Die sechs Mündungen: Novellen

By Kasimir Edschmid

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Title: Die sechs Mündungen
       Novellen

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***




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Transcriber's Note:
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contents has been moved to the front of the book.





Die sechs Mündungen



Novellen

von

Kasimir Edschmid




Kurt Wolff Verlag

Leipzig




Zehntes bis zwanzigstes Tausend

Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig




Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar



Diese Novellen, die die sechs Mündungen
heißen, weil sie von verschiedenen Seiten
einströmen in den unendlichen Dreiklang
unsrer endlichsten Sensationen: -- des Verzichts
-- der tiefen Trauer -- und des grenzenlosen
Todes -- sind geschrieben zur einen
Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn
und im folgenden März zum anderen Teil.

Sie sind gewidmet dem

Doktor Heinrich Simon



  Inhalt

  Der Lazo  . . . . . . . . . .   1
  Der aussätzige Wald . . . . .  33
  Maintonis Hochzeit  . . . . .  69
  Fifis herbstliche Passion . .  99
  Yousouf . . . . . . . . . . . 129
  Yup Scottens  . . . . . . . . 201




Der Lazo

Raoul Perten verließ das Haus.

Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des
mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine
Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein
wenig.

Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters
aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den
gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die
wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich
schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges
Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.

»Das ist alles so einerlei wie ungerecht,« sagte Raoul. »Wenn ich dies so
durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch,
daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz
mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten
Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem
Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an
. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den
Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz
erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen
leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.

Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!)
varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es
wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr
erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die
Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht
graziös aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels
bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken,
monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses
Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt?
Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte
Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit
dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt -- -- -- weiß ich, daß
dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein
hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse
zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad
zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch
des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich
nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit
dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr
irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im
Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus
gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das
weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine
Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in
eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche
Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.

Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel
zurückschmeiße und -- der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien
doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als
ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz
beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden
Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt,
sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --«

Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den
Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs
angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer
Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die
Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber.
Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen
Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze
Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele
parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem
Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif,
fast gespitzt und ganz hell.

»Mein Junge,« sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die
Hand.

In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in
unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn
Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall,
einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in
dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen
Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die
gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben.

Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht
drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: »Ich werde ein paar Tage
verreisen, Onkel« und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie
er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei
gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch
jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch
mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer
großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen
Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff plötzlich, daß
diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem
Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und
seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.

Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (»Ja! wie
Stanniol« lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des
Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar
blieb.

Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen
hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte
er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis
unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte
sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und
setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit
der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne
darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich
niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände
klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock
lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.

Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere
und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging
ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine
stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch
nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so
vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine
fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer
Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über
eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die
Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule
strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen
Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es
über sie.

Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm
keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und
das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es
war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz
hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe
und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm
seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn
dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals »Sehr geneigt« sagte.
(Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht
ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte
er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.

An ihr entschied sich sein Schicksal.

Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine
Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander
und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und
ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen
einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch
überschwamm.

Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des
Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer
neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm
schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er
dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.

Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen
Horizont zu. -- -- --

Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen
im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes
Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war
ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in
irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von
einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu
schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu
durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an
sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie
die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte
Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem
schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu
etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen
spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den
transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon,
daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.

Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den
Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die
Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen
Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem
Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen
sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer
verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein
bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der
Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn.
Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen
andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund
und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.

Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in
diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.

Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht,
aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere
Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die
Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.

Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah.
Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab
zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus
wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich
mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse
noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein
mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines
Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum.
Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am
folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.

Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer,
Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff,
daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien,
schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem
Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser,
Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: »Kannst du
Milchseparators machen?« Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am
nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer
einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der
anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die
Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf
Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag
hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei
zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger.
Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem
Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.

Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. »Auf!
rasch . . .« sagten sie ihm.

Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.

Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges
Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten
Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes:
Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von
Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.

Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die
zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die
Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von
damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.

Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an
ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.

Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den
Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden
oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er
fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen
sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage
erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die
faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal
etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer
ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige
Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es
zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie
rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es
war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.

Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im
geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.

Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei
Tage lang, im Büffelwagen.

Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm
gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich
zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß
ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner
Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt
hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte
und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.

Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes
Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder-
zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt
noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres.
Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in
seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel
säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu
verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine
Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in
den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz
auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.

Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige
gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen
Einknicken der Hüften: »Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings
selten mit vollem Titel angeredet.« Die übrigen schauten dumm, weil er es
deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das
Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er
sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im
Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser
Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die
den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
bereit und sicher war.

Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.

Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr
die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß
ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier
in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in
die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in
Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr
und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen.
Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn,
eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm.
Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul
bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er
seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte
mehr.

Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es
auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre
Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen
seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen
wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er
wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr
bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte
diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.

Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten
Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr
sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß
es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem
Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung
seiner Augen traf. Da sagte sie: »Danke.«

Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief
nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und
betrank sich hin und wieder.

Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam
freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie
nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa
sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem
Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete
ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch
leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er
den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum
die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das
Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über
ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.

Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das
zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der
Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der
Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es
einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit
einer Gerte über das Gesicht schlug.

Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen
weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem
zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im
Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen
Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte
(und verzogenen Lippen): »Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht
mehr.«

Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen
sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt
davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen,
sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen
Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der
Gewalt seiner Hände.

In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm.
Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte
vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer
krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange
aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie
wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange
zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.

Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn
gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb
sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die
Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit
einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies
zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie
stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle.
Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde
. . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul
begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu
kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer
solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum
sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem
Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.

Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die
Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die
Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den
Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand
aber nichts.

Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den
Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem
Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu
schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die
unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei
übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der
Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort
ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn
zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar
nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht
nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu
kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am
dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an
seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch,
Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der
Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er
voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen
seinen Neffen Raoul.

Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er
hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr
aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen
Gesicht. »Wohin . . .?«

Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.

»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd.
Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . .
nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?«

Raoul zögerte.

Sie: »Ich -- bitte.«

Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie
leicht ihr Lazo war!

Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend,
einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen
zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft.
Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch.
Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem
Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust
einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren
angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.

Es genügte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das
Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel
mitten durch den Kopf.

Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war
ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen
wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr
reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden
ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie
liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er
ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben.
Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde
nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen
Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er
mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß
nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und
weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so
weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei.

Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen
hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre
Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre
Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die
Lider lange darüber. Dann erhob er sich.

Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein
nach Hause lief.

Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese
Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und
Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob
alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht
doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich
ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der
Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.

Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und
sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen
geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach
Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt
aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines
maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen
um seine Hände fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das
sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem
ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden
kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild.

Der aussätzige Wald

   Benoit de St. More:
   Ceste historie n'est pas usée


Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald.

Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem
kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden
Seiten des Sattels herunter.

Nach zwei Stunden pfiff es scharf.

Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die
grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste
tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner
linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere,
deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu
einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert.
Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste
und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte
etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit
langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung
und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das
stechende Licht.

Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr
herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und
spie aus vor Wut.

Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn
lautlos mit gierigen Sprüngen.

Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den
Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der
Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und
Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen
Waldweg weiter.

Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu
töten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte
fliehen können. Jehan floh nicht.

Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den
Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen.
Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und
Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel
geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig
Denare.

Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen
Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.

Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als
er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die
Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und
drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch
bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan
aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht,
von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor.
Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und
schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang
aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und
zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er
hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas.

Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit
einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der
heiligen Afflise, die Ware sei gut.

Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig
zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen
Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch
eine verborgene Tür auf.

Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes
Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von
vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten
Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte
ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und
fragte, wie sie heiße.

Sie sagte: »Beautrix« und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle
Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut,
daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus
Byzanz.

Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare.

Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan
sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter
ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch
die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der
Tiere durch den mahlenden Sand.

An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die
Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen
an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts
schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die
Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten
Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder
ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit
stampfenden Sprüngen vorbei.

Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß.

Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel
hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit
Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde
jagten vor ihm.

Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von
Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig
geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich.

Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer
Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore
von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.

Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix.
Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit
beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun
bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.

Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm,
und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein
großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr,
daß dies ihr Eigentum sei.

Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt,
der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in
der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er
nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke
in der Ecke des Platzes.

Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten.
Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen
Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit
leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen.
Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine
Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und
sangen.

Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne
fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die
Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie
sich dann auch die Haare blond färben und den Namen »Innozenz« annehmen
würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr
Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und
ihn reuig in den Ohrlappen biß.

Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die
Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder
durcheinander.

Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und
Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung -- mehr geduldet in der
vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, ließen ihn grenzenlos
öd.

War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft
wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe?

Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten
Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser
Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine
Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten
hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte),
lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine
Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins
Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich
lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die
zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach
dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.

In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl
einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag
mit seinen besten Sachen zu ihm komme.

Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen
alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die
Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem
schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre
lichten Glieder im Morgen blitzten.

Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu
holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen
Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen
waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über
den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so
in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.

Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je
näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn
und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte.
Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses
Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er
sie dem Händler mit den Stoffen.

Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus
Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:

   Amic, s'eu vos tenia
   Dinz ma chambra garnia,
   De ioi vos baisaria,
   Qar n'audi
   Ben dir l'autre di.
   Qant lo gilos er fora,
   Bels ami,
   Vene-vos a mi.


Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem
Leuchter.

Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und
nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und küßte sie. Sie nahm keine
Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden
kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie.
Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem
hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches
ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang
versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und
Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem
Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute
standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte.

Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix
auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den
dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht
nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm
schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend
stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine
Dirne.

Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.

Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.

Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix
abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit
ihr.

Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken.
Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei
Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine
überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd
und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit
gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein
wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten
Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte
Beautrix.

Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam,
erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite
Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte
ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen
Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da
warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen.
Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr
einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm
kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen,
der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt
hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von
Arras.

Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm
hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und
zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf
ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann
nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und
als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den
kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und
Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies
spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des
Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen,
weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm
aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit
Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.

Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an
den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem
Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen
Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach
ihr langten.

Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und
behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die
glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer
der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.

Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in
wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann
in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl
gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin
und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand,
am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus
Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und
aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann
bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den
Schädel des Gemarterten.

Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den
ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es
verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll
Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben
Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz
für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig
Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard
und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen
fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es
laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den
Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.

Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die
des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm
und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen
aus seinen Augen.

Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und
hinüberzischte wie ein Pfeil.

Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu
Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte
und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei.

Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und
malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: »Ich
hatte ihn sonst töten müssen.«

Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und
sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern
am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich
in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar
waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer
als tausend Gewitter.

Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans
Haus.

In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen
Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied,
das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte
sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund
eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das
an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts
als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte
seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine
Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er.

Mittags ging der Provencale.

Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach
San Jago de Compostella.

Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.

Er reichte Jehan dankend die Hand.

Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel
. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer
Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal
mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis.

Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um
Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze
Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das
war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte.

Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster
in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei
Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von
seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit
einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie
dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und
starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der
Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und
schrieb fiebernd.

Beautrix wartete und klopfte.

Er gab ihr kein Wort.

Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen
zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen
Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.

Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.

Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung,
Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.

Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie
nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.

Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen.
Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie
zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte
mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.

Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß
auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen
geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht
mehr.

Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben
Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn
unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein.
Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne
gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen
Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes
hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil
mit roten und lila Augen.

Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich
in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen.
Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine
Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann
Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das
abgerissen Zanken von Papageien.

Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige
Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte
lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend
gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine
undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das
heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter
ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob
die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen
Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten
sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und
stürmten vor.

Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten
das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust
entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken,
und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust.

Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.

Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber
zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte
der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --.

Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte »Pilori«.

Doch er blieb allein.

Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam
etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser
und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.

Dann ward es still.

Kein Ton. --

Jehan lächelte: Wie in der Tonne.

Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor
in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine
große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos
gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße
hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der
anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug
den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine
dunkle Passage durch kleine wüste Gassen.

Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den
Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen
lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter
dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den
Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold.
Grün waren seine Schuhe.

So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer
erschlüge.

Doch es erschlug ihn keiner.

Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster
mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die
Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.

Niemand kam.

Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit
Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.

Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war
verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie
rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte
auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie
nicht. Die Tür knirschte kaum.

Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan
Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute
Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines
helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die
Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.

Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend
unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:

Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte
Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber
Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm
die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ
er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete
seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- --

Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein
Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.

Jehan lehnte ab.

An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte
Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die
Klinge brach ab.

Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.

Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl
ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es
schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und
sank blutend auf den Boden.

Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie
spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.
Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.

Wie . . . ?

Stille, kein Ton kam durch die Straße.

Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über
dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane
zwischen den Säulen.

Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür
und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten
Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die
die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von
Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin
. . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er
empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts
mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina
darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie
spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer
mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal
aufnahm.

Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere
Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf
der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er
das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix
gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah
die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und
sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem
Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.

Es wurde heller.

Silberne Drossel . . .

Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie
sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch
einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück.
Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute.
Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen
Lippen. Dann wandte er sich.

An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die
Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier
und tötete es.

Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging
vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle
Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er
über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang
laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und
sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch
seine Macht.

Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich
einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten
die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend.
Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine
Braue . . . schien es ihm.

Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich
von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:

»Wo willst du hin?«

»Nach dem Wald.«

»Du nimmst mich mit!!«

Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: »Es ist mir gleich.«

Jehan sagte ruhig: »Nein.« Sie hielt ihn am Arm: »Ich will auch aussätzig
sein. Was geht es dich an?« Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend
in den Weg:

»Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du
in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke
. . .«

Jehan wußte es noch. Er sagte: »Ja« und nickte. »Silberne Drossel . . .«
sagte er.

Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles
Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten
Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet
war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden
Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie
mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es
nicht. Da schrie er sie an: »Sklavin!« und als sie erstarrt sich aufreckte:

»Sklavin um zweitausend Denare.«

Sie klammerte sich an ihn.

Da stieß er sie zurück und schlug sie.

Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch,
durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten
Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen
sich licht um die Welt!

Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho
Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging
auf die Seite, verbeugte sich.

Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug
ihn in den Graben und tötete ihn.

Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote
Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße
gingen in grünen Schuhen.

So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein
Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem
Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? -- -- --

Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er
verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war
ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften:

   Hé blanche, clere et vermeille,
   De vos sont tuit mi desir;
   Car faites en tel merveille
   Droiture et raison faillir.
   Quant je vos vueill a amie,
   Droiz nel poroit otriier;
   Se vostre grant cortoise,
   De gentil dousor garnie,
   Ne me deigne conseillier;
   Mar vos oi tant prisier.


Seine Haltung war stark und königlich.

Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm
entgegenkam.

Maintonis Hochzeit

Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief
am Horizont auf der weißen glühenden Straße.

»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine.

Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm
und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras
war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und
buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun
sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er
mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und
sprach ganz laut und anders:

»Sie müssen nicht daran denken!«

Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest
zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .«

»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff.
Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die
Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die
ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm
Antoine beim Arm:

»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich
weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch
einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er
sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf
Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich
durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind.
In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon
ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme
Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die
Pyrenäen.«

Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und
fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte
ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er.

Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine
Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf
flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf
einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein
paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir
eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei.
Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit
meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!«

Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an.
Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der
Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine
Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.

Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines.
Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich
wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod
hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah
man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus
einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere
seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns
damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig.
Damals hatte niemand hieran gedacht.

Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei
Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich
sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein
schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand
hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er
nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm
Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie
laut vor.

Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span
mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen
Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit
einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte
mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich
fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor.
Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann
forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es
seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich
meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei
Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand
eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem
Tisch.

Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand,
verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .«

Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht
verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank
aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack
in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich
durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und
ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne
Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das
Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.

Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch
sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich
zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann
wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich
mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß.
Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln
brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.

Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen
haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der
Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe.
Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie
eine Kinderfahne.

Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.

Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach
seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich
ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen.
Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer
machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .«

Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte
Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in
ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!«
Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni
küßte ihr die Hand und ging hinaus.

Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war
schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte
in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig
zu lang.

Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende
Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor
ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber
weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in
ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine
dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich
und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.

Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er
eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der
Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring
mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah
sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni
hinausgegangen war:

»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten
schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug
mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez
erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei
dann gerade siebzehn Jahre alt.

Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte,
und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit
zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und
an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er
wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.

Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen,
öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine
eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch
wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und
wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.

Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die
Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich
weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer
Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte
und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus
der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.

Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ
Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens
liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten,
ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und
eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das
seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich
hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine
Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post
ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften
Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit
einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal
allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm
das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür.
Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von
allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an
den vielen bunten Marken hängen.

»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie
ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete
halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne,
die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den
Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte
sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er
umarmte mich:

»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch.
Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße
Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und
dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot,
dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe
stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen
braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und
wieder unter der Haut verliefen.

Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie
mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni
eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging.
Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien
auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf
abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer
der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den
Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:

»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .«

Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen
sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:

»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf
verschwunden ist . . .?«

Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .

Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und
zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite
Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen
Gegend.

