Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze

By Johann Gottlieb Fichte

The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften
und Aufsätze, by Johann Gottlieb Fichte

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze
       Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan
       einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt /
       Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und
       andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische
       Uebersetzungen

Author: Johann Gottlieb Fichte

Editor: Immanuel Hermann Fichte

Release Date: March 5, 2016 [EBook #51359]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***




Produced by Karl Eichwalder, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net This
book was produced from scanned images of public domain
material from the Google Books project.









                       Johann Gottlieb Fichte's
                          sämmtliche Werke.


                            Herausgegeben
                                 von
                            I. H. FICHTE.

                             Achter Band.

                            Berlin, 1846.
                      Verlag von Veit und Comp.

                       Johann Gottlieb Fichte's
                          sämmtliche Werke.

                            Herausgegeben
                                 von
                            I. H. FICHTE.

                          Dritte Abtheilung.
                   Populärphilosophische Schriften.

                            Dritter Band:
                  Vermischte Schriften und Aufsätze.

                            Berlin, 1846.
                      Verlag von Veit und Comp.




                            Inhaltsanzeige
                          des achten Bandes.


                                                                   Seite
   1)  Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801               3-93
   2)  Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren    97-204
          Lehranstalt, 1807
       Beilagen zum Universitätsplane (ungedruckt):
       a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke  207-216
          an einer deutschen Universität, 1805
       b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu    216-219
          Berlin, am 16. April 1811
   3)  Vermischte Aufsätze:
       A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks,     223-244
          ein Räsonnement und eine Parabel, 1791
       B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt)         245-269
       C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794      270-300
       D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der          301-341
          Sprache, 1795
       E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an           342-352
          Wahrheit, 1795
       F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (ungedruckt)           353-360
       G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die            361-407
          bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt)
   4)  Recensionen:
       A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen über die        411-417
          Freiheit des Willens, 1793
       B. Von Gebhard über sittliche Güte, 1793                  418-426
       C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796                      427-436
   5)  Poesien und metrische Uebersetzungen:
       A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt)     439-459
       B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt)                   460-471
       C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen     472-479
          und Italiänischen (meist ungedruckt)




                      Vorrede des Herausgebers.


Der vorliegende achte Band der Werke enthält Alles, was von gedruckten
und von ungedruckten Aufsätzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung
werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der »Nachgelassenen
Werke« noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bände stehen daher in
nächster ergänzender Beziehung zueinander.

Die Schrift, welche hier die Reihe eröffnet: »Nicolai's Leben und
sonderbare Meinungen« (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr
Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden
Interesse entrückt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen
werden, als sie ursprünglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den
Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm
Feindlichen am Sichersten versöhnt habe, indem er es zum Gegenstande
poetischer Darstellung machte: so ist es die ächte, überwindende und
abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem
Principe begreift und in der unwillkürlichen Consequenz seiner
Verkehrtheit erschöpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der
Gründlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthümliche Stelle behaupten
neben den wenigen polemischen Musterstücken unserer Literatur. Das
dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: »Von den letzten Thaten,
dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden,« (Bd. VIII.
S. 89 ff.) welches der ursprüngliche Abdruck nur bruchstückweise enthält
(S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollständig vorhanden; doch
bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum
mitzutheilen.

Der »Universitätsplan« gehört in jene Reihe von Entwürfen zur
Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede
zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des
damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben
»sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte« und bei dem Entwurfe selbst ihn
davon lossprach, »an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden« (Worte
aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).

So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes
einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In
ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit
weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien
Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich
zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser
und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der
akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen
Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in
Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur
»Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches« sich zu
erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser
Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem
Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere
Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei,
wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der
geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten
Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die
höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung
und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.

Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der
Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter
den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein
solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten
Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine
Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war
nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen
Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische
Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen,
das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten
Regierungsgewalten ihr verlieh.

Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also
noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der
Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und
so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine
Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu
stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und
Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in
diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn
durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts
Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen
Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!

Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem
Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch
an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur
klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss
Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert
freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu
jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man
gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche
Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte's Universitätsplane
vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann
eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. --

Von den nun folgenden »vermischten Aufsätzen« schien uns jeder
beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den
Interessen, welchen sich Fichte's Geist zu verschiedenen Zeiten
zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen
wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was
er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten
Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten
Bande der »Nachgelassenen Werke« (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei
scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den
künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.

Von den weiteren Abhandlungen müssen wir »die Briefe über Geist und
Buchstab in der Philosophie« (1794, ursprünglich für Schillers Horen
bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der
Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von
seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin
als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe
bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der
^Unmittelbarkeit^ des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden
Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur
in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem
unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die
dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der
Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen,
-- eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden
ist, wiewohl sie auch in Fichte's Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem
Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das
Princip derselben dort also bezeichnet: »dass die schöne Kunst den
^transscendentalen Gesichtspunct^« (den der Vernunft) »zum gemeinen«
(unmittelbaren) »mache.« Wir finden in dieser Bestimmung keinen
wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne
sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl
noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei
Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das
eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der
Idee, die Natur, fortwährend ^blosse^ Sinnenwelt, ein schematisches, der
Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein ^Naturschönes^
anerkennen, und ^deshalb^ musste er auf die Frage, wo die Welt des
schönen Geistes sey, antworten: »Innerlich in der Menschheit, ^und sonst
nirgends^« (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt
nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch
das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen
abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche
ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem
eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1]
Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für
merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum
beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des
Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten
Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen
gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich
harmonische Schönheit darzustellen. --

Die Abhandlung: »über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache« wird auf
den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das
befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist
wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für
freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt,
wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt
zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im ^Einzelsubjecte^, in
keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt
hat.

[Fußnote 1: Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte's
ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings
von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen
Abhandlung: »über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst«
(in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165
ff.). Das Obenangedeutete und Fichte's hier wiederabgedruckte Abhandlung
mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.]

Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung
deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist
das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie
bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen,
die sie vielmehr -- (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) --
nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt
sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des
Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für
viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie
kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei
anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken
vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere
Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.

Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage
einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur
philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter
festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen
Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier
vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon
erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das
tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus
ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit
unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend:
-- was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute
weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im
Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von
dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt;
aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht
worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte's Abhandlung
geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage
anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.

Die erstere macht er zur ^Ursprache^, und fügt hinzu, dass sich diese
vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil
für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der
Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der
Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich
nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden
wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl
zu beachtendes Moment.

Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und
Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu
trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide
ursprünglich ^mit^ einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir
täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und
unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im
Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit),
kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur
articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur
allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten
Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer
reicher in sie sich einbildet.

Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel
gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem
allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne
Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft
sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das
gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste,
was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den
Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in
der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden
Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn
durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht
(Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die
andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil
erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer
bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; -- was nicht
minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die
natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief
gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich
tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend
ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein
Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich
beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit
giebt. Die Sprache ist ebenso »eingeboren,« -- ^Ursprache^, äusserlich
bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die
Immanenz der Vernunft im Menschengeiste -- als sie zu ihrer Ausbildung
und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf.
Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in
den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die
Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der
Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder
entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und
Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene »Ursprache«
ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei
irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer
geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren
grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist
nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles
Sprechens. --

Das philosophische Fragment endlich, »Bericht über den Begriff der
Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben« (1806),
dessen erster Abschnitt bereits in den »Nachgelassenen Werken«
erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes,
in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es
als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen
Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt
mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit
geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor
der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu
besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der
Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so
bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der
anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen
es leicht sich aneignen kann.

                   *       *       *       *       *

Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die
beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche
Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum
Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants
Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die
praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die
theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine
Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles ^Wissens^ zu
bezeichnen. -- Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift »zum
ewigen Frieden« (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in
gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von
der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke
und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu
weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden
Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren
Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren
Staatslehre zeigen.

                   *       *       *       *       *

In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche
sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen
Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre.
Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, --
ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers
sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in
der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, --
sondern um das Bild von Fichte's Charakter nach einer Seite hin zu
vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte;
-- wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen
am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso
entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche
Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene
nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch
in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem
höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch
seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie
uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die
Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer »Novelle« aus dem
Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben
ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als
literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit
dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.

Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch
einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe
nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen
die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine »natürliche
Tochter,« könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und
Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik,
namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe
zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein
geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen
geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender
Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks »heilige Genoveva« erregte
bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass
er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung
philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der
ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: »der Tod des
heiligen Bonifacius« vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben
dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart
untergeht, zu schildern gedachte. -- In späteren Jahren endlich, als ihn
das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen
beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu
dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem
^Purgatorio^ ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im
Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: »Vesta,
Königsberg 1807« abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener
Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in
diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren
Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl
eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.




                         Friedrich Nicolai's
                   Leben und sonderbare Meinungen.


      Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur
                Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.

                                 Von
                       Johann Gottlieb Fichte.

                            Herausgegeben
                                 von
                           A. W. Schlegel.

    Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung.
                                1801.




                      Vorrede des Herausgebers.


Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter
seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse
eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung,
welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die
Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte
er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand
gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde
auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem
Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und
so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese
bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen
Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte's wäre es
vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen
auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte
Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden,
so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine
ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so
weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die
grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen
Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen
Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen
höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres
begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes
Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo
möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift
erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und
man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter
ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben.
Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches
Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften
ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente
zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die
darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese
Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das
bisherige vergeben und vergessen.




                             Einleitung.


Ich habe zu Friedrich Nicolai's zahllosen Schmähungen und Verdrehungen
meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften
traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen
solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten
eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine
persönliche Ehre angegriffen; -- denn dass er der Verfasser sey von der
in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und
zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene
Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises.
Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft
abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der
die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur
Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. -- Ich bin es zwar nicht dem
Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder
selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie
vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, -- wohl aber dem
Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig,
mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. --

Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines
Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich
gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht
zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst
eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist,
als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei ^Facta^
und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne
irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie
zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über
alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu
interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen
menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges
Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso
verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale
Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe
allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen
werden. -- Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen
ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt
würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang
bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr
zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen
Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles
Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen
Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer
solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter
war mir, seitdem ich ihn gekannt habe -- ich lernte ihn in dem Streite
zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen -- Friedrich Nicolai. Sein Bild
wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde,
welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden
Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und
allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum
warnenden Beispiele hinstellen.

Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit
ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine
blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht
ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere
Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden
könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die
grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt,
dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern
dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere
zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die
er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon
nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken
eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen
anstellt.

Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus
entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen,
welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich
denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so
unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur
sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung
würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung,
wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object
aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist
er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und
so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem
Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne,
dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen
Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.

Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit
gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen
Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das
Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn
doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich
werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person
sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes
und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste
Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu
begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich
zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben.
Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang
genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in
dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas
gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der
gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur
diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte
hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich
anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai
gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des
Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen
lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich
zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft,
oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen
Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn,
oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur
richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden,
als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm
unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage
zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr
wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so
mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts
sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.

Wir gehen an unser Vorhaben.

Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht
rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch,
sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt
werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus
welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers
Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf
Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären
lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie
tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben
zum Grunde gelegen habe.

Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip
der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der
Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er
es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach
jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer
des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und
Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser
Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu
glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je
bekannt geworden.

Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers
Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die
Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie
durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu
erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder
andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir
ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu
richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des
Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären
lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis
der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.

Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als
einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der
vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund,
warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch
fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, -- weil nemlich die
Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist,
dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der
Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die
Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde -- fällt bei
Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung
zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit
unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann
sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der
Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter.
Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er
sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will,
wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch
irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und
Handelsweisen abänderte.




                           Erstes Capitel.
    Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers
                       Helden ausgegangen sind.


Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles
mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und
aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den
Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey,
und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum
Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte,
dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey,
gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht
gedacht hätte, oder nicht denken würde.

Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel,
alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch
etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war
noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und
muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten,
sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine
Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung;
daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen
gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus
sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und
Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art
schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer
davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt;
dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich
schämten und in sich gingen.

In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so
sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar
wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen
Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines
Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch -- er sey ein
geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles
für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber
voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die
empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen
die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste
und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.

Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee
geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu
seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er
habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten
Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete ^von ihr aus^,
als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals ^über sie^. Er starb
daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich
selbst zu Ende gekommen zu seyn.




                           Zweites Capitel.
       Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze
                         gekommen seyn möge.


Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun
haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers
Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch
bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen
Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem
Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es,
so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist
es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und
der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen
anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch
eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen
seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst --
denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner
Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen
ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als
das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte -- er selbst hat,
nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale
Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang
gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die
Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis
zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet,
und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei
Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie
der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und
alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem
attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten
ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich
verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den
folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner
erinnern kann -- und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren
erinnern -- durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und
eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines
Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern
als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den
Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des
Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins
künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und
was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.

Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der
Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die
lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen
Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der
Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben
gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde,
und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn
auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss
der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das
Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass
die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde
eben nicht gesagt; -- und da man nur um sagen zu können lernte, auch
nicht weiter gelernt, -- späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit
und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung
und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des
Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden
erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich
schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er
damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich
behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher
werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer,
deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung
hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der
Einsicht und des Zwecks. -- Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden
anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens
ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu
machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine
natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz
entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und
herzlicher meinte, als unser Held? -- Der zweite dieser Männer, in deren
Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger,
rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute
gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch
nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held,
der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität
ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber
nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte,
mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb,
hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes
Geistes gleichen.

Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht
weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für
einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem
Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.

Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan;
entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem
der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde
allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es
nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser
Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich
selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst
zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an
sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es
ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.

Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der
Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen
Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar
in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als
irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten
Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu
finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten
Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu
prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und
Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob
nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.

Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern:
Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und
von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl
unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee
ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle
jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender
Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines
Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss
Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die
grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden
muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die
ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in
ihren Fächern sind.

Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste
von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt
behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das
Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage
kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst
nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit.
Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er
fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem
er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung
eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit
dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen.
Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle
Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden
Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie
zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser
Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit
ihm zusammenwachsen musste.

Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte
Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk
herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern
verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte
sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher
gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die
Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe
diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine
Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer
an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?

Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war,
versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge,
liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede
Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai
nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht
bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der
allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen
Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach
ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation.
Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt,
zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen
glaubte?

Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher
Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem
Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des
deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An
den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und
artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht
-- diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm
jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die
Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit
ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er
erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er
durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb
im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.


                             Anmerkungen.

[Fußnote 2: Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so:
Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt,
dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn
würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen
^Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden^ verspottet. In
dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, -- in der Schrift gegen
die Xenien, wo ich nicht irre, -- es solle nunmehr mit Fichte nicht
einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er
vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das
fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine
Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel
unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs
Gewissen; er fand nun doch, »dass ^andere^ Gelehrte wohl etwa glauben
möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w.
stecke etwas, dass ^er^ aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität
sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.«
Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte,
so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan
werden.]

[Fußnote 3: Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte
sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst,
in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: »ihm sey von jeher sehr
geschmeichelt worden.«]




                           Drittes Capitel.
     Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers
                     Helden sich geäussert habe.


Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden,
theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im
allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die
Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu
bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf
irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine
übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung
desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser
überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch
wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster,
wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff
jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er
hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache
wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine
Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie
es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die
Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich;
und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.

Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten
und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja
nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und
die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen,
und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in
der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die
grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur
leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam
wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der
Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der
Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen
Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir
verbietet, sie zu nennen: -- hat er nicht Schriftsteller allein, sondern
durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der
Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie
ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig
ausgegeben wird -- hat er dadurch auch junge bildende Künstler
herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus,
als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.

Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige
excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in
der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was
hätte an ihnen daran seyn können? -- Hatten sie sich denn erst in der A.
D. B. unter Nicolai's Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm
ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber
correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und
alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen
hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm
ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte
Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben
daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.

Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts
seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der
man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde,
unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des
Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer,
dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige
Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die
spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch
alles entstand.

Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht
alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie
ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen
Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die
wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch
noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem
Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held
fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu
züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg
einschlagen möchten. Man sah es ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt
dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung -- man sah es ihm an,
dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der
redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von
Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung
ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas
leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen
die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse
rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke
hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande
kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle
Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese
Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu
benehmen.

Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde
rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen
Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der
allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe
mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine
Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er
vermuthlich auch Nicolai's Rath eingezogen; -- denn den pflegte dieser
keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch
Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs,
die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen
Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der
Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit
wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen
deutschen Bibliothek unter Nicolai's eigener Redaction bringen könnte.


                             Anmerkungen.

[Fußnote 4: M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai'schen Reisen. S. 337
ff.]

[Fußnote 5: M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die
Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz
vor derselben die Recension des Krugschen Buches.]




                           Viertes Capitel.
    Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden
              bei allen seinen Disputen angekommen sey.


So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um
dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und
zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an,
zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache
bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung
zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er
aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit,
die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis,
indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser
oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.

So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus
auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen
wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf,
dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und
sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und
alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen
guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben,
lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek
Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies
nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben,
so sollten sie jetzt aus Nicolai's Versicherung, dass er ihnen die
wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht
hätten.

So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und
Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern
philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man
müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen.
Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht,
darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime
gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben
werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und
gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst
unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die
zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn
verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der
Wahrheit zu verläugnen.




                           Fünftes Capitel.
     Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten
                             Grundsatze.


Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum
einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem
Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung
abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und
Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so
schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an
den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um
anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem
Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten,
dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die
Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.

So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine
Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand,
nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit
starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei
Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage
gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben
angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit
grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens
kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt
hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher
hinzu, ^dass dies nicht zu läugnen wäre^. Freilich hatte jene Zeitung
gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss
entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.

So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804
alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt
unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner
höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B.
dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut
gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe
verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, -- ausser er, Fichte, wie
sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die
gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er
urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht
selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die
Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert
er, ^es seyen dies wirklich Fichte's eigne Worte^, und citirt
allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem
allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen,
findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.

Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte
niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was
von ihm zum Drucke befördert sey.


                              Anmerkung.

[Fußnote 6: Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine
Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher
Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen
Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel,
Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen
sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen
sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen
Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen
Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich -- ^gegen die Jenaische
Literaturzeitung^.

Nicht von den anzuzeigenden Schriften -- eigentlich den zwischen
Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften
-- nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie
dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und
Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen
einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass ^auch die
Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt^. S. 150 aber sind bei ihr
gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, »^welche der Stifter der A.
D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen
Ländern und Provinzen -- vom Anfange an -- so vorsichtig zu vermeiden
wusste^.« Es bekamen nemlich ^nun^ -- wie denn ^nun^? folgten denn nun
die Redactoren der ^A. L. Z.^ nicht mehr der Idee des unsterblichen
Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz -- »es bekamen ^nun^
durch die individuelle Lage der Redactoren der ^A. L. Z.^ gegen
Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten,
und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen
Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war,
und -- ^bei unparteiischen Lesern _das Vertrauen zu demselben sicher
verminderte_^.« -- In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie
eben durch jene Streitschriften der ^A. L. Z.^ und ihrer Gegner, »die
freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind« und deren
^deswegen^, »gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen
gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und
fortzuführen,« allerdings erwähnt werden musste -- wie, sage ich, durch
jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und
Schelling in die ^L. Z.^ Einfluss gehabt, dass diese von ihnen
^abgehangen^. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch'
ein erbärmlicher Wicht die ^L. Z.^ seyn möge, da sie von so erbärmlichen
Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder
in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten,
abgehangen; -- diese ^L. Z.^, von der sich ohnedies nicht läugnen lässt,
dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.

Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten
Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf
denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B.
eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai
wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der
Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses
anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu
der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai
erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur ^A. L. Z.^ durch den
Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig
auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit
ihrem Vertrauen zu wenden haben.

Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine
Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von
dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.

Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr
Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern
sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses
Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese
unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst -- möchten wir nicht an
Herrn Nicolai's Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst
unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen
Instituts nicht zum Besten bekommen.]




                          Sechstes Capitel.
     Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge
                     jenes höchsten Grundsatzes.


Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers
Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz,
es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur
Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist
war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung,
und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über
das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen
davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene
Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem ^Materiale^
aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines
Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich
zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von
dem ^Formalen^ der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in
einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung,
die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen
Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er
äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst
klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte,
lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar
gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände
kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte
sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in
welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen
werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir
werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.

Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig
ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne;
denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch
unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen
Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem
Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier
sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren
der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr
Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres
Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder
wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten
seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, -- nur nicht möchten. --
Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder
Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die
sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn
niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu
verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des
menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen
der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines
Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen
nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern
Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser
Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm
voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern
Speculation sich bescheiden?

Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl
gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur
verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab
späterhin seine Theilnahme an demselben auf?

Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der
menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern
dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte
nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst?
War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die
Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht
eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen
sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den
Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine
philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig
gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben,
zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche
Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten
Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu
widmen.

Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich,
Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr
ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines
speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen,
ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den
systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens
einige jener Aussprüche anzuführen.

Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung
belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen
Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi's musste -- so
wollten es die Freunde und -- Ehrenretter des Verstorbenen -- nicht wahr
seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines
Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte
seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an?
-- ^Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing
sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass -- _Er selbst
mit Lessing über jene Materie disserirt hätte_^[7]. Freilich war Jacobi
nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen
Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch
vorbringen können, ohne vor sich ^selbst^ bis in die innerste Seele zu
erröthen? -- Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten
Acte, dass freilich wohl ^andere^ Gelehrte glauben möchten, hinter den
spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten
speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges
verborgen. ^Er^ aber, ^Er Nicolai^ wusste sehr wohl und verkündigte
laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen
werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].

Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser
Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes
Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein
darauf. Er hatte, seiner ^Bildung^ zufolge, einst gleichfalls
Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst
und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, -- war freilich nie
so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben
würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal
nicht hatte -- mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte,
bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai
nicht mit ermessen war, -- Jacobi's, Kants, der transscendentalen
Idealisten Philosopheme -- welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie
konnten sie anders? -- indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon
ehedem, eh' von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben
müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste,
seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des
Lächerlichen dagegen vorschreiten.

Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und
dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne
Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich
sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der
frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der
Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens
(inwiefern er Nicolai's Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger
und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er
Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die
Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern
mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von
dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft
werden.

Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen
Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen
Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er
in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi
einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa
im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein
Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte,
der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten
waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.

Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige
Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre
Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass
er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich
auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten
Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar
nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm
zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise,
dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von
jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn
sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie
ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe
sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also
verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun,
und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir,
dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.


                             Anmerkungen.

[Fußnote 7: M. s. ^Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc.^
(Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur
Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S.
630. citirt. -- Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen,
dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s.
w.]

[Fußnote 8: M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.]

