The Project Gutenberg eBook of Aussterbende Tiere
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Title: Aussterbende Tiere
Biber / Nerz / Luchs / Uhu
Author: Kurt Floericke
Release date: January 26, 2026 [eBook #77785]
Language: German
Original publication: Stuttgart: Franckh'sche Verlagshandlung, 1927
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUSSTERBENDE TIERE ***
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
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~gesperrt gedruckter Text~
=antiqua gedruckter Text=
Dr. Kurt Floericke
Aussterbende
Tiere
[Illustration]
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Franckh'sche Verlagshandlung / Stuttgart
KOSMOS-BÄNDCHEN
AUSSTERBENDE TIERE
KOSMOS
Gesellschaft der Naturfreunde in Stuttgart
Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
-- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im
KOSMOS
Handweiser für Naturfreunde
Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen
Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1927 festgelegt (Reihenfolge und
Änderungen auch im Text vorbehalten):
~Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere~
~Wilh. Bölsche, Im Bernsteinwald~
~H. Günther, Was ist Magnetismus~?
~W. Flaig u. Dr. L. Lang, Der Gletscher~
Jedes Bändchen reich illustriert
Diese Veröffentlichungen sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklärungen entgegengenommen. Auch die früher
erschienenen Jahrgänge sind noch erhältlich.
Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
Aussterbende Tiere
Biber / Nerz / Luchs / Uhu
Von
Dr. Kurt Floericke
[Illustration]
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
1927
Mit 17 Abbildungen und einem farbigen
Umschlagbild
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Nachdruck verboten
+Copyright 1927
by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
Printed in Germany+
Druck von Holzinger & Co. Stuttgart
Einleitung
Wer gleich dem Verfasser die freilebende Tierwelt unseres Vaterlandes
vier Jahrzehnte lang fleißig und liebevoll beobachtet hat, der wird
tief erschrocken sein darüber, wie furchtbar sie innerhalb dieser
Zeitspanne, die doch vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus nur als
winzig bezeichnet werden kann, verarmt und verödet ist. Wir wissen
alle, daß die sogenannte menschliche Kultur mit ihren mancherlei
unangenehmen Begleiterscheinungen und Auswüchsen die Hauptschuld an
dieser unaufhaltsam sich vollziehenden Veränderung trägt, und zur
Abwendung des Schlimmsten ist ja als notwendiges Gegengewicht gegen
den Siegeszug von Industrie und Technik die Naturschutzbewegung ins
Leben getreten, die erfreulicherweise bereits weite Kreise unseres
Volkes erfaßt hat. Es ist dringend zu wünschen und zu hoffen, daß es
ihr gelingen möge, wenigstens kärgliche Reste einstiger Herrlichkeit
in großen Naturschutzparken oder durch strenge und vernünftige
Gesetzesvorschriften, die aber nicht nur auf dem Papier stehen
dürfen, in letzter Stunde zu retten und den kommenden Geschlechtern
zu erhalten. Nun wird von mancher Seite den Naturschützern
entgegengehalten, daß zwar die rastlos fortschreitende Kultur manche
Tiere, die sog. Kulturflüchter nämlich, ausgerottet oder in ihre
entlegensten Schlupfwinkel verdrängt, daß sie aber dafür andere Arten,
denen gerade die Beschaffenheit der neuzeitlichen Kultursteppe zusagt,
zur Einwanderung veranlaßt oder ihre Vermehrung und Ausbreitung
weitgehend begünstigt habe. Das ist auch gar nicht zu leugnen und
wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber der Tausch, den
der Naturfreund dabei gemacht hat, ist doch ein herzlich schlechter.
Verschwunden sind die urwüchsigen und reckenhaften Gestalten des
altgermanischen Waldgebiets, eingezogen sind kleine und unansehnliche
Formen, die unserem Gemüt wenig zu sagen haben, zumal sie teilweise
gar nicht alteingesessene Arten sind, sondern ursprüngliche Bewohner
der Mittelmeerländer. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der uns
erst recht klar wird, wenn wir die betreffenden Tiere einmal näher
betrachten. Ich möchte deshalb zunächst in diesem Kosmosbändchen einige
wenige Vertreter dieser Tiere unseren Lesern eingehender vorführen,
um ihnen zu zeigen, welch unersetzliche Naturschätze wir schon
verloren haben oder zu verlieren im Begriff stehen. Ich möchte weiter
dartun, in welcher Schnelligkeit und in welcher Weise die Ausrottung
vor sich ging und welche Hoffnungen noch bestehen auf Erhaltung der
Überbleibsel. Wenn dadurch die Teilnahme weiterer Kreise für solche
schwer bedrohten »Naturdenkmäler« wachgehalten und das Interesse für
die Schaffung großer Naturschutzparke (vgl. S. 78) zu ihrer Erhaltung
gesteigert würde, so wäre der vornehmste Zweck dieses Büchleins
erreicht.
Die letzten deutschen Biber
Ein einziges deutsches Säugetier kannte ich bisher noch nicht
aus freier Natur: unseren größten und gescheitesten Nager, den
sagenumwobenen Biber. Im Sommer 1924 war es mir endlich zu meiner
großen Freude vergönnt, diese Lücke bei einem zweitägigen Aufenthalt
in Aaken a. d. Elbe auszufüllen. Wenn ich trotz der bedauerlichen
Kürze der Beobachtungszeit hier einiges Neue und Wissenswerte über
den Biber und seinen gegenwärtigen Bestand mitzuteilen vermag, so
verdanke ich dies in erster Reihe der großen Liebenswürdigkeit
einiger ortsansässiger Biberfreunde, die mir nicht nur in geradezu
mustergültiger Weise als sachkundige Führer dienten, sondern mir
auch aus dem reichen Schatze ihrer langjährigen Erfahrungen viele
hochinteressante Eigenbeobachtungen zur Verfügung stellten. Besonders
gebührt dieser Dank, dem ich hierdurch auch öffentlich Ausdruck geben
möchte, Herrn Karl ~Krietzsch~ in Dessau, Herrn Oberpostsekretär
~Winkelmann~ in Aaken und Herrn Amtmann ~Behr~ in Steckby.
So schrieb mir z. B. Herr Krietzsch kurz vorher nach Magdeburg: »Punkt
4 Uhr früh schwimmt der Biber bei Aaken über die Elbe, bezieht seinen
Bau im Hornhafen und wird dabei photographiert.« Und genau nach diesem
Programm verlief die Sache, nur daß sich die Beleuchtung in der frühen
Morgenstunde noch als zu schwach für gute photographische Aufnahmen
erwies. Es ist eine Lust, unter so ausgezeichneter Führung Naturstudien
und Beobachtungen zu machen; der Ortsunkundige wird wohl manchen
vergeblichen Gang tun müssen, bis es ihm glückt, eines Bibers ansichtig
zu werden, obwohl die vielen Schleif- und Hauspuren des Tieres einem
aufmerksamen Auge kaum entgehen können. Für mich war es ein geradezu
weihevoller Augenblick, und das Herz schlug mir rascher, als nach einer
Viertelstunde bangen Wartens der große Rattenkopf des schwimmenden
Bibers in den Elbefluten auftauchte und wir nun rasch einen Kahn
bestiegen und auf bequemste Beobachtungsentfernung dem seltenen Wilde
bis zu seinem Baue folgten.
Früher war der europäische Biber, +Castor fiber L.+ (der
nordamerikanische ist von neueren Forschern unter dem Namen canadensis
als besondere Form abgetrennt worden) weit verbreitet und insbesondere
in Deutschland durchaus keine Seltenheit, worauf schon Ortsnamen
wie Biberach und Bebra hinweisen. Die Stadt Biebrich am Rhein führt
einen Biber im Wappen, der aber fälschlich einen Fisch im Maule hält,
während in Wirklichkeit der Biber niemals an Fischen oder anderem
Getier sich vergreift, sondern ausschließlich Pflanzenfresser ist. Doch
wird schon im Mittelalter über rasche Abnahme der Biber an Rhein und
Donau geklagt, weil das Tier sich nicht mit dem regen Schiffsverkehr
auf diesen Strömen vertrage. Das ganze Mittelalter hindurch spielte
der Biber als geschätzter Fastenbraten eine große Rolle, und als
besonderer Leckerbissen galt der Biberschwanz, für den man gern den in
damaliger Zeit erstaunlichen Preis von 6 Gulden zahlte, und nach dessen
absonderlicher Gestalt ja heute noch eine bestimmte Dachziegelart
ihren Namen führt. Von Quacksalbern aller Art sehr begehrt war das
sog. Bibergeil (man zahlte beim Seltenerwerden des Tieres zeitweise
bis zu 180 Gulden für die Geilsäcke eines alten Männchens!), das
gegen alle erdenklichen Übel helfen sollte, hauptsächlich aber als
Beruhigungsmittel bei Krampfzuständen galt. Großer Wertschätzung
erfreute sich auch der feine und leichte Biberpelz, nach welchem
ja Gerhart Hauptmann seine prächtige Diebskomödie mit den vielen
politischen Spitzen benannt hat. Der mollige Biberpelz, dem die
langen Grannenhaare abgeschoren wurden, schützt vortrefflich gegen
rauhe Winde und scharfen Frost, während die minderwertigen Felle zu
teuren Filzhüten verarbeitet wurden. Da also der erlegte Biber einen
erheblichen Geldwert darstellte, kann es nicht wundernehmen, daß die
Zahl der Tiere infolge unablässiger und schonungsloser Verfolgung rasch
und dauernd zurückging. Zuerst wurde der Biber, wie so viele Tiere, in
dem schießwütigen England ausgerottet.
Gegenwärtig ist der europäische Biber nur in Sibirien noch in größerer
Menge zu finden, während er in Europa selbst fast völlig ausgerottet
und auch an seinen letzten Zufluchtstätten mit dem Untergange bedroht
ist. Heute kommt er in Europa nur noch an vier Stellen vor, nämlich
1. im weiten Urstromtale der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg,
2. im südfranzösischen Rhonedelta, 3. im südlichen Norwegen gegenüber
dem Skagerrak, 4. im russischen Sumpfgebiet Polesje, das vom Prijpet
durchflossen wird. Allerdings sind schon Stimmen laut geworden, daß
der Biber durch die Kriegs- und Revolutionszustände dort ausgerottet
worden sei; wer aber die Unzugänglichkeit dieser Gegend sowie die große
Menschenscheu der dortigen Biber kennt, wird gleich mir nicht recht
daran glauben. Ferner findet sich in »Brehms Tierleben« und anderen
Werken die Angabe, daß der Biber auch auf der Balkanhalbinsel noch
vorkomme und in Bosnien »besonders häufig« sei. Da ich aber dort nie
die geringste Spur des großen Nagers gefunden habe, wandte ich mich um
nähere Auskunft an meinen alten Freund, den bekannten Balkanforscher
Othmar Reiser, der so freundlich war, mir folgendes zu antworten: »Ich
habe schon vor Jahren festgestellt, daß es sich bei diesen Angaben
um Verwechslungen mit dem Fischotter oder sogar mit dahintreibenden
Baumstämmen handelte. Lange kann es freilich noch nicht her sein, daß
der Biber von dort verschwunden ist, denn Knochenreste sind vielfach
gefunden worden, und ich selbst war einmal zufällig Zeuge, wie bei
einer prähistorischen Grabung am Trebewitsch bei Sarajevo ein gut
erhaltenes Kieferstück des Bibers zutage gefördert wurde. Außerdem
hat sich der slawische Name des Tieres ›Dabar‹ im Dabar-Polje in der
Herzegowina, an das Du Dich wohl noch erinnern wirst, und im Namen des
Dorfes Dabar im Bezirke Sanskimost erhalten. Als einzigen greifbaren
Beweis aus diesen Gegenden kenne ich aber nur die traurigen Überreste
eines ausgestopften Bibers in der unbedeutenden zoologischen Sammlung
in Belgrad, der in den 60er Jahren in der Drina gefangen worden sein
soll.«
Fast alles, was wir über die Naturgeschichte des europäischen Bibers
wissen, ist an den Elbebibern beobachtet worden, über die erst
neuerdings (1922) wieder Mertens eine sorgfältige und ausführliche
Arbeit veröffentlicht hat. Das Wohngebiet des Bibers an der Elbe und
ihren Nebenflüssen ist landschaftlich von hohem Reiz und auch sonst
für den Tier- und namentlich für den Vogelforscher von hervorragender
Anziehungskraft. Dichte Auwaldungen mit üppigem Unterwuchs und
eingebetteten Wiesen und kleinen, schilf- und rohrbewachsenen Seen
geben der überaus wechselvollen Landschaft das Gepräge. Selten sah
ich irgendwo in Deutschland so viel Tagschmetterlinge wie hier,
und in hoher Luft entzückte mich das herrliche Flugbild des edlen
Wanderfalken. Der Biber liebt besonders die Altwässer der Elbe mit
ihren vielen Lachen und Tümpeln, Seerosen, Igelkolben, Schwertlilien
und Schachtelhalmen (auch die Wassernuß kommt hier noch vor),
mit ihrem stattlichen Wuchs von Weichhölzern und den zahlreichen
Weidenhegern am Rande und mit ihren undurchdringlichen, von Brennesseln
und wildem Hopfen durchwucherten Dorndickichten. Daß sich der Biber
gerade hier in der Nähe großer Industrien und an der durch eine
starke Schiffahrt beständig beunruhigten Elbe erhalten konnte,
dürfte auf verschiedene Umstände zurückzuführen sein. Vor allem sind
diese sumpfigen Geländestreifen verhältnismäßig spät vom Menschen
besiedelt worden, denn man scheute die Mühe ihrer Urbarmachung und
den Kampf mit dem Hochwasser, der die Errichtung kostspieliger Dämme
und Deiche erforderte. Erst in neuerer Zeit ist diese Besiedlung
in stärkerem Maße erfolgt, und damit begann auch das allmähliche
Erlöschen des Biberbestandes, der bis dahin ein ziemlich ungestörtes
Dasein hatte führen können. Ein weiterer glücklicher Zufall war es,
daß dieses Gebiet in fast ununterbrochenem Zusammenhange Domänen- oder
Regierungsbesitz darstellte, und daß die Fürsten und Herzöge von Anhalt
von jeher weidgerechte Jäger und große Naturfreunde waren, ebenso ihre
Forstbeamten. Die Biberjagd an sich hatte ja überhaupt für die Fürsten
und großen Herren wenig Reiz, denn sie brachte keine stolzen Trophäen,
keine Gehörne und Geweihe; sie reizte auch nicht durch die Gefahr, die
in der Bekämpfung des Bären oder des grimmen Bassen lag, gab auch keine
Gelegenheit zur Entfaltung höfischen Prunkes wie etwa die Reiherbeize.
War also auch Aasjägerei ausgeschlossen, so konnte doch die
Wilddieberei auf den wertvollen Biber niemals ganz unterdrückt werden,
und in der Zeit des Umsturzes ist sie natürlich wieder besonders üppig
ins Kraut geschossen. Auch die hohen Steilufer waren dem Biber günstig,
denn sie ermöglichten es ihm, seine Baue so anzulegen, daß er jederzeit
unter Wasser ausfahren konnte, während der üppige Pflanzenwuchs stets
genügende Äsung bot. Alle diese Umstände haben zusammengewirkt, um den
Bestand der Elbebiber bis auf die heutige Zeit zu erhalten. Wie lange
noch?
