Der Occultismus des Altertums

By Karl Kiesewetter

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Title: Der Occultismus des Altertums

Author: Karl Kiesewetter

Release Date: July 2, 2013 [EBook #43078]

Language: German


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  Der Occultismus des Altertums
  von
  Karl Kiesewetter.


  Leipzig,
  Verlag von Wilhelm Friedrich.

  Druck von Emil Herrmann senior in Leipzig.




  Der Occultismus des Altertums.




  Von demselben Verfasser erschien in gleichem Verlage:

  Geschichte des neueren Occultismus.
  Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--.

  Geheimwissenschaften.
  Broschiert Mark 16,--, gebunden Mark 18,--.




Inhaltsverzeichnis.


Der Occultismus des Altertums.


I. Buch.

Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.


I. Kapitel.

Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.

Eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit
den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen. -- Die akkadische Magie. -- Religion
der Kuschiten. -- Planetengötter. -- Tammuz. -- Die obersten zwölf Götter.
-- Astralgeister. -- Die obersten Naturgeister der Akkader. -- Sieben
Maskim. -- Die akkadischen Beschwörungen der Maskim. -- Die akkadischen
Krankheitsbeschwörungen. -- Mesmerisierte Bäder. -- Verschiedene Arten von
Talismanen. -- Heilmesmerismus. -- Transplantation der Krankheiten. -- Der
Bildzauber. -- Die Verwünschung. -- Silik-mulu-khi. -- Das Urbild des
Paktes mit dem Teufel. -- Das Intellektualsystem der Akkader. -- Die
akkadische Geisterlehre. -- Lehre von den Feruern.


II. Kapitel.

Das Divinationswesen der Chaldäer.

Die Astrologie. -- Observatorien. -- Die Loswahrsagung. -- Belomantie. --
Die Beobachtung des Vogelflugs. -- Wahrsagung aus den Eingeweiden der
Opfertiere. -- Traumdeutung. -- Die wahrsagerische Beobachtung der Wolken
und atmosphärischen Erscheinungen. -- Die Fulguration. -- Wahrsagerei aus
Erdbeben. -- Phyllomantie, Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der
Bäume. -- Die Schlange als wahrsagendes Tier. -- Baalzebub, Baalfliege,
Herr der Fliege. -- Träume von Feuer und Flammen. -- Incubation. --
Nekromantie.


II. Buch.

Der Occultismus der Meder und Perser.


Erste Abteilung.

Der medische Magismus.

Das System des Magismus. -- Kambyses in Ägypten. -- Feier des Magiermords.
-- Geist des ursprünglichen Mazdeismus. -- Der siebenstöckige Thurm zu
Borsippa. -- Der babylonische Gestirn- und Planetendienst. -- Die Trias. --
Die drei Weltzonen. -- Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ und Angrômainyus. -- Der
Brauch der Menschenopfer. -- Die turanischen Ureinwohner Mediens. -- Die
Wurzel aller Schlangen- und Teufelskulte. -- Directe Nachkommen der alten
Angrômainyusverehrer. -- Yezidis oder Teufelsanbeter.


Zweite Abteilung.

Der Zoroastrismus.


I. Kapitel.

Das Leben Zoroasters.

Sohn des Poraschasp und der Dogdo. -- Zendavesta. -- Amschaspands. -- Die
vier Elemente des Menschenkörpers. -- Parsismus. -- Gustaspes. -- Die
mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des forcierten
Pflanzenwachstums. -- Spuren der Physiognomik. -- Das Darunopfer mit Wein,
Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. -- Sein Körper, aller Verwundung
unfähig. -- Der Brahmine Tschengregatscha. -- Ardjaspes. -- Iran. --
Gründung des Cypressendienstes.


Dritte Abteilung.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des
Zoroastrismus.


I. Kapitel.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.

Der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazdâ und Angrômainyus. --
Zrvâna-akarana. -- Die Feruer aller Wesen. -- Gedanken du Prels
anticipiert. -- Die sieben Amschaspands. -- Bahman. -- Schahriver. --
Sapandomad. -- Chordad. -- Amerdad. -- Die Izeds. -- Die Stufenleiter der
Izeds. -- Mithra. -- Korschid. -- Aban. -- Ader. -- Anahid. -- Amiran. --
Ard. -- Arduisur. -- Aschtad. -- Asman. -- Barzo. -- Behram. -- Dahman. --
Din. -- Farvardin. -- Gosch. -- Goschorun. -- Mah. -- Mansrespand. --
Neriosengh. -- Pavand. -- Rameschne-kharan. -- Raschne-rast. -- Serosch. --
Taschter. -- Vad. -- Venant. -- Zemiad. -- Der Urvater der Menschheit. --
Die sieben Erzdews. -- Kampf der guten und bösen Geister. -- Der Tod. --
Die Auferstehung der Toten.


II. Kapitel.

Der zoroastrische Kultus.

Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie. -- Zoroaster gebietet unähnlich
dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine
Abtötung des Leibes. -- Das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser
Zahre, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum,
aus welchem der Lebenssaft, das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt. --
Die Zauberer als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus
betrachet. -- Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung. -- Die
allgemeine Harmonie alles Lebendigen. -- Gemeinde der Lebendigen. -- Körper
des Urworts. -- Das Wort, das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden
sind, was sie sind. -- Es ist eins mit der Lebenskraft und dem göttlichen
Wesen. -- Das erste Gesetz. -- Das Werk der Finsternis. -- Erhaltung der
Reinheit der Seele. -- Feuerdienst. -- Die Reinigungen. -- Das Wasser. --
Das Fasten.


III. Kapitel.

Auszug aus dem Bun-Dehesch, der parsistischen Kosmogonie.

Ahuramazdâ und Angrômainyus. -- Die beiden Urprinzipien. -- Die Fixsterne
der Sichtbarkeit. -- Meschgah. -- Kaiomorts. -- Sieben Fixsterne als
Wächter. -- Schöpfung des Wassers. -- Der Urstier. -- Der Hund Sura. --
Meschia und Meschiane. -- Von der Zeugung. -- Eine Art mystischer Zoologie.
-- Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber. --
Sostosch. -- Vom sublunarischen Himmel. -- Ewige Dauer.


IV. Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.

Aphorismen. -- Oneirokritik des Astrampsychus. -- Kommentar des Psellos. --
Plethon. -- Incarnationen. -- Das Bild von den Ausklopfern der Seele. --
Paradies. -- Der Astralkörper. -- Hefe der Seele.


III. Buch.

Der Occultismus der Inder.

Veden. -- Rigveda. -- Yayurveda. -- Samaveda. -- Artharvaveda. --
Sabäismus. -- Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa. -- Brahma. -- Der
vergeistigte Mazdeismus. -- Das Gesetzbuch des Manu. -- Die kosmogonischen
Philosopheme. -- Äther (+âkâsa+). -- Reincarnationen. -- Die Weltendauer.
-- Pessimismus der indischen Religionsphilosophie. -- Drei Dimensionen des
Raumes. -- Tamas. -- Maya. -- Satya. -- Sankhyaphilosophie. -- Echtheit der
Theosophie. -- Yogi. -- Autohypnose. -- Somatrank. -- Atma. -- Traumschlaf.
-- Ekstase. -- Das Manas. -- Indische Astrologie. -- Die Siebenzahl. -- Die
Wochentage. -- Tierkreis. -- Die Entstehung des Tierkreises. -- Harmonie
des Makrokosmos mit dem Mikrokosmus. -- Die eigentliche Astronomie. -- Der
Brahmane und später portugiesische Abbé Faria. -- Schaustellungen der
Bokte-Lamas. -- Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen. -- Der
französische Gesandte Gobineau. -- Zauberei in Camerun. -- Oberstlieutenant
T. G. Frazer. -- Die wandelnden Krüge. -- Die Fakire Jacolliots. --
Covindasamy.


IV. Buch.

Der Occultismus der Ägypter.


I. Kapitel.

Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.

Jamblichus. -- Die ägyptischen Priester. -- Porphyrius. -- Die Hofzauberer
Pharaos. -- Die Heilgottheiten der Ägypter. -- Isis. -- Horus. -- Apis. --
Phtha, das Bild des unendlichen Geistes.


II. Kapitel.

Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.

Bentrosch-Stele nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth. -- Chonsu
Heilgott. -- Der ägyptische Hypnotiseur. -- Die +sa+-Striche. --
Festmachen. -- Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus.


III. Kapitel.

Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.

Hermes Trismegistos. -- Die hermetische Litteratur. -- Heilkräfte gegen
Hautkrankheiten und Epilepsie, gegen Augenkrankheiten, Zahnleiden,
Ohrenleiden, Nasenleiden, für die Kehle, für den Magen, für die Gedärme,
für die Blase, für die Geschlechtsteile, für die Gebärmutter, für die
Nieren. -- Humoralpathologie. -- Der Grundsatz: +similia similibus+. --
Homöopathie. -- Impfung und Serumtherapie. -- Ebn Esras.


IV. Kapitel.

Die Seelenlehre der alten Ägypter.

Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen. --
Totengericht. -- Wägung des Herzens. -- Das Zwischenreich. -- Die Unterwelt
Amenti. -- Paradies. -- Papyrus, Totenbuch. -- Der Mensch als Monade in
einer Siebenteilung. -- 92. Kapitel des Totenbuches. -- Tetragramme oder
magische Quadrate.


V. Buch.

Der Occultismus der Hebräer.


I. Kapitel.

Die schwarze Magie der Hebräer.

Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde. --
Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmäen. -- Pflanzlicher Nephesch
(Astralleib). -- Gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus. -- Mit Hilfe der
Elementarwesen ausgeführte Magie. -- Der Sohar. -- Das magische Schauen. --
Monen. -- Astrologie der Tagewählerei. -- Nichusch, wahrsagende Deutung der
Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge. -- Doresch ha Methim, ein
Befragen der Toten. -- Der Kischuph. -- Beschwörung der Satanim. -- Habal
de Garmin. -- Schädigende Willensmagie.


Zweite Abteilung.

Die Kabbala.


I. Kapitel.

Das Alter der Kabbala.

Joseph ben Akiba. -- Simon ben Jochai. -- Gemara. -- Mischna. -- Rabbi
Zera. -- Die mysteriöse und heilige Lehre der Merkaba. -- Das
Tetragrammaton. -- Maimonides. -- Geheimlehre über die Schöpfung und die
Natur der Gottheit. -- Kultus des Buchstabens. -- Kabbalisten im Gegensatz
zu den Essäern. -- Die Adepten der Kabbala.


II. Kapitel.

Die kabbalistischen Bücher. -- Die Authenticität des Sepher Jezirah.

Überlieferung des Talmud. -- Die Darstellungsweise des Jezirah. --
Autorität des Moses Botril. -- Rabbi Akiba. -- Der Verfasser des Buches der
Schöpfung.


III. Kapitel.

Die Authenticität des Sohar.

Rabbi Moses ben Nachman. -- Rabbi Ascher. -- Rabbi Gedalia. -- Jehuda ben
Gerim. -- Simon ben Jochai. -- Der Verfasser des Sohar. -- Moses von Leon.
-- Die Emanationslehre, Grundlehre des ganzen im Sohar entwickelten
Systems. -- Hieronymus, von den zehn mystischen Namen. -- Die Stephiroth.
-- Die Kette der Tradition. -- Supplement des Sohar. -- Die kabbalistischen
Lehren durch mündliche Tradition überliefert. -- Das System des Simon ben
Jochai. -- Das Copernikanische System. -- Der heilige Augustin über
denselben Gegenstand.


IV. Kapitel.

Die Lehren der kabbalistischen Bücher. -- Analyse des Sepher Jezirah.

Das Buch Jezirah. -- Die zweiunddreißig wunderbaren Wege der Weisheit. --
Die zehn Sephiroth. -- Die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen
Alphabets. -- Das letzte Wort des kabbalistischen Systems. --
Transformation des Symbols zur Idee.


V. Kapitel.

Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten.

Die Kabbalisten schoben auf eine den Profanen unbekannte Weise in
mysteriösem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten eine
geheime Bedeutung unter. -- Origenes, +Homil 7 in Levit.+


VI. Kapitel.

Die Anschauungen der Kabbalisten über die göttliche Natur.

Das Buch des Geheimnisses. -- Dreizehntausend Myriaden Welten. -- Der Name
des Unendlichen En Soph. -- Die göttlichen Attribute. -- Idra Suta. -- Der
höchste Gedanke oder das Wort. -- Besondere Rolle der einzelnen Sephiroth
und ihre Gruppierung nach Trinitäten und Personen. -- Hegel. -- Die
Personen dieser Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut
notwendige Phasen des Denkens und Seins. -- Mit der Hegelschen Philosophie
vergleichbar, eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas. -- Die drei
ersten Sephiroth. -- Die Sephiroth bilden in ihrer Gesamtheit den
himmlischen oder idealen Menschen. -- Absolute Identität der Existenz und
des Gedankens. -- Schechinah. -- Die immanente Kraft der Dinge. -- Das Buch
der Geheimnisse. -- Die Könige von Edom, die Welten, welche bestanden, noch
ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der
Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer größten Reinheit zu dienen.
-- Von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen. -- Die
Metempsychose. -- Die Dämonen. -- Hüllen.


VII. Kapitel.

Die Weltanschauung der Kabbalisten.

Kommentatoren des Sepher Jezirah. -- Das Dogma von der Schöpfung. -- +Ex
nihilo nihil.+ -- Der Erzengel des Bösen. -- Samael. -- Die Kabbalisten
über die Physiognomik. -- Die vier Gestalten des mystischen Wagens des
Hesekiel. -- Von der himmlischen und der höllischen Hierarchie. -- Der
Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der
Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael), und der berühmte Raziel,
welcher mit eifersüchtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen
Weisheit bewacht. -- Der Engel des Feuers Nuriel, der des Lichts Uriel. --
Die Absicht dieser Allegorien. -- Die große Hure oder die Meisterin der
Ausschweifungen Lilith. -- Die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige
Ergänzung ihrer Metaphysik.


VIII. Kapitel.

Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.

Drei Principien oder vielmehr drei Grade der menschlichen Existenz. -- Das
individuelle Princip. -- Von den Androgynen Platos. -- Dogma der
Präexistenz. -- Die Lehre von der moralischen Prädestination. -- Diejenigen
welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom
Heiligen zu entfernen. -- Probe der Seelenwanderung (Gilgul). -- Die
Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit. -- Palast der Liebe. -- Küsse
der Liebe. -- Das Dogma vom Sündenfall.


Anhang.

Blüten vom Baume der Kabbala.

Grundstoff (Huli) der Welt. -- Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth, Fol. 46. --
Massel (Genius, transcendentales Subject). -- Nischmath Chajim, Fol. 101.
-- Nephesch. -- Machschaba (Imagination). -- Mairecheth Aeloluth, Fol. 41,
63. -- Der Ruach der Tiere. -- Der umkreisende Äther. -- Gedanken des
Herzens wirken auf den Äther ein. -- Esarah Maimeroth, Fol. 49.


VI. Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.


I. Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.

Berührung des Occultismus mit der Philosophie. -- Thales von Milet. --
Seine Lehre vom flüssigen Urstoff. -- Hylozoimus. -- Aussprüche des Thales.
-- Anaximander. -- Der gasförmige Urzustand. -- Nebularhypothese. --
Entstehen und Vergehen der Welten. -- Anaximenes. -- Bedeutung der
Verdünnung und Verdichtung. -- Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia. --
Kreisbewegung. -- Heraclit der Dunkle. -- Sein ist Werden. -- Lehre von den
Weltperioden. -- Das große Jahr. -- Beziehungen zu Zoroaster.


II. Kapitel.

Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.

Geschichte seines Lebens. -- Geheimbund. -- Die einfachsten
Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie. -- Zahlenmystische
Spielereien. -- Theologie der alten Pythagoräer. -- Die kosmologischen
Einsichten. -- Harmonie der Sphären. -- Metempsychose, richtiger
Metemsomatose. -- Palingenesie. -- Sexuelle Enthaltsamkeit. -- Genuß der
Bohnen.


III. Kapitel.

Die Eleaten.

Xenophanes. -- Skepsis. -- Reiner Monotheismus. -- Parmenides. -- Vorläufer
der Naturphilosophie des Telesius. -- Warmes und Kaltes. -- Zeno, der
Eleat. -- Einheit des Seins. -- Wesen von Raum und Zeit. -- Wirklichkeit
und Erscheinung. -- Gesetz der bestimmten Anzahl. -- Rangordnung der
Realitäten.


IV. Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften. -- Medizin-Mann.
-- Hypnotische Technik. -- Goëtie. -- Charlatanerie. -- Kreislauf des
Stoffwechsels. -- Attraktionskraft und Repulsionskraft. -- Liebe und Haß.
-- Darwinistische Theorie. -- Antizipation der Lehre von der indirekten
Auslese. -- Seelenwanderungslehre. -- Vegetarismus. -- Pherekydes. --
Sehertum. -- Theogonie. -- Epimenides von Kreta. -- Jatromanten. -- Nona.
-- Epidemische Geisteskrankheit. -- Reinigungsceremonien. --
Orpheotelesten. -- Das Wunder suggestiver Massenheilung.


V. Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.

Bacchische und cerealische. -- Kreta. -- Soziale Nebentendenz. -- Die
bacchischen Mysterien. -- Ahnung der göttlichen Einheit. -- Geheimkult
indischen Ursprungs. -- Dionysos. -- Zagreus. -- Die Siebenzahl. --
Weltökonomie. -- Spiegelbecher. -- Phallus. -- Lingam und Yoni. -- Die Welt
des Scheins. -- Becher der Reinigung oder Wiedergeburt. -- Spekulative
Analyse der indischen Ideen. -- Die schaffende Gottheit Welt-Lingam. -- Die
cerealischen Mysterien. -- Die Eleusinien. -- Erntefeste. -- Die sog.
kleinen Mysterien. -- Erkennungszeichen. -- Die letzte Weihe, +epopteia+.
-- Selbstschau. -- +Conx ompax.+ -- Spiritismus. -- Unsterblichkeit. --
Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter. -- Spekulative Analyse des
Inhalts der eleusinischen Lehre. -- Die Toten sind Demetrier. -- Die
Thesmophorien. -- Der Ackerbau als das fruchtbarste Prinzip der Humanität.
-- Mysterium der Ehe. -- Natürlich geschlechtliche Basis der Ehe. --
Neuntägige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr. -- Sthenien. -- Die
Orgie in Halimus. -- Schamlose Seite altheidnischer Feste. -- +Kteis.+ --
Orgiasmus. -- Die samothrakischen Mysterien. -- Todesfeier des Dionysios.
-- Orphiker. -- Heilige Sage.


VI. Kapitel.

Anaxagoras.

+Nus+, Verstand. -- Homöomerien.


VII. Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.

Leucippos. -- Demokrit. -- Atomverbindungen. -- Quantitative Beziehungen.
-- Primäre und sekundäre Eigenschaften. -- Besonderer Seelenstoff. --
Sophistik.


VIII. Kapitel.

Sokrates und sein Dämonium.

Problem des sog. Genius. -- Glauben an die Orakel. -- Dämonion. -- Vulgäre
Psychologie. -- Unbegreiflichkeit des Phämomens. -- Dühring. -- Dramatische
Spaltung des Ich. -- Du Prels Mystik der alten Griechen.


IX. Kapitel.

Platon.

Platon der Vater des Idealismus. -- Traum des Sokrates. -- Große Reise nach
Cyrene und nach Ägypten. -- Syrakus. -- Dionysios. -- Dion. -- Unverletzte
Virginität. -- Platos Lehre. -- Der Theätet, der Sophist und der
Politikos. -- Parmenides. -- Ideenlehre. -- Bedeutung der platonischen
Ideen. -- Lotze in seiner Metaphysik. -- Verhältnis der Ideenwelt zur
Gottheit. -- Phädrus, Philebus, die Republik und der Dialog von den
Gesetzen. -- Unsterblichkeit der Seele. -- Phaedon, der Staat, Phaedrus,
Timaeus und das Gastmahl. -- Der intelligible Charakter. -- Ästhetische
Mystik.


X. Kapitel.

Aristoteles.

Universal-Gelehrter. -- Scholastik. -- Überschätzung. -- Exoterische und
esoterische Schriften. -- Form und Stoff. -- Dualismus. -- Seelenlehre. --
Entelechie. -- Persönliche Substanz. -- Der thätige Intellekt. -- Der
leidentliche Intellekt. -- Rationalistische Theorie der Träume.


VII. Buch.

Der Occultismus der alten Römer.


I. Kapitel.

Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.

Die Verhüllten.


II. Kapitel.

Die Religion der Römer.

Die Religion im Dienste des Staates. -- R. v. Ihering. -- Machiavellismus
der Römer. -- +Ver sacrum.+ -- Jupiter. -- Mars. -- Quirinus. -- Juno. --
Die Matronalien. -- +Ficus Ruminalis.+ -- Nebenbedeutung allerintimster
Natur. -- Lupercus. -- Lupera. -- Innuus. -- Unfruchtbarkeit. --
+Februare.+ -- Rock der Juno. -- Subigus. -- Prema. -- Pertunda. --
Perfica. -- Fluonia. -- Lucina. -- Befriedigung des Geschlechtstriebes. --
Janus. -- Saturn. -- Das goldene Zeitalter. -- Ceres, Liber und Libera. --
+Fascinum+ = Phallus. -- Flora. -- Euhemeristische Mythologie. -- Die
Freudenmädchen. -- Die römische Venus. -- Volupia, die eigentliche Göttin
der Wollust. -- Angeronia. -- Cloacina. -- Minerva. -- Vulcan. -- Faunus.
-- Ficarii und Incubi. -- Fatua. -- Pales. -- Priapus. -- Anna Perenna. --
Acca Laurentia. -- Die Apotheose eines Freudenmädchens. -- Die
geschlechtliche Sinnlichkeit des Römers. -- Volksmetaphysik.


III. Kapitel.

Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.

Eine sozial sehr zweckmäßige Eigenschaft. -- Genien, Laren oder Manen und
Lemuren. -- Manen. -- Totenfest. -- Aller-Seelenfeier. -- Larenopfer. --
Venus Libitina. -- Beziehung der Demeter zum Tode und zur Zeugung.


IV. Kapitel.

Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.

Cicero in seiner Schrift über die Weissagung. -- Ausführung des
Naturforschers Plinius.


V. Kapitel.

Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.

Werfen der Loose. -- Orakel. -- Tibur. -- Somnambule Zustände. -- Orakel zu
Tumae. -- Sibylle. -- Neun Bücher Weissagungen. -- Die sog. sibyllinischen
Bücher. -- Eine sibyllinische Weissagung.


VI. Kapitel.

Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.

+Augurium.+ -- Auguren. -- Der Glaube der alten Römer an die Unfehlbarkeit
der Auspicien. -- Geheimwissenschaft. -- Verfahren. -- Flug der Vögel. --
Fressen der heiligen Hühner. -- Cicero über die Auspicien. -- Opferschauer.
-- +Haruspicium.+ -- Ein Wort Hannibals. -- Beobachtung der Blitze. --
Jupiter, Elicius. -- Wettermagie.


VIII. Buch.

Der Occultimus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker.

Vorbemerkung.


Erste Abteilung.

Die Alexandriner.


I. Philo von Alexandria


I. Kapitel.

Philos Leben und Lehrweise.

Alexandria. -- Bibliothek. -- Philos Leben. -- Versuche, das alte Testament
esoterisch zu deuten. -- Die mystische Reise nach Haran. -- Ekstase der
indischen Sonnen- und Mondkinder. -- Der Logos.


II. Kapitel.

Philos Mystik.

Sekte der Essäer durch buddhistische Missionäre gestiftet. -- Sündenfall.
-- Askese oder Unterricht. -- Heraustreten aus dem eigenen Ich.


III. Kapitel.

Die Elemente der Gnosis bei Philo.

Theosophie Philos. -- Die doppelte Erkenntnis.


II. Die Therapeuten und Essäer.

Josephus. -- Ihre Gütergemeinschaft.


Zweite Abteilung.

Die Neupythagoräer.

Apollonius von Tyana.

Parallele Christi. -- Zweifel an der Existenz des Apollonius. -- Eduard
Baltzer. -- Apollonius, ein entschiedener Spiritist. -- Julia Domna. --
Philostratus von Lemnos. -- Mysterien des Aeskulapdienstes. --
Schweigezeit. -- Die indischen Brahmanen. -- Ereignisse im Leben des
Apollonius. -- Parallele aus der Autobiographie des Bürgermeisters Barth.
Sastrow zu Stralsund. -- Gymnosophisten.


Dritte Abteilung.

Die Neuplatoniker.


I. Kapitel.

Plotinos.

Plutarch. -- L. Apulejus. -- Ammonios Sakkas. -- Longinos. -- Porphyrius.
-- Die Verstandeswelt, das Muster der Sinnenwelt. -- Das Geisterreich. --
Die Einkörperung der Seele. -- Zwei Wege, zum Schauen des Einen, Ersten und
Höchsten.


II. Kapitel.

Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.

Vereinigung mit Gott. -- Vehikel der Seele. -- Dämonologie. -- Mantik. --
Jamblichus. -- Materialisation. -- Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+. --
Annahme eines Astralleibes. -- Prachtstück der theurgischen Weisheit. --
Proklus. -- Sosipatra.


III. Kapitel.

Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. --
Die letzten Neuplatoniker.

Vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche. -- Hierokles. -- Erkenntnis
der Doppelnatur des Menschen. -- Die mystische Reinigung.


IV. Kapitel.

Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Hypatia. -- Cyrenaica oder Pentapolis. -- Messias-Putsch. -- Synesios in
Konstantinopel. -- Schrift »Die Ägypter, oder über die Vorsehung«. --
Bischofswürde. -- Die Schrift über die Träume.


V. Kapitel.

Die Gnostiker und Manichäer.


IX. Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.


Erste Abteilung.

Die Kelten.


I. Kapitel.

Die Druiden.

Das Religionssystem der Kelten. -- Pentalpha. -- Geheimlehre. -- Die auf
Eichen wachsende Mistel. -- Triaden. -- Oberdruide.


II. Kapitel.

Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.

Menschenopfer. -- +Teutates.+ -- Seelenführer. -- +Esus+ oder +Hesus+. --
Die Insel Mona. -- Hu gadarn. -- Die Gotteinheit der britischen Kelten. --
Mysterien vom Tode des Hu. -- Ceridwen. -- Tetragrammaton. -- Lehrgebäude
des Kesselordens.


Zweite Abteilung.

Der Occultismus der Germanen.

Entwickelungsgeschichte der germanischen Mythologie.


I. Kapitel.

Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.

Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips. -- Der Mythus vom Weltbaum.


II. Kapitel.

Der Götterhimmel der Germanen.

Die Edda. -- Odin. -- Odin-Wodan. -- Das Gespensterheer. -- Die Erzählung
der Edda vom Dichtertrank. -- Der runenkundige Gott. -- Lehre vom
Doppel-Ich. -- Thor und Loki. -- Balder. -- Hödur. -- Deutung dieses
Mythus. -- Frigg. -- Iduna.


III. Kapitel.

Götterdämmerung und Wiedergeburt.

Ragnarök. -- Weltuntergang. -- Esoterische Idee der Wiedergeburt.


X. Buch.

Der Occultismus der barbarischen Völker.

Skythen. -- Toxaris und Anacharsis. -- Massageten. -- Geten. -- Zamolxis.
-- Hyperboräer. -- Abaois. -- Taurer.




Vorwort.


Am zweiten Ostertage v. J. (1895) starb _Karl Kiesewetter_, einer der
eifrigsten Forscher auf dem Gebiete des »Wunderbaren und Geheimnisvollen«,
der Verfasser der »_Geschichte des neueren Occultismus_«, der
»_Geheimwissenschaften_« und des ersten Halbbandes _dieses Buches_ über den
»_Occultismus des Altertums_«. Ein plötzlicher Tod entriß ihn im besten
Mannesalter seinem eigenartigen Studiengebiete, auf dem er augenscheinlich
eine erstaunliche Belesenheit und Quellenkunde besaß.

_Die Verlagshandlung wandte sich nun an mich, mit dem Antrage, die
Herstellung des zweiten Halbbandes dieses Buches unter Benutzung des
Kiesewetterschen handschriftlichen Nachlasses zu übernehmen_ und zwar genau
nach der bereits von Kiesewetter festgestellten Disposition. Die Einsicht
des handschriftlichen Nachlasses ergab, daß der Verstorbene nur das achte
Buch seiner Disposition, den Abschnitt über die _Alexandriner_,
_Neupythagoräer_ und _Neuplatoniker_ ausgearbeitet hatte.

Der wohlwollende Leser möge die ganze von mir gelieferte Arbeit nicht etwa
als ein Werk auffassen, das mit wissenschaftlicher Prätension sich etwaigen
ähnlichen Forschungen über »vergleichende Religionswissenschaft« zur Seite
stellen möchte, sondern als das Ergebnis dilettantischer Nebenstunden, als
eine dem gebildeten Dilettanten selber, der über keine Zeit und keine
genügende Ausdauer verfügt, aus dem Staube der Bibliotheken und dem Studium
schwerfällig gelehrter Originalwerke das ihn Interessierende selber
herauszusuchen, gewidmete Skizze eklektischer Streifzüge ins Gebiet der
Mystik.

                     +Dixi et salvavi animam meam.+

_Jena_, im Februar 1896.

                                                        L. Kuhlenbeck.




Erstes Buch.

Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.

Erstes Kapitel.

Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.


Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewußte Menschheit, und
selbst wo uns die Hieroglyphen Ägyptens im Stich lassen, führt uns die
Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit
des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, daß zum allermindesten
tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in
seinem _Kern_ derselbe war wie heute. Natürlich wechselten mit den
verschiedenen Staatsreligionen seine _Formen_, und wir haben deshalb den
stets gleichen _esoterischen Kern_ unter den wechselnden Hüllen der
_Dogmen_ nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und
Ausreifung.

Vor noch nicht einem Menschenalter -- im Jahre 1866 -- veröffentlichten die
englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der
+Cuneiform Inscriptions of Western Asia+ eine aus der Bibliothek des
Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28
Zaubersprüchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: »von der Existenz einer so
künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern zeugt, wie sie
sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer
vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen
Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren
Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften
scharf präcisiert sind.«

Außerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwärtig im +British
Museum+ aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von
zweihundert Tafeln, welches für Chaldäa wohl das Gleiche war, was die alten
Inder in ihrem Atharva-Veda besaßen, nämlich eine Sammlung aller Formeln,
Beschwörungen und Hymnen der chaldäischen Magier, von denen die
Schriftsteller des Altertums berichten.

Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen
Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefaßt, welche von den
vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldäas, den Akkadern, gesprochen wurde.
Assurbanhabal ließ dieselben im siebenten Jahrhundert v. Chr. für seine
Palastbibliothek mit der überlieferten assyrischen Interlinearversion
abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wären, weil
damals die akkadische schon über tausend Jahre eine tote Sprache war.

Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ältern im Laufe der Zeit
zusammengestellten Überlieferungen besteht, führt in eine altersgraue Zeit
hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und
tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des göttlichen
Wesens bestand.

Die akkadische Magie beruhte auf einem vollständigen wohlgegliederten
mythologischen System, welches in seinen Ursprüngen über das dritte
Jahrtausend vor Christus zurückreicht. In diesem Jahrtausend wanderten
vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chaldäa Kuschiten
ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmählich in den
Hintergrund drängten. In Babylonien wie in Chaldäa bildeten sich
verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 König Sargon eine
einheitliche Staatsreligion einführte, die in Chaldäa und Babylonien wie
später auch in Assyrien galt.

Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und
phönicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele
akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders
des Großen reichende Periode der »Chaldäer«. Allerdings nahmen in dieser
Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dämonenlehre und ihren
Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine
niedere Kaste von Zauberpriestern, welche durch ihre Beschwörungen
Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dämonen zu vertreiben, widrige
elementarische Einflüsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste
Priesterkaste waren die Chaldäer, welche -- wie die persisch-medischen
Magier -- sich nur mit Astronomie und Astrologie befaßten.

Da bei den genannten Völkern Kultus und Occultismus auf das engste
verbunden sind, müssen wir zunächst zu einer Darstellung ihrer
Religionslehren übergehen.

Nach chaldäisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als
Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. +Tiamat+, +Apsu+ und
+Mummu+ -- %Thayath%, %Apasôn% und %Môumis% des Berosus) geboren. Jedoch
werden diese mystischen Gottheiten im öffentlichen Kultus nicht verehrt,
sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der männlichen
Gottheiten, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen
Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist
+Anu+ (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der Älteste der Götter, der
Vater der Götter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels
und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte,
und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt +Ea+, die das All
durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende göttliche Weisheit,
der über dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist
+Bel+ (akkad. +Mul-ge+), der Gebieter und die Personifikation der
geordneten Schöpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der
geordneten Bewegung der Himmelskörper.

Diese drei Personen der obersten göttlichen Trias sind in ihrem Wesen
gleich und gleich mächtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu
stehen; +Anu+ ist stets der Vater des +Ea+, aber bald der Vater und bald
der Bruder des +Bel+.

Dieser obersten männlichen Trias steht eine weibliche gegenüber, +Anat+
(akkad. +Anu+), +Belit+ (akkad. +Ningelal+) und +Davkina+, welche man sich
als der weibliche Ausdruck und Form der männlichen Trias dachte. Diese
Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen
die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehörigen Mythen
der klassischen Völker.

Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldäern auch auf die
Planetengötter übertragen, wie es denn von der Venus (+Dilbat+) heißt:

    »Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich
        bei Sonnenaufgang;
    Der männliche Stern ist der Venusstern; er ist männlich
        bei Sonnenuntergang.«

Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, möge man daraus ersehen, daß
in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt,
welcher -- am Morgenhimmel sichtbar -- weiblich und am Abendhimmel männlich
ist.

Die höchste Planetengottheit ist die Sonne, +Samas+, dessen weibliche
Potenz +Gula+ hieß; ihr folgte der Mondgott +Sin+, dessen weibliches
Prinzip im Akkadischen +Nin-gelal+ hieß; der assyrische Name ist noch nicht
mit Sicherheit entziffert.

Diesen höchsten Planetengöttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: +Adar+
(Saturn), +Maruduk+ (Jupiter), +Nergal+ (Mars), +Istar+ (Venus), +Nebo+
(Mercur); akkadisch: +Nin-dara+, +Amar-utuki+, +Nirgal+, +Sukus+ und +Ak+.
Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten +Istar+,
deren geheimnisvoller Gatte +Dumuzu+ heißt, ausgesprochene weibliche
Prinzipe gegenüber. So dem Adar: die +Belit+, dem Maruduk die +Zarpanit+,
dem Nergal die +Laz+, und endlich dem Nebo die +Tasmit+.

Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so
nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und
machte aus Nebo gar zwei Persönlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften
und Künste, und +Nuzku+, den Diener und Boten des Bel. -- Wir sehen also
hier schon völlig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des
Mercur vorgebildet.

Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner
Jugendblüte entrissen und veranlaßte ihre Wanderung in das »Land ohne
Heimkehr«, das Totenreich, wodurch er Anlaß zur Dichtung des ältesten Epos
der Menschheit, die »Höllenfahrt der Istar«, gab. Da nun Dumuzu die Sonne
ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen
Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund.

Die Planetengötter bilden die auf die höchste Trias folgende oberste
Götterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwölf
Monate und zwölf Zeichen des Tierkreises.

Auf Denkmälern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem
Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwölf Götter
folgendermaßen genannt:

  »1. _Anu_, der König der himmlischen und irdischen Erzengel, König der
    Welt.
  2. _Bel_, Vater der Götter, Schöpfer.
  3. _Ea_, König des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und
    Erkenntniß.
  4. _Sin_, Herr der Kronen, zum höchsten Glanz erkoren.
  5. _Bin_, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanäle.
  6. _Samas_, Richter des Himmels und der Erde.
  7. _Maruduk_, gerechter Fürst der Götter, Herr der Geburt.
  8. _Adar-Samdar_, der Mächtige, Krieger unter den kriegerischen Göttern,
    Vernichter des Bösen.
  9. _Nergal_, der Edelmüthige, König der Schlachten.
  10. _Nebo_, Träger des höchsten Scepters.
  11. _Belit_, Gattin des Bel und Mutter der höchsten Götter.
  12. _Istar_, die Älteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der
    Krieger mit Glanz erfüllt.«

Anderswo[3] heißen die zwölf Monate des Jahres mit ihren Göttern:

  1. _Nisannu_, Anu und Bel.
  2. _Airu_, Ea, Gebieter der Menschheit.
  3. _Sivanu_, Sin, Erstgeborener des Bel.
  4. _Duzu_, Adar, der Krieger.
  5. _Abu_, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida).
  6. _Ululu_, Istar, Herrin der Schlachten.
  7. _Tasritu_, Samas, der Herr der Welt.
  8. _Arak-samma_, Maruduk, der große Fürst der Götter.
  9. _Kisilvu_, Nergal, der große Krieger.
  10. _Tebitu_, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat.
  11. _Sabatu_, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde.
  12. _Addaru_, die sieben großen Götter der Planeten.
  13. _Makru-sa-addari_, (Schaltmonat) Assur, Vater der Götter.

Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der
Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chaldäer beginnen
ließen. Der erste jüdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der
Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu,
der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der
Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu,
der Elul dem Ululu und der jüdische Schaltmonat Veadar endlich dem
chaldäischen Makru-sa-addari.

Damit endlich, daß man die Planeten vergöttlichte und sie zu den Herren der
Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der
Astrologie geschaffen.

Eine große Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als
Götter niederen Ranges und Genien (+musedu+) angesehen und nach ihrem Rang
und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Kräfte durch
Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die
astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen
»Geheimwissenschaften« ausführlich handelte.

Diese Astralgeister standen zwischen den Göttern und Menschen und griffen
segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die
vier wichtigsten schützenden Genien waren: der bekannte Flügelstier mit dem
Menschenhaupt, der +sedu+ oder +Kirubu+, akk. +Alad+; der Löwe mit dem
Menschenhaupt, +lamassu+ oder +nirgallu+, akkad. +lamass+; der menschlich
gestaltete +ustur+ und endlich der geierköpfige +nattig+, welcher Hesekiel
bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden
Wesen vorschwebte.

Über diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die +Igigi+,
die Geister des Himmels, und die +Amuna-irsiti+ (akkad. +amuma-ge+), die
Geister der Erde, welche den phönizischen Kabiren entsprechen.

Nach Angabe eines Täfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es außer
der obersten Trias sieben höchste Götter, fünfzig große Götter des Himmels
und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der
Erde.

Es ist natürlich, daß die Annahme eines solchen Götter- und
Dämonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwörungs- und Zauberritus
in die chaldäische Priesterwissenschaft begünstigen mußte, obschon die
alten Akkader keine eigentlichen Götter, sondern nur gute und böse
Naturgeister kannten, welche die Chaldäer später in Götter, Genien und
Dämonen umbildeten.

Lenormant nimmt an, daß diese Jahrhunderte währende Umbildung und der
Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldäischen Priesterschulen zur
Zeit Sargons I. um das Jahr 2000 v. Chr. abgeschlossen wurde.

Die obersten Naturgeister der Akkader sind die +allad+ (assyr. +sedu+),
Genien, und +lamma+ (assyr. +lamassu+), Kolosse, welche jedoch in sehr
unklarer Weise bald als gute und bald als böse Geister aufgefaßt werden.
Besser sind wir über die eigentlichen Dämonen, +utuk+, welches Wort aber
auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet,
unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die +alal+ (assyr. +allu+),
Zerstörer, die +gigim+ (assyr. +e-kimmu+), welcher Name nicht entziffert
ist, die +tellal+ (assyr. +gallu+), Krieger, und endlich die +maskim+
(assyr. +rabisu+), Nachsteller.

Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs
genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dämonen,
welche überall störend und vernichtend in das Naturleben eingreifen;
»sieben böse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dämonen der feurigen
Sphären«.

Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendämonen durch alle Mythologien
ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben »Kurfürsten« der Teufel des
Faustschen Höllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Söhne des +Ana+,
des Gottes und Königs der finstern Welt der Akkader; sie stören die Ordnung
des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie führen gleich
den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch
kurz nach der Schöpfung erbitterte Kämpfe gegen Gott. Sie thronen gleich
den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel
und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben
folgendermaßen mit lebhaften Farben:

    »Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren;
    Die Sieben, sie werden groß im Gebirge des Ostens;
    Sie thronen in den Tiefen der Erde;
    Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Höhe der Erde;
    Sie lagern im unermeßlichen Raum im Himmel und auf Erden.
    Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht;
    Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens;
    Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. --
    -- -- Sieben sind es, sieben sind es:
    Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen, aus dem verborgenen
        Schlupfwinkel.
    Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich,
    Sie breiten sich aus gleich Fesseln.
    Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder;
    Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht.
    Gebet und Flehen erhören sie nicht.
    Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen,
    Feinde des Ea,
    Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Götter.
    Die Landstraße störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder,
    Die Feinde, die Feinde;
    Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie!
    Geist des Himmels, daß sie beschworen seien!
    Geist der Erde, daß sie beschworen seien! -- -- --
    Sie sind der Tag der Trauer, der schädlichen Winde!
    Sie sind der verhängnißvolle Tag, der verheerende Wind, der ihm
        vorausgeht.
    Sie sind die Kinder der Rache, die Söhne der Rache;
    Sie sind die Vorboten der Pest;
    Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5];
    Sie sind die flammende Wettersäule, welche arg hauset auf Erden;
    Sie sind die sieben Götter des unermeßlichen Himmels;
    Sie sind die sieben Götter der unermeßlichen Erde;
    Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären;
    Die sieben Götter, sie sind sieben an der Zahl;
    Sie sind die sieben schädlichen Götter;
    Sie sind die sieben Schreckgeister;
    Sie sind die sieben bösen Flammengespenster,
    Sieben im Himmel, sieben auf der Erde,
    Der böse Dämon, der böse +alal+, der böse +gigim+, der böse +telal+,
        der böse Gott, der böse +maskim+.
    Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!
    Geist der Nin-gelal, der Herrin der Länder, beschwöre sie!
    Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwöre sie!
    Geist der Sukus, Herrin der Länder, die zur Nachtzeit erglänzt,
        beschwöre sie!«

Die akkadischen Beschwörungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch
größere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine
Schilderung der von den Dämonen verursachten Verheerungen bildet die
Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, daß die Klage von dem wohlwollenden
+Silik-mulu-khi+, dem Sohne Ea's, der über den Menschen wacht und zwischen
ihnen und den obern Göttern als Vermittler dient, erhört worden sei. Aber
seine Macht und Weisheit sind nicht derart, daß sie die übermächtigen
Geister, deren Einfluß beschworen werden soll, zu überwinden vermögen.
Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen
Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart
endlich den mysteriösen Ritus, die Zauberformel oder den »_allmächtigen
geheimnißvollen Namen_«, der im Stande ist, alle Anschläge der
furchtbarsten Höllenmächte zu vereiteln.

Es wird also in den akkadischen Beschwörungen von einem allmächtigen,
geheimnisvollen Namen gesprochen, »mittelst dessen Ea im Innern seines
Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt«; dieser Name aber, der alle
höllischen Mächte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in
geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn übermittelt, ähnlich wie die
wahre Aussprache des $YHWH$ bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester.
Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschützung und Heilung
der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere göttliche Wesen, wie
die Höllengöttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren Eigenschaften weniger
bekannt sind, unter Eas Anführung in die Handlung eingreifen und zusammen
mit dem Feuergott zur völligen Unterwerfung und Bindung der Maskim
schreiten.

Noch ist zu bemerken, daß diese soeben besprochenen Dämonen, deren
Thätigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch
Menschen angreifen, deren Mißgeschick sie herbeiführen. Ihre Einwirkung
kann aber auch -- wie die der Teufel des Mittelalters und der
Reformationszeit -- infolge der Bezauberung durch Schwarzkünstler, wovon
weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles
menschlichen Unglücks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.

Wir sehen also in dem akkadischen Beschwörungsritual den ganzen Modus der
mittelalterlichen Teufelsbeschwörungen vorgebildet, und wie dort die Maskim
durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den »allmächtigen,
geheimnißvollen Namen« Eas beschworen werden, so werden hier die sieben
Kur- oder Großfürsten der Hölle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die
geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen.
Ja, der »allmächtige, geheimnißvolle Name« der Akkader erinnert sogar an
die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt
hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert:

    »Verworfenes Wesen,
    Kannst du ihn lesen,
    Den nie entsprossenen,
    _Unausgesprochenen_,
    Durch alle Himmel gegossenen,
    Freventlich durchstochenen?«

Die akkadisch-chaldäischen Planetengötter und Maskim wurden im Parsismus zu
den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dämonen der
Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfürsten und den Fürsten der
Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den
Planetenintelligenzen und Großfürsten der Hölle.

Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dämonen gezählt,
sondern -- wie der keilschriftliche Ausdruck lautet -- als »an sich selbst
böse Geister« angesehen. Namentlich waren dies die Geister heißer und
ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhältnissen
Chaldäas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten
begünstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit läßt die vier
Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein,
und noch Robert Fludd schrieb in seiner +Medicina catholica+ einen
stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller
Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert.

Die Thätigkeit der übrigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dämonen
ist auf die Vorgänge des täglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwörung
sagt hierüber Folgendes:

    »Sie sind der Hölle Ausgeburt,
    Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten.
    Sie sind das Gift in der Galle der Götter, die großen Tage, die vom
        Himmel sich weg stehlen.
    Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen
        Kinder.
    Sie drängen sich rings um hohe Gerüste, um geräumige Gerüste.
    Sie dringen aus einem Hause in das andere,
    Sie werden von den Thüren nicht abgehalten,
    Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten,
    Sie schleichen zwischen den Thüren hindurch wie Schlangen,
    Sie verhindern die Schwängerung des Weibes durch den Gatten[6],
    Sie stehlen die Kinder vom Schooße des Menschen[7],
    Sie vertreiben den Besitzer vom väterlichen Hause,
    Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt.«

Diese Dämonen wohnen in Einöden und Wildnissen[8], von wo aus sie in
bewohnte Ländereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu
schädigen. Sie werden in den Beschwörungen nach ihren Wohnorten
klassifiziert, nach der Wüste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Sümpfen
und dem Meere. Ferner heißt es an einer Stelle, daß der +utuk+ die Wüste
bewohne, der +alad+ sich auf den Berggipfeln aufhalte, der +gigim+ die
Wüste durchstreife und der +telal+ in den Städten umherschleiche.

Von allen bösen Einwirkungen, welche die Dämonen auf die Menschen ausüben,
ist die Besessenheit am meisten gefürchtet, und es giebt zahlreiche Sprüche
und Beschwörungen zur Heilung derselben. So heißt es z. B.:

    »Den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, den Dämon, der sich des
        Menschen bemächtigt,
    Den +gigim+, der das Üble anthut, den bösen Dämon,
    Geist des Himmels, beschwöre ihn! Geist der Erde, beschwöre ihn!«

Wenn die Dämonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum
Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwörung dahin zu wirken, daß nach
Ausfahrt des bösen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In
diesem Sinne sagt eine Beschwörung:

    »Daß der böse Dämon ausfahren möge!
    Daß er sich anderswo niederlasse!
    Daß der holde Dämon, der holde Coloß
    Einfahren möge in seinen Körper!
    Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«

Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dämonen,
woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklärt,
daß es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine
Ärzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den
Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche
wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das ärztliche Verfahren bestand in
Beschwörungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertränken, wodurch
allerdings nicht ausgeschlossen wird, daß man sich bei Anwendung der
letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die
Erfahrung gelehrt hatte.

Die Auffassung, daß die Krankheiten ein Werk feindlicher Dämonen seien,
zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezügliche
Beschwörungen wären wohl kaum zu allen Zeiten geübt worden, wenn sie nicht
zuweilen wirksam gewesen wären. Die so von und bei geeigneten
Persönlichkeiten erzielten Heilungen bestärkten natürlich den Glauben an
die objektive Wahrheit des den Beschwörungen zu Grund liegenden zufällig
herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der »Aufklärung« Veranlassung
gab, das Kind mit dem Bade auszuschütten und mit der falschen Voraussetzung
auch den thatsächlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen
erzielten Heilungen sind ganz einfach als +mind-cures+ zu betrachten, in
denen eine willenskräftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand
entsprechende Beschwörung gläubig erregte Psyche auf eine andere,
schwächere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen
sein.

Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthält die akkadischen
Krankheitsbeschwörungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine
Erklärung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und füllt den
größten Teil der Beschwörung aus, worauf die Wünsche nach Genesung, oder
aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung,
sich zu entfernen, den Schluß bilden. Manchmal erhält die Beschwörung am
Schluß eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog,
in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewünschte Heilmittel
nachzuweisen.

Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z. B. magnetisiertes
Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein
Beispiel für den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine längere
Beschwörung, deren Anfang leider verstümmelt ist. Der Text beginnt mit den
Worten:

    »Die Krankheit der Stirn ist der Hölle entsprungen,
    Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hölle entsprungen.«

Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es
wird von der »anschwellenden Geschwulst« und »beginnender Eiterung« sowie
von der Gewalt des Übels gesprochen, welches »die Wände des Kopfes gleich
denen eines morschen Schiffes zersprengt«. Vergeblich hat der Kranke die
Wirkung der reinigenden Gebräuche versucht; sie vermochten die der Hölle
entstammende Plage nicht zu bemeistern:

    »Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebändigt,
    Er hat sich gereinigt und hat den Büffel nicht ins Joch gespannt.«

Trotzdem läßt das Übel nicht ab, den Kranken »gleich Heuschreckenschwärmen«
zu zernagen; da schreiten endlich die Götter ein, und von jetzt ab lautet
der Text:

    »Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen.
    Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen:
    Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hölle entstiegen.
    Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen:
    Was er dagegen thun soll, das weiß dieser Mann nicht; wie wird er
        dieselbe überwinden?
    Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert:
    Mein Sohn! weshalb weißt du das nicht? Warum soll ichs dich erst
        lehren?
    Was ich weiß, das weißt du doch auch.
    Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi;
    . . . . . . . . . .[10] nimm den Eimer;
    Schöpfe Wasser von der Spiegelfläche des Flusses;
    Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit;
    Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit.
    Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes;
    . . . . . . . . . . umhülle sein Haupt.
    Daß der Irrsinn vergehe!
    Daß die Krankheit seines Hauptes sich auflöse wie ein flüchtiger
        Nachtregen!
    Daß Eas Vorschrift ihn heile!
    Daß Davkina[11] ihn heile!
    Daß Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das günstige Bild
        schaffe!«

Nehmen wir, was hier zulässig ist, an, daß bei den Akkadern, wie bei den
Ägyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten
wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der Beschwörung gleichzeitig
eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches
angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder -- besser gesagt -- die geistige
Heilkraft, nicht stark genug war.

Daß die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bäder kannten, ergiebt
sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]:

    »Fülle ein Gefäß mit Wasser;
    . . . . . . . . . .
    Stelle einen Zweig von der weißen Ceder hinein;
    Übertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt.
    Bekräftige sodann die Bezauberung dieses Wassers;
    Vervollständige den göttlichen Zauber.
    Reiche dieses Wasser dem Menschen;
    Thue, was . . . . . . . . . . sein Haupt.
    Den hinfälligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her!
    . . . . . . . . . . sein Zauberbild.
    Beschwöre diesen Menschen.
    Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf daß
    Ihn alle Folgen der Verwünschung verlassen.
    Gleichzeitig, während dieses Wasser über seinem Körper zerrinnt,
    Möge die Pest, die seinen Körper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser.
    Fange dieses Wasser im Gefäße wieder auf
    Und schütte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstraße,
    Daß die Landstraße die Krankheit, die seine Kräfte verzehrt, entführe!«

Wie allbekannt, werden noch heute Bäder mesmerisiert, indem man mit einem
Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in
gleicher Richtung kreisförmig umrührt, eine Manipulation, welche, wie der
Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer
Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu
einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgießen des Bades auf die
Landstraße ist eine sogenannte »Transplantation der Krankheit in die
Elemente«, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen Kuren
vielfach geübt wird, indem man die mit der kranken »Mumie« angefüllten
»Magnete« -- um die klassisch gewordenen Ausdrücke der Paracelsisten
beizubehalten -- an die Luft oder in den Rauch hängt, vergräbt, verbrennt,
ausschüttet usw.

Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratländern eine
große Rolle und heißt akkadisch +gis-zida+, »der günstige, wohlthätig
wirkende Stab«, oder +gi-namekirru+, »Rohr des Schicksals« und assyrisch
+qan mamiti+, »Rohr des Schicksals« und +qan pasari+, »Rohr der
Offenbarung«. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden
Gottes Silik-mulu-khi, und es heißt von ihm[15]:

    »Goldenes Schilfrohr, mächtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr
        der Sümpfe,
    Heilige Streu der Götter,
    Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhöht,
    Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi,
    Der Verkünder hehrer Verjüngung.«

Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten
Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte
Heilungen resp. wohlthätige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach
obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren
bedient habe. Vielleicht unterstützten die Erben der Akkader ihre Seher und
Seherinnen durch das »Rohr der Offenbarung«. Die bekannteste dieser antiken
Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot äußert sich, das Wesen
der Incubation mißverstehend, folgendermaßen über die dort erteilten
Orakel:

»Im obersten Thurm ist ein geräumiger Tempel, in demselben befindet sich
eine große wohlgebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch;
ein Götterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch
darin des Nachts außer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der
Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche die
Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich
jedoch nicht überzeugt haben, daß der Gott selbst in den Tempel komme und
auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe
Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schläft im Tempel des
thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem
Manne Umgang; ebenso verhält es sich in dem lycischen Patara mit der
Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht
immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nächte
hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.«[16]

Einigen Aufschluß über die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken
in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns
folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines
Kopfübels angiebt[17]:

    »Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete,
    Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre
        Vorbereitungen zur Linken (des Kranken);
    Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stücke und theile ihnen den
        Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19]
    Umhülle das Haupt des Kranken,
    Umhülle den Sitz seines Lebens,
    Umhülle seine Hände und Füße.
    Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und
    Benetze ihn mit den bezauberten Wassern;
    Daß die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entführt werde
        gleich einem reißenden Sturmwind.
    Daß sie von der Erde entführt werde wie die zeitweise übertretenden
        Wasser.[20]
    Daß Eas Vorschrift ihn heile!
    Daß Davkina ihn heile!
    Daß Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame
        Kraft verleihe!«

Soviel über den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem
heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie
tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.

Oben wurde bereits angedeutet, daß die Akkader die Krankheit als ein
persönliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemächtige. Dies
geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die
Chaldäer zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese
zählen zu den gefürchtetsten Dämonen, wie wir aus folgendem
Beschwörungsfragment ersehen:

    »Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige
        +idpa+,
    Gegen das Leben des Menschen der grausame +namtar+,
    Gegen den Hals des Menschen der schädliche +utuq+,
    Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende +alal+,
    Gegen die Eingeweide des Menschen der böse +gigim+,
    Gegen die Hand des Menschen der schreckliche +telal+.«

Die auf diese schadenstiftenden Dämonen folgende Klasse sind die
Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in
dem dem jüdischen Scheol vergleichbaren »Land ohne Heimkehr« wohnen und aus
ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das
larvenartige »Schreckgespenst« oder »Schattenbild« (akkad. +dimme+, assyr.
+lamastuv+), das »Gespenst« (akkad. +dimmea+, assyr. +labasu+) und der
Vampyr (akkad. +dimmekhab+, assyr. +abharu+), von welchen die ersteren nur
die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, während der Vampyr »den
Menschen anfällt«. Der Vampyrglaube ist in Chaldäa sehr verbreitet, und in
dem Epos »die Höllenfahrt der Istar« ruft die Göttin dem Hüter der Hölle am
Thore folgende Worte zu:

    »Hüter, öffne dein Thor;
    Öffne dein Thor, damit ich eintreten kann!
    Öffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,
    Dann stürme ich das Thor und sprenge sein Schloß,
    Stürme die schließenden Riegel, durchschreite das Thor.
    Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden,
    Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher
        machen denn Alles, was lebt.«

Eine besondere Geisterklasse sind die »Dämonen der nächtlichen
Samenergüsse«, das Nachtmännchen, +lillal+, und das Nachtweibchen,
+kiel-lillal+, die »bezwingende Beischläferin«, deren Umarmungen sich weder
Weiber noch Männer entziehen können. Die +kiel-lillal+ ist die Lilith der
Juden, und es heißt von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:

    »Dornen werden in ihren Palästen wachsen,
    In ihren Festen Nesseln und Disteln;
    Schakale werden da hausen,
    Strauße werden da nisten.
    Dort werden die Thiere der Wüste den Wölfen begegnen,
    Die Dämonen mit einander verkehren.
    Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.«

Außer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad.
+kiel-udda-karra+, assyr. +ardat+), von welchem nur bekannt ist, daß er
sich gern in der Nähe der Menschen aufhält und besonders die Ställe zum
Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.

Noch sei erwähnt, daß die Akkader den bösen Blick und das Berufen kannten.
Das »böse Wort« und der »böse Mund« werden überall neben dem bösen Blick
erwähnt; so heißt es:

    »Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert,
    Das böse Antlitz, den bösen Blick,
    Den bösen Mund, die böse Zunge,
    Die böse Lippe, das schädliche Gift,
    Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!«

Außer den Beschwörungen bedienten sich die Chaldäer und später die Assyrer
in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. +sagba+, assyr. +mamituv+).
Folgende Beschwörung wurde über einen solchen Talisman gesprochen, um ihm
die Macht zu verleihen, die sich in die Häuser einschleichenden Dämonen zu
vertreiben:

    »Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort!
    Unüberschreitbare, von den Göttern errichtete, Schranke!
    Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrückt.
    Einziger Gott, der sich nimmer verändert,
    Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekämpfen vermag,
    Schlinge, die nimmer gelöst wird, dem bösen Zauber gelegt,
    Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schädlichen Zauber
        gerichtet!
    Sei's auch ein böser +utuk+, ein böser +alal+, ein böser +gigim+, ein
        böser +telal+, ein böser Gott, ein böser +maskim+,
    Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr,
    Ein Nachtmännchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold,
    Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bösartige
        Krankheit:
    Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen
        verbreitet,
    Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen.
    Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt,
    Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stücke zerschneiden,
    Wer den Grenzstein des Eigenthums überschreitet,
    Den wird der Grenzstein der Götter, der Grenzstein des Himmels und der
        Erde nimmer entkommen lassen! --
    . . . . . . . . . .
    Wer Arges im Schilde führt wider das Wohnhaus,
    Den soll er in den Graben des Hauses versenken!
    Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften,
    Die soll er anderswohin verjagen, in öde, unfruchtbare Orte!
    Wer am Thore des Hauses auflauert,
    Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr
        möglich ist!
    Wer sich den Thürflügeln, den Querriegeln anhängt,
    Den sollen die Thürflügel, die Riegel in unauflösbare Bande
        einschließen!
    Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt,
    Wer mit Gewalt den Verschluß fortstößt, der auf die Thür und Angeln
        gelegt ist,
    Den soll er wie Wasser hindurchfließen lassen!
    Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug!
    Den soll er zermalmen wie Thonerde.
    Wer das Zimmerwerk überschreitet, den soll er der Flügel berauben!
    Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster
        erwürgen!«

Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf
Zettel geschriebene Zaubersprüche, welche gleich den Denkzetteln der Juden
an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus
allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglück aller Art,
Krankheiten, dämonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene
Bildnisse von Göttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen
aufbewahrt werden.

Eine ganze Anzahl talismanischer Götterstatuetten aus gebranntem Lehm fand
Botta unter der Thorschwelle des Königspalastes von Khorsabad und ließ sie
in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer
Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhörnern geschmückt ist; Nergal
mit einem Löwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehörigen
Inschrift, welche sich gegenwärtig in Cambridge befindet, sagt
Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Königs Nabukudurussur, daß
er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon
»acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Böse
und Feinde entfernen«, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.

Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die
Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:

    »Zur Erhebung eurer Hände habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier
        gehüllt;
    Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hände . .
    Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt.
    Ich habe mich mit Glanz umhüllt . . . . . . . . . .
    . . . . . . . . . .
    Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche
        die bösen Dämonen verjagen,
    Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken.
    Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen
        hat, an die Umzäunung des Hauses.
    Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der
        nicht seines Gleichen hat[23],
    Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mächtigen Götter,
    Auf den Boden unter das Bett.
    Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott . . und den
        Gott Latarak an die Thür.
    Zur Abhaltung alles Übels stelle als Scheuche an die Thür . .
    An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde
        entgegenstreckt,
    Stelle ihn zur Rechten und Linken.
    Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den
        Thorweg;
    Stelle sie zur Rechten und Linken . . . . . .
    . . . . die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt,
    . . . . . . . . . .
    O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glänzenden, Kinder des Ea,
    Esset, was mundet, trinket, was süß schmeckt!
    Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!«

Aus dem Schluß des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, daß die
Akkader für ihre Götter und Genien, gerade wie unsere Altvordern für die
Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um
sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heißt es in einer Sammlung
assyrischer Beschwörungen gegen die Einwirkung böser Zauberer:

    »Gegen die Dämonen, den Genius, den +rabisu+, den +ekimmu+,
    Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr,
    Das Nachtmännchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold
    Und alles Übel, das den Menschen erfaßt,
    Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen;
    Daß euer Weihrauch zum Himmel emporsteige!
    Daß die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre!
    Daß Eas Sohn, der Held, dessen Zauber . . . . . . euer Leben
        verlängere!«

Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, daß man
die durch sie dargestellten Dämonen durch die Scheußlichkeit ihrer
Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z. B. Ea seinem Sohne
Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdämons Namtar folgenden Rat:

    »Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi,
    Knete den Schlamm des Oceans
    Und forme daraus das ihm (Namtar) ähnliche Bild,
    Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen;
    Lege das Bild auf seinen entblößten Unterleib;
    Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt.
    Wende sein Antlitz nach Westen.
    Daß der böse Namtar, der seinen Körper bewohnt, sich anderswo
        niederlasse.
    Amen.
    Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit großer Macht
        ausgestattet.«

Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rücken
befindlichen akkadischen Inschrift den Dämon des Westwindes darstellt,
befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen
Totenkopf mit Augen und Ziegenhörnern, den Rumpf eines Hundes, Löwentatzen,
Adlerfüße, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flügel. An einem am
Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor
der Thür des Hauses aufgehängt, um den schädlichen Einfluß des von der
arabischen Wüste nach Babylon herüberstreichenden Westwindes zu vernichten.

Im +British Museum+ befinden sich ähnliche Talismane wie z. B. ein Bild
eines Dämons mit einem Widderkopf und übermäßig langem Hals oder mit einem
Hyänenkopf, Bärenleib und Löwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht
möglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen
kann nicht der mindeste Zweifel darüber herrschen, daß in späterer Zeit aus
ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden.
Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen
bestehenden Geschöpfe hängen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen,
denn Berosus schildert die Geschöpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt:

»Es gab eine Zeit, wo alles in Finsterniß gehüllt und vom Wasser
durchdrungen war, und wo mitten in diesem wirren Chaos die scheußlichsten
Thiere und wunderbarsten Geschöpfe urplötzlich entstanden; es gab Menschen
mit zwei und vier Flügeln, mit zwei verschiedenen Gesichtern oder Köpfen,
von denen der eine oft männlichen, der andere weiblichen Geschlechtes war,
ja es gab sogar Menschen, welche gleichzeitig männlichen und weiblichen
Geschlechtes waren; es gab Menschen mit Ziegenfüßen und Ziegenhörnern oder
solche mit Pferdefüßen; es gab endlich Menschen, welche mit dem Hintertheil
eines Pferdes und dem Vordertheil eines Menschen ausgestattet waren,
ähnlich den Hippocentauren, Es gab Stiere mit menschlichem Kopfe, Hunde mit
vierfachem Körper und Fischschwänzen, Pferde und Menschen mit Hundeköpfen,
desgleichen Thiere, welche mit dem Kopf und Körper eines Pferdes und dem
Schwanze eines Fisches versehen, auch andere Vierfüßler, welche aus
verschiedenen Thieren, wie Fische, Schlangen und andere Reptilien
zusammengesetzt, desgleichen zahlreiche Arten von wunderbaren Ungeheuern,
welche auf das verschiedenartigste gestaltet waren und deren Abbildungen
man auf den Wandgemälden des Baaltempels sehen kann. Ein Weib, Amoroka[24],
leitete diese Schöpfung; sie wird im Chaldäischen Thavatth[25] genannt, ein
Name, der im Griechischen »das Meer« bedeutet; doch wird sie auch mit dem
Monde identificiert.«

Diese Geschöpfe des Chaos sind nach Lenormant[26] entweder wohlthätige
Genien oder von den Göttern bekämpfte Dämonen, welche bei der Scheidung der
Elemente entstanden, und denen Diodorus Siculus die ganze untere Hälfte
des Weltalls als Sitz anweist.[27] Die Ungeheuer, welche Tiamat im Chaos
beherrschte, sind indessen auch die Bestandteile jenes Heeres, mit welchem
Tiamat -- die Personifizierung der von den Göttern noch ungeordneten
Materie -- die geordnete Welt befehdet. Auch ist es Tiamat, welche die
ersten Menschen zur Verletzung der göttlichen Gebote verleitet, so daß sie
in der chaldäo-babylonischen Schöpfungstradition die gleiche Rolle spielt,
wie die Schlange in der biblischen. Die beim Kampfe der Tiamat mitwirkenden
chaotischen Geschöpfe werden vollständig mit den Dämonen identifiziert und
deshalb von den oberen Göttern bekämpft. Im +British Museum+ befindet sich
z. B. ein aus dem Palast von Nimrud herrührendes Basrelief, auf welchem der
mit Königskrone und Stierhörnern geschmückte Maruduk, welcher an den
Schultern vier Flügel trägt, mit dem Blitzstrahl in der Hand die Tiamat
verfolgt, welche als Ungeheuer mit Körper, Kopf und Vorderfüßen eines Löwen
und den Flügeln, Kopf und Krallen eines Adlers erscheint.

Die Talismane, welche man zum Schutz in den Häusern verbarg, entfalten nach
dem Glauben der Urzeit wie nach dem des späteren Mittelalters nur so lang
ihre heilbringende Kraft, als sie an ihrem Platz bleiben, wie sich schon
aus folgender von König Assurakhiddin herrührenden Inschrift ergibt:

    »Daß der bewachende Stier, der bewachende Genius,
    Der die Macht meines Königthums schützt,
    Für alle Zeiten meinen freudestrahlenden und geachteten Namen erhalte,
    Bis seine Füße von seinem Platz verdrängt werden.«

In anderen Bruchstücken unseres magischen Sammelwerkes wird dem reuevollen
Bekenntnis begangener Sünden, der aufrichtigen Buße und reinigenden
Gebräuchen schützende Wirkung gegen die Nachstellung böser Dämonen
beigelegt. Man sieht also, daß gewisse kirchliche Gebräuche nichts weniger
als christlichen Ursprungs sind.

Zu den wichtigsten der schützenden Talismane der Chaldäer wird der
Zauberstab bezeichnet, dessen akkadische Bezeichnung +gis-zida+, der
günstige, wohlthätige wirkende Stab auch von den Babyloniern und Assyriern,
wenn er auch Beinamen führte, doch nicht durch einen andern Namen ersetzt
wurde. Der Titel +Nin-gis-zida+, »die Herrin des Zauberstabs«, ist eine
Nebenbezeichnung der akkadischen Göttin Nin-kigal und der assyrischen
Allat, der »Herrin des Totenreichs«, welche daher auch die Sondergöttin der
Magie und Geisterbeschwörung ist; ihr, »der Herrin des Zauberstabs«, ist
der Monat Ab geheiligt.

Welche Rolle der magische Stab bei den Hofzauberern Pharaos, in der
Odyssee, bei Cicero usw. usw. spielt, ist bekannt.

Die Chaldäer machten einen Unterschied zwischen helfender Magie und
schädigender schwarzen Kunst. Die Vorschriften zu ersterer wurden in den
heiligen Büchern mitgeteilt und ich habe oben an einigen Stichproben
gezeigt, daß dem Verfahren im wesentlichen Heilmesmerismus und
Transplantation der Krankheiten zu Grund lag; außerdem spielten noch die
Beschwörungen eine große Rolle. Durch die Beschwörung der Schutzgötter, als
welche besonders Ea und der Sonnengott betrachtet werden, sollen nicht
allein die bösen Dämonen bekämpft, sondern es soll auch die Wirkung des
Zaubers vernichtet werden. In diesem Sinne heißt es in einem Hymnus:

    »Der du die Lüge zu Schanden machst, den bösen Einfluß vernichtest,
    Der du Wunder, schreckliche Zeichen, Deutungen, Träum' und
        Erscheinungen,
    Der du die bösen Ränke vereitelst, Menschen und Länder vernichtest,
    Die der Hexerei und bösem Zauber ergeben sind, usw.«

Der Zauberer und Schwarzkünstler wird in den akkadischen Beschwörungen
meist »der Bösewicht«, »der boshafte Mensch« bezeichnet, welche Namen
dessen magische Thätigkeit aus Furcht nur verschleiert andeuten, gerade wie
man im Mittelalter die Hexen »gute Frauen«, »+bonnes dames+« usw. zu nennen
pflegte. So wird auch bei den Akkadern im gleichen Sinn die Zauberei »das
Wirkende«, »das Gewaltsame«; die magischen Gebräuche »die Handlung«; die
Beschwörung »das Wort« und der Zaubertrank »die wirkende Sache« genannt.

Der akkadische »Bösewicht« übt die gleichen Venefizien wie die
mittelalterlichen Hexen. Sie bezaubern den Menschen durch den bösen Blick
oder böse Worte; durch seine Beschwörungen und Künste zwingt er die
Dämonen, daß sie seinen Befehlen gehorchen und Menschen wie ganze Länder
mit Krankheit, Besessenheit und Tod überziehen. Durch Zauberei,
Verwünschungen und wirkliches den Zaubertränken beigemischtes Gift tötet er
die Menschen, während umgekehrt die zur Heilung der Zauberei angewendete
Beschwörung den tödlichen Ausgang auf den Schwarzkünstler zurückzuwälzen
sucht. So lautet ein hierhergehöriger Passus einer assyrischen Beschwörung,
die gegen die bösen Künste einer Hexe gerichtet ist[28]: »Daß sie sterbe
und ich am Leben bleiben möge!«

Bei den Akkadern wird wie bei den Thessaliern, den übrigen Völkern des
Altertums und den Hexen die Schwarzkunst hauptsächlich von den Frauen
betrieben, weshalb sich auch eine große Anzahl assyrischer Beschwörungen
gegen das Treiben der Zauberinnen und Hexen richtet. Bei den
mesopotamischen Völkern herrschte auch der Glaube, daß die Hexen auf
Besenstielen durch die Luft ritten, und das dazu bestimmte »Stück Holz«
(+gusur+) heißt »das Reitthier der Hexe« (+rakabu sa kasipti+).

Ein lebhaftes Bild von den Künsten der akkadischen Hexen entwirft uns
folgende Beschwörung[29]:

    »Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen
        Zauber bezaubert;
    Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert; sie hat mich durch ihren
        Zauber bezaubert;
    Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext; er hat usw.;
    Die Hexe hat mich durch Hexerei behext; sie hat mich usw.;
    Die Zauberin hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich usw.
    Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen
        Erscheinung, hat meine Erscheinung bezaubert;
    Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider
        verunreinigt.
    Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem
        Staube meiner Füße vermengt[30],
    Daß der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen möge!«

Eine andere Beschwörung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, »der die
Nachtwachen mit Zauberei hinbringt«, »schädliche Worte spricht«,
»zauberische Knoten schürzt, die gelöst werden müssen«[31], und schließt
mit dem Wunsche, »daß er durch das Machtwort der Götter beschworen werden
möge!«

Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die
Beschwörung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgeübt, der
unter Umständen irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist.

Der Bildzauber spielt eine große Rolle und scheint eine der häufigsten
Manipulationen der chaldäischen Schwarzkünstler gewesen zu sein, denn in
fast allen Beschwörungen wird vor dem »Anfertiger des Ebenbildes« gewarnt.
Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben,
denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn
Chaldûn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden
nabatäischen Zauberern[32]:

»Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzkünstler das
Bildniß einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse
bestehen aus Stoffen, deren Qualität sich je nach den Absichten und Plänen
des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und
Stand seines Opfers gewissermaßen harmonirt. Nachdem der Zauberer das
Bildniß, welches die zu bezaubernde Person thatsächlich oder sinnbildlich
darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darüber gesprochen, speit
er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, während
er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der
verhängnißvollen Formel ausgesprochen werden. Endlich spannt er über
diesem symbolischen Bildniß eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen
Knoten macht[33], womit er andeuten will, daß er mit Entschlossenheit und
Beharrlichkeit handelt und mit dem Dämon, der im Augenblick des Ausspeiens
seine Handlung unterstützte, einen Bund schließt, und beweist, daß er die
feste Absicht hegt, den Zauber unlösbar zu machen. Ein böser Geist, der, im
Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfährt, nimmt an diesen
unheilvollen Handlungen und Worten Theil, während allmählich noch andere
böse Geister hinzutreten, sodaß der Zauberer vollkommen im Stande ist,
seinem Opfer das Böse anzuthun, was er ihm angewünscht hat.«

Des magischen Knüpfens der Knoten bedienten sich übrigens auch die
helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u. a.: »Silik-mulu-khi,
Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Händen!«
Es scheint jedoch hier die Lösung eines in schädigender Absicht geknüpften
magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie
wir ähnlichen Manipulationen beim Nestelknüpfen und andern magischen
Künsten des Mittelalters begegnen.

Das mächtigste Zaubermittel des akkadischen Bösewichts war die
Verwünschung, welche nicht allein die Dämonen entfesselte, sondern auch die
Götter beeinflußte, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schädlichen
Eigenschaften ausstattete. Nach chaldäischer Anschauung machten sich die
Schwarzkünstler durch ihre Verwünschungen die über die einzelnen Menschen
wachenden Götter unterthan und verwandelten ihre wohlthätige Macht in eine
feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwörung zu Grund[34]:

    »Die schändliche Verwünschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein böser
        Dämon;
    Der Spruch der Verwünschung schwebt über ihm;
    Der Spruch des Verderbens schwebt über ihm;
    Die schändlichste Verwünschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn
        hervorrief.
    Die schändliche Verwünschung, sie erwürgt diesen Menschen wie ein Lamm.
    Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Körpers entfernt;
    Seine Göttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen,
    Die dröhnende Stimme umhüllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn
        zu Boden durch die Kraft ihres Schalles.«

Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwünschten zu Hilfe und befragt Ea um
Rat, welcher antwortet:

    »Reich' ihm die Hand von der Höhe der glänzenden Wohnsitze herab;
    Zerstöre das böse Geschick, befreie ihn vom bösen Geschick,
    Welches Übel auch in seinem Innern wühlen mag,
    Sei es eine Verwünschung seines Vaters,
    Eine Verwünschung seiner Mutter,
    Eine Verwünschung seines älteren Bruders,
    Oder gar der Fluch eines Unbekannten.
    Das böse Geschick, möge es auf den Zauberspruch, den Ea verkündet,
    Gleich einer Zwiebel sich abschälen,
    Gleich einer Dattel zerstückelt,
    Gleich einem Knoten gelöst werden!
    Das böse Geschick! Geist des Himmels, beschwöre es! Geist der Erde,
        beschwöre es!«

Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfällt in eine Anzahl von Strophen,
welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den
Anfängen derselben ergeben. So heißt es:

    »I.  Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch
        dem bösen Zauber ergehen!
    Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
    II. Gleichwie diese Dattel in Stücke zerschnitten ist, so wird es auch
        dem bösen Zauber ergehen!
    Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
    III. Gleichwie dieser Knoten gelöst ist, so wird es auch dem bösen
        Zauber ergehen! usw.
    IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist, so usw.
    V.  Gleichwie dieses Fähnlein zerrissen ist, so usw.
    VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist, so wird es auch dem
        bösen Zauber ergehen!
    Das Feuer wird es verzehren!
    Der Walker wird es nimmermehr färben und zu einem Kleidungsstück
        verwenden,
    Es wird nimmermehr zum Gewand eines Königs, eines Gottes erwählt
        werden!
    Der Mensch, der den bösen Zauber verhängt hat, desgleichen sein Weib,
    Die gewaltsame Einwirkung, das Zeigen mit den Fingern, die bezaubernde
        Schrift, die Verwünschung und sündige Rede,
    Das Übel, welches meinen Unterleib, mein Fleisch, meine Wunden
        behaftet,
    Möge dies Alles zerfetzt werden wie dieses gewalkte Tuch!
    Möge es noch an diesem Tage vom lodernden Feuer verzehrt werden!
    Möge sich das böse Verhängniß verziehen, möge es wieder hell um mich
        werden!«

Soviel von der schwarzen Magie der Akkader.

Wie bereits oben gesagt, ging der akkadische Kultus der Naturgeister in die
Staatsreligion der Chaldäer über, in welcher er eine untergeordnete
Stellung einnahm, während die Naturgeister selbst zu niedrigen, kaum über
den Menschen stehenden Emanationen wurden. Die akkadischen Zauberpriester,
die wir uns wohl als eine Art Medizinmänner oder Schamanen zu denken haben,
fanden Aufnahme in die Priesterkaste der Chaldäer, ähnlich wie in Indien
Priesterfamilien der braunen, den Ariern vorausgehenden Rasse unter die
Brahminen aufgenommen wurden. Aber diese Zauberpriester bildeten nach ihrer
Aufnahme besondere, den andern Priestern im Rang nachstehende
Körperschaften, die +Khartumim+, +hakamim+ und +asaphim+ des Buches Daniel.

Die Sammlung ihrer überlieferten Beschwörungen, welche wohl um diese Zeit
abgeschlossen wurde, fand Aufnahme unter die heiligen Bücher der Chaldäer
und erhielt einen kanonischen Charakter. Sie war das Hauptlehrbuch dieser
der Magie ergebenen Priesterkollegien, ähnlich wie man in Indien das
Atharva-Veda, welches in vielen Stücken mit dem ursprünglichen reinen
Glauben der Arier wie auch mit der orthodoxen brahminischen Lehre in
Widerspruch stand, unter die heiligen Bücher aufnahm, insofern es als den
Priesterfamilien Goptris oder Angiras angehörend betrachtet wurde.

Die akkadische Magie beruht auf dem Glauben an unzählige persönliche
Geister, welche überall in der Natur verbreitet und bald mit den von ihnen
beseelten Naturkörpern eins sind, bald eine von diesen abgesonderte
Existenz besitzen. Diese naive Anschauung des Übersinnlichen ist dem
Fetischismus nahe verwandt, mit welchem sie das blinde Vertrauen zu den an
die Stelle der Fetische tretenden Talismanen gemein hat. Die genannten
Geister rufen alle Naturerscheinungen hervor; sie beleben und beherrschen
alle Geschöpfe, verursachen das Gute und Böse, leiten die Himmelskörper in
ihren Bahnen, führen den Wechsel der Jahreszeiten herbei, bewirken das
Wehen der Winde, erzeugen den Regen sowie alle guten und schadenstiftenden
atmosphärischen Erscheinungen; sie machen den Boden fruchtbar, lassen die
Pflanzen keimen und reifen; sie sind die Erzeuger und Erhalter der
Lebenskraft und die Bringer von Krankheit und Tod. Diese Geister wohnen
überall: im Sternenhimmel, in der Atmosphäre, auf der Erde, in der Luft, im
Feuer und Wasser. Jeder Himmelskörper wird von Geistern bewohnt. Man
verleiht diesen Geistern sichtbare, bestimmte Persönlichkeiten.

Wie überall in der Natur Böses und Gutes, Licht und Nacht, Leben und Tod,
Gesundheit und Krankheit einander gegenüberstehen, so findet sich --
ähnlich wie bei Zoroaster -- auch bei den akkadischen Zauberpriestern ein
ausgesprochener Dualismus in ihren Vorstellungen von der Geisterwelt, von
welcher sie weniger Gutes erhoffen, als Böses fürchten. Gewaltige Gruppen
böser und guter Geister stehen einander gegenüber und bekämpfen sich
unaufhörlich in allen Teilen des Weltalls. Die abwechselnden Siege und
Niederlagen der guten Geister verursachen den Wechsel zwischen guten und
bösen, glücklichen oder unglücklichen Ereignissen und lassen auf den
regelmäßigen Verlauf der Dinge plötzliche Katastrophen folgen. Mit jedem
Stern, jedem Element, jedem Wesen und Ding sind gute wie böse Geister
verbunden, leben und weben in ihm, weshalb denn auch überall Zwietracht
herrscht und nichts vom Kampfe zwischen dem Guten und Bösen verschont
bleibt. Dieser Kampf wird -- dem niederen kulturellen Standpunkt der
Akkader entsprechend -- in überwiegender Weise als ein physischer
aufgefaßt, und die ethische Seite desselben tritt selbst in den religiösen
Hymnen völlig zurück. In einer an gewisse Stellen des alten Testaments
erinnernden Weise erscheinen in den magischen Texten der Akkader Verstöße
gegen den Ritus als die schwersten Vergehen, welche durch äußere Gebräuche
gesühnt werden müssen. Eines der größten Verbrechen ist die unterlassene
Anrufung der guten Geister und der mit den bösen eingegangene Bund. Wir
haben also hier das Urbild des Paktes mit dem Teufel.

Auf dieser dualistischen Grundlage beruht auch die fromme und erlaubte
akkadische Magie, welche als Theurgie, als ein durch heilige Gebräuche
zwischen den Menschen und der Welt der guten Geister vermittelter Verkehr
zu betrachten ist.

Der Mensch ist selbst in den beständigen Streit zwischen den guten und
bösen Geistern verwickelt, ohne ihm entrinnen zu können. Alles ihm
widerfahrende Gute rührt von den guten, alles Böse von den bösen Geistern
her. Deshalb bedarf er des Beistandes der guten gegen die bösen Geister und
die von diesen hervorgerufenen Krankheiten und Plagen. Denselben gewähren
ihm die allmächtigen, geheimnisvollen Worte der Beschwörungen der
Zauberpriester, ihre Bannungen und Talismane. Allein durch diese werden die
bösen Dämonen vertrieben und die guten herbeigerufen. Ja man hat einen so
hohen Begriff von der Allgewalt dieser Beschwörungsworte und Gebräuche
usw., daß man annimmt, sie erhöhten die Kraft der guten Geister im Kampfe
gegen die bösen, daß sie dieselben unüberwindlich machten und ihnen den
Sieg verliehen. Darum beschirmen die Zauberpriester nicht nur die Menschen,
sondern verhindern auch schädigende Naturereignisse und greifen
entscheidend in den Kampf der guten und bösen Geister ein.

Die guten Geister wurden in Klassen geteilt, welche mit denen der Dämonen
parallel liefen; jedoch sind die keilschriftlichen Angaben über die
Einteilung und Rangordnung der guten Geister noch ungenauer als die über
die Klassifizierung der bösen erhalten gebliebenen. Nur soviel ist
ersichtlich, daß die Geisterrassen der +alad+, +lamma+ und +utuk+ sowohl
unter den guten, als unter den bösen Geistern vorkamen, insofern in den
Beschwörungen sehr häufig »der gute +alad+«, »der gute +lamma+« und »der
gute +utuk+« den bösen entgegengestellt werden. Auch ist von
Elementargeistern (+zi+) im engeren Sinn, Schutzgeistern und körperlich
gestalteten Engeln die Rede, unter denen namentlich die auf Erden
wohnenden +anunna+ und die unter dem Himmel schwebenden +igigi+ oder
+igaga+ unterschieden werden.

Auf der Spitze dieser Geisterleiter stehen eine Anzahl Götter, -- +ana+,
+dingi+ oder +dimmer+ --, welche sich jedoch nicht erheblich von den
Geistern (+zi+) unterscheiden und nur dadurch auszeichnen, daß man ihnen
eine größere Macht oder einen größeren Wirkungskreis beilegt. Soweit sich
das Intellektualsystem der Akkader übersehen läßt, ist ein Gott von einem
Naturgeist nur dadurch unterschieden, daß er an weniger enge räumliche
Grenzen gebunden ist und einen größeren Teil des Universum, eine größere
Menge von Naturvorgängen und eine besondere Gruppe von Menschen und Dingen,
von welchen übrigens eine jede Individualität durch einen besondern Geist
beherrscht wird, regiert.

Diese Götterklasse erscheint äußerst zahlreich. Viele werden in den
Beschwörungen gegen die Dämonen und Krankheiten sowie in den magischen
Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und
unter Umständen erwähnt, daß man daraus nichts Bestimmtes über ihre
Persönlichkeiten, Ämter usw. entnehmen kann.

Um die akkadische Geisterlehre völlig verstehen zu können, müssen wir uns
mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten:

Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde (+kî+) als eine
umgestürzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten
geöffnete Höhlung der Abgrund, die Unterwelt (+ge+) ist, in welcher die
Toten wohnen (+kur-nu-ga+, +kîgal+, +arali+), und in welcher auch die Sonne
ihre Wanderung während der Nachtzeit vollbringt. Über der Erde dehnt sich
der Himmel (+ana+) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den
Fixsternen (+mul+) um »den Berg des Ostens« (+charsak kurraj+), nämlich um
eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Säule. Dieser
Berg ist nordöstlich von Akkad gelegen, welches -- unter dem Zenith
(+nuzku+) befindlich -- der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter
nordöstlich vom »Berge des Ostens« befindet sich das Land der Aralli, »der
goldreiche Wohnsitz der Götter und seligen Geister«.

In späterer Zeit nahmen die chaldäischen Astrologen einen sphärischen
Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschloß; jedoch lassen
gewisse charakteristische Ausdrücke die Vermutung zu, daß man in der Zeit,
in welcher der größte Teil der magischen Urkunden abgefaßt wurde, sich den
Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als »Fundamente des
Himmels« (+uru ana+) auf den äußersten Enden der Erde jenseits des »großen
Wasserbeckens« (+abzu+) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos
des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name +lubad+ --
Leithammel -- anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in
einer niedern Sphäre (+ul-gana+), die sich unterhalb des Fixsternhimmels
(+e-sara+) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur
einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trägt den
Ocean der himmlischen Gewässer (+ziku+), welche noch in der
mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean
als ein alles umschlingender Fluß gedacht.

Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft
sowie endlich dem Abgrund. Über diese drei Regionen gebieten die drei
mächtigsten Götter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den
chaldäischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der
Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der
Naturgeister.

Ea ist »der gewaltige Fisch des Oceans« (+gal-chana-abzu+), den er bewohnt,
der Oannes (+ea-chan+) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschützer und
Retter des Xisuthros (+khasisatra+), des chaldäischen Noah und sagt,
nachdem er erzählt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge
stehen geblieben war: »Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch
vorhanden in den korydäischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von
da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung
zu gebrauchen.« Ähnlich sagt der Auszug des Abydenus: »Aus dem Holze des
Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz
gegen Bezauberung um den Hals hängen.«

Über die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten,
wurde bereits das Nötige gesagt; es bleibt nur noch übrig, die
Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem »Abgrund« und »Land ohne
Heimkehr« zu entwickeln. In der Höllenfahrt der Istar wird dasselbe ähnlich
dem hebräischen Scheol folgendermaßen geschildert:

    »Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet
    Auf die Stätten der Auflösung, den Sitz des Gottes Irkalla,
    Auf die Stätte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35],
    Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren,
    Auf die Stätte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit
        ersetzt wird,
    Wo die Menge nur Staub für ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer
        Nahrung hat,
    Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt,
    Wo die Schatten gleich Vögeln gekleidet sind in ein Gewand von Flügeln,
    Wo auf der Thür und den Thürflügeln der Staub sich anhäuft.«

In Istars Höllenfahrt wird eine »Quelle des Lebenswassers« erwähnt, welche
sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den
unterirdischen Mächten eifersüchtig vor der Annäherung der Schatten
(+utuk+) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen
Götter kann sie veranlassen, eine Annäherung zu gestatten; wer aber »das
Wasser des Lebens« getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurück. --
Eine ähnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der
magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem
Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, »die Todten ins
Leben zurückzuführen«. -- Auch Diogenes Laërtius berichtet ausdrücklich,
daß die Chaldäer an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen
unsterblich sein sollten.

In dem genannten chaldäischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem
Vorbilde der Planetensphären in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu
welchen »sieben Thore und Verschlüsse der Welt« führen, die man sich
vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in
die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thürhüter), »der große Thürhüter der
Welt« bewachte, lag im Westen in der Nähe des »großen Berges«, welcher dem
»Berge des Ostens«, der »Wiege des Menschengeschlechts« und dem
»Versammlungsort der Götter« gegenüberliegt.

Während die Pelasger die Götter der Unterwelt als die Erzeuger der
Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36]
als den Gott der glänzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane
gefertigt wurden. Die magischen Bücher kennen einen Gott des Goldes, des
Silbers und Kupfers, einen »Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von
Edelsteinen« und einen »Gott der Ceder«, welcher namentlich bösen Zauber
abwendete.

In einem Hymnus an Nin-dara werden öfter kostbare Steine erwähnt, deren
talismanische Kräfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land
richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklären läßt, daß das Altertum den
Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chaldäa verlegt. Das Buch, welches
nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias über Talismane verfaßte
und dem König Mithridates widmete, gehörte wahrscheinlich zu den Produkten
der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen
Zauberbüchern in einem ähnlichen Verhältnis standen wie die hermetischen
Bücher zu den Schriften der alten Ägypter.

Die der Hölle entsprossenen Dämonen hegen wie die Schwarzkünstler eine
große Vorliebe für die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der
Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen überall belästigen
und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des
bösen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die
Tagessonne, verscheucht die Dämonen und Zauberer:

    »Du machst die Lüge schwinden, du vernichtest den bösen Einfluß
    Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Träume und schädlichen
        Erscheinungen.«

Ein anderer Gegner der Dämonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott
der Winde und fruchtbaren Regen, welcher später in den chaldäischen Bin
oder Ramann, den Gott aller atmosphärischen Erscheinungen umgewandelt
wurde.

Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mächtiger Widersacher der Zaubereien und
Bekämpfer der bösen Dämonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist:

    »Der du die bösen Maskim verjagst,
    Der du gedeihen läßt die Wohlfahrt des Lebens,
    Der du des Bösen Brust in Schrecken bannst,
    Hüter des Orakels des Mul-Gelal.
    Feuer, Vernichter des Feindes,
    Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt,
    Welche befruchtet und leuchten läßt,
    Welche unter den sieben Göttern die Bösen vernichtet.«

Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren
Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten
chaldäischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode
bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine
hauptsächlichsten Prädikate sind: +puvalu+, Riese, und +puvalu-emuki+,
Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als
Zauberstab schon oben begegneten, und das später an Silik-mulu-khi
übergeht.

Silik-mulu-khi, der Verkünder des Willens und der Ratschläge Eas, der
Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel Çraoscha,
»dem Heiligen und Gerechten« des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra,
wie man denselben am Ende der Periode der Achämeniden unter dem Einfluß des
medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre
auffaßte.

Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der spätern
mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im
Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der
irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier
und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren
Schutzgeist, welcher beständig über ihm wacht, und den der Mensch durch
Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den
Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den spätern
Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der
Hierarchie des guten Prinzips fanden.

Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den
Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher
ihn beschützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer
Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar »ein Gott und dessen Göttin,
reine Geister über ihm«. Daher heißt es auch so häufig anstatt z. B. der
fromme Mensch, der fromme König: »der Mensch, Sohn seines Gottes«, »der
König, Sohn seines Gottes«. Daher ruft auch z. B. in einer Beschwörung der
Priester dem Feuergott zu: »Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes
und meiner Göttin, der reinen Geister!« und deshalb heißt es: »Er werde
zurückversetzt in die gnädigen Hände seines Gottes!«

Diese Schutzgötter sind übrigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern
teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren
Unvollkommenheiten und Schwächen. Sie können samt den mit ihnen verbundenen
Menschen von den Dämonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und
sogar dahin gebracht werden, alles Böse im Menschen zu bewirken und zu
veranlassen, was Dämonen und Zauberer befehlen. Wenn z. B. der Pestdämon
Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die
Göttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als
dessen Körper. Es läßt sich mithin sagen, daß der besondere Gott und die
besondere Göttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch
von den zoroastrischen Feruern gilt, nur daß die Auffassung der letzteren
eine dem »transcendentalen Subjekt« entsprechende höhere war und sich von
der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser
abgelöst hatte.




Zweites Kapitel.

Das Divinationswesen der Chaldäer.


Das chaldäische Divinationswesen gehört der sechzehn Jahrhunderte
umfassenden Periode an, welche von Sargon I., König von Agane, bis zu
Alexander dem Großen reicht.

Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldäische
Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und
Chaldäa gleich einflußreichen Priesterschulen nach einem einheitlichen
philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhängendes Ganze
bildenden Lehren waren in den heiligen Büchern codifiziert und wurden in
den Tempeln und Priesterschulen, deren einflußreichste sich zu Erech
befand, gelehrt.

Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur
eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der
neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis
derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwörtlich
gewordene Hauptbeschäftigung der Chaldäer bildete. Die Bezeichnung Chaldäer
hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel
wie der Griechen für die Angehörigen jener großen Priesterkaste gebraucht,
welche sich nach der eingangs erwähnten großen Reformation um das Jahr 2000
v. Chr. über Babylonien wie Chaldäa verbreitete und ihren allgewaltigen
Einfluß auch auf die assyrische Kultur ausübte.

Philo sagt: »Die Chaldäer scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen
andern Völkern gepflegt und befördert zu haben. Sie brachten die irdischen
Dinge mit den himmlischen, mit andern Worten den Himmel mit der Erde in
Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur
räumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den
harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung
auf, daß die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie
belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen
Verhängniß oder Nothwendigkeit vergöttlichten, den reinen Atheismus hervor,
denn sie erweckten den Glauben, daß alle Naturerscheinungen nur eine
sichtbare Ursache hätten, und daß von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der
Gestirne das Glück oder Unglück eines jeden Menschen abhänge.«

Der Kern der chaldäischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten können
wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo über
den Atheismus und Materialismus der Chaldäer sagt, eben so wenig wörtlich
zu nehmen als eine ähnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]:

»Die Chaldäer behaupten, daß die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, daß sie
keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schönheit und die
Ordnung des Weltalls schreiben sie einer göttlichen Vorsehung zu und
behaupten dennoch, daß auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommniß
zufällig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Göttern bestimmt
sei.«

Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die
ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden
ist, andererseits aber nach einem höheren Willen den Lauf der Gestirne in
den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das
Verhängnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie,
welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der
phönizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung
und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist
insofern unzutreffend, als die Chaldäer ein göttliches Urwesen oder eine
allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten,
annahmen. Nur leiten sie dieses göttliche Urwesen von der Materie ab,
welche sie sich niemals völlig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch
ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch
unumschränkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das
unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er
durch seine oberste Emanation die Schöpfung der Welt hatte vollbringen
lassen.

Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldäern aus ihren eigentümlichen,
den nördlichen Semitenvölkern entlehnten religiösen Anschauungen. Indem sie
den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf
alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise
dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den
Planeten, in Verbindung zu bringen; sie führten den Gestirndienst ein. Die
Chaldäer verehrten die Gestirne nicht nur als die glänzendste Offenbarung
der göttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch führten
sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur
Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religiösen Feste unbedingt
notwendig waren.

Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in
Stockwerke geteilt und wie die ägyptischen mit den Seiten nach den
Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen
drei zu Ur und sieben zu Borsippa am großen Turm, den Nabukudurussur wieder
herstellen ließ. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Götter
der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fünf Stockwerke,
welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den
Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit
den Farben der Planeten übertüncht.[40] Sie waren sowohl die Stätten des
Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von
der großen Pyramide zu Babylon ausdrücklich sagt. Man glaubte sich durch
sie den Göttern stufenweise zu nähern, und auch auf einem Basrelief von
Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so große Rolle
spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich
bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes %klimax%, Leiter, in
entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine
solche Pyramide zu betrachten.

Die Chaldäer zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten
Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem
Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von
der Ähnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der
Geschicke schlossen, den Schlüssel zu den Rätseln der Zukunft gefunden zu
haben.

Lenormant sagt: »Die unabänderliche Regelmäßigkeit des Laufes der Sterne
und ihr Einfluß auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom
Walten eines unabänderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein
festes solidarisches Verhältniß alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden
und die irdischen Dinge von den himmlischen abhängig mache. Und daraufhin
wurde angenommen, daß alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger
Gleichheit wiederholen müßten.

Die Astrologie nahm allmählich eine immer bestimmtere Form an, ja sie
machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst
der fortgesetzten alltäglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer
Wahrheiten erhärtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen
Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewöhnlichen
Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimniß
derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl
unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergründen. Die Gestirne
waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller
Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verkünder derselben. Denn
ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten sämmtlich eine bestimmte
Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die
letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle
wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den
Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein
bestimmtes System ein, unterließ aber gleichzeitig nicht, aus den
allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphäre neben
den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht
selten als richtig erweisende Vermuthungen über das Wetter abzuleiten.
Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch
verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fällen befragt und als
Richtschnur beobachtet zu werden.«

Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur:

»Erscheint der Mond auffällig groß, so wird eine Finsterniß eintreten.
Erscheint er dagegen auffällig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet
sein.« (Unvollkommene Beobachtungen von Perigäum und Apogäum des Mondes,
welche zufällig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.)

»Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies
ein verhängnißvolles Zeichen für Syrien. -- Ist der Mond am 30. sichtbar,
so ist dies ein gutes Zeichen für das Land Akkad und ein böses für Syrien.«

»Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies
ein verhängnißvolles Zeichen für Elam.«

»Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze
bildet er hinter sich einen Schweif, ähnlich dem Stachel der Scorpione. Es
ist dies ein günstiges Vorzeichen, welches Glück verkündet dem Herrn des
Hauses und dem ganzen ihm unterthänigen Lande.«

»Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang
sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein
reichlicher sein. -- Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhüllt, so
wird die Ernte des Landes mißrathen.«

»Wird der Mond von dichtem Gewölk verhüllt, so stehen Überschwemmungen
bevor. -- Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen.«

Man sieht, daß diese Aufzeichnungen der frühesten Kindheit der Beobachtung
entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlüsse vom Prügel auf den Winkel
sind.

Außer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen eifrig
beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines
augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von
Niniveh erhalten, welches fünfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von
diesen fünfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von günstigen und
ungünstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst
ist verloren, und von den Kapitelüberschriften sind folgende Reste
erhalten:

»1. Also, die Prophezeiungen von Glück und ihr Gegentheil, -- die Anzeichen
von Freude und Trübsal für das Menschenherz.«

»2. Also: der Herr des Geldes, der Erklärer der Regengüsse --.«

Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als
Brechomantie noch heute in der Türkei eine große Rolle spielt.

»3. Von den Sternwarten der Stadt.«

Die Überschrift des vierten Kapitels ist schwer verständlich; es scheint
von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges
»der Vögel des Himmels, der Gewässer und der Erde« gehandelt zu haben. Den
diesbezüglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine große
Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie »in der Stadt und den Straßen
derselben« gemacht wurden.

»6. Zinnober ist über der Flamme verbrannt.«

»7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthümlich, so ist dies für die
Bewohner des Hauses ein verhängnißvolles Zeichen.«

Über diese sogenannte Ökoskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser
Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften
darüber.

»13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, -- ein Traum von
hellem Schein, die Stadt in Flammen.«

»14. Ein Seedrache mit den Vögeln des Himmels . . .«

Aus den astrologischen Kapitelüberschriften sind folgende hervorzuheben.

»3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch . . .«

»4. Der Marsstern mit sieben Namen in . . . . . . . .«

»5. Das gleichmäßige Aussehen von Sonne und Mond . .«

»6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond . .«

»7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond . . . . .«

»8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif
hat . . . .«

»10. Der Stern +iku+ . . . .«

»11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst
dreht . . . .«

»Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der
vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, -- die Himmelserscheinungen
. . . . Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel . . . . Himmel und
Erde . . . .«

Die Schlußzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch
erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren
verhängnisvolle Bedeutung auf der Rückseite folgendermaßen angegeben wird:

»Diese Erscheinung lehrt, daß die Stadt des Landesfürsten samt ihren
Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und
Hungersnoth . . . . auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir
verkünden wird, und wie . . . . .«

»Diese Sammlung von fünfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am
Himmel und auf Erden, sowie ihre günstigen und ungünstigen
Vorbedeutungen . . . . alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden . . . .
hierin ist ihre Deutung verzeichnet.«

König Sargon I. ließ diese Sammlung sowie ein großes Werk von siebenzig
Tafeln über alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate
anlegen, welches das Hauptwerk der chaldäischen Astrologie und anscheinend
von Berosus ins Griechische übersetzt wurde.

Neben der bienenfleißig getriebenen Beobachtung der astronomischen und
tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen übten die Chaldäer auch das
einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich
habe dieselbe in meinen »Geheimwissenschaften« ausführlich beschrieben und
muß darauf zurückverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, daß man
in einem Köcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschäfte
durcheinander schüttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte.
Mit diesen Stäben ist nicht das »Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der
Enthüllung« (akkad. +gi-namekirru+, +qan-mamiti+, +qan pasari+, assyr.
+kil-killuo+) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der
Magier Orakel erteilte.

Neben dieser Art Belomantie kannten die Chaldäer noch ein anderes
Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek
von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach
verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der größeren und
geringeren Entfernung derselben vom Schützen, sowie aus der Art und Weise
ihres Niederfallens Schlüsse auf die Zukunft gezogen.

Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwähnt.

Über die chaldäischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]:
»Die Chaldäer sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der
Auslegung von Träumen und Wunderzeichen, auch hält man sie für geschickte
Opferschauer, welche genau das Richtige treffen.«

Die Auguralwissenschaft der Chaldäer war demnach, und wie sich aus den
Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des
Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die
Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (%terata%) und in die
Traumdeutung.

Leider sind wir bei dem gänzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im
Stande, etwas Näheres über die Vogelschau der Chaldäer zu sagen; nur soviel
ergiebt sich -- wie schon erwähnt --, daß dieselben dem Gesang und Geschrei
der Vögel große Bedeutung beimaßen, wie dies die Griechen, Etrusker und
Römer ebenfalls thaten.

Nach Festus teilten die Etrusker und Römer die Vögel in +alites+ und
+oscines+, je nachdem man ihren Flug oder Ruf für bedeutungsvoll hielt. Bei
den Griechen war die Kunst der %oinôpoloi% schon in sehr früher Zeit im
Gebrauch und kommt bereits bei Homer völlig ausgebildet vor. Wahrscheinlich
war sie von Chaldäa nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie
eine Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe
gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, daß sie aus Phrygien
stamme, womit Cicero übereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und
Pamphylien als die Länder nennt, in welchen diese Divinationsgattung
besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr früher
Zeit die Kultur der Euphratländer angenommen und mit andern
babylonisch-chaldäischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach
Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte
Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflüsse
zurückzuführen ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maçudi und Juden[45]
finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an
der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt
und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen läßt.

Nach den Fragmenten des großen auguralwissenschaftlichen Werkes von König
Sargon I. suchten die Chaldäer in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere
vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht näher
angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Füchse,
wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Löwen, Bären, Fische,
Schlangen u. a. m. beobachten könne. Doch hatte die betreffende Erscheinung
bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht
sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der
Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen
wollte. So heißt es z. B.: »Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten
Seite schwarz, -- auf der rechten Seite bläulich, desgleichen ihre
Windungen, -- auf der rechten Seite dunkelfarbig, -- auf der rechten Seite
kupferfarbig, -- auf der linken Seite kupferfarbig«, so sind diese
Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen für die Jahreszeiten sowie die
Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen,
welche auf der rechten Seite günstig waren, waren auf der linken Seite
ungünstig und umgekehrt. Die auf der linken Seite auftretenden
Erscheinungen waren im allgemeinen ungünstiger als die auf der rechten
vorkommenden.

Andere Vorbedeutungen suchten die chaldäischen Haruspices im Innern der
Eingeweide, welche nach vorausgegangener äußerer Besichtigung geöffnet
wurden. So heißt es z. B.:

»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt
Hader und Zwietracht ein.«

»Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite
Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein.«

»Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so
tritt Zwietracht ein.«

Von den noch unveröffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant
eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich außer bei
den Babyloniern bei den Völkern des klassischen Altertums eine große Rolle
spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstümmelt
und enthält nur die Aufzählung der Fälle, welche mit der größeren oder
geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder
beider zugleich sowie mit dem völligen Schwund des rechten oder linken
Lappens oder aber mit der schwarzen, bläulichen, kupferigen oder roten
Färbung eines oder beider Lappen zusammenhängen, worauf die aus dem
Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlüsse folgen.

Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus über alle Länder der
alten Welt: im Norden über Armenien und Komagene, im Westen über Phönizien
und Palästina (die O. wird den Juden ausdrücklich verboten[47]) bis nach
Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die
Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berühmt waren. Von
Kleinasien kam das Haruspicium sehr frühzeitig nach Griechenland, wo die
Familienangehörigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in großem
Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn
des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl
nur darauf hindeutet, daß die Opferschau vorzugsweise in Delphi ausgeübt
wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien
gebräuchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter,
den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug.
Zur Zeit, als der Senat die +haruspices+ befragte[48], wurden dieselben aus
Etrurien berufen und bildeten eine besondere Körperschaft, welche
gesetzlich anerkannt war.[49] Die +libri haruspicini+ waren ebenso wie die
+libri fulgurales+ und +tonitruales+[50] etruskische Bücher, deren
Vorschriften und Lehren man für Offenbarungen des der Erde entstiegenen
Tages hielt.[51]

Außer den Regengüssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage
erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, während die Deutung
der Beziehungen der nächtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen
war.

Über die erstere Wolkengattung heißt es z. B.:

»Steigt bläulichschwarzes Gewölk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des
Tages der Wind wehen.

Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib.«

Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen
meteorologischen Charakter.

Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische
Beobachtung der Wolken und atmosphärischen Erscheinungen.

Die Fulguration scheint bei den Chaldäern sehr ausgebildet gewesen zu sein.
Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chaldäer im
allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1. auf die Erde herabfallende und
2. nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54]
nahmen die Chaldäer an, daß diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter
und Mars herrührten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die
+fulgura fortuita+ des Plinius »verkündeten durch ihren Donner die Stimme
der atmosphärischen Wächter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft
bezeichneten«.[55]

Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstümmeltes keilschriftliches
Fragment über die Einteilung der Blitze bei den Chaldäern erhalten[56], das
aber trotz seiner Verstümmelung sehr wichtig ist, insofern es die
Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet:

    »Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Der Blitz der Sterne . . . . . . . . . . . .
    Der Blitz des Gottes Bin . . . . . . . . . .
    Der Blitz der Erde . . . . . . . . . . . . .
    Der Blitz des Wassers . . . . . . . . . . . .
    Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet . . . .
    Der Blitz des Gottes Mamna . . . . . . . . .
    Der Blitz des Gottes Baluv . . . . . . . . .
    Der Blitz des Gestirnes . . . . . . . . . . .
    Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . .«

Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die +fulgura fortuita+ des
Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, daß die Blitze des
Ersteren mit dem »Blitz der Gestirne« und dem »Blitz des Gottes Bin«
(assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners
und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz
dargestellt.

Die Blitze der Götter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen
des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zündenden Kraft
berüchtigt.[57]

Die übrigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern
ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten
zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte
Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl »der
Blitz der Erde« des Fragments, welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge
identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch »die Blitze der Nacht«,
welche der Gott Summanus erzeugen sollte, während die Römer die
komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur
»Blitze des Tages« und »Blitze der Nacht« annahmen, die sie dem Jupiter
oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten über
die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rätselhaften »Blitz
des Wassers« der Chaldäer vergleichen ließe.

Über die Wahrsagerei der Chaldäer aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus
erwähnt[60], wissen wir nichts näheres, ebensowenig als über die
chaldäische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie,
deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebräuchlich.
Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe
verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlüsse auf günstige oder
ungünstige Vorbedeutung schloß. Diese auch Libanomantie genannte
Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebräuchlich, wo die heiligen
Feuer durch dem Boden entströmende Kohlenwasserstoffgase genährt wurden.

Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelüberschrift des Sargonschen
Auguralwerkes lautet: »Zinnober ist über der Flamme verbrannt«, so scheint
es, daß die Akkader ein ähnliches Verfahren kannten; auch dürften sie, weil
sie ihrem Feuergott eine so große Bedeutung als Bekämpfer der bösen Dämonen
beilegten, auch auf das äußere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben.

Nach einigen Bruchstücken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch
Quellen und Flüssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge,
dem Aussehen und der Strömung des Wassers.

Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei
ihnen jedoch anders als in späterer Zeit ausgeübt wurde. Psellus sagt:

»Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgeübt, welche man mit
prophetischem Wasser anfüllt und vor sich stehen hat. -- Dieses Wasser
unterscheidet sich äußerlich durch nichts vom gewöhnlichen Wasser, aber die
Handlungen und Beschwörungen, welche über dem Gefäß vorgenommen werden,
beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoße der Erde
entspringt und sich eigenartig äußert: Denn während sie sich dem Wasser
mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden
zunächst keinen rechten Sinn abgewinnen können; hat sie sich aber in der
Flüssigkeit nach allen Seiten hin gleichmäßig ausgebreitet, so vernimmt man
gewisse seltsame Töne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schöpft.
Diese der materiellen Wirklichkeit angehörenden Klänge haben aber stets
etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die
Weissager, welche diesen Umstand möglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs
überführt werden können.«

Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem größern
oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn
z. B., um über das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu
prophezeien, geprüft wurde, ob »der Diamant am Finger« seine Strahlen nach
rechts oder links warf.

Unter den Akkadern wie unter allen Völkern des Altertums war die
Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume
sehr gebräuchlich[63] und von ihnen zu den Juden übergegangen; bei ihnen
finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbäume, aus deren
Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah
weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und
verehrten auch den Sumurahstrauch (+Spina aegyptiaca+) als göttlich.
Überhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, daß sie aus allen
möglichen Arten dorniger Sträucher prophetische Laute zu vernehmen
glaubten, und dieser Anschauung dürfte auch die Erscheinung Jehovahs im
brennenden Dornbusch ihren Ursprung verdanken. -- Die Etrusker, deren
Kultur entschieden von der chaldäischen abhängig ist, unterschieden
günstige und ungünstige Bäume je nach den Prophezeiungen, welche sie
denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (%prosêgoroi
dryes%), wie zu Dodona, der ältesten pelasgischen Orakelstätte, und
weissagende Lorbeerbäume zu Delphi und Delos. -- Auf den Baumkultus der
Germanen werde ich später zurückkommen.

Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chaldäer
vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen
damit zu erklären suchen, daß die kriechende Schlange am meisten von allen
Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe.
Auch ist darauf aufmerksam zu machen, daß in den semitischen Sprachen die
Worte »Schlange« und »weissagen« der gleichen Wurzel +nahasch+ entspringen.

Die Schlange ist bei den Chaldäo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des
Ea, der höchsten Einsicht wie des Inhabers der höchsten Weisheit, weshalb
sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis
hält sie für listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten
Araber glaubten, daß man durch den Genuß eines Schlangenherzens und einer
Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung,
welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. -- Es scheint
sogar, daß man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen züchtete, welche
man als Mittler zwischen den Göttern und Menschen ansah und aus ihren
Gebahren orakelte. -- Auf Ähnliches scheint auch die biblische Erzählung
»vom Drachen zu Babel« hinzudeuten.

Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze
Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldäo-Babylonier aus der Farbe und
dem Exkrementieren eines fremd in den Königspalast oder ein Privathaus
gelaufenen Hundes wahrsagten.

Eine leider nur lückenhaft erhaltene Inschrift giebt an, daß Fliegen
(+zumbi+) von den Chaldäo-Babyloniern zum Wahrsagen benutzt wurden. Dieser
Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie,
nämlich die Rolle, welche der große Gott von Akkaron (Ekron) spielt.
Derselbe hieß bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, »Baal-Fliege« oder
»Herr der Fliege«; die Septuaginta nennt ihn %Baal myia%, Josephus %theos
myia%, und die Juden machten ihn später zum Obersten der Teufel. Dieser
Baal-Zebub besaß ein berühmtes Orakel, welches nach dem
alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, König von Israel, über den
Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des
Elias entflammte. Berücksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht,
so bleibt kein Zweifel, daß zwischen dem Namen des großen Gottes von
Akkaron und der Art und Weise der Ausübung seines Orakels Zusammenhang
herrscht, und daß die semitischen Völker so gut wie die Chaldäer
Fliegenorakel besaßen. Daß Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch
bei den klassischen Völkern eine Rolle spielten, beweist die Erzählung von
der Kindheit Platos und die Midassage.

Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem
Verhalten der Ratten, Heuschrecken &c., und endlich wurden nach Angabe des
Sargonschen Auguralwerks auch »die Fische der Teiche« zu den prophetischen
Tieren der Chaldäer gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu
verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung züchtete. So gab es z. B.
in Lycien heilige Fische, welche durch Flötenspiel an die Oberfläche des
Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das
Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch dürften die in
einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien
gezüchteten Fische, welche Ohrgehänge an den Kiemen trugen, zu
Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Göttin
Atargatis oder Derketo zu Askalon gezüchteten, wo bekanntlich ein dem
babylonischen verwandter Kultus herrschte.

Auch war die chaldäische Mantik bemüht, aus spontanen Bewegungen oder Tönen
von Hausgeräten und Möbeln wahrzusagen, und es ist ein Fragment erhalten,
welches eine ganze Reihe von hölzernen Möbeln und Teilen des Hauses nennt,
aus denen prophetische Laute hervortönen (+assaput+, +ku-a+), »geeignet,
das Menschenherz fröhlich zu stimmen«. Die einzelnen Deutungen sind jedoch
verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, daß wir es hier
wohl mit den Anfängen des Tischklopfens und Tischrückens zu thun haben.

Auch zufällig gehörten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es
sind dies die von den Juden +bath-kol+ genannten Stimmen.

Hingegen läßt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausübung der im
Buche Hiob erwähnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie
nachweisen.

Die Beschäftigung der Chaldäer mit der Astrologie brachte es mit sich, daß
sie den Mißgeburten große Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren
Behauptungen rechtfertigten 470000 jahrelang angestellte Beobachtungen die
Annahme, daß der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand
dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Mißgestaltungen
neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhängig seien, so
lasse sich aus Mißgeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den
Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Mißgeburten eine ungeheuere
Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausführlich in dem
Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezüglichen Texten, welche
Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anführen, welcher beweist, daß
man schon in jener altersgrauen Vorzeit der »Glückshaube« eines
neugeborenen Kindes eine ebenso große Wichtigkeit beilegte als heute:

    »Gebiert eine Frau ein Kind,
    dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick
        desselben ein
    günstiges Vorzeichen im Hause walten.«

Namentlich wurde den Mißgeburten fürstlicher Frauen große Bedeutung
beigelegt, und auch die Mißgeburten mancher Tiere -- wie z. B. der Stuten
-- galten als besonders ominös.

Der Glaube an die Vorbedeutung der +Portenta+ ging auf Etrusker und Römer
über, und noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar
Schott +De mirabilibus portentorum+.

Mit die wichtigste Rolle im chaldäischen Divinationswesen spielt die
Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chaldäer die Träume zu
den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des
Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]:

    »Sieht einer im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Einen männlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Die Gestalt eines Hundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Die Gestalt eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . . .
    Das Vordertheil eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . .
    Die Gestalt eines Hundes mit den Füßen eines andern Thiers . . . .
    Einen todten Hund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen . . . . . . . . . . . . .
    Leichen großer Thiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Ein Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
    Einen Mann auf sich harnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .«

Das Urinlassen als Traumsymbol dünkte den Chaldäern ganz besonders wichtig
und wird auch noch von einem Weib, Bären, Hunde usw. angeführt. Herodot
berichtet bekanntlich von einem hierhergehörigen Traum des Astyages, dessen
Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien überschwemmte und so die
Herrschaft des Cyrus prognostizierte.

Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der
Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:

    »Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer . . . .
    Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen . . .«

Bekanntlich spielen Träume von Feuer und Flammen noch in der modernen
Traumdeutung eine große Rolle.

Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich in den
Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Träume zu erhalten,
welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen ließen. Bekanntlich wurde
dieser +incubatio+ oder %enkoimêsis% genannte Brauch auch in Ägypten oder
Griechenland ausgeübt.

In Chaldäa und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in
diesen Dingen nur die Schüler und Nachbeter der Chaldäer waren, gab es nach
den Keilschrifttexten Seher (+sabru+), welchen die Götter vorzugsweise
prophetische Träume zu Teil werden ließen. Derartige Seher und Seherinnen
scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu
Borsippa andeutet, in manchen Tempeln ständig gegeben zu haben. --
Zweifellos wurden bei den Chaldäern prophetische Träume auch durch
narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Völkern des Altertums und
noch bei vielen wilden Völkerschaften.

Der Eingang des obersten -- siebenten -- Stockwerks des Turmes von Borsippa
war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hieß +bab assaput+, »Thor des
Orakels«. Ein ähnliches Orakelgemach, +bil assaput+, existierte noch nach
inschriftlichen Angaben in der Pyramide des königlichen Stadtviertels zu
Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt
wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften
nicht ersichtlich. Gewiß ist nur, daß dieses Gemach als Grabkammer des
Bel-Maruduk galt, was vermuten läßt, daß daselbst Incubation stattfand,
weil man im Altertum häufig Grabstätten aufsuchte, um in ihnen prophetische
Träume zu erhalten. Auch ist bekannt, daß das Orakel des Belus oder
Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Großen insofern eine Rolle
spielt, als die Chaldäer den siegreichen Eroberer im Namen dieses
Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings
blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggründe
der Chaldäer wohl erkannte.

Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist
teilweise erhalten und enthält folgende charakteristische Stellen:

    »Gewähre mir den Eintritt, daß mir ein Glückstraum zu Theil werde!
    Der Traum, den ich träume, daß er günstig sei!
    Der Traum, den ich träumen werde, daß er wahrhaft sei!
    Der Traum, den ich träumen werde, laß ihn ausfallen zu meinen Gunsten!
    Makhir, der Traumgott, möge walten über meinem Haupt!
    Gewähre mir Eintritt in den E-saggal, in das Götterschloß, den Wohnsitz
        des Herrn!
    Auf daß ich mich nähere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glückspender und den
        gesegneten Händen seiner Allmacht!
    Möge ich rühmen können deine Größe, lobpreisen deine Gottheit!
    Mögen die Bewohner meiner Stadt rühmen können deine Werke!«

In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren
Höhepunkt in Vorderasien und Ägypten, woselbst sie sogar die Politik und
Kriegsführung beeinflußte. Durch einen siegverheißenden Traum wurde
Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Träume wurde
mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur
Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Träume waren es, welche Krösus
den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus
die des Darius verkündeten. Ein Traum führte Sebek, König von Ägypten, zum
Entschluß, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum,
welcher dem König Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres
unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr
ermunterte. Endlich hatte der äthiopische Fürst Ta-nuat-Amen einen Traum,
welcher ihm seine zukünftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung
Ägyptens anspornte.

Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Träume erlaubt,
dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten
Träume herbeizuführen und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den
Christen gemachten Einteilung der Träume in göttliche und teuflische bis in
das vorige Jahrhundert nach.

Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldäo-Babylonier ist die Nekromantie.
Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern
entsprechender besonderer Geist beigegeben, welcher ihn schützt, in ihm
lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus
diesem Geist ein Dämon (+utuk+, +utukku+), dessen Schicksal »im Land ohne
Heimkehr« je nach Maßgabe der Geneigtheit der Götter ein günstiges oder
ungünstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Königen fanden
Eingang in den Himmel und bewohnten fortan:

    »Das Land mit Silberhimmel,
    Wo Segensgüter
    Sind zu ihrer Nahrung
    Und süße Lust
    Sie zu beseligen,
    Wo ist Einhalt
    Des Kummers und Jammers.«

Das Loos der großen Überzahl der Menschen, deren +utuk+ in das »Land ohne
Heimkehr« (akkad. +kur-nu-ga+, assyr. +mat la Tayarti+) hinabstieg,
gestaltete sich ziemlich trostlos. Das »Land ohne Heimkehr« wird in der
»Höllenfahrt der Istar« folgendermaßen geschildert:

    »Dort wohnen die Führer und die des Glückes entbehren,
    Wohnen die Geringen und Großen,
    Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der großen Götter,
    Wohnt Etanna, wohnt Nir . . . .«

Im »Land ohne Heimkehr« lebt die Seele wie im Scheol der Hebräer ohne
Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist
weder völlige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von
Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des »Landes ohne Heimkehr« befand
sich jedoch, wie oben erwähnt, im »ewigen Heiligthum« die »Quelle der
Lebenswässer«, deren Sprudel die höllischen Mächte mit der größten
Wachsamkeit und Ehrfurcht behüteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot
der höchsten Götter, namentlich des Ea, erschließen, und wer daraufhin von
ihr getrunken hatte, kehrte -- wie Istar am Schluß ihrer Gefangenschaft --
lebend an das Licht zurück. Ob diese Quelle eine Andeutung der
Auferstehung, an welche die Chaldäer nach Diogenes Laërtius glaubten, ist,
läßt sich nach den Texten nicht entscheiden.

Übrigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als
Vampyre dem »Land ohne Heimkehr« entsteigen, um die Lebenden zu quälen.
Deshalb droht auch Istar dem Schließer des Höllenreichs mit den Worten:

    »Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, --
    Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden;
    Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher
        machen denn Alles, was lebt.«

Auch die Schwarzkünstler vermögen Vampyre aus dem »Land ohne Heimkehr«
heraufzubeschwören und die Gegenstände ihres Hasses von ihnen peinigen zu
lassen.

Da man sonach an die Citation Verstorbener glaubte, so lag es sehr nahe,
die von den Schranken des Raumes und der Zeit befreiten Geister der
Verstorbenen über die Zukunft zu befragen, und die Nekromantie mußte sich
folgerecht entwickeln. Über die Ausübung der Nekromantie habe ich
anderwärts[72] schon das Nötige gesagt. Hier will ich nur rekapitulieren,
daß wir uns aus dem alten Testament ein ungefähres Bild von der
Totenbeschwörung der Chaldäer entwerfen können.

Der biblische +Ob+ ist ein unsauberer Geist, ein Totengeist, welcher in dem
Körper eines Mannes oder einer Frau wohnt und von hier aus die Zukunft
offenbart, entsprechend dem +jidoni+, dem »Wissenden« oder »Belehrenden«,
welcher fast immer mit den +oboth+ zusammen genannt wird. Es ist dabei zu
bemerken, daß die Worte +oboth+ und +jidonim+ sowohl für die Geister selbst
als die von ihnen Besessenen gebraucht werden.

Das Letztere ist nicht nur der Besprechung der Hexe von Endor durch
Josephus[73] sondern auch daraus zu entnehmen, daß die Septuaginta
wiederholt +oboth+ mit %engastrimythoi% übersetzt, sowie überhaupt aus den
charakteristischen Ausdrücken, deren sich die Propheten bei der Schilderung
der +oboth+ bedienen.

Ziehen wir nun die ausdrückliche Angabe des Jamblichus, daß die Babylonier
mittelst ihrer %Sakchoiras% die Geister der Toten über die Zukunft
befragten, in Betracht, und erwägen wir, daß +ob+ kein semitisches Wort
ist, sondern vom akkadischen +ubi+, »strafwürdigen Künsten obliegen«,
abstammt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die hebräische
Nekromantie aus der akkadischen hervorging.




Zweites Buch.

Der Occultismus der Meder und Perser.

Erste Abteilung.

Der medische Magismus.


Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz
eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine große
Ähnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische
Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor
Christus; jedoch bildeten auch nach der völligen Besitznahme Mediens die
Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der
Bevölkerung. Zur Zeit der Achämeniden sprach das Volk noch die
protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserkönige
wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache,
sondern auch seinen eigenen religiösen Charakter, welchem es erst nach
langem mit wechselndem Glück geführten Kampf gegen die Religion Zoroasters
entsagte. Die den Protomedern eigenen religiösen Vorstellungen fanden
endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre
Vermischung mit der Religion derselben das System des _Magismus_, so
genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschließliche Privilegium
besaßen, daselbst das Priesteramt auszuüben.[74]

Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster
beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern
begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat,
welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese
Annahme ist nach den neuesten Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum,
da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander
entgegengesetzt sind.

Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet
war, berichtet ausdrücklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von
Behistan, daß die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine
Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische
Religion durch die ihrige zu verdrängen, und daß Darius ihre »gottlosen
Altäre« stürzte.

Es heißt in der genannten Inschrift[75]:

»Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und
Wahnglauben wurde im Lande mächtig, in Persien, Medien und andern
Provinzen. Die Königswürde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe
ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel,
welche der Magier Gaumata zerstört hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe
die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen
Gesänge und rituellen Gebräuche wiedererstattet; ich habe den Staat auf
seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die
übrigen Provinzen wieder an mich gebracht.«

In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heißt es
ferner: »Als Ahuramazdâ dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah,
vertraute er es mir an.« Das im Text für Aberglauben gebrauchte Wort ist
+yâtum+, »Religion der Yâtus«, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta
genannt werden. Danach und nach der im nächsten Kapitel zu gebenden
Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser
bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst
unerklärliche Einsetzung der »Feier des Magiermords«, welche man lange Zeit
hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden
überhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen
oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwähnt. Jedoch trat die
Zersetzung und Entstellung der ursprünglichen und nationalen iranischen
Lehre des reinen Mazdeismus der Ghâtâs und der ersten Fargards der
Vendidad-Sâde bei den Medern schon frühzeitig durch ihre Berührung mit
turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert
hatten.

Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den
eigentlichen Geist des ursprünglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie
die Perser als ein Volk hinstellen, welches Götzendienst und fremde
Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszügen den Kultus
anderer Völker zu zerstören suchte, Tempel verbrannte, die Götterbilder
vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Geräte als Beute mitschleppte, die
Priester beschimpfte und tötete, die Feier religiöser Feste verhinderte,
heilige Tiere tötete und sogar die Gräber entweihte. -- Kambyses in
Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus.

Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen
versucht, so sehen wir mit Erstaunen, daß er nicht einmal den Namen des
Ahuramazdâ kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des
Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion,
welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit
mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbücher gleicht.
Hiermit stimmt überein, daß Herodot ausdrücklich die Magier, die Vertreter
der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76]

Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in
den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflüssen
stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft
jedoch hatte er -- wie auch in den am spätesten Zendbüchern -- große
Bedeutung gewonnen.

Daß dieser von den Magiern herrührende Kultus bei den Medern eine
Hauptrolle spielte, bezeugt übrigens auch Herodot in seiner Schilderung der
sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt
waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem »zweiten Ekbatana, der
Stadt mit den sieben Ringmauern« und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste
Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldäo-babylonischer
Anschauung, denn der siebenstöckige Thurm zu Borsippa wurde nach seiner
Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben
Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen
Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall.

Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus
vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar während
deren langer Berührung mit der Kultur der Euphratländer; dann ging er auf
die Magier über, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern
iranischen Völker übertrugen.

Erwähnt sei, daß die Lehre von Zrvâna-akarana, »der unbegrenzten Zeit«, der
gemeinsamen Quelle des Ahuramazdâ und Angrômainyus, eine von der Sekte der
Zervanier herrührende Entstellung der ursprünglichen mazdeischen Lehre ist.
Eudemius, der Lieblingsschüler des Aristoteles, welcher diese Person wie
das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt,
bezeichnet sie ebenfalls als eine Schöpfung der Magier.[77] Auch ist es von
Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwähnen, wonach derselbe Name
Zrvâna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse,
welche in der chaldäisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in
Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstücken der akkadischen
Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der
Auffassung der Zrvâna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus
Mul-ge sowohl gehässige Götter wie Namtar, als gnädige, die Dämonen
bekämpfende Götter, wie z. B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl
Dämonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines +Deus
averruncus+, eines die Dämonen vertreibenden Gottes trägt. Betrachten wir
die Trias: das Urwesen Ana und den dem düstern Mul-ge entgegengesetzten
holden Ea, die drei Götter, welche die Akkader über die drei Weltzonen
setzten, so werden wir bei Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ, und Angrômainyus nur
unwesentliche Modifikationen finden.

Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das
gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazdâ und Angrômainyus
hervorgingen. Während nämlich im echten Mazdeismus der Perser Ahuramazdâ
allein verehrt und Angrômainyus mit Verwünschungen überschüttet wurde,
wurden im Magismus das gute wie das böse Prinzip in gleicher Weise verehrt.
Plutarch erzählt[78], daß die Magier dem Angrômainyus (%Aidês, Areimanôs%)
Opfer darbrachten, und beschreibt die drei üblichen Gebräuche, welche
hauptsächlich in der Darbringung des Sumpfgrases (%omômi%) bestanden, das
mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt
wurde. Herodot[79] läßt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem
Einfluß der Magier gänzlich ergeben war, »dem Gotte der Finsterniß und der
untern Regionen« sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem
ähnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim
Übergang über den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben
sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des
Angrômainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch
wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er
wohl als ein Rückfall in den Magismus zu betrachten ist.

Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die
akkadische Magie, als in ihm das böse wie das gute Prinzip gleichmäßig
verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rührt dies daher, daß die Meder einen
ihrer Hauptgötter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in
Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den
turanischen Völkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine
Erscheinungsform des Ea und ein häufig gebrauchtes religiöses Symbol. So
legt z. B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott -- vielleicht Ea --
folgende Worte in den Mund:

    »Wie die gewaltige siebenköpfige Schlange ihre Köpfe heftig schüttelt,
        so schwinge ich die siebenköpfige Waffe.
    Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von
        vorn angreift,
    So führe auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetümmel, die
        Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenköpfige Waffe.«

Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen
Überlieferungen mußte sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bösen
Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen
Überlieferung Angrômainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den
Himmel Ahuramazdâs zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens
wohl sicher größere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen
Ahuramazdâ zu verehren besaßen, mußte der Kultus des Angrômainyus so recht
zu der mit magischen Gebräuchen verbundenen Volksreligion werden, und hier
haben wir auch die Wurzel aller späteren Schlangen- und Teufelskulte zu
suchen, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen war. -- Direkte
Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer sind die noch heute im nördlichen
Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz
die alte dualistische ist, die aber nur das böse Prinzip verehren, weil das
gute keine Anbetung verlange.

Hervorgehoben muß noch werden, daß seit Artaxerxes Memnon der persische
Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der
Menschheit ausübt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra
»der Freund« genannt, was als iranische Übersetzung des akkadischen
Beinamens des Silik-mulu-khi, »der den Menschen Gutes zuwendet«, gelten
kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines
vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der
protomedischen Religion mit Ähnliches bedeutendem Namen innegehabt.

Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht
aller mazdeischen Schriften die Beschwörungs- und Zaubergebräuche des
medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Yâtus, der Feinde
des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrücklich untersagt und mit strengen
Strafen belegt werden.

Die Weissagung übten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptsächlich durch
das Loswerfen mit Tamariskenstäben aus. Das in späterer Zeit das
Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Bareçma ist
nichts als ein Bündel solcher Wahrsagestäbe, deren Anwendung in Persien
unter dem Einfluß der Magierkaste Eingang gefunden hatte.

Die Magier gaben ferner vor, daß sie durch bestimmte Worte und Handlungen
himmlisches Feuer auf ihre Altäre herabziehen könnten, und legten sich
überhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Laërtius[81] alle möglichen
übersinnlichen Kräfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch
bei den Etruskern und Römern antreffen, könnte vielleicht auf primitiven
elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausübung der Fulguration
erworben worden waren.

Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein
Buch, welches von einem Magier Osthanes verfaßt worden war und nach
Plinius[82] »den Griechen einen wahren Heißhunger nach Magie beibrachte«,
die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Goëtie trat. So viel von dem
Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsagekünste sowie die
Beschwörung der Toten und Dämonen.[83]




Zweite Abteilung.

Der Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.

Das Leben Zoroasters.[84]


Der große parsische Gesetzgeber heißt in der Zendsprache Zarethoschtro, im
Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die
Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes
und endlich den gebräuchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben
ist »Goldstern« oder »Sohn des Stern«, ähnlich wie Bar Cochba oder
Nazaratos.

Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v. Chr. und
wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo
geboren.

»Dies begab sich -- heißt es im Zerduscht-nameh -- am Ende eines
Zeitpunkts, wo Angrômainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden,
die Völker ohne Richter, und Angrômainyus war ihr Herrscher und Plager. Da
zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, ließ aus Feriduns Wurzel einen Baum
hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mußte die Gefangenen
erlösen.«

»Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft
einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine schwarze Wolke war vor ihrem
Auge, die wie ein Adlerflügel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel
erzeugte. Löwen und Tiger und Wölfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten
aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser
Ungeheuer stürzte sich auf sie, wüthete und brüllte, riß ihr den Leib auf
und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn
umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief
mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich
erdrückt? -- Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts
ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen,
Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen!«

»Diese Worte waren Trost für Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob
sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstäubte die Nachtwolke, Südwind blies,
und die Ungeheuer zerstiebten wie Blätter.«

»Am hohen Tage zeigte sich ein Jüngling, schön wie der Glanz des vollen
Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand
riß er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein
Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wären sie zu
nichts geworden. Nur die drei mächtigsten: Löwe, Wolf und Tiger blieben. Es
schlug sie aber der Jüngling mit dem Lichthorn, daß sie vergingen. Da
schloß er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie
ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der König des Himmels
schützt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet
Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn
soll Löwe und Lamm zusammen trinken. Fürchte diese Bestien nicht! Wessen
Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt fürchten?«

»Der Jüngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht.
Die zagende Dogdo suchte einen ehrwürdigen Greis auf, der erfahren war in
der Traumdeutung und Kenntniß der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie
erzählte ihr Gesicht, um das Unglück zu erfahren, welches sie befürchten
müsse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehört.
Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen
wieder.«

»Die drei Nächte, welche kamen, waren schlaflos für Dogdo. Als der vierte
Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glänzte aus
seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete
nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb
darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach
dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen
hat. Du bist schwanger fünf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine
Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebären[87], den man nennen wird
»gebenedeieter Zoroaster«. Er soll ein Gesetz verkündigen, das der Erde
Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine
Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du
gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglänzende
Jüngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das
Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Größe Gottes, der
Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bösen. Das Buch in seiner
andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews
fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die
aber nichts gegen ihn auszurichten vermögen. Um diese Zeit wird ein König
sein, der das vortreffliche Gesetz einführen wird. Welcher Mensch
Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele
seiner Feinde wird zum Duzakh[89] müssen.«

»Woher, sprach Dogdo, weißt du meine fünfmonatliche Schwangerschaft? Wisse,
war seine Antwort, daß ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst
beruhen in der Kenntniß des Himmels. So schreiben die alten Bücher.«

»Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hüpfte wie die
Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie
begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne.«

»Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lächelte
der Knabe, worüber sich alle Welt verwunderte und große Dinge weissagte.«

»Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder,
das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gerücht
des Wunders erscholl allenthalben und machte den großen Haufen der Magier
bekümmert. Sie besorgten daraus Böses für sich und wollten Zoroaster
umbringen. Dies entdeckte Ahuramazdâ Zoroaster[91] mit den Worten: Im
Anfang verschworen sich die Dews wider den großen Zoroaster und trachteten
ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews
überwinden.«

»Von Norden aus kommt Angrômainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt
der todschwangere Fürst der Dews; er läuft ruhelos, dieser todschwangere
Angrômainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93]
durchstreicht die Länder und verheert sie, o reiner Zoroaster! Überall
dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bösen, der Verheerer, Plager
und Lehrer des bösen Gesetzes.«

»Darauf offenbarte Ahuramazdâ dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt
zwischen ihm und Angrômainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des
künftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Kräfte
seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an.«

»Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Körper, heiliger Zoroaster,
durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazdâ dem Großen, dem
gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und
da er wie über eine weitgehende Brücke war, drang er in die feste Stadt des
Poroschasp. Doch war Zoroaster weit stärker als Angrômainyus, der Vater des
bösen Gesetzes.«

»Damals lebte in dieser Gegend Fürst Duranserun, Haupt der Magier und
Erster der Schüler des bösen Gesetzes.[94] Er wußte, daß Zoroaster, sobald
er aufstünde, durch sein reines Gesetz alle Magie töten würde. Kaum wurde
ihm des Kindes Geburt verkündigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein
Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab.
Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frühlings
Blüte, und Größe Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben
hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn blaß, und er befahl
seinen Leuten, daß sie das Kind greifen und mit dem Säbel zerhauen sollten.
Aber der Vater der Seelen ließ seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im
Feuerzorn verließ er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen
gekrümmt, machten sich von dannen.«

»Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wüste.
Daselbst bauten sie einen Holzstoß von Pech und andern Feuermaterien,
entzündeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und
Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht hätten. Dogdo hörte dies
und lief wie außer sich zur Wüste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig
schlafen. Feuer war ihm süßes Wasser. Sein Antlitz glänzte wie Zohore[96]
und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Küsse und trug es
heim.«

»Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht
gehabt über Zoroaster, das wußte Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier
auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die
sollten ihn zertreten und zerreißen. Aber der größte und stärkste der
Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zärtliche Mutter, umfaßte ihn und
schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle
vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und ließ das Kind. Dies ward wieder
ruchbar. Als Dogdo hörte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim
und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen.«

»Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berühmt durch seine Zauberkünste,
sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich weiß, wir
können nichts gegen Zoroaster. Gott schützt ihn. Bahman[98] wird ihn zum
Throne Ahuramazdâs bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschließen und
ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und
ein gerechter König wird alle Magier verderben. Poroschasp hörte den Magier
vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem
Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange
die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder
der Heiligkeit werden und den Völkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und
nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde
bringen. Der König Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. -- Das waren
Worte der Freude für Zoroasters Vater.«

»Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn
krähte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner
pflegen und für ihn sorgen als für die zarteste und schönste Blume.
Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen,
geschützt durch die Glorie Ahuramazdâs, ohne den Feuerwind des Angrômainyus
und der Magier zu empfinden.«

»Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch
ihre Bezauberungen seinen Knaben tödlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst
auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, daß alles Volk zitterte.
Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt,
ohne einen Fuß zu bewegen. Gott ließ ihn alle Zaubereien überwinden und
erfüllte die Magier mit Verzweiflung, daß sie von dannen wichen.«

»Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrübt. Turberatorsch, der
Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen
Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du
genesen willst! Zoroaster, der gleich wußte, daß dies Zauberarznei wäre,
die allem Volke Ahuramazdâs verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen
und goß sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines
Mittels nicht; verübe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen
Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhöchste läßt mich sehen, wie
du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt.«

»Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaßen
des Weltenschöpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener
Ahuramazdâs ließ sich vom Strom mit fort reißen und vereinigte in sich
Anbetung Ahuramazdâs und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages
versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen
Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und
getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der
Magie weißt, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele
erzeugt.«

»Zoroaster hörte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater,
solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fuß nicht
reinen Weg, so mußt du einst zur Hölle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der
alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberkünsten und vergissest
das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben,
ihrer Thaten Frucht.«

»Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner
Schwätzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt
mein Geheimniß aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte!
Ich will dich überall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz
sich freuen!«

»Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lügen werden nichts
vermögen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstäuben! Durch
Hülfe des großen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts
machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfüllten die Zauberer
mit Schauder, und Turberatorsch -- man sollte gedacht haben, seine Seele
wäre außer dem Leibe -- wich von dannen und wurde heftig krank.«

»So erreichte Zoroaster sein fünfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht
im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib.«

»Den Bedrängten spendete er Trost und Hülfe im Geheimen. Konnte Jemand
nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die
Armen und gab Almosen, wo es nöthig war. All sein Gold und Silber gab er
dahin, und sein Name war groß bei Jung und Alt.«

»Ein Jüngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Güter umfaßt,
noch durch die Vergnügungen seines Alters erwärmt wurde, fand keine Lust am
Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und
Trost in der Weisheit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr. Er hörte die Weisen
aus Chaldäa, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften
schöpfte, waren der Keim für alle die Wahrheiten, durch welche er später
Persien erleuchtete.«

»Im dreißigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] -- Er kam daselbst
an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d. h.
das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Fürsten des Reiches waren
beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht überkam ihn auf dem
Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von
Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang
ließen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von
Mittag kommen. Beide stießen wüthend auf einander; dieses aber überwand.«

»Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brüllende Löwen
gegen Zoroaster kriegen würden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes
unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt gemacht hätte; daß aber
Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes
beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die
Flucht getrieben würden.«

»Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er
zu dem Ort des Festes und überließ sein Herz der Freude. Dann besuchte er
in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein großes Meer und sah sich in
der Mitte eines paradiesähnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages
Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her über die Widersprüche, die er
nun bald würde leiden müssen, und verließ Iran mit nassen Augen. Nachdem er
über den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres
Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an
die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals.«

»Diese vier Wasserhöhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen
Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den
Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem
Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies
machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte
Ahuramazdâ, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurück,
um den Allerhöchsten zu befragen, und in allergrößter Ruhe bei sich zu
betrachten, was er seinem Vaterland verkünden wolle.«

»Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hände
waren in einen Schleier gehüllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du,
und was suchst du? -- Ich suche, was Ahuramazdâ gefällt, dem Schöpfer
beider Welten, weiß aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist,
zeige mir den Weg des Gesetzes. -- Bahman hatte Wohlgefallen an diesen
Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du
Antwort hören auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf und folgte
Bahman, der zu ihm sprach: Schließe deine Augen und gehe frisch. -- Es war,
als ob ein Adler ihn aufnähme und vor Gott brächte. -- Zoroaster that seine
Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn
zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne
Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid
einst that.«

»Zoroaster sprach zum Allerhöchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der
Welt? -- Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der
ist's, der reines Herzens ist; wohlthätig gegen den Gerechten und gegen
alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes
thut allem Geschöpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschöpfen: der
soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazdâ, der
den Guten betrübt, der meine Diener bekümmert und außer meinen Geboten
wandelt, der -- sage es allem Volk -- muß ewig in der Hölle sein.«

Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazdâ über die Amschaspands[110], die ihm
lieb sind, über den unreinen Angrômainyus, der nur Arges denkt, über Gute
und Böse und über den Ausgang derer, die den Dews anhängen.

Ahuramazdâ sprach: »Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrômainyus
ist der Vater des Bösen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse:
Böses kommt nur von Angrômainyus, alles böse Thun und alles böse Denken.
Die Strafe der Sünde ist in der Hölle. Die Thoren lügen, wenn sie sagen,
ich thäte Böses.«

Alsdann bat Zoroaster Angrômainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen
Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes stärken
könne. Ahuramazdâ sprach[112]: »Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der
Körper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es würde alsdann keine
Auferstehung geben. Du würdest alsdann den Tod von mir suchen.« Ahuramazdâ
gab ihm eine Speise, ähnlich dem Honig. Zoroaster aß und sah im Traum die
Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazdâ ließ ihn alle
Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im
letzten Weltjahrtausend geschehen würde. Beim Anblick der Plagen und
Übelthaten, welche die Welt verwüsten würden, wünschte er sich nicht mehr
Todlosigkeit.[113]

Ahuramazdâ lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bösen
Einflüsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der
Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die
Gestalt des Angrômainyus in der Hölle und erlöste aus diesem Reich der
Finsternis einen Menschen, der Gutes und Böses gethan hatte.[115]

Als Angrômainyus ihn erblickte, schrie er mit großer Stimme: »Verlasse das
reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben,
was dein Herz begehrt.[116] Kümmere dich nicht um deinen Ausgang, oder
bekämpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des
Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen.« Zoroaster
sprach: »Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in
der Hölle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und
Schande bringen!«

Zoroaster -- voll göttlicher Majestät -- sah nun einen Feuerberg; er mußte
hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle über ihn
ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf öffnete man ihm auf Befehl
Ahuramazdâs den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schützt, dem ist Feuer
in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser muß, so
fürchtet er doch nichts.[117]

Ahuramazdâ sprach: »Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein
Hirte! Wer nun Angrômainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen
Blutflüsse fließen, und er soll den Feuerflammen übergeben werden, wie dir
gezeigt ist. Vom Fluß des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein
Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrômainyus anhängen;
aber die Mobeds werden sich rüsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht
wird über die Menschen Gewalt üben, aber dieser Feuerstrom soll sie
aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren
Alles, was sie wissen müssen. Geschmolzene Metalle werden über ihn gegossen
werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub
verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.«[119]

Darauf befragte Zoroaster Ahuramazdâ, der alle Geheimnisse weiß, um die
Pflichten seiner Diener -- Desturs und wachsamen Mobeds -- um die Art zu
beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernährer jedes Tags und
Allgenugsame sprach: »Sage den Menschen, daß mein Licht verborgen ist unter
allem, was glänzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine
Gebote, so wird Angrômainyus fliehen; in der Welt geht nichts über das
Licht.«

Dann lehrte Ahuramazdâ Zoroaster den Zendavesta und sprach: »Lies ihn vor
dem König Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich
bin, damit er Mitleiden und Güte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte
auch die Mobeds an meiner Statt, daß sie den Weg Angrômainyus meiden.« Über
diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazdâ.

Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Aufträge auszurichten.
_Bahman_, der die Tiere schützt[121], sprach: »Ich überlasse dir die Thiere
und Herden; laß die Mobeds dafür sorgen. Kein junges und nützliches Thier
müsse getödtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazdâ
empfangen und darf sie keinem Bösen anvertrauen.«

Der glänzende _Ardibehescht_[122] sprach: »Sage in meinem Namen Gustasp,
Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. Laß Desturs,
Mobeds und Herbeds[123] dafür sorgen, daß sie nicht getilgt werden, weder
durch Wasser, noch Koth, daß jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem
Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des
Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schöneres in der Welt? Er will nur
Holz und Gerüche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete
erhören. Ich überlasse es dir, wie es mir von Ahuramazdâ überlassen ist.
Wer mein Wort nicht hört, der geht zur Hölle.«

_Shariver_[125] befahl, die Waffen -- Säbel, Lanze &c. -- nicht verrosten
zu lassen.

_Espendarmad_[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles
segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles
Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleißig bauen usw.

_Chordad_[127] empfahl ihm alles Wasser unter und über der Erde, in
Quellen, Flüssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Stärke, macht
grün usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen.

_Amerdad_[128] sprach von Früchten und Bäumen und befahl sie nicht
muthwillig zu beschädigen.

Noch wurde Zoroaster befohlen: »Laß die Desturs in alle Welt gehen und die
Menschen zum Glauben an Ahuramazdâs Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort
bestelle einen zum Lehrer des Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den
Zendavesta liest und zu Gott, dem Schöpfer der Welt, betet. Alle Menschen
sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgürtet
sein, dem Kennzeichen der Schüler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten
die vier Elemente des Menschenkörpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird
alles blühen und den Segen des Allerhöchsten genießen.«

Dies waren die Lehren, welche Ahuramazdâ und die Amschaspands ihrem Diener
Zoroaster erteilten.

Da nun Zoroaster außerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazdâ
erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine
Höhle. Diese Höhle sollte ein Bild der Weltschöpfung durch Mithra sein, und
die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen,
sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und
Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben.

Nach Origenes[132] hatten die Perser in den später allenthalben
entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die
erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn
bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die
vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fünfte aus gemischtem Metall
bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente,
goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar.

Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende
Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. Über sie alle geht
Gorotman, die Wohnung Ahuramazdâs und der himmlischen Geister. Gorotman ist
die achte Stufe der Leiter des Origenes.

Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazdâs und der Amschaspands
erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurück. Die Dews und Magier
versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste
Magier sprach: »Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts
können.« Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen
alle Dews und verbargen sich in den Abgründen der Erde. Die Magier erfüllte
Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um
Gnade.

Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Straße von Balkh dem Palaste des
Gustasp.[134] An einem Glückstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig;
dann betete er zu Gott und ging zum König. Da er nicht vor sein Angesicht
kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der König Hof hielt.

Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die
Hofleute aber bestanden aus den Großen Irans und den berühmtesten Weisen.
Der nähere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer
größeren oder geringeren Verdienste.

Zoroaster trat vor den glänzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen
durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der König seine Weisen, wer er
wäre. Zoroaster setzte sich und redete unerhörte Dinge und beantwortete die
Fragen, daß alle staunten.

Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fußboden und setzten sich um
Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten
Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht.
Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der
Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche
Wohnung neben sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit
sie Zoroaster beschämen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte
Gott für den Sieg über sie.

Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim König ein. Sie
redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer überlegen. »Was
will daraus werden?« sagten sie.

Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre
Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfältig. Gustaspes erwies ihm
Ehre über Ehre, und Zoroaster mußte ihm seinen Stand, Namen, Familie und
Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazdâ war Versammlung aller
Großen, Heerführer und Weisen. Des Königs Diener aber entbrannten vor Zorn
und sprachen: »Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir
wollen zusammenhalten und alle seine Reden unnütz machen!«

Aber Zoroaster machte, daß am Tage Ahuramazdâ[136] wie an den vorigen Tagen
alle Großen und Weisen verstummen mußten, und er wurde groß vor Gustaspes
und sprach: »Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht
hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag
vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat
und dich schützt und deinen Körper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn
regierst du und hast Gewalt über seine Knechte.« Zoroaster stellte
Gustaspes Avesta vor und sprach: »Gott hat mich den Völkern gesandt, daß
sie sein Wort in Zend, Ahuramazdâs Willen, annehmen. Thust du Gottes
Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hörst du
aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen,
und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen
Ahuramazdâs und thue nicht mehr den Willen der Dews.«[138] -- Gustaspes
sprach: »Was thust du zum Beweis deiner göttlichen Sendung für Zeichen, daß
ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schütze?«

»Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird große Wunder thun.
Gott hat mir gesagt: Wenn dein König Zeichen fordert, so sprich: Lies nur
Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst,
ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne
Lauf und den Weg des Guten.« -- »So lies denn Zendavesta«, sprach
Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stück, und der König fand nicht
Geschmack, denn die Größe von Avesta ging über seinen Verstand. Er war wie
ein Kind, das nicht köstliche Steine schützt; wie ein Unwissender, der
nicht kennt den Wert der Wissenschaft.

Der König sprach zu Zoroaster: »Ich billige deine guten Wünsche für mich;
aber wir müssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir
meine Zweifel darlegen. Um nicht Lüge zu glauben, will ich Zendavesta
lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen.« Zoroaster freute
sich über den König und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle
Zeichen zu thun, die der König verlangte.

Die Weisen des Königs gestanden, daß Zoroasters Lehre rein sei; daß man
aber, um sich von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, ein
außerordentliches Zeichen von ihm verlangen müsse. »Welches denn?« fragte
der König. Die Weisen antworteten: »Wir wollen ihn stark binden, mit
Kräutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz
über ihn ausgießen.« Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta
vor sie und sprach: »O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!«
Man goß geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht.
Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in
wenig Tagen zu einem großen Baum erwuchs[140] usw.

Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklärte ihm den ganzen Zendavesta.
Des Königs Diener wurden eifersüchtig und sannen auf Mittel ihn zu stürzen.
Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlüssel zu Zoroasters Gemach im
Palast des Königs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw.
zusammen, alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das
Kopfkissen. Darauf gingen sie zum König und sprachen: »Zoroaster ist ein
großer Betrüger; die ganze Nacht zaubert er und erfüllt dein Reich mit
Gräueln.[141] Du bist unser König, und wir sagen nichts, als was wir
wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht!« Gustaspes dachte dem nach und
wollte doch wissen, ob es wahr wäre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld
freute, öffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Nägel,
Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie
verfluchten Zoroaster. »Du Unreiner!« sprachen sie. »Ist das nicht Rüstzeug
der Zauberer?« Zoroaster berief sich auf den Thürhüter, welcher sagte, kein
fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte
Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Füße und ließ ihn in
Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er
könne die Welt umkehren. -- Täglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und
einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld.
Der König hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er
dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Plötzlich hatten sich diesem die
Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wußte Hülfe. Der König
aß und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster
hörte es endlich und sprach: »Lasse mich der König aus dem Kerker, so soll
sein Pferd gesund sein.«

Es geschah. Als Zoroaster vor den König kam, sprach dieser: »Von dem, was
du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du
ein wahrer Prophet.« Zoroaster sprach: »Zuerst mußt du glauben[143], daß
ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin
einen Charakter ausdrückt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so
soll dein Wunsch geschehen.« Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz
zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster
Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.

Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mußte der Held Espendiar
versprechen, daß er Zoroaster und sein Gesetz schützen wolle. Vor dem
Heraustreten des dritten ließ sich Zoroaster in das Innerste des Palastes
führen und verkündete dem ganzen königlichen Hause den Zendavesta. Endlich
mußte der Thürhüter die Betrüger unter den Dienern des Königs entdecken,
die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der König bedrohte ihn mit dem Leben,
die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. »Die
Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen,
die mein Herr und König ehrt?« -- Die vier vornehmsten der Weisen wurden
gespießt. Zuletzt sprach Zoroaster: »Gottes Macht ist so groß, daß er thut,
was er will, ohne daß man fragen darf, wie und warum?« Von nun an fragte
der König Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er:
»Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so groß und wunderbar sind als
Gottes Gesetz: Zu wissen, was für ein Ort mir in in der andern Welt
bestimmt ist; daß ich mich vor keinem meiner Feinde fürchte; daß ich sehe,
alles Gute und Böse, was in der Welt sich begeben wird, und daß meine Seele
im Körper bleibe bis zur Auferstehung.«[145]

»Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du
mußt dich aber an einem begnügen und den drei Vornehmsten deines Hofes die
andern überlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein,
damit er nicht sagen könne: ich bin allmächtig.« Da verlangte Gustaspes
seinen Ort in der andern Welt zu wissen.

Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den König, der auf einem
goldenen Thron saß. Er hatte den König kaum gesegnet, so standen vier edle
Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thüre. Sie
hießen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen:
»Gott hat uns zu dir gesandt, König der Länder, um dir zu sagen, daß, wenn
du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hölle bewahrt bleiben sollst, denn
ich, sagt Ahuramazdâ, habe ihn gesandt.«

Der König war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen
war, sprach er: »Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazdâs, bin zu
allem bereit, was ihr mir gesagt habt.« Der König sprach zu Zoroaster: »Ich
übergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazdâ befohlen hat.«
Zoroaster antwortete: »Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du
verlangt hast!« Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein,
Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las
Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem König, der auch
trinken mußte und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage
dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen
Kerdar[147] in Reinheit glänzend, seinen Platz, der für ihn und die
Heiligen im Himmel bereitet war.

Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu
trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes,
bekam die Gerüche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles
Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich genoß einige
Granatkerne, und sein Körper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung
unfähig; daher nannte man ihn »Kupferleib« (Ruintan).

Als der König nach drei Tagen erwachte, sprach er: »O Gott der beiden
Welten, dein Reich wird währen von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Er berief hierauf
Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch
allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen.

Nun verlangte der König, daß Zoroaster von einem erhabenen Sitz den
Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen würden und er
das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit
Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten
alle Dews und flohen in die Abgründe. Darauf ließ Zoroaster die reinen
Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des
Königs der Könige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den
Dienst derselben &c. Er ließ auch ein gewölbtes Gemach bauen, darunter das
Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und
Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein
Unreiner es sehen könne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148]
gebracht, und Zoroaster befahl, daß an jedem Ort ein ähnlicher Atesch-gah
erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazdâs in Freude und
das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit.

Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen:
Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat,
und die Bösen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins
Nichts zurückbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz
gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein König alles Lichtes und
aller Herrlichkeit ist.

Darauf erklärte Zoroaster dem König das Gesetz nach den Zendbüchern und
sprach also: »Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel
gehen. Angrômainyus ist Ahuramazdâs Feind; er wendet das Herz der Menschen
unaufhörlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die
Hölle zu ziehen, um seine natürliche Wuth zu stillen, denn der Menschen
Unglück ist der Hölle Freude. Am Ende werden die Sünder von den Dews
verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen
und bist den Weg der Finsterniß gewandelt?«

Zoroaster fuhr fort: »Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern
hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bösen
verlassen. Wer sein Herz vom Übel wendet, der wird ewige Freude haben.
Möchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwünschen und Andere
mit sich auf den Weg der Wahrheit führen.«

»Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und gerechter König,
und gesagt: Verkündige meinen Dienern, daß sie nicht von meinen Geboten
weichen; lehre die Völker der Erde den Weg des verwünschten Angrômainyus zu
hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den
Himmel gelangen. Wer ihn verläßt, der muß mit Angrômainyus in der Hölle
sein.«

»Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazdâ gegeben.«

»Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die
längste Geschlechtsreihe muß ihr Ende haben.«

»Du siehst diese runden Gewölbe -- er zeigte nach dem Himmel und dem
Atesch-gah[150] --; hier wird einst der König mit seinem Unterthan, der
Herr mit dem Knecht vereinigt sein.«

»Lehre nie, was du nicht von mir gehört hast, und am Ende will ich mich
deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Sünde; ich
will dein Böses und deine Strafen mindern.«

»Bei deinen Handlungen werden die Früchte sein, je nachdem du gepflanzt
hast. Wer in der Welt Reinigkeit säet, dem wird sie im Himmel zu Theil.
Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Sünde thut, wird in
der Hölle Schande tragen.«

»Siehe, was Ahuramazdâ über die verständigen Mobeds sagt: Das Wasser der
Größe[151] ist Ebenmaaß, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese
Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lügner; wenn aber noch kein Mund
etwas Ähnliches hervorgebracht hat, so muß man meine Worte nicht mit einem
bösen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, daß dies Worte
des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews würden
nicht so reden und Gott lobpreisen.«

»Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Völkern
Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder
geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkündigt,
was sein wird; Gutes und Böses, das nach der Weltschöpfung bis zur
Auferstehung verborgen geblieben sein würde, hat er aufgedeckt. Er hat uns
die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und böse Thaten.«

»Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen
Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der
Lobpreiser und Vertraute Ahuramazdâs.«

»Ahuramazdâ sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn
empfangen, nachdem sein Gutes ist.«

»Ahuramazdâ verkündet dies den Völkern der Welt: Die Seelen aller Menschen
müssen einige Zeit in der Hölle dauern, nachdem ihr Böses ist, groß oder
klein.«

»Noch zuletzt sagt Ahuramazdâ: Wer nicht dein Schüler ist, über den frage
nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner
Tage.« --

Der Eifer des Gustaspes war die feste Stütze Zoroasters. Es wurden
Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid
heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner
dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan
einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154],
das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch
Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegründet.

Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berühmter Atesch-gah. Neben dem
Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme
des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese
Cypresse groß und stark genug geworden war, so baute man darüber einen
Palast, der in der Höhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schloß
zwei Säle ein, deren Decke mit Gold, deren Fußboden aber mit Silber
überzogen war; die Mauern waren mit köstlichen Steinen ausgeschmückt.
Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog
Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, daß seine Seele sich in den
Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende ließ dieser Fürst den Satrapen aller
Provinzen bekannt machen, daß sie zu Fuße nach dieser Cypresse wallen, an
Zoroasters Gesetz glauben und allem Götzendienst von Turan und Tschin
absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht
nach.

Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine _Tschengregatscha_, der die
Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bücher in Iran sehr berühmt
waren, hörte von einem ihm unbekannten Propheten, der den König von Iran
und seine Diener und alle seine Länder bekehrt habe. Er schrieb daher mit
dem Eifer eines Mannes, der sich für die Stütze der Wahrheit hält, an
Gustaspes.

Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den
kreisenden Himmel zu seinen Füßen hat und Leib und Seele des Menschen
geschaffen. Hierauf erhob er den König mit einer Lobpreisung und bezeugte,
daß er von einer neuen Religionsform gehört habe, die ihn tief schmerze und
ruhelos lasse. Er sagte: »Ein Betrüger, ein Heuchler, hat Iran verführt.
Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter
Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem
jungen Mann[156] ergeben und seine Lügen gläubig angenommen. Was mich am
meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Königs Lohraspes. Er hat
mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehört; ich habe ihm nichts von meiner
Weisheit verhalten. Er, der Andere hätte vor Gefahr schützen sollen, ist
selbst in die Schlingen gefallen. Ich weiß nicht, welches Netz ihm gestellt
ist, daß seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist.«

Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses
Betrügers Zaubereien, noch durch seine gleißenden Worte fangen zu lassen.
»Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lügen
überführen und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o großer
König, mußt ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann
werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um
seine Bestrafung bitten, damit kein Ähnlicher in Zukunft das Herz habe, die
Völker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu
führen.«

Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei
Gustaspes. Die Schreiber mußten ihn lesen, und der König sprach zu seinem
Diener: »Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prüfe sie
und antworte Tschengregatscha, wie du es für passend erachtest.« »Ich bin
unbeweglich im himmlischen Gesetz«, sprach Djamaspes, »ich glaube an Gottes
Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster weiß, noch
thun, was er thut. Gott muß sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o
großer König, daß kein Mensch auf der Welt so weise sei wie
Tschengregatscha. Ich habe seine Bücher gelesen, Iran verlassen und ihn in
Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften
ausgebildet. Ich halte es also für das Beste, daß man ihn mit Güte bitte,
nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme;
dadurch werden, wenn die Welt es hört, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz
völlig vernichtet werden.«

Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: »Wir haben deinen Brief gelesen.
Was du von Zoroaster gehört hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir
sagen dir hiermit, daß wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters
ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten
gesehen. Wir haben seine Worte gehört, seine Bücher gelesen, und kein
Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Länder berufen,
und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen müssen. Die Großen
Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen:
Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes muß sie ihm
sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst über die Tiefe seiner
Weisheit staunen. Dem denke fleißig nach. Gott leite dich!«

Tschengregatscha wurde mit Freude erfüllt, als er dieses las. Er las noch
eine Menge Bücher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln,
und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schärfsten,
tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, daß sie
sich wie Löwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. »Fürchtet euch aber nur
nicht«, sprach er zugleich; »ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht,
muß nach Hindostan, und über Tschengregatscha ist kein Menschenkind
weise.« -- Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: »Ich bin bereit, mit
meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner
Unterthanen vom Irrthum zu erlösen.« Es wurden nun alle Anstalten der
Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten
Tag nach seiner Ankunft in der Königstadt vor den Thron des Gustaspes,
segnete ihn und sprach: »Es sei mir erlaubt, o König, mit dir zu reden!«
Gustaspes antwortete: »Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze
oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche
die Zweifel auflösen müssen.« Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt
für Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglänzendes Antlitz die
Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach:
»Gerechter König! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, daß
ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn
er sie lösen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein
Gesetz annehme; zweitens aber, daß du ihn zur Stunde strafest, wenn meine
Fragen ungelöst bleiben.« Gustaspes sprach, daß er nach der bloßen That
richten werde und sich durch keine Vorliebe für irgend eine Partei binden
lassen wolle.

Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: »Zum Besten meines Gesetzes will ich
vor dem Ersten der Völker ein Neues thun, was den Augen als Wunder
erscheinen muß. Völker haben mich schon gehört; neige auch du dein Ohr
gegen einen der göttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefällt
es dir, so laß ihn einen deiner Schüler vorlesen.« Die Weisen hörten nun
mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die
Lösung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen
hatte.

Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung
versunken aus: »Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott
erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus
Avesta gehört. Welche Wissenschaft hat dies errathen können? Auf wie Vieles
habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel
Mühe gemacht haben, und von denen ich glaubte, daß sie in zweihundert
Jahren nicht aufgelöst werden könnten! Keinem Menschen habe ich sie
eröffnet, o König des Ruhms! Ich erkenne das Übermenschliche, das Werk
Gottes!«

Tschengregatscha bezeugte hierauf, daß er an Avesta glauben und Zeit seines
Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung
Ahuramazdâs, Reinheit des Leibes und der Seele und verhieß ihm einen Platz
im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift
vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen,
welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen
gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und
entzündete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der
Weisen und Häupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an
Zoroasters Avesta.

Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um
den Chaldäern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras
unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er
die von ihm so gerühmten »reinen Seelen«[158] in den Provinzen Serman,
Saenan und Dahu besucht hatte.

Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem König von
Turan mißfällig, und selbst verschiedene vom König von Iran abhängige
Fürsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Fürsten von Sistan,
Vater und Sohn. Darum glänzen ihre Namen auch nicht in den Zendbüchern,
obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin
verewigt sind.

Nicht so mild wie gegen diese Fürsten, an denen er sich nur durch
Stillschweigen rächte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes,
König von Turan.

Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der
mächtigsten Fürsten Asiens. Er hatte vom Könige Irans einen jährlichen
Tribut erzwungen und besaß auch im westlichen Iran am kaspischen Meer
Ländereien; auch haßte er Zoroaster persönlich. Darum auch sagte
derselbe[159]: »Sei mir gnädig, o Quell Arduisur, daß Zerir verderbe den,
der große Schätze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews,
meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.«

Zoroaster fürchtete, daß Ardjaspes seine Religion vernichten würde, und
trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell
entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf
ihn wohl bewußt. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den König
von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen
unerlaubt; es sei unverantwortlich, daß Gustaspes, als rechtgläubiger
Fürst, dem König von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der
Unterthänigkeit zahle. »Wirst du ihn angreifen«, sprach Zoroaster zu
Gustaspes, »so ist Gott gewiß dein Schutz.«

Der König war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm,
er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Länder
nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen.

Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes
vor Zorn und schrieb an Gustaspes, daß er sich mit seinem ganzen Hofe von
einem alten Betrüger habe verführen lassen. Er rate ihm die Religion der
Väter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundsätze der Magier, welche einen
König, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so
werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrütten und verheeren. »Die
Herrlichkeit Gottes will es, daß ich dich angreife!« sprach Ardjaspes.

Gustaspes zeigte den Brief dieses Fürsten Zoroaster und seinen Dienern und
allen Großen des Hofes. Djamaspes wollte mit großer Klugheit darauf
antworten; aber Zoroaster sprach: »Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld!«

Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefaßt und beide Könige stellten
große Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der
Familie des Gustaspes -- sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder --
fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg für Gustaspes. Der König
von Turan mußte sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine
Dankbarkeit.

Der weitere Verlauf der Kriege hängt nicht direkt mit dem Leben des
Religionsstifters zusammen.

Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters.

Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v. Chr. Im dreißigsten Jahr
durchzog er Iran, lebte dann zehn -- nach anderer Angabe zwanzig -- Jahre
in der Wüste und nährte sich nur von Käse. Zehn Jahre that er Wunder. Im
65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte
nach drei Jahren zur Gründung des Cypressendienstes zurück. Nach acht
Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77
Jahren.




Dritte Abteilung.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des
Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.


Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang »der Welt
und der Wesen Zrvâna-akarana«[161], die »unbegrenzte Zeit«, die
anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergründliche Urgrund, in dem heilige
Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergründlichkeit
der Länge und Weite, Höhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere Öde,
sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhöchste Gott. Der Ewige ist
Schöpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was
beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in
der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach _Wort_,
das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch
alles, was Wesen hat, geboren ist.

Aus dem göttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose
_Ahuramazdâ_ und _Angrômainyus_, die zweiten Wesen nach sich, lebendig,
wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschöpfe.

_Ahuramazdâ_, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der
Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gefäß der Unendlichkeiten des
Unergründlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend,
wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch
gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der
Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen;
denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein
sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Höhe
und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die
Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im
Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die höchste Weisheit selbst und
-- schlaflos bei Tag und Nacht -- der höchste Weltenrichter, König aller
Wesen in reinster Gerechtigkeit, Güte, Licht und Glanz. Sein Körper, d. h.
seine Hülle, die ihn umschließende Sphäre ist das reinste Licht.

_Ahuramazdâ_ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein
allschaffendes _Wort_; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser,
Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen
Menschen. Er ist als König gut und weise, lebendig über Alles; er stärkt,
nährt und erhält alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch
sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur
Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe
ist seine Lust; er ermüdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der
ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft
alles Böse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten über das Böse.

_Angrômainyus_, vom Ewigen nach Ahuramazdâ geschaffen, war anfangs gut und
kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazdâ _Dew_, arg, Quell,
Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bösen. Sein Licht verwandelte
sich in Finsternis; im Lichtreich der Schöpfung entstand ein Schatten. Die
Zerrüttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen,
sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die _Finsternis_
geboren, der Same alles Bösen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, stürzte
er aus der Höhe und wurde vom Abgrund der Finsternis verschlungen, bis auf
die Wurzel seines Wesens böse. Ahuramazdâ ist seinem Wesen nach Licht und
wohnt im Lichtreich höher denn die Himmel; Angrômainyus ist seinem Wesen
nach Finsternis, d. h. Laster, Zerrüttung und Argheit selbst, und die
Sphäre seiner Wohnung, alles, was ihn einhüllt, ist Finsternis der
Finsternisse. In _Duzakhs_ Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis
reicht, ist er König und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist groß,
aber durch die Finsternis beschränkt; seine Macht, als die des Zweiten nach
Ahuramazdâ, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazdâs Erhabenheit
und Glanz.

Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das
durch Ahuramazdâs Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mächtig
wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem ständigen Kampfe
gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird
alles Böse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann,
ohne aus Ahuramazdâs Lichtquell zu fließen, so steigt der Grund alles Bösen
von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten
endigt sich in beständigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines
Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere
und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er
den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen
Herz, wodurch sein und der Dews Reich beständig an Umfang und innerer Macht
zunimmt. Er durchstreift die Welt, um überall Irrtum, Tod und Laster
auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige,
welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen
findet mit großer Kraft und Heldeneifer für des Guten Vermehrung in
Ahuramazdâs Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloße Gedanke oder Anblick
desselben macht ihn blaßgelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts,
denn der Streiter für das Gute gehört zu dem geliebten Volk Ahuramazdâs und
hat den Schutz aller Izeds des Lichtes für sich.

Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn
zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der
Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und König der Finsternis
bleiben, sondern nach der Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazdâ
mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner
Grundfesten zertrümmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen
Metallströmen, wodurch er Sinn und Willen ändert; er wird heilig,
himmlisch, und begründet in seiner Welt Ahuramazdâs Gesetz und Wort,
wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazdâs, und
beide singen Zrvâna-akarana Izeschné, d. h. Ruhm- und Lobgesänge.

Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige
Ahuramazdâ und Angrômainyus geboren, faßte er den Ratschluß einer Zeitdauer
von zwölf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in
aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies
geschah noch vor der Schöpfung der Wesen auf höheren oder niederen Stufen.
Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk außer Ahuramazdâ und Angrômainyus.
Dieser »die begrenzte Zeit« genannte Cyclus ist für die Herrschaft von
Ahuramazdâ und Angrômainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der
Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach
Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwölf Jahrtausende teilte der
Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Könige aus. Das
erste Vierteil wurde Ahuramazdâ, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil.
Ahuramazdâ in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach
der Art und Natur seines Wesens. Angrômainyus sah Ahuramazdâs Glorie und
Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den
Krieg gegen Ahuramazdâ. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis.
Ahuramazdâ entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschöpfer der reinen,
guten Welt sein wolle, aber Angrômainyus verhärtete sich aus Stolz, Neid
und Haß und wurde der Grundärgste. Nun zerfiel alles in zwei Königreiche,
Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazdâs Eigentum, die Finsternis
das des Angrômainyus. Angrômainyus stürzte aus der Höhe unendlich tief in
den Abgrund, blieb aber König des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner
Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der ärgste Tyrann. In
der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit äußerstem Streben, Unruhe und
Anspannung aller seiner Kräfte, denn er weiß sein Ende. In dieser Zeit des
Angrômainyus hat oft das Böse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt
das Licht. So steigt und fällt bis zum Schluß der begrenzten Zeit die
Übermacht oder Schwäche des Guten und Bösen. Ahuramazdâ und Angrômainyus
befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des
Guten, der Triumph Ahuramazdâs.

Am Anfang schuf Ahuramazdâ zur Bekämpfung des Angrômainyus die _Feruer_
aller Wesen. Er dachte als Schöpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut,
stark und edel wären, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist
des künftigen Wesens, das künftig ein Teil von Ahuramazdâs Welt sein
sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den
bloßen Schöpfergedanken geboren; denn Ahuramazdâ dachte im _Wort_, und
jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist _Geist_, der das Geschöpf belebt,
zu dem er gedacht ist.

Die aus Ahuramazdâs allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten,
Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn
ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstörbaren Licht. Sie sind ganz
Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und
Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur,
Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhält durch sie Bewegung und Segen.
Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrômainyus; der Seele Schutz,
denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bösen;
sie bekämpfen die Schlangen, Dews, die Bösen und erlösen die Gerechten. Mit
der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote
vor Ahuramazdâ. In der Welt sind sie an die Körper gebunden.

Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die
unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmächtigen Wort, und dieser Abdruck
des unergründlichen Wesens ist Ahuramazdâs Feruer. Des Gesetzes Feruer ist
des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort,
das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist köstlich in den
Augen Ahuramazdâs, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des
Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht.

Nach diesen reinen ersten Schöpfungsbildern sind alle himmlischen und
irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt
Ahuramazdâs, und gegen sie kämpft Angrômainyus mit seinen argen Geistern.

An diese zoroastrischen Sätze knüpft Kleuker eine längere Anmerkung, die
insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den
Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen
transcendentales Subjekt oder Feruer.

Die betreffende Stelle lautet:

»Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der Übergang von
dem, was wir Substanz nennen, zum bloßen Schöpfergedanken der Substanz.
Weil aber der Wesenschöpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen
Gedanken leer -- als einer bloßen Möglichkeit denkt, so dachte er lauter
Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrücke aller künftigen Wesen
und Geschöpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke,
himmlischer, göttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen
unterschieden; sie sind höher und eher als dieselben; sie haben zwar schon
den Grund in sich, warum sie künftig mit solchen und nicht andern
Geschöpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines
besonderen Geschöpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke
Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers höherer Geister, wie
von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht
Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer,
lebendiger Existenz, was Zoroaster künftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie
dachte, lebten sie, und können Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit
den Geschöpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, daß
die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients
getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit
dem Körper verbunden wird, daß sie ihn göttlichen Geschlechts und Natur
nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach
Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflüsse von Ormuzds
Schöpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort:
darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegründet: denn
kein Funke göttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben
und belebende Kraft. Zunächst wird Feruer von verständigen und lebenden
Geschöpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden
sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von
Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es
giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bäumen, Blumen, Sternen. -- Kurz, wo
Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere
Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind
sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft für das Wesen oder Geschöpf
selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden
Geschöpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher muß der Parse für seinen
Feruer besonders beten, daß Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird
Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates
Schutzgeist!«[162] -- --

Die von Ahuramazdâ geschaffene Welt ist unendlich groß, lebend und wirkend
in Wesen und Geschöpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in
eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein.

Den höchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben _Amschaspands_
ein. Ihr König und Schöpfer ist _Ahuramazdâ_, der Urquell alles Lebens. Sie
sind die sieben ersten Geister Gottes, Könige, ganz Leben, heilig, rein und
groß; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat
einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre
Namen sind heilig.

Der zweite Amschaspand ist _Bahman_, der König der Welt, des Lichtes und
Himmels. Die übrigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch
Ahuramazdâs Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des
Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre
Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und
Glorie.

Der dritte Amschaspand ist der lichtglänzende _Ardibehescht_. Er giebt
Feuer und Gesundheit.

Der vierte Amschaspand ist _Schahriver_. Er ist der Vorsteher der Metalle,
der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen.

Der fünfte Amschaspand ist _Sapandomad_, Ahuramazdâs Tochter, der
weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen;
weise, freigebig und demütig wie Demut verleihend; er hat reine,
wohlthätige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste
Menschenpaar, _Meschia_ und _Meschiane_, gebildet.

Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazdâ den Menschen zum Heil
geschaffene _Chordad_, der König der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den
Reinen giebt er reines Wasser und süße Speise. Sein Tag ist heilig und der
erste des Jahres.

Der siebente Amschaspand ist _Amerdad_, der Schutzgeist der Bäume und des
Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Früchte aller Art in Fülle
spendet.

Die zweite Klasse der guten Geister sind die _Izeds_. Ahuramazdâ hat sie
geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen
Volks. Der Mensch muß ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer
Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind
unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fünf Abschnitte
des Tages und die fünf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend
gedacht. Jeder höhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist
Ahuramazdâ von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet.

Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbüchern:

1. _Mithra_ (auch Meher), der Höchste und Glanzreichste aller Izeds, wird
mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glänzt wie der
Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hände auf zu
Ahuramazdâ, dem König der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der
Schutzwächter und Segner aller Menschen und Geschöpfe, und spricht die
Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und
Glück, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164]

2. _Korschid_ (die Sonne) ist groß, unsterblich, Ahuramazdâs Auge. Er hat
vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held.

3. _Aban_, Ized des Wassers.

4. _Ader_, Ized des Feuers; er giebt Glanz, und sein Name bezeichnet alle
göttlichen Feuererscheinungen, welche sich den Menschen gezeigt haben.

5. _Anahid_ (Venus), die Bewahrerin des Samens Zoroasters.

6. _Amiran_, das von Gott geschaffene Urlicht; der Urheber des Lichtes des
menschlichen Leibes.

7. _Ard_, giebt Weisheit, Größe, Edelmuth, Glanz, Güter; er wird mit dem
weiblichen Ized _Aesching_ oder _Aschehing_ identificirt, welcher
Gesundheit, tägliche Nahrung und Freuden spendet.

8. _Arduisur_, ein weiblicher Ized, kommt den Toten zu Hilfe, hat einen
jungfräulichen Leib, heißt die Tochter Ahuramazdâs und ist das von
Ahuramazdâs Thron ausfließende Wasser; von Arduisur kommen alle Wasser
unter dem Himmel.

9. _Aschtad_ ist der Ized des Überflusses, _Oschens_ Mitgehülfe. Sein Sitz
ist der Berg des Lebens. Von da wacht er über die Erde und hilft das
Tagewerk der Menschen vollbringen.

10. _Asman_, der Himmel, schützt wider den Duzakh.

11. _Barzo_ ist der Schutzgeist von Bordj, woher die Wasser ausströmen.
Taschters Gehilfe bei der Austeilung des Wassers auf der Erde.

12. _Behram_, der lebendigste aller Izeds, besitzt einen himmlischen
Körper, dessen Glanz von Ahuramazdâ kommt. Derselbe hat ihn auch zum König
der Wesen gesetzt, welche er alle wie Feuer durchdringt. Er erscheint im
Winde und unter allerlei Tiergestalten.

13. _Dahman_ ist der Segen der Geschöpfe und des gerechten Menschen, dessen
Seele er von Seroschs Händen nimmt und in den Himmel trägt.

14. _Din_, Ized des Gesetzes, giebt Wissenschaft.

15. _Farvardin_, der Herr des ersten Monats des Jahres und des neunzehnten
Tags eines jeden Monats, giebt Kraft und Licht.

16. _Gosch_, giebt alle Güter, Unsterblichkeit, Reinigkeit; er vermehrt die
Wesen, die Kinder des Verdienstes, welche für das Gesetz mit Eifer
brennen; er verleiht die Freundschaft der Gerechten, vertreibt die Dews und
hilft die Dewsanbeter besiegen.

17. _Goschorun_ ist der Ized der Herden und die Seele der Tiere; er seufzt
und klagt vor Ahuramazdâ und bittet um Erlösung vom Dew Eschem.

18. _Mah_ (der Mond) ist ein weiblicher Ized und schützt den Keim des
Stiers; er geht von Albordj aus, giebt Wärme, Geist und Frieden. Bei seiner
Fülle beginnt alles zu grünen und zu wachsen; er ist wohlthätig und giebt
allen Herden Samen.

19. _Mansrespand_, der Ized als göttliches Wort, ist der Schutzwächter des
Himmels. Sein Glanz ist rein, und was er sehen läßt, ist gut.

20. _Neriosengh_, der Ized des Feuers zu königlichem Mut und des Friedens,
schützt den Gerechten nach Gottes Willen; er schützt zwei Teile zu
Kaiomorts Samen, zum männlichen Gliede und zur Seele.

21. _Parvand_ ist ein weiblicher Ized.

22. _Rameschne-kharan_ ist der Ized des Glücks, der reine dauernde Freuden
giebt.

23. _Raschne-rast_, der Ized der Wahrheit und Redlichkeit, ist herrlich und
weise, sieht scharf und weit und schützt die Erde. Zehntausende himmlischer
Geister begleiten ihn; er hat tausend Kräfte und zehntausend Augen.

24. _Serosch_ ist der Ahuramazdâ der Erde, weil er ihr König ist. Er ist
auf dem Gipfel der Welt über alles erhaben, lebendig und der wirksamste
aller Izeds, der gehorsamste und am meisten thätige. Er ist der Menschen
Schutz, und durch seinen Dienst haben sie das Gesetz.

25. _Taschter_. Sein Auge ist Gerechtigkeit und Güte. Er ist der Ized des
Regens und erscheint unter mancherlei Gestalten, als Jüngling, als mutiges
Pferd usw.; er belebt die ganze Natur durch fruchtbare Gewässer und Regen.

26. _Vad_, der Ized des Windes, giebt Kraft und Mut.

27. _Venant_, Ized des Rigel[165], schützt im Mittage und giebt Kraft und
Gesundheit.

28. _Zemiad_ giebt ewigen Thron, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird,
und ist ein weiblicher Ized.[166]

So viel über die himmlische Welt.

Die sichtbare Welt, Himmel und Erde, schuf Ahuramazdâ in sechs
Reihenfolgen, und die Amschaspands waren dabei thätig.

Zuerst schuf Ahuramazdâ das _Licht_ zwischen Himmel und Erde, die Fixsterne
und Planeten.

Alsdann schuf er das _Wasser_, welches die ganze Erde bedeckte, in die
Tiefen der Erde stieg und durch den himmlischen Wind, der es durchdrang wie
der Geist den Leib, in die Höhen getrieben wurde, damit sich Wolken
bildeten. Darauf schloß Ahuramazdâ dieses Wasser ein und gab ihm die Erde
zur Grenze.

Hierauf ward die _Erde_, bei deren Schöpfung -- wie auch bei der des
Wassers -- Angrômainyus mit thätig war, denn diese Elemente besitzen einen
Teil Finsternis, und alle Finsternis kommt von Angrômainyus. Albordj[167]
wurde zuerst geboren, darauf die übrigen Gebirge. Albordj ist der Erde
Kern, Wurzel, Herz und Nabel.

Ferner wurden die _Bäume_ aller Art geschaffen. Im Anfang ließ Ahuramazdâ
einen Baum erstehen, aber der war dürr. Aber der Amschaspand Amerdad,
welchem Ahuramazdâ die Bäume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes,
als Taschter über die ganze Erde Regen ausgoß, in Taschters Wasser. Darauf
wuchsen Bäume aus der Erde wie Haare auf des Menschen Haupt.

Zum Fünften wurden die _Tiere_ geschaffen. Zuerst wurde der _Stier_
gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schweif gingen fünfzig Heilpflanzen
hervor, die sich auf Erden mehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses
Stieres in den Mondhimmel, durch dessen Licht er gereinigt wurde, so daß
Ahuramazdâ einen neuen, schönen Körper daraus bildete, den er belebte.
Hieraus wurde ein neues Paar erzeugt, welches Vater und Mutter aller
Tiergeschlechter wurde, die auf Erden sind, der Vögel in den Wolken und der
Fische im Wasser.

Am Ende wurde der _Mensch_ geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier,
dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschöpfe entstammt. Der
Urvater der Menschheit war _Kaiomorts_.[168] Er war lichtglänzend mit zum
Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreißig
Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den künftigen
Triumph des Menschengeschlechts über Angrômainyus. Bei seinem Tod ließ er
seinen Samen zurück, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh
zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mußte. Aus diesem Samen
erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war,
anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazdâ bildete
diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Früchte zehn
Menschenpaare trug. Das erste Paar war _Meschia_ und _Meschiane_, die
Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig,
und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wären in Gedanken, rein
und demütig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und
erkannten Ahuramazdâ als den einzigen Schöpfer aller Dinge und beteten auch
keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrômainyus
Gewalt hatte, Böses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib
Meschiane und darauf Meschia von Angrômainyus, der sich der Gedanken und
Begierden ihres Herzens bemächtigt hatte, verführt, und beide wurden
Darvands (Sünder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue
Zeugungen.

Als Ahuramazdâ seine Schöpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die
himmlischen Gahanbars.[170]

Von der Lichtwelt Ahuramazdâs wenden wir uns zur finstern Welt des
Angrômainyus.

Angrômainyus, der grundarge Feind Ahuramazdâs und alles Guten, gedachte,
sobald er nur könne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm ähnlich
sind, Feinde Ahuramazdâs und aller reinen und guten Geschöpfe wie er, und
die wie Angrômainyus aus dem innern Quell der Bosheit und Feindschaft an
Zerrüttung der Welt Ahuramazdâs arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier
ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten
sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im
Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen
besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunächst zu
kämpfen hat. Die sieben _Erzdews_[171] sind an die sieben Planeten
gekettet. Sie kommen von Norden, sind männlichen und weiblichen
Geschlechts, und alle Übel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere
Quelle eines besonderen Übels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen,
gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und
diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter
allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege &c.

Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrômainyus ausgerottet
werden.

Ihre Zahl ist -- wie die der guten Geister -- über zehntausendmal
zehntausend.

Folgende sind die wichtigsten:

1. _Akuman_, welcher unter allen Dews zuerst von Angrômainyus geschaffen
wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der
häßlichste der Dews. Er plagt vorzüglich die gut und edel lebenden
Menschen.

2. _Aresch_, der Dew des Neids.

3. _Aschmogh_, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafür alles Böse.
Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner außerordentlichen Grundbosheit
unerträglich. Er heißt auch die zweifüßige Schlange.

4. _Astuiad_, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele.

5. _Boete_ besitzt und lähmt die Gelenke des menschlichen Leibes.

6. _Derevesch_ ist der Dew der Armut.

7. _Djadu_ ist der Dew der Magie.

Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen:

8. _Dje_, Dew der Unreinigkeit.

9. _Eghetesch_, Dew der Zerrüttung des Herzens.

10. _Eschem_, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher.

11. _Epeosche_, erscheint in Gestalt eines Pferdes.

12. _Kesosch_, giebt Zwerggestalt.

13. _Khevezo_ ist der Besitzer der Toten.

14. _Khiveh_ ist der Feind des Feuers und Wassers.

15. _Xonde_ ist der Dew der Trunkenheit.

16. _Nesosch_ besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwärmen.

17. _Pretesch_ ist der Dew aller Falschheit und Lästerung.

18. _Sor_ ist Seroschs Widersacher.

19. _Vaziresch_ besitzt die Toten.

20. _Vato_ ist der Dew der Ungewitter.

21. _Verin_ ist der Dew der Regengüsse.

22. _Zaretsch_ ist der Allverderber.

Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede böse Neigung, jede
Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthäter unter den Amschaspands
und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten
Erzdew zu kämpfen.

Die neun Häupter der Druschts sind:

1. _Angrômainyus_, der Widersacher Ahuramazdâs.

2. _Akuman_, der Widersacher Bahmans.

3. _Ander_, der Nebenbuhler Ardibeheschts.

4. _Savel_, der Nebenbuhler Schahrivers.

5. _Tarmad_, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes.

6. _Tarik_, der Gegner Chordads.

7. _Zaretsch_, der Gegner Amerdads.

8. _Eschem_, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthätigkeit,
Gegner des Serosch, Dämon der Grausamkeit, welcher Ahuramazdâs Volk mit
ganz besonderem Grimm bekämpft.

9. _Aschmogh_, raubt alle Güter, schwächt und kränkt die Menschen und
verursacht alle Übel der Erde. Er weiß, daß Avesta das wahre Gesetz
Ahuramazdâs ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit
dasselbe auszuüben.

In dem beständigen Kampf der guten und bösen Geister, Menschen und Kräfte,
liegt nun die Mischung des Guten und Bösen, wie sie in der Welt in
Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von
Ahuramazdâ und führt wieder zu ihm zurück. Die Thätigkeit eines jeden
Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren
Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die »unbegrenzte
Zeit[172]«. -- Ebenso verhält es sich mit dem Bösen. »Die Welt der Übel«
ist unter gute und böse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt.
Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und
Angrômainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der
Anhänger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazdâs, welcher nicht sündigen
kann, ohne alle guten Izeds zu betrüben, die Kräfte des Guten in der Welt
Ahuramazdâs zu schwächen, und keine Todsünde begehen, ohne selbst ein
Darvand, ein Glied der Welt des Angrômainyus zu werden.

Der _Tod_ ist durch Angrômainyus durch die Sünde des ersten Menschenpaares
in die Welt gebracht worden. Er erlöst den Anhänger Zoroasters von seinem
Streit gegen Angrômainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und
rüstig durch Tilgung des Bösen gegen Angrômainyus und die Dews kämpfte, so
hat er vom Tod nichts zu fürchten. Er geht über die Brücke _Tschinvad_ zur
Ruhe und Seligkeit ein.

Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner
Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben
die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die
Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer
Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige
Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die große Brücke Tschinvad, welche
die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier
untersuchen Ahuramazdâ und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen
ihn, wenn sich Gutes und Böses annähernd die Wage halten, zu einem
_Mittelaufenthalt_ bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder
weniger selig oder von Unseligkeit und Angst erfüllt ist.[173] -- Spricht
Ahuramazdâ Lob und Preis über des Menschen Leben, so wird er von den
heiligen Izeds über die Brücke in das Land der Freuden geführt, wo er einer
fröhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht über die
Brücke und muß in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.

Zuletzt erfolgt die _Auferstehung der Toten_. Gute und Böse sollen
auferstehen, und Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen
wiedergeben. Ahuramazdâ will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern
überziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Böse zu
Bösen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an
Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der »anbeginnlosen Zeit«
festgestellten Ratschluß Versuche, den Sündern die Thore Gorotmans
aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh
geläutert und gedemütigt worden sind, so müssen sie durch Feuerströme
geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann
genießen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist
alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst
Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des
Angrômainyus ist zertrümmert und das des Ahuramazdâ Alles in Allem
geworden. Das Gesetz Ahuramazdâs herrscht allein im Weltall und ist das
alleinige Element, in dem die Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und
weben. Ahuramazdâ, im Gefolge die Amschaspands, und Angrômainyus, von den
vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvâna-akarana die Opfer
ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.




Zweites Kapitel.

Der zoroastrische Kultus.


Die Anbetung Ahuramazdâs, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tödlicher
Haß gegen Angrômainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des
Avestabekenners.

Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie sind die +causa movens+ des
Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhänger Zoroasters muß alles Gute,
die sichtbare und unsichtbare Lichtschöpfung Ahuramazdâs lieben, das Reich
des Angrômainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und
moralisches Übel zu bekämpfen ist.

Ahuramazdâ ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religiöses System ein
Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazdâs,
wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenuß und
Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion
Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.

Die Erkenntnis Ahuramazdâs ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und
das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens
in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazdâ würde alles Nacht
sein, tot und öde, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle
Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Güte zu wachsen.

Ahuramazdâ muß erkannt werden als Gott und Schöpfer aller guten Wesen. Er
ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Güte und
Urwort. Aus ihm strömt Licht, Leben, Geist, Kraft, Güte und Wahrheit über
das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er muß erkannt werden als der
allein alles Belebende, der alles zu Licht und Leben macht und Güte und
Seligkeit zu erkennen und genießen giebt.

Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschöpfe Ahuramazdâs
hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle
leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazdâs, durch seine belebende
Geisteskraft. Selbst Bahman, der höchste Amschaspand und seinem Wesen nach
Ahuramazdâ am nächsten stehend, bekennt in seinen Lobgesängen, daß er
seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von
Ahuramazdâ habe.

So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen,
die ihn erkennen können.

Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur _That_, zu _lebendigen Handlungen_
werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt
und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und _thätig
sein_. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach
orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so
gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose
Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die
Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit
und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er
durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker
der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich
zuwider ist.

Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt
und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr
lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist
gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben,
Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum
schreibt er auch allen Wesen einen _Glanz_, einen _Lichtschein_ zu, dem
Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In
allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines
Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner
Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit
dieser Funken ist der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ
vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste.
Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner
Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts
kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor
allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten.
Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die
zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.

Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von
den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und
Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt
enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ
geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über
die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren
ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die
ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an
seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden
die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz,
Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen
Teile der Schöpfung anvertraut hat.

Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin
deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das
erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird,
und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat
erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.

Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder
bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und
glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des
Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an
den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen
Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem
ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.

Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre
Eigenschaften wie Funktionen und -- wenn es Himmelskörper sind -- auf die
Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der
Mond aber bei Tag und bei Nacht.

Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt,
wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der
ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.

Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet
geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz,
und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz
seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in
Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz
als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze
Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle
Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der
Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese
Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder
jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll.
Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der
Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und
Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.

Endlich wird alles von Ahuramazdâ kommende gepriesen: Feuer, Wasser und
Bäume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser
Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum,
aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.

Nach der Anbetung Ahuramazdâs und der Hochschätzung aller wohlthätigen und
reinen Geschöpfe befiehlt der Zendavesta die Ausübung des Guten in
Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im
ganzen Verhalten des äußern und innern Menschen wie Licht sein und wirken.
Dies ist der beste Beweis für die zu Ahuramazdâ getragene Liebe. Er soll
wirken wie das Licht, d. h. wie Ahuramazdâ, die Amschaspands, die Izeds,
wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazdâ sich gefällt,
weil sie ihm ähnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Güte ein Mensch in
seinem Wesen ausdrückt, um so näher sind ihm die himmlischen Geister, um so
mehr können sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem
Geist muß man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds
alles mit Wohlthätigkeit segnen, so muß der Mensch die Natur zu veredeln
und überall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem
Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer,
bepflanzt die Wüste mit Bäumen, tränkt die Erde und besäet sie zur Freude
der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt für die Nahrung und
Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er
nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein
wohlthätiges Licht erleuchte, daß das Wüste fruchtbar werde, das Schwache
stark und das Tote lebendig.

Der zweite Teil des Ahuramazdâdienstes besteht im Streit gegen Angrômainyus
und seine Anhänger, im Haß gegen alles Böse und der Unterdrückung des
physischen und moralischen Übels. Jeder Parse muß Angrômainyus, den
Thronfürsten der Finsternis, Vater alles Bösen, durch Gedanken, Wort und
That, so sehr verwünschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer
Angrômainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews
thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen
Absichten fördert, ihre Einflüsse erleichtert und vermehrt, der ist
verwünscht an Leib, Seele und Vermögen; Flüche ruhen auf ihm zu Tausenden.
Zum Streit gegen Angrômainyus gehört besonders noch, daß der Anhänger
Zoroasters bekenne, von Angrômainyus und den Dews komme alles Böse her.

Zu den Anhängern des Angrômainyus gehören besonders die Zauberer, welche
Zoroaster als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachtet.
Um so höher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr
verwünscht Zoroaster ihr Thun. Sie hören und Gemeinschaft mit ihnen haben,
ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude
Ahuramazdâs und aller Izeds und Segen für alle Menschen und Geschöpfe.

Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, und bei jedem
amschaspandähnlichem Thun möchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmächtig
werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele -- wie z. B. die
Zoroasters -- macht sie mutlos und blaßgelb. Thaten des Lichts, reine, edle
Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstören. Was die
Dews verheeren, muß der Anhänger Zoroasters blühend machen. Die Dews lehren
den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen muß
das Wort des Lebens überall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und
der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazdâs nichts
als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrômainyus und sein Reich ganz
That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele
und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhänger
sich einfinden sollten.

Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen
Schöpfung Ahuramazdâs, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des
Lebens, sowie Zerstörung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.

Der Anhänger Zoroasters ist nicht der Ansicht, daß er für sich und
Ahuramazdâ für Alle sorgen müsse, sondern betrachtet sich als ein Glied der
lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Körper in
Gesundheit und Stärke blüht. Er wacht über die Mitanbeter Ahuramazdâs mit
der gleichen Sorgfalt wie über sich selbst, denn je mehr durch ihn die
ganze Schöpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glücklicher ist sein
Zustand. So thun Ahuramazdâ wie die Izeds, und der Parse muß ihr Thun
nachahmen. Ahuramazdâ, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei
seiner Schöpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, daß dieselbe Licht
und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner
Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit
gelange, deren es fähig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren
gehe, daß alles in Ahuramazdâ, dem Schöpfer und Urquell alles Lichts und
aller Güte, zuletzt zusammenfließe.

Das Licht muß immer im Kampf sein mit der Finsterniß, und Ahuramazdâ mit
dem zahllosen Heer seiner Kräfte ist ohne Unterlaß geschäftig, die Mächte,
Wirkungen und Geschöpfe von Angrômainyus täglich zu schwächen, sein Volk
zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem Übel, wo
eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines
Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das
tägliche Geschäft Ahuramazdâs, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch
seine Kräfte in seiner Sphäre thun, was Ahuramazdâ im ganzen All seines
Reiches für alle Geschöpfe und durch die ganze Fülle seiner Licht- und
Lebenskräfte vollendet.

Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz
_eines_ Lebens in der ganzen Schöpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche
Zoroaster dem Schöpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der
Allbelebung, der Allschöpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und
Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schöpfung dringt, der in
allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fühlen, thun und wachsen läßt wie
der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazdâ
für das All der Schöpfung ist, das soll jeder Ahuramazdâverehrer in seinem
Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den großen Zweck Ahuramazdâs im Auge
haben muß, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben,
Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.

Die ganze Schöpfung ist _ein_ Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist
von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung.
Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner
Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazdâs vorgestellt,
worin derselbe König und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein
Geschöpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genießen,
wenn es nicht ein Teil dieser _Gemeinde der Lebendigen_ ist. In der
lebendigen Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat ein jedes Glied einen Teil der
Kräfte des Alls. Diese Kräfte sind Kräfte des Lebens und kommen von
Ahuramazdâ; sie müssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstörung
des Bösen und Schaffung des Guten. Der Anhänger Zoroasters muß fortwährend
Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazdâ von ihm und er selbst hört auf ein
Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von
Ahuramazdâ ihm angewiesene Wirkungssphäre, welche er durch sein Licht
beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben muß,
sonst wird sie öde Wüste, Sphäre der Finsternis und des Todes. Der
Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazdâs Lichtwelt liegt in der
Sphäre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne
nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphäre des gemeinen
Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und
was um ihn ist belebt, so ziehen alle übrigen Glieder aus seiner Fülle
Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken
leicht und sie wieder ihm. Deshalb muß jeder Parse für Alle beten; der
Priester muß durch die Fülle seiner guten Handlungen und durch die
Erfüllung aller Pflichten Ahuramazdâ und Zoroaster nachahmen und so ein
Beispiel für das Volk und zum Segen für alle Stände werden. Vom
Ackerbautreibenden wird beständige Sorge für seine Ländereien und Herden
begehrt, damit er ein Quell des Überflußes für Viele werde.

So wie im himmlischen Reich Ahuramazdâs jeder Ized seine Verrichtungen mit
Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll
nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich
Ahuramazdâs auf Erden die Pflichten seiner Sphäre ganz und mit Reinigkeit,
Lust und Leben thun, damit alle sie thun können, und diese Gemeinde der
Ahuramazdâverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des
Himmels, und sie immer höher gehoben und weiter gefördert werde, bis sie im
großen All des Lichtreiches von Ahuramazdâ aufgeht.

Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat den Zweck,
_vollkommen_ zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die
Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fußes, so hat auch in
der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden
Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen _seiner_
Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht _sein_ Glanz, _seine_
Güte, _sein_ Leben und _sein_ Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers
nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der
Glanz des Königs, so hat doch ein jeder _seine_ Vollkommenheit, und darin
beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fließt
daraus die Verherrlichung Ahuramazdâs wie die Lichtwerdung der ganzen
guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenuß, ein jedes
Glied im Leben aller genießt und giebt zu genießen, jedes für alle und alle
für jedes.

Es soll also jeder Anhänger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde
die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben sowohl
_für sich_ in dieser Welt dadurch, daß er sich von allem Bösen des Leibes
und der Seele reinigt, Angrômainyus und seine Diener im ganzen Reich der
Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der künftigen
Welt, daß er als treuer Diener Ahuramazdâs ewiges Leben genieße, ewig
Ahuramazdâ gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die
Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben _für Andere_,
daß er die ganze Schöpfung verehre, in ihr Ahuramazdâ überall finde und mit
sich die Geschöpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer
Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen
Wohlthätigkeit rühme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines
ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, daß
er für ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, für sie bete und über sie
wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nähre die Tiere, ziehe sie auf und
sorge, daß alle guten Geschöpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente
rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit,
Lebensgenuß, Güte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von
Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von
der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die
Nähe Ahuramazdâs, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens
genieße.

Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen
genaue und sorgfältige Ausübung das Mittel dazu ist.

Zoroasters Gesetz ist der Körper des _Urworts_[175], das _vor_ allen Wesen
war, und ist als fortwährend schaffende göttliche Geistessprache im
Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das _Wort_ war das Urwesen, durch
welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der
Lebenskraft und dem göttlichen Wesen, insofern es ganz Licht, Geist und
Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazdâ haucht. Insofern
Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von
Ende weiß, heißt Gott das _Urwort_, und insofern Gottes Geist dieses Wort
spricht und durch dieses Sprechen außer sich andern Wesen außer sich Sein,
Leben und Wirksamkeit, d. h. Licht mitteilt, heißt dieses Sprechen Gottes
auch _Wort_, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die
Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der göttlichen
Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds übergeht
und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich führt. Diese
Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare
Anschauung der Dinge, das Gefühl des Willens, wie es in Gott war und das
aus Gott in sie überging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die
Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung
und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaßten
Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was
die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heißt auch das _erste
Gesetz_, die höchste Weisheit, Ahuramazdâs ursprünglichstes Element, das
mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausfluß und die Seele
Ahuramazdâs, denn es enthält gewissermaßen die wahren Elemente Gottes; es
ist das ewige »_Ich bin_«, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die
Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazdâ
sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu
Augenblick, und dadurch kommt aller Überfluß, alles Gute, aller Samen des
Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte
Ahuramazdâs. Wie Ahuramazdâ das _Wort_ der unbegrenzten Ewigkeit ist, so
ist die ganze Welt _sein_ Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist _ihr_
Wort.

Dieses Wort wurde unter der Hülle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder
-- besser gesagt: der Schöpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis
und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden
Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache,
die sie verstehen konnten, und so wurde das _Gesetz_, das im Zendavesta,
das himmlische, göttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der
Wahrheit und des Lebens.

Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach
ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet.

Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mußt
Ahuramazdâ, den König der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine
Schöpfung hochschätzen, Zoroaster für den wahren Propheten Gottes halten
und das Reich des Angrômainyus zerstören. Die Menschen sollen Gutes thun
wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in
der Rede, groß, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen.

Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazdâs Reich im
einzelnen und im ganzen zu verschönern, Licht, Leben, Wahrheit und
Seligkeit überall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder
gottesdienstlich oder politisch-religiös.

Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und
äußeren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die größte Reinheit des inneren
und äußeren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der
That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That.

Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That
entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und
beurteilt werden müssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bösen
Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat
ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen
Ized. Jeder unreine Gedanke betrübt die Izeds und hindert sie dieser Seele
zu dienen, er schwächt das Licht und Leben der Seele und macht, daß die
Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen.

Die Reinheit des Worts besteht in der Güte und Wahrheit der Rede, in der
Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung
Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefaßt, was in der
Reinheit des Gedankens liegt, nur daß die Rede unsern Nebenmenschen
versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt.
Bekannt ist, daß die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe
der Perser zu rühmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lüge bei den
Persern bürgerlichen Tod, und die Jugend wurde von früh an an die strengste
Wahrheitsliebe gewöhnt. Im Zendavesta heißt es sehr oft: »Sei wahrhaftig in
deinen Worten!« und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im
Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzüglich verlangt. Ahuramazdâ, dessen
Wort lautere Wahrheit ist, wird beständig als Muster aller Muster
gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen
Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des
Friedens. Die Lüge gilt im Zendavesta als das Häßlichste, wodurch der
Mensch zum Dew wird; Angrômainyus ist der Erzlügner und Vater aller Lügen.

Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die
Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazdâs und
Angrômainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit
geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn
der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf
Ahuramazdâ und die Verherrlichung seiner Schöpfung durch Vermehrung des
Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk
der Finsternis, ein Werk von Angrômainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit
der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der
Unterricht ist, weil die Vorschriften für Menschen aller Stände bestimmt
sind, so beschaffen, daß alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen können,
wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. »Verehre Ahuramazdâ
und sein glänzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, -- heißt es im
Zendavesta, -- wähle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen
Ahuramazdâs so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein.« --
Wenn die Anhänger Zoroasters beten, so müssen sie vorher in demütiger Reue
ihre Sünden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt
wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten
wird, müssen sie beständig an Ahuramazdâ und die Izeds gedenken und
betrachten, wie wohlthätig dieselben sind. Mit größter Bereitwilligkeit des
Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen,
weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazdâs ist, weil alle im Gorotman eins
zu werden hoffen, und weil Ahuramazdâ und die Amschaspands sich vorzüglich
der Notleidenden annehmen. -- Der König soll hauptsächlich dahin streben,
daß sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehört, daß er seinem Volk sei, was
Ahuramazdâ der ganzen Welt ist, Ernährer und Vater der Armen und Betrübten,
der Schützer und Helfer der Gerechten, daß er ihnen viel Freude mache und
mit seiner ganzen Gewalt das Böse unterdrücke, daß er seine Macht und Würde
allein als Ahuramazdâs Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze.
Weiterhin wird allen Ständen die Nachahmung Ahuramazdâs und seiner Izeds
anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise
nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trägt sein Thun zur
Verherrlichung und Lichtwerdung der Schöpfung Ahuramazdâs bei, was der
Zweck der Lebensthätigkeit eines jeden Geschöpfs sein soll. Jede darauf
hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist,
desto ähnlicher ist er Ahuramazdâ und seinen Lichtgeschöpfen.

Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und
wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, daß ihr Samen sich
vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und
der That so weit gereinigt, daß er nichts als Gutes thut und -- als Mensch
auf Erden betrachtet -- ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen
Ahuramazdâ anbeten kann, dessen Gewalt ist so groß, daß alle Darvands,
Druschts und Dews vor ihm fliehen müssen, daß er sie durch seinen Willen,
sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollständig ohnmächtig macht. Jedoch
soll niemand glauben, daß er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazdâs,
der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten
könne.

Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig
halten, denn beide sind Ahuramazdâs Geschenke und die Mittel, wodurch der
Mensch Größe, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazdâs beweisen und
vermehren kann.

Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des
Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten,
und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tägliche Nahrung der Seele,
ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhält
sich der Anhänger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts.

Außer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der
Ahuramazdâverehrer und unumgänglich notwendig, weil dieselben mit den
täglichen Anläufen Angrômainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen
zum Bösen kämpfen müssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu
überwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit
gegen das Böse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen
Gedanken, daß jeder Anhänger Zoroasters für Ahuramazdâ kämpfe, täglich in
der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet können
die Geister in ihrer Sphäre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und
wovon die Diener Ahuramazdâs alles Gute erhoffen müssen.

Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt
der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Sünden ab, deren Entstehungsarten
aufgezählt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Sünden und
rühmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er
Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazdâ und seinen
Haß gegen das Reich des Angrômainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die
Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sündenbekenntnis und Gelübde folgen
Lobpreisungen Ahuramazdâs, der Amschaspands, Izeds und aller reinen
Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Söhne Gottes,
d. h. aller Geschöpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazdâs Geist zu
finden sind.

Die Parsen beten nicht nur für sich, sondern für alle reinen Menschen,
welche den Schöpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der
Erde. Besonders ist der Priester verbunden, für sich und alle zu beten: für
den König, den Ahuramazdâ über sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf
alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazdâs Reich leben
werden; er betet ferner für die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben
auf Erden bereits verkörpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine größere
innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen
Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur
Auferstehung leben werden.

Ein Ahuramazdâdiener betet für Alle, und Alle für Einen. Der Priester
bekennt, daß er Teil nehme an den guten Werken aller von Ahuramazdâ
geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Früchten seiner eigenen
guten Thaten teilnehmen.

Ebenso atmen alle religiösen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist
der Gemeinsamkeit.

Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebräuchen und Riten ist in
erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nämlich an ein
_Urfeuer_ und ein _materielles Feuer_, welches letztere ein Bild vom
Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden.
Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvâna-akarana
verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazdâ alle Wesen
erzeugt hat und was Ahuramazdâ durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn.
Deshalb heißen die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und
Pflanzen, alle Söhne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der
Allschöpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind.
Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf
Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in
unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschöpfen. Alle großen Thaten,
alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des
Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und stärker das Feuer ist, durch welches
die Menschen belebt werden, desto reiner, stärker und geistiger sind ihre
Wirkungen.

Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen
Geschöpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen
übergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von
Geschöpfen unter den verschiedensten Äußerungen und Wirkungsarten das
einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das
Mittel, durch welches Ahuramazdâ die ganze Schöpfung in Leben und Bewegung
erhält. Das Feuer ist also der Ausfluß des Geistes und der Kraft Gottes,
das reinste Symbol der unaufhörlich schaffenden, allwirkenden und
allbelebenden Gottheit.

Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil
das göttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde,
Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die
Gottheit unter dem Symbol des Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers
mußte also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den
Seelen der Anhänger Zoroasters tief eingeprägt werden. Deshalb sagt
Strabo[176]: »Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mögen, sie rufen
vor allen Dingen zuerst das Feuer an.«

Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern
beten in ihm nur die Eigenschaften des Schöpfers an, Ahuramazdâs belebende
und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur
Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob-
und Dankgebete für die genannten Äußerungen Ahuramazdâs. Auch die Elemente,
Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern
als wohlthätige Kräfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazdâ die Welt
regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern
verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur,
daß es ihnen unmöglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie
herauszukommen.

Außer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebräuche, von
denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben
bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern für die Priester,
deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazdâ und die Izeds und das Lesen
der heiligen Bücher begleitet wurde.

Einen äußerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die
Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des
Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein
ohne Reinheit des Körpers, weshalb diese die größte Sorgfalt und
Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Körper besitzen eine Menge Dews, aber
vor dem reinen müssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein
geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrômainyus
verunreinigt ist.[177]

Aus dem Glauben an die Unreinheit des Körpers sind verschiedene rituelle
Gebräuche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil
des Angesichts mit dem Penom[178] verhüllt zu halten, weil der Speichel
irgend etwas verunreinigen könne. Daher rührt auch das Gebot, nichts vom
oder aus dem Körper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch
dürfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine
Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Körper einschleichen
können, wenn sich das Gemüt nicht in gehöriger Sammlung, Stille und
Wachsamkeit befindet. -- Ähnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den
Talmud über.

Die Unreinheit des inneren Körpers kann nicht ganz aufgehoben werden,
weshalb der Parse wenigstens für die Reinhaltung des äußeren sorgen und
durch beständige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhüten
muß, daß die Unreinheit des Innern wachse. Dabei muß sein Blick sowohl auf
die Außenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege
sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen können. Auf die
Außenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und daß er
nichts Totes berühre, ohne die vorgeschriebenen Bräuche beobachtet zu
haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fällen, in welchen Dews
ihn verunreinigen können, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht
durch sinnliche Gegenstände zerstreuen läßt. Ist der Mensch, was nicht zu
vermeiden, verunreinigt worden, so muß er sich durch das Wasser reinigen.

Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es
gehört mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fließt
vor dem Throne Ahuramazdâs, es belebt die Natur, reinigt die Körper der
Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft,
Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt
Überfluß aller Art. Ahuramazdâ hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen
die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und muß
des Morgens beim Krähen der Hähne angerufen werden. Das Wasser ist -- wie
Feuer und Licht -- Symbol alles Guten und unterstützt das Feuer in seinen
Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschöpfe durchdringt und in allen
Geschöpfen Wirkungen des Lebens äußert, so auch das Wasser, welches den
Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthält.

Die Parsen haben zwei heilige Wässer, _Zur_ und _Hom_. Das Wasser Zur wird
zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser
bereitet, während Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus
dem Saft des Hombaumes bereitet wird.

Die Fälle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach
Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach
der Geburt, überhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse
verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung.

Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die
reinigende Kraft der Todesstrafe ist so groß, daß die Sünde dadurch getilgt
und der Sünder in Gorotman aufgenommen wird.

Das Fasten hält Zoroaster weder für nötig, noch für verdienstlich, noch
überhaupt für erlaubt. Er befiehlt Mäßigkeit, aber der Parse soll seinen
Leib pflegen, damit er Ahuramazdâ zu Ehren wirken und gegen die Dews
kämpfen könne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der
Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religiösen Feste der Parsen
beziehen sich auf die Schöpfung und das Naturleben überhaupt. So die sechs
je fünftägigen _Gahanbars_ auf die sechs Perioden der Schöpfung, das
allerheiligste _No-ruz_ (Neujahr) als Frühlingsfest auf die Vollendung der
Schöpfung, auf den Triumph Kaiomorts über den Dew Eschem, auf die Schaffung
des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem
No-ruz ist die Mithrafeier _Mehrdjan_ als Herbstfest entgegengesetzt.




Drittes Kapitel.

Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie.


Im Urbeginn wurde Ahuramazdâ und Angrômainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf
nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur
Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazdâ lebt erhaben über alles mit
höchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser
Lichtthron[181] Ahuramazdâs wird »das erste Licht« genannt und ist als
alles übertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazdâs Gesetz.

Ahuramazdâ und Angrômainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein »das Volk
der unbegrenzten Zeit«. Der wahre Schöpfer ist die Zeit, welche keine
Schranken kennt, nichts über sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen
ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verständige nicht: Woher ist
die Zeit gekommen? In der Größe, worin die Zeit war, war nichts
Geschaffenes, das sie Schöpfer nennen konnte, denn es war noch nichts
geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung
Ahuramazdâ. Die Zeit war der Schöpfer und führte die Herrschaft über alle
Geschöpfe. Ahuramazdâ war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit.

Angrômainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war
allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und
Bösen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch
Vermischung. Ihre Wohnungen, des großen Ahuramazdâ erstes Lichtreich und
Angrômainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam
in der Mitte dieser _Abgründe_, und einer näherte sich dem andern. Ein
jedes dieser Wesen war durch seine Hülle begrenzt. -- Angrômainyus weiß
alles, wie Ahuramazdâ, und beide haben alles, was ist, geschaffen.
Ahuramazdâ ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht
beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrômainyus ist Sklave und
König.

Ahuramazdâs Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig
wie der Lauf der Wesen.

Die Genossen des Angrômainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt
sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein.

Ahuramazdâ kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene
allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wünsche des
Angrômainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken
des guten Wesens vermischen dürfe, und wie seine Macht sich endigen werde.

Darauf sprach Ahuramazdâ: Ich muß durch meine Macht das Volk des Himmels
schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und
Angrômainyus, fort und fort auf Böses sinnend zum Widerstand des Guten, war
unbekümmert um das, was vorging. Angrômainyus wußte nicht, was Ahuramazdâ
wußte.

Endlich erhob sich der Grundarge und näherte sich dem Licht. Wie er nun
Ahuramazdâs Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt,
der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstören mag,
er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schönheit, Glanz,
Erhabenheit geblendet, stürzte er von selbst in seine vorige dicke
Finsternis zurück und zeugte ein großes Heer von Dews und Druschts zur
Plage der Welt.

Ahuramazdâ, der alles weiß, erhob sich, sah Angrômainyus Volk, sein
gräßlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fäulnis, Bosheit und der
Schöpfung unwert. Angrômainyus erblickte das Volk Ahuramazdâs, das Volk in
Scharen, das Volk in Herrlichkeit, über welches der in Ewigkeit
verschlungene den Schöpfungsrat fassen mußte, das der Schöpfung wert war
und welches Ahuramazdâ für würdig erklärt hatte.

Ahuramazdâ indessen, welcher wußte, daß zuletzt Angrômainyus Werk doch ein
Ende nehmen müsse, bot ihm Friede und sprach: O Angrômainyus, hilf der
Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schöpfung soll
unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrütten und nie Mangel haben.

Angrômainyus, der Lügenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und
Widersacher Bahmans.

Der Himmel war die erste Schöpfung Ahuramazdâs in der reinen Welt; ihm ward
Bahman vorgesetzt. Er sah, daß seine Schöpfungen bis zur Auferstehung
dauern würden, und ließ Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und
Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrômainyus
Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch.

Nach dem Himmel schuf Ahuramazdâ das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die
Tiere und die Menschen.

Ahuramazdâ ließ Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und
Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die
Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwölf Gestirne wie in eben so
viel Stammmütter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe,
Ähre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schöpfeimer und Fische. Diese
Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig _Kordehs_[182]
männlichen Geschlechts eingeteilt, welche heißen: Pesch, Parviz, Peruesch,
Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe,
Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi,
Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht.

Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort
Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiaré[183]
selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschöpfe von den
Übelthätern gerettet werden.

Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum
Dienst des großen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazdâ an den
vier Enden des Himmels vier Wachen aufgestellt, welche auf die Fixsterne
achten müssen. Ein jeder steht da als Wächter seines Kreises und seiner
Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schöpfer der
Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schützt den Osten, Satevis den
Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden.

Meschgah ist ein großer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind
mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe -- auch Rapitan genannt -- den
Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazdâ mit den Amschaspands
himmlische Izeschné.[185] Izeschné giebt jedem Kraft, Peetiaré zu schlagen.
Notwendig ist dieser Dienst.

Zu gleicher Zeit führte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den
Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn für euch, Körper in der Welt
zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts
schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurückkehren. Seligkeit
soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne Übel. Meine Fittige
sollen euch gegen den Feind decken! -- Darauf kam des Menschen Feruer,
durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrômainyus geschützt,
in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde
Peetiaré errettet, des ersten Glücks genießen, wenn die Toten neu leben,
durch alle Ewigkeiten der Wesendauer.

Angrômainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen
und stürzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlänge von drei
Jahrtausenden mußte Angrômainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden
lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen
Ahuramazdâ und die Amschaspands in dieser Welt bestürmen und
zusammentreiben! -- Der Arge überlegte zweimal und war sehr unzufrieden,
denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrômainyus zurück. Am Schluß
der dreitausend Jahre kam der Darvand Djé zu ihm und sprach: O
Angrômainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt,
Ahuramazdâ und die Amschaspands bekriegen und sie ängstigen! -- Der
Übelthäter überzählte zweimal seine Dews, aber mit Verdruß. -- Angrômainyus
wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen
losmachen, aber der Darvand Djé sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche
Plagen will ich über die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgießen!
Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich
bin, nicht leben! Zerstören will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser,
die Bäume, das Feuer Ahuramazdâs, ja alle Geschöpfe Ahuramazdâs.

Der nichts als Böses thut übersah nochmals seine Heere, und siehe, wie
außer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt
gefangen hielt, und küßte Djés Haupt. Djé ist der Schöpfer der
Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrômainyus sprach zu Djé:
Was du nur immer wünschen kannst, nimm von mir! Djés Bitte war: Mit
Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! -- Angrômainyus
bildete eines fünfzehnjährigen Jünglings schönen Leib und zeigte ihn Djé,
und Djé, unsauber in Gedanken, trug ihn davon.

Nach diesem stellte sich Angrômainyus in Begleitung aller Dews vors Licht
und sah den Himmel, und die nur Zerrüttung sinnenden Dews gedachten, wie
sie ihn stürzten. Angrômainyus allein drang in den Himmel. In
Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde.

Am Tage Ahuramazdâ des Monats Farvardin[186] lief er von Süden aus und sah
den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem
Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die
gemachte Öffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bäume, den
Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er
alles Geschaffene. Gegen Süden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus,
und Alles überzog Schwärze wie Nacht. Danach schickte er fressende
_Kahrfesters_ auf die Erde, welche Gift haben, wie Schlangen, Skorpione,
Kröten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den
Kahrfesters widerstehen. Glutheißes Wasser regnete auf die Bäume und machte
sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188]
mußten sich auf den Stier und Kaiomorts stürzen, um sie an der Brust zu
fassen.

Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazdâ Binak, das Wasser der
Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mußte ihre ganze Heilkraft
spüren.

Der, dessen ganzer Wille Böses war, schlug durch sein Gift den Stier, daß
er krank darnieder sank und seufzend starb.

Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen muß für die Tiere, die noch
werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bösen zu schützen!

Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazdâ das Wasser Chei[189] und brachte es zu
ihm. Mit großem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches
Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh.

Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch
Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und
Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kämpften gegen die
Fixsterne. Denn Angrômainyus hatte außer dem, was er gegen Kaiomorts Böses
im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstörung.
Astruiad[190] mußte mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts
besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie
nichts an seinem Körper, denn es heißt: Zur Zeit der Ankunft Angrômainyus
Peetiarés war Kaiomorts schon im Leben; schon dreißig Jahre war er König.
Nach der Ankunft Peetiarés lebte er noch dreißig Jahre. Kaiomorts sprach zu
ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens
werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden stürzen!

Nach diesem drang Angrômainyus ins Feuer und ließ schwarzen Rauchdampf
daraus aufsteigen. Geschützt durch ein Heer von Dews mischte er sich unter
die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang
durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und
neunzig Nächte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrômainyus und den
Dews aller Welt. Die Dews stürzten entkräftet in den Abgrund, und der
Himmel half den Izeds, daß Angrômainyus sich nicht mehr an sie wagen
durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrômainyus auf die Erde, durchbrach
sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er
um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und
suchte Böses zu schaffen oben und unten.

Es steht ferner geschrieben, daß im Augenblick, da der noch einzig
geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter
hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als
Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte
bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend
Menschen. Er trat vor Ahuramazdâ mit diesen Worten: Wen hast du zum König
der Erde gesetzt? Angrômainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu
zertrümmern, die Bäume zu schädigen und sie durch feuriges Wasser zu
verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn
schaffen, daß er lerne sich vor dem Argen zu schützen? Ahuramazdâ
antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrômainyus Krankheit; aber
dieser Mensch ist für eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrômainyus nicht
wird Gewalt üben können.

Goschorun ging und zog durch die Sphären der Sterne und den Himmel der
Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazdâ Zoroasters Feruer und
sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man
sich vor dem Bösen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem
Verlangen Ahuramazdâs Beifall und sprach: Ich werde für der Welt Geschöpfe
sorgen. -- --

Über die Welt sind sieben Fixsterne als Wächter bestellt:

  1. Taschter, von dem Planeten Tir (Jupiter) begleitet.
  2. Haftorang, "   "     "     Beram (Mars)     "
  3. Venant,    "   "     "     Anhuma (Merkur)  "
  4. Satevis,   "   "     "     Anahid (Venus)   "
  5. Mesch,     "   "     "     Revans (Saturn)  "
  6. Gurzscher und
  7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der
     Wache der Sonne und des Mondes.

Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte
der Erde.

Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte
der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Varé.[191]

Hundert und achtzig Tage läuft die Sonne östlich und eben so viel
westlich.[192] Tag für Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht
einen Tag.

Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwärmen alle Tage
drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen können.

Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nächte. Am ersten Kordeh zur
Frühlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht.
Längster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des
Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am
Kordeh des Steinbocks ist die längste Dauer der Nacht. Hier beginnt der
Winter, und wenn Varé wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen
Licht und Dunkel, so daß die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rückkehr
360 Tage braucht. Dazu kommen die fünf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die
vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen
und wird dieselben binden können.

Angrômainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schönheit,
Reinheit und Stärke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel
stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrômainyus zum Kampf.
Ahuramazdâ half aus dem festen Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der
umläuft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der
Hand, rüsteten sich zur Unterstützung des Himmels, der sich umdreht, und
halfen ihm mit der That. Angrômainyus ward zur neuen Flucht gezwungen,
indem er sah, daß seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren
werde, weil der endliche Sieg Ahuramazdâ aufbehalten ist, von der
Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch.

Ahuramazdâ und Angrômainyus wirkten beide bei der Schöpfung des Wassers.
Als nämlich der Stern Taschter im Krebs war, floß Wasser im Kordeh
Avré.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte
Taschter in seiner Bahn zurück[196] und schien im Kordeh Avré westwärts,
denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte
des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter
dieses Zeichen berührt hatte, ließ er Regen kommen, der allen Dingen
Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die
Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der
gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge
über Taschter. Dreißig Tage und dreißig Nächte lang glänzte sein Licht
hoch[199], und unter jedem Körper gab er zehn Tage Regen, wie es von den
Fixsternen heißt: jeder dieser Sterne hat drei Körper.

Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Höhe eines
Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch
diesen Regen[200]; er durchdrang alle Öffnungen. In der Folge teilte sich
ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort
und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zaré Ferakh kand[201] gebildet.

Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurück und teilten derselben Gift
und Fäulnis mit. Um die Erde von der großen Menge Kröten zu reinigen, kam
Taschter in Gestalt eines weißen Pferdes mit langem Schwanz in den Zaré
herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hülle eines schwarzen Pferdes mit
starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwächt
und überwunden und mußte ein Stück zurückfliehen, bat aber Ahuramazdâ um
den Sieg, der ihm Übermacht schenkte, denn es heißt: Alsobald bekam
Taschter von Ahuramazdâ zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere,
zehn Berge und zehn Flüsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als
Überwundener ein Stück zurück. Tschem[203] soll keine Stütze gewesen sein
wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Höhe mit großer Macht,
daß das Wasser über die Erde schwemmte.

Jetzt ist Frage über das Wasser, das Taschter aus dem Zaré nahm. Er ließ es
in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Größe eines
Rinder- und Menschenkopfs, größere und kleinere. Unter Taschters Regen
versuchte der Dew Apevesch in Roßgestalt Böses zu thun. Taschter
schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und
Aspotschereh[205] erhob ein fürchterliches Gebrüll.

Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nächte und die Flüsse
wurden. Die Erde behielt Kröten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich
in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime,
die der Erde blieben, verursachten giftige Fäulnis. Darauf stürmte ein
heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser über die Erde; daraus
sammelten sich drei große Zarés und dreiundzwanzig kleine. Zwei
Zaréquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei
große Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zarés einigen.

Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere
westwärts, Arg und Veh, wie es heißt: Ahuramazdâ ließ nach seiner höchsten
Liebe gegen die Menschen von seinem Thron aus zwei Wasser fließen, die
ihren Kreislauf über die Oberfläche der Erde nehmen und zuletzt im Zaré
Ferakh kand in eins zusammenfließen. Diese zwei Wasser fließen aus Quellen,
woraus Gott achtzehn andere ausgehen läßt, und daraus kommt alles übrige
Gewässer, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurückfließen läßt, er
der da ist der Weltenschöpfer.

Während sich Angrômainyus in das Innere der Erde zurückzog, ward den Bergen
ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang
entstand Albordj, darauf die übrigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach
allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur
Vervielfältigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie
stiegen tief aus der Erde in die Höhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel
bald hoch, bald in die Tiefe wächst. So kam es, daß alle Berge aller Wurzel
Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkörper ausbreiteten und seit der
Wesenschöpfung gesehen worden sind.

Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller
Berge Wurzel ist in Höhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung
durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und
wie alle Adern des menschlichen Körpers in einen Stamm zusammenlaufen und
dem ganzen Körper Kraft und Stärke geben.

Außer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und über
der Erde alle Berge mit allem ihrem Überfluß und ihrer Fruchtbarkeit.

Ahuramazdâ und Angrômainyus waren beide Schöpfer des Baumes. Anfangs war
derselbe dürr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehört, setzte
ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch
einen allgemeinen Regen Wasser über die ganze Erde führte. Der Baum wuchs
wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproßten zehntausend
fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche
Angrômainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von
Bäumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von
Gewächsen, welche sich -- aus einem Keim entspringend -- fruchtbar
vermehrten.

Ahuramazdâ legte den Keim aller Pflanzen in den Zaré Ferakh kand, worin
dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfältigungen in
sich schloß. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazdâ den Baum
Gogard, welcher alle verjüngende und reichmachende Kraft in sich
schloß.[206]

Ahuramazdâ und Angrômainyus sind der Schöpfer des Urstiers. Als derselbe
tot war, gingen aus seinem Schweif fünfundfünfzig Arten Getreidepflanzen
und zwölf Arten gesundmachender Bäume hervor, die sich auf Erden
vervielfältigten. Den Samen des Lichts und der Stärke des Stiers übergaben
die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht geläutert wurde.
Ahuramazdâ bildete daraus einen wohlgebauten Körper, belebte ihn, und
daraus wurden zwei andere Stiere, männlichen und weiblichen Geschlechts.
Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vögel in
der Luft und die Fische im Wasser.

Während des dreißigtägigen Regens, welchen Taschter über die Erde ausgoß,
teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die
sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat
Ahuramazdâ alles gelegt, was im höchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn
schon sucht Angrômainyus diesen Erdteil zu schädigen, weil er sah, daß
Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das
reine Gesetz in Keans gegeben werden würde, von wo aus es erst die andern
Teile der Erde erhalten, und daß der Sosiosch in Khunnerets geboren werden
würde, der bestimmt ist, Angrômainyus ohnmächtig zu machen und die
Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu
bewirken.[207] -- --

Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark
seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heißt: Aus dem Marke
kamen Schöpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen.
Aus den Hörnern des Stiers wuchsen die Früchte, aus seiner Nase die
Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert
wird, welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208],
welches gegen Fäulnis und Hauptkrankheiten dient.

Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm
verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere männlichen und
weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazdâ von jedem Tierpaare eines
auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei
Farsangs mit mit ihren Jungen anfüllten.[209] Diese Tiere blieben tausend
Tage und tausend Nächte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nährten
sich von den Bäumen.

Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh
und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch
der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazdâ Soweje[210], dessen
Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zähmt. Drittens
schuf Ahuramazdâ die Wassertiere.

Diese Tiere teilte Ahuramazdâ in fünf Gattungen: in solche mit gespaltenem
Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit
fünf Klauen, in Vögel und Fische. -- Im Bun-Dehesch werden die Säugetiere
in 282, die Vögel und Fische in je zehn Arten geteilt.

Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des
Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazdâ zur Wache über die Menschen
und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist
er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des
Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzählige Menge hat entstehen
lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thätigkeit und Größe.

Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bösen Geister geschaffen und
richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt
er die Furcht.

Ahuramazdâ sagt: Ich habe den Vogel Varescha in großer Anzahl wider das
Böse in der Welt geschaffen und besonders wider den, der -- durch das
Gesetz erleuchtet -- häufig die Werke Angrômainyus thut. Ich habe ihn
geschaffen, damit die Wünsche des Menschen Darvand nicht erfüllet werden.
Du wirst dich nicht sättigen können, wenn du den Wasservogel schlägst. Ohne
den Vogel Varescha würde Angrômainyus Darvand alle Arten von Übeln über die
Körper verhängen; die Welt würde nicht bestehen können.[211]

Der Hund Sura vervielfältigt alle Tierarten, und Angrômainyus zerrüttet
eines wie das andere, daß zuletzt nur eines übrig bleibt.

Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne
gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus
der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fünfzehn Jahre mit fünfzehn
Sprößlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Körper, da
einer dem andern die Hand ans Ohr hält und beide -- so miteinander
vereinigt -- gleichsam ein Leib sind.[212] -- Sie waren so genau
miteinander verbunden, daß man weder männliches noch weibliches voneinander
unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazdâ das männliche Glied zuerst
erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es
das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazdâ sagt davon, daß er zuerst die
Hand und darauf den Körper gemacht und dann jenes Glied dem Körper angefügt
habe; daß er dem Körper seine eigentümliche Wirkungskraft anerschaffen, um
sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Körper
erschaffen worden. Wie Körper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen
umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazdâ seine Stelle, und die
Seele nahm ihre Wohnung im Körper.

Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Früchte.

Ahuramazdâ redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater
wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut,
Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der
Reinheit in Reden, der Reinheit in Thun und Lassen, und daß er keine Dews
anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glücke des
Weibes und das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch im Anfang
ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten
Gemeinschaft zusammen.

Anfangs sprachen sie: Ahuramazdâ ist es, von dem Wasser und Erde, Bäume und
Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine
Frucht hat. Darauf bemächtigte sich Angrômainyus ihrer Gedanken, verdarb
ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bäume und
Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es
Angrômainyus, sie gleich anfangs zu betrügen durch Irrtümer in der Lehre
von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als
Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lüge
Darvands, und ihre Seelen müssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh
verharren.

Meschia und Meschiane kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; danach
gingen sie auf die Jagd und fanden eine weiße Ziege, aus deren Zitzen sie
die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane
sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie
hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein Übel für ihren Körper, denn
dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.

Angrômainyus, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich -- durch jenen Betrug
noch beherzter -- ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Früchte, die sie
aßen. Dadurch verloren sie die hundert Glückseligkeiten, die sie bisher
genossen hatten, bis auf eine. Nach dreißig Tagen und dreißig Nächten kam
ein fetter weißer Schöps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die
himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen,
dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an
den Baum und machten durch ihr Blasen, daß es in einer Flamme ausschlug.
Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den
Schöps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die
sie nicht aßen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.

Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre
Speise, danach jagten sie fleißig und machten sich Kleider von den Fellen
des Rotwilds.

Es steht auch geschrieben, daß Meschia und Meschiane eine Öffnung in die
Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten,
nachdem sie es mit Steinen geschärft hatten. Diese legten sie einem Baum an
die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu
danken. Dadurch bekamen die Dews große Gewalt über sie. Einer wurde der
Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Haß gegen den andern, einer
lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschädigte ihn und erlitt ein
Gleiches. Endlich schrie der Fürst der Dews aus seiner finstern Wohnung
gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides
und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch
von seiner Kuh und goß sie nordwärts aus. Dadurch bekamen die Dews größere
Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fünfzig Jahren
dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fünfzig Jahre bekam
Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu
Meschiane: Ich möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich
mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine große
Schlange, sie fährt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und
dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung,
indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fünfzig Jahren hätte ich das
thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knäblein und ein
Mägdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine
und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazdâ diese
Lieblinge ab und sorgte für ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde.
Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen männlichen und
weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brüder und Schwestern. Jedes
Paar zeugte Kinder bis zum fünfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb
es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die
Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten,
Frevak und Frevakein.

Von diesen wurden fünfzehn Paare Kinder geboren, von denen ein jedes die
Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Völker der Erde
zurückgehen. -- Dabei sei nebenbei bemerkt, daß im Bun-Dehesch monströse
Menschen -- ähnlich wie bei Berosus -- angeführt werden, so Menschen mit
einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopf usw.

Von der Zeugung sagt das Gesetz, daß eine Frau, nachdem sie vom
Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nächten nach
ihrer Empfängnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das
Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes kräftiger, so wird ein Knabe
geboren, ist es der weibliche Same, ein Mädchen. Hat der Same von Mann und
Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach.
Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber
der weibliche Samen zuerst, so ist es bloßes Blut, und sie hat Ungemach
davon.

Der Samen des Weibes ist blutähnlich und kommt aus der Seite als eine
weißlich-rot-gelbe Flüssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes
quillt aus dem Haupt und Marke, ist flüssig, weiß, stark und in Menge
ausschießend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er
wirksam; der männliche bedeckt ihn und erfüllt die Mutter; aller nachmalige
geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er
zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom
männlichen Keime.

Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Väter
und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bäume und Mond sind
weiblich ohne alle Verwandlung. Alles übrige ist männlich und weiblich.

Das Gesetz spricht von fünf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in
Ahuramazdâ und den Königen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von
Oruazescht in den Tieren und Gewächsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes
und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedürfnissen des Menschen dient
und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer
stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.

Nachdem der Menschenkörper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom
Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt,
begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub,
und die Seele kehrt in den Himmel zurück.

Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich
dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dämonen schützen, eine
Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus
den diesbezüglichen Anführungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als
bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in
Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser
Anschauung verloren gegangen war:

Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er unterstützt den Hund, wie im
Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschöpfen vereinigen der
Hahn und der Hund ihre Kräfte. -- Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der
Hahn gegen Druscht streiten, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und
Vieh peinigt. Daher heißt es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten
überwunden; seine Stimme zerstört das Böse. Der Hund verlangt vom Menschen
nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die
Ahuramazdâ schenkt. Nichts Schädliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm --
auch unbewußt -- etwas Faules giebt, der muß von den Desturs, welche die
fünf nötigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nährt man ihn aber mit
dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.

In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger
Schimmel eine bedeutende Rolle, während im Bun-Dehesch von einem ähnlichen
dreibeinigen weißen Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte
Reminiscenzen arischer Völker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.

Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste
Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und
Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen
gegrabene; das fünfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der
Schweiß; das siebente das Rückenmark; das achte der Urin; das neunte der
Speichel; das zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der
menschliche und tierische Lebenssaft; das zwölfte der von unten
aufsteigende Baumsaft, von welchem es heißt: Der Saft in den Bäumen gleicht
Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt.
Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.

Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berührt oder wenn ein aus dem Wasser
gezogener Leichnam oder ein Stück davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds
vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru
und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Fluß tränkt
die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem
besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in
diesen Fällen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch
dafür gesorgt, denn Ahuramazdâ spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser
Zur. Wen ihr damit begießt, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem
Wasser heißt es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser
in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es
in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und
dann kehrt es zurück, um den Bäumen Glanz zu geben.

Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine längere naturgeschichtlich-mystische
Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, daß die Affen als eine Art
Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit
einem Dew. Bekanntlich hält noch Luther in seinen Tischreden die Affen für
Teufel.

Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch
anführen.

Es heißt, daß im Jahr, durch der Monate Lauf Wärme und Kälte und Kälte und
Wärme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die
Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad machen Frühling; Tir, Amerdad,
Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad
sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie
wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fünf kleine
Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen
ist. In drei Monaten durchläuft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder
sichtbar und kehrt wieder zurück.

Alle Zeit vollendet sich in zwölf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, daß das
Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, daß damals das
Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier
machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also
sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs
ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Kornähre.
Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.

Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrômainyus lief aus in die Welt.

Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch würde die Gegenwart unter dem Zeichen
des Steinbocks stehen.

Ich will bemerken, daß die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und
Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.

Noch sei erwähnt, daß auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von
einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es
heißt:

»Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bäume weder Dornen noch
Rinde. Seit Angrômainyus Peetiaré, der sich in alles, was ist, mischte,
tragen sie Stachel und Rinde. Am stärksten wirkte seine Macht auf die
Gewächse, denn ihre Schädlichkeit übertrifft alles andere Übel; ihr
Giftsaft tötet durch seinen Genuß Menschen und Tiere.«

Von den Druschts heißt es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht
ist Angrômainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mächtigste dieses
argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Kräfte werden
Eschem gegeben zur Zerrüttung der lebendigen Geschöpfe. Durch seine
siebenfachen Kräfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner
der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kämpfte gegen ihn, Medokht kam
dahin, und Areschk ward darüber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem
eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschöpfe zerrüttete und in großer
Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von
Ahuramazdâ geschützte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschöpfe des
Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrückt, wie es heißt: Eschem
Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frißt in der Welt und der
Toten Seelen mit Furcht quält, ihnen Schrecken einflößt und vor dem
Höllenthor sich aufhält. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am
Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die
Schulter schlägt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den
reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen möge.

Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet
das Gesetz, daß so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von
bloßem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrüchte,
genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die
Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst
Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder
dahin gebracht sind, daß sie von nichts als Wasser leben.

Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber
abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschné[217]
vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen.
Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrüchte und Milch
wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genießen,
sondern blos von Gewächsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der
Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.

Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster
fragte Ahuramazdâ und sprach: Der Wind führt den Staub der Körper fort,
Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazdâ
antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im
Raum des Äthers hält; der macht, daß er -- hier zeigte er auf das Antlitz
des Himmels -- in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war,
ausstrahlen muß. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand,
die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der
Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten läßt. Ich bin der
Schöpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt
und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bäumen Adern des
Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den
Bäumen und allen Geschöpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der
die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen
besonders giebt Haut, Nägel, Blut, Fuß, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser
in den Tiefen schafft und in den Höhen, damit die Welt getränkt werde durch
Flüsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht
ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben
durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein
Arm ihn niederdrücken. Ich bin Schöpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und
versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen
Leichnam beleben können. Sicher und gewiß sollen deine Augen einst durch
die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen.
Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal
erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklärte Erde Gebeine und Wasser,
Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der
Dinge.

Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane
nach ihm; nach diesen wird das übrige Menschengeschlecht Leben bekommen.
Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder
Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein;
alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu
werden wie beim Anbeginn der Schöpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird
Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der übrigen Menschenmenge.
Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein
Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen
aller Welt mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser
Versammlung wird jeder sein Gutes und Böses, das er gethan hat, sehen. In
dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weißes Tier unter den
schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen
Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du
mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit
Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und
darum bin ich unter diesen Seligen!

Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die
Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem
in den Abgrund gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte hindurch müssen
Leib und Seele büßen, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die
Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht
geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist,
wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.

Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der
Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken.
Unbefleckte werden weinen über die Darvands, und die Darvands über sich
selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand.
Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen Ähnliche werden die Strafe der Sünde
Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Läuterung von drei
Tagen und drei Nächten nicht entrinnen.

Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fünfzig
männlichen und fünfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.

Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde stürzen
wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und
Zagen vor dem Wolf niederfällt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze große
und kleine Berge mit Metallen zerfließen. Das geschmolzene Erz bildet einen
großen Strom, und alles, was Mensch heißt, muß hindurch zur Reinigung. Der
Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchfluß. Die Darvands müssen auch
hindurch, sie fühlen sich dazu gezwungen, und so muß die ganze Welt den
geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glücklich werde,
Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem
Andern werden Gutes thun.

Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster,
über die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was
wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach,
werden? Ahuramazdâ sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk
vereinigen und werden Ahuramazdâ und den Amschaspands mit lebendigem Eifer
ein großes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schöpfungen
Ahuramazdâs vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die
Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit
allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.

Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weißen Hom.
Sosiosch wird allen Menschen von diesen Säften zu trinken geben, und sie
werden groß und unvergeßlich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, groß
und klein, werden davon trinken und neu leben.

Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazdâ von
einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind.
Der Reinen Wohnung wird der glänzende Gorotman sein, Ahuramazdâ selbst wird
ihre Körper zu sich in Gorotmans Höhen ziehen, und sie werden alle
Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.

Dann werden Ahuramazdâ und Angrômainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht
und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad,
Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschné
anstimmen.

Alsdann wird Druscht Angrômainyus bleiben und in Ahuramazdâs Welt
zurückkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den
Evanguin[222] in der Hand führen. Alsdann wird Angrômainyus, des Argen,
Macht, die nichts als Böses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur
Brücke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis stürzen.
Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles
Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelöst und geläutert werden. Der
unterirdische Angrômainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde
durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch
wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.




Viertes Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.


Wie bereits gesagt, galt -- wenn auch durchaus irrtümlicher Weise -- im
ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und größte Adept der Magie.
Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und
Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten +Oracula magica
Zoroastris+, im höchsten Ansehen.

Läßt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters
nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen,
obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch überfirnißt erscheinen. Uralt
sind sie gewiß; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von
Alexandria in seinen »+Stromata+« sagt: »Pythagoras machte zuerst auf den
berühmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften
die Anhänger des Prodicus zu besitzen vorgaben«, so haben wir in dem den
»magischen Orakeln Zoroasters« zu Grund liegenden Original vielleicht eine
solche Geheimschrift zu sehen, welche -- von den alten Pythagoräern wollen
wir ganz absehen -- zweifelsohne den Neupythagoräern, Neuplatonikern und
Gnostikern bekannt war. Dafür spricht außer dem sachlichen Inhalt auch der
Umstand, daß sie von dem gelehrten Byzantiner _Michael Psellos_
(gest. 1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele
neuplatonische Schriften dem Untergang entriß und mit Commentaren versah.
Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten »Symbolen des
Pythagoras« sehr ähnlich.

Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original
gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute unter diesem Namen
vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern
Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel
Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die
vierte anscheinend gnostisches Gepräge.

Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren
Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte
Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Paläologos und
berühmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452
gestorbene _Georgios Gemistios Plethon_, der dritte, aber der hier
beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in
diesem unbekannten Kommentator einen gewissen _Johannes Opsopoeus_, welcher
diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon
unter dem Titel herausgab: +Oracula magica Zoroastris cum scholiis+ unter
+Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh.
Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8°.+ Beigebunden sind noch die
sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate,
sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des
Astrampsychus.

Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen
Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus
Platos »Alcibiades«, aus Plutarchs »Isis und Osiris«, »Über den Verfall der
Orakel«, aus Plinius »Naturgeschichte«, aus Suidas Ammianus Marcellinus,
Clemens von Alexandria und Eusebius über die Person &c. Zoroasters voraus,
welche wir hier übergehen können. Darauf läßt er die erste Fassung der
»Orakel« mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den
Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erläuterung
der chaldäischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur
herausheben will, daß Psellos sagt:

»Die Chaldäer nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei ätherische und
drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.«

Weiterhin sagt Psellos noch, daß nach chaldäischer Lehre die Seelen sich
nach dem Tode nach Maßgabe ihres Läuterungsbedürfnisses zerstreuten und
sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das Übrige dieses
Abschnittes über die chaldäischen Lehren enthält nichts als bekannte
exoterische Äußerlichkeiten. Den Schluß des Buches von Opsopoeus bilden die
zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem
Kommentar des selben. -- Am meisten gleichen sich die erste Fassung der
Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.

Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der
Kommentare.

Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:

»Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib
dienen müsse. Trachte dahin, daß du sie an den Ort zurückbringst, von dem
sie ausgegangen ist.«

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des
Plethon:

»Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie
vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebräuche
wirst du sie zu ihrer früheren Würde wieder aufrichten.«

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, daß nach Annahme der Magier die
Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem
Körper analog dem Verhältnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn
dereinst wieder behufs ihrer Rückkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie
aber thatsächlich in den Himmel zurückkehre, komme auf ihr Verhalten
während des irdischen Lebens an, ob sie sich nämlich mehr den Prinzipien
des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe &c. »Darauf deutet nun
ermahnend der Spruch hin, daß wir über den reinen Spruch der Seele
nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel
genommen hat, so wird sie ihn auch zurückfinden.« -- Bestimmter spricht
sich Plethon aus:

»Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, daß die Seele wegen
früherer Verschuldung mit dem Körper sich verbinde, sich aber derselben in
dieser Verbindung nicht mehr entsinnen könne. Nur wenn die Seele während
ihres irdischen Aufenthaltes einen tugendhaften Wandel geführt habe, stehe
ihr die Rückkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache
Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natürlich und begreiflich, daß
der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein
undurchdringliches Dunkel sein muß. Der Zug der Seele führt sie dahin, wo
ihr die während der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine
Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, daß wir über den Ursprung
der Seele und über unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch
Gebet und gottgefällige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken
trachten.«

Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten »theurgischen Hülfen« zu
verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie überhaupt nach den
Mystikern aller Zeiten in der Zurückgezogenheit von der Welt und Stille, in
der Enthaltsamkeit von überflüssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen
Getränken und physischer Liebe, in der Zurücksetzung weltlicher Geschäfte,
Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen
sagt _Proklos_[224]:

»Die Vollbringung geheimer, über alle Vernunft gehender, den Göttern
wohlgefälliger Handlungen und die Kraft der von den Göttern allein
erkannten unaussprechlichen Symbolen gewährt nur die theurgische
Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen
sie nicht durch die Thätigkeit der Vernunft in uns hervor. Die göttlichen
Charaktere oder Symbole (%symbola% oder %synthêmata%) bringen vielmehr,
ohne daß wir denken, die theurgische Vereinigung (%theougikên henôsis%, bei
Porphyrius %synousia%) hervor, also daß die verborgene Kraft der Götter,
worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthümlichen Bilder
erkennt.«[225]

Der zweite sich dem Sinn nach völlig an den ersten anschließende Aphorismus
lautet in der ersten Fassung:

»Wende dich nicht rückwärts! Das Verderben ist auf der Erde, und sieben
Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal
unterwerfen.«

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:

»Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal
verfällst.«

Der anonyme Kommentator versteht unter dem »Verderben« das Laster, die
sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen
Leib, die sinnliche Natur, unter »Feuer« das Göttliche im Menschen. Die
sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach
der alten Weltanschauung von den Planeten abhängigen Kardinalfehler, die
Todsünden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der
Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft über das Fatum oder die
vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche
sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten
zu bemächtigen droht, den kräftigsten Widerstand entgegensetzt.

Plethon versteht unter dem »Abgrund« die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt
und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: »Lebe so, daß du vor der
Wiederverkörperung behütet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen
Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter
der Herrschaft der Nothwendigkeit.«

Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon
übereinstimmend:

»Dein Gefäß werden die Thiere der Erde bewohnen« und beide Kommentatoren
verstehen einstimmig unter dem »Gefäß der Seele« den Leib, und unter seinen
Bewohnern die Würmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus
der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter »Gefäß« das
Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den
Bewohnern des Gefäßes die sich eines jeden Menschen, der seine
Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemächtigenden Dämonen nach dem
Grundsatz, daß Gleiches von Gleichem angezogen wird.

Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

»Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung giebt allen
Dingen ihr bestimmtes Maaß, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.«

Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):

»Erweitere nicht dein Schicksal.«

Der anonyme Kommentator erklärt diesen Aphorismus allgemein moralisierend
und sagt, daß diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im
Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und wähnen, daß sie selber
ihr Schicksal machen und die Beschlüsse der Gottheit verbessern könnten.
Psellos und Plethon fassen das Schicksal (%heimarmenê%, +fatum+, des
Grundtextes) im landläufigen Sinn auf und sagen, es sei thöricht, durch
Wünsche und Gebete die unabwendbaren Beschlüsse der Gottheit abändern zu
wollen.

Die zweite Hälfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der
Reihenfolge Plethons den fünften und lautet hier:

»Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.«

Der Kommentar dazu sagt:

»Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse
geschehen nach naturgemäßem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis
zum Zeitpunkt der Schöpfung zurück; alle Begebenheiten greifen harmonisch
in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also
Unvollkommenheit?«

Dieser wie der fünfte Aphorismus der ersten oder der sechste der
Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fünften (sechsten)
Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, daß die auf uns gekommenen
Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind.
Derselbe lautet in der ersten Fassung:

»Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;«

bei Plethon:

»Er kann nicht auf deine Wünsche achten, so lange die Binde der
Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und
das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedächtniß einprägt.«

Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung ähnlich im Kommentar
gesagt, denn daselbst heißt es:

»Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie die Binde der
Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie
umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermögen,
in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es
kann dieses Vermögen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht
werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleißigt und gewisse
magische Sprüche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt
öffnen.«

Plethon kommentiert:

»Die Vergessenheit der früheren Zustände (Incarnationen) ist eine Folge der
Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflösung des letzteren
wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres
früheren Seins wieder bewußt wird, daß ihr Schicksal auf der Erde nur die
notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabänderlich war.[226] Die
freigewordene Seele ist alsdann wieder gottähnlich und allwissend; das ist
das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedächtniß auffrischt.«

Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte
und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der
Reihenfolge nach:

1. »Eile, daß du zum Urlicht zurückkehrst, zum Glanze deines himmlischen
Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.«

    2. »Das Göttliche erfülle deine Seele!
    Den Blick zum Himmel stets gewendet!«[227]

3. »Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.«

Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch übereinstimmend dahin, daß
die Gottheit das höchste Licht, und in diese Lichtheimat zurückzukehren das
einzige Verlangen der Seele sein müsse. Psellos dagegen sagt etwas
abweichend:

»Die Seele entwickelt drei Kräfte: Verstand, Gedächtniß und Urtheilskraft;
diese drei Potenzen vereinige, um über das Wesen der Gottheit nachzudenken
und sich mit dieser zu vereinigen.«

Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen einen
gewissen Zusammenhang beobachten können. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach
gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den
drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der
ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der
achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der
Reihenfolge nach:

1. »Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern.«

2. »Die Erde klagt fortwährend über sie und ihre Kinder.«

3. »Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder.«

Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaßen:

»Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde
beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche
eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine
Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn
die Eltern pflanzen ihre sündhaften Begierden auf die Kinder fort; die
Tugendhaften befleißigen sich eines keuschen Wandels.«

Während also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations-
und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos
nur in Hinsicht auf die Wiederverkörperung. Ich kann ihre Aussprüche hier
übergehen.

Der nächste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den übrigen, findet
sich nur in der ersten Fassung und lautet:

»Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen möglich machen, sind
auflösender Art.«

Der Kommentar sagt:

»Unter den 'Ausklopfern der Seele', welche hier unter dem Bilde eines
Kleides eingeführt sind, werden die Vernunftgründe verstanden, welche, wenn
sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle
bösen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflösende Art besteht darin,
daß sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hülle, der
unreinen Materie, an sich zieht.«

Ich bemerke hierzu, daß auch die Kabbala das Bild von den »Ausklopfern der
Seele« kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren
»Grabschlag« (+Chibbut Hakkeber+) erteilen. Da die Kabbala zum großen Teil
im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis für das hohe Alter
unserer Aphorismen.

Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwölfte und
bei Plethon ebenfalls der neunte lautet:

1. »Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden.«

2. »Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfräulichkeit
bewahre.«

3. »Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die
Jungfräulichkeit.«

Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und
sagen, daß die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf
ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der
Sitz der Begierden.

Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei
Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fünfzehnte und bei Plethon ebenfalls
der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut:

1. »Die Seele strebe danach, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Hat sie
sich dadurch von den Einflüssen der Materie frei gemacht, so wird sie von
Gott durchdrungen sein.«

    2. »Die Seele trachte gottberauscht zu sein,
    Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.«

3. »Die Seele des Menschen strebe, das Göttliche in sich zu behalten.«

Der erste Kommentar sagt sehr dürftig, die Seele könne des Göttlichen nicht
voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelüste abgelegt zu haben.

Psellos bemerkt:

»Die Seele heilige sich zu einem Gefäße, in welchem die Gottheit ihre
Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand
also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen
muß.«

Plethon endlich sagt:

»Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren
himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch nicht, daß ihr der
schmutzige Leib zur Hülle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die
himmlischen Güter und göttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen
sie der Vater so reichlich bedachte.«

Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:

1. »Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich
und die Herrin des Lebens.«

2. »Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und
Herrin des Lebens.«

3. »Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich . . . .«

Die drei Kommentatoren sagen:

1. »Das Irdische ist das Vergängliche, das Geistige das Unvergängliche. Nur
des letzteren können wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die
Herrin des Lebens, d. h. des ewigen Lebens.«

2. »Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergänglich, weil sie
nicht aus auflösbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der
Finsterniß an, weil sie keinen Körper hat; sie ist also eitel Licht.«

3. »Unter dem Feuer sind die geistigen Fähigkeiten verstanden, mit welchen
die Seele des Menschen begabt ist.«

Bei Plethon folgt nun als zwölfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer
Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:

»Suche das Paradies!«

Plethon sagt kommentierend nur, daß unter Paradies der lichtumflossene
Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen äußert sich
folgendermaßen:

»Die Chaldäer verstehen unter Paradies den Chorus von sämmtlichen
Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen
umgeben.[228] Dem Unwürdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet
man alle Tugenden, welche den Menschen gottähnlich machen.«

Der zwölfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und
bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:

1. »Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.«

    2. »Beflecke nicht den Geist und ziehe
    Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe.«

3. »Verunreinige nicht den Geist.«

Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:

»Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode
nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen
unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer
kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige
Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von
welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt,
während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind
nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes.
Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist
und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche
sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach
dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger
Zoroasters lehren.«

Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren
eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der
Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich
sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. -- Plethon
äußert sich folgendermaßen:

»Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele
an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit
diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte
Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem
Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch
den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag.
Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine
feinere ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch
nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen
stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.«

Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern
fehlende Spruch:

    »Vernachlässige aber auch nicht den Leib.«

mit dem kurzen Kommentar:

»D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher
zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.«

In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender,
bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon
aber fehlender Aphorismus:

»Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.«

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:

»Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche
zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern
also von dem göttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfängt, aber an
sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflüsterungen der Sinne
gehorcht.«

Psellos sagt:

»Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an
sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit
ihnen eine gewisse Ähnlichkeit besitzen, wie z. B. der menschliche Verstand
ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand
ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur
materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser
begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster
will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen können in die
vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele
im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche
vom Chaldäer ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung
vom Leibe im Weltenraum unbewußt verflüchtigen läßt, d. h. ihr die
Fortdauer abspricht.«

Aphorismus vierzehn und fünfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend)
lauten:

»Überlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.«

Ȇberlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei
ihrer Trennung vom Körper nicht zu Schaden komme.«

Bei Psellos zwei und drei:

    Ȇberlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund
    Damit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.«

Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:

»Eine Ermahnung, daß die Seele stets über sich wache und nicht den
Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben
sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle
verfallen, die während ihres Erdenlebens dem Körper, d. h. der Hefe der
Seele, eine zu große Macht einräumen.«

Psellos sagt:

»Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte
Körper verstanden. Der Jünger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe
zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nämlich den Leib, zu erheben.
Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele
herabgeschleudert wurde. Wie läßt sich aber diese Ermahnung anders
befolgen, als indem man den Körper dem Scheiterhaufen übergiebt. Oder ist
die Läuterung durch göttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias
sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe
wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, daß sie nur noch
einen ätherischen Leib besaßen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den
Beistand der göttlichen Gnade unmöglich.«

Bezüglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, daß auch Plotinos denselben
anführe und bemerkt weiter:

»Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die
meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so daß die Seele ihre
Läuterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, daß die aus der Welt
abscheidende Seele noch einige ihrer irdischen Sorgen und Wünsche mit
hinüber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die
Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine höhere
Richtung nimmt.«

Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos
und fünfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden
Wortlaut:

1. »Wenn du deinen aus ätherischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung
der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl
fahren.«

    2. »Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,
    So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.«

3. »Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten
Stoff des Leibes dir erhalten.«

Der anonyme erste Kommentator bemerkt, daß unter der Verehrung der Gottheit
nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen
seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Göttlichen
erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon
sagt:

»Wenn du einen gottesfürchtigen Wandel führst, so wird dir auch leibliches
Wohlsein zu Theil werden.«

Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend)
wird in mystischen Werken sehr häufig citiert[231] und lautet in der ersten
Fassung:

»Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch
falsche Zeichen äffen.«

In der zweiten:

»Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder
zeigend.«

Beide Kommentatoren sagen übereinstimmend, daß den in die Mysterien
Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter
denselben Personifikationen der zerstörenden Leidenschaften, welche die
Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.

Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus
hat folgenden Wortlaut:

1. »Die Vernunft lehrt uns, daß die Dämonen ursprünglich heilige Geister
seien, und die bösen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.«

2. »Die Natur sagt uns, daß die Dämonen vollkommene Wesen seien.«

Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise über den
Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. --
Plethon versteht unter Dämonen nicht im vulgären Sinn böse Geister, sondern
geistige Wesen überhaupt; im übrigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne
etwas von Bedeutung zu sagen.

Der nächste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung:

»Die rächenden Furien zügeln den Menschen. Es führe die Seele die
Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus.«

Der Kommentar versteht unter den rächenden Furien die notwendigen Folgen
der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten
Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren
Einfluß auf uns abwehren.

Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus:

    »O Mensch, du kühnes Kunstwerk der Natur.«

gehört offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in
den beiden andern fehlt:

»Hättest du meinen Beistand fleißiger angerufen, so würdest du wohlgethan
haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebäude,
sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glänzen nicht,
der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstände scheinen
sich in Blitze zu verwandeln.«

Der Kommentar sagt nur:

»So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten.«

Der zweiundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- und bei Plethon achtzehnte
Aphorismus lautet:

»Nimm nicht das Bild der Natur für die Gottheit selbst!«

Bei Plethon:

»Berufe dich nicht auf das Bild der Natur!«

Beide Kommentare sagen übereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu
erfassen.

»Alle dem Eingeweihten[232] sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen,
Blitze, sind nur Sinnbilder des Schöpfers, nicht sein eigentliches Wesen.«

Der dreiundzwanzigste -- bei Psellos zehnte -- Spruch heißt:

»Mit reinem Gemüth umfasse die Zügel des Feuers.«

Bei Psellos:

»Die gestaltlose Seele halte die Zügel des Feuers.«

Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt:

»Die gestaltlose, d. h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die
Zügel des Feuers. Sie soll sich nämlich in den Besitz des zum ewigen Licht
führenden Mittels setzen. Wer die Zügel schlaff hält, dessen gute Vorsätze
erschlaffen, und er fällt wieder der Erde anheim.«

Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut:

»Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen
Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers.«

Bei Psellos heißt es:

    »Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl,
    Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend,
    Dann horche auf des Feuers Ton!«

Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung:

»Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Räume der Welt
durchdringt. Auf ihr Flüstern achte du!«

Psellos bemerkt:

»Dieses Feuer ist das göttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn
dieses den Seher erleuchtet, daß er im Geist der Erde Tiefen durchschaut,
dann vertraue er seinen Eingebungen.«

Der fünfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos:

1. »Die Seele des Menschen trägt die Spuren ihrer göttlichen Abkunft in
sich.«

2. »Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem
deine Seele ausgeflossen ist.«

Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus für sich spricht.

Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und
zweiunddreißigste bei Psellos lautet:

1. »Vernimm, was sich durch den Verstand fassen läßt, denn dies ist über
die Vernunft.«

2. »Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht
begriffen werden.«

Der erste Kommentar lautet:

»Obschon der Schöpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat,
so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermögen;
trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d. h. dich
nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu
vereinigen.«

Psellos dagegen sagt:

»Obschon der Verstand uns alle Dinge erklärt, so kann doch das Wesen Gottes
von ihm nicht erfaßt werden, denn dies wäre nur durch unmittelbare
Erleuchtung von oben möglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das
artikulirte Wort kann das Wesen des Schöpfers definiren. Er ist durch
ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall
von Worten. Er ist über alles Lob erhaben.«

Der siebenundzwanzigste -- bei Psellos fehlende -- Aphorismus hat den
Wortlaut:

1. »Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen
entzieht.«

Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott.

Der achtundzwanzigste -- bei Psellos sechsundzwanzigste -- Aphorismus
lautet:

1. »Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches der Urheber dem aus
ihm hervorgegangenen Geist übergab, welch' Letzteren die Menschen für das
Urwesen[233] selbst halten.«

2. »Alles ist aus einem Feuer entstanden.«

Der erste Kommentator sagt:

»Alles emanirt aus Gott. Er hat Alles geschaffen, nämlich die geistigen
Vorbilder der Dinge[234]; der eigentliche Weltbaumeister verfertigte die
irdischen Abbilder der vorigen, denn von der Materie, welche aber nicht vom
Urquell des Lichts herstammt, konnte die Körperwelt nicht entstehen.«

Psellos bemerkt zu diesem Aphorismus in seiner Fassung nur, daß er dem
christlichen Glauben entspreche, insofern alles in Gott wurzele.

Der neunundzwanzigste Aphorismus der ersten Fassung fehlt bei Psellos und
ist der neunzehnte bei Plethon; er hat folgenden Wortlaut:

1. »Die Dinge, welche vom Verstand erforscht werden, sind selbst
Intelligenzen.«

2. »Die Seelen, welche vom Vater empfangen werden, sind selbst der
Empfängniß fähig.«

Der erste Kommentar lautet dahin, daß die geistigen, unkörperlichen Wesen
Zeugungen Gottes, selbst handelnde Persönlichkeiten und verschieden von den
mit dem Leib vermählten Seelen[235], den Geschöpfen des Demiurgen sind.
Plethon sagt nur, daß hier die geistige Fortpflanzung der Ideen gemeint
sei, welche die Chaldäer sich als unsichtbare Personifikationen der Dinge
auf Erden vorstellten.

Der dreißigste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der siebente
und bei Plethon der zwanzigste. Er lautet der Reihenfolge nach:

1. »Die Welt wird nach unwandelbaren Gesetzen von vielen Intelligenzen
regiert.«

2. »Die Welt wird durch vernunftbegabte und doch unbewegliche Wesen vor dem
Untergang geschützt.«

3. »Die Welt erhält zu Lenkern solche Wesen, die, weil sie nur
intellektuell, also mit den Sinnen nicht wahrnehmbar, auch der Veränderung
nicht unterworfen sind.«

Der erste Kommentator und Plethon bemerken nur, daß die oberste dieser
Intelligenzen der Demiurg[236] sei, und daß, da die Welt unvergänglich sei,
diese Eigenschaft deren geistigen Regenten erst recht zukomme. Psellos
verliert sich in die unfruchtbare magisch-astrologische Lehre von den
Planetenintelligenzen.

Der einunddreißigste Aphorismus ist bei Psellos der dreiundzwanzigste, bei
Plethon der einundzwanzigste und lautet in den drei Fassungen:

1. »Sich selbst hat der höchste Gott dem Blicke aller Wesen entzogen,
welche, obschon mit dem Vermögen ausgerüstet, sich von unsichtbaren Dingen
eine Vorstellung zu machen, doch seine Eigenschaften nicht begreifen
können.«

2. »Der Schöpfer hat sich in die Verborgenheit zurückgezogen und ist selbst
den geistigen Naturen unerforschlich.«

3. »Der Vater hat sich selbst entzogen.«

Über diese auch in der Kabbalistik ausgesprochene Lehre bemerkt der erste
Kommentator nur, daß dies daher komme, weil kein geschaffener Geist Gott
als ungeschaffenes Wesen begreifen könne. Psellos läßt sich auf keine
Erklärung ein und sagt nur, daß dieser Satz dem christlichen Glauben
widerspreche. Plethon hingegen äußert sich folgendermaßen:

»Obgleich geistige Wesen mittelst des Geistes wahrgenommen werden, entzieht
sich doch der Schöpfer auch diesem, wenn der menschliche Forschungsgeist
die Natur der Gottheit zu erforschen sich vermißt.«

Der zweiunddreißigste und letzte Aphorismus der ersten Fassung, der
zweiundzwanzigste bei Psellos und Plethon lautet:

1. »Der Vater aller Wesen flößt nicht Furcht ein, sondern den Trieb, ihm
gehorsam zu sein.«

2. »Gott flößt keine Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.«

3. »Der Vater flößt nicht Furcht ein.«

Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, daß Gott als Urquell alles
Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflößen könne. Psellos bemerkt:

»Die göttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets
gleich. Deshalb flößt sie auch den Geschöpfen keine Furcht ein. Wäre sie
feindlicher Gesinnung, so könnte die Schöpfung keinen Bestand haben. Gott
ist ein Licht, aber dem Sünder ein verzehrendes Feuer.«

Damit schließen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel
Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den
andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor:

    Aph. 5: »Nicht niederwärts den Blick gerichtet!
            Zum Himmel strebe auf! Denn unten
            Herrscht nur Nothwendigkeit, die harte,
            Die den Planeten ihre Richtung gab.«

Der Kommentar enthält nur den bemerkenswerten Ausspruch, daß sich die Seele
auf jedem Planeten verkörpern müsse. Das übrige ist astrologische
Spitzfindelei.

    Aph. 14: »Es läßt Natur uns Geisterreiche ahnen,
             Des Bösen wie des Guten allzugleich.«

Der Kommentar sagt nur, daß die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung
gebracht werden könnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkräfte
aufzuregen. Damit schließen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des
Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber außer der
Reihenfolge brachte.

In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaßen:

»Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem
Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist,
bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst.«

»Nicht abwärts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher
dich von der Schwelle, die sieben Gänge hat, abzieht, unter welcher der
Thron des furchtbaren Schicksals steht.«

»Denn dein Behältniß werden die wilden Thiere der Erde bewohnen.«

»Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht
von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus.«

»Aber der Wille des Vaters läßt nicht den Willen jener Seele, bis sie die
Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedächtniß
behaltend das heilige Zeichen des Vaters.«

»Du mußt zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele
ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt.«

»Die Erde beweint sie bis auf die Kinder.«

»Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, können erlöst
werden.«

»In der linken Höhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt
ganz darin, ohne ihre Jungfräulichkeit preiszugeben.«

»Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts
Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rühmt sich der
Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Körper befindet.«

»Weil die Seele glänzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt
sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen
der Welt hat, sollst du das Paradies suchen.«

»Verunreinige nicht den Geist und drücke ihn nicht in die Tiefe nieder.«

»Es ist auch dem Bilde der Seele[238] sein Theil allenthalben an einem
hellglänzenden Ort.«

»Laß nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen.«

»Führe nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Körper verlassend, in
Gefahr komme.«[239]

»Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch
den Körper im Leben wohl-erhalten.«

»Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre
Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen.«

»Die Natur räth, daß die Geister heilig seien, und daß auch die Steine des
schlechten Stoffs gut und edel sind.«

»Rächende Wesen züchtigen den Menschen.«

»Eine unsterbliche Tiefe wird über die Seele herrschen; du aber richte die
Augen ganz in die Höhe.«

»O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du öfter mit mir
geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedächtniß behalten. Denn
dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen.
Die Sterne glänzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht
nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen.«

»Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen.«

»Allenthalben mit einfältigem Herzen ergreife die Zügel des Feuers.«

»Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt
durch die Tiefen der ganzen Welt, so höre auf das Geräusch des Feuers.«

»Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die väterlichen
Sinnbilder ein.«

»Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist außer
dem Geiste.«[240]

»Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.«[241]

»Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater
vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die
Geschlechter der Menschen den ersten nennen.«

»Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den
Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende
Überlegung bewegt, einsehen.«

»O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind
und nicht gebeugt werden können.«

»Sich selber hat der höchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht
auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschränkt.«

»Der Vater läßt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam.«




Drittes Buch.

Der Occultismus der Inder.


Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung.

Veda, das Wissen, heißt im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb
gewissermaßen alle heiligen Bücher der Inder Veden genannt werden können.
In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ältesten
Sammlungen religiöser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der
Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische
Religion, die Gesetze und die Litteratur gegründet sind. Es sind:

1. Der Rigveda mit religiös-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und
Hymnen auf alle Gottheiten.

2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten über
die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche.

3. Der Samaveda, welcher für den heiligsten gehalten wird und lyrische
Gebete enthält, die gesungen werden.

4. Der Atharvaveda mit über siebenhundert Hymnen, Exorcismen,
Zaubersprüchen, Verfluchungen usw.

Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Pûrvakândam oder Karmakândam
genannten Teil, welcher u. a. die Gebete -- Mantras -- enthält, die, wenn
sie metrisch -- rig -- sind, gesungen und, wenn nicht metrisch -- yajush --
leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brâhmana, Uttarakânda oder
Gnâna -- Gnosis -- genannte Abschnitt, welcher sich über Kosmogonie, das
göttliche Wesen, die göttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda,
besonders die Brâhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder
Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologie der
Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich stützende Werk führt den Namen
Sâstra; deren giebt es eine große Anzahl und sie wie ihre Kommentare
enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften.

Die Veden werden häufig Sruti, »das durch Offenbarung Gehörte« genannt,
weil sie von Brahma selbst heiligen Männern, deren Namen genannt werden,
geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, daß
die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. -- Die über
diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite.

Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Völkern trennten und
von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre
Religion wohl Sabäismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch
jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der
Sauras ausschließlich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den
Essäern darf die Sonne die Blöße des Menschen nicht bescheinen, und in den
Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagoräern verboten, sein
Wasser gegen die Sonne zu lassen, &c. &c.

Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen
Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, führte die Sonne den Namen Brahman,
der Leuchtende. Sie schläft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt,
wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem
Sonnenkultus zu erklären und +mutatis mutandis+ universalgeschichtliche
Erscheinungen. Überall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben
Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen
Vorstellungen, die -- wie die ganze Theogonie -- in epischem Gewand
gleichsam historisiert auftreten.

Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen
des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Götterlegende oder
-- wenn auf menschliche Heroen übertragen -- zu einer Heldensage um, aus
welcher für das Volk Belehrung und Moral geschöpft wird, und an deren
thatsächlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln.

In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den
Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und
weltschaffenden Geistes, welcher -- an sich von der Sonne als Weltkörper
unabhängig -- diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher
alles Thun der Götter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne
zu verehren ist.

Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus über, und wie im
Mazdeismus Zrvâna-akarana, so wird im Brahmaismus +Brahma+, »das Große«,
ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prädikate durch Kraftäußerungen
nach außen werden müssen; deshalb wird es auch +tat+, das Ich, die Seele
oder das Wesen, +sat+, genannt. Dieses »Große« wurde als das höchste Wesen
betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus
seinen Wirkungen zu erkennen suchen müsse. Es führt in den Veden den Namen
+Parabrahma+, das Urgroße; +Avoyaka+, das Unsichtbare; +Nirvikalpa+, das
Unerschaffene; +Svayambhu+, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma
den Begriff des Ewigen und Selbständigen erhält. Auf dieses unendliche
Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heißt in den Veden nur, daß vor
ihm nichts vorhanden war, und daß seine Glorie so groß sei, daß es kein
Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als
Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, ähnlich wie im
Mazdeismus Ahuramazdâ der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.

Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und
andere aus ihm geflossene göttliche Emanationen, welche nur das persönliche
Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und
Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei
verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel
metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen
können. Bei diesem Personifikationsprozeß der einzelnen Attribute trat
vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurück, und selbst
Brahma -- seine erste Emanation -- verlor an Ansehen, so daß vom
Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf
den ursprünglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.

Trotzdem ist aus den heiligen Büchern der Indier überall nachweisbar, daß
die indische Religion sich schon sehr bald vom Sabäismus zur Verehrung
_eines_ höchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, daß in
Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der
Sinn für die religiösen Grundwahrheiten früher geweckt werden mußte, als es
in dem von wilden Stürmen bewegten Westen möglich war. Hier begannen die
schüchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfänge der
Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter
Pythagoras und Plato einen höhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa
einen dem Christentum ähnlichen würdigen Ausdruck fanden.

Der vergeistigte Mazdeismus übte mächtigen Einfluß auf die Religion der
Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer höheren
Erkenntnisstufe gestanden hatten, während der große Haufe zwischen den
polytheistischen Religionen seiner Nachbarvölker hin und her schwankte bis
endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des
Buddhismus und der hellenistisch-jüdischen Religionsphilosophie in einem
Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.

Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus
durch den Sabäismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines
höchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen,
Emanationen, Attribute &c. sind.

Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fähigkeit des
menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend,
aus eigner Kraft zum Höchsten sich erheben zu können, und beweist die
Nichtigkeit einer erträumten göttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums
des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von
Jakob Böhme abhängigen gläubigen Naturforschern und Naturphilosophen der
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.

Für den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon früh
gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von
Tyana[242], daß in Indien nur eine höchste Gottheit alles leite, daß aber
daneben Untergötter angenommen würden. Bardesanes spricht sich dahin
aus[243], daß es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und
Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getränke
genössen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten.
Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, daß der gebildete Indier keine
Idololatrie treibe, und daß beim Volk endlich die Götterbilder nur zur
Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich
Colebrooke[244], daß der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau
ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden
sei; daß er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche
sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religiösen Schriften von der
Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.

Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrücklich, daß die Veden nur einen Gott
lehren als den Herrn aller Götter und Menschen, den man in jedem Wesen
erkennen und verehren müsse, und im allgemeinen schildern die Veden die
Gottheit als immateriell, unsichtbar, über alle Vorstellung erhaben, aus
deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und
Allgegenwart erkennen kann; als das göttliche unvergleichlich große Licht,
von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt, welches allein unsern
Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch
die rollenden Zeiten.[245]

Die Veden lehren: »Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, körperlos,
ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmächtig, allweise und allgütig, ein
Schöpfer und Erhalter aller Dinge. -- Er ist allwissend, aber Niemand kennt
ihn, den man den großen, weisen Gott nennt. -- Gott, der die vollkommene
Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein
Vermögen spendete, fest in der Tugend war und der den großen Einen kennt
und verehrt. -- Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt;
er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; er kam in das Licht
des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schöpfung
war früher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich über seine
Schöpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die
ätherische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der
Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises
Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als
ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?«[246]

»Wer weiß genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und
warum diese Schöpfung stattgefunden? Die Götter sind später als die
Schöpfung. Der im höchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, weiß es; aber
kein Anderer kann darüber Kunde haben.[247] -- Über den Sonnen hinaus
scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein
Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum
sein Licht.«

»Es ist kein Größerer als Brahma, der Mächtige, in jedem Raume gegenwärtig,
allwissend und einzig. Forsche nicht über das Wesen des Ewigen, noch über
die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir
sei es genug, daß du täglich seine Weisheit, Macht und Güte in seinen
Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige
Licht aller Zeiten und Räume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als
tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du
warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. -- Man kann
Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die
er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den
Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schöpfung und
Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht
hauptsächlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom
Dienste des höchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und
Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und Glauben, nach welchem
er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen muß, also daß er sich in Allem
unverbrüchlich nach seinem Willen richte.«[248]

»Das höchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit
hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfüllt Alles, und alle Dinge
entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle
Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gütig, gerecht und barmherzig; es hat
alle Dinge geschaffen, erhält Alles und ist gern unter den Menschenkindern,
um sie zur ewigen Glückseligkeit zu führen, die darin besteht, daß man das
unendliche Wesen liebe und und ihm diene.«[249]

»Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst
zurückkehrt, und in dessen Licht sie glänzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit
ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist,
und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterniß des
Irrthums zerstreut haben.[250] -- Als Einsiedler mußt du mit einem
aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten,
noch ein Ende haben wird, welcher der Höchste ist, der Allen, die ihn
suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] -- Welchen
Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser
ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese
wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weiße Flamingos, grüne
Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird für dich
sorgen.«[252]

Soviel über den indischen Monotheismus.

Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich
dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten
treten die Schöpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heißt,
daß das Weltall durch den bloßen Gedanken Brahmas entstanden sei: »Er[253]
dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da!« oder durch sein
Schöpfungswort, welches -- wie später in der Gnosis -- personificiert
erscheint. Im Rigveda erscheint +vâch+, die Rede, als aktive Kraft Brahmas,
welche von ihm als Göttin ausgeht, als die höchste Weisheit und Königin
aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als
Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]

Auch Origenes sagt[255], daß die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl
als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als
Wort (%logos%), göttlich und körperlich, als das Wort der Gnosis, durch
welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar würden. Ja, ein
anonymer Indier äußert sich in seinem Schriftchen +De Brahmanis+[256]:

»+Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos
veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus
spiritus est atque mens.+«

Diese und ähnliche schon früher erwähnte Anschauungen liegen der schon
spätern spezifischen Logosidee zu Grund.

In Manus Gesetzbuch heißt es über die Schöpfung:

    »Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schöpfungen, Zerstörungen,
    Spielend gleichsam wirkt er dies, der höchste Schöpfer für und für«,

und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der
illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie
eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und
wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der
Schöpfung gehandelt wird, heißt es, daß anfangs weder Sein noch Nichtsein
-- +sat+ und +asat+ -- gewesen, sondern das große Es -- +tat+ -- oder
Brahma habe sich selbst erst zum Sein manifestiert, während die Maya oder
Täuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als +asat+ oder +non Ens+
geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst
im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung
die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemüt wurde zur produktiven
Schöpferkraft.

Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunächst Brahma
als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Körper
gehören selbst die Götter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn
versteht, der ist selbst Gott.[258]

Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist
derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des
Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heißt
es[259]:

»Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der
selbstständige Brahma mit den Devatas.«

In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]:

»Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergründet, aus seiner
eigenen göttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf
er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den
Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glänzend, und in ihm
entwickelte sich der große Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende
Kraft des Ewigen, welche nach einem Schöpfungsjahr allein durch den
Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hälften sodann Himmel und Erde
bildeten.«

Andere wieder halten die Luft oder -- besser gesagt -- den Äther (+âkâsa+)
für das erste Prinzip und betrachten ihn, wie später die Griechen usw., als
ein fünftes Element, in welchem sich die Himmelskörper bewegen, seit sie
von der Hand des Schöpfers den ersten Anstoß erhielten.

In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der
ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder +sensorium commune+
gegenübergestellt wird, auf welchen die höchste Gottheit durch Bewegung
einwirkt. In diesem Sinne heißt es in einem Purana[261]:

    »Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfürst,
    Mit seiner Einheit Majestät bewegte sie der höchste Herr;
    Dem jungfräulichen Sehnen gleich, und wie des Frühlings Zephirhauch
    Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige.«

Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, daß Gott alle Dinge gut schuf,
und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen Übel
trägt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist.

Als Brahma das Schöpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder
alles Lebens, deren Aufenthalt der Äther ist. Sie sind völlig den Feruers
des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den
Amschaspands, Izeds oder Engeln ähnliche Wesen sind die Devâs und Surâs,
welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von
ihnen -- +Mahîsasura+, der Büffeldämon, -- aus Neid und Eifersucht von
Brahma abfiel, ihm ähnlich gesinnte Geister verführte und dadurch der
Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit
in ihr die abgefallenen Geister durch Prüfungen geläutert und erneuert
würden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (+mûrtî+) der Gottheit, denn
sie ist vom göttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie
wie die Luft in einem Gefäß eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so
vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem göttlichen, gleichwie
ein in das Meer geworfenes Gefäß seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt.
Die übrigen Teile des Menschen lösen sich in die vier Elemente auf. Diese
Auflösung in fünf Bestandteile -- +panchatvam+, »der Zustand von Fünfen«,
denen die fünf Sinne als ebensoviel Thüren dienen, welche man gegen die
Außenwelt verschlossen halten soll -- ist der Tod, der keine Vernichtung
ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung
mit der Gottheit sucht der Mensch dadurch zu erreichen, daß er in strenger
Askese alle sinnlichen Einflüsse auf sich abzuhalten sucht.

Das moralisch Böse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der
geistigen Kraft auf die Materie aufgefaßt, gegen welche das Gute als
Positives, als frei waltende Kraft fortwährend zu kämpfen hat. Die Götter
selbst gaben dazu durch ihre Büßungen ein Vorbild.

Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und
Ungemach durch in früheren Daseinsstufen begangene Sünden verschuldet, und
je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr
verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit
sich bringen, daß die Kette und der Kreis aller Wesen sich je länger je
mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Böse würde demnach bei seinem
beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rückkehr zum Göttlichen haben,
wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben hätte. Sie hat, sich
gewissermaßen zum Fatum -- Karma -- gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen
ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz -- Incarnation -- gesteckt,
sondern vergönnt ihm auch in wiederholten Existenzen -- Reincarnationen --
auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rückfluß in die
Gottheit zu läutern. -- Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhält der
Mensch die Richtschnur für sein Denken und Handeln.

Die Weltendauer ist auf 12000 resp. 432000 Jahre beschränkt, nach deren
Verlauf alles Böse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint,
die materielle Welt zerstört und ein allgemeines Reich des Geistes
einführt.

Es heißt in den Veden: »Was kann die Welt für Freude gewähren, wo Alles
sich verschlimmert? Könige sind gefallen, Ströme versiegt, Berge versunken.
Der Pol selbst hat seinen Ort verändert; Sterne sind aus ihrer Bahn
gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister
selbst vom Himmel geschleudert worden.« Darum muß alles Sein
dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden
Betrachtungen:

    »So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann,
    Muß dir, o Mensch, dein Erdenziel beständig in Gedanken sein;
    Denn wie veraltet ein Gebäu, so fest es war, in Trümmer fällt,
    So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu.
    Es kehret nimmermehr zurück die Nacht, wenn einmal sie verschwand,
    Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna.
    Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch
    Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwärts zieht der Sonnenstrahl,
    Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf.
    Und wendet sich mit uns zurück, wenn wir am höchsten Ziele sind,
    Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder
        sind. --
    Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht:
    Es sollte Warnung ihnen sein, daß Alles auf- und untergeht:
    Sie freuen sich der Frühlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint:
    Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! --
    Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hält,
    So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglück,
    Und wie im großen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft,
    So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.«

Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie läßt, wie
bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt
ein Übel sein, welches steter Veränderlichkeit und stetem Wechsel
ausgesetzt ist, während darüber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.

Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfällt in drei Abteilungen nach
den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn
Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkräften, mit denen die Natur
wirkt. Denn gleichwie der Zusammenfluß von drei Strömen nur einen bildet,
oder wie durch Vereinigung von Öl, Docht und Flamme das Licht entsteht, so
wirken die drei Grundkräfte durch Vereinigung der feindlichen Gegensätze zu
einem Zwecke hin. Die drei Grundkräfte sind folgende:

1. +Tamas+, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher
das Gewissen und die Scham wegen böser Handlungen eintritt.[263] Diese
Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente
abwärts streben. Zu ihr gehören fünf Abteilungen der untersten Weltzone,
die Tierwelt und die leblosen Körper. Deshalb findet auch bei Menschen, in
denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere
Tierkörper statt, sodaß die größten Sünden wie Ehebruch, Zerstörung
religiöser Gebäude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkörper, ja
sogar den Übergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.

2. +Maya+, die Täuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor
und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die
Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in
menschliche oder höchstens übermenschliche Wesen niederster Gattung statt.
Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe -- der menschlichen --
bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb
sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.

3. +Satya+, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor,
weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische
Wirksamkeit aller Seelenkräfte und das Streben nach dem Guten und Wahren,
bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine beständige Vergöttlichung
stattfindet, ähnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden
Versen ausdrückt[264]:

    »Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,
    Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«

Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heißt[265], nach dem
zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum
Himmel sich erhebt, muß sie vor den Totenrichter Yamas kommen, der ihr das
Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, daß in ihrer
Incarnation die Sünde vorherrschte, eine Zeit lang ohne körperliche Hülle
in verschiedenen Höllen büßen muß. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren
Einrichtungen, wie glühende Betten, Schlammgruben &c., zur Peinigung der
sündigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer
Sündhaftigkeit eine größere Anzahl Höllen durchwandert hat, kann sie einen
neuen Körper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation
weiter beschreiten.

Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges
Anschauen, in Ekstase versinken.

In der sogenannten »Theosophie« oder dem esoterischen Buddhismus ist
unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne daß
jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen
Religionsphilosophie Eigentümliches wäre. Im Gegenteil finden wir bei allen
philosophischen, religiösen und occultistischen Lehren, die auf
pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott
annehmen, ein Zerlegen des nicht körperlichen Menschen in mehrere,
keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben
eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des übersinnlichen
Menschen liegt die Folgerung zu Grund, daß die eigentliche als Teil der
Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sündigen könne. Darum giebt man
ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden,
Sünde, Leidenschaft usw. erklären zu können. Damit ist die Annahme eines
Astralkörpers als ätherisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden.
Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier
einstweilen nur bemerken, daß die »Theosophie« eine Entwickelung oder
Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der
Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand
erklären zu können, daß in manchem Menschen der göttliche Funke total fehlt
oder nur ganz rudimentär entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw.
So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach »theosophischer«
Anschauung erst der fünfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten
Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas und Christus
-- ein hirnverbrannter »Theosoph« zählt neunzehn Christus auf -- ist der
siebente Grundteil ausgebildet. -- Die als die geistigste aller geistigen
Lehren und uralt gepriesene »Theosophie« ist also durchaus materieller
Natur und modernsten Ursprungs.

Die »theosophische« Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche
zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art
Astralkörper unterscheidet. Die Gründer der »Theosophie« haben dann aus den
verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die »Lebenskraft«
hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genüge zu thun,
sieben Grundteile glücklich herausgebracht. Davon, daß Paracelsus und
Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen,
wußten sie kein Wort, das habe _ich_ erst entdeckt und Herr Franz Hartmann
in seinem Paracelsus verwendet. Später wies Herr Franz Lambert die Annahme
von sieben Grundteilen bei den Ägyptern und in der Kabbala nach, was
indessen ebenso wie meine Entdeckungen für die Echtheit der Theosophie gar
nichts beweist, als daß in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der
Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte.
Das Zusammentreffen ist ein rein zufälliges und eine durchgehende
esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im
Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis führen. Mit der
durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem
andern entwickeln, steht und fällt die ganze Theosophie.

Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist --
Atma -- geflossen, aber wir müssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine
Schnur gereiht sind. Ein jeder Körper hat seine individuelle Seele, weil
sonst jeder Einfluß auf alle zusammen wirken würde, und ebenso hat auch
jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwächen, gerade wie eine jede der
auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, »lebende, selbstbewußte«
Seele -- +jîva+, +buddhi+ -- ist umhüllt mit einem feinen Leib aus dem
feinsten materiellen Äther. Derselbe ist das, was die späteren Philosophen
+anima sensitiva+ -- bei den Indiern +manas+ -- nannten, welches der Sitz
der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch
die geistige Seele, die Vernunft, +buddhi+, beherrschen muß. Die +anima
sensitiva+ führt auch den Namen +sûkshmasarîra+, »feiner Körper« -- also
Astralkörper -- und ist der Sitz des Selbstbewußtseins; derselbe wird durch
innere und äußere Eindrücke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so
lange unfähig, bis er von einem materiellen Körper umgeben ist. -- Derselbe
-- +sthûlasarîra+ -- besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung
fortgepflanzt und ist sehr vergänglich, während der »feine Körper«
dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht,
gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs
spielt. Endlich aber wird der »feine Körper« im Äther aufgelöst, während
die Vernunft -- +buddhi+ -- in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre
Individualität zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung
in der Lichtwelt.

Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des höheren
geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und
gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschließlich beschäftigt. Indem
sie sich mit allen Kräften in die Natur dessen, womit sie sich beschäftigt,
versetzt und darin aufgeht, so muß sie die ganze Kraft ihres Willens dahin
richten, den Gebrauch solcher Mittel zu üben, welche einen derartigen
magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und
fortschreitende Übung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher
ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt.

Diese Mittel sind Buße und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem
Irdischen loszulösen und sie in völlige Freiheit zu setzen, muß der Yogi
genannte Asket allen natürlichen Verhältnissen entsagen, sich gänzlich von
der Welt zurückziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus
keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im
Dunkeln und eine Überladung des Bluts mit Kohlensäure, herbeigeführt durch
systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befördern. Unbedingter
Gehorsam gegen den Führer -- Guru -- auf den ansteigenden Stufen der Yoga
ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu
erlangen, ebenso wie »der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne
Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natürlichen
Ausgänge verschlossen gehalten werden müssen.«

Übrigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch
äußere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen
sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond -- also Autohypnose --
Opfer, Gesänge und endlich der berühmte Somatrank. Der Somatrank gilt als
unerläßlich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand
versetzen, in welchem die Yogis sich über alle Welten erheben und -- mit
Brahma vereint -- das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank
der Milchsaft der +Asclepias acida+ (+Cynanchum viminale+), und der
genannte Botaniker spricht sich über denselben folgendermaßen aus: »Dieser
Saft ist scharf und reizend und kann in größerer Gabe leicht giftig werden,
und in manchen Fällen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln
afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden können, da sie die
Bewegungsthätigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betäubenden Schlaf
hervorzurufen.« Ähnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk über die
Anwendung des heiligen Trankes, daß der Genuß des Somatrankes schon in
älterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament
betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte,
leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; öfter heißt
es: »Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und
Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit.«

Oben wurde der eigentümlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen
das Blut mit Kohlensäure zu überladen und so ekstatische Zustände zu
erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus
geht ein Gebet:

»Brahma ist ein unvergängliches Wesen, reines Licht in einer heiligen
Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener
lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft -- Brahma
-- nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und
durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhöchste Brahma,
der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte
erleuchten.«

Dann heißt es weiter:

»Um die weiße Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine
viereckige Basis setzen, auf die Fersen nämlich, und dann die neun Pforten
verschließen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die
Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die
Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gefäß des Körpers wird
dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gefäß wird Licht. Wie
die Schildkröte muß der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz
dann in der Mitte der Öffnung hüten, dann wird Brahma in ihn eintreten als
Feuer, Blitz. In dem großen Feuer in der Herzöffnung wird eine kleine
Flamme aufwärts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle
weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er
durch die Fäden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie
die Flüsse, nachdem sie einen großen Raum durchlaufen, eins werden mit dem
ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst
Brahma, selbst Atma. Im Großen der Großen und der Große der Großen ist mit
seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma.
Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das
Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine
Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Höhe, weil Atma ihre
Sinne von sich treibt, daß sie nur Äußeres sehen. Wer daher diesen Weg zu
Brahma einschlägt, muß aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur
bedecken, einen Stock nur führen und so viel Almosen nehmen, als zur
Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren;
der Große wirft Gefäß und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata.
Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist
nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; für ihn ist nicht Tag
und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles.«

Analog heißt es in den Upanischads:

»Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr
und die andern Sinne nicht gelangen und gewährt schon so ein großes Licht.
Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zündet den andren Sinnen
ein großes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat
nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fähige
vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende erkennt
durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte
des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm
wohnt die Erinnerung und alle Überlegung. In seinen Banden ist der
vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt, alles
Vergängliche; es selbst aber ist unvergänglich. In der Herzhöhle wohnt die
unsterbliche Person nicht größer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes,
diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Höhle ist
Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von
ätherischem Licht erfüllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht
und erkannt werden. Derselbe Äther, wie er außen ist, ist auch innerhalb
jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten,
und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die
Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, daß
hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann
übrig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht?
Darauf muß erwidert werden: jener zarte Äther altert nicht und wird nicht
getödtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher
Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem Übel weit entfernt, dem
Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht
erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und
zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber von
hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wünsche
mächtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und
des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Äthers
angenommen hat, dem ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Wie der
Nichtwissende über einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und
ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem
sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie -- in tiefen Schlaf versinkend --
wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern Äther. Wer aber
den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch äußerlich nicht sieht, der wird
gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum
Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt
des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle
Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhänglichkeit
an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig.«

Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustände der Erkenntnis: das
Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase.

Das Wachen in der äußern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein
wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethörung walten vor wegen der
Anhänglichkeit an äußere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher
die Habsucht, die Anhänglichkeit an das Vergängliche und sinnlich
Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gütern, die Unbeständigkeit und
das Gemisch von gut und böse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier
und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen
Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und
allem Raffinement in den Künsten und Wissenschaften.

Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt
noch im Dämmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Haß,
zwischen Kühnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein
Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist
es schon der Übergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt.

Die Ekstase öffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte
Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugänglichen
Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist
nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natürlichen Licht
preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen
der Dinge. -- Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens,
in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf
Befangenen der Welt entrückt sind, und in den niedern Stufen herrscht
Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im
Traumschlafe. Alle Menschen verfallen täglich in diesen Zustand, aber
daraus zurückgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim
Erwachen in die äußere Welt wieder der Unwissenheit anheim.

Nach einer Erzählung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage:
wer wohl der Größere sei, der wache, der Träume schaue, und wo der Ort der
Wonne sei? auf folgende Weise: »Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre
Strahlen in den Kern zurück; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas
(den Allsinn) zurück. Die Person sieht nichts, hört nichts, riecht nichts,
schmeckt und fühlt nichts, faßt nichts mit der Hand und hat keine
Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb
der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fünf Pranas
leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und
das Herz in den Regionen der äußern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine
wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und
vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie
Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener
Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe
-- auch bei völliger Erstarrung und Unempfindlichkeit -- innerlich wach und
genießt die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen
Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort
Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes,
Gehörtes und Nichtgehörtes, Gewußtes und Nichtgewußtes, und weil Atma
selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf
gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprüngliche Gestalt wieder
an. Um dahin zu gelangen, müssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen
sein, auch innerlich im Leibe muß diese Macht in die Pfortader eintreten
und der Galle den Ausfluß verschließen, denn das Manas bindet in dieser
Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht
dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und
sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernünftig und vollbringt Alles. Er
wird mit Brahma Eins.«

    »Wie Ströme rinnen und im Ocean,
    Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden,
    So geht, erlöst von Name und Gestalt,
    Der Weise ein zum göttlich höchsten Geist.«

So viel über Kosmogonie, Mystik &c. der Inder.

Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, über die ich in meinen
»Geheimwissenschaften« schon Einiges sagte.

Eine jede sabäische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne
erwachsen, und es gehört zum Glauben der hierhergehörigen Kulte, daß die
Himmelskörper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt
die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender
Glaube der sabäischen Religionen, daß die Gestirne belebt, daß sie entweder
göttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstraße
darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch
die Götterstraße und der Weg der Frommen genannt wird, oder daß wenigstens
die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst
währt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische
Körper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: »es sind Fromme,
welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast!« und diese
Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet
nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. Ähnlich war die Vorstellung bei
einigen Griechen; denn bei Aristophanes heißt es ausdrücklich, daß die
Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem
Stern kaum losreißen.

Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so muß die
Astrologie in dem ursprünglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein
unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung muß sich auf
die Himmelskörper mit gesteigertem Anteil lenken, um womöglich ihre ewigen
Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine
kosmische Symmetrie zu bringen.

Die Beobachter waren Priester, durch Muße, höhere Bildung, Kastenverbindung
und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam
zu sein, und so konnte es auch der oberflächlichsten Beobachtung nicht
entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabäismus im
Laufe der Jahreszeiten ihren Einfluß zugleich mit der anscheinenden Bahn
veränderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und
besonders der Mond eine regelmäßige Wanderung zu machen schien am
unermeßlichen Himmelsgewölbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrüßend,
bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend.

Im Geiste des Orients hüllte man die beobachtete Regelmäßigkeit in populäre
Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern,
teils um dem Volke den geglaubten Einfluß jener glänzenden Körper auf die
Erde bemerklich zu machen.

Dies war der Ursprung der Astrologie.

Fortgesetzte Beobachtungen mußten bald neben Sonne und Mond noch fünf
Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit
denselben über die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die
Venus, während die Chaldäer besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus
keinem andern Grund genießt die mystische Zahl Sieben eine solche
Verehrung, als aus Rücksicht auf die Zahl der Planeten.

Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine
sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis,
die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den
siebenköpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshöllen erinnern.

Die Planeten werden in den ältesten heiligen Schriften der Indier genannt,
und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine männliche
Gottheit; sie und Merkur sind glückliche Sterne und stehen wie Jupiter,
»der Lehrer der Götter«, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, »der
Langsame« (+Sanis+), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher
allenthalben als ein Anzeichen des Unglücks, der Trennung und der Regenzeit
erscheint.

Die Wochentage werden folgendermaßen unter die Planeten verteilt:

  1. Sonntag     Tag des +Sûryas+ (Sonne).
  2. Montag       "   "  +Chandras+ (Mond).
  3. Dienstag     "   "  +Mangalas+ (Mars).
  4. Mittwoch     "   "  +Buddhas+ (Merkur).
  5. Donnerstag   "   "  +Vrihaspatis+ (Jupiter).
  6. Freitag      "   "  +Sukras+ (Venus).
  7. Sonnabend    "   "  +Sanis+ (Saturn).

Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schöpfungstag unter dem
Meridian von Lanka, und mit ihm -- um Sonnenaufgang -- beginnt die Kalpa
oder eine neue Weltperiode.

Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nämlich
sowohl in die zwölf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig
Mondstationen geteilt ist.

Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (+jyotishimandala+) oder
Zeichenrad (+râsichakra+), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als
im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprünglich einfache
Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhältnisse, von
denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische Überschwemmung
hinweisen. Diese sind:

Der _Steinbock_, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch,
besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber
Eratosthenes, welcher ihn nach geläufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern
ist er eigentlich ein Delphin (+makara+) und wird dann mit einem
Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewöhnlichsten mit
einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes
kommt hier häufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um
aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fügt die indische
Sphäre das Bild einer Gazelle hinzu.

Der _Wassermann_ gießt aus seiner Urne Ströme Wasser aus, und schon
Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im
Sanskrit heißt dieses Zeichen Krug (+kumbha+), welcher in der Hand des
Wassermanns die auffallendste Ähnlichkeit mit den ägyptischen Canopuskrügen
darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im
Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das
völlige Wachsen der Ströme, welches

die _Fische_ andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Göttin
Atargatis -- Derketo -- knüpft. Im nächsten Monat ist das Wasser so weit
abgelaufen, daß man im Zeichen des

_Widders_ das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird
bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle
aufgefaßt und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein
Charakter als Zeichen der Frühlingsnachtgleiche würde auf ein Entstehen des
Tierkreises um etwa 560 v. Chr. hindeuten.

Der _Stier_ ist das natürlichste Zeichen, daß im Frühling das Feld
bestellt werden muß; außerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den
Widder zu beobachten, daß im Frühling nach den Schafen die Rinder werfen.
Ägyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit größerem Recht haben
wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch &c. zu denken.

Die _Zwillinge_ erscheinen auf der indischen Sphäre getrennten Geschlechts;
jedoch erscheint diese Darstellung jünger als die griechischen Mythen,
welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus
und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, daß sich anstatt
der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der
Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen
Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im
Frühling üppig grünende Natur anzudeuten scheint.

Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen _Krebs_ ist zwar
allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprünglich einer
falschen Deutung, insofern die ältesten Darstellungen der ägyptischen und
indischen Sphäre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten
Scarabäus darstellen, welcher jedoch erst in späterer Zeit als
Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde.

Die griechische Mythe läßt den Krebs aus dem lernäischen Sumpf hervorgehen
und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fuße verwunden.
Diese Mythe entstand höchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst,
um so mehr, als Taschenkrebse -- denn einen solchen stellt das Sternbild
vor -- nur im Meere leben. -- In späterer Zeit erklärt Makrobius den Krebs
aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den
Sommersolstitialpunkt erreicht hatte.

Auf der alten Sphäre bezeichnet der _Löwe_, das Sinnbild der Kraft, den
ursprünglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die
diesbezüglichen Mythen wie vom nemeischen Löwen usw.

Die _Jungfrau_ mit der Ähre (+Spica+) ist an sich klar das Bild der Ernte
und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin
fremd ist, nur auf die Erde als Göttin beziehen, welche ihre Gaben spendet.
Darauf beziehen sich auch die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike,
bald auf Asträa, Isis usw. abzielen.

Bekannt ist, daß der ältesten griechischen Sphäre das Zeichen der _Wage_
fehlt, und daß sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf
der indischen Sphäre jedoch befindet sich die Wage (+tulâ+) mit zwei
Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter
Yama die Thaten der Menschen abwägt. Außerdem bedeutet sie an sich
+aequalitas+ und ist somit das natürlichste Zeichen des Äquinoktium.

Bezüglich des _Skorpions_ finden sich nur wenig Mythen, doch fängt in
Ägypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der
Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, daß im Herbst Indien und
Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewürm wimmeln; auch wäre es
vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken.

Die Entstehung des Sternbildes des _Schützen_ ist sehr zweifelhaft; auf
keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron &c. genügen, und auch
an einen ägyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein
durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe
durchaus auf die Ebenen Hochasiens paßt.

Überhaupt steht die Annahme des ägyptischen Ursprungs des Tierkreises in
entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem
Umstand, daß das Alter des Tierkreises von Denderah nicht über die Zeit des
Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flüsse abnehmen, sagen schon die Alten, so
steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstäquinoktium, und wenn
andere Völker Winter haben, ist in Ägypten alles blühend. Die
Frühlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und
die Überschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Löwe
nicht mehr ein Bild der Sonnenhöhe sein kann. Die Landbestellung fängt im
November, also im Zeichen des Schützen an, die Ernte fällt in den März,
weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau
steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen würde ein
ägyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das
Frühlingsäquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs
versetzen wollte. Dabei würden aber die so charakteristischen Zeichen des
Stiers, des Krebses und des Löwen ihre Bedeutung völlig einbüßen, abgesehen
von dem Umstand, daß man die Entstehung des ägyptischen Tierkreises in das
Jahr 14272 v. Chr. setzen müßte.

Dahingegen würde die Entstehung des Tierkreises völlig auf das nördliche
Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (+chaturo vârshikan
mâsân+ nach der Ramayana) der Sphäre entsprechend vom November bis Februar
fallen. Die Vedas setzen den Frühling (+vasanta+) unter die Zeichen von den
Fischen bis zum Stier sofort nach der Überschwemmung. Die betreffenden drei
Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach
Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im
Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwärtig
den Indiern einen völligen Naturkalender dar, während er für Ägypten eine
nichtssagende Hieroglyphe ist.

Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen
wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d. h. mit andern Worten, als
der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frühlingsäquinoktium war, was
um ca. 550 v. Chr. stattfand, oder ob dies früher geschehen sei. Dabei ist
der Betrag der Präcession -- in 72 Jahren ein Grad -- wohl zu
berücksichtigen und zu bedenken, das die Präcession eines Zeichens 2160
Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26000 Jahre beträgt.

Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldäischen Priester
usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur
die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus übrig, wobei nur das spät
entstandene Zeichen der Wage störend wirkt, während alle anderen Zeichen
ihre ungezwungene Erklärung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich
eröffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drückendsten zur Zeit des
Herbstäquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der
Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des Übels unter
dem alten Drachen und die neueren Stücke des Zendavesta im Zeichen der Wage
annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Ströme, welches
durch das Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann gießt seine
Ströme herunter, und der Scarabäus erhält dadurch Bedeutung, daß er erst
zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet.
Derselbe tritt im Löwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb
Herkules auf der Löwenhaut ausruht und in Ägypten der Löwe der Thron des
Horus ist. Überhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese
Sphäre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in
späterer Zeit der Widder oder das Lamm trat.

Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die
Wiederkehr der Sonne im Wassermann, während die Perser die zwölf Bilder des
Tierkreises mit den zwölf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und
für den Stier +A+, für die Zwillinge +B+ setzen usw. Dabei will ich
nochmals daran erinnern, daß im Zendavesta der Urstier, der himmlische
Lichtbringer, welcher das Gras wachsen läßt, im Frühjahr geschaffen wird.

Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem ägyptischen
Apis usw. In allen diesen religiösen Mythen, welche das ganze Altertum
durchdringen, eröffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem
Frühlingsäquinoktium bei der Weltschöpfung die Umwälzung sämtlicher
Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am
Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung,
welche Colebrooke um das Jahr 1400 v. Chr. setzt.

Nur die Ägypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als
eine ihnen ursprünglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf,
treten hier -- durch ihr Klima genötigt -- mit der späteren Sphäre
allenthalben in Widerspruch.

Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt
wird, war den Ägyptern bereits das Zeichen des Frühlingsäquinoktium, und
die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt
als man gewöhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den
Anschauungen der Ägypter der Schöpfung der Welt vorgestanden haben, weil
sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das
Sommersolstitium verlegten oder die Schöpfung im Zeichen der Wage geschehen
sein ließen, weil sonst die Züge des Osiris keine Beziehungen zu dem Land
gehabt hätten, denn nach Diodorus Siculus trat, während Osiris in Äthiopien
war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis,
wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thränen der Isis vermehrten das
Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind
Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg
des Bösen, welche jedoch mit dem Anfang des Frühlings im Nilthal ohne alle
Bedeutung sind.

Alle diese Umstände würden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600
v. Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem
Umstand, daß das älteste Jahr 360 Tage zählte. Die Griechen schrieben die
Einführung desselben dem Solon zu, während nach Diodor[266] in Ägypten zu
Philä täglich ein Gefäß mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360
erreicht war; eben so viele Priester mußten Wasser in ein durchlöchertes
Faß gießen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fäden von 360
Drähten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360
Glöckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Götterbilder;
Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Länge, und auch das
altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre
ein Götterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra,
Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder
360 Augenblicke, und es scheint, daß auch die Ägypter ihre
Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus
Ptolemäus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der
Stunde fünfzehn Minuten und der Minute fünfzehn Sekunden, dem Tag also 60
Stunden giebt, während der bürgerliche Tag nur 24 Stunden zählt.

Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwähnen, nach welcher der
Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so daß auf jedes Zeichen zehn
entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren -- die Dekane -- die
einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem
Mikrokosmos regieren. Ursprünglich entstammte diese Anordnung wohl den
Chaldäern, weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus
Siculus nennt dieselben %theoi boulaioi%, und bei den Indiern heißen sie
+dreskânâs+.

Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus
lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schülern
Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches
Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthält die eigentliche Astronomie,
und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfällt wieder in drei
Teile (+skandâs+), nämlich +Tantra+, welches die Berechnung der
Planetenorte lehrt, alsdann +Horâ+, das eigentliche Stellen der Nativitäten
und das Ermitteln glücklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der
dritte Teil enthält die Wetterprognostika (+Sâkhâ+). Von dem Gesamtwerk
sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen +Vrihatsanhitâ+ erhalten
geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.

Ein anderer berühmter Astrolog war der um 581 n. Chr. lebende Brahmaguptas,
welcher großen Einfluß auf die Araber ausübte, und mit welchem namentlich
Abumassar in der Theorie von den großen Umläufen des Saturn und Jupiter
übereinstimmt.

Noch will ich bemerken, daß es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur
Zeit Alexanders des Großen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und daß
am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen mußten, um »die
Witterung« für das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus
»Witterung« nennen, bezieht sich auf die »glücklichen« und »verbrannten«
Tage (+dagdhas+), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine große
Rolle spielen. Es leuchtet ein, daß die Ermittelung dieser Tage, welche an
gewisse Konstellationen geknüpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der
Astrolog im Sanskrit Rechner (+ganakas+) oder Zeichenkenner (+nimittavid+)
heißt. Die Astrologie heißt entweder Götterbefragung (+devaprasna+) oder
Nativitätsberechnung (+jâtaka+), und der Berechner astrologischer
Ephemeriden führt den Namen +Sâmoatsaras+. In Trankebar besteht gegenwärtig
noch der Kalender (+panchângam+) aus fünf Hauptteilen: aus den Titthis, den
Wochentagen (+vara+), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen
Teil, der die +Kâana+ und +Tyâga+ oder dasjenige vorschreibt, was an den
glücklichen oder unglücklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die
Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche
unter einer glücklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen
alter Sanskritschriften ergiebt sich, daß das Leben der alten Inder durch
astrologische Ideen so beherrscht wurde, daß er nichts that, ohne die
Planeten zu befragen. Diese Anschauungen mußten sich allenthalben da
entwickeln, wo die Gestirne ihren Einfluß auf die Regierung der Welt, auf
Charakter und Sitten, auf die künftigen Schicksale, auf die Körperbildung
wie auf das ganze Naturleben behaupteten.

Was sonst noch über indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen
»Geheimwissenschaften« mitgeteilt.

Sehen wir nun zu, was an verbürgten Resultaten des praktischen Occultismus
der Inder in Europa bekannt geworden ist.

Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der +Sphinx+[267]:

»Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf
den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind
die 'Profanen' allseitig in das sorgfältig gehütete dunkle Gebiet des
Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzüge eine Reihe
sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit
Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit
unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht
gezogen zu haben wähnen. Keine einzige der durch die Experimente von
Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer
u. v. a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der
Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du
Potet und dessen Schülern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst
weiter rückwärts im 18. Jahrhundert.«

»Der Brahmane und spätere portugiesische Abbé Faria, der in dem ersten
Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen
erregte und Schüler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste
Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem
wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine
Fundgrube für Forscher; man findet darin: Gedankenübertragung, Lesen
geschlossener Bücher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsveränderung
der Seele &c.«

»Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies
in merkwürdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die äußere
Welt und zeigte u. a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner
Zuhörer dergestalt von Illusionen befangen wurden, daß sie glaubten, einen
Schwarm von Vögeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu
hören. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis:«

»Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Münzen diejenige
richtig bezeichnet, auf welche sie während seiner Abwesenheit ihre
Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit
des Brahmanen, vor, um ihn zu prüfen, unter den Geldstücken keine Wahl zu
treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Münzen genau
und erklärte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken
gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhörer und
bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte.«

»Bei aufmerksamer Lektüre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen
Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter
occultistischer Thatsachen stoßen, die nicht selten durch ihre
Übereinstimmung in den verschiedensten Ländern eine entscheidende
Beweiskraft für ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert
direkter Experimente haben.«

»Erst seit sieben Jahren weiß man genauer, daß in den Bazars des Orients
eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die
Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heißt Hindostan und im
westlichen Asien Khabar (d. h. arab. Nachrichten).«

»Diese bis jetzt für die Wissenschaft unerklärliche Mitteilung geschieht
mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen 'Erinnerungen
an die Drusen' sagt:«

»Fragt euch ein Kaufmann, Türke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die
neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch
diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat.«

»Hieraus erklärt sich, wie während des Krimkrieges die Brahmanen eher als
die Engländer und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den
Fall Sebastopols und nachher den Abschluß des Friedens von 1856 erfuhren.
Das Journal Du Potets erinnert daran, daß 1816 ein kurzer Aufstand unter
einigen Völkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese -- drei
Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr -- die Nachricht von der
Niederlage der Engländer am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz
darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schließlichen Siege der
Engländer ein. An der Thatsache, die in ähnlicher Weise auch in Central-
und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber
wie soll man sie erklären? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie
untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschränkt, da auch von der
Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist.«

»Man könnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels +Sarwa anjoun+,
den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in
merkwürdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier
Achmed in Ägypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist
folgende:«

»Man nimmt eine Handvoll von +dolichos lablab+, welche man über dem Feuer
verkohlen läßt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberöl befeuchtet.
Hierauf läßt man dieses Präparat in einem neuen irdenen Gefäß, Lota
genannt, verbrennen und drückt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel
gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin
geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. -- Höchst bemerkenswerth
ist, daß eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewöhnlich
die des +fourach+ oder Straßenkehrers ist, dem ein Wasserträger folgt;
hierauf kehrt der +fourach+ zurück, breitet einen Teppich aus und es
erscheint eine große Schaar von guten und bösen Geistern, bis sich ihr
Führer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht.«

»So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe
in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in
seine Hand blickende Knabe beschrieb einen türkischen Soldaten, der einen
Platz vor einem Zelte fegte. Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind
gab, waren durchaus überzeugend.«

»Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei
den Sannyasis und Hoyis, welche den +Sarwa anjoun+ handhaben, die Rede. Es
muß also eine andere Erklärung gesucht werden, und da dürfte denn die von
einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit
den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines höchst einfachen,
Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du
Potets Journal (+XV, 494+) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise:«

»Man schwärzt mit Tinte in der Höhlung der linken Hand eine Fläche von der
Größe eines Zehncentimes-Stückes, gießt 2-3 Tropfen Öl darauf, den Flecken
magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein
anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand
irgendwo an, um sie nicht ermüden zu lassen, und haftet unverwandt den
Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den
schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden
Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervösem oder
lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen
gesunde und kräftige oft erst nach längerer Zeit.«

»Die Möglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar läßt sich nicht ohne
weiteres zurückweisen, da eine Reihe ähnlicher Beobachtungen mit anderen
sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschränkt sich auf eine
braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine
Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervösen Personen die
bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht
eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese Auto-Hypnose
wie überhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente äußerst gefährlich sind,
daß häufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde
Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon
auf die Gefährlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation
aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes
bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustände einer Art von fast
dämonischer Besessenheit mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie
uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser
Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Paul Gibier in seinen
beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es für einen höchst
gefährlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und
Hallucinationskünstler in Deutschland umherziehen und mit ihren
hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem
Gebiete die meisten Gebildeten gehören, verblüffen. 'Es sind Kinder', sagte
er, 'welche mit Dynamitpatronen spielen.'«

»Wir gehen jetzt über zur Schilderung einiger occultistischer
Merkwürdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des
Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index
gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in
naiver Weise die Übereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und
Gebräuche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso
über einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen,
berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklärung und
Bestätigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute
durch ähnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollständig außer
Zweifel gesetzt.«

»Wir gehen jetzt zu einer andern occultistischen Thatsache über, deren
Bericht dem Missionär Huc[268] den Spott und Hohn der wissenschaftlichen
Welt, namentlich der Mediziner, zuzog, die aber heute durch ganz dieselben
Beobachtungen in andern Ländern in die Reihe jener zahlreichen, scheinbar
unmöglichen und übernatürlichen Thatsachen gerückt worden ist, deren
Erklärung auf positiv wissenschaftlichem Boden gegenwärtig teils schon
erfolgt ist, teils mit Zuversicht erwartet werden kann. Allerdings wird das
Ergründen der letzten atomistischen Vorgänge für uns Erdensöhne ewig ein
vergebliches Suchen bleiben; man wird zuletzt immer auf ein unbegriffenes
Residuum stoßen, wie dies selbst bei einigen Vorgängen des Telephonierens
der Fall sein dürfte.«

»Die in ganz Tibet berühmten Schaustellungen der Bokte-Lamas finden an den
großen religiösen Festen in den buddhistischen Klöstern statt. Vor der
Tempelthüre im Klosterhof wird ein großer Altar errichtet, welchen
zahlreiche im Kreise geordnete Lamas und die dichtgedrängte Schaar der
Pilger schweigend umlagern. Der Bokte-Lama, der stets den untern Stufen der
Hierarchie angehört, erscheint, schreitet würdevoll zum Altar und setzt
sich darauf unter dem Beifallrufen der Menge. Hierauf nimmt er ein großes
Messer aus seinem Gürtel und legt es vor sich auf die Kniee. Nun erheben
die Lamas, die zu seinen Füßen sitzen, die schrecklichen Anrufungen und
Gebete dieser scheußlichen Ceremonie. Unter den fortdauernden Gebeten
beginnt der Lama an allen Gliedern zu zittern und mehr und mehr in
wahnsinnige Krämpfe zu gerathen. Bald verlieren die Lamas alles Maaß; ihre
Stimmen werden begeistert, ihr Gesang wird unordentlich und übereilt; das
Hersagen der Gebete geht zuletzt in Schreien und Heulen über.«

»In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schürze, mit welcher er umwickelt
ist, ab, ebenso seinen Gürtel, ergreift das geheiligte Messer und öffnet
sich den Bauch in seiner ganzen Länge. Während das Blut fließt, wirft sich
die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man
befragt diesen Wahnsinnigen über verborgene Dinge, über zukünftige
Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen
Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden.«

»Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen
die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt
in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hält es an seinen Mund,
bläst dreimal darüber und wirft es mit einem großen Schrei in die Luft.
Dann fährt er rasch mit der Hand über seine Wunde und alles kehrt in seinen
früheren Zustand zurück, ohne daß außer einer außerordentlich großen
Entkräftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurückbleibt.«

»Das Bauchaufschneiden -- fügt Huc hinzu -- ist eine der berühmtesten
Siéfas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind
weniger volksthümlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht
an den großen Festen der Lamaserieen gezeigt: so hält man z. B. glühende
Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen
Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen
Schaustellungen muß das Hersagen eines Gebetes vorangehen.«

»Der Missionär, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und
Wunder des Teufels erklärt, sagt jedoch ausdrücklich: Wir denken durchaus
nicht, daß man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrügerei setzen
kann.«

»Wenn Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastände,
so würde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der
wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schließt sich
einer langen Reihe ähnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die
neueste Zeit an, wodurch, wie wir später sehen werden, eine für die
Psychologie und Philosophie überaus wichtige Thatsache festgestellt,
bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklärung näher
gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken
dabei, daß wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen
ausschließen. Dieselben sind keine bloßen Schaustellungen, sondern meistens
auf sittliche Zwecke gerichtet, und es dürfte daher trotz mancher Analogien
eine bloße physiologische und psychologische Erklärung nicht
ausreichen.«[269]

»Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der
Ruffais ist bekannt, daß sie sich durch Tänze, krampfhafte Bewegungen,
Musik, lange wiederholte Gutturaltöne usw. in epileptische Ekstase
versetzen und sich dann unbeschadet die gräßlichsten Wunden beibringen und
glühende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des
Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust,
den Kopf und die Augen stoßen, leere Gefäße aus der Ferne mit Wasser
füllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfählt,
deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die
Moschee umhertragen lassen, während die Gläubigen laut beteten oder die
Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer
die grausenhaften Vorstellungen der heulenden Derwische geschildert als
Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns
leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmähliche Entstehen der
Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfähigkeit auf
die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben.«

»Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus
Hindostan berichtet; doch dürfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und
mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger
bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne
Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den
Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.«[270]

»In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet
der französische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glühende
Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burätischen
Schamanen berichtet, daß sie unbeschadet ins Feuer springen und glühende
Eisen über die Zunge ziehen, bis sich die Hütte mit dem Geruch des
verbrannten Fleisches füllt.«

»Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in
der +Sphinx 1889, VII, S. 243ff.+ mitgetheilte, der +Pall Mall Gazette
(Nr. 3, Januar 1889)+ entnommene merkwürdige Nachricht von einer 'Zauberei
in Camerun' eine sehr willkommene Ergänzung, welche allerdings der heutigen
officiellen Wissenschaft etwas ärgerlich, ungeheuerlich und unerklärbar,
also absurd fabelhaft vorkommen muß. Doch Thatsachen sind hartnäckig und
weichen keiner bloßen Leugnung. -- Die Leistungen der schwarzen Zauberin
übertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische:«

»Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte
übernatürlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nämlich die
Naturkräfte bloß in ihrer Gewalt zu haben, ja, wie der eben erzählte Fall
(Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren
zu können. Sie konnte z. B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berührung
ihres Stabes und angeblicher Zaubersprüche innerhalb einer Secunde mit dem
Stumpf wieder so vereinigen, daß auch nicht eine Spur von einer Verletzung
zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch
aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen
Vorderarm zu ersetzen, erklärte sie freimüthig, daß sie es nicht im Stande
sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. -- Über alles
Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende
Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten
Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser förmlich
hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten
blieb von dem großen, starken Mann nicht viel mehr übrig als ein Gerippe.
-- Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes
und kaltes Steinbild im buchstäblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich
überzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Körper ausklopfte und
einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen hätte.«

»Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt;
aber der Hypnotismus, ein neues Wort für alte Thatsachen, reicht hier zur
Erklärung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes
malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der
Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus
dem Brunnen inmitten des großen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das
Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei
bezaubert, mit gellender Stimme Beschwörungen zu singen begann, stockte
dieselbe plötzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein
Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann
löste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der
schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute
eine ganze Reihe verschiedener Zustände und Wirkungen zusammenfaßt, erklärt
sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklähmung Preyers.
Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die Erklärung
muß also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum
führen dürfte, dessen vollständige Kenntniß auch das Können einschließen
und deshalb nur Eingeweihten zugänglich sein würde. Von welchem
Ausgangspunkte aus man eine annähernde Kenntniß zu erstreben haben wird,
läßt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen.«

»Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in
Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Bestätigungen viel bisher mit
ungläubigem Lächeln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth
gehaltener älterer Berichte werden zu Tage treten. Es mögen hier noch als
besonders merkwürdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten
occultistischen Vorgänge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten
die Magie und deren Praxis in einem sorgfältig gehüteten geheimen Orden
lehren und ausüben. Der ganze Stamm zerfällt in Akkals, Eingeweihte, und
Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mündlich
überliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford
befindlichen drusischen Bücher und Handschriften enthalten wenig darüber.
Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschäftigte, fand nicht so
viel Zuverlässiges, als Gerard de Nerval (+Voyage en Orient, Paris 1867+),
der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben
manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u. A. auch einen drusischen
Katechismus veröffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann
mit, worin auch merkwürdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und
des Wahnsinnes, erwähnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm
bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige
Beschwörungsformeln und streicht mit der Hand über sie.«

»Ein Engländer, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit
ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, 'dessen Aussage
unbedingten Glauben verdiente', erfahren, daß der Scheik Beschir nicht blos
Wunderheilungen, sondern auch unerklärliche Zaubereien verrichte. So habe
er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe
von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner
Gegenwart zwei Krüge, ein leerer und ein gefüllter, in zwei Ecken des
Zimmers einander gegenüberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung
setzte, über das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem
andern entgegenmarschirte (d. h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt
übergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurückkehrte, von welcher
er gekommen war. -- Durch diese Erzählung neugierig gemacht, beschloß der
Berichterstatter, den merkwürdigen Mann näher kennen zu lernen und
berichtet darüber:«

»Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir
einige seiner Zauberkräfte zu zeigen, von denen ich so viel gehört, und
erklärte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der
unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, außer etwa um Heilungen zu
bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren,
willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststücke zu zeigen ... Er
nahm einen gewöhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwörungsformeln in
denselben hinein und übergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter
den Anwesenden ausgewählt wurden, und die einander gegenüber saßen. Eine
Zeit lang rührte sich der Krug nicht, während der Scheik sehr rasch
hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den
Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer
unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestüm und schien
wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, daß trotz dem kalten Winde, der in
das Zimmer blies, in welchem wir saßen, der Schweiß ihm über das Gesicht
und den Bart strömte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs
langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging.
Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein,
worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann
der Scheik seine Beschwörungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich
der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hörte er auf, nahm den Krug aus
den Händen derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an
mein Ohr, so daß ich deutlich ein singendes Geräusch darin hörte, wie von
kochendem Wasser. Darauf goß er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder
etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit
Wasser füllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, für
den Fall, daß Jemand zu trinken wünsche. Ich hätte vorausschicken sollen,
daß der Krug einer der gewöhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit
mehreren andern an der Thür stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank
der Scheik ganz erschöpft auf den Divan und erklärte, es sei das letzte
Mal, daß er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberkünste verrichte,
außer wenn es einen Kranken gesund machen könne.«

»Der Scheik, berichtet der Engländer, bereitet sich zu den Heilungen durch
längere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht über
die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt
keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von
einem alten Marokkaner erlernt haben; sie könne nicht für Geld erlangt
werden; es lebten jetzt nicht fünfzig Personen in der Welt, welche die
wahre Kenntniß davon besäßen; er selbst sei noch ein Anfänger, da er die
erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil für seine Gesundheit habe
halten können.«

So weit der Engländer.

Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzählung einer Generalin
W. in seinem Werke: »+Sport and Military life in Western India+« --,
übrigens ein Buch, in welchem man nicht leichtgläubige Voreingenommenheit
für die übersinnliche Erklärung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame
beschreibt Fraser als »untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit,
furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter
oder abergläubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er
kenne.« Von Fraser selbst aber sagt u. a. Oberst Malteser +C. B. J.+, daß
er »der offenste und zuverlässigste Mann sei, mit dem er je das Glück
gehabt habe, in Berührung zu kommen.« Fraser giebt die Erzählung der
Generalin folgendermaßen wieder:

»An einem schwülen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres
Grundstücks, als ein Birudge, ein Hindubüßer von mittleren Jahren, mit
Asche bedeckt, auf der Straße daher kam und an mir vorüberging. Dabei sah
er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder
mir zu zeigen, daß er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen
war, wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir
gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. -- Ich rief eine in
der Nähe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu
geben. -- Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal
steht für mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du
es wünscht, enthüllen. -- Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen
Unterhalt damit. -- Ich kann dies, sagte er dagegen, nur für wenige
Personen, Du aber bist eine derselben. -- Wirklich? Nun dann laß einmal
hören! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde
ich Dich bestrafen lassen. -- Du bist die Frau des General Sahib, Du hast
einen Sohn und eine Tochter! -- Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe
ersteren verloren. -- Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. -- Nun fahre
nur fort. -- Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath
zurückkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr häufig erklärt, niemals wieder
Indien verlassen zu wollen.) -- Nun, wann soll denn das vor sich gehen? --
Sehr bald! -- Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? -- Du wirst; aber
vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! -- Bis
dahin hatte ich ihm gleichgültig zugehört, jetzt aber fuhr ich erbost und
geängstigt auf: Was sagst Du, Elender? -- Nicht ich rede, hohe Frau, nur
Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles
hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. -- Hier, rief ich, ist der
Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, daß wir es nicht
verkaufen werden. -- Er ließ seine Augen schnell an der Reihe der Pferde
entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein
Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.)
-- Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weißt, sage mir doch, ob ich sicher
im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? -- Ja, Du wirst Deinen Sohn
sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er
wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen
und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen,
hierher zurückzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach
einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glücklich sein.«

»Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener
Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte plötzlich der
General, der so oft seinen Entschluß geäußert hatte, nur in Indien leben
und sterben zu wollen: 'Was würdest Du zu einer Tour nach England sagen?
Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert,
wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.'«

»Ich war so überrascht, daß mir fast die Tasse aus der Hand fiel. Ich
starrte meinen Mann an, aber es war nur zu wahr. Noch im Laufe desselben
Monats waren die erforderlichen Einrichtungen getroffen, Alles wurde
verkauft bis auf den arabischen Grauschimmel, der, da er ein
Geburtstagsgeschenk war, an *** gegeben wurde. Wir schifften uns bei
vollständiger Gesundheit ein, und als wir eben auf der Höhe des
Leuchtthurmes waren, sahen wir in der Ferne ein Boot, das sich vergeblich
bemühte, uns einzuholen. Mit dem Fernglas konnten wir in demselben einen
Europäer bemerken, der mit einem Taschentuch winkte; nachher stellte sich
heraus, daß dies mein Sohn gewesen, dessen Tod uns zwei Monate vorher aus
den oberen Provinzen berichtet worden war. Hätte ich ihn damals erkennen
können, so wäre ich dadurch gewissermaßen auf das, was folgte, vorbereitet
worden. Zehn Tage später fiel der General auf dem Deck nieder, wurde in
seine Cabine getragen und starb am vierzehnten Tage nach unserer Abreise,
wie der Fakir es richtig vorhergesagt hatte. Ich kam übrigens wohlbehalten
daheim an und es muß sich zeigen, ob sich auch der Rest seiner
Prophezeiungen erfüllen wird. Jedenfalls sehen Sie, daß ich wieder nach
Indien zurückgekehrt bin, um meine Geldangelegenheiten und das Testament
des Generals zu ordnen, denn F. wollte mir kein Geld weiter auszahlen.«

Oberst Fraser fügt hinzu: »So weit die Geschichte; sie redet für sich
selbst. Bald nachher hörte ich, daß meine verehrte Freundin, die Generalin,
wieder nach England abgereist ist.« -- --

Je tiefer man in das occultistische Gebiet, auf dem sich heute eine höchst
bedeutende wissenschaftliche Neugestaltung zu vollziehen im Begriff ist,
vordringt, auf desto mehr Thatsachen, wiederholen wir, stößt man, die
bisher vereinzelt, als unglaublich erschienen sind, deren vergleichende
Zusammenstellung jedoch zur Anerkennung ihrer Wirklichkeit führt, wenn
auch die Wissenschaft dabei noch vor ungelösten Rätseln steht. Wir fahren
mit den Belegen dazu fort.

Was die wandelnden Krüge betrifft, welche bei den Drusen im Libanon Wasser
herbeischleppen und ausgießen, so erinnern sie auffallend an Berichte der
Alten[273] von laufenden Dreifüßen, von Bildsäulen, welche sich automatisch
bewegen und an den Höfen der indischen Fürsten bei der Tafel aufwarten. Das
Bewirken von Ortsveränderungen lebloser Gegenstände ohne Berührung und aus
der Ferne bei Sitzungen mit Medien ist durch zahlreiche Experimente aus
letzter Zeit eine so unzweifelhafte Thatsache geworden, daß selbst
Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Wallace, Crookes und neuerdings
Paul Gibier, de Rochas und viele andere dieselbe anerkannt haben, obgleich
ihnen, wie allen unbefangenen Forschern dabei zugestoßen ist, was der
berühmte Foucault Jahrzehnte vorher prophetisch gesagt hatte: »+Le jour, où
l'on ferait bouger un fétude de paille sons la seule action de ma volonté,
j'en serais épouvanté.+« Die ungläubigsten Beobachter haben bei solchen
Sitzungen sehr oft gesehen, wie ohne Berührung Stühle herbeihumpelten,
Bücher und Instrumente durch die Luft flogen und Tische sich fußhoch über
den Boden erhoben; Thatsachen, die zu derselben Kategorie gehören, wie die
durch Berichte von russischen und deutschen Reisenden bekannten ebenso
unzweifelhaften fliegenden Tische der Schamanen.

Es ließen sich aus Hindostan, Tibet und China noch eine Reihe ähnlicher,
genugsam beglaubigter Vorkommnisse anführen; wir übergehen sie und geben
dafür aus neuester Zeit eine Mitteilung von Horace Pelletier, einem Schüler
des Obersten de Rochas, welcher mit drei Sensitiven (magnetisch Begabten)
occultistische Experimente vornimmt, die ihn zu höchst interessanten
Ergebnissen geführt haben.

»Sie wissen«, schreibt er an den Direktor der +l'Initation+, »daß dank der
psychischen Kraft, welche aus dem Körper meiner Sensitiven ausgeht, leblose
Gegenstände aus der Ferne und ohne jede Berührung bewegt werden und ihre
Stelle verlassen. Diese Gegenstände bleiben nicht bei der bloßen
Ortsveränderung, sie drehen sich, Kreise beschreibend, um sich selbst,
laufen von einem Ende der Tischplatte bis zur andern, kehren selbst zu
ihrem Ausgangspunkte zurück, um von neuem mit erstaunlicher Schnelligkeit
wieder davon auszugehen; manchmal schnellen sie in die Höhe, springen über
den Tischrand und fallen zur Erde.«

»Oft gehorchen sie dem Worte; ja sie gehorchen wirklich; wenn man ihnen
befiehlt. Bei allen meinen Sitzungen wiederholt sich diese merkwürdige
Thatsache mehrmals, als wenn das Fluidum, welches ihnen die Bewegung
mittheilt, mit Verstand begabt wäre.«

»Ich stelle zwei Korkstöpsel mitten auf die Tischplatte, 1 1/2-2 Zoll von
einander entfernt, und ich sage zu ihnen: Küßt euch! Sofort drücken sie
sich aneinander, nachdem jeder die Hälfte des Zwischenraumes zurückgelegt
hat. Nun befehle ich ihnen sich zu trennen, und jeder seines Weges zu
gehen. Sie gehorchen pünktlich, trennen sich und, indem jeder eine
entgegengesetzte Richtung einschlägt, bewegt er sich bis an den Rand der
Tischplatte. -- Ich befehle ihnen sich zu vereinigen; sie kehren zu
einander zurück und von Neuem drückt der eine sich an den andern. --
Hierauf sage ich zu dem einen: Nimm einen Anlauf und springe! Sofort läuft
der treue Korkstöpsel, meinem Befehl gehorchend, an den Rand der
Tischplatte; aber zuweilen hat er die Entfernung schlecht bemessen und
bleibt am Rand stehen. Ich wiederhole meinen Befehl, und er kehrt zu seinem
Ausgangspunkt zurück, aber besser berechnend, läuft er mit großer
Schnelligkeit, springt wie eine Gemse über den Rand und fällt zu Boden. Ich
weiß wohl, daß ich da sonderbare, unerhörte, unglaubliche Dinge erzählte,
aber ich übertreibe nichts, ich behaupte nur, was genau wahr ist. Auch habe
ich hierfür Zeugen. Bemerken will ich noch, daß meine Sensitiven, während
die Dinge vor sich gingen, sich drei Fuß vom Tischchen entfernt befanden
und meistens, gelangweilt durch diese von mir unablässig wiederholten
Experimente, wenig darauf achteten, plauderten und lachten, ohne sich um
das Ergebniß zu kümmern.«

Der Umstand, daß die vorgehend geschilderten Experimente mit ganz
gewöhnlichen Krügen, Stöpseln u. dergl. gemacht wurden, kann dieselben
weder lächerlich machen, noch deren Bedeutsamkeit für die Erkenntnis der
ihnen zu Grunde liegenden, zum Teil noch unbekannten Naturgesetze im
mindesten schmälern.

Ich wende mich jetzt zu den Berichten über die Fakire Jacolliots, deren
Künste wie die oben erwähnten auf uralten Traditionen beruhen und ähnlich
schon im alten Indien geübt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen
werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren
Kreisen wenig bekannt wurde:

Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Völker, welche am meisten auf die
klassische und moderne Kultur Einfluß übten, wurde am spätesten,
hauptsächlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier
und die noch älteren Ägypter, Völker mit wesentlich hierarchischen
Verfassungen einer mächtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis
ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Künste,
Meinungen, Philosophie mächtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt
haben, deren Religionsbegriffe z. B. auch in andern Glaubenslehren, die
christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der
Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei
den Indiern wurde dieser Glaube im »Buche der Pitris« zu einem System
ausgebildet. Diese und andere indische Verhältnisse wurden wieder in den
letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in
Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen
über seine Geschichte, seine Altertümer und Religion anstellte. Der Teil
derselben, welcher die Leser näher interessieren dürfte, führt den Titel:
+Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans
l'Inde (Paris 1875)+ und enthält, sich hauptsächlich auf das Buch der
Pitris (Geister) stützend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der
Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes große Ähnlichkeit
haben.

Zum Verkehr mit den Geistern können nur die Eingeweihten, von den Fakirs
an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Büßungen kommt man zu
den oberen Stufen, deren höchste, der Yogi, unermeßlich hoch über den
gewöhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten
sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und
Verdienst, daß gewöhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und
Seelenwanderungen nicht erreichen könnten. Das siebenknotige
Bambusstäbchen, welches schon die Fakirs immer führen, findet man auch bei
den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt;
die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der äußeren
Manifestationen vor. Der oberste Priester führt den Namen Brahmatma. Wenn
der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schülern beginnt, die
gläubig und verehrend zu seinen Füßen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hört!
Während der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf
sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtümer der Erde anzuhäufen denkt, der
Tschatrya (Fürst, Krieger) im Frauengemach schläft, ermüdet aber nie
gesättigt vom Vergnügen, so ist es jetzt für die Gerechten, die nicht von
der unreinen Körperhülle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die
Wissenschaft zu studieren.

Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein
langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden
ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehören die Grihastas, die ihre
Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem
Volk herstellen, keine magischen Phänomene hervorbringen können, sondern
nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen
dürfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche,
bereits den Tempeln zugeteilt, die gewöhnlichen Priesterfunktionen
versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thätig sind, die
Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dämonen vertreiben;
endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer,
welche willkürlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen
am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der
Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer
Behauptung sie ermächtigt sind. Für die Eingeweihten der zweiten Klasse,
der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem
Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre
Manifestationen nur im Innern der Tempel, äußerst selten bei sehr vornehmen
Personen oder bei seltenen öffentlichen Festen hervor, glauben, daß die
sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, daß sie den
Elementen gebieten, ihren Körper verlassen und wieder in denselben
zurückkehren können; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und
kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam für Götter gehalten. Man
sieht, daß daselbst eine durchgeführte priesterliche Organisation besteht
und es wird behauptet, daß in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten
viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche
ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen
vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen
ist. Es war Herrn Jacolliot nicht möglich, über diese verborgenen Vorgänge
sich zu unterrichten, und er kann daher nur über die Fakirs Mitteilungen
machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der höheren Grade wurden
nie aufgeschrieben, sondern nur mündlich mitgeteilt, und das »Buch der
Pitris« schweigt hierüber.

Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum -- etwa
unser Äther -- durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und
unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in
Verbindung; Elektrizität, Wärme, alle Naturkräfte kommen nur durch den
Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine größere Quantität desselben besitzt,
erlangt Macht über diejenigen, welche davon weniger haben, und über die
leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der
Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fühlen die
allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Für
gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der
Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen würden, träte
nicht die grobkörperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd
dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches
Wesen frei macht, desto inniger fühlt sie die allgemeine Strömung, welche
die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht.

Allgemein bekannt ist die außerordentliche Geschicklichkeit der indischen
Fakirs, die man gewöhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und
welchen alle asiatischen Völker eine übernatürliche Kraft zuschreiben.
Viele glauben zwar, daß unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu
vollbringen vermögen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten
Unterschiede, denn der Fakir giebt nie Vorstellungen vor größeren
Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen
Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroßen, die
Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, weiß nichts von den tausend Geräten
und Apparaten, den Bechern, Büchsen mit doppeltem Boden, Zaubersäcken,
präparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitäten unserer
Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstäbchen, dick wie
ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen
von etwa drei Zoll Länge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er,
als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er
operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des
Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mörtelboden der Veranda, auf der
nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und
somnambulistischer Zustände eine Person nötig, so nimmt er den nächsten
Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder
Europäer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so
ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es
verlangt, um sie kontrollieren zu können, und verlangt niemals eine
Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm für seinen Tempel
giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Länder beobachten diese
Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, daß unsere
Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten könnten?

Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phänomene des
amerikanischen und europäischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie
einen Tisch sich bewegen sehen, der ȟbertriebene Glaube an die
Unsichtbaren« erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des
Katholicismus, daß er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt
zu sein er behauptet, sich nicht entschließen konnte, bei den Vorgängen in
einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach für
Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hörte aber fortwährend
von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery
einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir
bei ihm gemeldet wurde, entschloß er sich doch, ihn zu empfangen, was in
einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, auf
den Marmorplatten des Fußbodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen
über seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen
Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des großen Oceans.
Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten
Händen und murmelte: Ehrerbietigen Gruß, Herr! Ich bin Salvanidin-Odéar,
Sohn des Canagareyen-Odéar. Der unsterbliche Wischnu beschütze deine Tage!
-- Sei gegrüßt Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar, könntest du
sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und möge diese Transformation deine
letzte sein! erwiderte Jacolliot. -- Der Guru der Pagode hat mir diesen
Morgen gesagt: geh auf geradewohl Ähren lesen längs den Reisfeldern, und
Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir geführt. -- Sei
willkommen! -- Was wünschest Du von mir? -- Man behauptet, Du könntest
leblose Körper bewegen, ohne sie zu berühren; ich möchte gerne dieses
Wunder dich vollbringen sehen. -- Salvanidin-Odéar hat diese Macht nicht;
er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewähren. -- Nun wohl,
Salvanidin-Odéar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! -- Gleich nach
diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte
sein Stäbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat
mich nun, ihm sieben kleine irdene Töpfe mit Erde, sieben dünne
Holzstäbchen von je zwei Ellen Länge und sieben beliebige Blätter bringen
zu lassen. Dann ließ er die gebrachten Gegenstände, ohne sie selbst zu
berühren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten
Armen in eine Linie legen; hierauf mußte der Diener in jeden Topf eines von
den Holzstäbchen stecken und über jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt
stülpen, das am Stäbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel
bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hände über seinen Kopf
und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mögen alle Mächte, die
über das geistige Prinzip des Lebens und über das Prinzip der Materie
wachen, mich gegen den Zorn der bösen Geister beschützen, und der
unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der
Rache Yamas überliefern! -- Dann streckte er die Hände gegen die Töpfe und
blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen
bewegend, als wenn er innerlich spräche.

Plötzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen
Haare bewege und über sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind
nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhänge zwischen den
Säulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals
nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir
seine Stellung nicht verändert hatte; da stiegen langsam die Feigenblätter
an den Holzstäben empor und ließen sich wieder herab, und der Beobachter,
näher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen
findend, fühlte eine gewisse Aufregung; die Blätter unterbrachen ihr Auf-
und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Töpfen und dem Fakir
durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die
Blätter von den Stäben und diese aus den Töpfen und leerte die ganze Erde
auf dem Fußboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, ließ sich aus
der Küche sieben Fußgläser, aus dem Garten Erde und neue Blätter bringen,
teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stücke, die er in die Gläser
steckte, über welche er die durchbohrten Blätter stülpte und fragte nun den
etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte,
ob er glaube, daß seine Geister auch jetzt noch wirken könnten. Der Hindu
antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hände gegen die
Gläser aus, und es dauerte keine fünf Minuten, als das Auf- und Absteigen
der Blätter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn
die Töpfe und Erde für die Hervorbringung des Phänomens notwendig seien,
und als dieser die Frage verneinte, ließ Jacolliot sieben Löcher in ein
Brett bohren und steckte in diese die Bambusstücke. Nach kurzer Zeit folgte
die Erscheinung mit gleicher Regelmäßigkeit und zwar zwei Stunden hindurch
nach vielfach geänderten Versuchen in immer gleicher Weise, so daß
Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken
magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den
Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot
hatte gehört, daß die europäischen Medien sich für ihre angebliche
Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem
Hindu mit und fragte, ob man nicht durch ähnliche Mittel eine Verbindung
mit jenen herstellen könnte. Wörtlich antwortete der Fakir: Frage, was Du
wünschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Blätter
unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Blätter bewegen, Dir ihre
Gedanken mitzuteilen, so werden die Blätter an den Stäbchen emporsteigen.
Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm
noch ein anderes Mittel ein. Er besaß kupferne Buchstaben und Zahlen auf
Zinkplatten gelötet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer
auf seine Bücher zu prägen, und warf diese nun alle unter einander in einen
kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine
Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig
Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern
heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Blätter
beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim
Buchstaben +A+ die Blätter schnell bis zum Gipfel der Stäbchen
emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen
blieben, in welchem die Stäbchen steckten. Jacolliot fühlte sich bewegt,
denn +A+ war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der
Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefüllt, und nach und nach,
Buchstaben für Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz:

+Albain Brunier, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Es flimmerte vor seinen Augen, als er dieses Resultat vor sich sah, und er
mußte, unfähig, die Beobachtungen diesen Tag länger fortzusetzen, den Fakir
für den nächsten Tag zu sich laden.

Nachdem er einen Teil der Nacht über diese Dinge nachgedacht, dann in der
folgenden Sitzung die Phänomene des vorigen Tages in gleicher Art hatte
wiederholen lassen, bat Jacolliot den Fakir, noch einmal anzufangen,
richtete aber sein Verhalten nach einer von ihm gemachten Voraussetzung
ein. Er änderte nämlich im Geiste die Buchstaben jener Phrase, wie er
meinte, beibehaltend, die Stellung derselben und erhielt so durch dieselbe
Prozedur wie am vorigen Tage die Namen:

+Halbin Pruniet, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Jacolliot wollte auch den Namen der Stadt und den Todestag ändern, gelangte
aber nicht dazu, sondern erhielt wieder:

+mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.+

Vierzehn Tage nacheinander ließ Jacolliot den Fakir kommen, welcher die
größte Hingebung bewies, und veränderte fortwährend seine Versuche, bald
erhielt er Änderungen in den Buchstaben jenes Namens, die denselben ganz
unkenntlich machten, bald Modifikationen des Tages, Monats und Jahres des
Todes, nie aber eine Änderung im Namen der Stadt, woraus er, immer von der
Voraussetzung einer natürlichen Kraft ausgehend, die den Fakir und die
Blätter in Verbindung setze, schloß, daß er vielleicht sein Wissen der
wahren Orthographie vielleicht nicht bei allen Worten genügend isoliren
könne. Er wiederholte dann noch öfter zu verschiedenen Zeiten mit
verschiedenen Subjekten die Versuche, ohne zu einem andern Resultat zu
gelangen. Während einesteils die materiellen Phänomene sich sozusagen
konstant reproduzierten, wechselte ebenso konstant die Verschiedenheit in
Übertragung der Gedanken, und zwar von ihm gewollte oder ganz gegen seinen
Willen eingetretene Verschiedenheit.

In der letzten Sitzung mit dem Fakir machte dieser mit einer gewöhnlichen
Pfauenfeder die leere Schale einer Wage sinken, während die andere mit 80
Kilos belastet war; auf einfache Auflegung seiner Hände flog ein
Blumenkranz in die Luft; man hörte in dieser unbestimmte Töne, und eine
ätherische Hand schrieb in der Luft leuchtende Zeichen, Phänomene, die
Jacolliot damals für reine Phantasmagorie hielt und von denen später noch
die Rede sein wird. Die erwähnten materiellen Phänomene ließen auch bei der
strengsten Untersuchung keinerlei Betrug entdecken, hinsichtlich der
psychologischen hat er nichts ganz Festes und Unveränderliches erhalten und
neigt sich mit Ausschluß aller natürlichen Einwirkung zu der Ansicht, daß
die Phänomene auf einer »fluidischen Gemeinschaft« zwischen ihm und dem
Operateur beruhen. Seine richterlichen Funktionen einerseits und dann die
Studien über das alte Indien gestatteten ihm nicht die Fortsetzung dieser
Untersuchungen, doch zeichnete er Alles auf, was sich auf die Lehre von den
Pitris und den Geisterglauben bezog, ebenso was ihm über die materiellen
Wirkungen des Fakirs kund wurde, in der Absicht, das über diese
fremdartigen Gegenstände Gefundene später bekannt zu machen, wobei er sich
jedoch bloß als Historiker verhalten wollte, da er nach seiner Aussage zu
keiner wissenschaftlichen Ansicht hierüber kommen konnte.

Jacolliot glaubt jedoch, daß in der Natur und im Menschen, der in der Welt
doch nur ein Atom ist, unermeßliche Kräfte liegen, deren Gesetze man jetzt
noch nicht kennt, aber sie entdecken wird, und daß die Zukunft Dinge als
Wirklichkeiten erweisen wird, die man jetzt für Träumereien hält, und
Phänomene sehen wird, die man jetzt nicht einmal ahnen kann. Man könnte
vielleicht einwenden, die Indier hätten seit tausenden von Jahren nicht
vermocht, die Gesetze jener Phänomene festzustellen und man solle seine
Zeit damit nicht weiter verlieren. Aber bei den Brahmanen, die alles unter
den religiösen Glauben gebeugt haben, giebt es eben wegen des Glaubens
weder Erfahrung noch wissenschaftliche Prüfung, und was hat, fragt
Jacolliot, das Mittelalter, das seine Grundsätze aus dem Text der Bibel
holte, von Wissenschaft zu Tag befördert? Man hat in den Pagoden die
Dampfkraft gekannt und durch sie Vasen zersprengen lassen, man hat auch
einige Äußerungen der Elektrizität beobachtet, ist aber weder zu
Eisenbahnen, noch zu Telegraphen gekommen, die freilich auch bei uns von
sehr gelehrten Gesellschaften als Schwindel behauptet worden waren. Das,
was er in Indien sah, bringt Jacolliot schließlich zum Ausspruch, daß im
Menschen eine spezifische Kraft vorhanden sein müsse, die unter einer
unbekannten, oft intellektuellen Leitung wirkt, eine Kraft, deren Gesetze
durch vorurteilsfreie Männer studiert werden sollten. Und ist es am Ende
nicht die gleiche Kraft, welche, durch Erziehung und Leitung entwickelt,
die Tempelpriester der alten Völker in den Stand setzte, der Menge durch
angebliche Wunder zu imponieren? Dann wäre manches begründet, was uns in
den alten Überlieferungen geboten wird, und neben abergläubischen
Vorstellungen hätten wir auch reale Wirkung einer natürlichen Kraft vor
uns.

Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt über diese Gegenstände 1866 in
Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch für den Druck
vorbereitete, anfänglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrücken, weil er,
der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen,
bemerkte, daß er doch Partei für eine nach seiner Meinung eine natürliche,
in Wahrheit jedoch übernatürliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe.
Da bekam er durch Gefälligkeit des Dr. Pual den bekannten Artikel von
Crookes über die sogen. psychische Kraft im »+Quarterly Journal of
Science+« zu lesen, der während seines Aufenthaltes in Indien erschienen
war, und geriet in Erstaunen, als er sah, daß der berühmte englische
Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen
förmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre früher nur vermutet
hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es
ursprünglich geschrieben worden war und demgemäß auch seine hier folgenden
Erfahrungen mitzuteilen.

Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr
noch größer als bei uns, aus der Sprache nüchterner und objektiver
Erzählung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen
scheinen könnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem
landesüblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajüte, von Tschandernagore auf dem
Hugly ab und gelangte 14 Tage später nach der heiligen Stadt Benares. Zwei
Eingeborene, nämlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein
Bootsführer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung
des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der großen
Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzählige
Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den
Minaretstürmen der Mohammedaner, welche über die Massen der Paläste
emporragen, den zahlreichen mächtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum
Ganges hinabführen, an dessen gekrümmten Ufern sich die Stadt in einer
Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. Überall lange Arkaden, von
Säulen gestützt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das
üppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbäume, vielfach mit
vielfarbigen Blütentrauben bedeckt, Gärten voll Blumen in weiten Höfen.
Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz
unregelmäßigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien
zusammenströmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so daß die
Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome
verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfürsten
kennen gelernt, der sich nach Benares zurückgezogen hatte und ihm nun ein
Quartier in seinem prachtvollen siebenstöckigen Palast am Strome, links von
der berühmten Moschee Aurengzebs, anwies.

Es ist nicht selten, daß indische Große ihre letzten Jahre in Benares,
zurückgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es
solche, welche in kleinen Säcken die nach der Leichenverbrennung
gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen,
welche die Reise bezahlen können, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu
werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu
sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt
Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des außerordentlichsten Fakirs, den
er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam,
nicht weit von Kap Comorin, der Südspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die
Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute,
Commutys, nach Benares zu bringen. Der Fürst, dessen Familie aus dem Süden
stammte, war gewöhnt, in den Nebengebäuden seines Palastes die Pilger von
Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und
hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhütte am Ufer
angewiesen, wo er während einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag
morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot
von seinem guten Willen überzeugt hatte, ließ er ihn eines Tages um die
Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in
ein Zimmer führen, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den
Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen höchst angenehme Kühlung
verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden
gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten
könne? -- Ich höre, war die Antwort. -- Weißt Du, fuhr Jacolliot fort, ob
in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phänomene hervorbringst, und
hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung
erhalten? -- Es ist nicht eine natürliche Kraft, die wirkt, antwortete
Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es,
welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. -- Eine Menge Fakirs,
welche Jacolliot über den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die
gleiche Antwort, und er ließ nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen.
Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine Hände in der
Richtung gegen eine große, mit Wasser gefüllte Bronzevase aus. Kaum nach 5
Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich
ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nähern, und im Maße wie
ihre Entfernung von ihm abnahm, hörte man mehr und mehr metallische Töne
aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen würde, und diese
Töne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so
rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot
verlangte, die Operation leiten zu dürfen, was der Fakir ohne weiteres
zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflußt, rückte vor oder wieder
zurück, oder blieb ruhig, und die Töne stellten ein ununterbrochenes Rollen
dar, oder folgten sich langsam und regelmäßig, wie die Stundenschläge einer
Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot äußerte; auch geschah eine
bestimmte Zahl von Schlägen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel
einer Musikdose, welche sich im Palast befand, für die die Hindus so große
Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischütz, dann
den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlägen begleitet.
Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern,
und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale
und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den
morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte,
wenn ganz leer, ein solches Gewicht, daß kaum zwei Männer sie bewegen
konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und
stützte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen
Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne daß ihr
Fuß, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte,
das geringste Geräusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in
Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker
Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behälters fortwährend
geänderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal während dieser Schwankungen erhob
sich die Vase ganz über den Boden, 7-8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen
wieder zurück ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Stoß. Die sich gegen den
Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die
Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht
zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre
weltliche verloren hatten, -- und den Fakir, sich im Sivatempel durch die
üblichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die
er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfüllen hatte. Er
versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu
kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im
Süden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in
Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich über sein
wunderbares Heimatsland voll alter Denkmäler und herrlicher Vegetation, und
über die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten
konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung
eingeweiht worden war.

Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nächsten Tage geschehen, und
hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er
plötzlich auf, näherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser
gefüllt war, hielt seine Hände über dieses, ohne es zu berühren, und blieb
unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwächer war, verfloß eine
Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem
leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hände auf den
Rand des Gefäßes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf
das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, daß
die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten
und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die
Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung,
überflutete die Hände des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein
bis zwei Fuß hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hände vom Wasser
zurückzuziehen, so ließ dessen Bewegung allmählich nach, näherte er sie
wieder, so nahm sie aufs neue zu.

Der Hindu bat um ein kleines Stäbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch
nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und
der nach einigen Minuten den Händen des Fakirs folgte, wie man eine
Magnetnadel durch vorgehaltenes Eisen in allen Richtungen zu führen
vermag. Dann legte er äußerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die
Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das
Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs
Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche.
Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon
gebracht hatte, stützte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur
Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmählich,
die eine Hand auf den Kopf gestützt, mit nach orientalischer Weise
gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fuß über den Boden erhob, dabei unbeweglich
bleibend in einer Stellung, ähnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt
alle Touristen aus dem äußersten Orient mitbringen, während die meisten
dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden.
Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir über
20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gänzlich widersprechenden
Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kündigte er
Jacolliot an, daß in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den
kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen würden, er
die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im
Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen würden. Um gegen alle
Täuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das
Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsführer) und seinen Leuten die Nacht
zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin
und besteht aus sieben übereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich
gegen bedeckte Gallerien und Terrassen öffnen. Die Stockwerke sind auf
sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten führt
nämlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nächste obere, und am
andern äußersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten
Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron
durch Ketten, nach Art einer Zugbrücke aufhebbar, in das siebente Stockwerk
führt, welches letztere, halb orientalisch und halb europäisch möbliert,
der Peischwa seinen fremden Gästen anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die
Zimmer genau untersucht, die Zugbrücke aufgehoben hatte, war alle
Verbindung nach außen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene
Stunde, er höre deutlich zwei Schläge gegen die Mauer seines Zimmers, und
als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der
Glasglocke zu kommen schien, welche die Hängelampe gegen die Mücken und
Nachtschmetterlinge schützte, dann noch Geräusch in den Cedernbalken der
Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es
war eine der Silbernächte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges
breitete seinen ungeheuren Teppich zu Füßen der schlafenden Stadt aus, und
auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von
Trivanderam, welcher für die Ruhe der Toten betete.

Jacolliot konnte sich nicht überzeugen, daß für die Hervorbringung der so
oft von ihm gesehenen Phänomene die Theorie der Hindus, nach welcher die
Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber
wiederholt, daß niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten
Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phänomene nicht von ihrem
religiösen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nächsten
Abend wieder erschien, die Geräusche, welche Du angezeigt hast, haben sich
vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. -- Der Fakir ist nichts,
antwortete Covindasamy höchst kaltblütig, er spricht die Mentrams und die
Geister hören ihn. Es waren die Manen Deiner französischen Vorfahren,
welche Dich besucht haben. -- Du hast also Macht auch über fremde Geister?
-- Niemand kann den Geistern gebieten. -- Ich meine, wie können die Seelen
der Franguys die Bitten eines Hindu erhören, sie sind ja nicht von Deiner
Kaste? -- Es giebt keine Kaste in der obern Welt. -- Es war diesmal so
wenig als ein andermal möglich, Covindasamys Überzeugung wankend zu machen;
er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und
setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme über die
Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was
Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch
Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz
unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geräuschlos in kleinen Rucken von
etwa 10 Centimeter über den Boden gleiten und in etwa 10 Minuten an das
Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rückwärts
bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das
gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Höhe des Schemels über dem
Boden. Die Hitze war an diesem Tag außerordentlich, die kühlende Brise,
jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch
bewegte zur Abkühlung nach Leibeskräften über den mittelst eines Strickes
aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fächer, der an
einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehängt war. Der Fakir
ließ sich den Strick geben, stützte beide Hände auf die Stirne und kauerte
sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne daß Covindasamy eine Bewegung
gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand
bewegt, zu schwingen anfing. Ließ der Zauberer den Strick fahren, so
bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still
stand. Von drei Blumentöpfen auf der Terrasse, so schwer, daß Manneskraft
zur Hebung von einem erforderlich war, wählte Covindasamy einen, legte
seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmäßiges,
pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien
Jacolliot der Topf sich über den Boden zu erheben und nach dem Willen des
Fakirs hin und her zu gehen, ein Phänomen, was Jacolliot auch sehr oft am
hellen Tag gesehen hatte.

Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als möglich den Lebensmagnetismus und
Somnambulismus erklärt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch
Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierüber
Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstände durch Zauberer fest an
den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem
sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder
auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm
einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und
Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und
fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen könne, daß er nicht
anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hände auf die obere
Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er
lächelnd sprach: Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen
Gueridon ohne ihren Willen verrücken. Jacolliot versuchte dieses, aber das
Möbel verrückte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden
befestigt wäre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die
obere zerbrechliche Platte in den Händen. Als er mit den ein Kreuz
bildenden Füßen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Geräte durch
die Hände des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht
mehr erneuert werde, so müsse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt
werden können. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen,
und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Möbel verrücken,
was Covindasamy damit erklärte, daß die Geister abgegangen seien. »Aber
höre, sie kehren wieder zurück.« Mit diesen Worten legte er seine Hände auf
eine der gewaltig großen silberplattierten Kupferplatten, welche die
reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast
augenblicklich hörte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von
Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war,
eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flämmchen zu
sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte
wieder zurück.

Auf den Gestellen dieser halb europäisch, halb orientalisch möblierten
Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmühlen, welche
Schmiedehämmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grünen
Bäumchen, ein frühes Spielzeug der Kinder, und andere Nürnberger Waren,
dazwischen wieder wertvolle und künstliche Dinge, alles durcheinander.
Jacolliot nahm eine kleine Mühle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt,
diese einigen Persönchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne
Berührung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloßes Darüberhalten
seiner Hände, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hände
näherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dünnen Schnur an einen der
eisernen Griffe der Terrasse auf, so daß sie etwa zwei Fuß über dem Boden
schwebte, und bat den Zauberer, Töne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu
berühren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hände die
Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, völlig
unbeweglich werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument,
das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hörte
langgezogene reine Töne, doch keine Akkorde. Könntest Du nicht eine Arie
erhalten? fragte Jacolliot. -- Ich will den Geist eines alten Musikers der
Pagoden anrufen, erwiderte dieser höchst kaltblütig. Das Instrument hatte
nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es
sich, gab zuerst wie präludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz
entschieden eine der populärsten Arien der Malabarküste, deren Anfangsworte
lauten: Bringe Kleinodien für die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz
unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern;
Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedürfnis
sich auf- und niederbewegen.

Es war für Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in
Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern
im Gebet verharren mußte, um dann nach Trivandaram zurückzukehren. Aber
zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht
widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen
war, habe in der Sprache mit Dir reden können, die meine Mutter brauchte,
als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen
nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages
Covindasamy die Terrasse verließ und in einem Gefäß vielfarbige Federn der
merkwürdigsten indischen Vögel sah, ergriff er davon eine Hand voll und
warf sie so hoch als möglich über seinen Kopf, und als sie herab kommen
wollten, machte er mit den Händen Luftstriche unter ihnen, und sowie
letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und
stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der
gleichen Richtung, aber einen Augenblick später wollten sie, der Schwere
folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hälfte des Weges
angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal
erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber
bald blieben sie vollkommen unbeweglich hängen und gewährten durch ihre
Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben
einen angenehmen Anblick. Kaum aber war der Fakir abgegangen, so fielen
sie träg zu Boden, wo sie Jacolliot längere Zeit liegen ließ, um sich zu
überzeugen, daß er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phänomene nicht das
Opfer einer Hallucination geworden sei.

Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag
für zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei
voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche
ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets
unvergeßlich bleiben würden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein
Säckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der
Hand zu einer gleichförmigen Fläche von etwa 50 Quadratcentimeter
ausbreitete. Dann ließ er an einem Tisch gegenüber mit Papier und Bleistift
Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stückchen Holz, worauf ihm Jacolliot
einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandfläche legte. Ich
rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen
Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, daß sein eines Ende mit
dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen
machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann
seine beiden Hände wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen,
worauf in kürzester Zeit der Federhalter sich allmählich erhob und zu
gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren
zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so
stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot
wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb
vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, daß der Fakir nicht einmal
die Bewegungen sehen könne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf
eine Stellung an, wo dieses unmöglich war, untersuchte hierauf die
Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der
Fakir, nachdem er den Sand wieder geglättet hatte, forderte Jacolliot auf,
sich ein Wort in der Göttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen
Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, daß die Geister sich leichter
dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot,
der mit Covindasamy über dessen religiöse Anschauungen diskutierte, dachte
sich hierauf ein Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und
schrieb alsbald: +Purucha+ (der himmlische Erzeuger), das Wort, was
Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: »+Adicêtê Vaicuntam
Haris+ (Vischnu schläft auf dem Berge Veikunta)«, die Jacolliot zu denken
aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Könnte mir wohl der Geist, der
Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von
Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der
Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben für Buchstaben jener
Strophe: »+Darmaprâ dánam purucham tapasâ hatakilvisam paralôkam nayati
âcou bâsuantam kaçarininan+ (der Mensch, dessen sämmtliche Handlungen auf
Tugend zielen, dessen Sünden durch fromme Akte und Opfer versöhnt werden,
gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen
Leibe bekleidet).« Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes
Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches
das erste Wort der fünften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der
Federhalter schrieb »+Devadatta+ (von Gott gegeben)«, und es war so. Willst
Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte
einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: »+Vasundara+
(die Erde).« Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere
gemeinschaftliche Mutter?

Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr groß, der
Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem
Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der
Wasser aus einem Brunnen schöpfte und es in eine Bambusleitung goß, die in
einen Badesaal ausmündete. Covindasamy streckte seine Hände in der Richtung
des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der
Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwärtigkeiten
den bösen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesänge zu
vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte
in dem scharfen näselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen
Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken,
und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach
einigen Minuten ließ der Fakir seine Hände sinken, und der Koch erhielt
seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte über
die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hören, so tief war er in sich
selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fächer von Palmblättern von einem
Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fächeln,
und glaubte harmonische Töne einer Menschenstimme zu hören. Als der Fakir,
Abschied nehmend, die Hände über die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der
Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron führte, erhob er sich
ohne alle Stütze 25-30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal
genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der
als Thüre diente und weiße und Goldstreifen hatte; die Füße des Fakirs
waren beim nächsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und
Wiederherabkommen währte etwas über 8 Minuten, das Beharren im Maximum der
Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phänomen willkürlich
hervorbringen könne, antwortete er mit orientalischer Emphase: »Der Fakir
könnte sich bis in die Wolken erheben.« Obschon er sich schon oft nur als
ein Werkzeug der Geister erklärt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder
nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf
Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man muß durch Gebete und
Betrachtung mit den Pitris in beständiger Verbindung bleiben, dann steigt
ein hoher Geist vom Himmel herab.

Jacolliot sah schon öfter die Leistungen der Fakire, einen Einfluß auf das
Pflanzenwachstum in der Weise üben, daß dadurch, wie sie behaupten, in
wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre
erfordern, wie ähnliches der Missionär Juc auch aus Tibet berichtet.
Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr künstliches
Taschenspielerstückchen betrachtet, demselben daher keine nähere Beachtung
geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen
Fähigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf
wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem
Ansinnen zu überraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewöhnlichen
einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. -- Wirst Du mich auch die
Erde, das Gefäß und den Samen wählen lassen, den Du vor mir treiben lassen
willst? -- Das Gefäß und den Samen ja! Die Erde hingegen muß aus einem
Nest der Carias (Termiten) genommen sein. -- Der Kammerdiener wurde
beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen,
und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen,
denn sie ist durch den mörtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie
Mauerstücke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand,
und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, daß er mit
dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die
derselbe mit etwas Wasser anrührte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann
verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weißen Stoffes.
Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte
ihn, ob er ihn zeichnen dürfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot
die äußere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Kürbiskern ähnlichen,
nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und übergab ihn nebst einigen
Ellen Moskitotuch dem Fakir. -- Ich werde bald den Schlaf der Geister
schlafen, sagte dieser, schwöre mir, weder mich noch die Vase zu berühren.
Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem
flüssigen Schlamm ähnliche Erde, stieß dann sein Stäbchen mit sieben
Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen
Winkel der Vase und breitete über ihn das Mousselinstück aus. Dann kauerte
er sich nieder, streckte beide Hände horizontal über den Apparat und
verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die
Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun könnte, und selbst nach
einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte
durch die Hitze gebräunte und glänzende Körper einer Bronzestatue glich,
wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der
Beobachtung halber ihm gegenübergesetzt hatte, den Blick dieser
halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung
-- der Fakir mit -- vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu
gespannten Aufmerksamkeit, und er mußte sich an das Ende der Terrasse
setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich
nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war
wieder zum Bewußtsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich zu nähern, hob
das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stämmchen des
Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Höhe. Jacolliots Gedanken erratend,
griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an
dem Häutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten
Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht
gewußt, was von ihm verlangt würde; er konnte nichts unter Kleidern
verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, daß
Jacolliot, der ihn während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen
hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes wählen werde. Es sei dies
einer von den Fällen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken
vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem
der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er
nicht ohne Stolz: »Hätte ich die Anrufungen fortgesetzt, so würde der
Melonenbaum in 8 Tagen Blüten und in 14 Früchte gehabt haben.« -- An die
Erzählung von Huc und an gewisse Phänomene denkend, die Jacolliot selbst in
Carnatic gesehen, sprach er, es gäbe Zauberer, die das Gleiche in zwei
Stunden hervorbringen könnten. -- »Du irrst, erwiderte Covindasamy, das,
wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bäume durch die
Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris
gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blüte und Frucht
erzeugen können.« -- Jacolliot macht darauf aufmerksam, daß unter dem
Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Küchenkräuter um die Morgenröte
in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich säet, die Pflänzchen schon
um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen
Centimeter hoch sind, daß aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage
zur Keimung braucht.

Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewöhnlich
schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der
Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstück, und gewöhnlich
seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstäbchen
mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. --
Nichts Unreines, sagte er, darf den Körper des Anrufenden berühren, wenn er
seine Fähigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen
Stärke erhalten will. -- Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die
von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche
Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der
Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter
sich zusammenhängend, waren nach außen vollständig abgeschlossen, in jeder
der beiden Lokalitäten brannte eine Hängelampe mit Kokosöl, in ein
Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Häusern findet man kleine
kupferne Kohlenbecken, beständig mit glühenden Kohlen gefüllt, um darauf
von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz,
Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken
auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem
wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit
gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in
einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann
unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stäbchen
gestützt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch
Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mußte Jacolliot erzittern,
denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus
der nach allen Seiten hin rasch Hände hervorkamen und wiederum in sie
zurückgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hände ihr
dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaßen materialisierend,
menschlichen Händen, während die andern leuchtender wurden; erstere waren
undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, daß man
Gegenstände hindurchsehen konnte; Jacolliot zählte im Ganzen sechzehn. Kaum
hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht möglich wäre, diese Hände zu
berühren, so löste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und
drückte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie
die Hand einer jungen Frau. -- »Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner
Hände sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es
wünschest.« -- Jacolliot fragte lächelnd, ob der Geist, dem diese kleine
Hand gehöre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fühlte darauf jene
Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet schweben, eine
Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Füßen warf, worauf sie
verschwand. Während zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die
Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder
fächelte ihm mit einem Fächer, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen
Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche
verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte
Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der
Sanskritsprüche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete,
lauteten: +Divyavapur gatwâ+ (Ich habe einen fluidischen Körper angenommen)
und unmittelbar darauf schrieb die Hand: +Atmâram crêyasa yoxyatas
Dchasya'sya vimô canat+ (Du wirst das Glück erlangen, wenn du dich von
diesem vergänglichen Körper losmachst). Nach und nach verschwanden die
Hände, die Wolke hatte in dem Maße abgenommen, als die Hände sich zu
materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war,
fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die
Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden.

Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hände, während der Fakir seine
Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke
neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu
stets mit Glut gefüllt erhalten hatte, und allmählich nahm diese Wolke
menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden
Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem
Wischnu heiligen Zeichen, seine Hände hielt er vereinigt wie beim Opfern
über den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem
gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers
und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Räume
erfüllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor
sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grüßend in
die seine faßte und -- obwohl knöchern und hart -- doch warm und lebend
fand. »Bist du wohl, fragte er laut, ein früherer Bewohner der Erde?« Und
kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glänzend
wie Phosphorlicht das Wort +Am+ (Ja) erschien und sogleich wieder
verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: »Willst du mir kein Zeichen
deines Vorübergangs hinterlassen?« zerriß der Geist seinen aus drei
Baumwollenschnüren gemachten Gürtel, gab ihm denselben und verschwand zu
seinen Füßen.

Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer
nicht daran, seine Stellung zu verändern. Da hörte ersterer plötzlich eine
bizarre Melodie, ausgeführt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage
vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa
des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den
Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Töne erklangen bald wie
aus näheren Räumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot längs den
Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher,
die Harmonika spielend, auf ihr jene einförmigen und klagenden Töne
hervorbrachte, wie sie der religiösen Musik der Hindus eigen sind.

Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand
es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte
Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle
Thüren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schweiß reich
gebadet, auf das äußerste erschöpft, und doch sollte er in wenig Stunden
seine Reise antreten. -- »Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit
dem Namen seiner geliebten Heimat anredend --, und möge der, welcher die
drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit),
Deine Reise nach den lieblichen Ländern des Südens beschützen, und mögest
Du erfahren, daß während Deiner Abwesenheit Freude und Glück in Deiner
Hütte gewohnt haben.« -- Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem
Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es
anzusehen, selbst ohne dafür zu danken, sprach er melancholisch seinen
letzten Salam (Gruß) und verschwand geräuschlos. Als Jacolliot in der
ersten Morgenröte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf
demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, daß es der
Fakir war, der den Fährmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um
den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen
und seine Hütte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen
Stunden Schlafs im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum
und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen
bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem
Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner
Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig
entdecken als Abbé Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.

Etwa vier Jahre später reiste Jacolliot über Madras, Bellary und Bedjapur
nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu
besuchen, welche berühmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach &c. in
einem Hügelkranz des Mahrattenlandes liegen, der -- mit Forts versehen --
Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in
die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fuß über
der Basis des Hügels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem
Bett eines Bergstroms als einer Straße gleicht und auf eine Terrasse führt,
die einen würdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken
Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte
massive Säule, die auf ihrem Kapitäl drei noch kaum erkennbare Löwen trägt;
auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in
seiner ganzen Länge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen
bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit
ihren Cornacs auf Hals und Rücken; das Gewölbe ist durch zwei Reihen von
Pfeilern gestützt mit einem Elephanten über jedem, der auf seinem Rücken
eine männliche und eine weibliche Gestalt trägt, wie gebeugt unter der
ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun
eine berühmte Wallfahrtsstätte für die Fakirs aus ganz Indien, und manche
schlagen ihre Wohnung in der Nähe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und
leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern
hingekauert, welche die Gläubigen unterhalten, eine Binde über den Mund, um
nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genießend als einige Körner
gerösteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird,
magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskräfte sinken rasch,
und ehe ihre letzte Stunde schlägt, haben sie schon eine lange Zeit
physischer und intellektueller Schwäche durchlebt, die kein Leben mehr ist.
Alle Fakirs, welche in der obern Welt die höchsten Transformationen
erlangen wollen, müssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen
unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap
Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon
ganz gefühllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe
auf dem Schädel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen ließ, und er fragte
ihn in seiner geliebten Sprache des Südens, ob er sich nicht an den Franguy
von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast
verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte,
welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren:
»+Divyavapur gatwâ.+ Ich habe einen fluidischen Körper angenommen.« Es war
von ihm, den sie nur »Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli«
nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden,
sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwäche die indischen Medien. --

Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, daß Jacolliot manches mit zu
lebhaften Farben geschildert hat, und daß eine Gruppierung der Phänomene
stattgefunden hat, um die Überzeugung herbeizuführen, daß namentlich
vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt späterer
Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise
stattgefunden habe. Prüft man aber die einzelnen Fälle für sich, so stimmen
sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natürlichen Umgebungen, des
Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den übrigen mystischen
Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Völker überein und sind nicht
mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die
spiritistischen Phänomene. Diese Übereinstimmung in der innern wesentlichen
Beschaffenheit läßt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwürdig
erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen
gegenüber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische
Kräfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte
Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als
Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten
Angaben, daß die Indier seit uralter Zeit sich für die letztere Meinung
entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, für die
hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so muß man schließen, daß bei
diesen Kräfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze
gebunden sind, daß sie aber zur Bestätigung derselben in sehr vielen Fällen
mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur
Hervorbringung der Phänomene nötig hätten, als vielmehr durch diese ihr
eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fähigkeiten dem
Verständnis der Lebenden näher zu bringen. -- Was aber die Fakirs,
Sanyassis, Nirvanys &c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, daß manche
nicht dazu gelangen werden, das magische Vermögen in sich zu entwickeln,
und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen
Schein zu täuschen, daß sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken.
Dieses würde, wie beim ägyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist,
in dem Maße zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge,
wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in
der spätern Zeit der Republik römische Auguren, wenn sie sich begegneten,
und als die Römer nach Ägypten kamen, waren die Priester nur noch imstande,
als Führer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.

Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, daß die Übung dieser Dinge für die
Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und daß sie auf Kosten ihrer Bestimmung
für die gegenwärtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie
gefährlich z. B. jene das visionäre Vermögen erweckenden Räucherungen sind,
von denen schon Benvenuto Cellini erzählt, vor welchen Horst und
Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie
viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen Übungen sein,
die in manchen Fällen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen
des Organismus führen. Wenn ein Trost für solche Hingebung zu finden ist,
so wird er darin bestehen, daß durch sie Aufschlüsse über das innerste
Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege
nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die
Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden
behauptet, so wäre damit ein empirischer Beweis für die persönliche
Fortdauer geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darüber. Und
so hätten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung
wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glück
nennt, einbüßten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der
Menschheit einen sehr großen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die
vermeinte Gottgefälligkeit der sich jenen abnormen Zuständen Hingebenden
oder von ihnen Überwältigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von
welchem aus sie zu würdigen sind.

Eine spezielle göttliche Einwirkung muß man wohl bei ihnen allen
ausschließen; es erfolgen diese Vorgänge bei einer Gesetzmäßigkeit, wie sie
durch die Weltvernunft für alle Gebiete des Seins festgestellt, aber für
das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr
wunderbar, aber kein Wunder im populären Sinn des Worts, wofür sie freilich
der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber
ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gänzlichen Unkenntnis dieses
Gebietes mit dem Schlagwort »Betrug« die Thatsachen vernichten zu können
glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmöglichkeit
mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen
Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen.

So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufügen.




Viertes Buch.

Der Occultismus der Ägypter.

Erstes Kapitel.

Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.


Mehr als in jedem Land des Altertums -- Akkad vielleicht ausgenommen --
wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus
und Heilmagnetismus -- in Ägypten von den Priestern ausgeübt, deren ganze
Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus
sagt[275]:

»Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntniß Gottes, ihrer selbst und
der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen
Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz.«

Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr
Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehörigen Königs
gleichgestellt. Wie die Brahmanen führten sie die strengste Lebensweise und
abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tägliche Waschungen
vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre
Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Diät war zumeist die
vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch
vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mußte, die
dasselbe, wenn sie es für rein und gesund erkannten, mit einem Stempel
bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und
Fische -- ganz besonders aber Seefische -- waren ihnen ebenfalls verboten.
Von Pflanzenkost waren ihnen die Hülsenfrüchte und Zwiebeln verboten, und
zwar -- wie Plutarch meint -- erstere, weil sie zu stark nähren und
Blähungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil
sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern
nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen
Widerspruch dergestalt zu erklären[276], daß er annimmt, der Wein sei erst
zu Psammetichs Zeiten in Ägypten eingeführt worden und auch dann noch ein
Privilegium der höheren Stände gewesen.

Die ägyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und
Klassen geteilt, von denen einige -- wie die Fakire -- magisch-
mediumistische Künste ausübten, andere die Astrologie pflegten,
wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus
hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Künste keinem nicht zur Kaste
gehörenden mit, und lange war es Ausländern unmöglich, in dieselbe
aufgenommen zu werden.

Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse
eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras.

Von letzterem erzählt Porphyrius[277]:

»Pythagoras bat vor seiner Reise nach Ägypten den Polykrates, König von
Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den ägyptischen König Amasis, damit
man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der König gab es
ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn
nach Memphis, gleichsam zu den Höheren und Älteren. Zu Memphis wurde er
unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da
diese aus Furcht vor dem König nichts mehr vorzuschützen wußten, kamen sie
überein, ihn durch übermäßiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben
abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pünktlichste Alles erfüllte, so
wunderten sie sich darüber so sehr, daß sie ihn einweihten und ihren
Geheimnissen beiwohnen ließen, was sonst keinem Fremden gelang.«

Wie allbekannt, spricht die Bibel von ägyptischen Magiern, Traumdeutern,
und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet Ähnliches
an, wenn er singt[278]:

    »Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions:
    Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel
    Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtniß.
    Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet,
    Dann benetzt den Tag ihm keine Thräne die Wangen,
    Wär ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben,
    Würde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch
    Mit dem Schwerte getödtet, daß seine Augen es sähen.
    Siehe, so heilsam war die künstlich bereitete Würze,
    Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna,
    In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde
    Mancherlei Säfte hervor zu gut und schädlicher Mischung;
    Dort ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung
    Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons.«

Die Heilgottheiten der Ägypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und
Phtha.

Bezüglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]:

»Die Aegypter versichern, daß Isis ihnen in der Arzneikunst große Dienste
geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; daß sie jetzt, wo
sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes
Wohlgefallen habe und sich vorzüglich um ihre Gesundheit bekümmere; daß sie
ihnen durch Träume zu Hülfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen
offenbare. Die Probe ist darüber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei
den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Völker
der Erde geben Zeugniß von der Macht dieser Göttin in Bezug auf Heilung von
Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Träumen
denjenigen, die leidend sind, die für ihre Krankheiten geeigneten Mittel
an, und die treue Erfüllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung
aller Welt Kranke gerettet, die von den Ärzten aufgegeben waren.«

Die berühmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris.

Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der Ägypter von seiner
Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner späteren
Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Höhere Verehrung genoß
Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen
sich die berühmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria
befanden. Strabo sagt von Serapis[280]:

»In seinen Tempeln ist eine große Gottesverehrung, wo viele medicinische
Wunder geschehen, an welche die berühmtesten Männer glauben und für sich
und andere den Tempelschlaf pflegen.«

Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit
großer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben
eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln.

Der berühmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch
die von Kaiser Vespasian ausgeübten magnetischen Heilungen sich ereigneten.
Tacitus erzählt dieselben folgendermaßen[281]:

»Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder,
wodurch besonders sich die göttliche Gewogenheit und Zuneigung für
Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von
Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers,
mit Thränen um Hülfe rufend. Er bat den Kaiser, daß er seine Augen mit
seinem -- des Kaisers -- Speichel benetzen möchte. Ein anderer an der Hand
Gelähmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, daß ihn der Kaiser mit
seinem Fuß berühren, d. h. mit der Fußsohle treten möchte.«

»Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und fürchtete, als jene
dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich
aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die
Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt ließ er die Ärzte
entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwäche durch menschliche Hülfe
zu heilen wäre. Die Ärzte sprachen hin und her und meinten, die ganze
Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht könne wiederkehren,
wenn nur die Hindernisse gehoben werden könnten; allein der Kaiser
versuchte es vor der Versammlung, und der glückliche Erfolg blieb nicht
aus. Jener andere könne seine bösen Gliedmaßen wieder heilen, wenn irgend
eine hülfreiche Kraft angewendet würde. Zu diesem göttlichen Dienst könne
vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich würde der Ruhm der
geleisteten Hülfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des
Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben,
daß seinem Glücke Alles offen stehe, und daß nichts unmöglich sei, mit
freudigem Gesicht vor der aufs Äußerste gespannten Versammlung das Gebot.
Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das
Tageslicht. Alle, die gegenwärtig waren, stimmen bezüglich der Wahrheit mit
einander überein, daher erwartet die Lüge umsonst ihren Preis.«

Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]:

»In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, göttlich verehrt; er hat
an der rechten Seite einen glänzenden weißen Fleck, welcher mit dem
Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen,
dann ertränken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an
dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, führen ihn die Priester
nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen künftige Dinge
verkündete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun
des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise
darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen,
leitete man seine Antworten ab.[285] So stieß er z. B. die Hand des Kaisers
Augustus von sich, worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz
verborgen; wenn er sich aber einmal losreißt, so treiben die Lictoren das
Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner
Ehre singend, was er zu verstehen scheint.«

Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein
feines ätherisches Feuer, welches unaufhörlich fortleuchtet, und dessen
Glanz weit über den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also
gewissermaßen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja
bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgängen eine große Rolle
spielt. Der berühmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie
die Isistempel die Inschrift: »Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher
hat mein Geheimniß entdeckt.«

Über das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir
bruchstücksweise überlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der
Zutritt gänzlich untersagt, und die Eingeweihten -- selbst die Griechen --
hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens.

Dennoch wissen wir aber, daß, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt
werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis
eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden,
Reinigung, Salben und Reiben; in an die Götter gerichteten Gebeten und
Lobpreisungen, während feierliche Opfer, heilige Ceremonien und
geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Gläubigen in
mystische Schwingungen versetzte.

Vom Priester selbst sagt Jamblichus:

»+Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia,
observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in
secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.+«

Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der Ägypter selbst.




Zweites Kapitel.

Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.[286]


Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen.
Bentrosch-Stele von dreitausendjährigem Alter wird die glückliche Heilung
der besessenen Tochter eines mesopotamischen Fürsten erzählt, und es kann
nicht der mindeste Zweifel obwalten, daß die Heilung durch Hypnotismus und
Heilmagnetismus geschah.

Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der Übersetzung des Professor Dr.
Lauth in München[287]:

»Siehe, es befand sich Se. Majestät in Nahar gemäß seiner alljährlichen
Gepflogenheit. Die Großen jedes Fremdlandes zogen als Gebückte, als
Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestät von den
äußersten Hinterländern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber,
Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren
Rücken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu überbieten. Da ließ auch
der Fürst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab
ihm seine älteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se.
Majestät und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schönes Weib,
überaus geschätzt von Sr. Majestät über Alles. Sofort schrieb man ihren
Titel als königliche Hauptfrau mit dem Namen Ranofru 'Sonne der
Schönheiten'. Nachdem Se. Majestät der König nach Ägypten gelangt war,
vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer königlichen Hauptfrau
gebühren.«

»Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, daß sich Se. Majestät in der
Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Städte,
beschäftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider
Welten, an seinem schönen Panegyrienfeste im südlichen Apt, seinem
Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestät: 'Es ist ein
Bote des Fürsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken für
die Königsfrau', und sofort wurde dieser vor Se. Majestät gebracht mit den
Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden küssend vor Sr. Majestät: 'Preis
Dir, Du Sonne der neun Völker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu
Dir, o Großkönig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jüngern
Schwester von Seiten der Königsfrau Ranofru. Ein Übel ist eingedrungen in
ihre Glieder. Möge darum abreisen lassen Deine Majestät einen
Sachverständigen, um sie zu besehen.' Sofort sprach Se. Majestät: 'Bringet
mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der
Geheimnisse des Adytum!' Sie wurden auf der Stelle herbeigeführt. Da sprach
Se. Majestät: 'Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr höret dieses
Wort: Sofort liefert mir einen Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber
(Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.' Nachdem nun der
Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestät getreten war, befahl ihm Se.
Majestät, daß er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber
gelangt war der Sachverständige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im
Zustande einer von einem Dämon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach,
um mit demselben zu kämpfen. Da sandte der Fürst von Buchtan wiederum einen
Boten an Se. Majestät mit den Worten: 'O Großkönig, mein Herr, es möge
befehlen Se. Majestät, daß gebracht werde der Gott Chonsu selber.'[289] Es
ereignete sich nun, daß Se. Majestät im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur
Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se.
Majestät wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: 'O gütiger
Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Königs von
Buchtan.' Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari
secher[292], dem großen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach
Se. Majestät vor Chonsu nofer hotep: 'O du gütiger Herr, wenn du doch
wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die
Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.' Zunickung, große, große. Alsdann
sprach der König: 'Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se.
Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlösen die Tochter des Fürsten von Buchtan.'
Zunickung des Hauptes, große, große, von Seiten des Chonsu nofer hotep.
Sofort machte er den Segen viermal über den Chonsu p-ari secher. Es befahl
dann Se. Majestät, daß man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer
großen Barke mit fünf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden
rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer
Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Fürst von Buchtan mit seinen
Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausführenden.
Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: 'Du kommst zu uns, du
läßt dich bei uns nieder nach der Weisung des Königs Vesu-ma-Ra
sotep-en-Ra.'«

»Sofort begab sich dieser Gott[293] zu dem Ort, wo Bentrosch sich aufhielt.
Alsdann machte er den Segen über die Tochter des Fürsten von Buchtan: gut
ward sie augenblicklich. Hierauf sprach der Dämon, der mit ihr war, vor
Chonsu p-ari secher[294]: 'Komme in Frieden, großer Gott, welcher vertreibt
die Unholde: Deine Stadt ist Buchtan, deine Sklaven sind seine Bewohner;
auch ich bin dein Sklave: ich werde fortgehen zu dem Ort, von dem ich
ausgezogen bin, um zu befriedigen dein Herz in Betreff dessen, weshalb du
gekommen bist. Nun möge Deine Heiligkeit befehlen, daß man begehe einen
Festtag mit mir und dem Fürsten von Buchtan.' Sofort nickte dieser Gott
gegen seinen Propheten mit den Worten: 'Lasse veranstalten den Fürsten von
Buchtan ein Speiseopfer vor diesem Dämon.' Während nun Chonsu p-ari secher
dies mit dem Dämon verhandelte, stand der Fürst mit seinen Soldaten dabei,
sich gar sehr fürchtend. Indessen veranstaltete er ein großes Opfer vor
Chonsu p-ari secher und vor diesem Dämon; der Fürst von Buchtan hielt ein
Freudenfest für sie. Hierauf ging der Dämon in Frieden an den Ort, den er
liebte, auf Befehl des Chonsu p-ari secher.«

»Da war der Fürst von Buchtan aufjubelnd über alle Maßen sowie jede Person,
welche in Buchtan war. Alsdann überlegte er in seinem Herzen, indem er bei
sich sprach: 'Es könnte werden dieser Gott eine Gabe für Buchtan; ich werde
ihn nicht heimziehen lassen nach Ägypten.' So blieb derselbe 3 Jahre 9
Monate in Buchtan. Da lag der Fürst von Buchtan einstmals auf seinem Bette
und sah träumend, wie dieser Gott herausging aus seinem Hause, in Gestalt
eines Goldsperbers aufschwebend himmelwärts gen Chemi. Nachdem er vor
Entsetzen aufgewacht war, sagte er sofort zu den Theodulen des Chonsu p-ari
secher: 'Dieser Gott, welcher bei uns weilt, will gen Chemi ziehen. Lasse
also seinen Wagen fahren gen Chemi.' Alsdann ließ der Fürst von Buchtan
fortziehen diesen Gott gen Chemi, indem er ihm mitgab Geschenke, viele von
allen guten Dingen, Soldaten und zahlreiche Pferde; sie gelangten in
Frieden nach Theben. Alsdann ging Chonsu p-ari secher zum Tempel des Chonsu
nofer hotep, und er legte die Geschenke, die ihm der Fürst von Buchtan
gegeben hatte, an allen guten Dingen, vor Chonsu nofer hotep; er that
nichts in sein eigenes Haus. Es gelangte Chonsu p-ari secher zu seinem
Hause in Frieden im Jahre 33 am 19. Mechir[295] des Königs von Ober- und
Unterägypten Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra, der dieses Denkmal geschaffen hat.
Möge er Leben spenden gleich dem Sonnengott immerdar.«

Soweit der Text der Bentrosch-Stele.

Festzuhalten ist, daß Chonsu Heilgott ist, welcher durch geistige,
magische Kraft heilt.

Wir sehen aus der Erzählung, daß die Schwägerin eines ägyptischen Königs --
es ist Ramses XII. gemeint -- erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst
der einheimischen Ärzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine
Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden ägyptischen
Ärzte herbeizuholen. Ramses läßt sich darauf einen geeigneten Mann
bezeichnen, einen -- wie Prof. Dr. Lauth übersetzt -- »Künstler in seinem
Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern.« -- Setzt man nun
die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den Ägyptern voraus,
wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders
übersetzen müssen. Deshalb übersetzt auch der französische Ägyptologe
Vicomte de Rougé: »Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit
geschickten Fingern.« -- Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz
richtig, insofern »Herz« für »Wille« gebraucht wird, und er sagt
deshalb[296]:

»Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des
Pharao so verstehe, daß ihm ein Mann bezeichnet werde, der 'Herr seines
Willens und Meister seiner Finger' sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist
jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tüchtigen Hypnotiseur und
Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit
seinem Willen arbeiten muß.«

Der erwählte ägyptische Hypnotiseur, der älteste, dessen Namen bekannt
wurde, hieß Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, daß
Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es
vergingen elf Jahre, ohne daß die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater
abermals eine Gesandtschaft nach Ägypten schickte mit der Bitte, man möge
doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar
ergiebt, wird hier »Gott« euphemistisch für einen Priester der oberen
hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem
Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als
Oberpriester zu betrachten ist, er möge den Chonsu p-ari secher, einem
unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen.
Dies wird gewährt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende
Bestreichung -- +sa+ -- viermal. Für dieselbe wird folgende Hieroglyphe
gebraucht:

[Illustration: Hieroglyphe]

Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die
besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit
folgender Hieroglyphe bezeichnet wird:

[Illustration: Hieroglyphe]

Über die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen:

»Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem
Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe für mesmerische Bestreichungen, und
ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten
Formen für die Schemata halte, nach denen die Striche geführt wurden. Der
Segen ist ja in seiner ursprünglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein
Ausströmenlassen einer Kraft aus seinen Händen.«

»Der einfachere +sa+-Strich (No. 2) wurde ausgeführt, indem die segnende
Gottheit oder der Arzt in der durch die Hieroglyphe gekennzeichneten Art
über den Hinterkopf nach den Schultern zu strich, nicht einmal, sondern
wiederholt und mit beiden Händen. So spricht die Göttin Muth zu Ramses III.
auf einer Abbildung, die sich in Lepsius +Denkmälern (III. 21.)+
veröffentlicht findet: 'Ich strecke aus meine beiden Arme, um zu machen die
+sa+-Striche hinter deinem Haupte.' An beiden Seiten des +sa+-Zeichens
sehen wir Knoten oder Verdickungen. Jedenfalls bezeichnen diese die
Stellen, wo der Streichende einen Halt in der Bewegung zu machen oder einen
besondern Nachdruck auszuüben hatte. Das Gleiche ist an jener Stelle der
Fall, wo die Linie des Striches in der Gegend des Genickes sich selbst
schneidet. Aus der ganzen Führung des Striches scheint hervorzugehen, daß
sich an dieser Stelle des Genickes die Kraft der Streichungen concentriren
soll. Warum aber gerade dort? Die Kabbalisten lehren, daß ein kleiner
Knochen des Halses, Luz genannt, 'unverweslich' sei, in ihn versenkte sich
die Schattengestalt des Nephesch bei dem Verstorbenen, und aus beiden werde
der Auferstehungsleib am Ende der Tage gebildet. Dieser Luz der Kabbala ist
aber identisch mit dem Uls der ägyptischen Lehre, welcher da liegt, wo das
Rückgrat vom Hinterhaupt nach den Schultern eine Einbiegung macht. (Luz
heißt im Hebräischen wie Uls im Altägyptischen Einbiegung oder Krümmung.)
Es würde zu weit führen, diesen Uls und seinen ganzen Kultus in der Stadt
Mendes, wo die Rückgratreliquie des Osiris aufbewahrt wurde, hier zu
besprechen. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, warum bei dem Akte jenes
+sa+-Striches der Nachdruck auf die hintere Halspartie verlegt wurde, und
die Ursache hiervon liegt wohl unzweifelhaft, daß dort eine günstige Stelle
zum Erwecken gewisser transscendentaler Kräfte des Menschen gesehen wurde.
Vielfache Textstellen bezeugen, daß bei der +sa+-Bestreichung die Absicht
war, inneres Leben zu erwecken.«

»Die andere -- complicirtere -- Bestreichung (No. 1), welche vom Nofer
hotep an dem Ari-secher ausgeführt wird, erstreckte sich vermuthlich über
den ganzen Körper, ob aber über die Vorder- oder Rückseite desselben, ist
fraglich.«

[Illustration: Hieroglyphe]

»Es kommen nun unter den Hieroglyphen noch mehrfache Zeichen vor, die
solche Knoten vorstellen, und jedenfalls als ähnliche Manipulationen wie
die +sa+-Striche zu verstehen sind. Ein solches Zeichen ist +rod+, was
'festmachen' bedeutet. Das dürfte wohl ein Strich gewesen sein, um die
Unbeweglichkeit der Extremitäten zu bewirken. Ist dies der Fall, dann
geschah diese Action nicht durch einfache gerade Striche, wie bei unsern
Hypnotiseuren, sondern es wurde, z. B. um den linken Arm 'festzumachen',
wohl an der rechten Schulter begonnen, von da eine über den Rumpf gehende
Schleife gezogen, die an der linken Schulter endigte, und dann von hier aus
ein gerader Strich über den Arm mit einem Halt am Ellenbogengelenk nach den
Fingerspitzen zu ausgeführt.«

»Daß der Chonsu nofer hotep die Bestreichung viermal machte, scheint einen
ganz besondern Grund zu haben. Es entspricht dies den Bezeichnungen, die in
Verbindung mit dem +sa+-Zeichen No. 1 vorkommen, nämlich +tos-sa+, 'den
Einfluß herbeiführen', +tu-sa+, 'den Einfluß mittheilen', +meh-sa+, 'den
Einfluß vermehren', und +sotep-sa+, 'den Einfluß fixiren'. Es hat also wohl
jede der vier Bestreichungen ihren bestimmten Zweck: die Wirkung wird
herbeigeführt, mitgetheilt, vermehrt und fixirt.«

»Nicht ohne Bedeutung ist es, daß der Gott Thot, der später zum Hermes
Trismegistos geworden ist, den Beinamen +Sa+ führt. Thot ist ein Gott der
Heilkunde, der Ibis ist ihm heilig. Thot ist auch ein Gott der Erkenntniß
und zwar besonders der transscendentalen Erkenntniß, und es hat alle
Wahrscheinlichkeit für sich, daß er seinen Beinamen +Sa+ deswegen führte,
weil in der Hypnose, die ja, wie wir jetzt wissen, durch einen Act, der
+Sa+ heißt, herbeigeführt wird, die innere transscendentale Erkenntniß
aufgeht. Demnach ist es Gott Thot, welcher in der Hypnose nach der Meinung
der Aegypter das innere Schauen und besonders auch als Heilgott die
Heilverordnungen eingiebt. -- Thot wird vielfach mit Chonsu identificirt
und scheint in seiner medicinischen Eigenschaft als Mondgott mit Chonsu
nofer hotep vollständig dieselbe Person zu sein. Ich möchte hierzu auch an
den Einfluß des Mondes auf Schlafende erinnern.«

Soweit Herr Franz Lambert. Ich möchte noch hinzufügen, daß auch die
bekannten Hände der Isis, welche nach Apulejus bei Prozessionen
umhergetragen wurden (auf einen Stab gesteckte linke Hände, deren Daumen
und zwei erste Finger ausgestreckt, deren drei letzte aber eingeschlagen
sind), auf Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus hinzudeuten scheinen.




Drittes Kapitel.

Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.


Die magische Heilkunde der Ägypter knüpft, wenn in ihr auch uralte
Tempelgeheimnisse des Thot enthalten sein mögen, im Wesentlichen an den
mythischen Hermes Trismegistos[297] an und entstammt somit einer
verhältnismäßig späten Zeit. Über ihren Ursprung heißt es im hermetischen
Asklepius:

»+Quoniam ergo proavi nostri multum errabant, contra rationem Deorum
increduli et non animadvertentes ad cultum religionemque divinam,
invenerunt artem, qua Deos efficerent, cui inventae adjunxerunt virtutem de
mundi natura convenientem, eamque miscentes, et quoniam animas facere non
poterant, evocantes animas Daemonum vel Angelorum, eas indiderunt
imaginibus suis divinisque mysteriis, per quas sola idola et benefaciendi
et maleficiendi vires habere potuissent. Avus tuus, o Asclepi, medicinae
primus inventor, cui templum consecratum est in monte Lybiae circa littus
Crocodilorum, in quo ejus jacet mundanus homo, id est corpus; reliquus
enim, vel potius totus, si est homo totus in sensu vitae melior, remeavit
in coelum, omnia etiam nunc adjumenta hominibus praestans infirmis numine
suo, quae ante solebat Medicinae arte praebere. Hermes, cujus nomen mihi
avitum est, sibi cognomen patrium consistens omnes mortales undique
venientes adjuvat atque conservat.+«

»+Constat, o Asclepi, de herbis, lapidibus et de aromatibus vim
divinitatis naturalem in se habentibus, et propter hanc causam sacrificiis
frequentibus oblectantur numina hymnis quoque et laudibus dulcissimisque
sonis in modum coelestis harmoniae, concinnantibus, ut illud, quod est
coelesti usu et frequentatione illectum in idola, possit laetum humanitas
patiens longe durare per tempora; sic Deorum autor est homo. Et ne putes
fortuitos effectus esse terrenorum Deorum, o Asclepi, Dii coelestes
inhabitant summa coelestia unusquisque per ordinem, quem accepit complens
atque custodiens. Hi vero nostri sigillatim quaedam curantes, quaedam
praevidentes, quaedam hortibus et divinatione praedicentes, his pro mado
subvenientes humanis, quasi amica cognatione auxiliantur.+«

Mit diesen Worten des mythischen Hermes Trismegistos stimmt der spätere
Neuplatoniker Proklos (412-485 n. Chr.) völlig überein, wenn er sich
folgendermaßen ausspricht:

»Und wenn uns auch der Verstand an sich selbst gleichsam als Gott
erscheint, und die Seele von Urbeginn verständig ist, so sind doch die
obersten Dämonen höher geartet, sie stehen den Göttern am nächsten, sind
gleichförmig und göttlich. Die zweite auf diese folgende Dämonenclasse ist
ebenfalls des Intellects theilhaftig; sie stehen den himmlischen
Aufsteigungen und Absteigungen vor und überbringen und offenbaren die
göttlichen Befehle allen Dingen. Die dritte Dämonenclasse ist jene, welche
die Befehle der göttlichen Seelen überbringt und das Band zwischen diesen
und den niedern Dingen bildet. Die vierte überbringt die wirkenden Kräfte
aller Naturen auf die erzeugten Dinge, flößt den Einzelnen Leben ein,
schafft Ordnung, Regel und Wirkung. Die fünfte ist gewissermaßen körperlich
und schafft das Äußere der Körper. -- Die meisten von ihnen beschäftigen
sich mit der Materie und überbringen herabsteigend die Kräfte der
himmlischen Materie der irdischen, verbinden beide, bewachen das Irdische
sodann und bringen die Verschiedenheit der Formen hervor.«

Nach diesen Grundsätzen wurden göttliche Wesen konstruiert, welche den
einzelnen Krankheiten vorstanden, und man richtete an dieselben Gebete,
Hymnen und Beschwörungen, damit sich ihr Zorn besänftige, und sie die
verlorene Gesundheit wieder verliehen. Also ganz dieselbe primitive
Anschauung, wie wir sie schon bei den Akkadern fanden, und der wir noch
heute bei den Indianern, Negern &c. begegnen.

Die Ägypter betrachten die Welt als _ein_ großes Lebewesen, in welchem
alles in wechselseitiger Verbindung stehe, das von einer beständigen
Sympathie durchströmt und durch _eine_ Kraft zu _einem_ Leben vereinigt
werde.[298] Deshalb suchte man nach Kräften die wechselseitigen Beziehungen
und Wirkungen der Dinge zu erforschen, was bei den Krankheiten, da man von
dem Grundsatz: +similia similibus+ ausging, zu der von Paracelsus
aufgefrischten Lehre von den Signaturen führte. D. h. man schloß aus der
Ähnlichkeit irgend eines Teils einer Pflanze, eines Tiers oder Minerals mit
irgend einem Glied des menschlichen Körpers, daß ersterer Heilkräfte gegen
die Krankheiten des letzteren besitzen müsse. So galt als gegen
Hauptkrankheiten und Epilepsie besonders wirksam die Päonienknospe, ferner
der Mohn, die Wallnuß, Muskatnuß, Meerzwiebel, der Lerchenschwamm &c. Gegen
Augenkrankheiten wurden Augentrost, Habichtskraut, Skabiosen usw.
angewendet; gegen Zahnleiden die Zahnwurz, Granatapfelkerne, Zirbelnüsse,
die Knöllchen des Feigwarzenkrautes &c., gegen Ohrenleiden die Blätter von
der Haselwurz, dem Löffelkraut und der Wassermünze. Dieselben sollten auch
gegen Nasenleiden dienen, weil zwischen Ohr und Nase eine besondere --
wahrscheinlich aus der Beobachtung der Katarrhe geschlossene --
Verwandtschaft bestehe. Für die Kehle galt als heilsam das Wintergrün, der
Hirschschwamm und der Zimmt. Für die Lunge war das Lungenkraut signiert;
für das Herz die Citrone, der Pfirsich, die Brechnuß und Anthora; für die
Leber Äpfel, eine -- nicht genannte -- Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und
das Leberkraut; für die Milz das Scolopendrium, die Hirschzunge,
Mauerraute, das Milzkraut; für den Magen die Blätter des Alpenveilchens,
Ingwer, Galgant; für die Gedärme eine nicht näher genannte Windenart,
Calmus, Zimmt; für die Blase die Judenkirsche, Staphisagria, der
Nachtschatten; für die Geschlechtsteile die Wurzeln aller Orchisarten; für
die Gebärmutter die Hohlwurz; für die Nieren der Portulac und das
Alpenveilchen; für die Gelenke die Datteln; für die Hände die jetzt +Palma
Christi+ genannte Orchideenwurzel.

In ähnlicher Weise wandte man in späterer Zeit in Ägypten den +humores
peccantes+ der Galen'schen Humoralpathologie ähnlich gefärbte Pflanzensäfte
zur Austreibung der Ersteren an. So gegen die gelbe Galle Kümmel, Crocus,
Aloe, Senna, Wermut, Koloquinte, Rhicinus, Rhabarber. Gegen die schwarze
Galle allerlei Pflanzen mit dunkelgefärbten Blüten, wie Smilax, rote Melde,
Ochsenzunge &c. Gegen überflüssige phlegmatische Feuchtigkeiten Pflanzen
mit Milchsaft oder weißen Blüten, weiße Schwämme, wie Lerchenschwamm &c.
Gegen die sogenannte rote Galle wurden Pflanzenstoffe von rotem Aussehen,
rote Blüten, rote Säfte usw. angewendet, wie rotes Sandelholz, Rotkohl,
Alkannawurzel &c.

Der Grundsatz: +similia similibus+ durchzog die ganze Arznei. So wandte man
z. B. gegen den Stein einige zubereitete Steinarten, menschliche
Blasensteine, die steinigen Concremente in gewissen Fischaugen &c. an;
gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlöcherte Kräuter wie
das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Scorpione wurden zubereitet,
um als Gegengift zu dienen. Gegen allzulebhaften Geschlechtstrieb wandte
man Pflanzen an, welche nach alter Anschauung keine Frucht hervorbrachten,
wie Salat, Sadebaum, Weide. Umgekehrt suchte man durch saftstrotzende
Pflanzenteile -- wie Orchideenwurzeln -- oder durch den Genuß geiler Tiere,
wie des Sperlings und des Skinks die daniederliegende Zeugungskraft zu
heben. Das Fleisch gefräßiger Tiere, wie des Wolfs oder des Karpfens genoß
man zur Hebung des Appetits, während der Genuß des Fleisches intelligenter
Tiere Intelligenz, das träger Trägheit hervorrufen sollte. Endlich wandte
man sich durch hervorragende Leistungen auszeichnende Körperteile gewisser
Tiere gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Körperteile an, wie
z. B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht.

Erscheint uns nun auch bei der Lehre von den Signaturen das Meiste nicht
mehr haltbar und barock, so läßt sich jedoch keineswegs in Abrede stellen,
daß dem Ganzen ein großer und richtiger Gedanke zu Grund liegt, welcher der
Vater der Homöopathie ist; und erinnert es nicht an die Impfung und
Serumtherapie, wenn die Ägypter aus giftigen Tieren Gegengifte bereiteten?

Wie allbekannt, nahm man einen Gestirneinfluß auf alles Irdische und
mithin auch auf die menschlichen Glieder und Pflanzen an, wobei die Ägypter
(doch wohl erst der alexandrinischen Zeit?) nach Ebn Esra besonders die
zwölf Zeichen des Tierkreises als maßgebend betrachteten. Auf diese Art
entstand eine astrale Botanik und eine astral-botanische Heilkunde, bei
welcher die vier Grade der alten Grundeigenschaften der Dinge: warm und
trocken, warm und feucht, kalt und trocken, kalt und feucht, besondere
Berücksichtigung fanden. Ebn Esra giebt von dieser Lehre folgende
Grundzüge[299]:

»Der Widder ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes, das
menschliche Haupt beherrschendes Zeichen. Die ihm unterworfenen Pflanzen
sind warm und trocken in vier Graden.

Im ersten Grad stehen: der rothe Beifuß, die Betonica Cichorie, die
Dürrwurz, der Traubenhollunder, die Münze, der Huflattig und Ehrenpreis.
Diese Pflanzen sind nach dem in die Hundstage fallenden Vollmond zu
sammeln.

Dem zweiten Grad gehören an: der Spargel, das Johanniskraut, die
Schafgarbe, der Wegebreit, die Päonie. Zu sammeln sind sie, wenn sich Sonne
und Mond im Krebs befinden.

Dem dritten Grad gehören an: der Lerchenschwamm, Kellerhals, die
Coloquinthe, der Enzian, Liguster, Rhicinus, Hollunder. Sie sind Ende Juli
und Anfang August[300] zu sammeln.

Dem vierten Grad gehören an: die weiße Nießwurz, der Majoran, der weiße
Andorn, die Kresse, der Rosmarin. Sie sind theils im April, theils im
September zu sammeln.

Der Stier ist ein weibliches, kaltes, trockenes und irdisches Zeichen; ihm
ist Hals und Gurgel unterthan. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und
trocken.

Dem ersten Grad gehören an: das Milzkraut, Cathera(?), der Gamander, Epheu,
die Lilienwurzel, Narcisse, das Engelsüß, die Rose, der Baldrian, das
Veilchen. Dieselben erweichen die Geschwülste des Halses und der Milz.

Dem zweiten Grad gehören an: das Venushaar, die Judenkirsche, die Aklei,
die Eiche und Eichenmistel. Diese Pflanzen sind Wundkräuter.

Dem dritten Grad gehören an: die Ochsen- und Hundszunge, das
Carduibenedictenkraut, der Wasserhanf, die Klette, die Doste, Petersilie,
der Sanikel, die Braunwurz, Tormentill und das Kreuzkraut. Alle sind
Wundkräuter.

Dem vierten Grad gehören an: das Mausöhrchen, Schöllkraut, die Esche,
Malve, das Lungenkraut und die Scabiose.

Die Zwillinge sind ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen,
dem die Schultern unterworfen sind. Die ihm zugehörigen Pflanzen sind warm
und feucht.

Dem ersten Grad gehören an: der Anis, Althästrauch, Boretsch, Fenchel,
Ysop, die Prunelle und Mauerraute.

Dem zweiten Grad: das Farrnkraut, die Linde und Rübe.

Dem dritten Grad: die Vogelmiere, Aronswurz, der Macis, Sauerklee und die
Taubnessel.

Dem vierten Grad: der Sauerampfer, die Camille, das Mutterkraut, der
Rhabarber.

Der Krebs ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, dem
Brust, Lunge, Rippen und Zwerchfell unterthan sind. Die ihm angehörigen
Pflanzen sind kalt und feucht.

Dem ersten Grad gehören an: der Kohl, die Kardendistel, die Bohnen, die
Rapunzel, die Weinreben und die Braunwurz.

Dem zweiten Grad: der Erdbeerstrauch, die Tanne, die Zirbelnüsse, der
Nachtschatten, die Terebinthe und Mistel.

Dem dritten Grad: die Binse, die Brunnenkresse, der Petersiliensamen,
Portulac, die Weide, der Steinbrech und Mauerpfeffer.

Dem vierten Grad: die Muscheln[301], die weiße Coralle, der Krystall, die
Perlmutter, die Wasserrose, die Krebsaugen, der Vitriol.

Der Löwe ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen,
welchem Herz und Magen unterthan sind. Die ihm zugeschriebenen Pflanzen
sind warm und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: das Basilicum, der Crocus, die Cypresse,
Gewürznelke, der Ysop, Lavendel, Wegerich, Sonnenthau und Thymian.

Dem zweiten Grad: die Angelica, das Zweiblatt, die Kornblume, der Galgant,
Enzian und Teufelsabbiß.

Dem dritten Grad: die Hundscamille, Pastinakwurz, Münze, Gartenkresse, das
Flöhkraut, die Ranunkel und Brennnessel.

Dem vierten Grad: die Birke, der Buchsbaum und Lorbeer.

Die Pflanzen des ersten Grades müssen gesammelt werden, wenn die Sonne in
den Fischen, der Mond im Krebs ist; die des zweiten Grades: zu Anfang Mai
vor Sonnenaufgang oder zu Ende August; die des dritten Grades, wenn die
Sonne im Löwen und der Mond in der Jungfrau, oder wenn die Sonne im Stier
und der Mond in den Zwillingen sich befinden, vor Sonnenaufgang; die des
vierten Grades, wenn die Sonne in den Fischen und der Mond im Wassermann
steht.

Die Jungfrau ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen,
dem der Bauch, die Leber und Eingeweide unterthan sind. Die ihr
zugeschriebenen Pflanzen sind kalt und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: die Berberitze, Cichorie, der spitze Wegerich,
die Birne und der wilde Salbei.

Dem zweiten Grad: der Mangold, die Hagebutten, die Mispel, das
Salomonssiegel.

Dem dritten Grad: die Osterluzei und Dürrwurz.

Dem vierten Grad: das Tausendgüldenkraut, die Schlangenzunge, die Schlehe
und Schlangenwurz.

Die Wage ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches
den Nieren und der Blase vorsteht. Ihr werden folgende warme und feuchte
Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: das Gänseblümchen, der Bärwurz, der Bocksbart.

Dem zweiten Grad: der Lauch, Türkenbund und das Eisenkraut.

Dem dritten Grad: das Löwenmaul, der Beifuß.

Dem vierten Grad: der Lachenknoblauch, Hühnerdarm, die Haselnuß und
Mauerraute.

Der Scorpion ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen,
welches den Genitalien vorsteht. Ihm werden folgende kalte und feuchte
Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: das Kreuzkraut, der Weißdorn, die Vogelbeere.

Dem zweiten Grad: die Esche, der Apfelbaum, die Pflaume.

Dem dritten Grad: die Erbse und das Seifenkraut.

Dem vierten Grad: die Melde, das Bingelkraut und die Narcisse.

Der Schütze ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen,
welchem die Lenden und Schenkel unterthan sind. Ihm werden folgende
Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: die Zwiebel, der Rettig, der Sesam und die
Königskerze.

Dem zweiten Grad: der Lauch, das Liebstöckel.

Dem dritten Grad: die Haselwurz, das Curcume, der Gundermann, die
Maulbeere.

Dem vierten Grad: die Eselsgurke, Wolfsmilch und Waldrebe.

Der Steinbock ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen,
welches den Knieen und Sehnen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Ringelblume, Schwarzkirsche, der Alant, die Maul- und
Heidelbeere.

Dem zweiten Grad: das Scharlachkraut, das Wollkraut.

Dem dritten Grad: der Wasserschwertel, das Täschelkraut, der Kürbis und die
Disteln.

Dem vierten Grad: die Nießwurz, das Bilsenkraut, die Mandragora, der
Sturmhut, der Nachtschatten und das Läusekraut.

Der Wassermann ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen,
welches den Schienbeinen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Möhre, die Feige, der Steinklee und die Sanikel.

Dem zweiten Grad: der Kümmel, die Flachsseide, die Rosenwurz, das
Mauerkraut.

Dem dritten Grad: die Odermennige, das Mäuseöhrchen, die Gerste, der
Steinbrech.

Dem vierten Grad: das Herzgespann und die Mispel.

Die Fische sind ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen,
welches den Füßen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: Die Buche, die Osterluzei, das Kraut, die Myrobalanen und
Rüben.

Dem zweiten Grad: Die Artischocke, die Kornblume, das Stächaskraut.

Dem dritten Grad: der Schwarzkümmel und Mohn.

Dem vierten Grad: der Schierling, das Bilsenkraut, der Sturmhut und
Nachtschatten.«

Wir dürfen Ebn Esra wohl unbedenklich glauben, daß das eben geschilderte
astrologisch-botanische System den Ägyptern der alexandrinischen Zeit
entstammt; allein, was uns hier vorliegt -- ich habe Ebn Esras Originalwerk
nicht auftreiben können[302] -- ist offenbar die Bearbeitung desselben
durch einen deutschen Arzt des 16. Jahrhunderts. Es kam indessen auch nur
auf eine Darstellung des Systems und der Methode an.




Viertes Kapitel.

Die Seelenlehre der alten Ägypter.[303]


Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und
die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht
ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen
Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter
Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern
Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen
Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem
Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage
Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung,
daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich
geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche
Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der
Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet
werden.

Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische
Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der
Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder
verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht
mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch,
Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die
Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft
ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden
gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten
niederließ.

Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den
prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten
Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit
theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245
v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in
unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten
Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen
und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer
von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist
die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste
und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der
Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der
Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie
derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt
langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden,
welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre
von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. -- War ein Keim
aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester
ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?

Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in
Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen
Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung
beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That
greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf
Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den
ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den
neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. --
Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses
zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen
Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von
70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während
ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden,
das nachmals durch das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer
Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse
der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf
-- mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und
Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die
Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die
zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern
vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz
erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst
seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?

Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern
versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten,
körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem
transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen
esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die
gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und
Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für
vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen
Geheimlehren gehalten werden dürfen. -- Zuvörderst muß ich jedoch zum
besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des
Menschen nach dem Tode schildern.

Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines
Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen
Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:

»Von _einer_ Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich,
gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele
Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich
in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel.
Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als
Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu
Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.«

Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die
Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer der Seele nach dem
Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe
Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch
die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des
Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die
Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit
ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt,
befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung
sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und
Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den
irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der
Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der
Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer
Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches:

»Da ich für fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn
der Götter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und
Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der
Götter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.«

Der Glaube an »ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der
Frevler«, wie sich die Ägypter ausdrücken, setzt ein Gericht voraus, das
nach dem Hinscheiden über den Verstorbenen gehalten wird. Dieses
Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen
Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geißel
in den Händen, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem
Abzeichen des Oberrichters, einem Täfelchen, welches die Wahrheit genannt
wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfängt die Göttin der
Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine
Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalköpfige, legt
eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale.
Horus, der sperberköpfige, prüft das Gewicht, und Thot, der ibisköpfige
Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wägung auf einer
Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.

Wurde das Herz zu leicht befunden, so mußte der Verstorbene zum zweitenmal
sterben, d. h. sein Herz hat die dreitausendjährige Wanderung durch die
verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen,
während die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Höllengeister
anheimfällt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das
transscendentale Wesen des Verdammten als rächender Dämon, erinnert sie an
die Verachtung seines Rates, an die Verhöhnung seiner Bitten, züchtigt sie
mit der Geißel ihrer Sünden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der
heraufbeschworenen Elemente preis. Beständig zwischen Himmel und Erde hin
und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die
verurteilte Seele menschliche Körper heim, um sich in ihnen einzunisten,
und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, belädt ihn mit Fluch
und stürzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten
schließlich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fällt sie doch nur dem
zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hölle, die in ihrer
Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die
Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in
glühenden Kesseln gebraten, unter den fürchterlichsten Durstesqualen in
kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu
Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in
Schatten. Von roten Dämonen werden sie an Pfähle gebunden und mit
Schwertern zerfleischt, mit den Füßen nach oben gehängt, ihnen das Herz aus
dem Leibe gerissen usw. -- Die Darstellung dieser Qualen der Hölle scheint
jedoch nur an die Adresse der großen Menge gerichtet gewesen zu sein, in
der esoterischen Lehre dürften die Strafen für immaterielle Wesen doch
anders gelautet haben.

Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so
harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Götter
erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.

Sie reinigen seinen Körper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein
und kräftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Körper zur Wiedergeburt
vor.

Die Vorstellung, daß am Sterbebette der Frommen Götter erscheinen, seine
Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schützen, begegnet uns
wieder im Gnostizismus. -- So sagt St. Pachomius:

»Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel.
Gott will durch sie bewirken, daß die Trennung der Seele vom Leibe eine
schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Häupten, der andere zu Füßen
des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Körper
mit Öl einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel
hält in den Händen ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er
die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen
unverständlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den
Sphärenwohnungen.«

Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine ächt ägyptische.
Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier ägyptischen
Totengenien.

Der Verstorbene, welcher bei der Wägung des Herzens von sich sagen konnte,
daß er die verschiedenen Sünden nicht begangen und genügend gute
Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen
konnte, führt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese
antreten. Das Vermeiden böser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch
nicht für genügend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in
das Paradies, der Genossenschaft der Götter zu würdigen. Die guten und
bösen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunächst Ergebnis seiner
Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur
das Herz, sondern auch der Verstand mußte den Göttern ähnlich sein. Der
Verstorbene mußte die Religionslehre kennen, die Namen der Götter wissen
und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen
nicht auf dieser Höhe, so mußte er im Zwischenreich längere oder kürzere
Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch
begegnen.

Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als
Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphäre, ohne zu leuchten, durch
das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das
Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten
wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von
der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphäre, Amenti,
gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris,
sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.

Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land Ägypten
etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Städten, mit Äckern und
Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das
Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt
verlassen hat, als ein ähnliches Land zu denken, jedoch mit Abänderungen,
welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten Ägyptern aus
Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurückzuführen sein dürften.

Die Überfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphäre
macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefährte.
Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den »Weg, der
unter der Erde ist«. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er
ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht
sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswärme. In der Region
der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner,
die vorhin erwähnten Uschabti. Ich halte diese für die noch nicht an Wissen
vollendeten Verstorbenen, gewissermaßen »die armen Seelen des Fegfeuers«.
Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u. s. f. Der
Verstorbene müßte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu
verrichten, »zu bebauen die Felder, zu füllen die Kanäle mit Wasser, zu
führen den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt«. Alles Arbeiten,
welche die Uschabti ohne Gebrauch von Händen und Füßen verrichten, nur
»vermöge der ihnen innewohnenden Fähigkeiten«, wie es auf den Texten der
Uschabtifigurinen heißt. Ist er jedoch bereits geistig höher entwickelt, so
genügte es, daß man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner
Mutter, fast stets darin bemerkt ist, »Licht ausgestrahlt«, das heißt, daß
er bereits ein Geläuterter ist, und daß die Uschabti ihn für fähig erklären
sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti
noch stumm sind, und die Befähigung nicht aussprechen können, gerade
deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte
Befähigung genügt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti
aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im großen Zuge
der Götter. Nach und nach erhält er seinen Mund, d. h. seine Sprache, seine
Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurück. Er bekämpft Krokodile und
allerlei schlimmes Gewürm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der
das Gesicht nach hinten hat; er stößt den zurück, der den Esel verzehrt; er
rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu müssen, -- Abenteuer, die zwar
recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu
Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach
Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam
um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schätzbarer zu machen. Auch
diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.

Es würde natürlich zu weit führen, alle Details des Zwischenreiches Amenti,
wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausführlich zu besprechen, oder
auch nur deren Namen anzuführen; auch würde es sehr schwer sein, einen
Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gängen, Hallen, Thoren,
Städten und Gauen zu geben. In der That war das berühmte, von dem König
Amenemha III. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne
Darstellung des Amenti.

An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am
Himmel über uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein,
gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt
er den dreimal drei großen Göttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die
Barke, um auf dem »Wasser des Friedens« zu fahren, vorbei an Städten und
Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den
Göttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer
darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflügen, säen und
ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die Ähren haben drei Ellen,
die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit,
ein Dankopfer dar für den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er
in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem
Gau vorgeht. Er sproßt als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er
nimmt die Gestalt des Phtha an, und genießt die Opfer, welche diesem Gotte
dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lüfte als Horussperber,
verwandelt sich in den heiligen Phönix usw.

Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern
scheint nur ein Lohn zu sein für das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie
alle Seelen ein Ausfluß der All-Seele sind, so müssen sie auch wieder zur
All-Seele zurückkehren, in den höchsten reinsten göttlichen Urzustand.
Maspero sagt:

»Es giebt zwei Götterchöre, der eine schweift umher, der andere steht
unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklärten Weihe
der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft« (richtiger: Dämon = +chu+),
»sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.«

Es erübrigt mir noch, einige Bemerkungen über das Totenbuch beizufügen. --
Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die
Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene
dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mußte, so wurden sie auf
einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen
Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus
führen in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form
und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus
vorliegen, dürfte deren Entstehung wohl nicht über die 18. Dynastie
zurückreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im
alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heißt es
z. B. ausdrücklich im 64. Kapitel:

»Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte,
mit blauer Farbe geschrieben zu Füßen des Gottes Thot, zur Zeit des Königs
Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war,
um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den königlichen Wagen,
als er sah, was darauf geschrieben stand. O, großes Geheimniß! Er sah nicht
mehr, er hörte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er
berührte kein Weib mehr und aß weder Fleisch noch Fisch.«

Die ältesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf
Holzsärgen der 11. Dynastie. -- Das Totenbuch wurde von den Priestern
sorgfältig geheim gehalten. So heißt es am Schlusse des 162. Kapitels:

»Dieses Buch ist ein großes Geheimniß: Lasse es kein Menschenauge sehen; es
wäre das eine große Sünde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch
von der verborgenen Wohnung.« (Ferner Kapitel 133:) »Laß dieses Buch keines
Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen
Söhnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es
verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Götter, da die Götter ihn betrachten,
wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf
ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.«

Der Grund der Geheimhaltung dürfte der sein, daß der Mensch nicht im
Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, daß er sich nicht
über die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der
Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befürchten war. Ein weiterer Grund
war wohl auch der, daß nicht Mißbrauch damit getrieben werden sollte. Es
wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der
Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der
Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bösen Zauber versuchte.

Ich komme nun zu meinen Resultaten über die verschiedenen Bezeichnungen für
die leiblichen, seelischen und geistigen inhärierenden Bestandteile des
Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im
Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, daß diese mit den Bezeichnungen
der Kabbala und des Esoterismus überhaupt übereinstimmen. Letzterer tritt
uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblühen der neueren Zeit bei
den tonangebenden Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van
Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei
Paracelsus ausgeprägt.

Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer
Siebenteilung sich darstellt, so auch in der ägyptischen Priesterlehre.
Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des
Menschen nennen.

Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Körper, ägyptisch +chat+,
hebräisch +guf+, bei Paracelsus »Elementarleib« ausgehend, finden wir als
das zweite, das Leibesleben, ägyptisch +anch+, hebräisch +coach ha guf+,
bei Paracelsus »der Archäus« oder die »Mumia«. Dieses +anch+, Leben, wurde
als Hauch und Lebenswärme (+nifu+ und +bas+) gedacht, und da es durch den
Tod dem Körper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von
neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen
den Gott Anubis, die Hände wie zum Segnen über den auf der Bahre liegenden
Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels
mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem
Segel, versehen, in den Körper wieder ein. Dadurch wird aber der
Verstorbene nicht ein +anch+, ein körperlich Lebender, sondern ein +sahu+,
ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: »Es macht
ihn zum +sahu+ der Gott Anubis selbst.« Bei einer ähnlichen Abbildung
lautet die Beischrift: »Die Seele, ihren Körper erblickend, vereinigt sich
zu ihrem göttlichen +sahu+.«

Der dritte Grundteil, in der Kabbala +Nephesch+, bei Paracelsus »der
siderische Mensch«, »Astralleib« oder +Evestrum+ wird durch die Hieroglyphe
+ka+ bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. Über
den +ka+ ist von den Ägyptiologen vielfach geschrieben und gestritten
worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des
Menschen nach dem Tode, +le double de l'homme+, erklärt. Pierret
widerspricht dem und findet in +ka+ gerade im Gegenteil die körperliche
Substanz, die materielle Person, die Individualität des Leibes. Zieht man
die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, daß
beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollständig sind. +Ka+ ist
die Persönlichkeit des körperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgänger
stofflicherer Art, als der geistige Doppelgänger, welchen wir im sechsten
Grundteil, dem +cheybi+, kennen lernen. +Ka+ ist auch die körperliche
Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht
somit vollständig dem obersten Gliede im +Zelem+ des +Nephesch+.

Der Gebrauch der Ägypter, die Leiche auf das sorgfältigste vor Verwesung
zu schützen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heißt, die Möglichkeit der
astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, daß in dem mumifizierten
Körper etwas Immaterielles als zurückbleibend gedacht wurde, das, mit den
höheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es muß
angenommen werden, daß den Ägyptern ein ähnliches wie der +Habal de garmin+
der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende +Zelem+ des +Nephesch+,
bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die,
wenn auch mystisch dunkel gehaltene Bestätigung dessen. Die Vignette,
welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem
baldachinartigen Himmelsgewölbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es
im Texte heißt, daß er sich »in den Leib versenkt«. Einige Zeilen weiter
heißt es: »(Dieses ist) das Geheimniß von demjenigen Leben, welches das
Ergebnis der Zerstörung des Lebens ist.« Dieses Leben also, das Resultat
des durch den Tod vernichteten +anch+, kann daher wohl für übereinstimmend
mit dem +Habal de garmin+ angesehen werden.

Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemüt, in der Kabbala +Ruach+, bei
Paracelsus »der tierische Geist«. Die Hieroglyphe dafür stellt das Herz
dar, mit der Lautung +hati+ und +ab+. Als der Sitz des Gemütes, des
Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im
Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, daß nicht die Seele,
sondern das Herz, dessen Ausflüsse die guten und bösen Thaten, die Werke
der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wägung in Betracht kommen.
Auch als Wille oder tierische Seele finden wir +hati+ im Totenbuch
aufgefaßt. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurückgegeben,
wodurch er die Herrschaft über seine Glieder zurück erhält, und zwar
geschieht dies, wie es dort heißt, »zum Besten seines +ka+«, seines
Astralleibes. Dieses »zum Besten seines +ka+« ist insofern wichtig, als
daraus zur Evidenz hervorgeht, daß der +ka+, der Astralleib, als die
körperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.

Der fünfte Grundteil ist die Seele, +Neschamah+, bei Paracelsus die
»verständige Seele«, die Trägerin der Vernunft, des Verstandes und
Gedächtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit
Menschenkopf, +bai+ oder +ba+. Horapollo lehrt, daß die Psyche, die Seele,
ägyptisch +bai+ heißt. Da nun aber das griechische Wort %psychê%
verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (+ratio+), Gemüt (+mens+) und
Leidenschaft (+appetitus+), dann Lebenskraft (+spiritus vitalis+), wir aber
die letzteren bereits in +hati+, +ab+ und +anch+ kennen gelernt haben, da
ferner +ba+ im Totenbuche nie im Sinne von Gemüt, Leidenschaft oder
Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns für +bai+ nur die Bedeutung
Verstand (+ratio+) übrig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem
+Neschamah+ der Kabbala paßt.

Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den +Zelem+ des
+Ruach+ ausmachen, und zugleich das unterste Glied im +Zelem+ der
+Neschamah+. Mit dem fünften Grundteil, Seele, schließt die Reihe der
Bezeichnungen für die bewußte Person des Menschensubjektes und es beginnt
die unbewußte, die transscendentale Person.

Der sechste Grundteil, in der Kabbala +chaijah+, bei Paracelsus
»Geistesseele«, ist hieroglyphisch +cheybi+, der Schatten, geschrieben
durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt
(ungefähr in der Form von einem Palmblattfächer). Es entspricht den %skiai%
und +umbrae+ der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der
Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefühlt werden
kann. Der +cheybi+ wandelt täglich auf Erden umher, sieht seine Angehörigen
und freut sich über die an das Grab gebrachten Opfergaben. Häufig kommt die
Dualform +cheybti+ vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls
bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib +ka+, der ja
als Doppelgänger auch eine Art von Schatten ist.

Merkwürdig dürfte es sein, daß sehr häufig in den bildlichen Darstellungen
der +cheybi+ umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein
Fries aus Karnak zeigt Köpfe mit dem Zeichen +cheybi+ bekrönt abwechselnd
mit der Geißel, dem heute noch in Ägypten vielgebrauchten Kurbatsch.

Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren
+jeschida+ und »der göttliche Gedanke« der deutschen Mystik, oder bei
Paracelsus »der Mensch des neuen Olymps«, ägyptisch geschrieben durch die
Hieroglyphe +chu+, deren Bedeutung: »Der Leuchtende, Strahlende« ist. Es
ist der »Geist« im höchsten Sinne des Begriffs. Mit +cheybi+ und +bai+
vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten
(für welche beide der Ausdruck +chu+ gebraucht wird, bei letzteren jedoch
mit dem Zusatz +moti+, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute
oder böse Dämon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen
drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die %daimones%, %êrôes% und
%psychai archontoi% in dem Jamblichus zugeschriebenen +de mysteriis liber+
zu sein.

Eine Bestätigung für die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien
in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92.
Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen für die
geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen
Reihenfolge angeführt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend,
zum oberen fortschreitend. So heißt es: »Nicht werde meine Seele gefangen,
nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem +ba+,
meinem +cheybi+ und meinem +chu+«. Dieses also sind die drei obersten
Grundteile. Ferner erwähne ich die Stelle: »Der Weg der Bösen sei abgelenkt
von meinem +ka+, meinem +ba+ und meinem +chu+.« Hier sind also der 3., 5.
und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der
körperlichen, der bewußt-geistigen und transscendental-geistigen Triade,
außerdem findet sich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner
Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt
in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf,
welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath
überreicht dem Verstorbenen seinen +ka+, Hapi sein +ab+, Tiaumutef seinen
+ba+ und Kebsonuf seinen +cheybi+.

Es wird nach dem bisher Gesagten als höchst wahrscheinlich gelten müssen,
daß sich wesentliche Teile der ägyptischen Seelenlehre mehr oder weniger
unmittelbar über die späteren Kulturvölker verbreiteten. Daß Griechenland
seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze,
Staatsverfassungen und Religionsgebräuche aus Ägypten bezogen, wird von den
griechischen Schriftstellern selbst zur Genüge bezeugt. Schon Orpheus soll
ein Schüler ägyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn
gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an ägyptische Mysterien.
Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte,
was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht hätte, hatte Ägypten
besucht. Pythagoras war mit den größten Anstrengungen in die esoterischen
Lehren eingedrungen, indem er selbst ägyptischer Priester wurde. Er
verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den
Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen
Quadrate erwähnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem
die Hierogrammaten mitteilten, daß der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren
vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in
verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach
ägyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit
Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl
vertraut wurde.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward Ägypten, und speziell
Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit
mit dem Aufblühen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und daß auch die
deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung
durch diese Vermittelung aus der alten Quelle ägyptischer Weisheit
schöpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden können. Ganz besonders
hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in
diesen esoterischen Lehren während seiner Orientreise zu genießen. Seitdem
nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr
auch die Schätze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst
in dieser einige charakteristische Züge, welche eine Verwandtschaft mit der
ägyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung
einer Aufwärtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen
durch unzählige Verkörperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die
daran anknüpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung
des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings
je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verändert gerechnet
wurde.

Ob nun vielleicht auch die Indier aus der ägyptischen Quelle esoterische
Weisheit geschöpft haben und wann? Ob in frühester Zeit oder etwa erst um
1300 v. Chr., wo die Handelsverbindung beider Länder ihren Anfang genommen
haben dürfte: darüber läßt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel dürfte
gewiß sein, daß die brahmanischen Weisen einen großen Teil der ägyptischen
Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern
des Westens, welche nach denselben begehren, allmählich mehr gelingt, in
deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf
dem Standbild der Göttin Neith zu Sais, welche die Hüterin der Geheimnisse
war, die Worte geschrieben:

    »Keiner lüftet jemals meinen Schleier«.




Fünftes Buch.

Der Occultismus der Hebräer.

Erstes Kapitel.

Die schwarze Magie der Hebräer.[304]


Nach der Kabbala steht alles Existierende im großen wie im kleinen, im
einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. Überall ist das
Äußere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprägung des Höheren,
und in derselben Weise, wie das Höhere und Innere nach unten und außen
wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und Äußere nach oben und innen magisch
zurück. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.

Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenüber, während der
Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Ausläufer
der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der
Rapport zwischen dem Unteren und dem Höheren wird durch den Kultus, durch
die mit rituellen Handlungen verknüpfte Assimilation hergestellt, indem das
Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben
gleichförmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist.
Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Kräfte an sich zu ziehen, um in
seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Möglichkeit der
Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.

Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem Äußern, des Menschen mit
der Natur, d. h. eine Naturmagie möglich sein. Bei derselben wird die
Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmäßigen Verhaltens gefordert,
um sich mit den Kräften und Individualitäten der Natur in Verbindung zu
setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von
künstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand
versetzen muß.

Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch böse, kann aber leicht in
beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht
ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nämlich alle Wesenheiten des
Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette,
in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene
wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und
äußern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und
Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den höheren
Intelligenzen, welche sich ihm auf äußerliche Weise durch die unteren
getrübten Naturkräfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den
Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem höheren oder tieferen Ursprung
von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger
als unverbrüchliche Wahrheiten. Selbst die höheren Wesen dieser Klasse
haben nur Einsicht in die natürlichen Verhältnisse der Dinge und das
Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre früheren Handlungen
bedingt ist, während sich das aus den künftigen Thaten Entspringende ihrer
Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber
sind noch unzuverlässiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe
dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die
dämonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den
Menschen oft geflissentlich belügen. -- Die Kabbala kennt also bereits die
bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen
mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde
Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings außermenschliche Züge
tragenden +esprits menteurs+ unverkennbar geschildert sind.

Aber auch zum Bösen kann die Naturmagie führen, weil der Mensch große
Gefahr läuft, unter den Einfluß niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer
tiefer in das Dunkel der Natur führen, ihn moralisch und intellektuell
verkommen lassen und alle »Schrecken des Mediumismus« über ihn
heraufbeschwören.

Es dürfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze Übersicht über das zu
geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren
bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern,
Paracelsus, van Helmont und überhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und
von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den
Elementarwesen abhängig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim,
das Werk der Elementarwesen, nennt.

Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, daß nichts in der Welt ohne geistiges
Leben sei und daß, wie sich Paracelsus völlig im Geiste der jüdischen
Geheimlehre ausdrückt, »nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei
P. geistiges Leben überhaupt) ist[305]«. Demgemäß läßt sie die Elemente
durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten
Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers,
der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen
und Pygmäen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. -- Die
ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben
etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur
und helfen den Menschen gern. -- Die zweite Klasse ähnelt der ersten, nur
steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. -- Die dritte Klasse steht
noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch
(Astralleib), während die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem
mineralischen Nephesch bekleidet ist. -- Diese beiden letzten Klassen
können mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen
unterscheiden sich die Elementarwesen hauptsächlich nur dadurch von den
Menschen, daß ihnen sowohl die höheren geistigen Grundteile als auch der
Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen.
Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedürftig, welche sie aus
den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dämpfen der Opfer und Räucherungen
ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflösung
unterworfen.[308]

Die letzten beiden Klassen sind meist bösartige Koboldnaturen, die den
Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufügen; doch giebt
es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut
meinen und allerlei häusliche Dienste verrichten.[310] -- Die Kabbala
unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie
nämlich unter Menschen, in Einöden, an unflätigen Orten usw. wohnen, ein
Gedanke, welchem wir bei den +Sylvestres+, +Vulcanales+ usw. des Paracelsus
wieder begegnen.

Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre
den Übergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind,
weil dem Menschen leiblich am nächsten stehend, demselben besonders
gefährlich. Sie sind mit mancherlei ungewöhnlichen Kräften und Einsichten
in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerüstet und entbehren auch
nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die höhere geistige Naturwelt,
weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jüdischen Zauberer nahe
lag, der zum Reiche des Bösen hinabführt. -- Ganz besonders sind es
widernatürliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim
anziehen, weshalb manche Zauberer -- Bileam[312] gilt hier %kat' exochin%
als Beispiel -- solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn »das Wesen der
Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander
verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann
vermischen und verbinden sich ihre oberen Kräfte miteinander und bringen
eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch
dahin usw. Der Mensch muß die Welt lassen nach dem einfachen natürlichen
Gange, das ist der Wille Gottes[313]«. -- Ich habe wohl kaum nötig, hierzu
auf gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus hinzuweisen.

Durch diese Claim werden nämlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene
Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine
Art dämonischer Schemen bilden. -- Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus
und Jung-Stilling wiederholt.[314] -- Doch nicht allein durch die Claim
werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede
That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich
der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde
auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus über die aus ihren Sünden
erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn
nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]

Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie heißt -- wie erwähnt --
Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das
Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim -- entgegengesetzt den
wirklichen Dämonen -- die Menschen nicht in völliges Verderben ziehen. --
Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, daß die Schedim zwar
nicht die Wesenheit der Dinge verändern, wohl aber die Dinge sammeln und
von Ort zu Ort bewegen können.[317] -- Die Bringungen, Bewegungsphänomene
usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.

Die eigentliche Naturmagie ist zum großen Teil von der geistigen Stärke und
dem Willen abhängig, und die Kabbala lehrt ausdrücklich, daß bei allen
Menschen Sehergabe und magische Kraft -- wenn auch in verschiedenen Graden
-- vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von
seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung,
Intention) erfordert, um den höheren geistigen Einfluß an sich zu ziehen
und zu seinen Zwecken verwerten zu können, was nur durch Willenskraft
möglich ist.

Der Wille des Menschen muß ausschließlich auf seinen Gegenstand gerichtet
sein und mit ihm übereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen
kann.[319] Ferner gehört zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte
und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus
der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort
festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehören auch zum richtigen
magischen Schauen. Es muß nämlich der Zustand des Geistes, der Seele und
des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen Übereinstimmung mit dem
innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn bloß Ähnliches
vermag das Ähnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch
weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrübt, sondern muß ganz auf ihr
inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber muß die Imagination klar,
stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung
aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprägt und nicht
verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch
die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwörungen durch
allerlei künstliche Mittel von der Außenwelt abzuziehen und so ihre
Imagination zu steigern.

Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken außer der natürlichen Kraft
und Stärke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, daß
die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat,
und der Mensch sich in völliger Übereinstimmung mit dem Gegenstand seiner
Wünsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich
wirken, welcher mit einer hohen geistigen Stärke eine eben so große
Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch
muß für dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er
hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht bloß ein
körperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist,
weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und
des Neides gilt. -- Überhaupt ist nach dem Sohar die äußere Physiognomie
der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach
als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet
dann auch die Kabbala folgerecht, daß jeder Schwarzkünstler etwas
Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]

Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der
Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des
Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala -- in Hinsicht der Stärke --
Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester
und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen
Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und
die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und
Balak.[325]

Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf
das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns
heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer
Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst
nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich
leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur
aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht,
durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die
Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine
eigene Kraft nicht ausreicht.

Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren
Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung
stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem
Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter
Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein
von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine
für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er
ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus
der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er
vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung
eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles
Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft
vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem
hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch
nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und
höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste
unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe
endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer
Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er
selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den
höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger
Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr
Gebiet hineinimaginieren.

Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen
Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem
Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind
nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden
von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]

Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie
von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr
erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie
ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart
sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine
innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren
erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner
ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich
unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist.
Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott
für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er
befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine
äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit
zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß
unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die
sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen
Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel
Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die
Offenbarungen -- namentlich die unglücklicher Ereignisse -- »die Vollzieher
der Strenge« (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung
stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer
Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die
Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen
gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.

Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf
das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht
in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren
sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und
damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren
erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf
die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere
Nichusch genannt.

Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch
astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das
unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das
Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die
Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der
Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht
als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit
bedingter Gewißheit verkünden.[329]

Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und
Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach
kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem
Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist
geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre
Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens
gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall
giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen
Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.

Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur,
aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bäume, aus dem
Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den
Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei
weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen
Wahrsagekünste.

Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch
verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und
sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt.
Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren
unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder
klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann
durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende
Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie
endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] -- Die Kleromantie oder
Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren
Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung
des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und
wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese
Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] -- Bei dem magischen
Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen
Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die
Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins
befindet.[334]

Die zweite höhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha
Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu
verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu
betrachten ist. Der Magier sucht nämlich durch Fasten, Beten gewisser
Sprüche, Verbrennung von Rauchwerk und Übernachten auf Gräbern eine Art
Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen
herbeizuführen.[335] -- Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf
welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem
Äußeren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen »Sarim«
(Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu
erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die
»hohen Geister« der Spiritisten nicht fehlen.

Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf äußerem, physischem Wege
die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen
und so irgend welche Wirkungen und Veränderungen hervorzubringen, wobei
sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und
Willensstärke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehören
die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das
Segnen organischer Wesen zur Beförderung ihres Wachstums und Wohlseins und
endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und
Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprüche,
welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkräfte dienen,
nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]

Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen,
um mit deren Hilfe Veränderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch
der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige
hierher gehörende magische Gebräuche[337], welche im wesentlichen in einer
entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder
Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und
Räucherungen bestanden.

Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und
wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt
betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch
nicht passiv verhält, sondern selbstthätig mitwirkt, weshalb der Seher auch
sagt: »Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es
ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen muß der Mensch
geordnet sein.«[339]

Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der
Beschwörung der »Satanim« oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim
sind gewissermaßen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als
außer der irdischen Beschränkung lebende, geistig schauende, nicht an die
Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen
Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der
Menschen abhängt, und hintergehen die Zauberer mit Lügen.[340]

Die Beschwörung der Satanim geschieht entweder in der Art, daß durch
schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstümmelung
usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim
angeblich von den »Jidonim« genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus
ihnen heraussprechen.[341] -- Die zweite Art ist die förmliche Beschwörung
mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Räucherungen.[342]

Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal
de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der
Empfängnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst
in der Nähe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, »durch dessen Kraft der
Auferstehungsleib gebaut wird[343]«, hat die Gestalt des Körpers, schwebt
über dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geöffnet
sind.[344] -- Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der
finstern Welt fällt, so ist die von den »Ob« genannten Nekromanten
gewünschte und für den Toten mit großer Erschütterung[345] verbundene
Erregung des Habal de Garmin für die Satanim ein Leichtes. -- Eine andere
Art Nekromantie besteht darin, daß der Zauberer den Schädel eines
Verstorbenen[346] einräuchert und Beschwörungen spricht, worauf der Habal
de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme
antwortet.[347]

Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der
Störung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in
Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Haß und Feindschaft
(schädigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und
Tod von Menschen und Vieh durch böse, namentlich mit körperlichen
Excretionen geübte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie
und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und Öle eine große
Rolle spielen.[348]

Die weiße Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein
aufrichtiges Streben nach oben, zum Göttlichen hin, wobei dieselbe in dem
Maße, als er nichts egoistisch für sich selbst zu erringen strebt, sondern
das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, göttlicher, nur das
Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des göttlichen Lebens
erfüllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines
solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung
mit den Engeln und der göttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer
Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft
ausgerüstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei
alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, höchste
Daseinsstufe, die heilige Manie.




Zweite Abteilung.

Die Kabbala.

Erstes Kapitel.

Das Alter der Kabbala.[349]


Die enthusiastischen Anhänger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel
vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall
die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprünglichen Adel und seine
ursprüngliche Glückseligkeit wieder erlangen könne. Andere sind der
Meinung, daß der Gesetzgeber der Hebräer, nachdem er sie während seines
vierzigtägigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe,
sie den siebenzig Ältesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes
teilte, mitgeteilt habe, und daß sie sich mündlich bis zu der Zeit
fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben
ließ. Mag man aber mit der skrupulösesten Aufmerksamkeit die Bücher des
alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer
Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoßen,
welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebräische
Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rückkehr aus der babylonischen
Gefangenschaft -- wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend -- keine
anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die
Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren --
ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit -- in dem ersteren
aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des
Pompes der religiösen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in
Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den
dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir
nur, daß sie -- ohne Sonderbezeichnung -- in jener Periode überhaupt
existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten
Jahrhunderts der christlichen Ära unter der Allgemeinbezeichnung »Thannaïm«
auf, welches Wort »Organe der Tradition« bezeichnet, kraft deren man alles
lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die
Thannaïm, die ältesten und geachtetsten der jüdischen Gelehrten, bilden
eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der
Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprüche seiner
Vorgänger sammelte und überlieferte. Man zählt zu ihnen die angeblichen
Verfasser der ältesten kabbalistischen Bücher, nämlich Joseph ben Akiba und
Simon ben Jochai samt ihren Söhnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in
das Ende des zweiten Jahrhunderts n. Christi fallenden Tod des Judas
beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim führt, weil
sie für sich selbst keine Autorität beanspruchen, sondern nur in
erklärender Weise die Aussprüche ihrer Vorgänger wiederholen; auch
sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Während der
nächsten drei Jahrhunderte hörten diese Kommentare und neuen Traditionen
nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden
endlich unter dem Namen der Gemara d. h. »Tradition« gesammelt. In diesen
beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit
heilig aufbewahrt und unter dem Namen »Talmud« (Studium, Wissenschaft)
vereinigt wurden, müssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die
Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der
Kabbala gaben.

Man findet in der Mischna[350] folgende merkwürdige Stelle.

»Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklären, nur einer
einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese
sei ein weiser Mann, der ein gutes Verständniß besitze.«

Der Talmud überliefert (+Hagiga 13a+) eine Bereita, welche nicht in die
Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya
hinzusetzt: »Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklären.«

Ein Talmudist, Rabbi Zera (+a. a. O.+) zeigt sich noch strenger, denn er
sagt, daß selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Würde
und außerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden dürfe, oder, um die Worte
des Originals zu gebrauchen: »welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.«

Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des
Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die
Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit
undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulösesten Beobachter der
Traditionen zur Pflicht, daß sie jährlich mindestens einmal in den
Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hört nicht auf, das Studium des
Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand,
und Esra las dasselbe nach der Rückkehr aus der babylonischen
Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der
That unmöglich, daß die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklärung
oder des Suchens eines Verständnisses der Erzählungen der Genesis oder der
Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte
Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen
Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in
seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine
Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken,
daß die Vision des Hesekiel nichts Ähnliches enthält; sie erstreckt sich
nicht über mehrere Kapitel, sondern nur über ein einziges und zwar das
erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, daß
diese Geheimlehre zwei Theile enthält, welchen man jedoch nicht gleiche
Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt
werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten
Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken dürfen,
der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren
Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hälfte unter dem Titel:
»Geschichte der Genesis oder der Schöpfung« ($Ma'aseh bereshit$) die
Wissenschaft der Natur, während der zweite, »die Geschichte des Wagens«
($Ma'aseh merkaba$) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese
Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.

Ich führe hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht
weniger evidente Weise hervorgeht:

»Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die
Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht
alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und
einige Zeit später sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir
die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich
dazu würdig gehalten hätte, so würde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem
Lehrer, gelernt haben.«[351]

Man sieht aus diesen Worten, daß, um in die mysteriöse und heilige Lehre
der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine
hervorragende Stellung genügte, sondern daß auch dazu ein gewisses
fortgeschrittenes Alter nötig war, und selbst wenn man diese auch von den
modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfüllte[352], so hielt man sich
weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft für
sicher genug, um die Last dieser gefürchteten Geheimnisse auf sich zu
nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr für den positiven Glauben und für
die äußere Beobachtung der religiösen Vorschriften waren. Es möge hier ein
merkwürdiges im Talmud erzähltes Beispiel folgen, welches uns in
allegorischer Sprache folgende Erläuterung giebt:

»Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne
ein, nämlich Ben Azaï, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Azaï warf einen
neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift
anwenden: Der Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353]
Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein
Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet:
Findest du Honig, so iß seiner genug, daß du nicht zu satt werdest und
speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an.
Nur Akiba ging davon in Frieden.«[355]

Es ist kaum nötig, diesen Text buchstäblich zu verstehen und anzunehmen, es
handle sich hier um eine wirkliche Vision des künftigen Lebens, denn
erstens ist es ohne Beispiel, daß der Talmud, wenn er vom Paradies spricht,
solche mystische Ausdrücke gebraucht, wie sie in obiger Stelle Anwendung
finden. Und wie würde sich zweitens damit vereinigen lassen, daß zwei
lebende Personen, welche in den Himmel der Auserwählten blicken, den
Glauben und die Vernunft verlieren, wie die Erzählung angiebt? Dagegen ist
zu bemerken, daß nach den angesehensten Autoritäten der Synagoge der Garten
der Wonne, in welchen die vier Rabbinen eingetreten sind, als die
mysteriöse Wissenschaft, von welcher wir sprechen, die so schrecklich für
schwache Gemüter ist, daß sie dieselben entweder dem Wahnsinn oder den
schrecklichsten Verwirrungen der Gottlosigkeit preisgiebt. Das letztere
will die Gemara andeuten, wenn sie bezüglich Achers sagt, daß er Verwirrung
unter den Pflanzen angerichtet habe. Dieselbe erzählt uns, daß der in den
talmudistischen Erzählungen so berühmte Acher ursprünglich einer der
Weisesten in Israel war. Sein wahrer Name war Elisa ben Abuja, welcher in
Acher[356] umgewandelt wurde, um die Änderung zu kennzeichnen, die sich in
ihm vollzog. Denn als er den allegorischen Garten verließ, in welchen ihn
eine verhängnisvolle Neugierde geführt hatte, ward er ein ausgesprochener
Gottloser; er verlor sich, wie der Text sagt, in der Erzeugung des Bösen,
lebte sittenlos und der Welt zum Abscheu, verriet den Glauben, und einige
klagen ihn sogar des Kindesmordes an. Und worin bestand die Ursache seines
ersten Irrtums? Wohin führten ihn seine Forschungen über die wichtigsten
Religionsgeheimnisse? Der jerusalemitische Talmud sagt positiv, daß er die
beiden obersten Prinzipien anerkannt habe, und der babylonische Talmud,
nach welchem wir die obige Erzählung mitteilten, deutet das Gleiche an. Er
sagt, daß Acher, als er im Himmel Metatron in all seiner Macht sah, den
Engel, welcher unmittelbar nach dem Herrn kommt, betete: »Wenn es möglich
ist, so sei mir erlaubt, zwei Mächte anzunehmen.« Wir wollen uns nicht zu
lange bei dieser Sache aufhalten, denn es sind noch viel bedeutungsvollere
anzuführen, nur sei bemerkt, daß der Engel oder die Metatron[357] genannte
Hypostase eine große Rolle im System der Kabbala spielt. Er ist es, welchem
recht eigentlich die Herrschaft der sichtbaren Welt anvertraut ist, er
herrscht über alle himmlischen Sphären, die Planeten und Fixsterne sowie
über die Engel, welche denselben vorstehen, denn die über ihm stehenden
intelligibeln Formen der göttlichen Wesenheit und reinsten Geister sind so
immateriell, daß sie keine unmittelbare Wirkung auf körperliche Dinge
ausüben können. Auch ist der Zahlenwert seines Namens gleich dem des
Allmächtigen. -- Zweifelsohne ist die Kabbala weit davon entfernt, einen
eigentlichen Dualismus zu lehren, aber die allegorische Manier, mit welcher
sie die intelligible Wesenheit Gottes von der das Weltall ordnenden Kraft
scheidet, ist sehr geeignet, diesen von der Gemara gekennzeichneten Irrtum
hervorzurufen.

Ein letztes, derselben Quelle entnommenes und von Reflexionen des
Maimonides begleitetes Citat wird, wie ich hoffe, die Darlegung des
wichtigen Punktes abschließen, daß eine Art Philosophie oder religiöser
Metaphysik so zu sagen von Mund zu Mund von den Thannaïm oder den ältesten
hebräischen Theologen gelehrt wurde. Der Talmud lehrt uns, daß man früher
drei Namen besaß, um die göttliche Wesenheit zu bezeichnen und
auszudrücken: nämlich das berühmte Tetragrammaton oder den aus vier
Buchstaben bestehenden Namen, sodann zwei andere der Bibel unbekannte
Namen, von denen der eine aus zwölf und der zweite aus zweiundvierzig
Buchstaben zusammengesetzt ist. Das Tetragrammaton, dessen Gebrauch der
großen Menge allerdings verboten war, fand freie Anwendung im Innern der
Schule. »Die Weisen, sagt der Text, lehrten diesen Namen einmal wöchentlich
ihren Söhnen und ihren Schülern.« Der aus zwölf Buchstaben bestehende Namen
war anfänglich noch bekannter und verbreiteter. »Man lehrte ihn aller Welt.
Aber als die Zahl der Gottlosen sich vermehrte, wurde er nur den
verschwiegensten unter den Priestern anvertraut, und diese ließen ihn mit
leiser Stimme von ihren Brüdern während der Segnung des Volkes
wiederholen.« Der Name von zweiundvierzig Buchstaben wurde endlich als das
heiligste Geheimnis betrachtet. »Man lehrte ihn nur einem Mann von
anerkannter Verschwiegenheit, reifem Alter, welcher dem Zorn, der
Unmäßigkeit und Eitelkeit unzugänglich und in angenehmem Verkehr mit seines
Gleichen lebte.« »Wer, sagt der Talmud, in dieses göttliche Geheimniß
eingeweiht war und dasselbe wachsam, in reinem Herzen bewahrt, kann auf die
Liebe Gottes und die Gunst der Menschen zählen; sein Name flößt Achtung
ein, sein Wissen darf das Vergessenwerden nicht fürchten und er wird der
Erbe beider Welten, der gegenwärtigen und der künftigen.«[358]

Maimonides bemerkt mit viel Scharfsinn, daß in keiner Sprache ein aus
zweiundvierzig Buchstaben bestehender Namen existiert, und daß dies im
Hebräischen noch unmöglicher sei, da dasselbe keine Vokale besitzt. Er hält
sich deshalb zu dem Schluß berechtigt, daß diese zweiundvierzig Buchstaben
auf mehrere Worte entfielen, von denen ein jedes eine notwendige Idee oder
ein fundamentales Attribut des ewigen Wesens ausdrückte, welche in ihrer
Gesamtheit die wahre Definition der göttlichen Wesenheit ergaben. Sagt man
alsdann, fährt unser Autor fort, daß der hier in Frage stehende Name der
Gegenstand eines Studiums, einer nur den Weisesten vorbehaltenen Lehre war,
so will man uns zweifelsohne zu wissen thun, daß mit der Definition der
göttlichen Wesenheit notwendige Aufklärungen und gewisse Enthüllungen über
die Natur der Gottheit und der Dinge im allgemeinen verbunden waren. Dies
ist noch zutreffender für das Tetragrammaton, denn wie wäre es sonst
möglich, einem in der Bibel so häufig gebrauchten Wort, von welchem diese
selbst die Erklärung giebt: »Ich bin, der ich bin«, einen geheimen Sinn
unterzulegen, den die Weisesten des Volkes wöchentlich einmal ihren
auserlesensten Schülern im Geheimen mitteilten? »Das, was der Talmud die
Kenntniß der Namen Gottes nennt, sagt Maimonides, ist nichts als ein guter
Theil der Wissenschaft von Gott, oder der Metaphysik, was man die Probe des
Vergessens nennt, denn ein Vergessen ist nicht möglich für Ideen, welche
ihren Sitz in der aktiven Intelligenz, d. h. in der Vernunft haben.« Es
dürfte schwer sein, sich diesen Reflexionen hinzugeben, wenn nicht die
tiefe Wissenschaft und die allgemein anerkannte Autorität der Talmudisten
sich nicht schließlich doch an den gesunden Menschenverstand des freien
Denkers wendete. Wir wollen hier nur eine einzige Beobachtung anführen,
die, wenn auch in den Augen des kritischen Verstandes bestreitbar, doch
nicht ohne Wert für die hier behandelte Ideenfolge ist, und die wir als
eine geschichtliche Thatsache hinnehmen müssen, nämlich den Umstand, daß
die Buchstaben der heiligen zehn Sephiroth der Kabbala zusammengezählt die
Zahl zweiundvierzig ergeben. Ist es da nicht erlaubt anzunehmen, daß dies
der dreimal heilige Name sei, welchen man selbst den auserlesensten Weisen
nur mit Zittern mitteilte? Wir finden eine volle Bestätigung der gemachten
Bemerkungen bei Maimonides: Zunächst bildeten die zweiundvierzig Buchstaben
nicht nach gewöhnlicher Annahme einen Namen, sondern mehrere Worte.
Weiterhin drückt jedes Wort -- wenigstens nach der Anschauung der
Kabbalisten -- ein wesentliches Attribut der göttlichen Natur aus oder, was
für sie dasselbe ist, eine der notwendigen Formen des göttlichen Seins.
Endlich aber geben alle nach der kabbalistischen Wissenschaft, nach dem
Sohar und allen Kommentatoren die exakteste Definition, welche unsere
Intelligenz vom Grundprinzip aller Dinge gewähren kann. Diese Art, das
Verständnis des göttlichen Wesens zu suchen, ist durch einen Abgrund von
der vulgären Gläubigkeit getrennt, und man begreift nun sehr wohl die
getroffenen Vorsichtsmaßregeln, daß dieses Geheimwissen nicht aus dem Kreis
der Initiierten heraustrete. Doch, es sei nochmals gesagt, ist dies ein
Punkt, welchem wir kein besonderes Gewicht beilegen wollen, es möge
genügen, daß wir die allen Citaten zu Grund liegende Thatsache zur Evidenz
bewiesen haben.

Zur Zeit der Zusammenstellung der Mischna existierte also eine Geheimlehre
über die Schöpfung und die Natur der Gottheit. Man einigte sich über die
Art der Einteilung dieser Lehre, deren Name bei den nicht Eingeweihten
einen frommen Schauder hervorrief. Wäre es nun nicht möglich, genau die
Zeit ihres Ursprungs zu bestimmen und so die denselben umgebende Finsternis
aufzuhellen? In dieser Beziehung läßt sich folgendes sagen: Nach Ansicht
der vertrauenswürdigsten Historiker wurde die Redaktion der Mischna
spätestens im Jahre 3949 der Schöpfung oder 189 n. Chr. beendet. Weiterhin
müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß Judas hanassi nur die
Vorschriften und Traditionen der ihm vorausgehenden Thannaïm sammelte, und
daß weiterhin die oben mitgeteilten Citate, welche die unvorsichtige
Mitteilung der Geheimnisse der Schöpfung und Merkaba verbieten, älter sind,
als die Mischna selbst. Es ist wahr, man kennt den Autor obiger Citate
nicht, aber eben dieser Umstand ist der sicherste Beweis für ihr Altertum,
denn wenn sie nur die Meinung eines Einzelnen aussprächen, so würden sie
entweder nicht so viel Gewicht besessen haben, um Autorität werden zu
können, oder man würde ihren verantwortlichen Urheber genannt haben.
Weiterhin muß eine Lehre selbst älter sein als ein Gesetz, welche ihre
allgemeine Bekanntmachung verbietet. Sie mußte bekannt geworden sein und
eine gewisse Autorität erworben haben, bevor man die Gefahr ihres
Bekanntwerdens nicht sowohl unter dem Volk, als unter den Gelehrten und
Weisen in Israel einsah. Wir können also ihre Entstehung unbedenklich
mindestens in das Ende des ersten christlichen Jahrhunderts setzen. Es ist
dies die Zeit, in welcher Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai lebten,
welchen die Kabbalisten die Autorschaft ihrer wichtigsten und berühmtesten
Bücher zuschreiben. In dieser Zeit lebte auch Rabbi Joseph von Sepphoris,
der Verfasser der Idra Rabba, eines der wichtigsten und ältesten Theile des
Sohar, welcher zu den vertrautesten Freunden und eifrigsten Schülern des
Simon ben Jochai gehörte. Die Idra Rabba ist derjenige kabbalistische
Traktat, welchem wir die meisten auf die Merkaba bezüglichen Citate
entnahmen. Zu der Zahl der das Alter, wenn nicht der Bücher, so doch der
kabbalistischen Ideen bezeugenden Autoritäten gehört auch die unter dem
Namen des Onkelos vorhandene chaldäische Übersetzung der fünf Bücher Mosis.

Diese berühmte Übersetzung stand von Anfang an in so hohem Ansehen, daß sie
für eine göttliche Offenbarung gehalten wurde. Ja der babylonische Talmud
nimmt an, daß Moses dieselbe auf dem Sinai gleichzeitig mit dem
geschriebenen und dem mündlichen Gesetz erhalten habe, daß sie durch
Tradition bis auf die Zeit der Thannaïm gekommen sei, und daß dem Onkelos
allein der Ruhm ihrer Niederschrift gebühre. Eine große Anzahl moderner
Theologen will in ihr die Grundlage des Christentums sehen und den Namen
der zweiten göttlichen Person in dem Wort Mêimra finden, welches in der
That »das Wort«, »der Gedanke«, %logos% bedeutet, und welches der Verfasser
dem Namen Jehovah substituiert. Thatsache ist, daß in dem ganzen Buch ein
der Mischna, dem Talmud, dem ganzen vulgären Judaismus, ja selbst dem
Pentateuch entgegengesetzter Geist herrscht; mit einem Wort, die Spuren des
Mysticismus sind nicht selten. So wurde es möglich, daß eine Idee an die
Stelle einer Sache oder eines Bildes trat, daß der geschriebene Buchstabe
dem geistigen Sinn aufgeopfert wurde, und daß der zerstörte
Anthropomorphismus die göttlichen Attribute in ihrer Nacktheit sehen ließ.

In einer Zeit, wo der Kultus des Buchstabens bis zur Idololatrie ging, wo
die Menschen ihr Leben damit zubrachten, die Verse, Worte und Buchstaben
des Gesetzes zu zählen, wo die offiziellen Lehrer, die legitimen Vertreter
der Religion nichts Besseres zu thun wußten, als die Intelligenz sowohl als
den Willen unter einem Wust äußerlicher Religionsvorschriften zu ersticken,
macht uns dieser Abscheu vor allem Materiellen und Positiven, die
Gewohnheit, sowohl Grammatik als Geschichte einem hochgeschraubten
Idealismus zu opfern, unfehlbar die Existenz einer Geheimlehre klar, welche
alle charakteristischen Eigenschaften und Prätensionen des Mysticismus
besitzt und die sicher nicht erst von dem Tage stammt, an welchem ihre
Existenz verlautbarte.

Ohne der Sache zu viel Gewicht beizulegen, sei noch bemerkt, daß die
Kabbalisten ihre Zuflucht zu wenig rationellen Mitteln nahmen, um zu ihren
Zwecken zu gelangen und ihre eigenen Ideen in die göttliche Offenbarung
einzuführen. Eines dieser Mittel bestand in der Bildung eines neuen
Alphabets, wobei man die Buchstaben nach ihrem Zahlenwert betrachtete oder
sie vielmehr nach einer durch denselben gegebenen Ordnung vertauschte.
Diese Methode wird häufig im Talmud angewendet, wurde aber schon weit
früher in der chaldäischen Paraphrase des Jonathan ben Usiel gebraucht,
eines Schülers und Zeitgenossen von Hillel dem Älteren, welcher während der
ersten Regierungsjahre des Herodes in hohem Ansehen stand. Es ist richtig,
daß ähnliche Prozeduren unterschiedslos den verschiedensten Ideen dienen
können, aber man findet nicht leicht eine künstliche Sprache, deren
Schlüssel man sowohl nach seinem Willen verbergen kann, wenn man
entschlossen ist, seine Gedanken der großen Menge zu verbergen. Aber,
obschon der Talmud oft analoge und weit ältere ähnliche Methoden anwendet,
auf welche wir zurückkommen werden, so ist diese doch die seltsamste.
Vergleicht man alle zusammen, so kommt man zu dem Schluß, daß vor dem Ende
des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung sich geheimnisvoll
unter den Juden eine hochverehrte Wissenschaft sich verbreitete, welche von
der Mischna, dem Talmud und der heiligen Schrift sehr verschieden ist, eine
mystische Lehre, welche von dem Bedürfnis der Reflexion und
Selbständigkeit, besser gesagt, der Philosophie, erzeugt wurde, und in
welcher man mit Vorliebe die Autorität der Tradition und der heiligen
Schrift vereinigt sah.

Die Urheber dieser Lehre, welche man jetzt Kabbalisten nennt, dürfen nicht
mit den Essäern verwechselt werden, welche schon bedeutend früher bekannt
waren und ihre Gebräuche wie ihren Glauben bis in das Zeitalter Justinians
erhielten. Wenn wir Philo und Josephus, den einzigen vertrauenswürdigen
Berichterstattern über dieselben Glauben schenken[359], so war der Zweck
dieser Sekte lediglich ein moralischer und praktischer; sie strebten die
Herrschaft des Geistes der Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen
an, also das Gleiche, was Christus und die Apostel wollten. Die Kabbala
aber ist im Gegenteil nach den uns überlieferten alten Zeugnissen eine
durchaus spekulative Wissenschaft, welche die Geheimnisse der Gottheit und
der Schöpfung entschleiern will. Die Essäer hingegen bildeten eine
organisierte Gesellschaft, welche mit den religiösen Bruderschaften des
Mittelalters vergleichbar ist; ihre Anschauungen wie ihre Ideen
reflektierten sich in ihrem äußern Leben, und sie nahmen alle in ihre
Gemeinschaft auf, welche ein reines Leben führten, selbst Frauen und
Kinder. Die Kabbalisten waren im Gegensatz zu den Essäern von ihrem ersten
Auftreten an in Geheimnisse gehüllt. Erst nach und nach öffneten sie unter
tausend Vorsichtsmaßregeln einem neuaufgenommenen Adepten die Thüre ihres
Sanktuarium ein wenig, bei dessen Auswahl sie jedoch nur die Elite des
Geistes berücksichtigten und darauf sahen, daß sein Alter wie seine
Weisheit Garantien für seine Verschwiegenheit boten. Die Essäer scheuten
sich ungeachtet der pharisäischen Strenge, mit welcher sie den Sabbath
feierten, nicht, öffentlich die Traditionen zu verwerfen und zuzugestehen,
daß die Moral weit über dem Kultus stehe, und waren sogar bezüglich
desselben weit entfernt, die vom Pentateuch vorgeschriebenen Opfer
darzubringen und die anbefohlenen Ceremonien auszuüben. Aber die Adepten
der Kabbala banden sich wie die Karmaten unter den Mohammedanern und die
meisten christlichen Mystiker streng an die äußerlichen Gebräuche; sie
hielten sich genau an die Tradition, welche sie zu ihren Gunsten auslegten,
und mehrere von ihnen waren -- wie schon gesagt -- berühmte
Mischnagelehrte, und auch noch in den späteren Zeiten wurden sie selten
diesen Geboten der Klugheit untreu.




Zweites Kapitel.

Die kabbalistischen Bücher. Die Authenticität des Sepher Jezirah.