[Fußnote 9: In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen
Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in
der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings
Charakteristik nicht herausgegeben, -- woran bekanntermaassen diesen
Freunden Lessings zufolge Jacobi's Notiz über Lessings wahres
speculatives System ihn verhindert haben sollte: »dies ist nicht der
erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei« --
oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere
Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) »angerichtet hat,
^da^ jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, -- oder
halb hört, ^gleich^ drucken lässt -- um (Nicolai's bekannte pragmatische
Methode) sich ein Ansehen zu geben.« Jacobi eben sollte nur halb gehört
haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende
Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den
mittelmässigen Köpfen.

Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels,
als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund,
der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses
mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal
zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai
seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde,
als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?

                   *       *       *       *       *

Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung.
Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben
haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr
wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an
meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang
hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in
welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen
werde -- vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen
den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens
eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen
Denkerei, vorauszusetzen; -- ferner, wie Jacobi über mich und meine
Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte,
diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen
sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale
späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte,
keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem
ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles
nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer
seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der
Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und
dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es
sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf
zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es
giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache
hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus
persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für
immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und
Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine
Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die
Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei
zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.]




                          Siebentes Capitel.
    Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von
           sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.


Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies,
dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner
schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben
lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar
unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am
deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte,
einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser
dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten
diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das
Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch
hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür
anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben
müssten.

Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets
innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht
verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden
geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht
deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von
vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen,
und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen
möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen
seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem
dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn
anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer
Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal
aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so
geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn
abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines
Themas nicht verstatteten.

Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon
früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet,
den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch
behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, -- das der Gundiberte und
der witzigen Theile von den Reisen -- seine Spässe eine gewisse dicke
Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. -- Da man in Nicolai's Witze den
grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit
charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses
Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.

Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine
vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der ^repetirende^ Witz; wenn
am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer
Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet
und schreit: »Ich bin eine Diebin; sagt er:« ^Absolute Thesis des
Witzes.^ Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die
tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen
Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. -- Die zweite
Art des Witzes ist die ^der einfachen Retorsion^; wenn jener sein Wort:
»du bist eine Diebin« wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet:
»nein du, du bist ein Dieb:« ^Antithesis des Witzes.^ Auch diese Art
wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben
häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die ^der spöttischen Retorsion^;
wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm
antwortet: »ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest,
du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:« ^Synthesis des
Witzes.^ Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser
letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu
behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr
eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit,
und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht
gefunden.

So war es mit Nicolai's Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit
beschaffen.

Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? -- Lasset uns auch hier
billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra
zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt
erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es
ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht,
auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der
Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen
Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen
seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so
würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu
verstattenden Eigenliebe überschreiten.

Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich
für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen
theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen,
wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines
Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die
Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen
Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar
nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann,
der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser
Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen
Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die
Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an
den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende
geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit
durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus
ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit
entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt
seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten
überhaupt hatte.


                              Anmerkung.

[Fußnote 10: In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.]




                           Achtes Capitel.
    Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner
         gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.


Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht
haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen,
derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so
begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe
ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben
Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja
dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es
nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.

So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern
gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur
geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne
Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen
und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen,
Parteilichkeit ^für^ und Parteilichkeit ^wider^ sey doch immer beides
Parteilichkeit, und eine der andern werth. -- Ja, aber die neue und
neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte
Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig,
der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.

In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel,
Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die
Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die
bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe.
Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische
Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die
Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten,
versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung
beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte
es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in
seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben
darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in
jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen
Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener
Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von
Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch
einen Mann, -- »der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht
an den Tag gebracht hätte?« -- Aber, war es denn jenen Männern noch
nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt
worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen
Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch
durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das
Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich
zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?

Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu
Gemüthe geführt[11]. »Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt«
(man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen
Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr
leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als
unverständlich übergehen); »er habe gewusst, diesen so ungemein
verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in
Vergessenheit zu bringen.« Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher
Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man
hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem
Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein
Vergehen? -- Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente
machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach
den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und
weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu
gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte's
Vergehen nicht seyn. -- Lesen wir weiter. »^Nun^« (hier mildert der
grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den
besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den
Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern
sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem
Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für
unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend
gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt
angekündigt.) -- »^nun^ habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen,
auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ^ersten Philosophen
Deutschlands^ gesetzt worden, herunterzustossen.« Unser Held sprach nie
und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe
Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller
literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle
herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen,
als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber
tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also
weiter -- »^und sich selbst darauf zu setzen^.« Ja so, dies wollte
Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in
Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle
herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die
Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten
Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren
und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen
akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen
Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein
Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen
der Bibliothekare.

In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai
Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen
zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit
entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur
geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte
genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein
System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet
und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe
sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche
noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner
ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an,
zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre
ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen
etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und
mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in
öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere
Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine
Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des
Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die
eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach
recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.

Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit
des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und
die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im
hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort
entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies
nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern
Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit
und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene
Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit
unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die
Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber
nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für
das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein
alter Narr ist. -- War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller
Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf,
die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht
auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend,
statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination!
Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu
rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war
es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum
musste man es ihm allein überlassen.


                              Anmerkung.

[Fußnote 11: M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.]




                           Neuntes Capitel.
     Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu
          nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.


So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn
jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich
war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn
nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So
beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im
grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben
drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen
Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil
viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere
Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen
unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so
hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die
Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für
einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen
wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem
Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht,
welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr
ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.

Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld.
Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner
Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke,
dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich
vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so
würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher
andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften
geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht;
und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des
gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke
Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.

Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner
Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden
sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen
Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht
nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser
des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der
wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich
dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu
machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. -- Wir haben
dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben
zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der
Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher
über unsern Helden gedacht.

Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen
Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das
Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die
Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit
aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst
seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt
habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus
originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen ^Geschichte einiger
Esel^ fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers
Helden zu liefern.

Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der
bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen
Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch
katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen,
Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die
Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte,
dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein
seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen
suchen müsse u. s. w. -- Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig
nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der
Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für
schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders
seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch
ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und
rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts,
das Unglück -- die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt
Katholiken, die da katholisch sind -- und damit man es ihm doch ja
glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen
Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.

Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek.
Sie sollte -- welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr,
offenbar und klar ist -- sie sollte ein der ^Religion^ gefährliches Werk
seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen
nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem
nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus,
nur der ^katholischen^ Religion konnte es gefährlich seyn. Beide
Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte
sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu
verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun
konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als
Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen
die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen
suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen
Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles
von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai
in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen
Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller
Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die
Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister
und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden
müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem
Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden
wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht
hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei
mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem
Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie
ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und
gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte,
sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten
gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige
Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst
auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen,
und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter
über unsern Helden beschliessen.

Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine
Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen
gegen diese Philosophie, -- etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt
so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung
verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein
Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, -- diese
Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede
Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten
dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie
ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer
Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen
von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre
Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte
geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass
jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur
nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei
den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit
grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.

Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern
Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher
und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre
1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern
Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte
zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.

Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht
darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte?
Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt
gezeigt.

War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene
Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu
erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So
hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen
Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das
einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die ^seufzende Creatur^
charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal ^einen alten Californier^,
und ein andermal ^einen alten Geck^ gescholten; Niethammer hatte gar die
-- zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese
geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott
Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, -- etwa den
Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er
auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht
hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie
auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt,
dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig
darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht
werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf
eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz
angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen
Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten
war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai
namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde
unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt,
in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht
verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts
taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in
denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.

War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und
liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste
unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten,
wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher
angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich
rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre
Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass
mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde
davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser
jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die
er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen.
»Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es
sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie
vermöchten.« Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten,
ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm
hatten[13].

So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu
verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe,
ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig
Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers
Helden, wirklich und in der That nicht zu achten -- diese Verkehrtheit
konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur
so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des
schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.

So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals
hinzu: »Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er
selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.« --
Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen
hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek
das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter
den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur
glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben,
dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er
im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern
lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.

Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher
zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen
Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem
Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst
daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von
seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen
Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen
Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte -- mit dem armen
Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine
Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm
Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte
glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey.
Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu
können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken
unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest
eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden
Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung
erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht
Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig
zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und
gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise
beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben
hineinbringen, der nicht darein passte. -- Hierzu kommt, dass besonders
diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in
welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind,
eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu
den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete
man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus
gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt
regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte
wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen
diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst
liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch
ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen
Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs.
Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er
zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es,
und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und
vernichtet wäre.

Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn
ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen
Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was
eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner
stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden
sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von
allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner
Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen
Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer
Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser
Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein
Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl
überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander
verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung
nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer
Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.


                             Anmerkungen.

[Fußnote 12: M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen
Bibliothek.]

[Fußnote 13: M. s. Nicolai's Schrift gegen die Xenien.]

[Fußnote 14: M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.]

[Fußnote 15: Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.]




                           Zehntes Capitel.
      Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus
             jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.


Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich
geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches
Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen
Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist
alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren,
keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem
weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey
und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee;
denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen
und dürfte nichts gegen sie sagen.

Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein
Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen
Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende
Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft,
ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag,
und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte
er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so
viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte,
als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was
über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen,
damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre
Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.

Darum waren ^Protestantismus^, ^Denkfreiheit^, ^Freiheit des Urtheils^
seine beständigen Stichworte. Sein ^Protestantismus^ nemlich war die
Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen
alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem
Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der
Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse
Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein
allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu
ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur
Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber
Sache des Herzens und des Wandels. Seine ^Denkfreiheit^ war die
Befreiung von allem ^Gedachten^; die Ungezähmtheit des leeren Denkens,
ohne Inhalt und Ziel. ^Freiheit des Urtheils^ war ihm die Berechtigung
für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er
mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte
gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte
Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen
einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte
Zeitung beschwerte: »ob denn der Mann gar keinen Begriff von der
Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?« Wohl mochte Schelling und
alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit
welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl
wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur
Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.

Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen
Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte
er aus demselben Grunde, -- als gegen eine fremde Autorität, die sich
den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten
Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen
wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich
wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip,
über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und
auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen
und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur
Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein
Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine
sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich
bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die
Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit
selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu
grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als
Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht
besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und
dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als
die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität.
Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu
erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.




                           Eilftes Capitel.
    Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und
           höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.


Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um
etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar
nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick
fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden,
ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es
nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche
finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein
Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell,
nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit
seinem Selbst das Phänomen ^der absoluten Oberflächlichkeit und totalen
Seichtigkeit^. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war
schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um
eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.

Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches.
Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb,
der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die
Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich
der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er
in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.

Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich:
durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck
des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach
Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn
dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der
Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher
sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und
Haartouren, den leichtesten Angelhaken; -- und wer möchte die
Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist
nährte. -- Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue
Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im
^Ganzen^ gebraucht werden könnte; -- dass dieser Anekdotengeist sich je
auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon
findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.

Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles
andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die
seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war
selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche
und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die
Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte;
und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft.
Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder,
dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein
Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.

Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die ^materiale^ nennen
könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben
Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit ^in
der Form^ nennen wollen.

Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit
seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm
zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens
der Andere seine Meinung vortrage, ^woraus^ er sie beweise, und ^was^ er
hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses
Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach
eigentlich zu verstehen sey, -- dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und
wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu
widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen
Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen,
weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das
schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern
bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum
eilfertigen Widerspruche.

So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen
Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine ^chaise
percée^ in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter
die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde,
um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand
durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum
sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.

Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich
^Schiefheit^ für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote,
oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. --

Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit
hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch
Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es
sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen,
dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen,
in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm
seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will;
sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und
auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt,
dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm
giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er
will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von
selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es
unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten
Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich
in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche:
dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des
Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie
noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass
er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen
die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere
seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem
unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen
Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen.
Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste
mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft
selbst seinem Zwecke entgegen. -- Es gereicht vielleicht zur Ergötzung
des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele
dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände
fällt.

Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus
seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl
bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke
gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes
Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am
deutlichsten vorzutragen behauptet, -- etwa die ersten §§. der Grundlage
der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung
dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen
wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? -- Falsch
gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes
Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. -- Nun so wird
er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge
scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? -- Wiederum
falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. -- Oder
hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers
herausgerissen? -- Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht
genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften,
aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der
Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten
Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt;
und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben
könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen
glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte's eigene
Worte, und die Seitenzahl angiebt.

Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? -- Wir
wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen;
indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der
wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer
möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem
Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt,
und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich
wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: -- »Das Ich ist Subject
und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute
Beschreibung des Bewusstseyns.« -- So? wenn dies richtig ist, so richtig
ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn
auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder
auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts
anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System
richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in
einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.

Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder
zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass
kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich
nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den ^eigentlichen
Inhalt^ dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem
Beweise eben jenes System bestand, für eine der ^Prämissen^ dieses
Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis
vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit
das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher
die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:

   »^der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das
   Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde
   nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch
   der ganze transscendentale Idealismus sich gründe^« --

schreibe: ^sich gründe^. -- Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies
zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: ^man (nemlich Nicolai) wende
gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern
Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu^,
schreibe: ^gehört dazu^.

Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende,
durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz:
Ich, ^oder^ Intelligenz, ^oder^ Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft,
körperliche Kraft sind durchaus identisch. -- Diesem Satze stellt
Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: ^Mein Ich ist freilich
unter anderen auch Intelligenz^ (denn indem er sagt, dass es nicht
^blosse^ Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch
mit sey); aber es gehören noch ausser der ^Intelligenz^ mit dazu,
^Vernunft^, ^Sinnlichkeit^, ^Denkkraft^, ^körperliche Kraft^. -- Durch
diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und
sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale
Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn ^cessante
fundamento cessat fundatum^.

Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese
Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im
Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn
beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten.
Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und
neben der ^Intelligenz^, auch noch ^Vernunft^, ^Denkkraft^,
^Sinnlichkeit^ (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen)
aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der
preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König
ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und
Pfeifer.

Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als
ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn
als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai
gar keinen philosophischen Freund -- er selbst freilich konnte dies
nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie
aufwarf -- der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt
werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke,
empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und
die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, ^als Kraft^, für
Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch
einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?

Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die
Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche
Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems,
dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen
Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene
Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene
und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese
Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen,
und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken
suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war
gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir
ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als
verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch
anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen,
indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls
alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer
aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge
herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr
denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze
und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan
unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm
während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was
er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise
besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr
wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging;
aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es
ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein
Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich
nehme, in Gestank, -- oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle.
Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur.
Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der
Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um
sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch
seine Bestimmung getrieben.




                          Zwölftes Capitel.
        Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen
    Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.


Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers
setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass
wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters
halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm
gewesen, ausser der Sprache.

Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst
durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er,
der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein
Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale
Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner
extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm
seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.

Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht
öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird,
wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des
Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die
Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in
einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].

Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum
beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden
ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf
eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen
können?

Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn
er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich
einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen
Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf
ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an
allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin
durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht
selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das
Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich
endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses
alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass
sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst
entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der
ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache,
dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber
eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben
jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart
eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit
der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr
viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.

Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen
der Sprache und Schrift beibringen könnte, und die Nicolaische
Unverschämtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren könnte,
mit demselben Erfolge arbeiten würde, als unser Held. Möchte man sich
immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an
die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und
schüchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer
wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermüdet schrie und schriebe,
er habe doch recht, und alle Andern hätten unrecht; wenn er sich wohl
gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brüstete,
dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einsähe, wie Nicolai
sich auch immer damit gebrüstet, dass er als ein unstudirter Bürgersmann
alles dies wisse: so wäre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund
sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien
würden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass
sie von unserem Hunde herkämen; es würde eine Aesthetik entstehen, nach
welcher jeder Spitz die Schönheit einer Emilia Galotti kunstmässig
zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen
könnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel würde
endlich von allem noch übrigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt
werden, wie ein aufgeklärter Pudel sie verständig finden, und wie er
selbst sie geschrieben haben könnte.


                              Anmerkung.

[Fußnote 16: Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte
Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich für eine
solche Nachweisung nehmen.]




                            Erste Beilage.
                          (Zur Einleitung.)


   Angriffe Nicolai's auf die persönliche Ehre und den Charakter des
             Verfassers enthalten die folgenden Stellen:


                                  1.

Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie
günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische
Literaturzeitung zu bringen gesucht, fährt er (S. 159. der oben
angeführten Anzeige) so fort: »Es ist der Schule der Ich-Philosophen
schon länger« (dem Zusammenhange nach ^früher^, ehe die obengenannten
gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu
rechnen gewesen) »eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu
beschaffen war« (welch ekelhaftes Geschäft, dergleichen Schreiberei
abschreiben zu müssen!), »für ihren transscendentalen Idealismus
Anpreisung zu ^erschleichen^ suchte. Sie affectirten zwar bei aller
Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, ^aber
arbeiteten nicht wenig unter der Hand^, sie sich geneigt zu machen (1).
Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte's Schule
verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch
einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im
philosophischen Fache arbeitete, ^unverlangt^ solche Recensionen
einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls
durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wäre, aus ^Jena^ kamen. Die damalige
Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen ^unartigen
Schleifweg^ nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun
also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine
solche heimlich eingeschwärzte Recension von Fichte's Grundriss der
gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche
Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt«
u. s. w.

Wer sind denn diese ^Sie^ aus der ichphilosophischen ^Schule^ (der
verständige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im
folgenden, um der Kürze willen, die Ausdrücke dieses Schulmeisters
beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir
diese Ausdrücke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die
^früher^ noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens öffentlich
Theil nahm, ^früher^, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses
eingeschwärzt wurde, -- der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen
gelang, -- offenbar ^um ein beträchtliches früher^, denn durch die
vorhergegangenen vereitelten Machinationen müssen sie doch auch Zeit
verloren haben -- welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen
Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese ^Sie^ von der
Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten
affectirten, -- ohne Zweifel ^öffentlich^, da ihre entgegengesetzten
Bestrebungen ^unter der Hand^ geschahen, in ^öffentlichen Schriften^
also (wie könnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?),
diese Sie also, die schon damals in öffentlichen Schriften sich als
Ichphilosophen zeigten? Wer können sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai
aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich
für das System der Wissenschaftslehre erklärt hätte, ausser mir selbst?
Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen,
ausser mir und meinen Zuhörern, deren keiner Schriftsteller war, und die
wohl nur durch mich literarische Connexionen hätten erhalten können?

Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen
geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil
genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch
irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den früher
genannten und angegriffenen Männern treffen sollen, und da sie die
anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck
nicht treffen soll, indem das Factum in eine frühere Zeit gesetzt wird,
-- sie muss den einzigen, welcher noch übrig bleibt, sie muss ^mich^
treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in
ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen;
und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er
beabsichtigen, dass es geschehen möchte. Oder, wollte er nicht, dass
jene Beschuldigung auf mich bezogen würde, wollte er nur überhaupt in
das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen würde,
beschuldigen, so musste er ausdrücklich erklären, dass er mich nicht
meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich für meine Person
an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und
dergleichen.

Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die
Beschuldigung auf mich bezogen werde.

Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai's eigenem guten
Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und
nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und
bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet
von ^Erschleichungen^, ^unartigen Schleifwegen, heimlichem
Einschwärzen^, von Versuchen, ^unter der Hand sich geneigt zu machen,
was man öffentlich zu verachten affectirt^.

Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller
Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger,
verächtlicher -- und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen
kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich
wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen
gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene
Urtheile etwas geben.

Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob
sie in Bohns oder in Nicolai's Verlage herauskomme, so affectire ich
nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im
ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen
Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der
Philosophie.[17]

[Fußnote 17: Und wie könnte ich anders, als sie verachten, von der Seite
ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der
Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und
sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die
sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe,
der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das
Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen könnten;
dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich
seyn sollten, dass sie ^von Philosophen^ (sie sind wohl auch welche,
diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im
philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich,
von Philosophen verstanden werden könnten; die denn doch bei alle dem
ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht
bergen können, und zuletzt mit dem Troste für ihren Redacteur, ihre
Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen
werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde;
diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie
aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher über den
sonderbaren Ausdruck verwundern. So lässt neulich einer aus Heydenreichs
Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: »Das
eheliche Verhältniss ist die von der Natur geforderte ^Masse^ (^Weise^
steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174])
des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.«
Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrücken, ruft der Recensent in
einer Parenthese aus.

Jeder, der in den neuesten Stücken der N. D. B. unter den
philosophischen Recensionen herumblättern will, wird auf die oben
angeführten Aeusserungen stossen.

Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederübernehmung der Herausgabe
jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht
(auch nimmermehr andere bekommen würde), versichern, dass jene
Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehörten, wie er
dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen
Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmüthig seyn, sich in
meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schämen, dass ich von diesen
Männern spreche, wie von einfältigen Schulknaben; wie ich denn auch
allerdings thue.]

Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren
Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun
will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen
Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu
machen gesucht.

Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als
Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich
aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung
gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten
Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so
thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen
Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu
merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen
Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte
Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren
Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der
Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem
Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen
Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die
Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch
die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.

Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig,
verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu
beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. -- Da
ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich
begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung
rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder
Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter
an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der
Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der
allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das
Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. --

Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu
geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille
auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als
ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war
doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.

Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben,
Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich
weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen
können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne
vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen
Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.

Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine,
wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der
Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden?
Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es
vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur
gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische
Thatsachen hinzustellen.

Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht
sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken
empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist,
alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem
ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich
an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem
ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?

Wäre denn nicht auch etwa ^der^ Fall möglich, dass jene Anzeige von
einem Gelehrten herkäme, der ^nicht^ zu Jena lebte, der mich nie
persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt,
der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die
angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst
durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht
möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend
eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der
gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen
werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich
gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa
weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen
blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst
-- Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht -- an die N.
D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass
ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher
gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai,
sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre
dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade
heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als
der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; -- der als möglich
vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben,
hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch
einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen
Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt
worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen
Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen.
Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie
weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können,
wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, -- hätte er doch auch
hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht
auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will
abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen,
dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine
andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen
abgewiesen hatte?


                                  2.

Ich komme zu Nicolai's zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt
mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, »^der mir
gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge^,« von Schurkerei und
Büberei gesprochen.

Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich
beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese
Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer
anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von
Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere
so ohngefähr gleich?

Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir
glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In
den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas
liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes
erstere nicht gleich.

Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche
moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen
Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich
hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur
das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen
Wahrheitsfeindes und Bösewichts.

[Fußnote 18: S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.]

Hätte der Gegner nur wirklich aus ^meinen^ Sätzen gefolgert, gesetzt
auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig
aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die
Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings
Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken,
aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so
lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er
ehrlicherweise ^selbst glaube^, was er behauptet.

Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel
das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage
liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798,
Heft 8, S. 386.[19] --) Hier ist sie im Zusammenhange.

[Fußnote 19: Sämmtliche Werke Bd. V. S. 394. -- Die im Folgenden
erwähnte Note ist dort weggelassen worden, als längst vergessenen
polemischen Beziehungen angehörig. (Anmerk. des Herausgebers.)]

