Der Weltkrieg, I. Band

By Karl Helfferich

The Project Gutenberg eBook, Der Weltkrieg, I. Band (of 3), by Karl
Helfferich


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Title: Der Weltkrieg, I. Band (of 3)
       Die Vorgeschichte des Weltkrieges


Author: Karl Helfferich



Release Date: April 15, 2015  [eBook #48715]

Language: German


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WELTKRIEG, I. BAND (OF 3)***


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DER WELTKRIEG

von

KARL HELFFERICH

I. BAND







[Illustration: Verlags-Signet]

1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin




Die Vorgeschichte des Weltkrieges

von

Karl Helfferich

[Illustration: Verlags-Signet]







1919
Verlegt bei Ullstein & Co in Berlin

_Alle Rechte_, insbesondere das Recht der Uebersetzung, _vorbehalten_.
_Amerikanisches Copyright_ 1919 _by Ullstein & Co, Berlin_




Inhalt


Vorwort      9, 10


Vom Dreibund zum Dreiverband      11-62

Die Verschiebung der Mächtegruppierung seit Bismarcks Abgang      13-33

Bismarcks »cauchemar des coalitions« und sein System der Sicherungen
13-16. Das Abbröckeln des Bismarckschen Systems 16-19. Die
englisch-französische Entente 19-24. Belgiens Verhältnis zur Entente
24, 25. Die britisch-russische Verständigung 25-27. Italiens Versöhnung
mit Frankreich 27-29. Japan 29-31. Die Vereinigten Staaten 31, 32. Die
Mächtegruppierung beim Ausgang der Bülowschen Kanzlerschaft 32, 33.

Die treibenden Kräfte      33-62

Unsere Politik der mangelnden Gegengewichte 33-35. Ungeschicklichkeiten
und Schroffheiten 35-37. Deutschland und Österreich-Ungarn politisch
saturiert 37, 38. Frankreichs Revanchedurst und koloniale Ausdehnung
38-40. Rußlands Drang nach Konstantinopel und dem Balkan 40-42. Italiens
Irredenta- und Tripoliswünsche 42, 43. Die britische Handelseifersucht
43-49. Die Bagdadbahn 49, 50. Die Flottenfrage 50-55. Das Wettrüsten
55-60. Der Dreibund Versicherungsgesellschaft, die Triple-Entente
Erwerbsgesellschaft 60-62.


Die Etappen zum Weltkrieg      63-112

Vorbemerkung      65

Die bosnische Krisis      66-72

Die türkische Revolution 66. Österreich-Ungarn erklärt seine Souveränität
über Bosnien und die Herzegowina 67, 68. Deutschlands Stellung zum
österreichisch-türkischen Konflikt 68, 69. Die Stellung der Großmächte
69-71. Friedliche Beilegung 71, 72.

Verständigungsversuche mit Frankreich und Rußland      72-77

Das deutsch-französische Marokko-Abkommen vom 9. Februar 1909 72-74. Das
Potsdamer Abkommen zwischen Deutschland und Rußland 74-77.

Die Marokkokrisis von 1911      77-87

Keine deutsch-französische Entspannung durch das Abkommen von 1909
77, 78. Besetzung von Fez durch die Franzosen 78, 79. Deutsche
Verständigungsvorschläge 79-81. Agadir 81-83. Verhandlungen zwischen
Kiderlen und Cambon 83. Einmischung Englands 83-85. Deutsch-französischer
Vertrag vom 4. November 1911 85-87.

Lord Haldanes Mission      87-91

Reaktion auf die deutschfeindliche Politik der britischen Regierung 87,
88. Flottenfrage 88. Neutralitätsabkommen 88-90. Ergebnislosigkeit der
Besprechungen 91.

Der Tripoliskrieg      91-94

Italiens Kriegserklärung 91, 92. Wirkung auf das deutsch-türkische
Verhältnis 92. Wirkung auf Frankreich, England und Rußland 92-94.

Die beiden Balkankriege      95-112

Der Balkanbund 95. Die Haltung der Großmächte 96-101. Englands
zwiespältige Politik 101, 102. Deutschlands Haltung zu dem
russisch-österreichischen Konflikt 102-109. Frankreichs Unterordnung unter
die russische Politik 109, 110. Der zweite Balkankrieg und der Bukarester
Friede 110, 111. Die großserbische und die albanische Gefahr 111, 112.


Die letzten Verständigungsversuche      113-166

Vorbemerkung      115, 116

Die Verständigung mit England über die afrikanischen Kolonialfragen
116-120

Das deutsch-englische Abkommen von 1898 über die Liquidation des
portugiesischen Kolonialbesitzes 116-118. Die Kolonialverhandlungen von
1913/14 118-120.

Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn      120-138

Bagdadbahn und deutsch-englische Beziehungen 120, 121. Die Anfänge der
Bagdadbahn 121-126. Das Bagdadbahnprojekt auf internationaler Grundlage
126-130. Die Ablehnung einer Beteiligung durch die englische und
französische Regierung 130, 131. Die Bagdadbahn als deutsches Unternehmen
131-134. Die jungtürkische Revolution und neuer Kampf um die Bagdadbahn
134-138.

Die Verständigung mit Frankreich über die türkischen Eisenbahnfragen
138-142

»Séparation nette« im Bagdadbahnunternehmen 138-141. Vereinbarungen über
die beiderseitigen Eisenbahninteressen in der Türkei 141, 142.

Die Verständigung mit England über die vorderasiatischen Fragen     142-154

Ziele der britischen Regierung 142-145. Der deutsche und der türkische
Standpunkt 145-148. Flußschiffahrt, Bewässerungsanlagen und Petroleum in
Mesopotamien 148-150. Die Verständigung 150-154.

Die deutsch-englische Verständigung und die englisch-russische
Marinekonvention      155-166

Ehrlicher Verständigungswille? 155, 156. Iswolskis Bündnisvorschlag
156, 157. Das britisch-russische Marineabkommen 157, 158. Der Geist der
britischen Politik 158-160. Kriegsstimmung in Frankreich und Rußland
160-163. Die Aussichtslosigkeit der deutsch-britischen Verständigung
163-166.


Der Ausbruch des Weltkrieges      167-230

Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand 169-171. Die Haltung der
deutschen Regierung in dem österreichisch-serbischen Konflikt 172-175.
Das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien 175. Die deutsche
Regierung und das Ultimatum 175-181. Der Deutsche Kaiser und das
Ultimatum 182. Deutschlands Friedenswille; die mangelhafte militärische,
diplomatische und wirtschaftliche Kriegsvorbereitung 183-186. Rußlands
Einmischung 187, 188. Meine Unterredung mit Herrn Davydoff vom 26. und
27. Juli 1914 188-198. Die russische Kriegspartei 198, 199. Die Haltung
Frankreichs 199, 200. Die Haltung Englands 200-203. Der Druck der
deutschen Regierung auf das Wiener Kabinett und sein Erfolg 204-207. Die
russische Generalmobilmachung 208, 209. Des Zaren Befehl auf Einstellung
der Mobilmachung nicht befolgt 209. Englands Rückendeckung für Frankreich
und Rußland 210. Deutschlands Schritte in Petersburg und Paris 211-213.
England wirft die Frage der belgischen Neutralität auf und weigert sich
selbst, unter irgendwelchen Bedingungen seine Neutralität zuzusagen
213-215. Die deutsche Mobilmachung 216. Die Überlegenheit der britischen
Diplomatie 216-219. Sir Edward Grey sucht einen zugkräftigen Kriegsgrund
220-222. Die Verletzung der belgischen Neutralität als Kriegsvorwand
222-225. Der Kaiser über seine Friedensbemühungen und über die künftige
Mächtegruppierung 226-229. Der Triumph der britischen Politik 229-230.




Vorwort


Ich vermesse mich nicht, die Geschichte des Weltkrieges zu schreiben.
Das mag ruhigeren Zeiten vorbehalten bleiben, in denen die Menschheit
einigermaßen Distanz zu den Ereignissen des Weltkrieges gewonnen hat.
Wohl aber glaube ich, heute schon einiges -- und nicht ganz Unwichtiges
-- zur Geschichte des Weltkrieges sagen zu können und sagen zu müssen.

Mein persönliches Schicksal hat mich so geführt, daß ich seit einer
Reihe von Jahren an den Entwicklungen, die dem Kriege vorausgingen, die
den Knoten schürzten und ihn zeitweise wieder zu entwirren schienen,
daß ich schließlich an den Ereignissen des Krieges selbst mittelbar
oder unmittelbar, Einblick nehmend oder handelnd, beteiligt war.

Die Welt dürstet nach Aufklärung; sie will wissen, wie es hat so kommen
können und ob es hat so kommen müssen. Ihr Urteil über Personen,
Einrichtungen, Vorgänge hängt von dieser Aufklärung ab; und ihr Urteil
wird, da alles noch im Flusse des Werdens ist, das Schicksal der Völker
und Völkergemeinschaften gestalten helfen. Ich glaube mich, soweit ich
es vermag, in den Dienst dieses Bedürfnisses nach Aufklärung stellen zu
sollen.

Meine Absicht geht dabei auf mehr als auf eine Bereicherung der
Memoirenliteratur. Sie geht darauf, die Fülle der Ereignisse in ihrem
großen Zusammenhang zu erfassen und sie so zur Darstellung zu bringen,
wie ich sie sehend und handelnd erlebt habe. Der Nachdruck wird dabei
auf der Schilderung der Tatsachen liegen, vor allem auf der Darstellung
derjenigen Vorgänge, an denen ich unmittelbar beteiligt war. Im
Urteil, namentlich im Urteil über Personen, Parteien, Berufsstände
und Volksschichten, werde ich mir nach Möglichkeit die Zurückhaltung
auferlegen, die mir Pflicht eines mitbeteiligten Darstellers noch nicht
abgeschlossener Vorgänge zu sein scheint.

Der aufrichtige Wille zur Wahrheit hat mir die Feder geführt. Deshalb
wage ich zu hoffen, daß diese Blätter dazu beitragen werden, der viel
mißhandelten und grausam entstellten Wahrheit wieder zu ihrem Rechte
zu verhelfen und damit beizutragen zu einer Gesundung der Gemüter und
Zustände in Deutschland wie zur Schaffung erträglicher Verhältnisse
zwischen den Völkern.

                  *       *       *       *       *

Der vorliegende Band behandelt die Vorgeschichte des Weltkrieges. Die
Darstellung der Vorgänge des Weltkrieges selbst ist in der Hauptsache
bereits abgeschlossen und wird diesem ersten Bande in naher Zeit folgen
können.

Berlin, Ende März 1919

                                             _Karl Helfferich_




Vom Dreibund zum Dreiverband

Die Verschiebung der Mächtegruppierung seit Bismarcks Abgang


_Bismarck_ hat das neue Preußen geschaffen, Preußens Vorherrschaft in
Deutschland begründet und das Deutsche Reich aufgebaut in Kriegen,
die er, wenn nicht herbeigeführt, so doch politisch vorbedacht und
diplomatisch vorbereitet hat; vorbedacht und vorbereitet in einer
Weise, daß der Gegner isoliert und eine der eigenen Macht überlegene
feindliche Koalition verhindert wurde. Nach dem Krieg von 1870/71
und der Begründung des Reichs war er nach seinem eigenen Geständnis
beherrscht von dem »cauchemar des coalitions« in einem Maße, daß
ihm dieser Alpdruck oft den Schlaf raubte. Ebenso wie Moltke, der
vorausgesagt hat, daß wir in fünfzig Jahren um die Errungenschaften
von 1870 würden kämpfen müssen, hat Bismarck klar erkannt, daß eine
Versöhnung des besiegten, in seinem alten nationalen und kriegerischen
Stolz schwer getroffenen Frankreich auf viele Jahrzehnte hinaus nicht
möglich sein werde, und daß damit jeder anderen Großmacht, die sich
zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland entschließen
sollte, von vornherein ein nicht zu unterschätzender Bundesgenosse
gesichert sei. Die Gefahr der Bildung gegnerischer Koalitionen hat
durch diese Tatsache eine besondere Verschärfung erfahren; sie hat
für die Politik des Deutschen Reichs von Anfang an eine Erschwerung
geschaffen, wie sie die Politik keines andern Staates belastete.

Es ist bekannt, wie Bismarck diese Verhältnisse gemeistert hat. Bei
seinem Rücktritt hinterließ er uns eine Mächtegruppierung, die sich in
kurzen Zügen folgendermaßen umreißen läßt:

Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien in dem Schutzbündnis
des Dreibundes zusammengeschlossen. Rußland durch den geheimen
Rückversicherungsvertrag von jeder Allianz mit offensiven Zielen gegen
das Deutsche Reich abgehalten. England in der Gesamtorientierung
seiner Politik dreibundfreundlich, wenn auch frei von irgendwelchen
vertragsmäßigen Bindungen.

Bismarck selbst hatte den Wert von Bündnissen und Verträgen nie
überschätzt. Niemand wußte besser als er, daß Bündnisse und Verträge,
sollen sie in den Lagen, für die sie geschlossen sind, Stich halten,
der Untermauerung durch die Übereinstimmung der wirklichen Interessen
der vertragschließenden Teile bedürfen. Vor allem war sich Bismarck
klar über den bedingten Wert der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibund:
auf der einen Seite war der italienisch-österreichische Gegensatz
nicht aus der Welt zu schaffen, sondern nur durch Vorteile, die Italien
im Dreibund fand, oder stärkere Gegensätze zwischen Italien und anderen
Ländern, namentlich Frankreich, zu überbieten; dann bedurfte Italien
angesichts seiner Küstengestaltung, wie Bismarck stets anerkannt hat,
einer Anlehnung an den maritimen Schutz Englands. Diese Voraussetzungen
für ein Sichwohlfühlen Italiens im Dreibund waren, als Bismarck im
Jahre 1890 zurücktrat, vorhanden: der Gegensatz zwischen Italien
und Frankreich, hervorgerufen insbesondere durch die Festsetzung
Frankreichs in Tunis, aufs äußerste verschärft durch einen heftigen
Zollkrieg, ließ die gegen Österreich gerichteten irredentistischen
Aspirationen zurücktreten. England, das in den Fragen des Mittelmeers
und in kolonialen Angelegenheiten in Gegnerschaft mit Frankreich stand,
und das sich durch die russische Ausdehnung nach Osten in seinen
asiatischen Interessen, vor allem in seiner Herrschaft über Indien,
bedroht sah, hielt damals noch ein Zusammengehen mit dem Dreibund --
trotz mancher Reibungen mit Deutschlands jungen Kolonialbestrebungen
-- für die richtige Politik. In Rußland allerdings hatten die
Nachwirkungen des Berliner Kongresses, die immer stärker werdenden
panslawistischen Bestrebungen, der Gegensatz zu Österreich-Ungarn in
den Balkanfragen, schließlich das Mißtrauen Alexanders III. gegenüber
der Bismarckschen Politik den Wert des im Jahre 1887 erneuerten
deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages so stark ausgehöhlt,
daß bereits in den letzten Jahren der Bismarckschen Kanzlerschaft die
Gefahr des Zweifrontenkriegs für Deutschland akut zu werden drohte.

Das Gebäude der Sicherung Deutschlands gegenüber einer übermächtigen
feindlichen Koalition, wie es Bismarck seinen Nachfolgern überließ,
war ein äußerst kunstvolles. Es trug die Gewähr seines Bestandes nicht
in sich selbst, sondern ruhte in wichtigen Teilen auf einem leicht
veränderlichen Grunde, dessen Tragfähigkeit schon in der Vergangenheit
nur durch unablässige Achtsamkeit und ununterbrochene Bemühungen
erhalten werden konnte und für die Zukunft durch kaum abwendbare
Entwicklungen schwer bedroht erscheinen mußte.

Alsbald nach Bismarcks Rücktritt begann das von ihm geschaffene
und schließlich von ihm nur noch mühsam aufrechterhaltene System
abzubröckeln.

Der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit _Rußland_ im
Jahre 1890 folgte in kurzer Zeit die russisch-französische Entente,
die sich im weiteren Verlauf zu dem Zweibundsvertrag verdichtete. Die
Gefahr des Zweifrontenkriegs war damit vom Anfang der neunziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts an zu einer dauernden geworden. Alle deutschen
Bemühungen, das russisch-französische Bündnis zu lockern, blieben in
der Folgezeit ergebnislos.

Das Verhältnis zu _England_ blieb zunächst noch ein gutes. Während
wir durch den Helgoland-Zanzibar-Vertrag von 1890 koloniale
Reibungspunkte aus unsern Beziehungen zu England beseitigten, bestand
die britisch-französische Kolonialrivalität fort und erreichte im
Jahre 1898 mit dem Zwischenfall von Faschoda ihren Höhepunkt. Noch
mehr fiel ins Gewicht, daß der starke Gegensatz zwischen England und
Rußland sich in unverminderter Schärfe erhielt. Unter solchen Umständen
konnte man in Deutschland die Hoffnung hegen, daß es einer umsichtigen
Politik gelingen werde, die für uns bedrohlichste Koalition -- den
Zusammenschluß Englands mit dem seine Spitze gegen Deutschland und
seine Verbündeten richtenden Zweibund -- zu verhindern.

Diese Hoffnung schien sich zu bestätigen, nachdem in England die
Erregung über die »Krügerdepesche« (Januar 1896) sich gelegt hatte
und die britische Regierung, trotz der damals schon erwachten
Handelseifersucht, den Versuch einer entschiedenen Annäherung an
Deutschland machte. Kein Geringerer als Josef Chamberlain setzte
sich in jener Zeit öffentlich für einen germanisch-angelsächsischen
Dreibund ein, bestehend aus Deutschland, Großbritannien und Irland und
den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber dieser Annäherungsversuch
fand sowohl bei der deutschen öffentlichen Meinung, die gerade damals
infolge des Burenkrieges stark gegen England erregt war, wie auch bei
der Reichsregierung, die sich zwischen England und Rußland freie Hand
wahren wollte, keine ermutigende Aufnahme. Die Entwicklung kulminierte
in dem zwischen Deutschland und England im Herbst 1900 abgeschlossenen
Abkommen über China (in Deutschland zumeist »Yangtse-Abkommen«
genannt), in dem die beiden Mächte sich gegenseitig auf den Grundsatz
der offenen Tür festlegten und sich eine Verständigung für den Fall
vorbehielten, daß eine andere Macht die chinesischen Wirren benutzen
sollte, um territoriale Vorteile zu erlangen. Dieses Abkommen wurde in
der internationalen Öffentlichkeit als ein Zusammenschluß Deutschlands
und Englands gegen die russischen Aspirationen auf die Mandschurei
aufgefaßt. Aber gerade in diesem entscheidenden Punkte stellte sich
eine ernste Verschiedenheit der Auslegung zwischen der deutschen und
der großbritannischen Regierung heraus. Als wenige Monate nach dem
Abschluß des Abkommens die Frage durch Rußlands Vorgehen akut wurde,
erklärte Fürst Bülow im Reichstag, daß sich das deutsch-englische
China-Abkommen nicht auf die Mandschurei beziehe; darüber sei auch
bei den Verhandlungen über das Abkommen den britischen Staatsmännern
kein Zweifel gelassen worden. Demgegenüber erklärte Lord Salisbury im
Unterhaus, daß die Behauptung, Deutschland habe bei den Verhandlungen
die Mandschurei ausgenommen, nicht den Tatsachen entspreche. Auf
diese Weise kam es statt zu einer ihre Spitze gegen Rußland kehrenden
deutsch-englischen Annäherung zu einer tiefgehenden, die weitere
Entwicklung wohl endgültig beeinflussenden deutsch-englischen
Verstimmung und zu einer von Rußland freudig begrüßten, aber mit
keinem Dank entgoltenen deutschen Rückendeckung für die russische
Ostasien-Politik.

Der weitere Verlauf der Dinge erhielt sein Gepräge durch die
Annäherung zwischen England und Frankreich, die sich schließlich
unter Einbeziehung des russischen Bundesgenossen der französischen
Republik zur Triple-Entente ausweitete. Es muß festgestellt werden, daß
bereits im Sommer 1903 der nachmalige Staatssekretär des Auswärtigen,
Sir Edward Grey, als oppositioneller Abgeordneter den Versuch des
Zusammengehens mit Deutschland in den ostasiatischen Angelegenheiten
als einen erwiesenen Mißgriff bezeichnete und daraus die Folgerung zog,
eine Annäherung an Rußland zu empfehlen.

In _Frankreich_ wirkte die Demütigung von Faschoda einige Zeit stark
nach. Im Burenkrieg ergriff die öffentliche Meinung in Frankreich kaum
minder lebhaft gegen England Partei als in Deutschland. Aber bald waren
Kräfte am Werk, die gerade aus der Demütigung von Faschoda eine neue
Orientierung der französischen Politik gegenüber England herleiteten.
Faschoda hatte gezeigt, daß gegen Deutschland _und_ gegen England
Frankreich seine Großmachtstellung nicht würde behaupten können. Das
alte Revanchebedürfnis gegenüber Deutschland erwies sich in dieser Lage
als stärker denn die neue Erbitterung über die Vergewaltigung durch
England. Delcassé als französischer Minister des Auswärtigen leitete
in stiller und zäher Arbeit die britisch-französische Annäherung
ein. Er fand in England günstigen Boden. Dort hatte man endgültig die
Hoffnung, in Deutschland ein Werkzeug gegen Rußland gewinnen zu können,
aufgegeben; die Handelseifersucht gegen Deutschland wuchs mit der
Entfaltung der deutschen Wirtschaftskraft, namentlich des deutschen
Außenhandels, der deutschen Unternehmungen im Ausland und der deutschen
Handelsflotte, von Jahr zu Jahr; die Vergrößerung der deutschen
Kriegsflotte, eine durch die Vermehrung des Außenhandels und das
Wachstum der Handelsflotte gerechtfertigte Entwicklung, erregte mehr
und mehr Besorgnis; und schließlich bestieg nach dem Tode der Königin
Victoria im Januar 1901 Edward VII. den britischen Thron.

Die Entente zwischen Frankreich und England trat vor aller Welt
offenkundig in Erscheinung in dem am 8. April 1904 unterzeichneten
Abkommen, das neben einer Anzahl schwebender kolonialer Fragen Marokko
und Ägypten behandelte. Soweit Marokko in Betracht kam, zeigte diese
diplomatische Aktion in der Sache wie in der Form eine Spitze gegen
Deutschland. England und Frankreich setzten sich -- in dem erst
später veröffentlichten Geheimabkommen noch sehr viel deutlicher als
in dem offenen Vertrag -- über die erheblichen deutschen Interessen
in Marokko und über die auch von Deutschland unterzeichnete Madrider
Konvention von 1880 hinweg, während sie den vierten Hauptinteressenten,
Spanien, in einem öffentlichen und einem geheimen Abkommen vom
7. Oktober 1904 abfanden und zum Teilhaber ihrer Aktion machten.
Sie setzten sich über die deutschen Rechte und Interessen hinweg,
ohne der deutschen Regierung eine offizielle Mitteilung über das
Deutschland so nahe berührende Abkommen zu machen. Die deutsche
Regierung zeigte zunächst eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Erst als
Frankreich zu tatsächlichen Maßnahmen in Marokko schritt, die eine
nicht mehr zu ignorierende Verletzung der Souveränität des Sultans
von Marokko und der auf der Madrider Konvention beruhenden deutschen
Rechte darstellten, gab Deutschland durch den Besuch des Kaisers
Wilhelm in Tanger zu erkennen, daß es nicht gewillt sei, sich als
nicht vorhanden behandeln zu lassen. Dieser Schritt klärte die Lage.
Delcassé, der mit allem Nachdruck für die Ablehnung der unbestreitbar
berechtigten Forderung auf internationale Regelung der bisher durch
die Madrider Konvention international geregelten Marokkofrage eintrat,
konnte sich im französischen Ministerrat auf die Zusage nicht nur
diplomatischer, sondern auch militärischer Unterstützung Englands
gegenüber Deutschland berufen[1]. Wenn es nicht zum Kriege zwischen der
neuen englisch-französischen Koalition und dem Deutschen Reiche kam,
wenn Frankreich vielmehr die von Deutschland vorgeschlagene Regelung
der Marokkofrage durch eine neue internationale Konferenz schließlich
annahm und den zum Krieg entschlossenen Delcassé fallen ließ, so lag
der Grund hierzu nicht bei dem Friedenswillen der englischen Regierung
oder einer Selbstbesinnung Frankreichs, sondern lediglich in dem von
dem französischen Kriegsminister anerkannten Mangel an Bereitschaft
des französischen Heeres sowie in der Schwächung Rußlands durch den
russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren.

Die Konferenz von Algeciras, deren Zusammentritt ein formaler Erfolg,
deren Verlauf und Ergebnis ein kaum verhüllter materieller Mißerfolg
der deutschen Politik war, konnte die Tatsache des entschlossen gegen
Deutschland gerichteten englisch-französischen Einvernehmens nur
bestätigen. Sie enthüllte weiter, daß Rußland -- trotz des Versagens
seines französischen Bundesgenossen und der freundschaftlichen Haltung
Deutschlands während des russisch-japanischen Krieges -- nach wie
vor unbeirrt auf der Seite seines französischen Verbündeten stand;
daß Deutschland, jedenfalls in dieser Mittelmeerfrage, auf eine
Unterstützung durch Italien gegen Frankreich nicht rechnen konnte und
daß auch Österreich-Ungarn in einer solchen seine eignen Interessen
nicht unmittelbar berührenden Angelegenheit nur ein lauer Freund war.

Wir wissen heute aus der großen Rede, die Sir Edward Grey am 3. August
1914, am Tag vor dem Eintritt Englands in den Krieg, im Unterhaus
gehalten hat, daß schon damals, während der ersten Marokkokrisis, die
englisch-französische Entente eine militärische Ausgestaltung erhalten
hat. Auf Wunsch des französischen Botschafters erklärte sich Sir
Edward Grey damit einverstanden, daß die beiderseitigen militärischen
und maritimen Stabschefs miteinander in regelmäßig wiederkehrende
Beratungen eintreten sollten, deren Zweck die Vereinbarung über
einen gemeinschaftlichen Feldzugsplan gegen Deutschland war. Formal
wurde die Freiheit der Entschließung für den Eventualfall, dem diese
gemeinschaftlichen Beratungen gelten sollten, vorbehalten. Was von
diesem Vorbehalt materiell zu halten war, hat Sir Edward Grey selbst am
3. August 1914 im Unterhaus dargelegt; er führte damals aus, daß die
Vereinbarung für England eine moralische Verpflichtung geschaffen habe,
Frankreich zu helfen; er fügte hinzu, daß auf Grund des in eventum
vereinbarten Feldzugsplans Frankreich seine Flotte im Mittelmeer
konzentriert und damit seine westlichen und nördlichen Küsten
unverteidigt gelassen, d. h. sie der englischen Flotte zur Verteidigung
überlassen habe.

Die Abmachung zwischen Sir Edward Grey und dem französischen
Botschafter über die Zusammenarbeit der beiderseitigen General- und
Admiralstäbe war zunächst nur eine mündliche. Sie wurde in England
seinerzeit nur dem damaligen Ministerpräsidenten Sir Henry Campbell
Bannerman, Lord Haldane und Mr. Asquith mitgeteilt; das Gesamtkabinett
selbst wurde, wie Sir Edward Grey bekannte, »much later on« -- es
ist anzunehmen während der Marokkokrisis von 1911 -- informiert.
Schriftlich niedergelegt, in Form eines Briefwechsels zwischen Sir
Edward Grey und Mr. Paul Cambon, wurde die Abmachung erst am 22.
November 1912. Das britische Parlament erhielt von ihr zum erstenmal
Kenntnis am 3. August 1914, als der Eintritt Englands in den Krieg auf
Grund dieser Abmachung bereits unabwendbar geworden war.

Die englisch-französische Kombination, die im Juli-August 1914 wirksam
wurde, geht also bereits auf die Wende der Jahre 1905 und 1906 zurück.

Die militärische Zusammenarbeit wurde sofort auch auf _Belgien_
ausgedehnt. Im Januar 1906 trat der britische Militärattaché in Brüssel
an den belgischen Generalstabschef heran, um unter Hinweis auf die
bestehende Kriegsgefahr und die Bedrohung der belgischen Neutralität
vertrauliche militärische Unterhaltungen der gleichen Art, wie sie
zwischen England und Frankreich begonnen worden waren, einzuleiten.
Die Besprechungen, auf die der belgische Generalstabschef sich
bedingungslos einließ, hatten als Grundlage die von dem britischen
Militärattaché für den in Betracht kommenden Eventualfall angekündigte
Landung eines britischen Expeditionskorps und seinen Durchmarsch
durch Belgien; die Kooperation dieses Expeditionskorps mit dem
belgischen Heer wurde im weiteren Verlaufe der Unterhaltungen in allen
Einzelheiten durchberaten[2].

_Rußland_, Frankreichs Verbündeter, war in den letzten Jahrzehnten, ehe
die Engländer in Deutschland den gefährlichsten Rivalen zu erkennen
glaubten, für England der Gegenstand der größten Sorge gewesen.
Denn Rußland war die einzige Macht, die der britischen Weltstellung
zu Lande bedrohlich werden konnte. Die völlige Unvereinbarkeit der
britischen und russischen Strebungen galt lange Zeit hindurch als
ein Axiom der Politik. Englands Verhältnis zu Deutschland selbst war
bis zur Jahrhundertwende stark beeinflußt von dem britischen Wunsch,
Deutschland als Gegengewicht gegen Rußland zu benutzen.

Dieser Wunsch wurde im Jahre 1900 endgültig als unausführbar
erkannt. Aber die britische Politik hatte damals bereits ein anderes
Gegengewicht gegen Rußland in Aussicht: _Japan_. Am 30. Januar 1902
wurde das britisch-japanische Bündnis unterzeichnet. Zwei Jahre später
brach der russisch-japanische Krieg aus, der mit der Niederlage
Rußlands und dem Zusammenbruch seiner ostasiatischen Politik endete.

Wie Frankreich durch Faschoda für England bündnisreif gemacht worden
war, so jetzt Rußland durch den Ausgang des ostasiatischen Krieges. Die
für das britische Weltreich gefährlichen russischen Aspirationen waren
für absehbare Zeit so weit beschnitten, daß jetzt eine Verständigung
möglich erschien. Deutschland wurde infolge der Schwächung Rußlands
für England nun der konkurrenzlose Feind. Und wie sich England noch
wenige Jahre zuvor um das deutsche Schwert gegen Rußland beworben
hatte, so suchte es nunmehr Rußland für die Auseinandersetzung mit
Deutschland auf seine Seite zu ziehen. Schon im September 1905 wurde
dem von den Friedensverhandlungen in Portsmouth zurückkehrenden Grafen
Witte in Paris ein von König Edward und dem russischen Botschafter in
Petersburg ausgearbeiteter Vertragsentwurf vorgelegt. Witte zeigte
sich zurückhaltend. Aber zwei Jahre später, am 31. August 1907, kam in
Petersburg zwischen dem damaligen Minister des Auswärtigen, Iswolski,
und dem britischen Botschafter ein dem damaligen Entwurf ungefähr
entsprechender Vertrag zustande, der eine Auseinandersetzung der
beiderseitigen Interessen in Persien, am Persischen Golf, in Tibet und
in Afghanistan enthielt. Damit waren alte und gefährliche Reibungen
zwischen den beiden Großmächten aus der Welt geschafft und dem bisher
als unmöglich geltenden Zusammengehen von »Elefant und Walfisch« der
Weg bereitet. Gleichzeitig war der russische Druck, dem durch den
Ausgang des Kriegs mit Japan der ferne Osten verschlossen worden war,
nunmehr auch von Mittelasien auf den Balkan und die Türkei abgelenkt.

Nicht ganz ein Jahr später, im Juni 1908, traf König Edward mit
dem Zaren Nikolaus in Reval zusammen. Alle Welt wußte, daß diese
Zusammenkunft, die das größte Aufsehen erregte, den Fragen des näheren
Orients, vor allem der mazedonischen Frage galt. Damit begab sich
die russisch-britische Entente auf ein Gebiet, das -- im Gegensatz
zu Mittelasien, dem Objekt des Vertrages von 1907 -- deutsche und
vor allem österreichisch-ungarische Interessen von großer Bedeutung
einschloß.

Seit jener Zeit konnte man mit Fug und Recht von der _Triple-Entente_,
dem _dreifachen Einvernehmen_, sprechen. Was diese neue Kombination
bedeutete, läßt sich am besten mit den Worten des belgischen Gesandten
in Berlin, Baron Greindl, sagen:

»Der Dreibund hat während dreißig Jahren den Weltfrieden gesichert,
weil er unter der Führung Deutschlands stand, das mit der politischen
Gruppierung Europas zufrieden war. Die neue Gruppierung bedroht
ihn, weil sie aus Mächten besteht, die eine Revision des status quo
anstreben.«[3]

Aber mit dem Zusammenschluß der drei Großmächte
Frankreich-England-Rußland war die Änderung in der Mächtegruppierung
noch keineswegs erschöpft. Unser eignes Bündnissystem hatte, soweit
_Italien_ in Betracht kam, durch die internationalen Vorgänge eine
unverkennbare Lockerung erfahren.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nach Bismarcks
Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund bedingt war durch das
Verhältnis zu England. Solange England in guten Beziehungen zum
Dreibund stand, konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fühlen.
Je stärker sich der Gegensatz zwischen England und der führenden Macht
des Dreibundes herausentwickelte, desto stärker mußte für Italien die
Versuchung zu einer andern Orientierung werden, und desto geringer
war, auch wenn Italien im Dreibund verblieb, der Wert des Bündnisses
für den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, daß die Reibungspunkte
Italiens mit Frankreich in den Hintergrund traten. Im Jahre 1898
wurde der langjährige Zollkrieg zwischen den beiden Ländern durch
einen Handelsvertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblaßte, man
fand sich um so eher mit dem seit bald zwei Jahrzehnten bestehenden
französischen Protektorat über Tunis ab, als man jetzt nicht nur
von England, sondern auch von Frankreich Zusicherungen in bezug auf
Tripolis erhielt, die eine gewisse Kompensation für Tunis in Aussicht
stellten (Erklärungen des Ministers Canevaro im Frühjahr 1899). Der
Dreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Veränderung erneuert;
aber die Erneuerung vollzog sich, wie Fürst Bülow damals im Reichstag
ausführte, nicht ohne Schwierigkeiten. Vor der Erneuerung hatte der
Reichskanzler im Reichstag das Wort gesprochen, daß der Dreibund nicht
mehr eine absolute Notwendigkeit sei; nach der Erneuerung machte der
italienische Ministerpräsident Rudini in der italienischen Kammer die
Bemerkung, daß nach dem Einvernehmen mit Frankreich in den Fragen des
Mittelländischen Meeres diejenige Besorgnis an Bedeutung verloren
habe, die seinerzeit für den Eintritt Italiens in den Dreibund
bestimmend gewesen sei. Wenn Rudini in der gleichen Rede ausführte,
daß dank des Dreibundes Italien darauf rechnen könne, daß sich auf
dem Balkan keine Kombination ohne sein Wissen und zu seinem Nachteil
verwirklichen könne, so weist diese Bemerkung darauf hin, daß auf
diesem klippenreichen Boden zwischen Italien und Österreich-Ungarn neue
Reibungsmöglichkeiten entstanden waren, um deren Beseitigung man sich
-- für den Augenblick mit Erfolg -- bemüht hatte. Im Herbst 1903 sprach
König Victor Emanuel bei einem Besuche in Paris von dem »glücklich
vollendeten Werk der Annäherung« zwischen Frankreich und Italien. Die
Früchte zeigten sich auf der Konferenz von Algeciras.

Zur Vervollständigung des Bildes gehört ein Wort über unser Verhältnis
zu _Japan_ und zu den _Vereinigten Staaten_ von Amerika.

Unsere Beziehungen zu dem aufstrebenden Reich der aufgehenden
Sonne waren gute gewesen bis zu unserm Eingreifen nach dem den
chinesisch-japanischen Krieg beendigenden Frieden von Shimonoseki
im Jahre 1895. In Gemeinschaft mit Rußland und Frankreich setzte
damals Deutschland bei dem siegreichen Japan den Verzicht auf die
ihm im Friedensvertrag zugesprochene Halbinsel Liautung durch. Die
Intervention hat in Japan einen tiefen Stachel hinterlassen. Wenn für
Deutschlands Beteiligung an dieser Aktion der Wunsch mitgesprochen
hat, unsere Beziehungen zu Rußland -- die nach der Nichterneuerung des
Rückversicherungsvertrages, unseren deutlichen Versuchen einer guten
Verständigung mit England und dem Abschluß der französisch-russischen
Allianz gespannt geworden waren -- wieder zu verbessern und den
Zweibund gewissermaßen zu entschärfen, so haben wir zwar, soweit unser
Verhältnis zu Japan in Betracht kam, die Kosten dieses Versuchs voll
bezahlt, den Zweck jedoch nur teilweise und nur vorübergehend erreicht.
Unsere Ende 1897 erfolgte Festsetzung in Kiautschou, an die sich kurz
darauf die Festsetzung Rußlands in Port Arthur, der Südspitze der Japan
wieder entrissenen Halbinsel Liautung, und die Festsetzung Englands
in Wei-hai-wei anschlossen, war nicht geeignet, unsere Beziehungen
mit Japan zu verbessern. Unsere Niederlassung in Kiautschou, die im
offenbaren Einverständnis mit Rußland auf Grund der gemeinschaftlichen
Aktion von 1895 erfolgte, schuf vielmehr eine den Japanern dauernd vor
Augen liegende Erinnerung an unser für sie so empfindliches Eingreifen
nach Shimonoseki.

Am 30. Januar 1902 wurde in London der Bündnisvertrag zwischen England
und Japan abgeschlossen. Nach dem russisch-japanischen Krieg und der
britisch-russischen Verständigung förderte England mit Erfolg die
Wiederannäherung zwischen den beiden Gegnern. Auf diese Weise wurde
Japan dem System der Triple-Entente angegliedert.

Die _Vereinigten Staaten_ haben vor dem Krieg niemals Neigung gezeigt,
sich in die Fragen der europäischen Politik einzumischen. Während
des spanisch-amerikanischen Kriegs kam es zwischen dem deutschen und
dem amerikanischen Geschwaderchef vor den Philippinen zu an sich
unbedeutenden Mißverständnissen, die zu einer auffallend scharfen
Stellungnahme der amerikanischen Presse gegen Deutschland führten. Die
Differenzen, betreffend die Samoa-Inseln sind durch das Samoa-Abkommen
von 1899 beseitigt worden. Die Venezuela-Affäre (1902/03), in der
Deutschland mit England gemeinschaftlich vorging, zeigte abermals eine
starke Voreingenommenheit der amerikanischen Presse und öffentlichen
Meinung gegen Deutschland, dem ohne jeden Schatten eines Grundes
allerlei törichte Pläne territorialer Erwerbungen auf amerikanischem
Boden nachgesagt wurden. Auch handelspolitische Differenzen blieben
nicht aus. Der wirkliche Kern aller dieser gelegentlichen Reibungen war
bedeutungslos, und von deutscher Seite wurde mit Zähigkeit und nicht
ohne Erfolg daran gearbeitet, in Amerika ein besseres Verständnis
für deutsches Wesen und deutsche Politik zu schaffen. Aber alle
bei uns gelegentlich aufgetauchten Ideen, als ob die Vereinigten
Staaten für uns ein wirksames Gegengewicht gegen eine Bedrohung durch
Großbritannien und seine Mächtegruppe werden könnten, gehörten in
das Reich weltfremdester Phantasie. Für jeden Kenner amerikanischer
Verhältnisse stand es fest, daß im Falle einer Weltkonflagration
die Sympathien Amerikas, trotz des starken deutsch-amerikanischen
Einschlags, auf der Seite der Westmächte sein würden, und daß wir
für uns günstigstenfalls eine Neutralität ohne besonderes Wohlwollen
erwarten dürften.

                  *       *       *       *       *

So war die Mächtegruppierung um das Jahr 1908 beschaffen, zu der Zeit,
als sich das große Verhängnis zusammenzuziehen begann. Die Ereignisse,
die nun folgten -- die bosnische Krisis von 1908/09, die Marokkokrisis
von 1911, der türkisch-italienische Krieg, die beiden Balkankriege --,
sind die unmittelbaren Vorläufer des Weltkriegs.

Während bei dem Abgang Bismarcks die Stellung Deutschlands unter
den Großmächten über den Dreibund hinaus gesichert war durch den
allerdings prekär gewordenen Rückversicherungsvertrag mit Rußland
und das gute Verhältnis zu England, und während es dem auf Revanche
sinnenden Frankreich damals noch nicht gelungen war, einen sicheren
Bundesgenossen zu erlangen, war gegen Ausgang der Bülowschen
Kanzlerschaft in der Triple-Entente eine starke Kombination mit
deutlicher Spitze gegen Deutschland und Österreich-Ungarn entstanden,
der überdies Japan durch das Bündnis mit England nahestand und die mit
Italien in wichtigen Punkten sich verständigt hatte. Der Dreibund war
isoliert und, soweit Italien in Betracht kam, unterhöhlt. Bismarcks
»cauchemar des coalitions« war zur Wirklichkeit geworden. Wir mußten
von jetzt ab damit rechnen, daß wir bei jedem ernsten Konflikt mit
einer einzelnen der Großmächte, mit denen ein ernster Konflikt
überhaupt denkbar war, uns einer starken Koalition gegenüber sehen
würden.


Die treibenden Kräfte

Die Frage drängt sich auf: Wie hat es so kommen können? War es
lediglich die geschicktere Diplomatie auf der Seite unserer Gegner,
die es diesen ermöglicht hat, uns wichtige Figuren aus unserm Spiel zu
nehmen und das eigne Spiel zu verstärken, oder haben elementare Kräfte
des Völkerlebens den Strom des Geschehens in jene Bahnen gelenkt?

Persönlich stehe ich nicht an, der Gegenseite, insbesondere den
Engländern, die größere diplomatische Geschicklichkeit, die überlegene
Führung der Politik zuzuerkennen. Ihre Staatsmänner haben insbesondere
die wesentliche Kunst verstanden, der großen Richtlinie ihrer Politik
entgegenstehende Interessen und Gefühle, auch solche von an sich
erheblichem Gewicht, unterzuordnen. Ich erinnere an Frankreichs Haltung
nach Faschoda, an Englands Preisgabe wichtiger eigener Interessen
in Marokko zur Gewinnung Frankreichs, in Mittelasien zur Gewinnung
Rußlands. Unseren deutschen Staatsmännern ist es nicht in gleichem
Maße geglückt, Reibungspunkte mit Staaten, die nicht notwendigerweise
unsere Gegner sein mußten, rechtzeitig zu beseitigen. Angesichts
der auch nach meiner Ansicht nicht vermeidbaren Zuspitzung unseres
Verhältnisses zu Großbritannien und der Rückwirkung dieser Zuspitzung
auf unsere Verteidigungsgrundlage, den Dreibund, mußten von langer Hand
Sicherungen, selbst unter großen Opfern, geschaffen werden. Unsere
Politik war jedoch eine _Politik der mangelnden Gegengewichte_. Ich
erinnere an Japan, das wir uns durch unser Eingreifen nach dem Frieden
von Shimonoseki zum Gegner gemacht haben und dem wir durch unsere
Festsetzung in Kiautschou einen unmittelbaren Anreiz für den Fall einer
kriegerischen Konflagration geradezu vor die Haustür gesetzt haben.
Ich möchte behaupten, daß ohne unsere territoriale Festsetzung in
Kiautschou -- unsere Hafen- und Eisenbahnunternehmungen in der Türkei
haben bewiesen, in welchem Maße weitgesteckte wirtschaftliche Ziele
auch ohne territoriale Festsetzung erreicht werden können -- Japan
niemals aktiv gegen uns eingegriffen hätte; ebenso wie ich überzeugt
bin, daß die Türkei, falls wir etwa in Haidar-Pascha oder Alexandrette
bei irgendeiner Gelegenheit eine territoriale Festsetzung versucht
hätten, im Weltkrieg statt unser Verbündeter unser Feind geworden wäre.
Das ist meine Ansicht nicht erst seit dem Weltkrieg. Ich erinnere
mich, die Auffassung, daß insbesondere Kiautschou, aber auch andere
Teile unseres über die Welt zersplitterten Kolonialbesitzes, für den
Ernstfall nicht Stützpunkte, sondern Reibungspunkte und Schwächepunkte
darstellten, schon im Jahre 1904 als junger Hilfsarbeiter in der
Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes dem Fürsten Bülow dargelegt zu
haben.