Wir kommen jetzt zu den Originalschriften, in welchen nach der allgemein
verbreiteten Meinung das kabbalistische System seit seiner Entstehung
niedergelegt ist. Nach den uns erhaltenen Titeln scheinen sie sehr
zahlreich gewesen zu sein, allein wir beschäftigen uns hier nur mit
denjenigen, welche vollständig erhalten geblieben sind und unsere
Aufmerksamkeit sowohl durch ihre Wichtigkeit als durch ihr Alter fesseln.
Dieselben entsprechen also der Überlieferung des Talmud, daß die Kabbala in
die Geschichte der Schöpfung und die heilige Merkaba zerfällt. Das eine ist
betitelt: »Buch der Schöpfung« ($Sepher Jezirah$) und enthält, ich will
nicht sagen ein physikalisches, wohl aber ein kosmologisches System,
welches einer Epoche und einem Land entspricht, wo der Geist gewohnt war,
alle Naturvorgänge aus einem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zu
erklären, und in welcher demgemäß allgemeine Beziehungen und oberflächliche
Beobachtungen für Naturwissenschaft galten. Das andere Buch ist »Sohar«
»Licht« genannt nach den Worten des Propheten Daniel[360]: »Die Lehrer aber
werden leuchten wie des Himmels Glanz.« Der Sohar beschäftigt sich
ausschließlich mit Gott, den Geistern und der menschlichen Seele, mit einem
Wort, mit der intellektuellen Welt. Wir sind weit von der Annahme entfernt,
daß beide Bücher von gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit sind. Das
zweite ist viel umfangreicher, viel reichhaltiger, aber auch viel
schwieriger als das erste und verdient eine weit eingehendere Behandlung.
Jedoch müssen wir uns zunächst mit dem ersten als dem älteren beschäftigen.

Man hat sich zu Gunsten des Alters des Sepher Jezirah auf den Talmud
berufen und dabei viel Scharfsinn vergeblich verschwendet. Wir übergehen
also die diesbezüglichen umlaufenden Legenden und Kontroversen mit
Stillschweigen und suchen nur den Inhalt des Buches kennen zu lernen. Dies
wird genügen, seinen Charakter zu taxieren und seinen frühen Ursprung
kennen zu lernen.

1. Das System, welches das Buch Jezirah enthält, entspricht genau den
Begriffen, welche man sich nach seinem Titel von ihm machen muß, und wir
können zunächst folgenden Satz aufstellen:

»Der Ewige, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der lebende,
allmächtige, allerhöchste Gott, der von Ewigkeit ist, und dessen Name hehr
und heilig ist, schuf die Welt durch zweiunddreißig Wege der Weisheit.«

2. Die zur Erklärung des Werks der Schöpfung angewandten Mittel, die den
Zahlen und Buchstaben beigelegte Wichtigkeit machen es begreiflich, wie
Unwissenheit und Aberglaube in späterer Zeit das angewandte Prinzip
mißbrauchten, wie sich die bekannten über die Kabbala umlaufenden Fabeln
verbreiteten, und wie die sogenannte praktische Kabbala entstehen konnte,
welche durch die Kraft der Buchstaben und Zahlen den Lauf der Natur
verändern zu können glaubt.

Die Darstellungsweise des Jezirah ist einfach und schwerfällig, und man
findet nicht das Geringste, was einem Beweis oder einer Begründung gleicht;
es enthält nur in eine ziemlich regelmäßige Ordnung getheilte Aphorismen,
welche ungefähr die gleiche Bündigkeit wie die alten Orakel besitzen. Eine
Thatsache ist frappant, daß nämlich das in späterer Zeit ausschließlich für
»Seele« gebrauchte Wort[361] gerade wie im Pentateuch und im ganzen alten
Testament überhaupt für den lebenden, von der Seele noch nicht verlassenen
Leib gebraucht wird. Außerdem finden sich mehrere Worte fremden Ursprungs.
So gehören z. B. die Namen der Planeten und des himmlischen Drachens[362]
der Sprache der Chaldäer an, welche zur Zeit der babylonischen
Gefangenschaft einen fast allmächtigen Einfluß auf die Juden ausübten.
Hingegen wird man keinem der vielen griechischen und arabischen Ausdrücke
begegnen, wie sie im Talmud oder in den Werken einer Zeit vorkommen, in
welcher die hebräische Sprache bereits in den Dienst der Wissenschaft und
Philosophie getreten war. Wir kommen also zu dem Schluß, daß das Buch
Jezirah zu einer Zeit, wo die jüdische Civilisation noch nicht an der
griechischen und arabischen teilnahm, ja vielleicht schon vor der
Entstehung des Christentums abgefaßt wurde. Wir müssen jedoch zugestehen,
daß es nicht schwer ist, in dem uns beschäftigenden Werk Spuren der Sprache
und Philosophie des Aristoteles nachzuweisen. Nach dem oben citierten Satz,
laut welchem der Ewige die Welt auf zweiunddreißig wunderbaren Wegen der
Weisheit schuf, gebraucht das Buch Jezirah noch die Ausdrücke: »der,
welcher zählt, das Gezählte und die Handlung des Zählens«, was schon die
ältesten Kommentatoren durch »Subjekt, Objekt und die Handlung der
Reflexion oder das Denken« auslegen. Es ist unmöglich, sich dabei nicht an
den berühmten Satz des zwölften Buches der Metaphysik des Aristoteles zu
erinnern: »Die Intelligenz begreift sich selbst, indem sie das Intelligible
wahrnimmt, und sie wird selbst intelligibel durch den Akt des Begreifens
und Einsehens, insofern nämlich die Intelligenz und das Intelligible
identisch sind.« Jedoch liegt es auf der Hand, daß obige Worte später
hinzugesetzt sind, insofern sie weder mit dem Satz selbst, noch im
Vorausgehenden und Folgenden; sie kommen überhaupt im ganzen Verlauf des
Werkes nicht wieder zum Vorschein, obgleich in demselben in der
umfangreichsten Weise von dem Gebrauch der zehn Zahlen und zweiundzwanzig
Buchstaben die Rede ist, welche die zweiunddreißig Wege bilden, deren sich
die Gottheit bei der Schöpfung bediente. Man begreift endlich kaum, wie sie
ihren Platz in einem Werk finden konnten, in welchem nur die Rede von den
verschiedenen Beziehungen der verschiedenen Teile der materiellen Welt ist.
Was nun die Abweichungen der beiden Manuskripte der Mantuaer Ausgabe[363]
anlangt, von denen das eine am Schluß des Bandes, das andere inmitten
anderer Traktate abgedruckt ist, so sind dieselben nicht im Entferntesten
so bedeutend, als manche moderne Kritiker annehmen wollen. Bei einer
unparteiischen und eingehenden Vergleichung findet man nur einige
unbedeutende Varianten, welche sich bei dem hohen Alter des Sepher Jezirah
im Laufe der Jahrhunderte sehr leicht durch die Unaufmerksamkeit der
Abschreiber und Kommentatoren einschleichen konnten. Andererseits behandeln
die beiden Manuskripte nicht nur denselben Stoff, dasselbe von einem
allgemeinen Standpunkt aus betrachtete System, sondern sie haben auch die
gleiche Einteilung, die gleiche Kapitelzahl und den gleichen Inhalt der
Kapitel; endlich aber sind die gleichen Gedanken mit den gleichen
Ausdrücken dargestellt. Aber man findet nicht die gleiche Übereinstimmung
in der Zahl und Stellung derjenigen Sätze, welche unter dem Namen Mischna
hier und da eingestreut sind. Hier hat man sich nicht vor überflüssigen
Wiederholungen gehütet, an der einen Stelle die Sätze unnötig
zusammengehäuft und an der andern ungerechtfertigt getrennt und vereinzelt.
Endlich erscheint ein Satz klarer als der andere, weniger bezüglich des
Wortlautes als hinsichtlich des Gedankenganges. Wir wollen nur eine einzige
Stelle anführen, bei welcher dieser letztere Unterschied auffällig
hervortritt. Das eine Manuskript sagt ganz einfach, daß der Urbeginn des
Alls der Geist des lebendigen Gottes sei; das andere Manuskript fügt hinzu,
daß dieser Geist Gottes der heilige Geist sei, welcher gleichzeitig Geist,
Stimme und Wort sei. Ohne Zweifel ist dieser Gedanke von hoher Wichtigkeit,
aber er fehlt auch nicht in dem Manuskript, wo er weniger klar dargestellt
ist, und er bildet, wie wir bald sehen werden, die Grundlage und das
Schlußergebnis des ganzen Systems. Übrigens wurde »das Buch der Schöpfung«
zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ins Arabische übersetzt und kommentiert
von Rabbi Saadiah, einem großen Geist und methodischen, klugen Kopf;
derselbe hält es für eines der ältesten und frühesten Denkmäler des
menschlichen Geistes. Wir fügen, ohne diesem Zeugnis einen zu großen Wert
beizulegen, hinzu, daß die ihm während des zwölften und dreizehnten
Jahrhunderts folgenden Kommentatoren der gleichen Meinung sind.

Wie alle Werke einer weit zurückliegenden Zeit ist auch das uns
beschäftigende ohne Titel und Namen des Verfassers; jedoch schließt es mit
folgenden merkwürdigen Worten:

»Und als Abraham, unser Vater, alle diese Dinge betrachtet, untersucht,
ergründet und erforscht hatte, offenbarte sich ihm der Herr der Welt und
nannte ihn seinen Freund und machte ein ewiges Bündnis mit ihm und seiner
Nachkommenschaft. Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als ein
Werk der Gerechtigkeit angerechnet, und der Glanz Gottes fiel auf ihn, denn
von ihm sind die Worte gesprochen: Siehe, ich habe dich gekannt, ehe du im
Mutterleib gebildet wurdest.«

Diese Stelle kann nicht als eine neue Erfindung gelten, denn sie findet
sich in den beiden mantuanischen Texten und den meisten alten Kommentaren.
Wahrscheinlich wurde sie im Interesse des »Buches der Schöpfung«
untergeschoben, damit es scheine, als ob der Stammvater der Hebräer der
Verfasser dieses Buches sei und durch dasselbe zu dem Gedanken eines
einzigen und allmächtigen Gottes gelangt sei. Ferner existiert unter den
Juden eine Tradition, nach welcher Abraham große astronomische Kenntnisse
besaß und sich allein durch die Betrachtung der Natur zu der Idee des
wahren Gottes emporgeschwungen habe. Nichtsdestoweniger hat man bis heute
obige Worte auf eine grobmaterielle Weise interpretiert. Man glaubte
nämlich, daß Abraham der Verfasser sei und nannte seinen Namen mit einer
religiösen Scheu. Folgendes sind die Ausdrücke, mit denen Moses Botril
seinen Kommentar des Sepher Jezirah beginnt:

»Unser Vater Abraham, Friede sei mit ihm, schrieb gegen die Weisen seiner
Zeit, welche nicht an das Prinzip der Einheit glaubten. Wenigstens sagt so
Rabbi Saadiah -- das Andenken dieses Gerechten sei gesegnet! -- im ersten
Kapitel seines Buches, welches den Titel führt: der Stein der Weisen.[364]
Ich führe seine eigenen Worte an: Die chaldäischen Weisen bekämpften unsern
Vater Abraham um seines Glaubens willen. Die chaldäischen Weisen aber
zerfielen in drei Sekten. Die erste glaubte, daß das Weltall zwei in der
Art ihrer Thätigkeit durchaus verschiedenen Grundursachen unterworfen sei,
von denen die eine zu zerstören versuche, was die andere geschaffen habe.
Es ist dies die Anschauung der Dualisten, die sich auf ein System stützen,
welches auf die Urheber des Guten und des Bösen gegründet ist. Die zweite
Sekte nimmt drei Grundprinzipien an, nämlich die eben genannten, welche
sich gegenseitig aufheben, und das aus dieser Aufhebung entspringende
Nichts. Die dritte Sekte endlich erkennt keinen anderen Gott als die Sonne
an, welche sie als das Grundprinzip des Werdens und Vergehens betrachtet.«

Ungeachtet der großen und allgemein respektierten Autorität des Moses
Botril können wir seine Meinung nur als eine ganz vereinzelte betrachten,
denn an die Stelle des Namens von Abraham ist längst der des Ben Akiba
getreten, eines der fanatischsten Träger der Tradition und eines der vielen
Märtyrer der Freiheit seines Landes, welcher verdient, zu den
bewundernswertesten Helden gezählt zu werden, wie sie je in Athen und Rom
eine Rolle spielten. Uns erscheint jedoch diese letztere Annahme ebenso
unwahrscheinlich und nicht besser begründet als die erstere. Überall, wo
der Talmud Akiba erwähnt, erscheint er als ein fast göttliches, selbst über
Moses hinausragendes Wesen, jedoch repräsentiert er sich in keiner Weise
als eine der Leuchten der Merkaba oder der Weisheit der Genesis, nichts
läßt vermuten, daß er das »Buch der Schöpfung« geschrieben habe oder irgend
ein Buch von ähnlicher Beschaffenheit, und im Gegenteil tadelt man ganz
positiv an ihm, daß er von der Gottheit gerade keine sehr erhabenen
Anschauungen gehabt habe. So sagt z. B. Rabbi Joseph von Galiläa: »O Akiba,
wie sehr vermischest du Gewöhnliches mit der göttlichen Majestät.« Nur die
Begeisterung, welche er einflößte, die Geduld, mit welcher er Regeln für
alle Lebenslagen aufstellte, der von ihm vierzig Jahre lang gezeigte
religiöse Eifer und endlich der Heroismus seines Todes haben der Tradition
ein gewisses Gewicht gegeben; hingegen stimmen die ihm zugeschriebenen
vierundzwanzigtausend Schüler durchaus nicht mit dem Verbot der Mischna
überein, auch nur das geringste Geheimnis der Kabbala bekannt zu machen.

Einige neuere Kritiker haben geglaubt, es hätten zwei verschiedene Bücher
unter dem Titel Sepher Jezirah existiert, von denen das dem Abraham
zugeschriebene und im Talmud erwähnte längst verloren gegangen und nur das
neuere uns erhalten geblieben sei. Morin, der Verfasser der
+Exercitationes biblicae+, entnimmt einem Chronisten des 16. Jahrhunderts
folgende Stelle, an welcher sich derselbe über Akiba äußert: »Derselbe hat
das Buch der Schöpfung zu Ehren der Kabbala geschrieben; es existierte aber
noch ein anderes von Abraham geschriebenes Buch der Schöpfung, über welches
Rabbi Moses ben Nachman (abgekürzt Ramban genannt[365]), einen großen und
wunderbaren Kommentar schrieb.« Dieser zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts
geschriebene und in der Mantuaer Ausgabe einige Jahre nach der erwähnten
Chronik gedruckte Kommentar entspricht auf das Genaueste dem Buche Jezirah,
wie wir es noch heute besitzen. Die meisten seiner Ausdrücke sind genau
hinübergenommen, und es liegt auf der Hand, daß der von uns genannte
Chronist den Kommentar nicht gelesen hat. Endlich ist der erste, welcher an
die Stelle des Namens von Abraham den des Akiba setzte, ein Kabbalist des
16. Jahrhunderts, Isaak Delares, welcher in seiner Vorrede zum Sohar fragt:
»Wer hat Rabbi Akiba erlaubt, unter dem Namen Mischna das Buch Jezirah zu
schreiben, da dasselbe ein Buch ist, welches seit Abraham mündlich
überliefert wurde?« Allerdings ist dieser Ausspruch der Fiktion, welche wir
zerstören wollen, entgegenstehend; aber nichtsdestoweniger beruht dieselbe
auf der eben genannten Autorität. Der Verfasser des »Buches der Schöpfung«
ist noch nicht entdeckt, und es ist nicht unsere Sache, den über seinem
Namen liegenden Schleier zu lüften; ja wir glauben sogar, daß dies bei dem
geringen vorliegenden Material unmöglich ist. Diese Ungewißheit kann sich
aber nicht auf die im Sepher Jezirah demonstrierten Lehrsätze erstrecken,
welche das philosophische Interesse erwecken müssen, das dieser Stoff
beanspruchen kann.




Drittes Kapitel.

Die Authenticität des Sohar.


Ein lebhaftes Interesse, aber auch große Schwierigkeiten sind mit dem jetzt
zu besprechenden litterarischen Denkmal, dem Sohar oder »Buch des Lichtes«,
dem Universalkodex der Kabbala verbunden. In der bescheidenen Form eines
Kommentars zum Pentateuch berührt er mit großer Unabhängigkeit alle
geistigen Fragen und erhebt sich manchmal zu Lehren, welche dem größten
Genie unserer Zeit zur Ehre gereichen würden. Aber er ist weit entfernt,
sich beständig auf dieser Höhe zu erhalten, sondern steigt oft zu einer
Sprache, zu Ausdrücken und Ideen herab, welche den äußersten Grad von
Unwissenheit und Aberglauben verraten. Man findet in ihm einerseits die
Einfachheit und den naiven Enthusiasmus der biblischen Zeit, andererseits
Namen, Thatsachen, Kenntnisse und Gebräuche, welche auf eine ziemlich
vorgerückte Epoche des Mittelalters deuten. Diese Ungleichheit der Form wie
des Inhalts, die bizarre, die verschiedensten Zeiten ineinander werfende
Mischung des Charakters, das fast völlige Schweigen der beiden Talmud und
endlich das Fehlen positiver Dokumente bis zum Schluß des 13. Jahrhunderts
haben die verschiedensten Meinungen über den Ursprung und den Verfasser
dieses Buches aufkommen lassen. Wir wollen zunächst die ältesten und
zuverlässigsten Zeugnisse beibringen und sprechen lassen, bevor wir unsere
eigene Meinung über diese schwierige Frage kund thun.

Alles, was man über die Entstehung und das Alter der Sohar sagt und
vermutet, ist in einer durchaus unparteiischen Weise zwei Schriftstellern
entnommen. Der erste derselben, Abraham ben Zakuth (um 1492) sagt in seinem
»Buch der Genealogien«:

»Der Sohar, dessen Strahlen die Welt erleuchten und die tiefsten
Geheimnisse des Gesetzes und der Kabbala enthüllen, ist nicht das Werk des
Simon ben Jochai, obgleich er unter dessen Namen veröffentlicht wurde. Aber
es ist von seinen Schülern verfaßt, welche es wiederum ihren Schülern
anvertrauten und denselben die Fortsetzung ihrer Arbeit zur Aufgabe
machten. Die mit der Wahrheit vollkommen übereinstimmenden Worte des Sohar
wurden von Männern niedergeschrieben, welche spät genug lebten, um die
Bestimmungen der Mischna und die Vorschriften des mündlichen Gesetzes zu
kennen. Dieses Buch wurde erst nach dem Tod von Rabbi Moses ben Nachman
(ca. 1309) und Rabbi Ascher (ca. 1320; beide spanische Juden) verbreitet,
die es noch nicht kannten.«

Rabbi Gedalia, der Verfasser einer berühmten Chronik unter dem Titel »Kette
der Tradition« sagt:

»Um das Jahr 5500 der Schöpfung (1290 n. Chr.) gab es eine Anzahl Leute,
welche annahmen, daß alle im aramäischen Dialekt geschriebenen Theile des
Sohar das Werk des Rabbi Simon ben Jochai seien, und daß ihm nur die in
heiliger Sprache (dem reinen Hebräisch) abgefaßten nicht zugeschrieben
werden dürften. Andere glaubten, daß Rabbi Moses ben Nachman dieses Buch im
heiligen Land entdeckt und nach Catalonien geschickt habe, von wo es nach
Arragonien und in die Hände des Rabbi Moses von Leon gekommen sei. Wieder
Andere waren der Meinung, daß Rabbi Moses von Leon als wohl unterrichteter
Mann die Commentare selbst geschrieben und dieselben, um bei den Gelehrten
seinen finanziellen Nutzen zu wahren, unter dem Namen des Rabbi Simon ben
Jochai und seiner Freunde veröffentlicht habe. Man fügt hinzu, daß er dies
gethan habe, weil er arm und von Geschäften erschöpft gewesen sei. Was mich
jedoch anlangt, sagt Rabbi Gedalia, so glaube ich, daß alle diese Meinungen
grundlos sind, und daß Rabbi Simon ben Jochai mit seinen heiligen Genossen
in Wirklichkeit alle diese und noch andere Dinge gesagt haben, daß sie aber
zu seiner Zeit noch nicht niedergeschrieben, sondern, nachdem sie lange
Zeit in verschiedenen Handschriften umgelaufen waren, gesammelt und
geordnet wurden. Man darf sich darüber nicht wundern, denn in gleicher
Weise stellten Rabbi Ascher die Gemara und Rabbi Judas die Mischna
zusammen, deren Manuscripte anfänglich in alle vier Enden der Erde
zerstreut waren.«

Wir sehen aus diesen Worten, welchen die moderne Kritik auch nichts
Wesentliches hinzuzufügen weiß, daß die uns beschäftigende Frage drei
verschiedene Lösungen gefunden hat. Eine Partei schreibt die Urheberschaft
des Sohar mit Ausnahme der rein hebräischen Stellen, die übrigens in keiner
gedruckten Ausgabe[366] und in keinem bekannten Manuskript vorkommen, dem
Rabbi Simon ben Jochai zu. Die andere Partei macht den Sohar zum Werk eines
Betrügers, Moses von Leon, und setzt seine Entstehung in den Schluß des 13.
oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Die dritte Partei endlich schlägt einen
Mittelweg zwischen beiden Extremen ein: sie läßt Simon ben Jochai die im
Sohar enthaltene Philosophie seinen Schülern lehren, welche dieselbe
mündlich fortpflanzten, bis nach einigen Jahrhunderten die zerstreuten
Niederschriften im Sohar, wie er uns jetzt vorliegt, gesammelt worden
seien.

Die erste Anschauung verdient keine ernsthafte Widerlegung, und sie gründet
sich auf folgendes dem Talmud entlehnte Faktum[367]:

»Rabbi Jehuda, Rabbi Joseph und Rabbi Simon ben Jochai waren eines Tages
versammelt, und bei Ihnen befand sich ein gewisser Jehuda ben Gerim. Da
sagte Rabbi Jehuda bezüglich der Römer: Was hat diese Nation groß gemacht?
Doch nur das Erbauen von Brücken und die Einrichtung von Märkten und
öffentlichen Bädern. -- Auf diese Worte hin schwieg Rabbi Joseph, aber
Rabbi Simon ben Jochai antwortete: Sie haben dies nur zu ihrem eigenen
Nutzen gethan. Sie haben Märkte eingerichtet, um Huren anzulocken; sie
haben Brücken gebaut, um Zölle zu erheben, und Bäder, um sich zu
erfrischen. Rabbi Jehuda ben Gerim erzählte weiter, was er gehört hatte,
und es kam zu den Ohren des Kaisers, welcher befahl: Jehuda, welcher mich
gelobt hat, soll erhöht werden; Joseph, welcher schwieg, soll nach Sipora
(Sephoris) verbannt, und Simon, welcher mich geschmäht hat, getödtet
werden. Daraufhin verbarg sich dieser mit seinem Sohn in der Schule, und
die Thürhüterin brachte ihm jeden Tag ein Brod und einen Napf Wasser. Aber
die Acht, welche auf ihn gelegt war, war sehr schwer, und Simon sprach zu
seinem Sohn: Die Frauen sind von schwachem Charakter; deshalb steht zu
befürchten, daß unsere Thürhüterin, wenn man ihr mit Fragen zusetzt, uns
verräth. Auf diese Betrachtungen hin verließen sie ihr Asyl und verbargen
sich in einer Höhle. Dort schuf Gott durch ein Wunder zu ihren Gunsten
einen Johannisbrotbaum und eine Quelle. Simon und sein Sohn legten ihre
Kleider ab, vergruben sich bis an den Hals in den Sand und brachten ihre
Tage mit der Betrachtung des Gesetzes zu. So lebten sie in dieser Höhle
zwölf Jahre lang, bis der Prophet Elias am Eingang ihres Zufluchtsortes
erschien und ihnen zurief: Wer verkündet dem Sohn des Jochai, daß der
Kaiser gestorben und sein Befehl vergessen ist? Darauf gingen sie hinweg,
lebten wie andere Menschen und bebauten das Land.«

Während dieser zwölf Jahre der Einsamkeit und Verbannung soll nun nach dem
Talmud Simon ben Jochai mit Hilfe seines Sohnes Eleazar das berühmte Werk
geschrieben haben, an welches sein Name geknüpft blieb. Aber, selbst wenn
man aus dieser Erzählung die beigemengten fabelhaften Umstände ausscheidet,
ist es noch immer sehr schwierig, die daraus gezogenen Folgerungen zu
rechtfertigen, denn man kann natürlich unmöglich sagen, was die Resultate
der Betrachtungen waren, durch welche die beiden Proskribierten ihre Qualen
zu vergessen suchten. Endlich findet man im Sohar eine Menge von Thatsachen
und Namen, welche Simon ben Jochai, der nicht lang nach der Zerstörung
Jerusalems um den Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts starb,
unmöglich kennen konnte. Wie konnte er z. B. von den sechs Teilen
sprechen[368], in welche die etwa sechzig Jahre später geschriebene Mischna
zerfällt? Wie konnte er die Autoren und Vorschriften der Gemara
erwähnen[369], welche nach dem Tod des heiligen Judas begonnen und
fünfhundert Jahre nach Christus vollendet wurde? Wie konnte er die Namen,
die Gesichtspunkte und andere Eigentümlichkeiten der Schule von Tiberias
kennen, welche erst zu Anfang des sechsten christlichen Jahrhunderts
entstand? Ja manche Kritiker wollen sogar die mohammedanischen Araber im
Sohar unter dem Namen der Ismaëliten erwähnt finden, und es ist in der That
sehr schwer, sich der Beweiskraft folgenden Satzes zu verschließen:

»Der Mond ist sowohl das Zeichen des Guten als des Bösen. Der Vollmond ist
das Gute, der Neumond das Böse. Und weil er sowohl das Gute als das Böse in
sich begreift, so haben ihn sowohl die Kinder Israels als Ismaels ihrer
Rechnung zu Grund gelegt. Wenn eine Mondfinsterniß eintritt, so ist dies
ein böses Zeichen für Israel, tritt dagegen eine Sonnenfinsterniß ein, so
ist es ein solches für Ismael. Also bewahrheiten sich die Worte des
Propheten: Die Weisheit der Weisen wird zu Grunde gehen, und die Klugheit
der Klugen wird verdunkelt werden.«

Es muß jedoch bemerkt werden, daß diese Worte nicht im Text, sondern in
einem weit jüngeren Kommentar stehen, welcher den Titel führt: »der gute
Hirte«, $Ra'ya Meheimna$, und daß sie die ersten Herausgeber aus eigener
Machtvollkommenheit dem Sohar hinzufügten, weil sie an der betreffenden
Stelle eine Lücke zu finden glaubten.

Man hat im Sohar selbst noch eine bestimmtere Stelle finden wollen, welche
ein Schüler des Simon ben Jochai aus dem Munde seines Meisters gehört haben
will:

»Wehe über den Augen, da Ismael zur Welt geboren wurde und das Zeichen der
Beschneidung annahm. Denn was that der Herr, dessen Name gelobt sei? Er
schloß die Kinder Ismaels von der himmlischen Verbindung aus. Aber da sie
das Verdienst hatten, das Zeichen des Bundes angenommen zu haben, so
behielt er ihnen für ihren Theil den Besitz des heiligen Landes vor. Also
sind die Kinder Ismaels bestimmt, das heilige Land zu beherrschen, und sie
hindern die Kinder Israels dorthin zurückzukehren. Aber dies wird nur bis
zu der Zeit dauern, in welcher das Verdienst der Kinder Israels erloschen
sein wird. Alsdann werden sie schreckliche Kriege entfesseln, und die
Kinder Edoms werden sich gegen sie vereinigen und sie schlagen zu Wasser,
zu Land und bei Jerusalem. Der Sieg wird bald auf der einen und bald auf
der andern Seite sein, aber das heilige Land wird nicht in die Hände der
Kinder Edoms gegeben werden.«

Zum richtigen Verständnis dieser Zeilen sei bemerkt, daß die hebräisch
schreibenden jüdischen Schriftsteller unter den Kindern Israels sowohl das
heidnische, als das christliche Rom, als auch die Christenheit überhaupt
verstehen. Da nun hier nicht vom heidnischen Rom die Rede sein kann, so hat
man in dieser Stelle die Niederlagen der Sarazenen gegen die Christen
während der Kreuzzüge vor der Eroberung Jerusalems sehen wollen. Was die
Prophezeiung des Simon ben Jochai anlangt, so habe ich wohl kaum nötig zu
sagen, welches Gewicht sie unserer Ansicht nach besitzt. Auch will ich mich
nicht lange bei der Darstellung der heute allgemein bekannten und von der
modernen Kritik zur Genüge wiederholten Thatsachen aufhalten. Ich will nur
einen für unser endliches Urteil ganz besonders wichtigen Umstand anführen.
Um die Überzeugung zu gewinnen, daß Simon ben Jochai nicht der Verfasser
des Sohar, und dieses Buch selbst nicht die Frucht dreizehnjähriger
Betrachtungen und der Einsamkeit sein kann, genügt es, einige
Aufmerksamkeit auf die Erzählungen zu verwenden, welche fast stets mit der
Entwickelung des Gedankenganges verbunden sind. So vereinigte nach dem Idra
Suta genannten Fragment, welches eine in jeder Hinsicht bewundernswürdige
Episode in dieser ungeheuren Kompilation bildet, Rabbi Simon vor seinem
Tode eine kleine Anzahl seiner Schüler und Freunde um sich, unter welchen
sich sein Sohn Eleazar befand. Simon sagte zum Letzteren: Du wirst
studieren, Rabbi Aba wird schreiben und meine andern Freunde werden
stillschweigend ihren Betrachtungen nachhängen. An allen andern Stellen
spricht der Meister in den seltensten Fällen; wohl aber sind seine Worte im
Munde seiner Söhne und Freunde, welche sich noch nach seinem Tod
versammeln, um ihre Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig über
den rechten Glauben zu belehren nach den Worten der heiligen Schrift:
Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander
wohnen! -- Begegnen sich einige seiner Schüler unterwegs, so dreht sich
ihre Unterhaltung sofort um den gewöhnlichen Gegenstand ihrer Betrachtungen
und sie beginnen irgend eine Stelle des alten Testaments in einem geistigen
Sinn auszulegen. Hier ein Beispiel statt tausend: Rabbi Jehuda und Rabbi
Joseph waren unterwegs, und der erstere sprach zu seinem Reisegefährten:
Sage mir etwas vom Gesetz, denn wenn der Mensch die Worte des Gesetzes
betrachtet, so steigt der Geist Gottes zu ihm herab oder geht vor ihm her,
um ihn zu führen.[370]

Man pflegt endlich, wie wir bereits oben sagten, Bücher zu citieren, von
denen nur vereinzelte Bruchstücke auf uns gekommen sind, die aber
notwendiger Weise älter als der Sohar sein müssen. So wollen wir nur
folgende Stelle hierhersetzen, von welcher man glauben könnte, daß sie von
einem Schüler des Copernicus geschrieben sein müsse, wenn ihr Ursprung
nicht mit voller Gewißheit spätestens in das Ende des 13. Jahrhunderts zu
setzen wäre[371]:

»Im Buch des Rabbi Hamnuna des Ältern wird vermittelst verschiedener
Erklärungen gelehrt, daß sich die Erde um sich selber kreisförmig dreht,
daß Einige oben und Andere unten sind, daß alle Menschen nacheinander in
gleicher Lage die verschiedenen Stellungen des Himmels zu Gesicht bekommen,
daß ein Theil der Erde erleuchtet ist, während der andere in Dunkelheit
liegt, daß ein Theil der Menschen Tag hat, während es bei den andern Nacht
ist, daß es Gegenden giebt, wo es beständig Tag ist, oder wo wenigstens die
Nacht nur wenige Augenblicke dauert.«

Es liegt auf der Hand, daß der Verfasser des Sohar, sei er, wer er sei,
gewiß nicht Rabbi Simon ben Jochai sein kann, dessen Tod und letzte
Augenblicke darin erzählt werden.

Sind wir aber deshalb genötigt, die Ehre seiner Urheberschaft einem
obskuren Rabbi des dreizehnten Jahrhunderts, einem unglückseligen
Charlatan, zuschreiben zu müssen, welcher seinem Elend auf eine ebenso
unwürdige als unsichere Weise ein Ende machen wollte? Ganz gewiß nicht. Und
selbst wenn wir die innerste Natur, den innersten Wert des Buches prüfen,
so macht es nicht die mindeste Mühe darzulegen, daß diese Ansicht
ebensowenig als die erste begründet ist. Doch müssen wir zu ihrer
Widerlegung positive Beweisgründe beizubringen suchen.

Der Sohar ist in aramäischer Sprache geschrieben, welche keinem
ausgesprochenen Dialekt angehört. Welche Absicht könnte wohl Rabbi Moses
von Leon gehabt haben, als er sich eines Idioms bediente, das zu seiner
Zeit gar nicht gebräuchlich war? Wollte er, wie ein neuerer, bereits
angeführter Kritiker annimmt[372], seinen Erdichtungen eine gewisse
Wahrscheinlichkeit geben, wenn er die Personen des Sohar, unter deren Namen
er seine Ideen einschmuggelte, in der Sprache ihrer Zeit reden läßt? Aber
selbst, wenn er so ausgedehnte Kenntnisse besessen hätte, so würde er
selbst nach der Meinung der von uns hier bekämpften Gegner nicht haben
übersehen dürfen, daß Simon ben Jochai und seine Freunde zu den Verfassern
der Mischna gehören, deren gewohnte Sprache der jerusalemitische Dialekt
war, und welche demnach gewiß hebräisch geschrieben hätten. Er würde sich
also gewiß der letzteren Sprache bedient haben, wenn er den Sohar durch
Einschmuggelung seiner eigenen Ideen hätte fälschen wollen, welcher Betrug
sicher bald entdeckt worden wäre. Da wir aber nirgends etwas dergleichen
auf unsere Zeit Gekommenes finden, so braucht uns obige Annahme nicht mehr
zu beschäftigen.

Aber sei sie wahr oder falsch, sie dient zur Bekräftigung folgenden
Umstandes:

Wir wissen mit größter Gewißheit, daß Moses von Leon in hebräischer Sprache
ein kabbalistsches Werk unter dem Titel: »der Name Gottes« oder einfach
»der Name« ($Sefer Hashem$) schrieb. Moses Corduero besaß dieses noch
handschriftlich erhaltene Werk und bringt daraus mehrere Stellen bei, aus
welchen sich ergiebt, daß es ein sehr subtiler und detaillierter Kommentar
über einige der dunkelsten Stellen der Lehren des Sohar ist, wie z. B.:
Welches sind die verschiedenen Kanäle oder -- so zu sagen -- Influenzen,
wechselseitige Rapporte, welche zwischen den Sephiroth bestehen und die das
göttliche Licht oder die Ursubstanz der Dinge von dem einen zum andern
führen? Läßt sich nun annehmen, daß derselbe Mann, welcher den Sohar in
chaldäisch-syrischer Sprache geschrieben haben soll, um die Schwierigkeiten
desselben noch durch den Dialekt zu vermehren, um die in ihm erhaltenen
Gedanken dem Volk zu verschleiern, im Hebräischen entschleierte und
preisgab, was er in einer selbst von den Gelehrten halbvergessenen Sprache
so ängstlich zu verbergen gesucht hatte? Glaubt man wirklich, daß er durch
diesen Wechsel der Methode bei seinen Lesern Erfolg erzielt haben würde?
Es ist in der That viel zu viel Zeit und Mühe mit viel zu gelehrten und
komplizierten Kombinationen verschwendet worden, um einen unbedeutenden
Mann der dümmsten Widersprüche und gröbsten Anachronismen zu beschuldigen.

Ein anderer Grund zwingt uns, den Sohar für weit älter als Moses von Leon
und für nicht europäischen Ursprungs zu halten, nämlich der, daß man
nirgends eine Spur aristotelischer Philosophie und keine Erwähnung des
Christentums und seines Begründers findet, und es ist doch allbekannt, daß
während des 13. und 14. Jahrhunderts in Europa das Christentum und
Aristoteles unbeschränkt herrschten. Wie könnte man also annehmen, daß in
einer so fanatischen Zeit ein armer spanischer Rabbi, welcher in
unverständlicher Sprache über religiöse Stoffe schrieb, der Anklage
entgangen wäre, welche so oft gegen spätere Schriftsteller erhoben wurde,
nämlich, daß sie sich nicht wie Saadiah, Maimonides und ihre Nachfolger von
dem unwiderstehlichen Einfluß der peripatetischen Philosophie hätten frei
machen können? Man lese aber alle Kommentare des »Buches der Schöpfung« und
werfe einen Blick auf alle religiösen und philosophischen Schriften seiner
Zeit, und man wird überall der Sprache des Organon und der unbeschränkten
Herrschaft der Philosophie des Stagyriten begegnen. Das Fehlen dieses
Merkmals im Sohar ist aber von einer nicht hoch genug zu schätzenden
Bedeutung. Man kann in den zehn Sephiroth, von denen wir weiter unten
ausführlich sprechen werden, keine verkappte Nachahmung der aristotelischen
Kategorien sehen, weil nämlich die letzteren nur einen logischen Wert
besitzen, die ersteren hingegen ein erhabenes metaphysisches System
darstellen. Wenn einige Teile der Kabbala ja einem System der griechischen
Philosophie ähneln, so ist es das System Platos, welcher ja bekanntlich
einem gewissen Mysticismus ergeben war; Plato war aber damals außerhalb
seines Vaterlandes sehr wenig bekannt.

Endlich aber bemerken wir, daß die im Sohar gebrauchten Ideen und
Ausdrücke, welche zur Erläuterung des kabbalistischen Systems dienen, in
weit älteren Schriften als solchen vorkommen, die zu Ende des 12.
Jahrhunderts abgefaßt wurden. So ist z. B. der von uns schon genannte Moses
Botarel, einer der Kommentatoren des Sepher Jezirah, der die
Emanationstheorie nach den Anschauungen der Kabbalisten lehrt, von Saadiah
wohl gekannt, denn dieser führt folgende Stelle des ihm zugeschriebenen
»der Stein der Weisen« genannten Buches an:

»O du, der du aus den Cisternen schöpfst, hüte dich, wenn man dich
versuchen will, die Emanationslehre zu enthüllen, denn dieselbe ist ein
großes Geheimniß im Munde der Kabbalisten, und ein anderes Geheimniß ist
enthalten in den Worten des Gesetzes: Ihr sollt den Herrn nicht versuchen!«

Aber Saadiah greift die Emanationslehre, welche die Grundlage des ganzen im
Sohar entwickelten Systems ist, heftig in seinem »Glauben und Meinen«
betitelten Buch an, wie einwandsfrei aus folgender Stelle desselben
hervorgeht[373]:

»Ich bin oft Leuten begegnet, welche die Existenz eines Schöpfers nicht
leugnen, aber nicht begreifen, wie unser Geist fassen könne, daß irgend
etwas aus nichts geschaffen sei. Da nun der Schöpfer das einzige Wesen ist,
welches von Anbeginn an existiert, so muß ihrer Meinung nach das Weltall
aus der eigenen Wesenheit des Schöpfers hervorgegangen sein. Diese Leute
(Gott behüte euch vor ihren Anschauungen) sind noch sinnlicher als alle
andern, von denen wir bisher gesprochen haben.«

Der Sinn dieser Worte wird noch klarer, wenn man in demselben Kapitel
liest, daß der Glaube, auf welchen sie anspielen, durch die Worte bei
Hiob[374] gerechtfertigt werde: »Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist
die Stätte des Verstandes? -- Gott weiß den Weg dazu und kennet ihre
Stätte.« Man findet hier in der That die Namen, welche der Sohar den drei
ersten und obern Sephiroth weiht, und die alle andern in sich fassen:
nämlich die Weisheit, den Verstand und die Stätte. Anstatt Stätte sagen nun
die Kabbalisten »das Nichtseiende« und nennen sie so, weil das Nichtseiende
das Unendliche ohne Attribut, Form und Eigenschaft in einem unbegreiflichen
Zustand ohne Realität repräsentiert.[375] »Dies ist der aus dem
Nichtseienden gezogene Sinn«, sagen die Kabbalisten.

Derselbe Autor giebt uns auch eine psychologische Theorie, welche völlig
identisch mit der Simon ben Jochai zugeschriebenen ist[376] und lehrt uns,
daß das im Sohar[377] enthaltene Dogma der Präexistenz und Rëincarnation zu
seiner Zeit von Leuten angenommen worden sei, welche nur dem Namen nach
Juden gewesen seien und ihre extravagante Meinungen durch das Zeugnis der
heiligen Schrift zu stützen gesucht hätten.

Dies ist jedoch nicht alles, denn der heilige Hieronymus spricht in einem
seiner Briefe[378] von den zehn mystischen Namen (+decem nomina mystica+),
durch welche die Engel die Gottheit bezeichneten. Diese von Hieronymus
erwähnten und ausgewählten Namen sind aber genau dieselben, mit welchen der
Sohar die zehn Sephiroth oder Attribute der Gottheit bezeichnet. Sie mögen
hier folgen, wie sie im »Buch des Geheimnisses« ($Sifra Ditzni'uta$), einem
der ältesten Fragmente des Sohar enthalten sind und gleichzeitig die
Grundprinzipien der Kabbala in sich fassen:

»Wenn der Mensch eine Bitte an den Herrn richten will, so muß er stets die
heiligen Namen Gottes anrufen, nämlich: Eheie, Jah, Jehovah, El, Elohim,
Jedud, Eloha, Sabaoth, Schadai, Adonai. Dies sind die zehn Sephiroth,
welche heißen: Krone, Weisheit, Verstand, Schönheit, Gnade,
Gerechtigkeit usw.«

Alle Kabbalisten stimmen darin überein, daß die zehn Namen Gottes und die
zehn Sephiroth einunddasselbe sind, nämlich der geistige Teil derselben sei
die Wesenheit der göttlichen Emanationen. Hieronymus spricht auch in
mehreren seiner Schriften von gewissen hebräischen Traditionen, welche das
Paradies, oder, wie es hebräisch heißt: Eden ($Gan Eden$), älter sei als
die Welt.[379] Bemerkt sei dazu zunächst, daß bei den Juden keine andern
Traditionen ähnlichen Inhalts bekannt waren als die geheimnisvolle
Wissenschaft, welche der Talmud »die Geschichte der Schöpfung« nennt. Was
ferner den mit ihrem Namen verbundenen Glauben anlangt, so stimmt derselbe
völlig mit dem Sohar überein, wo die höchste Weisheit, das göttliche Wort,
durch welches die Schöpfung begonnen und vollendet wurde, das Prinzip aller
Intelligenz und des ganzen Lebens, als das wahre oder obere Eden ($Eden
ila'a$) bezeichnet wird. Aber ein schwerer als dies alles wiegender
Umstand ist, daß die Kabbala sowohl der Sprache als dem Inhalt nach mit
allen gnostischen Sekten -- namentlich den in Syrien entstandenen -- und
dem Religionskodex der Nazarener besitzt, welcher vor einigen Jahren
entdeckt und aus dem Syrischen in das Lateinische übersetzt wurde. Es sei
ferner noch bemerkt, daß die Lehren eines Simon Magus, Elxaï, Bardesanes,
Basilides und Valentinus nur bruchstückweise in den Schriften einiger
Kirchenväter wie Clemens von Alexandria und Irenäus erhalten sind, die auf
keinen Fall einem in der christlichen Litteratur gänzlich unbewanderten
Rabbi des 13. Jahrhunderts bekannt waren. Wir sind also zu der Annahme
gezwungen, daß der Gnosticismus auf den Sohar nicht sowohl in seiner uns
heute vorliegenden Form, als bezüglich der in ihm enthaltenen Traditionen
und Theorien einwirkte.

Außer obiger Annahme ist noch die Ansicht zu erwähnen, welche die Kabbala
zu einer Nachahmung der mystischen Philosophie der Araber macht und sie zur
Zeit der Herrschaft der Khalifen ungefähr zu Anfang des elften Jahrhunderts
entstehen läßt, also in einer Epoche, wo sich die ersten Spuren des
Mysticismus bei den Arabern zeigen. Diese Konjektur wurde schon im neunten
Band der Memoiren der +Akademie des Inscriptions+ ausgesprochen, und auch
Tholuck hat sie durch seine große Gelehrsamkeit zu unterstützen gesucht. In
einer älteren Schrift[380], worin er den Einfluß der griechischen
Philosophie auf die Araber untersucht, kommt Tholuck zu dem Schluß, daß die
Emanationslehre den Arabern zu gleicher Zeit wie die Philosophie des
Aristoteles bekannt geworden sei. Die letztere jedoch wurde ihnen nur durch
die Kommentare des Themistius, Theon von Smyrna, Aeneas von Gaza, Johann
Philopon, mit einem Wort, mit alexandrinischen Philosophemen in einer sehr
unvollständigen Gestalt überliefert. Dieser vom Stamme des Islam abgelegte
Zweig entwickelte sich zu einem ausgedehnten System, ähnlich dem des
Plotinos, welcher den Enthusiasmus über die Vernunft setzt, und -- indem er
alle Wesen aus der Gottheit hervorgehen läßt, dem Menschen als Endziel der
Vervollkommnung die Ekstase und Verneinung seiner selbst vorschreibt.
Diesen halb griechischen, halb arabischen Mysticismus will Tholuck als die
Quelle der Kabbala hinstellen.[381] Zu diesem Zweck greift er die
Authenticität der kabbalistischen Bücher und vor allem die des Sohar an,
welchen er als eine am Schluß des 13. Jahrhunderts entstandene Kompilation
betrachtet, obschon er der Kabbala im allgemeinen ein höheres Alter
zugesteht. Nachdem er dies außer allen Zweifel gesetzt zu haben glaubt,
sucht er die vollkommene Ähnlichkeit der im Sohar enthaltenen Ideen mit
denen des arabischen Mysticismus nachzuweisen. Jedoch bringt er kein
Argument vor, das von uns nicht schon widerlegt wäre, und wir brauchen uns
nur an den letzten und zweifelsohne interessantesten Teil seiner Arbeit zu
halten. Dabei sind wir jedoch genötigt, vorausgreifend uns mit den
Grundlagen des kabbalistischen Systems zu beschäftigen und daran einige
ziemlich trockene Bemerkungen über seinen Ursprung zu knüpfen.

Die erste Beobachtung, welche wir machen, ist die, daß allerdings die
hebräischen Lehren den arabischen vollkommen gleichen, ohne daß die
ersteren jedoch ein Abklatsch der letzteren zu sein brauchen. Wäre es nicht
möglich, daß beide Lehren durch verschiedene Kanäle aus ein und derselben
Quelle geflossen sein könnten, welche älter als die arabische und
alexandrinische Philosophie ist? Und in der That giebt auch Tholuck zu, daß
die Araber mit den Hauptwerken der alexandrinischen Philosophie unbekannt
waren, daß sie die Schriften des Plotinus, Jamblichus und Proclus, von
denen weder eine syrische noch eine arabische Übersetzung existiert, gar
nicht, und von Porphyrius nur einen rein logischen Kommentar, nämlich die
Einleitung seiner Abhandlung über die Kategorien kannten. Andererseits aber
läßt sich kaum annehmen, daß die im ganzen Altertum unter dem Namen der
»orientalischen Weisheit« so hochberühmte parsistische Religionsphilosophie
den Arabern bei ihrer Invasion nicht bekannt geworden wäre, da sie doch
offenbar der großen unter der Herrschaft der Abbassiden sich Bahn
brechenden Bewegung zu Grunde liegt. Wissen wir doch, daß Avicenna ein Werk
über die »orientalische Weisheit« schrieb, welche ein neuerer Autor auf
Grund einiger weniger Citate für eine Zusammenstellung neuplatonischer
Ideen halten will. Er stützt sich dabei auf folgende Stelle des Al Gazali:
»Du mußt wissen, daß zwischen der Körperwelt und der, von welcher wir
sprechen (der Geisterwelt), ähnliche Beziehungen obwalten wie zwischen
unserm Körper und unserm Schatten.«

Hat sich jener Kritiker nicht in das Gedächtnis zurückgerufen, daß in
diesen Worten das Grundprinzip des Mazdeismus formuliert ist, und daß die
Juden von ihrer Gefangenschaft an bis zu ihrer Zerstreuung in
ununterbrochener Verbindung mit Babylonien standen? Wir wollen uns bei
diesem Punkt nicht länger aufhalten, sondern nur sagen, daß der Sohar ganz
positiv die »orientalische Weisheit« wiederholt; er sagt: »diese Weisheit,
welche die Söhne des Orients seit der frühesten Zeit kannten«, und citiert
aus ihr ein vollständig mit seinen Lehren übereinstimmendes Beispiel.
Schließlich kann hier keine Rede von den Arabern sein, welche die
hebräischen Schriftsteller unabänderlich »die Kinder Ismaels« oder »die
Kinder Arabiens« nennen. In solchen Ausdrücken spricht man aber nicht von
gleichzeitigen Philosophen und ihren eben erst unter dem Einfluß des
Aristoteles und seiner alexandrinischen Kommentatoren entstandenen Lehren.
Endlich würde der Sohar den Ursprung seiner Lehren nicht in die älteste
Zeit der Menschheit verlegen und sie nicht von Abraham den Söhnen seiner
Kebsweiber und von diesen den Völkern des Orients überliefern lassen.

Aber es ist gar nicht nötig, sich dieses Arguments zu bedienen, denn in
Wahrheit bieten der arabische Mysticismus und der Sohar viel mehr
Unterscheidungs- als Berührungspunkte dar, denn die ersteren beschränken
sich nur auf einige in allen mystischen Systemen nachweisbare allgemeine
Grundanschauungen, während die metaphysischen Hauptpunkte der beiden
Systeme keinen Zweifel über ihre Verschiedenheit aufkommen lassen. So
sehen, um das Wichtigste hervorzuheben, die arabischen Mystiker in Gott die
Grundsubstanz aller Dinge und die immanente Ursache des Weltalls und sie
behaupten, daß sich die Gottheit in dreierlei Weise offenbart habe: Erstens
als Einheit oder absolutes Sein, in welchem noch keinerlei Scheidung war.
Zweitens als die das Weltall bildenden Objekte, als diese anfingen sich in
ihrer Wesenheit und intelligibeln Formen sich zu scheiden und sich vor der
göttlichen Intelligenz als gegenwärtig darzustellen. Drittens als das
Universum, die reale Welt selbst, in welcher die Gottheit sichtbar
geworden ist. Das kabbalistische System ist weit davon entfernt, diesen
Charakter der Einfachheit aufzuweisen. Zweifelsohne gilt auch in ihm die
göttliche Wesenheit als die Grundsubstanz, als die Quelle, aus welcher von
Ewigkeit, ohne daß sie erschöpft wird, alles Leben, alles Licht und alles
Dasein fließt; aber anstatt der drei Manifestationen, der drei
Generalformen des unendlichen Wesens, hat sie deren zehn, nämlich die zehn
Sephiroth, welche sich in drei in einer Dreiheit aufgehenden Dreiheiten und
eine höchste Form teilen. In ihrer Gesamtheit betrachtet, repräsentieren
die Sephiroth nur den ersten Grad, die erste Sphäre des Seins, nämlich das,
was man die Welt der Emanationen nennt. Unterhalb derselben befinden sich
noch von einander unterschieden in unendlicher Vielfältigkeit die Welt der
reinen Geister oder der Schöpfung, die Welt der Sphären und der sie
lenkenden Intelligenzen oder die Welt der Formation, und als unterste Stufe
endlich die Welt der Arbeit oder Thätigkeit. Die arabischen Mystiker nahmen
ebenfalls eine Kollektivseele an, aus welcher alle einzelnen die Welt
belebenden Seelen ausgeflossen seien, einen zeugenden Geist, welchen sie
den Vater der Geister, den Geist Muhammeds, die Quelle, das Vorbild und die
Wesenheit aller andern Geister nennen. In dieser Auffassung des Geistes hat
man das Vorbild des Adam Kadmon, den himmlischen Menschen der Kabbalisten
sehen wollen. Aber das, was die Kabbalisten mit diesem Namen bezeichnen,
ist nicht allein das Prinzip der Intelligenz und des geistigen Lebens; es
ist auch das, was sie für über und unter dem Geist stehend ansehen, nämlich
die Gesamtheit der Sephiroth oder die ganze Emanationswelt, nämlich das
Wesen in seinem abstraktesten und unbegreiflichsten Charakter bis herab zu
den bildenden Kräften der Natur, welches sie in diesem Sinn den Punkt oder
das Nichtsein nennen. Weiterhin findet man bei den Arabern keine Spur der
Metempsychose, welche im kabbalistischen System eine so große Rolle spielt.
Vergebens wird man auch in den Werken der arabischen Mystiker die
fortlaufenden Allegorien, die beständige Berufung auf die Tradition, die
endlosen Geschlechtsregister nach den Worten des heiligen Paulus[382], die
gigantischen und bizarren Metaphern suchen, welche so ganz mit dem Geist
des alten Orients übereinstimmen. Schließlich kommt Tholuck von seiner
anfänglich vertretenen Ansicht zurück und meint, es sei unmöglich die
Kabbala aus arabischen Quellen abzuleiten, eine Meinungsäußerung, die bei
einem philosophisch so geschulten gelehrten Orientalisten ganz besonders
ins Gewicht fällt. Hier seine eigenen Worte:

»Was können wir nun aus diesen Analogien schließen? Meines Erachtens sehr
wenig. Denn was die beiden Systeme übereinstimmendes haben, findet sich
bereits in den ältesten Geheimlehren, in den Büchern der Sabäer und Perser
und bei den Neuplatonikern. Im Gegenteil aber ist die ungewöhnliche Form,
in welcher uns der Gedankeninhalt der Kabbala entgegentritt, der arabischen
Mystik ganz fremd. Um nun zu beweisen, daß die Kabbala wirklich aus der
letzteren hervorgegangen wäre, müßte man vor allem die Lehre von den
Sephiroth untersuchen; aber von ihnen findet sich bei den arabischen
Mystikern, welche nur eine einzige Art und Weise kennen, wie Gott sich
selbst offenbart, nicht die mindeste Spur; wohl aber nähert sich hier die
Kabbala den Lehren der Sabäer und Gnostiker.«

Ist nun die Unzulässigkeit der Annahme dargethan, daß die Kabbala
arabischen Ursprungs sei, so verliert die Meinung, welche den Sohar zu
einem Werk des 13. Jahrhunderts machen will, den letzten Halt. Der Sohar
enthält ferner, wie wir s. Z. näher darlegen werden, ein philosophisches
Werk von höchstem Gedankenflug und einer ungeheuren Ausdehnung; ein solches
Werk entsteht aber nicht -- so zu sagen -- über Nacht in einer Epoche der
Unwissenheit und des blinden Glaubens, und namentlich nicht bei einer
Menschenklasse, auf welcher der Druck der Verachtung und Verfolgung lastet.
Endlich aber begegnen wir im ganzen Mittelalter weder Vorläufern noch
Elementen des kabbalistischen Systems, weshalb wir genötigt sind, die
Entstehung desselben in das Altertum zurückzuversetzen.

Wir sind nun jetzt bei Jenen angelangt, welche behaupten, daß Simon ben
Jochai thatsächlich einer kleinen Anzahl seiner Schüler und Freunde, unter
welchen sich auch sein Sohn befunden habe, die die Basis des Sohar
bildenden metaphysischen und religiösen Lehren mitgeteilt habe. Diese
Lehren seien dann als unverletzliche Geheimnisse von Mund zu Mund
überliefert und nach und nach niedergeschrieben worden. In neuerer Zeit
seien nun diese Traditionen mit Anmerkungen und Kommentaren versehen
worden, wodurch sie zum Teil ihre Eigentümlichkeit veränderten, und endlich
gegen das Ende des 13. Jahrhunderts hin von Palästina nach Europa gekommen.
Wir hoffen, daß diese bisher nur schüchtern als Konjektur vorgetragene
Meinung bald den Charakter der völligen Gewißheit annehmen wird.

Wie schon der Verfasser der »die Kette der Tradition« betitelten Chronik
bemerkt, stimmt der Sohar vollkommen mit der Geschichte der übrigen
religiösen Denkmäler des jüdischen Volkes überein; sie vereinigt in sich
die auf gemeinschaftlicher Grundlage stehenden Traditionen der
verschiedenen Zeitalter und die Lehren der verschiedenen Meister, aus denen
auch die Mischna wie der jerusalemitische und babylonische Talmud
entstanden. Er sagt: »Ich habe die Tradition gehört, dieses Werk sei so
umfangreich, daß es in seiner Vollständigkeit zur Belastung eines Kameels
genügen würde.« Es läßt sich nun aber nicht annehmen, daß ein einziger
Mann, auch wenn er sein ganzes Leben hindurch über den betreffenden Stoff
geschrieben hätte, eine so schreckenerregende Probe seiner Fruchtbarkeit
abgelegt haben könne. Endlich aber liest man in den in derselben Sprache
geschriebenen und mit dem Sohar gleichalterigen »Supplementen des Sohar«
($Tikunei Zohar$), daß derselbe nie ganz veröffentlicht worden sei, oder --
um uns an den Wortlaut zu halten -- erst am Ende der Tage werde
veröffentlicht werden.

Beginnt man nun den Sohar selbst zu untersuchen, um ohne Vorurteil einige
Aufklärung über seinen Ursprung zu erhalten, so ersieht man bald aus der
Ungleichheit des Styls, aus dem Fehlen einer Einheit und Geschlossenheit
nicht sowohl des Systems, als der Exposition, der Methode, der Anwendung
der allgemeinen Grundsätze wie endlich aus dem Gedankengang im Einzelnen,
daß es unmöglich ist, die Autorschaft des Buches einer einzigen Person
zuzuschreiben. Wir beschränken uns auf eine kurze Darstellung der
hauptsächlichsten Differenzen der drei Hauptteile des Sohar, nämlich des
»Buches des Geheimnisses« ($Sifra Ditzni'uta$), welches als der älteste
Teil gilt; der »großen Versammlung« ($Idra Rabba$), in welcher sich Simon
ben Jochai inmitten seiner Jünger repräsentiert; und endlich die »kleine
Versammlung« ($Idra Zuta$), in welcher Simon auf dem Sterbebett vor seinem
Ende drei seiner Schüler zu sich berufen hat, um ihnen seine noch übrigen
Lehren mitzuteilen.

Diese drei durch große Zwischenräume in der ungeheuren Sammlung getrennten
Werke bilden jedoch ein zusammengehöriges Ganzes sowohl was die Thatsachen,
als auch was den Gedankengang des Inhalts anlangt. Man findet darin bald in
allegorischer Form, bald in durchaus metaphysischer Sprache eine
fortlaufende und glänzende Beschreibung der göttlichen Attribute, ihrer
verschiedenen Attribute, der Art und Weise der Schöpfung und der
Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Jedoch verläßt der Sohar nicht
selten diese Höhen der Spekulation, um zu dem äußern und praktischen Leben
herabzusteigen und die Beobachtung des Gesetzes und der religiösen
Gebräuche zu empfehlen. Häufig begegnet man auch einem Namen, einer
Thatsache oder einem Ausdruck, welcher uns die Authenticität dieser Blätter
bezweifeln lassen könnte, auf denen die Originalität der Form dem Fluge des
Gedankens preisgegeben wird. Das Wort führt immer der Meister, welcher
seine Zuhörer nicht mit logischen Gründen, sondern nur durch die Macht
seiner Autorität überzeugt. Er demonstriert nicht, er erklärt nicht, er
wiederholt nicht, was er von andern gelernt hat, sondern er versichert, und
ein jedes seiner Worte wird als ein heiliger Glaubensartikel betrachtet.
Diesen Charakter trägt besonders »das Buch des Geheimnisses«, ein sehr
ausführliches, aber auch sehr dunkles Resumé des ganzen Werkes. Man könnte
von ihm sagen: +docebat quasi auctoritatem habens+. Im übrigen enthält das
Buch anstatt einer fortlaufenden Exposition eine Menge ungeregelter Ideen;
anstatt eines festen, konsequent verfolgten Planes, wobei die vom Autor als
Belege seiner eigenen Ideen herangezogenen Schriftstellen sich dem
Gedankengang anschmiegen müßten, ist der Verlauf des Kommentars
untergeordnet und ohne Zusammenhang. Jedoch ist, wie wir bereits bemerkten,
die Auslegung der Schrift nur ein Vorwand, und wir werden, ohne den
Bannkreis ihrer Ideen zu verlassen, durch den Text von einem Gegenstand zum
andern geführt, womit sich die Traditionen der Schule des Simon ben Jochai
beschäftigte, der, anstatt ein logisch geordnetes System aufzustellen, dem
Zeitgeschmack folgend, seine Ideen den Hauptstellen des Pentateuch anpaßte.
Diese Ansicht wird noch durch den Umstand bestärkt, daß oft nicht die
mindesten Beziehungen zwischen dem betreffenden biblischen Text und den
Stellen des Sohar bestehen, welche ihm als Kommentar dienen sollen.
Dieselbe Zusammenhangslosigkeit und Unordnung herrscht in der Anordnung des
Stoffes, und es finden sich nur eine kleine Anzahl von Stellen, die einen
gleichförmigen Charakter zur Schau tragen. Hier herrscht die metaphysische
Theologie völlig souverän; aber ungeachtet der kühnsten und
hochfliegendsten Theorien begegnet man sehr häufig den materiellsten
Details des äußern Kultus oder kindischen Fragen, mit welchen die
Gemaristen gleich den Kasuisten anderer Religionen Zeit und Papier zu
verschwenden pflegten. Und hierin sind alle Argumente aufgehäuft, deren
sich die neueren Kritiker zur Stütze ihrer Anschauungen bedient haben, und
wovon wir die Falschheit nachgewiesen zu haben hoffen. Dieser letztere Teil
des Sohars endlich weist nach Form und Inhalt die Spuren einer ziemlich
neuen Zeit auf, während die Einfachheit wie der gläubige und naive
Enthusiasmus der andern Teile an die Zeit und Sprache der Bibel erinnert.
Wir wollen als Beispiel nur die Erzählung vom Tode des Simon ben Jochai von
Rabbi Aba anführen, welcher derjenige Schüler Simons war, den er mit der
Niederschrift seiner Lehren beauftragt hatte:

»Die heilige Leuchte (so wurde nämlich Simon ben Jochai von seinen Schülern
genannt) hatte den letzten Satz noch nicht beendet, als seine Worte
stockten, während ich dennoch weiter schrieb; ich schrieb noch eine Zeit
lang, obschon ich nichts mehr hörte. Ich erhob mein Haupt nicht, denn das
Licht war zu hell, als daß ich es hätte betrachten dürfen. Auf einmal
vernahm ich eine Stimme, welche sprach: Lange Tage und Jahre des Glücks
stehen dir bevor. -- Darauf hörte ich eine andere Stimme, welche sprach: Er
verlangt dein Leben, und du giebst ihm die Jahre der Ewigkeit. Während des
ganzen Tages wird das Feuer nicht vom Hause weichen, und Niemand wird sich
ihm wegen des Feuers und Glanzes zu nähern wagen. -- Ich habe den ganzen
Tag auf der Erde gelegen und meinen Klagen freien Lauf gelassen. Als das
Feuer verschwunden war, sah ich, daß die heilige Leuchte, der Heiligste der
Heiligen, die Erde verlassen hatte. Er lag auf seiner rechten Seite, und
sein Antlitz lächelte. Sein Sohn Eleazar stand auf, ergriff seine Hände mit
Küssen, und ich hätte gern den Staub gegessen, den seine Füße berührt
hatten. Alsdann kamen alle seine Freunde, um ihn zu beklagen; aber keiner
von ihnen konnte das Schweigen brechen. Aber endlich flossen ihre Thränen.
Rabbi Eleazar warf sich dreimal auf die Erde und konnte nur die Worte
hervorbringen: Ach, mein Vater! mein Vater! Rabbi Hiah, der erste seiner
Schüler, setzte sich zu seinen Füßen und sprach: Bis heute hat die heilige
Leuchte nicht aufgehört uns zu erleuchten und über uns zu wachen, und jetzt
können wir nichts weiter thun, als ihm die letzten Ehren zu erzeigen. Rabbi
Eleazar und Rabbi Aba standen auf, um ihm sein Sterbekleid anzulegen;
alsdann versammelten sich seine Freunde klagend um ihn, und Wohlgerüche
durchdufteten das ganze Haus. Er wurde auf die Bahre gelegt, und Rabbi
Eleazar verrichtete mit Rabbi Aba dies traurige Geschäft. Als die Bahre
aufgehoben wurde, sah man über Simons Antlitz einen feurigen Glanz in der
Luft. Darauf hörte man eine Stimme, welche sprach: Kommt und feiert die
Hochzeit des Rabbi Simon! -- So wurde Rabbi Simon, der Sohn des Jochai,
jeden Tag von dem Herrn geehrt, und sein Loos war glücklich in dieser und
der andern Welt. Er ist es, von dem gesagt wurde: Ruhe in Frieden nach
deinem Ende und erwarte deinen Gewinn am jüngsten Tage!«[383]

Mag man nun auch über den Wert dieser Stelle denken, wie man will, so giebt
sie uns doch einen Begriff von dem Ansehen, in welchem Simon ben Jochai bei
seinen Schülern stand, und von dem wahrhaft religiösen Kultus, den die
ganze kabbalistische Schule mit seinem Namen trieb.

Zweifelsohne aber wird man in dem folgenden Text einen schlagenden Beweis
für die von uns vertretene Meinung finden, obschon dieser Text noch nie,
weder in älterer noch in neuerer Zeit citiert wurde. Er sagt, nachdem er
zwei Klassen von Gelehrten, die der Mischna ($marei Mishna$), und die der
Kabbala ($marei kabbala$) unterschieden hat:

»Er gehört zu denen, von welchen der Prophet Daniel sagt: Die weisen Männer
leuchten wie das Licht des Himmels. Es sind das diejenigen, welche sich mit
dem »Buch des Lichtes« beschäftigen, das gleich der Arche Noah zwei aus
einer Stadt und sieben aus einem Königreich in sich vereinigt. Aber
manchmal vereinigt sie weder zwei aus einer Stadt, noch zwei aus einer
Familie. Auf diese sind die Worte anwendbar: Der ganze Mensch wird in einen
Fluß geworfen werden. Dieser Fluß aber ist das Licht dieses Buches.«[384]

Diese Worte erwähnen den Sohar, welcher demnach zu jener Zeit bereits
geschrieben und unter demselben Namen wie heute bekannt war. Wir sind also
zu dem Schluß gezwungen, daß der Sohar während des Verlaufs mehrerer
Jahrhunderte durch die Arbeit verschiedener Generationen von Kabbalisten
entstand.

Es möge hier nicht in wörtlicher Übersetzung, die zu viel Raum beanspruchen
würde, wohl aber dem Inhalt nach eine durch ihre Beziehungen sehr wertvolle
Stelle folgen, welche beweist, daß die Lehren Simon ben Jochais lange Zeit
nach seinem Tod in Palästina, wo er gelebt und gelehrt hatte, in Umlauf
waren, und daß sogar von Babylon Abgesandte kamen, um seine Worte zu
sammeln. Rabbi Joseph und Rabbi Hesekiel waren eines Tages zusammen
unterwegs, als die Rede auf den Vers des Predigers Salomonis kam[385]:
»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das
Vieh.« Die beiden Weisen konnten nicht begreifen, daß Salomo, der weiseste
der Menschen, diese Worte geschrieben hätte, welche, um mich des
Originalausdrucks zu bedienen, eine offene Thür für die Ungläubigen bilden.
Indem sie also sprachen, begegnete ihnen ein Mann, welcher -- von den
Anstrengungen des langen Weges und dem Sonnenbrand erschöpft -- zu trinken
begehrte. Sie gaben ihm Wasser und führten ihn zu einer Quelle. Als sich
der Fremde gelabt hatte, teilte er ihnen mit, daß er ihr Glaubensgenosse
sei, und daß er durch die Vermittelung eines seiner Söhne, der das Gesetz
studiert habe, in ihre Wissenschaft eingeweiht worden sei. Darauf legten
sie ihm die Frage vor, mit welcher sie sich vor seiner Ankunft beschäftigt
hatten. Für den von uns hier verfolgten Zweck ist die Mitteilung, wie er
sie auflöste, überflüssig; es genüge, daß er großen Beifall fand, und die
Rabbinen ihn nicht von sich lassen wollten. Kurze Zeit darauf hatten die
beiden Kabbalisten Gelegenheit sich zu überzeugen, daß dieser Mann den
»Freunden« angehörte, mit welchem Namen der Sohar die Adepten der Kabbala
bezeichnet, und daß er, obschon einer der größten Gelehrten seiner Zeit,
aus Demut seinem Sohn die Ehren zukommen ließ, welche ihm allein gebührten.
Er war von den »Freunden« zu Babylon abgesandt worden, um die Aussprüche
des Simon ben Jochai und seiner Schüler zu sammeln. -- Alle andern in
diesem Buch mitgeteilten Dinge tragen dieselbe Farbe und bewegen sich auf
dem gleichen Schauplatz. Noch wollen wir erwähnen, daß auch oft andere
orientalische Glaubenssätze, wie solche des Sabäismus und Islam erwähnt
werden, daß sich aber nicht die geringste Erwähnung des Christentums
findet, und es somit wahrscheinlich wird, daß der Sohar in der gegenwärtig
vorliegenden Gestalt erst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa kam.
Einige der im Sohar enthaltenen Lehren waren, wie das Beispiel des Saadiah
beweist, schon lange bekannt, aber es scheint eine Thatsache zu sein, daß
vor der Zeit des Moses von Leon und der Reise des Nachmanides nach dem
heiligen Land, kein vollständiges Exemplar desselben nach Europa gekommen
ist. Was nun den Gedankeninhalt anlangt, so belehrt uns Simon ben Jochai
selbst, daß derselbe nicht ihm entstammt, sondern daß er seinen Schülern
nur lehrte, was die »Freunde« in alten Büchern niedergeschrieben hatten. Er
citiert hauptsächlich Jeba den Älteren und Hamnuna den Älteren. Er hofft,
daß in dem Augenblick, wo er die tiefsten Geheimnisse der Kabbala enthüllen
will, ihm der Schatten des Hamnuna von sechzig Gerechten begleitet zuhören
werde. Ich bin von der Annahme weit entfernt, daß diese Bücher und Personen
in der That ein so hohes Alter repräsentieren, sondern will nur darthun,
daß die Verfasser des Sohar den Simon ben Jochai niemals als den Erfinder
der kabbalistischen Wissenschaft hinstellen wollten.

Eine andere Thatsache verdient jedoch unsere größte Aufmerksamkeit. Es gab
nämlich noch über hundert Jahre nach dem Bekanntwerden des Sohars in
Spanien immer noch Leute, welche die kabbalistischen Lehren durch mündliche
Tradition überlieferten und überliefert erhalten hatten, wie z. B. Rabbi
Moses Botril, welcher sich im Jahre 1409 über die Kabbala und die
Vorsichtsmaßregeln, unter denen sie zu lehren sei, folgendermaßen äußert:

»Die Kabbala ist nichts als die reinste und heiligste Philosophie; aber die
Sprache der Philosophie ist nicht die der Kabbala. Dieselbe trägt ihren
Namen, nicht weil sie von Vernunftschlüssen ausgeht, sondern weil sie durch
die Tradition überliefert wird. Und wenn ein Lehrer ihren Inhalt seinem
Schüler überliefert hat und nicht das genügende Vertrauen in dessen
Weisheit setzt, so wird diesem nicht eher erlaubt, von dieser Wissenschaft
zu sprechen, als bis er von seinem Meister dazu autorisiert worden ist.
Dieses Recht wird ihm gewährt, d. h. er darf über die Merkaba sprechen,
wenn er genügende Proben seiner Intelligenz gegeben hat, und wenn die in
seinen Busen gestreuten Samenkörner Frucht getragen haben. Man muß ihm aber
Stillschweigen auferlegen, wenn man in ihm nur einen profanen Menschen
erkannt hat, welcher noch nicht zu denjenigen gehört, die sich durch ihre
Meditationen auszeichnen.«

Der Verfasser dieser Zeilen ignoriert den Namen des Sohar, welcher auch
nicht ein einziges Mal in seinem Werk genannt wird. Auf der anderen Seite
nennt er aber eine große Anzahl sehr alter dem Orient angehöriger
Schriftsteller, wie Rabbi Saadiah, Rabbi Hai und Rabbi Aron, das Oberhaupt
der Schule von Babylon. Manchmal spricht er auch davon, daß er seine
Weisheit aus dem Munde seines Meisters habe, weshalb nicht anzunehmen ist,
daß er seine kabbalistischen Kenntnisse aus den von Nachmanides und Moses
von Leon veröffentlichten Manuskripten geschöpft habe. Das System des Simon
ben Jochai ist aber vor Anfang des 13. Jahrhunderts der berühmteste
Vertreter der kabbalistischen Philosophie, das treu aufbewahrt und in einer
Menge von Traditionen fortgepflanzt wurde, welche die Einen
niederschrieben, während die andern nach dem Brauch ihrer Väter vorzogen,
es in ihrem Gedächtnis zu behalten. Im Sohar selbst finden sich nur die
Traditionen, welche dem ersten bis siebenten christlichen Jahrhundert
entstammen, ohne daß wir jedoch dadurch genötigt würden, die Abfassung des
Sohars in jene Zeit zurückzuversetzen. Wohl aber entstammen ihr die
einander so ähnlichen und durch den gleichen Geist verbundenen Traditionen,
denn damals kannte man schon, wie wir bereits sahen, die Merkaba, d. h. den
Teil der Kabbala, mit welchem sich der Sohar ganz besonders beschäftigt;
und Simon ben Jochai hatte, wie er selbst sagt, Vorläufer. Wir können
unmöglich die Entstehung dieser Traditionen in eine uns nahe liegende Zeit
verlegen, da kein einziger Umstand dafür spricht; im Gegenteil stehen den
der unsern entgegengesetzten Meinungen unüberwindliche Hindernisse
entgegen, unter welchen die von uns angeführten Gründe nicht die geringsten
sein dürften.

Es bleiben nun noch zwei Einwürfe zu widerlegen. Man hat eingewendet, daß
man während eines so frühen Zeitalters, in welchem unserer Ansicht nach das
Hauptmonument des kabbalistischen Systems entstanden ist, unmöglich das
Copernikanische System, die Grundlage unserer Weltanschauung, gekannt haben
könne, welche Kenntnis zweifelsohne aus der von uns oben citierten Stelle
hervorgeht. Wir entgegnen darauf, daß auf alle Fälle, selbst wenn der Sohar
eine am Schluß des 13. Jahrhunderts begangene Fälschung wäre, die
betreffende Stelle doch lange vor der Geburt des großen preußischen
Astronomen bekannt gewesen ist. Auch war diese Weltanschauung schon im
klassischen Altertum bekannt, weil Aristoteles dieselbe der pythagoräischen
Schule zuschreibt. Er sagt[386]:

»Fast Alle, die den Lauf des Himmels erforscht zu haben, versichern, nehmen
an, daß sich die Erde im Mittelpunkt desselben befindet; aber die
Philosophen der italischen Schule oder die Pythagoräer lehren gerade das
Gegentheil davon. Nach ihrer Meinung nimmt das Feuer die Mitte ein, und die
Bewegung der Erde um dasselbe bringt Tag und Nacht hervor.«

Die ersten Kirchenväter haben in ihren Angriffen gegen die heidnische
Philosophie diese mit der Genesis unvereinbare Weltanschauung widerlegen zu
müssen geglaubt, und Lactanz sagt über dieselbe:

»+Ineptum credere esse homines quorum vestigia sint superiora quam capita,
aut ibi quae apud nos jacent inversa pendere; fruges et arbores deorsum
versus crescere. -- Hujus erroris origenem philosophis fuisse quod
existimarint rotundum esse mundum.+«[387]

Der heilige Augustin drückt sich über denselben Gegenstand mit ähnlichen
Worten aus.[388] Endlich aber hatten die ältesten Autoren der Gemara
Kenntnis von den Antipoden und der sphärischen Form der Erde, denn man
liest im jerusalemitischen Talmud[389], daß Alexander der Große auf seinem
Eroberungszug gelernt habe, die Erde sei rund, und daß sie recht gut mit
einem Ball verglichen werden könne. Der gegen uns sprechen sollende Umstand
spricht also thatsächlich für uns, denn im Mittelalter war das wahre
Weltsystem nur sehr wenigen bekannt, während das falsche des Ptolemäus
unbeschränkt herrschte.

Man könnte sich auch darüber wundern, daß in dem von uns für den ältesten
gehaltenen Teil des Sohar, der Idra Rabba oder großen Versammlung,
medizinische Kenntnisse anzutreffen sind, die einer sehr vorgeschrittenen
Civilisation anzugehören scheinen. Hier findet sich z. B. folgende
bemerkenswerte Stelle, welche einem modernen Lehrbuch der Anatomie
entnommen sein könnte[390]:

»Das Hirn inmitten des Schädels wird in drei Theile getheilt, deren jeder
einen gesonderten Platz einnimmt. Zu äußerst ist es mit einer sehr zarten
Haut bedeckt, auf welche eine harte Haut folgt. Aus der Mitte dieser drei
Theile des Gehirns verbreiten sich zweiunddreißig Kanäle auf beiden Seiten
durch den ganzen Körper, so daß sie den Körper in allen Punkten umfassen
und sich durch alle Theile erstrecken.«

Es ist unmöglich, in diesen Worten sowohl die Hirnhäute mit der
Marksubstanz als die zweiunddreißig Nervenpaare zu verkennen, welche sich
symmetrisch durch den Körper verteilen, um dem ganzen animalischen Haushalt
Leben und Empfindung zuzuführen. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß der
religiöse Zwang der Speisegesetze und die Furcht, etwas Unreines zu
genießen, die Juden schon sehr früh zum Studium der Naturgeschichte und
Anatomie führen mußte. So giebt es im Talmud eine Vorschrift, daß der Genuß
des Fleisches derjenigen Tiere verboten sei, deren Gehirnhäute durchbohrt
sind. Jedoch sind die Meinungen über diese Vorschrift geteilt. Einige
nehmen an, daß das Verbot nur dann gelte, wenn beide Häute, andere dagegen,
wenn nur die +dura mater+ verletzt sei. Wieder andern genügt schon eine
Trennung des Zusammenhangs der beiden Häute.[391] In demselben Traktat ist
auch vom Rückenmark und seinen Häuten die Rede, wozu bemerkt sei, daß es um
die Mitte des zweiten Jahrhunderts unter den Juden bereits Ärzte von Beruf
gab, denn im Talmud wird erzählt[392], daß Judas, der Verfasser der
Mischna, während dreizehn Jahre an einer Augenkrankheit litt, und daß sein
Arzt Rabbi Samuel, einer der eifrigsten Verteidiger der Tradition war,
welcher außer der Medizin noch das Studium der Astronomie und Mathematik
betrieb, und von dem man zu sagen pflegte, daß er die Bahnen des Himmels
gleich den Straßen von Nehardea, seiner Vaterstadt, kannte.

Wir beenden hiermit die bibliographischen Bemerkungen und die äußere
Geschichte der Kabbala, deren Bücher nicht, wie die Enthusiasten wollen,
übernatürlichen und vorgeschichtlichen Ursprungs sind. Sie sind aber auch
nicht, wie eine oberflächliche und parteiische Kritik will, die Erzeugnisse
des Betrugs und der schmutzigen Spekulation eines vom Hunger getriebenen
Charlatans, welcher ohne eigene Idee und Überzeugung auf eine stupide
Gläubigkeit rechnet. Die Bücher Jezirah und Sohar sind, wir sagen es noch
einmal, die Erzeugnisse mehrerer Generationen. Sei nun auch der Wert ihrer
Lehren, welcher er wolle, so verdienen sie doch als Monumente des freien
Denkens zu einer Zeit, wo der religiöse Despotismus mit bleiernem Druck auf
den Völkern lastete, alle Ehrfurcht. Aber das ist nicht der Hauptgrund
unseres Interesses, sondern der Umstand, daß ihr System einen der
wichtigsten Marksteine in der Geschichte des menschlichen Denkens bildet.




Viertes Kapitel.

Die Lehren der kabbalistischen Bücher. -- Analyse des Sepher Jezirah.


Die beiden Bücher, welche wir ungeachtet des Aberglaubens auf der einen und
des Skepticismus auf der andern Seite als wahre Monumente der Kabbala
erkannt haben, sollen uns allein das Material zu unserer Darstellung der
kabbalistischen Lehren liefern, wobei es jedoch nicht selten die Dunkelheit
der Texte nötig machen wird, daß wir uns der Kommentare bedienen, denn die
zahllosen, ohne Auswahl und Unterschied zu den verschiedensten Zeiten
zusammengestellten Fragmente, aus denen diese Bücher bestehen, sind weit
davon entfernt, einen einheitlichen Charakter zur Schau zu tragen. Einige
von ihnen enthalten nichts als ein mythologisches System, dessen
wesentliche Elemente sich bereits im Buche Hiob und den Visionen des
Jesaias finden; sie belehren uns mit der größten Ausführlichkeit über die
Attribute der Engel und Dämonen und entsprechen zu sehr uralten
volkstümlichen Anschauungen, um einer Wissenschaft anzugehören, welche seit
ihrem Entstehen als ein schreckliches und unverletzbares Geheimnis galt.
Andere und zweifelsohne die am spätesten entstandenen enthalten so
knechtische Ideen und einen so ausgesprochenen Pharisäismus, daß man in
ihnen nur talmudistische Ideen sehen kann, welche Stolz und Unwissenheit
mit den Anschauungen jener berühmten Sekte vermischte, mit deren bloßen
Namen schon eine wahre Götzendienerei getrieben wurde. Die bei weitem
meisten Fragmente jedoch lehren uns den wahren Glauben der alten
Kabbalisten, und sie bilden die Quelle, aus welcher -- mehr oder weniger
von der Philosophie ihrer Zeit beeinflußt -- bis auf die Gegenwart deren
Schüler und Nachfolger geschöpft haben. Wir bemerken jedoch, daß unsere
eben aufgestellte Klassifikation nur den Sohar angeht. Was dagegen das
»Buch der Schöpfung« betrifft, so ist dasselbe, obschon es keinen großen
Umfang besitzt und unsern Geist nicht zu schwindelnden Höhen emporhebt,
doch von einer durchaus gleichmäßigen Komposition und einer seltenen
Originalität. Die Wolken, mit denen dasselbe die Imagination seiner
Kommentatoren umgeben zu müssen geglaubt hat, werden sich ganz von selbst
zerstreuen, wenn wir, anstatt in ihm die Geheimnisse einer
unaussprechlichen Weisheit zu suchen, nichts anderes darin zu finden hoffen
als die Anstrengungen, welche die Vernunft im Augenblick ihres Erwachens
macht, um den Plan des Universum und das Band zu erkennen, welches ein
gemeinsames Grundprinzip mit den Elementen verbindet und vereinigt.

Die Bibel und jedes andere religiöse Denkmal stützt sich nur auf die
Gottesidee und macht sich zum Interpreten des göttlichen Willens und
Gedankens, wenn sie uns die Welt und die sich auf derselben abspielenden
Vorgänge zu erklären versucht. Dies geschieht in der Genesis, wo wir auf
den göttlichen Befehl hin das Licht aus der Finsternis hervorbrechen sehen.
Als Jehova aus dem Chaos Himmel und Erde geschaffen hatte, betrachtete er
sein Werk und fand es seiner würdig; darum heftete er zur Erleuchtung der
Erde dem Firmament die Sonne, den Mond und die Sterne an. Dann bläst er dem
Staub einen lebenden Odem ein und läßt aus seinen Händen das letzte und
schönste der Geschöpfe hervorgehen, welches er nach seinem Bilde geschaffen
hatte. In dem Werk dagegen, das wir jetzt analysieren wollen, wird gerade
der umgekehrte Weg eingeschlagen, und gerade das erste Vorkommen dieses
Unterschiedes ist für die Geschichte des jüdischen Volkes sehr bezeichnend,
denn auf diese Weise erhebt es sich durch die Betrachtung der Welt zur
Gottesidee, indem durch die das Weltall durchziehende Einheit gleichzeitig
die Einheit und Weisheit des Schöpfers dargethan wird. Dies ist der Grund,
weshalb unser Buch eigentlich nichts anderes als ein dem Erzvater Abraham
in den Mund gelegter Monolog ist, dem Betrachtungen untergeschoben werden,
welche den Kultus der Gestirne durch den des Ewigen ersetzen sollen. Daß
der von uns gekennzeichnete Charakter des Sepher Jezirah sich mit voller
Evidenz ergiebt, geht schon aus einer sehr markanten Stelle eines
Schriftstellers des zwölften Jahrhunderts hervor. Rabbi Jehuda Halevi sagt
nämlich:

»Das Buch Jezirah lehrt uns das Dasein eines einzigen Gottes, indem es uns
in der Verschiedenheit und Vielheit die Gegenwart der Einheit und Harmonie
zeigt, welche Übereinstimmung nur von einem einzigen Anordner herrühren
kann.«

Bisher entspricht das Buch Jezirah völlig den Ansprüchen der Vernunft; aber
weiterhin macht es, anstatt die im Universum herrschenden Gesetze zu
ergründen, um aus ihnen die Weisheit und den Plan des Schöpfers darzulegen,
Anstrengungen, um eine grobe Analogie zwischen den Dingen und Zeichen des
göttlichen Gedankens und den Mitteln, durch welche sich die göttliche
Weisheit den Menschen kundgiebt, aufzusuchen. Wir müssen jedoch, ehe wir
weiter gehen, bemerken, daß der Mysticismus aller Zeiten und
Erscheinungsformen ein übertriebenes Gewicht darauf gelegt hat, daß er eine
freie Offenbarung der göttlichen Intelligenz, und daß die heilige Schrift
kein menschliches Erzeugnis, sondern ein Geschenk der Offenbarung sei.

Das Buch Jezirah sucht dies durch die zweiundzwanzig Buchstaben des
hebräischen Alphabets darzuthun, dessen ersten zehn Buchstaben, indem sie
ihren eigenen Wert behalten, den Ausdruck der übrigen bilden. Unter einem
Gesichtspunkt vereinigt, bilden diese beiden Klassen von Zeichen die
»zweiunddreißig wunderbaren Wege der Weisheit«, durch welche, wie der Text
sagt, der Ewige, der Herr der Heerschaaren, der Gott Israels, der lebendige
Gott, der König des Weltalls, der Gott der Barmherzigkeit und Gnade, der
höchste Gott, welcher in Ewigkeit herrscht, der über alles Erhabene und
Allerheiligste seinen Namen gegründet hat.

Mit diesen zweiunddreißig Wegen der Weisheit darf man nicht die auf ganz
andere Dinge bezüglichen Haarspaltereien der neueren Kabbalisten
verwechseln; man muß im Gegenteil drei Formen annehmen, die sich --
allerdings in einem dem Zweifel unterworfenen Sinn -- an drei Ausdrücke
anpassen, welche jedoch -- wenigstens ihrem grammatikalischen Ursprung nach
-- eine große Ähnlichkeit mit dem haben, was die griechische Philosophie
das Subjekt, das Objekt und den Akt des Denkens nennt. Wir haben oben
dargelegt, daß diese Worte nicht im Text enthalten sind; jedoch dürfen wir
nicht verschweigen, daß ein angesehener spanischer Schriftsteller[393]
diesen Sinn in einer den Gesetzen der Etymologie nicht widersprechenden
Weise im Jezirah zu finden glaubt. Er sagt:

»Durch den ersten dieser drei Ausdrücke (+Sephar+) will man die Zahlen
bezeichnen, welche uns allein in den Stand setzen, die Dispositionen und
Proportionen abzuschätzen, welche jeder Gegenstand nöthig hat, um das Ziel
und den Zweck zu erreichen, zu welchem er geschaffen ist; das Maß seiner
Länge, seines Inhalts, seines Gewichtes, seiner Bewegung und Harmonie:
alles ist durch die Zahl geregelt. Der zweite Ausdruck (+Sipur+) bedeutet
das Wort oder die Stimme, weil durch das göttliche Wort oder die Stimme des
lebendigen Gottes alle Wesen in ihrer innern und äußern Form geschaffen
sind, und worauf die Worte anspielen: 'Gott sprach: es werde Licht, und es
ward Licht.' Der dritte Ausdruck endlich (+Sepher+) bedeutet die Schrift;
die Schrift Gottes oder das Werk der Schöpfung; das Wort Gottes ist seine
Schrift, und der Gedanke Gottes sein Wort. So sind bei Gott Gedanke, Wort
und Schrift Eins, während sie beim Menschen Drei sind.«

Diese Erklärung charakterisiert und veredelt sehr schön das bizarre System,
welche den Gedanken mit allgemeinen Symbolen zusammenwirft, um ihn
gewissermaßen in der Gesamtheit und Vielheit der Schöpfung sichtbar zu
machen.

Unter dem Namen der Sephiroth, welche in der Kabbala eine so große Rolle
spielen und im Buche Jezirah zuerst genannt werden, versteht man die zehn
abstrakten Zahlen oder Numerationen. Sie repräsentieren die allgemeinen und
essentiellen Formen der Dinge oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, der
Kategorien des Weltalls, denn wenn man nach der Kabbala -- von welchem
Gesichtspunkt aus es auch sei -- die ersten Elemente oder unverletzlichen
Grundlagen der Welt sucht, so begegnet man stets der Zahl Zehn.

»Es giebt zehn Sephiroth, heißt es im Buche Raziel, zehn und nicht neun,
zehn und nicht elf. Du mußt sie mit deinem Verstand und deiner Einsicht zu
begreifen suchen und an ihnen beständig deine Forschung, deine Spekulation,
dein Wissen, dein Denken und deine Imagination üben. Laß die Dinge auf
ihrem Urgrund beruhen und halte den Schöpfer für denselben.«

Mit andern Worten: das Walten Gottes und die Existenz der Welt erscheinen
in den Augen des Verstandes unter der abstrakten Gestalt von zehn Zahlen,
deren jede etwas Unendliches repräsentiert, sei es bezüglich der
Ausdehnung, der Dauer oder irgend welcher andern Eigenschaft. Dies scheint
wenigstens der Sinn folgender Stelle[394] zu sein:

»Für die zehn Sephiroth giebt es kein Ende, weder in der Zukunft, noch in
der Vergangenheit, weder im Guten noch im Bösen, weder in der Höhe, noch in
der Tiefe, weder im Osten noch im Westen, weder im Süden, noch im Norden.«

Es verdient bemerkt zu werden, daß hier das Unendliche in zehnerlei
Hinsicht betrachtet wird, weshalb wir aus dieser Stelle nicht allein den
allgemeinen Charakter der Sephiroth, sondern auch die mit ihnen
korrespondierenden Prinzipien und Elemente kennen lernen. Alle diese
paarweise einander gegenübergestellten Gesichtspunkte entsprechen jedoch
einer einzigen Idee und einem einzigen Unendlichen, denn es heißt[395]:

»Die zehn Sephiroth sind wie die Finger der Hand der Zahl nach zehn, fünf
gegen fünf, aber zwischen ihnen hindurch zieht sich das Band der Einheit.«

Diese Worte bestätigen unsern Ausspruch:

Diese Auffassung der zehn Sephiroth, ohne tiefer auf ihre Beziehungen zu
den äußeren Dingen einzugehen, hat einen eminent abstrakten und
metaphysischen Charakter. Wollten wir hier eine genauere Untersuchung
anstellen, so würden wir die Kategorien der Dauer und des Raumes in einer
gewissen unabänderlichen Ordnung dem Unendlichen und der absoluten Einheit
unterworfen sehen, ohne welche es selbst in der sinnlichen Sphäre weder
Gutes noch Böses geben würde. Jedoch geben wir hier eine scheinbar dem
Sinnlichen etwas mehr Rechnung tragende Darstellung der zehn Sephiroth:

»Die erste der Sephiroth, Eins, ist der Geist des lebendigen Gottes.
Gelobt sei sein Name; gelobt sei der Name dessen, der da lebt in Ewigkeit!
Der Geist, die Stimme, das Wort, der heilige Geist.«

»Zwei ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig
Buchstaben, welche jedoch zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und
ausgeprägt.«

»Drei ist das vom Geist oder Hauch kommende Wasser. Im Wasser ergründete er
die Finsterniß und Leere; im Wasser bildete er die Erde und den Thon und
spannte sie gleich einem Teppich aus, geformt wie eine Mauer und mit einem
Dach bedeckt.«

»Vier ist das vom Wasser kommende Feuer, woraus der Ewige den Thron seines
Ruhmes, die himmlischen Räder (+Ophanim+), die Seraphim und dienstbaren
Engel bildete. Mit diesen Dreien erbaute der Himmlische seine Wohnung, wie
denn geschrieben steht: Er macht die Winde zu seinen Boten und die
Feuerflammen zu seinen Dienern.«

Die sechs folgenden Zahlen repräsentieren die vier Enden der Welt oder die
Kardinalpunkte des Himmels, die Höhe und die Tiefe. Die Enden der Welt
gelten auch als die Embleme der Kombinationen, welche aus den drei ersten
Buchstaben des Wortes $YHWH$ gebildet werden können.

An Stelle der verschiedenen Punkte des Raumes, welche angenommen werden,
aber nicht reell existieren, kann man die verschiedenen Elemente, aus denen
die Welt zusammengesetzt ist, substituieren, die, dem Ewigen entspringend,
um so materieller werden, je mehr sie sich von ihrem Urquell entfernen.
Hier haben wir die dem populären Glauben, daß die Welt aus nichts
geschaffen sei, entgegengesetzte Emanationslehre. Folgende Worte setzen
dies außer allem Zweifel:

»Das Ende der Sephiroth ist mit ihrem Anfang verbunden, wie die Flamme mit
dem Brand, denn der Herr ist ein einiger Herr, und es giebt keinen andern.
Und was sind in Gegenwart des Einigen Namen und Zahlen?«[396]

Um uns nicht vergessen zu lassen, daß hier ein großes Geheimnis verborgen
ist, heißt es sogleich weiter:

»Schließe deinen Mund, damit du nicht davon redest, und dein Herz, daß es
nicht darüber nachdenke; und ist es dir entschlüpft, so bringe es zurück,
denn deshalb wurde der Bund geschlossen.«[397]

Ich füge hinzu, daß diese letzten Worte auf einen Eid anspielen, welchen
die Kabbalisten schwuren, um ihre Lehren der großen Menge zu verbergen. Was
die erste Stelle anlangt, so wird der in ihr enthaltene einfache Vergleich
sehr häufig im Sohar wiederholt, und wir werden ihn dort sowohl auf die
Seele als auf Gott angewendet und ausgedehnt wiederfinden. Wir fügen hinzu,
daß zu allen Zeiten und in allen Sphären des Seins, sei es im innern
Bewußtsein, sei es in der äußern Natur, die Schöpfung auf dem Wege der
Emanation mit den Ausstrahlungen des Lichts oder der Flamme verglichen
wurden.

Mit dieser Theorie verbindet sich eine andere von äußerst beachtungswertem
Charakter, nämlich die, welche das göttliche Wort mit dem heiligen Geist
identificiert und es nicht nur als absolute Form, sondern als das zeugende
Element und die Substanz des Weltalls betrachtet. Es ist in der That nichts
weiter als die Lehre des Onkelos, welcher, um den Anthropomorphismus zu
vernichten, an die Stelle der Persönlichkeit Gottes, welcher uns in der
Bibel in menschlicher Gestalt entgegentritt, den Gedanken oder die
göttliche Inspiration setzt. Auch in unserm vorliegenden Buch wird in
klarer und conciser Sprache gesagt, daß der heilige Geist oder der Geist
des lebendigen Gottes und die Stimme oder das Wort ein und dasselbe ist; es
nimmt nach und nach je nach der Entfernung von seinem Ursprung eine immer
materiellere Gestalt an und wird schließlich, um in der Sprache des
Aristoteles zu reden, das materielle Prinzip der Dinge. Es ist das Welt
gewordene Wort, denn wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß im
Buche Jezirah nur von der Welt, nicht aber vom Menschen und von der
Menschheit die Rede ist.

Die Betrachtungen über die zehn Zahlen nehmen einen großen Raum des »Buches
der Schöpfung« ein, und man bemerkt leicht, daß sie sich auf das Weltall
im allgemeinen, mehr auf die Wesenheit als auf die Form beziehen. Man
vergleicht sie mit den verschiedenen Teilen des Weltalls und sucht sie auf
ein gemeinsames Grundprinzip und Grundgesetz zurückzuführen. Ihre Basis
bilden die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets, welche als
äußerliche Zeichen der Ideen eine ungemein große Rolle spielen. Betrachten
wir dieselben nach ihrem Klang oder Laut, so stehen sie sozusagen auf der
Schwelle der intellektuellen und physischen Welt, denn einesteils werden
sie durch ein materielles Element, durch die Luft oder den Hauch
hervorgebracht, während sie andererseits die von der Sprache untrennbaren
Zeichen und somit die einzig mögliche und unveränderliche Form des Geistes
sind. Auch lassen weder der Inhalt des ganzen Systems noch der
buchstäbliche Sinn eine andere Deutung der bereits oben citierten Worte zu:

»Die Zahl Zwei (oder das zweite Prinzip des Weltalls) ist der vom Geist
ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche
zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprägt.«

Also spielen hier infolge einer bizarren, aber keineswegs einer gewissen
Größe entbehrenden Kombination die Grundelemente der Sprache, die
Buchstaben, eine ähnliche Rolle wie die Ideen Platos.

Infolge ihrer Gegenwart und ihres Eindruckes auf die Dinge erkennt man in
allen Teilen des Alls das Walten einer höchsten Intelligenz, und durch ihre
Vermittelung offenbart sich der heilige Geist in der Natur. Nur dies ist
der Sinn folgender Stelle:

»Gott schuf die Seele alles dessen, was ist und sein wird, durch die
zweiundzwanzig Buchstaben, indem er ihnen Form und Figur gab und sie auf
die verschiedenste Weise kombinierte. Auf dieselben Buchstaben hat der
Allerheiligste, gebenedeit sei er, seinen erhabenen und unaussprechlichen
Namen gegründet.«

Die Buchstaben werden in drei Klassen geteilt, nämlich in drei Mütter,
sieben doppelte und zwölf einfache Buchstaben. Es ist für unsern Zweck ohne
Belang, dem Grund dieser sonderbaren Einteilung hier nachzuspüren: es sei
nur bemerkt, daß man +per fas et nefas+ die Drei, Sieben und Zwölf im
Naturleben wiederfinden will, nämlich: 1. in der allgemeinen Einteilung der
Welt; 2. in der Einteilung des Jahres und 3. im Bau des Menschen. -- Wir
finden hier, wenn auch nicht ausdrücklich ausgesprochen, die Idee des
Makrokosmus und Mikrokosmus, oder den Glauben, daß der Mensch -- so zu
sagen -- das Bild oder das Resumé des Weltalls sei.

Hinsichtlich der allgemeinen Zusammensetzung der Welt repräsentieren die
Mütter oder die Zahl Drei die Elemente Wasser, Luft und Feuer. Das Feuer
ist die Substanz des Himmels, und das Wasser wurde, indem es sich
verdichtete, die der Erde. Zwischen diesen einander feindlichen Elementen
befindet sich die Luft, welche sie trennt, verbindet und beherrscht.[398]
Bei der Einteilung des Jahres in die Jahreszeiten begegnen wir der gleichen
Signatur: dem Sommer entspricht das Feuer, dem Frühling, der Regenzeit des
Orients, das Wasser, und dem gemäßigten Herbst die Luft. Im Bau des
menschlichen Körpers entspricht die Drei dem Kopf, dem Herzen oder der
Brust und dem Magen oder dem Unterleib, welche Teile ein neuerer Arzt »den
Dreifuß des Lebens« genannt hat. Die Dreizahl erscheint hier wie in allen
mystischen Kombinationen als etwas so notwendiges, daß man sie auch zum
Symbol des moralischen Menschen gemacht hat, bei welchem das Buch Jezirah
»die Ebene des Verdienstes, die Ebene der Schuld und den zwischen beiden
stehenden Wegweiser des Gesetzes« unterscheidet.

Die sieben doppelten Buchstaben repräsentieren die Gegensätze oder
wenigstens Dinge, welche zueinander entgegen gesetzten Zwecken dienen
können. Es sind zunächst die sieben Planeten, deren Einfluß bald gut und
bald böse ist, ferner die sieben Tage und Nächte der Woche und die sieben
Pforten des Körpers, nämlich die Augen, Ohren, Nasenlöcher und der Mund.
Endlich giebt es siebenerlei Glücks- und Unglücksfälle, welche dem Menschen
zustoßen können. Wie man jedoch sieht, ist diese Einteilung eine sehr
willkürliche, und wir haben ein längeres Verweilen bei derselben nicht
nötig.

Die zwölf einfachen Zahlen, von denen wir noch reden müssen, entsprechen
den zwölf Zeichen des Tierkreises, den zwölf Monaten des Jahres, den
Hauptgliedern des menschlichen Körpers und den wesentlichsten Verrichtungen
des menschlichen Organismus, nämlich: dem Gesicht, dem Gehör, dem Geruch,
der Sprache, der Ernährung, der Zeugung, des Gefühls, der Bewegung, des
Zorns, des Lachens und des Schlafes.[399] -- Wir sehen hier den Geist der
Untersuchung bei seinem Erwachen und brauchen uns weder über seine
kindliche Forschungsweise noch die Resultate zu verwundern, die eben seine
Originalität beweisen.

Die durch die Buchstaben des Alphabets dargestellte materielle Form der
Intelligenz ist gleichzeitig die Form alles Seienden, denn außer dem
Menschen, dem Universum und der Zeit ist nichts als das Unendliche denkbar;
deshalb nennen die Gläubigen jene drei »die Zeugen der Wahrheit[400]«.
Jedes von ihnen ist ungeachtet der zu beobachtenden Verschiedenheit ein
System, welches ein Centrum und gewissermaßen eine Hierarchie besitzt:

»Denn, sagt der Text, die Einheit herrscht über die Drei, die Drei über die
Sieben, und die Sieben über die Zwölf; aber ein jeder Teil des Systems ist
von dem andern untrennbar.«[401]

Das Universum hat den himmlischen Drachen[402] als Centrum; das Herz ist
das Centrum des Menschen, und der Lauf der Himmelszeichen die Basis des
Jahres. »Das Erste, sagt der Text, gleicht einem König auf seinem Thron,
das Zweite einem König inmitten seiner Unterthanen, und das Dritte einem
König in der Schlacht.«[403] Ich glaube, daß man durch diesen Vergleich die
vollkommene im Weltall herrschende Regelmäßigkeit und die Gegensätze
bezeichnen will, welche im Menschen walten, ohne seine Einheit zu
vernichten. Der Text sagt, daß die zwölf Hauptglieder des menschlichen
Körpers einander gewissermaßen in Schlachtordnung gegenüberstehen; drei
dienen der Liebe, drei dem Haß, drei geben das Leben und drei den Tod. --
Dem Guten steht das Böse gegenüber, und das Böse erzeugt nur Böses, wie das
Gute nur Gutes. Über diese drei Reiche, über den Menschen, das Universum
und die Zeit sowohl als über die Buchstaben und Sephiroth ist der Herr
erhaben, welcher in seiner Heiligkeit thront und herrscht von Ewigkeit zu
Ewigkeit.

Auf diese Worte folgt der Schluß des Buches in einer Art dramatischen
Lösung des Ganzen, worin Abraham vom Götzendienst zur Religion des wahren
Gottes bekehrt wird.

Das letzte Wort des kabbalistischen Systems ist die Ersetzung jeder Art
eines Dualismus durch die absolute Einheit: so des Dualismus der
heidnischen Philosophie, welche im Stoff eine ewige Substanz erblickt,
deren Gesetze sich nicht stets im Einklang mit dem göttlichen Willen
befinden; so aber auch des Dualismus der Bibel, welche im
Schöpfungsgedanken wohl die Idee des göttlichen Willens erfaßt und
folgegemäß im unendlichen Sein die einzige Ursache und den einzigen realen
Ursprung der Welt erblickt, die aber doch die Gottheit und die Welt als
zwei absolut verschiedene Dinge auffaßt. Im Sepher Jezirah wird dagegen
Gott als das unendliche Sein und infolgedessen als undefinierbar erklärt;
Gott steht nach unserm Text in aller Größe seines Wesens und seiner Macht
über und nicht unter der Möglichkeit, ihn durch Zahlen und Buchstaben
auszudrücken, oder durch irgendwelche unserer Vernunft begreifbare Gesetze
des Weltalls. Jedes weltliche Element hat seine Quelle in einem höheren
Element, deren gemeinsamer Ursprung das Wort oder der heilige Geist ist. Im
Wort finden wir auch die unveränderlichen Zeichen des Gedankens, welche
sich in jeder Sphäre des Seins wiederholen und überall die bestimmte
Absicht des Schöpfers durchblicken lassen. Und ist dieses Wort, die erste
der Zahlen, das erhabenste aller Dinge, die wir wahrnehmen und definieren
können, nicht die höchste und absoluteste Offenbarung Gottes oder des
Denkens der höchsten Intelligenz? Also ist Gott im tiefsten Sinn und in der
höchsten Bedeutung der Stoff und die Form des Weltalls, denn nichts kann
ohne ihn existieren, seine Wesenheit ist die Grundwesenheit der Dinge, die
alles erfüllt, und alle Dinge sind nur ihr Symbol.

Diese scheinbar so verwegene Folgerung ist die Grundlage der Lehren des
Sohar, welcher jedoch einen dem Buche Jezirah völlig entgegengesetzten Weg
einschlägt. Denn, anstatt sich nach und nach durch Vergleichung der Formen
der Einzelheiten mit denen ihnen übergeordneten emporzuschwingen,
beschäftigt er sich sogleich mit dem höchsten Prinzip, mit der universellen
Form und der absoluten Einheit, welche er stets als ein unberührbares Axiom
betrachtet.

Man könnte allerdings das den Gedankengang der beiden Bücher verbindende
Band durch die Art und Weise der Darstellung zerrissen betrachten, obschon
in ihnen ein wesentlich synthetischer Charakter vorherrscht. Aber
nichtsdestoweniger beginnt der Sohar dort, wo das Buch Jezirah aufhört.

Eine zweite sehr bemerkenswerte Verschiedenheit trennt diese beiden
Monumente und erklärt sich durch ein allgemeines Gesetz des menschlichen
Geistes: den Zahlen und Buchstaben können wir nämlich die innern Formen,
die unveränderlichen Konzeptionen des Denkens, mit einem Wort die Ideen in
ihrer edelsten und weitesten Bedeutung substituieren. Das göttliche Wort,
anstatt sich ausschließlich in der Natur zu manifestieren, erscheint uns
vor allem im Menschen und in der Intelligenz und wird insofern als der
urbildliche oder himmlische Mensch, $Adam kadmon$, bezeichnet. Endlich aber
würde, wie wir noch sehen werden, in gewissen Fragmenten von hohem Alter
die absolute Einheit oder der Gedanke nicht als die Universalsubstanz
bezeichnet und die regelmäßige Entwickelung dieser Potenz nicht an die
Stelle der ziemlich groben Emanationstheorie gesetzt werden.

Diese Transformation des Symbols zur Idee, welche die Kabbala vornimmt,
wiederholt sich bei allen großen religiösen und philosophischen Systemen,
und es genüge hier, an dieser allgemeinen Thatsache die Beziehungen des
Sepher Jezirah zu denselben dargethan zu haben.




Fünftes Kapitel.

Analyse des Sohar. -- Die allegorische Methode der Kabbalisten.


Da die Autoren, aus deren Arbeiten der Sohar entstand, ihre Ideen in der
einfachsten und einer sehr wenig logischen Form darstellten, nämlich in der
eines Kommentars zu den fünf Büchern Mosis, so können wir, ohne die ihnen
schuldige Achtung zu verletzen, unsere Darstellung nach der uns am
geeignetsten scheinenden Weise einrichten. Und zwar müssen wir zunächst
ihre Methode der Schriftauslegung betrachten, deren Basis der symbolische
Mysticismus ist. Ihr Urteil hierüber formulieren sie mit folgenden Worten:

»Wehe über den Menschen, welcher im Gesetz nur einfache Erzählungen und
gewöhnliche Worte sieht. Denn wenn es in Wahrheit nichts weiter als solche
enthielte, so könnten wir noch heute ein ebenso bewundernswertes Gesetz
aufstellen. Um nur einfache Worte zu finden, brauchten wir uns nur an die
irdischen Gesetzgeber zu wenden, bei welchen man oft noch größere
Erhabenheit des Ausdrucks findet. Es würde genügen, dieselben nachzuahmen
und ein Gesetz nach ihrem Vorgang und Beispiel aufzustellen. Aber dem ist
nicht also, denn jedes Wort des Gesetzes hat einen erhabenen Sinn und
schließt ein hohes Geheimniß in sich.«

»Die Erzählungen des Gesetzes sind das Kleid des Gesetzes, und Wehe dem,
welcher das Kleid für das Gesetz selbst nimmt! In diesem Sinn hat David
gesagt: Mein Gott, öffne meine Augen, auf daß ich sehe die Wunder an deinem
Gesetz! David wollte mit diesen Worten das unter dem Kleid des Gesetzes
Verborgene bezeichnen. Es giebt unverständige, die, wenn sie einen
Menschen in seinem schönen Kleid sehen, nur auf dieses ihr Augenmerk legen,
und doch ist es nur der Körper, welcher dem Kleid Werth verleiht; dem
Körper aber giebt die Seele seinen Werth. So hat auch das Gesetz seinen
Körper. Es giebt Gebote, welche man den Körper des Gesetzes nennen könnte.
Die im Gesetz vorkommenden Erzählungen sind die Kleider, mit welchen dessen
Körper bedeckt ist. Die Thoren betrachten nur die Kleider oder die
Erzählungen des Gesetzes; sie kennen nichts Anderes und sehen nicht, was
unter diesen Kleidern verborgen ist. Die Klugen wenden keine Aufmerksamkeit
auf die Kleider, sondern auf den Körper, welchen dieselben bedecken. Die
Weisen endlich, die Diener des höchsten Königs, welche auf dem Gipfel des
Sinai wohnen, beschäftigen sich nur mit der Seele, welche die Grundlage
alles Übrigen ist, nämlich mit dem Gesetz selbst; und in der Zukunft sind
sie bereit, die Seele der Seele, welche das Gesetz durchweht, zu
betrachten.«[404]

Die Kabbalisten schoben also auf eine den Profanen unbekannte Weise in
mysteriösem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten, aus
denen sich die Schrift zusammensetzt, eine geheime Bedeutung unter. Dies
war für sie das einzige Mittel, ihre Freiheit zu bewahren, ohne mit der
religiösen Autorität zu brechen, und vielleicht hatten sie dasselbe auch
zur Beruhigung ihres Gewissens nötig. In folgendem Passus treffen wir den
nämlichen Geist in einer noch bemerkenswerteren Form an:

»Wenn das Gesetz nur aus gewöhnlichen Worten und Erzählungen bestände, wie
die von Esau, Hagar, Laban, von Bileam und seiner Eselin, warum würde es
dann wohl das Gesetz der Wahrheit, das vollkommene Gesetz, das wahre Wort
Gottes heißen? Warum würde es der Weise dann höher schätzen als Gold und
Perlen? Es ist eben unter jedem Wort ein erhabener Sinn verborgen, und jede
Erzählung lehrt uns etwas Anderes als die Thatsachen, welche sie scheinbar
erhält, und dieses erhabene und heilige Gesetz ist das wahre Gesetz.«[405]

Es ist nicht ohne Interesse, daß wir in den Werken eines Kirchenvaters
einer vollkommen ähnlichen Ausdrucksweise begegnen. So sagt Origenes[406]:

»+Si adsideamus litterae et secundum hoc vel quod Judaeis, vel quod vulgo
videtur, accipiamus quae in lege scripta sunt, erubesco dicere et confiteri
quia tales leges dederit Deus: videbuntur enim magis elegantes et
rationabiles hominum leges, verbi gratia, vel Romanorum, vel Atheniensium,
vel Lacedaemoniorum.+« --

»+Cuinam quaeso sensum habenti convenienter videbitur dictum quod dies
prima et secunda et tertia, in quibus et vespera nominatur et mane; fuerint
sine sole et sine luna et sine stellis; prima autem dies sine coelo? Quis
vero ita idiotes invenitur, ut putet, velut hominem quemdam agricolam, Deum
plantasse arbores in Paradiso, in Eden, contra orientem, et arborem vitae
plantasse in eo, ita ut manducans quis ex ea arbore vitam percipiat? et
rursus ex alia manducans arbore, boni et mali scientiam capitat.+«[407]

»+Triplicem in Scripturis divinis intelligentiae modum, historicum moralem
et mysticum: unde et corpus inesse et animam ac spiritum
intelleximus.+«[408]

Um nun zwischen dem heiligen Text und ihren willkürlichen Auslegungen
plausibel erscheinende Beziehungen herzustellen, griffen die Kabbalisten zu
verschiedenen künstlichen Mitteln, welche zwar im Sohar keine Anwendung
finden, dafür aber in späterer Zeit in um so höherem Ansehen stehen. Diese
Mittel sind an sich wertlos, und wir haben uns mit ihnen nicht zu
beschäftigen.

Anstatt dessen suchen wir kennen zu lernen, was in den ältesten Teilen des
Sohar über die Natur und die Attribute der Gottheit, über die Schöpfung und
die Beziehungen Gottes zur Welt, sowie endlich über den Ursprung, die Natur
und die Bestimmung des Menschen gelehrt wird.




Sechstes Kapitel.

Die Anschauungen der Kabbalisten über die göttliche Natur.


Die Kabbalisten haben zweierlei Manier von Gott zu reden, ohne daß dies
jedoch der Einheit ihres Gottesgedankens Eintrag thäte. Wenn sie die
Gottheit zu definieren suchen, ihre Attribute unterscheiden und uns eine
präzise Anschauung ihrer Natur geben wollen, so ist ihre Sprache eine
metaphysische und sie besitzt so viel Klarheit, als die Natur der Sache und
Sprache mit sich bringt. Manchmal aber begnügen sie sich, die Gottheit als
ein unbegreifliches Wesen darzustellen, welches weit über alle Formen
erhaben ist, mit denen es die menschliche Imagination zu bekleiden liebt.
In diesem Falle ist ihre Ausdrucksweise poetisch und bildlich, wobei
gewissermaßen ihre Imagination gegen die erwähnte profane zu Feld zieht.
Alle ihre Anstrengungen sind auf die Zerstörung des Anthropomorphismus
gerichtet, dem sie gigantische schreckenerregende Proportionen verleihen,
um für die Idee des Unendlichen passende Vergleiche aufzustellen.

»Das Buch des Geheimnisses« ist durchaus in diesem Styl geschrieben, wobei
zu bemerken ist, daß die Allegorien oft gleichzeitig Rätsel bilden, wie wir
aus folgender Stelle des Idra Rabba darthun wollen: Simon ben Jochai
versammelt seine Schüler und sagt ihnen, daß die Zeit gekommen sei, für den
Herrn zu arbeiten, d. h. den wahren Sinn des Gesetzes kennen zu lernen; die
Tage der Menschen seien gezählt, der Arbeiter nur eine kleine Zahl, und die
Stimme des Herrn und Schöpfers treibe zur Eile. Er ermahnt sie, die
Geheimnisse, welche er ihnen anvertrauen wolle, nicht zu profanieren, setzt
sich mitten unter sie auf das Feld unter den Schatten eines Baumes und
beginnt unter tiefem Schweigen:

»Und siehe, eine Stimme ertönte, und ihre Kniee erbebten vor Schrecken. Was
war diese Stimme? Es waren die Stimmen der himmlischen Versammlung, welche
sich vereinigten, um gehört zu werden. Rabbi Simon aber rief voll Freude
aus: Herr, ich sage nicht wie einer deiner Propheten[409], daß ich erbebte,
als ich deine Stimme hörte, denn es ist nicht mehr die Zeit der Furcht,
sondern die der Liebe, wie da geschrieben steht: du wirst den Ewigen,
deinen Gott lieben.«[410]

Nach dieser Einleitung, welche weder eines gewissen Pompes noch Interesses
ermangelt, folgt eine lange durchaus allegorische Beschreibung der
göttlichen Größe. Es mögen hier einige Stellen aus derselben folgen:

»Er ist der Älteste der Alten, das Geheimniß der Geheimnisse, der
Unbekannteste der Unbekannten. Er hat die Gestalt, welche ihm gehört und
erscheint uns besonders als Greis, als der Älteste der Alten und der
Unbekannteste unter den Unbekannten. Aber unter der Gestalt, in welcher er
sich uns zu erkennen giebt, bleibt er dennoch der Unbekannte. Sein Kleid
ist weiß und sein Anblick glänzend. Er sitzt auf einem Thron von Funken,
welcher seinem Willen unterworfen ist. Das weiße Licht seines Hauptes
erhellt viermalhunderttausend Welten. Viermalhunderttausend von diesem
weißen Licht geborene Welten werden das Erbtheil der Gerechten in der
künftigen Welt sein. Jeden Tag entsprossen aus seinem Gehirn
dreizehntausend Myriaden Welten, welche ihm ihre Existenz verdanken und
deren Last er allein trägt. Von seinem Haupt träuft der Thau, welcher die
Todten erweckt und ihnen ein neues Leben bereitet. Darum steht geschrieben:
Dein Thau ist der Thau des Lichtes. Er ist die Nahrung der Heiligen vom
erhabensten Rang. Er ist das Manna, welches den Gerechten im künftigen
Leben bereitet ist. Er steigt herab auf das Feld der heiligen Früchte.[411]
Der Anblick dieses Thaues ist glänzend wie Diamanten, deren Farbe alle
Farben in sich faßt. Die Größe dieses Gesichtes ist dreihundertsiebenzig
mal zehntausend Welten. Darum heißt es 'das große Gesicht', denn also ist
der Name des Ältesten der Alten.«

Es würde jedoch der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir behaupten wollten,
daß alles Übrige nach diesem Beispiel zu beurteilen sei, obschon die
Bizarrerie, die Affektation und die orientalische Gewohnheit, die Allegorie
auf die Spitze zu treiben, häufig den Adel und die Größe des Ausdrucks
überwuchern. So wird z. B. das blendende Haupt, welches den ewigen Herd des
Seins und Wissens repräsentieren soll, gewissermaßen zu einer anatomischen
Studie, bei welcher weder die Stirn, noch das Gesicht, die Augen, das
Gehirn, die Haare und der Bart vergessen sind; alles dies giebt Gelegenheit
mit bis ins Unendliche gehenden Zahlen zu spielen, und dies gab
Veranlassung, daß von neueren Schriftstellern gegen die Kabbalisten der
Vorwurf des Anthropomorphismus und selbst des Materialismus erhoben wurde,
obgleich sie denselben in keiner Weise verdienen. Ohne uns dabei weiter
aufzuhalten, wollen wir hier einige für die Geschichte des menschlichen
Geistes wichtige Stellen des Sohar mitteilen, deren erste -- sehr
umfangreiche -- in Anschluß an die Worte des Jesaias[412]: »Wem wollt ihr
denn mich nachbilden, dem ich gleich sei?« sich mit den zehn Sephiroth oder
den Attributen der Gottheit beschäftigt, so lange dieselbe noch in ihrer
eigenen Wesenheit verborgen ist:

»Bevor irgend eine Form, irgend ein Bild in dieser Welt geschaffen wurde,
war er allein, ohne Form und nichts ihm ähnlich. Und wer konnte ihn
erfassen, da er vor der Schöpfung und noch ohne Form war? Daher ist es auch
verboten, ihn unter irgend welchem Bild, in irgend einer Gestalt
darzustellen, sei sie auch, was sie immer sei, selbst sein heiliger Name
oder ein Buchstabe oder ein Punct. Dies ist der Sinn der Worte[413]: 'So
bewahret nun eure Seelen wohl, denn ihr habt kein Gleichniß gesehen des
Tages, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.' Das
heißt nämlich: ihr habt nichts gesehen, was ihr in einer Gestalt, einem
Bildniß darstellen könntet. Aber nachdem er die Gestalt des 'himmlischen
Menschen' ($Adam ila'a$) hervorgebracht hatte, bediente er sich der Merkaba
als eines Wagens, um herabzusteigen.«

»Er will unter der Form des heiligen Namens Jehovah genannt sein und giebt
sich unter seinen Attributen zu erkennen, deren jedes einen besonderen
Namen besitzt, als: Gott der Gnade, Gott der Gerechtigkeit, allmächtiger
Gott, Herr der Heerscharen und 'der, welcher ist'. Seine Absicht war, seine
Eigenschaften zu offenbaren und kund zu thun, wie sich seine Gnade und
Barmherzigkeit sowohl auf die Welt als auf die Werke der Menschen
erstreckt. Denn wie würden wir ihn erkennen können, wenn er nicht sein
Licht allen Kreaturen geoffenbart hätte? Wie könnte man sonst sagen, daß
die Welt von seinem Ruhm erfüllt sei? Wehe dem, der es wagt, ihn selbst mit
einem seiner Attribute zu vergleichen! Noch weniger aber darf er mit dem
Menschen verglichen werden, der auf die Welt gekommen und dem Tode
verfallen ist. Man muß ihn als über allen Geschöpfen und allen Attributen
stehend erkennen. Wenn man von all diesen Dingen abstrahiert, so bleibt
weder Bild, noch Attribut, noch Figur, und er ist dem Meere vergleichbar,
dessen Gewässer ohne Grenzen und Form sind; wenn sie sich aber über die
Erde ergießen, so bringen sie ein Bild ($dmut$) hervor, welches sich in
folgender Berechnung ausdrücken läßt: Die Quelle der Wässer des Meeres und
der Glanz, welchen der Strahl der Sonne darauf wirft, sind zwei. Aus ihnen
bildet sich ein riesengroßes Becken, welches in ungeheurer Tiefe ausgehöhlt
ist. Dieses Becken ist mit den aus ihrer Quelle entströmenden Gewässern
angefüllt; es ist das Meer selbst und kann als das Dritte betrachtet
werden. Diese ungeheure Tiefe teilt sich in sieben Kanäle, durch welche
sich, wie durch große Gefäße, das Wasser des Meeres ergießt. Die Quelle,
der Strom, das Meer und die sieben Kanäle bilden zusammen die Zahl Zehn.
Und wenn der Arbeiter, der diese Gefäße gebildet hat, dieselben zerbricht,
so kehrt das Wasser zu seiner Quelle zurück, und es bleibt nichts als die
vertrockneten wasserlosen Scherben. Die Ursache aller Ursachen hat also die
zehn Sephiroth hervorgebracht. Die erste derselben, 'die Krone', ist die
Quelle, welche ein endloses Licht ausstrahlt, und von ihr kommt der Name
des Unendlichen, En Soph, um die höchste Ursache zu bezeichnen, denn sie
hat in dieser Gestalt weder Form noch Figur, und es giebt noch kein
Mittel, sie zu begreifen, und keine Art und Weise, sie zu erkennen. In
diesem Sinn steht geschrieben: 'Sinnet nicht nach über etwas, das über euch
ist.' Darauf bildet sich ein Gefäß, das fast wie ein Punkt zusammengedrückt
ist, (der Buchstabe $Y$), welches aber dennoch vom göttlichen Licht
durchdrungen ist; es ist die Quelle der Weisheit, ja die Weisheit selbst,
die Tugend, von welcher die höchste Ursache sich Gott nennt. Diese Quelle
bildet alsdann ein Gefäß, unendlich wie das Meer selbst; man nennt es die
Weisheit, und von ihm kommt der Name: der allweise Gott. Wir müssen nämlich
wissen, daß Gott intelligent und weise seinem eigensten Wesen nach ist, und
daß die Weisheit ihren Namen nicht durch sich selbst verdient, sondern
durch ihn, der weise ist und das aus ihm emanirende Licht hervorgebracht
hat. Nicht durch sie selbst kann man die Intelligenz begreifen, sondern
durch ihn, welcher intelligent ist und die Intelligenz mit seiner eigenen
Wesenheit erfüllt. Wenn er sich aus ihr zurückzöge, würde sie völlig zu
nichte werden. Dies ist der Sinn der Worte[414]: 'Wie ein Wasser ausläuft
aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet.' Endlich theilt
sich das Meer in sieben Arme, welche sieben kostbare Gefäße bilden, welche
genannt werden: die Barmherzigkeit oder die Größe; die Gerechtigkeit oder
die Stärke; die Schönheit; der Triumph; der Ruhm; das Reich; der Grund oder
die Basis. Aus diesem Grund wird Gott der Große oder der Barmherzige, der
Starke, der Prächtige, der Gott des Siegs, der Schöpfer, welchem allein
Ruhm gebührt, und der Urgrund aller Dinge genannt. Dies ist das letzte
Attribut, welches die Grundlage aller übrigen und der Totalität der Welten
bildet. Endlich ist Gott auch der König des Weltalls, denn in seiner Gewalt
steht Alles, sei es, daß man die Zahl der Gefäße vermindern oder, je nach
der zu treffenden Wahl das Licht, welches er ausstrahlt, vermehren
will.«[415]

In diesem Text ist so ziemlich alles enthalten, was die Kabbalisten über
die göttliche Natur gedacht haben; jedoch leidet derselbe selbst für die
mit der kabbalistischen Ausdrucksweise Vertrauten an großer Unklarheit,
weshalb es sich empfiehlt, seinen Inhalt in präciserer Ausdrucksweise
wiederzugeben, indem wir das im Sohar an verschiedenen Stellen über die
göttlichen Attribute Gesagte in einer Anzahl von Fundamentalsätzen
zusammenfassen:

1. Gott war, bevor irgend etwas existierte, die unendliche Wesenheit.
Deshalb kann er weder als die Gesamtheit der Dinge, noch als die Summe
seiner Attribute betrachtet werden. Aber ohne diese Attribute und die von
ihnen hervorgebrachten Wirkungen -- so zu sagen ohne eine determinierte
Form -- ist es unmöglich, ihn zu begreifen oder zu erkennen. Dieser
Grundsatz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: »Vor der Schöpfung
war Gott ohne Gestalt, nichts gleichend, und in diesem Stand war er für die
Intelligenz unbegreiflich.« Aber wir beschränken uns nicht allein auf
dieses Zeugnis, sondern hoffen, daß man den gleichen Sinn auch in folgender
Stelle wiederfinde: »Bevor sich Gott offenbarte, als alle Dinge noch in ihm
verborgen lagen, war er der Unbekannteste unter den Unbekannten. In diesem
Stand hatte er keinen andern Namen als den der Frage. Er begann einen
unfaßbaren Punkt zu bilden, welcher sein eigener Gedanke war. Alsdann
bildete er durch seinen Gedanken eine geheimnißvolle und heilige Form, die
er endlich mit einem reichen und glänzenden Kleid bedeckte. Dies ist das
Weltall, welches nothwendiger Weise im Namen Gottes enthalten ist.«[416]

Weiterhin heißt es in der Idra Suta:

»Der Älteste der Alten ist gleichzeitig der Unbekannteste der Unbekannten;
er ist von allem getrennt und nicht getrennt; er vereinigt in sich Alles,
und nichts ist außer ihm. Er besitzt eine Gestalt, ohne daß es möglich ist,
sie zu beschreiben. Er giebt Form und Existenz allem, das ist. Er läßt aus
seinem Busen zehn Lichtstrahlen ausgehen, welche in der von ihm verliehenen
Form erglänzen und alles mit Tageshelle erleuchten. Er ist gewissermaßen
ein Pharus, welcher nach allen Seiten seine Strahlen spendet. Der Älteste
der Alten, der Unbekannteste der Unbekannten ist ein erhabener Pharus, den
man nur an seinem Licht erkennt, welches in überschwenglicher Fülle und
Glanz in unsere Augen blitzt; und was man seinen heiligen Namen nennt, ist
nichts anderes als dieses Licht.«[417]

2. Die zehn Sephiroth, durch welche sich das unendliche Wesen ursprünglich
zu erkennen gab, sind nichts anderes als die Attribute, welche an sich
selbst keine substantielle Realität besitzen; jedoch repräsentiert sich in
jedem derselben die göttliche Wesenheit, und in ihrer Gesamtheit besteht
das erste Attribut, die vollkommenste und erhabenste Offenbarung der
Gottheit. Es wird der ursprüngliche oder himmlische Mensch ($Adam ila'a,
Adam kadmon$) genannt und es ist die Gestalt, welche den geheimnißvollen
Wagen des Hesekiel lenkt, und von der der irdische Mensch nur eine blasse
Kopie ist.[418]

»Die Gestalt des Menschen, sagt Simon ben Jochai zu seinen Schülern, faßt
alles in sich, was im Himmel und auf Erden ist, die obern Wesen wie die
untern Wesen, und deshalb hat sie auch der Älteste der Alten zu der seinen
gemacht. Keine Gestalt, keine Welt kann vor der menschlichen bestehen, denn
sie schließt alle Dinge in sich, und alles besteht nur durch sie. Ohne sie
würde die Welt nicht bestehen können, und in diesem Sinn sind die Worte zu
verstehen: Der Ewige hat die Erde auf die Weisheit gegründet. Aber man muß
den obern Menschen ($adam dil'eila$) von dem untern Menschen ($adam
diltata$) unterscheiden, von denen keiner ohne den andern bestehen kann.
Unter der menschlichen Gestalt ist die Vollkommenheit des Glaubens
verborgen, und das ist es, was durch die Menschengestalt, die den Wagen
lenkt, ausgedrückt werden soll. Und das ist es, was Daniel mit den Worten
kund thun will: Und ich sah des Menschen Sohn kommen mit den Wettern des
Himmels und vordringen bis zu dem Alten der Tage und sich vor ihm
darstellen.«[419]

Was man also den himmlischen Menschen oder die erste Offenbarung der
Gottheit nennt, ist nichts anderes als die absolute Form alles Seienden,
die Quelle aller andern Formen oder vielmehr der Ideen; mit einem Wort: der
höchste Gedanke, welcher der %logos% oder das Wort genannt wird. So heißt
es:

»Die Gestalt des Alten (sein Name sei geheiligt!) ist die einzige Form,
welche alle Formen in sich einschließt; sie ist die höchste und
geheimnißvollste Weisheit, welche alles Übrige in sich faßt.«[420]

3. Die zehn Sephiroth sind, wenn wir den Verfassern des Sohar Glauben
schenken dürfen, bereits im alten Testament durch eben so viele Gott
geheiligte Namen gekennzeichnet, welche identisch mit denen sind, welche
der heilige Hieronymus in seinem Brief an Marcella erwähnt.[421] Man hat
sie auch in der Mischna finden wollen, weil dort gesagt ist, daß Gott die
Welt durch zehn Worte geschaffen habe, welche als eben so viele Befehle aus
seinem allmächtigen Wort ausgingen.[422] Obschon sie alle gleich notwendig
sind, können die Attribute und die Distinktionen, welche sie ausdrücken,
uns doch nicht die göttliche Natur in ihrer ganzen Hoheit erkennen lassen,
aber sie stellen dieselbe unter verschiedenen Gesichtspunkten dar, welche
in der Sprache der Kabbalisten »Gesichter« ($Anpin, Partzufin$) genannt
werden. Simon ben Jochai und seine Schüler machten sehr häufig von dieser
metaphorischen Ausdrucksweise Gebrauch, aber sie mißbrauchten dieselbe
nicht, wie ihre neueren Nachfolger. Wir sind genötigt, uns länger bei
diesem wichtigsten Punkt der kabbalistischen Wissenschaft aufzuhalten; aber
bevor wir den besondern Charakter der einzelnen Sephiroth darlegen, müssen
wir einen Blick auf die allgemeine Frage ihrer Wesenheit werfen und mit
wenigen Worten die verschiedenen Meinungen darstellen, welche über
dieselben bei den Adepten der Kabbala kursieren.

Die Kabbalisten haben zwei Fragen aufgestellt, nämlich: warum giebt es
Sephiroth? und was sind die Sephiroth sowohl in ihrer Gesamtheit, als an
sich selbst, als auch in ihren Beziehungen zu Gott? Über die erste Frage
äußert sich der Sohar sehr positiv, ohne den mindesten Zweifel aufkommen zu
lassen. Es giebt so viele Sephiroth als Namen Gottes; beide sind dem Geist
nach eins, und die Sephiroth sind nichts als die durch die Namen
ausgedrückten Ideen und Dinge. Wenn Gott keine Namen hätte, oder, wenn die
ihm gegebenen Namen keine Realitäten bezeichneten, so würde er nicht allein
uns unbekannt sein, sondern er würde auch an sich nicht existieren, denn er
kann sich selbst nicht ohne Intelligenz begreifen, ohne Weisheit nicht
weise sein und ohne Macht nicht handeln. -- Die zweite Frage wird nicht in
gleich bündiger Weise beantwortet. Manche Kabbalisten stützen sich auf den
Grundsatz, daß Gott unveränderlich sei, und sehen in den Sephiroth nur die
Werkzeuge der göttlichen Allmacht, Geschöpfe einer höheren Natur, welche
jedoch vom ersten Wesen durchaus verschieden sind. Es sind dies diejenigen,
welche die Sprache der Kabbala mit dem Buchstaben des Gesetzes vereinigen
wollen. -- Das, was der Sohar En-Soph nennt, nämlich das Unendliche an
sich, ist in ihren Augen die Gesamtheit der Sephiroth, nichts mehr und
nichts weniger, und jede der letzteren ist nur das Unendliche von einem
verschiedenen Standpunkt betrachtet. Zwischen diesen extremen Anschauungen
steht ein tieferes und dem Geist der Originale konformeres System, welches
die Sephiroth als Werkzeuge, als Geschöpfe und als von der Gottheit
verschiedene Wesen betrachtet, die nicht mit ihr verwechselt werden dürfen.
Diese Anschauung beruht auf folgendem Ideengang: Gott ist in den Sephiroth
gegenwärtig, sonst würde er sich durch dieselben nicht offenbaren können;
aber er wohnt nicht ganz in ihnen, und er ist es nicht allein, was man
unter diesen sublimen Ideen- und Existenzformen verhüllt. Die Sephiroth an
sich können nie den Unendlichen begreiflich machen; das En-Soph, die Quelle
aller Formen, besitzt an sich selbst keine, oder um in der dem Sohar
heiligen Ausdrucksweise zu sprechen: obschon eine jede Sephire einen
bekannten Namen hat, so besitzt er allein doch keinen. Gott bleibt immer
das unaussprechliche, unendliche Wesen, welches über allen Welten, selbst
über der Emanationswelt thront, die uns seine Gegenwart offenbaren. Die
zehn Sephiroth können mit ebensoviel Gefäßen von verschiedener Form
verglichen werden oder mit verschieden gefärbten Gläsern. Welches nun auch
das Gefäß sei, womit man die göttliche Wesenheit messen will, so wohnt doch
die absolute Wesenheit der Dinge beständig in ihm, und das göttliche Licht
verändert nicht wie das Sonnenlicht seine Natur nach dem Mittel, durch
welches es hindurch geht. Diese Gefäße und Mittel haben an sich keine
positive Realität und keine eigene Existenz, sondern sie sind gewissermaßen
die Grenzen, in denen die höchste Wesenheit der Dinge eingeschlossen ist,
oder die verschiedenen Grade der Dunkelheit, mit denen das göttliche Licht
seine unendliche Klarheit verschleiert, um sich anschaubar zu machen. Darum
hat man in jeder Sephire zwei Elemente oder vielmehr zwei Gesichtspunkte
erkennen wollen: der eine, rein äußerliche und negative, welcher den
Körper repräsentiert, wird recht eigentlich das Gefäß ($Kli$) genannt,
während der andere, innere positive, den Geist und das Licht bildet. Darum
spricht man auch von den zerbrochenen Gefäßen, welche das göttliche Licht
entweichen lassen. Dieser auch von Isaak Loriah und Moses Corduero
eingenommene Standpunkt wird von letzterem mit viel Logik und Präcision
vertreten und bildet die Basis des ganzen metaphysischen Teils der Kabbala.

Nachdem wir nun die allgemeinen Grundsätze festgestellt haben, auf denen
die Autorität der Texte und der geschätztesten Kommentare beruhen, müssen
wir jetzt die besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung
nach Trinitäten und Personen betrachten.

Die erste und erhabenste der göttlichen Offenbarungen oder die erste
Sephire ist »die Krone« ($Keter$), welche so genannt wird, weil sie über
allen andern Sephiroth steht. Der Text sagt:

»Sie ist das Princip aller Principien, die geheimnißvolle Weisheit, die
über alles erhabene Krone, das Diadem der Diademe.«

Sie ist nicht die verschwommene Totalität ohne Namen und Form, der
geheimnißvolle Unbekannte, welcher alle Dinge und selbst die Attribute
($Ein Sof$) hervorgebracht hat. Sie repräsentiert das vom Unendlichen
geschiedene Endliche, und sein Name in der Schrift bedeutet »ich bin«
($Ehye$), weil es das Wesen an sich selbst ist. Dieses Wesen wird unter
einem Gesichtspunkt betrachtet, den keine Untersuchung mehr ergründet, der
keine Qualifikation mehr zuläßt, und in welchem alles in einem unteilbaren
Punkt zusammenfließt. Aus diesem Grund wird sie auch der primitive Punkt
genannt, und es heißt:

»Als der Unbekannteste der Unbekannten sich offenbaren wollte, brachte er
einen Punkt hervor; jedoch war dieser Punkt nicht von seinem Busen
ausgegangen; der Unendliche war noch durchaus unbekannt, und es strahlte
kein Licht.«[423]

Die neueren Kabbalisten erklären dies durch die absolute Konzentration
Gottes in seine eigene Substanz. Diese Konzentration hat aus sich den
Raum, die »primitive Luft« ($avir kadmon$) geboren, welche keine reale
Leere, sondern eine gewisse Stufe eines niedern Lichtes der Schöpfung ist.
Und durch dasselbe hat die in sich selbst konzentrierte Gottheit alles
Endliche geschieden, begrenzt und bestimmt, und von ihm kann man in
gewisser Beziehung sagen, daß es durch das Wort »Nichts« oder »das
Nichtseiende« ($ayin$) bezeichnet wird. Die Idra Suta sagt:

»Wir nennen es also, weil wir es nicht kennen und weil es unmöglich ist,
dasselbe in diesem Stand zu erkennen, denn es steigt nicht zu unserer
Unwissenheit herab, sondern wohnt über der Weisheit selbst.«[424]

Eine ganz ähnliche Anschauung vertritt Hegel, wenn er sagt[425]:

»Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das
unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts
Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Dieses reine Sein ist nun die
reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls
unmittelbar genommen, das Nichts ist.«

Um nun wieder auf die Kabbalisten zurückzukommen, so bildet der Gedanke des
Seins oder des Absoluten von diesem Standpunkt aus eine vollständige Form
oder -- um in ihrer Sprache zu reden -- einen Kopf, ein Gesicht. Sie nennen
dasselbe »das weiße Gesicht« ($Reisha Chivra$), weil in ihm gewissermaßen
alle Farben, alle Begriffe und alle Bestimmungen zusammenfließen, oder auch
»den Alten« ($Atika$), weil es die erste der Sephiroth ist. In dem
letzteren Fall darf es aber nicht mit »dem Ältesten der Alten« verwechselt
werden, d. h. mit dem En-Soph selbst, vor welchem das hellste Licht nur
Finsternis ist. Man bezeichnet es im allgemeinen mit dem Ausdruck »das
große Gesicht« ($Arich Apayyim$), zweifelsohne deshalb, weil es alle
Eigenschaften, alle intellektuellen und moralischen Qualitäten, alle Formen
in sich einschließt; in ähnlichem Sinn heißt es auch »das kleine Gesicht«.
Der Text sagt[426]:

»Das Erste ist der Alte. Von Angesicht zu Angesicht gesehen ist er das
höchste Haupt, die Quelle alles Lichts, das Princip aller Weisheit, welches
nur durch die Einheit definirt werden kann.«

Aus dem Schoß dieser absoluten Einheit, unterschieden von der Vielheit und
der relativen Einheit, gehen einander parallel zwei scheinbar verschiedene
Prinzipien aus, welche jedoch in Wirklichkeit eine untrennbare Realität
bilden; das eine, männlich und aktiv, wird die Weisheit ($Chokhma$), das
andere, weiblich und passiv, die Intelligenz ($Bina$) genannt, und der Text
sagt:

»Alles, was existiert, ist durch den Alten -- gelobt sei sein Name! --
geschaffen worden und kann nur durch das männliche und weibliche Princip
bestehen.«[427]

Die Weisheit wird auch der Vater genannt, denn, wie es heißt, hat sie alle
Dinge erzeugt. Auf den zweiunddreißig wunderbaren Wegen ergießt sie sich
durch das Weltall und verleiht allen Dingen Form und Maß.[428] Die
Intelligenz ist die Mutter, denn es steht geschrieben: du wirst die
Intelligenz mit dem Namen Mutter nennen.[429] -- Aus ihrer geheimnisvollen
und ewigen Verbindung entsproßt ein Sohn, welcher nach dem Ausdruck des
Originals die Züge des Vaters wie der Mutter trägt und so Zeugnis von
beiden giebt. Dieser Sohn der Weisheit und Intelligenz wird wegen seiner
doppelten Erbschaft der älteste Sohn Gottes, das Bewußtsein oder die
Weisheit ($Da'at$) genannt. Diese drei Personen umfassen und schließen in
sich alles, was war, ist und sein wird, und sind in dem weißen Haupt, dem
Ältesten der Alten vereinigt, denn er ist Alles, und Alles ist er.[430] --
Er wird bald durch drei Häupter dargestellt, welche zusammen nur eines
bilden, bald wird er mit dem Gehirn verglichen, welches, ohne seine Einheit
zu verlieren, in drei Teile zerfällt, und von dem zweiunddreißig
Nervenpaare in den Körper ausgehen, vergleichbar mit den zweiunddreißig
Wegen, auf welchen sich die Gottheit dem Universum mitteilt.

»Der Alte, gelobt sei sein Name! besitzt drei Häupter, welche zusammen blos
eines bilden; dieses Haupt ist erhaben über alle erhabene Dinge. Und weil
der Alte, dessen Name gelobt sei, durch die Zahl drei dargestellt wird, so
sind alle übrigen Lichter, welche uns mit ihren Strahlen erleuchten
(nämlich die übrigen Sephiroth), in der Zahl Drei inbegriffen.«[431]

In der folgenden Stelle werden von der Trinität etwas andere Ausdrücke
gebraucht; es figuriert in ihr das En-Soph, aber wir begegnen nicht der
Intelligenz, zweifelsohne weil sie nur ein Reflex, eine gewisse Expansion
des Logos ist, die hier »die Weisheit« genannt wird:

»Es giebt drei kunstvoll gebildete Häupter, eines in dem andern und eines
über dem andern. Zu ihnen wird gezählt: die geheimnißvolle Weisheit, die
verborgene Weisheit, welche nie ohne Schleier erscheint. Diese
geheimnißvolle Weisheit ist die Grundlage jeder andern Weisheit. Über dem
ersten Haupt ist der Alte, dessen Namen gelobt sei! und welcher das
Geheimste der Geheimnisse ist. Darauf kommt das Haupt, welches alle andern
Häupter beherrscht, ein Haupt, welches nicht nur eines ist. Was es in sich
schließt, weiß Niemand und kann Niemand wissen, denn dies entzieht sich
sowohl unserer Weisheit als unserer Unwissenheit. Deshalb wird auch der
Alte, dessen Namen gelobt sei! das Nichts genannt.«[432]

Wir haben also auch hier die Einheit des Wesens und die Dreiheit der
intellektuellen Offenbarung oder des Denkens, was nachzuweisen war.

Manchmal werden die Bezeichnungen oder, wenn man will, die Personen dieser
Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des
Denkens und Seins dargestellt, als ein logischer Prozeß, welcher die Welt
hervorbringt. Dies ergiebt sich aus folgender Stelle:

»Kommet und sehet: der Gedanke ist die Grundlage alles Seienden; aber der
Gedanke ist Anfangs unbekannt und in sich selbst eingeschlossen. Wenn der
Gedanke sich zu offenbaren beginnt, so gelangt er zu der Wohnung des
Geistes. Er erhält alsdann den Namen der Intelligenz und ist nicht mehr auf
sich selbst beschränkt. Der Geist enthüllt sich im Schooß der Geheimnisse,
von denen er noch umgeben ist, und geht daraus hervor als eine Stimme,
welche die Vereinigung aller himmlischen Dinge ist; diese offenbart sich
in unterschiedenen und articulirten Worten, denn sie kommt vom Geist. Aber
wenn wir alle diese Abstufungen betrachten, so sehen wir, daß Gedanke,
Intelligenz, Stimme und Wort Eins sind, daß der Gedanke die Grundlage von
allem ist und keine Unterbrechung in ihm stattfinden will. Der Gedanke
selbst verbindet sich mit dem Nichts und trennt sich nicht von ihm. Dies
ist der Sinn der Worte: Jehovah ist Eins, und sein Name ist Eins.«[433]

Es möge noch eine andere Stelle folgen, welche den gleichen Sinn in einer
älteren und originelleren Form enthält:

»Der Name, welcher 'Ich bin' ($Ehye$) bedeutet, zeigt uns die Vereinigung
alles Seienden an; in ihm sind alle Wege der Weisheit noch verborgen und
zusammen untrennbar vereinigt. Man kann ihn mit einer Mutter vergleichen,
welche in ihrem Schooß alle Dinge trägt und im Begriff ist, sie zu gebären,
um den höchsten Namen Gottes zu offenbaren, den der Allmächtige mit den
Worten bezeichnete: 'ich bin, der ich bin' ($Asher Ehye$). Wenn nun endlich
alles wohlgebildet aus dem Mutterschooß hervorgegangen ist, wenn jedes Ding
an seiner Stelle ist, und man das Einzelne oder das Seiende bezeichnen
will, so wird Gott Jehovah genannt oder 'ich bin der, welcher ist' ($Ehye
Asher Ehye$). Dies sind die Geheimnisse des heiligen, Moses geoffenbarten
Namens, von welchem sonst Niemand Kenntniß besitzt.«[434]

Das kabbalistische System beruht also nicht nur einfach auf dem Prinzip der
Emanation oder der Einheit der Substanz, sondern ist weit ausgedehnter und
gewissermaßen mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, auch läßt es
sich in mancher Beziehung so zu sagen als eine Verbindung von Ideen Platos
und Spinozas bezeichnen.

Um nun endlich darzuthun, daß die neueren Kabbalisten den Traditionen ihrer
Vorgänger treu blieben, wollen wir eine Stelle aus dem Kommentar des Moses
Corduero zum Sohar anführen:

»Die drei ersten Sephiroth, nämlich die Krone, die Weisheit und die
Intelligenz, müssen als ein und dieselbe Sache bezeichnet werden. Die erste
repräsentiert die Erkenntniß oder die Wissenschaft, die zweite das
Erkennende und die dritte das Erkennbare. Um diese Identität zu erklären,
muß man wissen, daß die Erkenntniß des Schöpfers nicht die Erkenntniß der
Geschöpfe ist, denn bei diesen ist die Erkenntniß vom Erkennenden
unterschieden und auf das von diesem getrennte Erkennbare übertragen. Man
bezeichnet es auch mit den Ausdrücken: der Gedanke, der Denker und das
Gedachte. Im Gegentheil ist der Schöpfer die Erkenntniß selbst und erkennt,
was erkennbar ist. Die Art und Weise seines Erkennens geschieht nicht durch
Anwendung des Gedankens auf die Dinge, welche außer ihm sind, sondern er
erkennt sich selbst und schaut sich in allem Seienden. Es giebt nichts, was
nicht mit ihm vereinigt und in seiner eigenen Wesenheit auffindbar ist. Er
ist der Typus des ganzen Seins, und alle Dinge existieren in ihm in ihrer
reinsten und vollendetsten Form in der Weise, daß die Vollkommenheit der
Geschöpfe in dieser Existenz selbst besteht, durch welche sie mit der
Quelle ihres Seins vereinigt sind je nach Maßgabe, wie sie sich von einem
so vollkommenen und erhabenen Zustand entfernen. Alle Wesenheiten der Welt
haben also ihren Ursprung in den Sephiroth, und die Sephiroth sind die
Quelle, von welcher sie ausfließen.«

Die sieben Attribute, von welchen wir noch sprechen müssen, und die die
neueren Kabbalisten »die Sephiroth der Konstruktion« nennen, --
zweifelsohne weil sie bei der Schöpfung am meisten in Thätigkeit traten,
offenbaren sich wie die ersten in Trinitäten, und bei jeder sind zwei
Extreme durch ein Mittelglied verbunden. Aus dem Schoße des göttlichen
Denkens in ihrer vollendeten Offenbarung geschaffen, gehen zuerst zwei
entgegengesetzte Prinzipien hervor, eines männlich und aktiv, das andere
weiblich und passiv; in der Gnade oder Barmherzigkeit ($Chesed$) ist das
erste anzutreffen, das zweite wird durch die Gerechtigkeit ($Din$)
repräsentiert. Es ist leicht, die Rolle zu erkennen, welche diese Sephiroth
im kabbalistischen System spielen, und daß weder Gnade noch Gerechtigkeit
in buchstäblichem Sinn genommen werden dürfen; es handelt sich vielmehr um
das, was wir Extension und Konzentration des Willens nennen. Aus der
ersteren gehen die männlichen und aus der zweiten die weiblichen Seelen
hervor. Diese beiden Attribute werden auch »die Arme der Gottheit« genannt;
der eine giebt das Leben und der andere den Tod. Die Welt würde nicht
bestehen können, wenn sie getrennt wären; es ist unmöglich, daß sie sich
trennen, denn nach der Ausdrucksweise des Originals kann die Gerechtigkeit
nicht ohne die Gnade bestehen; beide sind zu einem gemeinschaftlichen Wesen
vereinigt, welches die Schönheit ($Tif'eret$) ist, als deren Symbol die
Brust oder das Herz gilt. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die
Schönheit als der Ausdruck und das Resultat aller moralischen Eigenschaften
und die Summe des Guten angesehen wird. Die drei folgenden Attribute sind
durchaus dynamischer Natur und repräsentieren so zu sagen die Gottheit als
Ursache, als allgemeine Kraft und das Urprinzip alles Seins. Die beiden
ersten, welche in dieser neuen Sphäre das männliche und weibliche Prinzip
repräsentieren, werden übereinstimmend nach einem Schrifttext der Triumph
($Netzach$) und der Ruhm ($Hod$) genannt. Es würde sehr schwer sein, den
eigentlichen Sinn dieser Worte herauszufinden, wenn sie nicht durch
folgende Definition erklärt würden:

»Unter dem Triumph und dem Ruhm versteht man die Ausdehnung, die
Vervielfältigung und die Stärke, denn alle Kräfte des Universum gehen aus
deren Schooß hervor, und deshalb werden diese Sephiroth 'die Heerschaaren
des Ewigen' genannt.«[435]

Sie vereinigen sich in einem gemeinsamen Prinzip, welches gewöhnlich durch
die Zeugungsorgane repräsentiert wird und das auch das zeugende Element,
die Quelle und Wurzel alles Seins darstellt. Man nennt es in dieser
Hinsicht das Fundament oder die Basis ($Yesod$). Der Text sagt:

»Alles kehrt zu der Basis zurück, von der es ausgegangen ist. Alles Mark,
aller Saft, alle Macht versammelt sich hier. Alle existierenden Kräfte
gehen von hier aus durch die Organe der Zeugung.«[436]

Alle diese drei Attribute bilden gewissermaßen nur ein Gesicht, das der
göttlichen Natur, welches die Bibel mit dem Namen »der Herr der
Heerschaaren« bezeichnet.

Was nun die letzte der Sephiroth, »das Reich« ($Malkhut$), anlangt, so
stimmen alle Kabbalisten darin überein, daß dieselbe kein neues Attribut
bezeichnet, sondern nur die zwischen den übrigen bestehende Harmonie und
ihre Herrschaft über die Welt.

Die zehn Sephiroth bilden also in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder
idealen Menschen oder das, was die neueren Kabbalisten die Emanationswelt
nennen. Sie teilen dieselbe in drei Abteilungen, deren jede die Gottheit
von einem verschiedenen Standpunkt, aber stets in Gestalt einer unteilbaren
Dreieinigkeit darstellt. Die drei ersten sind durchaus intellektueller oder
metaphysischer Natur und drücken die absolute Identität der Existenz und
des Gedankens aus; sie bilden das, was die neueren Kabbalisten die
intelligible Welt nennen. Die folgenden tragen einen moralischen Charakter
zur Schau und lassen Gott als die Identität der Güte und Weisheit
erscheinen; andererseits zeigen sie uns in der Güte oder vielmehr im
höchsten Wesen den Ursprung der Schönheit und Größe oder Erhabenheit. Man
nennt sie auch »die Tugenden« oder »die sensible Welt« in der erhabensten
Bedeutung dieses Wortes. Endlich sehen wir in den letzten dieser Attribute
sowohl die allgemeine Vorsehung als den höchsten Künstler, welcher auch die
absolute Kraft, die allmächtige Ursache und das zeugende Element alles
Seienden ist. Dies sind die letzten Sephiroth, welche die natürliche Welt
oder die Natur in ihrer Wesenheit und in ihrem Prinzip, +Natura naturans+,
bildet. Es möge hier eine Stelle folgen, in welcher die verschiedenen
Anschauungsstandpunkte auf eine Einheit oder eine oberste Trinität
zurückzuführen gesucht werden:

»Um die Wissenschaft der göttlichen Einheit zu erhalten, müssen wir die
Flamme betrachten, welche von einem Feuer oder einer angezündeten Lampe
emporflackert; man sieht in ihr zwei Lichter: ein weißes und ein dunkles
oder blaues. Das weiße schwebt oben und steigt in gerader Linie empor,
während sich das blaue darunter befindet und in der Gewalt des weißen zu
sein scheint. Beide sind jedoch so vollkommen mit einander vereinigt, daß
sie nur eine Flamme bilden. Der Sitz des blauen Lichtes ist am Docht. Das
weiße wechselt nicht, sondern bewahrt stets die ihm eigene Natur, aber man
unterscheidet verschiedene Nuancen in dem darunter befindlichen blauen,
welches sich nach oben an das weiße Licht und nach unten an die
angezündete Materie anhängt. Alles zusammen bildet jedoch eine
Einheit.«[437]

Über den Sinn dieser Allegorie kann kein Zweifel obwalten, und wir fügen
hinzu, daß sie in einem andern Teil des Sohar fast buchstäblich wird, um
die Natur der menschlichen Seele zu erklären, welche ebenfalls eine
Trinität bildet, die eine abgefaßte Kopie der Allerhöchsten ist.

Die letzte Gattung der Trinitäten, welche alle übrigen in sich faßt, giebt
uns die ganze Theorie der Sephiroth, und sie ist es auch, welche im Sohar
die größte Rolle spielt. Sie wird wie die vorhergehenden durch drei
Ausdrücke dargestellt, von denen jeder als Centrum, als höchste
Offenbarung, eine der untergeordneten Trinitäten repräsentiert: unter den
metaphysischen Attributen ist es die Krone, unter den moralischen die
Schönheit, und unter den untergeordneten das Reich. Was aber ist in der
kabbalistischen Sprache die Krone? Die Substanz, das eine und absolute
Wesen. Was ist die Schönheit? Sie ist, wie die Idra Suta ausdrücklich sagt,
der höchste Ausdruck des Lebens und der moralischen Vollkommenheit. Als
Emanation der Intelligenz und Gnade wird sie im Orient oft mit der Sonne
verglichen, die ihr Licht auf alle Dinge der Welt wirft, und ohne welche
dieselbe in Nacht versinken würde; mit einem Wort: sie ist das Ideal. Was
ist nun endlich das Reich? Die permanente und immanente Aktion aller
vereinigten Sephiroth, die reelle Gegenwart Gottes in der Mitte der
Schöpfung, welche Idee durch das Wort »Schechinah« bezeichnet wird, durch
einen Beinamen des Reichs. Sie ist also das absolute ideale Wesen, die
immanente Kraft der Dinge oder, wenn man will, die Substanz, der Gedanke
und das Leben, d. h. die Vereinigung des Gedankens mit den Objekten. Dies
ist der wahre Sinn dieser Trinität. Diese enthält, was die Kabbala »die
Säule der Mitte« nennt, weil sie unter allen Bildern, in die man die
Sephiroth gekleidet hat, die Mitte in Gestalt einer geraden Linie oder
Säule einnimmt. Diese drei Bezeichnungen werden, wie man leicht ersehen
kann, von den »Gesichtern« oder symbolischen Personifikationen entnommen,
und zwar wechselt die Krone nicht einmal den Namen, sondern ist stets »das
große Gesicht«, der Alte der Tage, der Alte, dessen Name geheiligt ist. Die
Schönheit ist der heilige König oder einfach der König und die Schechinah,
die göttliche Gegenwart in den Dingen oder die Matrone und Königin. Wenn
die eine mit der Sonne, so wird die andere mit dem Mond verglichen, oder
nach anderer Ausdrucksweise: die reelle Existenz ist nichts als der Reflex
oder das Bild der idealen Schönheit. Die Matrone wird auch mit dem Namen
Eva bezeichnet, denn, sagt der Text, sie ist die Mutter aller Dinge, und
alles, was hier unten existiert, geht aus ihrem Schoß hervor und wird durch
sie gesegnet.[438] -- Der König und die Königin, welche man auch »die
beiden Gesichter« nennt[439], bilden zusammen ein Band, dessen Aufgabe es
ist, der Welt immer neue Gnade zu spenden und durch ihre Vereinigung das
Werk der Schöpfung fortzusetzen und zu vollenden. Aber die gegenseitige
Liebe, welche sie zu diesem Werk tragen, offenbart sich auf zweierlei Weise
und bringt infolgedessen zweierlei Arten von Früchten hervor. Von oben
kommt der Gatte zu der Gattin, so zu sagen die Existenz und das Leben; sie
gehen aus aus der Tiefe der intelligibeln Welt und suchen sich in den
Naturkörpern zu vermehren. Von unten kommt die Gattin zu dem Gatten, von
der realen Welt zur idealen, von der Erde zum Himmel, und sucht im Schoße
der Gottheit das, was sie zurückführen kann. Der Sohar selbst giebt uns ein
Beispiel der beiden Zeugungsarten in dem Kreislauf, welchen die heiligen
Seelen durchlaufen. Die Seele, in ihrer reinsten Wesenheit, in ihrer Wurzel
in der Intelligenz betrachtet, unterscheidet sich schon in der universellen
Seele. Ist die Seele nun eine männliche, so passiert sie von hier aus das
Prinzip der Gnade oder der Expansion; ist sie aber eine weibliche, das der
Gerechtigkeit oder Konzentration. Endlich wird sie zur Welt geboren, wo wir
durch die Vereinigung des Königs mit der Königin leben, welche, wie der
Text sagt, das für die Erzeugung der Seele sind, was Mann und Frau für die
Erzeugung des Körpers.[440] Dies ist der Weg, auf welchem die Seele auf die
Erde herabsteigt. Und nun folgt der Weg, auf welchem sich die Seele in den
Schooß der Gottheit zurückbegiebt. Wenn sie ihre Bestimmung vollendet und
sich mit allen Tugenden geschmückt hat, so erhebt sie sich durch ihre
eigene Bewegung, durch die Liebe, welche sie zur Gottheit trägt, zu dem
höchsten Grad der Emanation, wo die reale Existenz sich in Harmonie mit der
idealen Form setzt. Der König und die Königin vereinigen sich von neuem,
aber aus anderer Ursache und zu einem andern Zweck als das erste Mal.[441]
Der Sohar sagt hierüber: »Auf diese Weise ergießt sich das Leben sowohl von
oben als von unten, die Quelle erneuert sich, und das immer gefüllte Meer
vertheilt seine Gewässer aller Orten.«[442]

Diese Vereinigung findet auch auf eine accidentielle Weise statt. Aber wir
würden hierbei die Lehre von der Ekstase, der mystischen Verzückung und der
Rëinkarnation berühren, von welcher wir an anderer Stelle sprechen müssen.

Jedoch müßten wir glauben, die Theorie der Sephiroth unvollkommen
dargestellt zu haben, wenn wir nicht die Figuren kennzeichneten, unter
welchen die Sephiroth unsern Augen dargestellt werden. Im Sohar kommen zum
mindesten zwei derselben vor. Die eine besteht aus zehn konzentrischen
Kreisen oder -- besser gesagt -- aus neun, welche um einen Punkt aus ihrem
gemeinsamen Mittelpunkt gezogen sind. Die andere ist die Figur des
menschlichen Körpers. Die Krone ist der Kopf, die Weisheit das Hirn, die
Intelligenz das Herz; der Rumpf und die Brust sind das Symbol der
Schönheit, die Arme der Gnade und Gerechtigkeit, und die untern
Körperteile entsprechen den übrigen Attributen. Auf diese ganz
willkürlichen Beziehungen wird in den Tikunim, den Supplementen des Sohar,
die praktische Kabbala begründet, welche durch die verschiedenen Namen
Gottes die Krankheiten, welche die einzelnen Körperteile befallen, zu
vertreiben sucht. Es ist in der Geschichte des menschlichen Geistes nicht
das erste Mal, daß zu einer Zeit des Verfalls die Ideen oft durch die
gröbsten Symbole erstickt werden, und die Form an die Stelle des Gedankens
tritt. Schließlich kann man die letzte Manier der Darstellung der
Sephiroth in drei Gruppen teilen: rechts in einer senkrechten Linie
stehen die expansiven Attribute, nämlich des Logos oder die Weisheit, die
Gnade und Stärke; links in einer Parallellinie befinden sich die des
Widerstands und der Konzentration: die Intelligenz oder das Bewußtsein des
Logos, die Gerechtigkeit und der Widerstand. In der Mitte befinden sich
die substantiellen Attribute, welche wir in der höchsten Trinität gefunden
haben. An der Spitze befindet sich die Krone und an der Basis das
Reich.[443] Der Sohar spielt oft auf diese Figur an, welche er mit einem
Baum vergleicht, dessen Leben und Mark das En-Soph ist; derselbe wird
deshalb auch der kabbalistische Baum genannt. Man hat die verschiedenen
Seiten dieser Figur auch die Säule der Gerechtigkeit, die Säule der Gnade
und die Säule der Mitte genannt. Übrigens betrachtet man die Figur auch
nach Horizontallinien, wobei die sekundären Trinitäten entstehen, von
denen wir oben gesprochen haben. Außer diesen Figuren sprechen die neueren
Kabbalisten auch noch von Kanälen, welche unter einer materiellen Form
alle unter den Sephiroth bestehenden Beziehungen und Kombinationen
darstellen. Moses Corduero spricht sogar von einem Autor, welcher
siebenmalhunderttausend solcher Beziehungen gezählt hat.[444] Diese
Subtilitäten können bis zu einem gewissen Grad die Kombinationsgabe
interessieren, für die metaphysische Spekulation sind sie jedoch
belanglos.

In die Lehre von den Sephiroth mischt der Sohar eine fremdartige Idee,
welche in einer noch fremdartigeren Gestalt dargestellt wird, nämlich in
der eines Verfalls und einer Wiederherstellung in der Sphäre der Attribute
selbst, einer gescheiterten Schöpfung, in welcher Gott herniederstieg, um
auf der Erde zu wohnen, weil er sich mit dieser Mittelform zwischen ihm und
der Kreatur bekleidet hatte, von welcher die menschliche Gestalt die beste
Darstellung ist.

Die verschiedenen Darstellungen, welche die beiden Idra und »das Buch der
Geheimnisse« davon geben, sind ohne Interesse, jedoch wollen wir hier
wenigstens die bizarrste derselben mitteilen: Die Genesis spricht von
sieben Königen von Edom, welche den Königen Israels vorangingen und einer
nach dem andern starben. In diesem bizarren Bild wollen nun die Autoren des
Sohar eine solche Gedankenordnung sehen, daß ihre Gläubigkeit daraus eine
Art Revolution in der unsichtbaren Welt der göttlichen Emanation macht.
Unter den Königen von Israel verstehen sie die beiden Gestalten des
absoluten Seins, welche als König und Königin bezeichnet werden, und für
unsere schwache Intelligenz die Essenz des Wesens selbst repräsentieren.
Die Könige von Edom oder, wie man sie auch nennt, die alten Könige sind die
Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als
Mittelglied zwischen der Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer
größten Reinheit zu dienen. Schließlich ist das beste Mittel, uns diese
dunkle Partie des kabbalistischen Systems, ohne es zu verändern, klar zu
machen, wenn wir eine andere in den Fragmenten des Sohar befindliche
citieren, welche dieselbe zu erläutern sucht:

»Bevor der Älteste der Alten, welcher das verborgenste der verborgenen
Dinge ist, die Gestalten der Könige und der ersten Kronen geschaffen hatte,
besaß er weder Grenzen noch Ende. Er bildete also diese Formen nach seiner
eigenen Wesenheit. Er spannte vor sich eine Decke aus und bildete auf
derselben die Umrisse und Gestalten der Könige ab. Aber dieselben konnten
nicht existiren, weil geschrieben steht: Dies sind die Könige, welche im
Lande Edom regierten, ehe denn ein König über Israel herrschte. Es handelt
sich hier um die idealen Könige und um das ideale Israel. Alle die so
geschaffenen Könige hatten ihre Namen, aber sie konnten nicht eher
bestehen, als bis der Älteste der Alten herabstieg und sich vor ihren Augen
enthüllte.«[445]

Daß in dieser Stelle von einer der unsern vorausgegangenen Schöpfung, von
einer früheren Welt die Rede ist, daran kann kein Zweifel sein, und der
Sohar teilt uns an einem späteren Ort diese einstimmige Anschauung der
neueren Kabbalisten unter den bestimmtesten Ausdrücken mit. Aber warum sind
diese früheren Welten verschwunden? Weil Gott nicht in ihrer Mitte
regelmäßig und beständig wohnte, oder -- wie der Text sagt -- weil er nicht
zu ihnen herabgestiegen war, weil er sich nicht in einer Gestalt gezeigt
hatte, die ihm erlaubte, inmitten der Schöpfung zu bleiben und seine
Vereinigung mit ihr fortzusetzen. Die Existenzen, welche er damals durch
eine spontane Emanation seiner eigenen Wesenheit schuf, werden mit Funken
verglichen, welche in ungeordneter Weise von einem Herdfeuer aufflackern
und ersterben, wenn sie sich von ihm entfernen.

»Unter den zerstörten Urwelten waren formlose, welche man Funken nennt,
weil es sich bei ihnen ähnlich verhält wie bei einem Schmied, der das
glühende Eisen hämmert, wobei die Funken umherspringen. Diese Funken sind
die Urwelten, welche zerstört wurden und nicht bestehen konnten, weil der
Alte, dessen Name geheiligt sei, sich noch nicht mit einer Gestalt
bekleidet hatte und der Arbeiter noch nicht an seinem Werke war.«[446]

Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation
der endlichen Existenzen unmöglich ist, und welche so recht eigentlich den
Arbeiter in den göttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die
Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer höchsten
Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und
intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und
Fortdauer umfaßt, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die
Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Körper anwenden.
Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und
Reproduktion der menschlichen Gestalt sind für sie das Symbol des
universellen Lebens, die regelmäßige und unendliche Entwickelung des Seins,
eine regelmäßige und fortgesetzte Schöpfung nicht allein hinsichtlich der
Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller
möglichen Existenzformen.

Wir sind der Grundlage dieser Idee schon früher begegnet, hier folgt aber
noch etwas mehr, nämlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und
des göttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz
begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuöse, ungeordnete und
unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben.

»Warum wurden jene Urwelten zerstört? Weil der Mensch noch nicht geschaffen
war. Da nämlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschließt, ist
auch Alles in ihr enthalten. Weil nun diese Gestalt noch nicht existirte,
so konnten die früheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie
zerfielen in Trümmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf
sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.«[447]

Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem
Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genüge, daß
von dieser Anschauung an unzähligen Stellen des Sohar die Rede ist, und daß
sie auf den charakteristischen Namen »die Wage« führt. Das Buch des
Geheimnisses sagt:

»Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der König und die Königin
(die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten
Könige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem
Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf
ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere
unsichtbare Wage ohne Stütze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was
sein wird. Das trägt diese Wage.«[448]

Wir haben schon in einem früheren Citat gesehen, daß die Könige von Edom,
die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem
kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts
absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des
aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich außerhalb seiner selbst in
menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen
in das allgemeine System der Schöpfung einzutreten.

»Wenn man sagt, daß die Könige von Edom gestorben sind, so spricht man
nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstörung,
sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.«[449]

In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt -- sie erhoben
sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den äußersten Grad des
Universum versetzt worden. Sie repräsentieren die rein passive Existenz,
oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise des Sohar zu bedienen, die
Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der
Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein
männliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trägheit wie in der Materie
ist.

Deshalb wurden sie auch die Könige von Edom genannt, denn Edom war
diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die
spirituelle und aktive Existenz repräsentiert. Wir können also, wenn wir
die meisten dieser Ausdrücke wörtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten
sagen, daß die Urwelten ein Aufenthaltsort für die Bestrafung der
Verbrechen geworden sind, und daß von ihnen jene bösartigen Wesen ausgehen,
welche der göttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch
diesen Gedanken verändert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar
sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so große Rolle spielt,
besteht die Züchtigung schuldiger Seelen hauptsächlich in der Wiedergeburt
auf niedriger Stufe der Schöpfung und in größerer Sklaverei der Materie.
Was die Dämonen anlangt, so wurden sie übereinstimmend mit dem Namen
»Hüllen« ($Klipot$) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie
selbst und die von ihr abhängigen Leidenschaften. Also ist jede
Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder,
wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es genügt nicht,
daß alle Dinge von Gott kommen müssen, um Realität und Bestand zu haben,
Gott muß auch beständig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich
enthülle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn
er sich von ihnen losmachen wollte, würden sie vergehen wie ein Schatten.
Dieser Schatten ist auch ein Teil des göttlichen Wesens; er ist die
Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das
Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist.

Auf diese Grundsätze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala
gegründet.




Siebentes Kapitel.

Die Weltanschauung der Kabbalisten.


Was wir über die Anschauungen der Kabbalisten von der göttlichen Natur
wissen, nötigt uns, etwas länger bei ihrer Betrachtungsweise der Schöpfung
und des Ursprungs der Welt zu verweilen, weil nämlich beides in ihrem Geist
ineinander fließt. Wenn sich Gott mit ihr in ihrer unendlichen Totalität,
im Gedanken und Sein vereinigt, so ist es gewiß, daß außer ihm nichts
existieren und erkannt werden kann, denn Alles, was wir durch die Vernunft
oder die Erfahrung erkennen, ist eine teilweise Enthüllung oder ein
teilweiser Anblick des absoluten Seins. Die ewige Dauer einer trägen und
von ihm getrennten Substanz ist eine Unmöglichkeit, eine Chimäre, und die
Schöpfung ist, wie sie gewöhnlich aufgefaßt wird, unmöglich. Diese letzte
Konsequenz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen:

»Der unteilbare Punkt (das Absolute) hat keine Grenzen und kann nicht
erkannt werden. In Folge seiner Stärke und Reinheit hat er sich in sich
selbst zurückgezogen und ein Zelt gebildet, das wie ein Vorhang den
unteilbaren Punkt bedeckt. Dieses Zelt, obgleich von einem weniger reinen
Licht als der Punkt selbst, ist immer noch zu hell, um betrachtet werden zu
können. Es hat sich in sich selbst concentriert, und diese Extension dient
ihm als Bekleidung. Alles ist also in einer beständig herniedersteigenden
Bewegung, welche das Universum geschaffen hat.«[451]

Wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß das absolute Sein und die
sichtbare Natur nur einen einzigen Namen »Gott« haben. Eine andere Stelle
deutet uns an, daß die vom Geist ausgehende und mit dem höchsten Gedanken
identische Stimme im Grund nichts anderes ist als das Wasser, die Luft und
das Feuer, der Norden, der Mittag und alle Kräfte der Natur.[452] Alle
diese Elemente und Kräfte sind in einem Ding verbunden, in der vom Geist
ausgehenden Stimme. Die Materie endlich, unter einem allgemeinen
Gesichtspunkt betrachtet, ist der untere Teil der geheimnisvollen Flamme,
von der wir weiter oben gesprochen haben. Durch diese Lehrmeinung suchten
sich die Kabbalisten mit dem landläufigen Glauben, daß die Welt aus nichts
geschaffen sei zu versöhnen. Aber das Nichts hat für sie einen anderen Sinn
als den gewöhnlichen. Es möge folgen, was über diesen Punkt ziemlich
deutlich von einem der Kommentatoren des Sepher Jezirah gesagt wird:

»Wenn man zugiebt, daß alle Dinge aus dem Nichts geschaffen sind, so
spricht man nicht von dem eigentlichen Nichts, denn niemals kann aus dem
Nichtseienden etwas entstehen. Man versteht aber unter dem Nichtseienden
das, was nicht seiner Ursache und Wesenheit nach erkannt werden kann,
nämlich dasjenige, was wir das primitive Nichtseiende ($Ayyin Kadmon$)
nennen, weil es vor der Welt da war. Unter ihm verstehen wir nicht allein
die materiellen Objekte, sondern auch die Weisheit, auf welche die Welt
gegründet ist. Wenn man nun fragt, was ist das Wesen der Weisheit, und auf
welche Weise ist sie in der Weisheit oder der höchsten Krone enthalten? so
kann Niemand auf diese Frage antworten, denn in dem Nichtseienden ist kein
Unterschied und keine Existenz. Man wird zunächst nicht begreifen, wie die
Weisheit mit dem Leben verbunden ist.«[453]

Alle alten und neueren Kabbalisten erklären auf diese Weise das Dogma von
der Schöpfung und sagen in daraus sich ergebender Konsequenz: +Ex nihilo
nihil.+ Sie glauben weder an eine absolute Vernichtung, noch an eine
Schöpfung in der landläufigen Auffassung. Der Sohar sagt:

»Nichts geht in der Welt verloren, selbst nicht der Hauch unseres Mundes.
Jedes Ding hat seinen Bestimmungsort, und der Heilige, gelobt sei er, läßt
dort seine Werke zusammenströmen. Nichts fällt ins Leere, selbst nicht die
Stimme des Menschen. Alles hat seinen Bestimmungsort.«[454]

Ein unbekannter Greis sprach diese Worte zu den Schülern des Jochai, und
sie erkannten darin einen der geheimnisvollsten Artikel ihres Glaubens,
weshalb sie in die Worte ausbrachen:

»O Greis, was hast du gethan? Konntest du nicht Stillschweigen bewahren?
Denn jetzt bist du ohne Segel und ohne Mast auf ein uferloses Meer
hinausgetragen. Du wolltest fliegen und konntest es nicht, sondern fielst
in einen bodenlosen Abgrund.«[455]

Sie führen auch das Beispiel ihres Meisters an, welcher immer gemäßigt in
seinen Ausdrücken, sich nicht ohne Mittel zur Rückkehr auf dieses uferlose
Meer hinauswagte, d. h. seine Gedanken unter einer Allegorie verbarg.
Dieses Mittel wird mit großer Freimütigkeit folgendermaßen kundgegeben:

»Alle Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, der Geist sowohl als
der Körper, kehren zu dem Ursprung und der Wurzel zurück, woraus sie
entsprossen sind.[456] Sie beginnen aufs Neue am Ende aller Stufen der
Schöpfung, welche alle mit ihrem Siegel bezeichnet sind, das man nur mit
dem Namen der Einheit bezeichnen kann. Es ist das einzige Wesen ungeachtet
der unzähligen Formen, mit denen es bekleidet ist.«[457]

Wenn Gott die Ursache und Substanz oder, wie Spinoza sagen würde, die
immanente Ursache des Universum, welches notwendigerweise das Meisterstück
der Vervollkommnung, der Weisheit und höchsten Güte ist. Zur Darstellung
dieses Gedankens bedienen sich die Kabbalisten einer sehr originellen
Ausdrucksweise, wie sie mehrere neuere Mystiker, z. B. Jakob Böhme und St.
Martin in ihren Werken anwenden. Sie nennen die Natur eine Segnung und
betrachten es als eine sehr bezeichnende Thatsache, daß der Buchstabe, mit
welchem das erste Wort des mosaischen Schöpfungsberichtes beginnt
($Bereshit$), auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Segen ($Berakhah$)
ist.[458] -- Nichts ist absolut schlecht, nichts ist für immer verdammt,
selbst nicht der Erzengel des Bösen, die vergiftete Schlange ($Chivya
Bisha$), wie sie denselben manchmal nennen. Es wird die Zeit kommen, wo er
seinen Namen und seine Engelsnatur wiedererhalten wird.[459] Schließlich
ist die Weisheit hier unten so wenig sichtbar als die Güte, weil das
Universum durch das göttliche Wort geschaffen ist und weil es selbst nichts
anderes ist als dieses Wort, oder nach der mystischen Ausdrucksweise des
Sohar: der artikulierte Ausdruck des göttlichen Gedankens. Es ist, wie wir
schon gesehen haben, die Gesamtheit aller Sonderwesen, die in ihrem Keim in
den ewigen Formen der höchsten Weisheit existieren. Folgende Worte sind die
markanteste Stelle über diese Lehre:

»Der Heilige, gelobt sei er, hatte schon mehrere Welten geschaffen und
zerstört, bevor ihm der Schöpfungsgedanke unserer Welt kam. Als nun dieser
Gedanke auf dem Punkt angelangt war, sich zu verwirklichen, standen alle
Geschöpfe des Weltalls, welche geschaffen werden sollten, vor Gott in ihren
wahren Gestalten, wie der Prediger sagt: Was war, wird auch in Zukunft
sein, und was sein wird, ist schon gewesen.[460] Jede untere Welt hat
Ähnlichkeit mit der obern Welt, und alles, was in der obern Welt existiert,
erscheint uns in der untern Welt wie ein Bild, und Alles ist nur
Eins.«[461]

Diesen erhabenen Glauben, welchen man -- allerdings mehr oder weniger
verändert -- in allen großen metaphysischen Systemen wiederfindet, haben
die Kabbalisten auf ihren Mysticismus zurückgeführt, indem sie annehmen,
daß Alles eine symbolische Bedeutung besitze, und daß sich alle materiellen
Dinge in dem göttlichen Denken oder der menschlichen Intelligenz
wiederfinden. Alles, was vom Geist kommt, muß sich äußerlich manifestieren
und sichtbar werden.[462] Dies ist die Wurzel des Glaubens an ein
himmlisches und ein physiognomisches Alphabet. In folgenden Ausdrücken
sprechen die Kabbalisten über das Erstere:

»In der ganzen Ausdehnung des Himmels, der die Welt umgiebt, sind Figuren
und Zeichen verborgen, mittelst deren wir die tiefsten und verborgensten
Geheimnisse ergründen können. Diese Figuren werden durch die
Constellationen und Sterne gebildet, welche für den Weisen ein Gegenstand
der Betrachtung und eine Quelle mystischer Freuden sind.[463] Wer sich auf
eine Reise begiebt und früh aufsteht, sieht, wenn er aufmerksam den Osten
betrachtet, wie diese Buchstaben am Himmel erscheinen; die einen steigen
auf, die andern gehen unter. Diese glänzenden Formen sind die Buchstaben,
durch welche Gott Himmel und Erde geschaffen hat; sie bilden seinen
geheimnißvollen und heiligen Namen.«[464]

Solche Ideen können, wenn sie nicht in einem erhabenen Sinn aufgefaßt
werden, einer ernsten Arbeit unwürdig erscheinen. Bevor wir sie aber
verurteilen, müssen wir das ganze System des Sohar betrachten, welches voll
der glänzendsten und begründetsten Aphorismen ist und sich wohl hütet,
gegen unsere intellektuellen Gewohnheiten zu verstoßen, andernfalls würden
wir der geschichtlichen Wahrheit untreu werden. Endlich ist noch zu
bemerken, daß noch eine große Anzahl ähnlicher Träumereien von dem gleichen
Prinzip ausgingen und keineswegs schwachen Köpfen entstammten. Pythagoras
und Plato sind hier zu nennen, und alle großen Repräsentanten des
Mysticismus, welche in der äußern Natur nur eine lebende Allegorie sehen,
nehmen je nach Maßgabe ihrer Intelligenz die Theorie der Zahlen und Ideen
an. Es ist dies nur eine Konsequenz ihres allgemeinen metaphysischen
Systems oder, wenn es hier gestattet ist, in der philosophischen Sprache
unserer Zeit zu reden, ein Urteil +a priori+, welches die Kabbalisten über
die Physiognomik abgaben, die ihrer Natur nach schon im Zeitalter des
Sokrates bekannt war. Sie sagen:

»Die Physiognomik besteht, wenn wir den Meistern der innern Wissenschaft
Glauben schenken dürfen, nicht in der Erkenntniß der sich äußerlich
kundgebenden Züge, sondern in der Erkenntniß jener, welche sich auf
geheimnißvolle Weise im tiefsten Grund unserer Natur abzeichnen. Die
Gesichtszüge verändern oft die Form des innern Gesichts unseres Geistes;
der Geist allein aber bringt die die Weisen kennzeichnenden Gesichtszüge
hervor; es ist der Geist, welcher ihnen den Ausdruck giebt. Wenn der Geist
oder die Seelen von Eden (so nennt man die höchste Weisheit) auswandern, so
haben sie alle eine gewisse Gestalt, welche sich später in der Physiognomie
ausprägt.«[465]

Auf diese allgemeinen Betrachtungen folgen eine große Anzahl detaillierter
Beobachtungen, welche noch heut zu Tage ihre Gültigkeit besitzen. So ist
z. B. eine breite und konvexe Stirn das Zeichen eines lebhaften und tiefen
Geistes, einer auserlesenen Intelligenz. Eine breite, aber platte Stirn ist
ein Zeichen der Dummheit. Eine breite, in eine Spitze auslaufende und an
den Seiten zusammengedrückte Stirn ist ein unfehlbares Zeichen eines sehr
beschränkten Geistes, welcher jedoch mit einer maßlosen Eitelkeit verbunden
sein kann.[466] Endlich werden alle menschlichen Physiognomien in vier
Hauptklassen geteilt, welche sich je nach dem Rang, welchen die
menschlichen Seelen in der intellektuellen und moralischen Reihenfolge
einnehmen von einander entfernen oder sich einander nähern. Diese Figuren
werden durch die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel
gekennzeichnet: des Menschen, des Löwen, des Ochsen und des Adlers.[467]

Es will uns scheinen, als ob die kabbalistische Dämonologie nichts anderes
sei als eine von den verschiedenen Graden des Lebens und der Intelligenz in
der äußern Natur abgeleitete Personifikation. Der Glaube an Dämonen und
Engel hatte sich seit altersgrauer Zeit als eine dem ernsten Dogma von der
göttlichen Einheit entgegengesetzte lächerliche Mythologie im menschlichen
Glauben festgewurzelt. Warum also hätten sich die Kabbalisten ihrer nicht
bedienen sollen, um ihre Ideen über die Beziehungen der Gottheit zur Welt
zu verschleiern, da sie sich der Schöpfungslehre bedienten, um gerade das
Gegenteil auszudrücken, und der Schrifttexte, um sich von der Autorität der
Schrift und Religion zu befreien? Wir haben zu Gunsten dieser Lehre keinen
einzigen einwandfreien Text gefunden, aber hier mögen wenigstens einige
Wahrscheinlichkeitsgründe folgen:

Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche
des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und
höllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die
babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar
von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem
blinden Impuls angetriebene Kräfte betrachtet werden. Hier eine solche
Stelle:

»Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist.
Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm.
Dies ist mit den Worten ausgedrückt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er
die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des
Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der
Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb
steigen die Seelen der Gerechten höher, denn ihr Rang ist ein
höherer.«[468]

Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten,
bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz:

»Die Gerechten stehen höher als die Engel.«[469]

Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskörper
und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die
ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben.

Vor allen Dingen muß man die rein poetischen Personifikationen, über deren
Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren
Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion
entnommen sind, wie z. B. das gute und böse Verlangen, welche man unsern
Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit
(Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der
Befreiung (Padael) und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen
Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470]

Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach
welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie
bilden, in der dritten Welt, welche »die Welt der Gestaltung« (Olam
Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfaßt.
Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel
Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser »die
Welt der Schöpfung« oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine
Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine
jener blinden unendlichen Kräfte, durch welche man Gott unter dem Namen
»Natur« ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern,
welche man -- zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth -- in zehn Kategorien
geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen
Teilen der Natur, in jeder Sphäre und in jedem Element, während ihr Herr im
Universum thront.

Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des
Mondes, und das gleiche findet statt bezüglich der anderen
Himmelskörper.[471] Der Engel des Feuers heißt Nuriel, der des Lichts
Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation.
Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Kräfte und alle Erscheinungen der
Natur auf dieselbe Weise repräsentiert.

Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die
bösen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen
gelenkt, welchen man im allgemeinen den Mächten dieser Ordnung beilegt.
Die Dämonen sind für die Kabbalisten die gröbsten, unvollkommensten Formen,
die Hüllen der Existenz, nämlich alles das, welches die Abwesenheit des
Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel
wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die
Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den höllischen Kreisen
Dantes.[472]

Der erste oder vielmehr die beiden ersten sind nichts anderes, als der
Zustand, in welchem uns die Genesis die Erde vor dem Werk der sieben Tage
zeigt, nämlich die Abwesenheit jeder sichtbaren Form und aller
Organisation. Der dritte ist der Aufenthaltsort der Finsternis, der
nämlichen Finsternis, welche im Anfang den Abgrund bedeckte. Alsdann folgt
das, was man die sieben Tabernakel oder die eigentliche Hölle nennt, welche
unsern Augen eine systematische Reihenfolge aller Unordnungen der
moralischen Welt und der daraus folgenden Leiden darbietet. Dort sehen wir
jede Leidenschaft des menschlichen Herzens, jedes Laster und jede Schwäche,
in einem Dämon personifiziert, zu einem Henker werden, welcher in die Welt
entsendet wird. Hier ist die Wollust, die Verführung, der Zorn, die grobe
Unreinheit, der Dämon der stummen Gräuel, der Totschlag, der Neid, der
Götzendienst und der Stolz. Die sieben höllischen Tabernakel werden bis in
das Unendliche geteilt[473]; für jede Art der Verkehrtheit giebt es ein
besonderes Reich, und man sieht also den Abgrund sich stufenweise in seiner
ganzen Tiefe und Unendlichkeit aufthun. Der Beherrscher dieser finstern
Welt, welchen die Bibel Satan nennt, trägt in der Kabbala den Namen Samael,
das heißt der Engel des Giftes und des Todes, und der Sohar sagt bestimmt,
daß der Engel des Todes, die schlechte Begierde, Satan und die Schlange,
welche unsere Mutter Eva verführte, ein und dasselbe sind.[474]

Man giebt auch Satan eine Gattin, welche die Personifikation des Lasters
und der Sinnlichkeit ist, denn sie wird in der Kabbala die große Hure oder
die Meisterin der Ausschweifungen genannt.[475] In der Regel wird sie
durch das einfache Symbol der Schlange dargestellt.

Wenn man diese Theorie der Dämonen und der Engel auf die einfachste und
allgemeinste Form zurückführen will, so wird man sehen, daß die Kabbalisten
in jedem Naturerzeugnis und infolgedessen in der gesamten Natur zwei sehr
verschiedene Elemente anerkennen: Ein innerliches, unverderbliches, welches
sich ausschließlich der Intelligenz enthüllt, nämlich der Geist, das Leben
oder die Form; das andere ist rein äußerlich und materiell, und dessen
Symbol der Verfall, die Verfluchung und der Tod.

Man kann diese ganze Theorie mit den Worten Spinozas ausdrücken: +Omnia,
quamvis diversis gradibus, animata tamen sunt.+[476]

Auf diese Weise wird die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige
Ergänzung ihrer Metaphysik und erklärt uns vollkommen die Namen, mit
welchen man die beiden unteren Welten bezeichnet.




Achtes Kapitel.

Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.


Durch den erhabenen Rang, welchen die Kabbalisten dem Menschen einräumen,
empfehlen sie sich nicht nur unserem Interesse, sondern das Studium ihres
Systems gewinnt auch eine hohe Wichtigkeit sowohl für die Geschichte der
Philosophie als für die der Religion. »Du bist vom Staub und wirst zu Staub
werden«, sagt die Genesis, und auf diese Worte des Fluches folgt kein
Versprechen einer bessern Zukunft, keine Erwähnung der Seele, welche zu
Gott emporsteigt, wenn der Körper zu Erde geworden ist. Nach dem Autor des
Pentateuch hat das Urbild der israelitischen Weisheit, der Prediger
Salomonis, der Nachwelt folgende fremdartige Parallele hinterlassen:

»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das
Vieh; denn es ist alles eitel.«[477]

Der Talmud drückt sich manchmal in poetischen Äußerungen über die
Belohnungen aus, welche die Gerechten erwarten. Er stellt dieselben dar,
sitzend im himmlischen Eden, das Haupt mit Licht umflossen und sich der
göttlichen Herrlichkeit freuend. Aber die menschliche Natur sucht er mehr
zu erniedrigen als zu adeln.[478]

»Woher kommst du? Von einem Tropfen faulenden Stoffes. Wohin gehst du? In
die Mitte des Staubes, der Verderbnis und der Würmer. Und vor wem wirst du
dich eines Tages rechtfertigen und Rechenschaft geben von deinen
Handlungen? Vor demjenigen, welcher herrscht über die Könige der Könige,
vor dem Heiligen, gelobt sei er.«[479]

Dieses sind die Worte, welche man in einer Sammlung von Sentenzen liest,
welche einem der ältesten und geachtetsten Häupter der talmudistischen
Schule zugeschrieben wird. Der Sohar belehrt uns in einer ganz andern
Sprache über unsern Ursprung, unsere zukünftige Bestimmung und unsere
Beziehungen zum göttlichen Wesen. Er sagt:

»Der Mensch ist die Zusammenfassung und der erhabenste Ausdruck der
Schöpfung; deshalb wurde er am sechsten Tag geschaffen. Sobald der Mensch
erschien, war alles vollendet, sowohl die obere als die untere Welt, denn
alles ist im Menschen zusammengefaßt, er vereinigt in sich alle
Formen.«[480]

Aber es ist nicht allein das Bild der Welt, der Universalität der Wesen,
die man unter dem absoluten Sein versteht, er ist auch das Bildnis Gottes,
betrachtet in der Gesamtheit seiner unendlichen Attribute. Er ist die
göttliche Anwesenheit auf der Erde, der himmlische Adam, welcher, von der
tiefsten und ersten Dunkelheit ausgehend, den irdischen Adam geschaffen
hat.[481]

Es möge hier in erster Linie folgen, in welcherlei Hinsicht der Sohar den
Menschen die kleine Welt nennt:

»Glaube nicht, daß der Mensch allein Fleisch, Haut, Knochen und Adern sei.
Im Gegentheil: Das, was wirklich den Menschen ausmacht, ist seine Seele,
und die Dinge, von denen wir sprachen, die Haut, das Fleisch, die Knochen,
die Adern, sind für uns nur ein Kleid, ein Schleier, aber sie sind nicht
der Mensch. Wenn der Mensch stirbt, legt er alle Schleier ab, welche ihn
bedecken. Jedoch sind diese verschiedenen Theile unseres Körpers
übereinstimmend mit den Geheimnissen der höchsten Weisheit. Die Haut
entspricht dem Firmament, welches sich allenthalben ausdehnt und alle Dinge
wie ein Kleid bedeckt. Das Fleisch entspricht der üblen Seite des
Universum, die wir weiter oben das rein äußerliche und sinnliche Element
genannt haben. Die Knochen und Adern bilden den himmlischen Wagen, die
innerlichen Kräfte, die Diener Gottes. Alles dies ist jedoch nur ein Kleid.
Denn im Innern ist das Geheimniß des himmlischen Menschen verborgen. Also
steigt der irdische Mensch, der himmlische und innere Adam, sowohl hinauf
als herab. Es hat dies denselben Sinn, als wie gesagt ist, daß Gott den
Menschen nach seinem Bilde schuf. Aber selbst am Firmament, welches das
Weltall einschließt, sehen wir verschiedene durch die Sterne und Planeten
gebildete Figuren, welche uns verborgene Dinge und tiefe Geheimnisse
ankündigen. Ebenso finden wir auf der Haut, welche unsern Körper umgiebt,
Formen und Züge, welche als die Planeten und Sterne unseres Körpers zu
betrachten sind. Alle diese Formen haben einen verborgenen Sinn und sind
ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Weisen, welche im Gesicht des
Menschen lesen können.«[482]

Allein durch die Gewalt seiner äußern Gestalt, durch den Reflex der
Intelligenz und der über seine Züge ausgegossenen Größe macht der Mensch
die wildesten Tiere erzittern.[483] Der Engel, welchen Gott Daniel zur
Verteidigung gegen die Wut der Löwen sandte, ist nach dem Sohar nichts
anderes, als das Gesicht des Propheten, oder die Herrschaft, welche ein
reiner Mensch ausübt. Aber er fügt hinzu, daß dieser Vorzug sogleich
verschwindet, sobald sich der Mensch durch die Sünde und das Vergessen
seiner Pflichten herabsetzt.[484] Wir wollen nicht länger bei diesem Punkt
verweilen, weil derselbe, wie wir schon bemerkt haben, durchaus unter die
Theorie von der Natur gehört.

An sich selbst betrachtet, das heißt, unter dem Gesichtspunkt der Seele und
verglichen mit Gott, bevor derselbe in der Welt sichtbar wurde, ruft uns
das menschliche Wesen durch seine Einheit, seine substantielle und seine
dreifache Natur vollkommen die höchste Trinität ins Gedächtnis zurück. Er
ist aus folgenden Elementen zusammengesetzt:

1. Aus dem Geist, $Neshama$, welcher den erhabensten Grad seiner Existenz
repräsentiert; 2., aus der Seele, $Ruach$, welche das Behältnis des Guten
und Bösen, des guten und schlechten Verlangens, mit einem Wort: der
moralischen Eigenschaften ist; 3., aus einem gröberen Geist, $Nefesh$,
welcher in unmittelbarer Verbindung mit dem Körper steht und direkt das
verursacht, was der Text »die untern Bewegungen«, d. h. die Handlungen und
Instinkte des tierischen Lebens verursacht.

Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei
Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes,
sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt,
dessen sich schon das Buch der Schöpfung hinsichtlich der göttlichen
Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen
gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur
Wiedergabe:

»In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden
wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei
bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden
ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb
mit dem Körper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren
er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklären: 'Es
bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.'
Das Haus ist der zu ernährende Körper, und die Knechte sind die Glieder,
welche ihm gehorchen. Über das sinnliche Leben erhebt sich die Seele,
welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die
Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der
Seele. Über die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles
beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch
dieses Licht erleuchtet, und alles hängt vollkommen vom Geist ab. Nach dem
Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geöffnet, als
bis der Geist zu seiner Quelle, dem Ältesten der Alten, zurückgekehrt ist,
um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfüllt zu werden, denn alles kehrt zu
seiner Quelle zurück.«[485]

Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in
einem verschiedenen Grad der göttlichen Wesenheit. Die höchste Weisheit,
welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung
des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut,
welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nämlich von der
Schönheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie über diese
Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Stärke, welche im
Reich zusammengefaßt sind.

Außer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz
außerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf
zurückkommen werden. Es ist die äußere Form des Menschen, aufgefaßt als
eine vom Körper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Körpers
mit den persönlichen Zügen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese
Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der
Empfängnis.

»In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen
Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der Ähnlichkeit des
Menschen, welche den Abdruck des göttlichen Siegels trägt. Diese Form hilft
bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen könnte, was
dabei vorgeht, so würde man über seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht
vollkommen ähnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem
wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und
nicht über unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es
steht geschrieben: 'Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.' Dieses
Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn
wir wachsen, und verläßt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im
Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen,
erscheint jede Seele vor dem höchsten König, bekleidet mit einer erhabenen
Form, in welche die Züge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen
soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es
kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und
erwartet unsere Ankunft seit dem Augenblick der Empfängniß; es ist
beständig gegenwärtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.«[486]

Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip
genannt.

Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische
Psychologie ein fünftes Prinzip eingeführt, welches seinen Sitz im Herzen
hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente
vorsteht und sich gänzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom
sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen
Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese
Meinung gründet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt
wird, daß jede Nacht während unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel
hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und daß in
diesem Augenblick der Körper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch
beseelt wird.[487]

Aber diese beiden letzteren Elemente zählen nichts in unserer geistigen
Existenz, welche völlig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele
aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen
Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde
gekettet werden, so wird sie nur als ein Übel angesehen.

Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker
für einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber für ein
Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist
es eine Notwendigkeit für die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur
zusammenhängende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das
Schauspiel der Schöpfung zu betrachten, und das Bewußtsein ihrer selbst und
ihres Ursprungs zu erhalten, und zurückzukehren ohne sich vollkommen mit
der unerschöpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche
man den göttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall würde der Geist nicht
hernieder steigen können, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien,
ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. Wenn das
menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaßen eine Art Versöhnung
zwischen den beiden äußersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit
betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem
Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem König und der Königin. Es
mögen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar
geschilderten Konsequenzen folgen:

»Die Seelen der Gerechten sind über alle Mächte und Diener des Himmels
erhöht. Und wenn du fragst, warum sie von einer so erhabenen Stelle auf die
Welt herabsteigen und sich von ihrem Ursprung entfernen, so antworte ich
darauf: Es ist das Beispiel eines Königs, welchem ein Sohn geboren wird,
welchen er auf das Land schickt, damit er dort ernährt und erzogen werde,
bis daß er groß geworden und vorbereitet ist zu den im Palast seines Vaters
herrschenden Gebräuchen. Wenn man nun dem König meldet, daß die Erziehung
seines Sohnes vollendet sei, was wird er wohl in seiner Liebe zu ihm thun?
Er läßt, um seine Rückkehr zu feiern, die Königin, seine Mutter, holen, er
führt ihn in seinen Palast und freut sich mit ihm den ganzen Tag. Der
Heilige, gelobt sei sein Name, hat auch einen Sohn von der Königin; dieser
Sohn ist die obere und heilige Seele. Er schickt sie auf das Land, das
heißt in diese Welt, um hier groß und eingeführt zu werden in die
Gebräuche, welche man im Palast des Königs befolgt. Wenn es nun zur
Kenntniß des Königs kommt, daß sein Sohn erwachsen und die Zeit gekommen
ist, ihn bei sich einzuführen, was wird er dann in seiner Liebe zu ihm
thun? Er läßt ihm zu Ehren die Königin holen und den Sohn in seinen Palast
eintreten. So verläßt die Seele die Erde nicht, bevor nicht die Königin
sich mit ihr verbunden hat, um sie in den Palast des Königs einzuführen, wo
sie ewig wohnen wird. Und doch haben die Landbewohner die Gewohnheit zu
weinen, wenn der Sohn des Königs sich von ihnen trennt. Wenn aber ein
hellsehender Mann zugegen wäre, so würde er zu ihnen sagen: Warum weint
ihr? Ist es nicht der Sohn des Königs? Ist es nicht recht, daß er euch
verläßt, um im Palast seines Vaters zu wohnen? Deshalb richtete Moses,
welcher die Wahrheit wußte und sah, daß die Landbewohner, das heißt die
Menschen zu klagen pflegen, an sie folgende Worte: Ihr seid Kinder des
Herrn, eures Gottes: Ihr sollt euch nicht Maale stechen, noch kahl scheeren
über den Augen über einem Todten.[488] -- Wenn alle Gerechte diese Dinge
wüßten, so würden sie mit Freuden den Tag erwarten, an dem sie diese Welt
verlassen müssen. Und ist es nicht der Gipfel des Ruhmes, wenn die Königin,
die Schechinah oder die göttliche Gegenwart, in ihre Mitte herabsteigt,
damit sie in den Palast des Königs aufgenommen werden und seine Wonnen
schmecken von Ewigkeit zu Ewigkeit.«[489]

Wir finden hier noch in den Beziehungen, welche zwischen Gott, der Natur
und der menschlichen Seele bestehen, die nämliche Form der Trinität,
welcher wir so oft begegnet sind, und der die Kabbalisten eine viel größere
logische Wichtigkeit beilegen, als man nach dem exklusiven Kreis der
religiösen Ideen noch erwarten sollte.

Aber nicht allein unter diesem Gesichtspunkt ist die menschliche Natur das
Bild Gottes; sie schließt auch auf allen Stufen ihrer Existenz die beiden
Prinzipien in sich ein, welche mit Hilfe eines Mittelgliedes aus ihrer
Verbindung hervorgeht, wodurch die Trinität, welche das Resultat oder der
vollkommenste Ausdruck ist, erzeugt wird. Der himmlische Adam ist das
Resultat eines männlichen und weiblichen Prinzips. Dies mußte sein, damit
daraus der irdische Mensch entstehen konnte, und diese Unterscheidung
findet sowohl hinsichtlich des Körpers, als auch der Seele, in ihrer
höchsten Reinheit betrachtet, statt. Der Sohar sagt:

»Jede Form, in welcher man nicht ein männliches und ein weibliches Prinzip
findet, ist keine obere und vollkommene Form. Der Heilige, gelobt sei er,
schlägt seine Wohnung nur an einem Ort auf, wo diese beiden Prinzipien
vollkommen vereinigt sind. Nur von hier und durch diese Vereinigung strömt
der Segen herab, wie wir aus folgenden Worten ersehen: Er segnete sie und
nannte ihren Namen Adam an dem Tag, an welchem er sie schuf, denn selbst
der gegebene Name Mensch kann nur einem Mann und einer Frau werden, welche
zu einem einzigen Wesen vereinigt sind.«[490]

Die Seele war ursprünglich so eng mit der höchsten Intelligenz verbunden,
daß beide Hälften des menschlichen Wesens, in welchem alle Elemente
unserer geistigen Natur zusammengefaßt sind, sich unter einander vereinigt
befanden, bevor sie auf diese Welt kamen, wohin sie gesandt wurden, um sich
selbst zu erkennen und sich von neuem im Schoße der Gottheit zu vereinigen.
Dieser Gedanke ist nirgends so rein ausgedrückt als in folgendem Fragment:

»Vor ihrer Herabkunft auf die Erde ist jede Seele und jeder Geist aus einem
Mann und einer Frau zusammengesetzt, welche zu einem einzigen Wesen
vereinigt sind. Indem sie zur Erde herabsteigen, trennen sich beide Hälften
und beseelen verschiedene Körper. Wenn aber die Zeit der Ehe gekommen ist,
vereinigt der Heilige, gelobt sei er, welcher alle Seelen und alle Geister
kennt, sie wie zuvor, und alsdann bilden sie wie vorher einen einzigen
Körper und eine einzige Seele. Aber das sie verbindende Band entspricht den
Werken des Menschen und den Wegen, welche er wandelte. Wenn der Mensch rein
war und fromm handelte, so wird er sich einer Vereinigung erfreuen, welche
vollkommen jener gleicht, die seiner Geburt vorausging.«[491]

Der Autor scheint hier von den Androgynen Platos zu sprechen, deren Name in
der alten Tradition der Hebräer bekannt genug ist. Aber wie kommt dieser
Punkt der griechischen Philosophie in die Kabbala? Man wird uns die
Bemerkung gestatten, daß diese Frage hier präokkupiert erscheint, daß aber
der Grundsatz, nach welchem sie gelöst wird, nicht unwürdig eines so großen
metaphysischen Systems erscheint: Denn, wenn Mann und Frau ihrer geistigen
Natur nach und hinsichtlich der absoluten moralischen Gesetze gleiche Wesen
sind, so sind sie hinsichtlich der natürlichen Richtung ihrer Fähigkeiten
vollkommen ähnlich, und wir haben allen Grund, mit dem Sohar zu sagen, daß
die Trennung der Geschlechter nicht weniger für die Seelen als für die
Körper Geltung besitzt.

Der Glaube, welchen wir jetzt klarlegen, ist unzertrennlich von dem Dogma
der Präexistenz und bereits mit der Ideenlehre verbunden, indem er genau
mit ihr die Existenz und den Gedanken verbindet. Auch ist dieses Dogma mit
völliger Klarheit in dem Prinzip klargelegt, worin es seinen Ursprung hat.
Wir brauchen nur unsere bescheidene Rolle des Übersetzers beizubehalten:

»In der Zeit, in welcher der Heilige, gelobt sei er, das Universum
schaffen wollte, war dasselbe bereits in seinen Gedanken gegenwärtig. Er
schuf deshalb die Seelen, welche in der Folge den Menschen gehören sollten.
Sie standen alle vor ihm vollkommen in der Form, welche sie nachher in den
menschlichen Körpern annehmen sollten. Der Ewige betrachtete eine nach der
andern und sah mehrere, welche ihre Wege auf der Welt verderben würden.
Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird jede dieser Seelen vor den Ewigen
gerufen, welcher zu ihnen sagt: Gehe auf den oder jenen Theil der Erde und
belebe diesen oder jenen Körper. Die Seele antwortet ihm: O Herr des
Weltalls, ich bin glücklich auf der Welt, in welcher ich bin, und ich
wünsche sie nicht um eine andere zu verlassen, wo ich jeder Beschmutzung
ausgesetzt bin. Alsdann wird der Heilige, gelobt sei er, antworten: Am Tag,
an welchem du geschaffen wurdest, hattest du keine andere Bestimmung, als
auf die Welt zu gehen, wohin ich dich sandte. Die Seele schlug mit
Schmerzen den Weg zur Erde ein und stieg in die Mitte von uns herab.«[492]

Dieselbe Idee finden wir einfacher ausgedrückt in folgender Stelle:

»Insofern vor der Schöpfung alle Dinge im göttlichen Gedanken gegenwärtig
waren in den ihnen eigenthümlichen Formen, existirten alle menschlichen
Seelen, bevor sie auf diese Welt herabstiegen, in Gott und dem Himmel in
der Form, welche sie hier unten beibehielten; und alle, welche zur Erde
herabstiegen, wußten dies, bevor sie hier ankamen.«[493]

Man wird leicht mit uns einsehen, daß ein Prinzip von solcher Wichtigkeit
nicht irgend welchen Offenbarungen entstammt, um seinen Platz in der
Gesamtheit des Systems einzunehmen, im Gegenteil wird es auf eine viel
kategorischere Weise gebildet sein müssen.

Wir müssen uns jedoch hüten, die Lehre von der Präexistenz mit derjenigen
der moralischen Prädestination zu verwechseln. Mit dieser wird die
menschliche Freiheit vollkommen unmöglich; mit jener ist sie nur ein
Geheimnis, wozu der heidnische Dualismus und das biblische Dogma von der
Schöpfung ebensowenig geeignet sind, den Schleier zu lüften, als der Glaube
an die absolute Einheit. Dieses Mysterium wird förmlich im Sohar anerkannt:

»Simon ben Jochai sagte zu seinen Schülern: Wenn der Herr, gelobt sei er,
in uns nicht das gute und böse Verlangen gelegt hätte, welches uns die
heilige Schrift unter dem Bilde des Lichtes und der Finsterniß darstellt,
so würde für den Menschen weder Verdienst noch Schuld existiren. Aber warum
ist diesem also? fragten seine Schüler. Wäre es nicht besser, wenn für ihn
weder Lohn noch Strafe existirten, damit der Mensch nicht sündigen und
Böses thun könnte? Nein, entgegnete der Meister, es ist gerecht, daß der
Mensch so geschaffen wurde, wie er ist, denn alles, was der Heilige
geschaffen hat, gelobt sei er, war nothwendig. Wegen des Menschen wurde das
Gesetz der Schöpfung geschaffen. Dieses Gesetz ist ein Kleid der Gottheit.
Ohne den Menschen und ohne dieses Gesetz würde die göttliche Gegenwart
gewesen sein wie ein Armer, der seine Blöße nicht bedecken kann.«[494]

Mit andern Worten ist die moralische Natur des Menschen die Idee des Guten
und Bösen, welche man ohne den Begriff der Freiheit nicht erfassen kann,
eine derjenigen Formen, unter welchen wir uns das absolute Wesen
vorzustellen gezwungen sind. Wir haben schon oben gesehen, daß Gott die
Seelen, welche ihn eines Tages verlassen, schon vor ihrer Ankunft auf der
Welt erkennt. Aber der Begriff der Freiheit ist nicht von dieser Meinung
abhängig; im Gegenteil, sie existiert schon zu dieser Zeit, und hier möge
folgen, wie die freien Geister noch die Ketten der Materie mißbrauchen:

»Alle diejenigen, welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel
angefangen, sich vom Heiligen, dessen Name gelobt sei, zu entfernen; sie
haben sich in den Abgrund gestürzt und sind vor der ihnen bestimmten Zeit
zur Erde herabgestiegen. So waren diese Seelen vor ihrer Ankunft unter uns
beschaffen.«[495]

Dies ist hinlänglich, um den Begriff der Freiheit mit der Bestimmung der
Seele zu verbinden und dem Menschen die Möglichkeit der Verbesserung seiner
Fehler zu lassen, ohne ihn für immer aus dem Schoße der Gottheit zu
verbannen. Deshalb haben die Kabbalisten das pythagoräische Dogma der
Metempsychose angenommen, jedoch dasselbe veredelt. Die Seelen müssen, wie
alle Sonderexistenzen dieser Welt, zur absoluten Substanz zurückkehren, von
welcher sie ausgegangen sind. Darum müssen aber alle Fähigkeiten der
Vervollkommnungen, deren unzerstörbarer Keim in ihnen liegt, entwickelt
werden; sie müssen durch eine Menge von Proben das Bewußtsein ihrer selbst
und ihres Ursprungs gewinnen. Wenn sie diese Bedingungen nicht in einem
früheren Leben erfüllt haben, so beginnen sie ein neues und nach diesem ein
drittes mit immer neuen Proben, denn alles kommt schließlich darauf an, daß
die Seelen immer neue Tugenden erwerben, welche ihnen früher gefehlt
traben. Dieses Exil hört auf, wenn wir wollen; nichts aber hindert uns, daß
es ewig dauere. Der Text sagt:

»Alle Seelen sind der Probe der Seelenwanderung (Gilgul) unterworfen, und
die Menschen wissen nicht, was sie sind in Bezug auf die Wege, welche der
Allerhöchste mit ihnen einschlägt. Sie wissen nicht, daß sie für alle
Zeiten gerichtet sind, bevor sie auf diese Welt herabkommen und wenn sie
dieselbe verlassen. Sie wissen nicht, wieviel Transformationen und
geheimnisvolle Proben sie durchmachen müssen, wieviel Seelen und Geister
auf diese Welt herabkommen, welche niemals in den Palast des himmlischen
Königs zurückkehren; wieviel sie endlich solche Verwandlungen bis zum
Stein, welchen man mit der Schleuder wirft, durchmachen müssen. Die Zeit
ist endlich gekommen, daß diese Geheimnisse enthüllt würden.«[496]

Auf diese Worte, welche so vollständig mit der Metaphysik des Sohar im
Einklang stehen, folgen Details, in denen sich die höchste poetische
Imagination kundgiebt, welche vielleicht das Genie Dantes in seinem
unsterblichen Werk gesammelt hätte, die aber keinerlei Interesse für die
Geschichte der Philosophie besitzen und nichts dem hier kennen zu lernenden
System hinzufügen. Wir bemerken hier nur, daß die Seelenwanderung, wenn wir
dem heiligen Hieronymus Glauben schenken dürfen, unter den ersten Christen
lange Zeit als eine esoterische und traditionelle Lehre im Umlauf war,
welche nur einer kleinen Anzahl Auserlesener anvertraut wurde: »+abscondite
quasi in foveis viperarum versari, et quasi haereditario malo serpere in
paucis.+« Origenes betrachtet die Seelenwanderung als das einzige Mittel
zur Erklärung gewisser biblischer Erzählungen, wie zum Beispiel des Kampfes
von Jakob und Esau vor ihrer Geburt, von der Auswahl des Jeremias, als er
sich noch im Mutterschoß befand, und einer Menge anderer Erzählungen,
welche den Himmel der Ungerechtigkeit anklagen würden, wenn sie nicht durch
gute oder böse Handlungen in einem früheren Leben gerechtfertigt würden. Um
nun schließlich keinerlei Zweifel über den Ursprung dieses Glaubens
aufkommen zu lassen, trägt der Priester von Alexandria Sorge zu sagen, daß
es sich hier nicht um die Metempsychose Platos, sondern um eine davon ganz
verschiedene und weit erhabenere Theorie handelt.

Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, daß die göttliche Gnade uns in
der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels
darbietet. Sie geben an, daß, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, -- jede für
sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen, Gott sie beide in einem
einzigen Körper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere
ergänze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen
die Ergänzung einer Tugend nötig, welche in der andern besser und stärker
entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaßen die Mutter der ersteren;
sie trägt dieselbe alsdann in ihrem Schoß und ernährt sie wie die Mutter
ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte »Trächtigkeit« oder
»Schwangerschaft«, mit welchen diese merkwürdige Verbindung bezeichnet
wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen
wir hier diese Träumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns
weiter an den Text des Sohar.

Wir wissen bereits, daß die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit
stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir
sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen
wollen: diese Verbindung, aus welcher für den Schöpfer sowohl als für das
Geschöpf unaussprechliche Freuden hervorgehen, schien ihnen eine
natürliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst
begründet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches
System erklären, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus
entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen
Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht,
das nie die Erde verläßt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung
der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens
und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte
und reflektierte Licht, oder das innere und äußere Gesicht; dieses sind die
Ausdrücke, welche gewöhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren
angewendet werden. Der Text sagt:

»Das innere Gesicht empfängt sein Licht von der höchsten Flamme, welche in
Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimniß nie entschleiert werden wird, es ist
innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch
erhaben, weil es von oben kommt. Das äußere Gesicht ist nur ein Reflex
dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.«[498]

Als Gott zu Moses sagte, daß er ihn nie von Angesicht, sondern nur von
hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an,
welche außerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher
die Erkenntnis des Guten und Bösen giebt. Es ist mit einem Wort das, was
wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht,
vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr
bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert:

»Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe geführt. Ohne Zweifel ist der
Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe
angekommen, und ihm gebührt schon in Folge seiner Heiligkeit das zukünftige
Leben; aber man darf nicht glauben, daß Gott aus Furcht dienen, Gott nicht
dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen
Gott, daß die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger
fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine über
die Furcht erhabene Stufe, nämlich die Liebe. In der Liebe ist das
Geheimniß der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern
Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche
alles Seiende auf die höchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise
vereinigt werden muß. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Höre,
Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.«[499]

Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem höchsten Grad der
Vollkommenheit angelangt sind, daß der Geist weder Reflexion noch Furcht
mehr kennt, daß vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene
glückliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne
Interesse, ohne Handlung, ohne Rückkehr zu sich selbst kann sie sich nicht
mehr von der göttlichen Wesenheit trennen. Hier möge folgen, wie sie sich
zunächst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt:

»Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den
Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glänzenden Lichtes,
dessen Herd im höchsten Himmel ist: und so groß ist der von ihm ausgehende
Glanz, daß ihn die Seelen nicht würden ertragen können, wenn sie nicht mit
einer Lichthülle bekleidet wären. Dank dieser Hülle können sie Angesichts
dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens
verklärt. Moses selbst konnte sich ihm nur nähern, um ihn zu betrachten,
nachdem er seine irdische Hülle abgelegt hatte.«[500]

Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele
vereinigt, so müssen wir die Worte jenes Greises hören, welchen der Sohar
nächst Simon ben Jochai die größte Rolle spielen läßt:

»In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast,
welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten
Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen König geliebten Seelen
versammelt; in ihm wohnt der himmlische König, der Heilige, gelobt sei er,
mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Küsse der
Liebe.«[501]

Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Kuß Gottes genannt. Der
Text sagt ausdrücklich:

»Dieser Kuß ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie
entsprungen ist.«[502]

Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des
Mysticismus den zärtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrücken des
Hohenliedes eine so große Verehrung entgegen bringen.

»Mein Geliebter gehört mir, und ich gehöre meinem Geliebten«, sagte Simon
ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden,
daß dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons über die mystische
Theologie schließt. Ungeachtet der Überraschung, welche der eben genannte
berühmte Name und der große Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar
hervorrufen könnte, würden wir keine Mühe haben, darzulegen, daß in den
»Betrachtungen über die mystische Theologie« und in der »Auseinandersetzung
der Grundsätze der Heiligen« es unmöglich ist, etwas anderes zu finden, als
diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzüge wir darlegten.
Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt
wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche
man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste
der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der höchsten
Seele vereinigen und einander ergänzen. Hier kehrt alles zur Einheit und
Vollkommenheit zurück; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken,
welcher sich über das Weltall ausdehnt und dasselbe völlig erfüllt. Aber
der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie
verlöscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm
ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr
vom Schöpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie,
derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend
und dem Weltall, und was sie befiehlt führt Gott aus.[503]

Es bleibt uns noch zum Beschluß dieser Untersuchung übrig, mit wenig
Worten die Meinung der Kabbalisten über ein traditionelles Dogma kennen zu
lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt,
das aber für die Religionsgeschichte von der höchsten Wichtigkeit ist. Der
Sohar erwähnt öfter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam
unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, daß
Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich,
seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall
war er von größerer Schönheit und Stärke als die Engel. Wenn er einen
Körper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte
keine Bedürfnisse und sinnliche Wünsche. Er wurde durch die höchste
Weisheit verklärt, durch diejenige der Boten Gottes von der höchsten
Ordnung, welche ihn später aus dem Paradies vertreiben mußten. Man kann
jedoch nicht sagen, daß dieses Dogma das nämliche sei, wie das vom
Sündenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die
Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine
menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches Übel, um eine schreckliche
Strafe, welche sich sowohl über die Zukunft als über die Gegenwart
erstreckt. Der Text sagt:

»Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung
dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des
Weltalls genannt.«[504]

Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den größten
Wohlthäter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschützt uns
gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, daß die Gerechten die
erhabenen Schätze erben, welche ihnen für das zukünftige Leben vorbehalten
sind.[505] Schließlich ist dieser alte, in der Genesis so positiv
ausgedrückte Glaube an den Sündenfall des Menschen in der Kabbala mit
großer Geschicklichkeit als eine natürliche Thatsache, als eine Schöpfung
der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaßen erklärt wird:

»Bevor Adam gesündigt hatte, wußte er noch nicht, daß die Weisheit des
Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom Baum des Lebens getrennt.
Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und
in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verführt, er erkannte das
Böse und vergaß das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er
dieses gethan hatte, hörte er eine Stimme von oben; er besaß noch die
höhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem
Fall hörte er die Stimme nicht mehr.«[506]

Wie könnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten,
wenn man uns lehrt, daß Adam und Eva, bevor sie durch die Einflüsterungen
der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedürfnissen des Körpers
befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Körper besaßen; daß sie
also sozusagen der Erde gar nicht angehörten? Sie waren beide reine
Intelligenzen, glückliche Geister, wie diejenigen, welche den
Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter
welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und
wenn der heilige Geschichtsschreiber erzählt, daß ihm der Herr ein Kleid
von Fellen anzog, so will dies sagen, daß die Erlaubnis diese Welt zu
bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der
Wunsch, das Gute und Böse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Körper und
Sinne. Hier möge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von
Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt
wird:

»Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im
Himmel mit einer Hülle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem
Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der
Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift,
machte für Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie
Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche
der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern
Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglänzt. Es ist dasjenige, welches
ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen,
dessen Name gelobt sei, erscheinen muß. Dank diesem Kleid kann er die
Wonnen der Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im
Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die
Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid für jede
der beiden Welten, welche sie bewohnen muß, eines für die irdische und das
andere für die obere Welt.«

Andererseits wissen wir schon, daß der Tod, welcher nichts anderes ist als
die Sünde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines
Übel ist. Er existiert nicht für den Gerechten, welcher sich mit Gott durch
einen Kuß der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bösen, welcher in
dieser Welt alle seine Hoffnungen zurückläßt. Das Dogma vom Sündenfall wird
auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen,
welcher glaubt, daß alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur
eine und dieselbe Seele bildeten, sämtlich gleich strafbar für den ersten
Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so
erniedrigt seit dem Beginn der Schöpfung darstellt, spricht er ihnen die
Fähigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle
Gebote Gottes ausführen kann. Über die Verpflichtung, sich diesem niedern
Zustand zu entreißen und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes
auszuführen, schreibt das Gesetz vor: »Glaubt und vermehrt euch.« Hieraus
rührt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben
reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist,
wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen
Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur
Vervollkommnung, wozu sie das Bedürfnis und den Keim in sich trägt.

Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil über das große, jetzt von uns
dargestellte System auszusprechen; denn wir könnten dies nicht thun, ohne
daß wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und
religiösen Dogmen legen müßten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist.
Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber
wir haben wenigstens die Überzeugung, daß, ungeachtet der zahllosen
Widerwärtigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, ungeachtet der
kindischen Träumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang
unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht über uns zu beklagen
haben wird.

Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum übersehen
wollen, so finden wir, daß sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des
Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt:

1. Indem sie alle Erzählungen und Worte der Schrift als Symbole auffaßt,
will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflößen; sie setzt die
Vernunft an die Stelle der Autorität und läßt die Philosophie in unserer
eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden.

2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen
Schöpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthätigkeit
verharren mußte, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus
unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente
Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefüllt
wird, und für welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein
und sich selbst Enthüllen.

3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt,
welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurückzukehren,
erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die göttliche Substanz
nach den unveränderlichen Gesetzen des Denkens enthüllt und offenbart. Alle
existierten ursprünglich in der höchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie
sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden
Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle.

4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste,
unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient
als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn
in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begränzte anfänglich in der
absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue
verbinden muß, damit sie für die noch möglichen Entwickelungen vorbereitet
sei. Aber man muß die absolute und universelle Form des Menschen von der
der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe
der ersteren ist. Die erstere, gewöhnlich der himmlische Mensch genannt,
ist durchaus untrennbar von der göttlichen Natur und deren erste
Offenbarung.




Anhang.

Blüten vom Baume der Kabbala.[507]


In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fähigkeit zu wirken auf den
Grundstoff (Huli) der Welt, daß sie eine Form (Zurach) vernichten und eine
andere hervorbringen kann. Schon durch die Einbildungskraft (Machschaba)
vermag der Mensch andern Dingen zu schaden, ja selbst Menschen umzubringen.

                           _Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth_, Fol. 46.

Die Lehrer sagen: Wenn einer plötzlich erschrickt, wiewohl er nichts
siehet, so sieht doch sein Massel (Genius, transscendentales Subjekt)
etwas. Denn ein plötzlich den Menschen überfallender Schrecken ohne
bestimmte Ursache giebt einen Beweis, daß wiewohl das Körperliche nichts
sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist, welches den Menschen
bewegt, etwas siehet. Oft ahnet das Herz die Todesfälle und bösen
Nachrichten, die es in der Zukunft treffen, und das Herz trauert ohne
bestimmte Gründe, denn die N'schama sieht das, was künftig über den Leib
kommt und trauert darüber.

                                         _Nischmath Chajim_, Fol. 101.

Wenn sich die Heiligen und Wunderthäter in die Einsamkeit begeben und sich
mit höheren Geheimnissen beschäftigen, so bilden sie zuerst in der Kraft
ihres geistigen Bildungs- und Vorstellungsvermögens die heiligen Namen so,
als wenn diese Dinge vor ihnen eingegraben wären, und diese furchtbaren
Dinge sind in ihrem Herzen eingegraben. Wenn sie dann verbinden ihr
Nephesch mit dem oberen Nephesch, so werden diese Dinge vermehrt, quellen
auf und offenbaren sich aus sich selbst, weil hier jeder Gedanke aufhört.
Wer daher seine Machschaba (Imagination) an einen bösen Gedanken hängt,
sündigt mehr als durch die That.

                                   _Mairecheth Aeloluth_, Fol. 41, 63.

Die That ist im Nephesch, das Wort im Ruach, das Denken in der N'schama. Da
jedoch in jeden derselben alle drei enthalten sind, so findet sich auch das
Denken im Nephesch, usw.

                                              _Kisri Melech_, Fol. 53.

Es ist eine Eigenthümlichkeit in der Kraft des Nephesch und seinem Wesen,
zu wirken in den Grundstoff der Welt, und Formen zu zerstören und andere
hervorzubringen. Es geht die Wirkung von manchem Nephesch in ein anderes
Wesen über, so daß der Ruach schon durch seine Imagination Schaden
hervorbringen, ja sogar einen Menschen durch die Machschaba töten kann, und
um so mehr noch, wenn er zu den Bösaugigten (+mal' occhio+) gehört. Denn
die Kräfte des Menschen sind verschieden, Böses und Gutes hervorzubringen.
Sowie die Kraft der Frommen und Wunderthäter groß ist, um Gutes zu thun den
Guten, so ist auch durch die andere Seite den bösen sündigen Menschen
Gewalt gegeben, jeden, dem sie wollen, Böses zuzufügen durch die
Machschaba, durch Wort und That mittelst der Versenkung ihrer inneren und
äußeren Sinne.

                                                 _Een Jacob_, Fol. 46.

Auch im Mineralreich, der Erde und den Steinen ist notwendig Leben und
Geistiges, und ein Gestirn und Wächter über ihm oben. Denn wenn es nicht so
wäre, könnte die Erde nicht Kräuter, Früchte und Samen hervorbringen, in
denen Leben ist. Das Leben des Pflanzenreichs ist über dem Leben des
Mineralreichs, denn es wächst und wird groß wie der Mensch, und das in ihm
wohnende Leben verursacht das Wachsen. Die Thiere stehen noch höher,
insofern sich in ihnen das Nephesch deutlich zeigt und schon Ruach genannt
wird, wie es heißt: Der Ruach der Thiere geht zur Erde. Das Leben des
vernünftigen Menschen aber steht höher als alle.

                                             _Etz Hachajim_, Fol. 192.

Das allgemeine Buch, in welches alle Handlungen des Menschen auf der
Stelle eingeschrieben werden, ist der saphirartige, umkreisende Äther. In
ihn graben sich alle einzelne Bewegungen des Menschen ein, sowohl die
Blicke des Auges, als auch die Öffnung des Mundes zum Guten wie zum Bösen;
selbst die inneren Gedanken des Herzens, die Freude, Traurigkeit u. s. w.
bringen im äußern Angesicht nothwendigerweise etwas hervor und wirken auf
den Äther ein.

                                          _Esarah Maimeroth_, Fol. 49.




Sechstes Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.

Erstes Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.


Auf dem hellenischen Boden beginnt, was auf dem Titel des Gesamtwerkes,
dessen letzten Band ich hiermit beginne, als »Occultismus« bezeichnet ist,
in die Philosophie einzumünden. Philosophie ist nicht nur dem Namen,
sondern auch der Sache nach erst eine Erfindung des griechischen Geistes.
Der »Occultismus« der Griechen fällt daher in gewissem Grade mit einer
Geschichte der griechischen Philosophie zusammen, und die folgende
Darstellung der letzteren wird sich nur insofern von den gewöhnlichen
Darstellungen der griechischen Philosophie unterscheiden, als sie den
mystischen Elementen derselben eine größere Beachtung schenkt. _Wir treten
zwar aus dem Nebel der orientalisch wüsten Phantastik heraus in eine
reinere und freiere Atmosphäre._ Allein wir werden finden, daß selbst die
rationellsten Denker des begabtesten aller antiken Völker von mystischen
und transcendentalen Voraussetzungen noch nicht ganz frei waren, und daß
mit der Auflösung der griechischen Kraft auch die Philosophie im
Neu-Pythagoräerismus und Neu-Platonismus nach dem anfangs so
verheißungsvollen Erwachen einer nüchternen, wissenschaftlichen
Naturbetrachtung wieder in die Träume und Superstitionen des Asiatismus und
zu jenem Mysticismus herabsinkt, der dann auch bei dem Wiedererwachen des
wissenschaftlichen Geistes gegen Ausgang des Mittelalters noch einen
störenden Einfluß auf den Anfang der neueren Philosophie ausgeübt hat. So
z. B. wird Giordano Bruno nur als Neu-Platoniker ganz verständlich.

Erst die moderne Naturwissenschaft hat, beginnend mit Galilei, in stetigem
Kampfe gegen die metaphysischen Vorurteile unsere _positivistische_ rein
wissenschaftliche Denkweise gereift, für welche die Philosophie nichts
anderes mehr ist, als Centralisation und denkende Verarbeitung und
Verknüpfung aller Erfahrungs-Wissenschaften. Vergl. +Comte, Cours de
philosophie positive+.




I.

Thales von Milet.


Das erste Erwähnen des natur-philosophischen Bewußtseins hat auf jonischem
Boden stattgefunden. Hier zum ersten Male wurde in besonnener und
verstandesklarer Gedankenhaltung die Frage gestellt nach dem Grunde oder
Anfange, aus welchem sich das Vorhandene gestaltet habe, oder auch, wenn
man will nach dem »Ding an Sich« oder dem »reinen Sein«.

Den Zug der ersten Philosophenschule, der sog. jonischen Physiologen oder
Physiker, eröffnet Thales von Milet.

Über das Leben dieses Vaters der griechischen Philosophie sind wir wenig,
aber doch immer noch verhältnismäßig besser unterrichtet, als über
dasjenige mancher späterer, durch unkritische Sagenbildung umwölkter
Philosophen, z. B. des Pythagoras. Er entstammt einem thebanischen
Geschlecht und ist wahrscheinlich um 640 v. Chr. geboren; jedenfalls war er
ein Zeitgenosse des Solon und Crösus. Er war ein Bürger von Milet, sei es,
daß er selbst erst dort eingewandert und unter die Bürger aufgenommen war,
oder daß bereits sein Vater Examios das Bürgerrecht erlangt hatte. Es steht
fest, daß er auch an den politischen Angelegenheiten Milets Anteil genommen
hat.

Nach +Herodot I., 170+, riet er den Joniern vor ihrer Unterwerfung durch
die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit
einheitlicher Centralregierung zu vereinigen. Er erlangte früh in ganz
Griechenland den Ruf großer Kenntnisse und wurde unter die sog. sieben
Weisen eingereiht. Eine Anekdote erzählt, daß er anfangs über seinen
naturphilosophischen Spekulationen sein Vermögen vernachlässigt habe, dann
aber, als ihm dieserhalb Vorwürfe gemacht wurden, um zu beweisen, daß einem
Philosophen, wenn er nur wolle, auch die praktische Erwerbsthätigkeit eine
Kleinigkeit sei, binnen kurzer Zeit durch finanzielle Spekulationen mit
Ölpressen sich gewaltige Reichtümer erworben habe.

Zunächst scheint er sich dem bis dahin bei den Griechen noch sehr
rückständigen Studium der Mathematik und Astronomie zugewandt zu haben.
Diogenes giebt an, er habe zuerst bewiesen, daß die Dreiecke auf dem
Kreisdurchmesser rechtwinklig sind; Plinius, er habe zuerst die Höhe der
Pyramide aus ihrem Schatten berechnet; Proklus, er habe zuerst bewiesen,
daß die Scheitelwinkel einander gleich sind, daß Dreiecke sich gleich sind,
wenn sie je zwei Winkel und eine Seite gleich haben, und daß man mittels
dieses Satzes die Entfernung von Schiffen auf dem Meere messen könne, auch
habe er den in Euklid 440 gegebenen Beweis dafür entdeckt, daß der
Durchmesser den Kreis halbiert. Im Altertum kursierte eine Schrift über
nautische Astronomie unter seinem Namen, die jedoch Diogenes Laertius einem
Samier Phocus zuschreibt. Möglich ist, daß er diese geometrischen und
astronomischen Kenntnisse sich bei einer Anwesenheit in Egypten angeeignet
hat.[508]

Am berühmtesten ist seine Vorausbestimmung einer zur Zeit des lydischen
Königs Alyattes eingetretenen Sonnenfinsternis. Nach Zech's astronomischen
Untersuchungen (vgl. +Ueberweg's Geschichte der Philosophie I, § 12+), hat
diese Finsternis am 30. September 161 v. Chr. stattgefunden.

Möglicherweise hat er dabei den Saros, d. h. die von den Chaldäern durch
fortgesetzte Beobachtung aufgefundene Periode der Verfinsterungen benutzt,
welche 223 synodische Monate oder 6585 1/3 Tage umfaßt.

Aristoteles sagt +Metaph. I, 3+: »Von denen, welche zuerst philosophiert
haben, haben die meisten bloß _materielle_ Urgründe angenommen, und zwar
Thales, der Urheber dieser Richtung das _Wasser_. Er schöpfte diese Meinung
wahrscheinlich aus der Beobachtung, daß die Nahrung von allem feucht sei,
und daß das Warme selbst hieraus werde und das lebende Wesen hierdurch sich
erhalte; das, woraus ein anderes wird, ist aber für dieses das Prinzip; --
ferner aus der Beobachtung, daß der Same seiner Natur nach feucht sei; das
Prinzip aber, vermöge dessen das Feuchte feucht sei, sei das _Wasser_.«

Dazu bemerkt Dühring in seiner +kritischen Geschichte der Philosophie
(S. 20 u. 22)+: »Mit vollem Rechte werden die ursprünglichen flüssigen oder
gasförmigen Zustände der Natur als Totalitäten gedacht, in denen alles der
Anlage nach enthalten war, was in der gegebenen in festen Formen
gestalteten Welt anzutreffen ist.« »Stand es einmal für den Verstand fest,
daß das Gegebene seine gegenwärtige Gestalt einem Bildungshergang verdanke
und nicht etwa jederzeit ebenso bestanden habe, wie jetzt, so war die
nächste Konsequenz des Vorstellens offenbar die, sich nach einem wirklich
bildsamen Stoff umzusehen, auf welchen gestaltende Kräfte mit Leichtigkeit
wirken können. Das Feste ist erfahrungsmäßig wenig bildsam. Es mußte daher
eine der Bethätigung des Kräftespiels günstigere Urbeschaffenheit
angenommen werden. Die einzelnen Beobachtungen der natürlichen
Gestaltungshergänge mögen das Flüssige als Ausgangspunkt des Festwerdens
sowie auch der Verdunstung besonders empfohlen haben. Das Thaletische
Wasser erscheint auf diese Weise gar nicht als ein willkürliches Prinzip,
sondern als _eine für den damaligen Stand des Naturwissens verhältnismäßig
gelungene Idee_.«

Ich selbst habe in meiner Einleitung zu Brunos Dialogen »Vom Unendlichen«
daran erinnert, daß Thales zu Milet am Strande des Meeres lebte, daß daher
sein Grundprinzip aller Dinge der sinnlichen Anschauung seine Anregung
verdankt. Denn mehr fast, als selbst der als abgeschlossene Wölbung
erscheinende Luftraum vermag das Meer einen gefühlsmäßigen Antrieb zur
Unendlichkeits-Idee zu erwecken, wie dies Byron in den schönen Versen
seines +Childe Harold+ ausdrückt:

    »Glorreicher Spiegel, wo im Wettersausen
    Blickt des Allmächt'gen Bild! Zu allen Zeiten,
    Still und bewegt, im Sturm, im Brausen,
    Am eis'gen Pol, in glutdurchflammten Weiten,
    Nachtdunkel, endlos, hehr, -- der Ewigkeiten
    Erhab'nes Bild, des Unsichtbaren Schrein!
    Des Abgrunds Ungeheuer selbst entgleiten
    Bloß deinem Schleim entsproßt! Allwärts herrscht dein
    Gesetz! So wogst du fort, hehr, bodenlos, allein!«

                  *       *       *       *       *

Wir dürfen bei Wasser nur nicht an unser chemisches H2O, sondern an den
flüssigen Aggregatzustand denken, um das Grundprinzip des Thales nicht für
eine so kindische Vorstellung gelten zu lassen, wie es vielleicht manchem
oberflächlichen modernen Beurteiler auf den ersten Blick erscheint.