Die heutige Anzahl der Biber einigermaßen zuverlässig festzustellen,
ist sehr schwer und erfordert unermüdliche Ausdauer neben großer
Begeisterung für die Sache. Herr Amtmann Behr brauchte dazu im Jahre
1913 vom September bis Dezember volle 43 Tage. Er führt insgesamt 188
Biber auf. Davon kamen auf preußisches Gebiet 82 Baue mit 114 und
auf anhaltinisches 59 Baue mit 74 Bibern. Das bedeutete schon eine
wesentliche Abnahme, denn um die Jahrhundertwende herum hatte der
verstorbene Forstmeister Freiherr von Nordenflycht in Lödderitz,
der sich auch als Jagdschriftsteller einen Namen gemacht hat, den
Gesamtbestand der Elbebiber auf 250 Stück angegeben. Leider ist auch
seit der Behrschen Zählung eine unverkennbare weitere Verringerung
des Biberbestandes eingetreten, und Professor Mertens urteilt
sicherlich viel zu optimistisch, wenn er die heutige Kopfzahl auf rund
200 schätzt. Im September 1924 gab mir Herr Krietzsch eine genaue
Aufstellung der nach seinen Beobachtungen noch vorhandenen Biber.
Darnach wohnten an der Elbe von Wittenberg bis zum Wellmitzhafen bei
Dessau vor dem Kriege 92 Biber, heute dagegen nur noch 14 Alte und
4 Junge; an der Mulde von Dessau bis Raguhn früher 81 Biber, heute
noch 6 Alte; an der Elbe von Wallmitzhafen bis Magdeburg früher 48
Stück, heute noch 13. Die Gesamtzahl betrug also 1913 immerhin 222
Biber, heute nur noch 37, darunter 6 Junge. Das wäre allerdings ein
ganz erschreckendes Zusammenschmelzen innerhalb 12 Jahren, das für
die Zukunft des Biberbestandes das Schlimmste befürchten ließe. Es
mag sein, daß diese Schätzung etwas zu niedrig gegriffen ist, zumal
neuerdings von zuverlässiger Seite eine Zunahme der Biber in der
Kreuzhorst bei Magdeburg gemeldet wird, aber immerhin dürfte sie
gegenwärtig der Wahrheit näher kommen als die Mertenssche Angabe. Von
diesen 37 einwandfrei festgestellten Bibern leben 15 auf preußischem
und 22 auf anhaltinischem Gebiet. Amtmann Behr nimmt den heutigen
Bestand doch als wesentlich höher an. Wie weit das Hochwasser 1926
geschadet hat, entzieht sich noch meiner Kenntnis.
Im allgemeinen läßt sich in neuerer Zeit eine Verschiebung des
Verbreitungsbezirkes nach Norden feststellen; namentlich in der
teilweise abgesperrten Kreuzhorst bei Magdeburg scheint infolge
Neueinwanderung eine Zunahme des Bestandes stattzufinden.
Außerdem lebte von 1917 bis 1924 noch ein Biber als Einsiedler
im Mühlteich bei Mosigkau. Wie der dorthin gekommen sein mag? Er
errichtete nicht nur einen Bau, sondern auch eine Burg und ging zur
Ranzzeit oft aus dem Wasser heraus aufs Feld. Seit April 1924 ist das
Tier spurlos verschwunden, aber anscheinend nicht gewilddiebt worden,
sondern liegt wahrscheinlich infolge Äsung von Eichenrinde verendet in
seinem Bau. Wo die Biber nämlich an ihren Bauen gestört werden und der
eine Teil zugrunde geht, bekommt der andere in der Ranzzeit Sehnsucht
nach seinesgleichen, sucht nach einem neuen Gatten, findet ihn nicht
und treibt sich deshalb ruhelos in der Gegend umher, wobei er in die
Nebenlöcher der Elbe und Mulde gerät, vereinzelt sogar schon weit in
die Havel hinaufgeschwommen ist. Weiden gibt es an solchen Plätzen
gewöhnlich nicht; die Tiere äsen deshalb aus Not Eichenrinde, deren
Gerbsäuregehalt schwere Verdauungsstörungen bei ihnen hervorzurufen
scheint. Ein alterfahrener Waldläufer versicherte meinem Gewährsmann,
daß viele Biber auf diese Weise umkämen und daß man sein blaues Wunder
erleben würde, wenn man einmal alle Baue öffnen wollte. Eine gewisse
Bestätigung erfährt diese auch von Krietzsch geteilte Ansicht durch
die Sektion eines Bibers, der in den ersten Tagen des Februar 1925
in stark abgemagertem, aber sonst unverletztem und gut erhaltenem
Zustande verendet in der Elbe bei Trochheim gefunden und dem Zerbster
Museum eingeliefert wurde. Die ganzen Därme waren voll großer Klunkern
und die Leber tuberkulös. Auch ein im November 1924 in einem Graben
bei Groß-Rosenburg tot aufgefundener Biber wies keine Schußverletzung
oder sonstige Spuren von Gewaltsamkeit auf. Das schon recht alte Tier
war bereits einige Wochen vorher in offenbar krankem Zustande an der
Modderschleuse beobachtet worden.
Durch allerlei dumme Zufälle gehen alljährlich mehrere Biber zugrunde.
So ergab die Untersuchung eines wahren Prachtstückes, das am 3. März
1925 im Luch am Elbeufer verendet angetrieben wurde, daß das Tier
nicht von Menschenhand getötet, sondern wahrscheinlich von einem
Dampfer gerammt worden war. Einige Wochen vorher wurde bei Vogerode ein
toter Biber angeschwemmt, der mit dem linken Vorderfuß in einer neuen
Bügelfalle hing. Durch das Auslegen von Ottereisen, das im Biberbezirk
ganz verboten werden müßte, werden die Biber überhaupt sehr gefährdet,
wenn auch meist unabsichtlich. Dazu kommt die immer noch nicht völlig
unterdrückte Wilddieberei. So ging im Frühjahr 1924 durch die Zeitungen
die Nachricht, der »letzte« Biberbau an der Saale sei von Wilddieben
zerstört und seine Bewohner erschlagen worden. Laut brieflicher
Mitteilung des Herrn Winkelmann verhielt sich die Sache aber doch
etwas anders. Ein berüchtigter Wilddieb hatte während des Frostes den
kleineren Biberbau am Goldberger See im Lödderitzforst mit dem Spaten
angegraben und dann in die Öffnung hineingeschossen, wobei er von einem
Bauern aus der Umgegend beobachtet wurde. Der eine Biber war daraufhin
unter das Eis geflüchtet, ist hier elend umgekommen, wurde im Frühjahr
beim Fischen gefunden und der Oberförsterei übergeben, die das Skelett
aufgestellt hat. Harte Winter sind überhaupt für den Biber insofern
schlimm, als dann die Strolche auf dem Eise an jeden Bau herankommen,
die Biber selbst aber wegen des Eises schwer flüchten können. So kommen
viele um und werden erschossen oder erschlagen. Wie mir Herr Maler
Zehle mitteilt, wurde noch im letzten Winter versucht, die Biberburg
im Krügersee niederzubrennen und so die Tiere herauszutreiben. Zum
Glück brannte aber das Schilf nur auf der einen Seite an, ohne den Bau
wesentlich zu beschädigen.
Ferner gehen leider auch ohne besonderes Zutun des Menschen viele
Biber dadurch verloren, daß sie in die Reusen und Netze der Fischer
geraten und ertrinken, wenn sie sich nicht durch Zerreißen der Netze
befreien können. Da das zuweilen geschieht, freuen sich die dadurch
geschädigten Fischer über jeden umgekommenen Biber, dreifach aber,
wenn sie sich durch heimliche Aneignung des Tieres mit dem wertvollen
Pelze, dem teuren Bibergeil und dem schmackhaften Fleisch bereichern
können. Besonders gefährlich sind auch die Nachstellungen, die durch
die Mordlust der Schiffer drohen, die mit ihren Kähnen zeitweise
innerhalb der Biberreviere ankern. Während der Schutzbeamte auf dem
Lande sich bewegen muß, kann der Schiffer vom Wasser aus im kleinen
Kahne den Biberbauen ungesehen sich nähern, und so wird manches Stück
heimlich umgebracht oder angeschossen und später verludert im Bau
gefunden. Manchmal werden die Tiere auch bei der Fischerei mit dem
Netz ans Land gezogen, denn sie sind zu dumm oder zu träge, um über
das Netz hinwegzuspringen. Ein auf diese Weise gefangener Biber benahm
sich so zutraulich und täppisch, daß er mit der Rute wieder ins Wasser
zurückgejagt werden mußte. Der schlimmste Feind des aussterbenden
Tieres ist aber doch plötzlich einsetzendes Hochwasser, namentlich
wenn es noch Eisschollen mit sich führt. Die Biber flüchten dann aus
ihren Bauen auf die Deichkronen oder andere erhöhte und trockene
Plätze und sind hier natürlich allen Zufälligkeiten und Nachstellungen
preisgegeben. Bei solchen Gelegenheiten weit sich verirrende Biber
werden oft aus bloßer Unkenntnis umgebracht, weil man sie irrtümlich
für Fischottern hält. Aber auch für den friedlichen Beobachter ergibt
das schöne Gelegenheiten.
So schreibt mir Herr Winkelmann: »Vor zwei Jahren saßen zwei Biber
beim Frühlingshochwasser, als der Damm nur 1-1/2 Meter aus der Flut
hervorragte, unterhalb des Wachthauses auf dem Damme und versuchten
wiederholt, sich in die Deichkrone einzugraben. Dies mußte jedesmal
von der Deichwachmannschaft, die dort während des Hochwassers Tag und
Nacht in Bereitschaft lag, verhindert werden. Schließlich nahmen die
Tiere davon Abstand, hielten sich aber noch tagelang auf der Deichkrone
auf. Beim Herannahen von Menschen plumpsten sie jedesmal ins Wasser,
schwammen zwischen den Bäumen herum und kehrten nach Vorübergang der
Störenfriede auf ihre alten Plätze zurück. Als später das Wasser fiel,
suchten sie ihre Baue wieder auf.« Es sei aber ausdrücklich betont, daß
auch in solchen Fällen ernsthafte Dammbeschädigungen durch den Biber
höchstens bei ganz mangelhafter Aufsicht verursacht werden könnten. Die
Tiere kommen auf die Dämme ja überhaupt nur, wenn diese unmittelbar
ans Wasser stoßen und kein anderes erhöhtes Ufer zur Verfügung steht.
Deshalb erscheint schon aus rein praktischen Gründen der Vorschlag von
Mertens sehr beachtenswert, für solche Fälle besondere Biberschutzhügel
anzulegen. Auf der Straße von Aaken nach Steutz liegt ein Wirtshaus,
das jenseits der Straße noch eine Veranda für die Gäste hat. Bei
Hochwasser fährt das Motorboot des Fährmanns bis an die Treppenstufen
des Gasthauses. Als Herr Winkelmann einmal das Fährboot benutzte,
saßen die beiden am Hornhafen heimischen Biber auf einem Bündel selbst
zusammengeschleppten Reisigs unmittelbar hinter der Veranda. Beim
Heranfahren des Bootes plumpste der eine ins Wasser, der andere aber
blieb ruhig sitzen und äugte die Menschen nur neugierig an. Daraufhin
kam auch der andere Biber sofort wieder auf die Sasse zurück, und
beide ließen sich nun in aller Ruhe und Bequemlichkeit beliebig lange
beobachten.
[Illustration: Abb. 1. Elbebiber, an einer Sandbank ruhend
(Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
Der am Ufer ruhende Biber macht einen gedrungenen Eindruck und erinnert
stark an eine riesenhafte Ratte, nur daß die Hinterfront abgestutzt
erscheint, weil die Kelle im Ruhezustande unter den Leib geschlagen
wird, also überhaupt nicht sichtbar ist (Abb. 1). Von weitem sieht ein
solcher ruhender Biber wie ein am Ufer liegender Stein aus und wird
deshalb trotz seiner Größe in seiner Unbeweglichkeit vom Unkundigen
leicht übersehen. Selbst bei der Anlage ihrer Baue kümmern sich die
Biber bisweilen herzlich wenig um die unmittelbare Nachbarschaft des
Menschen. So ist im Aakener Hornhafen von jeher ein Biberbau gewesen,
und die Tiere haben sich durch das beständige Hämmern und Klopfen der
Schiffsbauer eigentlich nie stören lassen. Brieflicher Mitteilung des
Herrn Behr zufolge lag früher am hochbewaldeten Ufer der Elbe bei
Steckby hinter einem Buhnenwinkel ein weitverzweigter Biberbau, der
zuweilen auch von Dächsen und Füchsen befahren wurde. Hochwässer hatten
hier einen tiefen Kolk gerissen, der durch eine schmale Rinne mit der
Elbe in Verbindung stand, aber bei niedrigem Wasserstande trocken lag,
so daß der Biber, um zu seinem Bau zu gelangen, über Land wechseln
mußte. Die Zugangsröhren lagen bis auf einige vom Dachs angelegte unter
Wasser, wie dies bei Biberbauen stets der Fall zu sein pflegt. Da die
Strömung weitere Landmassen wegriß, wurde von der Strombauverwaltung
ein Deckwerk aus Faschinen und Steinpflaster angelegt, wobei die tief
liegenden Eingänge verschüttet wurden. Diese geräuschvollen Arbeiten
konnten aber das hier hausende Biberpaar nicht zum Verlassen seines
Heims bewegen, sondern die Tiere benutzten nun eine hochliegende
Dachsröhre als Einschlupf, wobei sie eine Strecke von 12 Metern den
Hang hinauf zurückzulegen hatten und sich dabei oft prächtig beobachten
ließen.
Werden die Biber an solchen Plätzen vom Menschen überrascht, so zeigen
sie sich recht blöde und unbeholfen, aber nicht eben furchtsam. Das
Tollste in dieser Beziehung hat Herr Amtmann Behr erlebt. Er teilte mir
darüber brieflich folgendes mit: »Im Sommer 1922 war der Wasserstand
der Elbe überaus niedrig, so daß die Sandbänke, die die Tiere passieren
mußten, bis weit ins Flußbett hineinliefen. Des Abends erfolgte der
Auswechsel, wenn das Büchsenlicht längst geschwunden war, während
sich des Morgens die Heimkehr oft stark verspätete, namentlich wenn
Fischer oder Schiffer hier tätig waren. So lag ich einmal im Juli
vor Tagesgrauen in meinem Versteck und harrte der Heimkehr meiner
Freunde. Auf der Sandbank hatte Herr Hermann Hähnle aus Stuttgart einen
Kino-Apparat aufgestellt, um die Tiere zu filmen, was auch tadellos
gelang. Da die ständig vorüberfahrenden Kähne ein zeitiges Einwechseln
verhinderten, erfolgte dieses erst um 8 Uhr morgens, als die Sandbank
schon stark von der Sonne beschienen wurde. Langsam, Schritt für
Schritt, stieg der erste Biber schwerfällig über die dünenartige
Fläche, wobei er die Kelle nachschleifen ließ (Abb. 2). Am Kolk
angelangt, schob er sich ebenso schwerfällig ins Wasser und schwamm,
nur den Kopf zeigend, zur anderen Seite hinüber, um hier ebenso
täppisch auszusteigen. Als er so ziemlich an das Rohr angelangt war,
sprang ich ihm entgegen und stellte mich auf den Wechsel, um ihn wieder
in den Tümpel zurückzutreiben. Doch diesen Scherz faßte er falsch auf,
ging zum Angriff über und biß mit seinen langen Nagezähnen durch den
Schaft meines Wasserstiefels, auch noch durch Beinkleid, Unterbeinkleid
und Strümpfe, und erst als ich ihm einen leichten Schlag auf den Kopf
versetzte, ließ er los, kehrte um und machte denselben Weg zurück.«
[Illustration: Abb. 2. Elbebiber, über eine Grasfläche wechselnd
(Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
Noch ein anderes hübsches Biberstückchen vom Januar 1913 aus Dessau!