Dazu kamen bei uns gewisse Ungeschicklichkeiten und Schroffheiten
in der diplomatischen Taktik und in der Form unsrer Meinungs- und
Gefühlsäußerungen, die im Ausland teils falsch verstanden, teils gegen
uns ausgenutzt wurden. Ich erwähne als Beispiel unsre Haltung auf der
Haager Friedenskonferenz von 1907. Die Leiter der deutschen Politik
und das deutsche Volk waren gewiß mindestens von ebenso friedlichen
Absichten beseelt wie die Leiter der britischen Politik und das
britische Volk oder irgend jemand sonst. Aber England erschien Arm
in Arm mit Spanien und den Vereinigten Staaten im weißen Gewand des
Friedensengels mit dem Antrag, die Frage der Rüstungsbeschränkungen
auf das Programm der Konferenz zu setzen, Deutschland dagegen erschien
mit seinem Einspruch gegen diesen Vorschlag im eisernen Gewand des
Kriegsgottes. Ich bin mit dem Fürsten Bülow einig in der Meinung,
daß eine Diskussion der Abrüstungsfrage mangels greifbarer Vorschläge
und angesichts der in der Sache liegenden Schwierigkeiten zu keinem
praktischen Ergebnis geführt hätte. Ich halte es darüber hinaus für
wahrscheinlich, daß für England der Hintergedanke bestimmend war, das
Übergewicht seiner maritimen Rüstung ein für allemal völkerrechtlich
zu sichern und jede aufstrebende Seemacht, vor allem Deutschland, ohne
weitere Anstrengung und ohne weitern Kostenaufwand niederzuhalten.
Aber gerade deshalb wäre es wohl die bessere Taktik gewesen, den
Engländern die Aufgabe des Formulierens von Vorschlägen, die nicht nur
für Deutschland unannehmbar gewesen wären, zu überlassen, statt von
vornherein zu erklären: »An einer nach unsrer Überzeugung wenn nicht
bedenklichen so doch unpraktischen Diskussion können wir uns nicht
beteiligen.«[4]

In dasselbe Kapitel gehören die oft lauten und weithin klingenden
Worte, mit denen wir es liebten, unsern Willen zum Frieden durch
ein allzu deutliches Betonen unsrer Bereitschaft zum Krieg zu
unterstreichen. Wir hatten den Wunsch, nicht wieder wie in vergangenen
Zeiten infolge unsrer geographischen Lage im Zentrum Europas zum
Schlachtfeld fremder Nationen zu werden, und wir hatten aus der
Geschichte durch die Schaffung einer starken Wehrmacht die Folgerung
gezogen. Das war berechtigt. Aber es war nicht klug, beständig »das
Schwert im Munde zu führen« und damit unsern Feinden im Ausland die
Möglichkeit zu geben, das friedlichste Volk und den friedlichsten
Monarchen der Welt ihrer öffentlichen Meinung als besessen vom
Kriegsteufel hinzustellen. Wir haben auf diese Weise den Mythus von
unsern kriegerischen Absichten gefördert und damit eine internationale
Stimmung erzeugen helfen, die einer gegen uns gerichteten
Koalitionsbildung den massenpsychologischen Untergrund gegeben hat.

Aber eine die ganze Welt von Grund aus umkehrende Wandlung der
Beziehungen zwischen den Völkern, wie sie in den zwei Jahrzehnten seit
Bismarcks Abgang eingetreten ist, wäre auch als Werk der vollendetsten
Staatskunst und politischer Schulung nicht möglich gewesen, wenn nicht
starke Triebkräfte und Entwicklungstendenzen innerhalb der einzelnen
Völker den Boden für diese Wandlung geschaffen hätten.

Eine Betrachtung der in den wichtigsten der am Weltkrieg beteiligten
Völker wirksamen Triebkräfte und Entwicklungstendenzen ergibt in großen
Zügen folgendes Bild:

Das _Deutsche Reich_ und _Österreich-Ungarn_ waren im wesentlichen
politisch saturiert. In Europa hatten beide Reiche keinerlei Wünsche
auf Ausdehnung; ihr Ziel war die Erhaltung des status quo. Deutschlands
koloniale Bestrebungen haben sich auf friedlichem Wege betätigt.
Abgesehen von der Niederwerfung gelegentlicher Eingeborenenaufstände
hat Deutschland um seine Kolonien keinen Krieg geführt. Reibungen mit
den auf dem kolonialen Felde konkurrierenden Mächten sind gelegentlich
aus den kolonialen Gebietserwerbungen Deutschlands hervorgegangen; sie
haben aber -- abgesehen von der besonders gelagerten marokkanischen
Angelegenheit -- niemals einen für die große Politik bedeutsamen
Charakter angenommen und niemals auch nur von weitem an die Gefahr
kriegerischer Verwicklungen herangeführt.

Die intensive Anteilnahme Österreich-Ungarns an den Dingen auf dem
Balkan war frei von territorialen Aspirationen und lediglich auf die
Erhaltung und Befestigung des status quo gerichtet. Dasselbe gilt für
die Stellung der beiden Reiche zur Türkei.

Das Bündnis der beiden Reiche hatte dementsprechend von Anfang an den
ausschließlichen Zweck der Erhaltung und Verteidigung; Abmachungen über
Beutezüge und Beuteverteilung hatten in ihm keinen Raum.

Anders bei den Mächten der gegnerischen Gruppe! _Frankreichs_
Politik seit dem Krieg von 1870/71 war in erster Reihe diktiert von
dem brennenden Wunsch nach Revanche für 1870 und Wiedergewinnung
von Elsaß-Lothringen. Alle andern Rücksichten und Interessen, so
wichtig sie an und für sich sein mochten, wurden in den 43 Jahren
vom Frankfurter Frieden bis zum Ausbruch des Weltkriegs diesem einen
Streben untergeordnet. Zu verwirklichen war dieses Streben nur durch
Angriff und Eroberung. Für sich allein war Frankreich gegenüber dem
an Bevölkerungszahl überlegenen und zu immer stärkerer Überlegenheit
heranwachsenden Deutschland zu schwach. Es brauchte und suchte deshalb
eine Koalition und war für jede denkbare, gegen Deutschland gerichtete
Koalition ein absolut sicherer Partner.

Auf kolonialem Gebiet hat Deutschland den starken
Ausdehnungsbestrebungen Frankreichs keine Schwierigkeiten in den Weg
gelegt. Es war im Gegenteil ein Zug der Bismarckschen Politik, die
französischen kolonialen Bestrebungen zu fördern, in der Absicht,
Frankreich von dem Revanchegedanken und dem Vogesenloch abzulenken und
seinen überschüssigen Kräften außerhalb Europas ein Tätigkeitsfeld zu
geben. So hat das in seiner Bevölkerung und seiner wirtschaftlichen
Entwicklung kaum fortschreitende Frankreich unter wohlwollender Duldung
Deutschlands sich seit dem Krieg von 1870/71 in Afrika und Ostasien ein
gewaltiges Kolonialreich schaffen können, während Deutschland, trotz
seines starken Bevölkerungsüberschusses und seines wirtschaftlichen
Ausdehnungsbedürfnisses, sich mit einem überaus mageren Anteil an der
kolonialen Welt begnügte.

Einzig und allein Marokko hat unter den überseeischen territorialen
Fragen Anlaß zu ernster Reibung zwischen Deutschland und Frankreich
gegeben. Aber auch hier entstand die Reibung und die Kriegsgefahr nicht
etwa daraus, daß Deutschland territoriale Erwerbungen beabsichtigt
hätte, sondern lediglich aus dem französischen Wunsch, Marokko -- ohne
Rücksicht auf die dort vorhandenen erheblichen deutschen Interessen
zu nehmen und ohne Deutschland überhaupt darum zu begrüßen -- sich
einzuverleiben. Auch hier lag die aggressive und annexionistische
Politik bei Frankreich, während Deutschland lediglich den durch einen
internationalen Vertrag gewährleisteten status quo vertrat. Im übrigen
war es das Streben der deutschen Politik, die Marokkofrage ohne Krieg
zu erledigen, ein Streben, das durch den Vertrag vom November 1911 auch
zur Durchführung kam.

Die Haltung _Rußlands_ zum Zweibund war weniger durch Fragen bedingt,
die unmittelbar zwischen Deutschland und Rußland gespielt hätten,
sondern so gut wie ausschließlich durch das in der Hauptsache
durch die Balkanfragen beeinflußte Verhältnis zwischen Rußland
und Österreich-Ungarn. Deutschland hat dem starken russischen
Ausdehnungsdrang nach Osten niemals irgend etwas in den Weg gelegt.
Es hat im Gegenteil die in erster Linie im russischen Interesse
liegende Intervention nach dem Frieden von Shimonoseki mitgemacht und
sich dadurch die Gegnerschaft Japans zugezogen; es hat späterhin sich
England gegenüber geweigert, auf Grund des Abkommens von 1900 sich an
einem Vorgehen gegen die Bestrebungen Rußlands in der Mandschurei zu
beteiligen, und hat damit zweifellos ein Erhebliches zu der endgültigen
Abkehr Englands von Deutschland und zum britisch-französischen
Zusammenschluß beigetragen; es hat schließlich im russisch-japanischen
Krieg Rußland gegenüber eine wesentlich wohlwollendere Neutralität
gezeigt als dessen französischer Bundesgenosse. Auch in Mittelasien hat
Deutschland den Russen niemals die geringsten Schwierigkeiten bereitet.
Österreich-Ungarn war an allen diesen Fragen überhaupt niemals
interessiert.

Dagegen schuf der Drang Rußlands nach Konstantinopel und dem Balkan
einen äußerst gefährlichen Konfliktsstoff. Insbesondere seitdem der
Ausgang des japanischen Kriegs und die Verständigung mit England über
Mittelasien vom Jahre 1907 die russischen Expansionsbestrebungen
vom fernen und mittleren Osten abgelenkt hatten, warf sich der
panslawistische Geist mit verstärkter Gewalt auf den näheren Orient
und propagierte dort Umwälzungen, die nicht nur das Gleichgewicht auf
dem Balkan, sondern auch den Bestand der österreichisch-ungarischen
Monarchie in ihren südslawischen Landesteilen unmittelbar
gefährdeten. Je mehr durch die für Deutschland ungünstige Entwicklung
der Mächtegruppierung Deutschland sich auf das Bündnis mit
Österreich-Ungarn angewiesen sah, desto mehr mußte die deutsche Politik
in der Erhaltung der Donaumonarchie ein Lebensinteresse für Deutschland
selbst erblicken, desto größer wurde die Gefahr, daß die russische
Balkanpolitik zu einer Konflagration unabsehbaren Umfanges führen
könnte; wie denn schließlich der Weltkrieg auf balkanischem Boden sich
vorbereitet hat und zum Ausbruch gekommen ist.

Gegenüber den unmittelbar Österreich-Ungarn berührenden russischen
Balkanaspirationen traten Rußlands Absichten auf Konstantinopel
und die übrige Türkei in ihrer Bedeutung als Konfliktsstoff
zurück. Zwar hatte Deutschland seit dem Ausgang der achtziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Türkei durch die Begründung
weitausschauender Unternehmungen ein stärkeres Interesse genommen und
ein freundschaftliches Verhältnis zum Türkischen Reiche hergestellt;
aber da Rußland seit dem Berliner Kongreß keine direkten Aspirationen
auf türkisches Gebiet hervorkehrte, blieben die aus den deutschen und
russischen Bestrebungen in der Türkei sich ergebenden Reibungen, soweit
sie sichtbar in Erscheinung traten, im wesentlichen auf Fragen zweiter
Ordnung beschränkt, die niemals eine kritische Zuspitzung erfuhren.
Immerhin: je größer die deutschen Interessen in der Türkei wurden,
je mehr Deutschland als Schutzmacht der Türkei erschien, desto mehr
gewöhnte man sich in Rußland daran, an Stelle Englands in Deutschland
das wesentliche Hindernis der Ausführung des Testaments Peters des
Großen zu erblicken, desto mehr kam die russische öffentliche Meinung
zu der Überzeugung, daß der Weg nach Konstantinopel nicht nur über
Wien, sondern auch über Berlin führe.

_Italien_, unser Genosse im Dreibund, war gleichfalls nicht frei von
Ausdehnungswünschen, die Anlaß zu Konflikten geben konnten. Über
die gegen Österreich gerichteten irredentistischen Bestrebungen
brauche ich kein Wort zu sagen; sie wurden während der Dauer des
Dreibundverhältnisses lediglich um größerer Interessen willen
notdürftig niedergehalten, bedeuteten aber stets eine latente Gefahr.
Dann hatte Italien, seitdem Frankreich sich Tunis angeeignet hatte,
ein Auge auf das türkische Tripolis geworfen, eine Begehrlichkeit,
die geeignet war, zum mindesten das freundschaftliche Verhältnis des
deutschen Bundesgenossen zur Türkei erheblich zu belasten.

_England_ mit seinem riesigen Kolonialreich hat in all den Jahren
seit der Einleitung unserer Kolonialpolitik keine territoriale
Differenz mit uns gehabt, die hätte kritisch werden können. Wir haben
England bei der Ausgestaltung seines Imperiums keine Schwierigkeiten
in den Weg gelegt, haben uns vielmehr über die afrikanischen und
polynesischen Kolonialfragen mit ihm in einer keineswegs kleinlichen
Weise verständigt. Auch in Ägypten, diesem für das britische Weltreich
so wichtigen Lande, haben wir England freie Hand gelassen. Im
Burenkriege hat die Reichsregierung, trotz der starken Erregung der
deutschen öffentlichen Meinung gegen England, eine durchaus korrekte
Neutralität beobachtet. Vielfach hat sich England mit Deutschland zur
Aufrechterhaltung des status quo und der offenen Tür zusammengefunden.
Jedenfalls war auch England in keinem Winkel der Welt durch deutsche
Angriffs- oder Eroberungsabsichten irgendwie bedroht.

Dagegen enthielt unser Verhältnis zu England einen andern
Zündstoff, der verhängnisvoll geworden ist: Deutschland zeigte auf
wirtschaftlichem Gebiet einen Ausdehnungsdrang, in dem England, je
länger desto mehr, eine ernstliche Bedrohung seiner industriellen
und kommerziellen Suprematie, und damit eine Bedrohung seiner
Weltherrschaft überhaupt, erblickte.

Die politische Einigung Deutschlands und die Sicherung seiner Stellung
unter den Völkern hatte den Druck gelöst, der bisher die Entfaltung der
deutschen Wirtschaft gehemmt hatte. Das starke Wachstum der deutschen
Bevölkerung und die noch stärkere Zunahme unserer Gütererzeugung hob
unsere wirtschaftliche Kraft und wies uns in steigendem Maße auf den
Güteraustausch mit dem Ausland und die Betätigung im Ausland. In der
Entwicklung der wichtigsten Industriezweige, unseres Außenhandels,
unserer Handelsflotte, hatten wir unter den Völkern der Welt
Höchstleistungen aufzuweisen. In der Roheisenproduktion, in der wir
um die Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch um
die Hälfte hinter England zurückstanden, haben wir im Jahre 1903
England mit einer Erzeugung von mehr als zehn Millionen Tonnen zum
erstenmal überflügelt, und im letzten Jahre vor dem Krieg hatten
wir fast das Doppelte der englischen Produktion erreicht. In der
Steinkohlengewinnung hatten wir vor dem Krieg die stolzen Ziffern
Englands nahezu eingeholt. In der Warenausfuhr waren wir England
gleichfalls hart aufgerückt; unser Export nach den nicht zum britischen
Imperium gehörigen Gebieten hatte sogar denjenigen Englands nach
den gleichen Ländern erheblich übertroffen. Der Raumgehalt der
Dampfschiffe unserer Handelsflotte war seit der Mitte der achtziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als das Sechsfache gestiegen.
Unter den Handelsflotten der Welt hatten wir -- in einem allerdings
noch gewaltigen Abstand nach England -- die zweite Stelle erreicht.
An Leistungsfähigkeit hielten unsere Schiffe jeden Vergleich. In
allen Teilen der Welt betätigte sich in zunehmendem Maße deutscher
Unternehmungsgeist; er wagte sich auch an Aufgaben von Weltrang,
wie große Eisenbahn- und Hafenunternehmungen, die vordem als die
ausschließliche Domäne Englands und etwa noch Frankreichs gegolten
hatten.

Es war friedlicher Wettbewerb, die Ausübung des Naturrechts der Völker
auf Arbeit und deren Früchte. Und doch war der Erfolg dieses unseres
friedlichen Wettbewerbs auf den Märkten der Welt der ausschlaggebende
Faktor für die Gestaltung unseres politischen Verhältnisses zu England
und damit für den Zusammenschluß der uns feindlichen Weltkoalition.
Im Besitz von gewaltig überlegenen weltpolitischen Machtmitteln, des
weitaus größten Kolonialreichs der Welt, der weitaus stärksten Flotte
und der die wichtigsten Meeresstraßen beherrschenden Stützpunkte, sah
England sich vor die Versuchung gestellt, seine durch unsern Wettbewerb
bedrohte wirtschaftliche Weltstellung mit den Gewaltmitteln zu
erhalten, die sie geschaffen hatten.

Insbesondere der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands von der Mitte
der 90er Jahre an alarmierte Englands kommerzielle und politische
Kreise in zunehmendem Maße. Das Stigma »made in Germany« verfehlte
offenkundig seinen Zweck, ja es wurde geradezu eine Enthüllung der
wachsenden industriellen und kommerziellen Leistungsfähigkeit des
deutschen Wettbewerbs. Angesehene Staatsmänner, weit verbreitete und
einflußreiche Zeitungen und Zeitschriften wiesen warnend und mahnend
auf die deutsche Gefahr hin. Schon frühzeitig bezeichnete Lord Rosebery
Deutschland als den gefährlichsten Nebenbuhler Großbritanniens: »Wir
sind bedroht durch einen furchtbaren Gegner, der uns benagt wie das
Meer die schwachen Teile eines Küstenlandes. Der Handel des vereinigten
Königreichs verringert sich unaufhörlich, und was er verliert, das
gewinnt in der Hauptsache Deutschland.« Und wenn Lord Rosebery noch in
erster Reihe daran dachte, seine Landsleute zu einer Bekämpfung des
deutschen Wettbewerbs durch eine Nachahmung der deutschen Rührigkeit,
der deutschen technischen Schulung und Organisation anzufeuern, so
regten sich doch bald Stimmen, die unter Berufung auf die britische
Geschichte und Tradition unzweideutig dazu aufforderten, das Schwert in
die Wagschale des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu werfen. Die »Saturday
Review« schrieb schon im August 1895:

»Vor allem andern: Wir Engländer haben bisher immer unsre Nebenbuhler
im Handel mit Krieg überzogen; und unser Hauptnebenbuhler im Handel
ist heute nicht Frankreich, sondern Deutschland. Im Fall eines Krieges
mit Deutschland würden wir sicher viel gewinnen und nichts verlieren,
während wir in einem Krieg mit Frankreich, einerlei wie sein Ausgang
wäre, sicher schwere Verluste erleiden würden.«

Bewußt oder unbewußt, ausgesprochen oder unausgesprochen hat dieser
Gedanke seither die englische Politik beeinflußt.

Im September 1897 schrieb die »Saturday Review«, anknüpfend an eine von
der »Times« Bismarck zugeschriebene Bemerkung:

»Bismarck hat längst erkannt, was nun auch das britische Volk
einzusehen beginnt, daß es in Europa zwei große, unversöhnlich sich
bekämpfende Kräfte gibt, zwei große Nationen, die den ganzen Erdkreis
zu ihrer Domäne machen und von ihm Handelstribut einfordern möchten.
England, mit seiner langen Geschichte erfolgreicher Angriffskriege,
mit seinem wunderbaren Glauben, daß es in der Verfolgung seiner
eigenen Interessen zugleich Licht unter den im Dunkel lebenden Völkern
verbreitet, und Deutschland, Blut von dem gleichen Blut, Bein von dem
gleichen Bein, mit einer geringeren Willenskraft, aber vielleicht
einer schärferen Intelligenz ausgestattet, treten in jedem Winkel
des Erdballs in Wettbewerb. In Transvaal, am Kap, in Mittelafrika,
in Indien, in Ostasien, auf den Inseln der Südsee und im fernen
Nordwesten, überall wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge
gefolgt ist, steht der deutsche Handlungsreisende mit dem britischen
Kaufmann im Kampf. Überall wo es gilt, ein Bergwerk auszubeuten oder
eine Eisenbahn zu bauen, einen Eingeborenen von der Brotfrucht zum
Büchsenfleisch, von der Enthaltsamkeit zum Branntwein zu bekehren,
da suchen Deutsche und Engländer sich gegenseitig auszustechen. Eine
Million kleiner Reibungen schafft den größten Kriegsfall, den die Welt
je gesehen hat. Wenn Deutschland morgen aus der Welt ausgelöscht wäre,
so gäbe es übermorgen in der Welt keinen Engländer, der dadurch nicht
reicher geworden wäre. Nationen haben jahrelang um eine Stadt oder um
eine Erbfolge gekämpft: müssen wir nicht fechten um einen jährlichen
Handel von 200 Millionen Pfund? ... Was Bismarck sich vorstellt und
was auch wir bald einsehen werden, ist die Tatsache, daß nicht nur der
greifbarste Interessenstreit zwischen England und Deutschland da ist,
sondern auch daß England die einzige Großmacht ist, die Deutschland
ohne furchtbare Gefahr und ohne Zweifel am Erfolg bekämpfen kann ...
Die Vermehrung der deutschen Flotte hat nur die Wirkung, den Schlag
Englands um so schwerer auf sie niederfallen zu lassen. Ein paar Tage
nur, und die deutschen Schiffe werden auf dem Meeresgrund liegen
oder als Prisen nach den britischen Häfen gebracht werden. Hamburg
und Bremen, der Kieler Kanal und die Ostseehäfen würden unter den
britischen Kanonen liegen, bis die Kriegsentschädigung gezahlt wäre.
Nach getaner Arbeit würden wir Frankreich und Rußland nur zu sagen
brauchen: sucht euch Kompensationen, nehmt euch von Deutschland, was
ihr wollt -- ihr könnt es haben!« Den Schluß bildete das »ceterum
censeo Germaniam esse delendam«.

Diese Sätze, die den Geist der britischen Geschichte und Politik
besser enthüllen, als irgendeiner der im feindlichen Ausland so oft
zitierten Aussprüche von Treitschke, Nietzsche oder Bernhardi die
Gesinnung des deutschen Volkes, sind geschrieben siebzehn Jahre vor
Ausbruch des Weltkriegs, zu der Zeit, als die deutsche Regierung ihre
erste bescheidene Flottenvorlage an den Reichstag brachte. Als Fürst
Bismarck, wenige Monate später, von dem Engländer Sidney Whitman
befragt wurde, wie nach seiner Ansicht die Beziehungen zwischen den
beiden Ländern gebessert werden könnten, ließ er antworten: »Er
bedaure, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und England nicht
besser seien, als sie eben sind. Bedauerlicherweise wisse er kein
Mittel dagegen, da das einzige ihm bekannte, das darin bestehe, daß
wir unserer Industrie einen Zaum anlegten, nicht gut verwendbar
sei.« Der aus Deutschlands wirtschaftlichem Aufschwung erwachsende
deutsch-englische Gegensatz als eine unentrinnbare, durch kein Mittel
aus der Welt zu schaffende Fatalität ist in diesen Worten Bismarcks
treffend gekennzeichnet.

Die Reibung zwischen der deutschen wirtschaftlichen Expansion und der
von England als wohlerworben prätendierten Stellung wurde besonders
erbittert und gefährlich, wenn Deutschlands Bestrebungen in Gebieten,
die England als in seine Interessensphäre fallend oder als für den
Zugang zu seiner Interessensphäre wichtig in Anspruch nahm, auch nur
von ferne den Charakter einer territorialen Festsetzung anzunehmen
drohten. Das wichtigste und bezeichnendste Beispiel hierfür ist
der langjährige und hartnäckige Widerstand Englands gegen das von
Deutschland in Angriff genommene Unternehmen der Bagdadbahn, über den
später noch zu sprechen sein wird. Der englische Kampf gegen dieses
Projekt erklärt sich in der Hauptsache daraus, daß die britischen
Staatsmänner und die britische öffentliche Meinung in dieser Bahn einen
außerhalb der britischen Kontrolle stehenden Zugang zum Persischen Golf
und die Möglichkeit einer deutschen Festsetzung an dessen Küsten, darin
aber eine Bedrohung Indiens erblickten.

Daß das Deutsche Reich angesichts seiner sich immer mehr ausdehnenden
überseeischen Interessen und des Wachstums seiner Handelsflotte das
Bedürfnis nach einer Verstärkung seines maritimen Schutzes empfand und
betätigte, liegt in der Natur der Dinge. Deutschlands Kriegsflotte
stand zur Zeit des Regierungsantritts Wilhelms II. an fünfter
Stelle. Mit großem Vorsprung nahm England den ersten Platz ein, es
folgten Frankreich, Italien, Rußland und dann erst Deutschland. Die
Überlegenheit Englands auf diesem Gebiet war so gewaltig, daß sie
auch durch die stärksten Anstrengungen des im Gegensatz zu England
durch die Notwendigkeit eines starken Landheeres beschwerten Deutschen
Reiches unmöglich ernsthaft in Frage gestellt werden konnte. Die dem
Ausbau der deutschen Kriegsflotte gestellten Aufgaben und gezogenen
Grenzen sind seinerzeit klar ausgesprochen worden in der Begründung des
deutschen Flottengesetzes von 1900:

»Um unter den bestehenden Verhältnissen Deutschlands Seehandel
und Kolonien zu schützen, gibt es nur ein Mittel: Deutschland muß
eine so große Schlachtflotte besitzen, daß ein Krieg auch für den
seemächtigsten Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, daß seine
eigene Machtstellung in Frage gestellt wird.«

Gleichwohl erregten die deutschen Flottenpläne in England von Anfang an
Unruhe und Besorgnis. Wenn man sich schon durch das weltwirtschaftliche
Wachstum Deutschlands beeinträchtigt und bedroht fühlte, so noch mehr
durch die Aussicht auf eine erhebliche Verstärkung der deutschen
Machtmittel zur See. Deutschlands überseeische und koloniale Betätigung
mochte in England manchem als noch erträglich erscheinen, solange
diese Betätigung mangels einer ins Gewicht fallenden deutschen Flotte
gewissermaßen auf der Gnade und dem guten Willen Englands stand; sie
wurde alarmierend von dem Augenblicke an, in dem Deutschland seiner
werdenden Wirtschaftsmacht in einer eigenen starken Flotte eine
entsprechende Machtgrundlage zu geben versuchte.

Je deutlicher man in England erkannte, daß das Deutsche Reich sein
durch die Gesetze von 1898 und 1900 festgelegtes Flottenprogramm mit
einer unerwarteten Präzision durchführte, desto größer wurde in England
die Unruhe, und desto mehr wurde die Flottenfrage zum Angelpunkt des
deutsch-englischen Verhältnisses. »Mit dem Auge auf die englische
Politik mußte unsere Flotte gebaut werden,« so schreibt Fürst Bülow
in seinem Buch über die deutsche Politik, »-- und so ist sie gebaut
worden. Der Erfüllung dieser Aufgabe hatten meine Bemühungen auf dem
Felde der großen Politik in erster Linie zu gelten.« Wie ein roter
Faden zieht sich durch des Fürsten Bülow Darstellung seiner auswärtigen
Politik die Notwendigkeit, eine ausreichend starke deutsche Flotte zu
schaffen, ohne es zum Kriege mit England kommen zu lassen.

Das Verhältnis der Kriegsflotte zu den zu schützenden See- und
Überseeinteressen war bei Deutschland auch nach den Flottengesetzen
von 1898 und 1900 ganz offenkundig ungünstiger als bei irgendeiner
andern großen Nation. Auch das Flottengesetz von 1905, das die
deutsche Kriegsflotte, entsprechend der Stellung Deutschlands in der
Weltwirtschaft, an den zweiten Platz brachte -- in weitem Abstand
nach England -- stellte das Gleichgewicht weltwirtschaftlicher
Interessen und maritimer Machtmittel noch nicht annähernd her. Wenn
trotzdem die deutschen Versuche, durch Schaffung eines Risikos für
eine angreifende Flotte wenigstens einen mittelbaren Schutz für unsere
weltwirtschaftlichen Interessen aufzubauen, in England in so hohem
Maße Unruhe, Verdacht und Erregung hervorriefen, so konnte man das
bedauern und gegen die Folgen Deckungen suchen, aber ebensowenig
ohne Selbstaufgabe vermeiden wie die aus unsern wirtschaftlichen
Fortschritten erzeugte Reibung.

Bis zu welchem Grade schon frühzeitig die Empfindlichkeit über unsere
Flottenpolitik in England, namentlich in Marinekreisen, gestiegen war,
in welchem Maße sie das Verlangen nach einem gegen Deutschland zu
führenden Schlag auslöste, enthüllte sich anläßlich des Zwischenfalls
an der Doggerbank im Herbst 1904. Die auf der Fahrt von Libau nach den
ostasiatischen Gewässern begriffene baltische Flotte Rußlands beschoß
damals nächtlicherweile aus Versehen eine englische Fischerflotte,
die sie für japanische Torpedoboote hielt. Die Erregung in England
war ungeheuer und richtete sich merkwürdigerweise auf Grund der
abenteuerlichsten Gerüchte und Vermutungen nicht nur gegen Rußland,
sondern auch gegen Deutschland, das mit dem ganzen Vorfall nicht das
mindeste zu tun hatte. Damals schrieb die der britischen Admiralität
nahestehende »Army and Navy Gazette«, der Augenblick scheine gekommen,
mit der deutschen Flotte ein Ende zu machen; die russische Flotte
sei, vielleicht für immer, aus der Nordsee verschwunden, die deutsche
Kriegsflotte stehe dort völlig allein, jetzt oder nie sei für England
die Gelegenheit, die mit jedem Jahr drohender anwachsende deutsche
Flotte ein für allemal zu beseitigen. Mit der Vertretung dieser
Auffassung blieb die »Army and Navy Gazette« in der englischen Presse
nicht allein. Noch deutlicher war eine Rede, die der Zivillord der
britischen Admiralität, Mr. Arthur Lee, im Februar 1905 über die damals
eingeleitete Neuorganisation der britischen Flotte hielt. Er führte
aus, England müsse mit größerer Besorgnis als nach andern Stellen nach
der Nordsee blicken. Der Gedanke, daß England eher mit der Möglichkeit
einer Gefahr aus dieser Richtung als im Mittelmeer rechnen müsse,
habe die neue Flottenverteilung und die Indienststellung der ganzen
Schiffsreserven nötig gemacht. »Wir glauben,« fügte er hinzu, »an das
alte Wort: Dreimal gesegnet derjenige, welcher den ersten Schlag führt!
Und ich hoffe, daß im Falle einer Gefahr die britische Flotte in der
Lage sein wird, den ersten Schlag, und einen recht wuchtigen dazu, zu
führen, noch ehe die andere Macht gewahr wird, daß der Krieg erklärt
ist.«

Zu dieser Rede bemerkte »Daily Chronicle«: »Der Preis für Englands
Freundschaft müßte das Aufgeben der Kriegsrüstung auf seiten
Deutschlands sein. Wenn die deutsche Flotte im Oktober vorigen Jahres
(Doggerbank-Zwischenfall) zerstört worden wäre, wäre der Friede Europas
für 60 Jahre gesichert gewesen.«

Die folgenden Jahre brachten Versuche zu einer Verständigung über
die beiderseitigen Flottenrüstungen. Diese Versuche, über die weiter
unten noch gesprochen werden wird, erreichten ihren Höhepunkt mit der
Haldaneschen Mission im Jahre 1912.

Die Flottenfrage ist nur der eine Teil des allgemeinen
Rüstungsproblems. Ebenso wie der Ausbau der deutschen Flotte in England
als Zeichen deutscher kriegerischer Absichten ausgegeben wurde, ebenso
hat man in der Stärke und in den periodischen Verstärkungen unseres
Landheeres den Ausdruck deutschen Kriegs- und Herrscherwillens sehen
wollen. Sir Edward Grey hat am 22. März 1915 im Unterhaus diesen
Gedanken in die Worte gekleidet: »Wir wissen jetzt, daß die deutsche
Regierung für den Krieg Vorbereitungen getroffen hat, wie sie nur ein
Volk, das den Krieg beabsichtigt, treffen kann.«

Daß Deutschlands Lage in der Mitte Europas, daß seine geschichtlichen
Erfahrungen und daß schließlich die Gestaltung der Mächtegruppierung in
den letzten Jahrzehnten ein starkes Heer als Verteidigungsinstrument
und Friedensschutz notwendig machten, daß mithin die Schaffung und
der Ausbau eines starken deutschen Heeres an sich noch kein Beweis
kriegerischer Absichten Deutschlands sein kann, ist vor dem Kriege auch
von Staatsmännern anerkannt worden, die späterhin kaum genug anklagende
Worte gegen den friedenstörenden deutschen Militarismus finden konnten.
Lloyd George hat in einer Rede in der Queens Hall am 28. Juli 1908
ausgeführt:

»Betrachten Sie Deutschlands Lage! Für Deutschland ist sein Heer,
was für uns die Flotte ist: seine einzige Verteidigung gegen eine
Invasion. Deutschland hat keinen Zwei-Mächte-Standard geschaffen.
Deutschland mag ein stärkeres Heer haben als Frankreich, als Rußland,
als Italien, als Österreich; aber es steht zwischen zwei Großmächten,
die zusammen eine weit größere Truppenzahl aufstellen können, als
Deutschland sie hat. Vergessen Sie das nicht, wenn Sie sich wundern,
warum Deutschland Allianzen und Ententen fürchtet und gewisse
geheimnisvolle Machenschaften, die in der Presse durchscheinen ...
Denken Sie sich, wir ständen hier vor einer Kombination, die uns
der Invasion preisgäbe, denken Sie sich, Deutschland und Frankreich
oder Deutschland und Rußland oder Deutschland und Österreich hätten
Flotten, die kombiniert stärker wären als die unsrige, wären wir nicht
erschreckt? Würden wir nicht rüsten? -- Selbstverständlich würden wir
rüsten!«

Und noch am 1. Januar 1914 schrieb Lloyd George im »Daily Chronicle«:

»Die deutsche Armee ist lebenswichtig nicht nur für die Existenz
des Deutschen Reiches, sondern auch für das nackte Leben und die
Unabhängigkeit des deutschen Volkes selbst, da nun einmal Deutschland
umgeben ist von andern Nationen, deren jede ein Heer besitzt ungefähr
ebenso stark wie das deutsche selbst. Wir vergessen, daß während wir
für den Schutz unserer eignen Küsten auf einer sechzigprozentigen
Überlegenheit unserer Seestreitkräfte gegenüber Deutschland bestehen,
Deutschland nichts, was einer solchen Überlegenheit nahekommt,
Frankreich gegenüber besitzt und außerdem natürlich an seiner Ostgrenze
mit Rußland zu rechnen hat. Deutschland hat nichts, was einem
Zwei-Mächte-Standard ähnlich sieht. Deutschland ist deshalb durch
gewisse neuere Ereignisse alarmiert worden und ist deshalb im Begriff,
hohe Summen für die Verstärkung seiner militärischen Machtmittel
aufzuwenden.«

Diese sachliche Beurteilung trug dem wirklichen Tatbestand insofern
noch nicht einmal ganz Rechnung, als die russische Armee der
deutschen an Zahl bedeutend überlegen war und als die Anstrengungen
Deutschlands, seine Volkskraft für das Heer auszunutzen, weit
hinter den Anstrengungen Frankreichs zurückblieben. Nach einer im
britischen Unterhaus im Juni 1913 gegebenen Auskunft betrug damals
die Friedenspräsenz des russischen Heeres 1 284 000 Mann, während die
Friedenspräsenz des deutschen Heeres durch das neue Militärgesetz
auf 822 000 Mann gebracht werden sollte. Die Friedenspräsenz
des französischen Heeres wurde für die Zukunft auf 742 000 Mann
beziffert, diejenige des österreichisch-ungarischen Heeres auf
474 000 Mann. Das russische Heer war also dem deutschen um etwas mehr
als die Hälfte überlegen. Die gleiche zahlenmäßige Überlegenheit
hatte das vereinigte russisch-französische Heer gegenüber dem
deutsch-österreichisch-ungarischen Heer. Die Friedensstärke des
französischen Heeres kam derjenigen des deutschen nahezu gleich,
obwohl Deutschland eine Bevölkerung von 68 Millionen, Frankreich
eine solche von rund 40 Millionen hatte. Unmittelbar vor dem Kriege
kam auf je eine Million Einwohner eine Friedensstärke der Armee von
rund 20 000 Mann in Frankreich, von nur 12 300 Mann in Deutschland.
Die Ausgaben für Heer und Flotte waren vor dem Krieg, auf den Kopf
der Bevölkerung gerechnet, in Frankreich und England bedeutend größer
als in Deutschland. Dazu finanzierte Frankreich die gewaltigen Kosten
der russischen Heeresverstärkungen und der für den Aufmarsch gegen
Deutschland bestimmten russischen strategischen Eisenbahnen. Und
schließlich steigerte Frankreich seine militärische Kraftanstrengung,
in der es ohnedies schon allen andern Völkern weit voraus war, im Jahre
1913 durch die Rückkehr zur dreijährigen Dienstzeit; es übernahm damit
-- wie heute als erwiesen gelten kann[5], auf russischen Druck -- eine
Last, die das französische Volk angesichts der Heranziehung des letzten
einigermaßen tauglichen Mannes zum Militärdienst ohne die schwerste
wirtschaftliche Schädigung unmöglich für lange Zeit hätte tragen können.

Trotzdem Deutschlands Rüstungen so sehr hinter denjenigen der Länder
des gegnerischen Verbandes, namentlich hinter den Kraftanstrengungen
Frankreichs, zurückblieben -- und das in der von Lloyd George noch
Anfang 1914 anerkannten, besonders schwierigen Lage --, wurde in
den Jahren vor dem Krieg jeder Schritt Deutschlands, der eine
den Rüstungen der möglichen Gegner und der schwieriger gewordenen
politischen Konstellation angepaßte Verstärkung unseres militärischen
Schutzes anstrebte, als Bedrohung des Weltfriedens ausgeschrien. Ich
war selbst Zeuge der ungeheuren Erregung, die die Einbringung unserer
Militärvorlage von 1913 auf einflußreiche Kreise Frankreichs machte.
Diese Vorlage war mehr als ausreichend durch die Machtverschiebung
begründet, die der erste Balkankrieg herbeigeführt hatte. In Frankreich
aber sah man in dem Willen Deutschlands, die gesetzlich bestehende,
aber bisher nicht völlig verwirklichte allgemeine Dienstpflicht
tatsächlich durchzuführen, nur die sich daraus für Frankreich ergebende
Unmöglichkeit, die Friedensstärke des Heeres, trotz des gewaltigen
Abstandes der Bevölkerung gegenüber Deutschland, auch weiterhin auf
annähernd derselben Höhe wie das deutsche Heer zu halten. Man sah es
geradezu als eine Herausforderung Frankreichs an, daß Deutschland
unter dem steigenden Druck der politischen Bedrohung endlich dazu
überging, seine Bevölkerungsüberlegenheit gegenüber Frankreich --
nicht etwa voll auszunutzen, davon war keine Rede, sondern überhaupt
nur in bescheidenem Umfang ins Spiel zu setzen. Rußland durfte mit
französischem Geld ein Heer aufbauen und ausrüsten, das eineinhalbmal
so stark war wie das deutsche allein und ungefähr ebenso stark, wie
das deutsche und österreichisch-ungarische zusammengenommen. Wenn
aber das nicht nur von Frankreich, sondern auch von Rußland bedrohte
Deutschland Miene machte, seine Friedenspräsenz auf Grund seiner
der französischen um mehr als 60 Prozent überlegenen Bevölkerung
auf einen Stand zu bringen, den Frankreich allein nicht mehr halten
konnte, so war das eine unmittelbare Bedrohung und ein brutaler
Erdrosselungsversuch. Und Sir Edward Grey darf sagen, daß die
deutschen Rüstungen solche waren, wie sie nur ein Volk, das den Krieg
beabsichtigt, treffen kann!

                  *       *       *       *       *

Der auf den vorstehenden Blättern gegebene Überblick zeigt:

Die Koalition, der wir uns im Kriege gegenübersahen, hatte ihre
Gemeinsamkeit in Zielen, die nur durch eine Niederkämpfung Deutschlands
und Österreich-Ungarns zu erreichen waren: das Verlangen Frankreichs
nach Revanche und der Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens; der Drang
Rußlands nach Konstantinopel und seine Förderung der allslawischen
Bestrebungen, die in letzter Linie auf eine Bedrohung des Bestandes
der österreichisch-ungarischen Monarchie hinauskamen; der Wunsch
Italiens, die »unerlösten Gebiete« Österreichs sich anzugliedern;
die Sorge Englands um seine durch den deutschen Wettbewerb bedrohte
wirtschaftliche Weltstellung und sein Argwohn gegen die deutsche
Flotte. Demgegenüber war auf unsrer Seite die Politik seit der
Verwirklichung unsrer nationalen Einheit in Verteidigungsstellung:
wir wünschten, ebenso wie Österreich-Ungarn, die Erhaltung unseres
eignen politischen und territorialen Bestandes, waren auf dem Balkan
und auch sonst in der Welt wesentlich an der Erhaltung des status quo
interessiert, wollten offene Tür, freies Feld und Schutz für unsre
wirtschaftliche Betätigung. Fürst Bülow hat einmal vom Dreibund gesagt,
er sei eine Versicherungsgesellschaft, keine Erwerbsgesellschaft.
Von der Triple-Entente kann man sagen, daß sie in erster Linie eine
Erwerbsgesellschaft war. Die britisch-französische Entente begann mit
einem Aufteilungsvertrag, ebenso die britisch-russische Entente. Die
Erwerbsgesellschaft zeigte eine wesentlich stärkere Anziehungskraft
als die Versicherungsgesellschaft; denn über das bloß negative Ziel
der Sicherung des Bestehenden hinaus konnte sie Zuwachs an Land und
Macht als lockende Aussicht zeigen. Je mehr es der geschickten Politik
namentlich Englands gelungen war, die Reibungen zwischen sich und
seinen alten Gegnern Frankreich und Rußland teils durch gewaltsame
Aktionen, teils durch kluges Entgegenkommen zu beseitigen, desto
mehr trat die einigende Kraft der nur durch eine Niederzwingung der
Mittelmächte zu erreichenden Ziele und geheimen Wünsche in Wirksamkeit,
desto leichter wurde es der britischen Staatskunst, ihre gegen
Deutschland, die stärkste Kontinentalmacht und den gefährlichsten
Rivalen in der Weltwirtschaft und der Seegeltung, gerichtete
Einkreisungspolitik durchzuführen. Um so schwerer wurde es auf der
andern Seite für die deutsche Politik, sich der drohenden Isolierung
zu erwehren. Die Durchbrechung des Ringes, der sich enger und enger
um uns zusammenzog, wäre nur möglich gewesen durch die Preisgabe
gewaltiger eigner materieller und ideeller Interessen oder durch
eine Opferung Österreich-Ungarns und den Versuch der Bildung einer
ganz neuen Mächtegruppierung. Und auch dann wäre der Erfolg unsicher
geblieben. Der aufrichtige Wille zum Frieden und die Bereitschaft, in
Fragen, die nicht direkt unsre oder unsres Verbündeten Lebensinteressen
berührten, den Mächten der gegnerischen Koalition weitestes Verständnis
und Entgegenkommen zu zeigen, haben nicht genügt, die politische
Einschnürung zu lockern und den Krieg zu vermeiden.




