünsche
böse gemacht. Er hatte sich vor ihr und mit ihr auszeichnen wollen und
hatte sich vor ihr und vor dem ganzen Dorfe mit Schande bedeckt. -- Was
konnte für ihn das Schicksal noch bereit haben?

Zunächst stand seine Sache bei dem Mädchen so schlecht als möglich.
Die Gret hatte in der That beschlossen, ihn aufzugeben, und der
Unwille, der diesen Entschluß geboren, hatte ihn auch den Rest des
Hochzeitabends aufrecht erhalten. Als sie am andern Morgen früh
erwachte, war es ihr Erstes, das Geschehene zu überdenken. Und diesmal
kam sie kein Lachen an -- ein tiefer Ernst nahm ihr Herz ein und blieb
darin. »Es soll net sei'« -- das war das Ergebniß ihres Nachdenkens.
»Er hot ebbes auf me ghalta', des will e net läugna'; aber er ist
stolz wie a Reichsgrof, empfindlich wie a kloes Ke'd (Kind), grob wie
Säuboanastroa' -- ond a Narr, wo ma'n a'sicht! -- Noe, noe!« rief sie.
»Wann e sei' Weib wearat, hätt e me nex as z'schäma', ond wann e'm
d'Worat saga' dät, wuhr'r (würde er) wüadeng ond --« -- Die Gret sah
unwillkürlich die Arme Michels in einer gewissen Bewegung -- sie zuckte
in ihrem Bette und sah mit weiblichem Stolz vor sich hin. »Des wurd m'r
net passiera'«, rief sie zuletzt, -- »doh ben i guet derfür!«

Sie faßte mit Ernst und Ruhe den Entschluß, zu thun, als ob Michel
nicht mehr auf der Welt wäre -- ihn nicht mehr anzusehen -- -- und zu
überlegen, was sich für sie Anderes und Besseres schicken möchte.

Der Vorfall zwischen ihr und dem Burschen war gestern Abend noch in der
untern Wirthsstube erzählt worden, und Niemand zweifelte daran, daß die
Gret sich mit dem Ungeschickten einen Spaß gemacht habe. Als sie nun zu
ihrem Vater hinunterging, stellte sie der Wackre ernstlich zur Rede und
sagte zum Schluß: »Des loß nor onterwegs kenfteng, so'st dischgerier
ih a Wöartle mit d'r! Der Michel ist a braver ond a fleißenger Mensch;
ond wann 'r net danza' ka', so braucht m'n desdawega' net für da'
Narra' zhalta'! -- I hoff«, setzte er mit aller Strenge hinzu, deren er
fähig war, -- »i hoff, daß so ebbes nemmer fürkommt!« -- Das Mädchen,
die ihrem Vater kein Bekenntniß ablegen wollte, begnügte sich zu
erwiedern: »Doh hab koe Sorg! D' Schand ist für mi so groaß gwesa' wie
für ihn -- i hab bodagmuag (bodengenug, genug bis auf den Boden) an dem
oezengamol!«

Bald darauf kam der Schneider -- »em Vorbeiganga'«, wie er sagte. Er
war vergnügt und sprach gemüthlich, indem er gewandt einige seiner
städtischen Redensarten anbrachte. Das Mädchen sah ihn freundlich an
und der Ernst wich im Geplauder mit ihm wenigstens aus ihrem Gesicht.
-- Der Maurer schaute mit zufriedenen Blicken auf das Paar. Vetter
Jakob hatte eine bessere Sölde als er, und mit der Nadel war's eine
gute Mannsnahrung. Die jungen Leute gefielen sich und hatten ihre
Freude an einander -- die Sache machte sich von selber. -- Als der
Schneider wieder fort war, zeigte der Alte das Gesicht eines Vaters,
der Aussicht hat, seine letzte Tochter nach Wunsch zu versorgen, und
sagte: »Der Vetter ist a gueter ond a'n aufklärter Mensch! 'S hot doch
ebbes Guet's, wamma'n a bisle en der Fremd gwesa'n ist! Dean hält gwihß
koe Mädle für da' Narra'!« -- Die Gret sah für sich hin und ein leises
Lächeln ging über ihr Gesicht. -- --

Wie das Mädchen, so war auch ihr bisheriger Liebhaber weiter als jemals
von dem Punkte entfernt, den er so lang erstrebt hatte.

Michel war nach kurzem Abschied von Kaspar, der zum Ansing
zurückverlangte, geräuschlos in sein Haus getreten und hatte der
Mutter das Eingewickelte mit dem Bemerken übergeben: er sei müde
und wolle gleich ins Bett gehen. Die Mutter wußte nicht, was sie aus
dem ruhigen, aber durchaus unvergnügten Gesicht machen sollte, und
fragte: ob er nicht getanzt habe! »Ond wia!« versetzte der Bursche mit
einer Art von Humor, »daß se alle Leut' drüber gwondert hont! -- Aber
ha'et ka'n e nemmer viel verzehla' -- morga' früa' ist oh no' Zeit!
Guetnahcht!« -- Er ging in seine Kammer.

Vor Tagesanbruch erwachend hatte er das dumpfe Gefühl einer höchst
widerwärtigen Geschichte. Als er sich das Vorgefallene deutlicher
machte, verlor sich seine fatale Eigenschaft nicht -- es grinste ihn
widerlich und peinlich und immer peinlicher an. Er seufzte tief auf --
und wollte davon wegsehen; aber das ging nicht. Seine Seele kam immer
wieder darauf zurück, seine Gedanken liefen sonderbar hin und her.
Einmal klagte er sich selbst an und wollte die Hauptschuld haben. Dann
erinnerte er sich ihres »boshaften Lachens« und ihres Tanzens mit dem
Schneider, und es schien ihm unzweifelhaft, daß die Gret falsch und er
der Angeführte, der mit Fleiß Verhöhnte sei. Zuletzt rief er: »Was plog
e me viel! -- 'S ist aus -- hab' Schuld dra' wer will!« --

Er stand auf und zog sich an. Der Mutter sein Versprechen wegen der
Erzählung zu halten, fühlte er sich durchaus nicht in der Stimmung;
deßwegen ging er sachte in die Stube, schnitt von dem Brotlaib in
der Schublade des Tisches ein tüchtiges Stück ab, nahm eine Schaufel
und ging auf's Feld, um an einem Graben weiter zu schaffen, den
er herzustellen unternommen hatte. Er arbeitete »wie wild«. In
körperlicher Anstrengung suchte er seinen Unstern mit Gewalt zu
vergessen.

Als er um zehn Uhr heimwanderte, begegnete ihm in der Gasse -- die
Gret. Hätte er beschlossen gehabt, sie zu grüßen, so würde er's nach
einem Blick auf sie doch unterlassen haben. Seine scharfen Augen
gewahrten in ihrem gespannten Gesicht einen Ernst und einen Trutz, der
ihm auf's Deutlichste sagte, sie wolle ihn nicht ansehen, nichts mehr
von ihm wissen. Er machte ein Gesicht, dem ihrigen ähnlich, und stumm
gingen sie aneinander vorüber. -- Sollte er jetzt noch zweifeln, daß
er der Genarrte war und der Schneider der Vorgezogene?

Als er -- man sagt sich, in welcher Laune -- nach Hause kam, war die
Mutter von dem Ereigniß auf dem Tanzboden schon unterrichtet. Durch das
Betragen des Burschen stutzig gemacht, war sie bald nach dem einsamen
Frühstück zu einer Nachbarin gegangen, die auf der Hochzeit gewesen,
und hatte Alles erfahren. Sehr unangenehm berührt von der Niederlage
des Sohnes, urtheilte sie doch über die Gret anders als die Leute, und
am fatalsten war ihr daher zuletzt Michels Grobheit gegen das Mädchen.
Sie nahm sich vor, ihm tüchtig ihre Meinung zu sagen.

Nach einem leichten mütterlichen Tadel, daß er heute ohne etwas Warmes
fortgegangen sei, erinnerte sie ihn, ihre Wissenschaft verbergend, an
sein Versprechen. »Ach Gott«, erwiderte Michel ungeduldig, »'s ist
gar net d'r Müa' wearth dervo' z'reda'!« -- »Ja, ja«, versetzte die
Mutter, indem sie ihm sehr ernsthaft in's Gesicht sah, »i glob's scho',
daß d' net geara' dervo' redst! Ist des a Benemma' für'n Menscha',
der ballvoll (bald voll) semna zwanzg Johr alt ist! Ander Leut wearat
gscheidter wann's älter wearat, ond du wurscht allweil o'gscheidter
ond allweil dommer!« -- Von diesem Vorwurf der Mutter wenig berührt,
entgegnete Michel: »Du woescht (weißst) also scho' Alles?« -- »Ja
freile woeß e Alles!« erwiederte die Mutter. »Redt ma' ja überal dervo'
em ganza' Doraf ond lacht de aus!« Und mit einer Miene zugleich der
Bekümmerniß und der Anklage setzte sie hinzu: »'S ist also ganz zom
Verzweifla' mit dir! So o'gschickt sei'! So grob sei' gega'n a Mädle,
die's so guet mit oem moet« -- -- »So«, fiel Michel ein, »die moets
guet mit mir? -- Wie hätt se's (sie es) denn zoegt (gezeigt)?« --
»Des sicht ma'n aus allem«, erwiederte die gute Frau. »Ond wannd' a
gscheidter Kerl gwesa' wärst, nocht hättst a Weib kriega' könna', wie's
koena' mea' git dohrom!«

Diese Versicherung mußte dem Burschen nach der von ihm gewonnenen
Ueberzeugung durchaus haltlos vorkommen. In der vollen Gewißheit
des Rechthabens entgegnete er: »I will d'r ebbes saga'! Wart no' a
baar Wucha' ond dua' dei' Oga'n auf, nocht wurscht seha', mit weams
~dia'~ guet moet!« -- Durch den sichern Ton des Burschen etwas
getroffen, aber sich nichts ansehen lassend, erwiederte sie: »Du bist
a Mensch voller Ei'bildenga'! Ond ih sag: ha'et könntst no' alles guet
macha', wann d' a Kerl wärst! Auf da' Sonnteng über vierzea' (vierzehn)
Dag ist d' Kirwe (Kirchweih). Gang en d'Zech, führ de auf, wie's 'm
rechta' Burscht ghöart, tanz nommol mit'r --« --

Das war dem guten Michel zu viel. Das Zureden der Mutter war mit Schuld
an seinem Unfall auf der Hochzeit -- -- und nun sollte er wieder tanzen
-- mit derselben, die ihn -- Er war in tiefster Seele verdrießlich und
erwiederte mit gerechter Entrüstung: »Du host haba' wölla', i soll
danza' -- i hab' danzt en d's Deufels Nama, ben he'schlaga' ond hab' me
auslacha' lossa'. Ond ietz bist no' net z'frieda' ond willst, i soll me
nommol für da' Narra' haba'n ond auslacha' lossa? A' -- doh möcht oen
ja glei d's Donner onds Wetter -- -- -- Ietz lohs (höre), i will d'r
ebbes saga'! I dua mei' Arbet ond leb wie's 'm ordentlicha' Menscha'
ghöart -- ond em Uebrenga' bitt e m'r 'n Ruh' aus! Danza' mueß ma' net
-- ond heiricha' mueß ma'n oh net! Was Sakerment! -- soll e denn grad
allweil die Sacha' doa', die e net mag?« -- Die Mutter konnte hierauf
nichts erwiedern als die Achseln zucken, wie über einen Verlorenen.
Michel, der sich schon gewendet hatte, ging mit starken Schritten aus
der Stube.