Ob Thales vom Wasser, als dem Urstoff, die Gottheit oder den Geist
unterschieden habe, oder ob er, wie Zeller[509] meint, der Urheber des sog.
Hylozoismus war, »sich alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Kräfte
nach Analogie der menschlichen Seele personifiziert hat«, ist sehr
zweifelhaft. Aristoteles bemerkt zwar, er habe gelehrt, daß alles voll von
Göttern sei. Ich möchte dem Urteil Dührings den Vorzug geben, wonach eine
Unterscheidung des rein Materiellen von affizierenden Kräften oder gar
geistigen Potenzen nicht auf dem Wege einer so einfachen Rechenschaft lag,
wie sie von den jonischen Naturdenkern ins Auge gefaßt worden ist. Man thut
ihnen daher, und insbesondere dem Thales, wohl Unrecht, wenn man ihnen mit
Zeller eine unberechtigte Belebung der Materie unterschiebt. Ebenso ist es
schlecht beglaubigt, daß er zuerst die Unsterblichkeit der Seelen gelehrt
habe. Ebenso unverbürgt und unwahrscheinlich sind folgende Aussprüche, die
Diogenes Laertius ihm beilegt: Gott ist das älteste aller Wesen; denn er
ist unentstanden. Das Schönste ist das Weltall; denn es ist von Gott
erschaffen. Das Größte ist der Raum; denn er umfaßt alles. Das Schnellste
ist der Geist; denn er durcheilt das Weltall. Das Stärkste ist die
Notwendigkeit; denn sie überwindet alles. Das Weiseste die Zeit; denn sie
entdeckt alles. _Der Tod unterscheidet sich nicht vom Leben._ Als ihn mit
Hinweis auf diesen Ausspruch jemand gefragt haben soll: »Warum stirbst du
denn nicht?« soll er geantwortet haben: »Weil es keinen Unterschied
ausmacht.« Auf die Frage, was schwer sei, erwiderte er: Sich selbst zu
kennen; auf die Frage, was leicht: Einem andern gute Ratschläge zu
erteilen; auf die Frage, wie man die harten Schläge des Schicksals am
leichtesten ertragen könne, antwortete er: Wenn man sehe, daß es unseren
Feinden noch schlechter gehe; und auf die Frage, wie man sein Leben am
besten und richtigsten einrichte, wenn man die Fehler, die man an anderen
tadelnswert finde, selber vermeide.

Einst sollen Milesische Fischer mit ihrem Netz einen Dreifuß von
bewundernswerter Arbeit, ein Werk des Vulkan, aus dem Meere gezogen haben.
Um den unter ihnen über das Eigentum entbrannten Streit zu schlichten,
sandte man zum Delphischen Orakel. Die Pythia gab zur Antwort:

    Über den Dreifuß befragst den Gott du, Milesische Jugend:
    Der gehöret dem Mann, deß Weisheit unübertroffen.

Man gab daher den Dreifuß dem Thales. Thales gab ihn weiter und so gelangte
er schließlich an Solon, der ihn dann mit der Erklärung, daß der Gott der
Weiseste sei, nach Delphi geschickt haben soll.




II.

Anaximander.


Anaximander, um 610 v. Chr. geboren, soll ein Schüler des Thales gewesen
sein. Jedenfalls stand er, als sein Mitbürger und jüngerer Zeitgenosse,
unter der geistigen _Anregung_ der Lehren des Thales. Er hat aber einen
erheblichen Fortschritt in der Richtung der philosophischen Abstraktion von
der sinnlichen Anschauungsweise gemacht. Er nannte zuerst ausdrücklich das
materielle Urwesen »Prinzip« (%archê%) und bezeichnete es näher als einen
_luft- oder gasförmigen_, der Masse nach _unendlichen_ Stoff. Andere
meinen, er habe den Urstoff als etwas zwischen Luft und Wasser in der Mitte
Liegendes gedacht. Vielleicht hat er geglaubt, ein recht vollkommenes
Prinzip dadurch zu gewinnen, daß er sich die drei in der gegebenen Welt
bestehenden Aggregatzustände in einem chaotischen Urstoff _gemischt_
vorstellte und so einen Schluß auf die Dichtigkeit in der vorausgesetzten
Aggregation machte; jedenfalls finden wir, daß sein Urstoff auch als
_Mischung_ (%migma%) bezeichnet wird[510]; und er lehrte, daß die
besonderen Stoffe aus dem unendlichen Urstoff durch Entmischung entstanden
seien, indem das Verwandte sich vereinigte, die Goldteilchen mit
Goldteilchen, Erde mit Erde u. s. w. Dagegen ist die unter den Historikern
der Philosophie bestehende Controverse, ob er sich diese Entwicklung der
besonderen Stoffe und Dinge rein mechanisch durch Trennung und Verbindung
gedacht habe (Ritter), oder dynamisch, so daß die Unterschiede nur
potentiell in dem an und für sich gleichartig gasförmigen der Qualität nach
unbestimmten Urstoff vorhanden gewesen wären (Herbart), in Ermangelung
ausreichender Quellenberichte mit keinerlei Sicherheit zu entscheiden.
Aristoteles scheint die Annahme eines _qualitätslosen_ Urstoffs dem
Anaximander aufs bestimmteste abzusprechen, wenigstens die Annahme, daß die
Dinge aus diesem Urstoff durch bloße Verdünnung oder Verdichtung
entstehen.[511] Vielmehr schreibt er ihm die Lehre zu, daß die Entwicklung
der Einzelstoffe und Einzeldinge durch Sonderung der im »Unendlichen«
enthaltenen Gegensätze sich vollziehe. Zuerst scheiden sich voneinander
Warmes und Kaltes; eine feurige Sphäre umgiebt rings die Luft und die Erde;
aus Feuer und Luft bilden sich die Gestirne. Im Mittelpunkt der unendlichen
Welt ruht die Erde, unbeweglich wegen des gleichen Abstandes von allen
Punkten der Himmelskugel. Die Gestirne sind »himmlische Gottheiten«. Die
Erde hat sich aus einem ursprünglich flüssigen Zustande gebildet. Aus dem
Feuchten sind unter dem Einfluß der Wärme in stufenweiser Entwickelung die
lebenden Wesen hervorgegangen. Da alle lebenden Wesen ursprünglich im
Wasser entstanden sind, so nahm er an, daß auch die Landtiere, mit
Einschluß des Menschen, zuerst fischartig gewesen und erst infolge der
Abtrocknung der Erdoberfläche sich allmählich zu ihrer jetzigen Gestalt
entwickelt haben. Ueberweg findet daher nicht mit Unrecht bei ihm die
ersten Anfänge des heute vorzugsweise sog. Darwinismus. Ja, Anaximander
spricht schon von dem Einfluß der _veränderten Lebensbedingungen_ auf die
Entwicklung der Arten.

Die Seele soll er als luftartig bezeichnet haben.

Er lehrte, daß es unendlich viele Welten, d. h. Weltkörper gebe, die
zusammen ein Weltsystem bilden, und die er wohl nur deshalb Welten nannte,
weil er sie für weit größer und unserem Weltkörper ähnlicher ansah, als die
gewöhnliche Meinung. Die Entstehung dieser einzelnen Weltkörper aus dem
ursprünglich luft- oder modern genauer gesprochen gasförmigen Zustande
suchte er sich mechanisch zu erklären, wahrscheinlich war er dabei auf eine
ähnliche Theorie geraten, wie die sog. Wirbeltheorie des Descartes[512];
wenigstens wird berichtet, er habe die Bewegung der Himmelskörper von
Luftströmungen hergeleitet, die eine Drehung der Gestirnsphären
herbeiführten.

Dühring bemerkt, daß uns die jonischen Philosophen erst in richtiger
Beleuchtung erscheinen, wenn wir ihre freilich noch roheren Vorstellungen
mit den neueren naturphilosophischen und zugleich naturwissenschaftlichen
Ideen über einen denkbar frühesten Zustand des Kosmos vergleichen. »Kant
legte in seiner Naturgeschichte des Himmels ebenfalls die Hypothese zu
Grunde, alle Weltkörper seien durch Verdichtung aus einem Urnebel
entstanden.«[513]

Und jedenfalls hat Bruno so Unrecht nicht, wenn er auf den Rückgang der
kosmologischen und insbesondere der kosmogonischen Vorstellungsweise eines
Aristoteles gegenüber diesen ersten von Aristoteles stets mit einer
gewissen verächtlichen Blasiertheit behandelten »Physikern« hinweist.

Vergl. meine Übersetzung der Dialoge Brunos +Vom Unendlichen und den
zahllosen Welten S. 74ff.+

Der Weltenentstehung aber entspricht eine Weltenzerstörung. Er lehrt:
»Woraus die Dinge entstehen, in eben dasselbe müssen sie auch vergehen, wie
es der Billigkeit gemäß ist; denn sie müssen Buße und Strafe geben um der
Ungerechtigkeit willen nach der Ordnung der Zeit.« Man kann hierin ein
pessimistisches Element in der Philosophie des Anaximander finden und zwar
eben jenes, das bekanntlich Felix Dahn auf modern naturwissenschaftlicher
Grundlage in seinem »Odhins Trost« poetisch ausgesponnen hat. Auf diese
Annahme eines dereinstigen Vergehens der Welten weist uns auch die
Nachricht, daß er eine allmähliche Abnahme und endliche Austrocknung des
Meeres angenommen habe; ich verstehe nicht, wie noch Zeller (+die
Philosophie der Griechen I. S. 202+), sagen kann, daß eine solche
Vorstellung für uns _fremdartig_ klinge, für uns, denen die Notwendigkeit
und Thatsächlichkeit einer solchen Entstehung und allmählichen Vergehung
der einzelnen Welten geradezu naturwissenschaftlich bewiesen ist, für uns,
die wir insbesondere mit unseren Teleskopen den Mond als Beispiel einer
bereits greisenhaft ausgetrockneten und erstorbenen Welt den Augen
nahebringen können.

Vielmehr können wir der wissenschaftlich treffenden Intuition des Milesiers
unsere Bewunderung nicht versagen.

Auch im Einzelnen soll Anaximander für seine Zeit nicht unerhebliche
Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiete besessen haben. Er
beschäftigte sich vorwiegend mit Astronomie und Geographie, entwarf nach
Eratosthenes eine metallene Erdtafel und eine Himmelskugel; nach +Diogenes
Laertius II, 1+, soll er die Sonnenuhr (%gnômôn%) erfunden haben;
wahrscheinlich hat er jedoch nur, da solche bereits bei den Babyloniern in
Gebrauch waren, die Hellenen nur zuerst damit bekannt gemacht.

Näheres siehe bei +Teichmüller, Studien S. 1-70+.




III.

Anaximenes.


Anaximenes war nach Diogenes Laertius ein Schüler des Anaximander. Von
seinen Lebensumständen wissen wir fast nichts, als daß auch er aus Milet
war, ein Sohn des Euristratus, geboren zwischen 529-525 v. Chr. und um die
Zeit der Eroberung von Sardes durch die Jonier gestorben (499 v. Chr., also
etwa 45 Jahre später, als Anaximander.)

Er hinterließ eine Schrift über die Natur, aus der uns Stobäus den Satz
erhalten hat: »Wie unsere Seele Luft ist und unseren ganzen Leib
durchdringt, so auch durchdringt und umfaßt eine geistige Luft das
Weltall.« Diese (beseelte) Luft also erklärte er für das Prinzip aller
Dinge. Nach der einstimmigen Angabe aller Berichterstatter hat er sich
diese Luft als _unendlich_ der Ausdehnung nach gedacht und die Dinge aus
derselben durch Verdünnung und Verdichtung abgeleitet, oder wie der ihm
eigentümliche Ausdruck gelautet zu haben scheint, durch »Zusammenziehung«
und »Nachlassung«. So lehrte er, das Warmwerden und Kaltwerden der Dinge
bestehe nur in der Verdünnung und Verdichtung der Luft; verdünnt werde die
Luft Feuer, verdichtet Wind und Gewölk, noch mehr verdichtet Wasser, und
daraus wieder durch Verdichtung Erde und Stein; alles übrige aber werde aus
diesen. Es ist möglich, daß Anaximenes nur durch die Beobachtung des
Athems, als einer Bedingung alles tierischen Daseins, dazu geführt ist, in
der Luft zunächst das Lebensprinzip und so schließlich das Prinzip aller
Dinge überhaupt zu suchen. Die Identifizierung von Leben, Seele und Athem
(Odem) ist ja uralt, wie denn sogar die Stammgeschichte der Worte Seele,
Geist, +anima+, +psyche+, darauf zurückweist. Auch deutet darauf hin die
von ihm für die Gleichstellung der Naturkräfte mit dem Lebensprinzip und
die Erklärung des Lebensprozesses angeführte naive Bemerkung, wenn wir die
Luft mit den Lippen zusammengedrückt aushauchten, würde sie kalt, aus
geöffnetem Munde dagegen gehe sie warm hervor.

Ein gewisser Fortschritt über Anaximander ist insofern nicht zu verkennen,
als Anaximenes den Versuch machte, eine bestimmtere Vorstellung von dem
_Prozeß_ zu gewinnen, durch den sich die Dinge aus dem Urstoff bilden.

_Anaximenes soll auch zuerst die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne und
den Grund der Mondfinsternisse entdeckt haben._[514]

Übrigens dachte er sich die Erde noch als eine runde breite von der Luft
getragene _Platte_, und dieselbe Scheibengestalt schrieb er auch der Sonne
und den Gestirnen zu.




IV.

Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia.


Die Schule der jonischen Naturphilosophie erstreckte sich bis in das
Zeitalter des Perikles, in dem allmählich die Sophisten an ihre Stelle
traten.

Als die drei bedeutendsten späteren Vertreter dieser Richtung werden uns
Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia genannt.

Hippo scheint einer der ersten Naturphilosophen gewesen zu sein, die dem
unverständigen Spotte der attischen Komiker, der später für Sokrates so
bedenklich wurde, verfallen sind. Zu folgenden Versen aus des Aristophanes
Wolken:

    »Da haben weise Geister ihr Studiergemach.
    Es wohnen Männer drinnen, die beweisen Dir,
    Der Himmel sei nichts anderes, als ein Stülpkamin,
    Der rings um uns sich wölbe, wir die Kohlen drin.«

bemerkt der Scholiast, daß dies zuerst vom Komiker Kratinos mit Bezug auf
den Physiker Hippo gesagt worden sei. Wir können darnach vermuten, daß
Hippo längere Zeit in Athen gelebt hat. Seine sonstigen Lebensumstände,
insbesondere seine Herkunft, sind ungewiß, er war vielleicht auf Samos oder
Melos geboren.

Aristoteles (+de anima I. 2+) spricht von ihm noch verächtlicher, als von
den anderen Physikern oder Physiologen und bemerkt, er habe die Seele für
Wasser, vermutlich als Anhänger des Thales, für ein feuchtes Prinzip
gehalten. Wahrscheinlich leitete ihn die Beobachtung, daß aller tierischer
Same feucht ist. Aus dem flüssigen Aggregatzustand ließ er das »Feuer« und
aus der »Überwindung des Wassers durch das Feuer« die Welt entstehen,
weshalb auch geradezu gesagt wird, seine Prinzipien seien Feuer und Wasser
gewesen. Er scheint mehr empirischer Naturforscher, als Naturphilosoph
gewesen zu sein und sich hauptsächlich mit der Entwicklungsgeschichte des
Fötus und der Lehre von der Erzeugung beschäftigt zu haben.

Wenn der scholastisch denkende Aristoteles ihm den Vorwurf besonderer
Einfalt macht, so ist darauf wenig zu geben.

Idaeus aus Himera scheint sich hauptsächlich an Anaximenes angeschlossen zu
haben, und ebenso Diogenes von Apollonia (auf Kreta). Von letzterem ist uns
ein eingehenderes Fragment bei +Simplicius Phys. 32b, 33a+ erhalten. Er
stellte bezüglich des Urwesens nicht nur die Forderung auf, daß dasselbe
der gemeinsame _Stoff_ aller Dinge, sondern auch, daß es zugleich ein
denkendes Wesen sein müsse, insofern ein Vorgänger (oder auch Nachfolger)
des Anaxagoras. Dasjenige, woraus alles besteht, war ihm ein ewiger und
unveränderlicher Körper, groß und gewaltig und reich an Wissen, das, was
man »gewöhnlich die Luft nenne.« Aus ihm entsteht durch Verdichtung und
Verdünnung jegliches Einzeldasein. Zuerst sondert sich aus dem unendlichen
Urstoff das Schwere ab, das sich nach unten, und das Leichte, das sich nach
oben bewegt. Den Grund der Bewegung sah er im warmen, den Grund der
körperlichen Konsistenz in dem kalten und dichten Stoff.

Infolge der Wärme soll das Weltganze in eine _Kreisbewegung_ geraten sein,
wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt. Die Erde war in ihrem
Urzustand eine weiche und flüssige Masse, die allmählich durch die
Sonnenwärme ausgetrocknet ist. Der Erdkörper sei von Gängen durchzogen, in
welche die Luft eindringe; werden ihr die Auswege aus denselben verstopft,
so entstehen Erdbeben.

                  *       *       *       *       *

Im Gegensatz zu denjenigen Geschichtsschreibern der Philosophie, welche die
jonischen Naturphilosophen, zumal sie von eigentlichen metaphysischen
Voraussetzungen sich, wie es scheint, ziemlich frei hielten, nach dem
Vorgange des Aristoteles mit Geringschätzung betrachten und sich auch über
ihre vom Standpunkte des modernen Naturwissens selbstverständlich rohen
Vorstellungen belustigen, glaube ich die _einzig gerechte Würdigung ihrer
unbefangenen und ehrlichen_, occultistisch freilich wenig Ausbeute
liefernden, _Positivität_ in folgenden Worten Dührings zu finden:

»Wichtiger, als die verhältnismäßige Übereinstimmung, welche unser modernes
naturwissenschaftliches Bewußtsein den Vorstellungen der jonischen Denker
nahe bringt, ist die Gemeinschaft und Analogie in der Nötigung unserer
Ideen zu einer bestimmten Voraussetzung. Heute ist es bekanntlich die
astronomische Beobachtung, welche uns besonders mit Rücksicht auf die
Abplattung der rotierenden Weltkörper und im Hinblick auf die mechanischen
Wirkungen der Drehung bildsamer Massen zu dem Rückschluß nicht bloß
berechtigt, sondern nötigt, daß ein weniger fester Aggregatzustand den
gegenwärtigen Verhältnissen vorausgegangen sein müsse. Durch derartige
Gedankenbewegung greifen wir stetig und zwar immer _an der Hand der
leitenden Thatsachen_ in eine Vergangenheit des Kosmos zurück, die der uns
übrigens bekannten und etwa durch Rechnung rückwärts feststellbaren
Verfassung und Beschaffenheit desselben vorausgegangen sein muß. Wo die
Fingerzeige der aus der gegenwärtigen Gestaltung sprechenden Züge aufhören,
da hat auch die wissenschaftlich begründete und mit ihr eigentlich alle
gerechtfertigte Vorstellung eine Schranke. Es ist daher kein Mangel, wenn
bei irgend einem Zustande mit den Rückschlüssen Halt gemacht werden muß.
Sind wir einmal bei der gasförmigen Gestalt der Welt angelangt, so ist zu
einer weiteren Voraussetzung innerhalb dieser Gattung, d. h. in der
Geschichte der Natur weder Antrieb noch Anknüpfungspunkt vorhanden. Die
Zustände der Materie sind bis zum Extrem durchlaufen und durch den Urnebel
hindurch dürfte keine physische Hypothese mehr sichtbar werden. Etwas
Unvollkommenes liegt aber in dieser Schranke durchaus nicht. Im Gegenteil
lehrt sie uns, _daß wir in dieser Richtung in dem, was der engeren
Naturphilosophie wesentlich ist, auch nicht weiter gelangen, als die ersten
antiken Denker, und daß wir vor ihnen nichts, als die bessere Begründung
und Kenntnis des Weges voraus haben_. Hierbei bleibt nur noch für die
logische Notwendigkeit ein letzter Abschluß offen, und dieser besteht in
der unumgänglichen Voraussetzung eines allem zählbaren Wechselspiel der
Vorgänge vorangegangenen sich selbst gleichen Zustandes des
Weltmediums.«[515]




V.

Heraclit der Dunkle.


Die Lehre dieses Philosophen schließt sich zwar insofern noch an die drei
bisher behandelten sog. Physiker an, als auch sie allem Seienden eines der
sog. vier Elemente als Grundstoff, aus dem alles entstanden sei, zu Grunde
legt, nämlich das Feuer. Sie geht aber in ihrer Entwickelung so erheblich
über die von den Vorgängern gesteckten Grenzen hinaus und enthält soviel
keimkräftige, erst in späteren Perioden der Philosophie-Geschichte von
einzelnen Systemen zu einseitiger Entwickelung geförderte Gedanken, daß man
ihrer Universalität Unrecht thun würde, wollte man Heraclit noch zu den
sogenannten Physikern rechnen, wie dies Aristoteles +Metaphys. I. 3ff.+
thut. Heraclit wurde nach Hermann (+De philos. Jonic. aetatt S. 10. 22+) um
510 v. Chr. zu Ephesus geboren und lebte etwa bis 450 v. Chr.; Zeller
dagegen (+Philosophie der Griechen I. S. 524+) setzt seine Geburt in die
Zeit zwischen 530-540 v. Chr. Es steht fest, daß er ein Alter von 60 Jahren
erreichte. Er entstammte einer der vornehmsten Familien seiner Vaterstadt,
wie schon daraus hervorgeht, daß er das in seiner Familie erbliche Amt
eines Opfer-Königs seinem jüngeren Bruder abtrat. Er trat der
demokratischen Partei seiner Vaterstadt mit entschieden aristokratischen
Grundsätzen entgegen und erfreute sich deshalb keiner großen Popularität.
Seine Verbitterung gegen die Mitbürger steigerte sich in hohem Grade, als
sein Freund Hermodor verbannt wurde, jener Hermodor, von dem uns der Jurist
Pomponius in seiner +Rechtsgeschichte Dig. I. 1, 1. 2 § 4+ berichtet, daß
er den römischen Dezemvirn bei Abfassung der Zwölf-Tafeln an die Hand ging.

Über Heraclits Tod und sonstige Lebensschicksale haben wir nur wenige und
teilweise widersprechende Nachrichten. Die Fragmente seiner Schriften hat
P. Schuster in den +Acta philos. societ. Lipsiensis Tom. III, Leipzig
1873+, zusammengestellt.

Man darf behaupten, daß Heraclit seinem Philosophieren schon eine gewisse
Erkenntnis-Kritik vorausgehen ließ. »Wenn eine Rede verständig sein soll«,
sagt er, »so muß sie sich auf das stützen, was allen gemeinsam ist, das
Denken.«[516] Was unsere _Sinne_ wahrnehmen, ist nur die flüchtige
Erscheinung, nicht das Wesen. Alle Sinnesempfindung entsteht aus dem
Zusammentreffen von zwei Bewegungen, sie ist das gemeinsame Erzeugnis aus
der Einwirkung des Gegenstandes auf das Sinnesorgan und der Thätigkeit des
Organs; sie zeigt daher nichts bleibendes und an sich seiendes, sondern nur
eine Einzelerscheinung, so wie diese in dem gegebenen Falle und für diese
bestimmte Wahrnehmung sich darstellt.[517] Schlechte Zeugen sind der
Menschen Augen und Ohren, wenn sie unverständige Seelen haben.[518] Gerade
dieses Zeugnis aber ist es, dem die Menge allein folgt. Daher finden wir
bei ihm ähnlich geringschätzige Äußerungen über die große Masse der nicht
denkenden Menschen, auch sogar über frühere und gleichzeitige Dichter und
Denker, wie sie in ähnlich aristokratischer Geisteshaltung bei Giordano
Bruno wiederkehren. Besonders verächtlich erscheint ihm die bloße
_Vielwisserei_. +Polymathie noon u didaskei+, die bloße Vielwisserei,
schafft keine Weisheit.[519] Er will sich begnügen, mit vieler Arbeit
weniges zu finden, wie die Goldgräber, nicht leichthin über das Wichtigste
urteilen, nicht andere befragen, sondern sich selbst oder vielmehr die
Gottheit.[520] Nur wer dem göttlichen Gesetz, _der allgemeinen Vernunft_,
lauscht, kann die Wahrheit finden, wer dagegen dem täuschenden Schein der
Sinne und den unsicheren Meinungen der Menschen folgt, dem bleibt sie ewig
verborgen.

Wie das Erkennen der Menschen, so ihr Handeln. Darum leben die meisten
Menschen dahin wie das Vieh, sie wälzen sich im Schmutze und nähren sich
von Erde gleich dem Gewürm, werden geboren, zeugen Kinder und sterben, ohne
ein höheres Lebensziel zu verfolgen.[521]

Die meisten Menschen sind für die Wahrheit auch dann taub, wenn man sie
ihnen in die Ohren schreit, und wie Hunde bellen sie alles und jedes an,
das sie nicht kennen. Besonders _durch seine Unglaublichkeit entschlüpft
das Wahre zumeist dem Erkanntwerden_.[522]

Der Esel frißt eben lieber Spreu, als Gold.

Der Grundfehler der bisherigen Philosophie hat nun nach Heraclit darin
bestanden, daß man in den Dingen eine Beharrlichkeit des Seins suchte, die
ihnen fremd ist. Vielmehr gibt es nichts festes und bleibendes in der Welt,
alles ist in unablässiger Veränderung begriffen (%to pan rhei%), wie ein
Strom, »man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen.«[523]

Heraclit ist auch der Urheber des zuerst von Cusanus und Bruno wieder so
viel betonten Prinzips der Coincidenz der Gegensätze, das von Hegel als
logische Einheit des Widerspruchs mißdeutet wurde. Er selbst hat damit nur
das antagonistische Spiel der Naturkräfte bezeichnen wollen, in dem nicht
das Gleichgewicht, sondern das Übergewicht und die Störung wesentlich sind
und die stetige Bewegung und das Leben erhalten; dagegen stand er den
Hegelschen Begriffsverwirrungen fern, und die Darstellung seiner Lehre
durch den Junghegelianer Lassalle ist eine arge Verdrehung.[524] Freilich
finden wir bei ihm Äußerungen wie: Tag und Nacht sind dasselbe (d. h. es
ist Ein Wesen, welches bald licht, bald dunkel ist); Heilsames und
Verderbliches, Oberes und Unteres, Anfang und Ende, Sterbliches und
Unsterbliches ist dasselbe.[525] Hunger und Sättigung, Anstrengung und
Erholung gehören zusammen; aus dem Lebenden wird Totes und aus dem Toten
Lebendiges, aus dem Jungen Altes und aus dem Alten Junges u. s. w., nur in
der Bewegung beruht alles Leben, besteht überhaupt das Dasein der Dinge,
kein Ding _ist_ dieses oder jenes, sondern es _wird_ nur in der beständigen
Bewegung des Naturlebens.[526] Während Parmenides dem Begriff des Werdens,
als einem vereinigten Widerspruch von Sein und Nichtsein, die Realität
abspricht und ihn, ähnlich wie der moderne Philosoph v. Kirchmann in das
Wissen verlegt, behauptet also Heraclit: _Sein ist Werden_.

Wenn nun alles in unaufhörlicher Bewegung und Veränderung begriffen ist, so
folgt, daß _alles Feuer ist_. Offenbar will er, da er sein tieferes
philosophisches Bewußtsein noch nicht abstrakt ausdrücken kann, seiner
Metaphysik damit nur eine sinnlich symbolische Ausdrucksform leihen.[527]

»Diese Welt«, sagt er, »hat weder der Götter noch der Menschen einer
gemacht, sondern sie war immer und wird sein, ein ewig lebendiges Feuer,
nach Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.«[528] Offenbar
verstand Heraclit unter dem Feuer nicht bloß das sichtbare Feuer, sondern
überhaupt das Warme, Wärmestoff, oder wie seine Nachfolger sagten,
»trockene Dünste«, ja geradezu Hauch, die %psychê%, also etwa den _Äther_.
Nichts aber wäre verkehrter, als es mit Lassalle in eine metaphysische
Abstraktion aufzulösen, wie »die prozessierende Einheit des Sein und
Nichtsein.«[529]

Aus dem Urfeuer, dem an sich gestaltlosen Äther, läßt er alle
Einzelsubjekte durch _Streit_ (+eris+) (auch %polemos%) hervorgehen,
welcher der »Vater aller Dinge ist.«[530] Die Welt ist die zerteilte
Gottheit, das %en diapheromenon hauto hautô%; aber indem sie sich in sich
selbst unterscheidet, geht sie auch wieder mit sich zusammen, zu einer
Harmonie, die wie die des Bogens und der Leyer auf entgegengesetzter
Spannung beruht.[531] In ihr vollzieht sich ein stetiger Doppelprozeß der
relativen Materialisierung des Feuergeistes und der Wiedervergeistung der
Erde und des Wassers. Denn auch Erde und Wasser, d. h. der feste und
flüssige Aggregatzustand, sind nur Erscheinungsformen des Einen, des
Feuers; dieses geht in sie über in der %hodos katô%, dem Wege nach der
Tiefe; es kehrt aber auch Erde und Wasser ins Feuer zurück, in der %hodos
anô%, dem Weg nach oben. Des Feuers Tod ist, Wasser zu werden, des Wassers,
Erde zu werden, aus Erde aber wird wieder Wasser und aus Wasser Feuer (oder
Seele). »Alles wird umgesetzt gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waaren
gegen Gold und Gold gegen Waaren.«[532] Alles Leben bewegt sich also im
Kreise; nachdem es seine elementarische Beschaffenheit im festen
Aggregatzustand am weitesten von der Urform entfernt hat, kehrt es durch
die früheren Zwischenstufen schließlich doch zum Anfang zurück. Somit
strebt auch die aus dem Streit entstandene Vielheit der Dinge immer wieder
zur anfänglichen Einheit zurück; und dies Streben wird von den Dingen
empfunden als Zustand der begehrenden Bedürftigkeit, die wiedergewonnene
Einheit aber als Sättigung, Eintracht und Friede.[533] Der ewige Kampf und
die ewige Versöhnung im steten Strome des Stoffwechsels, im Fluß des
Geschehens, wird aber von strenger Gesetzmäßigkeit beherrscht, die er mit
dem Namen der Harmonie, der +Dike+ (Gerechtigkeit), des Schicksals, der
weltregierenden Weisheit bezeichnet. Er nennt sie auch Zeus oder die
Gottheit, unterscheidet aber diese weltbeherrschende Kraft, der er auch
kein besonderes Bewußtsein zuschreibt, nicht von der Welt als Ganzem. Seine
Weltanschauung läßt sich daher, zumal ihm aller Stoff beseelt ist, als
hylozoistischer Monismus oder Pantheismus bezeichnen.[534]

Interessante Anticipationen bieten seine kosmischen Ansichten. Die Sonne
ist, sagt er, eine brennende Dunstmasse, deren Feuer durch die
aufsteigenden Dünste genährt wird; es findet ein stetiger Zu- und Abfluß an
ihrem Körper statt. Man wird versucht, dabei an Robert Mayers Theorie vom
Wiederersatz der Sonnenwärme durch Meteormassen zu denken.[535]

Die Welt als Ganzes ist zwar ohne Anfang und Ende; allein die einzelnen
Weltsysteme haben ihren Anfang und ihr Ende, aus Feuer entstanden gehen sie
in Feuer wieder unter, und zwar, da alles in der Welt sein festes Maß, auch
Zeitmaß, hat, nach Ablauf gewisser Perioden. Eine solche Periode nennt
Heraclit _ein großes Jahr_, das er zu 18000 Sonnenjahren angenommen haben
soll.[536]

Man sollte nun glauben, daß ein Monist, wie Heraclit, die Selbständigkeit
und Substantialität der Menschenseele konsequent habe leugnen müssen. Aber
dem ist nicht so. Sein Pantheismus schließt den Individualismus, wenigstens
als relativen, nicht aus, sondern ein.

Der Leib an sich ist starr und leblos, erst durch die Seele wird er bewegt;
die Seele aber ist ein unendlicher Teil des menschlichen Wesens, in ihr hat
sich das göttliche Feuer in relativ reinster Form erhalten. Je »trockener«
dieses Feuer ist, um so weiser und besser ist die Seele[537], durch
Feuchtigkeit wird dagegen das Seelenfeuer verunreinigt und geht die
Vernunft verloren, wie die Erscheinungen des Rausches, der »angefeuchteten
Seele« beweisen. Wie übrigens jedes Ding in unablässiger Umwandlung
begriffen ist, so auch die Seele, auch sie muß sich vom Feuer außer ihr
nähren, das sie durch die Sinnesorgane empfängt. Dieses beweist der Schlaf,
der das Licht des Bewußtseins verdunkelt. Und dennoch bewahrt die Seele
ihre Identität im Tode. Die Menschen, sagt er, sind sterbliche Götter, die
Götter unsterbliche Menschen; unser Leben der Tod der Götter, unser Tod ihr
Leben; denn solange der Mensch lebt, ist der göttliche Teil seines Wesens
mit den niederen Stoffen verbunden, von denen er im Tode wieder frei wird;
die Seelen durchwandern ebenfalls den »Weg nach unten« und »den Weg nach
oben«, sie treten in Leiber ein, weil sie der Veränderung bedürftig sind,
und ebenso verlassen sie die Leiber wieder.[538]

_Des Menschen wartet nach seinem Tode, was er nicht zu hoffen noch zu
glauben wagt._[539]

_Die besseren Menschen kehren nach dem Tode als Dämonen in ein reineres
Leben zurück_, die gewöhnlichen aber sinken weiter zum Hades herab.[540]
_Übrigens ist alles voll von Seelen und Dämonen._[541]

»_Wenn wir leben, sind unsere Seelen tot und in unseren Leibern begraben;
erst wenn wir sterben, erwachen sie zum vollen Bewußtsein und Leben._«[542]

Der Dämon des Menschen ist sein Gemüt. Von diesem hängt es allein ab,
glücklich zu leben und sich in die Weltordnung zu finden.[543] Die Meinung,
daß die Gottheit nach Belieben Glück oder Unglück verhänge, vertrug sich
nicht mit Heraclits Einsicht in die Gesetzmäßigkeit des Naturlaufs. Wohl
aber glaubte er an die Möglichkeit der Weissagung und erkannte z. B. in den
Sprüchen der Sibylle eine höhere Eingebung.[544]

In politischer Hinsicht war Heraclit ein Freund der Freiheit, und eben
darum ein schroffer Gegner der Demokratie, die auch den Besten nicht zu
gehorchen und keine hervorragende Größe zu ertragen weiß.[545]

Er legte seine Bücher über die Natur als ein frommes Opfer im Tempel der
großen Diana zu Ephesus nieder.[546]

Creuzer, +Symbolik und Mythologie II. 196+, hat zuerst die Vermutung
ausgesprochen, daß Heraclit ein Schüler der _Zoroastrischen_ Lehre gewesen.
»Was ihm der Orient und Egypten in der Religion seines Vaterlandes
dargeboten, was er aus eigenem dort erleichterten Verkehr mit dem
Morgenlande geschöpft hatte, durchdrang er mit griechischem, scharfen
Geiste, begründete er durch eigenes tiefes Denken, brachte es in
systematischen Zusammenhang, und machte es fruchtbar für sein Volk.«

»Aus _sich_ hat er also vieles genommen; aber daß er alles aus sich
genommen, daß er im strengsten Sinne Erfinder seiner Lehre sei, ist nicht
zu glauben.« »Heraclit geht sichtbar von der Priesterlehre und von Symbolen
der Lichtreligionen aus.«

Auch bei Zoroaster ist die Feindschaft, der Streit, der Grund der endlichen
Dinge. »Bedeutet doch des Bogens Namen (%bios%) Leben, sein Geschäft aber
ist der Tod.«[547] Daß diese Sätze in die Ephesische Priesterdogmatik
aufgenommen waren, wäre schon aus dem nachgewiesenen Zusammenhange der
Artemisischen Religion mit dem Feuerdienste Oberasiens wahrscheinlich. »Die
ganze Feuerlehre des Ephesers ist in Prinzip und Folgerungen Magismus,
besonders sein Satz von der Geburt der Götter aus dem Feuer.«[548] Freilich
auch bei den Egyptern finden wir Phtha, das Urfeuer, und selbst die
Sonnentheorie des Heraclit.

»Aus den Lichttheorien des Orients hatte er den Inhalt seiner Lehren
genommen, von dort nahm er auch seine Bilder.«

»Ob nun dieser Heraclitus einen Zoroaster geschrieben, wie spätere Zeugen
wollen, oder nicht, ist gleichgültig. Es ist genug, daß er Zoroastrisch
philosophiert hat, daß er gelehrt hat, wie der alte große Lichtlehrer
Zerethoschtro, der Stern des Goldes.«

Der Beiname des Dunklen, weil er »nicht redet, nicht verbirgt, sondern
andeutet«, findet sich zuerst in der pseudo-aristotelischen Schrift +de
mundo (c. 5)+. Sokrates soll gesagt haben, es bedürfe zum Verständnis
seiner Schreibweise eines delischen (tüchtigen) Tauchers. Könnte man ihn
aber mit Hinsicht auf den Inhalt seiner Lehre, einer Licht- und
Feuer-Religion, nicht vielmehr auch den _lichten_ nennen? Auch dadurch
würde sich für ihn die Coincidenz des Gegensatzes bestätigen.




Zweites Kapitel.

Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.


Pythagoras gehörte einer etwas früheren Zeit an, als Heraclit. Er steht als
_Dorer_ schon dem Stamme nach in einem gewissen Gegensatz zu den Jonischen
Philosophen.

Leider ist die Geschichte seines Lebens in ein solches mystisches Dunkel
gehüllt, daß in unseren Tagen, wo ja die historische Skepsis auf die
denkbar feinste Spitze getrieben worden ist, einzelne Forscher sogar seine
Existenz bezweifelt und die Möglichkeit bejaht haben, daß er ein bloßer
Kollektivname, eine Personifikation der ganzen orientalischen und
nordischen Weisheit sei.[549] Wir sind weit entfernt, diese, ja auch auf
vielen anderen Gebieten und besonders durch David Strauß an der Geschichte
Jesu bis zur Selbstironie übertriebene Skepsis, welche zum großen Teil der
aprioristischen negativen Voreingenommenheit des Materialismus gegen
mystische Berichte entspringt, unbedingt zu teilen, müssen aber zugeben,
daß die zweifellos historische Persönlichkeit dieses dorischen Denkers
dermaßen von Mythen umrankt ist, daß es schwer fällt, einen thatsächlichen
Kern aus dem Sagengewirr herauszuschälen. Fest steht, daß er ein Sohn des
Mnesarchus war und zu Samos, etwa um 582 v. Chr. geboren ist, von wo aus er
erst in späteren Jahren, vielleicht 529 v. Chr. nach Kroton in Unteritalien
übersiedelte und hier einen politisch-ethisch-religiösen Geheimbund
stiftete. Im übrigen wächst die Reichhaltigkeit der Mitteilungen über ihn
nahezu im quadratischen Verhältnisse der zeitlichen Entfernung und somit im
umgekehrten der Zuverlässigkeit. Am meisten wissen die fast ein
Jahrtausend später lebenden sog. Neupythagoräer und Neuplatoniker von ihm
zu erzählen, unter denen Jamblichus und Porphyrius sogar eine ausführliche
Lebensbeschreibung des Pythagoras liefern.

Von dem ihm zeitlich am nächsten stehenden Heraclit ist uns eine Äußerung
über Pythagoras erhalten[550], die eben keine wohlwollende Beurteilung
einschließt. Er sagt: »Pythagoras, der Sohn des Mnesarchus, hat Forschung
geübt von allen Menschen zumeist, und eklektisch sich _seine eigene_
Wahrheit gebildet, eine _Vielwisserei_ und _gelehrte Kunst_.«

Nicht unwahrscheinlich ist es daher, daß er, wie dies ja wißbegierige
Hellenen, z. B. Solon und Herodot vielfach thaten, auch große Reisen
gemacht und insbesondere sich auch in Egypten aufgehalten hat, um sich in
die dortige Priesterweisheit einführen zu lassen. Dadurch würde sich sein
mit dem, was als logische Grundlage seiner Philosophie berichtet wird, nur
unorganisch verknüpfter Glaube an die Seelenwanderung erklären. Jedenfalls
aber sind seine Reisen von den Späteren, deren einige ihn sogar bis nach
Indien zu den Brahmanen führen[551], sehr übertrieben, und Zeller bemerkt
wohl mit Recht, daß »nicht die bestimmte Kenntnis von seinem Verkehr mit
auswärtigen Völkern zu der Annahme über den Ursprung seiner Lehre, sondern
vielmehr umgekehrt die Voraussetzung von dem auswärtigen Ursprung seiner
Lehre zu den Erzählungen über seinen Verkehr mit Barbaren den Anstoß
gegeben haben wird.« Einige bringen ihn sogar mit dem mythischen König der
im Norden Griechenlands wohnenden Geten Zamolxis in Verbindung.[552]

Jedenfalls hat er keine Schriften hinterlassen, und die Behauptung des
Jamblichus, es seien wohl Schriften vorhanden gewesen, aber bis auf
Philolaos streng als Geheimnis der Schule bewahrt worden, verdient wenig
Glauben.[553]

Für den von ihm gestifteten Geheimbund wurde dessen politische
(aristokratische) Richtung verhängnisvoll. Derselbe wurde durch eine
blutige demokratische Revolution, den Aufstand der sog. »Kyloner«
vernichtet; bei einer Beratung im Hause des Milo zu Metapont sollen seine
sämtlichen Anhänger mit Ausnahme der Tarentiner Archippus und Lysis
umgekommen sein, da die Gegner das Haus umstellten und anzündeten.
Unwahrscheinlich ist der Bericht, daß Pythagoras selbst bei dieser
Veranlassung geendet habe, da diese sog. Kylonischen Unruhen mindestens 100
Jahre nach seiner Geburt datiert werden müssen.

Zuverlässige Mitteilungen über seine Lehre bieten uns nur Plato und
Aristoteles.

Darnach scheint dieselbe rationelle und mystische Elemente in
wunderlichstem Grade verquickt zu haben. Einerseits müssen wir annehmen,
daß die Mathematik und zwar die Geometrie in erster Linie ihm nicht
unbedeutende Fortschritte verdankt. Bekannt ist ja die Erzählung, daß er
den wichtigen nach ihm benannten Satz von der Flächengleichheit des
Hypotenusenquadrats und der Kathetenquadrate entdeckt und zum Dank dafür
den Göttern eine Stierhekatombe geopfert hat, woher das +bon mot+, daß
seitdem alle Ochsen zittern, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird.

Auch werden die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie
auf ihn zurückgeführt. Die Beobachtung der letzteren hat vermutlich den
Ausgangspunkt seiner Grundlehre gebildet.

Weil die Pythagoräer zwischen den Zahlen und den Dingen manche Ähnlichkeit
entdeckten, sagt Aristoteles[554], so hielten sie die Elemente der Zahlen
für die Elemente der Dinge selbst; sie sahen in der Zahl sowohl den Stoff
als die Eigenschaften der Dinge. Das Rationelle an dieser Einsicht
beschränkt sich auf die Erheblichkeit der quantitativen Beziehungen in der
Konstitution der Dinge und in der Beschaffenheit der Phänomene, die ja in
der That eine Grundlage des Verständnisses alles Daseins ist.

Alles weitere ist nur aus der im Anfange der menschlichen Denkarbeit, wie
es scheint, ganz unvermeidlich gewesenen und auch für uns Modernen immer
noch eine bedenkliche Klippe des Verstandes bildenden Hypostasierung oder
Verdinglichung abstrakter Begriffe zu erklären. In der Ausführung dieser
Zahlenphilosophie treffen wir nur auf zahlenmystische Spielereien und
Deuteleien. So ist die sog. Tetraktys, die Zahlengruppe 1, 2, 3, 4, deren
Summe 10 giebt, Gegenstand besonderer Heilighaltung gewesen, da sie die
Grundzahl der Menschenseele bilde. Diese spielerische Symbolik wurde
besonders auf die moralischen Erscheinungen übertragen; so sollen sie die
Gerechtigkeit bald auf die Zahl 3, bald auf die 4, bald auf die 5, bald auf
die 9 zurückgeführt haben. Weil alle Zahlen sich in ungerade und gerade
teilen, so fand man darin einen weiteren grundlegenden Wesensunterschied,
indem man das Ungerade dem Begrenzten, das Gerade dem Unbegrenzten
gleichsetzte. Das Begrenzte ist das Bessere und Vollkommene, das
Unbegrenzte und Gerade das Unvollkommene.

In 10 Gegengrundsätzen stellten sie die erste, höchst willkürliche Tafel
sogenannter Kategorien auf:

1. Grenze und Unbegrenztes. 2. Ungerades und Gerades. 3. Eins und Vielheit.
4. Rechtes und Linkes. 5. Männliches und Weibliches. 6. Ruhendes und
Bewegtes. 7. Gerades und Krummes. 8. Licht und Finsternis. 9. Gutes und
Böses. 10. Quadrat und Rechteck.

Über die _Theologie_ der alten Pythagoräer läßt sich nichts Sicheres
feststellen. »So unleugbar die Pythagoräer an Götter geglaubt haben, und so
wahrscheinlich es ist, daß auch sie der monotheistischen Richtung, welche
seit Xenophanes in der griechischen Philosophie so bedeutenden Einfluß
gewann, soweit gefolgt sind, um aus der Vielheit der Götter die Einheit
(%ho theos, to theion%) stärker, als die gewöhnliche Volksreligion,
herauszuheben, so gering scheint doch die Bedeutung der Gottesidee für ihr
_philosophisches_ System gewesen zu sein, und in die Untersuchung über die
letzten Gründe scheinen sie dieselbe nicht tiefer verflochten zu
haben.«[555]

Auch die _kosmologischen_ Einsichten des Pythagoras bezw. der ältesten
Pythagoräer werden vielfach mit Rücksicht auf spätere Unterschiebungen und
infolge allzu günstiger Deutung der wenigen unklaren Überlieferungen stark
überschätzt.

Das Weltgebäude selbst dachten sich die Pythagoräer als eine Kugel. Im
Mittelpunkt derselben nahmen sie ein Centralfeuer an. Um dieses sollen
_zehn_ himmlische Körper sich von West nach Ost bewegen, zunächst die 5
Planeten Merkur, Venus, Mars, Saturn und Jupiter, dann die Sonne, der Mond
und die Erde. Als zehnten Himmelskörper, wohl nur, um die heilige Zehnzahl
voll zu machen, setzten sie dann eine sog. Gegenerde, +antichthon+; der
äußerste Umkreis aber wird durch eine feurige Region, das Empyreum,
gebildet.[556] Das ganze System erhält sein Licht und seine Wärme mittelbar
vom Centralfeuer und unmittelbar von der Sonne.

Wenn einzelne Historiker der Astronomie in der sog. Gegenerde die andere
Halbkugel der Erde sehen wollen und dem Pythagoras schon die nachweisbar
erst von Heraclides Ponticus, Ekphant, Plato und Hicetas behauptete
Axendrehung der Erde als bekannt zuschreiben, so ist das, wie gesagt, eine
zu günstige Auslegung. Nur die Kugelform der Erde ist den alten
Pythagoräern bekannt gewesen. Mit dieser Anschauung vom Bau der Welt
verband sich nun die berühmte Lehre von der _Harmonie der Sphären_.

Jedes der Gestirne bringt durch seinen Umschwung um das im Mittelpunkt
stehende Centralfeuer einen eigenartigen Ton hervor, da jeder schnell
bewegte Körper einen Ton erzeugt. Diese Töne der Planeten setzen sich zu
einer Harmonie zusammen; daß wir von dieser Sphärenharmonie, die man sich
durch eine Anzahl verschieden abgestimmter Brummkreisel veranschaulichen
könnte, nichts hören, erklärte man durch die Bemerkung, es gehe uns damit
wie den Bewohnern einer Mühle; da wir das gleiche Geräusch von Geburt an
unausgesetzt vernehmen, so kämen wir nie in den Fall, sein Dasein am
Gegensatz der Stille zu bemerken.

Was die _Psychologie_ des Pythagoras betrifft, so ist unstreitig zunächst
seine Lehre von der Seelenwanderung, die man unrichtig gewöhnlich als
_Metempsychose_, also wörtlich übersetzt »Umbeseelung« bezeichnet, während
man richtiger von einer _Metensomatose_, d. h. Umkörperung reden sollte.
Pythagoras wurde dieser Lehre wegen schon von Xenophanes verspottet[557];
und in der That scheint die Seelenwanderungslehre der alten Pythagoräer
sich von der krassesten Form dieses Aberglaubens, der sogar eine Wanderung
der Menschenseele in Tier- und Pflanzenleiber für möglich hielt, nicht sehr
weit entfernt zu haben. Andererseits berichtet auch Aristoteles in seiner
Psychologie, einige von den Pythagoräern hätten die Seelen in den
Sonnenstäubchen oder auch in dem, was diese bewege, gesucht.[558]

Gleichzeitig wurde auch der Glaube an unterirdische Wohnsitze der
Abgeschiedenen festgehalten, und nach Aelian +V. H. IV. 17+ soll Pythagoras
sogar die Erdbeben von Wanderungen (%synodoi%) der Toten hergeleitet
haben. Vielleicht läßt sich der Seelenwanderungsglauben und der an einen
Aufenthalt im Hades so zusammenreimen, wie dies später bei Plato und Vergil
geschieht, daß nämlich ein Teil der Seelen vor dem Wiedereintritt in einen
Körper sich durch Strafen und Qualen im Hades, der dann also als Fegefeuer
dient, läutern muß.

Ob die Pythagorärer sich die Verbindung der Seele mit ihrem Leibe durch
Wahl, wie später Plato, oder durch natürliche Verwandtschaft oder durch den
Willen der Gottheit bestimmt dachten, ist nicht klar zu stellen.
Wahrscheinlich war ihre Lehre in dieser Richtung noch nicht fest
ausgebildet. Ebenso wenig wissen wir, ob und wieso sie ihre
Seelenwanderungslehre mit der Grundlehre des Systems, wofern man ihnen
überhaupt ein System zuschreiben darf, von den Zahlen in Verbindung
gebracht haben.

Wenn nämlich einerseits berichtet wird, Pythagoras habe die Seele als
Harmonie des Körpers aufgefaßt, so könnte man daraus auf eine die
Unvergänglichkeit der Seele leugnende materialistische Psychologie
schließen.

Denn sofern die Harmonie das Produkt einer Zusammensetzung ist, muß sie ja
zweifellos mit der Auflösung des Zusammenhangs untergehen. Andererseits ist
aber doch der Pythagoräische Unsterblichkeitsglaube zu gut beglaubigt. Da
sie die Zahl hypostasierten, wird man bei ihnen vielleicht den Keim jener
späteren neuplatonischen Definition der Seele als einer idealen oder sich
selbst »bewegenden« Zahl voraussetzen dürfen, die eine große Rolle bei
Plotin und später noch bei Bruno spielt.[559] Dem modernen Kritizismus
freilich, dem die Zahl ein subjektiver Beziehungsbegriff ist, muß eine
solche Verdinglichung derselben ganz unverständlich erscheinen. Allein die
Hypostasierung der Gedankenbewegung ist ja eben das eigentliche Element
aller Spekulationsdichtung.

Endlich haben nach Angabe des Aristotelikers Eudemos[560] die Pythagoräer
schon jene eigentümliche Lehre von einer Wiederbringung aller Dinge und
Ereignisse aufgestellt, die dann mit besonderer Vorliebe von einigen
Stoikern und Neuplatonikern kultiviert worden ist und die in unserem
Jahrhundert eine der Beachtung meistens infolge der abstrakten Fassung
entgangene merkwürdige Neubegründung durch einen deutschen Philosophen
erhalten hat, bei dem man eine solche mystische Konzeption am
allerwenigsten vermuten möchte, nämlich durch den Realisten v. Kirchmann.
Vergl. dessen Schrift: +Die Unsterblichkeit, Berlin 1865. IV, 3.+ +Die
Wiederkehr des Wissens. S. 130+: »Wenn irgend ein Wirksames fortschreitend
das Wissen in dem Sein erweckt, so ist es sehr wohl möglich, daß solcher
Ursachen nicht bloß _eine_ besteht, sondern daß _mehrere_ in gewissen
Abständen einander folgen. Die Wirkung würde dann _die_ sein, daß das Sein
des Menschen nach seinem Tode nicht für alle Ewigkeit zur Bewußtlosigkeit
verdammt bliebe, sondern daß mit dem Eintritt eines zweiten Lichtstreifens,
welcher in gleicher Weise fortschritte, das Sein des Menschen wieder mit
dem Bewußtsein sich verbinden würde. Wäre dieser zweite Lichtstreifen dem
ersten durchaus gleich, so würde das bewußte Leben des Menschen ganz in
derselben Weise sich dann wiederholen, wie er es bereits das erste Mal
durchlebt hat; dieselbe Jugend, dasselbe Alter, dieselben Handlungen,
dieselben Freuden und Leiden würden noch einmal von ihm wiederholt werden.
Dies zweite Leben wäre nur eine genaue Wiederholung des ersten.« -- Eine
wenig verlockende Aussicht! Man sieht, es kann nichts so Wunderliches
erdacht werden, was nicht irgend ein Philosoph auch einmal alles Ernstes
für erwiesen oder wenigstens probabel erkennte! Die ausführlichste
Darstellung dieser Idee giebt »Synesios, die Aegypter oder die Vorsehung«.
Vergl. auch Bruno, +de Triplici minimo, c. l. v. 170-174+.

Die ägyptische, pythagoräische Seelenwanderungslehre, die wir als
Metensomatose (Umkörperung) bezeichnet haben, mußte bei den gebildeten
Griechen schon früh Anstoß erregen. Man versuchte ihr daher allmählich eine
bloß allegorische Deutung zu geben, unter Anspielung auf die homerische
Wendung von der Zauberin Kirke, welche Menschen in Tierleiber verwandelte.
So erzählt Xenophon in seinen Memorabilien des Sokrates 3, 7, daß letzterer
oft scherzend geäußert habe, er glaube »Kirke habe dadurch Leute zu
Schweinen gemacht, daß sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei
darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und
aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem übermäßigen Genusse der Speisen
gehütet habe.«

Plato entwickelte hieraus die feinere und mehr pantheistisch zu denkende
Lehre von der _Palingenesie_, deren Unterschied von der groben Umkörperung
darin besteht, daß sie nur annimmt, daß die _allgemeine_ oder die Weltseele
in allen wechselnden Erscheinungen der Körperwelt wirksam bleibe.[561]

Als der erste Pythagoräer, der die Lehre seines Meisters in einer Schrift
dargestellt hat, gilt Philolaos, ein Zeitgenosse des Sokrates. Die von
dieser Schrift überlieferten Fragmente, denen aber fremdartige Elemente
beigemischt zu sein scheinen, hat Boeckh zusammengestellt. (+Philolaos des
Pythagoräers Lehren nebst den Bruchstücken seines Werkes. Berlin 1819.+)
Ein anderer Jünger des Pythagoras, der Arzt und Anatom Alkmäon, ein
Krotoniate, wird von Aristoteles und Theophrast erwähnt und soll zuerst den
Sitz der Seele in's Gehirn verlegt haben, zu dem alle Empfindungen von den
Sinnesorganen aus durch Kanäle hingeleitet würden. Der schon erwähnte
Lysis, der sich beim Brande des Milonischen Hauses rettete, begab sich nach
Theben und wurde dort der Lehrer des Epaminondas. Vielleicht war dieser
Lysis Verfasser der sog. goldenen Sprüche des Pythagoras. Außerdem werden
als ältere Pythagoräer noch genannt der Tarentiner Eurytus, der Architekt
Hippodamus aus Milet, ein Zeitgenosse des Sokrates und Epicharmus von Kos,
endlich jener Tarentiner Archytas, dessen mathematisch-physikalische
Kenntnisse und Tod auf dem Meere Horaz in der +Ode 18, Buch I+, mit den
Versen verewigt hat:

    +Te maris et terrae numeroque carentis arenae
        Mensorem cohibent, Archyta,
    Pulveris exigui prope litus parva Matinum
        Munera, nec quicquam tibi prodest
    Aërias temptasse domos animoque rotundum
        Percurrisse polum morituro.+

                  *       *       *       *       *

Die Pythagoräer sollen sich durch besondere Mäßigkeit im Genuß von
Nahrungsmitteln und einfache Kleidung ausgezeichnet haben. Ob sie, wie
später behauptet worden ist, ganz vegetarisch lebten und sexuelle
Enthaltsamkeit forderten, ist zweifelhaft.[562] Wenigstens Gellius, +Noctes
Atticae IV, 11+ schreibt: Es ist eine alte, aber falsche Ansicht, der
Philosoph Pythagoras habe keine Fleischspeisen genossen und sich auch jener
Bohne enthalten, welche die Griechen +cyamus+ nennen (sog. große oder
Saubohne, ein besonders bei den Westfalen mit Schinken oder Speck beliebtes
Gemüse). In dieser unrichtigen Meinung hat Cicero im ersten Buch von dem
Ahnungsvermögen folgendes geschrieben:

Plato schreibt daher vor, daß man sich in solcher Leibesverfassung schlafen
legen solle, daß alles, was die Seele in Irrtum und Unruhe bringen könne,
vermieden sei. Und deshalb soll auch den Pythagoräern verboten sein, Bohnen
zu essen, da diese leicht starke Blähungen erzeugen, was für Leute, die
nach geistiger Ruhe trachten, widerwärtig sein muß. So zwar Cicero. Aber
Aristoxenos, ein in der alten Litteraturgeschichte sehr gelehrter Mann,
der Hörer des Philosophen Aristoteles, behauptet, daß Pythagoras gerade
keine andere Hülsenfrucht öfter gegessen habe, als die Bohne, da dieselben
langsam abführend und erleichternd wirkten. Die eigenen Worte des
Aristoteles lauten: »Pythagoras liebte unter den Hülsenfrüchten am meisten
die Bohne. Denn sie sei abführend und erleichternd. Deshalb aß er sie am
meisten.«

Derselbe Aristoxenos berichtet auch, daß er gern Schweinefleisch und
Lammfleisch gegessen. Er scheint dies von dem Pythagoräer Xenophilus,
seinem Freunde, und einigen anderen Zeitgenossen des Pythagoras erfahren zu
haben. Die Ursache des Irrtums hinsichtlich des Bohnenverbots wird in einem
Gedichte des Empedocles, das die Pythagoräische Lehre betrifft, gefunden:

    »Elende Welt, enthalte dich doch des Genusses der Bohne!«

Hier haben die meisten angenommen, sei die Hülsenfrucht der Bohne gemeint.
Die aber, welche die Verse des Empedocles scharfsinniger auslegen, wollen
an dieser Stelle unter Bohnen die Geschlechtsteile verstanden wissen,
welche von den Pythagoräern wegen der (im Griechischen) auffälligen
etymologischen Verwandtschaft (%kyamoi%, +quod sint+ %aitioi tou kyein%) so
genannt seien.

Empedocles habe daher die Menschen nicht vor dem Genuß der Bohnen, sondern
vor der geschlechtlichen Ausschweifung warnen wollen.

Allgemein bekannt ist, daß Pythagoras behauptet haben soll, er sei in einem
früheren Leben Euphorbus gewesen; weniger, was Clearchus berichtet, daß er
später als Pyrrhus, dann als Aethalides und zuletzt als ein schönes Weib,
namens Alco, das sich der Prostitution ergeben habe, sich wieder verkörpert
habe.

Die zuletzt von Gellius erwähnte Fabel zeigt deutlich, bis zu welchem Grade
in späteren Zeiten die Person des Pythagoras zum Gestell abgeschmacktester
Fabeleien mißbraucht wurde, gewiß kein beneidenswertes posthumes Schicksal
für einen Philosophen.

Vielleicht aber hat Pythagoras selbst einige Veranlassung zu den über ihn
berichteten Mythen gegeben. Denn nach einer Äußerung des Plutarch, der ihn
übrigens sogar in ganz unhistorischer Weise mit Numa in Verbindung bringt,
möchte man annehmen, daß er es nicht verschmäht hat, ungefähr wie die
modernen Theosophen, seinen theoretischen Lehren durch »magische« Künste
Nachdruck zu verschaffen. Plutarch erzählt, daß er einen Adler abgerichtet
und ihn durch gewisse Worte mitten im Fluge aufgehalten und zu sich
herabgelockt habe, -- wir hätten in ihm also das historische Vorbild des
bekannten Mannes »mit Speck unterm Hut«; -- nach Aelian +IV, 17+ hätte
schon Aristoteles erzählt, daß Pythagoras einmal gleichzeitig in Kroton und
Metapont gesehen worden sei (also Doppelgängerei oder sog. Majavi-Rupa nach
Art der berüchtigten Blavatzki-Mahatmas +fin de siècle+), aus dem Wasser
eines Brunnens soll er ein Erdbeben drei Tage vor seinem Eintritt
prophezeit haben; mit der Seele eines Freundes soll er nach dessen Tode in
fortwährendem Verkehr gestanden und +last not least+ eine goldene Hüfte
gehabt haben und einmal von einem veritablen Flußgott angeredet worden
sein.[563]

Der um das Jahr 270 vor Christi Geburt lebende Epigrammendichter Timon von
Phlius, ein Freund des Königs Antigonus von Makedonien widmete ihm daher
folgende Denkschrift:

    Pythagoras hascht nur nach dem eitlen Ruhme des Gauklers,
    Menschen weiß er geschickt durch blendende Reden zu fangen.




Drittes Kapitel.

Die Eleaten.


Als Eleaten bezeichnet man vornehmlich drei Philosophen, die sämmtlich in
Elea, einer Stadt Unteritaliens lebten und lehrten. Der Gedankenkreis
dieser Männer ist, wie Eugen Dühring[564] mit Recht bemerkt, der subtilste,
dessen die gesammte griechische Philosophie sich rühmen kann.

Wir finden bei ihnen bereits erkenntniskritische und weltschematische
Probleme erörtert, wie sie die moderne Philosophie erst mit Kant ernstlich
wieder aufgenommen hat. Im allgemeinen läßt sich die Eleatik als der erste
unbeholfene Versuch eines _idealistischen_ Monismus bezeichnen. Ihr
einziges Endziel bildet die Erkenntnis des »reinen Sein«, welches der
bestimmungslose Grund alles Werdens ist, während das empirische Sein, das
räumlich-zeitliche Dasein nur Erscheinung ist. Indem sie damit schließlich
zu dem Satze kommt: »Nur das Sein ist und das Nichtsein, das _Werden_, ist
gar nicht«, bildet sie die dialektische Antithese zu der geschilderten
objektiv-realistischen Weltanschauung des Joniers Heraclit.

Durch ihre entschieden logische Richtung blieb die Eleatik mehr als der
Pythagoräismus und Platonismus vor occultistischen Trübungen bewahrt. In
einer Geschichte des Occultismus in demjenigen Sinne, in welchem
Kiesewetter dieses Werk auffaßte, können sie daher keinen »Ehrenplatz«
beanspruchen. Wenn ich ihnen gleichwohl eine Stelle in diesem Bande
einräume, so geschieht dies nicht sowohl aus meiner persönlichen, größeren
Sympathie mit diesen wirklich rationellen Denkern, welche zugleich in
wohlthuendem Gegensatz zu den Pythagoräern von jeder Wichtigthuerei mit
»Geheimwissen« und jeder »Geheimbündelei« sich frei hielten, als um darauf
hinzuweisen, daß der griechische Geist ursprünglich in der That kräftig
genug gewesen ist, die größten Probleme des philosophischen Denkens
wenigstens festzustellen, sodaß wir nur bedauern müssen, daß sein
vorzeitiges Altern und die durch orientalische Einflüsse in Verbindung mit
der zersetzenden Sophistik verursachte Entartung die Gedankenkeime der
Eleatik nicht zur Entwickelung gelangen ließ.




I.

Xenophanes.


Der Begründer der eleatischen Schule ist Xenophanes. Als seine Vaterstadt
wird Kolophon genannt. Er wanderte frühzeitig in die phokäische Kolonie
Elea, deren Gründung er in einem aus 2000 Hexametern bestehenden Gedicht
besungen haben soll, aus. Der größere Teil seiner langjährigen Wirksamkeit
ist in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Chr. zu versetzen. Lucian
giebt seine Lebensdauer auf 91 Jahre an. Seine philosophischen Ansichten
legte er in einem Lehrgedicht »über die Natur« nieder, von dem uns
zerstreute Fragmente erhalten sind.[565]

Xenophanes ist zwar von einer allen Forschungswert und die Wahrheitsliebe
selbst vernichtenden Skepsis weit entfernt; allein er meint, daß die
Wahrheit nur allmählich und mühsam entdeckt werden kann; er glaubt, daß
eine vollkommene Sicherheit des Wissens selbstverständlich nur in
philosophischen, besonders metaphysischen Dingen unmöglich ist und will
deshalb auch seine eigenen Ansichten nur als wahrscheinlich
bezeichnen.[566]

    Nichts genaues hat jemals ein Mensch gewußt noch auch wird je
    Wissen ein Mensch über Götter und übernatürliches Wesen,
    Sollt' auch in vielerlei Richtung er Richtiges treffend behaupten,
    Wissen kann er es nicht. Zu meinen ist allen beschieden.

In diesem Sinne behauptet er zunächst die Einheit der Welt und nennt das
Weltganze Gott. Er ist der Urheber des %hen kai pan%, des »Eins und Alles«.
Er scheint sich aber diese Einheit der Welt nicht in gewöhnlicher
pantheistischer (unbewußter), sondern in theistischer Wesenheit gedacht zu
haben; denn der Eine Gott ist ihm »ganz Auge, ganz Ohr, ganz Sinn und
Bewußtsein.«[567] Entschieden tritt sein reiner Monotheismus der
Vielgötterei entgegen und besonders tadelt er, fast wie ein Apostel des
Christentums, daß die alten Dichter den »Göttern« so mancherlei
Unsittlichkeiten angedichtet haben.[568]

Die Menschen scheinen sich ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen
zu haben.

Jeder stellt sich die Götter so vor, wie er selbst ist, der Neger schwarz
und plattnasig, der Thracier blauäugig und rothhaarig, und wenn die Pferde
und Ochsen malen könnten, so würden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde
und Ochsen darstellen.

Von seinen physikalischen Ansichten wird mitgeteilt, daß er angenommen
habe, daß die Erde sich nach unten, wie auch die Luft nach oben hin
unbegrenzt weit hin erstrecke; wahrscheinlich hat er indeß die Kugelform
der Erde gelehrt. Das Vorkommen versteinerter Seetiere in den Bergwerken
von Syrakus führte ihn zu der Annahme, daß das Meer das Land bedeckt haben
müsse.




II.

Parmenides.


Parmenides war ein Schüler des Xenophanes (geboren etwa 515 v. Chr. zu
Elea). Auch er legte seine philosophischen Gedanken in poetischer Form
nieder, indem er ein Lehrgedicht »über die Natur« verfaßte.

Dasselbe zerfiel in zwei Hauptteile, in die Lehre vom Sein (der Wahrheit)
und vom Schein. Das Nichts kann kein Objekt des Denkens sein. Folglich ist
Denken und Sein identisch. Das Seiende kann ferner nicht anfangen oder
aufhören, zu sein. Denn es kann doch aus dem Nichtseienden nicht entstanden
sein und also auch nicht in Nichtsein übergehen. Es ist ferner unteilbar
und unbeweglich, _und da es nicht unvollendet und mangelhaft sein kann,
muß es begrenzt sein_. Obwohl nun Parmenides für seiend nur dieses Eine
unteilbare, den Raum ausfüllende, unbewegliche Wesen erklärt, geht er doch
im zweiten Teil seines Gedichtes auf die »nichtseiende« Erscheinungswelt
über, um seine »Ansichten« über dieselbe darzustellen. Er betont dabei
ausdrücklich, daß diese Ansichten keine philosophische Wahrheit im engsten
Sinne, sondern nur die Gestalt bieten, in welcher in dem denkenden Geiste
die nicht seiende Erscheinungswelt sich spiegelt.

Seine kosmologische Anschauung scheint sich von der pythagoräischen nicht
unterschieden zu haben.

Doch werden uns neben diesen einige nicht uninteressante anthropologische
Bemerkungen überliefert. So soll er sich die erste Entstehung des Menschen
als eine Entwickelung aus dem Erdschlamm durch die Sonnenwärme
herbeigeführt gedacht haben.

Überhaupt aber scheint er, insofern der Vorläufer der Naturphilosophie des
Telesius[569], alle Erscheinungen der Natur aus zwei unveränderlichen
Gegensätzen, die Aristoteles als Warmes und Kaltes, als Feuer und Erde
bezeichnet, abgeleitet zu haben. Von diesen beiden, bemerkt Aristoteles
weiter, stellte er das Warme mit dem Seienden, das Kalte mit dem
Nichtseienden in Parallele. Alle Dinge sind ihm aus diesen Gegensätzen
gemischt; je mehr Feuer, destomehr Sein, Leben und Bewußtsein.




III.

Zeno, der Eleat.


Zeno, der Eleat, wohl zu unterscheiden von dem etwa ein Jahrhundert später
geborenen Begründer der stoischen Schule Zeno aus Cittium, ist durch seine
bekannten logischen Argumente zur indirekten Beweisführung der eleatischen
Hauptlehre von der Einheit des Seins berühmt:

1. Wenn vieles wäre, so müßte dasselbe zugleich unendlich _klein_ und
unendlich _groß_ sein, jenes wegen der Größelosigkeit der letzten Teile,
dieses wegen der unendlichen Vielheit derselben. Ferner müßte ja das Viele
der Zahl nach begrenzt und doch auch unbegrenzt sein.

2. Die Realität des Raumes leugnet Zeno; denn, wenn alles Seiende in einem
Raume wäre, so müßte der Raum auch wieder in einem Raume sein, und so fort
ins Unendliche.

3. Die Bewegung ist nichts Wirkliches. Denn:

a) Die Bewegung kann nicht beginnen, weil der Körper nicht an einen anderen
Ort gelangen kann, ohne zuvor eine unbegrenzte Zahl von Zwischenorten
durchlaufen zu haben.

b) Achilleus kann die Schildkröte nicht einholen, weil dieselbe, so oft er
an ihren bisherigen Ort gelangt ist, trotz ihrer langsameren Bewegung auch
diesen immer schon wieder verlassen hat.

c) Der fliegende Pfeil ruht. Denn er ist in jedem Moment nur an _einem_
Orte.

d) Der halbe Zeitabschnitt ist gleich einem ganzen; denn der nämliche Punkt
durchläuft mit der nämlichen Geschwindigkeit einen gleichen Weg, das eine
Mal in dem halben, das andere Mal in dem ganzen Zeitabschnitt.[570]

                  *       *       *       *       *

Wir können nur bedauern, daß uns die eleatische Philosophie nur
bruchstückweise, besonders in den Schriften des Aristoteles, der sich
eingehend mit ihrer Widerlegung beschäftigt, erhalten ist. Denn wir sehen,
daß in ihr der menschliche Geist zum ersten Male mit echt philosophischer
Besonnenheit die höchsten Probleme des rein logischen und
erkenntniskritischen Denkens, die Frage nach der Einheit des Seins, dem
Wesen von Raum und Zeit, dem Verhältnis von Wirklichkeit und Erscheinung,
dem Begriff der Unendlichkeit sich wenigstens formuliert hat. Die deutliche
Formulierung der Aufgabe ist aber der erste große Schritt zur Lösung. Es
kann nun hier nicht der Ort sein, auch noch zu untersuchen, wie weit die
ersten Schritte zur Lösung der Aufgabe selbst von den Eleaten in der
Richtung des selbst heute noch keineswegs _erreichten_ Endziels geführt
haben; selbstverständlich können diese ersten Schritte nur höchst unsicher
und unbeholfen gewesen sein. Eine vortreffliche Würdigung der Eleatischen
Gedanken bietet Dühring in seiner +Geschichte der Philosophie I, S. 34-50+,
und ich hebe aus den Bemerkungen dieses eminent kritischen Philosophen nur
folgende Sätze hervor: »Der Begriff des einheitlichen Seins repräsentiert
die höchste zusammenfassende Kraft des Denkens und die größte Energie der
spekulativen Synthese.« -- Die Hauptschwierigkeit, auf welche zuerst
aufmerksam gemacht zu haben, ein besonderes Verdienst der Eleaten ist,
liegt in der Idee des Unendlichen. »Die zwingende Kraft und die eigentliche
Schlüssigkeit der Eleatischen Wendungen ist in der That in jener logischen
Notwendigkeit zu suchen, die nicht gestattet, das Unendliche als vollendet,
die Unzahl als gleichsam abgezählt und abgeschlossen zu denken. Hier liegt
die Kraft und Schärfe der Eleatischen Dialektik verborgen, nicht aber in
anderen untergeordneten Umständen und Hilfsmitteln der Darlegung. Es ist
der falsche Unendlichkeitsbegriff, der sich überall und auch da, wo er
zunächst garnicht sichtbar ist, als die wahre Ursache der Unvereinbarkeiten
erweist. Er ist es, der die Idee der Veränderung und Vielheit verdächtig
macht. Er verschuldet die Unzerlegbarkeit der Bewegung. Auf seine Fassung
wird in letzter Instanz bei jeder Wendung zurückgegriffen, und der
Widersinn einer absolvierten Unendlichkeit ist der logische Obersatz und
das leitende Prinzip aller gegen die gemeine Vorstellung gerichteten
Ansprüche.«

Das nun, was Dühring in seinen philosophischen Systemschriften als »Gesetz
der bestimmten Anzahl« erwiesen hat und wodurch sich der bisher herrschende
falsche Unendlichkeitsbegriff ausgemerzt findet, ist auch der Schlüssel, zu
den Rätseln der Eleaten, überdies aber, was mehr bedeutet, _der Eröffner
eines richtigen logischen Seins- und Weltschematismus_.

Hierin liegt auch von dem kritischen Standpunkte aus, den der Herausgeber
zum »Occultismus« einnimmt, schließlich die Berechtigung, den Eleaten einen
Platz innerhalb einer Geschichte des »Occultismus« einzuräumen. Denn bei
denjenigen feineren Wendungen der occultistischen oder »mystischen«
Geistesrichtung, die sich über das wüste Ideendelirium der Kabbalisten und
ähnlicher »Offenbarungen« einer intellektuellen Anschauung (+lucus a non
lucendo+) zum Versuche einer logischen Rechtfertigung erheben, ist es ja
allemal der falsche Unendlichkeitsbegriff, der den Ausgangspunkt oder
richtiger Eingangspunkt in ein Labyrinth bildet, aus dem kein Ausweg
möglich ist. Mit vollem Rechte hat daher du Prel selbst Kant, der auf die
eleatischen Fragen auch nur eine traum-idealistische Antwort zu geben
verstand, als Mystiker in Anspruch nehmen können.[571] Auch ist ja das
Sinnbild jener falschen Unendlichkeit, _die sich selber in den Schwanz
beißende Schlange_, das Symbol der neubuddhistischen Theosophie. Von der
ernsten Rechenschaft freilich, welche sich die Eleaten über die
angedeuteten Probleme zu geben versuchten, findet man bei diesen
Neu-Buddhisten europäischer Abstammung keine Spur. Vielmehr dient ihnen der
Hinweis auf die bloß phänomenale Seite der Wirklichkeit nur zur
Rechtfertigung jeglicher, auch der wüstesten _traumhaften_
Lebensauffassung. Die Eleaten aber sind, wie richtig Dühring bemerkt,
ungeachtet ihrer noch nicht genügenden Klärung über den Begriff des Seins
und seines Verhältnisses zum Denken, doch weit entfernt gewesen, die
gegenständliche Existenz der Dinge zu leugnen. Sie waren empirisch
Realisten und nur transcendentale Idealisten.

Vergl. Kant, +Kritik der reinen Vernunft (Kehrbach S. 55, 56)+. »Offenbar
kann es sich in keiner philosophischen Vorstellung um die Leugnung der
Existenz überhaupt, sondern stets nur um die _Rangordnung_ der Realitäten
handeln.«[572]




Viertes Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

I.

Empedocles.


Mit Empedocles tritt uns ein »Philosoph«, wenn wir ihn so nennen dürfen,
entgegen, der zwischen Heraclit und der eleatischen Schule eine
selbständige Stelle einnimmt und die anscheinend unversöhnbaren Gegensätze
dieser beiden Richtungen, sofern ersterer alle Beharrlichkeit der Substanz
aufhob und das Sein als ewiges Werden bezeichnet, letztere aber die
Bewegung und Veränderung leugnete, augenscheinlich zu überbrücken versucht.
»Occultistisch« ist Empedocles jedenfalls interessant, weil die über ihn
erhaltenen biographischen Notizen ähnlich, wie diejenigen über Pythagoras,
ganz abnorme Dinge bieten, die in der That, soweit sie nicht, wie bei
Pythagoras, großenteils auf fabuloser Übertreibung beruhen, die Vermutung
nahe legen, daß Empedocles ein Praktiker auf dem Gebiete der sog.
Geheimwissenschaften gewesen ist, und zwar eine Faust-Natur, die es sich
nicht versagen konnte, sich ein wenig als Wundermann aufzuspielen, was
freilich seine moralische Qualität in weniger günstigem Lichte erscheinen
läßt.

Empedocles ist um 490 v. Chr. zu Agrigent auf Sizilien geboren. Er
entstammte einem reichen und vornehmen Geschlecht. Dies geht schon daraus
hervor, daß sein gleichnamiger Großvater bei den olympischen Festspielen
mit einem Viergespann den Sieg davontrug, bekanntlich bei den alten
Hellenen nicht nur ein Zeichen feinster Aristokratie, sondern auch eine der
unvergeßlichsten Auszeichnungen, würdig plastischer und poetischer
Verewigung. Irrtümlich haben spätere diesen Sieg dem »Philosophen« selber
zugeschrieben.

Ungeachtet seiner aristokratischen Abstammung und entgegen der sonstigen
Haltung griechischer Denker scheint er sich politisch zur demokratischen
Fraktion gehalten zu haben. Er soll die ihm angebotene Tyrannis verschmäht
haben[573]; mußte aber gleichwohl die Wandelbarkeit der Volksgunst erfahren
und verließ wahrscheinlich infolge eines Verbannungsbeschlusses Agrigent,
um dann im Peloponnes, vielleicht durch einen Sturz vom Wagen, sein Leben
zu enden.

Empedocles scheint stellenweise weniger ein Philosoph als vielmehr ein
richtiger Medizin-Mann im Sinne des Indianer-Jargons gewesen zu sein, und
zwar ein solcher, der eine teilweise vielleicht ganz rationelle hygienische
Technik, um sich ein größeres Ansehen bei der gläubigen Masse zu
verschaffen, mit dem Humbug eines Paracelsus vereinigte.

Ein historischer Kern steckt gewiß in der Erzählung, daß er die Stadt
Selinunt, die infolge von Verjauchung eines sie durchströmenden Flüßchens
durch Pestilenz heimgesucht wurde, dadurch von dieser Pestilenz befreite,
daß er, und zwar, wie hinzugefügt wird, auf eigene Kosten zwei
Nachbarflüsse mit dem verjauchten Flußbett durch Kanäle vereinigte und so
durch vermehrten Zufluß das verpestete Wasser aus der Stadt ableitete. Die
Selinuntier haben zum Andenken daran Denkmünzen geprägt, deren zwei uns
erhalten sind. Eine Abbildung derselben, welche das Ereignis sinnbildlich
darstellen und den Philosophen neben dem Fernhintreffer Apollo, den Erreger
der Epidemie, auf einem Wagen zeigen, wie er dem unheilstiftenden Gotte in
die Zügel fällt, findet man in Karstens +Empedoclis Carminum reliquiae
S. 23+.

Das höchste Interesse gläubiger Occultisten fordert aber die Erzählung
heraus, daß er seine Vaterstadt, die von trockenen Winden dermaßen
heimgesucht wurde, daß alle Früchte verdarben, _von diesen schädlichen
Winden befreite_, eine That, die ihm sogar den Ehrennamen %kôlysanemas%
oder +ventos arcendi artifex+ eintrug. Nach einer Mitteilung des Thimaeus
soll er dies durch Einfangen der Winde in Eselhäuten erreicht haben, was
beinahe an eine bekannte Erzählung von den Schöppenstedtern erinnert. Mir
persönlich erscheint die Erzählung der angeblich wunderbaren Heilung eines
hysterischen Frauenzimmers namens Panthea von Atemlosigkeit (%apnoia%) und
totenähnlicher Starre glaubhafter, die, wie Heraclides berichtet, ihn in
den Ruf brachte, Tote zum Leben erwecken zu können.[574] Über die
hypnotische Technik muß er in hohem Grade verfügt haben. Denn als einst in
seiner Gegenwart ein rasender junger Mann einen seiner Gastfreunde mit
gezücktem Schwerte durchbohren wollte, soll er denselben durch bloßes
Anstimmen eines besänftigenden Zaubersangs sofort entwaffnet haben.[575]

Es ist unleugbar, daß Empedocles selber sich den Besitz übernatürlicher
Weisheit und magischer Kräfte und zwar mit ziemlich charlatanmäßiger
Großsprecherei zugeschrieben hat, er suchte schon durch seine äußerliche
Erscheinung Aufsehen zu erregen, trug, wie auch heute noch gern derartige
»Brüder«, ungeschorenes langes Haupthaar, affektierte in stets
salbungsvoller Rede eine tragische schauspielerische Würde und kleidete
sich nur in langen Purpurgewändern, die er mit weithin klingenden
Erzschellen besetzt hatte, stets hatte er bei öffentlichem Auftreten einen
Lorbeerzweig in der Hand und das Haupt mit einer Priesterbinde umwunden. Er
schreibt sich in seinen »Gedichten« selber die Macht zu, Alter und
Krankheit zu heilen, Winde zu beschwichtigen und zu erregen, Regen und
Trockenheit herbeizuführen, ja er sagt:

    %chairet', egô d'hymin theos ambrotos, ouk eti thnêtos pôleumai.%
    »Freut Euch, ich bin ein unsterblicher Gott, kein sterblicher
        Mensch mehr!«

Er ist wenn nicht gar der Begründer, so doch einer der bedeutendsten
Vertreter einer noch zu Platos Zeit in Griechenland häufigen Klasse von
Charlatanen, der sog. Goëten. Unter Goëtie[576] verstand man die Kunst,
mittelst gewisser in _heulendem Tone_ gesungener Beschwörungsformeln
allerhand Zauber zu verüben, die Seelen Verstorbener zu citieren, die
Götter zu bewegen, dem Menschen dienstbar zu sein und eventuell, wie wir
sehen, selbst Wetter zu machen; sie erinnert lebhaft an den +modus
operandi+ der indianischen Medizin-Männer.

Aus diesem Auftreten wird uns denn auch der Mythus über seinen Tod
erklärlich, er soll nämlich nach einer Erzählung plötzlich bei einem
Gastmahl verschwunden sein und durch eine übernatürliche Stimme verkündet
haben, er sei zu den Göttern entrückt, nach einer anderen bekannteren
Anekdote soll er sich in den Krater des Ätna gestürzt haben.

Die wenig ansprechende, aber nach den Berichten unzweifelhafte
Charlatanerie des Empedocles ist psychologisch um so auffälliger, als wir,
sobald wir seinem Gedankenkreise näher treten, Symptome einer oft genialen,
wenn auch unreinen und wüsten Denker-Phantasie nicht verkennen können.
Empedocles fordert insofern unwillkürlich zur Vergleichung mit einem viel
späteren »Dichter«-Philosophen, nämlich mit Giordano Bruno, heraus, dem ja
bei aller intellektuellen und moralischen Größe im übrigen ebenfalls ein
kleiner Hang zur Großsprecherei und Überschwenglichkeit anhaftet. Wie Bruno
vereinigt Empedocles abgesehen von der poetischen Darstellungsform mit
interessanten allgemeinen Gesichtspunkten einzelne überraschende Treffer
einer wissenschaftlichen Phantasie in Einzelheiten. Zunächst erklärt er die
Entstehung für einen leeren Namen und weist hierdurch die gemeine
Vorstellung von einer Schöpfung aus nichts zurück.

Es ist ein grobsinnlicher Irrtum, meint er, wenn man ein Wesen ins Leben
treten sieht, anzunehmen, es sei etwas, was vorher nicht da war, es sei
entstanden; und umgekehrt, wenn man es untergehen sieht, zu glauben, ein
Seiendes habe aufgehört zu sein. Denn woher könnte der Gesamtheit des
Wirklichen etwas hinzukommen, und wo sollte das, was ist, hinkommen? Es ist
ja nirgends ein Leeres, in das es sich auflösen könnte, und was es auch
werde, immer wird wieder _etwas_ daraus werden.

Was wir Entstehung nennen, ist in Wahrheit nur Verbindung, Mischung, was
wir Vergehen nennen, in Wahrheit nur Trennung der Stoffe. Immer wird nur
entweder (im Fall des Entstehens) Eines aus Vielem, oder umgekehrt (im Fall
des Vergehens) Vieles aus Einem. Der _Kreislauf des Stoffwechsels_ ist also
vielleicht zum ersten Male von Empedocles deutlich erkannt. Aus 4
Elementen, Erde, Wasser, Luft und Feuer, ist alles zusammengesetzt. Diese 4
Grundstoffe sind gleich ursprünglich, ungeworden und unvergänglich, sie
bestehen aus qualitativ gleichartigen Teilen, ohne sich selbst in ihrer
Beschaffenheit zu ändern, durchlaufen sie die verschiedenen Verbindungen,
in die sie durch den Kreislauf des Stoffes gebracht werden.

    »Thörichte sind's, denn sie reichen nicht weit in ihren Gedanken,
    Die da wähnen, es könne Zuvor-nicht-Seiendes werden,
    Oder auch etwas ganz hinsterben und völlig verschwinden.
    Aus Nicht-Seiendem ist durchaus ein Entstehen nicht möglich;
    Ganz unmöglich auch ist, daß Seiendes völlig vergehe;
    Denn stets bleibt es ja da, wohin man es eben verdränget.«

                  *       *       *       *       *

    »Aber erforsche mit allem Vermögen, wie Jegliches klar sei;
    Weder vertrau dem, was du erschaust, mehr, als dem Gehöre,
    Nach dem Getön des Gehörs mehr, als der Empfindung der Zunge,
    Auch zu den anderen Gliedern, soviel da Wege des Wissens,
    Halte zurück das Vertrauen, doch sieh, wie Jegliches klar ist.«

                  *       *       *       *       *

    »Vier Urwurzeln zuvörderst vernimm von sämtlichen Dingen,
    Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeßliche Höhe;
    Denn aus diesen ist alles, was war und was ist und was sein wird.«

                  *       *       *       *       *

    »Aber indem sie sich mischen, entsteh'n unzählige Wesen,
    Mit manchfachen Gestalten geschmückt, ein Wunder dem Anblick.«

                  *       *       *       *       *

    »Wie da geschieht, wenn Maler ein prächtig Gemäld' ausführen,
    Männer, die wohl in der Kunst von göttlicher Weisheit belehrt sind;
    Diese, nachdem sie der Farben verschiedene Stoffe genommen
    Und sie passend gemischt, die mehr und weniger jene,
    Bilden daraus sie Gestalten, den sämmtlichen Dingen vergleichbar.
    Bringen sie Bäum' aus ihnen hervor und Männer und Frauen,
    Tiere des Feld's und Vögel und wasserbewohnende Fische
    Und langlebende Götter zumal, an Ehren die Höchsten.
    Also täusche dich nicht, als kämen die sterblichen Wesen,
    Die da entsteh'n unendlich an Zahl, aus anderer Quelle,
    Sondern gewiß glaub' dieses, dieweil's eine Gottheit dich lehret.«

                  *       *       *       *       *

Er beschreibt das Feuer als warm und glänzend, die Luft als flüssig und
durchsichtig, das Wasser als dunkel und kalt, die Erde als schwer und hart;
er legt der Erde eine natürliche Bewegung nach unten, dem Feuer nach oben
bei. Erst Giordano Bruno, der übrigens selber bis über die Ohren in
Empedocleischen Vorstellungen steckte, hat in seiner naturphilosophischen
Hauptschrift vom Unendlichen, dem All und den Welten, diese Lehre von den 4
Elementen, soweit sie gegen die Aristotelisch-Kopernikanische
Weltanschauung verwertet wurde, zu erschüttern versucht. (+Vgl. S. 192
meiner Übersetzung dieser Dialoge.+) Er bemerkt: »Die alte Unterscheidung
der Elemente beruht nicht auf natürlichen, sondern logischen
Unterschieden.« Ich möchte freilich diese Bemerkung dahin berichtigen, daß
sie auch nicht auf logischen Erwägungen, sondern neben einer
oberflächlichen Beobachtung wohl in erster Linie auf mystischen Ideen,
nämlich auf der Pythagoräischen Wertschätzung der Vierzahl beruhte. Eine
solche langdauernde Bedeutung konnten zahlensymbolische Spielereien in der
Geschichte des menschlichen Wissens erhalten! Noch heute hat ja der vulgäre
Sprachgebrauch die Tradition des griechischen Dichter-Philosophen nicht
verlassen. Empedocles bezeichnet die Elemente mit mythologischen Namen, das
Feuer ist für ihn Zeus oder Hephästus, die anderen erhalten die Namen Here,
Aidoneus und Nestis.

    »Vier Urwurzeln zuvörderst vernimm von sämtlichen Dingen
    Zeus im Glanz und Here, die Nährerin, und Aidoneus,
    Nestis dazu, die in Thränen den Sterblichen Fließendes ausgießt.«

                  *       *       *       *       *

Als treibende Kräfte aber für die stetige Bewegung der Elemente in der
Mischung und Entmischung setzt Empedocles zwei, die wir als
Attraktionskraft einerseits und Repulsionskraft andrerseits bezeichnen
würden; er aber nennt sie in affektiver Auffassung _Liebe_ und _Haß_.

Wenn man sich nicht mit der rein objektiven Auffassung der Kräfte begnügen
will, so liegt in der That in dieser Auffassung der Kraftbeziehungen ein
auch heute noch naturphilosophisch zulässiger Gedanke, nämlich die
Voraussetzung, daß in den realen Elementen _innere_ Zustände irgend welcher
nach Analogie der psychischen _Triebe_ zu denkenden Art vorhanden sind,
welche den räumlichen Entfernungen entsprechen und das nächste wirksame
Glied sind, von dem die Größen der bewegenden Kräfte, welche die Elemente
ausüben, in jedem Augenblicke entspringen. Denn wenn die Entfernung +z y+
zwischen den Atomen +z+ und +y+ zunächst nichts weiter ist, als die
Vorstellung, die ein Beobachter sich bildet, indem er den räumlichen Ort
des +y+ durch Ausgehen von dem Orte des +z+ zu erreichen sucht und sich
dabei der Größe der Veränderung bewußt wird, die der Zustand seiner Sinne
dabei erfährt; -- so muß doch auch +z+ selbst, wenn es sich nach der
Entfernung richten soll, etwas von ihr _merken_, d. h. es selber muß
_innerlich_ anders affiziert sein, wenn ihre Größe +p+ und anders, wenn sie
+q+ beträgt. Was soll es sonst heißen, die Entfernung bestehe _für_ +z+ und
+y+? (+Vgl. Lotze, Grundzüge der Naturphilosophie S. 25.+)

Die Attraktion oder Liebe personifiziert unser Dichter als Afrodite.

    »Wie durch Mischung des Wassers, der Erd' und der Luft und des Feuers
    Hier die Gestalten entsteh'n und Farben der sterblichen Wesen,
    Alle, soviele da sind, hat _Afrodite_ gebildet.«

                  *       *       *       *       *

    »Sie selbst (die Elemente) bleiben dieselben, doch durcheinander
        verlaufend,
    Werden sie Menschen und all die unzähligen andern Wesen,
    Jetzt durch der Liebe Gewalt sich zu Einem Gebilde versammelnd,
    Jetzo durch Haß und Streit sich als einzelne wieder zerstreuend.«

                  *       *       *       *       *

Im Urwesen freilich, dem Sphairos (er denkt es sich kugelförmig, da die
Kugel das vollkommenste stereometrische Gebilde), oder der Gottheit, sind
die 4 Elemente, die Urwurzeln aller Dinge, noch in vollkommener
Unterschiedslosigkeit und Einheit beisammen, kraft der in ihm waltenden
Liebe, und die Schöpfung der Welt ist nichts anderes, als Entwickelung und
Zerrissenwerden der Gottheit aus der Einheit in die Vielheit.

Zunächst geht durch die hereintretende Zwietracht die Einheit des Sphairos
auseinander in die Vierheit der Elemente, aus denen dann Afrodite oder die
Liebe die ganze harmonische Weltbildung und die Einzelwesen hervorbringt.

In der ursprünglichen Einheit:

    »Da sind weder des Feuers bewegliche Glieder gesondert«

noch die Erde, das Wasser und die Luft;

    »Also ist sie durch heimliche Kraft der Verbindung gehalten,
    Eine gerundete Kugel, sich ruhender Kreisung erfreuend.«

                  *       *       *       *       *

    »Aber nachdem ihr der mächtige Streit in den Gliedern erwachsen,
    Und zu Macht und Ehren gelangt, da die Zeit sich erfüllet,
    Die abwechselnd den beiden erscheint nach gewaltigem Eidschwur,
    Sämtlich da nacheinander erbebten die Glieder der Gottheit.«

Indem sich die Elemente trennen, wird der Leib der Gottheit zerrissen,
oder, wie der Dichter Claudian[577] sagt: Empedocles:

    »Streuet umher und erneuert den Gott und knüpfet von neuem
    Wieder durch Liebe zusammen, soviel auflöste die Zwietracht.«

                  *       *       *       *       *

    »Bald wächst aus Vielem zu Einem
    Alles heran, bald wieder zergeht's aus Einem in Vieles,
    Feuer und Wasser und Erd' und der Luft unermeßliche Höhe,
    Und von diesem gesondert der Streit, jedwedem gewachsen,
    Und in diesen die Liebe, die gleich an Läng' und an Breite.
    Und nie hörte es auf, in Ewigkeit immer zu wechseln,
    Bald durch Liebe sich alles in Eins zusammen verbindend,
    Bald durch Hader und Streit sich in Einzelnes wieder zerstreuend.«

                  *       *       *       *       *

Die kosmischen Vorstellungen des Empedocles sind wüst und kindisch, obwohl
sie einzelne _für die damalige Zeit_ auffällige Ahnungen wahrer
Sachverhalte einschließen.

_So soll er behauptet haben, daß das Licht der Sonne eine gewisse Zeit
gebraucht, um zu uns zu gelangen._[578] Im übrigen aber hält er die Sonne
für einen gasartigen Körper, der, angeblich so groß wie die Erde, die
Strahlen des Feuers aus der ihn umgebenden lichten Hemisphäre wie ein
Brennspiegel sammle und zurückstrahle; ähnlich sollte der Mond aus
krystallartig gehärteter Luft bestehen; seine Gestalt jedoch sei die einer
Scheibe. Daß der Mond sein Licht von der Sonne erhält, war ihm bekannt;
auch wurden von ihm die Sonnenfinsternisse durch Dazwischentreten des
Mondes erklärt.

Geradezu wie eine antizipatorische Persiflage auf die zur Zeit noch moderne
Darwinistische Theorie aber nimmt sich die Anschauung des Empedocles von
der Entstehung der organischen Wesen und ihrer Gattungen aus. Er ist ein
Anhänger der Urzeugung: Die organischen Wesen sind aus dem Schlamm
entstanden, und Ovid hatte jedenfalls nicht Pythagoras, sondern Empedocles
in der Vorstellung, wenn er +Metam. I, 422ff.+, schreibt:

    »So, wenn das triefende Land der sich siebenfach mündende Nilstrom
    Wieder verläßt und in's frühere Bett die Gewässer zurückzieht,
    Und von dem hohen Gestirn der entstandene Schlamm sich erwärmet,
    Findet der Bauer, nachdem er die Schollen des Bodens gewendet,
    Vielerlei Tier', und erblickt da die einen soeben begonnen,
    Grad' im Entstehen, und andere noch nicht völlig entwickelt,
    Einiger Glieder beraubt, und oft in demselben Körper
    Lebet ein Teil und der andere Teil ist lauter Erde.«

                  *       *       *       *       *

Ferner +XV, 374ff.+:

    »Samen besitzet der Schlamm, die grünliche Frösche erzeugen,
    Und er gebiert sie zuerst fußlos, d'rauf leihet er ihnen
    Schenkel, zum Schwimmen geschickt, und damit die auch dienen zu langen
    Sprüngen, erhebt sich der hinteren Maaß weit über die vorderen;
    Auch ein Junges nicht ist, was eben die Bärin gebieret,
    Sondern noch kaum lebendiges Fleisch; durch Lecken erst bringet
    D'raus sie die Glieder hervor und Gestalt, die ihr selber zu
        Teil wird.«

                  *       *       *       *       *

Ebenso »dichtet« Empedocles:

    »Rohe, noch formlose Bilder entsprangen zuerst aus dem Boden,
    Beiderlei, Wasser sowohl wie Erde, besitzend als Anteil;
    Diese bewirkte das Feuer, indem es zum Gleichen empordrang,
    Ganz noch an ihnen verhüllt die gefällige Bildung der Glieder,
    Weder mit Laut, noch gar mit der üblichen Rede der Menschen.«

                  *       *       *       *       *

Was wird man aber erst zu folgender Antizipation der Lehre von der
_indirekten Auslese_ oder Selektion des Zweckmäßigen sagen, die ja, um die
Voraussetzung eines bewußten Schöpfers zu umgehen, als Hauptstütze der
modernen Entwickelungslehre gilt?

    »Also geschah's, daß Häupter, des Nackens beraubt, aufsproßten;
    Bloß auch irrten da Arme herum, die der Schultern entbehrten;
    Augen auch schweiften vereinzelt noch unteilhaftig der Stirnen,
    Vieles erwuchs mit doppelter Brust und doppeltem Antlitz;
    Rind mit Menschengesicht ward dieses, dagegen ein anderes
    Mensch mit dem Haupte des Stiers, und Gemischtes zum Teil von dem
        Manne,
    Teils in des Weibes Natur aus zarten Gliedern gebildet.«

                  *       *       *       *       *

Ueberweg[579] meint wohl mit Recht, der Unterschied dieser Hypothese des
Empedocles von derjenigen Häckels sei nur ein relativer; jedenfalls liegt
die Erinnerung an den Häckelschen Urschleim und dessen Bathybius bei
Lektüre dieser grotesken Schöpfungspoesie sehr nahe.

Auch einige sonstige physiologische Lehren des Empedocles bieten ein
ähnliches Interesse für eine vergleichende Theorie spekulativer
Naturphilosopheme, wie sie sich zu allen Zeiten, auch heute noch bei
Leuten, denen die Elemente der Physik ein kabbalistisches Geheimnis
geblieben sind, wiederholt finden. So z. B. seine Theorie des Sehens.
Zufolge dieser Theorie müßten wir eigentlich im Dunkeln am besten sehen
können. Er meint nämlich, daß das Sehen durch eine Ausströmung von Strahlen
aus dem Auge zu den Gegenständen hin geschehe, »feine Netze halten im Auge
die Masse des umherschwimmenden Wassers zurück, die Feuerteilchen aber
springen in langen Strahlen heraus, bis sie den Gegenstand erreichen und
ihn gewissermaßen wie weit vorgestreckte Fühlhörner betasten.« Er
vergleicht deshalb das Auge mit einer Laterne.

    »Wie wenn ein Mann, um ins Freie zu gehen, sich bereitet die Leuchte,
    Daß sie die stürmische Nacht mit dem Scheine des Feuers erhelle,
    Und die Latern' anzündet, die jeglichem Winde verschlossen;
    Diese bewahret das Feu'r vor dem Hauche der blasenden Winde;
    Aber das Licht dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner,
    Und es beleuchtet den Boden mit nimmer ermüdenden Strahlen:
    Also lagert von Häutchen umschlossen das ewige Feuer,
    Von ganz feinen Gewändern umhüllt, in der runden Pupille,
    Diese verhegen die Flut ihm des rings anspülenden Wassers,
    Aber das Feu'r dringt durch; denn es ist um Vieles ja feiner.«

                  *       *       *       *       *

Auch spätere Naturphilosophen, wie Bruno, sehen wir noch diese seltsame
Optik, die das Sehen auf eine aktive +per radios ab oculo+ statt +per
radios ad oculum+ vermittelte Thätigkeit zurückführt, lehren und damit
gleichzeitig allerhand occultistische Annahmen über die Wirkung des bösen
Blicks u. s. w. als thatsächliche Verhältnisse und Naturerscheinungen
erklären. Auch Bruno lehrt, daß das Sehen eine Thätigkeit des
»Nervengeistes« ist, der zuerst mittels der vom Auge ausgehenden Strahlen
sich nach außen hin verbreitet und von den verschiedensten, mit
verschiedenen Empfindungen beseelten Objekten berührt wird, und sich dann
wieder zusammenzieht (wie wenn z. B. eine Schnecke ihre Fühlhörner nach der
Berührung wieder einzieht).

Bekanntlich ist diese +ante+-Newtonische Optik auch den modernen
Spiritisten außerordentlich bequem. Denn da die schwierigeren
spiritistischen Experimente, wie z. B. die sog. Materialisationen, der
Apport von Gegenständen u. s. w. niemals zu stande kommen, wenn ein
kritischer Zuschauer ein Auge auf den +modus operandi+ des sog. Mediums
hat, so sagt die moderne spiritistische Theorie, daß der feindselige
Magnetismus des Auges, also jene _vom_ Auge ausgehenden Sehstrahlen +à la+
Empedocles-Bruno die Entwickelung der mediumistischen Kräfte verhindern;
man muß vielmehr solange die Augen schließen oder nach einer anderen
Richtung schauen, bis eins, zwei, drei, +hocus pocus fidibus+, die
phänomenale Aktion des Mediums in die dreidimensionale Sphäre einzugreifen
Zeit und Gelegenheit gefunden hat.

Ich komme nun endlich auf die Krone der Empedocleischen Philosophie, auf
seine _Seelenwanderungslehre_. Man wird allerdings erstaunt sein, wie so
dem bisher geschilderten Rumpfe ein solches Haupt (einem Pferde das Haupt
der Ziege) entwachsen konnte. Denn gewiß hat man alle Veranlassung, nach
den bisherigen Prämissen zu erwarten, daß Empedocles so etwas wie eine
unsterbliche Einzelseele nicht kenne und vielmehr nur die Unsterblichkeit
der 4 Elemente annehme. Allein, es giebt eben auch individuelle notwendige
Inkonsequenzen! Für Empedocles ist das Dogma von der Seele und ihren
Wanderungen eine solche notwendige Inkonsequenz, sei es nun, daß ihn das
Bedürfnis seines Herzens oder die bei Leugnung der Seelensubstanz schwer zu
rechtfertigende Goëtie oder Nekromantik, d. h. der antike Spiritismus, zur
Annahme derselben führte. Schon im Altertum haben Schriftsteller, welche
die Seelenwanderung für eine so tiefsinnige Idee erachteten, wie
beispielsweise unter den modernen Denkern der Verfasser der 100 Thesen über
die Erziehung des Menschengeschlechts, Ephraim Lessing, die Frage
aufgeworfen, ob dieselbe bei Empedocles auch eine originale Konzeption war;
ja einige gingen soweit, ihn des _geistigen Diebstahls_ (%logoklopeia%) an
der occultistischen Ideenschatzkammer der Pythagoräer zu beschuldigen[580];
und neuerdings hat noch Professor Gladisch gemeint, auch Empedocles könne
diese Lehre, wie manches andere, z. B. seine Kosmogonie und Optik, nur der
Weisheit der Egypter entlehnt haben.[581] Aber warum sollte die
Wahrscheinlichkeit einer solchen Superstition nicht gerade dadurch
gewinnen, daß die verschiedensten großen Denker ganz _selbständig_ zu
derselben Vorstellungsweise gelangt wären?

Empedocles also schreibt:

    »Nimmer wohl wird, wer darin belehrt ist, solches verneinen,
    Daß nur so lange sie leben, was man nun Leben benennet,
    Nur so lange sie sind und Leiden empfangen und Freuden,
    Doch eh' Menschen sie wurden und wann sie gestorben, sie Nichts sind.«

                  *       *       *       *       *

    »Also besteht ein Verhängnis, ein alter Beschluß von den Göttern,
    Der für die Ewigkeit gilt, durch mächtige Eide besiegelt;
    Wer mit Frevel im Sinn, hat seine Gebeine beflecket,
    Von den Dämonen, so vielen verliehen langdauerndes Leben,
    Muß unzählige Horen entfernt von den Seligen irren,
    Sich umwandeln im Wechsel in allerlei Formen der Wesen.
    So leb' ich jetzo verbannt von Gott und ein Flüchtling,
    Dienstbar dem rasenden Zwist.«

                  *       *       *       *       *

Dann ruft er aus:

    »O! aus was für Ehr' und aus was für Höhe des Glückes
    Fiel ich herab, und verkehre nun hier mit sterblichen Wesen!«

Und er betrachtet die Welt als eine finstere Höhle, indem er die Mächte,
welche die Seele hierher geleiten, sagen läßt:

    »Also gelangten wir hier in die dunkele Grotte«

und er schreibt von seinem ersten Eintritte in dieselbe, von seiner Geburt:

    »Und ich weinet' und schrie, da ich sah den unheimlichen Wohnsitz.«

(Shakespeare beging also vielleicht eine %logoklopeia% an Empedocles, als
er schrieb:

    »Wenn wir geboren werden, weinen wir,
    Weil wir die Narrenbühne Welt betreten.«)

Nachdem aber die Seele in das irdische Dasein verbannt ist, muß sie hier
durch alle Arten der sterblichen Geschöpfe wandern, selbst in Pflanzen
eingehen:

    »Denn ich selber (+scilicet+ Empedocles) war auch vordem schon Jüngling
        und Jungfrau,
    Auch schon Strauch und Vogel und lautloser Fisch in dem Meere.«

Aber während andere Seelen auf dem Wege nach unten sind und immer
schlimmeren Metamorphosen entgegengehen, z. B.:

    »Werden zu Leu'n, die Bewohner die Berg', auf der Erde sich lagern,
    Unter dem Wild und zu Lorbeern unter den laubigen Bäumen;«

hat Empedocles auf dem Wege nach oben schon die nächsthöchste Stufe des
»Mahatma« erlangt, nämlich:

    »Aber zuletzt als Seher und heilige Sänger und Ärzte,
    Und als Lenker der Völker erstehen sie unter den Menschen.
    Und aus ihnen erblüh'n dann Götter, an Ehren die Höchsten.«

                  *       *       *       *       *

Und so ruft er denn schließlich gar, seine Göttlichkeit vorausnehmend
seinen Mitbürgern zu:

    »Heil Euch! ich als unsterblicher Gott, kein Sterblicher fürder
    Wandle bei Euch!«

                  *       *       *       *       *

Aus seinem Seelenwanderungsglauben entsprang -- insofern war er anscheinend
konsequenter als Pythagoras -- auch sein strenger Vegetarismus. Mit
Hinsicht auf das Fleischessen ruft er aus:

    »Steht ihr nicht ab vom Morden, dem greulichen? Sehet ihr denn nicht,
    Daß ihr Einer den Andern verzehrt gleichgültigen Sinnes?«

                  *       *       *       *       *

    »Siehe, den eigenen Sohn, den verwandelten, bringet der Vater
    Dar zum Opfer mit Beten, der Thörichte; jener nun schreitet
    Flehend daher, doch er hört ihn nicht, und treibet ihn scheltend,
    Schlachtet ihn, richtet sodann sich im Haus ein scheußliches Mahl zu;
    Auch so der Vater den Sohn, und die Mütter ergreifen die Kinder,
    Morden sie hin und schlingen herunter die teuren Gebeine.«

                  *       *       *       *       *

So soll denn auch Empedocles einmal, als er dem gewöhnlichen Gebrauche nach
hätte einen Ochsen opfern müssen, einen solchen aus Myrrhen und sonstigen
kostbaren Salben haben herstellen und nach der Opferung unter das Volk
verteilen lassen.

Da nach seiner Seelenwanderungstheorie auch die Pflanzen von Menschenseelen
bewohnt werden können, so war freilich auch sein Vegetarismus wiederum nur
eine Halbheit.

Möglicherweise erleben wir es noch, wenn erst einmal die moderne Chemie das
große Problem der Herstellung von Nahrungsmitteln auf chemischem Wege aus
Mineralien, aus Steinen und Erde gelöst haben wird, daß dann sogar der
Vegetarier einer fortgeschrittenen Sekte von Mineralophagen oder
Chemikalienessern in demselben grausamen Lichte erscheinen wird, in
welchem jetzt dem theosophisch gebildeten Vegetarier der Fleischesser oder
Tierleichenverzehrer dasteht.




II.

Pherekydes.


Eine Mittelstellung zwischen Philosophie und »Theologie« (in antikem Sinne)
oder auch Priestertum und einem Sehertum, wie es Empedocles vertrat, nimmt
auch Pherekydes von der Insel Syros ein, welchen Cicero den ersten Lehrer
der Unsterblichkeit nennt.[582] Seine Geburt setzt Suidas in die Zeit
zwischen 600-596 v. Chr. (+Ol. 45+). Diogenes nennt ihn einen Schüler des
Weisen Pittakus. Derselbe berichtet folgende Geschichten über seine
Sehergabe: Als er einst am Strande von Samos wandelte und ein Schiff mit
vollen Segeln vorbeifahren sah, weissagte er, dasselbe werde binnen kurzer
Frist zu Grunde gehen; und so geschah es alsbald vor seinen Augen. Ein
anderes Mal soll er aus dem Geschmack des Brunnenwassers ein Erdbeben
vorausgesagt haben. Einem Gastfreunde in Messina riet er, möglichst bald
mit seiner Familie auszuwandern. Dieser befolgte den Rat nicht, und kurze
Zeit darauf wurde Messina von Feinden erobert und jener mit der ganzen
Einwohnerschaft als Kriegsgefangener verkauft.

Er soll ein Alter von 83 Jahren erreicht haben, und für das Ansehen, das er
genoß, bürgt der Bericht, daß ihm als Grabschrift folgende Worte gesetzt
seien:

    %Tês sophias pasês en emoi telos% =
    Aller Weisheit Vollendung war in mir.

Eine Schrift »über den Ursprung der Dinge« von ihm scheint noch dem Cicero
bekannt gewesen zu sein. In derselben bezeichnete er als das erste, was
immer war, Zeus, Chronos und Chthon.

Zeus ist der höchste weltschöpferische Gott und zugleich der höchste
Himmel, vielleicht der Äther.

Unter Chthon, meint Conrad (+De Pherecydis Syrii aetate atque cosmologia,
Koblenz 1857+), ist das Chaos, der Urstoff, zu verstehen, der alle Stoffe,
außer dem Äther, in sich enthalten habe; Zeller dagegen nimmt an, es sei
dabei nur an die Erde als solche zu denken. Unter dem Chronos versteht man
gewöhnlich die _Zeit_. +Zeller, a. a. O., S. 73+ bemerkt jedoch, daß es
kaum glaublich sei, daß ein so altertümlicher Denker den abstrakten Begriff
der Zeit unter den ersten Urgründen aufgeführt hatte; Chronos bringt
nämlich aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser hervor. Schwerlich soll
damit nur gesagt sein, diese seien im Laufe der Zeit entstanden. Daher
meint Zeller, im Widerspruch mit Conrad und Brandis (+Gesch. der Entw. der
griech. Philosophie+), daß Chronos richtiger Kronos zu schreiben und als
Gott der heißen Jahreszeit und des Sonnenbrandes zu denken sei, jedenfalls
als ein realer Bestandteil der Welt.

Diese drei Urwesen erzeugten zahlreiche weitere Götter in fünf
Geschlechtern. Preller glaubt (+Rh. Museum 382+), es sollen damit fünf
Mischungsverhältnisse der Elementarsubstanzen (Äther, Feuer, Luft, Wasser,
Erde) bezeichnet werden, in denen je eine derselben vorherrschend sei. Zeus
verwandelt sich zum Zwecke der Weltbildung in Eros. Die weltbildende Kraft
ist die Liebe. Er machte ein großes Gewand, in das er die Erde und den
Okeanos einwob und spannte dieses über einen von Flügeln getragenen
Eichbaum, d. h. er bekleidete das im Weltraum schwebende Erdgerüst (daher
die Flügel des Eichbaums) mit der mannigfach wechselnden Oberfläche des
Landes und der Seeen. Dieser Weltbildung widerstrebte Ophioneus, als
Repräsentant der untergeordneten Naturkräfte, aber das Götterheer unter
Chronos stürzt ihn in die Meerestiefe und behauptet den Himmel.

Pherekydes ist nur um deswillen interessant, weil wir aus den wenigen
abgerissenen Sätzen, die uns von seiner Lehre überliefert sind, entnehmen
können, daß man sich bemühte den mythologischen Vorstellungen, insbesondere
der sog. Theogonie eine esoterische Deutung zu geben. Doch geht +Conrad,
a. a. O.+, wohl zu weit, wenn er dem Pherekydes geradezu eine der
aristotelischen nahestehende Naturansicht beilegt. Inwieweit egyptische
Einflüsse auf seine Anschauungen gewirkt haben, ist schwer festzustellen;
Suidas läßt ihn die Geheimschriften der Phöniker benutzen, Josephus (+e.
Ap. I 2+) zählt ihn zu den Schülern der Egypter und Chaldäer.




III.

Epimenides von Kreta.


Zu den hervorragendsten _praktischen_ Mystikern der antiken Welt hat
unstreitig jener Epimenides von Kreta gehört, dessen historische Existenz
ebenso unzweifelhaft ist, wie einzelne über sein Leben berichtete
Wunderdinge auf Übertreibungen beruhen werden. Die Alten nennen ihn einen
Jatromanten, einen Seher-Arzt. Er soll in Knossus auf Kreta geboren sein.
Sein Vater, den einige Phaestios, andere Dosiades, noch andere Agesarkos
nennen, soll ihn einmal fortgeschickt haben, um ein Schaf zu holen; auf
diesem Wege soll er vor der Mittagshitze in einer Höhle Schatten und
Erholung gesucht haben und hier, wo niemand ihn suchte und fand, in einen
_tiefen Schlaf_ gesunken sein, _aus dem er erst nach 57 Jahren erwacht sein
soll_. Als er nach Ablauf dieser Zeit erwachte, berichtet die Sage[583],
suchte er erst, den Zeitverlauf nicht ahnend, das Schaf und kehrte, als er
es nicht fand, nach der Stadt zurück. Sein Erstaunen war nicht gering, als
er alles verändert fand und zu Hause nur noch seinen jüngsten Bruder, der
mittlerweile ein Greis geworden war, antraf, der ihn nicht wiedererkannte.

Das etwaige Wahre an dieser Geschichte, die an die Erzählungen indischer
Reisender von den »schlafenden Fakiren« erinnert, wird freilich für immer
der kritischen Forschung entzogen bleiben. Ein Mediziner könnte vielleicht
an einen eklatanten Fall der in unseren Tagen vielfach beobachteten sog.
+Nona+ denken, einer auf noch unerforschten centralen Störungen beruhenden
Schlafsucht, von der man Fälle registriert hat, die sich über viele Jahre
hinaus erstreckt haben.[584]

Die Geschichte oder Fabel hat Goethe zum Stoff eines Festspiels gedient:

    Des Epimenides Erwachen.

Die Entwicklung der Sehergabe wird hier auf den fraglichen Tiefschlaf in
folgenden Versen zurückgeführt:

    »Auf Kretas Höh'n, des Vaters Herde weidend,
    Die Insel unter mir, ringsum das Meer,
    Den Tageshimmel von der einzigen Sonne,
    Von tausenden den nächtigen erleuchtet;
    Da strebt's in meiner Seele, dieses All,
    Das herrliche zu kennen; doch umsonst:
    Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt.
    Da nahmen sich die Götter meiner an,
    Zur Höhle führten sie den Sinnenden,
    Versenkten mich in tiefen, langen Schlaf.
    Als ich erwachte, hört' ich einen Gott:
    »Bist vorbereitet«, sprach er, »wähle nun!
    Willst du die Gegenwart und das, was ist,
    Willst du die Zukunft sehn, was sein wird?« -- Gleich
    Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn,
    Was mir das Auge, was das Ohr mir beut.
    Und gleich erschien durchsichtig mir die Welt,
    Wie ein Kristallgefäß mit seinem Inhalt. --
    Den schau ich nun so viele Jahre schon;
    Was aber künftig ist, bleibt mir verborgen.
    Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an,
    Daß ich zugleich auch Künftiges gewahre.«

Historisch beglaubigt ist, daß er von Kreta nach Athen berufen wurde, um
hier eine epidemische Geisteskrankheit zu heilen, wie auf dieselbe Art ein
anderer Jatromant, sein Landsmann und Zeitgenosse Phaletas einige Jahre
zuvor nach Sparta berufen war, um durch die Wirkung seiner Musik und
religiöse Hymnen eine Pestilenz aufhören zu machen. Die Athener
beunruhigten sich nämlich wegen des sog. Kylonischen Frevels, über den uns
+Thucydides I. 126+ folgendes erzählt:

»Es lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein Mann, der in den olympischen
Spielen gesiegt hatte und aus einem der ältesten und mächtigsten Häuser war
und die Tochter eines Megarers, namens Theagenes, geheiratet hatte, welcher
damals als Tyrann zu Megara herrschte. Dieser hatte von dem Orakel zu
Delphi auf Befragen die Antwort erhalten, er sollte sich an dem größten
Feste des Zeus der Burg zu Athen bemächtigen. Er ließ demzufolge sich von
Theagenes Söldner geben, vermochte seine Freunde, seinen Absichten
beizutreten und wartete sodann nur, bis die in der Peloponnes gefeierten
olympischen Spiele wieder herankamen; da besetzte er die Burg in der
Absicht, die Herrschaft an sich zu reißen. Dies hielt er nämlich als das
größte Fest des Zeus, welches ihn gewissermaßen noch näher anginge, da er
in den olympischen Spielen den Preis erhalten habe. Ob aber das größte Fest
in Attika oder sonst wo gemeint sein sollte, darüber hatte er sich weiter
keine Gedanken gemacht, und das Orakel hatte auch nichts davon gesagt,
indem sonst auch die Athener dem Zeus Meilichios außerhalb der Stadt ein
großes Fest unter dem Namen Diasia feiern, an welchem alles Volk in der
Stadt haufenweise opfert, und zwar viele keine Schlachtopfer, sondern Opfer
von den eigenen Landesfrüchten. Kylon griff also, ohne an der Richtigkeit
seiner Gedanken zu zweifeln, das Werk an. Die Athener vom Lande eilten zwar
auf die erste Nachricht davon mit gesamter Hand zur Gegenwehr herbei und
sperrten sie auf der Burg ein; allein nach Verlauf einiger Zeit ließen sie
sich durch Beschwerden bei der Belagerung ermüden und zogen größtenteils
ab, bevollmächtigten dagegen die neuen Archonten, die Wachen zur Besetzung
der Zugänge sammt allen übrigen Veranstaltungen nach eigenem Belieben und
Gutdünken einzurichten. Diese neun Regenten hatten diese Zeit über den
größten Teil der Regierungsgeschäfte unter Händen. Kylon und diejenigen,
welche mit ihm eingesperrt waren, befanden sich durch den Abgang von Wasser
und Lebensmitteln gar bald in schlechten Umständen. Inzwischen fand er
selbst nebst seinem Bruder Mittel zu entkommen. Die übrigen, die immer mehr
ins Gedränge gerieten, so daß auch schon einige Hungers starben, setzten
sich als Schutzflehende an den auf der Burg befindlichen Altar. Die
Athener, welche die Wache hatten, hießen sie davon weggehen; und als sie
sahen, daß sie in dem Tempel sterben wollten, _führten sie dieselben unter
dem Versprechen, ihnen kein Leid anthun zu wollen, hinaus und töteten sie;
andere, welche zu den Altären der ehrwürdigen Göttinnen ihre Zuflucht
genommen hatten, richteten sie im Vorbeigehen ebenfalls hin_.«

Die Folge dieses Frevels am Heiligtum des Asylrechts war eine epidemische
Gewissensangst, die besonders bei dem weiblichen Teile der Bevölkerung sehr
beängstigende Formen angenommen haben soll. Die Frauen wurden durch
Hallucinationen, Visionen, Auditionen beängstigt, und es traten alle nur
denkbaren Symptome hysterischer Melancholie und Krämpfe massenhaft auf.

Epimenides kam nun nach Athen, um die Stadt zu »reinigen und zu entsühnen«.
Er gründete zu dem Ende neue Kapellen und richtete verschiedene
Reinigungsceremonien ein, ganz besonders aber regelte er den Dienst der
Frauen so, daß er die heftigen Impulse, die diese aufgeregt hatten,
beruhigte. Grote in seiner griechischen Geschichte bemerkt dazu: »Wir
wissen kaum etwas Genaueres über sein Thun; aber die Thatsache seines
Besuchs und die heilsame Wirkung, die er durch Wegschaffung der religiösen
Verzweiflung, welche die Athener niederdrückte, hervorgebracht, sind wohl
bezeugt. Überdies besaß Epimenides die Klugheit, sich mit Solon zu
vereinigen, und während er so viele wertvolle Ratschläge erhalten mochte,
unterstützte er indirekt die Erhöhung des Rufes des Solon selbst, dessen
konstitutionelle Reform sich jetzt schnell vollendete. Er blieb lange genug
in Athen, um einen gemütlicheren Ton der religiösen Gefühle vollständig
wieder herzustellen, und reiste dann ab, allgemeine Dankbarkeit und
Bewunderung mit sich nehmend, _schlug aber mit Ausnahme eines Zweiges vom
heiligen Ölbaum auf der Akropolis jede andere Belohnung aus_«.

Nach einer Angabe, welche schon während der Zeit des Xenophanes von
Kolophon gangbar war, soll er das ungewöhnliche Alter von 154 Jahren
erreicht haben; und die Kreter (sprüchwörtlich »böse Lügner und faule
Bäuche«) wagten sogar zu behaupten, er habe 300 Jahre gelebt. Sie rühmten
ihn nicht nur als Weisen und geistigen Purifikator, sondern auch als
Dichter; sehr lange »Dichtungen« mystischen Inhalts wurden ihm
zugeschrieben. Sowohl Plato, als auch Cicero betrachten den Epimenides in
demselben Lichte, als einen Seher, der unter _temporären ekstatischen
Zufällen_ die Zukunft habe vorausverkünden können. Nach Aristoteles dagegen
gab Epimenides selber an, von den Göttern keine höhere Gabe empfangen zu
haben, als die unbekannten Phänomene der Vergangenheit zu erraten.[585]

Plato (+Kratyl. p. 905+, +Phaedr. p. 244+) glaubte fest an Epimenides als
gottbegeisterten Seher in der vergangenen Zeit, in Bezug auf die jedoch,
welche zu seinen Lebzeiten Ansprüche auf übersinnliche Kräfte vorbrachten,
war er weniger leichtgläubig. Er, wie Euripides und Theophrast, behandelten
die Orpheotelesten der späteren Zeit mit gebührender Verachtung.[586]

Wäre Epimenides selbst in jenen Tagen, in welchen die Aufklärung der Massen
große Fortschritte gemacht hatte, nach Athen gekommen, so würde
wahrscheinlich das Wunder suggestiver Massenheilung auch ausgeblieben sein,
und er würde sich nur vereinzelter Erfolge bei älteren Weibern und in
rückständigen entlegenen Dörfern haben rühmen können, wie dieselben
Bauchredner und Medizinleute, welche Plato verspottet.

Nur die Vergangenheit ist es, die solche Erscheinungen idealisiert.

Über die Lehren des Epimenides berichtet Damascius[587] und Eudemus, er
habe zwei erste Gründe angenommen, die Luft und die Nacht[588], von diesen
sei als drittes der Tartarus erzeugt worden. Von ihnen sollen, wie es
scheint, zwei weitere nicht näher bezeichnete Wesen hervorgebracht sein,
aus deren Verbindung das Weltei entstanden sei; eine Bezeichnung der
Himmelskugel, die in vielen Kosmogonieen vorkommt, und die sich sehr
natürlich ergab, wenn die Weltentstehung einmal der tierischen
Lebensentwickelung analog vorgestellt wurde. Aus dem Weltei seien dann
weitere Erzeugungen hervorgegangen.




Fünftes Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.


Persönlichkeiten, wie Empedocles, Pherekydes von Syros und Epimenides
bilden ein Mittelglied zwischen der Philosophie und dem Esoterismus der
griechischen Religionslehren, der bekanntlich seinen Sitz in den
verschiedenen Mysterien oder Geheimkulten hatte.

Diese Mysterien bilden immer noch eins der größten kulturhistorischen und
psychologischen Probleme des Altertums.

Die Berufung des Epimenides von Kreta nach Athen hatte vermutlich nebenbei
den Zweck, die übrigens uralten, möglicherweise bis in das 15. Jahrhundert
v. Chr. zurückdatierenden cerealischen Mysterien wieder zu reorganisieren.

Man hat nämlich ursprünglich die _bacchischen_ und _cerealischen_ Mysterien
zu unterscheiden.

Die allgemeine religiöse Idee beider war zwar dieselbe. Beide führen auch
auf orientalische, sehr weit, vielleicht bis Indien reichende Einflüsse
zurück. Der Geheimdienst der Ceres und Proserpina ist aber nach Attika
jedenfalls von Kreta, dem Vaterlande des Epimenides aus importiert worden.
Kreta hat für die Verbindung mit dem Orient die glücklichste Lage, es war
eine der ersten Niederlassungen phönizischer Kolonisten, es empfing früh
egyptische Lehren, und vermutlich hat die Kultur der Hellenen von hier aus
ihre erste Anregung erhalten. Thucydides berichtet, daß _Minos_ der erste
gewesen, »der eine Flotte in See hatte, wie er denn das jetzt sog.
griechische Meer größtenteils beherrschte, auch die cykladischen Inseln
unter seiner Botmäßigkeit standen, von welchen er die meisten zuerst
angebaut hat, indem er die Karier daraus vertrieb und seine Söhne als
Häupter der neuen Kolonien einsetzte.«[589]

Cadmus, Phönix und Cilix, angeblich Oheime des Minos, schlagen dem
orientalischen Mystizismus die Brücke von Asien nach Europa.

Wolfgang Menzel[590] meint, daß die Mysterien mit einer demokratischen
Tendenz verbunden gewesen, daß sie einen geheimen Kampf der Humanität gegen
Priester- und Kriegerkaste, des Liberalismus gegen die Vorrechte, etwa nach
Art unserer modernen Freimaurerei, geführt hätten. So paradox diese
Behauptung klingt und so übertrieben sie in ihrer modernen Ausdrucksweise
erscheinen muß, so kann ich nicht in Abrede stellen, daß wenigstens die
Geschichte Athens und Thebens einen gewissen inneren Zusammenhang zwischen
der (älteren) Demokratie, die man wohl als Liberalismus bezeichnen kann,
und den Geheimkulten aufweist. Ich erinnerte schon an die Beziehungen
Solons, der ja im Sinne einer gemäßigten Demokratie reformierte, zu
Epimenides. Ferner ist sicher, daß die demokratische Verschwörung des
Pelopidas und Epaminondas ihren Ausgangspunkt in _Eleusis_ nahm[591] und
beinahe durch einen Hierophanten vorzeitig verraten wäre.

Auch der Buddhismus hatte ja eine soziale Nebentendenz. Uns interessieren
jedoch hier nicht die politisch-sozialen Nebenbeziehungen, sondern die
Lehren.




I. Die bacchischen Mysterien.


In der Schöpfungslehre der _bacchischen_ Mysterien erscheint zunächst
Chronos, die niemals alternde Zeit in Schlangengestalt. Dieser _Chronos_
zeugte das unbegrenzte Chaos nebst dem feuchten _Äther_ und dem finstern
Erebus, und darin erzeugte er ein Ei, das in eine Wolke oder in ein Gewand
gehüllt war, welches nachher zerriß. Aus dem Ei ging Phanes hervor, ein
Mannweib, auch Protogonos und _Pan_ genannt. Man stellte ihn dar mit
goldenen Flügeln, auf den Schultern mit Stierköpfen und auf dem Kopfe mit
einer Schlange. Als »Aeon« wird er auch mit Osiris identifiziert. Er ist
die demiurgische Ursache oder der Anlaß zur Weltschöpfung. Er wird nämlich
vom Zeus, den er erzeugte, verschlungen, die Urbilder aller Dinge, die
Phanes in sich hatte, werden jetzt alle in Zeus sichtbar, d. h. Zeus bringt
alles Lebendige aus sich hervor. In der sog. hieratischen Poesie, in jenen
Versen, die dem sagenhaften Sänger Orpheus zugeschrieben wurden, heißt es
daher:

    »Zeus wurde der erste, Zeus der letzte Herrscher des Blitzes;
    Zeus das Haupt, Zeus die Mitte; aus Zeus ist Alles bereitet;
    Zeus ward Mann und Zeus ward unsterbliche Jungfrau.
    Zeus der Erde Wurzel und des gestirneten Himmels,
    Zeus das Wesen der Winde, Zeus die Kraft des unverlöschlichen Feuers,
    Zeus des Meeres Wurzel, und Zeus der Mond und die Sonne,
    Zeus der König, Zeus, der selber Alles geboren.«

Die Ahnung der göttlichen Einheit wird also in dem Bilde eines körperlichen
Ganzen, eines Riesenkörpers ausgeprägt. Übrigens werden in fast allen
heidnischen Religionen die ältesten Gottheiten androgyn mannweiblich
gedacht.

Das zweifellos nach Egypten zurückweisende Symbol dieser aus sich selbst
alles Lebendige hervorbringenden Gottheit war seltsamer Weise der
Scarabäus, d. h. der Mist-Käfer; weshalb der Dichter Pamphos sogar singt:

    »Zeus, hehrester, größter der Götter, eingewickelt
    In Mist von Schafen, Rossen und Mäulern!«

Erst später zeigt die Trennung der Geschlechter, indem dem Zeus ein
weibliches Wesen untergeordnet wird, einen unmerklichen Übergang zum
Anthropomorphismus.

Dieses weibliche Urwesen heißt Chthonia (von %chthôn% = unbegrenzter Grund
und Boden, Materie), das dann durch Zeus' Umarmungen befruchtet, Mutter
Erde (Gäa) wird und im Jahreslaufe Alles hervorbringt.

So sangen die Peleiaden, jene Wahrsagerinnen des Orakels zu Dodona, wo
Pelasger und Hellenen unter der heiligen Eiche Belehrungen über Jupiters
Ratschluß einholten:

    »Zeus war, Zeus wird sein, o großer Zeus!
    Die Erde bringt Früchte hervor, drum preiset die Mutter Erde!«

Von diesem Zeus und der Gäa geht nun Dionysos aus, der übrigens seinem
Wesen nach identisch ist mit Zeus selber.

Zeus soll nach einer alten Mythe als Schlange zu der unter einem Felsen
verborgenen und von zwei Drachen bewachten Persephone eingeschlichen sein
und mit ihr den Zagreus gezeugt haben.

Sehr bemerkenswert für die Herkunft dieser Götterbegriffe ist der naive
Bericht des +Herodot II. 52+: »Es brachten die Pelasger, wie ich zu Dodona
vernommen, anfänglich unter Gebeten den Göttern Opfer aller Art. Jedoch
legten sie keinem von jenen einen _Beinamen_ oder _Namen_ bei, dieweil sie
noch niemals dergleichen gehört hatten. Götter benannten sie dieselben und
deshalb, weil sie alle Dinge in Harmonie gesetzt und alle Einteilungen
gemacht. Später, nach Ablauf geraumer Zeit, erfuhren sie die aus _Egypten_
gekommenen Namen der übrigen Götter, des _Dionysius Namen erfuhren sie aber
viel später_.«

Möglicherweise ist der Dionysische Geheimkult indischen Ursprungs.[592]
Nach +Arrian Ind. Kap. 5+ zieht Dionysios nach Indien. Bei seiner Rückkunft
nach Griechenland weiht er dem Apollo eine Schale mit der Inschrift:
»Dionysos, der Sohn der Semele und des Zeus _von Indien_ her weihet sie dem
Apollo, dem Delphier.«

Nachdem Zeus den Zagreus erzeugt hat, trachtet die eifersüchtige Here, ihn
zu verderben und sendet Titanen aus, ihn umzubringen. Zagreus betrachtete
sich gerade als Stier in einem Spiegel, als die Titanen kamen, und
verwandelte sich dann vergeblich in alle mögliche Gestalten, er wurde von
den _Titanen zerrissen_. (Dieselbe Sage vom Zerreißen wiederholt sich bei
dem mythischen Sänger Orpheus selbst, den die bacchantischen Weiber, die
Mänaden zerreißen.) Nur sein Herz rettet Pallas Athene und bringt es dem
Vater Zeus, der dann aus Zorn mit seinen Blitzen die ganze Erde verbrennt,
so daß erst die Sündflut das Feuer wieder löschen kann. Das Herz des
Zagreus wird in einen Becher gelegt, und als Semele daraus trinkt, wird sie
Mutter des Dionysos.

Dieser Dionysos-Zagreus ist die Vielheit d. h. das in vielen Formen sich
darstellende All, in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen und Tieren.

Apollo sammelt die Glieder des Dionysos wieder: er ist die Einheit, die der
Natur in ihrer Entwickelung vorsteht, um sie vor Zersplitterung zu bewahren
und wieder an das Eine zu befestigen.

In sieben Teile war Zagreus zerstückelt. Die Siebenzahl ist daher gleicher
Weise dem Dionysos und dem Apoll heilig. Dionysos ist nach Macrob[593] der
Inbegriff aller Seelen. Der Becher, aus dem die Semele trinkt, heißt auch
Quelle der Seelen. Man unterschied übrigens zwei solcher Becher. Die Alten
haben sie auch als Sternbilder an den Himmel versetzt, den einen nahe am
Zeichen des Krebses, den andern sahen sie in der Urne des Wassermanns. Der
erste heißt Dionysoskelch, bei den Platonikern der Leben erzeugende Becher.
Manilius (+astron. V. 116+) nennt ihn den Becher der Geburt. Durch den
Trunk aus ihm vergißt die Seele ihre höhere Natur und sinkt in die
Zeitlichkeit hinab, indem sie in einen irdischen Leib eingeschlossen wird.
Aus dem zweiten Becher trinkt man wiederum die Vergessenheit des Irdischen
und findet sich dadurch in der alten Heimat wieder.

Der erste Becher heißt auch der Teilungsbecher, die aus ihm geflossenen
Seelen müssen in die _Individualität_ treten, sie müssen in die Geburt
herab. Einige Seelen kommen herab, weil sie noch nicht hienieden waren, zur
Erhaltung der Weltökonomie; das sind die Neulingsseelen (+mentes
novellae+).[594] Andere müssen zur Strafe herab; andere geben sich
freiwillig der Neigung zur Erde hin. Diese Neigung ist Folge des Blicks in
den Spiegel, in den Dionysos gesehen, ehe er sich zum Schaffen der Dinge
gewendet. Der Becher wird auch mit dem Spiegel selbst identifiziert; und
bei Nonnus ist es die Liebesgöttin Afrodite, die dem Dionysos den Becher
reicht. Ob Afrodite oder Persephone genannt wird, ist übrigens
gleichgültig. Das Wesentliche ist die Einführung eines passiven, die
Erschaffung bedingenden, weiblichen Prinzips. Der Spiegelbecher ist das
Organ dieses Prinzips und wird daher realistischer auch durch das
weibliche Organ dargestellt, wie umgekehrt der Phallus, das männliche
Zeugungsorgan, das Symbol des Dionysos ist. Wir treffen hier lediglich die
rohe indische Natursymbolik des Lingam und der Yoni wieder.

Je mehr die Seelen aus dem Becher der (sinnlichen) Liebe trinken, um so
mehr werden sie berauscht, um so mehr erblaßt das Andenken an ihre höhere
Abkunft. Edlere Seelen nippen nur an dem Kelch der Sinnlichkeit und sinken
daher nicht so tief in tierische Gemeinheit herab, wie die meisten anderen
Menschen. -- Anders die unedlen, die das _Feuchte_, (die Materie) lieben,
die daher auch wohl Najaden genannt werden. Diese »feuchten« Seelen weilen
gerne in dieser sinnlichen, formenreichen Welt, wie in einer Grotte, die in
tausendfarbigem Gestein das volle Leben zurückspiegelt. Diese Welt der
Sinnlichkeit, die Welt des Scheins, ist die täuschende Maja, indisch
Maya-Bharani; in der Priestersprache wird Proserpina auch Maja genannt. Sie
wird auch als Weberin bezeichnet, welche den materiellen Leib webt. Je mehr
die Seelen am irdischen Dasein hängen, desto mehr Leiber, wie Kleider.
Plato, Gorgias 523. Die Seele hängt sich gleichsam an den zuerst
gesponnenen Lebensfaden; dann spinnt die Göttin weiter und webt das Kleid
fertig. Das unfertige Gespinnst aber ist der bloße Schattenleib als
Gespenst, das eben daher seinen Namen hat. Von Persephone (Maja,
Proserpina) kommt das Leiblichwerden der Seele, von Dionysos die Beseelung
des Leibes.

Als zeugendes Prinzip ist Dionysos in der Mysterienlehre auch Sonnengott.
Und so wird die Vorstellung von der Seelenbahn auch mit der Sonnenbahn
durch den Tierkreis verknüpft. Dionysos als Sonnengott wandelt jährlich die
doppelte Bahn, den Weg des Winters und den des Sommers. Und dieselbe Bahn
ist den Seelen vorgezeichnet. Aus dem Centrum des Himmels treten sie im
Zeichen des Krebses in der Sommersonnenwende in die Erdenwelt ein, nach dem
Tode aber steigen sie im Zeichen des Steinbocks wieder durch dieselbe
Milchstraße zur himmlischen Welt empor.

Hier trinken sie dann aus dem schon erwähnten zweiten Becher, dem Becher
der Reinigung oder Wiedergeburt, der als die Urne des Wassermanns am
Sternenhimmel dargestellt ist. Wenn nämlich die Sonne in dieses Zeichen
tritt, wird die Natur im Frühling wiedergeboren und damit wird die
Wiedergeburt der verstorbenen Menschen im Himmel verglichen.

Dionysos hat also einen _doppelten_ Charakter. Er ist einmal das Prinzip
der Zeugung, der Versinnlichung, der »Wille zum Leben«, der Gott der
Weltbejahung, sodann aber auch der mystische Vertreter der Weltverneinung,
der Entsinnlichung, der Erlösung, welche letztere ja in allen mystischen
Systemen als Wiedergeburt oder zweite Geburt bezeichnet wird.

Daher finden wir in seinen Mysterien die beiden Gegensätze, auf die _alle
Mystik_ hinausläuft, Lust und Unlust, Sünde und Entsühnung eng aneinander
gerückt. Bacchantische Ausgelassenheit wird von leidenschaftlicher Trauer
und Klage abgelöst und umgekehrt.

In Verbindung damit steht seine spezielle Bedeutung als Gott des _Weines_
und der Liebe. Man vergleiche hierüber die geistreichen Bemerkungen
Wolfgang Menzels (Vorchristl. Unsterblichkeitslehre, S. 90-96.) Auch der
Wein spielt ja eine doppelte Rolle, er begeistert und steigert die Seelen
zu »dithyrambischer« Ekstase, verwandelt Wasser in Feuer, er berauscht und
läßt im Rausche die Welt schöner erscheinen, andrerseits wirkt der Rausch
Vergessenheit auch der sittlichen Pflichten. Aus dem Weindunst wird ein
zweiter Schleier der Maja gewebt.

Gleichzeitig hat der Wein selber in der Gärung eine Art Wiedergeburt
durchgemacht. Aus dem sich zersetzenden Traubensaft entsteht der edlere
feurige Trank, und wenn der Mensch davon trinkt, erhebt er sich über seine
gemeine Wirklichkeit:

    »Die kummerbelastenden Sorgen
    Fliehen aus der Brust des Menschen,
    Sie schiffen auf dem Meer der goldreichen Fülle
    Allhin zum Strande der Täuschung.
    Der Arme wird reich, der Reiche
    Durch neuen Reichtum bereichert,
    Das Herz von den Pfeilen des Weinstocks gebändigt«

singt Pindar, und in reizender Weise deutet Apollonius den Zusammenhang
zwischen dem Becher der Lust und dem Schleier der Maja an, wenn er von
letzterem singt:

    »Wer ihn betastet
    Oder beschaut, nie stillet sich der die Sehnsucht des Herzens.
    Er auch atmete Duft, ambrosischen, gleich von dem Tag an,
    Daß der nysäische Gott auf dem zärtlichen Purpur geschlummert,
    Leise von Wein und von Nektar beseligt, als er den schönen
    Busen von Minos Tochter berührte.«

Umgekehrt hatte der Wein in den Dionysos-Mysterien eine sakramentale
Bedeutung, die einer Transsubstantiation aus dem Zeitlichen ins Ewige. Was
die erstere Bedeutung des Weins betrifft, so bietet darüber +Nork,
vergleichende Mythologie S. 177ff.+ seltsame etymologische Bemerkungen. Er
erinnert an den indischen Gott Shiwa, der den Palmenwein erfand und auch
der Thränengott (Rutren) hieß; er weist auf die Verwandtschaft hin zwischen
Bacchus und dem semitischen +bacca+ = weinen, vergißt aber
merkwürdigerweise unser deutsches Weinen mit Wein zusammenzubringen.
Dagegen ist ihm Ariadne das semitische +ari edna+ = Wollust des Löwen und
er bemerkt +S. 178+:

»Bacchus, nachdem er mit Ariadne gebuhlt, fällt in die Gewalt der Titanen
-- d. h. die Ichheit, die als Selbstheit, als Besonderheit mit
selbstischem, dem Allwillen entgegenstrebenden Wollen verstanden wird,
weswegen am Ende aller Dinge, in welchem die Wesen wieder in Gott
übergehen, der Zustand ist, wo Niemand 'Ich' sagt.«

Ich möchte glauben, daß der Mythus von der Ariadne, der in den Mysterien
mit Vorliebe pantomimisch dargestellt wird, jedenfalls auch die umgekehrte
Bedeutung, nämlich das Erwachen der Seele symbolisieren sollte. Gerade auf
Sarkophagen finden wir häufig Scenen dargestellt, wie den der schlafenden
Ariadne nahenden Gott; oder Bacchus umarmt die schöne Ariadne, setzt ihr
den Kranz auf und reicht ihr den Becher, daneben steht der schöne Knabe
Staphilos, ihr gemeinschaftliches Kind, der »Traubengeist«.

Creuzer, der die Dionysos-Mysterien aus Indien stammen läßt (Dionysos ist
ihm Dewanachi, der Entwilderer Indiens) giebt folgende spekulative Analyse
der fraglichen indischen Ideen (+Symbolik I. S. 399+):

a) Das erste Sein vor und über Allem.

b) Die Liebe, die das erste Sein in sich aufgenommen, der es sich
hingegeben hat. Mithin

c) Gott, geschieden in ein Liebendes und in ein Geliebtes.

d) Diese Spaltung ist der Urbestand der Dinge.

Die Dinge sind und sind nicht, sie sind nur in der Trennung und durch sie,
sie sind nicht auf dem Standpunkte _über_ der Trennung. Die Liebe ist
Weltmutter, aber was sie geboren hat, ist im bloßen Schein geboren, es ist
ein Scheinbild, es sind Zaubergärten, die mit dem Beschwörungsworte in sich
selbst versinken. Das Eine aber bleibt: Parabrahma, der Selbständige.

Diese spekulative Auflösung nimmt die realen Dinge als Kunstgebilde der
Liebe im Scheine, mithin ist sie a) ästhetisch, b) sie hat sich aber ganz
natürlich aus dem ersten _naiven Naturmythus_ entwickelt. Hiernach ist die
schaffende Gottheit Welt-Lingam. Der Grund des Zeugens und Schaffens kann
in nichts anderem liegen, als in der Liebe; und davon giebt sich nun die
gesteigerte Spekulation die angeführte Rechenschaft.




II. Die cerealischen Mysterien.

1. Die Eleusinien.


Während die bacchischen oder dionysischen Mysterien an das männliche
Naturprinzip anknüpfen, gehen die cerealischen vom weiblichen aus; sie
knüpfen an die _Erntefeste_ an, während die bacchischen ursprünglich
_Winzerfeste_ waren.

In Attika haben sich freilich allmählich in den Eleusinien, in denen auch
Jakchos (Bacchos) seine große Rolle spielt, beide vermischt; jedoch blieb
Demeter (Ceres) die Hauptgottheit der Eleusinien. Über die Eleusinischen
Mysterien sind wir verhältnismäßig am besten unterrichtet, da sie im
Altertum den größten Ruhm erlangten, und daher vielfache Andeutungen über
ihre Feier von Dichtern, Philosophen und Historikern gegeben worden sind.
Die Zulassung zu ihnen wurde allen Hellenen gewährt, von welchem Stamme
oder Staate sie auch sein mochten.

Sie bestanden aus zwei durch einen halbjährigen Zwischenraum getrennten
Feiern. Die erste derselben, die sog. _kleinen_ Mysterien wurden im Monat
Anthesterion, der etwa unserem Februar entspricht, begangen, also im
Frühling, sie waren vorzugsweise der Kora oder Persephone, der Tochter der
Ceres, und dem Jakchos oder Dionysos, der als Bruder der Kora galt,
gewidmet. Diese Feier wurde zu Agra, einer Vorstadt Athens, am Ilissus
begangen. Ihr ging eine Reinigung vorauf, zu der das Wasser des Ilissus
diente -- Die _großen_ Mysterien fielen in die Mitte des Monats Boëdromion,
September, und dauerten nahezu 14 Tage. Der erste Tag hieß Tag der
Versammlung. Die Mysten versammelten sich in der Stadt. Am zweiten Tag
begaben sie sich mit dem Ruf %halade mystai%, »an das Meer, ihr Mysten«, an
den Strand, um im Meerwasser die vorbereitende Reinigung vorzunehmen. Die
folgenden Tage wurden mit mancherlei Umzügen, Opfern und Andachtsübungen in
Heiligtümern der Demeter, Persephone und des Jakchos ausgefüllt. Am
20. Boëdromion begab man sich dann in feierlicher Prozession von Athen nach
Eleusis. Die Prozession nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch, da an einer
großen Anzahl von »Stationen«, z. B. beim Grabmal des Eumolpos, bei dem
wilden Feigenbaum, wo einst Pluto mit der geraubten Proserpina in die
Unterwelt hinabgefahren sein sollte, beim Tempel des Triptolemos längerer
Aufenthalt zur Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen genommen wurde.
Sie schloß damit, daß das Bild des Jakchos in den Weihetempel zu Eleusis,
das Telesterion, gebracht wurde. Am folgenden Tage und in der Nacht wurden
verschiedene Festakte, über die wir nichts näheres wissen, teils im Freien,
teils im Peribolos des Telesterion begangen. Hierbei wechselte ausgelassene
Lust und gegenseitige Neckerei beider Geschlechter, wobei die Frauen
vielfach jene Handlung der Baubo oder Jambe wiederholten, durch die nach
dem Mythos Ceres zuerst in ihrer Traurigkeit getröstet sein soll, mit
feierlichem Ernst und andächtiger Sammlung. Einige Ahnung von diesem
Treiben verschafft uns die Schilderung +Herodots I. 60+ vom egyptischen
Isisfest. »Einige von den Weibern haben Klappern und klappern damit, einige
Männer aber spielen die Flöte, und die übrigen Weiber und Männer singen und
klatschen in die Hände; etliche verhöhnen die Weiber und etliche tanzen,
etliche aber stehen auf und _heben die Kleider in die Höhe_.« (Die Baubo
oder Jambe entlockte nämlich durch eine _unanständige Entblößung_ der
Demeter das erste Lächeln.) In den Fröschen des Aristophanes wird uns der
Chorgesang der Mysten und ihr ausgelassenes Treiben durch folgende Verse
geschildert:

Chor:

      O Heil, Heil, Jakchos!
      O Heil, Heil, Jakchos!
    Jakchos, der du weilst hier
    In dem stolzprangenden Wohnsitz,
      O Heil, Heil, Jakchos;
    Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanz
    In die Schaar deiner Geweihten,
    Und im Schwunge walle duftig
    Dir der Myrtenkranz voll Beeren
    Um das lockige Haupt!
    Und kühn stampfe den Takt uns
    Mit dem Fuße zum neckisch
    Sich entfesselnden Lustreih'n,
    Der in holdreizender Anmut,
    Der in Unschuld dich umhüpft,
    Der Geweihten heil'gem Chortanz!

    Ermuntere Dich: naht doch
    In der Hand schwingend die Fackeln,
    Er naht schon Jakchos,
    Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste!
    Von der Flamme glüht die Wiese;
    Ja, das Knie der Greise regt sich,
    Und sie schütteln ab die Sorgen
    Und die Bürde der Zeit,
    Die Last bleichender Haare,
    In der heiligen Festlust.
    Du, Seliger, führe
    Die zum Tanz rüstige Jugend
    Zu des Quells blumigen Auen
    Mit voranflammender Fackel!

Chorführer:

    Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen
        Reigen,
    Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens,
    Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der
        Musen,
    Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der
        Stiereverschlinger,
    Und wer plumpspaßender Worte sich freut, die heran sich drängen zur
        Unzeit,
    Wer feindlichen Hader im Volk nicht dämpft, nicht hold und gefällig den
        Bürgern,
    Nein, Zwietracht sät und die Glut anschürt, nach eigenem Nutzen
        verlangend,
    Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach
        Geschenken die Hände,
    Wer Vesten verrät, wer Schiffe verrät und verbotene Waren versendet,
    Wer andre beschwatzt, für der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die
        Feinde,
    Wer Hekate's Bild mit Gesängen beschmutzt, für kyklische Chöre
        gedichtet,
    Auch wer als Redner im Volke benagt den gebührenden Lohn der Poeten.
    Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und
        geboten:
    Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den
        Gesang an,
    Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste
        gemäß ist!

I. Halbchor:

    Nun auf, zieht herzhaft alle
    Zu dem blumigen Schooße der Wiesen
    In stampfendem Schritte hinab,
    Mit neckendem Spott,
    Mit höhnendem Ruf und Gelächter!
    Denn fromm und ernsthaft wart ihr genug.

II. Halbchor:

    Eilt, eilt nun, daß ihr der Göttin,
    Der Beschirmerin, heilige Lieder
    Anstimmt aus fröhlichem Mund,
    Ihr, welche das Land
    Auf ewig verhieß zu beschirmen,
    Und sei's auch gegen Thorykions Wunsch!

Chorführer:

    Wohlauf, hebt Hymnen von anderem Klang jetzt an, und verherrlichet
        preisend
    Der Demeter Gewalt in begeistertem Lied, der Verleiherin frohen
        Gedeihens!

I. Halbchor:

    Du, keuscher Orgien Herrscherin,
    Demeter, steh' uns gnädig bei,
    Und schirme selber deinen Chor!
    Laß ungestört den ganzen Tag
    In Spiel und Tanz mich freuen!

II. Halbchor:

    Laß viel im Ernst und viel im Spaß
    Sich meine Zunge heut ergehn;
    Und wenn ich würdig deines Fests
    Gelacht, gespottet, laß mich dann
    Als Sieger stehn im Kranze!

Chorführer:

    Auf! Eia!
    Nun auch den jugendschönen Gott
    Ruft herbei mit Liedern,
    Auf daß er uns Genosse sei
    Dieses Reigentanzes!

Einzelne des Chores:

    Jakchos, vielgefeierter, der des Festes
    Anmutig Lied erfunden, komm, geleit uns
    Zur Göttin hin,
    Und zeige, wie du mühelos
    Die weite Bahn zurücklegst!

Der ganze Chor:

    Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

    Denn du zerrissest, daß wir zum Gelächter
    Armselig aussehn, dieses Paar Sandälchen,
    Dies Fetzenkleid,
    Und schafftest, daß wir ungestraft
    In Spiel und Tanz uns freuen.

Der ganze Chor:

    Jakchos, heit'rer Tänze Freund, geleite mich!

Einzelne:

    Denn eben, als ich nach dem Dirnchen seitwärts
    Hinüberblinzelte nach der allerliebsten Mittänzerin,
    Da sah ich des Hemdchens Schlitz
    Und weiße Brüstchen gucken.

Chorführer:

      So wandelt
    Jetzt nach der Göttin heiligem Rund,
    Nach dem Blumenhaine,
    Froh scherzend, ihr, des heiligen
    Götterfestes Genossen!
    Ich, sammt den Mädchen und Frau'n,
    Ziehe hin zum Nachtfest
    Der Göttin, um die heilige
    Fackel dort zu tragen.

Chor:

    Ja, wandeln wir zum Rosenhain,
    Zu blumenreichen Auen,
    Und scherzen in alter Art,
    Zum lieblichsten Tanz gesellt,
    Den wieder erwecken hier
    Die seligen Mören.

    Denn uns allein strahlt Sonnenglanz
    Und heitern Lichtes Helle,
    Uns, die die Weihen wir einst
    Empfangen und frommen Brauch
    An Fremdlingen stets geübt
    Und Bürgern.

                  *       *       *       *       *

An einzelnen Tagen mußten die Mysten fasten, doch nur bis zum Anbruch der
Nacht. Alsdann genossen sie zuerst den Kykeon[595], einen Mischtrank aus
Mehl und Wasser, der mit Polei und anderen Zuthaten gewürzt war, und
darauf, wozu sie Lust hatten mit Ausnahme gewisser verbotener Speisen.[596]
Es wurde auch etwas Speise aus einer Kiste genommen, und nachdem man davon
gekostet, in einen Korb und aus diesem wieder in die Kiste gelegt. Darauf
bezieht sich die Formel, die als Erkennungszeichen für die Mysten gedient
haben soll: »Ich fastete, ich trank den Kykeon, ich nahm aus der Kiste, ich
kostete, ich legte in den Korb und aus dem Korbe in die Kiste.« Die Speise,
die man der Kiste entnahm, war wahrscheinlich Sesamkuchen. Solche Kuchen
wurden für die Feier in einer eigentümlichen Form, worüber später bei den
Thesmophorien näheres, gebacken. Man meint, die Kiste bedeutete die Erde,
aus der der Mensch seine Nahrung entnimmt, von der er einen Teil verzehrt,
einen anderen in der Scheuer (dem Korbe) verwahrt, um ihn dann aus dieser,
als Saatkorn, der Erde zurückzugeben.

Im Telesterion selbst, in Räumen, die nur für die Mysten selbst zugänglich
waren, -- jeder einzelne wird sich hier haben legitimieren müssen, nachdem
durch den Ruf des Hierokeryx, des heiligen Herolds, allen Profanen geboten
war, sich zu entfernen, -- fanden dann diejenigen liturgischen Akte statt,
die den eigentlichen Hauptteil der Mysterien ausmachten, -- die letzte
Weihe, +epopteia+ genannt. Nach einer Wiederholung des Mysten-Eides, der
Formeln, der sogen. kleinen Weihen, der Reinigung, des Glückwunsches an die
Initiierten (Neueingeweihten) fand im Vortempel die letzte Vorbereitung für
diese letzte Weihe statt. Darauf: »alle Schrecken der Nacht, Blitze, die
durchs Dunkel zuckten« (+Saintecroix I. p. 348. Dio Chrysost. Op. XII. V.
I, p. 387. Reiske+), Stimmen und furchtbare Töne, Schreckgestalten,
Todesangst (+Plutarch, Fragm. de anima p. 136+). »Einige werden zu Boden
geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den
Thäter entdecken zu können.« (+Achill. Tatian, V. 23+). Endlich wird der
Vorhang hinweggezogen, der bisher das Allerheiligste verhüllt hat. Dieser
Schlußakt heißt +autopsie+ »Selbstschau«. Ein taghelles Licht strahlt aus
dem Allerheiligsten hervor, die Priester stehen da in stattlichem und
bedeutungsvollem Schmuck, Chöre von Sängern und Musikern im Hintergrunde:
der Hierophant tritt hervor und zeigt die Heiligtümer, jedes einzeln, und
offenbart, was über ihre Bedeutung nur den Eingeweihten zu wissen vergönnt
ist: die Chöre lassen ihre Lieder zur Verherrlichung der Götter und ihrer
Macht und Segensgaben erschallen.

»Wir mögen begreifen«, bemerkt +Schoemann, griech. Altertümer II, 376+,
dessen Darstellung ich im wesentlichen folgte, »wie die Gläubigen, denen
jene Heiligtümer, jene Götter wirklich als Götter gelten, aufs Tiefste
davon ergriffen und von frommen Gefühlen erfüllt werden konnten. Dann aber
lassen ausdrückliche Zeugnisse uns nicht daran zweifeln, daß dieses Zeigen
der Heiligtümer und die sich daran schließenden Vorträge und Gesänge
keineswegs alles waren, sondern, daß es auch nachahmende Darstellungen
gegeben habe, durch welche, was in den heiligen Sagen von den Thaten und
Leiden der Götter überliefert war, in lebendiger Vergegenwärtigung der
Schauenden vor die Augen trat.« -- »Es ist übrigens wohl anzunehmen, daß
die Enthüllungen der mystischen Heiligtümer und die mimischen Darstellungen
der heiligen Geschichten nicht alle in einer und derselben Nacht
stattfanden, und nicht alle Mysten auf einmal zugelassen wurden, um zur
Epoptie zu gelangen, sondern daß sie in verschiedenen Abteilungen an die
Reihe kamen.«

Vorgestellt wurden wahrscheinlich 1. das Blumenpflücken und die Entführung
der Kore (Persephone). Vgl. +Ovid. Metamorph. V, v. 340-675+. Kore spielt
mit den Okeaninen. Auf grüner Wiese spielen die Götterkinder, Blumen
pflückend, Krokos, Veilchen, Rosen, und was sonst Griechenlands Fluren beim
ersten Frühlinge Anmutiges darbieten. Da läßt Gäa den verhängnisvollen
Narciß wachsen. Kore greift darnach; alsbald weicht die Erde unter ihren
Füßen und sie wird eine Beute des +Hades-Aïdoneus+.

2. Das Suchen der Demeter: sie hört den letzten Schrei der Tochter, da
ergreift sie heftigster Schmerz. Es ist der Schmerz einer Mutter, der man
ihr Liebstes geraubt. Zerrissen der Schleier, die Locken gelöst, verhüllt
in das schwarze Gewand der Trauer, eilt die Göttin in fliegender Hast über
Land und Meer, immer spähend ohne Auskunft zu finden. Denn niemand wagt es,
ihr die Wahrheit zu sagen, »weder ein Gott, noch ein Mensch, noch ein
Vogel.«

3. Demeters Ankunft in Eleusis: Sie tilgt das Göttliche an ihrer
Erscheinung und wird eine gemeine Magd, bei hohen Jahren, von adeligem
Aussehen, aber leidend und des Trostes bedürftig. So war sie lange unter
den Menschen umhergeirrt, ungesellig, einsam in ihrem Grame. So kommt sie
nach Eleusis und setzt sich an der Landstraße, neben dem Brunnen der
Jungfrauen. Hier wird sie von der Baubo aufgenommen, die auch Jambe[597]
genannt wird, der Frau des Dysaules. Der Name Dysaules verrät die
Unwirtlichkeit der Lebensart, die Demeter vorfand. Es waren arme Menschen,
die unbekannt mit dem Segen des Ackerbaues von Beeren und Eicheln lebten.
Baubo bedeutet Pflegerin, Amme des Jakchos, des eleusinischen Dionysos oder
Zagreus, den Kore vor ihrer Entführung geboren hatte. Baubo ist es, die nun
der Göttin den Kykeon reicht und sie durch eine unzüchtige Geberde wieder
zum Lachen bringt. Daher das Kleideraufheben der Frauen und das Trinken des
Mischtrankes in den ausgelassenen Episoden der Feier. Demeter übernimmt nun
die Pflege des Kindes, dem sie, indem sie es ins Feuer hält, die
Unsterblichkeit zu verschaffen sucht; das Fleischliche als Sitz des
Sterblichen soll weggebrannt werden.

4. Das Wiederfinden der Persephone und die Stiftung des Ackerbaues. Von dem
Schweinehirten Eubulos erfährt Demeter den Ort, wo Pluton mit der Kore in
den Hades hinabgefahren. Eubulos und Triptolemos hatten ihre Heerden dort
geweidet, darum konnten sie Bericht geben. Demeter geht darauf selbst in
den Hades und führt die Kore wieder aus der Unterwelt empor. -- Aus
Dankbarkeit übergiebt sie dem Eubulos und Triptolemos die ersten Cerealien
und unterweist sie im Pflügen und Säen, und zwar in einem doppelten
Sinne.[598]

Zum Schluß Einsetzung der Mysterien, wobei Dysaules, Eumolpos, Triptolemos
die ersten Priester werden. Gegen Ende der Feierlichkeiten wurden zwei
thönerne Gefäße mit Wein gefüllt und das eine nach Osten, das andere nach
Westen unter Aussprechen mystischer Formeln ausgegossen. Auch bekränzten
sich die Mysten mit Myrten.

Endlich erfolgte der Beschluß, indem der Hierophant die Entlassungsformel
sprach. Diese Formel, welche %konx ompax% (+conx ompax+) lautete, hat zu
seltsamen Deutungen Veranlassung gegeben. Die griechische Bedeutung und
Herkunft der Worte ist nicht nachweisbar. Nicht geringes Aufsehen machte es
nun, als Mitte dieses Jahrhunderts der Engländer Wilforce in %konx ompax%
die indische Formel wiederzufinden glaubte, womit die _Braminen_ noch jetzt
ihre gottesdienstlichen Versammlungen schließen. Diese lautet:
+Canscha-Om-Pacsha+. +Canscha+ bezeichnet den Ort des höchsten Sehnens;
+Om+ das heilige Wort, womit die höchste Gottheit, das ewige Wesen,
bezeichnet wird; +Pacsha+ heißt Wechselung, Wanderung, Reihe, Ordnung,
Pflicht.

Forscher, wie Muenter, Creuzer (+Symbolik IV. 399+), Schelling, glaubten
hiermit sei das Rätsel gelöst und zugleich sei damit die Herkunft der
Mysterien von Indien bestätigt. Dagegen machte Lobeck in seinem höchst
gelehrten lateinisch geschriebenen Buche +Aglaophamus sive de theologiae
mysticae graecorum causis+, diese Ableitung lächerlich. Obwohl der Versuch
Lobecks seinerseits eine rein griechische Entstehung der Worte aus
Naturlauten, die das Umkippen der Wasseruhr nachahmen sollen, zu versuchen,
mir auch sehr zweifelhaft erscheint, möchte ich doch die Annahme einer
indischen Herkunft der fraglichen Entlassungsworte für ebenso gewagt
erachten.

Noch gewagter und meines Erachtens in verschiedenen Richtungen noch
leichter widerlegbar ist freilich der Versuch du Prels (+die Mystik der
alten Griechen S. 68-120+), zur Erklärung der Mysterien, wenigstens der
_Eleusinischen_, den _Spiritismus_ heranzuziehen. Er nimmt an, daß jene
geheimen Weihen, die wir eben beschrieben, nichts anderes als
spiritistische Sitzungen mit allen dazu gehörigen »physikalischen« und
»dämonischen« Phänomenen, »Materialisationen«, usw. gewesen seien. Schon
die große Menge der Beteiligten sollte diese Annahme selbst für einen von
der Möglichkeit derartiger »spiritistischer« Phänomene überzeugten
»Occultisten« ausschließen. Eigentlich spiritistische oder diesen analoge
hypnotische Manipulationen mögen bei einzelnen der späteren besonderen
Geheim-Conventikel syrischen und egyptischen Ursprungs zumal in der Zeit
des Verfalls der hellenischen Kultur üblich gewesen sein; im Rahmen der
staatlich offiziellen Eleusinien erscheinen sie undenkbar. Vielmehr sind
die Erscheinungen der eleusinischen Epoptie zweifellos durchweg auf
theatralische Vorstellungen ohne jeden Nebengedanken bewußter Täuschung
zurückzuführen und insofern den mittelalterlichen kirchlichen Mysterien,
deren Reste wir z. B. in den Oberammergauer Passionsspielen vor uns haben,
gleich zu stellen. Was gezeigt wurde, war wesentlich dramatische und
mimische Symbolik. Vielleicht war dieselbe in der nachklassischen Zeit auch
mit belehrenden, die »Allegorie« direkt erläuternden Vorträgen verbunden,
für die vorchristliche Zeit steht nach den gründlichen Untersuchungen
+Lobecks a. a. O.+ das Gegenteil fest; damals wurde das Verständnis des
tieferen Sinnes entweder vorausgesetzt oder der privaten Erklärung, etwa
durch den Mystagogen d. h. diejenige Person, welche die Einführung des
Einzelnen in den Geheimkult vermittelte, überlassen. Wir dürfen uns
freilich keine zu geringschätzige Ansicht über die Theatertechnik der alten
Griechen machen; dieselben verfügten über außerordentlich sinnreiche
Theatermaschinen. (Vgl. die Skene der Hellenen, von Gymnasiallehrer +R.
Kuhlenbeck, Gymnasial-Programm, Osnabrück 1875+.) In den Fundamenten des
von Perikles erbauten, 20-30000 Menschen fassenden Weihetempels zu Eleusis
hat man sogar interessante Überreste der Maschinenräume, von denen aus die
mystischen Phantasmagorien[599] ins Werk gesetzt worden sind, nachgewiesen.
(+S. Wheler, Chandler Reisen in Griechenland, Leipzig 1777.+) Die gewaltige
Wirkung ästhetisch-sinnlicher Symbolik, die wir ja heutzutage noch an der
Eindrucksfähigkeit des katholischen Kultus beobachten können, erklärt aber
auch genügend den überzeugenden unvergeßlichen Eindruck der heiligen
Handlungen auf die einer ästhetischen Entzückung mit allem künstlerischen
Raffinement durch eine Reihe von systematisch darauf abzielenden
Festlichkeiten immer näher geführten Epopten. Vgl. Schillers Marie Stuart:

Mortimer:

    »Wie ward mir, Königin!
    Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen
    Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit
    Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist
    In seine heitre Wunderwelt mich einschloß.«

    Wie wurde mir, als ich ins Innre nun
    Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel
    Herunterstieg, und der Gestalten Fülle
    Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll,
    _Das Herrlichste und Höchste gegenwärtig,
    Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,
    Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,
    Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,
    Die heil'ge Mutter, die herabgestieg'ne
    Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung_, usw.

So wird es uns begreiflich, wenn Pindar[600] singt:

    »Glücklich ist, wer der eleusinischen Wahrheiten Kenner
    In die Gruft des Todes hinabsteigt.
    Er kennt den Ausgang des Lebens,
    Kennt den gottverliehenen Anfang.«

oder Sophokles:

    »Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich,
    Die eingeweiht sind. Sie leben dort allein,
    Den andern ist nur Not und Ungemach bestimmt.«

oder wenn Isocrates schreibt, daß die, welche in die eleusinischen
Mysterien eingeweiht sind, beseligende Hoffnungen bezüglich des Lebensendes
und der ganzen Ewigkeit erlangen; und Cicero: »Athen hat zwar manches
Vortreffliche geschaffen, aber gewiß nichts Besseres, als jene Mysterien,
durch die wir aus einer rohen und uncivilisierten Lebensweise zur wahren
Bildung geführt sind und in die wahren Prinzipien des Lebens eingeweiht,
über das Rätsel des Lebens aufgeklärt werden, sodaß wir nicht nur mit
größerer Freude das Leben zu genießen, sondern auch mit besserer Hoffnung
zu sterben gelernt haben.«

Was war denn nun der wesentliche Inhalt der Lehre, die der Eingeweihte aus
den Symbolen und dramatischen Handlungen der eleusinischen Mysterien
entnahm? Zunächst allerdings nichts »occultistisches«, sondern die
civilisatorische Bedeutung des Ackerbaues, wie sie Schiller in seinem
Gedicht: das »eleusinische Fest« so unübertrefflich schildert.

    »Ceres«, singt Ovid, »Ceres zuerst hat Schollen mit hackigem Pfluge
        gewühlet,
    Ceres zuerst gab Früchte dem Land' und mildere Nahrung;
    Ceres gab die Gesetze; durch Ceres Geschenk sind wir Alles!«

                  *       *       *       *       *

Vor allem verehrte man in der Demeter die unerschöpfliche üppige ewig
jugendliche Naturkraft, die starke, nährende Mutter der lebenden Wesen; und
_dementsprechend trug die Feier vorwiegend den Charakter des freudigen
Erntefestes_.

    »Deo, du göttliche _Mutter_ des All's, vielnamiges Wesen,
    _Jugendernährerin_ du, Glückspenderin, hehre Demeter,
    Segenquell', im Ährengesproß, allgebende Gottheit,
    Welche der Frieden ergötzt und die Mühsal ihres Berufes;
    _Dein ist die Saat, dein Garben und Tenn'_, o Göttin des _Fruchtgrüns_,
    Die Du Dir Wohnung erkorst in Eleusis heiligen Hallen!
    _Anmutsvoll, liebreizend, der Menschen Ernährerin allwärts_;
    Welche zuerst zum Pflügen gebeugt den Nacken des Stieres,
    _Und dem Sterblichen gab den lieblichen Segen der Nahrung_;
    Wuchernder Blüte, Genossin des Bromios, glänzender Ehre
    Fackel umstrahlt, urrein, die im Sommer sich freute der Sichel,
    Jetzt in der Tief', aufsteigend anjetzt, jetzt jeglichem milde,
    _Kinderbeglückt, den Jünglingen hold, du Nährerin, Männin_,
    Welche mit Drachengebiß den rollenden Wagen bespannt hat,
    Und in kreisendem Lauf um den eigenen Thron froh jauchzet!
    Eingeburt, _an Sprößlingen reich_, voll waltender Obmacht,
    In der Gestalten Gedräng' hehrblühender, buntes Geblümes,
    Selige, komm, urreine, _beladen mit Früchten der Ernte_;
    Frieden bringe zurück und des Rechtes gefällige Satzung,
    _Überströmende Füll' und königliche Gesundheit_.«[601]

Soweit geht die Lehre auf vollste Lebensbejahung, auf einen genußreichen
Optimismus.

Aber dem Herbste folgt der Winter, dem Leben der Tod. Und so hat das
Erntefest auch seine Kehrseite. Hier nun setzt der Mythus vom Raub der
Persephone ein, und damit zugleich der tiefere »occultistische« Kern der
Geheimlehre. Die Vegetation der Erde verfällt dem Tode; allein gleichzeitig
ist die Hoffnung auf ihre _Wiederkehr_ im Kreislauf des Jahres, die
Hoffnung auf das neue Erwachen im Frühling begründet. Die Saat wird in die
Erde gesenkt, aber nur um aus scheinbarer Verwesung aufs Neue zu erblühen.
So entnimmt der Mensch für sich selber aus der Natur die Hoffnung der
eigenen Unsterblichkeit, der Wiederkehr zum Leben. Aus dem einfachen
Erntefeste wird so eine Feier der Unsterblichkeit. In welcher Weise man
sich diese Unsterblichkeit denken wollte, das wurde in der klassischen Zeit
dem einzelnen überlassen. Vgl. +Preller, Demeter und Persephone, S. 233+.
Man zog nach dem uralten Symbol des Saatkorns auch andere Natur-Analogien
z. B. die der Raupe, aus deren Puppe der Schmetterling des nächsten Jahres
entsteht, herbei, und nachweislich ist ja die reizende Sage von Eros und
Psyche ebenfalls ein Zubehör des eleusinischen Dichtungskreises.

Später nahm man zumeist das irdische Dasein selber für das niedere, aus dem
der Tod für die Eingeweihten wenigstens den Aufgang zu einem besseren
himmlischen Dasein eröffnet. »Was der Mythus Unterwelt nennt«, schreibt +W.
Menzel a. a. O. S. 29+, »ist unsere sichtbare mit Menschen und anderen
Geschöpfen erfüllte Oberwelt und als untere nur deshalb bezeichnet, weil
die himmlische Welt über ihr liegt. Das in die Erde begrabene Saatkorn,
welches wieder zum Licht emporgrünt, ist nur ein Sinnbild der aus dem
Himmel ins irdische Dasein gefallenen, aber wieder zu ihm zurückkehrenden
Seele.« Persephone wird damit eine Personifikation der Menschheit, die vom
Himmel herabsank. »Demeter wird die _himmlische_ Mutter, welche über ihre
in unsere irdische Natur verbannten Kinder wacht, ganz wie die deutsche
Göttin Bertha über ihre Heimchen.«

Wie sich der dionysische Geheimdienst (durch Jakchos) allmählich mit der
eleusinischen, ursprünglich rein cerealischen Feier verquickt, so wird auch
Ceres, Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter, wie Dionys, eine
Gottheit der Erniedrigung und Erhöhung. Es giebt einen Aufgang und
Niedergang der Geister, und über diesem waltet die Allmutter, Demeter und
die Königin der Geister, die Manenkönigin Persephone. Ob man sich nach dem
Tode wieder zu weiterem Niedergang oder zum Aufgang wendet, das hängt von
der Erkenntnis ab, vom Wiedererinnern des göttlichen Ursprungs, aus dem
Neugierde zum Fall und Vergessenheit führte (Eros und Psyche). Diese
Erkenntnis verschafft die Weihe. »Nur die in den Mysterien Eingeweihten,
die durch Reinigungen und Belehrungen sich der Erreichung höherer
Erkenntnisstufen würdig gemacht haben, erfreuen sich schon in diesem Leben
aller Vorteile der Gesetzlichkeit und Civilisation, und werden die Einzigen
sein, denen die Unsterblichkeit und die ewigen Freuden im Himmel zu teil
werden«; ihnen allein »strahlt Sonnenglanz und Lichtes Helle.«

                  *       *       *       *       *

+Creuzer, Symbolik IV § 21+ giebt folgende _spekulative_ Analyse des
Inhalts der eleusinischen Lehre auf Grund der Theologumenen des Nicomachus:
Die Pythagoräer haben die Zweiheit (Dyas) auch Demetra und Eleusinia
genannt. -- Darum ist sie die heilige Zahl der _Ehe_ und heißt auch Mutter
und Amme (Maria). Nach Plotinos ist die Seele eine Zahl, hervorgetreten und
abgefallen aus dem Einen. Warum, fragt er, ist das Eins nicht in sich
geblieben, und warum das Viele daraus hervorgeflossen? -- Die Weltseele ist
schon ein Abfall aus der Einheit, die Menschenseele wird gar, durch eine
Trunkenheit schwindelnd gemacht, herabgezogen in den Leib, Ceres (Demeter)
aber ist die Erdseele, und heißt bestimmt Dyas. Die Dyas ist die Mutter der
Zahl und heißt weiblich, und als solche +alma mater+, Nährmutter. Insofern
aber das weibliche Prinzip nicht außer, sondern noch in der Einheit ist,
ist es die Kraft in Zeus (%aretê%); es ist Hecate (Kore), die das
Jungfräuliche nicht lassen will, Artemis die reine Jungfrau, Minerva in
Jupiters Haupt. Das sind die drei Jungfrauen der alten Mysterien. Aber wenn
Kore sich mit Zeus und Pluto begattet, so heißt das nach Eleusinischer
Lehre: Die Kore ist _Lebensquell im Weltall_. Sie webt; ihr Gewebe ist die
Schöpfung beseelter Wesen. Aber Minerva ist auch ganz in ihr. Minerva ist
in ihr %philosophos philopolemos%, Krieg- und Weisheit liebende, und sie in
der Minerva. Kore ist aber auch die Kraft, die von der Demeter _nach unten_
wirkt, die _zeugende Seele_; als Jungfräuliche aber in der Höhe die
Zurückführerin der Seelen _nach oben_. Nun werden wir wohl von selbst die
verschiedenen Namen der Dyas bei den Pythagoräern (offenbar Orphische Lehre
und zugleich Lehre der Eleusinien) verstehen, welche nichts als mythische
Ausdrücke für theologische sind: %hê mythoplastia theologei%, sagt
Nicomachus.

Diese Namengebung ist aber nicht blindlings ersonnen, sondern sie hat sich
an _Tradition_ und _alte Lehre_ gehalten. Wir wissen jetzt den _Grund_,
warum die Dyas _Demeter_ hieß und _Eleusinia_. _Das war die Weltmutter, die
einst den bunten Becher der geteilten Natur ausgeleert hatte; Isis, die
ihrem Sohne Horus den Naturbecher reicht. Es war die Erdseele, die Materie,
die Weberin materieller Leiber; die Nährmutter, die das Samenkorn und mit
ihm geteilten Besitz und Hader und Tod gebracht. Die Toten sind Demetrier._
Die obere Kore führt sie wieder aus dem Vielen durch das Zwei in das Eine
zurück. Das Widerstreben des sich in der bunten Welt gestaltenden
Menschengeistes stellt die Eleusinische Lehre in Bildern dar. Es bedarf
Kämpfe und Reinigungen: Das ist der Kampf und Krieg von Eleusis, und darum
nannte, von der Haderstadt Eleusis, der Pythagoräer die Zweiheit und
Zwietracht Demeter und Eleusine.


2. Die Thesmophorien.

Zu den cerealischen Mysterien gehörten auch die Thesmophorien. Die Feier
derselben verdient sowohl ihres eigentümlichen Charakters wegen, der sie
vor den Eleusinien auszeichnet, -- es handelt sich nämlich um ein
_ausschließlich von Frauen begangenes Fest_ --, als auch deshalb noch
besonders dargestellt zu werden, weil in ihr eine von den bloß agrarischen
und auf das Jenseits bezüglichen Symbolen sehr verschiedene, sozusagen
soziale Beziehung des Demeterkultus zu Tage tritt. Sie bietet interessante
kulturgeschichtliche Momente. Der Beiname Thesmophoros, d. h.
_Gesetzgeberin_[602], kennzeichnet die Demeter als Stifterin des Gesetzes.
%Thesmoi%, Satzungen, heißen die ältesten Gesetze, z. B. die des Draco. In
den Thesmophorien wird der Ackerbau als das _fruchtbarste Prinzip der
Humanität_, als Anfang allseitiger Veredelung, als Grenze zwischen dem
unstäten Nomadenleben und zwischen dem auf feste Wohnsitze gegründeten
_geordneten Familien- und Staatsleben_ gefeiert. Die Gedanken, welchen
Schiller in seiner Ballade: »_Das Eleusische Fest_« eine so klassische
poetische Einkleidung gegeben hat, bilden eigentlich weniger den
Hintergrund der eigentlichen Eleusinien, als vielmehr der Thesmophorien.

    »Daß der Mensch zum Menschen werde,
    Stift er einen ew'gen Bund,
    Gläubig mit der frommen Erde,
    Seinem mütterlichen Grund,
    Ehre das Gesetz der Zeiten
    Und der Monde heil'gen Gang,
    Welche still gemessen schreiten
    Im melodischen Gesang.

    Freiheit liebt das Tier der Wüste,
    Frei im Äther herrscht der Gott,
    Ihrer Brust gewalt'ge Lüste
    Zähmet das Naturgebot;
    Doch der Mensch in ihrer Mitte
    Soll sich an den Menschen reihn,
    Und allein durch seine Sitte
    Kann er frei und mächtig sein.«

Als wichtigste Satzung aber, als Fundament des geordneten Familienlebens
und des Staates galt auch den Griechen die _Ehe_.

Darum ist es vor allem die Ehe und alles, was mit dieser zusammenhängt, was
den Gegenstand der Thesmophorien bildet. Man kann sie als das _Mysterium
der Ehe_ bezeichnen. »Die rechtmäßige, gesetzliche Ehe«, schreibt W.
Menzel, a. a. O. S. 19, »verhielt sich zur wilden Ehe oder zum Concubinat,
wie die geregelt auf dem Acker stehende goldne Saat zum wilden Unkraut der
Steppe und des Waldes. Die edlere Gesittung, die aus der ehelichen Pflicht
erwächst, wurde so hoch angeschlagen, als sie es verdient, und lange, bevor
Schiller sang: Ehret die Frauen! wurden sie in Hellas auf die würdigste
Weise verehrt.«

Dabei vergißt freilich W. Menzel zu bemerken, daß die
_natürlich-geschlechtliche_ Basis der Ehe in den Thesmophorien in einer so
unzweideutigen Weise hervorgekehrt und in den Vordergrund gestellt wurde,
wie es unserer germanischen _christlich gesitteten_ Anschauung fast
unbegreiflich erscheinen muß.

    »Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
    So frage nur bei edlen Frauen an!«

sagt zwar Goethe.

Einige Einzelheiten der Thesmophorien müssen uns aber bezweifeln lassen,
ob dieses Dichterwort auch schon für die edlen Frauen des Altertums Geltung
beanspruchen darf; -- jedenfalls werden etwaige Leserinnen, denen übrigens
geraten werden darf, diesen Abschnitt über die Thesmophorien zu
überschlagen, falls sie ihn dennoch lesen, stellenweise Veranlassung haben,
über den Mangel an Dezenz bei den althellenischen Frauen sich zu entrüsten.
Wenn ich selbst keinen Anstand nehme, auch über diese grobsinnlichen
Natürlichkeiten der Thesmophorien Bericht zu erstatten, so bedarf ich wohl
bei dem vorwiegend kulturgeschichtlichen Standpunkte meiner Arbeit keiner
Entschuldigung. Es ist von nicht geringem Interesse, den gewaltigen
Fortschritt zu konstatieren, den die christliche Religion und daneben vor
allem der _bessere Volkstypus der Germanen_, der für die christliche
Religion erst den angemessenen Boden bot, für die Erziehung und Würde des
Weibes bezeichnet. In unserer dem Christentum leider nicht eben sehr
günstig gesinnten Zeit kann eine getreue Schilderung der Thesmophorien als
Warnungszeichen gelten dafür, wie weit eine rein _naturalistische_
Weltanschauung, -- eine solche war ja diejenige des heidnischen Altertums
im vollsten Sinne, -- selbst dann, wenn sie die _Heiligkeit_ der Ehe feiern
will, das Weib erniedrigte.

Die Thesmophorien waren eine uralte Feier; ihre Stiftung war in mythisches
Dunkel gehüllt, nach Herodot (+II, 171+) ist sie noch vor diejenige der
Eleusinien, mindestens 1568 Jahre vor Christi Geburt zurückzudatieren.
»Auch über die Weihen der Demeter, die bei den Hellenen Thesmophoria oder
Gesetzgebung heißen«, schreibt Herodot, »auch darüber halte ich reinen
Mund, ohne was zu sagen davon erlaubt ist. _Die Töchter des Danaos brachten
dieselben aus Egypten mit und lehrten sie den pelasgischen Weibern._«

Die Thesmophorien waren ein Saatfest; sie fielen in den Monat Pyanepsion,
nach dem herbstlichen Äquinoktium, in dem der Acker neugepflügt und das
Winterkorn gesät wurde.

Das Pflügen und Säen hatte bei den alten Hellenen von jeher die
Nebenbedeutung der geschlechtlichen Vereinigung. So sagt Kreon in der
Antigone des Sophokles unter Anspielung auf diese Zweideutigkeit zum Hämon:

    »Noch andre Fluren giebt es, die du pflügen kannst.«

Und Demeter galt daher ganz besonders auch als die Göttin dieses
Schluß-Mysteriums der »Liebe«, in weit bevorzugterem Sinne, als selbst
Afrodite, die in ihrer hellenischen Idealisierung viel mehr eine Göttin der
Schönheit und des Liebreizes, als der bloßen Fortpflanzung ist. Darum
unterweist sie selber nach dem Mythos ihre Schützlinge, den Celeus, den
Jasion oder Triptolemos nicht nur im Pflügen und Säen in rein
agronomischer, sondern auch in dieser _übertragenen_ Bedeutung, wie es
Goethe in der 12. seiner römischen Elegieen mit folgenden Versen
beschreibt:

    »Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht.
    Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,
    Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.
    Und was war das Geheimnis? als daß Demeter, die Große,
    Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt,
    Als sie dem Jasion einst, dem rüstigen König der Kreter,
    Ihres unsterblichen Leibs holdes Verborgne gegönnt.
    Da war Kreta beglückt! Das Hochzeitsbette der Göttin
    Schwoll von Ähren; und reich drückte den Acker die Saat.«

Um dieses »Geheimnis« nun drehte sich das ganze Thun und Treiben des
Frauenfestes der Herbstsaat, allerdings mit der Einschränkung, daß zugleich
die gesetzlich geheiligte _eheliche_ Form derselben gefeiert, die
ungesetzliche aber verpönt wurde.[603]

So soll nach Clemens (+Alex. Strom. IV. p. 619+) die athenische Priesterin
Theano, gefragt: wie viel Tage eine Frau, die ihrem Manne beigewohnt habe,
warten müsse, ehe sie dem Fest der Thesmophorien vorstehen dürfe,
geantwortet haben: keinen. Als man sie aber frug, an welchem Tage sie dem
Feste beiwohnen dürfe, nachdem sie einen andern Mann umarmt hätte,
antwortete sie: niemals.

Mit dieser Anekdote ist freilich der sicher beglaubigte Umstand nicht gut
zu vereinigen, daß zur Vorbereitung des Festes (+paraskeve+) vorerst
neuntägige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr überhaupt gehört hat. So
schreibt z. B. +Ovid. Metam. X. 430ff.+:

    Demeters Jahresfest begehen die Matronen,
    Den Leib in weißen Kleidern eingehüllt,
    Und opfern Erstlingsfrüchte von der Ernte,
    Den Ährenkranz im wohlgepflegten Haar,
    Neun Nächte lang nun achten sie's für Sünde,
    Dem Manne sich in Liebe zu vereinen.

Creuzer (+Symbolik IV. 374+) findet darin eine Anspielung auf die
neuntägige Ungewißheit und Trauer der Ceres über das Verschwinden der
Persephone.

Ein eigenartiges Licht auf die natürliche Sinnlichkeit der griechischen
Frau wirft nun dabei die Nachricht, daß die Frauen sich diese
Enthaltsamkeit erleichterten, indem sie auf allerlei Kräutern saßen und
ruhten, denen besondere Kräfte zur Abstumpfung des Geschlechtstriebes
zugeschrieben wurden. Unter andern zählte man dazu das %kneôron%, aus der
Gattung +Daphne+, den %lygos%, eine Weidenart (+agnus castus+, Keuschlamm),
%konyza% oder %knyza% (+erigeron graveolens+). In Milet war die Fichte der
Demeter heilig und wurden deren Zweige zu demselben Gebrauche verwandt.
(+Vgl. Preller, Demeter und Persephone S. 345 Nr. 36.+) Den Genuß der
Granate mußten die Frauen in dieser Vorbereitungszeit meiden, da derselben
eine entgegengesetzte Wirkung beigelegt wurde, weshalb sie gerade umgekehrt
als Symbol bei der Hochzeit ihre Rolle spielte und gemeinsam von den
Neuverehelichten genossen wurde. Als Persephone in der Unterwelt von der
Granate gekostet hat, verliert sie die Möglichkeit der freiwilligen
Rückkehr:

    »Nach dem Apfel greift sie, und es bindet
    Ewig sie des Orkus Pflicht.« (Schiller.)

Seltsamerweise aber bucken sie in derselben Zeit Festkuchen aus feinem
Weizenmehl, Sesam und Honig, sog. %mylloi%, die eine sehr _obscöne_ Form
hatten, nämlich teils die männliche des +Phallus+, teils die des weiblichen
Organs. Vgl. +Athenaeus XIV. 647+. Nach +Delaur, Des divinités generatrices
p. 226+ hat diese Sitte sich in einigen Gegenden Frankreichs erhalten:
+Dans plusieurs parties de la France on fabrique des pains, qui ont la
figure du Phallus. On en trouve de cette forme dans le ci-devans
Bas-Limousin et notamment à Brires. Quelque fois ces pains on »miches« out
les formes du sexe feminin; tels sont ceux que l'on fabrique à Clermont en
Auvergne et ailleurs.+ Näheres bei +Lobeck, Aglaophamus p. 1067ff.+
+Bryerinus Campagius (de re cibar. VII. 7. 402. 1560)+ rügt, daß sich diese
Unsitte auch in den christlichen Zeiten noch erhalten hat, »+adeo
degeneravere boni mores, ut etiam Christianis obscoena et pudenda in cibis
placeant; sunt enim quos _cunnos saccharatos_ appellent+.«

Das eigentliche Fest, zu dem man sich so vorbereitete, dauerte fünf[604],
oder nach Wellauer (+De Thesmophor.+) drei Tage. Wie bereits gesagt, nahmen
nur Frauen an der Feier teil, _kein Mann durfte nahen, bei strenger
Strafe_. Am ersten Festtage, dem 9. Pyanepsion (Oktober?) zogen die Frauen
in zwanglosen einzelnen Zügen nach Halimus. Dieser Ort lag am Strande des
Meeres. Vermutlich nahmen sie hier zum Zwecke der Reinigung und Entsühnung
Bäder und Waschungen im Meere vor.[605]

Der Tag hieß %stêniai% (Sthenien) angeblich wegen der Neckereien und
Scherze, welche die einzelnen sich begegnenden Züge miteinander ausübten.
Vermutlich sangen sie keineswegs immer sehr anständige Lieder, die sogar
mit allerlei unanständigen Geberden illustriert wurden. Man versammelte
sich vor und in dem uralten Tempel der Göttin, wo dann eine nächtliche
Orgie gefeiert wurde. Einiges Licht auf die Art der Feier in Halimus wirft
ein erst im Jahre 1870 entdecktes Scholion zu +Lucian, Dial. meretr. II. 1
(Rohde, Rhein. Museum N. F. 25)+. Die Frauen versenkten neben den
Backwerken der vorhin geschilderten Gestalt lebende Ferkel in eine Grube.
Angeblich geschah letzteres zur Erinnerung daran, daß Eubulos an der
Stelle, wo Pluto die Proserpina zur Unterwelt entführte, gerade eine
Schweineheerde hütete und daß diese in den sich öffnenden Erdschlund mit
hinabgerissen wurde. Das Ferkel hat aber im Griechischen auch noch eine
andere den bildlichen Darstellungen der genannten Backwerke durchaus
kongruente Nebenbedeutung, wie aus des Aristophanes +Acharnern V. 755-785+
deutlich erhellt. Darum wurde es mit Vorliebe der Demeter geopfert. Es ist
ein Sinnbild der Fruchtbarkeit.

Die Orgie in Halimus zeichnete sich durch große Ausgelassenheit aus. Man
denke sich die Frauen Athens, in der übrigen Zeit des Jahres meist in ihrer
Häuslichkeit eingeschlossen, jetzt plötzlich für einige Tage völlig der
strengen Obhut entledigt und unter sich beim Opfermahl schwelgend, wobei
fast aller Witz sich um den einen, durch eine neuntägige Enthaltsamkeit nur
um so mehr erregten, Gedanken des Festes drehte. Besonders wird allseitig
berichtet, daß die Handlung der Baubo, durch welche diese die Ceres zuerst
in ihrer Trauer erheiterte, von den Weibern mit Vorliebe bei dieser
Gelegenheit nachgeahmt wurde. Daß dies auch bei dem Jakchoszuge der
Eleusinien vorkam, wurde schon oben erwähnt. Hier, wo nur Frauen unter sich
waren, geschah es in weit rückhaltloserer Weise. Genaueres darüber hat der
Philologe Lobeck in seinem klassischen leider lateinisch geschriebenen
Werke +Aglaophamus II. e. 6+ zusammengestellt. Das deutlichste Licht darauf
werfen einige Kirchenväter, die gerade diese schamlose Seite altheidnischer
Feste in geschicktester Weise zum Angriffspunkte gegen den Paganismus
benutzt haben. Ich citiere den Arnobius, ohne mich jedoch aus begreiflichen
Gründen zu einer Übersetzung der von jeder modernen Prüderie allzuweit
entfernten Stelle zu bequemen: +Baubo accipit hospitio Cererem; sitienti ad
ores oggerit potionem cinnum; aversatur et respuit dea. -- Tum vertit Baubo
artes et quam serio non quibat (poterat) allicere, ludibriorum statuit
exhilarare miraculis; _partem illam corporis, per quam sexus femineum
sobolem solet prodere, facit in speciem laevigari (levigari) nondum duri
atque striculi pusionis, redit ad deam tristem et retegit se ipsam_,

    Sic effata sinu vestem contraxit ab imo
    _Objecitque oculis formatas inguinibus res,
    Quas cava succutiens Baubo manu_, nam puerilis
    Ollis vultus erat, plaudit, _contrectat amice_.
    Tum Dea defigens augusti luminis orbes,
    Tristitias animi paulum mollita reponit;
    Inde manu poculum sumit, risuque sequenti
    Producit totum cyceonis laeta liquorem.+

Etwas anders heißt es in den angeblichen Versen des Orpheus:

    %hos eipousa peplous anesyrato, deixe te panta
    sômatos oude preponta typon. pais d'êen Iakchos
    cheiri te min rhiptaske gelôn Baubous hypo kolpois.
    hê d'epei eidêse thea, meidês' eni thymô
    dexato d'aiolon angos, en hô kykeôn enekeito.%

Auch belustigte man sich mit Tänzen, über deren Charakter schon die
Benennung derselben nicht den mindesten Zweifel gestattet. Einer dieser
Tänze hieß %knismos% (Reiz und Lüsternheit), ein anderer %oklasma%
(Niederkauern und Spreizen der Beine). Man spielte das %chalkidikon diôgma%
(Greifspiel). Vor allem wurden auch Scenen aus der heiligen Geschichte der
Demeter, der Raub der Kore, die Scenen mit Eubulos usw. mimisch aufgeführt.
Am folgenden Tag begab man sich in feierlicher Prozession zur Stadt zurück.
Hierbei trugen ausgewählte Frauen die Satzungen der Demeter, welche sich
auf das eheliche Mysterium bezogen, Schriftrollen in Kapseln auf den
Köpfen. Unter anderen Bildern und Symbolen, Phallus usw., trug man dabei
ein Kolossalbild der %kteis%[606] (+kteis+) voran, welches nichts anderes
war als eine keineswegs bloß symbolische, sondern äußerst naturalistische
Abbildung des »holden Geheimnisses« der Ceres, der »weiblichen Scham«.

Creuzer bemerkt (+Symbolik IV+) zu diesen Schamlosigkeiten: »Man darf die
naive Freiheit dieser Gebräuche nicht mit unserem Maßstabe des Schicklichen
messen.«

Am folgenden Festtage schlug die Ausgelassenheit in höchste Andacht um; man
nannte ihn %Nêsteia% von dem strengen Fasten, das an diesem Tage bis zum
Eintritt der Nacht gewahrt wurde. In der Nacht begann dann wieder der
Orgiasmus, Chorgesänge und Reigen unter Fackelbeleuchtung. Der dritte Tag
hieß %kalligeneia% (+Calligeneia+) vielleicht wegen der von Demeter
erflehten Geburt schöner Kinder. »Die ganze Gruppe der von den
Thesmophoriazusen gefeierten Gottheiten nennt Aristophanes in seiner
gleichnamigen Komödie: Demeter und Kore, beide unter dem Epithet
Thesmophoros, Plutos, Kalligeneia, Ge Kurotrophos, Hermes und die Chariten.
Daraus kann man auf den Inhalt der Gebete schließen, um Segen der Flur und
des Ackers, besonders aber der Kindererzeugung und Geburt. Dahin gehört
auch die Kalligeneia. Sie wird als Tochter oder Dienerin der Demeter oder
sonst erklärt, ist aber wohl weiter nichts, als die Demeter selbst in einer
besonderen Beziehung, als die Mutter des schönen Kindes nämlich, der
lieblichen Kore, darum vornehmlich von den Frauen gerufen, welche ihren
Geburten gleiche Anmut wünschen.«[607]

Von den Chorgesängen der Frauen hat uns möglicherweise Aristophanes in
jenem Stücke einige mehr oder weniger echte Beispiele überliefert. Vor dem
Thesmophorentempel singt die Heroldin (6. Scene):

    Still schweigt in Andacht! Still schweigt in Andacht!
    Der Thesmophoren Götterpaar
    Fleht an, Demeter und die Tochter,
    Auch Plutos und Kalligeneia,
    Und die Jugendnährerin Erde,
    Den Hermes und die Chariten,
    Daß sie diese Versammlung und die Gemeine dahier
    Schön und herrlich machen,
    Wohlersprießlich der Stadt der Athener,
    Und segensreich uns Frauen,
    Und daß Jene den Sieg gewinne,
    Die mit Rat und That das Beste schafft
    Für das Volk der Athener
    Und für das Volk der Frauen!
    Solches erfleht und was uns selber frommt!
    Heil über uns! Heil über uns!

Derselbe Komiker schildert uns in drastischer Weise, wie die Entdeckung
gemacht wird, daß Mnesilochus, ein Freund des Weiberfeindes Euripides, über
den die Frauen bei seiner Thesmophorienfeier zu Gericht sitzen, sich in
Weibertracht eingeschlichen hat, und kennzeichnet diese That »als ein
Beispiel trotzatmenden Hohns, unheiligen Thuns, ungöttlichen Sinns.« -- Das
Schlußopfer des Festes hieß %zêmia%, nach Wellauers Vermutung, weil es zur
Sühne etwaiger Vergehungen während der Feier dargebracht ward.




III. Die samothrakischen Mysterien.


Außer den eleusinischen waren die samothrakischen Mysterien in Griechenland
am berühmtesten. Sie werden als Orgien der Kabiren zuerst von Herodot
erwähnt; zu besonderem Ansehen gelangten sie erst im dritten und vierten
Jahrhundert, wo Philipp II. von Makedonien und Olympias sich aufnehmen
ließen. Freilich standen sie bei vielen Hellenen als Mysterien
halbbarbarischen Ursprungs nicht im besten Rufe, und Demosthenes macht es
in seiner Rede für die Krone seinem makedonisch gesinnten Gegner Aeschines
zum Vorwurf, Orpheotelest oder Orphiker, -- so nannte man jene
samothrakischen Mysten, in deren Geheimlehre die sagenhafte Gestalt des
Sängers Orpheus eine Hauptrolle spielt, -- gewesen zu sein. »Als du zum
Manne herangewachsen warest«, so redet Demosthenes den Aeschines an,
»lasest du deiner Mutter bei ihren Weihungen die (orphischen) Bücher vor,
und halfest ihr auch bei den übrigen Einrichtungen, indem du zur Nachtzeit
die Nebris (das Hirschfell) umhingst, ihnen aus dem Mischkrug
einschenktest, sie mit Thon und Kleie beschmierend sühntest, und ihnen dann
nach der Reinigung gebotest aufzustehen und zu sagen: 'Ich entrann dem
Übel und fand das Bessere;' -- bei Tage aber die schönen, mit Kränzen von
Fenchel und Weißpappel geschmückten Festzüge durch die Straßen führtest und
die dickbackigen Schlangen drücktest und über dem Kopfe schwenktest, +Evoe
Saboi!+ rufend und dazu tanzend: +Hyes Attes, Attes Hyes!+; von den alten
Weibern als Vorsteher und Anführer und Kistosträger begrüßt, und mit
Kuchen, Bretzeln und Semmelbrod dafür belohnt.«

Im wesentlichen waren diese Mysterien offenbar eine Todesfeier des
Dionysios; seine Zerreißung durch die Titanen, sein Tod und seine
Bestattung, und seine Wiederauferweckung als nunmehrigen Beherrschers der
Unterwelt und Totenrichters wurde mimisch dargestellt. Sie zerfielen daher
ähnlich wie die eleusinischen in zwei Teile, in den ernsten und düsteren
Nachtdienst und den lustigen heiteren Tagdienst.

Der erstere endete, da eine Leichenfeier nach orientalischen Begriffen
verunreinigt, mit Sühnungen und Reinigungen durch Gebete und Waschungen,
und hierbei wurden jene Worte gesprochen, die Demosthenes erwähnt: »Ich
entrann dem Übel und fand das Bessere.«

Der Tagdienst versinnlichte die Hoffnungen einer künftigen Seligkeit, die
man ausdrücklich als das glückliche Loos der Eingeweihten betrachtete. Als
geheiligte Dionysosdiener (Bacchen) begaben sie sich in Festzügen zu den
Tempeln, um Dankopfer darzubringen; mit Weißpappel und Fenchel bekränzt,
während die begleitende Menge Nartheken- und Kistoszweige in den Händen
trug (der Kistos, +cistus+, war ein Strauch mit rosenfarbigen Blüten),
unter den Jubelrufen: +Hyes Attes+ usw.: »Er lebt der Vermißte, der
Vermißte lebt!«

Die »Orphiker« waren, wie alle anderen Mysten zur strengen Geheimhaltung
der mit ihrem mystischen Kultus verknüpften Lehre verbunden.

Daß nämlich ein bestimmter Ideenkreis mit dem samothrakischen Weihedienst
verbunden war, berichtet schon +Herodot II. 51+. »Wer in die
samothrakischen Mysterien eingeweiht ist, weiß, was ich meine«, ist
freilich alles, was er sagt. Offenbar war er selber in sie eingeweiht und
scheute sich deshalb etwas Näheres mitzuteilen. Aller Wahrscheinlichkeit
nach aber ist diese Lehre in dem als »_heilige Sage_« bezeichneten
Gedichte niedergelegt, das man in der alexandrinischen Periode allgemein
dem Pythagoras als Verfasser zuschob; die Pythagoräer jener Zeit waren
sämtlich Orphiker.

Man wird sich dieses Gedicht bei der feierlichen Aufnahme in den Kreis der
Mysten gesprochen zu denken haben:

    »Jünglinge, horcht ehrfürchtig und still auf Alles. Ich will jetzt
    Zu den Geweiheten reden. Profanen schließet die Thüren,
    Allen zumal. Du Sprößling des leuchtenden Monds und der Musen
    Sohn, Du höre. Denn _Wahres_ verkünd' ich, damit nicht des Busens
    Früher gehegter _Wahn_ Dein liebes Leben verblende.
    Trachte nach göttlicher _Einsicht_ vielmehr, sie faß in das Auge,
    Lenke nach ihr das verständige Herz, und wandel' auf ihrem
    Pfad recht, einzig den Blick auf den Herrscher des Weltalls gerichtet.
    Einer Er, sein selbst Grund. Von dem Einen stammt alles Geschaffne.
    Darin tritt Er hervor; denn Ihn selbst ist der Sterblichen Keiner
    Anzuschauen im Stande, obgleich sie Sämmtliche Er schaut.
    Er ist's, der aus Gutem den Sterblichen Übles verhänget:
    Schauder erregenden Krieg und beweinenswürdige Trübsal;
    Auch ist kein Anderer ja noch außer dem großen Beherrscher.
    Aber Ihn kann ich nicht schau'n; denn in Dunkel ist er gehüllet,
    Und wir Sterblichen haben nur blöde sterbliche Augen,
    Zu schwach ihn zu erblicken, den Gott, der Alles regieret.
    Denn auf das eh'rne Gewölbe des Himmels hat er errichtet
    Seinen goldenen Thron, die Erde liegt ihm zu Füßen,
    Und bis fern zu den Grenzen des Oceans hält er die Rechte
    Allhin ausgestreckt; vor ihr erbeben die hohen
    Berg' und die Ström' und die Tiefen des bläulichen dunkelen Meeres.
    O Du Herrscher des Meers und des Landes, des Äthers und Abgrunds,
    Der Du den festen Olymp mit Deinem Donner erschütterst,
    Du, vor welchem die Geister erschauern, die Götter erzittern,
    Dem die Geschicke gehorchen, so unerweichlich sie sonst sind,
    Ewiger Vater der Mutter Natur, deß Willen sich Alles
    Beugt, der die Winde bewegt, den Himmel mit Wolken verhüllet,
    Deß Blitzstrahlen der Äther sich theilt, -- Dein ist der Gestirne
    Ordnung, sie laufen nach Deinen unwandelbaren Geheißen,
    Dein ist der junge Lenz, der von purpurnen Blumen erglänzet,
    Dein ist des Winters Sturm, der Schneegestöber heranführt,
    Dein ist der bacchisch jubelnde Herbst, der Früchte vertheilet.
    Ew'ges unsterbliches Wesen, nennbar Unsterblichen einzig,
    Komm, mit dem mächtigen Schicksal vereint, o erhabenste Gottheit,
    Furchtbar und unbezwinglich und ewig, in Äther gehüllt, und
    Gnad' uns, gepriesene Zahl, die du Götter und Menschen erzeuget,
    Heil'ge Vierfaltigkeit Du, die der ewig strömenden Schöpfung
    Würze enthält und Quell! Denn es gehet die heilige Urzahl[608]
    Aus von der Einheit[609] Tiefen, der unvermischten, bis daß sie
    Kommt zu der heiligen Vier[610]; die gebiehrt dann die Mutter des
        Alls[611], die
    Alles aufnehmende, Alles umgränzende, erstgebor'ne,
    Nie ablenkende, nimmer ermüdende, heilige Zehn, die
    Schlüsselhalt'rin des Alls, die der Urzahl[612] gleichet in Allem.
    Aber Du, säume nicht zögernd, Du Sterblicher, wechselnd gesinnter,
    Sondern zur Umkehr lenkend mach' huldvoll geneigt Dir die Gottheit.
    Ehre zuerst die unsterblichen Götter, so wie es die Sitte
    Lehrt; hoch halte den Eid, und dann die erlauchten Heroen.
    Leist' auch die bräuchlichen Pflichten den unterird'schen Dämonen!
    Ehre die Eltern sodann, und die Dir am nächsten verwandt sind,
    Und vor den Andern erwähle zum Freund, wer an Tugend hervorragt.
    Werde dem Freund nicht Feind um keine Fehler, so lang Du
    Irgend nur kannst; wohnt Können und Müssen doch nah bei einander.
    Dies nun halte Du so. Zu beherrschen gewöhne Dich aber
    Dieses: vor allem den Bauch, dann den Schlaf und die Wollust und
        dann den
    Zorn. Unsittliches sollst Du mit Anderen weder verüben,
    Noch auch allein; denn es ziemt Dir am meisten Scham vor Dir selber.
    Ferner Gerechtigkeit lern' in Werken und Worten zu üben,
    Und bei Nichts Dich im Leben mit Unvernunft zu betragen!
    Sondern erwäge, daß blos der Tod uns allen gewiß ist,
    Daß man den ird'schen Besitz bald aber gewinnt, bald verlieret.
    Drum, was des Himmels Geschick an Schmerzen den Sterblichen bringet,
    Wenn Du Dein Theil empfängst, so trag es und murre nicht, sondern
    Suche zu heilen, so viel Du vermagst, und denke, daß dessen
    Doch nicht allzuviel aufbürdet das Schicksal den Guten.
    Vielerlei ist das Gerede, bald gut und bald schlecht, das die Menschen
    Trifft: Drum lasse Du's weder Dich jemals erschrecken, noch jemals
    Gar am Handeln verhindern; und sagt man Lügen, so trags mit
    Gleichmuth. Was ich Dir aber jetzt sage, das thue vor Allem:
    Niemand mit Wort und mit That bewege Dich je, daß Du Etwas
    Thust oder sagst, was Du selber nicht als das Bessere billigst!
    Vor der That überlege, daß es nichts Thörichtes werde,
    Sondern Du nur vollführst, was nicht nachher Dich gereu'n wird.
    Tröpfe nur sagen und thun, was Unvernunft für einen Mann ist.
    Was Du nicht recht verstehst, unternimm nicht, sondern wo's Noth ist,
    Laß Dich belehren! So wird das Leben Dir heiter und leicht sein.
    Auch die Gesundheit des Körpers ist werth, daß Du nicht sie mißachtest,
    Sondern in Speis' und in Trank und in leiblichen Übungen halte
    Maß; und das richtige Maß heiß' ich was nie Dich erschöpfet.
    Sauberkeit liebend auch sei, doch fern von Üppigkeit Deine
    Lebensweise; vermeide dabei, was Neid Dir erreget.
    Keinen unpassenden Aufwand, wie der, dem feinrer Geschmack fehlt!
    Sei aber auch nicht knickrig! Denn Maß ist in Allem das Beste.
    Handle nur so, daß Du selbst nicht Dir schadest, und denke zuvor nach.
    Niemals lasse den Schlaf auf die zarten Augen Dir sinken,
    Eh' von den Werken des Tags dreimal Du jedes gemustert:
    Wo ward gefehlt? Was gethan? Ward keine Pflicht unterlassen?
    So anfangend vom Ersten geh' Alles durch, und wofern Du
    Schlechtes gethan, so erschrick! Wenn aber Gutes, so freu' Dich!
    Dem weih' Müh', dem Sorgfalt und Fleiß, deß pflege mit Liebe!
    Dies ist's, was auf die Fährte der göttlichen Tugend Dich bringt, bei
    Dem, der unserem Geist die Vielfaltigkeit lehrte, den Quell der
    Ewig strömenden Schöpfung. Geh' nur getrost an das Werk, und
    Bitte zu End' es zu führen die Götter. Wenn dies Du erlangst, so
    Wird der unsterblichen Götter und sterblichen Menschen Verbindung
    Klar Dir, wie sie durch Jedes hindurch geht und Jedes beherrscht; doch
    Klar auch, daß, nach Gebühr, die Natur in Allem sich gleich bleibt,
    So daß Du Nichts Unmögliches hoffst, und von Nichts überrascht wirst;
    Klar, daß die Menschen auch leiden an selbst verschuldeten Übeln.
    O die Unsel'gen! sie hören und sehn Nichts von dem nahegeleg'nen
    Guten, und auch die Erlösung vom Übel erkennen nur Wen'ge.
    So verblendet den Sinn die Thorheit ihnen. Vom Wirbel
    Lassen sie unvermerkt sich in Leid fortreißen, weil nicht sie
    Ahnen, daß schlimmes Gefolge, das schadende Unheil, sich ihnen
    Anhängt, das man nicht locken, nein fliehen muß, indem man ihm
        ausweicht.
    Vater Zeus, o wie vielfachem Weh enthübest Du Alle,
    Wenn Du nur Jeglichem zeigtest, was für ein Dämon ihm nachfolgt.
    Aber nur Muth, da göttlichen Stammes die Sterblichen sind, und
    Ihre geweihte Natur sie bevorzugt, Jegliches selbst lehrt!
    Ward Dir dies nicht versagt, so erlangst Du auch, wie ich ermahne,
    Daß Du die Seele Dir heilend von diesen Leiden errettest.
    Meide die Anfänge nur, von dem was ich sagte, zur Läut'rung
    Und zur Erlösung des Geists streng prüfend; erwäge nur Jedes
    Und erwähl' die Vernunft zum höchsten und obersten Lenker.
    Wenn Du den Leib dann verlassend zum freien Äther emporsteigst,
    Wirst Du unsterblich sein, ein seliger Gott und kein Mensch mehr.«

Hiermit endete der moralische Teil der heiligen »Sage«, den wir wohl auch
nur in seinen Hauptumrissen besitzen, wenn er gleich offenbar weniger
lückenhaft erhalten ist, als der erste metaphysische Teil. Es folgten nun
noch einige Verse, die sogenannten »Orphischen Schwüre«, welche das Ganze
abschlossen. Sie scheinen, -- denn etwas ganz Bestimmtes läßt sich aus dem
kurzen, gerade der wesentlichen End-Zeilen entbehrenden Fragmente nicht
festsetzen, -- den Leser beschworen zu haben, entweder nichts an dem Buche
zu ändern, oder seinen Inhalt geheim zu halten. Was uns überliefert wird,
lautet nach Beseitigung einiger späteren Entstellungen:

    »Ja beim Himmel beschwör ich, dem weisen Werke des großen
    Gottes Dich, und beim Lichte des Vaters, das er zum ersten
    Mal' ausstrahlte, wie seinen Rathschlüssen gemäß er den Weltbau
    Gründete«,

und muß etwa so ergänzt werden:

    »Daß Du dies Buch vor jeder Entweihung bewahrest!«




Sechstes Kapitel.

Anaxagoras.


Aus der etwas narkotischen Atmosphäre der Mysterien und ihrer symbolischen
träumerischen Geheimlehre, -- wenn man überhaupt von einer mit ihnen
verknüpften »_Lehre_« sprechen will --, wenden wir uns gern wieder zur
Entwicklung der griechischen _Philosophie_ zurück, deren klassische Blüte
in _Athen_ sich in derselben Zeit entfaltete, in der diese Stadt, das »Auge
von Hellas« unter der Leitung des Perikles ihr kurzes, aber in der
Weltgeschichte unvergleichlich dastehendes Ideal eines ästhetischen
Gemeinwesens erfüllt. Hier war es der Philosoph _Anaxagoras_, der, wie
Aristoteles (+Metaphysik I. 3+) hervorhebt, »als der Erste vor Jedermann
den Satz aussprach, wie in den lebenden Wesen, so wohne auch in der Natur
eine _Vernunft_, und diese sei die Ursache der gesammten Weltordnung, ein
_Satz, welcher gegenüber den früheren sinn- und haltlosen Behauptungen
eigentlich erst die Periode des nüchternen Denkens eröffnete_.«

Seine eigenen Zeitgenossen geben diesem Manne, der wie Plutarch, +Leben des
Perikles Kap. 4+ berichtet, »den meisten Umgang mit Perikles hatte, der ihm
jene Kraft, jenen festen und standhaften Muth, das Volk zu leiten,
beibrachte und überhaupt seinen Charakter zu einer besonderen Würde und
Vollkommenheit erhob, den Beinamen +Nus+, _Verstand_, entweder aus
Bewunderung über seine großen und ungemeinen Einsichten in der Naturkunde,
oder weil er zuerst als Prinzip der Einrichtung des Weltalls nicht den
Zufall noch die Notwendigkeit, sondern einen reinen, lauteren _Verstand_
annahm, der aus allen anderen zusammengemischten Dingen die gleichartigen
Theile absonderte.«

Anaxagoras war 500 v. Chr. Geburt zu Klazomenä in Jonien geboren; sein
Vater, Hegesibulos, besaß hier ein nicht unbedeutendes Vermögen und
ansehnliche politische Stellung. Anaxagoras verließ jedoch in frühem
Mannesalter seine Vaterstadt und begab sich nach Athen, wo er, wie gesagt,
ein Vertrauter des Perikles wurde. Die Naturforschung betrachtete er als
seinen eigentlichen Lebensberuf; besonders die Astronomie. Er versuchte die
Sonnenfinsternisse aus natürlichen Ursachen zu erklären und nahm der Sonne
ihre Göttlichkeit, indem er sie für eine glühende Metallmasse erklärte, die
größer sei als der Peloponnes. Auch soll er versucht haben, eine
Kometentheorie zu liefern, und gewiß ist, daß er vom Monde behauptet hat,
derselbe habe, ähnlich wie die Erde, Berge und Thäler und sei
wahrscheinlich bewohnt. Vermuthlich gaben diese naturwissenschaftlichen
weit mehr als seine eigentlich philosophischen Behauptungen den Feinden des
Perikles, die dadurch mehr diesen, als den Philosophen selbst treffen
wollten, den Anlaß, ihn kurz vor Ausbruch des peloponnesischen Krieges in
eine Anklage wegen Leugnung der Staatsgötter zu verwickeln.

Sein beredter und einflußreicher Gönner vermochte ihn nicht vor einer
Verurteilung zu schützen, er wurde mit einer Geldstrafe von 5 Talenten
belegt und aus der Stadt verwiesen. Er begab sich darauf nach Lampsacus, wo
er in hohem Alter, angeblich infolge freiwilliger Nahrungsenthaltung, sein
Leben beschloß.

Seine Weltanschauung kann, sofern er ausdrücklich den Geist, Verstand oder
die Vernunft, welche den Kosmos gestaltet, nicht für unbewußt erklärt,
sondern sagt, daß derselbe »aus seinem Wissen und nach seiner
Vorherbestimmung die Welt gebildet habe«, als _deistische_ und
_dualistische_ bezeichnet werden. Übrigens machte er, wie wir aus Platos
Phädon und Aristoteles erfahren, von dem teleologischen Prinzip nur einen
sparsamen Gebrauch; wo er mit einer rein mechanischen Erklärung auskommen
konnte, gab er dieser in echt naturwissenschaftlicher Denkart den Vorzug.
Dem uranfänglichen Geist stand nach seiner Lehre als passives Prinzip die
ewige Materie gegenüber; der Geist wirkte auf diese, aus deren Chaos er den
Kosmos gestaltete, seit dieser ersten Schöpfungsthat nur, wie Zeller sagt,
noch als »Maschinengott« ein.

Was die Konstruktion des Begriffs der Materie betrifft, so nahm er
abweichend von den übrigens an seine eigene nüchterne Naturforschung
anknüpfenden Atomistikern, welche die einfachsten Körper für die
ursprünglichsten hielten, umgekehrt für jedes besondere Ding gleichnamige
Urelemente an, so daß z. B. Erde, Stein, Gold, Blut, Knochen, aus unendlich
kleinen ebenso individuell bestimmten Erd-, Stein-, Gold-, Blut-,
Knochenteilchen bestehe und man in der Teilung der Körper immer auf etwas
_Gleichartiges_ komme. Diese Urstoffe wurden von ihm oder seinen
Nachfolgern _Homöomerien_ genannt. In der Wirklichkeit kommen diese
Grundstoffe jedoch niemals ganz rein und abgesondert von allen andern vor;
allen ist fremdartiges beigemischt. _In Allen ist Alles oder jeder
Materienteil ist ein Universum im Kleinen._ Wenn uns ein Gegenstand irgend
eine Eigenschaft mit Ausschluß anderer zu besitzen scheint, so rührt dies
nur daher, weil von den entsprechenden Homöomerien _mehr_ in ihm sind, als
von anderen; in Wahrheit hat aber jedes Ding Stoffe jeder Art in sich. Nur
der Geist ist _nicht_ in allen Dingen; sondern nur in einigen, welche eine
_Seele_ haben. Da der Geist allein das ist, was die _Bewegung_
hervorbringt, so hat jedes sich selbst bewegende Wesen eine _Seele_. Darum
legt er auch schon den Pflanzen, sofern Wachstum Bewegung ist, Leben
(Seele) und sogar eine schwache Empfindung bei. Bezüglich der Entstehung
des organischen Lebens und der Entwicklung der Arten traf er ungeachtet
seines grundsätzlich teleologischen Ausgangspunkts mit Empedocles zusammen,
von dem er dagegen als Leugner aller übernatürlichen Wunder und
Vorbedeutungen erheblich abwich. Er leugnete, wie es scheint, die
Unsterblichkeit der geistigen Individualität, da diese körperlich bedingt
sei; nur der unpersönliche Geist als solcher sei ewig.




Siebentes Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.


Die Atomistiker, welche Ritter in seiner +Geschichte der Philosophie+ sehr
übelwollend behandelt und kaum noch für Philosophen gelten lassen möchte,
bezeichnen in Wahrheit die besonnenste und streng wissenschaftlich genommen
höchste Stufe der _Natur_-Philosophie des Altertums. Ihr eigentlicher
Begründer war Leucippos, von dessen Leben und genaueren Ansichten uns aber
so wenig überliefert ist, daß er nur als der Lehrer seines großen Schülers
Demokrit genannt zu werden verdient. Der Zeitpunkt der Geburt des Demokrit
ist ungewiß, zwischen 424 bis 460 v. Chr. Sein Geburtsort war Abdera, eine
Stadt, die später zwar in den Ruf eines antiken Schilda oder Schöppenstedt
gekommen ist, damals aber durch Bildung und Wohlstand ausgezeichnet war.
Sein Vater war reich genug, um den Xerxes und dessen Armee auf dem Rückzuge
nach der Schlacht bei Salamis einige Tage zu verpflegen. Demokrit hat
jedenfalls in seiner Jugend mehrere Jahre auf Reisen zu wissenschaftlichen
Zwecken in Asien und Afrika verwendet. Er soll sogar auf diesen Reisen das
ererbte Dritteil des großen väterlichen Vermögens verbraucht haben.
Diogenes Laertius behauptet, daß er schon als Knabe Unterricht durch Magier
bekommen habe; dann Jahre lang in Egypten zugebracht, sogar Äthiopien und
Indien besucht habe. Den Unterricht des Leucippos hatte er bereits vor
diesen Reisen genossen. Nach der Rückkehr von denselben ließ er sich wieder
in Abdera nieder, von wo aus er gelegentlich auch Athen besucht hat. Die
Erzählung von seiner Selbstblendung (+Gellius N. A. X, 17+) verdankt
vielleicht einer mißverständlichen Deutung seiner Äußerungen über die
Unzuverlässigkeit der Sinneswahrnehmung ihre Entstehung; schon Plutarch
hat sie als Lüge bezeichnet.

Demokrit starb hochbetagt in Abdera. Er hinterließ eine große Anzahl von
Schriften und kann, nach dem Verzeichnis derselben zu schließen, das
Laertius uns hinterlassen hat, als einer der produktivsten Denker des
griechischen Altertums bezeichnet werden; auch haben wir allen Grund den
Verlust seiner Schriften zu beklagen, weil dieselben nach dem Urteil
kompetenter Zeitgenossen und Nachfolger sich sowohl durch ihre
wissenschaftliche Strenge wie auch durch formelle Schönheit der Sprache
ausgezeichnet haben sollen.

Sein Denken richtete sich nicht, wie das fast aller seiner Vorgänger in der
Philosophie, besonders der Eleaten, von vornherein auf das einheitliche
Sein, vielmehr zunächst auf die Bestandteile der Zusammensetzung der
materiellen Wirklichkeit, welcher er den leeren Raum als Repräsentanten des
Nichtseins gegenüberstellt. Allerdings faßt er auch dieses Nichtsein,
diesen leeren Raum nicht als völlige Negation des Seins auf; vielmehr
schreibt er ausdrücklich auch dem Leeren eine objektive Realität zu und in
diesem Sinne behauptet er im Gegensatz zu den Eleaten ausdrücklich, »das
Sein sei um nichts realer als das Nichts«.

Dasjenige Sein im Sinne materieller Wirklichkeit nun, welches dem leeren
Raum als dessen Erfüllung gegenübersteht, ist kein zusammenhängendes,
sondern besteht aus unzähligen _Atomen_: diese letzten Elemente des
Seienden sind ihrer Substanz nach schlechthin einfach, qualitativ
gleichartig und unveränderlich; sie unterscheiden sich aber in
quantitativer Beziehung, hinsichtlich ihrer _Form_, _Größe_ und _Lage_,
auch _Schwere_.

Sie sind daher keineswegs, wie dies in der neueren Gestaltung der
wissenschaftlichen Atomistik vielfach behauptet wird, mathematische Punkte,
sondern Körper von gewisser Größe, nur zu klein, um mit dem Sinne
wahrgenommen zu werden.

Schwere, richtiger Gewicht, kommt ihnen zu, da sie eine +conditio sine qua
non+ der Körperlichkeit überhaupt ist; und das Gewicht der wahrnehmbaren
Körper ist eben nur das Produkt der sie zusammensetzenden Atomgewichte.

»_Wenn es scheint, ein größerer Körper sei leichter, als ein kleinerer, so
rührt dies nur daher, daß er zwischen den einzelnen Atomen oder
Atomverbindungen mehr leeren Zwischenraum enthält, daß also seine Masse in
Wahrheit geringer ist, als die der anderen._«[613]

Das Leere dachte Demokrit sich unbegrenzt, die Zahl der von ihm umfaßten
Atome unendlich.

Alle sinnlich wahrnehmbaren _Eigenschaften_ der Dinge nun sind in letztem
Grunde ausschließlich auf die Menge, die Größe, die Gestalt und das
räumliche Verhältnis der Atome zurückzuführen, und ebenso jede Veränderung
der Einzelkörper als solcher auf eine Veränderung ihrer Atomverbindungen.
So hat bereits Demokrit den unendlich wichtigen Schritt gemacht, alle
qualitativen Eigenschaften und Veränderungen auf _quantitative_ Beziehungen
zurückzuführen, ein Schritt, der, wenn er auch philosophisch zum Irrtum
führt, sofern der Materialismus darin die letzte Aufklärung des Welträtsels
findet, doch die Voraussetzung einer wirklich wissenschaftlichen
Naturforschung bildet, da nur so die Anwendung der Mathematik auf ihre
Objekte möglich wird und positive Ergebnisse immer erst bei Rückführung
eines Naturphänomens auf seine bestimmten quantitativen Verhältnisse zu
erwarten sind. Ich erinnere an die enorme Bedeutung der quantitativen
Bestimmung der Schwere durch Galilei, des Wärme-Äquivalents durch R. Mayer.

Außerdem aber enthält diese Behauptung Demokrits einen ganz
außerordentlichen Fortschritt in der Erkenntnistheorie, der irrtümlich
häufig erst einem Locke zugeschrieben wird.

Demokrit unterschied nämlich klar zwischen primären und sekundären
Eigenschaften der Dinge; die sekundären Eigenschaften, Farbe, Geruch,
Geschmack, Wärme, Kälte usw. erkannte er als bloß _subjektive_ Wirkungen
der Atome auf unser Empfindungsorgan. Die Lehre von den »vier Elementen«
hatte natürlich innerhalb dieser atomistischen Theorie keinen Platz mehr.

Aus den »zufälligen« Bewegungen der Atome leitete nun Demokrit die
Entstehung der Welten her; für den »Zufall« könnten wir auch die
Naturnotwendigkeit setzen; ausgeschlossen sein soll damit nur der Anteil
eines zweckbildenden Geistes, der Verstand des Anaxagoras.

Durch die Bewegung der Atome wird einerseits das gleichartige
zusammengeführt; denn, was an Schwere und Gestalt gleich ist, wird eben
deshalb an die gleichen Orte sinken oder getrieben werden; andrerseits
werden auch, wenn verschiedengestaltete Körperchen durcheinander
geschüttelt werden, viele von ihnen aneinanderhängen und sich ineinander
verwickeln und ihren Lauf gegenseitig hemmen, so daß auch manche an einem
Orte festgehalten werden, der ihrer Natur an sich nicht gemäß ist, und so
kommt es zur Bildung zusammengesetzter Körper, zur Wirbelbewegung und zur
Störung des Gleichgewichts d. h. zu all jenen vielfältigen sich kreuzenden
Bewegungen des Wachstums, der Ernährung, des Vergehens, welchen ein
wechselndes subjektives Empfinden korrespondiert. Soweit deckt sich seine
rein mechanische Naturerklärung fast durchaus mit den Grundzügen des
modernen Materialismus. Allein ein erheblicher Unterschied zwischen
Demokrit und unseren modernen Materialisten besteht darin, daß ersterer
einen _besonderen Seelenstoff_ annahm, der aus den feinsten, rundesten,
glattsten und daher beweglichsten Atomen bestehe. Ja, er glaubt sogar an
eine Unsterblichkeit der Seele, und zwar an eine Auferstehung der Toten und
wird deswegen von Plinius verspottet. (+Plin. H. N. VII, c. 56.+)

Man wird diesen scheinbaren Widerspruch in seinem System auf seine
Studienreisen im Orient zurückzuführen haben und auf seine Erfahrungen bei
den Magiern des Ostens. Findet sich doch unter dem Verzeichnis seiner
Schriften von Diogenes Laertius auch eine solche über die Litteratur der
Babylonier, die, wie +Röth, Geschichte der abendländischen Philosophie I,
362+, meint, wohl nichts als ein Bericht über die Lehre der Magier gewesen
ist.

Auch Philostratus versichert in seinem Leben des Apollonius von Tyana, daß
Demokrit ein Schüler der Magier gewesen, und läßt sogar den Apollonius in
seiner Apologie behaupten, daß er durch magische Künste Abdera von einer
Pest befreit habe. Vielleicht liegt der letzteren Behauptung ein ähnlicher
historischer Kern zu Grunde, wie der gleichen Erzählung von Empedocles. Es
wird sich weniger um eigentliche Magie, als um Verwertung seiner
physikalischen und medizinischen, vielleicht auch psychologischen
Kenntnisse gehandelt haben.

                  *       *       *       *       *

Ich erwähnte schon oben, daß der Professor Ritter den Atomistikern in
seiner +Geschichte der Philosophie+ keine wohlwollende Behandlung zu teil
werden läßt; derselbe schreibt in der +Allgem. Encyklopädie von Ersch und
Gruber+ sogar: »Er bewegte sich in derselben Richtung, in welcher um die
Zeit des Sokrates viele waren, denen die Wissenschaft fast nur als ein
Spiel der Vorstellungsweise erschien. Wenn er gleich selbst die Künste
dieser Männer, welche gewöhnlich unter dem Namen der Sophisten
zusammengefaßt werden, in starken Ausdrücken tadelte, so war er doch von
ihrer Denkart nicht fern.«

Diesen Vorwurf, den auch Schleiermacher erhebt, hat Zeller in seiner
+Philosophie der Griechen, S. 943-959+, gründlich zurückgewiesen.

Ich hebe aus letzterer folgenden Satz hervor:

»Im allgemeinen muß über die Zusammenstellung der Atomistik mit der
Sophistik bemerkt werden, daß dieselbe auf einem allzu unbestimmten Begriff
der Sophistik beruht. Sophistik wird jede Denkweise genannt, in der man die
rechte wissenschaftliche Gesinnung vermißt. Dies ist aber nicht das
geschichtliche Wesen der Sophistik, dieses besteht vielmehr in der
Zurückziehung des Denkens aus der objektiven Forschung, in seiner
Beschränkung auf eine _einseitig subjektive_, gegen die _wissenschaftliche
Wahrheit gleichgültige Reflexion_, in der Behauptung, daß alle unsere
Vorstellungen bloß subjektive Erscheinungen, alle sittlichen Begriffe und
Grundsätze willkürliche Satzungen seien. Von allen diesen Zügen findet sich
nichts bei den Atomistikern.«

                  *       *       *       *       *

Im übrigen verdienen die _Sophisten_ hier nur insofern berührt zu werden,
als dieselben ihre Hauptaufgabe im _Gelderwerb_ durch Verbreitung einer Art
von rein _negativer_ Aufklärung suchten, _deren Mittelpunkt der
bodenloseste Skepticismus_ war; außerdem durch ihre damit zusammenhängende
frivole Disputiersucht. Die bekanntesten dieser Virtuosen der Deputierkunst
waren Gorgias und Protagoras, letzterer allerdings ein Landsmann des
Demokrit.

Der berühmteste Satz des Protagoras ist der: »Der Mensch ist das Maß aller
Dinge, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind.«

Damit wurde der subjektivistische Grundsatz aufgestellt: »Jedes Ding ist
für jedes Individuum so, wie es erscheint, aber es ist so auch nur für dies
Individuum und genauer für dessen augenblicklichen Wahrnehmungszustand.«

Wenn Hegel irgendwo (+W. W. XIV. 5ff.+) ein berechtigtes Moment in der
Wirksamkeit dieser Leute hervorgehoben haben soll, so wird er dies
hoffentlich nur in dem Sinne gemeint haben, daß durch ihre Wirksamkeit der
Hauptanstoß für die gewaltige Persönlichkeit des Sokrates gegeben worden
ist, dem eingebildeten Scheinwissen und der sophistischen Halbbildung
überhaupt den Streit zu verkünden und diesem Streite ihr Leben zu widmen
und zu opfern.




Achtes Kapitel.

Sokrates und sein Dämonium.


Von Sokrates wurde schon im Altertum gesagt, daß er die Philosophie vom
Himmel zur Erde zurückgerufen habe; man wollte damit sagen, daß er die
philosophische Forschung nicht auf die Erkenntnis des _Welträtsels_,
sondern auf diejenige des _Menschenrätsels_ beschränkt wissen wollte.

»Er redete«, schreibt sein Schüler Xenophon, »nicht wie die Meisten, über
die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte,
was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos für eine Bewandtnis
habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich
gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge
grübelten, für thöricht.«

Auch bildete nicht etwa der Mensch im Sinne der psychologischen Forschung
den Gegenstand seines Interesses, sondern dieses war ausschließlich die
_Moral_. Ein hervorragender Platz in der Geschichte der Philosophie gebührt
ihm daher, abgesehen von seiner Begründung der dialektischen Methode und
den dadurch jedenfalls gelegten Grundstein der Logik wesentlich nur vom
Standpunkte der _praktischen_ Philosophie aus. Für bloße Physiker oder gar
bloße Metaphysiker ist deshalb die Weisheit des Sokrates in der That, wie
Schopenhauer schreibt, +Parerg. und Paralipomen. I 13+, »ein bloßer
_Glaubensartikel_.« Schopenhauer aber, der doch mehr sein wollte, als
dieses, der vielmehr zahlreiche geistvolle Beiträge zur Ethik und
Lebensweisheit geschrieben hat, hätte einige seiner Bemerkungen über
Sokrates besser ungeschrieben gelassen. So meint er z. B.: »Nach Lukianos
hätte Sokrates einen dicken Bauch gehabt, welches eben nicht zu den
Abzeichen des Genies gehört.« -- Ferner gleitet er zu der Bemerkung herab,
es stehe zweifelhaft hinsichtlich seiner hohen Geistesfähigkeiten, weil er
_nichts geschrieben habe_. Ich habe mir an dieser Stelle meiner
Schopenhauer-Ausgabe die Randnote nicht versagen können: +O si tacuisses+
usw.! Schopenhauer, der allerdings selber seine eigene Theorie in der
Praxis verleugnete, hatte eben von der Philosophie nur einen halben
Begriff, er verlegte sie ausschließlich in die Sphäre der Vorstellung. Er
hätte aber von Sokrates lernen können und sollen, daß die echte Philosophie
auf dem Zusammenwirken beider, überhaupt in der Wirklichkeit untrennbaren
Seiten des Menschenwesens, des _Wollens und Vorstellens_ beruht. »Die
philosophische Gesinnung«, sagt sehr schön Dühring, »leitet zu dem
entsprechenden Wissen, und das errungene Wissen wirkt seinerseits auf die
Willensrichtung maßgebend und veredelnd zurück.«

Richtig ist freilich, daß auch Sokrates sich einer Einseitigkeit schuldig
machte, wenn er nach jenem Berichte des Xenophon wirklich die ernste
naturwissenschaftliche und naturphilosophische Forschung verachtete. Allein
diese Einseitigkeit kann uns angesichts der geringen positiven Erfolge des
ihm vorliegenden bloßen Spekulierens in hohem Grade entschuldbar
erscheinen.