Die Etappen zum Weltkrieg


Im Sommer 1908 war der diplomatische Aufmarsch der gegnerischen
Koalition im wesentlichen beendigt. Alle wichtigeren Streitfragen
zwischen England, Frankreich und Rußland waren beglichen oder zum
mindesten zurückgestellt. Japan war durch das Bündnis mit England an
das System der Triple-Entente angeschlossen; Italien war, trotz des
Fortbestehens seiner formalen Zugehörigkeit zum Dreibund, durch die
mit ihm getroffenen Abmachungen materiell neutralisiert. Alle nicht
bereinigten großen Konflikte und alle ernsthaft ins Auge zu fassenden
Konfliktsmöglichkeiten betrafen das Verhältnis von Ländern der
Triple-Entente zu Deutschland und Österreich-Ungarn. Das Schicksal der
Welt hing davon ab, ob bei dieser stark angespannten Lage die Kräfte
und Strömungen die Oberhand gewinnen würden, die auf ein vorsichtiges
Ausgleichen der Reibungen und Abbiegen der Reibungsmöglichkeiten
hinwirkten, oder diejenigen Strömungen und Kräfte, die den Zündstoff
zur Explosion bringen mußten.


Die bosnische Krisis

Die Entwicklung der Dinge auf dem Untergrunde dieser Gesamtlage erfuhr
noch im Sommer des Jahres 1908 einen folgenschweren Antrieb in der
_türkischen Revolution_.

Der Sturz des absolutistischen Regimes Abdul Hamids und die Errichtung
der Herrschaft des jungtürkischen Komitees rollte plötzlich die
türkische Frage wieder auf, die für den Weltfrieden stets besonders
gefährlich gewesen war. Bedeutete die Revolution den Beginn der
endgültigen Zersetzung oder eine Konsolidierung des Türkischen Reiches?

Alte Wünsche und Befürchtungen wurden neu geweckt.

Zunächst konnte die Entente mit Befriedigung registrieren, daß der
innere Umschwung die Stellung Deutschlands in der Türkei schwer
bedrohte. Deutschland als bisheriger Freund der Türkei galt als mit
dem bisherigen Regime auf Gedeih und Verderb verknüpft. Die zur Macht
gekommenen jungtürkischen Führer hatten bisher zum großen Teil als
Verbannte in Paris und London gelebt und dort in ihren politischen
Bestrebungen Förderung erfahren. Die Straßen Konstantinopels hallten
jetzt wider von lauten Ovationen für den britischen, den französischen,
ja sogar den russischen Botschafter, während der bisher als allmächtig
geltende Vertreter Deutschlands, Freiherr von Marschall, plötzlich zur
Einflußlosigkeit verdammt schien.

Die Lage wurde für uns noch bedeutend erschwert durch einen Schritt,
den Österreich-Ungarn im Oktober 1908 unternahm. Der Leiter der
österreichisch-ungarischen Politik, Baron Aehrenthal, glaubte sich
genötigt, angesichts der durch den inneren Umsturz in der Türkei
ins Ungewisse gestellten Verhältnisse und angesichts des mächtigen
Antriebes, den -- unter Förderung durch Rußland und England -- die
slawische Bewegung auf dem Balkan erhalten hatte, die Stellung
Österreich-Ungarns in _Bosnien und der Herzegowina_ zu klären. Im
Berliner Vertrag hatte Österreich-Ungarn auf Wunsch der Großmächte die
Besetzung und Verwaltung dieser Länder für unbestimmte Zeit übernommen
und in den seither verflossenen dreißig Jahren ein großes Stück
Kulturarbeit geleistet, das es jetzt durch den jungtürkischen Umsturz
und seine balkanischen Folgeerscheinungen nicht in Frage stellen
lassen wollte. Am 5. Oktober 1908 proklamierte Österreich-Ungarn die
Erstreckung seiner Souveränität auf die beiden Länder. Gleichzeitig
erklärte _Bulgarien_, das bisher formell türkischer Vasallenstaat
gewesen war, seine Unabhängigkeit, wie man in der Türkei annahm, auf
Grund einer Verständigung mit Österreich-Ungarn.

Die Erregung in der Türkei war ungeheuer. Obwohl de facto Bosnien
und die Herzegowina seit dreißig Jahren von der Türkei losgetrennt
waren und die Türkei seither niemals irgendwelche Souveränitätsrechte
in diesen Ländern ausgeübt hatte, empfanden die Jungtürken die
österreichisch-ungarische Proklamation als einen Faustschlag ins
Gesicht, und von seiten der den Mittelmächten nicht wohlgesinnten
Mächte geschah natürlich alles, um Öl ins Feuer zu gießen.

Deutschland als der Verbündete Österreich-Ungarns wurde für den der
jungen Türkei zugefügten Affront mitverantwortlich gemacht. Der
deutsche Botschafter Freiherr von Marschall, der von dem Schritt
Aehrenthals genau so überrascht wurde wie die Türken, sah die durch
den inneren Umschwung ohnedies bedrohten Früchte seiner langjährigen
und erfolgreichen Arbeit in der Türkei durch das Vorgehen des
Bundesgenossen, dessen Notwendigkeit er nicht anerkannte, ernstlich
in Frage gestellt. Ich war damals von der Deutschen Bank nach
Konstantinopel, meinem im Juli, kurz vor Ausbruch der Revolution,
verlassenen früheren Wirkungskreis, gesandt worden, um unter den
schwierig gewordenen Verhältnissen die Interessen des in der Türkei
investierten deutschen Kapitals und der dort arbeitenden deutschen
Unternehmungen wahrzunehmen. Herr von Marschall machte mir aus seinem
Unmut und seiner abfälligen Beurteilung der Aehrenthalschen Politik
kein Hehl und beauftragte mich, nach meiner Rückkehr nach Berlin dem
Fürsten Bülow seine Befürchtungen eindringlich auseinanderzusetzen. Ich
entledigte mich dieses Auftrages. Der Fürst hörte meine Darlegungen
aufmerksam an und antwortete mir dann: »Sagen Sie dem Baron Marschall,
wenn Sie wieder nach Konstantinopel kommen, daß es in der deutschen
Geschichte keinen zweiten Basler Frieden geben darf, und daß ich
jedenfalls einen Basler Frieden nicht machen werde.« Er setzte mir
dann auseinander, daß Österreich-Ungarn die großserbische Bewegung
als eine vitale Gefahr für die Monarchie ansehe und wohl auch ansehen
müsse; daß wir keine Möglichkeit hätten, Österreich-Ungarn bei seinen
Abwehrmaßnahmen gegen diese Gefahr in den Arm zu fallen, daß uns
vielmehr die politische Gesamtkonstellation nötige, uns ohne Wanken
und Schwanken hinter unseren Bundesgenossen bei der Wahrung seiner
Lebensinteressen zu stellen. Der Türkei gegenüber müsse sich unsere
Hilfe darauf beschränken, daß wir ihr zu einem für Österreich-Ungarn
annehmbaren Ausgleich verhülfen und ihr im übrigen auf andern Gebieten
ihre schwierige Lage soweit wie möglich erleichterten.

Nach diesem Programm wurde gehandelt. Unter Mitwirkung der deutschen
Diplomatie kam im Februar 1909 eine Verständigung zwischen
Österreich-Ungarn und der Türkei zustande.

Aber die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina in die
österreichisch-ungarische Souveränität war nicht nur gegenüber der
Türkei durchzukämpfen, sondern in noch viel stärkerem Maße gegenüber
andern nicht unmittelbar beteiligten Mächten. Vor allem kam es
in _Serbien_ geradezu zu einem Wutausbruch; man betrachtete dort
Bosnien und die Herzegowina als großserbisches Gebiet und sah in
der von Österreich-Ungarn ausgesprochenen Annexion eine gegen die
großserbischen Aspirationen gerichtete Maßnahme. Die ganz offen zum
Kriege treibende großserbische Partei fand Rückendeckung bei Rußland,
obwohl Iswolski, damals Minister der Auswärtigen Angelegenheiten in
Petersburg, wenige Wochen vor der Verkündigung der Annexion von Baron
Aehrenthal, allerdings ohne Terminangabe, über die österreichische
Absicht verständigt worden war und keinen Widerspruch erhoben
hatte. Bezeichnend war aber vor allem, daß fast noch mehr als
Rußland die _britische Regierung_ sich entrüstete und Stellung gegen
Österreich-Ungarn nahm. Die britische Regierung, die wenige Jahre
zuvor mit Frankreich über die marokkanischen Angelegenheiten eine
Abmachung getroffen hatte, die nicht nur eine formale sondern auch
eine schwerwiegende materielle Verletzung der Madrider Konvention war,
stellte sich jetzt gegenüber dem Vorgehen Österreich-Ungarns, das
allerdings einen formalen Verstoß gegen den Berliner Vertrag bedeutete,
materiell aber keine Änderung in dem bisherigen Zustande schuf, mit
aller Strenge auf den an sich zweifellos berechtigten Standpunkt,
daß internationale Verträge nur im Einverständnis der sämtlichen
Unterzeichner abgeändert werden dürften. In Petersburg arbeitete die
britische Diplomatie, vertreten durch den Botschafter Sir Arthur
Nicolson, den Vater der britisch-russischen Entente, mit allen Mitteln
auf eine Verschärfung des österreichisch-russischen Konflikts. Obwohl
keinerlei britische Interessen im Spiel waren, sagte die britische
Regierung der russischen die weitestgehende diplomatische Unterstützung
zu. Es liegen Anzeichen dafür vor, daß auch über die diplomatische
Unterstützung hinaus die britische Regierung der russischen jede
Aufmunterung zuteil werden ließ, die für eine kriegerische Zuspitzung
erforderlich war. Ebenso wie im Jahre 1905 der französischen
Regierung für den Fall eines kriegerischen Austrages der Marokkofrage
militärische Unterstützung angeboten worden war, wurde jetzt der
russischen Regierung die Aussicht auf britische Waffenhilfe gezeigt.
Späterhin ist eine Äußerung Sir Edward Greys bekanntgeworden, die
dieser nach Rußlands Einlenken zu dem russischen Geschäftsträger getan
hat: Die Entscheidung über Krieg und Frieden hänge in England nicht
von der Regierung, sondern von der öffentlichen Meinung ab; er habe
aber das Gefühl gehabt, daß die öffentliche Meinung in England genügend
vorbereitet gewesen sei, um der Regierung ein Eingreifen Englands an
der Seite Rußlands in den Krieg zu ermöglichen.

Die deutsche Politik der »Nibelungentreue« erzielte damals einen
vollen Erfolg. Trotz der englischen Aufstachelung zog es die
russische Regierung vor, auf einen deutschen Vorschlag einzugehen,
der ihr ermöglichte, bei der Aufgabe des Widerspruchs gegen den
österreichisch-ungarischen Schritt einigermaßen das Gesicht zu
wahren. Es ist kein Zweifel, daß die klare Bekundung der unbedingten
Entschlossenheit des Deutschen Reichs, auf jede Gefahr hin zu dem
österreichisch-ungarischen Verbündeten zu stehen, in erster Reihe
dazu beigetragen hat, den Krieg zu vermeiden. Ein von Deutschland
nicht unzweideutig gedecktes Österreich-Ungarn hätte entweder sich den
lärmenden Forderungen der Serben und ihrer Hintermänner unterwerfen
müssen, oder es wäre zum Krieg gekommen, den gegen Österreich-Ungarn
_und_ Deutschland zu führen man sich an der Newa nach der Schwächung
durch den russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren nicht stark
genug fühlte.


Verständigungsversuche mit Frankreich und Rußland

Frankreich zeigte, im Gegensatz zu England, in jener Krise eine
bemerkenswerte Zurückhaltung. Diese mag verursacht gewesen sein einmal
dadurch, daß man in Paris die mangelhafte Bereitschaft des russischen
Bundesgenossen genau kannte; dann aber mag mitgewirkt haben, daß gerade
in jener Zeit die deutsche Regierung Verhandlungen mit Frankreich
über die Schaffung eines modus vivendi in Marokko einleitete, die am
9. Februar 1909 zu einem Abkommen führten, das man in Frankreich als
weitherziges deutsches Entgegenkommen mit Fug und Recht betrachten
konnte. Während die französische Regierung erneut die Unabhängigkeit
und Integrität des Sultanats Marokko zu respektieren versprach,
erkannte die deutsche Regierung die besonderen politischen Interessen
Frankreichs an der Festigung des Friedens und der Ordnung im Innern
Marokkos an und stellte ausdrücklich fest, daß sie selbst in Marokko
lediglich wirtschaftliche Interessen verfolge. Dafür verpflichtete
sich die französische Regierung, die kaufmännischen und industriellen
Interessen Deutschlands in Marokko nicht zu beeinträchtigen.
Schließlich kamen beide Regierungen dahin überein, keinerlei
wirtschaftliches Vorzugsrecht in Marokko zu schaffen und dahin zu
streben, ihre Staatsangehörigen in den Geschäften, deren Ausführung
ihnen übertragen werden könnte, zu gemeinschaftlichem Vorgehen zu
verbinden.

Das Abkommen mit Frankreich war, ebenso wie die glückliche Beilegung
des österreichisch-russischen Konflikts, im wesentlichen das Werk des
Gesandten von Kiderlen-Wächter, der damals in Vertretung des erkrankten
Herrn von Schoen das Auswärtige Amt leitete.

Kiderlens Absicht war, die marokkanische Streitfrage in einer
für Deutschland erträglichen Weise zu liquidieren, dadurch das
deutsch-französische Verhältnis von einer schweren Belastung zu
befreien und darüber hinaus ein wirtschaftliches Zusammenarbeiten der
beiden Nationen herbeizuführen und so auf einem nicht unwichtigen
Gebiet, das bisher Reibungsfläche war, eine Interessensolidarität
zu begründen. Es ist dies, in der Anwendung auf den marokkanischen
Einzelfall, der Grundgedanke der Politik, die Kiderlen in den folgenden
Jahren als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Übereinstimmung mit
dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg verfolgt hat, um die gespannte
politische Atmosphäre zu entlasten und den Ring der Einkreisung zu
lockern.

Ein nach dieser Richtung gehender Versuch wurde im Jahre 1910 mit
Rußland eingeleitet. Die Verhältnisse lagen hier besonders schwierig.
Die bosnische Angelegenheit hatte auch nach ihrer formalen Beilegung
eine tiefgehende Verstimmung _Rußlands_ gegen Österreich-Ungarn
hinterlassen. Das kam symptomatisch zum Ausdruck, als der Zar im
Herbst 1909 den König von Italien in Racconigi besuchte und sowohl
auf der Hinreise wie auf der Rückreise einen großen Umweg machte,
um jede Berührung österreichisch-ungarischen Gebietes zu vermeiden.
Die Tatsache dieser Begegnung selbst, an der auch die beiderseitigen
Minister teilnahmen und bei der die Fragen des Balkans zweifellos
einen wichtigen Gegenstand der Unterhaltungen bildeten, war ein
weiteres Anzeichen der Annäherung Italiens an den Dreiverband und
der Ausbildung des italienisch-österreichischen Gegensatzes in den
Balkanangelegenheiten.

Die Bemühungen der deutschen Regierung, in den Beziehungen zu Rußland
eine Entspannung herbeizuführen, hatten schließlich den Erfolg, daß
gegen Ende des Jahres 1910 eine Zusammenkunft des Zaren, der von
seinem neuen Minister des Auswärtigen, Herrn Ssasonoff, begleitet war,
mit Kaiser Wilhelm II. in Potsdam zustande kam. Das Ergebnis der
Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Staatsmännern war einmal ein
solches allgemein-politischer Natur, dann ein Sonderabkommen, das sich
auf Persien und die Bagdadbahn bezog.

Über das allgemeine politische Ergebnis teilte Herr von Bethmann
Hollweg am 10. Dezember 1910 im Reichstag mit:

»Als Resultat der letzten Entrevue möchte ich bezeichnen, daß von neuem
festgestellt wurde, daß sich beide Regierungen in keinerlei Kombination
einlassen, die eine aggressive Spitze gegen den andern Teil haben
könnte. In diesem Sinne haben wir insbesondere Gelegenheit gehabt zu
konstatieren, daß Deutschland und Rußland ein gleichmäßiges Interesse
an der Aufrechterhaltung des status quo am Balkan und überhaupt im
nahen Orient haben und daher keinerlei Politik unterstützen werden --
von welcher Seite sie auch kommen könnte --, welche auf Störung jenes
status quo gerichtet wäre.«

Das in Potsdam vereinbarte Sonderabkommen enthielt von deutscher
Seite die Anerkennung der politischen Sonderstellung Rußlands in
Nordpersien unter Vorbehalt der Gleichberechtigung des Handels
aller Nationen. Während Deutschland sich am Bau von Eisenbahnen und
sonstigen Verkehrsanlagen in Persien nördlich einer gewissen Linie
desinteressierte, übernahm es Rußland, das persische Eisenbahnnetz
auszubauen. Rußland sagte ferner zu, dem Ausbau der Bagdadbahn, den
es bisher nach Kräften zu hindern versucht hatte, nicht weiter
entgegen sein zu wollen und den auf persischen Boden fallenden Teil
einer Verbindungsbahn Bagdad-Teheran innerhalb einer bestimmten Zeit
herzustellen; wenn diese Verpflichtung nach Ablauf der Frist nicht
erfüllt sei, sollte russischerseits der Ausführung auch des persischen
Teils der Verbindungsbahn durch Deutschland nicht widersprochen werden.

Wenn die allgemein-politische Vereinbarung von russischer Seite
ehrlich gemeint und im weiteren Verlauf der Dinge ehrlich durchgeführt
worden wäre, so wäre sie eine für die weitere Entwicklung der
Völkergeschichte hochbedeutsame Entschärfung der gegen den Zweibund
Deutschland-Österreich-Ungarn gerichteten Tendenzen des Dreiverbandes
gewesen.

Das Sonderabkommen stellte für Rußland eine Ergänzung zu dem Abkommen
mit England vom Jahre 1907 dar. Die deutsche Politik verfolgte mit
dem Abkommen das Ziel, durch Zugeständnisse an Rußland in Persien
die Streitfragen der Bagdadbahn zwischen Rußland und Deutschland zu
begleichen und in der in Aussicht genommenen Verbindung zwischen
dem russisch-persischen und dem deutsch-türkischen Eisenbahnnetz in
ähnlicher Weise eine Grundlage für solidarische Interessen zu schaffen,
wie es gegenüber Frankreich in dem Marokko-Abkommen vom Februar 1909
versucht worden war.

In England und namentlich in Frankreich war die Erregung über die
deutsch-russische Aussprache groß. Es setzte sofort der stärkste
diplomatische und publizistische Druck auf Rußland ein, um die
Potsdamer Verständigung abzuschwächen oder unwirksam zu machen. Die
Haltung der russischen Regierung zeigte bald, daß dieser Druck nicht
ohne Einfluß blieb. Die Mitteilungen des deutschen Reichskanzlers über
den allgemein-politischen Teil der Potsdamer Verständigung wurden von
russischer Seite niemals klar und präzis bestätigt, freilich auch nicht
abgestritten. Die von Deutschland gewünschte schriftliche Fixierung
des allgemein-politischen Ergebnisses der Potsdamer Aussprache wurde
von der russischen Regierung nicht beliebt. Auch die schriftliche
Festlegung des Sonderabkommens verzögerte sich, nicht zum wenigsten
unter der Einwirkung französischer Quertreibereien, um eine Anzahl von
Monaten; es wurde erst am 19. August 1911 in Petersburg unterzeichnet.


Die Marokkokrisis von 1911

Die von Deutschland versuchte Entspannung der politischen Lage stellte
sich nicht ein.

Die deutsch-französischen Beziehungen blieben auch nach dem Abkommen
vom Februar 1909 unter dem Einfluß der Marokko-Angelegenheit. Es
zeigte sich bald, daß das genannte Abkommen die Marokkofrage nicht
zur Liquidation gebracht hatte. Die Franzosen zeigten sich schwierig
in der Zulassung deutscher Unternehmungen zur Beteiligung an den
großen wirtschaftlichen Aufgaben, die in Marokko zu lösen waren,
insbesondere auf dem Gebiet des Bergbaus, der Eisenbahnen und des
Hafenbaus. Auf der andern Seite beobachtete man in Deutschland mit
steigendem Mißtrauen, wie Frankreich die Anerkennung seiner politischen
Sonderstellung in Marokko dazu benutzte, um durch allerlei an sich
kleine und unscheinbare Expeditionen die von ihm gleichfalls anerkannte
Souveränität und Integrität des Sultanats Marokko mehr und mehr zu
unterhöhlen. Jeder Teil warf dem andern vor, daß er mehr verlange,
als ihm zustehe, während er ihm das vorenthalte, was ihm das Abkommen
zugesprochen habe. Nur daß Deutschlands Ansprüche auf Beteiligung an
den wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes dauernd platonisch
blieben, während Frankreichs fortschreitende militärische Durchdringung
des Sultanats und die im Frühjahr 1910 mit der Gewährung einer großen
Anleihe herbeigeführte französische Kontrolle über die sämtlichen
marokkanischen Einnahmen durchaus reale Tatsachen darstellten.

Die Lage wurde unerträglich, als Frankreich im Frühjahr 1911, eine
angebliche Bedrohung der Europäer zum Vorwand nehmend, den Vormarsch
auf die Landeshauptstadt Fez aufnahm und diese am 21. Mai 1911 besetzte.

Die deutsche Regierung erhob zwar gegen diese Unternehmung, die den
letzten Rest von Unabhängigkeit des Sultanats vor aller Welt klar
zerstörte, keinen offiziellen Einspruch, ließ jedoch durch halbamtliche
Kundgebungen und auch in Unterhaltungen mit dem französischen
Botschafter in Berlin keinen Zweifel daran, daß durch das Vorgehen
Frankreichs die Algeciras-Akte tatsächlich beseitigt und dadurch der
deutschen Regierung freie Hand gegeben sei. Die deutsche Politik
hatte nicht die Absicht, die von ihr als wiedergewonnen festgestellte
Handlungsfreiheit zu benutzen, um nun ihrerseits in Marokko zu
intervenieren; ihre Absicht war vielmehr, mit Frankreich über Marokko
nunmehr zu einem direkten Abkommen zu gelangen, wie es Frankreich
vor Algeciras mit England, Spanien und Italien abgeschlossen hatte.
Allerdings war Kiderlen nicht gewillt, die Franzosen Marokko entgegen
der Algeciras-Akte und entgegen dem deutsch-französischen Abkommen
vom Februar 1909 einfach in die Tasche stecken zu lassen, ohne daß
mit Deutschland darüber auch nur ein Wort gesprochen würde. Eine
solche Verwirklichung der alten Delcasséschen Politik der Ignorierung
Deutschlands, über die Algeciras-Akte und das Februar-Abkommen hinaus,
war Kiderlen entschlossen, unter allen Umständen zu verhindern.

Das Gelbbuch, das die französische Regierung später veröffentlicht
hat, gibt Zeugnis davon, mit welcher Eindringlichkeit Kiderlen dem
französischen Botschafter in Berlin, Jules Cambon, schon vor der
Besetzung von Fez Vorschläge wegen einer Verständigung nahelegte.
Schon am 14. März 1911 sagte -- nach Ausweis des Gelbbuchs -- Sir
Edward Grey zu dem französischen Botschafter in London, Paul Cambon:
»Les conversations de M. de Kiderlen avec M. Jules Cambon semblaient
indiquer chez le Gouvernement Allemand un désir d'entente«; und
am 7. April, zehn Tage vor der Entscheidung über die Entsendung
des Expeditionskorps nach Fez, teilte Kiderlen dem französischen
Botschafter in Berlin schriftlich mit, daß er, falls die Verhältnisse
in Marokko sich zuspitzen sollten, durchaus bereit sei, mit der
französischen Regierung in einen Meinungsaustausch über die Maßnahmen
einzutreten, die diese dann glaube ergreifen zu sollen.

Die französische Regierung zog es vor, den Marsch auf Fez zu befehlen,
ohne in den von der deutschen Regierung für diesen Fall nahegelegten
Meinungsaustausch einzutreten.

Nach der Besetzung von Fez wurden die Hinweise des Kanzlers und
Kiderlens auf die Unhaltbarkeit der dadurch geschaffenen Lage
häufiger und dringlicher. Am 21. und 22. Juni hatte Kiderlen in
Kissingen eine Aussprache mit Jules Cambon, der daraufhin nach Paris
reiste. »Rapportez-nous quelque chose de Paris« -- mit diesen Worten
verabschiedete sich Kiderlen von seinem Gast. Aber auch dieser
letzte Versuch, Frankreich zu einer gütlichen Auseinandersetzung
mit Deutschland über Marokko zu bewegen, blieb in Paris ohne jeden
Widerhall.

Wenn Deutschland sich nicht gänzlich auf die Seite drücken und sich
die hartnäckige Mißachtung seiner durch die Algeciras-Akte verbrieften
Stellung in Marokko ohne Gegenwehr gefallen lassen wollte, mußte jetzt
mit einer nicht mehr zu verkennenden und nicht mehr zu ignorierenden
Handlung eingegriffen werden. Die deutsche Regierung entschloß sich zur
Entsendung des »Panther« nach Agadir.

Der Zweck dieses Schrittes, der alsbald in Frankreich und England
die größte Aufregung hervorrief, ist nach dem oben Ausgeführten
klar: Frankreich sollte gezwungen werden, endlich mit Deutschland
über Marokko ernsthaft zu sprechen und für das von ihm angestrebte
Protektorat die deutsche Zustimmung ebenso durch das Angebot von
Kompensationen zu sichern, wie es sich die Zustimmung Englands,
Spaniens und Italiens früher erworben hatte. An territoriale
Kompensationen in Marokko selbst dachte die deutsche Regierung
nicht; sie wollte im Gegenteil die Marokkofrage endgültig ausräumen,
Frankreich politisch ganz freie Hand lassen und sich nur einen
ausreichenden vertragsmäßigen Schutz für die deutschen Unternehmungen
und die Freiheit des deutschen Handels sichern. Die eigentliche
Kompensation für Marokko suchte die deutsche Politik auf kolonialem
Gebiet. Aber da es sich darum handelte, für die Aufgabe des deutschen
Mitbestimmungsrechtes über Marokko andere Kompensationen einzuhandeln,
konnte das deutsche Mitbestimmungsrecht, solange ausreichende
Kompensationen nicht gesichert waren, nicht aufgegeben, es mußte
vielmehr nach Möglichkeit unterstrichen werden.

Im Ausland wie in Deutschland selbst entstand zunächst der Eindruck,
als ob mit dem Erscheinen des »Panther« auf der Reede von Agadir eine
deutsche Festsetzung in Marokko beabsichtigt sei. Als dann später die
Grundzüge des mit Frankreich verhandelten Abkommens bekannt wurden,
bildete sich die Meinung heraus, daß die deutsche Regierung, gezwungen
durch das von ihr nicht vorausgesehene Eingreifen Englands, gegen ihre
ursprüngliche Absicht auf einen Anteil an Marokko verzichtet habe.

Diese Auffassung ist falsch. Die deutsche Regierung hat von Anfang
an bekanntgegeben, daß mit der Entsendung des »Panther« eine
Besitzergreifung nicht beabsichtigt sei. Sie hat mit dem französischen
Botschafter über die Anerkennung des französischen Protektorats über
Marokko gegen territoriale Kompensationen in Mittelafrika schon
verhandelt, ehe Lloyd George am 21. Juli seine berühmt gewordene
Rede im Mansion-House hielt. Wie wenig aber den sich für Marokko
interessierenden deutschen Kreisen der Gedanke, aus Marokko ganz
herauszugehen, in den Kopf wollte, zeigt folgender kleine Vorfall:

Nachdem Kiderlen, der am 1. Juli, dem Tag des Erscheinens des
»Panther« vor Agadir, von Berlin abwesend war, zurückgekehrt war,
besuchte ich ihn im Auswärtigen Amt. Ich traf im Vorzimmer einen
bekannten alldeutschen Schriftsteller, der mir erzählte, er habe sich
bei Kiderlen anmelden lassen, um ihm zu der Sicherung des deutschen
Anteils an Marokko zu gratulieren. Als mich Kiderlen nach dem kurzen
Besuch dieses Herrn empfing, fragte ich ihn nach dem Verlauf der
Unterhaltung. Kiderlen schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn
und sagte lachend: »Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, daß wir in
Marokko gar nichts wollen; aber ich hatte gut reden: der dumme Kerl (in
Wirklichkeit war der Ausdruck noch etwas derber) hat es mir einfach
nicht geglaubt.«

Der Verlauf der Angelegenheit ist bekannt. Nachdem die französische
Regierung begriffen hatte, daß Deutschland nicht gewillt sei, sich
ausschalten zu lassen, begann sie durch ihren Berliner Botschafter
Verhandlungen auf der von der deutschen Regierung gewünschten Grundlage
einer Kompensation in Mittelafrika. Die ohnedies nicht leichten
Verhandlungen wurden durch die Einmischung Englands noch wesentlich
erschwert. Obwohl England sich in dem Abkommen von 1904 Frankreich
gegenüber in Marokko völlig desinteressiert hatte, erklärte Sir Edward
Grey bereits drei Tage nach dem Erscheinen des »Panther« vor Agadir,
daß England keine neue Abmachung anerkennen werde, die ohne seine
Mitwirkung zustandegekommen sei. Die englische Presse tat alles, um
die durch den »coup d'Agadir« gereizte französische Empfindlichkeit
noch weiter aufzustacheln. Die Absicht, es nicht zu einem friedlichen
Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland kommen zu lassen, war
unverkennbar. Den Höhepunkt erreichte dieses Treiben mit der Rede, die
Lloyd George, nach Feststellung ihres Wortlautes im Ministerrat, am
21. Juli 1911 im Mansion-Haus gehalten hat; deren Hauptstelle lautete:

»Wenn uns eine Situation aufgezwungen würde, in welcher der Friede
nur durch das Aufgeben der großen und wohltätigen Stellung erhalten
werden könnte, die England sich in Jahrhunderten des Heldentums und des
Erfolges errungen hat, und nur dadurch, daß Großbritannien in Fragen,
die seine Lebensinteressen berühren, in einer Weise behandelt würde,
als ob es im Rat der Nationen gar nicht mehr mitzähle, dann würde ein
Friede um jeden Preis eine Erniedrigung sein, die ein großes Land, wie
das unsrige, nicht ertragen könnte.«

Während also Frankreich unter Führung des einer Verständigung geneigten
Ministerpräsidenten Caillaux verhandelte, hielt es die britische
Regierung für angemessen, eine weithinschallende Kriegsdrohung in
die Welt zu schleudern. Warum? -- Die von Lloyd George gegebenen
Gründe waren Scheingründe. Niemand in Deutschland dachte daran,
Englands Weltstellung in einer Frage zu beeinträchtigen, an der
sich England sieben Jahre zuvor selbst desinteressiert hatte.
Britische Lebensinteressen kamen um so weniger in Frage, als die
britische Regierung darüber, daß Deutschland keine Festsetzung an
der atlantischen Küste Marokkos beabsichtigte -- wäre das überhaupt
eine Bedrohung britischer »Lebensinteressen« gewesen? --, vielmehr
Kompensationen in andern Gebieten suchte, genau unterrichtet war
und als noch am 21. Juli selbst, vor der Rede Lloyd Georges, der
deutsche Botschafter in einer von Sir Edward Grey herbeigeführten
Unterhaltung die Deutschland von diesem zugeschriebenen Absichten
mit Entschiedenheit in Abrede gestellt hatte. Für das Verhalten der
britischen Regierung blieb also nur das eine Motiv, das der deutsche
Botschafter nach der Rede Lloyd Georges gegenüber Sir Edward Grey klipp
und klar mit folgenden Worten bezeichnete:

»Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die politische
Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen Entladung
zuzuführen, so hätte sie allerdings kein besseres Mittel wählen können
als die Rede des Schatzkanzlers.«

Aber die britische Regierung begnügte sich damals nicht nur mit Worten.
Ebenso wie sie im Jahre 1905 Herrn Delcassé die Unterstützung durch
ein britisches Expeditionskorps angeboten hatte, setzte sie jetzt ihre
Flotte in Bereitschaft und traf alle Vorkehrungen für die Überführung
eines Landheeres nach -- Flandern. Aus den Enthüllungen des britischen
Hauptmanns Faber und aus den Brüsseler Akten wissen wir heute, daß die
britische Regierung damals entschlossen war, »en tout état de cause«,
und zwar auch ohne Zustimmung der belgischen Regierung, in Flandern zu
landen oder einzumarschieren.

Die ebenso ruhige wie feste Haltung der deutschen Regierung hat damals
die Kriegsgefahr abgewendet.

Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam der deutsch-französische
Vertrag vom 4. November 1911 zustande, der uns gegen die Anerkennung
des französischen Protektorats über Marokko Teile des französischen
Kongo brachte. Eine großzügigere Abrundung unsres afrikanischen
Kolonialbesitzes, wie sie ursprünglich Kiderlen vorgeschwebt hatte,
scheiterte teils an dem durch England aufgemunterten französischen
Widerstand, teils aber auch an der vom Kolonialamt unterstützten
Auflehnung der deutschen Kolonialkreise gegen einen Austausch bisher
deutscher Kolonialgebiete.

Die Marokkofrage war nun zwar »liquidiert«; aber statt daß durch diese
Beseitigung eines alten und gefährlichen Reibungspunktes zwischen den
beiden Ländern eine Entspannung herbeigeführt worden wäre, trat --
von England aus eifrig gefördert -- das Gegenteil ein. In Deutschland
wurde der diplomatische Erfolg, daß Frankreich gegen seinen Willen
gezwungen worden war, sich mit uns über Marokko zu verständigen
und uns aus seinem Eigenen Kompensationen zu gewähren, durch den
Eindruck beeinträchtigt, ja aufgehoben, daß England durch eine brutale
Kriegsdrohung uns zu einem Rückzug gezwungen habe. In Frankreich
empfand man es als eine bittere Demütigung, daß man durch einen
deutschen Gewaltstreich gezwungen worden sei, um des lieben Friedens
willen französische Gebiete herauszugeben. Gedeckt und angestachelt
durch britische Ermunterung und in der Hoffnung auf die fortschreitende
Verstärkung und Reorganisation des russischen Heeres erhob der
französische Chauvinismus in neuer Kraft und in neuen Hoffnungen sein
Haupt.

Auch dieser Versuch der deutschen Politik, die europäische Lage
durch Beseitigung von Reibungspunkten zu erleichtern, hat also sein
Ziel nicht erreicht. Die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich
bestand vielmehr in unverminderter Schärfe fort.


Lord Haldanes Mission

Dagegen schien es, als ob die Krisis des Jahres 1911 und die endgültige
Erledigung der Marokkofrage eine entspannende Wirkung auf das
deutsch-englische Verhältnis ausüben sollte.

Die Verpflichtung Englands auf Grund des Vertrages von 1904, der
französischen Regierung in der Marokkofrage Hilfe zu leisten, hatte
die Möglichkeit eines deutsch-englischen Konflikts enthalten,
der jederzeit akut werden konnte und in den Jahren 1905 und 1911
tatsächlich akut geworden war. Diese Verpflichtung und damit die in ihr
enthaltene Kriegsmöglichkeit war durch die Liquidation der Marokkofrage
gegenstandslos geworden, und damit war das deutsch-britische Verhältnis
in der Tat erheblich entlastet. Dazu hatten die Vorgänge des Jahres
1911 in England selbst eine gewisse Reaktion gegen die Politik
ausgelöst, die infolge von dem Parlament und einem großen Teil des
Kabinetts selbst vorenthaltenen Verpflichtungen unmittelbar an den Rand
des Krieges geführt hatte.

Wie weit diese Verhältnisse auf die Haltung der britischen Regierung
einwirkten, wie weit andere Gesichtspunkte maßgebend waren --
jedenfalls zeigte sich das britische Kabinett bereit, auf einen vom
deutschen Reichskanzler angeregten Versuch zu einer Verständigung
einzugehen. Lord Haldane, der britische Kriegsminister und Organisator
des britischen Heeres, wurde in besonderer Mission nach Berlin entsandt
(Februar 1912), um die Möglichkeiten einer Verständigung mit der
deutschen Regierung durchzusprechen.

Lord Haldane stellte bei diesen Verhandlungen eine Verständigung
über eine Einschränkung der weiteren Verstärkung der beiderseitigen
Kriegsflotten in den Vordergrund. Das von deutscher Seite damals
vorbereitete neue Flottengesetz, das eine Verstärkung unsrer
Kriegsflotte und eine organisatorische Erhöhung ihrer Schlagfertigkeit
bringen sollte, hatte in England die Besorgnisse vor einem allzu
starken Anwachsen der deutschen Flotte aufs neue geweckt. Man griff auf
den schon im Jahre 1904 eingeleiteten Versuch zurück, das unbedingte
Übergewicht der britischen Flotte auf dem billigeren Wege einer
Verständigung über das Ausmaß neuer Kriegsschiffbauten zu erhalten.
Auf deutscher Seite lehnte man eine solche Verständigung nicht a
limine ab, stellte jedoch eine allgemein-politische Verständigung
in den Vordergrund. »Ich fragte den englischen Minister,« so sagte
Herr von Bethmann Hollweg später im Reichstag, »ob ihm nicht eine
offene Verständigung mit uns, eine Verständigung, die nicht nur
einen deutsch-englischen Krieg, sondern überhaupt jeden Weltkrieg
ausschließen würde, mehr wert sei als ein paar deutsche Dreadnoughts
mehr oder weniger.« Es entspann sich dann der Meinungsaustausch über
eine Formel, die das Verhältnis zwischen Deutschland und England für
den Fall eines Krieges einer dieser Mächte mit einer dritten Macht
regeln sollte. Es ist bekannt, daß dieser Meinungsaustausch, der nach
der Rückreise Lord Haldanes in London fortgesetzt wurde, schließlich
ergebnislos abgebrochen werden mußte. Der Vorschlag, den Lord Haldane
nach London mitnahm und dem er persönlich zugestimmt hatte, enthielt
eine bedingte Neutralitätsverpflichtung: falls eines der beiden
Länder in einen Krieg verwickelt werde, in dem es nicht der Angreifer
sei, so werde das andere Land wohlwollende Neutralität beobachten
und das Äußerste tun, um den Kampf räumlich einzuschränken. Wie mir
der Großadmiral von Tirpitz später mitgeteilt hat, sei er bereit
gewesen, auf Grundlage einer solchen Abmachung genau das zu tun, was
Haldane für eine Flottenverständigung vorgeschlagen habe. Trotzdem
wurde Haldane von seiner Regierung desavouiert. Sir Edward Grey
erklärte nach Berichten des deutschen Botschafters, ein unbedingtes
Neutralitätsabkommen -- was die deutsche Formel nicht war -- würde die
französische Empfindlichkeit reizen, und er wolle das freundschaftliche
Verhältnis zu Frankreich und Rußland nicht in Frage stellen. Sein
Gegenvorschlag war lediglich eine Erklärung, daß England keinen
unprovozierten Angriff auf Deutschland machen und keiner Abmachung
angehören oder beitreten werde, die einen solchen Angriff bezwecke.
Den vom Reichskanzler gewünschten Zusatz, der aus dieser Erklärung die
Folgerung zog, auf die es ankam: »England wird daher selbstverständlich
wohlwollende Neutralität bewahren, sollte Deutschland ein Krieg
aufgezwungen werden«, lehnte die britische Regierung ab, da jede über
ihren Vorschlag hinausgehende Verständigungsformel die Beziehungen zu
Rußland und Frankreich gefährden würde.

England wollte sich also für den Fall eines Krieges, in den Deutschland
verwickelt werden würde, auch wenn dieser Krieg nicht von Deutschland
herbeigeführt, sondern ihm aufgezwungen werden würde, freie Hand
vorbehalten -- genau die Haltung, die es Ende Juli 1914, als der
Weltkrieg in Sicht kam, tatsächlich eingenommen hat.

Eine Formel, die England lediglich darauf festlegte, daß es keinen
unprovozierten Angriff auf Deutschland machen werde, England aber freie
Hand im Falle eines Deutschland aufgezwungenen Kriegs vorbehielt,
erschien der deutschen Regierung nicht als genügend. Es hatte sich
im Verlauf der Verhandlungen klar gezeigt, daß der von der deutschen
Regierung erstrebte Zweck, durch ein Neutralitätsabkommen mit England
eine ähnliche Versicherung gegen einen Weltkrieg zu erreichen, wie sie
seinerzeit im Rückversicherungsvertrag mit Rußland bestanden hatte, bei
der britischen Regierung nicht durchzusetzen war. Das lag offenkundig
an dem bei den Verhandlungen deutlich gezeigten britischen Mißtrauen in
die deutschen Absichten und an dem zielbewußten Willen der britischen
Politik, gegen Deutschland als die stärkste Kontinentalmacht und den
gefährlichsten Rivalen zur See und in der Weltwirtschaft unter allen
Umständen eine starke Koalition zusammenzuhalten, um sich dieser
Koalition bei günstiger Gelegenheit zur Niederkämpfung Deutschlands zu
bedienen.

Die deutsche Politik suchte in der Folgezeit das englische Mißtrauen in
ihre Absichten zu überwinden, einmal dadurch, daß sie den Ausbau der
Flotte ohne formelle Abmachung dem von Lord Haldane vorgeschlagenen
Verhältnis zwischen der britischen und deutschen Flottenstärke anpaßte,
dann indem sie auf wichtigen Sondergebieten -- Kolonialfragen,
Bagdadbahn, Mesopotamien und Persischer Golf -- mit England zu einer
Verständigung zu gelangen suchte.


Der Tripoliskrieg

Inzwischen hatten die deutsch-französischen Verhandlungen über Marokko
eine neue Komplikation ausgelöst:

Italien, das schon seit Jahren durch französische und englische
Zusagen über Tripolis abgefunden worden war, glaubte jetzt, wo sich
das französische Protektorat über Marokko verwirklichte, nicht länger
zuwarten zu können. Noch ehe die deutsch-französischen Verhandlungen
über Marokko formell zum Abschluß gekommen waren, Ende September
1911, kündigte der italienische Botschafter der Pforte an, Italien
werde angesichts der fortdauernden Nichtachtung seiner Interessen
in Tripolis und der Cyrenaika die Wahrung seiner Interessen in die
eigne Hand nehmen und zu diesem Zweck diese beiden afrikanischen
Provinzen der Türkei besetzen; die türkische Regierung möge Vorkehrung
treffen, daß dieser Besetzung kein Widerstand geleistet werde. Auf die
Ablehnung dieser Zumutung durch die Türkei folgte die italienische
Kriegserklärung.

Noch mehr als Österreich-Ungarns Vorgehen bei der Annexion von Bosnien
und der Herzegowina war dieser Gewaltstreich des italienischen
Bundesgenossen eine Belastung des deutschen Verhältnisses zur Türkei
und darüber hinaus eine Belastung des Dreibundes. Die deutsche
Diplomatie hat diese Belastungsprobe bestanden. Das Verhältnis
zur neuen Türkei war inzwischen -- nicht zum wenigsten durch die
finanzielle Hilfe, die Deutschland im Jahre zuvor in einer kritischen
Lage der Türkei gewährt hatte -- so weit gekräftigt, daß es sich
der neuen Belastung gewachsen zeigte, zumal da Deutschland und
Österreich-Ungarn bei Italien die Abstandnahme von Angriffen auf die
Küsten der europäischen Türkei durchzusetzen vermochten. In Italien
erkannte die Regierung die loyale Haltung, die ihre Verbündeten in
einer heiklen Lage betätigten, dankbar an.

