Quer durch Uganda : eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

By Kmunke

The Project Gutenberg eBook of Quer durch Uganda
    
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Title: Quer durch Uganda
        eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911-1912

Author: Rudolf Kmunke


        
Release date: April 23, 2026 [eBook #78527]

Language: German

Original publication: Berlin: Dietrich Reimer, 1913

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78527

Credits: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by SLUB: Sächsische Landesbibliothek - Staats - und Universitätsbibliothek Dresden. )


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH UGANDA ***

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                     Anmerkungen zur Transkription

  Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1913 so weit
  wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
  wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
  verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

  Die Abkürzung für die Einheit ‚Grad Celsius‘ wurde nach der heute
  gültigen Regel vereinheitlicht. Nach dem Zahlenwert folgt ein
  Leerzeichen, danach die Einheit °C, ohne Leerzeichen. Steht das
  Gradzeichen mit dem Zahlenwert allein, wird kein Leerzeichen
  eingefügt, so also z.B. 14 °C -- aber 14°.

  Die Beschriftungen der zweiteiligen Tafeln 65 bis 68 am Ende des
  Buches befinden sich in der Originalvorlage auf einer getrennten
  Seite vor den jeweiligen Abbildungen. In der vorliegenden Fassung
  wurden diese unter die entsprechenden Bilder gesetzt.

  Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
  folgenden Symbole gekennzeichnet:

        kursiv:        _Unterstriche_
        fett:          =Gleichheitszeichen=
        gesperrt:      +Pluszeichen+
        Kapitälchen:   GROSSBUCHSTABEN

  Hochgestellten Zeichen wurde ein Caret-Symbol (^) vorangestellt; die
  entsprechende Passage wurde mit Hilfe geschweifter Klammern wie folgt
  gruppiert: KMUNKE’^{SCHEN}.

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                     _R. KMUNKE, QUER DURCH UGANDA_




[Illustration: _Lobelia Stuhlmanni im Urwald des Elgon_]




                             RUDOLF KMUNKE

                           QUER DURCH UGANDA

                          EINE FORSCHUNGSREISE
                            IN ZENTRALAFRIKA
                               1911/1912


                  MIT 4 FARBIGEN UND 65 SCHWARZTAFELN
                   SOWIE MIT 21 BILDERN UND 3 KARTEN

                     DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN)
                             IN BERLIN 1913




                        ALLE RECHTE VORBEHALTEN.

                   DRUCK OTTO ELSNER A.-G., BERLIN S.




[Illustration]




_VORWORT._


In nordwestlicher Richtung von dem mächtigen Bergriesen +Elgon+,
dem großen Vulkan, der -- einen Grad nördlich vom Aequator -- an
der Grenze von Britisch-Ostafrika und Uganda gelegen ist, zeigt die
englische Generalstabskarte fast bis zu dem am Nil liegenden Nimule
einen breiten, weißen Streifen -- +ein unerforschtes Land+! Meine
tiefe Liebe zur Natur und ein langgehegter Wunsch, die Großartigkeit
der afrikanischen Welt dort kennen zu lernen, wo das Land und das
Naturleben der Eingeborenen noch nicht von der Kultur berührt
wurden, ließen in mir den Entschluß reifen, eine Expedition in
diesen dunkelsten Teil Afrikas auszurüsten und ihn geographisch und
ethnologisch zu erforschen. Ursprünglich war meine Absicht, von Nakuro
in Britisch-Ostafrika aus zum Rudolf- und Sugottasee und von dort aus,
den Nordabhängen des Mont Elgon und Mont Debasien entlang, durch Naqua
und Tobur zu marschieren. Ich änderte aber später aus triftigen Gründen
diese Route und entschied mich für den Weg über Jinja am Viktoriasee
nach Mbale, von wo aus ich die letzten, noch unerforschten Gebiete
Ugandas in nordwestlicher Richtung durchquerte.

Meine Reise umfaßte zwei wichtige Arbeiten. Die erste galt der
+Besteigung+ des sich bis zur Höhe von 4480 Meter erhebenden +Elgon+,
dessen steile Abhänge alle Klimate der Erde vereinen, Temperaturen
von über 40° bis hinunter zu 14 °C unter Null, -- die zweite der
Erforschung der bisher von Europäern +noch nicht betretenen Gebiete+,
die sich nördlich vom +Salisburysee+ bis gegen +Nimule+ ausdehnen.
Meine Person und meine Mittel stellte ich vollkommen in den Dienst
dieser Arbeiten und tat mein möglichstes, um diese Teile Ugandas
der allgemeinen Kenntnis näher zu bringen. Der Zweck dieses Buches
ist, den Leser an der Hand meiner Aufzeichnungen, Photographien,
kartographischen und astronomischen Aufnahmen und der noch frischen
Erinnerung in die gewaltige Natur Afrikas und das reizvolle Steppen-und
Karawanenleben zu versetzen.

Bevor ich an die Wiedergabe meiner Reise trete, drängt es mich,
allen jenen Persönlichkeiten herzlichen Dank zu sagen, die durch
Vermittlung bei Behörden und durch ihre Ratschläge zum Gelingen meines
Werkes beigetragen haben. Es sind dies die Herren Intendant Hofrat
Dr. +Steindachner+, die Universitätsprofessoren Hofrat Dr. +Sigmund
Exner+, Hofrat Dr. R. +von Wettstein+, Dr. +Sueß+, der bekannte
Ornithologe Direktor Dr. +von Madarász+, die Forschungsreisenden
Universitätsprofessor Dr. +Rudolf Pöch+, Konter-Admiral Heinrich
Ritter +von Höhnel+, Graf Eduard +Wickenburg+ und Dr. Karl
+Berger+. Zu wärmstem Danke verpflichtet bin ich dem Gouverneur von
Britisch-Ostafrika, Exzellenz +Jackson+, der meine Expedition in der
weitestgehenden Weise unterstützte. Gouverneur +Jackson+, der auch
als Gelehrter einen Weltruf genießt, ging in seiner Liebenswürdigkeit
so weit, daß er die schwierige Beschaffung der Träger für meine Reise
zum Teil auf sich nahm und mir einen offenen Empfehlungsbrief an
sämtliche englische Beamte und Offiziere in den von den Engländern
bereits unterworfenen und verwalteten Gebieten Ugandas, sowie
eine Speziallizenz mitgab. Besonderen Dank sage ich auch unserem
ausgezeichneten, in englischen Diensten stehenden Landsmann Baron
Rudolf +Slatin Pascha+, dem Generalinspektor im Sudan, für die
ausserordentliche Liebenswürdigkeit, mit der ich bereits in Nimule
begrüßt und später in Khartum empfangen wurde. Zum Schlusse gedenke
ich noch meines wackeren Freundes und Gefährten, Universitätsdozenten
Dr. Robert +Stigler+, des bekannten Physiologen, der als mein Gast
und Expeditionsarzt mich begleitete und mir in jeder Lage energisch,
umsichtig und eifrig mit Rat und Tat zur Seite stand. Sein Anteil an
dem guten Gelingen meiner Expedition geht aus vielen Kapiteln dieses
Buches hervor.

Möge der Leser aus den nun folgenden Berichten den Eindruck gewinnen,
daß wir keine gewöhnliche Vergnügungsreise aus Lust an Abenteuern
unternommen haben -- „Safari“ nennt man in Afrika derartige
Expeditionen --, sondern daß wir unter Einsatz von Gesundheit und
Leben, von reicher Arbeit und harter Ausdauer unser möglichstes getan
haben, um zur Erforschung des Elgonkraters und der noch unbetretenen
Ugandagebiete beizutragen und so das menschliche Wissen zu bereichern.

  +Wien+, im Herbste 1913.

  RUDOLF KMUNKE.




_INHALTS-VERZEICHNIS._


  VORBEREITUNG DER EXPEDITION                                        1–4

  Die Wahl der Route / Einschlägige Literatur / Die Ausrüstung
  und wissenschaftlichen Instrumente / Dozent Dr. Robert Stigler
  / Meine übrigen Begleiter

  VON WIEN NACH UGANDA                                              5–13

  Wien-Triest / Zur See bis Kilindini / In der Hauptstadt
  Britisch-Ostafrikas / Eine Aenderung unseres Reiseplanes / Anwerbung
  von Trägern / Sportsleben in Nairobi / Die Strecke eines Löwenjägers
  / Auf der Ugandabahn / Verlust eines Instrumentenkoffers / Quer über
  den Viktoriasee / Einiges über Uganda

  AM VIKTORIASEE                                                   14–22

  Ankunft in Entebbe / Besuche beim Gouverneur / Ein Ausflug
  nach Kampale / Im Gebiete der Glossina palpalis / Die Rikshaläufer
  / Beim König von Uganda / Ein Frauenmörder vor dem
  Eingeborenengericht / Ueber den See nach Jinja / Unser erstes
  afrikanisches Lager / Schlafkrankheit, Rückfallfieber und andere
  Krankheiten / Am Riponfall / Regenzeit

  AUFBRUCH DER KARAWANE                                            23–27

  Auf der Straße nach Mbale / Mit Frau und Kind auf der Inspektionsreise
  / Zwei Elefantenwilderer / In Iganga / Zwischen
  Bananen- und Gummiplantagen / Der Straßenbauingenieur /
  Leopardenbesuche / Durch den Mpologoma-River / Ein Nachtmarsch
  bei Mondlicht / Beginn der Berglandschaft

  AM FUSSE DES ELGON                                               28–35

  Im Anblick der Gebirgswelt / Trägersorgen / Englische Gastfreundschaft
  / Vorbereitung für die Elgonbesteigung / Der Abmarsch
  / Durch die Eingeborenendörfer / Einheimische Justiz /
  Der Aufstieg in die Felsen / Im Urwald / Die letzte Ansiedlung

  AUF DEM ELGON                                                    36–50

  Der Aufstieg zum Krater / Das Lager im Kratergrund / Kältetemperaturen
  von 12–14 Grad / Eine Winterlandschaft / Bergkrankheit
  / Die Südwest- und Nordostspitze / Auf dem Gipfel /
  Fauna und Flora / Die bisherigen Expeditionen / Kaiser-Franz-Josef-
  und Jacksonspitze / Der Abstieg / Ein Nachtlager im Urwald
  / Die Bergeingeborenen / Der Aberglaube der Kawirondo /
  Bei den Anthropophagen / Zurück nach Mbale

  WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE                                 51–61

  Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen /
  Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefräßige Termiten / Ein alter
  Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz /
  Die Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die
  Karamojoleute und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der
  diebische Diener

  VON MBALE NACH KUMI                                              62–71

  Aufbruch der Karawane / Die Askari / Auf der Straße nach
  Kumi / Im Hause des Distriktskommissärs / Ein moderner Raub
  der Sabinerinnen / Ehetragödie eines Eingeborenen / Friedhöfe
  in Wohnhütten / Die Busoga und die Teso / Die Dorfanlagen
  der Eingeborenen / Auf exponiertem Posten / Tiere für Schönbrunn
  / Elefantengeschichten / Der unersättliche Heatman

  AM KUMI- ODER SALISBURY-SEE                                      72–78

  Ankunft am See / Ein standhafter Patient / Die Ueberfahrt /
  Feuerwerk für die Eingeborenen / Etwas über die Tropenhelme /
  Auf der Nilpferdjagd / Sonnenuntergang

  EIN STEPPENBRAND                                                 79–82

  Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige
  Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze
  / Ein neuer Führer

  AM RANDE DER KULTUR                                              83–88

  Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der mißtrauische
  Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite
  mißglückte phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise
  / Küchensorgen / Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene
  Träger

  DURCH DAS UNERFORSCHTE UGANDA                                    89–95

  Der Marsch durch die Steppe / Die erste Lagerstelle / Ein Eldorado
  für Jäger / Am Kirkpatricksumpf / Ein angreifendes Nashorn
  und sein Opfer / Am Fuß der Naquaberge / Gewaltmärsche
  / Zusammengebrochene Träger

  EIN GEPLANTER UEBERFALL                                          96–99

  Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische
  Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft
  / Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen

  IN DEN NAQUABERGEN ABGEIRRT                                    100–115

  Ein Schlangenbiß / Besuch der Eingeborenen / Die Furcht vor
  den Naqua / Aufbruch in die Berge / Von meiner Karawane abgeirrt
  / Rencontre mit den Eingeborenen / In heikler Situation /
  Eine schlaflose Nacht / Unterbrechung der wissenschaftlichen
  Arbeiten / Eintreffen meiner Karawane / Die Schmiedehütten
  der Toburleute / Anna- und Josefaberg / Besuch dreier Häuptlinge
  / In Adelang / Von wilden Bienen überfallen

  BEI DEN ACHOLI                                                 116–120

  An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener
  Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden
  / Schlanke Taillen und sichtbare Herzschläge /
  Der medizinsüchtige Häuptling

  IN EILMAERSCHEN VORWAERTS                                      121–134

  Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder
  / Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck /
  Regenzeit / Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare
  in der Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba /
  Heiligtümer / Ausgetrocknete Flußläufe / Ein unbotmäßiger
  Häuptling / Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme
  in die Heimat / Im Gewittersturm

  IN NIMULE                                                      135–140

  Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule /
  Waghalsige Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen
  / Ein Brief Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner
  Begleiter

  ELEFANTENJAGD                                                  141–148

  Im Jagdgebiet / Die erste Elefantenherde / Am Attapiriver /
  Tragische Jagdgeschichten / Unsere Expeditionstrommel / Ein
  anhänglicher Schwarzer / Unser Heatman als Elefantenwilderer

  VON NIMULE NACH GONDOKORO                                      149–156

  Auf der Straße nach Gondokoro / Große Grasbrände / Ein Marsch
  in der Vollmondnacht / In Loro / Auf der Elefantenjagd /
  Der tollkühne Adubungomoi / Erkrankung Dr. Stiglers / Ein
  Engländer auf Besuch / Unfreiwillige Träger / Schwarzer und
  Storch malariakrank / In der Nähe des Nils / Einmarsch in
  Gondokoro

  AUFLOESUNG DER KARAWANE                                        157–161

  Abfertigung der Träger / Aufgegebene Jagdpläne und Entschluß
  zur Heimreise / Verkauf der Ausrüstungsgegenstände / Unsere
  Träger in Salonrock und Schlapphüten / Der Zauber der europäischen
  Kleider / Ankunft des Nildampfers und Abfahrt von
  Gondokoro

  EIN RUECKBLICK                                                 162–169

  Abschied vom Karawanenleben / Das Vegetationsbild Ost-Ugandas
  / Großer Wildreichtum / Das Paradies am Salisburysee / Im
  nördlichen Uganda / Ein Eldorado für Elefantenjäger / Allgemeines
  über die Eingeborenen / Klimatisches / Die Erkrankungsgefahr
  für den Europäer / Chininprophylaxe / Die Notwendigkeit
  ärztlicher Begleitung / Behandlung der Eingeborenen /
  Befriedigende Ergebnisse

  AUF DEM NIL                                                    170–176

  Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke /
  In Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition
  gegen den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige
  Fahrt / Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure /
  Ein Papyrusbrand

  IN KHARTUM UND KAIRO                                           177–180

  Wieder von Komfort umgeben / Bei Slatin Pascha / Ein Ausflug
  nach Omdurman / In Kairo / Genesung Dr. Stiglers / Abschied
  von Afrika

  METEOROLOGISCHE BEOBACHTUNGEN                                      181

  ORNITHOLOGISCHE ERGEBNISSE                                     183–186
  der Reise Rudolf Kmunkes von Dr. Julius von Madarász




[Illustration]




_VERZEICHNIS DER BILDER UND KARTEN._


_TEXTBILDER._

  Grundriß und mit Antilopenschädel geschmückte Spitze einer
  Bageshuhütte (2 Bilder)                                             48

  Schmiede und Schmelzofen der Naqua- und Tobur-Eingeborenen
  (4 Bilder)                                                         110

  Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings von Oghaba
  (15 Bilder)                                                        126


_TAFELBILDER._

  Titelbild. Lobelia Stuhlmanni in einer Urwaldlichtung (Elgon-Urwald).

  1. Mombassa                                                          8

  Hauptstraße in Mombassa                                              8

  2. Entebbe                                                          16

  Kampalla                                                            16

  3. König von Uganda                                                 16

  Jinja                                                               16

  4. Blick auf den Viktoriasee mit Schlafkrankheitsgebiet             16

  In Einbäumen über den Mpologoma-See                                 16

  5. Riponfälle                                                       16

  6. Kigelia aethiopica am Wege nach Mbale                            24

  Mbale                                                               24

  7. Eingeborene in Ketten (Mbale)                                    32

  Blick nach dem Kogonchoro und Elgon                                 32

  8. Bageshudorf in Bujobo                                            32

  9. Landschaftsbild bei Bujobo                                       32

  Brücke aus Bambus über den Siroko                                   32

  10. Lager in Buhugu                                                 32

  Blick von Buhugu gegen den Elgon                                    32

  11. Senecio Johnstoni im Urwald des Elgon                           32

  Unser Lager in der Höhe von 3390 m                                  32

  12. Bergeingeborener vom Stamme Batwa                               32

  Aufstieg in den Felsen                                              32

  13. Blick in den Krater                                             40

  Westeinstieg in den Krater                                          40

  14. Lager im Elgonkrater (2 Bilder)                                 40

  15. Das Lager meiner Träger                                         40

  Der Krater                                                          40

  16. Jacksonspitze 4311 m                                            40

  Jacksonspitze                                                       40

  17. Blick von der Jacksonspitze in den Krater                       40

  Blick gegen die Kaiser-Franz-Josef-Spitze                           40

  18. Blick auf einen Senecienwald im Krater                          40

  Der Krater                                                          40

  19. Senecio Johnstoni in der Höhe von 4300 m                        40

  Der Verfasser bei der Arbeit mit dem Theodolit auf der
  Jacksonspitze                                                       40

  20. Kaiser-Franz-Josef-Spitze                                       40

  Blick von der Franz-Josef-Spitze in den Krater                      40

  21. Abbruch des Lagers im Krater                                    48

  22. Abstieg vom Elgon                                               48

  Lobelia Deckeni                                                     48

  23. Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni                           48

  Lager im Urwald mit Lobelia Stuhlmanni                              48

  24. Bageshufrau mit Kind                                            48

  Tätowierte Eingeborene                                              48

  25. Bananenhain in Bujobo                                           48

  Sonnenuntergang in der Steppe                                       48

  26. Karamojohäuptling                                               56

  Jiwehäuptling                                                       56

  27. Häuptlinge von Kilimi                                           56

  28. Findling bei Bukedia                                            64

  Landschaftsbild bei Kumi                                            64

  29. Schöne aus Kumi                                                 64

  Mit dem Kiboko bestrafte Eingeborene                                64

  30. Eingeborene vom Tesostamm (2 Bilder)                            64

  31. Teso, Frau und Mann                                             64

  Eingeborene von Kaketta                                             64

  32. Vorratskörbe                                                    64

  Frauen vom Stamme Teso                                              64

  33. Ein Tesoriese                                                   64

  Junge Gazellen                                                      64

  34. Eingeborenenkral in Kumi

  Grundriß einer Niederlassung                                        64

  35. Kaktushecke mit Eingang in das Dorf                             64

  Hütte im Bau                                                        64

  36. Konstruktion des Daches                                         64

  Malerei der Eingeborenen                                            64

  37. Eingeborener mit Teratom aus Kumi Nyanza                        72

  In Einbäumen über den Salisburysee                                  72

  38. Am Nordufer des Salisburysees (2 Bilder)                        72

  39. Älteste Frauen aus Magoro                                       72

  Älteste Männer aus Magoro                                           72

  40. Nilpferde im Salisburysee                                       72

  Balaeniceps rex                                                     72

  41. Häuptling von Gjotum (3 Bilder)                                 80

  42. Karamojomänner                                                  80

  Karamojofrauen                                                      80

  43. Nach dem Brande (2 Bilder)                                      80

  44. Mein Karamojoführer                                             80

  Häuptling von Naqua                                                 80

  45. Lager bei Kaketta                                               80

  Eingeborener von Kaketta                                            80

  46. Fischende Träger                                                88

  Badende Träger                                                      88

  47. Lager am Kirkpatricksumpf                                       88

  Die Träger bringen Holz für die Küche                               88

  48. Blick gegen die Toburberge                                      88

  Blick gegen die Naquaberge                                          88

  49. Erlegtes Nashorn                                                88

  Vegetation im Naquatal                                              88

  50. Lager im Naquatal                                               96

  Unser Wasserplatz in Naqua                                          96

  51. Lagerplatz im Naquatal                                          96

  Naqua-Eingeborene                                                   96

  52. Junge Tobur-Männer                                             104

  Toburfrau                                                          104

  53. Blick von der Josefinenspitze gegen die Naquaberge             112

  Blick nach Norden                                                  112

  54. Lager in Tobur                                                 112

  Unser Wasser in Adelang                                            112

  55. Eingeborene vom Stamme Acholi oder Kamjuru (2 Bilder)          120

  56. Kamjurufrau mit Kind                                           120

  57. Kinderhütte                                                    120

  Beratungsplatz der Eingeborenen                                    120

  58. Ein Leprakranker                                               136

  Durch den Agueriver                                                136

  59. Die Karawane marschiert durch den Assuariver                   136

  60. Lager in Nimule am Nil                                         136

  Regierungshaus in Nimule                                           136

  61. Wie die Träger klettern                                        144

  Dr. Stigler erkrankt                                               144

  62. Beratung mit dem Häuptling                                     152

  Regierungshaus in Gondokoro                                        152

  63. Unser Nildampfer in Bor                                        160

  Kapitän Fox                                                        160

  64. Wasserschöpfer am Nil                                          176

  Gouverneurpalais in Khartum                                        176

  65. Waffen und Schmuck der Bageshu                                 187

  Waffen und Schmuck der Naqua- und Toburleute                       187

  66. }
  67. }  Ethnographische Gegenstände aus Acholi                      187
  68. }


                                _KARTEN
                  am Schluss des Buches eingeheftet._

      Uebersichtskarte von Afrika mit Angabe des Reisewegs Kmunkes
                 Routenskizze der Expedition in Uganda
                 Karte des Kraters vom Elgon in Uganda




_VORBEREITUNG DER EXPEDITION._

  _Die Wahl der Route / Einschlägige Literatur / Die Ausrüstung und
  wissenschaftlichen Instrumente / Dozent Dr. Robert Stigler / Meine
  übrigen Begleiter._


Meine Absicht, das Innere Afrikas aufzusuchen und zu durchforschen,
reicht schon drei Jahre zurück und hatte sich in mir festgesetzt, ehe
ich noch meine Ostgrönland-Expedition unternahm. Die Vorbereitungen
für eine afrikanische Forschungsreise beanspruchten aber mehr Zeit,
als mir damals zur Verfügung stand, so dass die Ausführung meines
Planes auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden musste. Von
Grönland zurückgekehrt, ging ich aber mit allem Eifer daran, mich für
die neue Expedition zu rüsten. Mein Plan war, möglichst unerforschtes
Gebiet des afrikanischen Kontinentes zu durchqueren, und von allem
Anfange an stand in mir der Gedanke fest, die den Europäern noch
unbekannten Gebiete Ugandas zu erforschen. Zu diesem Zwecke wollte
ich mich über Nairobi nach Nakuro an der Ugandabahn und von dort in
nördlicher Richtung längs des Baringo- und Sugota-Sees zu dem an der
Südspitze des Rudolfsees sich erhebenden Teleki-Vulkan begeben, von
hier aus die Westküste des Sees entlang bis zur Mündung des Turkwel
und nun in westlicher Richtung zwischen dem Mont Debasien im Süden und
dem Naquagebirge im Norden in die den Europäern bisher verschlossen
gebliebenen Kamtschuro-Gebiete vordringen. Warum ich mich später zu
einer Abänderung dieser Route entschloss, wird an anderer Stelle
begründet werden. Die auf Uganda bezügliche Literatur wurde von mir
natürlich eifrig und gewissenhaft studiert, so das ausgezeichnete
Buch des Konteradmirals Ludwig R. v. +Höhnel+ „Die Forschungsreise
des Grafen Samuel Teleki in Ost-Aequatorial-Afrika“, die Werke der
Forschungsreisenden Grafen Eduard +Wickenburg+, Dr. A. +Berger+,
A. +Donaldson Smith+, des Kapitäns Ch. +Stigand+ und vor allem das
prächtige Werk Harry +Johnstons+ „The Uganda Protectorate“. Ausser
diesen war noch eine Reihe von Schriften, die mir die geographischen
Gesellschaften in Wien und London zur Verfügung stellten, Gegenstand
meines Studiums, und die meisten der im Vorworte genannten
Forschungsreisenden gaben mir aus ihrer eigenen reichen Erfahrung
wichtige Ratschläge.

Den Hauptteil der fast ein Jahr währenden Vorbereitungen bildete die
Ausrüstung, der ganz besondere Sorgfalt gewidmet werden musste, da
der Grossteil meiner Reise ja durch ein noch von keiner europäischen
Kultur berührtes Gebiet gehen sollte. Da wir in Oesterreich, als
einem Lande ohne Kolonien, keine Ausrüstungsmagazine besitzen, musste
ich mich zumeist an Berliner und Londoner Firmen wenden, aber, wo es
nur möglich war, berücksichtigte ich auch die heimische Industrie.
So bezog ich meine Zelte von der Firma Elsinger & Söhne, die mir
auch nach den Angaben meines verehrten Freundes Professor Dr. Rudolf
Pöch ein Musterzelt anfertigte, das sich in jeder Hinsicht bewährte,
ebenso gut bewährten sich die Tropenkoffer, die mir die Wiener
Firma Prohaska lieferte und die den Berliner Blech-Tropenkoffern
entschieden vorzuziehen sind. Auch das Sattelzeug und die Kochgeschirre
bezog ich aus Wien, und durch freundliche Vermittlung des Herrn
Oberleutnants Thalwitzer wurde mir vom k. und k. Kriegsministerium ein
zusammenlegbares Floss zur Verfügung gestellt, das nur eine Trägerlast
(26 Kilogramm) schwer war und acht Männern Platz bot. Bei einer
Erprobung im Badener Schwimmbassin war es innerhalb einer Viertelstunde
fertig montiert. Meine Waffen waren ein Mannlicher-Schönaustutzen von
9½ mm Kaliber, eine Holland 465 Expressbüchse und eine doppelläufige
Schrotflinte für die Vogeljagden. Die Reiseapotheke hatten Dozent
Dr. Robert Stigler und Prof. Dr. Rudolf Pöch in Gemeinschaft mit Dr.
Arzberger, dem Leiter der Apotheke im Wiener Allgemeinen Krankenhause,
in mustergiltiger Weise zusammengestellt, so dass in den drei Koffern,
in denen sie verpackt wurde, wohl für jede Art von Erkrankung
Medikamente und Instrumente vorhanden waren.

Für die kartographischen, astronomischen und meteorologischen
Aufnahmen war eine Reihe von wissenschaftlichen Instrumenten bestimmt.
Ueber Empfehlung des Hauptmannes Karl von Orel, des Leiters der
kartographischen Abteilung im Wiener militärgeographischen Institute,
wurde mir von Dr. Pulfrich, dem Direktor der berühmten Zeisswerke
in Jena, der neueste Phototheodolit zur Verfügung gestellt und über
meine Angaben noch dahin abgeändert, dass auf dem Höhenkreise 30
Sekunden direkt und 15 Sekunden abschätzungsweise abgelesen werden
konnten. Der Gang meiner Taschenchronometer wurde auf der Wiener
Sternwarte geprüft, wo ich auch bei Dr. Krumpholz durch längere
Zeit Unterricht in astronomischen Beobachtungen nahm. Für direkte
Höhenmessungen dienten zwei Barometer, und zwar eines von Radau
und ein englisches von Smith. Ausserdem führte ich von der Wiener
Firma Kapeller ein Maximum-Minimum-Thermometer, ein Schleuder-
und zwei Luftthermometer sowie ein Assmannsches Psychrometer mit.
Den photographischen Aufnahmen dienten ein Kodak-Apparat (9 : 12)
mit Zeisslinse, eine Voigtländer-Spiegel-Reflex-Kamera und eine
Porträt-Kamera von Bayer. Die Oest.-Ung. Kino-Gesellschaft gab mir in
der Person des Herrn Josef Schwarzer einen Operateur mit, der für seine
Gesellschaft Kinoaufnahmen, für mich die photographischen Schwarz-
und Autochrombilder zu machen hatte, wofür er auf meine Kosten die
Reise in das Innere von Afrika mitmachte. Unser Vorrat an Platten
betrug tausend einfache, 150 Autochromplatten, 960 Packfilms und 300
Rollfilms. Mehrere einschlägige Literaturwerke, eine Suaheli-Grammatik
-- ich hatte mich einige Zeit vor meiner Abreise mit dem Studium
dieser Eingeborenen-Sprache abgegeben -- und die existierenden Karten
des Gebietes, dem unsere Expedition galt, bildeten unsere kleine
Reisebibliothek. An Kleidern hatten wir ausser Khaki- und weissen
Anzügen auch warme Anzüge, Wollsweaters, Bergschuhe, Rucksäcke etc. für
das tropische Hochgebirge mit.

Die wichtigste Frage aber war für mich, einen tüchtigen Reisebegleiter
und Arzt zu suchen, und ich hatte das Glück, den richtigen Mann
im Universitätsdozenten Dr. Robert +Stigler+ zu finden, den ich
auf meiner Osterreise nach Griechenland im Jahre 1911 an Bord
eines österreichischen Lloyddampfers kennen gelernt hatte. Schon
damals erzählte ich ihm von meinen Vorbereitungen für die Reise
durch Uganda, und kurze Zeit darauf trug sich mir Dr. Stigler in
Wien als Expeditionsarzt an. Dr. Stigler, der auf der Expedition
rassenphysiologische Studien und Experimente zu machen gedachte,
erhielt für diesen Zweck aus der Treitl-Stiftung einen Betrag von
5000 Kronen zur Anschaffung der hiezu nötigen wissenschaftlichen
Instrumente, die zwei grosse Koffer füllten. Mit der Wahl Dr. Stiglers
hatte ich einen ausserordentlich glücklichen Griff getan. Denn er
zeigte sich jederzeit als energischer, umsichtiger Mann, als offener
Charakter, als tüchtiger Arzt, dessen Können wir im Verlaufe unserer
Expedition zu würdigen Gelegenheit hatten, und als begabter Gelehrter.
Wer je an einem Unternehmen ähnlicher Art teilgenommen hat, wird es
verstehen, eine wie grosse Rolle die Wahl eines Reisegefährten spielt
und wie schwer es ist, den richtigen Mann zu finden, mit dem man durch
prächtige Harmonie verbunden sein will, und der auch gleichzeitig die
Notwendigkeit der Unterordnung unter den Willen des Einen einsieht.

Als letzten europäischen Begleiter hatte ich noch für die Präparate
meiner Sammlungen Herrn Richard Storch aus Prag engagiert, der ein
alter Afrikakenner war und über zehn Jahre im Sudan zugebracht
hatte. Leider fand meine Annahme, dass er gerade wegen dieses langen
Aufenthaltes gegen tropische Erkrankungen ziemlich gefeit sein
müsse, späterhin keine Bestätigung. Er hatte schon vor Jahren einen
Malariaanfall erlitten, der sich, sobald die Strapazen unserer Reise
grössere wurden, stets wieder einstellte und ihn fast bis zum Schluss
unserer Expedition nicht gesund werden liess.




_VON WIEN NACH UGANDA._

  _Wien-Triest / Zur See bis Kilindini / In der Hauptstadt
  Britisch-Ostafrikas / Eine Aenderung unseres Reiseplanes / Anwerbung
  von Trägern / Sportsleben in Nairobi / Die Strecke eines Löwenjägers
  / Auf der Ugandabahn / Verlust eines Instrumentenkoffers / Quer über
  den Viktoriasee / Einiges über Uganda._


Zu Beginn des Herbstes 1911 hatte ich meine Vorbereitungen beendet, und
dem Aufbruche stand nunmehr kein Hindernis mehr im Wege. Im September
waren von London aus 52 Kisten und am 1. Oktober von Wien aus 33 Kisten
seetüchtig verpackt nach Mombassa an der Ostküste Afrikas abgegangen,
und 14 Tage später trat ich mit Dr. Stigler und der restlichen
Ausrüstung die Reise an. Viele Freunde gaben uns das Abschiedsgeleite
und riefen uns am Wiener Südbahnhofe noch herzliche Glückwünsche nach.
Dann rollte der Schnellzug aus der Halle und brachte uns nach dem
Süden. In Triest, wo wir am nächsten Morgen anlangten, erwartete uns
Photograph Schwarzer, wir besorgten noch die Verladung unseres Gepäckes
auf das bereits unter Dampf liegende österreichische Lloydschiff
„Bregenz“ und nahmen dann den Lunch zum letztenmal für lange Zeit
auf europäischem Boden ein. Um 3 Uhr ging die „Bregenz“ in See. Bis
Brindisi, wo einige italienische Kriegsschiffe mit Scheinwerfern
das Wasser nach türkischen Schiffen absuchten, -- es war kurz nach
Ausbruch des Krieges, -- war ruhige Fahrt. Auf der Höhe von Kreta
ward die See unruhig, so dass der grösste Teil der Passagiere -- fast
ausschliesslich Engländer -- seekrank wurden, und blieb es auch bis zum
20. Oktober, an welchem Tage wir um 2 Uhr morgens Port Said erreichten.
In langsamer Fahrt ging es nun durch den Suezkanal und dann fünf Tage
lang durch das Rote Meer. Die Hitze ward bei der völligen Windstille
bald unerträglich, wir hatten um 11 Uhr nachts in den Kabinen 38°, in
den Maschinenräumen gar 50 °C.

Am 26. Oktober langten wir in +Aden+ an, wo wir die nach Indien
weiterfahrende „Bregenz“ mit der gerade eingetroffenen prächtigen
„Prinzessin“ der Deutsch-Ostafrika-Linie vertauschten. Nach
der Umladung unserer Koffer blieb uns noch kurze Zeit, um das
farbenprächtige Felsennest Aden mit seinem malerischen orientalischen
Leben zu besichtigen, einige Einkäufe zu besorgen und die ersten Briefe
in die Heimat zu senden, dann konnten wir nur mehr an Bord der langsam
aus dem Hafen gleitenden „Prinzessin“ noch die bizarren Formen dieses
Stadtbildes bewundern, in dessen felsigem Hintergrunde auf den höchsten
Spitzen die Forts der Engländer dräuen.

Sechs Tage nun schwammen wir in ruhiger Fahrt auf dem indischen
Ozean, das Kap Guardafui umschiffend, die Ostküste Afrikas entlang,
den Aequatorübergang mit der üblichen Aequatortaufe feiernd, bis die
„Prinzessin“ in den seichten Hafen von +Kilindini+ einfuhr und wir zum
erstenmal ostafrikanischen Boden betraten. In Kilindini war man von
unserer Ankunft bereits avisiert, und die Zollrevision beschränkte
sich infolge des Entgegenkommens der englischen Regierung und der
Zollbehörden ausschliesslich auf die Entrichtung einer kleinen Gebühr
für Waffen und Munition, während unsere Koffer nicht geöffnet zu werden
brauchten.

Von Kilindini, dem eigentlichen Landungshafen für Uganda, führten uns
Eingeborene in ihren kleinen Rollwägelchen -- Trolly -- auf einer
schmalspurigen Trambahn nach +Mombassa+ (Tafel 1). Die Strasse dorthin
ist ausserordentlich schön und breit und von prächtigen Palmen,
Affenbrotbäumen und grellfarbigen Blumen eingesäumt. In Mombassa, wo
wir im „Grand Hotel Metropol“ abstiegen, dehnte sich unser Aufenthalt
auf drei Tage aus, da hier die von London vorausgeschickten 52
Kisten noch lagerten und wir diese erst nach Nairobi dirigieren
mussten. Auch gab es noch wichtige Besprechungen bei dem englischen
Provinzialkommissär Sir Hindl und dem österreichischen Vizekonsul Herrn
Markus, die uns beide wertvolle Informationen erteilten. Am dritten
Tage endlich konnten wir die Stadt verlassen und die bequemen Waggons
der Ugandabahn besteigen, die uns in stark ansteigendem Terrain nach
siebzehnstündiger Fahrt in das sogenannte Reservatgebiet brachte. Die
Landschaft, die der Zug durchfährt, wird mit jedem Kilometer fesselnder
und eindrucksvoller. Man sieht sich wie in einem natürlichen
zoologischen Garten, grosse Rudel Zebras, Gnus, Giraffen, Strausse und
allerlei Arten Antilopen beleben die Steppe, und im Süden steigt der
mächtige Kilima-Ndscharo empor, dessen höchster Gipfel Kibo sich bis zu
6010 Meter erhebt und mit ewigem Schnee bedeckt ist.

Nach weiteren acht Stunden erreichten wir -- 327 Meilen von der Küste
entfernt -- +Nairobi+, die Hauptstadt Britisch-Ostafrikas und den Sitz
des Gouverneurs. Nachdem uns Eingeborene in einer Rikschar (Riksha) im
Laufschritt in unser Hotel gebracht hatten, war es unser erstes, uns
mit dem Gouverneur Sir Girouard in Verbindung zu setzen, der uns auch
sofort in liebenswürdigster Weise zu sich lud. Zu der bestimmten Stunde
wurde ich mit Dr. Stigler in dem schönen, auf einer Anhöhe gelegenen
Palais des Gouverneurs empfangen, und dieser Besuch war für unsere
Expedition von ausschlaggebender Bedeutung, da er die schon erwähnte
Aenderung unserer Reiseroute mit sich brachte. Wir hatten bekanntlich
vor, über den Rudolfsee in das Gebiet von Uganda einzudringen, Sir
Girouard machte uns aber aufmerksam, dass zum Rudolfsee monatlich
einmal bereits ein Postbote abgehe. Dieser Umstand benahm uns natürlich
jedes weitere Interesse für diese Strecke, denn wir wollten doch nicht
als Forschungsreisende sogar von der Post schon erschlossene Gebiete
besuchen. Nach kurzer Ueberlegung waren wir entschlossen, den Weg zum
Rudolfsee dem Postboten zu überlassen und unsere eigentliche Reise nach
den bisher unerforschten Teilen Ugandas vom Viktoria-See, und zwar von
Jinja aus, anzutreten. Sir Girouard gab uns den Rat, mit Gouverneur
Jackson von Uganda Fühlung zu nehmen, da die uns bevorstehenden
Schwierigkeiten ungemein grosse seien und es notwendig sein werde,
Askari-Soldaten mitzunehmen. Auch erteilte er uns die Bewilligung,
schon von Nairobi einige ausgesuchte starke Träger mitzunehmen, und
versprach, bei Gouverneur Jackson telegraphisch anzufragen, ob wir
die übrigen Träger aus Kampala und Entebbe erhalten könnten. Schon am
nächsten Tage, an dem wir abermals bei Sir Girouard geladen waren, war
die Antwort von Gouverneur Jackson eingelaufen, der mitteilte, dass wir
in Entebbe 150 Träger anwerben könnten, und uns gleichzeitig einlud,
ihn in Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, zu besuchen. Von Nairobi
wollten wir 50 Träger mitnehmen, so dass wir für unser gesamtes aus 180
Stücken bestehendes Gepäck bis zum Mont Elgon jedenfalls genug Träger
hatten.

Wir trachteten nun, uns so rasch als möglich in Nairobi die uns noch
fehlenden Ausrüstungsgegenstände zu verschaffen, um mit dem nächsten
Zuge, der nur jeden Samstag von Nairobi nach Kisumu am Viktoria-Nyanza
abgeht, die Fahrt nach Entebbe antreten zu können. Nairobi, eine noch
junge Stadt von unschönem Aussehen, weist in den zwei Hauptstrassen
fast nur Kaufläden, europäische und indische, auf, in denen alles
zu haben ist, wessen man an Ausrüstung für eine Reise ins Innere
Afrikas bedarf. Neben den Schneider- und Modewarengeschäften, den
Büchsenmachern und Sattlern, gibt es spezielle Ausrüstungsgeschäfte
deutscher und englischer Herkunft, die dem Reisenden komplette
Garnituren zur Verfügung stellen, noch dazu zu Preisen, die für viele
Gegenstände billiger sind als in Europa. Diese bequeme Vorsorge erklärt
sich daraus, dass Nairobi den Hauptausgangspunkt für Jagdausflüge
in das Gebiet des Kilimandscharo und des Kenia bildet. Die Reise
auf der Ugandabahn bis hierher lässt keinen Komfort vermissen, so
dass sie sogar viele Damen unternehmen, und auch die Jagdausflüge
selbst sind mit nicht allzugrossen Strapazen verbunden. Man findet
daher sämtliche Hotels in Nairobi vollbesetzt von Sportsleuten,
unter denen sich mancher gewaltige Nimrod befindet. So weilte zu
unserer Zeit in Nairobi ein Amerikaner namens Paul Rainey, der mit
einer grossen Meute von Hunden auf Löwen gejagt und dabei einen ganz
unglaublichen Rekord erzielt hatte, indem er nicht weniger als 61
Löwen zur Strecke brachte, darunter 24 an einem Tage. Die meisten der
von Nairobi aus aufbrechenden Jagdgesellschaften unternehmen ihre
Ausflüge in achtspännigen Eselsfahrzeugen oder im grossen Automobil
der Ausrüstungsfirma Newland & Tarlton, das auch für eine auf einige
Wochen ausreichende Ausrüstung Platz gewährt. Mit derselben Firma
verhandelte ich wegen der Beschaffung der 50 Träger und eines Heatmans
sowie wegen Beistellung von Maultieren für uns Europäer, da in den
von uns in Aussicht genommenen Gebieten wegen der grossen Verbreitung
der Tsetsefliege weder Pferde, noch Kamele benützt werden können. Dr.
Stigler brachte seine ganze Zeit damit zu, um, mit Unterstützung des
obersten Sanitätsrates Dr. Haran und des Chefarztes des Hospitales Dr.
Ross, die in Ost-Afrika und namentlich in Uganda meistverbreiteten
Krankheiten und deren Behandlung zu studieren. Er untersuchte auch die
für uns bestimmten Träger und fand von den 80, die sich eingefunden
hatten, ungefähr 50 als gesund und stark genug. Sie wurden von mir
mit blauen Wolljacken, einer roten Wolldecke, die sie untertags
zusammengerollt als Turban trugen, und mit einer Feldflasche versehen.
An Entlohnung erhielt jeder monatlich zehn Rupien und freie Verpflegung
oder täglich zwölf Cent in Ostafrika, zehn Cent in Uganda. Am selben
Tage, da sie angeworben worden waren, wurden sie vom Heatman zur
Bahn gebracht und mit den Maultieren in einem Lastenzug nach Kisumu
befördert.

[Illustration: _Mombassa_]

[Illustration: _Hauptstrasse in Mombassa_

  _Tafel 1_
]

Wir selbst traten am nächsten Tag, den 11. November, die Reise dorthin
mit dem samstägigen Eilzuge an und erhielten, da er voll besetzt
war, in einem angeschobenen Waggon ein Separatcoupé. Keuchend bahnt
sich der Zug den Weg bis zum höchsten Punkte des terrassenartig
ansteigenden Kikuyugebirges -- 2386 m über dem Meere --, von wo sich
ein wundervoller Ausblick 600 m tief hinab in das Tal der „grossen
Bruchspalte“ bietet. Es ist dies der grosse ostafrikanische Graben,
der sich vom Zambesi durch Ostafrika, Abessynien, das Rote Meer
bis Palästina verfolgen lässt. Dann geht es am Berghang abwärts,
durch dichten Wald und über kühn geschwungene Eisenviadukte am
Naivaschasee vorüber durch das Bruchspaltental nach Nakuro, das am
Ufer des gleichnamigen Sees inmitten schöner Weideländer und in einem
angenehmen Klima gelegen ist. Nach einer weiteren Steigung bis zum
Maogipfel, der durch eine Säule markiert ist und die respektable Höhe
von 2545 m aufweist, fällt nun die Trasse um über 1400 m und endet in
Port Florence (Kisumu) am Viktoriasee. Die Endstation der Bahn liegt
direkt an der Landungsbrücke, wo der „Clement Hill“, einer der drei
Regierungsdampfer, zur Abfahrt nach Entebbe schon bereit lag.

Hier erwartete uns unser Heatman mit den 50 Nairobiträgern und den
Maultieren, und nun galt es, aus einem Chaos von Koffern, Kisten und
Ballen unsere Gepäckstücke herauszusuchen und auf dem Dampfer verladen
zu lassen. Es stellte sich leider heraus, dass ein Koffer, und zwar
einer der wertvollsten, abhanden gekommen war. Es war einer der beiden
Koffer Dr. Stiglers, der nur wissenschaftliche Instrumente, so das
Mikroskop, den Brillenkasten, einen Blutdruckmesser u. a. m. enthielt.
Ganz aufgeklärt ist dieser Abgang niemals worden, wahrscheinlich ist
der Koffer von einem Eingeborenen gestohlen worden, denn in Nairobi
mussten mehrere Kisten, da die Lastenwagen schon voll waren, in 3.
Klasse-Waggons gegeben werden, die nur von Eingeborenen besetzt sind.
Trotz der Telegramme, die der Stationsvorstand von Kisumu nach Nairobi
und den grösseren Zwischenstationen schickte, und trotz der späteren
Intervention des Gouverneurs Mr. Jackson war und blieb der Koffer
unauffindbar.

Mittags verliess der „Clement Hill“ unter schrillen Pfiffen der
Dampfpfeife den Hafen von Kisumu. Langsam windet sich das Schiff durch
einen Archipel grün bewachsener Inseln, die ihm in ihrer Menge fast
den Weg versperren, und wir fuhren bis zum Eintritt der Dämmerung,
um welche Stunde das Schiff Anker wirft. Es setzt erst wieder bei
Morgengrauen seine Fahrt fort, da die seichten Stellen des Sees an
der Nordküste im Dunkel der Nacht nicht ungefährlich sind. Da wir uns
bereits im Gebiete der Glossina palpalis, der die Schlafkrankheit
erregenden Fliege, befinden, sind wir doppelt vorsichtig, bevor wir
zu Bette gehen, und untersuchen die stark zerrissenen Moskitonetze,
ob sich nicht in irgend einer Ecke eine dieser gefährlichen Fliegen
während der Dämmerung Eingang zu verschaffen gewusst hat.

Der Viktoria-See hat eine Grösse von 83310 qkm (fast zweidrittel des
Adriatischen Meeres), seine Meereshöhe ist 1135 m, seine Tiefe sehr
ungleich, da oft neben seichten Bänken bis zu 100 m tiefe Stellen
zu messen sind. Das Wasser des Sees ist klar und süss und hat eine
leichte Strömung gegen Nord, dem Ausflusse des Nils zu. Der Hauptfluss
des Sees ist der aus vielen weitausgreifenden Armen zusammenfliessende
Kagera. Oskar Baumann hielt die Quelle des Rumuwu für die wahre
Nilquelle, während Graf Götzen dagegen den Njawarongo für den
Hauptfluss des Kagera in Deutsch-Ostafrika und damit des Nils hielt.
Ungefähr in der Mitte des nördlichen Ufers tritt aus dem Viktoria-See
bei Jinja der Nil aus, bildet bei einer Breite von ungefähr 150 m
und einer Höhe von 10 m die Riponfälle und windet sich durch grüne,
waldbestandene Ufer dem Norden zu. Von vielen Klippen schäumen noch
seine Wellen, auf den sandigen Bänken sonnen sich Krokodile, und die
Ufer sind zerstampft von den unförmlichen Füssen der Nilpferde.

Nicht ohne Ergriffenheit wanderten wir am Strome der Pharaonen, den wir
erst bei Nimule nach einem Hunderte von Meilen langen Lauf wiedersehen
sollten.

Am nächsten Tage mittags langten wir nach 28stündiger Seefahrt in
+Entebbe+, der Hauptstadt Ugandas, an. Bevor uns unser Leser auf
unserem weiteren Wege begleitet, ist es wohl am Platze, einige Daten
über dieses Land zu geben, dem unsere Forschungsreise galt.

Uganda war einer der bestorganisierten Eingeborenen-Staaten, als die
ersten Europäer, die Engländer Speke und Burton, bis zum Viktoria-See
vorgedrungen waren. Im Jahre 1862 entdeckte Speke, begleitet von
Grant, die damals als Quelle des Nils bezeichneten Riponfälle, nahe
dem Abflusse des Viktoria-Sees. Später wurde Uganda wiederholt von
Europäern besucht, so 1875 von Stanley, von 1876 an in mehreren
Expeditionen von Emin Pascha, 1886 von Junker u. v. a. Nach Stanley
kamen im Juli 1877 Vertreter der Londoner Church Missionary Society ins
Land, denen bald eine Abteilung der weissen Väter von Algier und eine
solche der Brüder des heiligen Josef folgten. Das Christentum machte
in Uganda, ebenso wie vorher der Islam, rasche Fortschritte, in der
Folge kam es aber zu starken religiösen Rivalitäten und Spaltungen,
die von blutigen Kämpfen begleitet waren. Im deutsch-englischen
Abkommen von 1890 wurde, trotzdem im selben Jahre Dr. Peters einen
Schutzvertrag mit dem König Muanga abgeschlossen hatte, Uganda der
englischen Interessensphäre überlassen, und im Jahre 1894 wurde
das „Uganda-Protektorat“ als besonderes britisches Schutzgebiet
proklamiert, das namentlich durch die Erbauung der Ugandabahn, mit der
man im Dezember 1896 begann, erschlossen wurde. Die Hauptstadt und der
Sitz des Gouverneurs ist Entebbe, das, etwas nördlich vom Aequator,
am Viktoria-See gelegen ist. 23 Meilen nördlich davon liegt auf sechs
Hügeln die Eingeborenen-Hauptstadt Kampala. Der Königshügel, „Mengo“
genannt, wird vom jungen König von Uganda, seinem Hofstaate und seinen
Ministern bewohnt. Entebbe und Kampala sind durch eine breite, bequeme
Strasse miteinander verbunden, auf der sogar wöchentlich zweimal ein
Automobil verkehrt. Von Kampala setzt sich die grosse Karawanenstrasse
nach Norden bis Butiaba fort, von wo aus man mit dem Dampfer Nimule
bequem erreicht.

Uganda wurde 1894 von der englischen Staatsverwaltung übernommen,
nachdem die „Imperial British East Africa Company“ die Räumung
Ugandas, über das die Gesellschaft seit 1890 ihre Tätigkeit ausgedehnt
hatte, wegen der fortwährenden religiösen Wirren und der nicht
genügend ausreichenden Mitteln, um das weit im Innern liegende Uganda
festzuhalten, beschlossen hatte. 1897 brach jene gefährliche Meuterei
der früheren sudanesischen Soldaten Emin Paschas aus, welcher Aufstand
erst nach äusserst erbitterten und verlustvollen Kämpfen im Jahre 1898
mit Hilfe indischer Truppen und Unterstützung von deutscher Seite
unterdrückt werden konnte. Die religiösen Wirren reichen noch weiter
zurück und es waren namentlich die Könige Mtera und sein Nachfolger
Mwanga oder Muanga, ein äusserst gefürchteter Tyrann, die tausende
von Eingeborenen unschuldig hinschlachten und 1885 auch den Bischof
Hannington und seine Gefährten ermorden liessen. Uganda hat für England
grossen strategischen Wert, gibt es doch die Verbindung längs des Nils
über Chartum zum Viktoria-See, und durch die sogenannte Ugandabahn in
Britisch-Ostafrika zur Küste des Indischen Ozeans mit Indien, falls je
der Weg durch das Rote Meer gesperrt sein sollte.

Der Boden im südlichen und westlichen Uganda ist ziemlich gut.
Es wird Kaffee, Zucker, Tabak, Baumwolle und Seide gepflanzt. An
Mineralschätzen ist nicht viel zu erhoffen, ausgenommen die grossen
Eisenlager in den bisher unerforschten Naqua- und Toburbergen, wo die
wilden Eingeborenen eine äusserst interessante primitive Eisenindustrie
geschaffen haben, auf die ich noch ausführlich zu sprechen komme.

Uganda zerfällt in die Zentral-, West-, Nil- und Ugandaprovinz. Unsere
Expedition galt der Zentralprovinz, die im Westen vom Nil, im Süden vom
Viktoria-See, im Osten von Kavirondo und im Norden vom Mont Debasien
und Kamalingagebirge begrenzt wird. Die englische Verwaltung reicht
im Norden nur bis zum Salisbury-See, die darüber hinausreichenden
Gebiete der Karamojo-, Naqua- und Toburstämme sowie der grösste Teil
des Acholilandes sind bisher noch unerforscht, und diese weiten Flächen
des inneren Afrika zu erschliessen, war eines der Hauptziele unserer
Expedition.




_AM VIKTORIA-SEE._

  _Ankunft in Entebbe / Besuche beim Gouverneur / Ein Ausflug nach
  Kampala / Im Gebiete der Glossina palpalis / Die Rikshaläufer / Beim
  König von Uganda / Ein Frauenmörder vor dem Eingeborenengericht
  / Ueber den See nach Jinja / Unser erstes afrikanisches Lager /
  Schlafkrankheit, Rückfallfieber und andere Krankheiten / An den
  Riponfällen / Regenzeit._


In Entebbe, der Hauptstadt Ugandas, wurden wir schon am Landungsplatze
von einem Abgesandten des Gouverneurs Mr. Jackson erwartet, der uns
die Mitteilung machte, dass die von uns noch benötigten Träger bereits
angeworben seien und dass uns der Gouverneur um vier Uhr nachmittags zu
empfangen wünsche (Tafel 2). Wir beeilten uns, unser Gepäck im Zollhaus
zu deponieren, quartierten uns im Hotel „Viktoria“ ein und fuhren dann
in einer Riksha zu dem auf einer Anhöhe mit prächtigem Ausblick auf
den See gelegenen Gouverneurpalais. Der Empfang, den uns Mr. Jackson
bereitete, war ein ungemein liebenswürdiger. Er war durch das englische
Kolonialministerium von unseren Absichten bereits unterrichtet worden
und gab uns aus dem reichen Schatze seiner 27jährigen Erfahrungen
ausserordentlich wertvolle Ratschläge; auch stellte er uns einen
offenen Brief für sämtliche englische Stationsbeamte und Offiziere
aus, in dem diese aufgefordert wurden, uns nach jeder Richtung zu
unterstützen. Am nächsten Tage, an dem wir beim Gouverneur zum Diner
geladen waren, legte er uns nahe, auf unserer Reise ja die Besteigung
des Elgon nicht zu unterlassen, den er selbst vor Jahren unter grossen
Schwierigkeiten erstiegen hatte. Die Schilderungen, die er von seiner
Expedition und der mächtigen Schönheit dieser afrikanischen Bergwelt
gab, waren so eindrucksvoll, dass wir ihm nach zwei Tagen schon
die Versicherung gaben, dass die Besteigung des Elgonkraters sowie
der bisher noch nicht bestiegenen Nord- und Süd-Spitze des Elgon
beschlossene Sache sei.

Unsere Ausrüstung wurde in Entebbe noch durch abermalige Anschaffungen
ergänzt, die diese Erweiterung unseres Reiseplanes nötig machte. Einen
Tag unseres Aufenthaltes verwendeten wir zu einem Ausflug nach Kampala,
für den uns Mr. Pordage von der British East Africa Corporation das
Automobil seiner Gesellschaft zur Verfügung stellte. Die gut gepflegte
Strasse führt zunächst durch einen kleinen Wald, in dem das Buschwerk
ausgeschlagen und am Rande der Strasse eine rote Flagge gehisst ist.
Wir befinden uns im Gebiete der Schlafkrankheit, und die rote Flagge
ist das Zeichen für das Verbot des Betretens. Diese fürchterliche,
fast immer tötlich verlaufende Krankheit hat schon Hunderttausenden
von Menschen das Leben gekostet, und es bedarf aller Anstrengungen,
um die Verheerungen, die die Glossina palpalis an den Eingeborenen
anrichtet, einigermassen einzudämmen. So hat die englische Regierung
auf den Inseln und an den Ufern des Viktoria Nyanza zahlreiche Dörfer
verbrannt und deren Bewohner anderswo angesiedelt. Den Hauptaufenthalt
der Fliege bildet das Buschwerk am Uferrand vieler afrikanischer Flüsse
und Seen, gewöhnlich aber nur in der Breite von 100 bis 150 Meter.
Man ist bemüht, die Fliege samt ihrer Brut durch Abbrennen dieser am
Wasserstrand stehenden Büsche zu vernichten, und am Viktoria-See ist
ausserdem das Betreten der Küstenstriche bei einer Strafe bis zu 1000
Rupien verboten. Der Reisende in Uganda darf der Glossina palpalis
wegen sein Lager nie unmittelbar an den Ufern der Gewässer aufschlagen.
Auch bei Einhaltung dieser Vorsichtsmassregel ist die Gefahr einer
Einschleppung noch immer nicht ganz geschwunden, da die eingeborenen
Träger von der Wasserstelle Trink- oder Kochwasser bringen, auch
unbekümmert um die Fliege ein Bad nehmen und dann oft von der Glossina
bis ins Lager verfolgt werden. Der Kapitän des „Clement Hill“ erzählte
mir, dass sogar schon in den Kabinen des Schiffes Exemplare der
Schlafkrankheitsfliege gefunden wurden, trotzdem die Dampfer auf dem
Viktoria Nyanza ihren Kurs weit vom Ufer nehmen und die Landungsstellen
in grossem Umkreise durch die obenerwähnten Vorsichtsmassregeln
gegen den Krankheitserreger geschützt sind. Die Glossina palpalis
ist etwas grösser als unsere Hausfliege, trägt einen lichten Ring um
den dunkelbraun gefärbten Leib und die Flügel meist nach rückwärts
gekreuzt. Sie fliegt nur untertags umher und verkriecht sich bei
eintretender Dunkelheit. Ein Serum gegen ihr Gift zu finden, ist trotz
aller Bemühungen deutscher und englischer Aerzte noch immer nicht
gelungen.