Im Verlauf der nächsten Woche kam der Schneider zum Maurer, eröffnete
der Gret, daß er in die »Zech« gehen wolle, und fragte mit eben so
großer Artigkeit als Zuversicht: ob er sie nicht auf die Kirchweih
führen dürfe! -- Das Mädchen sah ihn schweigend an und sagte endlich:
»I glob net, daß des got!«

Sich von einem Burschen auf die Kirchweih führen lassen und
consequenterweise mit ihm auf dem Platz tanzen, hieß so viel als: ein
bestehendes oder werdendes Verhältniß mit ihm offen bekennen. Zuweilen
geschah es allerdings auch aus Freundschaft, daß man zusammen die
Kirchweihfreuden genoß; allein das waren eben nur Ausnahmen und immer
hatte das Eingehen auf einen Vorschlag, wie er dem Mädchen gemacht
wurde, etwas Verpflichtendes und -- Verfängliches.

Das Bedenken der Gret werden unsre Leser nun besser begreifen, als
der Schneider und ihr Vater. Der Bursche rief höchlich überrascht:
»Worom denn net?« Und der Maurer setzte hinzu: »Ja, des möcht' e oh
wissa'!« -- Die Gret wollte begreiflicherweise nicht sagen, was sie
eigentlich für eine Empfindung hatte; sie erwiederte zögernd: »I muß
d'r aufrichteng saga', Jakob, i hab m'r auf d'r letschta' Hoaxet
gemuag danzt! -- i hab koen Luhst mea' derzue! -- Der Schneider fragte
erstaunt: »Willst also gar net ens Wirthshaus ganga'?« -- »Beinah hab'
e so ebbes em Send (im Sinn)«, erwiederte die Gret. -- Der Alte rief:
»Gang weiter -- des ist widder so a'n Ei'fall! Morga' denkst anderst!«
-- Die Gret, für jetzt zufrieden, nur Zeit zu gewinnen, versetzte:
»'S ka' sei'! -- Reda'mer (reden wir) a'nandersmol dervo' -- 's hot
ja no' Zeit!« -- Dem Schneider war es höchst fatal, einen Antrag halb
ausgeschlagen zu sehen, der, wie er gemeint hatte, mit der größten
Freude sollte aufgenommen werden. Allein er mußte sich in ihre Laune
fügen und ließ die Sache fallen, in der Hoffnung, sie das nächstemal
bereitwilliger zu finden.

Ein paar Tage später, an einem schönen, milden Septembermorgen, ging
die Gret ins »Ohmed«. Nicht weit vom Dorfe sah sie den Michel gegen
sich herankommen, mit einer Miene, die ihr auffallen mußte. -- Der gute
Bursche hatte sich in der That Ruhe verschafft in seinem Hause -- weder
die Mutter noch Kaspar sprachen mit ihm fernerhin über die Gret und
über's Tanzen. Aber in dieser Ruhe war er traurig geworden; der Unmuth
seiner Seele hatte sich in Schwermuth verwandelt. -- Ihm war's auch
einmal eingefallen, glücklich sein zu wollen, wie andere Leute -- doch
für ihn gab es kein Glück! Durch seine oder ihre Schuld -- sei's, wie's
sei -- war er drum gekommen und nun hatte er ein Leben vor sich ohne
Lust und ohne Liebe und ohne Freude. Dieser Gedanke drängte sich ihm
auf, er kämpfte nicht dagegen an, er unterwarf sich -- und seine passiv
ergebene Seele ward ein Raub der Melancholie.

Die Gret, wie sie ihn einem Träumenden ähnlich, die Miene traurig, aber
ruhig und auch in der Trauer noch mannhaft, an sich vorübergehen sah,
bekam eine Ahnung von seinem Zustande. Sie schaute ihm lange nach --
und ging tief in Gedanken weiter.

Als sie nach Hause kam, war der Vetter wieder erschienen und erneuerte
seinen Vorschlag. Das Mädchen sah ihn mit glänzenden Augen, mit einer
Art von wehmüthigem Lächeln an und sagte: »No mei'tweg! -- -- 'S wurd
ja nex O'rechts sei, was e dua'!« -- Das Gesicht des Schneiders hatte
der Schimmer des Triumphes überflogen und mit stolzem Behagen rief er
aus: »Ebbes O'rechts? I möcht wissa', worom!« Dann sah er sie schlau an
und bemerkte: »Du wurscht m'r doch net zutraua', daß ih ebbes O'rechts
im Senn hab?« -- Die Gret konnte nicht umhin, ein wenig zu lachen und
erwiederte heiter: »Des net.« Etwas ernster setzte sie hinzu: »No,
du bist mei' Vetter, ond von 'm Vetter därf ma' scho'n a Gfälligkeit
a'nemma! 'S got eba'n en d' Froedschaft!« -- Der Maurer sah vergnügt
auf sie und murmelte: »Guet!« -- --

Der Inbegriff aller Fröhlichkeit und aller Genüsse des Dorfes --
das Hauptfest im ganzen Jahr -- die ~Kirchweih~ kam heran. --
In damaliger Zeit wurde dieses Fest ebenfalls anders gefeiert, als
gegenwärtig; bevor wir daher in unsrer Erzählung weiter gehen, ist es
nothwendig, auch hierüber einige Bemerkungen vorauszuschicken.

Zur Zeit des alten deutschen Reiches erhielt die Rieser Kirchweih
außer der kirchlichen noch eine gerichtliche Sanction. Der Amtknecht
der betreffenden Behörde verkündete feierlich das »Friedbot« und
tanzte beim »Platzaufführen« die ersten drei Reihen allein -- damit
erklärend, daß die Lustbarkeit einen Charakter haben müsse, der
vor der Macht, die er vertrat, auch bestehen könne. In der Zeit,
in welcher unsre Geschichte spielt, war dieß weggefallen, aber die
Lustbarkeit verlief doch noch in einer Reihe bestimmter Formen. In
gewissem Sinne war an die Stelle des Amtknechts ein Dorfbursche
getreten, der »den Platz kaufte«, d. h. gegen Erlegung einer gewissen
Summe an den Gerichtsdiener den Namen des »Platzmeisters« und eine
Anzahl von Rechten erwarb. Er durfte am Kirchweihmontag und an dem
darauf folgenden Sonntag, durch einen geputzten dreispitzigen Hut
ausgezeichnet, im Verein mit andern Paaren einen Tanz im Freien, auf
geebnetem Platz, wo möglich um einen Baum, aufführen und ihn durch
dreimaliges Alleintanzen einleiten. Zur Vergütung seiner Auslagen
und Bemühungen durfte er am ersten Sonntag eine Ente, am letzten
einen Hut oder ein ähnliches Möbel herauspaschen lassen, wobei der
Einsatz den Werth des Gegenstandes natürlich bei weitem überstieg;
deßgleichen einen Kegelplatz anlegen, der gleichfalls gute Procente
abwarf. Verstand der Platzmeister, der in der Regel noch einen zweiten
als Gehülfen zur Seite hatte, die Leute recht zum Paschen und Setzen
heranzukriegen, und wurde bei guter Witterung fleißig gekegelt, so fiel
nicht nur der mäßige Kaufpreis des Platzes ab, sondern auch noch die
Summe für die Zeche an den Kirchweihtagen. Daraus ergiebt sich, daß
nur unbemittelte Bursche -- Söldnerssöhne oder Knechte -- Platzmeister
wurden, indem Bauernsöhne derartige Erwerbungen unter ihrer Würde
halten und sich vielmehr berufen sehen mußten, ungewöhnlich viel Geld
springen zu lassen. Für das Dorf waren aber doch die Platzmeister die
Hauptpersonen.

Genauer zu reden hätten wir nämlich sagen müssen: das Kirchweihfest
~konnte~ zu jener Zeit noch in bestimmten Formen verlaufen --
eben wenn die Stelle des Platzmeisters erworben wurde. Fand sich dazu
Niemand bewogen, dann war die Kirchweih ein einfaches Tanzfest, zum
wenigsten in unserm Dorfe. Nicht nur das Kegelspiel und das Tanzen
auf dem Platz fiel weg, sondern auch das uralte Abholen der Mädchen
mit Musikanten und das Tanzen in den Häusern derselben. Eine solche
Kirchweih hatte aber »keinen rechten Ton«, jeder ächten Bauernnatur
mußte dabei etwas fehlen -- und das Auftreten eines Platzmeisters, der
auch nur ausnahmsweise mangelte, wurde daher immer mit Freude begrüßt.

Die letzten Jahrzehnte sind auch für die Kirchweihgebräuche kritisch
gewesen -- das Platzaufführen mit allem, was damit zusammenhing, ist
aus der Reihe der Festesfreuden gestrichen. Während die Alten diesen
Brauch als moralisches Mittel benutzten -- denn Burschen und Mädchen,
die nach dem Rieser Ausdruck »schon so vorgekommen«, d. h. nachweislich
vom Wege der Ehrbarkeit abgewichen waren, durften nicht mit klingendem
Spiel in's Wirthshaus ziehen und »auf den Platz gehen!« -- erschien in
neuerer Zeit das Jauchzen, Spielen und Tanzen im Freien als ein nicht
zu duldender Skandal, der zunächst wenigstens in einen geschlossenen
Raum verwiesen werden müsse. In der jüngsten Zeit ist durch den Befehl,
daß alle Kirchweihtänze des Kreises Schwaben und Neuburg an einem und
demselben Tag abzuhalten seien, dem Rieser Kirchweihfest die letzte
Zierde und Würde des Brauches genommen worden. Von andern prosaischen
Uebelständen abgesehen ist dadurch nämlich die ~Gastfreundschaft~
unmöglich geworden, die in den Tagen des Festes von Befreundeten
verschiedener Dörfer wechselseitig geübt wurde. Die Bauern können nun
höchstens noch die Beamten aus der Stadt »auf die Kirchweih laden«,
sich selbst aber nicht mehr -- die Feier ist auf die Bewohner eines
Dorfes oder Dörfleins beschränkt und nichts weiter als ein gewöhnliches
Essen und Tanzen ohne bräuchliche und poetische Weihe.