Dagegen rief der Tripoliskrieg vorübergehend eine scharfe Spannung
zwischen Italien und Frankreich hervor, als Frankreich heftig und in
verletzenden Formen gegen die Aufbringung französischer Schiffe, die
Kriegsgerät für die in Tripolis kämpfenden türkischen Truppen an Bord
hatten, protestierte. Auch gegen England kam es in Italien zu einer
Verstimmung, als jenes bald nach Ausbruch des Tripoliskrieges den
bisher zu Tripolitanien gehörigen Hafen von Solum, nahe der ägyptischen
Grenze, kurzerhand besetzte. Dazu kam, daß auch zwischen Rußland
und England aus Anlaß des Tripoliskrieges eine nicht unerhebliche
Schwierigkeit entstand, über die bisher meines Wissens in der
Öffentlichkeit nichts bekanntgeworden ist. Die türkische Regierung
hatte aus Besorgnis vor italienischen Angriffen die Dardanellen
gesperrt. Die sich daraus ergebende Behinderung der russischen
Handelsschiffahrt wurde von der russischen Regierung benutzt, um die
Dardanellenfrage aufzuwerfen. Der russische Botschafter Tscharikoff
stellte bei der Pforte weitgehende Forderungen. Die englische
Diplomatie hielt sich demgegenüber vorsichtig zurück, offenbar in der
Hoffnung, daß Deutschland und Österreich-Ungarn gegen die russischen
Forderungen, dem ihr bekannten Wunsch der Türkei entsprechend,
Einspruch erheben würden. In der Tat wurde ein solcher die Türkei gegen
Rußland deckender Einspruch von den Botschaftern Österreich-Ungarns und
Deutschlands bei ihren Regierungen dringend befürwortet. Freiherr von
Marschall ging sogar so weit, die Kabinettsfrage zu stellen. Kiderlen,
der keine Neigung hatte, den Engländern das Odium des Einspruchs bei
Rußland abzunehmen, setzte seinen Standpunkt durch, und Deutschland
und Österreich-Ungarn blieben Gewehr bei Fuß. Die Wirkung war, wie
Kiderlen mir erzählte, daß der russische Botschafter in London, Graf
Benckendorff, den russischen Minister des Auswärtigen, Ssasonoff,
kniefällig bat, im Interesse der Erhaltung der britisch-russischen
Entente die in Konstantinopel gestellten Forderungen zurückzuziehen.
Dies geschah, und Tscharikoff, der lediglich die ihm gegebenen
Weisungen ausgeführt hatte, wurde geopfert.

So hat der Tripoliskrieg die Wirkung gehabt, einerseits in einem
wichtigen Punkte ein gegensätzliches Interesse zwischen England und
Rußland zutagetreten zu lassen, andrerseits die Freundschaft zwischen
Italien und Frankreich-England wenigstens vorübergehend zu trüben
und Italien seinen Verbündeten wieder näherzubringen. Die Erneuerung
des Dreibundvertrags, die erst im Jahre 1914 erforderlich gewesen
wäre, wurde unter diesen Verhältnissen schon im Frühjahr 1912 in
Verhandlung genommen und im Dezember 1912 unterzeichnet. Es schien
einen Augenblick, als ob die von König Eduard VII. eingeleitete
Einkreisungspolitik nach dem Tode dieses Monarchen (Mai 1910) nun doch
allmählich ihre Kraft verlieren sollte.

Aber das Unheil war im Rollen.

Noch ehe es, unter wirksamer Förderung seitens der deutschen Regierung,
zwischen Italien und der Türkei zum Frieden kam, zog sich auf dem
Balkan ein neues Gewitter zusammen.


Die beiden Balkankriege

Schon im Februar 1912 war zwischen Serbien und Bulgarien
unter nachdrücklicher Förderung Rußlands ein geheimer Vertrag
zustandegekommen, der im Laufe der nächsten Monate inhaltlich
erweitert und durch einen bulgarisch-griechischen Vertrag, durch
Militärkonventionen zwischen diesen Staaten, sowie durch Abmachungen
mit Montenegro ergänzt wurde. Diese Verträge, die den sogenannten
»Balkanbund« schufen, richteten sich in erster Linie gegen die Türkei,
deren albanische und mazedonische Provinzen das Kriegsziel waren.
Daneben aber enthielten die bulgarisch-serbischen Abmachungen die
Verpflichtung zum gegenseitigen Beistand im Falle eines Angriffs
Österreich-Ungarns; darüber hinaus verpflichtete sich Bulgarien zur
Waffenhilfe für Serbien, falls dieses durch Österreich-Ungarn an einer
Erweiterung seines Gebiets bis zum Adriatischen Meer durch Besetzung
albanischer und mazedonischer Landesteile verhindert werden sollte. Der
russische Zar war in den serbisch-bulgarischen Verträgen für den Fall
von Meinungsverschiedenheiten als Schiedsrichter ausersehen.

Im August 1912 begann Bulgarien, seine Forderungen nach Reformen in
Mazedonien bei der türkischen Regierung zu stellen. Ende September
folgte ein einheitliches Vorgehen der sämtlichen Balkanmächte, und am
8. Oktober eröffnete Montenegro mit dem Einmarsch in türkisches Gebiet
die Feindseligkeiten.

Kiderlen hatte sich nach Kräften bemüht, eine Einigung zwischen
Österreich-Ungarn und Rußland zum Zwecke der Verhinderung des Kriegs
oder -- wenn sich das als unmöglich erweisen sollte -- zum Zwecke der
Lokalisierung des Kriegs herbeizuführen. Das Petersburger Kabinett
war scheinbar auf diese Bemühungen eingegangen, aber seine Vertreter
in Belgrad, Herr Hartwig, und in Paris, Herr Iswolski, arbeiteten mit
Erfolg im entgegengesetzten Sinn. Das Verhalten der französischen
Regierung war undurchsichtig. Angesichts der großen französischen
Interessen, die sowohl in der Türkei wie in den Balkanstaaten auf dem
Spiel standen, schien sie Neigung zu haben, im Sinne der Erhaltung
des Friedens zu wirken; andrerseits war der Einfluß Iswolskis
unverkennbar. London hüllte sich in den kritischen Tagen in völlige
Zurückhaltung; Sir Edward Grey blieb trotz der Zuspitzung der Lage
in seinem Landaufenthalt, und Sir Arthur Nicolson, der ihn vertrat,
gab auf die Sondierungen über das Verhalten der britischen Regierung
keine Antwort. Am 8. Oktober meldete das Reutersche Telegraphenbureau
die Kriegserklärung Montenegros an die Türkei. Das Wiener amtliche
Telegraphenbureau brachte zunächst ein Dementi, meldete aber dann noch
an demselben Tage die Abberufung des montenegrinischen Gesandten in
Konstantinopel und die Zustellung der Pässe an den türkischen Gesandten
in Cetinje.

Am gleichen Tage passierte der russische Minister des Äußern auf der
Durchreise von Paris nach Petersburg Berlin. Ich sah Kiderlen am
Abend, nachdem er vorher eine lange Unterredung mit Ssasonoff gehabt
hatte. Kiderlen hat Ssasonoff auf den Kopf zugesagt, daß Rußland
die Balkanstaaten zum Krieg gegen die Türkei zusammengebracht habe.
Ssasonoff leugnete die russische Vaterschaft am Balkanbund nicht,
behauptete aber, Rußland habe den Bund lediglich zu defensiven
Zwecken ins Leben gerufen. Kiderlen antwortete: »Il y a quelqu'un
à Paris qui pourrait vous renseigner là-dessus.« Gemeint war
der Botschafter Iswolski. Kiderlen brachte außerdem bei dieser
Gelegenheit die Inspektion der französischen Grenzfestungen durch den
Großfürsten Nicolai Nicolajewitsch zur Sprache, ferner die zwischen
Rußland und Frankreich damals abgeschlossene Marinekonvention,
den von der russischen Flotte gleichzeitig mit der britischen in
Kopenhagen geplanten Besuch, die von Rußland damals vorbereitete
Probemobilmachung. Das sei etwas viel auf einmal und könne von uns
nicht unbeachtet bleiben.

Auch in den folgenden Tagen geschah weder von Rußland noch von England
oder Frankreich ein wirksamer Schritt, der den Krieg hätte verhindern
können.

In rascher Folge erlitt die türkische Armee in Mazedonien und Thrazien
schwere Niederlagen. Das ganze Gebiet der europäischen Türkei bis
auf das unmittelbare Vorgelände von Konstantinopel ging im Verlauf
weniger Wochen verloren. Erst an der Konstantinopel schützenden
Tschataldjalinie vermochte die Türkei einen wirksamen Widerstand zu
organisieren.

Die Großmächte, deren Vertreter auf Anregung Kiderlens beim Ausbruch
des Krieges in London zu einer ständigen Konferenz zusammengetreten
waren, hatten zunächst die Aufrechterhaltung des status quo auf dem
Balkan ohne Rücksicht auf den Gang, den die militärischen Operationen
nehmen sollten, proklamiert. Dieser Standpunkt wurde angesichts der
großen und raschen Erfolge der Balkanstaaten unhaltbar. Die Balkanfrage
war jetzt in vollem Umfang und in ihrer ganzen Gefährlichkeit
aufgerollt.

Das Bestreben der deutschen Politik war, einmal zu verhindern, daß
Österreich-Ungarn in den Konflikt hineingezogen würde, ferner die
österreichisch-ungarischen und die italienischen Interessen in Einklang
zu bringen; schließlich England und womöglich auch Frankreich gegenüber
dem russischen Ungestüm für eine Politik des kalten Blutes zu gewinnen.

Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges hatte die türkische Regierung
das sofortige Eingreifen Österreich-Ungarns durch das Angebot des
Sandschaks Novibazar herbeizuführen versucht. Kiderlen setzte sich
in Wien für die Ablehnung dieses verlockenden Angebotes ein, dessen
Annahme wohl den sofortigen Krieg mit Rußland zur Folge gehabt hätte.
Nachdem der status quo unwiederbringlich verloren schien, nahm
Österreich-Ungarn das lebhafteste Interesse daran, daß Albanien nicht
unter serbische Herrschaft komme und daß Serbien sich nicht bis zur
Adria ausdehne. Gegenüber den teilweise römisch-katholischen Albanesen
hatte Österreich sich schon seit längerer Zeit als Schutzmacht gefühlt
und war in diesem Sinne für dieses Bergvolk bei der Pforte eingetreten.
In einem Vordringen der Serben über albanesisches Gebiet bis zum Meer
sah die österreichisch-ungarische Politik eine nicht erträgliche
Steigerung der großserbischen Bedrohung vom Südosten her.

Über ihren Standpunkt in dieser Frage hatte die Wiener Regierung
von Anfang an keinen Zweifel gelassen. Als Anfang November der
französische Ministerpräsident Poincaré den Vorschlag machte, die
sämtlichen Großmächte möchten ihr vollständiges Desinteressement an den
balkanischen Dingen erklären, konnte man deshalb in diesem Vorschlag
nur einen bewußten und gewollten Vorstoß gegen Österreich-Ungarn
erblicken.

Der Vorstoß wurde abgeschlagen. Ebenso wie die
österreichisch-ungarische Regierung war die italienische Regierung
entschlossen, sich bei Veränderungen des territorialen Status auf der
Balkanhalbinsel nicht beiseiteschieben zu lassen. In Unterhaltungen
mit San Giuliano, dem italienischen Minister des Auswärtigen, der
in jenen Novembertagen zur Besprechung über die Erneuerung des
Dreibundes in Berlin weilte, gelang es, eine einheitliche Politik
der Dreibundmächte in der Balkanfrage festzulegen. Vor allem einigte
man sich über die Schaffung eines autonomen Albaniens, das unter
österreichisch-ungarischem und italienischem Schutze stehen sollte.

Das geschlossene Auftreten der Dreibundmächte tat seine Wirkung. Vor
allem rückte die britische Regierung von dem Vorstoß Poincarés ab.
Kiderlen erzählte mir am 9. November, England zeige uns gegenüber eine
auffallende Beflissenheit. Der britische Botschafter sei in seiner
ganzen Amtszeit noch nie so häufig unaufgefordert zu ihm gekommen
und habe sich noch nie so eingehend mit ihm ausgesprochen wie in den
letzten acht Tagen; und ebenso lasse Sir Edward Grey fortgesetzt
den deutschen Geschäftsträger zu sich bitten. Das Ergebnis dieser
deutsch-englischen Konversationen kam zum Ausdruck in einer Rede des
britischen Premierministers Asquith beim Lordmayorsbankett am 9.
November, in der er sagte: England sei an den Veränderungen auf dem
Balkan nicht unmittelbar interessiert; es seien aber andere Mächte
vorhanden, von denen nicht erwartet werden könne, sie würden nicht
verlangen, daß ihre Stimme gehört werden müsse, wenn die Zeit für die
endgültige Regelung gekommen sei. Solange der Kriegszustand andauere,
lehne es die britische Regierung ab, einzelne Fragen zu behandeln,
die getrennt und sogleich aufgeworfen wahrscheinlich nicht wieder
gutzumachende Differenzen hervorrufen würden, die aber wohl ein
besseres Aussehen annehmen würden, wenn man sie zurückstellte, um sie
dann unter dem weiteren Gesichtspunkt des allgemeinen Ausgleichs zu
behandeln.

Also im Gegensatz zu dem Vorschlag Poincarés eine glatte Anerkennung
der Berechtigung des österreichisch-ungarischen und italienischen
Verlangens, bei der Neuregelung der territorialen Verhältnisse auf
dem Balkan mitzureden; aber im Einverständnis mit der deutschen
Politik Zurückstellung der Einzelfragen bis zu dem Zeitpunkt, der eine
Gesamtregelung gestatten würde.

Auffallend, aber bezeichnend für die englische Politik, ist die
Tatsache, daß jenes Abrücken der britischen Regierung von dem von der
französischen Regierung unklugerweise eingenommenen Standpunkt und ihre
Zusammenarbeit mit der deutschen Diplomatie zeitlich fast zusammenfiel
mit einer starken formellen Bekräftigung der diplomatischen und
militärischen Entente mit Frankreich. Am 22. und 23. November 1912,
also vierzehn Tage nach der Guildhall-Rede des Herrn Asquith, wurde
der Schriftwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul Cambon
ausgetauscht, der zum erstenmal die seit 1906 getroffenen mündlichen
Abreden über eine englisch-französische Kooperation im Falle eines
»nicht herausgeforderten Angriffs« schriftlich niederlegte. Die
Vermutung eines ursächlichen Zusammenhangs liegt nahe. Die französische
Regierung fühlte sich durch das englisch-deutsche Zusammengehen in
den Balkanfragen zweifellos beunruhigt, und die leitenden britischen
Staatsmänner hielten es für angezeigt, diese Beunruhigung dadurch
zu beheben, daß sie dem französischen Ententegenossen ein stärkeres
formelles Pfand, als es bisher gegeben worden war, in die Hand drückten
und ihm dadurch die Gewißheit gaben, daß durch eine gelegentliche
Meinungsverschiedenheit in Fragen der diplomatischen Taktik an dem
britisch-französischen Bundesverhältnis nichts geändert werde.

Während England auf diese Weise Wasser auf beiden Schultern trug, kam
die deutsche Regierung in die Lage, einen ernstlichen Druck auf die
verbündete Donaumonarchie auszuüben.

Der Vormarsch der Serben durch albanisches Gebiet nach der Adria und
die Nachrichten über entsetzliche Greuel, die von der serbischen Armee
in Albanien begangen wurden, weckten in Wien starke Erregung und die
Neigung zu einem sofortigen Eingreifen. Rußlands Haltung, das unter
dem Titel der Probemobilmachung starke Streitkräfte an der galizischen
Grenze zusammenzog, war nicht geeignet, diese Erregung zu mildern.

Für die Haltung des Deutschen Kaisers in dieser für die deutsche
Politik schwierigen Lage, die eine große Ähnlichkeit mit der Lage vom
Juli 1914 hat, ist ein Telegramm bezeichnend, das Wilhelm II. damals
an den Reichskanzler richtete, des Inhalts: Der Bündnisvertrag mit
Österreich-Ungarn zwinge uns, zu marschieren, wenn Österreich-Ungarn
von Rußland angegriffen werde. Dann werde auch Frankreich hineingezogen
werden, und England werde unter solchen Umständen wohl auch nicht ruhig
bleiben. Die jetzt schwebenden Streitfragen ständen zu dieser Gefahr in
keinem Verhältnis. Es könne nicht der Sinn des Bündnisvertrages sein,
daß wir, ohne daß Lebensinteressen des Verbündeten bedroht seien,
für eine Laune des Verbündeten in einen Kampf auf Leben und Tod gehen
müßten. Wenn sich allerdings zeigen sollte, daß die andere Seite einen
Angriff beabsichtige, dann werde man jede Gefahr auf sich nehmen müssen.

Dieser ruhige und feste Standpunkt, der allein den Frieden erhalten
konnte, war für die deutsche Politik auch in der weiteren Entwicklung
maßgebend. Er wurde durchgehalten sowohl gegenüber einem starken
russischen Druck wie auch gegenüber anders gerichteten Tendenzen und
vorübergehenden Verstimmungen in Wien.

Rußland suchte in Berlin mit Drohungen zu wirken. So sagte mir am 18.
November der erste Sekretär der russischen Botschaft, Herr Botkin,
den Serben könne der Zugang zur Adria unmöglich verweigert werden;
wenn Österreich-Ungarn sich dagegenstelle, werde Rußland in Rücksicht
auf seine öffentliche Meinung gezwungen sein, einzugreifen, und das
bedeute den Weltkrieg. Zwei Tage später hatte ich den Besuch des
Herrn Davydoff, früher Chef der russischen Reichsrentei und rechte
Hand des Herrn Kokowzoff, jetzt Präsident der Russischen Bank für
auswärtigen Handel. Er kam aus Paris, wo er eine Anleihe zugunsten
von Bulgarien durchgesetzt hatte. Er erzählte mir viel von dem großen
wirtschaftlichen und finanziellen Aufschwung Rußlands; allein in
Deutschland habe Rußland jetzt Guthaben in Höhe von 700 Millionen
Mark. Dann sprach er über die politische Lage und fragte mich, ob ich
glaube, daß es wegen der serbischen Aspirationen zum europäischen
Krieg kommen werde. Ich antwortete, das müsse er besser wissen als ich,
denn die Entscheidung liege bei Rußland. Er entgegnete, Deutschland
müsse Österreich zur Vernunft bringen; wenn die Lage sich weiter
zuspitze, müsse er sich als Finanzmann mit seiner Verantwortlichkeit
abfinden und sich fragen, ob es richtig sei, so viel Geld im Ausland
stehenzulassen. -- Also ein deutlicher Wink, daß uns im Falle einer
weiteren Komplikation die russischen Millionen abgezogen werden würden,
deren Höhe Davydoff übrigens beträchtlich übertrieben hat. Ich stellte
damals fest, daß die Deutsche Bank an Rußland weit größere Forderungen
hatte, als umgekehrt Rußland bei ihr an Guthaben verfügte. Die Summe
der russischen Guthaben bei sämtlichen deutschen Banken war zweifellos
erheblich geringer als die von Davydoff genannte Ziffer, und von dieser
geringeren Summe waren die sehr erheblichen kurzfristigen deutschen
Forderungen an Rußland abzusetzen. Die deutsche Politik ließ sich durch
solche Bluffversuche nicht beirren.

In Wien war man mit der deutschen Unterstützung keineswegs ganz
zufrieden. Gegenüber den beunruhigenden Gerüchten über ein
österreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien, bevorstehende
österreichisch-ungarische Mobilmachung usw., die von Wien
aufflatterten, brachte die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« am 26.
November ein energisches Dementi, dem ein Zusatz beigefügt war, die
Mächte seien sich einig, die albanische und adriatische Frage erst
im Verein mit den andern aus den Vorgängen am Balkan entstandenen
Fragen zu diskutieren und zu regeln. Das war die gleiche Richtlinie,
wie sie Asquith in seiner Guildhall-Rede verkündigt hatte. In Wien
war man über die ausdrückliche Festlegung dieses Standpunktes in dem
offiziösen Organ der deutschen Regierung nicht sehr erfreut. Das Echo
in den Wiener offiziösen Blättern war, die k. u. k. Regierung behalte
völlige Freiheit in der Wahl des Zeitpunktes, der ihr zur Regelung der
albanischen und adriatischen Frage gut scheine. Kiderlen sagte mir am
nächsten Abend: Graf Berchtold wisse nie, was er wolle. Die Wiener
Regierung könne sich nicht entschließen, die Besetzung Albaniens und
der adriatischen Häfen durch Serbien zu verhindern; sie könne sich
aber auch nicht dazu entschließen, klar zu sagen, daß die Regelung
dieser Fragen für später vorbehalten bleiben solle. Wir seien bereit,
uns hinter Österreich-Ungarn zu stellen; aber gerade deshalb hätten
wir ein Recht, zu hören, was die Wiener eigentlich wollten. Er fürchte
sich nicht vor dem Krieg; aber gerade für diesen Fall sei es ein
enormer Vorteil, England draußen zu halten. Diese Möglichkeit sei nicht
ausgeschlossen; er wisse darüber mehr als die Wiener und mehr, als
er diesen sagen könne. Ein Vergnügen sei es nicht, an seiner Stelle
zu stehen. Gott sei Dank habe er die nötigen Nerven, um die Partie
durchzuhalten.

Wenige Wochen später, am 30. Dezember 1912, erlag Kiderlen einem
Schlaganfall. Die deutsche Diplomatie verlor mit ihm ihre stärkste
Kraft.

Im Januar wurde zwischen den Balkanstaaten und der Türkei ein
Waffenstillstand abgeschlossen. In London wurde unter Mitwirkung der
Botschafter der Großmächte über den Frieden verhandelt, sehr zum Ärger
Poincarés, der die Friedenskonferenz gern unter seinem Vorsitz in Paris
gehabt hätte und nun darauf bestand, daß die mit dem Balkanfrieden
zusammenhängenden finanziellen und wirtschaftlichen Fragen in einer
Sonderkonferenz in Paris behandelt würden. Diese Sonderkonferenz,
zu der ich wegen meiner Vertrautheit mit den türkischen Finanz-
und Eisenbahnfragen von der deutschen Regierung neben dem Pariser
Botschaftsrat Freiherrn von der Lancken und den Herren Dr. Schwabach
und Generalkonsul a. D. Pritsch, dem deutschen Delegierten bei der
türkischen Staatsschuldenverwaltung, als Vertreter entsandt wurde, ist
im Frühjahr 1913 zusammengetreten.

Inzwischen spitzte sich der Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn
einerseits, Serbien und Rußland andrerseits in der albanesischen Frage
weiter zu. Serbien verlangte große Teile rein albanesischen Gebiets;
Österreich-Ungarn setzte diesen Forderungen den stärksten Widerstand
entgegen. Ich war mit meinem Kollegen von Gwinner am 31. Januar und 1.
Februar 1913 zu wichtigen Verhandlungen über die Orientbahnen, für die
sich die österreichisch-ungarische Regierung interessierte, in Wien.
Der Staatssekretär von Jagow, den wir vor der Abreise besuchten, hatte
uns auf den Weg gegeben: »Sagen Sie den Herren am Ballplatz, daß uns
hier die albanesische Sache einige Sorge macht.« Ich hatte zunächst
Gelegenheit, mit dem Sektionschef im Auswärtigen Ministerium, Grafen
Wyckenburg, über diese Dinge zu sprechen. Er sagte mir, die große
Gefahr halte er eigentlich für überwunden, aber Österreich-Ungarn
müsse jetzt in den sehr wichtigen Einzelheiten durchhalten. Man
brauche Albanien als Damm gegen die wachsende südslawische Hochflut.
Der Damm müsse so ausgestattet werden, daß er stehen könne. Das
gelte namentlich auch für die Abgrenzungsfrage; aber gerade hier
mache Rußland die ärgerlichsten Schwierigkeiten und lasse sich jeden
Fußbreit albanesischen Bodens abnötigen und abringen. Das müsse eben
durchgefochten werden. Ich äußerte meine Zweifel an dem Wert des
albanesischen Damms. Die Albanesen unterschieden sich nach meiner
Kenntnis von den andern Völkern dadurch, daß das Wort des Aristoteles,
der Mensch sei ein »zoon politikon«, auf sie nicht zutreffe; sie hätten
niemals staatsbildende Kraft bewiesen, und ich könne die Besorgnis
nicht loswerden, daß ein albanesischer Staat für seine Väter keine
Sicherung, sondern eine Quelle von Unruhen und Sorgen sein werde.

Mit dem Grafen Berchtold hatte ich am 31. Januar nach einem Frühstück
bei dem Gouverneur der k. u. k. Bodenkreditanstalt, Herrn Sieghard,
eine Unterhaltung, die folgendermaßen verlief: Graf Berchtold fragte
mich ziemlich unvermittelt, was man in Deutschland eigentlich über
die Situation denke, und ob man, wie es den Anschein habe, wirklich
unter allen Umständen den Frieden durchhalten wolle. Ich antwortete,
nach meiner Überzeugung wollten in Deutschland alle verantwortlichen
Leute ernsthaft den Frieden. Graf Berchtold entgegnete, mit einem
sehr ernsten Hinweis auf die immer stärkere Zuspitzung der Gefahr,
die der Monarchie und damit dem Deutschtum vom Südosten her drohe:
er besorge, daß auf die Dauer die große Auseinandersetzung zwischen
Germanen und Slawen sich nicht werde vermeiden lassen. Ich erinnerte an
Bismarcks Wort, daß man der Vorsehung nicht in die Karten sehen könne;
aber auch wenn eine solche Auseinandersetzung sich als unvermeidlich
erweisen sollte, so sei nach meiner Ansicht jedes Jahr, in dem der
Friede erhalten bleibe, für Deutschland gewonnen, das fortgesetzt an
Bevölkerung, wie an wirtschaftlicher und finanzieller Kraft zunehme.

Es ist mir bei dieser Unterhaltung völlig klargeworden, wie sehr die
großserbischen Bestrebungen in der Auffassung der Staatsmänner unseres
österreichisch-ungarischen Verbündeten sich zu einer Lebensgefahr für
die Monarchie zugespitzt hatten. Zwar ist bald darauf, im März 1913,
der akute Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Rußland beigelegt
worden. Aber ich konnte in dieser Beilegung nur eine Atempause
sehen. Ich habe seit jener Zeit die Vorgänge auf dem Balkan mit
verdoppelter Sorge beobachtet, in der Überzeugung, daß die Beziehungen
zwischen Österreich-Ungarn und Serbien einer neuen starken Belastung
nicht gewachsen seien und daß bei der Haltung Rußlands jeder
österreichisch-serbische Konflikt die eminente Gefahr des Weltkriegs
unmittelbar heraufbeschwören würde.

Meine Wahrnehmungen bei der Pariser Konferenz zur Regelung der aus
dem Balkankrieg erwachsenen finanziellen Fragen bestärkten diese
Überzeugung. Die Konferenz übertrug mir den Vorsitz der Kommission,
die über die Übernahme eines Teiles der türkischen Staatsschuld
durch die Balkanstaaten, denen im Londoner Präliminarfrieden der
größte Teil der europäischen Türkei zugesprochen worden war, beraten
sollte. Ich hatte Gelegenheit, zu beobachten, bis zu welchem Grade
der Überhebung und Herausforderung die kriegerischen Erfolge gegen
die Türkei die serbischen Gemüter erhitzt hatten, wie der russische
Botschafter Iswolski nicht nur die Vertreter der Balkanstaaten
dirigierte und aufreizte, sondern auch die französischen Vertreter
an der Leine hielt. An einer gerechten Lösung gerade der in meiner
Kommission zu entscheidenden Fragen war Frankreich, als weitaus
größter Gläubiger der Türkei, weitaus am stärksten interessiert. Aber
die französische Regierung und ihre Vertreter stellten selbst diese
großen Interessen zurück, um nicht mit Rußland in Differenzen zu
kommen. Der englische Vertreter, Sir Paul Harvey, der Berichterstatter
in meiner Kommission war, verhielt sich sachlich und loyal. Dagegen
erwies sich die italienische Vertretung, die hauptsächlich durch Herrn
Volpi, den Unterhändler des Friedens von Lausanne, geleitet wurde, als
unzuverlässig und hinterhältig und als stets geneigt, mit Serbien,
Montenegro und Rußland gemeinschaftliche Sache zu machen. Alles in
allem wuchs bei mir in jenen Monaten die Gewißheit, daß Rußland die
Balkanstaaten in ihrer Begehrlichkeit nicht nur unterstützte, sondern
anstachelte und damit den Herd der Weltkriegsgefahr fortgesetzt
anheizte; daß Frankreich gelegentlich mit ins Feuer blies und
jedenfalls sich von Rußland unter keinen Umständen trennen wollte,
auch wenn große eigne Interessen auf dem Spiele standen; daß England
in äußerlich korrekter, aber undurchsichtiger Haltung abwartete; daß
auf Italien trotz der mit Österreich-Ungarn über Albanien erzielten
Einigung, die übrigens sofort Sprünge und Risse zeigte, keinerlei
Verlaß war.

Ein positives Ergebnis hatte die Pariser Konferenz nicht. Ehe
sie ihre Beratungen dem Abschluß nahebringen konnte, führten die
Streitigkeiten zwischen Bulgarien einerseits, Serbien und Griechenland
andererseits über die Verteilung des von der Türkei nach dem Londoner
Präliminarfrieden abzutretenden Gebiets zu dem zweiten Balkankrieg.
Rumänien griff gegen Bulgarien ein. Die Türkei stieß unter Führung
Envers nach Adrianopel vor. In kurzer Zeit sah sich Bulgarien genötigt,
die Waffen zu strecken. Der Bukarester Friede ließ Bulgarien nur
einen geringen Teil des ihm ursprünglich zugedachten Landgewinnes und
nahm ihm zugunsten Rumäniens einen Teil der Süd-Dobrudscha, während
Griechenland und vor allem Serbien eine gewaltige Vergrößerung erfuhren.

Die österreichisch-ungarische Diplomatie, die Serbien nicht zu
groß werden lassen und sich in dem allerdings stark geschwächten
Bulgarien ein Gegengewicht gegen Serbien sichern wollte, verlangte
zugunsten Bulgariens eine Revision des Bukarester Friedens. Sie setzte
sich dabei über die Tatsache hinaus, daß Bulgarien ein Jahr zuvor
-- trotz der Unterstützung, die es an Österreich-Ungarn bei seiner
Unabhängigkeitserklärung erfahren hatte -- jenen Vertrag mit Serbien
abgeschlossen hatte, der letzterem auch gegenüber Österreich-Ungarn
Waffenhilfe zusagte. Sie stellte ferner nicht genügend in Rechnung, daß
angesichts der hervorragenden Beteiligung Rumäniens an dem Bukarester
Frieden ein solcher Einspruch Rumänien vor den Kopf stoßen und die
ohnedies starken entente-freundlichen Bestrebungen in Rumänien noch
fördern und begünstigen mußte. Die deutsche Politik trat in sichtbarem
Gegensatz zur österreichisch-ungarischen für die Aufrechterhaltung des
Bukarester Friedens ein, in der Absicht, die beiden nichtslawischen
Balkanstaaten, Rumänien und Griechenland, für die Mittelmächte günstig
zu stimmen. Österreich-Ungarn zog angesichts der Haltung Deutschlands
verstimmt und grollend sein Verlangen nach Revision des Bukarester
Friedens zurück.

Die großserbische Gefahr blieb für Österreich-Ungarn nach dem zweiten
Balkankrieg nicht nur in vollem Umfang bestehen, sie war vielmehr
größer geworden als je zuvor. Das auf nahezu das Doppelte seines
bisherigen Umfangs vergrößerte Serbien war weit entfernt, gesättigt zu
sein; im Gegenteil, mit dem durch seine kriegerischen Leistungen und
Erfolge gesteigerten Selbstbewußtsein wandte es seine Augen nun erst
recht gegen Westen, und lauter denn je verkündigte die großserbische
Propaganda als ihr der Verwirklichung nahes Ziel die Angliederung der
südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns.

Dazu kam, daß die vorübergehende Besserung des Verhältnisses zwischen
Österreich-Ungarn und Italien nicht standhielt. Das autonome Albanien
wurde ein neuer Zankapfel. Zwar einigte man sich auf die Person des
Prinzen zu Wied als Fürsten des neugeschaffenen Staatswesens. Aber
schon bei den Verhandlungen über die Beschaffung eines ersten Kredits
für das neue Fürstentum, die ich auf Wunsch des Fürsten unmittelbar
vor dessen Abreise nach Durazzo mit einer österreichisch-ungarischen
und einer italienischen Bankengruppe führte, mußte ich mich von der
Eifersucht und dem Mißtrauen überzeugen, das beide Teile gegeneinander
hegten. Der weitere, sich immer unglücklicher gestaltende Verlauf der
albanischen Angelegenheit machte die während des Tripoliskriegs und des
ersten Balkankriegs so mühsam erreichte Wiederannäherung Italiens an
die beiden Zentralmächte zunichte.

So hinterließen die Balkankriege eine beklemmende, gewitterschwangere
Atmosphäre.




Die letzten Verständigungsversuche


Um die Gefahren, die dem Weltfrieden drohten, nach Möglichkeit zu
beschwören, setzte die deutsche Politik mit verdoppeltem Nachdruck
ihre Bemühungen fort, das Verhältnis Deutschlands mit den Westmächten
durch die Verständigung in wichtigen Einzelfragen und die Liquidation
alter Streitpunkte zu verbessern. Man hoffte, auf diese Weise gegenüber
der fortdauernden Drohung im Südosten eine Friedenssicherung schaffen
zu können. Insbesondere schöpfte man aus Englands Verhalten während
des Balkankriegs die Hoffnung, daß es auf dem Wege der Verständigung
über Einzelfragen gelingen könne, das britische Mißtrauen gegen
Deutschland zu beseitigen und -- unbeschadet allen wirtschaftlichen
Wettbewerbs -- eine Interessengemeinschaft zwischen England und
Deutschland an der Erhaltung des Weltfriedens zu schaffen. Man konnte
über die Möglichkeit, ein solches Ziel zu erreichen, zuversichtlich
oder skeptisch denken -- ich bin auch heute noch der Ansicht, daß der
ehrliche Versuch unter allen Umständen gemacht werden mußte, durch
eine Verständigung über konkrete Fragen mit derjenigen Macht, die
das Schicksal des Weltfriedens mehr denn irgendeine andere in ihren
Händen hielt, der drohenden Weltkatastrophe entgegenzuwirken. Schon um
denjenigen Elementen in England, die getreu den Traditionen der alten
Gewaltpolitik auf die Zerschmetterung der stärksten Kontinentalmacht
und des stärksten Rivalen in der Weltwirtschaft und in der Seegeltung
ausgingen, nach jeder Möglichkeit die Arbeit zu erschweren und ihr
Kriegsvorwände, die der britischen und internationalen Meinung
einleuchten konnten, zu nehmen.

Es sind zwei große Fragenkomplexe, in denen mit England damals eine
Verständigung versucht und bis zum Ausbruch des Weltkriegs auch
materiell erreicht wurde: die afrikanischen Kolonialfragen und die
vorderasiatischen Wirtschafts- und Eisenbahnfragen.


Die Verständigung mit England über die afrikanischen Kolonialfragen

Die Abmachungen über die afrikanischen Kolonialfragen sind mir,
da ich bei den Verhandlungen selbst nicht beteiligt war, nur in
großen Umrissen bekanntgeworden. Es handelte sich namentlich
um eine Verständigung über die Liquidation des portugiesischen
Kolonialbesitzes, die angesichts des politischen, militärischen,
wirtschaftlichen und finanziellen Unvermögens des portugiesischen
Stammlandes, einen großen Kolonialbesitz zu halten und zu entwickeln,
in naher Zeit sich als notwendig herausstellen mußte, sobald England
davon Abstand nahm, die portugiesische Kolonialherrlichkeit künstlich
zu stützen. In Wirklichkeit war die portugiesische Kolonialherrschaft
kaum mehr als eine Scheinherrschaft. Weite Gebiete waren nur auf der
Karte portugiesisch, in Wirklichkeit aber weder unterworfen noch
erschlossen. Wo eine wirkliche Herrschaft ausgeübt wurde, da war es
zumeist das britische Kapital, das unter dem durchsichtigen Deckmantel
der portugiesischen Flagge die Macht in der Hand hatte.

Schon im Jahre 1898, in jener früheren Zeit der deutsch-englischen
Annäherungsversuche, war zwischen den beiderseitigen Regierungen ein
Geheimabkommen über die portugiesischen Kolonien für den infolge der
portugiesischen Finanznot als nahe bevorstehend erachteten Fall der
Liquidation des portugiesischen Kolonialreichs abgeschlossen worden.
Dieses Abkommen war niemals wirksam geworden, weil England, das in der
Lage war, Portugal bei der Erhaltung seines Kolonialreichs wirksam
zu helfen, den Eintritt der Eventualität, für die es abgeschlossen
war, verhinderte. England hatte sogar im Jahre 1899 mit Portugal
einen Geheimvertrag, den sogenannten Windsor-Vertrag, abgeschlossen,
in dem sich die beiden Mächte gegenseitig die Erhaltung ihres
Besitzstandes zusagten. Der Windsor-Vertrag wurde der deutschen
Regierung erst dreizehn Jahre nach seinem Abschluß mitgeteilt, als
nach den Haldaneschen Besprechungen die kolonialen Verhandlungen
wiederaufgenommen wurden. König Edward VII. hat gleich nach seiner
Thronbesteigung einen sichtbaren Strich durch jenes vor seiner Zeit
abgeschlossene Abkommen von 1898 gemacht. Seinen ersten Besuch nach
seiner Thronbesteigung stattete er dem portugiesischen Hofe ab,
und bei dieser Gelegenheit hielt er eine Ansprache, in der er die
»unangetastete Aufrechterhaltung« der beiderseitigen Kolonien als den
Gegenstand seiner teuersten Wünsche und Bestrebungen bezeichnete.

Inzwischen war König Edward VII. gestorben, und Portugal war Republik
geworden. Durch die Vertreibung des portugiesischen Königshauses
waren für die englische Politik gewisse Rücksichten persönlicher
Natur in Wegfall gekommen. Die revolutionären Wirren hatten die
Fähigkeit Portugals, auch nur eine Scheinherrschaft über seine Kolonien
zu erhalten, noch stärker in Frage gestellt. Es schien also die
Möglichkeit gegeben, jetzt zu einer wirksamen Verständigung zu kommen.

Die britische Regierung erkannte das Bedürfnis nach kolonialer
Ausdehnung und Betätigung für Deutschland an. Sie zeigte sich
bereit, im wesentlichen das portugiesische Ostafrika von der Grenze
des deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiets bis zum Sambesi und in
Westafrika den größeren Teil des portugiesischen Angola als deutsches
Interessengebiet anzuerkennen. Eine wirtschaftliche Betätigung
Deutschlands in jenen Gebieten sollte deren späteren förmlichen
Übergang in deutschen Besitz vorbereiten. Die britische Regierung
wollte also einer solchen wirtschaftlichen Durchdringung durch deutsche
Unternehmungen nicht entgegen sein, sondern sie in freundschaftlicher
Weise fördern.

Auf Grund dieses Einverständnisses haben in den Jahren 1913/14
Verhandlungen stattgefunden, die wichtige Unternehmungen in den
Deutschland zugedachten Gebieten in deutsche Hand überführen sollten.
So habe ich für ein Konsortium deutscher Banken und Überseehäuser
mit einer englischen Gruppe Abmachungen getroffen, durch die wir
eine kontrollierende Beteiligung an der Nyassa-Kompagnie, einer
mit wichtigen Hoheitsrechten über das südlich an Deutsch-Ostafrika
angrenzende Gebiet ausgestatteten Gesellschaft, erwarben. Die
Verhandlungen haben mit Wissen und unter Förderung der britischen
Regierung stattgefunden. Ähnliche Verhandlungen waren, als der
Weltkrieg ausbrach, im Zug hinsichtlich der Benguella-Eisenbahn, der
kürzesten Verbindung zwischen der afrikanischen Westküste und dem
wichtigen Minengebiet von Katanga im belgischen Kongostaat; desgleichen
hinsichtlich der Eisenbahnen, die von den portugiesischen Häfen von
Port Alexander und der Tigerbai aus den nördlichen Teil unseres
südwestafrikanischen Schutzgebiets zu erschließen geeignet sind. Auch
diese Verhandlungen, die beim Ausbruch des Weltkriegs noch nicht zum
Abschluß gekommen waren, wurden von der britischen Regierung auf Grund
des mit der deutschen Regierung erzielten kolonialen Einverständnisses
unterstützt. Mr. Robert Williams, der von englischer Seite die
Verhandlungen über die deutsche Beteiligung an der Benguellabahn
führte, sagte darüber am 2. Februar 1915 in einer Generalversammlung
der Tanganyika Concessions Ltd., die bis dahin die Kontrolle über
die Benguella-Eisenbahn besaß: »Sir Edward Grey, der im Jahre 1912
hierüber befragt wurde, antwortete, daß die Frage der Heranziehung
fremden Kapitals eine solche sei, in der die Gesellschaft die Freiheit
der Entscheidung habe; aber falls sie sich zur Heranziehung fremden
Kapitals entscheiden sollte, dann gebe er den Rat, daß sie sich an
deutsches Kapital wenden möchte.«


Die vorderasiatischen Fragen, insbesondere die Bagdadbahn

War in den afrikanischen Kolonialfragen das Ziel, sich gegenseitig
guten Willen zu zeigen und künftigen Reibungen vorzubeugen, so hatten
die Verhandlungen über die vorderasiatischen Fragen die Aufgabe, einen
alten Reibungspunkt zu beseitigen und die Formen für ein friedliches
Nebeneinanderarbeiten zu finden.

Die Angelegenheit der Bagdadbahn, die im Mittelpunkt jener
vorderasiatischen Fragen stand, hatte seit länger als einem Jahrzehnt
in den deutsch-englischen Beziehungen eine wichtige Rolle gespielt,
wichtiger allerdings in der Vorstellung der Engländer als in derjenigen
der Deutschen. Die in der Frage der Bagdadbahn zutagegetretenen
Meinungsverschiedenheiten sind von der britischen Regierung stets mit
einem Ernst und einem Nachdruck behandelt worden, wie kaum ein anderer
zwischen England und Deutschland streitiger Gegenstand außer der
Flottenfrage. Daß sich an der Frage der Bagdadbahn von Anfang an auch
Frankreich und Rußland erheblich interessierten, machte diese Frage
zu einem besonders verwickelten Problem der internationalen Politik.
Nachdem Rußland durch die Potsdamer Abmachungen von 1910 sich an der
Bagdadbahn desinteressiert und Deutschland freie Hand gegeben hatte,
erschien der Versuch, auch mit Frankreich und namentlich mit England
zu einer Verständigung zu kommen, nicht nur zur Förderung des Ausbaus
dieses wichtigen Unternehmens geboten, sondern auch zur Entlastung der
Beziehungen Deutschlands zu den Westmächten und damit zur Sicherung des
Weltfriedens.

Der Verständigungsversuch hatte eine lange und wechselvolle
Vorgeschichte.