Damals kam ein Biber in die sog. Wasservorstadt, nachdem er sich
schon im Herbst öfters dort hatte blicken lassen. Er entwickelte
eine ganz verblüffende Dreistigkeit und unternahm öfters am hellen
Tage Spaziergänge über den Wasserwall hinweg in die eingefriedigten
Gärten, um dort mit großem Behagen die Kohlköpfe zu verspeisen.
Auch zugeworfene Apfelstückchen nahm er gerne an und ließ sich bei
seinen Schmausereien durch Zuschauer nicht im geringsten stören,
obgleich einmal ein ganzes Mädchenpensionat um ihn versammelt war. Den
Schaden an den Kohlstrünken hätte man ihm gern verziehen, aber leider
benagte er auch die Obstbäume, und es wurde deshalb beschlossen, ihn
einzufangen und an die Forstverwaltung abzuliefern. Bald war zur
Ausführung dieser schwarzen Tat ein Mann mit einem großen Sack zur
Stelle. Der Biber aber setzte sich ruhig hin und harrte der Dinge, die
da kommen sollten. Es sah aus, als wäre es eine Kleinigkeit, ihm den
Sack überzustülpen, aber sobald ihm der Mann den Sack vorhielt, sprang
der Biber mit Fauchen und Knurren nicht etwa in den Sack, sondern auf
den Mann. Sack und Mann verschwanden jedesmal nach der glänzenden
Attacke des Bibers, und schallendes Gelächter der Zuschauer belohnte
den Sieger. Dieses Schauspiel wiederholte sich einigemal, aber der
Biber ließ sich das wenig verdrießen, denn nachdem er seinen Gegner
schneidig abgewiesen hatte, ging er in aller Seelenruhe wieder an
seinen Kohl und labte sich. Schließlich sah man ein, daß dem Biber bei
seiner Tapferkeit und überlegenen Ruhe nicht beizukommen sei und ließ
ihn ungestört seines Weges ins nahe Wasser ziehen.
[Illustration: Abb. 3. Biberwechsel über eine Sandbank
(Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
Sportsegler, die im Sommer die Wasserreise von Dresden nach Potsdam
zu machen pflegen, haben mir oft versichert, daß sie auch bei Tag
auf Reisighaufen oder Weidenköpfen ruhende Biber antrafen, die sich
um die lautlos vorbeisegelnden Boote kaum kümmerten, sondern ruhig
weiter dösten, um erst im Wasser zu verschwinden, wenn man Lärm machte
oder ihnen gar zu nahe auf den Leib rückte. Besonders menschenscheu
kann man nach alledem den Elbebiber also unmöglich nennen, wenn er
auch unter gewöhnlichen Umständen immer genügend auf seine Sicherheit
bedacht bleibt. Erschwert wird seine Beobachtung aber durch seine
nächtliche Lebensweise und durch die sumpfige Beschaffenheit des
Geländes, in dem man es an Sommerabenden vor Stechmücken kaum aushalten
kann. Die unverkennbaren Spuren seiner Anwesenheit müssen schon jedem
halbwegs aufmerksamen Spaziergänger auffallen, am meisten natürlich
die Burgen und abgeschnittenen Hölzer mit der sanduhrartig gestalteten
Schnittfläche und die herumliegenden Späne, auf denen sich der Eindruck
der großen Nagezähne deutlich erkennen läßt. Aber auch die regelmäßig
begangenen Wechsel stechen sehr ins Auge, sei es als deutliche Straßen
im hohen Wiesengrase, sei es als glatte Rutschbahnen am abschüssigen
Ufer, sei es als scharf ausgeprägte Fährte auf einer Sandbank. An
solchen Stellen kann man sowohl die Schwimmhäute der Hinterbeine wie
die Zehen der Vorderfüße deutlich erkennen, wenn auch alles durch den
nachschleifenden Schwanz etwas verwischt erscheint (Abb. 3). Stellt man
sich an einem solchen Wechsel etwas gedeckt an und verhält man sich nur
bewegungslos, so wird man namentlich an schönen, stillen Sommerabenden
oft die Freude haben, den Biber im nahen Wasser unter der Oberfläche
entlang schwimmen zu sehen, wobei er nur die Nasenspitze herausstreckt,
während sich zwei feine Striche im Wasserspiegel abzeichnen. Wo das
Tier sich ganz sicher fühlt, taucht es auch weiter aus dem Wasser
hervor, so daß der halbe Kopf und der Rücken hervorragen (Abb. 4).
Schließlich steigt der Biber an Land, schiebt sich schwerfällig die
Böschung hinauf, schüttelt sich das Wasser aus dem Pelz und trottet
langsam am Ufer entlang, bis er nach einiger Zeit mit weithin hörbarem
Plumps wieder ins Wasser zurückfällt. War er irgendwie erschreckt
worden, so stößt er mit seinen breitruderigen Hinterfüßen kräftig
nach oben aus, schlägt gleichzeitig mit dem Schwanze laut klatschend
auf die Wasseroberfläche, was wohl ein Warnungszeichen für seine
Kameraden sein soll, und sinkt dann fast senkrecht in die Tiefe. Oft
aber gleitet er auch völlig lautlos ins feuchte Element, wenn nämlich
ringsum alles ruhig blieb. Beim Tauchen werden die auch auf der
Innenseite dicht behaarten Ohrmuscheln zusammengefaltet und so der
Gehörgang verschlossen, die durchsichtige Nickhaut über die kleinen
Rundaugen gezogen und die Nasenflügel mit Hilfe besonderer Muskeln fest
zusammengepreßt. Die Lehrbücher geben übereinstimmend an, daß der Biber
etwa zwei Minuten unter Wasser bleiben könne, dann aber zum Atemholen
wieder an die Oberfläche kommen müsse. Indessen ist diese Zeitangabe
sicherlich viel zu niedrig gegriffen. Ich selbst konnte mit der Uhr in
der Hand an einem in Gefangenschaft gehaltenen Biber feststellen, daß
er volle 10 Minuten unter Wasser blieb, und Behr sah in einem kleinen,
klaren Tümpel bei Steckby einen Biber sogar 14 Minuten lang ruhig auf
dem Grunde liegen, ehe er von neuem Atem schöpfte. Ein Förster und ein
Bühnenarbeiter wollen dasselbe 15 bis 20 Minuten lang beobachtet haben.
Die außergewöhnlich großen Lungen des Tieres vermögen ja auch eine ganz
bedeutende Luftmenge zu fassen. Das Geruchsvermögen des Bibers ist
gut entwickelt, während die etwas blöde dreinblickenden Augen stark
kurzsichtig sind. Die selten zu hörende Stimme ist leise knurrend, bei
Ärger zornig fauchend. Die noch im Bau liegenden Jungen wimmern nach
Mertens wie kleine Kinder.
[Illustration: Abb. 4. Elbebiber ruhig schwimmend
(Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
[Illustration: Abb. 5. Biberschnitte von Erlen bei Törten,
unweit der Mulde
(Naturaufnahme von Amtmann Behr)]
Wenn man unsere Abb. 5 betrachtet, wird man sehr geneigt sein, den
Biber für einen argen Waldverwüster zu halten, denn er hat hier in
der Tat ganz greulich gewirtschaftet. Unser Erstaunen wird noch
wachsen, wenn wir hören, daß hier die Arbeit eines einzigen Bibers
vorliegt, der sich im Frühjahr 1913 als Einzelgänger bei Törten a. d.
Mulde aufhielt. Er war zugewandert, als an seinem alten Wohnorte die
Weidenanpflanzungen immer seltener wurden und hatte nun seinen Stand
in hohes Laubholz verlegt, wo er Espen fällte, darunter Stämme bis
zu 40 +cm+ Durchmesser. Der Schlag erreichte schließlich eine Größe
von 3/4 Morgen. Der Übeltäter war ein ungewöhnlich starkes Tier und
wurde von Förster Radtke, der ihn öfters beobachtete, auf 80, von
anderen sogar auf 90 Pfund geschätzt (Brehm gibt das Gewicht des
Bibers mit 20 bis 30 +kg+ sicher zu niedrig an), ein Zeichen dafür,
daß trotz unvermeidlicher Inzucht noch keine Entartung des deutschen
Biberbestandes eingetreten ist. Trotz unserer lehrreichen Bilder
ist der forstliche Schaden des Bibers nicht so groß, wie vielfach
angenommen wird, und wird eigentlich nur dann wirklich empfindlich,
wenn man den Tieren ihre natürliche Hauptnahrung, nämlich Weiden-
und Wurzelwerk von Wasserpflanzen, schmälert. Es sind ja immer nur
einzelne Stücke, die dazu neigen, übermäßig zu schneiden und auch
stärkere Bäume anzugehen. Man sollte also die Schädlichkeit des
Bibers nicht noch aufbauschen, wie es leider vielfach geschieht, um
Freund Bockert »interessanter« zu machen; es fehlt ohnehin nicht
an Stimmen, die den Abschuß der letzten Elbebiber immer und immer
wieder verlangen. Seine Arbeiten verrichtet der Biber nur des Nachts
bei völlig hereingebrochener Dunkelheit und läßt sich dabei nicht
gerne belauschen. Dies war sogar im Hamburger Tiergarten der Fall,
wo das Bibergehege einen besonderen Anziehungspunkt bildet. Selbst
in mondhellen Nächten konnten die Tiere nicht beim Fällen der für
sie eingepflanzten Pappelstümpfe beobachtet werden. Sie brauchten 29
Tage zum Fällen eines 36 +cm+ starken Baumes, weil sie offenbar nur
mit großen Unterbrechungen daran arbeiteten, da sie ja anderweitige
Nahrung im Überfluß hatten. Die von Brehm gepflegten Biber zeigten
sich etwas umgänglicher und schnitten schließlich auch in den späteren
Nachmittagsstunden. Zum Umlegen einer 8 +cm+ dicken Weide brauchten sie
nur fünf Minuten. In Steckby vom Biber abgeschnittene Stämme hatten
gewöhnlich eine Dicke von 15 bis 30, manchmal aber auch 40 und selbst
60 +cm+, und zwar handelte es sich in diesem Falle stets um Schwarz-
oder Silberpappeln. Nach einem Berichte Friedrichs wurde am Kühnauer
See bei Dessau eine Pappel von 192 +cm+ Umfang in mehrjähriger, von
großen Pausen unterbrochener Arbeit umgelegt. Für mich unterliegt es
gar keinem Zweifel, daß solche starke Bäume nicht zu Nahrungszwecken,
sondern lediglich zum Schärfen der Schneidezähne angenommen werden, oft
wohl auch nur aus Langeweile und Spielerei. So sah ich im Gasthause
in Aaken die Photographie einer riesenhaften Pappel, die aus vier
Stämmen zusammengewachsen war. An diesem gewaltigen Baum hatten fünf
Biber jahrelang genagt, natürlich nur ab und zu. Dieses Biberfraßstück
sollte auf eine Ausstellung nach Leipzig geschickt werden, aber sein
Umfang erwies sich als so groß, daß der Transport unterbleiben mußte.
Ein halbes Jahr später riß ein Sturm den mächtigen Baum um, und zwar an
der angefressenen Stelle. Schneereiche Winter bereiten dem Schneiden
mancherlei Schwierigkeiten. So sah ich einen Stamm, der vom Biber
zunächst in der gewöhnlichen Weise unten angeschnitten war. Tiefer
Schnee hatte ihn dann genötigt, die Arbeit an einer höheren Stelle von
neuem zu beginnen. Hier wiederum durch stärkeren Schneefall vertrieben,
hat er endlich in großer Höhe nochmals angefangen und nun den Baum
wirklich gefällt, der also unterhalb der Bruchstelle noch zwei weitere
tiefe Einschnitte zeigt. Pappeln und Weiden sind die Lieblingsbäume des
Bibers, er geht aber auch alle anderen Weichhölzer des Auenwaldes an,
mit Vorliebe Ahorn, Wildbirne, Holzapfel und Haselstrauch, seltener
die bitteren Schwarzerlen und Eichen, nur ausnahmsweise die Birke und
die Kiefer, die er aber nicht entrindet, weil ihm wahrscheinlich ihr
Harzgehalt zuwider ist. Sehr gern werden neu auftauchende Baumarten
heimgesucht, wie dies ja auch von den Spechten bekannt ist. So erzählt
Mertens, daß auf dem Klostergut Prester eine ganze Reihe frisch
gesetzter Apfelstämmchen in wenigen Nächten abgeschnitten und ins
Wasser geschleppt wurde.
[Illustration: Abb. 6. Biber zum Schneiden in einen
Weidenbaum kriechend
(Blitzlichtaufnahme von Amtmann Behr)]
Seinem Schneideplatze nähert sich der Biber erst nach völlig
hereingebrochener Dunkelheit und mit erhöhter Vorsicht, wie sich dies
sehr hübsch auf unserer nach einer Blitzlichtaufnahme hergestellten
Abb. 6 sehen läßt, wo das Tier gerade in den zum Schneiden bestimmten
Weidenstrauch kriecht. Beim Schneiden nimmt es eine eichhörnchenartig
hockende Stellung an, und in den Erholungspausen setzt es sich fast
aufrecht, wobei es sich fest auf die Kelle stützt. Durch das schnelle
Schneiden entsteht ein schnarrendes Geräusch, und dünne Stangen fallen
schon nach Verlauf weniger Minuten. Während dünne Weidenzweige glatt
durchgenagt werden, erhält die Schnittfläche bei stärkeren Stämmen
schließlich das sanduhrartige Aussehen, das wir auf den Abb. 5 und 7
gut bemerken können. Auf Abb. 7 sehen wir zugleich, daß Meister Bockert
manchmal auch vergeblich arbeitet, indem der Baum zwar fällt, aber
mit seinem Wipfel in den Nachbarbäumen hängen bleibt. Kommt der Stamm
dabei recht schräg zu liegen, so besteigt der Biber ihn wenigstens,
um die Rinde zu äsen. Am Schneideplatz liegen massenhaft Späne bis zu
10 +cm+ Länge herum, denen die Spur der Nagezähne so deutlich
aufgeprägt ist, daß man nach ihrer größeren oder geringeren Breite
leicht das ungefähre Alter des Bibers bestimmen kann. Nähert sich die
Arbeit ihrem Ende, so rückt der Biber von Zeit zu Zeit von dem Stamm ab
und blickt spähend zum Wipfel empor, als ob er sich vergewissern wolle,
nach welcher Richtung hin der Baum wohl fallen wird. Er muß in dieser
Beziehung ein sehr gutes Urteilsvermögen besitzen, denn nur äußerst
selten kommt es vor, daß ein Biber von dem fallenden Baum erschlagen
wird. Mir ist diesbezüglich nur ein gut beglaubigter Fall zu Ohren
gekommen. Mertens geht also immerhin zu weit, wenn er angibt, daß es
überhaupt niemals vorkäme. Ich vermute, daß auch die eigentümliche
sanduhrartige Form des Schnitte die Fallrichtung in bestimmter Weise
beeinflußt, aber über diesen Punkt wären noch weitere und gründlichere
Untersuchungen notwendig. Die beim Schneiden gewonnene Rinde wird
gleich an Ort und Stelle behaglich zerschrotet. Die gefällten Bäume
werden dann nach und nach in »handliche« Stücke zerschnitten, aber
nicht entrindet, und allmählich ins Wasser geschleppt, besonders
die Weiden. Muß das Tier dabei über Sandbänke hinweg, so entstehen
auf diesen förmliche Schleifbahnen (Abb. 8). Das Hinabschaffen der
Zweige an den mit Gestrüpp bewachsenen Steilufern wäre nicht leicht,
wenn jedesmal eine andere Stelle benützt werden sollte, und deshalb
schafft sich Meister Bockert durch beständige Benutzung der gleichen
Stelle eine Schlittenbahn, auf der er mit seinen Vorräten leicht und
vergnüglich hinabrutscht. Die eingesammelten Hölzer bilden schließlich
ein Floß vor dem Eingang zum Biberbau, und im Wasser erhält sich die
Rinde namentlich der Weidenzweige frisch und schmackhaft und kann dann
an ungemütlichen Wintertagen als Nahrungsvorrat dienen. Der Biber
futtert ja am liebsten naß. Aus dem Gesagten erhellt schon, daß die
Anlage von Weidenpflanzungen die erste Vorbedingung für das Gedeihen
dieser Tiere ist. Exinger beobachtete an seinen gefangenen Bibern, die
er auf einem ziemlich großen Teiche hielt, daß sie ein feines Vorgefühl
für die kommende Witterung haben und sich nach ihr zu richten wissen.