Wäre unsere Aufgabe die, eine Geschichte der griechischen Philosophie zu
schreiben, so würde Sokrates geradezu den Mittelpunkt unserer Darstellung
bilden, obwohl er nichts Schriftliches hinterlassen hat und seine Lehren
deshalb indirekt aus den Schriften seiner Schüler konstruiert werden
müßten. Wir würden uns dann mit der schwierigen Aufgabe befassen müssen,
den wahren Sokrates aus der idealisierenden und subjektiv gefärbten
Darstellung seines begabtesten Schülers, Platos, und aus den _gewiß
wahrheitsgetreuen_, aber _unzulänglichen_ Memorabilien des vielfach
beschränkten und der Größe seines Lehrers nicht gewachsenen Xenophon
herauszuarbeiten.

Glücklicherweise aber gestattet uns die Aufgabe dieses Buches nicht einmal,
dieses Problem zu berühren. Ja, wenn es sich um die _Lehren_ des Sokrates
handelte, so würde es gerechtfertigt erscheinen, ihn in diesem Buche
überhaupt zu übergehen, da hier eben nur diejenigen Lehren der griechischen
Philosophie in Betracht kommen können, welche irgend welche, wenn auch
noch so entfernte Beziehungen zum »Occultismus« haben. Nun aber stellt uns
gerade Sokrates weniger durch seine Lehren, als vielmehr durch sein _Leben_
und seine _Persönlichkeit_ eines der interessantesten occultistischen
Probleme.

Der Leser, den ich selbstverständlich als bekannt mit den wichtigsten Daten
des Sokratischen Lebens voraussetze, wird schon wissen, daß ich damit auf
das viel erörterte Problem des sog. Genius oder »Dämon« des Sokrates komme.

Am liebsten würde ich mich freilich auch der Besprechung dieses
Gegenstandes durch den einfachen Hinweis auf die gerade vom occultistischen
Standpunkte aus denselben gründlichst und lichtvoll beleuchtenden
Ausführungen du Prels in seiner +Mystik der alten Griechen+ entledigen,
vgl. auch +Sphinx IV, 22 und 24+, wie ich denn überhaupt in diesem Bande
den praktischen Occultismus der Griechen, da derselbe in jener »Mystik der
alten Griechen« seinen berufensten Bearbeiter gefunden hat, absichtlich bei
Seite lasse und nur die Theorie berücksichtige. Dennoch würde eine völlige
Übergehung gerade des Sokrates im Zusammenhange unserer Darstellung
vielleicht als Lücke empfunden werden; denn immerhin hat sich diese doch
bislang am Leitfaden der Philosophie-Geschichte fortbewegt, und ein
direkter Sprung von Demokrit auf Plato könnte unmotiviert erscheinen.

Wir dürfen deshalb die Stellung des Sokrates zum Gegenstand der
occultistischen Forschung nicht unerwähnt lassen. Zunächst ist es nun schon
an sich bemerkenswert, daß ein so nüchterner und gewiß von reinster
Wahrheitsliebe bis zum Märtyrertum beseelter Denker, mindestens doch einer
der aufgeklärtesten Köpfe seines Zeitalters nachweislich dem Glauben an die
Orakel ernstlich gehuldigt hat. Wir wissen, daß er den Xenophon, als
derselbe ihn um seine Meinung fragte, ob es für ihn ratsam sei, sich der
Expedition des jüngeren Cyrus anzuschließen, ausdrücklich an das Orakel zu
Delphi verwies. Unmöglich können wir annehmen, daß er dies lediglich
gethan, um eine verantwortliche Raterteilung von sich auf einen beliebigen
Dritten abzuwälzen. Auch berichtet Xenophon in seinen Memorabilien über ihn
folgendes:

»Es hat böses Blut gemacht, daß Sokrates sagte, das _Dämonium gebe_ ihm
_Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie_, wie ich glaube, _ihn
beschuldigt haben, daß er fremde Gottheiten einführe_. -- Aber er führte
damit ebensowenig etwas Neues ein, als all' die anderen, welche an
Weissagungen glauben; -- und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses
zu thun, jenes aber nicht zu thun, weil ihm das Dämonium eine Andeutung
gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber,
die ihm nicht folgten, bereuten es. -- Die notwendigen Dinge riet er so zu
thun, wie er glaubte, daß sie am besten gethan sein würden; hinsichtlich
alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das
Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften. Auch diejenigen,
welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten,
sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein
Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder
einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein
Rechenkünstler, ein Hausverwalter oder ein Heerführer zu werden, für
erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht
gewonnen werden. -- Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht
kommt, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen
nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut
bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher
sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein
Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der
Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates
stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheiratet hat, um
sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde;
auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflußreiche Männer im Staate
habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen
könnte. Diejenigen aber, welche glaubten, daß nichts von alledem von der
Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen
Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen,
welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den
Menschen zur Erlernung und zur Beurteilung übergeben hätten. Wenn z. B.
einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk
anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das
Steuern verstünde, auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht
verstünde, -- ein solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch
Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den
Göttern erfragten, -- alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, daß
man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben
hätten, erlernen müssen; das aber, was den Menschen unergründlich sei,
müsse _man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen
versuchen; denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig
seien_.«

Auch aus Platos Schriften können wir eine nicht geringe Anzahl von
Selbstzeugnissen des Sokrates über das Dämonium, das er sich zuschrieb,
entnehmen.

Dem Alkibiades gegenüber, dessen Vormund Perikles war, rühmt er sich
(+Plato, Alkibiad. 1+), daß er in seinem Dämonium einen besseren Vormund
besitze. In seiner Verteidigungsrede, die Plato jedenfalls in möglichst
getreuem Anschluß an seine eigenen Worte uns wiedergiebt, sagt er, um sein
grundsätzliches Fernhalten von Politik zu erklären: »Der Grund davon liegt
in dem, was Ihr mich oft und bei vielen Gelegenheiten sagen hörtet, daß
etwas Göttliches und Dämonisches sich mir vernehmen lasse ... Das begann
bei mir schon _von meinen Knabenjahren an; eine Stimme läßt sich
vernehmen_, und wenn sie sich vernehmen läßt, _warnt sie mich stets vor
dem, was ich zu thun im Begriffe bin, treibt aber mich nie an_; das ist es,
was mich abmahnt, mit öffentlichen Angelegenheiten mich zu befassen.« -- So
motiviert er auch sein Verhalten in dem Prozesse selbst: »Mir, verehrter
Richter, widerfuhr etwas Wundersames. Die _weissagende Stimme_ nämlich, die
ich zu vernehmen pflege, mahnte mich in der ganzen früheren Zeit sehr
häufig ab, und zwar _bei sehr geringfügigen Veranlassungen_, wenn ich etwas
Verkehrtes zu thun im Begriffe war. Jetzt aber ist mir das begegnet, was
ihr selbst seht, und manche für das größte Unglück halten möchten, und was
wirklich dafür gilt« -- seine Verurteilung nämlich; -- »doch mich mahnte
weder, als ich am heutigen Morgen vom Hause wegging, der Wink des Gottes
ab, noch als ich hier heraufstieg zum Gerichtshof, noch bei meiner Rede,
wenn ich irgend etwas zu sagen im Begriffe war, obwohl er fürwahr bei
anderen Vorträgen _häufig mitten in der Rede mich zurückhielt_. Jetzt aber,
bei der Verhandlung selbst, hat er mich nirgends von etwas, was ich that
oder sagte, abgemahnt. Wie erkläre ich nun diese Erscheinung? Das will ich
Euch sagen: zu meinem Heile scheint mir, was mir widerfuhr, sich begeben zu
haben, und unmöglich haben diejenigen von uns die richtige Ansicht, die
annehmen, das Sterben sei ein Übel. Dafür wurde mir ein starker Beleg;
notwendig nämlich hätte das gewöhnliche Zeichen mich abgemahnt, war ich im
Begriffe, etwas Unheilbringendes zu thun.«

Als Sokrates einst das Lyceum verlassen wollte und eben aufstand, berichtet
Plato, +Euthydem. 2+, wurde ihm das gewöhnliche dämonische Zeichen zu teil.
Er setzte sich also wieder nieder, und in der That kamen bald darauf
Euthydemos und dessen Bruder Dionysodor herbei.

+Plutarch de genio Socratis+ erzählt: Als Sokrates mit verschiedenen
Freunden zum Wahrsager Eutyphron gegangen war, blieb er auf einmal stehen
und kehrte nach einiger Besinnung durch eine andere Gasse um, die
voraufgegangenen Freunde zurückrufend, da sein Genius ihn hindere, weiter
zu gehen. Die meisten kehrten mit ihm um; die andern, um den Genius einmal
Lügen zu strafen, gingen den geraden Weg fort, begegneten aber einer Herde
Schweine und wurden, da nicht ausgewichen werden konnte, zu Boden geworfen
und mit Schmutz bedeckt. Im Theages des Plato berichtet Sokrates selbst:
»Mir ist nämlich durch die göttliche Fügung von meinen Knabenjahren an
etwas dämonisches zugesellt: das besteht in einer Stimme, die stets, wenn
sie sich vernehmen läßt, von dem, was ich unternehmen will, mir abrät, doch
nie zu etwas mich antreibt. Auch wenn einer meiner Freunde sich über etwas
mit mir bespricht, und die Stimme sich vernehmen läßt, hält sie ihn davon
ab und gestattet ihm nicht, es zu unternehmen. Und dafür kann ich auch
Zeugen aufstellen .... Wollt ihr ferner den Bruder des Timarchos, den
Kleitomachos, befragen, was Timarchos zu ihm sagte, als er auf dem geraden
Wege sich befand, durch Henkershand zu sterben, er und der Wettrenner
Euathlos, der den Timarchos auf seiner Flucht bei sich aufnahm? Dieser wird
euch nämlich erzählen, daß jener zu ihm sprach: Gewiß, lieber Kleitomachos,
sagte er, gehe ich jetzt dem Tod entgegen, weil ich auf den Sokrates nicht
hören wollte. Warum sagte denn das nun wohl Timarchos? Das will ich euch
sagen. Als vom Zechgelage Timarchos und Philemon, der Sohn des
Philemonides, sich erhoben, um den Nikias, den Sohn des Heroskamandros,
umzubringen, -- ein Anschlag, von dem sonst niemand wußte, -- sagte
Timarchos im Aufstehen zu mir: Was meinst Du, lieber Sokrates? Zecht ihr
nur; ich aber muß mich irgendwohin aufmachen, doch bin ich, wenn es
gelingt, bald wieder da. Da erhob sich die Stimme in mir und ich sagte zu
ihm: Stehe doch nicht auf, denn ich habe die gewöhnliche dämonische
Wahrnehmung empfangen. Und er verweilte noch. Nachdem er eine Weile
gewartet, machte er wieder Anstalt zu gehen, und sagte mir: Ich gehe nun,
lieber Sokrates. Die Stimme wurde wieder laut, daher nötigte ich ihn
wieder, zu verweilen. Das dritte Mal stand er, weil ich es nicht bemerken
sollte, ohne mir etwas zu sagen, auf, sondern paßte, um von mir nicht
bemerkt zu werden, den Augenblick ab, wo meine Aufmerksamkeit eine andere
Richtung hatte, entfernte sich schleunigst und führte das aus, weshalb er
jetzt dem Tode entgegenging. Darum sagte er das, was ich euch jetzt
erzähle, zu seinem Bruder, er geht jetzt zum Tode weil er mir nicht
glaubte. Demzufolge werdet ihr noch jetzt über die Ereignisse in Sikelion
von vielen hören, was ich über den Untergang des Heeres äußerte. Doch
Vergangenes wollt ihr von den davon Unterrichteten vernehmen; aber auch
jetzt könnt ihr das Zeichen erproben, ob es von Bedeutung ist. Als nämlich
der schöne Samion in das Feld zog, erhielt ich das Zeichen; nun ist er, um
unter Prasyllos zu fechten, auf dem geraden Wege nach Ephesos und Jonien.
Darum glaube ich, daß er entweder umkommen oder etwas dem Ähnliches
erfahren wird, und ich bin auch wegen des übrigen Heeres in großer
Besorgnis. Das hab ich dir aber erzählt, weil die Einwirkung dieses
Dämonischen auch über den Umgang der mit mir Verkehrenden alles
entscheidet.«

Dieses Dämonion nun, offenbar eine der bestbeglaubigten Thatsachen aus der
Geschichte des Occultismus, hat bereits im Altertum zu den verschiedensten
Hypothesen Anlaß gegeben, Plutarch, Maximus Tyrius, Apulejus haben darüber
geschrieben. Bei den Alten überwiegt die Auslegung, daß Sokrates von einem
Dämon, einem göttlichen Wesen inspiriert gewesen sei. -- Völlig ratlos
steht die moderne _vulgäre_ Psychologie dem Problem gegenüber. Die seichte
rein negative Aufklärung ging daher soweit, die gut beglaubigten Thatsachen
zu leugnen und einen Mann von dem sittlichen Ernste eines Sokrates zum
Komödianten zu stempeln.

Barthélemy, (+voyage du jeune Anarchis c. 67+) meint, daß Sokrates mit
seinem Dämonion nur Spaß gemacht habe; Plessing (+Osiris und Socrates 185+)
erklärt es für eine bewußte Erfindung. Der französische Arzt Lelut (+Le
démon de Socrate+) wittert darin ein Symptom des Irrsinns. Ihm folgt
Lombroso (+Genie und Irrsinn+). Die meisten Philologen und Philosophen
finden sich dem Problem gegenüber mit unbestimmten vagen Redensarten ab.
Zeller schreibt (+II. 1, 65+): »Die dämonische Stimme zeigt sich (vielmehr)
im allgemeinen als die Form, welche das lebhafte, aber nicht zur klaren
Erkenntnis seiner Gründe aufgeschlossene Gefühl von der Unangemessenheit
einer Handlung für das eigene Bewußtsein des Sokrates annahm.« Der
Philologe Cron (+Einleitung zu Platons Apologie S. 17+): »Daß Sokrates
darunter kein besonderes, für sich bestehendes Wesen, sondern nur eine
Offenbarung der göttlichen Liebe und Güte verstand, geht aus allen
authentischen Berichten unwiderstehlich hervor.«

Etwas weniger seicht, aber noch mehr die Unbegreiflichkeit des Phänomens
konstatierend, drückt sich +Dühring, krit. Geschichte der Philosophie
S. 87+, aus: »Dieser Dämon oder Genius, der in wichtigen Fällen ihm als
allein zureichender Erklärungsgrund der übrigens unmotivierten Entscheidung
galt, ist offenbar nichts anderes, als die instinktive Ergänzung zu den
bewußten und rein nach klaren Verstandesgesichtspunkten bemessenen Gründen
gewesen. Manche haben dieses Prinzip mit dem bloßen Takt verwechselt,
welcher für den einzelnen Fall über die Unzulänglichkeit allgemeiner Regeln
hinweghilft. Allein der Takt ist nur eine Art Gefühl, dessen Bestandteile
nicht gesondert vorgestellt werden. Er ist nur eine bestimmte Form des
gewöhnlichen, meist äußerlich und offen daliegenden Urteils, während der
dunkle Antrieb, den Sokrates meinte, gar nichts mit der individuellen
Geschicklichkeit des Verhaltens zu thun hat, sondern nur diejenigen
unbewußten Motive betrifft, die sich nicht als gewöhnliche verstandesmäßige
Gründe begreifen lassen. Es ist das Unbegreifliche, -- was in der Form des
Dämonischen sich unwillkürlich auszugleichen sucht.«

Allein es ist mir zweifelhaft, ob diese Unbegreiflichkeit sich nicht
vielleicht _nur_ für den Standpunkt der materialistischen Psychologie
ergiebt. Ich habe zwar die »spiritistische« Deutung der eleusinischen
Mysterien, welche +du Prel a. a. O.+ zu geben versucht, desavouieren zu
müssen geglaubt. Was dagegen das Dämonion des Sokrates betrifft, so glaube
ich, daß du Prel, der hier nicht bis zum Spiritismus ausgreift, sondern
lediglich im Rahmen seiner, die _dramatische Spaltung des Ich_ als
fruchtbaren Erklärungsgrund vieler rätselhafter Erscheinungen des
Seelenlebens verwertenden »Philosophie der Mystik« bleibt, in dem citierten
Buche die beste Auflösung des Problems liefert. Ich schließe daher dieses
Kapitel mit folgendem Citat aus +du Prels Mystik der alten Griechen,
S. 136ff.+:

»Demnach ist die dramatische Spaltung des Ich nicht nur die psychologische
Formel zur Erklärung unseres Traumlebens, sondern auch die metaphysische
Formel zur Erklärung des Menschen. Unsere Existenz, ohne ein bloßer Traum
zu sein, hat doch die Formel des Traumlebens. Unser irdisches Wesen ist nur
die Hälfte unseres eigentlichen Wesens, dessen andere Hälfte für uns
transscendental bleibt, hinter dem irdischen Bewußtsein liegt. Wir gleichen
also einem Doppelstern, ohne unsern dunkeln Begleiter zu erkennen. Tritt in
unseren Träumen eine zweite Figur neben uns auf, so gehört diese zwar auch
unserem Wesen an, aber nur einen Teil dieses unseres Wesens haben wir in
diese Traumfigur versenkt und nur im anderen Teile erkennen wir unser
eigenes Ich. Darum reden wir im Traume mit solchen Figuren wie mit fremden
Wesen, wiewohl die beiden Personen durch ein gemeinschaftliches Subjekt
zusammengehalten sind und beim Erwachen in der That wieder zusammenrinnen.
In eine Traumfigur können wir schon darum nie ganz versenkt sein, weil
deren meistens mehrere vorhanden sind, deren jede nur einen Teil unseres
Wesens objektiviert. Nicht einmal in die Gesamtheit der Figuren sind wir
ganz ausgegossen, sonst wäre es nicht möglich, daß wir auch noch selbst auf
der Bühne uns bewegen; es bliebe für uns nur mehr der Anteil eines
vollständig objektiven Zuschauers, was in jenen Träumen, darin wir uns auf
der Bühne nicht mit befinden, teilweise allerdings der Fall ist. Diese im
Traume bloß psychologische Thatsache der Spaltung wird als eine außerhalb
des Traumes metaphysische erwiesen durch die transscendentalen Fähigkeiten
unserer Seele, die aus dem irdischen Bewußtsein nicht abzuleiten sind. Dies
ist der Grund, warum Kant gerade gelegentlich seiner Schrift über den Seher
Swedenborg dahin gelangte, die hier vorgetragene Formel zur Erklärung des
Menschenrätsels in ganz klaren Sätzen auszusprechen. Die Rationalisten
sehen in dieser Schrift Kants -- 'Träume eines Geistersehers' -- nur eine
Verspottung des Geisterglaubens; sie übersehen dabei, daß von diesem Spott
mindestens ein Geist ganz unberührt bleibt, der Geist des Menschen im Sinne
eines transscendentalen Subjekts. Ein solches bezweifelt Kant nicht nur
nicht, sondern er behauptet es mit großer Entschiedenheit: 'Ich gestehe,
daß ich sehr geneigt bin, das Dasein immaterieller Naturen in der Welt zu
behaupten und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu
versetzen.' .... 'Die menschliche Seele würde daher schon in dem
gegenwärtigen Leben als verknüpft mit zwei Welten zugleich müssen angesehen
werden, von welchen sie, sofern sie zur persönlichen Einheit mit einem
Körper verbunden ist, die materielle allein klar empfindet, dagegen als ein
Glied der Geisterwelt die reinen Einflüsse immaterieller Naturen empfängt
und verteilt, so daß, sobald jene Verbindung aufgehört hat, die
Gemeinschaft, darin sie jederzeit mit geistigen Naturen steht, allein übrig
bleibt und sich ihrem Bewußtsein zum klaren Anschauen eröffnen müßte.' ....
'Es wird künftig, ich weiß nicht, wo oder wann, noch bewiesen werden, daß
die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen
verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt
stehe, daß sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke
empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewußt, so lange alles wohl
steht.' .... 'Es ist demnach zwar einerlei Subjekt, was der sichtbaren und
unsichtbaren Welt zugleich als ein Glied angehört, aber nicht eben dieselbe
Person, weil die Vorstellungen der einen, ihrer verschiedenen
Beschaffenheit wegen, keine begleitenden Ideen von denen der anderen Welt
sind, und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht
erinnert wird.'

Aus diesen so klaren und bestimmten Sätzen ergiebt sich, daß meine
Behauptung, die dramatische Spaltung des Ich, die im Traum als
psychologische Formel auftritt, sei zugleich die metaphysische Formel des
Menschen, mit den Ansichten Kants übereinstimmt, aber auch mit dem, was
Kant in der Lehre von der dritten Antinomie sagt; er hat demnach diese
seine Ansicht auch noch in seinem Alter aufrecht erhalten. Sogar des von
mir gebrauchten Ausdrucks 'transscendentales Subjekt' bedient er sich, wenn
er sagt, daß 'das transscendentale Subjekt uns empirisch unbekannt ist',
d. h. also, daß unser Selbstbewußtsein nur auf einen Teil unseres Wesens,
auf die irdische Person sich erstreckt, daß unser Wesen über das
Selbstbewußtsein hinausragt.

Einen Verkehr mit unserem transscendentalen Subjekt und durch dessen
Vermittlung mit den transscendenten Subjekten, d. h. mit dem Geisterreich,
hält nun Kant nicht für möglich 'so lange alles wohl steht'; damit ist aber
gesagt, daß er ihn für möglich hält in abnormen Zuständen: 'Diese
Ungleichartigkeit der geistigen Vorstellungen und deren, die zum leiblichen
Leben des Menschen gehören, darf indessen nicht als ein so großes Hindernis
angesehen werden, daß sie alle Möglichkeit aufhebe, sich bisweilen der
Einflüsse von seiten der Geisterwelt sogar in diesem Leben bewußt zu
werden. Noch leichter müßte daher ein Übergang einer Vorstellung unseres
eigenen transscendentalen Subjekts in das sinnliche Bewußtsein eintreten;
denn in beiden Fällen der dramatischen Spaltung, in der psychologischen,
wie in der metaphysischen, ist die Empfindungsschwelle die Bruchfläche der
Spaltung; diese Empfindungsschwelle ist aber beweglich, schon im
gewöhnlichen Traum, mehr noch im Somnambulismus, und daß dieses im Wachen
geradezu unmöglich sei, läßt sich in keiner Weise begründen; wohl aber ist
vorweg zu erwarten, daß transscendentale Vorstellungen, die während des
Wachens die Empfindungsschwelle überschreiten, an Bestimmtheit verlieren
und vielleicht nur teilweise zum Bewußtsein kommen.'

_Damit ist nun auch das Rätsel des Sokratischen Dämonions erklärt._
Sokrates war ein Mensch von beweglicher Empfindungsschwelle, so daß er
sich transscendentaler Einflüsse bewußt werden konnte, die sich auf die
Folgen seiner Handlungen bezogen. Daß nun das transscendentale Subjekt
fernsehend ist, zeigt sich in häufigen Fällen bei Somnambulen. Diese zeigen
sogar eine gesteigerte Form des Sokratischen Dämonions. Bei Sokrates trat
dasselbe in der abgeschwächten Form bloßer Ahnungen ins Bewußtsein, und es
verhielt sich nur abhaltend, nicht antreibend. Diese beiden Merkmale lassen
sich auf die gemeinschaftliche Ursache zurückführen, daß das Dämonion sich
im Wachen und darum in abgeschwächter Form geltend machte.

Sokrates selbst sagt, daß die innere Stimme sich nur geltend machte, wenn
er etwas in den Folgen Unangemessenes und Nachteiliges thun wollte. Nun ist
es ein alter Erfahrungssatz der Mystik, daß das Fernsehen, wenn es spontan
eintritt, auf die Schattenseiten der Zukunft sich richtet. Gerade solche
Ferngesichte aber müssen begreiflicherweise mit dem größten Gefühlswert
versehen sein, und weil ihnen ein größerer Reiz zu Grunde liegt, müssen sie
mit größerer Leichtigkeit auch die Empfindungsschwelle überschreiten. Wenn
aber selbst das Ferngesicht als solches nicht ins Bewußtsein tritt, so muß
doch die damit verbundene Gefühlserregung bewußt werden, die dann aber nur
mehr als von der beabsichtigten Handlung Abhaltendes, als ein innerhalb des
Bewußtseins unmotiviertes Gefühl sich geltend machen wird. Dies war eben
bei Sokrates der Fall. Nur die Gefühlswirkung des Ferngesichts war ihm
bewußt.

Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß alle Fälle von Ahnungen auf
solchen abgeschwächten Ferngesichten beruhen, die nur mit ihrem Gefühlswert
über die Empfindungsschwelle treten, während die Vision unbewußt wird. Denn
ein Motiv muß diesen Gefühlserregungen zu Grunde liegen, und es ist wohl
kein anderes denkbar als eine Vision, wir müßten denn zur Inspiration
greifen. Den Schein einer fremden Inspiration müssen allerdings Ahnungen
selbst dann haben, wenn sie auf ein bloßes Angstgefühl beschränkt bleiben,
weil eben das transscendentale Bewußtsein vom irdischen abgegangen ist.
Eine Steigerung schon ist es, wenn, wie bei Sokrates, zum abhaltenden
Gefühl in dramatischer Spaltung die innere Stimme hinzukommt, die gleich
einer fremden vernommen wird. Bei noch höherer Steigerung nimmt der
Abmahner plastische Gestalt an; dies scheint aber bei Sokrates niemals
eingetreten zu sein, er hörte nur immer die Stimme, sein Dämonion kam aber
nie zur Sichtbarkeit.

Das Dämonion des Sokrates ist also ein dramatisiertes Ahnen, eine
abgeschwächte fernsehende Erkenntnis von der Unangemessenheit einer
beabsichtigten Handlung; dieses transscendentale Fernsehen, ins Bewußtsein
nur als Ahnung dringend, scheint aber immer erst dann eingetreten zu sein,
wenn er eben im Begriffe war, die betreffende Handlung zu begehen.«




Neuntes Kapitel.

Platon.


Das sokratische Prinzip hatte zwar der naturwissenschaftlichen Metaphysik,
die in Demokrit ihren Höhepunkt erreichte, ein Ende gemacht; nicht aber der
Metaphysik überhaupt. Vielmehr, wie später unmittelbar an Kant, dessen
Prinzip in vieler Hinsicht an Sokrates erinnert, eine besonders lebhafte
Thätigkeit der metaphysischen Forschung anknüpft, so auch schon an
Sokrates.

Zweifellos der begabteste aller Schüler des Sokrates ist _Platon, der Vater
des Idealismus_.

Er war als Sohn des Ariston, eines Atheners von vornehmster Geburt, der
seinen Stammbaum auf König Kodrus zurückführen konnte, im Jahre 427 zu
Ägina geboren. Er soll zuerst nach seinem väterlichen Großvater Aristoteles
genannt sein und den Namen Platon erst als Beinamen (wegen seiner breiten
Brust) im Gymnasium erhalten haben. Von der Natur mit allen körperlichen
und geistigen Vorzügen begabt, empfing er die sorgfältigste Erziehung. Im
Jünglingsalter widmete er sich zuerst der Dichtkunst. Von diesen poetischen
Versuchen aber brachte ihn Sokrates ab, mit dem er angeblich schon in
seinem zwanzigsten Jahre in vertrautesten Umgang trat. Die Sage hat diesen
Moment durch einen Traum des Sokrates ausgeschmückt, _von einem Schwan, der
aus seinem Busen auffliege_.

Als ihm am Tage nach diesem Traum Plato von seinem Vater zum Unterricht
zugeführt wurde, soll er den Traum sofort erzählt und Plato als den Schwan
bezeichnet haben.

Der Tod des Sokrates machte auf ihn einen erschütternden Eindruck und
verklärte das Bild seines Meisters zu dem Ideal des vollkommensten Weisen,
welches in fast sämtlichen seiner zahlreichen Schriften in der Rolle des
Sokrates auftritt. Er ging nach diesem Ereignis zunächst mit anderen
Schülern seines Meisters zu Euklides nach Megara. Bald darauf trat er eine
große Reise an, die ihn jedenfalls zuerst nach Kyrene und nach Ägypten
führte. Mit Unrecht wird bezweifelt, daß er sich hier lange Zeit
aufgehalten und in die Geheimlehren der Priester habe einweihen lassen; die
Nachrichten der alten Schriftsteller über diesen Punkt, auch _indirekte_
Zeugnisse unmittelbarer Zeitgenossen, wie z. B. des Isokrates, sind
unanfechtbar. Diogenes Laert. (+III. 7+) berichtet, er habe auch die
persischen Magier besuchen wollen, sei aber durch den Krieg daran
verhindert worden. Daß er sich im Innern Asiens längere Zeit aufgehalten
hat, bestätigt auch Cicero (+Tusc. IV. 19+).

Nach Rückkehr von Ägypten oder Asien unternahm er seine erste Reise nach
Unteritalien und Sizilien, um mit den dortigen Pythagoräern in näheren
Verkehr zu treten. Diese Reise führte ihn an den Hof des bekannten Tyrannen
von Syrakus, Dionysios des Älteren. Er schloß hier einen engen
Freundschaftsbund mit Dion und wurde durch diesen in die politischen
Gegensätze und Parteiungen, die zu Syrakus herrschten, hineingezogen, was
für ihn bedenkliche Folgen hatte. Der Tyrann ließ ihn festnehmen, lieferte
ihn als Kriegsgefangenen den Spartanern aus und diese ließen den
Philosophen in Ägina _als Sklaven verkaufen_. Ein Kyrenaiker namens
Annikeris soll ihn dann frei gekauft haben. Im Alter von vierzig Jahren
(387) kehrte er nach Athen zurück und gründete hier in dem akademischen
Gymnasium eine philosophische Schule, in der er teils in der dialogischen
Methode des Sokrates, teils auch durch Vorträge seine Philosophie
verbreitete. Diese Lehrthätigkeit wurde aber durch zweimaligen längeren
Aufenthalt in Sizilien unterbrochen.

Zunächst kehrte er nach dem Tode des älteren Dionysios auf den Wunsch des
Dion, dem der jüngere Dionysios anfänglich sehr gewogen war, nach Syrakus
zurück. Dionysios wurde anfangs leidenschaftlich für Plato eingenommen und
nahm sich dessen Lehren und Beispiele zu Herzen; »wie ein wildes Tier«,
sagt Plutarch (+Dion 16+), »mit der Zeit das Betasten der Menschen ertragen
lernt, so gewöhnte sich auch Dionysios so an Platons Umgang und Lehren,
daß er ihn möglichst lange in Sizilien zurückhielt und eine gewisse
tyrannische Liebe gegen ihn hegte, indem er verlangte, Plato solle ihn
allein lieben und bewundern und dem Dion vorziehen.« Allein als Dion
schließlich vom Dionys verbannt wurde, auch die Bemühungen Platos, dessen
Rückkehr durchzusetzen und den Tyrannen zur Entsagung auf die
Alleinherrschaft und zur Einführung einer platonischen Aristokratie zu
bestimmen, sich als nutzlos erwiesen, verließ Plato Syrakus. Zum dritten
Male freilich kehrte er auf die dringenden Bitten Dions und seiner
pythagoräischen Freunde im Jahre 361 v. Chr. an den Hof des Dionysios
zurück; von letzterem anfangs mit großer Freude aufgenommen, geriet er
jedoch, bei seinen unablässigen Bemühungen, denselben wieder mit Dion und
dessen politischen Grundsätzen zu versöhnen, infolge einer Verstimmung des
Tyrannen wiederum in persönliche Gefahr. Nur das energische Eintreten der
Pythagoräer, die, an ihrer Spitze Archytas, die damals nicht geringe Macht
Tarents für ihn engagierten, scheint ihn gerettet zu haben. Er kehrte nach
Athen zurück, wo er fortan unter Fernhaltung von jeder politischen
Thätigkeit nach dem Vorgange des Sokrates, -- die Demokratie Athens war ihm
seit der Verurteilung des Sokrates in höchstem Maße verhaßt und selbst über
die besten Staatsmänner seiner Vaterstadt, wie z. B. Perikles, enthalten
seine Schriften nur bittere Urteile --, sich mit größtem Eifer der
wissenschaftlichen Lehrtätigkeit in der Akademie und der Abfassung von
Schriften widmete.

In ungeschwächter Geisteskraft erreichte er das 81. Lebensjahr und starb
348 v. Chr. nach +Diogenes III. 2+, bei einem Gastmahl, nach Cicero
(+Senect. 5+), falls dessen Angabe wörtlich zu nehmen ist, schreibend.

Schon das Altertum, das als besondere Merkwürdigkeit auch seine angeblich
unverletzte Virginität hervorhebt, bewunderte ihn wie einen Heros.

In der That hat er, wie kein anderer, die schöne Lebensführung des
Hellenentums durch eine Tiefe des geistigen Daseins geadelt, die ihn am
Horizonte der menschlichen Weltanschauung für alle Zeiten als Stern erster
Größe strahlen läßt.

                  *       *       *       *       *

Platos Lehre wird nicht mit Unrecht als die vollkommenste Gestalt der
hellenischen Philosophie, als ihre höchste Blüte bezeichnet, wenn man
gleichzeitig zugiebt, daß die höchste Blüte auch regelmäßig den Wendepunkt
und Übergang zum Verfall in sich birgt.

Schwegler will drei Entwicklungsperioden seiner Lehre unterscheiden; in die
erste verlegt er die kleinen Gespräche, welche lediglich praktisch
sittliche Fragen in sokratischer Weise behandeln, so den Charmides, der die
Mäßigung, den Lysis, der die Freundschaft, den Laches, der die Tapferkeit
behandelt, und schließlich den Gorgias, der gegen die sophistische
Identificierung von Lust und Tugend, Gutem und Angenehmen gerichtet ist.

Hier haben diese rein ethischen Schriften, da sie jeder Beziehung zum
»Occultismus« ermangeln, kein Interesse. In die zweite verlegt er die als
Vermittlung mit der _Eleatik_ sich vollziehende Aufstellung und
dialektische Begründung der _Ideenlehre_.

Ihre Hauptschriften sind der Theätet, der Sophist und der Politikos, vor
allem aber der _Parmenides_. Von diesem letzteren Dialog, der ziemlich
einstimmig für den ontologisch wichtigsten von allen erklärt wird, läßt
Plato den Sokrates mit dem Eleaten Dialektik treiben, und der wesentliche
Gedankengang ist nach einem von August Niemann (+Sphinx IV. 22+) gemachten
Auszug folgendes: »Wenn ihr sagt, daß die Gottheit nur Eins sei, so stimme
ich euch zu. Als Vielheit würde Gott sich selbst sowohl gleich als ungleich
sein, sich also von sich selbst unterscheiden, was unmöglich zu denken ist.
Daran ist aber auch nichts zu verwundern, sondern die Einheit Gottes liegt
auf der Hand. Zu verwundern ist aber, daß verschiedene Begriffe, welche
unversöhnlich einander gegenüberstehen, innerhalb des All-Einen zu finden
sind. Ihr sagt freilich, daß ja auch der Mensch diese miteinander
streitenden Begriffe in sich trägt, indem er in einer Hinsicht Ähnlichkeit,
in anderer Hinsicht Unähnlichkeit besitzt, wie er auch zugleich Einheit und
Vielheit in sich trägt. Einer bin ich unter der Menge, vieles bin ich, weil
ich eine rechte und linke Seite u. s. w. habe. Aber was ich sagen will, ist
noch ein anderes. Alles, was ähnlich ist, ist insofern und in dem Grade
ähnlich, als es an der Ähnlichkeit selbst, an der Idee der Ähnlichkeit
teil hat. Durch die Parusie der Ähnlichkeit ist das Ähnliche ähnlich. Und
so ist es auch mit dem Gleichen, dem Schönen und allen derartigen. Nun kann
ja der Mensch ganz gewiß, so wie jedes Ding, zugleich an allen möglichen
Ideeen teilhaben; die Ideeen aber bleiben immer dieselben und haben nur an
sich selbst teil. _Wir müssen daher die Ideeen von den Dingen absondern_
und jedes für sich betrachten. Was mich nun, wie gesagt, in Verwunderung
setzt, ist das, daß die Ideeen, obwohl für immer geschieden, doch in der
Gottheit vereinigt sind.«

Hierauf antwortet _Parmenides_: »Wenn ich dich recht verstehe, so nimmst du
also eine für sich bestehende Idee des Gerechten, des Schönen, des Guten
u. s. w. an, und ebenso Ideeen von allem anderen, _welche gesondert von dem
sinnlich Wahrnehmbaren sind_. Zum Beispiel eine Idee des Menschen würdest
du annehmen, welcher etwas anderes ist, als irgend ein wirklich lebender
Mensch, eine Idee des Feuers, des Wassers und aller Dinge. In deinen
Gedanken entsteht eine _Ideeenwelt und diese nennst du Gott_, während du
die sinnlich wahrnehmbare Welt nur insofern benennen willst, als sie an der
Ideeenwelt teil hat. Doch habe ich meine Bedenken hinsichtlich deiner
Ansicht.« -- Als solche Bedenken führt er dann an, daß erstens, wenn alles
an den Ideeen teil habe, jedes auch an der ganzen Welt teil haben müsse.
Wenn jemand mutig sei, insofern er an der Idee des Mutes teil habe, so
müßte die Idee des Mutes, da ja alle Menschen und auch die Tiere in
größerem oder geringerem Maße mutig seien, in allen Erscheinungen ganz
auftreten, also in unzählige Vielheiten aufgelöst werden.

Zweitens würde beim Vergleich der Dinge mit den Ideeen die Parusie eines
Dritten erforderlich sein, mit welchem die Vergleichung geschähe, und das
Fortschreiten der Untersuchung würde unermeßliche Vielheiten erzeugen.

Drittens müßte die größte Schwierigkeit erst aus der Unmöglichkeit der
Erkennbarkeit der Ideeen entstehen. Denn es habe den Anschein, als ob die
Ideeen infolge der ihnen zuerteilten Beschaffenheit sich nicht bei uns
befinden könnten, weil dadurch ihr Fürsichbestehen aufhören würde, und als
ob auch diejenigen Ideeen, welche ihre Beschaffenheit nur in
Wechselbeziehung untereinander hätten, ihre Natur nur untereinander, aber
nicht in Bezug auf ihre Abbilder, die Dinge geltend machen würden. So wenig
also die Gottheit vom Menschen erkannt werden könne, so wenig könne der
Mensch von der Gottheit erkannt werden. -- _Trotz aller dieser selbst
gemachten Einwürfe schließt er mit dem Satze, daß überhaupt jede ernste
Philosophie unmöglich sei, wenn man die Ideeenlehre verwerfe._

                  *       *       *       *       *

Wir sind damit nicht nur bei dem schwierigsten Teile der platonischen
Philosophie, über deren Sinn noch immer die verschiedensten Auffassungen
streiten, sondern vielleicht bei dem schwierigsten Teile der Philosophie
überhaupt angelangt. Denn um diesen Angelpunkt dreht sich der immer noch
endgiltig nicht entschiedene Streit zwischen Nominalismus und Realismus,
wie man es im Mittelalter, oder Idealismus und Realismus, wie man es in
etwas verschobener Namensbedeutung bezüglich des letzteren, in der modernen
Philosophie bezeichnet. +Bruno, de umbris idearum+, und ihm folgend
+Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung II. S. 417ff.+, auch
+Dühring, krit. Geschichte der Philosophie S. 101ff.+ wollen in den
Platonischen Ideeen nichts anderes finden, als das, was wir empirisch
redend die Spezies oder Art nennen.

Unrichtig ist dies gerade nicht, aber es deckt nicht die ganze Bedeutung
der platonischen Ideeen; denn wenn dieselben auch keineswegs mit den
Allgemeinbegriffen zu verwechseln sind, und Plato gewiß keine Ideeen z. B.
von Artefakten angenommen hat, so gehören doch vor allem auch die Ideeen
der Moral und Ästhetik zur Ideenwelt, und Kant (+Kritik der reinen Vernunft
II. 1+) hebt mit Recht hervor, daß gerade auf _praktischem_ Gebiete Plato
die _vorzüglichste_ Bedeutung seiner Ideeenlehre suchte. Die große Frage
ist nun, einmal wie Plato sich das _Sein_ der Ideeen gedacht habe, ob er
sie »_hypostasiert_« und ihnen eine höhere über den Dingen schwebende, von
der empirischen Wirklichkeit getrennte Existenz zugeschrieben hat oder
nicht; sodann, wie er sich ihr Verhältnis zur Gottheit gedacht habe, welche
letztere Frage zusammenfällt mit der nach der theologischen Grundlage
seiner Weltanschauung.

Den ersten Teil dieser Frage scheint mir am klarsten und zutreffendsten
Lotze in seiner +Metaphysik S. 513+ zu beantworten:

»So wenig jemand sagen kann, wie es gemacht wird, daß Etwas ist oder Etwas
geschieht, ebenso wenig läßt sich angeben, wie es gemacht wird, daß eine
Wahrheit gelte; man muß auch diesen Begriff als einen durchaus nur auf sich
beruhenden Grundbegriff ansehen, von dem jeder wissen kann, was er mit ihm
meint, den wir aber nicht durch eine Konstruktion aus Bestandteilen
erzeugen können, welche ihn selbst nicht bereits enthielten.

Von hier aus scheint mir Licht auf eine befremdliche Angabe zu fallen, die
in der Geschichte der Philosophie überliefert wird: Platon habe den Ideeen,
zu deren Bewußtsein er sich erhoben, ein Dasein abgesondert von den Dingen,
und doch, nach der Meinung derer, die ihn so verstanden, ähnlich dem Sein
der Dinge, zugeschrieben. Es ist seltsam, wie friedlich die hergebrachte
Bewunderung des Platonischen Tiefsinns sich damit verträgt, ihm eine so
widersinnige Meinung zuzutrauen; man würde von jener zurückkommen müssen,
wenn Platon wirklich diese gelehrt und nicht nur einen begreiflichen und
verzeihlichen Anlaß zu einem so großen Mißverständnis gegeben hätte. Der
Ausdruck philosophischer Gedanken ist von der Leistungsfähigkeit der
gegebenen Sprache abhängig, und es ist kaum vermeidlich, zur Bezeichnung
dessen, was man meint, Worte zu benutzen, welche diese eigentlich nur für
Verwandtes, was man nicht meint, ausgeprägt hat, dann vorzüglich, wenn ein
neues Gebiet eröffnet wird und die Dringlichkeit der Unterscheidung des
gemeinten von jenem anderen noch wenig empfunden werden kann. Hierin
scheint mir der Grund jenes Mißverständnisses zu liegen. Nichts sonst
wollte Platon lehren, als die Geltung von Wahrheiten, _abgesehen davon, ob
sie_ an irgend einem _Gegenstande der Außenwelt_, als dessen Art zu sein,
sich bestätigen; die ewig sich selbst gleiche Bedeutung der Ideeen, die
immer sind, was sie sind, gleichviel ob es Dinge giebt, die durch Teilnahme
an ihnen sie in dieser Außenwelt zur Erscheinung bringen, oder ob es
Geister giebt, welche ihnen, indem sie sie denken, die Wirklichkeit eines
sich ereignenden Seelenzustandes geben. Aber der griechischen Sprache
fehlte damals und noch später ein Ausdruck für diesen Begriff des Geltens,
der kein Sein einschließt; eben dieser des Seins trat allenthalben, sehr
häufig unschädlich, hier verhängnisvoll an seine Stelle. Jeder für das
Denken faßbare Inhalt, wenn man ihn als etwas mit sich Einiges von anderem
Verschiedenes und Abgeschlossenes betrachten wollte, alles, wofür die
Sprache der Schule später den nicht üblen Namen des Gedankendinges erfunden
hat, war dem Griechen ein Seiendes, %on% oder %ousia%; und wenn der
Unterschied einer wirklich geltenden Wahrheit von einer angeblichen in
Frage kam, so war auch jene ein %ontôs on% --; anders als in dieser
beständigen Vermischung mit der Wirklichkeit des Seins hat die Sprache des
alten Griechenlands jene Wirklichkeit der bloßen Geltung niemals zu
bezeichnen gewußt; unter dieser Vermischung hat auch der Ausdruck des
Platonischen Gedankens gelitten.

Man überzeugt sich leicht, daß alles, was von den Ideeen gesagt wird, unter
der Voraussetzung, die wir machten, sich als natürlich und notwendig
ergiebt, und daß die verschiedenen Wendungen, die in der Darstellung ihres
Wesens genommen werden, eben darauf hinauslaufen, den Begriff, zu dessen
Bezeichnung ein einziger Ausdruck fehlte, durch viele einander zu Hilfe
kommende und beschränkende zu erschöpfen. Ewig, weder entstehend noch
vergehend (%aidia, agennêta, anôlethra%), mußten die Ideeen genannt werden
gegenüber dem Fluß des Heraklit, der auch ihren Sinn schien mit sich
fortreißen zu sollen; die Wirklichkeit des Seins allerdings kommt ihnen
bald zu, bald nicht zu, je nachdem vergängliche Dinge sich mit ihnen
schmücken oder nicht; die Wirklichkeit der Geltung aber, welche ihre eigne
Weise der Wirklichkeit ist, bleibt unberührt von diesem Wechsel; diese
Unabhängigkeit von aller Zeit, in Vergleichung gebracht mit dem, was in der
Zeit entsteht und vergeht, konnte nicht wohl anders als durch das zeitliche
und doch die Macht der Zeit negierende Prädikat der Ewigkeit ausgesprochen
werden, ebenso wie wir das, was an sich nicht gelte und gelten könnte, an
seinem Niemalsvorkommen in aller Zeit am leichtesten erkennen würden.
Trennbar oder getrennt von den Dingen (%chôris tôn ontôn%), heißen die
Ideeen zunächst begreiflich, weil das Bild (%eidos%) ihres Inhalts unserer
Erinnerung vorstellbar bleibt, auch nachdem in der Wirklichkeit des Seins
die Dinge verschwunden sind, durch deren Anregung es in uns entstanden war;
dann aber, weil unter jenem Inhalt nur das verstanden war, was in
allgemeiner Gestalt faßbar, in verschiedenen Erscheinungen der äußern
Wirklichkeit sich selbst gleich vorkommt, und deshalb unabhängig ist von
jedem einzelnen Beispiele seiner sinnlichen Verwirklichung. Aber es war
nicht die Meinung Platons, daß die Ideeen nur von den Dingen unabhängig,
dagegen in ihrer Weise der Wirklichkeit abhängig sein sollten von dem
Geiste, welcher sie denkt; Wirklichkeit des Seins genießen sie freilich nur
in dem Augenblicke, in welchem sie, als Gegenstände oder Erzeugnisse eines
eben geschehenden Vorstellens, Bestandteile dieser veränderlichen Welt des
Seins und Geschehens werden; aber wir alle sind überzeugt, in diesem
Augenblicke, in welchem wir den Inhalt einer Wahrheit denken, ihn nicht
erst geschaffen, sondern nur ihn anerkannt zu haben; auch als wir ihn nicht
dachten, galt er und wird gelten, abgetrennt von allem Seienden, von den
Dingen sowohl als von uns, und gleichviel, ob er je in der Wirklichkeit des
Seins eine erscheinende Anwendung findet oder in der Wirklichkeit des
Gedachtwerdens zum Gegenstand einer Erkenntnis wird; so denken wir alle von
der Wahrheit, sobald wir sie suchen und suchend vielleicht ihre
Unzugänglichkeit für jede wenigstens menschliche Erkenntnis beklagen; auch
die niemals vorgestellte gilt nicht minder, als der kleine Teil von ihr,
der in unsere Gedanken eingeht. In etwas anderer Form, und gegen
Protagoras, wird die selbständige Geltung der Ideeen hervorgehoben, wenn
sie als an sich seiend was sie sind (%auta kath' auta onta%) der
Relativität entzogen werden, in die sie der berühmte Ausspruch dieses
Sophisten verwickeln wollte. Zugegeben selbst, daß die Lehre desselben, auf
sinnliche Empfindungen beschränkt, ihre gute Gültigkeit hat, und daß Platon
sie in dieser Beziehung mißverständlich bekämpft, zugegeben also, daß jede
sinnliche Empfindung für den, der sie hat, so gut eine Wahrheit ist, wie
eine abweichende andere für den, der diese andere hat, so würde doch Platon
mit Recht behaupten, weder der eine noch der andere könne diese oder jene
Empfindung haben, ohne daß dasjenige, was er in ihr empfindet, Rot oder
Blau, Süß oder Bitter, ein an sich Etwas und immer dasselbe Etwas
bedeutender Bestandteil einer Welt von Ideeen sei; sie bildet gleichsam den
beständigen unerschöpflichen Vorrat, aus dem jedem Dinge der Außenwelt
alle die noch so verschiedenen Prädikate, mit denen es sich wechselnd
bekleidet, und ebenso jedem Geist die verschiedenen Zustände zugeteilt
werden, die er soll erfahren können; unmöglich ist es dagegen, daß ein
einzelnes Subjekt etwas empfinde oder vorstelle, dessen Inhalt nicht in
dieser allgemeinen Welt des Denkbaren seine bestimmte Stelle, seine
Verwandtschaften und Unterschiede gegen anderes ein für allemal besäße,
sondern eine zu dieser ganzen Welt beziehungslose, nirgends sonst heimische
Sonderbarkeit dieses einen Subjekts bliebe. Ist nun durch diese Ausdrücke
für die selbständige Gültigkeit der Ideen gesorgt, so ist auch hinlänglich
vorgebaut, daß diese Gültigkeit nicht mit der Wirklichkeit des Seins
verwechselt werde, die nur einem beharrlichen Dinge zugeschrieben werden
könnte. Wenn die Ideeen in einem intelligiblen überhimmlischen Ort
(%noêtos, hyperouranios topos%) ihre Heimat haben sollen, wenn sie
anderseits ausdrücklich noch als nirgends wohnend bezeichnet werden, so ist
für jeden, der die Anschauungsweise des griechischen Altertums versteht,
vollkommen hinlänglich ausgedrückt, daß sie zu dem nicht gehören, was wir
reale Welt nennen; was nicht im Raume ist, das ist für den Griechen nicht,
und wenn Platon die Ideeen in diese unräumliche Heimat verweist, so liegt
darin nicht ein Versuch, ihre bloße Geltung zu irgend einer Art von
seiender Wirklichkeit zu hypostasieren, sondern die deutliche Anstrengung,
jeden solchen Versuch von vornherein abzuwehren. Auch dies steht nicht
entgegen, daß die Ideeen als Einheiten (%henades, monades%) aufgeführt
werden; denn keine Veranlassung liegt vor, diese Bezeichnung in dem Sinne
atomistischer Vorstellungen, sei es auf körperliche Unteilbarkeit, sei es
auf eine der Persönlichkeit ähnliche Selbstheit zu deuten; vielmehr dem
Sinne jeder Idee, und nicht jeder einfachen blos, sondern auch jeder
zusammengesetzten, kommt es zu, durch Vereinigung des in ihm
zusammengehörigen und durch Ausschließung alles Fremden sich als Einheit zu
beweisen. Dennoch aber, obgleich alle diese Äußerungen darin
übereinstimmen, daß Platon _nur_ die ewige _Gültigkeit_ der Ideeen,
_niemals_ aber ihr _Sein_ behauptete, dennoch blieb ihm auf die Frage: was
sie denn seien, zuletzt nichts übrig, als sie doch wieder unter den
Allgemeinbegriff der %ousia% zu bringen, und so war dem Mißverständnis eine
Thür geöffnet, das seitdem sich fortgepflanzt hat, obschon man nie
anzugeben wußte, was denn das eigentlich sei, wozu Platon durch die ihm
schuld gegebene Hypostase seine Ideeen hypostasiert haben sollte.«

                  *       *       *       *       *

Über das Verhältnis der Ideeenwelt zur Gottheit und die »theologische«
Seite des »Systems«, -- wenn man bei Plato von einem System reden darf --,
geben uns diejenigen Schriften Auskunft, welche in die von Schwegler
angenommene _dritte_ und letzte Periode seiner Entwicklung fallen, nämlich
in die Zeit nach seiner Heimkehr in die Vaterstadt bis zu seinem Tode; es
sind dies in erster Linie der Phädrus, Philebus, die Republik und der
Dialog von den Gesetzen. Äußerlich kennzeichnet diese Schlußperiode seines
geistigen Schaffens sich durch das Überhandnehmen der mythischen Form.

Die wichtigsten hier in Betracht kommenden Sätze sind folgende: Den
Schöpfer und Vater des Weltalls zu finden, ist schwer, und wenn man ihn
gefunden, mit allen darüber zu sprechen, unmöglich: alte heilige
Überlieferungen bezeichnen ihn als den Gott der Götter, der nach Gesetzen
regiert, als den Anfang, die Mitte und das Ende aller Dinge. In der Natur
dieses Gottes wohnt eine königliche Seele, und in dieser ein königlicher
Verstand, welcher die oberste Ursache alles Guten, Wahren und Schönen ist.
Alle Wesen stimmen darin überein, daß dieser bewunderungswürdige Verstand
der König des Himmels und der Erde sei; daß nicht wie die Menge wähnt, eine
blind wirkende Natur und Notwendigkeit, sondern der göttliche seiner selbst
bewußte Verstand, um eines guten Endzwecks willen, das Weltall geordnet
habe, und daß ohne Gott diese Weltordnung ganz unmöglich wäre.

Wie nun ein Künstler, bevor er sein Kunstwerk sinnlich ausführt, sich zuvor
eine Idee desselben bildet, nach welcher er das Werk ausführt: so hat auch
Gott, der größte und beste aller Künstler, ehe er diese sichtbare Welt und
in ihr die einzelnen Dinge gebildet, zuvor die Ideeen derselben konzipiert,
und diese göttlichen Ideeen und geistigen Vorbilder sind das der
Erscheinungswelt vorangehende, wahre, ewige, allein reale Wesen der Dinge;
die einzelnen sogenannten wirklichen Dinge, die wir durch die Sinne
wahrnehmen, sind nur Abbilder, vorübergehende vergängliche Erscheinungen
jener göttlichen Ideeen. Es giebt also zwei Welten, eine göttliche
Ideeenwelt, die Welt der ewigen substanziellen Gedanken Gottes, und eine
irdische Erscheinungswelt, die Welt der wandelbaren Formen; die Welt des
ewig Seienden und ewig sich Gleichbleibenden, und die Welt des zeitlichen
Werdens, des Entstehenden und Vergehenden, der Zeugung und des Todes. Die
erscheinenden Dinge in dieser Welt sind nur die Wirkungen der wahren
Existenzen in jener Welt; jedes Ding hat seine Idee in Gott, diese
göttlichen Ideeen sind das Original, die irdischen Phänomene die Kopieen.
In der Ideeenwelt aber ist die oberste nur mit Mühe erkennbare Ursache
alles Wahren und Schönen die Idee des Guten, der Urheber des Guten aber ist
Gott, der sich selbst immerdar gleich und mit sich identisch ist, und der
allein auch vollkommenste Erkenntnis besitzt.

Wäre dieser Gott neidisch, so hätte er sich an sich selbst genügen lassen
und nichts außer sich ins Leben gerufen; da er aber nicht neidisch, sondern
neidlos gütig ist, so hat er auch das Nichtsein an dem Reichtum seines
Seins teilnehmen, und das Einzelne, Unvollkommene um der Vollkommenheit und
Glückseligkeit des Ganzen willen entstehen lassen: er hat gleichsam wie ein
reicher Mann ein armes Mädchen, das Nichtseiende sich zur Braut erwählt und
mit ihr, aus Liebe, die Welt erzeugt. Die Unvollkommenheit aller irdischen
Dinge hat daher ihren Grund darin, daß in ihnen zwar etwas Göttliches,
Ewiges, Wirkliches, aber auch etwas Ungöttliches, Vergängliches, Nichtiges;
daß in ihnen Sein und Nichtsein, Freiheit und Notwendigkeit gemischt ist.
Das Nichtsein, aus dem die Dinge hervorgerufen sind, klebt ihnen noch an,
ja es ist ganz unmöglich, daß sie absolut vollkommen seien; denn nur Gott
ist dieses, nichts geschaffenes. Man muß demnach zwei Arten von Ursachen
unterscheiden, eine naturnotwendige, leibliche, und eine göttliche,
seelische: die göttliche muß man in allen Dingen aufsuchen, um, so viel die
menschliche Natur es zuläßt, ein glückseliges Leben zu erlangen; die
naturnotwendige aber nur um jener willen. Die göttliche ist die eigentliche
Ursache, die naturnotwendige die Hilfsursache zur irdischen Geburt. Die
stofflichen Entstehungsgründe oder Urelemente der Dinge, des Menschen wie
aller übrigen Wesen, lassen eine logische Erklärung nicht zu, es ist
unmöglich, diese Urstoffe durch Worte zu definieren, sie sind ihrer Natur
nach unerklärlich, unsere Sprache hat für sie kein adäquates Wort.

Der Mensch nun, das am meisten zur Gottesverehrung befähigte unter allen
Geschöpfen, ist ursprünglich nicht eine irdische, sondern eine himmlische
Pflanze; unter allen Besitztümern, die er hat, ist nächst den Göttern seine
Seele sein wertvollstes göttlichstes Eigentum, ja das eigentliche Wesen des
Menschen: ihre Ausbildung ist daher Menschen und Göttern das teuerste: denn
ihr allein kommt, wie die Priester und alte göttliche Dichter lehren,
wahres unsterbliches Sein zu: sie gehört zu den ersten Existenzen, und ist
älter und früher als alle Körper, und hat vor ihrem gegenwärtigen Leben in
einer höheren Region gelebt und die Wahrheit geschaut: so daß, da die ganze
Natur unter sich verwandt ist, was sie in dem irdischen Leben lernt,
eigentlich nur eine Wiedererinnerung dessen ist, was sie in einem
vorirdischen Leben schon einmal gewußt hat. In der Seele aber, als die
oberste Seelenkraft wohnt der reine denkende Geist, der, wie er vom Himmel
in den Menschen herabgekommen ist, den Menschen auch wieder von der Erde in
den Himmel emporhebt, als der einem jeden von Gott geschenkte Schutzgeist.
Dieser spezifisch geistige Teil der menschlichen Seele, der göttliche Geist
in uns, läßt sich nicht genügen an dem Einzelnen, Vielen, Veränderlichen,
Sinnlichen, sondern fühlt sich erst dann befriedigt und gesättigt, wenn er
vorgedrungen ist bis zu dem Urgrunde, der ewigen Wesenheit der Dinge und
der ewigen Wahrheit, welchen beiden er selbst verwandt und homogen ist.
Liebe zu dem ewig Seienden, zu der ewigen Weisheit, und zu der ewigen
Wahrheit, sind dem Menschen von Natur eingeboren: sein denkender Geist
strebt ebenso natürlich nach Erkenntnis der Wahrheit, wie das sonnenartige
Auge des Menschen nach Licht; und wie diesem die Finsternis, so ist jenem
die Unwissenheit zuwider. Die echt philosophischen Naturen haben darum ihr
Denken nicht auf die Welt des Werdens, sondern auf das ewig und
unveränderlich Seiende gerichtet: sie sind vor allem bestrebt die ewige
Wesenheit der Dinge zu erkennen, die obersten Ursachen in der göttlichen
Ideenwelt; nicht dasjenige, was zwischen Entstehen und Vergehen hin und her
schwankt, die vorübergehende Erscheinungswelt.

Dieses ist das ursprüngliche Verhältnis der menschlichen Seele und in
dieser des menschlichen Geistes zu Gott und dem Weltall. Ursprünglich, in
Kraft und Fortwirkung ihres göttlichen Ursprungs, sind die Menschen viel
wahrhaftiger, großherziger, vollkommener gewesen als später, wo der Anteil
Gottes in ihnen, durch die fortgesetzte Vermischung mit der sterblichen
Natur, immer schwächer geworden, und der menschliche Charakter immer
stärker hervorgetreten ist. So kommt es, daß jetzt allerdings, wie der
Meerdämon Glaukos von dem Seewasser angefressen und durch das Seetang und
Muschelwerk, was sich ihm angesetzt, fast unkenntlich geworden ist, auch
die menschliche Seele in dem gegenwärtigen Leben, in dem Meer der
Todeswelt, durch vielfache Übel ihre ursprüngliche Reinheit und Schönheit
fast ganz verloren hat, und wenn sie diese wiedergewinnen will, zuerst aus
dem Meere, in welchem sie versunken ist, sich erheben und alles ihr
fremdartige Anhängsel abwerfen muß. Reinigung der Seele von den
Leidenschaften, Loslösung von den Banden des Leibes und allem Irdischen,
ist darum die notwendige Vorbedingung jedes echten Philosophierens. Denn
nur mit reiner Seele können wir das Reine, Wahre, Ewige berühren, nur dann
mit der Seele selbst das wahre ewige Wesen der Dinge schauen und erkennen.
Wer darum wahrhaft philosophisch gesinnt, und wirklich in Freiheit und Muße
auferzogen ist, der trachtet so schnell als möglich aus dem Irdischen in
das Überirdische sich zu flüchten. Diese Flucht bringt ihn dann zur
möglichst größten Verähnlichung mit Gott, diese Verähnlichung aber besteht
darin, daß er mit Wissen und Willen gerecht und fromm ist. Dieses zu
erkennen ist die wahre Weisheit und Tugend; darin unwissend zu sein,
offenbarer Unverstand und Schlechtigkeit.

                  *       *       *       *       *

Hier freilich dürfte am meisten die Lehre Platos von der _Unsterblichkeit
der Seele_ interessieren. Als Quellen kommen dafür hauptsächlich die
Dialoge »_Phaedon_«, »_der Staat_«, »_Phaedrus_«, »_Timaeus_« und das
»_Gastmahl_« in Betracht.

Im _Phaedon_ läßt er Sokrates in dem unmittelbar vor seinem Tode geführten
letzten Gespräch davon ausgehen, daß der Tod der Gegensatz des Lebens sei.
Der Tod ist eben die Trennung der Seele vom Körper, und da der Körper nur
die Wahrnehmungen trübt, ein _ersehnenswertes_ Ziel. Der Weise hofft durch
den Tod mit den Göttern und mit den dahingegangenen guten Menschen
vereinigt zu werden. Erst nach der Trennung vom Körper wird die Seele,
losgelöst von allem Sinnlichen, die Wahrheit erkennen. In den eleusinischen
Mysterien werde bildlich angedeutet, »daß, wer uneingeweiht und ungeheiligt
in den Hades kommt, im Schlamm liegen, der Gereinigte und Geheiligte aber,
wenn er dorthin kommt, mit den Göttern wohnen wird.«

Nach altem Glauben kommen die Seelen von hier in den Hades, _kehren aber
vom Hades wieder hierher zurück_.

Da alles aus Gegensätzen entsteht, der Gegensatz des Lebens aber der Tod
ist, so müssen die Seelen auch im Tode irgendwo sein, von wo aus sie wieder
zum Leben erwachen.

Wäre dem nicht so, so würde eben entweder das Lebendigsein oder das
Todtsein ausschließlich bestehen.

Ferner, da das Lernen nur Rückerinnerung ist, eine Voraussetzung, die Plato
mehrfach durch Vorführung empirischer Beispiele der sokratischen Dialektik
zu beweisen versucht, so muß die Seele, bevor sie in diesen Leib kam,
irgendwo bestanden und das, dessen sie sich jetzt im Lernen wieder
erinnert, gewußt haben.

Auf den Einwurf eines Teilnehmers am Gespräch, ob denn die Seele nicht im
Tode sich auflösen könne, erwidert Sokrates, die Seele sei nichts
Zusammengesetztes, sie sei eine der selbständigen, sich immer
gleichbleibenden Ideeen und sei wegen ihrer angeborenen Herrschaft über den
Körper dem Göttlichen gleich. Auch gehe ja nicht einmal das Körperliche im
Tode zu Grunde, löse sich vielmehr nur in seine unteilbaren Bestandteile
auf. Warum sollte die an sich unteilbare Seele zu Grunde gehen?

Übrigens gelangt nur die gereinigte Seele wieder ins Göttliche zurück, die
nicht gereinigte wird auf's neue in das irdische Gebiet des Sichtbaren
herabgezogen und hat zu ihrer Läuterung nur Wandlungen zu bestehen; ja sie
kann zu diesem Ende in Tierleiber übergehen und zwar wahrscheinlich
jedesmal in solche, die ihren im Vorleben ausgebildeten Neigungen am
meisten angepaßt sind, z. B. können Schlemmer als Schweine, Ungerechte und
Räuber als Wölfe sich »metensomatisieren.«

Heftige Begierden und Leidenschaften lenken auch die Seele auf begehrliche
und leidenschaftliche Gedanken, und solche Gedanken »nageln die Seele
gleichsam an den als Werkzeug dafür geeigneten Körper an.«

Nur der von allen Sinneseindrücken Losgelöste kann in die »Gattung« der
Götter kommen.

Auch das _sittliche_ Gefühl streite für die Fortdauer der Seele nach dem
Tode, deren Vernichtung ja nur für den Schlechten ein Gewinn sein würde.

In mythischer Einkleidung schildert Sokrates den Hades mit topographischer
Genauigkeit: Die vom Körper getrennten Seelen werden, nachdem sie ihr
Urteil vom Totenrichter empfangen, von Dämonen, die besseren von Göttern
selbst in ihre neuen Wohnsitze geleitet, welche sich je nach ihrem Vorleben
verschieden gestalten; die ganz Schlechten werden sogleich in den Tartarus
geschleudert, die Reuigen irren lange umher und werden in bestimmten
Zeitläufen in die Nähe der von ihnen gekränkten geführt, so daß sie
dieselben um Verzeihung anflehen können; wird ihnen diese jetzt oder nach
wiederholtem Irrgang zu teil, so kommen sie an bessere Wohnorte. Solche,
die zwar sträflich gelebt, aber doch Gutes aufzuweisen haben, wandern,
nachdem sie endlich gereinigt worden sind, zu neuem Lebenslauf auf die
Erde.

Nur, wer philosophisch gedacht und gelebt, kann in die reinen Sphären,
abgeklärt von allem Irdischen, gelangen. Zu solchem reinen philosophischen
Denken und Leben, zum Verzichten auf alles, was auch nur teilweise davon
ablenken könnte, mahnt Sokrates seine Schüler und schließt mit den Worten:
»schön ist der Kampfpreis und groß die Hoffnung.«

                  *       *       *       *       *

In dem Dialog _über den Staat_ ist der Gedankengang der
Unsterblichkeits-Spekulation folgender: Wenn etwas zu Grunde geht, so kann
dies nur durch das ihm innewohnende Schlechte geschehen; aber das der Seele
innewohnende Schlechte vernichtet ja dieselbe nicht, wie solches beim Leibe
der Fall sein kann. Der Zerstörende und Verderbende ist das Schlechte, der
Bewahrende und Nutzbringende aber das Gute; eines schließt das andere aus.
Finden wir nun etwas, das durch das Schlechte zwar geschädigt, aber nicht
vernichtet werden kann, so müssen wir das wohl für unzerstörbar halten.
_Ein solches nun ist offenbar die Seele._ Die Seele wird durch
Ungerechtigkeit und andere Schlechtigkeit allerdings gefährdet, aber zu
einer Auflösung derselben, wie dies beim Körper durch ihre betreffenden
Übel geschehe, kommt es darum bei der Seele nicht.(?) Überhaupt giebt es
für jedes Ding nur _ein_ eigentümlich Zerstörendes; so kann das Fieber nur
den Körper schädigen und zerstören, nicht aber die Seele. Nun aber (ein
Beweis wird nicht einmal versucht), meint Plato, kann die Seele weder durch
eigenes noch durch fremdes Schlechte zu Grunde gerichtet werden, ist
demnach ein immerwährendes, ein Unsterbliches.

Man sieht, wie auch hier die »Beweisführung« ebenso wie im Phädon nur in
einer sich im Kreise drehenden Beteuerung des Dogmas besteht.

Das Unsterbliche ist aber nach Plato dem Göttlichen verwandt und kann in
seiner Reinheit nur dann betrachtet werden, wenn es von allen Schlacken
vollständig befreit ist, d. h. nach der Loslösung vom Leibe. Doch schon in
diesem Leben wird das Streben nach Gerechtigkeit von den Göttern gesehen,
denen dasselbe ja nur angenehm sein kann; sie sorgen dafür, daß denen, die
nach Gerechtigkeit streben, alles, _wenn nicht hier_, -- denn hier
triumphiert oft das Ungerechte, -- so doch _nach dem Tode zum Guten
ausschlagen wird_. Auch diese Deduktion schließt mit einem vom Darsteller
selber als Gesicht eines Scheintoten bezeichneten Bericht über das
Jenseits.

»Ich werde Dir«, sagt Sokrates, »keine Erzählung eines Alkinoos mitteilen,
sondern die eines wackeren Mannes, des _Er_, des Sohnes des Armenios, eines
Pamphyliers, der einst im Kriege geblieben war und, als am zehnten Tage die
Toten, die bereits verwest waren, aufgehoben wurden, wohlerhalten
aufgehoben ward, dann nach Hause geschafft, um bestattet zu werden, am
zwölften auf dem Scheiterhaufen wieder auflebte und nach seinem
Wiederaufleben erzählte, was er dort gesehen.

Er sagte aber, er sei, nachdem seine Seele ihn verlassen, mit vielen
gewandelt und sie seien an einen wunderbaren Ort gekommen, wo in der Erde
zwei aneinander grenzende Öffnungen gewesen und ebenso am Himmel oben zwei
andere gegenüber; Richter aber hätten zwischen diesen gesessen, welche, je
nachdem sie ihren Urteilsspruch gethan, den Gerechten befohlen hätten, den
Weg nach rechts und nach oben durch den Himmel einzuschlagen, wobei sie
ihnen vorn Zeichen der beurteilten Thaten angeheftet, den Ungerechten
dagegen den nach links und nach unten, ebenfalls mit Zeichen hinten von
Allem, was sie gethan. Als er aber herangetreten sei, hätten sie gesagt, er
müsse den Menschen die dortigen Dinge verkünden, und sie forderten ihn auf
alles an diesem Orte zu hören und zu beschauen. Er habe nun daselbst
gesehen, wie durch jede von beiden Öffnungen im Himmel und der Erde die
Seelen fortgingen, nachdem ihnen das Urteil gesprochen, bei den anderen
aber sie aus der einen hervorkamen aus der Erde voll Schmutz und Staub, aus
der anderen aber andere rein herabstiegen aus dem Himmel. Und die jedesmal
ankommenden hätten wie von einer langen Reise herzukommen geschienen, wären
vergnügt nach der Wiese abgegangen, hätten sich da wie bei einer
Festversammlung gelagert, die sich gekannt einander begrüßt, die aus der
Erde kommenden sich bei den anderen nach den dortigen Verhältnissen und die
aus dem Himmel kommenden nach denen bei jenen erkundigt. Da hätten sie sich
nun einander erzählt, die einen unter Jammern und Thränen, indem sie sich
erinnerten, wie Vieles und Welcherlei sie gelitten und gesehen bei ihrer
Wanderung unter der Erde -- die Wanderung sei aber eine tausendjährige --
die aus dem Himmel dagegen hätten von herrlichen Genüssen erzählt und von
Anblicken von unbeschreiblicher Schönheit.

Das Meiste nun davon zu erzählen, o Glaukon, würde zuviel Zeit erfordern,
die _Hauptsache aber, sagte er, sei dieses, daß jeder für alles Unrecht,
was er jemals und gegen wen immer verübt, der Reihe nach Strafe erlitten
habe, für jedes zehnfach_ -- das aber finde statt allemal nach einem
Zeitraum von hundert Jahren, weil dieses die Dauer des menschlichen Lebens
sei, -- damit sie so zehnfach die Buße für das Unrecht entrichteten, zum
Beispiel, wenn manche am Tode Vieler Schuld waren, indem sie entweder
Städte oder Kriegsheere verrieten und in Knechtschaft gestürzt hatten, oder
sonst an einem Elend mitschuldig waren, sie von allen diesen zehnfache
Pein für jedes erduldeten, und wiederum, wenn sie irgend Wohlthaten
erwiesen hatten und gerecht und fromm gewesen waren, nach demselben
Maßstabe den verdienten Lohn erhielten. Von denen aber, die gleich nach
ihrer Geburt starben und nur kurze Zeit lebten, erzählte er anderes, was
nicht der Erwähnung wert ist. Für Ruchlosigkeit dagegen und Ehrfurcht gegen
Götter und Eltern und für eigenhändigen Mord (Selbstmord?) erwähnte er noch
größere Vergeltungen. Er sagte nämlich, er sei zugegen gewesen, wie einer
von einem anderen gefragt wurde, wo Ardiäos der Große wäre. Dieser Ardiäos
aber wäre in irgend einer Stadt Pamphyliens Gewaltherrscher gewesen,
tausend Jahre vor jener Zeit, und hatte seinen greisen Vater und älteren
Bruder getötet und noch vielen anderen Frevel verübt, wie man sagte. Der
Gefragte nun, erzählte er, habe gesagt: Er ist nicht gekommen und wird auch
nicht hierher kommen.

Wir sahen nämlich unter den schrecklichen Schauspielen ja auch dieses mit
an: Als wir nahe an der Mündung und im Begriff waren emporzusteigen und das
andere alles überstanden hatten, erblickten wir plötzlich jene und andere,
von denen fast die Meisten Gewaltherrscher waren; es gab aber auch einige
Privatleute darunter aus der Zahl derer, die große Frevel begangen hatten;
und als diese meinten, daß sie eben emporsteigen könnten, nahm sie die
Mündung nicht auf, sondern brüllte laut auf, so oft einer von den in Bezug
auf Schlechtigkeit Unverbesserlichen oder, der nicht hinreichend Strafe
erlitten, Anstalt machte emporzusteigen. Da waren nun, fuhr er fort, wilde,
feurig aussehende Männer bei der Hand, welche, als sie den Ton vernahmen,
die einen ergriffen und wegführten, dem Ardiäos aber und anderen banden sie
Hände, Füße und Kopf zusammen, warfen sie nieder, schunden sie, schleiften
sie seitwärts vom Wege und zerfleischten sie auf Dornen, wobei sie jedesmal
Vorübergehenden anzeigten, weswegen sie abgeführt würden und wohin sie
sollten geworfen werden. Hier nun, erzählte er weiter, sei unter vielen und
mannigfachen Ängsten, die sie gehabt, diese überwiegend gewesen, es möchte
für jeden, wenn er hinaufsteigen wollte, jener Ton sich vernehmen lassen,
und höchst vergnügt sei ein jeder, wenn er nicht vernommen worden,
hinaufgestiegen. Und die Strafen und die Züchtigungen seien irgend
derartige, und diesen wieder entsprechend die Belohnungen.

Nachdem aber denen auf der Wiese jedem sieben Tage verstrichen, müßten sie
am achten von dort aufbrechen und weiter wandern, und sie kämen am vierten
Tage dahin, von wo man von oben ein durch den ganzen Himmel und die Erde
gespanntes gerades Licht erblicke, wie eine Säule, am meisten dem
Regenbogen vergleichbar, aber glänzender und reiner; und zu diesem seien
sie gekommen, nachdem sie eine Tagereise weiter gegangen, und hätten dort
gesehen, wie nach der Mitte des Lichtes hin vom Himmel her die Enden seiner
(des Himmels) Bänder gespannt seien; denn es sei dieses Licht das Band des
Himmels, welches ebenso, wie die Gurte der Dreirudrer, den ganzen Umkreis
zusammenhalte; an die beiden Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit
gespannt, vermittelst welcher alle Umdrehungen geschehen, und an dieser sei
die Stange und der Hacken von Stahl, der Wirtel[614] aber gemischt aus
dieser und anderen Arten. Die Beschaffenheit aber des Wirtels sei folgende:
an Gestalt dieselbe, wie bei uns hier; nach dem aber, was er sagte, muß man
sich ihn so vorstellen, als wenn in einem großen, hohlen und durch und
durch ausgemeißelten Wirtel ein anderer eben solcher kleinerer eingepaßt
wäre, geradeso wie die Gefäße, welche ineinander passen, und ebenso ein
anderer dritter, vierter und noch vier andere. Denn acht Wirtel seien es im
ganzen, die ineinander liegen, ihre Ränder von oben als Kreise zeigen uns
einen zusammenhängenden Rücken eines einzigen Wirtels um die Stange
herumbilden; diese aber sei mitten durch den achten hindurchgetrieben. Der
erste und äußerste Wirtel nun habe den breitesten Kreis des Randes, der
sechste den zweiten, den dritten der vierte, den vierten der achte, den
fünften der siebente, den sechsten der fünfte, den siebenten der dritte,
den achten der zweite. Und der des größten sei bunt, der des siebenten der
glänzendste, der des achten habe seine Farbe von der Beleuchtung des
siebenten, der des zweiten und fünften seien einander ähnlich, gelblicher
als jene, der dritte habe die weißeste Farbe, der vierte sei rötlich, der
zweite an Weiße der sechste. Es bewege sich aber nun bei ihrer Drehung die
Spindel ganz in ein und derselben Richtung im Kreise, bei dem Umschwunge
des Ganzen aber drehen sich die sieben inneren Kreise in einer dem Ganzen
entgegengesetzten Richtung ruhig herum, und von diesen selbst gehe am
schnellsten der achte, dann folgten und zugleich miteinander der siebente,
sechste und fünfte, als der dritte seinem Schwunge nach kreise, wie ihnen
geschienen, der vierte, als vierter der dritte und als fünfter der zweite.
_Sie selbst (die Spindel) aber drehe sich in dem Schoße der Notwendigkeit._

_Auf den Kreisen derselben ferner stehe oben auf jedem eine Sirene, welche
sich mit herumdrehe, Eine Stimme, Einen Ton von sich gebend, und aus allen,
die acht seien, stimme zusammen eine Harmonie._[615] Drei andere aber säßen
da ringsum in gleicher Entfernung voneinander, jede auf einem Throne,
nämlich die Töchter der Notwendigkeit, die Mören, in weißen Gewändern und
mit Kränzen auf dem Haupte, Lachesis, Klotho und Atropos, und sängen zur
Harmonie der Sirenen, Lachesis das Vergangene, Klotho das Gegenwärtige,
Atropos das Zukünftige. Klotho nun greife von Zeit zu Zeit mit der rechten
Hand zu und drehe den äußeren Umschwung der Spindel mit herum, Atropos aber
wiederum mit der linken in gleicher Weise die inneren Umläufe, und Lachesis
fasse abwechselnd jeden von beiden mit jeder der beiden Hände.

Nachdem sie nun angekommen, hätten sie sogleich zur Lachesis gehen müssen.
Da habe sie ein Dolmetscher zuerst in Ordnung auseinander gestellt, dann
aus der Lachesis Schoße Lose und Muster von Lebensweisen genommen, sei
damit auf eine hohe Bühne gestiegen und habe gesagt: 'Dies ist die Rede der
Tochter der Notwendigkeit, der Jungfrau Lachesis: Ihr Eintagsseelen, es
beginnt ein anderer todtbringender Umlauf des sterblichen Geschlechts.
Nicht euch wird ein Dämon sich erlesen, sondern ihr werdet Euch einen Dämon
wählen. Wen aber zuerst das Los getroffen hat, der wähle sich zuerst eine
Lebensweise, mit der er aus Notwendigkeit verbunden sein wird. Die Tugend
aber ist herrenlos, und je nachdem sie ein Jeglicher ehrt oder
geringschätzt, wird er mehr oder weniger von ihr haben. Die Schuld trifft
den Wähler, Gott ist schuldlos.' -- Nach diesen Worten habe er nach allen
hin die Lose geworfen und jeder habe das neben ihn gefallene aufgehoben,
nur er nicht; ihm habe es jener nicht gestattet; wer aber es aufgehoben,
dem sei es klar gewesen, die wievielste Stelle er getroffen. Hierauf habe
er wiederum die Muster der Lebensweisen vor ihnen auf die Erde hingelegt,
die an Zahl die Anwesenden überstiegen, und zwar von allen Arten, nämlich
Lebensweisen von allen Tieren, ja auch die menschlichen insgesamt. Denn
Gewaltherrschaften seien darunter gewesen, teils lebenslängliche, teils
auch mitten inne zu Grunde gehende und in Armut, Verbannung und
Bettelhaftigkeit endende; ebenso auch angesehener Männer Lebensweisen,
teils wegen ihres Äußern in Bezug auf Schönheit und außerdem auf
Körperkraft und Kampftüchtigkeit, teils wegen ihrer Abstammung und ihrer
Vorfahren Tugenden, desgleichen Lebensweisen unangesehener Männer in
derselben Beziehung, und in gleicher Weise auch von Frauen; eine
Rangordnung der Seele aber habe dabei nicht stattgefunden, weil notwendig
die, welche eine andere Lebensweise wählt, eine andere Beschaffenheit
erhält; das Andere aber teils miteinander sowohl als mit Reichtum und
Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit gemischt, noch Anderes
aber liege auch in der Mitte zwischen diesen.

Hier nun, wie es scheint, lieber Glaukon, liegt die ganze Gefahr für einen
Menschen, und deswegen ist zumeist dafür Sorge zu tragen, daß jeder von uns
mit Hintansetzung der anderen Kenntnisse diese Kenntnisse sowohl suche als
lerne, ob er nämlich irgendwoher zu lernen und ausfindig zu machen imstande
ist, wer ihn fähig und kundig machen könne, eine gute und schlechte
Lebensweise zu unterscheiden und so nach Möglichkeit stets überall die
bessere zu wählen, indem er erwägt, wie sich alles jetzt eben Gesagte
sowohl miteinander zusammengestellt als getrennt in Bezug auf Trefflichkeit
einer Lebensweise verhält, und zu wissen, was Schönheit mit Armut oder
Reichtum vermischt und bei welcher Seelenbeschaffenheit sie Böses oder
Gutes bewirkt, und was edle und unedle Abkunft, Zurückgezogenheit und
Staatsämter, körperliche Kraft und Schwäche, Gelehrigkeit und
Ungelehrigkeit und alles Derartige von dem, was von Natur der Seele
anhaftet und dazu erworben ist, durch gegenseitige Vermischung bewirkt, so
daß er aus diesem Allen einen Schluß ziehend in Hinblick auf die Natur der
Seele imstande ist, die schlechtere und die bessere Lebensweise zu wählen,
schlechter diejenige nennend, welche sie (die Seele) dahin führen wird, daß
sie ungerechter, besser aber diejenige, welche dahin, daß sie gerechter
wird; alles Übrige aber wird er unbeachtet lassen. Denn wir haben gesehen,
daß dieses sowohl für das Leben als nach dem Tode die beste Wahl ist.
Unerschütterlich fest also an dieser Meinung muß er hängen und so in den
Hades gehen, damit er sich auch dort nicht von Reichtum und derartigen
Übeln aus der Fassung bringen lasse und nicht in Gewaltherrschaften und
andere dergleichen Geschäfte geratend viel unheilbares Übel anrichte,
selbst aber noch größeres erdulde, sondern immer die zwischen solchen in
der Mitte stehende Lebensweise zu wählen verstehe und das Übermaß nach
beiden Seiten hin zu meiden sowohl in diesem Leben hier nach Möglichkeit,
als auch in jenem künftigen; denn so wird der Mensch am glücklichsten.

Und so berichtete er denn auch damals als Bote von dorther, daß der
Dolmetscher also gesprochen habe: Auch dem zuletzt Herantretenden, wenn er
mit Verstand gewählt hat, mit Anstrengung sein Leben führt, liegt eine
annehmbare Lebensweise bereit, keine schlechte. Weder der zuerst Wählende
sei sorglos, noch wer zuletzt, mutlos. Als jener dies gesprochen, erzählte
er weiter, sei der, welcher zuerst gelost, herangetreten und habe sich die
größte Gewaltherrschaft gewählt, und zwar habe er aus Unverstand und
Gierigkeit nicht alles gehörig erwägend die Wahl getroffen, sondern es sei
ihm entgangen, daß das Verzehren seiner eigenen Kinder und anderes Unheil
als Geschick damit verbunden sei; nachdem er es in Muße betrachtet, habe er
sich vor die Brust geschlagen und seine Wahl bejammert, da er dem nicht
treu geblieben, was der Dolmetscher vorher verkündet hatte; denn nicht sich
habe er die Schuld des Unheils beigelegt, sondern dem Schicksal, den
Dämonen und allem eher, als sich selbst. Er sei aber einer von denen
gewesen, die aus dem Himmel gekommen, der in einer geordneten Verfassung
sein früheres Leben zugebracht und nur durch Gewöhnung ohne Weisheitsliebe
der Tugend teilhaftig gewesen. Es lieferten aber, könne man sagen, die aus
dem Himmel Gekommenen beinahe nicht die geringere Zahl derer, die von
solchem befangen wären, da sie keine Erfahrung in Mühseligkeiten hätten;
die meisten dagegen von den aus der Erde Gekommenen träfen, inwiefern sie
sowohl selbst Mühseligkeiten überstanden, als auch andere darin gesehen,
ihre Wahlen nicht so auf den ersten Anlauf. Daher erführen denn auch die
meisten Seelen einen Wechsel zwischen Bösem und Gutem, und auch durch den
Zufall des Loses; denn wenn jemand stets, so oft er in das Leben hier
träte, sich auf vernünftige Weise der Weisheitsliebe befleißigte und ihn
das Los zur Wahl nur nicht unter den letzten träfe, so scheint es nach dem,
was von dorther berichtet wurde, daß er nicht nur hier glücklich sein,
sondern auch die Wanderung von hier nach dort und wieder zurück nicht auf
unterirdischem und rauhem Pfade, sondern auf glattem und himmlischem
stattfinden würde. Dieses Schauspiel nämlich, erzählte er, sei sehenswert
gewesen, wie die einzelnen Seelen sich ihre Lebensweisen gewählt hätten;
denn es sei kläglich, lächerlich und wunderlich anzusehen gewesen. Denn sie
hätten nach der Gewohnheit ihres früheren Lebens meistenteils die Wahl
getroffen. So habe er gesehen, wie die Seele, welche einst die des Orpheus
gewesen, sich das Leben eines Schwanes wählte, indem sie aus Haß gegen das
weibliche Geschlecht[616] wegen des durch diese erlittenen Todes nicht habe
von einem Weibe erzeugt geboren werden wollen; ferner habe er die Seele des
Thamyras[617] das Leben einer Nachtigall wählen sehen; er habe aber auch
gesehen, wie ein Schwan zur Wahl eines menschlichen Lebens überging, und
andere musikliebende Tiere ebenso. Eine Seele aber, welcher das Los an
zwanzigster Stelle fiel, habe sich das Leben eines Löwen gewählt, und das
sei die des telamonischen Ajas gewesen, welche eingedenk des Urteilspruches
über die Waffen vermied, ein Mensch zu werden. Nächst diesem sei die Seele
des Agamemnon gekommen, und auch diese habe aus Feindschaft gegen das
menschliche Geschlecht wegen des Erlittenen das Leben eines Adlers gelost.
Inmitten aber habe die Seele der Atalante gelost, und da sie große
Ehrenbezeugungen eines Wettkämpfers gesehen, habe sie nicht vorübergehen
können, sondern zugegriffen. Nach dieser habe er die des Epiros, des Sohnes
des Panopeus, in die Natur einer kunstreichen Frau sich begeben, weit unter
den letzten aber die des Possenreißers Thersites in einen Affen einkehren
sehen. Aus Zufall aber sei die des Odysseus beim Losen unter allen die
letzte gewesen und so an die Wahl gegangen, in Erinnerung an die früheren
Mühen des Ehrgeizes ledig sei sie lange Zeit herumgegangen, um das Leben
eines Privatmannes, der sich von öffentlichen Geschäften zurückgezogen, zu
suchen, habe es mit Mühe irgendwo liegend und von anderen vernachlässigt
gefunden und bei dessen Anblick gesagt, sie würde ebenso gehandelt haben,
auch wenn sie das erste Los bekommen hätte, und es vergnügt gewählt.

Außerdem seien nun auch aus den Tieren in gleicher Weise welche in Menschen
und eine andere Art in die andern übergegangen, die ungerechten in die
wilden und die gerechten in die zahmen, und so seien Mischungen aller Art
vorgekommen.

_Nachdem nun aber alle Seelen ihre Lebensweisen gewählt, seien sie in der
Ordnung, wie sie gelost, zur Lachesis hinzugetreten; diese aber habe einem
jeden den Dämon, den er sich gewählt, zum Hüter seines Lebens und zum
Vollstrecker des Gewählten mitgegeben._ Dieser nun habe sie zuerst zur
Klotho unter die Hand derselben und unter die Herumdrehung des Wirbels der
Spindel geführt, um das Geschick, welches sie nach dem Lose sich gewählt,
zu befestigen, und nachdem er diese berührt, habe er sie wieder zur
Spinnerei der Atropos geführt, um das Zugesponnene unabänderlich zu machen.

Von da aber sei er nun ohne sich umzudrehen unter den Thron der
_Notwendigkeit_ gegangen, und als er durch diesen hindurchgegangen und auch
die anderen durch gewesen, _seien sie dann sämtlich auf das Feld der
Vergessenheit_ durch furchtbare Hitze und Stickluft gewandert; denn es sei
dasselbe leer von Bäumen und Allem, was die Erde erzeugt. Sie hätten sich
also, da es schon Abend geworden, am Flusse[618] sorgenlos gelagert,
dessen Wasser kein Gefäß halten könne. Ein gewisses Maß nun von diesem
Wasser sei für alle nötig gewesen; die sich aber durch Überlegung nicht
bewahrt, hätten über das Maß getrunken; _sobald aber einer davon getrunken,
habe er alles vergessen_.

Nachdem sie sich aber zur Ruhe begeben und es Mitternacht geworden, sei
Donner und Erdbeben entstanden, und plötzlich seien sie von dannen
flimmernd, wie Sterne, der eine dahin, der andere dorthin, hinaufgefahren
zu ihrer Geburt. Er selbst aber sei zwar verhindert worden, von dem Wasser
zu trinken; wie und auf welche Weise jedoch er wieder in seinen Körper
gekommen, wisse er nicht, sondern plötzlich die Augen aufschlagend habe er
sich des morgens auf dem Scheiterhaufen liegen gesehen.«

                  *       *       *       *       *

Ich habe mir nicht versagen können, diese ganze, in ihrer poetischen
Anschaulichkeit an Dante's göttliche Komödie erinnernde Stelle den Lesern
in wörtlicher Übersetzung mitzuteilen, einmal weil sie das beste Beispiel
der mythischen Darstellungsform ist, in die Plato, der größte Dichter unter
den Denkern, seine esoterische Philosophie einzukleiden liebt; sodann weil
dieser Mythos gerade die bedeutendsten Probleme der Transcendental-
Philosophie beantworten will, so insbesondere das Problem der Freiheit des
Willens und seiner Vereinbarkeit mit der empirischen Notwendigkeit alles
Geschehens.

Wir sehen hier Plato als Vorgänger Kants und Schopenhauers, er will die
Antinomie der Notwendigkeit alles empirischen Geschehens einerseits und der
Wahlfreiheit und Verantwortlichkeit andererseits dadurch lösen, daß er
letztere in das transcendente Sein verlegte. Bekanntlich leugnen sowohl
Kant wie Schopenhauer auf Grund des Causalitätsgesetzes die Freiheit des
menschlichen Willens in empirischer Beziehung; jede Handlung ist durch die
beiden Faktoren, Charakter und Motiv, schlechthin bestimmt. Das Thun folgt
ganz und gar aus dem Sein -- +operari sequitur esse+ --, der Charakter
aber ist empirisch, -- denn er wird erst an seinen Früchten, den Thaten,
langsam im Verlauf des Lebens erkannt --, er ist konstant --, denn es
ändert sich wohl mit der Erziehung der Vorrat möglicher Motive, d. h. die
Erkenntnis, nicht aber der Charakter selbst, -- er ist endlich _angeboren_;
denn die Verschiedenheit des Handelns zweier Menschen von gleicher
Erziehung, Bildung u. s. w. ist nur durch einen essentiellen Unterschied
ihres Charakters erklärbar.

Um nun aber das dennoch vorhandene »völlig deutliche und sichere Gefühl der
Verantwortlichkeit« und Reue zu erklären, meinen sie, das Gefühl der
Verantwortlichkeit gehe auf das _Sein_ des Menschen; dasselbe sei für
seinen _angeborenen_ Charakter verantwortlich; und dieser kann natürlich
nur wieder unter Voraussetzung einer _vorgeburtlichen_ Wahl des Charakters
bejaht werden. Der »intelligible« Charakter, der Wille als _Ding an sich_,
welcher aus der Realität der Erscheinungswelt hinausgerückt ist, hat sich
nach Kant und Schopenhauer absolut frei selbst bestimmt. -- Diese in ihrer
abstrakten modernen Fassung sehr schwer verständliche Lehre unserer beiden
berühmtesten deutschen Metaphysiker läßt sich nur durch obigen Mythos
einigermaßen veranschaulichen; man kann darnach wenigstens ahnen, wie sie
sich die Sache gedacht haben, wenngleich damit für die logische
Zuverlässigkeit jener transcendentalen Lösung des Problems wenig gewonnen
wird. Aber historisch wenigstens wird uns jenes Kantisch-Schopenhauersche
Dogma begreiflich, wenn wir uns erinnern, daß beide Philosophen, auch
Schopenhauer, dessen Leugnung der individuellen Unsterblichkeit nur eine
scheinbare, auf die _Erscheinung_ d. h. auf die _empirische_ Individualität
beschränkte ist, auf Platos Schultern stehen. Plato aber knüpft, wie nach
den früher mitgeteilten Bruchstücken des Heraclit, Empedocles u. s. w. kaum
hervorgehoben zu werden braucht, unmittelbar an die traditionelle,
wahrscheinlich aus Egypten stammende Geheimlehre an.

Im Gespräche »_Phaedrus_« wird die Unsterblichkeit der Seele von Plato in
folgender Weise begründet (+c. 24+): »Jede Seele ist unsterblich. Denn das
immerwährend Bewegte ist unsterblich; hingegen, was ein anderes bewegt und
von einem anderen bewegt wird, hat, weil es einen Ruhepunkt der Bewegung
hat, auch einen Ruhepunkt des Lebens; allein das sich selbst Bewegende,
insofern es sich selbst nicht verläßt, hört niemals auf, bewegt zu werden,
sondern auch für das übrige, was bewegt wird, ist dieses die Quelle und der
Anfang der Bewegung; der Anfang aber ist ungeworden; denn aus einem Anfang
muß alles Werdende werden, er selbst aber aus nichts; denn wenn der Anfang
aus etwas würde, so würde er auch nicht von Anfang aus werden; da er aber
ein Ungewordenes ist, so ist dies auch ein Unvergängliches; denn wäre ja
der Anfang einmal zu Grunde gegangen, so würde weder er selbst aus etwas
noch ein anderes aus ihm mehr werden, wofern das Gesamte aus einem Anfang
werden soll. So also ist im Anfang der Bewegung das selbst sich Bewegende;
von diesem aber ist es weder möglich, daß es zu Grunde gehe, noch daß es
werde, oder es müßte das ganze Himmelsgebäude und jedes Werden überhaupt
zusammenstürzend stillstehen und niemals mehr hernach etwas haben, von wo
aus sie wieder in Bewegung gesetzt und werden könnten. Indem sich aber als
unsterblich dasjenige gezeigt hat, was von sich selbst bewegt wird, so wird
man eben dies als Wesen und Begriff der Seele zu bezeichnen keine Scheu
haben; denn jeder Körper, für welchen das Bewegtwerden von außen kommt, ist
unbeseelt, derjenige aber, für welchen es von innen aus ihm selbst sich
ergiebt, ist beseelt, eben als wäre dies die Natur der Seele. Wenn aber
dies sich so verhält, daß nichts anderes das selbst sich selbst Bewegende
ist als Seele, so dürfte notwendig etwas Ungewordenes und Unsterbliches die
Seele sein.«

Man sieht, wie derselbe Plato, der uns, sobald er mythisch schreibt, durch
seine poetische Begabung ergötzt, so oft er dialektisch zu beweisen
versucht, nichts anderes zustande bringt, als ein äußerst _unerquickliches_
Drehen im Kreise vorgefaßter Behauptungen. Die Seele soll nun einmal
unsterblich sein. Darum ist sie ein sich selbst Bewegendes. Ein sich selbst
Bewegendes ist unsterblich. Darum ist die Seele unsterblich!

Im _Timäus_ erhebt sich seine Darstellung des Unsterblichkeitsdogmas
stellenweise allerdings in unbewußtem Widerspruch mit der »Beweisführung«
im Phädrus wieder zu einer ergreifenden _poetischen_ Form (§ 55): »Als der
Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es belebt und bewegt
und ein Bild der ewigen Götter geworden war, da empfand er Wohlgefallen
daran, und in dieser Freude beschloß er dann, es noch mehr seinem Vorbilde
ähnlich zu machen. Die Natur der höchsten Lebendigen war aber eine ewige
(ohne Anfang), und diese auf das Entstandene vollständig zu übertragen, war
eben nicht möglich.«

Er schuf die Sterne mit verschiedenen Umlaufszeiten als Werkzeuge der Zeit,
ebenso Sonne und Mond; sie alle sind beseelt, sind Götter. Was die
Volksgötter betrifft, so hält er es für das Beste, an dem bisherigen
Glauben an sie festzuhalten, da die Erzählungen über sie von ihren Kindern
herrühren. Nachdem nun Gott so alle Untergötter gebildet hat, spricht er zu
ihnen (§ 67): »Göttliche Göttersöhne, deren Bildner ich bin und Vater von
Werken, welche durch mich entstanden, unauflösbar sind, weil ich es so
will, -- ihr seid, weil ihr entstanden seid, zwar nicht schlechterdings
unsterblich und unauflösbar, aber ihr sollt nicht aufgelöst noch des
Todesgeschickes teilhaftig werden!« -- Diese Stelle hatte wohl Giordano
Bruno im Auge, als er im Dialog +cena de la ceneri I. 191+ schrieb: +Ma a
costoro (i. e. mondi) come crede Platone me Timeo, _e crediamo ancor noi_+
(im Dialog von den Welten scheint er es, dem Anaximander S. 448 oben
folgend, nicht mehr zu glauben) +è stato detto del primo principio: voi
siete dissolubili, ma non vi dissolverete!+[619]

Er trägt ihnen nun auf, zur Vervollständigung und in Nachahmung seiner
Thätigkeit »die drei sterblichen Geschlechter« zu schaffen, was er ja
selbst nicht könne, da sie sonst nach seinem Urbild Götter würden, d. h.
ohne Anfang, und fährt fort (§ 68): »So viel an ihnen dem Unsterblichen
gleichnamig zu sein verdient, nämlich das göttlich zu Nennende und Leitende
in ihnen, soweit sie stets dem Rechte und euch zu folgen geneigt sind, von
dem will ich die Samen und Keime selber bilden und euch dann übergeben; in
ihren übrigen Teilen aber sollt ihr, indem ihr mit diesem Unsterblichen
Sterbliches verwebt, die lebendigen Geschöpfe vollenden.«

Zur Bildung der Seelensubstanz nimmt Gott dann Überreste derselben
Bestandteile, aus welchen die Seele des Alls gebildet war, aber von
minderer Reinheit. Sobald die Seelen in die Leiber kamen, entstanden
Wahrnehmung und Empfindung, Erregung und die aus Lust und Schmerz gemischte
Liebe. Wenn die Menschen ihre Erregungen beherrschen, leben sie gerecht,
lassen sie sich aber von ihnen beherrschen, ungerecht.

»Wer die ihm zugemessene Zeit hindurch gerecht gelebt hat, der soll in die
Behausung des ihm verwandten Gestirns zurückkehren und ein seliges und
seiner Gewohnheit entsprechendes Leben führen; wer aber in diesem Leben
gefehlt, kommt für einen nächsten Lebenslauf in den nächst niederen Grad
des weiblichen Körpers und wenn es ihm dann noch nicht gelingt, sich von
dem ihm anklebenden Schlechten zu befreien, so wird er so lange zu neuen
Existenzen in die durch seine Laster ihm verwandten Tiere verwandelt
werden, bis es ihm endlich gelingt, durch die Vernunft des Schlechten Herr
zu werden und zu seiner früheren, edelsten Beschaffenheit zurückzukehren.«

In einem späteren Teile des Timäus wiederholt Plato, daß Gott sich
vorbehalten habe, das Göttliche im Menschen selbst zu bilden, die
Entstehung des Sterblichen aber seinen eigenen Erzeugten aufgetragen habe.
§ 164: »Diese nun, in Nachahmung seiner, umwölbten die überkommene
unsterbliche Grundlage der Seele ringsherum mit einem sterblichen Körper«,
und legten im Körper noch eine andere Art von Seele, die sterbliche an,
»welche gefährliche und der blinden Notwendigkeit folgende Eindrücke
aufnimmt, die Lust, die stärkste Lockspeise des Bösen, dann den Schmerz,
den Verscheucher des Guten, ferner Mut und Furcht, zwei thörichte Ratgeber,
schwer zu besänftigenden Zorn und leicht verlockende Hoffnung«, endlich die
Triebe. Aus Scheu, das Göttliche, das in den Kopf verpflanzt wurde, durch
Berührung mit dem minder Edlen zu beflecken, wurde zwischen den Kopf und
den übrigen Körper der Hals eingeschoben; in die Brust wurde der edlere
Teil der sterblichen Seele verpflanzt, während der Teil der Seele, der
Begierde nach Speise und Trank trägt, in die Gegend zwischen Zwergfell und
Nabel versetzt und hier angebunden wird, »wie ein wildes Tier, das aber
wegen der Verbindung, in welcher es mit dem Ganzen steht, notwendig ernährt
werden mußte, wenn einmal ein Geschlecht sterblicher Wesen entstehen
sollte.« In der »Königsburg« des Kopfes aber thront die unsterbliche Seele,
die lenkt und erforscht, was zum gemeinsamen Besten des irdischen Wesens
frommt, wie ein »Schutzgeist«, der (§ 236) »uns über die Erde zur
Verwandtschaft mit den Gestirnen erhebt, als Geschöpfe, die nicht
irdischen, sondern überirdischen Ursprungs sind.« »Wer sich den Begierden
oder dem Ehrgeize hingiebt, wird nur sterbliche Meinungen in sich
erzeugen«, und zieht nur das Sterbliche in sich groß; wer dagegen die Kraft
des Wissens vor allen anderen Kräften seiner Seele geübt hat, wird
unsterbliche und göttliche Gedanken in sich tragen, und wird, soweit die
menschliche Natur der Unsterblichkeit fähig ist, solche erreichen und
glückselig sein.

                  *       *       *       *       *

Ohne jede Anspielung auf das Dogma von der Seelenwanderung behandelt Plato
das Unsterblichkeitsproblem im »Gastmahl«, hier läßt er den Sokrates
folgende, diesem durch die weise Diotima aus Mantinea erteilte Offenbarung
in einer Lobrede auf den Eros wiedergeben: Eros sei eigentlich, da er das
_Verlangen_ nach dem Schönen und Guten personifiziere, also noch nicht im
Besitze derselben sei, noch kein Gott, sondern nur ein großer Dämon zu
nennen. Dieser Dämon ist es, der den Göttern die Bitten und Aufträge der
Menschen, den Menschen aber die Aufträge, Vergeltungen und Belohnungen der
Götter vermittelt. Er ist das Prinzip der Wahrsagung und der priesterlichen
Kunst. Denn Gott verkehrt nicht unmittelbar mit Menschen, Eros vermittelt
den Verkehr mit ihm, ob nun die Menschen schlafen oder wachen. Eros ist der
Sohn der »Penia« (Armut) und des Überflusses »Poros«. Als der »Liebende«
ist er nicht an sich schön und gut, sondern er sehnt sich nach dem Schönen
und Guten, weil er es wenigstens _noch nicht dauernd_ besitzt. Um des
Schönen und Guten immerwährend teilhaft zu werden, muß ein geistiges
Gebären eintreten, das aber nur durch eine Übereinstimmung des Göttlichen
mit dem Schönen möglich wird. »_Ein Weltschicksal und ein geburtshelfendes
Wesen ist die Schönheit für alles Entstehen._« Dieser Vorgang ist aber
etwas Göttliches, und dieses wohnt dem lebenden Wesen, welches sterblich
ist, _als etwas unsterbliches inne_. Wenn aber Eros sich nach dem Guten und
Schönen sehnt, so kann er, wie im leiblichen den Wunsch nach Fortdauer der
Gattung, auch den Wunsch nach (individueller) Fortdauer im geistigen Sinne
nicht aufgeben: er _wünscht_, unsterblich zu sein(!) Nun aber verändert
sich der Mensch zwar geistig und körperlich, -- in Neigungen, Streben und
Kenntnissen, sowie im leiblichen Wachsen, -- unaufhörlich und bleibt doch
fortwährend derselbe. Alles Sterbliche wird so bewahrt, nicht dadurch, daß
es ganz und gar identisch bleibt, wie das Göttliche, sondern dadurch, daß
es bei seinem Entweichen und Veralten ein anderes, neues, gerade wie es
selbst, zurückläßt. »Durch diese Veranstaltung hat das Sterbliche an
Unsterblichkeit teil, sowohl in seinem Körper als auch in allem Übrigen,
das Unsterbliche aber durch eine andere.« In dieser Weise z. B. streben die
Ehrgeizigen mit Hintansetzung alles anderen darnach, ein unsterbliches
Andenken zu hinterlassen; so wäre nicht Alkeste für Admetos, Patroklos für
Achilles, so wäre nicht Kodros gestorben, wenn sie nicht nach unsterblichen
Andenken gestrebt hätten. Die geistigen Kinder stehen unendlich höher, als
die leiblichen, und wer hätte nicht gewünscht, Kinder zu hinterlassen, wie
dies Homer und Hesiod, Solon und Lykurg mit ihren Schöpfungen gethan!
Solchen Vätern habe man wohl auch Tempel errichtet, nicht aber Vätern
leiblicher Kinder. Wer geistige Kinder erzeugen wolle, der müsse sich früh
bemühen, an Schönem Gefallen zu finden, und aufsteigen vom körperlich
Schönen zu schönen _Gedanken_, Reden, Kenntnissen, und so werde er endlich
bei der »Kenntnis des Urschönen« anlangen. »Wer aber das Urschöne lauter,
rein und unvermischt geschaut, wird nur Vortrefflichkeit erzeugen. Hat er
aber wahre Vortrefflichkeit erzeugt und aufgenährt, so ist es sein Anteil,
daß er gottgeliebt, und wenn je irgend ein anderer Mensch, auch er
unsterblich wird.« --

Wir haben im Gastmahl den ersten Keim jener _ästhetischen_ Mystik, die
später hauptsächlich von Plotin, endlich von Giordano Bruno in seinen
+eroici fuori+ und zuletzt von Schiller (+Ideal und Leben, Briefe über
ästhet. Erziehung+) gepflegt worden ist; offenbar knüpft Plato an die zum
Mythenkreise der eleusinischen Mysterien gehörige Fabel von Eros und Psyche
an, deren esoterische Tendenz ich in meinem gleichnamigen Gedichte (Verlag
von Rauert & Rocco) neugestaltet und in folgenden Schlußversen zum Ausdruck
gebracht habe:

    »Dir, die allmächt'ger als der Tod,
    Dir ew'gen Lebens Morgenrot,
    Dir, Bürgin der Unsterblichkeit,
    Dir, _Liebe_, ist mein Sang geweiht.
    Wo Du im Menschenherzen glimmst,
    Auch nur als schwaches Fünkchen flimmst,
    Du läuterst Dich zur Flammenglut,
    Die nimmer rastet, nimmer ruht,
    Bis sie am hohen Himmelszelt
    Verwandten Sternen sich gesellt.«

Es kann schon nach den wenigen mitgeteilten Auszügen aus seinen
Hauptschriften nicht auffallen, daß die Unsterblichkeitsidee Platos zu
vielfachen Kontroversen Anlaß gegeben hat. Besonders dreht sich der Streit
darum, ob er Seele und Leib, Geist und Materie einander gegenüberstellt
habe, also »Dualist« gewesen oder ob er als Monist zu betrachten sei und
die Einheit des Ganzen gelehrt habe, ferner ob er eine individuelle
(persönliche) Unsterblichkeit oder nur eine Unsterblichkeit der in den
Einzelnen sich offenbarenden Idee, der Gattung niederen oder höheren
Grades, habe lehren wollen.

Uns scheint, daß dieser Streit um deswillen niemals mit streng
geschichtlicher Kritik erledigt werden kann, weil nichts wahrscheinlicher
ist, als daß Plato in verschiedenen Zeiten und bei Abfassung verschiedener
Schriften in der That verschieden darüber gedacht hat. Auf ein streng
gegliedertes Gedankensystem ist es ihm eben niemals angekommen. Am besten
charakterisiert ihn wohl Dühring, +krit. Geschichte der Philosophie,
S. 100, 101+: »Für die dichtende Phantasie ist Vieles vereinbar, was für
den weniger losgebundenen Verstand bei näherer Untersuchung als Widerspruch
hervortritt. Die künstlerische Darstellung kann daher eine Fülle von Ideen
dialogisch vorführen, ohne daß sie genötigt wäre, in jedem Falle selbst
einen markierten Standpunkt einzunehmen. Ihre Stärke wird vielmehr in der
lebendigen, dem Wesen der dichterischen Vertiefung entsprechenden
Reproduktion der mannigfaltigsten Gedanken zu suchen sein. Löst sie diese
Aufgabe noch mit jener besonderen Grazie, die dem in Rede stehenden
Philosophen einen großen Teil seines Zaubers verliehen hat, so wird man
füglich hinreichend befriedigt sein, wenn man anstatt der strengeren
Systematik nur einen _leitenden Grundgedanken eigner Konzeption_ antrifft.
Ein solcher Gedanke, der an sich gleichsam den Rohstoff zu dem strengsten
System abgeben könnte, ist bei Plato die Vorstellung von einer den edelsten
Typus der Existenzen enthaltenden, schöpferisch wirksamen und für die
Gestaltung der Dinge vorbildlichen Idee. Die Erfassung der ideellen Muster,
hinter denen das wirkliche Dasein mit seinen Gestaltungen zurückbleibt,
diese metaphysische künstlerische Vertiefung in das, was aus den lebendigen
Gestalten der Natur und besonders aus der Erscheinung der Menschen spricht,
macht nicht nur Platos Eigentümlichkeit aus, sondern stimmt vollkommen mit
dem _dichterisch_ gearteten Wesen seines ganzen Philosophierens, ja sogar
mit einem Grundzuge des griechischen Geistes überein.«

                  *       *       *       *       *

Dieser leitende Grundbegriff ist das einzige, was neben dem ästhetischen
Genusse, den uns die Lektüre seiner Schriften bereitet, einen Plato auch
für die moderne wissenschaftliche und im edleren Sinne positivistische
Philosophie wertvoll erscheinen läßt.

Im übrigen mag A. Niemann, (+Die Menschenseele, Platons esoterische Lehre+;
+Sphinx IV, 22+) geschichtsphilosophisch das Richtige getroffen haben, wenn
er die Hauptsätze dieses Philosophen kurz dahin resümiert:

1. Ein jeder Mensch will stets das Gute und thut das Böse nur unfreiwillig.

2. Das Gute für den Menschen ist die Tugend, und die menschliche Tugend ist
die vollkommene Beschaffenheit des Menschen.

3. Die Tugend des Menschen ist Tugend durch die Parusie der göttlichen
Tugend; vollkommen ist nur diese, die menschliche aber nicht.

4. Der Mensch ist Eins, wie Gott Eins ist, sein Leib ist die Erscheinung
seiner Seele, wie die sichtbare Welt die Erscheinung der Gottheit ist. (An
diesem »Monismus« der Seelenlehre Platons, als seine esoterische Theorie
hält Niemann im Gegensatz zu dem seiner Ansicht nach mehr exoterisch
geschriebenen Dialog Phädons hauptsächlich unter Berufung auf den oben
erwähnten Dialog: Parmenides fest.)

5. Die Seele des Menschen ist ohne Anfang und kehrt, je nach ihrer größeren
oder geringeren Vollkommenheit in bestimmten Zwischenräumen in menschlichen
Körpern auf Erden wieder, während ihr in den Zwischenräumen der Anblick des
Seienden, der idealen Tugend vergönnt wird.

6. Das menschliche Bewußtsein ist ein Zustand der Erinnerung an das Seiende
und wird geweckt durch den Anblick der Erscheinungen im Himmel (Gestirne)
und auf Erden, die ein Spiegelbild des Seienden sind.

7. Die Gottheit vernachlässigt und versäumt nichts, sie sorgt für das
Kleine wie für das Große und bringt die Seelen der Menschen immer an den
für sie geeigneten Platz.

Niemann schließt dieses Resümé mit der Bemerkung: »Anders, als in solcher
Allgemeinheit über Platos Philosophie zu reden, ist unmöglich für jeden,
der nicht mit Sehergabe ausgerüstet seine Schriften liest. Denn die
wichtigsten und entscheidenden Stellen sind stets nur den 'Bacchen'
verständlich gewesen; sie bilden offenbar eine _Geheimlehre_.«




Zehntes Kapitel.

Aristoteles.


Die Fachphilosophie ist immer noch geneigt, in Aristoteles den
vollendetsten Vertreter des griechischen Denkertums zu erblicken. Diesem
Urteil können wir unmöglich beipflichten. Aristoteles war lediglich im
vollkommensten Sinne das, was man einen Polyhistor oder Vielwisser nennt;
wenn man will, ein _Universal-Gelehrter_, auf keinen Fall aber ein
Universalgenie. Seine Belesenheit ist eine erstaunliche, und schon Plato
soll ihm den Beinamen »der Leser« gegeben haben. Für uns liegt aber darin,
daß wir durch Aristoteles indirekt die Lehren der früheren griechischen
Denker kennen lernen können, da er nach der Art eines gründlichen Gelehrten
die ihm im weitesten Sinne zugänglich gewesene Litteratur verwertet hat,
seine beste Seite. Seine eigenen Lehren, obwohl wir ihnen ein gewisses Maß
methodischer Schärfe und Gründlichkeit nicht absprechen wollen und können,
sind in wichtigen Punkten nichts weniger als klar und originell.
Andererseits hat aber bekanntlich der in ihnen vorwaltende rein formell
logische Charakter nicht wenig zur Begründung der Scholastik beigetragen,
mit deren letzten Resten erst unsere modernste Ära aufgeräumt hat;
beispielsweise kleben dem großen Philosophen Kant die scholastischen
Eierschalen noch in einem solchen Grade an, daß Schiller bei demselben (in
einem Briefe an Körner) nicht mit Unrecht etwas »Mönchisches« konstatieren
konnte. Die Morgenröte der modernen Zeit, die Renaissance, begann daher mit
einem heftigen Kampfe gegen die wissenschaftliche Autorität des
Aristoteles. Das Mittelalter kannte eben von den gesamten Denkarbeiten des
Altertums kaum etwas Anderes als die Schriften des Aristoteles. Ein Plato
wurde erst durch die byzantinischen Gelehrten, welche nach der Eroberung
Konstantinopels ihre Zuflucht in Italien suchten und damit den ersten
Anstoß zur Renaissance d. h. zur Wiedergeburt der Wissenschaft und Kunst
gaben, im vollen Umfange bekannt. Besonders war es Georgios Gemistos
(Plethon), der den Neuplatonismus und damit eine erste prinzipielle
Gegnerschaft gegen den Aristotelismus des Mittelalters wiedererweckte. Der
erste bedeutende Platoniker des Abendlandes erstand dann in Marsilius
Ficinus. Bei den Scholastikern ging die Vergötterung des Aristoteles in der
That ins Unglaubliche; jeder Zweifel an seine Allwissenheit galt geradezu
als +crimen laesae majestatis+. Die Werke des Aristoteles und noch dazu in
ihrer unkritischen aus dem Arabischen übersetzten Form bildeten die Bibel,
den papiernen Pabst, der jeden Fortschritt der Wissenschaft hemmte. Man
bedenke, daß Ramus, ein Zeitgenosse Brunos, welcher die Autorität des
Aristoteles auf logischem Gebiete anzufechten wagte, wie Bruno auf
physischem oder naturphilosophischem, bloß deshalb als ein Opfer eines
Meuchelmords auf dem Katheder fiel. (1572.) Diese Überschätzung übernahm
die europäische Scholastik von den Arabern. Der arabische Kommentator des
Aristoteles, Averroës, von den Scholastikern auch schlechthin der
Kommentator genannt, schreibt in seiner Vorrede zur Aristotel. Physik:

+Complevit, quia nullus eorum, qui secuti sunt eum usque ad hoc tempus,
quod est mille et quingentorum annorum, quidquam addidit, nec invenies in
ejus verbis errorem alicujus quantitatis, et talem esse virtutem in
individuo uno _miraculosum_ et extraneum extitit, et haec dispositio, cum
in uno homine reperitur, dignus est esse divinus magis quam humanus. --
Aristotelis doctrina _Summa Veritas_, quoniam ejus intellectus fuit finis
humani intellectus. 1. Destruct. disp. 3.+

Noch +Malebranche, recherche de la verité II. c. 23+ hält es für
erforderlich, gegen die allgemeine Anbetung des Aristoteles, deren
psychologische Wurzel er in der ansteckenden Wirkung der Phantasie findet,
zu polemisieren. Augenscheinlich verwertet er dabei einen Gedanken Giordano
Bruno's, wenn er z. B. schreibt:

+On ne considère pas qu' Aristote, Platon, Epicure étaient hommes comme
nous et de même espèce que nous: et de plus qu' au temps, où nous sommes,
le monde est plus âgé de deux mille ans, qu'il a plus d'expérience, qu'il
doit être plus éclairé et que c'est la vieilleisse du monde et
l'expérience, qui font découvrir la vérité.+

Dieser geistreiche Gedanke, der ähnlich bei Bacon von Verulam, bei Pascal
und Descartes wiederholt wird, findet sich zuerst bei +Bruno, cena de
ceneri (IV. 1.)+ Vergl. +Brunnhofer, Festschrift zur Feier der am 9. Juni
1889 in Rom stattgehabten Enthüllung des Bruno-Denkmals (Rauer & Rocco
1890)+.

Übrigens wird Bruno und vor allem Ramus, Pascal, Malebranche in
begreiflicher Weise oft ungerecht gegen Aristoteles, und Lewes
(+Aristoteles, ein Abschnitt aus der Geschichte der Wissenschaft S. VII+)
dürfte den Streit um die richtige Würdigung dieses immerhin eminenten
philosophischen Vielwissers am besten in dem Boileau'schen Verse erledigt
haben:

    +Certes il ne méritait
    Ni cet excès d'honneur
    Ni cette indignité.+

Aristoteles war im Jahr 384 zu Stagira, einer Stadt Thraciens geboren. Mit
Recht nennt ihn daher Bernays (+Dial. d. Aristot. 2, 55+) einen
Halbgriechen. Wer wenigstens die große naturwüchsige Bedeutung der Rasse
nicht verkennt und zugleich einiges Gefühl für die entscheidendsten
Eigentümlichkeiten des reinhellenischen Typus besitzt, wird in Anbetracht
der Thatsache, daß die Bevölkerung Thraciens und Makedoniens nur sehr dünn
mit hellenischem Blute gemischt war, diese auch schon von W. Humboldt
gemachte Bemerkung nicht mißbilligen. Auch bei den sog. deutschen Denkern
d. h. bei denen, die innerhalb des geographischen Deutschlands gelebt und
geschrieben haben, ist es oft von Interesse, ihre unzweifelhaft undeutsche
Denkungsart aus dem bedenklichen Mischcharakter großer Teile[620] der
deutschen Bevölkerung zu erklären; so z. B. ist der sorbisch-slawische
Typus der sog. kursächsischen Bevölkerung (Thüringen, Königreich und
Provinz Sachsen) in einem »Nietzsche« unverkennbar.

Der Vater des Aristoteles war Leibarzt des makedonischen Königs, und es
scheint der ärztliche Beruf ein altes Erbteil seines Geschlechts gewesen zu
sein. Nach dem Tode seiner Eltern soll ein gewisser Proxenos aus Atarneus
seine Erziehung übernommen haben. In seinem achtzehnten Lebensjahr kam
Aristoteles nach Athen, wo er in den Schülerkreis Platos eintrat, dem er
bis zu dessen Tode (347) angehört hat. Einige Zeit vor Platos Tode soll
jedoch bereits ein Zerwürfnis zwischen ihm und dem Meister ausgebrochen
sein. Nach einem Berichte +Aelians (V. H. III. 19)+ soll Aristoteles, als
Plato bereits 80jährig und deshalb schwachen Gedächtnisses gewesen, während
Xenokrates und Speusippos, die Lieblingsschüler und Vertreter des bejahrten
Meisters, abwesend waren, von einer durch ihn gebildeten Clique
unterstützt, mit Plato eine Streitunterredung angefangen und den Greis
dabei in böswilliger Weise so in die Enge getrieben haben, daß sich dieser
aus den Hallen der Akademie in seinen Garten zurückgezogen habe. Erst nach
drei Monaten, als Xenokrates zurückkam, habe dieser den Aristoteles
genötigt, den streitigen Raum Plato wieder zu überlassen. Die Erzählung
kennzeichnet wenigstens den Beginn kleinlicher Gelehrten-Konkurrenz, wie
sie seit dem mit Aristoteles gewissermaßen beginnenden Zeitalter der
Alexandriner den Verfall der Philosophie zu einer bloßen Schulweisheit
begleitet. Daß übrigens Plato den Aristoteles nicht gerade zu seinen
berufensten Schülern gerechnet hat, ist auch abgesehen von der ziemlich gut
verbürgten Bezeichnung desselben als »bloßer Leser« schon aus einem
Vergleich der grundsätzlich verschiedenen Naturen, die auch auf die
philosophische Auffassung zurückwirken mußten, mehr als bloß
wahrscheinlich. Nach dem Tode Platos begab er sich mit dem Platoniker
Xenokrates nach Mysien zum Fürsten Hermias, wo er drei Jahre verblieb. Als
Hermias durch Verrat in die Gewalt der Perser geriet, nahm Aristoteles, der
inzwischen die Pythias, nach einigen eine Nichte, nach anderen eine
Schwester des befreundeten Fürsten geheiratet hatte, seine Zuflucht
zunächst nach Mytilene. Von hier aus wurde er 343 oder 342 v. Chr. von
Philipp an den makedonischen Hof berufen, um die Erziehung des jungen,
damals 13jährigen Alexander zu leiten, welcher er sich bis zu dessen 16.
Lebensjahre widmete. Der Unterricht mußte aufhören, weil Alexander schon
in diesem Lebensjahre von seinem Vater zum Reichsverweser bestellt wurde.
Aristoteles scheint sich jetzt zunächst in seine Vaterstadt zurückgezogen
zu haben, von wo er jedoch bald nach dem Ende Philipps, jedenfalls vor
Beginn des großen Eroberungsfeldzugs Alexanders nach Athen übersiedelte.
Hier gründete er im Lyceum seine eigene Schule, deren Mitglieder infolge
der Aristotelischen Gewohnheit, die Unterredungen im Auf- und Abgehen in
den Promenadengängen des Lyceum zu führen, den Namen _Peripatetiker_
erhielten.

Die Hilfsmittel, deren er zu seinen weitschichtigen, das ganze damalige
Wissensgebiet umfassenden Arbeiten bedurfte, bot ihm Alexanders königliche
Freigebigkeit im größten Maßstabe; Plinius berichtet, Alexander habe ihm
alle Fischer, Jäger und Vogelsteller seines Reiches, alle Aufseher
königlicher Jagden, Fischteiche, Heerden u. s. w., mehrere tausend Menschen
allein zu Zwecken naturgeschichtlicher Forschungen zur Verfügung gestellt.
Auch war Aristoteles, der übrigens selber wohlhabend war, durch jene
Hülfsquelle nicht nur in der Lage, sich die kostspieligste Privatbibliothek
anzuschaffen, sondern auch über die Verfassungen und Gesetze ausländischer
Staaten mühsame Erkundigungen einzuziehen, wofür auch das erst kürzlich
wiederentdeckte Buch über den Staat der Athener einen Beweis liefert.

In den letzten Lebensjahren trübte sich das Verhältnis zu seinem edlen
Zögling und Begünstiger, hauptsächlich wohl, weil Kallisthenes, ein
Verwandter des Aristoteles, den dieser selbst dem Könige als Begleiter
empfohlen hatte, mit Recht oder Unrecht in den Verdacht geriet, sich an
einer Verschwörung gegen das Leben Alexanders beteiligt zu haben, und
infolge dieser Anklage das Leben verlor.

Nach dem Tode Alexanders, nach zwölfjähriger Wirksamkeit als Lehrer und
Schriftsteller in Athen, wurde er durch eine Anklage wegen Atheismus, die
von der national-hellenischen Partei (Demosthenes) ausging und die Religion
wohl nur zum Vorwand nahm, veranlaßt, sich nach Chalcis auf Euböa
zurückzuziehen. Hier erlag er schon im folgenden Jahre, im Sommer 322,
einer Krankheit. Die Erzählung, er habe sich in den Euripus gestürzt, weil
es ihm nicht gelungen sei, die Erscheinungen der Ebbe und Flut zu erklären,
ist, wie Dühring (+Krit. Gesch. der Phil., S. 115+) bemerkt, mindestens
gut erfunden. »Sie kennzeichnet uns jenen Sinn, der die Theorie als
Attribut der Götter nahm und in ihr den Schwerpunkt des höchsten Lebens
voraussetzte.«

                  *       *       *       *       *

Aristoteles hat außerordentlich[621] viele Schriften hinterlassen; etwa der
sechste Teil seiner Werke mag uns erhalten sein; allerdings auch dieser nur
in einer sehr fragwürdigen Gestalt, die dem Streit über Echtheit und
Authentizität sowohl ganzer unter seinem Namen kursierender Schriften, wie
auch einzelner Abschnitte großen Spielraum läßt. Die auffälligen
Unordnungen und nicht seltenen Wiederholungen in einer und derselben
Schrift scheinen die Vermutung zu unterstützen, daß wir _größtenteils_ nur
mündliche, von Schülern redigierte Vorträge vor uns haben.

Schon das Altertum teilte seine Schriften ihrem Werte nach in zwei Klassen,
in exoterische und esoterische ein, welche letztere auch _akroamatische_
genannt wurden. Aristoteles soll nämlich im Lyceum des Morgens vor einer
größeren Anzahl von Zuhörern in populärer Weise seine Lehren, besonders
diejenigen über Logik, Rhetorik, Politik und Naturgeschichte vorgetragen,
abends aber in vertrauterem Kreise seine eigentlichen metaphysischen, wir
dürfen auch geradezu sagen »occultistischen« Theorien entwickelt haben. Die
letzteren Vorträge nannte man _akroamatische_. Offenbar lag es jedoch dem
Aristoteles nicht sehr an ihrer Geheimhaltung; denn daß er sie selber noch
veröffentlicht hat, beweist ein schon von Andronikus mitgeteilter Brief
_Alexanders_ an ihn, in dem dieser ihm wegen der Veröffentlichung der
akroamatischen Schriften (gewissermaßen +collegia privatissima+) Vorwürfe
macht. Aristoteles erwidert darauf, daß er sich in seinen akroamatischen
Schriften absichtlich einer Darstellungsform bedient habe, die sie andern,
als seinen Schülern unverständlich mache. (+Gellius XX, 5+).

Da uns nur diejenigen Schriften des Universalgelehrten des Altertums
interessieren, die eine occultistische Beziehung im Sinne der Vorrede
haben, so gehen uns wesentlich nur die Bücher über Metaphysik, Physik,
sowie die über Psychologie und über Schlaf und über Träume an, während wir
gerade die verdienstlichste Seite der aristotelischen Arbeitsleistung,
diejenige über Logik, Ethik, Politik und Ästhetik links liegen lassen
müssen.

Um den metaphysischen Standpunkt des Aristoteles zu verstehen, muß man von
seiner Kritik der Platonischen Ideeenlehre ausgehen. Die Annahme von Ideeen
ist nach Aristoteles nicht begründet. Denn unter den platonischen Beweisen
für dieselbe ist keiner, der nicht von entscheidenden Einwürfen getroffen
würde, und was durch die Ideeen erreicht werden soll, das ist auch ohne
dieselben zu erlangen; ihr Inhalt ist ganz derselbe, wie der der
diesseitigen Dinge, im Begriff des Menschen »an sich« z. B. sind dieselben
Merkmale enthalten, wie im Begriff des Menschen überhaupt, er unterscheidet
sich von diesem nur durch das Wort »an sich«. Die Ideeen sind eine
unzulässige Hypostasierung, eine überflüssige Verdoppelung der Dinge in der
Welt. Dies gilt sogar von ethischen, für die auch Kant die Gültigkeit der
Ideeenkonzeption in Anspruch nimmt. Auch die ethischen Begriffe lassen sich
nicht schlechthin von ihren Gegenständen trennen: es kann keine für sich
bestehende Idee des Guten geben; denn der Begriff des Guten kommt in allen
möglichen Kategorien vor, und bestimmt sich je nach verschiedenen Fällen
verschieden. Auch sind die Bestimmungen der Urbildlichkeit und der
Teilnahme, auf die Plato das Verhältnis der Ideeen zum empirischen Sein
zurückführt, leere Bilder. Vor allem fehlt den platonischen Ideeen das
_bewegende_ Prinzip, ohne das doch kein Werden und keine Naturerklärung
möglich ist.

Die Wissenschaft hat es mit dem Wirklichen zu thun. Die _allgemeinen_
Begriffe aber bezeichnen immer nur gewisse Eigenschaften der Dinge, sind
nur Prädikats-, -- nicht Subjektsbegriffe; und auch wenn eine Anzahl
solcher Eigenschaftsbegriffe zum Gattungsbegriff zusammengefaßt wird, so
erhalten wir nur ein +nomen+, keine Substanz. Substantiell ist nur das
_Einzelwesen_.

Dennoch aber kehrt Aristoteles, indem er nun das _Einzelwesen_ und seine
Entstehung zu begreifen versucht, wieder zu einem unsinnlichen Träger der
Einzelwirklichkeit zurück, der der Platonischen Idee, abgesehen von den
Allgemeinbegriffen, so ähnlich ist, wie ein Ei dem andern, nur daß er sie
mit Aktualität d. h. mit schaffender Thätigkeit ausrüstet; und diese neue
Aristotelische Idee heißt _Form_. So gewiß die Wahrnehmung etwas anderes
ist, als das Wissen, sagt er mit Plato, so gewiß muß auch der Gegenstand
des Wissens ein anderer sein, als die sinnlichen Dinge. Alles Sinnliche ist
vergänglich und veränderlich, es ist ein Zufälliges, das so oder anders
sein kann; das Wissen dagegen bedarf eines Gegenstandes, der ebenso
unveränderlich und notwendig ist, wie es selbst. Dieser Gegenstand aber ist
die _Form_; und diese ist zugleich die unentbehrliche Bedingung alles
Werdens; alles Werden wird aus etwas zu etwas, das Werden besteht darin,
daß ein Stoff eine bestimmte Form annimmt; diese Form muß daher von jedem
Werden als das Ziel desselben gegeben sein, und allem Gewordenen als
_ungewordene_ Form vorausgehen.[622]

Aus demselben Grunde aber muß der Form der Stoff, als etwas ebenfalls ewig
Vorhandenes, Ungewordenes gegenüberstehen. Der Stoff oder die Materie ist
das Substrat, die _Möglichkeit_ des Werdens passiv, die Form aktiv.

Die Materie des Aristoteles ist eine vom modernen, besonders vom
materialistischen Materien-Begriff wohl zu unterscheidende metaphysische
Abstraktion. Sie ist das völlig Prädikatlose, Unbestimmte,
Unterschiedslose, Dasjenige, was allem Werden als Bleibendes zu Grunde
liegt und die entgegengesetzten Formen annimmt, das, was alles der
Möglichkeit nach und nichts der Wirklichkeit nach ist, das rein potentielle
Sein ohne alle und jede Aktualität. Da das Bestimmungslose nicht erkannt
werden kann, so ist die Materie als solche unerkennbar. Alle Eigenschaften
der Dinge, alle Bestimmtheit, Begrenzung und Erkennbarkeit fallen auf die
Seite der _Form_. Jene _völlige_ Bestimmungslosigkeit und Unerkennbarkeit
gilt eben nur von der _ersten_ Materie, dem Stoff _an sich_, welcher
_allen_ Dingen zu Grunde liegt. Es hat aber andererseits auch jedes Ding
seinen _eigentümlichen_ letzten Stoff, und zwischen beiden liegen alle
stofflichen Gestaltungen in der Mitte, welche der Grundstoff durchlaufen
muß, um der bestimmte Stoff zu werden, mit dem sich die Form des Dings
unmittelbar verbindet. Die Elemente z. B., welche den Stoff aller anderen
Körper enthalten, sind _Formen_ des Urstoffs; das Erz, welches der Stoff
einer Bildsäule ist, hat als dieses Metall seine eigentümliche Form; die
Seele ist zwar die Form ihres Körpers, in ihrem höchsten und von der
Materie entferntesten Teile sind aber wieder zwei Elemente zu
unterscheiden, die sich untereinander wie Form und Stoff verhalten.

Die Form stellt sich in der Erscheinung unter der Gestalt einer dreifachen
Ursächlichkeit dar, im Stoffe liegt der Grund alles Leidens und aller
Unvollkommenheit, der Naturnotwendigkeit und des Zufalls.

Die _reine_ Form bezeichnet Aristoteles auch mit der unübersetzbaren Formel
%to ti ên einai%, wörtlich »das was war Sein«. Gewöhnlich legt man dieselbe
aus als das _Sein, was dem Gewesensein entspricht und daher das sich gleich
Bleibende ist_, der Begriff des Wesens, der reine Begriff.

Der Begriff jedes Dings ist von seinem _Zwecke_ nicht verschieden, da alle
Zweckthätigkeit der Verwirklichung eines Begriffes gilt; zugleich ist
derselbe auch die _bewegende_ Ursache, mag er nun das Ding als seine Seele
von innen heraus in Bewegung setzen oder mag ihm seine Bewegung von außen
kommen. Die _reine_ Form, welche, da alles gegebene Sein, alle
Einzelsubstanz, Alles, was ein Dieses ist, aus Form _und_ Stoff besteht, im
gegebenen Reiche des bestimmten Seins nicht existiert, ist also die oberste
Ursache oder die _Gottheit_, die den höchsten Zweck der Welt und den Grund
ihrer Bewegung vereinigt.

Der reine Stoff andrerseits ist das der Form widerstrebende; von ihm rührt
alle Zufälligkeit und Unvollkommenheit in der Natur her. Zufällig ist
nämlich das, was einem Dinge gleichsehr zukommen und nicht zukommen kann,
%to symbebêkos%, was nicht in seinem Wesen enthalten und durch die
Notwendigkeit seines Wesens gesetzt ist, was daher weder notwendig noch in
der Regel stattfindet. Allem Einzelsein haftet daher eine Unvollkommenheit
an. Daß aller Stoff Form werde, alles Vermögen Wirklichkeit, alles Sein
Wissen, ist zwar eine Forderung der Vernunft und das Ziel alles Werdens, --
aber unvollziehbar, da die Materie als »Beraubung« der Form (%sterêsis%)
niemals ganz zur Wirklichkeit und somit zur Erkenntnis kommen kann.

In dem hier klar werdenden _Dualismus_ zwischen Form und Stoff liegt eine
Schwierigkeit, ja ein Widerspruch, der uns auch die Zweideutigkeit vieler
einzelner Sätze des Systems begreiflich macht. Mit Recht bemerkt schon
Locke, daß die Gelehrten über die wahre Meinung des Aristoteles in vielen
der wichtigsten Punkten wohl niemals einig werden würden.

Einmal soll nach Aristoteles, -- im Gegensatz zu Plato, -- nur das
Einzelwesen für etwas Substantielles im vollen Sinne gelten. Der Grund des
Einzelwesens, des Bestimmten, aber soll in der Form als dem Bestimmenden
liegen. Volle und ursprüngliche Wirklichkeit soll nur der Form zukommen,
der Stoff soll nur die bloße Möglichkeit desjenigen sein, dessen
Wirklichkeit die Form ist. Die Form wird also der Substanz gleich gesetzt.
Dann wird aber doch wieder der Stoff als die Unterlage alles Seins, als das
Beharrliche im Wechsel bezeichnet; und indem die reine Form immer ein
Allgemeines bleibt, das Einzelwesen erst durch Verbindung derselben mit der
Materie entsteht, wird also der eigenschafts- und bedingungslose Stoff als
dasjenige statuiert, was die individuelle Bestimmtheit der Einzelwesen
erzeugt.

Einerseits polemisiert Aristoteles gegen den platonischen Idealismus,
wonach das wahre Wesen der Dinge, die doch erst durch den Stoff _wirklich_
werden, in der Form sucht. Bald erscheint die Form, bald jedoch wieder das
aus Form _und Stoff_ zusammengesetzte Einzelwesen als das Wirkliche.

Diese Doppeldeutigkeit macht sich zunächst fühlbar, wenn es sich darum
handelt, eine klare Vorstellung von dem Gottesbegriff des Aristoteles und
dem Verhältnis Gottes zur Welt zu beschaffen.

Gott ist die reine Form, der erste Beweger, schlechthin unkörperlich,
unteilbar und außer dem Raume, reine Energie. Eine schlechthin
unkörperliche Substanz ist eine bloß denkende Substanz. Gott ist absolute
Denkthätigkeit. Er denkt sich selbst; sein Denken ist Denken des Denkens.
Aristoteles gilt insofern als der erste wissenschaftliche Begründer des
Theismus; denn er will die Gottheit als selbstbewußten (reinen) Geist
gefaßt wissen.

Wie aber kann dieser bloß denkende reine Geist zugleich der erste Beweger
sein? Hierauf antwortet er: »Gott bewegt die Welt also: was begehrt und
gedacht wird, bewegt, ohne sich zu bewegen. Dieses beides aber ist auf der
höchsten Stufe dasselbe (der absolute Gegenstand des Denkens ist ebendamit
das absolute Begehrenswerte, das Gute schlechthin); denn Gegenstand des
Verlangens ist das anscheinend Schöne, ursprünglicher Gegenstand des
Wollens das wirklich Schöne, das Begehren aber hat in der Vorstellung (vom
Wert des Gegenstands) seinen Grund, nicht diese in jenem. Das erste mithin
ist der Gedanke. Das Denken aber wird vom Denkbaren bewegt, an und für sich
denkbar aber ist nur die eine Reihe, und in dieser ist das erste das Wesen,
und zwar das einfache und schlechthin wirkliche.« »Die Zweckursache bewegt
nur das Geliebte, und durch das (von ihr) bewegte bewegt sie das übrige.«
Gott ist also das erste Bewegende nur, sofern er der absolute Zweck der
Welt ist, gleichsam der Regent, dessen Willen alles gehorcht, der aber
nicht selbst Hand anlegt. Dieses ist er aber deshalb, weil er die absolute
Form ist. Wie die Form überhaupt die Materie dadurch bewegt, daß sie
dieselbe sollicitiert, sich aus der Möglichkeit zur Wirklichkeit zu
entwickeln, so kann auch die Wirksamkeit Gottes auf die Welt keine andere
sein.

Aber die Vorstellung, daß der Bewegte ein natürliches Verlangen nach dem
Bewegenden habe, ist offenbar höchst unklar. Wie soll ferner, wenn doch
nach der eigenen Annahme des Philosophen das Bewegte immer vom Bewegenden
_berührt_ werden muß, der unräumliche erste Beweger die räumliche Welt
berühren? Wenn ferner Aristoteles unter der Gottheit die höchsten Formen,
insbesondere die Geister, welche die himmlischen Sphären bewegen und
beseelen, für unentstanden erklärt, ebenso wie den unvergänglichen Teil der
menschlichen Seelen, wie soll das Verhältnis dieser Formen zur reinen Form
einerseits, zu Gott, und zur Materie andrerseits gedacht werden? Mit Recht
bemerkt Schwegler, Geschichte der Philosophie S. 95: »Man sieht nicht,
warum der letzte Grund der Bewegung, was der absolute Geist zunächst einzig
ist, auch als persönliches Wesen gedacht werden müsse, man sieht nicht, wie
Etwas bewegende Ursache und doch selbst unbewegt, Ursache alles Werdens,
d. h. des Vergehens und Entstehens, und doch sich selbst gleichbleibende
Energie, ein Bewegungsprinzip ohne Vermögen (Potenzialität) sein könne:
denn das Bewegende muß doch in einem Verhältnisse des Leidens und Thuns mit
dem Bewegten stehen.« Überhaupt hat Aristoteles, was schon aus diesen
widersprechenden Bestimmungen hervorgeht, das Verhältnis zwischen Gott und
Welt nicht vollständig und folgerichtig durchgebildet. Da er den absoluten
Geist einseitig nur als beschauende theoretische Vernunft bestimmt, und
alles Thun und Handeln, weil dieses einen unvollendeten Zweck voraussetzt,
von ihm als dem vollendeten Zwecke ausschließt, so fehlt das rechte Motiv
seiner Thätigkeit in Beziehung auf die Welt. Bei seinem nur theoretischen
Verhalten ist er nicht wahrhafter erster Beweger; außerweltlich und
unbewegt, was er seinem Wesen nach ist, geht er nicht einmal mit seiner
Thätigkeit ins Weltleben ein; und da auch die Materie ihrerseits nie ganz
zur Form wird, so offenbart sich auch hier der _unvermittelte Dualismus_
zwischen dem göttlichen Geist und dem unerkennbaren Ansich des Stoffs.

Noch mehr tritt diese Unklarheit des Aristotelischen _Dualismus_ hervor in
seiner, hier wohl am meisten interessierenden _Seelenlehre_. Die uns
erhaltene Aristotelische Psychologie gilt zwar mit Recht als das erste
wissenschaftliche Werk über diesen Gegenstand; zweifelsohne gehört sie zu
den esoterischen oder akroamatischen Schriften und ist eine seiner
bedeutendsten Leistungen. Sie enthält auch manche vortreffliche Bemerkung
und dauernd anerkannte Sätze. Berühmt ist vor allem der erste Satz: »Wenn
das Wissen zu dem Schönen und Ehrenwerten zu rechnen ist, das eine Wissen
aber mehr als das andere dazu gehört, sei es wegen seiner Genauigkeit oder
weil sein Gegenstand besser und bewundernswert ist, so möchte ich wohl aus
beiden Gründen der Seelenlehre den ersten Rang mit einräumen; denn die
Kenntnis der Seele scheint für die Wahrheit viel zu nützen; hauptsächlich
in Bezug auf die Natur; denn die Seele ist gleichsam der Anfang der
lebenden Wesen.«

In der That steht die Psychologie an einem Punkte, wo die Naturwissenschaft
und die Geisteswissenschaften sich schneiden; sie bildet die natürliche
Grundlage, auf welcher die idealen Geisteswissenschaften, die Logik und die
Ethik, nebst ihren Verzweigungen, auch die Jurisprudenz, aufbauen müssen.
Allein die Psychologie des Aristoteles stellt zumeist bloße Begriffsschalen
als bequeme Auskunftsmittel hin, wo es gilt, den Mangel eines
Gedankeninhalts zu verdecken und dem allgemeinen Gefühl, daß über eine
Frage doch irgend etwas aufgestellt werden müsse, Rechnung zu tragen.

Für eine solche leere Begriffsschale müssen wir vor allem die weltberühmte
Definition erklären: »Die Seele ist die erste vollendete Wirklichkeit eines
dem Vermögen nach lebenden Naturkörpers und zwar eines solchen, welcher
Organe hat.« (+de anima II, 1-4+). Die Seele ist die Form oder _Entelechie_
des Leibes. Wenn +du Prel, monist. Seelenlehre cap. IV.+, in Aristoteles
den Begründer einer _monistischen_ Seelenlehre sieht, so hat er nur
insoweit Recht, als nach Aristoteles auch die Physiologie nur ein Teil der
Psychologie ist. Sobald wir aber der Aristotelischen Psychologie näher
treten, zeigt sich, daß sein dualistischer Standpunkt ihn auch hier in den
Hauptfragen zu keiner klaren Stellungnahme gelangen läßt, und wird es
begreiflich, daß von jeher die Aristoteles-Gelehrten z. B. darüber nicht
einig geworden sind, ob und wieweit die Unsterblichkeit der Menschenseele
von ihm behauptet oder verneint werden sollte.

Anscheinend geht er zunächst aus von der Einheit, nicht Einerleiheit der
Seele nicht etwa mit der Materie, wohl aber mit dem belebten Leibe. Man
kann nicht, insofern protestiert er gegen den Pythagoräischen
Seelenwanderungsglauben, jede beliebige Seele in jeden beliebigen Leib
stecken. Die Seele ist die Entelechie ihres Leibes d. h. die _Entfaltung
dessen, was in dem lebendigen Leibe als Potenz angelegt ist_. Dieser Satz
klingt ganz monistisch, und selbst ein Materialist könnte ihn
unterschreiben. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet er die Ernährung
und Fortpflanzung als das Eigentümliche der Pflanzenseele, die Empfindung
und die Selbstbewegung als das Hinzukommende der Tierseele. Allein bei der
Menschenseele reicht er damit nicht aus. Sie kann nur nach der animalischen
Seite hin als Entelechie des Leibes begriffen werden. Sie ist nicht etwa
die vollkommenste Tierseele, wie der menschliche Leib der vollkommenste
Leib ist. Es ist etwas in ihr, was sich so nicht erklären läßt und wodurch
sie die Sphäre des Sinnlichen überschreitet. Dies Übersinnliche ist die
Vernunft, der Intellekt. Aristoteles meint, daß dem Gedanken nicht, wie
jedem animalischen Seelenakt, eine leibliche Funktion entspreche. Die
animalische Seele hat zwar einen rein physischen Ursprung. Indem er als
Naturforscher den Prozeß der Zeugung verfolgt, sucht er nachzuweisen, daß
das Zusammenwirken des männlichen und weiblichen Faktors ohne Hinzutritt
irgend eines Dritten hinreichend sein müsse, um eine neue animalische
Seele hervorzubringen. Indem das Männliche als thätige Ursache zu dem
Weiblichen als der leidenden hinzutritt, entsteht sofort diejenige Wirkung,
welche der Natur beider entspricht, es entwickelt sich aus ihnen das, was
sie an sich sind, nicht weil die Stoffe, die sie enthalten, räumlich nach
dem gleichartigen hinstreben, sondern weil jedes, wenn es einmal in
Bewegung gesetzt ist, sich in der Richtung bewegt, zu der es die Anlage
trägt, _weil schon im Samen die Seele der Möglichkeit und dem Keime nach
gesetzt ist_. Die wirkenden Kräfte, deren sich die Natur hierbei bedient,
sind die Wärme und Kälte; das Maß und die Richtung dieser Kräfte ist aber
durch die Natur des Zeugungsstoffes und der in ihm angelegten Erzeugnisse
bestimmt: aus jedem Keim entwickelt sich ein Wesen derselben Art, wie das,
von welchem er herstammt, weil im Blut, als dem unmittelbaren
Nahrungsstoff, der Trieb zur Bildung eines Leibes von dieser bestimmten Art
liegt, und weil eben dieser Trieb im Samen fortwirkt; und daher kommt es,
daß nicht bloß der Gattungscharakter, sondern auch der der Einzelnen durch
die Zeugung sich fortpflanzt. Hat hiebei der männliche Samen, von welchem
der Anstoß zur Entwicklung ausgeht, die Kraft, den ihm gegebenen Stoff
vollständig zu zeitigen, so folgt das Kind dem Geschlecht des Vaters; fehlt
es ihm hiezu an der nötigen Wärme, so entsteht ein Wesen von kälterer
Natur, ein Weib. Dies nämlich ist es, was die beiden Geschlechter in
letzter Beziehung unterscheidet, die größere oder geringere Lebenswärme;
die wärmere Natur vermag das Blut zu Samen zu verkochen, die kältere ist
darauf beschränkt, in den Katamenien den rohen Stoff zur Fortpflanzung
herzugeben; das Weib ist ein unfertiger, auf einer tieferen
Entwicklungsstufe stehen gebliebener Mann. Nach dieser Fähigkeit richten
sich die Geschlechtsorgane; diese sind mithin nicht die Ursache, sondern
nur die Erscheinung des Geschlechtsunterschieds; sein letzter Grund liegt
vielmehr in der Beschaffenheit des Lebensprinzips und des Centralorgans,
worin dieses seinen Sitz hat, und wenn er auch erst mit dem Hervortreten
der Geschlechtsteile zur Vollendung kommt, so ist er doch schon beim ersten
Anfang der Entwicklung in der Bildung des Herzens begründet.

Ganz anders als mit der vegetativen Seele aber verhält es sich nach
Ansicht des Aristoteles mit der _Vernunft_. Sie ist es einzig und allein,
die als ein _Göttliches_ von _außen_ hereinkommt. (%thyrathen epeisietai%.)

Ob er aber jenes von außen hinzutretende Göttliche und allein
Unvergängliche in der Menschenseele als _persönliche Substanz_ dachte oder,
wie Alexander von Aphrodisias und später besonders der Kommentator Averroës
meint, als bloßes Hereinspielen und Hereinwirken eines pantheistisch zu
denkenden Weltgeistes in das rein sinnliche, mit dem Tode dem gänzlichen
Untergange geweihte Individuum, darüber wird wohl immer Streit bleiben.

_Schloßmann_, das Vergängliche und Unvergängliche in der menschlichen Seele
nach Aristoteles, Halle 1873, meint, daß Aristoteles ähnlich wie Kant (und
neuerdings du Prel) der mystischen Conception von einem intelligiblen
(idealen) und empirischen Ich gehuldigt habe. Er verweist selber zur
Unterstützung dieser Duplicitätstheorie auf die Spontaneität des Genies.
»Woher die Macht jenes geistigen Triebes, welchem die Menschheit so viele
bleibende geistige Eroberungen verdankt? Solchen Erscheinungen gegenüber
(und wer kann sie alle herzählen?) wird jede bloß empirische und
insbesondere die materialistische Erklärung, die sie sämtlich aus einer
mechanischen Bewegung des Stoffes ableiten will, zur puren Ungereimtheit.
Wir stehen hier vor den geheimnisvollen Tiefen der intelligiblen Welt.
Gerade das Bewußtsein davon hat den ächten Genius immer, mitten in dem
Gefühle seiner Kraft, zugleich demütig gemacht. Göthe, indem er vor der
größeren dichterischen Schöpfermacht Shakespeares sich beugt, Tieck aber
bei aller Anerkennung, die er ihm zu teil werden läßt, unter sich selber
stellt, fügt hinzu: Ich darf das frei sagen, ich habe mich ja nicht selbst
gemacht. -- Ebenso sind Vernunft und Gewissen in unser aller geistigem
Dasein etwas, das wir nicht gemacht haben, geistige Mächte, welche aus der
Tiefe unseres eigenen Bewußtseins emporsteigend auf unser freithätiges Ich
beständig und unmerklich treibend eindringen. Daher geraten wir mit jedem
Denkakt in den Bereich der Denkgesetze, welche unsre Vernunft, ohne daß wir
hierüber reflektieren, zur Geltung bringt; mit jedem Willensakt in den
Bereich der sittlichen Gesetze, welche unser Gewissen, wie wir alle aus
Erfahrung wissen, auch im Fall unseres Widerstrebens aufrecht erhält. Dies
führt, namentlich auf sittlichem Gebiet, zu dem Begriff eines _idealen_,
eines _inwendigen_ Menschen, nach welchem der äußere, empirisch gegebene
Mensch sich gestalten, bezw. sich umgestalten soll. Eben jener inwendige
Mensch ist, wie wir ihn wahrhaft erkennen, nach Göthe schlechthinige
Autorität für uns. -- Für dieses ethische Verhältnis wird ein Analogon aus
der _ästhetischen_ Sphäre zur Erläuterung dienen können. Ein feiner und
zartsinniger Beobachter hat mit Recht gesagt, daß der ächte _lyrische
Dichter_ nicht eine bloße Kopie der Eindrücke seines empirischen Ich giebt,
sondern daß in ihm gleichsam ein ideales Ich dies empirische belauscht,
gewisse Elemente desselben mit nicht minder unerbittlicher Strenge
zurückweist und nur den Duft, den Wiederhall, die ätherischen Nachklänge
der Wirklichkeit in sein Spiegelbild aufnimmt. Erst _diese zweite Seele_,
fügt er hinzu, macht den Dichter.[623] -- Eine solche zweite Seele ist es,
die auch den sittlichen Menschen macht. Auch hier belauscht gleichsam ein
ideales Ich das empirische, weist gewisse Elemente desselben mit nicht
minder unerbittlicher Strenge zurück und entwirft auch seinerseits von ihm
ein ideales Spiegelbild, aber nicht um sich an dem ästhetischen
Wohlgefallen daran genügen zu lassen, sondern um dessen Verwirklichung,
wenn es sein muß, im hartnäckigen Kampfe, dem empirischen Ich abzuringen.«
-- »Dem _idealen_ Ich entspricht _bei Aristoteles_ der _thätige Intellekt_
(der %nous poiêtikos%), den er ja auch als eine zweite Art von Seele
bezeichnet und im Gehorsam gegen welche er die Sittlichkeit bestehen läßt.
Dem _empirischen Ich_ entspricht der _leidentliche Intellekt_ (der %nous
pathêtikos%). Bei Kant ist analog die Unterscheidung zwischen dem
intellektuellen oder intelligiblen Ich und dem sinnlichen Ich, von welchen
er jenes als das bestimmende, also thätige, dieses als das bestimmte, also
leidentliche denkt. Einmal wirft er die Bemerkung hin, daß durch solche
Unterscheidung eines doppelten Ich zwei Subjekte (also gewissermaßen zwei
Hypostasen) in einer Persönlichkeit vorausgesetzt zu werden scheinen.«[624]

Der leidentliche Intellekt des Aristoteles gehört der vorübergehenden
Erscheinung an; er ist keine eigene selbständig geistige Substanz, sondern
nichts als eine Ausstrahlung, die der thätige Intellekt, als die einzige
geistige Substanz im Menschen in der Sphäre des Sinnlichen dadurch
hervorbringt, daß er sich mit dem beseelten Körper verbindet. Sobald diese
Verbindung sich löst, verschwindet damit zugleich der leidentliche
Intellekt und unser empirisches sinnliches Ich. Nicht aber das intelligible
Ich, der thätige Intellekt, der gleichsam hinter und über jenem den
unvergänglichen Wesensgrund bildet. Dieser gleicht nach dem Bilde eines
griechischen Kommentators alsdann »einem Künstler, der seine Werkzeuge
weggeworfen hat, dessen Wirksamkeit aber fortdauert, nämlich in rein
geistiger, nicht stofflicher und werkzeuglich vermittelter Weise.«[625]

                  *       *       *       *       *

Ob hiernach Aristoteles eine _individuelle_ Unsterblichkeit angenommen oder
geleugnet habe, gehört zu den zahllosen wohl niemals zu Ende kommenden
Streitfragen der Aristoteles-Gelehrten.

Es wiederholt sich hier der bereits hervorgehobene logische Defekt seines
Dualismus zwischen Form und Stoff. Wie es schon in seiner Metaphysik
unentschieden bleibt, ob der Grund des Einzelseins in der Form oder im
Stoff liege, so bleibt es erst recht in seiner Psychologie im Dunkeln, ob
die Persönlichkeit in den höheren oder den niederen Seelenkräften, in dem
unsterblichen oder sterblichen Teile unserer Natur liegt. Einerseits
scheint es, daß der thätige Intellekt, die Vernunft als solche, der reine
Geist nicht der Sitz der Persönlichkeit sein kann; denn alle Bestimmtheit,
alle Lebendigkeit des persönlichen Daseins, der ganze auf der
Wechselwirkung zwischen Welt und Mensch, auf Veränderung und Entwicklung
gegründete _Inhalt_ der Persönlichkeit fällt ja auf die Seite der
Sinnlichkeit, ist _empirisches_ Ich. Selbst das Denken ist ja ohne
Phantasiebilder nicht möglich, von denen nach Untergang der empfindenden
Seele nicht mehr die Rede sein kann. Und selbst wenn man mit Aristoteles an
eine Fortdauer der _reinen Denkthätigkeit_ nach dem Tode glauben wollte,
wie soll man sich die Identität des Geisteslebens nach dem Tode mit dem
jetzigen vorstellen? +Zeller, Philosophie der Griechen II, S. 607+, bemerkt
aber mit Recht: »Und doch kann die _Persönlichkeit_ eines vernünftigen
Wesens und seine freie Selbstbestimmung nicht in seiner sinnlichen Natur
liegen. Wo sie aber dann liege, darnach fragen wir (Aristoteles) vergebens:
wie die Vernunft von 'außen her' (%thyrathen%) zu der sinnlichen Seele
hinzutritt und beim Tode sich wieder von ihr abtrennt, so fehlt es beiden
_auch während des Lebens an der inneren Einheit_, und was der Philosoph
über die leidende Vernunft und den Willen sagt, ist in seiner unsicheren
Haltung nicht geeignet, zwischen den ungleichartigen Teilen des
menschlichen Wesens die wissenschaftliche Vermittlung zu bilden.«

                  *       *       *       *       *

Anstatt der erste Begründer einer _monistischen_ Seelenlehre zu sein,
laboriert also Aristoteles, der scheinbar eine Einheit zwischen Leib und
Seele vertritt, auf der anderen Seite selber an einem unversöhnlichen
_Dualismus_ zwischen (animalischer) Seele und Geist. Offenbar liegt dies an
einer sein ganzes System kennzeichnenden Überschätzung des rein
theoretischen, abstrakten Denkvermögens und Verkennung der hohen geistigen
und sittlichen Bedeutung, die auch das scheinbar Niedrige, die
Sinnlichkeit, im Menschen beansprucht.

Eine andere Anschauung hatten Plato und die Mysterien von dem
unvergänglichen Teile der Seele, und diesen, nicht dem Aristoteles, der
richtiger von Averroës vertreten sein dürfte, folgten die christlichen
Aristoteliker des Mittelalters, wenn sie, im Anschluß unter anderem auch an
die bekannten Worte des Paulus, den Geist nach dem Tode als Gefäß der zu
rettenden Persönlichkeit eine _verklärte_ Leiblichkeit nach sich ziehen
lassen. Zu ihnen gehört Dante, wenn er schildert, wie in den durch Zeugung
und Geburt entstehenden menschlichen Leib, und zwar in das Gehirn, ein
göttlicher Hauch sich einsenkt und sich so ein einheitliches Seelenwesen
gleichsam anbildet, und dabei im dichterischen Gleichnis auf die Sonnenglut
verweist, die mit dem Saft des Weinstocks verbunden den Wein entstehen
läßt:

    +Guarda il calor del Sol, che si fa vino
    Giunto all' humor, che dalla vite cola.+

Er läßt dann jenes Seelenwesen, wenn die Parze den Lebensfaden
abschneidet, sich vom Leibe lösend Göttliches _und Menschliches_ mit sich
hinwegnehmen:

    +Seco ne porta e l'umano el il divino+,

und hebt hervor, daß alsdann _Gedächtnis, Intellekt und Willen sich
steigern_, während nur die niederen animalischen Kräfte ersterben. So kommt
er sogar zur Annahme eines _Astralleibes_,

    Und ähnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,
    Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,
    So folgt dem Geiste seine neue Form;
    Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,
    Wird Schatten sie genannt.
                             (+Purgat. XXV. 97-101.+)

Den Alten war zwar diese Vorstellung bis auf den Vergleich mit dem Weine
die normale, vor allem, wie wir sehen, in den Mysterien vorausgesetzte, wie
denn auch der in die eleusinischen Mysterien eingeweihte Pindar[626] singt:

    Jedweder Leib verfällt des Todes
    Übermacht; doch lebend übrig bleibt
    _Des Erdenlebens Geistesbild_[627], denn das nur ist von den Göttern.
    Es schläft, wenn die Glieder sich mühen,
    _Aber den Schlafenden zeigt's in vielen Träumen
    Der Freud' und des Leides nahes Verhängnis_.

Aristoteles teilte diese Anschauung nicht, wie denn auch seine Schrift
»über den Schlaf« eine durchaus _rationalistische_ Theorie der Träume
entwickelt. Der Schlaf, sagt er, ist Gebundenheit, das Wachen freie
Wirksamkeit des Wahrnehmungsvermögens; beide Wechselzustände kommen daher
nur bei den Wesen vor, welche der Sinneswahrnehmung fähig sind, bei ihnen
aber auch ganz allgemein; denn das Wahrnehmungsvermögen kann unmöglich
immer wirksam sein, ohne daß sich seine Kraft zeitweise erschöpfte. Der
Zweck des Schlafes ist die Erhaltung des Lebens, die Erholung, welche
ihrerseits wieder dem höheren Zwecke der wachen Thätigkeit dient. Seine
natürliche Ursache liegt in dem Ernährungsprozeß. Die Lebenswärme treibt
die aus der Nahrung sich entwickelnden Dämpfe nach oben; indem sie sich
hier ansammeln, beschweren sie den Kopf und erzeugen zunächst die
Schläfrigkeit; am Gehirn sich abkühlend, sinken sie dann wieder nach unten
und bewirken eine Erkältung des Herzens, in deren Folge die Thätigkeit
dieses allgemeinsten Empfindungsorgans ins Stocken gerät. Dieser Zustand
dauert so lange, bis die Nahrung verdaut, und das reinere für die oberen
Teile des Körpers bestimmte Blut von dem dickeren, nach unten zu führenden,
ausgeschieden ist. Aus den inneren Bewegungen der Sinneswerkzeuge, welche
nach dem Aufhören der äußeren Eindrücke fortdauern, entstehen die Träume:
im wachen Zustand verschwinden diese Bewegungen hinter den Sinnes- und
Denkthätigkeiten, im Schlaf dagegen, und besonders gegen das Ende
desselben, nachdem die anfängliche Unruhe im Blut sich gelegt hat, treten
sie deutlicher hervor. Es kann daher geschehen, daß eine innere Bewegung im
Körper, welche man wachend nicht wahrnimmt, sich im Traum ankündigt, oder
daß der Traum umgekehrt durch die Bilder, welche er der Seele vorführt, zu
einer späteren Handlung den Anstoß giebt; es ist auch möglich, daß während
des Schlafs sinnliche Eindrücke an uns gelangen, die bei Tage, in der
bewegteren Luft, unsere Sinne nicht getroffen hätten oder von uns nicht
bemerkt worden wären; und insofern lassen sich gewisse weissagende Träume
auf natürlichem Weg erklären; was aber darüber hinausgeht, ist für ein
zufälliges Zusammentreffen zu halten, wie denn auch deshalb viele Träume
nicht eintreffen.

Allerdings hat Aristoteles nach +Arist. Divin c. 2.+ sogar eine Schrift
»über weissagende Träume«, %peri tês kath' hypnon mantikês%, verfaßt, der
zufolge das Ahnungsvermögen, das sich in weissagenden Träumen und
enthusiastischen Zuständen offenbart, nur eine unklare Äußerung jener Kraft
sein sollte, die als thätiger Verstand das Band zwischen dem menschlichen
und dem göttlichen Geist bilde (vergl. +Cicero, Divin. I. 38, 81.+); auch
hat uns Sextus Empiricus (vergl. +Math. IX. 20+) ein Fragment aus seinem
Dialog +Eudemos+ aufbewahrt, in dem es heißt, im Schlafe gelange erst die
Seele zum rechten Beisichsein (%kath' heautên ginetai%) und werde ihrer
eigenen Natur teilhaftig (%tên idion physin apolambanei%); daher könne sie
alsdann weissagen und das Zukünftige vorherverkünden. In einen solchen
Zustand trete sie noch vollkommener ein, wenn sie im Tode sich ganz vom
Körper trenne. Sie kehre alsdann gleichsam in ihre Heimat zurück.

Der klaffende Widerspruch dieser letzteren Sätze mit den vorstehenden liegt
auf der Hand und bildet ein weiteres Rätsel für die Aristoteliker.

+Zeller, Philosophie der Griechen S. 552, u. f.+ meint nun, die letzteren
Äußerungen könnten nicht als der Ausdruck der wissenschaftlichen
Überzeugung des Aristoteles betrachtet werden, vielmehr spreche er in
denselben wohl nur eine Meinung aus, die, wie er glaubte, zur Entstehung
des Götterglaubens Veranlassung gegeben habe. »Sollte er aber auch dieser
Meinung zur Zeit der Abfassung jenes Gesprächs einen ernstlichen Wert
beigelegt haben, so wäre dies nur einer von den vielen Beweisen für die
Gewalt, welche die platonischen Anschauungen damals auf ihn ausübten.«

Für mich und vermutlich für die meisten Leser kann es wenig Interesse
haben, welche Ansicht er über diesen Gegenstand zuerst oder zuletzt,
scheinbar oder wirklich gehegt hat. Möglicherweise war die eine esoterisch,
die andere exoterisch gemeint; sein Verhalten erinnert in der That etwas an
das berüchtigte System der »doppelten Buchführung in philosophischen
Fragen«, das auch in unserem Jahrhundert empfohlen worden ist.

Möglich ist es ja aber auch, daß ihm dasselbe, was auch heutzutage noch
vielen _ehrlichen_ Forschern, passiert ist, zu verschiedenen Zeiten
verschieden, bald skeptisch, bald gläubig über diese occultistischen
Thatsachen zu denken, deren allgemeingültige wissenschaftliche
Konstatierung leider immer noch unmöglich erscheint.




Siebentes Buch.

Der Occultismus der alten Römer.

Erstes Kapitel.

Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.


Während sich unsere Darstellung der occultistischen Lehren der Griechen
geradezu als ein, wenn auch einseitig aufgefaßter, Abriß der Geschichte der
alten Philosophie geben konnte und mußte, wird die Form der occultistischen
Anschauungen wieder eine völlig andere, indem wir den italischen Boden
betreten. Wenn man nicht etwa die Jurisprudenz mit den Römern, die dies
beanspruchten, als einen praktischen Zweig der Philosophie gelten lassen
will, so haben die Römer in der Philosophie, wie auf wissenschaftlichem
Gebiete überhaupt nichts Ursprüngliches aufzuweisen. Sämtliche lateinische
Philosophen, von Cicero bis auf Boëthius, sind entweder als bloße
Eklektiker oder bestenfalls als Schüler der einen oder anderen griechischen
Philosophenschule zu bezeichnen.

Anders verhält es sich mit der _Religion_ der Römer. Diese zeigt einen
entschieden selbständigen, streng national gefärbten Typus, der allerdings
seit der Berührung mit dem Hellenismus, etwa seit dem zweiten punischen
Kriege, durch künstliche Assimilation mit der griechischen Mythologie etwas
verwischt wurde. Dennoch ist diese, hauptsächlich von den Dichtern durch
oft willkürliche Namensvertauschungen und Gleichstellungen ursprünglich
verschiedener Götterbegriffe versuchte Verähnlichung nie dahin gelangt, die
ursprüngliche Selbständigkeit der römischen Religion, die sich durch eine
Art juristischer Systematik auszeichnet, verkennen zu lassen. Vor allem
blieb stets bis in die letzten Zeiten hinein ein Unterschied des rituellen
Kultus im eigentlich römischen Gottesdienste sichtbar. Andrerseits hat
freilich kein Staat in toleranterem Maße fremden Gottesdiensten Aufnahme
gewährt und durch solche seine eigene National-Religion geradezu
überwuchern lassen, als der römische seit dem Beginn seiner Weltherrschaft.

In der Urzeit des römischen Volkes scheint aber der einzige Einfluß, den
die Römer in Sachen der Religion und überhaupt der übersinnlichen
Angelegenheiten von Außen zugelassen haben, auf das rätselhafte Volk der
_Etrusker_ sich zu beschränken. Doch darf auch dieser Einfluß nicht
überschätzt werden. Die Nachricht des +Livius IX, 36+, daß in der ältesten
Zeit römische Jünglinge in der etruskischen Sprache und Litteratur, sowie
später in der griechischen unterrichtet seien, steht vereinzelt da; jene
Unterweisung in der Sprache des Nachbarvolks beschränkte sich wohl nur auf
eine geringe Anzahl der vornehmsten, zum Priesterstande berufenen Jünglinge
(vergl. Cicero über die Weissagung), zu dem einzigen Zwecke, die
nachweisbar allerdings von den Etruskern übernommenen Künste der
Opferschau, für deren Ausübung man sich in Rom anfangs mit gedungenen
Etruskern behalf, ferner die Theorie der Blitze, worüber später mehr, zu
erlernen.

Gleichwohl fordert das Volk der Etrusker, oder wie sie selber sich nannten,
_Rasen_, schon um der bestimmten Zweige des praktischen Occultismus willen,
die von den Römern übernommen wurden, unsere Aufmerksamkeit heraus. Es ist
bislang ebensowenig gelungen, ihre Sprache zu entziffern, als ihre
ethnologische Verwandtschaft festzustellen. Die etruskische Inschrift eines
in Caere ausgegrabenen Thongefäßes lautet:

+minice dumamimadumaramlisiaedipurenaiedecraisiepanamine dunastavhelefu+.

Die verschiedensten Idiome sind auf Stammesverwandtschaft mit den
etruskischen vergeblich geprüft worden, wenn auch einige Spuren darauf
hinzudeuten scheinen, daß die Etrusker im allgemeinen den Indogermanen
beizuzählen sind. Vielleicht hängt der Name des etruskischen Zeus +Tina+
oder +Tinia+ mit dem sanskritischen +dina+, Tag zusammen. Übrigens
schreibt schon Dionysios: »die Etrusker stehen keinem Volke gleich an
Sprache und Sitte.«

Wahrscheinlich ist es, daß die Etrusker über die rätischen Alpen nach
Italien gekommen sind, da die ältesten in Tirol und Graubündten
nachweisbaren Ansiedler bis in die historische Zeit etruskisch redeten und
auch ihr Name auf den der Rasen anklingt. Nach Herodot sollen sie freilich
aus Asien eingewanderte Lyder sein, allein schon Dionysios erklärt diese
Erzählung bei der großen Verschiedenheit zwischen Religion, Gesetz, Sitte
und Sprache der Lyder von ihnen für ein unmögliches Märchen.

Mit Mommsen dürfen wir es übrigens für zuverlässig halten, daß das letzte
Königsgeschlecht, das über die Römer herrschte, das der Tarquinier aus
Etrurien entsprossen ist.

Die Anschauungen der Etrusker wurzelten mehr als die irgend eines anderen
bekannten Volkes des Altertums im eigentlich occultistischen
Gedankenkreise. Insofern zeigen sie eine gewisse Ähnlichkeit mit den
Egyptern, von denen sie sonst nach Sprache, Sitte und Verfassung
entschieden zu trennen sind. Die Nekromantie und schwarze Magie scheint ihr
eigenstes Element gewesen zu sein. Der Totenkultus scheint bei ihnen eine
noch größere Rolle gespielt zu haben, als bei den Egyptern. Es gab eine
Unzahl von Todesgenien, deren furchtbare Bilder an den Mauern der
Totenstädte, auf den Sarkophagen u. s. w. uns entgegenstarren. Sie sind
dargestellt, wie sie die armen Menschenseelen verfolgen, peinigen und trotz
alles Flehens entführen, archaistische Höllenbreughel; sehr selten sieht
man auch gute Geister die Seelen freundlich einladen, auch gute und böse
sich um dieselben streiten. Die Totenstädte der Egypter übertrafen die
Städte der Lebenden an Ausdehnung und wurden mit größerem architektonischen
Aufwand, als jene, ausgeschmückt. »Aus den Trümmern, die vom etruskischen
Sacralwesen auf uns gekommen sind«, schreibt +Mommsen, röm. Gesch. I,
S. 180+, »redet eine _düstere_ und dennoch langweilige Mystik, Zahlenspiel
und Zeichendeuterei und jene feierliche Inthronisierung des reinen
Aberwitzes, die zu allen Zeiten ihr Publikum findet. Wir kennen zwar den
etruskischen Kult bei weitem nicht in solcher Vollständigkeit und Reinheit
wie den latinischen; aber mag die spätere Grübelei auch manches erst
hineingetragen haben und mögen auch gerade die düstern und phantastischen,
von dem latinischen Kult am meisten sich entfernenden Sätze uns
vorzugsweise überliefert sein, was beides in der That nicht wohl zu
bezweifeln ist, so bleibt immer noch genug übrig, um die Mystik und
Barbarei dieses Kultus als im innersten Wesen des etruskischen Volkes
begründet zu bezeichnen. -- Ein innerlicher Gegensatz des sehr ungenügend
bekannten etruskischen Gottheitsbegriffes zu dem italischen läßt sich nicht
erfassen; aber bestimmt treten unter den etruskischen Göttern die bösen und
schadenfrohen in den Vordergrund, wie dann auch der Kult grausam ist und
namentlich das Opfern der Gefangenen einschließt, -- so schlachtete man in
Caere die gefangenen Phokaeer, in Tarquinii die gefangenen Römer. Statt der
stillen in den Räumen der Tiefe friedlich schaltenden Welt der
abgeschiedenen »guten Geister«, wie die Latiner sie sich dachten, erscheint
hier eine wahre Hölle, in die die armen Seelen zur Peinigung durch Schläge
und Schlangen abgeholt werden von dem Totenführer, einer wilden halb
tierischen Greisengestalt mit Flügeln und einem großen Hammer; einer
Gestalt, die man später in Rom bei den Kampfspielen verwandte, um den Mann
zu kostümieren, der die Leichen der Erschlagenen vom Kampfplatze
wegschaffte. So fest ist mit diesem Zustand der Schatten die Pein
verbunden, daß es sogar eine Erlösung daraus giebt, die nach gewissen
geheimnisvollen Opfern die arme Seele versetzt unter die oberen Götter. Es
ist merkwürdig, daß um ihre Unterwelt zu bevölkern, die Etrusker früh von
den Griechen deren finsterste Vorstellung entlehnten, wie denn die
acheruntische Lehre und der Charun eine große Rolle in der etruskischen
Weisheit spielen. -- Aber vor allen Dingen beschäftigt den Etrusker die
Deutung der Zeichen und Wunder. Die Römer vernahmen wohl auch in der Natur
die Stimme der Götter; allein ihr Vogelschauer verstand nur die einfachen
Zeichen und erkannte nur im allgemeinen, ob die Handlung Glück oder Unglück
bringen werde. Störungen im Laufe der Natur galten ihm als unglückbringend
und hemmten die Handlung, wie zum Beispiel bei Blitz und Donner die
Volksversammlung auseinanderging, und man suchte auch wohl sie zu
beseitigen, wie zum Beispiel die Mißgeburt schleunigst getötet ward. Aber
jenseits der Tiber begnügte man sich damit nicht. Der tiefsinnige Etrusker
las aus den Blitzen und aus den Eingeweiden der Opfertiere dem gläubigen
Mann seine Zukunft bis ins Einzelne heraus und je seltsamer die
Göttersprache, je auffallender das Zeichen und Wunder, desto sicherer gab
er an, was es verkünde und wie man das Unheil etwa abwenden könne. So
entstanden die Blitzlehre, die Haruspicin, die Wunderdeutung, alle
ausgesponnen mit der ganzen Haarspalterei des im Absurden lustwandelnden
Verstandes, vor allem die _Blitzwissenschaft. Ein Zwerg von Kindergestalt
mit grauen Haaren, der von einem Ackersmann bei Tarquinii war ausgepflügt
worden, Tages genannt_ -- man sollte meinen, daß das zugleich kindische und
altersschwache Treiben in ihm sich selber habe verspotten wollen, -- also
Tages, _hatte sie zuerst den Etruskern verraten und war dann sogleich
gestorben. Seine Schüler und Nachfolger lehrten, welche Götter Blitze zu
schleudern pflegten; wie man am Quartier des Himmels und an der Farbe den
Blitz eines jeden Gottes erkenne; ob der Blitz einen dauernden Zustand
andeute oder ein einzelnes Ereignis und wenn dieses, ob dasselbe ein
unabänderlich datiertes sei oder durch Kunst sich verschieben lasse bis zu
einer gewissen Grenze; wie man den eingeschlagenen Blitz bestatte oder den
drohenden einzuschlagen zwinge_, und dergleichen wundersame Künste mehr,
denen man gelegentlich die Sportulierungsgelüste anmerkt. Wie tief dies
Gaukelspiel dem römischen Wesen widerstand, zeigt, daß, selbst als man
später in Rom es benutzte, doch nie ein Versuch gemacht ward es
einzubürgern; in dieser Epoche genügten den Römern wohl noch die
einheimischen und die griechischen Orakel. -- _Höher als die römische
Religion steht die etruskische insofern, als sie von dem_, was den Römern
völlig mangelt, _einer in religiöse Formen gehüllten Spekulation wenigstens
einen Anfang entwickelt hat_. Über der Welt mit ihren Göttern walten die
verhüllten Götter, die der etruskische Jupiter selber befragt; jene Welt
aber ist endlich und wird, wie sie entstanden ist, so auch wieder vergehen
nach Ablauf eines bestimmten Zeitraums, dessen Abschnitte die Saecula sind.
Über den geistigen Gehalt, den diese etruskische Kosmogonie und Philosophie
einmal gehabt haben mag, ist schwer zu urteilen, doch scheint auch ihnen
ein geistloser Fatalismus und ein plattes Zahlenspiel von Haus aus eigen
gewesen zu sein.«

Die obersten Götter des etruskischen Volkes, die »Verhüllten« durften nicht
mit Namen genannt werden. Nach ihnen kamen zwölf Gottheiten der Oberwelt,
an deren Spitze +Tina+ (Zeus?) stand, dieselben erinnern, ebenso wie die
Blitzwissenschaft, auffällig an die obersten Götter der Akkader und sind
augenscheinlich nichts anderes, als die zwölf Monate oder zwölf Zeichen des
Tierkreises (Planetengötter), vergl. Teil I dieses Werkes (S. 7 und 53),
ferner _Müller_, die Etrusker (2 Bände); dann die Gottheiten der Unterwelt,
vor allem Mantus und Mania, denen in ältester Zeit sogar Kinderopfer
dargebracht sein sollen, an deren Stelle erst in römischer Zeit Mohn- und
Kohlköpfe substituiert wurden.




Zweites Kapitel.

Die Religion der Römer.


In seinen Göttern spiegelt sich der Mensch. Diese nicht erst von Feuerbach,
sondern wie wir sahen, schon von Xenophanes (S. 475 oben) erkannte Wahrheit
bestätigt sich auch, wenn wir die religiösen Vorstellungen der Römer Revue
passieren lassen. Man erwarte daher von den praktischen, fast ganz auf die
Beherrschung der diesseitigen Welt gerichteten Römern keine tiefsinnige
Mystik, wie sie uns bei den Orientalen und teilweise auch bei den Griechen,
später auch wieder bei den Germanen entgegentritt. Von den
träumerisch-phantastischen, ja unheimlichen Etruskern übernahmen zwar die
Römer einige Praktiken, mit denen sie den abergläubischen Sinn der Menge
unmerklicher unter das Joch der Politik bringen konnten; ihre religiöse
Weltanschauung selbst trägt einen durchweg klaren, wesentlich nur die
wichtigsten Naturerscheinungen und Interessen ihres, ursprünglich mit
Ackerbau und Hirtenleben einerseits und Krieg andererseits verwachsenen
Lebens symbolisierenden naturalistischen und fast rationalistischen
Charakter. Die Religion steht durchaus im Dienste der irdischen Zwecke, vor
allem des Staates, nicht umgekehrt. Allerdings drängt sie sich, um den
staatlichen Dingen die nötige Weihe zu geben, überall vor, aber wenn durch
diesen Schein verleitet, Hartung, ein Philologe, über die Religion der
Römer schreibt, »man müsse den älteren Römern nachrühmen, daß sie eine so
allgemeine, so durchreichende und so unerschütterliche Religiosität
besessen und geübt haben, wie kein anderes Volk der Erde«, so verfehlt ein
besserer Kenner des eigentlich römischen Geistes, der Jurist +R.
v. Ihering, Geist des römischen Rechts, § 21+, nicht, die Kehrseite der
Medaille aufzuweisen und von frühzeitigem Formalismus und _Jesuitismus_,
man könnte auch sagen Machiavellismus der Römer in Beziehung auf die
Religion zu sprechen. Die Religion der Römer ward schon sehr früh mit ihrem
gesamten Apparat von in den Willen der Staatsregierung gegebenen
geistlichen Beamten, Zeichen, Nichtigkeitgründen u. s. w. ein _politisches_
Institut; und +Mommsen, römische Geschichte I, S. 160+, macht auf das
Schwanken der römischen Religionsvorstellungen im Laufe der Geschichte
aufmerksam; »der Staat und das Geschlecht, das einzelne Naturereignis, wie
die einzelne geistige Thätigkeit, jeder Mensch, jeder Ort und Gegenstand,
ja jede Handlung innerhalb des römischen Rechtskreises kehren in der
römischen Götterwelt wieder; und _wie der Bestand der irdischen Dinge
flutet im ewigen Kommen und Gehen, so schwankt auch mit ihm der
Götterkreis_.«

Den Vorrang unter den männlichen Göttern der ältesten Anschauungsform
beanspruchen _Jupiter_, _Mars_ und _Quirinus_. Diese drei wurden am
heiligsten verehrt; sie waren die eigentlichen Schutzgottheiten Roms gegen
auswärtige Feinde. So lautete ein altes Gesetz der Numa, das uns Festus
aufbewahrt hat: »Unter wessen Anführung in der Schlacht die vornehmste
Beute gewonnen wird, der soll dem _Jupiter_ Feretrius einen Ochsen
schlachten, und dem der sie gewonnen dreihundert Pfund geben; für die
zweite soll er an dem Altar des _Mars_ auf dem Marsfelde Suovetaurilien
nach Belieben schlachten, für die dritte dem _Quirinus_ ein männliches
Lamm.«

Jupiter, aus +Djovis pater+ entstanden, bedeutet zunächst Himmelsvater, als
Quell des Lichtes; ihm sind alle Luftveränderungen, Regen und Gewitter,
Blitz und Donner unterworfen. Darum heißt er auch, je nachdem er seine
Macht äußert, Pluvius, Fulgurator, Tonans, Imbricitor, Serenator. Der
heiligste Eid lautete, indem der Schwörende einen Kieselstein in die Hand
nahm und auf das Opfertier schleuderte: »wenn ich mit Wissen und Willen
einen Meineid schwöre, so soll mich Jupiter also schlagen (+ferito+), wie
ich hier dieses Opfertier schlage, und so will ich aus Staat und Heimat
also hinausgeworfen werden, wie dieser Stein da!«

Bei langdauernder Dürre brachte man ihm ein Opfer dar, das +aquilicium+
oder Wasserentlockung hieß; da dasselbe mit gewissen magischen Ceremonien
verbunden war, ließ man es durch einen Etrurier (Tusker) verrichten. Über
diese magischen Ceremonien ist uns aus Labeo, der die tuskische Disziplin
des +Tages+ und +Bacis+ in 15 Büchern erläutert hat, nur folgendes
erhalten: »Wenn die Leberfasern eine Sondarach-Farbe zeigen, dann müssen
die _rinnenden Steine_ (+manales petrae+) in Bewegung gesetzt werden.«

Als höchster Gott heißt er Optimus Maximus, und sein Tempel ist als
höchster auf dem Kapitol gegründet. Ihm gelten die Triumphzüge nach jedem
Siege. Zu seinen Ehren wurden auch die berühmten Kapitolinischen Spiele
gefeiert, und auf dem Giebel des Kapitolinischen Tempels prangte ein großes
Viergespann, wie es die Wettfahrer bei diesen Spielen hatten. Etrurien soll
durch ein solches frühzeitig die hohe Bestimmung seines Nachbarstaates
erfahren haben. Als einst zu Veji dem Jupiter ähnliche Wettspiele, wie man
sie zu Rom zu feiern pflegte, gehalten wurden, fingen die Rosse des
siegenden Viergespanns plötzlich, wie von einem unsichtbaren Dämon
getrieben, zu laufen an, und eilten unaufhaltsam nach Rom zu. Dort warfen
sie den Tuskerjüngling, welcher den Namen Ratumena führte, beim
Tarpejischen Thore ab, das sodann nach demselben umgetauft wurde, und
rasteten nicht eher, als bis sie dreimal um den Tempel des Jupiter
Kapitolinus gefahren waren.

Als Herr des Himmels und Lenker der Welt steht er allen irdischen und
menschlichen Angelegenheiten vor und pflegt deshalb bei jedem Beginn einer
wichtigen Handlung begrüßt zu werden. Ihm sind alle Vollmondstage heilig
(die _Iden_), außerdem die sämtlichen Weinfeste.

Zu Zeiten der Not gelobte man ihm bisweilen den ganzen Ertrag eines Zweiges
der Landwirtschaft oder gar die Erstlingsgeburten eines Frühlings, des sog.
+ver sacrum+ als Opfer. Eigentlich gehören dazu auch die in diesem Frühjahr
geborenen Menschen. Weil es aber zu grausam gewesen wäre, so viele
unschuldige Kinder abzuschlachten, so ließ man sie groß werden, und trieb
sie dann in einem Frühjahr miteinander, verhüllten Gesichtes, über die
Grenze; jene gingen dann aufs Geradewohl, wohin ihr Genius sie führte, und
auf diese Weise soll manche Kolonie entstanden sein. Augenscheinlich war
dieser Weihefrühling ein Mittel, der Übervölkerung und Nahrungsnot durch
geeignete Kolonisation vorzubeugen und durch solche zugleich den Staat zu
expandieren. Uhland hat ihn zum Vorwurf einer glänzenden Ballade gemacht,
in der der Priester den Ersatz des blutigen Opfers durch die Auswanderung
mit folgenden Worten begründet:

    »Nicht läßt der Gott von seinem heil'gen Raub,
    Doch will er nicht den Tod, er will die Kraft;
    Nicht will er einen Frühling welk und taub,
    Nein, einen Frühling, welcher treibt in Saft.«

    »Aus der Latiner alten Mauern soll
    Dem Kriegsgott eine neue Pflanzung gehn;
    Aus diesem Lenz, urkräft'ger Keime voll,
    Wird eine große Zukunft ihm erstehn.«

    »Drum wähle jeder Jüngling sich die Braut!
    Mit Blumen sind die Locken schon bekränzt;
    Die Jungfrau folge dem, dem sie vertraut!
    So zieht dahin, wo euer Stern erglänzt!«

    »Der junge Stier pflüg' euer Neubruchland!
    Auf eure Weiden führt das muntre Lamm!
    Das rasche Füllen spring' an eurer Hand,
    Für künft'ge Schlachten ein gesunder Stamm!«

    »Denn Schlacht und Sturm ist euch vorausgezeigt;
    Das ist ja dieses starken Gottes Recht,
    Der selbst in eure Mitte niedersteigt,
    Zu zeugen eurer Könige Geschlecht.«

    »In eurem Tempel haften wird sein Speer;
    Da schlagen ihn die Feldherrn schütternd an,
    Wann sie ausfahren über Land und Meer
    Und um den Erdkreis ziehn die Siegesbahn.«

    »Ihr habt vernommen, was dem Gott gefällt.
    Geht hin, bereitet euch, gehorchet still!
    Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt;
    Das ist der Weihefrühling, den er will.«

Jupiter ist ferner Beschützer des Rechts und der Tugend, als Gott der
Treue, +Dius Fidius+ auch besonders des Ehebundes; -- da später die
Schwurformel +me Dius Fidius+ identisch mit dem aus der Fremde
eingedrungenen +me Hercle+ wurde, hat man fälschlich diesen Gottesbegriff
später auf +Hercules+ übertragen. Nach +Augustin (IV, 23)+ hätten die Römer
auch einen gewissen rätselhaften (+nescio quem+) Summanus noch höher als
Jupiter selbst geehrt. Indeß kann dieser Summanus schwerlich ein anderer,
als Jupiter gewesen sein, zumal die Römer, wie Augustin berichtet, ihm die
nächtlichen Blitze zuschrieben.

Der römische _Mars_ ist in vieler Hinsicht eher mit der griechischen Pallas
Athene als mit Ares, dem Kriegsgott zu vergleichen. Den bloßen Krieg
personifizierte Bellona, eine weibliche Gottheit. Mars symbolisiert mehr
das stetige Gerüstetsein zum Krieg, als den blutigen Kampf; darauf deutet
schon der Wortstamm +Mavors+, +Marmar+, verwandt mit +arma+ und dem
sanskritischen +wârajâmi+ d. h. schützen. Ihm war ein uraltes Heiligtum auf
dem Berg Quirinus geweiht, alle vier Jahre wurde auf dem _Mars_felde eine
(militärische) Schätzung der ganzen Bürgerschaft vorgenommen, wobei ein
Stier, ein Widder und ein Bock dreimal um das ganze Heer herumgeführt und
dann geopfert wurde; dies war das erwähnte +suovetaurilium+. Sein Hauptfest
fand im Frühling statt, das eingeleitet durch das Pferderennen, +equirria+
am 27. Februar, im März selbst an den Tagen des Schildschmiedens
(+mamuralia+), des Waffentanzes (+quinquatrus+) und der Drommetenweihe
(+tubilustrium+) seine Haupttage hatte. Hierbei spielten die _Salier_ eine
Hauptrolle, wörtlich »Tänzer«, d. h. eine aus zwölf Mann bestehende
geistliche Brüderschaft. Dieser anzugehören, rechneten sich die vornehmsten
Männer, wie P. Scipio zur Ehre; ihr Anzug war eine bunte Tunika, über
welche um die Brust ein breiter eherner Gurt gelegt wurde, eine verbrämte
Toga, mittelst Hefteln gabinisch aufgeschürzt, eine eherne Spitzhaube
(+apex+) und ein Schwert. In der rechten Hand hielten sie ein ehernes
Stäbchen, in der linken den Schild, der an einem Riemen um den Hals hing.
Dieser hatte ungefähr die Gestalt einer arabischen 8; daher wohl sein Name
+ancile+ (%ankylos%). Einer von diesen Schilden sollte zu einer Zeit, da
eine Seuche in Rom wütete, vom Himmel gefallen sein, Numa hatte dann auf
Anraten der Nymphe Egeria durch den Waffenschmied Mamurius die elf anderen
diesem so täuschend nachmachen lassen, daß niemand mehr den echten vom
unechten unterscheiden konnte. In der Prozession ging auch ein Mann, rings
mit dicken Häuten umhangen, der den Mamurius vorstellte und ganz
unbekümmert mit Stangen auf seinen Lederpanzer hauen und stoßen ließ. Das
Debüt der Priesterschaft bestand in einem Waffentanz und Absingung von
uralten Liedern, deren Sprache die Gelehrten zur Zeit Cäsars bereits nicht
mehr völlig entziffern konnten. Von dem Waffentanze selber sagt Plutarch
(+Numa c. 13+): »Das Meiste bei diesem Tanze haben die Füße zu thun und man
sieht mit Vergnügen den Bewegungen der Tänzer zu, da sie nach einem
geschwinden, lebhaften Takte allerhand Krümmungen und Wendungen machen, die
eine besondere Stärke und Leichtigkeit verraten.« Noch heute dürften uns
die sog. Pyrrhischen Tänze der Arnauten und einiger anderer neugriechischer
Stämme ein analoges Bild dieser uralten kulturhistorisch interessanten
Tanzart gewähren. Die Salier waren von Dienern begleitet, denen sie in den
Pausen die Ancilia übergaben. Dionysios erzählt, wie sogar ein römischer
Prätor diesen Dienst seinem Vater ohne Widerrede leistete und dessen Schild
trug, während sechs Lictoren ihm voranzogen.

_Quirinus_ war der Genius der gesamten römischen Bürgerschaft (Quiriten).
Vor seinem Heiligtum standen zwei Myrten, als Bundessymbole, die eine die
patrizische, die andere die plebejische genannt. Sein Fest, die Quirinalia,
wurde am 17. Februar gefeiert. Dieses Fest hieß auch _das Fest der Dummen_.
Die Ursache dieses Namens gibt Ovid (+Fasten II. 475+) folgendermaßen an:
»Vernimm auch, warum derselbe Tag das Fest der Dummen heißt. Die Ursach ist
zwar gering, aber passend doch. Das Land unserer Vorfahren hatte keine
geschickten Bebauer: wilde Kriege ermüdeten die thätigen Männer. Größern
Ruhm erntete man durch Schwerdt, als durch die gekrümmte Pflugschaar; wenig
trug der Acker, von dem Besitzer nicht geachtet. Doch Dinkel säten die
Alten, und ernteten Dinkel: abgemäht brachte man Dinkel, als Erstlinge der
Ceres dar. Durch Erfahrung belehrt legten sie ihn zum Dörren ans Feuer:
litten aber durch eigne Fehler vielen Schaden. Denn statt des Dinkels
kehrten sie bald schwarze Asche zusammen, bald brannten sie wohl gar mit
Feuer ihre Hütten nieder. Daher schuf man sich die Göttin Fornax. Fröhlich
aber beten zu ihr die Landbewohner, ihre Früchte nach Ordnung zu bereiten.
Jetzt kündigt die Fornacalien mit feyerlichen Worten der Curie Maximus an:
denn einen bestimmten festlichen Tag macht er nicht. Auf dem Forum wird
jede Curie auf den vielen herumhängenden Täfelchen mit bestimmten Zeichen
angedeutet. Aber der unwissende Teil des Volkes kennt seine Curie nicht und
hält daher das zu feiernde Fest am Ende des Tages.«

Zur Seite Jupiters steht _Juno_, als Lichtgöttin auch Lucina genannt, die
Himmelsgöttin, der Genius des Weibes. Das Hauptfest derselben, die
Matronalien, wurde am 1. März, welcher Tag deshalb die Kalenden der Frauen
hieß, von den _Frauen_ gefeiert, der Sage nach zum Andenken an die Stiftung
der Ehe durch Romulus und an das Verdienst der Frauen bei Vermittelung der
Feindseligkeiten ihrer Sabinischen Väter und Brüder nach dem bekannten
Raube. Sein Hauptgegenstand war Feier der Geschlechtsliebe und Gebet um
ehelichen Segen. »Ja jetzt weicht endlich der Winter«, singt Ovid (+Fasten
III. 167ff.+), »und von lauer Sonne erwärmt thauet der Schnee. Laub vom
Froste gestreift bekleidet frisch die Bäume, und die lebende Knospe blüht
aus dem zarten Rebenschoß hervor. Jetzt auch sucht sich das dichtsprossende
Kraut, das lange die Erde barg, eine himmlische Bahn, um sich zur Luft zu
erheben. _Fruchttragend_ ist jetzt die Flur; jetzt ist die _Zeit zur
Erzeugung_: jetzt werden auf grünem Gesproß die Nester und Häuschen von
Vögeln gebaut. Mit Recht feiern Latiums Mütter diese Zeit, ihre Niederkunft
fordert Kampf und Gelübde. -- Günstig ist meine Mutter den Verlobten; drum
ehret mich die Schaar der Mütter. Bringt der Göttin Blumen! An blühenden
Kräutern ergötzt sich die Göttin: umkränzt euer Haar mit jungen Blumen!
Flehet zu ihr: Du hast uns, Lucina, das Tageslicht gegeben. Sei auch dem
Gelübde der Gebärenden hold! Doch welche Mutter schwanger ist, die bete mit
aufgelöstem Haare: die Göttin möge sanft ihre Geburt erleichtern!«

Ein anderes Fest zu ihren Ehren wurde an den Nonen des Juli bei dem sog.
Ziegenbaume gefeiert. Es war dies der alte Feigenbaum auf dem Comitium,
+ficus Ruminalis+, unter dem vor Alters die Zwillinge Romulus und Remus
von einer Wölfin gesäugt sein sollten. Die Feige (+fica+) hat übrigens noch
jetzt in Italien eine Nebenbedeutung allerintimster Natur; der italienische
Dichter Molza hat sie in einem aus wohlgefügten Terzinen bestehenden
Lehrgedicht, der sog. Ficheis, besungen und noch dazu einen sehr deutlichen
Kommentar verfaßt, in dem ebenfalls an den +ficus Ruminalis+ als +principio
della Città di Roma+ erinnert wird. Die Feige bedeutet die weibliche
»Natur«. Neben diesem Feigenbaum stand ein Ziegenbock, als Sinnbild der
männlichen Zeugungskraft. »Verehelichte, was wartest Du?« singt bei
Gelegenheit dieses Festtages Ovid in den Fasten, »Du wirst nicht durch
kräftige Kräuter, nicht durch Gebete, nicht durch Zaubergesänge Mutter
werden. Es war eine Zeit, wo nach hartem Verhängnis die Mütter nur selten
Pfänder der Geburt erzeugten. Was nützt mir's, rief Romulus, neun
sabinische Mädchen geraubt zu haben. Da sprach die Göttin (Juno) in ihrem
Haine wundersame Worte. In italische Mütter, rief sie, dringe ein haariger
Bock ein! Es staunte der Haufe erschreckt über die zweideutigen Worte. Ein
Seher war da; sein Name ist vergessen, er war eben als Fremdling aus
etruskischem Lande gekommen. Dieser schlachtet einen Bock; auf seine
Belehrung reichten die Frauen ihren Rücken zum Schlag mit den
ausgeschnittenen Riemen dar. Der Mond nahm bei dem zehnten Umlauf neue
Hörner wieder, und es waren Gatten auf einmal Väter und Verehelichte
Mütter.«

Zu diesem Feigenbaum also wallfahrteten die römischen Matronen, unter
ausgelassenen Scherzen, (ich erinnere an die griechischen Thesmophorien
S. 531), allerlei männliche, glückbringende Namen rufend, wie Lucius, Gajus
u. s. w. Beim Feigenbaum angelangt verrichtete man ein Opfer, wobei Saft
des Feigenbaums anstatt der Milch gebraucht wurde, und schmauste, von
seinen Ästen beschattet und mit seinen Zweigen geschmückt.

Weil der Ziegenbock Symbol männlicher Zeugungskraft war, so galt die
Berührung alles dessen, was von ihm kam, als ein Mittel, die Fruchtbarkeit
zu fördern und den Einflüssen dieselbe hindernder Dämonen entgegenzuwirken.

Ein ähnliches Fest, das zugleich die römische Religion als eine
ursprüngliche _Hirten_religion kennzeichnet, waren die Lupercalien.

In der Nähe jenes sog. Ziegenfeigenbaums war nämlich auch dem Gotte
Lupercus ein Altar errichtet, der im Bildnisse nackt und mit einem
Ziegenfell um die Schultern dargestellt war. Dieser Gott war, wie richtig
Hartung vermutet, ebenso wie der Seher und Augur Picus nur eine gleichsam
zur besonderen Person verdichtete losgetrennte Eigenschaft des Mars.

Seine Gattin Luperca war die Wölfin, die dem Romulus und Remus sich als
Amme bot. Im Jahre 446 wurde zum Andenken an jene mythische Begebenheit ein
Erzbild derselben mit den saugenden Zwillingen bei dem Feigenbaum
aufgestellt. Dieses Erzbild ist bis auf den heutigen Tag erhalten, die
berühmte Wölfin des Kapitols.

Offenbar handelt es sich bei Lupercus und Luperca, also Wortbildungen von
+lupus+ und +lupar+, ebenfalls nur um Symbolisierungen des männlichen und
weiblichen Begattungstriebes; +lupa+ bedeutet sowohl Wölfin als Buhlerin;
daher auch die Ableitung +lupanar+, worüber jedes Lexikon Auskunft erteilt.
Lupercus führte auch den Zunamen Innuus (von +inire+ = Bespringen).

Am 15. Februar fanden sich nun beim Feigenbaum zwei Priesterkollegien ein,
die sog. Fabii und Quinctilii, Jünglinge aus patrizischen Geschlechtern,
verrichteten ein Opfer von Ziegen und jungen Hunden, Tieren die sich durch
starken Begattungstrieb auszeichnen, zerschnitten die Ziegenfelle in Lappen
und Riemen, gebrauchten erstere zur oberflächlichen Umhüllung ihres sonst
nackten Körpers und nahmen letztere als Geißeln zur Hand, mit denen sie
dann die Stadt durchliefen und alle Frauenzimmer, die ihnen begegneten,
schlugen. Besonders solche, die an Unfruchtbarkeit litten, stellten sich
ihnen gerne in den Weg. Vgl. Shakespeare's +Julius Cäsar I. 2+. Cäsar:

    »Vergeßt, Antonius, nicht in Eurer Eil',
    Kalpurnia zu berühren; denn es ist
    Ein alter Glaube, unfruchtbare Weiber,
    Berührt bei diesem heil'gen Wettlauf
    Entladen sich des Fluchs.«

Von dieser symbolischen Handlung, die man +inire+ oder auch +februare+
nannte, erhielt nicht nur der Monat Februar, in dem sie stattfand, seinen
Namen, sondern auch Juno, der die Ehe heilig war, wurde _Februata_
genannt, und wiederum nannte man das Ziegenfell, weil die Bildnisse der
Göttin gleichfalls mit demselben bekleidet waren, _Rock der Juno_.

Außerdem führte Juno, als Ehegattin, den Beinamen Juga, auch Unxia;
letztere Bezeichnung hing mit einer Ceremonie zusammen, von der das Wort
+uxor+ = Ehefrau abgeleitet ist.

Wenn nämlich die Jungfrau bei der Hochzeit die Schwelle des Hauses ihres
Gatten überschritt, mußte sie zuvor die Pfosten mit Wolle umwinden und mit
Öl oder Fett salben (+ungere+). Ein weiterer Zuname war Cinxia, weil der
Leib der neuvermählten Jungfrau mit einem wollenen Gürtel gebunden war,
dessen Knoten der Bräutigam zu lösen hatte.

Der Juno untergeordnete Hilfsgenien waren _Subigus_ (+id est deus qui
adest, ut nova nupta a viro subigatur+), _Prema_ (+id est dea, quae facit,
ut ne virgo se commoveat, quando a sponso premitur+), _Pertunda_ (+id est
dea, quae in primo concubitu naturam feminae pertundere dicitur+), und
endlich _Perfica_ (welches Wort entweder mit +fica+, siehe oben S. 634,
oder mit +perficere+ = vollenden zusammenhängt).

Man sieht also, wie die Römer den Akt der Begattung bis aufs einzelste
analysierten und besondere Genien darfür aufstellten.

Nach der Konzeption war es wieder Juno _Fluonia_, die den +menses+ Einhalt
that, bis endlich Juno Lucina die Geburt ans Tageslicht förderte.

Übrigens war es nicht bloß die Fruchtbarkeit, sondern auch die _Heiligkeit_
der Ehe, die dieser Göttin am Herzen lag. Unkeuschheit und alle ungeordnete
Befriedigung des Geschlechtstriebes war ihr ein Gräuel. Ein Gesetz des Numa
lautet also:

»Eine Buhlerin soll den Altar der Juno nicht anrühren: thut sie es, so soll
sie der Juno mit herabhängenden Haaren ein weibliches Lamm schlachten.«

Ungeachtet all der unverhüllten Natürlichkeit, die aus den mitgeteilten
Kultushandlungen hervorleuchtet, galt bekanntlich den alten Römern die Ehe
in demselben Maße als heilig, in dem sie den späteren Römern der Kaiserzeit
profan und frivol war; die gestörte Eintracht zwischen den Ehegatten stellt
Juno Conciliatrix oder Viriplaca wieder her, die einen Tempel auf dem
Palatin besaß; und da sie die Ehen beständig erhielt, verdiente sie auch
den Beinamen Manturna; es ist bekannt, daß in Rom fünfhundert und zwanzig
Jahre lang keine Ehescheidung vorfiel.

                  *       *       *       *       *

Eine spezifisch römische Gottheit war sodann der zweiköpfige _Janus_. Ihn
charakterisieren wir wohl am besten, mit den Worten Ovids (+Fasten I.
90ff.+): »Doch für welchen Gott soll ich Dich ausgeben, zweigestalteter
Janus? Denn kein dir ähnliches Wesen besitzt Griechenland. Sage zugleich
die Ursache, warum du allein von den Himmlischen das was dir von hinten
ist, erblickst, und das, was vorn ist. Ich nahm die Tafeln, und als ich es
bei mir im Sinne überdachte, schien mir heller als vorher meine Wohnung zu
sein. Darauf erschien plötzlich der heilige Janus, wundersam zu schauen,
mit doppeltem Bilde, darstellend meinen Augen sein zwiefaches Antlitz. Ich
staunte, fühlte vor Angst erstarrt meine Haare, und eiskalt mein Herz vom
überraschenden Schauer. Er, ein Scepter in der Rechten, und in der Linken
einen Schlüssel, sprach aus dem vorderen Antlitz zu mir diese Worte:
Entferne deine Furcht, o Sänger, der du bemüht um die Tage bist, höre, was
du bittest, und fasse meine Worte in deine Seele. Mich nannten die Alten
(denn ein uraltes Wesen bin ich) Chaos. Siehe, welche längst vergangene
Begebenheiten ich verkündige! Diese durchsichtbare Luft und die noch dann
übrigen Körper, Feuer, Wasser und Erde, waren einst nur ein Chaos. Sobald
aber diese Masse in einem Streite ihrer Lage sich trennte, und aufgelöst in
neue Wohnörter ging, so erhob sich das Feuer in die Höhe, der benachbarte
Raum nahm die Luft ein, und im mittlern Raume lagerten sich das Meer und
die Erde. Damals nahm ich wieder, der ich eine Kugel gewesen war und eine
bildlose Masse, Gestalt an, und göttliche Glieder. Auch noch jetzt ist ein
kleines Merkmal der einst verwirrten Gestalt übrig; denn es wird an mir
dieselbe Gestalt vorwärts und rückwärts gesehen. Vernimm nun die andere
Ursache der angenommenen Gestalt, damit du diese und meine Geschäfte
kennest. Alles, was du nur siehst, Himmel, Meer, Wolken und Erde, ist alles
von meiner Hand verschlossen oder steht offen durch sie: bei mir allein ist
die Bewachung der weiten Welt, und mein ist das Recht, die Angeln zu
drehen. Wenn es gefällt, aus ruhiger Wohnung den Frieden zu schicken, so
wandelt er frei und ununterbrochen auf der ganzen Erde; aber von
mordbringendem Blute wird der weite Erdkreis erfüllt werden, wenn nicht
starrende Schlösser die erregten Kriege verwahren. Ich bewache die Thore
des Himmels mit den gütigen Horen, und selbst Jupiter geht und kehrt zurück
durch meinen Dienst. Darum werde ich Janus genannt; und bringt mir der
Priester auf den Altar cerealische Kuchen und mit Salz vermischten Dinkel:
so wirst du meine Namen belachen, denn bald heiße ich dann im Munde des
Priesters Patulcius und bald Clusius. Denn wisse, es wollte jenes rohe
Altertum durch den abwechselnden Namen meine verschiedenen Ämter andeuten.
Erzählt hab ich dir meine Gewalt: so vernimm nun den Grund meiner Bildung.
Doch auch du erkennst ihn schon zum Teil. Jede Thür hat von innen und außen
doppelte Seiten, deren eine nach dem Volke, die andere aber nach dem
Hausgotte blickt. Und so wie bei euch der Wächter der Thür, sitzend an der
Schwelle des Eingangs des Hauses, allein Aus- und Eingang bemerkt: so
erblicke auch ich, der Pförtner des himmlischen Hofes, die Gegenden von
Osten und Westen zugleich. Hekates Antlitz siehst du nach dreien Seiten zu
wenden, um die in drei Wege zerschnittenen Straßen zu schützen; drum kann
auch ich, um durch des Nackens Beugung nicht Zeit zu verlieren, ohne des
Körpers Bewegung nach zwei Seiten blicken. So sprach er, und zeigte durch
Miene, daß er, wenn ich wünschte noch mehr zu erforschen, sehr bereitwillig
gegen mich sein würde. Mut faßte ich, und dankte unerschrocken dem Gotte,
und sprach wenige Worte zur Erde hinschauend: Sage mir, wohlauf, warum das
neue Jahr mit Kälte beginnt, das wohl besser mit dem Frühling begänne; dann
blüht alles, dann ist das Alter der Zeit verjüngt; und aus
fruchtschwangerem Rebenschoß bläht sich der junge Keim: der Baum wird von
neu gesproßten Reben bekleidet, und ragend erhebt sich über den Boden der
Halm der Saat: Vögel bezaubern dann auch die laue Luft mit Konzerten, und
auf den Wiesen spielt und ist fröhlich das Vieh. Dann ist lieblich die
Sonne und es naht sich die fremde Schwalbe, und erbaut unter erhabenem
Gebälk ihr Häuschen aus Koth. Dann läßt der Acker Bestellung zu, und wird
durch den Pflugschar verjüngt. Dieses müßte mit Recht des Jahres
Verjüngung heißen. Wortreich hatt' ich gefragt: er aber, ohne mich lange zu
verweilen, schränkte seine Rede auf diese zwei Verse ein:

    Neu erhebt sich die Sonne und endet sich alt im Winter;
    Gleich ist der Anfang, den nimmt Phöbus zugleich mit dem Jahr. --

Aber warum bist du im Frieden verborgen, und warum eröffnest du deinen
Tempel bei erregten Kriegen? Er weilte nicht; vom Gefragten gab er mir den
Grund an. -- Damit dem Volke, wenn es zum Krieg geeilt ist, die Rückkehr
offen stehe, steht auch meine Thür offen und das Schloß ist hinweg. Im
Frieden verschließ' ich die Thore, damit nirgends der Ausgang vergönnt sei;
und lange werde ich unter Cäsars göttlichem Schutze verschlossen bleiben.
Sprachs, und erhebend die Augen, die hier und dort hinblickten, sah er
alles, was auf dem weiten Erdkreise lebte. Friede wars, und schon hatte der
Rhein, die Ursache deines Triumphs, Germanikus! dir seinen Strom zur
Knechtschaft übergeben. O Janus, mache ewig den Frieden, und ewig dauernd
die Friedensstifter; und gewähre, daß der Dichter sein Werk nicht
unvollendet lasse!«

                  *       *       *       *       *

Unmittelbar an Janus reiht sich der Gott _Saturn_.

Nach der euhemeristischen Auffassung waren bekanntlich sämmtliche Götter in
früheren Zeiten als Könige oder Herren auf Erden inkarniert gewesen. So war
auch Janus ein italischer König; während seiner Regierung kam Saturn nach
Italien, wurde von ihm gastlich aufgenommen und siedelte sich gegenüber dem
Kapitolinischen Berge auf dem Janiculum an, der damals der Saturnische Berg
hieß. (Hier war der Tempel des Saturn.) Saturn war es, der die Bewohner
Italiens den _Ackerbau lehrte_, sie von der wilden Lebensweise entwöhnte
und zur Ordnung und friedlichen Beschäftigung anleitete. Er vertritt also
bei den Lateinern die Stelle, welche bei den Griechen eine weibliche
Gottheit, Demeter, behauptet. Das Regiment des Saturn war das _goldene
Zeitalter_. Zur Erinnerung daran feierten die Römer im Dezember, wo man die
Feldarbeiten des verflossenen Jahres sämtlich beendet und die des neuen
noch nicht begonnen hatte, das heiterste aller Feste, die Saturnalien, an
dem das goldene Zeitalter so zu sagen wenigstens für einen Tag wieder
aufleben sollte. An diesem Feste sollte wieder Freiheit und Gleichheit
herrschen, wie in jenen Tagen. Darum ließ man während seiner Feier die
Sklaven in Herrenkleidern und Hüten gehen, die das Zeichen der Freiheit
waren, forderte keine Dienstleistungen von ihnen, bediente sie vielmehr
selbst bei Tische. Unter Saturns Regierung hatte es noch kein Eigentum
gegeben, alles war gemeinsam. Daher stellte man an den Saturnalien
Schmausereien an, zu denen jedermann willkommen war, und beschenkte sich
reichlich. Vor allem wurden die Kinder nicht vergessen, denen Puppen und
Bilderchen geschenkt wurden.

Überall ertönte der jedes böse Omen verscheuchende Ruf: +Io Saturnalia! io
bona Saturnalia!+ Es herrschte eine Art Narrenfreiheit, wie heutzutage im
Karneval.

Da das Fest um die Zeit der Wintersonnenwende fiel, ist die Beziehung
Saturns auf das Sonnenjahr klar, und Saturn wurde daher später von den
meisten mit dem griechischen Chronos, dem Gott der Zeit identifiziert. Der
alte Saturn ist aber wesentlich nur ein Gott des Ackerbaus.

Als solcher eröffnet er einen ganzen Zug, den Feldbau, Weinbau und die
Viehzucht beschützender Götter und Göttinnen.

Seine Gattin zunächst heißt _Ops_, gleichbedeutend mit Fülle, Reichtum und
Wohlstand.

Zu diesen gesellten sich Vertumnus und Pomona, als Obstgöttinnen.

Endlich wurden frühzeitig aus Griechenland eingeführt _Ceres_, _Liber_ und
_Libera_.

Daß _Ceres_ sehr früh rezipiert worden, bezeugt Cicero (+p. Balb. 24+):
»Den Dienst der Ceres«, sagt er, »haben unsere Altvordern mit großer
Reinheit und Heiligkeit besorgt wissen wollen. Da er aus Griechenland
entlehnt war, so wurde er auch immer durch griechische Priesterinnen
ausgeübt, und alles mit griechischen Namen benannt. Wenn aber die Person,
welche den Ritus angab und verrichtete, immerhin aus Griechenland berufen
wurde, so wollten sie dennoch, daß dieselbe die Opfer, die zum Heile der
Bürger gebracht wurden, auch als Bürgerin verrichte, um die unsterblichen
Götter zwar mit fremder Kenntnis aber doch mit eigener und einheimischer
Frömmigkeit zu verehren. Ich finde, daß diese Priesterinnen gewöhnlich aus
Neapel oder Velia verschrieben wurden, welche Staaten ohne Zweifel damals
mit Rom im Bündnis standen.«

Doch scheint das lateinische Wort Ceres, das an Stelle des griechischen
Demeter trat, -- sein etymologischer Zusammenhang ist freilich unklar --,
anzudeuten, daß die fremde Göttin mit einer schon bekannten einheimischen
verschmolzen worden ist.

_Liber_ und _Libera_ sind Bacchus und Ariadne.

Das Wort Liber »frei« scheint anzudeuten, daß die Sendung des Bacchus im
Sinne einer freieren Lebensführung aufgefaßt wurde. An seinem Feste, den
Liberalien wechselten die geschlechtsreif gewordenen jungen Römer ihr
kindliches Kleid mit der männlichen Toga. Auffällig ist auch, daß +liberi+
die Kinder und +liberi+ die Freien ein lateinisches Wort sind, wie
+Hartung, Religion der Römer S. 138+, bemerkt, »hat um der guten
Vorbedeutung willen das Volk, dem die Freiheit für das höchste Gut des
Lebens galt, die Kinder mit diesem Namen bezeichnet.« Varro freilich deutet
das Wort auf den zügellosen Liebesgenuß und die Ausgelassenheit, die bei
der Verehrung dieser Gottheiten üblich war, in sehr drastischer
Ausdrucksform (»Liber«, +qui marem effuso semine liberat+, Augustin
VII. 2). Allerdings nahm sein Kultus in Italien, zumal in Süditalien, eine
mindestens so zügellose Wendung, wie der Bacchus- und Dionysos-Kult in
Griechenland.

»Auch die Ausomischen Landleute«, sagt +Vergil, Georg. II. 380ff.+, »feiern
nicht minder als die attischen das Fest mit Knittelversen und ausgelassenen
Scherzen, machen sich Fratzengesichter von ausgehöhlter Rinde, rufen dich
Bacchus an in fröhlichen Liedern, und hängen dir zu Ehren
Schaukelbilderchen auf hohen Fichten auf. Davon gedeihen alle Weinberge zu
reichem Ertrage, füllen sich Thäler und Gründe und Hügel, zu denen der Gott
sein herrliches Antlitz gewendet hat. Darum wollen wir mit Gebühr des
Bacchus Lob feiern mit herkömmlichen Liedern, und ihm gefüllte Schüsseln
und Kuchen darbringen, und beim Horne geführt stehe der Bock vor dem Altar,
und sein fettes Eingeweide brate am Spieß.« Hierzu muß eine Schilderung
gefügt werden, welche Augustin (+VII. 21+) von demselben Feste entwirft:
»Welchen Grad von Schändlichkeit die Verehrung des Liber erstiegen hat, ist
schwer zu sagen. Unter Anderem, was zu erzählen zu umständlich wäre, meldet
Varro, daß auf den Straßen Italiens gewisse Ceremonien mit so großer
Schändlichkeit begangen wurden, daß man zu Ehren des Liber männliche
Schamteile verehrte, und die Liederlichkeit nicht wenigstens in der doch
noch etwas verschämteren Heimlichkeit, sondern auf offener Straße ihr Wesen
trieb. Denn dieses scheußliche Glied wurde in den Festtagen des Liber mit
großer Wichtigkeit auf ein Gestell gepflanzt und erst auf dem Lande die
Wege und Straßen entlang und hernach bis in die Stadt herumgeschleppt. In
dem Städtchen Lavinium aber wurde dem Liber allein ein ganzer Monat
gewidmet, wo alle Tage die unzüchtigsten Reden zu hören waren, bis das
Glied über den Marktplatz getragen und wieder an Ort und Stelle gebracht
war: und diesem unehrbaren Gliede mußte die ehrbarste Matrone vor den Augen
aller Welt einen Kranz aufsetzen. Freilich, so mußte der Gott Liber zum
Gedeihen der Aussaaten günstig gemacht, so der Einfluß böser Dämonen von
den Feldern getrieben werden, daß die Matrone auf offener Straße zu thun
gezwungen wurde, was der Lustdirne im Theater nicht zu gestatten war, wenn
Matronen zusähen!«

                  *       *       *       *       *

Noch gegen Ausgang des Mittelalters herrschte bei der Weinlese in
Unteritalien ein an diese alten Bacchusfeiern stark erinnernder Ton; so
schreibt z. B. in seiner Geschichte Nolas (+Historia Nolana lib. III.
c. 14+) Ambrogio Leone: »Die Winzer scheinen an dem Tage, wo sie die
Traubenlese besorgen und überhaupt während der ganzen Weinernte voller
Bacchustaumel und geradezu toll zu sein. Dreierlei Dinge üben sie gegen
alles gewöhnliche Maß aus, Essen, Weinlese und übermütigen Lärm. Ja, auf
dem Felde selbst, wo sie Traube schneiden, rufen sie unaufhörlich schamlose
Worte und sprechen von unzüchtigen Dingen, als wenn ihre Gier nur auf
unsittlichste Wollust gerichtet wäre. Es ist Landessitte, diese
Ungebundenheit zu dulden. Wenn aber einer darüber mit ihnen schelten
sollte, so lachen sie ihn aus und strecken wohl gar die Zunge vor ihm aus;
keine Scham; alle Ehrbarkeit scheint ausgetilgt zu sein, die größte
Zügellosigkeit in Reden und allgemeine Ausgelassenheit wird zur Schau
getragen. Kurz, sie treten nicht mehr wie Menschen, sondern wie Satyre und
Bacchuspriester auf.«

Man nannte die unzüchtigen Lieder und Verse, die bei diesen Festen
improvisiert wurden, _fescenninisch_; vermutlich hängt das Wort zusammen
mit +fascinum+ = Phallus (italienisch +fescina+, zugleich ein phallusartig
geformter Korb zum Traubenpflücken[628]). Jedenfalls ist diese Ableitung
natürlicher, als die bisher bei den Philologen beliebte von der in
Unteritalien belegenen Stadt Fescennium (Georges' Lexikon).

Die geistreichsten Verse der Art hat wohl ein Zeitgenosse Bruno's, der
neapolitanische Dichter _Tansillo_ in seinem aus formvollendeten Ottave
Rime bestehenden »Winzer« (+vendemmiatore+) gedichtet; er entschuldigt
ihren allerdings bedenklich obscönen Inhalt in der Vorrede, wie folgt: »In
jedem anderen Lande, als dem meinen, wohin diese Reime gebracht würden,
würden sie ihre Anmut verlieren, wenn sie solche überhaupt besitzen; und
dies zumal, wenn sie Leuten in die Hände fielen, die den _Brauch meiner
Heimat_ nicht kennen. Dieser Brauch gestattet nämlich zur Zeit der Weinlese
dem niedrigsten Arbeiter, dem vornehmsten Herrn und der vornehmsten Dame
die gröbsten Anstößigkeiten zu sagen, zumal wenn er (der Winzer) auf der
Leiter an einem Baum[629] steht und die Trauben pflückt und die nun
zufällig Vorüberkommenden anredet, und in dieser Situation ist mein Winzer
zu denken, der die Trauben schneidet und den unten stehenden Frauen
zuwirft.«

                  *       *       *       *       *

Mit der griechischen Afrodite hat eine Ähnlichkeit die römische Göttin der
_Blüten_ und Blumen, _Flora_.

Die spätere euhemeristische Mythologie erzählte, Flora sei ein besonders
schönes Freudenmädchen gewesen, das sich durch Preisgebung seiner Reize ein
sehr großes Vermögen erworben und dieses dann als Erbschaft dem römischen
Volke hinterlassen habe. Übrigens gehörte ihr Dienst zu den ältesten in
Rom, und wenn jene Erzählung von dem patriotischen Testament eines
Freudenmädchens auch historisch begründet sein mag, so kann sie doch nicht
zur Erklärung des Floralienfestes dienen, das gegen Ende April (vom 28.
April bis 1. Mai) gefeiert wurde. Allerdings spielten an diesem Feste, das
ebenfalls mit besonderer »Freiheit des Scherzes«, wie Ovid sagt, begangen
wurde, die Freudenmädchen eine hervorragende Rolle in Rom; sie ergötzten
das Volk mit obscönen Tänzen, pflegten sich vor aller Augen ganz zu
entkleiden und jungen Hasen und Rehen nachzujagen oder Ringkämpfe
aufzuführen. »Warum aber der Stand der öffentlichen Buhlerinnen die Spiele
der Flora besonders ehrt«, sagt Ovid, »davon ist der Grund leicht zu
erkennen. Sie ist nicht Göttin vom ernsten und vielversprechenden Haufen,
sie wünscht, ihr Fest stehe dem plebejischen Chore frei. Auch fordert sie
auf, die Blüte des Alters, so lange sie dauert, zu genießen: die Dornen
verachtet man, wenn sie abgefallen sind.« -- Auch die anderen Frauen und
Mädchen trugen an diesem Feste gegen sonstige Sitte auffallend bunte
Kleider und nahmen einen freieren Scherz nicht übel. »Ganz wird die Schläfe
mit festgenähten Kränzen umwunden«, singt Ovid, »und der kostbare Tisch
wird von darauf gestreuten Rosen verdeckt. Berauscht tanzt der Gast, das
Haar umflochten mit Lindenbast und übt die Kunst des Weintrinkens in
maßlosem Grade. Trunken tanzt er an des schönen Liebchen harter Schwelle.
Um sein gesalbtes Haupthaar hängen weiche Kränze. Bacchus liebt Blumen; daß
Kränze dem Bacchus gefielen, kannst Du aus dem Gestirne der Ariadne
entnehmen.« -- Bis tief in die Nacht hinein wurden die Spiele fortgesetzt,
bei Fackelschein, »entweder weil von purpurnen Blumen die Fluren leuchten«,
sagt Flora bei Ovid, »scheint sich der Fackelschein für meine festlichen
Tage zu schicken, oder weil weder die Blüte noch die Flamme von matter
Farbe ist, und beider Glanz die Augen auf sich zieht, oder _weil nächtliche
Freiheit meinen Vergnügungen gemäßer ist. Die dritte Ursache ist näher der
Wahrheit._«

Andrerseits ist aber auch wieder die römische _Venus_ keineswegs kongruent
mit der reizendsten aller antiken Göttergestalten, der griechischen
Afrodite. Erst spätere Dichter, wie besonders Lucretius, dessen
Widmungsverse an die Venus berühmt sind, und Ovid haben überhaupt die Venus
der Römer zu der Bedeutung erhoben, welche sie jetzt noch in unserem
mythologischen Vorstellungskreise beansprucht. Vielleicht nicht ohne
Einfluß darauf war die Tradition der Julier, die ja bekanntlich ihren
Stammbaum auf Aeneas, den Sohn der Afrodite-Venus und des Anchises
zurückführten. -- Aber während Venus Afrodite eine von hellenischer
Ästhetik zur Göttin der Schönheit verklärte Naturgottheit war,
symbolisierte oder personifizierte die Venus der alten Römer, wiewohl auch
sie schon den Begriff des Reizes und der Anmut (+venustas+) mit einschloß,
doch in erster Linie nur den Sinnengenuß und stand insofern nicht viel
höher als _Volupia_, die eigentliche Göttin der Wollust. In den Kapellen
der letzteren pflegte man merkwürdigerweise Bildsäulen eines geradezu
entgegengesetzten Wesens mit aufzustellen, nämlich der _Angeronia_ oder
Angstgöttin, deren Mund verschlossen und versiegelt war; vielleicht glaubte
man sich diesen gefürchteten Dämon dadurch gerade geneigt zu machen und
fernzuhalten, daß man ihn im Tempel der Wonne aufstellte.

Das Fest der Venus ward am 1. April begangen, welcher Monat ihr besonders
geweiht war und nach Ovids Meinung auch nach ihr benannt ist (+Aprilis+,
+Aphrilis+, %aphrilis%, +Aphrodite+).

An diesem Tage pflegten die Frauen das Marmorbild der Göttin zu entkleiden
und in Myrtenwasser zu baden und dann mit Rosen und goldenen Ketten zu
schmücken. Die Myrte ist bekanntlich der Strauch der Venus, weshalb
heutzutage noch der Myrtenkranz das Haupt der Bräute schmückt. Auch führt
Venus von der Myrte den Namen Murtea. Auch pflegten sich die »Mütter und
Schwiegertöchter Latiums, und die, von denen Binden und lange Gewande fern
sind« (die Buhlerinnen) unter grünender Myrte zu baden. »Denn«, erzählt
Ovid, »am Ufer trocknete einst Venus nackt die triefenden Haare; der Satyrn
schalkhafter Haufen bemerkt die Göttin. Sie sah es und verhüllte ihren
Körper mit vorgepflanzten Myrten. Gesichert war sie durch das, was sie that
und gebietet nun Euch, es nachzuahmen.«

Andere Beinamen der Venus waren _Placida_, _Genitrix_, _Verticordia_
(Herzenswenderin), _Calva_ und _Cloacina_. Die beiden letzteren Namen haben
zu manchen Deutungen Anlaß gegeben; wahrscheinlich bedeutet +calva+ nicht
die »kahle«, »geschorene«, sondern kommt von +calvere+ = foppen, und
bezieht sich auf die Launen der Verliebten. Cloacina aber kommt nicht, wie
boshafter Weise einige Kirchenväter meinen, direkt von Cloake, sondern
hängt mit +cloare+ = reinigen, zusammen.

»Wenn nämlich der strenggesetzliche Römer eine Göttin des fleischlichen
Liebesgenusses verehrte«, meint Hartung +a. a. O. 250+, »so läßt sich
denken, daß er dabei keine ungeregelte Wollust beabsichtigte und die
Lustgöttin nicht um der Lust selbst, sondern um der dabei zu wünschenden
Reinheit willen anrief. Diese Reinhaltung nun wurde dem Charakter der alten
Römer gemäß zumeist äußerlich und körperlich geübt, so daß Abspülung und
Abwaschung, vielleicht auch, wie Plinius andeutet, Beräucherung mit
Myrtenreis, nach jedesmaligem Genusse die Hauptsache war: und zu diesem
Zwecke wurde die Venus Cloacina verehrt.« -- Ein Fragezeichen scheint mir
hinter diese Gelehrten-Hypothese nicht unangebracht.

                  *       *       *       *       *

Unter den weiblichen Gottheiten ist noch zu erwähnen _Minerva_, die ganz
der griechischen Pallas entspricht, der jungfräuliche Typus der
überlegenden, erfindenden Geisteskraft; sodann vor allem _Vesta_, die
griechische Hestia, die Göttin des Herdfeuers. In ihrem auf dem Forum
befindlichen runden Tempel, -- nach Plutarch rund, weil er das Weltall
vorstellt, in dessen Mitte die Pythagoräer das Feuer setzen, wurde das
unauslöschliche Feuer von den sechs vestalischen Jungfrauen gehütet. Die
Jungfräulichkeit der Vestalinnen soll nach Plutarch, der bemerkt, daß der
Dienst der Hestia in Griechenland vielmehr Witwen anvertraut wurde, deshalb
gefordert sein, weil man das reine und unvergängliche Wesen des Feuers nur
reinen und unbefleckten Körpern anvertrauen wollte oder zwischen der
Jungfrauschaft und der Unfruchtbarkeit dieses Elements einige Ähnlichkeit
zu finden glaubte. Die Vestalinnen, welche aus den vornehmsten Mädchen im
jugendlichen Alter von sechs bis zehn Jahren ausgeloost wurden, wurden für
die ihnen zur strengsten Pflicht gemachte Keuschheit durch zahllose
Vorrechte entschädigt. Plutarch zählt als solche auf, daß sie noch bei
Lebzeiten des Vaters ein Testament machen durften, und -- eine in Ansehung
des Keuschheitsgelübdes sonderbare Fiktion --, +jus trium liberorum+
besaßen, d. h. alle erbrechtlichen Vorteile, sowie die Freiheit von
Vormundschaft, die für andere weibliche Personen mit dem Besitz dreier
Kinder verbunden waren. Wenn sie öffentlich erschienen, ging ein Liktor vor
ihnen her. Begegnete eine Vestalin zufällig einem zum Tode geführten
Verbrecher, so wurde diesem das Leben geschenkt. Doch mußte die Vestalin
schwören, daß die Begegnung nicht absichtlich veranlaßt war. Der Bruch des
Keuschheitsgelübdes bei den Vestalinnen wurde streng geahndet, der
Verführer zu Tode gegeißelt, die Priesterin lebendig begraben.

Gleichzeitig mit dem Dienste der Vesta soll derjenige des eigentlichen
Feuergotts _Vulcan_ von Romulus und Tatius gegründet sein. Über den Kultus
dieses Gottes, der keine große Rolle spielte, ist nur zu bemerken, daß ihm
seltsamer Weise mit Vorliebe _Fische_ geopfert wurden, um durch die
Bewohner des feuchten Elements die Gewalt des Feuergeistes gleichsam auf
magische Weise zu besänftigen.

Die ursprüngliche Hirtenreligion kennzeichnet endlich die Verehrung des
_Faunus_, dessen Wesen Dionysius, röm. Gesch. V, 16, mit den Worten
bezeichnet: »Die Römer schreiben diesem Dämon alles Panische und alle
gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen
zu Gesichte kommen, und betrachten alle seltsamen, das Gehör erschreckenden
Rufe als sein Werk.« Der Name bezeichnete allmählich nicht mehr ein
Individuum, sondern eine ganze Gattung, die Faune oder Silvane, lüsterne
koboldartige Wesen, von denen es hieß, daß sie mit Vorliebe die Nymphen,
aber auch Frauen im Schlafe zu überfallen liebten. Wegen dieser Eigenschaft
führten sie die Beinamen _Ficarii_[630] und _Incubi_. Hartung meint, daß
Alpdrücken und ähnliche Traumerscheinungen den psychologischen Ursprung
dieser Dämonengattung gebildet haben.

Die Tochter des Faunus, _Fauna_, auch _Fatua_ oder Oma genannt, wurde als
_gute Göttin_, +bona Dea+, verehrt. Sie bildet einen seltsamen Kontrast zu
ihrem Vater durch ihre Keuschheit, die sie bis zu dem Grade wahrte, daß
nicht einmal der Name einer Mannsperson in ihrer Nähe genannt werden
durfte. Der Grund war ihr Prophetentum. Denn bekanntlich ist eine allgemein
geglaubte occultistische Voraussetzung der Sehergabe die unbedingte
sexuelle Enthaltsamkeit. Ihr Fest wurde nur von Frauen begangen, und zwar
im Hause des jedesmaligen +Praetor urbanus+. Das Haus desselben mußte dann
von allen Personen männlichen Geschlechts geräumt werden, nicht einmal
Bildnisse derselben wurden geduldet. Die Frauen mußten sich durch
mehrtägige Enthaltung zum Feste vorbereiten. Die Feier selbst, die von
Vestalinnen geleitet wurde, endete damit, daß die Frauen durch Musik und
übermäßigen Weingenuß sich berauschten, um in einen Zustand ekstatischer
Verzückung zu geraten. Das Fest hatte große Ähnlichkeit mit den
Thesmophorien oder auch mit orphischen Geheimkulten. Hiernach kann man die
Größe des Skandals ermessen, den der Demagoge und Wüstling Clodius, der
bekannte Gegner Ciceros und Freund Cäsars, dadurch bereitete, daß er, als
dieses Fest im Hause Cäsars gefeiert wurde, der gerade Prätor war,
begünstigt von der Pompeja, Cäsars Gemahlin, mit der er im ehebrecherischen
Einverständnis stand, sich als Harfenspielerin verkleidet einschlich.
Vergl. +Plutarch, Leben Cäsars, Kap. 9 u. 10+. +Ciceros Briefe an Attikus
I, 13+.