Als gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts deutscher
Unternehmungsgeist und deutsches Kapital sich für die Türkei zu
interessieren begann, fanden die deutschen Bestrebungen bei England
Ermunterung, während sie bei Frankreich und Rußland auf Mißtrauen
und Gegnerschaft stießen. Frankreich betrachtete damals die Türkei
finanziell und wirtschaftlich als seine Domäne; das Auftauchen
eines neuen Wettbewerbers, und gerade Deutschlands als des neuen
Wettbewerbers, wurde deshalb nicht gern gesehen. Rußland, das auf
den Zerfall der Türkei wartete und für sich den Löwenanteil an der
Erbschaft des kranken Mannes erhoffte, war von vornherein jeder
Entwicklung abhold, die neue Interessen an der Erhaltung der Türkei zu
schaffen und das Osmanische Reich innerlich zu kräftigen geeignet war.
England dagegen, das im Jahre 1878 die Türkei vor der Zertrümmerung
gerettet hatte, betrachtete auch damals noch die Türkei als ein
wichtiges Bollwerk gegen die russischen Ausdehnungsbestrebungen,
das weder von Rußland zerstört, noch von Frankreich unter seine
ausschließliche finanzielle und wirtschaftliche Kontrolle gebracht
werden dürfe. Da der britische Unternehmungsgeist und das britische
Kapital durch die großen Aufgaben innerhalb des britischen Weltreichs
selbst in jenen Jahren vollauf in Anspruch genommen waren und wenig
Neigung zu einer verstärkten Betätigung in der Türkei zeigten, ja
sogar an das französische Kapital sichtlich Boden verloren, war der
britischen Regierung das neue deutsche Interesse für die Türkei
durchaus erwünscht. Seine Förderung paßte angesichts des damaligen
freundschaftlichen Verhältnisses Englands zum Dreibund in den Rahmen
der britischen Gesamtpolitik.

Nachdem im Jahre 1888 eine unter Führung der Deutschen Bank stehende
deutsche Finanzgruppe die Konzession für den Bau und Betrieb einer
Eisenbahn von Haidar-Pascha (Vorstadt von Konstantinopel auf dem
asiatischen Ufer) nach Angora erhalten hatte, beteiligte sich an
der zur Durchführung der Konzession errichteten Gesellschaft, der
Anatolischen Eisenbahngesellschaft, neben deutschem, österreichischem
und italienischem Kapital auch englisches Kapital, allerdings nur mit
einer bescheidenen Quote, die auch bald wieder abgestoßen wurde.

Die Bahn nach Angora wurde in wenigen Jahren vollendet und alsbald
durch eine Linie von Eskischehir nach Konia ergänzt. Im Jahre 1896
wurde auch diese Linie in Betrieb genommen. Das neue Eisenbahnnetz,
eine Streckenlänge von mehr als 1000 km umfassend, erschloß, im
Gegensatz zu den unter französischer und englischer Führung bisher
erbauten kurzen Stichbahnen im westlichen Kleinasien und in Syrien,
das Innere des anatolischen Hochlandes, das im Altertum durch seine
Fruchtbarkeit und seinen Erzreichtum berühmt war und jetzt seiner
Erweckung aus vielhundertjährigem tiefem Verfall wartete.

Als Frankreich sah, daß Deutschland sich in der Verfolgung des
neugesteckten Zieles nicht irremachen ließ und daß Deutschland, das
immer noch als armes Land galt, auch die für die Durchführung seiner
Pläne erforderlichen Mittel aufzubringen in der Lage war, fand es
sich mit den vollendeten Tatsachen ab. Es bildete sich zwischen den
deutschen und den französischen Interessenten in der Türkei allmählich
ein modus vivendi heraus, der zwar nicht ausschloß, daß man sich in
einzelnen Geschäften gelegentlich scharf befehdete, der aber auf
der andern Seite in wichtigen Fällen zu einem gemeinschaftlichen
Vorgehen und einer Zusammenarbeit führte. Die einsichtigsten Vertreter
Frankreichs, vor allem M. Constans, der seit 1899 lange Jahre hindurch
als französischer Botschafter in Konstantinopel tätig war, rangen
sich durch das Gestrüpp nationaler Vorurteile zu der von deutscher
Seite stets vertretenen Überzeugung hindurch, daß Frankreichs
und Deutschlands Interessen in der Türkei in den wesentlichsten
Punkten -- Erhaltung der türkischen Unabhängigkeit, finanzielle und
wirtschaftliche Kräftigung der Türkei -- übereinstimmten und eine
loyale Zusammenarbeit notwendig machten. Dagegen wurde im Laufe der
neunziger Jahre Englands anfangs so warmes Interesse für die deutsche
Betätigung in der Türkei -- im Einklang mit dem gesamtpolitischen
Verhältnis -- immer kühler. Nur einmal noch, unter der Einwirkung
der Zuspitzung des britisch-französischen Verhältnisses im Jahre
1898 (Faschoda) und in der von Rußland in seiner vorderasiatischen
Politik ausgenutzten Bedrängnis der ersten Periode des Burenkriegs,
also zu der Zeit der Chamberlainschen Bestrebungen zur Schaffung
einer deutsch-englisch-amerikanischen Entente, schien sich ein neues
deutsch-englisches Zusammengehen auch in den vorderasiatischen
Eisenbahnfragen ermöglichen zu lassen.

In jener Zeit gewann das Projekt der »Bagdadbahn« zum erstenmal
greifbare Gestalt. Jene große Transversallinie, die Konstantinopel
quer durch Kleinasien und Mesopotamien mit dem Persischen Golf
verbinden sollte, ist nicht nur der gegebene Hauptstrang des gesamten
Eisenbahnnetzes der asiatischen Türkei und damit für das Osmanische
Reich die strategisch und wirtschaftlich wichtigste Eisenbahn, sondern
sie hat auch als die kürzeste Verbindung zwischen Europa und Indien
alle Aussicht, eine Weltlinie ersten Ranges zu werden. Es ist daher
begreiflich, daß der Plan der Bagdadbahn schon seit Jahrzehnten
fortgesetzt erörtert und von den verschiedensten Finanzgruppen
mit der türkischen Regierung verhandelt worden war. Wenn bisher
alle diese Erörterungen und Verhandlungen ohne Ergebnis geblieben
waren, so lag das einmal an den finanziellen Schwierigkeiten des
Projekts: seine Durchführung erforderte Hunderte von Millionen, eine
privatwirtschaftliche Rentabilität war für lange Jahre nicht zu
erwarten, für eine staatliche Garantie fehlten der Türkei die Mittel;
ferner an einer politischen Schwierigkeit: der äußerst mißtrauische
Sultan Abdul Hamid wollte, so brennend er sich für den Plan der
Bagdadbahn interessierte, den Bau und Betrieb dieser wichtigsten aller
türkischen Eisenbahnen nicht in Hände legen, von deren Loyalität und
Zuverlässigkeit gegenüber der Türkei er nicht unbedingt überzeugt war.

Gegen Ende der neunziger Jahre schien sich die Möglichkeit zur
Überwindung jener Schwierigkeiten zu bieten.

Die anatolische Linie stellte einen vielversprechenden Anfang dar. Die
wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung der Türkei ermöglichte die
Schaffung neuer Einnahmequellen, die als Grundlage der Finanzierung der
Bagdadbahn verwendet werden konnten. Und in Deutschland, das keinerlei
territoriale Ziele in der Türkei verfolgte, das vielmehr durch seine
eigensten Interessen genötigt war, für die Aufrechterhaltung der
Unabhängigkeit und der Integrität der Türkei einzutreten, hatte der
Sultan hinreichendes Vertrauen gewonnen, um das große Werk in deutsche
Hände zu legen.

Die deutsche Regierung, an die sich der Sultan mit dem immer
wiederholten und dringenden Ersuchen um Förderung des Planes wandte,
sah hier die Möglichkeit zu einer bedeutungsvollen Ausweitung der
wirtschaftlichen Weltstellung Deutschlands und zeigte sich deshalb
gern bereit, den türkischen Wünschen zu entsprechen. Die deutsche
Finanzgruppe, die das anatolische Netz geschaffen hatte, stellte sich
für das große Unternehmen zur Verfügung.

Man war sich bei uns von Anfang an darüber klar, daß eine rasche
Durchführung des großen Unternehmens nur auf internationaler Grundlage
möglich sei. Der Umfang der für den Bau einer Streckenlänge von etwa
2500 km erforderlichen Kapitalien, die Notwendigkeit der Zustimmung
der europäischen Großmächte zur Schaffung der für die Finanzierung
des Unternehmens erforderlichen neuen türkischen Staatseinnahmen,
die internationale Bedeutung der neuen Weltlinie, namentlich
für den Verkehr mit Britisch-Indien, schließlich die weitgehende
Abhängigkeit des Schicksals des Unternehmens von der politischen
Haltung der einzelnen Großmächte -- das alles mußte den Versuch
nahelegen, nicht nur die Zustimmung, sondern auch die Mitwirkung
der nächstinteressierten Großmächte und ihrer Finanzkreise an dem
Unternehmen zu gewinnen.

Die Bemühungen nach dieser Richtung hin führten zunächst hinsichtlich
Frankreichs zu einem Erfolg. Zwischen der Gruppe der Deutschen Bank und
der französischen Gruppe der Ottomanischen Bank kam im Mai 1899 unter
Mitwirkung der beiderseitigen Botschafter in Konstantinopel, des Baron
Marschall und des Herrn Constans, ein grundsätzliches Einvernehmen über
ein Zusammengehen in Sachen der Bagdadbahn zustande.

Auch mit England ließen sich die Verhandlungen zunächst günstig an.
Als im November 1899 der Kaiser Wilhelm II. mit dem Reichskanzler zum
Besuch bei der Königin von England in Windsor weilte, äußerte sich
Chamberlain in dem Sinne, daß ihm eine englische Beteiligung an den
deutschen Eisenbahnunternehmungen in Vorderasien erwünscht sei; es sei
ihm lieber, die Deutschen in Kleinasien zu sehen, als die Russen und
Franzosen. Aber es blieb bei dieser Bekundung eines politischen guten
Willens; die Versuche, eine englische Finanzgruppe für eine positive
Mitwirkung zu gewinnen, verliefen ergebnislos. Als nach Erteilung
einer Vorkonzession für die Bagdadbahn (Dezember 1899) die Versuche,
eine finanzielle Mitwirkung Englands zu sichern, wiederaufgenommen
wurden, zeigte sich in England eine verstärkte Zurückhaltung. Im
Februar 1901 hatte der Leiter des Bagdadunternehmens, der Direktor
der Deutschen Bank Dr. Georg von Siemens, im Londoner Foreign Office
eine Besprechung, an der von englischer Seite der Unterstaatssekretär
im Foreign Office, Mr. Sanderson, und der britische Botschafter in
Konstantinopel, Sir Nicolas O'Conor, teilnahmen. Es handelte sich
damals vor allem darum, festzustellen, ob mit Englands Zustimmung zu
der für die Finanzierung des Bagdadprojekts erforderlichen Erhöhung
der türkischen Eingangszölle gerechnet werden könne. Die englischen
Herren äußerten nur unter Vorbehalten ihre persönliche Meinung, die
darauf hinauskam, daß England eine Zustimmung zu der ins Auge gefaßten
türkischen Zollerhöhung nur in Erwägung ziehen könne, wenn vorher ein
ausreichendes britisches Interesse an dem geplanten Unternehmen der
Bagdadbahn geschaffen worden sei. Ein solches britisches Interesse
zu schaffen, überließen sie der deutschen Gruppe, ohne diese auch
nur durch eine Andeutung zu unterstützen, nach welcher Richtung
sie sich zweckmäßigerweise zu bemühen habe. Dr. von Siemens reiste
unverrichtetersache nach Berlin zurück.

Die Folgezeit brachte, im Einklang mit der britischen Gesamtpolitik,
eine immer deutlicher betonte Feindseligkeit Englands gegenüber
dem Bagdadprojekt. England legte den türkischen Zollerhöhungen
Schwierigkeiten in den Weg und warf die Streitfrage von Koweit auf.
Koweit ist eine kleine Stadt am Nordufer des Persischen Golfs; sein
Hafen galt als der weitaus beste in jener Gegend und als der natürliche
Endpunkt einer von Bagdad her an den Golf heranführenden Eisenbahn. Die
britisch-indische Regierung hatte vor längerer Zeit mit dem Scheich
von Koweit Verträge abgeschlossen, deren Inhalt niemals genauer
bekanntgeworden ist. Auf Grund dieser Verträge beanspruchte England
für sich zwar nicht ein Protektorat über Koweit, aber immerhin eine
nicht genauer definierte Sonderstellung, während die Pforte an ihrer
Souveränität über Koweit festhielt. Als im Herbst 1901 die Türken
aus Anlaß eines Aufstandes Truppen in Koweit landen wollten, wurden
sie durch britische Kriegsschiffe daran verhindert. Im Anschluß an
diesen Vorgang teilte die britische Regierung der türkischen mit, daß
sie unter Voraussetzung der Respektierung des -- immer nicht genauer
definierten -- status quo durch die Türken ihrerseits davon Abstand
nehmen wolle, Koweit zu besetzen und ein Protektorat zu erklären. Dabei
ist es geblieben. Von deutscher Seite suchte man den Schwierigkeiten
der Koweitfrage Rechnung zu tragen, indem man sich damit abfand, daß in
der Anfang März 1903 erteilten endgültigen Bau- und Betriebskonzession
für die Bagdadbahn der Endpunkt der Bahn am Persischen Golf nicht
festgesetzt, sondern für eine spätere Verständigung offengehalten
wurde.

Trotz dieses Entgegenkommens und trotz der Geneigtheit Deutschlands,
sich auch in den andern für England wichtigen Punkten mit der
britischen Regierung zu verständigen, lehnte die britische Regierung
endgültig jede englische Mitwirkung ab. Balfour, der am 8. April
1903 im Unterhaus die neuen deutschen Vorschläge mitgeteilt und eine
sorgsame Erwägung in Aussicht gestellt hatte, verkündigte am 23. April
1903, daß die angebotenen Garantien für eine gleichberechtigte Stellung
Englands in dem Unternehmen nicht ausreichten und daß deshalb England
die gewünschten Zusagen nicht geben könne.

In derselben Zeit erklärte Delcassé in der französischen Kammer, für
die französische Mitwirkung an dem Bagdadunternehmen sei Vorbedingung
die volle Gleichberechtigung Frankreichs im Kapital und in der Leitung.

Die englische und die französische Politik hatten sich also
zusammengeschlossen, um Deutschland die Führung des von ihm
vorbereiteten und gegründeten Unternehmens durch den Anspruch auf volle
Gleichberechtigung, die in Wirklichkeit auf eine glatte Majorisierung
Deutschlands hinausgekommen wäre, aus der Hand zu winden oder die
Durchführung des Unternehmens zu verhindern.

Bei der unbedingten Gegnerschaft der englischen und französischen
Politik -- Rußland hatte aus den bereits angedeuteten Gründen von
Anfang an dem Bagdadunternehmen Schwierigkeiten bereitet -- ist
es geblieben. Trotzdem hielt die französische Finanzgruppe der
Ottomanischen Bank den Wunsch und die Zusage ihrer Beteiligung --
wahrscheinlich im geheimen Einverständnis mit der französischen
Regierung -- aufrecht. Da jedoch der französische Markt den
Bagdadwerten verschlossen blieb, hat die französische Beteiligung für
die deutsche Gruppe nur insofern Wert gehabt, als sie den Faden nicht
ganz abreißen ließ und für später gewisse Möglichkeiten offenhielt.

Die im März 1903 erteilte Konzession umfaßte die Hauptlinie von Konia,
dem Endpunkt der Anatolischen Bahn, bis zum Persischen Golf sowie
eine Anzahl wichtiger Zweiglinien. Die finanziellen Vereinbarungen
erstreckten sich jedoch nur auf die ersten 200 Kilometer vorwärts
Konia, da nur für diese hinreichende Garantien verfügbar zu machen
waren. Die Stellung von Garantien für das Gesamtnetz blieb vorbehalten.

Die erste Strecke von 200 Kilometer (Konia-Bulgurlu) konnte bereits
im Herbst 1904 dem Betrieb übergeben werden. Dann aber geriet die
Durchführung des Unternehmens angesichts der Unfähigkeit der türkischen
Regierung, gegen den Widerstand Englands und Frankreichs weitere
Garantien verfügbar zu machen, für eine Anzahl von Jahren ins Stocken.

Im Frühjahr 1906 wurde ich von der Deutschen Bank als ihr
Vertreter und als Delegierter des Verwaltungsrats der Anatolischen
Eisenbahngesellschaft und der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft nach
Konstantinopel gesandt. Meine Hauptaufgabe war, an der Überwindung
der Finanzierungsschwierigkeiten mitzuhelfen und mit der türkischen
Regierung Verträge über den Weiterbau der Bagdadbahn, jedenfalls über
das Taurusgebirge hinaus, tunlichst aber bis nach Aleppo, wo die
Verbindung mit dem französischen Eisenbahnnetz in Syrien zu gewinnen
war, zum Abschluß zu bringen.

Auch mir war klar, daß die besonderen Lebensbedingungen des
Bagdadbahn-Unternehmens eine internationale Verständigung
geradezu erforderten. Vor allem war, um die Bagdadbahn als großen
internationalen Verkehrsstrang zwischen Europa und Indien voll nutzbar
zu machen, eine Einigung mit England notwendig. Aber auf der andern
Seite erschien mir jeder neue Einigungsversuch aussichtslos, solange
die Gegenseite der Überzeugung war, daß wir ohne ihre Zustimmung keinen
Schritt vorwärtskommen könnten und daß sie deshalb in der Lage sei,
uns jede Bedingung aufzuerlegen und uns die Früchte unserer Arbeit zu
entwinden. Der Boden für eine für uns annehmbare Verständigung mußte
erst durch Tatsachen geschaffen werden, die aller Welt zeigten, daß wir
entschlossen und stark genug waren, die Hindernisse, die man uns in den
Weg legte, zu überwinden und nötigenfalls das Unternehmen auf eigne
Faust der Vollendung zuzuführen.

In zäher Arbeit und hartem Kampf gelang es, die finanziellen Grundlagen
für den Weiterbau zu sichern. Zwar setzten die Engländer durch, daß
der Ertrag der dreiprozentigen Zollerhöhung, die endlich im Jahre 1907
für den Zeitraum von sieben Jahren den Türken zugestanden wurde, für
die mazedonischen Reformen festgelegt wurde, so daß diese wichtige
Einnahmequelle für die Finanzierung der Bagdadbahn gesperrt war.
Aber gleichzeitig gelang es unsern Bemühungen, andere Einnahmen,
die teilweise durch die im Jahre 1903 durchgeführte Unifikation der
alten türkischen Staatsschuld, teilweise durch die wirtschaftliche
Entwicklung der Türkei verfügbar geworden waren und für die Zukunft
eine weitere günstige Entwicklung versprachen, für die Finanzierung des
Weiterbaus der Bagdadbahn zu sichern. Am 2. Juni 1908 konnte ich meinen
Namen unter Verträge mit der türkischen Regierung setzen, in denen der
Ausbau von weiteren 840 Kilometern vereinbart wurde. Die neuen Strecken
brachten die Durchquerung des Taurus und Amanus, die Verbindung mit
dem Golf von Alexandrette durch den Anschluß an die von der deutschen
Gruppe kurz zuvor erworbene Stichbahn Mersina-Adana, die Verbindung mit
dem syrischen Eisenbahnnetz in Aleppo, schließlich die Überschreitung
des Euphrat; vorläufiger Endpunkt war Tel Helif, ein Ort südlich von
Mardin, der Ausgangspunkt der in der Konzession von 1903 vorgesehenen
wichtigen Zweiglinie nach Diarbekir.

Mit diesen Verträgen war nach vierjähriger Stockung ein entscheidender
Schritt vorwärts getan.

Wenige Wochen nach ihrer Unterzeichnung brach die jungtürkische
Revolution aus. Die zunächst stark unter französischem und englischem
Einfluß stehende neue Richtung war dem »deutschen« Bagdadunternehmen
gegenüber stark voreingenommen. Aber die Bagdadverträge hielten
Stich gegenüber aller Prüfung und Kritik; auch die Jungtürken mußten
sich überzeugen, daß die Durchführung des begonnenen Werkes ein
lebenswichtiges Interesse für die Türkei darstellte.

Von deutscher Seite aus wurde unter den neuen Verhältnissen ein neuer
Versuch gemacht, in den türkischen Angelegenheiten mit Frankreich
und England zusammenzugehen. Auf deutsche Anregung hin fand sich
im Herbst 1908 die Gruppe der Deutschen Bank, die französische
Gruppe der Ottomanischen Bank und eine englische, Sir Ernest Cassel
nahestehende Gruppe zusammen, um der neuen Türkei durch einen Vorschuß
und im Anschluß daran durch eine Anleihe über ihre finanziellen
Schwierigkeiten hinauszuhelfen. Auch in der Frage der Bagdadbahn
wurde die Fühlung mit England vorsichtig wiederaufgenommen. Im
Herbst 1909 traf ich mit Sir Ernest Cassel, der inzwischen durch die
Gründung der Banque Nationale de Turquie ein größeres Interesse an
den türkischen Geschäften genommen hatte, in Konstantinopel zusammen;
die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit in den türkischen Geschäften,
insbesondere im Bagdadbahn-Unternehmen, wurden dabei erörtert. Gegen
Schluß des Jahres kam Sir Ernest nach Berlin. Er stellte zur Erwägung,
ob wir uns entschließen könnten, das südliche Stück der Bagdadbahn,
von der Stadt Bagdad bis zum Persischen Golf, an eine unter englischer
Führung stehende Gesellschaft zu überlassen, wogegen England seinen
bisherigen Widerstand gegen das Unternehmen aufgeben und uns nördlich
von Bagdad freie Hand lassen sollte. An sich wäre eine solche Lösung
vom Standpunkt der deutschen Interessen aus erträglich gewesen,
vorausgesetzt, daß die türkische Regierung ihr Mißtrauen gegen eine
Verstärkung der englischen Stellung in Südmesopotamien überwinden
konnte und daß zwischen den beiden Finanzgruppen Abmachungen über das
Ineinandergreifen des Betriebs der beiderseitigen Linien getroffen
worden wären, die einen reibungslosen Durchgangsverkehr für Personen
und Güter in derselben Weise wie auf einem einheitlichen Netze
gesichert hätten.

Die Aussprache hatte aber zunächst keine weitere Folge. Im Gegenteil,
im Laufe des Jahres 1910 kam es zu einem abermaligen, von Frankreich
ausgehenden und von England unterstützten Vorstoß gegen Deutschlands
finanzielle und wirtschaftliche Stellung in der Türkei. Eine
französische Gruppe, die Fühlung mit englischen Kreisen suchte und
fand, betrieb mit Hochdruck das Projekt einer Eisenbahn von Nordsyrien
durch das Euphrattal nach Bagdad, um durch diese etwas kürzere,
wirtschaftlich und strategisch jedoch für die Türkei weniger wertvolle
Konkurrenzlinie der durch das Tigristal führenden deutschen Bagdadbahn
den Todesstoß zu versetzen. Gleichzeitig wurde das starke Geldbedürfnis
der Türkei von der französischen Regierung ausgenutzt, um der Türkei
Bedingungen aufzuerlegen, die der Errichtung einer Finanzkontrolle
gleichkamen und die Türkei in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten,
namentlich auch in der Ausgestaltung ihres Eisenbahnnetzes, dem
Machtspruch der Westmächte unterworfen hätten. Der bedrängte türkische
Finanzminister, der sich in Paris vor so unannehmbare Bedingungen
gestellt sah, fand in London verschlossene Türen. In Paris und London
war man überzeugt, daß Deutschland nicht stark genug sei, um der Türkei
eine wirksame finanzielle Hilfe zu gewähren: »Londres ne veut pas,
Berlin ne peut pas!« triumphierten damals die französischen Zeitungen.

Die Rechnung war falsch. In der Erkenntnis, daß es gelte, die
Unabhängigkeit der Türkei und damit die gleichberechtigte Stellung
Deutschlands in diesem wichtigen und zukunftsreichen Lande zu erhalten,
schloß sich die gesamte deutsche und österreichisch-ungarische Bankwelt
zu einem großen Konsortium zusammen, um der Türkei aus der Bedrängnis
zu helfen. Im November 1910 reiste ich im Auftrag dieses Konsortiums
nach Konstantinopel, um mit dem türkischen Finanzminister über die
Anleihebedingungen zu verhandeln. Nach wenigen Tagen konnten die
Verträge unterzeichnet werden, die der Türkei ausreichende Mittel
sicherten, um für zwei Jahre den Fehlbetrag ihres Staatshaushalts zu
decken.

Die Türkei machte von der hierdurch gewonnenen Bewegungsfreiheit
Gebrauch, um den weiteren Ausbau der Bagdadbahn, deren volle Bedeutung
inzwischen auch von den jungtürkischen Machthabern erkannt worden
war, sicherzustellen. Im März 1911 kamen Verträge zustande, in denen
der sofortige Ausbau der Hauptlinie bis Bagdad vereinbart und der
Gesellschaft die Konzession für eine Zweiglinie nach Alexandrette
und für den Bau und Betrieb eines Hafens an diesem wichtigen Platze
verliehen wurde. Um der türkischen Regierung die Möglichkeit zu
geben, doch noch mit England zu einer Verständigung über die
Bagdadbahn zu kommen, wurde im Einverständnis mit dem Auswärtigen
Amt dem Großwesir auf dessen Wunsch eine von meinem Kollegen von
Gwinner und mir unterzeichnete Erklärung ausgestellt, daß wir bei
der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft dafür eintreten wollten, daß diese
sich bereitfinde, unter noch näher zu vereinbarenden Bedingungen
und Entschädigungen ihre Rechte auf die Strecke von Bagdad bis zum
Golf, sei es ganz, sei es teilweise, an eine neuzugründende türkische
Gesellschaft zu übertragen, vorausgesetzt, daß der deutsche Anteil
an dieser Gesellschaft nicht geringer bemessen werde als derjenige
einer jeden andern nichttürkischen Gruppe. Außerdem verzichtete die
Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf alle ihre Rechte auf den Ertrag
künftiger Zollerhöhungen, um dadurch dem Widerstand Englands gegen
eine solche im Interesse der türkischen Finanzen unerläßliche
Erschließung neuer Einnahmen ein für allemal den Boden zu entziehen.


Die Verständigung mit Frankreich über die türkischen Eisenbahnfragen

Die neuen Verträge, in Verbindung mit der vorausgegangenen Gewährung
der Anleihe, hatten in der Tat die Wirkung, die Lage zu klären. In
England wurde es für einige Zeit ganz still über die Bagdadbahn.
Rußland hatte sich durch die Potsdamer Abmachung desinteressiert.
Frankreich, dessen Vorstoß gegen das Bagdadunternehmen nun endgültig
abgewiesen war, suchte jetzt »Kompensationen« für die von uns
erzielten Erfolge auf andern Gebieten; es begann Verhandlungen über
Eisenbahnkonzessionen erheblichen Umfanges in der europäischen Türkei
und in Nordost-Anatolien und stellte der Türkei für den Fall eines
günstigen Ergebnisses eine große Anleihe in Aussicht. Auch diese
neuen französischen Wünsche kollidierten in wichtigen Punkten mit
älteren Rechten der Anatolischen und der Bagdadbahn; aber dieses Mal
versuchte die französische Gruppe sich in Güte mit der deutschen
Gruppe zu verständigen. Es kam zu Besprechungen, die -- über die
einzelnen strittigen Punkte hinaus -- sich auf die Gesamtheit
der beiderseitigen Wirksamkeit in der Türkei erstreckten und die
Möglichkeit der Aufstellung eines Programms für eine vernünftige, die
wirtschaftlichen Bedürfnisse und die finanzielle Leistungsfähigkeit der
Türkei berücksichtigende Arbeitsverteilung im Ausbau des türkischen
Eisenbahnnetzes erörterten. Mit die größte Schwierigkeit bildete die
unklare und unbefriedigende Stellung der französischen Gruppe im
Bagdadunternehmen. Die französische Gruppe war nach wie vor mit 30
Prozent an dem Unternehmen beteiligt, während die noch kurz zuvor von
Herrn Pichon als Minister des Auswärtigen neu verkündete Sperre des
französischen Marktes für die Bagdadwerte ihr die aktive Mitwirkung
an der Finanzierung des Geschäftes unmöglich machte. Ich hatte im
Juni 1911 in Konstantinopel mit dem neuernannten Generaldirektor der
Ottomanischen Bank, Herrn Revoil, früher französischer Gesandter
in Tanger und Botschafter in Madrid, bekannt durch seine scharfe
Vertretung des französischen Standpunktes in der Marokkofrage,
mehrfache Unterredungen über diesen Gegenstand. Ich drang dabei auf
eine Klarstellung der französischen Politik im Bagdadgeschäft: entweder
wolle man die französische Beteiligung aufrechterhalten, dann müßten
die Hindernisse einer effektiven französischen Mitwirkung an der
Aufbringung der finanziellen Mittel und die offizielle Gegnerschaft
der französischen Regierung gegen das Bagdadunternehmen beseitigt
werden. Oder aber letzteres sei nicht möglich; dann seien wir bereit,
die französische Beteiligung zurückzunehmen. Herr Revoil erklärte
sich damals noch mit großer Entschiedenheit gegen ein Ausscheiden der
französischen Gruppe aus dem Bagdadunternehmen, mit dem Hinzufügen,
daß auch seine Regierung das Verbleiben der französischen Gruppe im
Bagdadgeschäft wünsche. Es müsse auf andere Weise versucht werden,
unsern Wünschen, deren Berechtigung er nicht bestritt, gerecht zu
werden.

Diese kaum begonnenen Besprechungen wurden durch das Erscheinen des
»Panther« vor Agadir und die sich daran anschließende kritische
Zuspitzung des deutsch-französischen Verhältnisses unterbrochen. Dann
ließen der türkisch-italienische Krieg und der Balkankrieg ein weiteres
Zuwarten als geboten erscheinen. Erst im Frühjahr 1913 konnten die
Fäden mit Nutzen wiederaufgenommen werden.

Meine Anwesenheit in Paris gab Gelegenheit, die deutsch-französische
Verständigung über die türkischen Geschäfte wieder in Fluß zu bringen.
Die Vorfrage der französischen Stellung im Bagdadgeschäft wurde dieses
Mal zu einer klaren Entscheidung gebracht. Nachdem ich Herrn Revoil
erneut die Alternative: »ou collaboration loyale, ou séparation nette«
gestellt hatte, erklärte dieser, mir nach Befragung des Ministers des
Auswärtigen eine klare Antwort geben zu wollen. Nach einigen Tagen
brachte er mir den Bescheid des Quai d'Orsay; er lautete -- wie mir
Herr Revoil versicherte, zu seinem großen persönlichen Bedauern -- auf
»séparation nette«.

Auf Grund der damit gegebenen Entscheidung wurden dann die
Verhandlungen über den ganzen Fragenkomplex in Berlin unter Mitwirkung
des französischen Botschafters, eines Vertreters des französischen
Ministeriums des Auswärtigen und des Vizegouverneurs der Bank von
Frankreich fortgesetzt. Am 15. Februar 1914 konnten die Verträge
paraphiert werden. Sie trafen Vereinbarungen über das Ausscheiden der
französischen Gruppe aus dem Bagdadunternehmen und über den Ausbau der
von beiden Gruppen in der asiatischen Türkei betriebenen und geplanten
Eisenbahnsysteme, ferner Bestimmungen über die Anschlußpunkte, über die
das gemeinschaftliche Interesse beider Eisenbahnsysteme berührenden
Tariffragen, über eine den finanziellen Kräften der Türkei angepaßte
zeitliche Staffelung der Ausführung neuer Eisenbahnbauten und
schließlich über ein Zusammenwirken bei der Sicherung der infolge des
Balkankriegs gefährdeten türkischen Anleihen und bei der Konsolidierung
der türkischen Finanzen. Das Inkrafttreten des Abkommens war abhängig
gemacht von dem Zustandekommen der Abmachungen, über die damals sowohl
von der deutschen wie auch von der französischen Gruppe mit der
türkischen Regierung verhandelt wurde. Ferner bestand natürlich ein
enger Zusammenhang zwischen den deutsch-französischen Abmachungen und
den Vereinbarungen, die damals zwischen Deutschland und England in
Sachen der beiderseitigen Unternehmungen in Kleinasien und Mesopotamien
zur Diskussion standen.


Die Verständigung mit England über die vorderasiatischen Fragen

Zwischen Deutschland, England und der Türkei hatte die Bagdadfrage seit
dem Abschluß der Verträge über den Ausbau der Bahn bis Bagdad (März
1911) zunächst geruht. Die durch das Eingreifen Lloyd Georges so scharf
zugespitzte Marokkokrisis ließ auf englischer Seite die Neuaufnahme von
Verhandlungen wohl nicht als zeitgemäß erscheinen, während man auf der
deutschen Seite sich sagen konnte, daß jeder Kilometer Bahnstrecke,
der neu in Betrieb kam -- und es wurde trotz aller Erschwernisse der
ungünstigen Zeit mit aller Energie gebaut --, die eigne Position für
jede künftige Auseinandersetzung verbessere. Die Besprechungen zwischen
Lord Haldane und der deutschen Regierung im Frühjahr 1912 schienen den
Boden für eine Verständigung, wie in den afrikanischen Kolonialfragen,
so auch in den vorderasiatischen Fragen, zu ebnen. Freiherr von
Marschall, der im Frühjahr 1912 als Botschafter von Konstantinopel
nach London geschickt wurde, brachte für Verhandlungen über türkische
Angelegenheiten eine ganz besondere Eignung mit. Leider ist es zwischen
Baron Marschall und Sir Edward Grey nur zu einleitenden Unterhaltungen
gekommen; denn wenige Monate nach seiner Ernennung erlag Marschall
einer schweren Krankheit. Sein Nachfolger wurde der Fürst Lichnowsky,
dem die türkischen Angelegenheiten fernlagen und der ihre Bearbeitung
im wesentlichen seinem Botschaftsrat, Herrn von Kühlmann, dem späteren
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, überließ.

Die Verhandlungen über den Präliminarfrieden, der dem ersten
Balkankrieg ein Ziel setzte, führten den früheren Großwesir Hakki
Pascha als Bevollmächtigten der Türkei nach London. Hakki Pascha,
einer der intelligentesten und jedenfalls der kenntnisreichsten der
türkischen Staatsmänner, war bestrebt, seinen Londoner Aufenthalt
zu einer völligen Bereinigung der zwischen der Türkei und England
schwebenden Fragen zu benutzen, und er war entschlossen, für eine
Klärung des türkisch-britischen Verhältnisses nötigenfalls auch
Opfer zu bringen. Insbesondere in der Bagdadfrage hatte Hakki Pascha
von langer Hand eine solche Politik vorbereitet. Er war es, der als
Großwesir gelegentlich des Abschlusses der Verträge vom März 1911
sich von uns die Erklärung der Bereitwilligkeit zur Übertragung der
Konzessionsrechte an der Südstrecke der Bagdadbahn an eine neu zu
errichtende Gesellschaft hatte ausstellen lassen.

Aus den Besprechungen zwischen Sir Edward Grey und Hakki Pascha, über
deren Verlauf die deutsche Botschaft von beiden Seiten unterrichtet
wurde, ergab sich, daß die britische Regierung im wesentlichen folgende
Ziele im Auge hatte:

Erstens die Regelung der das Nordufer des Persischen Golfes, namentlich
das Gebiet von Koweit, betreffenden Fragen im Sinne der alten
englischen Ansprüche.

Zweitens die Erlangung eines Schiffahrtsmonopols auf dem Euphrat und
Tigris für eine neuzugründende türkische Gesellschaft, in der das
englische Kapital und der englische Einfluß vorherrschend sein sollten.

Drittens die Zusage, daß auf der Bagdadeisenbahn jede Differenzierung
in den Bedingungen des Güterverkehrs zugunsten oder ungunsten der Waren
irgendeiner Nationalität, Herkunft oder Bestimmung ausgeschlossen sein
solle.

Der erste Punkt dieser Forderung umschloß die Herbeiführung des
Verzichts der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft auf die Heranführung
ihres Stranges bis unmittelbar an den Persischen Golf und auf die
Errichtung und den Betrieb eines Hafens am Persischen Golf. Dagegen
zeigte sich die britische Regierung, die früher stets die Kontrolle
über die ganze Bahnstrecke südlich von Bagdad als ihre Mindestforderung
aufgestellt hatte, jetzt für den Fall des erwähnten Verzichtes bereit,
der Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft für den Ausbau ihrer Hauptlinie bis
zu der am Shatt el Arab, dem Zusammenfluß des Euphrat und Tigris,
gelegenen Stadt Basra keine weiteren Schwierigkeiten zu machen.

Auf dieser Grundlage erschien eine für die deutschen Interessen an
der Bagdadbahn erträgliche Einigung möglich. Der Shatt el Arab wurde
damals schon von den Schiffen der Hamburg-Amerika-Linie, die einen
regelmäßigen Dienst nach Basra eingerichtet hatte, ebenso von den
Schiffen der British India Steamship Navigation Company und andern
Schiffahrtsgesellschaften bis Basra befahren. Das Haupthindernis, die
dem Shatt vorgelagerte Barre, konnte von diesen Schiffen zur Flutzeit
passiert werden. Nach dem Urteil der Sachverständigen ist ohne allzu
große Schwierigkeiten und Kosten eine Ausbaggerung möglich, die auch
für Schiffe mit großem Tiefgang eine jederzeit benutzbare Fahrrinne
schafft. Unter der Voraussetzung, daß die nötigen Vorkehrungen für
die Schiffbarmachung und die dauernde Schiffbarerhaltung des Shatt
el Arab vom Golf bis Basra getroffen, sowie ferner, daß ausreichende
Sicherheiten für die dauernde Freiheit der Schiffahrt auf dem
Shatt geschaffen würden, konnte man sich auf deutscher Seite vom
verkehrstechnischen Standpunkt aus mit einem Verzicht auf die in der
Bagdadkonzession vorgesehene Linie von Basra bis zum Golf abfinden.

Politische Voraussetzung war die Zustimmung der türkischen Regierung.
Diese hatte zu Abdul Hamids Zeiten, aber auch noch späterhin, jedes
deutsche Zurückweichen vor England in der Frage der Endstrecke der
Bagdadbahn als ein Imstichlassen der Türkei in der Verteidigung ihrer
Souveränität über das türkische Küstengebiet des Persischen Golfs
und über Südmesopotamien angesehen. Wenn nunmehr die Türkei bereit
war, die das Küstengebiet des Golfes betreffenden Streitfragen durch
Zugeständnisse an England zu liquidieren, die der Lebensfähigkeit der
Bagdadbahn und ihrem Wert als großer Weltverkehrslinie keinen Eintrag
taten, so war es nicht Sache Deutschlands, die Türkei hieran zu hindern.

Vom deutschen Standpunkt aus konnte man im Gegenteil die
türkisch-britische Verständigung über die Golffrage nur willkommen
heißen, wenn sich aus dieser die Möglichkeit einer deutsch-britischen
Verständigung über die Streitfrage der Bagdadbahn ergab, zumal da
eine solche Verständigung nicht nur die von der deutschen Regierung
gewünschte Entlastung der allgemein-politischen Spannung herbeizuführen
geeignet war, sondern auch zur endgültigen Sicherstellung des Ausbaus
der Bagdadbahn und ihrer wichtigsten Zweiglinien benutzt werden konnte.

Eine solche Sicherstellung des Ausbaus der Bagdadbahn wurde von
deutscher Seite zur Voraussetzung der Zustimmung zu dem Verzicht auf
die Linie Basra-Golf und auf den Hafen am Persischen Golf gemacht,
ebenso wie in den Verhandlungen mit den Franzosen diese Sicherung die
Voraussetzung für die verschiedenen deutschen Zugeständnisse bildete.
Die erforderlichen Sicherungen waren nicht etwa nur negativer Natur;
sie bestanden nicht nur darin, daß England und Frankreich, wie vorher
schon Rußland, sich verpflichteten, ihren bisherigen Widerstand
gegen den Ausbau der Bagdadbahn aufzugeben. Vielmehr war die aktive
Mitwirkung dieser Mächte erforderlich, um die durch das Ergebnis des
Balkankriegs bedrohten finanziellen Grundlagen des Bagdadunternehmens
wiederherzustellen. Die Abtrennung fast des ganzen europäischen
Territoriums von dem türkischen Reiche hatte zur notwendigen
Folge eine entsprechende Minderung der für die Bagdadobligationen
verpfändeten türkischen Staatseinnahmen. Die Frage, in welcher Weise
die türkischen Staatsgläubiger vor der sich aus der territorialen
Veränderung des türkischen Reichsbestandes ergebenden Schädigung
geschützt werden sollten, gehörte mit zu den Verhandlungsgegenständen
der Pariser Finanzkonferenz. Der gute Wille und die Mitwirkung der
Westmächte bei der Lösung dieser Frage war gerade für die Sicherung des
Bagdadunternehmens von besonderer Wichtigkeit.

In der Hauptsache allerdings war die finanzielle Sicherstellung der
Bagdadbahn und ihres Ausbaus in Verhandlungen mit der türkischen
Regierung durchzusetzen. Es handelte sich dabei nicht nur um
Kompensationen für den durch den Verlust der europäischen Türkei
drohenden Ausfall an den für die Bagdadobligationen verpfändeten
Einnahmen, sondern auch um die Bereitstellung von ausreichenden
Garantien für den Ausbau der Hauptlinie bis Basra und der wichtigsten
Zweiglinien, namentlich der Linie Bagdad-Hanekin (persische Grenze),
die nach dem Potsdamer Abkommen mit Rußland dort Anschluß an das
nordpersische Eisenbahnnetz finden sollte. Außerdem gehörte zu der
Sicherung des Ausbaus des Bagdadeisenbahnnetzes eine Anpassung der
finanziellen Konstruktion des Bagdadunternehmens an die durch den
Tripolis- und Balkankrieg wesentlich verschlechterten Verhältnisse des
türkischen Staatskredits. Über alle diese Dinge wurde gleichlaufend mit
den deutsch-englischen und deutsch-französischen Verhandlungen mit der
türkischen Regierung verhandelt, in dem allseitigen Einverständnis,
daß unsere Abmachungen mit der Türkei einerseits, mit England und
Frankreich andrerseits sich gegenseitig bedingten.

Mußte die unbedingte Sicherung für einen in absehbarer Zeit
durchzuführenden Ausbau der Bagdadbahn die Voraussetzung sein allein
schon für unsern Verzicht auf die Golfstrecke und den Hafen am Golf
gegenüber den Engländern sowie für unser weitherziges Entgegenkommen
gegenüber den Franzosen bei der Abgrenzung der beiderseitigen
Eisenbahnnetze, so wurde diese Notwendigkeit verstärkt durch eine Reihe
weiterer Forderungen, die England in die Verhandlungen hineinwarf.
Ich habe oben bereits Englands Anspruch auf die Flußschiffahrt in
Mesopotamien erwähnt. Das von der britischen Regierung für eine unter
englischer Kontrolle stehende Gesellschaft türkischen Rechts erstrebte
Monopol bildete für die deutsche Regierung einen schweren Stein des
Anstoßes. Hakki Pascha hatte sich in London von dem Foreign Office
eine Zusage abringen lassen. Die britische Regierung machte es
gegenüber der deutschen zur Voraussetzung für jede Abmachung über die
vorderasiatischen Angelegenheiten, daß die deutsche Regierung sich mit
der von der türkischen Regierung zugestandenen Schiffahrtskonzession
auf den mesopotamischen Flüssen abfinde. Gegenüber allen Vorstellungen
hielt sie mit der größten Hartnäckigkeit an diesem Standpunkte
fest. Wenn die deutsche Regierung die Verhandlungen nicht scheitern
lassen wollte, mußte sie sich darauf beschränken, die deutschen
Interessen an der mesopotamischen Schiffahrt durch Sicherstellung
der völligen Gleichberechtigung deutscher Frachten und durch
eine deutsche Beteiligung am Kapital und in der Verwaltung der
Schiffahrtsgesellschaft nach Möglichkeit zu wahren. Wenn aber die
deutsche Regierung sich mit dem unter britischer Kontrolle stehenden
Schiffahrtsmonopol abfand, so mußte sie -- sollte nicht England in dem
Verkehrsgebiet der Bagdadbahn einen kaum mehr einzuholenden Vorsprung
gewinnen -- auf der Sicherung des sofortigen Ausbaues der Bagdadbahn
mit verdoppeltem Nachdruck bestehen.