Eines Abends machten sie sich bei schönem Wetter plötzlich mit großer
Hast an die Arbeit, Stämme in ihren Teich zu schleppen. Binnen einer
einzigen Nacht hatten sie 186 Stämme von 2 bis 3 +m+ Länge und
8 bis 11 +cm+ Dicke ins Wasser geschafft, und wirklich trat ein
Witterungsumschlag ein, und 24 Stunden später war der ganze Teich fest
zugefroren und mit einer 7 +cm+ dicken Eiskruste bedeckt.
[Illustration: Abb. 7. Vom Biber angeschnittene und oben hängen
gebliebene Rüster]
[Illustration: Abb. 8. Holzschleife des Bibers nach dem Wasser (Elbe)
bei Steckby]
Neben Weidenzweigen bilden die Wurzeln von allerlei Sumpf- und
Wasserpflanzen die Hauptnahrung des Bibers, wodurch sich auch seine
Vorliebe für die alten und toten Elbearme und die kleinen Seen im
Urstrombette erklärt. Bevorzugt werden die süßen Wurzelknollen vom
Rohr, Schilf und namentlich der beiden Wasserrosen. Der Biber beißt
sie unter Wasser ab, so daß sie zur Oberfläche emporsteigen, oft viele
an einer Stelle. Wo Zuckerrübenfelder in der Nähe des Wassers sich
befinden, werden sie auch nächtlicherweile vom Biber gern heimgesucht.
Während der schönen Jahreszeit werden als Zukost auch die zartesten
Blätter und Blüten der Wasserpflanzen verspeist, junges Gras auch
nicht verschmäht und sogar Seerosenfrüchte aufgenommen, deren harte
Samenschalen unverdaut wieder abgehen. Mertens hatte einmal einen
merkwürdigen Anblick, indem auf der von leichtem Nebel verschleierten
Wasserfläche eine weiße Welle sich zu nähern schien. In Wirklichkeit
war es ein Biber, der Seerosenblüten in großer Zahl gepflückt und in
den Fang genommen hatte, so daß sie rechts und links wie ein Strauß
heraushingen.
Die gewöhnlichen Wohnbaue der Biber werden ganz nach Art des
Fischotters im Steilufer des Flusses angelegt, womöglich der größeren
Festigkeit halber im Wurzelgeflecht einer alten Eiche, Rüster oder
Weide, immer so, daß das Tier auch bei niedrigem Wasserstande unter
Wasser in seine Behausung gelangen kann. Bisweilen wird dabei der
schützende Baum derartig unterwühlt, daß er schließlich zum Umstürzen
gebracht wird, wie dies im Aakener Hornhafen vorgekommen ist. Auch am
Nordufer des Steinsees haben die Biber eine 80 +cm+ starke Eiche
durch Unterwühlen des Erdreichs zu Fall gebracht. Alte Baue können im
Laufe der Zeit einen recht beträchtlichen Umfang annehmen, und manche
Röhren führen dann so niedrig unter der Erdoberfläche entlang, daß
das Begehen oder Befahren solcher Uferstrecken geradezu gefährlich
wird und namentlich bei der Heuernte gar nicht selten Menschen oder
Pferde durchbrechen. Der Biber fährt dann erschrocken aus seinem Bau
und flüchtet ins Wasser. Noch schlimmer wird die Sache, wenn die Biber
in den Deichen wühlen, was glücklicherweise selten vorkommt. Doch muß
die Strombauverwaltung in dieser Beziehung immer ein scharfes Auge
auf sie haben. Auch in solchen Fällen ist es nicht nötig, die Tiere
abzuschießen, weil sie sich auch durch andere Mittel leicht vergrämen
lassen. Mertens gibt an, daß der Damm bei Ranies in den Jahren 1920
und 1921 stark unterwühlt war und deshalb mit großen Kosten wieder
ausgebessert werden mußte; die Gesamtlänge der damals aufgegrabenen
Röhren soll nicht weniger als 86 +m+ betragen haben. In den
Wohnkessel des Baus werden einige derbe Holzprügel eingetragen und zu
ganz feinen Spänchen zernagt, wodurch eine weiche Unterlage geschaffen
wird.
Wo Ruhe im Revier herrscht und der Biber sich unbehelligt weiß,
errichtet er außer diesen Bauen, die dann nur als Notwohnungen dienen,
auch noch sog. Burgen, wie ich selbst eine am Schmiedersee besichtigen
konnte. Sie sind oberirdisch sichtbar und haben backofenförmige
Gestalt (Abb. 9). Diese Burg fiel schon von weitem durch die teilweise
entrindeten und deshalb weißen Weidenzweige auf, die zu ihrer
Herstellung verwendet waren. Obenauf lagen lange, trockene Rohr- und
Schilfhalme. Die Baustoffe werden nicht etwa sorgfältig angeordnet,
sondern liegen wirr, kreuz und quer durcheinander, so daß der ganze
Bau ein sehr sparriges Aussehen erhält. Früher befand sich dort mitten
im Wiesengelände eine zweite Biberburg dicht beim sog. Försterfriedhof
auf einer kleinen Erhebung, die den winzigen Rest der sog. Schmiedburg,
eines alten Bollwerks der Sachsen gegen die Wenden, darstellt. Im
Goldberger See bei Lödderitz befindet sich gleichfalls im Schilf und
Rohr versteckt eine regelrechte Biberburg, die ziemlich hoch und
etwa 3 +m+ breit ist. Zu den Burgen führen im tieferen Wasser
mündende Geschleife. Ändern sich die Örtlichkeitsverhältnisse in
unerwünschter Weise, so verlegen die Biber ihren Wohnsitz. So lebte
vor einigen Jahren ein Paar im sog. Kuhlenhagen. Da aber dieser Teil
der alten Elbe Fischreichtum aufwies und infolgedessen immer stärker
befischt wurde, haben sich die ruheliebenden Tiere nach dem nördlichen
Teile der Kreuzhorst verzogen, wo sie unter Naturschutz stehen und
deshalb weniger gestört werden. Fortwährend haben die Tiere an ihren
Burgen herumzubasteln, zu ändern, zu vergrößern und zu verbessern.
Alle erforderlichen Dichtungsstoffe, wie Gras, Erde, Sand, Lehm und
Schlamm, werden (wie auch bei den Dammbauten) nur mit dem Maule und mit
den Händen bewegt und ausschließlich mit letzteren verarbeitet, also
nicht mit der Kelle, welches unausrottbare Märchen sich immer wieder
in den Büchern fortpflanzt. An schönen, ruhigen Tagen sonnt sich der
Biber gerne auf dem Dache seiner Burg oder auf in der Nähe befindlichen
Kopfweiden, oder er richtet sich als lauschige Ruheplätzchen besondere
Sassen her. Die Sasse, von der ich selbst einen Biber aufscheuchte,
war in den lehmigen Morast eingetieft und mit trockenem Gras und Laub
gepolstert, übrigens so angelegt, daß bei nahender Gefahr ein einziger
Satz das Entkommen ins Wasser ermöglichte.
[Illustration: Abb. 9. Biberburg am Schmiedersee
Naturaufnahme von Oberpostsekretär Winkelmann)]
In Amerika, wo es noch viele Biber gibt, vermögen die in
großen Siedlungen hausenden Tiere durch ihre Arbeiten geradezu
landschaftgestaltend zu wirken, indem sie durch Aufführung von oft
100 +m+ langen und 2 bis 3 +m+ hohen Dämmen weite Strecken
der Flußläufe in eine Seenkette verwandeln und durch ihre Holzschläge
in den benachbarten Waldungen ausgedehnte Lichtungen, die sog.
Biberwiesen, schaffen. Damit ist es für Deutschland natürlich längst
vorbei. Immerhin legen auch die wenigen Elbebiber bei niedrigem
Wasserstand hier und da einmal Stauwerke an, die wegen der planvollen
Umsicht der vierbeinigen Ingenieure immer wieder unsere Bewunderung
herausfordern. Ist ja doch der Biber in dieser Beziehung geradezu der
Lehrmeister des Menschen gewesen! So hatten vor einigen Jahren die
Biber unterhalb Breitenhagen ein Wasserloch vollständig abgedämmt.
Als im Forstamt Witlingkau ein Teich abgelassen und auch der dazu
gehörige Bach trocken gelegt wurde, fanden die Biber bald die Ursache
des Wassermangels heraus und verbauten daher das Zapfenhaus mit Schilf
und Schlamm derart, daß kein Tropfen mehr durchkam. Auf diese Weise
wollten sie sich das Wasser erhalten, und es kostete nicht geringe
Mühe, die Verdämmung zu beseitigen. Einen regelrechten Biberdamm, der
quer über einen Arm der Altelbe bei Wartenburg gezogen war, sehen
wir auf Abb. 10. Einen anderen Damm hatten die Biber nach Friedrich
1891 im Bruchgraben beim Kühnauer See aufgeführt. Er war geradlinig,
1-1/2 +m+ hoch und 3 +m+ breit. Zur Verwendung gelangten
meterlange Knüppel von 10 bis 15 +cm+ Dicke, die Zwischenräume
waren mit Haselreisig ausgefüllt und schließlich das Ganze mit
schlammigen Rasenstücken so gut abgedichtet, daß es für Wasser
vollkommen undurchlässig und fest genug war, um einem erwachsenen
Menschen das Begehen des Dammes zu ermöglichen. Mertens erwähnt zwei
weitere Dammbauten, die aber des hier besonders reißenden Wassers wegen
nicht gerade verliefen, sondern halbmondförmig ausgebuchtet waren. Die
durch sie bewirkte Hebung des Wasserspiegels betrug etwa 30 +cm+.
Beschädigungen durch Menschenhand an den Biberdämmen werden von den
Tieren sehr rasch wieder ausgebessert. Bei dem abgebildeten Damm z.
B. hatten Fischer ein großes Loch hineingerissen, um mit ihrem Kahn
hindurchfahren zu können, aber schon am nächsten Morgen war die Lücke
aufs gründlichste wieder verschlossen. Endlich schafft sich der Biber,
der ja viel lieber und sicherer schwimmt als geht, auch noch besondere
Schwimmkanäle, wenn das Gelände zu sehr versumpft, indem er die Rinnen
durch fortgesetzte Benützung vertieft, auch wohl durch Herausheben von
Schlammerde mit den Pfoten nachhilft.
[Illustration: Abb. 10. Biberdamm bei Wartenburg in einem alten Elbearm
(Naturaufnahme von Amtmann Beyr)]
Die gewöhnliche Zahl der Jungen beträgt vier, entsprechend den vier
Zitzen des Muttertieres; drei oder gar nur zwei Junge kommen öfters
vor, während mir ein Wurf von fünf Jungen nur in einem einzigen Fall
bekannt geworden ist. Amtmann Behr hatte einmal das große Glück,
Jungbiber im Bau zu beobachten. Er schreibt mir darüber: »Im Juni
1908 war Hochwasser eingetreten und hatte die Biber aus der Saale ins
Binnenland getrieben. Da bekam ich von Patretz Drahtnachricht, es sei
ein Biberbau mit Jungen gefunden. Schnell wurde der Photoapparat und
ein halbes Schock Kassetten gepackt, und fort ging's, dem Ziele zu. Es
herrschte glühende Hitze, und die Tierwelt schien wie ausgestorben.
Nur Tausende und aber Tausende von Mücken und Stechfliegen erhoben
sich aus den üppigen Wiesen, Weidenbüschen und Sumpflachen. Endlich
zeigte mein Führer lautlos nach einer Kopfweide, die an einem mit
hohen Ufern versehenen Bächlein stand. Ich kroch lautlos durch ein
Weizenstück, das teilweise unter Wasser stand. Vorsichtig hob ich
dann den ausgestreckten Kopf, auf dem bereits unzählige Mücken und
Stechfliegen Platz genommen hatten. Da bot sich mir ein unvergeßlicher
Anblick: eine starke Bibermutter mit vier Jungen lag am jenseitigen
Grabenufer in einer Erdhöhle unter Weidengestrüpp, Rohr und
schilfartigem Gras! Offenbar handelte es sich hier um einen Notbau,
denn es war lediglich eine kesselförmige Vertiefung unter dem dichten
Weidenstrauch. Die Jungen erkletterten den Rücken der Alten, purzelten
wieder herunter und ließen ein lautes Fauchen hören. Auch die Alte
wälzte sich öfters herum, geplagt durch unzählige Fliegen, und hatte
offenbar keine Ahnung von meiner Gegenwart. Leider war die Beleuchtung
in der Höhle so schlecht und die Unruhe in der Familie so groß, daß
nur Momentaufnahmen gemacht werden konnten, die zur Reproduktion nicht
scharf genug sind, aber immerhin wertvolle Natururkunden bilden. Als
mein Begleiter näher kam, erhob sich langsam die Mutter, um gleich
darauf blitzschnell im Wasser zu verschwinden. Ein undeutlicher Strich
zeigt auf der Aufnahme den Weg an, den sie genommen, und einige
Luftbläschen stiegen aus dem ruhig dahinfließenden Wasser empor.