                  *       *       *       *       *

Der eigentliche Hirtengott aber war _Pales,_ den merkwürdigerweise einige
Dichter, z. B. Ovid, als weibliche Gottheit bezeichnen, sodaß spätere ihn
sogar für einen Zwittergott erklärten. Der spätere Gott der Gärten,
Priapus, ist jedoch, wie schon sein Beiname als Gott von Lampsacus bezeugt,
eine griechische Erfindung. Dagegen war der Phalluskult, der sich später
mit dieser Göttergestalt verknüpft, schon der ältesten Zeit nicht fremd.
Seine altrömische Bezeichnung war _Fascinum_ und der ihn führende Gott hieß
Fascinus, auch Mutinus oder Tutinus. Er galt als kräftigstes Mittel gegen
jede böse magische Einwirkung und sein Bild wurde aus diesem Grunde im Haus
und Hof, auf dem Herde und bei jeder Einfriedigung (+Hortus+), daher
Gartengott, aufgepflanzt.

Um der Ehe Glück und Segen zu verbürgen, mußte sich sogar die Braut vor
der Hochzeitsnacht auf den kolossalen Fascinus am Herde setzen. Daß die
sog. fescenninischen Verse ihre Bezeichnung dem Fascinus verdanken, also
nur ein anderes Wort für Priapejen sind, wurde schon erwähnt.
+Praefiscine+, die Anrufung des Fascinus, war der übliche Ausruf der Römer,
wenn sie etwas lobten oder für gut befanden, und hatte etwa die Bedeutung
der deutschen Volksredensart: »Unberufen, unbeschrieen, dreimal unter'm
Tisch geklopft!«

                  *       *       *       *       *

Wir könnten diese mythologische Gallerie noch durch eine ganze Reihe von
Göttern und Genien zweiten Ranges vervollständigen, z. B. die _Anna
Perenna_, welche Gesundheit und unversiegliche Lebensdauer symbolisiert,
und die in Mädchengesellschaften mit Rücksicht auf ein verliebtes
Abenteuer, das Mars mit ihr hatte, durch zotige Lieder gefeiert wurde,
ferner die _Acca Laurentia_, bei der es sich ebenso um die Apotheose eines
Freudenmädchens handelt, wie bei der Flora. Vgl. +Plutarch, Romulus
Kap. 5+:

»Ein Tempelaufseher des Herkules kam einst, vermutlich aus langer Weile auf
den Einfall, mit dem Gotte Würfel zu spielen und machte dabei aus, wenn er
gewönne, sollte der Gott ihm irgend etwas zu gute thun, verlöre er aber, so
wollte er ihm eine gute Mahlzeit bereiten und überdies ein schönes Mädchen
verschaffen, um bei ihr zu schlafen. Auf diese Bedingung warf er zuerst für
Herkules und dann für sich selbst, und da fand sichs, daß er verloren
hatte. Der Tempelaufseher, der es für seine Pflicht hielt, das, was
ausgemacht war, genau zu erfüllen, veranstaltete für den Gott ein
Abendessen und mietete die Laurentia, ein im besten Rufe stehendes schönes
Freudenmädchen. Diese bewirtete er im Tempel, wo er ein Bett bereitet
hatte, und nach Tische schloß er sie ein, als wenn nun der Gott zu ihr
kommen sollte. Herkules, sagt man, besuchte sie auch wirklich und befahl
ihr, des Morgens auf den Markt zu gehen und den ersten, der ihr begegnen
würde, sich durch einen Kuß zum Freunde zu machen. Es begegnete ihr ein
Bürger, namens Tarrutius, der schon ziemlich bei Jahren war, aber ein
ansehnliches Vermögen besaß und bisher ohne Frau und Kinder gelebt hatte.
Dieser Mann machte mit ihr Bekanntschaft und gewann sie so lieb, daß er
sie bei seinem Tode zur Erbin seiner bedeutenden und schönen Güter
einsetzte, wovon sie dann später den größten Teil durch ein Vermächtnis dem
Volke zuwandte. Sie soll, da sie schon in großem Rufe stand und für eine
besondere Freundin der Göttin gehalten wurde, gerade an dem Orte
verschwunden sein, wo die ältere Larentia begraben lag.« -- Diese _ältere_
Larentia aber war die Wölfin (+lupa+), die den Romulus gesäugt hatte. Dabei
verfehlt Plutarch nicht zu erinnern, daß Lupa bei den Lateinern sowohl eine
Wölfin als ein geiles Frauenzimmer bedeute. An diese Larentia, die auch
Laurentia genannt wird, knüpfte sich die Entstehung einer den bereits
erwähnten Luperci ähnlichen Priesterbrüderschaft, der sog. _Arvalbrüder_.
Dieselbe soll nämlich vom Romulus (oder Herkules) zwölf Söhne gehabt haben,
mit denen sie alljährlich einmal einen Umzug um die Felder hielt und für
die Fruchtbarkeit des Landes betete. Die diesem Vorbilde entsprechend
gestiftete, aus 12 Personen bestehende Arvalbrüderschaft trug als Abzeichen
Ährenkränze mit weißen Binden und hielt alljährlich einen Umzug durch die
Felder, worauf sie zur Entsündigung der Felder das +suovetaurilium+
opferte.

Da wir auf die unterirdischen Götter, zu denen übrigens die Acca Laurentia
in einer ähnlichen Beziehung stand, wie die griechische Proserpina, im
folgenden Kapitel kommen, dürfen wir hiermit unsere Skizze des römischen
Götterwesens abschließen.

                  *       *       *       *       *

Kaum ein anderes Wort ist mit verschiedeneren Ideeen und Gefühlen je nach
Zeit, Ort, Rasse, Kulturentwickelung und endlich Individualität
vergesellschaftet, als das kaum noch eine bestimmte Definition zulassende
Wort »Religion«. Ein feinfühliger Christ wird mit vollem Rechte dieses Wort
als mißbräuchlich angewandt bezeichnen auf ein Göttersystem, wie das in
diesem Kapitel skizzierte römische, das sich bis zur Vergöttlichung von
Freudenmädchen verstiegen habe. Er mag eben durch den Kontrast die geistige
Höhe des Christentums um so angemessener schätzen lernen.

Allein er darf sich dadurch nicht zu einem ungerechten Urteil über die
sittliche Bedeutung der heidnischen Religionen und der römischen
insbesondere hinreißen lassen.

Alle heidnischen Religionen und so auch die römische, sind eben reine
Naturreligionen. Die Natur und ihre Kräfte werden in anthropomorpher Weise
personifiziert, und wie diese Phantasiethätigkeit ausfällt, das hängt eben
von dem mehr oder weniger edlen Typus des Menschen ab. Nun läßt sich
keineswegs behaupten, daß die römische Naturreligion auf einem besonders
niedrigen sittlichen Niveau gestanden hat; wenngleich die orientalischen
Religionen stellenweise den Anschein größerer spekulativer Tiefe an sich
tragen, so sind ihre Gedanken- und Phantasiebildungen darum weder reiner
noch inniger. Selbstverständlich bildet in jeder reinen Naturreligion die
Fruchtbarkeit und Zeugungskraft und somit das Natürlich-Geschlechtliche den
wichtigsten Gegenstand der Andacht. Der Phallusdienst z. B. erstreckte sich
über ganz Asien und nahm wohl die wüstesten orgiastischen Formen bei den
von Natur wollüstig und zerfahren veranlagten semitischen Stämmen an
(Mylitta- und Kybele-Dienst). Bei den Römern hielt er sich stets in relativ
sehr anständigen Schranken. Die geschlechtliche _Sinnlichkeit des Römers
war stark, aber_, so lange sie nicht durch schlechte internationale
Einflüsse corrumpiert ward, naturwüchsig _gesund_ und forderte gesetzliches
Maß und Ordnung. Erwähnt wurde bereits die lange Jahrhunderte hindurch
streng gewahrte _Heiligkeit der Ehe_. Nicht die unbefangene Natürlichkeit
in sexuellen Angelegenheiten, sondern das naturwidrig Raffinierte, was sich
ja oft gerade mit asketischen Enthaltsamkeits-Tendenzen als anderem Extrem
vereint, ist das allgemein Unsittliche. Die fescenninischen Verse und
krassen Priapejen der Römer sind nicht so unsittlich, wie manche mit
äußerlicher Eleganz geschriebene hochmoderne Litteraturerzeugnisse. Oder
war etwa das germanische Mittelalter, das an vielen Dingen keinen Anstoß
nahm, die heute auszusprechen, ein arger Verstoß ist, darum _sittenloser_,
als die Neuzeit, in der ernstliche Schriftsteller die Frage diskutieren
können, ob nicht z. B. die Ehe vielfach zu einer konventionellen Lüge
geworden sei? Man kann sogar behaupten, daß das gesetzliche und im engeren
Sinne moralische Gefühl die Römer weit länger vor der Ansteckung mit den
wüsten Formen des orientalischen, mystisch angehauchten Wollustkultus
bewahrt hat, als das mehr bloß ästhetische Maß die Hellenen. Wenn die
Griechen es als die erste und höchste Pflicht betrachteten, daß alles, was
zur Verehrung der Götter geschehe, schön sei, glaubten die Römer mit
konservativer Zähigkeit und peinlichster Sorgfalt darauf achten zu müssen,
daß alles exakt und pünktlich sei. Allerdings wurde die subjektive Religion
bei ihnen von der positiven, dem Kultus, völlig absorbiert, wie dies in
gewissem Grade ja auch im Gegensatz zu den vielen anderen Abzweigungen des
Christenthums sich noch im römischen Katholizismus wiederholt. Noch in den
Zeiten des schon begonnenen Verfalls der römischen Religion schrieb der
Geschichtsschreiber Dionysius (+II. 18+), indem er die römische Religion
der griechischen gegenüberstellt:

»Der Stifter des römischen Staates hat die von den Göttern überlieferten
Sagen, welche Verunglimpfungen und Lästerungen derselben enthalten, als
nichtswürdig, unnütz und ungebührlich, und nicht einmal rechtschaffener
Menschen, geschweige Götter würdig, samt und sonders verbannt, und es so
eingerichtet, daß die Menschen von den Göttern nur das Edelste und Beste
erzählen und sich einbilden, und ihnen keine solchen Eigenschaften
andichten, welche seliger Wesen unwürdig sind. Denn man weiß bei den Römern
nichts von Entmannung des Uranus durch seine eigenen Söhne, nichts von der
Kinderverschlingung des Kronos aus Furcht vor deren Nachstellungen, nichts
von Entthronung und Einkerkerung im Tartarus, die Zeus an seinem eigenen
Vater verübt habe, nichts von der Götter Kämpfen, Verwundungen, Fesselungen
und Knechtsdiensten bei den Menschen, und es wird bei ihnen kein Fest in
Trauerkleidern und mit Wehklagen begangen, wo sich die Weiber unter Weinen
und Schreien die Brüste zerschlagen über das Verschwinden einer Gottheit,
wie die Griechen bei dem Raube der Persephone und den Leiden des Dionysos
und anderen dergleichen Gelegenheiten thun; auch erblickt man bei ihnen,
trotzdem, daß die Sitten bereits verdorben sind, kein Außersichgeraten und
Verrücktthun, kein Bettelpriestertum, kein Begeistertsein noch geheime
Weihen, kein Durchnachten der Männer mit den Frauen in Heiligtümern, kurz
nichts von allen diesen Gaukeleien und Schwärmereien, sondern statt dessen
bloß Andacht und Achtsamkeit auf Worte und Handlungen in allen religiösen
Verrichtungen, wie bei keinem anderen Volke der Griechen oder Barbaren.«

                  *       *       *       *       *

Allerdings ist nicht zu verkennen, daß eben diese äußerlich gesetzliche
Auffassung der Religion ein wirklich religiös fühlendes Gemüt abstoßend
berührt, wenn dabei die Einsicht hervortritt, daß die _gebildeten_ Römer in
Ermangelung jeder _spekulativen_ Vertiefung des Religionsinhalts, wie sie
den gebildeten Griechen sich in den Mysterien frühzeitig darbot, dieselbe
als eine bloß _politische_ Staatseinrichtung betrachtet haben. Der
Geschichtsschreiber Polybius freilich, der dieses Verhältnis klar
durchschaute, findet gerade deshalb die römische Staatskunst ebenso wie
nach ihm Machiavelli besonders bewundernswert: »Den größten Vorzug«,
schreibt er (+VI, 56+), »scheint mir die römische Politik hinsichtlich
ihrer Religionsmaximen zu haben: und zwar giebt, wie mich dünkt, gerade die
Sache, welche man anderwärts tadelnswert findet, dem römischen Staat seine
Festigkeit, ich meine den Aberglauben. Denn dieser Punkt ist mit einer
solchen Wichtigkeit behandelt und dergestalt mit dem öffentlichen und
Privatleben verwebt, daß nichts darüber geht. Hierüber mögen sich nun
manche wundern: mir aber scheint dies um der Menge willen geschehen zu
sein. Wenn freilich der Staat ein Zusammentritt lauter Weiser wäre, so
hätte man dergleichen Mittel nicht nötig: nun aber die Menge immer
wetterwendisch ist und regellosen Begierden, unvernünftigen Leidenschaften
und stürmischen Aufregungen gehorcht, so bleibt nichts übrig, als sie durch
blinde Furcht und solches _Gaukelspiel_ im Zaum zu halten. Darum scheinen
mir die Alten den Glauben an die Götter und die Vorstellungen von der Hölle
keineswegs aus Unverstand und Unüberlegtheit der Menge eingeprägt zu haben,
vielmehr die Jetzigen ihn unverständig und unbesonnen zu verbannen.«

                  *       *       *       *       *

Diese politische Weisheit dürfte erstens fehlgreifen in ihrer
geschichtlichen Ansicht, sofern sie eine Religion, die naturwüchsig aus dem
Volke hervorgegangen, als ein Machwerk politischer Kunst erklärt. Sie
dürfte aber auch pragmatisch nur für Staatswesen zutreffen, die von
vornherein auf eine unnatürliche demokratische Grundlage gestellt sind und
deshalb unsichtbarer, trügerischer, im schlechtesten Sinne »politischer«
Mittel bedürfen, um die Menge zu leiten. Richtig ist zwar, daß kein Staat
und kein Volk ohne irgend welche Volksmetaphysik auskommen kann, und daß
daher jeder vernünftige Politiker alle Art rein _negativer_ sog.
Volksaufklärung verurteilen wird. Aber andrerseits ist auch eine _rein
negative_ Aufklärung der _herrschenden_ Gruppen im Staate auf die Dauer
unhaltbar und dem Staate verderblich; denn unmöglich läßt sich durch
_Heuchelei_ der Staat erhalten. Ohne Metaphysik keine Ethik, und ohne
irgend welchen Glauben an Übersinnliches keine Moral. Der Moral bedürfen
auch die regierenden Elemente, ja diese erst recht. Gerechtfertigt ist nur
die Forderung, daß die gebildeten Elemente eines Volkes nicht dem
voreiligen Bedürfnis nachgeben sollen, der nur für gröbere Vorstellungen
reifen Masse ihre wissenschaftlich geläuterte Weltanschauung einzuflößen.
Denn Einreißen ist leichter als Aufbauen.

Das lehrt auch die Gegenwart, in der wesentlich die immermehr zunehmende
Religionslosigkeit der Massen eine soziale Gefahr heraufzubeschwören
scheint.




Drittes Kapitel.

Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.


Dafür, daß wenigstens der _Glaube_ an die persönliche Unsterblichkeit aus
einer _allgemein menschlichen_ Prädisposition hervorgeht, scheint mir kaum
eine kulturhistorische Thatsache eindringlicher zu sprechen, als die
hervorragende Rolle, die dieser Glaube in sehr ausgeprägter Form bei den
nüchternen, so ganz auf das _Diesseits_ gerichteten Römern gespielt hat,
deren fast metaphysikfreie, rein naturalistische, nur die Interessen des
natürlichen und bürgerlichen Lebens hypostasierende Religion uns das
vorstehende Kapitel im Umriß zeichnete. Offenbar muß dieser Glaube, wenn
ihn sogar ein so sehr vom Zwecktriebe beherrschtes und durch ihn zur
Weltherrschaft berufenes Volk in ganz besonderem Grade kultivierte, eine
_sozial sehr zweckmäßige Eigenschaft_ sein, eine Eigenschaft, die sich im
Kampf der Völker ums Dasein bewährt. -- Hängt nicht aber das Wort Wahrheit
sprachgeschichtlich mit _bewähren_ zusammen, und sollte nicht der Schluß
gerechtfertigt sein, daß ein Glaube, der sich praktisch für Völker und
Individuen als zweckmäßig bewährt, unmöglich eitel sein kann? Oder giebt es
auch _zweckmäßige_ Irrtümer und Wahnideeen? Vielleicht ist dieser mein
Gedanke nur eine modernere Fassung dessen, was Kant mit seinem Beweise aus
den Postulaten der _praktischen_ Vernunft sagen wollte.

_Genien_, _Laren_ oder _Manen_ und _Lemuren_ bezeichnen in der
lateinischen Sprache drei Klassen oder Zustände des unsterblichen Teils der
menschlichen Individualität.

_Genius_ kommt von +gignere+ = zeugen. Genius ist der schon _vor_ der
Geburt existierende transcendentale Keim und Kern des Menschenwesens und
damit zugleich das Göttliche und Unvergängliche im Individuum. Hören wir
darüber den nicht aus griechischer Philosophie, sondern aus altrömischer
Religionskunde schöpfenden _Varro_: Der Mensch, sagt er, besteht aus drei
Teilen, erstlich dem vegetabilischen ohne Sinn und Empfindung, zweitens dem
animalischen mit Sinn und Empfindung aber ohne Selbstbewußtsein, drittens
dem geistigen mit Vernunft und Selbstbewußtsein. Alle drei zeigen sich in
der menschlichen Natur vereinigt, nämlich die erste in den Nägeln, Haaren
und Gebeinen, die zweite in den Sinnesorganen, Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack und Gefühl, die dritte im Geiste. Die dritte ist es, die im
Menschen +genius+, der das Leben _zeugende_, im Universum +deus+, Gott
heißt. Denn auch im Universum sind die analogen Teile wiederzufinden,
insofern z. B. die Erde mit dem Steinreiche den Gebeinen, Sonne, Mond und
Sterne den Sinnesorganen, dem Geist oder Genius aber der alles
durchdringende Äther, welcher auch den Gestirnen, der Erde und dem Meere
emanierte Teile seines Wesens als besondere Gottheiten mitteilt,
entsprechen.

Daß dies nicht pythagoräisch-platonische Philosopheme, sondern
echtrömische, wahrscheinlich aus uralt arischen Traditionen und von jenen
Philosophen selber nur übernommene Sätze sind, ist leicht zu beweisen.

Der Genius, der sich, wie das transcendentale Ich du Prels nur teilweise in
die irdische Erscheinung versenkt, ist der Führer des persönlichen
Schicksals, das Instinktartige, Unbewußte im Menschen, daher +genius
fatalis+ oder auch direkt +fatum+ genannt. Vergl. +Horatius, epistol. II.
2, 178. Genius est deus, cujus in tutela ut quisque natus est vivit; hic
sive quod ut genamur curat sive quod una gignitur nobiscum sive etiam quod
nos genitos suscipit ac tuetur certe a gignendo genius appellatur
(Censorinus de die natali c. 3).+

Da er als transcendentaler göttlicher Teil über die irdische Erscheinung
hinausragt, genießt er auch seit urältester Zeit göttliche Verehrung. Bei
keiner festlichen Gelegenheit vergaß man, seinem Genius zu opfern. »Beim
Erntefest«, bezeugt Horaz (+Epist. II. 1, 40+) »opfert man dem mit den
Lebensjahren geizenden Genius und treibt fescenninische Späße«; letzteres,
da Genius zugleich die Bedeutung »zeugungskräftig« hat, weshalb auch bei
Hochzeiten dieselbe Sitte. Sein alljährlich wiederkehrendes Fest ist der
_Geburtstag_. An diesem brachte man ihm Opferschrot, Kuchen, Honig, Wein,
Weihrauch und Kränze, aber kein blutiges Opfer dar. Vor allem gedachte man
seiner, wie bemerkt, auch bei Hochzeiten, da als Zweck der Ehe die
Erzielung kongenialer Nachkommen galt; daher weihte man ihm das Brautbett,
das nach altherkömmlicher Sitte mit Togen im Atrium gebreitet und +lectus
_genialis_+ genannt wurde. Einer der heiligsten Schwüre war der beim
eigenen oder beim Genius einer geliebten Person. Der Jurist Ulpian bezeugt
ein kaiserliches Gesetz, das den, der in Geldsachen beim Genius des Kaisers
schwört und eidbrüchig wird, mit Stockschlägen bedroht.

Das Sinnbild des Genius war die Schlange, die, weil sie sich mit jedem
Jahre verjüngt, das sich immer erneuernde Leben verdeutlicht. Hierdurch
wird uns eine mehrfach verbürgte Erzählung vom Tode des Vaters der
Gracchen, als Muster römischer Gattenliebe verständlich. Jener erblickte
einst in seinem Ehebette ein Schlangenpaar und befragte die Weissager wegen
der Bedeutung des Zeichens. Diese rieten ihm, eine davon zu töten, mit dem
Bemerken, wenn er die männliche töte, würde _er_, wenn er die weibliche
töte, seine Gattin, die berühmte Cornelia, binnen kurzem sterben. Er tötete
die männliche und starb bald darnach an einer plötzlichen Krankheit.
Cicero, der (+de divinatione+) diese Erzählung erwähnt, wirft allerdings
die nicht unmotivierte Frage auf, warum er nicht _beide_ entgegen dem Rate
der Seher am Leben gelassen. Übrigens wurde der Genius auch als angehender
Jüngling, geflügelt, nackt oder mit einem gestirnten Gewande, mit Blumen
oder einem Wachholderzweige dargestellt.

_Manen_, wohl nicht von +manere+ = bleiben, sondern von +manis+ = milde,
sind die frommen _guten Seelen_ der _Abgeschiedenen_, also die wieder mit
dem Genius vereinten, um den Inhalt des Erdenlebens bereicherten Geister.
Sie sind dasselbe, was die Genien, aber vom postmortalen Standpunkt aus.
Darum wird auch ihnen göttliche Verehrung zu teil. »Wenn ich einst tot
bin«, schreibt Cornelia, die Tochter des großen Scipio, des eben erwähnten
Vaters der Gracchen Gattin, an ihren Sohn Cajus, »so wirst du mir opfern
(+parentabis+) und die Gottheit deiner Mutter anrufen. Wird es dich dann
nicht beschämen, die Bitten eines Geistes anzuflehen, den du, als er noch
lebte und gegenwärtig war, nicht beachtet und verschmäht hast?« (+Cornelius
Nepos fragm.+) Der berühmte Rechtsgelehrte Labeo, der zur Zeit des Augustus
lebte, Begründer der bedeutenden Rechtsschule der sog. Prokulejaner, hat
eine besondere, leider nicht erhaltene Schrift über die Manen und ihre
Verehrung verfaßt (+de diis, quibus origo animalis est+) d. h. über die in
göttliche Geister verwandelten Menschenseelen.

Die göttliche Verehrung der Abgeschiedenen begann am achten Tage nach dem
Tode, wenigstens erst _nach_ der Bestattungsfeierlichkeit. Denn bis zur
Bestattung, die eben den Zweck hatte, den letzten noch vorhandenen
magischen oder »magnetischen« Zusammenhang der Seele mit der unreinen
Leiche zu lösen, konnte sich der Geist noch nicht in die himmlischen Höhen
begeben. Die Leiche pflegte man sieben Tage lang in einem nur diesem Zwecke
bestimmten Nebenraume des Vestibüls im römischen Hause aufgebahrt zu
halten. Während dieser Zeit galt das Haus als unrein, ein Cypressenbaum vor
der Thür warnte diejenigen, die Befleckung zu scheuen hatten, vor dem
Eintritt. Am achten Tage wurde die Leiche in feierlichem Zuge zur
Brandstätte, -- Feuerbestattung bildete die, jedoch nicht ausnahmslose,
Regel, -- getragen, wo der Scheiterhaufen in Form eines Altars errichtet
war. Die Verbrennung hatte denselben Sinn, wie diejenige des Herkules auf
dem Oeta, damit sich das Ewige zum Himmel erheben möge,

    »Wenn der Gott, des Irdischen entkleidet,
    Flammend sich vom Menschen scheidet
    Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.«

Darum sprach man, sobald die Verbrennung beendet war: unser Vater, Bruder,
Gatte usw. ist allbereits ein Gott. Die Reste wurden dann unter Thränen und
Klagen und Anrufung der Hingeschiedenen mit Wein gelöscht, in den Schooß
gesammelt, mit Milch abgespült, in einem reinen Leinentuche gelüftet, in
die Urne gelegt und nebst Thränenfläschchen, Weihrauch und Spezereien in
der Grabstätte beigesetzt. -- Nunmehr kehrte man nach Haus zurück, welches
inzwischen gründlich gefegt und gescheuert war, schritt über ein Feuer und
ließ sich durch Lorbeerwedel mit Wasser besprengen und war gereinigt. Der
große Wert, den die Römer, wie die Griechen, auf eine angemessene
Bestattung legten (+justa facere+), wird verständlich durch den Glauben,
daß die Seele vorher keine endgültige Ruhe finde; die Erde beherbergte
keinen, der ihr nicht durch feierliche Ceremonien von symbolischer Kraft
übergeben war. Nach Ablauf einer Woche wurde dann das erste Totenfest der
Hinterbliebenen gefeiert, die sog. +feriae denicales+, zu dem selbst einem
Soldaten der Urlaub nicht verweigert werden konnte. Man ehrte die
Verstorbenen durch einen Leichenschmaus, durch Absingung von Lobliedern,
durch Anzündung von Räucherkerzen und Weinspenden auf ihrem Grabe und
Bekränzung desselben mit Blumengewinden.

»Dieses Fest«, sagt Cicero (+de legibus II, 22+) »darf nur auf solche Tage
verlegt werden, an welchen nicht bereits ein anderes Fest stattfindet, und
die ganze priesterliche Einrichtung des Kultus zeugt von seiner großen
_Wichtigkeit und Heiligkeit_.«

Aber neben diesem besonderen Totenfest fand am 19. Februar jeden Jahres ein
allgemeines Totenfest statt, die sog. Feralia oder Parentalia, ein Vorbild
unserer »Aller-Seelenfeier«. Allgemein brachte man an diesem Tage den
lieben Toten Opfer dar. Doch waren die Manen genügsam. »Leicht versöhnt
sind die Seelen der Väter«, sagt Ovid (+Fast. II, 535+), »nur kleines
begehren die Manen. Hinreichend ist die Platte des Altars bedeckt mit
hingestreuten Kränzen, und gestreute Früchte und wenige Körner von Salz,
auch in Wein getränktes Getreide und ungebundene Veilchen. Doch größere
Geschenke verbiete ich nicht: aber auch schon hierdurch ist der Schatten
versöhnbar. Füge, wenn der Altar erbaut ist, noch Gebete und die üblichen
Formeln hinzu.« -- »So lange dieses Fest währt (sechs Tage), so lange
weilt, ehelose Mädchen: es erwarte die fichtene Fackel heilige Tage,
verbirg, Gott Hymen deine Fackeln und entferne sie von jenen traurigen
Flammen: denn andere Fackeln haben die traurigen Gräber. Auch verschließe
man die Tempel und verberge die Götter: von Weihrauch sollen deren Altäre
nicht rauchen und die Herde vom Feuer nicht lodern. Denn jetzt irren umher
die luftigen Seelen: jetzt nähren sich die Schatten von dargebrachten
Speisen.« Man ging eben von der Überzeugung aus, _daß der Zusammenhang und
die Sympathie der Verwandtschaft und Liebe keineswegs durch das Band des
Todes zerrissen sei, einerseits bedurfte die Seele, um zu dem höheren
Zustande empor zu steigen, der magischen Beihülfe ihrer hinterbliebenen
Angehörigen, die durch Opfer, Ceremonien und vor allem durch Gebete ihre
Gewissen beruhigten in dem Bewußtsein dadurch noch etwas für die
verstorbenen Lieben zu thun; andererseits aber glaubte man, daß die Seelen
der Hingeschiedenen selber noch den vollsten Anteil am Heile ihrer
Hinterbliebenen nähmen, und wenn man sie um Schutz und Beistand anflehe,
hilfreich mit ihrer geistigen Kraft in der Nähe weilten_. Aus diesem Grunde
und da man zugleich annahm, daß die Reliquien und Überreste der Toten ein
magisches Band seien, um ihre Gegenwart zu sichern, liebte man es, die
Toten, wenn nicht gar im eigenen Hause, so doch in möglichster Nähe, auf
der eigenen Besitzung zu bestatten. Wo immer ein Toter bestattet war, war
der Ort heilig und schied aus dem Rechtsverkehr aus, durfte weder verkauft
noch vertauscht werden; er stand im _Eigentum der Toten_. Der Verehrung der
Ahnen (+lares domestici+) war im Atrium der Altar und das kleine Oratorium
gewidmet, das wir fast in jedem pompejanischen Hause finden.

An allen Festtagen, die Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats nicht
ausgenommen, wurde den Toten geopfert und ein frischer Kranz um ihren Herd
gelegt. Nichts liebten die Toten mehr als Blumen. Lieblich schildert ein
solches Larenopfer und die davon gehoffte Wirkung für das Glück des Hauses
die Ode von Horaz:

    »Wenn du die Arme flehend zum Himmel hebst
    Bei jungem Mondlicht, ländliche Phidyle,
    Und fromm die Laren sühnst durch Weihrauch,
    Heurige Frucht und ein rundes Ferklein,

    Dann spürt des Südwinds giftigen Odem nicht
    Der schwang're Rebstock, noch den verderblichen
    Mehlthau die Saatflur; nicht das junge
    Saugende Lamm die Beschwer der Obstzeit.

    Der Opferstier, der kräftige Weide fand
    Im Eichenforst am schneeigen Algidus,
    Den Albas Grasflur üppig nährte,
    Röthe mit blutig getroff'nem Nacken

    Das Beil des Priesters. Aber für _Dich bedarfs
    Nicht vielen Bluts unschuldiger Lämmer erst;
    Nur Rosmarin und zarte Myrten
    Winde den Göttern des Herds zum Kranze_!

    Denn _deine_ Hand, die fromm den Altar berührt,
    Versöhnt, auch arm an Gaben, wie köstlicher
    Brandopfer Duft den Zorn der Götter,
    Spendet sie knisterndes Salz und Mehl nur.«

                  *       *       *       *       *

Nichts ist abgeschmackter und unrichtiger, als wenn man hin und wieder
einen besser in der Geschichte der Juden, deren Pietätlosigkeit gegen Tote
so groß war, daß die Gelehrten noch nicht eins sind, ob das alte Testament
überall die Unsterblichkeit der Seele gelehrt habe, als in der des
klassischen Altertums bewanderten christlichen Geistlichen predigen hört,
wie z. B. Luther, von den »unseligen Heiden, die keinen Trost für des Todes
Bitterkeit wußten«. Umgekehrt ist es eine kulturgeschichtliche Thatsache,
daß die Pietät gegen die Hingeschiedenen zuerst durch die Christen, welche,
so uneinig sie auch über den Zustand der Seelen nach dem Tode
augenscheinlich gewesen sind, meistens dem aus persisch-pharisäischen
Vorstellungskreisen entnommenen Glauben an _fleischliche_ Auferstehung
anhingen und bis dahin einen sog. Seelenschlaf (+pannychie+) voraussetzten,
aus der Mode kam; den ersten Christen erschien der Manen- und Penatenkult
als _Abgötterei_. Der Tote wurde begraben und bald vergessen; vor allem
aber gab man den Zusammenhang mit den nicht christlich gewesenen und somit
ewiger Verdammnis verfallenen Ahnen auf, soweit nicht etwa stellenweise
griechische und römische Pietät, die auch das Dogma der sog. Höllenfahrt
Christi motiviert haben wird, den übrigens sehr zweifelhaften Ausweg
ergriffen haben mag, sich »über«, wie Luther schlecht übersetzt, richtiger
wohl »für« oder »im Namen« der Toten taufen zu lassen. (+Corinth. I. 15,
V. 29.+) Erst _später_ gab die römische Kirche dem im Volke nachhaltig
wurzelnden Glauben an einen unzerreißbaren Zusammenhang der Liebe zwischen
den Verstorbenen und Hinterbliebenen insoweit nach, als sie das
»Aller-Seelenfest« und die »Totenmessen« einführte. Es blieb aber jetzt die
_düstere_ Vorstellung von einem _qualvollen_ Zustande der abgeschiedenen
Seelen im Fegefeuer maßgebend, der durch diese kirchlichen Gnadenmittel
gemildert werden könnte. Immerhin hat die katholische Kirche durch diese,
kulturgeschichtlich an den alten Römerglauben anzuknüpfende Institution
einen das Gemüt sehr ansprechenden Vorzug vor dem Protestantismus, der den
Glauben an die Unsterblichkeit zu einer kalten Abstraktion verflüchtigt und
ebenfalls erst lange nach Luther, dessen grobsinnliche und wenig logische
Natur niemals zu einer ganz klaren Lehre über das Jenseits gelangte, wieder
in der Feier des sog. Totensonntags ein schwächliches Surrogat für die
Allerseelenfeier gesucht hat.

Die jetzt im Katholizismus vorherrschende düstere Auffassung des
jenseitigen Seelenzustandes war übrigens auch den Römern nicht fremd. Ihr
entspricht die dritte Klasse der Abgeschiedenen, der sog. _Lemuren_, d. h.
der friedlosen _Gespenster_, zu deren Beruhigung das Fest der Lemuralien
(vom 9. bis 13. Mai) gefeiert ward.

»Wenn schon Mitternacht ist und dem Schlafe Stille darbeut,« sagt Ovid
(+Fasten V. 430ff.+), »und der Hund und ihr mancherlei Vögel stille
schweigt, so erhebt sich, wer eingedenk des alten Brauchs und
gottesfürchtig ist: seine beiden Füße fesseln keine Bande. Er giebt Zeichen
mit den Fingern dicht angefügt, den Daumen in der Mitte, damit nicht ein
leichter Schatten, wenn er ruhig wäre, ihm entgegen käme. Dreimal bespritzt
er mit dem Wasser eines Gottes die reinen Hände, dreht sich um, und nimmt
in den Mund schwarze Bohnen. Er wirft sie umgedreht; aber während er wirft,
spricht er: das hier bringe ich: mit diesen Bohnen löse ich mich und die
Meinen. Das spricht er neunmal, nicht zurückschauend. Der Schatten, glaubt
man, lese sie auf und folge, wenn keiner zurückblickt. Darauf wieder
besprengt er sich mit Wasser, und schlägt klirrend temesäische Erze
zusammen, und fleht, daß der Schatten aus seiner Wohnung gehen möchte. Hat
er neunmal gesprochen: Geht heraus, ihr Männer der Väter! so blickt er
zurück, und hält die Opfer für heilig geendigt. Woher der Tag benannt ist,
und woher der Ursprung des Namens, weiß ich nicht. Von einem Gotte müssen
wir's erfahren. Du der Pleiade Erzeugter, belehre uns, ehrwürdig durch
deinen mächtigen Stab! Oft hast du den Königspalast des stygischen Zeus
gesehen. Erfleht erschien der Träger des Stabs: Vernimm die Ursach des
Namens! Von ihm selbst, dem Gotte, hab' ich die Ursache erfahren. Wie
Romulus die Schatten seines Bruders im Leichenhügel verborgen, und dem
unglücklichen Springer Remus das Todtenopfer vollendet, so besprengte der
unglückliche Faustulus und Acca mit fliegenden Haaren die verbrannten
Gebeine mit ihren Thränen. Drauf kehrten sie traurig beim Anfang der
Dämmerung nach Hause zurück, und legten sich in diesem Zustande nieder aufs
harte Lager. Remus blutiger Schatten schien vor dem Lager zu stehen, und
mit leisem Gemurmel diese Worte zu reden: Auf dann, sehet, was ich nun sei,
ich die Hälfte von euch und der andere Teil des Gelübdes; wie und wer ich
soeben war, während ich, hätte ich nur Vögel gesehen, die mir Herrschaft
verhießen, der größte in meinem Volke sein konnte. Jetzt bin ich entflohen
den Flammen des Scheiterhaufens, bin ein leeres Schattenbild. Das ist die
Gestalt von jenem Remus zurückgelassen. Ach! wo ist Vater Mars? wenn ihr
anders die Wahrheit geredet habt, und jener den Ausgesetzten die Euter
einer Wölfin vergönnte? Den eine Wölfin erhielt, den hat eine frevelnde
Hand eines Mitbürgers gemordet. O wie viel sanfter war _sie_? Wüthrich
Celer, unter Wunden gieb deinen grausamen Geist auf, und betritt, wie ich,
das Unterreich mit Blut befleckt! Das war der Wille meines Bruders nicht:
auch er besaß, wie ich, gleiche Liebe. Thränen, nur das vermocht er, vergoß
er um meinen Tod. Ihn fleht bei seinen Thränen, ihn bei eurer Erhaltung,
daß er feierlich mit festlicher Ehre den Tag auszeichne! Wie er den Auftrag
gab, wünschten sie ihn zu umfassen, und streckten aus die Arme. Den
greifenden Händen entfloh der flüchtige Schatten. Sobald das fliehende Bild
den Schlaf mit sich entführte, so berichten beide dem König den Befehl
seines Bruders. Romulus gehorchte und nannte den Tag Remuria, an dem den
begrabenen Ahnen Todtenopfer gebracht werden. Der harte Buchstabe, der
erste im ganzen Namen, ist in der langen Zeit in einen gelinden verändert
worden. Bald auch nannte man der Schweigenden Seelen Lemuren, das ist des
Wortes Sinn, das seine Bedeutung. Doch die Tempel verschlossen die Alten an
jenen Tagen, so wie man sie noch jetzt zur Leichenzeit verschlossen sieht.
Auch war dies nicht die Zeit schicklich zu fackeln einer Verwittweten noch
einem Mädchen. Lange lebte die nicht, die hier sich verhüllte. Darum sagt
auch der große Haufe: (wenn dir Sprichwörter gefallen): Schlechter Mädchen
Ehe fällt in den Monat Mai.«

                  *       *       *       *       *

Während Jupiter Herr der Genien ist, ist Saturn Herr der übrigen guten
Geister. Im übrigen steht die gesamte Unterwelt unter dem Szepter des
_Orcus_, der auch Dis, Jupiter Stygius heißt, identisch mit dem Pluton der
Griechen. Dessen Gattin, von den späteren Dichtern mit Proserpina
identifiziert und gewöhnlich auch so genannt, hieß mit ihrem
altlateinischen Namen Libitina, Lubentia oder Lubia. Ihr Tempel diente zur
Aufbewahrung aller zu Leichenbegängnissen erforderlichen Gerätschaften;
ihre Priester, die +libitinarii+ fungierten als Leichenführer, führten auch
das Totenregister. Sonderbarerweise wird diese Libitina vielfach mit der
Lustgöttin Venus identifiziert, so daß man von einer _Venus_ Libitina
liest, was an die gleichzeitige Beziehung der griechischen Demeter zum Tode
und zur Zeugung erinnert.




Viertes Kapitel.

Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.


Noch heutzutage muß dem Nordländer, der Italien zum ersten Male bereist,
die große Verbreitung des Glaubens an schwarze Magie, insbesondere den
bösen Blick (+mal occhio+), ferner an die Bedeutsamkeit gewisser Tage,
Stunden, Zahlen u. s. w., und an bedeutsame symbolische Handlungen
auffallen. Es ist ein Erbteil der alten Latiner und Etrusker. Nirgends
werden, selbst von Angehörigen der sog. gebildeten Stände, besonders
freilich von Frauen mehr Amulette gegen Zauber, Behexung u. s. w. getragen,
als in Italien. Man kann sich denken, wie viel verbreiteter dieser, durch
das Christentum einigermaßen gedämpfte Aberglauben in der heidnischen Zeit
gewesen ist. Hatte doch selbst der allgemeine Brauch der _Bulla_ bei den
römischen Jünglingen nur in diesem Glauben seinen Grund. Die Bulla war eine
hohle, runde, inwendig mit magischen Präservativmitteln gegen Behexung und
Neid gefüllte goldene Kugel. Eine solche trugen auch die Triumphatoren, die
ja ganz besonders dem Neid und bösen Blick ausgesetzt zu sein besorgen
mußten.

Beim Anfange eines jeden wichtigeren Geschäftes achtete man auf alle nur
erdenklichen Zeichen (+omina+), die man teils für günstig, teils für
ungünstig hielt. Da ein ungünstiges Zeichen, das von dem Handelnden nicht
beobachtet wurde, auch keine Bedeutung für ihn hatte, so pflegte der Römer
beim Opfer sich das Gesicht zu verhüllen, um kein Zeichen wahrzunehmen und
beim Aussprechen feierlicher Gebete, Eidesformeln u. s. w. einen
Flötenbläser spielen zu lassen, um auch die Ohren zu sichern.

So gingen dem Opferkönig und den Priestern Herolde (+praeclamitatores+)
vorauf, welche mit dem Rufe: +hoc age!+ »Habt Acht!« die Leute, bis der
Priester vorüber wäre, von der Arbeit abzulassen mahnten; denn abgesehen
davon, daß die Arbeit an sich nicht zur Feier paßte, war die Einstellung
derselben nötig, weil bei vielen Beschäftigungen, z. B. beim Schlagen,
Hämmern und Sägen Mißtöne erzeugt werden konnten, die unheilkündend waren
und ein Fest entheiligten, ebenso wie Klage und Wehrufe, Hader, Zank,
Scheltworte und Flüche. Darum ertönte auch vor jedem Opfer der Ruf des
Herolds: »Habet Acht auf Gedanken und Worte!«

Doch war glücklicher Weise die Zahl glückverheißender Omina nicht geringer,
als die der ungünstigen; und das Beste war, daß nach römischer Auffassung
die Geistesgegenwart des Beobachtenden es durchaus in ihrer Gewalt hatte,
ein Zeichen anzunehmen (+accipio omen+) oder zurückzuweisen (+ad me non
pertinet+). So war z. B. das Niesen ein göttliches Zeichen. Der Römer
pflegte es sofort mit einem +accipio omen+ aufzunehmen. Ich bin überzeugt,
daß die Römer, hätten sie den Schnupftaback schon gekannt, reichlich von
ihm bei wichtigen Angelegenheiten, im Senat oder in der Volksversammlung,
selbst bei Opfern und religiösen Handlungen Gebrauch gemacht haben würden.
Gewiß würde jeder Senator seine Schnupftabacksdose bei sich geführt haben.
Auch konnte man der sich zunächst aufdrängenden ungünstigen Bedeutung eine
passende günstige substituieren, die Kraft des bösen Zeichens brechen und
seine anscheinende Drohung in eine Verheißung verwandeln. Durch solche
Geistesgegenwart haben große Männer sich nicht selten zu Herren der
Situation gemacht, indem sie es verstanden, den schlechten Eindruck, den
irgend ein anscheinend ungünstiges Omen auf ihre Umgebung machte, in sein
Gegenteil umzukehren. Bekannt ist z. B., daß Cäsar, als er an der
afrikanischen Küste aus dem Schiff springend zu Boden stürzte, die Worte
sprach: »Ich fasse Dich, Afrika!« Der Legat Marcellus rief, als beim Beginn
einer von ihm geleiteten Attacke gegen Viridomarus sein Pferd, vom
Waffenblitz geblendet und vom Getöse scheu geworden auf die Seite sprang,
frohlockend aus: sein Pferd habe gegen die Sonne zu die Schwenkung des
Betens gemacht.

Durch Schlauheit und Betrug konnte man sich sogar ein Zeichen aneignen,
das einem Anderen zu teil geworden war. Ein Beispiel der Art erzählt
+Livius I, 45+ und Plinius (siehe folgende Seite!).

Kein Römer hat diesen Aberglauben witziger verspottet, als Cicero in seiner
Schrift über die Weissagung.

»O, unglaublicher Unsinn!« ruft er aus, »Wie kannst Du, wenn du darauf
achtest, freien Mutes sein, um zu einer Unternehmung nicht den Aberglauben,
sondern die Vernunft zum Führer zu haben? -- Sollen wir bei unseren
Handlungen auf das Anstoßen des Fußes, auf das Zerreißen eines Fußriemens
und auf das Niesen Acht geben?« -- Wie tief dieser Aberglaube gleichwohl
auch in den gebildeten Römern der späteren Zeit wurzelte, beweist nichts
mehr als die folgende Ausführung des Naturforschers Plinius, desselben, der
den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mehrfach verspottet, der aber
in seiner Naturgeschichte (+H. N. XXVIII, 3+) _über die Kraft symbolischer
Sprüche und Handlungen_ folgendes bemerkt:

»Es ist eine große und noch immer unentschiedene Frage, ob Worte und
Zaubersprüche eine Wirkung haben. Zwar die persönliche Überzeugung aller
Vernünftigen verwirft sie, allein im Allgemeinen beharrt die Praxis jeder
Zeit fest auf dem Glauben, ohne sich daran zu kehren. Hält man doch die
Schlachtung der Opfer, sowie auch die Befragung der Götter ohne Gebet für
ungültig. Man hat obendrein besondere Formeln für Erforschungsopfer,
besondere für Abwendungsopfer, besondere für Erflehungsopfer, und wir
sahen, wie die höchsten Obrigkeiten bestimmte Gebete sprachen, so daß einer
die Worte aus dem Buch vorsagte, damit nichts ausgelassen oder verstellt
würde, ein zweiter als Hüter aufgestellt war, welcher aufmerkte, ein
dritter den Anwesenden gebieten mußte, daß sie auf ihre Worte Acht geben
sollten: zugleich spielte der Pfeifer, damit man ja keinen unrechten Laut
vernehmen möchte; und man weiß von beiderlei Fällen merkwürdige Beispiele,
daß nämlich, so oft ein widerwärtiger Laut störend dazwischentönte oder der
Betende irr wurde, plötzlich von den Eingeweiden der Kopf (der Leber) oder
das Herz verschwand, oder sich verdoppelte in der Zeit, wo das Opfertier
dastand. Erhalten ist als ein ungeheures Beispiel, der Spruch der Decier,
des Vaters und des Sohnes, mit dem sie sich weihten; vorhanden ist das
Gebet der der Unzucht beschuldigten Vestalin Tuccia, mittelst dessen sie im
Jahr der Stadt 609 (140 vor Chr.) _Wasser im Sieb trug_; ja selbst unsere
Zeit hat es noch erlebt, daß auf dem Rindermarkt ein Grieche und eine
Griechin, oder Mitglieder anderer Nationen, mit denen man damals zu thun
hatte, lebendig eingegraben wurden, und wer die Gebetsformel solcher Opfer
liest, welche der Vorsteher des Kollegiums der fünfzehn dabei vorzusprechen
pflegt, der wird wahrlich die Wirksamkeit der Sprüche, die durch eine
achthundertunddreißig-jährige Erfahrung bestätigt ist, nicht leugnen mögen.
Wir glauben noch heutzutage, daß unsere Vestalinnen entlaufene Sklaven,
wenn sie die Stadt noch nicht verlassen haben, durch Gebete zu bannen
vermögen: und giebt man nur einmal dem Grundsatze Raum, daß die Götter
Gebete erhören und sich durch sie bewegen lassen, so kann man dasselbe
nicht mehr in Abrede stellen. Rücksichtlich dieser ganzen Streitfrage haben
unsere Vorfahren stets nur diese Überzeugung gehegt, und sogar das
Schwerste nicht für unmöglich gehalten, nämlich Blitze zu entlocken, wie
seines Orts von uns gezeigt worden ist. Lucius Piso meldet im ersten Buch
seiner Annalen, der König Tullus Hostilius habe nach Numa's Vorschrift den
Jupiter durch dieselben Ceremonien, wie dieser vom Himmel herabzuziehen
versucht: weil er aber im Ritus etwas versah, so sei er vom Blitze
erschlagen worden; viele andere melden, daß durch Worte das Schicksal
mächtiger Staaten und die Bedeutung der sie betreffenden Anzeichen
verändert zu werden vermögen. Als man z. B. den Grund zum Tarpeischen
Tempel grabend, einen Menschenkopf gefunden hatte, so versuchte der
berühmte Etrurische Seher Olenus Calenus, an den man darum Gesandte
geschickt hatte, dieses vortreffliche und glückliche Anzeichen durch die
zweideutige Einrichtung seiner Fragen auf sein Volk hinüberzuspielen. Er
beschrieb nämlich erst den Umriß des Tempels vor sich im Sande, und sprach
dann: 'Also hier, sagt ihr, Römer, hier soll der Tempel des besten und
höchsten Jupiters stehen? Hier hat man den Kopf gefunden': und die Annalen
behaupten einstimmig, daß das Anzeichen auf Etrurien übergegangen wäre,
hätten nicht die römischen Gesandten, durch des Sehers einen Sohn im Voraus
gewarnt, geantwortet: 'Nicht eben hier, sondern zu Rom, sagen wir, ist der
Kopf gefunden worden.' Dasselbe geschah noch ein anderes Mal, als das
thönerne Viergespann, welches für das Giebelfeld desselben Heiligtums
bestimmt war, im Ofen so anschwoll, und auch damals wurde das Anzeichen auf
gleiche Weise für Rom gerettet. Dies möge genug sein, um durch Beispiele
darzuthun, daß die Bedeutung der Anzeichen erstlich in unserer Gewalt ist,
und zweitens nur in der Art stattfindet, als man sie angenommen hat. Denn
in der Disciplin der Auguren wenigstens gilt es für ausgemacht, daß weder
ein widerwärtiges noch auch irgend ein anderes Anzeichen Wirkung für den
habe, welcher bei dem Beginn irgend eines Geschäftes sagt, daß er es nicht
bemerkt habe: und dies ist eine der größten Wohlthaten der göttlichen
Gnade. Stehen nicht ferner schon in den zwölf Tafelgesetzen die Worte: wer
Früchte behext, und wieder an einer anderen Stelle: wer einen bösen
Zauberspruch spricht? Verrius Flaccus führt glaubwürdige Gewährsmänner
dafür an, daß man bei der Bestürmung von Städten vor allem die
Schutzgottheiten durch die römischen Priester herauszubeschwören pflegte,
und ihnen einen gleichen oder noch ansehnlicheren Dienst als zu Rom
versprach. Und diese Ceremonie ist in der Disciplin der Auguren noch
erhalten, auch ist bekannt, daß eben darum die Schutzgottheit Roms
verheimlicht wurde, damit von den Feinden nicht ein gleiches vorgenommen
werden möchte. Der Furcht, durch Verwünschungen behext werden zu können,
entschlägt sich niemand: Beweis dafür ist, daß jedermann die Schalen der
Eier und Austern, die er ausgeschlürft hat, sogleich zerbricht oder mit dem
Löffel durchstößt. Darum haben Theocrit im Griechischen, Catull und zuletzt
Vergil im Lateinischen Nachahmungen von Liebeszauberliedern gegeben. Viele
glauben, daß man auf diese Weise Töpferwaren bersten machen kann, etliche
sogar, daß die Schlangen ihrerseits einen Gegenzauber anzuwenden
verstünden, welches die einzige Verstandesäußerung dieser Tiere sei, und
daß sich dieselben bei dem Liede der Marsen zusammenziehen, selbst während
der Nachtruhe. Auch Wände werden _durch Besprechung des Feuers demselben
zur Grenze gesetzt_. Dabei ist es schwer zu sagen, ob die
schwerauszusprechenden fremden Wörter oder die seltsamen lateinischen dem
Glauben mehr Eintrag thun, die der Geschmack nicht umhin kann lächerlich
zu finden, während man etwas Großartiges erwartet, das da würdig wäre,
einen Gott zu rühren, ja zu nötigen. Homer erzählt, wie Odysseus das
rinnende Blut an einer Schenkelwunde durch einen Spruch gestillt habe;
Theophrast lehrt, daß sich das Hüftweh damit heilen lasse; Cato hat einen
Spruch hinterlassen, der gegen Verrenkung helfen soll, Marcus Varro einen
gegen das Podagra; der Diktator Cäsar soll, nachdem er einmal mit dem Wagen
gefährlich umgeworfen worden war, jedesmal nach dem Einsteigen durch
dreimaliges Hersagen eines Spruches Gefahrlosigkeit seiner Reise
eingeleitet haben, was jetzt bekanntlich von den meisten geschieht. Wir
wollen diesen Punkt noch durch Berufung auf das persönliche Bewußtsein
eines jeden zu erweisen suchen. Warum weihen wir nämlich den ersten Tag des
Jahres durch gegenseitige Glückwünschungen ein? warum wählen wir bei
öffentlichen Sühnopfern sogar zu Führern der Schlachtopfer nur solche,
welche glückbedeutende Namen tragen? warum begegnet man zum Teil den
Behexungen durch einen ganz eigentümlichen Gottesdienst, indem man die
griechische Nemesis anruft, deren Bildnis zu dem Behuf in Rom auf dem
Kapitolium aufgestellt ist, ohngeachtet der Name nicht einmal lateinisch
ist? warum beteuert man, wenn man von Verstorbenen spricht, daß man ihr
Andenken nicht verunglimpfen wolle? warum glaubt man, daß die ungeraden
Zahlen zu allen Dingen wirksamer seien, und erkennt dies beim Fieber in dem
Einhalten der Tage? warum sprechen wir bei den Erstlingen des Obstes: dies
sei altes, wir möchten neues? warum wünschen wir beim Niesen Wohlsein? was
auch Cäsar Tiberius, der doch bekanntlich ein sehr unfreundlicher Mann war,
im Wagen beobachtet wissen wollte; und manche halten es für besser, wenn
man beim Grüßen den Namen dazu sage. Es wird angenommen, daß sogar die
Abwesenden es durch das Klingen der Ohren spüren, wenn von ihnen gesprochen
wird. Attalus behauptet, wenn man beim Erblicken eines Skorpions die Zahl
zwei spreche, so sei er gebannt und könne nicht stechen. -- --

Es ist ferner offenbar, daß auch viele ceremoniöse Handlungen von
Wirksamkeit sind. Einer besänftigt die Herzensangst, indem er Speichel
hinter das Ohr streicht: das Sprichwort heißt uns, wenn wir jemand
wohlwollen, den Daumen drücken: beim Beten legen wir die Rechte an den
Mund und drehen uns mit dem ganzen Körper herum: das Wetterleuchten durch
den Ton zu verehren, welcher durch das Einziehen der Luft bei
zusammengedrückten Lippen entsteht, ist übereinstimmende Sitte der Völker.
Wenn beim Essen eine Feuersbrunst genannt wird, so gießt man, um die
Vorbedeutung abzuwenden, Wasser unter den Tisch: den Boden zu kehren,
während ein Gast auf dem Heimwege begriffen ist, den Tisch oder das Gestell
wegzutragen, während er trinkt, wird für eine sehr schlimme Vorbedeutung
gehalten. Es ist von einem sehr vornehmen Manne, Servius Sulpicius, eine
Abhandlung darüber vorhanden, warum man den Tisch nicht stehen lassen soll:
denn noch zählte man nicht mehr Tische als Gäste. Sodann gilt es für ein
widerwärtiges Anzeichen, ein Gerücht oder den Tisch durch Niesen
zurückzurufen, im Fall man nachher nicht noch etwas kostet, oder überhaupt
gar nichts ißt. Diese Gebräuche schreiben sich aus einer Zeit her, welche
die Götter bei jedem Geschäft und zu jeder Stunde gegenwärtig glaubte, und
deren Verdienst sie auch unserem verderbten Geschlechte noch gnädig erhält.
Wenn die Tafel plötzlich schwieg, so fiel dies nicht auf, außer bei
gleicher Zahl der Gäste, und der Schaden ging an dem Rufe dessen aus, der
daran schuld war: eine aus der Hand gefallene Speise wurde jedenfalls
wieder über die Tafel gereicht, und man durfte nicht, um sie zu reinigen,
daran blasen; ja es sind eigens dafür Augurien eingerichtet, bei welchen
Worten oder Gedanken einem dies begegnet ist. Zu dem Verwünschtesten gehört
es z. B., wenn es einem Pontifex beim Festmahle des Dis widerfährt. Etwa
das Gefallene wieder auf den Tisch zu legen oder den Lar zu verbrennen,
fordert Sühne. -- -- Ein ländliches Gesetz verbietet auf den meisten
italienischen Landgütern, daß die Weiber, wenn sie über die Straße gehen,
die Spindel nicht drehen und überhaupt nicht aufgedeckt tragen sollen, weil
dies den allgemeinen Erwartungen, besonders von den Feldfrüchten, zuwider
ist. Der Konsul M. Servilius Nonianus pflegte vor nicht langer Zeit, wenn
er eine Augenkrankheit besorgte, ehe er noch davon sprach oder jemand
anderes sie ihm ankündigte, die zwei griechischen Buchstaben %P% und %A%
auf ein Papier zu schreiben, und dieses, mit einem Faden umwickelt, um den
Hals zu hängen; der dreimalige Konsul Mucianus nahm das nämliche mit einer
lebendigen Mücke in einem weißen Stückchen Leinwand vor, und sie rühmten
beide, daß dies sie von der Krankheit bewahre. Man hat Sprüche gegen den
Hagel, gegen alle Gattungen von Krankheiten und gegen Brandschäden, deren
manche bewährt sind: aber sie mitzuteilen hält uns eine starke Scheu ab
wegen der großen Verschiedenheit der Ansichten. _Darum halte es mit diesen
Dingen ein jeder nach seinem Gutdünken!_«




Fünftes Kapitel.

Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.


Wie in Griechenland, so sah sich also auch in Rom der Staat selber
genötigt, dem allgemeinen Volksglauben an Vorzeichen, Weissagungen und
Prophetenkünste Rechnung zu tragen. Während aber in Griechenland vielfach
ein unabhängiges Priestertum durch die Orakel einen oft recht bedenklichen
Einfluß auf die Politik erlangte, so daß gerade die hervorragendsten
Staatsmänner, ich erinnere an Themistokles und Demosthenes nur in offener
Opposition gegen den religiösen Glauben der Menge und durch Verdächtigung
des Orakels, dem z. B. Demosthenes Bestechlichkeit vorwirft, ihre Zwecke
behaupten konnten, hat es die römische Staatskunst verstanden, das gesamte
Orakel- und Zeichenwesen schließlich zu einem gefügigen Werkzeug ihrer
eigenen Zwecke herabzudrücken. Alle mit der Überwachung desselben betrauten
Personen, die Pontifices, die Auguren, die Fetialen und die Bewahrer der
sibyllinischen Bücher standen unter ihrer Aufsicht; alle diese Personen
hatten großen Einfluß auf das Volk, aber derselbe war bedingt durch eine
von der Staatsbehörde an sie gerichtete Aufforderung, in Funktion zu
treten; sie antworteten nur, wenn sie gefragt wurden; ihnen selbst fehlte
jede Initiative. Der Beamte konnte, wenn er wollte, die Auspicien allein
vornehmen oder einen Zeichendeuter zuziehen, der nicht zum Kollegium der
Auguren gehörte; eine ohne seine Aufforderung von einem Augur vorgenommene
Beobachtung band ihn nicht.

Alles in Allem, die römische Staatskunst hat es verstanden, die Lehre und
das »Recht« der Vorzeichen, -- dem Römer gestaltet sich alles zum _Recht_,
-- so einzurichten, daß nicht die Menschen den Zeichen, sondern die Zeichen
den Menschen untergeben waren.

Diese Bemerkung muß den »Occultismus« der Römer in den Augen des modernen,
gläubigen »Occultisten« degradieren, in demselben Grade, in dem sie die
Staatsklugheit der Römer in den Augen des Politikers erhöht. Allein ich
darf ihre Schärfe dadurch abstumpfen, daß ich zugebe, in der älteren Zeit,
in der das Staats- und Rechtsprinzip, das wesentlichste Charakteristikum
des Römers, das bei ihm schließlich geradezu, wie v. Ihering sagt, an
Stelle der Religion trat, noch nicht zum völligen Durchbruch gelangt war,
muß selbstverständlich die Sache anders gelegen haben. »Jene Augurenkunst
des Romulus«, dies giebt sogar der feine Spötter Cicero zu, »war ländlich,
nicht politisch und nicht erdichtet für den Glauben des Pöbels, sondern von
Kundigen empfangen und den Nachkommen überliefert.« Darum bleibt dies ganze
Gebiet nicht nur für den eigentlichen »Occultisten«, sondern auch für den
Kulturhistoriker und Psychologen interessant. Denn so leicht es auch ist,
die Divination überhaupt aus dem naiven Wunsche des Menschen abzuleiten,
den Schleier der Zukunft zu lichten und in der Umgebung überall bedeutsame
Zeichen der Götter zu wittern, so rätselhaft bleiben doch die besonderen
Formen, die einzelnen, oft so bizarren Wege und Methoden, durch welche
dieser allgemeine Trieb sich zu befriedigen versucht.

Das eigentliche _Orakelwesen_, meint +Mommsen, röm. Geschichte I, 177+, sei
nach Latium erst durch die Griechen eingeführt. »Die Sprache der römischen
Götter beschränkte sich im Ganzen auf Ja und Nein und höchstens auf die
Darlegung ihres Willens durch das -- wie es scheint, ursprünglich italische
-- _Werfen der Loose_[631]; während seit sehr alter Zeit, wenngleich
dennoch wohl erst infolge der aus dem Osten empfangenen Anregung die
redseligeren Griechengötter wirkliche Wahlsprüche erteilten.«

Ein solches uraltes Loosorakel, Orakel der Fortuna, befand sich in
Präneste, während sich in Antium ein anderes Orakel der Fortuna befand, wo
das Bildnis dieser Göttin -- +o diva, gratum quae regis Antium+, singt
Horaz, -- auf Fragen nickend antwortete.

Doch erscheint es mir zweifelhaft, ob Mommsen mit der Herleitung der
übrigen italischen Orakel von den Griechen Recht hat, und zwar deshalb,
weil nicht der Gott Apoll, wie bei den Griechen, sondern der zweifellos
echt latinische Hirtengott Faunus und seine Gemahlin, die aus diesem Grunde
die Beinamen +fatuus+ und +fatua+[632] trugen, nach römischer Auffassung
die vorzugsweise weissagenden Gottheiten waren. Darum fanden sich die
Standpunkte der altitalischen Orakel in Wäldern. Eines der ältesten und
berühmtesten dieser Orakel war dasjenige zu _Tibur_, dem heutigen Tivoli.
+Vergil, Aeneis VII, 85ff.+ beschreibt die hier übliche Methode der
Wahrsagung in folgenden Versen:

    »Aber der König erschrak, ob der Schau, _und zu Faunus Orakel_
    Geht er und forscht in den Hainen _des schicksalredenden Vaters_,
    An der Albunea Schlund, die groß vor den Nymphen der Wälder,
    _Rauscht_ mit _heiligem Quell_ und _dumpf mephitischen Dunst haucht_,
    Wo der Italer Stämm' und rings die önotrischen Lande,
    Wankend in Not, Antworten erspähn. Wenn Gaben der Priester
    Dartrug und _in der Stille der Nacht_ auf geopferter Schafe
    Ausgebreitete Vließ hinsank und pflegte des _Schlummers_,
    Siehet er schweben umher viel seltsame Wundererscheinung,
    Und er vernimmt vielfaches Getön und hält mit den Göttern
    Hehres Gespräch und redet zum Acheron tief im Avernus.«

Daß es sich hier um _somnambule_ Zustände handelte, ist unzweifelhaft; der
Befragende, wie der Priester, mußte sich vorher des Fleischgenusses und des
Beischlafs enthalten, die Finger von Ringen befreit haben und in ein
schlichtes Gewand kleiden. Der Priester brachte dann ein Schaf und andere
Gaben zum Opfer, der Befragende legte sich, nachdem zuvor sein Haupt
dreimal mit reinem Quellwasser besprengt war, auf das Vließ des Schafes zur
Nachtzeit in der Nähe des rauschenden Wasserfalls und im Bereich der
betäubenden (mephitischen) Bodenausdünstung nieder, um somnambule Träume zu
erlangen.

Ein anderes seit der Urzeit berühmtes Orakel war zu _Cumae_, wo der Gott
sich durch eine alte aber jungfräuliche Frau, die Sibylle, offenbarte,
welche übrigens ihre Verkündungen der Regel nach nicht, wie die Priesterin
in Delfi mündlich, sondern schriftlich überlieferte. Dieses beschreibt
ebenfalls Vergil (+Aeneis III, 441ff.+):

    »Wenn hierher du gelangt der kumäischen Stadt dich genähert,
    Und dem begeisternden See und dem waldumrauschten Avernus,
    Wirst du die Seherin schaun, die rasende, die in der Felskluft
    Schicksal singt und dem Laube die redenden Zeichen vertrauet.
    Welche Verkündungen nun in das Laub einritzte die Jungfrau,
    Ordnet sie alle nach Zahl und läßt sie verschlossen im Felsen.
    Jene ruhn unbewegt an dem Ort und behaupten die Ordnung.
    Doch wenn heran nur leise bei umgedreheter Angel
    Hauchte der Wind, und die Pforte die luftigen Blätter verwirrte,
    Nimmer die flatternden dann im gehöhleten Felsen zu haschen,
    Noch zu erneuern die Lag' und die Sprüche zu einigen, sorgt sie.
    Ratlos fliegen sie weg und hassen das Haus der Sibylle.«

                  *       *       *       *       *

Vorzugsweise auf eine Cumäische Sibylle Amalthea führte man die Orakel
zurück, die der römische Senat als »_sibyllinische Weissagungen_«
aufbewahrte und von Zeit zu Zeit zu konsultieren pflegte. Schon einem der
Tarquinier soll einst ein geheimnisvolles Weib genaht sein und ihm neun
Bücher Weissagungen zum Ankauf angeboten haben, und als er nicht sogleich
auf ihre Forderung einging, erst drei und dann wieder drei jener Bücher
verbrannt haben, bis schließlich der König die drei übrig gebliebenen aus
ihren Händen nahm, worauf sie auf unerklärliche Weise vor seinen Augen
verschwand. -- Einzelne der in den sibyllinischen Büchern überlieferten
Orakel wurden aber auch von Albunea, einer ehemaligen Sibylle zu Tibur
hergeleitet, die ihre Aufzeichnungen in das Wasser des gleichnamigen
Bergstroms warf, wo sie von Fragenden aufgefischt wurden.

Die sog. _sibyllinischen Bücher_ verwahrte man bis zum Jahre 670 im
Erdgeschoß des Jupitertempels in einem steinernen Kasten. Zur Lesung und
Ausdeutung derselben wurde in frühester Zeit ein eigenes nur den Augurn und
Pontifices im Range nachstehendes Kollegium von zwei Sachverständigen
(+duoviri sacris faciundis+) bestellt. Leider wurden sie in diesem Jahre
mit dem Tempel selbst ein Raub der Flammen. Man stellte aber jetzt alsbald
aus den allenthalben verbreiteten angeblichen Abschriften eine neue,
gesichtete und gereinigte Sammlung zusammen. Um dem Mißbrauch, der mit den
übrigen im Volke kursierenden unechten sibyllinischen Büchern getrieben
wurde, zu steuern, befahl noch Kaiser Augustus an einem Tage dieselben
sämtlich dem städtischen Prätor auszuliefern, er ließ dann 2000 für unecht
erkannte verbrennen, die echten aber in zwei vergoldeten Schränken im
Apollotempel niederlegen, und er setzte statt der frühern +duoviri s. f.+
eine neue Kommission von fünfzehn Männern ein, um sie zu beaufsichtigen.

Die zwei Priester, die früher, und die Fünfzehner, die seit Augustus die
Obhut über die sibyllinischen Bücher hatten, durften nur auf Befehl des
Senats und im Beisein obrigkeitlicher Personen in denselben nachschlagen
und dem Volke keine Orakel eigenmächtig mitteilen. Nur in Zeiten der Gefahr
und Not, zumal wenn ungewöhnliche Zeichen die Gemüter aufregten, nahm man
zu ihnen die Zuflucht. Vermutlich fand dabei kein Durchlesen und keine
Auswahl des passend erscheinenden statt, sondern ließ man, indem man nach
einiger ceremoniöser Vorbereitung die Schriftrolle aufs Geradewohl öffnete,
den Zufall walten, wobei es natürlich immer möglich blieb, das zufällig
entgegenkommende als ungeeignet abzulehnen. Die Orakel waren ja, wie alle
Orakel, unbestimmt genug abgefaßt, um so ziemlich auf alle Fälle zu passen.
Übrigens sollen sie sogar Prophezeiungen von den Weltaltern und einer
schließlichen Rückkehr zum Anfangszustande (+apocatastasis+), die sich
ebensowohl in den Bewegungen der Weltkörper wie in dem Zustande der
Menschheit vollziehen werde, enthalten haben. Nach Tacitus soll in ihnen
die Prophezeiung sich gefunden haben, daß einem aus Judäa Kommenden die
Weltherrschaft beschieden sei, was allgemein schon von den Kirchenvätern
auf Christus bezogen worden ist. Wahrscheinlich zitiert auch Vergil nur
eine sibyllinische Weissagung in den Versen:

    »Siehe von Neuem beginnt der Zeiten gewaltiger Kreislauf,
    Goldenes Alter kehret zurück, es kehret die Jungfrau,
    Und schon steiget ein neues Geschlecht vom erhabenen Himmel«,

Verse, die ja ebenfalls frühzeitig auf Christus und die mit ihm begonnene
neue Weltperiode gedeutet worden sind.

Übrigens wandte man sich auch frühzeitig an den _delfischen_ Apollo;
italische Städte wie Spina und Cäre hatten im delfischen Heiligtum wie
viele andere mit demselben in regelmäßigem Verkehr stehende Gemeinden ihre
eigenen Schatzhäuser. Außerdem zeugt dafür die frühe Aufnahme des mit dem
delfischen Orakel eng zusammenhängenden griechischen Wortes +thesaurus+ in
die lateinische Sprache und die älteste römische Form des Namens Apollon
Aperta, der Eröffner, eine etymologisierende Entstellung des dorischen
Apollon, deren Barbarei eben ihr hohes Alter verrät.




Sechstes Kapitel.

Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.


Da nach der Anschauung der Alten Zeus-Jupiter, der _Himmelsvater_, der
Beherrscher der Atmosphäre, der höchste Gott und Lenker aller irdischen
Geschicke war, so wird es begreiflich, daß sie den Erscheinungen des
Luftraums die größte Aufmerksamkeit zuwenden zu müssen glaubten, weil sie
nun einmal von dem Glauben beseelt waren, daß der Gott ihnen seinen Willen
durch Zeichen kundgeben wolle. Erklärlich wird es daher auch, daß die
Segler der Lüfte, die Vögel, in ihren Augen als bevorzugte Boten dieses
höchsten Gottes erschienen und neben anderen eigentlich meteorologischen
Phänomenen zwar nicht immer als die vornehmsten, so doch als die häufigsten
Träger der göttlichen Zeichensprache betrachtet wurden. +Denominatio fit a
potiori.+ Man nannte jedes Himmelszeichen +auspicium+, wenn es sich
ungesucht darbot, +augurium+, wenn es absichtlich eingeholt und erbeten
war. Beide Worte aber sind Zusammensetzungen mit +avis+ = der Vogel. +Avis+
wurde geradezu mit +omen+ gleichbedeutend gebracht. -- Diesen Brauch, der
offenbar in die dunkle arische Vorzeit zurückreicht, in der Italiker und
Griechen sich noch nicht auf ihrer Wanderung getrennt hatten, finden wir
bereits bei den Homerischen Griechen; und daß es schon damals im edelsten
Sinne _starke Geister_ gab, die diese Superstition verachteten, beweisen
die unsterblichen Worte Hektors (+Ilias XII, 236-243+):

    »Du hingegen ermahnst, den weitgeflügelten Vögeln
    Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches,
    Ob sie rechts hinfliegen zum Tageslicht und zu der Sonne,
    Oder auch links dorthin zum nächtlichen Dunkel gewendet.
    Wir vertrauen auf Zeus, des Hocherhabenen, Ratschluß,
    Der die Sterblichen all' und die ewigen Götter beherrschet!
    _Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!_«

Wörtlich heißt hier der letzte berühmte Vers im Griechischen:

    %heis oiônos aristos machein peri patridos aiês%.

d. h. ein Vogel (weissagender Vogel) ist der beste, zu kämpfen für den
vaterländischen Boden! Voß, dessen Übersetzung ich citiere, hat eben von
der schon im Griechischen üblichen Verallgemeinerung der Wortbedeutung
Gebrauch gemacht.

Bei den Römern scheint dieser starke Geist Hektors anfänglich nicht
geherrscht zu haben und erst allmählich und zwar, wie wir bereits im
vierten Kapitel zu Anfang hervorhoben, auf Umwegen zur Geltung gebracht zu
sein. Der römische Staat hatte im Priesterkollegium der _Auguren_
öffentliche Diener angestellt, die bei jeder wichtigen Staatsangelegenheit,
als »Ausleger und Verkündiger des höchsten Jupiters« alle Arten von
Himmelszeichen, insbesondere aber den Flug der Vögel zu beobachten hatten.
Auf den ersten Blick muß die Macht dieser Priester sehr groß erscheinen, da
weder in inneren noch in äußeren Angelegenheiten irgend etwas ohne die
Bestätigung ihrer Zeichen vollführt werden durfte, und sie jedem Beginnen
die Weihe gaben, weshalb der Ausdruck unter den _Auspicien_ jemandes
fungieren, der ja noch heutzutage nicht ungewöhnlich ist, geradezu
gleichbedeutend wurde mit »in jemandes Diensten stehen«. Cicero (+de leg.
II, 8 und 12+) sagt von ihnen: »Es müssen zwei Arten von Priestern
vorhanden sein, die eine für den Gottesdienst, die andere zur Auslegung der
vom Staat anerkannten Weissagungen. Aber die Ausleger des höchsten und
besten Jupiters, die öffentlichen _Auguren_, sollen in Zeichen und
Vorbedeutungen das Zukünftige sehen, die Disziplin festhalten, Priester,
Felder und Wälder und das Heil des Volkes weihen, allen Volksvertretern im
Krieg und Frieden die beobachteten Zeichen ankündigen, und diese ihnen
gehorchen, vorhersehen, was die Götter erzürnt, und demselben begegnen, des
Himmels Blitze nach abgemessenen Räumen bestimmen, Stadt und Land in Tempel
ausgeschieden und geweiht haben, und was ein Augur für unrecht, sündhaft,
fehlerhaft und greuelhaft bezeichnet hat, das soll ungültig und nichtig
sein, und wer dawider handelt des Todes schuldig.« -- »Groß und herrlich
ist im Staate das Recht der Auguren, wo es mit Ansehen und Einfluß begabt
ist. Denn was ist höher, als Versammlungen, die von den höchsten Gewalten
im Heere und den höchsten Mächten im Staate angeordnet sind, während ihrer
Dauer auflösen oder nach ihrer Schließung verwerfen? Was ist würdevoller
als die Vereitlung eines Unternehmens durch das Wort eines einzigen Augurs
'Ein ander Mal!' Was ist erhabener als die Macht zu bestimmen, daß Konsuln
ihr Amt niederlegen? Was ist heiliger als das Recht, die Erlaubnis zu
Verhandlungen mit dem Volke geben und nehmen, und ein nicht nach Gebühr
beantragtes Gesetz ungültig machen zu können?«

                  *       *       *       *       *

Der Glaube der _alten_ Römer an die Unfehlbarkeit der Auspicien war so
unerschütterlich, daß sie, wenn ein Unternehmen trotz guter Zeichen nicht
glücklich von Statten ging, lieber eine fehlerhafte Beobachtung
voraussetzten. Oft mußten daher die Feldherrn, wenn ihnen ein Unfall
begegnet war, um neue Zeichen einzuholen (+nova auspicia captare+), nach
Rom zurückkehren.

Die Kunst der Auguren galt als Geheimwissenschaft.

Über ihr Verfahren ist uns folgendes bekannt: Man unterschied städtische
und ländliche Auspicien. Die ersteren wurden innerhalb des +pomoeriums+
vorgenommen, d. h. innerhalb des Umkreises, den Romulus und Remus in der
uralten Form der Städtegründung mittelst eines Pfluges gezogen hatten. Die
städtischen Auspicien wurden in der Regel auf einem bestimmten Platze des
Kapitols, der ein für allemal diesem Zwecke geweiht war, dem sog.
+auguraculum+, vorgenommen. -- Nur Feldherrn durften außerhalb des
Stadtkreises sog. ländliche Auspicien anstellen lassen. Auch dann mußte der
Augur erst einen bestimmten Platz einweihen, den man +templum+ nannte.
Innerhalb dieses Raumes schied er wieder einen kleineren zur Aufschlagung
seines Zeltes aus. Auf letzteren bezieht sich die Äußerung des Servius:
»Andere verstehen unter +templum+ nicht bloß einen verschließbaren, sondern
auch einen mit Pfählen oder Spießen und dergleichen abgesteckten und mit
Fellen oder etwas Ähnlichem verhängten Raum, der durch Spruchformeln
geweiht ist (+ecfatus+). Mehr als _einen_ Ausgang darf derselbe nicht
haben, weil dort der Auspicierende sich lagern muß.« Man wählte dafür am
liebsten hohe, selten von Menschen besuchte Berggipfel, die man wegen der
weiten Aussicht +tesca+ (von +tueri+) nannte.

Sodann wurde der ganze von hieraus sichtbare Himmelsraum mittels des
_Krummstabes_ (+lituus+)[633], dem Vorbilde des noch jetzt von den
katholischen Bischöfen geführten Bischofsstabes, in zwei Teile gedanklich
zerlegt. Den Krummstab in der Hand, das Haupt verhüllt, wendete der Augur
zuerst sein Gesicht nach Osten und grenzte unter Gebeten die Gegend von
Westen nach Osten ab, indem er von sich aus zu einem am Horizonte
hervorragenden Punkte eine Linie gezogen dachte. Was nördlich dieser Linie
lag, nannte er die linke, was südlich, die rechte Seite. In den meisten
Fällen galten die Vögel, die von rechts kamen, für günstige (+dextra
auspicia prospera+). Doch kam es auch auf die Gattung an; z. B. gewährte
die Krähe, wenn sie von links kam, der Rabe, wenn er von rechts kam,
Zustimmung. Der beste Vogel war der Vogel Jupiters, der Adler, wenn er von
rechts kam.

Übrigens beobachtete man nicht nur den _Flug_ der Vögel, sondern auch das
Fressen der eigens zum Zwecke der Auspicien gehaltenen _heiligen Hühner_.
Von letzteren bemerkt daher mit feiner Ironie Plinius (+H. N. X. 21+): »Sie
sind es, welche unsere Beamten alltäglich regieren, und ihnen ihre
Behausungen verschließen oder aufriegeln, die die römischen Fasces
antreiben oder zurückhalten, Schlachten gebieten oder verhindern, die
Einleiter aller errungenen Siege auf dem ganzen Erdkreise: sie zumal sind
es, die den Gebietern dieser Welt gebieten.« -- Wir haben freilich schon
angedeutet, wie diese Bedeutung des Vogelflugs und der heiligen Hühner
wenigstens in der historischen Zeit nur eine sehr scheinbare gewesen ist.
Wenn auch das Beispiel jenes Claudiers, der, als ihm vor Beginn einer
Schlacht gemeldet wurde, die heiligen Hühner wollten nicht fressen, diese
mit der Bemerkung, nun so mögen sie saufen, ins Meer werfen ließ, keine
Billigung fand, so pflegte man doch kein Auspicium mehr als dieses in
seiner Hand zu haben. Dasselbe war günstig, wenn die Hühner recht hurtig
aus dem Käfig sprangen, sich munter geberdeten und so gierig über das
Fressen herfielen, daß ihnen ganze Brocken des vorgesetzten zähen Breies
(+puls+) aus den Schnäbeln fielen.

Cicero, _der selber Augur war_, schreibt über die Auspicien in seinem Buche
über die Weissagung (+de divinatione II, 33+): »Doch sehen wir zuerst die
Auspicien. Ein schwer zu bekämpfender Punkt für einen Augur. Für einen
Marsischen vielleicht; aber für einen Römischen äußerst leicht. Denn wir
sind nicht Auguren der Art, daß wir aus der Beobachtung der Vögel und
sonstigen Zeichen die Zukunft verkündigten. Wiewohl ich dennoch glaube,
Romulus, der die Stadt mit Auspicien erbaute, habe die Meinung gehabt, daß
es für das Vorhersehen der Dinge eine Augurenwissenschaft gebe, -- denn das
Altertum hat in vielen Punkten geirrt, -- die wir jetzt teils durch
Gebrauch, teils durch die Lehre, teils durch die Zeit verändert sehen. Es
wird aber wegen des Volksglaubens und zum großen Vorteil des Staats Brauch,
Religion, Wissenschaft, Recht der Auguren und die Würde des Kollegiums
beibehalten. Allerdings sind die Konsuln P. Claudius und L. Junius höchst
strafwürdig, indem sie gegen die Auspicien ausschifften. Sie hätten der
Regierung gehorchen sollen und die väterliche Sitte nicht so hartnäckig
verschmähen. Mit Recht hat also den einen das Weltgericht verurteilt, und
der andere sich selbst entleibt. Flaminius gehorchte den Auspicien nicht;
er ging daher mit dem Heer zu Grunde. Aber ein Jahr später gehorchte
Paulus: ist er darum weniger im Treffen bei Cannae samt dem Heere gefallen?
Und, gebe es Auspicien, wie es keine giebt: so sind wenigstens die, deren
wir uns bedienen, Tripudium oder Wetterzeichen, Schatten von Auspicien,
Auspicien auf keine Weise.

'O, Fabius, ich begehre, daß du mir auspicieren helfest.' Er antwortet:
'Ich hab's gehört.' Hierzu wurde bei unsern Vätern ein Sachverständiger
genommen, jetzt ein jeder. Notwendig muß aber der ein Sachverständiger
sein, der wissen will, was +Silentium+ ist. Denn +Silentium+ nennen wir bei
den Auspicien dasjenige, was frei von allem Mangel ist. Dieß zu verstehen
ist Eigenschaft eines vollkommenen Augurs. Wenn aber der Auspicierende dem,
der zum Auspicium genommen wird, also geboten hat: 'Sage, ob dir
+Silentium+ vorhanden zu sein scheint?' so sieht dieser weder rechts noch
links, und antwortet sogleich: Es scheine +Silentium+ vorhanden zu sein.
Darauf spricht jener: 'Sage, ob die Vögel fressen?' 'Sie fressen?' Welche
Vögel? oder wo? Es hat, heißt es, in einem Käfig Hühner gebracht der Mann,
der davon der Hühnermann (+pullarius+) heißt. Diese Vögel sind also die
Boten Jupiters. Ob sie fressen oder nicht? was kommt darauf an? Für die
Auspicien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, daß ihnen
etwas aus dem Maul fällt und auf die Erde schlägt, +terram pavire+, so hat
man dies zuerst +Terripavium+, hierauf +Terripudium+ genannt, und das heißt
jetzo +Tripudium+. Wenn also der Brocken dem Huhn aus dem Maul fällt, so
verkündigen sie dem Auspicierenden das +Tripudium faustissimum+.«

»Kann nun ein solches Auspicium etwas göttliches haben, das so erzwungen
und abgepreßt ist? Daß die ältesten Auguren sich dessen nicht bedient,
dafür ist Beweis ein alter Spruch des Kollegiums, den wir haben, daß jeder
Vogel ein Tripudium machen könne. Dann wäre es also wohl ein Auspicium,
wenn es ihm frei stünde, sich anzuzeichen: dann könnte jener Vogel
Dolmetscher und Trabant Jupiters scheinen. Jetzt aber, wenn er in einen
Käfig eingeschlossen und vor Hunger ohnmächtig, auf die Mußbrocken stürzt,
und wenn ihm etwas aus dem Schnabel fällt, hältst du das für ein Auspicium,
oder glaubst du, daß Romulus auf diese Art zu auspicieren gepflegt habe?
Glaubst du nicht, daß diejenigen, welche auspicierten, auch die
Wetterzeichen zu beobachten pflegten? Nun befehlen sie dem Hühnermann. Der
sagt ihnen Antwort.«

                  *       *       *       *       *

Eine andere in Rom minder geachtete, nichtsdestoweniger aber eben so oft in
Funktion tretende Gattung von offiziellen Weissagern waren die
_Opferschauer_ oder +haruspices+.

Es scheint, daß das +haruspicium+ nach Rom von den Etruskern eingeführt
worden ist, wenngleich daneben dieselbe Praxis der Eingeweideschau beim
Opfern auch bei vielen asiatischen Völkern und bei den Griechen bestanden
hat. Jedenfalls beweist der Umstand, daß die Haruspices gedungene Ausländer
waren, daß es sich um eine nicht ursprünglich nationale Übung handelte.
Die Römer wollten eben nichts entbehren, was in Fällen der Not von
Bedeutung sein konnte. Übrigens soll schon der ältere Cato, ein Mann von
sonst streng religiöser Gesinnung geäußert haben, er wundere sich, wie ein
Haruspex den andern ohne Lachen ansehen könne. Erwähnung verdient auch ein
von Cicero überliefertes Wort Hannibals; als der König Prusias, bei dem
Hannibal in der Verbannung lebte, sich weigerte, ein nach Hannibals Rat
günstiges Terrain zu einem Treffen zu benutzen, weil »die Eingeweide es
verböten«, sagte er: »Willst du einem Stückchen Kalbfleisch lieber als
einem ergrauten Feldherrn glauben?« -- Ungeachtet aller Aufklärung und
alles Gespöttes hielt sich der Brauch gleichwohl noch lange im römischen
Heere; Cäsar zwar gab wenig darauf und setzte, obwohl von dem vornehmsten
Haruspex gewarnt, im Bürgerkriege gegen Pompejus nach Afrika über. Während
desselben stand bekanntlich Cicero auf des Pompejus Seite, und er schreibt
seinem Bruder: »In diesem Bürgerkrieg, o ihr Unsterblichen! wie vieles
trog! welche Antworten der Haruspices wurden uns von Rom geschickt! was hat
man nicht dem Pompejus gesagt! Denn dieser glaubte stark an Eingeweide und
Wunderzeichen. Ich habe nicht Lust zu erzählen und es ist auch nicht nötig,
am wenigsten dir, der du dabei warst. Du siehst inzwischen, daß alles den
entgegengesetzten Ausgang von den Prophezeiungen genommen.«

                  *       *       *       *       *

Interessant ist es schließlich noch, auf die Beobachtung der _Blitze_ zu
kommen. Denn aus einer Stelle in den naturwissenschaftlichen Untersuchungen
des Seneca (+quaest. nat. 49+) müssen wir folgern, daß bereits die alten
_Etrusker_, die Lehrmeister der Römer in dieser Art von Auspicien, es
verstanden haben, _durch gewisse uns genauer nicht bekannte elektrische
Experimente Blitze herabzuziehen oder gar zu erzeugen_. Sonderbarerweise
taucht hier der Jahrtausende später in der Geschichte der
Elektrizitätslehre so berühmt gewordene Name _Volta_ -- die Geschichte
macht manchmal derartige Witze, -- zum erstenmale auf. Plinius berichtet
nämlich über diese Sache folgende (+H. N. II, 54+): »In den Annalen wird
berichtet, daß man durch gewisse Ceremonien und Sprüche den Blitz
erzwingen oder entlocken könne. Es ist eine alte Sage Etruriens, daß man
ihn entlockt habe, als ein Zauberer, namens _Volta_, nach Verheerung des
Landes endlich sogar die Stadt Volsinii damit bedrohte: auch sei er vom
König Porsenna herabgezogen worden und vor diesem öfters durch Numa, wie L.
Piso im ersten Buche seiner Annalen meldet, und Tullus Hostilius sei, als
er dies nachmachen wollte und in der Ceremonie fehlte, vom Blitz erschlagen
worden. Wir haben ferner Haine, Altäre und Ceremonien, in denen man neben
einem Jupiter Stator, Tonans und Feretrius auch einen _Elicius_ genannt
hört.« Feretrius ist der _einschlagende_ Jupiter, Elicius der
herabgelockte, also etwa der mittels Blitzleiters aufgefangene Blitz.

Die Operation des Numa beschreibt uns Ovid (+Fast. III, 325ff.+) in
folgender Weise: »Dich Jupiter locken sie vom Himmel herab. Daher verehren
dich auch die Nachkommen unter dem Namen Elicius (der Herabzulockende). Die
Wipfel des aventinischen Waldes, so erzählt man allgemein, zitterten, und
niedersank die Erde von Jupiters Last gebeugt. Des Königs Herz klopft,
blutlos wird seine ganze Brust, und sträubend starren die Haare. Sobald
sein Mut wiederkehrte, sprach er: '_König und Vater der erhabenen Götter,
entdecke sichere Versöhnungsmittel deines Blitzes_, wenn wir immer mit
heiligen Händen die dir geweihten Altäre berührt haben, und wenn auch das,
was ich wünsche, geheiligt meine Zunge fleht!' Durch Wink versprach er's
dem Flehenden, doch mit entferntem Umschweife verbarg er die Wahrheit, und
schreckte durch schwankenden Ausspruch den König. 'Einen Kopf haue ab',
sprach er. Und ihm erwiderte der König: 'Ich will gehorchen: Ein
Zwiebelkopf aus meinen Gärten gegraben, soll abgehauen werden.' Jener
setzte hinzu: 'Von einem Menschen!' Und er erwiderte ihm: 'das oberste
Haupthaar.' Er forderte eine Seele und ihm antwortete Numa: 'die eines
Fisches.' Er lachte und sprach: 'Damit versühne, o Mann, würdig der
Teilnahme an meiner Unterredung, meine Geschosse. Doch, wenn morgen der
Gott von Cynthos seine ganze Scheibe dargestellt hat, so will ich dir
sichere Pfänder eurer Herrschaft senden.' _Sprachs, und oben der Äther
wurde, sagt man, von gewaltigem Donner erschüttert_; und nun verließ er den
betenden Numa. Seelenfroh kehrt dieser wieder und erzählt den Quiriten den
Vorfall. Zaudernd und schwer war ihr Glaube an diese Erzählung. 'Wahrlich
glauben wird man nur, sprach er, wenn meine Rede Erfüllung begleitet.'
Siehe, höre wer da ist, was morgen geschieht. _Wenn der Gott von Cynthos
ganz seine Scheibe dem Erdball dargestellt hat, will uns Jupiter sichere
Pfänder unserer Herrschaft senden._ Voller Zweifel gehen sie heim, und
zögernd dünkt ihnen die Versprechung: vom kommenden Tage hängt die
Gewißheit der Rede ab. Noch weich und vom Frühthau bereift war die Erde,
als vor seines Königs Schwelle das Volk erschien. Er trat hervor und setzte
sich mitten im Kreise auf einen ehernen Thron. Unzählbar standen die Männer
um ihn stillschweigend. Soeben erschien am äußersten Rande Phöbus, und
schon zagten von Hoffnung und Furcht geängstigt ihre Seelen. _Er erhub
sich, und das Haupt umhüllt mit schneeweißer Hülle, reckte er empor seine
Hände, die die Götter schon kannten_, und rief nun also: '_Es ist gekommen
die Zeit des verheißenen Geschenkes: gewähre Jupiter deiner Rede die
versprochene Wahrheit!_' Indeß er so spricht, hatte die Sonne ihre ganze
Scheibe aufgetaucht, und es _ertönte von der Axe des Äthers ein furchtbares
Krachen. Dreimal donnerte der Gott vom hohen Gewölbe, dreimal loderten
Blitze. Glaubet meiner Erzählung: Wunder berichte ich, aber doch geschehene
Wunder._«

                  *       *       *       *       *

Wenn man also nicht entweder an thatsächliche Wettermagie (Wetterhexen
usw.) glauben, oder annehmen kann, daß jene Berichte der Annalen auf leeren
Fabeln beruhen, so liegt die Vermutung nahe, daß den alten Etruskern und
den in deren Geheimlehre eingeweihten römischen Priestern auf Grund
zufälliger empirischer Beobachtung einige elektrische Phänomene bekannt
gewesen sind, wie sie später einen Franklin zur Erfindung des
Blitzableiters führten. Diese geringen Keime wirklicher
naturwissenschaftlicher Kenntnis können sich sehr wohl mit einem System des
rohsten Aberglaubens verquickt haben, so daß die Praktiker jener einfachen
Manipulationen selber ihre Wirksamkeit für eine magische ansahen und den
dabei gebrauchten Formeln und Ceremonien ebenso große Bedeutung beilegten,
wie den wirklich kausal wirksamen Operationen. Auch heutzutage wiederholt
sich ja noch auf dem Gebiete des Hypnotismus dieselbe Erscheinung, und was
war die Alchemie und Astrologie des Mittelalters anderes, als ein
sonderbares Gemisch wüster Vorstellungen und Phantasien aus einigen wenigen
zufällig erlangten Kenntnissen von chemischer und astronomischer Bedeutung.

Wenn man nun auch aus geschichts-wissenschaftlichem Interesse bedauern mag,
daß uns nichts Genaueres über die Methode des Blitzableitens der Alten
überliefert ist, so würde man doch jedenfalls sehr fehlgreifen, wollte man
im übrigen all zu tiefe Geheimnisse in der etruskischen Lehre von den
Blitzen wittern. Nach Plinius sollen die Etrusker _zwölferlei_ verschiedene
Blitze unterschieden haben; Seneca dagegen schreibt (+naturales quaestiones
II, 41+): »Die Etrusker legen dem Jupiter _dreierlei_ Blitze bei; die erste
Gattung warne und sei gnädig, und Jupiter werfe sie auf eigenen Rat; die
zweite werfe er gleichfalls, doch nur nach Beschluß seines Staatsrats (+ex
consilii sententia+), indem er die zwölf Götter berufe, und dieselbe fromme
zwar, doch nicht ohne Ahndung; die dritte vollends werfe er nur nach
Befragung der sog. _höheren_ oder _verhüllten_ Mächte, und dieselbe
verheere und hemme und verwandle unbarmherzig den jedesmaligen Zustand der
Einzelnen wie des Ganzen; denn das Feuer lasse nichts bestehen.«

                  *       *       *       *       *

Es geht übrigens aus sonstigen Angaben der alten Schriftsteller (Plinius,
Festus, Ammianus) hervor, daß die Blitze, welche die Etrusker in ihrer
Blitztheorie behandelten, durchaus nicht blos eigentliche Blitze waren, daß
sie vielmehr auch Sternschnuppen, Irrlichter, plötzliche Lähmungen oder
Schlagflüsse als verschiedene Gattungen von Blitzen betrachtet haben.

Die Römer hatten von den zwölferlei Blitzen der etruskischen Lehre nur zwei
oder drei angenommen, deren Unterschied lediglich durch die Zeiten --
Nacht, Tag und Zwielicht -- bestimmt wurde.

Alle Gegenstände, die vom Blitze berührt waren, galten als heilig. Vom
Blitze getroffenes Erdreich faßte der Pontifex zusammen (+ignes
colligere+), verbarg es unter Flüstern gewisser Gebetsformeln unter dem
Boden und grub einen Stein, in den sich der Blitz verwandelt haben sollte,
ohne Zweifel einen Kiesel, mit hinein (+fulgur condere+). Man umgab dann
den Ort zum Schutze mit einer Mauer und versah ihn mit einem Altar, um zu
opfern; der Ort, der +puteal+ genannt wurde, durfte nicht überdacht werden.
Man glaubte, wer ein so geheiligtes Erdreich aufwühle, werde von den
Göttern mit Wahnsinn gestraft werden.

Wenn Bäume vom Blitz getroffen waren, ohne zu verbrennen, so trug man
Sorge, daß sie nicht ausstarben. Ein solcher Baum war der schon erwähnte
Feigenbaum, +ficus ruminalis+, auf dem Forum. »Wenn dieser Baum verdorrt«,
sagt Plinius, »so tragen die Priester immer wieder Sorge, daß er erneuert
wird.«[634]

Ein anderer derartiger Baum, eine Kornelkirsche, stand am Palatinischen
Hügel. Wenn jemand bemerkte, daß derselbe der Feuchtigkeit entbehre, so
brauchte er nur »Wasser« zu rufen, und auf der Stelle kamen diejenigen, die
es vernommen hatten, mit Gefäßen herbei, um ihn zu begießen.[635]

War gar ein Mensch vom Blitze berührt worden ohne getötet zu werden, so
galt er als ganz besonderer Liebling der Götter; wurde er aber getötet, so
durfte seine Leiche weder verbrannt noch anderswo bestattet werden; sie
wurde auf der Stelle, wo man sie fand, beerdigt.




Achtes Buch.

Der Occultismus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker.

Von

Karl Kiesewetter.

Vorbemerkung.


Wie bereits im Vorwort bemerkt, ist das folgende achte Buch das einzige,
das der leider so plötzlich aus seiner Arbeit abgerufene Herausgeber des
Gesamtwerkes über die Geschichte des Occultismus für diesen zweiten Band
bereits im Manuskript fertiggestellt hatte. Meine Arbeit an diesem achten
Buch beschränkt sich auf die Ordnung der mir allerdings in sehr
ungeordnetem Zustande übersandten Manuskripte in die im folgenden gewahrte
Reihenfolge, die der vom Verfasser beabsichtigten Disposition entsprechen
dürfte; stellenweise habe ich einige Lücken aus früheren Einzelaufsätzen
Kiesewetters (+Sphinx+) ergänzt. Dagegen ist sonst der ganze Inhalt des
achten Buchs geistiger Nachlaß Kiesewetters; ich muß daher auch die
_wissenschaftliche_ Verantwortung für den Inhalt ablehnen. Wenn hierdurch
der einheitliche Charakter dieses Bandes des »Occultismus des Altertums«
unterbrochen wird, da selbstverständlich die Auffassung Kiesewetters mit
der meinigen nicht immer kongruiert, so wird dies der Leser gern in den
Kauf nehmen in Anbetracht der unzweifelhaften Gründlichkeit und Belesenheit
des verstorbenen Gelehrten, dessen posthume Arbeit hier eingeschaltet wird.
Die Wertschätzung, welche Kiesewetter den offenbar von ihm mit besonderer
Vorliebe und daher antizipatorisch behandelten Alexandrinern,
Neupythagoräern und Neuplatonikern angedeihen ließ, kann ich persönlich
nicht teilen; ich würde mich daher zu einer so eingehenden Berücksichtigung
dieser Mystiker niemals haben entschließen können. Umsomehr freue ich mich,
anstatt einer eigenen Bearbeitung derselben die äußerst gründliche
Berichterstattung Kiesewetters über diese Periode der Philosophie den
Lesern bieten zu können. Denn wenn ich auch diese Periode als diejenige des
äußersten Verfalls des ursprünglich hoffnungsreicheren philosophischen
Geistes des griechischen Altertums betrachte, so verdient sie vielleicht
doch trotzdem eine gewisse Beachtung. Und je unerquicklicher das Studium
der konfusen und geschmacklosen Originalwerke, besonders der wüsten
Exsudate eines Philo, ist, um so dankbarer dürfen wir einer bei aller
subjektiven Vorliebe doch so objektiv gehaltenen auszugsweisen Darstellung
sein, wie sie der leider so früh dahingeschiedene fleißige Gelehrte uns im
folgenden bietet.

                                                                 L. K.




Erste Abteilung.

Die Alexandriner.

I.

Philo von Alexandria.

Erstes Kapitel.

Philos Leben und Lehrweise.


Alexandria ist die wissenschaftliche Metropole des klassischen Altertums.
Bald nach seiner Gründung durch den großen Makedonier entstanden daselbst
eine Anzahl wissenschaftlicher Anstalten, in welchen Gelehrte aller Art
durch die Freigebigkeit des Fürstengeschlechts der Ptolemäer als
Staatspensionäre sorgenlos und ungestört ihren Studien lebten. Die
wichtigste dieser Anstalten war das Museion mit einer 250 v. Chr. schon
400000 Rollen zählenden Bibliothek, welche zwar bei der Belagerung
Alexandrias durch Julius Cäsar in Flammen aufging, aber durch Marc Anton,
der Kleopatra die 200000 Rollen starke Bibliothek der Könige von Pergamon
schenkte, zum Teil wieder ersetzt wurde. In zweiter Linie ist das Serapeion
zu nennen, dessen Bibliothek zu oben genannter Zeit etwa 45000 Rollen stark
war.

An diesen Quellen holten sich 700 Jahre lang die berühmtesten Philosophen,
Theologen, Philologen, Astronomen, Mathematiker und Ärzte ihre Bildung, bis
Caracalla das Museion schloß und die Pensionen der Gelehrten einzog, bis im
Jahre 389 der fanatische christliche Patriarch Theophilos das Serapeion
verbrannte und der arabische Feldherr Amru im Jahre 642 mit den noch
übrigen 300000 Rollen der ptolemäischen Bibliothek viertausend Bäder sechs
Monate lang heizte.

In Alexandria, der den Verkehr des Morgen- und Abendlandes vermittelnden
Weltstadt, fand zuerst die Verschmelzung griechischer Philosophie und
uralt-orientalischer Weltanschauung statt, welche als »alexandrinische
Philosophie« bezeichnet wird. Im letzten vorchristlichen und ersten
christlichen Jahrhundert erscheint uns dieselbe als eine Verbindung
altjüdischer Glaubenssätze, platonischer Ideeen und buddhistischer
Elemente. Dieser große Einfluß des Judentums kann uns nicht Wunder nehmen,
wenn wir bedenken, daß sich zur Zeit des Augustus eine Million Juden in
Ägypten aufhielten und sich namentlich in Alexandria mit griechischer
Kultur und Wissenschaft befreundet hatten. In Alexandria entstand die
griechische Übersetzung des alten Testaments durch die siebenzig
Dolmetscher (die Septuaginta), und hier bildete der Jude Philo, die
griechische Philosophie mit den heiligen Büchern des Judentums durch
allegorische Auslegungen in Übereinstimmung bringend, die oben genannte
alexandrinische Philosophie oder -- besser gesagt -- Theosophie aus.

Von Philos Leben wissen wir sehr wenig. Nach seinen eigenen Angaben und
denen des Kirchenvaters Hieronymus stammte Philo aus einer sehr angesehenen
und reichen Priesterfamilie und wurde um 20 v. Chr. zu Alexandria geboren.
In seiner Jugend lebte er ausschließlich den Wissenschaften und stiller
Beschaulichkeit; später jedoch sah er sich genötigt, im Interesse seiner
Glaubensgenossen in den Gang der öffentlichen Geschäfte einzugreifen. Die
Veranlassung war folgende: Die etwa siebenzigtausend Köpfe starke
Judengemeinde zu Alexandria lebte -- _wie überall, wo starke Judengemeinden
mit Andersgläubigen zusammenlebten_, -- wegen ihres _Wuchers_ und
_sonstigen üblen Eigenschaften_ -- mit den griechisch-ägyptischen
Einwohnern in solchem Unfrieden, daß im ersten Regierungsjahre Caligulas
unter dem Präfekten Flaccus eine blutige Judenverfolgung ausbrach. Sie
wurde zwar gedämpft, aber der Haß glomm unter der Asche fort. Als nun
später Caligula göttliche Verehrung verlangte, welche die hellenischen
Alexandriner willig leisteten, die Juden aber auf Grund ihrer religiösen
Vorschriften verweigerten, kam eine noch grimmigere Verfolgung zum
Ausbruch. Der Pöbel fiel unter dem Schein, des Kaisers Sache zu verfechten,
über die Juden her, und der Präfekt Flaccus that dem Wüten desselben keinen
Einhalt. In ihrer Not entschloß sich die alexandrinische Judengemeinde, an
den Urheber ihrer Leiden, an Caligula selbst, eine Gesandtschaft zu
schicken, die dessen Wohlwollen und Schutz erflehen sollte. Philo nebst
vier anderen bildete diese Gesandtschaft, welche jedoch nicht nur nichts
ausrichtete, sondern sogar längere Zeit in großer Lebensgefahr schwebte.
Ja, sie mußte sogar erleben, daß Caligula dem Statthalter von Syrien,
Petronius, befahl, die kaiserliche Bildsäule im Tempel zu Jerusalem
aufzustellen. -- Diese Umstände berichtet Philo selbst in seinem Buch +De
legatione ad Cajum+. -- Wie Josephus erzählt[636], führte jedoch Petronius
den kaiserlichen Befehl nicht aus und wurde zum Tode verurteilt, sein Leben
verdankt er nur der schnellen Ermordung Caligulas. -- Wie Eusebius in
seiner Kirchengeschichte berichtet, soll Philo nach Caligulas Tod seine
Schrift +De legatione ad Cajum+ im Senat vorgelesen haben; allein es ist im
höchsten Grad unwahrscheinlich, daß ein Jude der höchsten römischen Behörde
eine von grimmigstem Römerhaß strotzende Schmähschrift hätte zur Kenntnis
bringen dürfen. Unwahrscheinlich ist auch die Angabe, daß Philo in Rom
Petrus kennen gelernt habe und Christ geworden sei. Hingegen ist gewiß, daß
Philo Palästina besuchte, um der Essäer willen, deren Kopfzahl er in seinem
Buch +Quod omnis probus liber+ auf viertausend angiebt. An dieser Stelle
will ich wenigstens der _talmudistischen_ Tradition Erwähnung thun, daß der
jugendliche Jesus während des Aufenthaltes seiner vor den Nachstellungen
des Panthera -- nicht des Herodes -- geflohenen Eltern in Ägypten, Schüler
Philos gewesen sei.[637] -- Philo starb um 45 n. Chr.

Philo hat sehr viel geschrieben, jedoch liegt eine spezielle Anführung
seiner Schriften um so weniger in unserer Absicht, als die wichtigsten
derselben doch im Laufe unserer Darstellung genannt werden müssen. Die
philonischen Schriften zerfallen in historische, philosophische, politische
und allegorische, und wenn auch seit etwa zweihundert Jahren von
alexandrinischen Juden Versuche gemacht worden waren, das alte Testament
esoterisch zu deuten, so ist doch Philo als der eigentliche Vater der
theosophischen Allegorie zu betrachten. Er sagt über dieselbe[638]:

»Damit wir die Zeugung und Geburt der Tugend beschreiben können, sollen die
Abergläubischen ihre Ohren verschließen oder sich entfernen, denn wir
lehren göttliche Mysterien, aber nur solchen Seelen, welche ihrer würdig
sind. Dies sind diejenigen, welche ungeschminkte Frömmigkeit ohne Prunk
üben. Jenen andern aber, welche von einer unheilbaren Krankheit, nämlich
dem Pochen auf den _Klang_ der Worte, dem Kleben an Namen, der Gaukelei mit
Gebräuchen befallen sind und sonst nichts höheres ahnen, wollen wir die
heiligen Geheimnisse nicht mittheilen.«

Alles wird Philo zum Symbol: so ist ihm Adam der niedere sinnliche Mensch
überhaupt, Kain die Selbstsucht, Abel die Gottergebenheit, Enoch die
Hoffnung, Jenoch die Buße und Noah die Gerechtigkeit. Abraham wird zum
Symbol der durch Erziehung weise gewordenen Seele, Isaak der von Natur aus
weisen und Jakob der durch mystische Übung weise gewordenen. Sarah ist das
Sinnbild der eingeborenen Tugend, Joseph das des politischen Treibens und
Moses die höchste Darstellung des prophetischen Geistes. -- Ägypten ist das
Symbol des Leibes, Kanaan der Frömmigkeit; die wilde Taube ist Sinnbild der
göttlichen Weisheit, die zahme der menschlichen; das Lamm ist das Bild der
reinen Seele, weil es unter allen Tieren das reinste ist[639], usw. usw.

Die in der Genesis erzählten Schicksale der Urväter und Patriarchen werden
als die verschiedenartigen Veränderungen, Gestaltungen und Entwickelungen
der im Menschen vorhandenen seelisch-geistigen Kräfte in einer Weise
dargestellt, die sowohl an Jakob Böhme als an die älteste indische
Geheimlehre erinnert. Folgende Beispiele mögen dies erläutern. Über die
Geburt Kains sagt Philo[640]:

»Man muß sich oft über das Ungewöhnliche in der Darstellung unseres
Gesetzgebers wundern, denn wenn er vom ersten Menschen reden will, der von
Menschen und nicht von Gott -- wie die zwei Urmenschen -- abstammt, und den
er zuvor garnicht genannt hat: so setzt er dessen Namen geradezu her, als
wäre er längst bekannt und würde jetzt nicht zum erstenmal genannt. 'Sie
gebar den Kain.' Man möchte fragen, was für ein Kain ist dies? Hast du
vorher das Geringste über ihn gesagt? Und doch kennst du die richtige
Stellung der Namen so gut, denn nur einige Verse weiter unten kann man es
dir an einem Beispiel von derselben Person nachweisen: Adam erkannte Eva,
sein Weib, und sie gebar ihm einen Sohn, und er nannte seinen Namen Seth!
Hättest du nicht viel eher bei dem Erstgeborenen der Söhne Adams und aller
Menschen sein Geschlecht angeben sollen, ob es weiblich oder männlich, und
dann erst den Namen hinten ansetzen? Da es nun am Tage liegt, daß der
Gesetzgeber nicht aus Unkenntniß von der gewöhnlichen Sprechweise abwich,
so ist es billig, daß wir nach der Ursache dieser Eigenheit fragen. Sie
scheint mir folgende zu sein: Die übrigen Menschen gebrauchen Namen, die
dem nicht entsprechen, was bezeichnet werden soll. Bei Moses hingegen sind
die Namen klare Spiegel der Sachen, so daß beide eins sind. Unter anderem
ist unsere Stelle ein deutlicher Beleg für diese Behauptung. Wenn nämlich
unser Geist, der hier Adam genannt wird, mit der sinnlichen Kraft zusammen
trifft, durch welche alles Belebte lebt (die hier Eva heißt), und nach
Vereinigung strebend, sich ihr naht, so empfängt die Seele die sinnlichen
Gegenstände wie in einem Netze und macht auf sie Jagd, mit den Augen auf
die Farben, mit den Ohren auf die Töne, mit der Nase auf die Düfte, mit dem
Gaumen auf die Gegenstände des Geschmacks, mit dem Tastsinn auf die Körper.
Von allen dem wird sie schwanger und gebiert alsdann das schwerste der
seelischen Übel: den Wahn. Denn sie wähnt Alles, was sie sinnlich empfindet
mit den Augen, den Ohren, dem Geruch, dem Geschmack, dem Gefühl sei ihr
Eigentum, und der Geist Erfinder und künstlicher Darsteller aller Dinge.
Dies widerfährt jedoch der Seele nicht ohne Grund, denn es war einst eine
Zeit, wo der Geist mit der sinnlichen Kraft noch nicht verkehrte, noch mit
ihr vereinigt war, sondern den einsamen Tieren gleich für sich lebte.
Damals nur blos mit sich beschäftigt, hatte er keine Berührung mit dem
Körper, noch besaß er in ihm ein Werkzeug, durch das er auf die Außenwelt
Jagd machen konnte; so war er blind und unvermögend, und zwar nicht etwa
blos in der Art, in der man einen Blinden der Sinne beraubt nennt, --
sondern alle und jede sinnliche Kraft war ihm genommen, so daß er als
wahrhaft unvermögend, als die Hälfte einer vollkommenen Seele, ohne die
Fähigkeit, die Außenwelt zu erkennen, als das unselige Bruchstück eines
Ganzen ohne Unterstützung der Sinnesorgane dastand. Deswegen befand er sich
auch in dichter Unwissenheit über die Körperwelt, weil ihm nichts
Äußerliches erscheinen konnte. Da ihm nun Gott nicht nur das Übersinnliche,
sondern auch die sinnliche Welt offenbaren wollte, machte er ihn erst zu
einem Ganzen, indem er seine zweite Hälfte, die sinnliche Kraft, ihm
zuführte, welche in der Schrift mit dem Gattungsnamen Weib und mit dem
speciellen Namen Eva bezeichnet wird. Diese goß gleich bei ihrer
Vereinigung mit ihm durch alle ihre Teile -- wie durch Oeffnungen -- Licht
in vollem Maaße in den Geist, zerstreute die lange Nacht und gab ihrem
Herrn auf diese Weise die Möglichkeit, die äußere Welt genau und klar
anzuschauen. Der Geist seinerseits, wie von hellem Tageslicht erleuchtet,
das plötzlich durch die Nacht bricht, oder wie ein Mensch, der urplötzlich
vom Schlafe erwacht, oder wie ein Blinder, der mit einem Mal das Gesicht
erhält, eilte schnell auf alle Wunder zu, die sich ihm darboten, beschaute
den Himmel, die Erde, die Pflanzen, die Thiere, ihre Gestalt,
Eigenschaften, Kräfte, Lage, Bewegung, Wirkung, ihr Thun, ihre
Veränderungen, ihr Entstehen und Vergehen; das eine sah er, das andere
hörte er, wieder anderes noch kostete, betastete er, und was Lust in ihm
erregte, suchte er auf, was Schmerz, verabscheute er.

Nachdem er auf diese Weise hier und dort hingeschaut und sich und seine
Kräfte wahrgenommen hatte, gerieth er in denselben Irrthum wie Alexander
von Makedonien. Von diesem erzählt man, er habe sich in dem Wahn, Asien und
Europa schon zu besitzen, auf einen erhabenen Ort gestellt, wo er beide
Ufer sehen konnte, um sich geschaut und dann ausgerufen: Was da ist und
was dort ist, gehört mein! ein Ausspruch, der kaum eines Knaben würdig war,
aber einem König übel anstand. Lange schon vor ihm widerfuhr dasselbe dem
Menschengeiste, denn als die sinnliche Kraft mit ihm vereint wurde, und die
ganze Körperwelt durch diese Vermählung offenbar geworden war, meinte er
nun, daß Alles ihm gehöre und nichts einem Anderen. Dies ist eine falsche
Geistesrichtung, welche Moses mit dem Namen Kain oder Besitz bezeichnet,
und welche voll Thorheit -- oder besser -- voll Gottlosigkeit ist. Denn
anstatt Gott die Ehre zu geben und von ihm Alles abhängig zu machen, hält
sie Alles für eigenen Besitz der Menschenseele, die nicht einmal sich
selbst besitzt, ja nicht einmal sich selbst nach ihrem wahren Wesen kennt.«

Ein weiteres höchst charakteristisches Beispiel seiner allegorischen
Methode giebt Philo in seiner Schrift +De vita Abrahami+.[641] Hier erzählt
er die Reisen Abrahams von Chaldäa nach Haran und von Haran nach Palästina
zuerst dem biblischen Text gemäß und fährt dann folgendermaßen fort:

»Jene Reisen sind nach den Gesetzen der Allegorie Symbole einer die Tugend
liebenden und den wahren Gott suchenden Seele. Die Chaldäer trieben von
jeher Gestirndienst und hielten die Welt -- namentlich die Sterne -- für
Gott und verehrten so das Geschöpf anstatt des Schöpfers. In diesem Irrtum
war jene Seele auch befangen, weil sie Gott nicht kannte. Daher heißt es:
Abraham wohnte zu Ur in Chaldäa. Nachdem sie nun lange diesen Wahn gehegt
hatte, begann ihr das Licht aufzudämmern, und sie sah -- obschon noch
dunkel -- ein, daß ein Wagenlenker[642] über dieser Welt walten müsse.
Damit diese Ahnung klarer in ihr werde, ruft ihr nun das Wort Gottes also
zu: Großes wird oft durch Kleines erkannt. Darum laß die chaldäische
Grübelei, laß das ewige Sternschauen; _wende deinen Blick weg von der
großen Stadt, nämlich von der Welt, auf eine kleine, dich selbst, dann
wirst du den Lenker aller Dinge erkennen_. Deshalb heißt es, Abraham sei
zuerst von Chaldäa nach Haran gewandert. Denn Haran bedeutet Höhlen, und
diese sind ein Symbol der fünf Sinne. Der Sinn des Aufrufs zur Wanderung
ist aber folgender: _Wenn du deine Sinne betrachtest, so wirst du erkennen,
daß sie nichts wirken und nichts thun, es sei denn, daß der Geist -- einem
Wunderthäter gleich -- ihre Kraft erregt, richtet und befruchtet. An diesem
Beispiel kannst du lernen, daß über der Welt und den sichtbaren Gliedern
des Ganzen ein Geist walten muß, da ja auch deine Glieder, die fünf Sinne,
ohne den Geist im Innern nichts vermögen. Daß jener Weltgeist unsichtbar
ist, darf dich nicht stören, denn dein eigener Geist ist es ja auch._ Die
Richtigkeit dieser Erklärung wird gleich durch folgende Worte des Textes
bewiesen, wo es heißt: Gott erschien dem Abraham. Vorher, als der Geist
noch im chaldäischen Irrtum befangen war, konnte ihm Gott nicht erscheinen,
wohl aber jetzt, da er die Wahrheit zu erkennen begann. Es heißt aber:
'Gott erschien dem Weisen und nicht, der Weise sah Gott', _denn Niemand
kann Gott begreifen, als sofern sich dieser selbst zu erkennen giebt_. Für
diese Erklärung spricht auch die Änderung des Namens; zwar wird nur ein +A+
dem vorigen hinzugefügt, aber es ist ein großes Geheimniß in diesem kleinen
Buchstaben verborgen: Vorher heißt jene Seele Abram, d. h. der in die Höhe
strebende Vater; jetzt aber heißt er Abraham, d. h. der auserlesene Vater
des Schalls. Mit diesem Namen wird der Weise bezeichnet; denn Schall ist
gleich Rede, Vater des Schalls gleich Geist, weil dieser es ist, der die
Rede aussendet. Das Beiwort 'auserlesen' bezeichnet die Vortrefflichkeit
jenes Geistes. Die zweite Wanderung endlich, nämlich die von Haran nach
Palästina, ist von der vollständigen Erkenntniß des höchsten Wesens zu
verstehen, die jene Seele zuletzt errang.«

An einem andern Ort[643] spricht sich Philo über die mystische Reise nach
Haran folgendermaßen aus:

»So lange der Asket in den Sinnen lebt, d. h., wenn er nach Haran kommt,
denn dieser Name bedeutet die Höhlung der fünf Sinne, begegnet er dem
göttlichen Logos nicht. Es heißt aber weiter, er sei dem Logos begegnet,
als die Sonne unterging; Sonne bedeutet nämlich in diesem Fall den obersten
Gott, und der Sinn ist dieser: Wenn das göttliche Licht, die reine
Erkenntniß Gottes, untergegangen, so sehen wir den Logos; wenn jenes aber
leuchtet, so schauen wir die reine intelligible Welt. Andere fassen diese
Stelle so auf: Die Sonne ist der menschliche Verstand mitsammt den Sinnen,
der Logos das Ebenbild der höchsten Gottheit, welches erst dann erkannt
wird, wenn das menschliche Licht der Sinne untergegangen ist.«

Halten wir diese Stelle fest und den Umstand, daß Philo die Welt die große,
den Menschen aber die kleine Stadt nennt, so sehen wir ganz einwandfrei,
daß diese Spekulationen indischen Ursprungs sind. So heißt es in
_Windischmanns_ bekanntem Werk[644] über die Ekstase der indischen Sonnen-
und Mondkinder:

»Wenn die Sinne in den Manas (Allsinn) zusammengehen, sieht der Seher
nichts mit den Augen, hört nichts mit den Ohren, fühlt nichts, schmeckt
nichts; aber innerhalb der _Stadt des Brahma_ sind die fünf Pranas
leuchtend und schwach, und der Seher erreicht sich selbst im Licht bei den
verschlossenen Pforten des Leibes. Da sieht er dann, was er im Wachen sah
und that, er sieht Geschehenes und nicht Geschehenes, Gewußtes und nicht
Gewußtes, und weil Atma (der Geist, Philos Logos,) Urheber aller Handlungen
selbst ist, so verrichtet er im Schlafe gleichfalls alle Handlungen und
nimmt auch die ursprüngliche Gestalt des Lichtes wieder an und er wird wie
Brahma selbst leuchtend.«

In den _Upanischads_ heißt es:

»Manas (der Menschengeist) wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin
das Auge, das Ohr und die anderen Sinne nicht gelangen, und gewährt schon
so ein großes Licht. Ebenso wandelt er auch im Traume an entlegene Orte und
zündet den anderen Sinnen ein großes Licht an. Im tiefen Schlafe ist er
eins und ungeteilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; er ist das
Prinzip aller Sinne. Der Fähige vollbringt seine Werke mittelst des Manas,
und der Erkennende erkennt durch dasselbe. -- Es ist die Leuchte des
Leibes und die Mitte desselben und aller Sinne Mittelpunkt. In seinen
Banden ist der vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt,
alles Vergängliche; Manas selbst aber vergeht nicht im Tode. In der
Herzhöhle wohnt die unsterbliche Person -- in der Mitte des Geistes --,
diese Person, das innere Licht ist klar wie eine rauchlose Flamme. In
dieser Höhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum,
der mit Akasa erfüllt ist. Derselbe Akasa, wie er außen ist, ist auch
innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen, und in ihm sind der Himmel und
die Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der
Blitz und die Gestirne. -- Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in
welcher Alles enthalten ist. -- Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der
Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und zieht aus, den Lohn der
Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber, den Geist erkennend, von
hier hinweggehen, die gehen ihrer und ihrer Wünsche mächtig und empfangen
ewigen Lohn. Wenn der Schleier des Irrthums und der Mißerkenntniß vom
Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Akasa angenommen hat, dem
ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Ihm wird die Nacht zum Tag, das
Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist
die Welt des Brahma selbst.«

Die Praxis der mystischen »Reise nach Haran«, um des Logos oder Atma
teilhaftig zu werden, wird bekanntlich in den Upanischaden am aller
ausführlichsten geschildert.

Soviel über Philos Allegorie, die zur indischen Mystik hinüberführt. -- Wir
wenden uns nun zu Philos Spekulationen über die Gottheit, den Logos und die
intelligible Welt.

Gott ist das absolute Wesen, rein in sich abgeschlossen, und ohne Beziehung
auf etwas Endliches. Er ist die Seele des Weltalls, er bleibt uns ein
Geheimnis, und man darf sich nicht erkühnen, etwas von ihm oder über ihn zu
sagen, als daß er sei.[645] Das einzig würdige Symbol Gottes unter den
endlichen Dingen ist das intellektuelle Licht und die menschliche
Seele.[646]

Gott und die Materie sind die beiden von Ewigkeit bestehenden Prinzipien;
Gott ist die unendliche Intelligenz, welche die Formen -- resp. Ideeen --
von allen möglichen Dingen in sich enthält, die Materie ist der formlose
Stoff, der ungeachtet seiner Subsistenz durch den Mangel an aller Form ein
Unding für den Verstand ist. Form und Leben erhielt die Materie durch
Gott.[647]

Gott ist das reale Wesen, welches wegen seiner Unendlichkeit von keinem
endlichen Wesen erkannt werden kann, er ist nicht im Raum, nicht in der
Zeit, außerhalb der Sinnenwelt und durch kein Prädikat eines endlichen
Wesens denkbar. Er kann nur gedacht werden als das Reale ohne bestimmte
Realität. Man weiß nur, daß Gott ist, nicht was er ist.[648]

Gott ist die hypostasierte Ewigkeit, denn in ihm ist nichts vergangen,
gegenwärtig und künftig, er ist ohne Anfang und Ende, in seinem ganzen
Wesen unveränderlich. Er ist das Urlicht, aus dessen Strahlen alle
endlichen denkenden Wesen ausgegangen sind.[649]

Als unendliche Intelligenz umfaßt Gott alle Ideeen von allen möglichen
Dingen; aber eine Idee Gottes ist nichts anderes als das Ding selbst. Was
er denkt, erhält durch sein bloßes Denken Realität.

Gott kann in seinem Verhältnis zur Welt hauptsächlich nach vier Begriffen
dargestellt werden, nämlich in Hinsicht der Macht, der Weisheit, der
Heiligkeit und der Liebe.

Philo hebt die Allmacht oft hervor, besonders in Verbindung mit der
%sophia%, der Weisheit; die Heiligkeit Gottes berührt er weniger, weil er
sie für selbstverständlich hält. Hingegen setzt er etwas Höheres an ihre
Stelle, nämlich die Reinheit. Am meisten aber verbreitet er sich über die
Güte und Liebe Gottes, weshalb man in gewisser Beziehung Philos Theosophie
die Morgenröte des Christentums nennen kann.[650]

Aus Güte und Liebe hat Gott die Welt geschaffen, er erfüllt alles mit
seiner liebenden Macht; seine Güte hält die Welt zusammen und ist selbst
die Harmonie der Welt. Alles Gute in dieser Welt, geistiges und leibliches,
ist sein Geschenk und seine Gnade. Besonders aber erstreckt sich die Fülle
der göttlichen Gnade auf die Menschen, und wenn seine Liebe nicht wäre,
würden sie alle dem Verderben anheim fallen. Alle Güter, welche die
Menschen besitzen, jede Tugend, Frömmigkeit, Wohlwollen, Gerechtigkeit,
Glauben usw., sind Gottes Geschenk, weshalb es Philo auch an unzähligen
Orten für die größte Sünde erklärt, wenn der Mensch sich selbst etwas Gutes
zuschreibt und dasselbe nicht von Gott ableitet.

Philo erklärt an einer Menge Stellen seiner Schriften Gott seinem Wesen
nach für völlig unbegreiflich, dennoch aber giebt er zu, daß eine gewisse
Erkenntnis Gottes jedem Menschen möglich ist und von jedem gefordert werden
kann, obschon Viele derselben durch eigene Schuld entbehren, nämlich: die
Erkenntnis, daß Gott sei und die Gewißheit seiner Existenz. Diese
Erkenntnis kann auf zweierlei Weise stattfinden, nämlich durch ein
mystisches Schauen, bei welcher höchsten Stufe der Erkenntnis die
Selbstthätigkeit des Menschen zwar nicht ausgeschlossen ist, bei der aber
Gott dem Menschen entgegengekommen und das Meiste thun muß. -- Die zweite
-- niedrigere -- Stufe der Gotteserkenntnis beruht auf Schlüssen aus den
Werken auf den Urheber.

Der Verstand Gottes, der Logos, welcher alle Ideeen in sich begreift, ist
die ideale Welt. Diese ist das Ebenbild Gottes, sein erstgeborener Sohn,
denn sie geht unmittelbar aus dem Wesen Gottes hervor und muß daher ebenso
vollkommen sein wie die höchste Intelligenz selbst. Philo nennt diese
personifizierte Verstandeswelt auch noch den Erzengel, (die Engel überhaupt
nennt er vielfach %logoi%), weil sie die erste aller ausgeschlossenen
Intelligenzen ist, oder den himmlischen Menschen, den Aufgang der
Sonne.[651]

Der Logos ist das Muster, nach welchem Gott die sichtbare Welt schuf. Die
göttliche Kraft, durch welche diese gebildet wurde, ist der nach außen
wirkende Logos, welcher mit der Sprache verglichen werden kann.

An anderer Stelle[652] sagt Philo vom Logos:

»Zwischen Gott und dem göttlichen Logos ist kein Zwischenraum, Beide sind
unendlich nahe. Der Logos ist der Wagenlenker der göttlichen Kräfte, der
Herr des Wagens aber ist der Sprechende, der dem Lenker des Wagens seine
Bahn vorschreibt.«

Der Logos ist die Nahrung der Seelen und wird von Philo mit dem Manna der
Wüste verglichen:

»Siehst du nun, was die Nahrung der Seele ist, nämlich das allerfüllende
Wort Gottes, das dem Thaue gleich die ganze Erde bedeckt und Alles erfüllt.
Aber nicht überall zeigt sich dieser Logos, sondern nur da, wo Leidenschaft
und Bosheit ferne sind; er ist so fein zu erfassen und zu ergreifen, klar
und rein anzuschauen; er ist wie Coriander. Die Landleute sagen nämlich von
dieser Frucht, wenn man sie auch in zahllose Theile zerschneide, so gehe
doch ein jeder derselben so gut auf wie ein ganzes Korn. So ist es auch mit
dem göttlichen Wort. Es ist im Ganzen fruchtbringend, aber auch jedem
einzelnen Theile nach, und wäre es auch der kleinste. Darum gleicht es auch
dem Augapfel, denn wie dieser als ein so gar kleines Ding alle Zonen der
Erde, das unermeßliche Meer und den unbegrenzten Luftraum überschaut, so
ist auch der göttliche Logos über alles scharfblickend und im Stande Alles
zu schauen; ja er ist es, durch den wir allein Wahrheit sehen können.
Deshalb läßt sich auch das Beiwort 'weiß', welches im Texte dem Manna
gegeben wird, auf ihn übertragen. Denn was ist lichter und klarer als der
göttliche Logos, durch dessen Besitz es jeder Seele, die sich nach dem
geistigen Lichte sehnt, erst möglich wird, die innere Finsterniß zu
zerstreuen.«

»Etwas Eigenes geschieht aber mit diesem Logos; wenn er nämlich eine Seele
zu sich ruft, so bewirkt er, daß alles Irdische, Sinnliche und Leibliche in
ihr zusammenfriert. Deswegen heißt es auch im Text, es war wie Eis auf dem
Felde. Die Seelen fragen sich, was der Logos sei, nachdem sie seine
Wirkung bereits erfahren haben. Oft geht es auch in andern Dingen so, oft
wissen wir nicht, woher der Geschmack kommt, der unsere Zunge mit Süßigkeit
erfüllt, oft kennen wir den Geruch nicht, der uns ergötzt. Dasselbe
widerfährt nun auch der Seele; eine hohe Freude wird ihr zu Teil, aber sie
weiß nicht, woher sie kommt. Diesen Aufschluß giebt ihr der heilige Prophet
Moses: 'Dies ist das Brot', sagt er, 'die Nahrung, die Gott der Seele
gegeben hat, sein Wort, sein Logos, denn in Wahrheit ist dies das Brot, das
er uns gegeben hat; dies ist sein Wort.' Auch im Deuteronomion sagt er: 'Er
hat dich geplagt und hungern lassen, aber dann mit Manna gespeiset, das
deine Väter nicht kannten, auf daß dir offenbar würde, daß der Mensch nicht
vom Brode allein lebt, sondern von einem jeglichen Wort, das aus des Herrn
Munde geht.' Diese Plage ist ein Werk der Gnade, denn durch die Strafe
reinigt er unsere Seelen, wenn er uns nämlich die Sinnenlust entzieht,
vermeinen wir geplagt zu werden; aber eben damit erweist er sich uns
gnädig. Er schickt auch Hunger über uns, nicht nur einen Hunger nach
Tugend, sondern den, welcher die Bosheit und die Leidenschaft züchtigt;
denn zum Beweise, daß er es gut mit uns meint, heißt es ja, er sättigt uns
mit Manna, d. h. mit seinem Wort, das Alles in sich faßt, und reines Sein
ist. Manna heißt eigentlich 'Etwas', das ist das reine Sein, das
allgemeinste Wesen; denn der göttliche Logos ist über der ganzen Welt und
allgemeiner als alle Kreaturen. Diesen Logos kannten die Väter nicht, d. h.
nicht die wahren Väter, sondern nur die Alten an Jahren, nicht an Weisheit;
diejenigen, die zu den Propheten sprachen: Gieb uns einen Führer, daß wir
zurückkehren zur Leidenschaft, d. h. nach Ägypten. So werde es dann der
Seele kund, daß der Mensch nach dem Ebenbilde nicht vom Brode allein lebt,
sondern von jeglichem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, d. h., daß er
sowohl durch den ganzen Logos genährt wird, als auch durch einen Teil von
ihm. Denn Mund ist ein Sinnbild der Rede, Wort aber ein Teil derselben. Die
Seele der Vollkommenheit wird durch den ganzen Logos genährt, wir aber
wollen zufrieden sein, wenn uns nur ein Teil des göttlichen Wortes
zukommt.«

An anderer Stelle nennt Philo den Logos das Vaterland weiser Seelen und
sagt zur Erklärung der Aufforderung Jakobs, Laban zu verlassen (+Genes.
XXXI, 3+), daß der Befehl, Jakob solle sich von Laban kehren, heiße, der
Geist des Asketen solle sich nicht mehr mit den sinnlichen Dingen und den
Eigenschaften der Körperwelt (Laban) abgeben; sondern sich in das
Vaterhaus, d. h. zum heiligen Logos, dem Wohnort weiser Seelen wenden.[653]

In einem andern Gleichnis nennt Philo den Logos noch den Regentau und
Steuermann der Weisen, ja das Triebrad im innern Wesen der Gottheit und der
Geisterwelt, welchem Gott bei der Schöpfung der Welt sein allmächtiges
»Werde« anvertraute.[654]

Aus Gott emanieren unzählige Kräfte und Geister, welche die intelligible
Welt als Urbild und Ideal der sichtbaren Körperwelt hervorbrachten. Unter
diesen höheren himmlischen Geistern steht eine unermeßliche Menge niederer,
welche Engel genannt werden.

Diese Geister haben verschiedene Geschäfte; sie dienen dem Allmächtigen und
haben so tiefe Einsichten, daß ihnen nichts verborgen bleibt. Sie sind
Verkünder der göttlichen Befehle und Überbringer der Gebete vor den Thron
Gottes. Ihre Existenz ist geboten, denn es ist notwendig, daß die ganze
Schöpfung belebt sei, und daß jeder Teil der Welt die ihm angemessenen
Bewohner habe.

Von den Geistern, welche die Luft bewohnen, sind einige den Menschen
gefährlich durch Einflößung sündlicher Begierden und Leidenschaften, andere
jedoch dienen dazu, in der Seele des Menschen den Trieb zur Unsterblichkeit
und Verachtung alles Irdischen zu erwecken. Und diesem muß man durch ihre
unmittelbare Einwirkung auch die menschliche Seele das Geschäft der
Inspiration zueignen.[655]

Die Geister aller Klassen und Ordnungen sind Mittelwesen und
Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen, Verkündiger der über sie
ergangenen göttlichen Ratschlüsse u. s. w. Mit einem Wort, die Geisterwelt
ist nach Philo ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten des
sichtbaren Universums und namentlich des Menschen betrieben werden.

Der Mensch ist eines unmittelbaren vertrauten Umganges mit der Geisterwelt
und dem Logos durch eigene Kraft fähig, wozu ihm die durch die Askese
vermittelte höchste Erkenntnis des Wahren und Guten verhilft. Ist dann die
menschliche Seele in Verbindung mit der Geisterwelt -- und namentlich durch
den Einfluß des Logos -- zur Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen
gelangt, wovon wir durch die Sinne nur eine oberflächliche Kenntnis
erhalten, so erhebt sie sich über sich selbst, tritt mit dem Logos in
Gemeinschaft; sie hat den höchsten Gipfel der reinsten Erkenntnis
erstiegen, und ihr Flug ist hinfort himmelwärts gerichtet.




Zweites Kapitel.

Philos Mystik.


Die Art und Weise wie Philo den Menschen in verschiedene Grundteile teilt,
hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der sog. esoterischen Lehre. Diese
Ähnlichkeit mag wohl daher rühren, daß, wie später nachzuweisen, Philo der
Sekte der Essäer angehörte, welche bekanntlich unter den Juden durch
buddhistische Missionäre gestiftet worden war.[656]

Der Mensch besteht nach Philo aus Körper und Seele.

Der Körper %sôma% (+rupa+ der Inder, +chat+ der Ägypter, +guf+ der Hebräer,
elementarische Leib des Paracelsus) ist aus den vier Elementen
zusammengesetzt und darum sterblich.[657]

Die Seele (%psychê%) des Menschen zerfällt in einen unvernünftigen und
einen vernünftigen Teil. Zu den ersteren gehört der »Sitz der Leidenschaft«
(%to thymikon%) und der Sitz der physischen Begierden (%to epithymêtikon%).
Dieser Teil der Seele ist sterblich und hat seinen Sitz im Blut[658]; er
kann also sehr wohl mit dem +Kama rupa+ der Inder, +Ab+ der Ägypter,
+Ruach+ der Hebräer und dem +Evestrum+ oder siderischen Menschen des
Paracelsus verglichen werden.

Insofern dieser Teil der Seele und der Körper sterblich sind, nennt Philo
den Menschen ein vernünftiges sterbliches Tier.

Der niederste Grundteil der vernünftigen Seele ist nach Philo das
Sprachvermögen[659], eine Unterscheidung, die sonst nirgends gemacht wird.
Da aber die Sprache den Menschen vom Tiere zunächst unterscheidet, so
könnte man das »Sprachvermögen« Philos vielleicht mit der Menschenseele der
Inders (+manas+, +ba+, +Neschamah+, +spiritus etc.+) identifizieren.

Der zweite Teil der vernünftigen Seele ist das »Vermögen der Sinne«
(%psychê aisthêtikê%), die wir mit +Chaibi+ der Ägypter, +chaijah+ der
Hebräer und der Vernunft (+Intellectus+) der mittelalterlichen Mystiker
vergleichen können.

Der höchste Grundteil des Menschen endlich ist der »Verstand«, %nous,
logos%, +cha+ der Ägypter, +jeschida+ der Hebräer, der »göttliche Gedanke«
Agrippas und der Mensch des +Olympi novi+ des Paracelsus, welcher »ein
unzertrennlicher Teil der stetigen Natur der Gottheit ist«.[660]

Unter den bisher aufgezählten sechs Grundteilen haben wir den Astralkörper
vermißt; aber auch von diesem findet sich eine Spur bei Philo, insofern er
sagt, die Seele sei in Ätherstoff, d. h. ein fünftes Element, aus dem
Himmel und Gestirne geschaffen worden, in ein heiliges, unverlöschliches
Feuer gehüllt.[661]

Daß Philo auch die Lebenskraft kannte, ergiebt sich aus folgender
Stelle[662]:

»Oft in seinen Schriften erklärt Moses das Blut für das Wesen der Seele;
sagt er doch geradezu: die Seele alles Fleisches ist Blut. Hingegen heißt
es bei der Schöpfung des ersten Menschen: Gott blies ihm den Hauch des
Lebens ein, und der Mensch ward zur lebendigen Seele. Diese Worte beweisen,
daß die Substanz der Seele Geist ist. Da nun Moses immer mit sich
übereinstimmt, so muß er einen guten Grund zu diesem scheinbaren
Widerspruch gehabt haben. Dieser ist auch vorhanden, denn jeder von uns ist
eine Zweiheit, ein Tier und ein Mensch. Jedem von diesen beiden
Bestandteilen kommt eine besondere Kraft zu. Dem einen die Lebenskraft,
durch welche wir leben, dem andern die Kraft der Vernunft, durch welche wir
vernünftig sind. An der Lebenskraft haben auch die unvernünftigen Tiere
Anteil. Vorsteher und nicht Teilhaber der anderen ist Gott. Jene Kraft nun,
welche wir mit den Tieren teilen, hat das Blut zum Sitz erwählt. Die andere
dagegen ist eins mit dem Geiste. Deshalb sagt Moses (+Deuteron. XII, 23+):
'die Seele des Fleisches ist Blut', indem er wohl weiß, daß die Natur des
Fleisches keinen Teil am Geiste, sondern nur am Leben hat.«

Philo unterscheidet also hier eine %psychê logikê% und %psychê sarkikê%,
welch' Letztere mit der Lebenskraft identisch ist.

Den menschlichen Verstand (%nous%) bildete Gott sich selbst oder seinem
Logos vollkommen ähnlich und macht ihn somit zu seinem Ebenbild (%eikôn%),
und insofern kann man sagen, daß der Mensch dem Geist nach Gott und dem
Logos verwandt sei, ebenso wie sein Körper der äußeren Natur gleicht.[663]
Wir finden also hier zum erstenmal die später von Paracelsus ausgeführte
Parallele zwischen dem Mikrokosmus und Makrokosmus aufgestellt.

Da dieser unsterbliche Teil des Menschen schon vor der Schöpfung des
sterblichen Teils in der Gottheit existierte, so bedeutet das Wort Mosis,
daß Gott dem Menschen einen lebendigen Odem in seine Nase blies, nichts
anderes als die Absendung des %nous% von seinem seligen Sitz in der
Gottheit in den menschlichen Körper, um diesen wie eine Kolonie zu
bewohnen.[664]

Das Böse ließ Gott entstehen, um das Gute desto mehr hervorzuheben, und
verband beide im Menschen, der das Gute nicht erkennen kann, ohne das Böse
zu wissen.[665] Der Mensch ist also ein Wesen von gemischter Natur. Sein
»Verstand« ist nämlich vor seiner Verbindung mit dem Körper gut und
rein[666]; seine Sinne sind ihrer Natur nach weder gut noch böse, sondern
von einer mittleren Art, die bei den Guten gut, bei den Bösen böse ist. Die
Begierden und Leidenschaften jedoch, der unvernünftige Teil der Seele, und
vorzüglich die Wollust sind wie der Körper böse und Gott verhaßt.[667] Die
Seele befindet sich daher gewissermaßen in einem Gefängnisse, dessen
Wächter die Leidenschaften und Begierden sind, oder in einem Sarge oder
Grabe, aus dem sie sich nur durch Entäußerung der Sinnlichkeit befreien
kann.[668]

Der Körper hindert die Tugend, weshalb die Seele diesen, die Lüste,
Begierden, Sinne und Rede fliehen und verlassen muß, weil bei ihnen das
Böse sich aufhält. Sie muß sich zu der Gottheit erheben, d. h. sie muß ihre
Gedanken allein auf übersinnliche Gegenstände richten und sich nicht mehr
mit irdischen Dingen beschäftigen, als die äußerste Notwendigkeit
erfordert.[669] -- Wenn wir den Körper fliehen, so leben wir der Natur
gemäß, wir verähnlichen uns der Gottheit, soweit uns dies möglich ist, und
gelangen dadurch zum höchsten Gipfel der Glückseligkeit.[670]

In sehr prägnanter Weise spricht sich Philo über die Punkte an einer Stelle
aus[671], wo er die Prophezeiung (+Genes. XV, 13+) erklärt: »Das sollst du
wissen, daß dein Same wird fremd sein in einem Lande, das nicht sein ist;
und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre.« Er
sagt:

»Das Erste, was uns in diesen Worten vorgehalten wird, ist die Lehre, daß
der Fromme im Leibe nicht wie in seiner Heimat wohnen, sondern ihn als ein
fremdes Land ansehen soll. Zweitens liegt darin, daß die Knechtschaft,
Unterdrückung und arge Demütigung der Seele in der irdischen Wohnung des
Leibes ihren Grund hat, denn die Leidenschaften sind der Seele völlig
fremd, sie erwachsen aus dem Fleische, in welchem sie wurzeln.« -- Nun
fährt Philo, die Sklaverei in den Banden des Leibes beschreibend, weiter
fort: »Vierhundert Jahre dauert die Knechtschaft. Diese Worte sind auf die
Zahl der hauptsächlichsten Leidenschaften zu deuten, deren es vier giebt.
Wenn die Wollust über uns herrscht, so wird der Geist von leerem Winde
aufgeblasen und übermütig; gebietet aber die Begierde in uns, so zieht die
Sehnsucht nach abwesenden Genüssen in die Seele ein und würgt und plagt sie
durch trügerische Hoffnungen. Denn sie dürstet dann immerwährend und kann
doch ihren Durst nicht löschen, so daß sie Qualen des Tantalus erdulden
muß. Sind wir aber in der Knechtschaft der Traurigkeit, so wird die Seele
zusammengeschnürt und eingeengt, und sie ist einem Baume zu vergleichen,
von welchem die Blüten und die Blätter abfallen. Sind wir endlich im Banne
der Furcht, so vermag Niemand zu bleiben, sondern darf nur in schleuniger
Flucht Rettung erhoffen. Die Begierde hat nämlich eine anziehende Kraft und
zwingt uns, das Ersehnte zu verfolgen, auch wenn es vor uns flieht. Die
Furcht dagegen trennt uns von ihrem Gegenstand. Die Herrschaft der
genannten Leidenschaften übt schweren Druck auf ihren Sklaven aus, bis
Gott, der große Richter, den Bedrückten von seinem Bedrücker trennt, um
jenem seine Freiheit zu geben und über diesen die wohlverdiente Strafe zu
verhängen. Denn es heißt ja (+Genes. XV, 14+): 'Das Volk, das sie
bedrückte, will ich richten, und dann sollen sie ausziehen mit großem
Gute.' Es ist notwendig, daß der Sterbliche dem Volk der Leidenschaft
unterworfen werde und das vom Geborenwerden unzertrennliche Los erdulde.
Aber es ist auch der Wille Gottes, die Not unseres Geschlechtes zu
erleichtern. Wenn wir daher auch in der Knechtschaft des Leibes das
Unvermeidliche erdulden, so thut Gott seinerseits, was ihm zu thun obliegt:
er bereitet Freiheit den Seelen, welche sich flehend an ihn wenden; ja, er
löst sie nicht allein aus dem Gefängnis, sondern giebt ihnen auch Zehrung
auf die Reise mit, was im Texte %aposkeuê% (Gut) heißt. Was ist dies nun?
Wenn der vom Himmel stammende Geist in die Not des Leibes gebannt wird und
sich von keiner Lust und -- wie ein Weichling -- unterjochen läßt, sondern
wie ein Mann nicht zum Leiden, sondern zur That bereit, kräftig nach
Freiheit strebt und alle Wissenschaften rüstig betreibt, so nimmt er beim
Abschied und Hingang in sein Vaterland all' jenes Wesen mit, welches hier
%aposkeuê% genannt wird.«

Jedem der drei Hauptteile der Seele setzte Gott eine Tugend zur Seite, um
ihn zu regieren: dem Verstand die Klugheit, den Leidenschaften die
Tapferkeit und den Begierden die Mäßigung, wozu dann, wenn jene die
Oberhand haben, noch die Gerechtigkeit kommt, welche insgesamt in der Güte
des Charakters ihren gemeinsamen Ursprung haben.[672]

Die Seele ist von Gott nicht den Gesetzen der Notwendigkeit unterworfen
worden. Als Himmelsgeborener ist der Mensch frei und in nichts zeigt sich
sein göttlicher Ursprung so schön, als in der göttlichen Freiheit, die ihm
vor allen anderen Kreaturen zu teil wurde. In dieser Hinsicht sagt
Philo[673]:

»Der Mensch besteht aus dem nämlichen Stoff, aus welchem die Naturen des
Himmels geschaffen wurden, und er ist deshalb unvergänglich. Denn ihn
allein hat Gott der Freiheit gewürdigt und für ihn die Bande der
Notwendigkeit, die alle Geschöpfe fesseln, aufgehoben; er hat ihn an dem
herrlichsten eigenen Vorzug, soviel der Mensch davon fassen kann,
teilnehmen lassen. Deswegen ist er aber auch zurechnungsfähig. Den Tieren
und Pflanzen kann man weder Fruchtbarkeit als Verdienst, noch
Unfruchtbarkeit als Schuld annehmen, aber er allein verdient Tadel, wenn er
Böses thut, und wird auch dafür bestraft.« -- Ähnlich lautet eine andere
Stelle[674]: »Um seiner Gerechtigkeit willen hat Gott der menschlichen
Seele den Geist eingehaucht, denn wäre dem Menschen das wahre Leben nicht
eingegeben worden, und wäre er somit zur Tugend unfähig gewesen, so hätte
er, wenn er für seine Sünden bestraft wurde, sagen können, daß er ungerecht
bestraft werde, und Gott selbst sei an seinen Vergehungen schuld, weil er
ihm die Möglichkeit Gutes zu thun nicht verliehen, denn Fehler ohne
Freiheit seien keine Fehler.«

Wegen ihrer göttlichen Eigenschaften wird die Seele der »Tempel Gottes«
genannt. So heißt es[675]:

»Das wahrhaft Gute hat in nichts Äußerem seinen Sitz, weder im Körper noch
in der Seele, sondern allein in dem königlichen Geiste. Denn da Gott wegen
seiner Milde und Liebe das Gute in die Welt einführen wollte, so hat er
keinen würdigeren Tempel gefunden als den menschlichen Geist.«

Philo hält den Zustand des jetzigen Menschen für sehr verschieden von dem
des idealen, wie er aus der Hand des Schöpfers kam. Diese Spekulation über
den Zustand des idealen Menschen vor dem Fall (Adam), über den Sündenfall,
seine Folgen &c. durchziehen die ganze christliche Mystik und finden
namentlich auch bei Jakob Böhme ihren Niederschlag. Da sie somit jedermann
bekannt sein werden, bedürfen sie hier einer flüchtigen Erwähnung.[676]

Adam war vollkommen an Leib und Seele: Die Schönheit seines Leibes folgt
aus drei Gründen: Erstens waren in der jugendfrischen Schöpfung alle Stoffe
weit vollkommener und reiner als später; zweitens wählte Gott aus den
besten Teilen des Stoffes das Vorzüglichste aus, um das Gefäß einer
unsterblichen Seele zu bilden, drittens war der Schöpfer selbst der
vorzüglichste Werkmeister. Der hohe Adel der Seele Adams folgt daraus, daß
sie Gott nach nichts Sichtbarem, sondern nach seinem Ebenbilde schuf. Darum
mußte sie als Abbild des Vollkommensten notwendig selbst vollkommen sein.
Die jetzigen Menschen sind nur von Menschen erzeugt und nicht -- wie Adam
-- von Gott selbst geschaffen. Soweit aber Gott den Menschen übertrifft, um
so höher muß auch ein göttliches Geschöpf über ein menschliches erhaben
sein.[677]

Adam war fernerhin gleich bei seinem Eintritt in die Welt König der
sichtbaren Natur, über die er eine unbeschränkte Herrschaft ausübte[678],
und er bewies diese Herrschaft gleich anfangs dadurch, daß er allen Dingen
Namen gab.[679] -- Auch lebte er im Umgang mit den Bürgern der Geisterwelt
und bestrebte sich, alle Befehle der Gottheit zu vollziehen, auf dem Wege
der Tugend sich zur Verähnlichung mit ihr emporzuschwingen, da Gottes Geist
reichlich auf ihn herabströmte.[680]

Mit dem Sündenfall trat ein völliger Umschwung ein. Dennoch wird derselbe
nicht als eine unermeßliche Schuld Adams, sondern als eine Folge seiner
schwachen und sterblichen Natur dargestellt.[681]

Anlaß zum Sündenfall gab das Weib. Solange Adam allein lebte, war er
schuldlos, als aber das Weib geschaffen wurde, eilte er auf dasselbe zu,
voll Freude über die befreundete Gestalt, und umarmte sie. Aus dieser
Umarmung entstand die Liebe, und aus der Liebe die Wollust. Diese ist der
Keim aller Laster, und sie bewirkte, daß Adam ein unsterbliches und seliges
Leben mit einem unglücklichen und sterblichen vertauschen mußte.[682]

Außer dieser sich an den Bibeltext anschließenden Darstellung des
Sündenfalls hat Philo noch eine allegorische Erklärung: Nach der Genesis
ist der Ort des Sündenfalls das Paradies, der Garten Gottes; Verführerin
ist die Schlange, und der Anlaß des Falls das Verbot, vom Baume der
Erkenntnis zu essen. Dies alles erklärt Philo für ein Bild: das Paradies
ist die Seele, die in demselben wachsenden Pflanzen sind die Tugenden, der
Baum des Lebens ist die erste der Tugenden, nämlich die Ehrfurcht gegen
Gott, und der Baum der Erkenntnis endlich ist die Klugheit. Die Schlange
ist die Wollust, welche den Menschen zur Sünde verführt. Unter dem Mann
versteht Philo den Verstand des Menschen, unter dem Weib die Sinne, bei
denen sich die Wollust einschmeichelt, um dadurch den Verstand zu betrügen
und zum Bösen zu verführen.[683]

Mit dem Fall begann eine Reihe von Übeln über die Menschen hereinzubrechen.
Das Weib fand seine Strafe in den Schmerzen der Geburt, in den Beschwerden
der Kindererziehung und in der Unterwürfigkeit unter den Willen des Mannes;
der Mann in der Arbeit und Sorge um den nötigsten Lebensunterhalt.[684]

Selbst die Erde wurde wegen des Sündenfalls bestraft, und sie bringt ihre
Früchte nicht mehr so dar, wie sie dieselben ohne die Sünden der Menschen
getragen hätte. Denn die Erde würde auch ohne Ackerbau alles im Überflusse
erzeugt haben, wenn nicht die Laster über die Tugend die Oberhand gewonnen
und die Gottheit genötigt hätten, der unaufhörlichen Mitteilung ihrer Güter
eine Grenze zu setzen, um sie nicht an Unwürdige zu verschwenden und den
Menschen durch einen von Müßiggang und Überfluß erzeugten Mutwillen in noch
größeres Sündenelend zu stürzen.[685] -- Würden die Menschen aufhören, den
göttlichen Gesetzen entgegen zu handeln, und ein göttliches Leben führen,
so würde auch die erste Fruchtbarkeit wieder eintreten.

Seit Adam artet das Menschengeschlecht von Generation zu Generation immer
mehr aus[686], wie das erste Bild, das nach dem Urbild gemacht wurde, noch
am meisten demselben ähnlich sieht, während die späteren, nach Abbildern
gemachten Kopien immer schwächer und unkenntlicher werden, oder wie in
einer Reihe von Eisenstäben, die an einem Magnetstein aufgehängt sind,
derjenige die meiste magnetische Kraft bewahrt, welcher den Stein
unmittelbar berührt, die tiefer hängenden aber immer weniger. -- Doch haben
die späteren Menschen das Ebenbild Gottes nicht ganz verloren, sondern es
ist nur verdunkelt worden. Diese Verwandtschaft besteht in der vernünftigen
Seele; dem Körper nach sind wir mit der Welt verwandt; er ist aus allen
Elementen zusammengesetzt und faßt alle Eigenschaften derselben in sich.
Deshalb macht er den Menschen zu einem Proteus, welcher gleich gut auf dem
Lande, im Wasser, in der Luft und im Feuer leben kann.[687] -- Außerdem
aber haben die späteren Menschen von der Herrschaft, welche Adam in vollem
Maße über die Natur besaß, wenigstens die Gewalt über die Tiere
behalten.[688]

Unzählig sind die den Sterblichen angeborenen Übel, unter denen Philo die
Leidenschaften und Begierden, nicht die spezifische Erbsünde versteht,
obschon er einen gewissen Einfluß des Sündenfalls auf die Nachkommenschaft
zugiebt. Von diesen Übeln können wir uns nie gänzlich losreißen; wir können
sie nicht vertilgen, sondern müssen sie nur zu mildern suchen. Bei Jedem,
sei er auch noch so gut, ist durch die Geburt selbst das Sündigen mit
seiner Natur verwebt, und Niemand kann daher ohne zu sündigen, sein Leben
beenden.[689] In den ersten sieben Lebensjahren freilich[690] haben wir
noch eine unverdorbene Natur, weil die Seele noch unausgebildet ist, und
weder die Begriffe des Guten noch des Bösen in ihr haften. Im darauf
folgenden Knabenalter jedoch fangen wir gleich an, ein sündiges Leben zu
führen, indem wir teils das Böse aus uns selbst heraus erzeugen, teils von
andern begierig aufnehmen. Auch ohne Lehrer lernt die Seele das Böse von
selbst und richtet sich durch ihre stete Fruchtbarkeit an Lastern zu Grund,
denn die Seele des Menschen strebt, wie Moses sagt, von Jugend auf den
Bösen nach.[691]

Auf diese Weise müßten wir von den Leidenschaften hingerissen und notwendig
von den uns anhängenden Übeln besiegt werden. Allein, der Mensch ist nach
dem Ebenbilde Gottes geschaffen und deshalb dazu bestimmt, Gott nachzuahmen
oder ihm immer ähnlicher zu werden.[692] Damit der Mensch nun, welcher von
Natur verdorben ist, zu diesem Ziele gelangen könne, muß Gott sich seiner
annehmen.[693] -- Dies thut Gott auf zweierlei Art: Erstens dadurch, daß er
dem Menschen die Tugenden, die göttlichen Kräfte, in die Seele pflanzte,
welche ganz besonders noch durch die Beschäftigung mit den Wissenschaften
angezogen werden. In diesem Sinne sagt Philo[694]:

»Die Menschenseele ist ein Tempel des unsichtbaren Gottes; wenn sie nämlich
durch die vorbereitenden Wissenschaften[695] gehörig vorbereitet ist, so
dürfen wir frohe Hoffnung schöpfen und die Ankunft der göttlichen Kräfte
erwarten. Diese steigen herab, um uns zu heiligen und zu reinigen nach dem
Befehle ihres himmlischen Vaters. Wenn sie dann in die tugendliebende Seele
eingezogen sind, säen sie in ihr die Saat der Seligkeit.«

Zweitens aber thut sich Gott von oben und außen auf verschiedene Weise
kund, indem er dem hülfsbedürftigen Menschen entweder seine Engel, den
Logos (%logos%), den göttlichen Geist (%pneuma hagion%) oder die göttliche
Weisheit (%sophia%) schickt; ja er sagt sogar, daß Gott selbst in die
Seelen herabsteigt.[696] Daß Gott sich Allen durch seinen Geist kundgebe,
sagt Philo mit folgenden Worten[697]:

»Der Herr sprach: mein Geist soll in den Menschen nicht bleiben ewiglich,
weil sie Fleisch sind. Wohl kehrt er ein, aber nicht immer bleibt er auf
ihnen; denn wer ist so vernünftig oder seelenlos, daß er nie, freiwillig
oder unfreiwillig, einen Begriff des höchsten Gutes erhalten habe? Auch zu
den Verruchtesten schwebt oft plötzlich das Schöne in flüchtiger
Erscheinung herab, aber sie sind nicht imstande, dasselbe festzuhalten, und
bald entflieht es wieder. Es wäre auch gar nicht zu ihnen gekommen, wenn
nicht in der Absicht, jene Menschen, welche das Laster anstatt der Tugend
erwählen, zu überführen. Nur bei denen allein, die sich vom Körper
loszureißen streben, bleibt der heilige Geist beständig.«

Durch den Logos erleuchtet und belehrt Gott die Menschen ins besondere über
sich selbst; er sendet ihnen in die tugendhaften Seelen wie einen
erquickenden Strom, heilt durch ihn die Krankheiten der Seele, flößt ihr
seine heiligen Gesetze ein, muntert sie auf und stärkt sie zur Beobachtung
derselben. Er wohnt und lebt in tugendhaften Seelen; er selbst ist
vollkommen rein und keiner Sünde fähig. _Er ist der Mittler zwischen Gott
und den Menschen._[698] Er ist weder ungeschaffen wie Gott, noch auf
dieselbe Art wie die Menschen geschaffen. Sehr charakteristisch für die
Auffassung des Logos im Christentum sind Philos eigene Worte[699]:

»Gott läßt seine Weisheit sanft in tugendhafte Seelen herniederströmen, sie
sichert dieselben vor allen unangenehmen Empfindungen, läßt aber in rohe
unwissende Seelen die Strafe gleich einem reißenden Strom herniederstürzen.
Aber dem uralten _Logos, dem vornehmsten Gesandten Gottes, hat der Vater_,
welcher Alles zeugte, den ausgezeichneten Auftrag gegeben, daß er auf einer
Grenze zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen stehen sollte. _Er fleht
den Unsterblichen für den stets fehlenden Sterblichen um Gnade an und ist
der Abgesandte des höchsten Königs an seine Unterthanen._ Er freut sich
seines Auftrags, er rühmt sich desselben und spricht: Ich stehe mitten
zwischen euch und dem Herrn (+Numeri 4816+). Er ist weder ungezeugt wie
Gott, noch gezeugt wie wir; er steht in der Mitte zwischen zwei Extremen
und ist bei beiden _ein Bürge_; bei dem Schöpfer steht er dafür, daß
niemals das ganze Geschlecht von ihm abfallen und in Unordnung
zurückstürzen werde; dem Geschöpf hingegen verbürgt er, _daß es die gewisse
Hoffnung haben soll, der gnädige Gott werde immer für sein eigenes Werk
Sorge tragen_.«

Philo betrachtet den Ornat des Hohepriesters als Symbol des Weltalls, und
den aus zwölf Steinen bestehenden Brustschild (Urim und Thummim), das
heilige Orakel, als das Symbol des Logos, welcher das ganze Weltall
zusammenhält und regiert; »denn«, setzt er hinzu, »es war notwendig, daß
derjenige, welcher vor den Vater der Welt treten wollte, (der Hohepriester
im Allerheiligsten) _sich dessen mit vollkommener Tugend begabten Sohnes
als Fürsprecher bediene zur Vergebung der Sünden und zur Mitteilung
reichlicher Güter_.«[700] -- -- --

So viel über die direkten göttlichen Hülfen.

Die Menschen dagegen müssen ihrerseits, falls sie Kräfte genug dazu
besitzen, im dritten Menschenalter (vgl. oben) durch den Unterricht
(%mathêsis%) in den Vorbereitungswissenschaften zur Philosophie ihren
Verstand zu schärfen und an Betrachtungen zu gewöhnen suchen. Darauf müsse
eine angestrengte Übung folgen (%askêsis%), die in einem anhaltenden Kampf
zwischen Sinnlichkeit und Vernunft besteht, bis die Gottheit, wenn wir eine
Zeit lang Stand gehalten haben, dem Guten das Übergewicht verleiht.[701]

In diesem Sinne sagt Philo[702]:

»Zur Tugend gelangt man entweder durch Natur, durch Askese oder durch
Unterricht. Deswegen schreibt Moses von drei weisen Stammeshäuptern unseres
Geschlechts, die zwar nicht denselben Weg einschlugen, aber zu demselben
Ziele gelangten. Der älteste derselben, Abraham, strebte auf dem Wege des
Unterrichts zur Tugend; der zweite, Isaak, erreichte sie durch die
angeborene Kraft oder durch die Natur; der dritte, Jakob, durch asketische
Übungen. Es gibt also drei Arten, um zur Weisheit zu gelangen, und von
diesen berühren sich die beiden äußersten am nächsten. Die Askese ist
nämlich eine Tochter des Unterrichts; die Natur dagegen ist zwar als ihre
gemeinschaftliche Wurzel beiden verwandt, aber sie hat den entschiedensten
Vorzug vor ihnen. Daher konnte nun Isaak, nachdem er durch die Natur eines
Bessern belehrt war, der Vater Jakobs werden, der sich durch die Askese
emporarbeitete. _Nur ist weder Abraham noch Jakob als Mensch, sondern beide
sind als Seelenkräfte zu nehmen_, jener für diejenige Kraft des Geistes,
die sich zum Unterricht hindrängt, dieser für die Willigkeit zur Askese.
Wenn aber der Asket kräftig nach dem Ziele läuft und hell zu schauen
beginnt, was er vorher nur im Dunkeln und wie im Traume sah, so wird sein
Name Jacob, 'der Fersenstoßer', in den höhern Israel, 'Beschauer Gottes',
umgewandelt, und dann ist nicht mehr der lernende Abraham, sondern Isaak,
der selbstgelehrte Natursohn, sein Vater.«

Das Verhältniß zwischen Askese und Unterricht bestimmt Philo folgendermaßen
genauer[703]:

»Wer auf dem Wege des Unterrichts reif wird, bleibt, vom Gedächtnis und
einer glücklichen Natur unterstützt, fest bei dem Erlernten. Der Asket läßt
manchmal nach, wenn er sich mit Anstrengung geübt hat, um die erschöpften
Kräfte wieder zu ersetzen, wie es die Athleten zu thun gewohnt sind.
Außerdem erreicht der, welcher auf dem Wege des Unterrichts nach Tugend
strebt, auch dadurch Unveränderlichkeit, daß er einen unsterblichen Lehrer,
den Logos, hat und unsterblichen Unterricht von ihm empfängt. Der Asket
dagegen hat nur seinen eigenen freien Willen für sich, welchen er
anstrengt, um das den Kreaturen angeborene Verderben auszutreiben. Aber
wenn er auch das Ziel bis zur Vollendung erreicht, so fällt er doch
zuweilen, von den Anstrengungen ermattet, in das frühere Übel zurück. Der
Asket ist mehr im Kampf geübt, jener aber glücklicher, denn er hat einen
Andern zum Lehrer, während der Asket aus sich herausarbeitet und mit Eifer
und fortgesetzter Anstrengung in das Wesen der Dingen einzudringen sucht.«

Das Verhältnis des Unterrichts und der Askese zur Natur (%physis%) bestimmt
Philo folgendermaßen[704]:

»Die erlernte und durch Übung errungene Tugend ist der Vervollkommnung
fähig, denn der, welcher Unterricht nimmt, strebt nach Kenntnissen, die er
noch nicht besitzt, der Asket dagegen nach den Kränzen und Preisen des
Kampfes; doch das selbstgelehrte Geschlecht der Natursöhne ist von
vornherein vollendet.«

Nach diesen Stellen nimmt der Asket die unterste Stufe der nach Vollendung
Strebenden ein, und seine Eigentümlichkeit besteht darin, daß er sich
unaufhörlich bemüht, durch eigene Kraft sein Ziel zu erreichen. In diesem
Sinne sagt Philo[705]:

»In der Himmelsleiter, welche Jacob im Traume sah, schaute er ein Bild
seines eigenen Lebens: denn die Askese ist ihrer Natur nach ungleich; bald
steigt sie in die Höhe, bald sinkt sie wieder herab, bald fährt sie mit
gutem Winde, bald kämpft sie mit schlechtem, bald ist der Asket voll Leben,
bald ist er tot und begraben, so daß sich die Worte Homers auf ihn anwenden
lassen:

'Daß die Beid' abwechselnd den einen Tag um den andern leben und wieder
sterben.'[706]

In der That ist ihr Leben von dieser Art. Die Weisen haben nämlich den
Himmel zur Wohnung erhalten, da sie unausgesetzt in die Höhe streben, die
Schlechten aber die Höhlen des Hades, weil sie vom Anfang bis zum Ende auf
den Tod hinarbeiten und sich an der Verwesung erfreuen. Der in die Mitte
zwischen beide gestellte Asket dagegen steigt wie auf einer Leiter auf und
ab, bald von seiner besseren Natur emporgehoben, bald wieder durch die
schlechtere herabgedrückt, bis der Schiedsrichter und Herr aller Kämpfe dem
bessern Teil den Sieg verleiht und den schlechtern auf immer zerstört.«

Der Gegenstand der Askese ist also, wie aus den angeführten Stellen
ersichtlich ist, die Wissenschaft und praktische Übung der Tugend, welche
hauptsächlich in der Unterdrückung des Fleisches und seiner Lüste besteht.
So sagt Philo[707]:

»Die Worte (+Genesis XXVIII, 11+) 'und er nahm einen Stein des Orts und
legte ihn zu seinen Häupten' haben auch nach der wörtlichen Erklärung einen
guten Sinn: sie bezeichnen das harte und rauhe Leben des Asketen. Diese
betrachten Mäßigung, die Kunst mit wenigem zu leben, als die Grundpfeiler
des Lebens, sie verachten Geld und Ruhm, selbst die Speise und Trank,
insofern sie der Hunger nicht zwingt, davon zu kosten; sie sind im Dienste
der Tugend gleichgültig gegen Kälte und Hitze und von kostbaren Kleidern
wissen sie nichts.«

Die drei genannten Wege sind darin gleich, daß der Tugendhafte, mag er nun
durch Askese oder Unterricht nach oben streben, oder von Natur aus schon
das Höchste besitzen, sich dem Leibe, als Quelle alles Bösen, soviel als
möglich entzieht.

Philo spricht sich folgendermaßen sehr prägnant über dieses Thema aus:

»Nur die guten und weisen Menschen sind wahrhaft Gottes Geschöpfe. Der
heilige Chor solcher Männer giebt aber nicht nur den Besitz äußerer Güter
auf, sondern auch das Fleisch verachten sie. Die Athleten freilich, welche
den Körper gegen die Seele auftürmen, strotzen von Kraft und Gesundheit;
aber die Tugendkämpfer sind mager, bleich und abgezehrt; sie suchen die
Körpermasse in Seelenkraft umzubilden, um ganz Geist zu werden. Das
Irdische wird mit Recht vernichtet, wenn man Gott gefallen will; aber
selten, doch nicht unmöglich, ist dies Geschlecht auf Erden zu
finden.«[708]

»Ein jeder muß den Bruder des Geistes, den Leib, den nächsten des
vernünftigen Teils der Seele, den unvernünftigen, töten. Denn nur dann kann
der Geist in uns Diener Gottes werden, wenn erstens der Mensch ganz in
Seele aufgelöst wird, dadurch, daß der verbrüderte Leib samt seinen
Begierden weichen muß; zweitens, wenn die Seele ihr Nächstes, nämlich den
unvernünftigen Teil (%to alogo tês psychês meros%), aufgiebt. Dieser teilt
sich wie ein Strom in fünf Arme, die Sinne, und rührt diese durch die Macht
der Leidenschaften auf. Endlich muß noch die Vernunft ihren angrenzenden
Nachbar, die Rede, entfernen, sodaß nur das innere -- geistige -- Sprechen
übrig bleibt, erlöst von den Sinnen, erlöst vom Leibe, erlöst von der Rede
des Mundes. Denn nur, wenn der Geist auf diese Weise für sich allein lebt,
kann er das Wesen rein und ungestört verehren.«[709] Damit nun
Außenstehende nicht meinen könnten, Philo verlange eine gänzliche Trennung
vom Leibe und somit eine Art Selbstmord, sagt derselbe an anderer
Stelle[710]:

»Verlaß den Leib, die Sinne und die Erde, soll nicht heißen: trenne dich
wesentlich von ihnen, sondern es heißt bloß: entferne dich geistig von
diesen Dingen, laß dich nicht von ihnen beherrschen, denn es sind deine
Unterthanen!«

Es ist aber nicht genug, daß sich die Seele vom Leib, den Sinnen und der
Rede los sagt, sie muß, wenn es ihr möglich ist, aus sich selbst
herausgehen.

Philo sagt deshalb in Beziehung auf den Spruch (+Genesis XV, 4.+): »Und
siehe, der Herr sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der
von deinem Leibe kommen wird, soll dein Erbe sein«[711]:

»Wer wird deine Erbe sein? Nicht der Geist, der freiwillig im Gefängnis des
Leibes verharrt, sondern der sich von diesen Banden befreit, der außerhalb
der Mauern heraustritt und womöglich sich selbst verläßt. Denn es heißt ja:
der aus dir herausgeht, wird dich beerben. Wenn du also die göttlichen
Güter zu erben wünschest, o Seele, so verlasse nicht allein die Erde, d. h.
den Leib, die Verwandtschaft, d. h. die Sinne, das Vaterhaus oder die Rede,
sondern fliehe dich selbst, gehe aus dir heraus wie die Korybanten, die von
göttlicher Begeisterung trunken sind. Denn nur da ist die Erbschaft
himmlischer Güter, wo die begeisterungsvolle Seele nicht mehr bei sich
selbst ist, sondern in göttlicher Liebe schwelgt und, von der Weisheit
geleitet, hinauf zum Vater gezogen wird.«

Anderswo heißt es[712]:

»Der Geist, der nach Freiheit strebt, muß alles Sinnliche, wie die Organe,
die Täuschungen eines sophistischen Verstandes verlassen, ja sich selber
muß er aufgeben. Deshalb ruft auch die Schrift, das Los eines solchen
Geistes preisend, aus: 'Der Herr, der Gott des Himmels, der mich von meines
Vaters Hause genommen hat!'[713] Wer noch im Leibe und unter dem
sterblichen Geschlecht wohnt, darf Gott nicht nahen, sondern nur derjenige
vermag es, den Gott aus diesen Banden befreit. Deshalb geht auch die
Seelenfreude, Isaak mit Namen, hinaus, wenn sie allein mit Gott sein will,
sich und den eigenen Geist fliehend, denn es heißt[714]: 'Isaak ging
hinaus aufs Feld gegen Abend um zu beten.' Und auch Moses, die prophetische
Rede spricht[715]: 'Wenn ich aus der Stadt, d. h. der Seele hinausgehe,
will ich meine Hände ausbreiten'; d. h. ich will alle meine Handlungen dem
Herrn, vor dem keine Bosheit verborgen bleibt, vorlegen und ihn zum Zeugen
und Richter derselben machen. Wenn nämlich die Seele sich ihrer selbst ganz
entäußert und Gott hingegeben hat, so hört das Getümmel der Sinne auf,
welches durch die äußeren Gegenstände angeregt wird, und es herrscht
vollkommene Ruhe. Aber dies geschieht nur dann, wenn die Seele aus sich
selbst heraustritt und Gott ihre Handlungen und Gedanken weiht.«

Zur Erklärung dieser Stelle führe ich einen Ausspruch Philos an, in welchem
er sagt[716], der Geist könne in dem nämlichen Augenblick dem Wesen nach im
Körper zu Alexandria sein, der Kraft nach aber in Sizilien oder in Italien
oder gar im Himmel, sobald er nämlich über diese Gegenstände nachdenke.

Der Zweck des Heraustretens aus dem eigenen Ich ist das Verlangen, in Gott
zu versinken, was Philo in einem schönen Bilde in Bezug auf die Worte
Hanna's (+I. Sam. 1, 15+) »Ich bin ein betrübtes Weib, Wein und starke
Getränke habe ich nicht getrunken, sondern ich habe mein Herz vor dem Herrn
ausgeschüttet«, sagt[717]:

»Anna behauptet, daß sie keinen Wein, noch anderes starkes Getränke zu sich
nehme, und rühmt sich der Nüchternheit ihres Lebens. In der That ist es
auch viel, einen freien, reinen, von keiner Leidenschaft trunkenen Sinn zu
bewahren. Wem dieses gelingt, der mag sich selbst als reines Trankopfer dem
Herrn ausgießen. Denn was bedeuten die Worte: ich will meine Seele dem
Herrn ausgießen, anders als: ich will mich heiligen; dadurch nämlich, daß
die Bande, welche die eiteln Sorgen des Lebens um uns schlingen, gesprengt
werden, damit der Geist aus sich selbst heraustrete, die Grenzen des
Weltalls erreiche und selbst den himmlischen Anblick des Ungezeugten
genieße.«

Diese außerordentliche Höhe der Vollendung kann nur nach langen Kämpfen
erreicht werden[718], und Philo unterscheidet daher drei Stufen des
Fortschritts: nämlich den Anfänger (%ho archomenos%), den Fortschreitenden
(%ho prokoptos%) und den Vollendeten (%ho teleios%).

Der Vollendete ist der wahre Gottmensch (%anthrôpos theou%), weil er sich
Gott zum Eigentum hingegeben. Er ist mehr als ein Mensch und bildet das
Mittelglied zwischen Gott und dem sterblichen Geschlecht.[719]

Ihm kommen wegen dieser innigen Verbindung mit Gott auch wahrhaft göttliche
Eigenschaften zu, so die Unveränderlichkeit und die Freude, deren Wesen
Philo sehr schön beschreibt[720]:

»Demjenigen, der Tugend durch Natur, ohne Anstrengung und Kampf zum
Eigentum erhielt, ward als Preis die Freude zu Teil, denn er wurde, wie die
Griechen sagen, %gelos%, wie die Chaldäer, Isaak genannt. Das Lachen ist
nämlich das sichtbare Zeichen unsichtbarer innerer Freude. Freude aber ist
die beste und edelste der menschlichen Empfindungen, durch welche die Seele
ganz und gar mit Wohlgefallen erfüllt wird, indem sie sich ihres
himmlischen Vaters erfreut, ja selbst über das, was nicht zu unserer Lust
ausfällt, wenn es nur nicht aus Bosheit, sondern zum Wohl des Ganzen
geschieht. Denn wie ein Arzt bei großen und gefährlichen Krankheiten oft
Teile des Körpers ablöst, um das Ganze zu retten, oder wie ein Steuermann
einen Teil seiner Ladung zur Rettung des Übrigen ins Meer wirft, ohne daß
Jemand einen solchen Steuermann tadelt, so muß man auf ähnliche Weise
überall das Urwesen bewundern und alles, was in der Welt geschieht,
lobpreisen und sich daran erfreuen, nur das ausgenommen, wobei Bosheit im
Spiel ist, ohne daran zu denken, ob etwas uns Vorteil bringe, sondern ob
die Welt gleich einem wohlgeordneten Staat zum Heile des Ganzen regiert
werde.«

Außer der Freude wird noch der Friede das Eigentum des Weisen genannt, und
neben diesen Gütern des Herzens und Gemüts sind noch die höchsten Schätze
des Geistes Eigentum des Vollendeten. Vollendung der Weisheit aber besteht
im Schauen Gottes, welches nur den Vollkommenen zu Teil wird. Über die Art
dieses Schauens drückt Philo sich nicht bestimmt aus, sondern nennt es
gewöhnlich eine unvollkommene und nur annähernde Erkenntnis.[721]

Nur einige wenige Menschen bedürfen der Anstrengung des Unterrichts und der
Askese nicht, da sie Gott schon vor Geburt, noch ehe sie etwas Gutes gethan
haben konnten, vortrefflich ausbildete und zu einem bessern Schicksal
bestimmte.[722] Es sind dies die vollkommenen göttlichen Menschen. Über
diese sagt Philo[723]:

»Die Stelle (+Genesis VI. 4+): 'Es waren auch zu den Zeiten Riesen auf
Erden' sei nicht wörtlich zu nehmen, als wären damals wirklich Riesen auf
Erden gewesen; sondern die Schrift will uns mit diesen Worten andeuten, daß
es dreierlei Menschen gibt: irdische, himmlische und göttliche. Die
irdischen sind die, welche in das Fleisch versunken sind und nur das
treiben, was Lust erregt. Himmlische Menschen sind alle Freunde der Kunst,
der Wissenschaft und Weisheit, denn das Himmlische in uns ist der Geist.
Der Geist aber beschäftigt sich mit himmlischen Dingen, mit den
Wissenschaften und Künsten, um sich durch Betrachtung der übersinnlichen
Dinge zu üben und zu stärken. _Göttliche Menschen endlich sind die Priester
und Propheten, welche es verschmähten, Bürger der Erde zu werden, sondern,
alles Sichtbare und Sinnliche überfliegend, in die geistige Welt
einwanderten und sich in den Staat unvergänglicher Ideen einschreiben
ließen._ -- Ein solcher Mann Gottes hängt an seinem Gott allein, folgt ihm
und richtet nach ihm die Pfade seines Lebens. Die Söhne der Erde aber haben
seinen Geist aus seinem Besitz, nämlich der Denkkraft, ausgetrieben und
graben aus den finstern Schachten des unbeseelten Fleisches. Auf sie läßt
sich der Ausspruch des Gesetzgebers anwenden: 'Beide werden zu einem
Fleische' (vgl. +Genesis, II. 24+); 'sie haben das herrlichste Gepräge
verfälscht, die bessere Stellung verlassen und sind Überläufer geworden zum
Schlechten und Entgegengesetzten.'«

Den »Söhnen der Erde«, welche nicht Kraft genug besitzen, sich aus eigener
Kraft in die Höhe zu schwingen, können fünf Hilfsmittel dienen, nämlich:
die schaffende, herrschende, gebietende und verbietende Kraft sowie die der
göttlichen Gnade, denn wer einsieht, daß Gott die Welt geschaffen hat, wird
von Liebe zu ihm hingerissen; wer weiß, daß Gott der Herr des Geschaffenen
ist, wird wie der Unterthan durch die Furcht vor dem König und wie ein
Kind, wenn nicht durch Liebe, doch durch die Furcht vor den zügelnden
Zwangsmitteln des Vaters -- von der Sünde zurückgehalten, wer überzeugt
ist, daß Gott gnädig ist, wird aus Hoffnung auf Vergebung sich bessern; und
wer endlich glaubt, daß Gott Gesetzgeber ist, wird entweder seinen Geboten
gehorchen, oder doch wenigstens seine Verbote nicht übertreten.[724]

Die in den Sünden Verharrenden straft Gott nicht gleich nach seiner Güte,
sondern läßt ihnen Zeit zur Bekehrung und Verbesserung ihrer Fehler oder
schiebt doch die Strafe wegen der unter ihnen wohnenden Rechtschaffenen
auf, da diese ein Lösegeld für die Bösen sind, die sie durch Unterricht auf
bessere Wege zu bringen suchen und teils durch ihre guten Erfolge, teils
durch ihre Person, um welche herum die Gottheit lauter Wohlthaten
verbreitet, die Strafe abwenden. Sobald die Sündigen sich zu bessern
beginnen, vergiebt ihnen die göttliche Gnade nach ihrer Gerechtigkeit, ohne
sich darum bitten zu lassen.[725]

Wer aber an der Sünde wie an einer unheilbaren Krankheit darnieder liegt,
der muß beständig sein nie aufhörendes Unglück tragen, verstoßen in die
Gegend der Gottlosen, um hartes unaufhörliches Unglück zu leiden.[726]
Diese Gegend ist jedoch nicht der fabelhafte Hades, sondern der Sitz der
Lüste, Begierden und alles Bösen.[727] Die Menschen glauben zwar, der Tod
sei das Ende aller Strafen, da er doch vor dem Tribunal der Gottheit kaum
der Anfang davon ist; denn es giebt eine doppelte Art des Todes: die
Trennung der Seele vom Körper, eine, wo nicht gute, so doch gleichgültige
Sache, und _das Ersterben in Sünden_, welches durchaus übel und je länger
desto übler wird. Dieser ewige Tod besteht in einer beständigen
hoffnungslosen Traurigkeit und Furcht.[728]

Die Tugendhaften dagegen, welche ein gutes praktisches Leben führten,
belohnt Gott im Alter mit einem einsamen der Betrachtung geweihten Leben,
wodurch sie zum endlichen Ziele ihres Strebens, zur wahren Weisheit und
Erkenntnis Gottes gelangen durch wahre Freude und Glückseligkeit und
Heimsuchung ihrer Seelen durch die Gottheit, deren Tempel sie sind.[729]

Diejenigen Seelen, welche nach der Vollendung ihrer irdischen Laufbahn noch
starke Reize zum Bewohnen der von Natur aus bösen Körper empfinden, kehren
nach dem Tode wieder in andere zurück. Die aber des eiteln Lebens völlig
überdrüssig sind, betrachten den Körper als ein Gefängnis oder Grabmal, in
welches sie sich nur aus Wißbegierde einschließen ließen[730]; sie erheben
sich schnell zum Äther und wohnen dort von Ewigkeit zu Ewigkeit.[731]




Drittes Kapitel.

Die Elemente der Gnosis bei Philo.


Die für die Geschichte der Gnosis wichtigen Grundprinzipien der Hermeneutik
Philos sind die folgenden:

Der höchste Zweck der göttlichen Offenbarungen ist der, dem Menschen die
ewigen Wahrheiten mitzuteilen, die sich auf den Geist als den wahren
Menschen (%noêta%) beziehen und diesen dadurch mit Gott und der Geisterwelt
(%kosmos noêtos%) in Verbindung zu setzen. Um nun den Menschen, der doch
ohne die Erweckung seines geistigen inneren Sinnes von dem Göttlichen
nichts vernehmen kann, nach und nach aus sich selbst zu erwecken und auch
zum Nutzen derer, die zu dieser höchsten Stufe des religiösen Lebens noch
nicht gelangt sind, zu wirken, sind diese höheren Wahrheiten in die Hülle
einer zur sittlichen Belehrung und Besserung dienlichen Geschichte und
praktischen Religionseinrichtungen eingekleidet worden.

Jene höhern Wahrheiten sind die eigentliche Seele des Ganzen, das Reale,
welches nichts weiter suchen läßt (%to sôma%); die Geschichte ist im
Verhältnis dazu nur ein Schatten (%skia%). Für diejenigen, welche nur das
in die Augen Fallende betrachten, hat das Ganze auch historischen Sinn;
höher aber stehen Diejenigen, welche in die innere Natur, die verborgene
Kraft, das wahrhaft Reale einzudringen fähig sind. Das scheinbar Böse oder
Unmoralische in den somatischen oder noëtischen Offenbarungen fügt sich
höherer Harmonie als gut oder ist allegorisch zu deuten.

In der Theosophie Philos findet sich die allen orientalischen Systemen
gemeinsame Unterscheidung zwischen einem verborgenen, in sich
verschlossenen, unbegreiflichen, über jede Bezeichnung und Abbildung
erhabenen Wesen der Gottheit und dessen Offenbarungen, als dem ersten
Übergangspunkt zur Schöpfung, dem Grund aller Lebensentwicklung (%ho ôn, to
on%).

Jehovah und seine Offenbarung oder der Inbegriff aller im Wesen Gottes
verborgenen Kräfte (%dynameis tou ontos, logos tou ontos%), wobei Philo
immer den Gegensatz vor Augen hat zwischen einem %heinai%, in sich selbst
sein, und %legesthai%, ausgesprochen, geoffenbart werden: Die unmittelbare
Wirkung des verborgenen und insofern noch nicht schaffenden Gottes, nicht
die Welt, sondern der %logos%, durch den er alles hervorgebracht.

Alles Dasein und alles Erkennen ist eine Offenbarung desjenigen, der in
sich selbst unsichtbar, alles ans Licht fördert. Die Gottheit ist der
Urquell alles Lichts, von welchem Strahlen nach allen Seiten hin ausgehen.
Vermöge dieser Strahlen hat Gott Leben aus sich hervorgebracht, wirkt durch
dieselbe immerfort im Weltall und teilt sich dem Empfänglichen mit, diese
Strahlen sind %dynameis tou ontos%. Vermöge derselben ist Gott überall
gegenwärtig, denn kein Platz der Schöpfung ist von seinen Kräften
unerfüllt; durch diese verknüpft er alles mit unsichtbaren Banden; daher
ist er überall und nirgends, überall nämlich durch die Allerfüllung seiner
Kräfte, und doch nirgends, weil das Wesen Gottes als solches nirgends
erscheinen kann.

Wo also von Theophanien die Rede ist, da ist es nicht das %on% oder der
%ôn%, sondern eine %dynamis%, die in Erscheinung trat. Nicht der %ousiôdês
theos%, sondern seine %do xa%, Schechinah, die ihn repräsentierenden Kräfte
oder höchsten Geister kamen herab.

Als %ôn% ist Gott der %onomastos% oder %akatonomastos%, über jede
Bezeichnung erhaben und nur in seinen einzelnen Kräften bezeichnet, diese
Kräfte sind daher eben so viele Namen des an und für sich Unnennbaren.
Diese Kräfte sind teils die verschiedenen Relationen, in denen der
unbegreifliche %ôn%, der endlichen Vernunft aktiv erscheint, teils die
einzelnen Vollkommenheiten höchst potenziert als Individualitäten.

Insofern das %on% an und für sich über jede Bezeichnung erhaben ist und
nur nach den von denselben ausstrahlenden Kräften bezeichnet werden kann,
welche alle der %logos% in sich schließt, nennt er ihn vorzugsweise %onoma
ton theou% und zugleich %polyônymos%, als %archangelos%, weil er nicht blos
eine einzelne göttliche Kraft darstellt, sondern alle in sich faßt, die
%archê%, das erste Glied und das erste Prinzip in der Kette der
Lebensentwickelung, in dem das %on% an und für sich mit derselben in keine
Berührung kommt, wie die Gnostiker sich deutlich ausdrückten, nicht %archê%
sondern %proarchê% ist der höchste Gottesbetrachter, das Ideal der höchsten
Kontemplation. Dasselbe, was er von %ouranios sophia% als %horasis theou%
sagt, diese personifizierte himmlische Weisheit als Inbegriff der
himmlischen Tugenden, welche Gott aus seinem himmlischen Licht auf ewig
unauslöschlich hervorgehen ließ.

Wie der %logos%, die allgemeine Offenbarung des %on% das allgemeine %eikôn
tou ontos%, so ist im Besondern jeder Engel eine Offenbarung Gottes, jeder
Geist eine Offenbarung des verborgenen Gottes. Philo definiert daher einen
Engel als %eikôn tou ontos%, und so definierten die Valentinianer einen
Engel als %logon epangelian echonta tou ontos%. Der %logos% als der
allgemeine Gottesoffenbarer heißt eben in dieser Beziehung im Verhältnis zu
den einzelnen %logois archangelois%.

Auch der Geist, der eigentliche Mensch im Menschen, hat dieselbe
Bestimmung, Gott zu offenbaren und göttliches Leben in sich aufzunehmen und
aus sich zu verbreiten. Die Seelen sind nicht verschieden von den
himmlischen Geistern, sondern himmlische Wesen, in die zeitliche ihrer
Natur fremdartige Welt herabgesunken. Der menschliche Geist ist also auch
ein Bild des %on%, aber nicht unmittelbar, denn der unmittelbare Abdruck
des Bildes des verborgenen Gottes ist nur sein %logos%, jede endliche
Vernunft nur ein Abbild und Offenbarung jener höchsten Gottesvernunft. Nach
dem Bilde des höchsten Allvaters kann nichts Sterbliches geschaffen werden,
sondern nur nach dem Bilde des zweiten Gottes, welches der %logos% ist. Der
Charakter der Vernunft in den menschlichen Seelen mußte von dem höchsten
%logos% eingeprägt werden, weil %hoprôtos logos theos% höher ist als jede
vernünftige Natur, so konnte dem über den %logos% Erhabenen, der den
höchsten und vor allen anderen ausgezeichneten Platz einnimmt, nicht
Geschaffenes ähnlich gebildet werden.

Der Mensch ist also das Bild und der Abdruck eines himmlischen und ewigen
Offenbarers der verborgenen Gottheit; das Menschliche soll vergöttlicht
werden, Offenbarung göttlichen Lebens in menschlicher Form, wie das Leben
des verborgenen Gottes dem Menschen nur nahe gebracht werden konnte in
menschlicher Form. Der %logos% wurde daher angesehen als das Urbild der
Menschen, der Mittelpunkt aller Offenbarung des göttlichen Lebens, das
weiter entwickelt und individualisiert erscheint in der Menschheit; der
%logos% ist also der Urmensch, der himmlische Mensch, %ho theias adiaphorôn
eikonos%.

Es giebt zweierlei Erkenntnis der Gottheit.

1. Das Erkennen des %on% nicht als solches, nicht in seinem verborgenen
Wesen, sondern in seiner Offenbarung, in seinem ewigen Wort, welches
Ursache und beseelendes Prinzip der ganzen Schöpfung ist, durch die
Schöpfung selbst, die Offenbarung darstellend, durch einzelne Geister als
göttliche Gesandte, durch einzelne von Gott erregte Gedanken und Lehren.

2. Das Erkennen des %on% in sich selbst. Trotzdem das %on% an und für sich
ein Gegenstand wissenschaftlich-logischer Erkenntnis sein kann, trotzdem
sich von demselben kein Verstandesbegriff geben und überhaupt nichts
prädizieren läßt, so giebt es doch eine unmittelbare Offenbarung, erhaben
über alle Verstandeserkenntnis, über alle mittelbare Offenbarung desselben,
über alle analogische von der Schöpfung auf den Schöpfer schließende
Erkenntnis, wodurch der Geist eine über allen %logos% und alles %logikon%
erhabene Gewißheit und Klarheit erhält.

Philo drückt diesen Gegenstand aus durch: Erkennen Gottes, des %on%, in
sich selbst und in seinem Schatten (+Leg. Alleg. p. 79+): »Diejenigen,
welche so denken, erkennen Gott aus seinem Schatten (der Schöpfung); es
giebt aber einen vollkommeneren und gereinigteren Geist, der, eingeweiht in
die großen Mysterien, nicht aus den Werken die Ursache erkennt, wie aus dem
Schatten des Wahrhaften, sondern über alles Erstandene sich erhebend, die
klare Offenbarung des Ewigen erhält, daß er ihn selbst in sich selbst
erkenne, und zugleich dessen Schatten, den %logos% und diese Welt.« Das
%on% wird vielmehr in seiner klaren Selbstoffenbarung erkannt, als durch
Argumente bewiesen.

In Rücksicht auf die doppelte Erkenntnis des %on% in sich selbst und das
durch den %logos% offenbarten, giebt es zwei Standpunkte der religiösen
Betrachtung: den Standpunkt der %hyioi theou% in eigentlichem Sinn, welchen
die unmittelbare Anschauung des %on% zu Teil geworden und der %tou logou
hyioi%. Diesen zwei Standpunkten der Religionserkenntnis entsprechen zwei
verschiedene Standpunkte der praktischen Gottesverehrung. Die %theou dia%,
welche die höchste Gotteserkenntnis erlangt haben, finden allein in der
Gemeinschaft mit ihm Beseligung und dienen ihm nur um seiner selbst willen,
von der Liebe zu ihm beseelt. Die %logou hyioi%, welche Gott noch nicht
nach seinem Wesen, sondern nur nach seinen Werken oder seiner Thätigkeit
erkannt haben, sind noch nicht fähig, das Beseligende der Gemeinschaft mit
Gott zu erfahren, noch nicht empfänglich für die höchsten Triebfedern der
Religion. Sie müssen noch durch Hoffnung und Furcht angetrieben und erzogen
werden, und Gott läßt sich zu diesen ihren Bedürfnissen herab. Aber von ihm
selbst unmittelbar kann keine Strafe herrühren; er ist nur die Quelle des
Segens und der Beseligung für alle Empfänglichen, und vollzieht die
Strafgerichte über die, welche dadurch erzogen werden können, durch
dienende Geister.

Es giebt also eine Religion der %pneumatika% und eine Religion der
%psychikoi%; die %pneumatikoi% erkennen das %on% und die %psychikoi% einen
dieses repräsentierenden Geist, welchem deren Erziehung und Regierung
übertragen wurde.

Dieser die Gottheit repräsentierende Engel, der Erzieher und Zuchtmeister
der Welt, ist der Demiurgos.

Als Eins erscheint das %on%, wenn die Seele vollkommen gereinigt, nicht nur
über die Vielheit, sondern auch über die der Einheit am nächsten verwandte
Zweiheit sich erhebt, zu der reinen und selbstgenugsamen Idee.

Als Drei erscheint der Seele das %on% nicht unmittelbar wie es in sich
selbst ist, sondern nur mittelbar als schaffend und herrschend.

Die Juden sind das dem %on% geweihte Volk[732], welches dieser selbst
regiert, während die andern Völker andere Kräfte Gottes zu ihren Vorstehern
haben; aber auch Israel zerfällt in einen %israêl ais thêtos% und einen
%israêl noêtos%. Der ersten Klasse offenbart sich Gott durch seine Engel,
weil sie der reinen geistigen Gottesverehrung nicht fähig sind. Den rein
geistigen und seiner Verehrung geweihten Seelen kann sich Gott offenbaren,
wie er in sich selbst ist; er geht mit ihnen um, wie der Freund mit dem
Freunde; denen aber, die noch im Körper sind, offenbart sich Gott unter der
Gestalt der Engel, nicht als ob er seine Natur verwandle, sondern indem er
die Vorstellung bei ihnen erregt, daß das Bild das Urbild selbst sei. So
wie diejenigen, welche die Sonne nicht selbst betrachten können, ihr Bild
im Widerschein für sie selbst halten, so sehen diese Gottes Bild, seinen
Engel, für ihn selbst an.

Gott und seine Kräfte können sich in scheinbar sinnlichen Formen der
Menschheit offenbaren, die jedoch kein reales Dasein haben; die höheren
Naturen nehmen mannigfach wandelbare Formen an je nach den Bedürfnissen
derer, denen sie erscheinen.

Es ist notwendig, daß die ganze Schöpfung belebt sei, denn Gott, die
Urquelle alles Lebens und die Summe aller Kräfte, ist überall gegenwärtig;
darum wird auch jeder Teil der Schöpfung ihm angemessene Bewohner haben.

Diese Geisterwelt ist ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten
des %kosmos aisthêtos% und besonders der Menschheit erledigt werden.

Die Mitte dieses intellektuellen Staates hat den %logos% inne, der
erhabenste aller Geister der aktive %on%. Er ist das Triebrad im innern
Wesen der Gottheit wie der gesamten Geisterwelt. Gott vertraute ihm bei der
Schöpfung das allmächtige Werde! an, und also entstand die Welt durch ihn.
Er schuf die Formen der Dinge durch seine Weisheit, denn er ist der Sohn
der Weisheit, vom Vater gezeugt, ehe die Welt erschaffen worden. Er
vereinigte Macht und Güte bei der Schöpfung und machte dadurch Gott zum
höchsten Guten. Er führte zur Bezeichnung seiner Eigenschaften und Kräfte
dem Namen %polyônymos%.

Der Mensch ist fähig, in eine unmittelbare Gemeinschaft und einen
vertrauten Umgang mit den Kräften des %ôn% zu kommen, wozu die moralische
Güte und die Askese die Haupterfordernisse sind. Durch diesen Umgang wird
die Seele hoher Macht und Kenntnisse teilhaftig. Denn, wenn der
Menschengeist auch durch eigene Kraft vieler Künste und Wissenschaften
fähig ist, so vermag er doch nur durch übersinnliche Hülfe wahrhaft
begeistert zu werden, und nur vermittelst dieses Umgangs gelangt er zur
wahren Erkenntnis des Guten und Wahren. Ist die Seele durch ihre Verbindung
mit der Geisterwelt und namentlich durch den Einfluß des Logos zur
Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen der Dinge gelangt, dann erhebt sie
sich über sich selbst, tritt mit dem Logos in Gemeinschaft und ersteigt den
Gipfel der reinsten Erkenntnis; ihr Flug ist fortan nur himmelwärts
gerichtet.




II.

Die Therapeuten und Essäer.


Die Sittenlehre der alexandrinischen Propheten ist das Gesamtprodukt des
väterlichen Glaubens, der platonischen Philosophie und der
Zeitverhältnisse, insofern der politische Druck, welcher auf den Juden
lastete, einige ihrer Leute zwang, im eigenen Innern den Trost und die
Befriedigung zu suchen, die ihnen die Außenwelt versagt, daher ihre Mystik.

Als Anhänger Platos flüchteten sich so die Mystiker unter den
alexandrinischen Juden in die innere Geisteswelt, und die Entfremdung von
der Welt, die Abtötung des Leibes wurden zur höchsten Tugend. Doch als
Juden, die im unerschütterlichen Glauben an ihr Gesetz aufgewachsen waren,
gaben sie nur die irdischen Hoffnungen der _nächsten_ Zeit auf und
erwarteten nach den alten Verheißungen eine herrliche Zukunft voll Glück,
in welcher ihr Glaube die ganze Welt beherrschen werde. So wurde die
Hoffnung, daß einst bessere Zeiten kommen würden, der Glaube, daß der Gott
der Väter sein Volk nicht verlassen werde, das Merkmal der echten Juden,
und wenn ihr in der Fremde von allen irdischen Genüssen abgekehrtes Gemüt
nicht ersterben sollte, mußte jene tiefe, in allen Systemen der Mystik
wiederkehrende Liebe die Leere des von der Außenwelt unbefriedigten
Judengemüts ausfüllen.

Nur aus diesen allgemeinen Verhältnissen läßt es sich erklären, warum wir
in beinahe allen übriggebliebenen Denkmälern der alexandrinischen
Theosophie neben den platonischen Tugenden den Glauben, die Liebe, die
Hoffnung und die Befreiung von den Fesseln des Fleisches als die höchsten
Güter genannt finden. -- So viel über die jüdischen Mystiker in Alexandria.

Es ist nun der Nachweis zu führen, daß die alexandrinische Theosophie, die
Lehre Philos, nach Palästina verpflanzt wurde. Dieser Beweis ergiebt sich
daraus, daß die Sekte der Therapeuten der alexandrinischen Mystik zugethan
war und daß die Essäer, wenn sie nicht von ihnen abstammen, doch auf das
Engste mit ihnen zusammenhängen.

Daß die Therapeuten die theosophischen Anschauungen Philos teilten, geht
aus dem großen Lob hervor, welches dieser ihnen spendet; denn in einer
religiös so bewegten Zeit, wie die Philos war, wird nicht leicht ein
Mystiker von so ausgeprägten Anschauungen wie Philo eine religiöse Partei
loben, deren Lehren nicht mit den seinen harmonieren. Philo sagt von den
Therapeuten[733]:

»Das an das Schauen gewöhnte Geschlecht der Therapeuten möge fortwährend
nach der Erkenntnis des Höchsten streben, es möge die sichtbare Sonne
überfliegen und nie seinem Berufe untreu werden, welcher zur vollkommenen
Glückseligkeit führt. Denn diejenigen, welche sich der Beschauung weihen,
-- nicht aus Gewohnheit oder durch äußere Anforderungen bewogen, sondern
von himmlischer Liebe ergriffen, -- sind wie Korybanten höherer
Begeisterung voll, bis sie das Ersehnte erschauen. Und weil sie aus
heiliger Sehnsucht nach dem seligen und ewigen Leben schon hier der
sterblichen Hülle abgestorben zu sein glauben, überlassen sie freiwillig
alle Habe ihren Söhnen, Töchtern, sonstigen Verwandten und Freunden.«

Zeugt nun schon dieser und mancher andere Ausspruch Philos für die
Wahrscheinlichkeit der Gleichheit seiner religiösen Anschauungen mit denen
der Therapeuten, so läßt sich dieselbe auch thatsächlich nachweisen. Dazu
ist jedoch notwendig, daß wir Philos Nachrichten von den Therapeuten
vollständig wiedergeben. Er sagt[734]:

»Wenn sie ihr Vermögen abgetreten haben, fliehen sie -- von keinem Reize
mehr zurückgehalten -- unaufhaltsam weg von Brüdern, Kindern, Weibern,
Eltern, von ihren Verwandten und Freunden, von dem Orte, wo sie geboren und
erzogen wurden. Denn sie kennen den verderblichen Einfluß, welchen die
Gewohnheit auf bessere Entschlüsse ausübt. Sie wandern auch nicht nur in
eine andere Stadt wie unglückliche oder schlechte Sklaven, die ihren
seitherigen Herrn um Verkauf bitten und damit keine Freiheit, sondern nur
einen Wechsel der Knechtschaft erreichen: vielmehr eilen sie hinweg von
allen Städten (denn jede -- auch die besser eingerichtete -- ist voll Lärm,
voll Unheil und Unruhen aller Art, welche ein Mann nicht mehr ertragen
kann, der einmal die Weisheit gekostet hat), in Gärten und entlegene
Landhäuser, um die Einsamkeit zu genießen, nicht als ob sie die Menschen
haßten, sondern weil sie wissen, daß der Umgang mit Andersgesinnten, der in
der Welt nicht vermieden werden kann, Verderben bringt.«

»Das Geschlecht der Therapeuten ist über die ganze Erde verbreitet, denn
Hellas und die Länder der Barbaren sollten einer so edeln Anstalt nicht
entbehren. In größter Anzahl aber finden sie sich in Ägypten, in jedem der
sogenannten %noma% und endlich in der Nähe von Alexandria. Die besten unter
allen Therapeuten eilen -- als in die gemeinsame Heimat -- an einen schönen
Ort, der über dem See Möris auf einer sanften Anhöhe liegt und hinsichtlich
der Sicherheit wie der gesunden Luft alle Vorzüge vereinigt. Für die
Sicherheit sorgen nämlich die umherliegenden Höfe und Dörfer, und seine
gesunde Luft verdankt der Ort den Winden, die sowohl vom See her, welcher
ins Meer ausmündet, als auch von dem nahen Ozean wehn. Die Lüfte vom See
her sind fein, die vom Meer her dichter, die Mischung beider ist der
Gesundheit sehr zuträglich. Die Häuser dieses Ortes sind sehr einfach und
nur auf die notwendigsten Bedürfnisse berechnet, nämlich zum Schutz gegen
die Kälte, sowie gegen die Glut und Sonne. Sie stehen nicht so nahe
aneinander wie in den Städten, denn Nachbarschaft ist beschwerlich für die,
welche die Einsamkeit suchen; aber sie sind auch nicht sehr weit
voneinander entfernt, teils weil ihre Bewohner Gemeinschaft mit einander
haben wollen, teils zur Sicherheit und gegenseitigen Unterstützung bei
Angriffen von Räubern. In jedem Hause ist ein Heiligtum, das sie Semneion
oder Monasterion nennen, in welchem Jeder in tiefer Einsamkeit die
Geheimnisse des geweihten Lebens übt. Sie bringen nichts in dieselben, was
zur Notdurft des Lebens gehört, keine Speise, keinen Trank; sie
beschäftigen sich dort allein mit Gesetzen und Orakeln, von Propheten
erteilt, mit Lobgesängen auf Gott und solchen Dingen, durch welche
Wissenschaft und Frömmigkeit gefördert werden. Das Denken an Gott weicht
nie aus ihren Seelen, so daß sie auch im Traume nichts anderes als die hohe
Schönheit der göttlichen Tugenden und Kräfte schauen. Viele reden selbst im
Schlafe von den herrlichen Lehren heiliger Philosophie.[735] Zweimal beten
sie täglich mit der Morgenröte und gegen den Abend. Wenn die Sonne
emporsteigt, flehen sie um einen wahrhaft guten Tag, daß nämlich das
himmlische Licht in ihren Seelen aufgehe. Wenn sie untergeht, bitten sie,
daß ihre Seelen gänzlich befreit von der Last der Sinnesorgane und der
äußeren Welt, in ihr innerstes Heiligtum versenkt, die Wahrheit erschauen
mögen. Die Zeit zwischen Morgenröte und Abend wird von ihnen religiöser
Übung geweiht. Mit den heiligen Schriften beschäftigt, suchen sie Weisheit,
indem sie den heiligen Urkunden einen tieferen Sinn unterlegen, denn sie
glauben, daß die Worte Sinnbilder einer tiefer liegenden Wahrheit seien,
die nur angedeutet, nicht ausgesprochen ist. Sie besitzen auch Schriften
alter Weisen, der Stifter ihrer Sekte, welche viele allegorische Denkmale
hinterlassen haben. Nach Anleitung dieser suchen sie die verborgene
Weisheit auf. Außerdem aber dichten sie selbst auch Gesänge, auch Loblieder
auf Gott in mannigfachem Metrum, je nach dem es der Gegenstand erfordert.
Sechs Tage lang sind sie, jeder für sich, in der Einsamkeit, in den oben
beschriebenen Monasterien beschäftigt, ohne je die Schwelle des Hauses zu
überschreiten, ja selbst ohne hinauszugehen. Am siebenten kommen sie
zusammen und setzen sich nieder nach ihrem Alter in anständiger Stellung,
die Hände einwärts gekehrt, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke
an die Hüfte geschmiegt. Der Älteste und Erfahrenste tritt auf und spricht
mit ruhigem Blick und gelassener Stimme, nicht wie die heutigen Rhetoren
und Sophisten auf künstliches Gerede bedacht; sondern gründlich den höheren
Sinn der heiligen Schriften entwickelnd, in einem Vortrag, der nicht blos
am Ohr vorübereilt, sondern in die Seele eindringt und bleibend wirkt. Die
Andern hören ruhig zu und geben ihren Beifall nur im Winken der Augenlider
und des Hauptes zu erkennen. Das gemeinschaftliche Semneion, in welchem sie
sich am siebenten Tage versammeln, besteht aus zwei getrennten Flügeln,
deren einer für die Männer, der andere für die Weiber bestimmt ist. Denn
auch Weiber, die von demselben Eifer beseelt sind und die gleiche Lebensart
erwählt haben, hören zu. Die Mauer zwischen beiden Betsälen erstreckt sich
drei oder vier Ellen hoch nach Art einer Schutzwehr. Der obere Raum bis zum
Dach ist freigelassen. Diese Einrichtung hat zwei Gründe: Erstlich, daß der
Anstand, der sich für Weiber ziemt, gewahrt werde; und zweitens, damit
letztere doch die Stimme des Sprechenden leichter vernehmen können.«

»Die Enthaltsamkeit erachten sie für den Grund aller Tugenden, auf welchen
die andern gebaut werden müssen. Vor Sonnenuntergang nimmt keiner von ihnen
Speise oder Trank zu sich, denn sie betrachten die Beschäftigung mit
Weisheit als das einzige würdige Werk des Lichts, die körperliche Notdurft
dagegen als eine Sache der Finsternis, weshalb sie jener die Tage, dieser
einen kurzen Teil der Nacht widmen. Einige von ihnen, die inbrünstiger nach
Weisheit streben, denken erst nach drei Tagen an Nahrung; andere sind so
ganz den Tiefen des Wissens hingegeben, welches reichlich ihre Seelen
nährt, daß sie doppelt so lange ausharren und kaum am sechsten Tage
notdürftige Kost zu sich nehmen. Sie gleichen hierin den Cicaden, die, wie
man sagt, sich von Luft nähren, weil -- wie ich glaube -- der Gesang ihre
Bedürfnisse stillt. Den siebenten Tag betrachten sie als das heiligste Fest
und feiern ihn hoch. Nächst der Seele gönnen sie an demselben auch dem
Leibe bessere Pflege, als wollten sie selbst dem tierischen Teile unseres
Wesens Ruhe von der anhaltenden Anstrengung gewähren. Ihre Kost ist
einfach: Brot und als Zusatz etwas Salz; wer sich recht gütlich thun will,
nimmt ein wenig Ysop dazu. Ihr Trank ist Quellwasser. Sie begnügen sich,
die zwei Gebieter, welche die Natur über uns verhängt, den Hunger und
Durst, zu befriedigen, ohne ihnen zu schmeicheln. Nur das Nötigste, ohne
welches man nicht leben könnte, gewähren sie ihnen. Deshalb essen sie, um
nicht zu hungern und trinken, um nicht zu dürsten. Überfüllung betrachten
sie als gleich schädlich für Leib und Seele.«

»Zur Bedeckung gehören Kleider und Wohnung; von letzterer haben wir schon
gesagt, daß sie schmucklos, ohne besondere Zurüstung und nur auf das
Bedürfnis berechnet sei. Ebenso verhält es sich auch mit ihrer Kleidung.
Sie dient ihnen blos zum Schirm gegen Hitze und Kälte; im Winter ein
dichtes Oberkleid aus zottigem Fell, im Sommer ein Gewand mit Ärmeln oder
ein Stück Leinwand. Denn auf alle Weise sind sie dem Prunke feind, wohl
wissend, daß Lüge Quell des Prunkes, Wahrheit Quell der Prunklosigkeit ist.
Aus der Lüge strömen die vielfachen Arten des Bösen, aus der Wahrheit
dagegen der Reichtum himmlischer und irdischer Güter.«

»Der Üppigkeit der anderen Nationen will ich die gemeinsamen Mahle der
Therapeuten entgegenstellen, welche sich und ihr ganzes Leben der Weisheit
und Frischung nach den heiligen Vorschriften des Propheten Moses geweiht
haben. Am siebenten Sabbath kommen sie zusammen, indem sie nicht nur die
einfache Siebenzahl, sondern auch deren Kraft (Quadrat) ehren; denn sie
wissen, daß sie ewig rein und jungfräulich ist. Dieser Tag wird begangen
als Vorfeier des hocherhabenen Festes der Fünfzig (Tage -- Pfingsten),
dieser heiligsten und mit der Natur der Dinge innigst verbundenen Zahl, die
aus der Kraft des rechtwinkeligen Dreiecks entstanden, Urquell der
Schöpfung aller Wesen ist. Wenn sie in weißen Gewändern, heiter, doch mit
Ernst, versammelt sind, so stellen sie sich auf ein Zeichen des
Ephemereuten (so heißen diejenigen, denen dieses Geschäft obliegt) in
größter Ordnung längs der Wand hin auf, heben die Augen und Hände zum
Himmel empor; jene, weil sie gelehrt wurden, das wahrhaft Sehenswerte zu
schauen, diese, weil sie rein von Frevel und durch keinen ungerechten
Erwerb befleckt sind, und flehen zu Gott, daß ihr Mahl ihm angenehm sein
möge. Nach dem Gebet legen sie sich nieder in einer Reihenfolge, welche die
Zeit des Eintritts in die Gesellschaft bestimmt; denn nicht das natürliche
Alter halten sie in Ehren -- vielmehr gilt ihnen der Greis, der erst spät
die geweihte Lebensart ergriff, für ein Kind --, sondern Diejenigen haben
den Vorzug, welche sich von Jugend auf der theoretischen Weise, dem
schönsten und göttlichsten Leben geweiht haben und darin erstarkt sind.
Auch Frauen feiern das Mahl mit, meist alte Jungfrauen, die nicht -- wie
gewisse Priesterinnen unter den Griechen -- blos aus äußerem Zwang ihre
Jungfräulichkeit bewahrten, sondern aus heiligem Eifer die Weisheit sich
zur Gefährtin auserkoren und die Lüste des Körpers bei Seite setzten,
nicht nach sterblichen Sprößlingen begierig, sondern nach unsterblichen,
welche nur eine gottliebende Seele gebären kann, wenn der Vater der Welt
seine geistigen Strahlen und mit ihnen die Erkenntnis höherer Weisheit über
sie ergießt.«

»Die Teilnehmer des Mahles sind in zwei abgesonderte Reihen geordnet:
rechts die Männer und links die Weiber. Zum Lager dienen ihnen weder
prächtige noch weiche Teppiche, sondern ganz gewöhnliche Decken mit einer
Unterlage von Papyrus, welche auf der Seite, wo die Ellenbogen zu liegen
kommen, etwas erhöht ist, damit man sich leichter aufstützen kann. Denn
eben so weit von spartanischer Strenge entfernt als von Schwelgerei und
Nachgiebigkeit gegen die Lüste, bewahren sie die Mittelstraße, wie es sich
für freie Menschen geziemt. Sie werden nicht von Sklaven bedient, denn sie
glauben, die Knechtschaft sei der Natur zuwider. Diese hat alle Menschen
zur Freiheit bestimmt, und erst die Ungerechtigkeit und Habsucht und der
wilde Trieb, mehr zu sein als Andere, aus welchem alles Böse entstanden
ist, hat die Herrschaft über diese Schwachen den Gewaltigen in die Hände
gespielt. Bei diesen heiligen Mahlen dagegen ist keiner Knecht, sondern
Freie dienen, nicht aus Zwang, noch auf Befehle harrend, sondern mit
bereitwilligem Eifer den Wünschen zuvorkommend. Denn auch nicht der erste
beste wird zu diesem Dienst auserkoren, sondern die vorzüglichsten
Jünglinge aus der Gesellschaft warten den ältern Mitgliedern wie Söhne
ihren Vätern und Müttern mit der größten Freudigkeit auf. Dieselben treten
auch nicht aufgeschürzt, sondern mit hängendem Gewande in den Saal, um jede
Spur zu vertilgen, die an Sklavendienste erinnern könnte. Ich weiß, daß
Manche hierüber lachen werden, aber freilich nur solche, die selbst der
Thränen wert sind. Wein wird an diesen festlichen Tagen nicht aufgetragen,
sondern nur klares Wasser, kalt für die Mehrzahl, warm für diejenigen unter
den Älteren, die sich gütlich thun wollen. Auch keine blutige Speise kommt
auf den Tisch, sondern Brot als Hauptgericht, Salz als Zugemüse, und
bisweilen essen die Üppigsten etwas Ysop dazu. Denn wie die Priester nur
nüchtern opfern dürfen, so hat diese die Vernunft gelehrt, nüchtern zu
leben. Der Wein verleitet zu Unverstand, und üppige Speisen reizen die
Begierden, diese unersättlichen Tiere.«

Im Originaltext befindet sich hier eine Lücke, dann heißt es weiter:

»Die tiefste Stille herrscht; Keiner wagt einen Laut von sich zu geben oder
stark zu atmen. Sofort wirft einer die Frage auf über Stellen aus den
heiligen Schriften oder löst eine solche von andern gegebene, ohne sich im
geringsten brüsten zu wollen. Denn er strebt nicht nach dem Ruhm der
Beredtsamkeit, sondern er will tiefe Belehrung von anderen oder, wenn er
diese schon besitzt, so beabsichtigt er, dieselbe denjenigen mitzuteilen,
die zwar nicht so scharf sehen wie er, aber doch dieselbe Wißbegierde
haben. Deshalb verweilt der Redende auch länger bei seinen Sätzen, um seine
Gedanken den Zuhörern einzuprägen. Denn wenn die Erklärung zu schnell
forteilt, so kann der Zuhörer nicht gleichen Schritt halten und muß
zurückbleiben, wodurch ihm der Sinn des Vortrags entgeht. Die Übrigen
hängen am Munde des Redners und hören ihm in ruhiger Haltung zu. Wenn sie
seine Worte verstehen, so geben sie dies mit einem Blick oder einem Wink zu
verstehen; den Beifall drücken sie durch heitere Mienen oder durch eine
sanfte Wendung des Gesichts, den Zweifel durch ruhiges Schütteln des
Hauptes oder durch ein Zeichen mit den Fingerspitzen der rechten Hand aus.
Die zum Dienst herumstehenden Jünglinge geben übrigens so gut acht, wie die
zum Mahl gelagerten Alten. Bei Erklärung der heiligen Schriften bedienen
sie sich immer der allegorischen Weise, denn sie betrachten die ganze
Gesetzgebung als ein organisches Wesen, indem sie mit den Worten den Leib,
mit der Seele aber den tiefern unter den Worten verhüllten Sinn
vergleichen; in diesen schaue die vernünftige Seele, durch die Worte, wie
durch einen Spiegel hindurchblickend, hohe verborgene Gedanken.«

»Wenn der Wortführer genug gesprochen und seinen Zweck erreicht hat, so
klatschen alle mit den Händen zum Zeichen ihrer Zufriedenheit. Sofort steht
ein anderer auf und singt einen Lobgesang auf Gott, der entweder von ihm
selbst gedichtet oder von alten Dichtern der Gesellschaft verfaßt wurde.
Denn dieselben haben viele Hymnen in allen Versmaßen und Weisen
hinterlassen. Wenn der erste geendet hat, singt ein anderer der Reihe nach,
während die Übrigen in größter Stille zu hören; nur die Endsilben der Verse
und den Chor singen sie mit. Wenn alle fertig sind, so bringen die
Jünglinge den oben genannten Tisch herein, auf welchem die hochheilige
Speise liegt, nämlich gesäuertes Brot mit Salz und Ysop, zur Unterscheidung
von dem geweihten Tisch im heiligen Vorhof zu Jerusalem. Auf diesem nämlich
liegt ungesäuertes Brot mit Salz ohne Beimischung von Ysop. Denn es ist
billig, daß die reinsten und einfachsten Speisen ausschließliches Eigentum
des auserlesenen Priestertums seien zur Belohnung der heiligen Dienste; die
anderen dagegen mögen immerhin nach Ähnlichem streben, aber ohne jenes
ungesäuerte Brot zu genießen, welches nur den Besten, den Priestern zu
Jerusalem, zum Zeichen des Vorrangs gebührt.«

»Nach dem Mahle begehen sie die heilige Nachfeier und zwar auf folgende
Weise: Alle erheben sich gleichzeitig und bilden mitten im Saale zwei
Chöre, deren einer aus Männern, der andere aus Frauen besteht. Zu Führern
und Vorsängern werden für beide die Tüchtigsten und Melodienreichsten
gewählt. Sofort stimmen sie Hymnen an in allen Versmaßen und Weisen, bald
zusammensingend, bald im Wechselgesang sich ablösend. Nachdem jeder der
beiden Chöre für sich zur Genüge gesungen hat, so mischen sich Männer und
Weiber, wie bei den bacchischen Festen, trunken von göttlicher Liebe,
durcheinander und werden aus zweien _ein_ Chor, ebenso wie dies einst am
roten Meere geschah wegen des dort geschehenen Wunders. Damals nämlich
vereinigten sich die israelitischen Männer und Frauen zu einem Chorus,
Danklieder auf Gott den Erretter singend, wobei Moses die Männer und die
Prophetin Mirjam die Frauen anführte. Diesen alten Chorus haben die
Therapeuten zum Vorbild genommen bei dieser Feier, in deren Wechselgesängen
die tiefen Töne der Männer mit den hohen weiblichen Stimmen zur schönen
Harmonie verschmelzen. Schön sind die Gedanken, schön sind die Ausdrücke,
ehrwürdig die Teilnehmenden. Denn das gemeinschaftliche Ziel der Worte, der
Gedanken und der Sänger ist Frömmigkeit. So bringen sie die ganze Nacht hin
in heiliger Trunkenheit, auf welche keine Beschwerde des Leibes noch
Schlafsucht folgt; sondern lebhafter als sie waren, da sie die heilige
Feier begannen, wenden sie sich morgens mit dem Gesicht und dem ganzen
Körper gen Aufgang, und sobald die Sonne emporsteigt, heben sie die Hände
gen Himmel empor und flehen um hellen Schein der inneren Sinne, um
Wahrheit und Schärfe des geistigen Auges. Nach diesem Gebet zieht sich
jeder in seine stille Zelle zurück, um sich wiederum mit der gewohnten
Philosophie zu beschäftigen.«

Das ist, was Philo über die Lebensweise der Therapeuten mitteilt. Über ihre
Dogmen erfahren wir sehr wenig. Gott ist ihnen das Urlicht; Ebenbild
desselben und intelligibler, die menschlichen Seelen erleuchtender Abglanz
ist die Sophia oder der Logos, dessen sichtbares Abbild wiederum die Sonne
ist.[736] Wie Gott Licht ist, so ist die Materie der Quell aller Finsternis
und alles Bösen. Die Seelen sind präexistierend und kehren nach dem Tode in
ihre himmlische Heimat zurück. Die höchste Tugend ist %enkrateia%, die
Entfernung vom Fleische. Deshalb enthalten sich die Therapeuten so sehr als
möglich der Speisen und genießen nur die einfachsten. Fleisch verabscheuen
sie und nur Pflanzenkost ist ihnen erlaubt; darum fliehen sie auch die Ehe
und alle Lust. Neben der Enthaltsamkeit preisen sie die göttliche Liebe.
Das Ersehnte ist die wahre »innere Erkenntnis Gottes und des Himmels«.[737]

Wie offen am Tage liegt, huldigen die Therapeuten den gleichen Grundsätzen
wie Philo, nur daß sie dieselben auch bis zu ihren äußersten Konsequenzen
praktisch durchführen, ähnlich wie die mit ihnen eng verwandten oder
identischen Essäer in Palästina.

Die Essäer entäußern sich des persönlichen Eigentums wie die Therapeuten
und leben in Gütergemeinschaft.[738] Josephus äußert sich darüber
u. a.[739]:

»Sie haben sich nicht nur in _einer_ Stadt gesammelt, sondern in jeder
Stadt wohnen viele. Den Ordensmitgliedern, die von auswärts kommen, steht
das Haus eines jeden Mitgliedes offen, und er kann darin schalten wie in
seinem Eigentum; sie gehen deshalb bei solchen Ordensgenossen, die sie nie
sahen, so ein, als wären es ihre nächsten Verwandten. Darum nahmen auch die
Essäer keine Bedürfnisse irgend welcher Art mit sich, sondern tragen nur
Waffen wegen der Räuber. Außerdem ist in jeder Stadt vom Orden ein
Verwalter ausdrücklich wegen der Fremden angestellt, welcher ihnen Kleider
und Lebensbedürfnisse reicht.«

Die Essäer enthielten sich der Ehe, ebenso wie die Therapeuten und duldeten
wie diese keine Sklaven.[740] -- Beide Genossenschaften haben eine
Rangordnung ihrer Mitglieder nach der Zeit ihres Eintritts in die
Gesellschaft und machen einen Unterschied zwischen Novizen und älteren
Mitgliedern. Josephus unterscheidet vier Stufen oder Grade![741] %Ho
zêlôn%, der Neuling, der sich zur Aufnahme meldet und zwei Jahre lang ohne
Verbindung mit den Ordensmitgliedern leben muß; %ho prosiôn%, der Novize,
der noch zwei Jahre lang Prüfungen bestehen muß; endlich %ho symbiôtês%,
welcher an den heiligen Mahlen Anteil nimmt. Dieser Grad zerfiel nach
Josephus in zwei nicht namhaft gemachte Unterabteilungen.

Beide Sekten stehen mit strengen Regeln unter Vorgesetzten, die bei
Josephus[742] %epimelêtai% und bei Philo -- wie schon gesagt --
%ephêmereutai% heißen. Beide Sekten tragen dieselbe Kleidung; beide beten
zu gleicher Zeit und auf dieselbe Weise, nämlich bei Sonnenaufgang mit
gegen die Sonne gewandtem Gesichte. Beide feiern geheimnisvolle heilige
Mahle; Josephus beschreibt die Essäer folgendermaßen[743]:

»Wenn sie von ihren Geschäften zurückkommen, waschen sie den Leib
sorgfältig ab; erst nach diesen Weihungen betreten sie den Speisesaal; von
welchem alle Nichtessäer sorgfältig ausgeschlossen sind. Denn rein müssen
sie sein, ehe sie in dieses Heiligtum eingehen dürfen. Vor dem Mahle
spricht der Priester ein Gebet; vorher darf Niemand eine Speise berühren.
Dasselbe geschieht auch nachher; denn am Anfang und am Ende verehren sie
Gott als Geber der Speisen. Nach dem Mahle ziehen sie die Kleider, die sie
während desselben als heilige Gewänder getragen haben, wieder aus. Ebenso
halten sie es mit dem Abendessen. Kein Geräusch noch Lärm herrscht bei
diesen Mahlen, ein jeglicher tritt dem Andern das Wort ab, sodaß niemals
zwei zu gleicher Zeit reden; darum erscheint den Außenstehenden das im
Saale herrschende Schweigen als ein schauerliches Geheimnis.«

Daß die Mahle der Essäer im höchsten Ansehen standen, beweist folgende
Stelle Philos[744]:

»Die blutigsten Tyrannen Judäas, welche ihre Unterthanen mit unsäglicher
Grausamkeit wie wilde Tiere zerfleischten, konnten den Essäern nichts
anhaben. Sie mußten ihre Mahle und ihre über alles Lob erhabene
Gemeinschaft ehren.«

Die auffallende Gleichheit der Gebräuche beider Sekten beweist ihre innige
Verwandtschaft, die sich auch in ihren Dogmen nachweisen läßt: Sie verehren
beide Gott als das höchste Licht und nehmen ein Mittelwesen, den Logos, bei
den Essäern +Memra di Jaweh+ an.[745]

Die Essäer halten wie die Therapeuten den Leib für die größte Unreinigkeit
und nehmen eine Präexistenz der Seelen an. In diesem Sinne heißt es bei
Josephus[746]:

»Der Glaube steht bei ihnen fest, daß die Leiber vergänglich seien, die
Seelen dagegen ewig und unsterblich fortdauern. Dieselben steigen nämlich,
von einem natürlichen Reize herniedergezogen, aus dem reinsten Äther herab
und werden in die Leiber wie in ein Gefängnis eingeschlossen. Sie (die
Essäer) lehren, daß die Seelen, wenn sie aus den Leibesbanden erlöst sind,
voll Wonne in die Höhe empor schweben gleich Gefangenen, die aus langer
Knechtschaft erlöst werden. Dabei denken sie sich das Schicksal der
hinübergegangenen Seelen als verschieden: den Guten weisen sie ihren
Aufenthalt an einem Ort an, der nicht durch Regen, Kälte oder Hitze
belästigt wird und fortwährend von einem vom Meer her säuselnden Zephyr
Kühlung empfängt; den Bösen dagegen eine finstere unfreundliche Behausung
unter der Erde, wo sie unablässige Strafe erdulden.«

(Diese Vorstellung involviert die Annahme eines Astralleibes, weil sonst
die Seele keine Ortsempfindung haben könnte.)

Es bleibt noch übrig, die Identität der Moral bei den Therapeuten und
Essäern nachzuweisen. Philo sagt über erstere[747]:

»Richtschnur bei allem, was sie lehren und ausüben, sind ihnen folgende
drei Dinge: Liebe zu Gott, zur Tugend und zu den Menschen. Beweis für die
Liebe zu Gott ist die makellose Heiligkeit ihres ganzen Lebens, ihre Scheu
vor Eiden und der Lüge, sowie die Überzeugung, daß Gott nur Urheber des
Guten und nicht des Bösen sei. Ihre Liebe zur Tugend bekunden sie durch
Gleichgiltigkeit gegen Gewinn, Ruhm, Vergnügen, durch Mäßigkeit und
Ausdauer, außerdem noch durch Genügsamkeit, Bedürfnislosigkeit, Demut,
Biedersinn und Geradheit. Ihre Liebe zu den Nebenmenschen beweisen sie
durch Wohlwollen, durch Anspruchslosigkeit und endlich durch ihre
Gütergemeinschaft.«

Ähnlich sagt Josephus von den Essäern[748]:

»Sie dürfen nichts ohne die Einwilligung ihres Vorstehers thun. Nur zwei
Dinge sind ihrem eigenen Gutdünken überlassen, nämlich Unterstützung des
Nächsten und Erbarmen. Den Gutgesinnten beizuspringen, wenn sie in Not sind
und den Hungerigen Brot zu reichen, steht Jedem frei. Dagegen dürfen sie
ihren Verwandten nichts geben ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten. Sie sind
gerechte Verwalter des Hasses; sie bezähmen den Jähzorn, üben Glauben und
sind Diener des Friedens. Ihr gegebenes Wort halten sie gewissenhaft. Auch
sie feiern die Liebe über Alles; sie ist der wahre Quell des gottgefälligen
Handelns. Das Ziel ihres Strebens aber ist die Heiligkeit, zu welcher sie
durch Entfernung vom Fleische, durch Herrschaft der Vernunft und echten
Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gelangen.«[749]

Aber selbst bis auf den Namen erstreckt sich die Übereinstimmung beider
Genossenschaften, denn das Wort %essaios% stammt von dem syrochaldäischen
Verbum $Assa$ heilen, verpflegen, ab und ist also nichts als die wörtliche
Übersetzung von %therapeutês%.

Ohne die innigste Verwandtschaft, ja ohne gleichen Ursprung wäre die
nachgewiesene Übereinstimmung zwischen Therapeuten und Essäern nicht
möglich, wie schon Philo sich äußerte[750], indem er beide Orden als Zweige
eines Stammes erklärt, nur mit dem Unterschiede, daß die einen mehr
Theoretiker und die andern mehr Praktiker seien.




Zweite Abteilung.

Die Neupythagoräer.

Apollonius von Tyana.


Im ersten Jahrhundert vor Christus suchte die Philosophensekte der
Neupythagoräer die Lehren des Pythagoras zu erneuern, wobei sie jedoch sich
vielfach an Plato, Aristoteles und die Stoiker anlehnten und andererseits
bei den orientalischen Religionssystemen Anleihen machten. Diese
eklektischen Lehren suchten sie alsdann auf Pythagoras zurückzuführen,
wodurch die Nachrichten über die eigentliche Philosophie des großen Weisen
vielfach entstellt wurden. Diese Bestrebungen brachten eine reichhaltige,
jedoch meist nur fragmentarisch erhaltene Litteratur hervor, als deren
erster Vertreter der römische Prätor zu Alexandria Publius Nigidius Figulus
(gest. 45 v. Chr.) gilt.

Der wichtigste Neupythagoräer ist Apollonius von Tyana, mit welchem wir uns
jetzt eingehend zu beschäftigen haben.

Wenn überhaupt bei einer historischen Persönlichkeit, so hat bei Apollonius
von Tyana das allbekannte Schillersche Wort seine Berechtigung:

    »Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt,
    Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.«

Was hat man nicht alles aus der uns überlieferten Biographie dieses
neupythagoräischen Philosophen machen wollen! Die eine Partei sagt: das
Buch ist ein Märchenbuch, und meint, Apollonius habe gar nicht existiert;
die andere Partei ist hingegen der Ansicht, daß Apollonius wohl existiert
habe, daß aber der geringe geschichtliche Kern seiner Biographie zu einem
historischen Roman ausgesponnen worden sei. Wieder andere meinen, die
Persönlichkeit des Apollonius sei von Philostratus nur benutzt worden, um
dem Christenheiland einen Heidenheiland feindlich gegenüber zu stellen,
während ihn eine letzte Partei im Geiste des Synkretismus als eine
freundliche Parallele Christi betrachtet.

In diesem Parallelismus liegt die Ursache, weshalb die Gestalt des Tyanäers
bis auf die Neuzeit nicht in der rechten Beleuchtung stand. Allerdings ist
zwischen beiden Persönlichkeiten, Jesus von Nazareth und Apollonius von
Tyana, auf dem Gebiet des Übersinnlichen eine Ähnlichkeit vorhanden, die
mithin jedoch nicht in der Sphäre des Religiös-Dogmatischen, sondern in der
des Anthropologisch-Magischen wurzelt. Bei beiden Personen kamen zahlreiche
»Wunder« vor, zu deren richtiger Auffassung und Erklärung auf lange Zeit
der Schlüssel fehlte; man sah ihre übersinnlichen Fähigkeiten nicht als
etwas Menschliches, durch geeignetes Leben und geistige Übung Erworbenes
an, sondern betrachtete dieselben nur vom Standpunkte der göttlichen
Sendung eines jeden von ihnen. Die Anhänger beider suchten durch diese
Erscheinungen ihren göttlichen Ursprung darzuthun; keine Partei zweifelte
an den von ihrem Gegner vorgebrachten Berichten, sondern suchte sich
dieselben von ihrem dogmatischen Standpunkte aus zurecht zu legen.

So stellt schon der unter Diokletian lebende Statthalter von Bithynien
_Hierokles_ in seinem »Wort der Wahrheitsliebe«[751] Apollonius und
Christus einander gegenüber, weist dazu ferner auf den Prokonnesier
Aristeas und Pythagoras hin und sagt: »Wir halten einen solchen
Wunderthäter nicht für einen Gott, sondern für einen von den Göttern
geliebten Menschen.«

Gegen diese Auffassung argumentierte _Eusebius von Cäsarea_, der die erste
Kirchengeschichte -- nach _Hases_ Worten -- »im Gefühl des großen
Umschwungs seines Zeitalters mit allen Vorurteilen, aber auch mit allen
Hilfsmitteln desselben verfaßte«, in der unten genannten Schrift von seinem
Standpunkt aus in derselben Weise wie Hierokles. Er setzt die
Thatsächlichkeit der Apollonischen Wunder voraus, welcher er jedoch, weil
die heidnischen Götter zu bösen Dämonen geworden waren, als durch Zauber
bewirkt ansieht, und sagt: »Ich war bisher der Meinung, daß der Tyanäer ein
in menschlichen Dingen weiser Mann war, und halte diesen Ausspruch auch
jetzt noch gern fest; ich lasse es gern geschehen, wenn man ihn jedem
Philosophen zur Seite stellt, wofern man nur mit allen mythisch lautenden
Erzählungen fern bleibt. Wenn aber ein Damis aus Assyrien oder ein
Philostratus oder irgend ein Geschichtsschreiber oder Logograph es sich
herausnimmt, diese Grenzen zu überschreiten und eine Ansicht aufzustellen,
welche über das Gebiet der Philosophie weit hinausgeht, indem er zwar den
Worten nach den Vorwurf der Magie abwehrt, der Sache selbst nach aber dem
Manne noch mehr zur Last legt, als mit Worten und die pythagoräische
Lebensweise als Maske über ihn wirft, so kommt dann kein Philosoph zum
Vorschein, wohl aber ein mit der Löwenhaut verhüllter Esel, und man sieht
nichts anderes, als einen Zauberer anstatt eines Philosophen.«

Und so blieb es. Seit der »Galiläer gesiegt hatte«, galt der Tyanäer als
Zauberer, bis die Aufklärungsperiode ihn so gut wie Jesus von Nazareth zum
Betrüger zu stempeln versuchte und schließlich sogar die geschichtliche
Existenz beider bezweifelte.