In der gleichen Richtung wirkten die britischen Ansprüche hinsichtlich
der mesopotamischen Bewässerungsanlagen und der Ausbeutung der
mesopotamischen Petroleumvorkommen.

Schließlich erstreckte die britische Regierung die Verhandlungen
auch noch auf eine der deutsch-französischen Abmachung analoge
Verständigung zwischen der von britischem Kapital kontrollierten
Smyrna-Aidin-Bahn im westlichen Kleinasien einerseits, der Anatolischen
Eisenbahn und Bagdadeisenbahn andrerseits.

Die Verhandlungen waren außerordentlich schwierig. Sie wurden von der
englischen Seite mit einer nicht zu übertreffenden Zähigkeit geführt,
auch im Festhalten an Einzelheiten, die im Verhältnis zu der Gesamtheit
der auf dem Spiel stehenden Interessen für England nur geringfügige
Bedeutung haben konnten. Immer wieder wurde die deutsche Seite vor die
Frage gestellt, ob sie an der oder jener mehr oder weniger wichtigen
Frage das Verständigungswerk scheitern lassen wollte. Es gehörte für
uns ein ungewöhnliches Maß von Geduld und gutem Willen dazu, um alle
die kleinen und großen Klippen zu überwinden.

Schließlich kam nach mehr als einjährigen Verhandlungen eine Einigung
zustande, die in großen Zügen folgendermaßen aussah:

Als südlicher Endpunkt der Bagdadeisenbahn wurde Basra festgesetzt.
Auf eine Weiterführung der Bagdadeisenbahn bis zum Golf und auf
den Hafen am Golf leistete die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft
Verzicht. Dafür verpflichtete sich die englische Regierung, dem
Ausbau der Bagdadbahn bis Basra keinerlei Schwierigkeiten zu machen
und keinerlei Bestrebungen, Konkurrenzbahnen zur Bagdadbahn in den
Vilajets Bagdad und Mossul zu bauen, irgendwie zu unterstützen. Die
Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft übernahm die Verpflichtung, keinerlei
differentielle Behandlung in den Bedingungen des Transports nach
Nationalität, Herkunft oder Bestimmung der Waren eintreten zu lassen.
Sie hielt für eine noch zu konstituierende englische Finanzgruppe eine
Beteiligung an ihrem Gesellschaftskapital offen und verpflichtete sich,
zwei Verwaltungsratssitze mit britischen Mitgliedern zu besetzen.

In Bagdad und Basra sollten von einer von der
Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft zu gründenden Untergesellschaft
Hafeneinrichtungen gebaut und betrieben werden. Diese Hafengesellschaft
sollte unter der Kontrolle der deutschen Gruppe stehen; für britische
Interessenten sollte eine Beteiligung von 40 Prozent offengehalten
werden.

England traf mit der Türkei Vereinbarungen über die Schiffbarmachung
des Shatt el Arab für Schiffe größeren Tiefgangs, denen Deutschland
beitrat. Gleichzeitig wurde die volle Freiheit der Schiffahrt für
Fahrzeuge aller Nationen auf dem Shatt und der Ausschluß einer
jeglichen differentiellen Behandlung dieser Schiffahrt in bezug auf
Abgaben und sonstige Bedingungen festgelegt. Für die von der Schiffahrt
auf dem Shatt el Arab als Beitrag zu den Kosten der Regulierung zu
erhebenden Abgaben wurde ein mäßig gegriffener Höchstsatz vereinbart.

Die deutsche Regierung übernahm die Verpflichtung, der Erteilung
der Konzession für die mesopotamische Flußschiffahrt an eine unter
englischer Kontrolle stehende Gesellschaft keine Schwierigkeiten zu
machen. Von dem Kapital der Gesellschaft sollte ursprünglich die
Hälfte auf England, die andere Hälfte auf die Türkei entfallen. Man
einigte sich jedoch schließlich dahin, daß 40 Prozent des türkischen
Anteils, also 20 Prozent des Gesamtkapitals, für deutsche Interessenten
offengehalten werden sollten. Damit war natürlich auch eine
entsprechende Vertretung im Verwaltungsrat der Schiffahrtsgesellschaft
verbunden. Der Ausschluß einer jeden differentiellen Behandlung in den
Transportbedingungen wurde in ähnlicher Weise festgelegt wie bei der
Bagdadeisenbahn. In den Abmachungen zwischen England und der Türkei
und in den Statuten der Schiffahrtsgesellschaft war die peinlichste
Fürsorge dafür getroffen, daß in allen wichtigen Angelegenheiten im
Falle von Stimmengleichheit der Vorsitzende des Verwaltungsrats, der
von der englischen Gruppe gestellt wurde, den Ausschlag geben sollte.

Das Inkrafttreten der Abmachungen war gebunden an die Ergänzung der
durch die Abtretung der europäischen Provinzen veminderten Pfänder
für die Bagdadobligationen und an das Zustandekommen der Abmachungen
mit der Türkei über die Bereitstellung der für den sofortigen Ausbau
des Bagdadeisenbahnnetzes erforderlichen Garantien. Die britische
Regierung war ihrerseits bereit, die Stellung dieser Garantien
dadurch zu unterstützen, daß sie ihre Einwendungen gegen die von der
Türkei geplante und für die Konsolidierung der türkischen Finanzen
unbedingt notwendige Zollerhöhung endlich fallen ließ. Wenn auch
die Bagdad-Eisenbahn-Gesellschaft schon im Jahre 1911 endgültig auf
ihre früheren Ansprüche auf den Ertrag der Zollerhöhung verzichtet
hatte und auch jetzt nicht daran dachte, auf die Zollerhöhung für die
Finanzierung des Ausbaus ihres Netzes zurückzugreifen, so wurde der
türkischen Regierung durch das Zugeständnis der Zollerhöhung wenigstens
indirekt die Zuweisung der für den Ausbau der Bagdadbahn erforderlichen
Pfänder erleichtert.

Gleichzeitig mit diesen Abmachungen wurde auch eine Übereinstimmung
über die in Mesopotamien auszuführenden Bewässerungsarbeiten und über
die gemeinschaftliche Ausbeutung der mesopotamischen Petroleumvorkommen
erzielt; desgleichen über die recht weitgehenden Wünsche der
Smyrna-Aidin-Eisenbahn-Gesellschaft. Hinsichtlich der mesopotamischen
Bewässerungsarbeiten verpflichtete sich die deutsche Regierung,
keine Konkurrenz gegen die von den Engländern schon in Bearbeitung
genommenen Projekte zu unterstützen; angesichts der großen Ausdehnung
der von Sir William Willcox schon seit Jahren bearbeiteten Pläne war
das ein sehr weitgehendes Zugeständnis. In der für die Ausbeutung
der mesopotamischen Petroleumquellen errichteten Gesellschaft
begnügte sich die deutsche Gruppe, die immerhin nicht unwesentliche
Rechte einbrachte, mit einer Beteiligung von 25 Prozent, während
die englische Gruppe 50 Prozent und die niederländische Gruppe der
Königlichen Petroleum-Gesellschaft die restlichen 25 Prozent erhielt.
Gegenüber der Smyrna-Aidin-Eisenbahn verzichtete die Anatolische
Eisenbahn-Gesellschaft auf ihr Einspruchsrecht gegen gewisse von jener
Gesellschaft seit langer Zeit begehrte Zweig- und Verbindungslinien,
die von der Anatolischen Eisenbahn bisher als unerwünschte Konkurrenz
mit Erfolg bekämpft worden waren.

Um die Mitte des Jahres 1914 war dieses weitschichtige Vertragswerk,
das alle wesentlichen Berührungspunkte der deutschen und englischen
Interessen in der asiatischen Türkei regelte und den neben der
Flottenfrage wichtigsten Reibungspunkt zwischen Deutschland und England
aus der Welt schaffte, in allen seinen Einzelheiten festgestellt.
Nachdem bereits im Februar 1914 die Abmachungen zwischen Deutschland
und Frankreich paraphiert worden waren, stand jetzt nur noch die
Einigung zwischen Deutschland und der Türkei aus, die für das
Inkrafttreten der andern Abmachungen die Voraussetzung war. Auch
diese war in mühevollen Verhandlungen so weit vorgeschritten, daß ein
befriedigender Abschluß innerhalb kurzer Zeit erwartet werden konnte.

Ein wichtiges Stück Arbeit an der Befestigung des Weltfriedens stand
unmittelbar vor der Vollendung. Da machte der Ausbruch des Weltkriegs
dieses Werk und alle darauf gesetzten Hoffnungen zunichte.


Die deutsch-englische Verständigung und die englisch-russische
Marinekonvention

Angesichts des furchtbaren Abschlusses der mit so heißem Bemühen
geführten Verständigungsverhandlungen drängt sich unausweichlich die
Frage auf, ob diese Versuche, dem Weltfrieden durch die Ausschaltung
vermeidbarer Reibungen und durch die Einleitung friedlicher
Zusammenarbeit eine stärkere Grundlage zu geben, nicht schließlich
nur Scheinmanöver gewesen sind, mit denen der eine Teil den andern
hinhalten und über seine wahren Absichten täuschen wollte. Die
Folgerung liegt zu nahe, daß der Ausbruch des Weltkriegs sich hätte
verhindern lassen müssen, wenn der Wille zum Frieden, der doch
schließlich allein den Verhandlungen über die Ausräumung wichtiger
Reibungspunkte einen Sinn und eine Berechtigung geben konnte, auf
beiden Seiten echt war.

Nach meinen persönlichen Wahrnehmungen kann ich nur bekunden, daß auf
der deutschen Seite alle maßgebenden Stellen und Personen durchdrungen
waren von dem ehrlichsten Willen, durch eine planmäßige Entlastung
der politischen Beziehungen zwischen den europäischen Völkern die
Kriegsgefahr einzudämmen und die Aussichten der Erhaltung des Friedens
zu verbessern. Und ich glaube hinzufügen zu können, die leitenden
politischen Persönlichkeiten waren erfüllt von der guten Hoffnung, daß
ihr Bestreben von Erfolg gekrönt sein werde. Die Unterhaltung zwischen
dem deutschen Reichskanzler und dem großbritannischen Botschafter in
Berlin am Tage des Eintritts Englands in den Krieg ist dafür ein Beleg.

Weniger klar und durchsichtig ist das Verhalten der Mächte des
dreifachen Einvernehmens, insbesondere Englands.

Halten wir uns an die Tatsachen!

Ich habe weiter oben darauf aufmerksam gemacht, daß Sir Edward
Grey während der ersten Monate des Balkankriegs sich Deutschland
gegenüber in einer geradezu auffallenden Weise freundlich und zu einer
Zusammenarbeit im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens bereit
zeigte, daß ihn diese sichtliche Annäherung an Deutschland jedoch nicht
hinderte, gerade damals mit dem französischen Botschafter in London den
Briefwechsel auszutauschen, der später in der entscheidenden Stunde von
Sir Edward Grey selbst als moralische Verpflichtung zur Waffenhilfe an
Frankreich anerkannt wurde. Jetzt, während die mühevollen Verhandlungen
über die vorderasiatischen Fragen zum Abschluß gebracht wurden, trat
nicht etwa eine Entspannung des gegen Deutschland gerichteten Systems
ein, vielmehr kam es auch jetzt -- genau wie im November 1912 -- zu
einem strafferen Anziehen der Fäden des um Deutschland geschlungenen
Netzes.

Am 21. April 1914 besuchte König Georg den Präsidenten Poincaré in
Paris. Er war begleitet von dem Staatssekretär des Auswärtigen Sir
Edward Grey. Diese Tatsache unterstrich die politische Bedeutung des
Besuchs um so stärker, als Sir Edward bisher das Gebiet der britischen
Inseln überhaupt niemals verlassen hatte. Schon vor dem Eintreffen
des Königs Georg in Paris hatte der russische Botschafter Iswolski
angeregt, den Besuch des Königs zu benutzen, um das lose Gefüge des
dreifachen Einvernehmens in ein »Bündnis nach Analogie des Dreibundes«
umzuwandeln. Sein Vorschlag wurde von dem französischen Minister des
Auswärtigen, Herrn Doumergue, beifällig aufgenommen. Sir Edward Grey
lehnte zwar den Abschluß eines förmlichen Bündnisses ab; ein solches
bestand ja auch gegenüber Frankreich nicht, und den Briefwechsel mit
Paul Cambon über das Zusammenwirken der beiderseitigen Land- und
Seestreitkräfte hatte Sir Edward vor dem britischen Parlament, dem er
immer versicherte, England habe völlig freie Hand, geheimgehalten.
Aber er zeigte sich geneigt, die bestehenden militärischen Abmachungen
zwischen Frankreich und England durch gleichartige Abmachungen zwischen
England und Rußland zu ergänzen. In Frage kam der Natur der Sache
nach in erster Linie ein Marineabkommen. Sir Edward erlangte hierfür
die Zustimmung des britischen Kabinetts, und es wurde vereinbart, daß
die auf dieser Grundlage erforderlichen militärischen Verhandlungen
unmittelbar zwischen der britischen Admiralität und dem russischen
Marineattaché in London stattfinden sollten.

Jeder Zweifel an der Bedeutung dieses engeren Zusammenschlusses der
Triple-Entente wird beseitigt durch die vor kurzem von der russischen
Regierung veröffentlichten Berichte des russischen Botschafters in
London, Grafen Benckendorff. Dieser war während des Besuchs des
Königs Georg gleichfalls in Paris anwesend und berichtete von dort
am 21. April 1914 an Herrn Ssasonoff nach Petersburg, er hoffe, »die
_Hauptsache_ erreicht zu haben, nämlich _die bisher allzu theoretischen
und friedlichen Grundgedanken der Entente durch etwas Greifbares
zu ersetzen_«. Er sei sich zweifelhaft, »ob sich eine stärkere
Garantie für eine gemeinsame militärische Operation im Kriegsfalle
finden ließe, als der Geist dieser Entente, wie er sich offenbart
hat, verstärkt durch die bestehenden militärischen Vorkehrungen«.
Von dem von Sir Edward Grey abgelehnten förmlichen und öffentlichen
Bündnis riet auch Graf Benckendorff ab, da ein solches »ein sehr viel
günstigeres Feld für eine _Agitation zugunsten Deutschlands_ bieten
würde«. -- »Agitation zugunsten Deutschlands« -- das war das Bestreben
der englischen Friedensfreunde, zu einem besseren, die Gefahr eines
bewaffneten Konfliktes ausschließenden Verhältnis zu Deutschland zu
kommen!

Die Tatsache, daß gerade in der Zeit, als die deutsch-englische
Verständigung über die kolonialen und vorderasiatischen Fragen sich
dem Abschluß näherten, die britische Regierung es für angezeigt hielt,
das System der Entente durch militärische Abmachungen mit Rußland, die
sich ganz unzweideutig gegen Deutschland richteten, zu verstärken,
zeigt zum mindesten, daß die britische Politik nicht gewillt war,
sich durch eine Verständigung mit Deutschland über noch so wichtige
Einzelfragen davon abhalten zu lassen, in ihren seit einem Jahrzehnt
betriebenen politischen und militärischen Vorbereitungen für den
Krieg mit Deutschland in verstärktem Maße fortzufahren. Der Geist,
der in den von Lord Haldane Anfang 1912 eingeleiteten Besprechungen
zum Ausdruck gekommen war, beherrschte nach wie vor die britische
Politik: England wollte die Kampfstellung gegenüber Deutschland nicht
aufgeben. Die Verständigung in Einzelfragen, mochten sie für sich noch
so bedeutungsvoll sein, mußte unter diesen Umständen ihren eigentlichen
Zweck -- die Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens zwischen
den beiden großen Ländern und damit die Schaffung der wichtigsten
Voraussetzung für die Entspannung der internationalen Lage -- von
vornherein verfehlen. Die Verhandlungen über die britisch-russische
Marinekonvention, die natürlich der deutschen Regierung und der
Öffentlichkeit trotz aller Ableugnungs- und Beschwichtigungsversuche
bekanntgeworden waren, hatten vielmehr das Gegenteil der Wirkung, die
man mit der Verständigung über die kolonialen und vorderasiatischen
Fragen erreichen wollte. Warnend hoben die offiziösen deutschen
Zeitungen hervor, daß durch die britisch-russische Marinekonvention
alle bisher erzielten Fortschritte in der deutsch-englischen Annäherung
in Frage gestellt und eine Verschärfung des Mißtrauens zwischen den
beiden Ländern herbeigeführt werden müßte.

Diese Wirkung mußte um so notwendiger eintreten, als durch den engeren
Zusammenschluß der Triple-Entente die in Rußland und Frankreich
ohnedies im Wachsen begriffenen kriegerischen Strömungen ermuntert und
verstärkt wurden. Für die russische Kriegspartei war die Entsendung
einer deutschen Militärmission nach Konstantinopel im Herbst 1913
Wasser auf ihre Mühlen. Insbesondere die Neuerung, daß dem Führer der
Militärmission, dem General Liman von Sanders, das Kommando über das
Konstantinopeler Armeekorps übertragen werden sollte, während die
bisherigen Führer der deutschen Militärmissionen in der Türkei, zuletzt
der Generalfeldmarschall von der Goltz, keine Kommandogewalt gehabt
hatten, wurde von den deutschfeindlichen Treibern zur Erregung der
öffentlichen Meinung ausgenutzt. Dem scharfen Protest in Konstantinopel
und Berlin, zu dem sich die russische Regierung veranlaßt sah, schloß
sich die französische und auch die englische Regierung an, obwohl
schon seit einiger Zeit eine britische Marinemission, deren Führer
gleichfalls mit Kommandobefugnissen ausgestattet waren, in der Türkei
tätig war. Deutschland gab schließlich, um einem Konflikt mit Rußland
auszuweichen, nach und erklärte sich damit einverstanden, daß die
Befugnisse des Generals Liman auf die Generalinspektion der türkischen
Militärschulen beschränkt wurden. Aber auch diese Nachgiebigkeit
führte kein Nachlassen in den Treibereien gegen Deutschland herbei.
Die Sprache der russischen und französischen Presse gegen Deutschland
wurde immer maßloser. Auf russischer Seite wurde das Anrecht Rußlands
auf die asiatische Türkei und das Anrecht des Slawentums auf die
von Slawen bevölkerten Teile der vor dem Zusammenbruch stehenden
österreichisch-ungarischen Monarchie, auf französischer Seite
Frankreichs unverjährbarer Anspruch auf Elsaß-Lothringen mit erneutem
Nachdruck proklamiert. Ganz offen besprach die Presse beider Länder
die infolge der ihrer Vollendung zugehenden russischen Rüstungen immer
besser werdenden Aussichten eines Krieges gegen die Mittelmächte.
Blätter, deren enge Beziehungen zu den offiziellen Kreisen in
Petersburg und Paris weltkundig waren, beteiligten sich an diesem
Feldzug. Der russische Kriegsminister, Herr Ssuchomlinoff, äußerte sich
in dem ihm nahestehenden Blatte wiederholt in kaum mehr verhüllten
Kriegsdrohungen: »Frankreich und Rußland wollen den Krieg nicht, aber
Rußland ist bereit und erwartet, daß Frankreich es gleichfalls sein
wird.« Und am 24. April 1914, also unmittelbar nach dem Besuch des
Königs Georg in Paris, berichtete der belgische Gesandte in Berlin,
Baron Beyens, an seine Regierung: »Herr Cambon (der französische
Botschafter in Berlin) sieht wieder die Hand des Herrn Iswolski in
dieser zwecklosen Kampagne der russischen und französischen Zeitungen.«
Ich fand, als ich im Mai 1914 zum letztenmal zu geschäftlichen
Besprechungen in Paris war, dort unter aufrichtigen Freunden der
Erhaltung des Friedens eine sehr nervöse und besorgte Stimmung. Die
Presse und öffentliche Meinung waren in einer durch konkrete Tatsachen
allein nicht zu erklärenden Erregung, die auf die leitenden Kreise
teils übergriff, teils von ihnen gefördert wurde. Gerade damals
entrüstete man sich in Paris, daß in einer Theatervorführung -- ich
glaube im Berliner Eispalast -- französische Fremdenlegionäre in
Uniform auf die Bühne gebracht worden waren. Ernsthafte Leute fragten
mich aus diesem Anlaß, ob denn Deutschland durchaus den Krieg wolle!
Ich ließ mir die letzte Ausgabe des »Temps« geben und zeigte den
Aufgeregten im Theateranzeiger drei oder vier Stücke, in denen deutsche
Offiziere auf Pariser Bühnen Abend für Abend unter tosendem Beifall
des Publikums in den kläglichsten Rollen vorgeführt und beschimpft
wurden. Der Eindruck, den ich damals von Paris mitnahm, daß wir trotz
aller Verständigungsbemühungen Frankreich und Rußland gegenüber weiter
denn je von einer friedlichen Entspannung entfernt seien und daß die
Beziehungen der Mittelmächte zum Zweibund keinerlei nennenswerte
Belastung vertragen könnten, wurde auch von andern Beobachtern geteilt.
Wir kennen heute einen Bericht des belgischen Gesandten in Paris, Baron
Guillaume, aus jener Zeit -- er ist vom 8. Mai 1914 datiert --, in dem
es heißt:

»Unstreitig ist die französische Nation in diesen letzten Monaten
chauvinistischer und selbstbewußter geworden. Dieselben berufenen und
sachverständigen Persönlichkeiten, die vor zwei Jahren sehr lebhafte
Befürchtungen bei der bloßen Erwähnung von möglichen Schwierigkeiten
zwischen Frankreich und Deutschland äußerten, stimmen jetzt einen
andern Ton an; sie behaupten, des Sieges gewiß zu sein, machen viel
Aufhebens von den übrigens wirklich vorhandenen Fortschritten, die
die französische Armee gemacht hat, und behaupten sicher zu sein, das
deutsche Heer zum mindesten lange genug in Schach halten zu können, um
Rußland Zeit zu lassen, mobilzumachen, Truppen zusammenzuziehen und
sich auf seine westlichen Nachbarn zu stürzen ... Ein erfahrener und
hochgestellter Diplomat sagte neulich: >Wenn sich jetzt plötzlich eines
Tages ein ernster Zwischenfall zwischen Frankreich und Deutschland
ereignet, so werden die Staatsmänner beider Länder sich bemühen müssen,
ihm innerhalb der nächsten drei Tage eine friedliche Lösung zu geben,
oder es gibt Krieg.<«

Es ist ausgeschlossen, daß die britische Regierung über diese
Stimmungen und Strömungen in Frankreich und Rußland nicht unterrichtet
war. Es ist ausgeschlossen, daß sich Sir Edward Grey und seine Leute
keine Rechenschaft darüber gegeben haben, daß die von Iswolski
angeregte engere Knüpfung der Triple-Entente in dem Gedanken seines
Urhebers dazu dienen sollte und in ihrer tatsächlichen Wirkung dazu
dienen mußte, den überhitzten Kessel noch weiter anzuheizen. Man mag
zugunsten der bona fides der britischen Politik unterstellen, daß Sir
Edward sich damals auf den Vorschlag Iswolskis nur eingelassen habe,
um den durch die britisch-deutsche Verständigung über so wichtige
Einzelfragen beunruhigten Ententegenossen eine Sicherheit über Englands
loyales Festhalten an der Entente zu geben, daß es ihm nur darauf
angekommen sei, für den Fall des Nichtzustandekommens der Verständigung
mit Deutschland oder des Nichteintretens der von dieser Verständigung
erwarteten Entspannung des deutsch-britischen Verhältnisses sich eine
starke Koalition gegen Deutschland zu erhalten -- es wäre eine durch
nichts gerechtfertigte Aberkennung jeder politischen Urteilsfähigkeit
der britischen Staatsmänner, wenn man annehmen wollte, diese seien
sich nicht klar darüber gewesen, daß ihr grundsätzliches Eingehen auf
die Iswolskische Anregung und ihr Eintritt in Besprechungen über die
zwischen England und Rußland abzuschließende Marinekonvention die
stärkste Aufmunterung des kriegerischen Geistes in Frankreich und
Rußland bedeuten mußte, daß damit die deutsch-englischen Abmachungen,
noch ehe sie zu Ende verhandelt waren, um ihre Frucht gebracht wurden.

Nimmt man zu der damals vor dem Abschluß stehenden britisch-deutschen
Verständigung die Tatsache hinzu, daß Deutschland in dem Ausbau seiner
Flotte ohne vertragsmäßige Festlegung sich nach dem von Lord Haldane
im Februar 1912 vorgeschlagenen Schlüssel gerichtet hatte, so kann
man aus all dem nur den Schluß ziehen, daß die britischen Staatsmänner
die diplomatische und militärische Vorbereitung einer kriegerischen
Auseinandersetzung mit Deutschland unter allen Umständen und ganz
unabhängig von der Bereinigung noch so wichtiger Einzelfragen als
oberstes Ziel ihrer Politik festzuhalten entschlossen waren.

Die Erklärung liegt wohl weniger in dem Willen der britischen
Staatsmänner, die zufällig in jener entscheidenden Epoche der
Weltgeschichte die Geschäfte Englands leiteten, als vielmehr in den
alten Traditionen der britischen Politik, durch die England groß
geworden war und durch die es seine Größe zu erhalten suchte. Englands
Politik war stets gegen die politisch und wirtschaftlich stärkste
Kontinentalmacht gerichtet; seitdem Deutschland die politisch und
wirtschaftlich stärkste Kontinentalmacht geworden war, seitdem England
durch Deutschland mehr als durch ein anderes Land sich in seiner
weltwirtschaftlichen Stellung und in seiner Seegeltung bedroht fühlte,
war der englisch-deutsche Gegensatz unüberbrückbar und durch keine
Verständigung über irgendwelche Einzelfragen aus der Welt zu schaffen;
es sei denn, daß England mit allen seinen Überlieferungen gebrochen
und ehrlich darauf verzichtet hätte, von seinen Machtmitteln zur
Erhaltung seiner wirtschaftlichen Vorherrschaft Gebrauch zu machen.
Zu einem solchen Bruch mit der treibenden Kraft seiner Geschichte war
England nicht bereit, trotz aller pazifistischen Strömungen, die sich
auch in der britischen Öffentlichkeit einstellten. Das Wort Bismarcks
vom Jahre 1897 blieb wahr: das einzige Mittel zur Besserung der
deutsch-englischen Beziehungen sei, daß wir unserer wirtschaftlichen
Entwicklung einen Zaum anlegten, und dieses Mittel sei nicht anwendbar.

Die Verstärkung der für eine kriegerische Auseinandersetzung mit
Deutschland geschmiedeten Koalition durch England in der Zeit des
Abschlusses der deutsch-englischen Verständigungsverhandlungen -- das
ist der Schlüssel zur politischen Weltlage, aus der heraus der große
Krieg entstanden ist. Der deutschen Politik war es weder gelungen, die
französische Revancheidee aus der Welt zu schaffen oder auch nur ihr
neues Aufflammen zu verhindern, noch die durch den panslawistischen
Druck nach Südosten erzeugte Spannung zwischen Rußland und den
Zentralmächten einzudämmen. Wenn nun England am Ende langwieriger
Verständigungsverhandlungen mit Deutschland die Aussichtslosigkeit
jeder wirklichen Verständigung durch eine Verstärkung seines
Ententesystems bekundete und damit den kriegerischen Strömungen bei
seinen Ententegenossen eine neue Ermutigung gab, so war damit in der
Sache das Urteil über Krieg und Frieden gesprochen. Jeder Anlaß, in
dem es einer der Ententegenossen auf den Krieg ankommen lassen wollte,
mußte bei dieser Lage der Dinge zum Weltkrieg führen.




Der Ausbruch des Weltkrieges


Am letzten Junisonntag 1914, dem Jahrestag der Schlacht auf dem
Amselfelde, die den Serben als höchste nationale Erinnerung gilt, wurde
zu Serajewo der Erzherzog Franz Ferdinand, der Erbe der Kronen von
Österreich und Ungarn, von bosnischen Verschwörern serbischer Herkunft
ermordet. Die Fäden der Verschwörung wiesen nach Belgrad, und schon die
erste Untersuchung ergab die Mitwisserschaft und Mitwirkung serbischer
Offiziere und Beamten.

Als ich am Abend des 28. Juni die Nachricht von der Mordtat erhielt,
war ich mir sofort darüber klar, daß dieses Ereignis die unmittelbare
Bedrohung des Weltfriedens bedeute. Die gegen den Bestand der
Monarchie gerichtete, von den amtlichen Belgrader Kreisen in einer
kaum verhüllten Weise unterstützte großserbische Agitation war in
Wien seit langem Gegenstand wachsender Beunruhigung. Ich wußte
aus dem persönlichen Verkehr mit einflußreichen und maßgebenden
Persönlichkeiten der Donaumonarchie, wie ernst man dort die
großserbische Bewegung nahm und wie sehr man davon durchdrungen war,
daß die serbische Regierung -- trotz einer von ihr im März 1909 aus
Anlaß der Beilegung der bosnischen Krisis abgegebenen feierlichen
Loyalitätserklärung -- hinter der großserbischen Propaganda des
Wortes und der Tat als treibende Kraft stehe. Ich wußte, wie schwer
es gewesen war, bei früheren Gelegenheiten Österreich-Ungarn davon
abzuhalten, sich durch einen entscheidenden Streich gegen das
Nest der großserbischen Zettelungen endlich stärkere Garantien zu
verschaffen als niemals eingehaltene Versprechungen. Die Ermordung
des Erzherzog-Thronfolgers und seiner Gemahlin war nach allem, was
vorausgegangen war, eine Herausforderung, die kaum mehr irgendeine
Hoffnung auf einen gütlichen Ausgleich lassen konnte.

Das Verhalten Serbiens unmittelbar nach der Tat war geeignet, die
schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Die serbische Presse hielt es
nicht für der Mühe wert, die Freude und den Jubel über das Attentat zu
unterdrücken; auch Blätter, die der Regierung nahestanden, bezeichneten
als Ursache der Mordtat die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns.
Der nahe Zerfall der Monarchie und der Serbien zufallende Anteil des
Nachlasses wurden lauter denn je besprochen. Die serbische Regierung
selbst tat, während das Fortschreiten der Untersuchung immer neue
Beweise für den serbischen Ursprung des Verbrechens ergab, von sich
aus keinen Schritt zur Aufklärung des Sachverhalts, sondern spielte in
herausfordernder Weise den gänzlich Unbeteiligten.

Wer dagegen die Sprache der österreichisch-ungarischen Blätter
verfolgte, konnte nicht zweifeln, daß die Wiener Regierung entschlossen
war, auf ausreichende Sühne für die Ermordung des Thronfolgerpaares
und auf starke Sicherheiten gegen die Fortsetzung der großserbischen
Treibereien auf jede Konsequenz hin zu bestehen.

Es war mir damals schon ein Rätsel und wird mir immer ein Rätsel
bleiben, wie leicht die öffentliche Meinung bei uns in Deutschland --
und nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch Persönlichkeiten
in Stellungen, die ihnen ein zutreffendes Urteil ermöglichen mußten
-- damals die Lage nahmen. Die bosnische Krisis von 1908/09, die
Marokkokrisis von 1911, die Krisis des Balkankriegs von 1912/13 hatten
unsere öffentliche Meinung nicht etwa aufgerüttelt und aufmerksam
gemacht; ihre schließlich immer wieder friedliche Beilegung hatte im
Gegenteil abstumpfend und einschläfernd gewirkt. Die Überzeugung »Es
kommt ja doch nicht zum Krieg« war bei uns in den weitesten Kreisen
geradezu ein Dogma geworden, nicht zum wenigsten deshalb, weil wir von
der eigenen friedfertigen Gesinnung bis ins Innerste durchdrungen waren.

Der Deutsche Kaiser erhielt die Nachricht von dem Attentat in Kiel,
während er an einer Regatta teilnahm. Die Regatta wurde sofort
abgebrochen, und der Kaiser reiste alsbald nach Berlin. Damit fand auch
der Besuch eines britischen Geschwaders in Kiel ein vorzeitiges Ende.

Die Stellungnahme der deutschen Regierung zu den Ereignissen war durch
die bisherige Politik vorgezeichnet. Wir hatten uns auf die Gefahr,
in einen Krieg hineingezogen zu werden, in der bosnischen Krisis und
während des Balkankriegs aus Anlaß der südslawischen Bedrohung für
alle Welt sichtbar auf die Seite der Donaumonarchie gestellt und
wohl gerade durch diese unsere unzweideutige Haltung am meisten zur
Vermeidung des Krieges beigetragen. Niemand konnte erwarten, daß
dieses Mal unsere Haltung eine andere sein würde. Wohl war gerade in
den vorausgegangenen Monaten von Rußland her auf privatem Wege die
Andeutung gemacht worden: »Si vous pouviez vous décider à lâcher les
Autrichiens, nous pourrions lâcher la France;« -- aber, ganz abgesehen
von der Ungeheuerlichkeit des uns damit angesonnenen Treubruchs:
die Überzeugung von der Lebenswichtigkeit des Bündnisses mit der
Donaumonarchie und von der Notwendigkeit der Erhaltung eines starken
Österreich-Ungarn war bei uns in den maßgebenden Kreisen wie in dem
gesamten Volksbewußtsein so unbedingt fest, daß es ein Schwanken über
den jetzt einzuschlagenden Weg überhaupt nicht gab. Die Antwort, die
Österreich-Ungarn auf seine Anfrage von Deutschland erhielt, ergibt
sich aus folgenden Worten des später von der deutschen Regierung über
den Kriegsausbruch veröffentlichten Weißbuchs: »Aus vollem Herzen
konnten wir unserm Bundesgenossen unser Einverständnis mit seiner
Einschätzung der Sachlage geben und ihm versichern, daß eine Aktion,
die er für notwendig hielte, um der gegen den Bestand der Monarchie
gerichteten Bewegung in Serbien ein Ende zu machen, unsere Billigung
finden würde.«

Aus dieser Haltung hat die deutsche Regierung niemandem gegenüber ein
Hehl gemacht, weder gegenüber der eigenen Öffentlichkeit, noch auch
gegenüber den an der weiteren Entwicklung der Dinge interessierten
fremden Regierungen. Ich habe in jener Zeit aus Unterhaltungen
mit meinen Freunden im Auswärtigen Amt den bestimmtesten Eindruck
gewonnen, daß man dort fest davon überzeugt war, in Fortsetzung der
bisherigen Politik durch die offene Gewährung voller Rückendeckung an
Österreich-Ungarn die erstrebte Lokalisierung des drohenden Konfliktes
zwischen der Donaumonarchie und Serbien am sichersten erreichen zu
können.

Auf der andern Seite wollte man jede überflüssige Beunruhigung
vermeiden. Man sagte sich wohl, daß in solchen Zeiten kritischer
Hochspannung Beunruhigung und Mißtrauen sich wechselseitig steigern
und schließlich zu positiven Maßnahmen führen können, die gerade jene
Entwicklung, die man zu vermeiden wünscht, unvermeidlich machen.

Aus solchen Erwägungen heraus erklärt es sich, daß der Kaiser trotz der
noch gänzlich ungeklärten Lage am 6. Juli die Nordlandsreise antrat.
Man fürchtete, daß ein Aufgeben der jährlichen Nordlandsreise, für die
alle Dispositionen von langer Hand getroffen und bekannt waren, ein
Aufsehen erregt haben würde, das die friedliche Entwirrung der Lage
hätte erschweren müssen; man nahm ferner an, daß die von der Wiener
Regierung eingeleitete Untersuchung der mit dem Attentat von Serajewo
zusammenhängenden Vorgänge, auf deren Ergebnis Österreich-Ungarn
seine Forderungen an Serbien aufzubauen gedachte, und ebenso die
Vorbereitungen, die Österreich-Ungarn treffen mußte, um seinen
Forderungen Nachdruck zu geben, einige Zeit erfordern würden; und
schließlich rechnete man bei uns mit einer Zuversicht, die ich nach
meiner Einschätzung der für die weitere Entwicklung bestimmenden
Faktoren nicht ganz zu teilen vermochte, mit einem guten Ausgang, wie
er durch unser klares und festes Eintreten für den Bundesgenossen in
den früheren ähnlichen Lagen herbeigeführt worden war.

Meine eigne, weniger zuversichtliche Auffassung der Dinge erfuhr
in der weiteren Entwicklung durch allerlei Anzeichen, die in der
Öffentlichkeit merkwürdig wenig Beachtung fanden, immer mehr ihre
Bestätigung. Das große Publikum verharrte noch in einer für mich
von Tag zu Tag unbegreiflicheren Sorglosigkeit, als unsere offiziös
bediente Presse bereits deutliche Warnungssignale gab, als z. B.
die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« am 19. Juli in einem sehr
ernsten Artikel über Deutschlands Haltung ausführte, nur durch ein
rechtzeitiges Einlenken Serbiens könne eine Krisis vermieden werden,
deren Lokalisierung im Interesse der europäischen Solidarität
erwünscht und geboten sei.

In meinem Wirkungsbereich, in der Direktion der Deutschen Bank, habe
ich schon von den ersten Tagen des Juli an aus meiner Auffassung der
Lage die Folgerungen gezogen. Ich habe auf Zurückhaltung im Eingehen
neuer Verpflichtungen und auf eine tunlichste Stärkung der flüssigen
Mittel der Bank hingewirkt.

Am 23. Juli überreichte der österreichisch-ungarische Gesandte in
Belgrad der serbischen Regierung die Forderungen seiner Regierung mit
einer ausführlichen Begründung. Zur Beantwortung wurde Serbien eine
Frist von achtundvierzig Stunden gelassen.

Das Ultimatum, in Form und Inhalt überraschend schroff, zerriß für
die ganze Welt mit einem Schlag alle Nebel, die bisher den Ernst
der Lage noch verhüllt hatten. Jetzt war es für jedermann klar, daß
Österreich-Ungarn fest entschlossen war, auf jede Eventualität hin
Serbien gegenüber durchzugreifen, und daß der Friede Europas davon
abhänge, ob Rußland, das Serbiens Treiben bisher so offensichtlich
ermutigt hatte, beiseitestehen werde oder nicht. Mit einemmal stand
Europa im Zeichen der unmittelbaren Kriegsgefahr.

Es ist später die Frage aufgeworfen und lebhaft erörtert worden,
welche Rolle die deutsche Regierung und der Deutsche Kaiser bei jenen
Vorgängen gespielt haben.

Die deutsche Regierung hat alsbald nach der Bekanntgabe des
österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien -- bei aller
Betonung ihrer Bundestreue gegenüber der Donaumonarchie und ihres
Wunsches, den Konflikt zu lokalisieren -- Wert darauf gelegt,
gegenüber der eigenen Öffentlichkeit und gegenüber den Regierungen
der Großmächte festzustellen, daß sie an der Abfassung des Ultimatums
nicht beteiligt gewesen sei und von seinen Einzelheiten vorher keine
Kenntnis gehabt habe. Das bedeutet, daß die deutsche Billigung der
von Österreich-Ungarn für notwendig gehaltenen Aktion, zu der sich
die Reichsregierung in ihrem Weißbuch ausdrücklich bekennt, nur die
grundsätzliche Bereitschaft enthielt, sich hinter Österreich-Ungarn
bei seiner Abwehr der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten
großserbischen Bewegung zu stellen; daß aber eine Vereinbarung über die
Einzelheiten des von Österreich-Ungarn zu verfolgenden Aktionsprogramms
nicht stattgefunden hat.

Im Gegensatz zu dieser Bekundung der deutschen Regierung ist von
feindlicher Seite, in der Absicht, Deutschland als den Urheber des
Krieges hinzustellen, und später auch von gewissen deutschen Seiten
die Behauptung aufgestellt worden, die deutsche Regierung habe von
Anfang an bei der Abfassung des Ultimatums mitgewirkt und trage die
eigentliche Verantwortung für dessen eine friedliche Lösung kaum
mehr gestattende Schroffheit. Das Ultimatum wurde in Zusammenhang
gebracht mit einem Kronrat, der unter Vorsitz des Deutschen Kaisers
und unter Beteiligung österreichisch-ungarischer hoher Militärs --
genannt wurden der Erzherzog Friedrich und der Feldmarschall Conrad
von Hötzendorff -- am 5. Juli 1914 in Potsdam stattgefunden und die
Rollen in dem zum Kriege führenden Spiel verteilt haben soll. Auch
die bekannte Denkschrift des Fürsten Lichnowsky nimmt auf diesen
angeblichen Kronrat Bezug; desgleichen eine später von den Unabhängigen
Sozialdemokraten verbreitete und auch im Hauptausschuß des Reichstags
zur Sprache gekommene Aufzeichnung des Herrn Dr. Mühlon, der zu jener
Zeit stellvertretender Direktor bei Krupp war und der sich für seine
Darstellung auf Äußerungen bezieht, die ich ihm gegenüber damals in
einer vertraulichen Unterhaltung geschäftlichen Charakters gemacht
haben soll. Auch ein Bericht des bayrischen Legationsrates Dr. von
Schön, den der sozialistische bayrische Ministerpräsident Eisner im
November 1918 veröffentlicht hat, ist benutzt worden, um den Kaiser und
die deutsche Regierung als Anstifter des österreichisch-ungarischen
Ultimatums hinzustellen und die Bekundung, daß die deutsche Regierung
an der Abfassung des Ultimatums nicht beteiligt gewesen sei und von
seinen Einzelheiten vorher keine Kenntnis gehabt habe, Lügen zu strafen.

Mir ist über den tatsächlichen Hergang folgendes bekannt:

Nach dem Attentat von Serajewo hat die deutsche Regierung
sich rückhaltlos auf den von der österreichisch-ungarischen
Regierung vertretenen Standpunkt gestellt, daß der Bestand der
Donaumonarchie durch die großserbische Bewegung bedroht und die
österreichisch-ungarische Regierung berechtigt sei, wirksame Maßnahmen
gegen diese Bedrohung zu ergreifen. Die deutsche Regierung hat
ferner, an dem ersten Grundsatze der Reichspolitik festhaltend,
die Erhaltung Österreich-Ungarns als ein eigenes Lebensinteresse
angesehen und deshalb auch jetzt wieder der Wiener Regierung die
Zusicherung gegeben, daß Deutschland Österreich-Ungarn bei der Wahrung
seiner Lebensinteressen zur Seite stehen werde. Der Kaiser hat diese
Stellungnahme in den Besprechungen, die zwischen dem Attentat und
dem Antritt der Nordlandsreise stattfanden, gutgeheißen. Man war
sich klar darüber, daß diese Haltung das Deutsche Reich in einen
österreichisch-russischen Konflikt hineinziehen und damit den Weltkrieg
heraufbeschwören könne. Aber wie in den Jahren 1908/09 und 1912/13
hoffte man, der Gefahr eines österreichisch-russischen Konflikts
durch eine klare und entschiedene Stellungnahme am besten vorbeugen
zu können. Das alles konnte damals jedermann hören, der sich im
Auswärtigen Amt über den Stand der Dinge unterrichten wollte.