Ich sage S. 385 oben im Texte: »ich habe die lügenhaften Verdrehungen,
die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch
veranlasst;« und setze in einer Note hinzu: »Ich sage (S. 10 meines
Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische
Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um
die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn
ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes
Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; -- habe diesen Satz zu analysiren,
wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite ^verkürzt^ mit
Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss
schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, ^heisst^: u. s. w. --
Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen
Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden
Katheten. In ^einem Triangel^ ist das Quadrat der Hypotenuse etc.
^heisst^: u. s. w. -- Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten
Ausdruck des Satzes, als den ^directen^, erklärt meine ganze Theorie aus
diesem unbedingt gesetzten ^Muss^, um mich eines Fatalismus zu
bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt
seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken
aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die
moralische Ordnung ^sich selbst mache^, und wie ich mit meinem guten
Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. -- Im gemeinen Leben nennt jeder
Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man
es in der Literatur nennen?« -- Dies ists, was ich geschrieben hatte.
Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen
zu beantworten:

1) Heisst das, ^aus meinen Sätzen folgern^, wie Nicolai es nennt, wenn
man mir einen ^bedingten Satz^ in einen ^unbedingten^ verwandelt, um mir
eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen
philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger
sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie
erklärt habe? Es ist also nicht von ^Folgerungen^, es ist von
^Verdrehungen und Erdichtungen^ die Rede.

2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum,
sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser
seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus)
als gegründet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn
dieser Zweck ^nur durch dieses Mittel^ zu erreichen ist?

3) Wie würde man ein ähnliches Benehmen im bürgerlichen Leben nennen?
Wenn ich z. B. im Gespräche gesagt hätte: wenn Nicolai nicht ein
grundschiefer und zerrütteter Kopf ist, so ist er ein hämischer
Bösewicht: und Nicolai hätte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge
einer zu ihm, und erzählte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai,
sey ein hämischer Bösewicht; und dieser Erzähler thäte es in der laut
zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslöschliches
Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren
Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die öffentliche
Beistimmung zu verschaffen: würde man dieses Benehmen anders bezeichnen
können, ausser durch die Benennung der Lüge, der Schurkerei und Büberei?

4) Ist die Anfrage: im bürgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei,
Büberei, Lüge, wie soll man es in der Literatur nennen? -- gleich ^dem^
Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es
hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand
glaube, dass ich mich zurückziehen wolle, ich bin allerdings der
Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es
nur über literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und
verbreitete allgemeine Meinung gäbe, wie über bürgerliche Ehre. Ich bin
allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklären,
dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswürdig gehandelt hat.

5) Nicolai's Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedächtnisse
ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen
Journals gegenwärtig hat, die oben angeführte Stelle, welche er richtig
citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fähig war
niederzuschreiben: ich habe darüber, dass ^ein Gegner mir gezeigt, was
aus meinen Sätzen folge^, von Schurkerei und Büberei gesprochen, --
dieses Betragen Nicolai's zu beurtheilen und zu benennen, überlasse ich
ganz allein dem ehrliebenden Leser.

[Fußnote 20: In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische
System des Herrn Prof. Fichte.]

Soviel über diese ehrenrührigen Angriffe Nicolai's, die auf erdichtete
Thatsachen sich gründen. Was er (S. 154 u. S. 177) über mein Benehmen
bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universität Jena urtheilt,
übergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht
offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und
Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines
Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verächtlich, als dass ich mich
dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen
Achtung mir liegen könnte, dieses Urtheil theilte. Es dürfte vielleicht,
ausser dem, was über jene Sache bekannt worden, noch andere Umstände
geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein
anderes Licht stellen würden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai
zweckmässig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai
gerade ist der letzte, der über diese Dinge mich zur Rede bringen soll.




                           Zweite Beilage.
                        (Zum zweiten Capitel.)


Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem
besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen
sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus
seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen
Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; -- wenn
nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten
und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die
Zeit verlieren.

Dass Lessing -- wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren
Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene
Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der
ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, -- dass,
sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten
literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was
nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf
unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die
eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint
in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist,
ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen
Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich
auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an
wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in
allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten
Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht
verbergende Verachtung gegen Nicolai's Person, und ganzes Werk und
Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd
mit schonendem Stillschweigen trug.

Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit,
Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S.
109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an
correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm
Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um
Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein
Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen
gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse
unter ^den Freunden^ (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er
freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein
Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten
Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der
Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B.
verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln
(S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255),
und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der
Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai's) Volkslieder zu
senden, »indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit
dem Volke hinauslaufe« (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher
Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid
(29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen
Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension
nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die
Augen ^hämisch^ (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai's
Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die
Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B.
getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich
oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S.
286): »was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die
Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?« Und auf der folgenden
Seite: »Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das
Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die
Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft
und Philosophie, als sich das alte anmaasst.«

Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig
(29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, --
ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung
sich gründet, -- um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an,
zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich
gefunden: »zu Verbreitung -- ^solcher^ Ideen, die für ein gewisses
Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter
kommen solle, ihren Werth hätten, durch -- ^so einen Roman^.«

Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre
des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er -- kein so seichter
Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel
mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben?
Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich
herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen
Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem
Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und
Disputirsucht erklärt.

Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von
dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie
in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen
sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der
Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein
tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle
Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter
deiner Nation!




                           Dritte Beilage.
                        (Zum zweiten Capitel.)


Ich nenne die deutsche Bibliothek ^ein an sich widersinniges
Unternehmen^. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache
schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel
hat, und viel liest, der Strenge nach ^jedes allgemeine Recensionswerk^.

Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist
jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem
verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf
unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu
überlegen.

Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte
der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne.
Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die
ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?

Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache -- denn es
ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde
wachsen -- etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer
soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in
der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik
der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten
etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist
darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister
die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu
übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem
gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? -- Der Lebenslauf jedes
wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende
Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine
Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter
stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht
^seinen^ Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei
der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum
bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie
gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird
ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf
nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um
sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension
zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.

Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt,
dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es
kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso
bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen
schreiben?

Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine
Recension, und für die Recensionen bleiben ^in der Regel^ nur diejenigen
übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter
zurückgebliebene ^Invaliden^, deren Bücher keinen Absatz, und also
keinen Verleger finden, und ^Schüler^, die zwar ein Aufsätzchen in
Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs
entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der
Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn
die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden,
die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. --
^In der Regel^ ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein
wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis
Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in
welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden
Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz
gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen,
und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche
Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, ^da das leidige Vorurtheil für
Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht
auszurotten seyn dürfte^, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings
selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu
verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter
einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in
einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass
sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise
annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu
halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch
berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft.
Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle
Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.

Ein ^Invalid^ also, oder ein ^Schüler^ wird in den ^8 oder 14 Tagen^, da
er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor
erheben, der ^Jahre lang^, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch
immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, ^sein ganzes Leben^ an
diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.

Der ^Invalid^ -- mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die
auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth
sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt -- der
Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen
Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es
neu ist. Der ^Schüler^ wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf
seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil
von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine
Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]

[Fußnote 21: Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die
Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher
Redacteur kommen kann, und wie kläglich sich dieselben oftmals behelfen
müssen!

Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genöthiget, noch ein
Ergänzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark
besetzten ordinären Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrücklich und
namentlich angekündigt, dass dieses Ergänzungsblatt unter anderen auch
einen Bericht über die durch die Fichteschen Religionslehren
entstandenen Bewegungen enthalten würde. Jeder Leser musste glauben,
dass dieser Bericht ein vorzügliches Meisterwerk, und ein wahres
Bravourstück des Recensionswesens seyn würde, von dessen
Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen könnte, da es ihm schon im
voraus so bedeutend angekündigt wurde; und höchstwahrscheinlich hatte
der Herr Hofrath Schütz wirklich auf ein solches Meisterstück Bestellung
gemacht und erwartete täglich die Ankunft desselben. Und was hat er
erhalten!

Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist,
zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine
Eigenthümlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz:
was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch
Fichte's Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an
seine Wissenschaftslehre anzuknüpfen suche. Nun thue ihm einer etwas!
Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufsätzen, so ist die
Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische
sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.

Dagegen aber fällt ihn sein Unglück da an, wo er keine Gefahr weiter
ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen
bestimmten Begriff aufgestellt. -- Welcher Philosoph weiss nicht, dass
seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklärung der Substanz vorhanden
ist: die, dass sie sey ^der Träger der Accidenzen^? Auch würde der
Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen
weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknüpfen suche, eine,
wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklärung der
Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey ^die^ (allein im Denken
geschiedenen) ^Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und
als Eins aufgefasst^, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals
durchblättert hätte: und er hätte sodann den Lesern der ^A. L. Z.^
berichten können, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht
vorkomme, das Prädicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches
den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem
Ruhme gereicht haben würde. Von diesem allen hat er nichts gethan und
nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach
nicht.

Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?

Er fürchtet, Fichte möge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht
daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt
ist, ^exercitia stili^ zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.

Und was für ein Sprachmeister! -- Fichte hat gesagt, dass man Gott das
Prädicat der Substanz nicht beilegen könne, und fährt darauf fort: »es
ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwätz
niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns ^sich
erhebe^.« Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die
Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des ^Schreibens eines Vaters etc.^,
welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst öffentlich des Atheismus
bezüchtigt, -- so ungefähr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister
hat zugleich ein sehr gutes Gemüth gegen Fichte, und zeigt es in diesem
einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat,
durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur
freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres
der Irreligiosität beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von
Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden müsse, ehe die wahre
Religion stattfinde. Ihm sind sonach ^sich erheben^ (über Hindernisse
und Zweifel) und ^entstehen^ Synonyme.

Forbergs Benehmen, das er höher oben als petulant, und der Wichtigkeit
der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch
auch seine Kenntniss des Französischen zu zeigen, ^niaiserie^. Er mag
wohl dieses Wort in seinem Dictionnäre durch ^läppisches Wesen^
übersetzt finden, und es seinen Schülern immer so übersetzt haben, ohne
einen Unterschied zu bemerken zwischen einem ^unschicklichen^ Betragen
aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und
einem ^ungeschickten^ und täppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er
noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch
durch das Wort ^niaiserie^ bezeichnet wird. (^Niais^, höchst
wahrscheinlich von ^nidus^, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe
er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher
unbeholfen bleibt.)

Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener
Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden
verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich
seinen Unterhalt zu erwerben sucht.

Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein
so berühmter Philolog, als der Herr Hofrath Schütz, diese argen
Verstösse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des
Beiwagens war angekündigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut
vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.]

Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze
Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen,
welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten,
was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl
tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage
ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde
wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit
den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche
vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und
ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu
lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre
gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen
irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse,
woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille
damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen;
und er hält Wort. -- Welches Schauspiel würde das Publicum auch in
dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt
würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und
die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf
anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!

Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen
angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die
Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen
Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig
noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei
jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum
Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um
sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn
kennt, in Respect zu erhalten. »Ei, die verstehns; die wissen recht
einem jeden eins zu versetzen,« soll der Lesepöbel denken.

[Fußnote 22: Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen,
aber doch in einer ähnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen.
Nachdem er ein -- von ihm selbst schon damals dafür erkanntes --
schlechtes Buch geschrieben hatte, dafür in einer berühmten Zeitung
mächtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung
eingeladen wurde -- ei, dachte er, gehört dazu nichts weiter? und hatte
einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner
Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar
jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst.
Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu
können glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht
dafür stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwäche
herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will für
diesen Fall jener berühmten Zeitung, und ihrem berühmten Redacteur,
welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im
voraus zu gutem Andenken und zu brüderlicher Schonung empfohlen haben.
--]

Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus
dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer
^Kritik^, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen
abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne
Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die
Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der
Begriff von einer ^Urtheilsfreiheit der Gelehrten^: d. h. dass es jedem,
der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse,
über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas
gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer
lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein ^corpus
delicti^ sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse;
dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu
werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die
Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die --
Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig
unterwerfen und sich bessern. -- Armes Publicum, dass du dir dergleichen
Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu
erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden
kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl
für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein
^corpus delicti^. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein
treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das
erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein
Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist
dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch
ungeschrieben hätte bleiben können.

So mit den ^allgemeinen^ Recensionsanstalten, die auf Universalität der
Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen
Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen
Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo
sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe,
die ein Wort mitsprechen können. Unseres Erachtens ein sehr mislicher
Beweis; es wäre dem Orte mehr Ehre, er hätte viele Gelehrte, die etwas
besseres zu thun hätten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine
Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die
gelehrten Mitbürger, denen durch alle Mühe, die man sich darum giebt,
doch das Lesen auswärtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkümmern
lässt, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden,
als es in dieser eingeführten literarischen Contrebande geschieht; auch
kräftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren.
Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: »Rec. trug dies
immer so vor;« oder: »was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch
aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte
Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist;« oder: »wie
kann der Mann nur das rühmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es
nichts tauge; so er etwas rühmen will, so rühme er unsere Apodiktik.«
Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen
der Göttingischen Universität bleiben, deren Lehrer sehr oft mit
auswärtigen Schriftstellern in Collision kommen mögen. Sie sind
lediglich auf die gelehrten Mitbürger berechnet; und wer sie für mehr
hält, auf dessen Kopf falle der Schade!

Aber es ist doch so bequem für das grössere Publicum, und selbst für die
wirklichen Gelehrten, beim Durchblättern einer einzigen Zeitschrift zu
erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt
desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst
anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren können. --

Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die
unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.

Wie man Petersilie, Pilze und Bücklinge auf den Strassen ausruft, ebenso
sollen auch die Bücher ausgerufen werden; nicht durch die ersten
Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkäufer, die
Buchhändler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache
bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen
Buchhändler, und übertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie
ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs
überliessen, die Herausgabe eines ausführlichen Messkatalogs; -- oder
sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte
den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen
verhältnissmässigen Auszug des Inhalts, -- wo es hingehört, Proben der
Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur
einiger Commis, die da lesen können und schreiben, höchstens auf einer
lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja überdies in
einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein
Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit
dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er
urtheilen könne, ob der Auszug richtig und zweckmässig ist. Es mag ihm
auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu
nennen. --

Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich
gänzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben
sie ^alle^ Bücher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie
schreiben im Namen der sämmtlichen Verleger, und es ist sehr natürlich
und sehr unschuldig, dass ein Verkäufer seine Waare lobt. Wer dadurch
getäuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit
zu. Mehrere Buchhändler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen
Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es
könnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges
an Mustern fehlen.

^Zweitens^ habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey
verderblich geworden -- durch die Art ihrer Ausführung. Jene Bibliothek
wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehört,
zu finden anmuthen -- sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der
Popularität, des leeren Geschwätzes. Eine Philosophie, die hinüber und
herüberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren
Hauptzweck war, die Bibel so vernünftig zu machen, als diese seichten
philosophischen Schwätzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts
sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische
Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener
Raritäten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite
Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist
hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich
geschadet; er lebt noch und fährt noch fort zu schaden. -- Man irrt sich
sehr über den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange
so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene
Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und
Popularität möchten sie durch den Geist wahrer Gründlichkeit und
Wissenschaftlichkeit verdrängen; -- durch den Geist, der durch die
Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die
Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herüber gerettet
worden. Sodann mag auch über Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas
ausgemacht werden.

Dass, wie ich ^drittens^ gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek
keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser
Schrift zur Genüge erwiesen.




                           Vierte Beilage.
                        (Zum neunten Capitel.)


Das im Texte erwähnte Geschwätz über Katholicismus und
Kryptokatholicismus ist ein trauriger Beweis, was dem guten deutschen
Volke jeder Schwätzer anmuthen kann, wenn er nur kräftig schreit. Möchte
es doch auch ein abschreckender Beweis für die Zukunft seyn!

Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner
^Badaud^, so sehr er sich auch für einen Weltkenner hält. Es gehört eben
mit zum Charakter eines ^Badaud^, dass er sich für einen Weltkenner
halte. Ein ^Berliner Badaud^, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht
ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und
Kohlgartenscher ^Badaud^ seyn könnte, oder als ob die Berliner mehr Hang
hätten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Städte, sondern
weil ^der Badaud^, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist.
Ein ^Badaud^ ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populär davon zu
sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich
einbildet, es müsse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter
seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er
erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnäre übersetzt dieses
Wort durch ^Maulaffe^. Nicolai's ganze Reise ist die Reise eines solchen
Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen
Zöpfen der Tübinger Mädchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich
aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner ^Badaud^ entstand das
Geschrei über Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek
angefochten wurde, über Kryptokatholicismus.

Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das
nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die
Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde
gesprochen, schon vorher auch gewusst hätte? »Es sey mit der Aufklärung
(es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklärung, der
Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken
noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmüthige Protestanten
glauben dürften.« Ei, wer waren denn diese gutmüthigen Protestanten?
Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ^ihr^ Licht in
jene Länder verbreitet zu haben hofften. »Es werde in den katholischen
Ländern durch die Mönche noch immer der alte Aberglauben
aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht.« Wer hatte es denn
je anders gewusst oder gesagt? »Der Papst nehme seine Behauptungen in
der Regel nie zurück; er rechne auch die protestantischen Länder
gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie
besonders durch Bekehrungen in den deutschen fürstlichen Familien in den
Schooss der Kirche zurückzuführen.« Wer hat denn die Geschichte gelesen
und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht
der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre
Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun
jetzt auf einmal der Lärm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging?
War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich könnte nicht
sagen; ausser etwa für Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa
jetzt jene Bemühungen kräftiger und glücklicher? Keinesweges, vielmehr
geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen
Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.

Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in
denselben, das Räuchern, Salben, Händeauflegen! Sind dies nicht offenbar
katholische Ceremonien? Sieht man da nicht -- so nemlich connectirt
Nicolai -- offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre
kirchlichen Gebräuche zu gewöhnen, und dadurch u. s. w.? -- Jedes
Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen
Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend
Gründen begreiflich, dass höhere Grade entstanden, und dass diese durch
besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien
denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jüdisch und
heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche
gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. -- Hätte Nicolai diesen
Lärm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch
geworden, sein Tempelherrnsystem einführte, als Stark mit seinem
allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so hätte die Sache einigen
Anschein für sich gehabt. Aber zu ^der^ Zeit ihn zu erheben, da er ihn
erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige
er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden
zur katholischen Religion gebracht worden!

Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache
widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so
etwas nicht, und durch Schlüsse ^a priori^ lasse es sich nicht
herausbringen: das erführen nur Weltleute seiner Art; denn für einen
solchen hält er sich, weil er über Wien und München nach Zürich gereist,
und mit dem Minister von Wöllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses
hat über acht Jahre in Ländern, wo Protestanten und Katholiken vermischt
sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im südlichen
Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese
Länder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern
und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu
lassen, was man gern sehen und hören will; er hat in ihnen gelebt,
Geschäfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser
sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von
allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch
offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu
und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das
Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat
keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlüsse zu bauen, die Nicolai
aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so
gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er würde nie darauf
gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die
Nicolai ihnen zuschreibt.

Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf über den Abt Barruel! Die
Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und
Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten
war.




                           Fünfte Beilage.
                        (Zum neunten Capitel.)


Die A. d. B. war allerdings ein der Religiosität der Nation höchst
schädliches Unternehmen. Religiosität ist Tiefe des Sinns, und geht aus
ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf
Oberflächlichkeit; Religion deutet auf das übersinnliche höhere Leben;
der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und
Nützlichkeit für das Gröbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben
die Religionsaufklärung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie
erzählt haben, dass die Bauern weniger Processe führen, sich seltener
betrinken, und die Stallfütterung eingeführt haben.

Doch was soll ich hier noch viel Worte über diesen Gegenstand machen?
Jene ^Appellation an das Publicum^ etc., die Nicolai auch so zuwider
ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn könne
(der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gottesläugnern,
Götzendienern, Dienern eines bösen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich
von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat,
was hier zu beweisen wäre, für den ist jeder andere Beweis verloren.




                          Noch eine Beilage
                                 oder
                         Dreizehntes Capitel.
         Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren
                    Wiederbelebung unsers Helden.


Die Betriebsamkeit gewisser Buchhändler ging in jenen Tagen so weit,
dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die
Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch
bei Nicolai's Lebzeiten ein unrechtmässiger Vordruck der gegenwärtigen
Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig
rechtmässigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern
mitgetheilt haben.

Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine
ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und
an der Erziehung Fichte's und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher,
fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des
Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel,
erklärte öffentlich, dass der Spass so übel nicht sey, und dass er
selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; -- nur hätte, fügte er hinzu,
der Autor sich kürzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das
Gründliche und Ausführliche hinein; erzählte, zur Widerlegung des
Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze
Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf
buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen,
die er von Jugend auf erhalten, vollständig, legte zum Beweise seiner
Wahrhaftigkeit seine Schreibebücher, in einem saubern Holzschnitte
nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine ^exercitia stili^ bei.
Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen
Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhältniss mit Lessing durch
ausführlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten
Briefwechsel, und durch die Erzählung aller »Discurse,« die er in seinem
Leben mit jenem geführt, auseinander; ebenso bewies er durch die
vollständige und ausführliche Aufführung aller Discurse, die er mit
Moses Mendelssohn geführt, dass derselbe keinesweges ein Mann von
eingeschränkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4
Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzählte ferner alle die
Gedanken, die er so bei sich geführt, als er mit der Stiftung der
allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzählte die pragmatische
Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie
jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen
geschätzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei;
bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die für den
Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zählte, um zu zeigen, dass er
kein Badaud und Tölpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey,
alle königliche und fürstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u.
s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen,
erzählte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken,
welche witzige Einfälle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die
er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: -- und wir müssten die
Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks
nachdrucken lassen, um vollständig zu verzeichnen, was er alles
beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format
und Druck, und war um einen äusserst civilen Preis in seiner Handlung zu
haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.

Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald
ein, wo der Fehler läge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst,
sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich,
ausführlich, kräftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er
verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16
aufmerksam zu machen; erläuterte, ergänzte, verstärkte, und brachte noch
weit mehr Spässe an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern
Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las
diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.

»^Noch^ nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die
fatalen Geschäfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich
endlich frei machen.« So übergab er seine Handlung und die Redaction
seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das
Land, schloss sich ein, und dictirte unablässig Tag und Nacht fort einem
Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und
Vollständigkeit genügte ihm nicht, und sein Stündlein überfiel ihn, ehe
er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]

Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft übernommen.
Gern hätte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch
den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen
einiger Tausende von starken Bänden die Kräfte des Zeitalters
übersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen
kostbaren Nachlass aufzulösen, den Geist desselben zu entbinden und in
das Universum hineinströmen zu lassen.

[Fußnote 23: Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber.
Einige sagen, dass auch das gegenwärtige dreizehnte Capitel in dem
erwähnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher
unmöglich habe thun können, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es
thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zukünftige Verfasser dieser
vorgedruckten Schrift müsse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu
glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschüre
sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas übergehe ein Ehrenmann, wie
er sey, mit stillschweigender Verachtung. -- Die 48 Alphabete, das
unablässige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund
habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil
der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwärtige
dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch
gethan, was er nicht lassen können, unerachtet man es ihm vorausgesagt,
und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben
erzählen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere
die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen,
das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nächsten
Recension, die wir verfertigen, übel ergehen soll.

            Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung
                            im Jahre 1840 -- zugleich Recensent an der
                          weltberühmten allgemeinen Literaturzeitung.]

Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal
errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines
ruhenden Kolossen, dessen äussere Gestalt und Bildung dem Seligen so
nahe kam, als möglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche
Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die
Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen
Literaturzeitung unterstützt. Der alte Freund hatte von allen Parteien
einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der
Beschattung desselben sich brüderlich vereinigen möchten. Da standen,
durch das gemeinschaftliche Leid endlich verträglich gemacht, und
insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zöllner, Gedike, die
beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schütz, Reinhold,
die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.

Durch eine wunderbare Fügung hatten Fichte und Schelling, die unter den
Eingeladenen sich befanden, und mit den Rücken an das papierne Denkmal
sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] »jener mit Hasenbraten, dieser
mit einer wilden Schweinskeule ^allzuvoll gestopft^, -- wie denn dies
dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann -- und der eine
konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er
wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction
der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten
endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen.« -- -- -- --

[Fußnote 24: Das Folgende sind Herrn Nicolai's eigne Worte, S. 174. f.
der angeführten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in
Nicolai's eignen Worten.]

                   *       *       *       *       *

O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man
nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen,
dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen können,
und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der
Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden für eine Bewandtniss
gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der
eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne
papierne gewesen, in welchen die Seele zurückgekehrt. So viel wird uns
aus einigen übriggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die
genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach
manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift
noch folgendes heraus:

-- »vordere Mund, den der Freund so inbrünstig küsste. -- Indessen
dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus über das
ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst,
und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dämmernde Aufklärung
übrig. Alle Umste« -- --

Von da an ist das Manuscript wieder völlig zerfressen und unleserlich.

Es wäre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses
kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen,
und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser
Untersuchung ihre Kräfte zu üben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter,
dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwähnen, dass diese Handschrift von
den berühmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller
Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine höchst
scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe
ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.

Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus
Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den
Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafür den Weg der Pränumeration
ein. Liebhaber haben die Güte sich im Comptoir der Allgemeinen
Literaturzeitung zu melden.

                       Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung
                                                        im Jahre 1840.




                                Inhalt


                                                                   Seite
   Einleitung                                                          4
   Erstes Capitel. Höchster Grundsatz, von welchem alle               10
      Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind
   Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten     11
      Grundsatze gekommen seyn möge
   Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz       18
      im Leben unsers Helden sich geäussert habe
   Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses höchsten                21
      Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen
      angekommen sey
   Fünftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus      23
      diesem höchsten Grundsatze
   Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers     26
      Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes
   Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere            32
      Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes
      höchsten Grundsatzes
   Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine       36
      und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten
      Grundsatze
   Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines höchsten           40
      Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe
      angefochten worden
   Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers         49
      Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte
   Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem         51
      ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unsers Helden
      erfolgt sind
   Zwölftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter         59
      allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein
      Zeitalter gehabt
   Beilagen                                                           61




                           Deducirter Plan
                                einer
            zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt.


                      Geschrieben im Jahre 1807
                                 von
                       Johann Gottlieb Fichte.

       Erste Ausgabe: Stuttgart und Tübingen, in der Cottaschen
                         Buchhandlung. 1817.

                           Deducirter Plan
     einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt, die in
      gehöriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften
                                stehe.




                          Erster Abschnitt.
     Begriff einer durch die Zeitbedürfnisse geforderten höheren
                        Lehranstalt überhaupt.


                                §. 1.

Als die Universitäten zuerst entstanden, war das wissenschaftliche
Gebäude der neueren Welt grossentheils noch erst zu errichten. ^Bücher^
gab es überhaupt nicht viel; die ^wenigen^, die es gab, waren selten,
und schwer zu erhalten; und wer etwas Neues mitzutheilen hatte, kam
zunächst in Versuchung, es auf dem schwierigeren Wege der
Schriftstellerei zu thun. So wurde die ^mündliche Fortpflanzung^ das
allgemein brauchbarste Mittel zu der Erbauung, der Aufrechterhaltung und
der Bereicherung des wissenschaftlichen Gebäudes, und die Universitäten
wurden der Ersatz der nicht vorhandenen oder seltenen Bücher.


                                §. 2.

Auch nachdem durch Erfindung der Buchdruckerkunst die Bücher höchst
gemein worden, und die Ausbreitung des Buchhandels jedwedem es sogar
weit leichter gemacht hat, durch Schriften sich mitzutheilen, als durch
mündliche Lehrvorträge; nachdem es keinen Zweig der Wissenschaft mehr
giebt, über welchen nicht sogar ein Ueberfluss von Büchern vorhanden
sey, hält man dennoch noch immer sich für verbunden, durch Universitäten
dieses gesammte Buchwesen der Welt ^noch einmal zu setzen^, und
ebendasselbe, was schon ^gedruckt^ vor jedermans Augen liegt, auch noch
durch Professoren ^recitiren^ zu lassen. Da auf diese Weise dasselbe
Eine in zwei verschiedenen Formen vorhanden ist, so ermangelt die
Trägheit nicht, sowohl den ^mündlichen^ Unterricht zu versäumen, indem
sie ja dasselbe irgend einmal auch aus dem Buche werde lernen können,
als den durch ^Bücher^ zu vernachlässigen, indem sie dasselbige ja auch
^hören^ könne, wodurch es denn dahin gekommen, dass, wenige Ausnahmen
abgerechnet, gar nichts mehr gelernt worden, als was durch das Ohngefähr
auf einem der beiden Wege an uns hängen geblieben, sonach überhaupt
nichts im Ganzen, sondern nur abgerissene Bruchstücke; zuletzt hat es
sich zugetragen, dass die Wissenschaft, -- als etwas nach Belieben
immerfort auf die leichteste Weise an sich zu bringendes, bei der Menge
der Halbgelehrten, die auf diese Weise entstanden, in tiefe Verachtung
gerathen. Nun ist von den genannten zwei Mitteln der Belehrung das
eigene Studiren der Bücher sogar das vorzüglichere, indem das Buch der
frei zu richtenden Aufmerksamkeit Stand hält, und das, wobei diese sich
zerstreute, noch einmal ^gelesen^, das aber, was man nicht sogleich
versteht, bis zum erfolgten Verständnisse hin und her überlegt werden,
auch die Lectüre nach Belieben fortgesetzt werden kann, so lange man
Kraft fühlt, oder abgebrochen werden, wo diese uns verlässt; dagegen in
der Regel der Professor seine Stunde lang seinen Spruch fortredet, ohne
zu achten, ob irgend jemand ihm folge, ihn abbricht, da wo die Stunde
schlägt, und ihn nicht eher wieder anknüpft, als bis abermals seine
Stunde geschlagen. Es wird durch diese Lage des Schülers, in der es ihm
unmöglich ist, in den Fluss der Rede seines Lehrers auf irgend eine
Weise einzugreifen und ihn nach seinem Bedürfnisse zum Stehen zu
bringen, das leidende Hingeben als Regel eingeführt, der Trieb der
eigenen Thätigkeit vernichtet, und so dem Jünglinge sogar die
Möglichkeit genommen, des zweiten Mittels der Belehrung, der Bücher, mit
freithätiger Aufmerksamkeit sich zu bedienen. Und so sind wir denn, um
von der Kostspieligkeit dieser Einrichtung für das gemeine und das
Privatwesen, und von der dadurch bewirkten Verwilderung der Sitten hier
zu schweigen, durch die Beibehaltung des ^Nothmittels^, nachdem die Noth
längst aufgehoben, auch noch für den Gebrauch des ^wahren und besseren
Mittels^ verdorben worden.


                                §. 3.

Um nicht ungerecht, zugleich auch oberflächlich zu seyn, müssen wir
jedoch hinzusetzen, dass die neueren Universitäten ^mehr^ oder ^weniger^
ausser dieser blossen ^Wiederholung^ des vorhandenen Buchinhalts noch
einen anderen edleren Bestandtheil gehabt haben, nemlich das Princip der
Verbesserung dieses Buchinhalts. Es gab selbstthätige Geister, welche in
irgend einem Fache des Wissens durch den ihnen wohlbekannten
Bücherinhalt nicht befriedigt wurden, ohne doch das Befriedigende hierin
sogleich bei der Hand zu haben, und es in einem neuen und besseren
Buche, als die bisherigen waren, niederlegen zu können. Diese theilten
ihr Ringen nach dem Vollkommneren vorläufig mündlich mit, um entweder in
dieser Wechselwirkung mit anderen in sich selber bis zu dem
beabsichtigten Buche klar zu werden, oder, falls auch sie selbst in
diesem Streben von geistiger Kraft oder dem Leben verlassen würden,
Stellvertreter hinter sich zu lassen, welche das beabsichtigte Buch,
oder auch statt desselben, und aus diesen Prämissen, ein noch besseres
hinstellten. Aber selbst in Absicht dieses Bestandtheiles lässt sich
nicht läugnen, dass er von jeher der bei weitem kleinere auf allen
Universitäten gewesen, dass keine Verwaltung ein Mittel in den Händen
gehabt, auch nur überhaupt den Besitz eines solchen Bestandtheiles sich
zu garantiren, oder auch nur deutlich zu wissen, ob sie ihn habe, oder
nicht, und dass selbst dieser kleine Bestandtheil, wenn er durch gutes
Glück irgendwo vorhanden gewesen, selten mit einiger klaren Erkenntniss
seines Strebens und der Regeln, nach denen er zu verfahren hätte,
gewirkt und gewaltet.


                                §. 4.

Eine solche zunächst überflüssige, sodann in ihren Folgen auch
schädliche Wiederholung desselben, was in einer anderen Form weit besser
da ist, soll nun gar nicht existiren; es müssten daher die
Universitäten, wenn sie nichts Anderes zu seyn vermöchten, sofort
abgeschafft, und die Lehrbedürftigen an das Studium der vorhandenen
Schriften gewiesen werden. Auch könnte es diesen Instituten zu keinem
Schutze gereichen, dass sie den soeben berührten edleren Bestandtheil
für sich anführten, indem in keinem bestimmten Falle (auf keiner
gegebenen Universität) dieser edlere Theil Rechenschaft von sich zu
geben, noch sein Daseyn zu beweisen, noch die Fortdauer desselben zu
garantiren vermag; und sogar, wenn dies nicht so wäre, doch immer der
schlechtere Theil, die blosse Wiederholung des Buchwesens, weggeworfen
werden müsste. Sowie Alles, was auf das Recht der Existenz Anspruch
macht, ^seyn^ und ^leisten^ muss, was ^nichts^ ausser ihm zu seyn und zu
leisten vermag, zugleich sein Beharren in diesem seinem Wesen, und seine
unvergängliche Fortdauer verbürgend: so muss dies auch die Universität,
oder wie wir vorläufig im antiken Sinne des Wortes sagen wollen, die
^Akademie^, oder sie muss vergehen.


                                §. 5.

Was, im Sinne dieser höheren Anforderung an ihre Existenz, die Akademie
seyn könne, und, falls sie seyn soll, seyn müsse, geht sogleich hervor,
wenn man die Beziehung der Wissenschaft auf das wirkliche Leben
betrachtet.

Man studirt ja nicht, um lebenslänglich und stets dem Examen bereit das
Erlernte in Worten wieder von sich zu geben, sondern um dasselbe auf die
vorkommenden Fälle des Lebens anzuwenden, und so es in ^Werke^ zu
verwandeln; es nicht bloss zu wiederholen, sondern etwas Anderes daraus
und damit zu machen: es ist demnach auch hier letzter Zweck keinesweges
das Wissen, sondern vielmehr die Kunst, das Wissen zu gebrauchen. Nun
setzt diese Kunst der Anwendung der Wissenschaft im Leben noch andere
der Akademie fremde Bestandtheile voraus, Kenntniss des Lebens nemlich
und Uebung der Beurtheilungsfähigkeit der Fälle der Anwendung, und es
ist demnach von ihr zunächst nicht die Rede. Wohl aber gehört hierher
die Frage, auf welche Weise man denn die Wissenschaft selbst so zum
freien und auf unendliche Weise zu gestaltenden Eigenthume und Werkzeuge
erhalte, dass eine fertige Anwendung derselben auf das, freilich auf
anderem Wege zu erkennende, Leben möglich werde?

Offenbar geschieht dies nur dadurch, dass man jene Wissenschaft gleich
anfangs mit klarem und freiem Bewusstseyn erhalte. Man verstehe uns
also. Es macht sich vieles von selbst in unserem Geiste, und legt sich
demselben gleichsam an durch einen blinden und uns selber verborgen
bleibenden Mechanismus. Was also entstanden, ist nicht mit klarem und
freiem Bewusstseyn durchdrungen, es ist auch nicht unser sicheres und
stets wieder herbeizurufendes Eigenthum, sondern es kommt wieder oder
verschwindet nach den Gesetzen desselben verborgenen Mechanismus, nach
welchem es sich erst in uns anlegte. Was wir hingegen mit dem
Bewusstseyn, ^dass^ wir es thätig erlernen, und dem Bewusstseyn der
^Regeln^ dieser erlernenden Thätigkeit, auffassen: das wird, zufolge
dieser eigenen Thätigkeit und des Bewusstseyns ihrer Regeln, ein
eigenthümlicher Bestandtheil unserer Persönlichkeit, und unseres frei
und beliebig zu entwickelnden Lebens.

Die freie Thätigkeit des Auffassens heisst Verstand. Bei dem zuerst
erwähnten mechanischen Erlernen wird der Verstand gar nicht angewendet,
sondern es waltet allein die blinde Natur. Wenn jene Thätigkeit des
Verstandes und die bestimmten Weisen, wie dieselbe verfährt, um etwas
aufzufassen, ^wiederum zu klarem Bewusstseyn erhoben^ werden, so wird
dadurch entstehen eine besonnene Kunst des Verstandesgebrauches im
Erlernen. Eine kunstmässige Entwickelung jenes Bewusstseyns der Weise
des Erlernens -- im Erlernen irgend eines Gegebenen -- würde somit,
unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, zunächst nicht auf das
Lernen, sondern auf die Bildung des Vermögens zum Lernen ausgehen.
Unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, habe ich gesagt, vielmehr zu
seinem grossen Vortheile; denn man weiss gründlich und unvergesslich nur
das, wovon man weiss, wie man dazu gelangt ist. Sodann wird, indem nicht
bloss das zuerst Gegebene gelernt, sondern an ihm zugleich die Kunst des
Erlernens überhaupt gelernt und geübt wird, die ^Fertigkeit^ entwickelt,
ins Unendliche fort nach Belieben leicht und sicher alles Andere zu
lernen; und es entstehen ^Künstler^ im Lernen. Endlich wird dadurch
alles Erlernte oder zu Erlernende ein sicheres Eigenthum des Menschen,
womit er nach Belieben schalten könne, und es ist somit die erste und
ausschliessende Bedingung des praktischen Kunstgebrauches der
Wissenschaft im Leben herbeigeführt und erfüllet. Eine Anstalt, in
welcher mit Besonnenheit und nach Regeln das beschriebene Bewusstseyn
entwickelt, und die dabei beabsichtigte Kunst geübt würde, wäre, was
folgende Benennung ausspricht: ^eine Schule der Kunst des
wissenschaftlichen Verstandesgebrauches^.

Ohnerachtet auf den bisherigen Universitäten von ohngefähr zuweilen
geistreiche Männer aufgetreten, die im Geiste des obigen Begriffes in
einem besonderen Fache des Wissens Schüler gezogen, so hat doch sehr
viel gefehlt, dass die Realisirung dieses Begriffes im Allgemeinen mit
Sicherheit, Festigkeit und nach unfehlbaren Gesetzen auch nur deutlich
gedacht und vorgeschlagen, geschweige denn, dass sie irgendwo ausgeführt
worden. Dadurch aber ist die Erhaltung und Steigerung der
wissenschaftlichen Bildung im Menschengeschlechte dem guten Glücke und
blinden Zufalle preisgegeben gewesen, aus dessen Händen sie unter die
Aufsicht des klaren Bewusstseyns lediglich durch die Darstellung des
erwähnten Begriffes gebracht werden könnte. Und so ist es die Ausführung
dieses Begriffes, die in Beziehung auf das wissenschaftliche Wesen in
dem Abfluss der Zeit dermalen an der Tagesordnung ist, und die sogar in
ihrer Existenz angegriffene Akademie würde wohlthun, diese Ausführung zu
übernehmen, da das, was sie bis jetzt gewesen, gar nicht länger das
Recht hat, dazuseyn.


                                §. 6.

Aber sogar dieses Anspruches alleinigen und ausschliessenden Besitz wird
etwas Anderes der Akademie streitig machen, die niedere Gelehrtenschule
nemlich. Diese, vielleicht selbst erst bei dieser Gelegenheit über ihr
wahres Wesen klar geworden, wird anführen, dass sie, bis auf die Zeiten
der neueren verseichtenden Pädagogik, weit besser und vorzüglicher eine
solche Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches gewesen,
denn irgend eine Universität. Somit wird die Akademie zuvörderst mit
dieser niederen Gelehrtenschule eine Grenzberichtigung treffen müssen.

Diese Grenzberichtigung wird ohne Zweifel zur Zufriedenheit beider
Theile dahin zu Stande kommen, dass der niederen Schule die Kunstübung
des allgemeinen Instrumentes aller Verständigung, der Sprache, und von
dem wissenschaftlichen Gebäude das allgemeine Gerüst und Geripp des
vorhandenen Stoffes, ohne Kritik, anheimfalle; dagegen die höhere
Gelehrtenschule die Kunst der Kritik, des Sichtens des Wahren vom
Falschen, des Nützlichen vom Unnützen, und das Unterordnen des minder
Wichtigen unter das Wichtige, zum ausschliessenden Eigenthum
erhalte; somit die erste: Kunstschule des wissenschaftlichen
Verstandesgebrauches, als blossen Auffassungsvermögens oder
Gedächtnisses, die letzte: Kunstschule des Verstandesgebrauches, als
Beurtheilungsvermögens, würde.


                                §. 7.

Kunstfertigkeit kann nur also gebildet werden, dass der Lehrling nach
einem bestimmten Plane des Lehrers unter desselben Augen selber arbeite,
und die Kunst, in der er Meister werden soll, auf ihren verschiedenen
Stufen von ihren ersten Anfängen an bis zur Meisterschaft, ohne
Ueberspringen regelmässig fortschreitend, ausübe. Bei unserer Aufgabe
ist es die Kunst wissenschaftlichen Verstandesgebrauches, welche geübt
werden soll. Der Lehrer giebt nur den Stoff und regt an die Thätigkeit;
diesen Stoff bearbeite der Lehrling selbst; der Lehrer muss aber in der
Lage bleiben, zusehen zu können, ob und wie der Lehrling diesen Stoff
bearbeite, damit er aus dieser Art der Bearbeitung ermesse, auf welcher
Stufe der Fertigkeit jener stehe, und auf diese den neuen Stoff, den er
geben wird, berechnen könne.

Nicht bloss der Lehrer, sondern auch der Schüler muss fortdauernd sich
äussern und mittheilen, so dass ihr gegenseitiges Lehrverhältniss werde
eine fortlaufende Unterredung, in welcher jedes Wort des Lehrers sey
Beantwortung einer durch das unmittelbar Vorhergegangene aufgeworfenen
Frage des Lehrlings, und Vorlegung einer neuen Frage des Lehrers an
diesen, die er durch seine nächstfolgende Aeusserung beantworte; und so
der Lehrer seine Rede nicht richte an ein ihm völlig unbekanntes
Subject, sondern an ein solches, das sich ihm immerfort bis zur völligen
Durchschauung enthüllt; dass er wahrnehme dessen unmittelbares
Bedürfniss, verweilend und in anderen und wieder anderen Formen sich
aussprechend, wo der Lehrling ihn nicht gefasst hat, ohne Verzug zum
nächsten Gliede schreitend, wenn dieser ihn gefasst hat; wodurch denn
der wissenschaftliche Unterricht aus der Form einfach fortfliessender
Rede, die er im Buchwesen auch hat, sich verwandelt in die dialogische
Form, und eine wahrhafte Akademie im Sinne der Sokratischen Schule, an
welche zu erinnern wir gerade dieses Wortes uns bedienen wollten,
errichtet werde.


                                §. 8.

Der Lehrer muss ein ihm immer bekannt bleibendes festes und bestimmtes
Subject im Auge behalten, sagten wir. Falls nun, wie zu erwarten, dieses
Subject nicht zugleich auch aus Einem Individuum, sondern aus mehreren
bestände, so müssen, da das Subject des Lehrers Eins und ein bestimmtes
seyn muss, diese Individuen selber zu einer geistigen Einheit und zu
einem bestimmten organischen Lehrlingskörper zusammenschmelzen. Sie
müssen darum auch unter sich in fortgesetzter Mittheilung und in einem
wissenschaftlichen Wechselleben verbleiben, in welchem jeder allen die
Wissenschaft von derjenigen Seite zeige, von welcher er, als Individuum,
sie erfasst, der leichtere Kopf dem schwerfälligeren etwas von seiner
Schnelligkeit, und der letzte dem ersten etwas von seiner ruhigen
Schwerkraft abtrete.


                                §. 9.

Um unsern Grundbegriff durch weitere Auseinandersetzung noch
anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der Meister dem Zöglinge
seiner Kunst giebt, sind theils seine eigenen Lehrvorträge, theils
gedruckte Bücher, deren geordnetes und kunstmässiges Studium er ihm
aufgiebt; indem in Absicht des letzteren es ja ein Haupttheil der
wissenschaftlichen Kunst ist, durch den Gebrauch von Büchern sich
belehren zu können, und es sonach eine Anführung auch zu dieser Kunst
geben muss; sodann aber auf einer solchen Akademie der bei weitem
grösste Theil des wissenschaftlichen Stoffes aus Büchern wird erlernt
werden müssen, wie dies an seinem Orte sich finden wird.

Die Weisen aber, wie der Meister seinem Lehrlinge sich enthüllt, sind
folgende:

^Examina^, nicht jedoch im Geiste des Wissens, sondern in dem der Kunst.
In diesem letztern Geiste ist jede Frage des Examinators, wodurch das
Wiedergeben dessen, was der Lehrling gehört oder gelesen hat, als
Antwort begehrt wird, ungeschickt und zweckwidrig. Vielmehr muss die
Frage das Erlernte zur Prämisse machen, und eine Anwendung dieser
Prämisse in irgend einer Folgerung als Antwort begehren.

^Conversatoria^, in denen der Lehrling fragt, und der Meister
zurückfragt über die Frage, und so ein expresser Sokratischer Dialog
entstehe, innerhalb des unsichtbar immer fortgehenden Dialogs des ganzen
akademischen Lebens.