Gegenüber dieser Brutstätte der Schlafkrankheitsfliege zieht sich
längs der andern Seite der Strasse ein Urwaldstreifen hin, in dem eine
Unmenge von Vögeln flattert und zwitschert und viele Affen von Stamm zu
Stamm springen. Der Wald nimmt aber bald ein Ende, und an seine Stelle
treten weit ausgebreitete Sümpfe -- Swamps -- infolge deren auch die
Strasse schlechter und ausgewaschen wird.

Gegen Mittag kamen wir zu den Hügeln der Eingeborenen-Hauptstadt
+Kampala+, in der vor allem der imposante Bau der Missionsstation
mit ihrem gross angelegten Hospital die Aufmerksamkeit auf sich
zieht. Da in Kampala sich kein europäisches Hotel befindet, folgten
wir der liebenswürdigen Einladung des Direktors der afrikanischen
Seidengesellschaft, Herrn Heinrichs, eines Reichsdeutschen, und
nahmen bei ihm unseren Lunch ein. Dann fuhren wir in Rikshas auf den
Namirembe-Bagur, auf dem sich das von Dr. Cook und seinem Neffen
geleitetete Hospital erhebt. Die Riksha ist hier das landesübliche
Gefährte. Drei junge kräftige Eingeborene schieben es im Laufschritt
bergauf, während ein vierter vorn anzieht. Die Fahrt vollzieht sich
unter einem eigentümlichen litaneiartigen Gesange. Der vorne Ziehende
spricht ohne Unterbrechung in singendem Tone einen Schwall von Worten,
die von den drei rückwärts anschiebenden Eingeborenen mit „Jahere“ und
einem eine Quart tieferen „Mha“ begleitet werden. Der Beruf dieser
Rikshazieher ist sehr einträglich; länger als vier bis fünf Jahre
halten ihn aber die jungen Burschen nicht aus, die meisten sterben dann
an einem Lungen- oder Herzleiden.

[Illustration: _Entebbe_]

[Illustration: _Kampalla_

  _Tafel 2_
]

[Illustration: _König von Uganda Daudi Chwa_]

[Illustration: _Jinja_

  _Tafel 3_
]

[Illustration: _Blick auf den Viktoriasee mit Schlafkrankheitsgebiet_]

[Illustration: _In Einbäumen über den Mpologoma-See_

  _Tafel 4_
]

[Illustration: _Riponfälle_

  _Tafel 5_
]

Das Hospital, das wir nunmehr besichtigten, weist mustergiltige
Einrichtungen auf, die mancher europäischen Anstalt zum Vorbild
dienen könnten. Es ist nach dem Pavillonsystem erbaut und führt 130
Betten, ausserdem verfügt es über glänzend ausgestattete Laboratorien,
Instrumentenzimmer, Apotheke usw. Von Dr. Cook und seinem
Neffen werden hier jährlich gegen 3000 Patienten behandelt und zirka
1000 Operationen vorgenommen. Dr. Cook überliess meinem Reisebegleiter
Dr. Stigler einen Brillenkasten, so dass er, nachdem ihm ausserdem
auch noch von Dr. Hodges in Entebbe ein Mikroskop zur Verfügung
gestellt worden war, sich über den Verlust seines Koffers wenigstens
einigermassen trösten konnte.

Unser beabsichtigter Besuch beim König von Uganda musste an diesem Tage
unterbleiben, da schon um 6 Uhr nachmittags die Dämmerung einbrach und
wir uns -- mangels jeder Schlafgelegenheit in Kampala -- zur raschen
Rückfahrt entschliessen mussten.

Der nächste Tag war der letzte unseres Aufenthaltes in Entebbe.
Gouverneur Mr. Jackson hatte uns eine Speziallizenz für volle
Jagdfreiheit sowie ein Dokument für die Zollfreiheit unseres Gepäckes
ausgefolgt und auch noch die Beistellung von Askari zugesichert.
30 Träger waren in Kampala angeworben worden und 120 in Jinja, die
letzteren mussten aber von Mbale wieder zurückgeschickt werden, da sie
für den Weitermarsch durch unerforschte Gebiete zu schwach gewesen
wären. Ausserdem hatte ich in Entebbe noch einen Vogelpräparator --
einen Tierpräparator nahm ich schon aus Nairobi mit -- und einen neuen
Heatman aufgenommen, da sich bei dem bisherigen Anzeichen schwerer
Malaria zeigten, endlich noch einen Koch und einige Boys (Diener)
engagiert. Nachmittags verabschiedeten wir uns vom Gouverneur Mr.
Jackson, der uns in jeder Beziehung mit Rat und Tat zur Seite gestanden
war und dem wir daher zu ganz besonderem Danke verpflichtet waren.

Im kleinen Hafen von Entebbe liegt der Regierungsdampfer „Winifred“,
der am nächsten Morgen abfährt, und dort warb ich noch spät abends
einen grossen kräftigen Mugandamann namens +Simon+ als Dolmetsch an.
Er war in der Missionsschule erzogen, der englischen Sprache in Wort
und Schrift mächtig und hat mir späterhin, als ich meinen in Mombassa
engagierten Diener Combo Mohamed in Mbale wegen Diebstahles einsperren
lassen musste, recht gute und treue Dienste geleistet, weshalb ich ihn
auch über seinen Wunsch nach Europa mitnahm.

Die letzte Nacht in Entebbe brachten wir an Bord zu, und am nächsten
Morgen trat der „Winifred“ seine Fahrt nach Jinja an. Wir unterbrachen
sie aber in Kampala, um unseren geplanten und zwei Tage vorher
unterbliebenen Besuch beim König von Uganda zu machen, bei dem uns der
englische Provinzialkommissär bereits angesagt hatte. Zwei Rikshas
brachten uns nach der vom Hafen sieben Meilen entfernten Residenz
Daudi Chwas, der eingeborenen königlichen Hoheit, und dort wurden wir
zunächst vom Prinzen Josef und dem Minister Apollo empfangen. Der
mächtige Minister hielt eben unter Beiziehung des grossen Rates den
Vorsitz in einer Gerichtsverhandlung. Ein Eingeborener hatte seine Frau
ermordet und wurde nach Einvernahme vieler Zeugen zum Tode verurteilt.
Zehn Tage später wurde er in das Innere des Landes abgeführt und dort
das Todesurteil an ihm mit dem Speere vollstreckt.

Nach dieser interessanten Gerichtsverhandlung liessen wir uns von
Apollo und seinen Räten zum Könige führen (Tafel 3). Es ging zunächst
über einige Höfe, die durch hohe Umzäunungen voneinander abgetrennt
sind, an den Hütten der Leibwache vorüber bis zu einem hübschen
Parterrehause, in dem die junge Majestät residierte. Der 18jährige
König Daudi Chwa empfing uns auf das freundlichste, und wir mussten
auf den neben seinem Throne stehenden Fauteuils Platz nehmen. Die
Unterhaltung, die in englischer Sprache geführt wurde, betraf natürlich
in erster Linie unsere Reise. Bevor wir den König verliessen, ersuchten
wir ihn noch, eine photographische Aufnahme von ihm machen zu dürfen,
was er mit besonderem Wohlgefallen gestattete.

Dann ging es in der Riksha wieder zurück nach Kampala und zu unserem
Dampfer. Die im Laufschritt die Wagen ziehenden und schiebenden
Eingeborenen benötigten für den ganzen Weg von 11 Kilometern, der
ohne jede Rast zurückgelegt wurde, nicht mehr als 40 Minuten. An Bord
des „Winifred“ verbrachten wir den Abend noch in Gesellschaft der
kleinen in Kampala ansässigen deutschen Kolonie, und im Morgengrauen
des nächsten Tages führte uns der Dampfer nach +Jinja+, wo wir in der
Mittagsstunde eintrafen.

Jinja, die Hauptstadt der Zentralprovinz Ugandas, ist eine noch kleine
Ansiedlung, hat aber jedenfalls eine grosse Zukunft vor sich (Tafel
3). Sie liegt auf hügeligem Terrain und vermittelt namentlich den
Verkehr aus dem Innern der Zentralprovinz, teils von Mbale im Osten,
teils von Kiogaten im Norden her, wohin auch binnen kurzem die bereits
im Bau begriffene Eisenbahn führen wird. Es besteht auch schon das
Projekt einer Ausnützung der in der Nähe gelegenen Riponfälle zur
Erzeugung elektrischer Kraft, sowie der Anlage von Baumwollspinnereien
und anderer Industrien, so dass die Bedeutung dieses Ortes, in dem
sich heute neben den Eingeborenenhütten nur sehr wenige englische
Regierungsgebäude befinden, binnen kurzem sehr steigen wird.

Unser Dampfer legte an dem weit in den See hineingebauten Hafendamm
an, was uns bei der Ausladung unseres umfangreichen Gepäckes sehr zu
statten kam. Vom Regierungsbeamten, der uns bei der Landung erwartete,
war uns ein vom Hafen einen Kilometer entfernt gelegener Lagerplatz
angewiesen worden, auf dem sich auch eine grössere Hütte befand, die
sonst der Abhaltung von Gerichtsverhandlungen diente. Bei der Ausladung
und Ueberführung des Gepäckes auf den uns zugewiesenen Camp sorgten die
sechs Askari, die uns von hier aus bis Mbale zur Verfügung gestellt
wurden, schon sehr stramm für die Aufrechterhaltung der Ordnung und
Disziplin. Nachdem das ganze Gepäck untergebracht worden war, begannen
die Träger mit dem Aufschlagen der Zelte, die Boys stellten die Betten,
die Wasch- und Badeapparate auf, und nach wenigen Stunden konnten wir
unser erstes afrikanisches Lager beziehen.

Wir waren da angelangt, bis wohin der Reisende noch vor wenigen
Jahren in Mombassa eine grosse Karawane ausrüsten und eine bewaffnete
Eskorte bestellen musste. Dann trat er die Reise zum Viktoria Nyanza
erst recht noch mit dem Bewusstsein an, fast ein halbes Jahr lang
sich den Weg durch die Wildnis bahnen zu müssen, in der sich ihm eine
Fülle von Entbehrungen, Gefahren und Schwierigkeiten entgegenstellte.
Viele zogen aus, um lange vor dem Ziel wieder umkehren zu müssen oder
überhaupt nicht mehr zurückzukommen. Heute gelangt der Afrikareisende
ungefährdet und ohne Strapazen nach Jinja, und erst hier beginnen, wenn
er sich nach dem Norden wenden will, die Schwierigkeiten.

Leider hatten wir -- schon seit Nairobi -- fast täglich ausgiebigen
Regenfall, wodurch nicht nur der Boden vollständig durchweicht,
sondern auch die ohnehin mit Feuchtigkeit vollgesogene Seeluft noch
weniger zuträglich wurde. Dazu hat Jinja ein bekannt schlechtes
Klima, und das ganze Gebiet ringsum längs des Seeufers ist wegen der
Glossina palpalis gesperrt. Unser Lager wurde auch aus diesem Grunde
in ziemlicher Entfernung vom Seeufer aufgeschlagen. Es empfiehlt
sich hier auch stets, niemals alte Lagerplätze aufzusuchen, da diese
gewöhnlich den Sitz der Rückfallfieberzecke (Ornithodorus monbata)
bilden, die auf dem ganzen Wege von Jinja bis Mbale verbreitet ist und
deren Stich in den meisten Fällen tötlich wirkt, zum mindesten aber
schwere Augenentzündungen, Gesichtslähmungen und auch Erblindungen
zur Folge hat. Ausser dem Rückfallfieber und der Schlafkrankheit hat
man hier auch stets mit der Malaria und Dysenterie zu rechnen, und
es ist nötig, sich gegen alle diese Krankheiten mit der grössten
Vorsicht zu schützen. Es ist das Verdienst Dr. Stiglers und seiner mit
pedandischer Strenge vorgeschriebenen Massregeln, dass wir alle trotz
einiger vorübergehender Erkrankungen doch heil und gesund nach Europa
wieder zurückkehren konnten. Gegen die Uebertragung der Malaria durch
den Stich der Anopheles wandten wir, seitdem wir afrikanischen Boden
betreten hatten, das prophylaktische Rezept Professor Dr. Kochs an,
wöchentlich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin zu
nehmen. Der Gefahr der Dysenterie begegneten wir durch grösste Vorsicht
dem Wasser gegenüber. Unser einziges Getränk war von Jinja an nur
Wasser, oft in den schmutzigsten Farben, aber vor dem Genusse stets
durch Filz gefiltert und abgekocht. Es ist dies eine unerlässliche
Bedingung, die von vielen in Afrika lebenden oder reisenden Europäern
nach einer gewissen Zeit leider nicht mehr strenge eingehalten wird.
Ein sehr grosser Teil der Erkrankungen und Todesfälle an Dysenterie
ist dieser Nachlässigkeit zuzuschreiben. Ebenso wichtig ist auch die
Vorsicht bezüglich der Reinhaltung aller mit Speisen und Getränken in
Berührung kommenden Gefässe, und diese müssen daher immer mit kochendem
Wasser gewaschen werden.

Am Tage nach unserer Ankunft in Jinja versorgten wir uns mit einer
Menge von Tauschartikeln, deren wir für unsere weitere Reise nicht
entbehren konnten, und schufen uns vier Trägerlasten „Amerikani“ --
einen leichten, bei den Eingeborenen sehr beliebten Baumwollstoff --
an, ferner drei Lasten Eingeborenentabak, eine Last weisse und blaue
Perlen (70000 Stück), dann Messer, Spiegel, Eisen- und Messingdraht
und ähnliche Sachen, die die Neger gerne in Tausch nehmen. Ausserdem
ergänzten wir noch unseren in Nairobi angeschafften Vorrat an
Bordeaux-Wein und Champagner, die für den Fall von Erkrankungen
bestimmt waren, und nahmen einige Flaschen Whisky für unseren
abendlichen Tee mit. Spät nachmittags machten wir einen Ausflug zu den
nahegelegenen Riponfalls, die den Abfluss des Viktoriasees bilden und
früher fälschlich als Quelle des Nils gegolten haben (Tafel 5). In
einer Breite von 150 Metern stürzt eine enorme Wassermenge aus einer
Höhe von 10 Metern tosend und brausend über mächtige Felsen und gibt
inmitten der hügeligen Landschaft, des breiten Flussbettes mit seinen
Klippen, kleinen Inseln sowie den vielen Vögeln, den Krokodilen, die
die Flussufer beleben, ein schönes Naturschauspiel, das nicht aus der
Erinnerung schwindet.

Meine Absicht, in Jinja mit den kartographischen Arbeiten zu beginnen,
konnte ich erst am folgenden Tage verwirklichen, an dem mir heller
Sonnenschein auch eine astronomische Längen- und Breitenbestimmung
ermöglichte. Meinen Standort hatte ich in der Nähe eines alten,
dickstämmigen Baumes gewählt, unter dem der frühere, ob seiner
Grausamkeit bekannte Uganda-König Muanga Gericht gehalten hatte. Von
wilden Tieren zerrissen zu werden, Abtrennung der Hände und Füsse waren
gewöhnlich die Strafen für Schuldige und -- wohl auch für manchen
Unschuldigen. So hatten wir in Entebbe einen Eingeborenen gesehen, dem
Hände und Füsse abgehackt worden waren, weil er eine der vielen Frauen
des Königs entehrt haben soll.

In Jinja standen für uns, wie uns der englische Regierungsbeamte gleich
bei unserer Ankunft mitteilte, 150 Träger bereit. Da er uns aber
gleichzeitig auch sagte, wir sollten dieselben so rasch als möglich
von Jinja abmarschieren lassen, da sonst viele wieder davonlaufen
würden und sie auch ausserdem diebisch veranlagt seien, liess ich die
anderthalb Hundert sofort von Dr. Stigler untersuchen. Hierbei stellte
es sich heraus, dass ein grosser Teil dieser ziemlich schwächlichen
Leute, die vom Stamme der Busoga waren, Lues hatte, so dass nur eine
kleine, für uns viel zu geringe Anzahl von Gesunden übrig blieb. Am
nächsten Tage wurde uns daher abermals ein grösserer Trupp gebracht,
aus dem wir die Geeigneten auswählten, und so konnten wir schliesslich
110 Träger unter zwei Heatmans und den Askari mit einem Teil unseres
Gepäckes nach dem von Jinja 28 Meilen weit entfernten Jganga
abmarschieren lassen. In Jinja nahmen wir Abschied von dem Engländer
Donald Angier, einem ausserordentlich liebenswürdigen Gentleman, der
uns von Entebbe bis hierher begleitet hatte und uns in jeder Beziehung
behilflich war.

Tags darauf, es war der 27. November, verliessen auch wir mit den
Nairobiträgern das Lager, das infolge der fortwährenden Regengüssse
vollständig durchnässt und äusserst ungesund war. Bis Mbale trug
uns ein Deutscher, den ich in Kampala kennen gelernt hatte und der
schon viele Jahre in Uganda lebte, seine Begleitung an und war uns
bei Beschaffung der Lebensmittel, der Träger usw. schon in Jinja
recht hilfreich an die Hand gegangen. Beim Abmarsche wäre Dr. Stigler
bald verunglückt. Sein Maultier, das auf dem durchnässten Boden
ausrutschte, warf ihn ab und schlug mit aller Kraft gegen die linke
Hüfte Dr. Stiglers. Der Schlag aber wurde durch dessen breite Geldbörse
abgeschwächt, so dass der Unfall noch recht glimpflich verlief.




_AUFBRUCH DER KARAWANE._

  _Auf der Strasse nach Mbale / Mit Frau und Kind auf der
  Inspektionsreise / Zwei Elefantenwilderer / In Jganga / Zwischen
  Bananen- und Gummiplantagen / Der Strassenbauingenieur /
  Leopardenbesuche / Durch den Mpologama-River / Ein Nachtmarsch bei
  Mondlicht / Beginn der Berglandschaft._


Von Jinja aus marschierten wir zunächst in nordöstlicher Richtung.
Alles war in bester Stimmung, besonders wir Europäer, da nun nach
den sechs Wochen, die wir von unserer Heimat schon fern waren,
endlich die eigentliche Safari (Reise) in ein Gebiet begann, in dem
es keine Eisenbahn mehr gab, keine europäische Kultur, und in dem
wir vollständig auf uns selbst angewiesen waren (Tafel 6). Der Weg
führte uns auf ansteigendem Terrain durch Bananenanlagen, an vielen
Eingeborenen-Niederlassungen entlang, wo uns Männer und Weiber mit
einem kräftigen „Jambo!“ begrüssten. Unsere wackeren Nairobiträger
waren trotz der an 60 Pfund schweren Lasten auf ihren Köpfen und des
rutschigen, durchweichten Bodens, der ein sicheres Gehen fast zur
Unmöglichkeit machte, bei bester Laune und hörten nicht auf, zu singen
und zu lärmen. Bei Eintritt des Abends erreichten wir die erste Station
mit einem Rasthause. Wir benutzten dies jedoch nicht, sondern schlugen
mitten auf der Strasse unsere eigenen Zelte auf. Schon um 5 Uhr morgens
wurde zum Aufbruch geweckt, aber es währte noch zwei Stunden, bis
sich unsere Karawane in Bewegung setzte, an deren Spitze ich selbst
auf dem Maultiere ritt, das ich um den hohen Preis von 375 Rupien dem
Postmeister in Jinja abgekauft hatte. Das Tier sollte aber dafür nach
der Erklärung seines früheren Besitzers vollständig immun gegen den
Stich der Tsetsefliege sein und war ausserdem auch ungemein stark und
ausdauernd. Hinter mir marschierten vier Träger mit den Instrumenten
für die kartographischen Aufnahmen. Ursprünglich beabsichtigte ich,
schon von Jinja an eine genaue Karte des von unserer Expedition zu
durchziehenden Gebietes anzufertigen, ich konnte diesen Plan aber erst
von Mboa an -- eine Tagesreise von Mbale -- verwirklichen, da bis
dorthin das flache, mit hohem Gras besetzte und keinerlei Höhenpunkte
aufweisende Terrain Aufnahmen mit dem Phototheodoliten sehr schwierig
und zeitraubend gestaltet hätte. Da übrigens von dem Gebiete zwischen
Jinja und Mbale bereits Kartenskizzen vorlagen, hatte ich nicht viel
dabei verloren.

Die breite Strasse bis Mbale zeigt noch grossen Verkehr, und wir
begegneten auf ihr auch dem Provinzialkommissär von Jinja, der mit
Frau und Kind von einer Inspektionsreise zurückkehrte, er selbst auf
dem Zweirade, die Frau und das Baby in einer bequemen Riksha. Bald
darauf trafen wir wieder Europäer, die zwei bekannten Elefantenjäger
Moore und Johnson. Man hatte uns von diesen schon in Jinja erzählt und
uns gesagt, dass wir von ihnen vielleicht Auskünfte über die Gebiete
erhalten könnten, die wir bereisen wollten. Aus dem Gespräch mit ihnen
entnahmen wir aber bald, dass sie nur die Route zwischen dem Mont Elgon
und Mont Debasien kannten, auf der die alte Karawanenstrasse nach
Manimani führt und die für uns von keinem Interesse war. Die beiden
waren übrigens sehr niedergeschlagen, da man ihnen, wie wir später in
Mbale erfuhren, nicht weniger als 70 Paar Elefantenzähne konfisziert
hatte. Sie stammten von weiblichen Elefanten, und den Angaben der
beiden, dass sie das Elfenbein von Eingeborenen eingetauscht hätten,
schenkte man keinen Glauben. Man kannte sie schon zu gut als zwei
verwegene Wilderer, die keinen Augenblick zögern, ganze Herden
weiblicher Tiere zu vernichten, um sich in den Besitz des wertvollen
Elfenbeins zu setzen, das in diesen Gegenden bares Geld ist.

Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir mit den ersten Trägern bei
strömendem Regen +Jganga+, und erst um vier Uhr war der Rest der
Karawane hungrig und müde vor unserem Rasthause eingetroffen.
Dieses Rasthaus ist infolge des hier so häufigen Auftretens der
Rückfallfieberzecke mit grosser Vorsicht angelegt. Es erhebt sich auf
Holzsäulen, so dass der Fussboden der Hütte, die einigen Betten bequem
Raum gibt, ungefähr 1 m 20 cm über dem natürlichen Niveau gelegen ist.
Eine horizontale Blechabdachung der Säulen unter den Schwellen, auf
denen die Hütte gebaut ist, macht den Zecken das Eindringen in das
Wohnhaus unmöglich. Unsere Träger quartierten sich in den rings um das
Unterkunftshaus stehenden Strohhütten ein, die übrigens -- auch wegen
der Spirillumzecke -- fast alljährlich niedergebrannt und wieder neu
aufgebaut werden.

[Illustration: _Kigelia aethiopica auf dem Wege nach Mbale_]

[Illustration: _Mbale_

  _Tafel 6_
]

+Jganga+ ist eine grössere Eingeborenen-Niederlassung, in der sogar
einige Inder ihre Kaufläden errichtet haben, wo die notwendigsten
Lebensmittel sowie Tabak und billige Baumwollstoffe erhältlich
sind. Unsere Träger -- die in Jinja angeworbenen und hierher
vorausgeschickten Busogaträger hatten uns hier erwartet -- wurden
mit Mehl und Bananen versorgt, und auch wir Europäer liessen unsere
Konservenbüchsen verschlossen, da wir noch genug frische Eier, Hühner,
Milch und Schaffleisch zu kaufen bekamen.

Am nächsten Tag frühmorgens ging der Marsch weiter. Die breite Strasse
führte durch prächtige Bananen- und Gummiplantagen, überall kamen
wir zu Eingeborenendörfern, und die Träger erwiderten mit grosser
Lebhaftigkeit die Jamborufe, mit denen sie von den Eingeborenen
begrüsst wurden. Jinja ist mit Mbale durch eine Telegraphenleitung
verbunden, deren Säulen längs der Strasse in hohem Elefantengras stehen
und wegen der Feuersgefahr aus Eisen hergestellt sind. Hinter Jganga
sahen wir aber auch solche aus ungeschälten Baumstämmen, die den ganzen
Schaft hinauf Zweige vom üppigsten Grün getrieben hatten. Nachmittags
trafen wir in +Bugueri+ ein, wo wir vom Häuptling und seinem Staat
empfangen und mit Milch, Eiern und Hühnern beschenkt wurden. Gegen
Abend wurde abgekocht, und dann führten die Träger ihre Tänze auf,
die von eigenartigen Gesängen und vom Händeklatschen der Nichtsänger
begleitet wurden.

Der nächste Tag brachte uns eine angenehme Begegnung. Gegen die
Mittagstunde trafen wir mehrere Hunderte von Eingeborenen, die
eifrig an dem Bau der Strasse arbeiteten, Schotter herbeiführten,
am Unterbau beschäftigt waren und mit einer grossen Steinwalze die
neue Strasse ebneten. Der Leiter dieser Arbeiten war der englische
Strassen- und Brückeningenieur Fitzgerald von den Public Works, der
uns sehr liebenswürdig begrüsste und in sein provisorisch errichtetes
Rasthaus zum Lunch einlud. Wir hatten zwar vor, an diesem Tage noch
das anderthalb Meilen breite Wasser des Mpologama-River zu durchqueren
und bis Budaka zu gelangen, Mr. Fitzgerald bewog uns aber, gleich hier
unser Lager aufzuschlagen, da es bis zum nächsten Rasthause noch elf
Meilen waren und wir dies vor Anbruch der Nacht, unmöglich erreicht
hätten. Mr. Fitzgerald, der ein sehr angenehmer und weltgewandter
Gesellschafter ist, steht Mitte der Dreissiger Jahre und lebte schon
13 Jahre in Indien und Südafrika, hatte den Burenkrieg mitgemacht
und war seit fünf Jahren in Ostafrika und Uganda mit Strassenbauten
beschäftigt. Die ganze lange Zeit war er niemals in Europa gewesen und
-- fast immer allein mit seinen schwarzen Arbeitern -- weit entfernt
von dem Sitze der englischen Beamten. Er sah ausserordentlich frisch
und gesund aus, trotzdem er einmal an Malaria schwer erkrankt war und
seither wiederholt am Rückfallfieber zu leiden hatte. Auch stellte
sich bei ihm, wie er uns erzählte, eine oft sehr unangenehm werdende
Gedächtnisschwäche ein, die möglicherweise auch in der Einsamkeit, in
der er Jahr für Jahr hinbrachte, begründet sein mochte. Die Gegend ist
hier nicht besonders wildreich, da und dort zeigen sich Gazellen und
Büffeln, am häufigsten sieht man aber Leoparden, die in den letzten
fünf Nächten zweimal dem Lager Mr. Fitzgeralds einen Besuch abgestattet
hatten. Um fünf Uhr nachmittags kam der Häuptling mit seinen
Ministern und grosser Begleitung zu uns und brachte uns einen grossen
Bananenvorrat für die Träger, die auch an diesem Abende bis tief in die
Nacht hinein ihre wilden Tänze aufführten.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Mr. Fitzgerald, der uns
noch ein kräftiges Frühstück bot, und setzten unseren Marsch fort,
nach dem 6½ Meilen entfernten Mpologama-River, einem breiten, mit
dichtem Papyrus bewachsenem Swamp (Tafel 4). Da er nur eine schmale
Wasserstrasse für den Verkehr mit den Einbäumen offenlässt, und diese
nicht mehr als 20 Eingeborene fassen, dauerte die Ueberbootung unserer
grossen Karawane mehrere Stunden. Nach weiteren drei Meilen erreichten
wir das Terenia Rasthaus, beschlossen jedoch, da wir herrliches
Wetter hatten, in der Nacht bei Mondlicht weiterzumarschieren. Ein
Teil der Träger hatte sich dagegen gesträubt und zwei von ihnen
hatten, trotz der Aufsicht der Askari, die Lasten weggeworfen und
waren durchgebrannt. Ausserdem war einer der Nairobiträger, der etwas
zurückgeblieben war, von den Eingeborenen überfallen und seiner
Kleider sowie seines Messers beraubt worden. Da es inzwischen ein Uhr
nachts geworden war, machten wir Rast und unterhielten gegen etwaige
Leopardenüberfälle grosse Feuer. Wir schliefen in den Kleidern und
brachen schon um fünf Uhr morgens wieder auf. Nach zwei Stunden, die
wir auf leicht ansteigender Strasse durch reiche Baumwollanlagen
marschierten, bot sich uns plötzlich ein prächtiger Ausblick. Der
mächtige Elgon-Vulkan erhob sich mit seinen grünen Vorbergen in
der Morgensonne vor unseren Augen und stieg zu gewaltiger Höhe bis
in die Wolken empor. Nach dem tagelangen Marsch durch Busch- und
Steppengegend, war der Anblick dieser weitausgedehnten Berglandschaft,
die sich nun in solcher Nähe erstreckte, von tiefem Eindruck, und
unsere Blicke wanderten erwartungsvoll die Höhen hinan, die wir in
den nächsten Tagen bezwingen wollten. Da wir noch einen weiten Weg
vor uns hatten, hielten wir nur kurze Rast und erreichten um ½10 Uhr
vormittags Mboa, das auf einer Anhöhe gegenüber dem Kogonchoro (frecher
Weisser), dem grossen Vorberge des Elgon, liegt (Tafel 6). Der Ausblick
weitet sich hier noch mehr, und in der Ferne kann man, wenn auch
in etwas verschwommenen Umrissen, die westlich vom Elgon gelegenen
Bergriesen des Konkoro erkennen. Bis vier Uhr beschäftigte ich mich mit
kartographischen und astronomischen Aufnahmen, dann versuchten wir, die
Träger für einen Abendmarsch bis Mbale zu gewinnen. Die Eingeborenen
von Mboa, die sich uns näherten, sind grosse, starke Gestalten von
wildem Aussehen. Die Männer tragen um die Lenden einen Lederschurz,
die Weiber um die Hüften einen ihre Gestalt einzwängenden Gürtel aus
Baumrinde und einen aus langen Gräsern geflochtenen Schurz, der von dem
gewöhnlich ausserordentlich starken Bauch überhängt ist.




_AM FUSSE DES ELGON._

  _Die letzte Telegraphenstation / Im Anblick der Gebirgswelt /
  Trägersorgen / Englische Gastfreundschaft / Vorbereitung für die
  Elgonbesteigung / Der Abmarsch / Durch die Eingeborenendörfer /
  Einheimische Justiz / Der Aufstieg in die Felsen / Im Urwald / Die
  letzte Ansiedlung._


Ein dreieinhalbstündiger Marsch brachte uns am nächsten Tage nach
+Mbale+, der am Südabhange des Kogonchoro gelegenen letzten englischen
Station im Nordosten Ugandas. Eine gut gepflegte, von Gummibäumen
beschattete Strasse führt durch die Niederlassungen der Eingeborenen
an indischen Kaufläden und den Hütten der Askari vorbei zum höchsten
Punkte des Ortes, einer grossen Wiese, die uns vom Distriktskommissär
Mr. +Peryman+, der uns entgegengekommen war, als Lagerplatz angewiesen
wurde. Am Ende der Strasse liegt das Regierungsamtshaus (Boma) mit
einer Askariwache und hinter ihm in kreisförmiger Anlage die hübschen,
villenartigen Wohngebäude des Distriktskommissärs, seines Assistenten,
des Arztes Dr. Lionel Sells und des Polizei-Offiziers. Jedes Haus steht
in einer geschmackvollen Gartenanlage, und zwischen ihnen breitet sich
gepflegter Rasen und sogar ein Tennisplatz aus.

Das Klima von Mbale -- in der Eingeborenensprache Karungu genannt
-- ist trotz seiner 3800 Fuss hohen Lage über dem Meeresspiegel
sehr ungesund, und es ist namentlich die Malaria und die Beulenpest
verbreitet, an der in den letzten Wochen nicht weniger als 150, im
Verlaufe eines Jahres aber 3000 Eingeborene gestorben waren. Ich hatte
auch Gelegenheit, das Pestspital in Mbale zu besichtigen, eine einfache
Strohhütte, in deren Nähe die an Pest Verstorbenen in seichte Gruben
eingegraben werden. Nächtlicher Zeit werden sie von Hyänen, deren
Geheul die ganze Nacht hörbar ist, ausgegraben und aufgefressen. Um so
schöner ist aber das Landschaftsbild, das sich von Mbale und namentlich
von unserem Lagerplatze aus bot. Im Norden steigt, knapp hinter dem
Ort, der nach Westen fast senkrecht abfallende Kogonchoro aus der
Ebene auf, links von ihm liegt, seine Spitzen von Wolken gekrönt, der
mächtige Elgon oder Sabey, wie er von den Eingeborenen genannt wird,
und weiter nach Nordwest reiht sich Berg an Berg, denen kleine, bis
Mbale auslaufende Hügel vorgelagert sind, die im leuchtenden Grün ihrer
Bananenpflanzungen ein Bild der reichen Fruchtbarkeit dieses Bodens
geben. Ganz weit, in duftiger Ferne, sieht man den trotzigen Koloss des
3000 Meter hohen Konkoro oder Mont Debasien emporragen.

Die nächsten Tage galten nun der Vorbereitung der Elgon-Besteigung
(Tafel 7). Von Elgon wollten wir wieder nach Mbale zurückkehren,
um über Einladung Dr. Sells und Mr. Perymans das Weihnachtsfest in
ihrem Kreise zuzubringen und ausserdem die bis dorthin angelegten
Sammlungen zu verpacken und nach Europa zu schicken. Die genannten
Beamten überboten sich gegenseitig, uns nach jeder Richtung hin zu
unterstützen und Ratschläge zu erteilen. Die grössten Sorgen machte
uns die Trägerfrage. Alle Träger mit Ausnahme derer aus Nairobi
mussten zurückgeschickt werden, da sie für die weitere Reise und die
zu gewärtigenden Anstrengungen viel zu schwach waren. 60 Träger von
Mboa, 110 von Jinja sowie die sechs Askari und ihr Korporal wurden
in Mbale entlassen. An ihre Stelle sollten 250 starke und erprobte
Kawirondoträger treten, die über Auftrag Mr. Perymans für unsere
Expedition in Mumias angeworben werden sollten. Für die Besteigung des
Elgon genügten uns unsere Suaheliträger, die Boys sowie die Heatmans,
und einige Eingeborenenträger aus dem Elgonlande als Führer, da wir ja
nur das notwendigste Gepäck, Wäsche und warme Kleider, die Apotheke
und die wissenschaftlichen Apparate mitzunehmen gedachten. In Mbale
hatte ich übrigens noch einen energischen und erfahrenen Heatman in
dem Araber Abeidi Abdulla aus Mekka gefunden, der als Elefantenjäger
die durch ihre Wasserarmut und ihren Mangel an Lebensmitteln bekannten
Karamojogebiete gut kennen gelernt hatte, und der mir versprach, bis zu
meiner Rückkehr vom Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen. Auf
sein Anraten bestellte ich aus Kilimi im südlichen Karamojo dreissig
kräftige Esel, von denen jeder 200 Pfund trug. Dadurch ersparten
wir uns 90 Träger, was uns im weiteren Verlaufe der Expedition sehr
zustatten kam. Denn je tiefer wir in das noch unerschlossene Gebiet von
Uganda vordrangen, desto schwieriger war es, Träger zu finden, die uns
begleitet hätten. Man hatte zu viel von der Gefährlichkeit der Gebiete
gehört, die wir durchqueren wollten, und besass namentlich vor den sehr
feindseligen und hinterlistigen Naqua- und Toburstämmen grosse Angst.

In den vier Tagen unseres Aufenthaltes in Mbale war ich auch viel
mit den kartographischen und astronomischen sowie den täglichen
meteorologischen Aufnahmen beschäftigt, während Dr. Stigler stark
von den erkrankten Trägern in Anspruch genommen war, ausserdem aber
auch seinen rassenphysiologischen Studien oblag. Die Abende waren
wir abwechselnd bei Dr. Sells und Mr. Peryman geladen und genossen
im Innersten Afrikas eine Geselligkeit, die durch die Damen des
Hauses, die jungen und liebenswürdigen Frauen der beiden englischen
Beamten, noch einen besonderen Reiz gewann. Dr. Sells machte sich
erbötig, uns auf den Elgon zu begleiten, und auch Mr. Peryman wollte
sich uns anschliessen und beabsichtigte, mit seiner jungen Frau eine
Inspektionsreise durch die von uns zu passierenden Gebiete bis zur
Ugandagrenze zu unternehmen.

Der Elgonkrater ist von Mbale in fünf Tagereisen zu erreichen und
liegt auf der Wasserscheide des Viktoria- und Rudolf-Sees, ebensoweit
westlich vom Ostafrikanischen Hauptgraben als der Kenia östlich.
Der Elgon oder Sabey ist ein Bau aus vulkanischer Asche und festem
vulkanischen Gestein mit einem mächtigen Urwaldbestand, der sich
auf den Westabhängen in der Höhe von 2300 bis 3000 Meter hinzieht.
Viele Flüsse haben ihren Ursprung auf den Abhängen dieses Bergriesen,
einer -- der Suam -- entspringt im nordöstlichen Teile des Kraters
selbst und hat sein Bett westlich von der höchsten Spitze, Kaiser
Franz Josefspitze, in einer tiefen, wilden Schlucht des nördlichen
Kraterrandes gefunden.

Der Abmarsch von Mbale war auf den 7. Dezember festgesetzt. Leider
konnte Dr. Stigler mit Dr. Sells ihn erst zwei Tage später antreten,
da er sich eine ziemlich schwere Magenindisposition zugezogen hatte,
die sich jedoch infolge der Pflege, die ihm Dr. Sells in seinem
Hause angedeihen liess, bald wieder behob. Ich selbst marschierte
mit Mr. Peryman, dem Photographen, dem Präparator und ungefähr 60
Eingeborenen (30 Träger hatte ich Dr. Stigler zurückgelassen), am
festgesetzten Tage ab, und zwar zunächst bis +Bujobo+, wo wir unser
erstes Nachtlager aufschlugen. Von dort stieg ich am nächsten Morgen
auf schmalem Eingeborenenpfad den steilen vulkanischen Hügel Buwalesi
(1629 m) empor, der ausgezeichnete Punkte für meine kartographischen
Arbeiten bot und von dem aus sich ein herrlicher Ausblick auf die
zwischen dem Elgon und dem Kogonchoro gelegenen Zwischenberge öffnete.
Auffallend war der Reichtum an Schmetterlingen, den ich hier antraf
und von dem bisher sehr wenig zu spüren war. Auf dem ganzen Wege von
Jinja bis Mbale hatten mein zwölfjähriger Mohammedaner Amissi und der
Vogelpräparator Paulo, den ich aus Entebbe mitgenommen hatte, für meine
entomologische Sammlung nicht mehr als 600 Schmetterlinge aufbringen
können (Tafel 8).

Auf dem Wege zum Buwalesi fanden sich noch einige spärliche
Niederlassungen von Eingeborenen, die hier schwächliche, fast ganz
nackte Menschen von mittlerer Grösse sind. Die Männer tragen vorne
einen kleinen Schurz, die Weiber einen Grasgürtel und ausserdem -- eine
ethnologische Merkwürdigkeit, die ich nur im Elgongebiete antraf -- ein
gleichfalls aus Gras geflochtenes Glied, das die verheirateten Frauen
vorne tragen (Tafel 9).

Schon um 5 Uhr morgens verliessen wir am nächsten Tage unseren
Rastplatz und marschierten bis +Buhugo+. Zunächst ging es bergauf
und bergab durch die gewohnten Bananenpflanzungen, bis wir bald in
ein meilenbreites Tal niederstiegen, das vom Siroko durchflossen
ist, einem zur Regenzeit mächtigen Flusse, der aber, als wir ihn
überschritten, nur sehr wenig Wasser führte. Ueber ihn spannt sich eine
noch nicht lange bestehende Brücke, deren Decke aus 3 m langen, mit
Bast zusammengeflochtenen Bambusstämmen gebildet ist. Nun stieg das
Terrain fortwährend, bis wir endlich -- es war gegen 10 Uhr vormittags
-- Buhugo zu Gesicht bekamen. Wir wurden dort vom Häuptling und seinen
Ministern erwartet und mit den üblichen Geschenken -- einem Schaf,
Hühnern, Milch und Eiern -- bedacht. Ueber meinen Wunsch brachte er
mir auch noch Fische, die ich in den blechernen Spiritusbehältern
präparierte und aufbewahrte, und eine Menge ethnologischer Gegenstände.
Am Abend versammelte Mr. Peryman die Häuptlinge und Eingeborenen um
sich und hielt ihnen aufklärende und belehrende Vorträge.

Hier waren wir auch Zeugen der einheimischen Gerichtsbarkeit. Ein
Eingeborener hatte eine Ziege gestohlen und wurde von einem Askari ins
Lager gebracht. Hier legte man ihn auf den Bauch, band ihm die Füsse
und die auf dem Rücken gelegten Hände zusammen und schnallte ihn an
dicke Pfähle, die am Ende der Füsse und zwischen den Oberschenkeln in
den Boden getrieben wurden. Nun hätte ihm eine tüchtige Tracht Prügel
verabreicht werden sollen, aber Mr. Peryman liess des grausamen Spiels
schon ein Ende sein und gab den Schwarzen gegen das Versprechen frei,
nie mehr einen Diebstahl zu begehen. Ob der Pardonierte sich später
dieser Gnade würdig erwiesen hat, ist freilich sehr zu bezweifeln,
denn die Eingeborenen dieser Gegend sind wilde, verwegene Leute und,
wie uns Dr. Sells, der uns mit Dr. Stigler und den übrigen Trägern in
Buhugo eingeholt hatte, mitteilte, war das Gebiet noch vor zwei Jahren
vollkommen unsicher (Tafel 10).

[Illustration: _Eingeborene in Ketten_]

[Illustration: _Blick nach dem Kogonchoro_

  _Tafel 7_
]

[Illustration: _Bageshudorf in Bujobo_

  _Tafel 8_
]

[Illustration: _Landschaftsbild bei Bujobo_]

[Illustration: _Brücke aus Bambus über den Siroko_

  _Tafel 9_
]

[Illustration: _Unser Lager in Buhugu_]

[Illustration: _Blick von Buhugu gegen den Elgon_

  _Tafel 10_
]

[Illustration: _Senecio Johnstoni im Urwald des Elgon_]

[Illustration: _Lager, 3390 m hoch_

Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

  _Tafel 11_
]

[Illustration: _Bergeingeborener vom Stamme Batwa_]

[Illustration: _Aufstieg in den Felsen_

  _Tafel 12_
]

Am nächsten Morgen brachen wir zu gewohnt früher Stunde das Lager
ab und langten nach einstündiger Wanderung durch ansteigende
Bananenpflanzungen und an einigen Dörfern vorbei am Fuss des
Namugawehill an, eines Ausläufers des Elgon, der derart steil abstürzt,
dass ein Erklimmen für die Karawane fast unmöglich erschien. In einem
am Berg liegenden Eingeborenendorf machten wir Halt, um uns über
den Aufstieg zu beraten und von den Eingeborenen Auskünfte über die
Richtung einzuholen, in der der steile Abhang am ehesten erklettert
werden könnte. Das Ergebnis war, dass wir beschlossen, den Aufstieg
direkt durch die Felsen zu unternehmen, was allerdings ein heisses
Stück Arbeit war. Die Träger mussten sich mit ihren schweren Lasten
gegenseitig hinaufziehen und aufwärts schieben, die grösste
Schwierigkeit boten aber die Maultiere, die oft über meterhohe
glatte Felsblöcke emporgezogen werden mussten. Ueberdies hatten wir
noch unter der drückenden Hitze -- 38 Grad C. im Schatten -- zu leiden,
so dass es zwei Stunden währte, bis die ganze Karawane die Höhe
erreicht hatte. Oben angelangt stiegen wir nach kurzer Rast den Kamm
entlang bis zu einem Platze, der sich Masobu nennt und in der Höhe von
2285 m am unteren Ende des Elgon-Urwaldes liegt. Mitten zwischen Bäumen
und Gebüschen schlugen wir unsere Zelte auf, so dass unser Lager das
Bild eines malerischen Durcheinanders gab.

Am nächsten Morgen verliess uns Mr. Peryman, der am Fieber erkrankt war
und nach Mbale zurückkehrte. Wir anderen drangen in steilem Terrain
langsam gegen Nordosten vor. Bald nahm uns ein Wald mit enorm hohen,
alten Bäumen und dichtem, stellenweise undurchdringlichem Unterwuchs
auf. Vereinzelt zeigen sich Bambusstauden, sie werden aber immer
zahlreicher und schliessen sich zusammen, und nach einer Stunde stehen
wir mitten in einem ausgesprochenen Bambuswalde, der sich erst nach
einem weiteren einstündigen Marsche und nachdem wir einen kleinen
Bach mit klarem hellen Wasser überschritten hatten, langsam wieder
lichtet und den an seine Stelle tretenden Laubbäumen Platz gibt. Das
Bild wird nun bald ein total verändertes, und über uns wölbt sich in
dunkler Majestät der Urwald. Die Baumbestände werden immer dichter und
enger, Lianen winden sich in unendlichen Verschlingungen von Stamm zu
Stamm, und die buschige Untervegetation ist so hoch, dass sie fast
über unseren Köpfen zusammenschlägt. Die mächtigen Stämme sind von
dickem Moos und anderen Schmarotzerpflanzen bewachsen, und den Boden
überzieht ein grüner Polster von allen möglichen Farren und Kräutern,
in den der Fuss wie in einen Teppich tief einsinkt. Das Vorwärtskommen
ist hier eine schwere Arbeit, es ist ein unaufhörliches Kriechen,
Bücken und Ueberklettern der umgestürzten Baumstämme oder der mächtigen
Wurzeln, die oft und oft den Weg versperren. Dazu steigt das Terrain
unausgesetzt an. Gleich am Beginne des Urwaldes zeigten sich auf
einer kleinen Lichtung einige schlanke schöne Lobeliaceen, die sich
im Glanz des grellen Sonnenlichtes doppelt wirksam von dem violetten
Dämmerlichte abhoben, das ringsum den dichten Urwald füllte (Titelbild
und Tafel 11).

Stundenlang geht es nun Schritt für Schritt langsam vorwärts, und das
tiefe Schweigen versagt sogar auf unsere sonst so sangeslustigen und
lärmenden Träger nicht seine Wirkung, die stumm ihren Weg suchen.
Nur das Knacken und Brechen der Aeste ist zu hören und das zarte
Gezwitscher der kleinen prächtigen Nektarinen, die hier die ganze Fauna
ausmachen, sonst herrscht Totenstille und heiliges Schweigen.

Fünf Stunden lang währte dieser unvergessliche Marsch durch den Urwald,
dann wurde die Walddämmerung heller, der Baumbestand lichtete sich,
wir sind am oberen Ende des Urwaldes angelangt. Noch muss ein kurzer,
steiler Abhang überwunden werden, und wir befinden uns auf einem
terrassenartigen Plateau, auf dem wir, alle stark ermüdet, -- in der
Höhe von 3390 m -- das Lager aufschlagen. Es wurde rasch abgekocht,
und ich fand in der Nähe des Lagers einen günstigen Punkt für meinen
Theodoliten. Ich arbeitete, bis mich -- es war halb sechs Uhr geworden
-- derart fror, dass die Hände den Dienst versagten. Die Temperatur,
die schon mittags nur 10 Grad C. betragen hatte, war auf 4 Grad
gesunken, und am nächsten Morgen zeigte mein Minimum-Thermometer 2
Grad C. unter Null. Nach dem Abendessen begaben wir uns denn auch bald
zu Bette, nicht ohne vorher warme Wäsche angezogen zu haben. Meinen
braven Trägern, die an diesem Tage ganz Ausserordentliches geleistet
hatten, versprach ich als Zubusse zu ihren Mehlrationen einen Ochsen,
dessen Fleisch an sie bei der Rückkehr vom Elgon und sobald das Tier
heraufgetrieben wäre in diesem Kamp verteilt werden sollte (Tafel 11).

Von grossem Interesse war es, von unseren Eingeborenenführern zu
erfahren, dass es auch in dieser Höhe, und zwar nur eine Stunde von
unserem Lager entfernt, noch eine kleine Niederlassung von Eingeborenen
gebe. Ich erteilte den Auftrag, einige von diesen zu uns zu bringen,
und gegen Abend kam tatsächlich der Häuptling mit zweien seiner Leute
in unser Lager. Es waren ungemein scheue, mittelgrosse Menschen, mit
einem hemdartigen Ueberwurf bekleidet, Ohren, Hals und Arme reich mit
Eisenringen beschmückt, die Haare, die in schmalen Strähnen geflochten,
eingefettet und mit roter Erde bestrichen waren, über die Stirne
herabhängend, und in der Hand einen langen Speer, so dass diese Wilden,
die sich Batwa nennen, ein ziemlich kriegerisches Aussehen haben. Ich
beschenkte sie mit Amerikani, Messingdraht und Spiegeln, und namentlich
die letzten machten, nachdem sie darin ihr Ebenbild erblickt hatten,
starken Eindruck auf sie. Meiner Einladung, uns bis zur Spitze des
Elgon zu begleiten, gaben sie erst nach einigem Zögern Folge (Tafel 12).




_AUF DEM ELGON._

  _Der Aufstieg zum Krater / Das Lager im Kratergrund /
  Kältetemperaturen von 10–14 Grad / Eine Winterlandschaft /
  Bergkrankheit / Die Südwest- und Nordostspitze / Auf dem Gipfel /
  Fauna und Flora / Die bisherigen Expeditionen / Kaiser-Franz-Josef-
  und Jacksonspitze / Der Abstieg / Ein Nachtlager im Urwald /
  Die Bergeingeborenen / Der Aberglaube der Kawirondo / Bei den
  Anthropophagen / Zurück nach Mbale._


Am nächsten Morgen wollten wir schon um 6 Uhr aufbrechen, der
Abmarsch verzögerte sich aber um drei Stunden, da Dr. Sells, der
uns begleitete, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit verspürte.
Es ging nun fortwährend steil bergauf durch freies Terrain, so dass
wir ununterbrochen den Ausblick auf die vor uns sich erhebenden
Elgonspitzen hatten. Die Vegetation wurde immer ärmlicher, nur wenige
Bäume zeigten sich, die mit wirren grauen Bartflechten behangen waren,
und auch Doldenblütler in Mannesgrösse und Gräser wuchsen noch in
dieser Höhe. Die schöne Lobelia Stuhlmanni ist verschwunden -- über
3000 m hinaus gedeiht sie nicht mehr -- dafür ist aber da und dort die
prächtige Lobelia Deckeni und die Senecio Johnstoni vertreten. Langsam
nähern wir uns den steil abfallenden Felswänden einer Scharte, die
in uns die Erinnerung an die schönsten hochalpinen Gegenden Tirols
wachruft, und nach mühsamer Wanderung haben wir endlich die Felsspitze
erreicht. Ein unvergesslicher und unvergleichlich schöner Ausblick
öffnet sich hier. Vor uns liegt der fast kreisrunde +Elgonkrater+,
dessen äusserer Rand von einer beinahe geschlossenen Kette starrer
Felszinken gebildet wird, links von uns stürzen die Felsen nahezu
senkrecht in eine enge Schlucht ab, um sich auf der gegenüberliegenden
Seite ebenso steil, aber noch viel höher zu erheben (Tafel 13).

Vor uns liegt der riesige Krater, dessen Hintergrund von einer
Wolkenmauer verhüllt ist, während die Sonne ihren Purpur in das Innere
desselben streut. Zu Füssen des Berges brandet ein Meer von lichtem
Grün und goldstrahlenden Gipfeln der Berge, im Westen und Norden die
unendliche Steppe mit ihren grossen, silberglänzenden Wassertümpeln,
die noch von der Regenzeit geblieben sind und ein Passieren in dieser
Richtung unmöglich machen. Im Innern der Seele jubelten wir und priesen
uns glücklich, ein so schönes, in jungfräulichem Reiz prangendes Stück
Erde schauen zu können. Der tiefer liegende Kratergrund hat hügelige
Formation und ist auf den trockenen Plätzen stellenweise mit gelbem
Gras, auf den sumpfigen mit niederen Erikastauden bewachsen. In grossen
und kleinen Exemplaren sieht man ringsum die Senecio Johnstoni, die
wie eine Pflanzenform aus einer längst verschwundenen Erdperiode
anmutet. Mit ihren bis an Manneshöhe abgestorbenen und verdorrten
grauen Blättern, die den dicken Stamm umhüllen, haben sie von unserem
Standplatz aus gesehen beinahe etwas von einer menschlichen Gestalt
an sich und geben der ganzen Landschaft ein wunderbar seltsames und
märchenhaftes Aussehen.

In kurzer Rast geben wir uns dem mächtigen Eindruck dieser hart
am Aequator liegenden Bergwelt hin, dann nehmen wir unsern Marsch
wieder auf, und es ging anderthalb Stunden lang über meist sumpfigen
Boden abwärts in den Krater. Nächst einem Quellbache, Suam, in der
Höhe von 3828 m schlugen wir unsere Zelte auf (Tafel 14). Für die
kartographische Aufnahme des Kraters schienen mir zwei hochgelegene
Punkte geeignet, von denen der eine am Südwest-, der andere am
Nordostrande des Kraters lag. Nach Ansicht unseres Batwaführers
war die Südwestspitze die höchste, und wir beschlossen daher, ihr
am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten. Das Wetter war sehr
günstig, die kleine Regenperiode lag schon eine Woche hinter uns, und
wir waren während des Aufstieges zum Krater nur wenige Male unter
eine Strichregenwolke gekommen. Am Abend wurde die Kälte schon sehr
empfindlich, und wir schützten uns gegen sie, als wir zu Bette gingen,
mit Sweater, Wollhaube und zwei dicken, warmen Flanelldecken.

Als ich am nächsten Morgen um 6 Uhr erwachte, war ich sehr überrascht,
dass im Lager noch Totenstille herrschte und mein Boy, trotzdem er in
nächster Nähe zusammen mit dem Koch sein Zelt aufgeschlagen hatte,
erst auf mehrmaliges Pfeifen kam. Er trat zähneklappernd in mein
Zelt und meldete, dass draussen alles weiss und das Wasser in meinem
Leinenwaschbecken zu einem Eisklumpen gefroren sei. Obwohl mein Zelt
ein Doppeldach hatte und über meinem Bette -- diesmal zum Schutze gegen
die Kälte und nicht gegen geflügelte Eindringlinge -- das Moskitonetz
gespannt war, hingen an meinem Barte kleine Eiszapfen, als ob es mitten
im strengsten europäischen Winter wäre. Ich kleidete mich so rasch
als möglich an und trat aus dem Zelte, um mir die Winterlandschaft
zu besichtigen, ehe sie noch vor den Strahlen der Aequatorialsonne
verschwand. Ringsum war alles dicht mit Reif überzogen, das Gras,
das Zeltdach, die Senecien, alles war mit kleinen Eiskristallen
besetzt und glänzte in wunderbarem Weiss. Mein erster Blick galt dem
Maximum-Minimum-Thermometer, das deutlich 10 °C unter Null aufwies.
Auf eine solche Kälte waren wir nicht gefasst gewesen. Gouverneur
Jackson, dieser ausgezeichnete Gelehrte und liebenswürdige Förderer
meiner Expedition, hatte als zweiter Europäer den Elgonkrater bestiegen
und uns viel von diesem mit Schwierigkeiten aller Art verbundenen
Unternehmen erzählt, das 18 seiner Träger das Leben kostete, mit keinem
Wort aber erwähnt, dass er eine derart niedere Temperatur angetroffen
hätte.

Unsere Träger boten einen wahrhaft jammervollen Anblick. Die
Nairobileute hatten zwar jeder von mir eine warme Flanelldecke
erhalten, ausser ihnen waren aber noch ungefähr dreissig
Bergeingeborene bei uns, die statt der ihnen angebotenen Decken lieber
den dafür entfallenden Geldbetrag genommen hatten. Diese armen Teufel,
die nackt waren, froren nun ganz erbärmlich (Tafel 15). Aus einer Menge
hoher Seneciostämme hatten sie sich einen kreisförmigen Schutzwall
gegen den eisigen Wind errichtet und in der Mitte Tag und Nacht ein
grosses Feuer unterhalten, das ihre nackten Körper gegen die enorme,
ungewohnte Kälte schützen sollte. Ueberdies hatte eine grosse Anzahl
von ihnen die Bergkrankheit, und auch Dr. Sells, der sich schon am Tage
vorher nicht wohl fühlte, wies an diesem Morgen alle Merkmale einer
schweren Bergkrankheit auf und war unfähig, mit uns den Aufstieg zur
Südwestspitze zu machen. Wir übrigen Europäer brachen aber nach dem
Frühstück dorthin in Begleitung des Batwahäuptlings und einiger gesund
gebliebener Träger auf, die den Theodolit und die Stative trugen (Tafel
16).

Nach dreistündigem Marsche hatten wir eine Höhe von 4300 m erreicht,
und nach der Meinung des Häuptlings sollte ein leicht zu ersteigender
Felsklotz, der sich nun knapp vor uns erhob, der höchste Punkt des
Elgon sein. Von meinem Platz aus, wo ich den Theodolit aufgestellt
hatte, konnte ich aber konstatieren, dass der Batwamann unrecht
hatte und dass die höchsten Spitzen am gegenüberliegenden Ost-
und Nordostrande zu suchen seien. Fünf Stunden arbeitete ich nun
an meinen Aufnahmen, während Dr. Stigler auf einem in der Nähe
befindlichen Felsen physiologische Messungen an den Europäern und
Eingeborenen vornahm. Die Tagestemperatur betrug zwar 18 °C, aber es
wehte fortwährend ein scharfer, kalter Wind, so dass ich nach der
stundenlangen Arbeit an den Instrumenten grosse Ermüdung verspürte. Den
Aufstieg zu der uns gegenüberliegenden Nordostspitze bestimmten wir für
den nächsten Tag und traten dann den Rückweg ins Lager an.