Die Legende von dem Potsdamer Kronrat ist schon im Juli 1914 in Berlin
in Umlauf gebracht worden, wie es scheint, durch Erzählungen des
Oberkellners eines bekannten Berliner Cafés, der seine Wissenschaft aus
einem von ihm bruchstückweise mitangehörten Gespräch hochgestellter
Gäste bezogen haben wollte. Die Legende ist offenbar daraus entstanden,
daß am 5. Juli der österreichisch-ungarische Botschafter Graf
Szögieny dem Deutschen Kaiser ein Handschreiben des Kaisers Franz
Joseph überreichte. In diesem Schreiben und einer ihm beigefügten
Denkschrift des Wiener Auswärtigen Ministeriums wurden die Gefahren
der Lage hervorgehoben und die Aufnahme Bulgariens an Stelle des
wankenden Rumänien in den Bund der Mittelmächte angeregt. In der vom
Auswärtigen Amt entworfenen Antwort wurde der Heranziehung Bulgariens
unter gewissen Vorbehalten zugestimmt; es wurden ferner Bemühungen
in Aussicht gestellt, um Rumänien beim Bündnis zu erhalten; zu dem
Konflikt mit Serbien wurde eine Stellungnahme abgelehnt, es wurde aber
betont, daß Deutschland gemäß dem Bündnis und der alten Freundschaft
treu zu Österreich-Ungarn stehen würde[6].

Ich habe später festzustellen Gelegenheit gehabt, daß weder der
Erzherzog Friedrich noch der Feldmarschall Conrad von Hötzendorff
damals in Berlin geweilt, geschweige denn an einem Kronrat in Potsdam
teilgenommen haben; daß der Kaiser an jenen Tagen überhaupt keine
österreichisch-ungarischen Militärpersonen empfangen hat; daß auch
ein Kronrat oder eine kronratähnliche Veranstaltung in ausschließlich
deutschen Kreisen damals nicht stattgefunden hat, vielmehr der Kaiser
sich vor dem Antritt der Nordlandsreise auf die Entgegennahme von
Einzelvorträgen, darunter auch des Vortrages des Reichskanzlers über
die politische Lage und über die Unzweckmäßigkeit einer Aufgabe der
Nordlandsreise, beschränkt hat.

Auch abgesehen von jenem nicht stattgefundenen Kronrat sind nähere
_Vereinbarungen_ mit der Wiener Regierung über die von dieser
zu unternehmende Aktion, wie mir späterhin von den beteiligten
Staatsmännern auf das bestimmteste erklärt worden ist, nicht getroffen
worden. Was die Wiener Regierung über ihre Absichten mitteilte,
hat sich auf allgemeine Richtlinien beschränkt: Untersuchung gegen
die der Beteiligung an dem Attentat Verdächtigen unter Mitwirkung
österreichisch-ungarischer Organe; Bestrafung der Schuldigen;
Sicherheiten für die Zukunft, insbesondere Unterdrückung der gegen
den Bestand der österreichisch-ungarischen Monarchie gerichteten
Propaganda. Für die Ausgestaltung dieser Forderungen im einzelnen
und für die Form, in der sie an Serbien gestellt werden sollten,
hat weder Wien die Berliner Zustimmung erbeten, noch Berlin
österreichische Mitteilungen verlangt. Man hat ein solches Vorgehen
angesichts des für das Deutsche Reich ungeheuren Einsatzes als
unbegreiflich bezeichnet; es scheint mir jedoch, daß bei einer
solchen Kritik nicht genügend gewürdigt wird, daß die deutsche
Regierung, indem sie von einer Vereinbarung der Einzelheiten und
der Form des österreichisch-ungarischen Vorgehens absah, nicht etwa
der Wiener Regierung eine Blankovollmacht ausstellte, sondern im
Gegenteil eine Festlegung der deutschen Politik auf die Einzelheiten
der österreichisch-ungarischen Aktion vermied und sich damit freie
Hand vorbehielt für die Beurteilung dessen, was bei der weiteren
Entwicklung der Dinge als notwendig für die Erhaltung des Bestandes
der österreichisch-ungarischen Monarchie anzusehen und von Deutschland
mitzuvertreten sei. Ich erinnere an die Lage im November 1912, in
der der Deutsche Kaiser in seinem oben angeführten Telegramm an
den Reichskanzler sich zwar nach wie vor bereit erklärte, für das
österreichisch-ungarische Lebensinteresse zu marschieren, nicht aber um
einer Laune des Verbündeten willen einen Weltkrieg heraufzubeschwören.
Und auch in der Krisis von 1914 hat, wie wir noch sehen werden, die
freie Hand, die sich die deutsche Regierung durch die Vermeidung des
Festlegens der Einzelheiten der österreichisch-ungarischen Aktion
gewahrt hat, dem Kaiser und dem Reichskanzler Gelegenheit gegeben, bei
Österreich-Ungarn ein Einlenken in Sachen des Ultimatums durchzusetzen,
ein Erfolg, der allerdings in seiner Wirkung durch den entschlossenen
Kriegswillen der russischen Kriegspartei vereitelt worden ist.

Noch bis zum Tag der Überreichung des Ultimatums in Belgrad waren meine
Freunde im Berliner Auswärtigen Amt im ungewissen, wie das Ultimatum
ausfallen werde. Als sein Text unmittelbar vor der Übergabe in Belgrad
in Berlin eintraf, war man im Auswärtigen Amt von seiner Schärfe
sichtlich überrascht.

Der Kaiser hat mir späterhin, längst ehe die Frage seiner angeblichen
Schuld am Kriege in Deutschland eine Rolle spielte, wiederholt von den
damaligen Vorgängen erzählt. Er habe sich, um nicht durch unnötige
Beunruhigung die Lage zu erschweren, auf den Rat des Kanzlers und des
Auswärtigen Amtes entschlossen, die Nordlandsreise anzutreten. Das
Auswärtige Amt habe ihm über den weiteren Verlauf der Dinge spärliche
und durchaus zuversichtliche Berichte geschickt, auf Grund deren er die
Hoffnung gehegt habe, daß sich alles friedlich erledigen werde. Der
Wortlaut des österreichisch-ungarischen Ultimatums habe ihn aus dieser
Hoffnung herausgerissen. Er habe, alsbald nachdem er Kenntnis von
dem Wortlaut erhalten habe, ohne weitere Nachrichten des Auswärtigen
Amts abzuwarten, die sofortige Rückkehr nach der Heimat befohlen. »In
Berlin eingetroffen,« fügte er hinzu, »habe ich mich sofort an die
Telegraphenstrippe gehängt und beim Zaren, beim König von England und
beim Kaiser Franz Joseph alles versucht, um das Verhängnis aufzuhalten.
Das wäre mir auch gelungen, wenn nicht der unselige Zar sich die
Mobilmachungsorder hätte abpressen lassen.«

Ich habe aus meinen eignen Wahrnehmungen in der kritischen Zeit
den Eindruck gewonnen, daß den leitenden Kreisen in Deutschland
nichts ferner lag, als einen Krieg herbeiführen zu wollen. Wenn der
deutschen Politik in jener Zeit ein Vorwurf zu machen ist, so ist es
vielmehr der, daß sie die Gefahr des Krieges nicht ernst genug ins
Auge faßte, sondern zu sehr von der friedlichen Lösung des Konfliktes
überzeugt war, und daß deshalb weder militärisch, noch diplomatisch,
noch wirtschaftlich die in Hinblick auf die Möglichkeit des Kriegs
erforderlichen Vorbereitungen getroffen worden sind.

In militärischer Beziehung liegt mir hierfür ein merkwürdiges Dokument
vor. In einer Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages im Jahre
1917 hatte der Unabhängige Sozialdemokrat Dr. Cohn-Nordhausen die
Behauptung aufgestellt, im Anschluß an den angeblichen Kronrat vom 5.
Juli 1914 seien alsbald militärische Vorkehrungen getroffen, u. a.
die sofortige kriegsmäßige Verproviantierung der elsaß-lothringischen
Festungen angeordnet worden. Das gab mir Veranlassung, das
Kriegsministerium um Feststellung des Tatbestandes zu bitten. Es
stellte sich heraus, daß in der Tat wenige Tage nach dem 5. Juli
1914 ein Erlaß über die Verproviantierung der elsässischen Festungen
hinausgegangen war. Dieser Erlaß lautete wie folgt:

  Armee-Verwaltungs-Departement
        237/14 geh. B 2.                        Berlin, 9. Juli 1914.
          _Geheim!_
      Zu Nr. 476/14. M. II.
  Versorgungsfrist für die Festungen
      Straßburg und Neubreisach.

Dem Antrage auf Hinausschiebung des kürzesten Verproviantierungstermins
für die Festung Straßburg vom 12. auf den 20. und für die Festung
Neubreisach vom 8. auf den 15. Mobilmachungstag wird unter den dargelegten
Umständen, jedoch nur notgedrungen, vorläufig zugestimmt. Auf Verkürzung
dieser Fristen ist daher unausgesetzt und mit allen zu Gebote stehenden
Mitteln hinzuwirken. Zum 1. April 1915 ist zu berichten, ob und unter
welchen inzwischen eingetretenen Umständen eine Verkürzung der Fristen
zulässig ist.

                                                  I. V.
                                             (Unterschrift.)

  An die Königl. Intendantur
     des XV. Armeekorps.

Das Armee-Verwaltungs-Departement des Preußischen Kriegsministeriums
hat also noch elf Tage nach dem Attentat von Serajewo und vier Tage
nach dem angeblichen Kronrat, der den Krieg beschlossen haben soll, die
Verproviantierungsfristen der elsässischen Festungen, vorläufig und
auf Widerruf um eine Woche verlängert! Ein stärkerer Beweis dafür ist
kaum möglich, daß unsern leitenden Kreisen der Gedanke, einen Krieg
heraufzubeschwören, gänzlich fernlag, ja daß sie im Vertrauen auf die
Erhaltung des Friedens Maßnahmen guthießen, die das Gegenteil der an
sich durch die Lage gebotenen Vorbereitungen für die Möglichkeit des
Krieges waren.

Auf diplomatischem Gebiet muß es jedem tiefer in die Dinge eintretenden
Beobachter auffallen, daß bei unserm italienischen Verbündeten vor der
Überreichung des Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche
gemacht worden sind, ihn auf eine Mitwirkung oder wenigstens eine
wohlwollende Neutralität durch bindende Abmachungen festzulegen.
Wenigstens ergibt sich aus den italienischen Veröffentlichungen zur
Vorgeschichte des Kriegs dafür nicht nur kein positiver Anhalt;
vielmehr läßt sich aus der Beschwerde darüber, daß Italien von den
österreichisch-ungarischen Absichten entgegen früheren Zusagen nicht
rechtzeitig unterrichtet worden sei, nur der Schluß ziehen, daß die
beiden Mittelmächte in der Tat an Italien nicht herangetreten sind.
Bei den bekannten Empfindlichkeiten und Aspirationen Italiens wäre,
falls die Mittelmächte einen Krieg hätten heraufbeschwören wollen
oder falls sie auch nur ernstlich die Möglichkeit des Krieges aus der
serbischen Veranlassung heraus ins Auge gefaßt hätten, der Versuch der
grundsätzlichen Verständigung mit Italien über das geplante Vorgehen
eine elementare Notwendigkeit gewesen. An Kompensationsobjekten fehlte
es nicht; man braucht nur an die albanische Frage zu denken. Und der
Vorteil eines von vornherein sich klar und unzweideutig auf die Seite
der Mittelmächte stellenden Italien wäre, wenn man den Kriegsfall
ernstlich ins Auge faßte oder gar den Kriegsfall herbeiführen
wollte, eine Kompensation wert gewesen. Es scheint mir hier in der
diplomatischen Vorbereitung des Krieges eine Unterlassung vorzuliegen,
die nur erklärlich ist aus dem festen Vertrauen der deutschen
Staatsmänner in die Erhaltung des Friedens.

Auch wirtschaftlich ist in jener Zeit nichts geschehen, was nach
Vorbereitung für einen Krieg ausgesehen hätte. Man hat nichts getan, um
unsere Bestände an Nahrungsmitteln und kriegsnotwendigen Rohstoffen,
wie Stickstoff, Wolle und Baumwolle, Kupfer, Nickel, Kautschuk usw.
aufzufüllen; man hat keinen Finger gerührt, um auch nur die Einfuhr der
in Antwerpen und Rotterdam mit Bestimmung für Deutschland lagernden
Waren einigermaßen zu beschleunigen. Man hat im Gegenteil geduldet,
daß noch kurz vor Kriegsausbruch Nahrungsmittel und kriegswichtige
Stoffe unsern Gegnern zugeführt worden sind, insbesondere daß noch im
Monat Juli große Quantitäten von Brotgetreide aus dem Reichsgebiet nach
Frankreich ausgeführt wurden.

Ist ein solches Verhalten denkbar bei einer Regierung, die einen Krieg
herbeiführen will? -- Die Frage beantwortet sich von selbst. Nur die
felsenfeste Überzeugung, daß es gelingen werde, den Frieden zu erhalten
-- eine Überzeugung, die jede Absicht, auf den Krieg loszusteuern,
unbedingt ausschließt --, läßt das Unterlassen aller militärischen,
diplomatischen und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitungen überhaupt
erklärlich erscheinen. --

Die Aufnahme, die das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien
bei Rußland fand, mußte sofort erkennen lassen, daß die Hoffnung auf
Erhaltung des Friedens an einem schwachen Faden hing. Die Lokalisierung
des österreichisch-serbischen Konflikts war die Voraussetzung aller
Friedenshoffnungen. Die russische Regierung ließ jedoch bereits
am Tage nach der Überreichung des Ultimatums, am 24. Juli 1914,
bekanntgeben, daß der österreichisch-serbische Konflikt Rußland »nicht
indifferent lassen« könne. Durch spätere Veröffentlichungen[7] wissen
wir, daß an demselben 24. Juli der russische Minister des Auswärtigen
dem serbischen Gesandten in Petersburg erklärte, daß Rußland in
keinem Fall aggressive Handlungen Österreich-Ungarns gegen Serbien
zulassen werde. Das war eine Ermunterung Serbiens zum Widerstand
gegen die österreichisch-ungarischen Forderungen, die ihre Wirkung
nicht verfehlte. Gedeckt durch Rußland gab Serbien auf das Ultimatum
am 25. Juli eine Antwort, die bei scheinbar weitem Entgegenkommen
in wesentlichen Punkten die österreichisch-ungarischen Forderungen
umging oder ablehnte. Der österreichisch-ungarische Gesandte
forderte daraufhin alsbald seine Pässe und verließ Belgrad. Schon
vor der Übergabe ihrer Antwortnote hatte die serbische Regierung die
Mobilmachung verfügt.

Damit war der bewaffnete Zusammenstoß zwischen Österreich-Ungarn
und Serbien so gut wie unabwendbar geworden, der Konflikt zwischen
Österreich-Ungarn und Rußland war vor aller Welt erklärt.

Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, alle die Phasen darzustellen,
die der russisch-österreichische Konflikt in den acht Tagen bis
zum Kriegsausbruch durchlaufen hat. Die Vorgänge sind von den
verschiedensten Seiten eingehend geschildert worden, auch von mir
in meiner Arbeit über »Die Entstehung des Weltkriegs im Lichte der
Veröffentlichungen der Dreiverbandsmächte«. An dieser Stelle steht im
Vordergrund, was ich aus persönlichen Wahrnehmungen zur Bestätigung und
Aufhellung der Vorgänge beitragen kann.

Es fügte sich, daß ich Gelegenheit hatte, am Abend des 26. Juli,
also am Abend nach der Überreichung der von Österreich-Ungarn
als Ablehnung behandelten serbischen Antwortnote, mich mit einer
russischen Persönlichkeit, die enge Beziehungen zu den maßgebenden
Regierungskreisen hatte, über die politische Lage eingehend unterhalten
zu können.

Der früher bereits erwähnte Präsident des Direktoriums der Russischen
Bank für auswärtigen Handel, Herr Davydoff, teilte telegraphisch mit,
daß er am Sonntag, 26. Juli, abends 11 Uhr, für ganz kurzen Aufenthalt
in Berlin eintreffen werde und großen Wert darauf lege, meinen Kollegen
Mankiewitz, zu dessen Geschäftskreis in der Direktion der Deutschen
Bank die russischen Geschäfte gehörten, und mich möglichst bald nach
seiner Ankunft zu sprechen. Herr Mankiewitz und ich suchten Herrn
Davydoff alsbald nach seiner Ankunft im Hotel Adlon auf. Die Fenster
seines Salons gingen nach den Linden. Von der Straße herauf brauste das
Gewoge der Volksmenge, die sich, wie schon am Abend vorher, in großer
Erregung und vaterländische Lieder singend durch die Hauptstraßen der
inneren Stadt bewegte.

Herr Davydoff empfing uns sichtlich beeindruckt durch die Kundgebungen,
deren Zeuge er auf der Fahrt vom Bahnhof nach dem Hotel gewesen
war. Schon aus seinen ersten Worten ergab sich, daß er nicht in
geschäftlichen Angelegenheiten nach Berlin gereist war, sondern zu
Zwecken der politischen Orientierung, und zwar mit Wissen und im
Auftrag maßgebender russischer Kreise.

Er berief sich auf seine langjährigen Bemühungen um die Herstellung
eines guten Verhältnisses zwischen Deutschland und Rußland und bekannte
seine großen Besorgnisse wegen der Weiterentwicklung der serbischen
Angelegenheit. Die größte Gefahr liege darin, daß in Petersburg nahezu
an allen Stellen die Überzeugung bestehe, daß die deutsche Regierung
Österreich-Ungarn zu seinem Vorgehen gegen Serbien aufgestachelt habe
und der eigentliche Verfasser des Ultimatums sei; daß die Aktion
gegen Serbien nur ein Glied in der Kette unfreundlicher Handlungen
Deutschlands gegen Rußland bedeute, und daß, wenn Rußland sich jetzt
füge, in kurzer Zeit neue Demütigungen folgen würden. Diese gefährliche
Auffassung werde mit Nachdruck und Erfolg von Iswolski vertreten,
der mit ihm von Petersburg hierher gereist sei und direkt nach Paris
weiterfahre. Er fügte hinzu, daß er von dem Wiedereintreffen Iswolskis
in Paris Schlimmes befürchte.

Ich trat der Auffassung, als ob Deutschland Rußlands Demütigung
suche, mit Entschiedenheit entgegen. Davydoff, der sich selbst
mit dieser Auffassung nicht identifizierte, konnte an Fällen, in
denen Deutschland die russischen Wege gekreuzt habe, außer unserem
Eintreten für unsern österreichisch-ungarischen Bundesgenossen in
den verschiedenen serbischen Konfliktsfällen nur die Angelegenheit
der deutschen Militärmission für Konstantinopel nennen, in der doch
Deutschland sich schließlich dem bei uns als unberechtigt empfundenen
russischen Einspruch gefügt hatte. Auch der Auffassung, als ob die
deutsche Regierung Österreich-Ungarn vorgeschoben hätte und der
eigentliche Verantwortliche für das Belgrader Ultimatum sei, konnte
ich nach meiner eigenen Kenntnis der Vorgänge widersprechen und
dabei auf die von den deutschen Botschaftern bei den verschiedenen
Regierungen abgegebenen Erklärungen, die Davydoff noch nicht kannte,
hinweisen. Davydoff erwartete eine gute Wirkung davon, wenn er die
offiziellen Erklärungen durch Berufung auf Mitteilungen von seiner
Regierung bekannten Privatpersonen bekräftigen könne. Ich erklärte
mich gern damit einverstanden, daß er meine Äußerung in diesem Sinne
verwerte. Ich bat ihn jedoch, zur Vermeidung einer jeden Zweideutigkeit
hinzuzufügen, daß man in Deutschland, wenn unsre Regierung auch an
dem österreichisch-ungarischen Ultimatum nicht mitgewirkt habe,
unverrückbar auf dem Standpunkt stehe, daß Österreich-Ungarn in seinem
Rechte sei und daß niemand Österreich-Ungarn hindern dürfe, sein
Verhältnis zu Serbien nach seinen Lebensinteressen zu ordnen.

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung suchte Davydoff meine Ansicht
darüber zu erfahren, ob Österreich-Ungarn durch Deutschland nicht zu
einer Milderung seiner Note veranlaßt werden könnte. Als ich dies
nach dem Stand der Dinge als unwahrscheinlich bezeichnete, ließ er
durchblicken, es komme in dieser Sache weniger darauf an, den Serben
entgegenzukommen, als darauf, Rußland einen Ausweg aus der furchtbaren
Situation zu zeigen, die sonst unvermeidlich zum Weltkrieg führen
müsse. Es gebe, wie mir bekannt sei, in Rußland eine sehr starke und
einflußreiche Kriegspartei; wir Deutschen hätten das Interesse, der
Friedenspartei und allen denjenigen, die ein dauernd gutes Verhältnis
zu Deutschland wünschen, zu helfen und ein Auskunftsmittel zu suchen,
das es Rußland möglich mache, ohne Krieg das Gesicht zu wahren.

Ich versprach, mein Bestes zu tun, und behielt mir vor, am nächsten
Morgen auf diese Anregung zurückzukommen und vielleicht einen Vorschlag
zu machen.

Es war inzwischen fast halb zwei Uhr geworden. Im Begriff, mich zu
verabschieden, fragte ich Davydoff nach seinen weiteren Dispositionen.
Davydoff antwortete, er wolle Dienstag abend abreisen, also Donnerstag
in Petersburg zurück sein. Auf meine Bemerkung: »Und Sie glauben,
daß bis dahin nichts Entscheidendes und Unwiderrufliches passiert?«
antwortete er: »Ich glaube, es wird nichts Entscheidendes geschehen;
wir werden wohl einen Teil unserer Armee mobil machen, aber --«

Ich fiel ihm ins Wort: »Sie meinen also, eine russische Mobilmachung
sei nichts Entscheidendes? -- Da bin ich allerdings anderer Ansicht.
Ich bin auf das bestimmteste überzeugt, daß eine russische Mobilmachung
die deutsche Mobilmachung zur sofortigen Folge hat.«

Davydoff: »Nun und --? Dann demobilisiert man wieder! Das kostet zwar
Geld, braucht aber doch noch kein Blut zu kosten.«

Mir war bekannt, daß unsere Regierung aus zwingenden militärischen
Gründen die russische Mobilmachung als gleichbedeutend mit dem
Kriegsfall ansah. An demselben 26. Juli, an dessen Abend ich diese
Unterredung mit Herrn Davydoff hatte, war unser Botschafter in
Petersburg angewiesen worden, der russischen Regierung eine Erklärung
abzugeben, in der es hieß:

»Vorbereitende militärische Maßnahmen Rußlands werden uns zu
Gegenmaßnahmen zwingen, die in der Mobilisierung der Armee bestehen
müssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den Krieg. Da uns Frankreichs
Verpflichtungen gegenüber Rußland bekannt sind, würde die Mobilmachung
gegen Rußland und Frankreich gerichtet sein. Wir können nicht annehmen,
daß Rußland einen solchen europäischen Krieg entzünden will.«

Daß diese deutsche Auffassung auch von den Verbündeten Rußlands
als ganz selbstverständlich anerkannt wurde, zeigt der Bericht des
britischen Gesandten in Petersburg vom 25. Juli (Blaubuch Nr. 17), in
dem es heißt:

»I said all I could to impress prudence on the Minister for foreign
Affairs, and warned him that, if Russia mobilised, Germany would not
be content with mere mobilisation, or give Russia time to carry out
hers, but would probably declare war at once.« (Ich sagte alles, was
ich konnte, um dem Minister des Auswärtigen Vorsicht nahezulegen, und
warnte ihn, daß im Falle einer russischen Mobilisation Deutschland
sich nicht auf eine bloße Mobilisation beschränken oder Rußland Zeit
zur Durchführung der seinigen geben, sondern wahrscheinlich sofort den
Krieg erklären werde.)

Daß die leitenden militärischen Kreise in Rußland selbst die
eigne Mobilmachung als gleichbedeutend mit der Kriegserklärung
an Deutschland ansahen, ist später außer Zweifel gestellt worden
durch eine von uns in Polen aufgefundene Anweisung des russischen
Kriegsministers vom September 1912, lautend: »Allerhöchst ist befohlen,
daß die Verkündigung der Mobilmachung zugleich die Verkündigung des
Krieges gegen Deutschland ist.«

Die russische Mobilmachung war also -- das war damals auch meine
innerste Überzeugung -- von allen für den weiteren Verlauf der Dinge
zu befürchtenden Komplikationen die verhängnisvollste; sie mußte allen
Versuchen, den Frieden zu erhalten, ein kurzes Ende bereiten. Es gab
mir damals einen förmlichen Ruck, Herrn Davydoff so leichthin über
diese Möglichkeit sprechen zu hören.

»Sie können überzeugt sein,« antwortete ich ihm, »daß die Mobilmachung
den sofortigen Krieg bedeutet.«

Davydoff war stark betroffen.

Nach einer kurzen Pause des Schweigens äußerte er Zweifel. Ich
verwies ihn darauf, daß unsere raschere Mobilmachung uns gegenüber
der russischen Überzahl einen Vorsprung gebe, der durch kein
Zaudern verloren werden dürfe; davon sei Zivil und Militär bei uns
durchdrungen. Deshalb sei Mobilisieren und Losschlagen für uns
gleichbedeutend.

Davydoff überzeugte sich von dem Ernst der Sache. Er erklärte diesen
Punkt für so außerordentlich wichtig, daß er noch in der Nacht darüber
nach Petersburg telegraphieren müsse.

Am nächsten Vormittag, Montag, 27. Juli, machte ich dem
Unterstaatssekretär Zimmermann von der nächtlichen Unterhaltung mit
Herrn Davydoff Mitteilung und fragte ihn, welche Andeutungen ich
eventuell Herrn Davydoff über einen Ausweg machen könne, der nach
seinem Wunsch Rußland ermöglichen solle, »das Gesicht zu wahren«. Das
Ergebnis der Besprechung mit Zimmermann war, daß ich Herrn Davydoff als
meine persönliche Anregung nachstehenden Gedanken mitteilte:

Österreich-Ungarn hat in seiner Zirkularnote an die Mächte gesagt, daß
es das Beweismaterial für den der Note an Serbien zugrundeliegenden
Tatbestand zur Verfügung der Regierungen halte. Da die russische
Regierung Zweifel in die Richtigkeit der von Österreich-Ungarn
behaupteten Tatsachen setze, bleibe vielleicht die Möglichkeit,
der Wiener Regierung zu suggerieren: Die österreichisch-ungarische
Regierung teilt sua sponte und ohne eine Anfrage der russischen
Regierung abzuwarten, dieser ihr Beweismaterial mit. Die russische
Regierung könne, wenn es ihr auf einen Ausweg aus der Sackgasse
ankomme, diesen freundschaftlichen Schritt benutzen, um sich für
überzeugt zu erklären und Österreich-Ungarn freie Hand für ein Vorgehen
gegen Serbien zu lassen.

Davydoff griff den Gedanken auf und meinte, Rußland müsse wohl außerdem
darüber vergewissert werden, daß die österreichisch-ungarische Aktion
keine Verschiebung des Gleichgewichts auf dem Balkan zur Folge haben
werde. Auf meinen Hinweis, daß Österreich-Ungarn bereits feierlich
erklärt habe, daß es keine territorialen Ziele verfolge, antwortete er,
daß es vielleicht möglich wäre, noch zu präzisieren und zu ergänzen, um
dadurch Rußland den Rückzug zu erleichtern.

Im Einverständnis mit Zimmermann setzte ich mich dann mit dem
österreichisch-ungarischen Botschaftsrat Baron Haimerle in Verbindung.
Baron Haimerle sagte mir, daß die Beweise für die in der Note an
Serbien aufgeführten Tatsachen in Form eines Mémoires von der Wiener
Regierung den sämtlichen Großmächten in den nächsten Tagen zugestellt
werden sollten. Damit werde meiner Anregung in der Sache entsprochen.
Darüber hinaus seiner Regierung einen besonderen Schritt gegenüber
Rußland zu empfehlen, lehnte er ab, da in der augenblicklichen Lage
jeder besondere Schritt Österreich-Ungarns gegenüber Rußland als
Schwäche ausgelegt werde und damit die Entwirrung der Lage erschwere.

Ich legte nun -- immer im Einverständnis mit dem Unterstaatssekretär
Zimmermann -- Herrn Davydoff, der mich um eine Formulierung gebeten
hatte, die er nach Petersburg telegraphieren könne, folgende Fassung
vor:

»Dr. Helfferich glaubt Grund zu der Annahme zu haben, daß die
österreichisch-ungarische Regierung spontan der russischen Regierung,
und ebenso den Regierungen der übrigen Großmächte, das Material
betreffend die Verschwörung gegen das Leben des Erzherzogs Franz
Ferdinand und deren Zusammenhang mit der großserbischen Agitation
vorlegen wird, um auf diese Weise den Regierungen Gelegenheit zu geben,
sich von der Richtigkeit der in der Note an Serbien aufgeführten
Tatsachen und von der Berechtigung der Forderungen Österreich-Ungarns
zu überzeugen.«

Ich war mir ganz klar darüber, daß dieser Strohhalm äußerst dünn
war. Trotzdem äußerte Davydoff, nachdem er die Fassung aufmerksam
durchgelesen hatte: »Das ist immerhin schon recht viel.«

Auch am folgenden Tag bezeichnete Davydoff den von mir suggerierten
Weg als gangbar und erklärte, daß er in Petersburg dafür eintreten
werde, daß man diesen Weg benutze. Er äußerte ferner bei dieser letzten
Unterredung, daß er sich ganz besonders viel von einer Initiative
des Kaisers gegenüber dem Zaren, der hierfür sehr zugänglich sei,
verspreche.

Unmittelbar vor seiner Abreise am Abend des 28. Juli ließ mir Davydoff
noch bestellen, er habe in der russischen Botschaft eine hoffnungsvolle
Mitteilung über die letzte Unterhaltung zwischen Ssasonoff und dem
Grafen Pourtalès gesehen. Beide Staatsmänner hätten sich gegenseitig
zugesagt, daß beiderseits zunächst keine weiteren militärischen
Vorbereitungen getroffen werden sollten.

Zimmermann war von einem solchen Austausch von Zusagen über ein
beiderseitiges Unterlassen militärischer Vorbereitungen nichts
bekannt. Vom Grafen Pourtalès liege kein Bericht vor, der auf etwas
Derartiges schließen lasse; im Gegenteil, es häuften sich die
Nachrichten, daß die Russen auch an unserer Grenze mobil machten.
Auf meine Mitteilung der Anregung Davydoffs, ob der Kaiser dem Zaren
gegenüber nicht eine Initiative ergreifen wolle, sagte mir Zimmermann,
daß der Kaiser aus eigenem Antrieb bereits einen sehr herzlichen
Friedensappell an den Zaren gerichtet habe.

In der Tat war die russische Friedenspartei, die sich wohl
hauptsächlich um Kokowzoff gruppierte und in deren Auftrag Davydoff --
wie ich ohne weiteres annehme, guten Glaubens und mit dem besten Willen
-- sich betätigte, zu schwach, um die Partie gegen die übermächtig
gewordene russische Kriegspartei durchzuhalten. Der Minister des
Auswärtigen, Herr Ssasonoff, besorgte, wie später aus den verschiedenen
amtlichen Veröffentlichungen und vor allem auch aus den Aussagen im
Ssuchomlinoff-Prozeß einwandfrei bekannt geworden ist, zusammen mit dem
Kriegsminister Ssuchomlinoff und dem Generalstabschef Januschkewitsch
unbeirrbar die Geschäfte der Kriegspartei. Schon am 24. Juli, dem Tag
nach der Übergabe des Ultimatums, hatte er den Botschaftern Englands
und Frankreichs erklärt, daß Rußland die Mobilmachung, über die ein
Kronrat am nächsten Tage beschließen werde, unter allen Umständen
durchführen werde. Ein solcher Beschluß ist in der Tat am 25. Juli
gefaßt worden, und zwar mindestens für die südlichen und südöstlichen
Gouvernements. Der Beschluß wurde vor Deutschland und Österreich-Ungarn
zunächst geheimgehalten. Ebenso wie Davydoff mir am 28. Juli abends
Mitteilung von einer angeblich in Petersburg erfolgten Verständigung
darüber machen ließ, daß weitere militärische Vorbereitungen
unterbleiben sollten, hatte schon am 27. Juli der russische
Kriegsminister dem deutschen Militärattaché beruhigende Versicherungen
gegeben. In Wirklichkeit wurde am 29. Juli der Welt die Mobilisierung
der Korps von Odessa, Kiew, Moskau und Kasan als vollzogene Tatsache
mitgeteilt, und die Nachrichten, daß die Mobilisierung in den an
Deutschland angrenzenden Gouvernements in vollem Gange sei, wurden
immer zahlreicher und bestimmter.

Die Hoffnung auf ein Dazwischentreten des Zaren konnte bei der
bekannten Willensschwäche dieses Herrschers nicht allzu hoch
veranschlagt werden. Sein erstes Antworttelegramm an unsern Kaiser
bestätigte diese Auffassung.

So gab es nur noch eines, was die russische Kriegspartei von der
Entfesselung des Krieges abhalten konnte: ein starker Druck Frankreichs
und Englands zugunsten des Friedens.

Österreich-Ungarn hatte einer solchen Einflußnahme Frankreichs und
Englands die Wege geebnet durch seine alsbald nach Überreichung des
Ultimatums abgegebene Erklärung, daß es weder eine territoriale
Vergrößerung noch eine Beeinträchtigung der Integrität Serbiens,
sondern nur seine eigene Sicherheit erstrebe. Als aber der deutsche
Botschafter unter Hinweis auf diese Erklärung an die französische
Regierung herantrat, um dieser anheimzustellen, bei der russischen
Regierung im Interesse des Friedens zu intervenieren (26. Juli), da
lehnte die französische Regierung diese Anregung mit der Begründung
ab, Rußland habe keinen Anlaß zu Zweifeln an seiner Mäßigung gegeben;
aber Deutschland möge bei seinem Bundesgenossen intervenieren, um
ihn von militärischen Operationen gegen Serbien abzuhalten. Aus
keinem der zahlreichen von den Ententeregierungen über den Ursprung
des Krieges veröffentlichten Dokumenten ergibt sich ein Anhalt
dafür, daß die französische Regierung in irgendeinem Stadium der
Krisis auch nur den kleinen Finger gerührt habe, um auf Rußland in
versöhnlichem Geiste einzuwirken und es von den mit ihrer Kenntnis
eingeleiteten militärischen Maßnahmen, die den Krieg bringen mußten,
zurückzuhalten. Das ganze Bestreben der französischen Regierung in
jener Zeit war darauf gerichtet, von der britischen Regierung formelle
und bindende Zusicherungen darüber zu erhalten, daß England im Falle
des Kriegsausbruchs sofort auf der Seite Frankreichs und Rußlands
eingreifen werde.

Bei dieser Sachlage hielt England die Entscheidung in den Händen. Die
britische Regierung hatte die Wahl, entweder durch eine Aufmunterung
an Frankreich und Rußland, vielleicht auch schon durch ein passives
Gewährenlassen, den Krieg zu entzünden, oder durch eine nachdrückliche
Bekundung, daß sie wegen der österreichisch-serbischen Angelegenheit
nicht in den Krieg gehen werde, den Brand im Keime zu ersticken.

Die Nachrichten, die in jenen Tagen aus London herüberkamen, amtliche
und private, ließen zunächst einige Hoffnung, daß die britische
Regierung, insbesondere Sir Edward Grey, sich ernstlich im Interesse
des Friedens bemühen werde. Es sickerte durch, daß England dem Drängen
Rußlands und Frankreichs nach einer sofortigen Solidaritätserklärung
einigen Widerstand entgegengesetzt hatte. In der Tat billigte Sir
Edward Grey ausdrücklich die am 24. Juli von Sir George Buchanan
in Petersburg gegenüber Ssasonoff gemachten Ausführungen, daß die
britische öffentliche Meinung einen Krieg wegen der serbischen
Streitfrage nicht sanktionieren werde. Allerdings sprach er sich auf
der andern Seite scharf mißbilligend über das österreichisch-ungarische
Ultimatum an Serbien aus und betonte, daß die serbische Antwort der
Wiener Regierung hätte genügen müssen; desgleichen legte er dem
deutschen Botschafter nahe, daß die deutsche Regierung im Sinne des
Friedens auf Wien Einfluß nehmen müsse.

Letzteres ist von deutscher Seite geschehen, nachdem die deutsche
Regierung den Vorschlag Greys, die österreichisch-serbische
Angelegenheit einer Konferenz, bestehend aus Grey als Vorsitzendem
und den Botschaftern Frankreichs, Deutschlands und Italiens,
zu unterbreiten, mit dem Hinweis darauf abgelehnt hatte, daß
nach Petersburger Nachrichten Herr Ssasonoff einen direkten
Meinungsaustausch mit dem Grafen Berchtold beabsichtige, dessen
Ergebnis zweckmäßigerweise zunächst abgewartet werden müsse. Sir Edward
Grey hat diesen Hinweis als berechtigt anerkannt; er telegraphierte am
28. Juli an den britischen Botschafter in Berlin, daß er jeden andern
Vorschlag suspendieren wolle, da der direkte Meinungsaustausch den
Vorzug vor allen andern Methoden verdiene.

Aber ehe noch dieser direkte Meinungsaustausch in Fluß kam und ehe
eine deutsche Einwirkung auf Wien sich zeigen konnte, hatte die
englische Regierung Schritte getan, die nur als direkte Aufmunterung
Rußlands und Frankreichs wirken konnten. Ich erwähne die am 28. Juli
erfolgte Bekanntgabe der Aufrechterhaltung des mobilen Zustandes der
zu Manöverzwecken in Portland konzentrierten Nordseeflotte, ferner die
Unterhaltung Sir Edward Greys mit dem französischen Botschafter am
Vormittag des 29. Juli, in der Sir Edward Grey Herrn Cambon eröffnete:
er habe die Absicht, dem deutschen Botschafter zu sagen, daß er sich
durch den freundschaftlichen Ton der bisherigen Unterhaltung nicht
irreführen lassen dürfe zu irgendeinem Gefühl falscher Sicherheit, daß
England beiseite stehen werde, wenn alle Anstrengungen, den Frieden
zu erhalten, die England jetzt in Gemeinschaft mit Deutschland mache,
scheitern sollten.

Mit dieser Eröffnung Greys an Paul Cambon waren die Würfel zugunsten
des Krieges gefallen. Jetzt glaubte der französische Botschafter
über das sofortige Eingreifen Englands in den Krieg an der Seite
Frankreichs und Rußlands vergewissert zu sein. Noch am Abend desselben
Tages konnte die russische Regierung Herrn Iswolski beauftragen, der
französischen Regierung die aufrichtige Erkenntlichkeit der russischen
Regierung für die Erklärung der unbedingten Waffenhilfe auszudrücken
(russ. Orangebuch Nr. 58). Schon am 25. Juli hatte Ssasonoff dem
englischen Botschafter erklärt: »Wenn Rußland der Hilfe Frankreichs
sicher ist, wird es alle Risiken des Krieges auf sich nehmen« (engl.
Blaubuch Nr. 17). Jetzt hatte Herr Ssasonoff diese Sicherheit von der
französischen Regierung erhalten, nachdem diese am Morgen des gleichen
Tags durch die Eröffnung Greys an Paul Cambon über die englische Hilfe
vergewissert war.

In Berlin traf der Bericht über die Unterhaltung zwischen Sir Edward
Grey und dem Fürsten Lichnowsky in der Nacht auf den 30. Juli ein.
Der Inhalt deckte sich mit der Ankündung Greys an Cambon. Ich gewann,
als ich am Vormittag des 30. Juli das Auswärtige Amt besuchte, den
Eindruck, daß auch die Optimisten, die bisher immer noch an »russischen
Bluff« geglaubt hatten, jetzt zur Erkenntnis des ganzen Ernstes
der Lage gekommen waren. Man setzte jetzt den schwachen Rest von
Hoffnungen, die man noch für die Erhaltung des Friedens hatte, auf die
im Einvernehmen mit Sir Edward Grey in Wien eingeleitete Aktion.

Schon am 28. Juli hatte der Deutsche Kaiser an den Zaren telegraphiert,
er setze seinen ganzen Einfluß ein, um Österreich-Ungarn dazu zu
bestimmen, eine offene und befriedigende Verständigung mit Rußland
anzustreben. Die deutsche Regierung beschränkte sich gegenüber der
österreichisch-ungarischen nicht auf allgemeine Ratschläge zur
Mäßigung; sie bestand vielmehr nachdrücklich auf der Einleitung
direkter Besprechungen mit Rußland, zu denen Herr Ssasonoff sich bereit
erklärt hatte, und sie gab als Grundlage für diese Besprechungen
einen Vermittlungsvorschlag nach Wien weiter, den Sir Edward
Grey gemacht hatte. Graf Berchtold erklärte sich zur sofortigen
Aufnahme der direkten Besprechungen mit der russischen Regierung
bereit. Als der Reichskanzler am Abend des 29. Juli aus Petersburg
die Nachricht erhielt, daß die Aufnahme der Besprechungen von dem
österreichisch-ungarischen Botschafter abgelehnt worden sei, ließ er
eine Instruktion an den Botschafter nach Wien telegraphieren, in der es
hieß:

»... Wir können Österreich-Ungarn nicht zumuten, mit Serbien
zu verhandeln, mit dem es in Kriegszustand begriffen ist. Die
Verweigerung jedes Meinungsaustauschs mit St. Petersburg aber würde
ein schwerer Fehler sein. Wir sind zwar bereit, unsre Bundespflicht zu
erfüllen, müssen es aber ablehnen, uns von Österreich-Ungarn durch
Nichtbeachtung unsrer Ratschläge in einen Weltbrand hineinziehen zu
lassen. Euer Exzellenz wollen sich gegen Grafen Berchtold sofort mit
allem Nachdruck und großem Ernst in diesem Sinne aussprechen.«

Der Reichskanzler hat seinem Schritt bei der Wiener Regierung durch ein
zweites Telegramm folgenden Inhalts noch einen besonderen Nachdruck
gegeben:

»Falls die österreichisch-ungarische Regierung jede Vermittlung
ablehnt, stehen wir vor einer Konflagration, bei der England gegen uns,
Italien und Rumänien allen Anzeichen nach nicht mit uns gehen würden,
so daß wir mit Österreich-Ungarn drei Großmächten gegenüberständen.
Deutschland würde infolge der Gegnerschaft Englands das Hauptgewicht
des Kampfes zufallen. Das politische Prestige Österreich-Ungarns,
die Waffenehre seiner Armee sowie seine berechtigten Ansprüche gegen
Serbien könnten durch die Besetzung Belgrads oder anderer Plätze
hinreichend gewahrt werden (das entsprach dem Vorschlag Greys). Wir
müssen daher dem Wiener Kabinett dringend und nachdrücklich zur
Erwägung stellen, die Vermittlung zu den angebotenen Bedingungen
anzunehmen. Die Verantwortung für die sonst eintretenden Folgen wäre
für Österreich-Ungarn und uns eine ungemein schwere.«

Die deutsche Regierung hat also von der Bewegungsfreiheit, die sie
sich durch ihre Nichtbeteiligung an der Festlegung der Einzelheiten
der österreichisch-ungarischen Aktion gewahrt hatte, im entscheidenden
Augenblick Gebrauch gemacht, um im Sinne des Friedens auf die Wiener
Regierung einen Druck auszuüben, und zwar -- wie der Reichskanzler von
Bethmann Hollweg später mit Recht sagte -- »in Formen, welche bis an
das Äußerste dessen gehen, was mit unserm Bundesverhältnis verträglich
ist«. Jedenfalls haben die französischen und englischen Staatsmänner
diesem deutschen Druck auf Österreich-Ungarn keinerlei auch nur
entfernt ähnlich geartete Aktion bei der russischen Regierung zur Seite
zu stellen.