^Durch schriftliche Ausarbeitungen zu lösende _Aufgaben_ an den
Lehrling^, immer im Geiste der Kunst, und also, dass nicht das Gelernte
wiedergegeben, sondern etwas Anderes damit und daraus gemacht werden
solle, also, dass erhelle, ob und inwieweit der Lehrling jenes zu seinem
Eigenthum und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe.
Der natürliche Erfinder solcher Aufgaben ist zwar der Meister; es soll
aber auch der geübtere Lehrling aufgefordert werden, dergleichen sich
auszusinnen, und sie für sich oder für andere in Vorschlag zu bringen.
-- Es wird durch diese schriftlichen Ausarbeitungen zugleich die Kunst
des schriftlichen Vortrages eines wissenschaftlichen Stoffes geübt, und
es soll darum der Meister in der Beurtheilung auch über die Ordnung, die
Bestimmtheit und die sinnliche Klarheit der Darstellung sich
äussern.[25]


                                §. 10.
                 Vom Lehrlinge einer solchen Anstalt.

Die äussern Bedingungen, wodurch derselbe theils zu Stande kommt, theils
in seinem Zustande verharrt, sind die folgenden:

1) ^Gehörige Vorbereitung auf der niederen Gelehrtenschule für die
höhere.^ Welche Leistungen für die Bildung des Kopfs zur Wissenschaft
der niederen Schule anzumuthen sind, haben wir schon oben (§. 6.)
ersehen. Dies muss nun, wenn die höhere Schule mit sicherm Schritt
einhergehen soll, von der niedern nicht wie bisher, wie gutes Glück und
Ohngefähr es geben, sondern nach einem festen Plane, und so, dass man
immer wisse, was gelungen sey und was nicht, geschehen. Die Verbesserung
der höheren Lehranstalten setzt sonach die der niedern nothwendig
voraus, wiewohl wiederum auch umgekehrt eine gründliche Verbesserung der
letzten nur durch die Verbesserung der ersten, und indem auf ihnen die
Lehrer der niedern Schule die ihnen jetzt grossentheils abgehende Kunst
des Lehrens erlernen, möglich wird; dass daher schon hier erhellet, dass
wir nicht mit Einem Schlage das Vollkommene werden hinstellen können,
sondern uns demselben nur allmählig und in mancherlei Vorschritten
werden annähern müssen.

[Fußnote 25: Es dürfte vielleicht nicht überflüssig seyn, der Erwähnung
solcher Aufgaben noch ausdrücklich die Bemerkung hinzuzufügen, dass
nicht bloss in dem apriorischen Theile der Wissenschaft, sondern auch in
ganz empirischen Scienzen solche, die Selbstthätigkeit des Auffassens
erkundende, Aufgaben möglich seyen. In der Philologie, der Theologie u.
s. w. ist ja wohlbekannt, dass diese Fächer der eignen Combinationsgabe
und Conjecturalkritik ein fast unermessliches Feld darbieten, wobei,
gesetzt auch die Ausbeute wäre nicht von Bedeutung, dennoch die
Selbstthätigkeit des Geistes geübt und documentirt wird. Aber auch der
Lehrer der Universalgeschichte könnte, meines Erachtens, ein nicht
wirklich eingetretenes Ereigniss fingiren, mit der Aufgabe an sein
Auditorium, zu zeigen, was bei diesem oder diesem von ihnen erlernten
Zustande der Welt daraus am wahrscheinlichsten erfolgt seyn würde; oder
der des römischen Rechts irgend einen Fall, mit der Aufgabe an sein
Auditorium, das aus dem Ganzen der römischen Gesetzgebung hervorgehende,
und in dasselbe organisch einpassende Gesetz für diesen Fall anzugeben.
Es würde aus dem Versuche der Lösung dieser Aufgaben ohne Zweifel klar
hervorgehen, zuvörderst, ob seine Zuhörer die Geschichte oder das
römische Recht wirklich wüssten, sodann, ob und inwieweit sie diese
Scienzen in ihrem Geiste durchdrungen, oder dieselben nur mechanisch
auswendig gelernt hätten.]

Zur Verbreitung höherer Klarheit über unsern Grundbegriff füge ich hier
noch folgendes hinzu. Dass der für ein wissenschaftliches Leben
bestimmte Jüngling zuvörderst mit dem allgemeinen Sprachschatze der
wissenschaftlichen Welt, als dem Werkzeuge, vermittelst dessen allein
er, so zu verstehen, wie sich verständlich zu machen vermag, vertraut
werden müsse, ist unmittelbar klar. Diese positive Kenntniss der Sprache
aber, so unentbehrlich sie auch ist, erscheint als leichte Zugabe, wenn
wir bedenken, dass besonders durch Erlernung der Sprachen einer andern
Welt, welche die Merkmale ganz anders zu Wortbegriffen gestaltet, der
Jüngling über den Mechanismus, womit die angeborne moderne Sprache,
gleichsam als ob es nicht anders seyn könnte, ihn fesselt, unvermerkt
hinweggehoben, und im leichten Spiele zur Freiheit der Begriffebildung
angeführt wird; ferner, dass beim Interpretiren der Schriftsteller er an
dem leichtesten und schon fertig ihm hingelegten Stoffe lernt, seine
Betrachtung willkürlich zu bewegen, dahin und dorthin zu richten für
einen ihm bekannten Zweck, und nicht eher abzulassen in dieser Arbeit,
als bis der Zweck erreicht dastehe. Es wird nun, um dieses Verhältnisses
willen der ^niedern^ Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches
zu der ^höhern^, nothwendig seyn, dass die Schule in ihrem
Sprachunterrichte also verfahre, dass nicht bloss der erste Zweck der
historischen Sprachkenntniss, sondern zugleich auch der letzte der
Verstandesbildung an ihr sicher, allgemein und für klare Documentation
ausreichend erfüllt werde; dass z. B. der Schüler auf jeder Stufe des
Unterrichts verstehen lerne, was er verstehen soll, vollkommen und bis
zum Ende, und wissen lerne, ^ob^ er also verstanden, und den Beweis
davon führen lerne; keinesweges aber, wie es bisher so oft geschehen,
hierüber vom guten Glücke abhänge, und im Dunkeln tappe, indem sehr oft
sein Lehrer selbst keinen rechten Begriff vom Verstehen überhaupt hat,
und gar nicht weiss, welche Fragen alle müssen beantwortet werden
können, wenn man sagen will, man habe z. B. eine Stelle eines Autors
verstanden.

Betreffend das Grundgerüst des vorhandenen wissenschaftlichen Stoffes,
als das zweite Stück der nöthigen Vorbereitung, die der Schule zukommt,
mache ich durch folgende Wendung mich klarer. Man hat wohl, um den
Forderungen einer solchen geistigen Kunstbildung, wie sie auch in diesem
Aufsatze gemacht werden, auszuweichen, die Bemerkung gemacht: eine
solche besonnene Ausbildung der Geistesvermögen sey wohl bei den alten
klassischen Völkern möglich gewesen, weil das sehr beschränkte Feld der
positiven Kenntnisse, die sie zu erlernen gehabt, ihnen Zeit genug
übriggelassen hätte; dagegen unsere Zeit und Vermögen durch das
unermessliche Gebiet des zu Erlernenden gänzlich aufgezehrt werde, und
für keine anderen Zwecke uns ein Theil derselben übrigbleibe. Als ob
nicht vielmehr gerade darum, weil wir mit ihm weit mehr zu leisten
haben, eine kunstmässige Ausbildung des Vermögens um so nöthiger würde,
und wir nicht um so mehr auf Fertigkeit und Gewandtheit im Lernen
bedacht seyn müssten, da wir eine so grosse Aufgabe des Lernens vor uns
haben. In der That kommt jenes Erschrecken vor der Unermesslichkeit
unsers wissenschaftlichen Stoffes daher, dass man ihn ohne einen
ordnenden Geist und ohne eine mit Besonnenheit geübte Gedächtnisskunst,
deren Hauptmittel jener ordnende Geist ist, erfasset; vielmehr blind
sich hineinstürzt in das Chaos, und ohne Leitfaden in das Labyrinth, und
so im Herumirren bei jedem Schritte Zeit verliert; also, dass die
wenigen, welche in diesem ungeheuren Oceane, vom Versinken gerettet,
noch oben schwimmen, beim Rückblicke auf ihren Weg erschrecken vor der
eigenen Arbeit und dem gehabten Glücke, und, die noch immer vorhandenen
Lücken in ihrem Wissen entdeckend, glauben, es habe ihnen nichts weiter
gemangelt, denn ^Zeit^, -- da doch die ordnende Kunst, die sie nicht
kennen, indem sie keinen Schritt vergebens thut, die Zeit ins Unendliche
vervielfältigt und eine kurze Spanne von Menschenleben ausdehnt zu einer
Ewigkeit. Wenn schon die erste Schule für den Anfänger nicht länger das
fähige Gedächtniss des einen Knaben für einen glücklichen Zufall, das
langsamere eines andern für ein unabwendbares Naturunglück halten,
sondern lernen wird, das Gedächtniss sowohl überhaupt, als in seinen
besonderen, für besondere Zweige passenden, Fertigkeiten kunstmässig zu
entwickeln und zu bilden; wenn sie diesem Gedächtnisse erst ein ganz ins
Kurze und Kleine gezogenes, aber lebendiges und klares Bild des Ganzen
eines bestimmten wissenschaftlichen Stoffes (z. B. für die Geschichte
ein allgemeines Bild der Umwandlungen im Menschengeschlechte durch die
Hauptbegebenheiten der herrschenden Völker, neben einem Bilde von der
allgemeinen Gestalt der Oberfläche des Erdbodens, als dem Schauplatze
jener Umwandlungen 1) hingeben, und unaustilgbar fest in die innere
Anschauung einprägen wird; sodann diese Bilder Tag für Tag wieder
hervorrufen lassen, und sie allmählig, aber verhältnissmässig nach allen
ihren Theilen, nach einer gewissen Regel der nothwendigen Folge der
^Gesichtspuncte^, und so, dass kein einzelner zum Schaden der übrigen
ungebührlich anwachse, vergrössern wird: so wird jenes Entsetzen vor der
Unermesslichkeit gänzlich verschwinden, und die also gebildeten Köpfe
werden leicht und sicher alles, was ihnen vorkommt, auf jene mit ihrer
Persönlichkeit verwachsenen Grundbilder, jedes an seiner Stelle
auftragen, nicht auf ein unbekanntes Weltmeer versprengt, sondern in
ihrer väterlichen Wohnung die ihnen wohlbekannten Kammern mit Schätzen
ausfüllend, die sie nach jedesmaligem Bedürfnisse wieder da hinwegnehmen
können, wo sie dieselben vorher hingestellt.

Somit fällt die Vorbereitung, welche der Lehrling einer höhern
Kunstschule auf der niedern erhalten haben muss, die Rechenschaft, die
er vor der Aufnahme von seiner Tüchtigkeit zu geben hat, und die
Vollkommenheit, bis zu welcher die niedere Schule verbessert werden
muss, zu folgenden zwei Stücken zusammen. Zuvörderst muss der Adspirant
eine seinen Fähigkeiten angemessene, ihm vorgelegte Stelle eines Autors
in gegebener Zeit gründlich verstehen lernen, und den Beweis führen
können, dass er sie recht verstehe, indem sie gar nicht anders
verstanden werden könne. Sodann muss er zeigen, dass er ein allgemeines
Bild des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, erhoben und bereichert
bis zu derjenigen Potenz des Gesichtspunctes, an welche die höhere
Schule ihren Unterricht anknüpft, in freier Gewalt und zu beliebigem
Gebrauche als sein Eigenthum besitze.

2) ^Aufgehen seines gesammten Lebens in seinem Zwecke, darum Absonderung
desselben von aller andern Lebensweise, und vollkommene Isolirung.^ Der
Sohn eines Bürgers, welcher ein bürgerliches Gewerbe treibt, besucht
vielleicht auch des Tages mehrere Stunden eine gute Bürgerschule, worin
mancherlei gelehrt wird, das die gelehrte Schule gleichfalls vorträgt.
Dennoch ist die Schule nicht der Sitz seines wahren, eigentlichen
Lebens, und er ist nicht daselbst zu Hause, sondern sein wahres Leben
ist sein Familienleben, und der Beistand, den er seinen Eltern in ihrem
Gewerbe leistet; die Schule aber ist Nebensache und blosses Mittel für
den bessern Fortgang des bürgerlichen Gewerbes, als den eigentlichen
Zweck. Dem Gelehrten aber muss die Wissenschaft nicht Mittel für irgend
einen Zweck, sondern sie muss ihm selbst Zweck werden; er wird einst,
als vollendeter Gelehrter, in welcher Weise er auch künftig seine
wissenschaftliche Bildung im Leben anwende, in jedem Falle allein in der
Idee die Wurzel seines Lebens haben, und nur von ihr aus die
Wirklichkeit erblicken, und nach ihr sie gestalten und fügen,
keinesweges aber zugeben, dass die Idee nach der Wirklichkeit sich füge;
und er kann nicht zu früh in dieses sein eigenthümliches Element sich
hineinleben und das widerwärtige Element abstossen.

Es ist eine bekannte Bemerkung, dass bisher auf Universitäten, die in
einer kleinern Stadt errichtet waren, bei einigem Talente der Lehrer,
sehr leicht ein allgemeiner wissenschaftlicher Geist und Ton unter den
Studirenden sich erzeugt habe, was in grössern Städten selten oder
niemals also gelungen. Sollten wir davon den Grund angeben, so würden
wir sagen, dass es deswegen also erfolge, weil in dem ersten Falle die
Studirenden auf den Umgang unter sich selber, und den Stoff, den dieser
zu gewähren vermag, eingeschränkt werden; dagegen sie im zweiten Falle
immerfort verfliessen in die allgemeine Masse des Bürgerthums, und
zerstreut werden über den gesammten Stoff, den dieses liefert, und so
das Studiren ihnen niemals zum eigentlichen Leben, ausser welchem man
ein anderes gar nicht an sich zu bringen vermag, sondern wo es noch am
besten ist, zu einer Berufspflicht wird. Jener bekannte Einwurf gegen
grosse Universitätsstädte, dass in ihnen die Studirenden von einem
Hörsaale zum andern weit zu gehen hätten, möchte sonach nicht der
tiefste seyn, den man vorbringen könnte, und er möchte sich eher
beseitigen lassen, als das höhere Uebel der Verschmelzung des
studirenden Theiles des gemeinen Wesens mit der allgemeinen Masse des
gewerbtreibenden oder dumpfgeniessenden Bürgerthumes; indem, ganz davon
abgesehen, dass bei einem solchen nur als Nebensache getriebenen
Studiren wenig oder nichts gelernt wird, auf diese Weise die ganze Welt
verbürgern, und eine über die Wirklichkeit hinausliegende Ansicht der
Wirklichkeit, bei welcher allein die Menschheit Heilung finden kann
gegen jedes ihrer Uebel, ausgetilgt werden würde in dem
Menschengeschlechte; und mehr als jemals würde hierauf Rücksicht zu
nehmen seyn in einem solchen Zeitalter, welches in dringendem Verdachte
einer beinahe allgemeinen Verbürgerung steht.

3) ^Sicherung vor jeder Sorge um das Aeussere, vermittelst einer
angemessenen Unterhaltung fürs Gegenwärtige, und Garantie einer
gehörigen Versorgung in der Zukunft.^ Dass das Detail der kleinen
Sorgfältigkeiten um die täglichen Bedürfnisse des Lebens zum Studiren
nicht passt; dass Nahrungssorgen den Geist niederdrücken; Nebenarbeiten
ums Brot die Thätigkeit zerstreuen, und die Wissenschaft als einen
Broterwerb hinstellen; Zurücksetzung von Begüterten Dürftigkeits halber,
oder die Demuth, der man sich unterzieht, um jener Zurücksetzung
auszuweichen, den Charakter herabwürdigen: dieses alles ist, wenn auch
nicht allenthalben sattsam erwogen, denn doch ziemlich allgemein
zugestanden. Aber man kann von demselben Gegenstande auch noch eine
tiefere Ansicht nehmen. Es wird nemlich ohnedies gar bald sehr klar die
Nothwendigkeit sich zeigen, dass im Staate, und besonders bei den
höheren Dienern desselben, recht fest einwurzele die Denkart, nach
welcher man nicht der Gesellschaft dienen will, um leben zu können,
sondern leben mag, allein um der Gesellschaft dienen zu können, und in
welcher man durch kein Erbarmen mit dem eigenen, oder irgend eines
Anderen, Lebensgenusse bewegt wird, zu thun, zu rathen, oder, wo man
hindern könnte, zuzulassen, was nicht auch gänzlich ohne diese Rücksicht
durch sich selber sich gebührt; aber es kann diese Denkart Wurzel fassen
nur in einem durch das Leben in der Wissenschaft veredelten Geiste.
Mächtig aber wird dieser Veredelung und dieser Unabhängigkeit von der
erwähnten Rücksicht vorgearbeitet werden, wenn die künftigen Gelehrten,
aus deren Mitte ja wohl die Staatsämter werden besetzt werden, von
früher Jugend an gewöhnt werden, die Bedürfnisse des Lebens nicht als
Beweggrund irgend einer Thätigkeit, sondern als etwas, das für sich
selbst seinen eigenen Weg geht, anzusehen, indem es ihnen, sogar ohne
Rücksicht auf ihren gegenwärtigen zweckmässigen Fleiss, der aus der
Liebe zur Sache hervorgehen soll, zugesichert ist.


                                §. 11.
    Wie muss der Lehrer an einer solchen Anstalt beschaffen seyn,
                          und ausgestattet?

Zuvörderst, wie sich von selbst versteht, indem keiner lehren kann, was
er selbst nicht weiss, muss er sich im Besitze der Wissenschaft
befinden, und zwar auf die oben angegebene Weise, als freier Künstler,
so dass er sie zu jedem gegebenen Zwecke anzuwenden und in jede mögliche
Gestalt hinüberzubilden vermöge. Aber auch diese Kunstfertigkeit muss
ihn nicht etwa mechanisch leiten, und bloss als natürliches Talent und
Gabe ihm beiwohnen, sondern er muss auch sie wiederum mit klarem
Bewusstseyn durchdrungen haben, bis zur Erkenntniss im Allgemeinen
sowohl, als in den besonderen individuellen Bestimmungen, die sie bei
Einzelnen annimmt, indem er ja jeden Schüler dieser Kunst soll
beobachten, beurtheilen und leiten können.

Aber sogar dieses klare Bewusstseyn und dieses Auffassen der
wissenschaftlichen Kunst, als eines organischen Ganzen, reicht ihm noch
nicht hin, denn auch dieses könnte, wie alles blosse Wissen, todt seyn,
höchstens bis zur historischen Niederlegung in einem Buche ausgebildet.
Er bedarf noch überdies für die wirkliche Ausübung der Fertigkeit, jeden
Augenblick diejenige Regel, die hier Anwendung findet, hervorzurufen,
und der Kunst, das Mittel ihrer Anwendung auf der Stelle zu finden. Zu
diesem hohen Grade der Klarheit und Freiheit muss die wissenschaftliche
Kunst sich in ihm gesteigert haben. Sein Wesen ist die Kunst, den
wissenschaftlichen Künstler selber zu bilden, welche Kunst eine
Wissenschaft der wissenschaftlichen Kunst auf ihrer ersten Stufe
voraussetzt, für deren Möglichkeit wiederum der eigene Besitz dieser
Kunst auf der ersten Stufe vorausgesetzt wird; in dieser Vereinigung und
Folge sonach besteht das Wesen eines Lehrers an einer Kunstschule des
wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs.

Das Princip, durch welches die wissenschaftliche Kunst zu dieser Höhe
sich steigert, ist die Liebe zur Kunst.

Dieselbe Liebe ist es auch, die die wirklich entstandene Kunst der
Künstlerbildung immerfort von neuem beleben, und in jedem besonderen
Falle sie anregen und sie auf das Rechte leiten muss. Sie ist, wie alle
Liebe, göttlichen Ursprungs und genialischer Natur, und erzeugt sich
frei aus sich selber; für sie ist die übrige wissenschaftliche
Kunstbildung ein sicher zu berechnendes Product, sie selbst aber, die
Kunst dieser Kunstbildung, lässt sich nicht jederman anmuthen, noch
lässt sie selbst da, wo sie war, sich erhalten, falls ihr freier
Geniusflügel sich hinwegwendet.

Diese Liebe jedoch pflanzt auf eine unsichtbare Weise sich fort, und
regt unbegreiflich den Umkreis an. Nichts gewährt höheres Vergnügen, als
das Gefühl der Freiheit und zweckmässigen Regsamkeit des Geistes, und
des Wachsthums dieser Freiheit, und so entsteht das liebevollste und
freudenvollste Leben des Lehrlings in diesen Uebungen, und in dem Stoffe
derselben.

Diese Liebe für die Kunst ist in Beziehung auf andere ^achtend^, und
richtet vom Lehrer, als dem eigentlichen Focus, ausgegangen mit dieser
Achtung aus dem Individuum heraus sich auf die anderen, welche
gemeinschaftlich mit ihm diese Kunst treiben, und zieht jeden hin zu
allen übrigen, wodurch die §. 8 geforderte wechselseitige Mittheilung
Aller, und die Verschmelzung der Einzelnen zu einem lernenden
organischen Ganzen, wie es gerade nur aus diesen lernenden Individuen
sich bilden kann, entstehet, deren Möglichkeit noch zu erklären war.

(Ein geistiges Zusammenleben, das ^zunächst^ der schnelleren,
fruchtbareren und in den Formen sehr vielseitigen Geistesentwickelung,
^später^ im bürgerlichen Leben der Entstehung eines Corps von
Geschäftsleuten dient, in welchem nicht, wie bisher, der eigentliche
Gelehrte, der dem Geschäftsmanne für einen Quer- und verrückenden Kopf
gilt, diesem meist mit Recht den stumpfen Kopf und den empirischen
Stümper zurückgiebt, -- sondern, die einander frühzeitig durchaus kennen
und achten gelernt haben, und die von einer Allen gleichbekannten und
unter ihnen gar nicht streitigen Basis in allen ihren Berathungen
ausgehen.)


                                §. 12.

Diese Kunst der wissenschaftlichen Künstlerbildung, falls sie etwa in
irgend einem Zeitalter zum deutlichen Bewusstseyn hervorbrechen und zu
irgend einem Grade der Ausübung gedeihen sollte, muss, in Absicht ihrer
Fortdauer und ihres Erwachsens zu höherer Vollkommenheit, keinesweges
dem blinden Ohngefähr überlassen werden; sondern es muss, und dieses am
schicklichsten an der schon bestehenden Kunstschule selbst, eine feste
Einrichtung getroffen werden, dieselbe mit Besonnenheit und nach einer
festen Regel zu erhalten, und zu höherer Vollkommenheit zu bilden;
wodurch diese Kunstschule, so wie jedes mit wahrhaftem Leben existirende
Wesen soll, ihre ewige Fortdauer verbürgen würde.

Sie ist, wie oben gesagt, selbst der höchste Grad der wissenschaftlichen
Kunst, erfordernd die höchste Liebe und die höchste Fertigkeit und
Geistesgewandtheit. Es ist darum klar, dass sie nicht allen angemuthet
werden könne, wie man denn auch nur weniger, die sie ausüben, bedarf;
aber sie muss allen angeboten und mit ihnen der Versuch gemacht werden,
damit man sicher sey, dass nirgends dieses seltene Talent, aus Mangel an
Kunde seiner, ungebraucht verloren gehe.