Dort angekommen, sahen wir sofort nach Dr. Sells, der in recht übler
Verfassung war, weshalb wir seinen Wunsch, dass er am nächsten Tage den
Abstieg antreten wolle, auch gut begreifen konnten. Die Abendmahlzeit
nahmen wir im Zelte des Photographen Schwarzer ein, wo wir dann
noch eine Weile bei unseren Zigarren sassen und der Gesprächsstoff,
beherrscht von den gewaltigen Eindrücken dieses Tages, kein Ende
nehmen wollte. Für die Nacht hatten wir uns diesmal, gewitzigt durch
die Erfahrungen der vorangegangenen, wärmer ausgerüstet und gingen in
den Kleidern zu Bette. Wir hatten nämlich die Beobachtung gemacht,
dass die Kälte namentlich vom Boden aus auf uns eindringe, wogegen die
poröse, wenige Zentimeter dicke Korkmatratze, die in unseren leichten,
zusammenlegbaren Bettgestellen lag, nur sehr unzureichenden Schutz bot
(Tafel 17 und Tafel 18).

Der Abmarsch am nächsten Morgen war für 6 Uhr angesetzt, und wir
liessen uns daher schon um 5 Uhr wecken. Mein Boy trat pünktlich
um diese Stunde halberfroren in mein Zelt, und statt des üblichen
Morgengrusses reichte er mir ein 8 cm dickes Eisstück, das mehr sagte
als die beweglichste Klage über die Kälte. In meinem Thermometer war
die Quecksilbersäule bis tief unter den Zwölfteilstrich zurückgegangen.
Die Temperatur war also gegen den vorangegangenen Morgen noch mehr
gesunken und mochte schätzungsweise 15° unter Null betragen haben.
Genau konnte ich dies nicht konstatieren, da mein für die Tropen
hergestelltes Maximum-Minimum-Thermometer auf derartige Tiefstände
nicht eingerichtet war und nur eine Gradeinteilung bis 12° unter Null
besass. In unserem Lager herrschte heilige Ruhe. Da und dort sah man
einen der schwarzen Träger zähneklappernd mit den Händen herumschlagen,
um sich zu erwärmen, und statt des gewohnten „Jambo, jambo!“ riefen sie
mir „Baridi, baridi!“ (kalt, kalt) zu.

[Illustration: _Blick in den Krater_]

[Illustration: _Westeinstieg in den Krater_

  _Tafel 13_
]

[Illustration: _Lager im Elgonkrater_]

[Illustration: _Lager im Elgonkrater_

  _Tafel 14_
]

[Illustration: _Das Lager meiner Träger_]

[Illustration: _Blick in den Krater_

  _Tafel 15_
]

[Illustration: _Jacksonspitze (4311 m)_]

[Illustration: _Jacksonspitze (4311 m)_

  _Tafel 16_
]

[Illustration: _Blick von der Jackson-Spitze in den Krater_]

[Illustration: _Blick gegen die Kaiser-Franz-Josef-Spitze_

  _Tafel 17_
]

[Illustration: _Blick auf einen Senecienwald im Krater_]

[Illustration: _Der Krater_

  _Tafel 18_
]

[Illustration: _Senecio Johnstoni in der Höhe von 4300 m_]

[Illustration: _Der Verfasser bei der Arbeit mit dem Theodolit auf der
Jacksonspitze_

  _Tafel 19_
]

[Illustration: _Kaiser-Franz-Josef-Spitze (4382 m)_]

[Illustration: _Blick von der Kaiser-Franz-Josef-Spitze in den Krater_

  _Tafel 20_
]

Nach dem Frühstück wurde sofort aufgebrochen. Der Weg, den wir in
der Richtung nach Nordost einschlugen, führte uns bald in dichtes
Sumpfgras, so dass unsere Maultiere oft bis über den Bauch einbrachen
und sich mit ängstlichem Schnauben aus dem Sumpf herausarbeiten
mussten. Durch ein tiefes Tal hindurch, in dem sich nach Angabe
unseres Führers der Suamfluss sein Bett in nördlicher Richtung sucht,
gelangten wir endlich an den Abhang der Nordostspitze. Der weitere
Marsch wurde nun sehr beschwerlich. Steil bergauf über glatte Felsen,
über die wir auf allen Vieren kriechen mussten, ging es bis zum Fusse
eines ungefähr 150 m hohen Felskolosses, der die höchste Spitze des
nordöstlichen Kraterrandes des Elgon darstellt, 4382 m (Tafel 19). Da
ein kartographisches Arbeiten von dieser Spitze aus unmöglich war,
wählte ich als Standplatz für meine Apparate den etwa 150 m tiefer
liegenden, sich weit nach Westen erstreckenden Kamm, von wo aus sich
ein herrlicher, umfassender Ausblick über den ganzen Krater bot.
Gegen Nordost breitete sich das Wasserbecken des Sugota-Sees aus, im
Norden stieg eine Menge kleiner Bergkegel direkt aus der Ebene empor,
im Nordwest erheben sich die mächtigen Bergrücken des Konkoro (Mont
Debasien) und Tepes, und in weiter blauer Ferne dehnten sich die
Gebirgszüge von Naqua und Tobur, die Ziele unserer Forschungsreise,
von denen uns noch lange Tage mühevollen Wanderns durch Busch und
Steppen trennten. Unser Plan war, diese von Europäern noch nicht
betretenen Gebiete von Mbale aus längs des Ostabhanges des Tepes und
um diesen herum in westlicher Richtung zu erreichen. Der Blick von dem
Elgongipfel zeigte uns aber, dass sich auf dieser Strecke zwischen
Elgon, Konkoro und Tepes Sumpf an Sumpf reihte, deren Durchdringen
für meine Karawane von 200 bis 300 Menschen jetzt, in der Zeit nach
der Regenperiode, als ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen musste.
Wir fassten daher schon jetzt beim Anblicke dieser unzähligen
Wasserspiegel, die tief unter uns in der Sonne blitzen, den Entschluss,
die ursprüngliche Route, die uns anfangs nach Osten geführt hätte,
aufzugeben und den Weg westlich vom Konkoro und Tepes zu nehmen.

Während ich an meinen Aufnahmen arbeitete, versuchte Dr. Stigler in
Begleitung seines Boys und eines Trägers von der Nordseite aus eine
Besteigung des vor uns liegenden Felsklotzes. Er stiess aber auf
solche Schwierigkeiten, dass er wohl selbst als geübter und bewährter
Hochtourist sie hätte bewältigen können, nicht aber seine schwarzen
Begleiter. Er versuchte es nun von der Südseite aus, und hier gelang
der kurze Aufstieg, den nun auch Photograph Schwarzer mitmachte, ohne
grosse Anstrengung (Tafel 20).

Um 4 Uhr nachmittags beendete ich meine Arbeiten, verpackte die
Apparate und verliess, durchfroren von dem eiskalten Nordwinde, in
der Höhe von über 4300 Metern, die Spitze. Es war schon halb acht Uhr
abends, als ich im Lager eintraf. Dr. Stigler, Schwarzer und ihre
Träger kamen erst drei Stunden später. Sie waren, ohne im Besitz eines
Lichtes zu sein, von der Dunkelheit überrascht worden und hatten sich
fast schon dazu entschlossen, im Freien zu kampieren, was sie aber
angesichts der Gefahren der furchtbaren Nachtfröste zum Glück doch
noch unterlassen hatten. Bei dem kärglichen Scheine glimmender dürrer
Blätter, die der Führer durch fortwährendes Anblasen in Glut erhielt,
fanden sie ihren Weg weiter und kamen erst spät nachts ins Lager; Dr.
Stigler, der in einen Sumpf geraten, war über und über mit Schmutz
bedeckt.

Eines unserer Reiseziele war nun unter ziemlichen Mühen erreicht
worden, der Elgongipfel erstiegen, der Krater und seine Abhänge
kartographisch aufgenommen und dieser mächtige afrikanische Vulkan am
Aequator in jeder Beziehung erforscht worden. Die Tierwelt ist auf
der Höhe des Elgon nur sehr spärlich vertreten. Hie und da zeigte
sich die Fährte einer Gazelle, einigemal lief uns ein aufgeschreckter
Hase über den Weg, und an geflügelten Wesen waren nur einige graue
kleine Vögel (Cisticola Kmunkei)[1] zu sehen. Unsere steten Begleiter
blieben aber, selbst bis zur höchsten Spitze, die Raben, deren
Krächzen oft der einzige Laut in der Stille der Bergwelt war. Auch für
meine entomologischen Sammlungen bot sich hier nur geringe Ausbeute,
die in einigen Schmetterlingen und schwarzen Käfern bestand. Um so
reichhaltiger ist dafür die Flora dieses Berges. Während in Europa
in der Höhe von 4000 Meter jedes Pflanzenleben schon längst ein Ende
gefunden hat, wachsen im Krater des Elgons Hunderte der schönen
Senecio Johnstoni, die hier mit ihren breit ausladenden, mächtigen
Blätterkronen eine Höhe von sechs Meter erreicht und deren Stammdicke
einen Durchmesser bis 68 cm aufweist. Im unteren Teile sind die
Stämme stark zerrissen und gerillt, im oberen bis zur Abzweigung der
Blätterkronen mit abgestorbenen grauen Blattresten besetzt, während
die frischen Blätter eine graugrüne Farbe haben. Sie unterscheiden
sich merklich von den wenigen, viel kleineren Exemplaren, die wir im
Elgon-Urwald antrafen und deren Blätter von einem viel kräftigeren,
saftigeren Grün sind. Dieser Unterschied dürfte seine Hauptursache in
den grossen Differenzen haben, die auf dem Gipfel des Elgons zwischen
den Tag- und Nachttemperaturen liegen. Fast die ganze Fläche des
ungeheuren Kraters, der 11 km im Durchmesser misst, ist ausserdem,
wie schon erwähnt, von Grasarten bedeckt, von einem gelben, steifen
Büschelgras mit rundem Querschnitt auf den trockenen Stellen, und auf
dem Sumpfboden von grauen, oft bis zu einem Meter hoch wachsenden,
erikaähnlichen Stauden, die sehr dicht stehen und das Gehen ungemein
behindern. Die seltenen Vertreter der Flora der äquatorialen Bergriesen
Afrikas, wie Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und Senecio
Johnstoni, sind durch die prächtigen Bilder des bekannten Werkes über
die Besteigung des Ruwenzori durch die Expedition des kühnen Forschers,
des Herzogs der Abruzzen, näher bekannt geworden. Mir war es als erstem
Europäer möglich, ausser den Schwarz- auch gute Autochromaufnahmen
dieser herrlichen Pflanzen zu bringen, die für die Wissenschaft so
manches wertvolle Detail festhalten. Waren bisher die Berliner,
Londoner und Pariser Universitäten im Besitze von Bruchstücken dieser
seltenen Vertreter der afrikanischen Flora, so gelang es mir, unter
Beobachtung ausserordentlicher Vorsicht, komplette Exemplare von jeder
dieser Pflanzen aus gewaltiger Höhe in Zentralafrika bis nach Europa
in tadellosem Zustande zu bringen und unserer Wiener sowie der Pester
Universität zum Geschenke machen zu können.

Vor uns war der Elgonkrater von fünf Expeditionen erreicht worden, und
zwar von den Engländern Oberst Macdonald, von dem jetzigen Gouverneur
von Uganda, Harry Jackson, dem Kapitän Ormsby, Cook and Newland und
schliesslich von einer französischen Gesellschaft. Von der Expedition
Ormsbys hatten wir sogar an der Nordostecke des Kraters, bevor der
Einstieg in die Felsen beginnt, noch Ueberreste gefunden, und zwar --
eine leere Whiskyflasche, die am Stamm einer alten Senecio Johnstoni
in Manneshöhe angebunden war und uns so einen handgreiflichen Beweis
dafür bot, dass auch schon in dieses Reich der tiefsten Einsamkeit der
Mensch mit seiner Kultur vorgedrungen war! Die höchste Nordspitze von
4382 m war aber vor uns von Europäern noch nicht erstiegen worden,
und der Moment dieser Erstbesteigung wurde auch -- nach unseren
Vorbereitungen -- genau festgehalten. Ich hatte nämlich in Mbale vor
unserer Abreise veranlasst, dass der Elgon zur Zeit unserer Expedition
dorthin unter steter Beobachtung bleibe, damit in dem Augenblick, da
wir die Spitze erreicht haben würden, für welchen Fall wir vereinbart
hatten, grosse Feuer anzulegen, Huldigungstelegramme an Kaiser Franz
Josef und an Gouverneur Jackson abgesandt werden sollten. Ausserdem
suchten wir sowohl beim Monarchen, als auch beim Gouverneur um die
Bewilligung an, die höchste Spitze Kaiser-Franz-Josefspitze und die
zweithöchste Jacksonspitze zu taufen. Diese Benennungen wurden auch
auf telegraphischem Wege sofort bewilligt.[2]

Am nächsten Morgen, den 16. Dezember, begannen wir den Abstieg vom
Elgon. Es wurde jedoch Mittag, bis wir aufbrechen konnten. Ein grosser
Teil der Träger war infolge der ungewohnten Kälte geradezu erkrankt und
sass ganz apathisch bei den grossen Lagerfeuern, ohne auf die Befehle
des Heatmans zu achten. Wir mussten grösste Nachsicht üben und uns
in Geduld fassen, da die Leute zu allem Ueberflusse auch noch seit
vollen vierundzwanzig Stunden keine Nahrung mehr erhalten hatten. Dr.
Sells, der die Besorgung der Lebensmittel übernommen hatte, vergass,
wahrscheinlich infolge seines üblen Zustandes, rechtzeitig Auftrag
zu geben, dass diese aus dem Tale heraufgeschafft werden sollen.
Stumm und verdrossen machten sich die Träger endlich auf den Weg.
Dr. Stigler erklärte, mit einigen Eingeborenen noch ein paar Stunden
im Krater bleiben zu wollen und erst später nachzukommen, um seine
physiologischen Beobachtungen an den Batwa fortsetzen zu können.
Ich selbst hielt mich auch noch knapp unter den Felsabstürzen des
Kraterrandes auf, wo einige besonders prächtige Exemplare der Lobelia
Deckeni und Senecio Johnstoni standen (Tafel 22). Sie wuchsen auf
schwarzem, stark durchnässtem Humusboden, und das Ausgraben gab viel
Arbeit, da sich die Wurzeln weit verzweigen. Die Lobelia, die in voller
Blüte stand, trägt an dem ca. 2 m hohen zylindrischen Stamm im unteren
Teile grössere violette Blüten in schräg abstehenden Laubblättern,
im oberen Teil spitze, sparrig abstehende, tütchenförmige, gelbgrüne
Deckblätter. Der Stamm ist hohl wie ein Rohr und von einer
schmutziggelben Flüssigkeit erfüllt. Die Wurzel läuft vollständig
horizontal und ist, ebenso wie der Stamm, sehr zerbrechlich, weshalb
die Hacken und Schaufeln mit aller Vorsicht angewendet werden mussten.
Nachdem noch eine Reihe von Chromo- und Schwarzaufnahmen dieser
seltsamen Gebirgspflanze gemacht worden waren, ging es wieder vorwärts.
Da sich die Träger in der Sonne und unter der Last der Gepäckstücke
schon erwärmt hatten, kam bald das alte lärmende Leben in die Karawane,
und wir erreichten rasch den Platz, auf dem wir vor vier Tagen unser
letztes Lager vor der Ankunft im Elgonkrater aufgeschlagen hatten.
Etwas später kam auch Dr. Stigler mit den restlichen Trägern nach.
Dr. Sells, der uns hier erwartete, hatte sich von der Bergkrankheit
noch nicht gänzlich erholt, fühlte sich aber doch schon wohler. Mit
grosser Freude wurde es begrüsst, dass die Lebensmittel und auch der
versprochene Ochse bereits heraufbefördert waren, und nach Aufstellung
der Zelte gingen die Träger sofort an das Abkochen und liessen sich
nach der überstandenen Hungerzeit die reichliche Kost trefflich munden.

Tags darauf entliessen wir den Batwahäuptling und seine Begleiter,
nicht ohne sie vorher beschenkt zu haben, und marschierten rüstig
bis zum Abend. Die Nacht wollten wir im Urwald zubringen (Tafel
23). Wir schlugen zwar unser Lager auf einer Lichtung -- in der
Höhe von 2800 m -- auf, trotzdem mussten aber noch sämtliche Träger
mit Hacken, Krampen und Messern den dichten Unterwuchs und einige
kleinere Bäume beseitigen, um für unsere Zelte einigermassen Platz
zu schaffen. Die Luft war schwer, mit Feuchtigkeit geschwängert und
von dem Fäulnisgeruch vermodernder Urwaldriesen erfüllt, das Bild
dieses Lagerlebens mitten im Urwalde wird uns aber in unvergesslicher
Erinnerung bleiben. Die Eingeborenen lagen an grossen Feuern, die sie
angemacht hatten, und rings um uns und über unseren Köpfen wob sich die
dichte Wirrnis der von Lianen umschlungenen Aeste und Zweige, umgab uns
märchenhaftes, geheimnisvolles Dunkel, das wie drohend den durch unsere
Feuer erhellten Lagerplatz einschloss.

Am nächsten Tage vereinbarte ich mit Dr. Stigler, dass er mit den
Trägern bis zum Kamp Masobu vorausmarschieren und mich dort erwarten
solle, da ich den Aufenthalt im Urwalde nicht vorübergehen lassen
wollte, ohne so viel wie nur möglich für meine botanischen Sammlungen
zu gewinnen. In der Nähe des Lagers liess ich zwei schöne Exemplare der
Lobelia Stuhlmanni ausgraben, die, ebenso wie Lobelia Deckeni und die
Senecio, für die Universitäten in Wien und Budapest bestimmt waren,
und tags darauf hielt ich mich längere Zeit im Bambuswalde, in dem wir
nun wieder angelangt waren, mit botanischen Arbeiten auf, so dass es
bereits Nacht geworden war, als wir in Masobu eintrafen.

Die Lobeliaceen gehören in die Familie der Campanulaceae
(Glockenblumengewächse), die Senecio in die Familie der Compositae
(Korbblütler). Die Lobelia Stuhlmanni kommt im Urwald des Elgon,
und zwar meist auf kleinen Blössen desselben, in Höhen von 2500 bis
3000 Meter vor, die übrigen afrikanischen Bergriesen, als Kenia,
Kilimandjaro und Ruwenzori, zeigen ebenfalls diese prächtige Pflanze,
die auf letzterem sogar bis 4000 Meter Höhe, so weit der Urwald
reicht, vorkommt. Die Lobelia Stuhlmanni wächst wie eine Dracaena,
hat schwertförmige Blätter, von denen die unteren absterben und an
dem ausserordentlich schlanken, wenige Zentimeter im Durchmesser
zählenden holzigen Stamme kleine Erhöhungen zurücklassen. Der Stamm
zeigt eine selten glatte Oberfläche, wächst bis über 6 Meter senkrecht
in die Höhe, und die üppige saftig-grüne Blätterkrone gibt der
Pflanze, die meist in mehreren Exemplaren an einem Platze auftritt,
ein charakteristisches Aussehen. Aus der Mitte der Blätterkrone steigt
ein bis 1 Meter hoher Kolben, der die Blüten trägt, die von kleinen,
grünen Blättern verdeckt sind. Die Farbe der Blüten ist blass-grün und
soll später -- nach Johnston -- rot werden. Die Wurzel der Lobelia
Stuhlmanni ist sehr klein und weit verzweigt. Die bereits beschriebene
Lobelia Deckeni kommt am Elgon nur in der Höhe von 3000–4000 Meter auf
nassen Stellen vor, wo es weder Urwald noch offene Ericaceaen-Wälder
gibt.

Die von mir mitgebrachte Lobelia Stuhlmanni, Lobelia Deckeni und
Senecio Johnstoni wurden unter Leitung unseres hervorragenden
Botanikers Hofrat Professor Dr. Richard Ritter von Wettstein in Wien
präpariert und im botanischen Garten der Wiener Universität zur
Aufstellung gebracht.

Zu meiner unangenehmen Ueberraschung war in Masobu weder ein
Lagerfeuer noch irgend ein Träger zu sehen, der uns gesagt hätte,
wo sich unsere Karawane befand, und es blieb uns nichts anderes
übrig, als in der stockdunklen Nacht weiterzumarschieren. Zum Glück
hatte der Wald schon sein Ende erreicht, und wir stiegen auf einem
schmalen Eingeborenenpfade längs des zu unserer Linken senkrecht
abstürzenden Bergkammes über glatte Felsen abwärts. Nach einstündigem
Marsche erblickten wir in der Ferne Lichter, die nur aus unserem
Lager herrühren konnten, und bald darauf kamen uns auch zwei Träger
mit der Nachricht entgegen, dass Dr. Stigler tief unten am Fusse des
Namugawehill lagere.

Er hatte Dr. Sells, der trachtete, so rasch als möglich aus den Höhen
herunterzukommen, in Masobu, unserem vereinbarten Lagerplatze, nicht
angetroffen, daher den Marsch fortgesetzt, da dort keine Lebensmittel
für die Träger aufzutreiben waren, und angenommen, dass ich vor
Einbruch der Nacht schon nachkommen dürfte. Nach einer weiteren Stunde
beschwerlichen Abstieges über die glatten Felsen, die besonders unseren
Maultieren gefährlich waren, da sie bei dem geringsten Fehltritt in die
Tiefe kollern mussten, erreichten wir endlich das Lager, das inmitten
von Bananenpflanzungen auf einer kleinen Wiese aufgeschlagen wurde.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler die Eingeborenen auf,
die hier in einer ziemlich stark bevölkerten Niederlassung leben. Es
sind grosse, kräftige, aber sehr scheue Menschen, die bei unserer
Annäherung davonliefen und erst durch Geschenke, die wir ihnen
überreichten, zutraulicher wurden. Schliesslich erhielten wir von
ihnen im Tauschwege noch kleine ethnologische Gegenstände (Tafel 65).
Die Kinder und die jüngeren Männer sind splitternackt, die älteren
tragen einen kleinen Lederschurz, während die Weiber bis auf einen
dünnen, aus Gras geflochtenen, zwischen die Beine gezogenen Schutzfleck
auch einhergingen, wie sie Gott erschaffen hat (Tafel 24). In der
Unterlippe haben sie ein Loch, durch das sie von der Innenseite einen
Stein oder ein eigentümlich geformtes Holz stecken. Auch in den
Ohren tragen sie ein rundes, nach aussen vasenförmig ausgehöhltes
und mit Fett gefülltes Stück Holz als Schmuck. Die Hütten dieses
Eingeborenen-Dorfes bestehen aus zwei konzentrisch angelegten, nach
oben zulaufenden Graswänden, in denen zwei Eingänge angebracht sind,
die sich jedoch nicht decken, so dass man nach der ersten Oeffnung
noch ein Stück zwischen den beiden Wänden zur zweiten kriechen muss.
Die Oeffnungen sind nur einen halben Meter hoch, und man muss sich
daher auf allen Vieren vorwärts bewegen, um in das Innere der Hütte
zu gelangen. Der Stamm der Bageshu -- dies der Name der Eingeborenen
-- ist sehr ausgebreitet und bevölkert die Hügel und Schluchten des
südwestlichen Elgon-Abhanges. Er teilt sich in viele Gruppen und
Untergruppen, die je einen Hügel besetzen und jede ihren eigenen
Häuptling haben. Sie sind von einander aber vollständig abgeschlossen,
und keine Gruppe kümmert sich um das Tun und Lassen der anderen. Die
einzige Gemeinschaft besteht darin, dass sie gemeinsam ihr Vieh auf die
höher gelegenen Weiden treiben.

[Illustration: _Grundriss und mit Antilopenschädel geschmückte Spitze
einer Bageshuhütte._]

Als wir ins Lager zurückgekehrt waren, fand ich im Gebüsch einen
Totenschädel, den ich für die anthropologische Sammlung meines Freundes
Professor Dr. Rudolf Pöch in mein Zelt bringen liess. Ich liess
noch mehrere suchen und hatte bald siebzehn Stück beisammen.
Unter unseren Trägern, namentlich den Kawirondo, entstand aber darob
grosse Aufregung. Mehrere kräftige Kawirondoburschen stellten sich
bei unseren Zelten auf und nahmen den Eingeborenen gegenüber, die uns
die Totenschädel brachten, eine drohende Haltung ein, ja suchten sie
sogar mit Steinwürfen aus unserer Nähe zu vertreiben. Unsere Boys
klärten uns über dies Verhalten, das uns rätselhaft war, bald auf. Bei
den Kawirondo besteht nämlich der Aberglaube, dass jeder, der einen
Totenschädel zu sich nehme, noch am selben Tage sterben müsse. Es würde
sich daher von den Kawirondo auch keiner, und wenn man ihm noch so viel
verspräche, herbeilassen, einen Totenschädel zu tragen. Wir mussten
denn auch tatsächlich die beiden Säcke, in denen die Schädel verpackt
waren, von eingeborenen Bageshu nach Mbale tragen lassen.

[Illustration: _Abbruch des Lagers im Krater_

  _Tafel 21_
]

[Illustration: _Abstieg vom Krater_]

[Illustration: _Lobelia Deckeni_

  _Tafel 22_
]

[Illustration: _Lobelia Deckeni und Senecio Johnstoni (3700 m)_]

[Illustration: _Lobelia Stuhlmanni. Lager im Urwald_

Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

  _Tafel 23_
]

[Illustration: _Tätowierte Eingeborene_]

[Illustration: _Bageshufrau mit Kind_

  _Tafel 24_
]

[Illustration: _Bananenhain in Bujobo_]

[Illustration: _Sonnenuntergang in der Steppe_

Nach den Autochromaufnahmen des Verfassers hergestellt

  _Tafel 25_
]

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch noch, dass die Bageshu
Menschenfleisch essen, und zwar nicht nur das eines ermordeten oder im
Kampfe getöteten Feindes, sondern auch die Toten eines befreundeten
Stammes, die ihnen überbracht werden. Nur das Fleisch der eigenen
Angehörigen oder Verwandten sollen sie verschonen. Dies wurde uns von
den Eingeborenen und ihrem Häuptling selbst mitgeteilt und später auch
von Dr. Sells bestätigt.

Der weitere Rückmarsch nach Mbale vollzog sich nun sehr rasch. Noch
am Nachmittag brachen wir das Lager ab und marschierten nach Buhugu,
dessen zwei Rasthäuser wir vor kurzem benützt hatten. Alle Strapazen
und Beschwerden der letzten Tage waren vergessen, und in der langen
Kette der im Gänsemarsch marschierenden Träger herrschte ununterbrochen
Lärmen und Singen. Die Schwarzen, die oben am Elgon so einsilbig und
stumm geworden waren, fühlten wieder die gewohnte Wärme, und ausserdem
waren auch alle Nahrungssorgen geschwunden, da wir von dem Häuptling
reichlich mit Lebensmitteln versehen worden waren. Von Buhugu, wo
wir übernachteten, ging es weiter nach Bujobo, das wir auch schon
bei unserem Hermarsch berührt hatten (Tafel 25). Hier machten sich
bei einbrechender Dunkelheit viele blutsaugende und fiebererregende
Insekten, besonders der Phlebotonus, eine Art Stechmücke, schmerzlich
bemerkbar und gaben uns deutlich zu erkennen, dass das Hochgebirge
schon weit hinter uns liege und wir uns nun wieder der heissen
afrikanischen Ebene näherten.


  [1] Siehe Vogelverzeichnis.

  [2] Wortlaut des Telegramms Sr. Majestät des Kaisers und Königs Franz
      Josef:

        Mr. Kmunke, Mbale! His Majesty thanking for expressed sentiments
        agrees graciously intended denomination of the summit of Elgon.

                                                               Schiessl.

      Wortlaut des Telegramms des Gouverneurs Jackson: Approve names
      with pleasure. All good wishes for new-year.

                                                       Governor Jackson.





_WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE._

  _Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen /
  Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefrässige Termiten / Ein alter
  Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz / Die
  Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die Karamojoleute
  und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der diebische Diener._


Von Bujobo führt eine schöne, breite Strasse nach Mbale, die nun in
flottem Tempo zurückgelegt wurde. Aus den Ansiedlungen eilten die
Eingeborenen in grossen Mengen herbei und begrüssten uns mit ihrer
gewohnten Lebhaftigkeit. Knapp vor Mbale kam uns ein Renner mit zwei
Telegrammen entgegen, in denen uns der Dank für unsere Depeschen an
Kaiser Franz Josef und an den Gouverneur Harry Jackson ausgesprochen
wurde.

In Mbale angelangt, -- wir hatten den 21. Dezember, -- statteten wir
zunächst Mr. Peryman und Dr. Sells Besuche ab, die sich beide von
ihrem Unwohlsein schon vollständig erholt hatten. Von Mr. Peryman
mussten wir aber die unangenehme Mitteilung entgegennehmen, dass
Provinzkommissär Mr. Watson telegraphisch angeordnet habe, uns die
Erlaubnis zum Betreten der nördlich vom Salisbury-See gelegenen
Naqua- und Toburgebiete zu verwehren. Diese von Europäern bisher noch
nicht besuchten Gegenden seien äusserst unsicher und gefährlich, und
es hätten gerade jetzt zwei englische Strafexpeditionen, von denen
die eine aus dem Süden, die andere aus dem Westen vorwärts rücke,
heftige Kämpfe mit den Eingeborenen östlich von den Naquabergen zu
bestehen. Ausserdem seien auch in das Karamojogebiet einige Tausende,
mit Gewehren bewaffnete Abessynier eingedrungen, die sich plündernd,
mordend und niederbrennend auf einem Raubzuge befänden. Dieses Verbot
setzte uns in grosse Verlegenheit, da es die ganze Fortsetzung unserer
Expedition in Frage stellte. Meine Vorstellungen, dass mir die
Bewilligung zu dieser Reise sowohl vom englischen Kolonialministerium
als auch vom Gouverneur Mr. Jackson erteilt sei und dass mir ausserdem
von der englischen Regierung als Begleitung meiner Karawane 15 Askari
mit einem Sergeanten beigestellt wurden, bewogen aber schliesslich Mr.
Watson, von seinem Verbote unter der Bedingung abzustehen, dass auch
der Distriktkommissär von Nimule, Mr. Bains, keine Einwendungen gegen
unsere Reise erhebe. Da von Mr. Bains diese Bewilligung in einigen
Tagen telegraphisch eintraf, war das Hindernis, das sich so plötzlich
unserer weiteren Reise entgegengestellt hatte, glücklich wieder
beseitigt.

Die Tage, die wir in Mbale zubrachten, hatten wir Arbeit in Hülle und
Fülle. Soweit meine Zeit nicht durch die Verhandlungen mit Mr. Peryman
in Anspruch genommen war, beschäftigte ich mich mit wissenschaftlichen
und photographischen Aufnahmen, Dr. Stigler mit seinen physiologischen
Studien. Auch das Verpacken der bisherigen, schon ziemlich
reichhaltigen Sammlungen, namentlich der botanischen, erforderte viel
Mühe, da in Mbale keine Kisten erhältlich waren und die Gegenstände
daher, sorgsam in Matten gehüllt, und mit Stricken umwunden, nach Jinja
geschickt werden mussten, wo sie erst wiederum in Holzkisten umgepackt
wurden, um für den langen Transport nach Europa geeignet zu sein.

Die grösste Sorge aber bereitete uns, wie schon so oft, die Aufnahme
der Träger. Der Versuch Mr. Perymans, Kawirondoträger aus Mumias
zu bekommen, war vollständig fehlgeschlagen, und unser Heatmann
Abeidi, der es übernommen hatte, während unserer Expedition auf
den Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen, konnte uns nach
unserer Rückkehr nur eine ganz kleine, völlig unzulängliche Anzahl
vorführen. Ich drängte nun Abeidi, die noch nötigen Träger so schnell
als möglich herbeizuschaffen, und erklärte mich von vornherein mit
allen seinen Forderungen für einverstanden. Dies nützte der schlaue
Araber auch gehörig aus. Für sich selbst verlangte er ein monatliches
Honorar von 150 Rupien sowie die Erlaubnis, ein eigenes Zelt, einen
Koch für seine Person und auch mit mehreren eigenen Trägern einige
Lasten Tabak, Amerikani usw. mitnehmen zu dürfen, welche Dinge er
während des Marsches den Trägern um teures Geld verkaufen wollte. Zur
Anschaffung dieses Warenlagers benötigte er ausserdem einen Vorschuss
von 500 Rupien. In Anbetracht der ausserordentlichen Schwierigkeiten,
die uns auf unserer weiteren Reise bevorstanden, versprach er jedem
Träger statt des sonst in Uganda üblichen Monatslohnes von vier bis
fünf Rupien einen solchen von 10 Rupien. Ausserdem sollte ihnen ein
einmonatliches Gehalt als Vorschuss sofort ausgezahlt und die Träger
auf der Boma, dem Regierungsamtshaus, registriert werden, um so die
Gefahr des Davonlaufens zu vermindern. Trotz dieser hohen Löhne ging
aber die Anwerbung nur sehr langsam vor sich, so dass auf der Boma
täglich nicht mehr als 20 bis 30 Träger registriert werden konnten. Die
Leute wussten eben, was es heisse, eine 60 Pfund schwere Last durch
eine ungemein wasserarme Gegend zu tragen, in der jedes Zurückbleiben
mit der Gefahr verbunden war, von den wilden Naqua- und Toburstämmen
hingeschlachtet zu werden. Von grossem Werte für uns waren die über
Vorschlag Abeidis aus Kilimi bestellten Tragesel, von denen jeder 200
Pfund Mehl auf seinen Rücken erhielt. Im übrigen trachteten wir, uns
jedes halbwegs entbehrlichen Gepäckes zu entledigen und schafften es
gleichzeitig mit den 13 Kollis, die die bisher angelegten Sammlungen
enthielten, über Jinja, Kisumu und Mombassa nach Europa. Andererseits
erhielt unser Gepäck aber wieder einen Zuwachs durch zehn Ringe mit
Eisendraht, der einen sehr wichtigen und beliebten Tauschartikel bei
den Naqua-, Tobur- und Karamojoleuten bildet.

So war mit diesen Arbeiten und Besorgungen der 24. Dezember, der
Weihnachtstag, herangekommen. Es war drückend heiss und derart
schwül, dass jede Arbeitslust gelähmt wurde. Wir gaben uns daher
der Ruhe hin und konnten dies um so eher tun, als es doch der Tag
des Weihnachtsfestes war, ein Tag, an dem, ob wir nun wollen oder
nicht, immer wieder die Erinnerung an frohe Kinderjahre mit ihrer
bangen Erwartung vor der Weihnachtsbescherung und ihrer Freude am
lichterstrahlenden Christbaum lebendig wird. Hier im fernen Lande,
mitten in der afrikanischen Wildnis, wirkte diese Erinnerung noch
viel mächtiger, und mehr denn je weilten heute unsere Gedanken bei
unseren in der Heimat zurückgebliebenen Lieben, die ja in dieser Stunde
ebenso treu an uns denken wie wir an sie. Den Weihnachtsabend selbst
verbrachten wir in dem gemütlichen Heime Dr. Sells, der die wenigen
hier ansässigen Europäer mit ihren Damen zu sich geladen hatte.

Am nächsten Tage, dem 25. Dezember, ruhte hier in Mbale ebenso alle
Arbeit, und waren ebenso alle Kaufläden geschlossen, wie in Europa.
Nur die Post übernahm ausnahmsweise Briefe, weil gerade heute ein
Renner nach Jinja abging. Mittags waren wir abermals bei Dr. Sells
geladen und wir hatten gerade gespeist, als ein Boy herbeigelaufen
kam und mir die Meldung brachte, daß soeben das Zelt des Photographen
Schwarzer abgebrannt sei. Ich war auf das äußerste bestürzt, da Herr
Schwarzer gerade tags vorher das gesammte kartographische Material
von mir zur Numerierung und Verpackung für die Absendung nach Europa
übernommen hatte und ich befürchten mußte, daß es durch den Brand
beschädigt oder gar vernichtet worden sei. Ich lief mit Dr. Stigler
sofort in das Lager, aber schon auf dem Wege dorthin eilte mir
Schwarzer entgegen und gab mir die beruhigende Erklärung, daß nur
das Zelt und die Dunkelkammer verbrannt, aber das ganze Material
gerettet sei. Ueber die Ursache des Brandes konnte niemand eine
Aufklärung geben. Wahrscheinlich warf ein am Zelt vorübergehender
indischer Kaufmann, deren es in Mbale mehrere gibt, eine noch brennende
Zigarette achtlos weg, die dann die Zeltwand in Brand gesetzt haben
dürfte. Deren wasserdichter Stoff war, da schon seit längerer Zeit
kein Regen gefallen war, infolge der enormen Hitze bis in das kleinste
Gewebe ausgetrocknet und brannte daher wie Zunder. Der Schaden wurde
übrigens bald wieder gut gemacht, da mir Dr. Sells sein eigenes Zelt
käuflich überließ und eine neue Dunkelkammer aus schwarzem Tuch von
einem indischen Schneider innerhalb zweier Tage geliefert wurde. So
hatte das Feuer eigentlich nur in meine Geldbörse ein Loch gebrannt.
Verhängnisvoll wäre die Situation geworden, wenn der Brand auch auf
die übrigen Zelte übergegriffen hätte, da eine Nachbeschaffung unserer
Ausrüstung nur von Nairobi aus möglich gewesen wäre, was viele Wochen,
wenn nicht Monate gedauert hätte.

Am nächsten Tage, dem 26. Dezember, an dem gleich wie tags vorher alles
geschlossen war und Feiertagsstille herrschte, brachte mir mein Boy
eine neue Unglücksbotschaft. Er hatte die Kiste, in der die Lobeliaceen
verpackt waren, aufgehoben und dabei die Beobachtung gemacht, daß
sowohl die Säcke wie das Holz von Termiten zerfressen worden waren.
Wir untersuchten sofort die übrigen Sachen, die unter dem sogenannten
Sonnensegel meines Zeltes aufgestapelt waren, und konstatierten hier
die gleiche betrübliche Tatsache: alles, was von Holz oder Stoff und
nicht imprägniert war, so unter anderen vielen Gegenständen unsere
Expeditionsfahne, war vollständig zerfressen. Unsere Zelte standen
schon seit mehreren Tagen auf dem saftigen Grase einer Wiese, in der
auch nicht die geringste Spur von Termiten zu beobachten war. Diese
gefräßigen kleinen Tiere müssen in der Nacht vom 25. auf den 26. mein
Zelt erreicht und dann dort im Zeitraum von wenigen Stunden solche
Verwüstungen angerichtet haben. Wir ermangelten nicht, nun unser ganzes
Gepäck auf untergelegten Steinen zu schichten.

Wir hatten in der Nähe unseres Lagers einen interessanten Nachbarn.
Ein alter, schon ergrauter Australier, Mr. Pattingill, ein früherer
Elefantenjäger, der noch nie in Europa gewesen war, hatte in der Nähe
von uns sein Zelt aufgeschlagen. Er war ein erfahrener Afrikaner und
liebenswürdiger Ratgeber. Da er auch in den Karamojogebieten viel
gejagt hatte und bei dieser Gelegenheit bis gegen die Toburberge
gelangt war, konnte er uns wichtige Auskünfte über die Wasserarmut und
den Mangel an Lebensmitteln in diesen Gegenden geben, und berechnete
mit uns den Bedarf der Karawane an Mehl. Er lagerte schon viele Wochen
in Mbale, um einige Tausend Eingeborene als billige Arbeitskraft --
zu einem Monatslohn von 3–4 Rupien -- für eine grosse Kaffeeplantage
zwischen Jinja und Kampala anzuwerben. Er vermittelte es, dass
wir während unseres Aufenthaltes in Mbale einen Eingeborenentanz
zu sehen bekamen, den Photograph Schwarzer für seine Gesellschaft
kinemathographisch festhielt. Dr. Stigler und ich wollten mit dem
uns von der Akademie der Wissenschaften beigestellten Apparate
eine phonographische Aufnahme machen, bemerkten aber bei diesem
ersten Versuch, dass beim Geschwindigkeitsregulator eine Feder aus
ihrer Befestigung herausgerissen war, so dass der Apparat nicht
funktionierte. Da, wie wir auch erst jetzt zu unserem Leidwesen sahen,
die Beipackung von Reservebestandteilen in Wien vergessen worden war,
schlug dieser erste Versuch gründlich fehl. In den indischen Kaufläden
konnten wir nirgends eine Ersatzfeder auftreiben, und erst später
half uns ein englischer Ingenieur, der vorübergehend in Mbale zu tun
hatte, mit einer Feder aus. Der Tanz wurde in der Weise ausgeführt,
dass Männer und Frauen im Gänsemarsche im Kreise fortwährend stets
nach derselben Richtung hüpfen, während in der Mitte einige Männer die
Trommel schlagen und die Umstehenden unter Gesang gleichmässig in die
Hände klatschen. Die Tanzenden führen während des Hüpfens durch rasche
Bewegungen des Unterleibes und der Hüftgelenke nach dieser lärmenden
eintönigen Musik eine Art Bauchtanz auf. Gewöhnlich beginnen die
Eingeborenen mit diesem Tanze am Abend und setzen ihn dann die ganze
Nacht bis zum nächsten Morgen fort. Wir hörten wiederholt in stillen
Nächten die Trommelschläge von einem Tanzplatz, der oft einige Meilen
von unserem Lager entfernt war.

Unser Vorhaben, gleich nach den Weihnachtsfeiertagen von Mbale
abzumarschieren, mussten wir aufgeben und unsere Abreise auf die
ersten Tage des Jänner verschieben, da wir noch immer zu wenig Träger
hatten. Den Sylvesterabend verbrachten wir in unserem Lager, wo wir
dem scheidenden Jahre ohne Punschbowle Adieu sagten, in herzlichem
Gedenken aber bei unseren Lieben in der Heimat weilten. Obwohl die
Tagestemperatur 38 bis 39 °C. im Schatten betrug, sank sie am Abend
doch bis auf 15° herunter, so dass wir im Freien nur mit dem Ueberrock
sitzen konnten. Der letzte Tag des Jahres brachte uns noch einen
herrlichen Sonnenuntergang, der den vor uns steil aufsteigenden
Kogonchoro in tiefem Purpur erglühen liess. Im ewigen Aetherdome stieg
der Mond wie eine Riesengoldampel auf und umschleierte mit seinem
magischen Lichte das entzückende Landschaftsbild, die Konturen
der im Norden mächtig emporragenden Bergriesen und die vor uns sich
ausbreitende Steppe, ein Bild unendlicher Grösse und zauberhafter
Schönheit. Ich sass vor meinem Zelte und blickte lange nach dem immer
höher steigenden Mond, und mir war es, als ob daheim, viele tausend
Meilen weit, auch jemand hinaufschaue und dort oben sich unsere Blicke
treffen würden.

[Illustration: _Jiwehäuptling_]

[Illustration: _Karamojohäuptling_

  _Tafel 26_
]

[Illustration: _Häuptling von Kilimi_

  _Tafel 27_
]

Wir nehmen Abschied vom alten Jahr, rufen uns um 12 Uhr nachts „Prosit
Neujahr“ zu und lassen unsere Gedanken in die vor uns liegenden
bisher unerforschten Gebiete schweifen, wo uns viele Gefahren und
Schwierigkeiten erwarten, die wir aber nicht fürchten, auf die
wir gefasst sind. Aber jeder Tag bringt uns Neues, Wissenswertes,
unbekannte Volksstämme mit ihren, von den bisher gesehenen,
abweichenden Wohnhütten, Haartrachten, Schmuckgegenständen,
Beschäftigungen, und unbetretenes Land mit unbekannten grossen Bergen
steigt vor uns auf, und so durchträumen wir die erste Nacht des Jahres
1912.

Der Neujahrstag wurde auch in Mbale mit Arbeitsruhe gefeiert. Gegen
11 Uhr vormittags drangen aber ferne, taktmässige Trommelschläge an
unser Ohr, die immer lauter wurden, und plötzlich wurde hinter dem
Regierungsamtshause eine Menge von Menschen sichtbar, an der Spitze
ein Fahnenträger, Askari mit vollständig zerfetzten Khakianzügen,
Gewehre tragende Eingeborene und Gruppen von prächtig aussehenden
Wilden mit reichem Arm- und Halsschmuck und äusserst merkwürdigen
Haartrachten. Es war die Karawane des Kapitän Taughner, der von
seiner Strafexpedition in die von den Abessyniern unsicher gemachten
Gegenden des nordöstlichen Uganda zurückkehrte. Er war vor sechs
Monaten nach Manimani und in die nördlich davon gelegenen Gebiete
marschiert und hatte mit den Eingeborenen, die mit französischen, aus
Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet waren, harte Kämpfe
zu bestehen. Mehrere seiner Askari waren dabei getötet oder verwundet
worden, aber die Verluste bei den Wilden waren natürlich ungleich
grösser, da hunderte von ihnen dem Feuer der Repetiergewehre und einer
Maximkanone zum Opfer fielen. Kapitän Taughner begab sich nach Entebbe,
um dem Gouverneur Bericht zu erstatten und die von ihm mitgebrachten
Eingeborenen von dem Jiwestamm vorzuführen, dann wollte er sofort
wieder nach Mbale zurück, um eine neue Expedition in dieselben Gebiete
auszurüsten. Wie ich später erfuhr, hatte er hierbei bezüglich der
Beschaffung von Trägern die gleichen Schwierigkeiten wie wir.

Am Nachmittage hatten wir einige Leute des Karamojo- und Jiwestammes,
die mit Kapitän Taughners Karawane in Mbale angelangt waren, gegen
Zusicherung eines guten Bakschisch in unser Lager kommen lassen, wo
Dr. Stigler an ihnen physiologische Studien und ich photographische
Aufnahmen machte. Ausser dem Häuptling von Jiwe, einem sehr
gesprächigen und freundlichen Menschen, waren einige Karamojomänner
gekommen, alles kräftige und schlank gebaute, muskulöse Gestalten
mit wildem Gesichtsausdruck (Tafel 26). Sie trugen fast gar keine
Kleidung, nur der eine oder andere von ihnen deckte mit einem kleinen
Stück Fell seine Blösse und trug eine dünne Eisenkette um den Leib
geschlungen. Das auffallendste an ihnen ist die Frisur, die sie, mit
Lehm und Fett beschmiert, in zwei charakteristischen Formen tragen.
Die Karamojo hatten vom Hinterhaupt nach abwärts einen grossen,
schildartig geformten, flachen Haarbeutel an ihren Haaren hängen,
der Jiwehäuptling hatte vorne und rückwärts sein Haar kammförmig
frisiert, beziehungsweise diese Formen mit Zuhilfenahme von Lehm und
Fett kunstvoll modelliert. Der Oberkörper, besonders die Arme und
anschliessenden Brustpartien, sind stark tätowiert und zwar ringförmig
um die Arme und die angrenzenden Teile der Brust. Man behauptet,
dass bei diesem Stamme am rechten Oberarm jeder Tätowierungsring das
Zeichen für die Ermordung eines Mannes, auf dem linken Oberarm für
die eines Weibes und am linken Unterarm für ein getötetes Kind sei.
Das kriegerische Aussehen der Karamojo wird noch durch einen langen
elastischen Speer und einen verhältnismässig kleinen Schild gehoben.
Ihr Schmuck besteht aus Eisenringen um den Hals, an den Armen und
Fussgelenken. Einige trugen auch einen eigentümlich geformten eisernen
Fingerring, der einen scharfen sichelartigen Fortsatz zeigte. Angeblich
soll er als Rasiermesser dienen, man sagte uns aber, dass die Karamojo
mit diesem Sichelring ihrem Gegner auch oft in einem unvorbereiteten
Moment den Bauch aufschlitzen.

Der Häuptling von Kilimi, der sich auch unter unseren Besuchern befand,
wies auf seinem rechten Arme nicht weniger als 21 tätowierte Ringe
auf (Tafel 27). Ausserdem waren Hals, Rücken und Gesicht von schweren
Narben zerrissen. Er erzählte über unser Befragen, dass er sich
dieselben bei dem Kampfe mit einem Leoparden geholt, der sein Reittier
angegriffen hatte. Ohne Zaudern war er auf die Bestie gestürzt, fasste
sie mit der einen Hand bei der Gurgel und würgte sie nach Kräften,
während er mit der anderen das Messer zog und darauf losstach. Der
Leopard liess sofort von dem Tier ab, schlug aber dafür die Krallen
seiner Tatzen in das Gesicht und den Nacken des mutigen Mannes, der
es mit dem Messer solange zerfleischte, bis es verendet zu Boden
fiel. Der Häuptling war schwer verwundet, aber er hatte mit kühner
Todesverachtung sein Reittier gerettet. Man muss hierbei bedenken,
dass bei allen wilden Völkern das Haustier einen ausserordentlichen
Wert besitzt. In Karamojo bedeutet der Esel oder die Kuh das Geld,
mit dem sich der Eingeborene Waffen, Hausgeräte und alle sonstigen
Bedarfsmittel einkauft. Für ein krankes Tier sorgt er mit grösserer
Sorgfalt als für sein erkranktes Weib oder Kind. Es ist daher auch zu
verstehen, dass dieser mutige Kilimimann für das bedrohte Reittier, das
ja überhaupt im Werte an höchster Stelle steht, sofort sein Leben in
die Schanze schlug.

Die Karamojostämme leben in fortwährendem Kampfe miteinander. Ein Stamm
sucht den andern zu überfallen und bei dieser Gelegenheit alles zu
rauben und niederzubrennen. Zum Teil sind sie sogar mit aus Abessynien
geschmuggelten Gewehren bewaffnet. Die Strafexpedition Kapitän
Taughners sollte namentlich den Eingeborenen von Dodosi und Dabossa
eine Lektion erteilen. Trotzdem diese sehr streng ausfiel, hunderte von
Wilden erschossen und vierzig Dörfer niedergebrannt wurden, geschah es,
dass nicht mehr als drei Stunden von Kapitän Taughner entfernt weitere
Raubzüge vorkamen.

Am nächsten Morgen kam mein Heatman Abeidi mit der Meldung, dass er
nun sämtliche Träger bis auf 30 beisammen habe. Sie wurden alle auf
der Boma registriert, der englische Stations-Offizier stellte mir
die zugesagten 15 Askari unter einem Sergeant als Kommandanten zur
Verfügung, die ich auch alle gleich antreten liess, um die Träger
besser beaufsichtigt zu haben und ein Durchbrennen zu verhindern. Die
Zahl der Tragesel -- aus Kilimi waren statt der 30 nur 17 gekommen
-- komplettierte ich mit denen, die Kapitän Taughner aus Karamojo
mitgebracht und die er mir käuflich überlassen hatte. Sie mussten 4000
Pfund Mehl für die Eingeborenen, die mich begleiteten (Träger, Diener,
Askari und Heatman) tragen.

Zu guter Letzt musste ich in Mbale noch meinen Diener Combo Mohamed,
den ich schon seit Mombassa mitführte, verhaften lassen, da ich ihn in
flagranti dabei erwischte, wie er mir Geld stahl. Bei der Auszahlung
der Träger, wobei ich ihn ungesehen beobachtete, füllte er ungeniert
die Taschen seiner Khakihose. Ich überraschte ihn hierbei, und als er
seinen Sack entleerte, fand ich nicht weniger als 136 funkelnagelneue
Zentstücke, die er verschwinden lassen hatte. Kaum war Combo verhaftet
und auf die Boma gebracht worden, begannen die Träger und übrigen Boys,
bei denen er sich grossen Respekt zu verschaffen gewusst hatte, zu
beichten, und verrieten, dass er auch gesehen wurde, wie er Papiergeld
wechseln liess, und dass er schon einmal auf einer Expedition nach dem
Kongo wegen Diebstahls eine grössere Strafe hatte abbüssen müssen.
Combo hatte mir von dieser Expedition ebensowenig mitgeteilt wie davon,
dass er bei Professor Koch anlässlich dessen Schlafkrankheitsstudien am
Viktoria-See monatelang als Boy gedient hatte. Er hatte mir in Mombassa
nur ein Zeugnis des deutschen Forschungsreisenden Geh. R. Stuhlmann
vorgewiesen, bei dem er zwei Jahre war und wo er auch die deutsche
Sprache erlernte. Diese Sprachenkenntnisse meines Dieners gereichten
mir aber eher zum Nachteil, da ich dadurch weniger Gelegenheit hatte,
Suaheli zu sprechen, das ich mir durch meine Studien in Wien schon
ziemlich angeeignet hatte. Im übrigen wäre Combo ein schlauer, flinker
und sehr brauchbarer Diener gewesen, wenn er ausser seiner diebischen
Veranlagung nicht noch einige andere Fehler gehabt hätte -- er war
ein leidenschaftlicher Trinker, Spieler und Verehrer des weiblichen
Geschlechtes, hätte also ganz gut nach Europa gepasst, wo er ja genug
gleich Veranlagte gefunden hätte. In Nairobi kaufte ich ihm einen
Khakianzug, Hemden, Fez und braune Schnürschuhe, aber schon in Entebbe
lief er barfuss herum, da er alles verklopft hatte, um sich dafür
Eingeborenenbier zu kaufen. Nun musste er wieder einmal Busse tun. Nach
einstündigem Verhör wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt,
und schon am nächsten Tage sahen wir ihn, die Kette um den Hals, mit
anderen Gefangenen schwere Wasserkrüge tragen.

Die Möglichkeit, an Stelle Combos in Mbale einen anderen Boy
aufzutreiben, war ganz ausgeschlossen, und so musste ich den einzigen
englisch sprechenden Eingeborenen meiner Karawane, den Dolmetsch Simon,
der auf der englischen Missionsstation in Kampala erzogen worden war,
zu meinem Boy machen. Er erwies sich in der Folge als tüchtig und
ehrlich, so dass ich ihm später auch die Verfügung über die Geldkiste
anvertrauen konnte. Er führte genau Buch, und seine Abrechnungen
stimmten jedesmal bis auf den letzten Zent.

Am 3. Jänner erklärte ich meinem Heatman, dass unter jeder Bedingung am
nächsten Morgen abmarschiert werde, auch wenn noch einige Träger fehlen
sollten. Für diesen Fall hatte uns Mr. Peryman zugesagt, die Lasten,
die wir zurücklassen mussten, innerhalb weniger Tage mit eigens hierzu
aufgenommenen Trägern nach Kumi, der letzten englischen Station zu
schicken. Trotzdem sagte Abeidi, dass wir erst nachmittags aufbrechen
könnten, da er noch seine eigenen Träger und Einkäufe besorgen müsse,
für die er übrigens einen weiteren Vorschuss von 300 Rupien benötigte.
Ich war damit einverstanden und drängte ihn zur Eile, da nicht nur
die Gefahr des Durchbrennens der aufgenommenen Träger mit jedem Tage
grösser wurde, sondern auch deren Erkrankungen immer mehr zunahmen, was
Dr. Stigler am meisten zu fühlen bekam. Dabei hatten wir aber schon
knapp nach unserer Rückkehr vom Elgon einige schwächliche und kranke
Eingeborene ausbezahlt und in ihre Heimat geschickt.




_VON MBALE NACH KUMI._

  _Aufbruch der Karawane / Die Askari / Auf der Strasse nach Kumi / Im
  Hause des Distriktkommissärs / Ein moderner Raub der Sabinerinnen
  / Ehetragödie eines Eingeborenen / Die Busoga und die Teso / Die
  Dorfanlagen der Eingeborenen / Friedhöfe in Wohnhütten / Auf
  exponiertem Posten / Tiere für Schönbrunn / Elefantengeschichten /
  Der unersättliche Heatman._


Am 4. Jänner hatte unser Aufenthalt in Mbale, der länger währte, als
wir beabsichtigt hatten, sein Ende erreicht. Die bisher angelegten
Sammlungen wurden auf die Boma, das Amtshaus, gebracht, da Mr. Peryman
so liebenswürdig war, deren Weitertransport nach Jinja zu besorgen.
Ausserdem hatten wir bei ihm noch zwanzig Lasten zurückgelassen,
für die wir keine Träger auftreiben konnten. Der Abschied von Mr.
Peryman und den englischen Regierungsbeamten, die uns alle die besten
Glückwünsche mit auf den Weg gaben, war ein ungemein herzlicher. Von
Dr. Sells, unserem Begleiter auf den Elgon, hatten wir uns schon früher
verabschiedet, da er sich drei Tage vorher nach dem Sirokoflusse
begeben hatte, um dort die Verbreitung der Glossina palpalis zu
studieren.

Um 3 Uhr nachmittags setzte sich der Zug endlich in Bewegung: ausser
uns Europäern 218 Eingeborenenträger und die 15 Askari mit einem
Sergeanten, einem prächtigen Sudanesen, und einem Korporal, dann noch
die Tragesel und vier Maultiere, also eine Karawane von stattlicher
Länge. Die Askari waren entsprechend verteilt, um die Ordnung
aufrecht zu halten, in der Nacht hatten sie die unter dem Vordach
unserer Zelte aufgestapelten Kisten und Koffer zu bewachen. Bei den
späteren Gewaltmärschen durch unerforschtes Gebiet haben sie uns ganz
ausgezeichnete Dienste erwiesen, da tatsächlich viele Leute infolge des
Wassermangels zusammenbrachen und nur durch die Hilfe der Askari, die
sie oft spät abends noch in den Kamp brachten, nicht zurückblieben. Sie
trugen Khakianzug und Fez, und waren ausser mit dem Seitengewehr auch
noch mit einem Repetiergewehr und der entsprechenden Munition bewaffnet.

Schon zwei Stunden nach Mbale -- bei einbrechender Dämmerung --
schlugen wir an der Strasse unser Lager auf, da wir den nächsten
Kamp vor Beginn der Nacht unmöglich erreicht hätten. Wir waren froh,
von Mbale überhaupt weggekommen zu sein, da dort die Träger zu viel
Gelegenheit hatten, sich zu betrinken oder krank zu melden. Trotzdem
war die Entfernung noch nicht gross genug, denn ich musste am nächsten
Morgen, als ich die Leute antreten liess, vier Träger vermissen, denen
der Abschied von Mbale wahrscheinlich so schwer geworden war, dass sie
wieder dorthin zurück durchbrannten.