Einem Autor, der sich die Darstellung des Volkslebens zum Ziel gesetzt
hat, muß es gestattet sein, gelegentlich eine die Volkssitten und ihre
administrative Behandlung angehende Bemerkung zu machen. -- Es fällt
uns nicht ein, die Vortrefflichkeit der Absicht jenes Befehls, der ja
auch in andern Staaten schon ergangen ist, irgend anzufechten. Man
will, daß jeder Streit, der auf dem Kirchweihfest eines Dorfs zwischen
eingebornen und fremden Burschen entstehen könnte, zuvor abgeschnitten
sei, und -- daß der Bauer auf seine Vergnügungen möglichst wenig
Geld verwende. Friedlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit sollen dadurch
gefördert werden bis zu einem noch nie dagewesenen Grade. -- Allein
im Ries darf man die früher üblichen Händel zwischen eingebornen
und fremden Burschen recht eigentlich als aus der Mode gekommen
ansprechen; und was Fleiß und Sparsamkeit betrifft, so übt die große
Mehrzahl des dortigen Landvolks diese Tugend von alter Zeit her in
einer Weise, die man geradezu musterhaft nennen kann. Ein Staat, der
sich einer Beamtenschaft rühmen könnte, die in dieser Beziehung dem
Rieser Landvolk ähnlich wäre, dürfte sich nach unserer Ueberzeugung
glücklich preisen. Ist es nun gerathen, um einiger liederlicher
Menschen willen, die überall vorkommen und bekanntermaßen nicht der
Kirchweihen bedürfen, um sich zu ruiniren -- ist es gerathen, fragen
wir, jener großen Mehrzahl ihre hergebrachte Lustbarkeit zu verkümmern
und für die Söhne und Töchter wohlhabender, ja reicher Landleute die
Tanzgelegenheiten auf ein Minimum herabzusetzen, während in Städten
nicht nur die höhern Klassen, sondern auch die Massen der Handwerker
und Proletarier vor Bällen und Tanzmusiken nicht wissen, wo aus und
wo ein? Hält man etwa das Landvolk im Vergleich mit dem Städter
für unmündig und für leichter zu verführen? Schreiber dieses kennt
beide aus vieljähriger Erfahrung; er muß aber sagen, daß ihm keine
Menschenklasse vorgekommen ist, die sich in ihren Vergnügungen und
Geldausgaben mündiger und ordnungsmäßiger zu benehmen wüßte, als eben
der Rieser Bauer! -- daß mithin Befehle, die sich auf die Annahme einer
solchen Unmündigkeit gründen, in keiner Art nothwendig erscheinen.

Ein Schriftsteller, der sich in dieser Beziehung Autorität erworben
hat, ~Riehl~, erklärt sich in seiner »bürgerlichen Gesellschaft«
mit Entschiedenheit gegen die Vernichtung hergebrachter Bauernfeste
durch Zusammenlegung der Kirchweihen auf Einen Tag. Er citirt zu
seinen Gunsten den Ausspruch des anerkanntesten Volkskenners --
~Justus Mösers~. -- Mögen diejenigen, die durch Einschränkung der
gebräuchlichen und natürlichen Lustbarkeit das Beste des Landvolks zu
fördern glauben, bescheidentlich mit uns erkennen, daß das in dieser
Beziehung ~Beste~ in der That noch eine ~Frage~ ist, die nur
in Erwägung gar mancher Verhältnisse definitiv entschieden werden kann!
Steckt man auch dem Landvolk ein höheres Ziel im Leben und Streben, so
wird es diesem Ziel nimmermehr durch Verbote, sondern nur durch die
ihm entsprechende Bildung näher geführt werden. Das positive Mittel
einer solchen Bildung wende man an -- dann wird Alles, was sich mit
ihr nicht mehr verträgt, im Verhältniß ihrer Ausdehnung von selber zu
Boden fallen. Mit Untersagung herkömmlicher Gebräuche sei man dagegen
um so behutsamer, als die sich erhaltenden vielleicht eben das Material
bieten sollen, welches die fortschreitende Bildung zu läutern und zu
einer neuen Poesie des Lebens zu verklären haben wird. -- --

Unser Dorf hatte diesmal das Glück, eine »rechte Kirchweih« zu
bekommen. Zwei Bursche hatten den Platz gekauft, die in jeder Hinsicht
fähig waren, das Amt zu versehen: lustige Kerle, vortreffliche Tänzer
und Liedersänger. Der Kegelplatz war schon errichtet; er prangte vor
dem Wirthshause, allerdings auf einer etwas geneigten Ebene, was indeß
nur zur Folge hatte, daß das Treffen darauf um so ehrenvoller war.
Eine ziemliche Anzahl von Ledigen war »in die Zech gegangen,« d. h.
sie ließen im Wirthshaus aufschreiben, was sie an Essen, Weißbier und
Branntwein verzehrten, um nach den Festtagen zu gleichen Theilen zu
bezahlen. Das ganze Dorf war angeduftet von der Poesie einer Feier,
die, erinnerung- und hoffnungerweckend, ein lautes, fröhliches Leben
vorführen sollte, und von den Torten, Ringen (Kränzen) und Bretzgen,
die nach Maßgabe des Vermögens von allen Familien gebacken wurden.
»Nach altem Brauch« waren nicht nur im Wirthshaus verschiedene
Schweine geschlachtet worden, sondern je eines auch in bedeutenden
Bauernhäusern, und eine erklekliche Anzahl befiederter Geschöpfe war
aus den Reihen der Lebendigen gestrichen. Das Dorf brauchte nichts
mehr als gutes Wetter -- und das kam. Schon am Freitag hatte ein die
Gemüther sehr beunruhigender Regen aufgehört, der Kirchweihsamstag
war trocken, und am Sonntag stieg die Sonne in einen Himmel mit nur
einzelnen dünnen Wölkchen empor. Wer die Empfindungen kennt, die beim
Anblick solchen Himmels an dem Hauptfeste des Jahres die genußfähigen
Dorfbewohner erfüllt, der weiß, was Freude des Lebens ist!

Der Vormittag des Sonntags und ein Theil des Nachmittags ward in unserm
Dorfe der geistlichen Feier gewidmet. Wer es irgend konnte, ging in die
Kirche und horchte der Predigt, welche die höhere Bedeutung des Festes
darlegte, mit Andacht. Sobald die nachmittägige Betstunde vorüber war,
begann im Wirthshause das weltliche Fest. Die Mädchen der in der Zech
befindlichen Bursche kamen sachte angeschlichen, thaten zuerst, als ob
sie nur da wären, um ein wenig zuzuschauen, ließen sich dann aber von
ihren Verehrern bereitwillig in die obere Stube oder gleich auf den
Tanzboden führen.

Unter den »Kirchweihburschen« war auch der Schneider, unter den
Mädchen, die sich zum Tanz einfanden, die Gret. Mit der Zuversicht,
die man gegen die Seinige an den Tag zu legen pflegt, ging der Bursche
dem Mädchen entgegen, tanzte mit ihr und führte sie nach einem Dutzend
Reihen in die Stube. Als ein Anderer kam, und mit ihr zugleich ihn
fragte: »Isch verlobbt (ist's erlaubt)?« erwiederte er würdevoll:
»Du ka'st danza'!« -- und der Begünstigte führte die Gret hinaus.
Ein Bekannter trat zu ihm und sagte vergnügt: »No, Schneider, hosch
(hast du's) wirklich durchgsetzt bei deam Mädle -- send d'r oeneng?«
-- Der Bursche erwiederte: »Vor der Hand gots wenigstens mit m'r auf
d' Kirweih!« -- Dem Bekannten war das genug; er sagte: »Die Schöast
em ganza' Dorf! Wie host ietz des a'gfangt, Schlengel?« -- Der
Schneider zog statt der Antwort die Augenbraunen in die Höhe und sah
mit tiefbedeutsamem Lächeln für sich hin. »Du bist a Hauptspitzbue«,
rief der Kamrad und der Schneider machte ein Gesicht, als ob er sagen
wollte: »Ich widerspreche nicht!«

Wie Michel -- bei dem sich's von selber verstand -- war auch Kasper
nicht unter den Kirchweihburschen. An einem der letzten Tage war
der treue Freund zu dem Traurigen und Düstern gegangen, um ihm eine
Mittheilung zu machen und eine Aufforderung daran zu knüpfen. Er
begann mit der gemüthlichen Frage: »Was isch, gommer oh en d'Zech
desmol?« -- »Frog net so domm!« erwiederte Michel und drehte sich weg.
Kasper lachte: »'S ist oh nor Gspaß! Was sottet o's (sollten wir) dren
doa'? Du host koena', ond ih hab grad oh koena'! Doh mag d'r Deufel
mitmacha'. -- Aber«, setzte er ernsthafter hinzu, »ens Wirthshaus
wurscht doch ganga'?« -- »Sell verred'e net«, erwiederte Michel. --
Kasper, nachdem er eine Weile für sich hingesehen, begann wieder:
»Ietz, wo dein' Pla' mit der Great aufgeba' host, wurd's d'r nex mea'
macha', wann da' Schneider mit'r danza' sichst!« -- »Sell got me nex
mea' a'«, versetzte Michel ernsthaft. -- »Wie e ghöart hab«, fuhr
der Andre fort, »got's mit d'm Schneider auf da' Plahtz!« -- Michel
zuckte. »Auf da' Plahtz?« rief er, während dunkle Röthe sein Gesicht
übergoß. Kasper sah dem Betroffenen ins Gesicht und fragte: »Aergert
de des?« -- »Noe«, versetzte der Bursche mit Anstrengung. Der Kamerad
sagte: »So hab e's geara'! -- Am End, wer ka's dem Mädle verdenka',
wann's da' Schneider nemmt ond ietz mit 'm auf d' Kirwe got? Zwea'
oder dreia' (zweien oder dreien) hot sie selber da' Marsch gmacht; du
bist ahgstanda' von 'r -- solls da' Schneider oh no' furtschicka?«
-- »Sie hot Recht«, erwiederte Michel mit dumpfer Ruhe; aber auf
einmal ballte sich seine Faust wie von selber, und er rief: »O i wott
(wollte) --!« »Was wottst?« fragte der Kamerad, indem er ihn lächelnd
ansah. -- »Nex«, erwiederte Michel mit Nachdruck, indem er die Finger
zusammenpreßte, um sie dann auseinander gehen zu lassen.