Für diesen Zweck wäre demnach der Lehrling, doch ohne Ueberspringen und
nach erlangter hinlänglicher Gewandtheit in den niederen Graden der
Kunst, zur Ausübung aller der oben erwähnten Geschäfte des Lehrers
anzuhalten, unter Aufsicht und mit der Beurtheilung des eigentlichen
Lehrers, so wie der anderen, in demselben Grade befindlichen Lehrlinge.
So denselben Weg zurücklegend unter der Leitung des schon geübten
Lehrers, und vertraut gemacht mit dessen Kunstgriffen, welchen Weg der
Lehrer selbst, von keinem geholfen und im Dunkeln tappend, gehen musste,
wird dieser Lehrling es ohne Zweifel noch viel weiter bringen in geübter
und klarer Kunst, denn sein Lehrer, und einst selber nach demselben
Gesetze eine noch geübtere und klarere Generation hinterlassen.

(Es geht hieraus hervor, dass eine solche Pflanzschule
wissenschaftlicher Künstler überhaupt, nach den verschiedenen Graden
dieser Kunst, auf ihrer höchsten Spitze ein Professor-Seminarium seyn
würde, und also genannt werden könnte. Man hat homiletische Uebungen
gehabt, um zur Kunst des Vortrages für das Volk, man hat
Schullehrer-Seminaria gehabt, um den Vortrag für die niedere Schule zu
bilden; an eine besondere Uebung oder Prüfung in der Kunst des
akademischen Vortrages aber hat unseres Wissens niemand gedacht, gleich
als ob es sich von selbst verstände, dass man, was man nur wisse, auch
werde sagen können: zum schlagenden Beweise, dass man mit deutlichem
Bewusstseyn, so weit dieses in dieser Region gedrungen, mit der
Universität durchaus nichts mehr beabsichtigt, als dem gedruckten
Buchwesen noch ein zweites redendes Buchwesen an die Seite zu setzen;
wodurch unsere Rede wieder in ihren Ausgangspunct hineinfällt, zum
Beweise, dass sie ihren Kreis durchlaufen hat.


                                §. 13.
                             Corollarium.

Der bis hierher entwickelte Begriff, selbst angesehen in einem
wissenschaftlichen Ganzen, giebt der Kunst der Menschenbildung oder der
Pädagogik den Gipfel, dessen sie bisher ermangelte. Ein anderer Mann hat
in unserem Zeitalter die ebenfalls vorher ermangelnde Wurzel derselben
Pädagogik gefunden. Jener Gipfel macht möglich die höchste und letzte
Schule der wissenschaftlichen Kunst; diese Wurzel macht möglich die
erste und allgemeine Schule des Volks, das letzte Wort nicht für Pöbel
genommen, sondern für die Nation. Der mittlere Stamm der Pädagogik ist
die niedere Gelehrtenschule.

Aber der Gipfel ruht fest nur auf dem Stamme, und dieser zieht seinen
Lebenssaft nur aus der Wurzel; alle insgesammt haben nur an-, in- und
durcheinander Leben und versicherte Dauer. Ebenso verhält es sich auch
mit der höheren und der niederen Gelehrtenschule, und mit der
Volksschule. Wir unseres Ortes, die wir die erstere beabsichtigen,
gehen, so gut wir es unter diesen Umständen vermögen, aus unserem
besonderen und abgeschnittenen Mittelpuncte aus, unseren Weg fort, nur
auf die niedere Gelehrtenschule, mit der wir allernächst zusammenhängen,
und ohne deren Beihülfe wir nicht füglich auch nur einen Anfang machen
können, die nöthige Rücksicht nehmend. Ebenso geht ihres Orts, und
unser, die wir nur selbst erst unser eigenes Daseyn suchen, unserer
Hülfe und unseres leitenden Lichtes entbehrend, die allgemeine Pädagogik
ihren Weg fort, so gut sie es vermag. Aber arbeiten wir nur redlich
fort, jeder an seinem Ende: wir werden mit der Zeit zusammenkommen, und
insgesammt in einander eingreifen; denn jedweder Theil, der nur in sich
selber etwas Rechtes ist, ist Theil zu einem grösseren ewigen Ganzen,
das in der Erscheinung nur aus der Zusammenfügung der einzelnen Theile
zusammentritt. Da aber, wo wir zusammenkommen werden, wird der armen,
jetzt in ihrer ganzen Hülfslosigkeit dastehenden Menschheit Hülfe und
Rettung bereit seyn; denn diese Rettung hängt lediglich davon ab, dass
die Menschenbildung im Grossen und Ganzen aus den Händen des blinden
Ohngefährs unter das leuchtende Auge einer besonnenen Kunst komme.

Diese Einsicht und das Bewusstseyn, dass uns ein grosser Moment gegeben
ist, der, ungenutzt verstrichen, nicht leicht wiederkehrt, bringe
heiligen Ernst und Andacht in unsere Berathungen.


                              Anmerkung.

Da man oft unerwartet auf Verkennung jenes höchsten Grundsatzes alles
unseres Lebens und Treibens stösst, so ist es vielleicht nicht
überflüssig, hierüber noch einige Worte hinzuzufügen.

Ein blindes Geschick hat die menschlichen Angelegenheiten erträglich,
und obgleich langsam, dennoch zu einiger Verbesserung des ganzen
Zustandes geleitet, so lange in diese Dunkelheit das gute und böse
Princip in der Menschheit gemeinschaftlich und mit einander verwachsen
eingehüllt war. Diese Lage der Dinge hat sich verändert, durch diese
Veränderung ist eben ein durchaus neues Zeitalter, gegen dessen
Anerkenntniss man sich noch so häufig sträubt, und es sind durchaus neue
Aufgaben an die Zeit entstanden. Das böse Princip hat nemlich aus jener
Mischung sich entbunden zum Lichte; es ist sich selbst vollkommen klar
geworden, und schreitet frei und besonnen und ohne alle Scheu und Scham
vorwärts. Klarheit siegt allemal über die Dunkelheit; und so wird denn
das böse Princip ohne Zweifel Sieger bleiben so lange, bis auch das gute
sich zur Klarheit und besonnenen Kunst erhebt.

In allen menschlichen Verhältnissen, besonders aber in der
Menschenbildung, ist das Alte und Hergebrachte das Dunkele; eine Region,
die mit dem klaren Begriffe zu durchdringen und mit besonnener Kunst zu
bearbeiten man Verzicht leistet, und aus welcher herab man den Segen
Gottes ohne sein eigenes Zuthun erwartet. Setzt man in diesem
Glaubenssysteme jenem göttlichen Segen etwa noch eine menschliche
Direction und Oberaufsicht an die Seite, so ist das eine blosse
Inconsequenz. Das Alte ist ja jedermänniglich bekannt, diesem soll
gefolgt werden, es giebt darum keine Pläne auszudenken; der Erfolg kommt
von oben herab, und keine menschliche Klugheit kann hier etwas
ausrichten; es giebt darum auch nichts zu leiten, und die Oberaufsicht
ist ein völlig überflüssiges Glied. Nur in dem Falle, dass Behauptungen,
wie die unsrige, von freier und besonnener Kunst sich vernehmen liessen
und einen Einfluss begehrten, erhielte sie eine Bestimmung, die, der
Neuerung sich kräftig zu widersetzen, und festzuhalten über dem alten
hergebrachten Dunkel.

Es ist nicht zu hören, wenn die Sicherheit dieses alten und
ausgetretenen Weges gepriesen, dagegen das Unsichere und Gewagte aller
Neuerungen gefürchtet wird. Bleibt man beim Alten, so wird der Erfolg
schlecht seyn, darauf kann man sich verlassen; denn es kann, nachdem die
Welt einmal ist, wie sie ist, aus dem Dunkeln nichts Anderes mehr
hervorgehen, denn Böses. Hofft man etwa dabei das zu gewinnen, dass man
sich sagen könne, man habe das Böse wenigstens nicht durch sein thätiges
Handeln herbeigeführt, es sey eben von selbst gekommen, und man würde
nichts dagegen gehabt haben, wenn statt dessen das Gute gekommen wäre?
Man muss leicht zu trösten seyn, wenn man damit sich beruhigt. Und warum
sollte es denn ein so grosses Wagstück seyn, nach einem klaren und
festen Begriffe einherzugehen? Wagen wird man allein in den beiden
Fällen, wenn man entweder seines Begriffes nicht Meister ist, oder nicht
schon im voraus entschlossen, sein Alles an die Ausführung desselben zu
setzen. Aber nichts nöthigt uns, uns in einem dieser beiden Fälle zu
befinden.

Am wenigsten würden wir den Grundbegriff von einer Universität gelten
lassen, dass dieselbe sey keinesweges eine Erziehungsanstalt, deren
unfehlbaren Erfolg man soviel möglich sichern müsse, sondern eine im
Grunde überflüssige und nur als freie Gabe zu betrachtende
Bildungsanstalt, die jeder, der in der Lage sey, mit Freiheit gebrauchen
könne, wie er eben wolle. Giebt es solche Anstalten, als da etwa wäre
das Werkmeistersche Museum u. dergl., so können dieselben nur seyn für
weise Männer und gemachte Bürger, die in Absicht einer persönlichen
Bestimmung und eines festen Berufes mit dem Staate sich schon abgefunden
haben, keinesweges für Jünglinge, die einen Beruf noch suchen. Auch hat
bisher der Staat, -- und dies ist auch ein Altes und Wohlhergebrachtes,
bei welchem es ohne Zweifel sein Bewenden wird haben müssen, -- es hat
der Staat allerdings auf die Universitäten gerechnet, als eine
nothwendige und bisher durch nichts Anderes ersetzte Erziehungsanstalt
eines Standes, an dem ihm viel gelegen ist: und es wäre zu erwarten, was
erfolgen würde, wenn nur drei Jahre hintereinander es der Freiheit aller
Studirenden gefiele, die Universität nicht auf die rechte Weise zu
benutzen. Oder soll man voraussetzen, dass es mitten in unseren
gebildeten Staaten noch einen Haufen von Menschen gebe, deren
angeborenes Privilegium dies ist, dass kein Mensch Anspruch auf ihre
Kräfte und die Bildung derselben habe, und denen es freistehen muss, ob
sie zu etwas oder zu nichts taugen wollen, weil sie ausserdem zu leben
haben? Soll für diese vielleicht jene freie und auf gar nichts rechnende
Bildungsanstalt angelegt werden, damit sie, wenn sie wollen, hier die
Mittel erwerben, ihr einstiges müssiges Leben mit weniger Langeweile
hinzubringen? Alles zugegeben, möchten wenigstens diese Klassen selbst
für die Befriedigung dieses ihres Bedürfnisses sorgen; aber dem Staate
liessen die Kosten einer solchen Anstalt sich keinesweges aufbürden.




                          Zweiter Abschnitt.
    Wie unter den gegebenen Bedingungen der Zeit und des Orts der
             aufgegebene Begriff realisirt werden könne.


                                §. 14.

Soll unsere Lehranstalt keinesweges etwa eine in sich selbst
abgeschlossene Welt bilden, sondern soll sie eingreifen in die wirklich
vorhandene Welt, und soll sie insbesondere das gelehrte Erziehungswesen
dieser Welt umbilden, so muss sie sich anschliessen an dasselbe, so wie
es ist und sie dasselbe vorfindet. Dieses muss ihr erster Standpunct
seyn; dies der von ihr anzueignende und durch sie zu organisirende
Stoff; sie aber das geistige Ferment dieses Stoffes. Sie muss sich
erzeugen und sich fortbilden innerhalb einer gewöhnlichen Universität,
weil wir dies nicht vermeiden können, so lange bis die letztere in die
erste aufgehend gänzlich verschwinde: keinesweges aber müssen wir von
dem Gedanken ausgehen, dass wir eine ganz gewöhnliche Universität und
nichts weiter bilden wollen.


                                §. 15.

Diese nothwendige Stätigkeit des Fortgangs in der Zeit sogar
abgerechnet, vermögen wir in dieses Vorhabens Ausführung um so weniger
anders, denn also zu verfahren, da die freie ^Kunst der besonderen
Wissenschaft sowohl überhaupt, als in ihren einzelnen Fächern^ dermalen
noch gar nicht also vorhanden ist, dass sie sicher und nach einer Regel
aufbehalten und fortgepflanzt werden könnte; sondern diese freie Kunst
der ^besonderen^ Wissenschaft erst selber in der schon vorhandenen
Kunstschule zu deutlichem Bewusstseyn und zu geübter Fertigkeit erhoben
werden, und so die Kunstschule einem ihrer wesentlichen Theile nach sich
selber erst erschaffen muss. So nun nicht wenigstens der Ausgangspunct
dieser Kunst in der Wissenschaft überhaupt, und unabhängig von dem
Vorhandenseyn der Schule, irgendwo und irgendwann zu existiren
vermöchte, so würde es niemals zu einer solchen Kunstschule, ja sogar
nicht zu dem Gedanken und der Aufgabe derselben kommen.


                                §. 16.

Mit diesem Ausgangspuncte der wissenschaftlichen Kunst verhält es sich
nun also. Kunst wird (§. 4) dadurch erzeugt, dass man deutlich versteht,
^was^ man und ^wie^ man es macht. Die besondere Wissenschaft aber ist in
allen ihren einzelnen Fächern ein besonderes Machen und Verfahren mit
dem Geistesvermögen; und man hat dies von jeher anerkannt, wenn man z.
B. vom historischen Genie, Tact und Sinne, oder von Beobachtungsgabe u.
dergl., als von besonderen, ihren eigenthümlichen Charakter tragenden
Talenten gesprochen. Nun ist ein solches Talent allemal Naturgabe, und
da es ein besonderes Talent ist, so ist der Besitzer desselben eine
besondere und auf diesen Standpunct beschränkte Natur, die nicht
wiederum über diesen Punct sich erheben, ihn frei anschauen, ihn mit dem
Begriffe durchdringen und so aus der blossen Naturgabe eine freie Kunst
machen könnte. Und so würde denn die besondere Wissenschaft entweder gar
nicht getrieben werden können, weil es an Talent fehlte, oder, wo sie
getrieben würde, könnte es, eben weil dazu Talent, das eben nur Talent
sey, gehört, niemals zu einer besonnenen Kunst derselben kommen. So ist
es denn auch wirklich. Der Geist jeder besonderen Wissenschaft ist ein
beschränkter und beschränkender Geist, der zwar in sich selber lebt und
treibet, und köstliche Früchte gewährt, der aber weder sich selbst, noch
andere Geister ausser ihm zu verstehen vermag. Sollte es nun doch zu
einer solchen Kunst in der besonderen Wissenschaft kommen, so müsste
dieselbe, unabhängig von ihrer Ausübung, und noch ehe sie getrieben
würde, verstanden, d. i. die Art und Weise der geistigen Thätigkeit,
deren es dazu bedarf, erkannt werden, und so der allgemeine ^Begriff^
ihrer Kunst der ^Ausübung^ dieser Kunst selbst vorhergehen können. Nun
ist dasjenige, was die ^gesammte^ geistige Thätigkeit, mithin auch alle
besonderen und weiter bestimmten Aeusserungen derselben wissenschaftlich
erfasst, die Philosophie: von philosophischer Kunstbildung aus müsste
sonach den besonderen Wissenschaften ihre Kunst gegeben, und das, was in
ihnen bisher blosse, vom guten Glücke abhängende Naturgabe war, zu
besonnenem Können und Treiben erhoben werden; der Geist der Philosophie
wäre derjenige, welcher zuerst sich selbst, und sodann in sich selber
alle anderen Geister verstände; der Künstler in einer besonderen
Wissenschaft müsste vor allen Dingen ein philosophischer Künstler
werden, und seine besondere Kunst wäre lediglich eine weitere Bestimmung
und einzelne Anwendung seiner allgemeinen philosophischen Kunst.

(Dies dunkel fühlend hat man, wenigstens bis auf die letzten durch und
durch verworrenen und seichten Zeiten, geglaubt, dass alle höhere
wissenschaftliche Bildung von der Philosophie ausgehen, und dass auf
Universitäten die philosophischen Vorlesungen von Allen und zuerst
gehört werden müssten. Ferner hat man in den besonderen Wissenschaften
z. B. von philosophischen Juristen oder Geschichtsforschern oder Aerzten
gesprochen, und man wird finden, dass von denen, welche sich selber
verstanden, immer diejenigen mit dieser Benennung bezeichnet wurden, die
mit der grössten Fertigkeit und Gewandtheit ihre Wissenschaft vielseitig
anzuwenden wussten, sonach die ^Künstler^ in der Wissenschaft. Denn
diejenigen, welche ^a priori^ phantasirten, wo es galt Facta
beizubringen, sind ebenso, wie diejenigen, die sich auf die wirkliche
Beschaffenheit der Dinge beriefen, wo das apriorische Ideal dargestellt
werden sollte, von den Verständigen mit der gebührenden Verachtung
angesehen worden.)


                                §. 17.

Die erste und ausschliessende Bedingung der Möglichkeit, eine
wissenschaftliche Kunstschule zu errichten, würde demnach diese seyn,
dass man einen Lehrer fände, der da fähig wäre, das Philosophiren selber
als eine Kunst zu treiben, und der es verstände, eine Anzahl seiner
Schüler zu einer bedeutenden Fertigkeit in dieser Kunst zu erheben, mit
welcher nun einige dieser wiederum den ihnen anderwärts herzugebenden
positiven Stoff der besonderen Wissenschaften durchdrängen, und sich
auch in diesen zu Künstlern bildeten; von welchen letzteren wiederum
diejenigen, die es zu dem Grade der Klarheit dieser Kunst gebracht
hätten, dass sie selbst Künstler zu bilden vermöchten, ihre Kunst
fortpflanzten. Nachdem dieses Letztere über das ganze Gebiet der
Wissenschaften möglich geworden, in einer solchen Ausdehnung, dass man
auf die sichere Fortpflanzung der gesammten wissenschaftlichen Kunst bis
ans Ende der Tage rechnen könnte: alsdann stände die beabsichtigte
wissenschaftliche Kunstschule da, und wäre errichtet.


                                §. 18.

Dieser philosophische Künstler muss, beim Beginnen der Anstalt, ein
einziger seyn, ausser welchem durchaus kein anderer auf die Entwickelung
des Lehrlings zum Philosophiren Einfluss habe. Wer dagegen einwenden
wollte, dass es, um die Jünglinge vor Einseitigkeit und blindem Glauben
an Einen Lehrer zu verwahren, auf einer höheren Lehranstalt vielmehr
eine Mannigfaltigkeit der Ansichten und Systeme, und eben darum der
Lehrer geben müsse, würde dadurch verrathen, dass er weder von der
Philosophie überhaupt, noch vom Philosophiren, als einer Kunst, einen
Begriff habe. Denn obwohl, falls es Gewissheit giebt und dieselbe dem
Menschen erreichbar ist (wer über diesen Punct sich noch in Zweifel
befände, der wäre nicht ausgestattet, um mit uns über die Einrichtung
eines ^wissenschaftlichen^ Instituts zu berathschlagen), der Lehrer, den
wir suchen, selber in sich seiner Sache gewiss seyn und ein System haben
muss, indem im entgegengesetzten Falle er mit seinem Philosophiren nicht
zu Ende gekommen wäre, mithin die ganze Kunst des Philosophirens nicht
einmal selber ausgeübt hätte und so durchaus unfähig wäre, dieselbe in
ihrem ganzen Umfange mit Bewusstseyn zu durchdringen, und sie anderen
mitzutheilen, und wir uns daher in der Wahl der Person vergriffen hätten
-- obwohl, sage ich, dies also ist, so wird er dennoch in seinem
Bestreben, selbstthätige, die Gewissheit in sich selbst erzeugende und
das System selbst erfindende Künstler zu bilden, nicht von seinem
Systeme, noch überhaupt von irgend einer positiven Behauptung
^ausgehen^; sondern nur ihr systematisches Denken anregen, freilich in
der sehr natürlichen Voraussetzung, dass sie am Ende desselben bei
demselben Resultate ankommen werden, bei dem auch er angekommen, und
dass, wenn sie bei einem anderen ankommen, irgendwo in der Ausübung der
Kunst ein Fehler begangen worden. Wäre irgend ein anderer neben ihm, der
ihm widerspräche, so müsste dieser etwas ^behaupten^; liesse er sich
verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste nun auch er
behaupten, und es entstände Polemik. Wo aber Polemik ist, da ist Thesis,
und wo Thesis ist, da wird nicht mehr thätig philosophirt, sondern es
wird nur das Resultat des, so Gott will, vorher ausgeübten thätigen
Philosophirens historisch erzählt; somit hebt die Polemik das Wesen
einer philosophischen Kunstschule gänzlich auf, und es ist ihr darum
aller Eingang in diese abzuschneiden. --

(Dieselbe Unbekanntschaft mit dem Wesen der Philosophie würde verrathen
eine andere Bemerkung, die folgende: es müsse auf einer solchen Anstalt
die Vollständigkeit der sogenannten philosophischen Wissenschaften
beabsichtigt werden, und dies, da sie einem Einzigen nicht wohl
anzumuthen sey, werde eine Mehrheit der Lehrer der Philosophie
verlangen. Denn wenn nur wirklich der philosophische Geist und die Kunst
des Philosophirens entwickelt ist, so wird ganz von selbst diese sich
über die gesammte Sphäre des Philosophirens ausbreiten, und diese in
Besitz nehmen; sollte aber für andere, an welchen das Streben, sie in
diese Kunst einzuweihen, mislingt, die wir aber dennoch, aus Mangel
besserer Subjecte, in den bürgerlichen Geschäften anstellen und brauchen
müssten, irgend ein historisch zu erlernender ^philosophischer
Katechismus^, als Rechtslehre, Moral u. dergl. nöthig seyn, so wird ja
wohl dieser in gedruckten Büchern irgendwo vorliegen, an deren eigenes
Studium auch hier, so wie in den anderen Fächern, dergleichen Subjecte
vom Lehrer der Philosophie hingewiesen, und erforderlichenfalles darüber
examinirt würden.)


                                §. 19.

Mit diesem also entwickelten philosophischen Geiste, als der reinen Form
des Wissens, ^müsste nun der gesammte wissenschaftliche Stoff in seiner
organischen Einheit^ auf der höheren Lehranstalt aufgefasst und
durchdrungen werden, also dass man genau wüsste, was zu ihm gehöre oder
nicht, und so die strenge Grenze zwischen Wissenschaft und
Nichtwissenschaft gezogen würde; dass man ferner das organische
Eingreifen der Theile dieses Stoffes ineinander, und das gegenseitige
Verhältniss derselben unter sich allseitig verstände, damit man daraus
ermessen könnte, ob dieser Stoff am Lehrinstitute vollständig bearbeitet
werde, oder nicht; in welcher ^Folge^ oder ^Gleichzeitigkeit^ am
vortheilhaftesten diese einzelnen Theile zu bearbeiten seyen; bis zu
welcher Potenz die ^niedere^ Schule denselben zu erheben, und wo
eigentlich die höhere einzugreifen habe; ferner, bis zu welcher
Potenz auch auf der letzteren ^alle^, die auf den Titel eines
wissenschaftlichen Künstlers Anspruch machen wollten, ihn auszubilden
hätten, und wie viel dagegen der ^besonderen^ Ausbildung für ein
^bestimmtes praktisches^ Fach anheimfiele und vorbehalten bleiben müsse.
Dies gäbe eine philosophische Encyklopädie der gesammten Wissenschaft,
als stehendes Regulativ für die Bearbeitung aller besonderen
Wissenschaften.