Doch auch heidnische Philosophen huldigten dem Glauben an die Zauberei des
Apollonius, wie _Möragenes_, welcher eine (verloren gegangene) Biographie
des Tyanäers schrieb, in der er nach _Origenes_[752] sagte, daß selbst
einige nicht unbedeutende Philosophen derselben zum Opfer gefallen wären.
Dieser Ansicht stellt Philostratus seine Biographie des Apollonius
entgegen, worin er diesen als einen Weisen schildert, welcher seine
außerordentliche magische Kraft nur einer ihn auf eine höhere,
übermenschliche Stufe erhebenden Philosophie zu verdanken hat.

Die Zweifel an der Existenz des Apollonius sind seit _Neander_ und _Baur_
geschwunden, die Auffassung seiner Persönlichkeit und Lehre aber ist bei
Philosophen und Theologen noch heute so unklar wie vor siebzehnhundert
Jahren, wofür wir den Grund in den von Philostratus geschilderten
übersinnlichen Erscheinungen zu suchen haben, welche die Orthodoxie als
teuflisch ansieht, während die neuere Wissenschaft gar nichts mit derselben
anzufangen weiß und deshalb an dem Tyanäer mit einem abwehrenden
Seitenblick vorübergeht.

Nur ein Schriftsteller hat einen richtigen Fingerzeig gegeben, nämlich
_Eduard Baltzer_[753], welcher sagt: »Eine _Gruppe_ nur vermisse ich noch
unter allen denen, die in der Apolloniusfrage Stellung genommen haben: das
sind die jüngsten Kinder unserer Zeit, -- die _Spiritisten_. Gerade ihnen
aber kann ich einen großen Genuß und Triumph versprechen. Ist doch
Apollonius -- wer hätte es gedacht, -- ein entschiedener Spiritist, -- ja,
können sie doch hier die Entdeckung machen, daß ihr Spiritismus nichts
anderes ist, als die alte Magie in allerneuester Auflage.«

Abgesehen von der Schlußbemerkung hat Baltzer in gewissem Sinne Recht: die
bei Apollonius zu Tage tretenden übersinnlichen Erscheinungen sind von
ähnlicher Natur wie die modernen auch; ob sie aber alle spiritistische oder
selbst mediumistische genannt werden dürfen, ist eine andere Frage. Bevor
wir jedoch auf diese und eine Besprechung der Phänomene überhaupt eingehen,
müssen wir noch einige Worte über Philostratus selbst und die Entstehung
seines Buches sagen.

Kaiser _Septimius Severus_ (193-211) war ein eifriger Liebhaber der Magie
und Mantik, ein erfahrener Augur und Traumdeuter und endlich ein
tiefgelehrter Astrolog. Er hatte als Statthalter des lionesischen Galliens
seine erste Gemahlin verloren und ging bei der Wahl seiner zweiten von dem
astrologischen Grundsatz aus, daß deren Nativität eine glückliche und mit
der seinigen harmonierende sein müsse. Als er nun erfuhr, daß ein junges
Mädchen zu Emesa in Syrien eine derartige Nativität, welche ihr außerdem
noch den Thron verheiße, besitze, warb er um deren Hand und erhielt sie.
Dieses Mädchen, _Julia Domna_, vereinigte in der That alle von den Sternen
verheißenen Güter in ihrer Person. Sie erfreute sich selbst im vorgerückten
Alter noch großer körperlicher Schönheit und verknüpfte mit scharfem
Verstand und festem Charakter lebhaften Wissensdrang und hinreißende
Liebenswürdigkeit. Julia Domna interessierte sich als Beschützerin der
Wissenschaften besonders für Kunst und Philosophie und war die Freundin
eines jeden auftauchenden Genius.

Julia Domna umgab sich mit einer aus Philosophen, Gelehrten und Künstlern
aller Art bestehenden Tafelrunde, zu welcher auch der neupythagoräische, in
Athen gebildete Philosoph _Philostratus_ von Lemnos gehörte. Philostratus
war einer der vielgelesensten Schriftsteller, was durch seinen klassischen
Styl und Geist, seine Belesenheit und Vielseitigkeit, sowie endlich durch
sein Bestreben, altrömische Sitte und Charaktertüchtigkeit wieder
herzustellen, gerechtfertigt wird. Dieser Philosoph erhielt von der
Kaiserin den Auftrag, das Leben des Apollonius zu beschreiben, und benutzte
bei seiner Arbeit die Memoiren eines Schülers des Apollonius mit Namen
Damis. Über dessen Persönlichkeit wie über die ihm vorliegende Apollonische
Litteratur sagt Philostratus selbst[754]: »In der alten Stadt Ninive lebte
einst ein Mann von ziemlicher Weisheit mit Namen Damis. Er war ein Schüler
des Apollonius, beschrieb dessen Reisen, an denen er, wie er selbst
versichert, teilgenommen, und verzeichnet dessen Reden, Ansichten und
Weissagungen. Ein Verwandter dieses Damis brachte die Memoiren, welche bis
dahin ganz unbekannt geblieben waren, zur Kenntnis der Kaiserin Julia.
Diese Fürstin, zu deren Umgebung ich gehörte, denn sie liebte und pflegte
litterarische Unterhaltungen sehr, befahl mir, diese Denkschriften
umzuarbeiten und zum Vortrag zu bringen, denn der Ninivit sprach wohl
sachlich, aber sein Stil war schlecht. Dazu kam noch eine Schrift des
Maximus von Aegä, welche alles umfaßt, was des Apollonius Aufenthalt in
Aegä betrifft; auch giebt es noch ein Testament des Apollonius, aus welchem
zu ersehen ist, daß die Philosophie sein Abgott war. Dagegen darf man dem
Möragenes nicht folgen, der zwar auch vier Bücher über Apollonius schrieb,
aber mit großer Unkunde. Somit habe ich gesagt, wie ich den zerstreuten
Stoff zusammengefügt und um seine Einordnung bemüht war. Möge diese Schrift
nun dem Manne, dem sie gilt, zur Ehre gereichen, _den wißbegierigen Lesern
aber zur Förderung: wenigstens sollen sie lernen können, wovon sie noch nie
gehört_.« Mit diesen Worten ist die Tendenz der Schrift des Philostratus
bezeichnet. Was aber seine Glaubwürdigkeit anlangt, so sind auch hier
natürlich die Meinungen sehr geteilt. Das rein Geschichtliche betreffend,
sind die Zweifel fast allseitig gehoben, und Baur hat einige vorhandene
Anachronismen befriedigend erklärt. Ja dieser berühmte Theologe nimmt sogar
für den Kern des Werkes, die philostratischen Berichte über Indien, die
volle Glaubwürdigkeit in Anspruch und sagt[755]:

»Wenn uns aber auch die Betrachtung des philostratischen Werkes an und für
sich über die Beantwortung der Frage in Zweifel lassen mag, wie weit wir in
demjenigen, was Philostratus über Indien meldet, entweder nur romanhafte
Dichtung oder historische Wahrheit voraus zu setzen haben, so muß uns doch,
wie es scheint, unsere jetzige Kunde Indiens eine ziemlich sichere Antwort
auf diese Frage geben. Die Übereinstimmung des Werkes mit dem anders woher
Beurkundeten kann als die beste Widerlegung des Vorwurfs angesehen werden,
welchen selbst noch einer der neuesten Schriftsteller über Indien (Bohlen:
das alte Indien) wiederholt, Philostratus habe alles, was er in seinem
Leben des Apollonius über Indien vorbringt, aus ähnlichen Romanen
kompiliert, nach Art der Schriften ausgeschmückt und mit Angereimtheiten
erstickt.«

Im ähnlichen Sinne äußert sich _Baltzer im Nachwort seines Werkes_[756]
folgendermaßen: »Ein Mann wie Philostratus, der an den Musenhof einer edlen
Kaiserin berufen wird, der letztere als besonderer Vertrauter auf ihren
Reisen begleitet, der als ein vortrefflicher Schriftsteller und gelehrter
Kenner seiner Zeit damals wie heute anerkannt ist und der den Auftrag von
seiner hohen Herrin erhält, über den Apollonius eine kritische Denkschrift
zu verfassen -- von einem solchen Mann muß man annehmen, daß er in seinem
Werke, 'Apollonius von Tyana', _das uns in unbestrittener Echtheit
vorliegt, so viel an ihm war, die Wahrheit in geeigneter Form hat sagen
wollen_. Demgemäß verfährt er. Er legt seine Absicht und Plan vor; er
nennt und kritisiert seine Quellen; er überarbeitet das reichlich
vorliegende Material; er komponiert und redigiert seinem Auftrag gemäß; er
ist mit Liebe und Fleiß bei der Sache; unterscheidet seine Absicht von der
überlieferten; er läßt seine Quellen in verbessertem Style reden und
kritisiert Dunkles mit hellem Blick, natürlich im Geiste seiner Zeit,
dessen Kind auch er ist, wie wir Kinder des Geistes unserer Zeit sind.«

Philostratus vollendete seine Biographie etwa um das Jahr 217.

Wir wenden uns nun, dem Gange der Lebensgeschichte unseres Helden folgend,
zur Besprechung der sehr lehrreichen übersinnlichen Erscheinungen, um
dieselben unter die Thatsachen der magischen Thätigkeit des Menschengeistes
einzureichen.

Geboren wurde Apollonius als der Sohn eines gleichnamigen Vaters aus alter
und reicher Familie um die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr. zu Tyana,
einer durch die Intelligenz und den Wohlstand ihrer Bürger hervorragenden
Stadt Kappadoziens, und seine Geburt umgaukeln Wundermären, wie diejenige
Gautama Buddhas und Jesu Christi: Als seine Mutter mit ihm schwanger ging,
erschien ihr der ägyptische Gott Proteus, den auch Homer besingt. Sie aber
frug ihn ohne Furcht, was sie gebären würde. Er sprach: »Mich.« Sie frug:
»Wer bist du denn?« Und er sagte: »Proteus, der ägyptische Gott.«[757] --
Wir haben in dieser Erzählung eine Parallele zur Verkündigung Mariä, und
eben deshalb wurde dieselbe als eine plumpe Nachahmung angesehen, was sie
indessen nicht zu sein braucht. In jener religiös erregten Zeit des ersten
Jahrhunderts konnten sehrwohl beide schon durch ihren Zustand besonders zu
Visionen geneigten Mütter Jesu Christi und des Apollonius starke
Vorahnungen von der künftigen Bedeutung ihrer Kinder haben, welche sich
ihnen in geschaute Bilder umsetzten. Jeder religiöse Seher aber erhält
naturgemäß seine Offenbarung von daher, woher sie nach seinem Glauben
kommen muß. Der fernstehende Teil des gespaltenen Ichs tritt dem Visionär
als redende Persönlichkeit gegenüber und so empfängt die Israelitin Maria
die Botschaft des persisch-jüdischen Gabriel, die kappadozische Mutter des
Apollonius die des ägyptisch-griechischen Proteus. Ebenso erhalten die
romanischen Spiritisten ihre Offenbarungen von »Geistern«, welche
kardekistische Reincarnationstheorie predigen, wie Proteus die
altklassische lehrt.

Der hochbegabte Knabe wurde mit 14 Jahren von seinem Vater nach Tarsus zu
dem Rhetor Euthydemus gebracht, mit welchem er nach dem durch seinen
Aeskulaptempel berühmten Aegä verzog, um sich dort mit mehr Muße der
Philosophie widmen zu können, als dies in dem lebenslustigen bewegten
Tarsus möglich war. Hier hörte er die Vorträge des epikuräischen
Philosophen Euxenus über die Lehren des Pythagoras, welche ihn dermaßen
begeisterten, daß er wie Pythagoras zu leben beschloß. »Er verschmähte alle
tierischen Nahrungsmittel als unrein und geisttötend und genoß nur
Vegetabilien, die er für rein hielt, weil sie die Erde unmittelbar
hervorbringt. Den Wein erklärte er zwar für ein reines Getränk, da es von
so edlem Gewächse stamme, aber er sei der menschlichen Geistesklarheit
feind, da er den Aether der Seele trübe. Nächst dieser Fürsorge für
Körperreinheit ging er mit nackten Füßen und trug, da er tierische
Kleidungsstücke verwarf, nur linnenes Gewand und lebte im Tempel. Die
Diener des Tempels aber bewunderten ihn, und als Aeskulap einst zum
Priester sagte, er freue sich, daß Apollonius Zeuge seiner Heilungen sei,
da ging diese Kunde aus, und die Cilicier und andere Umwohner kamen nach
Aegä.«[758]

Apollonius huldigte also einer streng vegetarischen Lebensweise und wurde
in die Mysterien des Aeskulapdienstes eingeweiht, bei welchen, wie bei
allen Mysterien, die schauenden und heilenden Fähigkeiten des Menschen
gepflegt wurden. Auch einige hierauf bezügliche Fälle erzählt Philostratus:
Ein wassersüchtiger Schlemmer erhielt nach langem vergeblichen Harren im
Aeskulaptempel das Traumorakel: »Wenn du mit Apollonius sprechen wolltest,
so würde dir wohler werden«, und wurde von diesem geheilt, indem er an ein
streng vegetarisches Leben gewöhnt wurde. -- Einen einäugigen cilicischen
Ehebrecher wies Apollonius von der Schwelle des Tempels zurück, wo derselbe
die Wiedererlangung seiner Sehkraft erhoffte: In der Nacht hatte der
Priester einen Traum, worin Aeskulap die Aussage des Apollonius bestätigte
und hinzufügte, daß die Gattin dem ertappten Sünder mit einer Spange ein
Auge ausgeschlagen habe. -- Diese Erzählung findet Parallelen in dem
Durchschauen anderer von seiten neuerer Seher, wie Zschokke, Duncan,
Campbell u. a. m. Als eine weitere Probe des Fernsehens berichtet
Philostratus[759], daß Apollonius den Statthalter von Cilicien, einem der
in Griechenland so zahlreichen widernatürlichen Wüstlinge, seine nahe
Hinrichtung weissagte, welche auch nach drei Tagen erfolgte, weil sich
derselbe mit dem König Archelaus von Kappadozien in eine Verschwörung gegen
die Römer eingelassen hatte.

Nach dieser Zeit widmete sich Apollonius fünf Jahre lang dem
»pythagoräischen Stillschweigen« und gestand von dieser Zeit, daß sie der
mühevollste Teil seines Lebens gewesen sei; denn er hätte viel zu sagen
gehabt und habe nicht gesprochen, auch viel hören müssen, was ihn hätte in
Zorn setzen mögen, und er habe es überhört; oft gereizt die Leute zu
geißeln, habe er zu sich selbst gesagt: Dulde nur, Herz und Zunge! und habe
die verletzendsten Reden unwiderlegt gelassen. Gleichzeitig entsagte er
aller Liebe und dem Geschlechtsgenuß.[760] Durch diese asketische
Lebensweise gelangte er zu solchem Ansehen, daß er selbst in dem
leichtlebigen Cilicien und Pamphilien Aufstände durch sein persönliches
Auftreten schlichtete.

Nach der Beendigung seiner Schweigezeit ging Apollonius nach Antiochien und
nahm seinen Aufenthalt im Tempel des daphnischen Apollo, wo er »bei
Sonnenaufgang für sich allein war, und was er da that, erfuhr nur, wer ein
vierjähriges Schweigen vollendet hatte«. Dabei suchte er auf das Volk
veredelnd einzuwirken, aber nicht in der zudringlich überredenden Weise des
Sokrates, sondern »wie ein Gesetzgeber, welcher das, was seine Überzeugung
ist, für die Menge zum Gesetz erhebt«. Danach ging er mit sich selbst zu
Rate wegen einer größeren Reise und sein Sinn stand nach den Brahmanen
Indiens; doch auch die Magier Babylons zu besuchen, galt ihm für einen
Gewinn. Er teilte seinen Plan seinen sieben Jüngern mit, zu denen er, als
sie ihn von der Reise abhalten wollten, sagte: »Zu Beratern habe ich mir
die Götter erkoren. Euch wollte ich nur prüfen, ob ihr zu dem, was ich
vorhabe, auch Mut besäßet. Da ihr den nun nicht habt, so lebt wohl! Bleibt
aber dem Studium ergeben! Ich muß hingehen, wohin mich die Weisheit und
mein Genius ziehen!«[761]

Apollonius verließ Antiochien und begab sich mit zwei Sklaven, Schreibern
seines Vaters, auf den Weg nach Babylon. In Ninive schloß sich ihm Damis
an, welcher sagte: »Laß mich, Apollonius, mit dir ziehen. Folge du deinem
Gotte, ich folge dir!« und sich ihm wegen seiner Sprachkenntnisse als
nützlicher Reisegefährte empfahl. Apollonius entgegnete: »Ich, Freund,
verstehe diese Sprachen alle, ohne sie erlernt zu haben.« Als der Ninivit
darüber erstaunte, fügte er hinzu: »Wundere dich nicht, daß ich die
Sprachen der Menschen kenne, ich verstehe ja auch all ihr Schweigen.« Er
wollte damit seine Fähigkeit des Gedankenlesens kennzeichnen. Über seine
Reise führte Apollonius ein »Brosamen« (%ekphatnismata%) genanntes
Tagebuch[762], welches leider verloren gegangen ist.

Als Apollonius in der Nähe Babylons in die kissische Gegend kam, offenbarte
sich ihm die Gottheit in einem Traum, dessen Auslegung ein interessantes
Beispiel griechischer Traumsymbolik ist: »Vom Meere ausgeworfene Fische
schnellten auf dem Lande umher, ließen ein menschliches Jammern hören und
wehklagten, daß sie aus ihrer Wohnung gegangen. Einen Delphin aber, der
nach dem Ufer schwamm, flehten sie an, dies Elend von ihnen abzuwenden, und
weinten dabei wie Menschen, die in der Fremde sind. Nicht im geringsten
betroffen über diesen Traum, überlegte er doch bei sich, was das sei. Um
aber Damis zu erschrecken, dessen Ängstlichkeit er kannte, erzählte er ihm
den Traum, indem er sich stellte, wie wenn er selbst von dem zu erwartenden
Unglück erschrocken sei. Damis schrie auf, als ob er schon alles vor Augen
habe, und riet dem Apollonius, nicht weiter zu gehen, daß wir, sagte er,
nicht etwa auch wie die Fische aus unserm Elemente herausgeraten, umkommen
und in der Fremde jammern, in der Not einen König oder sonstigen
Machthaber anflehen müssen, und dieser uns mißachtet, wie der Delphin die
Fische. Apollonius aber lachte und sprach: Du bist noch kein Philosoph,
wenn du dergleichen fürchtest. Ich will dir sagen, was der Traum bedeutet:
Eretrier aus Euböa sind es, die dies kissische Land hier bewohnen, vor 500
Jahren von Darius aus Euböa hinweggeführt. Diese sollen bei ihrer
Wegführung, wie der Traum anzeigt, das Schicksal der Fische gehabt haben,
indem sie förmlich umgarnt und alle eingefangen wurden. Es scheint also,
die Götter befehlen mir, zu ihnen zu gehen und mich ihrer anzunehmen;
vielleicht auch sind es die Seelen der Hellenen, die dieses Los hier traf,
welche mich zum Frommen des Landes herbei rufen.«[763]

Infolge seines Traumes begab sich Apollonius nach Kissia, wo er den
Gottesdienst verbesserte und viel zur Erleichterung des Loses der
griechischen Kolonisten beitrug.

Endlich gelangte er nach Babylon und trat mit den Magiern in Verbindung,
von denen er sagt, daß sie -- jedoch nicht alle -- Weise seien; er
verkehrte mit ihnen insgeheim in den Mittags- und Mitternachtsstunden. Vom
König Bardanes, der seine Ankunft im Traum vorausgesehen hatte, wurde
Apollonius sehr gut aufgenommen und sagte demselben kraft seiner Sehergabe
ein Verbrechen voraus, bei welchem einer seiner Eunuchen am nächsten Tage
werde in flagranti ergriffen werden. Der Erfolg bestätigte diese
Wahrsagung. Auf die Frage nach seiner Lehre entgegnete Apollonius dem
Könige: »Meine Weisheit ist die des Pythagoras, des Mannes von Samos, der
mich so die Götter ehren, sie, die sichtbaren und unsichtbaren, verstehen,
mit ihnen reden und mich in diese Pflanzenstoffe zu kleiden lehrte. Denn
dies Gewand ist nicht vom Schaf geschoren, sondern rein vom Reinen wuchs
dieses Linnen, ein Geschenk des Wassers und der Erde. Dazu auch trage ich
dieses lange Haar nach des Pythagoras Art; und der tierischen Speise mich
zu enthalten, lehrt mich seine Weisheit. Trinkgenoß und Gesellschafter bei
Spiel und Festgelage werde ich weder Dir noch irgend jemand sein. Dunkle
und schwere Lebensrätsel aber kann ich lösen, denn ich weiß nicht nur, was
zu thun ist, sondern ich sehe es auch voraus.«[764]

Von Bardanes mit Kameelen und Reisevorräten ausgerüstet, machte sich
Apollonius auf den Weg nach Indien.

Nachdem Apollonius den Küenlün überschritten, stieg er in das Flußbett des
Indus zurück und gelangte mit seinen Begleitern nach Taxila, wo er von dem
durch die Brahmanen gebildeten philosophischen König Phraotes II. auf das
beste aufgenommen wurde. Mit diesem hielt unser Philosoph während seines
vom Gesetz gestatteten dreitägigen Aufenthaltes in Taxila lange
philosophische Gespräche, die sich im wesentlichen um die Vorzüge der
»naturgemäßen Lebensweise« drehten. Von Interesse für uns ist nur die
Äußerung des Apollonius über die Enthaltsamkeit vom Wein, welche das
Wahrträumen der Seele begünstigen solle. Apollonius sagt: »Aber auch die
Prophetien der Träume, die in der menschlichen Natur das Göttlichste zu
sein scheinen, durchschaut die Seele leichter, die nicht vom Wein umnebelt
ist und sie rein und in klarer Betrachtung aufnimmt. Die Erklärer solcher
Traumgesichte, von den Dichtern Traumdeuter genannt, legen daher kein
Traumbild aus, ohne vorher zu fragen, um welche Stunde man es gehabt. War's
in der Frühe, im Morgenschlummer, so deuten sie es, weil dann die Seele
ganz frei vom Geiste des Weins, gesunde Träume schaut; war's aber im ersten
Schlafe oder um Mitternacht, wo die Seele noch vom Wein schwer und dunkel
ist, so lehnen sie das Deuten ab und thun wohl daran.« Von Phraotes mit
Lebensmitteln, frischen Kameelen und einem Empfehlungsschreiben an den
Obersten der Brahminen und Lehrer des Phraotes, Jarchas, versehen, machte
sich Apollonius mit seinen Begleitern auf, um diese priesterlichen
Gelehrten auf »dem Berge der Weisen« jenseits des Hyphasis aufzusuchen.

Der Berg der Weisen wird als mit Wolken umgeben und so hoch wie die
Akropolis geschildert; von den Brahmanen sagt Apollonius[765]: »Die
indischen Brahmanen sah ich, wie sie auf Erden wohnen und doch nicht auf
Erden, in der Festung und doch ohne Befestigung, ohne Eigentum und doch
alles besitzend.« Damis dagegen erzählt von ihnen, daß sie auf einem Lager
auserlesener Pflanzen auf der Erde schliefen, um den Kopf eine weiße Binde
und auf dem Leibe ein der Exomis der Cyniker ähnliches Gewand von weißer
Baumwolle trügen, das Haar lang wachsen ließen und Ringe und Stäbe als
Abzeichen führten; auch habe er, Damis, sie öfter zwei Ellen hoch in der
Luft wandeln sehen. -- Dieses Schweben erinnert an das bekannte sich in die
Luft erheben der Fakire, sowie an die Levitation bei Hexen und Medien und
bedarf keiner weiteren Erörterung. Ring und Stab ist schon im Gesetz des
Manu das Abzeichen der Brahmanen. Dieselben waren eifrige Vegetarier,
gestatteten aber ihren Besuchern, wenn dieselben es wünschten, den Fleisch-
und Weingenuß.

Als Apollonius zu den Brahmanen kam, wurde er von dem auf ehernem Throne
sitzenden Jarchas, welcher den Brief des Königs forderte, griechisch
angeredet. »Als Apollonius über sein Vorauswissen erstaunte, sagte jener,
es fehle in dem Brief ein Buchstabe, ein Delta, das der Briefschreiber
ausgelassen habe; und es fand sich, daß dem so war.«[766]

Als weiteres Beispiel seiner Sehergabe soll dann Jarchas dem Apollonius
seine Abstammung väterlicher- und mütterlicherseits, ferner wie er Damis
gefunden, und alles was sie unterwegs gethan und erfahren, in richtigem
Zusammenhang dargestellt haben, als ob er dabei gewesen wäre. Als aber
Apollonius nun erstaunt frug, woher er das alles wisse, entgegnete jener:
»Auch du kommst mit solchem Wissen, aber keinem vollkommenen.« -- »Und
wirst du mich dieses vollkommene Wissen lehren?« -- »Gern und neidlos«,
erwiderte Jarchas, »denn dies ist weiser als Wissenswertes zu verbergen
oder darüber zu täuschen. Übrigens bist du Apollonius, von Mnemosyne
gesegnet, der Göttin, die wir unter allem am meisten lieben.« Als später
die Brahmanen zum Opfer gingen, badeten, salbten und bekränzten sie sich
und zogen begeistert zum Heiligtum, wo sie sich -- Jarchas an der Spitze --
in Chorordnung aufstellten und mit ihren Stäben auf den Boden stießen,
welcher »wie eine Woge zwei Ellen hoch anschwoll«. -- Dieses
wahrscheinlich auf subjektiven ekstatischen Empfindungen beruhende
Phänomen des Anschwellens und Erbebens der Erde kommt in der Magie und
Theurgie sehr oft vor, so besonders in den Jamblichus zugeschriebenen
Büchern »über die ägyptischen Mysterien«[767], dann in zahlreichen
mittelalterlichen Zauberbüchern, welche von der Geisterbeschwörung handeln,
wie die +Clavicula Salomonis+, ferner in dem mit ihr in engem Zusammenhange
stehenden Buche Arbatel, in dem Paracelsus zugeschriebenen »Büchlein von
olympischer Geisterbeschwörung«, in dem sog. 4. Buch der +Occulta
Philosophia+, in der +Pseudomonarchia Dämonum+; auch in einigen Ausgaben
des sog. Höllenzwangs u. s. w.

In einer folgenden Unterhaltung bezeichnet Jarchas als den Grundpfeiler
aller Weisheit die Selbsterkenntnis des Pythagoras und bekennt sich zur
Reincarnationstheorie dieser Philosophen und der Ägypter. Sich selbst soll
Jarchas als den reincarnierten Achilles und einen seiner Gefährten für
Palamedes gehalten haben. Bei einem Gastmahl, dem auch Damis beiwohnte, gab
Jarchas eine interessante Zusammenfassung seiner Lebensanschauung und
erwähnte dem Apollonius gegenüber u. a. den Akasa: »Den Äther, aus welchem
die Götter geboren sein müssen, denn alles, was Luft atmet, ist sterblich,
aber das Ätherische ist unsterblich und göttlich.« »So soll ich das All als
Lebendiges betrachten?« frug Apollonius. »Allerdings«, sagte Jarchas,
»wenigstens, wenn du gesunde Einsicht hast, denn alles Leben kommt von
ihm.« -- »Sollen wir nun das All weiblicher oder männlicher Natur
erachten?« »Beides«, erwiderte Jarchas, »denn indem es sich selbst
befruchtet, ist es Vater und Mutter zugleich und liebt sich selbst heißer,
als eines das andre jemals. Dies ist aber durchaus nicht widersinnig. Denn
wie Hände und Füße zur Bewegung des Lebendigen mitwirken, und zu der Seele,
die es bewegt, so glauben wir, daß auch alle Teile des Alls durch die
Weltseele zu allem mitwirken, was einen Anfang nimmt und geboren wird. Denn
auch die Leiden einer Dürre werden durch diese Weltseele bewirkt, wenn die
sinkende Tugend der Menschen ehrlos handelt. Aber das lebendige All
behandelt nicht mit _einer_ Hand, sondern mit vielen, unsagbar vielen, und
-- unbeweglich durch seine Größe -- ist es doch leicht zu zügeln und zu
lenken.«[768]

In folgendem Vorfall haben wir die erste, rein mediumistische Thatsache,
welche uns in der Geschichte des Apollonius berichtet wird: Zu den
Brahmanen kam eine Frau und bat dieselben, daß sie ihrem sechzehnjährigen
Sohne helfen möchten, welcher seit zwei Jahren besessen sei. Der Dämon
treibe den Knaben hinaus in die Einöde, wo derselbe seine Mutter nicht mehr
erkenne, mit rauher Mannesstimme spreche und mit »fremden Augen«
dareinschaue.[769] Alles bekannte charakteristische Erscheinungen.

Auf die Frage der Brahmanen, ob die Mutter versucht habe, den Knaben
mitzubringen, entgegnete dieselbe, daß sie es nicht gewagt habe, weil der
Dämon den Knaben diesfalls zu töten drohe. -- Auch hier haben wir einen
Zug, welcher sich bei den Besessenen und Somnambulen aller Zeiten
wiederholt. Jarchas giebt der Mutter einen Brief mit Drohungen an den Geist
mit, durch welchen der Knabe von seiner Besessenheit befreit wird.

In den folgenden Zeilen haben wir unzweifelhaft einen der ältesten Fälle
der Ausübung des Heilmesmerismus, welcher nur selten citiert wird: »Auch
ein Lahmer kam, dreißig Jahre alt, ein eifriger Löwenjäger. Als ihn ein
Löwe anfiel, hatte er sich einen Schenkel ausgerenkt, und das Bein war
krank; aber durch Streichen mit der Hand wurde er wieder in den Stand
gesetzt ordentlich zu gehen.«[770]

Dem Jarchas werden u. a. auch mancherlei Auslassungen über die Sehergabe in
den Mund gelegt, sie habe für den Menschen viel Gutes, ihre größte Leistung
aber sei die Heilkunde. »Die weisen Asklepiaden würden zu ihrer Kenntnis
nie gelangt sein, wäre Asklepios nicht ein Sohn Apollos gewesen, nach
dessen Offenbarungen er die in Krankheiten dienlichen Mittel bereitet
(Heilinstinkt der Somnambulen), seine Kinder belehrt und seinen Genossen
gezeigt hätte, was bei eiternden Wunden und was bei trockenen angewendet
werden muß, durch welche trinkbare Arznei Wassersucht abgewendet, wie
Blutfluß gestillt, Auszehrung und andere innere Leiden geheilt werden
können. Auch die Heilungen durch Gifte, und deren bewußte Anwendung in
Krankheitsfällen sind nur der Sehergabe zu danken. Ohne die Gabe des
Voraussehens, meine ich, würden die Menschen nie gewagt haben, den
heilsamen Mitteln die allergiftigsten beizumischen.«[771]

Nach viermonatlichem Aufenthalt verließ Apollonius die Brahmanen und begab
sich längs des Indus an die Küste des erythräischen Meeres.

Er fuhr sodann über dieses und das persische Meer, sowie den Euphrat hinauf
nach Babylon zu Bardanes, begab sich über Ninive nach Antiochien und
Seleucia und segelte von dort nach Cypern und Jonien, »vielbewundert und
hochgeehrt von denen, welche Weisheit zu schätzen wissen«.[772]

Über die nächstfolgenden Ereignisse im Leben des Apollonius ist wenig zu
sagen, denn die bekannte Erzählung, laut welcher unser Seher »aus der
Sprache der Sperlinge« ersehen haben soll, daß in einer Gasse zu Ephesus
ein Sack Weizen aufgegangen war, läßt eine so einfache Erklärung zu, daß
wir nicht nötig haben, zum Hellsehen behufs Aufstellung dieser Begebenheit
zu greifen. Ist dieses nun wahrscheinlich ein ganz natürliches Ereignis, so
ist offenbar der Bericht von der Vertreibung der Pest zu Ephesus, wo
Apollonius den in Gestalt eines Bettlers erscheinenden Pestdämon steinigen
ließ, worauf unter den Steinhaufen anstatt des Leichnams des Bettlers der
eines Molosserhundes zum Vorschein kam, entweder nur ein Mythus oder die
Entstellung irgend eines nicht mehr erkennbaren Vorfalls. Ebenso haben wir
es wohl im Nachstehenden nur mit einem, vielleicht etwas übertriebenen
Traumbild zu thun.

Apollonius hatte sich nach Pergamon begeben, wo er die Beter im
Aeskulaptempel belehrte, was sie zu thun hätten, um günstige Träume zu
erhalten, und wo er auf dem Grabhügel des Achilles nächtigte, um sich mit
dessen Geist zu unterreden. Derselbe erschien ihm in überirdischer
Schönheit achtunggebietend und von heiterem Angesicht, glänzend, in einer
übermenschlichen Größe usw.[773] Wenn die Wesenheit des Achilles in
Jarchas reincarniert gewesen sein soll, so könnte sie füglich dem
Apollonius nur als eine rein subjektive Vision erscheinen.

In Athen traf Apollonius einen besessenen Jüngling, zu dem er sagte: »Nicht
du frevelst hier, sondern der böse Geist, von dem du besessen bist, ohne
daß du es weißt.« -- Als nun Apollonius ihn scharf und zornig anblickte,
schrie der Dämon auf wie ein Gebrannter oder Gefolterter und schwur, den
Jüngling loszulassen und nie wieder einen Menschen zu überfallen. Als aber
Apollonius zu ihm sprach wie ein zorniger Herr zu einem schamlos bösen
Knecht und ihm befahl, sichtbar auszufahren, da rief er aus: »Das Standbild
will ich umwerfen!« und wies auf eine Statue bei der Königshalle. Wirklich
geriet diese in Bewegung und stürzte um.[774] Welches Schrecken und welches
Staunen! Wer mags beschreiben! Der Jüngling aber rieb sich die Augen wie
ein Erwachender, sah nach der Sonne und war verlegen, weil aller Augen auf
ihn sahen. Von da an aber erschien er nicht mehr so wild und maßlos wie
vorher, sondern seine gesunde Natur kam wieder hervor, wie nach dem
Gebrauch eines Heilmittels.[775]

Diese Erzählung gleicht so vollkommen den Mitteilungen aller Zeiten über
vorgenommene Exorcismen, daß man kein Wort zu ihrer Erläuterung nötig hat.
Nur zu dem Umwerfen der Statue wollen wir eine Parallele aus der
Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund beibringen,
welche Gustav Freitag im 5. Bande seiner »Bilder aus der deutschen
Vergangenheit« mitteilt. Der Vorfall trug sich im Jahre 1529 zu und
betrifft eine besessene Magd Sastrows: »Mit dem Exorcismo trieb er (der
Teufel) sein lautes Gespött; denn als der Priester ihn beschwor, daß er
ausfahren sollte, sagte er: ja er wolle weichen, er müsse ja wohl das Feld
räumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte;
wenn ihm das Geforderte abgeschlagen würde, stünde ihm das Bleiben frei. Es
stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese
beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, daß er den Hut
vom Kopfe nehmen dürfte, den Hut wollte er mit sich nehmen und weichen. Ich
trage Sorge, wäre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar hätten
mit dem Hut gehen müssen. Zuletzt, als er wußte, daß seine Zeit, die Magd
zu plagen, verflossen war, und vermerkte, daß unser Herrgott das demütige
Gebet der gegenwärtigen Leute gnädiglich erhörte, forderte er gar spöttlich
eine Tafel Glas aus dem Fenster über der Turmuhr, und als ihm eine Raute
aus demselben erlaubt wurde, _hat sich dieselbe zusehends mit einem Klange
abgelöst und ist davon geflogen_. Nach der Zeit hat man nichts Böses bei
der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorfe einen Mann bekommen und von ihm
Kinder erhalten.«[776]

Auf Kreta gab Apollonius abermals eine Probe seines Fernsehens, denn als
ein Erdbeben entstand, rief er den Leuten zu: »Fürchtet euch nicht, denn
das Meer hat ein Land geboren.« Nach einigen Tagen kamen Leute aus Kydonia,
welche berichteten, daß während des Erdbebens sich in der Meerenge zwischen
Thera und Kreta eine neue Insel gebildet habe.[777]

Ein weiterer hierher gehöriger Fall ereignete sich in Rom, wohin sich
Apollonius von Kreta aus begeben hatte. »Als es nämlich bei einer
Sonnenfinsternis donnerte, was bei Finsternissen selten zu geschehen
scheint, hatte er zum Himmel aufblickend gesagt: 'Etwas Großes wird
geschehen.' Niemand verstand das Wort, aber drei Tage später verstanden es
alle. Als nämlich Nero gerade bei Tische saß, fuhr ein Blitz auf die Tafel
und schlug ihm den Becher aus der Hand, den er gerade zum Munde führte. Daß
der Kaiser so mit dem Tode bedroht und doch nicht getroffen wurde, hatte
Apollonius mit dem 'geschehen und nicht geschehen' gemeint.«[778]

Durch diese Prophezeiung hatte Apollonius den Verdacht des Tigellinus
erweckt, welcher ihn einkerkern ließ. Als dieser Präfekt jedoch die
Anklageschrift verlesen wollte, fand er zu seinem Erstaunen das von ihm
selbst geschriebene Blatt leer. Nach Philostratus hat sich ein gleicher
Fall in dem spätern Prozeß des Apollonius unter Domitian zugetragen.[779]
Dieser mythisch erscheinende Zug findet Parallelen in zahlreichen
Heiligenlegenden und Sagen.

Wir können hier Apollonius nicht auf allen seinen Kreuz- und Querzügen
begleiten, sondern müssen uns darauf beschränken, die in das Gebiet des
Übersinnlichen gehörenden Berichte aus seinem Leben mitzuteilen, soweit wir
dazu Parallelen in der Kulturgeschichte oder in der gegenwärtigen Erfahrung
nachweisen können. Deshalb wenden wir uns zu folgender Voraussage des
Philosophen: Als Nero geflohen und Vindex tot war, fragten seine Gefährten:
»Wem wird nun die Herrschaft zufallen?« »Vielen Thebanern«, antwortete
Apollonius, denn er verglich Vitellius, Galba und Otho, welche die Macht
nur kurze Zeit an sich rissen, mit jenen Thebanern, welche auch nur sehr
kurze Zeit an der Spitze Griechenlands gestanden hatten.[780] Apollonius
sagte dann zu seinen Freunden: »Sehet Roms drei Herrscher, die ich neulich
Thebaner nannte! Keiner wird Alleinherrscher werden, sondern in und um Rom
werden sie herrschen und umkommen und schneller ihre Rollen wechseln als
die Tyrannen auf der Bühne.« -- Das Wort erfüllte sich bald: Galba kam in
Rom um, kaum zur Herrschaft gelangt, Vitellius starb nach einem
Herrschaftstraume; Otho starb im westlichen Gallien, und nicht einmal ein
glänzendes Begräbnis ward ihm zu teil, denn er liegt bestattet wie ein
gewöhnlicher Mensch; so wandte sich das Geschick dieser drei innerhalb
eines einzigen Jahres.[781]

Apollonius begab sich über Ägypten, wo er durch seine Sehergabe einen wegen
Straßenraubes unschuldig Verurteilten befreite[782], nach Äthiopien, um die
Weisheit der dortigen Gymnosophisten kennen zu lernen, von welchen er
jedoch sehr enttäuscht wurde. In dem ganzen Abschnitte ist nur die Rede des
Apollonius an seinen Schüler Thespesion merkwürdig, in welcher er die
geistige Entwickelung an der Hand der Askese lehrt[783], und in deren
Verlauf er seinem Schüler bezüglich der Wundersucht seiner Zeit das auch
heute noch geltende Mahnwort zuruft: »_Mit dem Glauben an Unglaubliches
entsagt man der Vernunft!_«[784]

Beiläufige Erwähnung verdient noch die Erzählung von dem durch Apollonius
gebannten Satyrgespenst, welches in einem Dorf an den oberen Nilkatarakten
die Frauen unsichtbarerweise mit seiner Liebe verfolgte und dann tötete.
Apollonius befahl, um das Gespenst zu bannen, einen Trog mit Wein zu
füllen, den der Satyr trinken und sich darauf entfernen würde. Als der
Satyr zur Stelle beschworen worden war, »blieb er zwar unsichtbar, aber der
Wein verschwand, als ob er getrunken würde«.[785] Dieser Bericht ist
offenbar wieder fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erinnert aber
auffallend an den slavischen Vampyrglauben und die sogenannten
Incubusvorgänge, sowie besonders an die von Horst im ersten Band seiner
»Zauberbibliothek« mitgeteilte Geschichte des Arnod Paole. Das
eigentümliche Verschwinden von Flüssigkeiten kommt auch im modernen
Mediumismus vor.

Von Ägypten nach Griechenland zurückgekehrt, sagte er dem Titus voraus, daß
ihm »der Tod aus dem Meere kommen werde«, wie dem Odysseus, was seine
Schüler so deuteten, als ob der Kaiser wie Odysseus durch den Stachel eines
Rochens tödlich verletzt werde.[786] Angeblich aber wurde Titus durch
Domitian mit einem Seehasen vergiftet.

In Smyrna hatte Apollonius geweissagt, daß Nerva der Nachfolger Domitians
sein werde, was durch einen Schüler des Philosophen, Euphrates, nach Rom
verraten worden war, worauf der Kaiser die Verhaftung und Transportation
des Apollonius nach Rom befahl. Der Weise aber sah dies »auf übersinnliche
Weise wie gewöhnlich voraus«, ging unter Segel und fuhr nach Rom.[787]

Von dem Aufenthalt des Apollonius in Rom und seinen Schicksalen im
Gefängnis und vor Gericht ist hier nur zu erwähnen, daß Philostratus
beiläufig erzählt, Apollonius habe sich einmal im Gefängnisse seiner
Fesseln auf übersinnliche Weise[788] entledigt. Dies gehört bekanntlich zu
den am häufigsten vorkommenden mediumistischen Erscheinungen.

Der Prozeß endigte damit, daß Apollonius vom Kaiser freigesprochen und
aufgefordert wurde, an seinem Hofe zu bleiben. Der Philosoph aber bat um
seine Unabhängigkeit, forderte vom Kaiser eine bessere Führung der
Regierung und »verschwand aus dem Gerichtssaal«.[789] -- Als gegen Abend
desselben Tages seine Schüler im Nymphäum zu Dikäarchia um ihren Lehrer
wehklagten und verzweifelten, ihn wiederzusehen, erschien er plötzlich
unter ihnen und überzeugte sie, die ihn für einen Geist hielten, von seiner
leiblichen Existenz.[790]

Man hat in dieser gewiß sehr ausgeschmückten Begebenheit eine Parallele zum
Wiedererscheinen Christi unter den Jüngern sehen wollen, aber offenbar --
weil ja Apollonius nicht gestorben war -- mit Unrecht. Eher dürfte sie eine
Parallele zur Befreiung des Petrus und der andern Apostel aus dem Gefängnis
sein, wie sie die Apostelgeschichte mehrfach erzählt.[791] -- Mythisch ist
ebenfalls der Zug, daß Apollonius sieben Tage in der Höhle des Trophonius
geweilt und als Kern aller Weisheit ein die Lehren des Pythagoras
enthaltendes Buch herausgebracht habe.[792] Auf geschichtlicher Grundlage
beruht aber wahrscheinlich die Aufgabe, daß Apollonius zu Ephesus die
Ermordung des Domitian in dem Augenblick verkündete, als sie zu Rom vor
sich ging. Diese Voraussage erregte Zweifel der Ungewißheit, aber bald
belehrten Eilboten die Epheser über die Wahrheit des Gesichtes.[793]

Mit dieser Erzählung schließt Philostratus die Biographie des Philosophen.
Über dessen Tod teilt er keine näheren Umstände mit. Apollonius wird
einerseits als Gott und Wundermann überschätzt, andererseits als Betrüger
oder Narr unterschätzt. Wir aber sehen in ihm nur einen nach
pythagoräischer Weise lebenden Philosophen. Er entwickelte offenbar in sich
die in jedem Menschen vorhandenen übersinnlichen Kräfte und Fähigkeiten.




Dritte Abteilung.

Die Neuplatoniker.

Erstes Kapitel.

Plotinos.


Schon die Schüler des Sokrates sprachen gern von einem schöneren Leben in
der Vergangenheit fremder Völker und sahen in demselben ihr Ideal, welches
sie mit der jünglingsfrischen Kraft des Hellenentums in die Wirklichkeit zu
übertragen suchten. Als nun die Griechen unter Alexander einen großen Teil
Asiens unterjocht hatten und mit der wunderbaren Kultur des Orients bekannt
geworden waren, da begann die Philosophie Indiens allmählich Einfluß auf
die Lehren des Abendlandes zu gewinnen, und die bildungsstolzen Griechen
sahen mit Staunen, daß ihre hochgerühmte Kultur nur der schwache Abglanz
einer früheren viel höher entwickelten war, an welche alte halbverklungene
Sagen noch erinnerten. Diesen konnte aber auch vor allem Plato eine innere
Wahrheit nicht absprechen.

So entstand und verbreitete sich die hohe Meinung von dem heiligen Leben
und der tiefen Weisheit der Inder; auch dachte man sich diese mit den
phönicischen, ägyptischen und jüdischen Priestern in einem gewissen
Zusammenhang stehend, der vielleicht durch eine besondere Geheimlehre
vermittelt würde. Jener äußere Anstoß, welcher durch die Feldzüge
Alexanders gegeben wurde, hat wohl am meisten zum Kulturaustausch des
Orients und Occidents mitgewirkt, wobei wir freilich nicht übersehen
dürfen, daß auch die Mysterien und sonstige von Osten herüberkommende
Geheimkulte als wichtige Faktoren zur Vermittelung des religiösen und
philosophischen Lebens beider Weltteile beitrugen; jedoch weiß man noch
immer zu wenig über die Geheimnisse, als daß man ihren Einfluß auf das
geistige Streben jener Zeiten mit Sicherheit bestimmen könnte.

Endlich aber wirkt noch ein drittes sehr zu beachtendes Moment mit an
dieser so merkwürdigen Verschmelzung entgegengesetzter Anschauungen,
nämlich der Zerfall der religiösen Vorstellungen und wissenschaftlichen
Begriffe, die Trennung der Philosophie und der Religion bei den Griechen.
Die griechische Religion hatte durch ihre dem Künstlerischen sich
zuneigende Ausbildung das Bedeutsame ihrer alten Formen verloren, und eine
willkürliche Deutung der alten Bilder konnte ihren wirklichen Sinn nicht
ersetzen. Es war also das Bedürfnis nach religiösen Neuerungen, welche dem
Herzen wie dem Verstande genügten, das Bedürfnis nach einer Versöhnung der
Wissenschaft mit der Religion gegeben, und in der Erkenntnis der tiefen
orientalischen Weisheit glaubte man die Befriedigung desselben finden zu
können. Daher rührt es denn auch, daß je länger, desto häufiger Griechen
von gelehrter Bildung Zugang zu den öffentlichen und geheimen Kulten der
Orientalen suchten und fanden, wobei sie die alt-orientalischen Lehren mit
den eigenen Überlieferungen verglichen, sie vertieften und zu verschmelzen
suchten. Es war die Zeit der Ausbildung der Kabbala und des Keimes der
grundlegenden Anschauungen der späteren neupythagoräischen, gnostischen und
neuplatonischen Schulen. Kleinasien und Alexandria waren der
Hauptschauplatz dieses Ringens und endlichen Verschmelzens der
entgegengesetzten Weltanschauungen.

Solange jedoch das Römerreich noch innerlich gesund war und das Griechentum
sich einer verhältnismäßigen Blüte erfreute, kamen diese eklektischen
Systeme zu keiner größeren Bedeutung. Erst als der Kaiserzeit die Kultur
der alten Welt verfaulte und einem übertünchten Grabe glich, als eine
Stütze der alten Gesellschaft nach der andern brach und alle Welt Rettung
aus dem Chaos suchte, erst dann gelangten die genannten in den innersten
Bedürfnissen der Menschennatur wurzelnden philosophischen Richtungen durch
die gleichen Umstände zur Geltung, welche auch dem Christentum seine
welthistorische Stellung erobern halfen.

Unter den bedeutendern Schriftstellern älterer Zeit, die dem
Neoplatonismus die Bahn brachen und bei welchen die diesem angehörige und
eigentümliche Geistesrichtung offen zu Tage trat, sind in erster Linie
_Plutarch_ (ca. 50-120 n. Chr.) und der zur Zeit der Antonine lebende _L.
Apulejus_ zu nennen. Von diesem Zeitalter an gelangte die mystische
eklektische Philosophie zu immer größerer Bedeutung und verkündete sich
besonders in der Sehnsucht nach einer mystischen Vereinigung mit dem
Göttlichen, die teils durch Askese, teils durch Theurgie gewonnen werden
sollte und gegen welche das äußere Leben als ein leeres Schattenbild
zurücktrat.

Die Aufgabe der mystisch-eklektischen Philosophie war die Erschließung
jener dunkeln Gebiete, an deren Grenzen die Logik der Schulen eben noch
heranreicht, welche uns aber verläßt, sobald wir die Schwelle des Avernus
überschritten haben. Über diese Gebiete fand man bei den Philosophen teils
nur Andeutungen in Bildern oder Mythen, teils auch bestimmte geäußerte
Meinungen, welche, wie jene Andeutungen nicht verkennen ließen, nicht in
ihrem buchstäblichen Sinne aufgefaßt sein wollten. Je mehr man nun bei der
Betrachtung der »letzten Dinge« -- um hier vergleichungsweise diesen
christlich-dogmatischen Ausdruck zu gebrauchen -- sich genötigt sah, die
Aussprüche der Philosophen allegorisch aufzufassen, um so mehr kam man zu
der Überzeugung, daß im Grunde alle oder doch die tiefsten Philosophen
miteinander einig seien und nur denselben Sinn in verschiedenen Formeln
ausgedrückt hätten. Und in der That finden wir bei den alten Philosophen an
den äußersten Grenzen der Forschung mehr Einigkeit als bei Untersuchungen,
welche sich der Mannigfaltigkeit weltlicher Erscheinungen zuwenden. In dem
Drang, das Geheimnis des Absoluten und seines Verhältnisses zum Relativen,
des Göttlichen zum Weltlichen anschaulich zu machen, näherte sich der
griechische Philosoph den Quellen orientalischer Mystik, und der
orientalische Priester bediente sich zur Verbreitung seines
transscendentalen Wissens der Waffen, welche griechische Rhetorik und
Dialektik geschliffen hatten. Es bildete sich eine rhetorische Lehre aus,
welche den Kern der älteren Systeme eklektisch umfaßte und ihre Weisheit
zum Teil unter symbolischer Hülle offenbarte.

Da ferner nun das Abendland und der Orient ganz verschiedene
Forschungsmethoden befolgen, indem nämlich der europäische Philosoph und
besonders der auf alle Künste der Dialektik eingehetzte Altgrieche an der
Hand des logischen Beweises Schritt vor Schritt vorwärts geht und das als
nicht existierend betrachtet, was nicht logisch bewiesen werden kann, indem
er vom Besondern auf das Allgemeine schließt, sucht der Mystiker des
Orients durch Autopsie zur Vereinigung mit dem Allgemeinen und zur
Erkenntnis und Beherrschung des Besondern zu gelangen; durch das Anschauen
des Absoluten ist der Mystiker individuell überzeugt, und der logische
Beweis wird für ihn überflüssig. Der Weg und das Mittel zur Autopsie ist
die Askese, die möglichste Vermeidung aller Verunreinigung durch die
Materie. Die möglichste Steigerung in der Enthaltsamkeit vor sinnlichen
Genüssen, die gänzliche Abtötung der sinnlichen Triebe, die Kasteiung des
Fleisches wird zum Mittel, durch Anschauung des Heils wie des Wissens
teilhaftig zu werden, denn jemehr der Mensch dem Sinnlichen erstirbt, desto
mehr lebt er im Geistigen. Damit ist zugleich die innere Notwendigkeit der
für den Neoplatonismus so charakteristischen Verachtung aller Außendinge,
welche wir -- allerdings aus ganz anderen Gründen -- auch bei den Cynikern
und Stoikern finden, gegeben, die in ihrer extremen Auffassung die
neoplatonische Lehre nicht lebensfähig werden ließ.

Es erhellt, daß bei dem vorwiegend mystisch-kontemplativen Charakter der
neuplatonischen Philosophie die Fähigkeiten und Kräfte des
transscendentalen Bewußtseins in hohem Grade ausgebildet und die auf diese
Ausbildung hinzielenden Mittel sowie die davon abhängigen Beobachtungen
sehr zahlreich werden mußten. Auf diese bisher meist als Aberglaube und
Schwärmerei verlachten Dinge, welche durch die Thatsachen des Occultismus
und Mediumismus erklärt werden, wollen wir hier besonders die
Aufmerksamkeit unserer Leser richten, indem wir kurz das schildern, was vom
Leben der wichtigsten Neuplatoniker bekannt ist, und dabei ihre Lehre
berücksichtigen, soweit sie unserem hier verfolgten Zwecke dient.

Der eigentliche Begründer des Neuplatonismus ist der etwa 190 n. Chr. von
christlichen Eltern geborene _Ammonios Sakkas_, welcher nach Eusebius[794]
sich dem Heidentume zuwandte, als er selbständig zu denken begonnen hatte.
Von seinem Leben wissen wir sehr wenig, weil er selbst keine schriftlichen
Aufzeichnungen machte und er sowohl als seine Schüler auf Außendinge nicht
den mindesten Wert legte. Wie Hierokles und Porphyrius erzählen, erwarb
Ammonios in Alexandria sich seinen Unterhalt durch Sacktragen, woher er den
Namen Sakkas erhielt, und lehrte dabei eine Philosophie, welche die
Übereinstimmung des Plato und Aristoteles in allen Punkten nachzuweisen
suchte. Diese Lehre scheint eine esoterische gewesen zu sein, denn
Porphyrius berichtet im Leben des Plotinus, daß sich die drei Schüler des
Ammonios Erennios, Origenes (welcher nicht mit dem bekannten Kirchenvater
zu verwechseln ist) und Plotinos verbunden hätten, die Lehren ihres
Meisters nicht zu veröffentlichen. Erennios und Origenes brachen jedoch
dieses Versprechen durch die Herausgabe jetzt verloren gegangener
Schriften, worauf sich auch Plotinos seines Versprechens für entbunden
hielt und nun die Schriften verfaßte, welche wir noch jetzt von ihm
besitzen. Als ein vierter Schüler des Ammonios wird ein Grammatiker
Longinos genannt.

Der Bedeutendste von allen ist _Plotinos_, welcher im Jahre 205 zu
Lykopolis in Ägypten geboren ward.

Er erhielt seine wissenschaftliche Bildung zu Alexandria, wo er im 28.
Jahre seines Lebens Philosophie zu studieren begann. In Ammonios Sakkas
fand Plotin den gesuchten Mann, der ihm Ehrfurcht vor orientalischer
Weisheit und heißes Verlangen nach derselben einflößte. Deshalb nahm auch
Plotin, nachdem er elf Jahre den Unterricht des Ammonios genossen hatte,
teil an dem Feldzuge, welchen Kaiser Gordianus (der Enkel) gegen die Perser
eröffnete, um bei dieser Gelegenheit die persische und indische Philosophie
an der Quelle studieren zu können. Als jedoch Gordian im Jahre 244 ermordet
worden war, ging Plotin nach Antiochia und später nach Rom, wo er als
Lehrer der Philosophie auftrat.

Im Anfang scheint die neue Schule nicht besonders prosperiert zu haben,
denn Amelios, ein Zögling unseres Philosophen, berichtet, daß dieselbe voll
Unruhe, Geschwätz und Lärmen, dabei aber schlecht besucht gewesen sei. Im
Laufe der Zeit kam jedoch Plotin zu hohem Ansehen, wie die Namen
zahlreicher Schüler beiderlei Geschlechts bezeugen. Ihm hörten nicht nur
römische Ritter und Senatoren, sondern auch eine große Menge der
vornehmsten Damen zu, von denen eine, namens Gemina, Plotin zeitweilig in
ihr Haus aufnahm.

Unser Philosoph erfreute sich des allgemeinsten Vertrauens, so daß er als
»ein heiliger, göttlicher Fürsorger« von den edelsten Männern als
Testamentsvollstrecker und Vormund ihrer Kinder eingesetzt wurde. Sein Haus
war daher mit vornehmen jungen Leuten beiderlei Geschlechts überfüllt,
deren Erziehung er leitete und deren Güter er auf das gewissenhafteste
verwaltete, »um -- wie er sagte -- ihnen wenigstens ihre zeitlichen Schätze
ungeschmälert übergeben zu können, wenn sie keinen Geschmack an der
Philosophie und den himmlischen Dingen finden sollten«. Sehr häufig wurde
Plotin als Schiedsrichter angerufen, welchem Amte er mit so großer Klugheit
vorstand, daß er sich dabei nach der Versicherung seines Schülers
Porphyrius (in +vita Plotini+), während seiner sechsundzwanzig in Rom
verlebten Jahre auch nicht einen einzigen Menschen zum Feind machte.

Selbst Kaiser Gallienus (259-268), eines der nichtswürdigsten Ungeheuer,
welche den römischen Kaiserthron schändeten, und dessen Gemahlin Salonina
waren für die Ideeen Plotins derart begeistert, daß sie eine verfallene
Stadt in Kampanien wieder aufbauen und Plotin nebst seinen Schülern
schenken wollten. Diese Stadt sollte Platonopolis genannt und nach den von
Plato entwickelten politischen und ethischen Prinzipien regiert werden.
Porphyrius berichtet in seinem Leben Plotins mit nicht geringem Unwillen,
daß dieser schöne Plan durch einige Hofleute vereitelt worden sei, welche
den Plotin beneidet und Plato nicht den Ruhm eines Gesetzgebers gegönnt
hätten.

Plotin lebte bis zum Jahre 270 in Rom, zog sich dann, von einer Krankheit
befallen, nach Kampanien zurück und starb, indem er dem ihn besuchenden
Arzt Eustochius die Worte zurief: »Ich führe jetzt den in mir wohnenden
Gott der im Weltall lebenden Gottheit zu!« -- In demselben Augenblick kam,
so erzählt die allegorische Legende, unter dem Bett eine drachenartige
Schlange, welche für den Genius Plotins gehalten wurde, hervor und
verschwand durch eine in der Wand befindliche Öffnung.

Nach Porphyrius hatte Plotin sein göttliches Auge beständig auf den ihn
begleitenden Genius gerichtet und lebte »recht eigentlich in einer
wesentlichen und realen Gemeinschaft mit der Geisterwelt«. Von dem hohen
Werte und der Wichtigkeit dieses geistigen Lebens und Verkehrs im Gegensatz
zu seiner äußeren Persönlichkeit war denn auch Plotin so durchdrungen, daß
er seinen Freunden und Schülern weder den Tag noch den Ort seiner Geburt
nannte, weil es schon zu viel sei, über solche irdische Dinge auch nur ein
Wort zu verlieren. Alles phänomenale Sein ist ihm ein Elend, ein Irrtum und
ein niedriger Zustand, von welchem sich der Mensch losmachen muß, damit er
durch die »Tugend« zu Gott zurückkehre. Dieser Gipfel der Tugend, auf
welchem sich die Seele mit Gott vereinigt, wird nur erreicht durch die
Askese. Deshalb enthielt sich auch Plotin aller Fleischspeisen, nicht
selten auch des Brotes, und fastete oft so lange, daß er sich andauernde
Schlaflosigkeit zuzog. Er gönnte sich nicht das regelmäßige Bad, wie es
doch bei seinen Landsleuten Sitte war, und unterließ zuletzt selbst die
üblichen Abreibungen seinem Körpers, die einzige Pflege, welche er
demselben noch hatte zu teil werden lassen. Es schien ihm eine
unerträgliche Eitelkeit, von dem Schattenbilde seines Körpers eine
Abbildung machen zu lassen, welche eine längere Dauer als das Original
habe. Als nachahmungswürdiges Muster eines Weisen empfahl Plotinus seinen
Schülern den römischen Senator Rogatianus, welcher durch ihn so bekehrt
worden war, daß er seine Sklaven freiließ, sein Vermögen verschenkte, sein
Prätorenamt aufgab und nicht einmal in seinem eigenen Hause wohnte, sondern
bei seinen Freunden schlief und speiste. -- Alle späteren Neuplatoniker
eiferten ihrem Meister in dieser übertriebenen Selbstentsagung, bei welcher
indischer Einfluß unverkennbar ist, nach und genossen weder Fleisch noch
Wein, noch die Freuden der Liebe, welche sie als die größten Hindernisse
eines heiligen Lebens und der innigen Vereinigung mit Gott ansahen.

Porphyrius berichtet denn auch, daß während seiner sechsjährigen Lehrzeit
bei Plotin dieser, sein Meister, viermal der »Vereinigung mit Gott«
gewürdigt worden sei, während ihm -- Porphyrius -- dieses Glück im ganzen
Leben nur einmal zu teil ward. Wie sein Biograph ferner berichtet, war
Plotin hellsehend und hatte die Fähigkeit, die Gedanken anderer zu lesen,
er wußte Diebstähle zu verkünden so gut wie die Zukunft und sagte seinen
Schülern ihre Gedanken.

Bei folgendem von Porphyrius berichteten merkwürdigen Beispiel von der
hohen Entwickelung der magischen Seelenkräfte Plotins müssen wir etwas
länger verweilen: Olympius aus Alexandria, ein auf unsern Philosophen
neidischer Schüler des Ammonios, suchte denselben durch magische Künste an
seiner Gesundheit zu schädigen, überzeugte sich jedoch sehr bald, daß sein
Beginnen vergeblich sei, und sagte zu seinen Bekannten: »Welch eine
machtvolle Seele besitzt nicht dieser Plotin, denn alle gegen sie
gerichteten Künste prallen von ihr ab und auf den Angreifenden zurück!«
Plotin empfand jedoch die magische Einwirkung durch ein Gefühl, als ob ihm
Glied um Glied wie ein lederner Beutel zusammengeschnürt werde.

Man hat diese Erzählung sehr häufig als ein Beispiel des bei den
Neuplatonikern herrschenden Aberglaubens angeführt, damit aber, wie mir
scheint, den ehrlichen, wenn auch schwärmerischen, doch immerhin sehr hoch
entwickelten Männern Unrecht gethan. Gehen wir von der Thatsache der nicht
durch äußere Sinne vermittelten Gedankenübertragung aus, um jenen Bericht
zu erklären, so kommen wir zu folgenden Schlüssen: Wenn die Seele auf die
Seele wirkt, so kann dieser Eindruck entweder die Bewußtseinsschwelle des
Beeinflußten überschreiten, dann bildet er sich zum Gedanken aus; oder aber
er bleibt an der Schwelle des Bewußtseins stehen, dann ruft er nur ein
dumpfes, unklares Empfinden hervor.[795] Das eigentümliche Gefühl der
Zusammenschnürung, welches Plotin empfand, ist daher sehr wohl zu
begreifen und findet überdies seine Analogie in den krampfartigen
Erscheinungen, wie sie bei allen »magischen« Zuständen vom Somnambulismus
bis zur Besessenheit vorkommen.

Die Schriften des Plotin sind uns ziemlich vollständig erhalten geblieben,
und zwar in der Bearbeitung des Porphyrius, welche dieser im Auftrag seines
Lehrers übernahm, weil derselbe durch Augenschwäche von der Revision seiner
Werke abgehalten wurde. Porphyrius fand einzelne wenig zusammenhängende
Bücher vor, welche er in sechs Enneaden zusammenstellte, je nach der
Verschiedenheit des Inhalts, wobei er die äußere Form verbesserte und noch
einiges, jetzt nicht mehr näher Bestimmbare hinzufügte. Dies ist höchst
wahrscheinlich die Bearbeitung der Plotinischen Schriften, welche wir noch
besitzen. Andere von den schon genannten Schülern des Plotin Amelios und
Eustochios veranstaltete Bearbeitungen sind verloren gegangen.

Da nun Plotin der eigentliche Philosoph der neuplatonischen Schule ist,
während alle Späteren mit Ausnahme des Proklos mehr Theurgen oder
Magier[796] zu nennen sind, so wird es geeignet sein, hier eine kurze
Darstellung des plotinischen Lehrgebäudes zu geben, wobei wir uns möglichst
an die Worte des Philosophen selbst zu halten vorziehen.

Gott ist der Realgrund aller Dinge, und es giebt nur eine Art von
Substanzen, nämlich vorstellende; Raum und Materie ist nichts als Schein
des Realen, der Schatten der Geister. Die Welt ist ewig wie Gott. Gott ist
keinem Menschen und überhaupt keinem Wesen fern. Er ist das reine
urwesentliche Licht und macht die Basis alles Seins und Denkens aus; er ist
die Einheit, welche jedem Denken vorausgeht und demselben das Objekt
giebt.[797]

Der Intellekt (%nous%) ist ein Bild des (All)-Einen, denn als Erzeugtes muß
es Ähnlichkeit von dem Erzeugenden empfangen und behalten; der Intellekt
ist nur dadurch geworden, daß er das Eine schaute. Daher ist auch im
Intellekt Einheit, und die Einheit ist die Möglichkeit aller Dinge. Der
Intellekt schaut auf das Eine, wodurch ihm ein Objekt des Erkennens gegeben
ist; es ist die zum Erkennen erforderliche Doppelheit, Objekt und Subjekt,
vorhanden. Ebenso wie der Intellekt das Anschauungsvermögen von dem Einen
erhalten hat, so ergießt sich diese Kraft wieder von dem Intellekt aus und
erzeugt andere, ihr ähnliche, nur minder vollkommene Intellekte.[798]

Da indessen der Intellekt das Erkennen nicht von sich, sondern von dem
Einen hat, so muß auch in dem Einen als in der Quelle alles Erkennens zwar
nicht Erkenntnis, wodurch die Einfachheit aufgehoben würde, aber doch etwas
Ähnliches sein, gleichsam ein Schauen und Wissen ohne Doppelheit. Das Eine
sieht nicht nach außen auf andere Dinge, sondern nur auf sich selbst. Es
liebt in sich den reinen Glanz, das reine Licht, welches es selbst ist. Der
Intellekt ist das Produkt des Einen, und das Eine ist sein eigenes
Produkt.[799]

_Das Licht ist die ursprüngliche, ruhige, stätige, unveränderliche
Thätigkeit des Urwesens_, das aus ihm unmittelbar und unaufhörlich
Ausströmende, ein Lichtkreis, durch welchen alles erleuchtet wird und seine
Form erhält. Dieser das Eine umgebende Lichtkreis ist der Intellekt.[800]

Der Intellekt umfaßt alle möglichen Objekte, d. h. die ganze
Verstandeswelt, oder ist vielmehr die Verstandeswelt selbst. Intellekt und
Realität umfassen alles Sein und Leben.[801]

Die Verstandeswelt ist das Muster und Vorbild der Sinnenwelt. Alles, was
in dieser wirklich ist, muß daher auch in der Verstandeswelt enthalten
sein, jedoch nur der Form nach. In der Verstandeswelt ist daher auch ein
mit Sternen besäeter Himmel, eine Erde mit allen möglichen Pflanzen und
Tieren, Wasser und Meer in bleibendem Flusse und Leben mit allen
Wassertieren und die Luft mit den ihr lebenden Wesen. Denn was aus dem
Intellekt kommt, ist Leben; die Verstandeswelt ist daher auch ein lebendes
Wesen, ein Welttier.[802]

Alle die Verstandeswelt ausmachenden Verstandeswesen müssen etwas
Gemeinschaftliches und etwas Individuelles haben, denn weil sie im
Intellekt existieren, ohne durch den Raum getrennt zu sein, so können sie
allein durch das ihnen Eigentümliche unterschieden sein, wodurch sie zu
besondern Dingen werden. Dieses Individuelle ist die Form, die Gestalt. Wo
nun Gestalt ist, da giebt es auch etwas Gestaltetes, d. h. durch die Form
Bestimmbares und Bestimmtes. Dies ist die Materie, d. h. nicht die
sinnliche, sondern die übersinnliche. Denn auch das hat die Verstandeswelt
mit der Sinnenwelt überein, daß sie aus Form und Materie besteht.
Abstrahiert man in Gedanken von den Formen, durch welche die Verstandeswelt
ein mannigfaltig gestaltetes Ganze geworden ist, so bleibt nichts übrig als
das Gestaltlose und Unbestimmte, welches die Gestalt annimmt und gleichsam
trägt.[803]

Durch die Thätigkeit und schöpferische Kraft des Intellekts entsteht die
Verstandeswelt, welche nur in ihm existiert. Die Thätigkeit, durch welche
die Verstandeswelt wirklich geworden ist, ist eine innere und auf das
Innere gerichtete. Soll nun auch eine äußere Welt entstehen, welche sich
auf die Verstandeswelt als auf ihr Muster bezieht, so muß außer dem Einen
und dem Intellekt noch ein drittes vorhanden sein, dessen Thätigkeit nicht
nach innen, sondern nach außen gerichtet ist. Dies ist die Seele.[804]

Die Seele ist Produkt des Intellekts, sowie der Intellekt Produkt des Einen
ist. Nach dem Grundsatz, daß alles Reale aus sich selbst ein anderes Reale
erzeugt, was dem Grade der Vollkommenheit nach dem Erzeugenden am nächsten,
aber doch nicht ganz gleich kommt, bringt auch der Intellekt etwas hervor,
was ihm am nächsten kommt. Die Seele ist ein Gedanke, eine Thätigkeit des
Intellekt.[805]

Die Seele steht im dritten Grad von dem Einen ab und ist daher
unvollkommener als der Intellekt. Sie ist auch ein Leben, Denken und
Thätigsein wie der Intellekt, aber in einem niedern Grade. Erstens geht die
Seele nicht ohne Veränderung hervor. Zweitens ist ihr Denken und Schauen
dunkler, denn sie erblickt die Objekte nicht in sich, sondern in dem
Intellekte. Drittens ist ihr Wirken nicht eine innere, sondern eine nach
außen gerichtete Thätigkeit; sie bringt etwas außer sich hervor, was nun
nicht mehr ein reines, sondern ein schon vermischtes und getrübtes Sein
hat.[806]

_Auch die Seele ist wie die Intellekte eine Art Licht_, aber nicht ein
selbstleuchtendes, sondern von einem andern erleuchtetes. Das Eine ist das
einfache, reine Licht selbst, welches sich in den Intellekt ergießt. Die
Seele empfängt das Licht vom Intellekt.[807]

Nach den ewigen Gesetzen der Ordnung und Harmonie des Ganzen lösten sich
alle Seelen, eine jede zu der bestimmten Zeit, vermöge eines natürlichen
Dranges und wie durch den Ruf eines Herolds oder Beschwörers erweckt, von
dem Intellekt ab und traten zum erstenmal in das System unserer Welt, in
die Gemeinschaft mit den Körpern ein. Indem sie aus ihrer göttlichen
Urquelle ausflossen, kamen sie in den Himmel oder den Aufenthaltsort der
sichtbaren Götter, _wo sie ein Gewand aus ätherischem Stoff gewebt
erhielten oder annahmen_. Hier am Saume des unsichtbaren Universum, wo die
Seelen gleichsam zwei Welten berührten und das niedrigste Glied der
intelligibeln wie das höchste der materiellen ausmachten, verweilten sie
nicht immer, sondern senkten sich nach eben den Gesetzen, nach welchen sie
aus der Mutter aller Seelen hervorgegangen waren, auf unsere Erde herab.
Auf einer jeden neuen Stufe des Herabsteigens empfingen sie einen neuen
Körper und wurden also in dem großen zwischen Himmel und Erde ausgespannten
Raume mit einem luftigen, auf dem Wohnplatz sterblichen Geschöpfe mit einem
_dichten irdischen Gewand_ bekleidet.[808]

Durch die Thätigkeit der Seele entstehen andere Seelen als Arten der einen.
Die Kräfte derselben sind von doppelter Art. Einige sind auf das obere
gerichtet wie die Vernunft, andere auf das Niedere wie die
verstandesmäßigen Kräfte; die unterste ist die auf die Materie gerichtete
und sie bildende Kraft, die Empfindung nämlich und vegetative Kraft.[809]

Alles Wirken der Natur hat die Erkenntnis zum Endzweck. Denn was in der
Natur hervorgebracht wird, hat eine übersinnliche Form, wodurch die Materie
eine Gestalt erhält, damit sie ein Objekt der Erkenntnis werde.[810] _Die
Natur ist also nichts anderes als eine Seele_, welche wiederum das Produkt
einer höheren und mächtigeren Seele ist.[811] In der ganzen Natur ist nur
_eine der Qualität nach identische Kraft wirksam: die Seele, die
Vorstellungskraft; nur eine und dieselbe Wirkungsart: die Bildung, das
Anschauen_. Es herrscht also derselbe Prozeß im innern Menschen wie in der
äußeren Natur.[812]

Alle Materie wird von der Seele innerlich gestaltet; alle Elemente sind von
ihrem Leben erfüllt, welches innerlich vorhanden ist, auch wenn es nicht in
die Erscheinung tritt. Die Erde gleicht dem Holze eines Baumes, welche eine
belebende Natur in sich trägt, die Steine sind wie abgeschnittene Zweige.
In den Gestirnen wie in der Erde als Weltkörper findet sich göttliches
Leben und Vernunft. Die sinnliche Welt ist sowohl im einzelnen als im
ganzen beseelt, und eben diese Seele ist das Wesentliche an ihr.[813]

Die Verstandeswelt ist ein unveränderliches, absolutes, lebendes Ganze, in
welchem keine Trennung durch den Raum, kein Wechsel in der Zeit
stattfindet. Sie enthält alles, was ist, aber kein Werden noch
Vergangensein. Sie ist in keinem Raum und bedarf keines Raumes, denn sie
ist in sich vollständig, sich durchaus gleich und sich selbst erfüllend.
Wenn man sagt, die Verstandeswelt ist allenthalben, so heißt das nichts
anderes als, sie ist in dem Sein und daher in sich selbst.[814]

_Die Verstandeswelt ist nichts anderes als das Geisterreich._ Es giebt
erstens einen höchsten Intellekt, welcher in sich alle möglichen Intellekte
und Objekte +in potentia+ enthält; der Wirklichkeit nach giebt es aber
ebenso viele einzelne Intellekte, als im höchsten Intellekt der Möglichkeit
nach enthalten sind. So wie es einen höchsten Intellekt giebt, so giebt es
auch eine höchste Weltseele und viele einzelne Seelen, und jene verhält
sich zu den vielen wie die Gattung zu den Arten. Die Arten unterscheiden
sich untereinander, ob sie gleich alle aus der Gattung entspringen; es muß
also zum Gattungsbegriff noch etwas hinzukommen, damit die Arten näher
bestimmt werden. Ebenso muß auch zum Intellekt etwas hinzukommen, daß
daraus die Weltseele entspringe, und die einzelnen Seelen müssen
vollkommener oder unvollkommener in Rücksicht auf das Denkvermögen sein,
sonst würden es eben nicht verschiedene Arten von Seelen sein.[815]

_Es giebt nichts durchaus Vernunftloses in der Natur._ Auch die Tiere,
welche wir für unvernünftig halten, scheinen nur vernunftlos zu sein. Denn
Vernunft ist dasjenige, in welchem und aus welchem alles ist; wie sollte
also etwas der Vernunft Entgegengesetztes existieren können? Wir stoßen uns
daran, daß die Tiere ihre Vernunft auf eine ganz andere Art äußern, als die
Menschen, und wollen ihnen daher gar keine Vernunft einräumen, weil sie
nicht die unsere ist. Es giebt unzählige Arten des Lebens, der Thätigkeit
und der Vernunft, welche untereinander verschieden sind. Und dann darf man
auch nicht vergessen, daß auch der sichtbare Mensch nicht so lebt und auf
dieselbe Art vernünftig ist als der Mensch in der Verstandeswelt. Wir
rechnen zum Wesen der Vernunft das Schließen und Beurteilen; dort ist aber
die Vernunft ein anderer und über das Schließen weit erhabener Vorgang,
_nämlich ein unmittelbares Anschauen in vollkommenster Deutlichkeit_.[816]

Der Endpunkt der Vernunftthätigkeit ist der äußere Gegenstand, z. B. ein
einzelnes Tier. Denn wenn sich die Kräfte entfalten und in ihrer Entfaltung
fortschreiten, so verlieren sie immer etwas und werden niedriger; es
entstehen unvollkommene Produkte; aber selbst aus dem, was diesen fehlt,
wissen sie noch etwas hinzuzusetzen, um das Fehlende zu ergänzen. Weil
z. B. das bloße Sein zum Leben nicht hinlänglich ist, so kamen Krallen,
Schnäbel, Hörner und Zähne zum Vorschein.[817] Auf diese Art hebt sich die
im Herabsteigen unvollkommener gewordene Vernunft wieder durch
Zulänglichkeit empor.[818]

Ist die Verstandeswelt, in welcher alles bestimmt und notwendig ist, ein
Ausfluß des Urwesens; ist die Sinnenwelt wieder ein Ausfluß der
Verstandeswelt; ist die Zufälligkeit und Veränderlichkeit der Dinge in
derselben eine unvermeidliche Folge ihres Abstandes vom Urwesen und dieser
Abstand im Grade der Vollkommenheit ein Naturgesetz; ist das durch die
Thätigkeit der drei Prinzipien alles Seins nicht in der Zeit entstandene
Weltganze ein großes lebendiges Wesen, in welchem Einheit und Zusammenhang
ist, wo auch das Entfernteste einander nahe ist und kein Teil wirken kann,
ohne daß auch die entfernteren Teile in Mitleidenschaft kommen, weil im
Ganzen _eine_ Seele ist, welche ihre Thätigkeit auf alle einzelnen, das
große Ganze ausmachenden Teile erstreckt, so wird es eine natürliche Magie
und Mantik geben, weil alles in einem natürlichen Zusammenhang steht und
das Ganze eine Mannigfaltigkeit von Kräften ist, die einander auf die
vielfachste Weise anziehen und abstoßen und durch eine Kraft zu einem Leben
vereinigt werden.[819]

Alle Seelen samt der Weltseele sind Amphibien, welche sich bald dem
Sinnlichen zuwenden und mit ihm verflochten an seinen Schicksalen
teilnehmen, bald ihrem Ursprunge, der Vernunft, anhängen und mit ihr
vereinigt werden. Die Seele spaltet sich, indem ihre niederen Teile immer
weiter abwärts steigen, während die besseren bis über den Himmel
hinausragen.[820]

Die Einkörperung der Seele wird dadurch bewirkt, daß sie dem Körper etwas
abgiebt, ohne deswegen ihm anzugehören. Deshalb nimmt auch nur der mit dem
Körper vermischte Teil der Seele an ihrem Leiden teil. Die bösen Regungen
entspringen nur diesem Teil, weshalb auch die Strafen nur dies
zusammengesetzte Wesen, das belebte Tier oder das Scheinbild der Seele,
nicht aber den eigentlichen Menschen treffen und berühren. Da nun die Seele
um so gröbere Hüllen anzieht, je mehr sie sich dem Niedern zuwendet, und da
die Strafen nur die äußern Hüllen treffen, so muß der eigentliche Mensch
durch ein wiederholtes Leben gereinigt werden, in dessen Zwischenräumen die
Hüllen an besonderen Orten der Qual vernichtet und gereinigt werden,
währenddem die reine Seele zum Vater hinaufsteigt, und wieder zur Erde
herabkommt, wenn der geeignete Zeitpunkt einer neuen leiblichen Existenz
naht.[821]

Unser Verstandesdenken lehnt sich an Begriffe und Begriffserklärungen an,
welche durchaus nicht die wahre Grundlage der vollkommenen Einsicht sind,
weil sie zu viel Gemeinschaft mit dem verständigen Denken und dem
Sinnlichen haben. Darum muß sich die Seele in das Begrifflose flüchten und
sich entschließen, jeden Begriff und jede Erkenntnis aufzugeben, wenn sie
zum Urersten gelangen will, denn das Eine ist eine unbegreifliche Kraft.
Wir müssen uns frei machen von der Mannigfaltigkeit der Gedanken, welche
uns zum Sinnlichen führen, sowie von jeder Rede; denn das, was über das All
erhaben ist, geht auch über die Rede und die ehrwürdigste Vernunft hinaus;
wir widersprechen uns, wenn wir von ihm etwas aussagen. Nur durch ein
unmittelbares Schauen, nur durch Gegenwart kann das Eine gewonnen werden.
Das Schauen ist besser als Wissenschaft, denn alle Wissenschaft ist eine
Vielheit und nicht die wahre Einheit, welcher allein das Gute zukommt.[822]

Es giebt zwei Wege, um die Menschen zum Schauen des Einen, Ersten und
Höchsten hinzuführen. Man muß erstens die Ursache zeigen, warum die Seele
jetzt solche Dinge schätzt und man muß sie zweitens über ihren Ursprung und
ihre Würde belehren. Mit dem letzteren muß man anfangen, denn es geht
daraus auch die erste Belehrung hervor. Es bringt uns auch dem Ziele aller
Nachforschung nahe und führt uns auf dieser Laufbahn eine beträchtliche
Strecke weiter. Denn das Forschende ist die Seele, welcher das Anschauen
nicht gelehrt und gegeben werden kann, was vielmehr durch ihre eigene
Anstrengung zu Stande gebracht werden muß. Gelangt der Mensch nicht zu
dieser Anschauung, so empfängt er auch nicht das wahre Licht, welches die
ganze Welt erleuchtet, er wird nicht davon affiziert und hat gleichsam
nicht das Gefühl der Liebe, durch welches der Liebende sich im Anblick
seiner Geliebten verliert. Zwar ist das Eine von keinem entfernt, wohl aber
jedem gegenwärtig oder nicht. Gegenwärtig ist es nur denen, welche fähig
und vorbereitet sind, dasselbe zu empfangen, zu berühren und zu umfassen
durch die Ähnlichkeit und Verwandtschaft des von ihm empfangenen Vermögens.
Ist mit einem Wort, die Seele so beschaffen wie damals, als sie von dem
Einen entsprossen war, dann kann sie das Eine in der Art anschauen, wie es
seiner Natur nach angeschaut zu werden vermag. Ist Einer wegen der ihm
anklebenden, die Seele belastenden Hindernisse, oder weil die Vernunft
nicht gehörig den Weg zeigt und die Überzeugung von jenem Wesen
hervorbringt, noch nicht dahin gelangt, der messe sich selbst die Schuld
bei und suche sich von allem loszureißen und völlig Eins zu sein.[823]

Willst du dies Eine aber durch dein Denken finden, so mußt du dein Denken
von allen andern außer dir abstrahieren, weil es kein Merkmal mit irgend
einem Gegenstand gemein hat. Soll die Seele es ganz und rein umfassen, so
muß sie sich von allen Eindrücken, Figuren, Gestalten und Formen gereinigt
haben; sie muß nichts, auch sich selbst nicht denken. Gott ist allen
zugegen, auch denen, die ihn nicht erkennen. Aber sie fliehen ihn, sie
treten aus Gott oder vielmehr aus sich selbst heraus. Sie können also den
nicht erfassen, den sie fliehen, sie suchen nach einem anderen, nachdem sie
sich selbst verloren haben.[824]

Schreitet die Seele auf dem Wege fort, daß sie der Vereinigung mit Gott
teilhaftig wird, und erkennet sie, daß sie die wahre Urquelle des Lebens
hat und keines Dinges mehr bedürfe, sondern vielmehr alles andere von sich
legen und nur allein in ihm sein und leben und selbst das sein müsse, was
das Eine ist; strebt sie, aus diesem irdischen Sein zu entfliehen, um Gott
ganz und mit jedem Teil zu umfassen: dann kann sie sich und ihn schauen, so
weit nämlich dieses Schauen überhaupt möglich ist. Sie sieht sich nämlich
als verklärt, erfüllt mit dem übersinnlichen Lichte, oder vielmehr als das
reine, schwerelose leichte Licht selbst, als einen gewordenen oder vielmehr
seienden Gott, der jetzt hervorstrahle, aber dann verdunkelt werde, wenn
das Licht wieder seine Schwere erhält.[825]

Warum bleibt aber die Seele nicht auf dieser hohen Stufe stehen? Weil sie
noch nicht ganz aus dem Irdischen heraus gegangen ist. Doch ist auch ihr
zuweilen ein ununterbrochenes Anschauen vergönnt, wenn sie gar keine
Störungen mehr von dem Körper erhält. Nicht das Subjekt der Anschauung,
sondern das andere ist es, was stört; denn das Anschauende ist bei dem
Anschauen ganz unthätig, Denken und Schließen ruhen. Das Anschauen und das
Anschauende sind nicht mehr Vernunft, sondern stehen vor und über der
Vernunft wie das Angeschaute selbst. Schaut sich die Seele so an, so wird
sie inne werden, daß sie mit dem Angeschauten eins und völlig einfach
geworden ist. Denn das Objekt und Subjekt sind jetzt nicht mehr zwei, auch
unterscheidet sich die Seele nicht; die Seele ist auch nicht mehr sie
selbst, sondern sie wird das, was sie angeschaut; sie geht in das Objekt
über, sowie ein Punkt in Berührung mit einem Punkte ein Punkt ist und
nicht zwei, sondern nur in der Getrenntheit als zweiter existiert. Darum
ist auch dieser Zustand etwas Unbegreifliches. Denn wie soll man dem Andern
das Angeschaute als etwas Verschiedenes verständlich machen, da es, als man
es anschaute, nicht verschieden, sondern mit dem Subjekt identisch
war.[826] -- Insofern nun die Seele in inniger Vereinigung das Eine
angeschaut hat, trägt sie selbst das Bild des Einen in sich, wenn sie
wieder zu sich selbst kommt. Sie war aber auch selbst das Eine und fand
nicht die geringste Differenz in Beziehung auf sich und andere Dinge. Denn
in ihr war keine Bewegung, kein Gefühl, keine Begierde nach etwas anderem,
indem sie in diesem Zustand der Erhöhung war, auch kein Denken und kein
Begreifen. Sie war nicht mehr sie selbst, wenn man so sagen darf, sondern
aus sich gerissen, entzückt, in einem bewegungslosen Zustande, in ihrem
eigenen Wesen ruhend, zu nichts sich hinneigend, sondern völlig ruhend und
gleichsam die Ruhe selbst; nicht mehr selbst etwas von dem Schönen, sondern
das Schöne schon übersteigend, auch schon über die Fülle der Tugenden
hinaus, sowie einer, der in das Allerheiligste eingegangen und die Statuen
des Tempels hinter sich gelassen hat, welche dann, wenn er wieder
herauskommt, die ersten Anschauungen sind, die sich in ihm wiederum
darstellen. Dieses sind der Ordnung nach die zweiten Anschauungen nach der
ersten innigen Anschauung und Vereinigung, deren Gegenstand kein Bild ist.
Doch vielleicht ist dieses nicht einmal Anschauung, sondern eine andere Art
des Sehens, ein Heraustreten aus sich selbst, eine Vereinfachung und
Erhöhung seiner selbst, ein Ringen nach Berührung und Ruhe. Indem aber die
Seele aus sich selbst herausgeht, geht sie nicht etwa in das Nichtreale;
aber in der entgegengesetzten Richtung kommt sie nicht in etwas anderes,
sondern in sich selbst, und ist nur in sich selbst; sie ist gewissermaßen
nicht mehr Wesenheit, sondern noch über die Wesenheit erhaben.[827]

Dies sind -- soweit sie sich aus den ziemlich zusammenhanglosen Enneaden
zusammenstellen lassen -- die Grundzüge von Plotins Philosophie. Im
nächsten Kapitel werden wir uns zu den späteren Neuplatonikern wenden,
deren Leben sowie deren Lehren und Beobachtungen vom höchsten Interesse
sind angesichts der neuerdings wiederum begonnenen Erforschung des
übersinnlichen Seelenlebens.




Zweites Kapitel.

Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.


Der bedeutendste unter den Schülern des Plotin war der im Jahre 233 n. Chr.
zu Batanea in Syrien geborene _Malchus Porphyrius_, welcher bis zu seinem
dreißigsten Lebensjahre in der Rhetorik, Grammatik und neuplatonischen
Philosophie von Longinus unterrichtet wurde. Als er 263 nach Rom kam,
begann er mit Plotin einen Streit über die Ideeenlehre des Plato, wurde
aber von Plotins Schüler Amelios widerlegt und zu einem der eifrigsten
Anhänger seines früheren Gegners gemacht. Nachdem Porphyrius sechs Jahre
als Schüler Plotins zu Rom gelebt hatte, ging er, weil ein Anfall tiefer
Melancholie einen Ortswechsel für ihn wünschenswert machte, nach Sizilien,
wo er bis zu dem 270 erfolgten Tode des Plotins blieb. Hierauf kehrte er
nach Rom zurück und verweilte daselbst bis zu seinem Ende im Jahre 304
n. Chr.

Das äußere Leben Porphyrius verlief noch ereignisloser als das des Plotin;
er rühmt sich auch, nur ein einziges Mal im 68. Lebensjahre der Vereinigung
mit Gott gewürdigt worden zu sein, während seinem Lehrer diese glückliche
Ekstase (welche wir uns ähnlich wie die der Yogis und Fakire zu denken
haben) viermal widerfahren sei.[828]

Schriftstellerisch wirkte Porphyrius durch die Herausgabe der plotinischen
Enneaden; durch eine kurze Aufstellung der Hauptlehrsätze der
neuplatonischen Schule, seine Sentenzen; durch seine bekannte Schrift über
die Enthaltung vom Tierfleisch; endlich durch seine Biographie des Plotin
und den berühmten Brief an den Priester Anebo.

Das Hauptbestreben des Porphyrius ist der sittlichen Übung zugekehrt,
welche uns von den leidenden Stimmungen der Seele befreien soll; diese
betrachtet er als die schrecklichsten und gottlosesten Tyrannen, von
welchen wir uns selbst mit Verlust unseres ganzen Körpers losmachen sollen.
Mithin ist auch bei Porphyrius die Askese der Weg zur Vollendung der
höchsten menschlichen Aufgabe. Er sagt darüber[829]: Die eingekörperte
Seele ist einem Reisenden ähnlich, der sich lange unter fremden Völkern
aufgehalten und nicht nur seine vaterländischen Sitten verlernt, sondern
auch ausländische angenommen hat. Wenn dieser in seine Heimat zurückkehren
und von seinen Freunden und Verwandten gütig aufgenommen werden will, so
bemüht er sich, alles Fremde, welches sich ihm während seiner Entfernung
angehängt hat, abzulegen, um seine ehemalige Art zu denken und zu leben
wieder zu erhalten. Auf eben diese Weise muß die in den Körper verbannte
Seele, wenn sie sich zu ihrem himmlischen Vaterland erheben will, alles
ausziehen, was sie von sterblicher Natur an sich genommen hat und was die
Ursache ihrer Verweisung oder ihres Herabsinkens in die Materie geworden
ist. Sie muß sich bemühen, nicht nur die äußere gröbere Decke, _sondern
auch die innern Hüllen, in welche sie gekleidet ist_[830], allmählich
auszutrocknen und abzuwerfen, damit sie leicht und gleichsam nackt in die
ewige Wohnung der Seligkeit eingehen kann.

Es giebt zwei giftige Zauberquellen, aus welchen der Mensch eine gänzliche
Vergessenheit seines ehemaligen und gegenwärtigen Zustandes und seiner
wahren Bestimmung trinkt, nämlich sinnlicher Schmerz und sinnliche Lust.
Durch beide, vorzüglich aber durch letztere und die aus ihnen
entspringenden Begierden und Leidenschaften, wird die Seele gleichsam
verkörpert und wie durch eben so viele Hefte oder Nägel an den Leib
geschmiedet; auch das _aus der Luft gewebte Vehikel der Seele_ wird durch
sie gemästet und schwerer gemacht. Man muß daher alles vermeiden, wodurch
Sinnlichkeit gereizt wird, weil da, wo Sinnlichkeit herrscht, die lautere
Vernunft und der reine Verstand absterben. Man muß also nie zum bloßen
Vergnügen, sondern nur zur äußersten Notdurft essen und trinken, weil
überflüssige und besonders tierische Nahrung die Seele fester an die
Materie bindet und von der Gottheit wie den göttlichen Dingen abzieht. --
Als ein Priester der Gottheit suche sich der Weise in ihrem großen Tempel,
der Welt, vor aller Befleckung zu bewahren und vergehe sich nie so weit,
daß er, der sich so oft dem Vater des Lebens naht, selbst ein Grab toter
Körper werde. Er friste daher sein leibliches Leben allein durch den Genuß
der reinen Geschenke, welche ihm die mütterliche Erde darbietet. Noch
ähnlicher würden wir Gott werden, wenn wir auch die Pflanzen schonen
könnten und ihrer Nahrung nicht bedürften.

Ebenso wie vor dem Fleisch scheuten sich die Neuplatoniker vor dem Wein und
vor dem Geschlechtsgenuß, weshalb auch die meisten unvermählt blieben. Nur
Porphyrius hatte zu Rom eine gewisse Marcella, die Witwe eines seiner
Freunde geheiratet, aber wie sein Biograph Eunapius bemerkt, »nicht um
seines eigenen Vergnügens willen, oder um Kinder zu zeugen, sondern um den
Kindern seines verstorbenen Freundes eine anständige Erziehung zu geben«.
Daß derartige, wenn auch ursprünglich edeln Motiven entstammende, so doch
alle Lebensverhältnisse auf den Kopf stellende Bestrebungen im
lebenslustigen klassischen Altertum nicht viel Freunde fanden, liegt auf
der Hand; daß aber eine solche Hyperaskese ebenso wie das der gleichen Zeit
entstammende christliche Mönchswesen überhaupt Boden fassen konnte, ist
psychologisch nur als Reaktion gegen den wüsten Taumel der Kaiserzeit zu
erklären.

In den _Sentenzen_, worin Porphyrius die Lehre seiner Schule zusammenfaßt,
hebt er ganz besonders den Unterschied zwischen dem Unkörperlichen und
Körperlichen hervor. Das Unkörperliche beherrscht das Körperliche und ist
daher, obgleich nicht im Raum, so doch seiner Kraft nach überall
gegenwärtig; das körperliche Sein kann dasselbe nicht hindern, den Körpern
gegenwärtig zu sein, welchen es will. Daher hat auch die Seele das
Vermögen, überallhin ihre Kraft auszustrecken; sie ist von unendlicher
Kraft, und ein jeder Teil derselben, wenn er von Vermischung mit der
Materie rein ist, vermag alles und ist überall gegenwärtig. -- Die Dinge
wirken nicht nur durch Berührung in der Nähe, sondern auch in der
Entfernung, sofern sie eine Seele haben, welche als Unkörperliches vom
Körper nicht eingeschlossen sein kann wie das Wild vom Tiergarten oder eine
Flüssigkeit von einem Schlauche. -- Wegen der wesentlichen Einheit und
Identität mit dem höchsten kann die Seele durch ihre ins Unendliche gehende
Thätigkeit alles bewirken, alles erfinden. Daher vermag selbst eine
individuelle Seele alles, wenn sie vom Körper gereinigt wird.[831]

Porphyrius blieb wie Plotin noch bei der Entgegensetzung des Körpers und
der Seele stehen, und kam daher auch nicht dazu, über die Möglichkeit eines
Astralleibes eingehendere Spekulationen anzustellen. Berücksichtigen wir
aber die beiden obigen Stellen und bedenken wir auch, daß Porphyrius von
einem %pneuma% oder Luftkörper spricht, an welchen die Seele der Dämonen
gebunden ist, so wird es wahrscheinlich, daß auch ihm schon die Idee eines
Astralleibes dunkel vorschwebte, die dann von den spätern Neuplatonikern
weiter ausgebildet wurde.

Seine Dämonologie entwickelt Porphyrius in seiner Schrift +De
Abstinentia+.[832] Er teilt die Dämonen in menschenfreundliche, gute, und
menschenfeindliche, böse. Beide sind mit einem feinen geistigen aber
veränderlichen und vergänglichen Körper bekleidet und unterscheiden sich
noch dadurch, daß die guten Dämonen stets Meister ihres Körpers bleiben,
während die bösen von ihm beherrscht werden. Erstere sind als die
Beschützer von Menschen, Tieren und Gewächsen, als Regierer der
Jahreszeiten, die Lehrer nützlicher Künste und Beschäftigungen, als
Verkünder der Zukunft und Geber aller irdischen Güter zu verehren; die
letzteren hingegen sind die Ursache aller Unfälle, welche den Menschen und
Tieren begegnen. Sie verursachen Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen,
Hungersnot und suchen die Menschen zu überreden, daß alle diese Übel von
den guten aber erzürnten Göttern herrühren. Sie entzünden im Menschen alle
unmäßigen gehässigen Begierden und Leidenschaften, reizen ihn zu
Ausschweifungen, Aufruhr und Krieg und verführen ihn zu Tieropfern, von
deren fetten Dämpfen sie sich mästen. Darum muß sich auch ein weiser Mann
vor dem Schlachten und Opfern empfindender Geschöpfe hüten, damit er nicht
böse Dämonen herbeilocke und an sich ziehe.

Bei der Betrachtung dieser in kurzen Zügen dargestellten Dämonologie würde
man versucht sein zu glauben, daß Porphyrius ein jedes ins Gebiet des
Transscendentalen gehörende Phänomen für eine Äußerung der Thätigkeit guter
oder böser Dämonen ansähe; und doch regt er mit einer schon von Jamblichus
gerügten Inkonsequenz in seinem Brief an Anebo Spekulationen ganz
entgegengesetzter Art an und sucht -- wovon wir schon oben einen Beweis
hatten -- die Ursache aller »mystischen« Erscheinungen in einer
fernwirkenden und fernsehenden Kraft der Seele. Der Brief an Anebo kann als
erster schüchterner Versuch einer Psychophysik gelten.[833]

Porphyrius richtet diesen Brief an den Phthapriester Anebo, und verlangt
von diesem Auskunft über eine große Menge zweifelhafter, die griechische
Theologie betreffender Fragen, welche in der Mehrzahl nur noch historisches
Interesse besitzen und Teilnahme für die kühne Skepsis des Verfassers
erregen. Vor allen Dingen erregt dem Porphyrius die Behauptung Bedenken,
daß sich die mächtigen Götter und Dämonen durch Magie zwingen lassen
sollten, den Menschen zu manchmal recht nichtigen und sündigen Diensten zu
stehen. Er sagt: »Mich bringt vorzüglich das in Verlegenheit, wie die
Götter und Geister, welche als mächtigere Wesen herbeigerufen werden, sich
doch wie schwächere befehlen lassen. -- Sind die Götter von allen Leiden
frei, so sind ihre Anrufungen, Beschwörungen &c. eitel und vergebens; noch
mehr aber die theurgischen Mittel, durch die man sie zwingt. Was keinem
Leiden (Affiziertwerden) unterworfen ist, kann auch nicht gezwungen werden.
Wie vieles geschieht nun nicht in den theurgischen Zeremonien, was die
Götter und Dämonen als leidend darstellt?«

Am wichtigsten sind die Auslassungen des Porphyrius über die Divination,
welche ihm -- ganz im Gegensatz zu seinem Zeitalter -- durchaus keine
Thätigkeitsäußerung der Götter und Dämonen, sondern des Menschengeistes zu
sein scheint. »Das räumliche und zeitliche Fernsehen, Mantik, kann aus
ganz natürlichen Ursachen geschehen, denn weil die ganze Natur in
Wechselwirkung steht, so braucht nur der innere Funke geweckt zu werden, um
die Teile den Ganzen zu überschauen. Dies ist eine natürliche Eigenschaft
des Menschen, welche sich unter gewissen Umständen entwickelt.«

»Was geschieht in der Mantik? Oft stellen wir uns im Schlafe durch Träume
das Künftige vor, ohne daß wir in einer Ekstase sind, denn der Körper liegt
ruhig; aber gleichwohl begreifen wir das Künftige nicht so wie im wachen
Zustande.«

»Viele sehen das Künftige durch Begeisterung und göttliche Eingebung
voraus; sie wachen zwar, und ihre Sinne sind thätig, aber sie begreifen
sich selbst nicht oder wenigstens nicht so wie in einem wachen Zustande.«
(Ekstase.)

»Von denen, welche außer sich sind, werden einige begeistert, wenn sie
Zymbeln, Pauken oder gewisse Lieder hören, wie die Korybanten, die in die
Mysterien des Bacchus Sabazius und der Göttermutter Eingeweihten; andere,
wenn sie ein gewisses Wasser trinken, wie die Priester des Apollo Klarius
zu Kolophon; andere, wenn sie über den Öffnungen gewisser Höhlen sitzen,
wie die delphischen Priesterinnen; andere durch die Dünste, welche aus dem
Wasser aufsteigen, wie die Priesterinnen des Branchidischen Orakels;
andere, wenn sie auf Charakteren stehen, wie diejenigen, welche Eingebungen
erhalten. Andere sind ihrer selbst im übrigen bewußt, aber ihre Phantasie
ist begeistert, wobei bald die Finsternis, bald gewisse Getränke, bald
gewisse Wortformeln und Umstände mitwirken. Einige werden an einem
verschlossenen, andere an einem freien oder von der Sonne beschienenen Ort
begeistert. Einige verschaffen sich durch die Eingeweide der Opfertiere,
andere durch Vögel, andere durch die Kenntnis des Himmels den Blick in die
Zukunft.«

»Ich frage also: wie und wodurch wird die Mantik bewirkt? Alle
Wahrsager[834] behaupten, ein Vorherwissen des Künftigen sei uns durch
Götter oder Dämonen möglich, und es könne kein Wesen das Künftige wissen,
wenn es nicht Urheber desselben sei. Dann wundert mich aber, wie sich die
göttliche Natur zum Dienst der Menschen herablassen kann, daß es auch
Wahrsager durch das Mehl giebt?«

»In Rücksicht auf die Ursachen der Mantik ist es ein Problem, ob Gott oder
ein Engel[835] oder Dämon oder wer sonst bei den Erscheinungen,
Wahrsagungen und allen religiösen Handlungen gegenwärtig ist, durch uns
selbst, durch die zwingende Kraft der Anrufungen oder des Citierens
herbeigezogen wird.«

»Ist es nicht vielleicht die Seele, welche dieses voraussagt und sich
vorstellt, wie einige sagen, so daß es Veränderungen der Seele sind, welche
durch kleine Funken erweckt werden?«

»Vielleicht ist die Wahrsagung ein gemischter Vorgang, welcher zum Teil
durch unsere Seele, zum Teil von außen durch Eingebung bestimmt ist.«

»Ob nicht die Seele durch solche Bewegungen und Funken das Vermögen, das
Künftige sich vorzustellen, in sich erzeugt? Ob nicht das aus der Materie,
vorzüglich der Tierwelt, in uns Aufgenommene durch seine inneren Kräfte
Dämonengebilde darstellt und konstituiert?«

»Daß ein gewisser Zustand der Seele Ursache der Mantik ist, erhellt daraus,
daß die Sinne gebunden und unterdrückt sind, daß gewisse Dünste und Dämpfe
und die Citationsformeln gebraucht werden, daß nicht alle Menschen, sondern
nur zartere und jüngere zur Mantik am tauglichsten sind.«

»Daß eine gewisse Verrückung des Verstandes die Ursache der Mantik ist,
beweist der Wahnsinn und die Verrücktheit in Krankheiten, das Fasten, die
durch Ergießung gewisser Säfte im Körper oder durch krankhafte Bewegungen
des Körpers entstandenen Einbildungen. Der Mittelzustand beweist es, wo man
nicht recht bei sich und auch nicht recht außer sich ist, endlich die durch
Magie künstlich hervorgebrachten Vorstellungen.«[836]

»Die Natur, die Kunst, die natürliche Verbindung der Teile des Universum,
daß sie gleichsam ein großes Tier ausmachen, bietet gewisse Vorhersagungen
künftiger Begebenheiten und ihrer Folge dar. Es giebt Körper, welche so
beschaffen sind, daß der eine die Vorstellung einer künftigen auf einen
andern Körper sich beziehenden Begebenheit erweckt.«

Dies ist der Inhalt des Briefes an Anebo, soweit er für uns von Wichtigkeit
ist. Im folgenden verbreitet sich der Verfasser über jetzt unwesentliche
mythologisch-theurgische Spitzfindigkeiten, deren Wiederholung zwecklos
wäre; jedoch wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, daß die
Neuplatoniker, wie die Spiritisten von der strikten Observanz, +Esprits
menteurs+ kannten, wie folgende Stelle des anebontischen Briefes beweist:
»Einige behaupten, außer uns sei eine Gattung von Wesen, welche unsere
Wünsche erhören und von betrüglicher Natur sind, alle Gestalten und Formen
annehmen, die Rolle der Götter, Dämonen und abgeschiedener Seelen spielen
und dadurch alle scheinbaren Güter und Übel hervorbringen können.«

Diese Lehre griff auch _Jamblichus_ auf und bildete sie in seinem berühmten
Werk +De mysteriis Aegyptiorum+ weiter aus.

Vom äußeren Leben des _Jamblichus_ wissen wir trotz der ziemlich
ausführlichen Biographie des Eunapius sehr wenig und zwar nur, daß er aus
Chalkis in Cölesyrien gebürtig war, im Orient viele Schüler um sich
versammelte und im Jahre 333 starb. Er stand bei seinen Zeitgenossen,
welche ihn nur den »göttlichen« nennen, wegen seiner Wunder in hohen Ehren.
So soll er beim Beten nach der Erzählung des Eunapius sich über zehn Ellen
hoch in die Luft erhoben haben, wobei er in einem goldfarbenen Lichte
erglänzte. In den heißen Bädern zu Gadara soll er vor den Augen seiner
Schüler aus Wasserdampf die Knabengestalten des Eros und Anteros haben
entstehen lassen, welche sich dann an ihn, wie an ihren Vater schmiegten
und wieder zerflossen. (Wenn diese Erzählung einen historischen Hintergrund
hat, was sich wegen Mangels genauerer Nachrichten nicht entscheiden läßt,
so hätten wir in ihr vielleicht »Materialisation« zu sehen.)[837] Endlich
aber soll Jamblichus fernsehend gewesen sein und seinen Schülern, als er an
einem Sommerabend mit ihnen nach der Stadt zurückkehrte, (nach welcher sagt
Eunapius nicht) gesagt haben, daß der Weg durch eine auf demselben zu Grabe
getragene Leiche verunreinigt worden sei, was sich nachher bestätigte. --
Das ist alles, was man vom Leben Jamblichus weiß.[838]

In seiner Schrift +De mysteriis Aegyptiorum+ sucht derselbe alle von
Porphyrius im Briefe an Anebo gestellten Fragen im Namen des Priesters
Abammon zu beantworten. Er verteidigt alle Gebräuche der Magie im
allgemeinen wie der Theurgie im besonderen als Mittel zu der über allen
Verstand gehenden Anschauung des Höchsten, und läßt die ganze
ägyptisch-griechisch-römisch-hebräische Götter-, Dämonen- und Engelwelt vor
unsern erstaunten Augen Revue passieren.

Wenn Porphyrius behauptete, die Götter würden durch den Gehorsam gegen die
magische Einwirkung des Theurgen in einen leidenden Zustand versetzt, so
macht ihm Jamblichus den Vorwurf, daß er dabei einen Unterschied zwischen
dem Leidenden und dem Leidenlosen mache, welcher auf die höhern Wesen nicht
passe. Die Lehre von der mystisch-theurgischen Vereinigung mit dem absolut
Guten dehnt er so aus, daß daraus auch die »Henosis« mit allen höhern Wesen
folgt, für deren Dasein kein Beweis erbracht zu werden brauche, weil wir
dasselbe eben unmittelbar durch die Vereinigung erfahren.[839] Die Götter
sind nicht nur im Himmel, sondern überall, teilen sich also auch dem
Theurgen mit und belehren ihn über ihr Wesen und ihre Verehrung. Auf diese
göttliche Mitteilung, welche Hermes den Priestern machte, werden alle
Mysterien mit ihrer geheimen Bedeutung zurückgeführt.[840] Darauf beruht
auch der heilige Enthusiasmus, in welchem der Mensch nicht mehr das
tierische, nicht mehr das menschliche, sondern ein höheres Dasein lebt, wie
Jamblichus an Beispielen zeigt, welche beweisen, daß er die Abänderung der
organischen Gesetze sehr gut kennt, welche magisch-mediumistische Zustände
im Gefolge haben. Er spricht[841] von den vom »göttlichen Hauch Berührten«,
welche vom Feuer weder Brandwunden noch Schmerzempfindung erleiden; welche
es nicht fühlen, wenn sie durch Schwerter, Beile, Lanzen und Messer
verwundet werden; die ohne Schaden zu nehmen ins Feuer fallen oder -- wie
der Priester bei den castabalischen Festen -- auf wunderbare Weise über
Flüsse schwimmen. Im (folgenden) 5. Kapitel schildert Jamblichus noch
einige fein beobachtete Merkmale der Ekstase: »Einige von den Begeisterten
werden am ganzen Leibe bewegt, einige an gewissen Gliedern, andere hingegen
bleiben völlig in Ruhe, zuweilen vernahmen sie eine wohlgeordnete Musik,
einen Tanz oder harmonischen Gesang, zuweilen das Gegenteil; zuweilen
scheint ihr Körper in die Höhe zu wachsen, zuweilen in die Breite, zuweilen
scheint er in der Luft zu schweben. Zuweilen vernehmen sie eine
wohlklingende Stimme und wiederum durch Zwischenräume oder Stillschweigen
getrennte Töne und vieles andere.«[842]

Die Vereinigung mit dem Göttlichen beruht wesentlich darauf, daß die vom
Körper abgetrennte Seele leidenfrei ist. Selbst wenn sie in den Körper
hinabsteigt, leidet sie nicht, noch auch ihre Gedanken, welche Ideeen,
d. h. geistige Wesenheiten sind. In ihnen sind wir mit den Göttern
vereinigt. Die innige Vereinigung aber zwischen der menschlichen Seele und
Gott vermag kein Gedanke auszudrücken. Der, welcher dieses göttliche Werk
vollzieht, ist nicht verschieden von dem, auf welchen er es richtet, von
der Gottheit, es ist kein Unterschied vorhanden von dem Rufenden und dem
Gerufenen, dem Befehlenden und dem Ausführer der Befehle, zwischen dem
Höheren und Geringeren.[843]

In dieser Weise spricht sich Jamblichus ganz übereinstimmend mit den
indischen Mystikern aus. Es heben sich auf diese Art alle Zweifel des
Porphyrius über die Macht, welche die Theurgen über die Götter ausüben
würden. Die Götter werden nicht zu uns herabgerufen, sondern wir heben uns
durch Askese, Gebet, Betrachtung und Anrufung zu ihnen empor. Die alles
zusammenhaltende Liebe verbindet uns mit ihnen.[844]

»Wenn die Seele sich mit den Göttern zu vereinigen strebt, so erhält sie
die Macht und Fähigkeit alles zu erkennen, was war und was sein wird, sie
durchschaut alle Zeiten, betrachtet alles in ihnen Geschehende und ordnet
es in gebührender Weise; sie empfängt die Macht zu heilen und zu
verbessern. Kranke Körper heilt sie und richtet es zum Guten, wenn die
Menschen Unordnungen und Fehler begehen. Sie erfindet Künste, spricht Recht
und erfindet Gesetze. So werden im Tempel des Aeskulap durch göttliche
Träume Heilmittel offenbart. -- Das ganze Heer Alexanders wäre zu Grunde
gegangen, wenn nicht nächtlicherweile Dionysius erschienen wäre und
Heilmittel gegen das schwere Übel gezeigt hätte.«[845]

Wie man sieht, kannte Jamblichus den Somnambulismus in seinem ganzen Umfang
und legte besonders Wert auf dessen heilend wirkende Äußerungen, auf den
»Traum als Arzt«, wie sie du Prel kurz und treffend bezeichnet.

Alle Mantik ist eine Gabe der Gottheit, und die menschliche Seele besitzt
an sich keine intuitiven Fähigkeiten, sondern nur die Gabe, sich mit der
Gottheit vereinigen zu können und dann in und mit ihr das Geschehende zu
erschauen. Es giebt aber auch eine trügerische Pseudomantik, bei welcher
die Idole trügerische Bilder in Spiegeln hervorrufen. Diese Idole sind
Schattenbilder, welche auf wunderbare Weise (+fabrica prodigiosa+) durch
den Lauf des Himmels und nicht durch die menschliche Seele, welche
tierische Materie in sich aufgenommen hat, geschaffen werden. Jamblichus
bestreitet hierin die obige Annahme des Porphyrius, die menschliche Seele
sei göttlicher Natur und könne nur Wahres und Gutes schaffen; auch nähren
sich die Idole nicht vom Dampf der Materie, sondern werden durch
Räucherungen vertrieben.[846]

Jamblichus war der erste Neuplatoniker, bei welchem sich die sichere Spur
von der Annahme eines Astralleibes findet. Er schreibt diesem auch die
Vermittelung des divinatorischen Vermögens zu, indem er von der künstlich
bewirkten Mantik spricht. Er sagt[847]: »Diese ganze so vielgestaltige
Gattung der Mantik kann man -- wie irgendwo gethan -- mit dem Begriff
Erleuchtung bezeichnen, denn sie erfüllt mit göttlichem Licht das
ätherische und glänzende Vehikel (%augoeides ochêma%), welches die Seele
umgiebt.« Hier finden wir auch zum erstenmale den Körper der Seele als eine
Art Licht bezeichnet, ein Gedanke, welcher, wie wir bald sehen werden, von
den späteren Neuplatonikern weiter ausgebildet wurde.

Die bis in den modernen Spiritismus hinein spukende Lehre der Truggeister
wurde zuerst von Jamblichus (gest. 333), aufgenommen, welcher die
Einmischung der Truggeister von theurgischen Kunstfehlern abhängig macht,
indem er in seiner den Brief an Anebo beantwortenden Schrift +De mysteriis
Aegyptiorum+ sagt[848]:

»Götter, Engel und gute Dämonen erscheinen nur unter angenommenen wahren
Bildern; denn so wesentlich das Licht mit der Sonne vereinigt ist, so
wesentlich ist mit ihnen Wahrheit, Güte und Vollkommenheit verbunden. Die
bösen Dämonen bedienen sich aber öfter falscher Bilder, um in höherem Rang
zu erscheinen und die Theurgen zu täuschen. -- Wenn etwas in der
theurgischen Kunst versehen worden und anstatt der verlangten wahren
Erscheinungen falsche zum Vorschein kommen, so nehmen in diesem Fall die
untern und unvollkommenen Geister leicht die Gestalt der höhern an. So
entstehen oft eine Menge großer und gefährlicher Irrtümer beim Citieren der
Geister. Wer solchen falschen Erscheinungen traut, wird in Irrtümer und
Täuschungen gestürzt und von der wahren Erkenntnis Gottes abgeführt. Denn
warum erscheinen sie? Etwa um denen, die sie citieren, einen Vorteil zu
gewähren? Nein, sondern um sie zu hintergehen und ihnen zu schaden, denn
aus einer Lüge kann kein Nutzen erwartet werden. Die göttliche Natur, als
die ewige Quelle des Seins und der Wahrheit, läßt in kein anderes Objekt
ein täuschendes Bild von sich übergehen.«[849]

Im übrigen ist die Schrift des Jamblichus +De mysteriis Aegyptiorum+ nur
eine Beantwortung der von Porphyrius in seinem Brief an Anebo aufgeworfenen
Zweifelsfragen, worin die Theurgie nicht als Ausfluß philosophischer
Spekulation, sondern als Erfahrungswissenschaft, welche die »drastische
Vereinigung« mit Gott und der Geisterwelt hervorbringt und direktes
Erkennen im Gefolge hat, dargestellt wird:

»Es giebt eine reale, innige, wirksame Vereinigung mit Gott und der
gesamten ihm unterworfenen oder von ihm ausfließenden Geisterwelt der
Untergottheiten, Dämonen, Engel, Heroen und Seelen, welche durch keine
Vernunfterkenntnis erlangt werden kann, sondern allein durch gewisse
geheimnisvolle theurgische Handlungen, Ceremonien und Worte, die eben
deshalb, weil diese Wirkungen auf keiner Vernunfterkenntnis beruhen,
Symbole und Synthemata (also magische Charaktere &c.) genannt werden, deren
Kenntnis und Anwendung durch die Theurgie den Priestern allein als Vorrecht
zukommt, ein göttliches Geschenk und Offenbarung ist und deshalb den
Menschen weiter aufwärts führt als alle Erkenntnis durch Vernunft und
Philosophie.«[850]

Die Götter bilden die höchste und die menschlichen Seelen die niedrigste
Stufe in der Geisterhierarchie des Jamblichus; die Mittelstufe nehmen die
Dämonen ein.

Die Dämonen sind von den Göttern abhängig und ihrer Natur nach viel
geringer und unvollkommener; sie sind Diener der Götter und Vollstrecker
ihres Willens. Sie haben einen weiten Wirkungskreis und stellen das
Unsichtbare und Unaussprechliche der Götter in Worten und Werken dar,
gestalten das Formlose in Formen und offenbaren in Begriffen das alle
Begriffe Übersteigende. Sie empfangen alles Gute, dessen sie teilhaftig
oder ihrer Natur nach fähig sind, von den Göttern und teilen es wieder den
unter ihnen stehenden Geschlechtern der Dinge mit. Somit erfüllen die
Dämonen samt den Heroen den Zwischenraum zwischen den Göttern und Menschen
und verbinden sie miteinander.[851]

Die verschiedenen Geisterwelten offenbaren sich dem Menschen, welcher im
Besitz der wahren Praxis der rechten Theurgie ist, und ihre Erscheinungen
sind ihrem Rang nach verschieden.[852] -- Sie entsprechen dem Wesen, den
Kräften und Wirkungen der verschiedenen Götter- und Geisterarten, wonach
sich die Art und Weise richtet, wie sie durch Beschwörungen sichtbar
werden, Wirkungen äußern und die ihnen angemessenen Gestalten, sowie die
ihnen eigentümlichen Unterscheidungsmerkmale erblicken lassen.

Die Mitteilung dieser charakteristischen Kennzeichen der verschiedenen
Geisterklassen ist nun das Prachtstück der theurgischen Weisheit des
Jamblichus.

Die Erscheinungen der Götter sind in ihrer Art homogen, die der Dämonen
mannigfaltig, die der Engel einartiger als die der Dämonen, jedoch
unvollkommener als die der Götter. Die Erscheinungen der Erzengel kommen
denen der Götter am nächsten. Die Erscheinungen der Fürsten der Elemente
unter dem Mond sind zwar mannigfaltig, aber doch einer gewissen
Bestimmtheit und Ordnung nicht entbehrend; die Erscheinungen der Fürsten
der Materie jedoch sind mannigfaltiger als jene; die der Seelen sind die
mannigfaltigsten.

Die Erscheinungen der Götter bestrahlen das Gesicht mit einem wohlthätigen
Licht; die der Erzengel sind zugleich kraftvoll und mild, lieblich die der
Engel, furchtbar die der Dämonen, milder die der Heroen. Die Erscheinungen
der Fürsten der Elemente betäuben, die der Fürsten der Materie sind widrig
und öfter den sie Schauenden gefährlich[853]; die Erscheinungen der Seelen
sind denen der Heroen ähnlich, aber schwächer.

Die Götter zeigen in ihren Erscheinungen eine gewisse Stetigkeit und
Ordnung, die Erzengel dabei noch eine gewisse Kraft, die Engel Anmut und
Ruhe mit einiger Beweglichkeit vereinigt; die Dämonen zeigen stürmische
Bewegung und Unordnung, die Weltfürsten (Fürsten der Elemente) eine in sich
ruhende Stätigkeit, die Fürsten der Materie Tumult, die der Heroen
Nachgiebigkeit gegen die Bewegung, während die der Seelen noch beweglicher
sind.

Die Erscheinungen der Götter sind zuweilen so groß, daß sie Sonne und Mond
verhüllen, und bei ihrem Herabsteigen ruht die Erde nicht mehr fest. Wenn
die Erzengel erscheinen, so werden einige Teile der Welt bewegt, und ein
Licht geht als Vorläufer vor ihnen her. Kleiner und beschränkter ist die
die Engel begleitende Lichterscheinung, noch kleiner stufenweise die der
Fürsten der Welt und der Materie, der Heroen, der Seelen.

Die Bilder der Weltfürsten sind unermeßlich groß, die der Fürsten der
Materie prahlerisch und aufgeblasen; die Bilder der Seelen sind ungleich
groß, jedoch kleiner als die der Heroen. Überhaupt richtet sich die Größe
und Beschaffenheit der Erscheinungen stets nach der Größe der Kräfte oder
Gewalten, welche sie repräsentieren. An den Erscheinungen der Götter zeigen
sich die Bilder der Wahrheit deutlich, glänzend und bestimmt ausgeprägt.
Die Bilder der Erzengel sind wahr und erhaben. Die Engel behalten zwar
immer die bestimmte Gestalt, welcher jedoch vollständige Bestimmtheit
mangelt. Die Bilder der Dämonen sind undeutlich und noch unbestimmter die
der Heroen. Die Bilder der Weltfürsten sind deutlich, die der Fürsten der
Materie dunkel und verworren, beide aber gebieterisch. Die Bilder der
Seelen sind schattenartig.[854]

In den Göttererscheinungen liegt die Kraft, die Seele vollkommen zu
reinigen. Die Erzengel erheben die Seelen, die Engel lösen sie von den
Banden der Materie, die Dämonen ziehen sie in das Naturgetriebe herab, die
Heroen verwickeln sie in Sorgen und zeitliche Dinge, die Weltfürsten
verhelfen ihr zur Herrschaft über die weltlichen und die Elementarfürsten
zu der über die materiellen Dinge.[855] Die erscheinenden Seelen streben
zur Erzeugung und Fortbildung (also Reincarnation).

Die Götter besitzen die Kraft, die Materie auf einmal zu verzehren; die
Erzengel, solche nach und nach aufzuzehren; die Engel, von derselben
loszumachen und die Menschen davon abzuziehen; die Dämonen, sie täuschend
auszuschmücken; die Heroen, ihr das rechte Maß anzupassen; die Weltfürsten
zeigen sie in ihrer Erhabenheit; die Fürsten der Materie sind ganz mit
Materie erfüllt. Die reinen Seelen kommen von aller Materie rein und die
unreinen als von Materie erfüllt zur Anschauung.[856]

Die Gegenwart der Götter schenkt unserm Körper Gesundheit, der Seele
Tugend, der Vernunft Reinheit, höhere Kräfte, göttliche Liebe,
überschwängliche Freude; sie stellt das, was nicht Körper ist, den Augen
der Seele durch die Augen des Körpers dar, als wäre es Körper. Die
Erscheinungen der Erzengel gewähren dasselbe, jedoch nicht jedesmal und
nicht Allen, ebenso nicht Allen in gleichem Grade. Weiter geben sie
intellektuelle Betrachtung und ausdauernde Kraft. -- Die Erscheinung der
Engel ist von beschränkter Wirkung, denn die Kraft, womit sie erscheinen,
steht noch weiter von dem vollkommenen Licht ab, welches alle Kraft in sich
erhält. Jedoch gewährt sie uns Weisheit, Forschungstrieb, Tugend, Ordnung
und Ebenmaß. Die Erscheinung der Dämonen beschwert den Körper, plagt ihn
mit Krankheiten, zieht die Seele in die Natur herab, reißt sie nicht vom
Körper und der ihm anhängenden Sinnlichkeit los und befreit nicht von den
Banden des Fatum. -- Die Erscheinung der Heroen erweckt zu einzelnen großen
und edlen Thaten. Die Weltfürsten geben bei ihrem Erscheinen die Güter der
Welt[857] und die glänzenden Auszeichnungen dieses Lebens; die Fürsten der
Materie dagegen materielle und irdische Güter, Schätze, Geld usw.[858] --
Das Anschauen der reinen und in die Ordnung der Engel aufgenommenen Seelen
ist für den Geist erhebend und heilsam, es erweckt die heilige Hoffnung und
schenkt Alles, wonach diese strebt. Die Erscheinung der unreinen Seele
dagegen zieht zum Vergänglichen herab, verdirbt die Kräfte der Hoffnung und
erfüllt mit Leidenschaften, welche an den Körper fesseln.[859]

Das Gefolge der Geisterhierarchie richtet sich bei den Erscheinungen nach
dem Rang und der Würde der erscheinenden Geister. Die Götter erscheinen in
der Umgebung der Götter und Erzengel; die Erzengel in der Begleitung von
Engeln, welche ihnen als Vorläufer, Diener und Trabanten beigegeben sind.
Die guten Dämonen stellen uns die weltlichen Güter dar, mit denen sie uns
begaben; die bösen und rächenden Dämonen jedoch die verschiedenen Arten der
Übel und Strafen. Außerdem werden sie noch von einem Gewimmel wilder,
grauenerregender, schädlicher und blutsaugender Tiere umgeben.[860]

Das Licht, welches die Götter bei ihren Erscheinungen umfließt, ist so
fein, daß die Theurgen bei der Anschauung dieses göttlichen Feuers
gewöhnlich in Ohnmacht fallen. Auch die Erzengel strahlen ein so feines
Licht aus, daß es dem dasselbe Einatmenden beschwerlich fällt. Die Engel
dagegen teilen der Luft keine beschwerlichen Eigenschaften mehr mit. Bei
der Erscheinung der Dämonen wird die Luft nicht verändert, auch begleitet
sie nur so viel Licht, als nötig ist, ihr Bild zur Darstellung zu bringen.
Bei der Erscheinung der Heroen werden zuweilen einzelne Landstriche
erschüttert, jedoch wird die Luft nicht dünner und für den Theurgen nicht
atembar. Die Erscheinung der Weltfürsten umschwärmt auf eine dem Theurgen
fast unerträgliche Weise ein Gewühl von weltlichen und irdischen Bildern,
ohne daß jedoch die Luft eine merkliche Veränderung erlitte. Bei der
Erscheinung der Seelen ist die sie umfließende sichtbare Luft mit ihnen
verwandt und nimmt, indem sie sich an sie schmiegt, gleichsam ihre Umrisse
an, weshalb sie denn auch luft- und schattenartig erscheinen.[861]

Dies ist der Kern des theurgisch-dämonologischen Systems von Jamblichus, in
welchem alle späteren Systeme bis auf Allan Kardecs »+Echelle spirite+«
vorhanden sind. Ist bei den älteren Theurgen das Streben nach der
mystischen Henosis vorherrschend, so tritt bei Jamblichus der eigentliche
Geisterverkehr lebhaft hervor, und auch der Verkehr mit den bösen Dämonen
wird eingehend besprochen, welcher von jetzt an in aller späteren Theurgie
der vorherrschende bleibt.

Der bedeutendste Neuplatoniker der spätern Zeit ist der von lykischen
Eltern zu Byzanz 412 geborene _Proklus_, welcher zu Alexandria und später
zu Athen durch den jüngern _Plutarch_ und _Syrianos_ eine gründliche
Erziehung genoß. Sein Leben war ganz der neuplatonischen Lehre gewidmet,
und nach dem Tode des Syrianos war er dessen Nachfolger und die Hauptstütze
seiner Schule. Er zeichnete sich durch große schriftstellerische Thätigkeit
auf dem Gebiete der heidnischen Theologie und durch strenge Askese aus. Er
nahm bis zu seinem 485 erfolgten Tode monatlich mehrmals reinigende Bäder
im Meer, fastete am letzten Tage der Monate und feierte die Zeit des
Neumondes aufs prächtigste. Auch beobachtete Proklus genau die heiligen
Tage der Ägypter, sang orphische und chaldäische Hymnen und diente den
Göttern aller Völker, denn er pflegte zu sagen, der Philosoph solle nicht
allein ein Verehrer der Götter seiner Stadt oder einiger Völker, sondern
ein Priester der ganzen Welt sein.

Infolge seiner Frömmigkeit gelangte Proklus zur Anschauung allerdings nicht
des Einen Höchsten, aber doch der Athene, des Apollo, des Asklepios, der
Hekate und der platonischen Ideeen. Er hatte zahlreiche vorbedeutende, oft
in Gedichten sich kundgebende Träume, in deren einem ihm offenbart wurde,
daß er zur hermetischen Kette der Philosophen gehöre und in früherer
Incarnation der Pythagoräer Nikomachos gewesen sei. Sein Gebet war
heilkräftig und soll sowohl einen wohlthätigen Regen haben herbeiziehen,
wie auch schädliche Erdbeben abwenden können.

Darum genoß auch Proklus bei seinen Anhängern hohe Verehrung. Ein hoher
Staatsbeamter mit Namen _Rufinus_ wohnte einstmals einer Vorlesung des
Philosophen bei und sah dessen Haupt von göttlichem Lichte umstrahlt.
Sobald der Meister aufhörte zu reden, fiel Rufinus vor ihm wie vor einem
Gotte nieder und beteuerte mit heiligem Eide sein gehabtes Gesicht.

Da jedoch die Gesetze der christlichen Kaiser gegen die Ausübung der
heidnischen Religionen sehr streng waren, so war Proklus genötigt, seine
Lehren in geheimer abendlicher Versammlung vorzutragen und mußte sogar
einmal eine Zeit lang aus Athen flüchten. -- So berichtet sein Schüler
_Marinos_ in der +Vita Procli+.

Von der Philosophie des Proklus können uns nur einige psychologische
Spekulationen interessieren. Er denkt sich ähnlich den indischen
Philosophen der Vedantalehre, die Seele mit feinern und gröbern Hüllen
umgeben, welche göttliche, von der ersten unveränderlichen Ursache
herrührende, unveränderliche Körper sind, die immer dieselbe Gestalt und
Größe haben, obgleich sie durch Zusatz oder Ausscheidung von anderen
Körpern veränderlich erscheinen. -- Er führt keinen Grund an, weshalb die
Seele mit solchen Hüllen umgeben sei, und macht auch weiter keinen
praktischen Gebrauch von dieser Annahme außer um gewisse sichtbare
Erscheinungen der Seele (die Doppelgänger?) und die Notwendigkeit der
Reincarnation zu erklären.

Proklus spricht nur an einigen Stellen seines Alcibiades von der
Reincarnation auf eine beiläufige Weise; wahrscheinlich gehörte die Lehre
von der Reincarnation zu den esoterisch vorgetragenen. Er sagt: »Wie würde
die Seele fehlen und sündigen und sich wieder zum Göttlichen erheben
können, wenn nicht sie und ihre Vernunft und die Freiheit ihres Willens an
der Vermischung mit den Leiden teil hätten, wenn sie nicht im Zeitlichen
wäre und die materiellen Kleider umnähme und wieder ablegte nach gewissen
Perioden der Zeit.«[862] Je mehr sich die Seele von den äußeren Hüllen
befreit hat, desto höher steigt sie.[863]

Beiläufig verdient noch erwähnt zu werden, daß Proklus die Dämonen in fünf
Klassen teilte, welche der schon genannte Psellus noch um eine vermehrte;
außerdem machte Proklus einen Geschlechtsunterschied bei den Dämonen, wobei
sich wieder orientalischer Einfluß geltend macht.

Kurze Erwähnung müssen wir noch der »allsehenden« _Sosipatra_, der Gattin
des sonst unbedeutenden Neuplatonikers _Eustathius_ schenken, welche in der
zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts lebte.

Eustathius wählte _Sosipatra_ zu seiner Gattin, ward aber, wie Eunap sich
ausdrückt, durch deren unbeschreibliche Weisheit so sehr in Schatten
gestellt, daß er an ihrer Seite nicht als ein Denker und Philosoph, sondern
als ein äußerst unbedeutender Mann erschien. Ihr Vaterland war Asien, die
Gegend um Ephesus, welche den Fluß Kayfar bewässerte. Als kleines Kind
schon veredelte sie gleichsam alles um sich her durch ihre ausnehmende
Schönheit und Schamhaftigkeit, und ihr Vater, der sehr reich war, that
alles, was er vermochte, ihr die beste Erziehung zu geben.[864]

»Da kamen«, heißt es nun am eben angeführten Orte wörtlich weiter, »in
ihrem fünften Jahre zwei in Pelz gekleidete und große Taschen tragende
Greise auf eines der Landgüter ihres Vaters, und überredeten den Verwalter
desselben, ihnen die Besorgung des Weinbergs allein zu überlassen.« Der
überaus reichliche Ertrag erweckte den Gedanken bei ihm, es müsse ein
Wunder und eine Gottheit dabei im Spiele sein. Der Vater der Sosipatra
ehrte die beiden Fremden durch eine treffliche Mahlzeit, und bezeigte seine
Unzufriedenheit über die übrigen Arbeiter, daß sie nicht eben so viel Fleiß
auf die ihnen obliegenden Zweige der Landwirtschaft gewendet hätten.
Hierauf nahmen die Fremdlinge, welche durch die Gestalt und das
liebenswürdige Benehmen der beim Mahle anwesenden _Sosipatra_ bezaubert
waren, das Wort. »Die übrigen Geheimnisse und Schätze verborgener
Weisheit«, sagten sie, »behalten wir für uns. Das alles, was du soeben von
uns als eine empfangene Wohlthat, oder als Probe von unserer
Geschicklichkeit so sehr rühmtest, ist nur eine Kleinigkeit und ein
geringes Kinderspiel im Vergleich mit dem, was wir sonst noch vermögen.
Willst du, daß wir dir für die Ehre, welche du uns erzeigest, und für die
Geschenke, welche wir von dir empfangen haben, ein Gegengeschenk machen,
nicht mit vergänglichen Gütern, sondern mit etwas Höherem, das über dich
und dein Leben hinausgeht, und bis an den Himmel und die Sterne reichet, so
übergieb uns, als den wahren Eltern und Erziehern, fünf Jahre lang diese
Sosipatra. Du sollst und darfst dich aber diese ganze Zeit hindurch nicht
um sie bekümmern, noch jenes Landgut auch nur mit einem Fuße betreten.
Alsdann wird nach Verlauf dieser Zeit deine Tochter nicht allein ein
hochgebildetes weibliches und menschliches Wesen sein, sondern du wirst
unfehlbar in ihr auch noch etwas Anderes und Höheres ahnen. Hast du nun
guten Mut und Vertrauen zu uns, so nimm unseren Vorschlag willig an, bist
du aber mißtrauisch, so wollen wir -- _nichts gesagt haben_.«

»Stillschweigend und bestürzt übergab ihnen der Vater hierauf seine
Tochter. Dann rief er seinen Verwalter und befahl ihm, den Fremdlingen
alles zu reichen, was sie nur immer verlangen würden, und sich um nichts
weiter zu bekümmern, machte sich als ein Flüchtiger noch vor Anbruch des
Tages auf, und verließ die Tochter und das Landgut. Die Männer, _es mögen
nun Heroen oder Dämonen, oder noch höhere Geister gewesen sein_, nahmen das
Mädchen und weiheten es ein -- in welche _Mysterien_? und _Wozu_? das
vermochte niemand, auch der Allerneugierigste nicht, jemals zu erforschen.«

»Als nun die festgesetzte Zeit herum war, kam der Vater auf das Landgut. Er
kannte seine Tochter nicht mehr, so außerordentlich hatte sie sich in
Absicht auf Größe, Wuchs und äußerliche Schönheit verändert. Auch sie
erkannte ihren Vater kaum mehr. Er fiel vor ihr nieder auf seine Kniee, so
sehr glaubte er ein anderes Wesen vor sich zu sehen. Jetzt erschienen auch
die beiden Lehrer. Du kannst, sagten sie, deine Tochter alles fragen, was
du immer willst. Ach! Vater, fiel Sosipatra ihnen in die Rede, frage mich
doch etwas, frage mich doch, wie dir's auf dem Wege gegangen ist. Sie
erzählte ihm darauf alle Vorfälle, Reden, Besorgnisse, Drohungen u. s. f.,
kurz alles, was auf der Reise vorgekommen war, so genau, als wenn sie
selbst mit in dem Wagen gesessen hätte.«

»Der Vater war ganz außer sich vor Erstaunen, und glaubte fest, _seine
Tochter sei -- eine Göttin_. Er fiel vor den Männern nieder und bat, sie
möchten doch sagen, wer sie wären (damit er sie auf gehörige Weise verehren
könne). Nach langem Zögern, denn so gefiel es vielleicht der Gottheit,
sagten sie endlich, aber nur durch dunkle Andeutungen und mit
niedergeschlagenem Gesicht, sie wären nicht ganz uneingeweiht in die
chaldäische Weisheit. Hierauf fiel er abermals auf seine Kniee und bat, sie
möchten doch geruhen, die Herren von dem Gute zu sein, und seine Tochter
bei sich zu behalten, um derselben ihre Bildung noch länger angedeihen zu
lassen, und sie noch vollkommener einzuweihen. Sie nickten mit dem Kopfe,
sagten es aber nicht mit Worten zu. Der Vater glaubte indessen, ihr
Versprechen erhalten zu haben, und war darüber so froh und vergnügt, als
wäre ihm ein Orakelspruch zu teil geworden. Was er aber aus der ganzen
Sache machen sollte, das wußte er durchaus nicht. Mit Begeisterung pries er
den Homer, daß er ein großes und herrliches Geheimnis ausgesprochen habe in
den Worten:

    _Die Götter wandern in mancherlei Gestalten,
    Reisenden aus fremden Ländern ähnlich, umher._«

»Denn auch er glaubte von Göttern in Gestalt von Fremdlingen einen Besuch
erhalten zu haben. Voll von diesen Gedanken schlief er vergnügt ein. Die
Greise aber führten nach der Mahlzeit das Mädchen auf ihr Zimmer, übergaben
ihr sorgfältig das Gewand, in welchem sie eingeweiht worden war, nebst noch
einigen andern Sachen, ließen ihr ein Kästchen versiegeln und thaten noch
einige Bücher hinzu. Sosipatra freute sich ungemein darüber, und liebte
überhaupt die fremden Männer wie ihren eigenen Vater.«

»Am folgenden Tage morgens frühe, als die Thüren geöffnet wurden, und
jedermann an seine Arbeit ging, gingen auch die zwei Greise, wie gewöhnlich
aus, das Mädchen aber lief zu dem Vater mit der fröhlichen Nachricht, und
ließ das Kästchen und die Bücher zu ihm tragen. Der Vater erstaunte über
die kostbaren Schätze, welche er fand, und ließ die Männer rufen. Aber sie
waren nirgends zu finden. Was ist das? sagte er zur Tochter. Nachsinnend
eine Weile, erwiderte diese: Ach, jetzt verstehe ich, was sie mir sagten,
als sie mir dies Alles mit Thränen in den Augen übergaben. Betrachte dieses
öfters, sagten sie, wir werden bald eine Reise auf das westliche Meer
machen, und alsdann sofort wieder zurückkehren.«

»Alles dieses beweist offenbar, daß die Fremdlinge Geister oder höhere
Wesen waren. Der Vater nahm diese eingeweihte und divinatorische Tochter zu
sich, ließ sie ganz nach ihrem Willen leben, und bekümmerte sich um ihr
Thun und Lassen weiter nicht im Geringsten; nur war er mit ihrem stillen
Wesen nicht ganz zufrieden. Als sie das reifere Alter erreicht hatte, wußte
sie, ohne andere Lehrer gehabt zu haben, die Schriften der Dichter,
Philosophen und Redner alle auswendig, und was andere mit großer
Anstrengung und vielem Schweiße kaum mittelmäßig erlernen und begreifen,
darüber wußte sie sich so leicht und gewandt auszudrücken, als ob es nur
ganz unbedeutende Aufgaben wären. Die Fremdlinge aber kehrten niemals
wieder zurück« usw.[865]




Drittes Kapitel.

Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. --
Die letzten Neuplatoniker.


Durch die Litteratur des Occultismus zieht sich eine Reihe von Schriften,
in welchen die mystische Entwickelung des Menschengeistes esoterisch
dargestellt und systematisch gelehrt wird. Da es nun unsere Aufgabe ist,
das Feld der Mystik in seinem ganzen Umfang zu durchstreifen, so dürfte es
vielleicht am Platze sein, diese heute meist vergessenen Schriften aus dem
Staube der Jahrhunderte und Jahrtausende hervorzuziehen und der
theoretischen wie der praktischen Forschung zugänglich zu machen;
vielleicht erregt dieses Unternehmen um so mehr das Interesse der
Beteiligten, als die neuere hierher gehörige Litteratur, wie sie z. B. von
Kerening vertreten wird, kaum etwas Besseres aufzuweisen hat.

In erster Reihe sind die sogenannten goldenen Sprüche des Pythagoras
hierher zu rechnen, welche, wenn auch vielleicht nicht in ihrer Gesamtheit
von Pythagoras selbst herstammend, doch ganz zweifelsohne geistiges
Eigentum der alten und neuen pythagoräischen Schule waren. Sie lehren die
mystische Entwickelung des Geistes und hier treffen alle Kennzeichen
zusammen, mit denen Cornelius Agrippa die letztere charakterisiert, indem
er sagt[866]: »Dieser (höhere) Einfluß wird uns aber nur dann zu teil, wenn
wir uns von den die Seele niederdrückenden Hindernissen, von den
fleischlichen und irdischen Beschäftigungen und von jeder von außen
kommenden Aufregung frei machen. Wie ein triefendes und unreines Auge die
allzustark leuchtenden Gegenstände nicht anschauen kann, so wird auch der
das Göttliche nicht fassen können, der die Reinigung der Seele
vernachlässigt. Man muß aber schritt- und gleichsam stufenweise zu dieser
Reinheit des Herzens gelangen, denn nicht jeder Neueingeweihte wird
sogleich den vollen Glanz dieser Mysterien fassen, sondern die Seele ist
allmählich daran zu gewöhnen, bis in uns die Kraft des Verstandes sich
entfaltet, und dieser, dem göttlichen Lichte zugekehrt, sich mit ihm
vereinigt. Wenn nun die menschliche Seele gehörig gereinigt und geheiligt
ist, so tritt sie von allen störenden Einflüssen ungehindert in freier
Bewegung hervor, erhebt sich nach oben, erkennt das Göttliche und
unterrichtet sich sogar selbst, wenn sie gleich den Unterricht anderswoher
zu erhalten scheint. Sie bedarf alsdann weder einer Erinnerung noch
Belehrung, sondern durch ihren Geist, welcher das Haupt und der Lenker der
Seele ist, ahmt sie von selbst die Engel nach und erreicht nicht erst
allmählich, nicht in einer bestimmten Zeit, sondern in einem Augenblicke
das, was sie wünscht.«

In den ersten vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche wird nun diese
»stufenweise Reinigung des Herzens« gelehrt, während in den letzten
zweiunddreißig die durch Selbstzucht erreichte geistige Macht und Freiheit
des Adepten geschildert wird. -- Unser moralisch-mystisches Lehrgedicht hat
nach den etwas modernisierten Übersetzungen von Schultheß[867] folgenden
Wortlaut:

    »Die unsterblichen Götter, wie das Gesetz ihren Rang zeigt,
    Ehre zuvorderst, und heilig sei dir der Eid. Den erhab'nen
    Helden des Äthers zunächst, dann auch der Erde Dämonen
    Gieb nach Gesetz und heiligem Brauch ihre Ehre. Die Eltern
    Halte in Ehren zumeist, dann auch Verwandte des Blutes.    5.
    Unter den andern erwirb durch Tugend jeden Rechtschaff'nen
    Dir zum Freunde, und sei empfänglich für gütige Reden,
    Nützliche Thaten zumal; um kleiner Vergehungen willen
    Zürne nicht mit dem Freund; so lange du kannst, übe Nachsicht;
    Ist ja das Können so oft Nachbar des Müssens. Behalte    10.
    Dieses nun wohl und gewöhne durch fleißige Übung dich dazu,
    Daß du die Lüste des Gaumens, Neigung und Trieb zu dem Schlafe,
    Daß du die Wollust und Zorn beherrschen männiglich könnest.
    Thu' nichts Schändlich's allein, noch auch im Beisein von andern;
    Scham vor dir selbst soll dich strenger als alles bewahren.    15.
    Sei du gerecht gegen alle in Worten sowohl als in Thaten,
    Und erlaube dir nie der Vernunft dich blöde zu entäußern,
    Sondern halte im Aug', daß gemeinsam den Menschen der Tod ist.
    Laß' nicht nur den Gewinn, laß auch Verlust dir gefallen.
    Was für Leiden die Menschen nach göttlicher Schickung bedrücken,    20.
    Trage du sanft deine Last und hadere nicht mit dem Himmel.
    Hilf dir so gut als du kannst, das fordert die Pflicht; und bedenke,
    Daß das Schicksal dem Guten nicht allzuviel Leiden verhänge,
    Wirst du Reden verschiedene, gute und schlimme vernehmen,
    Haß' und bewundere von ihnen keine, und mußt du zuweilen    25.
    Thorheit, Unvernunft hören, so übe Geduld. Eine Regel
    Geb' ich dir jetzt, und die sollst du zu allen Zeiten befolgen:
    Niemand müsse dich weder durch Worte noch Thaten bewegen,
    Etwas zu reden, zu thun, das deinem Besten zuwider;
    Handle nicht ohne Bedacht, um thöricht nimmer zu handeln,    30.
    Elend ein Mann, der redet und handelt ohn' Überlegung.
    Setze nur das in das Werk, was nun und nimmer dich reu'n kann.
    Schreite zu keiner That, wo Kenntnis gänzlich dir mangelt.
    Laß dich von deinen Pflichten erst gründlich belehren, dann wirst du
    Freudig, zufriedengestellt, in Ruhe dein Leben vollbringen.    35.
    Auch die Gesundheit des Leibes sollst unbesorgt du nicht lassen.
    Halte nur Maß in Trunk, in Speise und Übung des Leibes.
    Meide, was Schaden gebiert, das wird dir das richtige Maß sein.
    Reinlich, jedoch ohne Pracht, gewöhn' dich zu leben. Vermeide
    Alles was Neid weckt, mit Fleiß, und laß unnötigen Aufwand    40.
    Denen, die wirkliches Gut nicht kennen, doch fern auch sei von dir
    Kargheit. Das Beste in allen ist rechtes Maß stets gewesen.
    Thu' nichts, was Schaden dir bringt, und denke, noch ehe du handelst.
    Eher darfst du auch nicht dem Auge zu schlafen gestatten,
    Bis du der Thaten des Tages dreifach dir Rechnung gegeben:    45.
    Wo übertrat ich das Maß? Was ward gebührend verrichtet?
    Was unterlassen, was Pflicht von mir erheischen hätt' müssen?
    Laß' dieser Musterung nichts vom Ersten bis Letzten entgehen;
    Straf dich begangenen Fehl's und freu' dich bewiesener Tugend.
    Siehe, hierin sollst du üben, und dieses sollst du studieren,    50.
    Das ist, was von Herzen zu lieben dir ist geboten,
    Diese Dinge, sie führen zum Pfad' der göttlichen Tugend,
    Bei dem göttlichen Mann schwör ich's, der unserer Seele
    In der Tetrade den Quell der ew'gen Natur hat gewiesen!
    Aber du schreite zum Werk mit flehender Bitt' an die Götter,    55.
    Daß du vollenden es magst. Bist du jetzt mächtig geworden
    Jener menschlichen Tugend, so soll dir die Kenntnis dann werden
    Von der Geister System und auch der unsterblichen Götter,
    Sterblichen Menschengeschlechts auch; wie weit sich erstrecken die
        Kräfte
    Jedes Geschlechtes und was zu Einem sie alle verbinde.    60.
    Weiter die Kenntnis, wie die Natur nach ewigen Rechten
    Bleibt stets selber ihr gleich. Dann hoffest du niemals,
    Was zu hoffen nicht ist; dann bleibt dir nichts mehr verborgen.
    Kenntnis erlangst du, erkorenes Übel plage die Menschen,
    Plage die Thoren, die wahr es nicht nehmen, die hören nicht
        wollen,    65.
    Wie sie das Gut in der Nähe hätten. Nur wenige wissen,
    Sich von den Übeln zu lösen: Ein trauriges Schicksal,
    Daß sie gedankenlos sind; sie rollen wie wirbelnde Walzen
    Dahin, dorthin, bedrängt von Kummer und Plagen ohn' Ende.
    Denn das merken sie nicht, daß der Streit, der schlimme
        Gefährte,    70.
    Anvertraut ihnen von Kind an, ihr Schaden ist, daß sie
    Ihn nicht reizen, dagegen durch Nachsicht entgehen ihm sollten.
    Vater Zeus, o du würdest vom Übel sie alle erlösen,
    Wenn du allen zeigtest den Dämon, der sie bewohnet.
    Sei nur getrost, denn die Sterblichen sind auch von Gottes
        Geschlechte;    75.
    Alles wird die Natur, die heilige Mutter sie lehren.
    Bist du nun auch der getreuen Lehrerin fleißiger Schüler,
    Wird es dir meine Gebote zu halten an Kräften nicht fehlen,
    Heilen wirst du alsdann die Seel' und von Elend erretten.
    Aber enthalte dich auch verbotener Speisen, entscheide    80.
    Nach den Gesetzen der Läut'rung wie auch der Befreiung der Seele,
    Was ihr schadet und nützt, und lasse das nie unerwogen.
    Laß der Vernunft als dem besten Fuhrmann die Zügel in Händen.
    Scheidest du früh oder spät aus diesem, dem sterblichen Leibe,
    Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,    85.
    Vom Tod auf ewig befreit bist du unsterblicher Gott dann!«

Diese pythagoräischen Verse wurden von dem Neuplatoniker _Hierokles_
ausführlich kommentiert. Derselbe wurde 410 geboren, war ein Schüler des
Plutarch von Athen, lehrte zu Alexandria und starb um das Jahr 476. Von
seinem Leben ist so gut wie nichts bekannt, und nur Suidas überliefert uns
einen einzigen Zug aus seinem Leben, welcher jedoch unsern Philosophen in
stoischer Größe erscheinen läßt: Auf einer Reise nach Byzanz wurde er in
dieser Stadt von der Regierung (vermutlich wegen Streitigkeiten mit
christlichen Priestern) zur Geißelung verurteilt, welche auf das strengste
an ihm vollzogen wurde. Als nun ein Gerichtsbeamter voll Wohlgefallen der
Exekution zusah, fing Hierokles eine Hand voll seines den Riemen der
Peitschenhiebe entströmenden Blutes auf und warf es demselben mit
homerischen Worten ins Gesicht: »Nimm, Cyklop, und trink eins; auf
Menschenfleisch ist der Wein gut.«

Der Erfolg dieser That war, daß Hierokles sofort aus Byzanz verbannt wurde
und nach Alexandria zurückkehrte, wo er unter dem Beifall seiner Schüler
ungehindert wie früher Philosophie weiter lehrte.

Wenden wir uns zu dem Kommentar des Hierokles. Nach ihm besteht die
Philosophie in der Reinigung und der Vervollkommnung des menschlichen
Lebens; in der Reinigung von der Sinnlichkeit und dem materiellen Leibe, in
der Vervollkommnung des unsterblichen Menschen zur Gottheit, wodurch der
Mensch der wahren Glückseligkeit teilhaftig wird. Auf den Weg zur
Vergöttlichung führen den Philosophen gewisse kurzgefaßte Grundsätze oder
Kunstregeln, unter denen die pythagoräischen Verse den ersten Rang
einnahmen, weil sie sowohl die Grundbegriffe der thätigen als der
beschaulichen Philosophie enthalten und den Menschen -- nach den Worten des
»Timäus« -- in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen.

Die Gebote der thätigen Tugend werden zuerst genannt, weil Trägheit und
Sinnlichkeit überwunden sein müssen, bevor sich der Mensch mit den höheren
göttlichen Tugenden bekannt machen kann; denn ebensowenig als ein unreines
Auge den Glanz der Sonne erträgt, ebensowenig vermag eine Seele ohne Besitz
praktischer Tugend ihren Blick auf den Glanz der Wahrheit zu richten.

Die thätige (politische) Tugend wird die menschliche genannt, die Befolgung
ihrer Gebote führt uns auf den Weg der beschaulichen göttlichen Tugend und
Philosophie (V. 50-54). Man muß also zunächst Mensch werden, um sich zum
Gott entwickeln zu können; zu dem ersten machen uns die thätigen, und zum
letzteren -- vom Leichteren zum Schwereren emporsteigend -- die
beschaulichen Tugenden.

Die Vorschriften der thätigen Tugend sind so vielfach und reden in so hohem
Grade für sich selbst, daß wir den zu ihnen gehörigen langen Kommentar bis
zu den Versen 36-38 übergehen können, worin Pflege der Gesundheit und
Mäßigkeit empfohlen wird, um den Körper zu einem brauchbaren Instrument der
Weisheit zu machen. Hierokles sagt: »Damit dann sein (des Philosophen) Leib
ein Instrument der Weisheit abgeben möge, wird er denselben durchaus also
nähren und gewöhnen, daß dabei vorzüglich für die Seele, zunächst aber und
um ihretwillen für den Leib gesorgt sei. Denn er wird niemals den Leib, die
Maschine, in größeren Ehren halten als die Seele, welche dieselbe braucht.
Er wird aber eben darum die Maschine durchaus nicht vernachlässigen, weil
die Seele sie braucht, sondern er wird in der rechten Ordnung für die
Gesundheit des Leibes, mit Rücksicht auf die Seele, deren Werkzeug er ist,
Sorge tragen. Er wird sich deshalb nicht aller Speisen ohne Unterschied
bedienen, sondern nur solcher, die erlaubt sind zu essen[868]; denn es
giebt Speisen, die nicht erlaubt sind zu essen, weil sie den Leib
beschweren und _den Geist der Seele, mit dem sie in engerem Bande steht,
in gröbere Leidenschaften hinschleppen_.«

Unter diesem Geist der Seele verstehen die Neuplatoniker einen inneren, mit
der vernünftigen Seele in engerem Zusammenhang als der äußere Zellenleib
stehenden geistigen oder ätherischen Leib, welcher Glanzleib oder der
geistige Wagen der Seele genannt wird. Nach neuplatonischer Ansicht
verliert der Astralleib seinen Glanz und seine Leichtigkeit, wenn er zu
salzige oder zu fette Speisen genießt; durch diesen Genuß wird der
Glanzleib getrübt, und der Wagen, auf welchem die Seele zur Gottheit
emporfahren soll, versagt seinen Dienst. -- Zum Verständnis der durch
gesperrten Druck hervorgehobenen Stelle des Hierokles diene die Anmerkung,
daß Pythagoras und Plato nach Diogenes Laërtius die Seele in zwei Teile
teilten, in einen vernünftigen -- %logon% -- und einen unvernünftigen Teil
-- %alogon% -- welch letzterer wieder in den zornigen -- %thymikon% -- und
begierigen -- %epithymikon% -- zerfiel und sich also mit obigem »Geist der
Seele« deckt.

Derartige Speisen wird also der Philosoph meiden und hinsichtlich der
erlaubten Jahreszeit, Land, Alter und Gesundheit berücksichtigen, sowie
auch bedenken, »ob er ein Anfänger im philosophischen Leben sei, oder schon
die Höhe desselben erstiegen habe; er wird also durch Maßhalten allen
Schaden vermeiden und alle Vorteile für die nach Vollkommenheit strebende
Seele zu erringen suchen.« »Denn wenn sie (auf ihrem glänzenden Wagen) zur
Vernunft hinauffährt, muß es um sie her von Leidenschaften ganz windstille
sein, ihre untern Triebe müssen sich in der besten Ordnung und tiefsten
Unterthänigkeit befinden, damit die höheren Seelenkräfte in ihren
Betrachtungen ungestört bleiben.«

Die Verse 50-55 stellen den Jünger auf die Grenze zwischen der praktischen
und theoretischen Tugend, zwischen den niedern Zustand eines Menschen und
den höheren eines Gottes. Daß aber die theoretische Wahrheit zu diesem
hohen Ziele führe, bezeugen die Verse ausdrücklich, mit welchen unser
Dichter dieses Lehrgedicht beschließt:

    »Scheidest du früh oder spät aus diesem sterblichen Leibe,
    Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,
    Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!«


Diese Dinge führen auf den Weg zur göttlichen Tugend, sie »werden dich
Gott ähnlich machen vermittelst der wissenschaftlichen Erkenntnis der
Dinge, den die Erforschung der Ursachen der wirklichen Dinge führt, weil
die ersten Ursachen in der Weisheit und Kraft des Schöpfergottes liegen,
zum höchsten Gipfel der Gotteserkenntnis, welche die Ähnlichkeit mit Gott
mit sich bringt.«

Der Verfasser verheißt den in praktischer und theoretischer Tugend Geübten
nicht nur die Kenntnis aller von der Tetrade geschaffenen Wesen, sondern
auch ihrer unterscheidenden und gemeinsamen Merkmale und sagt: »Eine
wissenschaftliche Kenntnis aber von diesen Wesen gelingt denen, welche die
praktische Tugend mit theoretischer Wahrheit ausschmücken und ihre
menschliche Rechtschaffenheit zu göttlicher Tugend erhöhen; denn dadurch
erlangt man Ähnlichkeit mit Gott, wenn man die Dinge kennt, wie sie ihr
Dasein und ihren Rang von Gott selbst erhalten haben. Weil aber die
körperliche Natur diese sichtbare Welt ausmacht und der Herrschaft der
vernünftigen Wesen untergeordnet ist, so kündigt unser Lehrer in den
folgenden Versen (61-64) an, daß man in der gehörigen Ordnung nun auch zu
dem Gut der physiologischen Wissenschaft gelangen werde.«

Die höheren Regionen der Welt sind mit Gestirnen geziert und mit reinen
Intelligenzen bevölkert, die Erde aber ist mit Leben und Empfindung
besitzenden Tieren und Pflanzen besetzt. Zwischen jene Intelligenzen und
diese bloßen Lebewesen ist der Mensch als Amphibium, als das letzte Wesen
der obern und das erste Wesen der untern Klassen gesetzt. Bald pflegt er
Umgang mit den Unsterblichen und tritt durch die Rückkehr zur Vernunft
(%nous%) wieder in seinen ursprünglichen Stand ein; bald gesellt er sich zu
den sterblichen Wesen, läßt die göttlichen Gesetze außer acht und sinkt von
der ihm zukommenden Würde herab. Weil er der untersten Klasse der denkenden
Wesen angehört, so besitzt er von Natur aus das Vermögen nicht, zu jeder
Zeit und stets gleich vernünftig zu denken, und steht deshalb an Rang unter
höheren Intelligenzen, denen er sich jedoch zu assimilieren vermag, obschon
er »von Natur ist und bleibt ein niedrigeres Wesen als die unsterblichen
Götter und Helden des Äthers«.

Gerade infolge seiner Doppelstellung aber vermag der Mensch die Stufenfolge
der Klassen der denkenden Wesen zu erkennen und wahrzunehmen, daß die
Natur überall sich selber gleich bleibt, daß dem so sei »nach ewigen
Rechten, nach dem göttlichen Ideal, weil ihnen (allen Geschöpfen) Gott
diese und keine andere Wirklichkeit gegeben hat, weil er alles, seien es
körperliche oder unkörperliche Wesen, nach den Maßregeln seines Planes
angeordnet hat«.

Aus der Kenntnis der körperlichen und unkörperlichen Schöpfung erwächst dem
Weisen der Gewinn, daß er nichts Eitles hofft und daß ihm nichts verborgen
bleibt.

Wer nun aber zur Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen, die ihn hinauf
und hinab zieht, gelangt ist, der versteht, »wie selbst erwähltes Übel die
Menschen plage, daß sie aus eigenem Entschluß elend und mühselig sind«;
denn sie lassen sich sowohl durch einen jähen Trieb in das körperliche
Leben herabziehen, als auch im körperlichen Leben in Leidenschaften
verstricken, die sie an die Erde binden, während sie sich doch zeitig von
ihr loslösen könnten; sie nehmen das Gute nicht wahr und wollen sich auch
nicht belehren lassen. Diejenigen aber, denen es ernst ist, Gutes zu lernen
oder zu entdecken, die sich von dem Übel frei zu machen wissen, diese
werden der Plagen des irdischen Lebens los und ledig und »wandern hinüber
in den reinen Äther«.

Die Thoren gleichen Walzen, die bergab rollen und überall auf Hindernisse
stoßen; sie geraten durch ihre erdwärts treibenden Handlungen in tausend
Übel und wissen sich weder zu raten noch zu helfen, weil sie stets
grundsatzlos handeln. Es giebt keinen Zufall des menschlichen Lebens, der
dem Thoren nicht Anlaß zum Bösen werde, weil das Laster sein
selbstgewähltes Teil ist, und er weder auf das göttliche Licht schauen,
noch auch von den wahren Gütern hören will. Unsere Erlösung wird aber
sicher erfolgen, wenn wir zur Selbsterkenntnis gelangen und einsehen
lernen, daß ein göttliches Wesen in uns wohne. Diese Befreiung von allen
Übeln ist jedoch denen möglich, welche sich mit der Betrachtung der wahren
Güter befassen und von der Philosophie, »der heiligen Mutter«, in der
Befolgung ihrer Pflichten unterweisen lassen.

Das vernünftige Geisteswesen ist -- nach neuplatonischer Anschauung --
ursprünglich mit einem (Astral-) Leib vereinigt geschaffen worden und zwar
derart, daß es weder der Leib selbst, noch ohne Leib ist, sondern an sich
zwar etwas Unkörperliches ist, daß er aber doch ein Körper mit seinem
ganzen Wesen und zu seiner Beschaffenheit gehört. Höhere Intelligenzen und
Menschen, beide sind Wesen, die aus einer vernünftigen Seele und einem
anerschaffenen Lichtleibe bestehen.

Zur Vervollkommnung der Seele dienen Wahrheit und Tugend, zur Reinigung
unseres Glanzleibes hingegen die Fortschaffung jeder Befleckung, welche wir
uns durch die Gemeinschaft mit der Materie zugezogen haben; ferner der
Gebrauch heiliger Reinigungsmittel und endlich die von Gott uns
eingepflanzte Stärke, die uns zum Rückflug von hinnen den Schwung giebt.
Darüber belehren uns die Verse 80-83, welche uns alle überflüssige
Verunreinigung durch die Materie untersagen und uns den Gebrauch der
mystischen Reinigung und der uns eingepflanzten Stärke zur Befreiung der
Seele empfehlen. Diese Reinigung erstreckt sich auf Speise und Trank, ja
auf die ganze Pflege unseres sterblichen Leibes, innerhalb dessen unser
Glanzleib wohnt, dem äußern seelenlosen Körper Leben einhaucht und ihn zur
Übereinstimmung mit ihm selbst heranbildet: »Der immaterielle Leib ist ein
lebendiges Wesen und die wirkende Ursache des Lebens, welches der
materielle Leib besitzt und wodurch unser sterbliches Tier seine
Vollständigkeit erreicht, das aus dem sinnlichen Leben und dem materiellen
Leib zusammengesetzt ist, ein Schattenbild des Menschen, der aus einem
vernünftigen Wesen und einem immateriellen Leibe besteht.«

Die mystische Reinigung bedient sich körperlicher Mittel, um den sein
eigenes Leben besitzenden »Glanzleib« zu heilen und anzutreiben, daß er
sich von der Materie scheide und seinen Rückflug in den Himmelsäther,
dorthin nehme, wo er früher glücklich war. Alle Ceremonien dieser
Reinigung, wenn mit Ernst ausgeübt wird, sind in den Gesetzen der Tugend
und Wahrheit gegründet. Dabei ist die Hauptsache, daß der Mensch sich
allmählich gewöhnt, irdische Dinge zu missen und sich mit immateriellen zu
beschäftigen, wenn er sich von den Befleckungen reinigt, die er sich durch
sein Leben im materiellen Körper so zahlreich zuzog. Durch diese Bemühungen
lebt er gewissermaßen wieder auf und kommt wieder zu sich.




Viertes Kapitel.

Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Von

L. Kuhlenbeck.


Den Kiesewetterschen Darstellungen der neuplatonischen Philosophie schließe
ich hier eine Studie über den einzigen und letzten Neuplatoniker an, der
als Repräsentant des völligen Verfalls der griechischen Philosophie dennoch
seiner _Persönlichkeit_ wegen meine Teilnahme in Anspruch nimmt. Diese
Teilnahme gilt freilich in erster Linie einer Frauengestalt, die das
tragische Ende des Hellenismus überhaupt, in einer die Poesie und Kunst
mehr als die Wissenschaft herausfordernden Weise gewissermaßen symbolisch
abschloß, der _Hypatia_. Nicht nur die platonische Philosophie, das ganze
geistig sinnliche Hellas hatte sich in dieser Frauengestalt von gleich
vollendeter Schönheit des Leibes und der Seele individualisiert, wie um
sich der Welt noch einmal vor dem Scheiden in sichtbarer Verkörperung zu
zeigen.

    »Bewundernd blick' ich auf zu dir und deinem Wort,
    Wie zu der Jungfrau Sternbild, das am Himmel prangt;
    Denn all dein Thun und Denken strebet himmelwärts,
    Hypatia, du edle, süßer Rede Born,
    Gelehrter Bildung unbefleckter Stern!«

So besingt sie der Epigrammatist Palladas, und dem Grade nach bleibt kaum
einer ihrer gelehrten Zeitgenossen hinter solchem Lobe zurück. Dieser
Abendstern hellenischer Geisteskultur aber, diese jungfräuliche
Philosophin, wurde auf Anstiften des christlichen Patriarchen Cyrillus zu
Alexandria von christlichen Mönchen im März des Jahres 415 in eine
christliche Kirche geschleift und daselbst zerfleischt und zerrissen, wie
eine Hindin von einer Meute ausgehungerter Steppenwölfe, -- und selbst von
ihrem geistigen Wesen, von ihren Schriften ist kein Jota vor dem Spürsinn
kirchlicher Gedankenpolizei auf die Nachwelt gerettet.

Wenn man indeß die Meisterin nach einem ihrer begeistertsten Schüler
beurteilen darf, so verdient schon um deswillen das Leben und das in seinen
der Nachwelt erhaltenen Schriften sich mitteilende Denken eines Mannes
unser wärmstes Interesse, der auch als Bischof derselben Kirche und in
demselben Patriarchat, dessen Oberhirt der Anstifter ihrer Ermordung war,
nicht müde wurde, sich zu rühmen, »ihres Geistes einen Hauch verspürt zu
haben«. Wir dürfen uns glücklich schätzen, wenn wenigstens durch einen
solchen Planeten einige reflektierte Strahlen ihrer sonst in ewige Nacht
versunkenen Geistessonne noch zu uns gelangen. Dieser Schüler ist Synesios.

                  *       *       *       *       *

Zwischen der großen Syrte und der an der Westgrenze Ägyptens beginnenden
lybischen Wüste erhebt sich das Plateau von Barka, landschaftlich der
schönste Teil des nördlichen Afrika. Im Altertum hieß es Cyrenaica oder
Pentapolis, Cyrenaica nach der Hauptstadt Cyrene, Pentapolis, weil
einschließlich Cyrene fünf große Städte, nämlich außer der genannten
Berenice, Ptolemais, Arsinoe, und Apollonia, sämtlich Kolonieen dorischer
Griechen, hier eine bundesstaatliche Gemeinschaft darstellten. Die höchste
Blüte geistigen Lebens und materiellen Wohlstandes scheint die Pentapolis
um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. erreicht zu haben, als die
ursprüngliche Königsherrschaft durch eine demokratische Republik beseitigt
ward; doch besingt noch Pindar ihre zahlreichen Sieger bei den olympischen
Spielen, und der Geograph Eratosthenes, der Dichter Kallimachus, die
Philosophen Aristipp, Karneades und Antipater verbürgten durch ihre Werke
eine nicht nur blutsverwandtschaftliche, sondern auch geistige
Ebenbürtigkeit ihres lybischen Vaterlandes mit dem übrigen Hellas. Seine
politische Unabhängigkeit wahrte der Fünf-Städtebund, wenn auch allmählich
seine ökonomische Bedeutung von der alles überwuchernden Handelsmacht
Karthagos überflügelt und selbst erdrückt wurde, bis zum Tode des großen
Alexander, in dessen Universal-Monarchie er aus panhellenistischer
Begeisterung freiwillig eintrat. Darnach aber geriet er unter die Gewalt
des Ptolemäus von Ägypten, und dieser brachte mit Ansiedlung einer Menge
Juden, denen er leider noch dazu volle bürgerliche Gleichberechtigung mit
den Hellenen verlieh, so zu sagen, den Schwamm ins Holz. Jeder Historiker
und _auch die Gegenwart_ weiß, was solche Gleichberechtigung der Juden
innerhalb eines nationalen Organismus bedeutet; auf dem künstlich
geschaffenen Nährboden vermehrten sich die Juden in kurzer Zeit unglaublich
und nutzten die bürgerliche Gleichberechtigung zur Aussaugung der
Volkskräfte noch weit gründlicher aus, als das römische Reich, dem
Cyrenaica etwa von 66 v. Chr. als Provinz einverleibt war, seine
Herrschaft. Dazu kam ihr gerade in jenen Zeiten besonders hochflutender
Religionsfanatismus, der in der Pentapolis unter der Regierung Trajans
ihren angeborenen Menschenhaß zu einem Messias-Putsch fortriß, welcher in
der Scheußlichkeit gipfelte, in einer einzigen Verschwörungsnacht mehr als
200000 Griechen meuchlerisch abzuschlachten. Freilich suchte der Kaiser
diese Greuelthaten gebührend zu strafen; die dadurch nur noch mehr
geschürten Rassenkämpfe beschleunigten aber wiederum die völlige Verarmung
und Entvölkerung des Landes.

Bei der Teilung des römischen Reichs durch Theodosius ward die Cyrenaica
der oströmischen Hälfte, also dem Arcadius, zugewiesen. Fünfzehn Jahre vor
diesem Ereignis, etwa um 370, war Synesios in Cyrene als Sohn eines Decurio
von hocharistokratisch-dorischer Herkunft, -- sein Stammbaum führte bis auf
Herakles zurück, -- geboren. Die Geburts- und Bildungs-Aristokratie der
Griechen und Römer widerstand am längsten dem schließlich gewaltsam
aufdringlichen Bekehrungseifer des Christentums, und so bekannte sich auch
die Familie des Synesios, den grausamen, aber gerade ihrer Grausamkeit
wegen zur Zeit noch undurchführbaren Intoleranzerlassen eines Constantin
und Theodosius trotzend, noch zum Glauben an die Götter ihrer Ahnen. Bei
der Nähe Alexandrias ist nichts begreiflicher, als daß Synesios wie auch
sein Bruder Euoptius, sobald sie das Jünglingsalter erreicht hatten, von
ihrem Vater nach dem dortigen Musensitz gesandt wurden, um von den schönen
Lippen einer Hypatia, zu deren Füßen sich die Elite der heidnischen Jugend
aus allen Provinzen des Weltreichs versammelte, die letzte und glänzendste
Vertheidigung ihrer zum Tode verurteilten hellenischen Weltanschauung zu
vernehmen. Vermutlich erst der Tod seines Vaters hat ihn in die Heimat
zurückberufen. Den kaum 30jährigen betrauten nun seine Mitbürger mit der
ebenso ehrenvollen wie schwierigen Aufgabe, als Wortführer einer
Landesabordnung dem Kaiser in Konstantinopel einen goldenen Huldigungskranz
zu überreichen und dabei, die Hauptsache, eine Erleichterung der nachgerade
dem verarmten Vaterlande unerschwinglich gewordenen Abgaben zu erbitten.

Drei Jahre hat Synesios in Konstantinopel geweilt, bevor es ihm gelang,
überhaupt erst eine Audienz beim Kaiser zu erwirken und endlich seine
Aufgabe zu erfüllen. In diesem Zeitraum hatte er allzu reichliche
Gelegenheit gehabt, aus unmittelbarer Nähe jene Mumie des Cäsarismus zu
studieren, zu vernehmen, wie der vermorschte Bau des nunmehr halbierten
Weltreichs bereits in allen Fugen seinem Ruin entgegen stöhnte, und ein
naiver Ideologe, glaubt sich der Schüler einer Hypatia berufen, den Versuch
zu wagen, nochmals einen Funken antiker Heldengesinnung und Staatsweisheit,
»und wär's auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, in des Despoten Seele kühn
zu werfen«, welcher, wie er wähnte, den Kaiser bestimmen möchte, den Staat
zu reorganisieren und das längst besiegelte Schicksal abzuwenden.

So hielt er dann bei der Überreichung des goldenen Kranzes seine
denkwürdige Rede »über die Herrscherpflichten«, mit Bezug auf welche er
sich mit Recht rühmt, daß auch in den Zeiten des freien Griechenlands vor
einem Königsthron kaum jemals eine freimütigere Rede gesprochen sei. »Die
Philosophie verlangt durch ihn Gehör und will nützen mit ihren ernsten,
alle Schmeichelei verschmähenden Worten, die sogar das Recht des Tadels für
sich in Anspruch nehmen.« -- Wie weit der Redner das Recht des Tadels zu
üben wagt, mag aus seiner Schilderung des byzantinischen Hoflebens
entnommen werden: »Die Könige ergeben sich einem schlaffen, unwürdigen
Genußleben, ihre gewöhnliche Umgebung besteht aus Spaßmachern, Zwergen und
Verschnittenen, die allein freien Zutritt haben, deren fades Geschwätz
ihren Geist wie in einem Nebel gefangen hält, ihn der ernsteren Rede
entfremdet und gegen die Verständigen im Volke mit Mißtrauen erfüllt. Dazu
kommt die übertriebene Pracht in der äußeren Kleidung der Könige. Sie gehen
einher in Purpur und Gold, mit kostbaren Steinen und Perlen über und über
besäet, so daß sie einem buntschimmernden Pfau gleichen, ja sie verschmähen
es sogar, ihren Fuß auf den bloßen Boden zu setzen, und lassen ihn mit
Goldsand bestreuen, den ganze Schiffsladungen aus fernen Landen
herbeiführen müssen. Sie führen in ihren Gemächern ein Leben wie die
Eidechsen, die mit Mühe einmal an die Sonne hervorkommen, um nur nicht von
den Menschen als Mensch erkannt zu werden. Und doch sind sie jetzt viel
schlechter daran, als damals, wo sie an der Spitze der Heere sich im
staubigen Felde bewegten, verbrannt von der Sonne, in schmuckloser
Kleidung.« Er fordert den Kaiser auf, sowohl sich selbst als auch das Volk
wiederum an die Waffen sich zu gewöhnen: »Ehe man duldet, daß die Scythen
hier in Waffen gehen, müßte man Männer vom lieben Ackerbau entbieten, um
für denselben zu kämpfen, und so viele ausheben, daß man auch den
Philosophen aus seiner Studirstube, den Handwerker aus seiner Werkstatt
aufstehen heißt, den Kaufmann aus seinem Laden; und die Drohnenschar des
Volkes, das in allzulanger Muße sein Leben im Theater hinbringt, wollen wir
überreden, auch einmal ernst zu werden, bevor sie vom Lachen zum Weinen
gelangen; denn weder die Rücksicht auf schlechte noch bessere Leute darf
uns ein Hindernis sein, daß die Kraft (%rhamê%) den Römern (%rhômaiois%)
wieder zu eigen werde.«

Bei all ihrer inhaltlichen und formellen Vortrefflichkeit kann diese
Marquis-Posa-Rede des Synesios uns nur komisch berühren; -- wenn schon ein
Plato einen Herrscher von Syrakus Jahre lang vergeblich unterrichtete, wie
mochte dieser neuplatonische Epigone sich vermessen, durch eine Predigt
einen Arcadius zu Größerem aufzufordern, als Julian vermocht hatte, ihn
bestimmen zu wollen, diesen Staats-Kadaver in eine platonische Republik
umzuschaffen! Es ist in der That schon bewundernswert, daß diese Rede dem
Kaiser so zu sagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausging, ohne den
verwegenen Sprecher zu gefährden, ja sogar ohne auch nur sein
diplomatisches Anliegen zu vereiteln. Der geforderte Steuererlaß wurde
nämlich bewilligt. Übrigens hat Synesios auch gar bald an seinem Beruf,
staatsphilosophische Ideale am byzantinischen Hofe zu verwirklichen,
verzweifelt. Als nicht nur der Einfluß des Konsul Aurelian, seines Gönners,
durch gegnerische Kabalen, bei denen sogar ein leiblicher Bruder eben
dieses Aurelian und die Kaiserin Eudoxia die Haupt-Intriguanten waren, und
durch die damit in geheimen Einverständnissen stehende Militär-Revolution
des Gothen Gainas erschüttert wurde, sondern als auch, gleichsam
mitempfindend mit den politischen Ereignissen, in Konstantinopel ein
Erdbeben den Boden unter den Füßen wanken machte, da schüttelte er den
Goldsandstaub von seinen Schuhen und verließ zu Schiff das Babylon am
goldenen Horne.

In sein Vaterland zurückgekehrt, veröffentlichte er zunächst eine Schrift,
welche nur als geistige Frucht seiner byzantinischen Erlebnisse zu
verstehen ist. Sie betitelt sich: »Die Ägypter, oder über die Vorsehung«
und vereint die Erörterung schwieriger philosophischer Probleme wie
Vorsehung und Weltregierung, Dasein und Ursprung des bösen mit einer
allegorischen Darstellung der Zeitbegebenheiten. Das Skelett bildet die in
euhemeristischer Auffassung dargestellte Mythe von Osiris und Typhon. Beide
Brüder sind Söhne eines ägyptischen Königs. Ihre Seelen aber entstammen
entgegengesetzten Quellen. Osiris entstammt dem Lichtreich und hat sich nur
incarnirt, um anderen im Erdenthal ringenden Seelen behilflich zu sein, den
Aufgang zum Reiche des Lichts zu finden. Aber Typhons Seele entstammt jenen
niederen Regionen des Seins, »wo Neid und Zorn und die Scharen der anderen
Keren auf dem Unheilgefild in Dunkel und Finsternis schweifen.« (Verse des
Empedocles.)

Der König erkannte bald die verschiedene Gemütsart seiner Söhne und ließ
deshalb noch vor seinem Tode, um etwaigen Ansprüchen des Typhon
vorzubeugen, den Osiris durch freie Volkswahl als seinen Nachfolger
betätigen. Bei dieser Wahl waren alle Götter zugegen und von den Göttern
selbst und seinem eigenen Vater empfing jetzt Osiris den Rat, seinen
verderbliche Anschläge brütenden Bruder unschädlich zu machen, da er sonst
eine unzeitige Bruderliebe werde schwer zu bedauern haben. Osiris jedoch
wies solchen Ratschlag mit Entrüstung von sich und meinte, die Vorsehung
der Götter werde ihm auch gegen etwaige böse Pläne seines Bruders in
Zukunft zur Seite stehen.

»Hierin irrst du«, entgegnete sein Vater, »denn der göttliche Teil der
Welt ist mit anderem beschäftigt, indem er größtenteils der ersten ihm
einwohnenden Kraft gemäß wirkt und im reinen Anschauen der intelligiblen
Schönheit lebt; -- nur zu bestimmten Zeiten senden sie einige der Ihrigen
herab, um den Anstoß zu einer guten Bewegung im Staatsleben zu geben.« --
-- -- »Und deshalb können gute Seelen nur spärlich hier sichtbar werden,
denn ihre Seligkeit besteht in etwas anderem. Das Genießen im Anblick der
ersten Welt ist seliger, als das Ordnen der Schlechteren; denn dies ist
Abwendung, jenes ist Hinwendung. Du bist ja wohl eingeweiht in das heilige
Geheimnis, wonach die Seele über zwei Augenpaare verfügt, von denen das
untere sich schließen muß, wenn das obere sieht, und wenn dieses sich
schließt, die Reihe des Sichöffnens an jenes kömmt.[869] Dies, glaube mir,
ist eigentlich ein Sinnbild der beschaulichen und praktischen Thätigkeit,
indem die mittleren Wesen abwechselnd beides verrichten, die vollkommenen
aber mehr dem besseren zugewandt bleiben und mit dem schlechteren nur in
Berührung kommen, soweit es nötig ist.« -- -- -- »Und du, eine göttliche
Seele unter Dämonen, die als erdgeborene natürlich feindlich gesinnt sind,
wenn einer fremde Gesetze in ihrem Gebiet beobachtet, du mußt bedenken, von
wannen du bist und daß du hier in der Welt einen Dienst erfüllst. Du mußt
selber kämpfen, nicht nur gegen andere, sondern der schwerste Kampf ist mit
dem unvernünftigen Teil der Seele; denn die Dämonen suchen vor allem die
Begierden und Regungen des Zorns mit den zugehörigen Lastern zu entflammen,
indem sie den Seelen durch die ihnen verwandten Teile sich nahen, welche
auf natürliche Weise ihre Anwesenheit empfinden, sich regen und von ihnen
Kräfte empfangen, durch die sie sich der Vernunft entziehen, bis sie die
ganze Seele beherrschen. Dies ist der größte Kampf.« -- -- -- »Und von oben
herab schauen die Götter diesem schönen Kampfe zu, in welchem du siegen
wirst. Möchte es auch in dem zweiten Kampfe der Fall sein. Doch ich
fürchte, du hast diese besiegt und wirst in jenem überwältigt werden. Denn
wenn die Dämonen an dem ersten Kampfe verzweifeln, dann rüsten sie sich mit
aller Macht zum zweiten Kampf, um das himmlische Reis auf Erden, das die
Götter fremden Zweigen aufgepfropft haben, umzuhauen und als nicht zu ihnen
gehörig von der Erde zu vertilgen. Denn sie schämen sich der ersten
Niederlage und wenn sie im Innern nicht zum Ziele kommen, versuchen sie nun
von außen heranzukommen mit Krieg und Aufruhr und was sonst den Körper
beschädigt.« -- -- -- »Du aber darfst den Göttern nicht weiter lästig
werden, da du dich mit deinen eigenen Mitteln erhalten kannst. Für sie
geziemt es sich nicht immer aus ihrer eigentlichen Sphäre herauszutreten,
und deine Gebote würden sündhaft sein, wolltest du sie dadurch nötigen, vor
der bestimmten Zeit wieder herabzukommen, um für das irdische zu sorgen. --
Deshalb dürfen die Menschen über ihre selbstgewählten Leiden nicht unwillig
werden, sie dürfen den Göttern keinen Vorwurf machen, daß sich ihre
Vorsehung nicht um sie kümmert. Denn die Vorsehung verlangt, daß sie auch
ihre eigenen Kräfte anwenden. Die Vorsehung gleicht nicht der Mutter eines
neugeborenen Kindes, die sich bemühen muß, das abzuwehren, was ihm zustoßen
und schädlich sein könnte, weil es noch unvollkommen und hilflos ist,
sondern sie gleicht einer Mutter, die ihr Kind aufgezogen und ausgerüstet
hat und es nun auffordert, seine Kräfte zu gebrauchen und das Übel von sich
abzuhalten.« Nach solchen Worten verschwand der Vater mit den Göttern.
Osiris begann nun seine Regierung, mußte aber schließlich einer offenen
Empörung Typhons weichen, kaum, daß er noch das nackte Leben in die
Verbannung rettete.

Es würde mich hier zu weit führen, wollte ich nun noch die Herrschaft
Typhons und den weiteren Verlauf dieses philosophischen Romanes auch nur in
gedrängtem Auszuge wiedergeben, zumal dies keinen Sinn haben könnte ohne
gleichzeitiges Eingehen auf die mannigfaltigen, für uns natürlich oft sehr
schwer zu deutenden zeitgeschichtlichen Anspielungen. Nur soviel mag hier
bemerkt werden, daß unter Osiris vermutlich auf den vorhin genannten
Aurelian, unter Typhon aber auf dessen leiblichen, ihm feindlich gesinnten
Bruder angespielt wird. Durch eine die Schrift abschließende Betrachtung
über die Wiederkehr derselben oder analoger Ereignisse im Kreislauf der
Zeiten wird die allegorische zeitgeschichtliche Tendenz der Erzählung noch
deutlich gekennzeichnet.

Nach seiner Rückkehr fand Synesios zunächst für das von ihm selber über
jede praktische Thätigkeit geschätzte rein beschauliche Leben wenig Zeit
und Ruhe; der Steuererlaß allein konnte einem Lande wenig nützen, das durch
die elende Militär-Verwaltung des verfallenden Reichs den Raubzügen der
afrikanischen Nomadenstämme völlig preisgegeben war. Vor allem beunruhigte
der kriegerische Stamm der Maceten das von regulären Streitkräften völlig
entblößte Land. Unser Philosoph widmete sich nun mit allem Heroismus seiner
angestammten Heraklidennatur der Verteidigung und selbständigen
Reorganisation seines Vaterlandes, er bildete aus Bauern und selbst Sklaven
eine Art Landsturm und bestand, ein wackerer Reiter, manches blutige
Treffen mit den streifenden Beduinenscharen. Aus diesen kriegerischen Tagen
datiert sein folgender Brief an Hypatia:

»Wenn der Verstorbenen man auch vergißt in des Hades Behausung, so werde
ich dagegen auch dort meiner lieben Hypatia gedenken, ich, der ich jetzt
von den Leiden meines Vaterlandes umringt seiner überdrüssig bin, weil ich
täglich feindliche Waffen sehe, Menschen hingeschlachtet wie Opfervieh, und
eine von der Verwesung der Leichen verpestete Luft einatme, und selbst
erwarten muß, daß es mir ebenso geht; denn wer kann noch froher Hoffnung
sein, wenn sogar die uns umgebende Luft so schaudervoll ist, verdunkelt vom
Schatten der leichenfressenden Vögel; -- und dennoch hänge ich mit Liebe an
meiner Heimat. Was soll ich auch machen, als geborener Lybier, wenn ich die
nicht unrühmlichen Gräber meiner Vorfahren vor Augen habe? doch
deinetwegen, glaube ich fest, könnte ich mein Vaterland verlassen, und
sobald ich dazu Zeit gewinne, auswandern.« -- Allmählich verzogen sich die
Kriegsstürme etwas vor der mannhaften Führung der neugebildeten Landwehr,
und Synesios kaufte sich sogar ein Landgut in unmittelbarer Nähe der
feindlichen Grenze. Er führte ein Weib heim und lebte Jahre lang einer
zwischen Jagd, Ackerbau und Philosophie geteilten, nur von vereinzelten
Fehden mit jenem Wüstenvolk gestörten Muße. Jetzt schrieb er auch sein
verloren gegangenes Werk über die _Jagd_. Den in dieser ländlichen
Zurückgezogenheit freilich zu entbehrenden persönlichen Verkehr mit
gebildeten Freunden ersetzte er durch einen ausgebreiteten regen
Briefwechsel. Die 154 uns erhaltenen Briefe des Synesios sind ein
wertvoller Schatz der hellenistischen Litteratur und ihr Verfasser muß für
einen der geistvollsten Briefsteller aller Zeiten gelten; jeder seiner
Briefe, so natürlich und naiv er der Feder entflossen zu sein scheint, ist
doch ein kleines Kunstwerk, dessen Lesen auch heute noch einen inhaltlich
und formell begründeten Reiz gewährt. Sieben dieser Briefe sind an Hypatia
gerichtet, die meisten übrigen an seinen Freund Herculian oder seinen
Bruder Euoptius, mit welchen beiden ihn das Bewußtsein verbindet, den Trank
der Weisheit aus der lautersten Quelle geschöpft zu haben. Aus einem an
Euoptius, der in Phykus, der Hafenstadt von Cyrene, wohnte, gerichteten
Briefe, in welchem er denselben einladet zur Erholung nach seinem Landgut
zu kommen, entnehme ich folgende idyllische Schilderung dieses Tuskulums:
»Was ist es auch besonderes, sich im Ufersand auszustrecken, der einzige
Zeitvertreib, den Ihr habt! Denn wohin wollt Ihr Euch sonst wenden? Wie
schön ist es hier dagegen, sich unter den Schatten eines Baumes zu begeben!
Und wenn es einem nicht mehr behagt, dann kann man Baum mit Baum, ja einen
ganzen Hain mit einem anderen vertauschen. Wie schön ist es hier, das
vorbeifließende Flüßchen zu durchschreiten! Wie lieblich, wenn der Zephyr
sanft die Zweige bewegt! Welche Mannigfaltigkeit im Gesange der Vögel, in
der Färbung der Blumen, in dem Strauch- und Buschwerk der Wiese, alles
duftet in Wohlgerüchen, es sind die Säfte eines gesunden Bodens. Und die
Grotte der Nymphen vermag ich nicht zu preisen, dazu bedarf es eines
Theokrit.« Weiter schildert er seinen Umgang mit dem naiv biederen
Landvolk, das sich von den großen Seeschiffen keine Vorstellung machen
kann, das einen Kaiser nur vom Steuerzahlen kennt, »von denen einige noch
glauben, es herrsche der Atride Agamemnon, der einst nach Troja zog«, und
das sich am abendlichen Herdfeuer mit Vorliebe vom schlauen Odysseus
erzählt, »als habe er den Cyklopen erst kürzlich geblendet und sich vom
Widder aus der Höhle schleppen lassen.« In dieser Muße fand er auch Zeit
und Stimmung, eine sophistische Abhandlung »_Das Lob der Kahlheit_« zu
schreiben, eine von attischem Witz sprühende Trostschrift für alle, denen
»eigener Mondschein vom Haupte zu leuchten beginnt«. Seine Sophistik
gipfelt darin, die Kahlköpfigkeit ein göttliches Prädikat zu nennen:
»Kahlköpfige können als gottähnlich bezeichnet werden, und wenn man von
einem Mondchen spricht bei beginnender Glatze, so könnte man einen
vollkommenen Kahlkopf ebenso gut eine Sonne nennen, denn er strahlt in
vollkommenem Kreise fortwährend dem Himmel entgegen, und dieser Glanz ist
entschieden etwas den Göttern verwandtes. Warum auch sonst trüge der
katholische Priester seine Rasur?«

Die wichtigsten seiner damals verfaßten Schriften sind der Dion und die
Abhandlung über die _Träume_. Beide Schriften hat er vor der
Veröffentlichung der Hypatia zur Prüfung vorgelegt. Das Begleitschreiben,
mit welchem er sie der geliebten Lehrerin einsandte, giebt eine persönliche
Begründung ihrer Abfassung, und da ich dieses zur Einleitung einer
besonderen Besprechung der Abhandlung über die Träume voraussenden werde,
darf hier auch bezüglich des Dion einstweilen die Bemerkung genügen, daß
diese Schrift einem Sohne gewidmet ist, dessen Geburt Synesios damals auf
Grund eines Traumes erst erwartete. Da wir wissen, daß ihm im Jahre 404 bei
Belagerung seines Landhauses durch die Maceten ein Sohn geboren wurde,
dürfen wir ihre Abfassung vielleicht in das Jahr 403 zurückverlegen. Sie
enthält in der Einkleidung eines Essay's über den Stoiker Dio Chrysostomus,
(lebte zur Zeit Trajans,) einem Lieblings-Autor des Synesios, welcher
seiner allgemeinen Bildung und schönen Darstellung wegen von vielen nicht
unter die Philosophen, sondern unter die Sophisten gerechnet wurde, eine
maßvolle Polemik gegen das Christentum vom ästhetisch-kulturfreundlichen
Standpunkt aus und eine Verteidigungsrede für die Musen gegen ihre
Verächter.

Doch bald riß den Philosophen wieder der Strom des praktischen Lebens in
seine Fluten und Wirbel. Zunächst verstärkten sich aufs neue die
kriegerischen Einfälle der Maceten, denen sich nun gar der weit
gefährlichere Stamm der Isaurier anschloß, und Synesios ward genötigt, die
Feder und den Bogen mit schwereren Waffen zu vertauschen, ja er mußte
seinen Landsitz an der Grenze dauernd preisgeben, ohne daß wir mit
Sicherheit wüßten, ob er jetzt seinen Wohnsitz nach der Stadt Cyrene oder
nach Ptolemais verlegt habe.

Aber eine vollständige Wendung seines Lebenslaufes trat alsbald mit einem
Ereignis ein, welches, wie wir aus seinen Briefen ersehen, sein Lebensglück
dauernd vernichtete. Auf das Jahr 409 hatte ihm sein Traum-Orakel den Tod
prophezeit. Dieses Orakel verwirklichte sich in anderer Weise, als er
gedacht.

Es geschah in diesem Jahre, daß man ihn, den kriegstüchtigen Herakliden,
den Liebhaber der Jagd, den freimütigen Philosophen, den begeisterten
Anhänger der Hypatia und Anwalt des klassischen Heidentums, trotz allen
Widerstrebens zum katholischen Bischof preßte, fast wie der ihm auch sonst
nicht ganz unähnliche Ritter Götz von Berlichingen von aufständischen
Bauern zu ihrem Anführer gepreßt sein soll.

Um die Möglichkeit dieser Wendung nur einigermaßen verständlich zu machen,
ist daran zu erinnern, daß in jenen Zeiten des staatlichen Verfalles, wenn
irgendwo, so besonders in einer solchen, vor dem Beginn der rings
anflutenden Völkerwanderung militärisch entblößten Provinz des römischen
Reiches, wie Cyrenaica, die Bischofswürde von größerer politischer als
kirchlicher Bedeutung war. Jene Präfekten, die der ohnmächtige kaiserliche
Absolutismus über die Provinzen stellte, waren in der Regel eben mächtig
genug, das ihnen verliehene Amt zu schamloser Selbstbereicherung und
Erpressung zu mißbrauchen, und standen nicht selten gar in
hochverräterischen Beziehungen zu feindlichen Barbarenhäuptlingen. Die
überwiegend bereits christliche Bevölkerung suchte und fand ihren einzigen
Schutz und Zusammenhang innerhalb der so gewaltig erstarkten kirchlichen
Gemeinschaft; die Kirche war ihr +forum+ und +comitium+; noch lag die Wahl
des Bischofs, wenn auch oberpriesterlicher Bestätigung bedürfend, bei den
Gemeinden.

Die Pentapolis aber bedurfte in jenen Zeiten dringend eines Mannes, der
einerseits einem gewaltthätigen Ungeheuer, dem Präfekten Andronicus, und
andererseits den räuberischen Grenznachbarn streitbar entgegenträte; auch
fand man ja noch im Mittelalter keinen Anstoß daran, daß ein Bischof nicht
nur den Krummstab und die Monstranz zu halten, sondern auch unter Umständen
Schwert und Schild zu führen verstehe. Der wackerste Mann, ein wahrer %anêr
kalos kagathos%, in der ganzen Provinz war Synesios, und Synesios war ein
Patriot. So hatten ihn dann seine Mitbürger, welche, »sehend, wie viel
Unrecht geschieht, indem sie Recht suchen, und wie viel Unheil durch
wütende Menschen angerichtet wird«, einen Hauptmann suchten, der das Volk
in Ordnung halte, aufgefaßt.

Dies und eine diplomatische Connivenz des Patriarchen zu Alexandria mag das
Rätsel lösen. Es ist sicher, daß Synesios an einem und demselben Tage die
Taufe und Ordination erhalten hat. Eine Conjectural-Biographie, wie sie der
Theologe Neander und Dr. Volkmann in ihren Schriften über die allmähliche
innerliche Bekehrung des Philosophen auf hundert Druckseiten entwickeln,
dürfte sich ganz einfach durch einen ausführlichen Brief des Neugetauften
an seinen Bruder Euoptius erledigen, aus welchem ich nur folgende allgemein
interessante Stelle hervorhebe. Nachdem er zuvor seine wesentlichsten
Abweichungen von der christlichen Dogmatik, den Glauben an die Ewigkeit der
Welt und die Unerschaffenheit, Präexistenz der Seele, betont hat, schreibt
er: »Die priesterliche Stellung also kann ich nur übernehmen, indem ich zu
Hause philosophiere, äußerlich aber mich den Mythen anbequeme, so daß ich
zwar nicht ausdrücklich lehre, aber auch nichts an der Lehre ändere und es
bei der vorhandenen Lehre bewenden lasse. Denn was haben Volk und
Philosophie mit einander zu schaffen?« -- »Wie das Auge nur zu seinem
Nachteile der vollen Einwirkung des Lichts ausgesetzt wird, und wie für
Leute mit kranken Augen die Dunkelheit nützlicher ist, so mag auch der
Irrtum für das Volk von Nutzen sein.(?) Verlangen sie aber, daß ich mich
selbst in diesem Sinne ändern soll, daß der Priester die Vorstellungen des
Volks teilen müsse, so erkläre ich, daß ich in Betreff der Dogmen keinen
falschen Schein auf mich laden mag. Die Wahrheit ist Gott verwandt, dem
gegenüber ich in allen Stücken ohne Schuld sein will. In diesem einen
Punkte will ich keine falsche Rolle spielen. Denn, da ich ein Freund des
Sports bin, von Kindheit an hat man mir meine leidenschaftliche Vorliebe
für Waffen und Pferde vorgeworfen, so wird es mich betrüben, -- ja, wie
wird mir zu Mute sein, wenn ich meine liebsten Hunde ohne Jagd sehe, meinen
Bogen von Würmern zerfressen, -- aber ich werde es ertragen, wenn Gott es
mir auferlegt, -- meine Überzeugungen aber werde ich nicht verleugnen und
zwischen meiner Zunge und meinem Denken soll kein Widerspruch sein.« Zum
Schluß heißt es dann: »Sorge dafür, daß mein Brief in die Kanzlei kommt und
jenem mitgeteilt wird!« Mit der Kanzlei kann nur die Kanzlei des
Patriarchen gemeint sein.

Der Patriarch also scheint diesen esoterischen Vorbehalt zugelassen zu
haben: Synesios wurde als Bischof und zwar als Metropolit, der erste von 15
Bischöfen in der Pentapolis bestätigt.

Unmöglich konnte jedoch dieser unvermittelte Übergang vom heidnischen
Philosophen zum christlich-katholischen Bischof ohne schwerere äußerliche
und innerliche Konflikte und tragischere Folgen bleiben, als den in jenem
Briefe so schmerzlich betonten Verzicht auf die Freuden der Jagd. Zwar den
rein politischen Erwartungen seiner Mitbürger suchte er in
uneigennützigster Pflichttreue genug zu thun. Jenem Präfekten Andronicus,
der, wie das Exkommunikationsdekret sagt, »zur härtesten Plage der
Pentapolis geworden war, härter als Erdbeben, Heuschrecken, Pest, Feuer und
Krieg, indem er sich begierig auf das stürzte, was sie übrig gelassen
hatten, und zuerst ganz unerhörte Arten von Marterwerkzeugen in das Land
eingeführt hatte, Werkzeuge zum Zerfleischen der Finger und Füße, ja des
ganzen Leibes, mit denen er alle Glieder seiner Schlachtopfer auf das
grausamste verrenkte und verstümmelte«, diesem Tyrannen konnte er jetzt mit
der ganzen Machtfülle seines hohen Kirchenamts entgegentreten. Er belegte
ihn mit dem Interdict. Als der Bösewicht hierdurch gebrochen und gedemütigt
nun seinerseits bei Synesios um Schutz gegen allzu harte Verfolger bat,
vergaß er jedoch nicht, in wahrhaft christlicher Feindesliebe, sein Unglück
zu erleichtern, und legte sogar eine Fürbitte beim Patriarchen ein. Ward es
ihm somit auch leicht, die christliche Moral in vorbildlicher Reinheit zu
üben, so fiel es ihm doch um so schwerer, sich in die christlichen Dogmen
und priesterlichen Formen zu schicken, vor allem sich in seinen amtlichen
Äußerungen die geforderte priesterliche Salbung zu geben und sich des
Kanzeltons zu bedienen.

»Wenn ich euch nichts von allem zu sagen habe, was ihr sonst zu hören
gewohnt seid, so müßt ihr es mir zu gute halten und vielmehr euch selbst
anklagen, daß ihr einem in der heiligen Schrift unbewanderten Manne vor
solchen, die derselben kundig sind, den Vorzug gegeben habt«, schreibt er
an seine Amtsgenossen. Auch trug er, als einst ein Priester durch
Errichtung einer Kapelle und Mißbrauch der Kirchenweihe einen strategisch
zur Landesverteidigung unentbehrlichen Punkt in seinen Besitz gebracht
hatte, kein Bedenken, gegen die abergläubische Scheu seiner Amtsbrüder,
welche glaubten diese Weihe trotz ihrer gemeinschädlichen und
rechtswidrigen Entstehung respektieren zu müssen, mit folgenden Worten zu
eifern: »Man muß den Aberglauben von der Frömmigkeit unterscheiden. Er ist
ein Laster, das mit der Maske einer Tugend auftritt, aber von der
Philosophie als die dritte Form der Gottlosigkeit längst erkannt ist.
Heilig ist, was gerecht und gut ist. Vor der bloßen Einweihung kann ich
keine ehrfurchtsvolle Scheu empfinden.«

Ernstere innere Konflikte mit seiner Überzeugung scheinen doch nicht
ausgeblieben zu sein; die Taufe hatte, wie denn auch Luther sagt: »Wasser
thut's freilich nicht«, den alten Heiden nicht ertränkt. Nur so wird der
Wunsch erklärlich, den er in einem seiner Briefe ausdrückt, daß er doch in
jenem Jahre lieber wirklich gestorben wäre, wie sein Traum es verheißen,
als Bischof geworden.

Ein begeisterter Verehrer Hypatias blieb er bis zuletzt. Dagegen scheint
allerdings das Interesse der letzteren für ihn seit seinem Übertritt zum
Christentum erkaltet zu sein, wie er sich dann als Bischof in seinen
Briefen überhaupt beklagt, daß seine alten Freunde ihn verlassen haben,
obgleich er derselbe geblieben sei. Dies und harte Familienschicksale -- er
verlor seine Gattin und sämtliche Kinder -- brachen ihn geistig und
körperlich. Recht deutlich spiegelt sein letzter Brief an Hypatia diesen
Zustand. »Vom Krankenlager aus datiere ich diesen Brief an dich und
wünsche, daß du ihn gesund empfangen mögest, du meine Mutter, meine
Schwester und Lehrerin, und durch dies alles meine Wohlthäterin, der
Inbegriff alles dessen, was es für mich ehrwürdiges giebt. Meine
körperliche Schwäche rührt von meinem Seelenleiden her. Die Erinnerung an
den Verlust meiner Kinder reibt mich allmählich auf. Nur so lange hätte
Synesios am Leben bleiben sollen, wie er frei war von den Leiden des
Lebens. Die sind nun auf einmal wie ein aufgehaltener Strom über mich
hereingebrochen, und die Annehmlichkeit meines Lebens ist umgeschlagen. O,
daß doch mein Leben oder die Erinnerung an das Grab meiner Kinder ein Ende
nähme! Bleib du nur gesund und empfiehl mich deinen glücklichen Freunden,
vom Vater Theon und dem Bruder Anastasios ab der Reihe nach, und wenn einer
dazu getreten ist, der dir lieb ist. Ich muß es ihm Dank wissen, daß er dir
lieb ist. Grüße auch ihn, wie meinen liebsten Freund. Wenn du dir noch
etwas aus meinen Angelegenheiten machst, so thust du wohl daran! Wo nicht,
-- so mache auch ich mir nichts daraus.«

Wir kennen nicht das genaue Datum seines Todes und wissen daher auch nicht,
ob das grauenvolle Ende seiner geliebten Hypatia noch zu seinen Ohren
gekommen. Wenn, -- so wird es nach dem so schmerzlich beklagten Verlust
seiner Söhne gewiß der härteste Schlag gewesen sein, der sein Herz
getroffen.

                  *       *       *       *       *

Welche Kontraste vereinigt doch diese Periode der Geschichte! Dieselbe
Zeit, welche diesen männlichen, kriegsgeübten Philosophen, der neben dem
Schwert von Eisen doch auch das Schwert des Geistes zu führen verstanden,
zum Bischof machte, ja dasselbe Patriarchat, das diese Bischofswahl trotz
des offenen esoterischen Vorbehaltes gegen wesentliche Glaubenssätze
betätigte, ließ dessen Lehrerin, Hypatia, ein Weib, in Stücke zerreißen!
Oder welch' ein Weib muß jene gewesen sein, die nicht nur einen solchen
Schüler gebildet hat, sondern auch solchen Hasses und solchen Martyriums
gewürdigt worden ist!

In seiner bischöflichen Lebensperiode hat Synesios, wenn wir von den
Briefen absehen, prosaische Schriften nicht mehr verfaßt. Wohl aber stammen
aus dieser Zeit seine Hymnen, die ihn zwar keineswegs als bedeutenden
Dichter, doch als einen gefühlsinnigen Mystiker kennzeichnen.

In den sog. »Geschichten der Philosophie« wird Synesios meistens nicht mit
gezählt. Auch bieten seine Schriften nach denjenigen eines Plotinos und
Jamblichos, deren Werke uns größtenteils erhalten sind, kein erhebliches
wissenschaftliches Interesse, da sie der philosophischen Originalität und
Tiefe entbehren. Litterarisch jedoch müssen sie als einige der besten
Erzeugnisse des spätesten Hellenismus gelten. Derjenige aber, der nicht
nur in den Systemen der Schulen, sondern auch in Thaten und Gesinnungen
Philosophie zu würdigen weiß, wird in seiner Geschichte der Philosophie
auch einem Synesios einen Platz vergönnen. In ihm lebte eine schöne Seele
im Sinne platonischer Philosophie, und sein vorwiegendster Charakterzug ist
ein durchaus liebenswürdiger Heroismus.

                  *       *       *       *       *

Insbesondere die Schrift über die Träume.

    »Denn es sind zwo Pforten der nichtigen Traumgebilde:
    Diese von Elfenbeine gebaut und jene von Horne.
    Die nun gehn aus der Pforte geschnittenen Elfenbeines,
    Solche täuschen den Geist durch wahrheitlose Verkündigung;
    Aber die aus des Hornes geglätteter Pforte herausgehn,
    Wirklichkeit deuten sie an, wenn der Sterblichen einer sie schaut.«

Unter den uns erhaltenen Schriften des Synesios verdient neben dem
philosophischen Roman »Dion« seine Abhandlung »über die Träume« am meisten
Beachtung.

Aus der letzteren ersehen wir, daß merkwürdigerweise Synesios, diese
entschieden auf praktische Unternehmungen angelegte Natur, der seinem
eigenen Geständnis nach den Harnisch dem Bischofsmantel, das Roß dem
Schreibstuhl und die Lanze der Feder vorzog, ein »Träumer« gewesen ist, der
das »Träumen« systematisch betrieb und darüber Buch führte. Und es ist nur
zu bedauern, daß das Traumtagebuch dieses interessanten Mannes sich nicht
als Supplement seiner Abhandlung über die Träume auf die Nachwelt gerettet
hat.

Synesios widmet seine Schrift über die Träume zugleich mit dem ungefähr
gleichzeitig vollendeten Essay über Dio seiner geliebten und verehrten
Lehrerin Hypatia. Vor der Veröffentlichung übersandte er sie derselben zur
Begutachtung mit einem ausführlichen Briefe, aus dem ich, er ist uns ganz
erhalten, -- folgendes hier der Wiedergabe für wert achten möchte: »Ich
habe in diesem Jahre zwei Bücher fertig bekommen, zu dem einen durch Gott,
zu dem andern durch die Schmähung der Menschen veranlaßt. Denn sowohl unter
den Leuten, die den weißen Mantel tragen, als unter denen, welche in der
schwarzen Kutte einhergehen, haben mich einige eines Vergehens gegen die
Philosophie beschuldigt, weil ich auf Schönheit im Ausdruck und auf
Rhythmus achte, auf die rhetorischen Figuren, und etwas über Homer sagen
will. Als ob ein Freund der Weisheit ein Feind der Rede sein müßte, und
sich nur mit den göttlichen Dingen befassen dürfte. Sie selbst befassen
sich freilich nur mit der beschaulichen Betrachtung des Intelligiblen. --
Sie erklären, ich sei nur zu litterarischen Spielereien befähigt, und sind
zu diesem ungünstigen Urteil veranlaßt worden, seitdem meine Schrift über
die Jagd, ich weiß nicht wie, in die Öffentlichkeit gelangt ist und bei
einigen jungen Leuten, die auf korrekte, geschmackvolle Darstellung etwas
geben, großen Beifall gefunden hat, ebenso wie einige sorgfältig
gearbeitete Gedichte. -- Unter diesen Gegnern sind die einen, deren
Frechheit in ihrer Unwissenheit ihren Grund hat, sofort bei der Hand, über
Gott zu reden. Kommt man mit ihnen zusammen, so bekommt man von ihnen
allerlei verkehrte Syllogismen zu hören, und auch, wenn man kein Verlangen
darnach hat, so überschütten sie einen doch mit ihren Reden, wobei sie, wie
ich glaube, ihre ganz besonderen Interessen verfolgen; aus ihrer Zahl
werden nämlich in den Städten die Schulmeister und Priester genommen. Du
kennst wohl diesen oberflächlichen Menschenschlag, der ein wirkliches
wissenschaftliches Streben scheel ansieht. Sie möchten mich gern zu ihrem
Schüler haben und versichern, sie würden mich dann in kurzer Zeit zu einem
ausgezeichneten Theologen machen, der Tag und Nacht in einem fort zu reden
vermöchte.

Die anderen haben zwar mehr Einsicht, sind aber noch viel erbärmlichere
Sophisten, als diese. Du weißt, daß manche Leute, die sich in den Schulen
völlig ausgegeben haben, oder durch irgend sonst einen Einfall dazu
veranlaßt wurden, im Mittag ihres Lebens als Philosophen aufzutreten, --
sich einen gewaltigen Anstrich zu geben wissen. Wie ist doch ihre
Augenbraue hoch emporgezogen. Die Hand stützt das bärtige Kinn, und der
ehrwürdige Ausdruck ihres Gesichts übertrifft die Bildnisse des Xenocrates.
-- Diese Leute betrachten es als einen gegen sie gerichteten Angriff, wenn
einer, der für einen Philosophen gilt, auch zu reden versteht. Denn nur so
lange können sie ihre angenommene Rolle behaupten, solange man glaubt, daß
sie innerlich voller Weisheit stecken.

Beide Klassen von Leuten haben mir also vorgeworfen, daß ich mich mit
wertlosen Dingen beschäftige, die einen, weil ich nicht dasselbe schwatze,
wie sie, die andern, weil ich meinen Mund nicht verschlossen halte und mir
keinen Ochsen auf die Zunge gelegt habe, wie es im Sprichwort heißt. Gegen
sie habe ich den Dion verfaßt und bin dem Reden der einen und dem Schweigen
der andern entgegengetreten. Die andere Schrift (über die Träume) habe ich
auf Gottes Veranlassung geschrieben und Gott hat sie gut geheißen. Sie ist
ein Denkmal meiner Dankbarkeit gegen das Vermögen der Phantasie? Ich habe
in ihr Untersuchungen über den ganzen vorstellenden Teil der Seele
angestellt und einige andere Punkte behandelt, mit denen sich bis jetzt die
Philosophie der Hellenen noch nicht befaßt hat. Doch wozu bedarf es
weiterer Worte über dieselbe? Die ganze Schrift ist in einer Nacht
ausgearbeitet oder vielmehr in dem übrigen Teile einer Nacht, die mir ein
Traumbild gebracht hatte, daß ich sie eben schreiben sollte. An einigen
Stellen, etwa zwei oder dreimal, bin ich gleichsam ein anderer gewesen,
zugleich mit dem Anwesenden mein eigener Zuhörer. Und jetzt, so oft ich an
die Schrift herantrete, wird mir ganz wunderbar zu Mute, und es umtönt
mich, wie der Dichter sagt, eine Art göttlicher Stimme. Ob dies nun eine
Empfindung ist, die ich allein dabei habe, oder ob sie auch bei einem
anderen Leser sich einstellt, das sollst du mir gleichfalls mitteilen; denn
du sollst sie zuerst unter den Hellenen nach mir lesen. Ich schicke dir
also diese beiden bis jetzt unveröffentlichten Schriften.«

                  *       *       *       *       *

Da beide Schriften veröffentlicht wurden, dürfen wir vielleicht annehmen,
daß Hypatia sie als in ihrem Geiste geschrieben genehmigt und gut geheißen
hat. Die Abhandlung über die Träume geht aus von einer Betrachtung des
Wesens und der Arten magischer Divination überhaupt (1). Die
verschiedensten Mittel lassen sich benutzen, um die Zukunft zu erschließen.
Der Astrologe glaubt sie aus den Sternen, der Opferpriester aus den
Eingeweiden der Tiere, der Augur aus dem Fluge der Vögel, der Chiromantiker
aus den Linien der Handfläche, und mancher andere aus allerlei zufälligen
Vorfällen (+omina+) entziffern zu können (2). Die Divination oder
wenigstens der Wunsch, eine solche Kunst zu üben, ist ein unvertilgbares
Merkmal der Menschennatur, gerade dadurch unterscheiden sich die Menschen
von den in dumpfem Genuß des Augenblicks aufgehenden Tieren, indem sie sich
so der reinen, Zeit und Ewigkeit überschauenden Intelligenz der Götter zu
nähern suchen (3). An und für sich muß die Möglichkeit der Divination und
jeder einzelnen ihrer gedachten Arten aus dem Monismus des Weltalls
erhellen. Die Welt ist ein Organismus, in dem alles mit allem, räumlich und
zeitlich in ursächlichem und sympathischen Zusammenhang steht. Nun
empfindet ja auch innerhalb des menschlichen Sonder-Organismus, wenn irgend
eines seiner Glieder erkrankt, z. B. ein Finger, oftmals ein von diesem
sehr entfernter Körperteil, z. B. die Hüfte einen sympathischen Schmerz
(4). Das berühmte Wort des Archimedes: »Gieb mir einen Punkt außerhalb der
Welt, wenn ich auf sie wirken soll«, gilt nicht für die Magie und
Divination. Die Seele muß passiv mitleiden, muß innerhalb des Ganzen
stehen, um magische Einflüsse zu wirken oder zu empfinden. Dagegen von den
reinen Göttern, den erhabensten Intelligenzen, die sich überhalb dieser
Erscheinungswelt befinden, gilt eher das homerische Wort vom Zeus:

    »Fern weilt er, ihn kümmert durchaus nichts,
    Und er achtet nicht d'rauf --«

Ein kaiserliches Gesetz verbietet freilich, die auf äußerlichen Mitteln
beruhende Magie und Divination auch nur zu besprechen. Doch ist die
vollkommenste Art der Divination eine innerliche, subjektive, nämlich die
Divination des Traumes (6). Die Fähigkeit dieser Prophetie schlummert in
jedermanns Seele. Während nämlich der vernünftige Geist (%nous%) die Formen
des Seins enthält, schließt die Seele (%psychê%) die Formen des Werdens
ein. Der Geist ist ein ewig seiendes, die Seele ein ewig werdendes Wesen.
Die Seele nun enthält zwar sämtliche Formen des Werdens, die meisten jedoch
in zeitlich latenter Weise; nur die jedesmal zuträglichen läßt sie dem
Bewußtsein erscheinen. Der Spiegel aber, in dem sich die Bilder, welche
ihren Sitz in der Seele haben, zeigen, heißt Phantasie. Ebenso wie wir von
der organisierenden Thätigkeit der unbewußten Vernunft in uns nur soweit
ein Bewußtsein haben, als letztere uns freiwillig davon mitzuteilen für gut
befindet, erhalten wir auch von den Vorstellungen, Bildern, die in der
»ersten« Seele vorhanden sind, Kenntnis nur, soviel und soweit die
Phantasie, welche ihre Bilder von dort empfängt, solche uns widerspiegelt.
Die Phantasie ist eine das Gebiet der Natur berührende, niedere,
vermittelnde Form des Seelenwesens. Die Phantasie ist eigentlich die
Sinnlichkeit selber. Wir können Farben sehen, Töne hören, überhaupt alle
sinnlichen Empfindungen haben, auch wenn die dafür geschaffenen
körperlichen Organe unthätig sind. Das wenigstens beweist der Traum. Die
Phantasie also ist sowohl das Organ, das für den wachenden Organismus
dessen Verkehr mit der Außenwelt vermittelt, als auch das eigentliche
Traumorgan, und sofern letzteres der Körperorgane nicht bedarf, können wir
durch sie in direkten Verkehr mit der körperlosen Geisterwelt treten. So
ist denn auch schon manch' einer unwissend eingeschlafen und hat, im Traume
von den Musen belehrt, wissenschaftliche Probleme gelöst oder poetische
Leistungen zu Tage gebracht, deren er vorhin nicht fähig erschien, weshalb
auch schon ein sibyllinischer Spruch behauptet:

    »Lehrbares Wissen zu finden im Lichte des Tagesbewußtseins
    Ward dem einen verliehen, doch mancher findet auch schlafend
    Mühelos köstliche Früchte, beschenkt von der Gnade des Traumgotts.«

Wie alle einzelnen Sinne, so muß auch die seelische Grundlage der
Sinnlichkeit überhaupt, die Phantasie in verschiedenen Graden der
Gesundheit und Stärke vorhanden sein. Sie kann zu gröberer Stofflichkeit
und Dunkelheit herabsinken, sie kann aber auch gereinigt und geläutert
werden. Im ersteren Fall wird sie nur trübe und ungewisse, im letzteren
klare und bestimmte Abbilder zeigen. Die Phantasie ist eigentlich der
Seelenleib, der Wagen, welcher die Seele aufwärts oder abwärts fährt, oder
auch das Fittichpaar, welches die Seele trägt. Die tugendhafte Seele wird
leicht und schwebt mit den Schwingen ihrer geläuterten Phantasie aufwärts,
indes die sündhafte, deren Phantasie von unreinen stofflichen Bildern
beschwert ist, tiefer sinkt (9). Schlimmer ist es für sie, wenn sie dieses
Sinken gar nicht einmal mehr empfindet. Glücklich sind noch diejenigen
Seelen zu schätzen, denen der dumpfe Schmerz der Reue und Gewissensqual
einen Stachel zur Umkehr nach oben, eine Erinnerung an die verlassene
Heimat und Heimweh schafft. Denn nicht im Sterben, beim Austritt aus
diesem Erdenleben, trinkt nach des Synesios Ansicht die Seele aus dem
Lethestrom die Vergessenheit ihres Vorlebens, sondern umgekehrt bei der
Geburt, bei dem Eintritt in dieses niedere Dasein, trinkt sie das Vergessen
ihrer göttlichen Herkunft und ihrer Bestimmung aus dem Becher der
Sinnlichkeit. Freigeboren verkauft sie sich auf bestimmte Zeit in die
Sklaverei, wehe ihr, wenn sie nun, vielleicht gefesselt von der Schönheit
eines Mitsklaven, ihrer angeborenen Freiheit ganz vergißt, und um bei jener
zu bleiben, auch nach Ablauf der gesetzten Frist es vorzieht, als Sklavin
bei dem gemeinschaftlichen Herrn zu bleiben. Dagegen haben die Arbeiten des
Herakles und ähnliche Heroensagen keine andere esoterische Bedeutung, als
das Bemühen der edleren, ihres Ursprungs instinktiv eingedenken Seele, die
Knechtschaft durch ehrliche Arbeit abzuverdienen.

Die Seele dagegen, welche zum reineren Ursprung zurückkehrt, führt auch die
Phantasie, die sich Synesios zugleich als Astralleib oder Ätherleib zu
denken scheint, mit aufwärts. Daß die seelische Leiblichkeit, die
Phantasie-Gestalt der Seele selber bestimmt sei, des göttlichen Daseins
teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck auch in den Versen der
Sibylle:

    »Laß nicht den Mächten der Tiefe zur Beute die Blume des Stoffes,
    Hoch in den Strahlen des Lichts soll die ätherische blühn!«

Die Blume des Stoffes ist eben nichts anderes, als die Gestalt der Seele,
ihr Phantasie- oder Ätherleib, welcher unsterblich ist, wie die Seele
selbst (11).

Mit den Schwingen der Phantasie vermag die Seele den ganzen unendlichen
Raum zu durchschweben, indem sie mit den Örtern die Zustände und
Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten wechselt und umgekehrt. Wenn sie
aber ihren ursprünglichen Adel und ihre völlige Unschuld wieder
zurückerlangt, wird sie das Gefäß der reinen Wahrheit, die auch die
vollendete Schönheit ist, rein, licht und unvergänglich. Göttlich, wie sie
alsdann wieder ist, braucht sie nur zu wollen, um die Zukunft zu erkennen.
Sinkt sie dagegen in die tieferen Regionen, so wird sie umhüllt mit
Finsternis, Unwissenheit, Irrtum und Lüge, und wird immer unfähiger, die
Dinge zu unterscheiden (12).

Das beste Mittel nun, die Phantasie zu läutern und ihre Schwingen zu
kräftigen, ist ein spekulatives Leben. Wahre Philosophie verfeinert die
Seele und nähert sie Gott nach dem Gesetze fortschreitender Entwicklung und
zunehmender Anziehungskraft und Wahlverwandtschaft; eine solche Seele tritt
in immer unmittelbareren Verkehr mit Gott. Wessen Einbildungskraft rein und
gut geregelt ist, der erhält sowohl wachend wie träumend nur getreue
Abbilder der Dinge, und wessen Phantasie nur getreue Abbilder der Dinge
zumal im Traume erhält, der kann zugleich ruhig sein über den Zustand und
das Los seiner Seele, er ist der Gottheit näher (13).

Im Vorstehenden ist die philosophische Bedeutung der Träume gegeben. Die
Träume sind aber auch für das praktische Leben vom größten Wert. Denn wer
wahre Träume haben will, muß ein nüchternes und keusches Leben führen, wer
sein Bett zu einem delphischen Dreifuß machen will, muß sich hüten, es zum
Zeugen nächtlicher Ausschweifungen zu machen, er bereite seinen Schlaf
durch Gebete vor (14).

Auch macht der Verkehr der Seele mit Gott im Traum die Seele mit nichten
ungeschickter für das irdische praktische Leben, umgekehrt wird die Seele
von der Höhe aus weit besser alles überschauen, was darunten ist, als wenn
sie selber stets nur am Boden klebt. Darum wünscht Synesios die Kunst der
Traumdivination vor allem seinen Kindern zu hinterlassen, sie werden dann
niemals nötig haben, die weite und beschwerliche Reise nach Delphi zu
machen, sie brauchen nur den Schlaf so aufzusuchen, wie die keusche
Penelope, von der Homer (+Odyssee XVII, 48+) sagt:

    »Und nachdem sie die Waschung vollbracht und ein reines Gewand auch
    Angezogen zur Nacht, rief zuvor im Gebet sie Athena.«

Während Hierophanten und Magier sich unter dem Vorwande äußerlicher Mittel,
deren sie dazu bedürfen, für ihre Weissagungen oft schwere Summen bezahlen
lassen, bedarf man zur Traum-Divination keines ägyptischen Vogels, keines
Knochens aus Iberien, keiner Pflanze aus Kreta noch auch irgend einer
Rarität vom tiefsten Meeresgrunde, man bedarf überhaupt keines Talismans,
man legt sich schlafen, -- das ist alles; im übrigen ist man sein eigenes
Werkzeug. Auch kennt die Gottheit, die sich im Traum der reinen Seele
offenbart, keine Unterschiede des Standes und Reichtums. Und, was das beste
ist, kein Tyrann hat je daran gedacht, das Träumen innerhalb seines Staates
zu verbieten und mit Strafe zu belegen (15).

Der Unglückliche wird durch Träume getröstet und erquickt, und faßt neue
Hoffnungen, selbst der Gefesselte im Kerker, im Traume fühlt er sich seiner
Bande entledigt und genießt eine unbeschränkte Freiheit (16). Die Träume
sind entweder unmittelbare Wahrträume, -- solche haben schon manchem Denker
ein Problem gelöst, das er wachend zu denken sich vergeblich bemüht hatte.
Auch Synesios selbst hat solchen Träumen vieles zu verdanken gehabt;
besonders während seines dreijährigen Aufenthalts in Konstantinopel haben
sie ihm viel genützt, indem sie ihm die Ränke und Intriguen der Gegner
seiner diplomatischen Mission enthüllten; aber selbst in seiner
Lieblingsbeschäftigung, der Jagd, haben sie sich ihm häufig dienstbar
erwiesen, indem sie ihm die Fährten und Schlupfwinkel des Wildes
entdeckten, ihm auch besondere Mittel und Wege zeigten, dasselbe zu finden
und zu stellen.

Die meisten Träume sind jedoch symbolischer Natur und erfordern eine
besondere Kunst, die Kunst der Traumdeutung. Diese Kunst ist nur durch
eigene Erfahrung und Beobachtung zu finden (19). Wie wir einen
bevorstehenden Wechsel der Witterung aus gewissen Anzeichen folgern können,
so können wir aus bestimmten Symbolen des Traumlebens bevorstehende
Ereignisse entnehmen. Wir brauchen einen Feldherrn oder König nicht selber
zu sehen, um seine Ankunft zu erfahren; Vorreiter eilen ihm voraus und
kündigen sie an; ebenso werfen bedeutende Ereignisse ihre Schatten voraus.
Auch der Schiffer entnimmt ja aus bestimmten Anzeichen, künstlichen oder
natürlichen Merkzeichen des Fahrwassers die Nähe eines Hafens oder einer
gefährlichen Stelle (20, 21).

Diese Traumsymbolik ist aber durchaus _individueller_ Natur, auf allgemeine
Traumregeln ist kein Verlaß. »Es giebt Menschen, die sich kleine
Bibliotheken über Traumdeutung anschaffen. Ich für mein Teil lache über
alle diese Abhandlungen und halte sie für völlig wertlos. Die Phantasie der
Menschen ist nicht einmal so gleichartig wie der Bau und die Physiognomie
ihrer Leiber, welche immerhin noch den Gegenstand einer allgemein
wissenschaftlichen Beobachtung bilden kann. Wenn eine Phemonoe oder ein
Melampus oder sonst ein Wahrsager allgemeine Regeln der Traumdeutung
aufzustellen wagt, möchte ich fragen, ob denn etwa auf konvexe oder konkave
Linsen, oder Spiegel aus verschiedenem Stoffe die Gegenstände auf gleiche
Weise widerspiegeln. Da jeder von uns seine ganz besondere Sinnesart hat,
ist es unmöglich, daß dieselbe Traumvision für alle dieselbe Bedeutung
habe.« (22, 23).

Um sich nun eine individuell gültige Traumsymbolik zu verschaffen, soll man
ein Tagebuch führen, in das man alle Erlebnisse verzeichnet, die nach
irgend einem Traumbilde sich ereignen. Ein solches Tagebuch wird nicht nur
ein unmittelbares und psychologisches Interesse erhalten, es wird auch
sonst von praktischem Nutzen sein, uns in der Selbsterkenntnis fördern und
selbst zur stilistischen Bildung und zur Unterstützung unseres
Gedächtnisses dienlich sein können (24). Synesios berichtet nun, daß er ein
solches Traumtagebuch seit langen Jahren mit größter Genauigkeit und nicht
ohne häufigen praktischen Nutzen geführt habe.

                  *       *       *       *       *

Dies der wesentliche Inhalt der Abhandlung des Synesios über die Träume.
Wenn ich dieselben hier für mitteilungswert halte, so liegt der Grund nicht
nur in dem rein geschichtlichen Interesse, daß wir in ihr die einzige auf
uns gekommene Schrift der neuplatonischen Philosophie besitzen, welche sich
+ex professo+ mit diesem Gegenstande, wenigstens mit seiner psychologischen
Deduktion befaßt. Denn das gelehrte Werk des Artemidorus, +Oneirocriticon+,
enthält zwar eine umfassende Sammlung der antiken Ansichten über die
Traumsymbolik, vertieft sich aber nicht in die psychologische Ursache der
Traumbildung und vertritt keine besondere philosophische Lehrmeinung. Es
ist nicht ohne Interesse zu bemerken, daß Synesios in seiner Auffassung der
Phantasie als des Traumorgans und als eines zugleich gestaltenden
Grundvermögens der Seele dieselbe Ansicht vertritt, welche erst kürzlich
der jüngere Fichte in seiner heutzutage viel zu wenig gewürdigten
Anthropologie und Psychologie mit großem Aufwande deutscher
Gelehrtengründlichkeit und empirischer Beobachtung zu begründen versucht
hat. Auch Fichte (vergl. dessen Psychologie, Kap. III ff., ferner dessen
Seelenfrage, +pag.+ 108ff.) kennzeichnet die Phantasie als die eigentliche
zugleich vorstellende und gestaltende Triebkraft der Seele, _sie_ ist ihm,
ebenso wie dem Synesios, der eigentliche Urleib oder »Ätherleib« des
Menschen. Als solche bethätigt sie sich (1) in der vorbewußten
Leibesgestaltung und Mimik.

Daß sie zugleich in hohem Grade der Sympathie unterliegt, erklärt sich
durch die Ansteckung der Phantasiethätigkeit, durch den seelischen Rapport
zwischen Mutter und Kind, auch der unleugbare Einfluß, den das
Phantasieleben der Mutter auf die Leibesgestaltung des Kindes ausübt
(Versehen, Ähnlichkeit und Vererbung). Andererseits aber rechtfertigt sich
durch ihren individuellen Charakter auch wiederum die aller Vererbung zum
Trotz so oft auffallende besondere Individualität der Gestaltung.

2) Sodann bethätigt sie sich als unwillkürliche, aber doch die
Bewußtseinsschwelle häufig überschreitende traumbildende Triebkraft.

Ihre Darstellungsform ist, abgesehen von den hellsehenden Wahrträumen, die
der Symbolik; die Leibesform ist nichts als ein Symbol der Seele.

3) Ihre höchste Leistungsfähigkeit erreicht sie in der bewußten
ästhetischen Bildungskraft des Dichters und Künstlers.

Man vergleiche ferner »die Symbolik des Traumes« von Fr. G. H. v. Schubert.
Leipzig (Brockhaus), 1840.




Fünftes Kapitel.

Die Gnostiker und Manichäer.


Die Persönlichkeit des Synesios bildete in gewissem Sinne ein Bindeglied
zwischen heidnischer Philosophie und dem Christentum. Es wäre aber irrig,
anzunehmen, daß Synesios eine Ausnahme mit seiner eigentümlichen Mischung
antik-heidnischer Philosophie und christlicher Theologie gebildet habe. Im
Gegenteil ist diese Spezies von Heiden-Christen so alt wie die Geschichte
der christlichen Kirche, welche in den ersten Jahrhunderten geradezu eine
ihrer bedenklichsten Gefahren in dieser Verwirrung gesehen hat. Allgemein
pflegt man die philosophisch-heidnische Verunstaltung christlicher Gedanken
als _Gnosticismus_ zu bezeichnen. Man bezeichnete Christen, welche
%gnôsis% = Erkenntnis, nicht bloß %pistis% = Glauben wollten, als
Gnostiker. Wahrscheinlich wird schon im neuen Testament davor gewarnt; das
Evangelium Johannis wird nur unter diesem Gesichtspunkt ganz verständlich.
In den Pastoralbriefen finden sich zahlreiche Stellen, die darauf
hinweisen. Die Hauptquellen des Gnosticismus sind: +Irenaeus+, Widerlegung
des fälschlich sich so nennenden Gnosticismus; ferner die sog.
+philosophumena Originis+. Letztere Schrift ist wahrscheinlich verfaßt von
einem Schüler des Irenäus, namens Hyppolitus.

Die occultistisch-philosophischen Gedanken des Gnosticismus sind folgende:
Er nimmt den Begriff vom Menschen, wie ihn das Christentum voraussetzt, an;
der Mensch als moralisch-religiöses Wesen stammt von Gott und ist Gottes
Ebenbild. Gott ist Güte und Geist. Wenn aber Gott Güte und Geist ist, woher
kommt die Materie und das Böse? Haben sie irgendwelchen Zusammenhang mit
Gott? Nein; sie können nicht von Gott sein. Denn die Wirkung muß der
Ursache ähnlich sein. Das Böse und die Materie sind aber Gott
entgegengesetzt, das Böse dem Guten, die Materie dem Geist. Woher sind sie
denn? Nach der _einen_ Richtung ist die Materie von Ewigkeit her, und die
Materie ist zugleich der Grund der Unvollkommenheit.

Andere Gnostiker geben eine andere Antwort; sie knüpfen an die
Emanationsvorstellung an: nach ihr gehen von Gott Geister hervor und aus
den Geistern wieder andere u. s. w. Jede folgende Emanation ist aber
geringer, als die vorhergehende, wie ja auch das Licht, je mehr es sich vom
Mittelpunkte entfernt, desto schwächer wird. Die Grenze der Emanation ist
die Materie. Durch diese Lehre vermied man die Schöpfung aus Nichts. Diese
ist der denkenden Menschheit von jeher ein harter Gedanke gewesen, da er
keine Analogie hat. -- Eine andere Frage war: Wie kommt der Geist in die
Materie? Denn diese ist ja nicht von Gott oder doch unendlich entfernt von
Gott. -- Antwort: Er kommt auf die Erde durch eine sittliche That, er kommt
darauf durch einen Abfall, er ist ein Fremdling auf der Erde. Zur Erlösung
der gefallenen Geister erscheint dann _Christus_, er, ein reiner Geist,
kommt aus Erbarmen hernieder, er bringt die wahre Gotteserkenntnis; diese
macht selig, und diese allein.

Die Moral der Gnostiker war meist sehr streng, strenger, als die Kirche
verlangte. Sie war Askese, unbedingte Entfernung von der Materie und allen
sinnlichen Genüssen. Denn die Verstrickung in der Materie war es ja, die
den edlen Geist des Menschen hemmt und fern hält von Gott. Nach den
Gnostikern ist der Gott der Juden nicht der höchste. Er hat ja die Welt
erschaffen, diese Materie. Ferner ist der Gott der Juden ja der Gott des
Zornes. Der wahre Gott ist der Gott der Liebe. -- Damit verbunden war der
Doketismus, die Lehre, daß Christus nur einen Scheinleib gehabt und nur zum
Scheine gelitten habe und gekreuzigt sei. Denn als reiner Geist dürfte er
sich mit der Materie nicht beflecken.