Die Strasse, auf der wir nach dem 35 Meilen entfernten Kumi
marschierten, war breit und gepflegt, vor einem Jahre gebaut, und
führte durch schönes Buschland und Plantagenanlagen. Zur Rechten
hatten wir noch immer das prächtige Bild des Elgonmassivs und des im
Hintergrunde aufsteigenden Konkoro (Mount Debasien), und in nächster
Nähe erheben sich oft mächtige, in das vulkanische Terrain eingestreute
Findlinge und grosse Granitblöcke, die das Landschaftsbild sehr beleben
(Tafel 28). Auf der Strasse begegnete uns hie und da ein Ochsengespann,
hoch mit Baumwolle beladen, die bis Kumi von den Eingeborenen geerntet
wird, aber wir wussten, dass die Bequemlichkeit dieser Strasse, die
ebenso gepflegt war wie die von Kampala nach Norden führende, nur
wenige Tagereisen währte, und dass dann jene Gebiete beginnen würden,
in die die Kultur noch nicht eingedrungen war.

Nach vierstündigem Marsche kamen wir zu den Rasthäusern von +Bukedia+,
deren Benützung wir aber den Trägern überliessen, während wir selbst
unsere Zelte aufschlugen. Der Häuptling der Niederlassung erwartete uns
mit seinen Ministern und vielen Eingeborenen und brachte uns ein Schaf,
Milch und Eier. Tags darauf legten wir durch ziemlich ebenes Land mit
weitausgedehnten Baumwollpflanzungen die restlichen 12 Meilen nach Kumi
zurück. Kumi liegt auf einem Plateau, etwas erhöht über die flache,
steppenartige Umgebung, wodurch sich die Bergmassen des Konkoro,
Tepes, Kissim und der in weiter Ferne liegenden mächtigen Naquaberge
besonders schön zeigten. Im Norden läuft ein schmaler Silberstreifen
von Ost nach West, der Spiegel des Salisbury- oder Kumi-Sees. Der Ort
hat einige indische Kaufläden, deren Besitzer sich hauptsächlich mit
Baumwollhandel befassen, und ist seit anderthalb Jahren der Sitz eines
englischen Distriktkommissärs, des liebenswürdigen und energischen
Mr. Newman, des einzigen Europäers in einem Bezirke von ungefähr 4000
Quadratmeilen mit über 200000 Einwohnern.

Wir wurden gleich bei unserer Ankunft in Kumi von Mr. Newman begrüsst
und auf unseren Kampplatz geführt, auf dem sich ausser einigen
Strohhütten noch zwei einfache Rasthäuser befanden, von denen das eine
für uns bestimmt war. Im zweiten wohnte ein englischer Tierarzt, der im
Auftrage der Regierung die Gegend bereiste, um die Eingeborenen über
die Maul- und Klauenseuche aufzuklären, an der hunderttausende Stück
Vieh zugrunde gehen. Eine kleine, etwas abseits stehende Hütte diente
uns als Küche und als Wohnraum für die Boys.

Abends war ich mit Dr. Stigler bei Mr. Newman geladen, der ein
einfaches Haus mit Lehmwänden und Lehmboden bewohnt. Der Boden ist
mit Matten und Tierfellen, die Wände mit verschiedenen Jagdtrophäen,
Speeren und Schildern bedeckt, und die Einrichtung beschränkt sich auf
das Allernotwendigste. Das Luxuriöseste ist eine luftige, strohgedeckte
Terrasse vor dem Hause. In diesem primitiven Heime residiert ein ebenso
anspruchsloser, wie energischer und kluger Mann, der, kaum dreissig
Jahre alt, auf diesem weit in die afrikanische Steppe vorgeschobenen
Posten über Hunderttausende von Menschen zu herrschen und zu richten
hat, eine gewiss schwere Aufgabe, wenn man dabei bedenkt, dass die
Verpflegung hier eine sehr mangelhafte und das Klima ungesund und sehr
heiss ist. Schon während des Marsches von Mbale konstatierten wir ein
stetes Steigen der Temperatur bis zu 40 °C im Schatten, hier konnten
wir schon ein Maximum von 44½ °C verzeichnen. Allerdings ist die
Nachttemperatur, wie fast überall in Afrika, sehr angenehm. Hier in
Kumi betrug sie 26 °C.

[Illustration: _Findling bei Bukedia_]

[Illustration: _Landschaft bei Kumi_

  _Tafel 28_
]

[Illustration: _Schöne aus Kumi_]

[Illustration: _Mit dem Kiboko bestrafte Eingeborene_

  _Tafel 29_
]

[Illustration: _Eingeborene aus Kumi vom Tesostamm_]

[Illustration: _Eingeborene von Kumi_

  _Tafel 30_
]

[Illustration: _Eingeborene vom Tesostamm (Kuketta)_]

[Illustration: _Teso, Frau und Mann (Kumi)_

  _Tafel 31_
]

[Illustration: _Vorratskörbe_]

[Illustration: _Frauen vom Stamme Teso_

  _Tafel 32_
]

[Illustration: _Ein Teso-Riese_]

[Illustration: _Junge Gazellen_

  _Tafel 33_
]

[Illustration: _Eingeborenenkral in Kumi_]

[Illustration: _Grundriss einer Niederlassung_

  _Tafel 34_
]

[Illustration: _Kaktushecke mit Eingang in das Dorf_]

[Illustration: _Hütte im Bau_

  _Tafel 35_
]

[Illustration: _Konstruktion des Daches_]

[Illustration: _Malerei der Eingeborenen_

  _Tafel 36_
]

Nach dem Souper überraschte uns Mr. Newman mit einem ganz besonderen
Genuss -- einem Glas Pilsener Bier -- in 20 °C warmem Wasser gekühlt
-- und erzählte uns viel Interessantes über Land und Leute, besonders
von den häufigen Kämpfen zwischen den Baganda- und Busogaleuten, deren
Ursache an den Raub der Sabinerinnen erinnert. Die Bagandaweiber
sind nämlich weniger fruchtbar als die Weiber der Busoga, und die
Baganda nützen ihre Siege über die Busoga gewöhnlich dahin aus, um
ihnen ihre Weiber zu rauben. Im allgemeinen werden die Weiber bei den
Eingeborenen wenig geachtet und sind hauptsächlich dazu da, um sich um
Haus und Kinder zu kümmern, während der Mann die Zeit mit Nichtstun
verbringt. Sucht er sich einmal ausnahmsweise einen Verdienst, wie
durch die Teilnahme an einer Karawane, so tröstet sich die Frau sehr
leicht über den Verlust und findet bald in einem andern Mann Ersatz.
So klagte uns in Kumi einer unserer Träger sein Leid und bat uns,
ihm zu seinem treulos gewordenen Weibe zu verhelfen. Er hatte ein
Busogaweib zu sich genommen, da er sich von ihr Kinder erhoffte, wurde
aber ein Jahr nach seiner Verheiratung von Kapitän Taughner für die
Strafexpedition nach Karamojo angeworben und fand, als er sechs Monate
später nach Mbale zurückkam, sein Weibchen ausgeflogen. Er brachte
schliesslich in Erfahrung, dass die Ungetreue mit einem indischen
Händler nach Kumi gezogen war, und dies bewog ihn, sich von Abeidi
für meine Karawane anwerben zu lassen, da er die Hoffnung hegte, in
dieser Gegend sein Weib, zum mindesten aber seine Heiratsausstattung,
die die Durchgebrannte hatte mitgehen lassen, zurückzubekommen. Saléh
-- so hiess der doppeltbetrogene Ehemann -- hatte nämlich in die Ehe
einen Kochtopf, einen Teller und eine Flanelldecke mitgebracht, und
an diesen Dingen schien sein Herz viel mehr zu hängen als an seinem
Weibe. Bei der Gerichtsverhandlung, die Mr. Newman anordnete, spielte
er zwar zuerst den Gekränkten und wollte auf der Vorführung seiner Frau
bestehen, als er aber hörte, dass sich diese nach mohamedanischem Ritus
nochmals verheiratet hatte, verzichtete er schnell gefasst auf sie,
wollte aber unbedingt seinen Kochtopf mit Teller und die Flanelldecke
haben. Schliesslich kam ein Ausgleich auf Teilung dieser kostbaren
Ausstattung zustande, und der gute Saléh marschierte vergnügt mit mir
weiter.

Die Busogaleute waren uns schon in Jinja als äusserst unverlässliche,
verlogene und diebisch veranlagte Menschen geschildert worden, und Mr.
Newman erzählte uns, dass er Fälle kenne, in denen die Busoga indische
Kaufläden bei Nacht auf sehr schlaue, allerdings beschwerliche Weise
ausgeraubt hatten, indem sie unter der Erde ganze Gänge gruben, um dann
von unten in den geschlossenen Geschäftsraum eindringen zu können.
Obwohl sie ein schwächliches Aussehen haben, halten diese Leute grosse
Strapazen aus, tragen die schwersten Lasten und leisten als Renner
geradezu Unglaubliches. Mr. Newman sandte häufig einen Renner mit
Telegrammen oder wichtigen Dienststücken von Kumi nach Mbale -- 35
Meilen -- und gewöhnlich war dann dieser schon am nächsten Abend wieder
zurück. Wir hatten selbst in unserer Karawane einen Busogaträger,
der während der ganzen Reise bis Nimule einen 70 Pfund schweren
Medizinkoffer auf dem Kopf trug und dabei Gewaltmärsche von 25 bis 30
km mitmachte (Tafel 29–33).

Die Eingeborenen von Kumi, die Teso, nähren sich hauptsächlich von
Bananen, Erdnüssen, Durra und auch von Eiern und Milch, doch sollen
die beiden letzteren Lebensmittel den Weibern verboten sein. Von den
Männern muss in diesen von den Engländern verwalteten Gebieten, die
ostwärts vom Nil bis Mbale reichen, jeder, sobald er das 18. Lebensjahr
erreicht hat, 4 Rupien -- in den nördlichen Gegenden 3 Rupien -- als
jährliche Abgabe entrichten. Diese verhältnismässig hohe Steuer bringen
die Eingeborenen nur schwer auf, und die Zahlungsunfähigen müssen sich
jährlich einen Monat lang zu Regierungsarbeiten verwenden lassen. Die
Männer schliessen schon im Alter von 18 bis 20 Jahren Ehen, und mehrere
Familien vereinigen sich dann zu einer Gemeinde. Diese Niederlassungen
sind sehr symmetrisch im Kreise angelegt, ausserordentlich rein
gehalten, und von einer bis vier Meter hohen, undurchdringlichen
Kaktushecke eingezäunt. Die runden, spitz zulaufenden und mit langem
Gras gedeckten Hütten sind sehr nahe diesem Kaktuszaun gelegen und
haben einen Durchmesser von 6–7 Meter. Im Innern stützen ein oder zwei
Holzstämme den ganzen Aufbau, der in seinem unteren Teil innen mit
Lehm verstrichen ist. Vor dem niederen Eingang, durch den man nur in
kriechender Stellung gelangen kann, wird zur Nachtzeit eine starke, als
Tor dienende Grasmatte vorgeschoben, die oft noch mit darangelehnten
grossen Steinen befestigt wird. Irgendeine Art von Schloss oder Riegel
war bei den Eingeborenen hier ebensowenig wie auf meiner ganzen Reise
zu finden. Konzentrisch mit dieser äusseren Einzäunung des Dorfes
befindet sich im Innern eine etwas niedrigere Kaktushecke, die den
Raum für die Kühe, Schafe und anderen Haustiere umschliesst. Ausserdem
sind noch zwei einander gegenüberliegende gedeckte Hütten an dieser
Hecke errichtet, die als Ställe für die Muttertiere dienen. Rings um
die innere Hecke stehen auf Steinen oder Holzklötzen birnförmige, aus
Gras und Zweigen geflochtene, grosse Fruchtkörbe für die Erdnüsse,
das Durramehl usw. Zwischen ihnen und den Wohnhütten bleibt noch ein
breiter Raum frei, auf dem sich die Weiber ihr Mehl mahlen, die Kinder
spielen und sich das ganze dörfliche Leben abspielt (Tafel 34–36).

Die innere Einrichtung der Hütten ist natürlich eine sehr primitive.
Als Lager dienen getrocknete Tierhäute, die entweder auf dem Boden
oder einer etwas überhöhten Holzbrücke liegen, einige Tonkrüge und
flaschenartige Kürbisschalen sind die Trinkgefässe. In einer Hütte fand
ich an der inneren Lehmwand ganz merkwürdige Zeichnungen, die ich als
Aeusserungen des Kunstsinnes der Eingeborenen photographisch festhielt.
Zu dem niedrigen Haupteingang eines solchen Eingeborenendorfes, der aus
Baumstämmen angelegt ist und einem nur in gebückter Haltung Eintritt
gewährt, führt der Weg zwischen parallel laufenden Kaktushecken.
Gegenüber dem Haupteingang, auf der anderen Seite der Umzäunung,
die das Dorf nicht nur gegen den Einbruch wilder Raubtiere, sondern
auch gegen Ueberfälle feindlicher Eingeborenen schützen soll, liegt
ein zweiter höherer und für das Vieh bestimmter Eingang, der in
gleicherweise wie jener der Hütten durch eine Grasmatte verschliessbar
ist. Ihre Toten begraben die Teso in den Wohnhütten, was wahrscheinlich
in irgend einem Aberglauben seinen Grund haben dürfte. Die Männer wie
die Frauen sind starke, hochgewachsene, breitschultrige Leute, so dass
die mittlere Grösse der Männer nicht weniger als 1,90 m beträgt, wir
massen aber auch viele mit 2,05 m und einen sogar mit 2,12 m. Nur die
Watussi im Ruandagebiet in Deutsch-Ostafrika dürften ihnen an Grösse
gleich kommen. Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg schreibt in seinem
Werke: „Ins Innerste Afrika“, dass die Grössenmessungen bis 2,20 m
ergeben haben, dass die Watussi ebenfalls sehr kräftig gebaut sind,
dabei schlanke Taillen, zarte Handgelenke und überaus fein geformte
Hände haben. Ihre Haut zeigt einen bronzefarbenen Ton, der an den
Norden Afrikas erinnert. Charakteristisch ist der Kopf der Watussi,
die hohe Stirne, das edle Oval des Gesichtes und die schmale Nase. Die
Tesoleute haben hingegen mit ihren ausserordentlich kräftig gebauten
Schultern, Hüften und Schenkeln, ihren derben, knochigen Händen,
den breiten, runden Köpfen ein riesenhaftes Aussehen. Sie haben die
vorstehenden Backenknochen, die breitgedrückte Nase, die wulstigen
Lippen und eine auffallend dunkle, schwarzbraune Hautfarbe.

Auf diesem exponierten Posten hatte Mr. Newman, der vor vier Jahren
nach Afrika gekommen und vor seiner Kommandierung nach Kumi in Mbale
als Regierungsbeamter tätig gewesen war, lange Zeit viele Kämpfe mit
den Eingeborenen zu bestehen und war dabei oft durch die Ueberzahl der
Wilden und deren hinterlistige Kampfesweise in grosse Lebensgefahr
geraten. Oft waren die Eingeborenen zu vielen Hunderten in gedeckten
Stellungen und schleuderten ihre Giftpfeile gegen ihn ab. Auch Mr.
Newman bestätigte uns, dass die Bageshu am Fusse des Elgon noch ein
anthropophager Stamm seien, aber sie selbst glauben, dass auch wir
Weisse die Schwarzen auffressen. Dieser Glaube hatte damals bei
einem Bageshuträger, den wir auf den Elgon mitgenommen hatten, sehr
drastischen Ausdruck gefunden. Er wollte sich trotz aller Geschenke von
Dr. Stigler zu physiologischen Zwecken nicht untersuchen lassen, und es
dauerte lange, bis er schliesslich durch unsere Aufklärungen von der
Furcht befreit wurde, dass ihm die Kawirondoträger den Hals abschneiden
und wir Europäer ihn in schmackhafter Zubereitung verspeisen würden.

Schon von Mbale aus hatte ich Mr. Newman ersucht, für mich lebende
Tiere einfangen zu lassen, die ich der kaiserlichen Menagerie in
Schönbrunn widmen wollte, und er teilte mir auch mit, dass der
Häuptling für mich ein Straussenpaar, eine Zwerggazelle und einige
Wildkatzen, sowie eine fast einjährige Elenantilope bereit halte. Ich
sandte sofort einen Renner nach Mbale, um den Transport beim Wiener
Obersthofmeisteramte telegraphisch anzumelden, und ausserdem auch
Gouverneur Jackson in einem Telegramm um freie Ausfuhr ersuchen zu
lassen, da der Ausfuhrzoll in Uganda für ein Straussenpaar die enorme
Summe von 3000 Rupien (4800 Kr.) betragen hätte. Als einige Tage
später die Bewilligung des Gouverneurs in Anbetracht des Umstandes,
dass die Tiere für Schönbrunn bestimmt waren, eingelaufen war, hatte
ich inzwischen auch noch einen ungefähr sechsmonatlichen Wasserbock
und vier kleinere Gazellen erhalten. Ausserdem hatte ich von Mbale aus
neben zwei zutraulichen Meerkatzen auch einen prächtigen Elgon-Adler
mitgeführt, welch letzteren ich dem Transporte hinzugab, so dass
zusammen zehn wertvolle Tiere nach Schönbrunn abgeschafft werden
konnten. Den schwierigen Transport über die 200 km lange Strecke bis
Jinja übernahm die Firma Allidina Wisram, der grösste indische Kaufmann
in Uganda, der auch hier in Kumi einen Laden besass. Für die Gazellen,
die getragen werden mussten, wurden Körbe geflochten, und überdies
wurde noch ein Häuptling aufgenommen, der die Träger zu überwachen
hatte. Von Jinja aus wurden die Tiere zu Schiff nach Kisumu gebracht,
um von dort aus die 940 km lange Fahrt auf der Ugandabahn bis Mombassa
zu machen. Dort blieben sie bis April und wurden dann nach Triest
eingeschifft. Leider gingen auf dem langen Transport sechs Stück
zugrunde, so dass nur die beiden Strausse, die Elenantilope und der
Adler in Schönbrunn ankamen.

Die Gegend um Kumi ist nicht besonders wildreich, am meisten sind
noch die Elefanten vertreten, auf die die Eingeborenen auch oft
Jagd machen. Sie werden entweder durch einen Lanzenstich ins Herz
erlegt, oder es schleicht sich ein Mann an den schlafenden Elefanten
heran und haut ihm mit einem grossen, sichelartig gebogenen Messer
die Sehnen des Vorderbeines durch. Die Spur wird dann verfolgt, bis
man das zusammengebrochene Tier findet. Diese Art des Jagens ist
begreiflicherweise sehr gefährlich, und es finden dabei oft mehrere
Eingeborene ihren Tod. Elefantenweibchen und -männchen sind ungemein
anhänglich, und Mr. Newman erzählte uns zwei Jagderlebnisse, die eine
rührende Illustration zu dieser Anhänglichkeit bilden. Das eine Mal
war er -- im Jahre 1908 -- drei Meilen weit von Mbale mit Kapitän
Ormsby auf der Elefantenjagd und schoss einen Bullen, der von zwei
Weibchen begleitet war. Trotz allen Lärmes waren diese von dem toten
Elefanten nicht zu vertreiben, und sie verliessen ihn erst, als das
Steppengras in weitem Umkreise angezündet und sie durch die Hitze und
den Rauch verjagt wurden. Das andere Mal verletzte Mr. Newman einen
Bullen schwer, aber nicht tötlich, woraufhin ihn zwei Weibchen in die
Mitte nahmen und fortführten, so dass er erst zwei Meilen vom Anschusse
entfernt zusammengebrochen aufgefunden werden konnte.

Die ersten zwei Tage unseres Aufenthalts in Kumi hatte ich zu
kartographischen Aufnahmen und Ortsbestimmungen, Dr. Stigler zu
physiologischen Beobachtungen benützt, und wir hatten gehofft, nach
Beendigung der Arbeiten, also nach längstens drei- bis viertägigem
Aufenthalte, diese letzte englische Station verlassen zu können.
Aber schon wieder machten uns die Trägersorgen einen Strich durch
die Rechnung. Auf kurze Strecken hätten wir genug Träger erhalten,
aber für die Weiterreise bis Nimule, also weit über das englische
Verwaltungsgebiet hinaus, wollte sich niemand anwerben lassen. Die in
Mbale zurückgelassenen Lasten waren erst mit grosser Verspätung in
Kumi eingetroffen, und wir entschlossen uns nun, da keine neuen Träger
zu bekommen waren, hier sämtliche Lasten zu revidieren und nur das
Allernotwendigste mitzunehmen. Auf diese Art war es möglich, sechzehn
Kisten auszuscheiden, die wir auf dem weiten Umwege über den Kiogasee
nilabwärts nach Nimule vorausschickten. Zu dem kam noch, dass der
unersättliche Heatman Abeidi, der schon mehr Vorschuss hatte als das
ganze Honorar ausmachte, einen weiteren Vorschuss verlangte, um eine
Schuld bei Allidina Wisram tilgen zu können. Mir blieb nichts anderes
übrig, als sein Ansuchen zu bewilligen und ihn loszukaufen, da er sonst
hier festgehalten worden und meine alte Trägergarde, die ihm besonders
ergeben war, durchgebrannt wäre.

So konnten wir schliesslich nach einwöchentlichem Aufenthalte in Kumi
an den Aufbruch denken. Sämtliche Träger wurden wieder registriert, die
Liste der Nairobileute überprüft und am letzten Abend noch die Kisten
umgepackt und zwei Kisten präparierter Vögel, Schmetterlinge und Käfer
über Mbale nach Europa geschickt. Mr. Newman, mit dem wir fast jeden
Abend verbracht hatten, hatte uns bis an die Grenze des englischen
Verwaltungsgebiets, das sich noch einige Meilen nördlich von Kumi
erstreckte, einen ungemein tüchtigen, in englischen Diensten stehenden
Baganda-Agenten mitgegeben, und am Morgen des 13. Jänner traten wir mit
einer 250 Köpfe starken Karawane den Marsch nach dem Norden an.




_AM KUMI- ODER SALISBURY-SEE_

  _Ankunft am See / Ein standhafter Patient / Die Ueberfahrt /
  Feuerwerk für die Eingeborenen / Etwas über die Tropenhelme / Auf der
  Nilpferdjagd / Afrikanische Sonnenuntergänge_


Der Weg von Kumi nach dem Norden zieht sich durch flache Gras- und
Buschsteppen, in denen das Vorkommen der Flötenakazien immer häufiger
wird, und führt nach vier Stunden nach Kuminyanza am südlichen Ufer
des Kumi- oder Salisbury-Sees. Wir schlagen hier unser Kamp auf und
werden von dem Häuptling und vielen seiner Eingeborenen begrüsst, wobei
uns wieder die aus einem Schaf, Hühnern, Eiern und Milch bestehenden
landesüblichen Geschenke überreicht werden. Der Salisbury-See ist
an dieser Stelle einige Kilometer breit, weshalb Abeidi bereits in
den Nachmittagsstunden mit der Einschiffung der Reit- und Tragtiere
begann, die gleichzeitig mit einem Teil unserer Lasten auf je zwei mit
Querhölzern verbundenen Einbäumen an das nördliche Ufer hinübergebracht
wurden. Die Ueberbootung der Karawane hatten wir erst für den nächsten
Morgen angesetzt.

[Illustration: _Eingeborener mit Teratom aus Kumi Nyanza_]

[Illustration: _In Einbäumen über den Salisburysee_

  _Tafel 37_
]

[Illustration: _Am Nordufer des Salisburysees_]

[Illustration: _Am Nordufer des Salisburysees_

  _Tafel 38_
]

[Illustration: _Älteste Männer aus Magoro_]

[Illustration: _Älteste Frauen aus Magoro_

  _Tafel 39_
]

[Illustration: _Nilpferde im Salisburysee_]

[Illustration: _Balaeniceps rex_

  _Tafel 40_
]

Unter den Eingeborenen, die sich mit ihrem Häuptling vor meinem Zelte
eingefunden hatten, erregte besonders einer unser Interesse, der ein
Teratom, eine angeborene, walnussgrosse Missbildung an der Unterlippe
hatte (Tafel 37). Da Dr. Stigler meinte, dass die Beseitigung dieser
Missbildung eine interessante Operation wäre, die er gerne ausführen
wolle, liess ich den Eingeborenen -- er hiess Akolimeri -- durch den
Häuptling fragen, ob er sich einer solchen Operation unterziehen würde.
Nach langer Beratung erklärte er sich dazu bereit, und Dr. Stigler
packte nun aus dem Medizinkoffer die nötigen Instrumente aus. Nach
deren gründlichen Desinfizierung begann er mit der ruhigen und sicheren
Hand des Arztes die Missbildung von der inneren Lippenhaut loszulösen,
wobei ich ihm nach bestem Laienkönnen Assistentendienste leistete.
Nicht weniger als anderthalb Stunden sass der Schwarze, ohne
auch nur einmal zu zucken, auf einem kleinen Feldsessel und liess die
sehr schmerzhafte Operation mit der grössten Standhaftigkeit über
sich ergehen. Im Hintergrund standen lautlos der Häuptling und die
Eingeborenen, die mit Staunen dem Verlauf der Operation folgten und
nach deren Beendigung nicht müde wurden, Dr. Stigler ihren Dank und
ihre Bewunderung auszudrücken. Da bei der Lebensweise der Eingeborenen
fast mit Sicherheit anzunehmen war, dass die vernähte Wunde der
Unterlippe verunreinigt und dadurch Blutvergiftung eintreten würde,
suchten wir den Operierten zu bewegen, mit uns zu marschieren, damit
die Möglichkeit geboten sei, den Heilungsprozess zu überwachen und
möglichst bald die Nähte zu entfernen. Es musste ihm aber erst lange
vom Häuptling und von seinen Freunden zugeredet werden, bis er sich
entschloss, wirklich mit uns zu ziehen.

Der Aufenthalt in diesem Lager war durch die ausserordentliche Hitze
und die ungezählten Moskitos, die sich am Abende bemerkbar machten,
alles eher denn angenehm, und wir waren froh, als am nächsten Morgen
schon um 5 Uhr mit der Einbootung der Träger begonnen wurde, die in
Partien von 15 bis 20 Mann in die Einbäume gebracht wurden.

Man fährt zunächst zwischen hohem Schilfgras in ganz seichtem Wasser
und kommt erst nach einiger Zeit in den offenen See, der hier
eine Stunde breit ist. Den grössten Teil des Seespiegels bedecken
ungezählte Wasserpflanzen mit breiten fleischigen Blättern, Gruppen
von Korallenbäumen (Erythrina Tomentosa) ragen wie Inseln aus dem
Wasser empor, und ringsum wimmelt es von prächtigen, in allen möglichen
Farben glänzenden Vögeln, die mit ihren hohen, dünnen Beinen und
langen Schnäbeln graziös von Blatt zu Blatt laufen oder im Wasser
untertauchen, um dort ihre Nahrung zu suchen. Unser Boot gleitet
mit ruhigem Plätschern durch diese im grellen Morgensonnenscheine
liegende, paradiesisch schöne Welt, und wir ziehen es, entzückt von
dieser fesselnden Landschaft, vor, nicht den direkten Weg zum Nordufer
zu wählen, sondern im Zickzack zwischen den grünen Bauminseln und den
prächtigen, gelb und violett blühenden Seerosen, die ganze Beete
bilden, hindurchzurudern. Vornehmlich reizte es mich auch, hier meine
ornithologischen Sammlungen zu bereichern, und es gelang mir, 18 Stück
der hier vorkommenden Vogelarten zu schiessen, die dann später für das
Museum präpariert wurden.

Ungefähr 500 Meter vor der nördlichen Küste gerieten wir wieder in
seichtes Wasser und hohes Sumpfgras, das immer dichter wurde, so
dass in der letzten Strecke ein Durchkommen mit dem Boote unmöglich
hätte erscheinen müssen, wenn nicht ein schmaler Kanal in das Gras
geschnitten gewesen wäre (Tafel 38). Schon aus der Ferne hatten wir
beobachtet, dass uns auf dem Ufer einige hundert Eingeborene, durchwegs
grosse, kräftige, vollständig nackte Gestalten, erwarteten. Eine
Menge von ihnen sprang, als wir in das seichte Wasser eingefahren
waren, in den See und zog unsere Boote durch den letzten sumpfigen
Teil an das Ufer. Wir sprangen ans Land und wurden, wie überall,
von ihrem Häuptling und seinem Gefolge begrüsst. Der von Mr. Newman
vorausgesandte Regierungsagent hatte nämlich meine Karawane schon
angemeldet und alles, was zu unserer Unterstützung dienen konnte,
umsichtig geordnet. Die Eingeborenen liessen es sich nicht nehmen,
sämtliche Lasten bis zum Rasthaus zu tragen, was unseren eigenen
Trägern, die nun frei ihrer Bürde hinter ihnen einhergingen, sehr
behagte. Der Ort, wo sich unser Lagerplatz befand, hiess +Magoro+, und
es stand dort ein luftiges, erst seit kurzem errichtetes Rasthaus, das
wir zum Arbeiten und zur Einnahme der Mahlzeiten benutzten, während wir
die Nächte in unseren daneben aufgeschlagenen Zelten schliefen. Vom
Häuptling erhielt ich eine grosse Anzahl Fische aus dem Salisbury-See,
von denen die schönsten Exemplare für das Wiener Hofmuseum in die
Spiritusbehälter wanderten.

Abends brachte der Häuptling für physiologische Untersuchungen Dr.
Stiglers die ältesten Eingeborenen der Niederlassung in unser Lager,
unter denen namentlich ein abgemagertes Weib mit einer langen Pfeife
und eine andere bis zum Skelett abgezehrte, über und über mit Schmutz
und Schuppenausschlag bedeckte Frau auffielen, die, um nicht vor
Schwäche zusammenzubrechen, von drei Männern gestützt werden musste
(Tafel 39). Die kaum sichtbaren Augen waren, wie das ganze Antlitz
dieser Bedauernswerten, die das Bild eines entsetzlichen Jammers,
aber auch einer abstossenden Unappetitlichkeit bot, voll von Fliegen
besetzt, die trotz alles Abwehrens mit der knochigen Hand immer wieder
zurückkamen. Unter den alten Männern waren viele mit den gewissen
tätowierten ringförmigen Narben an den Armen, so trug einer zwanzig
am rechten, zwölf am linken Oberarm und noch vier Ringe am linken
Unterarm. Als wir ihn fragen liessen, ob er tatsächlich soviele
Männer, Frauen und Kinder ermordet habe, erwiderte er etwas ängstlich,
dass er nur einen Mann und eine Frau getötet habe. Abends liess ich
-- zum erstenmal auf meiner Reise -- die Kisten mit dem Feuerwerk
öffnen und unter einem unbeschreiblichen Freudengeschrei und Jubel der
Eingeborenen und Träger mehrere Sternwerfer, Feuerreigen und Frösche
abbrennen und schliesslich einige Raketen in den dunklen Nachthimmel
emporsteigen.

Unter der Hitze hatten wir gar nicht mehr zu leiden. Die
Tagestemperatur schwankte zwar zwischen 40° und 44 °C, am Abend aber
trat immer eine erfrischende Kühle ein, die den Aufenthalt im Freien
sehr angenehm machte. Im übrigen hatten wir uns durch den monatelangen
Aufenthalt in Afrika wohl schon akklimatisiert. Das einzige Unangenehme
war nur der Tropenhelm, der wegen der Gefahr eines Sonnenstiches
leider den ganzen Tag bis Sonnenuntergang getragen werden musste. Ich
möchte bei dieser Gelegenheit jedem, der eine Reise in Tropengegenden
beabsichtigt, raten, bei Ankauf des Tropenhelmes mit besonderer
Vorsicht vorzugehen. Es gibt sehr leichte Korkhelme, die jedoch keinen
wasserdichten Ueberzug haben, und nach öfterem Nasswerden unbrauchbar
sind; ferner einen schweren, fast unverwüstlichen Helm, der aber
in der grossen Hitze und bei andauernden Märschen sehr lästig und
unangenehm wird, und schliesslich noch eine dritte Qualität, die im
Aussehen der zweiten gleicht, bei gleicher Widerstandsfähigkeit aber
bedeutend leichter ist. Sie ist die einzig richtige, empfehlenswerte
Kopfbedeckung in den Tropen und wird auch fast von allen in Afrika
stationierten englischen Offizieren und Beamten getragen.

Der nächste Tag war zur Gänze der Jagd auf dem Salisbury-See gewidmet,
die zwar in erster Linie den Vögeln galt, aber wir hofften, auch
auf Nilpferde zu stossen, die wir schon in der ersten Nacht am See
laut brüllen gehört hatten (Tafel 40). Auch der Häuptling hatte
uns mitgeteilt, dass namentlich im östlichen Teile des Sees viele
Hippo vorhanden seien, und den Eingeborenen am Seeufer den Auftrag
gegeben, für mich und den Photographen Schwarzer zwei Einbäume
bereitzuhalten. Als wir dorthin gelangten, erwartete uns bereits
eine grosse Zahl Eingeborener. Da das Ufer an dieser Stelle gänzlich
versumpft und verschlammt ist, liessen wir uns zu den Booten tragen,
die dann ein grosses Stück in den See hinausgeschoben wurden, bis
das Wasser so tief war, dass man rudern konnte. Im ersten Einbaum
hatte ich mit einigen Trägern, im zweiten Schwarzer mit der gleichen
Bemannung Platz genommen. Er hatte in seinem Boot ausserdem noch den
Kinoapparat, um die Wasservögel aufzunehmen. Die erste Beute, die
ich mit dem Mannlicher-Schönau erlegte, war ein schöner Balaeniceps
rex, Schuhschnabel, der in 80 m Entfernung am Rande einer der vielen
Grasinseln stand.

Nach einer Stunde, in der noch mancher schöne Vogel sein Leben lassen
musste, fuhren wir in den offenen See hinaus und gewannen den Ausblick
auf ein bezaubernd schönes Bild. Der Bergkoloss des Konkoro (Mount
Debasien) zeigte sich hier von seiner steilen Seite, als ob er direkt
aus dem Wasser emporstiege, in dem sein klares und scharfes Spiegelbild
bis auf den Grund zu reichen schien. Ringsum war der See mit den
schönsten Blüten der Wasserrose bedeckt, die zwischen den grossen
herzförmigen Blättern in Weiss, Lila und Rosa herausleuchteten, und
die bereits hochstehende Sonne tauchte alles in goldigen Schimmer.
Soweit das Auge reichte, herrschte unendliche Ruhe, und in mir stieg
angesichts dieser ganz eigenen, durch den Sonnenreflex und die schwere
Luft gedämpften Farbenpracht lebhaft die Erinnerung an ein ähnliches
Bild auf, das sich mir hoch oben im Norden dargeboten hatte, als ich
mich auf meiner Grönlandexpedition im Schein der Mitternachtssonne
zwischen blaugrünen Eisbarren langsam an eine Bartrobbe anrudern liess.

Wir fuhren ungefähr eine halbe Stunde lang in das offene Wasser hinaus,
als uns ein plötzliches Schnauben und Brüllen auf eine links vor uns
schwimmende Herde von Nilpferden aufmerksam machte, von denen die
Köpfe aber nur wenige Zentimeter über dem Wasser sichtbar waren. Die
Eingeborenen legten sich mit voller Kraft in die Ruder, aber kaum kamen
wir näher, verschwanden die schwarzen Punkte, um erst nach einiger
Zeit in ziemlicher Entfernung wieder aufzutauchen. Dies Versteckspiel
wiederholte sich einige Male, bis es uns endlich gelang, durch ruhiges
und langsames Rudern bis auf 150 Schritte an die Tiere heranzukommen.
Dem Stärksten unter ihnen schiesse ich eine 9½ mm Vollmantelkugel ins
Hinterhaupt und es sinkt sofort unter Wasser. Da es immer mehrere
Stunden dauert, bis ein geschossenes Nilpferd wieder an die Oberfläche
kommt, fuhren wir weiter auf eine neue vor uns auftauchende Herde zu,
von der ich abermals das stärkste Stück mit einem Kopfschuss traf. Nun
zeigten sich auf allen Seiten grössere Herden bis zu 25 Tieren, als wir
plötzlich mehrere Schüsse nacheinander fallen hörten, die Photograph
Schwarzer abgab, den wir inzwischen ganz aus den Augen verloren
hatten. Wir ruderten rasch zu ihm, der schon vier Hippo erlegt hatte
und schliesslich mehrere Schüsse abgeben musste, um die auf sein Boot
zukommenden Tiere abzuwehren. Ich suchte mir aus der grossen Herde
einen besonders starken Bullen aus und traf ihn im Kopf, worauf er sich
blutüberströmt überschlug, so dass der ganze Oberkörper sichtbar wurde.
Das schwerverletzte Tier schwamm erst gegen unser Boot zu, so dass wir
mit aller Kraft zurückrudern mussten, dann tauchte der mächtige Schädel
unter furchtbarem Gebrüll nochmals vor unserem Boot auf, und erst ein
zweiter Kopfschuss brachte das Tier zum Untersinken.

Das Einbringen der geschossenen Tiere überliessen wir den eingeborenen
Ruderern, die genau wussten, wo sie gesunken sind, denn wir hatten
grösste Eile, um vor Einbruch der Nacht die Landungsstelle zu
erreichen, wo wir schon den Häuptling mit den Eingeborenen uns
erwarten sahen. Auf der Rückfahrt nahm Schwarzer, der mit seinem Boote
knapp hinter mir war, die Wasservögel kinematographisch auf, dann
näherten wir uns wieder den Gras- und Bauminseln, indes die Sonne
wie ein dunkelrot glühender Feuerball knapp über dem Horizont stand
und die ganze Wasserlandschaft mit ihrem Purpur übergoss. Das Bild
dieser zwischen einer Dunst- und Wolkenschicht untergehenden Sonne,
das uns schon so oft gefesselt hatte, prägt sich dem Afrikareisenden
unvergesslich ein, es erhöht jenen wundersamen Zauber des Lebens in
äquatorialen Gegenden und erweckt in ihm das fast unwiderstehliche
Verlangen, immer wieder diese Gebiete aufzusuchen.

Die unendliche Ruhe, die über dem See liegt, wird nur hie und da von
dem krächzendem Schrei eines aufgeschreckten Wasservogels und von dem
gleichmässigen Plätschern der ins Wasser tauchenden Ruder unterbrochen.
Als wir aber den seichten Stellen am Ufer nahe kamen, hat diese Stille
ein Ende erreicht, denn eine Schar junger Eingeborener springt uns im
Wasser lustig und lärmend entgegen, um unsere zwei Boote die letzte
sumpfige Strecke zu schieben. Vier kräftige Arme packen mich und
tragen mich durch den Schlamm an das trockene Land. So endete dieser
schöne Ausflug mit reicher ornithologischer Ausbeute und der ersten
Jagdgelegenheit als ein in angenehmer Erinnerung bleibender Rasttag.

Indessen war es schon finstere Nacht geworden, und wir bestiegen unsere
Maultiere. Die Boys leuchteten uns mit den mitgenommenen Laternen den
Weg, und nun ging es im Trab eine volle Stunde lang unserem Lager zu,
während unsere Träger gleichen Schritt hielten, ohne zu ermüden. Auch
sie waren in bester Stimmung, wussten sie doch, dass es am nächsten
Tag viel Hippofleisch geben werde. Ich hatte angeordnet, dass von den
geschossenen Hippo die eine Hälfte den Eingeborenen und die andere den
Trägern gehöre. Ziemlich ermüdet langten wir gegen 9 Uhr in dem von
unseren Lagerfeuern hell erleuchteten Kamp an, wo uns ein gedeckter
Abendtisch erwartete und ich noch lange mit meinem Gefährten Dr.
Stigler über die Eindrücke dieses ereignisreichen Tages plauderte,
der die Erinnerung an mein afrikanisches Leben um ein schönes Stück
bereichert hat.




_EIN STEPPENBRAND_.

  _Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige
  Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze / Ein
  neuer Führer._


Am nächsten Tage brachen wir unser Lager ab und setzten unseren Marsch
nach Norden bei tropischer Hitze fort. Die Gegend war nicht mehr so
dicht bevölkert wie bisher und das Wild daher auch nicht mehr so
ausgerottet. Da und dort war eine Gazellen- oder eine Nashornfährte zu
sehen, und im Busch bemerkten wir viele aus der Regenzeit stammende
Elefantenspuren. Die erste Station, die wir passierten, war +Kerimi+,
dann ging es durch das flache Gelände dem sich steil aus der Ebene
erhebenden Tepes zu, der gegen Westen scharf abstürzt und in dem sich
ihm anschließenden Kissim (fälschlich Nopak genannt) sich wieder zu
respektabler Höhe erhebt, und in nördlicher Richtung gegen Kalirimi
oder Gyotum verläuft. Der Weg führte durch dichtes Buschland mit hohem,
dürrem Gras, das nach den häufigen Steppenbränden in wenigen Tagen
stets wieder frisch und grün emporspriesst (Tafel 41–42).

Am zweiten Tage nach dem Abmarsch von Kumi befand sich unser Lager
auf einem freien, graslosen Platze, wo uns ein herkulisch gebauter
alter Karamojohäuptling mit seinen Eingeborenen und vielen Weibern
erwartete. Wir schlugen unsere Zelte unter zwei Bäumen, einige Meter
entfernt vom Steppengras, auf, und ich fand auch bald einen Platz
für die Aufstellung meiner Apparate. Mitten während meiner Arbeiten
-- es war gerade um die Mittagsstunde -- wurde ich durch ein lautes
Knistern auf einen mächtigen Steppenbrand aufmerksam gemacht, der
sich in der Entfernung von einigen hundert Metern weit ausdehnte. Ich
beobachtete eine Zeit lang das Umsichgreifen des Feuers, beruhigte
mich aber bald, da ich bemerkte, dass ein für uns günstiger Wind das
Feuer vom Lager abtrieb. Ich setzte daher meine Arbeiten fort und
warf nach einiger Zeit nur zufällig einen Blick auf unser von meinem
Standplatz einige hundert Schritt weit liegendes Kamp. Einen Moment
lang stand mir das Herz still, denn ich sah nun zu meinem Entsetzen,
daß der Wind umgeschlagen hatte und schon knapp hinter unseren Zelten
das Gras in hellen Flammen stand. Eine hohe, prasselnde Feuersäule
und gewaltige Rauchwolken trieben gegen unser Lager. Ich rannte, was
mich die Füsse nur tragen konnten, zu den Zelten der Askari und liess
gellend meine Signalpfeife ertönen. Sofort war der Sergeant sichtbar,
dem ich, auf das brennende Lager deutend, „Moto, Moto!“ (Feuer, Feuer!)
zuschrie. Er liess einen schrillen Alarmpfiff los, und mit blitzartiger
Geschwindigkeit stürzten sich unsere braven Askari mit einigen Trägern
auf die Zelte, die durch das Umwerfen der Stützsäulen und Loslösen der
Stricke in wenigen Sekunden in sich zusammenbrachen. Einige holten
rasch die wenigen vollen Wasserkübel aus der Küche und begossen die
wie zu Zunder ausgetrockneten Zeltwände, andere peitschten mit Zweigen
das hochaufflammende Steppengras nieder. Alle Mann waren fieberhaft an
der Arbeit, da ja keine Sekunde verloren gehen durfte, und kämpften
im beissenden Qualm und Rauch, in dem man kaum die Augen offen halten
konnte, gegen den Brand an, der mit tausend gierigen, feurigen Händen
und mit unheimlicher Schnelligkeit um sich griff. Jeden Augenblick
sah ich mein Lager, meine Ausrüstung, die Sammlungen, Aufnahmen und
Tagebücher, unser gesammtes Hab und Gut einen Raub der Flammen werden,
und von diesem furchtbaren Unglück wurden wir nur durch das fast auf
die Sekunde rechtzeitige Eingreifen im letzten Augenblick bewahrt.
Hätte ich das Umschlagen des Feuers nur geringe Zeit später bemerkt
oder meinen Arbeitsplatz in weiterer Entfernung vom Lager gewählt
gehabt, so wäre wohl alles dem Untergange geweiht gewesen, meine
Expedition hätte ein unfreiwilliges, vorzeitiges Ende genommen, und die
Früchte monatelanger Arbeit wären in der Wildnis den Flammen zum Opfer
gefallen (Tafel 43).

[Illustration: _Häuptling von Gjotum_

  _Tafel 41_
]

[Illustration: _Karamojomänner_]

[Illustration: _Karamojofrauen_

  _Tafel 42_
]

[Illustration: _Nach dem Brande_]

[Illustration: _Nach dem Brande_

  _Tafel 43_
]

[Illustration: _Häuptling von Naqua_]

[Illustration: _Mein Karamojoführer_

  _Tafel 44_
]

[Illustration: _Lager bei Kaketta_]

[Illustration: _Eingeborener von Kaketta_

  _Tafel 45_
]

Ich erinnere hier an einen solch traurigen Fall, den der deutsche
Forscher Dr. Berger in seinem ausgezeichneten Werke über den
Afrikareisenden Böhm schildert. Er schreibt darüber: „Alles, was er
auf einer langen, gefahrvollen Reise gesammelt hatte, lag zum Versand
nach der Heimat fertig verpackt. Böhm schrieb nur noch die
Geleitbriefe; da brach durch Unvorsichtigkeit Feuer aus. Die Hütte, in
der alle Schätze lagen, stand im Nu in Flammen, die Spiritusgefässe
explodierten, da gab es keine Rettung mehr. Alles, alles, was er
gesammelt, seine Ausrüstung und, was fast das Schlimmste war, seine
Tagebücher wurden ein Raub der Flammen. Er rettete nur das nackte
Leben. Monatelang hatte er dann nichts von sich hören lassen, dieser
Schlag hatte ihn zu furchtbar getroffen. Er brauchte Zeit, um sich
wieder zu sammeln, wieder Mut und Kraft zu schöpfen, die schwere Arbeit
von neuem zu beginnen. Leider hat er sie nicht mehr lang fortführen
können. Er erlag, wie so viele Pioniere des dunklen Erdteiles, dem
tückischen Klima. Die deutsche Naturwissenschaft hat in ihm ihren
besten Förderer verloren.“

Nur jene, die wissen, welch enorme Summe von Mühe, Arbeit und Ausdauer
die in der Wildnis vollführten Arbeiten und mühevoll zusammengetragenen
Sammlungen in sich bergen, können nachfühlen, was es heisst, all das
plötzlich gefährdet zu sehen oder gar zu verlieren. Ein Zufall hatte
uns vor dem ärgsten Geschick bewahrt, wir standen aber noch viele
Stunden unter dem furchtbaren Eindruck dieser wenigen Minuten höchster
Gefahr und sahen, stumm in uns versunken, wie der schaurige Brand
südlich von unserm Lager weiter in die Steppe trieb und ausser dem
dürren Gras auch hohe Bäume und Büsche ergriff, die dann jedesmal wie
riesige Fackeln emporflammten.

Am Nachmittag veranstaltete der Häuptling uns zu Ehren einen
Eingeborenentanz, an dem sich auch die Weiber mit ihren auf den Rücken
gebundenen Kindern lebhaft beteiligten. Die Musikbegleitung war, so
wie in Mbale, eintöniger Gesang und Händeklatschen. Der Tanz bestand
darin, dass sich die Eingeborenen in fünf bis sechs Reihen aufstellten
und jeder Zweite so hoch wie möglich sprang, indem sie sich mit
gestreckten Beinen alle gleichzeitig vom Boden abstiessen. Die auf den
Rücken der Weiber gebundenen Kinder wurden dabei recht unsanft hin und
her gerüttelt, was aber deren Trägerinnen nicht hinderte, es in den
Sprüngen den Männern gleichzutun.

Spät abends kam Dr. Stigler, der mit seinem Boy Kilimandscharo schon
vormittags aufgebrochen war, um einer Gazelle nachzuspüren, halb
verdurstet und vollständig geschwärzt von dem verkohlten Steppengras,
dessen Russ die Luft erfüllte, im Lager an. Er hatte im hohen Gras, das
die Orientierung sehr erschwerte, die Richtung verloren und war bis an
den Fuss des Tepes gekommen, von wo er erst nach einem vielstündigen
Marsche abends wieder zurückkehrte.

Unserm Heatman war es hier gelungen, einen jungen Karamojomann
aufzunehmen, der sich bereit erklärte, in das vor uns liegende
Gebiet vorauszugehen und nach Wasserstellen zu suchen. Als Belohnung
versprach ich ihm am Ende unserer Expedition ausser den Spesen für die
Rückreise auch noch eine Kuh zu geben. Er war ein etwa 20jähriger,
schlank und selten schön gebauter Eingeborener, vollständig nackt,
wie alle anderen, und nach Karamojoart mit einer langen, scharfen
Lanze bewaffnet. Trotzdem er als einer der gefürchtetsten und
unerschrockensten Karamojoleute von ganz besonderem Mute war, von dem
er später anlässlich einer Elefantenjagd einige glänzende Beweise
lieferte, wagte er es dennoch nicht, als wir dann in die Gebiete
der Naqua- und Toburleute kamen, sich über die nächste Sehweite von
der Karawane zu trennen, da er gut wusste, dass er sich dort als
Einzelmarschierender nicht lange seines Lebens freuen würde (Tafel 44).




_AM RANDE DER KULTUR._

  _Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der misstrauische
  Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite missglückte
  phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise / Küchensorgen
  / Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene Träger._


Wir begaben uns alle am Tage, da unser Lager mit knapper Not von dem
Steppenbrand verschont blieb, frühzeitig zu Bette. Uns hatte die
durchgemachte Aufregung, Dr. Stigler das stundenlange Umherirren in der
Steppe müd gemacht, und ausserdem hiess es am nächsten Morgen schon um
4 Uhr aufstehen, da wir bis +Kaketta+, der letzten Eingeborenenstation
des von den Engländern verwalteten Gebietes, 17 Meilen vor uns hatten.
In glühender Sonnenhitze marschierte die lange Karawane 5½ Stunden, da
wir erst knapp vor dieser Station eine Wasserstelle fanden, an der die
erschöpften Träger kurze Rast hielten. In Kaketta begrüsste uns wieder
der Häuptling, der, ebenso wie seine Leute, gross und prächtig von
Gestalt war. Sie hatten alle den Karamojoschmuck, schwere Eisenringe
um den Hals und in der Unterlippe einen Glas-, Stein- oder Hornstift.
Manche der jüngeren Leute trugen ausserdem noch in der Zungenspitze
Messingringe, die oft einige Perlen aufgefasst hatten, einen ganz
exotischen, sonst nirgends vorgefundenen Schmuck.

Am nächsten Tag besorgte ich meine Aufnahmen, während Dr. Stigler neben
seinen physiologischen Beobachtungen auch als Arzt ausserordentlich
beschäftigt war. In jedem Lager meldeten sich nach unserer Ankunft
viele Eingeborene mit leidenden Füssen, Fieber usw. und baten um
Medizinen, so dass Dr. Stigler sich hier in Afrika einer ausgebreiteten
Praxis erfreute und täglich 20 bis 30, mitunter sogar 40 Patienten zu
behandeln hatte (Tafel 45).

Mit dem Häuptling von Kaketta wollten wir uns hauptsächlich über die
Gebiete, deren Bereisung uns bevorstand, besprechen, konnten aber
leider keinerlei Auskünfte von ihm erhalten. Um so grösser war unsere
Freude und Ueberraschung, als wir erfuhren, dass der gefürchtete
Naqua-Häuptling, angeblich um seinen Bruder zu besuchen, nach Kaketta
gekommen sei. Wir glaubten aber nicht an einen solchen harmlosen
Besuch, sondern nahmen an, dass er von unserem Plane, durch sein
Gebiet zu marschieren, Kenntnis erlangt hatte und nun nach Kaketta
gekommen war, um unsere Absichten auszukundschaften. Für uns war es
von ausserordentlichem Wert, diesen Mann kennen zu lernen und ihn
womöglich zum Freunde zu machen, weshalb ich dem Bagandaagenten, der
noch bei uns weilte, gleich den Auftrag gab, ihn zu mir zu bringen.
Bald darauf erschien er denn auch mit seinem Adjutanten in meinem
Zelt, wo ich ihn mit Tee, Biskuit und Fleisch bewirtete. Er kostete
mit grösster Vorsicht von allem, trank aber schliesslich nur den Tee.
Auch eine Zigarette, die er zuerst von allen Seiten betrachtete und
dann zu rauchen versuchte, legte er gleich nach dem ersten Zuge wieder
weg. Unangenehm berührt war er von dem Anblick der uns begleitenden
Askari, wir beruhigten ihn aber und erklärten ihm, dass wir diese
nur zur Aufrechthaltung der Ordnung unter den Trägern mitgenommen
hätten, und dass wir nicht die geringsten Eroberungsgelüste besässen.
Uebrigens schienen auf ihn sehr günstig die geschossenen Vögel,
die ethnologischen Sammlungen und die photographischen Apparate
einzuwirken, namentlich als wir ihn in die Spiegelreflexkammer
hineinsehen liessen und er darin das Bild seines vor ihm stehenden
Begleiters erblickte.

Abends liess ich ihm zu Ehren ein Feuerwerk abbrennen, als aber die
ersten Raketen zum Nachthimmel emporstiegen, war der Häuptling, der die
ganze Zeit her einen hinterhältigen und verräterischen Eindruck machte,
auf einmal verschwunden, und wir fürchteten schon, dass wir ihn nicht
mehr zu Gesicht bekommen würden. Wäre dies der Fall gewesen, so würden
wir durch sein Land keinesfalls ohne Kampf hindurchgekommen sein. Denn
die Naqualeute sind ein gefürchteter, kriegerischer und grausamer
Stamm, der in fortwährendem Kampf mit den Nachbarstämmen lebt und sich
durch die Niedermetzelung des englischen Majors Kirkpatrick einen
traurigen Ruhm erworben hat. Dieser unternahm im Jahre 1898 mit Oberst
Macdonald, von Osten kommend, eine Expedition in das Mani-Mani-Gebiet.
Von dort rückte Macdonald nach Norden, Kirkpatrick nach Westen zu den
Naqua vor. Dieser wurde vom Häuptling und seinen Leuten scheinbar
freundlich aufgenommen und versuchte mit Eingeborenenführern, begleitet
von fünfzehn Askari, eine Besteigung der Naquaberge. Nichts Böses
ahnend, wurde er während des Marsches auf ein Signal des Häuptlings hin
überfallen und samt seinen Askari durch Lanzenstiche grausam ermordet.
Oberst Macdonald brach, als er diese Mordtat erfuhr, sofort mit grosser
militärischer Bedeckung in das Naquagebiet auf und rächte die Ermordung
Kirkpatricks, indem er nicht weniger als vierzig Eingeborenendörfer
niederbrannte.

Es lag uns also sehr viel daran, mit dem Naquahäuptling auf gutem
Fuss zu stehen, und gleich am nächsten Tage liess ich ihn, der beim
Feuerwerk so ohne jeden Abschied verschwunden war, wieder zu mir
rufen. Er erschien auch thatsächlich und ich beschenkte ihn reichlich
mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Spiegeln, Messern, Medaillons und
allen möglichen Dingen, und brachte ihn dadurch endlich dazu, uns auf
dem Marsche nach Naqua zu begleiten. Für uns war damit viel gewonnen,
da wir nun, nachdem der Häuptling zugleich mit uns marschierte, einen
Angriff der Naqua auf unsere Karawane für unwahrscheinlich halten
konnten.

Nachmittags versuchten wir, ein Gespräch des Naquahäuptlings mit
dem Phonographen aufzunehmen, und veranstalteten vorerst einige
Generalproben. Als wir den Häuptling soweit unterrichtet hatten, dass
wir annehmen konnten, er wisse nun, wie er sich zu benehmen habe,
versagte bei der Aufnahme die in Mbale ersetzte Feder abermals, indem
sie schon nach einigen Umdrehungen der Scheibe brach. Da wir an einen
Ersatz in diesen Gegenden natürlich nicht denken konnten, entschlossen
wir uns, den Apparat, den wir nun monatelang herumgeschleppt hatten,
ohne ihn, gerade in den interessantesten Gegenden, benützen zu können,
nach Europa zu schicken. Wir gaben daher die drei Kisten, in denen
seine Bestandteile verpackt waren und die für uns nun nur mehr unnützen
Ballast bildeten, zu den vier weiteren Kisten der ornithologischen
Sammlungen und liessen sie von Kaketta aus mit Trägern unter Führung
des Bagandaagenten, der uns hier verliess, über Mbale nach Jinja und
von dort über Mombassa nach Wien transportieren.

Unser Aufenthalt in Kaketta hatte sich etwas verlängert, da sich Dr.
Stigler eine mit heftigem Fieber verbundene Halsentzündung zugezogen
hatte, die die misslichen Verhältnisse unseres Lagers verursachten.
Der Platz war nämlich voll Staub, der von heftigen Winden stets
emporgewirbelt wurde. Kaketta liegt sonst in nicht ungesunder,
fruchtbarer und viehreicher Gegend, weshalb auch die Lebensmittel hier
ausserordentlich billig waren. Ein Pfund Mehl kostet hier 1 Cent (1,6
Heller), ein Ei ebensoviel, ein Huhn 2 bis 5 Cents, ein Schaf eine
Rupie (1 Kr. 60 Heller), -- das sind wohl die niedrigsten Preise, die
es in Uganda geben dürfte. Unsere aus Mbale mitgenommenen Vorräte
konnten wir daher reichlich ergänzen und mussten es auch wohl, da wir
für die nächsten Wochen sehr geringe Aussichten hatten, Lebensmittel zu
bekommen.