Schließlich stieg ich zu den Jungen hinüber und gewahrte nun erst,
daß zwei davon verendet und mit Schmeißfliegen bedeckt am Rande der
backofenförmigen Vertiefung lagen, während die beiden Überlebenden
den Eindringling mit ihren kleinen blauen Augen erstaunt ansahen und
fauchende Töne ausstießen. Schnell wurden einige Aufnahmen mit der
Handkamera gemacht, und zurück ging's auf den alten Platz. Immer noch
ließ sich die Alte nicht sehen. Da kam der eine Jungbiber auf den
Ausstieg der Mutter und fuhr gleichfalls zu Wasser, wohin ihm der
andere sofort folgte. Nun konnte auch ich nach 3-1/2stündiger Arbeit,
die eine große Reihe von Aufnahmen geliefert hatte, den Heimweg wieder
antreten, voller Holzläuse und anderem Ungeziefer, gründlich von den
Mücken zerstochen, zu Tode erschöpft, aber von dem Gedanken beseligt,
der Wissenschaft einen Dienst erwiesen zu haben.«
Wie unheimlich rasch die Abnahme der Biber an manchen Örtlichkeiten
vor sich geht, erhellt aus einer Zuschrift des Herrn Winkelmann, der
beispielsweise an einer langgestreckten Wasserlache, die zwischen
Fährbuhne und Badeanstalt bei Aaken sich hinzieht und nach dem Walde
zu Steilufer hat, im Jahre 1915 noch zwölf Baue zählte. »Jetzt sind
diese Baue sämtlich verlassen, die Biber teils von Wilddieben gefangen,
teils ausgewandert. Wenn man in Aaken Sonntags die Kirchgänger mustert,
kann man oft Leute in Biberpelzen sehen, womit man die einfachste
Erklärung für das Verschwinden der Biber vor sich hat. Jetzt haben
die Kürschner in Köthen und Dessau strenge Anweisung, Überbringer von
frischen Biberpelzen festzustellen und zur Anzeige zu bringen.« Diese
Bestimmung ist sehr wichtig und erfreulich, sie müßte aber vor allem
noch durch eine scharfe Beaufsichtigung der wandernden Fellhändler
ergänzt werden. Auch die Kürschner, die frische Biberfelle aufkaufen,
müßten als Hehler bestraft werden, denn sie wissen ganz genau, daß
solche Felle nicht rechtmäßig erworben sein können. Noch ist es
nicht zu spät, einschneidende Maßregeln für die dauernde Erhaltung
unseres letzten, hartbedrängten Biberstandes zu treffen, aber es ist
höchste, ja allerhöchste Zeit! Neuerdings hat sich namentlich Herr
Zehle, der sich als Maler und Bildhauer die künstlerische Darstellung
des Bibers zur besonderen Aufgabe gemacht hat, in Wort und Schrift
des Bibers warmherzig und nachdrücklich angenommen, und es wäre nur
dringend zu wünschen, daß seine hauptsächlich in den Jagdzeitungen
erscheinenden Aufrufe nicht ungehört verhallen. Er fordert vor allem
eine entsprechende Vermehrung der Aufsichtsbeamten, und da die wenigen,
überdies sonst stark in Anspruch genommenen Forstleute für den
Biberschutz nicht ausreichen, solle man dazu in passender Weise auch
die Fährmeister heranziehen, vielleicht auch geeignete Privatpersonen.
Für die Abfassung oder Ermittlung von Lumpen, die den Bibern
nachstellen oder ihre Baue und Burgen zerstören, müßten Geldbelohnungen
öffentlich ausgeschrieben werden. Die Strafen wären so scharf als
möglich zu fassen. Mit Unkenntnis kann sich niemand entschuldigen,
denn im Bibergebiet weiß jeder Mensch, wie der Biber aussieht und daß
er gesetzlich geschützt ist. Weiter müßten die Weiden erhalten oder
neu angepflanzt werden. In dieser Beziehung wird noch viel gesündigt.
Man nimmt dem Biber seine natürliche Äsung und schreit dann Zeter und
Mordio, wenn er aus Not und Hunger bei den angepflanzten Nutzhölzern
Ersatz sucht. Bei Bemessung der Pachtpreise für die Weidengehege sollte
eben von vornherein auf den unvermeidlichen Biberschaden Rücksicht
genommen werden. Die Weidenpächter wären streng zu verpflichten, die
Biber in Ruhe zu lassen und insbesondere keine Biberburgen abzubrennen,
wie sie dies gerne tun. Ähnliches gilt für die Fischereipächter. Am
besten würde man die Fischwässer im Bibergebiet überhaupt nur an
Forstbeamte verpachten, die dann keine Stellnetze und Flügelreusen
verwenden und in unmittelbarer Nähe der Biberbaue gar nicht fischen
dürften. Wichtig wäre es auch, den Jägern das Auslegen von Tellereisen
für Fischottern zu verbieten und bei Hochwasser Zufluchtstätten für die
Biber zu errichten.
Herr Zehle ruft zur Gründung eines Biberschutz-Vereins nach Art des
Wisentschutz-Vereins auf, und wir wollen nur hoffen und wünschen,
daß er damit Erfolg hat. Er ist der Meinung, daß bei nachdrücklicher
Durchführung der Schutz- und Hegemaßnahmen der Elbebiber seinen
jetzigen Bestand nicht nur wahren, sondern auch mehren und sein
Verbreitungsgebiet weiter ausdehnen würde, so daß er im Laufe der Zeit
wieder als wertvolles Jagdwild in Betracht kommen könnte, zumal er
sich von der Elbe aus auch leicht wieder in der Romintener Heide, im
Zehlau-Bruch und an anderen geeigneten Orten einbürgern ließe. Ich
selbst denke allerdings nicht so optimistisch, sondern glaube, daß alle
Ausdehnungsversuche an der leidigen Habsucht der heutigen Menschheit
scheitern werden. Immerhin wird sich der Biber bei genügendem Schutz an
der Elbe wohl noch einige Jahrzehnte halten, aber es wäre angezeigt,
auch für die Zukunft und damit für eine dauernde Erhaltung vorzusorgen.
Mit vollem Recht ist deshalb schon der Vorschlag gemacht worden, einige
Biber einzufangen und auf den Besitzungen des »Vereins Naturschutzpark«
in der Lüneburger Heide anzusiedeln.
Der Nerz
Ob man den Nerz, dieses merkwürdige Zwischenglied zwischen Fischotter
und Marder, heute wohl überhaupt noch in einem Verzeichnis deutscher
Säugetiere mit aufführen darf? Es gibt viele Tierkundige, die diese
Frage verneinen. Unser Jagdgesetz ist anderer Ansicht, denn es nennt
den Nerz immer noch in der Liste der jagdbaren Tiere. Ich selbst kann
mir auch nicht gut denken, daß der Schwimmarder, wie man ihn treffend
nennen könnte, bei uns schon gänzlich ausgestorben sein soll, denn
trotz aller öden Gleichmacherei der Natur durch die sog. Kultur gibt
es doch im ostpreußischen Memeldelta und an den Masurischen Seen, an
den verschilften Teichen der schlesischen Bartschniederung, an den
brandenburgischen Luchen und beim mecklenburgischen Großgrundbesitz
noch verschwiegene Winkel genug, die allen Anforderungen dieses
Seltlings durchaus entsprechen und wo immer noch das eine oder andere
Pärchen unbeachtet oder unerkannt sein Dasein fristen mag. Allerdings
war der Nerz (Abbildung 11) von jeher ein nordöstliches Tier und als
solches in Süddeutschland wohl überhaupt nie heimisch, wenigstens nicht
in geschichtlicher Zeit, auch in Norddeutschland nie eigentlich häufig,
sondern immer nur in einzelnen Gegenden, gewissermaßen in versprengten
Stämmen vorhanden. Schon Wildungen klagt 1799, daß der Nerz so selten
und manchem wackeren Weidmann überhaupt unbekannt sei. Vor allem muß
betont werden, daß der Nerz wegen seiner ausgesprochenen Menschenscheu
und seiner streng nächtlichen Lebensweise an seinen versteckten und
schwer zugänglichen Aufenthaltsorten überaus schwer zu beobachten ist
und von Unkundigen gewöhnlich mit dem Iltis oder mit einem jungen
Fischotter verwechselt wird. Sein sumpfiges Wohngebiet ist oft so
unzugänglich, daß es überhaupt nur im Winter bei Frost betreten werden
kann.
Dann eine Frage: Wie viele Jäger oder Naturforscher gibt es denn
in ganz Deutschland, die imstande sind, bei fahlem Mondschein das
undeutliche Etwas auf der Wasserfläche richtig als das Köpfchen eines
schwimmenden Nerzes anzusprechen? Nur höchst selten fügt es einmal der
Zufall, daß ein Nerz von scharfen Teckeln oder Foxterriers aus dem
Wurzelgeflecht am Steilhang eines Baches oder Teiches aufgestöbert
wird, aber der Herr des Hundes hält dann, selbst wenn er den grünen
Rock trägt, also eigentlich in der heimischen Tierwelt gründlich
Bescheid wissen sollte, das herausgejagte flinke Tierchen in der Regel
für einen Iltis und wundert sich höchstens darüber, daß dieser »Iltis«
so gut schwimmen und auch ebenso gut tauchen kann.
[Illustration: Abb. 11.
Zuchtnerz der Hirschegg-Riezlern-Pelztierfarm, in der unter Leitung von
Dr. Fritz Schmidt mit aus Kanada eingeführtem Zuchtmaterial recht gute
Erfolge erzielt werden
(Nach einer von der Deutschen Versuchszüchterei edler Pelztiere
G. m. b. H. & Co., Leipzig zur Verfügung gestellten photographischen
Aufnahme)]
Selbst die sorgfältigste Untersuchung der Fährte gibt keine volle
Sicherheit, da die kurze, charakteristische Schwimmhaut zwischen den
Zehen des Nerz bei gewöhnlicher Gangart selbst in weichem Boden sich
nicht mit abdrückt. Und doch sind beide Tiere für den aufmerksamen
Beobachter kaum zu verwechseln. Flüchtet das aufgescheuchte Geschöpf
sofort ins Wasser und taucht es hier gar anhaltend, so handelt es sich
sicher um den Nerz, denn der Iltis ist durchaus kein Freund der Nässe,
sondern entfleucht stets aufs feste Land und sucht hier womöglich einen
erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ich trete der Auffassung Schlotfelds
bei, wenn er z. B. sagt: »Unsere hannoverschen Bültenmoore, der
Schrecken und andrerseits wieder die Freude der Jäger, sind nur unter
den größten Anstrengungen zu bejagen und oft lange Zeit hindurch ganz
unzugänglich. Hier herrscht absolute Ruhe, und mancher Nerz mag hier
noch in aller Beschaulichkeit hausen, von dessen Vorhandensein kein
Mensch eine Ahnung hat.« Auch Ziegler schrieb schon 1848, daß der Nerz
sicherlich viel häufiger sei, als man allgemein glaube.
Die Gegend von Bremen war oder ist der westlichste Verbreitungspunkt
des Nerz, und von hier aus erstreckt sich sein Gebiet durch die
baltischen Länder nach dem nördlichen und mittleren Rußland, während
er z. B. in der Krim fehlt, ebenso wie seine Lieblingsnahrung, die
Krebse. Noch häufiger wird der Nerz in Sibirien, China und Japan, in
welchen Ländern eigene geographische Rassen sich herausgebildet haben,
wogegen der nordamerikanische Nerz, der sog. Mink, eine besondere Art
vorzustellen scheint. Um die Jahrhundertwende herum kamen jährlich
etwa 370000 Minkfelle gegenüber 55000 meist sibirischen Nerzfellen in
den Handel. Da also der Mink noch viel häufiger ist, sind wir auch
über seine Lebensweise ungleich besser unterrichtet als über die
des echten Nerz, von der wir eigentlich verblüffend wenig wissen.
Die Kenntnis seiner Fortpflanzungsgeschichte z. B. beschränkt sich
fast nur auf Vermutungen, und es wäre dringend zu wünschen, diese
beschämende Lücke auszufüllen, ehe es dazu durch völliges Aussterben
des Tieres zu spät wird. Hoffentlich bewahrheitet sich aber auch
beim Nerz das alte Sprichwort, daß die Totgesagten noch recht lange
leben. Ihm vor allen sollte auch in den großen Naturschutzparken eine
letzte Zufluchtstätte gewährt werden. Schon in Livland kommt er noch
regelmäßig vor, wenn auch sehr selten; immerhin wird alljährlich hier
und da einer geschossen, namentlich in den östlichen und nördlichen
Landesteilen, wo nach Mitteilung des Barons von Loewis Händler immer
noch eine Anzahl Felle von den unwissenden Bauern als Iltisfelle
aufkaufen. Ende März 1905 ging ein dortiger Oberförster aus dem Walde
heimwärts, als seine Teckel bei einem Bruch und einer Holzbrücke
unruhig wurden und hitzig verbellten. Herausgestöbert wurde ein starker
männlicher Nerz und glücklich erlegt. Trotzdem arbeiteten die Hunde
weiter fort, und bald darauf kam schwimmend im Wasser ein zweiter Nerz
zum Vorschein, der leider angeschossen verloren ging. In Siebenbürgen
soll der Nerz heute auf einen winzigen Platz im sumpfigen Maroschtale
beschränkt sein; Skelettfunde beweisen aber, daß er früher in diesem
Lande viel weiter verbreitet war. Für Schlesien wird der Nerz noch
von Gloger angeführt, der aber bereits darüber klagt, daß das Tier
überall da rasch verschwinde, wo Entwässerungsarbeiten vorgenommen
werden. Auch Brehm kannte schlesische Nerze aus eigener Anschauung,
und nach Schlotfeld erhielten die Schweidnitzer Kürschner noch in den
80er Jahren öfters Nerzfelle durch die Bauern, die sie für besonders
dunkle Iltisse hielten. In der Provinz Posen wurde 1892 ein Nerz
erlegt. Am hoffnungsvollsten lauten wieder einmal die Nachrichten
aus dem tierreichen Ostpreußen. Hier führt Rathke 1846 den Nerz noch
als sicheres Standwild auf, ohne allerdings selbst einen gesehen zu
haben. Zwar entpuppte sich ein später in der Oberförsterei Johannisburg
erlegter angeblicher Nerz bei näherer Untersuchung durch von Hippel
als Iltis, aber doch liegen auch aus neuerer Zeit sichere Beweise
seines Vorkommens vor. So erlegte Förster Gerhardt in Skirwieth
(Kreis Heidekrug) am 6. August 1902 ein Stück, dessen Schädel dem
Ostpreußischen Fischereiverein übergeben wurde und durch diesen in das
Königsberger Museum gelangte. Endlich wurde am 3. April 1908 im Kreise
Ortelsburg ein Nerz geschossen und an das Berliner Museum eingeliefert.
Es ist dies meines Wissens der vorläufig letzte sichere Nerz, der
auf deutschem Boden erbeutet wurde. Wenn seitdem auch aus Ostpreußen
nichts mehr über Nerze verlautete, so ist dies bei der Unbekanntheit
des Tieres und der großen Schwierigkeit seiner Beobachtung noch lange
kein Beweis für sein völliges Ausgestorbensein.[A] In Pommern scheint
es dagegen schon seit längerer Zeit tatsächlich keine Nerze mehr zu
geben. Länger hat sich der Nerz im seenreichen Mecklenburg und im
Lauenburgischen gehalten, wo er namentlich von Ludwigslust, Wismar und
vom Müritzsee sowie aus der Umgebung von Lübeck öfters erwähnt wird.