(Wenn auch allenfalls die Philosophie schon jetzt fähig seyn sollte, zu
einer solchen encyklopädischen Ansicht der gesammten Wissenschaft in
ihrer organischen Einheit einige Auskunft zu geben, so ist doch die
übrige wissenschaftliche Welt viel zu abgeneigt, der Philosophie die
Gesetzgebung, die sie dadurch in Anspruch nähme, zuzugestehen, oder
dieselbe in dergleichen Aeusserungen auch nur nothdürftig zu begreifen,
als dass sich hiervon einiger Erfolg sollte erwarten lassen. Auch
müssten, da es hier nicht um theoretische Behauptung einiger Sätze,
sondern um Einführung einer Kunst zu thun ist, erst eine beträchtliche
Anzahl von Männern gebildet werden, die da fähig wären, eine solche
Encyklopädie nicht bloss zu verstehen und wahr zu finden, sondern auch
nach den Regeln derselben die besonderen Fächer der Wissenschaft
wirklich zu bearbeiten; dass es daher am schicklichsten seyn wird,
hierüber sich vorläufig gar nicht auszusprechen, sondern jene
Encyklopädie durch das wechselseitige Eingreifen der Philosophie und der
philosophisch kunstmässigen Bearbeitung der nun eben vorhandenen
besonderen Fächer der Wissenschaft, allmählig von selber erwachsen zu
lassen; dass mithin in Absicht dieses ihr sehr wesentlichen
Bestandtheiles die Kunstschule sich selbst innerhalb ihrer selbst
erschaffen müsste.)


                                §. 20.

Beim Anfange und so lange, bis es dahin gekommen, müssen wir uns
begnügen, die vorliegenden Fächer ohne organischen Einheitspunct bloss
historisch aufzufassen, nur dasjenige, wovon wir schon bei dem
gegenwärtigen Grade der allgemeinen philosophischen Bildung darthun
können, dass es dem wissenschaftlichen Verstandesgebrauche entweder
geradezu widerspreche, oder nicht zu demselben gehöre, von uns
ausscheidend, das Uebrige aufnehmend, und es in seiner Würde und an
seinem Platze bis zur besseren allgemeinen Verständigung stehen lassend;
ferner in diesen Fächern die am meisten ^philosophischen^, d. i. die mit
der grössten Freiheit, Kunstmässigkeit und Selbstständigkeit in
denselben verfahrenden unter den Zeitgenossen, zu Lehrern uns
anzueignen; endlich, diese zu der am meisten philosophischen, d. i. zu
der, Selbstthätigkeit und Klarheit am sichersten entwickelnden,
Mittheilung ihres Faches anzuhalten und sie darauf zu verpflichten.


                                §. 21.

Ueber den ersten Punct, betreffend die Ausscheidung, werden wir
demnächst beim Durchgehen der vorhandenen wissenschaftlichen Fächer uns
erklären. Ueber den zweiten merke ich hier im allgemeinen nur das an,
dass wir den Vortheil haben, in einigen der Hauptfächer diejenigen,
welche als die freisten und selbstthätigsten allgemein anerkannt sind,
schon jetzt die unserigen zu nennen, und dass, falls nicht etwa einige
für die Herablassung und für das Wechselleben mit ihren Schülern, das
dieser Plan ihnen anmuthet, sich zu vornehm dünken, wir hoffen dürfen,
sie für unseren Zweck zu gewinnen, und dass in anderen Fächern, in denen
wir nicht mit derselben Zuversichtlichkeit dasselbe rühmen können, der
Unterschied zwischen den Zeitgenossen in Absicht des angegebenen
Gesichtspunctes überhaupt nicht sehr gross ist, und wir darum hoffen
dürfen, ohne grosse Schwierigkeit die nothwendigen Stellen so gut zu
besetzen, als sie unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt besetzt
werden können; dass es aber ausschliessende Bedingung sey, dass
dieselben schon vor ihrer Berufung und Anstellung sowohl über unseren
Hauptplan, als über den dritten Punct in Absicht des zu wählenden
Vortrages unterrichtet, und aufrichtig mit uns einverstanden seyen. In
Absicht dieses dritten Punctes endlich, stellen wir als eine Folge aus
allem Bisherigen fest, dass -- die oben erwähnten Examina,
Conversatorien und Aufgaben, als die erste charakteristische Eigenheit
unserer Methode, deren Anwendung im besonderen Falle am gehörigen Orte
näher wird beschrieben werden, noch abgerechnet, -- alle mündliche
Mittheilung über ein besonderes Fach ausgehen müsse von der
^Encyklopädie^ dieses Faches, und dass dieses die allererste Vorlesung
jedes bei uns anzustellenden Lehrers seyn und von jedem Schüler zu
allererst gehört werden müsse. Denn die bis zur höchsten Klarheit
gesteigerten einzelnen Encyklopädien der besonderen Fächer, besonders
wenn sie alle zusammen den Lehrern und Zöglingen der Anstalt bekannt
sind, sind das zunächst in die von der Philosophie ausgehen sollende
^allgemeine Encyklopädie^ (§. 19. am Schlusse) eingreifende Glied,
arbeiten derselben mächtig vor, und werden der letzteren, wenn sie
entstehen wird, die vollkommene Verständlichkeit ertheilen müssen, indem
auch sie selber umgekehrt von ihr neue Festigkeit und Klarheit erhalten
werden. Sodann ist Einheit und Ansicht der Sache aus Einem
Gesichtspuncte heraus der Charakter der Philosophie und der freien
Kunstmässigkeit, die wir anstreben; dagegen unverbundene
Mannigfaltigkeit und mit nichts zusammenhängende Einzelheit der
Charakter der Unphilosophie, der Verworrenheit und der Unbehülflichkeit,
welche wir eben aus der ganzen Welt austilgen möchten, und sie darum
nicht in uns selbst aufnehmen müssen. Endlich, wenn auch dieses alles
nicht so wäre, können wir aus Mangelhaftigkeit der niederen Schule zu
Anfange bei unseren Schülern nicht auf ein solches schon fertiges Gerüst
des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, wie es oben (§. 10.)
beschrieben worden, rechnen, und müssen zu allererst diesen Mangel in
unseren besonderen Encyklopädien ersetzen. Die Hauptgesichtspuncte einer
solchen auf eine wissenschaftliche Kunstschule berechneten Encyklopädie
sind die folgenden: ^dass sie zuvörderst die eigentliche
charakteristische Unterscheidung des Verstandesgebrauches^ in diesem
Fache, und die besonderen Kunstgriffe oder Vorsichtsregeln in ihm mit
aller dem Lehrer selbst beiwohnenden Klarheit angebe, und sie mit
Beispielen belege (und so eben z. B. das ^historische Talent^, oder die
^Beobachtungsgabe^ mit dem Begriffe durchdringe); dass sie die Theile
dieser Wissenschaft vollständig und umfassend vorlege, und zeige, auf
welche besondere Weise jeder, und in welcher Zeitfolge sie studirt
werden müssen; endlich, dass sie die für den Zweck des Lehrlings nöthige
Literaturkenntniss des Faches gebe, und ihn berathe, ^was^, und in
^welcher Ordnung^ und etwa mit welchen Vorsichtsmaassregeln, er zu lesen
habe. Besonders in der letzten Rücksicht ist der Lehrer dem Lehrlinge
ein allgemeines Register und Repertorium des ^gesammten Buchwesens^ in
diesem Fache, inwieweit dasselbe dem Lehrlinge nöthig ist, schuldig;
welches nun der Lehrling selber, nach der ihm gegebenen Anleitung, zu
lesen, keinesweges aber vom Lehrer zu erwarten hat, dass auch dieser es
ihm noch einmal recitire. Gehört nun ferner, wie wir hoffen, der Lehrer
zu dem oben erwähnten edleren Bestandtheile der bisherigen
Universitäten, dass er mit dem gesammten Buchwesen seines Faches nicht
allerdings zufrieden und fähig sey, dasselbe hier und da zu verbessern,
so zeige er in seiner Encyklopädie diese fehlerhaften Stellen des
grossen Buches an, und lege dar seinen Plan, wie er in besonderen
Vorlesungen diese fehlerhaften Stellen verbessern wolle, und in welcher
Ordnung diese besonderen Vorlesungen, die insgesammt auf der festen
Unterlage seiner Encyklopädie ruhen, und auf ihr geordnet sind, zu hören
seyen. Ist dessen so viel, dass er es allein nicht bestreiten kann, so
wähle er sich einen Unterlehrer, der verbunden ist, in seinem Plane zu
arbeiten. Nur sage er nicht, was im Buche auch steht, sondern nur das,
was in keinem Buche steht. (Als Beispiel: dass in den Schüler der
niederen Schule sehr früh ein Inbegriff der Universalgeschichte
hineingebildet werden müsse, versteht sich, und ist oben gesagt; wozu
aber, ausser der Anweisung, wie man die gesammte Menschengeschichte zu
^verstehen^ habe, welche wohl am schicklichsten dem Philosophen
anheimfallen dürfte, auf der höheren Schule ein Cursus der
Universalgeschichte solle, bekenne ich nicht zu begreifen; dagegen aber
würde ich es für sehr schicklich und alles Dankes werth halten, wenn ein
Professor der Geschichte ein Collegium ankündigte über besondere Data
aus der Weltgeschichte, ^die keiner vor ihm so richtig gewusst habe, wie
er^, und er mit diesem Versprechen Wort hielte.)

(Wir setzen der Erwähnung dieser von vielen so sehr angefeindeten
Encyklopädien, zur Vorbauung möglichen Misverständnisses, noch folgendes
hinzu. Mit derselben vollkommenen Ueberzeugung, mit welcher wir zugeben,
dass das Bestreben, bei solchen allgemeinen Uebersichten und Resultaten
^stehenzubleiben^, von Seichtigkeit, Trägheit und Sucht nach wohlfeilem
Glanze zeuge, und diese Schlechtigkeiten befördere, sehen wir zugleich
auch ein, dass das Widerstreben, ^von ihnen auszugehen^, den Lehrling
ohne Steuerruder und Compass in den verworrenen Ocean stürze, dass,
obwohl einige sich rühmen hierbei ohne Ertrinken davongekommen zu seyn,
man darum doch nicht das Recht habe, jederman derselben Gefahr
auszusetzen, dass selbst die Geretteten gesunder seyn würden, wenn sie
der Gefahr sich nicht ausgesetzt hätten; und dass die Quellen dieses
Widerstrebens keinesweges aus einer besseren Einsicht, sondern dass sie
grösstentheils aus dem persönlichen Unvermögen hervorgehen, solche
encyklopädische Rechenschaft über das eigene Fach zu geben, indem diese,
nur gross im Einzelnen, niemals zur Ansicht eines Ganzen sich erhoben
haben. Wer nun eine solche Encyklopädie seines Faches geben nicht könnte
oder nicht wollte, der wäre für uns nicht bloss unbrauchbar, sondern
sogar verderblich, indem durch seine Wirksamkeit der Geist unseres
Institutes sogleich im Beginne getödtet würde.)


                                §. 22.

Wir gehen an die historische Auffassung des auf den bisherigen
Universitäten vorliegenden Stoffes, und schicken folgende zwei
allgemeine Bemerkungen voraus. Eine Schule des wissenschaftlichen
Verstandesgebrauches setzt voraus, dass verstanden und bis in seinen
letzten Grund durchdrungen werden könne, was sie sich aufgiebt; sonach
wäre ein solches, das den Verstandesgebrauch sich verbittet, und sich
als ein unbegreifliches Geheimniss gleich von vornherein aufstellt,
durch das Wesen derselben von ihr ausgeschlossen. Wollte also etwa die
Theologie noch fernerhin auf einem Gotte bestehen, der etwas wollte ohne
allen Grund; welches Willens Inhalt kein Mensch durch sich selber
begreifen, sondern Gott selbst unmittelbar durch besondere Abgesandte
ihm mittheilen müsste; dass eine solche Mittheilung geschehen sey, und
das Resultat derselben in gewissen heiligen Büchern, die übrigens in
einer sehr dunklen Sprache geschrieben sind, vorliege, von deren
richtigem Verständnisse die Seligkeit des Menschen abhange: so könnte
wenigstens eine Schule des Verstandesgebrauches sich mit ihr nicht
befassen. Nur wenn sie diesen Anspruch auf ihr allein bekannte
Geheimnisse und Zaubermittel durch eine unumwundene Erklärung aufgiebt,
laut bekennend, dass der Wille Gottes ohne alle besondere Offenbarung
erkannt werden könne, und dass jene Bücher durchaus nicht
^Erkenntnissquelle^, sondern nur ^Vehiculum des Volksunterrichtes^
seyen, welche, ganz unabhängig von dem, was die Verfasser etwa wirklich
gesagt haben, beim wirklichen Gebrauche also erklärt werden müssen, wie
die Verfasser hätten sagen sollen; welches letztere, wie sie hätten
sagen sollen, darum schon vor ihrer Erklärung anderwärtsher bekannt seyn
müsse: nur unter dieser Bedingung kann der Stoff, den sie bisher
besessen hat, von unserer Anstalt aufgenommen und jener Voraussetzung
gemäss bearbeitet werden. Ferner haben mehrere bisher auf den
Universitäten bearbeitete Fächer (als die soeben erwähnte Theologie, die
Jurisprudenz, die Medicin) einen Theil, der nicht zur wissenschaftlichen
Kunst, sondern zu der sehr verschiedenen praktischen Kunst der Anwendung
im Leben gehört. Es gereicht sowohl einestheils zum Vortheile dieser
praktischen Kunst, die am besten in unmittelbarer und ernstlich
gemeinter Ausübung unter dem Auge des schon geübten Meisters erlernt
wird, als anderentheils zum Vortheile der wissenschaftlichen Kunst
selbst, welche zu möglichster Reinheit sich abzusondern und in sich
selbst sich zu concentriren hat: dass jener Theil von unserer
Kunstschule abgesondert, und in Beziehung auf ihn andere für sich
bestehende Einrichtungen gemacht werden. Was inzwischen auch in dieser
Rücksicht von der wissenschaftlichen Kunstschule zu beobachten sey,
werden wir bei Erwähnung der einzelnen Fälle beibringen.


                                §. 23.

Nächst der Philosophie macht die ^Philologie^, als das allgemeine
Kunstmittel aller Verständigung, mit Recht den meisten Anspruch auf
Universalität. Ob auch wohl überhaupt ^für das gesammte studirende
Publicum^ auf der höheren Schule es eines philologischen Unterrichtes
bedürfen, oder vielmehr dieser schon auf der niederen Schule beendigt
seyn solle, ob insbesondere für diejenigen, ^die sich zu Schullehrern^
bestimmen, und für die es allerdings einer weiteren Anführung bedarf,
die dahingehörigen Anstalten nicht schicklicher mit den niederen Schulen
selbst vereinigt werden würden: -- die Beantwortung dieser Frage können
wir für jetzt ^dem^ Zeitalter, da die allgemeine Encyklopädie geltend
gemacht seyn, und die niedere Schule seyn wird, was sie soll,
anheimgeben, und vorläufig es beim Alten lassen.


                                §. 24.

Von der ^Mathematik^ sollte unseres Erachtens der reine Theil bis zu
einer gewissen Potenz schon auf der niederen Schule vollkommen abgethan
seyn; und es wäre hierdurch das, was oben über das Pensum dieser Schule
gesagt worden, zu ergänzen. Da auch hierauf im Anfange nicht zu rechnen
ist, so wäre vorläufig ein auf diesen gegenwärtigen Zustand der niederen
Schule berechneter Plan des mathematischen Studiums zu entwerfen. --

Auf allen Fall ist mein Vorschlag, dass ein ^Comité^ aus unseren
tüchtigsten Mathematikern ernannt, diesen unser Plan im Ganzen
vorgelegt, und ihnen aufgegeben würde, die Beziehung ihrer Wissenschaft
auf denselben zu ermessen, und demzufolge durch allgemeine Uebereinkunft
^Einen^ aus ihrer Mitte zu ernennen, oder auch einen Fremden zur
Vocation vorzuschlagen, dem die Encyklopädie, der Plan und die Direction
dieses ganzen Studiums übertragen würde.


                                §. 25.

Die gesammte Geschichte theilt sich in die Geschichte der ^fliessenden^
Erscheinung, und in die der ^dauernden^. Die erste ist die vorzüglich
also genannte Geschichte oder Historie, mit ihren Hülfswissenschaften;
die zweite die Naturgeschichte, -- welche ihren theoretischen Theil hat,
die Naturlehre.

In der ersten ist der zu berufende Ober- und encyklopädische Lehrer über
unseren Grundplan zu verständigen; worüber er vorläufig mit uns einig
seyn muss.

Das ausgedehnte Fach der ^Naturwissenschaft^ betreffend, welche durchaus
als ein organisches Ganze behandelt werden muss, kann ich nur ein
^Comité^, so wie oben bei der Mathematik, in Vorschlag bringen, das aus
seiner Mitte, oder auch einen Fremden rufend, den Encyklopädisten,
Entwerfer des Lehrplans, und Director des ganzen Studiums erwähle, und
falls es so nöthig befunden würde, nach seinem Plane den Vortrag
desselben, auch hier mit der beständigen Rücksicht, dass nicht mündlich
mitgetheilt werde, was so gut oder besser sich aus dem Buche lernen
lässt, ^unter sich vertheile^. Das Haupterforderniss eines solchen
Planes ist Vollständigkeit und organische Ganzheit der Encyklopädie.
Zugleich hat sie für ihr Fach sich mit der niederen Schule über die
Grenze zu berichtigen, und dieser die Potenz, die sie hervorbringen
soll, als ihr künftiges Pensum aufzugeben, welches auch für die oben
erwähnten, sowie für alle folgenden Fächer gilt, und hier einmal für
immer erinnert wird. Bloss die Philosophie verbittet die directe
Vorbereitung der niederen Schule, und ist nur ausschliessend eine Kunst
der höheren.


                                §. 26.

Die drei sogenannten höheren Facultäten würden schon früher wohlgethan
haben, wenn sie sich, in Absicht ihres wahren Wesens, in dem ganzen
Zusammenhange des Wissens deutlich erkannt, und sich darum nicht,
pochend auf ihre praktische Unentbehrlichkeit und ihre Gültigkeit beim
Haufen, als ein abgesondertes und vornehmeres Wesen hingestellt, sondern
lieber jenem Zusammenhange sich untergeordnet und mit schuldiger Demuth
ihre Abhängigkeit erkannt hätten; indem sie nemlich verachteten, wurden
sie verachtet, und die Studirenden anderer Fächer nahmen keine Notiz von
dem, was jene ausschliessend für sich zu besitzen begehrten, wodurch
sowohl ihrem Studium, als der Wissenschaft im Grossen und Ganzen sehr
geschadet wurde. Wir werden auf Belege dieser Angabe stossen. Eine
wissenschaftliche Kunstschule muthet ihnen sogleich bei ihrem Eintritte
in ihren Umkreis diese Bescheidenheit zu.

Der wissenschaftliche Stoff der ^Jurisprudenz^ ist ein Capitel aus der
Geschichte; sogar nur ein Fragment dieses Capitels, wie sie bisher
behandelt worden. Sie sollte seyn ^eine Geschichte der Ausbildung und
Fortgestaltung des Rechtsbegriffes unter den Menschen^, welcher
^Rechtsbegriff^ selber, unabhängig von dieser Geschichte, und als
^Herrscher^, keinesweges als ^Diener^, schon vorher durch Philosophiren
gefunden seyn müsste. In ihrer gewöhnlichen ersten, lediglich
praktischen Absicht, -- nur ^Richter^, welches ein untergeordnetes
Geschäft ist, zu bilden, wird sie Geschichte jener Ausbildung in dem
Lande, in welchem wir leben, und wenn es hoch geht, unter den Römern,
und so Fragment; aber ihr letzter praktischer Zweck ist der, den
^Gesetzgeber^ zu bilden; und für diesen Behuf möchte ihr wohl das ganze
Capitel rathsam seyn; denn obwohl, was überhaupt Gesetz seyn solle,
schlechthin ^a priori^ erkannt wird, so dürfte doch die Kunst, die
besondere Gestalt dieses Gesetzes für jede gegebene Zeit zu finden und
es ihr anzuschmiegen, der Erfahrung der gesammten bekannten Zeit in
demselben Geschäfte bedürfen. Richteramt sowohl als Gesetzgebung sind
praktische Anwendung ^der Geschichte^; und so hat die Jurisprudenz zu
ihrer ersten Encyklopädie die Encyklopädie der Geschichte, indem dieses
der Boden ist, auf welchem sie und der wissenschaftliche
Verstandesgebrauch in ihr ruhet, und die Ausübung derselben in ihrer
höchsten Potenz eigentlich die Kunst ist, eine Geschichte, und zwar eine
erfreulichere, als die bisherige, hervorzubringen. Die Anführung aber
zur praktischen Anwendung im Leben fällt ganz ausser den Umkreis der
Schule, und wären hierin die Schüler an die ausübenden Collegia zu
verweisen, unter deren Augen, aber auf die ^Verantwortung^ der Beamten,
denen sie anvertraut worden, sie für die künftige Geschäftsführung sich
vorbereiteten. Ich schlage daher für dieses Fach ein ^Comité^ vor, in
welchem aber der oben beschriebene Encyklopädist der Geschichte Sitz,
und für seinen Antheil entscheidende Stimme hätte. Dieses hätte einen
besonderen Encyklopädisten für die ^Theile^ und die Literatur des
beschriebenen Capitels anzustellen, den Studienplan vorzuzeichnen, und
die Anstalten für praktische Bildung unabhängig von der
wissenschaftlichen Kunstschule zu organisiren. Ich hoffe, dass bei
entschiedener Durchführung des Satzes, nicht mündlich zu lehren, was im
Buche steht, der Lectionskatalog dieser Facultät kürzer werden wird, als
er bisher war; wiewohl durch unsere Grundsätze des zu Erlernenden mehr
geworden ist.