Nachts schlug das Meer gegen den Strand.

Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag.
Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später
Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar
Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem
Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht
hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:

»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!«

Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern
zwanzigtausend Francs wert sein . . .«

Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden
still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem
Vater.

Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir
rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer
heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf
der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie
blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat
sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem
Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten
die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit
aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen
von Hospitalitet.

»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo.

Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte
wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine
gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm
eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.

Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich
freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor
Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der
gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.

Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im
Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus
von splitterndem Glas.

Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden
gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum
Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos
lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff
an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. --

Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder
am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die
Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es
von neuem hoch.

Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang.
Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten
kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen
Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht
über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein.
Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen
der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz
halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.

Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.

Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe
wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich
schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken,
Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die
ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog --
-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die
Holzstäbe . . . . . .

Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein
Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd
Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben
Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von
Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit
schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen
sah.

In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.

Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte
nicht mehr.

Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer
im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit.
Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah
kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war
höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was
sie gewollt hätten?

Das Haus mieten oder so etwas . . .

Es schien ihn gar nicht zu interessieren.

In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus.
Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste
etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn
schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen
mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte
es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung
hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.

Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die
Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem
qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:

»Ay!« rief er.

»Ay! Maintoni -- --«

Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah
sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen
wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den
Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns
zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen.
Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.

Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während
sie die Fahne einstrich.

Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich
Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.

»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden.
Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig.
Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein
abschüssiger Pfad führte zum Meer.

Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich
hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das
Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch
ich das Blitzen sah.

Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem
alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.

Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot
sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter
als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere
Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.«
Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. --

»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich,
Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe
den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch
geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne
bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme.
Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute
angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd:
»Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in
der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in
Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- --
Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.

Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- --
Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf.
Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald
mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht
feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.

Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer
hinauswuchsen und mich traurig machten.

Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot
unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht
erwartet.

Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte
goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte
Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und
waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.

Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen
wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir
speisten.

Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte.
Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne
Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn.
Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte
den Kopf.

Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue
mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen.

Da sagte ich: »Maintoni! Rodriguez leidet sehr.« --

Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich
liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich,
um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . .

Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten,
die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von
gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In
der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es
mochten hundert sein.

Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde.
Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen
schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.

Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen
ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit
Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten
Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle
anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen.
Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine
Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni
trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder
spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie
wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten
sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel.
Sie kehrten bald zurück.

Die Gäste gingen.

Ich stieg hinauf, um zu schlafen.

Es war spät in der Nacht.

Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch
das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der
Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.

Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute,
denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines.
Es war Rodriguez.

Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte
sprangen hin und her.

Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da
lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht
mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf
Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen
war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.

Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im
Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf
rot wie rohes Fleisch.

Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war
dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den
Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles.

Maintoni weinte nicht.

Das Meer lag wie eine große Perle da.

Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals
wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.

Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau.
Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel
hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm.
Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.

Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte
mit schwachen Erschütterungen über den Bauch.

Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was
Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie
trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte
schwerfällig zurück.

Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die
Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male
hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie
die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie.

Fifis herbstliche Passion

   Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?
   Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.


                              Carl Sternheim


   Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,
   So voller Musik wie da . . .


                               Ernst Stadler


Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die
schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer
entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde
Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor
der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser
das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen
wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt
in einer stillen Glut von gelbem Getupf.

Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich
Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie
Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die
auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch
hinaus.

Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten,
leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender
Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und
aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel
schräg und kühl heraufwuchs.

Fifi erschien auf dem Podium.

Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel
setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer
Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die
Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf
die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten
durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich
gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum,
weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den
Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper,
dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die
Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und
die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe
stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie
Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum
abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf
geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. »Seht,« rief er, »auf Fifis Tanz.
Kommt herein, alle,« und er winkte, »nur Erwachsene dürfen kommen:
Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke
er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt
in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung« . . . und so sehr
lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner
plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk
wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!

Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus
dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz
ein.

Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in »die Schönheiten
des Orients.« Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt,
voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten;
Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der
Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und
Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy,
genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die
beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von
Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein,
der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und
rote entzündete Augen hatte.

Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen
Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe
aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.

Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie
traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten,
musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von
Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein
Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über
denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken
dunkel aufzitterten.

Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen
durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf
Fifi und sagte: »Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön
. . .« Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und
Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte.

Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke
plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die
Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische
trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum
Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.

Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung
übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser
hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie
unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen
zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine
Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die
Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es
geleimt würde, zog man in Scharen hinein.

Dann kam die große Bude mit den »Fliegenden Menschen«, zwei Mädchen in
blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der
sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und
die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht
Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem
unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der
Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen
Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der
Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!

Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi,
mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich
faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als
sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte
zu den Fliegenden Menschen.

». . . Augenstern . . .« rollte es von unten herauf.

Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet
rief den Beginn der Vorstellung aus. »Soeben Beginn . . .« rief er und
schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der
Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere,
lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi
schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf
seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief
aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu
reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .

Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten
rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann
der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und
Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und
die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im
Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor,
die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.

Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute
freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die
Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter
gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden
und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und
doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die
Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der
hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und
Garmisch.

Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so
daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich
loslösten.

Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär
schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle
halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine
Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie
sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten
Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten,
erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen,
bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.

Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben
Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf
den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die
Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot
und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie
stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen
Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu,
Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher,
ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit
gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der
anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner
erschien.

Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in
dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der
Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und
seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns,
während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften
aufgesetzten Händen, ins Innere drängte.

Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.

Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der
Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur
Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus
den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes
hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt
die Patrouillen.

Es ward spät.

Er ging.

Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte
sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich
aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und
in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen.
Bei den »Fliegenden Menschen« stieg täglich der Kassensturm und die
Sensation. Der »Orient« verdiente gut an reiferen Herren. »Paris« brachte
es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte
Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief.
Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte
ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte
der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus.
Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der
Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden
Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer
Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt.
Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer
schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres
Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des
Herbstes auf ihren Schweiß.

Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und
schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der
nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm
aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die
unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der
gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß
er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt
seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur
Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber
in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang.

Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht
kannten.

Dann kam jener Abend. Donnerstags.

Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll
gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch,
überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte
ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen
Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer,
tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar,
geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die
Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .

Es war schön.

Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf
Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr
begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten
aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne
Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend,
Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und
beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum
das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis
stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein,
warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein
Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine
Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren,
lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn
zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie
eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer
Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch
schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die
nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei
schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.

Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste
erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu,
das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem
Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und
wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem
Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die
Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging.

Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie
gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.

Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: »Verletzt?« Franz zeigte
den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein
Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das
Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den
Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde
fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden
durchbohrtes Gesicht auftauchte.

»Der Fakir,« . . . schäumte der Mexikaner. »Man sollte ihn peitschen«,
. . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte,
fiel sein Blick auf Fifi.

Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in
zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell
und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.

Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn,
zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle
Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf
zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer
Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt
aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt
schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund
auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.

Franz stand noch eine Weile.

Dann drehte er um.

Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es
englisch.

Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er
gab ihm den Revolver.

Der Fakir verbeugte sich, ging. -- --

Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf
sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in
der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie
tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine
glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die
Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem
rang.

Franz kam nicht.

Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend
herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter;
erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise,
eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte
sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle
mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf
den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib.

Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.

Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt,
über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne
zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel
plötzlich und hastig vorsprang.

Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem
sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz
gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam
durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit
stillen Bäumen.

Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen
führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort
erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und
hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen
Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und
so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen
eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch
auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im
Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und
darstellend.

Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die
Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt
hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche
wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet.

Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die
Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen
übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen
. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen
und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht
gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen
Geläute dieser Stimme.

Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer
Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann
mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt
ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und
Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf
die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief
im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der
Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie
beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran
sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem
köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus,
wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten
Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren
Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den
letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der
Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas
zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen
eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und
röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente
Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem
floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz
tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des
Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf
gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb
und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys
Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur
anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit
Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten
Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht
und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die
Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne
verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine
Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte
Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte,
damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und
endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast
erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr
selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des
Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte
und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man
verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden,
langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den
Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen
kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu
lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles
mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem
strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen
wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst
vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück
überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie
sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa --
erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie
erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun
betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es
Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens
vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten
Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der
Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und
ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein
beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie
umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine
Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im
Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen
und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den
Bauch.

Aber sie spürte es nicht.

Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und
Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie
Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.

Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles
löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren
Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand
danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube
überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles
begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie
ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie
nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an
Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie
glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die
absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu
ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer
des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine
Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.

Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie
erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah
dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.

Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die
Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut
eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die
Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle
und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und
Pfeifen der Maschinen

Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie
wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem
Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie
riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich
erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.

Aber er verstand sie nicht.

Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände
schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer
linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein
Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien.
Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten
überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem
immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute
. . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die
kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die
Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den
Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer
hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . .
losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin
wie ein seltsames und gutes Licht.

Yousouf

   . . . ich glaube indessen, daß, hier wie
   überall, Liebe eine Kunst ist wie das
   Reiten und Flöteblasen.


                      Der Marquis de Langle


Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre
Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll.

Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie
sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an
ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging
auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken.
Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und
ging weiter.

Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse
gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war
niederer Adel.

Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von
Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm
über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad
begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines
Schrittes.

Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu
mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.

»Sie haben . . .?« fragte er.

»Ich habe . . . Luis Quijada . . .«, sagte Las Casas und riß die
Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und
verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff
stünde. Er hatte blonde auffallende Haare.

»Ich werde«, sagte er fest und beiläufig, »dann eigene Segler ausrüsten --
-- -- auf jede Gefahr.«

Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas
dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament
gemalt in der Füllung.

Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in
Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen
hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.

Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder
und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war
kühler geworden.

Ein Stern blinkte über der Mauer.

Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett,
und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür.

Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein
Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer
Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er
stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf
neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten
sie rot, obwohl sie sich nicht berührten.

»Sie haben die Erlaubnis . . .?«

»Ich habe sie . . .« und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten
rasch zurück. »Ich fahre heute nacht . . .«

Sie schnellte auf: »Nein -- -- -- morgen!«

Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und
meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und
ruhig: »Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch
beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische
Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu
jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon
gerüstet sein?«

»Ich habe drei Schiffe.«

Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm
blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:

»Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld
zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte
ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf
folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und
so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch,
ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor
seinem Zorn.

Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die
Sonne und spielte und sprach mit ihm.

Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so
sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.

Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht
schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines
Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit
heftigen Worten an, als ob er es sei.

Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus
Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt
zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte,
da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden
nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein
geschriebenes zu sein.

Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue
ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich
fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire.

Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld
zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.

Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie
gering es war, lächelte er wieder.

Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie
ein Degen im Gefecht -- daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß
ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm
doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel
von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die
letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach
Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht
und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in
meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei
hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht -- so oder so.

Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.

Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich
zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.

Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .

Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während
das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll.

Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf
mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den
Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch
das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --«

»Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!« Juana warf sich zurück und gab
ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in
dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen
Rosen spielten.

Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?«

»Er fragte mich.«

»Was sagten Sie ihm, Marques?

»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich
könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir
allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er
sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.«

Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie
werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte.

Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!«
Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend
stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich,
nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen,
daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er
bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege
schlage.

Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht
ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute
nie mehr bei mir sehe.«

Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang
sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie
früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada
die Beachtung des Hasses geschenkt hätte.

Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing
an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.