Am Sonntag -- um dieselbe Zeit, als die Gret mit dem Burschen tanzte,
der sich vom Schneider die Erlaubniß ausgebeten, verfügte sich Kasper
zu Michel, um ihn in's Wirthshaus abzuholen. Er fand ihn in tief
melancholischer Stimmung. Als er seinen Vorschlag machte, gab Michel
zur Antwort: »Ha'et no' net -- morga'! -- Ha'et ben e net aufglegt!«
-- Alle Mahnungen waren umsonst. Kasper sagte mit Ernst: »I will de
net nöada' (nöthigen) -- mei'daweg duest, was d' willst. Aber ih moe,
a Kerl wie du sott grad ens Wirthshaus ganga', en die ober' Stub',
ond so'm Mädle zoega', daß 'r se nex draus macht, gots auf da' Plahtz
mit weam's will! Die möcht'e net globa' lossa', doß e ihrdawega' von
d'r Kirwe derhoemt blieb!« -- »Des gschicht oh net«, versetzte unser
Bursche, -- »morga' gang' e drauf!« -- »Morga' host widder a'n andera'n
Ausred!« -- Michel wurde ungeduldig. »Doh host mei' Ha'd«, rief er
und streckte ihm fünf Finger entgegen, die ihres Gleichen suchten, --
»morga' gang e ens Wirthshaus -- Sakerment!« -- Kasper schied beruhigt
und folgte den lockenden Tönen eines Drehers, der ihm vom Wirthshaus
entgegenschallte.

Bei seiner Ankunft auf dem Tanzboden ging die Gret mit ihrem Tänzer
eben im Reihen. Als sie Kaspers ansichtig wurde, zeigte sie eine
gewisse Erregtheit -- und schaute sich weiter um. -- Der Kamerad hatte
sie beobachtet, und nickte für sich.

Er beschloß, den Michel am folgenden Tage ins Wirthshaus zu bringen,
koste es, was es wolle.

Kasper hatte ein Gefühl, was er im Sinn trug, könnte nützlich werden.
Er sah nicht voraus, was kommen würde; aber er empfand eine lebhafte
Genugthuung, als er sich sagte: »Desmol soll' r net derhoemt bleiba'!«
-- Er handelte mit dem Instinkt der Freundschaft.

Der Kirchweihmontag brach so schön an wie der Sonntag. Die jungen
Leute, die sich vorsichtigerweise früh zur Ruhe begeben hatten,
erwachten fröhlich, und auch die andern, die erst der Morgen nach Hause
wandern sah, hatten bald muntere Augen, um einem Tag entgegenzusehen,
an welchem das Vergnügen allein regieren und zur farbigsten Blüthe
sich entfalten sollte. -- Noch Vormittags, nach früh genossenem Mahle,
begaben sich die Zechbursche in's Wirthshaus, und aus den Fenstern
desselben erklang sofort stattliche Musik. Das Mädchenholen begann
-- die Gassen ertönten von Spiel und Jauchzen, und die zinnernen
Bierkannen, von rüstigen Armen in die Höhe gehalten, funkelten im Glanz
der Sonne.

Vor allen und am feierlichsten -- mit sämmtlichen Musikanten -- wurden
die Geliebten der beiden Platzmeister abgeholt. Sie stolzirten in
absonderlichem Putz und trugen zur Auszeichnung vor den übrigen, die
nur in der Kappe beim Tanz erschienen, die radförmige Spitzenhaube.
Als diese beiden wichtigen Personen sich an der Tafel der Wirthsstube
niedergesetzt hatten, theilten sich die Musikanten, und verschiedene
Bursche zogen mit je zweien in die Häuser der Erwählten. Das ganze
Dorf war bald in freudiger Aufregung: Singen und Springen, Zuschauen
und Loben, Austauschen von guten Sachen und Höflichkeiten war die
allgemeine Beschäftigung. Die Buben wuchsen in Gedanken beim Anblick
der Vergnügungen, die ihnen auch einmal zu Theil werden sollten, und
die Alten wurden jung und gedachten der Zeiten, wo sie's -- noch besser
gemacht hatten.

Nur Ein Haus war ausgenommen von der allgemeinen Fröhlichkeit -- das
der Familie Schwab. Unser Bursche, nachdem er gestern auch noch einer
Ermahnung der Mutter widerstanden, war früh zu Bett gegangen und hatte
einen tiefen Schlaf gethan. Wie gewöhnlich aufgestanden, machte er
sich in Haus und Hof zu thun und sah nicht aus wie einer, der sich an
dem Fest betheiligen wollte. Die Mutter betrachtete den düster Hin-
und Hergehenden mit betrübter Miene. Sie gedachte an die Zeiten seines
Knabenalters. Wie stolz war sie auf ihn gewesen! Wie viel hatte sie
sich von ihm versprochen -- und wie wenig hatte er gehalten! Was half
es, daß er fleißig war und ordentlich und das Vermögen in den letzten
Jahren sich vermehrt hatte? -- Er hatte keine Freude, sie hatte keine,
und zu hoffen war auch keine! -- Als draußen das lustige Spiel und
das »Juxen« der Bursche anhub, erschienen ihr die Mängel des Sohnes
in immer grellerem Licht. Ein Mensch, der nicht tanzen und sich nicht
»aufführen« konnte, ein Mensch, der keinen Schatz und kein Weib zu
kriegen verstand, ein solcher Mensch war gar nichts -- und sie die
unglücklichste Mutter im ganzen Dorf.

Schon war auch der Schneider mit einem Geiger und Clarinettenbläser
am Hause vorübergezogen und hatte einen Tenor gejuxt, wie ihn kein
gewöhnlicher Bauernbursche herausgebracht hätte. Die Mutter war eben
in der Kammer und hatte den Zug nicht gesehen. Nach einer Weile, als
sie wieder in die Stube kam, trat Michel zu ihr, und als von der untern
Gasse her ein Freudenlärm erscholl, nahm er sie bei der Hand und führte
sie ans Fenster. Jauchzend, obwohl schon mit etwas angegriffener
Stimme -- mit dem Deckel der leeren Kanne nach Kräften patschend kam
der Schneider an der Spitze der Musikanten heran und hinter diesen die
Gret mit sittigem Schritt und einem Angesicht, das durch höhere Röthe
und einen eigenen feierlichen Ausdruck holder und bedeutender erschien
als jemals. »Siksch ietz, mit weam die's guet moet?« fragte Michel in
Rücksicht auf seine Rede von letzthin. Die Mutter erwiederte: »Des
ist m'r oh nex Nuis mea'! Aber wear ist dra' Schuld?« Michel schwieg
einen Moment; dann, indem er mit einer Art von Humor den Kopf in die
Höhe warf, erwiederte er: »Bah, a Mädle, die mit 'm Schneider auf
d'Kirwe got, doggt (taugt) net für 'n Kerl, wie'n ih ben. Ih trau m'r
no' a'n andera' z'kriega', wann's amol gheiricht sei' mueß!« -- Mit
halb schmerzlichem, halb spöttischem Lächeln versetzte die Mutter:
»Du bist der Recht', ja!« Aber Michel fuhr fort: »Loß me nor macha'!
Ho'et Nommedag (Nachmittag) gang e ens Wirthshaus -- doh passirt ebbes,
des sag' d'r e! Ond wanns auf o'srer nex wurd -- gits net no' ander'
Kirwena? I will doch seha', ob ih nex ausricht', wann e amol drauf
ausgang!« --

Es war nicht nur der Geist des Widerspruchs, der Micheln, der
anklagenden und ungläubigen Mutter gegenüber, diese herzhaften Worte in
den Mund gab. Der Anblick der Gret, die dem Schneider folgte, hatte ihn
zugleich gereizt und von der letzten Bürde der Ungewißheit befreit. Nun
wars offenbar und nicht mehr zu läugnen! -- und nun mußte er entweder
die Weibsbilder gehen lassen sein ganzes Leben lang -- oder sein Glück
mit einer andern versuchen. Aus allen Gründen mußte er ins Wirthshaus
gehen -- er mußte sehen und sich sehen lassen -- er mußte zeigen, daß
er nicht der Mann war, darum, weil er ein Mädchen nicht gekriegt hatte,
sein Leben zu vertrauern.

Das Fest hatte seinen Verlauf. Der Platz vor dem Wirthshause und die
angrenzenden Gassentheile belebten sich mehr und mehr. Unter die
Bauern und Bäuerinnen mischten sich »Herrn« und »Frauenzimmer«, die
an dem schönen Tage hauptsächlich aus Nördlingen und Wallerstein
herbeigekommen waren. Einige flotte Musensöhne im altdeutschen Rock und
weiten blauen Hosen, das Mützchen keck auf die eine Seite des Kopfes
geklebt, schauten mit vergnügtem Antlitz umher oder »schnitten« den
schönsten und jüngsten der anwesenden »Florbesen« die Cour. Bauern und
Handwerker mittleren Alters hatten schon das Kegelspiel begonnen und
suchten auf verschiedene Weise die Ungunst des Lokales zu überwinden,
einer davon auch noch durch nachträglich pantomimische Lenkung der
schon hinausgerollten Kugel, wodurch er, wenn nicht mehr Kegel, doch
die Erheiterung der Umstehenden erzielte. Schulkinder liefen hin und
her, begafften Alles und erlabten sich bei den Weibern, die an der
Schattenseite des Wirthshauses Obst feil boten. Die jungen Leute
drehten sich auf dem Tanzboden und hielten gleichsam eine Vorübung zu
der Production, die sie vor einer so großen Anzahl von Schaulustigen
ausführen sollten.

Der feierliche, zuletzt sehnlich erwartete Moment erschien. Die
Tanzmusik im Wirthshause war verstummt, und in die Ohren der bunten
Menge, die sich davor angehäuft hatte, ertönte vom Hof her auf
einmal ein kräftiger Marsch. »Sie kommen! Sie kommen!« rief man sich
freudig zu und die Vorsichtigen eilten auf die Standpunkte, wo man
die Aufführung am besten übersah. Unter einer wahren Kanonade von
Juhschreien sämmtlicher Bursche, die zuweilen auch die Blechmusik
übertönte, kam der Zug aus dem Hofe: zuerst die sechs Musikanten, dann
der »Flur« (Flurschütz, Gemeindediener) mit einem Stuhl, der Aufwärter
mit einer riesigen kupfernen Bierkanne und das Wirthsmädchen mit
Krügen; endlich die Paare, geführt von dem ersten Platzmeister, der
an der Seite seiner Schönen stattlich daherschreitend einen großen,
bändergezierten, in blanker Scheide ruhenden Säbel trug! An der
uralten Linde angekommen machte man Halt, die Musikanten stellten sich
herum, der Aufwärter setzte die Bierkanne auf den Stuhl, und die Paare
traten an die Seite. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit zog der erste
Platzmeister den Säbel aus der Scheide, hielt ihn in die Höhe, stellte
sich vor die Musikanten und sang das herkömmliche Liedchen:

  Ietz soll e halt danza' drei Roea'n alloe!
  I ka's ja kamm (kaum) danza' vor Staub ond vor Stoe.