Bei dieser Gelegenheit scheint es angebracht, einmal Einiges über die
Nahrungs- und Küchensorgen zu erzählen, mit denen wir uns in Afrika
herumzuschlagen hatten. Im allgemeinen hatten wir, von den vorzüglichen
englischen Konserven abgesehen, keine gute Küche, trotzdem uns stets
frisches Fleisch zur Verfügung stand. Es verfolgte uns nämlich ein
ganz besonderes Verhängnis bezüglich der Köche. In Entebbe hatte ich
einen Kreolen aufgenommen, der dort im Hotel beschäftigt war und mir
als sehr guter Koch gepriesen wurde, der nur den einen Fehler habe,
dass er gerne trinke. Nachdem ich wusste, dass ihm auf unserer Reise
die Gelegenheiten zu Trinkexzessen vollständig mangeln würde, nahm
ich den Mann mit, musste ihm aber schon in Jinja den Abschied geben,
da er sich trotzdem auf alle möglichen Arten Whisky zu verschaffen
wusste. Von Jinja bis Mbale hatten wir einen Bagandakoch, der von der
Kochkunst so wenig verstand, dass wir ihn bald wieder heimschicken
mussten. An seine Stelle trat einer, den uns Mr. Peryman verschaffte,
und dieser war entschieden der beste unter unsern Köchen, leider
erkrankte er aber in Kumi so schwer an Magengeschwüren, dass ich ihn
wieder nach Mbale zurückschickte und nun unsern Servierboy zum Koch
machte. Allerdings hatten wir dies täglich zu bereuen, aber nachdem
wir an keinen Ersatz denken konnten, behielt er das vertrauensvolle
Amt während der ganzen weiteren Reise. Mit besonderer Sorgfalt wurde
in unserer Küche das Geschirr und Essbesteck behandelt, das wegen der
Dysenteriegefahr stets mit siedendem Wasser gereinigt werden musste.
Aus demselben Grunde wurde auch der Tee mit schon kochendem Wasser
zubereitet, und es kostete manchen Kibokostreich, bis unsere Leute, die
nicht viel auf Reinlichkeit gaben, diese Anordnungen schliesslich als
selbstverständlich befolgten.

Im Anfang unserer Reise war es überhaupt nötig, mit den Trägern, Boys
und sonstigen Eingeborenen ernst und streng vorzugehen, denn nur auf
diese Weise erreichten wir es, dass schon nach kurzer Zeit die ganze
Karawane auf jeden Wink und Pfiff gehorchte. Die Schwarzen sind gleich
grossen Kindern, lässig bei der Arbeit, voller Uebermut und unfähig,
die ernste Bedeutung eines solchen Unternehmens zu erfassen. Wenn wir
sie auch im ganzen gut behandelten, so musste doch jede Verletzung
der Disziplin sofort bestraft werden, und nur so war es möglich,
eine militärische Zucht und den unbedingt nötigen blinden Gehorsam
einzuführen und aufrechtzuerhalten. Selbst unserm Heatman Abeidi,
einem geschwätzigen Araber, mussten wir schon in den ersten Tagen nach
unserm Abmarsch von Mbale die strenge Seite zeigen, um ihn zu belehren,
dass er mit seinem endlosen Redeschwall wohl den Eingeborenen, nicht
aber uns Europäern imponieren könne. Immerhin war er sonst tüchtig und
brauchbar, aber das Kommando über die ganze Karawane führten natürlich
ausschliesslich ich und Dr. Stigler. Von der Ausdehnung dieser Karawane
kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass ausser
den 240 Eingeborenen noch 30 schwer bepackte Tragesel, vier Maultiere,
ferner Kühe, Schafe und Ziegen mitgeführt wurden. Zu Beginn eines
Marsches gingen die Träger stets dicht hintereinander, schwatzend,
singend und lärmend, je länger er aber dauerte, desto ruhiger wurde
es und desto länger -- oft bis eine oder anderthalb Meilen -- wurde
auch die Karawane, da zwischen den einzelnen Trägern immer grössere
Zwischenräume entstanden.

Vor unserm Abmarsche von Kaketta verteilte ich die von Wien
mitgenommenen Wassersäcke und belehrte die Leute, dass sie mit dem
mitgeführten Wasserquantum sehr sparsam zu wirtschaften hätten, damit
es auch auf zwei Tage reichen könne. Unser Karamojomann, den wir
vorausgeschickt hatten, sagte uns nämlich, dass er auf dem Wege nach
Naqua nur zwei grössere Wassertümpel aufgefunden habe. Den Trägern
wurde ausserdem noch der Befehl erteilt, dass unter keinen Umständen
jemand zurückbleiben dürfe, da er sonst von den Shensi, den wilden
Eingeborenen, ermordet würde. Die Askari wurden derart verteilt, dass
auf je 15 bis 20 Träger ein Soldat entfiel und der Sergeant am Ende
der Karawane marschierte. Der Führer der Nairobiträger war Sefu, unser
zweiter Heatman, der aus Deutsch-Ostafrika stammte; für die Tragesel
hatten wir 10 Eingeborene mit Chamsini als Heatman.

Da Dr. Stigler, der noch immer fieberkrank war, nicht marschieren
konnte, sondern in einer Hängematte getragen werden musste, brauchten
wir acht Mann hierfür als Träger, die wir in Kaketta vergeblich
aufzunehmen trachteten. Wir griffen daher, im Einverständnis mit
dem Baganda-Agenten und dem Häuptlinge, zur Gewalt. Letzterer liess
am Abend vor unserm Aufbruch zehn kräftige Eingeborene unter irgend
einem Vorwande in unser Lager kommen, wo ihnen erklärt wurde, dass
sie unbedingt mit uns ziehen müssten. Sie weigerten sich energisch
dagegen, wurden aber sofort von den Askari bewacht und am nächsten Tag
gezwungen, mit uns zu marschieren. Der Druck der Verhältnisse hatte uns
leider genötigt, zu dieser äussersten Massregel zu greifen.

[Illustration: _Fischende Träger_]

[Illustration: _Badende Träger_

  _Tafel 46_
]

[Illustration: _Die Träger bringen Holz für die Küche_]

[Illustration: _Lager am Kirkpatricksumpf_

  _Tafel 47_
]

[Illustration: _Blick gegen die Toburberge_]

[Illustration: _Blick gegen die Naquaberge_

  _Tafel 48_
]

[Illustration: _Erlegtes Nashorn_]

[Illustration: _Vegetation im Naquatal_

  _Tafel 49_
]




_DURCH DAS UNERFORSCHTE UGANDA._

  _Der Marsch durch die Steppe / Die erste Lagerstelle / Ein Eldorado
  für Jäger / Am Kirkpatricksumpf / Ein angreifendes Nashorn und sein
  Opfer / Am Fuss der Naquaberge / Gewaltmärsche / Zusammengebrochene
  Träger._


Am 26. Jänner verliessen wir Kaketta, die nördlichste und letzte
Eingeborenenstation in der von den Engländern verwalteten
Zentralprovinz Ugandas, und nun lag vor uns die wilde, unerforschte,
pfadlose Steppe mit all den Gefahren für jene, die vorhaben, in
sie einzudringen. An der Spitze der Karawane marschierte unser
Karamojoführer Adubungomoi (d. h. der im Kampfe einen getötet hat) mit
dem Naquahäuptling und dessen Begleiter, hinter ihnen folgten ich,
mein Boy und mein Gewehrträger, die beiden jungen Schmetterlingsfänger
Amissi und Paulo, dann kam die lange Reihe der Träger, von denen der
erste unsere Expeditionsfahne trug, und den Schluss bildete Dr. Stigler
in der Hängematte und der Askari-Sergeant. Wir bahnten uns den Weg
durch hohes Steppengras mit immer häufiger werdenden Flötenakazien,
deren lange spitze Nadeln wir oft unangenehm an unseren Körpern
verspürten, und erreichten gegen Mittag einen grossen Wassertümpel,
dessen steil abfallende Ufer vermuten liessen, dass hier zur Regenzeit
ein ziemlich wasserreicher Fluss seine Fluten nilwärts wälze. Da wir
nach Aussage unseres Führers und des Naquahäuptlings die nächste
Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht mehr erreichen würden,
schlugen wir hier unser Lager auf (Tafel 46).

Nach dem Abkochen entwickelte sich an den Ufern und im Wasser selbst
bald ein lebhaftes Treiben. Die Wasserfläche mit ihren ungezählten
weissen und violetten Seerosen glänzte im goldenen Schimmer der
hochstehenden Sonne und gegen hundert Eingeborene standen bis zur
Brust im Wasser und versuchten unter grossem Geschrei mit irgend einem
Angelstock ihr Petriheil. Auf unserem Abendtisch gab es daher zur
Abwechslung wieder einmal frisch zubereitete Fische von der gleichen
Art wie die im Salisbury-See gefangenen. Auch sonst war die Gegend sehr
wildreich, und mir gelang es, für unsere Küche in kurzer Zeit zwei
Digger und einen Hartebeest zu erlegen. Abends zündeten wir wie immer
grosse Feuer an, um etwaige Leoparden und die heranschleichenden Hyänen
vom Lager fernzuhalten.

Das Ziel unseres nächsttägigen Marsches war der Kirkpatrick-See,
so benannt nach dem unglücklichen, von den Naqualeuten ermordeten
englischen Major. Vier Stunden lang marschieren wir bei 43 Grad C.
durch die fast baumlose Steppe, deren zwei Meter hohes Gras so steif
und hart war, dass es sogar den Steppenbränden Widerstand leistete.
Es sind wohl die Grasspitzen verkohlt, der untere Teil ist aber nur
stark angerusst, so dass während des Marsches das Gesicht und die Hände
ebenso wie unsere Kleider ganz geschwärzt wurden.

Wir nähern uns immer mehr den Naquabergen, an deren Fuss dichtes
Buschland liegt, und unser Führer deutete nach Nordwest auf eine
grüne Insel, die mitten in die gelbe Grassteppe eingebettet und unser
nächster Wasserplatz ist. Bis dorthin ist es noch einige Meilen
weit, aber das Landschaftsbild änderte sich sehr bald wie mit einem
Schlage. Die öde einsame Steppe belebt sich, Zebras und Kongonis werden
sichtbar, auf allen Seiten springen Zwerggazellen auf, und wir stehen
mit einemmale inmitten eines prächtigen Naturwildparkes. Während unsere
Karawane zum Lagerplatz abbiegt, reite ich mit Schwarzer voraus, und
wir birschen beide auf je ein Rudel grosser Antilopen, die allerdings
rasch flüchtig werden, dafür taucht aber weit in der Ferne ein
mächtiger Elefant auf, der in kurzem Trab gegen die Naquaberge zuläuft.
Wir wollten ihm den Weg abschneiden, um ihn einzuholen, aber es gelang
uns nicht, und er verschwand schliesslich im Buschland. Infolge des
Wildreichtums dieser Gegend beschlossen wir, einen Tag hier Rast zu
halten und unsere Karawane reichlich mit Fleisch zu versehen.

Gleich am frühen Morgen birschte ich mit Schwarzer und war eben
im Begriffe, einem Rudel Hartebeeste nachzujagen, als wir in der
Entfernung von einigen Kilometern mehrere Giraffen ihre langen Hälse
in die Höhe strecken sahen. Nun ging es im Trab auf sie los, mitten
durch zwischen Strausse, Kongoni, Antilopen und Gazellen, die vor uns
aufspringen und schnellfüssig im hohen Grase wieder verschwinden, bis
wir auf 500 Schritt an die Giraffen herankommen. In die Herde, die
acht Stück, darunter einen mächtigen, dunkelbraun gefärbten Bullen
zählt, kommt aber plötzlich eine gewisse Unruhe, der Bulle hat mich
eräugt, und nun wird das ganze Rudel hoch und flieht in wiegendem,
immer schneller werdendem Schritt einen kleinen Hügel hinab gegen die
Naquaberge. Schwarzer versuchte, den Giraffen in grossem Bogen den
Weg abzuschneiden und sie gegen mich zu drücken, aber die Mühe war
vergebens, und ich konnte auf dem mehrere Meter hohen Termitenhügel,
den ich erstiegen hatte, nur noch die Flucht der Tiere beobachten.

Nachmittags ging Dr. Stigler auf die Birsch und kehrte mit einem
Warzenschwein heim. In der Nacht darauf wollten die Askari das Gebrüll
von Löwen gehört haben, so dass in diesem Eldorado für Jäger fast jede
Art von Grosswild vertreten erschien. Um so ärmer war es dafür an
Vögeln, und es wurden nur ein Sekretär, ferner ein Hornrabe (Bucorous
abyssinicus) und ein Marabustorch geschossen, der auf einem hohen Baume
stand, dem einzigen, der im Umkreis von vielen Quadratkilometern zu
sehen war. Auch Käfer und Schmetterlinge fanden wir nur sehr wenige.

Wie auf der ganzen Strecke seit Jinja ist auch hier der Boden
vulkanischer Natur, und nur selten zeigen sich Findlinge von Urgestein.
Der Sand ist rotbraun gefärbt, in der Steppe jedoch infolge der vielen
Brände gewöhnlich ganz schwarz. Unser Lager befand sich in der Nähe
eines grossen Wassertümpels mit schmutziggrünem Wasser und dichtem
Schilf. Auf der englischen Generalstabskarte ist in dieser Gegend der
+Kirkpatrick-See+ eingezeichnet, der vom Assuariver durchflossen wird.
Wir sahen aber weder etwas von einem See, der nach der Karte eine
grosse Ausdehnung besitzen musste, noch ein fliessendes Wasser, sondern
nur eine weite baumlose Grassteppe mit einem schilfigen etwa 8 m
breiten Wasserlauf, in welchem das Wasser aber ruhig zu stehen schien.
In der Regenzeit mag sich hier wohl ein viele Kilometer langer und
breiter Swamp ausdehnen, der in der Ferne wie ein See erscheint und
der von den Engländern nach dem unglücklichen Offizier benannt wurde.
Ich nenne ihn in meiner Routenkarte „Kirkpatrick-Swamp“ (Tafel 47–48).

In dem hier aufgeschlagenen Lager mussten wir von den Halsketten
Gebrauch machen, die die Askari für renitente Träger mitgenommen
hatten, da uns am Tage vorher einer der aus Kaketta mitgenommenen
Träger entlaufen war. Jeder dieser Eingeborenen erhielt einen Ring um
den Hals und war mit dem nächsten durch eine entsprechend lange Kette
verbunden, die ihnen genügend Bewegungsfreiheit schuf, jede Möglichkeit
eines Davonlaufens aber nahm. Ausserdem standen sie ununterbrochen
unter der Aufsicht eines Askari.

Beim Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir das Lager ab und
setzten unseren Marsch zu den Naquabergen fort. Ein Gefühl gespannter
Erwartung bemächtigte sich unser, und wir waren besonderer Gefahren,
ja auch eines etwaigen Angriffes der Eingeborenen gewärtig, da wir
nun in völlig unbekanntes, von kriegerischen Stämmen bevölkertes
Land eindrangen. In langgezogener Linie bewegte sich die Karawane
gegen Nordwesten durch die Grassteppe mit ihrem von grossen Rissen
und Sprüngen durchzogenen Boden, und erst nach anderthalb Stunden
gelangten wir in offenes Buschland. Ich ritt auf meinem Maultier,
arglos mit Schwarzer plaudernd, als der vor mir gehende Adubungomoi,
der Karamojoführer, plötzlich auf mich losstürzte, mit seinem Speer
nach rechts deutete und „Bwana mkubwa, +pharo, pharo+!“ (Herr, ein
Nashorn), ruft. Ich sprang rasch von meinem Maultiere, ergriff meinen
Mannlicher-Schönau und sah ungefähr 500 bis 600 Schritt in gleicher
Höhe mit mir einen dunkeln Koloss traben. Ich liess die Karawane sofort
halt machen und verfolgte mit Schwarzer, meinem Gewehrträger und dem
Karamojoführer das Nashorn, dem wir bis auf 300 Schritt nahekamen.
Da stellte es sich direkt gegen uns auf. Wir hatten sehr guten Wind,
weshalb es den Lärm, den das hohe Steppengras während des Anbirschens
machte, nur schlecht hörte. Nachdem es uns nicht eräugte, -- Nashörner
sehen bekanntlich sehr schlecht -- trollte es sich wieder fort und wir
folgten weiter im Laufschritt. Dieses Spiel wiederholte sich einige
Male, bis sich das mächtige Tier plötzlich mit dem Vorderkörper und
gesenktem Haupte gegen uns wendete. Diesen Moment benützte ich, um
einen Blattschuss anzubringen, der gut sass, denn das Nashorn drehte
sich am Flecke mit unheimlicher Schnelligkeit und brach dann in
aufrechter Stellung auf allen Vieren zusammen.

Die ganze Jagd spielte sich innerhalb weniger Minuten ab, und wir
hatten gerade noch Zeit gefunden, das erlegte Tier in der Nähe zu
betrachten, als der Gewehrträger gelaufen kam und nach rückwärts
deutend abermals den Ruf „Pharo!“ ausstiess. Wir wandten uns sofort
um und sahen, wie rückwärts, etwa 800 Schritt von uns entfernt,
ein zweites Nashorn in scharfem Trab und mit gesenktem Kopf direkt
gegen die Träger losstürmte. Wir hörten ein Klirren und Krachen der
weggeworfenen Kisten und Koffer, und die Träger stoben in wilder
Flucht auseinander. Tatenlos mussten wir sehen, wie das mächtige Tier
die Kette der Träger durchbrach und immer noch mit gesenktem Haupte
weiterstürmte und schliesslich im hohen Steppengras verschwand. Da
kam schon im Laufschritt ein Askari mit der Meldung, dass ein Mann
schwer verletzt sei, und tatsächlich wurde hinter ihm der grösste und
stärkste der aus Kaketta mitgenommenen Träger blutüberströmt zu uns
gebracht. Er war, wie die andern Träger, auf die Seite gesprungen, vom
Nashorn jedoch zu Boden geworfen worden und hatte dabei eine ungefähr
15 cm lange Rissquetschwunde auf der linken Wange davongetragen. Wir
labten den Verwundeten zuerst mit Tee, und Dr. Stigler packte seinen
Medizinkoffer aus und vernähte und verband seine Wunde (Tafel 49).

Nachdem die Träger von dem erlegten Tier das Horn und einige Streifen
Haut abgenommen hatten, wurde in scharfem Tempo weitermarschiert, denn
der Weg bis zur nächsten Wasserstelle war noch sehr weit. Stundenlang
ging es durch immer dichter werdendes Buschland, und die Wassersäcke
waren infolge der grossen Hitze schon stark entleert. Die grösste
Sorge bereiteten uns die Träger, die trotz der schweren Lasten
ihre vier, fünf Stunden leicht zurücklegten, aber ausserordentlich
ermüdeten, wenn der Marsch doppelt so lang währte und durch wasserlose,
unbeschattete Gegenden führte. Der grösste Teil der Karawane war weit
hinter uns, und mit uns folgten nur einige wenige, besonders starke
und vielleicht auch besonders ehrgeizige Eingeborene. Wir Europäer
waren nicht weniger ermüdet, durften dies aber, um den Eingeborenen
kein schlechtes Beispiel zu geben, nicht zeigen. Denn an eine längere
Rast konnten wir nicht denken. Indess gelangten wir endlich an den
Fuss der Naquaberge und fast plötzlich umfing uns statt des bisherigen
eintönigen Buschlandes eine reiche, tropische Vegetation. Mächtige
alte Bäume gewährten kühlen Schatten, und wir standen am Eingang eines
schmalen, von West nach Ost sich tief in die Naquaberge erstreckenden
Tales, in dem wir auf einer alten Elefantenfährte unseren Weg suchten.
Mühsam zwängten wir uns Mann für Mann durch das Urwaldgestrüpp, als
plötzlich rechts von uns ein Krachen und Brechen und gleichzeitig
der Ruf „Tembo“ (Elefant) ertönte. Wir erwarteten mit schussbereiten
Gewehren den Durchbruch der Tiere, sie zeigten sich aber nicht, und
wir drangen immer tiefer in die üppige Vegetation ein, in der sich
besonders die schönen Burassuspalmen mehrten (Tafel 50). Nach einer
Stunde schloss sich vor uns die Bergkette gegen eine sattelartige
Vertiefung, von der herab ein glattgeschliffenes Granitfelsmassiv bis
ins Tal reichte. Mehrere Felsenlöcher, die sich in terrassenförmigen
Abstufungen vorfanden, waren mit Regenwasser gefüllt -- unsere ersehnte
Wasserstelle. Elefanten-, Gazellen- und Hyänenspuren bezeichneten den
Weg dorthin, und das Wasser war auch stark von den Tieren verunreinigt,
aber trotzdem bedeutete es für uns einen köstlichen, langentbehrten
Genuss. Ich bestimmte den unteren Wassertümpel für uns Europäer
und stellte ihn unter Bewachung eines Askari, den oberen für die
Träger. Diese Scheidung war nötig, da die Eingeborenen die schlechte
Eigenschaft haben, die Wasserstellen, sowie sie ihren Durst gelöscht
haben, sofort durch Baden und noch Aergeres zu verunreinigen. Die
Maultiere und Esel wurden aus den Stoffeimern getränkt, da für sie
ein Trinken an Ort und Stelle infolge der glatten Felsen zu grosse
Absturzgefahr mit sich gebracht hätte. War es doch meinem Freunde Dr.
Stigler passiert, dass er, als er zum Bergsattel aufstieg, um Umschau
nach einem geeigneten Lagerplatz zu halten, ausglitt und mit Kleidern,
Schuhen und Tropenhelm in einen Wassertümpel abrutschte, wo er zu
einem unfreiwilligen Bade kam.

Inzwischen hatte ich selbst am Fusse eines steilen Felsabsturzes in
nächster Nähe der Wasserstelle einen Platz gefunden, der für das
Aufstellen unserer Zelte geeignet erschien. Es stellte sich aber nun
heraus, dass von den Trägern erst eine ganz kleine Schar angelangt
und von den Zelten, Betten und Sesseln noch keine Spur zu finden
war. Trotzdem es bereits dämmerte, vermissten wir noch über die
Hälfte unserer Leute. Wir sandten fünfzehn Träger mit Wassersäcken
zurück, um den zurückgebliebenen und halbverschmachteten Eingeborenen
behilflich zu sein. Auf zwei Stunden Weg war unsere Marschlinie mit
zusammengebrochenen Trägern besetzt, und einzelne unserer Eingeborenen
gingen zweimal, ja dreimal zurück, um die Liegengebliebenen aufzulesen
und deren Lasten zu tragen. Einer der Ermatteten war überhaupt unfähig,
noch weiter zu gehen und musste von vier Mann getragen werden, und so
wurde es acht Uhr abends, bis sich die ganze Karawane wieder vollzählig
versammelt hatte. Wir mussten noch froh sein, dass der Gewaltmarsch
dieses Tages keine schlimmeren Folgen aufwies. Seit halb fünf Uhr
morgens waren wir auf den Beinen gewesen und hatten -- nach Abzug der
wenigen kurzen Rasten -- einen ungefähr zwölfstündigen Marsch hinter
uns, der bei glühender Sonnenhitze und sparsamstem Wasserverbrauch
durch meterhohes, steifes Steppengras zurückgelegt worden war. Wer
unter ähnlichen schwierigen Verhältnissen Steppenreisen in der heissen
Glut der Aequatorialsonne gemacht hat, dürfte diese Leistung zu
schätzen wissen. Dass wir mit unserer langen Karawane schliesslich
doch dies Gebiet glücklich durchquert hatten, verdankten wir zum
grossen Teil der Energie unserer Askari, ebenso aber auch der strammen
Disziplin, die wir den Eingeborenenträgern bereits beigebracht hatten.
Beide Umstände trugen dazu bei, dass wir ohne jeglichen Verlust von
Menschenleben -- den wir nach den von Gouverneur Jackson gemachten
Erfahrungen schon bei der Elgonbesteigung gefürchtet hatten --
durchgekommen waren.




_EIN GEPLANTER UEBERFALL._

  _Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische
  Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft
  / Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen._


Nachdem rasch abgekocht worden war, trat in unserem Lager vollständige
Stille ein. Kein Gesang oder sonstiger Lärm drang zu uns, erquickender
Schlaf hatte sich auf die Müden und Ermatteten gesenkt. Die Lagerfeuer
waren erloschen, und nur die wenigen, von den Askari unterhaltenen
Wachfeuer loderten noch gegen das sternenbesäte Firmament empor, das
vom aufsteigenden Vollmond hell beleuchtet war.

Wir Europäer sassen noch am Abendtisch und sprachen über den
ereignisreichen Tag, der uns unser Ziel doch erreichen hatte lassen.
Wir wunderten uns, dass von den berüchtigten Naquaeingeborenen, die uns
von allen als kriegerisch, hinterlistig und verräterisch geschildert
wurden, nirgends etwas zu sehen war, trotzdem wir mitten in ihre
Gebiete eingedrungen waren. Schon beim Einmarsch in das schmale Tal
hatten wir genau die Bergabhänge abgesucht, jedoch weder eine Hütte
noch einen Eingeborenen erblicken können. Kurz vor unserer Ankunft
in Kaketta hatten sie die Kumamas -- die Bewohner der Teso-Provinz
-- kriegerisch überfallen, ihre Niederlassungen geplündert und die
Weiber weggeführt. Zudem hiess es von ihnen, dass sie keinen Fremden
in ihren Gebieten dulden -- trotz alledem waren wir unangefochten bis
hierher gelangt. Wir führten dies in erster Linie darauf zurück, dass
uns ihr Häuptling, den wir nicht aus dem Auge liessen, gewissermassen
als Geisel begleitete. Wir fragten ihn, ob wir mit ihm am nächsten
Morgen seine in den Bergen gelegenen Niederlassungen besuchen könnten,
er antwortete aber, dass dies nicht möglich sei, da die Hütten viele
Stunden vom Lager entfernt liegen. Jedenfalls wollte er es verhindern,
dass wir seine Leute, deren Sitten und Gebräuche kennen lernen sollten
(Tafel 51).

[Illustration: _Lager im Naquatal_]

[Illustration: _Unser Wasserplatz in Naqua_

  _Tafel 50_
]

[Illustration: _Lagerplatz im Naquatal_]

[Illustration: _Naqua-Eingeborene_

  _Tafel 51_
]

Nach neun Uhr -- wir waren eben im Begriffe, zu Bette zu gehen und
unseren müden Gliedern die wohlverdiente Ruhe zu gönnen -- bemerkte Dr.
Stigler, der ein ausserordentlich scharfes Auge besitzt, auf der uns
gegenüberliegenden Berglehne plötzlich mehrere winzig kleine Lichter
(glimmende Holzstücke) aufblitzen, die bald verschwanden, nach kurzer
Weile aber wieder sichtbar wurden. Wir beobachteten eine Zeit hindurch
die Bewegung dieser Lichtpunkte und konnten uns nicht erklären, woher
plötzlich die Menschen gekommen seien, die dort oben mit Lichtern
herumwanderten. Rings um uns herrschte Totenstille, und unser Lager war
von dem Silberlichte des Vollmondes übergossen, an dem nur dann und
wann dünne durchsichtige Wolkenstreifen vorüberzogen. Alles schlief,
bis auf die zwei diensthabenden Askari, die ruhig hinter unseren Zelten
standen.

Je länger wir die dunklen Bergabhänge beobachteten, desto deutlicher
konnten wir das Aufflackern der Lichter verfolgen. Die Sache schien
uns immer weniger geheuer, und wir weckten unseren Heatman Abeidi
und fragten ihn, was dies eigentlich zu bedeuten habe. Abeidi wollte
anfangs unsere Bedenken zerstreuen und meinte, es wären honigsammelnde
Eingeborene, die diese Arbeit gewöhnlich zur Nachtzeit verrichten. Als
wir aber auch auf den hinter uns liegenden Bergabhang blickten und
dort ebenfalls Lichter blitzen sahen, die sich nun auf allen Hängen
rings um uns rasch mehrten, wurde Abeidi anderer Meinung und erklärte,
dies habe nichts anderes zu bedeuten, als dass wir von den Wilden
eingeschlossen seien und jedenfalls einen Ueberfall zu gewärtigen
hätten! Nun hiess es, sich rasch auf einen solchen vorzubereiten und
Gegenmassregeln zu treffen. Wir liessen den Sergeant wecken und legten
ihm die Situation klar, und auch dieser hegte nicht den geringsten
Zweifel darüber, dass uns die Naquaeingeborenen in der Nacht angreifen
würden. Er liess sofort alle Askari antreten und die Gewehre laden,
was auch wir Europäer taten. Wir suchten nun die Abhänge ringsum genau
mit den Gläsern ab und konnten konstatieren, dass sie vollständig von
den Wilden besetzt waren; auch auf der knapp hinter unseren Zelten
aufsteigenden Felswand leuchteten die verräterischen Lichter auf, und
sie bewegten sich alle in der Richtung gegen unser Lager, so dass wir
sogar schon die einzelnen schwarzen Gestalten wahrnehmen konnten, die
bereits in Schussweite waren. Unverkennbar waren wir nun ringsum von
den Naqualeuten eingeschlossen, und dass diese nicht in guter Absicht
erschienen waren, musste uns klar sein.

Unsere Situation war sehr unangenehm und gefährlich, denn unser
Lagerplatz war klein und das Tal überaus eng, so dass wir im Falle
eines Angriffes auch noch befürchten mussten, uns gegenseitig
anzuschiessen. Ausserdem hatten wir im ganzen nur 21 Repetiergewehre
zur Verfügung, wogegen wir uns darauf gefasst machen mussten, mit
ungezählten Giftpfeilen und Speeren überschüttet zu werden. Ein
weiterer Nachteil gegenüber den Wilden erwuchs uns endlich auch daraus,
dass diese durch die Dunkelheit geschützt waren und von den überhöhten
Berghängen ihre Geschosse in die Tiefe schicken konnten, während
wir, auf einem kleinen Platz zusammengedrängt, in jeder Bewegung vom
Mondlicht beleuchtet waren, so dass wir äusserst gute Zielpunkte
abgaben.

Es folgten nun einige Stunden der grössten Spannung. Wir standen
alle schussbereit, entschlossen, unser Leben so teuer als möglich zu
verkaufen und uns bis zum äussersten gegen den tückischen Angriff der
Wilden zu wehren. Jeden Augenblick erwarteten wir, dass der erste Pfeil
durch das Dunkel schwirren werde, worauf wir sofort das Feuer eröffnet
hätten. Aber wir warteten vergebens, denn unsere Feinde schienen nun
anderen Sinnes geworden zu sein. Die grosse Karawane mit den vielen
Kisten, den Eseln, Maultieren und anderen Haustieren wäre ihnen gewiss
eine willkommene Beute gewesen, aber jedenfalls hatten sie genau unsere
Bewegungen verfolgt und beobachtet, dass wir nicht zu überraschen
seien und alle Vorbereitungen gegen einen etwaigen Angriff getroffen
hatten. Dies mochte sie wohl in erster Linie bewogen haben, von einem
solchen abzustehen und ihn vielleicht für eine bessere Gelegenheit
aufzuschieben. Je später es wurde, desto spärlicher wurden die Lichter,
bis allmählich eines nach dem andern verschwunden war und wir -- es
war inzwischen halb zwei Uhr nachts geworden -- mit geladenen Gewehren
endlich zu Bette gehen konnten, nicht ohne vorher noch die Zahl der
Wachtposten zu erhöhen und den Auftrag zu geben, uns sofort zu wecken,
sobald irgendeine verdächtige Bewegung wahrzunehmen sei, die auf eine
Annäherung der Eingeborenen schliessen lasse. Unsere Nachtruhe wurde
aber nicht gestört, und wir waren bald in tiefen Schlummer gesunken,
der die Anstrengungen und Aufregungen dieses Tages als willkommenes
Ende abschloss.




_IN DEN NAQUABERGEN ABGEIRRT._

  _Ein Schlangenbiss / Besuch der Eingeborenen / Die Furcht vor
  den Naqua / Aufbruch in die Berge / Von meiner Karawane abgeirrt
  / Rencontre mit den Eingeborenen / In heikler Situation / Eine
  schlaflose Nacht / Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeiten /
  Eintreffen meiner Karawane / Die Schmiedehütten der Toburleute /
  Anna- und Josefaberg / Besuch dreier Häuptlinge / In Adelang / Von
  wilden Bienen überfallen._


Später als gewöhnlich erwachten wir am nächsten Morgen, erquickt von
dem Schlaf, der uns so notgetan, und frohen Mutes in der Ueberzeugung,
dass wir die Gefahr des nächtlichen Angriffes durch unsere Wachsamkeit
und entschlossenen Vorbereitungen abgewendet hatten. Narima Lengomoi
(der Tapfere, der viele ermordet hat), so hiess unser Naquahäuptling,
verliess schon um 7 Uhr das Lager, um sich zu seinen Leuten zu begeben,
und versprach uns, am nächsten Tage einige Eingeborene, auch Weiber,
sowie ethnologische Gegenstände mitzubringen.

Jetzt, da wir nicht mehr ermüdet waren und die helle Morgensonne alles
bestrahlte, konnten wir uns der ausserordentlich schönen Lage unseres
Kamps erst so recht erfreuen. Das lange, schmale Tal, zu dessen beiden
Seiten steile Bergwände emporstiegen, war von einer Menge mächtiger,
schlanker Burassuspalmen mit ihren grossen, runden, gelben Früchten
bewachsen, und an den herabhängenden Wedeln schaukelten sich viele
langschwänzige, buntfarbige Vögel. Der Unterwuchs, aus dem viele alte
Bäume emporragten, war ungemein dicht und erinnerte an die Vegetation
des Urwaldes.

Nachmittags, während ich mit kartographischen Aufnahmen beschäftigt
war, bestieg Dr. Stigler mit seinem Sais (Eseltreiber) und seinem Boy
Kilimandscharo eine der höchsten Bergspitzen im Naquagebirge, die wir
nach seiner Mutter „Annaberg“ benannten. Er kam erst spät abends ins
Lager zurück, leider mit einem Schwerverletzten. Sein Eseltreiber war
beim Abstieg von der Spitze auf eine Giftschlange getreten, die sich
um seinen Fuss ringelte und ihn in die Wade biss. Dr. Stigler machte
sofort an der Stelle des Bisses einen Schnitt, führte die Abbindung
durch und gab um die Wunde herum 15 Injektionen von Kaliumpermanganat.
Im Lager erhielt der Kranke einige Schalen heissen Tees mit viel
Kognak und, nachdem seine Wunde gründlich gewaschen worden war, einen
neuen Verband. Zufälligerweise hatte uns Dr. Stigler gerade am selben
Tage über die Behandlung von Schlangenbissen belehrt, da wir schon
mehrmals Giftschlangen, und zwar Puffottern, angetroffen hatten, und
die Oertlichkeit, in der unsere Zelte lagen -- neben einer Felswand
zwischen dichtem Gestrüpp --, einen beliebten Aufenthaltsort dieser
Tiere bildet. Wir erhielten jeder zur Mitführung im Rucksack ausser
flüssigem hypermangansauren Kali eine Injektionsspritze und einen
Kautschukschlauch zum Abbinden der Blutgefässe. Wie sehr sich diese
Vorsichtsmassregeln bewährten, hat gerade der Fall mit dem Eseltreiber
Dr. Stiglers gezeigt.

Da wir unbedingt die Naqua-Eingeborenen kennen lernen wollten,
hielten wir auch am nächsten Tage Rast, an dem nun tatsächlich der
Häuptling mit einigen seiner Eingeborenen in unser Lager kam. Es waren
ganz nackte, grosse, kräftige Gestalten mit der Karamojo-Haartracht
und von sehr scheuem Benehmen. An Schmuck trugen sie viel weniger
als die Wilden, die wir bisher kennen gelernt hatten, nur der eine
oder andere den Unterlippenstift und den gewissen Ring mit dem
bogenartigen Auslauf, wie wir ihn schon bei den Karamojo gesehen
hatten. Der Häuptling beschenkte mich mit seinem Speer, einem
Schild aus Giraffenhaut und einem alten Elefantenzahn, und auch die
Eingeborenen hatten Speere, Schilde und kleinere Elefantenzähne für
mich mitgebracht, wofür sie Eisenringe haben wollten. Sie sind, so
wie auch die Toburleute, mit der Behandlung des Eisens sehr vertraut
und schmieden sich selbst ihre mit langen Hülsen versehenen, überaus
scharfen Speere. Wie hoch sie diese Waffe einschätzen, zeigte sich bei
den nun folgenden Tauschgeschäften. Unter zehn Eisenringen war kein
Speer zu haben. Ich legte ihnen Amerikani, Perlen, Spiegel, Messer,
Fischangeln, Münzen, Tabak und noch viele andere Tauschartikel vor;
von all dem wollten sie aber nichts wissen und hatten nur Verlangen
nach dem Eisendraht. Kaum waren wir mit dem Tausch fertig, wollten
sie auch sofort wieder abziehen, und ich konnte sie durch Vermittlung
des Häuptlings nur mit Mühe solange zurückbehalten, bis wir sie
photographisch aufgenommen hatten. Den Häuptling befragten wir, warum
Major Kirkpatrick mit seinen Soldaten ermordet worden sei, worauf er
verlegen zur Antwort gab, dass der Ueberfall eigentlich mehr den Askari
gegolten habe, die von den Naqualeuten gehasst wurden. Wir gaben ihm
dann einen Brief, in dem wir ihm bestätigten, dass er uns begleitet
hatte und wir durch seine Anordnungen vor Ueberfällen bewahrt wurden,
und nahmen ihm das Versprechen ab, dass er uns einen seiner Leute als
Führer durch das Toburgebiet mitgebe. Sodann verabschiedeten wir uns
von ihm, nachdem wir ihn noch reichlich beschenkt und bewirtet hatten,
und er verliess mit den bereits ungeduldig gewordenen Eingeborenen
rasch unser Lager.

Unser Karamojoführer Adubungomoi hatte vor den Naqualeuten einen
derartigen Respekt, dass er sich allein kaum einen Schritt vom
Lager zu entfernen wagte. Ich schickte ihn vormittags aus, mit dem
Auftrage, nach Wild zu suchen, da wir für unsere Küche frisches
Fleisch benötigten, aber er bestand darauf, von zwei Askari begleitet
zu werden, und ging auch dann nur eine halbe Stunde weit fort. Er
behauptete, dass ihn die Eingeborenen sofort ermorden würden, wenn sie
ihn irgendwo allein anträfen. Dieselbe Furcht zeigten auch die Träger,
die sich sonst fast von jedem Lager aus grössere Ausflüge erlaubten,
hier aber den Umkreis des Lagerplatzes nicht zu verlassen wagten.
Gewitzigt durch die Aufregungen der ersten Nacht, in der uns die
Wilden rings eingeschlossen hatten, umgaben wir übrigens unsere Zelte
mit einem Verhau aus dornigen Aesten, um so den ersten Anprall eines
nächtlichen Angriffes zum mindesten abzuschwächen.

Am nächsten Morgen brachen wir unser Lager -- das landschaftlich
schönste seit den Rastplätzen auf dem Elgon -- ab, um zu der nächsten
Wasserstelle weiter zu marschieren, die nach Aussage unseres Führers
in den Toburbergen lag. Ich ging mit dem Naquaführer, meinem Boy
und Gewehrträger sowie einem Askari voraus, während die Karawane
langsam hinter uns herzog. Nach einer Stunde war das schmale Tal zu
Ende, und wir hatten den südlichen Rand der Abhänge des Naquagebirges
erreicht. Wir rasteten, bis wir die ersten Gestalten der lasttragenden
Eingeborenen hinter uns auftauchen sahen, und marschierten dann
längs des Südrandes des Gebirgszuges mehrere Stunden durch Buschland
und pfadlose Steppen mit 2 m hohem Gras, bis wir schliesslich am
Eingang eines ziemlich breiten Tales standen, in dem sich, wie unser
Naquaführer sagte, ein Wasserloch befinden sollte. Hier warteten wir
wieder, um die Verbindung mit der Karawane nicht zu verlieren, sahen
auch bald hinter uns die Kette der Träger auftauchen und setzten dann
den Marsch fort. Nicht lange hierauf liess die Gegend auf die Nähe
von Niederlassungen schliessen, da wir einige Durrafelder und Hütten
antrafen, in denen Mehl aufbewahrt wurde. Während des Marsches erlegte
ich einige Vögel, nicht ahnend, dass Schüsse in dieser Gegend ein sehr
unangenehmes und unerwünschtes Echo haben, weil sie den Eingeborenen
die Anwesenheit von Fremden verrieten. Mein Boy machte mich denn auch
sehr bald darauf aufmerksam, dass sich an den Abhängen zu beiden Seiten
des Tales viele Wilde zeigten, die, von dem Knall meiner Schüsse
aufgeschreckt, ihre Dörfer verlassen hatten und wahrscheinlich meinten,
es dringe eine englische Expedition vor, um ihr Land zu besetzen. Denn
es war bis hierher die Kunde verbreitet, dass im Nordosten von Naqua
und Tobur viele Hunderte von Eingeborenen im Kampfe mit englischen
Strafexpeditionen ihr Leben gelassen hatten und viele Niederlassungen
von den Engländern in Brand gesteckt worden waren.

Ich beobachtete mit grossem Interesse die Bewegungen der Eingeborenen,
die bald die Flucht ergriffen, und machte mir keine weiteren Sorgen,
da ich ja die Karawane hinter mir wähnte. Wie gefährlich aber die
Situation für mich war, erkannte ich erst, als wir gegen 1 Uhr
nachmittags bei der Wasserstelle, einem kleinen, tiefen Loch mit
schmutzigem, vollständig verunreinigtem Wasser anlangten, dort Rast
machten und auf unsere Karawane warteten. Die hinter uns marschierende
Trägerlinie, mit der wir die Verbindung den ganzen Weg hindurch
aufrecht erhalten hatten, tauchte wohl auch nach kurzer Weile auf,
sie entpuppte sich aber, als sie näher kam, nicht als unsere Karawane
oder deren Vorhut, sondern als eine kleine Schar der Trägerboys. Manche
unserer Träger sowie die Askari hatten nämlich für einen geringfügigen
Lohn junge Burschen im Alter von zehn bis siebzehn Jahren aufgenommen,
die ihnen die Trägerzelte, die Kochtöpfe und Wolldecken zu tragen
hatten. Da ich immer an der Spitze der Karawane, diese Boys jedoch ganz
rückwärts marschierten, waren sie mir bisher fast unbekannt geblieben,
und ich hatte sie jetzt auf den Plätzen, wo ich auf die Karawane
wartete, jedesmal, wenn sie mit ihren Lasten aus dem hohen Steppengras
auftauchten, für meine eigenen Träger gehalten, so dass ich glaubte,
nun ruhig weitermarschieren zu dürfen. Durch dieses Missverständnis
war ich nun von meiner Karawane getrennt, die, wie sich dann später
herausgestellt hat, nicht unserer ausgetretenen Spur, sondern unter
der Führung Abeidis Kongonifährten folgte, die er für die Spur meines
Maultieres hielt. Infolgedessen bog sie viel früher in die Berge ab
als wir und gelangte in ein Tal, das durch eine hohe Bergkette von dem
unseren getrennt war.

[Illustration: _Toburfrau_]

[Illustration: _Junge Toburmänner_

  _Tafel 52_
]

Vorläufig war nun nicht viel zu tun, um diesen Irrtum wieder
gutzumachen. Ich ruhte von dem Marsche aus und überlegte, wie ich am
besten wieder zu meiner Karawane kommen könnte, als mich mein Boy
Simon plötzlich aufmerksam machte -- ich lag ausgestreckt im Grase
--, dass wir von Eingeborenen eingeschlossen seien. Diesmal waren sie
aber nicht, so wie in unserem letzten Lager, in weiter Entfernung,
sondern standen, nachdem sie sich lautlos angeschlichen hatten, bloss
einige Schritte weit, wie mit einemmale aus dem Boden gewachsen, vor
uns. Es waren zehn grosse, junge, kräftige, wild blickende Gestalten,
von einem alten Häuptling geführt, jeder hielt einen Speer in der
Linken und schwang ausserdem noch einen zweiten in der Rechten. Durch
Saléh, meinen Gewehrträger, der die Sprache der Eingeborenen kannte,
erfuhren wir schliesslich, dass der Häuptling frage, ob ich kämpfen
wolle. Meine harmlosen Schüsse hatten also die Eingeborenen derart
erregt, dass sie meinten, sie gälten ihnen und nicht den Vögeln.
Der Askari und Saléh hatten ihre Gewehre schussbereit gehalten, was
ich aber sofort einstellte, da ich sah, dass hinter den Büschen sich
noch eine grosse Anzahl mit Speeren bewaffneter Eingeborener versteckt
hielt und wir demnach einer gewaltigen Uebermacht gegenüberstanden. Ich
hielt es daher für das Klügere, mich in Verhandlungen einzulassen, und
liess dem Häuptling sagen, dass wir nicht die mindesten feindlichen
Absichten hätten, dass die Schüsse den Vögeln gegolten hatten, von
denen ich ihm zehn Stück vorzeigen konnte, und dass ich ihn, sobald
meine grosse Karawane angelangt sei, reich beschenken werde. Auf das
hin sprach er mit den Eingeborenen, die ihre zum Kampf erhobenen Speere
sinken liessen, kam auf mich zu und reichte mir die Hand, die ich ihm
freundschaftlichst drückte (Tafel 52).

Das ganze Zwiegespräch hatte viel Zeit in Anspruch genommen, da sich
der Häuptling in der Karamojosprache nur mit Saléh verständigen konnte,
dieser dessen Worte meinem Boy in Suaheli übersetzte, bis mir Simon
schliesslich den Inhalt des Gespräches auf Englisch mitteilte. Da wir
nun anscheinend gute Freunde geworden waren, liess ich den Häuptling
ersuchen, er möge mir Milch und Hühner schicken, was er auch zusagte.
Er wünschte hierauf von mir ein Mittel gegen seine schlechten Augen
und hatte ein besonderes Verlangen nach meinen Sonnengläsern, durch
die ich ihn wohl schauen liess, die ich ihm aber nicht geben konnte,
da sie, nachdem mir schon drei Gläser gebrochen waren, meine letzten
waren. Auch mein Khakianzug erregte sein Gefallen, welche Liebe zu
Kleidern wir übrigens auch bei den Eingeborenen, denen wir dann später
begegneten, sehr ausgeprägt vorfanden. Nachdem ich ihm aber auch diesen
nicht gut abtreten konnte, verliess er uns mit seinen Begleitern.

Ich schickte nun sofort meinen Gewehrträger auf einen Hügel, um nach
unserer Karawane Ausschau zu halten. Nach zwei Stunden kam er mit der
Meldung zurück, dass niemand zu sehen sei. Die Situation wurde nun
für uns sehr unangenehm, und ich musste mich darauf gefasst machen,
ohne Nahrung, ohne Zelt und Bett wahrscheinlich auch die Nacht hier
zu verbringen. Am Nachmittag waren zwar einige Eingeborene mit einem
Huhn, Milch und Eiern gekommen, sie erklärten aber, dass ich ihnen
vorher Eisenringe geben müsse. Als ich ihnen sagte, sie würden diese
und noch viele andere schöne Dinge erhalten, sobald meine Karawane
eingetroffen sein werde, meinten sie, sie würden wieder kommen, wenn
diese wirklich hier wäre, und zogen sich unter Mitnahme der gebrachten
Lebensmittel, die wir demnach nur ansehen durften, misstrauisch zurück.
Unter ihnen war auch ein sehr kräftiger, hübscher, energischer Junge,
der mir mehr Vertrauen zuzuwenden schien als die übrigen und mir
mitteilen liess, dass auf dem nördlich von unserem Platze aufsteigenden
Bergrücken eine grosse Karawane gesehen worden sei. Es konnten dies
nur meine Träger sein, und ich liess den Jungen unter Zusicherung
grosser Geschenke bitten, er möge die Karawane aufsuchen und Dr.
Stigler einen Brief übermitteln. Nach langem Hin und Her erklärte sich
der Eingeborene hierzu bereit und übernahm den Brief, in dem ich Dr.
Stigler meine heikle Situation schilderte. Der Bursche machte sich
sofort auf den Weg und hoffte, bis zum aufgehenden Mond wieder zurück
zu sein.

Er hatte sich aber in seiner Annahme verrechnet, denn die Karawane
war viele Stunden weit entfernt. Wie sich später herausstellte, war
sie, irregeführt durch Wildfährten, die sie für die Spuren meines
Maultieres hielt, tief in ein Hochgebirgstal hineingekommen, wo kurze
Rast gehalten wurde. Dr. Stigler ging von dort aus mit seinem Boy zu
einer auf der Höhe gelegenen Eingeborenen-Niederlassung, um nach Wasser
zu fragen und vielleicht Nachricht über meinen Aufenthalt zu bekommen.
Die Karawane, die auf dem Rastplatz kein Wasser hatte, marschierte mit
den übrigen Europäern gegen Norden weiter, in der Hoffnung, Dr. Stigler
einzuholen, und erreichte erst nachts eine Wasserstelle. Dr. Stigler
hatte unterdessen gleichfalls Wasser gefunden, war nun aber auch von
der Karawane getrennt. Wenigstens hatte er aber die Esel mit den
Konservenbüchsen bei sich und hatte auch anordnen können, dass ihm Zelt
und Bett geschickt wurden.

Ich hatte mich inzwischen wohl oder übel in mein Schicksal gefügt und
bereitete mich darauf vor, die Nacht ohne Zelt und Bett, und ohne eine
Nahrung zu mir genommen zu haben, im Freien zuzubringen. Zwischen
den Bäumen liess ich mir mit abgeschlagenen Aesten und Zweigen ein
Verhau errichten, um einigermassen gegen den immer schärfer blasenden
Nordwind geschützt zu sein, und bereitete mir dann innerhalb desselben
aus abgeschnittenem Gras, das ich mit einem Wettermantel zudeckte, ein
primitives Lager. Mein Askari und Saléh hielten abwechselnd Wache. Die
Nacht war hell, und der aufsteigende Vollmond umschleierte mit seinem
Silberlichte das breite Tal und die Konturen der steilen Bergabhänge.
Ich konnte nicht viel schlafen und verbrachte den grössten Teil der
Nacht wachend, denn eine Unmenge von Gedanken über meine Lage --
es war bitter kalt geworden und ich musste mich wiederholt an dem
nahen, hochlodernden Lagerfeuer wärmen -- und die zu gewärtigenden
Möglichkeiten stürmten auf mich ein und liessen mich nicht zur
Ruhe kommen. Ich war inmitten eines feindlich oder mindestens sehr
unfreundlich gesinnten Volksstammes, dem ich mit meinen wenigen
Begleitern und den zwei Gewehren, die ich nebst einer Pistole mithatte,
fast machtlos gegenüberstand. Es schien nicht ausgeschlossen, dass ich
noch eine zweite und dritte Nacht hier auf diese Art würde zubringen
müssen, womit auch die Gefahr einer Erkrankung stieg.

Mit grosser Freude begrüsste ich daher den ersten Schimmer der
Morgendämmerung und schickte alsbald meinen Gewehrträger zum Häuptling,
um mir für zwei Eisenringe, die ein Boy Abeidis zufällig bei sich
hatte, Eier einzutauschen. Er kam auch mit neun Stück Eiern zurück,
die jedoch alle schlecht waren. Der Naquaführer Amaké hatte mich tags
zuvor sofort, als er bemerkte, dass meine Karawane nicht nachfolge,
verlassen, sich zu den Eingeborenen begeben und dürfte sie gegen mich
aufgehetzt haben. Denn ein Eingeborener aus Kamjuru, der sich zuerst
bereit erklärt hatte, mich zur nächsten Wasserstelle zu führen, kam
bald darauf in Begleitung des Naquaführers mit der Erklärung zurück,
dass er nicht mitgehen könne, und Amaké selbst verlangte frech den
Amerikanistoff, den ich ihm versprochen hatte.

Der ganze Vormittag verging, ohne dass wir irgendwelche Nachricht
erhalten hätten, und hunderte Male schweiften unsere Blicke auf die
nördlich gelegenen Abhänge, um den gestern abgeschickten Eingeborenen
mit der so sehnsüchtig erwarteten Antwort Dr. Stiglers zu erspähen.
Gegen Mittag endlich brach ich auf, um den nächsten Wasserplatz
zu erreichen, wo ich meine Karawane anzutreffen hoffte. Nach
dreiundeinhalb Stunden schnellen Marsches kam uns der Tobur-Eingeborene
entgegen mit einem Schreiben Dr. Stiglers, das ich in gespanntester
Erwartung öffnete. Mein Gefährte teilte mir mit, dass er mir einige
Träger mit Zelt, Bett und Konserven in mein Lager schicke, er selbst
mit der wiedergefundenen Karawane auf einem Hochplateau übernachte
und erst am nächsten Morgen folgen könnte, da die Träger durch einen
zwölfstündigen Marsch vollkommen erschöpft seien. Auf diese Nachricht
hin kehrte ich, um die mir entgegengesandten Träger nicht zu verfehlen,
sofort auf meinen alten Lagerplatz zurück, obgleich ich auf dem Wege
schon Spuren meiner Karawane sehen konnte. Es dämmerte bereits, als
mir in der Nähe meines alten Kamps vier Träger meiner Karawane unter
Führung eines Eingeborenen begegneten. Sie waren alle total erschöpft,
denn ihre Marschleistung hatte nicht weniger als sechzehn Stunden
betragen. Bei der Wasserstelle wurde nun rasch abgekocht, ich teilte
die Konserven mit meinen braven Begleitern, und gleich darauf sank
jeder todmüde auf sein Lager zu erquickendem Schlaf hin. Der Askari und
der Gewehrträger hielten abwechselnd wieder die Wache und sorgten auch
für die grossen Feuer, die wir angezündet hatten, um uns, wenn möglich,
unserer Karawane bemerkbar zu machen. Diese selbst unterhielt ebenfalls
grosse Lagerfeuer, die auf einem viele Meilen von uns entfernten, hoch
in den Bergen gelegenen Sattel aufflackerten und von uns deutlich
gesehen werden konnten.

Während dieser zwei Tage, in denen ich von meiner Karawane getrennt
war, musste ich mangels der Apparate mit den kartographischen und
meteorologischen Aufnahmen zum ersten Male auf dem viele Hunderte
Kilometer langen Wege von Jinja bis hierher aussetzen. Es war mir
schon zur täglichen Gewohnheit geworden, morgens vor dem Abmarsch und
abends bei Beginn der Dämmerung meine meteorologischen Aufzeichnungen
zu notieren, die sich auf die Maximum-Minimum-Temperaturen der
letzten 24 Stunden, auf jene des Trockenheits- und Feuchtigkeits- und
Schleuderthermometers, auf den von den Barometern abgelesenen Luftdruck
und schliesslich auf Bewölkung, Windrichtung und etwaige Gewitter
erstreckten. Leider war durch diese Trennung meine zweite astronomische
Uhr, die sich im Koffer befand, stehen geblieben, und es blieb mir für
die genaue Zeitbestimmung bei den astronomischen Beobachtungen nur die
eine, die ich bei mir führte.

Am nächsten Morgen ging ich, nachdem ich mich ordentlich ausgeschlafen
hatte, auf die Vogeljagd. Als ich von ihr gegen 10 Uhr vormittags im
Lager eintraf, war dort bereits die Vorhut der Karawane und mit ihr
auch Dr. Stigler angekommen. Wir begrüssten uns mit grosser Freude,
und nun ging es an ein langes Erzählen der gegenseitigen Erlebnisse.
Wir waren glücklich, dass diese 50stündige Trennung, in der ich, von
einem wilden Volksstamm umschlossen, ohne Nahrung und allen möglichen
Gefahren preisgegeben war, für mich so glücklich abgelaufen war,
und freuten uns innig der Wiedervereinigung. Nach einer Stunde traf
auch der Rest der Karawane ein, und alle, die Träger ebenso wie
unsere europäischen Begleiter, äusserten eine grosse und ehrliche
Freude darüber, mich nach der langen Trennungszeit gesund und munter
wieder angetroffen zu haben. Mit der restlichen Karawane waren auch
die zwei braven Tobur-Eingeborenen gekommen, von denen der eine den
Briefwechsel mit Dr. Stigler besorgt, der andere die Führung der
Karawane zu meinem Lagerplatz übernommen hatte. Ich beschenkte sie
reich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Medaillons usw. Nun waren wir
ja wieder wohlhabende Leute, was uns auch zugute kam, als bald darauf
ein Häuptling der Toburleute mit vielen seiner Eingeborenen erschien,
die mir gegen unsere Tauschartikel ihre Speere, Messer, Stöcke und
primitiven Schmuckgegenstände gern überliessen (Tafel 65).

[Illustration: _Schmiede und Schmelzofen der Naqua- und
Tobur-Eingeborenen (Uganda)._

_Durchmesser der Hütte 5 m_

_Gezeichnet von R. KMUNKE._]

Der Toburhäuptling bot sich uns auch als Führer an, als wir nachmittags
einen Ausflug in die Berge machten, wo unsere Begleiter bei den
Eingeborenen viele Schmelz- und Schmiedehütten gesehen hatten,
die wir nun einer genauen Besichtigung unterziehen wollten. Nach
einstündigem Marsche gelangten wir zu einer solchen Anlage, von
der leider die Schmelzhütte nicht in Betrieb stand, während in der
Schmiedehütte die Eingeborenen emsig an der Arbeit waren. Die Leute
waren hübsche, schlanke Gestalten mit vielem Schmuck um Hals, Arme und
Füsse und liessen uns bereitwilligst durch die niedere Oeffnung in ihre
grasgedeckte Hütte kriechen, wo wir nun ihrer Arbeit zusehen konnten.
In der Mitte der Hütte stand ein Lehmklotz, auf dem das aus der
Schmelzhütte gewonnene Eisenmaterial glühend gemacht wird. Der Klotz
hat eine muldenförmige Vertiefung, von der nach abwärts ein schmaler
Kanal führt, durch den die aus Tierfellen hergestellte Blasbalganlage
zur Feuerung einmündet. Das Erz wird mit glühenden Kohlen in die
Vertiefung gelegt und dem Feuer durch den Blasbalg soviel Sauerstoff
zugeführt, bis das Eisen rotglühend ist. Dann legt ein Eingeborener
das glühende Eisen mit einer eigens geformten Zange auf einen
nebenstehenden grossen Stein, und ein zweiter gibt nun durch Schläge
mit einem kleineren Stein der glühenden Masse die gewünschte Form
des Speeres, Messers oder sonstigen Gebrauchsartikels. Gleichzeitig
drückt er in das weiche Eisen mit einem Holzstock Rippen und alle
möglichen Verzierungen ein. Die Leute arbeiten bei diesen primitiven
Einrichtungen mit bewundernswerter Geschicklichkeit und sind in ihrer
Art ganz vorzügliche Schmiede.