Er stand auf.

»Ich gehe.«

Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und
blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen
--!«

Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur
das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch
er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur,
sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.

Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.

Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.

»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut
überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn
weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes
verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen.

Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem
herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in
Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie
faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre
Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen
kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der
Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.

Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen
bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte.

Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und
gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und
drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf
nach dem Hals auf den dünnen Batist.

»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit
hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander
geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.

Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen
Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war,
kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und
daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die
Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und
sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht
genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in
meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff
ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die
endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das
Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in
grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen,
aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und
Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei
Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken
packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor
Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die
kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn
nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß
ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der
Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.«

Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn
sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz
umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich
aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ.

Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von
einer Liebesnacht.

Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von
Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine
flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.

Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn
und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am
Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in
das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen
Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich
dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten
die Offiziere.

Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder
zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur
sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und
die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen
und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die
blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:

»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das
wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt
ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt
noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei.
Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr
bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die
Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --«

Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm.
Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf
den Bänken.

»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine
braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --«

Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten
herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund.
Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische
im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm
winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.

Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte
sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen.
Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie
an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge
schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe
Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei
Zungen stießen nach.

Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.

Die Sonne ging auf.

                                * * *

Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine
Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren
in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische
Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und
Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.

»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im
königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und
sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten,
die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken
Juanas flossen.

Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief
einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.

Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten.
Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und
schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung
war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie
überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion
reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem
Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es
neben der Munition.

Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging
kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las
Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos
blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon
lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere
warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer
aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen
Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend
Stimmen: Juana! anschrie.

Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von
seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.

Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete
es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte
die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste
herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und
die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst
den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch
trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die
Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken
bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte
sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein
goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der
Hauptschiffe Yousoufs.

Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und
ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein
Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.

Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein
Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.

In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin
und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen
durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches
Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.

Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der
Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa
und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in
Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.

Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach
verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes
Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.

Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere
schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter
löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas'
wahnsinnig.

Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag,
verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie.
Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die
Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise
treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber.
Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer
Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an
den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das
Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war.

Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor
und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn
an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die
ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst
verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.

Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden,
brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das
Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.

Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte,
von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand
es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.

Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt:
»Ist es zum Tod?«

»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.

Da spie er ruhig den Henker an.

Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.

Von Las Casas keine Spur. --

Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den
Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land,
eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und
Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn
verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der
Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .

                                * * *

Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück
von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit
auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in
der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von
Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben
sie zu setzen.

Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke.
Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.

»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und
legte die Hand auf ihren Fächer.

Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und
wagte nicht aufzusehen.

»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik
ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die
Knutscherei des Zwischenaktes.«

Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel
besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?«

Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos
ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang
gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie
Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch:
»Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren
Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und
haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung,
aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über
Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das
unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die
wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.

Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie
plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in
der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre
Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen
Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß
Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden
beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er
phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und
beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein
verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer
Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge,
zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der
Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.

Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er
war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- --

Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei
gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und
schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden
Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser
. . .

Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die
Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich
mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . .
und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren
Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser
Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an
fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als
alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt,
als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.

Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über
sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der
Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist
und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen
ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der
Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine
Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros
heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht,
vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes
auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn
von ihrem Blut!

Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte
ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es
schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.

Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.

Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.

»Las Casas . . .?«

»Beruhigen Sie sich!«

Sie sah ihn an.

Bleich.

Da sagte er heiser: »Las Casas!«

                                * * *

Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten
den Vorhang. Er stand vor dem König.

»Sie?« sagte der.

Las Casas verbeugte sich.

»Warum kommen Sie?«

»Der Prinz ließ mich rufen.«

»Duell . . .?«

»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn
irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.«

Der König winkte ab.

Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.

»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.«

Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm
einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte
gütig und klar:

»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.«

Las Casas lächelte verzerrt und ging.

Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm
der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die
Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.

Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und
geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf
einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor
ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme
für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das
war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr
hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser
Enttäuschung.

»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?«

»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer --
Imitation belohne?«

Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte
sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.

Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es
klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette:
im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit
hängenden Armen.

Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis
die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte.
Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer
Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen
Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von
Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen
konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder
verströme.

Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün
vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann
brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes
Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend
dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.

Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana
und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank
zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.

Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden
Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper
aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten
. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und
ineinanderströme.

Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der
Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die
Stimme Quijadas:

»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich
ihr Unglück bedaure -- sonst.«

Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die
Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an
Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in
das Weiße. Dann ging er.

Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten
. . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt,
Ihre Segler zu rüsten.«

Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den
Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für
diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im
Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.«

»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich
. . . sofort -- Auf Wiedersehen.«

Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.

Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm
einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.
Nur dieses: »Komm --!«

Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die
Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der
Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn
so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst
empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig
zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:

»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach
dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber
wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.«

Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach
ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die
verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren
Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein
Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ,
lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.

Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet.
Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.

Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte,
und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf
den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.

Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit
unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand
darin. Warf einen Brief herauf.

Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte --
trotz alledem. --«

Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife
Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße
Falte lag der Mund in dem Gesicht.

Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden,
die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.

Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.

Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.

Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf
darin und warf ihn den Galeeren nach.

Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch,
da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen
sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines
Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.

Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn
ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem
glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer
hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher
. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.

                                * * *

Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und
abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und
grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf
dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer
und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie
krochen wie die Hunde zurück.

Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in
Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.

Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine
Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts,
lautlos.

Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.

In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die
völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie
schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern
sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las
Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein
Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die
Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere
stach die Sonne zusammen.

Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den
gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn
langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und
nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten
war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des
Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß
er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die
Weisungen für das Schiff.

Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose
Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe
seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den
anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.

Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten,
sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von
Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit
Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.

Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing
und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe
Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor
des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige
Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den
Harem hätte.

Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch,
als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die
Galeeren sollten so lange kreuzen.

Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.

Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein
Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.

Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der
Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer
und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und
sich wehrten aus Furcht.

Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der
Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft
wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie
gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos
wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen
und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut.
Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie
zusammenziehe.

Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten
Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite
die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne
scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die
Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.

Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er
wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie
war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen
besitzen.

Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.

Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und
geduftet. Und Nelken.

Sehr scharfe Nelken. -- -- --

Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und
senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und
einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch
und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie
gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie
weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus.

Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne
herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um
ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er,
ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft
in ihm und durchbebte ihn wieder.

Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: »Gute Stute . . .« Denn seine
Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch
Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben
Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand
auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte.

Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie
verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken
Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig.
Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. »Gib dir keine
Mühe!« lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er
sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen
dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück.
»Ich sagte es dir«, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.

Allein er ließ ihm den Dolch.

»Sag mir das eine!« fragte der Marques scharf. »Bin ich bei Yousouf Bassa?«

Der andere lächelte: »Nein.«

Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging
schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.

Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er
sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines
Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu
Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie.
Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise
bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er
bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das
Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet
hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte
Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer
wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn
hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.

Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen
sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen
Quecksilber.

Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem
schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei
Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.

Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem
Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit
so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den
Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.

Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über
das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas
splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe
und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.

Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich
eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er
suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er
auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und
spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis
die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die
Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand
keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem
Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung,
durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.

Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang
und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn
anzusehen.

Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen,
was ich will.«

Las Casas zuckte die Achseln.

»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen,
»kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr
sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob
sie immer mehr über ihn erstaune.

Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers
nach und wandte sich langsam nach der Wand.

Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die
Mauer. Sie war sehr schön.

»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten
schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.«

Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit
tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«,
lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht.
Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht
sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd
über seinen Hals.

Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie
zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und
senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen
Spielzeug überrascht:

»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen,
die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum
Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem
Kopf stehen und durch die Nase lachen.«

Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem
Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte
ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf
den Fuß, der sich zurückzog.

Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein
Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu
und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie
begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie,
während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im
Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß
einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.

Einmal noch floh Las Casas.

Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen
dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.

Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen
sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er
spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie
sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg
das Bewußtsein der Berufung in ihm.

Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl
sie sah, wie seine Lippen brannten.

Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie
Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es
drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß
danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem
Weiß.

Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und
flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und
ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.

Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf
den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat.

Da floh er.

Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und
Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang.
In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten.
Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte
seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm
bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen.
Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß
seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak,
wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die
feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen
nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend
vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen
mußte.

Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt
hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er
nach. -- -- --

Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die
Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und
ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie
ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn
verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.

Er hielt sie an.

Er hielt sie an und fragte: »Wer war es, der mich losließ?«

»Die Tochter Yousouf Bassas . . .« sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er
wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den
ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.

Hiermit und so war er fertig mit ihm.

Durch die Hand sah er sein Blut. »Juana . . . ja . . . mein Blut -- --
unser Blut --« schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.

Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos
blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne.

Ein Tuareg begegnete ihm.

Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß
ihre Hände sich nicht rührten.

Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom
Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am
nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine
Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der
Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz.

Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er
trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein
wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit
er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit
sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere
wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas
sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da,
und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie,
denn er lächelte dabei.

Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen
Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.

Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den
Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in
das ruhige Wasser.

Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach
der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig
und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch,
kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz
durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.

Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief
streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne
mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten.
Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.

»Wasser . . . !« brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas
lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.

Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos
mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und
seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und
der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien.

Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag.

Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als
bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er
in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten
Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit
den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des
Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die
Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und
verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf
und ließen die Ruder.

Da ließ Las Casas die Hörner blasen.

Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast.
Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang
ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt
und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das
Schiff.

Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die
Caramuzzals ein.

Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte
sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge
deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.

Endlich: Yousouf! --

Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt.

Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten
Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige
Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine
Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich
und schrien gegeneinander.

Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit
leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn
an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie
ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht
verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an
dem Dolch im Mund:

»O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei
Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich
den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und
schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und
hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt
bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den
Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein
Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment,
gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken
ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein
Brüllen ist es wert . . .« -- -- --

Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.

Seine Lippen zuckten zerrissen.

Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.

Die Offiziere standen um ihn.

Blut rann über sein Gesicht.

Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und
Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal
Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten
hinüber.

Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der
Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.

Aber dann: -- -- als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen
Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und
vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich
auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust -- -- --
und stammelte: »Juana«. Stammelte: »Juana«. Nichts weiter. Nur dies.

Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah
seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und
der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts
damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen,
fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des
Bassa und untersuchte sie.

Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.

Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.

Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien
stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- --

Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja.
Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!

Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im
Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.

Die Sonne ward schon gelb und stieg.

Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.

Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.

Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: »Teilung der Beute . . . Ruhe
. . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.«

Las Casas stemmte sich hoch: »Wir fahren!«

Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.

Niemand sprach.

Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten
verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem.

Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und
Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.

Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.

Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche
Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann
sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute
sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana
weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre
Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich -- wie konnte es sein,
lachhaft und kindisch? -- daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte
auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser
Tötung nicht mehr.

Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. »Die Leute verrecken
vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,« sagte
heftig der junge Offizier.

Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das
gleiche. Es ward Nachmittag.

Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. --

Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben
und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der
er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er
mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit
dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache
verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte.

Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: »Wasser!« Es war
ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner
Nähe. Aber dort brach es aus: »Wasser!« . . . und schlug hinüber und
zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern.
Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter
brannten.

Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein
Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis
entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:

»Schmeiß,« schrie er, »Geschmeiß,« und wieder: »Vieh . . . Ihr wollt
weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenführer, aufs
Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte
rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!«
. . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten
über die Rücken.

Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren
Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß
sie schrien über das Geschenk.

Am Morgen stand einer auf als Deputat: »Wir können nicht mehr.« Niemand
hörte auf ihn.

»Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann
streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.«

»Einen halben Tag . . .« johlten die anderen.

Der Deputat drohte: »Wir brechen die Ruder . . .« Da gab Las Casas Befehl,
ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu
nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es
schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein
Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles
niederfiel, was es sperrte: »Juana!«

Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren
zogen rascher.

Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch
entfeuert.

Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:

»Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«

Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die
alles preßte.

Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke:

»Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .

Schuft! -- -- -- Du . . .«

Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten
sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander
verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.

»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande!
Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich
beherrscht.

»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!«

Las Casas ließ sie.

Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm
durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles.

Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den
letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.

Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er
wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim
Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste
waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt.
Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.

Alle mußten hinuntersteigen.

Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.

Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die
Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas'
Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.

Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem
trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor
Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er
blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie
sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.

Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die
Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.

Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er
schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die
Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er
flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den
Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig
werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen
Willen.

Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die
Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.

In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen
sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes
Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich
mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang
sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.«

Las Casas wandte sich nicht um.

Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob
den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte,
wollte er Einhalt rufen oder winken.

Doch die Geste wirkte unsächlich.

Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei
über die Galeere hin. Es war zu viel.

Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter
der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein
Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links.
Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals.
Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die
Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.

Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.

Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit
roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war
es.

Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die
Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner
Fanale.

Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal,
die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig
Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er
seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und
Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit
ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich
scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.

Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena
einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das
Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit
sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.

Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt.
Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der
weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen
mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter
Heiligenschein.

Juana taumelte.

Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber
ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das
Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und
raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über
einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte
ihren Kopf an seine Brust.

Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer
Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht
für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.

Yup Scottens

Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle.

Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar.
Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn
wieder einer vom Wetten spreche.

Also schweige man davon.

Ob Yup verheiratet sei?

Nein.

Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen.

Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.

Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch
würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker
hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese
Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter,
zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch.
Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak
rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte.
Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht
. . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht
wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er
wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr -- denn schließlich sei er doch
der beste Reiter --, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte
doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim
einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und
dächten. Alle miteinander.

Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders.
Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an
mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts
durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm
die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe
wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an
frischgedüngte Äcker denken!

Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist
solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt
werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien.

Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup
werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In
vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup.

Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.

Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen
Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel
blieben draus.

Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein
Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse --
also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie
hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn
geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand
hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt,
spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm
erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon
früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm
aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem
Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So:

»Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft.
Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen,
die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen
Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute,
ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen -- ich
sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten
knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine
Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau
durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte
anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern,
sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort,
daß sie beisammen bleiben müßten. Stets.

Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name -- aber
er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er
Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern
gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besaß früher eine volle Brust, ich
sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen
gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup
hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.

Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig
gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe
weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht,
kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs
geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.

Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu
ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas
aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder
zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den
Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.

Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der
über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die
eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu
vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen
Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten
Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren
. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten,
Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es
unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke
laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde
Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort
zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten,
man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten
vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er
nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung
verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln.
Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort »verlobt«. Und mit einem Male
stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren
würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen
den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die
Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.

Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann
auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse
für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die
anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in
kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht,
ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen.

In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise
entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und
legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß
war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade
bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um
freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück
blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren
seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem
Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines
Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste
bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber
trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben
könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde
würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden.
Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf
das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er
vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in
die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup
flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem
Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des
Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte
sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen.
Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie
erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung
zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht
mehr.

Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten,
die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn
haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der
Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf
Stunden schon auszuhalten.

Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich
fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn
in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er
den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach
der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter
ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen,
packte und einzog. Nie hielt der Zug.

Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem
Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen -- langsam
fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker
als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das
wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er
löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände,
nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er
unmöglich mehr abstürzen und schlief ein.

Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck,
als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig
aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit
den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch
die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch
länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen
aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß
Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste
Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger
einigermaßen wieder bewegen konnte.

Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den
Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben
war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben,
tagelang erdrosselt hatte -- und den wir schier verhungert an den Hügeln
fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden
im Fahren gewechselt.

Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen
folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er.

Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im
Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen
brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging
er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen
Kautabak aus. Dann erst fiel er um.

Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus
dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht
zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück --
mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern
setzte.

Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die
Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war
verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun
sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter.

Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie
hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt,
war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter
den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer
aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock
trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern.
Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend
wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup
sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup
nicht, als er zu ihr sprach.

Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er
ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie
sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß
er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura
hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt
geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura
gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse.
So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des
Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber
auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura
vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht
ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner
Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die
Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem
er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung
seinen Mut bezweifelt hatte. »Verlobt«, hatte einer gerufen, und Yup sann
so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war,
der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er,
daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn.

Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hände zusammen und sagte
ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird dunkler
und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, -- Yup
Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut
und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich
bin Yup, ich lebe.

Aber sie sah starr gerade aus.

Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er
ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner Papagei schreit,
rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es
merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere
Gegenden.

Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der
Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung.
Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wußte es. Es war damals, als er
nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.« -- -- --

Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren. Es brenne von selbst. Ralf
solle mehr algerischen Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche das
Bowie-Knife da drüben. Danke.

Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so früh. Morgen werde man wund
und schweißig vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde nicht so eng
gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt und zum letztenmal, das Maul
halten. So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln hinaus, bei
Gott, in den Schnee.

Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen da sei -- -- --

Keiner?

Man solle die Tür aufmachen!

Weiter!

Man solle die Tür ganz weit aufmachen!

Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne Land.

Ende







End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid

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Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
[email protected].  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     [email protected]


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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