Die Musikanten spielten und der Bursche tanzte allein um die Linde,
indem er auf dem mäßig ebenen Boden seinem Titel Ehre machte. Zum
zweitenmal sang er:

  Der erst der ist danzt ond der ander' fangt a':
  Ietz will e halt seha', ob es nommol so ka'.

Die Zuschauer, die bei solchen Gelegenheiten, wenigstens eine Zeitlang,
empfänglich und anspruchlos zu sein pflegen, nahmen diese allerdings
mehr sachgemäßen als poetischen Reime mit heiterem Interesse auf, und
da der Platzmeister wieder ohne zu stolpern und in schönem Kreisbogen
um den Baum kam, so rief ein lustiger Studiosus ihm ein Bravo zu.

Zum Dritten sang er:

  Ond oemol ond zwoemol ond nommol ist frei!
  Ond des mueß das Best' sei', denn ietz isch vorbei!

Nach glücklicher Vollendung auch dieses Reihens steckte der Bursche den
Säbel in die Scheide, übergab ihn dem »Fluer«, sah auf die Paare und
sang:

  Danzt hab' e so gut als ma's ka'n ohne Schatz.
  Nemm jeder die Sei'n ietz ond rei' auf da' Platz!

Er holte sich die Geliebte, die mit Würde den Leistungen ihres Burschen
zugesehen hatte, und begann mit ihr zu walzen. Alle Paare folgten nach.

Der Tanz -- die Trinkpausen mit eingeschlossen -- dauerte ungefähr
eine Stunde. Da die Bursche und Mädchen von verschiedener Gestalt und
Schönheit waren, und beim Tanzen verschiedene Manieren an sich hatten,
die auf dem schwierigen Terrain um so charakteristischer hervortraten;
-- da den Musikanten eine Reihe Lieder vorgesungen wurden, wovon
etliche nicht ohne pikanten Reiz, andere aber in so fern »ächt lyrisch«
waren, als nicht eine Spur von Gedanken darin vorkam -- so gab es für
das Publikum, namentlich für das gebildete, gar vielerlei zu schauen
und zu kritisiren. Einige der Herrn unterhielten ihre Damen mit
mehr oder minder gelungener Verspottung und ironischer Belobung der
ländlichen Künste. Andre lachten und nickten Beifall. Wieder andere
stellten Vergleichungen an und suchten zu entscheiden, welche Mädchen
den Preis der Schönheit verdienten, u. s. w.

Die größte Aufmerksamkeit hatte bald von allen Paaren ein uns
wohlbekanntes auf sich gezogen -- der Schneider und die Gret. Die
stattliche Größe des Mädchens und die zierliche Kleinheit des Burschen
war zuerst aufgefallen. Bei näherer Betrachtung fand die Schönheit der
Blonden lebhafte Anerkennung, besonders von Seiten dreier Studiosen,
die ihre Augen so oft nach ihr wandten, daß eine daneben stehende junge
Nördlingerin beinahe eifersüchtig geworden wäre. Nicht geringeres
Interesse erweckte indeß bei eben diesen Studiosen der Schneider
selbst. Glücklicher und selbstbewußter auszusehen als dieser, war nicht
wohl möglich. Das schönste Mädchen von allen, die um die Linde tanzten,
war die seine! Sie hatte sich erst ein bischen »geziert«, als er sie
einlud, mit ihm auf den Platz zu gehen; aber wie bald hatte sie Ja
gesagt! -- Mit welchem Vergnügen hatte sie's gesagt, und wie gern war
sie mit ihm gegangen! Dumme Teufel mußten die gewesen sein, denen sie
den Laufzettel gegeben! Er war gekommen, hatte gesprochen, und immer
weicher war sie geworden und immer nachgiebiger, und jetzt konnte er
mit ihr machen, was er wollte! Es lebe die Fremde! Wer nicht hinaus
kommt, der kommt nicht heim, und bleibt ein Dummkopf, der überall das
Nachsehen hat! -- Heute noch, beim Nachhauseführen, wollte er mit ihr
reden wegen der Heirath, auf den Winter machte er Hochzeit, und damit
basta!

Das Wohlgefallen, mit welchem die drei Studiosen zu ihm hersahen,
schmeichelte unserm Dorfschneider ungemein. Er mußte freilich annehmen,
daß ein Theil des Beifalls seiner Tänzerin galt -- aber war das nicht
wieder eine Ehre für ihn? Sein Gesicht wurde vor Selbstgefälligkeit
ordentlich runder, jedenfalls glänzte es »wie Wallerstein des Abends«
(wenn die Sonne aus den Fenstern der terrassenartig aufsteigenden
Häuser wiederstrahlt!) -- und seine Augen blickten beim Tanzen
rechts und links, um nichts von den Eindrücken zu verlieren, die er
hervorbrachte.

In solcher Stimmung ist man nicht geneigt, Andern Erfolge zu gönnen;
und wenn einer dergleichen erzielt, fühlt man einen Trieb, ihn
herunterzustechen. Die Heiterkeit, die ein paar von einem rüstigen
Kerl gesungene lustige Liedchen hervorriefen, weckte des Schneiders
Eifersucht. Er wollte auch ein Lied singen, das den »Herren« Spaß
machte, und hatte schon den Mund dazu geöffnet -- als ihm derselbe
Mensch zuvorkam. Verdrießlich hörte er zu, und wie in dem Text statt
des Reims eine bloße Assonanz zum Vorschein kam, rief er, das Gesicht
satyrisch-kritisch den Studenten zugewendet: »Reim de oder i friß de!«
-- Der Sänger schaute den Burschen an und nach geendetem Reihen sagte
er: »Desmol will e a bessers senga' -- paß auf!« Und er sang:

  Doh droba'n auf dem Bergle bei dera' Kapell,
  Doh sitzen drei Schneider beir' Wasserbodell!

Allgemeine Heiterkeit war der Erfolg dieser Schnurre; auch die Gret,
die im Verlauf des Tanzens etwas zerstreut geworden war, konnte sich
nicht enthalten zu lächeln. Der Schneider ging auf Nadeln. Wie gern
hätte er den Kerl zehnmal stärker getroffen! Aber es war ein Maurer,
und er wußte kein Spottlied auf dieses Handwerk! Da half ihm die
Entrüstung über die dumme Verhöhnung seines Metiers aus der Noth:
sie gab ihm einen Reim ein, wodurch er den Hieb mit Zinsen wieder
zurückzugeben hoffte. Er stellte sich resolut hin und sang:

  Die Kleider der Leut' hat der Schneider gemacht,
  Und der ist a Narr, der die Schneider veracht'.

Schallendes Gelächter erfolgte auf diesen gewaltigen Rückschlag, in
welches der vermeintlich Getroffene herzlich mit einstimmte, während
die Gret etwas erröthete und einen mitleidigen Blick auf ihren Tänzer
warf. Der Schneider sah dies nicht. Würde ihm nicht schon das Lachen
ein Beweis gewesen sein, daß er einen treffenden Reim gedichtet, so
hätten ihn die lobenden Zurufe der Studenten davon überzeugen müssen.
Triumphirend sah er umher und tanzte, von dem Hochgefühl des Sieges
getragen, mit erneuter Kraft und Leichtigkeit. Während er das Vorsingen
Andern überließ, dachte er bei sich: »Wann die Herra' an deana'
Bauraliedla' scho' so a Freud hont, nocht will i ihna' doch beweisa',
daß e andre oh no' ka'!« -- Als die Zeit, die auf dem Platz zugebracht
zu werden pflegte, sich ihrem Ende zuneigte, ersah er seinen Moment,
nahm eine Stellung, die etwas erwarten ließ, und sang, indem er den
Studenten pfiffig zublinzelte, folgende anmuthige Variation eines
Burschenliedes:

  Der Herr Professer
  Liegt in Corretschiom,
  Drom wär' es besser,
  Man trinkt eins rom.
  Ebete, bebete, esse coralle!
  Was soll das Hepula? Bombau, holla!

Die Studenten horchten mit hochvergnügten Gesichtern, riefen Bravo und
lachten königlich zusammen. -- Der Schneider war überzeugt, daß er die
Palme davongetragen.

Als der Zug unter denselben Jubeltönen, mit denen er gekommen, obwohl
etwas langsamer, ins Wirthshaus zurückging, stellten sich die Studenten
an den Weg, und einer von ihnen, der in den Dorfverhältnissen genau
unterrichtet zu sein schien, sagte fidel zu dem Siegesglücklichen:
»Brav, Schneider! -- Du bist a Hauptkerl!« -- Der Angeredete erwiederte
mit Würde: »I hab den Herren nur zeiga' wolla', daß man auf d'm Land
auch manchmol ebbes ka', was man oem nicht zutraut hätt'!« -- Die Gret
warf auf den Studenten einen Blick, der zu sagen schien: »Halt mich ja
nicht für so dumm wie meinen Schneider!«

In der obern Wirthsstube gönnten sich Musikanten und Tänzer einige
Zeit Ruhe, dann begann die Lustbarkeit auf dem Tanzboden von neuem.
Der Schneider war unermüdlich und von einer Hüpflustigkeit, die nicht
zu ersättigen schien; er forderte die Gret wieder zum Tanz auf. Das
Mädchen, die mehr und mehr das Aussehen gewonnen hatte, als ob ihr
etwas abginge, erwiederte, sie sei müde und möchte noch ausruhen.
Der Schneider, im Gefühl seiner Würde als Mann und seinem Stolz als
Kirchweihbursche, entgegnete: »Des hilft nex! I will amol danza', ond
i wear' doch hoffentlich koen Korb kriega' von 'm Mädle, die e auf d'
Kirwe gführt hab? -- Komm!« -- Er nahm sie bei der Hand und sie folgte,
indem sie den Verdruß ihres Herzens in ernster Miene zu verbergen
suchte. Nachdem sie sechs Reihen erduldet hatte, erklärte sie positiv:
es liege ihr in den Gliedern wie Blei -- es ginge nicht mehr! -- Der
Bursche mußte sie in die Stube führen. Während sie an der Tafel der
Zechburschen Platz nahm, forderte der Schneider eine Andere auf und
führte sie auf den Tanzboden.