Auch die Schmelzhütte, die den Hochofen zu ersetzen hat, ist eine ganz
gewöhnliche, mit Steppengras bedeckte Hütte. In ihrer Mitte erhebt sich
ein Lehmklotz von über einem Meter Höhe, in dem eine 60 cm breite und
30 cm tiefe Schmelzgrube ist, von der schräg ein Kanal für die Schlacke
abfällt. Das Eisen wird in der Art gewonnen, dass die Schmelzgrube
mit Schichten glühend gemachter Holzkohle und erbsengrossen Stücken
zerschlagenen Eisenerzes gefüllt und die zum Schmelzen nötige
Temperatur durch ein primitives Gebläse erzeugt wird, mit dem ein durch
den schrägen Ablaufkanal führendes Lehmrohr in Verbindung steht (Tafel
65).

Diese ganze, höchst einfache und doch so kunstvolle Schmiedewerkstätte
eines Naturvolkes erregte in mir derartiges Interesse, dass ich den
Plan fasste, den Aufbau einer solchen Schmiede und die Arbeit in ihr
vom Photographen Schwarzer kinematographisch festhalten zu lassen.
Ich verhandelte mit den Leuten, sie möchten die Hütten bis zur Hälfte
abtragen, um dadurch Licht in das Innere zu bekommen, und wieder
aufbauen, und bot ihnen jeden gewünschten Preis dafür, aber sie waren
nicht zu bewegen, auf meinen Vorschlag einzugehen, und so musste ich
mich mit dem Gesehenen und einer Skizze, die ich von den Arbeitshütten
anfertigte, begnügen. Erst spät abends kamen wir von dem interessanten
Ausflug in unser Lager zurück, wo wir noch lange in der vom Mondlicht
prächtig erhellten Berglandschaft beisammen sassen.

Der nächste Tag galt den geodätischen und kartographischen Aufnahmen,
und zwar beschloss ich, sie von der höchsten Spitze des Toburgebirges
auszuführen. Photograph Schwarzer und einige Träger mit den Apparaten
begleiteten mich. Bis zur Höhe von 1800 m bahnten wir uns durch dichten
Bambuswald mühsam einen Weg, dann wuchs nur mehr niedriges Gestrüpp,
und gegen den Gipfel zu ragten glatte Felsen auf, die die Besteigung
sehr erschwerten (Tafel 53). Mit grosser Mühe kletterten wir auf allen
Vieren durch einen schmalen Felsenriss, durch den sich die Träger mit
ihren Lasten gegenseitig hinaufschoben, und nach einer Stunde waren wir
endlich schweisstriefend auf der Spitze angelangt, deren Höhe ich mit
1931 m mass und die ich nach meiner Frau „Josefaberg“ benannte. Bis
vier Uhr nachmittags arbeitete ich sehr vorsichtig auf der Spitze eines
glattgeschliffenen Granitfelsens, der dem Theodolit nur schwachen Halt
gab. Dann wollte ich noch von einem zweiten, bedeutend tiefer gelegenen
Punkte aus Vermessungen machen, ein von allen Seiten aufsteigendes
Gewitter nötigte uns aber, uns so rasch als möglich talwärts zu
begeben, was, da wir uns in dem Gewirr des Bambuswaldes einigemal
verirrten, uns noch lange in Anspruch nahm, so dass wir erst spät
abends im Lager eintrafen. Dort erwarteten mich zu meiner angenehmen
Ueberraschung drei Häuptlinge benachbarter Eingeborenenstämme, und zwar
die Häuptlinge von Adelang, von Odong und von Lira. Sie hatten Kunde
von unserer Karawane erhalten und staunten nun, wie alle Schwarzen,
uns Europäer neugierig an. Von ihnen erfuhren wir übrigens auch,
dass die Wasserstelle, an der wir unser Lager aufgeschlagen hatten, den
Namen Akur führte (Tafel 54).

[Illustration: _Blick von der Josefinenspitze gegen die Naquaberge_]

[Illustration: _Blick von der Josefinenspitze nach Norden_

  _Tafel 53_
]

[Illustration: _Lager in Tobur_]

[Illustration: _Unser Wasser in Adelang_

  _Tafel 54_
]

Am nächsten Morgen setzten wir unseren Marsch von diesem Lager, in
dem sich unser Aufenthalt wider unseren Willen ausgedehnt hatte,
wieder fort und marschierten zunächst in westlicher Richtung durch
das weite Buschland. Die schöne Kette der Naqua- und Toburberge blieb
bald hinter uns, aber vor uns erhoben sich noch manche einzelne, ganz
nadelförmige Bergspitzen aus der Ebene, in der viele Fährten auf
einen ziemlichen Wildreichtum schliessen liessen. Wir sahen nebst
tief eingetretenen, aus der Regenzeit stammenden Elefantenspuren auch
viele Elefantengruben, in denen die Eingeborenen diese mächtigen Tiere
fangen. Sie stecken hinter einer Herde das Steppengras in Brand und
jagen sie dann über die grasbedeckten Gruben, in die stets das eine
oder andere Tier stürzt, das dann mit Speeren getötet wird.

Um ½3 Uhr nachmittags kamen wir nach +Adelang+, unsere Karawane etwas
früher als wir, da wir uns bei der Jagd auf Kongoni verspätet hatten.
Mein Zelt wurde unter einem prächtigen grossen Baum aufgeschlagen,
wo sich bald nach unserer Ankunft der Häuptling mit vielen seiner
Eingeborenen einfand, um die übliche Schauri (Besprechung) zu halten.
Mein Boy Simon stellte für ihn eben eine Tasse frisch gekochten Tees
auf den Tisch, schlug dann aber plötzlich mit den Händen um sich und
lief wie rasend davon. Seine Bewegungen wirkten derart komisch, dass
alles zu lachen anfing, und die Heiterkeit wurde noch grösser, als
auch der Heatman Abeidi heftig gegen seinen Kopf schlug und eiligst
die Flucht ergriff. Ich hatte noch immer keine Ahnung von der Ursache
dieser Szene, wurde aber schon im nächsten Augenblicke eines besseren
belehrt. Denn ich fühlte plötzlich einen heftigen Stich und sah nun,
dass wir von einem ganzen Schwarm Bienen überfallen waren, der sich
auf dem Baume über uns befunden hatte und sich, wahrscheinlich durch
den Rauch meiner Zigarre beunruhigt, rächend auf uns stürzte. Ich war
mit vier Stichen verhältnismässig noch glimpflich davongekommen, aber
einige der Eingeborenen wurden arg zerstochen, und Simon hatte die
Unterlippe und Wange faustdick angeschwollen. Das ganze Lager befand
sich auf der Flucht vor diesen kleinen Tierchen, die so unangenehm
werden können. Da erinnerten wir uns plötzlich, als wir ferne von
dem verhängnisvollen Baume standen, dass an mein Zelt noch das
kleine reizende Kongoni angebunden sei, das ich seit vielen Wochen
mit mir führte. Wir liessen ihm stets eine sorgfältige Pflege zuteil
werden; ein Eingeborener trug es während des Marsches in einem Korbe,
und täglich wurde es zweimal mit frischer Milch von unseren Kühen
gefüttert. Um das junge Hartebeest zu retten, musste es schleunigst aus
der Nähe des Schwarmes weggeführt werden, aber trotz des angebotenen
Backschisch fand sich keiner der Träger, die ja fast nackt waren, der
sich dieser Aufgabe unterzogen hätte. Endlich machte sich Photograph
Schwarzer, der ein ausgezeichneter Bienenkenner ist, erbötig, die
Schnur, mit dem das Kongoni ans Zelt angebunden war, durchzuschneiden.
Er stülpte sich einen Schmetterlingsfänger über den Kopf, verband
sich die Hände mit Servietten und ging in dieser Ausrüstung an die
Rettungsarbeit. Das arme Tier hatte schon einen ganz schwarzen Kopf,
so dicht sassen die Bienen auf ihm. Schwarzer vertrieb diese wohl,
indem er sie mit Wasser überschüttete, aber es bestand wenig Hoffnung,
dass das Kongoni mit dem Leben davonkäme, und tatsächlich verendete
es noch am selben Abend. Den übrigen Tieren, die ich mitführte,
den beiden Affen, dem Eingeborenenhund Kumi aus Kuminyanza und der
kleinen Wildkatze hatten die Bienen nicht viel Schaden zugefügt. Da
sie noch immer um den Baum herumschwärmten, liess ich mein Zelt etwas
später von den Askari, die sich ihre Mäntel zum Schutz über den Kopf
zusammengebunden hatten, von diesem gefährlichen Platze einige hundert
Schritte weit wegtragen. Die ganze Affäre hatten wir übrigens mit
unserer Unaufmerksamkeit verschuldet, da wir sonst beim Aufschlagen
unseres Lagers solchen Bienenschwärmen, die wir schon einigemal
angetroffen hatten, stets ausgewichen waren und die Askari nur diesmal
diese Vorsichtsmassregel nicht beachtet hatten, was wir nun am eigenen
Leibe zu spüren bekamen.

Die Hütten von Adelang stehen mitten zwischen grossen glatten
Granitblöcken und sehen recht armselig und verwahrlost aus. Auch
die Gestalten der Eingeborenen machen einen schwächlichen Eindruck
und verraten weitaus weniger Mut und Energie als die der Tobur- und
Naqualeute. Unser Trinkwasser mussten wir uns in Adelang aus einer
kleinen, schmutziggrauen Kotlache holen, in der nebenbei auch die
Haustiere und unsere Esel getränkt wurden und unsere Träger, sobald sie
ihren Durst gelöscht hatten, sich wie gewöhnlich ihre Füsse badeten.
Die Folge war auch, dass unser Tee von diesem Wasser trotz allen
Filterns einen sehr unangenehmen Beigeschmack besass.

Am Morgen nach dem Ueberfall durch den Bienenschwarm bestieg Dr.
Stigler mit seinem Boy einen in der Nähe gelegenen, geologisch sehr
interessanten Berg, der aus dem Buschwerk mit fast ganz glatten Felsen
emporragte. Dr. Stigler nannte ihn nach seinem Chef, dem Vorstand des
Wiener physiologischen Institutes „Exnerstein“. Ich selbst setzte auf
einem diesem Berge gegenüberliegenden Hügel meine kartographischen
Aufnahmen fort, von denen ich um die Mittagstunde in das Lager
zurückkam. Dort erwartete mich der grosse Sultan von Jalé, der sich
mir als Führer bis zu seiner Niederlassung antrug. Ich nahm dieses
Anerbieten natürlich freudigst an, und wir setzten unseren Abmarsch für
den nächsten Morgen fest. Der Häuptling von Adelang, der schon tags
zuvor von mir reich beschenkt worden war, hatte uns zwar mit allen
Mitteln zu bewegen versucht, den Aufenthalt bei ihm zu verlängern, da
er wohl wusste, dass dabei für ihn noch mancherlei abfallen würde. Wir
blieben aber allen seinen Lockungen gegenüber standhaft und liessen uns
auch dadurch nicht zurückhalten, dass er uns erzählte, mehrere seiner
Leute hätten ein paar Stunden von uns entfernt einen grossen Elefanten
gesehen. Es war zwar rührend, dass er also sogar auf unsere Jagdlust
spekulierte, um uns festzuhalten, aber auch dieses letzte Mittel
brachte uns von dem einmal gefassten Entschlusse nicht ab, und dem
Häuptling blieb, da er sich anscheinend unter keinen Umständen von uns
trennen wollte, nichts anderes übrig, als uns bis Jalé zu begleiten.




_BEI DEN ACHOLI._[3]

  _An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener
  Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden /
  Schlanke Taillen / Der medizinsüchtige Häuptling._


Nördlich von Adelang, das wir am nächsten Morgen in Begleitung der
beiden Häuptlinge verliessen, erstreckt sich das weite Gebiet der
Kamjuru[4] oder +Acholi+, das zwischen dem Nil im Westen und den Naqua-
und Toburbergen und den sich an diese anschliessenden Gebirgsstöcken
des Napong und Parabonga im Osten liegt. Diese Bergkette, die sich
gegen Norden noch in vielen kleineren Felsspitzen etwa hundert Meilen
weit fortsetzt, bildet die Grenze zwischen den Acholi und Karamojo. Die
Gegend zeigt fast durchweg Steppencharakter, stellenweise gibt es auch
dichteres Buschland und kleinere, aus der Ebene aufsteigende Berge. Der
Boden ist fruchtbar, und die Niederlassungen werden, je mehr man sich
dem Nil nähert, desto zahlreicher und grösser. Die Humusschicht ist
nicht sehr stark und liegt über Granitfelsen, die oft, namentlich an
den Ufern der Flussläufe, in grossen Flächen nackt zutage treten.

Unser Weg führte uns über Odong durch dichtes Buschland und zwischen
einigen kleineren Erhöhungen hindurch nach vierthalbstündigem Marsche
in das erste Dorf, Jalé, das auf einer Anhöhe um einen hohen alten Baum
angelegt war. Unter diesem schlugen wir unsere Zelte auf einem grossen
sandigen Platze auf, um den herum die Hütten der Eingeborenen standen.
Unsere Träger liessen wir ausserhalb der Niederlassung lagern, um die
dann und wann vorkommenden Plünderungen, auf die ich grosse Strafen
gesetzt hatte, vollständig zu verhindern. Das Dorf, in dessen nächster
Nähe sich das Flussbett des Nam, eines Nebenflusses des Assuariver,
befindet, ist mit einem einige Meter hohen Zaun aus dicken Stämmen und
Aesten umgeben, der einen Schutz gegen die Ueberfälle feindlicher
Stämme oder wilder Raubtiere bilden soll. Die Eingeborenen sind
prächtige grosse Gestalten und unterscheiden sich wohltuend von jenen
in Adelang, bei denen Dr. Stigler einige ganz besonders schwere Fälle
von Lues konstatiert hatte.

Dr. Stigler war gleich nach unserer Ankunft auf Hartebeeste jagen
gegangen, von denen er zwei Stück zur Strecke brachte; ich tat
nachmittags mit Schwarzer desgleichen und brachte zwei starke
Ugandaböcke mit. Auf der Jagd hatte uns ein fürchterliches Gewitter
überrascht, und es war so finster, dass wir uns blindlings der Führung
eines Eingeborenen überliessen, der auch im Dunkel noch scharf sah
und sich gut orientierte. Eine volle Stunde tappten wir so in der
Finsternis weiter, bis wir zum Namriver kamen, durch den wir von den
Eingeborenen getragen wurden. Ganz durchnässt vom Gewitter kamen wir
im Lager an, in dem wir die Zelte vollständig unter Wasser gesetzt
vorfanden. Das Gewitter dauerte noch in unverminderter Heftigkeit fort,
und alle Augenblicke schlug der Blitz in unserer nächsten Nähe in die
Felsen oder in das Wasser. Wir blieben noch lange beim Abendtisch
zusammen, da wir die Rückkehr der Träger abwarten wollten, die das
geschossene Wild brachten.

Gerade als wir zu Bett gehen wollten -- es war elf Uhr geworden --
brachten uns einige der Eingeborenen die wenig erfreuliche Nachricht,
dass der mit ihnen in stetem Kampfe liegende, weiter nördlich siedelnde
Stamm einen nächtlichen Angriff auf das Dorf plane. Da dieser von
unserer Anwesenheit wusste, hatte er es natürlich in erster Linie auf
die Plünderung unserer Karawane abgesehen, und es erwuchs für uns
wieder, wie erst vor einigen Tagen, die Notwendigkeit, uns zu rüsten.
Wir berieten uns mit dem Askari-Sergeanten, der die Angelegenheit
sehr ernst nahm, verstärkten die Wachtposten und stellten solche auch
ausserhalb des Dorfzaunes auf. Erst dann begaben wir uns zu Bett und
nahmen die geladenen Gewehre mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein.
Die Nacht verstrich aber, ohne dass wir aus unserer Ruhe aufgeschreckt
worden wären.

Am nächsten Vormittage besichtigte ich nach Erledigung der
astronomischen Aufnahmen -- die kartographischen mussten wegen des zu
ebenen Terrains und des jeden Ausblick verhindernden Buschlandes in
der Umgebung unterbleiben -- die Dorfhütten, unter denen besonders
Kinderschlafhütten, die ich in Uganda bisher noch nirgends gesehen
hatte, meine Aufmerksamkeit erregten. Sie sind auf neun, ungefähr
anderthalb bis zwei Meter hohen, gegabelten Pfählen errichtet; auf
diesen ruhen horizontal gelegte starke Baumstämme und quer über diesen
ein Holzrost, der die eigentliche Hütte trägt. Sie bieten Raum für
drei bis vier Kinder und besitzen nur eine ganz niedrige, eben für die
Kleinen berechnete Oeffnung. Der Unterteil der Hütte besteht aus Lehm
und ist auf den Rost von Prügelholz gesetzt, und darüber erhebt sich,
spitz wie eine Garbe zulaufend, das aus Gras hergestellte, abhebbare
Dach. Vor dem Eingang ist als Vorraum eine kleine offene Veranda
angebracht, zu der die Knirpse über hohe Holzstufen hinaufklettern
(Siehe Seite 128).

Die Wohnräume der Erwachsenen sind grosse Grashütten, von denen
das Dorf Jalé viele zählte, ausserdem gibt es auch noch genug
Vorratshütten, die, gleichfalls aus Gras geflochten, auf grossen
Steinen errichtet sind und ein leicht abhebbares Grasdach besitzen. In
diesen korbförmigen Behältern werden die Bohnen, das Durramehl und die
sonstigen Lebensmittel aufbewahrt. Die wenigen Kühe, Schafe und Ziegen,
die die Eingeborenen besitzen, werden zur Nachtzeit in kreisförmig
angelegte, von Baumstämmen eingezäunte Plätze getrieben, oft ist auch
in den Wohnhütten selbst mit Stangenholz ein Raum für das Kleinvieh
abgesteckt (Tafel 55–57).

Fast sämtliche häusliche Arbeiten, sowie die Pflege der Kinder besorgen
die reich mit Perlen, Eisenringen und Amuletten geschmückten Weiber,
während die Männer, wenn sie nicht auf die Jagd gehen, sich die Zeit
mit Nichtstun, Schwatzen und Rauchen vertreiben. Gemeinsam ist ihnen
ein starkes Verlangen nach Stoff und Kleidern. Ihr Häuptling hatte
den weiten Weg nach Nimule nicht gescheut, um dort auf irgendeine Art
einen Khakianzug einzutauschen, und dies wirkte auf seine Eingeborenen
geradezu ansteckend. Von allen unseren Tauschartikeln besass für sie
der Baumwollstoff den grössten Wert, und alles, was wir von ihnen
eintauschten, Speere, Schmuckgegenstände oder Nahrungsmittel, musste
mit Amerikani bezahlt werden. Die Haartracht der Männer war von den
Haartrachten, welchen ich früher begegnete, abweichend und höchst
eigenartig. Die Männer drehen sich gegen vorn einen Spitz, den sie mit
einer, mit Perlen geschmückten, kleinen, aus Haaren geflochtenen Kappe
krönen. Eine weitere Eigentümlichkeit, wie wir sie bisher noch nicht
gesehen hatten, besteht darin, dass die Kamjuru ihre Oberarme durch
fest angelegte Eisenringe oder Spiralen abbinden. Dies geschieht schon
in früher Jugend, so dass der Mittel- und Unterarm in den späteren
Jahren unnatürlich anschwillt. Bei vielen bemerkten wir sogar eine
ähnliche, höchst merkwürdige Abbindung der Taille. Die jungen Burschen
binden sich mit einer starken, aus Gras geflochtenen Schnur die Taille
15–30 cm hoch fest ab und tragen diese miederartige Abschnürung
dann jahrelang, meist bis zur Eheschliessung. Die Folge davon ist,
dass das Herz verschoben ist und dass man die Herzschläge schon auf
mehrere Schritte deutlich erkennen kann. Eine weitere Wirkung dieser
unsinnigen Mode ist aber auch, dass jene, die ihr huldigen, sehr häufig
Zirkulationsstörungen und Krankheiten des Herzens aufweisen.

Das Klima der Gegend ist nicht ungesund, die Tagestemperatur betrug
zwar 44 °C, die Nächte waren aber angenehm kühl, und von Moskitos,
Zecken oder gar Glossina palpalis war nichts zu merken.

Bei der Verteilung des Baumwollstoffes an die Eingeborenen war uns
besonders der alte, aber schlaue und bewegliche Häuptling von Adelang,
der uns erst in seinem Gebiete hatte zurückhalten wollen und uns dann
bis hierher nach Jalé begleitete, behilflich gewesen, und es war
dabei auch für ihn wieder ein grösseres Stück Amerikani abgefallen.
Aber er hatte auch noch ganz andere geheime Wünsche und lag mit ihnen
meinem Freunde Dr. Stigler in den Ohren, den er im Besitze so vieler
Medizinen wusste. So wollte er unter anderem ein Pulver, das ihm jene
Treffsicherheit verschaffe, die wir mit unseren Gewehren besitzen.
Er hatte gesehen, wie ich auf 150 Schritte Entfernung mit einer
Mannlicher-Kugel einen grossen Vogel vom Baume herunterschoss, und
meinte, dass dies nur mit besonderer Zauberkraft geschehen könne, die
uns eine Medizin verleihe. Trotz aller Versicherungen Dr. Stiglers,
dass es hierfür keine Medizin gebe, beharrte der Häuptling hartnäckig
auf seiner Bitte und sagte, er sei zwar schon alt und habe bereits zehn
Feinde getötet, aber einen ganz besonders gefährlichen Gegner möchte
er doch noch durch einen sicheren Speerwurf ins Jenseits befördern,
dann würde er erst glücklich sein. Da Dr. Stigler sah, dass der Mann
nicht loszubringen sei, öffnete er seinen Medizinkoffer und gab ihm
mit ernster Miene doppelkohlensaures Natron. Der Häuptling hatte
aber Verdacht, dass es Gift sei, und Dr. Stigler musste erst eine
der Pastillen selbst nehmen, ehe sie der Häuptling befriedigt und
mit vielen Dankesworten annahm. Damit war es aber noch nicht genug,
er hatte noch weitere Schmerzen. Unter den vielen Medizinen, die wir
mitführten, meinte er, sei bestimmt auch eine, die die geschwächte
Manneskraft wieder hebe. Dr. Stigler weigerte sich nun gar nicht lange,
sondern reichte ihm gleich das gewünschte Zaubermittel in Form von
Brompulver, von dem er auch wieder selbst eine Kostprobe machen musste.
Nun erst war der Häuptling zufrieden, und hochbeglückt zog er mit
seinen Begleitern nach Adelang zurück, wo er sich wahrscheinlich sehr
bald vor seinem Gegner oder einem seiner Lieblingsweiber blamiert haben
wird.

Von Jalé ging es nach +Kodongo+, wo wir zu unserem grossen Erstaunen
ein von den Eingeborenen vor kurzem errichtetes Rasthaus antrafen,
das wir als erste Europäer benützten. Auch auf diesen Boden soll
ebensowenig wie in Adelang und Odong bisher ein Europäer seinen Fuss
gesetzt haben, was uns von den ältesten Eingeborenen bestätigt wurde.

[Illustration: _Eingeborene vom Stamme der Acholi oder Kamjuru_

  _Tafel 55_
]

[Illustration: _Kamjurufrau mit Kind_

  _Tafel 56_
]

[Illustration: _Kinderhütte_]

[Illustration: _Beratungsplatz der Eingeborenen_

  _Tafel 57_
]


  [3] ch = wie tsch gesprochen.

  [4] j = wie dsch gesprochen.




_IN EILMÄRSCHEN VORWÄRTS._

  _Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder
  / Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck / Regenzeit /
  Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare in der
  Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba / Heiligtümer
  / Ausgetrocknete Flussläufe / Ein unbotmässiger Häuptling /
  Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme in die Heimat / Im
  Gewittersturm._


Das Gebiet, das wir nun durchzogen, war fortgesetzt flaches Buschland.
Von den Naqua- und Toburbergen war längst nichts mehr zu sehen, und
auch die Eingeborenen-Niederlassungen, von denen eine der andern glich,
boten kein besonderes Interesse mehr. Wir beschlossen daher, von jetzt
ab Nimule in Eilmärschen zu erreichen, um uns dadurch vielleicht noch
vor Eintritt der Regenzeit bei Gondokoro möglicherweise einige Tage der
Jagd widmen zu können.

Schon am nächsten Tag marschierten wir fünf Stunden lang auf einem
schmalen, durchnässten und schlüpfrigen Eingeborenenpfad, der manchen
Träger und Tragesel zu Fall kommen liess, bis +Padér+. Wir kamen auf
diesem Wege an drei kleinen Dörfern mit halbverfallenen Hütten und
einem ganz merkwürdigen Aussichtsturm vorüber. Auf ungefähr sechs Meter
hohen Baumstämmen war -- am Rande des Dorfes -- durch quergelegte Aeste
ein gerüstartiger Aufbau errichtet, der den Eingeborenen Ausblick auf
heranschleichende Feinde oder auch auf sich näherndes Wild bot.

Eine Stunde vor Padér kam uns inmitten seines Hofstaates der grosse
Sultan +Leromoi+ von Padér entgegen, der von dem Eintreffen unserer
Expedition erfahren hatte und mich nun mit einem kräftigen Handschlag
und den Worten „Mata, mata!“ begrüsste. Der Sultan, der auf einem Esel
ritt, war ein beleibter Mann mit kleinen, verschmitzten Augen und in
ganz neue Khakidress gekleidet. Ausserdem trug er Wickelgamaschen
und braune Schuhe, und auf dem Kopf sass ihm ein niederer, schwarzer
Filzhut, wie ihn unsere Tiroler Bauern tragen, und der hier in der
afrikanischen Wildnis einen sehr komischen Eindruck machte.

In Padér angelangt, führte uns der Sultan in ein Rasthaus, durch
dessen mangelhaftes Grasdach freilich überall der Regen eindringen
konnte, und liess sich dann, umgeben von seiner grossen Suite, vor
mir auf einem grellrot gepolsterten Fauteuil nieder. Natürlich gab es
die üblichen Geschenke, und der Sultan versprach mir auch auf mein
Ersuchen, Mehl zu bringen, dessen ich notwendig bedurfte, da unser
Vorrat in den an allen Lebensmitteln armen Gegenden bis auf einige
wenige Säcke schon aufgezehrt war. Bald darauf machte uns Leromoi mit
seinen vielen Söhnen und Töchtern bekannt, die alle von schlankem
Wuchs und proportionierten Gesichtszügen waren, aber sehr wenig
Aehnlichkeit mit ihrem aufgeputzten Erzeuger hatten. Die Söhne trugen
die schon erwähnten miederartigen Verschnürungen, die ihre Taille
so einengten, dass sie manche europäische Dame darum hätte beneiden
können, und viele hatten auch den Eisenring, durch den der Oberarm in
so unnatürlicher Weise abgebunden wird. Diese Ringe sollen übrigens
von den Eingeborenen, sobald sie heiraten, wieder abgelegt werden.
Ihre Haartracht wies den uns schon bekannten Spitz nach vorn auf, der
noch eine lange Vogelfeder oder gar eine ausgeschossene, Gott weiss
woher stammende Patronenhülse als Schmuck hatte. Diese Hülsen stehen,
ebenso wie die leeren Konservenbüchsen, bei den Eingeborenen hoch im
Wert, und mein kleiner Boy Amissy und das Küchenpersonal trieben damit
einen schwunghaften Handel. Anfangs hatte ich mich gewundert, wohin
die leeren Konservenbüchsen, wenn ich einmal eine für meine Käfer-
oder Schmetterlingssammlung oder irgendeinen andern Zweck brauchte,
verschwunden seien; es gab aber bald ein Wiedersehen mit ihnen. Denn
weilten wir einmal länger als einen Tag in einer Station, so konnten
wir schon am zweiten die Blechbüchsen oder Teile derselben als Schmuck
bei den Schwarzen erblicken. Der Preis variierte, aber unsern Boys war
es schon öfter gelungen, für eine einzige leere Büchse sogar ein Huhn
einzutauschen.

Nachmittags ging ein überaus heftiger Regen nieder, der den ohnehin
schon aufgeweichten Boden vollends in ein Kotmeer verwandelte, so dass
wir die Wege von den Zelten zum Rasthaus, wo wir unsere Mahlzeiten
einnahmen, dicht mit Steppengras belegen mussten. Seit dem 5. Februar,
an dem wir die Toburberge verlassen hatten und über Jalé, fast parallel
zum Namflusse, hierher marschierten, wo die Seehöhe noch immer 1130 m
beträgt, hatte es nahezu täglich ausgiebige Regenfälle gegeben. Die
Regenzeit beginnt jedoch nur in dieser Gegend in der ersten Hälfte
Februar, während sie weiter nördlich, am Nil, bedeutend später eintritt.

Am Abend führte uns der Häuptling einen Eingeborenentanz vor, von
dem wir jedoch nach dem bisher Gesehenen sehr enttäuscht waren. Die
Eingeborenen, die schwächliche, unscheinbare Gestalten sind, haben
auch wenig Temperament, so dass der Tanz, an dem wir in Mbale grossen
Gefallen hatten, hier von geringem Reiz war.

Unsere Absicht, am nächsten Morgen Padér zu verlassen, wurde durch
einen starken Regen vereitelt, der in der Nacht einsetzte und
ununterbrochen bis Mittag niederströmte. Als er endlich aufhörte,
machten wir alles marschbereit, um nun doch aufzubrechen, aber kaum
waren wir fertig, begann es abermals niederzuströmen, so dass wir den
Abmarsch für diesen Tag endgültig aufgaben. Die wenigen Stunden, die
dann am Nachmittag der Himmel wieder ein Einsehen zeigte, benützte ich
dazu, um einen der vielen, in unserer nächsten Umgebung befindlichen
Termitenhaufen nach dem Längsschnitte abtragen zu lassen, um das Leben
und Treiben der weissen Ameisen photographisch aufzunehmen, sowie eine
Königin mit dem übrigen Volk und das Termitenbrot für das Museum zu
sammeln. Ueber eine Stunde mussten acht kräftige Träger mit Krampen und
Schaufeln an dem fast zu Stein gewordenen Termitenhaufen arbeiten, bis
es gelang, die zu unterst eingebettete Königin zu bekommen.

Schon in der Morgendämmerung des nächsten Tages traten wir den Marsch
nach dem sieben Meilen entfernten +Oghaba+ an. Der Weg führte durch
wasserloses, ziemlich dichtes Buschland mit vielen Flötenakazien,
deren Dornen uns manches Loch in die Khakianzüge rissen. Gleich nach
Padér sahen wir übrigens seit Kumi wieder die ersten Gummibäume.
Fast auf halbem Weg war uns der Häuptling von Oghaba mit grosser
Suite entgegengekommen, und zur Begrüssung blies uns ein in seiner
Begleitung befindlicher Trompeter eine tadellose Empfangsfanfare. Seit
Mbale hatten wir solche Töne nicht mehr gehört, die uns nun mitten in
der Steppe ganz seltsam berührten. Ich vermutete, dass dieser famose
Bläser, der ein schlanker, schneidiger Bursche war und uns dann noch
einige weitere gelungene Proben seiner Kunst gab, ein ehemaliger Askari
sei und bei diesen das Trompetenblasen gelernt hatte, aber es wurde
uns gesagt, dass er sich diese Kunst ganz allein angeeignet und das
Instrument selbst bei einem Marsch nach Nimule von einem Inder gegen
eine Kuh eingetauscht hatte.

Der Häuptling war in einem gut passenden Khakianzug, mit Gamaschen und
Askarischuhen erschienen; zum Unterschied von seinem Kollegen in Padér
trug er aber auf seinem Haupte einen hohen, schmalkrempigen Zylinder,
so dass wir bei allem Respekt vor der schwarzen Majestät ein Lächeln
nicht unterdrücken konnten. Trotzdem er ausserordentlich mächtig
sein soll und ihm Tausende von Eingeborenen unterstehen, machte er
den Eindruck eines ziemlich schwachen und willenlosen Menschen, und
unsere Fragen und Wünsche wurden auch weniger von ihm als von seinem
sogenannten Minister beantwortet.

Seine Residenz, die ich in Oghaba besichtigte, war solider und
reicher angelegt als die bisherigen Häuptlingshütten und auch sehr
rein und nett gehalten. Die Umzäunung, die bisher immer aus wild
durcheinandergelegten Stämmen, Aesten und Wurzeln bestand, war hier aus
geraden, entrindeten, vertikal eingeschlagenen Baumstämmen gebildet,
und an Stelle der sonst üblichen niederen Oeffnung war ein zwei Meter
hoher Eingang, der zwischen je zwei starken, in den Boden gerammten
Stämmen eine aus Gras geflochtene Matte als Abschluss hatte (siehe
Seite 126–127). Im Innern dieser Umzäunung standen zwei grosse,
kreisförmig angelegte Hütten von sechs Meter Durchmesser, von denen
die eine die des Häuptlings, die zweite die seiner Weiber war. Das
Grasdach baute sich, gestützt durch eine Mittelsäule, in Kegelform
auf. Die Häuptlingshütte hatte, was ich bis jetzt noch nirgends
beobachten konnte, einen verandaartigen Vorbau, der konzentrisch um
die Hütte lief und über den sich auch noch das Dach fortsetzte, das
am äusseren Rande dieser Veranda durch kurze Säulen, in Abständen von
etwa einem Meter, gestützt wurde. Hier pflegten während des Tages
die Weiber und Kinder zu sitzen. Das Innere der Hütte, durch deren
Oeffnung man nur in gebückter Stellung gelangen konnte, war ganz
dunkel -- so dass mein Boy die Laterne anzünden musste -- und durch
eine Lehmwand in zwei Teile abgeteilt. Im einen befanden sich einige
Speere, Schilder aus Elefantenhaut, Köcher mit Pfeilen, verschiedene
Schmuckgegenstände, Behälter für das Durramehl und aus Lehm geformte
Wassergefässe, eine aus getrockneten Fellen hergestellte Ruhestätte
und auf einer kleinen kreisförmigen Erhöhung ein Platz für das Feuer,
das während des ganzen Tages unterhalten wird. Da für den Rauch kein
anderer Abzug als der kleine Eingang besteht, wäre ein ständiger
Aufenthalt für uns Europäer und unsere Atmungsorgane unmöglich. Der
zweite Raum ist das Schlafgemach des Sultans und seiner Lieblingsfrau.
Das Bett ist ein ungefähr ein Meter hohes Holzgestell, das mit Gras und
Tierfellen überdeckt ist. Gleich über dem Bett gewährt eine in die Wand
geschlagene kleine runde Oeffnung dem Ruhenden einen Ausblick auf den
Eingang der Hütte (Tafel 66–68).

Ausser diesen beiden Häuptlingshütten standen auch noch rund im Kreise
gebaute Vorratshütten mit ihren abnehmbaren Grasdächern; an den Aesten
eines hohen, blätterlosen Stammes waren die grosse und kleine Trommel
aufgehängt, und schliesslich stand in dieser Häuptlingsniederlassung
auch noch eine Art Heiligtum, das besondere Verehrung genoss. Zwei
zwei Meter hohe Holzstämme waren mit einer Querstange verbunden, an
der Perlenschnüre, aufgefasste Früchte, die Schädel von Gazellen und,
wohl als ganz besonderes Opfer, das Gehörn eines Hartebeestes hingen.
Der Boden, auf dem dieser merkwürdige Altar -- oder wie man es sonst
nennen will -- stand, war mit breiten Steinen belegt und dazwischen
mit Kakteen bepflanzt. Wir sahen dort Weiber knien, die ihren Kopf
wie andächtige Beterinnen zur Erde geneigt hielten. Vor der Hütte des
Häuptlings von Aju sah ich später ein ähnliches Heiligtum, das speziell
der Jagd gewidmet war. Es war aus Stroh geflochten, von der Form
eines kleinen Taubenschlages, auf die Spitze eines ungefähr zwei Meter
hohen Stockes gestellt, von dem ein Grasstrick mit einer Schlinge
herunterhing. Jedesmal, bevor der Häuptling und seine Leute auf die
Jagd zogen, erflehten sie sich hier ihr Jagdglück.

[Illustration: _Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings
von Oghaba._

_Maßstab 1 : 75_

Häuptlingshütte]

[Illustration: Grundriss der Häuptlingshütte]

[Illustration:

_Gezeichnet von R. KMUNKE._

Weiberhütte]

[Illustration: Lageplan der Weiberhütte]

[Illustration: _Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings
von Oghaba_

_Massstab 1 : 75 cm_

Seite A

Kinder-Schlafhütte

Seite B]

[Illustration: Grundriss der Kinderschlafhütte Seite A]

[Illustration: Grundriss des Beratungsplatzes (siehe Tafel 57)]

[Illustration: Versammlungs- und Beratungsplatz]

[Illustration: Altar]

[Illustration: Jagdheiligtum]

[Illustration: Trommelbaum]

[Illustration: Grosse und kleine Mehlvorratshütte]

[Illustration: Teil der äusseren Umzäunung]

Gegen Abend zeigten sich in unserem Lager zum ersten Male grosse
Skorpione, deren Stiche recht unangenehme Folgen nach sich ziehen. Zwei
von ihnen gab ich für meine Sammlungen in die Spirituskiste.

Am nächsten Morgen verliessen wir Oghaba, und zwar bog sich jetzt
unsere Route, die uns seit Adelang in westlicher Richtung geführt
hatte, gegen Norden und später gegen Nordwest. Ueber Latuong, Gem und
Lokuor, unbedeutende Eingeborenendörfer, erreichten wir das fast ganz
ausgetrocknete Flussbett des Adjam, an dessen rechtem Ufer, nordöstlich
vom Berge Goma, wir in der Höhe von 950 m das Lager aufschlugen. Wir
hatten an diesem Tage einen Gewaltmarsch von 32 km hinter uns, der
eine ganz respektable Leistung darstellt, da für eine derartig grosse
und schwer belastete Karawane schon 25 km sehr viel sind. Wir waren
aber durch den Mangel an Lebensmitteln oder Wassernot schon wiederholt
gezwungen gewesen, über diese Kilometerzahl hinauszugehen, und hatten
es einmal sogar auf 35 km gebracht. In der Nähe des Lagers befand sich
eine kleine Niederlassung, die +Fatjiko+ genannt wurde. Auch deren
älteste Bewohner hatten mit Ausnahme eines englischen Beamten, der zwei
Monate vor uns diese Gegend inspizierte, hier noch keinen Europäer
gesehen. Wir tauschten von den Eingeborenen besonders Mehl ein, da
unser eiserner Vorrat durch die Verlängerung des Aufenthaltes in Padér
aufgebraucht worden war und bisher noch nicht ersetzt werden konnte.

Tags darauf -- am 13. Februar -- passierten wir das 50 Meter breite
und gegen 10 Meter tiefe Flussbett des Adjam, in dem nur da und dort
zwischen den mächtigen, glatt geschliffenen Granitblöcken ein kleiner
Wassertümpel zu sehen war. Am andern Ufer ging es eine mässige Anhöhe
hinan, und schon nach einer Stunde mussten wir wieder das Bett eines
ausgetrockneten Flusses, des Baggariver, durchschreiten. Von hier aus
gelangten wir über Purokema in nordwestlicher Richtung bis +Onghako+,
welches Dorf der ganzen Gegend den Namen gibt. Der Häuptling, der Aruja
hiess und eine recht unscheinbare Gestalt war, beschaffte uns, soweit
es in seinen Kräften stand, Lebensmittel für unsere Träger, die diesmal
über 30 Kilometer zurückgelegt hatten.

Nur mehr wenige Tagemärsche trennten uns von Nimule, die Angaben
der Eingeborenen schwankten zwischen sechs und acht. Auf alle Fälle
trachteten wir, so rasch als möglich vorwärts zu kommen, und erreichten
am nächsten Tag das Flussbett des Agueriver, eines Nebenflusses des
grossen Assuariver. In seinem Bette floss Wasser -- es war das erste
fliessende Wasser, das wir seit dem Verlassen des Elgongebirges
antrafen. Nach weiterem dreieinhalbstündigem Marsche kamen wir zu
einem grösseren Dorfe, das, am Fusse eines hohen Felshügels inmitten
zwischen vielen Burassuspalmen liegend, einen ungemein malerischen
Anblick bot. Die Niederlassung heisst +Falabek+. Wir wollten hier
nur eine kurze Mittagsrast halten, ein heftiges Gewitter, das gleich
nach unserer Ankunft niederging, zog jedoch den Aufenthalt in dieser
Station etwas in die Länge. Trotzdem erreichten wir aber noch vor
Einbruch der Nacht +Lenu+, wo uns der Häuptling Labongo, ein noch
ganz junger Eingeborener, erwartete. Er hatte das Häuptlingsamt
plötzlich übernehmen müssen, da sein Vater wegen seiner Kampflust von
den Engländern nach Nimule gebracht wurde, wo er gegenwärtig eine
mehrjährige Strafe absitzt und Gelegenheit hat, darüber nachzudenken,
dass man einige Tagereisen von Nimule, dem Sitz eines mächtigen
Gouvernementsbeamten, nicht ungestraft den Wilden spielen darf. Den
wahren Grund der Kerkerstrafe verschwieg man aber uns gegenüber und
sagte, dass der Häuptling deswegen eingesperrt wurde, weil er die von
den Engländern verlangten Steuern nicht pünktlich abgeliefert hatte.
Wie ich später vom Distriktskommissär Mr. Bains in Nimule erfuhr,
waren die Eingeborenen dieser Gegend überhaupt noch nicht so weit
unterworfen, dass ihnen eine Abgabe hätte auferlegt werden können.

Unser Kamp hatte hier eine prachtvolle Umrahmung, er lag wie in einem
Felsenzirkus, und rings um unsere Zelte stiegen kleine Felsmassive
auf. In der Ferne sah man besonders die hinter Nimule im Ladogebiete
sich erhebenden Nyiriberge, die uns deutliche Wegweiser für unseren
Weitermarsch waren. Von den Eingeborenen erwarb ich eine grosse Menge
Waffen, Schmuck und andere Gegenstände für meine ethnologischen
Sammlungen. Am späten Nachmittag bereiteten uns vier Eingeborene eine
besondere Ueberraschung, indem sie bei den Klängen einer Art Zither
einen dreistimmigen, sehr melodischen Gesang anstimmten. Er gefiel uns
so gut und brachte in unser Lagerleben ein so hübsches, ungewohntes
Intermezzo, dass wir die Sänger einluden, uns am Abend die Tafelmusik
zu besorgen. Sie liessen sich nicht zweimal bitten und konnten kaum
den Augenblick erwarten, wieder ihre Stimmen ertönen zu lassen. Es
war eine stockdunkle Nacht, in der ich zur Erhöhung der Stimmung ein
Feuerwerk abbrennen liess, und die Eingeborenen gaben uns bis tief in
die Nacht hinein ihre schönsten Lieder zum Besten. Sie liessen sich in
ihrem Eifer nicht einmal dadurch stören, dass ich ihnen Tee und Kuchen
bot, und es war schon Mitternacht, als ich ihnen mit Rücksicht auf
unsere Ermüdung Einhalt tat. Sie hätten uns, wie sie sagten, die ganze
Nacht hindurch vorsingen wollen. Sehr bedauerte ich an diesem Abend,
dass unser Phonograph, den ich in Kaketta bekanntlich zurückschicken
musste, so versagt hatte. Dieser Eingeborenengesang mit seinen kräftig
einsetzenden und langsam in Pianissimo übergehenden Stimmen, mit seiner
ungemein reinen Harmonie hätte es verdient, festgehalten zu werden.

Am nächsten Morgen begleitete uns der junge Labongo mit seiner Frau und
seinem Söhnchen, einem netten, aufgeweckten Jungen, der in Amerikani
gekleidet war und eine kleine schottische Mütze trug, bis zur nächsten
Lagerstelle. Wir marschierten den ganzen Vormittag in tropischer Hitze,
immer gegen Nordwesten, kamen durch ein grosses Dorf namens +Tuanliédj+
und durchquerten nicht weniger als drei Flussbette, die des Pekun,
Adire und Limur, die aber sämtlich auch nicht einen Tropfen Wasser
zeigten. Um 12 Uhr machten wir nach einem sechsstündigen Marsche Halt,
die erschöpften Träger warfen ihre Lasten ab und begannen sofort im
Sande nach Wasser zu graben. Ihre Mühe wurde auch bald belohnt, und sie
stiessen auf den gewünschten, verhältnismässig kühlen Trunk.

Mit der Tête brach ich schon nach einstündiger Rast auf, um unser
heutiges Ziel, +Aju+, zu erreichen. Die Träger weigerten sich anfangs,
weiterzumarschieren, und waren dazu erst nach langer Schauri und
nachdem ich ihnen versprochen hatte, in Aju einen Ochsen schlachten
zu lassen, zu bewegen. In Aju kam mir sofort der Häuptling entgegen,
dem ich Auftrag gab, soviel als möglich Mehl zu beschaffen. Eine
grosse Schar Kinder und Weiber, die mit ihm erschienen waren, erfreute
ich mit einigen tausend Perlen, wofür sie sich dann mit ihren dicken
Bäuchen in Reih und Glied aufstellten und photographieren liessen.
Die Zeit, bis meine Träger nachkamen, benützte ich zu einem Besuche
der Eingeborenen-Niederlassung, die dieselbe Anlage aufwies wie
die bisherigen. Hier traf ich das bereits erwähnte Jagdheiligtum,
ausserdem auch auf einem freien Platze des Dorfes eine aus Stangenholz
hergestellte Holzbrücke, auf der sich die Eingeborenen zusammenhocken,
wenn sie grossen Rat halten (Tafel 57).

Von Aju bis Nimule waren es nur mehr zwei Tagereisen, und wir hatten
schon in unserer letzten Station zwei Renner dorthin mit einem
Telegramm abgeschickt, das unsere Angehörigen in der Heimat schon drei
Tage vor unserer Ankunft in Nimule von der glücklich durchgeführten
Durchquerung Ugandas benachrichtigen sollte (Tafel 59).

Am nächsten Tage erreichten wir nach fünfstündigem Marsche, der uns
durch schönes, zum Teil bewaldetes Hügelland, an dem Eingeborenendorf
Abuku vorbei und quer durch das ausgetrocknete Flussbett des Wororivers
führte, das breite Flussbett des mächtigen +Assuariver+. Wir
durchwateten das kaum einen halben Meter tiefe fliessende Wasser, in
dem die meisten unserer Träger rasch ein erquickendes Bad nahmen, und
kamen mittags in die Station +Lokai+. Dort befindet sich ein grosses
Rasthaus und wurden gerade mehrere Regierungsgebäude aufgeführt, da die
Absicht besteht, die Station Nimule aus ihrer gegenwärtigen, ungesunden
Lage auf dieses hochgelegene Plateau zu versetzen. Kaum waren die
Zelte aufgeschlagen und der Koch soweit fertig, dass wir zu Tisch gehen
konnten, als ein fürchterliches Gewitter mit wolkenbruchartigen Güssen
losbrach, das fast eine Stunde währte und unsere Zelte auf eine harte
Probe stellte. Der Sturm verfing sich in dem Sonnensegel und riss die
Zelte fast um, da ausserdem die Pflöcke im sandigen Boden nur locker
sassen. Es bedurfte aller Anstrengungen, um die Zelte von diesem
wütenden Gewittersturme nicht forttragen zu lassen. Acht bis zehn
Mann hielten aussen das Zelt, während innen die Zeltstange mit aller
Kraft festgehalten werden musste. In dem Kampf gegen die entfesselten
Naturkräfte hatten unsere Schutzhütten auf diesem kleinen Hochplateau
knapp vor dem Ende unserer Expedition noch eine ausgiebige Probe ihrer
Widerstandsfähigkeit zu bestehen, und sie bestanden sie glänzend. Denn
als sich das Gewitter mit dumpfem Grollen verzogen hatte, war wohl
alles durchnässt, aber unsere Zelte waren festgeblieben, und nur bei
einem war durch zu starkes Anziehen der Stricke der Saum der Leinwand
abgetrennt, welcher Schaden in Nimule rasch wieder behoben werden
konnte. Die Luft war nun gereinigt und erquickend, und der kleine
Ausflug, den ich nach dem Gewitter mit Dr. Stigler zum Assuariver
machte, um dort Vögel zu jagen, war äusserst genussvoll. Da aber ein
zweites Gewitter am Himmel stand, kehrten wir nach reichlicher Ausbeute
rasch wieder ins Lager zurück. Dort erwarteten uns die vor drei Tagen
nach Nimule vorausgeschickten Renner, und wir konnten diesen Abend
mit dem guten Bewusstsein zu Bette gehen, dass unsere Angehörigen,
denen unser Telegramm frohe Botschaft gebracht hatte, nun über unser
Schicksal nicht mehr beunruhigt zu sein brauchten.




_IN NIMULE._

  _Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule / Waghalsige
  Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen / Ein Brief
  Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner Begleiter._


Die kurze Strecke, die uns noch von Nimule trennte, ward am nächsten
Tage, dem 18. Februar, bald zurückgelegt. Von unserem Lager schritten
wir gegen Westen bergab, durchquerten das versumpfte Flussbett eines
Nebenflusses des Assuariver und befanden uns dann auf einer breiten,
schönen Strasse, der ersten, die wir nach langer Zeit wieder betraten.
Nach dreieinhalb Stunden erreichten wir eine kleine Anhöhe, von der
aus wir blechgedeckte Häuser, eine Kasernenanlage mit ihren vielen
regelmässig errichteten Strohhütten und knapp dahinter das breite,
silberne Band des an den Nyiribergen vorüberströmenden heiligen Nils
sahen, den wir bei den Riponfalls verlassen hatten und der uns nun hier
nach einem Hunderte von Kilometern langen Laufe wieder entgegenglänzte.
Wir genossen eine Weile den Anblick auf Nimule in dem Gefühl, nach
langem Aufenthalte in der afrikanischen Steppe nun wieder die ersten
Zeichen der Kultur zu sehen; es gab wieder aus Stein errichtete
Gebäude, grosse Wohn- und Amtshäuser für die englischen Beamten,
Läden indischer Kaufleute -- kurz, wir näherten uns der breiten
Karawanenroute, die in Gondokoro von Khartum aus mit bequemen Dampfern
zu erreichen ist, und von dort bis Nimule und auf dem Nil über Wadelai
und den Albert-See bis Butiaba führt, von wo sich wieder eine gepflegte
Karawanenstrasse nach Kampala und Entebbe, unserem Ausgangspunkte,
erstreckt. Wir hatten freilich nicht diese bequeme, weit im Bogen
führende Route gewählt, die so mancher in der Riksha zurücklegt,
sondern waren durch das pfadlose nördliche Uganda marschiert, da wir
unbekanntes Land sehen und unseren Fuss auf bisher von Europäern
unbetretene Gebiete setzen wollten.

Auf der Anhöhe, die uns den Ausblick auf Nimule und den Nil eröffnete,
wurde Halt gemacht. Die Askari, deren abgetragene Khakianzüge fast
nur mehr aus Hadern bestanden, legten die in Reserve gehaltenen
funkelnagelneuen Uniformen an, die Träger wurden in geschlossene Reihen
gestellt, und nun konnten wir unter Vorantritt von uns Europäern den
Einmarsch in Nimule halten. Distriktskommissär Mr. Bains erwartete uns
schon ausserhalb Nimule auf der Strasse, beglückwünschte uns herzlichst
zu unserer Ankunft und teilte uns mit, wo sich unser Lagerplatz
befinde. Mich und Dr. Stigler lud er ausserdem zum Lunch ein. Nach
diesem kurzen Aufenthalte marschierten wir unter dem übermütigen
Gejohle unserer Träger, die sich vor Freude nicht mehr halten konnten,
an den vielen herbeigeeilten Eingeborenen vom Stamme Madi vorüber,
durch die lange Gasse der Kaufläden die Anhöhe hinan, auf der sich das
Rasthaus befand.

Hier erwartete uns eine kleine Karawane, deren Führer ein Engländer
und ein alter, an Abenteuer und Strapazen gewohnter Deutscher waren,
die uns um Nachrichten über die von uns berührten Gegenden baten.
Sie hatten die Absicht, den Oberlauf des Assuariver und dessen
Nebenflüsse auf das Vorhandensein von Gold, des vielbegehrten
Metalls, zu untersuchen und hatten aus denselben Beweggründen
auch schon jahrelang, aber fast stets mit negativem Erfolg, das
Kongogebiet durchstreift, von dem sie erst vor kurzer Zeit nach recht
schlimmen Erfahrungen zurückgekommen waren. Der Engländer war dort
von Eingeborenen überfallen und seiner ganzen Ausrüstung beraubt
worden. Ihm selbst wurde, während er 24 Stunden lang an einen Baum
gebunden war, das Todesurteil gesprochen, und er hatte es nur seiner
englischen Nationalität zu danken, dass man ihm schliesslich doch
noch das nackte Leben schenkte. Die Leute verfügten über sehr wenig
Barmittel und hatten auch nur eine kleine Karawane von ungefähr 60
Mann zusammengestellt, mit der sie wahrscheinlich nicht weit in das
Innere eingedrungen sein werden. Sie verabschiedeten sich noch am
selben Nachmittag von uns, um eine Aussprache ihrer Träger mit den
unseren zu verhindern, da sie wohl mit Recht befürchten mussten, dass
eine Schilderung all der Gefahren und Anstrengungen, die wir
durchgemacht hatten, ihre Träger zum Durchbrennen veranlassen könnte.
Wir wünschten ihnen besten Erfolg und konnten bei dem Gedanken, dass
diese verwegenen Goldsucher ihren Wagemut vielleicht mit dem Leben zu
büssen haben würden, ein gewisses Gefühl der Wehmut schwer unterdrücken.

[Illustration: _Ein Leprakranker_]

[Illustration: _Durch den Agueriver_

  _Tafel 58_
]

[Illustration: _Die Karawane marschiert durch den Assuariver_

  _Tafel 59_
]

[Illustration: _Lager in Nimule am Nil_]

[Illustration: _Regierungshaus in Nimule_

  _Tafel 60_
]

Hierauf begaben wir uns zu Mr. Bains, dessen Wohnhaus auf einer
hübschen Anhöhe ausserhalb Nimule steht. Durch eine Allee von
Krotonölbäumen gelangte man über mehrere Stufen auf eine, die
inneren Wohnräume einsäumende Terrasse und von dieser in ein grosses
Speisezimmer, dessen Fussboden verschwenderisch mit Löwen- und
Leopardenfellen bedeckt war. Mr. Bains, ein junger, schlanker,
energischer Engländer, durch und durch Gentleman, war von seltener
Liebenswürdigkeit, und seine Gastfreundschaft wird uns unvergesslich
bleiben. Zum erstenmal seit vielen Wochen sassen wir nun wieder in
einem europäischen Zimmer, und unserem in der letzten Zeit sehr
wenig verwöhnten Gaumen behagten die Leckerbissen, mit denen uns Mr.
Bains bewirtete, ausserordentlich. Wir berichteten ihm ausführlich
über die Ergebnisse unserer Reise, über all die Schwierigkeiten und
Gefahren, von denen sie begleitet war, und am allermeisten mussten
wir ihm von den Naqua- und Toburstämmen erzählen, für die er ganz
besonderes Interesse zeigte. Mr. Bains hat selbst schon viele
Kämpfe mit den Eingeborenen mitgemacht. Erst im Mai des vorigen
Jahres hatte er nördlich von Jalé, wo wir am 8. Februar unser Lager
aufgeschlagen hatten, mit 50 Askari und 200 bewaffneten Acholi gegen
die dortigen aufständischen Eingeborenen gekämpft, wobei seine Truppe
fast aufgerieben wurde und 80 seiner Leute fielen. Diese grosse
Verlustziffer war in der Kampfesweise der Eingeborenen begründet.
Sie waren zwar nur mit Speeren und ganz wenigen, aus Abessynien
eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet, mit denen sie überdies noch sehr
schlecht schossen, liessen aber die Soldaten ganz nahe herankommen,
um sie dann um so sicherer mit ihren Speeren töten zu können. Die
Askari von Nimule waren fast ständig unterwegs, um gegen aufständische
Stämme zu kämpfen. Gerade während unseres Aufenthaltes in Nimule gab
es blutige Kämpfe in den Nangiyabergen bei Rjoma, nahe von Dschudi
Dschudi, wohin von drei Seiten englische Truppen aufgeboten waren, um
die räuberischen und alles plündernden Eingeborenen zu unterwerfen.
Von Nimule selbst, sowie von Mongalla im Sudan waren zwei Expeditionen
nach dem Kampfplatz ausgezogen, und vom Süden aus war bereits Kapitän
Taughner, den wir im Dezember in Mbale getroffen hatten, mit einer
dritten Truppe unterwegs. Zurzeit war Nimule fast gänzlich von Truppen
entblösst, denn auch in den Lamogibergen, ungefähr 40 Meilen südlich
von Nimule, befand sich ein Aufstandsgebiet. Die Eingeborenen, die mit
Gewehren bewaffnet waren, hatten sich dort reichlich mit Lebensmitteln
und Wasser versorgt und in die Felsenhöhlen der Berge zurückgezogen,
aus denen sie in vollständig gedeckter Stellung auf jeden sichtbar
werdenden Askari schossen. Die Engländer entschlossen sich nun, alle
Berge zu blockieren und den Feind durch Aushungern zur Uebergabe zu
zwingen, was jedenfalls noch eine Weile dauern und manches Opfer an
Menschenleben kosten dürfte.