Die Darstellung der Gnostiker war mythologischer Art, wüst und für uns
ungenießbar, ähnlich der des Juden Philo. Aber für die damalige
Geschmacklosigkeit der philosophastrischen Schriftstellerei fiel das nicht
auf; auch der Neuplatonismus kleidet sich ja mit Vorliebe in ein
mythologisches Gewand.

Die Namen der Gnostiker aufzuzählen, lohnt sich nicht der Mühe. Einer der
berühmtesten war Valentin, der um 140 n. Chr. in Rom lehrte.

Nächst diesem war der bedeutendste _Mani_, der Stifter der
_Manichäersekte_. Mani stammte aus Persien, er lebte und lehrte gegen Ende
des 3. Jahrhunderts. Sein Dualismus beruht auf demselben Gedanken, wie der
Zarathustras, dessen Lehre er mit dem Christentum zu verschmelzen suchte.

Der Kirchenvater Augustin ist zehn Jahre lang Manichäer gewesen.




Neuntes Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.

Erste Abteilung.

Die Kelten.

Erstes Kapitel.

Die Druiden.


Wir bringen Kelten und Germanen unter einem »Buche« zusammen, weil beide
Rassen innerhalb der arischen Gesammtrasse sich nicht nur räumlich, sondern
auch verwandtschaftlich _besonders nahe_ gestanden haben. Die _Kelten_
werden uns von den alten Schriftstellern als hochgewachsene Menschen mit
blauen Augen und blondem oder rötlichem Haar geschildert. Menschen von
kampflustiger, ritterlicher Gesinnung, aber deren unbändige
Leidenschaftlichkeit und Rivalitätssucht, wie besonders Cäsars Kommentarien
beweisen, zum Untergang ihrer staatlichen Bildungen und somit zuletzt zum
Untergang der Art und Sprache führte, so daß das Keltenblut jetzt nur noch
als allerdings erheblicher Mischbestandteil im Franzosen und Briten von
Bedeutung ist.

Abgesehen von einzelnen seltsamen Absplitterungen, z. B. den Galatern in
Kleinasien, nahmen die Kelten oder Galler, wie sie selbst sich nannten, --
jetzt hat sich das Stammwort nur noch in den »Gäler« erhalten, -- zur Zeit,
wo die erste historische Kunde von ihnen auftritt, etwa das Gebiet des
heutigen Frankreich, Nordspanien, Nord-Italien und Britannien und Irland
ein.

Offenbar standen sie, ebenso wie die vielfach auch gar zu barbarisch
aufgefaßten Germanen, deren höhere Gesittung schon Justus Möser
nachgewiesen hat, auf einer nicht unverächtlichen Zivilisationsstufe. Das
beweist schon ihr Äußeres. Ihre Kleidung bestand aus bunten wollenen
Leibröcken, über die sie einen Gürtel von Gold oder Silber trugen, aus
langen Hosen und kurzem Flausmantel; goldene Bänder zierten die Handwurzeln
und den Arm, goldene Ringe die Finger und Ketten von gleichem Metall den
Hals. Mannshohe Lederschilde mit bunten Malereien, eherne Helme mit
wappenmäßigen Zierraten, eiserne Panzer, oft aus Draht geflochten, lange
starke Schwerter, an eisernen Ketten an der Seite getragen, und Stoßlanzen
ihre Waffen. Sie waren berühmt wegen ihrer Geschicklichkeit in der
Herstellung von Glaswaren, auch als Goldschmiede und Münzmeister.

Das _Religionssystem_ der Kelten würde gewiß, da es eine besonders
hochentwickelte _Geheimlehre_ dieser hocharistokratisch angelegten Rasse
war, vom occultistischen Gesichtspunkte aus unser Interesse ganz besonders
in Anspruch nehmen, wenn wir nur mehr glaubwürdige Berichte über seine
Einzelheiten besäßen. So aber liegt die Gefahr nahe, den sog.
_Neo_-Druidismus, der von einigen modernen wälischen Schriftstellern
erfunden ist, kritiklos mit der _alten_ Geheimlehre der Kelten zu
verwechseln.

Wir werden uns daher zunächst lieber mit einer zwar allgemeinen, aber
zuverlässig getreuen Skizzierung ihres Systems begnügen.

Die echten Kelten zerfielen in die beiden Stände der Druiden und Krieger.
Das gemeine Volk, auch seinem Äußeren nach teilweise als von anderem
Aussehen geschildert, -- schwarzhaarig, kleiner gebaut, -- bestand wohl
größtenteils aus der autochthonen unterworfenen Rasse.

Während der Krieger-Adel sich ausschließlich der Waffenübung und der Jagd
widmete, waren die _Druiden_ im Besitz aller religiösen und profanen
Wissenschaften, Priester, Rechtsgelehrte, Naturforscher und Philosophen in
einer Person. Dies erinnert auffällig an das indische Verhältnis der
Braminenkaste zur Kriegerkaste der Kschatriyas.

Der Name »_Druiden_« wird meistens, aber mit Unwahrscheinlichkeit, von dem
griechischen %drys% = Eiche hergeleitet, da die keltischen Heiligtümer mit
Vorliebe in Eichenhainen angelegt seien; wahrscheinlicher stammt er vom
keltischen Dryw, wälisch Derwydd, in Wallis heute noch das Wort für einen
»weisen Mann«.

Die Druiden scheinen zwar meistens verheiratet gewesen zu sein und einzeln
unter ihren Mitbürgern gewohnt zu haben, obwohl andererseits auch
klösterliche Vereinigungen erwähnt werden[870], jedenfalls aber standen sie
in strenger Ordenszucht. Sie trugen eine besondere Ordenstracht; kurzes
Haupthaar, den Bart aber lang. Die höheren Grade trugen golddurchwirkte
Kleider, goldene Halsketten, Armspangen. Ihre Insignien waren ein weißer
Stab, +Slatan drui eachd+ oder Zauberstab genannt; ferner die
Druidenknöpfe, deren Verschiedenheit vielleicht mit der Höhe des Grades
zusammenhing, und das in Gold gefaßte Schlangenei, vermutlich die
Auszeichnung des höchsten Grades.

In einzelnen uns bewahrten Darstellungen trägt der Druide auch das Bild des
gehörnten Mondes, wie er sechs Tage nach dem Neumonde erscheint, in der
Hand, oder ein Füllhorn mit darüberschwebendem Monde. In allen Abbildungen
erblickt man aber auf den Schuhen des Druiden das sog. _Pentalpha_, nämlich
zwei sich durchkreuzende Dreiecke:

[Illustration: Pentalpha]

Jeder freie und edle Jüngling konnte in den Druidenorden aufgenommen
werden. Der Unterricht wurde durchweg nur mündlich erteilt, weil man den
Gebrauch der Schrift, den man selbstverständlich sehr wohl kannte, bei dem
Charakter der _Geheimlehre_, der durch die Schrift bedroht ward, für
unerlaubt und schädlich hielt. Auch meinte man, daß nur durch das lebendige
Wort, nicht durch den toten Buchstaben sich das Heilige tief und
unvertilgbar dem Geiste einpräge. Durch den Gebrauch der Schrift würde auch
das Gedächtnis geschwächt und eine oberflächliche Buchgelehrsamkeit
gezüchtet. Sofern die Druiden sich der Schrift bedienten, benutzten sie
die griechischen Schriftzeichen, die ja auch auf dem Pentalpha erscheinen.
Außerdem bedienten sie sich der Runen- oder Stabschrift. -- Die
Unterrichtsplätze waren abgelegene Wälder und Höhlen, und der Unterricht
selbst dauert zwanzig Jahre. Ihr Wissen muß in manchen Richtungen von
großer Tiefe gewesen sein; so spricht sich z. B. Quintus Cicero, der
bekannte Unterfeldherr Cäsars und Bruder des Redners, indem er sich seines
vertrauten Umgangs mit dem Druiden Divitiacus rühmt, voll Bewunderung
darüber aus. Da indeß ihre Wissenschaft Geheimlehre war, ist uns wenig
Zuverlässiges darüber erhalten. Aus +Macrob. Sat. I, 21+ läßt sich
schließen, daß sie die Kugelgestalt der Erde gelehrt haben.

Astronomie war eine ihrer Hauptwissenschaften; Cäsar sagt, daß sie über die
Größe und Gestalt der Erde Untersuchungen anstellten. Sie zählten die Zeit
nicht nach Tagen, sondern nach Nächten, was sich in der englischen Sprache
(+fortnight+) noch erhalten hat. Nach Diodor, der uns mitteilt, daß sie in
Übereinstimmung mit dem Jahre des Meton, den Mondcyklus auf 19 Jahre
berechnet haben und sich eingehend mit den Erhöhungen der Mondkugel
beschäftigen, möchte man annehmen, daß ihnen schon der Gebrauch
vergrößernder Linsen zur Fernsicht bekannt gewesen. Richter bei +Ersch und
Gruber S. 490+ möchte die sog. Druidenknöpfe, aus Krystall oder Glas
geschliffene Linsen, die man bis zu 1 1/2 Zoll Durchmesser findet, damit in
Zusammenhang bringen.

Nach Strabon (+IV, 4+) nahmen sie an, die Welt sei aus Nichts entstanden,
sie sei unvergänglich, aber Feuer und Wasser werde dereinst alles
überwältigen.

Dies sowie das symbolische Schlangenei, ein Sinnbild der Welt, erinnert
sowohl an den indischen wie an den ägyptischen Occultismus.

Besondere Achtung genoß ihre ärztliche Kenntnis.

Unter den mannigfachen Heilkräutern, deren Entdeckung ihnen Plinius (+H. N.
VIII, 41. XXV. XXV. XXX. XXXII.+) zuschreibt, nahm die _Mistel_[871] die
erste Stelle ein.

»Unbekannt mit der Natur der Schmarotzerpflanzen«, meint Richter a. a. O.,
»mußte es ihnen als ein Wunder erscheinen, daß dieselbe nicht auf dem
Boden, wie alle anderen Pflanzen, sondern auf Bäumen wuchs und hier ohne
Samen erzeugt zu sein schien.« »Vorzüglich gesucht war die auf _Eichen_
wachsende Mistel. Denn die Eiche war im gallischen Glauben der heiligste
Baum, Eichenlaub ward bei jedem Gottesdienste gebraucht; in Eichenwäldern
wohnten die Druiden, unter Eichen hielten sie ihre Gerichtsstätte. Was aus
ihr hervorkam, war ein Zeichen göttlicher Gnade, und da überdies die Mistel
selten auf Eichen gefunden wird, so galt eine solche umsomehr als
göttliches Geschenk. Sie wurde mit großer Feierlichkeit abgenommen und zwar
am sechsten Tage nach dem Neumonde; unter dem Baume wurde zuerst ein Opfer
und ein Mahl bereitet und nach dem Schmause ein zum ersten Male unter das
Joch gekommenes Rinderpaar herbeigeführt. Dann stieg der Druide im weißen
Gewande auf den Baum, schnitt die Mistel mit einer goldenen Sichel ab und
ließ sie in einem weißen Manteltuche auffangen. Nun wurden die Rinder
geschlachtet und die Götter angerufen, daß sie denen, welchen sie diese
Gabe erteilt, dieselbe zum Heile gedeihen lassen möchten. Die Mistel wurde
teils allein, teils mit anderen Stoffen gemischt gebraucht, so wohl
äußerlich als innerlich. Man wandte sie gegen Geschwulst, Verhärtung,
Kröpfe, Geschwüre, und Klauenfäule an; sie reinigte das Rindvieh und machte
es fett, sie war ein Mittel gegen alle Gifte, und war sie im Neumonde
gesammelt und zwar ohne Gebrauch des Messers und ohne daß sie die Erde
berührte, so half sie gegen die fallende Sucht. Sie machte sogar alle Tiere
und die Weiber fruchtbar, wenn sie dieselbe bei sich trugen. Daher hieß sie
in der Sprache der Druiden die _Alles Heilende_.«

                  *       *       *       *       *

Die Druiden sollen ihre Lehrsätze immer in _Triaden_, d. h. in drei
miteinander verbundenen Sätzen geordnet haben.

Bezüglich der _Seele_ soll die druidische Triade in folgenden drei Sätzen
bestanden haben: 1. die Seele ist unsterblich; 2. sie wandert nach dem Tode
in andere Körper; 3. nach einem bestimmten Zeitraum von Jahren wird sie
wieder leben und wiedergeboren werden.

Richter meint, daß dieser bestimmte Zeitraum dem Ortschilong oder
Geburtswechsel im Buddhismus entspreche, nach dessen Vollendung die
gereinigte Seele wieder in den göttlichen Schooß zurückkehrt. Jedenfalls
fiel den Römern die außerordentliche Festigkeit des Glaubens der Gallier an
Fortdauer nach dem Tode auf; die Druiden lehrten vor allem, so berichten
sie, daß man den Tod nicht zu scheuen habe, da die Seele nicht sterben
könne. Daher müsse der Mensch im Kampfe mit den Feinden nicht feig sich
zurückziehen, sondern mutig und tapfer streiten. Mit den Toten verbrannte
oder begrub man alles, was ihm im Leben lieb gewesen war, Tiere, Sklaven,
Klienten. Auch Angehörige folgten ihm freiwillig auf den Scheiterhaufen, um
in der anderen Welt wieder mit ihm zu leben. Vergl. +Caesar de bello
Gallico, VI, 18.+ +Pomp. Mel. III, 2.+ Man gab den Toten sogar Briefe mit
an verstorbene Freunde, und wenn geborgtes Geld vom Schuldner bei seinem
Leben nicht wieder bezahlt werden konnte, so nahm man gar eine Anweisung
auf das Jenseits an, in der Überzeugung, daß ihr der Schuldner dort
wenigstens gerecht werden werde. +Diod. Sic. V, 28.+ +Valer. Maximus
II, 6.+

Die Druiden im weiteren Sinn zerfielen in drei Abteilungen: 1. die Druiden
im engeren Sinn, die eigentlichen Priester, 2. die Barden, heilige Sänger,
3. die Vates oder Seher.

An der Spitze des ganzen Ordens stand ein _Oberdruide_, Hoherpriester,
+Coibhi+ oder +Coibhi Druidh+. Dieser regierte unumschränkt und
lebenslänglich, wurde aber gewählt, wie es scheint, gewöhnlich durch
allgemeinen Zuruf, Akklamation, eine Wahlart, die ja auch jetzt noch bei
der Papstwahl zulässig ist und hier als besonders heilig erscheint, da man
annimmt, daß sie auf Veranlassung des heiligen Geistes stattfindet. --
Waren die Stimmen geteilt, so entschied die Mehrzahl oder das Los, oder
auch gar der bei den Kelten beliebte Zweikampf.

Der Oberdruide wählte zur Besorgung der weltlichen Angelegenheiten den
Vergobret. Dieses keltische Wort = +feargobreith+ ist nach Möbius
zusammengesetzt aus +fear+ = +vir+, +go+ = +ad+, +breith, bread, brawd+ =
+judicium+, so daß es nach dieser Ableitung einen Richter bedeutet. Noch
bis zur französischen Revolution führte der Maire von Autun den Titel
+Verg+ oder +Vierg+. Um sich ein würdigeres Aussehen zu geben, sollen die
Vergobreten ihren Bart mit Goldstaub gepudert haben.

Die gallischen Druiden wurden unter der späteren Zeit der römischen
Herrschaft Professoren, wodurch ein hauptsächlicher Teil ihres früheren
Amtes, der Unterricht ihnen blieb. Sie bildeten in denselben Städten, die
früher ihre heiligen Örter waren, Lehrerkollegien, die an Stelle der
früheren Druidenklöster traten. Noch zu Ausonius Zeiten hatten manche
gallische Professoren ihre Abstammung nicht vergessen; darum nannten sie
sich romanisiert nach jenen Gottheiten, deren Tempel ihre Vorfahren zu
besorgen gehabt, z. B. +Apollinaris+, +Delphidius+, +Phoebicius+, Namen,
die anzeigen, daß solche Männer aus Priestergeschlechtern stammen, die dem
gallischen +Apollo-Belen+ ergeben waren. Vergl. +Ausonius, professores IV,
v. 7.+




Zweites Kapitel.

Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.


Ein häßlicher Makel, der an dem Gottesdienst der sonst anscheinend geistig
so hoch stehenden Druiden klebt, ist die Vorliebe für _Menschenopfer_.

»Das ganze gallische Volk«, schreibt Cäsar, »ist außerordentlich dem
Opferdienst ergeben. Darum schlachten oder geloben diejenigen, die in
schweren Krankheiten liegen oder in Schlachten und Gefahren sich befinden,
Menschen zu Opfern, welche die Druiden verrichten. Denn sie glauben, daß
der Geist der unsterblichen Götter nicht anders befriedigt und versöhnt
werden könne, als wenn für das Leben des einen Menschen das des andern
hingegeben würde. Sie haben daher auch Staatsopfer dieser Art. Bei einigen
gallischen Völkern giebt es Bilder von ungeheurer Größe, deren Gliedmaßen
mit Weiden geflochten sind und mit lebendigen Menschen angefüllt werden,
die dann durch Verbrennung des hölzernen Bildes getötet werden. Sie
glauben, daß die Todesstrafe der auf der That ergriffenen Diebe, Räuber und
Verbrecher überhaupt den Göttern angenehm sei, aber, wenn sie dergleichen
Leute nicht haben, so geht es auch an die Unschuldigen.« +Caesar, de bello
Gallico VI, c. 16.+

Die Staatsopfer wurden nach +Diodor Sic. V, 31. 32.+ zum Zweck der
Erforschung der Zukunft dargebracht; man hieb dem Opfer mit einem Schwert
in die Herzgrube und ließ ihn fallen, aus dem Fall, den krampfhaften
Zuckungen der Glieder und der Blutung glaubte man die Zukunft erschließen
zu können.

Die Hauptgottheit, die in der _exoterischen_ Druidenreligion verehrt wurde,
nennt Cäsar _Merkur_. Der gallische Name scheint +Teutates+ gewesen zu
sein.

Die römische Bezeichnung desselben als Merkur wird begreiflich, wenn wir
erfahren, daß +Teutates+ _Seelenführer_ war.

Die Seelenlehre aber, insbesondere die Lehre von der Seelenwanderung
bildete die Hauptsache im keltischen Volksglauben.

Nach dem Vordersatz der über Teutates berichteten druidischen Triade war
er der allgemeine oder Weltgeist, nach dem Mittelsatz Seelenführer und nach
dem Schlußsatze das Getriebe der lebendigen Welt.

Die zweite Gottheit war +Esus+ oder +Hesus+, romanisiert Mars. Die Triade
über ihn lautet: 1. Vor der Schlacht wird ihm meistens die Kriegsbeute
gelobt; 2. nach derselben die gefangenen Tiere geopfert; 3. das Übrige
(Waffen und Geräte) auf Einen Ort zusammengetragen.

Die dritte allgemeine Gottheit hieß +Taranis+ (vom keltischen +Taran+, der
Donner), von den Römern als Jupiter gedeutet.

Nächst dieser Trias, die meistens auf die Ober-, Mittel- und Unterwelt
bezogen wird, war der von Cäsar als Apollo bezeichnete _Belin_, Belen oder
_Abelio_ der wichtigste. Orakelwesen und Heilkunst war seine Hauptfunktion.
Eine Mondgöttin, Belisana, scheint der egyptischen Isis oder der Minerva
ähnlich gedacht zu sein.

Eine große Rolle im keltischen Volksglauben spielten die Geister und
Gespenster, besonders eine Art von Incubi, gallisch +Dusii+ genannt, ein
Wort, das noch im englischen +Duce+ oder +Dewce+, Teufel, nachklingt. Die
Gallier gaben ihnen eine Gestalt wie den Frauen und glaubten, sie
beschliefen die Frauen unter der Gestalt ihrer Liebhaber.

Schon zu Cäsars Zeit war der Hauptsitz des Druidentums England; ganz
besonders heilig war ihm die Insel Mona.[872] Hier, und abgesehen von Man,
in Wales haben sich auch die meisten Denkmäler des keltischen Glaubens
erhalten; und zwar nicht nur die berühmten Steindenkmäler; auch das
_Bardentum_ hat sich wenigstens in Wales unter oberflächlicher christlicher
Gewandung bis weit in die christliche Ära hinein erhalten und es soll nach
den Nachrichten von W. Owen und Williams (vergl. +Mona, S. 468+) das
Druidentum in dieser Form sogar bis auf unsere Zeit fortgesetzt worden sein
(Neo-Druidism). Es soll nämlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts von alten
Anhängern der druidischen Geheimlehren des sog. bardischen Kollegium in
Glamorgan gestiftet sein. Owen freilich bemerkt dazu, es sei zwar
Thatsache, daß die wälischen Barden nicht ausgerottet worden und
insbesondere, daß sich neue Gesellschaften, die an das alte Bardentum der
Druiden anknüpften, im dreizehnten Jahrhundert gebildet haben, daß jedoch
der Stuhl von Glamorgan sich weit überschätzt und kein alt-druidisches
Bardentum mehr bewahrt habe.[873]

Doch mag dem sein, wie ihm wolle, so verdanken wir wenigstens dem wälischen
Bardentum die Rettung uralter keltischer Litteraturstücke, unter denen eine
Art keltischer Edda, +The Myvyrian, archaeology of Wales, collected out _of
ancient manuscripts_, London 1801-1807+, an der Spitze steht.

Und aus dieser Litteratur lassen sich Rückschlüsse auf einige Teile
druidischer Geheimlehren machen. Fast alle der uns erhaltenen Bardenlieder
sind Triaden, d. h. ihr Inhalt ist in drei Teilen geordnet. Eine der
interessantesten mythologischen Triaden ist die von +Hu gadarn+, dem
mächtigen Hu.

Hu (sprich Hy) war ein Führer, der der Tyrannei widerstrebte und daher das
Volk von Defrobani, aus dem Lande ewiger Feindschaft, nach Wales brachte.
Er lehrte das Volk den Ackerbau und war einer von den drei großen
Werkmeistern, weil er sein Volk in gesellschaftliche Ordnung brachte. Er
bestimmte als einer von den drei Meistern des Gesanges die Dichtkunst zur
Bewahrerin der Wissenschaft. Mit seinen Buckelochsen (+Yehain Banaweg+)
verrichtete Hu eine der drei großen Heldenthaten, er ließ nämlich den Avanc
(Biber) aus dem Llyn Llion (der Wasserflut) herausziehen, wodurch die
Überschwemmung der Erde aufhörte.

Nach Owen heißt Defrobani Sommerland und soll darunter, weil die Triaden
den Zusatz haben »wo nun Konstantinopel steht«, die heutige Krim(?)
verstanden werden. Andere wollen Hu, da von einer Überschwemmung die Rede
ist, mit der Sintflut in Verbindung bringen. Mone legt dem Mythus eine
tiefere Bedeutung zu Grunde: Nicht eine Flut-, sondern eine
_Schöpfungssage_ ist im Hu gadarn aufbewahrt. Wasser ist der Anfang aller
Dinge, der Biber (Avanc) ein heimatliches Wassertier Bild für die Ursache
des Wassers; so lange er in demselben lebt, nimmt er nicht ab, nur der
starke Hu war imstande, ihn mit seinen drei Ochsen herauszuziehen, wodurch
die Flut sank und die Welt erschaffen ward. Er hat also die Natur der
Schöpfungsstoffe geteilt in Festes und Flüssiges, wofür der Biber, der mit
dem Leibe dem Lande, mit dem Schwanze dem Wasser angehört, ein zutreffendes
Bild bietet. Die Welt erhebt sich auch bei den Kelten, wie bei den Germanen
im Frühjahr; denn der Stier (Buckelochse) ist das Sternbild des Frühlings;
er trieb den Biber heraus, d. h. er brachte den Kern der Welt zur
Krystallisation. Nach Erschaffung der Welt, d. h. nach der Teilung der
Weltkräfte ordnet sie der weise Hu; der Stier, der die Welt erschaffen
half, wird nun von seinem Herrn zur Jahresordnung bestimmt; er bringt das
Jahr, zieht den Pflug wie der Biber und ruft dadurch Heil und Segen aus der
Erde, wie einst aus dem Wasser hervor. Die Ordnung der Welt ist die
Harmonie der Sphären, das himmlische Saitenspiel, darum Hu auch der
Erfinder des Gesanges, und dieser soll ein Sinnbild des Einklangs der Welt
sein. Auch Staat und Gesellschaft sind Anstalten des mächtigen Hu; denn sie
sind Folgen der Weltordnung, und seine Feindschaft gegen die Tyrannei,
d. h. gegen die über ihre Grenzen getretenen Kräfte, hängt damit zusammen.
Darum ist er auch der Eroberung feind, denn sie schreitet über Maß und
Ordnung, und sein Volk soll in Gerechtigkeit und Frieden leben.

»Hu«, singt der Barde Jolo Goch, »ist der Herr, der bereitwillige
Beschützer, der König und Geber des Weines und Ruhmes, Kaiser über Land und
Meere und des Leben alles dessen, was in der Welt ist. Er ist der größte,
der Herr über uns, wie wir redlich glauben, und der Gott des Geheimnisses.
Licht ist sein Weg und Rad, ein Teil desselben Sonnenscheins sein Wagen,
groß ist er in Land und Meeren, der größte, den ich sehen werde, größer als
die Welten.«

Darnach war Hu die Gotteinheit der britischen Kelten. Im Tode heißt er
Aeddon; dieser Name erinnert an Adonai und Adonis; sein Tod ist eine bloße
Verwandlung, keine Zerstörung. Es gab Mysterien vom Tode des Hu, ähnlich
den griechisch-thrakischen Mysterien vom Tode des Zagreus-Dionys.

In Verbindung mit diesem Mysterium stand die Geschichte des _Taliesin_.
Taliesin bezeichnet eine ganze druidische Priesterschaft, deren Orden sich
»vom Kessel der Ceridwen« nannte.

_Ceridwen_ war nach dieser Geschichte ein zauberkräftiges Weib, das um
seinen Sohn, einen ungestalten Menschen, schöner zu machen, einen
Zauberkessel bereitete. Aber Gwion, der Sohn der Gevreang, störte sie in
diesem Beginnen. Eines Tages, während Ceridwen Kräuter suchte und mit sich
selber murmelte, begab es sich, daß drei Tropfen des kräftigen Wassers (aus
dem Kessel) flogen und auf den Finger Gwions niederfielen, sie brannten ihn
und er steckte den Finger in den Mund. Wie diese köstlichen Tropfen seine
Lippen berührten, so waren seinem Blick alle Ereignisse der Zukunft
geöffnet und er sah klar ein, daß seine größte Sorge sein mußte, sich vor
der List Ceridwens zu bewahren, deren Kenntnis so groß war. Er floh
heimwärts mit der größten Furcht. Der Kessel teilte sich in zwei Hälften;
denn alles Wasser darin, außer den drei kräftigen Tropfen, war giftig, so
daß es die Rosse des Gwyddno Garanhir vergiftete, die aus der Rinne
tranken, worein sich der Kessel von selbst entleert hatte. (Darum hieß
nachher dieser Ablauf das Gift der Rosse des Gwyddno.) In dem Augenblicke
kam Ceridwen herein und sah, daß ihre ganze Jahresarbeit verloren sei, sie
nahm einen Rührstock und schlug dem blinden Morda so aufs Haupt, daß eines
seiner Augen auf seine Wange fiel. »Du hast mich ungerecht verunstaltet«,
rief Morda, »du siehst ja, daß ich unschuldig bin, dein Verlust ist nicht
durch meinen Fehler verursacht.« »Wahrlich, sprach Ceridwen, Gwion der
Kleine war es, der mich beraubte.« Sogleich verfolgte sie ihn, aber Gwion
sah sie aus der Ferne, verwandelte sich in einen Hasen und verdoppelte
seine Schnelligkeit; allein Ceridwen wurde sogleich eine Jagdhündin, zwang
ihn umzuwenden und jagte ihn gegen einen Fluß. Er lief hinein und wurde ein
Fisch, aber seine schlaue Feindin ein Otterweibchen und verfolgte ihn im
Wasser, so daß er genötigt ward, Vogelgestalt anzunehmen und sich in die
Luft zu erheben. Aber dies Element gab ihm keinen Zufluchtsort, denn das
Weib ward ein flinker Falk, kam ihm nach und wollte ihn erfassen. Zitternd
vor Todesfurcht sah er grad einen Haufen glatten Weizen auf einer Tenne, er
ließ sich mitten hineinfallen und ward ein Weizenkorn. Ceridwen aber nahm
die Gestalt einer schwarzen Henne mit hohem Kamm, flog zum Weizen herab,
scharrte ihn auseinander, erkannte das Korn und verschlang es. Und, wie
die Geschichte weiter sagt, sie ward schwanger von ihm neun Monate, und als
sie von ihm entbunden wurde, so fand sie ein so liebliches Kind an ihm, daß
sie keinen Gedanken mehr hatte, es umzubringen. Sie setzte ihn daher in ein
Boot, bedeckt mit einem Fell, und auf Anstiften ihres Mannes warf sie das
Schifflein ins Meer am 29. April. Um diese Zeit stand das Fischwehr des
Gwyddno zwischen Dyve und Aberystwyth bei seinem eigenen Schlosse. Es war
herkömmlich, in diesem Wehre jedes Jahr am ersten Mai Fische von hundert
Pfund Wert zu fangen. Gwyddno hatte einen einzigen Sohn, Elphin, den
unglücklichsten und ärmsten Jüngling. Dies war ein großes Herzeleid für
seinen Vater, welcher nach und nach glaubte, daß er zur Unglücksstunde
geboren sei. Die Ratgeber überredeten indeß den Vater, seinen Sohn diesmal
die Reuse ziehen zu lassen, gleichsam zur Probe, ob denn irgend einmal ein
gutes Schicksal seiner warte, und er doch etwas bekäme, um in der Welt
aufzutreten. Am nächsten Tage, es war der erste Mai, untersuchte Elphin die
Reuse und fand nichts, doch als er wegging, sah er das Boot bedeckt mit dem
Fell auf dem Pfade des Dammes ruhen. Einer der Fischer sagte zu ihm: »So
ganz und gar unglücklich bist du noch nicht gewesen, als du diese Nacht
geworden, aber nun hast du die Kraft der Reuse zerstört, worin man am
ersten Mai jedesmal hundert Pfund Wert fing.« »Wie so?« sprach Elphin, »das
Boot mag leicht den Wert von hundert Pfund enthalten.« Das Fell ward
aufgehoben, und der Öffner erblickte den Vorderkopf eines Kindes, und sagte
zu Elphin: »sieh die strahlende Stirne!« »Strahlenstirne (Taliesin) sei
denn sein Namen!« erwiderte der Fürst, der das Kind in seine Arme nahm und
es seines eigenen Unglücks wegen bemitleidete. Er setzte es hinter sich auf
sein Roß, als wenn es im bequemsten Stuhl säße. Gleich darauf dichtete das
Kind ein Lied zum Trost und Lobe des Elphin, und zu gleicher Zeit weissagte
es ihm seinen künftigen Ruhm. (Die Tröstung war das erste Lied, das
Taliesin sang, um den Elphin zu erheitern, der über sein Mißgeschick beim
Reusenzug sich grämte, noch mehr, weil er dachte, daß die Welt das
Mißlingen und Unglück ihm allein zuschieben würde.)

Elphin brachte das Kind in die Burg und zeigte es seinem Vater, der es
fragte: ob es ein menschliches Wesen oder ein Geist sei? Hierauf
antwortete es in folgendem Liede. »Ich bin Elphin's erster Hausbarde und
meine Urheimat ist das Land der Cherubim; der himmlische Johannes nannte
mich Herddin, zuletzt jeder König Taliesin. Ich war neun volle Monate im
Leibe der Mutter Ceridwen, vorher war ich der kleine Gwion, jetzt bin ich
Taliesin. Mit meinem Herren war ich in der höheren Welt, als Lucifer fiel
in die höllische Tiefe. Ich trug vor Alexander ein Banner; ich kenne die
Namen der Sterne von Nord nach Süd; ich war im Kreise des Gwdion (Gwydion),
im Tetragrammaton; ich begleitete den Hean in die Tiefe des Thales Ebron;
ich war in Canaan, als Absalon erschlagen ward; ich war im Hofe von Don,
ehe Gwdion geboren wurde, ein Geselle des Heli und Henoch; ich war beim
Kreuzverdammungsurteil des gnadenreichen Gottessohnes; ich war Oberaufseher
beim Werke vom Nimrods Thurm; ich war die dreifache Umwälzung im Kreise des
Arianod; ich war in der Arche mit Noah und Alpha; ich sah die Zerstörung
von Sodoma und Gomorra. Ich war in Afrika, ehe Rom erbauet ward, ich kam
hierher zu den Überresten von Troja (d. h. nach Britannien). Ich war mit
meinem Herrn in der Eselskrippe; ich stärkte den Moses durch des Jordans
Fluß; ich war am Firmament mit Maria Magdalena. Ich wurde mit Geist begabt
vom Kessel der Ceridwen; ich war ein Harfenbarde zu Teon (oder Lleon) in
Lochlyn. Ich litt Hunger für den Sohn der Jungfrau. Ich war im weißen Berge
(dem Tower in London) im Hofe des Cynvelyn in Ketten und Banden Jahr und
Tag. Ich wohnte im Königreich der Dreieinigkeit. Es ist unbekannt, ob mein
Leib Fleisch oder Fisch. Ich war ein Lehrer der ganzen Welt und bleibe bis
zum jüngsten Tag im Angesicht der Erde. Ich saß auf dem erschütterten Stuhl
zu Caer Sidin, der beständig sich umdrehte zwischen drei Elementen; ist es
nicht ein Weltwunder, daß er nicht einen Glanz zurückstrahlt?« Gwyddno,
erstaunt über des Knaben Entwickelung, begehrte einen anderen Gesang und
bekam zur Antwort: »Wasser hat die Eigenschaft, daß es Segen bringt; es ist
nützlich, recht an Gott zu denken; es ist gut, inbrünstig zu Gott zu beten,
weil die Gnaden, die von ihm ausgehen, nicht gehindert werden können.
Dreimal bin ich geboren; ich weiß, wie man nachzudenken hat; es ist
traurig, daß die Menschen nicht kommen, all die Wissenschaften der Welt zu
suchen, die in meiner Brust gesammelt sind, denn ich kenne alles, das
gewesen, und alles, das sein wird.«

                  *       *       *       *       *

Diese Geschichte des Taliesin ist einmal der Stufengang des Lehrlings bis
zur höchsten Weihe, sodann die Geschichte des geheimen Ordens vom Kessel
der Ceridwen und endlich die Naturgeschichte selbst. Gwyddno ist offenbar
der höchste Einweiher in das Mysterium der Ceridwen.

Die Wasserfahrt war demnach ein Abbild der Fahrt des Hu und des Taliesin,
die dritte Geburt, die jeder Eingeweihte erfahren mußte, wie der Meister
des Ordens Taliesin. Der zweiten Geburt gingen manche schwere Prüfungen
voraus, und von der ersten oder natürlichen Geburt bis zur zweiten war der
Mensch als ungestaltet und schwarz angesehen, nach seinem Vorbilde, dem
Avayddu, bis ihm nach jahrelangem Unterricht die drei Lebenstropfen zu Teil
wurden, bis der Durst nach Wissenschaft bei ihm eintrat. Dagegen Ceridwen
ist Wrach, oder Hexe, eine Furie, sie ist die Materie, die gewaltsam ihr
Teil vom erwachten Geiste zurückfordert, sie ist der Tod, und ihr Kessel
oder Schiff die Erde, worin der Mensch begraben wird. Sie ist die Mutter
Natur, die das hilflose und ungeistige Kind (Avayddu) zur Schönheit, d. h.
zur Geistigkeit entwickelt, dieser Entwickelung Bild ist der jahrelang
kochende Kessel, aber der erwachte Geist entflieht der Materie, er kennt
ihre Nachstellungen und entkommt ihr. Gwion ist dieser erwachte Geist, und
heißt nicht mit Unrecht der kleine, nämlich der Jüngling, der in die Schule
der Druiden geht. Seine Verwandlungen sind eben so viele Läuterungen, bis
er als reines Weizenkorn von der schwarzen Henne, von der Mutter Erde
aufgenommen wird. Nun ist er leiblich tot, bei seiner ersten Wiedergeburt
tritt er in einen höheren Grad geistiger Wirksamkeit ein. Die erste
Wiedergeburt geschah durch feierliches Hervortreten aus dem Cromlech, der
etwa bildlich der Kamm der schwarzen Henne war. Die dritte Geburt des
Lehrlings war an das Wiederaufleben der Erde, an den ersten Mai geknüpft,
also durch die Frühlingsnachtgleiche bedingt. Wie tief diese Mysterien
gegründet und wie viel umfassend ihre Lehren gewesen, zeigt nicht nur die
Menge der dabei beteiligten Wesen, sondern auch deren weitgreifende
Verwandtschaft durch die ganze Sage, und muß jeden zu dem Geständnis
nötigen, daß von dem großen Lehrgebäude des Kesselordens uns nur wenig
erklärlich und verständlich geblieben.

                  *       *       *       *       *

Diese Beispiele aus dem reichhaltigen Inhalt der keltischen
Bardendichtungen mögen genügen, um das Urteil Mones zu verstehen, der seine
Mitteilungen daraus mit den Sätzen schließt:

»Es ist eine weite Aussicht, die sich uns eröffnet, eine vielgestaltige
Welt, an deren Thoren wir stehen, ein heiliger Tempelkreis, in den wir
treten. Wir müssen mit reinem Herzen, das nicht auf Schlechtigkeit ausgeht,
mit gelehrigem Geiste, dem nicht Hochmut und Vorurteil das höhere Licht
verschlossen, kommen, wie Arthur und Cri, die in das Heiligtum aufgenommen
wurden. Unglauben, wie er auch durch Unverständigkeit beschönigt wird,
zerstört ebenso die Einsicht in das geistige Leben der Vorwelt, als der
Glauben ohne Gründlichkeit, der, wenn er in der Nacht des Altertums einige
Lichter erblickt, nun frohlockend meint, es bedürfe nur seiner Ansicht und
Einbildung, um aus den zerstreuten und von ferne gesehenen Lichtern der
Mitwelt einen Tag hinzuzaubern, wie er im Altertum gewesen. Bewahre sich
vor beidem, wem es um die Sache ernst ist! Man braucht in sie weder Liebe
noch Haß hineinzutragen, _da Ein Ergebnis, das nicht mehr bestritten und
bezweifelt werden kann, mehr als hinreichend ist, uns gerecht im Urteil zu
machen, dieses nämlich, daß mit dem nordeuropäischen Heidentum, vorzüglich
mit dem deutschen und keltischen, eine große Menge und Tiefe der
Wissenschaften der Vorwelt verloren gegangen ist_.«




Zweite Abteilung.

Der Occultismus der Germanen.


Unsere Aufgabe, den Occultismus der Germanen darzustellen, würde eine sehr
komplizierte sein, wenn wir uns dabei genau an die _Entwicklungsgeschichte_
der germanischen Mythologie halten und die Vorstellungen und Bezeichnungen
der einzelnen germanischen Stämme getrennt halten wollten.

Die kritische Forschung ist in dieser Richtung noch keineswegs zu allgemein
anerkannten Ergebnissen gelangt.

Unsere Quellen über die vorchristliche Zeit sind äußerst dürftig. Erst die
_nordische_ Forschung, insbesondere die durch die Edda angeregte, hat uns
reichhaltigeren Stoff gebracht. Über diese aber äußert sich wohl mit Recht
_Golther_, Götterglaube und Göttersagen der Germanen, S. 1, dahin: »Gerade
diejenige Götterlehre, welche im Aufbau abgerundet und vollkommen, von
erhabenen Gedanken erfüllt, von sittlicher Anschauung getragen erscheint,
die norwegisch-isländische, die auch den Deutschen und überhaupt einmal
allen Germanen angehört haben sollte, gilt jetzt vielmehr als eine
eigentümliche Neuschöpfung der Nordleute, als der letzte krönende _Abschluß
einer Entwicklung_, an deren Anfang eine irrige Ansicht sie gestellt
hatte.« Dennoch ziehen wir es vor, unseren Lesern diesen Abschluß der
Entwicklung zu bieten, anstatt ihn mit zweifelhaften Hypothesen darüber zu
behelligen, wie viel von dem hier Gebotenen zur Zeit Cäsars, oder zur Zeit
der Völkerwanderung bei dem oder jenem Zweige der germanischen
Völkerfamilie schon ausgebildet gewesen sein mag. Denn jedenfalls ist im
_Keime_ mehr oder weniger Alles, was uns die Edda in vollendeter poetischer
Ausgestaltung bietet, bei den Germanen gemeinsames Stammgut gewesen.




Erstes Kapitel.

Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.


Die germanische Mythologie verleugnet ihren uralten arischen Ursprung
nirgends, es finden sich sogar Anklänge an die altindische Weltanschauung,
die größte Verwandtschaft aber bezeugt sie zu den Glaubenslehren der
Perser. Denn der Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips, ewiger Kampf
zwischen Licht und Finsternis kennzeichnet die germanische Weltauffassung
nicht minder wie die persische; nur daß sich in der Ausprägung derselben im
Einzelnen überall ein _besserer_, heroischer und poetischer _Typus_
bewährt, dem man auch anmerkt, daß frühzeitige Auswanderung in die
nordischen Breiten Europas ihn vor der unreinen Infektion mit dem
schlechten Asiatismus bewahrte, der die Perser als Magismus entnervt hat.

Als einheitliches Weltprinzip waltet auch _über_ dem Dualismus _Allvater_,
der für die Ewigkeit den Sieg des Guten verbürgt, wenngleich er, ähnlich
dem persischen Urgeist +Zaruana akarana+ sich aus der zeitlichen Schöpfung
zurückzieht und diese Welt dem Kampf der unteren, selber vergänglichen
Götter überläßt.

Lassen wir den Skalden (der Edda) die Schöpfung schildern: Abgrund
(Ginnungagap) war, und war nicht Tag und war nicht Nacht, und der Abgrund
war gähnende Kluft, ohne Anfang und ohne Ende. _Allvater_, der
Ungeschaffene, Unangeschaute, wohnte in der Tiefe und sann, und was er
sann, das ward.

Da entstand nordwärts im Unermeßlichen, wo Finsternis ist und Eiseskälte,
_Niflheim_ (Nebelheim) und südwärts _Muspelheim_ (Glutheim), feurig glühend
von unendlichen Gluten. In Niflheim that sich auf der Brunnen Hwergelmir,
der brausende Kessel, und daraus ergossen zwölf Höllenflüsse (Eliwagar)
ihre eiskalten Wogen. -- _Das flüssige Element ist der Urstoff der Welt._
-- Aber die wilden Wasser erstarrten bald in der grimmigen Kälte zu Eis,
und die Schollen rollten übereinander und hinunter in die unermeßliche
Kluft und weiter südwärts gen Muspelheim. Über ihnen brausten, die Eisberge
aufwühlend Sturmwetter von Niflheim her; doch strahlte wohlthätige Wärme
von Glutheim herüber in Ginnungagap, und wie die wallenden Schollen davon
erweicht wurden, da belebte sich, was vorher ohne Leben war, und es
entstand ein Ungeheuer, ein roher und ungeschlachter Riese; Ymir nannten
ihn die Alten, d. h. den Tosenden; er war zweigeschlechtig, entsetzlich dem
Anblick. Er schuf aus eigener Kraft andere Ungetüme, die ihm glichen, die
Hrimthursen oder Frostriesen (Eisriesen, Reifriesen).

    »Unter des Reifriesen Arm,
    Rühmt die Sage,
    Wuchsen Mann und Magd;
    Des Joten Fuß mit dem Fuß erzeugte
    Den sechshäuptigen Sohn.«

_Ungeheure und ungefüge Naturgewalten herrschten in der Urzeit der Welt._

Zugleich mit Ymir war aus dem schmelzenden Eise eine große Kuh entstanden,
_Audhumla_ (die Milchreiche). Aus ihren Eutern rannen vier Milchströme,
Nahrung spendend dem schrecklichen Ymir und den Hrimthursen. (Er ist die
_allnährende Natur_.) Sie fand nicht andere Weide als an dem Salze der
Eisfelsen, die sie leckte. Darauf erschienen von ihrem Lecken am ersten
Tage Haupthaar, am zweiten das Haupt, am dritten das ganze Menschengebild.
Es war Buri oder Bör (der Geborene), die erste _geschaffene, geistige,
vollkommene Gestalt_, welche sich nun mit der rohen Naturkraft vermählt und
den Geist ordnend und regierend hervortreten läßt. Er erzeugt nämlich mit
der Hrimthursentochter _Bestla_ drei Söhne: Odin (Geist, beseelende
Lebenskraft), Wile (Verstand und Willen), We (Empfindung und Gefühl).

Sofort entbrennt zwischen diesen Söhnen des Bör und dem Ymir ein Kampf;
Ymir wird erschlagen und in seinem Blute ertrinken alle anderen
Hrimthursen, bis auf einen, _Bergelmir_, der sich mit seiner Familie (wie
Noah) auf einem Boote rettet und Stammvater der Jötunen wird, eines
Riesengeschlechts, das im fernen Osten haust.

Die neuen Alleinherrscher, Börs Söhne, die sich _Asen_ nannten, d. h.
Stützen und Pfeiler der Welt, schufen nun nach _Allvaters Willen_, aus
Ymirs Fleische die Erde, aus dem Blute die See, aus den Gebeinen die Berge,
aus dem krausen Haare die Bäume. Die Hirnschale wölbten sie hoch empor zum
Himmelsgewölbe, unter dem als Gehirn das Gewölke schwimmt. Dann bauten die
Asen aus des Riesen Brauen Midgard (das Reich der Mitte) zur Wohnung den
Menschenkindern, die noch ungeboren im Schoße der Zeit schliefen, wie es im
Grimnismal der älteren Edda heißt.

Denn noch herrschte die Allmutter Nacht, eines Riesen Tochter und dunkel
wie das Riesengeschlecht. Flammende Funken von Muspelheim sprühten irr und
wirr durcheinander; denn die Sonne wußte nicht ihren Sitz, noch der Mond
seinen Malweg, noch die Sterne ihre Stätte. Die Asen wandelten die
Lichtfunken in Sterne und festigten sie am Himmelsbogen, die dunkle Nacht
aber hob Allvater zum Himmel empor und gab ihr das Roß Hrimfaxi
(Reifmähne), von dessen Gebiß reichlich Tau in die Thäler rinnt, damit es
ihren dunklen Wagen ziehe, wenn sie über das Weltall fahrend den duldenden
Wesen Schlummer bringt. Ihrem dritten Gatten Dallinger (Dämmerung), der von
Asen stammte, gebar sie den glänzenden Tag.

Zu dieser Zeit wuchsen auf in der Halle des Vaters, der Mundilföri
(Achsenschwinger) zwei liebliche Kinder, Sol (Sonne) und Mani (Mond). Als
sie zur Jugendblüte heranreiften wunderte sich alle Welt über ihre
Schönheit, und der Vater in seinem Stolze verglich sie mit den seligen
Göttern. Aber die Asen, dem Übermute zürnend, nahmen die blühenden
Geschwister von der Erde weg, damit sie am Himmel in schönerem Glanze
leuchten möchten. Also fährt Sol im Sonnenwagen, den die Asen von Muspels
sprühenden Funken erbauten. Zwei edle Hengste, Armaker (Frühwach) und
Alswider (Allgeschwind), ziehen ihren feurigen Wagen, dessen Gluten der
Schild Swalin (Kühlung) dämpft, damit nicht vor der Zeit Himmel und Erde in
Flammen vergehen, denn

    »Berge und Brandung verbrannten gewiß
    Vor der glühenden Gottheit der Sonne,
    Fiel er davor herunter.«
                   (Grimnismal der Edda.)

So folgt die schöne Sol dem lichten Tage, wenn er, Liebesworte mit ihr
tauschend, durch die Wogen des Himmels eilt. Skinfaxi (Lichtmähne), das
edle Roß, zieht des Gebieters goldenen Wagen in raschem Fluge dahin und
seine Mähne erleuchtet Luft und Erde.

Der dunklen Nacht folgt Mani mit dem Mondwagen. Als er nun einstmals über
ein ödes Waldland hinfuhr, sah er zwei Kinder, Bil (die Schwindende, der
abnehmende Mond) und Hyuki (der Belebte, der zunehmende Mond). Sie trugen
schwere Wassereimer und schienen ganz erschöpft. Doch schleppten sie die
Last mühsam fort, weil ihr harter Vater sie noch in später Nacht zur Arbeit
zwang. Mitleidig umfing sie Mani mit seinen Strahlen und nahm sie zu sich
in seinen himmlischen Wagen, wo man sie noch von der Erde aus sehen kann.

Sol und Mani dürfen in ihrem Fluge nicht weilen; denn der grimmige Wolf
Sköll verfolgt sie durch die Himmelsräume, bis sie sich am Abend in die
Fluten des Meeres birgt, und der entsetzliche Hati jagt dem Meere nach.
Wenn die Wölfe der ersehnten Beute nahe kommen, so erblassen die
leuchtenden Himmelsbewohner und verlieren ihren Schein, das nennen
unkundige Menschen Sonnen- oder Mondfinsternis. Den schrecklichen Hati
gebar und mästet mit andern Wölfen seiner Art ein Riesenweib, das weit
östlich in Jarwider sitzt und Göttern und Menschen ein Grauen ist. Von
ihrer Brut ist Managarm (Mondhund) der furchtbarste, der einst am Ende der
Tage den Mond würgt und die Säle der Himmlischen mit Blut bespritzt, wie es
in der dunklen Orakelsprache der Völnspa heißt:

    »Östlich saß die Alte im Eibengebüsch
    Und füttert dort Fenrirs Geschlecht,
    Von ihnen allen wird eins das schlimmste:
    Des Mondes Mörder übermenschlicher Gestalt.

    Ihn mästet das Mark gefällter Männer,
    Der Seligen Saal besudelt das Blut.
    Der Sonne Schein dunkelt im kommenden Sommer,
    Alle Wetter wüten: wißt ihr, was das bedeutet?«

Linde Lüfte bringt säuselnd Swasuder (Sanft-Süd) holdselig von Angesicht;
sein Sohn ist der blumenbekränzte Sommer. Doch folgt ihm bald der grimmige
Riese Windswaler, mit dem Winter, seinem Erzeugten. Die ziehen fort und
fort nacheinander durch alle Zeiten, bis die Götter vergehen. Auch sitzt am
Ende des Himmels der ungeheure Riese Hräswelger (Leichenschwelger) im
Adlerkleid und schlägt die Schwingen, davon der Sturmwind über die Völker
der Erde tost.

    »Hräswelg' nennt sich, der an Himmels Ende sitzt
    Im Adlerkleid ein Jötun.
    Mit seinen Fittichen facht er den Wind,
    Über alle Völker.«
                             (Edda, Vasthrudnismal.)

Wir sehen, daß die Sonne früher auch bei den Germanen als männliches Wesen
personifiziert wurde; indeß erscheint an Stelle Sols schon frühzeitig die
weibliche _Sunna_.

                  *       *       *       *       *

Allvater, fährt die Sage fort, wohnte in der Tiefe und sann, und was er
sann, das ward. Da erstand, unberührt von der Faust dieser Gewalt, die
Esche Yggdrasil, der Baum der Welten, der Zeiten und des Lebens. Ihre
Zweige breitet sie aus bis in den Himmel, ihr Wipfel überschattet Walhalla,
die Halle der seligen Helden. Drei mächtige Wurzeln nähren und tragen den
Stamm; die eine reicht gen Niflheim; unter ihr herrscht über das Reich der
Schatten die bleiche finstere Hel, und da sprudelt der urweltliche Brunnen
_Hwergelmir_, in dessen Tiefen die Geheimnisse der vorweltlichen Dinge
verborgen ruhen, die weder Menschen noch Götter noch Riesen zu ergründen
vermögen. Die andere Wurzel zieht gen _Jötenheim_, wo Mimirs Born quillt,
in dem die Kunde von der Urwelt, von der Entstehung, dem Werden der Dinge
sich birgt. Da sitzt _Mimir_ (Erinnerung), der weise Jote, und trinkt alle
Tage von der Flut, die er mit Walhallas Pfande schöpft. Denn er selbst,
Odin, der sinnende Ase, kam einstmals zu dem Wächter des Brunnens, einen
Trunk begehrend, und Mimir verlangte und erhielt dafür ein Auge des nach
urweltlicher Weisheit spähenden Gottes zum Pfand. Die dritte Wurzel breitet
sich gen _Midgard_ aus, der Stätte der sterblichen Menschen.

Daselbst quillt und wallt das Wasser des _Urd-Borns_, der die Geheimnisse
des Entstehens und Vergehens der _irdischen_ Dinge umschließt. Wenn die
Völker und ihre Herrscher die Tiefen ergründen und den plaudernden Fluten
lauschen wollten, würden sie mit verjüngter Kraft zu neuen Thaten
schreiten. Auch ziehen in dem Brunnen zwei silberne Schwäne ihre Kreise;
die sind still und stumm, wie die Vergangenheit, die nicht gehört, wie die
Zukunft, die nicht beachtet wird.

Dem Urd-Born entstiegen, sitzen am Ufer ernst und schweigend die drei
Nornen: _Urd_ (Vergangenheit), _Werdandi_ (Gegenwart) und _Skuld_
(Zukunft). »Sie spinnen und weben der Neugeborenen Fäden, härene und
seidene und etliche von Gold, einen aber gen Norden, der unzerreißbar,
unentrinnbar des Lebens Leid bedeutet und den Niedergang zur Hel.«

                  *       *       *       *       *

Der Mythus vom Weltbaum ist unverkennbar uralten arischen Ursprungs. Er
erinnert an Platons Weltachse, +Republik X. 619+. Vgl. S. 582 oben.
Offenbar haben wir hier den indischen Lingam, dessen sinnbildliche
Darstellung sich noch in der berühmten Irminsäule, dem Heiligtum der
Sachsen, das Karl der Große zerstörte, wiederfindet.

»Der Todesgöttin sind die Schicksalsschwestern verwandt. In grauer Urzeit
geboren, wurden sie von Joten aufgepflegt, bis sie ans Licht des Tages
traten und nun, am Urd-Born sitzend, den Wechsel der Zeit verkündigen. Sie
begießen den Lebensbaum mit dem heiligen Wasser der Quelle, daß er nicht
der Fäulnis erliege; aber sie wissen und verkündigen es auch, wie alles
Leben dem Untergang sich zuneigt, dem auch die seligen Götter nicht
entrinnen können.« -- »An den Blättern der Weltesche zehrt der Hirsch
Eikthyrner, gleichwie das umrollende Jahr an der Dauer der Welt und der
endlosen Zeit; vier andere Hirsche, Dain und Dwalin, Dumaier und Durnthor,
nähren sich von den Knospen und Sprossen, wie die Jahreszeiten Stunden und
Tage verzehren und sie doch nicht mindern. Von Helheim herab aber bäumt
sich der Drache _Nidhöggr_ und unzähliges Gewürm, die Wurzel benagend.«

                  *       *       *       *       *

»Können wir nichts thun, um den Lebensbaum zu schützen?« fragten einst
Odin die anderen Asen.

»Gegen den großen Hirsch und die übrigen genügt die Arbeit der Nornen«,
antwortete Jener, »denn was die Schwäche der Weltlenker und das beständige
Schwinden der erschaffenen Wesen dem Werke des Geistes schadet, das wird
durch das Walten der Weltgeschichte ersetzt. Aber das Grundübel ist
unheilbar; dem Werke klebt der vergängliche Stoff an. Zwar nur _eine_
Wurzel des Baumes steht in Niflheim, allein, wenn es Nidhöggr erst gelungen
ist, diese zu untergraben, so werden andere, geistige Feinde den Stamm
leicht zum Wanken bringen. Gegen sie, welche bald hereinbrechen werden,
habe ich einen treuen Wächter auf die Spitze des Baumes gestellt. Ihr seht
dort meinen Adler horsten und zwischen seinen Augen sitzt ein Falke. So
schaut er ohne Unterlaß mit doppelter Sehkraft aus. Damit er nie
einschlummere, läuft jenes Eichhörnchen beständig am Stamme auf und ab.«

Sonderbarer Weise findet man auch im deutschen Aberglauben eine hohe
Bedeutung des Tannenwipfels und eine Beziehung des Eichbaumes auf
denselben. In dem »sympathetischen Mischmasch« (1715, S. 82) und in den 138
Geheimnissen (Frankfurt und Leipzig 1726) heißt es, der höchste
Tannenzapfen am Baum mache schußfrei und, wenn ein Eichhörnchen davon es
esse, könne es auf keine Weise getroffen werden. Daher trage man auch
solche Zapfen im Kriege bei sich, um schußfest zu werden. (+W. Menzel,
vorchristl. Unsterblichkeitslehre S. 71.+)

»Nidhöggr«, fährt Odin fort, »läßt dem Wächter keine Ruhe: denn der
Lindwurm ist grimmig, daß durch die Wachsamkeit des Adlers seinem
dereinstigen Verbündeten und dadurch auch ihm das Werk erschwert wird.
Wilde Lästerungen stößt er deswegen unaufhörlich gegen die Asen aus; das
Eichhörnchen hinterbringt sie dem Adler, der ihm kräftige Drohungen
zurückschickt. Der _Zorn_ über die frevle Zerstörungswut hält das Auge des
Geistes wach gegen die nahende Versuchung; dieser Zorn wird aber nur
unterhalten, wenn schnelle Gedanken beständig zwischen Himmel und Erde hin
und her eilen und Himmlisches und Irdisches gegen einander halten. Was der
Adler nicht erschaut, das werden mir meine beiden Raben künden. Sie heißen
_Hugin_, d. h. der Gedanke und _Mimir_, d. h. Erinnerung. Täglich sollen
sie _um_ die Welt fliegen und mir alles melden, was vorgeht. Gegen unsere
zukünftigen Feinde bin ich gerüstet; bisher beherrschte Liebe die Welt; von
nun an muß Furcht hinzukommen. _Yggr_, d. h. Schrecken, wird bald mein Name
sein, und der Baum, der mich getragen, heiße Baum des Schreckens: Yggr
drasil.«




Zweites Kapitel.

Der Götterhimmel der Germanen.


Die Edda (Wöluspa) schildert uns 12 Weltteile oder Himmelsfesten, die
vermutlich den 12 Sternbildern des Tierkreises entsprechen. 1) _Midgard_,
die Erde, ist schon genannt. Auf und über der Erde ist 2) _Wanaheim_, der
Wohnplatz eines jüngeren Göttergeschlechts, in denen sich die Natur der
Asen vermischte mit der Natur der Jötunen. Wahn war ihr Wesen, d. h.
unbewußtes Schauen und Sinnen. Man erklärt sie vielfach für die Götter des
Gemüts, der sinnlichen Triebe, einzelne halten sie auch für die Götter der
Wasserwelt, unter deren Herrschaft das Meer und die Flüsse standen. Unter
der Erde ist 3) _Schwarzelfenheim_, der Aufenthalt der von Loki
geschaffenen Zwerge. Durch dieses gelangt man zum Totenreich, 4) _Helheim_,
welches von 5) _Niflheim_ begrenzt wird. Südwärts liegt das erwähnte 6)
_Muspelheim_, wo Surtur mit dem Flammenschwert herrscht und Muspels Söhne
wohnen. Über Midgard im sonnenhellen Raum liegt 7) _Lichtelfenheim_, der
Aufenthalt der Lichtelfen, Zwerge, die sich von den Erdzwergen durch ihre
lichte Hautfarbe unterscheiden und die Gefilde Asgards schmücken und für
die Asen arbeiten, wie die Erdzwerge für Widar und Hödur. Über diesem aber
wölbt sich 8) _Asgard_, die Burg der Asen, von Gold und glänzendem Gestein
erglänzend und in ewigem Frühling grünend. Dieses trennt ein breiter Strom
von 9) _Jötunheim_, dem Aufenthalt der zauberkundigen Joten. Daneben werden
noch genannt 10) _Glidskialf_, der Hochsitz Odins, 11) _Gladsheim_
(Glanzheim), der Hof Odins, der auch Walhall umschließt, und 12)
_Himmelsburg_, wo Heimdal wohnt, der Wächter der Götter.

Der höchste der Asen, der Göttervater, der nächst dem ungeschaffenen
Allvater die von ihm geschaffene Welt während ihrer ganzen Dauer regiert,
ist _Odin_, von Wolfgang Menzel treffend als eine Personifikation der Zeit
und zugleich des absoluten freien Willens charakterisiert, ein Gott, der an
sich weder gut noch böse, doch im Verlaufe der Zeitlichkeit mancherlei
Unrecht verübt und schließlich nicht ohne Schuld den Untergang dieser Welt
herbeiführen muß. Odin ist der deutsche _Wodan_, der Himmelsgott,
gewöhnlich _einäugig_ gedacht; denn der Himmel hat nur _ein_ Auge, die
Sonne; ein breiter Hut beschattet seine Stirn, die Wolke, sein Mantel ist
blau mit goldenen Sternen bestickt.

Die Römer (Cäsar und Tacitus) identifizierten ihn mit Merkur; denn sie
berichten, Merkur sei der höchste Gott der Germanen. Dies wird nur
erklärlich, wenn man bedenkt, daß bei den Römern Merkur als Totenführer
gilt. Ein _Führer der Seelen_ war aber auch Odin-Wodan; denn die Seele
dachte man sich als ein luftartiges Wesen. Nach dem Tode führt Odin sie in
sein luftiges Reich. -- In dieser Eigenschaft als Luftgeist und Führer
abgeschiedener Seelen hat Wodan sich am längsten in der deutschen Volkssage
erhalten. Es ist der im Sturm jagende Wode, der wilde Jäger, der in lokalen
Sagen noch jetzt als Hackelbaraud, Rodensteiner erscheint und das
Gespensterheer über die Wälder dahin führt.

Während aber in den späteren vom Christentum beeinflußten Sagen die
Seelenführung Odins einen unheimlichen Charakter angenommen hat, war sie im
Heidentum vor allem eine Führung der heldenhaften Seelen. Odin ist der
große Heerführer. »Gieb uns den Sieg, Heervater«, flehten betend und
opfernd die Fürsten der Vandalen zu Wodan.

In Odins Himmelsburg war ja auch Walhalla, eine ungeheuere große
Totenhalle, in die alle Könige, Helden und zur Waffenehre berechtigten
freien Männer nach ihrem Tode aufgenommen wurden, als die sog. Einherier
(Genossen des Heeres, Waffenbrüder). Sie werden an der Tafel, an der Odin
allein Wein trinkt, sie aber Bier, von den schönen Walkyren
(Totenwählerinnen, Wunschmädchen) bedient, ziehen dann auch abwechselnd
hinaus auf die Ebene Ida, um männliche Spiele zu treiben und miteinander zu
kämpfen, weil ihnen schon im Leben Kampf immer das liebste gewesen. --
Außer der Walhalla gab es nach der Edda noch andere Himmel, einen der
Frauen, der Jungfrauen und einen sehr großen für das gemeine Volk. Nach
Walhall gelangten nur Helden und diese auch nur, wenn sie im Kampfe
gefallen waren oder sich auf dem Sterbebette wenigstens noch mit einer
Lanze verwundet hatten.

Derselbe Odin, der Führer der Helden, ist nur bezeichnend für die
germanische Schätzung der Dichtkunst -- »es soll der Dichter mit dem König
(Helden) gehen«, -- noch der _Gott der Dichtkunst_, und wieder bezeichnend
für das Volk der Dichter und _Denker_, der Gott der Weisheit. Eigentümlich
ist die Erzählung der Edda vom _Dichtertrank_, in dessen Besitz Odin sich
mit Unrecht und Arglist zu setzen wußte. Die Asen und Vanen, d. h.
vielleicht die sittlichen und physischen Mächte, hatten sich zu Anfang
bekämpft. Es wurde aber zuletzt Frieden geschlossen, und dies geschah,
indem beide Teile in ein Gefäß spuckten. Dieses Friedenszeichen schufen die
Asen nachher in einen Mann um, namens Quasir, der so weise war, daß er auf
alle Fragen, die man an ihn richtete, Antwort zu geben wußte. Quasir fuhr
nun weit im Lande umher, die Menschen zu unterrichten und überall rühmte
man seine Weisheit und seinen Verstand, so daß sein Ruhm sich weithin
verbreitete. Einstmals kam er zu zwei Zwergen, namens Fialar und Galar;
diese waren neidisch auf seinen Ruhm, und töteten ihn deshalb. Sein Blut
ließen sie in zwei Fässer rinnen, die Son und Boden hießen, und in einem
Kessel, den sie Odrärer nannten. In dieses Blut mischten sie Honig, und
daraus entstand ein herrlicher Met, welcher die Eigenschaft hatte, daß er
die, welche davon tranken, zu Dichtern und weisen Männern machte.

Dieser Zaubertrank kam schließlich in den Besitz des Riesen Suttang, der
ihn in einem Felsen, namens Huitberg verbarg. Er selbst kostete nicht
einmal davon, denn er war zu geizig dazu. Seine Tochter, die schöne
Gunlödi, stellte er als Wächterin bei dem Met und verbot ihr streng, davon
etwas zu genießen. Davon hat die Dichtkunst auch die Namen: Quasirs Blut,
Zwergtrank, Odreers oder Bodens oder Sons Naß, Huitbergs Met oder Naß.

Odin hatte von diesem wunderbaren Getränk gehört, und obschon er selbst
die Gabe der Dichtkunst und die Weisheit in einem hohen Grade besaß, wollte
er doch von diesem Met kosten, um noch weiser zu werden.

Er machte sich daher auf den Weg nach dem Riesenlande, und zwar ohne alle
Begleitung, und kam an einen Ort, an dem neun Riesen das Heu abmäheten.
Obgleich der mächtigste Gott, getrauete er sich doch nicht, die neun Riesen
zu bekämpfen, und suchte daher durch List ihrer Herr zu werden.

Er fragte sie nämlich, ob er ihnen mit seinem kostbaren Wetzsteine die
Sensen wetzen solle, und die Riesen willigten ein. Odin nahm darauf einen
Wetzstein aus der Tasche, und machte die Sensen darauf so scharf, daß die
Riesen darüber sehr erfreut waren; aber nun wollten sie auch den Wetzstein
haben. Odin sagte, wer ihn kaufen wolle, solle geben, was billig sei. Jeder
sagte darauf, daß er ihn kaufen wolle, und sie gerieten darüber in Streit.
Da warf Odin den Stein in die Luft, und nun griffen alle darnach, und sie
kamen derart ins Handgemenge, daß sie sich mit ihrem Eisen töteten.

Odin setzte nun seinen Weg fort und kam des Abends zu einem Riesen, namens
Bangi, einem Bruder Suttangs; er hatte hier wieder eine andere Gestalt
angenommen und nannte sich Bölwerk.

Bangi, der den Götterfürsten nicht erkannte, nahm ihn sehr gut auf, und
erzählte ihm, auf welche Weise er neun seiner Knechte verloren habe, und
wie er nun nicht wisse, woher er Arbeiter nehmen solle. Da erbot sich
Bölwerk, bei ihm zu bleiben während des ganzen Sommers, und ebensoviel zu
arbeiten, als die neun Knechte gearbeitet hatten; doch sollte ihm Bangi zum
Lohne dafür am Ende des Sommers einen Trunk aus Suttangs Met verschaffen.
Bangi antwortete, daß er nicht Herr über den Met sei, versprach ihm jedoch,
mit ihm zu seinem Bruder zu gehen und diesen darum zu bitten, denn einen so
tüchtigen Arbeiter wollte er nicht so leicht wieder ziehen lassen.

Während des Sommers arbeitete Bölwerk für neun; als aber der Winter
herankam, verlangte er seinen Lohn. Beide begaben sich nun zu Suttang;
Bangi erzählte seinem Bruder, was Bölwerk für ihn gethan und was er ihm
versprochen hatte, und bat ihn nun um einen Trunk von dem Dichtermet, aber
Suttang schlug die Bitte geradezu ab, und sagte, daß niemand von seinem Met
kosten solle.

Darauf sagte dann Bölwerk zu Bangi, daß sie es nun durch List versuchen
müßten, um den Met zu bekommen, und Bangi war damit zufrieden.

Beide machten sich nun auf den Weg zu dem Felsen, in welchem der
Dichtertrank eingeschlossen war. Als sie dort angekommen waren, zog Bölwerk
einen Bohrer hervor, der Rati genannt war, und gebot Bangi, mit diesem
scharfen Bohrer den Felsen zu durchbohren. Bangi that es, und nach einiger
Zeit sagte er, der Fels sei nun durchbohrt. Aber Bölwerk blies in das
gebohrte Loch, und da ihm die Spähne ins Gesicht flogen, merkte er, daß ihn
Bangi betrügen wolle. Er verlangte daher, daß Bangi den Felsen vollständig
durchbohren solle, und er mußte es thun. Als Bölwerk nun wieder
hineinblies, flogen die Spähne ins Innere des Felsens. Schnell verwandelte
sich nun Bölwerk in eine Schlange, und kroch durch das Loch. Bangi stieß
ihm den Bohrer nach, aber ohne ihn zu treffen.

Als Bölwerk nun in dem Felsen angekommen war, nahm er eine Gestalt an, in
welcher er der Gunlödi so außerordentlich gefiel, daß sie ihm nichts
verweigern konnte. Während dreier Tage und dreier Nächte blieb er in dem
Felsen. Beim ersten Trank leerte er den Kessel Odrärer, beim zweiten das
Faß Boden und beim dritten das Faß Son. Hierauf verwandelte er sich in
einen Adler, flog eiligst davon, und ließ die betrogene Gunlödi in
Verzweiflung zurück.

Unterdeß hatte Suttang Kunde erhalten von dem, was geschehen war. Schnell
verwandelte er sich ebenfalls in einen Adler, und flog ihm nach. Die Asen
sahen Odin schon in weiter Ferne; sie bemerkten aber auch, daß Suttang ihn
verfolgte, und daß Odin durch den in reichlichem Maße genossenen Met
schwerfällig geworden. Sie setzten deshalb schnell Gefäße in den Hof, in
welche Odin, als er den Asgard erreichte, den Met ausspie. So gelangte Odin
zu dem Dichtermet. Odin gab davon den Asen und allen guten Dichtern. Dies
ist der Ursprung von dem, was wir Dichtkunst, Odins Fang oder Fund, oder
der Asen Gabe und Trank nennen.

So weit die Erzählung in der jüngeren Edda. In der Havamal wird dieselbe
Mythe wenn auch nicht so vollständig erzählt, aber weit schöner
ausgeschmückt:

    »Sobald es tagte,
    Gingen die Riesen
    In die erhabene
    Halle hinein,
    Und jeder fragte
    Und forschte den Bölwerk,
    Ob die Mäher mit ihm
    Gekommen seien.

    Lange hielt ich,
    Was ich versprach,
    Und vollendet die Arbeit
    So gut als einer,
    Daß nichts gebrach.
    Darauf sucht er Suttang
    Zu überlisten
    Beim fröhlichen Mahl,
    Allein er mußte noch
    Gunlödens Thränen kosten.

    Gunlöde reichte
    Im goldenen Keller
    Mir einen Trunk
    Des kostbaren Mets dar,
    Aber mit Schmerzen
    Vergalt ich ihn
    Ihrem heiligen Herzen
    Ihrem züchtigen Sinn.

    Über Flüsse mußt' ich schwimmen,
    Über Felsen mußt' ich gehen;
    Oben und unten
    Hab' ich der Riesen
    Wege gefunden,
    Und setzte da meinen
    Kopf auf's Spiel.

    Nun hab' ich zum Dank
    Den teuren Trank.
    Ihn werden die Weisen
    Ein Kleinod heißen.
    Aus ihm entsprang
    Lied und Gesang
    Im Himmel und auf Erden.

    Niemals würd' ich
    Den Riesenhöhlen
    Entkommen sein,
    Hätt' ich nicht Gunlöde,
    Das gute Mädchen,
    Umarmt und geliebkost.«

                  *       *       *       *       *

Ähnlich raubt nach _indischen_ Mythen der Gott Indra den im Wolkenberge
gefesselten Met und bringt ihn in Falkengestalt zu den Sterblichen.

»Ich weiß«, so spricht in einer der _rätselhaftesten_ und tiefsinnigsten
Dichtungen der Edda Odin, »daß ich hing am Baume der Welt neun lange
Nächte, vom Speer verwundet, den Odin geweiht, ich selber mir selbst. Am
Baume hing ich, des Wurzel keiner kennt. Man bot mir nicht Brot noch Trank.
Da, in die Tiefe spähend, empfing ich Runen und sank vom Baume nieder. Vom
Ahn, dem Urriesen, lernt' ich der Lieder neun, und trinkend den Mut aus
Odrörers Born, gewann ich Gestalt und Bildung und begann zu denken. Wort
aus dem Wort verlieh mir das Wort; Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.
-- Runen sollst Du finden, o Menschenkind, Ratstäbe, mächtige Stäbe, die
Götter schufen, und die der allwaltende Herrscher eingeschnitten hat. Er
schnitt sie ein zur Richtschnur den Völkern, dann entwich er von wannen er
wiederkehrt.« -- Dieser Mythus wird von Mannhardt folgendermaßen gedeutet:
»Der sinnende Gottesgeist, -- Odin, -- schwebt am Weltbaum außerweltlich
über der zeitlich-materiellen Welt. Er blickt nieder in die Tiefen der
Schöpfung und sucht Runen, d. h. die Eigenart, die Wesenheit der Dinge zu
erforschen. Er leidet Pein: vom Speer verwundet, ohne Brot und Trank neun
lange Nächte. Denn jede Geburt bringt Schmerz und bedarf der Zeit, um zu
reifen. Wie er die Runen erkennt und erfaßt, sinkt er herab, er sich selbst
zum Opfer bringend. Der Geist taucht in die unbeseelte Materie, wird
innerweltlich, wächst und gedeiht im endlosen Leben durch das Leben, Wort
aus dem Wort und Werk aus dem Werk. Er durchdringt und beherrscht die Welt,
da er aller Dinge eigenste Art erkannt hat. Er beherrscht sie durch Lieder,
welche die Runen lebendig, zauberkräftig machen; denn neun Hauptlieder hat
er von dem urweltlichen Riesen erlernt und hat von Gunlöds Wundermet
getrunken. Es ist die Sprache des Gesanges, die, wie in der hellenischen
_Orpheussage_ nicht bloß das menschliche Gemüt, sondern sogar leblose,
unbeseelte Dinge belebt.« -- Der _runen_kundige Gott ist zugleich der
_Zauberkundige_. Eins der ältesten altdeutschen Sprachdenkmale ist jener
Zauberspruch:

    +phol unde uuôdan+ -- Phol (Balder) und Wodan
    +uuorum zi holza;+ -- fuhren ins Holz.
    +dô uuart demo balders uolon+ -- da ward des Balders Fohlen
    +zin uuoz birenkit:+ -- sein Fuß verrenket;
    +thu biguolen sinthgunt+ -- da besprach ihn Sintgunt
    +Sunnâ, erâ suister+ -- und Sonne, ihre Schwester;
    +thu biguolen uuôdan+ -- Da besprach ihn Wodan,
    +sô he uuola conda:+ -- Wie er wohl konnte;
    +sôse bînrenki+ -- So die Beinrenkung,
    +sôse bluotrenki+ -- So die Blutrenkung.
    +sôse lidirenki.+ -- So die Gliederrenkung.
    +bên zi bêna+ -- Bein zu Beine,
    +bluot zi bluoda+ -- Blut zu Blute,
    +lid zi geliden+ -- Glied zu Gliedern,
    +sôse gelîmida sên.+ -- Als ob sie geleimet seien!

                  *       *       *       *       *

Sogar zu Mimirs Born war Odin hinabgestiegen, um den Grund aller Dinge zu
erfahren. Heimlich fuhr er dahin und begehrte einen Trunk aus Mimirs Born.
Aber der Riese verlangte dafür ein Auge des Gottes. So groß war dessen
Durst nach Erkenntnis, daß er das eine Auge dafür gab. Mimir hatte vordem
wohl Kunde von den _ältesten_ Zeiten gehabt; allein die Einsicht in das
Geschehende hatte ihm gefehlt; von nun ab benutzte er das Auge Odins als
Trinkhorn, und aus des _Geistes Auge trank er Einsicht vom Quell des
Gedächtnisses_. -- Odin aber kehrte grübelnd und sinnend zurück. Vieles war
ihm klar geworden; doch sah er ein, daß niemand Allvaters Ratschlüsse aus
der Natur endlicher Wesen erschließen kann, und wenn er die Schöpfung bis
zum ersten Keimpunkt zurückverfolgt. Als die Asen ihn fragten, wodurch er
sein Auge verloren, zeigte er auf die großen Lichter, welche Tag und Nacht
erhellen, und »Wißt ihr«, fragte er sie, »warum nur _eine_ Sonne und _ein_
Mond an meinem Himmel steht? Seht, ihr Ebenbild schaut euch aus dem
Gewässer entgegen. _Ein Auge des Himmels wacht über der Welt; das andere
ist versenkt in das Meer der Zeiten, in den Urstoff der Dinge._«

Ein tieferer Sinn dieses Mythus vom _einen_ Auge Odins, dessen _anderes_ er
bei Mimir zum Pfande ließ, scheint mir durch die spekulative Hypothese vom
transscendentalen Ich gegeben zu sein, die wir bereits bei Plato und
Aristoteles berührten, die Kant und endlich du Prel in der Lehre vom
Doppel-Ich, dessen eine Hälfte im Transscendenten liegt, modernisiert hat.
(Vergl. S. 832 und 613 oben.)

Nächst Odin-Wodan nehmen _Thor_ und _Loki_ die bedeutendste Stelle im
germanischen Götterhimmel ein.

Thor, Thunaras, ahd. Donar, ist ebenfalls Himmelsherrscher, aber eine von
dem höheren umfassenden Begriffe Odins abgespaltene Rolle, nämlich als Herr
des Gewitters. Nach ihm trägt der Donnerstag noch heute seinen Namen. Auf
einem von Böcken gezogenen Wagen fuhr er durch die Wolken dahin, der
einschlagende Blitz war sein Geschoß, gedacht als steinerner Wurfhammer.
Sein Charakter vereint Kampflust und Gutmütigkeit; letztere läßt ihn
oftmals das Opfer von Trug und Lug werden. Ihm galt vor allem das Gebet und
der Kriegsgesang der Germanen beim Auszug in die Schlacht.

Nach Mone (S. 404) ist Thor »das Übergewicht der allgemeinen organischen
Lebenskraft über die unorganische Materie oder mit anderen Worten der
kämpfende Sonnenheld«. Letzteres würde uns begreiflich machen, warum die
Römer in ihm nicht nur ihren +Jupiter tonans+, sondern mehrfach auch ihren
Herkules wiederzuerkennen glaubten.

Er war ein Sohn Odins und der Erde, was ganz physikalisch durch die aus der
Erde aufsteigenden Gewitterwolken gedeutet werden könnte. Er
versinnbildlicht auch die Fruchtbarkeit, als zeugendes Prinzip; denn die
blonde Sif, die Ernte ist sein Weib, nämlich im Sommer; im Winter heißt
sein Weib Jarasaxa (Eisenschwert oder Pflugschar). Kraft ist seine
hervorstechendste Eigenschaft. Thrudheimr (Kraftwald) ist der Name seines
Wohnsitzes, er wandert gern mit einem Tragkorb auf dem Rücken zu Fuß
einher, ißt und trinkt unmäßig, ist leidenschaftlich, und wenn er zürnt,
schnaubt er in seinen roten Bart, daß es wie Donner durch die Wolken
schallt.

Er ist der Hauptfeind des Riesengeschlechts. Als er einst schlief, -- im
Winter ist seine Kraft abwesend --, stahl ihm der Riese Thrymr, der Starke,
seinen Hammer (Mjöllnir) und verbarg ihn tief in der Erde. Er wollte durch
Vorenthaltung des Hammers sich die Göttin Freyja zur Frau erpressen. Auf
Heimdallrs Rat legte nun Thor Freyjas Gewand an und nahm den listigen Loki,
der sich als Magd verkleidet hatte, mit ins Thursenland, das Thrymr
beherrschte. Von Thrymr sehnsuchtsvoll empfangen, fiel er diesem auf durch
unmäßiges Trinken und Essen, einen ganzen Ochsen aß er und acht Lachse und
alle Kuchen, die den Weibern bestimmt waren. Da hob Thrymr seinen Schleier
und prallte entsetzt zurück, da er Thors furchtbar funkelnde Augen
erblickte. Doch gebot er, den Hammer zu bringen um die Braut zu weihen.

Da lacht dem verkleideten Thor das Herz, als er seinen Hammer wiedersieht;
er ergreift ihn, erschlägt den Riesenfürsten und zerschmettert das ganze
Geschlecht.

Mone findet in dieser Sage eine Anspielung auf die Idee der Wiedergeburt:
»da Heimdallr die Seelen zur Wiedergeburt der Frau (Freyja) überliefert, so
muß Thor selbst eine Frau werden, wenn er (der Winterschlaf ist der Tod)
wiedergeboren sein, d. h. zu seinem Hammer gelangen will.« Einfacher und
natürlicher scheint es mir, darin nichts anderes als das Erwachen des
Frühlings zu finden.

    »Noch schläft die Mutter Erde,
    Träumend vom Auferstehn;
    Da ruft ein mächtig Werde
    Der Gott; es muß gescheh'n.
    Er spaltet mit dem Hammer
    Des Eises starres Thor.
    Da tritt sie aus der Kammer,
    Bräutlich geschmückt hervor.«

                  *       *       *       *       *

_Loki_, der Endiger, von riesischer Abkunft, ist der Anstifter jeglichen
Unheils bei Göttern und Menschen, scheinbar zunächst ein treuer Gefährte
der anderen Asen, schön wie Lucifer, hat er im Anfang der Zeiten mit Odin
Blutsbrüderschaft getrunken. Doch weil er vom Herzen eines bösen Weibes
getrunken, ist er schwanger geworden und hat die Ungeheuer, den Fenriswolf,
die Midgardschlange und die Totengöttin Hel geboren. Er selbst pflegt sich
unter den verschiedensten Verwandlungen zu zeigen, ein Geist, der stets dem
Widerspruch und der Verneinung dient. Er heißt auch Loptr (Luft) und Lodorr
(Hitze); Funkenspiel und zitternde Luftbewegung bringt heute noch
nordischer Volksglaube mit Lokis Namen in Verbindung. Loki ist das Feuer,
das der Sturm aus dem Holze entfacht. Denn seine Eltern heißen Farbauti,
der gefährlich Schlagende und Nal, Nadel am Nadelbaum.

Loki ist es, der bekanntlich den _Balder_, diese reinste Lichtgestalt unter
den Asen, den _guten_ Gott durch den blinden _Hödur_ töten läßt, wie es die
jüngere Edda 49 schildert: Balder, der Gute, hatte schwere Träume, sein
Leben sei in Gefahr. Da hielten die Asen Rat, um ihn zu schützen, und
Frigg, seine Mutter, nahm Eide von allen Elementen, Steinen, Pflanzen,
Tieren, Krankheiten und Giften, daß sie Balder verschonen sollten. Die Asen
stellten darauf den Balder in die Mitte, warfen und schlugen nach ihm mit
allen möglichen Werkzeugen und konnten ihn nicht verletzen. Loki aber, der
die Gestalt eines alten Weibes angenommen hatte, lockte der Frigg das
Geheimnis ab, ob ihrem Sohn doch vielleicht etwas schaden könne.
Unvorsichtig vertraute ihm Frigg, von einer Mistel allein, die auf einem
gewissen Baum wachse, habe sie keinen Eid genommen, da dieselbe ihr zu
jung vorgekommen sei. Da pflückte Loki die Mistel ab und gab sie dem Hödur,
der ein Bruder des Balder und von großer Stärke, aber blind war. Als nun
alle Asen schon versucht hatten, den Balder zu verletzen, sollte es auch
der blinde Hödur versuchen; kaum aber berührte er ihn mit der Mistel, so
fiel der schöne Bruder tot zu Boden. Seine Leiche wurde von den Asen in ein
großes Schiff gebracht und verbrannt. -- Die Götter entsandten Hermordr,
einen anderen Bruder Balders, nach Hel, der Totengöttin, um den Gestorbenen
aus ihrer Macht zurückzulösen. Hel knüpfte die Auslösung an die Bedingung,
daß alle Wesen, lebende und tote, um Balder weinen. Das thaten sie auch mit
Ausnahme des Riesenweibes Tök, einer Vermummung Lokis, und somit konnte
Balder nicht wieder zur Welt kommen.

                  *       *       *       *       *

Die Deutung dieses Mythus bietet viele Schwierigkeiten. Im allgemeinen kann
Uhlands Erklärung, +Sagenforschungen I, 144ff.+ als die natürlichste
gelten, der Balder als das Licht und den Sommer, den blinden Hödur als die
Nacht und den Winter, Balders Tod als die Schwächung der Sonne in der
Sonnenmitte, Nanna als die Pflanzenwelt, die mit dem Sommer stirbt, deutet.
Aber unerklärlich steht die in der Druidenlehre so wichtige Mistel da. --
Nach Professor Kauffmann und Professor Golther haben wir es nur mit einer
erst spät zur Göttersage umgewandelten Heldensage zu thun, die
ursprünglicher und echter bei Grammaticus überliefert ist, wo Balder, ein
Held, mit Kriegsmacht in das Land des Gevarus eindringt, um sich Nanna,
seine Geliebte zu erkämpfen. Er fällt hier durch das Schwert Hothers,
welches Mistilteinn heißt. Dies Wort sei später als Mistelzweig
mißverstanden.

Indeß erscheint mir diese Hypothese schon anticipatorisch bei W. Menzel,
vorchristl. Unsterblichkeitslehre widerlegt zu sein. Wahrscheinlich ist
doch, daß der esoterische Kern der Mythe ähnlich wie derjenige des Osiris-
und Zagreus-Dionysios-Mysteriums die Wiedergeburt und die Wiederbringung
aller Dinge betrifft. -- Die Asen wollten den Loki für seine Frevel sofort
töten. Aber Odin, der schon vorher den Tod Balders bei seinem Ritt nach
Niflheim erkundet hatte, hindert die Ermordung Lokis. Er weiß, daß alles
sich nach dem Schicksal erfüllen muß, daß Loki dereinst diese Welt
zerstören wird, daß aber in der darnach erstehenden neuen Welt Balder
herrschen soll. Loki ward nun, wie sein Sohn, der Fenriswolf, gebunden mit
einem Geisterbande. So lange diese Bande nicht reißen, so lange besteht die
Welt. Nach dem nordischen Glauben sind wir aber schon im sechsten Alter der
Welt, eine Idee, die im ganzen Mittelalter Volksglaube war, wonach sieben
Weltalter einander folgen sollen. Wenn Loki oder der Teufel wieder los
wird, dann kommt das Ende der Welt.

Erwähnung verdient unter den männlichen Asen neben _Hoenir_, _Uller_,
_Bragi, dem Skaldengott_, _Aegir_, der die Ruhe des Meeres personificiert.
In Aegirs durch Frieden geheiligter Halle sind die Götter gern zu Gast und
zechen; statt des erleuchtenden Feuers dient hier strahlendes Gold. Im
Leuchten des windstillen Meeres mochte man, meint Uhland, den Glanz des
versunkenen Goldes spielen sehen. Erwähnung verdient sodann noch _Freyr_,
welcher die Sehnsucht des Mannes nach dem Weibe darstellt. Er wirbt lange
vergeblich um _Gerdur_, deren Wesen am besten als weibliche Schamhaftigkeit
bezeichnet wird, bis er schließlich mit Hilfe magischer Mittel, die sein
Diener Skirnir anwendet, sie überwindet. Endlich ist noch _Heimdallr_ zu
erwähnen, eine nordische Form des deutschen _Ziu_, der über die Welt
leuchtende. Auf den Himmelsbergen am Regenbogen, der als Brücke Himmel und
Erde verbindet, ist sein Wohnsitz. Er hütet diese Brücke, daß diese bösen
Riesen von der Erde nicht hinaufsteigen, um den Himmel zu stürmen. Wie Loki
das zerstörende, ist Heimdallr das erhaltende Prinzip. Nach W. Menzel
vertritt er innerhalb der Zeitlichkeit die Beziehung zur Ewigkeit, die
Fortdauer, das Leben der Menschheit überhaupt. Deshalb wird er auch unter
dem Namen Rigr als Vater des Menschengeschlechts gedacht.

                  *       *       *       *       *

Unter den _weiblichen_ Gottheiten steht als Urgöttin, als die große
Lebensmutter, an der Spitze _Frigg_, das Weib Odin-Wodans, von der der
Freitag (+dies Veneris+) seinen Namen hat. Sie ist die Göttin der _Liebe_
und des _Kindersegens_. Als jüngere Schöpfung der isländischen Dichtung
(nach Golther) steht ihr _Freyja_ zur Seite, die vielfach mit ihr
verwechselt wird. Freyja ist das weibliche Seitenstück zu Freyr. Ihr Mann
war Odr, ihr Saal heißt Saßrymnir, sie fährt aus mit zwei Katzen, nimmt
huldvoll die Bitten der Menschen auf und ist eine Freundin der
Liebeslieder. Odr ist die stürmische und feurige Begierde (dem Wort nach
die Wut, der Sache nach die Geilheit), Freyja aber die Wollust, +Venus
libitina+. Der gemeinsame Kinder, eine Tochter, heißt Hnoß (Genuß). Um den
kostbaren Halsschmuck Brisingamen zu erwerben, gab sie sich dem Volk der
Zwerge preis (+Venus pandemos+). Dagegen haßt sie die Riesen, die eben so
sehr nach ihr begehren, aber von Loki durch ein Wolkenbild getäuscht
werden. Wie Venus (+libitina+) ist sie auch eine Todesgöttin, welche die
Gestorbenen mit Odin teilt, und weil sehr viele den Tod der Wollust
sterben, d. h. die Lust genießen, so heißt ihre Wohnung Fólkwángar
(Volksaufnahme). Freyja selbst dagegen kann gar nicht sterben; es heißt
vielmehr, sie wird alle Götter überleben.

W. Menzel erklärt sie daher als die _Sonne_, welche nach dem Weltende
wieder scheinen soll, also in Ewigkeit fortdauert, wenn Odin mit allen Asen
längst todt sind. Sie heißt auch Mardöll, Gefen (Hingebung), Hörn (Hure).
Durch den durch ihre Buhlerei mit den Zwergen erworbenen Halsschmuck
fesselte sie ihren Gatten ganz an sich, bis er einmal erfuhr, um welchen
Preis sie denselben erlangt hatte, worauf er sie entrüstet verließ. Als sie
erwachte, fand sie ihn nicht mehr, aber auch ihr Halsschmuck war
verschwunden und im tiefsten Jammer suchte sie nun den entflohenen Gatten
alle Länder durchirrend. Die Thränen, die sie weinte, wurden Perlen und
Gold. Endlich nach langen Jahren fand sie den Gatten wieder, er gab ihr den
Schmuck zurück und nahm sie wieder zu sich, weil er in der ganzen Welt
keine Schönere gefunden. Als umherirrende Bertha erkennt man sie in den
deutschen Sagen wieder.

Als Frühlingssonne wird Freyja zur _Ostara_, die wir am besten durch F.
Dahns schöne Verse charakterisieren:

    »Es kam der Hirt vom Anger und sprach: Der Lenz ist da;
    Ich sah sie in den Wolken, die Göttin Ostara;
    Ich sah das Reh, das falbe, der Göttin rasch Gespann,
    Ich hörte, wie die Schwalbe den Botenruf begann.
    Es brach das Eis im Strome, es knosp't der Schlehdornstrauch;
    So grüßt die hohe Göttin, grüßt sie nach altem Brauch!

    Da zieh'n sie mit den Gaben zum Hain und zum Altar,
    Die Mädchen und die Knaben, der Lenz von diesem Jahr;
    Das Mädchen, das noch niemals im Reigentanz sich schwang
    Und doch vom Knabenspiele schon fernt ein scheuer Drang.
    Der Knabe, der noch niemals den Speer im Kampfe schwang
    Und dem der Glanz der Schönheit doch schon zum Herzen drang.
    Sie spenden gold'nen Honig und Milch im Weiheguß
    Und fassen und umfangen sich in dem ersten Kuß;
    Und durch den Wald, den stillen, frohlockt es: Sie ist da!
    Wir grüßen Dich mit Freuden, o Göttin Ostara!«

                  *       *       *       *       *

Prof. Kaufmann freilich (deutsche Mythologie S. 106) behauptet, daß von
einer Göttin Ostara in der Überlieferung des Altertums eine Spur nicht zu
finden sei.

Dagegen berichtet uns die Edda von _Iduna_, der »vorwissenden Göttin«, daß
sie von der Esche Yggdrasil, die sie mit ihrem heiligen Wasser zu bethauen
pflegte, herabgesunken sei.

    »Schwer verträgt sie
    Dies Niedersinken,
    Unter des Laubbaums
    Stamm gebannt,
    Nicht behagt es ihr
    Bei Nörvis Tochter (der Nacht)
    So lange gewöhnt
    An heitere Wohnung.«

Auch Iduna ist nichts anderes, als die immer wiederkehrende (+id+ = wieder)
Sonne. Nachdem die Asen vergebens alle Mühe erschöpft haben, Iduna zum
Himmel zurückzurufen, sagt die Edda (im Rabenzauber) weiter, will Odin die
Asen nicht schlafen lassen, sondern versammelt sie noch in der Nacht zu
neuer Beratung. Aber Nörvi, der Vater der Nacht, schlägt mit dorniger Rute
(dem Schlafdorn) die Völker ringsumher, und auch die Asen nicken
unwillkürlich ein, selbst der Wächter Heimdallr wird schlaftrunken. Am
Morgen aber geht die Sonne prächtig am Himmel auf, die Nacht entflieht und
froh und erfrischt steigt Heimdallr wieder zu den Himmelsbergen.

Iduna verwahrt wunderbare Äpfel, von denen die Götter essen, um sich ewig
jung zu erhalten. Einst hatte mit Lokis Hilfe der mächtige Riese Thiassi
Iduna nebst ihren Äpfeln geraubt. Da fingen die Götter sämtlich zu altern
an und zwangen Loki, um jeden Preis die Iduna mit ihren Äpfeln
zurückzubringen. Er unternahm es, indem er als Falke in Thiassis Wohnung
flog, Iduna in eine Nuß verwandelte und sie in seinen Klauen forttrug. Zwar
verfolgte ihn der Riese Thiassi, als Adler, die Götter aber hielten ihn
durch ein Feuer auf, worin er verbrannte. Uhland deutet diesen Mythus,
indem er unter Thiassi, der alles kleben d. h. gefrieren macht, den Winter,
unter Iduna und ihren Äpfeln die Vegetationskraft, das Naturleben versteht,
welches im Winter verschwindet, und unter dem Falken den heiteren
Frühlingshimmel, unter der Nuß den Keim der wiederverjüngten Pflanzenwelt.
Darum liebt man es noch heute, den Tannenbaum am Weihnachtsfest, der
winterlichen Sonnenwende, mit vergoldeten Nüssen zu schmücken.

Die Äpfel erinnern an die von Herakles den Hesperiden geraubten Äpfel, die
Athene wieder in den Garten derselben zurückversetzt. Auch Athene ist das
ewige, jungfräuliche Licht der Sonne, und W. Menzel (vorchristl.
Unsterblichkeitslehre S. 99) glaubt sogar auf den Gleichklang der Namen
Iduna, Athene aufmerksam machen zu sollen.




Drittes Kapitel.

Götterdämmerung und Wiedergeburt.


Die eigenartigste Idee der altgermanischen Glaubenslehre ist die
Götterdämmerung oder _Ragnarök_ (der letzte Weltbrand).

Gemeinsame Überzeugung aller deutschen Völker war, daß Welt, Völker und
Menschen dereinst im Feuer untergehen werden, um einer neuen besseren
Weltschöpfung Platz zu machen.

Dieser Glaube an einen Weltuntergang findet sich freilich auch bei andern
Rassen, aber der germanische Weltuntergangsglaube hat einen _heroischen_
Charakter. Unsere Vorfahren meinten nämlich nicht, sie würden wie Schafe im
Stalle verbrennen, sondern mitten im Brande wollten sie noch kämpfen.

»Nun lese mit Bedacht der Nibelungen Not«, schreibt Mone, a. a. O. S. 447,
»wenn man schaudert über einen nicht durch Zufall, sondern durch Freiheit
herbeigeführten Untergang, so muß man erstaunen über die
Unerschütterlichkeit der Heldenseelen, die der Edelmut ihres Feindes bis zu
Thränen rührt, die aber vor keinem Tode, vor keiner Qual zittern, die durch
Not wohl bis zur Gräßlichkeit getrieben werden, daß sie das Blut der
gefallenen Feinde trinken; die aber, weit entfernt sich der Feigheit und
Verzweiflung zu überlassen, lachend den Tod verhöhnen, und bis auf den
letzten Hauch ihren Mut bewahren. _Ist je eine Religion geeignet, allem
Schicksal Trotz zu bieten, ist je der Satz der Freiheit zu einer
durchdringenden und großartigen Überzeugung geworden, so ist es im
deutschen Glauben geschehen, wo die Welt aus Gottes Freiheit hervorgegangen
und darum durch ihre eigene Freiheit zertrümmert wird. Kein europäisches
Volk, selbst die Griechen und Römer nicht, haben einen Volksglauben von
dieser Größe aufzuweisen._«

Der Anfang des Endes wird der Fimbulwinter sein, da fällt Schnee von allen
Seiten, große Kälte, scharfe Winde, kein Blick der Sonne, so folgen drei
Winter nacheinander. Dann folgen drei Jahre voll Krieg, die Menschen
bringen sich untereinander um, der Bruder schont des Bruders, der Vater des
Sohnes nicht.

    »Brüder werden streiten
    Und einander morden;
    Verwandte werden durch
    Das Blutbad sich trennen.
    Es wird hart in der Welt!
    Der Ehebruch waltet
    Im Zeitalter der Beile,
    Der Schwerter,
    Wo Schilde krachen.
    Es kommt die Windzeit,
    Die Wolfszeit,
    Ehe die Welt vergeht.
    Kein Mann wird sein,
    Der das andere schaut.«

Dann verbrennt die Weltesche Yggdrasil, die große Achse, die Erde und
Himmel zusammenhält.

Doch lassen wir die Edda selber reden:

»Hrymr fährt von Osten, vor sich hält er den Schild, Hormungandr wälzet
sich mit Riesenzorn, die Wogen schlägt die Schlange, der Adler schreit und
zerreißt die Leichen, Naglfar wird los. Dies Schiff fährt von Osten, kommen
werden Muspells Leute auf das Meer, und Loki steuert. Der Thorheit Kinder
fahren alle mit Fenrir und ihn begleitet auf der Fahrt Bifrosts Bruder.
Surtur fährt von Süden mit schweifender Flamme, die Sonne scheint vom
Schwerte der Schlachtgötter; die Erde bebt und alle Gebirge, ausgerissen
werden die Bäume, die Felsenberge zerklüpften, alle Fesseln und Bande
brechen und reißen, das Meer strömt auf das Land, die Riesenweiber stürzen
zusammen, Menschen betreten den Höllenweg und der Himmel zerspaltet. Wie
dann mit den Asen, wie dann mit den Alfen? Die ganze Riesenwelt erschallt,
die Asen sitzen im Gericht, die wegweisen Zwerge stöhnen vor den
Steinthüren. Wisset ihr etwas mehr? Mit gaffendem Rachen kommt Fenrir, der
Oberkiefer steht am Himmel an, der untere auf der Erde, Feuer brennen ihm
aus Augen und Nase, die Midgardschlange bläst so viel Gift aus, daß alle
Luft und See verpestet wird, sie ist ein grausenhafter Anblick und steht
dem Wolfe zur Seite. Muspells Söhne reiten über Bifröst, Surtur voran, um
ihn brennendes Feuer, worauf die Brücke zerbricht. Sie kommen auf das Feld
Vigride, da erscheinen auch Fenrir, Midgardzormr, Loki mit allem Gesinde
der Held und Hrymr mit allen Hrimthursen.

Die Asen ziehen ihr Kriegskleid an und alle Einherier und reiten hinaus auf
das Schlachtfeld, Odin voran mit dem goldenen Helm, der schönen Brünne und
dem Zauberspieß Gungmirs. Ihm zur Seite ziehen Thor und Freyr, keiner kann
aber dem andern helfen, weil jeder die letzte Kraft gegen seinen eigenen
Feind anstrengen muß. Odin kämpft mit Fenrir lang und hart, Thor mit der
Erdschlange, die er mit seinem Hammer erschlägt; aber neun Fuß davon fällt
er selbst todt nieder vom Gifte, das sie gegen ihn ausgeblasen. Freyr steht
gegen den Surtur, aber da er sein gutes Schwert weggegeben, so fällt er
nach furchtbarem Streite, Tyr gegen den Hund Garmr und der Kampf mit diesem
Ungeheuer endet mit dem Tode beider. Fenrir verschlingt den Odin lebendig,
aber der gewaltige Sohn Sigföders, Widar tritt mit seinem Schuh dem Ungetüm
in den Unterkiefer, zerreißt ihm den Rachen, stößt ihm sein Schwert ins
Herz und rächet so seinen Vater Odin. Zuletzt fallen Heimdallr und Loki im
Zweikampf, Surtur verbrennt dann die ganze Welt, die Sonne wird schwarz,
die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel fallen die heiteren Sterne, Rauch wallt
auf vom Feuer, die hohe Flamme fliegt bis zum Himmel.«

                  *       *       *       *       *

Nach diesem Weltuntergang _wird Allvater einen neuen Himmel und eine neue
Erde schaffen_.

Die tiefe esoterische Idee, welche auch der Mythe vom Weltbrande zu Grunde
liegt, ist die der _Wiedergeburt_.

»Wenn Himmel und Erde«, fährt die Edda fort, »und alle Welt verbrannt ist,
wenn alle Götter, alle Einherier und alles Menschengeschlecht tot, so wird
jeder Mensch in einer der (neuen) Welten leben alle Zeiten hindurch. Denn
es giebt manche guten und manche bösen Stätten; da sind drei Säle, der des
Sindri-Geschlechtes steht nordwärts von rotem Golde gemacht, der andere ist
ein Biersaal der Riesen, steht auf Okolnir und heißt Brimir; in diesen
Sälen werden die guten und gerechten Menschen wohnen. Fern von der Sonne
steht der dritte Saal am Leichenstrand (Naströnd), die Thüre gen Norden
gekehrt. Gifttropfen fallen zum Fenster hinein, geflochten ist der Saal von
Schlangenrücken, die Köpfe aber stehen einwärts und blasen Gift aus, sodaß
Giftströme durch den Saal fließen, Mörder und solche, die eines anderen
Braut ins Ohr raunen. Da saugt der Nidhöggr hingegangene Leichen aus und
zerreißt der Wolf die Menschen.«

                  *       *       *       *       *

Sindri entspricht dem Urdaborn und ist mit Gold gedeckt zur Anspielung auf
das leuchtende Muspelheim; Brimir ist ein Trinksaal der Riesen zur
Erinnerung an Ymirs Entstehung und entspricht dem Mimirs Born und
Ginnungagap; der Schlangensaal weist auf die Schlangen im Hvergelmir und
Niflheim zurück. Zur Erklärung schreibt Mone (a. a. O. S. 468): In der
Schöpfung ist Bewußtlosigkeit der erschaffenen Wesen, im Leben entwickelt
sich das Bewußtsein, darum ist es ein beständiger Streit zwischen Wahrheit
und Wahn, der Weltbrand ist die Vollendung des Bewußtseins. Da die
Lebenspflicht Kampf, und dieser, wie oben gezeigt, sowohl leiblich als
geistig ist, so tritt mit dem Bewußtsein die Überzeugung von Verdienst und
Schuld und die Notwendigkeit von Lohn und Strafe ein, die drei Säle der
Wiedergeburt sind also die Orte des Lohnes, des Zwischenzustandes oder der
Vorbereitung zum Lohne, und der Strafe (im Christentum Himmel, Fegfeuer,
Hölle), Gedanken, die natürlich bei den drei Brunnen des Lebens noch nicht
vorkommen konnten. Aus den obigen Worten der Edda erhellt, daß die guten
Menschen in den Sindri, die gerechten in den Brimir, die sündhaften in den
Schlangensaal kommen. Umsonst wird dieser Unterschied nicht sein, in ihm
liegen folgende Gedanken. Die Güte ist die wahre Tugend, die allein belohnt
wird, die ihr Vorbild am Balder hat, der darum ausdrücklich der Gute
genannt ist. Sie besteht in dem durch sittlichen Kampf errungenen thätigen
Willen zur Tugend, die Gerechtigkeit aber erwirbt durch den Kampf mit dem
Bösen kein größeres sittliches Eigentum, sondern bewahret nur ihren Besitz,
wer sich aber feig vom Bösen überwinden läßt, der ist ein Sünder und
verspielt sein sittliches Vermögen an den Teufel. Derselbe Gedanke ist im
Evangelium durch die Knechte und ihre Talente bezeichnet. Auf drei Sünden
wird der Nachdruck gelegt, auf Meineid, Mord, Ehebruch, dieser ist zwar ein
Zusatz, aber so gültig wie die Quelle. Die drei Sünden heben die Grundlagen
des Lebens, Wahrheit, Persönlichkeit und Fortpflanzung auf; da die Strafe
im Aussaugen und Zerreißen der Leichen besteht, so heißt dies mit anderen
Worten, die Sünder verlieren in der anderen Welt ihre Selbständigkeit oder
Persönlichkeit, ihr Körperliches wird aufgelöst und in die allgemeine
Materie zurückgeworfen, ihre Seele ist dadurch in der Wanderung gehemmt,
weil ihr Leib, statt vollkommen zu werden, wieder in seine Urstoffe
aufgelöst wird. Solche Seelen irren deswegen als Gespenster umher, bis ihre
Strafzeit vorüber und sie wieder einen Leib finden. Die Gespenster sind
also eine mikrokosmische Folgerung aus dem Weltbrande und der Wiedergeburt.
Von den Guten heißt es nie, daß ihr Körper in jener Welt zerstört würde, im
Gegenteil haben schon die Einherier einen so vollkommenen Leib, daß er
durch Wunden nicht getötet wird, und die Gerechten trinken in voller
Gesundheit Bier im Saale Brimir, während Nidhöggr Leichen aussaugt, denen
die Seele entflohen (+nair framgeingnir+, Vol. 45). Man kann hieraus die
Stufen der Seelenwanderung erkennen: wer nach seinem Tode Einherier wird,
kommt nach dem Weltbrand in den Sindri, wen die Hel verwahrte, der gelangt
in den Brimir, wo Bier getrunken wird wie in Walhall. Also kommen die
Gerechten erst nach dem Weltbrand auf jene Stufe, auf der die Einherier
schon vor demselben standen; die Verbrecher aber, die nach dem Tode an den
Leichenstrand gelangen, gehen nach dem Weltbrand in den Schlangensaal und
müssen die irdische Laufbahn und Prüfung von vorn wieder anfangen. Hieraus
folgt, daß die Guten nicht mehr auf die Erde zurückkommen, wohl aber die
Gerechten und Bösen, daß also die Welt notwendig immer schlechter wird und
die Vorzeit besser war, was beides noch jetzt vielfach deutscher
Volksglauben ist. Es scheint ein altgermanischer Glaubenssatz gewesen zu
sein, daß jeder Gerechte und Verbrecher wiedergeboren werde, bis die Welt
untergehe, welcher Sünder sich bis dahin nicht gebessert hätte, der würde
in den Schlangensaal kommen. Dies bestärkt auch eine Stelle im Havamal, wo
nur zwei Dinge, der gute Ruf (die Tugend) und der Urteilsspruch über den
Toten als unsterblich angeführt werden:

    »Mäßige Weisheit wahre der Mann,
    Er werde nicht allzu weise:
    Wer, was er weiß, auch gründlich weiß,
    Hat's immer leicht im Leben.
    Mangelt dem Manne Gemüt und Verstand,
    Bespaßt und verspottet er alles.
    Wissen soll er und weiß es nicht,
    Daß selber nicht frei er von Fehlern.
    Ein Thor nur wähnt, man ward ihm Freund,
    Wenn ein Mensch nach dem Munde ihm redet.
    Doch fehlen ihm Fürsprecher vor Gericht,
    Dann merkt er, daß Mancher ihn täuschte.
    Zum Thoren verschwatz sich, wer Schweigen verlernt
    In lautem losen Gerede.
    Die Zunge, die ohne Zügel rennt,
    Redet sich oft ins Unglück.
    Früh wache, wer wenig Werkleute hat,
    Um selbst nach dem Rechten zu sehen,
    Manches versäumt, wer den Morgen verschläft;
    Hurtig ist halb gewonnen.
    Fettling hatte volle Hürden,
    Und die Kinder kaun an den Fingern,
    Reichtum, der falsche Freund verschwand
    So schnell, wie ein Wink der Wimpern.
    Gütig Gemüt und munterer Geist
    Hat leichtes, sorgloses Leben.
    Der Ängstliche kommt zu keinem Genuß
    Und kargt auch scheu mit Geschenken.
    Die Gabe braucht nicht groß zu sein,
    Oft kauft man Dank mit der kleinsten;
    Ein Stückchen Brot und Becher der Rest,
    Gewann mir schon manchen Gesellen.

    Trau nicht zu viel der Frühsaat im Feld,
    Trau nicht zu viel dem Frühwitz beim Kind,
    Die Saat braucht Zeit, Erziehung das Kind,
    Unsichere Dinge dünken sie sonst.
    Trau nicht des Mädchens traulichem Wort,
    Trau nicht des Weibes traulichem Wort,
    Ihr Herz ward geschaffen auf schwingendem Rad,
    Wankelmuts Wohnung ist weibliche Brust.

    Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
    Dann soll man selber sterben.
    _Doch nimmer stirbt der Nachruhm dem,
    Der schönen sich geschaffen._
    Es stirbt das Vieh, es stirbt der Freund,
    Dann soll man selber sterben;
    _Eines nur weiß ich, das nimmer stirbt;
    Das Urteil über den Toten_.«

Den ferneren Verlauf der Wiedergeburt erzählen die Urkunden mit vieler
Bedeutsamkeit: »Auf steigt die Erde zum zweitenmal, herrlich grün aus dem
Meere, Wasserfälle stürzen, Adler fliegt darüber, fängt Fische an Felsen.
Sich versammeln die Asen auf dem Idafelde, urteilen über den mächtigen
Staub, erinnern sich an die Machtbeschlüsse und an Fimbultyrs alte Runen.
Da werden die Asen die wunderbaren goldenen Tafeln im Grase finden, die in
den Urtagen die Geschlechter hatten, der Volksheer der Götter und Fjölnirs
Kind. Ungesäet werden die Ackerfrüchte wachsen, alles Übel vergehen, Balder
kommen und bewohnen mit Hödur Hropters Siegessaal und das Heiligtum der
Seelengötter. Da kann Hönir sein Loos wählen und es bewohnen die Söhne
zweier Brüder das weite Windheim. Schöner als die Sonne ist ein Saal mit
Gold gedeckt am hohen Gimli, darin werden gute Seelen wohnen und durch die
Tage der Zeiten Seligkeit genießen. Da kommt der Reiche zum Göttergerichte,
der Starke von oben, der alles regiert, versöhnet die Gerichte, schlichtet
die Streite, setzet Wehrgelt, wie es sein soll. Fliegend kommt der dunkle
Drache, die glänzende Natter der Tiefe von den Nithafelsen, Nidhöggr trägt
in den Flügeln die Leichen und fliegt über den Grund.«

Nach der jüngeren Edda treten Vidar und Vali zuerst nach dem Weltbrand auf,
unversehrt und unbeschädigt von Surturs Flamme bewohnen sie den Idawall, wo
vordem Asgard gewesen. Darauf kommen Thors Söhne Möthi und Magni mit dem
Mjöllnir, sodann Balder und Hödur von der Hel, alle setzen sich zusammen,
erzählen einander, erinnern sich an ihre Runen und reden von den
Geschichten, die vorher waren, vom Midgardzorne und Fenriswolf. Da finden
sie im Grase die Goldtafeln, welche die Asen gehabt. Zwei Menschen, Lif und
Lifthrasir, bleiben verborgen im Hügel des Hoddmimir und nähren sich vom
Morgenthau, von ihnen kommt das künftige Menschengeschlecht. Auch die Sonne
gebiert eine Tochter vor ihrem Untergang, welche die Laufbahn der Mutter
einnimmt. Drei Gesellschaften der Jungfrauen des Mavgthrasir schweifen über
das Land, sie sind allein Schutzgeister derer, die in der Welt sind,
obschon sie bei den Joten erzogen werden. Von den alten Göttern bleibt nur
Njördr übrig, er kommt aber nicht zu den Göttersöhnen auf das Idafeld,
sondern kehrt nach Wanaheim zurück. Auch der zweite Himmel Andlängr und der
dritte Vidblainn, den die Lichtelfen bewohnen, bleibt von Surturs Flamme
unversehrt. Da die guten Menschen in den Saal Gimli kommen und dieser am
südlichen Ende des untersten oder ersten Himmels steht, so muß man ihn wohl
als das Thor und den Eingang zu den höheren Himmeln ansehen.

Bei der ersten Geburt der Planetenwelt waren alle Kräfte vereinigt, daher
keine Erinnerung, so wird jeder auf diese Welt geboren, er weiß nicht, wie
und wo er vorher gewesen. Aber die Einheit der Kräfte bleibt in jedem
Menschen ungetrennt (als das Weltganze Ymir getötet wurde), darum blieb die
Selbständigkeit und Persönlichkeit. Die Stoffe, die zur Wiedergeburt
kommen, sind also nicht eine Masse von Kräften, sondern Persönlichkeiten.
Bei der _Wiedergeburt_ bleibt daher die Erinnerung des vorigen Zustandes,
darum heißt es, die Asen, die übrig bleiben, hätten Urteil und Erinnerung
über die Vergangenheit, jenes bezieht sich auf den mächtigen Weltbaum, die
Materie, welche verurteilt, d. h. aufs neue einer höheren Schöpferkraft in
der verjüngten Erde gebeugt wird, dieses geht auf die Krafturstoffe, die
Schöpfung selbst, welche durch die Zauberei, die Runen Fimbultyrs (Odins)
hervorgebracht wurde (+moldthinur, megin dómar, rúnar+ Vol. 60). Die
wundersamen Spieltafeln, welche sie finden, sind das Gegenstück zu dem
Spiel der Asen am Anfang der Welt, aber jetzt kommen keine Riesenmägde
mehr, welche die Asen verderben, denn die Tafeln sind schon selbst von
Gold, und die Asen bekommen dadurch keinen Mangel mehr. Darum werden auch
nicht mehr Zwerge geschaffen, die der Fruchtbarkeit des Bodens vorstehen
und die Saat herauftreiben, sondern es heißt sogleich weiter, daß die
Früchte ungesäet wachsen, darum verschwindet auch alles Böse, denn Müh' und
Sorge und Kampf haben aufgehört. Darum kommt auch Balder und Hödur wieder,
die den irdischen Tod ausgehalten, der Erde sich zum Opfer gebracht, darum
jetzt auch das Heiligtum der Seelengötter bewohnen, wo kein Tod mehr ist.
Von den alten Göttern bleibt niemand übrig als Odins Söhne und Enkel, in
ihnen ist er wiedergeboren, darum ist ihr Überleben im Grunde auch das
seinige. Weil er durch seinen Schöpferdrang ganz in die Materie versunken,
so ist er auch dem Untergang ausgesetzt und nur seine reinen Emanationen
Balder die Güte, Vidar die Ewigkeit, Vali die Seele, Havdr die Besserung
überleben ihn.

Der Welttod ist ein Zurückgehen in einen dem ersten Chaos ähnlichen
Zustand, die Wiedergeburt eine höhere Schöpfung.




Zehntes Buch.

Der Occultismus der barbarischen Völker.


Nach der von Kiesewetter zu Grunde gelegten Disposition sollte das X. Buch
seines Occultismus des _Altertums_ über den Occultismus der barbarischen
Völker handeln. Dem Wunsche des Herrn Verlegers, die Disposition des
verstorbenen Gelehrten zu respektieren und auch dieses X. Buch mit einem
der im Prospekt angekündigten Überschrift entsprechenden Inhalt zu
versehen, stemmte sich bei mir zunächst das Bedenken entgegen, daß ja doch
als »barbarische« Völker im _Sinne des Altertums_ die Mehrzahl der bereits
von Kiesewetter im I. Bande und von mir im II. Bande behandelten Nationen
zu gelten haben. Zweifellos galt dem Griechen und Römer der Babylonier,
Chaldäer, Assyrer, Meder, Perser, Inder, Ägypter und Hebräer (I. Band) und
mehr noch der im II. Bande von mir behandelte Kelte und Germane als Barbar.
Ursprünglich bedeutete Barbar ja wohl nichts anderes als Fremdling. Dieser
Begriff hat sich dann allmählich mit dem der Unkultur verknüpft. Will man
nun den eben genannten Nationen des Altertums einen gewissen Grad von
Kultur nicht absprechen und sie als primitive Kulturvölker gelten lassen,
so kann man allerdings von ihnen noch eine zweite Klasse von Völkern
selbstverständlich auch im Altertum unterscheiden, die dann als
»barbarische« im prägnanten Sinne bezeichnet werden könnten; allein es ist
dabei zu beachten, daß dann dieser Begriff doch ein recht relativer und
unsicherer ist. Es scheint noch das Beste, ihn mit demjenigen der
»Naturvölker« zu identifizieren. Will man dies, so hat es aber eigentlich
keinen Sinn, die Naturvölker des Altertums, von denen wir fast gar nichts
wissen, besonders zu behandeln.

Der »Occultismus der Naturvölker« überhaupt würde nun eine
kulturwissenschaftlich gewiß dankbare und interessante Aufgabe darstellen,
aber eine solche, die im Rahmen einer Unterabteilung eines Werkes, wie es
im »Occultismus des Altertums« vorliegt, unmöglich ihren entsprechenden
Raum finden kann.

Aus diesem Grunde darf und muß ich mich wohl begnügen, hier mit _einigen
Notizen_, wie sie uns in der wenig reichhaltigen und unsicheren alten
Litteratur über die den Griechen und Römern bekannten Naturvölker des
Altertums, abgesehen von den schon behandelten, offenbar bereits einen
gewissen Kulturgrad aufweisenden, geboten werden, _aufzuwarten_.

Auf dem Niveau des Naturvolkes haben wir uns augenscheinlich vor allem die
_Skythen_ zu denken, von denen uns Herodot wohl die ältesten fabelhaften
Berichte bringt.

Nach +Müllenhoff, deutsche Altertumskunde III, S. 30ff.+ waren die Skythen
Slawen: »Da die Slawen erst nach dem Anfang unserer Zeitrechnung als
Ostnachbarn der Germanen genannt werden, so scheint es möglich, daß die
Skythen oder Sarmaten, oder wenn beide Völker eines Stammes, daß beide ihre
Ahnen und Vorfahren die West- und Ostslawen waren.«

Nach Ansicht anderer Forscher waren es Mongolen. Dies erscheint mir
wahrscheinlicher, obwohl die Frage wissenschaftlich genau schwer zu
entscheiden ist. Sie werden uns nämlich, Männer wie Weiber, die im Äußeren
kaum zu unterscheiden waren, als dicke, schlaffe, aufgedunsene Gestalten
geschildert, von braungelber Farbe. Ihre Kleidung, Winter und Sommer
dieselbe, bestand aus weiten Hosen, Gürteln oder Wehrgehenken und spitzigen
oft bis auf die Schultern herabhängenden Mützen. Offenbar ist die von
Herodot geschilderte Kopfbedeckung dieselbe, die jetzt noch bei den
Baschkiren und Kirgisen üblich ist. Ihre Nahrung war höchst einfach und
bestand aus den Fleisch ihres Herdenviehs, auch der Pferde, das noch jetzt
bei Kalmücken und Baschkiren als Leckerbissen gilt, und vor allem aus
Stutenmilch, aus der sie auch Butter und Käse bereiteten, wie noch jetzt
jene Steppenvölker. Wenn Herodot erzählt, daß sie dem Weingenuß sehr
ergeben waren, so kann dies nur das aus Stutenmilch bereitete berauschende
Getränk gewesen sein, jener Milchbranntwein, der noch jetzt bei den
Kalmücken beliebt ist. -- Sie bauten unter anderem mit Vorliebe Hanf,
dessen sie sich zu den bei ihnen üblichen Schwitzbädern bedienten.

»Städte und Festungen haben die Skythen nicht, ihre wandernden Wohnungen
befinden sich vielmehr auf kleinen vier- oder sechsrädrigen mit zwei oder
drei Paar Ochsen bespannten und mit Filz bezogenen Wagen« (+Herodot
IV, 46+), also eine treue Schilderung der heutigen Kibitken der nomadischen
Steppenvölker, in welchen Weiber und Kinder den ganzen Tag über hocken,
während die Männer zu Pferde umherschweifen.

Nach +Herodot I, 215+ lebten sie monogamisch, und nur die Könige hatten
noch Nebenweiber; nach +Hippokrates, I, 1, p. 560+ aber lebten sie
polygamisch, sofern sie sich der Sklavinnen als Nebenweiber bedienten,
übrigens war nach Hippokrates teils wegen des beständigen Reitens der
Männer und der sitzenden Lebensweise der Frauen, teils wegen der ganzen
Körperkonstitution überhaupt, ihr Fortpflanzungstrieb sowohl als ihre
Zeugungskraft sehr gering.

Ihre Verfassung war monarchisch; und zwar herrschte über sämtliche Skythen
_ein_ König; doch scheinen unter demselben auch Unter-Könige über die
einzelnen Stämme geherrscht zu haben.

Die _Religion_ der Skythen war ein primitiver Polytheismus. Herodot nennt
uns folgende Götternamen: %Papaios% (Papa = Zeus), %Thamimasadas%
(= Poseidon), dem bloß die königlichen Mythen opfern, %Oitosyros%
(= Apollo), %Artimpasa% (= Afrodite), %Tabiti% (= Hestia), und %Apia%
(= Gäla) und bemerkt, daß sie außerdem noch den Ares und Herakles, am
meisten aber unter allen die Vesta und nächst ihr den Zeus und die Erde
verehrt hätten, während nach anderen Angaben der Kultus des Ares (dessen
skythischen Namen er nicht nennt) der verbreitetste war. Diesem brachten
sie unter dem Symbol eines auf einem ungeheuer großen Gerüste von Reisig
aufgestellten eisernen Schwertes feierliche Opfer, und zwar mit Vorliebe
_Menschenopfer_. Von besonderen Priestern ist nirgends die Rede. Dagegen
spielen _Wahrsager_ eine wichtige Rolle. Diese, die augenscheinlich den
heutigen _Schamanen_ entsprechen, beschreibt +Herodot IV, 6. 7. 68+ wie
folgt: »Wahrsager haben die Skythen viele, die wahrsagen aus einer Menge
Weidenruten auf folgende Art: sie bringen große Bündel Ruten herbei, die
legen sie auf die Erde und machen sie auseinander und legen jede Rute
besonders und nun weissagen sie. Und indem sie also sprechen, wickeln sie
die Ruten wieder zusammen und legen sie wieder auf einen Haufen, eine nach
der anderen. Das ist ihre Weissagung von ihren Vätern her; die Enareer
aber, die Mannweiber, wollen ihre Wahrsagung von der Aphrodite haben. Sie
wahrsagen aber aus Lindenrinde. Die Rinde nämlich schneidet er in drei
Stücke und flicht sie sich durch die Finger und wickelt sie wieder ab, und
dann sagt er seinen Spruch. Wenn aber der König der Skythen krank wird, so
läßt er drei der angesehensten von allen Wahrsagern zu sich rufen, die ihm
auf die beschriebene Art wahrsagen. Und sie sagen gewöhnlich immer, der und
der, und dabei nennen sie dann einen Bürger, der bei des Königs Hausgöttern
einen falschen Schwur gethan hätte. Es ist aber allgemeiner Brauch bei den
Skythen, bei des Königs Hausgöttern zu schwören, wenn sie einen recht hohen
Schwur thun wollen. Alsobald wird der, den sie des Meineides geziehen,
ergriffen und vorgeführt, und wenn er ankommt, sagen ihm die Wahrsager auf
den Kopf, es wäre offenbar aus der Wahrsagung, daß er einen falschen Schwur
gethan bei des Königs Hausgöttern, und deswegen wäre der König krank und
beklagte sich bitterlich. Der aber leugnet und sagt, er habe nicht falsch
geschworen. Und wenn dieser leugnet, so läßt der König ein Paar andere
Weissager holen, und wenn nun auch diese, nachdem sie in die Wahrsagung
gesehen, ihn des Meineides verurteilen, so schneiden sie jenem gleich den
Kopf ab, und seine Güter teilen die ersten Wahrsager unter sich. Wenn aber
die dazu berufenen Wahrsager ihn freisprechen, so müssen andere Wahrsager
kommen, und immer wieder andere. Wenn nun die meisten Stimmen den Menschen
freisprechen, so trifft jene ersten Wahrsager selber das Todesurteil. Man
bringt dieselben nun auf folgende Art zu Tode: Sie packen einen Wagen voll
Reisig und spannen Ochsen davor und binden den Wahrsagern die Füße und
binden ihnen die Hände auf den Rücken und knebeln ihnen den Mund zu und
stecken sie mitten in das Reisig. Dann zünden sie dasselbe an und machen
die Ochsen wild und jagen sie von dannen. Viele von den Ochsen nun
verbrennen mit den Wahrsagern, viele aber kommen mit einer Versengung
davon, wenn die Deichsel verbrannt ist. Auf diese Art verbrennen sie auch
aus anderen Gründen die Wahrsager und nennen sie Lügenwahrsager. Die aber
der König umbringen läßt, deren Söhne werden auch nicht verschont, sondern
das, was männlich ist, tötet er; den Weibern aber thut er nichts zu Leide.«

                  *       *       *       *       *

Offenbar haben wir hier dieselbe Rolle, welche noch heute bei den
afrikanischen Negern der Fetischpriester spielt. Diejenigen, die neuerdings
den Gebrauch sog. Medien, hypnotisierter oder somnambuler angeblicher
hellsehender Individuen oder auch nur des Hypnotismus zur Erzwingung von
Geständnissen im Dienste der Polizei und Kriminalrechtspflege vorgeschlagen
haben, ahnen schwerlich, zu welchen primitiven Brutalitäten des sog.
Gottesurteils sie damit die Rechtspflege zurückführen würden.

Aus dem Volke der Skythen hat die griechische Litteratur zwei Namen die
Unsterblichkeit gesichert, weil ihre Träger nach Griechenland kamen und
dort durch den Kontrast ihrer Naturwüchsigkeit mit der griechischen Kultur
Aufsehen erregten, _Toxaris_ und _Anacharsis_. Beide sollen zur Zeit Solons
nach Athen gekommen sein. Toxaris ist durch ein Gespräch Lukians, das
jedoch wohl mehr den bloßen Namen zur Etikette eigener witziger Einfälle
gebraucht, verewigt. Geschichtlicher erscheint die Persönlichkeit des
Anacharsis, der sogar zu der Ehre gelangte, den sog. sieben Weisen
beigezählt zu werden.

Anacharsis war der Sohn des Skythenkönigs Gaurus und einer griechischen
Mutter, von letzterer mit der griechischen Sprache bekannt gemacht, verließ
er sein Vaterland, das am schwarzen Meere lag, und begab sich (589 v. Chr.)
nach Athen. Hier soll ihn sein Landsmann Toxaris mit Solon bekannt gemacht
haben, und die Reinheit seiner Sitten, sein Scharfsinn, seine Wißbegierde
soll ihn so beliebt gemacht haben, daß er das athenische Bürgerrecht
erlangte. Ja, er soll sogar in die eleusinischen Mysterien eingeweiht
worden sein. Nach Herodots Erzählung kam er nach seiner Rückkehr ins
Vaterland durch die Hand seines eigenen Bruders Saulius, der inzwischen
König geworden war, ums Leben, weil er durch seine Neigung zu den Mysterien
Mißfallen erregte.

Unter den naiven Aussprüchen, durch die er in Athen Aufsehen erregte, sind
folgende bemerkenswert: Solons Gesetze nannte er Spinnweben, worin die
Schwachen sich fingen, die aber die Starken leicht zerrissen. Über die
Einrichtung, wichtige Angelegenheiten von den Prytanen untersuchen zu
lassen, ehe sie an die Volksversammlung gebracht würden, bemerkte er, daß
demnach die Klugen beratschlagten und die Dummen entschieden. »Der
Weinstock«, sagte er, »trägt dreierlei Trauben, die Trunkenheit, die
Wollust und die Reue.« Als ihm jemand seine Herkunft aus Skythien vorwarf,
erwiderte er: »Du hast Recht, mir gereicht mein Vaterland, Du aber
gereichst Deinem Vaterlande zur Schande.« Die Abbildungen, die sich von ihm
auf alten Kunstdenkmälern finden, tragen die Inschrift: +Linguam, ventrem,
veretrum, contine.+[874]

                  *       *       *       *       *

Bekanntlich bildet seine Figur den Gegenstand der geistvollen +voyage
d'Anacharsis+ von J. J. Barthélémy, welche 1788 erschien und zu den
beliebtesten Schriften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zählte.

                  *       *       *       *       *

Ausdrücklich unterscheidet Herodot von den Skythen, welche der Perserkönig
Darius bekriegte, die ebenfalls nomadischen _Massageten_, im Kampf gegen
welche Kyros fiel.

Wahrscheinlich waren dies die Vorfahren der Turkomannen; ihr Gebiet lag
zwischen dem Aralsee und dem Kaspischen Meere.

Über die Religion derselben berichtet er nur, daß sie die Sonne anbeteten,
der sie mit Vorliebe Pferde opferten, »weil man dem schnellsten Gott das
schnellste Geschöpf darbringen müsse«.

Anscheinend lebte dieses Volk noch zur Zeit des Herodot im Zustande des
sog. Mutterrechts. Denn es herrschte bei ihnen als Königin ein Weib, zur
Zeit des Kyros die Tomyris, die des gefallenen Kyros Kopf in einen Schlauch
mit Menschenblut tauchen ließ mit den Worten: »Nun sättige dich endlich in
Menschenblut.«

»Ein jeglicher«, schreibt Herodot, »freit ein Weib, aber doch sind die
Weiber Gemeingut. Denn was die Hellenen von den Skythen erzählen, das thun
nicht die Skythen, sondern die Massageten. Nämlich, wenn ein Massaget Lust
hat zu einer Frau, so hängt er seinen Köcher an den Wagen und beschläft
sie ohne alle Scham.«

Sehr zweifelhaft ist die Rassenqualität der _Geten_.

Man hat diese vielfach mit dem germanischen Volke der _Gothen_
identifiziert; allein Müllenhoff (+a. a. O. S. 125ff.+) hat wohl
ausreichend nachgewiesen, daß die Gründe dafür nicht stichhaltig sind, daß
vielmehr ihre Verwandtschaft mit den Slawen, wenn auch allenfalls nicht
streng erweislich, doch wahrscheinlicher ist. Die Geten waren eine
thrakische Völkerschaft auf der Nordseite des Haemus bis zur Donau und
werden zuerst von Herodot (+IV, 93-96+) erwähnt. Herodot kennzeichnet sie
als die sich für unsterblich haltenden -- %tous athanatizontas% -- und
dieses Epitheton wurde später fast zu einem Beinamen für sie. »Sie meinen«,
sagt Herodot, »daß sie nicht sterben, sondern mit dem Tode zum Gott
(%daimôn%) _Zamolxis_ kommen; einige von ihnen halten diesen für
Gebeleizis. Alle fünf Jahre senden sie einen Boten, den sie durch das Los
erwählen, an den Zamolxis ab und tragen ihm ihr jedesmaliges Anliegen auf.
Dies machen sie so: Einige stellen sich mit drei Speeren hin, andere fassen
den Abzusendenden, nachdem er seinen Auftrag erhalten, an Händen und Füßen
und werfen ihn in die Höhe auf die Lanzen; stirbt er, so scheint der Gott
gnädig zu sein; stirbt er nicht, so schelten sie den Boten einen schlechten
Mann und senden einen Andern ab.« Dieselben Thraker, setzt Herodot noch
hinzu, schießen mit Pfeilen gegen Donner und Blitz, hierauf gegen den
Himmel und drohen dem Gott (Zeus), indem sie glauben, es gebe keinen
andern, als den ihrigen. -- Die Griechen am Hellespont und Pontus hatten
von Zamolxis schon ein halbes Märchen ausgebildet: er sei in Wahrheit ein
Sklave des Pythagoras auf Samos gewesen, habe nach seiner Freilassung viele
Schätze erworben und zurückgekehrt in sein Vaterland seine rohen Landsleute
mit den Annehmlichkeiten des griechischen Lebens bekannt gemacht. Aber
indem er einen Saal gebaut und die vornehmsten des Landes darin bewirtete,
habe er sie zugleich belehrt, daß sie und ihre Nachkommen nicht stürben,
sondern dereinst an einen Ort kämen, wo sie in Ewigkeit sein und alles Gute
haben würden. Um sie davon zu überzeugen, hätte er sich drei Jahre lang in
einem unterirdischen Gemache verborgen gehalten, während welcher Zeit die
Thraker ihn wie einen Verstorbenen vermißt und betrauert, dann aber sei er
im vierten Jahre wieder zum Vorschein gekommen. »Ich will«, sagt Herodot 4,
96, »dagegen gerade nicht ungläubig sein, aber auch nicht zu sehr daran
glauben; ich meine, daß Zalmoxis um viele Jahre früher war als Pythagoras.
Ich lasse es aber gut sein, ob er ein Mensch war oder ob er ein bei den
Geten einheimischer Gott ist.« Daß diese Erzählung abgesehen von den
Elementen des getischen Volksglaubens, die sie aufnahm, im wesentlichen
eine Erfindung der Griechen ist, liegt auf der Hand, es müßte denn Zamolxis
die Fremden in das Geheimnis eingeweiht haben, das seine Landsleute
überführen und täuschen sollte. War der Kern der getischen Religion ein
eigentümlicher Unsterblichkeitsglaube, so lag für die Griechen der Gedanke
an Pythagoras, den Unsterblichkeits- und Metempsychosenlehrer, nahe, und
die Vermittelung konnte dann nicht natürlicher als durch einen thrakischen
Sklaven geschehen sein. Den Gott aber mochte man um so eher als Menschen
auffassen, weil offenbar ihre Glaubenssätze bei den Geten selbst für seine
Lehren und Satzungen galten. Platon im +Charmides p. 157+ läßt den aus dem
Heerlager vor Potidaea zu Anfang des peloponnesischen Krieges heimkehrenden
Sokrates sagen, er habe dort im Heere von einem der thrakischen Ärzte des
Zamolxis -- so lautet der Name bei allen spätern -- die ja, wie man sage,
sogar unsterblich machen könnten, einen Krankheitssegen kennen gelernt. Es
sagte dieser Thraker, daß die hellenischen Ärzte Recht hätten, wenn sie
behaupteten, _ein Glied könne, ohne daß man zugleich den ganzen Körper in
Behandlung nehme, nicht geheilt werden_. »Aber Zamolxis, unser König, der
ein Gott ist, sprach er, sagt, daß wie man die Augen nicht ohne den Kopf
und den Kopf nicht ohne den Leib zu heilen anfangen muß, so auch nicht den
Leib ohne die Seele; denn alles gehe von der Seele aus, Gutes und Böses;
die Segen aber und Lieder, mit denen man die Seele behandeln müsse, das
seien gute Lehren.« Und weiterhin +p. 158+ heißt es noch »wenn Du nüchtern
und mäßig bist, so bedarf es weder der Segen des Zamolxis noch der des
hyperboreischen Abaris.« Mag die Anekdote wahr oder erst von Plato erfunden
sein, so setzt sie die Vorstellung von einem Lehrmeister Zamolxis voraus.
Bei Diodor 1, 94, dessen Quelle hier aller Wahrscheinlichkeit nach die
Aegyptiaca des Hecataeus von Abdera (um 320) waren, stehen daher auch
Zamolxis und die %koinê Hestia%, die gemeine Herdgöttin, bei den
sogenannten Geten, die unsterblich machen, neben Zoroaster, Moses und
ähnlichen Nomotheten. Mnaseas von Patrae (um 200) sagte, daß die Geten den
Kronos, d. h. den Herrscher im goldenen Zeitalter und über die Inseln der
Seligen (+D. A. 1, 63f.+) verehrten und ihn Zamolxis nannten, +Müller
T. H. G. 3, p. 153+, vgl. +Diog. Laert. 8, 1+; +Hesych. s. v. Zamolxis+,
ferner +Strabo p. 297f.+ Endlich finden wir aus einer unbekannten Quelle
eine Relation, die zwar in Betreff des Pythagoras mit der Erzählung der
pontischen Griechen bei Herodot übereinstimmt, ja sogar die Reisen des
Zamolxis bis Ägypten ausdehnt, im übrigen aber selbständig und offenbar aus
unmittelbarer Kunde den Bericht Herodots ergänzt. Es wird erzählt, ein Gete
namens Zamolxis habe dem Pythagoras als Knecht gedient und von ihm einiges
von der Himmelskunde erlernt, anderes von den Ägyptern, bis zu welchen er
streifte. Nach Hause zurückgekehrt, sei er von den Fürsten und dem Volke
hoch geehrt, da er ihnen die Vorzeichen vorhersagte; zuletzt habe er den
König beredet, ihn zum Genossen seiner Herrschaft anzunehmen als einen, der
den Willen der Götter zu verkündigen im Stande sei. Anfangs sei er nur zum
Priester des am meisten bei ihnen geehrten Gottes bestellt, darnach selbst
Gott genannt worden. Er habe sich in einer allen andern unzugänglichen
Höhlenfeste angesiedelt und dort gelebt, wenig in Verkehr mit der
Außenwelt, nur mit dem Könige und seinen Dienern. Der König aber habe mit
ihm zusammengehalten, weil er gesehen, daß die Leute ihm viel besser als
früher gehorchten, seit er seine Befehle nach dem Rate der Götter erteilte.
(»Diese Sitte dauerte fort sogar bis auf unsere Zeit, indem sich immer
einer fand, der dem Könige als Rat zur Seite stand und bei den Geten Gott
hieß.«) Auch der Berg wurde heilig gehalten und so benannt; er heißt aber
%kôgaionon%, wie der vorbeifließende Fluß. Es ist schon von Mannert (+alte
Geogr. 2. 203+) und Uckert (+Skythien S. 602+) bemerkt, daß diese Stelle --
etwa bis auf den eingeklammerten Satz, der mindestens eine Modifikation von
Strabos Hand erfahren hat -- auf die alten Geten am Haemus, nicht aber wie
Strabo meint auf Daken zu beziehen ist. Sieht man von der
pragmatisierenden, euhemeristischen Auffassung ab, -- denn diese bleibt,
auch wenn man mit Herodot die Frage, ob Zamolxis ein Gott oder ein Mensch
gewesen, unentschieden läßt, was bei dem Stande der Überlieferung in der
That das Rätlichste scheint, sie sieht so aus als wenn Zamolxis dem höhern
Gott Gebeleizis nur substituiert, nicht eine Hypostase in mythologischem
Sinne von ihm ist, -- so ergiebt sich die Thatsache, daß wie für die
Thraker südlich von Haemus bei den Bessern oder freien Thrakern ein
Heiligtum und Orakel des Dionisos (+Herod. 7, 111+, vgl. +Thuc. 2, 96+,
+Plin. 4. § 40+, +Strabo p. 318, 331 fr. 48+, +Sueton Aug. 94+, +Dio 51,
25+), so bei den Geten auf der Nordseite des Gebirges und für die zu ihnen
gehörenden Völkerschaften ein ähnliches des Zamolxis bestand. Antonius
Diogenes (bei +Phot. cod. 166 p. 110 Bekk.+) erzählte, daß Astraeus, ein
Genosse des Zamolxis, zu diesem, als er schon bei den Geten für einen Gott
galt, mit zwei andern gereist sei und daß diese Orakel über ihr Geschick
erhalten hätten, daß Astraeus aber beim Zamolxis zurückgeblieben und von
den Geten hochgeehrt sei. Der Name Astraeus soll wohl die Stern- und
Himmelskunde des Gottes andeuten, die bei Strabo ihm zugeschrieben wird.
Ähnlich bezieht sich auf eine andere Seite seines Wesens wohl die Hestia,
die wie wir sahen bei Diodor neben ihm steht; +Suidas s. v.+ nennt sogar
eine Göttin Zamolxis.

Daß ihm ein vollständiger Kultus zu teil wurde, erhellt nicht nur aus dem,
was Herodot mitteilt, sondern auch aus einer Stelle in der +vit. Pythagor.+
des Porphyrius § 14, 15, die sich offenbar noch auf echte alte
Überlieferungen stützt, es wird hier nämlich ganz der herrschenden
Auffassung des Zamolxis als eines Nomotheten gemäß die ganze Einrichtung
des Kultus auf ihn selbst zurückgeführt. Pythagoras hatte einen Sklaven,
den er aus Thrake gekauft, Zamolxis mit Namen; denn ihm war bei seiner
Geburt ein Bärenfell übergeworfen, die Thraker aber nennen ein Fell
%zalmos%. Pythagoras hatte ihn lieb und unterwies ihn in der Lehre von den
himmlischen Dingen -- %tên meteôron theôrian% --, auch in allem was das
Opferwesen und sonst den Götterdienst angeht. Einige aber sagen, daß er
auch Thales geheißen habe. Als Herakles verehren ihn die Barbaren.
Dionysiphanes (ein unbekannter Schriftsteller) gibt an, er sei zwar des
Pythagoras Knecht gewesen, aber Räubern in die Hände gefallen und
stigmatisiert habe er sein Angesicht verbunden wegen der Male; einige
sagen, daß der Name Zamolxis bedeute fremder Mann. Wie es sich auch mit
diesen Deutungen verhalten mag -- die durch %zalmos% -- (sanskr.
+tscharma+, griech. %derma%?) rechtfertigt jedesfalls die herodoteische
Namenform %Zalmoxis% --, so giebt Hesychius +s. v.+ noch an, daß nicht nur
ein Name für Kronos, sondern auch für einen Tanz und für ein Lied oder
einen Gesang gewesen, was ebenfalls auf den Kultus hinweist und sich nur
aus den Anrufungen des Gottes bei den ihm zu Ehren angestellten Tänzen und
Gesängen erklärt. Was sonst noch bei Lucian, Julian, den Kirchenvätern und
andern über Zamolxis vorkommt, ist ohne Wert, da es kaum etwas Neues und
Eigentümliches bietet, was nicht auf eine mißverständliche oder ungenaue
Auffassung der Angaben Herodots sich zurückführen ließe. Man findet die
Stellen sowie die Ansichten und Meinungen der neueren sehr vollständig
nachgewiesen in der Dissertation +de Zamolxide von Athan. Serg.
Rhonsopoulus (Gottingae 1852)+.

Nächst dem Zamolxisdienste soll den Griechen an den Geten besonders ihre
Vielweiberei und Unmäßigkeit in der Geschlechtsliebe aufgefallen sein.
Hecataeus von Milet soll dafür der erste Zeuge sein, indem er (+fr. 144+)
das homerische Kabesos (+II, 13, 363+) auf die gleichnamige Stadt jenseits
des thrakischen Haemus deutete, doch S. Meineke zu Steph. Byz. 344. 15.
Herodot 5, 5. 6 und Heraklides Ponticus (Polit. 28), beides vollgültige
Zeugen (vgl. +Xenoph. Anab. 7, 2, 38+), schildern aber die Vielweiberei und
was damit zusammenhängt als allgemein thrakische Sitte und der Komiker
Menander bei +Strab. p. 297+ läßt seinen getischen Sklaven auch nur als
Thraker sprechen:

    »Die Thraker alle, doch wir Geten zu allermeist,
    (Denn ich selbst berühme mich von dort entstammt zu sein),
    Wir sind nicht sehr enthaltsam!
    Denn unter uns heiratet keiner unter zehn,
    Elf Frauen, auch zwölf und noch mehr. Wer erst vier
    Oder fünf genommen hat und stirbt, der heißt bei uns
    Zu Land ein ehelos armer, unbeweibter Mann.«

                  *       *       *       *       *

Noch viel zweifelhafter und dunkler ist alles, was die Alten von noch
höher nach Norden belegenen Erdstrichen und den dort wohnhaften Völkern,
den Kimmeriern und vor allem von den _Hyperboräern_ zu berichten wissen.
Vielleicht kann man als Hyperboräer die Bewohner Skandinaviens gelten
lassen. Ein Hyperboräer soll der mythische _Abaris_ gewesen sein, der
angeblich etwa um das Jahr 570 v. Chr. (Lobeck) nach Griechenland kam, wie
erzählt wird, durch eine ihm von Apollo gegebene Offenbarung veranlaßt. Er
soll mit Pythagoras bekannt geworden sein. »Als Abaris von den
Hyperboräern, unerfahren in der hellenischen Bildung und Sprache schon in
Jahren vorgerückt ankam, so führte ihn Pythagoras nicht durch mannigfache
Betrachtungen in seine Geheimwissenschaft ein, sondern statt des
Stillschweigens und des so lange Zeit nötigen Zuhörens und der übrigen
Prüfungen machte er ihn schnell durch ein abgekürztes Verfahren zum Anhören
seiner Lehrsätze geschickt und lehrte ihn die Schrift über die Natur und
die andere über die Götter in aller Kürze verstehen.« (+Jamblichus, de vita
Pythagor. § 136.+) Abaris erregte nicht nur durch seine fremde Kleidung,
sondern mehr noch durch seine »occultistischen« Gaben großes Aufsehen in
Griechenland. Er zog, wie Epimenides, wahrsagend und Orakel sprechend
umher, trat als Sühner auf, befreite Sparta von einer Pest und heilte viele
Krankheiten durch seine Zaubergesänge. Ja, es wird berichtet, daß er auf
einem von Apollo empfangenen Pfeile die Luft durchflog, überhaupt ein
Luftwandler (%aithrobatês%) war.

Toland vermutet daher, er sei ein Druide gewesen, und die Hyperboräer seien
auf den Hebriden zu suchen. Dagegen möchte Creuzer (+Symbolik II, Anhang+)
ihn zu einer bloßen Personifikation der aus den Kaukasusländern
hergekommenen Schrift verflüchtigen. Der Pfeil soll die »Rune« sein, der
Pfeilfahrer Abaris = Runa, Seher, Schreiber. Dazu bemerkt mit Recht
Guigniaut in seiner französischen Übersetzung des Creuzerschen Buchs: +Nous
ne nous dissimulons pas que cette interpretation du mythe d'Abaris est
singulièrement hasardée.+

                  *       *       *       *       *

Mehr ethnographisch und kulturhistorisch als occultistisch interessant sind
die Mitteilungen der Alten, insbesondere Herodots über andere jenseits des
den Griechen bekannten +orbis terrarum+ wohnhaften Naturvölker, so z. B.
die _Taurer_, die wegen ihrer Menschenopfer gefürchtet waren, die
Agathyrsen, die ȟppigsten Menschen; mit ihren Weibern begatten sie sich
alle gemeinschaftlich, damit sie aller Brüder sind und als Blutsverwandte
weder Neid noch Feindschaft wider einander hegen.« (+Herodot I, 104.+) Auch
die Neurer werden als gefürchtete Zauberer genannt; »denn die Skythen
erzählten von ihnen, daß in jedem Jahre ein Neurer ein Wolf wird auf wenige
Tage und dann nimmt er wiederum seine alte Gestalt an. Ich glaube dies zwar
nicht, aber sie sagen es nichts destoweniger und schwören darauf.«
(+Herodot I, 105.+)




FUSSNOTEN:


[1] +F. Lenormant: Die Geheimwissenschaften Asiens. Jena 1878. S. 23.+

[2] +II. 30.+

[3] +Western Asia Inscriptions. IV. 33. Z. 36-48.+

[4] Speziellen Nachweis gab ich in meinem +Faustbuch, S. 153ff.+

[5] Der Höllengöttin.

[6] Diese Vorstellung kommt bekanntlich auch im Hexenwesen vor.

[7] dito.

[8] +Vgl. Jesaias 13, 21.+

[9] Die Krankheit wurde von den A. zuweilen als persönliches Wesen gedacht.

[10] Punkte bedeuten Verstümmelungen des Urtextes.

[11] Eas Gemahlin.

[12] Vgl. den die Ägypter behandelnden Abschnitt.

[13] +Western Asia Inscriptions. IV. 16. 2.+

[14] Beiname Eas.

[15] +Western Asia Inscriptions. IV. 6. Col. 5.+

[16] +I. 181.+

[17] +Western Asia Inscriptions. IV. 3. Col. 2. Z. 3-26.+

[18] Demnach wurde die magische Heilkunde auch von Frauen ausgeübt.

[19] D. h. man magnetisierte die Kameelshaut wie heute zu Tage Papier oder
Watte.

[20] Auch hier begegnen wir einer Transplantation der Krankheit in die
Elemente.

[21] +Jes. 34. 13, 14.+

[22] Nergal.

[23] dito.

[24] +um-uruk.+

[25] Tiamat.

[26] +Essai de commentaire des fragments cosmogoniques de Bérose.+

[27] +II. 30.+

[28] +Western Asia Inscriptions. IV. 56. Col. 1.+

[29] +Western Asia Inscriptions. IV. 56. Col. 2.+

[30] Also die Zauberei mit den ausgeschnittenen Fußstapfen wie im
Mittelalter.

[31] Nestelknüpfen.

[32] +Slane: Prolegomènes d'Ibn Chaldûn. T. I. p. 177.+

[33] Vgl. in meinen +Geheimwissenschaften S. 636ff.+ die von Paracelsus und
Carrichter geschilderten Hexenkünste.

[34] +Western Asia Inscriptions. IV. 7.+

[35] Vgl. Dantes: +Lasciate ogni speranza voich'entrate+.

[36] D. h. die Sonne während ihrer nächtlichen Wanderung.

[37] Der Feruer entspricht also ungefähr dem transscendentalen Subjekt du
Prels.

[38] +II. 30.+

[39] +Sanch. 42. Ed. Orelli.+

[40] Saturn entsprach schwarz, Jupiter blau, Mars roth, der Sonne gelb,
Venus grün, Mercur grau oder bunt und dem Mond weiß.

[41] +Origenes contra Celsum. VI. S. 646.+

[42] +Western Asia Inscriptions. III. 52. 3.+

[43] +II. 29.+

[44] +De Divinatione. I. 41.+

[45] +Prediger Salomonis. X. 20.+

[46] +Hesekiel. XXI. 26.+

[47] +Deuteron. 18. 11.+

[48] +Cicero: De Divinatione. I. 43. II. 35.+

[49] +Loc. cit. 41.+

[50] +Loc. cit. I. 33.+

[51] +Loc. cit. II. 23.+

[52] +Levit. XIX. 26.+

[53] +Jerem. X. 2.+

[54] +Hist. nat. II. 70. 81. II. 20. 18. 43. 52. 17.+

[55] +Johannes Lydus: De ostentis. 21. S. 86. Ed. Kase.+

[56] +Lenormant: Choix de textes cunéiformes. Bd. IV.+

[57] +Plinius: Hist. nat. 52. 53.+

[58] +Müller: Die Etrusker. Bd. II. S. 162-178.+

[59] +Plinius: Loc. cit.+

[60] +II. 30.+

[61] +De operatione Daemonum.+

[62] Also ähnlich wie die spiritistischen Klopflaute.

[63] +Psellus: De operatione Daemonum.+

[64] +Richt. IX. 37.+

[65] +II. Sam. V. 25.+

[66] +Richt. IV. 5.+

[67] +Macrob. Saturn. II. 16.+

[68] +Apud. Phot. Bibl. cod. 94. Ed. Becker.+

[69] +De re rustica. III. 17. 4.+

[70] +Cicero: De Divinatione. II. 46.+

[71] +Western Asia Inscriptions. III. 562.+

[72] In meinem +Faustbuch+ und den +Geheimwissenschaften+.

[73] +Ant. Jud. IV. 14. 2.+

[74] +Herodot I. 132.+

[75] +Inschrift von Behistan. Taf. I. § 10-14.+

[76] +I. 131. III. 16.+

[77] +Damascius: De principiis. 125.+

[78] +De Is. et Osir. Ed. Reiske. S. 369.+

[79] +VII. 114.+

[80] +I. 103. 120. VII. 19.+

[81] +De vit. philos. prooem. 6.+

[82] +Plinius: Hist. nat. XXX. 2.+

[83] +Loc. cit. XXX. 5.+

[84] +Nach Kleukers Zendavesta. Th. III.+

[85] Vgl. die biblische »Wurzel Jesse«, ferner +4 Mos. 24. 17+ und
zahlreiche Parallelen aus der Geburtsgeschichte Christi.

[86] Symbol der Mondsichel. Auch in der jüdischen Geheimlehre ist Michael
der Erzengel des Mondes.

[87] +Vgl. Jes. 7, 14.; Ev. Matth. 1, 20-23.; Luc. 1, 31ff.+

[88] +Vgl. die Offenbarung Johannis.+

[89] Duzakh ist der Aufenthaltsort der Verdammten und Dews. Doch wird am
Ende der Welt Ahuramazdâ den Duzakh vernichten. +Vendid. Farg. XIX. II.
No. XVIII.+

[90] Vgl. das oben über die Wahrsagung aus Neugeborenen Mitgeteilte.

[91] +Izeschné, Ha. 42.+

[92] +Vendid. Farg. 19.+

[93] Kurzweg »Teufel«.

[94] Also in Wirklichkeit vielleicht der Oberste der medischen Magier.

[95] Man bemerke die Parallele zu Herodes.

[96] Jupiter.

[97] Venus.

[98] Der zweite Amschaspand.

[99] Wahrscheinlich Darius Sohn des Hystaspes.

[100] +Zerduscht-nameh. Kap. 14.+

[101] Nach der Tradition wurde Zoroaster 77 Jahre alt. Kleuker setzt seine
Geburt in das Jahr 589.

[102] Ich kürze hier Kleukers weitläufige Darstellung der Tradition ab.
Beim Übergang über den Araxes verrichtete Zoroaster ein ähnliches Wunder
wie Moses, indem er nämlich seine Anhänger trockenen Fußes durch den Fluß
führte.

[103] Dieses Fest wurde während der fünf letzten Tage des Jahres gefeiert.

[104] Zoroasters Vetter.

[105] Der zweite Monat des Jahres.

[106] Der fünfzehnte Tag.

[107] Das kaspische Meer.

[108] +Zerduscht-nameh. Kap. 21.+

[109] +Vendid. Farg. 19.+

[110] +Zerduscht-nameh. Kap. 22.+ Die Amschaspands entsprechen den
Planetengöttern und Erzengeln.

[111] +A. a. O., Kap. 25.+

[112] +A. a. O., Kap. 59.+

[113] Nach Bahman-Jescht bat Zoroaster Ahuramazdâ zweimal um
Unsterblichkeit.

[114] +Zerduscht-nameh. Kap. 60 u. 61.+

[115] Nach der Tradition Djemschid, der sich am Schluß seiner Regierung
wollte anbeten lassen.

[116] +Zerduscht-nameh. Kap. 25.+ Vgl. die Versuchungsgeschichte Christi.

[117] +Zerduscht-nameh. Kap. 25.+

[118] Berühmter Destur-Mobed (gelehrter Priester). Gewissermaßen eine
Reincarnation Zoroasters; eine Art neuer Buddha.

[119] +Zerduscht-nameh. Kap. 28.+

[120] Vgl. die später zu erwähnende kabbalistische Lehre von der Schachi
nach.

[121] Diese Engelämter gingen in die jüdische Geheimlehre über. Nach der
Kabbala herrscht Hariel über die nützlichen Tiere. Vgl. +Berith Menucha.
Fol. 37a.+

[122] Ized des Feuers; bei den Juden Jehuel. +Ber. Men. loc. cit.+

[123] Destur=Gelehrter, Mobed=Priester, Herbed=Initiierter.

[124] Feuertempel.

[125] Ized der Metalle; bei den Juden Azazel. +Vgl. Buch Henoch.+

[126] Ized der Reinheit; den Juden unbekannt.

[127] Ized des Wassers; bei den Juden Michael. +Ber. Men. l. c.+

[128] Ized der Gewächse; bei den Juden Alpiel. +Ber. Men. l. c.+

[129] +Vgl. Ev. Matth. 28, 19.+

[130] Der heilige aus 72 kameelhaarenen Fäden bestehende Gürtel der Parsen.

[131] Oberster der Ized, mit Silik-mulu-khi, dem Demiurgos, Logos usw. usw.
vergleichbar. Herr des Lichtes und der Sonne, Geber alles Guten usw.

[132] +Contra Celsum. Lib. VI.+

[133] Die betr. Stelle steht: +Vendidad, I. Fargard+, und lautet: »Der
elfte Ort und die Stadt des Überflusses, die ich, der ich Ahuramazdâ bin,
schuf, war Heetomeante, die Stadt der Verständigen und Glücklichen. Aber
der totschwangere Angrômainyus brachte daselbst Magie in Gang, die häßliche
Kunst. Sie macht allerlei Blendschein und giebt alles. Sie scheint groß,
aber wenn sie sich auch mit der höchsten Gewalt aufstellt, so kommt sie
doch vom Urgrunde des Bösen, vom Vater alles Unglücks. Weit ist sie von dem
Großen, von dem der Gutes thut.«

[134] Nach Kleuker im Jahre 549 v. Chr.

[135] +Zerduscht-nameh. Kap. 37. Vgl. Lucas 2, 46 usw.+

[136] Ahuramazdâ heißt auch der 1., 8., 15. und 23. Tag jeden Monats.

[137] Aufenthaltsort der Dews und Verdammten; Hölle.

[138] Nach Abu Djafar soll Gustaspes ursprünglich dem Sabäismus gehuldigt
haben.

[139] Fünfzig Pfund.

[140] Also die mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des
forcirten Pflanzenwachstums.

[141] Die persischen Zauberer bedienten sich also derselben Stoffe wie die
Hexen des Mittelalters.

[142] dito.

[143] Zoroaster verlangt also wie Christus als Vorbedingung Glauben.

[144] Wir begegnen hier also Spuren der Physiognomik.

[145] Vermutlich um der Seelenwanderung zu entgehen.

[146] Ized der Krieger.

[147] Keim der guten Werke.

[148] An dieser Stelle ist vermutlich unter den verschiedenen Arten des
Feuers auch das Feuer Burzin verstanden, welches im Bun-Dehesch (siehe
nächsten Abschnitt) als ganz besonders heilig bezeichnet wird. Es wird vom
Blitz entzündet und das »Feuer der Feldarbeiter« genannt, weil es von
diesen ganz besonders verehrt wird. Gustaspes errichtete ihm ein Dadgah
(Heiligtum) auf dem Berge Revan in Khorasan.

[149] D. h. der Anhänger der protomedischen Religion.

[150] Im Zoroastrismus ist das Himmlische das Vorbild des Irdischen.

[151] Die ebene Oberfläche des Wassers ist Sinnbild des Eben- und
Gleichmaßes, des Maßhaltens.

[152] Verschiedene Arten von Feuer, welche durch Sonnenbrand, den Blitz und
das Aneinanderreiben von Hölzern entzündet und besonders verehrt wurden.

[153] dito.

[154] dito.

[155] Nicht mit Kaschmir zu verwechseln.

[156] Zoroaster stand der Annahme nach in den dreißiger Jahren.

[157] Abteilung, Kapitel, des Zendavesta.

[158] Vermutlich eine Art Yogis.

[159] +Aban Jescht, Kap. 26 u. 27.+

[160] +Kl. Ravaets, Fol. 63.+

[161] Über den Ursprung der Lehre von Zrvâna-akarana s. oben S. 70.

[162] Man vergleiche damit du Prels Abhandlung über den Genius des
Sokrates.

[163] Der Sirius, welcher als Stier mit goldenen Hörnern gedacht wird.

[164] Niedere Höllengeister, Dämonen.

[165] %a%-+Orionis+.

[166] Wie die sieben Amschaspands mit den Planeten zusammenhängen, so die
28 Izeds vermutlich mit den 28 Mondstationen. S. meine Geheimwissenschaften
S. 288.

[167] Erhabener mythischer Berg. -- Das Gebirge Elburs.

[168] Der Adam Kadmon der Kabbalisten.

[169] Auch nach der Kabbala ist Adam anfangs Androgyn.

[170] Den Wechsel der Jahreszeiten feiernde Feste.

[171] Vgl. das oben über die Maskim Gesagte.

[172] Hier ist also das Prinzip des Karma bereits ausgesprochen.

[173] Also Scheol, Hades &c.

[174] Hier haben wir den Ursprung der »Auferstehung des Fleisches«.

[175] Honover.

[176] +Geogr. L. I. 15.+

[177] Die Parsen sagen: »Wenn der Mensch geboren wird, so stellt sich
Angrômainyus seiner Seele dar wie Meschia, dem Stammvater des
Menschengeschlechts und spricht wie zu diesem: Ich bin Herr und Schöpfer
der Natur! Das glaubt die Seele und wird verunreinigt.«

[178] Ein Mund und Kinn verhüllender Schleier.

[179] In seiner Anlage uralt und mutmaßlich von Zoroaster herrührend.

[180] Dieser Gedanke ging bekanntlich in das Christentum über.

[181] In der Kabbala wohnt Jehovah in der Lichtwelt Aziluth auf dem
Funkenthron.

[182] Mondstationen.

[183] Beiname des Angrômainyus.

[184] Tageszeit von Mittag bis drei Uhr Nachmittag.

[185] Gebete.

[186] Der erste Monat des Jahres.

[187] Der ideale Urmensch. Nach dem Bun-Dehesch befand sich bei dessen
Schöpfung die Sonne im Lamm, Mercur und Venus in den Fischen, der Mond im
Stier, Saturn in der Wage, Jupiter im Krebs und Mars im Steinbock.

[188] Zwei Dews.

[189] Wasser des Lebens.

[190] Dew des Todes.

[191] Der Widder

[192] Es sind die sechs aufsteigenden und sechs absteigenden Zeichen des
Tierkreises gemeint.

[193] Der Umkreis der Erde wird in sieben Keschwars geteilt. Der Satz heißt
also, daß jeder Stern einen halben Tag über der Erde ist.

[194] Schalttage.

[195] Die neunte Mondstation (12°51' bis 25°43' [Symbol: Krebs]).

[196] Es handelt sich vermutlich um das Rückläufigwerden eines Planeten.

[197] Der Leben und Segen spendende Ized der Bäume.

[198] Der Ized des Wassers.

[199] Vielleicht Venus zur Zeit des größten Glanzes, wo sie zuweilen bei
Tag sichtbar ist.

[200] Also die Sintflut.

[201] Der Okeanos.

[202] Der den Regen hemmende Dew.

[203] Dew, Helfer des Apevesch.

[204] Ized, Helfer Taschters.

[205] Beiname von Apevesch.

[206] Entsprechend dem biblischen Baum des Lebens.

[207] Ich übergehe die sich hier anschließende mystische Geographie des
Bun-Dehesch.

[208] Rhabarber.

[209] Ein Flächenraum von etwa 55000 Quadratfuß. Das Paradies.

[210] Vermutlich Antilope.

[211] Auch die Neuplatoniker suchten sich bei ihren theurgischen
Operationen durch den mystischen Einfluß gewisser Tiere gegen böse Geister
zu schützen.

[212] Es sind die Geschlechtsteile gemeint.

[213] Der isolierte Ort, wohin sich Frauen und Mädchen während der
Menstruation begeben.

[214] Ein toter Körper, ein Stück davon.

[215] Der Glaube, daß der Blick menstruierender Frauen Flüssigkeiten
verunreinige, Wein umschlagen, Spiegel erblinden und Rasiermesser
abstumpfen lasse, war noch sehr lange verbreitet. +Vgl. Agrippa von
Nettesheim: Occulta Philosophia, Lib. I, cap. 42.+

[216] Unreinheiten, Auswurfstoffe.

[217] Gebet.

[218] Gurzscher, Comet. Ich brauche wohl kaum auf die Merkwürdigkeit dieser
Stelle hinzuweisen.

[219] Opfer.

[220] Niederer Diener des Kultus.

[221] dito.

[222] Das Band, mit welchem das heilige Bareçma zusammengebunden ist.

[223] Ich bemerke, daß man bis in die neueste Zeit Magismus &c. und
Mazdeismus ineinander warf.

[224] +Proklos: Theologia Platonis II. cap. 29.+

[225] Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß von diesen Anschauungen der ganze
Gebrauch der Formeln, Beschwörungen und Charaktere in der Theurgie abhängt.

[226] Man sieht also, daß die Karmalehre keineswegs buddhistisch ist.

[227] Die Orakel sind bei Psellos meist in gebundener Rede abgefaßt.

[228] Man denke an die zehn Sephiroth der Kabbala.

[229] Also der Astralkörper.

[230] Diese angeblich spiritistisch-theosophische Lehre ist also in
Wahrheit uralt.

[231] Gewöhnlich in folgender lateinischer Fassung: +Ergo ex finibus terrae
prosiliunt canes terrestres, nunquam verum corpus mortali homini
monstrantes.+

[232] Die Aphorismen scheinen demnach, wie auch nach dem Kommentar zum
vorigen Aphorismus zu schließen, zum Gebrauch bei den Mysterien bestimmt
gewesen zu sein.

[233] Zrvâna-akarana.

[234] Die Feruer.

[235] Wir haben also wieder den Gegensatz zwischen Feruer und Seelen.

[236] Ahuramazdâ wurde bei den Gnostikern und Neuplatonikern zum Demiurgos.

[237] Die Henosis, die mystische Vereinigung mit Gott.

[238] Es ist wohl der Feruer gemeint.

[239] Der Satz bezieht sich wohl auf gewisse Gefahren, welche die Ekstase
im Gefolge hat.

[240] D. h. der zu erkennende Gegenstand ist außerhalb des Geistes.

[241] Nämlich Gott selbst.

[242] +III. 11.+

[243] +Eusebius: Praep. Ev. 6. 10.+

[244] +Asiatic Researches. VII. 279. VIII. 396. 494.+

[245] +Upanishad, bei Carey Sansc. Gramm. p. 903.+

[246] +Colebrooke: As. Res. VIII. 431.+

[247] +A. a. O. S. 405.+

[248] +Lacroce: Indisches Christentum. S. 613.+

[249] +A. a. O. S. 603.+

[250] +Parabodh. Chandrod in Rhodes' »Hindus« II. S. 350.+

[251] +Bhartrihari in Roger »Offene Thür« S. 492.+

[252] +A. a. O.+

[253] +As. Res. VIII. 421.+

[254] +A. a. O. 402.+

[255] +Philosophum. Tom. I. p. 904.+

[256] +Pag. 94.+

[257] +As. Res. VIII. p. 404. 440.+

[258] +Upnekh. I. 25. 213. II. 172. 251.+

[259] +II. 77. 2.+

[260] +I. 8-13.+

[261] +Markandeya puran, cap. 43.+

[262] +II. 75. 13ff.+

[263] +Manus Gesetz 12, 25.+

[264] +Goldene Sprüche des Pythagoras, V. 85 u. 86.+

[265] +2. 22.+

[266] +Diodorus Siculus I. 22.+

[267] +Jahrgang 1891.+

[268] +M. Huc: Souvenir d'un voyage dans la Tartaric, le Thibet et la
Chine. Paris 1853, p. 321-325.+

[269] Dies möchte ich stark bezweifeln. Carl Kiesewetter.

[270] Ausführlich steht der Bericht in meinen +Geheimwissenschaften,
S. 567ff.+

[271] +Voyage en Asie. Paris 1867.+

[272] +Geographische und ethnographische Bilder. Jena 1875. S. 406.+

[273] S. später den Abschnitt über Apollonius von Tyana.

[274] +Vgl. Psychische Studien, Jahrgang 1875, S. 300ff.+

[275] +De myster. Aegypt. ed. Gale. pag. 173.+

[276] +Geschichte der Medizin. Bd. I. S. 72.+

[277] +De vita Pythagorae.+

[278] +Odyssee, IV. 218-232.+

[279] +Lib. I.+

[280] +XVI. 801.+

[281] +Hist. Lib. IV, cap. 8.+

[282] Nach Sueton war keine Hoffnung, daß die Sehkraft wieder hergestellt
werden könnte.

[283] +Hist. nat. III. 46.+

[284] Nach Herodot (+Lib. III+) war der Apis schwarz, hatte auf der Stirne
einen viereckigen weißen Flecken, auf dem Rücken das Bild eines Adlers,
eine knopfartige Drüse am Hals und zweifarbige Haare am Schweif.

[285] Man pflegte den Apis auch über den Ausgang von Krankheiten zu
befragen.

[286] Nach den Arbeiten des Herrn Franz Lambert in der +Sphinx. Bd. V. u.
IV.+

[287] +Sitzungsbericht der Königl. Bayr. Akademie der Wissenschaften d. d.
6. Februar 1875.+

[288] Payni ist der zehnte Monat des ägyptischen Jahres und beginnt mit dem
26. Mai des julianischen Kalenders. Die Jahreszahl bezieht sich auf die
Regierung des Pharao.

[289] Chonsu, ursprünglich Mondgott, ist ebenfalls ein Heilgott der
Ägypter.

[290] Der mit dem 26. April des julianischen Kalenders beginnende neunte
Monat des ägyptischen Jahres.

[291] Vermutlich ein oberer Grad der Chonsupriester.

[292] dito.

[293] Der Priester wird euphemistisch Gott genannt.

[294] Wir haben hier also das bekannte dämonische Sprechen der Besessenen.

[295] Der sechste mit dem 26. Januar jul. Kal. beginnende ägyptische Monat.

[296] +Sphinx, Bd. V. S. 6.+

[297] Über Hermes Trismegistos und die hermetische Litteratur s. den betr.
Abschnitt. Über die Astrologie der Ägypter vgl. meine Geheimwissenschaften.

[298] +Jamblichus: De mysteriis Aegypt.+

[299] Vgl. dessen +Characterismi plantarum graduum XII signorum Zodiaci
Characterismos et membra hominis comparati+. -- Der Leibarzt Kaiser
Maximilians II., B. Carrichter, gab dieses Buch als von ihm verfaßt unter
dem Titel +Botanica astralis+ heraus.

[300] Nach unserm Kalender.

[301] Man betrachtete diese als pflanzliche Gebilde. Ich erinnere an die
Entenmuschel, welche bekanntlich auf Bäumen wachsen sollte.

[302] Ich zitiere nach +Ath. Kirchers Oedipus Aegyptiacus. Tom. III.
Syntagma de Medicina Hieroglyphica+.

[303] +Vgl. Sphinx. Bd. IV. Heft 23.+

[304] Nach den in der +Kabbala denudata+ gesammelten Werken,
Frank-Jellineks +Kabbala+ usw.

[305] +Vgl. Paracelsus: Das Buch von den Nymphen usw. Kap. 1.+

[306] +Etz Chajim. Fol. 248.+

[307] +Emek ha Melech. Fol. 85.+

[308] »Die Schedim wohnen in der Luft, in den oberen, inneren Kreisen der
Elemente. Sie wissen das Zukünftige durch die Vorsteher der Gestirne,
wissen aber nur um die nahe Zukunft. Weil sie einen feinen geistigen Leib
haben, so ist ihre Nahrung ebenso fein. Ihre Speisen und Getränke bestehen
in dem Geruch des Feuers und der Feuchtigkeit des Wassers. Dies ist das
Wesen des Rauchwerkes, welches man ihnen räuchert, denn dieses ist ihre
Speise. Sie genießen davon, verbinden sich dann mit den Menschen und machen
ihnen die Zukunft bekannt. Die Stufe dieser Ruchim ist: Manche bestehen aus
Feuer allein, andere aus Feuer und Luft, andere aus Feuer, Luft und Wasser,
und andere, welche außer den drei Elementen noch aus feiner Erde
zusammengesetzt sind. Nach der Feinheit ihres Leibes richtet sich der Grad
ihres Geistigen.« (+Nischmath Chajim, Fol. 118.+) -- »Die Engel oder Seelen
der Verstorbenen, wenn sie sich herunterlassen wollen in die Welt, dann
nehmen sie an etwas aus den vier Elementen, etwas nach Art des Körpers, so
daß sie den Anwesenden erscheinen als Mensch oder als ein anderes Geschöpf
und in solchen Gestalten zeigen sie sich den Propheten sowie anderen
Menschen und selbst den Bösen, wie die Männer von Sodom die Engel gesehen.
Dies ist das Geheimnis des Gewandes. -- Daher haben die Zauberer und die
Totenbefrager nötig Rauchwerk und Dünste, damit sie die Luft bereiten, daß
sich in ihr ausfunkeln die Dinge, die sich in der Luft herablassen. Deshalb
erscheinen die Toten oft in ihrer Gestalt dem Menschen selbst im Wachen.«
(+Raibad zum Sepher Jezirah, Fol. 7.+) -- »So ist die Ordnung der bösen
Seite. Man ordnet für sie einen Tisch mit Speisen und Getränken und
Zauberwerken, und macht Rauch vor dem Tisch. Dann versammeln sich alle
unreinen Ruchim und machen bekannt, was die Zauberer wünschen.« (+Sohar
Balak, Fol. 192.+) -- Ein Hauptmaterialisationsmittel war das Blut, weshalb
auch der zauberische Gebrauch des »Essens beim Blut« geübt wurde.

[309] »Die obersten hängen in der Luft, die untersten sind diejenigen,
welche die Menschen verspotten und ihnen Bedrängnisse im Traum machen. Sie
sind so frech wie der Hund. (Dieser Ausdruck findet sich bei Paracelsus,
+de occulta philosophia+ wörtlich wieder.) Es giebt eine höhere Stufe über
ihnen, welche den Menschen Dinge bekannt machen, die teils wahr, teils
unwahr sind; und alles, was wahr ist, geht doch nur auf die nächste Zeit.«
(+Sohar Waiikra, Fol. 25.+)

[310] Also Hauskobolde, Heimchen, Wichtel usw.

[311] Es sind die S'hirim der Bibel, welche Luther mit Feldteufel
übersetzt. +Vgl. 3. Mos. 17, 7 und Jes. 15, 21.+

[312] +Vgl. Sohar Chaja Sarah. Fol. 125.+

[313] +Bchai. Fol. 95.+

[314] +Von den unsichtbaren Werken. Lib. III.+ und +Scenen aus dem
Geisterreiche. II. 1.+

[315] +Sohar Bereschith. Fol. 35.+

[316] +Sepher ha Chajim. Fol. 230.+

[317] +Sanhedrin. Fol. 68.+

[318] +Nischmath Chajim. Fol. 122.+

[319] +Maireheth Elahuth. Fol. 42.+

[320] +Tractat Aboth. Abschn. 5.+

[321] +Sohar Tithro. Fol. 78.+

[322] +Sohar Emor. Fol. 76.+

[323] +Sohar Balak. Fol. 193.+

[324] +2 Timoth. 3, 8.+

[325] +4 Mos. 22.+

[326] Dieses Affiziertwerden des Menschen ist zwar ein immerwährendes, das
jedoch nicht stets zum Bewußtsein kommt.

[327] +Vgl. Jes. 46, 10 und Daniel 2, 27-30.+

[328] +Nischmath Chajim. Fol. 122 u. 132.+

[329] +Tract. Pesachim. Fol. 91.+

[330] +Nischmath Chajim. Fol. 132. Etz Chajim. Fol. 248.+

[331] +5 Moses 18, 10. More Nebuchim 3. Hosea 4, 12.+

[332] +Hesekiel 21, 26. Nischm. Chaj. Fol. 126.+

[333] +Nischmath Chajim a. a. O.+

[334] +Sohar Ci Thise. Fol. 191.+

[335] +Tract. Sanhedrin. Fol. 66. Hilch. Abodah sarah 6, 14.+

[336] +A. a. O. 6, 10.+

[337] +More Nebuchim. Th. 3, Abschn. 29.+

[338] +P'kudai. Fol. 237.+

[339] +Hilch. Abodah sarah 6, 10.+

[340] +Midrasch Tanchumah. Fol. 29.+

[341] +Hilch. Abodah sarah 6, 1.+

[342] +Ben Dior. Anm. z. Sepher Jezirah. Fol. 5. Nischm. Chaj. Fol. 1.+

[343] +K'bod Melech. Fol. 230.+ Der Habal de Garmin ist für die
Auferstehung dasselbe organisierende Prinzip, welches der Elementarnephesch
für den lebenden ist.

[344] Vgl. Jung-Stillings +Theorie der Geisterkunde § 209+ und
Eckartshausens bekanntes Rauchwerk.

[345] +1. Sam. 28, 15.+

[346] Es sind die Teravhim gemeint.

[347] +Hilch. Abodah sarah 6, 1.+

[348] +Nischm. Chaj. Fol. 133.+

[349] Vorher würde eigentlich die Bibel zu behandeln sein. Wegen Überfülle
des Stoffes werde ich dies in einem besonderen Buch: +Der Occultismus in
der heiligen Schrift+ thun.

[350] +Tractat Hagiga.+

[351] +Tractat Hagiga 12a.+

[352] Dieselben erlauben vor dem vierzigsten Jahr weder die Lektüre des
Sohar, noch eines anderen kabbalistischen Buches.

[353] +Psalm 116, 15.+

[354] +Sprüche 25, 16.+

[355] +Tract. Hagiga 14b.+

[356] Das Wort Acher heißt wörtlich: ein Anderer, ein anderer Mensch.

[357] Frank leitet Metatron von %meta thronon% ab, allein Metatron ist
offenbar der parsische Mithra.

[358] +Bab. Talmud. Tract. Berachoth.+

[359] S. den Philo behandelnden Abschnitt.

[360] +Daniel 12, 3.+

[361] Nämlich Nephesch.

[362] Es ist die die Ekliptik im »Drachenkopf« und »Drachenschwanz«
schneidende Mondbahn gemeint.

[363] +Mantuae, 1562. Fol.+

[364] Also ein Buch von ziemlich neuem Ursprung.

[365] Es ist Maimonides gemeint.

[366] Die beiden ersten Drucke des Sohar erschienen 1559 zu Cremona und
Mantua.

[367] +Talmud Babyl. tract. sabbat. M. und Fol. 34.+

[368] +Mant. Ausgabe. Tl. III. Fol. 26 u. 29.+

[369] +A. a. O. Fol. 153.+

[370] +Sohar. Tl. I. Fol. 113.+

[371] +A. a. O. Tl. III. Fol. 10.+

[372] +Morin: Exercitationes biblicae. Lib. II. Ex. 9. cap. 5.+

[373] +Glaube und Meinung. Tl. I. Kap. 4.+

[374] +Sohar. Tl. II. Fol. 42 u. 43.+

[375] +Hiob. 28. V. 20 u. 23.+

[376] +Glauben und Wissen. Tl. III. Kap. 2.+

[377] +A. a. O. Kap. 7.+

[378] +Hieron. ad Marcell. Ep. 136. Tom. III. Opp. omn.+

[379] +Tl. II. Fol. 99.+

[380] +Commentatio devi, quam graeca philosophia in theologiam tam
Muhammedanorum, tam Iudaeorum exercuerit. Part. I. Hamburg 1835. 4°.+

[381] +De ortu Cabbalae. Part. II. Hamburg 1837.+

[382] Es ist schwer, bei folgender Stelle des h. Paulus nicht an die
Kabbala zu denken: Auch nicht Acht hätten auf die Fabeln und der
Geschlechte Register, die kein Ende haben, und bringen Fragen auf, mehr
denn Besserung zu Gott im Glauben (+1. Thim. 1. 4.+)

[383] +Mant. Ausg. Tl. III. Fol. 296.+

[384] +Tl. III. Fol. 153.+

[385] +Kap. 3. V. 19.+

[386] +De coelo. Lib. II. cap. 13.+

[387] +Opp. Lib. III. cap. 24.+

[388] +De civitate Dei. Lib. XVI. cap. 9.+

[389] +Aboda Zarah. cap. 3.+

[390] Eine sehr gewagte Behauptung Franks. +C. K.+

[391] +Talm. Babyl. Tract. Chulin. cap. III.+

[392] +Schalscheleth hakabbalah. Fol. 24.+

[393] +Cuzary. Discors. 4. § 25.+

[394] +Jezirah, Kap. 1. Prop. 4.+

[395] +Jezirah, Kap. 1. Prop. 3.+

[396] +Propos. 5.+

[397] +Kap. 1, Propos. 6.+

[398] +Kap. III. Propos. 3.+

[399] +Kap. 4. Propos. 1. 2. 3.+

[400] +Kap. 5. Propos. 1 u. 2.+

[401] +Kap. 6. Propos. 3.+

[402] +Kap. 6. Propos. 2.+

[403] +Kap. 6. Propos. 2.+

[404] +Sohar, Tl. III. Fol. 152.+

[405] +A. a. O. Fol. 149.+

[406] +Homil. 7 in Levit.+

[407] %peri archôn%. +Lib. IV.+

[408] +Homil. 5 in Levit.+

[409] +Habak. III. 1.+

[410] +Sohar. Tl. III. Fol. 128.+

[411] So heißen die Adepten der Kabbala.

[412] +Jesaias 40. 25.+

[413] +Deuteron. 4. 15.+

[414] +Hiob 14, 11.+

[415] +Sohar, Tl. II. Fol. 42 u. 43.+

[416] +Sohar, Tl. I. Fol. 105.+

[417] +Sohar, Tl. III. Fol. 288.+

[418] +Idra Rabba. Fol. 114.+

[419] +Idra Rabba. Fol. 144.+

[420] +Idra Suta. Fol. 288.+

[421] +Sohar, Tl. III, Fol. 11.+

[422] +Pirke, Aboth. V. 1.+

[423] +Sohar, Tl. I, Fol. 2.+

[424] +Sohar, Tl. III, Fol. 288.+

[425] +Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften. §§ 86 u. 87.+

[426] +Sohar, Tl. III, Fol. 292.+

[427] +Sohar, Tl. III, Fol. 291.+

[428] +A. a. O.+

[429] +A. a. O.+

[430] +Sohar, Tl. III, Fol. 291.+

[431] +Sohar, Tl. III, Fol. 288.+

[432] +Sohar. A. a. O.+

[433] +Sohar, Tl. I, Fol. 246.+

[434] +Sohar, Tl. III, Fol. 65.+

[435] +Sohar, Tl. III, Fol. 296.+

[436] +A. a. O.+

[437] +Sohar, Tl. I, Fol. 51.+

[438] +Idra Suta, am Schluß.+

[439] +Sohar, Tl. III, Fol. 10.+

[440] +Sohar, Tl. III, Fol. 7.+

[441] +Pardes Rimonim. Fol. 60-64.+

[442] +Sohar, Tl. I, Fol. 60-70.+

[443] +Vgl. Pardes Rimonim. Fol. 34-39.+

[444] +Pardes Rimonim. Fol. 42. u. 43.+

[445] +Idra Rabba. Tl. III, Fol. 148.+

[446] +Idra Suta. Fol. 292.+

[447] +Idra Rabba. Fol. 135.+

[448] +Buch des Geheimnisses. Kap. 1.+

[449] +Idra Rabba. Fol. 135.+

[450] +Idra Rabba. Fol. 142.+

[451] +Sohar, Tl. I, Fol. 20.+

[452] +Sohar. Fol. 246.+

[453] +Kommentar des Abraham ben Daud zum Sepher Jezirah. Pag. 65.+

[454] +Sohar, Tl. II, Fol. 100.+

[455] +Sohar. A. a. O.+

[456] +Sohar, Tl. II, Fol. 218.+

[457] +Sohar, Tl. I, Fol. 21.+

[458] +Sohar, Tl. I, Fol. 205.+

[459] Sein mystischer Name ist Samael. Von ihm wird in der Zukunft die
erste Hälfte, welche Gift bedeutet, wegfallen; die zweite Hälfte hingegen
ist allen Engelnaturen gemein. Dieselbe Idee wird auch noch in einer andern
Weise ausgedrückt: Nachdem durch kabbalistische Berechnung dargethan worden
ist, daß der Name Gottes alle Himmelsgegenden mit Ausnahme des Nordens
umfaßt, welcher den Dämonen als Strafort überwiesen ist, wird gesagt, daß
man am Ende der Tage auch diese Gegend im göttlichen Namen finden wird. Die
Hölle wird verschwinden und es wird weder Strafe, noch Leiden, noch
Schuldige mehr geben. Das Leben wird ein endloser Sabbath sein. +Vgl.
Pardes Rimonim, Fol. 10, Emek Hamelech, Kap. 1.+

[460] +Sohar, Tl. III, Fol. 61.+

[461] +Sohar, Tl. II, Fol. 20.+

[462] +Sohar, Tl. II, Fol. 20.+

[463] +Sohar, Tl. II, Fol. 74.+

[464] +Sohar, Tl. II, Fol. 76.+

[465] +Sohar, Tl. II, Fol. 75.+

[466] +A. a. O. Fol. 73-75.+

[467] +A. a. O. Fol. 73.+

[468] +Sohar, Tl. III, Fol. 68.+

[469] +Talmud. babyl. Tract. Sanhedrin. cap. 11.+

[470] +Sohar, Tl. I, Fol. 42.+

[471] +Sohar, Tl. I, Fol. 42ff.+

[472] +Tikunim-Tikun. 15. Fol. 36.+

[473] +Vgl. Sohar, Tl. II, Fol. 255-259.+

[474] +Sohar, Tl. I, Fol. 35.+

[475] Sie wird im Talmud Lilith genannt.

[476] +Ethica.+

[477] +Prediger Sal., Kap. III, V. 19.+

[478] +Talm. Bab. Tract. Berachoth 17.+

[479] +Talm. Bab. Tract. der Väter. Kap. 3.+

[480] +Sohar, Tl. III, Fol. 48.+

[481] +Sohar, Tl. II, Fol. 70.+

[482] +Sohar, Tl. II, Fol. 76a.+

[483] +Sohar, Tl. I, Fol. 191.+

[484] +A. a. O.+

[485] +Sohar, Tl. II, Fol. 142.+

[486] +Sohar, Tl. III, Fol. 107.+

[487] +Sohar, Tl. I, Sect. $LRLR$.+

[488] +Deuteron. 14. 1.+

[489] +Sohar, Tl. I, Fol. 245.+

[490] +Sohar, Tl. I, Fol. 55.+

[491] +Sohar, Tl. I, Fol. 98.+

[492] +Sohar, Tl. II, Fol. 96.+

[493] +Sohar, Tl. III, Fol. 61.+

[494] +Sohar, Tl. I, Fol. 23.+

[495] +Sohar, Tl. III, Fol. 61.+

[496] +Sohar, Tl. II, Fol. 99.+

[497] +Sohar, Tl. II, Fol. 99.+

[498] +Sohar, Tl. II, Fol. 208.+

[499] +Sohar, Tl. II, Fol. 216.+

[500] +Sohar, Tl. I, Fol. 66.+

[501] +Sohar, Tl. II, Fol. 94.+

[502] +Sohar, Tl. I, Fol. 168.+

[503] +Sohar, Tl. I, Fol. 48.+

[504] +Sohar, Tl. I, Fol. 145.+

[505] +Sohar, Tl. III, Fol. 85.+

[506] +Sohar, Tl. I, Fol. 52.+

[507] Ich gebe diese kleine Sammlung von Aphorismen als Wurzel so manches
»modernen« Glaubens.

[508] +Zeller, Philosophie der Griechen I. 169.+

[509] +Philosophie der Griechen I. 175.+

[510] +Aristoteles, Metaphys. XII. 2.+

[511] +Geschichte der Philosophie I. 41.+

[512] +Vergl. Curtesius, principi III, cap. 55-89.+

[513] +Dühring, Geschichte der Philosophie S. 23.+

[514] +Eudemus bei Theo (bezw. Dercyllides) Astronom. S. 324.+

[515] +Dühring, Geschichte der Philosophie S. 24.+

[516] +Fr. 18. b. Stob. Floril. 3, 84.+

[517] +Theophrast, De sensu 1.+

[518] +Fr. 22.+

[519] +Diog. IX. I.+ %polymathiê noon ou phyei%. +Procl. in Tim. p. 31.+

[520] +Fr. 73, 66, 67.+

[521] +Fr. 55. Lucian V. auct. 14.+ Die Ähnlichkeit einzelner dieser Sätze
mit oft wiederholten Ausführungen Giordano Brunos ist auffallend. Man
vergl. meine Lichtstrahlen aus Bruno's Werken. S. 1-3, S. 77, »bloß zu
leben, ihr Lebenszweck, Des Weges Ziel der Weg« u. s. w.

[522] +Fr. 12. Clemens Strom. V. 591.+ %apistiê gar diaphynganei mê
gignôskesdai%.

[523] +Plato Theät. 160.+ Kratylus, ein Lehrer Platos überbot diesen Satz
seines Lehrers Heraclit durch die Behauptung, man könne nicht einmal
_einmal_ in denselben Fluß steigen, ein Extrem, dessen Konsequenz
Aristoteles verspottet, wenn er sagt, Kratylus habe zuletzt nichts mehr
sagen zu dürfen geglaubt, sondern nur den Finger bewegt.

[524] +Vgl. Dühring, Geschichte der Philosophie. S. 28.+

[525] +Fr. 39.+

[526] +Plato, Theät. 152.+

[527] +Vergl. Zeller, Philosophie der Griechen I. S. 536.+

[528] +Fr. 25.+

[529] +Lassalle, Die Philosophie Heracleitos des Dunklen I. 361.+

[530] +Plut. Is. et Os. 48.+

[531] +Plut. Is. et Os. C. 45.+

    %palintonos gar harmoniê kosmou
    hokôsper lyrês kai toxou kath' Hêrakleiton.%

[532] +Fr. 41.+

[533] +Diogenes L. IX. 18.+

[534] +Vgl. Zeller, Philos. der Griechen I. 555. Ueberweg, Geschichte der
Philosophie I. S. 48.+

[535] +Vgl. J. R. Mayer »Beiträge zur Dynamik des Himmels.« (Mechanik der
Wärme 159.)+ Auch +Giordano Bruno, Vom Unendlichen, dem All und zahllosen
Welten, übers. von Kuhlenbeck+ und meine Anmerkung dazu S. 91.

[536] +Stob. Ekl. I. 264.+

[537] +Stob. Florileg. 5, 120.+

[538] +Stob. Ekl. I. 906.+

[539] +Fr. 52b.+

[540] +Plat. facies lunae 1. 28.+

[541] +Diog. IX. 7.+

[542] +Sext. Emp. Pyrrh. Hypotyp. III, 230.+

[543] +Fr. 57. Stob. Floril. 104, 23.+ %êthos anthrôpô daimôn%.

[544] +Fr. 70. Fr. 9. Zeller, a. a. O. S. 592.+

[545] +Cic. Tusc. V. 36, 105.+

[546] +Diog. Laert. IX. 6.+

[547] +Etymolog. m in+ %bios% +u. Eustath. ad Iliad. I. p. 31+. Deutsch ist
das Wortspiel nicht wiederzugeben.

[548] +Augustin de civit. Dei VI, 5.+

[549] +W. Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre II. 40.+

[550] +Diogenes Laert. VIII. 6.+

[551] +Apulejus, Florid. II. 15.+

[552] +Zeller, Philosophie der Griechen I. S. 26.+

[553] +W. Menzel, die vorchristliche Unsterblichkeitslehre I. 94.+

[554] +Metaphysik. I. 5.+

[555] +Zeller, Philosophie der Griechen I. 322.+

[556] +Aristoteles, De coelo II. 13. Vgl. auch meine Vorrede zu Giordano
Brunos Dialoge vom Unendlichen, dem All und den Welten. S. III. Berlin
1893. (Lüstenöder.)+

[557] +Diogenes Laert. VIII. 36.+

[558] +Aristoteles de anima. I. 2.+

[559] +Bruno, degli eroici furori. I. 16.+

[560] +Simplicius, zur Physik des Aristoteles 173a.+

[561] +Vergl. Creuzer, Symbolik I. 144.+ Wenn angenommen wird, Plato und
die älteren Platoniker, Plotinus inbegriffen, hätten eine willkürliche
Seelenwanderung (Metensomatose) gelehrt, so hat Plotinus jedenfalls in
seinen späteren Jahren sich sehr skeptisch und mit großer Zurückhaltung
darüber geäußert, d. h. zu einer Zeit, wo er in den Geist von Platos Werken
am tiefsten eingedrungen war. Eben deswegen und wegen der Incongruenz einer
solchen Lehre mit einem Geiste, wie Plato war, möchte ich auch bezweifeln,
daß er wenigstens als gereifter Philosoph im Ernste so etwas behauptet
habe.

[562] +Diogenes L. VIII. 19 u. 20.+

[563] Die Quellen siehe bei +Zeller, Philosophie der Griechen I. 265
not. 3.+

[564] +Krit. Geschichte der Philosophie, S. 19.+

[565] +Fülleborn, Fragmente aus den Gedichten des Xenophanes und
Parmenides, Beiträge zur Geschichte der Philosophie. Jena 1795.+

[566] +Fr. 14.+

[567] +Fr. 1.+

    %oulos hora, oulos de noei, oulos de t'akouei.%

[568] +Fr. 7.+

    %panta theois anethêken Homêros th' Hêsiodiste
    hossa par anthrôpoisin oneidea kai psogos esti.%

[569] +Vgl. Fiorentino, Bernardino Telesio ossia studi storici su l'idea
della natura.+

[570] +Vgl. Ueberweg, Geschichte der Philosophie I. § 20.+

[571] +Sphinx, VI. 33 (1888).+

[572] +Dühring, a. a. O. S. 37.+

[573] +Diogenes L. VIII. 63-67.+

[574] +Diog. Laert. VIII. 60.+

[575] +Boethius de music. cap. 1.+

[576] Diese Goëtie wurde, wie Kiesewetter bereits im +I. Bande S. 73+
bemerkt hatte, zur Zeit der Perserkriege durch die Magie des Persers
Osthanes abgelöst.

[577] +Aristotel. de anima II. 6.+

[578] +Aristotel. de anima II. 6.+

[579] +Geschichte der Philosophie a. a. O.+

[580] +Vgl. Zeller, Philosophie der Griechen I, S. 667.+

[581] +Noacks Jahrbücher für spekulative Philosophie II, 2.+

[582] +Cicero, Tusc. I. 16. 38.+ Diese Annahme gründete sich wohl nur
darauf, daß man keine ältern Schriften, als die des Pherekydes kannte, die
diese Lehre enthielten. +Vergl. Zeller, a. a. O. I. 56.+

[583] +Diogenes Laert. I. 10.+

[584] +Vgl. Ebstein, Einige Bemerkungen über die sog. Nona. (Berliner
Medizinische Wochenschrift 1891, Nr. 41.) Charcot, Leçons de mardi à la
Salpetrière. Paris 1889. p. 63ff. Löwenfeld, Über hysterische
Schlafzustände (Archiv für Psychiatrie XXII.)+

[585] +Plato de Legibus I. 642. Cicero, de Dio. I. 18. Aristoteles, Rhetor.
III. 17.+

[586] +Plato de republ. II. p. 364.+

[587] +De principiis 383.+

[588] Die hier, nach der Weise der hesiodischen Theogonie eine
geschlechtliche Syzygie bilden, die Luft (griechisch %Ho aêr%) ist der
männliche, die Nacht das weibliche Urwesen.

[589] +Thucydid. I. c. 4.+

[590] +Die vorchristliche Unsterblichkeitslehre. S. 62.+

[591] +Vgl. Plutarch, Pelopidas, cap. 10.+

[592] +Creuzer, Symbolik. S. 497.+

[593] +Somnium Scipionis I, 12.+

[594] +Lucretius.+

[595] Von %kykan% d. h. eine Mischung, die durch Schütteln entstanden. Er
ist teils Medizin, teils Zaubermittel, %kyphi% bei den egyptischen
Mysterien. Bildlich nennen die Philosophen das kosmische Ineinander der
Elemente bisweilen Kykeon, so Heraclit b. +Lucian, vit. auct. § 15. Vgl.
Preller, Demeter und Persephone. S. 98.+

[596] Man enthielt sich von Geflügel, Fischen und Bohnen, der Granaten und
Äpfel. +Vgl. du Prel, Mystik der alten Griechen, S. 104+, der hier einen
Zusammenhang mit »Mediumität« vermuten möchte.

[597] Nach Preller ist Jambe nichts als eine Personifikation des Jambus in
der Bedeutung des Spottgedichts.

[598] +Preller, a. a. O. S. 138. not. 22.+ Näheres siehe später!

[599] Besonders verstand man es auch, energische Lichteffekte durch Wechsel
von Licht und Finsternis zu erzielen.

[600] +Fragm. 116.+

[601] +Orphica No. 40.+

[602] Ganz richtig ist diese Worterklärung nicht; Gesetz_geberin_ würde
eigentlich Thesmo_thetes_ heißen. %phoros% bezieht sich auf das _Tragen_
der Satzungen im körperlichen Sinne; die Weiber trugen nämlich die
»Gesetze« der Ceres und ihre Symbole in Prozession herum.

[603] »Nicht Liebe überhaupt erregte und förderte Ceres, gleich der
Afrodite nur die treue Turteltaube war ihr angenehm; nur die Liebe des
ehelichen Paares erfreute sich ihrer Segnungen. Diese beziehen sich dann
auf dieselben Stufen weiblicher Passivität, welche Demeter selbst, freilich
nur gleichsam, doch alljährlich zu ertragen hat. Denn Säen und Pflügen
schien den Griechen ein Schwängern der Erde zu sein; die Göttin Erde selbst
schien um die Saatzeit den Keim neuer Pflanzung in brünstiger Liebe
aufzunehmen (+ad conceptum impetus terrae Plin. N. H. 18.+) +Preller,
Demeter S. 354.+«

[604] +Preller, a. a. O. S. 339.+

[605] Nach Mommsens Heortologie sollen heute noch Badegewohnheiten der
Mohammedanerinnen an die Gebräuche der Thesmophorien erinnern; unter
allerhand Neckereien und Scherzen fahren die Türkinnen ans Meer, nehmen
Speisen und Getränke mit und ergötzen sich nach dem Bade in ausgelassenster
Weise.

[606] %kteis% bedeutet wörtlich zunächst Kamm, dann eine Muschelart
(Kamm-Muschel). Diese letztere Bedeutung führt dann weiter: Vgl. Hofmann v.
Hofmannswaldau, die Schooß der Geliebten:

    »Man sagt, die Venus sei ihr Wesen zu verstellen
    Nicht nach gemeiner Art, vielmehr aus Meereswellen
    In einer _Muschel_ Helm empfangen und gezeugt,
    Wo sie des Meeres Schaum gewieget und gesäugt.
    Wer glaubet dieses nicht, der Venus' Thun erwäget?
    Weil aber eine Schooß der Muschel Bildniß träget,
    Glaub ich, daß Venus zwar, was sie ans Licht gebracht,
    Hernach zu einer Schooß der ganzen Welt gemacht;
    Daß, als die Herrscherin ihr Muschelschiff verlassen,
    Sie, aller Menschen Herz in diesen Schrein zu fassen,
    Die Muschel in den Schooß der Weiber eingeschränkt
    Und sich durchgehends selbst zur Wohnung nachgesenkt!«

[607] +Preller, a. a. O. 346.+

[608] Die Vierfaltigkeit, die Urgottheit.

[609] Des Urgeistes.

[610] Des unendlichen Raumes.

[611] Die Weltkugel.

[612] Der Urgottheit.

[613] +Aristoteles de coelo IV, 203. 8b. 35.+

[614] Ring oder Rolle, wodurch Spindel oder Spule umschwingen.

[615] Die berühmte Harmonie der Sphären.

[616] Der Sänger Orpheus wurde von Mänaden zerrissen, angeblich weil er
nicht stark genug gewesen, den Tod für Eurydike zu ertragen; Plato, Symp.
7, oder weil er die erotische Liebe bei den Thrakern eingeführt. In
Wahrheit ist dieser Tod eine Nachbildung der Sage von der Zerreißung des
Zagreus (siehe S. 492ff. 535 oben!), dessen Priester Orpheus ist.

[617] Thamyras, wie Orpheus, ein thrakischer (mystischer) Dichter, der nach
der Sage sich in einen Wettstreit mit den Musen einließ und besiegt seiner
Laute und des Augenlichts beraubt wurde. +Vgl. Ovid. amores III. VII. 62.+

[618] Der bekannte _Lethe_-Strom.

[619] M. E. zeigt sich hier schlagend, wie der Unsterblichkeitsglaube
lediglich aus dem Gefühl der _Wertschätzung_ hervorgeht. Ein zwingender
Beweis der Unsterblichkeit läßt sich nicht führen; ebensowenig freilich
auch ein Gegenbeweis. Gewöhnlich wird letzterer in dem mephistophelischen
Satze gefunden: »Alles, was entsteht, ist wert, daß es zu Grunde geht«; und
daher das Bestreben so vieler Metaphysiker, die Seele zu den unentstandenen
Urelementen des Seins zu rechnen. Jener Satz von der Vergänglichkeit alles
Entstandenen kann sich auch nur auf eine empirische Induktion berufen,
deren Beweiskraft keineswegs zwingend ist. Vgl. meine Anmerkung zu +Brunos
Dialog vom Unendlichen. Nr. 35. S. 9 u. 97+.

[620] Rein germanisch sind nur die Niedersachsen, Westfalen und Friesen im
Nordwesten, und die Tyroler bezw. Oberbaiern im Süden.

[621] Ptolemäus schätzte den Gesamtumfang der aristotelischen Werke auf
1000 Bände.

[622] +Metaph. III. 4.+

[623] +A. Vinet, sur le Jocelyn de M. de Lamartine in Essais de philosophie
morale, Paris 1837, p. 271, 275.+

[624] +Vergl. Schloßmann, a. a. O. S. 13.+

[625] +Alex. Aphrodis. de anima.+

[626] +Pindar, bei Bergk fragm. 108.+

[627] %aiônos eidôlon%.

[628]

    +E fescina il canestro, che adopriamo
    A'raccor queste gemme dolci e fine,
    Fescinaia è la ninfa, ch'io tant 'amo,
    Et le rime, ch'io canto Fescennine.
              (Tansillo, vendemmiatore.)+

[629] In Süditalien werden bekanntlich die Reben nicht an kleinen Pfählen,
sondern hoch von Baum zu Baum auf den Feldern gezogen.

[630] +Vgl. S. 634 oben.+

[631] +Sors+ von +serere+ reihen. Es waren wahrscheinlich an einer Schnur
gereihte Holztäfelchen, die geworfen verschiedenartige Figuren bildeten;
was an die Runen erinnert.

[632] von +fatum+ = schicksalredend = +fari+.

[633] +lituus+ bedeutete zunächst die gekrümmte Kriegstrompete.

[634] +Plinius, H. N. XVI, 20.+

[635] +Plutarch, Romulus c. 20.+

[636] +Antiq. jud. Lib. XVIII. cap. VIII.+

[637] Daß daran nichts Wahres ist, bedarf wohl kaum einer Bemerkung,
wenngleich der Halbtheologe B. Bauer sich zu dem Versuch verstiegen hat,
das Christentum als Ableger des Alexandrinertums erklären zu wollen. Die
beste Abfertigung dieser Gelehrtenhypothese findet man bei +Dühring, Ersatz
der Religion, S. 18+. -- L. K.

[638] +De Cherubim II. 24.+

[639] Vgl. +De sacrificiis Abelis et Cain. II. 73+. +Vita Abrahami. V.
234-240+. +De nominum mutatione IV. 426 etc.+

[640] +De Cherubim II. 30-36.+

[641] +V. 260-270.+

[642] Also das bekannte platonische Bild.

[643] +De somniis. V. 34.+

[644] +Die Philosophie im Fortgang der Weltgeschichte.+

[645] +De nominum mutatione. IV. 332.+

[646] +De somniis. Lib. I. V. 34-36.+

[647] +De opificio mundi. 4.+

[648] +De confusione linguarum 340.+

[649] +De somniis 576.+

[650] Nach meiner Ansicht hat das Christentum, als eine wesentlich
_praktische_ Geistesrevolution nicht nur gegen eine bestimmte Richtung,
sondern gegen das Schriftgelehrtentum überhaupt, _nichts_ mit einer rein
theoretischen Aneignung griechischer Philosopheme durch einen jüdischen
saft- und kraftlosen Gelehrten zu thun; erst die Gnostiker und Manichäer
traten in Beziehung zu diesen alexandrinischen Exsudaten. -- L. K.

[651] +Leg. alleg. I. 46. II. 93.+ +De sacrificio Abel et Kain.+

[652] +De profugis. IV. 268.+

[653] +De migratione Abrahami III, 424.+

[654] +Ebendas. III, 440.+

[655] Vergl. +De confus. ling. 271+. +De profugis 359+. +De Abraham 287+.
+De somniis 455+. +De Gigant. 222-224+.

[656] Hinter dem »bekanntlich« sowie überhaupt hinter diesem Satze darf
nüchterne Geschichtsforschung getrost ein Fragezeichen setzen. -- L. K.

[657] +De opificio mundi 33.+

[658] +De eo quod detur 170.+ +De somniis I, 170.+

[659] +De eo quod detur 170, 172.+ +De somniis 578.+

[660] +De eo quod detur 170, 172.+ +De somniis 578.+

[661] +De confus. ling. 342.+ +De somniis I, 16.+ sagt Philo noch: »Von den
vier Theilen, (Philo rechnet die von ihm gemachten Unterabtheilungen nicht
als selbständige Theile) aus welchen der Mensch besteht, sind drei, nämlich
der Leib, die Sinne und die Rede, begreiflich; der vierte aber, der Geist,
ist nicht begreiflich. Was ist er seinem Wesen nach? Geist, Blut oder gar
Leib? Leib ist er nicht, sondern unkörperlich, ist er aber Grenze, Gestalt,
Zahl, Thätigkeit, Harmonie oder etwas Ähnliches? Und kommt er bei der
Geburt schon ausgebildet in uns hinein, oder wird die Feuernatur in uns,
wie Eisen in der Schmiede durch kaltes Wasser -- zur festen Masse? weshalb
auch %psychê% von %psychos% abgeleitet sein dürfte. Und weiter: erlischt
er, wenn wir sterben und geht mit dem Leib zu Grunde, oder überlebt er ihn,
oder ist er gar unvergänglich?« -- So schwankend sich auch Philo in diesen
Worten ausspricht, so leuchtet doch die Meinung durch, daß der Geist ein
Theil des göttlichen Äthers oder in diesen gekleidet sei.

[662] +Quod deterior. potior. incid. soleat II, 196, 198.+

[663] +De opificio mundi 33.+

[664] +Loco cit. 31.+

[665] Vgl. Paracelsus +De natura rerum+: »Denn wer kann wissen, was gut
ist, ohne zu wissen, was böse ist.«

[666] +De allegor. III, 80.+

[667] +De allegor. III, 71.+

[668] +De allegor. 68.+

[669] +De allegor. I, 59.+ +De profugis 459.+

[670] +De Decalogo 754.+

[671] +Quis rerum divin. heres sit IV, 118.+

[672] +De allegor. 52-54.+

[673] +Quod Deus sit immutabilis II, 408.+

[674] +Leg. allegor. 142.+

[675] +De nobilitate II, 437.+ Vgl. auch den freimaurerischen Mythus vom
salomonischen Tempelbau.

[676] +De opificio mundi I, 92.+

[677] +De opificio mundi I, 92.+

[678] +Loco cit. I, 100.+ Vgl. auch folgende Stelle aus Poiret +Göttliche
Haushaltung, Frankfurt und Leipzig, 1714. 8°. III, 314+: »Uranfänglich
vermochte der Mensch durch Geberde und Wort in der Kraft seiner Imagination
und seines Willens die gesammte Körperwelt zu beherrschen. Sowie wir jetzt
unsere Glieder bewegen können, wenn wir wollen, indem aus uns verborgene
Kräfte in sie fließen, welche dieselben in Bewegung setzen, ebenso konnte
der Mensch durch verborgene geistige Ausflüsse der Körperwelt befehlen,
nämlich denjenigen Gegenständen, welche in seiner Nähe oder ihm gegenwärtig
waren. -- Ebenso konnte der Mensch die sichtbare Welt auch durch seine
Stimme allein beherrschen. Es war blos eine Erneuerung dieser
ursprünglichen Natur des Menschen, wenn die Heiligen der alten Zeiten in
Übereinstimmung mit ihrer Willens- und Imaginationskraft so große Dinge
durch die Macht der Stimme oder des Wortes verrichteten, wenn z. B. Noah
die Thiere zu sich in die Arche rief, Josua der Sonne und Moses dem rothen
Meer befahl. Der Mensch hat die Sprache ursprünglich nicht zu dem Zweck
allein erhalten, um seines Gleichen durch sie seine Gedanken mitzutheilen,
denn das konnte er ursprünglich durch eine verborgene Wirkung oder durch
das alleinige Verlangen bewerkstelligen, einem andern seine Gedanken kund
zu thun.«

[679] +Loco cit. I, 100.+

[680] +Loco cit. I, 98.+

[681] +De opificio mundi I, 102.+

[682] +Loco cit. 108.+

[683] +De opificio mundi 104, 108.+

[684] +Loco cit. I, 114.+

[685] +Loco cit. I, 116.+

[686] Dieser Satz ist natürlich nicht im darwinistischen, sondern im
ethischen Sinn zu verstehen.

[687] +De opificia mundi I, 98.+ »%Synkekrita gar ek tôn autôn, gês, kai
datos, kai aeros, kai pyros.%« Das Feuer zielt wohl auf den ätherischen
Astralkörper, da im Altertum der Äther als Feuer gedacht wurde.

[688] +Loco cit. I, 100.+

[689] +De sacrif. Abel 149.+

[690] Philo legt hier die klimatischen Jahre der Astrologie zu Grund,
nämlich das 7., 14., 21., 28., 35., &c.

[691] +Quis rerum divin. heres sit 522, 523.+

[692] +De migrat. Abrah. III, 470.+

[693] +Quis rerum divin. heres sit 522, 523.+

[694] +De Cherubim II, 56.+

[695] Philo nennt hier nach Pythagoras nur Grammatik, Rhetorik und Musik.
Er hätte statt dessen sagen sollen: occulte Schulung.

[696] Man vergleiche mit diesen Personifikationen der Gottheit die
christliche Dreieinigkeit. Die Sophia ist die weibliche Potenz der
Gottheit, Maria vergleichbar. -- Über obige Stelle s. +De somniis 587+.

[697] +De gigantibus 364.+

[698] +De profugis 562.+

[699] +Quis rerum divin. heres sit I, 501.+

[700] +De Mose III, 155.+

[701] +Quis rer. divin. heres sit 522.+ +De somniis 588, 590.+

[702] +De somniis I, 74.+

[703] +De nominum mutatione 356.+

[704] +De nominum mutatione 358.+

[705] +De somniis V, 68.+

[706] +Odyssee XI, 303.+

[707] +De somniis V, 56.+

[708] +De nominum mutatione IV, 334.+

[709] +De profugis IV, 264.+

[710] +De migrat. Abrah. III, 410.+

[711] +Quis rerum divin. heres sit IV, 30.+

[712] +Leg. alleg. I, 268.+

[713] +Genes. XXIV, 7.+

[714] +Genes. XXIV, 63.+

[715] +Exod. IX, 29.+

[716] +Leg. allegor. I, 154.+

[717] +De ebrietate III, 238.+

[718] Porphyrius berichtet z. B. von Plotinos, daß dieser während sechs
Jahren nur viermal zur Anschauung gelangte.

[719] +De nominum mutatione IV, 332.+

[720] +De praemiis et poenis II, 413.+

[721] +De Dekalogo II. 198.+

[722] +De allegor. III, 76.+ Die Stelle scheint sich auf Präexistenz zu
beziehen.

[723] +De gigantibus II, 382.+

[724] +De profugis 466.+

[725] +De sacrific. Abel.+

[726] +De Cherubim 108.+

[727] +De congr. pagan. 432.+

[728] +De praemiis et poenis 921.+

[729] +De Cherubim 124.+

[730] +De confusione linguarum 331.+

[731] +De somniis 586.+

[732] Hier kennzeichnet sich Philos Hebräerhochmut. -- L. K.

[733] +De vita contemplativa II, 473. Ed. Mangey.+

[734] +De vita contemplativa II, 474.+

[735] Also als somnambule Seher.

[736] Also ein zoroastrischer Gedanke.

[737] +De vita contemplativa II, 475ff.+ %gnôsis tôn theiôn kai ouraniôn%.

[738] +Josephus: De bello Jud. II, cap. 8.+ +Philo: Quod omnis probus liber
sit II, 458.+

[739] +Loco cit.+

[740] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. XVIII, 1.+ +Philo: Loco cit. 457.+

[741] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. II, cap. 8, § 7.+

[742] +Loco cit. § 8.+

[743] +Philo: Quod omnis probus liber 459.+

[744] +Philo: Quod omnis probus liber 459.+

[745] +Josephus: Antiq. Jud. Lib. II, cap. 8, § 7.+

[746] +Loco cit. § 11.+

[747] +Quod omnis probus liber II, 458.+

[748] +Loco cit. § 6.+

[749] +De vita contemplativa II, 471.+

[750] +Loco cit.+

[751] %Philalêthês logos%. Vgl. +Opp. Philostr. ed Gotofr. Olear. Lips.
1709. Vol. I., p. 428 sq.+

[752] +Contra Celsum VI, 48.+

[753] +Apollonius von Tyana. Nach dem Griechischen des Philostratus.
Rudolst. 1885. S. 5.+

[754] +Vita Apollonii. Lib. I, 1. 3.+

[755] +Ap. v. T. und Christus. Tüb. 1832. S. 215.+

[756] +A. a. O. S. 386.+

[757] +Vita Apoll. Lib. I, 2, 4-6.+

[758] +Vita Apollon. Lib. I, 3, 8.+

[759] +Lib. I, 3, 9, 10, 12.+

[760] +Lib. I, 3, 14, 15.+

[761] +Lib. I, 4, 16-18.+

[762] +Lib. I, 5, 19.+

[763] +Lib. I, 5, 23+. Vgl. auch +Herodot VI, 13, 119+.

[764] +Lib. I, 6, 23-37.+

[765] +Lib. III, 10, 15.+

[766] +Lib. III, 10, 16, 17.+

[767] +De myster. Aeg. II, cap. 7.+

[768] +Lib. III, 10, 34.+

[769] +A. a. O. 38.+

[770] +Lib. III, 10, 39.+

[771] +A. a. O. 44.+

[772] +Lib. III, 11, 58.+

[773] +Lib. IV, 12, 16.+

[774] +Lib. IV, 12, 20.+

[775] +A. a. O. 21.+

[776] Ähnliche Vorfälle teilt auch +Frommann: De Fascinatione. Norimb.
1675. 4°.+ mit.

[777] +Lib. IV, 12, 34.+

[778] +A. a. O. 13, 43.+

[779] A. a. O. 44.

[780] +Lib. IV, 15, 11.+

[781] +A. a. O. 13.+

[782] +Lib. V, 16, 24.+

[783] +Lib. VI, 17, 11.+

[784] A. a. O. 13.

[785] +A. a. O. 27.+

[786] +Lib. VI, 18, 32.+

[787] +Lib. VII, 19, 9, 10.+

[788] +A. a. O. 20, 38.+

[789] +Lib. VIII, 21, 5.+

[790] +Lib. VIII, 23, 12.+

[791] +Ap. Gesch. 5, 19. 12, 7.+

[792] +Lib. VIII, 23, 19.+

[793] +A. a. O. 23, 26, 27.+

[794] +Hist. eccl. VI, 19.+

[795] Die Gedankenübertragung ist in solchem Falle stets von der
Willensthätigkeit des Übertragenden abhängig. Ist also der Wille des
Übertragenden ein böser, bleibt der übertragene Gedanke an der Schwelle des
Bewußtseins stehen und setzt er sich nur in körperliche Empfindung um, so
wird eine derartige psychische Operation stets irgendwelche
Krankheitserscheinungen im Gefolge haben, die um so greller sich geltend
machen, je schwächer die Seelenkräfte des Objekts und je stärker die des
Operierenden sind. Dies zugegeben, kann der Fall gedacht werden, daß +A+
auf +B+ in dieser Weise nachteilig einwirkt, so lange die Empfindung bei
+B+ nicht zum Bewußtsein gekommen ist; wenn dies aber geschehen ist und +B+
eine stärkere psychische Kraft besitzt als +A+, so wird +B+ auf gleiche
Weise reziprok wirken können, denn wie Paracelsus schon eben so naiv als
richtig sagt: »der stärkere Geist überwindet den schwächeren, der stärkere
wehrt sich besser und macht sich den schwächern unterthan.« Auf diese
einfache Formel läßt sich die ganze heilende wie schadende Magie, das
Maleficium, der böse Blick, das Beschreien und endlich der Heilmagnetismus
zurückführen. Darin begründet sich auch die alte Erfahrung, daß Frauen,
Kinder, Tiere &c., bei denen der Wille und überhaupt die psychischen Kräfte
wenig oder gar nicht zur Entwickelung gelangten, als der »Bezauberung« ganz
besonders unterworfen gelten.

[796] Vielleicht auch nur Experimentalpsychologen.

[797] +Enn. V. Lib. V. cap. 7.+

[798] +Enn. V. Lib. I, cap. 7. Lib. II, cap. 1.+

[799] +Enn. IV. Lib. III, cap. 17.+

[800] +Enn. V. Lib. I, cap. 4.+

[801] +Enn. III. Lib. II, cap. 1.+

[802] +Enn. V. Lib. IX, cap. 9. VI. Lib. VII, cap. 12.+

[803] +Enn. II. Lib. IV, cap. 4.+

[804] +Enn. III. Lib. V, cap. 3. V. Lib. I. cap. 6 u. 10. Lib. II, cap. 1.+

[805] +Enn. V. Lib. I, cap. 6.+

[806] +Enn. V. Lib. I, cap. 7.+

[807] +Enn. V. Lib. VI, cap. 4.+

[808] +Plotinos opusc. Stob. Eclog. Phys. pag. 113.+

[809] +Enn. VI. Lib. II, cap. 22.+

[810] +Loc. cit., cap. 3.+

[811] +Enn. VI. Lib. VII, cap. 14.+

[812] +Enn. III. Lib. VIII, cap. 2.+

[813] +Loc. cit., cap. 2.+

[814] +Enn. VI. Lib. IV, cap. 2.+

[815] +Enn. IV. Lib. VIII, cap. 3.+

[816] +Enn. VI. Lib. VII, cap. 9.+

[817] Sollte man nicht meinen, Plotin habe in seiner mystischen
Ausdrucksweise den Kampf ums Dasein und die Vererbungstheorie antizipiert?

[818] +Loco cit.+

[819] +Enn. IV. Lib. IV, cap. 60.+

[820] +Enn. IV. Lib. VIII, cap. 8.+ +Lib. VIII. cap. 4.+

[821] +Enn. I. Lib. I, cap. 12.+

[822] +Enn. V. Lib. III, cap. 13 u. 14.+

[823] +Loco cit.+

[824] +Enn. VI. Lib. IX. cap. 7.+

[825] +Loco cit.+

[826] +Enn. VI. Lib. IX, cap. 10.+

[827] +Enn. V. Lib. II, cap. 1.+

[828] +Porphyrius: Vita Plotini 18.+

[829] +De abstinentia I, 30.+ +I, 59.+ +II, 45, 53.+

[830] Diese und die im Folgenden hervorgehobene Stelle sind die einzigen
Spuren von der Lehre eines Seelenkörpers bei Porphyrius.

[831] +Sentenz 2, 3, 38, 39.+ +Stobaeus: Eclog. phys. Th. II, pag. 822.+

[832] +II, cap. 57 bis zum Schluß.+

[833] Dieser Satz Kiesewetters läßt auf einen sonderbaren Begriff desselben
von »Psychophysik« schließen. -- L. K.

[834] +Vates.+

[835] Die Neuplatoniker haben auch die persisch-jüdische Vorstellung guter
Dämonen als Engel und Erzengel in ihre Pneumatologie aufgenommen.

[836] Offenbar kannte Porphyrius die Erscheinungen des Hypnotismus und
Mesmerismus.

[837] Wohl eher mit einer _Hallucination_. -- L. K.

[838] Wie mir scheint mehr als genug. -- L. K.

[839] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 5.+

[840] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 3.+

[841] +Loco cit. S. I, c. I, 21.+

[842] +Sect. III, cap. 4.+ Nichts seltenes in Irrenhäusern. -- L. K.

[843] +De myst. Aegypt. I, 10. III, 3.+

[844] +Loc. cit. I, 12, 13, 15. V, 23.+

[845] +Loco cit. III, 3.+

[846] +Loco cit. III, 22, 28, 29.+

[847] +Sect. III, cap. 14.+

[848] +Sect. II, cap. 10.+

[849] Die Theorie der Truggeister finden wir bereits bei _Paulus_ vor,
welcher (+2. Cor. 11, 14+) vom Satan spricht, der sich in einen Engel des
Lichts verstellt. _Augustin_ sagt in der +Civitas Dei, B. XIX, cap. 9+: »Es
ist gewiß, daß jene Philosophen, welche die Götter zu ihren Vertrauten zu
haben glaubten, unter böse Geister geraten waren, von denen sie betrogen
wurden.« -- _Psellus_ sagt in seiner Schrift +De operatione Daemonum+:
»+Ante adventum boni spiritus frequens Daemonum coetus affluet et varii
generis variaeque formae spectra daemonica praecurrant et appareant, ab
omnibus partibus elementorum excitata, partim ac omnibus lunaris cursus
portionibus composita etc. imo cum laetitia et gratia quadam blanditiae
saepius occurentia, speciem bonitatis Initiato praebent.+« _Reuchlin_ (+De
verbo mirificio. Lib. II, cap. 1.+) fürchtet nichts mehr als diesen Betrug
der Geister, und _Luther_ sagt in seinen Tischreden, er wisse nicht, ob er
dem lieben Gott dafür danken solle, wenn er ihm einen Engel ins Haus
schickte, denn er würde sich kaum des Gedankens enthalten können, ob es
nicht vielleicht der Teufel sei, und so erzählte er denn auch bei dieser
Gelegenheit einige diesbezügliche erbauliche Anekdoten.

[850] +De myst. Aegypt. Sect. I, cap. 21.+

[851] +Loco cit., Sect. I, cap. 21.+

[852] +L. c. Sect. I, cap. 9.+

[853] Die Fürsten der Materie bei Jamblichus gleichen völlig den 7
höllischen Großfürsten des Höllenzwangs.

[854] Aus vorstehendem »Kaff« wird es, wenn Leute wie Jamblichus auch mit
zu den »Philosophen« gezählt werden, wohl verständlich, wie verächtlich
auch dieses Wort werden konnte. Tiefer konnte die griechische Philosophie
wohl nicht sinken. -- L. K.

[855] Ganz wie im Höllenzwang.

[856] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 3-5.+

[857] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 6 u. 9.+

[858] +Sect. II, cap. 7.+ Ganz wie im Höllenzwang.

[859] Die gleiche Idee herrscht noch im modernen Spiritismus.

[860] Wie im Höllenzwang.

[861] +De myst. Aegypt. Sect. II, cap. 8.+

[862] +In Alcib. p. 76.+

[863] +L. cit. 89.+

[864] +Edit. Commel. Paris 1596. P. 56, 59.+

[865] Diese Probe der vollständigen Paralyse des Neuplatonismus dürfte
genügen. -- L. K.

[866] +Occult. Phil. Lib. III, cap. 53.+

[867] +Zürich, 1776. 8°.+

[868] Im pythagoräischen Sinn.

[869] Wir haben hier also wieder einen eigenartigen Vergleich für die
Doppelnatur des Menschen, die Lehre von einem transcendenten und
empirischen Ich, wie sie schon den alten Mysterien nicht unbekannt gewesen
zu sein scheint, dann bei Plato, Aristoteles und neuerdings bei Kant und du
Prel sich vertreten findet. Vergl. S. 558ff., S. 613ff. oben.

[870] +Ammian XV, 9.+

[871] +Viscum L. album+, spielt noch jetzt als +mistle-toe+ bei der
Weihnachtsfeier in England eine Rolle.

[872] Das heutige +Anglesey+.

[873] Wer sich für den sog. Neo-Druidismus, der zur Zeit wie eine Abart des
Freimaurerwesens erscheint, des Näheren interessiert, sei auf den Aufsatz
von Paulo »_Enthüllungen aus den Druiden-Logen_« in der _Kritik_,
Wochenschau des öffentlichen Lebens (Berlin) III. Jahrgang Nr. 65. (25. I.
1896) S. 153-160 aufmerksam gemacht.

[874] Übe Enthaltsamkeit mit Zunge, Magen und --!




Anmerkungen zur Transkription

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert. Sofern unterschiedliche Schreibweisen, wie
»Ägypten« und »Egypten«, »sämmtlich« und »sämtlich«, mehrfach vorkamen,
wurden jeweils beide Schreibweisen beibehalten.

In einigen Fällen wurde die gleiche Fußnotennummer auf einer Buchseite
mehrfach verwendet, um auf dieselbe Fußnote zu verweisen. In diesen Fällen
sind die wiederholten Fußnoten hier mit »dito« bezeichnet.

Für die Fußnoten 98, 497 und 595 gab es auf den betreffenden Buchseiten
keinen Hinweis; in diesen Fällen habe ich die Hinweise an den Stellen
eingefügt, die mir als die wahrscheinlichsten erschienen.

Im Buch war der Inhalt der Seiten 917 und 918 vertauscht, dies wurde
berichtigt.

Außer der Korrektur offensichtlicher Druckfehler wurden folgende Änderungen
vorgenommen:

  S. 25: »British museum« wurde geändert in »British Museum«
  S. 27: »wird der dem reuevollen Bekenntnis« wurde geändert in
         »wird dem reuevollen Bekenntnis«
  S. 30: »die bezaubernde Person« wurde geändert in
         »die zu bezaubernde Person«
  S. 34: »anhörend betrachtet« wurde geändert in »angehörend betrachtet«
  S. 44: »durch seine oberste Emanation der Schöpfung der Welt«
         wurde geändert in
         »durch seine oberste Emanation die Schöpfung der Welt«
  S. 45: »man reichte deshalb« wurde geändert in »man reihte deshalb«
  S. 48: »Rohr des Schicksals, der Offenbarung der Enthüllung«
         wurde geändert in
         »Rohr des Schicksals, der Offenbarung, der Enthüllung«
  S. 51: »Der griechischen Tradition zufolge Delphos« wurde geändert in
         »Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos«
  S. 58: »galt als besonders ominös« wurde geändert in
         »galten als besonders ominös«
  S. 63: »sondern auch daraus entnehmen« wurde geändert in
         »sondern auch daraus zu entnehmen«
  S. 76: »das Lichthorn in seiner einen Hand ist es ein Sinnbild«
         wurde geändert in
         »das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild«
  S. 82: »um die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die
         Flucht getrieben wurden« wurde geändert in »und die Dews und
         Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben
         würden«
  S. 83: »davon bereit sein« wurde geändert in »davon befreit sein«
  S. 84: »so fürchtet er doch nicht« wurde geändert in
         »so fürchtet er doch nichts«
  S. 108: »die aus dem Quell der Weisheit Orients« wurde geändert in
          »die aus dem Quell der Weisheit des Orients«
  S. 110: »als unter besondere Ized stehend gedacht« wurde geändert in
          »als unter besonderen Izeds stehend gedacht«
  S. 111: »von Arduisur kommen alle Wasser unter den Himmel«
          wurde geändert in
          »von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel«
  S. 125: »jedes Glied der lebendigen« wurde geändert in
          »jedes Glied der lebendigen Gemeinde«
  S. 129: »das Reich des Angrômainyus zu zerstören« wurde geändert in
          »das Reich des Angrômainyus zerstören«
  S. 132: »umgänglich notwendig« wurde geändert in »unumgänglich notwendig«
  S. 133: »Tempel zur Feuerverzehrung« wurde geändert in
          »Tempel zur Feuerverehrung«
  S. 142: »und mochte sie im Augenblick verdorren« wurde geändert in
          »und machte sie im Augenblick verdorren«
  S. 143: »daß er lerne sich vor dem Argen schützen.« wurde geändert in
          »daß er lerne sich vor dem Argen zu schützen?«
  S. 147: »aus und über der Erde mit allem« wurde geändert in
          »aus und über der Erde alle Berge mit allem«
  S. 148: »welchen Taschter über aber« wurde geändert in
          »welchen Taschter über«
  S. 150: »wie gesagt, wird in Hinsicht« wurde geändert in
          »wie gesagt wird in Hinsicht«
  S. 156: »drei andere drei Jahrtausende« wurde geändert in
          »drei andere Jahrtausende«
  S. 163: »dem Titel herausgab« wurde geändert in
          »unter dem Titel herausgab«
  S. 164: »woher komme« wurde geändert in »woher sie komme«
  S. 169: »Kleides eingeführt ist« wurde geändert in
          »Kleides eingeführt sind«
  S. 192: »allwissend und einig« wurde geändert in »allwissend und einzig«
  S. 194: »Brahma habe ich« wurde geändert in »Brahma habe sich«
  S. 211: »daß anstatt der menschlichen Zwillinge« wurde geändert in
          »daß sich anstatt der menschlichen Zwillinge«
  S. 220: »magnetisiert durch« wurde geändert in »magnetisiert man durch«
  S. 239: »durch dieselbe Prozedur wie am folgenden Tage« wurde geändert in
          »durch dieselbe Prozedur wie am vorigen Tage«
  S. 242: »an diesen gekrümmten Ufern« wurde geändert in
          »an dessen gekrümmten Ufern«
  S. 253: »diese Macht der Erhebung verlange« wurde geändert in
          »diese Macht der Erhebung erlange«
  S. 254: »Als er nach einer halben Stunde« wurde geändert in
          »Als nach einer halben Stunde«
  S. 257: »von diesem unvergänglichen Körper« wurde geändert in
          »von diesem vergänglichen Körper«
  S. 269: »sprachen hin und her meinten« wurde geändert in
          »sprachen hin und her und meinten«
  S. 273: »Ravesu-masotep en Ra« wurde geändert in »Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra«
  S. 297: »sorgfältig geheim geheim geheim gehalten« wurde geändert in
          »sorgfältig geheim gehalten«
  S. 316: »Die schauernde Naturmagie« wurde geändert in
          »Die schauende Naturmagie«
  S. 335: »in der umfangreichsten« wurde geändert in
          »in der umfangreichsten Weise«
  S. 352: »daß die Schriften des Plotinus« wurde geändert in
          »daß sie die Schriften des Plotinus«
  S. 370: »der jede etwas Unendliches repräsentiert« wurde geändert in
          »deren jede etwas Unendliches repräsentiert«
  S. 390: »nach denen die Autorität« wurde geändert in
          »auf denen die Autorität«
  S. 397: »sehen wir den letzten dieser Attribute« wurde geändert in
          »sehen wir in den letzten dieser Attribute«
  S. 398: »Über den Sinn dieser Allegorien« wurde geändert in
          »Über den Sinn dieser Allegorie«
  S. 409: »Dieser erhabene Glaube« wurde geändert in
          »Diesen erhabenen Glauben«
  S. 436: »das wiewohl das Körperliche nichts sieht, dennoch die N'schama,
          so daß Massel ist« wurde geändert in »daß wiewohl das Körperliche
          nichts sieht, dennoch die N'schama, so das Massel ist«
  S. 467: »was diese bewege, gesucht?« wurde geändert in
          »was diese bewege, gesucht.«
  S. 476: »abgeleitet haben« wurde geändert in »abgeleitet zu haben«
  S. 480: »letzteres aber« wurde geändert in »letztere aber«
  S. 550: »Parag. und Paralipomen.« wurde geändert in
          »Parerg. und Paralipomen.«
  S. 575: »das ewig und veränderlich Seiende« wurde geändert in
          »das ewig und unveränderlich Seiende«
  S. 594: »daß er bei seinem Entweichen« wurde geändert in
          »daß es bei seinem Entweichen«
  S. 602: »nicht nur nicht in der Lage« wurde geändert in
          »nicht nur in der Lage«
  S. 660: »vor allem durch Gebote« wurde geändert in
          »vor allem durch Gebete«
  S. 661: »als wenn hin und wieder« wurde geändert in
          »als wenn man hin und wieder«
  S. 671: »beim Festmahle das Dis« wurde geändert in
          »beim Festmahle des Dis«
  S. 697: »sein Geschlecht abgeben sollen« wurde geändert in
          »sein Geschlecht angeben sollen«
  S. 700: »da er die Wahrheit nicht zu erkennen begann« wurde geändert in
          »da er die Wahrheit zu erkennen begann«
  S. 737: »so mag er doch nur« wurde geändert in »so vermag er doch nur«
  S. 739: »der sterblichen abgestorben zu sein glauben« wurde geändert in
          »der sterblichen Hülle abgestorben zu sein glauben«
  S. 741: »in ihr innerstes Heiligtum versengt« wurde geändert in
          »in ihr innerstes Heiligtum versenkt«
  S. 741: »einem tieferen Sinne unterlagen« wurde geändert in
          »einen tieferen Sinn unterlegen«
  S. 805: »Herren und Seelen« wurde geändert in »Heroen und Seelen«
  S. 809: »Streben nach mystischen Henosis« wurde geändert in
          »Streben nach der mystischen Henosis«
  S. 817: »Nachtbar des Müssens« wurde geändert in »Nachbar des Müssens«
  S. 828: »gerade ihrer Grausamkeit zur Zeit« wurde geändert in
          »gerade ihrer Grausamkeit wegen zur Zeit«
  S. 853: »Woher sind denn?« wurde geändert in »Woher sind sie denn?«
  S. 860: »ist uns wenig Zuversichtliches« wurde geändert in
          »ist uns wenig Zuverlässiges«





End of Project Gutenberg's Der Occultismus des Altertums, by Karl Kiesewetter

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER OCCULTISMUS DES ALTERTUMS ***

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is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     [email protected]

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.