Die Gret überließ sich ihren Gedanken. Sie hatte etwas unternommen
-- es war die Frage, ob sie Recht gehabt hatte, es zu thun. Aber
jedenfalls hatte sie es umsonst gethan: was sie gehofft hatte, war
nicht eingetroffen. -- Ein Ernst erfüllte ihr helles Gesicht, der mehr
und mehr den Charakter der Trauer annahm. Still und gedankenvoll sah
sie für sich hin. -- Auf einmal erröthete sie: -- durch die Thüre,
die kaum groß genug war, ihn einzulassen, trat Michel in die Stube,
begleitet von dem treuen Kasper.

Unser Freund erschien in seinem besten Staat und mit einem Ausdruck
der Würde in seinem Gesicht, den früher Niemand an ihm wahrgenommen
hatte. Seit dem Versprechen, das er seiner Mutter gegeben, war eine
neue Veränderung mit ihm vorgegangen. Der momentanen Erhebung, die
der Anblick des an seinem Hause vorbeiziehenden Schneiders in ihm
hervorgerufen, war eine Herabstimmung gefolgt, die sich in dem stillen,
von nähern und fernern Jubeltönen umklungenen Hause zu erneuter,
tiefer Schwermuth ausbildete. Der Trieb, glücklich zu sein, regt sich
in dem Menschen immer wieder und nirgends stärker, als an einem Tag
allgemeiner Freude. Hier ist das Herz von seinem Recht auf auch einen
Antheil daran durchdrungen -- das Bild dessen, was man wünscht, tritt
in höchstem Reiz vor die Seele, die Sehnsucht, es zu erlangen, wird
feuriger und inniger -- und die Nothwendigkeit, es dennoch verloren
geben zu müssen, wirft das Gemüth in Abgründe der Trauer. Was half
dem guten Michel sein Entschluß, sich nach einer Andern umzusehen! So
eine wie die Gret gab's doch nicht mehr -- so gern konnte er keine
mehr haben -- so glücklich mit keiner mehr leben! Wie schön war sie
heute wieder, als sie an seinem Hause vorüberging. Nein! Wenn dieses
Mädchen ein Andrer bekam, dann wollte er überhaupt keine mehr, er
wollte unglücklich sein mit Fleiß -- und sein Leben als Junggeselle
beschließen.

In dieser Stimmung, in dem Nachdenken, das sie begünstigte, traten die
Fehler, die er gemacht hatte, wieder vor seine Seele; aber sie regten
keinen Zorn in ihm an. Er fühlte sich damit behaftet wie durch ein
Verhängniß; ihm waren eben die Gaben, womit Andere etwas erreichten,
nicht verliehen, er sollte kein Glück haben, er mußte entsagen. -- Nach
und nach stieg der Muth, der die Frucht der Entsagung ist, in ihm auf.
Der männliche Stolz rührte sich in ihm, und er faßte den Entschluß,
jetzt wenigstens keinen armen Sünder mehr zu spielen, wie früher,
sondern ruhig seines Weges zu gehen -- jetzt, wo doch nichts mehr zu
verlieren war! -- -- In dieser Gemüthslage traf ihn Kasper. Michel
fügte sich der Aufforderung, mit ihm ins Wirthshaus zu gehen, ohne
Widerrede. Er zog seine neue Juppe von dunkelblauem Tuch an, steckte
den reich mit Silber beschlagenen Ulmer Pfeifenkopf in den Mund, setzte
die breite Fischotterkappe auf und folgte dem Kameraden. Die Mutter
hatte mit der Ironie des Unglaubens »viel Vergnügen« gewünscht.

In der Stube setzten sich die Kameraden an einen Seitentisch, wo schon
ein Lediger Platz genommen hatte. Kaspar ließ sich hier nicht halten;
er hatte bald eine hübsche Braune an der Hand und tanzte mit dem
Schneider um die Wette. -- Michel unterhielt sich mit dem Ledigen, der
wie er ohne Schatz und vom Tanzen kein Liebhaber war. Die Gret hatte
er, als er an der Tafel vorbeiging, auf eine ungezwungene Weise nicht
gesehen; jetzt, im Gespräch mit dem Burschen, sah er einmal zu ihr
hinüber -- er sah, daß sie nicht vergnügt war -- und eine sonderbare
Empfindung regte sich in ihm.

Nach einer Weile kam der Schneider in die Stube. Er hatte einen
jungen Mann an der Hand in spießbürgerlicher Kleidung und von einer
Statur, die der seinen ähnlich war, -- trat mit ihm vor die Gret und
sagte: »Des ist mei' Colleg, Herr Bügel, der zu Nörrleng (Nördlingen)
arbeitet. Er möcht' gern mit d'r danza'n ond i hab gsakt, 's wär a'n
Ehr'. Komm!« -- In ihrer jetzigen Stimmung dem Tanzen ohnehin gänzlich
abgeneigt, wäre der »Colleg« der letzte gewesen, der ihr Lust dazu
gemacht hätte. Und sich mit ihm zum Tanzen commandiren zu lassen!
-- Vor Michel -- und in solchem Ton! -- Ein Widerwille stieg in ihr
auf und wuchs zur entschiedensten Widerstandskraft. Sie erwiederte
dem Stadtschneider: »I muß danka' für die Ehr'!« und zu dem ihrigen
bemerkte sie: »I hab d'r scho' gsakt, i ben müed ond hab koen Luhst
mea'. 'S ist seitdem net anderst woara' -- ond i wear' ha'et gar nemmer
danza'!« -- Der Schneider runzelte die Stirn. »Des send Ei'bildenga'«,
rief er, ehe der andre zu Worte kommen konnte; »du bist ja gruat
(ausgeruht)! -- Mach'! Komm!« -- Das Mädchen rührte sich nicht und
mit dem Nachdruck des Abweisens erwiederte sie: »I dank' schöa'!« --
Eine Wolke verfinsterte die Züge des Burschen. »Doh ist nex z'danka'«,
entgegnete er schnell und heftig, -- »i hab' gsakt, du danzst mit 'm
-- ond ietz danz!« -- »Ond i sag, i ka' net«, versetzte die Gret. Der
Schneider warf einen Blick auf sie, als wollte er seinen Ohren nicht
trauen. »Des send Dommheita'!« rief er entrüstet; -- und großartig
setzte er hinzu: »Was ih sag, mueß gscheha'!« -- Die Gret sah ihn von
der Seite an und sagte: »Aber Alles doch wohl net -- hoff e! A bisle
ebbes wurd wohl no' ahganga' (abgehen)!« -- Der spöttische Ton dieser
Entgegnung indignirte den Schneider auf's Höchste. Bebend vor Zorn rief
er: »Zom letschtamol sag e d'r: danz! Auf der Stell! -- Oder 's got d'r
schlecht!«

Reden und Gegenreden dieses Dialogs waren so rasch aufeinander gefolgt,
daß der Schneidergeselle aus Nördlingen keine Zeit gefunden hatte,
zu sagen, was ihm, von der Ehre geboten, auf der Lippe schwebte.
Jetzt setzte er's endlich durch. Indem er sich vor der Gret ironisch
verneigte, rief er mit höhnendem Ton: »Ich bitt' recht sehr --
~ich~ dank' jetzt schön für's Tanzen -- und wünsch' der Jungfer
gute Besserung!« -- Mit dem Bewußtsein, das »einfältige Weibsbild« nach
Verdienst getroffen zu haben, verließ er die Stube.

Der Schneider stand da mit gefährlicher Miene. Seine Brust arbeitete,
seine Lippen zitterten, seine Rechte gerieth in eine zuckende Bewegung.
Das Schlimmste, Peinlichste war ihm widerfahren! Er war blamiert --
blamiert vor einem Collegen aus der Stadt! -- War ihm »vor den Leuten«
Zurückhaltung geboten und konnte er nicht wie er wollte, so mußte er
der impertinenten Person doch wenigstens die Wahrheit ~sagen~.
Nachdem er sie eine Zeit lang angesehen, begann er: »Doh hab e Respekt!
Des send Maniera'! Ih führ' de auf d'Kirwe, ond du duast von dem, was
e sag, d's Gegendeil ond benemmst de gegen 'n Mann aus der Stadt wie
a grobs Bauramädle, daß e an der Schand dohstanda' mueß? -- Pfui!« --
Die Wichtigkeit, womit der Bursche die Sache aufnahm, und die drohenden
Blicke, die er ihr dabei zuwarf, waren dem Mädchen zum Lachen; aber
sie hielt an sich und erwiederte ruhig: »I ben wärle müed gwesa', i
hab net g'loga'! Soll e danza', wann e koen Luhst derzue hab?« --
»Ja«, entgegnete der Schneider wild, »wann ~ih's~ sag!« -- Das
war dem Mädchen zu viel; unwillig und mit der geringschätzigen Miene
des Unwillens erwiederte sie: »Ach was! -- i ka' doch net mit alla'
Schneider danza'n em ganza Boerland?«

Diese Worte, nach welchen die Mienen der Gret überdieß sich etwas
erheiterten, rissen die Schranken, die den Zornausbruch des Schneiders
noch zurückgehalten hatten, nieder. Mit grimmiger Wuth, am ganzen
Leibe zitternd, rief er: »Du bist a'n o'verschämta' Perso'! A frechs
Lompamensch! Was? Ih führ' de auf d' Kirwe aus Erbarma', ond du willst
me no' verspotta'? I hätt' 'n gueta' Luhst« --

Auf einmal ließen sich hinter ihm die streng betonten Worte hören: »Wie
ka'st du de onderstanda', mit 'm Mädle, wie die Great ist, so z'reda'?«
-- Der Schneider sah sich um -- und fuhr zusammen. Michel stand vor
ihm in dem schreckeneinflößenden Ernst des Richters. -- Der Große und
der Kleine sahen sich einen Moment an. Plötzlich, wie sich auf etwas
besinnend, faßte sich der letztere und entgegnete keck: »Got des dih
ebbes a'?« -- »Ja«, versetzte Michel mit Nachdruck. »A'n ordentlicher
Kerl leidt's net, wann 'm Weibsbild ebbes gschicht -- und (setzte er
geringschätzig hinzu) voara' (voran, noch dazu) von 'm Schneider!«
-- Der Kleine zuckte; dann streckte er sich, sah zu dem Gegner mit
vielsagendem Gesicht empor und erwiederte, indem er drohend den
Zeigefinger erhob: »I will d'r ebbes rotha', Michel! -- mach de ha'et
net z'mauseng!« -- Der Enakssohn lachte herzlich. -- »Ja«, fuhr der
Schneider fort, »lach nor! -- für dih fend' ma'n oh no' 'n Moester!«
-- »Bist am End du's?« fragte Michel heiter; und mit gemüthlichem
Selbstgefühl setzte er hinzu: »Gang weiter, Schneiderle! Wann e de
a'blos (anblase), no' fliegst zor Stub naus!«

Ein Kichern, das diesen Worten am untern Ende der Tafel folgte, und
das unwillkürliche Lächeln der Gret, die aufgestanden und ein wenig
zurückgetreten war, machte den Beleidigten rasend und raubte ihm den
letzten Rest der Besinnung; -- die Zähne fletschend ging er auf Michel
los, packte ihn am Arm und suchte ihn niederzureißen. Der Gewaltige
schüttelte ihn ab und rief: »Schneider, Schneider! -- i roth dr's en
Guetem -- höar auf!« -- Der Schneider, der diese Ruhe mißverstand,
attakirte von neuem. Michel faßte ihn beim Arm, hielt ihn zurück und
rief mit funkelnden Augen: »Ietz sei ruheng -- oder i stand für nex
mea' guet!« -- Aber der Schneider, der einen Blick auf die Thüre
geworfen hatte, machte sich mit wüthender Anstrengung los, packte den
Gegner an der Juppe, riß -- und riß ein Stück davon herunter. Das war
über allen Spaß. Michel nahm ihn und warf ihn zu Boden, daß es krachte.