Nach mehreren Stunden des anregendsten Gespräches mit Mr. Bains kehrten
wir in unser Lager zurück, wo wir eine ausgiebige Post aus Europa
vorfanden und diesen ereignisreichen Tag, der uns nach langer Wanderung
durch Steppe und Busch wieder in die erste europäische Siedlung
gebracht hatte, mit der Lektüre der Unmenge von Briefen und Zeitungen
aus unserer Heimat abschlossen (Tafel 60).

In der reichen Korrespondenz befand sich auch ein Begrüssungsschreiben
unseres ausgezeichneten Landsmannes, des Generalinspektors im Sudan,
Baron Rudolf Slatin. Ich hatte ihn um die Erlaubnis ersucht, für das
Museum ein weisses Nashorn und ein Elen schiessen und ausserdem für
die kaiserliche Menagerie in Schönbrunn ein junges weisses Nashorn
fangen zu dürfen, und daraufhin war folgende Antwort Slatin Paschas
eingetroffen:

„Sehr geehrter Herr! Glückliche Ankunft am Nil. Sie können ein weisses
Rhino schiessen und auch versuchen, eine junge Elenantilope und ein
junges weisses Rhino zu fangen, jedoch unter der Bedingung, die Mütter
dieser Tiere nicht zu töten, sondern nur zu vertreiben. Hoffend, dass
Sie eine den Umständen angemessene, angenehme Reise hatten und ich Sie
bald hier begrüssen kann, bin ich, geehrter Herr, mit bestem Gruss Ihr
ergebener R. Slatin.

Bitte, benachrichtigen Sie Major C. R. Owen, Gouverneur der Mongalla
Province, von Ihrer Ankunft, der angewiesen ist, Ihnen die nötige
Jagderlaubnis zu erteilen.“

Unsere ursprüngliche Absicht war, in Nimule nur zwei, drei Tage zu
verbleiben, die vollständig genügt hätten, um unsere ermüdeten Träger
neue Kräfte schöpfen zu lassen. Leider waren aber die Kisten, die wir
in Kumi aus Mangel an Trägern über den Kiogasee und Nil vorausgeschickt
hatten, noch immer nicht hier, trotzdem sie fahrplanmässig schon längst
hätten eintreffen sollen, und so mussten wir den nächsten Dampfer,
der in Nimule nur jeden Sonntag ankommt, abwarten. Da sich hierdurch
unser Aufenthalt notgedrungen auf eine volle Woche ausdehnte -- der Tag
unserer Ankunft in Nimule war nämlich ein Sonntag, -- hatte ich Mr.
Bains ersucht, Eingeborene nach Elefanten und Büffeln auszuschicken,
um so diese Woche nicht in blossem Müssigsein verstreichen zu lassen.
Schon am nächsten Tage machte mir Mr. Bains die Mitteilung, dass in
nordöstlicher Richtung, zwischen dem Assuariver und dem Attapiriver
viele Büffel- und Elefantenspuren gesehen wurden, so dass ich hoffen
konnte, von meinem Jagdausflug nicht ohne Beute zurückzukommen. Nur
musste ich ihn noch um einen Tag verschieben, da Dr. Stigler und
Schwarzer erkrankt waren. Sie hatten von den Krotonölnüssen über
zwanzig Stück gegessen, was Brechreiz und einen furchtbaren Durchfall
zur Folge hatte, der die beiden sonst kräftigen Männer auf das
Krankenlager warf. Auch Präparator Storch ging es nicht zum Besten.
Er hatte schon im Naquagebiet, als die Strapazen sich steigerten, an
Anfällen seiner alten Malaria zu leiden gehabt, die ihn vollständig
arbeitsunfähig machten, und brach nun in Nimule mit ausserordentlich
hohem Fieber ganz zusammen. Ich war der einzige, der bisher von jeder
Krankheit verschont geblieben war, und konnte also den täglichen
Einladungen des liebenswürdigen Mr. Bains auch Folge leisten, der sich
in Aufmerksamkeiten mir gegenüber überbot. Er schenkte mir Speer,
Schild und Kopfschutz des Häuptlings von Guru Guru, der vor einigen
Tagen in den Lamogibergen von einem englischen Offizier, Mr. Moore,
erschossen worden war. Ich versuchte, mich bescheiden zu revanchieren,
indem ich ihm meine zerlegbare Tischlampe zum Geschenk machte. Es war
mir nämlich aufgefallen, dass in dem sonst so komfortablen Hause Mr.
Bains nur kleine Kerzenlampen brannten, und er sagte mir, dass ihm
seine einzige Lampe zu seinem grossen Leidwesen vom Boy zerschlagen
worden war. Mein Geschenk war ihm also sehr willkommen. Ich hatte
diese äusserst praktisch konstruierte und sehr wenig Raum einnehmende
Lampe auf der Reise nur selten benützt, da wir uns in Jinja und Mbale
fünf gewöhnliche sogenannte Safarilampen, zu drei Rupien das Stück,
angeschafft hatten, die fast unzerbrechlich sind, genügend Licht geben
und, was auf einer so anstrengenden Reise die Hauptsache ist, fast
keiner Pflegung bedurften.




_ELEFANTENJAGD._

  _Im Jagdgebiet / Die erste Elefantenherde / Am Attapiriver /
  Tragische Jagdgeschichten / Unsere Expeditionstrommel / Ein
  anhänglicher Schwarzer / Unser Heatman als Elefantenwilderer._


Bis zur Ankunft unseres Gepäckes aus Kumi blieben uns noch vier
Tage für unseren Jagdausflug, den wir um so lieber unternahmen, als
ein längerer Aufenthalt in Nimule wegen der heftig auftretenden
Malariafälle sehr ungesund ist. Meine wissenschaftlichen Aufnahmen
hatte ich mit der Ankunft in Nimule eingestellt, und so nahmen wir für
unsern Ausflug, von dem wir Samstag abends wieder zurück sein wollten,
nur das notwendigste mit. Ausser Dr. Stigler und Schwarzer, die sich
von ihrem Brechdurchfall wieder ganz erholt hatten, begleiteten mich
einige Träger, darunter auch Adabungomoi, und mehrere Tragesel, die mit
den Lebensmitteln beladen waren. Unsere Führer waren zwei Eingeborene,
die von Mr. Bains vor einigen Tagen in die Jagdgegend geschickt worden
waren. Am frühen Morgen verliessen wir Nimule und marschierten zuerst
in nördlicher Richtung durch schönes Hügelland, in dem sich vor uns das
herrliche Panorama der Nillandschaft mit dem langgezogenen Gebirgsstock
der hochaufsteigenden Nyiriberge entrollte. Nach vier Stunden kamen
wir an den unteren Lauf des Assuariver, dessen fast hundert Meter
breites Flussbett wir durchwaten mussten. Am andern Ufer, wo mächtige
Wurstbäume standen, wie wir sie zwischen Mbale und Kumi gesehen hatten,
rieten uns unsere Führer, Rast zu halten, da wir den Attapiriver,
der nach der Karte höchstens noch drei Stunden entfernt war, vor
Sonnenuntergang nicht mehr erreichen würden. Wir beschlossen aber,
weiter zu marschieren und gingen in glühender Sonnenhitze ungefähr
eine Stunde, als sich plötzlich unter den Eingeborenen grosse Erregung
zeigte. Es war ein Geräusch wie das Trompeten von Elefanten vernehmbar.

Es wurde sofort Halt gemacht, und wir Europäer folgten nun mit den
Führern, dem Karamojomann und den Boys, die unsere Gewehre trugen,
der Richtung, aus der wir das Geräusch hörten. Bald fanden wir Fährten
der Elefanten, die auf eine ziemlich grosse Herde deuteten. Die
Verfolgung führte uns in dichtes Buschland, da und dort bezeichnete
auch ein abgebrochener Ast die Marschrichtung der Elefanten. Von diesen
selbst war aber nichts zu sehen, trotzdem der Karamojomann auch von
einem hohen Baume aus Ausblick hielt. So ging es ungefähr eine halbe
Stunde in dem ziemlich flachen Terrain weiter, da sprang Adabungomoi
plötzlich zu mir und deutete mit dem Speer auf eine graue Masse, die
einem Felsblock nicht unähnlich war. Wir schauten durch unsere Gläser
und erkannten einige Elefanten, die dicht aneinander gedrängt unter
hohen Bäumen standen. Nun gingen wir vorsichtig vorwärts und kamen
bis auf hundert Schritte heran. Vorn rechts sahen wir fünf mächtige
Tiere, etwas weiter rückwärts bedeutend mehr, von denen besonders eines
durch seine Grösse und seine langen, schmalen Zähne auffiel. Neben ihm
stand ein ausgewachsenes Junges, das ruhig mit seinem Rüssel spielte,
aber noch immer war kein Bulle wahrzunehmen. Ich hatte zwar auch die
Erlaubnis, Weibchen zu schiessen, und ein Junges möglicherweise lebend
zu fangen, dies war aber hier bei der grossen Stärke der Herde ganz
ausgeschlossen, da sich die anderen Tiere des Jungen, dem die Mutter
weggeschossen wäre, sofort angenommen hätten.

Wir traten etwas seitwärts, um den bisher durch den Busch verwehrten
freien Ausblick zu gewinnen, und sahen nun die ganze mächtige Herde
vor uns. Das wachhabende Tier hob ununterbrochen den Rüssel auf und
ab, machte sich mit den gewaltigen Ohrlappen Wind und brütete stumpf
vor sich hin, ohne Ahnung, dass ihm sein grösster Feind mit der
todbringenden Kugel so nahe war. Wir standen unter ausgezeichnetem
Wind, so dass wir den prächtigen Anblick auf die Herde ungestört
geniessen konnten. Die weiter rückwärts stehenden oder liegenden
Elefanten spielten, bewarfen sich mit Staub, den sie durch den Rüssel
bliesen, dann und wann stiess einer einen durchdringenden Trompetenton
aus. Ich suchte indessen nach einem Bullen und wollte womöglich den
stärksten schiessen. Die dünnen Stosszähne der meisten liessen aber auf
Weibchen schliessen, nur der wachhabende Elefant hätte ein Bulle sein
können, und sowohl mein Boy, der schon mehrere Jagdsafari mitgemacht
hatte, als auch der Karamojomann waren derselben Ansicht. Ich
entschloss mich daher, diesen zu schiessen, wohl wissend, dass, wenn
er nicht gut getroffen wäre, die ganze Herde, die meist aus Weibchen
mit Jungen bestand, auf uns losstürmen und alles unter sich zertreten
konnte. Ich gab noch rasch meinen Begleitern den Auftrag, im Falle
eines Angriffes auf die vordersten zu schiessen, dann legte ich meinen
Mannlicher 9,5 mm an die Backe und zielte, da die erste Aufregung
schon gewichen war, ruhig und sicher zwischen Ohr und Auge. Ein Knall,
und wie vom Blitz erschlagen sank das mächtige Tier, mitten durch das
Gehirn getroffen, zu Boden. Gleichzeitig erschütterte ein furchtbares
Trompeten die Luft, die ganze Herde lief wirr und ratlos durcheinander
und wirbelte eine hohe Staubwolke auf. Zuerst schien es, als ob sie
die Richtung gegen uns nehmen wollte, da fingen aber unsere Führer und
mein Boy mit voller Lungenkraft zu schreien an, worauf die Tiere in
entgegengesetzter Richtung, grosse Staubwolken hinter sich lassend,
davonliefen.

Wir näherten uns nun vorsichtig dem Elefanten, der sich aber nicht mehr
rührte. Da das Herausnehmen der Zähne viele Stunden in Anspruch nahm,
schlugen wir, obgleich die nächste Wasserstation nur mehr eine Stunde
weit entfernt war, schon hier, in der nächsten Nähe des gefallenen
Tieres, unser Lager auf. Unsere Nairobiträger machten sich sofort an
das Zerlegen des Elefanten, und nun begann ein Raufen und Streiten
um jedes Stück Fleisch, so dass ich gezwungen war, die Verteilung
desselben von den mitgenommenen zwei Askari überwachen zu lassen. Die
Stimmung im Lager war eine äusserst gehobene, gab es doch eine Menge
Fleisch und ausserdem Schussgeld und Bakschisch. Bald war die Nachricht
von dem geschossenen Elefanten auch in die nächsten Dörfer gedrungen,
und eine grosse Anzahl nackter Eingeborener umschlich unser Lager,
um wenigstens noch die Gedärme und einige an den Knochen gebliebene
Fleischreste erhaschen zu können. Bei eintretender Dämmerung war von
dem mächtigen Tier nichts mehr vorhanden als die nackten Knochen
und Rippen! Alles andere war aufgezehrt oder hing über den offenen
Feuern zum Trocknen. Nachdem wir die Eingeborenen das Fleisch mit
so besonderem Appetit verzehren sahen, gaben wir unserem Koch den
Auftrag, einmal seine Kunst zu zeigen und auch uns ein Elefantengericht
zu bereiten. Er tat es auch, es war aber für uns unmöglich, diesen
Elefantenbraten zu geniessen, der hart wie Leder und obendrein noch
ganz geschmacklos zubereitet war.

In der Nacht, die diesem Jagdtage folgte, waren aus unserem Lager die
zwei Maultiere, die ich und Photograph Schwarzer ritten, durchgebrannt.
Wir vermuteten, dass die Tiere wohl in der Richtung gegen Nimule
laufen, aber kaum den Assuariver durchwaten würden. Die noch nachts
auf die Suche geschickten Träger kamen des Morgens ergebnislos
zurück, aber im Lager am Attapiriver trafen die Eseltreiber, die ich
tags vorher nach Nimule um Mehl geschickt hatte, auf einmal mit den
beiden Flüchtlingen ein, die sie in Nimule gerade auf der Suche nach
unserem dortigen Lager gefunden hatten. Sie waren also doch durch den
Assuariver gewatet und hatten in der Nacht den viele Stunden weiten Weg
nach Nimule mit ausserordentlichem Spürsinn zurückgelegt.

Am Morgen, als wir gerade im Begriffe waren, aufzubrechen, holte uns
ein Renner aus Nimule ein und überbrachte mir ein Telegramm Slatin
Paschas, in dem mir nachträglich in liebenswürdiger Weise die Erlaubnis
erteilt wurde, im Reservatgebiet des Sudan jagen zu dürfen.

Es sollten nun Tage kommen, die nur dem Vergnügen der Jagd gewidmet
waren, für die uns ja bisher, obwohl viel und oft Gelegenheit war, die
Zeit gefehlt hatte.

[Illustration: _Wie die Träger klettern_]

[Illustration: _Dr. Stigler erkrankt_

  _Tafel 61_
]

Der Weg bis zum Attapiriver führte längs des Westabhanges des
Dhomiberges durch dichtes Buschland mit mehr als meterhohem Gras.
Gegen 11 Uhr vormittags erreichten wir den Fluss, der sehr steile
Ufer hatte und dessen Wasser gegen 60 cm tief war. Der Attapiriver
ist ein Nebenfluss des Assuariver und vereinigt sich mit diesem knapp
vor dessen Mündung in den Nil. Die Gegend ist sehr wildreich, und auf
dem Weg von unserem Lager bis zum Fluss waren wir auf zahlreiche, oft
ganz frische Fährten von Büffeln, Elefanten, Gazellen und auch
Hartebeesten gestossen. Vom Wild selbst war aber nichts zu sehen,
trotzdem unsere Eingeborenen zu wiederholten Malen Bäume erkletterten,
um über das Buschwerk hinaussehen zu können. Am flinksten war dabei
immer mein Präparator Fundi, ein Eingeborener, der übrigens während
der ganzen Reise einen alten, in allen Farben schillernden, von einem
Europäer abgelegten Winterrock mit Kapuze trug und ihn auch bei der
grössten Hitze nicht auszog. Er kletterte auf die höchsten Bäume, indem
er den dicken Stamm mit den Händen umfasste und die Füsse nur mit den
Zehen an die Rinde ansetzte. Spürte er einer Fährte nach, so beroch
er jedesmal den Sand, um dadurch zu bestimmen, wie alt sie schon war
(Tafel 61).

Der Tag verging, ohne dass wir Büffel oder Elefanten zu Gesicht
bekommen hatten. Am nächsten Morgen birschten wir am linken Ufer
des Attapiriver, aber mit dem gleichen negativen Erfolge, trotzdem
die vielen Fährten und die gebrochenen Aeste und Bäume auf das
Vorhandensein grosser Herden schliessen lassen mussten. Spät abends
meldeten uns Eingeborene, die wir stromauf- und -abwärts geschickt
hatten, um zu sehen, ob nicht Elefantenherden zur Tränke kämen, dass
stromaufwärts von unserem Lager sich eine grosse Herde von Elefanten im
Wasser herumtreibe. Da es an diesem Tage schon zu spät war, brachen wir
erst am nächsten zu dieser Stelle auf, verfolgten auch einige Stunden
die Spur, gaben aber schliesslich die Suche auf und vertrösteten
uns auf die Jagdgebiete bei Gondokoro, die uns Mr. Bains besonders
gepriesen hatte. Um 1 Uhr mittags erreichten wir den Assuariver, in
dessen reinem frischen Wasser wir ein erquickendes Bad nahmen, und am
Abend waren wir wieder in Nimule.

Der nächste Tag war Sonntag, und der Nildampfer brachte endlich unsere
Kisten aus Kumi. Mit demselben Dampfer, der abends wieder abging,
schickten wir sieben Askari sowie zwölf erkrankte Träger nach Mbale
beziehungsweise in ihre Heimat zurück. Jeder Mann erhielt seinen Lohn
für die ganze Reise, sowie das Fahrgeld für den Dampfer, und die aus
Nairobi stammenden auch das für die Bahn, bei welchen Auszahlungen Mr.
Bains mich in liebenswürdigster Weise unterstützte.

Abends waren Dr. Stigler und ich bei ihm zum Diner geladen, und
wir lernten dort Mr. Moore kennen, jenen Offizier, der kurz vorher
von den verlustreichen Kämpfen in den Lamogibergen zurückgekehrt
war. Die Unterhaltung war sehr angeregt, und natürlich war auch von
der Jagd die Rede. So erzählte uns Mr. Bains von einem soeben nach
Nimule zurückgekehrten englischen Schiffsingenieur, der seinen Urlaub
zur Elefantenjagd in dieser Gegend benutzt und auf dieser seinen
Gewehrträger verloren hatte. Er hatte aus ziemlich kurzer Entfernung
auf einen alten Bullen geschossen, der trotz der schweren Verletzung
auf ihn und seinen Gewehrträger losstürzte und den letzteren zu Tode
trat. Er wusste bei dieser Gelegenheit von einem noch tragischeren
Ausgang einer Elefantenjagd zu erzählen. Der frühere Arzt von Nimule
hatte auf einen Elefanten rasch nacheinander nicht weniger als 14
Schüsse abgegeben. Das schwer verletzte Tier lehnte sich an einen
grossen Baum, so dass der Arzt, da es in dieser Stellung regungslos
verharrte, annahm, dass es schon verendet sei, und sich ihm vorsichtig
näherte. Da richtete es sich aber plötzlich wieder auf, und trotzdem
ihm der Arzt sofort seine letzte Kugel in den Schädel knallte, hatte
der Elefant noch soviel Kraft, sich auf ihn zu stürzen. Er sank zwar im
selben Moment tot zu Boden, begrub aber den Jäger unter sich, der dann
zerdrückt als Leiche hervorgezogen wurde.

In Nimule konnte ich durch Vermittlung Mr. Bains von den Eingeborenen
viele Speere, Pfeile, Schmuck und andere Dinge erwerben. Auch eine
grosse, mit Elefantenhaut überzogene Trommel, für die der Besitzer zwei
Kühe als Preis verlangte, war darunter, die unsere bisherige, aus Mbale
mitgenommene kleine ausser Tätigkeit setzte, und auf der ein Träger
für den Rest unserer Reise die Marschmusik machte. Bei einem indischen
Kaufmann erstand ich hübsche, aus Elefantenzähnen geschnitzte Hörner,
die aus dem Kongo stammten, dafür verkaufte ich -- natürlich um einen
Pappenstiel -- die mir übrig gebliebenen Tauschartikel und einige
Kisten mit Konserven.

Das letzte Stück unserer Reise war die 163 km lange Strecke von Nimule
bis Gondokoro, wohin eine schöne, breite Strasse östlich vom Nil führt,
der hier wegen seines seichten Wasserstandes und starken Gefälles noch
nicht schiffbar ist. Die ganze Strecke ist, ebenso wie das westlich vom
Nil liegende und sich bis an den Albertsee erstreckende Ladogebiet, für
Europäer wegen der grossen Verbreitung der Schlafkrankheit gesperrt,
und für Karawanen wird nur ganz ausnahmsweise die Erlaubnis erteilt,
diese Gebiete zu betreten. Mr. Bains hat für uns in liebenswürdiger
Weise diese Ausnahme gemacht und den Durchmarsch bewilligt. Bis
Gondokoro werden gewöhnlich neun Tage als Reisezeit angenommen, doch
kann diese Dauer bei Marschleistungen von 22–24 km auch um zwei
Tage gekürzt werden. Von Gondokoro bis Khartum verkehren dann schon
monatlich zweimal, am 6. und 21., Regierungsdampfer, die stromabwärts
neun, stromaufwärts dreizehn Tage brauchen.

Für den Morgen des 26. Februar war der Abmarsch angesetzt. Aber wir
hatten wieder einmal erfahren, dass die Eingeborenen, je gründlicher
sie sich ausgerastet haben, um so länger brauchen, bis sie sich in
Bewegung setzen. Es währte daher geraume Zeit, bis sich die Karawane
zurecht machte. Zu unserem grossen Erstaunen meldete sich knapp vor
dem Abmarsch auch der im Naquagebiete von einer Giftschlange gebissene
Träger. Er hätte schon am Abend vorher mit dem Nildampfer zurückkehren
sollen, wollte sich aber absolut nicht von der Karawane trennen. Es
war ihm den ganzen Marsch bis hierher nicht am besten gegangen, und
zweimal hatte er so starke Anfälle von Fieber und Schüttelfrost gehabt,
dass wir fürchteten, ihn zu verlieren. Die ganze Strecke war er auf
einem von einem Eingeborenen geführten Esel geritten, auf dem wir ihm
einen bequemen Tragsessel errichtet hatten, nun schien ihm aber die
achttägige Rast in Nimule so gut bekommen zu sein, dass er erklärte, er
wolle unbedingt mit uns weiter marschieren und sogar eine Last tragen.
Wir waren von dieser Anhänglichkeit des braven Schwarzen sehr gerührt
und erfüllten gern seinen Wunsch.

Das letzte Hindernis, das unseren Abmarsch verspätete, war noch unser
Heatman Abeidi, über den wir bei unserer Verabschiedung von Mr. Bains
noch ausführlich sprechen mussten. Abeidi hatte nämlich die Absicht,
nach seiner Verabschiedung in Gondokoro mit einem Teil unserer Träger,
die ihm sehr ergeben waren, durch den nördlichsten Teil Ugandas nach
Abessynien zu ziehen, wo seine Frau und sein Bruder lebten, und
bei dieser Gelegenheit -- natürlich ohne Jagdschein und Erlaubnis
-- fleissig auf Elefanten zu schiessen, um das Elfenbein dann nach
Abessynien einzuschmuggeln. Solche Wilderer, wie wir sie ja auch schon
auf dem Marsche nach Mbale angetroffen hatten, schonen weder Weibchen,
noch Junge, sie knallen alles nieder, was ihnen in den Weg kommt,
und haben schon ganze Herden weiblicher Tiere vernichtet. Es handelt
sich ihnen nur um das Elfenbein, das sie von den Wilden auch gegen
alte, ausgemusterte und eingeschmuggelte Gewehre eintauschen, die dann
hauptsächlich wieder im Kampfe gegen die Engländer verwendet werden.
Man nennt solche Gewehrschmuggler Gunrunner. Es ist daher begreiflich,
dass die Behörden die Reisen solcher Leute -- es sind zumeist Araber
-- mit besonderer Wachsamkeit verfolgen und Streifzüge, wie sie unser
Abeidi vorhatte, mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Mr. Bains, den
wir von den Absichten des Heatmans verständigten, ersuchte denn auch
seinen Vertreter in Gondokoro, Mr. Weatherhead, Abeidi nicht aus den
Augen zu lassen, ihn zur Rückkehr nach Nimule zu zwingen oder, wenn es
notwendig sei, kurzerhand zu verhaften.




_VON NIMULE NACH GONDOKORO._

  _Auf der Strasse nach Gondokoro / Grosse Grasbrände / Ein Marsch
  in der Vollmondnacht / In Loro / Wieder auf Elefantenjagd / Der
  tollkühne Adubungomoi / Erkrankung Dr. Stiglers / Ein Engländer auf
  Besuch / Unfreiwillige Träger / Schwarzer und Storch malariakrank /
  In der Nähe des Nils / Einmarsch in Gondokoro._


All diese Verzögerungen unserer Abreise von Nimule hatten zur Folge,
dass wir am ersten Tag statt der geplanten 25 Meilen nicht einmal die
Hälfte hiervon zurücklegten und nur bis zum Kamp am Assuariver kamen.
Am nächsten Tage marschierten wir, immer auf der breiten Strasse, die
zwischen dichtem Buschland und über hügeliges Terrain nach Gondokoro
führt, bis +Kiripe+, wo wir unter prächtigen alten Bäumen unsere Zelte
aufschlugen. Alsbald erschien in Begleitung eines grossen, nackten, mit
Speer, Pfeil und Bogen bewaffneten Schwarzen der Häuptling des dortigen
Bari-Stammes und teilte uns mit, dass etwa eine Stunde östlich von
unserem Lager eine Herde von sieben Elefanten gesehen worden sei. Wir
brachen gleich in dieser Richtung auf und konnten schon nach kurzem
Marsche die frischen Fährten und die Verwüstungen entdecken, die die
Kolosse an den ihnen im Wege stehenden Bäumen angerichtet hatten.
Von einem kleinen Hügel aus sahen wir auch durch unsere Zeissgläser
in weiter Ferne zwei einzelne Elefanten. Wir versuchten, durch das
meterhohe Gras, in das uns die Tiere einen genügend breiten Steg
getreten hatten, anzubirschen, traten aber bald wieder den Rückweg an,
da die Elefanten inzwischen, wahrscheinlich um zur Tränke zu wandern,
einen grossen Bogen gezogen hatten, und ausserdem auch schon die
Dämmerung eingebrochen war. Am nächsten Morgen nahmen wir den Versuch
wieder auf, aber ohne Erfolg. Die Elefanten dürften vermutlich durch
grosse Grasbrände, die sich im weiten Umkreis zeigten und des Nachts
auf Meilen hinaus die Landschaft beleuchteten, vertrieben worden
sein. Die Träger haben nämlich die Gewohnheit, die Lagerfeuer, die
sie bei jeder Gelegenheit anzünden, beim Verlassen der Stellen ruhig
weiterbrennen zu lassen, und es genügt dann der geringste Luftzug, um
das trockene Steppengras in Brand zu setzen.

Da untertags fast unerträgliche Hitze herrschte, beschlossen wir, erst
abends aufzubrechen und in der Nacht bei Vollmondschein abseits von
der Strasse in nordöstlicher Richtung nach Loro zu marschieren, wo
sich zufolge einer Meldung, die uns Mr. Weatherhead durch einen Renner
übermitteln liess, viele Elefantenherden aufhalten sollten. Um 6 Uhr
abends traten wir unter Führung eines Barihäuptlings den Marsch an.
Die Träger waren in bester Stimmung, und es ging unter Trommelschlag
und Gesang in flottem Tempo vorwärts. Die ganze Landschaft war von den
sich immer mehr ausbreitenden Steppenbränden beleuchtet, namentlich
ein östlich von uns gelegener Berg stand nahezu ganz in Flammen,
und wir sahen alte Bäume auf seinen Abhängen wie riesige Fackeln
in sich zusammenbrechen. Es war ein mächtiger, schöner, imposanter
Anblick, wie ringsumher Berge und Hügel gleichsam in ein Feuermeer von
übernatürlichen Dimensionen gehüllt waren. Zudem stieg bald der grosse
Feuerball des Mondes auf, der fast taghelles Licht über die Landschaft
und die langgezogene Trägerlinie goss: ein unvergesslich schönes Bild.
Uebt der Marsch durch die afrikanische Steppe schon bei Tag auf den
Europäer ausserordentlichen Reiz aus, so ist der zaubervolle Eindruck
einer solchen hellen Nacht um so überwältigender. Hie und da nähern wir
uns einer Eingeborenenniederlassung, in der die Wilden um ein Feuer
hocken und scheu davonlaufen, sobald sie uns erblicken, um nach dem
ersten Schrecken aber doch wieder zurückzukehren und uns zu begrüssen.
Gegen 11 Uhr machten wir in der Nähe eines beinahe ganz ausgetrockneten
Flussbettes kurze Rast, dann ging es wieder weiter, das Trommelschlagen
und der Gesang verstummten allmählich, schweigend zieht die Karawane
vorwärts. Plötzlich erfasst meine Träger panischer Schrecken, in
nächster Nähe ist ein Rudel Elefanten aufgetaucht. Die Lasten
wegwerfen und das Heil in schleuniger Flucht suchen, war das Werk
weniger Augenblicke. Die Elefanten zeigten jedoch keine Angriffslust,
sondern zogen friedlich ihren Weg zur Tränke weiter. Es dauerte aber
eine geraume Weile, bis die furchtsamen Träger, vorsichtig spähend,
zurückkehrten und einer nach dem anderen seine Last wieder auf sich
nahm und weiter marschierte.

Um 1 Uhr nachts hatten wir unser Ziel, +Loro+, erreicht, wo wir unter
einem mächtigen alten Baum unser Lager aufschlugen und uns, ehe wir uns
zur Ruhe begaben, erst noch an einem kleinen Imbiss stärkten.

Am nächsten Morgen meldeten uns zwei Eingeborene, dass, ungefähr
eine Stunde von unserm Lager entfernt, ein Rudel Elefanten mit
mehreren Bullen gesehen wurde. In einer Viertelstunde waren wir
marschbereit, folgten unsern Führern das grosse Dorf entlang durch
weite Durrapflanzungen, in denen die nächtlichen Besuche der Elefanten
grosse Verwüstungsspuren hinterlassen hatten, und fanden dann in dem
mannshohen Steppengras des Buschlandes bald frische Fährten. Kurz
darauf erblickte auch mein Karamojomann von einem Baume aus, den er
erklettert hatte, die Tiere selbst. Es war eine grössere Herde, die
sich unter zwei hohen Bäumen niedergelassen hatte. Nur von einem,
wahrscheinlich dem Wachhabenden, der den Blick auf uns gerichtet hatte
und ununterbrochen die mächtigen Ohrlappen auf- und abschlug, sahen
wir die Stosszähne. Nach deren Grösse war es ein Weibchen, und ich
fürchtete, dass die ganze Herde aus solchen bestand, da wir von den
vielen Bullen, die angeblich gesehen wurden, keinen erblicken konnten.
Adubungomoi war von meiner Erklärung, deshalb nicht schiessen zu
wollen, sehr enttäuscht; er versuchte, die Tiere in weitem Bogen zu
umgehen, um aus kurzer Distanz das Geschlecht mit Gewissheit bestimmen
zu können. Dadurch erhielten die Elefanten Wind, und die ganze graue
Masse setzte sich staubaufwirbelnd und trompetend in Bewegung --
ein grossartiges Schauspiel! Nach wenigen hundert Metern machte der
Leitelefant mit seiner Herde unter Bäumen Halt, wir birschten nach und
konnten nun auch deutlich die Stosszähne sehen. Die Herde bestand aus
elf Stück, von denen zwei Junge und die übrigen alte Weibchen waren.
Die Frage war für mich also erledigt, und ich begnügte mich von einem
Termitenhaufen aus, den ich erstiegen hatte, mit dem schönen Anblick,
den die Herde gewährte. Ich begab mich nach einiger Zeit zu Abeidi
und den Eingeborenenführern zurück und kümmerte mich nicht weiter um
die Elefanten, die auch ihrerseits, da wir guten Wind hatten, uns
nicht beachteten und ruhig in ihrer Stellung blieben. Mit einem Male
erscholl ein durchdringender Trompetenton, die ganze Herde sprang auf
und ergriff -- glücklicherweise in der uns entgegengesetzten Richtung
-- im Trab die Flucht, alles unter sich zertretend und zerstampfend.
Wir griffen instinktmässig nach den Gewehren und konnten uns diesen
plötzlichen, eiligen Abzug nicht erklären; da kam Adubungomoi aus der
Richtung der Elefanten gelaufen und erzählte mit lachendem Gesicht,
er habe dem grossen Elefanten, der gegen uns äugte, aus unmittelbarer
Nähe den Speer ins Herz schleudern wollen, jedoch zu weit rückwärts
getroffen, habe dann die Waffe sofort wieder herausgezogen und sei
davongerannt. Ich wollte zuerst dies Jägerlatein nicht für ernst
nehmen, aber der Karamojomann zeigte mir seinen Speer, und da sah ich,
dass die messerscharfe Schneide in ihrer ganzen Länge mit frischem Blut
bedeckt war und musste nun wohl an diese Tollkühnheit glauben, die
freilich sehr übel hätte ausgehen können, wenn die Herde statt in der
andern Richtung gegen uns losgestürzt wäre. Den blutbedeckten Speer
kaufte ich Adubungomoi zur Erinnerung an diese Jagd ab.

Am nächsten Morgen wurde uns wieder eine grössere Herde Elefanten
gemeldet, der wir aber gar nicht nachbirschten, da die Eingeborenen,
die sie gesehen hatten, selbst meinten, es seien Weibchen und Junge.
Wir gingen zunächst bis +Kiriloo+, setzten aber den Marsch dann erst
abends, als es kühler geworden war, fort und erreichten gegen elf
Uhr nachts +Shindiroo+. Am Nachmittage hatte Photograph Schwarzer
besonderes Jagdglück. Von fünf Hartebeesten, die in einer Gruppe
beisammen standen, erlegte er mit drei rasch nacheinander abgegebenen
Schüssen drei Stück und brachte ausserdem auch noch eine kurz darauf
aufspringende Gazelle zur Strecke, so dass wir nach längerer Zeit auf
unserm Abendtisch wieder einen frischen, allerdings denkbar schlechtest
zubereiteten Lungenbraten vorgesetzt erhielten.

[Illustration: _Beratung mit dem Häuptling_]

[Illustration: _Regierungshaus in Gondokoro_

  _Tafel 62_
]

Dozent Dr. Stigler, der hier ebenso wie im früheren Lager Beobachtungen
an Eidechsen bezüglich eines etwaigen Zusammenhanges ihres
Farbenwechsels mit dem Pariatalauge (Stirnauge) machte, hatte sich
hierbei eine recht böse Augenkrankheit zugezogen. Beim Belichten des
Pariatalauges mit einem Brennglas holte er sich infolge des Reflexes
durch das intensive Sonnenlicht eine Verletzung der Netzhaut, so dass
er an fortwährendem Flimmern litt und am linken Auge ausserdem eine
bedeutende Schwächung der Sehkraft fühlte, welche Netzhautblendung
in den folgenden Tagen leider noch schlechter wurde. Auch Photograph
Schwarzer war nicht wohl, und es stellte sich bei ihm, immer noch als
Folge der Krotonölvergiftung, grosse Schwäche und Brechreiz, begleitet
von vollständiger Appetitlosigkeit, ein. Präparator Storch, der seit
Naqua kränkelte und in Nimule einen sehr schweren Malariaanfall hatte,
war die letzten zwei Tage zwar etwas besser; abends fühlte er sich
aber immer sehr schwach und hatte Fieber. Meine grösste Sorge galt
Dr. Stigler, der natürlich in sehr gedrückter Stimmung war und sogar
von der Möglichkeit einer Erblindung sprach. Ich verzichtete daher,
trotzdem gerade diese Gegend ein Eldorado für Elefantenjäger ist, auf
jede weitere Jagd und trachtete, sobald als möglich nach Gondokoro
oder Rejaf zu kommen, wo vielleicht ein englischer Arzt zu finden war,
der Dr. Stigler augenspiegeln konnte. Gleichzeitig schickte ich einen
Renner nach Rejaf mit einem Brief an den dortigen Distriktsbeamten
voraus, in dem ich bat, dass uns ein Arzt eventuell entgegenkommen möge
(Tafel 61).

Mittags bekam ich den Besuch eines Engländers, Namens Grogan, eines
Sportsmannes, der in diese Gegend hauptsächlich der Elefanten wegen
gekommen war. Er erzählte mir, dass er vor kurzem zwei Tagereisen
östlich von unserm Lager auf eine Elefantenherde gestoßen war, die nach
seiner Schätzung nicht weniger als 500 bis 600 Stück zählte.

Bereits mittags war unsere Karawane marschbereit, es fehlte aber an
Trägern, um Dr. Stigler in der Hängematte zu transportieren. Der
Häuptling von Shindiroo, Lodju, hatte zwar versprochen, uns die
noch fehlenden Träger zu beschaffen, erklärte aber, als ich Abeidi
später zu ihm schickte, dass niemand von seinen Leuten diesen Dienst
leisten wolle. So blieb uns nichts anderes übrig, als uns selbst zu
helfen. Wir schickten drei Askari in die nächste Niederlassung, wo sie
einige Eingeborene einfingen und zwangen, uns bis zum nächsten Kamp
Trägerdienste zu leisten.

Erst spät nachmittags marschierten wir ab und lagerten die Nacht in
der Nähe eines grossen, ausgetrockneten Flussbettes. Am folgenden Tage
kamen wir bis +Kittriver+, dem Sitz eines mächtigen Sultans, der uns in
Begleitung seiner Minister, zweier Hornisten und vieler Untertanen in
einem violetten Sammtanzuge mit Goldverschnürung begrüsste und uns in
ein schönes Rasthaus geleitete. Dort erhielten wir alsbald aus Rejaf
die Nachricht, dass nachmittags ein Arzt eintreffe. Ausserdem wurde Dr.
Stigler von Major Castlesmith eingeladen, bis zum Abgang des nächsten
Dampfers nach Khartum bei ihm in Rejaf als Gast zu bleiben. Zu allem
Ueberflusse hatte Schwarzer heftiges Fieber und Brechanfälle bekommen,
er war malariakrank geworden, und Storch hatte sich nach dem Eintreffen
im Lager, wie gewöhnlich, sofort auf das Bett geworfen, so dass ich
wieder der einzige Europäer blieb, der gesund war. Nachmittags kam der
Arzt aus Rejaf, ein Syrier, und übernahm den Transport Dr. Stiglers,
während ich für Schwarzer, den wir mit uns nahmen, aus Stricken und
einer Zeltbodendecke eine zweite Hängematte machen liess. Indessen
war auch Mr. Grogan mit seinen Trägern angekommen, der ebenfalls nach
Gondokoro zu marschieren beabsichtigte.

Erst spät abends, bei völliger Dunkelheit, trafen wir in +Ibrahim+ ein,
wo wir übernachteten. Wir waren nun wieder in nächster Nähe des Nils
und mussten unser Lager durch grosse Feuer vor etwaigen Besuchen der
zum Wasser streifenden Elefantenherden schützen. Trotzdem hörten wir
gegen zwei Uhr nachts deutlich das Brechen und Knacken der Aeste, die
die Elefanten auf ihrem Wege abstreiften.

Von Gondokoro trennten uns neun Meilen. Da wir dort noch vormittags
unsere Zelte aufschlagen wollten, verliessen wir Ibrahim zeitlich
morgens. Nach einigen Dörfern, die wir passierten und in denen trotz
der frühen Morgenstunde bei Trommelbegleitung getanzt wurde, führte
das letzte Stück der breiten Strasse von Nimule durch vollständig
ebenes Terrain, so dass wir schon aus weiter Ferne die Blechdächer
der Regierungsgebäude von Gondokoro im Sonnenschein blitzen sahen.
Zu beiden Seiten der Strasse standen viele neugierige Eingeborene,
und unser Einmarsch -- der letzte auf dieser langen, schönen,
unvergesslichen Reise -- vollzog sich in tadelloser militärischer
Ordnung. Wir marschierten zunächst zum kleinen Postgebäude, wo
mich eine Unmenge von Briefen erwartete, und dann weiter zum
Regierungsamtshaus. Die Askari von Gondokoro traten ins Gewehr, und
der Vertreter Mr. Weatherheads -- er selbst war gerade auf einer
Dienstreise -- empfing uns und wies uns den Lagerplatz für die Träger
sowie einen kleinen Steinbau mit zwei Zimmern als Schlafstätte für
uns Europäer an. Das kleine Haus überliess ich dem kranken Schwarzer,
während ich und Storch in unseren Zelten schliefen. Das ganze
Gepäck wurde zwischen den Zelten auf grossen, untergelegten Steinen
aufgestapelt, da es hier sehr viele Termiten gibt und wir nicht zum
zweiten Male mit ihnen böse Erfahrungen machen wollten. Bei uns blieben
nur die Boys und Küchenleute, die Träger erhielten ihr Lager unter
Führung des Heatmans in ziemlicher Entfernung von uns angewiesen. Mr.
Grogan, der gleichzeitig mit uns in Gondokoro ankam, schlug sein Lager
neben mir auf, und wir nahmen unsere Mahlzeiten gemeinschaftlich,
wodurch meine Kost eine ausserordentliche Verbesserung erfuhr, denn Mr.
Grogan hatte einen ganz vorzüglichen Koch. (Tafel 62).

Gondokoro, der nördlichste Ort Ugandas, am rechten Ufer des Nils
gelegen, ist eine kleine, aber wichtige englische Niederlassung, die
aus dem Regierungshaus, dem Wohnhaus des Distrikts-Adjunkten und dem
Postgebäude, alles Parterre-Häuser, die aus Ziegeln gebaut und mit
Gras oder Wellblech abgedeckt sind, aus einigen Askari-Hütten und zwei
indischen Kaufläden besteht. Die Postverbindung wird durch die zweimal
im Monat verkehrenden Nildampfer besorgt. Telegraph gibt es noch
keinen, jedoch ist die Verbindung geplant. Das wenige Stunden südlicher
gelegene Rejaf, am linken Nil-Ufer im Ladogebiet des Sudan, hat
telegraphische Verbindung über Khartum, Nimule besitzt hingegen eine
solche mit Europa über Entebbe und Mombassa.

Es fehlt daher noch die Verbindung Rejaf-Nimule, die demnächst
hergestellt werden soll.




_AUFLÖSUNG DER KARAWANE._

  _Abfertigung der Träger / Aufgegebene Jagdpläne und Entschluss zur
  Heimreise / Verkauf der Ausrüstungsgegenstände / Unsere Träger in
  Salonrock und Schlapphüten / Der Zauber der europäischen Kleider /
  Ankunft des Nildampfers und Abfahrt._


In Gondokoro stand mir nun die langwierige Arbeit bevor, die Karawane
aufzulösen. Die Heatmans, Boys, Träger und die beiden einheimischen
Präparatoren mussten abgefertigt und ihr Lohn vom Tage der Aufnahme
bis zu ihrer Ankunft in der Heimat und ausserdem auch der Fahrpreis
bis dorthin genau berechnet werden. Einige ausgewählte Träger, die
Boys, der Koch und die beiden Präparatoren sollten mich noch auf einem
kleinen Jagdausflug in das Gebiet östlich von Gondokoro begleiten,
sowie später in das Reservatgebiet des Sudan, in dem mir durch eine
Spezialerlaubnis die Jagd gestattet wurde, doch machte ich die
Ausführung dieser Pläne vom Befinden Dr. Stiglers abhängig, der dann
in Khartum auf meine Rückkehr aus den Jagdgebieten warten wollte. Ich
schickte noch am selben Tag einen Renner nach Rejaf, dem ich die Post
für Dr. Stigler mitgab und der mir Nachricht über dessen Befinden
bringen sollte. Im Lager waren noch viele Anordnungen zu treffen.
Storch sollte das Gepäck revidieren und alle für meine projektierte
weitere Reise notwendigen Gegenstände von den übrigen trennen.
Ausserdem mussten die Kisten, von denen ein grosser Teil infolge des
Verbrauches während der langen Reise nur mehr halb gefüllt war, für
den Transport nach Khartum wieder vollgepackt werden. Dann begab ich
mich mit den Trägerlisten auf die Boma und nahm mit Unterstützung des
Regierungsbeamten die Abfertigung in Angriff, die fast den ganzen Tag
in Anspruch nahm; als ich ins Lager zurückkehrte, fand ich leider das
Gepäck noch nicht geordnet und musste nun auch diese Arbeit selbst
überwachen.

Abends erhielt ich Nachricht von Dr. Stigler, die so wenig tröstlich
lautete, dass ich mich entschloss, direkt die Heimreise anzutreten.
Ich wurde dazu auch durch die Verschlimmerung im Befinden Schwarzers
genötigt, der mittags wieder einen schweren Malariaanfall gehabt hatte.
Er lag in vollständiger Bewusstlosigkeit, mit verglasten Augen und
hohem Fieber wie leblos in seinem Bette und reagierte auf keine Anrede.
Ich liess sofort den zufällig hier weilenden englischen Arzt holen,
der rasch eine Chinin-Injektion machte. Als Schwarzer bald darauf
aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, klagte er über grosse Schwäche
und starke Rückenschmerzen. Auch seine Puls- und Herztätigkeit war
eine ausserordentlich mangelhafte. Ich hatte grosse Sorge, Schwarzer
hier zu verlieren, der aber dank seiner kräftigen Konstitution doch
die Krankheit überstand. Er klagte bereits die letzten Tage vor
seiner Erkrankung über Appetitlosigkeit, packte aber trotzdem überall
energisch an und war stets ein ebenso passionierter wie vorzüglicher
Jäger, der uns in der letzten Zeit in den wildreichen Gegenden täglich
mit frischem Fleisch versorgte.

Der 7. März verging mit der Auszahlung meiner Leute, wobei mir Mr.
Weatherhead, der inzwischen von seiner Dienstreise zurückgekehrt war,
sehr an die Hand ging und die Träger genau über ihre Rückreise und die
Kosten derselben informierte. Mittags war ich bei ihm zu Gaste geladen,
und er erzählte mir von dem grossen Wildreichtum der nördlichsten,
wenige Stunden von Gondokoro gelegenen Teile Ugandas an Büffeln,
Elefanten, Löwen und Giraffen, so dass sich in mir das Jägerblut
gewaltig regte und ich neue Pläne schmiedete. Da mir Dr. Stigler
geschrieben hatte, ich solle meine Reise wegen seiner Erkrankung ja
nicht abbrechen, so versuchte ich, den Plan in Erwägung zu ziehen, die
östlichen Jagdgebiete gemeinsam mit Mr. Grogan aufzusuchen, der sofort
hierzu bereit gewesen wäre und mir auch einen grossen Käfig für den
Transport eines lebend zu fangenden weissen Nashorns zur Verfügung
gestellt hätte. Aber es wurde aus dem Ausfluge trotzdem nichts. Mit Dr.
Stigler wurde es nicht besser, und bei Schwarzer wiederholten sich am
nächsten Tage die schweren Fieberanfälle, so dass ich nun endgültig auf
jedes Jagdvergnügen verzichtete. Leicht fiel mir zwar dieser Entschluss
nicht, da ich mich ja im Herzen eines idealen Jagdgebietes befand, das
sonst erst nach monatelanger Reise erreicht werden kann, aber ich
tröstete mich damit, dass doch meine ganze Forschungsreise nun ihren
glücklichen und erfolgreichen Abschluss gefunden hatte und dass meine
persönlichen Wünsche unter den eingetretenen misslichen Umständen eben
zurücktreten mussten.

Am 8. März benutzte ich die Zeit, die mir bis zur Ankunft des Dampfers
noch blieb, um meine gesamten Ausrüstungsgegenstände, die mir ja jetzt
entbehrlich geworden waren, zu verkaufen. Ich liess die zwei indischen
Kaufleute Gondokoros in mein Lager kommen, und im Laufe von zwei
Stunden war alles an den Mann gebracht. Mit Ausnahme einiger Tragesel,
die Mr. Grogan übernommen hatte, verkaufte ich, wenn von einem Verkaufe
überhaupt die Rede sein konnte, in dieser kurzen Zeit alles, dessen ich
nicht mehr bedurfte, Zelte, Betten, Konserven und hunderterlei Dinge.
Ich musste natürlich jeden Betrag annehmen, so dass die Preise oft
kaum den zehnten Teil der Anschaffungskosten erreichten. Aber ich war
diesbezüglich auf dem Standpunkt völliger Gleichgültigkeit angelangt
und wollte den Ballast nur rasch losbringen. Es blieb bei mir nichts
zurück als meine Kleiderkoffer, die Kisten mit den wissenschaftlichen
Apparaten, die Apotheke und die Sammlungen, immerhin noch die
stattliche Anzahl von 70 Kisten.

Unsere Träger, die nun sämtlich ausgezahlt waren, schwelgten nach
Empfang des Lohnes und Reisegeldes in allen möglichen Genüssen, und
in erster Linie kam ihre grenzenlose Eitelkeit und ihre Liebe zu
europäischen Kleidern zum Ausdrucke. Unter irgendeinem Beweggrunde
kamen diese grossen schwarzen Kinder, die tags vorher noch ganz nackt
oder mit irgendeinem dürftigen Fetzen bekleidet waren, nun in mein
Lager, um sich in ihren Khakianzügen, in grauen oder schwarzen, von
Europäern abgelegten Salonröcken, mit grossen, lichtgrauen Schlapphüten
und schwarzen oder braunen Schuhen bewundern zu lassen. In den
Kaufläden war den ganzen Tag über enormer Andrang, und die beiden
Inder dürften noch selten so glänzende Geschäfte gemacht haben. Wie
mir Abeidi sagte, haben meine Träger mit geringen Ausnahmen noch am
selben Tage ihr ganzes Geld verausgabt und den letzten Rest entweder
vertrunken oder verspielt. Sie denken nicht daran, dass sie viele
Hunderte Meilen von ihrer Heimat entfernt sind und sich dorthin, aller
Mittel bar, nun wieder mühsam wochen- oder monatelang zurückarbeiten
müssen, denn ihr grösster Stolz ist befriedigt -- sie tragen
europäische Kleider.

Mr. Weatherhead und Mr. Grogan waren noch immer in unserem Lager,
trotzdem es schon 11 Uhr vormittags geworden war. Das Schiff, das um
9 Uhr hätte ankommen sollen, hatte infolge des niederen Wasserstandes
und der durch Sandbänke gefährdeten Fahrt zwischen Rejaf und Gondokoro
grosse Verspätung, so dass sogar noch Zeit blieb, der Einladung Mr.
Weatherheads zu einem Abschiedslunch zu folgen, den wir erst um ½1
Uhr auf den schrillen Pfiff der Dampfpfeife unseres Schiffes hin
abbrechen mussten. Sowie der Dampfer, sich mühsam zwischen den vielen
Papyrusinseln durchwindend, näher gekommen war und schliesslich an
einer solchen, ziemlich weit von unserem Lager entfernt, angelegt
hatte, besorgte Abeidi mit seinen Leuten den Transport der Kisten
an Bord. In langer Linie marschieren die Träger das steile Nilufer
entlang und müssen dann noch eine breite, seichte Wasserstelle
durchwaten, durch die die Insel, an der der Dampfer liegt, vom Ufer
getrennt ist. Photograph Schwarzer wird in der Hängematte auf das
Schiff gebracht, und mich selbst fuhren Mr. Weatherhead und Mr. Grogan
in dem kleinen, weissen Regierungsboot an den Dampfer. Dort begrüsst
mich mit herzlichem Händedruck Dr. Stigler, der leider noch immer die
Augen verbunden hat. Das viele Gepäck, das in grossem Durcheinander
am Ufer aufgestapelt ist, wird nun Stück für Stück abgewogen und
verladen -- die Elefantenzähne, wie überall in Afrika, getrennt von den
übrigen Kisten -- und der Kapitän drängt schon zur Abfahrt, da er die
Verspätung einbringen will. Ich verabschiede mich also herzlichst von
meinen wackeren Begleitern Mr. Weatherhead und Mr. Grogan, die in ihrem
Boot wieder zurückfahren und mir noch lange ihre Grüsse zuwinken, die
Sirene stösst einen schrillen Pfiff aus, und der Dampfer setzt sich
unter lauten „Jambo“-Rufen der Träger, Heatmans und Askari in Bewegung
und gleitet langsam nilabwärts. Nicht ohne tiefe innere Bewegung
blicke ich auf die lange Reihe der Schwarzen, die am Ufer stehen und
die so viele Wochen hindurch meine Begleiter waren. Wer weiss, wie
viele von ihnen wohlbehalten in ihre Heimat wieder zurückgekehrt sind.
Allmählich entschwinden sie, ebenso wie die Häuser von Gondokoro, den
Augen, und in diesen Augenblicken des Abschiedes drängten sich nochmals
all die vielen Bilder und Erlebnisse meiner Reise zu einem einzigen,
überaus mächtigen und bezwingenden Eindruck zusammen, in dem auch, wie
ja bei jedem Abschied, ein gewisses Gefühl der Wehmut nicht fehlte.

[Illustration: _Unser Nildampfer in Bor_]

[Illustration: _Kapitän Fox_

  _Tafel 63_
]




_EIN RÜCKBLICK._

  _Abschied vom Karawanenleben / Das Vegetationsbild Ostugandas /
  Grosser Wildreichtum / Das Paradies am Salisbury-See / Im nördlichen
  Uganda / Ein Eldorado für Elefantenjäger / Allgemeines über die
  Eingeborenen / Klimatisches / Die Erkrankungsgefahr für den Europäer
  / Chinin-Prophylaxe / Die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung /
  Behandlung der Eingeborenen / Befriedigende Ergebnisse._


Das Karawanenleben hatte nun sein Ende erreicht; wir marschierten
nicht mehr stundenlang in der afrikanischen Steppe, sondern liessen
uns gemächlich von den Wellen des Nils tragen. Meine Forschungen waren
hiermit beendet, und ich will daher, ehe ich das letzte Stück unserer
Heimreise beschreibe, noch kurz die Beobachtungen festhalten, die wir
in den von uns durchzogenen Teilen Ugandas in bezug auf Vegetation,
Bodenbeschaffenheit, Fauna, Klima, Gesundheitsverhältnisse und über die
Eingeborenen zu machen Gelegenheit hatten.

Das allgemeine Vegetationsbild des östlichen und nördlichen Uganda ist
das der Busch- und Baumsteppe mit vorwiegendem Graswuchs -- Savanne
-- und einer kärglichen Baum- und Strauchflora, der auch die lange,
regenlose Periode nicht verderblich wird, stellenweise das der offenen
Grassteppe, und zwar fast immer der einem Kornfelde gleichenden
Hochgrassteppe. Die am meisten verbreitete Buschsteppe zeigt keinen
schattigen Wald, keine schöne Baumgruppe, keine Quelle oder fliessendes
Wasser; nur schmutziggrün schillernde Tümpel geben dem Reisenden
das oft zu lang entbehrte Nass. Vorherrschend sind die dornigen
Flötenakazien, seltener die Schirmakazie. Die meist harten Gräser haben
eine durchschnittliche Höhe von 2 bis 3 Meter und sollen in der Savanne
von Senaar eine solche von 4 bis 6 Meter erreichen. Nirgends sahen wir
einen geschlossenen, hochstämmigen Wald, mit Ausnahme des Urwaldes auf
den Westabhängen des Mount Elgon in einer Höhe von 2300 bis 3000 Meter
und des Waldes im Naquatale, der nach seiner Formation Terrassenwald
genannt wird.

Der grosse Reichtum der Tierwelt in Uganda ist, wie in ganz Afrika, in
sichtlichem Schwinden begriffen. Nicht nur der Mensch hat teils seines
Vergnügens halber, teils indirekt durch seine Ansiedlungen und die
in die Wildnis vorgeschobenen Verkehrswege die grosse Säugetierwelt
dezimiert, die grössten Verheerungen unter den Antilopen und Büffeln
hat die Rinderpest angerichtet. Am Viktoria-See bieten sich noch
Jagdgelegenheiten auf Nilpferde und Krokodile, in den grossen
Dickichten des östlichen Ufers auch auf Büffel. Von Jinja bis Mbale
sind Gazellen und Antilopen, bei Iganga Büffel, und in der Gegend
von Mbale, namentlich in dem westlich vom Elgon gelegenen Sirocotal,
kommen schon Herden von Elefanten und Giraffen vor. Den englischen
Beamten in Mbale gelingt es alljährlich, einige Stücke davon zur
Strecke zu bringen. Sehr wildreich ist die Ebene, die sich zwischen
Kumi- oder Salisbury-See–Konkoro (Mount Debasien) und Tepes erstreckt.
Ausser den Flusspferden gibt es dort zahlreiche Elefanten, Giraffen,
Büffel, Kudus und anderes Wild, und am Salisbury-See selbst findet der
Ornithologe ein wahres Paradies. Nirgends anderswo konnte ich auch nur
annähernd eine derartige Mannigfaltigkeit der Vogelwelt finden. Am
Nil zeigen sich oft Tausende von Vögeln einer Art beisammen, hier am
Salisbury- oder Kumi-See trifft man aber ungezählte Arten auf einem
verhältnismässig kleinen Raum verteilt. Alle möglichen hochbeinigen,
zierlichen Wasservögel, gross und klein, springen von Blatt zu Blatt
der herrlichen, weissen, gelben und violetten Seerosen, Tauchervögel
erscheinen über der Wasserfläche und verschwinden wieder, die Gras-
und Korallenbaum-Inseln sind von einer langschnäbeligen Eisvogelart
bevölkert, und an den Ufern der grösseren Inseln brütet der so
seltene Balaeniceps rex in seinem blau-grauen Kleid und mit seinem
unverhältnismässig grossen, gelben Schnabel in träumender Ruhe vor sich
hin -- es sind unvergessliche Bilder, die sich uns am Kumi-See in der
Umrahmung einer prächtigen Wasserlandschaft entrollten (Tafel 40).