Diese Angaben reichen bis zum Jahre 1896, und es ist durchaus nicht
ausgeschlossen, daß das Tier in einsamen Brüchen auch heute noch dort
vorkommt, wenn auch nur als große Seltenheit. Besondere Verdienste
um die Beobachtung der dortigen Nerze hat sich Förster Claudius
erworben, der darüber eingehend an Brehm berichtete. Danach umfaßte
das Verbreitungsgebiet bei Lübeck zwar nur wenige Quadratmeilen, aber
in diesem war das Tier keineswegs besonders selten und jedem Jäger
unter dem Namen Ottermenk bekannt. Sonst heißt er im Volksmunde auch
noch Krebsotter, Steinhund, Schwimmarder, Wasserwiesel, Wassermenk
und Sumpfotter -- alles recht bezeichnende Namen --, während ihn
baltische Jäger unter dem Namen Norke kennen. Claudius, der 1868
selbst ein lebendes Nerzweibchen fing und an Brehm schickte, während
1878 ein Jungnerz von einem scharfen Hühnerhund erwürgt wurde, traf
das Tier namentlich an der Wagenitz, dem zwei Meilen langen Abfluß
des Ratzeburger Sees in die Trave bei Lübeck. Hornung hält allerdings
alle diese Angaben für veraltet und ist der Ansicht, daß der Nerz bald
darauf dort völlig ausgestorben sei, aber dem steht entgegen, daß
auch Schlotfeld im Hochsommer 1906 den Nerz im Wietzebruch antraf,
einem früher durch die weit ausgelegten Geweihe seiner Rothirsche
jagdlich berühmten Revier. Eine Verwechslung mit Iltis oder Fischotter
hält er für ausgeschlossen, obwohl er nicht schießen konnte, da der
aufgestöberte kleine Räuber sich mutig in die Lefzen seines Hundes
verbissen hatte. Bei Plön wurden 1864 zwei Nerze gefangen, und es hat
den Anschein, als ob sie damals im östlichen Holstein noch ziemlich
verbreitet waren. Im Blockland von Bremen wurde in den 80er Jahren ein
Nerz geschossen und gelangte in das Städtische Museum. Dies ist also
der bisher westlichste Verbreitungspunkt, da angebliche Beobachtungen
aus der Gegend von Emden nicht durch ein Belegstück erhärtet werden
konnten. Nach Bechstein kam der Nerz Ende des 18. Jahrhunderts noch
vereinzelt an der Leine bei Göttingen vor, Anfang des 19. Jahrhunderts
wurde ein Stück an der Werra erlegt, 1852 nach Blasius eines im Harz
in der Grafschaft Stolberg und 1858 eines an den Riddagshausener
Teichen, also unmittelbar vor den Toren Braunschweigs. Vielleicht ist
dieses Stück identisch mit dem Nerz, den Forstrat Hattich als 1859
im Forstgarten bei Braunschweig erlegt meldet. Gewisse Stellen der
Lüneburger Heide scheinen noch bis in die neueste Zeit hinein Nerze
beherbergt zu haben. Wenigstens meldet Merk-Buchberg aus anscheinend
zuverlässiger Quelle, daß bei Wilsede kurz vor Erwerbung der dortigen
Ländereien durch den »Verein Naturschutzpark« noch zwei Nerze
geschossen worden seien. Diese auch mir mündlich von dortigen Anwohnern
gemachte Mitteilung erscheint mir um so glaubwürdiger, als ich selbst
bei meinem ersten Besuche dieser Gegend das seltene Glück hatte, einen
vom Hunde aufgestöberten Nerz ins Wasser plumpsen und wegtauchen zu
sehen. Es wäre herrlich, wenn gerade hier unter dem tatkräftigen
Schutze des Vereins der Nerz auch heute noch lebte, was nicht unmöglich
ist, obschon Nachrichten aus neuester Zeit fehlen. Außerdem bin ich
in meinem ganzen Leben nur noch einmal flüchtig mit dem Seltling
zusammengetroffen: es war anfangs der 90er Jahre auf dem ornithologisch
berühmten Möwenbruch bei Rossitten auf der Kurischen Nehrung.
[Illustration: Abb. 12. Nerz beim Beschleichen von Beute auf dem Lande]
Bruchartige, verschilfte Teiche und Seen oder ganz langsam schleichende
Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den
Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund
starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und
unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem
menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen
im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf
einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht
erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und
es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im
unzugänglichen Sumpfe das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen
zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht
es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle
Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt
nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei
nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne
Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit
als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird
beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so
verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen
ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger
Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er
besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit
und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit
den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit
überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an
den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm.
Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch
von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier
und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht
obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten
ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos.
Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische,
Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der
Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und
Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch
in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften
oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die
Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren
täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben
an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen
Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich
namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken
Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes
klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise
hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem
nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber
gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben
des Nerz einen Hauptfeind verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht
auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden
Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch
daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen
Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit
dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher
über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde,
beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz
ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer
trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai
blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März
fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer
Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache.
Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz
oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische
Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art.
In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner
liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist
und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht
zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen,
lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und
wird niemals wirklich zahm. -- Das ist so ziemlich alles, was wir über
die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten
Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier
sind noch große Lücken auszufüllen!
Fußnote:
[A] Eben erfahre ich -- beim Lesen der Korrektur --, daß
Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch
abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der
nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den
vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren
soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der
Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von
wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze!
Der Luchs
Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem
Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf.
Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns
ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt
doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf
deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den
Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem
Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen
Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine
seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht, daß allein im
Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden
konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine
beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze,
der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht.
Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse
ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist
wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist
und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des
Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die
gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen.
Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit
vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses
derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen
die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der
Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei
Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht.
Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen
im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte
Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet,
und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen
nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in
den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet
wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche
Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor
mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von
Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken
und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für
seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig.
Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche
bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen
1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht.
Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin
erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war.
In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745.
Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten
des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656 bis 1680) auch
noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch
gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den
Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh
den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die
Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs
die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner
großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber,
aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit
der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der
Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in
allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18.
Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung
von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten
Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich
die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug
auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der
Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber
er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach
Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen
Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei
einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit
der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses
Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst
erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne
Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten
haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und
im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge
wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald
1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser
dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den
Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten
angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach
langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke
gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber
irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute
ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode.
Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen
Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen bezüglich gesehen
worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich
klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen.
In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen,
während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein
soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde
eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger
hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen
Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar
1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus
mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon
seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen
Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich
durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich
noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon
wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote
Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs
überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in
der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts.
Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen,
daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein
Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche
Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet;
auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das
Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl
eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm
zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch
30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es
schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt
noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der
letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830
noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen
von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden
war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826
werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr.
Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der
letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen
Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als
Jagdtrophäen der dort seit langem ansässigen Försterfamilie. Einer
dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei
andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch
im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein,
kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl
der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem
Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem
Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders
angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und
für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner
tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im
gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher
Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte
Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war
gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste
Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute
mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von
600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig
verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet,
taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen
Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als
Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang
des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von
ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei
Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer
geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn
auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort
noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten
Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum
Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich
7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die
Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß
auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des
Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt
worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch
1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht
genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von
100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere
Nachrichten liegen aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine
vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und
wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender
Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene
Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der
Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man
der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder
verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben.
Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses
überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher
namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865
ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde.
Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er
früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen,
aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar
Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein
Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur
kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und
1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien
gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem
Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen
ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien
bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf
Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus
ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet,
doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle
den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach
sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884
bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse
beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten
Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute
noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der
siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück
zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in
der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren
noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im
Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert und erbeutet. Die Bukowina
verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch
seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im
Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der
Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte
auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen,
und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im
Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung
geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl
für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch
ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer
Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf
einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von
1,4 +m+ Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke
gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von
Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann
auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat
eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich
gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in
Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn
noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein
Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der
Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während
vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben
Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber
nirgends häufig.
Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch
einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen
Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert
in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit
Sicherheit feststellen läßt:
1. 1820 bei Gumbinnen.
2. 1832 in der Romintener Heide.
3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde).
4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap
(Museum Eberswalde).
5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden).
6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg.
7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen.
8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall.
9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst.
10. März 1898 bei Seetz (?).
11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin).
12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg
(Museum Oldenburg).
13. 10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein
schwaches Stück von 1,19 +m+ Länge und 43 Pfund Gewicht.
Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze. Es dürfte dies
der bisher letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden
geschossen wurde.
In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland
war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den
ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor
sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im
Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4,
1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im
Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer
in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden
waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden
sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf
der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde
der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer
beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis
Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche
Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo
an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden
noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt.
Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den
Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er
erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des
Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten
Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den
Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in
den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze
östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann
zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle
in den Pelzhandel kommen, ist er noch häufig.
In Norwegen ist der Luchs noch spärliches Standwild, wird aber seltener
geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889
auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war
der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner
unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen
Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte.
Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er
nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen
Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne
Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt
hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf
streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835
bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also
rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres
1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25
Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen
aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung
einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen
zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten
Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum
bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und
80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte,
in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende
herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im
westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor,
während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten
Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus
Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in
ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man
da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt.
Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt
aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen,
fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs
zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in
jeder Beziehung vom Scheitel bis zur Sohle eine echte Katze. Er steht
höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer
gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht.
Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen
Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon
er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines
ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 +kg+. Döbner erhielt aus
Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der
erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war.
Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß
auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner
Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits
vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen
Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung
schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von
Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da
die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich
individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß
die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die
aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und
Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und
Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher
ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen,
als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere
erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis
oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß
wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes,
unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine
Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt,
gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung
wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen,
und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine
Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene
Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen.
Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu
sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich
abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir
gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 +m+ Luftlinie etwas
Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber
genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs,
der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den
Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte
ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 +m+ über
dem Luchs stand -- ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand
der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich
leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte
der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar
Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab.
Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und
wurde bald unsichtbar. -- Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein
ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten,
urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die
Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite
Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß
er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät
ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in
noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne
ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 +km+^2. Bei ausgedehnten
Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die
Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement
der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die
unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung
interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt:
»Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl
durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in
einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune
getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs,
wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen
solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das
Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine
wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich
an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten,
während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern
die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein
besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem
starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte
sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit gebracht. Am
nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte
eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu
im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die
Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur
Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später
erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe
wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die
Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte
ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein
männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot
und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die
Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten
festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar
dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen
beigebracht.«
[Illustration: Abb. 13. Luchs in Ruhestellung
(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in
London)]
[Illustration: Abb. 14. Luchs in Lauerstellung
(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen
Garten in London)]
Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg
wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt,
setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die
Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen
an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so
verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem
Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs
es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort
zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den
Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein
Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens
1-1/2 +m+ Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein
Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem
Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein
solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige Schlupfwinkel bevorzugt
er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem
aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um
sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn
das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier,
streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig
und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit
mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner
Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große
Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne
Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur
leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter,
Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder
Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf
ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die
gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich
aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das
letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer
herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt
sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen
Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen
und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird
übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt.
Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht
auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern
heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch
andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung,
daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute
niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei
einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade
in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh
herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode.
Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig
auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der
mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder
einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein
noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren
Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne
Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie
alle Katzenarten schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte
eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein
Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will,
wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist
aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa
nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das
leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch
vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster
Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs
als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm
ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten
Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den
Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier.
Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner
Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird.
Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt
oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern
geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen
Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein
lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie
der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär
nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen
Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé
weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für
die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher
Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis
drei Riesensprüngen von je 4 +m+ Weite und wirft es nieder, um
ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es
so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee
konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen
durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt
hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs
in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen
Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl
kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am
hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl
sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum
Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben
kann, zieht er dieses den Haustieren entschieden vor, und da er
äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als
furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet
werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum
Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772
im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe
erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach
Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken.
Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann
in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht
von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße
an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar
Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit
Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen
schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er
mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne
oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster
Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit
gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes
zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer
ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so
leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen
nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger
Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von
einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und
dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert.
Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter
der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche,
wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte,
als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so
derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb.
Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge
ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm
Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich
nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser
Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt
in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so
schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf,
aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär, aber scharfsinniger.
Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom
Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig
geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen,
daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern
hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie
ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt
nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem
Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen
Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster.
Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und
die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem
Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen.
Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen
wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley,
»wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines
Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten.
Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder
ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden
die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und
lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend
und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie
eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz
zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche
abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die
Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder
Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im
Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und
bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa
in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder
auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger
Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft,
die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben,
und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert.
Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den
leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit
stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben
Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf
kürzere Streifzüge mit und bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten
Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen,
so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus,
der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über
das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere
herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin
sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an
mehrere Liebhaber verschenke.
Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu
bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit
vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener
Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er
seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber
und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt
sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im
niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe
Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo
ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können.
So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht
er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in
unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man
bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen
Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in
den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines
Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen
Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit
über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken
und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten
Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut
daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen
Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig
Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht
wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der
Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt.
Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort
mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur
unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar
gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den
Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde verbellte Luchs zunächst nur
angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte
und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf
seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in
die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund
an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch
eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut
beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem
Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß
beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt
man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei
denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr
war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein,
obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen
sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß
ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt
geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber
dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt
der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich
nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die
behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte
Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen
könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs
bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt,
geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich
einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit
dem Leben bezahlen mußte.
Aussichtsvoller als die Jagd auf den Luchs ist der Fang mit dem
Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und
mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um
frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur
selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man
kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte,
das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen
auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim
Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und
er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen,
um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder
die Fangzähne abbricht. Ein gefangener Luchs war mit dem schweren
Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte
von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft,
wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an
dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer
fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft
und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer
Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen
Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich
feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen
an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon
auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte.
Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade
zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein
Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot,
fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst
blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem
Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht
beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht
den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen
einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß
er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. -- Der Balg des
Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr
beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach
dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für
besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als
ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht
für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll
mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses
Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit
und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag,
unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen
Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle
dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft
baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für
Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand
Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich
schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig
gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen
Wildgeschmack und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des
erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche
Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem
Stolze an der Uhrkette.
Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen
sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus
Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große
Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte.
Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden
näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen
werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm
und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten
Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu
erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und
tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter
hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs
bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl
deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente
eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde
bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch
seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war
wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich.
Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde
Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß
es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme
Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam,
daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen,
Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und
durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf
denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf
am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy«
sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der
Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf
einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen,
und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans!
Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so
war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe
niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn an
die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend,
laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend.
So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr
Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit
ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und
verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal
die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs
in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die
Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein
nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes
Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der
endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham-
und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als
die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst
war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches
Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender
Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer
Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man
sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von
Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber
war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die
Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei.
Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer
Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor
Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte.
Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen
Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen,
Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge
geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater
ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein
anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung
beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte
die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren.
Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober
ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der
15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage
die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund und munter
blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse
oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene
Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem
gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht
sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die
Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und
trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später
verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern.
Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und
schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen
größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie
die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich
hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den
Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher
entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen
zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber)
wegfraß.
Der Uhu
Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt
mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber
unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem
Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne
alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften
Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es
fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch
an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren
und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490
+mm+, die der Männchen 430-465 +mm+. Das durchschnittliche
Gewicht der Weibchen beträgt 3-1/2, das der Männchen nur etwa 3
+kg+. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen;
wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in
seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch
wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein
verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und
Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine
ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert der Ansicht,
daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen,
Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird,
während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern
möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen
unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen
sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu.
Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen
Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden
als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen,
goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen
Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht
die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen
Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch
auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner
feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen,
breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und
Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, -- und dann wird man
zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold,
sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger
Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den
geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber
nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich
gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen
Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche
Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu
einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des
Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit
am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger
beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen
Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige
Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen,
freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen
dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und
Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn
der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen
Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei
Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein
schauerliches Rufen im Verein mit Schlangengezisch und Gefauche
die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken
ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert
rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof,
wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich
geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen!
Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch
noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen
ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres
Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So
schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der
Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der
Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, ~etwas~
selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts
war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene
Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit
der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend
rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges
Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose
Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten
Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste
in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten
Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum
menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem
förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man
dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt,
wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all
diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte
zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte:
Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar.
Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos
sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten
Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher
Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester
Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht«
heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze
stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der
Auchjäger schert sich den Teufel darum.
Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und
Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher
uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich
festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten.
In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und
südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem
Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen
Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die
letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in
der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem
Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein
gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu
nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
»nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der
östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie
nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch
zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte
Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner
die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen,
Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei
auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte
oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen.
Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen
Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder
gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont,
schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß
dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher
Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal
in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht
aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an,
daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei,
besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten
könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf
19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in
Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn
auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren,
leider nicht zu verkennen ist.
Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen
natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel
eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und
so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen
haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten
Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute
bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar,
dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei
Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet
Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen
Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 +m+
über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend
wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere
Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch,
daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte
heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner
rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß
man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel
nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen
etwa 1-1/2 +m+ tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe
eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster
Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld
erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem
alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich
befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt
drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten,
übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen
und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und
Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu
hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch
gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen.
Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber
seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal
dieses Paares nichts mehr gehört.
Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in
der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten
Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat
sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute
noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In den
Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem
Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im
Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist
der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie
bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei
bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch
einmal ein Stück erlegt. -- Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei
Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu
nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er
früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig
genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und
die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den
Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät.
In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei
Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete
der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen
Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste
in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten
vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel
zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal.
Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das
obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch
horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am
rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise
geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den
Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei
kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der
Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der
»Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst
in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste
Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen
von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der
Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die
dort eine wahre Landplage bilden. -- Auch am Rhein haben sich noch
spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den
Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze
vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen,
der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal
beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus
sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein
heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden
bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen
des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche
Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar.
Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein
Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge
Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit
mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder
bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er
steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des
Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus
dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande
und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute
als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende
Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach
dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg
Eltz, Karden, Kochem und Trarbach.
Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich
ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem
Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie
dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100
+m+ hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt.
Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für
gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider
fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf
zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder
eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei
Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren
Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten
Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda
horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das
leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste
raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im
Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz Hessen
und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare,
die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover
war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden.
Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine
Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster
Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste
stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung
errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge,
Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich
seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit
vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein
einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden
noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt
sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen.
Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch
vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß
die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter,
mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis
in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz
zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck
und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war
der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig
häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei
Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach
Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen
starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes,
den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz
soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus
den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig
verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her
in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch
regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte
Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt
wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind
wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich
unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen
Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die
große Eule noch beim Ausgang des vorigen Jahrhunderts die gesamte
Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie
heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten
Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei
Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem
dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter
Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale
bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut
selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der
Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter
Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald
hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die
Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig
auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte
Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war
der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im
oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist
es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und
die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu
häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen
Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen
Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm,
sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche
Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind
(Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen
und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin
noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil
zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man
hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im
Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte
um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen.
Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich
auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert,
bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders
empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es
verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt
hatte.
Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen
Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des Forstmeisters
Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50
Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen
mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig
vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder
im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte
ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der
Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten
leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger«
nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei
böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg
bei Bilin. -- In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die
Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch
horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme
begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im
Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des
»Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr
eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher
jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die
unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des
österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch
1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber
es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz
gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann
in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain
sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt,
selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B.
in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich
erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich
dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache
für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb
eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus
genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso
in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen
Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands
nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England
ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme
Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er
eine große Seltenheit. In der Schweiz ist er aus den Ebenen und
dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren
Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den
südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von
Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis
1904 zwölf Uhus geschossen worden sein.
Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar
machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der
Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die
unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der
gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht,
der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch
unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am
allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück
Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur
irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen
deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch
»wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in
solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen
wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei,
und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs.
Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich
Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit
zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer
hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber
nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe,
meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß
doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte,
der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus
seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich
manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich
habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im
Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir
so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht
mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles
restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen
besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch
die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise
aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben des Uhus zu verhindern,
ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger
Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden.
Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für
jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine
Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine
nächtlichen Beutezüge auf 30 +km+ und mehr im Umkreise ausdehnt
und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer
fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten
Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich
vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in
denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode
schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen
Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein
besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach
läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen
Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch
die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober
1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet
aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere,
der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht
umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf
bei Schlanders.
[Illustration: Abb. 15. Einer der von Dr. Pfeiffer in der
Schwäbischen Alb ausgesetzten Uhus]
Gewöhnlich sucht man die rücksichtslose Verfolgung des Uhus mit seiner
angeblich sehr großen Schädlichkeit zu rechtfertigen. In Wirklichkeit
ist diese aber gar nicht so arg, wenn auch nicht geleugnet werden kann,
daß der Uhu ein gewaltiger Räuber ist und namentlich zur Brutzeit die
Niederjagd gehörig zehntet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß
der angerichtete Schaden bei dem Einsiedlerleben des Finsterlings
und bei der großen Ausdehnung seiner Streifzüge, auf denen er immer
wieder andere Gegenden aufsucht, auf weite Strecken sich verteilt
und deshalb für die einzelnen kleinen Niederjagdreviere nicht eben
viel bedeutet. Greschik untersuchte zwölf ungarische Uhumägen und
fand darin zwei Igel, zwei Wanderratten, 2 Wiesel, elf Mäuse, zweimal
Federn, einmal Fuchsknochen: also ein ziemlich harmloses Ergebnis.
Ich selbst habe im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Uhugewöllen
untersucht, im allgemeinen mit ähnlichem Erfolg. Aus den letzten
acht, die ich durch Förster Rüdiger aus der Neumark erhielt, konnte
ich herausschälen: 1. drei Wühlmäuse und die Reste eines Igels,
darunter auch einige Stacheln, 2. das dicht zusammengefilzte Haar
einer schwarzen Katze, die offenbar auf einem verbotenen Abendbummel
zu ihrem Unglück dem König der Nacht begegnet war, 3. einen Schädel
sowie viele zertrümmerte Knochen und verfilzte Haare von Wasserratten,
4. eine Wasserratte und die Reste einer Drossel, 5. nur Reste von
Feldmäusen, 6. nur verfilzte Haare der Waldwühlmaus, 7. ebenso, 8.
Schnabel und Federn eines Stars sowie zwei Wühlmäuse. Nach Größe und
Form sind solche Gewölle sehr verschieden. Ich ermittelte ihr Gewicht
mit 30-55 +g+. Sie sehen meist schokolade- bis eisenfarbig aus,
und öfters ragen größere Knochensplitter aus der Masse heraus. Der
Uhu muß ein stärkeres Verdauungsvermögen haben als andere Eulen,
denn in der Regel sind die vorhandenen Tierreste recht undeutlich
und die Schädel arg zertrümmert. Im übrigen ist er hinsichtlich
seiner Ernährung weder wählerisch noch verschwenderisch, und auch
dieser Umstand vermindert seine Schädlichkeit erheblich. Ein größeres
Beutetier, das er nicht in der gleichen Nacht bewältigen kann, wird
sorgsam in seine Decke eingeschlagen und dann am nächsten Abend wieder
aufgesucht. Im äußersten Notfall wird sogar Aas angenommen. Ferner
behaupten viele Jäger, daß der Uhu in unmittelbarer Nähe seines Horstes
überhaupt nicht raube, und es mag wohl etwas Wahres daran sein.
Igel gelten ihm wie den Zigeunern offenbar als ein ganz besonderer
Leckerbissen. Die meisten Beobachter geben zwar an, daß er das Fleisch
aus der stacheligen Rückenhaut herausfresse und diese selbst liegen
lasse, aber ich habe oft genug auch Igelstacheln in den Gewöllen
gefunden, bei solchen aus der Fränkischen Schweiz fast regelmäßig.
Schade, daß noch niemand näher beobachtet hat, wie der Uhu den
Stachelhelden eigentlich überwältigt. Vermutlich greift er mit seinen
langen Fängen und gewaltigen Klauen einfach durch den Stachelpanzer
hindurch. Schlafende Vögel bringt er wahrscheinlich erst durch Rufen,
Schnabelknacken und Schwingenklatschen zum Auffliegen, um sie dann in
der Luft mit unfehlbarer Sicherheit zu ergreifen. Das brütende Weibchen
sowie die Jungen werden fast überreichlich mit Nahrung versorgt, so
daß der Horstrand eine wahre Schlachtbank darstellt und allerdings
oft ein wesentlich anderes und ungünstigeres Bild darbietet als die
Magen- und Gewöllinhalte aus anderen Jahreszeiten. An dem erwähnten
Horste bei Rudolstadt fand Schrader zahlreiche Kaninchenreste, auch
einige von Hasen sowie eine Unmenge Krähenfedern. In einem anderen
Horste wurden dem brütenden Weibchen von dem aufmerksamen Gatten die
auserlesensten Leckerbissen überbracht, also hauptsächlich zarte
Junghasen und köstliche Igel, und ein zärtlicher Blick aus den großen
Kulleraugen war dann jedesmal sein Lohn. Ein Uhufelsen war ganz mit
Dohlenfedern bedeckt, da das Brutpaar hauptsächlich von einer in der
Nähe befindlichen Dohlenkolonie lebte. In einem Horste bei Nakel war
an geschlagenem Raub vorhanden: Kaninchen, Hasen, Enten, Taucher, zwei
Birkhühner und nicht weniger als 30 Köpfe von Wasserhühnern. Graf
Wodcicki entdeckte in einem galizischen Horste zwei halbwüchsige Hasen,
zwei Ratten, einen Kiebitz und eine Bekassine. Loos sah einen Horst mit
fünf ausgefressenen Igelbälgen und einen anderen mit frischen Resten
von elf Rebhühnern, sieben Junghasen, drei Kaninchen, sieben Fasanen,
einer Wildtaube, drei Krähen, einem Eichhörnchen. Pfiffige Bauern
haben sich die haushälterischen Anlagen des Uhus von jeher zunutze zu
machen gewußt. So lebte eine Fischerfamilie in den Sümpfen Galiziens
geraume Zeit von einem Uhuhorste. Die Ratten, Igel, Ziesel und Mäuse
überließ der Fischer seinem gefiederten Freund; Enten, Waldhühner und
Hasen dagegen nahm er mit nach Hause und stand sich gut dabei. Auch aus
einem Horste bei St. Goar konnte sich nach Altum ein schlauer Bauer
fast jeden Morgen einen Hasen holen. Auch die gefangene Gattin oder die
ausgehobenen Jungen werden vom Uhu weiter gefüttert, falls man ihm
Gelegenheit dazu gibt. Große Tiere werden an Ort und Stelle verzehrt
und förmlich aus dem Felle herausgeschält, kleine aber zu bestimmten
Fraßplätzen getragen und hier ganz verschluckt, nachdem ihnen vorher
mit dem Schnabel der Kopf eingedrückt wurde. Das feine Gehör und
das scharfe Gesicht leiten den Uhu auf seinen Beutezügen, wobei er
seine Opfer meist im Schlaf überfällt. Fitzinger erzählt, daß der Uhu
bisweilen in der Dämmerung anderen Raubvögeln ihre Beute abjagt, indem
er von oben her auf sie stößt. So viel ist sicher, daß der kraftvolle
Uhu selbst eine gelegentliche Rauferei mit dem kühnen Stein- oder dem
mächtigen Seeadler nicht scheut und überhaupt kaum einen natürlichen
Feind zu fürchten hat. Mit dem Fuchs wird er mühelos fertig. Was er
einmal mit seinen nadelscharfen Krallen gepackt hat, läßt er so leicht
nicht wieder los. Auch Rehkitze sind nicht vor ihm sicher, obgleich
man seine Schädlichkeit in dieser Beziehung stark übertrieben hat.
Planke beobachtete beim abendlichen Enteneinfall einen Uhu, der wie ein
Habicht nach einer Stockente stieß; da er sie aber nicht erwischte,
begnügte er sich mit einer Wasserratte. Stecher sah, wie ein Uhu einen
balzenden Auerhahn schlagen wollte und nur durch das Dazwischentreten
des Jägers daran verhindert wurde. Eine Abnahme des Auer- und
Birkwildes im Revier war aber nicht festzustellen. Zur Abwechslung hat
der Uhu gern auch mal ein Fischgericht, versieht es aber bisweilen bei
seiner Fischerei; mir sind im Laufe der Jahre zwei Fälle von dabei
ertrunkenen Uhus bekannt geworden. Zur Not begnügt er sich aber auch
mit Fröschen. Während des Krieges sah ich in der Dobrudscha mehrfach
von unseren Soldaten gehaltene Uhus, die hauptsächlich mit den dort
massenhaft vorhandenen Fröschen ernährt wurden und sich ganz wohl
befanden. Forellen sind ihm freilich lieber. Auch kannibalische Gelüste
sind dem Uhu nicht fremd. Seine kleineren Verwandten murkst er ohne
weiteres ab, und Grevé erlebte es sogar, daß sein zahmes Uhuweibchen
das schwächere Männchen ermordete und teilweise auffraß. Von der Stärke
des Vogels kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß
ein im Pfahleisen gefangener Uhu das schwere Eisen samt einem langen
Stück starken Drahtes über 5 +km+ weit forttrug und erst 14 Tage
später gelegentlich einer Treibjagd erlegt werden konnte. Gefangene
Uhus verlieren in der engen Haft meist ihre angeborene Geschicklichkeit
und Schneidigkeit und werden dadurch unbeholfen und feige. Kehrberg
setzte zu seinen nahezu erwachsenen Uhus einen Steinkauz. Einer der
Uhus wollte ihn greifen, stellte sich aber dabei so tolpatschig an,
daß der Kauz Gelegenheit zu einem ungestümen Angriff auf den Kopf des
Gegners bekam und dieser vor Schreck darüber auf den Rücken fiel. Sowie
er sich wieder aufrichten wollte, ging der Kauz erneut zum Angriff
über, und in einem wahren Siegesrausch jagte der kleine tolle Kerl die
drei entsetzt fliehenden Uhubrüder im Käfig herum, daß die Federn nur
so stoben. Solche jung aufgezogenen Uhus haben eben nicht gelernt,
ihre natürlichen Waffen zu gebrauchen. Ein anderer Uhu bekam eine
geflügelte Elster als Futter, wurde aber von dieser durch einen tiefen
Schnabelhieb ins Herz derartig verletzt, daß er am nächsten Morgen tot
war. Förster Gerlach verabreichte seinem Uhu eine leicht geflügelte
Krähe. Zu seiner Verwunderung war sie am nächsten Morgen noch am Leben,
und der »Auf«, ein 20jähriges Weibchen, ließ sie ruhig an seinem Fraße
teilnehmen. Bald saßen sie einträchtiglich dicht nebeneinander auf der
Stange. Dies blieb auch in Zukunft so, ja der Uhu ließ sich gutmütig
von dem frechen Rabenvieh die besten Bissen wegstehlen. Ziehen wir
nun aus alledem die Schlußfolgerung, so ergibt sich, daß der Uhu zwar
mancherlei Schaden verursacht, namentlich der Niederjagd gegenüber,
daß er ihn aber durch fleißiges Vertilgen von Krähen, Elstern, Hähern,
Eichhörnchen, Hamstern, Ratten und Mäusen zum großen Teile wieder
ausgleicht. Sehr treffend urteilt Forstmeister Moosmaier: »Merklicher
Schaden entstand nicht durch den Uhu. Als wir Uhus und viel Füchse
hatten, gab es auch viel Hasen und Rehe. Unser Wildstand wurde vom
großen Räuber, dem sog. Jäger, vernichtet und nicht vom Uhu.«
Viel Vergnügen gewährt es, die verschiedenen, überaus eindrucksvollen
Stellungen des Uhus zu beobachten. In der Ruhestellung (Abb. 16) hat
er bei niedergelegten Ohren, halb geschlossenen Augen und locker
gehaltenem Gefieder ein eigentümlich gedunsenes Aussehen. Erregt aber
irgend etwas Ungewöhnliches die Aufmerksamkeit des feinhörigen Vogels,
so geht er sofort in die Hab-Acht-Stellung (Abb. 17) über, wobei die
Federn knapp angelegt, der Kopf aufgerichtet und die großen gelben
Kulleraugen weit aufgerissen werden, während gleichzeitig auch die
Federohren in steigendem Maße sich heben. Rückt ihm aber eine Gefahr
wirklich auf den Leib, dann nimmt er seine Droh- und Schreckstellung
ein, wo er infolge des zornig gesträubten Gefieders fast doppelt so
groß aussieht wie sonst, mit dem Schnabel knackt, den Schwanz fächert,
die Flügel hebt oder zu Boden senkt und erregt von einem Fuß auf den
anderen tritt. Dann macht er in der Tat einen ganz furchterweckenden
Eindruck.