Es war die erste wohlthätige Empfindung für den guten Burschen seit
langer Zeit! -- Aber wie dehnte sich nun seine Brust! Welch eine
Begier entstand in ihm, fortzufahren und sich durch eine großartige
Uebung der Kräfte, die so lange geruht hatten, das gepreßte Herz zu
erleichtern! -- Es war ihm wie einem Esser, der mit einem Riesenappetit
auf dem Tisch nur ein Cotelettchen vorgefunden hat und nach dessen
Verschlingung mit schmerzlichem Verlangen eine seiner würdige Mahlzeit
herbeisehnt. »Mehr, mehr, mehr!« rief es in ihm, als der aufgestandene
Schneider von neuem auf ihn losging. -- Sein Wunsch sollte erfüllt
werden. Der Schneider, in Gefahr wieder auf den Boden zu fliegen, rief
mit desperater, durchdringender Stimme: »Brüder, helft!!« -- und in
kürzester Zeit fühlte sich Michel von einem halben Dutzend Burschen
zugleich angefallen.

Es waren Gegner von ihm, Kameraden des Schneiders und zu Schutz und
Trutz mit ihm verbunden, die von andern Tischen und vom Tanzboden
herbeigeeilt waren und nun mit vereinten Kräften zu siegen hofften.
Sobald der Enakssohn die Kerle an sich schlagen und zerren fühlte,
athmete er tief auf und -- begann seine Arbeit.

Er verrichtete Thaten, die würdig wären, von einem Homer Zug für Zug
geschildert zu werden. Seine ungeheure Körperkraft im gerechtesten
Kampf -- der Trieb und die Lust, für ~sie~ etwas zu thun, vor ihr
in seiner Glorie sich zu zeigen -- befähigten ihn zu wahren Wundern. Er
schüttelte ab und schleuderte von sich, er drosch und schlug nieder,
er ergriff ein paar Kerle, die just zu haben waren, und stieß ihnen
die Köpfe zusammen -- kurz, er that Alles, was der Verlauf des Kampfes
nothwendig machte, -- mit unwiderstehlicher Gewalt. Kein Hieb und kein
Stoß ging daneben.

Die Unterstützung des Schneiders war zu schnell nöthig geworden, als
daß seine Kameraden sich mit den bei solchen Händeln üblichen Waffen,
als da sind: Stuhlfüße, Holzscheiter u. s. w. -- hätten versehen
können. Der Kampf gegen den Unbewaffneten wurde darum ehrlich mit
Fäusten geführt. Nur ein Bursch ergriff einen steinernen Maßkrug,
um den Simson des Dorfes von hinten auf den Kopf zu schlagen, der
nicht mehr von der Fischotterkappe bedeckt war. Er wurde von Kaspar
weggerissen und auf die Seite gestoßen.

Der Kamerad Michels war auf den Hauptlärm auch vom Tanzboden hergeeilt
und eben recht gekommen, diesen Hieb zu verhindern, der dem Schädel
Michels, vielleicht aber auch nur dem Krug verderblich werden konnte.
Der Treue war muthig und nervenkräftig und hätte dem Freund gerne
ferner geholfen -- wenn es nur nöthig gewesen wäre. Allein er sah, wie
dieser schaffte, -- er sah, was er schon geleistet hatte, und überließ
ihm den Rest.

Das Getöse des Kampfes hatte bald auch Zuschauer herbeigezogen, und
die drei Studenten waren nicht die letzten. Als sie einen Burschen
erblickten, der seine Gegner, die sich wie Katzen an ihn anklammerten,
immer wieder von sich schleuderte und inmitten eines ihn umdrängenden
wüthenden Haufens fest auf den Beinen blieb, ließen sie Ausrufungen der
Bewunderung hören und folgten der Scene mit größtem Interesse. Auch ein
paar muthige Damen hatten sich an die Thüre der großen Stube gewagt und
lugten mit Antheil auf den Kampf, hauptsächlich aber auf den Kämpfer,
der, einen Kopf über die Andern hinausragend, so preiswürdige Dinge
that.

Die theilnehmendste und zugleich antheilswertheste Zuschauerin
von allen war aber die Gret. Ihr Herz wurde nach einander von
Empfindungen ergriffen, die sie in durchaus unbekannte, wunderbar
neue Regionen emporrissen. -- Die ersten Worte Michels, der so
unerwartet und mit solchem Ansehen ihr zu Hülfe kam, hatten sie mit
Wohlgefühl überrieselt. Sie starrte ihn an, erröthend, verlegen -- mit
durchbrechender Freude. Als der Schneider den Gewaltigen anpackte, rief
sie: »Bist du rasend?« -- und wollte ihn, von dem drohenden Streit
erschreckt, in seinem Interesse zurückziehen. Wie sie nun aber den
Vertheidiger umringt sah, da fühlte sie eine andere Regung; muthig
stürzte sie auf einen der Bursche zu, ergriff ihn und wollte ihn
wegreißen. Allein Michel stieß eben diesen Gegner auf die Seite, daß
er über eine Bank taumelte -- -- und als sie die Riesenkraft sah, mit
der er allein sich Aller erwehrte, und der Glaube, daß ihm keiner was
anhaben könne, unwiderstehlich in ihrem Gemüth auflebte, da trat sie
auf die Seite.

Mit klopfendem Herzen und wogender Brust sah sie auf den Kampf, der wie
ein Sturm vor ihren Augen brauste. Sie sah die Uebermacht des Mannes,
der ihr immer von allen der liebste gewesen war, mit Staunen, mit
Entzücken. Was konnte es für sie Herrlicheres geben? Was konnte sie
Schöneres und Rührenderes erblicken? Das that er für sie! Das that er,
nachdem sie mit ihm getrutzt hatte wegen nichts und wieder nichts! Er,
der größte und stärkste, aber auch der wackerste, der rechtschaffenste
Bursche. Verschwunden war Alles, was ihr an ihm jemals lächerlich oder
ärgerlich vorgekommen war -- verschlungen von der Flamme der Kraft und
des Muthes, die vor ihr aufloderte. Sie sah nichts als den Helden,
der um ihretwillen kämpfte und Alle niederstreckte! Sie sah ihn mit
überströmendem Gefühl, mit wonnigem Stolz. Ihre Lippen zuckten; Thränen
traten ihr in die Augen und rollten die glühenden Wangen hinab. -- --

Michel war fertig -- der Kampf geendet. Drei der Gegner lagen am Boden
und versuchten aufzustehen, wozu ihre Mädchen, die sich vergebens
bemüht hatten, auszuwehren, ihnen die Hände reichten. Ein paar andre
konnten nicht mehr aus den Augen sehen und traten wankend zurück.
Der Schneider und sein Nördlinger College, der ihm tapfer zu Hülfe
geeilt war, hatten geschwollene, blutende Nasen, blaue Augenringe
und zerrissene, rothbefleckte Kleider. Michel stand siegreich da!
Starkathmend, das Gesicht erhitzt und schweißtriefend, die Haare in
Unordnung, die Juppe ohne den linken Flügel -- aber aufrecht und in der
ganzen Freude des Triumphs. Ins Gesicht hatte ihn keiner getroffen,
dafür hatten seine Arme gesorgt -- und die blauen Flecke auf dem Leib
sah man nicht.

Seine Blicke suchten die Gret. Er sah sie, die Wangen thränenfeucht,
aber die Augen selig glänzend -- und schnell wie der Blitz erhellte
seine Seele die Erkenntniß ihres Gemüthes. Mit stolzem Lächeln ging er
auf sie zu und rief: »No, Margret, bist z'frieda' mit m'r desmol?« --
»O Michel«, erwiederte das Mädchen mit einem Ton aus tiefster Seele, --
-- »o Michel, was bist du für a Burscht!« -- Michel sah sie liebevoll
an und nahm sie bei der Hand. »Ja« sagte er, »schwätza' ka'n e freile
net wie a'n Anderer, ond danza'n ond sprenga' ka'n e net, wie se's
ghöart -- aber ebbes ka'n e doch doa' für a Mädle, auf die e ebbes
halt!« -- Die Gret schwieg und drückte ihm zärtlich die Hand.