Im nördlichen Teil der Zentralprovinz erreicht der Wildreichtum seinen
Höhepunkt dort, wo auf der Karte der nur als Sumpf existierende
Kirkpatrick-See eingezeichnet ist. Grosse Rudel Antilopen, Giraffen,
Strausse, Zebras verwandeln hier die endlose Steppe in einen
natürlichen Tierpark, der dicht bevölkert ist, da selten ein
schwarzer Jäger das Wild beunruhigt. Nur dann und wann, namentlich
wenn die schmal bemessenen Durravorräte zur Neige gehen, steigen die
Naqua-Eingeborenen von ihren Bergen herab und gehen mit ihren scharfen
Speeren auf die Jagd. Ueberall sieht man kreuz und quer frische und
alte Elefantenfährten und Losungen, die gewöhnlich zu einem schlammigen
Tümpel mit breiiger, grüner Flüssigkeit führen, dem Rest eines grossen
Swamp, der zur Regenzeit ungeheuere Dimensionen annimmt und dann,
aus der Ferne betrachtet, tatsächlich wie ein See aussehen mag. Im
Acholiland war weniger Wild anzutreffen, es zeigten sich wohl anfangs
Giraffen-, Nashorn- und Elefantenfährten, die aber, je weiter wir
nach Westen kamen, immer seltener wurden. Auch ornithologisch und
entomologisch giebt es hier, ausser bei einigen Wasserplätzen, wenig zu
sammeln.

Reichhaltiger wird die Gegend wieder nördlich von Nimule. Am
Attapiriver streifen viele Büffelherden, und östlich der von
Lokalega nach Gondokoro führenden Karawanenstrasse öffnet sich dem
Elefantenjäger ein wahres Eldorado. Ueberall hinterlassen hier
diese gewaltigen Tiere die Spuren ihrer Vernichtungswut oder ihres
Uebermutes. Fast jeder Baum des dichten Buschlandes zeigt abgerissene
Aeste oder ist vollständig entwurzelt; wir trafen abgeknackte Stämme
in der Dicke von einem halben Meter. Die Herden treten breite Gassen
in das Gras, und die kleinen Durrafelder der Eingeborenen werden zum
grössten Teile immer wieder zusammengetrampelt und vernichtet. Dieser
Wildreichtum erstreckt sich in nördlicher Richtung bis Mongalla im
Sudan und soll am stärksten einige Marschstunden östlich von Gondokoro
sein, wo es neben den Elefanten auch viele Büffelherden, Giraffen,
Löwen, Strausse usw. gibt. Die Erkrankung meiner Begleiter hat mich
verhindert, einen Ausflug in dieses Jagdgebiet, das viel leichter
erreichbar ist als die wildreichen Ugandasteppen, zu unternehmen.

An dieser Stelle seien einige allgemeine Betrachtungen über die äussere
Erscheinung, die Gewohnheiten sowie Handel und Wandel jener Negerstämme
gegeben, mit denen ich auf der Reise von Entebbe nach Jinja, Mbale,
Naqua, Acholi, Nimule in Fühlung trat. Es kommen hierbei folgende
Stämme in Betracht: Die Baganda, Busoga, Bageshu, Bakedi, Teso,
Karamojo-, Naqua-, Tobur-Stämme, Acholi und Madi. Diese Eingeborenen
sind fast durchweg gut gebaute, kräftige Menschen mit tiefbrauner,
beinahe schwarz zu nennender Hautfarbe, stark ausgeprägten Kinnbacken,
breiter Nase und schwarzem, gekräuseltem, ausserordentlich dichtem
und stark entwickeltem Kopfhaare, dem sie oft die abenteuerlichsten
Frisuren geben, nach denen sich gewisse Stämme sofort erkennen lassen.

Die Grösse dieser Neger ist mit Ausnahme der Busoga ziemlich bedeutend,
die der Tesoleute fast riesenhaft zu nennen. In dem bekannten Werke
von Professor Dr. Wilhelm Sievers, „Allgemeine Länderkunde“, wird die
Grösse der afrikanischen Neger mit zirka 165 bis 168 cm angegeben; bei
den Kaffern und den westlichen Sudanstämmen sollen sich solche finden,
die nicht selten 178 bis 186 cm erreichen. Hierzu wäre nun unbedingt
der Tesostamm zu rechnen, bei dem wir eine Durchschnittsgrösse von 180
bis 190 cm feststellen konnten und mehrere Neger gemessen hatten, die
über 2 m Höhe hatten, ja einer sogar 2 m 12 cm. Wir begegneten vor
Kaketta einer Karawane von zirka 200 vollständig nackten Eingeborenen
dieses Stammes, die mit ihren grossen Baumwollballen, die sie nach
Mbale trugen, wie Riesen erschienen und auf uns einen gewaltigen
Eindruck machten.

Die Ausdauer und Widerstandskraft gegen Strapazen, körperliche
Schmerzen und äusserliche Verletzungen sind bei Negern ganz
ausserordentlich, und ich erinnere bei dieser Gelegenheit an den schwer
Operierten von Kuminyanza, an den von einer Giftschlange gebissenen
Träger und an die beträchtlichen Gewaltmärsche von 25 bis 35 km per Tag
in der grössten Tropenhitze, durch wasserlose, dornige Steppen mit bis
zu 30 kg schweren Lasten auf dem Kopfe.

Die Nahrung der Ugandaeingeborenen besteht aus hirseartigen
Körnerfrüchten, wie Panicum (Wimbi), Sorghum (Durra), Mais, im
südlichen Teile, vom Viktoria-See bis Bukedia, in Bananen, die
in reichen Anlagen sehr verbreitet sind. Häufig gebaut wird die
Erdnuss (Arachis hypogäa), teils ihrer essbaren Samen wegen, teils
zur Gewinnung des in den Keimblättern enthaltenen Oeles. Unter den
Getränken ist das Hirse- und Maisbier am weitesten verbreitet, und wo
Bananen gedeihen, machen sich die Neger daraus ein sehr berauschendes
Getränk unter Beigabe von Zuckerrohrsaft. Die Viehzucht treibenden
Völker haben oft Fleischnahrung, sie geniessen das Fleisch häufig roh
oder in Streifen geschnitten und geräuchert. Ein besonders verbreitetes
und wichtiges Haustier ist das Huhn, dessen Eier sie jedoch nur hie
und da essen. Honig wird aus den Bienenstöcken, die in den Bäumen der
Steppen vorkommen, gewonnen.

Was die Kleidung der Eingeborenen betrifft, so ist, abgesehen von den
Häuptlingen und ihren Beratern, das Wort Kleid kaum zu gebrauchen.
Die Eingeborenen haben meistens nur einen kleinen Schurz, und in den
Gebieten, die noch nicht von Engländern verwaltet sind, oft auch diesen
nicht. Bei den Bageshu und Teso waren nur ganz wenige Eingeborene
mit einem Schurz bekleidet, die meisten sind uns vollständig nackt
entgegengetreten und deren Weiber mit einer dünnen Perlen- oder
eisernen Schnur um die Lenden.

Als Schmuck dienen bei den Teso-, Karamojo-, Naqua- und
Tobureingeborenen Eisenringe am Hals, Arm- und Fussgelenk und auch
in den Ohren; durch die Unterlippe ist meist ein Glas-, Stein- oder
Kupferstift, bei den Bageshu ein glattgeschliffener Holzknopf gesteckt.
Besonders auffallend ist der Schmuck bei den Acholi, der stark mit
Eisenringen abgebundene Oberarm, die miederartige Verschnürung in der
Taille und der reiche Ohr- und Kopfschmuck mit der charakteristischen
Frisur. Die Acholi tragen Lendenschurz und lieben reiche Tätowierung.
Stark tätowiert sind auch die Karamojo-, Naqua- und Tobur-Eingeborenen,
insbesondere an den Armen und auf der Brust, die Bageshu-Frauen auf der
Stirne.

Die Hütten der Eingeborenen in den von mir durchwanderten Gebieten
Ugandas hatten im allgemeinen Kegelform mit spitz zulaufendem Dach, das
aus Gras hergestellt ist. Der Eingang ist überall auffallend klein,
und man gelangt nur in kriechender Stellung in das Innere der Hütte.
Abweichend von allen andern sind die Hütten der Bageshu mit ihren
doppelten, im Kreise konzentrisch angelegten Wänden, wobei die Eingänge
nicht in derselben Achse liegen. Während die Hütten der Eingeborenen
vom Tesostamm von aussen nur eine einzige geschwungene Linie zeigen,
haben die der nördlich gelegenen Stämme vertikale Wände mit einem
darauf gesetzten, spitz zulaufenden, übergreifenden Strohdach. Bei
den ersteren ist die Einzäunung durch einen drei bis vier Meter
hohen, undurchdringlichen, lebenden Zaun aus Kakteen hergestellt, bei
letzteren aus Baumstämmen, Wurzeln und Aesten.

An Waffen fand ich nur Speere, Pfeile und Bogen, sowie grosse
und kleine Messer und Hacken, und bei den Karamojo-, Tobur- und
Naqua-Eingeborenen einen eisernen Ring am Finger mit einem scharfen,
sichelförmigen Ansatz.

Als Kampfschutzmittel hatten die Bageshu und Acholi ausserordentlich
grosse Schilde aus Elefantenhaut, die Karamojo-, Naqua- und
Tobur-Eingeborenen kleine, aus Giraffenhaut hergestellte Schilde, die
gewöhnlich mit einem Bund Straussenfedern geziert sind.

Von Geräten der Neger, die friedlichen Zwecken dienen, wären die
Musikinstrumente zu nennen, alle möglichen Arten grosser und kleiner
Trommeln und Saiteninstrumente von verschiedener Form.

Was den Glauben an ein höchstes Wesen betrifft, so soll er bei den
meisten Negerstämmen vorhanden sein, einen Fetischdienst konnte ich
jedoch nur in Acholi finden.

Als Geld diente während der Reise die englisch-indische Rupie, soweit
das Gebiet von England verwaltet wird. In den unerforschten Gegenden
brauchte ich bei dem Naqua- und Toburstamm hauptsächlich Eisendraht, im
Acholiland Amerikani (Baumwollstoff), die vielen übrigen Tauschartikel,
wie Perlen, Messer, Spiegel usw., hatten nur untergeordneten Wert.
Von den Kupferkreuzen, die am Kongo, und den Kaurimuscheln, welche im
Nigergebiet als Geld verbreitet sind, war in Uganda nichts zu merken,
ich konnte aber mehrere ethnographische Gegenstände, wie Kopf- und
Stirnschmuck, Lendenschnüre usw., die mit Kaurimuscheln besetzt waren,
sammeln.

Das Klima war in den von uns durchzogenen Gebieten das
äquatorial-tropische, und nach meinen meteorologischen Messungen hatten
wir eine Tagestemperatur bis zu 44 und 45 °C, während die Nächte sehr
angenehm, ja häufig sogar kühl waren. Eine Ausnahme machte der Elgon,
auf dem wir in unserem Lager im Krater, 3830 m hoch, Kältegrade bis zu
−10 und −12 °C verzeichneten.[5]

Die Erkrankungsgefahr ist in Uganda, namentlich in dessen südlichem
Teil, für den Europäer eine eminent grosse, und die Glossina
palpalis, die Anopheles, die Rückfallfieberzecke (+Ornithodorus
monbata+), die Dysenterie- und Pestbazillen sind fürchterliche und
tückische Feinde. Nördlich von Mbale wird die Gegend gesünder, und
man ist hauptsächlich nur mehr von der Malaria bedroht, gegen die
wir uns durch geeignete Präventivmittel nach den Ratschlägen meines
Freundes, des Forschungsreisenden Professor Dr. Rudolf Pöch, und durch
pedantische Vorsicht zu schützen wussten. Bei dieser Gelegenheit
möchte ich jeden Afrikareisenden auf die peinliche Einhaltung der
Chinin-Prophylaxe aufmerksam machen. Es ist schon unmittelbar vor dem
Betreten des afrikanischen Bodens und dann in jeder Woche an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen je ein Gramm Chinin +in fünf Portionen zu
0,2 g+ zu nehmen. Diese Prophylaxe ist aber auch noch sechs Wochen
nach dem Verlassen des letzten Platzes, auf dem die Möglichkeit des
Vorhandenseins der Anopheles bestand, geduldig fortzusetzen.

Für eine längere Expedition in afrikanische Gebiete ist die Mitnahme
eines Arztes eine unerlässliche Notwendigkeit. Auf unserer Fahrt nach
Mombassa lernten wir einen deutschen Prinzen kennen, einen kräftigen,
gesunden, jungen Mann, der mit zwei Begleitern einen Jagdausflug nach
Deutsch-Ostafrika unternahm. Wie wir später erfuhren, sind sämtliche
Herren, die keinen Arzt bei sich hatten, sondern auf die Ratschläge
ihres Jagdleiters angewiesen waren, schwer an Malaria erkrankt, und
einer von ihnen musste sogar mit Schwarzwasserfieber vorzeitig nach
Europa zurückkehren. Ich selbst war während der langen Reise nicht ein
einziges Mal erkrankt und verdanke dies in erster Linie der Beobachtung
grösster Diät und peinlichst genauer Einhaltung der prophylaktischen
und sonstigen Vorsichtsmassregeln, die ich im Einverständnis mit Dr.
Stigler als richtig erkannte. Dr. Stigler wurde von den Trägern, von
denen viele während der Reise erkrankten, stark in Anspruch genommen,
und ich habe es jedenfalls auch ihm zu verdanken, dass wir trotz der
ausserordentlichen Strapazen und der vielen Gewaltmärsche keinen
einzigen Mann unserer grossen Karawane verloren haben. Dazu mag wohl
auch die strenge militärische Zucht und Disziplin beigetragen haben,
die wir durch Energie und richtige Behandlung der Eingeborenen bald
eingeführt hatten und während der ganzen Expedition auch aufrecht zu
halten wussten. Der Schwarze muss mit Güte behandelt werden, sobald
er sich den Anordnungen fügt und seiner Arbeit ordentlich nachgeht;
mit eiserner Strenge aber, wenn er lässig oder ungehorsam wird, und
namentlich zu Beginn, wo er noch nirgends fest anpacken will und den
Gehorsam noch nicht gewohnt ist. Nur so ist es möglich, eine Karawane
von zwei- bis dreihundert Eingeborenen auf monatelangen Märschen durch
unbekannte, unwirtliche Gegenden im Zaume zu halten.

Der Abschied von unserem Karawanenleben war demnach auch von
keiner schmerzlichen Erinnerung getrübt. Im Gegenteil, wir waren
hochbefriedigt von dem Erfolge und den Ergebnissen unserer
Forschungsreise, von der wir viel wissenschaftliches Material
mitbrachten und auf der wir die uns gestellte Aufgabe, die Durchquerung
Ugandas auf noch unbetretenen, unerforschten Gebieten zu unternehmen,
trotz aller Mühsale und Gefahren glücklich gelöst hatten. Die
Monate, die wir in der gewaltigen Wildnis Afrikas zugebracht hatten,
erschlossen uns eine neue Welt, von der wir das Wissen mit nach Europa
trugen, und in all den durchlebten Stunden majestätischer Grösse,
unendlicher Einsamkeit und zaubervoller Schönheit lernten wir aufs neue
und eindringlichste wieder die Sprache der ewigen Gottheit erkennen,
wie sie in allen mächtigen Erscheinungen der Natur zu uns dringt, um
uns unsere eigene Kleinheit und Bescheidenheit fühlen zu lassen.


  [5] Siehe meteorologische Tabelle auf S. 181.




_AUF DEM NIL._

  _Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke / In
  Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition gegen
  den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige Fahrt /
  Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure / Ein Papyrusbrand._


Der Nildampfer „Amara“, der nun bis auf weiteres unser Heim bildet, ist
kein Riesenschiff mit allen Bequemlichkeiten eines modernen Hotels, wie
sie auf den grossen Ozeandampfern geboten werden, sondern ein Schiff
von bescheidenen Dimensionen, das sich langsam und bedächtig durch die
Wellen schaufelt. Es besitzt in der ersten Etage neun Kabinen erster
und vier Kabinen zweiter Klasse, eine Badekabine und einen kleinen
Speiseraum, in dem die Erste-Klasse-Passagiere und der Kapitän gerade
knapp Platz finden. Das Oberdeck enthält noch einen kleinen gedeckten
Aufbau, der mit engmaschigen Drahtnetzen gegen die Moskitos umspannt
ist und als Schlafraum für die Passagiere erster Klasse dient, die in
diesem luftigen und kühlen Zimmer sehr angenehm übernachten können.
Die dritte Klasse befindet sich mit den Räumen für das Gepäck und
den Tiertransport auf zwei ganz flach gebauten und mit einer Etage
versehenen Begleitschiffen, die zu beiden Seiten mit dem Dampfer
verbunden sind. Diese Seitenschiffe bilden aber auch gleichzeitig die
Puffer des Dampfers, der in dem schmalen, aus dem Papyrus gestochenen
und gebaggerten Nilbett von der Strömung oder infolge der Sandbänke oft
recht unsanft an die Ufer geworfen wird. Diesen Stoss fängt nun das
leicht gebaute Seitenschiff auf, und der Dampfer muss dann eine Drehung
um das aufgefahrene Seitenschiff vollführen, um wieder in freies
Wasser zu gelangen. Der Kapitän nennt diese etwas merkwürdige Art der
Fortbewegung das „Walzertanzen“ des Schiffes. Aber man gewöhnt sich
während der endlos scheinenden Fahrt an diese Extratouren und beachtet
es schliesslich gar nicht mehr, wenn das Schiff tanzlustig wird. Es
ist dies übrigens noch lange nicht das schlimmste, denn es kommt auch
vor, dass eines der Begleitschiffe oder der Dampfer selbst auf eine der
vielen Sandbänke mit solcher Kraft auffährt, dass das geschickteste
Manövrieren mit Steuer und Schaufelrad nichts nützt. Das Schiff sitzt
fest und muss oft einige Tage warten, bis ein anderer Dampfer zu Hilfe
kommt und es aus seiner üblen Lage befreit.

Nachdem wir nachmittags mit ganz kurzem Aufenthalte +Lado+ berührt
hatten, kamen wir abends in +Mongalla+ an. Mongalla ist eine grosse,
sehr wichtige, in den südlichen Sudan vorgeschobene Militärstation
mit vielen Kasernen, Geschäftsläden und mehreren Regierungsbauten.
Unser Dampfer blieb hier über Nacht verankert, da bei dem seichten
Wasserstand des Nils eine Fahrt in der Dunkelheit nicht ratsam
erschien. Ich besuchte noch abends den Gouverneur von Mongalla, Major
Owen Bey, an den ich Empfehlungsbriefe hatte, und wurde von ihm, der
mich schon erwartet hatte, auf das liebenswürdigste aufgenommen.
Er wollte mir Ratschläge für meine Jagd im Reservatgebiet erteilen
und nahm mit Bedauern zur Kenntnis, dass ich von der mir erteilten
Erlaubnis infolge der Erkrankung meiner Gefährten keinen Gebrauch
machen konnte. Am nächsten Morgen nahm unser Dampfer viele Kisten und
Vorräte ein, was mir die Möglichkeit gab, nochmals an Land zu gehen und
Mongalla etwas näher zu besichtigen. Es macht einen stark militärischen
Eindruck und besitzt Kasernen für 400 Soldaten, sowie grosse Magazine
für deren Ausrüstung. Im Telegraphenamt, in dem ich eine Depesche in
die Heimat abschickte, teilte man mir mit, dass die Telegraphenleitung
zwischen Mongalla und Bor schon seit einer Woche nicht funktioniere, da
die Telegraphenstangen von Elefantenherden auf weite Strecken zerstört
und teilweise sogar ausgerissen wurden. Solche Beschädigungen sind hier
keine Seltenheit, namentlich in der regenlosen Zeit, wo viele Herden
aus dem Innern nachts zur Tränke an den Nil ziehen und dabei alles,
was ihnen im Wege steht, umknicken und zertreten. Der Telegraph läuft
gegenwärtig längs dem Nil durch den Sudan bis nach Rejaf, so dass das
neun Tagereisen weiter südlich gelegene Nimule keine Verbindung mit dem
Norden hat. Von dort führt die Leitung nach dem Süden bis Kampala und
Entebbe und dann nach Osten bis Mombassa. Von Mombassa aus stellen
Kabeltelegramme, die über Bombay laufen, die Verbindung mit Europa
her. Die Depeschen, die wir in Nimule aufgaben, hatten also eine ganz
hübsche Rundreise durch drei Erdteile gemacht.

Gegen Mittag ging unser Schiff wieder unter Dampf. Trotz des Luftzuges,
den die ziemlich schnelle Fahrt stromabwärts erzeugte, war es drückend
heiss, das Thermometer zeigte noch um 8 Uhr abends 36 Grad C, und in
den Kabinen konnte man überhaupt nicht verweilen. In +Scheik Tombé+
wurde Holz eingenommen, was einen mehrstündigen Aufenthalt verursachte.
Ich benützte ihn zu einem kleinen Spaziergang in der Nähe der Station,
da ich mir Bewegung machen wollte, für die das kleine Schiff nur ganz
unzureichenden Spielraum gewährte. Da diesmal eine helle Mondnacht
war, entschloss sich der Kapitän zur Weiterfahrt, musste aber auf
telegraphische Weisung der Regierung anderthalb Stunden stromaufwärts
zurückfahren, um einen erkrankten Offizier aufzunehmen. Dann ging
es die ganze Nacht und den ganzen nächsten Vormittag weiter, man
konnte aber nicht sagen ununterbrochen, denn trotz aller Vorsicht
des Steuermanns blieben wir einigemal, bald mit kurzen, bald aber
auch mit recht langen Aufenthalten auf Sandbänken sitzen und mussten
uns erst wieder flott machen. Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir
+Bor+, gleichfalls eine grössere Militärstation mit vielen regelmässig
angeordneten Unterkunftshütten für die Soldaten.

Nachdem wir angelegt hatten, erhielten wir den Besuch des Kapitäns Fox,
eines schneidigen und eleganten englischen Offiziers, der erst tags
vorher mit einer Abteilung aus dem Innern zurückgekehrt und gerade
daran war, mit 20 berittenen Soldaten nach Osten zu dem aufständischen
Berristamm abzumarschieren, wo auf englischer Seite 500 Askari, eine
Kompagnie Berittener und zwei Maximkanonen im Feuer standen (Tafel 62
und 63). Der Kampfplatz war 150 Meilen von Bor entfernt, und da der Weg
dorthin nur zwei Wasserstellen besass, beabsichtigte Kapitän Fox, auf
seinen Kamelen und den ausgesucht kräftigen Maultieren einen Gewaltritt
zu unternehmen, um schon in zwei Tagen am Ziel zu sein. Wir wurden
von ihm eingeladen, uns den Abmarsch anzusehen. Seine kleine Truppe,
auffallend grosse und kräftige Sudanesen von energischem Aussehen,
stand unter einigen Palmen bereit, die Reittiere waren bepackt, man
hatte nur noch auf ihn gewartet. Ein kurzer Kommandoruf, mit einem
Sprung sass alles im Sattel, und die kleine Schar stampfte im Galopp
gegen Osten, wo bald nur noch eine Staubwolke ihren Weg verriet.

Kapitän Fox hatte mir auch eines seiner Jagderlebnisse erzählt,
das fast märchenhaft klingt und als einzig dastehend im ganzen
Sudan bekannt ist. Er hatte vor nicht langer Zeit ein Breitmaul --
sogenanntes weisses Nashorn -- geschossen, ohne es aber auffinden
zu können. Bald darauf hatte er das seltene Jagdglück, ein zweites
solches Nashorn aufzuspüren, schoss es schwer krank, konnte trotz
alles eifrigen Suchens jedoch auch dieses nicht finden. Später aber
wurden von seinen Leuten, weit entfernt von den zwei Schussstellen,
beide Tiere verendet -- kreuzweise übereinanderliegend -- aufgefunden!
Von diesen zwei, auf einem Fleck verendeten Nashörnern, die weit
voneinander getrennt waren, als sie die Kugel empfingen, und sich
erst im Tode gefunden hatten, soll auch eine photographische
Ansichtskarten-Aufnahme bestehen.

Nach zweistündigem Aufenthalte setzte unser Dampfer seine Fahrt wieder
fort in der offenen, schmalen, durch unabsehbare Papyrusstauden
führenden Wasserstrasse, in der nur selten ein Vogel auffliegt oder der
Schädel eines Nilpferdes sichtbar wird, das für einige Sekunden aus
dem Wasser auftaucht. Wir fahren wieder die ganze Nacht und halten am
Morgen bei +Kanisa+, einem grossen Dorf, wo unter gräßlichem Lärm Holz
eingenommen wird, das einzige Feuerungsmaterial, das für die Maschine
hier zu haben ist. Dann zieht sich der Nil in vielen Schlangenlinien,
und unser Schiff tanzt bei jeder Kurve wacker und pflichtgemäss
seinen Walzer. Die Fahrt wird langweilig und interesselos, und ihre
Eintönigkeit wird nur durch das erste Schiff unterbrochen, dem
wir begegnen. Es ist mit allem Komfort ausgerüstet und von zwei
Sportsleuten gemietet, die von einigen Stationen kurze Jagdausflüge in
das Innere zu machen beabsichtigen.

Am nächsten Tag erweitert sich der Nil fast zu einem See, und vor
uns, an dem in der Ferne liegenden sandigen Ufer, erblicken wir die
blechgedeckten Rohziegelbauten der Station Schambeh im Reservatgebiet.
Bevor wir aber anlegten, wurde unsere Geduld noch auf eine harte Probe
gestellt, denn wir fuhren mit Volldampf auf eine Sandbank auf, die in
der Mitte des seeartigen Stromes lag, und sassen so fest, dass alles
Manövrieren und Drehen nichts nützte. Erst als die ganze Besatzung
und die Eingeborenen der dritten Klasse ins Wasser stiegen, um die
Seitenschiffe zu schieben und zu ziehen und ausserdem noch mittels
des weit vom Dampfer ausgeworfenen Ankers nachgeholfen wurde, gelang
es nach anderthalbstündiger Arbeit, das Schiff in tieferes Wasser zu
bringen. Der Nil ist hier ausserordentlich fischreich, und es wurden
auch sofort zwei Leute, wie bisher immer, mit grossen Netzen auf
den Fischfang geschickt, um frischen Vorrat für die Schiffsküche zu
bekommen. Einige interessante Exemplare der Beute überliess mir der
Kapitän für meine Fischsammlung.

Nun folgte eine 300 Meilen lange Fahrt ohne Aufenthalt, eintönig,
immerfort durch die Papyrusstauden schaufelnd und walzertanzend.
Am nächsten Tage begegneten wir einem grossen Baggerschiff, das
unter Leitung zweier englischer Ingenieure durch die Papyruswirrnis
einen neuen Kanal zu stechen hat, der viele Krümmungen des jetzigen
Wasserweges abschneiden und damit eine wesentliche Verkürzung der
Strecke herbeiführen wird. Unser Schiff brachte diesen beiden Männern,
die hier in vollkommener Abgeschiedenheit von der Welt und ohne
irgendwelche Abwechslung oder Anregung nur auf ihr Ziel losarbeiteten,
Briefe und Zeitungen und fuhr nach kurzem Aufenthalte wieder weiter.
Abends waren wir aus unmittelbarer Nähe Zeugen eines Papyrusbrandes,
der einen grandiosen Anblick bot. Wo der Brand schon gewütet hatte und
zum Stillstand gekommen war, erhob sich auf sumpfartigem Grunde ein
endloses Durcheinander von den verkohlten Ueberresten der Stauden und
ineinander verschlungenen Wurzeln, an dem man die Undurchdringlichkeit
dieser Dickichte, wenn sie noch nicht vom Feuer verzehrt waren, wohl
begriff.

Auch am nächsten Tage trafen wir wieder ein grosses Baggerschiff,
das in voller Arbeit war und dem wir die Post abgaben. Der nächste
kurze Aufenthalt war in +Tonga+, wo wir gerade knapp Zeit hatten,
unsere Landsleute an der dortigen österreichischen Missionsstation zu
begrüssen. Das Schiff fuhr nun mit 11 Meilen Geschwindigkeit, und das
steigende Tempo, in Verbindung mit einer leichten Nordbrise machte
den Aufenthalt auf dem Deck trotz einer Schattentemperatur von 38 °C
recht angenehm. Photograph Schwarzer hatte sich seit Gondokoro ziemlich
erholt, mit Dr. Stigler stand es aber nicht viel besser; er war noch
immer mit verbundenen Augen in die dunkle Kabine gebannt, da ihm auch
schon der geringste Schein des Sonnenlichtes Schmerzen verursachte.

Das Auffahren auf Sandbänke und das Walzertanzen des Schiffes hatten
nun aufgehört, denn wir fuhren schon in acht Meter tiefem Wasser. In
Tonga hatte auch das trostlos eintönige Bild der weiten Papyrusflächen
endlich seine Grenze gefunden, an ihre Stelle war hügeliges Terrain
mit grösseren Baumgruppen und vielen Dörfern getreten. Es waren die
Siedelungen der Schilluks, schön gebauter, kräftiger Eingeborener von
energischem Wesen. An den Haltestellen boten sie den Reisenden ihre
Lanzen mit langer, breiter Schneide, auch geschmackvoll gearbeitete
Fisch- und Hornspeere gegen gute Bezahlung zum Kaufe an. Unser
Ugandageld, die Rupien und Cents, wurde aber zurückgewiesen, und wir
mussten uns schon an die ägyptische Währung der Piaster und Sovereigns
gewöhnen.

Der Nil erhält nun durch den Zufluss des Bahr el Ghasal und des Sobat
eine grosse Breite, wir kamen an +Taufikia+ und +Malakal+ vorüber und
trafen dort zwei Regierungsdampfer und das grosse Transportschiff
„Egypt“, das mit Steinen und Kohlen stromaufwärts zog. Längs des Ufers
sah man gepflegte Strassenanlagen mit Alleen, und das Wasser belebte
sich mit vielen Nilpferden und Krokodilen, die an den sandigen Ufern
ihren Schlaf hielten. In Renk, wohin wir nach Kodok, dem ehemaligen
französischen +Faschoda+, +Melut+ und +Kaga+ gelangten, mussten wir das
Segelboot eines jungen deutschen Jägers, der infolge des andauernden
Nordwindes nicht stromabwärts konnte, mit nach Khartum nehmen. Dr.
Müller -- so hiess er -- hatte aus Gesundheitsrücksichten afrikanisches
Klima aufgesucht, in Khartum für 30 Pfund monatlich einen kleinen,
hübsch ausgestatteten Segler mit der dazugehörigen Bemannung gechartert
und machte nun, trotzdem er in seinem Leben noch niemals gejagt hatte,
nilaufwärts Jagdausflüge. Er hatte eine für einen Anfänger ganz
respektable Anzahl von Gazellen, Krokodilen und Flusspferden und sogar
einen Löwen zur Strecke gebracht.

Bei Goz fuhren wir unter der grossen Eisenbahnbrücke der Linie
Senaar-El Obeid (Kordofan) durch, mussten aber einige Stunden warten,
da die Drehbrücke erst um sieben Uhr morgens die Durchfahrt freigab. Je
mehr wir uns Khartum näherten, desto bevölkerter wurden die schönen,
grünen Gelände des Nils, es reihte sich Dorf an Dorf, und dazwischen
weideten grosse Viehherden. Eineinhalb Tagereisen vor Khartum gab es
noch den letzten grossen Aufenthalt, da wir die Passagiere und das
Gepäck eines schon seit 24 Stunden auf einer Sandbank festsitzenden
Schiffes aufnahmen, während zur Flottmachung selbst ein Hilfsdampfer
aus Khartum auf dem Wege war (Tafel 64).

[Illustration: _Wasserschöpfer am Nil_]

[Illustration: _Gouverneurpalais in Khartum_

  _Tafel 64_
]




_IN KHARTUM UND KAIRO._

  _Wieder von Komfort umgeben / Bei Slatin Pascha / Ein Ausflug nach
  Omdurman / In Kairo / Genesung Dr. Stiglers / Abschied von Afrika._


In Khartum trafen wir infolge der grossen Verspätung unseres Dampfers
am 17. März erst spät abends ein, weshalb es uns unmöglich war, unser
umfangreiches Gepäck an Land zu schaffen und wir nur mit unseren
Kleiderkoffern ins „Grand Hotel“ übersiedelten, ein erstklassiges,
von einem tüchtigen Reichsdeutschen mit grosser Umsicht geleitetes
Etablissement. Wir sahen uns nun wieder von dem Luxus eines modernen,
mit allem Komfort versehenen Hotels umgeben, und der schöne,
elegante Speisesaal, die kleinen, blumengeschmückten und elektrisch
beleuchteten Tische bilden einen solchen Kontrast zu unserer bisherigen
Lebensführung, dass wir ganz vergessen, immer noch einige Tausend
Kilometer von der Heimat entfernt zu sein.

Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler, dessen Augen noch immer
verbunden bleiben mussten, den Leiter des Hospitals auf, der leider
erklärte, dass er in Anwendung des Augenspiegels nur wenig Praxis habe.
Das Ergebnis der Untersuchung, die er trotzdem vornahm, war alles eher
denn günstig, und ich verliess mit meinem Freunde in recht gedrückter
Stimmung das Spital. Wir studierten sofort die Fahrpläne wegen einer
möglichst raschen Verbindung nach Kairo, damit Dr. Stigler dort endlich
in die Behandlung eines erfahrenen Augenarztes kommen konnte. Durch
den Direktor unseres Hotels erfuhren wir, dass noch am selben Tage ein
Expresszug nach Port Sudan mit direktem Schiffsanschluss nach Suez
abgehe, auf welchem Wege man am raschesten nach Kairo gelangt. Dr.
Stigler packte in grösster Eile die notwendigsten Koffer und fuhr um
2 Uhr nachmittags, begleitet von seinem Boy Kilimandscharo, nach Port
Sudan ab.

Eine Stunde später machte ich meinen Besuch beim Generalinspektor Baron
Slatin Pascha, der mich sofort nach meiner Ankunft in Khartum zu sich
geladen hatte. Dieser bewunderungswürdige Gentleman, den ich schon von
Wien aus kannte, empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. In
seinem entzückenden, mitten in einem Palmengarten liegenden Heim muss
sich jeder, der die Ehre hat, von unserem berühmten Landsmann empfangen
zu werden, auf das angenehmste berührt fühlen von der freundlichen
und dabei bescheidenen Art, die diesen mutigen, von aller Welt
hochverehrten Mann auszeichnet. Die Stunden, die ich dort verbrachte,
verflossen rasch in angeregtestem Gespräch, und jeder von mir auch nur
halbwegs angedeutete Wunsch wurde von Baron Slatin sofort aufgegriffen
und erfüllt. Am nächsten Tage hatte ich bei einem grossen Diner, zu
dem er mich lud, Gelegenheit, mit den ersten Persönlichkeiten Khartums
bekannt zu werden, und am Abend darauf füllte das gastfreundliche Haus
des Barons eine Gesellschaft distinguierter österreichischer Gäste.
Einige Vertreter unseres Hochadels waren von einem erfolgreichen
Jagdausflug am oberen Nil zurückgekehrt und als Freunde bei Slatin
Pascha eingekehrt.

Untertags war ich eifrig mit der Umpackung meiner Sammlungen und mit
den Vorbereitungen für meine Abreise nach Kairo beschäftigt, wo ich
Dr. Stigler, um dessen Befinden ich begreiflicherweise sehr in Sorge
war, sobald als möglich treffen wollte. Photograph Schwarzer war wieder
ganz wohl, hatte aber auf der weiteren Reise und auch noch in Wien an
Malaria-Rückfällen zu leiden, und Präparator Storch fühlte sich hier
wie zu Hause und war herzlich froh, dass es keine anstrengenden Märsche
mehr gab und die vielen Strapazen und Unbequemlichkeiten zu Ende waren.
Während meines Aufenthaltes in Khartum besichtigte ich auch Omdurman,
die interessante Eingeborenenstadt mit ihren primitiven Lehmhütten, mit
dem Grabe des Mahdi und dem Hause, in dem Slatin Pascha jahrelang in
Gefangenschaft schmachtete, wo er, in die schwersten Ketten geworfen,
jeden Tag sein Todesurteil erwarten musste und trotzdem mit eiserner
Ruhe und ungebrochenem Mute alle Grausamkeiten überstand. Heute gibt
es in Omdurman schon viele europäische Geschäfte, eine Pferdebahn
verbindet die weit auseinander liegenden Teile der Stadt, mächtige
elektrische Bogenlampen werfen ihr Licht bis an die Ufer des blauen
Nils, und nichts deutet mehr darauf hin, dass hier vor gar nicht
allzulanger Zeit die blutigsten Kämpfe zwischen den Engländern und den
tollkühnen Scharen des Mahdi ausgefochten wurden.

Khartum selbst macht den Eindruck einer vollkommen modernen Stadt.
Neben den grossen schönen Regierungsbauten finden sich viele elegante
Privathäuser, die breiten Strassen sind von schattigen Alleen umsäumt,
und der Europäer vermisst sogar ein grosses Vergnügungslokal nicht,
wie es jede Stadt seiner Heimat aufweist. Der längs dem Nil sich
hinziehende Kai ist zum grössten Teil bereits ausgebaut, und am Ufer
ankern jederzeit mehrere bequeme Dampfer, die den afrikanischen Nimrod
in die Jagdgefilde des Sudan bringen.

Nach mehrtägigem Aufenthalte in Khartum entführte mich ein
vollbesetzter Luxuszug nach Norden und brachte mich nach viertägiger
Reise über Wadi Halfa, Assuan und Luxor in das prächtige +Kairo+. Am
Bahnhof erwartete mich Dr. Stigler, und zu meiner grossen Freude sah
ich ihn ohne Augenbinde. Er hatte hier die richtige Behandlung und
Pflege gefunden, war in bester Stimmung und nur von dem einen Wunsche
durchdrungen, jetzt nach der dreiwöchentlichen Sorge um sein Augenlicht
sobald als möglich seine geliebte Mutter wiederzusehen. Er gab sich
mit ihr telegraphisch in Italien ein Rendezvous, und schon nach zwei
Tagen trennten wir uns mit einem „Auf Wiedersehen in Europa!“ Auf der
sechsmonatlichen Expedition, während der Dr. Stigler alle Strapazen und
Mühen mit mir teilte, war er mir ein guter, ehrlicher Freund geworden,
dem ich für die grosse Unterstützung, die er mir in allem zuteil werden
liess, sehr zu Dank verbunden war.

Entlastet von all den Mühsalen des beschwerlichen und doch so
reizvollen Karawanenlebens verbrachte ich noch eine Woche in
Kairo, dann reiste ich nach Alexandrien und winkte an Bord des
prächtigen österreichischen Lloyddampfers „Wien“ tief ergriffen meine
Abschiedsgrüsse dem dunklen Erdteile zu, mit dem mich nun so starke,
unvergessliche Erinnerungen an die weite, schöne afrikanische Wildnis
verknüpften, die ich lieb gewonnen hatte, wie jeder, der einmal in sie
eingedrungen ist. La nature est une patrie sans frontières!




_METEOROLOGISCHE BEOBACHTUNGEN_

_Kmunkes in der Zeit vom 6. bis 21. Dezember 1911 auf der Strecke
Mbale-Elgon-Mbale._

+----------------+--------+--------------+----------+-------------+
| +Ort+          | Tag    |Schleuder-    | Höhen-   | Temperatur  |
|                |        |Thermometer   | Barometer|             |
|                | 1911   | früh| abends |   Radau  |Max.  |Min.  |
|                |        |              |          |             |
+----------------+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|Mbale           |  6.12. |     |        | 1208 m   | 35,4  |  7,2|
|                +--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                |  7.12. |  -- | 18     | 1443 m   | 34,5  |  6,2|
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|Bujobo         {|  8.12. | 16  | 20     |  --      | 35,2  |  5,6|
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                |  9.12. | 13,5| 26,5   | 1346 m   | 37,1  |  6,0|
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|Buhugu         {| 10.12. | 19,0| 24     |  --      | 38,1  |  6,9|
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                | 11.12. | 19  | 15     | 2350 m   | 37,6  |  6,8|
|Obere Masoba   {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                | 12.12. |  9  |  5½    |   --     | 34,3  |  0,3|
|Ober dem Urwald{+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                | 13.12. |   ½ |   ½    | 3340 m   | 28,0  | −3  |
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|Elgon          {| 14.12  | −3  |  6     | 3826 m   | 18,0  |−10,0|
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|Krater         {| 15.12  | −3  |  5     |   --     | 17,0  |−12,0|
|               {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                | 16.12. |   ½ |  6½    | 3340 m   | 19,0  |−12,0|
|Ober dem Urwald{+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                |  17.12.|  5  | 10     | 3000 m   | 18,5  | −1  |
|Urwald         {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                |  18.12 |  5,4| 20     | 1430 m   | 13,5  |  6,2|
|Untere Masoba  {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                |  19.12.| 15  | 26     | 1350 m   | 27,0  | 19,5|
|Buhugu         {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|                |  20.12.| 20  | 21     | 1443 m   | 26,2  | 18,5|
|Bujobo         {+--------+-----+--------+----------+-------+-----+
|Mbale          {|  21.12.| 19,5| 19,1   | 1203 m   | 26,3  |  9,8|
+----------------+--------+-----+--------+----------+-------+-----+

+----------------+-----------------------------+----------+------------+
| +Ort+          |       Assmanisches          | Bewölkung|Niederschlag|
|                |       Psychrometer          |          |            |
|                |    früh     |     abends    |früh|abds.|            |
|                |trock.|feucht| trock.| feucht|    |     |            |
+----------------+------+------+-------+-------+----+-----+------------+
|Mbale           | 23,5 | 21,3 | 21,4  | 16,8  | 1  | 3   |     --     |
|                +------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                | 18,2 | 18,1 | 15,6  | 15,7  | 0  | 2   |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|Bujobo         {| 19,6 | 16,3 | 18,8  | 15,2  | 3  | 2   |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                | 24,0 | 14,8 | 20,4  | 14,0  | 2  | 2   |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|Buhugu         {| 24,2 | 19,2 | 19,5  | 18,3  | 2  | 5   |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                | 19,5 | 14,8 | 16,2  | 13,2  | 2  | 5   |     --     |
|Obere Masoba   {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                |  8,7 |  5,9 |  8,2  |  5,1  | 1  | 5   |     --     |
|Ober dem Urwald{+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                |  4,7 | 3,0  |  5,1  |  4,0  | 0  | 2   |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|Elgon          {|  6,0 |  3,2 |  4,2  |  1,0  | 0  |  0  |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|Krater         {|  5,0 | 2,0  |  3,2  |   −½  | 3  | 5   |     --     |
|               {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                |  7,8 | 1,2  |  6,0  |    ½  | 4  | 5   |     --     |
|Ober dem Urwald{+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                | 10,2 | 8,6  |  8,0  |  6,0  | 6  | 3   |     --     |
|Urwald         {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                |  6,6 | --   |  4,7  |  --   | 6  | 0   |     --     |
|Untere Masoba  {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                | 26,2 | 23,5 | 22,0  | 18,4  | 0  | 5   |     --     |
|Buhugu         {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|                | 26,1 | 21,1 | 21,3  | 18,0  | 2  | 2   |     --     |
|Bujobo         {+------+------+-------+-------+----+-----+------------|
|Mbale          {| 32,8 | 18,2 | 19,2  | 16,8  | 2  | 2   |     --     |
+----------------+------+------+-------+-------+----+-----+----+-------+




_ORNITHOLOGISCHE ERGEBNISSE DER REISE RUDOLF KMUNKES VON DR. JULIUS VON
MADARÁSZ_


Die Uganda-Reise Kmunkes, welche die Ersteigung des Elgon-Gebirges,
sowie die Durchquerung der bisher grösstenteils unbekannten Gebiete
nördlich und nordwestlich vom Salisburysee zu ihrer Aufgabe machte,
hat ihre Aufmerksamkeit ausser auf geographische Studien auch auf
die Ansammlung ethnographischer, botanischer und ornithologischer
Gegenstände ausgedehnt.

Dieser Artikel will nun die Aufzählung jener Vögel in systematischer
Reihenfolge geben, welche von der Expedition in gutem Zustande nach
Hause transportiert werden konnten. Die Namen jener Vögel, welche wegen
schlechter Präparation auf der langen Reise zugrunde gegangen sind und
deren Zahl beinahe die Hälfte der Ausbeute machte, wurden in die Liste
nicht aufgenommen. Die hier besprochenen Vögel gehören 109 Arten an und
sind durch 188 Exemplare vertreten.

Obgleich an der Expedition kein Ornithologe teilnahm, glückte es Kmunke
dennoch, diese sehr repräsentative Kollektion zusammenzubringen, in
welcher auch neue Arten vertreten sind.

Die Vögel dieser Sammlung stammen von folgenden Fundorten: +Kampala+,
+Mbale+, +Elgon+ (Urwald und Krater), Route zwischen +Mbale und
Kumi, Salisburysee, Naqua-Toburberge, Acholi, Assuafluss, Nimule und
Gondokoro+. Die von der Expedition heimgebrachten neuen Arten stammen
teils aus dem Urwalde am Elgon, teils vom Krater des Elgon. Es sind
folgende:

  +Pinarochroa rudolfi Mad.+
  +Cisticola Kmunkei Mad.+
  +Cisticola elgonensis Mad.+
  +Bradypterus elgonensis Mad.+

Schließlich halte ich es für interessant, zu bemerken, dass es Kmunke
gelang, zwei Exemplare des +Balaeniceps rex Gould+ am Salisburysee zu
erlegen, welcher Fundort meines Wissens nach einen neuen Beitrag zur
Kenntnis der geographischen Verbreitung dieses interessanten Vogels
bildet.


I. Fam. _=Psittacidae=_.

  1. Poicephalus virescens, Rchw.


II. Fam. _=Coraciidae=_.

  2. Coracias garrulus, L.

  3. Coracias abyssinus, Bodd.

  4. Coracias caudatus, L.


III. Fam. _=Alcedinidae=_.

  5. Ceryle rudis (L.)

  6. Ceryle maxima (Pall.)

  7. Corythornis cyanostigma (Rüpp.)

  8. Halcyon semicaerucleus (Forsk.)

  9. Halcyon senegalensis (L.)


IV. Fam. _=Bucerotidae=_.

  10. Lophoceros nasutus (L.)

  11. Lophoceros melanoleucus (Lichst.)

  12. Bycanistes subcylindricus (Sclt.)

  13. Bucorvus abyssinicus (Bodd.)


V. Fam. _=Meropidae=_.

  14. Melittophagus meridionalis, Sharpe

  15. Dicrocercus furcatus (Stanl.)

  16. Merops nubicus, Gm.

  17. Merops persicus, Pall.


VI. Fam. =_Caprimulgidae_=.

  18. Macrodipteryx macrodipterus (Afz.)


VII. Fam. _=Coliidae=_.

  19. Colius affinis, Shell.

  20. Colius pulcher, Neum.


VIII. Fam. _=Musophagidae=_.

  21. Turacus leucolophus, Heugl.

  22. Turacus hartlaubi (Fsch. & Rchw.)

  23. Chizaerhis zonura, Rüpp.


IX. Fam. _=Cuculidae=_.

  24. Cuculus solitarius, Steph.

  25. Centropus fischeri, Rchw.

  26. Coccystes glandarius (L.)


X. Fam. _=Capitonidae=_.

  27. Lybius leucocephalus (Fil.)

  28. Lybius aequatorialis (Shell.)

  29. Trachylaemus elgonensis (Sharpe)


XI. Fam. _=Picidae=_.

  30. Dendromus nubicus (Gm.)

  31. Mesopicus centralis, Rchw.


XII. Fam. _=Muscicapidae=_.

  32. Melanornis pammelaina (Stanl.)

  33. Empidornis semipartitus (Rüpp.)

  34. Tchitrea viridis (Müll.)


XIII. Fam. =_Campephagidae_=.

  35. Coracina pectoralis (Jard.)


XIV. Fam. =_Pycnonotidae_=.

  36. Pycnonotus minor, Heugl.


XV. Fam. =_Turdidae_=.

  37. Crateropus cinereus, Heugl.

  38. Turdus elgonensis (Sharpe)

  39. Monticola saxatilis (L.)

  40. Pinarochroa rudolphi Mad., +neu+ (s. Orn. Monatsb. 1912, p. 175)


XVI. Fam. =_Sylviidae_=.

  41. Cisticola Kmunkei, Mad., +neu+ (s. Orn. Monatsb. 1912, p. 175)

  42. Cisticola elgonensis, Mad., neu (s. Orn. Monatsb. 1913, p. 7)

  43. Bradypterus cinnamomeus (Rüpp.)

  44. Bradypterus elgonensis, Mad., +neu+ (s. Orn. Monatsb. 1912, p.
  175)

  45. Prinia reichenowi (Hartl.)

  46. Prinia mystacea, Rüpp.


XVII. Fam. =_Motacillidae_=.

  47. Budytes flavus (L.)

  48. Macronyx croceus (Vieill)


XVIII. Fam. =_Zosteropidae_=.

  49. Zosterops jacksoni, Neum.


XIX. Fam. =_Nectariniidae_=.

  50. Cinnyris suachelicus, Rchw.

  51. Cinnyris reichenowi, Sharpe.

  52. Nectarinia kilimensis, Shell.

  53. Chalcomitra viridisplendens (Rchw.)

  54. Chalcomitra acik (Ant.)


XX. =_Ploceidae._=

  55. Ploceus abyssinicus (Gm.)

  56. Vidua serena (L.)

  57. Quelea aethiopica (Sund.)

  58. Uraeginthus bengalus (L.)

  59. Estrelda paludicola (Heugl.)


XXI. Fam. =_Sturnidae_=.

  60. Lamprotornis purpuropterus, Rüpp.

  61. Lamprocolius splendidus (Vieill)

  62. Lamprocolius amethystinus (Heugl.)

  63. Lamprocolius chalcurus (Nordm.)

  64. Lamprocolius chloropterus (Sw.)


XXII. Fam. =_Dicruridae_=.

  65. Dicrurus afer (Lichst.)


XXIII. Fam. =_Corvidae_=.

  66. Rhinocorax affinis (Rüpp.)

  67. Cryptorhina afra (L.)


XIV. Fam. =_Laniidae_=.

  68. Corvinella corvina (Shaw.)

  69. Lanius excubitorius, Des Murs

  70. Lanius humeralis, Stanl.

  71. Laniarius major (Hattl.)

  72. Laniarius chrysostictus Reichw.

  73. Dryoscopus cinerascens, (Hartl.)

  74. Prionops cristatus, Rüpp.

  75. Pomatorhynchus orientalis, cab.


XXV. Fam. =_Falconidae_=.

  76. Serpentarius serpentarius (Müll.)

  77. Haliaetus vocifer (Daud.)

  78. Lophoaetus occipitalis (Daud.)

  79. Pernis apivorus (L.)

  80. Melierax matabetes (Heugl.)

  81. Butastur rufipennis (Sund.)

  82. Elanus caeruleus (Delt.)

  83. Micronisus niger (Vieill)

  84. Falco biarmicus, Temm.

  85. Falco ruficollis, Sur.

  86. Cerchneis tinnuncula (L.)

  87. Circus aeruginosus (L.)

  88. Circus pygargus (L.)


XXVI. Fam. =_Phasianidae_=.

  89. Philopachus fuscus (Vieill)

  90. Coturnix coturnix (L.)

  91. Francolinus elgonensis, Grant.


XXVII. Fam. =_Pteroclidae_=.

  92. Pterocles quadricinctus, Temm.


XXVIII. Fam. =_Columbidae_=.

  93. Vinago nudirostris, Sw.

  94. Turtur semitorquatus, Rüpp.


XXIX. Fam. =_Ardeidae_=.

  95. Ardea melanocephala, Vig.

  96. Ardea goliath, Cretsm.

  97. Bubulcus ibis (L.)


XXX. Fam. =_Balaenicipidae_=.

  98. Balaeniceps rex, Gould.


XXXI. Fam. =_Ciconiidae_=.

  99. Leptoptilus cruentifer (Less.)

  100. Anastomus lamelligerus, Temm.


XXXII. Fam. =_Rallidae_=.

  101. Limnocorax niger (Gm.)


XXXIII. Fam. =_Jacanidae_=.

  102. Actophilus africanus (Gm.)


XXXIV. Fam. =_Gruidae_=.

  103. Balearica pavonina (L.)


XXXV. Fam. =_Otididae_=.

  104. Otis melanogaster, Rüpp.


XXXVI. Fam. =_Charadriidae_=.

  105. Oedicnemus senegalensis, Sw.

  106. Sarciophorus tectus (Bodd.)

  107. Lobivanellus senegalus (L.)


XXXVII. Fam. =_Anatidae_=.

  108. Chenalopex aegyptiacus (C.)


XXXVIII. =_Phalacrocoracidae_=.

  109. Phalacrocorax africanus (Gm.)




_TAFEL 65–68_

_mit einem Teil der vom Verfasser gesammelten ethnographischen
Gegenstände_


_Stamm: Naqua_

_Ort: Naqua-Toburberge (nördlich vom Salisburysee, Uganda)_

  _1–4. Speere_
  _5. Schild aus Giraffenhaut mit Straussfedern_
  _6. Grosses Messer für Elefantenjagden_
  _7. Hacke_
  _8. Kopfstütze_
  _9. Eiserner Halsring_
  _10. Eisenkette als Lendenschmuck_
  _11. 12. Sichelring_
  _13. Ringförmiges Messer, am Handgelenk getragen_
  _14. Lederschutz für diese Waffe_
  _15. Horn_


_Stamm: Bageshu_

_Ort: Westabhänge des Elgon (Zentral-Afrika)_

  _1. 2. Speere_
  _3. Schild_
  _4. 5. Bögen_
  _6. Köcher_
  _7. Pfeile_
  _8. Vogelpfeil_
  _9. 10. Kopfschmuck_
  _11. Löwenkappe, aus Abessynien stammend_
  _12. Stirnring_
  _13. Halsring aus Eisen_
  _14. Messer_
  _15. 16. Trinkrohr mit Bambusstock_
  _17. 18. Ohrschmuck aus Holz_
  _19. Lippenschmuck aus Stein_
  _20.    „    „      „  Holz_

[Illustration:

  _Tafel 65_
]


_Ort: Kamjuru_

_Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)_

  _1–5. Aus Gras geflochtene Körbe und Fruchtbehälter_
  _6. Aus Lehm hergestellter Mörser mit Stössel aus Holz_
  _7. Wasserbehälter_


_Ort: Kamjuru_

_Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)_

  _1–4. Trinkgefässe aus Kürbisschale_
  _5. 6. Verzierte Mehlbehälter aus Kürbisschale_

[Illustration:

  _Tafel 66_
]


_Ort: Kamjuru_

_Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)_

  _1–6. Halsschmuck_
  _7. 8. Kopfschmuck_
  _9. Armschmuck_
  _10. Signalpfeife_
  _11–15. Ohrringe_
  _16. 17. Eisen-, Kupfer-Fingerringe_
  _18. 19. Sichelringe_


_Ort: Kamjuru_

_Stamm: Kamjuru oder Acholi (Uganda)_

  _1. Schelle aus Eisen_
  _2. Fussangel für Gazellen_
  _3. 4. Signalpfeifen_
  _5. Schnur aus Gras, mit der sich die Eingeborenen die Taille abbinden_
  _6. Halsschmuck aus Eisenringen_
  _7. Messer_
  _8. Lendenschurz einer Frau_

[Illustration:

  _Tafel 67_
]


_Waffen, Schmuck und Geräte_

_Stamm: Kamjuru oder Acholi_

_Ort: Nord-Uganda (Zentral-Afrika)_

  _1–4. Speere der östl. Stämme_
  _5–7.    „    „  westl.  „_
  _8. Schutzleder für Speerschneide_
  _9–11. Stöcke_
  _12, 13. Verzierte Haken_
  _14. Wurfstock (Bumerang)_
  _15. Schild aus Elefantenhaut mit Eisenverzierungen_
  _16. 17. Bögen_
  _18. 19. Verschiedene Giftpfeile_
  _20. Frauenlendenschurz_
  _21. Tasche aus Gazellenfell_
  _22. 23. Oberarmschmuck_
  _24. Kopfschmuck_
  _25. Eisenringe als Halsschmuck_
  _26. 27. Fingerringe_
  _28–30. Lippenschmuck_


_Musikinstrumente_

  _1. Im südlichen Uganda bei den Baganda- und Busoga-Eingeborenen_
  _2. Vom Teso-Stamm (südl. und nördl. vom Salisburysee)_
  _3. Aus Kamjuru (Nord-Uganda)_

[Illustration:

  _Tafel 68_
]

[Illustration:

  Zu: Kmunke, Quer durch Uganda      Karte 1.

  Red. v. P. Sprigade u. M. Moisel.

Geographische Verlagshandlung DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN) Berlin]

[Illustration: ROUTENSKIZZE DER RUDOLF KMUNKE’^{SCHEN} EXPEDITION IN
UGANDA (ZENTRALAFRIKA)

OKTOBER 1911–APRIL 1912.

1:760000]

[Illustration: Karte des Kraters vom

BERG ELGON in UGANDA.

Photogrammetrisch aufgenommen von Architekt

Rudolf Kmunke

auf seiner Forschungsreise Oktober 1911 – April 1912.

Entworfen und gezeichnet von

Ignatz Tschamler und Rudolf Langer]



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH UGANDA ***


    

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