[Illustration: Abb. 16. Uhu in Ruhestellung
(Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in London)]
Am liebsten brütet der Uhu auf steilen, unzugänglichen Felswänden
inmitten großer Gebirgswaldungen, wo ihn dann ausgedehnte Abholzungen
leicht zum Verlassen der Gegend bewegen. In Ausnahmefällen ist der
Horst aber auch so leicht zugänglich, daß sein Inhalt bald dem Dachse
oder der Schuljugend zum Opfer fällt. In den Wäldern der Ebene muß
der Uhu natürlich auf oder in Bäumen brüten, und gern benutzt er dann
einen alten Bussardhorst. In großen, vogelreichen Sümpfen fand ich
das Uhuheim sogar schon bodenständig auf einem trockenen Inselchen.
Altes Gemäuer zerfallender Burgen ist ihm auch sehr erwünscht, ja
im Orient, wo ihm niemand etwas zuleide tut, errichtet er sein Heim
sogar inmitten volkreicher Städte. So konnte man ihn wenigstens
früher in Sarajevo und Mostar öfters vom Fenster aus beobachten. Für
Konstantinopel gehört der Uhu noch heute geradezu zu den Kennvögeln.
Brehm fand ihn in den Ringmauern der spanischen Stadt Jativa brütend,
und Lenz erhielt junge Uhus vom Dachboden einer tief im Thüringer Wald
versteckten Fabrik. Der Horst ist mit etwa 1 +m+ Durchmesser zwar
ziemlich umfangreich, aber mit sehr wenig Kunst erbaut, ja häufig legt
der Vogel seine Eier ohne jede Unterlage einfach auf den nackten Fels.
Während der Paarungszeit macht er sich durch vieles Rufen und die
grimmigen Katzbalgereien der eifersüchtig ihre Reviergrenzen wahrenden
Männchen recht bemerkbar, aber während der eigentlichen Brutzeit,
die 30-35 Tage dauert, verhält er sich ziemlich still. Die Eier sind
von rundlicher Form und rein weißer Farbe, an Zahl gewöhnlich zwei
bis drei, aber auch nur eines oder vier bis fünf. Dombrowski möchte
dieses starke Schwanken der Eierzahl auf das verschiedene Alter der
Brutvögel zurückführen. Die Jungen verraten sich leider leicht durch
beständiges Zischen und Pfeifen. Die halbflügge Brut klettert schon auf
den Horstrand, um gierend und klagend die futterbringenden Alten zu
erwarten. Diese hängen mit großer Liebe an ihrer Nachkommenschaft und
führen auch miteinander ein musterhaftes, sehr zärtliches Eheleben. Bei
ihren Kindern läßt Frau Uhu ein sanftes »Tuck tuck« hören und füttert
die Kleinen anfangs aus dem Kropf, bis sie imstande sind, selbst
kleine Fleischstücke aus den überbrachten Beutetieren herauszureißen.
Man kennt Beispiele, wo die Alten ihre Jungen in einen andern Horst
schleppten, wenn der erste zu stark beunruhigt wurde.
[Illustration: Abb. 17. Uhu in Hab-Acht-Stellung
(Aufnahme aus Hagenbecks Tierpark in Stellingen)]
Mohr besaß ein Uhuweibchen, das ein Ei legte, worauf er ihm zwei
Hühnereier zum Bebrüten unterschob. Der Uhu brütete diese auch wirklich
aus und nahm sich mit mütterlicher Sorgfalt der geschlüpften Kücken an.
Noch als sie schon drei Wochen alt waren, betreute er sie mit größter
Zärtlichkeit, gluckste wie eine Henne und ließ nur ausnahmsweise sein
»Uhu« hören. Das ihm vorgesetzte Fleisch zerbröckelte er in ganz kleine
Stückchen und legte diese dann den Küchlein vor. Gegen jeden, der sich
den Kücken nähern wollte, nahm er sofort Kampfstellung ein. In einem
ähnlichen Falle brütete der Uhu zwar Enteneier aus, kröpfte aber dann
ganz behaglich die jungen Entchen. Gefangene Uhus sind im Käfig schon
häufig zur Fortpflanzung gebracht worden, selbst unter ganz primitiven
Verhältnissen. Berühmt geworden ist namentlich die ergiebige, lange
Jahre hindurch fortgesetzte Uhuzucht des Stockholmer Tiergartens.
Ich entnehme darüber dem Berichte Dr. Alarik Behms folgendes: Die
erste Paarung wurde am 1. April beobachtet und dann bis zum 11. an
jedem Abend. Das Männchen sträubte vorher das Gefieder, breitete den
Schwanz fächerförmig aus und erinnerte in seinen Bewegungen an einen
balzenden Birkhahn. Sein Ruf war tief und grob, der des Weibchens
dagegen eine halbe Oktave höher und heller. Die Paarung wurde unter
mächtigem Flügelschlagen und lautem Geschrei vollzogen; namentlich
das Weibchen pfiff dabei stark. Auch beim Eintragen der Baustoffe,
das schon am 2. April begann und bei dem auch das Männchen mithalf,
stieß es pfeifende Laute aus, die wie das Geräusch einer ungeschmierten
Schiebkarre klangen. Eingetragen wurden: Sägespäne, Rindenstücke und
Kies. Am 14. lag das erste, am 20. das zweite und am 28. das dritte Ei
im Horste. Das Weibchen begann aber mit dem Brutgeschäft gleich beim
ersten Ei. Das Männchen zeigte sich als idealer Ehemann und fütterte
seine Gemahlin fleißig mit Katzenfleisch, Hühnerköpfen und anderen
Leckerbissen. Auf einem Ast gegenüber der Bruthöhle verkürzte es durch
fleißiges »Singen« dem Weibchen die langen Tage des Wartens. Menschen
gegenüber zeigte es sich um diese Zeit sehr bösartig und zerriß einmal
dem Wärter die Mütze, so daß dieser nicht mehr zum Betreten des Käfigs
zu bewegen war und infolgedessen in diesem bald eine fürchterliche
Schweinerei herrschte. Das erste Junge schlüpfte am 20., das zweite am
22. Mai aus, während das dritte Ei sich als unbefruchtet erwies. Die
Jungen waren beim Ausschlüpfen nicht größer als Küchlein, wuchsen aber
erstaunlich schnell. Schon nach acht Tagen krochen sie unter den Federn
der Mutter hervor, um wenigstens mit den Köpfen draußen zu liegen. Der
Vater trug die Atzung in die Bruthöhle, aber das wirkliche Füttern
besorgte nur die Mutter.
Inhalt
Einleitung 5
Die letzten deutschen Biber 5
Der Nerz 30
Der Luchs 37
Der Uhu 59
Der Verein Naturschutzpark
hat die Absicht, in der Lüneburger Heide und in den Salzburger
Hohen Tauern zwei Gebiete zu schaffen, in denen Pflanze und Tier
vollständigen Schutz vor dem menschlichen Zugriff haben sollen und
in dem die volle Harmonie der Kräfte in der Natur wiederhergestellt
werden soll, die der Mensch durch seinen Erwerb fast überall zu stören
gezwungen ist. Die Gebiete sind so groß, daß die ursprüngliche Tier-
und Pflanzenwelt erhalten wird. Durch den Verein soll zunächst an zwei
Stellen ein Stück deutscher Erde in vollkommener Unberührtheit und
Schönheit künftigen Zeiten erhalten werden.
Der Verein bittet alle, die mit seinen Zielen übereinstimmen, um ihre
Mitgliedschaft, die jährlich RM 3.-- (Mindestbeitrag) kostet. Für
körperschaftliche Mitgliedschaft von Vereinen sind RM 20.-- angesetzt.
Die Mitglieder erhalten die Mitteilungshefte des Vereins unberechnet.
Der Verein besitzt folgende ~Lichtbilder-Vorträge~:
+A.+ Die Naturschutzbewegung
+B.+ Der Naturschutzpark in der Lüneburger Heide
+C.+ Der Naturschutzpark in den Salzburger Alpen
+D.+ Naturschutzgebiete außerdeutscher Länder
+E.+ Aussterbende und ausgestorbene Tiere
Die Vorträge können jederzeit nur gegen Erstattung der Versand-
und Verpackungskosten vom Verein leihweise bezogen werden.
Mitteilungshefte, in zwangloser Folge, unterrichten unsere Mitglieder
über das Neueste der Naturschutzparkbewegung. Ansichtspostkarten
unserer Parke, Vereinsnadeln, Plakate, Werbemarken und Prospekte stehen
zu geringsten Preisen zur Verfügung
Verein Naturschutzpark E. V.
Geschäftsstelle Stuttgart, Pfizerstraße 2 +D+
Freude am Leben
und sichere Grundlagen für eine moderne
Weltanschauung
findet jeder in der
Natur
Zum Beitritt in den
KOSMOS
Gesellschaft der Naturfreunde
laden wir
alle Naturfreunde
jedes Standes, sowie alle Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw. ein
Die Mitglieder erhalten laut § 5 der Satzung als Gegenleistung ~für
ihren Jahresbeitrag im Jahre 1927 kostenlos~:
I. Die Monatsschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. Reich
bebildert. 12 Hefte im Jahr
II. Die ordentlichen Veröffentlichungen. 4 Buchbeilagen. 1927 sind
vorgesehen: Dr. Kurt Floericke, Aussterbende Tiere :: Wilh.
Bölsche, Im Bernsteinwald :: H. Günther, Was ist Magnetismus?
:: W. Flaig und Dr. Lang, Der Gletscher
III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden
naturwissenschaftlichen Werken
Jedermann kann jederzeit Mitglied werden. Bereits Erschienenes wird
nachgeliefert
Anmeldungen bei jeder Buchhandlung oder durch die Geschäftsstelle des
~Kosmos~. Stuttgart, Pfizerstraße 5
Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen
erhalten Mitglieder, solange vorrätig, zu ~Ausnahmepreisen~:
[Sidenote: 1904]
Bölsche, W., Abstammung des Menschen. -- Meyer, Dr. M. W.,
Weltuntergang. -- Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.). --
Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.
[Sidenote: 1905]
Bölsche, Stammbaum d. Tiere. -- Francé, Sinnesleben d. Pflanzen. --
Zell, Tierfabeln. -- Teichmann, Dr. E., Leben u. Tod. -- Meyer, Dr. M.
W., Sonne u. Sterne.
[Sidenote: 1906]
Francé, Liebesleben d. Pflanzen. -- Meyer, Rätsel d. Erdpole. -- Zell,
Streifzüge d. d. Tierwelt. -- Bölsche, Im Steinkohlenwald. -- Ament,
Seele d. Kindes.
[Sidenote: 1907]
Francé, Streifzüge im Wassertropfen. -- Zell, Dr. Th., Straußenpolitik.
-- Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. -- Teichmann, Fortpflanzung
und Zeugung. -- Floericke, Dr. K., Die Vögel des deutschen Waldes.
[Sidenote: 1908]
Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. -- Teichmann, Dr. E., Die
Vererbung. -- Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat. -- Dekker,
Naturgeschichte des Kindes. -- Floericke, Dr. K., Säugetiere des
deutschen Waldes.
[Sidenote: 1909]
Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. -- Meyer, Dr. M. W., Der Mond.
-- Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. -- Floericke, Kriechtiere und Lurche
Deutschlands. -- Bölsche, W., Der Mensch in der Tertiärzeit.
[Sidenote: 1910]
Koelsch, Pflanzen zw. Dorf u. Trift. -- Dekker, Fühlen u. Hören. --
Meyer, Welt d. Planeten. -- Floericke, Säugetiere fremd. Länder. --
Weule, Kultur d. Kulturlosen.
[Sidenote: 1911]
Koelsch, Durch Heide und Moor. -- Dekker, Sehen, Riechen und Schmecken.
-- Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. -- Floericke, Vögel fremder
Länder. -- Weule, Kulturelemente der Menschheit.
[Sidenote: 1912]
Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? -- Dannemann, Wie unser Weltbild
entstand. -- Floericke, Fremde Kriechtiere und Lurche. -- Weule,
Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge. -- Koelsch, Würger im
Pflanzenreich.
[Sidenote: 1913]
Bölsche, Festländer u. Meere. -- Floericke, Einheimische Fische. --
Koelsch, Der blühende See. -- Zart, Bausteine des Weltalls. -- Dekker,
Vom siegh. Zellenstaat.
[Sidenote: 1914]
Bölsche, W., Tierwanderungen in der Urwelt. -- Floericke, Dr. Kurt,
Meeresfische. -- Lipschütz, Dr. A., Warum wir sterben. -- Kahn, Dr.
Fritz, Die Milchstraße. -- Nagel, Dr. Osk., Romantik der Chemie.
[Sidenote: 1915]
Bölsche, W., Der Mensch der Zukunft. -- Floericke, Dr. K., Gepanzerte
Ritter. -- Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum Alphabet. -- Müller,
A. L., Gedächtnis und seine Pflege. -- Besser, H., Raubwild und
Dickhäuter.
[Sidenote: 1916]
Bölsche, Stammbaum der Insekten. -- Sieberg, Wetterbüchlein. -- Zell,
Pferd als Steppentier. -- Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit
(Dopp.-Bd.).
[Sidenote: 1917]
Besser, Natur- u. Jagdstud. i. Deutsch-Ostafrika. -- Floericke, Dr.,
Plagegeister. -- Hasterlik, Dr., Speise u. Trank. -- Bölsche, Schutz-
u. Trutzbündnisse i. d. Natur.
[Sidenote: 1918]
Bölsche, Sieg des Lebens. -- Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen.
-- Kurth, Zwischen Keller u. Dach. -- Hasterlik, Dr., Von Reiz- u.
Rauschmitteln.
[Sidenote: 1919]
Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. -- Floericke, Spinnen und
Spinnenleben. -- Zell, Neue Tierbeobachtungen. -- Kahn, Die Zelle.
[Sidenote: 1920]
Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus u. Hof. -- Francé, Die pflanze als
Erfinder. -- Floericke, Schnecken und Muscheln. -- Lämmel, Wege zur
Relativitätstheorie.
[Sidenote: 1921]
Weule, Naturbeherrschung I. -- Floericke, Gewürm. -- Günther,
Radiotechnik. -- Sanders, Hypnose und Suggestion.
[Sidenote: 1922]
Weule, Naturbeherrschung II. -- Francé, Leben im Ackerboden. --
Floericke, Heuschrecken und Libellen. -- Lotze, Jahreszahlen der
Erdgeschichte.
[Sidenote: 1923]
Flaig, Kampf um Tschomo-lungma. -- Floericke, Falterleben. -- Francé,
Entdeckung der Heimat. -- Behm, Kleidung und Gewebe.
[Sidenote: 1924]
Floericke, Käfervolk. -- Henseling, Astrologie. -- Bölsche, Tierseele
und Menschenseele. -- Behm, Von der Faser zum Gewand.
[Sidenote: 1925]
Lämmel, Sozialphysik. -- Floericke, Wundertiere des Meeres. --
Henseling, Mars. -- Behm, Kolloidchemie.
[Sidenote: 1926]
Francé, Die Harmonie in der Natur. -- Floericke, Zwischen Pol und
Äquator. -- Bölsche, Abstammung d. Kunst. -- Dekker, Planeten und
Menschen.
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