In der Gewißheit seines Glücks und im Schwunge des Siegergefühls
wandelte den Burschen eine heitere Laune an. Die Hand des Mädchens
loslassend und einen Schritt zurücktretend sagte er: »Aber wärle --
i dua' grad als ob du mei' Schatz wärst, ond vergiß ganz, daß dei'
Burscht doh ist, der de auf d'Kirwe gführt hot. Wamma' se von oem ens
Wirthshaus führa' loßt ond gar mit 'm auf da' Plahtz got« -- -- Die
Gret war bei den ersten Worten erröthet; nun fiel sie ihm in die Rede
mit einem Blick zugleich der Liebe, der Scham und des Vorwurfs: »Ist
m'r denn ebbes anderst's überblieba', om di z'ärgera' ond eifersüchteng
zmacha?« --

Ein Seufzer ließ sich in der Nähe vernehmen. Er kam von dem
unglücklichen Schneider, der an einem Seitentisch in eine
wassergefüllte Schüssel sich wusch und nun hören mußte, daß er von der
Gret nur als Mittel benutzt worden war. »Des oh no' (das auch noch)«,
rief der arme Kerl, indem er mit tragikomischer Miene nickend in die
Schüssel sah. Michel aber ging strahlenden Angesichts auf das Mädchen
zu, ergriff ihre Hand und rief: »So isch gmoet gwesa'? -- No, nocht
ghöarst mei' -- ond der Deufel en der Höll soll de mir net widder
nemma'!« --

Die ganze Scene des Streites und der Verständigung unsres Paars
war natürlich schneller vorübergerauscht, als wir sie zu schildern
vermochten. Jetzt, nachdem sich Alles begreiflich gelöst und der Kampf
durch die Reden der Liebenden Licht und Sinn erhalten hatte, drängte
man sich theilnehmend zu diesen heran. Der treue Kasper gab erst dem
Freunde die Hand, dann, mit heiterm Zunicken, dem Mädchen, und wurde
von dieser durch einen herzlich dankbaren Blick belohnt. Die Studenten
konnten nicht widerstehen -- sie mußten den Triumphator preisen und ihm
gratuliren, was der Bursche mit wohlgefälliger Würde entgegennahm. --
Allgemeine Heiterkeit füllte die Stube. Sämmtliche Zuschauer hielten
es mit dem Sieger und Glücklichen und warfen spöttische Blicke auf die
Geschlagenen, die den Schaden hatten. -- In dieser Beziehung machen
sie's im Ries gerade so, wie anderwärts! --

Michel, in der Höhe seiner Stimmung, wandte sich zu seinem sonstigen
Nebenbuhler und sagte halb mit Laune, halb gutmüthig: »Schneider -- nex
für o'guet! I sig ietz scho' daß eigentlich du an mei'm Glück Schuld
bist -- ond i bedank' me schöa'!« -- Der Schneider, in welchem die
Wuth verdampft war und einem gewissen desperaten Humor Platz gemacht
hatte, erwiederte sich die Nase reibend: »I bedank' me oh schöa'!« --
Das Gelächter, das auf diese Art von Witz folgte, war die erste kleine
Genugthuung, die dem armen Burschen nach seiner Niederlage zu Theil
wurde. Michel fühlte einen Trieb, ihn wieder aufzurichten, und fuhr
fort: »Onder o's gsakt, Schneider, du bist a Deufelskerl! Wann alle so
gschwend ond so wüadeng gwesa' wäret wie du -- i hätt' wärle koe Fetzle
Häs mea' auf'm Leib. Aber i will d'r ietz zoega', daß e oh ebbes für
de doa' ka'. Weil d'mer mei' Jupp so schöa' verrissa host, ietz sollst
m'r grad a nuia' macha' därfa'. Von ha'et a' loß e bei dir arbeta',
ond i hoff, i ka' d'r bald meaner z'doa geba'!« -- »Ist m'r a'n Ehr'«,
erwiederte der Schneider mit ironischer Höflichkeit.

Die Gret hatte dem Michel mit froher Verwunderung zugehört. Wie kam er
plötzlich dazu, mit Andern Spaß zu machen und so nette Dinge zu sagen?
-- Eine neue Tugend, die sie ihm nicht zugetraut hätte, und deren
Hervortreten sie nun in große Freude versetzte.

Die Scene war friedlich, ja ergötzlich geworden. Sie hatte große
Aehnlichkeit mit der Auflösung eines Lustspiels, wo Alles in Heiterkeit
verschlungen und der heftigste der vorangegangenen Conflicte eben am
pikantesten erscheint. Zum Glück hatte der Streit keine tragischen
Folgen gehabt. Niemand war gefährlich verletzt. Die Geschlagenen
und Betäubten erholten sich wieder, nahmen Trost an und hofften in
wenigen Tagen geheilt zu sein. Alles fügte sich in seine Lage, und das
Vergnügen wollte eben wieder seinen Lauf nehmen, als auf einmal von
außen der entrüstet herrische Ruf erscholl: »Wo ist's? Wer hat die
Frechheit gehabt« --

Ein Gendarm trat herein, nicht einer von den gutmüthigen und
volksfreundlichen, wie es deren giebt, sondern ein grimmiger, der als
Repräsentant des Gesetzes das Gefühl hatte, daß sich eigentlich Alles
vor ihm verkriechen müsse. Er hatte, im Freien spatzierend, erst jetzt
von der Schlägerei Kenntniß erhalten und eilte herbei, die Schuldigen
herauszufinden und Anzeige zu machen. »Wer hat hier geschlagen? Wie ist
der Streit angegangen? -- Antwort!« Auf diese mit funkelnden Augen und
vernichtender Miene herausgestoßene Rede, trat Michel großartig vor
und sagte: »Ih ben's, der Streit ghett hot! -- i hab a halbs Dutzet
Kerl zammgschlaga' die auf me loasganga' send -- ih alloe! Mei' Nam'
ist Johann Michael Schwab, ond i ben vom Dorf. So, ietz woeß er, was
er wissa' mueß. Ietz zoeg 'r me a', ond was m'r noch'm Rehcht ghöart,
des will e haba'.« -- Der Gendarm, von dem riesigen Burschen etwas
imponirt, aber von dem Stolz dieser Rede noch mehr indignirt, versetzte
streng und mürrisch: »Was ist das für a Rüpelei -- Raufen!« -- Schon
war Michel bereit, dem Gendarmen hinauszugeben, was ihm nach seiner
Meinung gebührte, als auf einmal ein junger Bursche aus der Menge
heraus mit schelmisch heller Stimme rief: »Der Schneider hot a'gfangt!«

Allgemeines schallendes Gelächter folgte dieser Erinnerung an eine
komische Wahrheit und ließ sich nicht mehr beruhigen. Der Gendarm fand
für gut, sein strenges Wesen, auf das niemand mehr achtete, bei Seite
zu setzen und mit pflichtmäßiger Ruhe die zu seiner Anzeige nöthigen
Erkundigungen einzuziehen. Während dem faßte die Gret den Michel bei
der Hand und sagte im Ton herzlichen Bedauerns: »Ietz kommst no' en
O'gelegenheit, Michel -- wega' mir! -- 'S duet m'r wärle recht von
Herza' Loed (Leid)!« -- »Bah«, erwiederte der Bursche, -- »da' Kohpf
kost des no' lang net! -- Ond wanns anderst ganga' wär' -- ond wanns 'n
kosta' dät, -- 's dät me net ruia (reuen)!« -- Das war ein Compliment
für die Gret! -- Das Mädchen fand, daß Michel auch besser reden könne,
als alle Bursche, die sie bis jetzt gehört hatte -- und ihre Freude
kannte keine Grenzen.

Nach einer Weile finden wir das Paar auf dem Weg zu dem Hause Michels.
Die Fischotterkappe und der abgerissene Juppenflügel hatten sich
wieder gefunden und dieser war von der Gret angegluft worden, so daß
unser Held mit Ehren durch die Gasse gehen konnte. Eine Ueberraschung
war der Mutter freilich nicht mehr zu bereiten, denn Kasper, der
Getreue, hatte sich schon zu ihr verfügt und ihr Alles erzählt. Die
gute Alte fühlte eine unendliche Liebe zu der Gret. Wäre sie eine
gebildete Frau gewesen, sie wäre der Schönen, Lieben und Klugen mit
den zärtlichsten Ausdrücken um den Hals gefallen. Als ein Weib aus
dem Dorfe, wo Umarmungen weniger vorkommen, ergriff sie die Hände der
künftigen Söhnerin und preßte sie, während die herrliche Erfüllung des
so lange versagt gebliebenen und schon aufgegebenen Herzenswunsches ihr
Freudenthränen in die Augen trieb. »No«, rief der Sohn ihr vergnügt zu,
»hab e net gsakt, daß i ebbes durchsetz', wann i amol drauf ausgang'?«
-- »Ja, des glob e«, erwiederte die Mutter, »wamma' des Glück hot,
wo du ha'et ghett host; doh ka'n a'n ieder zu ebbes komma'!« -- »Ja,
lieba' Mueter«, versetzte Michel, »Glück mueß ma'n allweil haba',
wamma'n ebbes durchsetza' will en dear schlechta' Welt! Ohne des got
nex!« --

Wir brauchen nicht zu sagen, daß der wackre Vater der Gret, zu dem man
sich gleich nachher verfügte, unserm Paar kein Hinderniß in den Weg
legte. Er mußte sich am Ende auch sagen, daß der Michel als Mann der
Gret eine bessere Figur mache als der gute Jakob. Nachdem er seine
Einwilligung ertheilt hatte, sah er übrigens die Tochter lächelnd an
und sagte; »O uir Weibsbildr, en ui kennt se doch koe Mensch aus!« --
Michel, seinen Arm um die Geliebte schlingend, erwiederte heiter: »I
moenet ietz doch, i dät me auskenna' en dear doh!« --

                   *       *       *       *       *

Unsere Geschichte ist zu Ende. Damals glaubte man nicht, daß die
bürgerliche Gesellschaft in Gefahr sei, wenn bei einem Bauernfest
eine kleine Schlägerei vorfiel. Man faßte bei Gericht die Sache von
der heitern Seite auf und die Betheiligten kamen mit verhältnißmäßig
leichten Strafen davon.

Auf den Schneider hatte die Erfahrung, die er machte, eine günstige
Wirkung. Nachdem er als derjenige, welcher nachweislich zuerst
geschlagen, auch noch am bedeutendsten gestraft worden war, fühlte er
sich von dem »Spruhz«, der ihn bis dahin besessen hatte, so ziemlich
geheilt. Er lernte sein Verhältniß zur Welt in richtigerem Lichte
sehen und verzieh nach Art der gutmüthig eiteln Menschen nicht nur dem
Michel, sondern auch der Gret, welche bei schicklicher Gelegenheit
ihn herzlich um Verzeihung bat und hinzufügte: daß sie sich eine
solche Freiheit nicht genommen hätte, wenn er nicht ihr Vetter und ihr
außerdem als herzensguter Mensch bekannt gewesen wäre! -- Bald nachher
sagte der Gute zu seinen Kameraden: »Am End isch mei' Glück', daß e
die net kriegt hab!« Und die Kameraden stimmten ihm lachend bei. In
der Folge heirathete er eine Kleine, Feine und Gutmüthige, die ihn
respectirte, und lebte als Dorfschneider zufrieden und glücklich.

Unser Paar feierte den Ehrentag noch in demselben Jahre. In der
Zwischenzeit hatte die Gret den Michel so weit gebracht, daß er nach
dem Heimgang von der Kirche zu allgemeinem Beifall mit ihr tanzte.
Unter dem Gemurmel desselben sang Kasper, der Hochzeitknecht, mit
fröhlicher Miene das Liedchen, womit wir Erzählung und Buch beschließen
wollen:

  Die ersten drei Reihen
  Sind aus und vorbei,
  Und nun steht das Tanzen
  Jedem Anderen frei! --

                            [Illustration]


                  Berlin, Druck von ~W. Büxenstein~.


Fußnoten:

[3] Von Düppel, einer Kopfkrankheit der Schafe, wobei sie sich wie
blödsinnig benehmen.

[4] Er ist jetzt in eine hübsche Anlage verwandelt.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ERZÄHLUNGEN AUS DEM RIES ***


    

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