Der Erfolg des deutschen Druckes auf Wien war, daß der
österreichisch-ungarische Botschafter in Petersburg alsbald Weisung
bekam, die infolge eines russischen Mißverständnisses bisher
unterbliebene Konversation mit Herrn Ssasonoff sofort aufzunehmen,
und zwar auch, was die Wiener Regierung bisher hartnäckig verweigert
hatte, über den materiellen Inhalt des Ultimatums; daß ferner Graf
Berchtold die deutsche Regierung wissen ließ, er sei bereit, dem
Vermittlungsvorschlag Greys näherzutreten; daß schließlich noch am
Nachmittag des 30. Juli eine Unterredung zwischen dem Grafen Berchtold
und dem russischen Botschafter in Wien, Herrn Schebeko, stattfand,
die alle einer direkten Aussprache zwischen Wien und Petersburg noch
entgegenstehenden Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Der französische
Botschafter in Wien, der ebenso wie sein englischer Kollege von Herrn
Schebeko alsbald über den Verlauf dieser Unterredung unterrichtet
wurde, telegraphierte nach Paris, daß er nun wieder eine Hoffnung auf
Lokalisierung des Konfliktes sehe. Sir Edward Grey telegraphierte am
folgenden Tag an den britischen Botschafter in Petersburg, daß er mit
großer Genugtuung von dieser Wiederaufnahme der direkten Aussprache
zwischen Österreich-Ungarn und Rußland Kenntnis genommen habe.

Es war also der Bemühung Deutschlands am Nachmittag des 30. Juli
gelungen, die Wiener Regierung zu einem Schritt des Entgegenkommens zu
veranlassen, der den bereits verschlossen scheinenden Weg zum Frieden
wieder öffnete.

In Berlin sah man mit der größten Spannung der Wirkung der
österreichisch-ungarischen Nachgiebigkeit auf Rußland und die
Westmächte entgegen. Die Meinungen über den Erfolg gingen am
Freitag (31. Juli) im Auswärtigen Amt auseinander. Während die
einen neue Hoffnung zeigten, sagte mir Herr von Stumm am Freitag
(31. Juli) vormittag, er sehe keine Hoffnung mehr, England vom Krieg
zurückzuhalten. Churchill und die City wollten den Krieg, und sie
seien die Stärkeren. Während ich mit Herrn von Stumm sprach, kam
die Nachricht, daß die Bank von England ihren Diskontsatz auf acht
Prozent erhöht habe. Sturmsignal! Ferner die Nachricht, daß Asquith im
Unterhaus die Vertagung der Diskussion über Homerule verlangt habe, »da
England eine geschlossene Front zeigen müsse«. Aus Petersburg keine
Nachricht über die Aufnahme des Wiener Nachgebens; dagegen Berichte,
daß trotz des von dem russischen Generalstabschef dem deutschen
Militärbevollmächtigten gegebenen Ehrenwortes die Mobilisation der
russischen Truppen auch gegen Deutschland unentwegt ihren Fortgang
nehme. Unsere leitenden Militärs, die sich den für das Schicksal
Deutschlands wesentlichen Vorteil unserer rascheren Mobilisation durch
die russischen Vorbereitungen entgleiten sahen, wurden ungeduldig
und drängten auf eine Entscheidung. Die Erregung der Berliner
Bevölkerung war ungeheuer; sie war tags zuvor schon auf das äußerste
gesteigert worden durch eine sofort dementierte Falschmeldung des
»Lokalanzeigers«, der Mobilmachungsbefehl sei ergangen.

Da kam um die Mittagszeit des 31. Juli aus Petersburg die Meldung,
daß der Zar die Mobilmachung der gesamten russischen Armee und Flotte
befohlen habe.

Die Generalmobilmachung war also Rußlands Antwort auf die
durch den Druck Deutschlands herbeigeführte Nachgiebigkeit der
österreichisch-ungarischen Regierung! Die Generalmobilmachung, die nach
dem russischen Erlaß vom September 1912 für das russische Heer als
Kriegserklärung an Deutschland zu gelten hatte und die nach Kenntnis
der Regierungen Rußlands und aller Großmächte auch für Deutschland den
sofortigen Krieg mit Rußland bedeutete.

Schon vor der Aufhellung der inneren russischen Vorgänge durch den
Ssuchomlinow-Prozeß ließ dieser Schritt Rußlands, der über alle
Friedensbemühungen hinweg den Krieg entfesselte, nur eine Erklärung zu:
»Die in jenem Augenblick in Rußland entscheidenden Persönlichkeiten
wollten angesichts der auf deutsches Betreiben zutagetretenden
Nachgiebigkeit der österreichisch-ungarischen Regierung alle Brücken
zum Frieden abbrechen und den Krieg unvermeidlich machen.«[8]

Die Aussagen im Ssuchomlinow-Prozeß haben diese Erklärung bestätigt.

Wir wissen heute, daß der Zar am 30. Juli den Mobilmachungsbefehl
bereits unterzeichnet hatte und daß am Nachmittag des 30. Juli die
Generalmobilmachung in vollen Gang gesetzt wurde; daß am Abend des 30.
Juli der Zar, stark beeindruckt durch die inzwischen eingegangenen
Nachrichten, insbesondere das Telegramm des Deutschen Kaisers von 1 Uhr
nachmittags, in dem dieser den Zaren nochmals eindringlich auf »die
Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobilisation« hinwies, seinem
Generalstabschef Januschkewitsch und seinem Kriegsminister Ssuchomlinow
telephonisch den Befehl zur Einstellung der Mobilisation gab; daß
Ssuchomlinow dem General Januschkewitsch auf dessen Frage, was er auf
diesen Befehl des Zaren veranlassen solle, die klassische Antwort
gab: »Tun Sie nichts!«; daß der Mobilmachungsbefehl noch in der Nacht
amtlich veröffentlicht wurde, und daß dem Zaren am nächsten Tag, wie
Ssuchomlinow sagte, »eine andere Überzeugung beigebracht wurde«.

Wir wissen ferner, daß diesen Verbrechern der Rücken gestärkt war
durch die am 29. Juli abends erlangte Sicherheit der französischen und
britischen Waffenhilfe. Am 29. Juli vormittags hatte, wie ich oben
dargestellt habe, Grey an Cambon jene Mitteilung über seine geplante
Eröffnung an den Fürsten Lichnowsky gemacht, die Cambon nicht anders
denn als Zusage des sofortigen britischen Eingreifens an der Seite
Frankreichs und Rußlands auffassen konnte; und am Abend desselben Tags
hatte Herr Ssasonoff Herrn Iswolski beauftragt, der französischen
Regierung für die Zusage der unbedingten Waffenhilfe zu danken. Tags
darauf wurde dem Zaren der Mobilmachungsbefehl entlockt und dann die
Mobilmachung ohne Rücksicht auf den Gegenbefehl des Zaren durchgeführt.

Wer diesen Zusammenhang bezweifelt, lese nach, was der belgische
Geschäftsträger in Petersburg, Herr de l'Escaille, am 30. Juli 1914 an
seinen Minister in Brüssel berichtet hat:

»Unbestreitbar bleibt nur, daß Deutschland sich hier, ebenso sehr wie
in Wien, bemüht hat, irgendeinen Weg zu finden, um einen allgemeinen
Konflikt zu vermeiden ... England hat zuerst zu verstehen gegeben,
daß es sich nicht in einen Konflikt hineinziehen lassen wolle. Sir
George Buchanan sagte das offen. Heute (30. Juli) hat man in Petersburg
die feste Überzeugung, ja man hat die Zusicherung empfangen, daß
England an der Seite Frankreichs mitgehen wird. Dieser Beistand ist
hier von entscheidender Wichtigkeit; er hat nicht wenig zum Sieg der
Kriegspartei beigetragen.«

So liegen die Verantwortlichkeiten!

Aber auch jetzt noch machte die deutsche Politik einen letzten Versuch,
das unabwendbar Gewordene abzuwenden.

Bisher schon hatte Deutschland gegenüber den russischen militärischen
Maßnahmen eine nur durch den aufrichtigsten Friedenswillen erklärbare
Langmut gezeigt. »Vorbereitende militärische Maßnahmen Rußlands
werden uns zu Gegenmaßnahmen zwingen, die in der Mobilisierung
der Armee bestehen müssen. Die Mobilisierung aber bedeutet den
Krieg« -- so hatte es in der am 26. Juli an den Grafen Pourtalès
telegraphierten Instruktion geheißen. Trotzdem hatte man davon
abgesehen, die von der russischen Regierung plump abgeleugneten, aber
durch zahlreiche zuverlässige Berichte und Einzelheiten bestätigten
»vorbereitenden militärischen Maßnahmen« Rußlands durch Gegenmaßnahmen
zu beantworten; ja man hatte davon abgesehen, auf die am 28. Juli
verfügte Mobilmachung in den Gouvernements Moskau, Kiew, Kasan und
Odessa mit Mobilmachungsmaßnahmen zu reagieren. Und sogar jetzt noch,
wo der Befehl des Zaren zur Mobilisierung der gesamten russischen
Streitkräfte zu Land und zu Wasser amtlich bekanntgemacht worden war,
zögerte man in Berlin mit der Mobilmachungsorder. Man begnügte sich
damit, den »Zustand der drohenden Kriegsgefahr« zu verkündigen und mit
der Bekanntgabe dieser Verkündigung an die russische Regierung die
Mitteilung zu richten, daß dem Zustand der drohenden Kriegsgefahr,
die noch nicht Mobilmachung sei, die Mobilmachung folgen müsse, wenn
Rußland nicht binnen 24 Stunden seine militärischen Maßnahmen gegen die
beiden Mittelmächte einstelle und Deutschland davon in Kenntnis setze.
Gleichzeitig erhielt der deutsche Botschafter in Paris die Weisung,
an die französische Regierung die binnen 18 Stunden zu beantwortende
Anfrage zu richten, ob sie im Falle eines Krieges mit Rußland neutral
bleiben wolle.

Deutschland sah also noch immer, trotz der unmittelbaren Bedrohung
durch die russische Generalmobilmachung, von dem äußersten Schritt
ab, auf die Gefahr hin, dadurch kostbare und uneinbringliche Zeit zu
verlieren, lediglich um noch einen letzten Spielraum für Anstrengungen
zur Erhaltung des Friedens zu lassen.

Wenn überhaupt noch eine letzte Möglichkeit bestand, das Verhängnis
abzuwenden, so lag sie in den Händen der britischen Regierung.
Deutschland hatte Österreich-Ungarn auf den von Sir Edward Grey
gewünschten Weg gebracht. Sir Edward Grey hielt mit dem Ausdruck seiner
Genugtuung über diesen Erfolg nicht zurück. Wie würde er sich zu der
russischen Generalmobilmachung stellen, die diesen Erfolg und jede
Aussicht auf die Erhaltung des Friedens brutal zunichte machte?

Die deutsche Regierung konzentrierte alle ihre Anstrengungen darauf,
das britische Kabinett zu einer Haltung zu bestimmen, die im letzten
Augenblick die Katastrophe noch hätte verhindern oder wenigstens
einschränken können, und setzte, um diesem letzten Versuch noch Raum zu
geben, gegen das Drängen der verantwortlichen militärischen Instanzen
beim Kaiser noch einen letzten Aufschub durch.

Aber ihre Bemühungen in London schlugen fehl.

Die von der britischen Regierung veröffentlichten Dokumente enthalten
auch nicht die Spur einer Andeutung irgendeines Versuchs der Einwirkung
auf Rußland, um eine Aufschiebung der Mobilmachung oder eine
befriedigende Aufklärung an Deutschland zu erlangen. Sir Edward Grey
beschränkte sich vielmehr darauf, durch den Berliner Botschafter an die
deutsche Regierung die von vornherein aussichtslose und auch alsbald
zurückgewiesene Zumutung zu stellen, Deutschland möge im mobilen
Zustand stillhalten und weiterverhandeln. Ferner warf Sir Edward Grey
jetzt, am 31. Juli, in der durchsichtigen Absicht, einen für die
britische öffentliche Meinung plausibeln Kriegsgrund zu gewinnen, die
Frage der belgischen Neutralität auf.

Der deutsche Botschafter in London stellte zunächst die Gegenfrage, ob
im Falle einer Verpflichtung Deutschlands zur Achtung der belgischen
Neutralität England sich seinerseits zur Neutralität verpflichten
wolle. Grey antwortete gewunden, aber doch mit dem Schlußergebnis,
daß England allein auf Grund dieser Bedingung seine Neutralität nicht
zusagen könne. Darauf stellte Fürst Lichnowsky die dringende Frage, ob
Grey nicht die Bedingungen formulieren könne, unter denen England zur
Neutralität bereit sei; seinerseits bot er die Garantie der Integrität
Frankreichs und seiner Kolonien an. Ja, die deutsche Regierung ging
noch weiter: sie erklärte, daß die deutsche Flotte, solange England
sich neutral verhalte, die Nordküste Frankreichs nicht angreifen und
im Falle der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen
die französische Handelsschiffahrt vornehmen werde. Aber Sir Edward
Grey hatte auf alles nur die Antwort: er müsse endgültig jedes
Neutralitätsversprechen auf Grund solcher Bedingungen ablehnen und
könne nur sagen, daß England seine Hände frei zu halten wünsche
(englisches Blaubuch Nr. 123). --

Deutschland hat also für die Neutralität Englands, die nicht nur die
Lokalisierung, sondern wahrscheinlich in letzter Stunde noch die
Verhinderung des Krieges bedeutet hätte, die Integrität Belgiens und
Frankreichs einschließlich seiner Kolonien, außerdem den Verzicht auf
jede Flottenaktion gegen die französische Küste und die französische
Handelsschiffahrt angeboten; aber nicht einmal um diesen Preis, und
auch nicht um irgendeinen andern, war die britische Neutralität
zu haben. Das Wort Sir Edward Greys vom 1. August: »England will
seine Hände frei halten«, das so genau mit dem Ausklang der
Haldane-Verhandlungen vom Frühjahr 1912 übereinstimmt, hieß nichts
anderes als: England ist entschlossen, den Krieg nicht zu verhindern
und im Krieg gegen Deutschland einzugreifen.

Die Nachrichten über diesen Verlauf des letzten Versuchs trafen im
Laufe des 1. August in Berlin ein, während dort der Kaiser mit seinen
ersten Ratgebern über die letzte Entscheidung beriet. Die Rußland
und Frankreich gestellten Fristen näherten sich ihrem Ablauf, ohne
daß Antworten vorlagen. Da schien sich noch einmal ein Lichtblick zu
zeigen: ein Telegramm des Fürsten Lichnowsky, Sir Edward Grey habe
telephonisch bei ihm anfragen lassen, ob Deutschland, wenn Frankreich
neutral bliebe, es nicht angreifen werde. Der Fürst hatte sich für
ermächtigt gehalten, zu antworten, er glaube das zusichern zu können,
falls England mit Heer und Flotte diese Neutralität garantiere. In
Berlin wirkte diese neue Friedensaussicht wie eine Befreiung vom
stärksten Druck. Aber alsbald folgte ein weiteres Telegramm des Fürsten
Lichnowsky, das die neue Aussicht zunichte machte: Sir Edward Grey
erklärte, seine telephonische Anfrage sei mißverstanden worden[9].

Deutschland hatte alle Mittel erschöpft, um die Weltkatastrophe des
Kriegs zu verhindern. Die russischen Heeresmassen rollten unaufhaltsam
nach den deutschen Grenzen. Die Antworten auf die befristeten
deutschen Anfragen in Petersburg und Paris blieben immer noch aus.
Vor dem Berliner Schloß, in dem jetzt die Entscheidung fallen mußte,
wartete das Volk in atemloser Spannung. Am Nachmittag verbreitete sich
plötzlich das Gerücht, Rußland habe seine Mobilmachung eingestellt.
Aber ebenso rasch war festgestellt, daß immer noch keine Nachricht
vorliege. Um halb sechs Uhr riefen Generalstabsoffiziere, vom Schlosse
über die Linden fahrend, aus ihren Autos: »Mobilmachung!«

Schon vorher, um 3 Uhr 40 Minuten nachmittags, hatte die französische
Regierung die allgemeine Mobilmachung verfügt.

Das Rad des Schicksals war jetzt im unaufhaltbaren Rollen. Ein Zurück
gab es nicht mehr. In allen beteiligten Ländern standen die Entschlüsse
fest. Alles, was jetzt noch geschah, war Taktik und Formalität.

So sehr ich auch heute noch, nach dem unglücklichen Verlauf des
Krieges, überzeugt bin, daß uns in der Sache keine andere Wahl blieb,
daß unsere Feinde den Krieg gewollt und uns den Weg des Krieges
vorgeschrieben haben, ebenso sehr war ich damals schon als nicht
unmittelbar beteiligter Zuschauer und Beobachter der Meinung, daß in
den Fragen der Taktik und der Formalitäten unsere Gegner uns überlegen
waren. Ich habe z. B. damals schon die förmlichen Kriegserklärungen an
Rußland und Frankreich als einen überflüssigen und schädlichen Ausfluß
übertriebener formalistischer Gewissenhaftigkeit angesehen. Wir wußten,
daß Rußland den Krieg unter allen Umständen wollte und durch nichts --
außer durch den nicht einsetzenden englischen Gegendruck -- zu halten
war. In der Tat haben russische Truppen und Banden die ostpreußische
Grenze bereits vor Ablauf der von uns am 31. Juli gestellten Frist und
vor der Überreichung unserer Kriegserklärung überschritten und damit
den Kriegszustand herbeigeführt. Wozu hatten wir es nötig, durch eine
förmliche Kriegserklärung uns auch nur rein formell in die schlechtere
Position des Angreifers zu bringen? -- Wir wußten, daß Frankreich
Rußland gegenüber zur Waffenhilfe verpflichtet und entschlossen war.
Wozu mußten wir durch eine formelle Kriegserklärung der französischen
Regierung den Nachteil der Vorhand abnehmen? -- Nach meinem Gefühl
wäre es richtiger gewesen, nach dem Wort eines klugen Franzosen zu
verfahren: »Il ne faut jamais mettre les points sur les I's!« Durch
unsern formalistischen Eifer haben wir das Spiel der Gegner gespielt
und den äußeren Anschein der tatsächlichen Vorgänge zu unsern Ungunsten
verschoben. -- Dasselbe gilt nach meiner Ansicht für unsre Behandlung
der belgischen Neutralitätsfrage. Auch hier haben wir uns formal ins
Unrecht gesetzt, wie mir später erklärt worden ist, um der belgischen
Regierung eine goldne Brücke zur Nichtbeteiligung am Krieg zu bauen.
Belgien hat diese Brücke nicht betreten, während das von uns selbst
anerkannte Unrecht an uns haften blieb.

Dagegen hat der Hauptspieler in unserm diplomatischen Gegenspiel, das
britische Foreign Office, gerade die belgische Neutralitätsfrage, in
der es selbst so schwer durch die seit dem Jahre 1906 eingeleitete
militärische Zusammenarbeit mit Belgien belastet war, in virtuoser
Technik zum Angelpunkt seiner diplomatischen Aufmachung des Krieges
ausgestaltet.

Die serbische Sache war in sich zu schlecht, um gegenüber der
englischen öffentlichen Meinung und gegenüber der Welt als
Ausgangspunkt für Englands Eintritt in den Krieg dienen zu können. Die
pazifistische Bewegung war auch in England zu stark geworden und zählte
gerade in der herrschenden liberalen Partei zu viele Anhänger, ja sie
hatte selbst im britischen Kabinett einen zu starken Einfluß, als
daß sich die serbische Angelegenheit zu einer wirksamen Kriegsparole
hätte machen lassen. Ich erinnere daran, daß Sir George Buchanan am
24. Juli 1914 Herrn Ssasonoff gegenüber die von diesem verlangte
Solidaritätserklärung abgelehnt hatte mit der tags darauf von Sir
Edward Grey ausdrücklich gebilligten Begründung, nicht etwa: es sei ein
Verbrechen an der Menschheit, wegen der schlechten serbischen Sache
einen Weltkrieg heraufzubeschwören -- solche »Sentimentalität« lag der
britischen Politik fern --, sondern mit der Begründung: »die direkten
britischen Interessen in Serbien seien gleich Null und ein Krieg wegen
dieses Landes werde niemals durch die englische öffentliche Meinung
gebilligt werden.«

Noch in jener verhängnisvollen Unterhaltung, die Sir Edward Grey am
Vormittag des 29. Juli mit Paul Cambon hatte, wies der britische
Staatsmann, so sehr er die britische Bereitschaft zur Waffenhilfe
durchblicken ließ, darauf hin, daß die serbisch-österreichische
Frage und selbst ein russisch-deutscher Konflikt für England kein
geeigneter Ausgangspunkt zum Eintreten in den Krieg sei. Herr Cambon
antwortete auf diese Bemerkung nach Sir Edwards eigener Mitteilung an
den großbritannischen Botschafter in Paris: »Er verstehe, daß England
keinen Beruf fühle, in einen Balkanstreit oder auch in einen Kampf um
die Vorherrschaft zwischen Deutschen und Slawen einzugreifen; wenn
aber andere Ausgangspunkte entstehen und Deutschland und Frankreich
hineinverwickelt werden sollten, so daß der Fall zur Frage der
Hegemonie über Europa werde, so werde England zu entscheiden haben, was
es zu tun habe.« -- Mit andern Worten, Herr Cambon verstand, und Sir
Edward widersprach nicht nur nicht, sondern gab selbst das Stichwort
an seinen Pariser Botschafter weiter: die serbisch-österreichische und
auch eine deutsch-russische Frage genügen für uns nicht, um England in
den Krieg zu führen; wenn ihr aber aus der serbisch-österreichischen
oder deutsch-russischen Frage etwa eine deutsch-französische und
damit eine Frage der Vorherrschaft in Europa macht, dann habe ich den
Ausgangspunkt, den ich brauche.

Diesen Ausgangspunkt zu schaffen, lag in Frankreichs Hand: Frankreich
brauchte nur seine unbedingte Solidarität mit Rußland zu erklären, was,
wie ich oben gezeigt habe, noch an demselben 29. Juli geschah.

Daß Sir Edward Grey hier eine starkklingende Saite anschlug, zeigt
der Brief, den die Führer der konservativen Opposition in den
beiden Kammern, Mr. Bonar Law und Lord Lansdowne, am 2. August an
den Premierminister richteten; sie betonten in diesem Brief, es
würde »verhängnisvoll für die Ehre und Sicherheit des Vereinigten
Königreichs sein, mit der Unterstützung Frankreichs und Rußlands in der
gegenwärtigen Krisis zu zögern«; falls das Kabinett diese Unterstützung
gewähre, böten sie ihm die rückhaltlose Unterstützung der Opposition an.

Aber im liberalen Kabinett selbst gab es Leute, und erst recht in der
liberalen Partei und der Arbeiterpartei, sowohl im Parlament wie im
Lande, die auch mit dieser Parole sich nicht blindlings in den Krieg
führen lassen wollten. Darunter, wenn unwidersprochen gebliebene
Mitteilungen englischer Blätter[10] stimmen, sogar Lloyd George.
Noch am 30. Juli mußte Grey dem französischen Botschafter mitteilen,
das Kabinett sei zu dem Schluß gekommen, es könne im gegenwärtigen
Moment keine Verpflichtung übernehmen. Diese Mitteilung war nicht nur
Herrn Cambon, sondern sichtlich auch Sir Edward, dessen Eröffnungen
vom Tage vorher an Herrn Cambon durch das Kabinett gewissermaßen
desavouiert waren, sehr unangenehm. Sir Edward beeilte sich,
tröstend hinzuzufügen, weitere Entwicklungen könnten die Lage ändern
und Regierung und Parlament von der Berechtigung einer britischen
Intervention überzeugen; die Neutralität Belgiens könne, wenn nicht
ein entscheidender, so doch mindestens ein wichtiger Faktor für die
Bestimmung der Haltung Englands sein. Und Sir Arthur Nicolson, der
Vater der britisch-russischen Entente, der wohl von allen britischen
Staatsmännern mit dem größten Zielbewußtsein auf den Koalitionskrieg
gegen Deutschland hinarbeitete, gab Herrn Cambon, als dieser ihm beim
Verlassen des Kabinetts des Staatssekretärs begegnete, vertraulich
zu verstehen -- so berichtete Herr Cambon nach Paris --, daß der
Staatssekretär nicht verfehlen werde, die Diskussion im Kabinett
wiederaufzunehmen.

In all dem kann niemand auch nur die Spur eines Bemühens nach
Verhinderung des Krieges finden; was klar und unverhüllt zutagetritt,
ist das Suchen nach einem für das britische Kabinett und die britische
öffentliche Meinung genügend zugkräftigen Kriegsgrund. Man stelle das
Verhalten Sir Edward Greys gegenüber dem französischen Botschafter
und gegenüber dem deutschen Botschafter in Vergleich: In seinen
Unterhaltungen mit dem Fürsten Lichnowsky lehnte er jede Andeutung über
die Bedingungen ab, unter denen es für England möglich sei, dem Kriege
fernzubleiben. Dagegen erörterten seine Gespräche mit Herrn Cambon
fast ausschließlich die Frage nach einem geeigneten Ausgangspunkt für
ein sofortiges Eingreifen Englands in den Krieg. Dieser Unterschied
zeigt das wahre Gesicht der jedenfalls in jenem Stadium auf den Krieg
gerichteten britischen Politik.

Nachdem auch der »Kampf um die Hegemonie in Europa« als Kriegsparole
keinen unbedingten Erfolg versprach, griff Sir Edward Grey die
Frage der belgischen Neutralität auf. Er operierte gegenüber den
Zögernden mit der ungenügenden, weil ausweichenden Antwort, die
der Staatssekretär von Jagow auf die erste Anfrage des britischen
Botschafters in Berlin am 31. Juli gegeben hatte. Als ihm dann der
Fürst Lichnowsky am 1. August die Gegenfrage stellte, ob England
bereit sei, im Fall der Respektierung der belgischen Neutralität
durch Deutschland selbst neutral zu bleiben, enthielt Grey seinem
Kabinett das in dieser Gegenfrage liegende, von ihm alsbald abgelehnte
Angebot vor, das der britischen Regierung die Sicherung der belgischen
Neutralität um den Preis der eignen Neutralität ermöglicht hätte;
ebenso wie er dem Kabinett das deutsche Angebot vorenthielt, gegen
Zusicherung der Neutralität Englands von jedem Angriff auf die
atlantische Küste und Schiffahrt Frankreichs abzusehen und die
Integrität Frankreichs und seiner Kolonien zu gewährleisten[11].

Am Abend des 4. August stellte der britische Botschafter in Berlin dem
Reichskanzler jene bis Mitternacht befristete Anfrage, ob Deutschland
sich verpflichte, die belgische Neutralität zu respektieren. Damals
hatten deutsche Truppen die belgische Grenze schon überschritten. Das
britische Kabinett hatte seinen Kriegsvorwand und seine Kriegsparole.

Wie stark die militärische Notwendigkeit war, selbst auf die Gefahr
hin, England einen wirksamen Kriegsvorwand und eine zugkräftige
Kriegsparole zu liefern, die belgische Neutralität außer acht
zu lassen, vermag ich nicht zu beurteilen. Unsere moralische
Berechtigung, durch Belgien zu marschieren, steht für mich nach
allem, was vorausgegangen war, außer Zweifel. Ebenso außer Zweifel
steht für mich, daß auch die peinlichste Respektierung der belgischen
Neutralität England nicht vermocht hätte, dem Kriege als unser Gegner
fernzubleiben[12].

Letzteres ergibt sich aus der ganzen langen Vorgeschichte des Krieges,
in der England die treibende Kraft war; aus den Besprechungen zwischen
dem Foreign Office und Herrn Cambon, die sich schließlich nur noch um
die Frage des Ausgangspunktes für das britische Eingreifen drehten; und
schließlich aus folgendem wichtigen Umstand:

Am 2. August, ehe ein deutscher Soldat auf belgischem Boden stand
und ehe die erst am Abend dieses Tages in Brüssel gestellte deutsche
Anfrage wegen des Durchmarsches vorlag, bestätigte Sir Edward Grey auf
Grund eines Kabinettsbeschlusses dem französischen Botschafter eine
Eröffnung, die er ihm tags zuvor schon auf eigne Verantwortung gemacht
hatte. Nach dem von Herrn Cambon nach Paris erstatteten Bericht lautete
diese Eröffnung:

»Falls das deutsche Geschwader in den Kanal einfahren oder die Nordsee
passieren sollte, um die britischen Inseln zu umschiffen, in der
Absicht, die französischen Küsten oder die französische Kriegsflotte
anzugreifen und die französische Handelsflotte zu beunruhigen (!),
würde die britische Flotte eingreifen, um der französischen Marine
ihren Schutz zu gewähren, in der Art, daß von diesem Augenblick an
England und Deutschland sich im Kriegszustand befinden würden.« (Franz.
Gelbbuch Nr. 143.)

Das war die Entschlossenheit zum Krieg, unabhängig von der Verletzung
der belgischen Neutralität, für einen bestimmten Fall, der bei einem
Krieg zwischen Deutschland und Frankreich der Natur der Dinge nach
sich einstellen mußte. Das britische Kabinett hatte sich gegen den
Widerstand seiner friedensfreundlichen Mitglieder zu dieser Erklärung
entschließen müssen, weil auf Grund der dem Kabinett seit 1911
bekannten militärischen und maritimen Abmachungen mit Frankreich die
französische Flotte im Mittelmeer konzentriert war und infolgedessen
für England die moralische Verpflichtung bestand, die atlantische Küste
und Schiffahrt Frankreichs zu schützen.

Aber dieser casus belli wurde nicht praktisch. Die britische Politik
behielt den Vorteil der in der deutschen Verletzung der belgischen
Neutralität enthaltenen Kriegsparole.

                  *       *       *       *       *

Am Abend des 4. August stand fest, daß Deutschland durch einen
unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod mit einer überlegenen Koalition
werde gehen müssen. Durch das ganze deutsche Volk ging eine grimmige
Entschlossenheit, den uns aufgezwungenen Krieg aufzunehmen und
durchzuführen. Vor dem Schloß in Berlin staute sich die Menge und
huldigte dem Kaiser, der seinem Volke sechsundzwanzig Jahre lang den
Frieden erhalten hatte und der es jetzt in Worten, die jedem zu Herzen
gingen, aufrief zum Kampf um Hof und Herd, um das Recht auf Leben und
Arbeit.

Wenige Wochen später, am 28. August, sah ich den Kaiser im Schloß
zu Koblenz. Der Aufmarsch unsrer Heere war in glänzender Weise
durchgeführt; die französischen Armeen und das britische Hilfskorps
waren geschlagen; unsere Truppen waren überall im Westen in siegreichem
Vormarsch; aus dem Osten kamen die ersten Nachrichten von Hindenburgs
gewaltigem Sieg bei Tannenberg. Es schien alles über Erwarten gut
zu gehen, und die Hoffnungsfreudigen glaubten an ein rasches und
glückliches Ende des Krieges.

Der Kaiser ging nach dem Frühstück länger als eine Stunde mit mir
im Park auf und ab und sprach sich über die gewaltigen Ereignisse
der letzten Wochen in der rückhaltlosesten Weise aus. Ich hatte
von ihm den Eindruck eines Mannes, der, trotzdem das Glück seiner
Sache günstig zu sein schien, innerlich auf das tiefste erschüttert
war und schwer an der Verantwortung für seine Entschlüsse trug. Er
schilderte mir in der ihm eigenen Lebhaftigkeit die Vorgänge, die zum
Krieg geführt hatten, und seine persönlichen Bemühungen, den Krieg
abzuwenden. Er rief Gott zum Zeugen dafür an, daß er in seiner ganzen
Regierungszeit keinen höheren und heiligeren Wunsch gekannt habe,
als seinem Volke den Frieden zu erhalten und es durch friedliche
Arbeit zu besseren und glücklicheren Lebensbedingungen zu führen. Er
erinnerte an sein letztes Zusammensein mit seinen Vettern, dem Zaren
und dem König von England, im Schlosse von Berlin bei Gelegenheit
der Hochzeit seiner Tochter mit dem Herzog von Braunschweig im Jahre
1913, an die Beruhigung, die er damals über die friedlichen Absichten
Rußlands und Englands gewonnen zu haben glaubte. Er habe sich gar
nicht an den Gedanken gewöhnen können, daß alle die Freundschafts- und
Friedensversicherungen nur Lug und Trug gewesen seien; und doch habe
er sich aus dem Gang der Dinge überzeugen müssen, daß damals unter
seinem eignen Dach seine Gäste die Verschwörung gegen Deutschland
bereits im Herzen trugen. Er habe von dem Augenblick an, in dem ihm
der Ernst der Lage zum Bewußtsein gekommen sei, den König von England
und den Zaren beschworen und gebeten, ihm zu helfen, das Unheil des
Krieges von der Welt abzuwenden, er habe seinerseits bis zur Grenze
des Möglichen auf den Kaiser Franz Joseph gedrückt, so schwer es ihm
geworden sei, dem Verbündeten beim Durchfechten seiner gerechten Sache
in den Weg zu treten; aber er habe vom König Georg und dem Zaren nur
kaltes Achselzucken und leere Ausflüchte zur Antwort bekommen. Er
habe den Zaren noch in der letzten Stunde geradezu angefleht, die
Mobilmachung zu unterlassen, die uns in unsrer geographischen und
politischen Lage zum sofortigen Losschlagen zwingen müsse. Er habe nach
der russischen Mobilmachung gegen alle Beschwörungen seiner eignen
Militärs noch einmal den Russen eine Frist gegeben. Alles sei umsonst
gewesen. Dreimal habe er die Feder wieder aus der Hand gelegt, ehe er
die Mobilmachungsorder unterschrieben habe. Die Verantwortung für das
eigene Volk habe ihm schließlich keine andere Wahl gelassen. Jetzt
stehe unser Schicksal in Gottes Hand.

In derselben Unterhaltung sprach sich der Kaiser darüber aus, wie
er sich die künftige Gestaltung der Dinge denke, wenn uns der Sieg
beschieden sei. Das Wichtigste sei für ihn, daß aus dem Krieg der
durch die gesunde Vernunft und die Natur der Dinge gebotene friedliche
Zusammenschluß der Völker des europäischen Kontinents hervorgehe.
Das sei bisher infolge des deutsch-französischen Gegensatzes nicht
möglich gewesen. Der Friede müsse so geschlossen werden, daß dieses
Ziel erreichbar werde. Die Franzosen seien stets eine ritterliche
Nation mit einem hohen Ehrbegriff gewesen, vor der er stets Achtung
gehabt und deren Versöhnung mit Deutschland er stets gewünscht habe.
Er verstehe, daß es dieser Nation schwer geworden sei, sich der
Entscheidung von 1870 ohne den Versuch eines neuen Appells an das Glück
der Waffen zu fügen. Er hoffe, daß nach diesem Krieg auch der Franzose
das Gefühl haben werde, daß der Ehre Genüge geschehen sei und daß
sich beim Friedensschluß die Grundlagen für ein freies und ehrliches
Zusammenwirken der beiden großen europäischen Kulturvölker in Politik
und Wirtschaft werden schaffen lassen.

Das ist der Mann, den heute unsre Feinde und -- was schlimmer ist
-- Leute unsres eignen Blutes zum Urheber des Krieges, zu einem
blutdürstigen Eroberer und Unterdrücker stempeln möchten. Ich bin im
Innersten überzeugt -- und das Bekenntnis glaube ich dem Kaiser zu
schulden --, daß Wilhelm II. kein höheres Ziel gekannt hat, als dem
deutschen Volk und der Welt den Frieden zu erhalten, daß er seinen
Ruhm nur darin gesucht hat, Deutschland in den Werken friedlicher
Arbeit fortschreiten zu sehen. Niemand, der ihn näher kannte, wird
sich durch seine im Hohenzollernblut steckende Freude an soldatischem
Wesen oder durch den Überschwang des ihm leicht zur Verfügung stehenden
Wortes über den Kern seines Wesens täuschen lassen. Ebensowenig,
wie Kenner des deutschen Volkscharakters sich durch Unebenheiten
und Schroffheiten, die schließlich ihre Begründung in unsrer
vielhundertjährigen Leidensgeschichte haben, dazu verleiten lassen, das
deutsche Volk für kriegslustig, gewalttätig und eroberungssüchtig zu
halten.

Der Deutsche Kaiser und das deutsche Volk wollten den Frieden und sahen
in der friedlichen Arbeit ihre Zukunft. Wo die Kräfte, die den größten
Krieg der Weltgeschichte heraufbeschworen haben, ihren Sitz hatten,
glaube ich in den vorstehenden Blättern gezeigt zu haben.

Großbritannien hat wieder einmal sein Ziel erreicht. Die stärkste
Kontinentalmacht, sein stärkster Wettbewerber auf den Märkten der Welt
liegt am Boden, wie vordem Spanien, die Niederlande und Frankreich.
Unsere Kraft ist gebrochen in einem Krieg, den England so wenig
unmittelbar entzündet hat wie etwa den Spanischen Erbfolgekrieg, den
Siebenjährigen Krieg und die Napoleonischen Kriege; den es aber, genau
wie jene großen Koalitionskriege, mit unübertrefflicher diplomatischer
Kunst aus dritter Ursache duldend und fördernd hat entstehen lassen,
um dann einzugreifen und seinen stärksten Rivalen zur Mehrung seiner
eigenen Macht und Herrlichkeit niederzuwerfen.

So werden die unbestechlichen und unbeirrbaren Augen der Geschichte die
Entstehung des Krieges sehen.




  Der Weltkrieg
  von
  Karl Helfferich

  Der zweite Teil des Werkes,
  der den Anteil des Verfassers
  an den politischen Vorgängen
  der Kriegszeit selbst
  zum Gegenstand hat,
  erscheint in
  Kürze

[Illustration: Ullstein & Co Berlin]




Fußnoten:


[1] Der belgische Gesandte in London, van Grootven, berichtete damals
an seine Regierung, Sir Edw. Grey habe bei verschiedenen Gelegenheiten
den in London beglaubigten Botschaftern wiederholt, England sei in der
Marokkofrage an Frankreich gebunden und werde seine Verpflichtungen
bis zum Letzten erfüllen, selbst im Falle eines deutsch-französischen
Krieges und auf jede Gefahr hin.

[2] Daß diese einseitigen Beratungen mit einer bestimmten Mächtegruppe
ein schwerer Verstoß gegen die belgische Neutralität waren, kann nicht
wohl bestritten werden. Der Einwand, daß die in diesen Beratungen
getroffenen Abmachungen nur im Falle einer Verletzung der belgischen
Neutralität durch Deutschland in Kraft treten sollten, schlägt nicht
durch. Die Beratungen selbst mußten der einen Partei einen tiefen
und wertvollen Einblick in die belgischen Kriegsmittel geben, der
der andern Partei nicht zuteil ward. Überdies hat später, am 23.
April 1912, der damalige britische Militärattaché dem belgischen
Generalstabschef rundheraus erklärt, daß die englische Regierung
während der letzten Krisis (Marokkokrisis von 1911) eine Landung in
Belgien auf jeden Fall vorgenommen haben würde, auch wenn Belgien keine
Hilfe verlangt hätte.

[3] Bericht vom 22. Juni 1907.

[4] Worte des Fürsten Bülow in seiner Reichstagsrede vom 30. April 1907.

[5] Siehe E. D. Morel, Truth and the War, London 1916, S. 148 ff.

[6] Staatssekretär a. D. Zimmermann in der »Deutschen Allgemeinen
Zeitung« vom 28. November 1918.

[7] Siehe »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« vom 3. Januar 1915.

[8] Siehe meine »Entstehung des Weltkriegs«, S. 25.

[9] Die aus Anlaß dieses »Mißverständnisses« von der deutschen
Regierung eingenommene Haltung zeigt, wie fern der deutschen Regierung
Angriffsabsichten auf Frankreich lagen. Der französische Minister
des Auswärtigen hat das Gegenteil zu beweisen versucht durch die
Veröffentlichung eines Chiffretelegramms, enthaltend eine Instruktion
des Reichskanzlers an den deutschen Botschafter in Paris, Baron von
Schoen, nach der dieser von Frankreich als Sicherheit für den Fall der
französischen Neutralitätserklärung die Auslieferung der Festungen
Toul und Verdun verlangen sollte. Die Instruktion ist nicht praktisch
geworden, da Frankreich die Erklärung seiner Neutralität verweigerte.
Hervorgegangen war sie aus der militärischen Notwendigkeit einer
unbedingten Rückendeckung nach Westen für den Fall des Aufmarsches
unseres Gesamtheeres gegen Osten. Das »Mißverständnis« vom 1.
August hat bewiesen, daß die deutsche Regierung, falls Frankreich
überhaupt zur Neutralität bereit gewesen wäre, sich statt der
militärischen Sicherung durch Auslieferung der Grenzfestungen sich
mit der diplomatischen Sicherung durch die Garantie Englands für die
französische Neutralität begnügt hätte.

[10] Z. B. »Labour Leader« vom 18. März 1915.

[11] Vgl. die Anfrage Keir Hardies im Unterhaus am 27. August 1914.

[12] Dies wird gelegentlich von englischer Seite selbst offen
zugegeben. Schon im Dezember 1914 schrieb der »Spectator«:

»Wenn Deutschland beschlossen hätte, zu versuchen, auf dem direkten Weg
statt auf dem Weg über Belgien in Frankreich einzudringen, so hätten
wir trotzdem unter einer tiefen Verpflichtung gestanden, Frankreich
und Rußland zu helfen ... Alle unsere Abmachungen mit Frankreich
-- unsere Sanktion der Linie seiner Politik, unsere militärischen
»Konversationen« mit seinem Stab, unsere endgültige Assoziation mit
seinen Handlungen draußen -- hatten uns seine Sache anvertraut, so klar
wie wenn wir eine bindende Allianz mit Frankreich abgeschlossen hätten.
Und was wahr ist für unser Einvernehmen mit Frankreich, ist kaum
weniger wahr für unser Einvernehmen mit Rußland.«

Und ein Leitartikel der »Times« vom 19. März 1915 bekannte, daß
England durch seine Ehre und sein Interesse gezwungen worden wäre,
an Frankreichs und Rußlands Seite zu treten, »auch wenn Deutschland
die Rechte seines kleinen Nachbars gewissenhaft geachtet und sich
den Weg nach Frankreich hinein durch die französischen Ostfestungen
gebahnt hätte«. -- Der Artikel fährt fort: »Weshalb verbürgten wir
uns für die Neutralität Belgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes
des Selbstinteresses, aus dem wir von jeher verhinderten, daß eine
Großmacht sich unserer Ostküste gegenüber festsetzte, wegen des
Grundes, der uns bewog, die Niederlande gegen Spanien und gegen
das Frankreich der Bourbonen und Napoleons zu verteidigen ... Wir
spielen nicht den internationalen Don Quichotte, der zu jeder Zeit
jedes Unrecht bekämpft, auch wenn es ihm keinen Schaden zufügt.
Herr von Bethmann hat ganz recht, selbst wenn Deutschland nicht in
Belgien eingefallen wäre, hätten Ehre und Interesse uns an Frankreich
gebunden ... Wir kehrten zu unserer traditionellen Politik des
Gleichgewichts zurück, aus demselben Grund, aus dem unsere Ahnen sie
angenommen hatten. Gefühlsgründe gab es weder für unsere Väter, noch
gibt es sie für uns. Es handelt sich um in sich selbst begründete, um
selbstische Gründe ... für England und seinen Herrschaftskreis kämpfen
und bluten seine Söhne.«




      *      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription:

Der Originaltext wurde beibehalten, offensichtliche Druckfehler wurden
berichtigt. Parallele Schreibweisen von Eigennamen (»Eduard« und »Edward«,
»Ssuchomlinoff« und »Ssuchomlinow«) wurden beibehalten. Folgende Änderungen
wurden vorgenommen:

  Seite 94: nach »ihre Kraft verlieren sollte« wurde ein Punkt ergänzt
  Seite 106: »Freiherrrn« wurde geändert in »Freiherrn«
  Seite 109: »Iswolksi« wurde geändert in »Iswolski«



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