Die ^Heilkunde^ ruht auf dem zweiten Theile des positiv zu Erlernenden,
der ^Naturwissenschaft^; jedoch erlaubt ihr gegenwärtiger Zustand den
Zweifel, in welchem auch der Schreiber dieses sich zu befinden gern
bekennt, ob aus jener unstreitig wissenschaftlichen Basis in der
wirklichen Heilkunde auch nur ein einziger ^positiver Schluss^ zu
machen, und somit, ob diese Basis ^Leiterin^ sey in der Ausübung, wie in
der Jurisprudenz dies offenbar der Fall ist, oder ob nur gewissen
allgemeinen Resultaten jener Basis bloss nicht ^widersprochen werden
dürfe^ durch die Ausübung; jene daher (die Wissenschaft) für diese (die
Ausübung) nur ^negatives Regulativ^ und ^Correctiv^ wäre? Sollte, wie
wir befürchten, das Letzte der Fall seyn, und wie wir gleichfalls
befürchten, immerfort bleiben müssen, so gäbe es von der Wissenschaft in
irgend einem ihrer Zweige zu der ausübenden Heilkunde gar keinen
stätigen positiven Uebergang, sondern die letztere hätte ihren
eigenthümlichen Boden in einer ^besonderen^, niemals auf ^positive
Principien zurückzuführenden Beobachtung^; sie wäre somit von der
wissenschaftlichen Schule, welche alle Zweige der Naturwissenschaft bis
zu Anatomie, Botanik u. dergl. ohne alle Rücksicht auf Heilkunde, und
als jedem wissenschaftlich gebildeten Menschen überhaupt durchaus
anzumuthende Kenntnisse, sorgfältig triebe, abzusondern, und in einem
für sich bestehenden Institute, rein und ohne wissenschaftliche
Beimischung, die als in der Schule erlernt vorausgesetzt wird, von der
^materia medica^ z. B. an, die ja nichts ist, als die Anwendung der
ärztlichen Empirie auf die Botanik und dergl., zu treiben. Welche
unermesslichen Vortheile eine solche Verselbstständigung der
Naturwissenschaft, die bisher häufig nur als Magd der Heilkunde
betrachtet und bearbeitet wurde, und an ihrem Theile auch der Heilkunde,
dadurch aber dem ganzen wissenschaftlichen Gemeinwesen bringen würde,
leuchtet wohl von selbst ein. Es wäre daher aus Sachkundigen ein Comité
zu Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage und zu Organisirung
derjenigen Anstalten, welche das Resultat dieser Beantwortung
erforderte, zu ernennen. Dass ein solches selbstständiges Institut der
Heilkunde den ihm anheimgefallenen Stoff nach einem festen, auf seine
Encyklopädie begründeten Plane, nach der Maxime, nicht zu lehren, was im
Buche schon steht, behandelte, wäre auch ihm zu wünschen, und es würde
sich von selbst verstehen.

Nun aber, welches ja nicht aus der Acht zu lassen, haben auch die
wichtigsten Resultate der fortgesetzten ärztlichen Beobachtung, deren
wirkliche Vollziehung ihr allein überlassen wird, als ein Theil der
gesammten Naturbeobachtung, Einfluss auf den Fortgang der ganzen
Naturwissenschaft, und so muss auch die wissenschaftliche Schule sie
keinesweges verschmähen, sondern sich in den Stand setzen, fortdauernd
von ihr Notiz zu haben und bei ihr zu lernen. Jedoch wird die Ausbeute
davon niemals sofort und auf der Stelle eingreifen in das Ganze, und so
in den encyklopädischen Unterricht gehören; es wird drum eine andere, an
ihrem Orte anzugebende Maassregel getroffen werden müssen, dieselbe
aufzunehmen, und sie bis zur Eintragung in die Encyklopädie
aufzubewahren.

Dass die ^Theologie^, falls sie nicht den ehemals laut gemachten und
auch neuerlich nie förmlich zurückgenommenen Anspruch auf ein Geheimniss
feierlich aufgeben wollte, in eine Schule der Wissenschaft nicht
aufgenommen werden könne, ist schon oben gezeigt. Giebt sie ihn auf, so
bequemt sie sich dadurch zugleich zu der bisher auch nicht so recht
zugegebenen Trennung ihres praktischen Theiles von ihrem
wissenschaftlichen.

Um zuvörderst den ersten abzuhandeln: der Volkslehrer, den sie bisher zu
bilden sich vorsetzte, ist in seinem Wesen der Vermittler zwischen dem
höheren, dem wissenschaftlich ausgebildeten Stande (denn einen anderen
höheren Stand giebt es nicht, und was nicht wissenschaftlich ausgebildet
ist, ist Volk), und dem niederen, oder dem Volke. Zunächst zwar, und
dies mit vollem Rechte, knüpft er sein Bildungsgeschäft an die Wurzel
und das Allgemeinste aller höheren menschlichen Bildung, an die Religion
an; aber nicht bloss diese, sondern alles, was von der höheren Bildung
an das Volk zu bringen und seinem Zustande anzupassen ist, soll er
immerfort demselben zuführen.

Nichts verhindert, dass er nicht noch neben diesem Berufe ein die
Wissenschaft selbst in ihrer Wurzel selbstthätig bearbeitender und sie
weiter bringender Gelehrter sey, wenn er ^will^ und ^kann^; aber es ist
ihm für diesen Beruf nicht nothwendig, und drum ihm nicht anzumuthen. Es
ist für ihn hinlänglich, dass er überhaupt die Kunst besitze,
wissenschaftliche Gegenstände zu ^verstehen^ und sich über sie
^verständlich zu machen^, die er ja schon in der niederen Schule, welche
er auf alle Fälle durchzumachen hat, gelernt haben wird; ferner von dem
gesammten wissenschaftlichen Umfange die allgemeinsten Resultate, und
das Vermögen, erforderlichen Falles durch Nachlesen sich weiter zu
belehren, worin ihm die an der wissenschaftlichen Schule eingeführten
Encyklopädien den Unterricht und die nöthigen Literaturkenntnisse geben.
Die nöthige Anführung zum Philosophiren hat er beim Philosophen zu
holen. Für sein nächstes Geschäft der religiösen Volksbildung hat er zu
allererst sein Religionssystem in der Schule des Philosophen zu bilden.
Für das Anknüpfen seines Unterrichtes an die biblischen Bücher wird es
vollkommen hinreichen, dass ein Buch geschrieben und ihm in die Hände
gegeben werde, in welchem aus diesen Büchern der Inhalt ächter Religion
und Moral entwickelt werde, wobei nun weder die Verfasser dieses Buches,
noch der dadurch zur Bibel^anwendung^ anzuleitende künftige Volkslehrer
sehr bekümmert zu seyn brauchen über die Frage, ob die biblischen
Schriftsteller es wirklich also gemeint haben, wie sie dieselben
erklären; das Volk aber vor dieser, durchaus nicht in seinen
Gesichtskreis gehörigen Frage sorgfältig zu bewahren ist. Der
Volkslehrer hat darum durchaus nicht nöthig, die biblischen
Schriftsteller nach ^ihrem wahren, von ihnen beabsichtigten Sinne^ zu
verstehen; wie denn ohne Zweifel auch bisher, ohngeachtet es
beabsichtiget und häufig vorgegeben worden, weder bei ihm, noch auch oft
bei seinem Professor in der Exegese, dies der Fall gewesen; und wir
somit nicht einmal eine Neuerung, sondern nur das Geständniss der wahren
Beschaffenheit der Sache, und das besonnene Aufgeben eines unnöthigen
und vergeblichen Strebens begehren. Ueber ^Pastoralklugheit^, d. i. über
seine eigentliche Bestimmung als Volkslehrer im Ganzen eines
Menschengeschlechts, und die Kunstmittel, dieselbe zu erfüllen, wird er
ohne Zweifel auch beim Philosophen einige Auskunft finden können. Sein
eigenthümlich ihm anzumuthender Charakter, die ^Kunst^ der
^Popularität^, und die Uebungen derselben durch katechetische,
homiletische, auch ^Umgangsinstitute^ mit Gliedern aus dem Volke, sind
der wissenschaftlichen Schule, welche den scientifischen Vortrag
beabsichtigt, entgegengesetzt, drum von ihm abzusondern, und am
schicklichsten den ausübenden Volkslehrern, wie bei den Juristen, zu
übertragen. Das eigentliche Genie für den künftigen Volkslehrer ist ein
frommes, Menschen und besonders das Volk liebendes Herz; hierauf wäre
bei der Zulassung zu diesem Berufe hauptsächlich zu sehen, und besonders
bei Besetzung der Consistorien, als etwa der künftigen Schulen solcher
Lehrer, würde weit mehr auf diese Eigenschaften, als auf andere
glänzende Talente oder auf ausgebreitete Kenntnisse Rücksicht genommen
werden müssen.

Der wissenschaftliche Nachlass dieser, als einer priesterlichen
Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen mit Tode abgegangenen
Theologie an die wissenschaftliche Schule würde durch eine solche
Veränderung seine ganze bisherige Natur ausziehen und eine neue anlegen.
Es hat derselbe zwei Theile: ein von der Philologie abgerissenes Stück,
und ein Capitel aus der Geschichte. Die morgenländischen Sprachen, zu
denen der den Theologen bis jetzt fast ausschliessend überlassene
hebräische Dialekt einen leichten und schicklichen Eingang darbietet,
machen einen sehr wesentlichen Theil der Sprachentwickelung des
menschlichen Geschlechts aus, und sind bei einer einst zu hoffenden
organischen Uebersicht derselben ja nicht auszulassen; die
hellenistische Form nun vollends der griechischen biblischen
Schriftsteller gehört zur Kenntniss der griechischen Sprache im Ganzen,
welche Sprache ja auf unseren Schulen getrieben wird. Beide erhalten
gegen den aufgegebenen höchst zweideutigen Anspruch, heilige Sprachen zu
seyn, den weit bedeutenderen, dass sie menschliche Sprachen sind,
zurück, und fallen der niederen Schule, die sich ja der Trägheit schämen
wird, die beschränkte hebräische Sprache nicht allgemein bearbeiten zu
können, da sie die sehr reiche griechische Sprache mit Glück bearbeitet,
wiederum anheim. Ferner sind die biblischen Schriftsteller ja höchst
bedeutende Formen der Entwickelung des menschlichen Geistes, deren
wahrer Werth bloss darum nicht beachtet worden, weil ein erdichteter
falscher alle Aufmerksamkeit der einen Partei anzog, und den Hass und
die unbedingte Nichtbeachtung der anderen Partei erregte. Von nun an,
^sine ira et studio^ in dieser Sache urtheilend, werden wir es ebenso
belehrend und ergötzend finden, den Jesaias zu lesen, als den Aeschylos,
und den Johannes als den Plato, und es wird uns mit dem richtigen
Wortverständnisse derselben, ^welches das gelehrte Studium allerdings
anstreben wird^, weit besser gelingen, wenn auch die ersten ebensowohl
als die zweiten zuweilen auch ^unrecht^ haben dürften, als vorher, da
sie immer, und für die besondere Ansicht jedes neuen Exegeten, recht
haben sollten, welches ohne mancherlei Zwang und ohne nie endenden
Streit nicht zu bewerkstelligen war. Diese Exegese wird redlich seyn,
auch redlich gestehen, was sie nicht versteht, dagegen die vom
theologischen Principe ausgehende höchst unredlich war; (das oben
Vorgeschlagene aber gleichfalls keine unredliche Exegese ist, da es
überhaupt nicht Exegese ist, noch sich dafür giebt, indem eine solche
eine gelehrte Aufgabe ist, die durchaus vor das Volk nicht gehört).

Das Capitel aus der Historie, wovon die bisherige Theologie einen
Haupttheil sich fast ausschliessend zugeeignet, ist die ^Geschichte der
Entwickelung der religiösen Begriffe unter den Menschen^. Es geht aus
dem gebrauchten Ausdrucke hervor, dass die Aufgabe umfassender ist, als
die Theologie sie genommen, indem auch über die Religionsbegriffe der
sogenannten Heiden Auskunft gegeben werden müsste, und dass die
wissenschaftliche Schule sie in dieser Ausdehnung nehmen wird. Mit
diesen zu ihr gehörigen und sie erklärenden Bestandtheilen versehen,
ferner ohne alles Interesse für irgend ein Resultat, und mit redlicher
Wahrheitsliebe bearbeitet, wird auch die eigentliche Kirchengeschichte
eine ganz andere Gestalt gewinnen, und man wird der Lösung mehrerer
Probleme (z. B. über die wahren Verfasser mancher biblischen Schriften,
über die ächten oder unächten Theile derselben, die Geschichte des
Kanon, u. s. w.), die dem Unbefangenen noch immer nicht gründlich gelöst
zu seyn scheinen könnten, näher kommen, oder auch genau finden und
bekennen, was in dieser Region sich ausmitteln lasse, und was nicht. Es
wäre, wie sich versteht, dieser Theil der Geschichte dem Encyklopädisten
der gesammten Geschichte, zur Verflechtung in seinen Studienplan,
anheimzugeben. --

Zur Entscheidung über die oben vorgelegte Hauptfrage, und falls die
Antwort darauf befriedigend ausfiele, zur Entwerfung eines festen Planes
und Errichtung eines besonderen Institutes zur Bildung künftiger
Volkslehrer wäre ein aus sachverständigen und guten Theologen und
Predigern bestehendes Comité niederzusetzen.


                                §. 27.

Diesen zu beauftragenden einzelnen Männern und Comités wäre, ausser den
schon angeführten Geschäften, auch noch folgendes aufzugeben, dass sie
vollständig untersuchten, was an gelehrtem Apparate für jedes Fach
(Bücher, Kunst- und Naturaliensammlungen, physikalische Instrumente, und
dergl.) vorhanden sey, welche Notwendigkeiten dagegen uns abgingen und
angeschafft werden müssten; für vollständige Kataloge und Repertorien
dieser Schätze sorgten; und in ihre Studienpläne den zweckmässigen,
folgegemässen Gebrauch derselben aufnähmen. Falls die beauftragten
einzelnen Männer neben ihrem ersten Geschäfte zu diesem nicht Zeit
fänden, so wären sie zu ersuchen, einen anderen tüchtigen Mann für
dasselbe zu ernennen.

In diesem Geschäfte hätten sie von einer Seite sich sorgfältig zu hüten,
dass sie, etwa um nichts umkommen zu lassen, oder aus Streben nach
äusserem Glanze und Rivalität mit anderen gelehrten Anstalten, durch
Beibehaltung überflüssiger Dinge der Reinheit und Einfachheit unserer
Anstalt Abbruch thäten; sowie von der anderen Seite nichts zu sparen am
wirklich Nöthigen. Was den äusseren Glanz betrifft, so wird uns dieser,
falls wir nur das innere Wesen redlich ausbilden, von selbst zufallen;
die bedachte Beachtung desselben aber, und die Nachahmung anderer, von
denen wir nicht Beispiele annehmen, sondern sie ihnen geben wollen,
würde uns wiederum in die Verworrenheit hineinwerfen, welche ja von uns
abzuhalten unser erstes Bestreben seyn muss.


                                §. 28.

Durch die allseitige Lösung der aufgestellten Aufgaben wäre nun fürs
erste zu Stande gebracht das ^lehrende Subject^ der wissenschaftlichen
Kunstschule. Wir könnten mit den encyklopädischen Vorlesungen eine, fürs
erste in ihren übrigen Bestimmungen ^ganz gewöhnliche Universität^
eröffnen. Es wären jedoch diese gesammten Vorlesungen, in denen, immer
nach dem Ermessen des Lehrers, der fortfliessende Vortrag mit Examinibus
und Conversatorien, deren Besuchung jedem Studirenden ^freistände^,
keiner aber dazu ^verbunden^ wäre, abwechselte, über das erste
Unterrichtsjahr also zu vertheilen, dass die Studenten, und wenn sie es
wollten, auch die Lehrer, diese Vorlesungen alle hören könnten, dennoch
aber den ersteren zum aufgegebenen Bücherlesen und zur Ausarbeitung der
Aufsätze, -- von welchem demnächst, -- den letzteren zu Beurtheilung
dieser Aufsätze Zeit übrig bliebe. Es möchte in dieser Zeitberechnung
bei beiden Theilen in Gottes Namen auf noch mehr als den üblichen Fleiss
und Berufstreue gerechnet werden; indem diese Eigenschaften ohnedies an
unserer Schule an die Tagesordnung kommen sollen, und drum nicht zu früh
eingeführt werden können.


                                §. 29.

^Während^ dieser encyklopädischen Vorlesungen des ersten Lehrjahres
stellen der philosophische Lehrer sowohl, als die übrigen
encyklopädischen eine ^Aufgabe^ an ihr Auditorium, in dem oben sattsam
charakterisirten Geiste; so dass das aus dem mündlichen Vortrage oder
dem Buche Erlernte nicht bloss wiedergegeben, sondern dass es zur
Prämisse gemacht werde, damit sich zeige, ob der Jüngling es zu seinem
freien Eigenthume erhalten habe, und als anhebender Künstler etwas
Anderes daraus zu gestalten vermöge. Diese Aufgabe bearbeitet jeder
Studirende, der da will, in einem Aufsatze, den er zu einem bestimmten
Termine vor Beendigung des Lehrjahres, mit einem versiegelten Zettel,
der den Namen des Verfassers enthalte, bei dem aufgebenden Lehrer
einsendet. Der Lehrer prüft diese Aufsätze und hebt die vorzüglichsten
heraus.

In dieser Beurtheilung der Aufsätze ist bei rein philosophischem Inhalte
der Lehrer der Philosophie unbeschränkt: zur Krönung anderer aber, die
einen positiv wissenschaftlichen Stoff haben, müssen der encyklopädische
Lehrer des Faches und der Philosoph (später, wenn wir eine solche haben
werden, die philosophische Klasse) sich vereinigen, der ^erstere^
entscheidend über die Richtigkeit und die auf dieser Stufe des
Unterrichts anzumuthende Tiefe und Vollständigkeit der historischen
Erkenntniss, der zweite über den philosophischen und Künstlergeist, mit
welchem jener Stoff verarbeitet worden. Ein von ^Einem^ dieser beiden
verworfener Aufsatz bleibt verworfen, obschon der andere Theil ihn
billigte. Die Nothwendigkeit dieser Mitwirkung der philosophischen
Klasse liegt im Wesen einer Kunstschule: die Mitwirkung des historischen
Wissens aber soll uns dagegen verwahren, dass nicht in empirischen
Fächern ^a priori^ phantasirt werde, statt gründlicher Gelehrsamkeit.

Am ^Schlusse^ des ersten Lehrjahres wird das Resultat der also
vollzogenen Beurtheilung der eingegebenen Aufsätze, und die Namen derer,
deren Ausarbeitungen gebilligt sind, bekannt gemacht; und es treten von
ihnen diejenigen, ^welche wollen^, zusammen, als der erste Anfang eines
^lernenden Subjects^, in höherem und vorzüglicherem Sinne, an unserer
wissenschaftlichen Kunstschule. Welche wollen, sagte ich; denn obwohl
die Ausfertigung eines Aufsatzes, und die Unterwerfung desselben unter
die Beurtheilung des lehrenden Corps, diesen Willen vorauszusetzen
scheint: so können mit dem ersten doch auch mancherlei andere Zwecke
beabsichtigt werden, von denen zu seiner Zeit; alle Studirenden an
unserer Universität können auch für diese Zwecke berechtiget werden; und
es muss darum jedem, der sogar beitreten ^dürfte^, überlassen werden, ob
er ^will^. Inzwischen wird die Fortsetzung unseres Entwurfes ohne
Zweifel die sichere Vermuthung begründen, dass jeder wollen werde, der
da dürfe.


                                §. 30.

Sie treten zusammen zu einer einzigen grossen Haushaltung, zu
gemeinschaftlicher Wohnung und Kost, unter einer angemessenen liberalen
Aufsicht. Ihre Bedürfnisse ohne alle Ausnahme, nicht ausgeschlossen
Bücher, Kleider, Schreibmaterialien u. s. f. werden ihnen von der
Oekonomieverwaltung in Natur gereicht, und sie haben, die Verwaltung
eines mässigen Taschengeldes abgerechnet, wofür ein Maximum festgesetzt
werden könnte, während ihrer Studienjahre mit keinem anderen
ökonomischen Geschäfte zu thun. (Der Grund dieser Einrichtung ist schon
oben angegeben worden; und auf die Einwendung, dass junge Leute auf der
Universität zugleich das Haushalten mitlernen müssten, ist zu erwiedern,
dass, falls dieselben bei uns das Ehrgefühl, die Gewissenhaftigkeit und
die intellectuelle Bildung erhalten, die wir anstreben, es sich mit dem
künftigen Haushalten von selbst finden werde; erhalten sie aber bei dem
Grade der Sorgfalt, den wir anwenden werden, dieselbe nicht, so ist gar
kein Schaden dabei, dass sie auch äusserlich verderben, und mag dies
immer je eher je lieber geschehen.) Inwiefern aber diese Verpflegung
^ihnen frei auf Kosten des Staates^, oder auf ihre eigenen Kosten
gereicht werden solle, davon behalten wir uns vor, tiefer unten zu
sprechen; und wollen wir mit dem Gesagten keinesweges unbedingt das
Erste gesagt haben.

Mit diesem also zu Stande gebrachten Stamme tritt nun das lehrende Corps
in das oben beschriebene innige Wechselleben. Sie werden fortdauernd
erforscht und in ihrem Geistesgange beobachtet, sie haben den ersten
Zutritt zu den Examinibus, Conversatorien, dem Umgange und der Berathung
der Lehrer, und stehen in der Benutzung der vorhandenen literarischen
Hülfsmittel jedem Anderen vor; auf ihre nächsten unmittelbaren und
wohlbekannten Bedürfnisse rechnet immerfort der gesammte mündliche
Vortrag der Kunstschule. Im Falle der würdigen Benutzung dieser Schule,
die durch eine tiefer unten zu beschreibende Prüfung documentirt wird,
stehen sie bei Besetzung der höchsten Aemter des Staates allen Anderen
vor (und tragen den von Gottes Gnaden durch ein vorzügliches Talent
ihnen geschenkten, und durch würdige Ausbildung jenes ersteren
verdienten Adel).

Immerhin mögen neben ihnen andere Studirende an den vorhandenen
Bildungsmitteln der Anstalt, welche recht eigentlich doch nur für jene
sind, nach allem ihren Vermögen theilnehmen, und in freier Bildung jenen
den Rang abzulaufen suchen, welches, falls es ihnen gelänge, auch nicht
unanerkannt bleiben soll. Diese wachsen gewissermaassen wild, wie im
Walde; jene sind eine sorgfältig gepflegte Baumschule, welche in alle
Wege doch auch seyn soll, und aus welcher sogar dem Walde manches edlere
Saamenkorn zufliegen wird. Jene sind ^regulares^, und es wird wohl auch
eine anständige deutsche Benennung für sie sich finden lassen; diese
sind ^irregulares^, blosse ^Socii^ und ^Zugewandte^; und dies wären die
beiden Hauptklassen, in die unser studirendes Publicum zerfiele.


                                §. 31.

Es würde auch fernerhin nach jedem abgelaufenen Lehrjahre denen, die bis
jetzt noch unter den Zugewandten sich befänden, freistehen, durch
gelungene Ausarbeitungen (indem gegen das Ende jedes Lehrjahres Aufgaben
für dergleichen gegeben werden) ihre Aufnahme unter die Regularen
nachzusuchen. Ausserdem würden diejenigen der jungen Inländer, welche
vorzügliches Talent und Progressen von der niederen Schule zu
documentiren vermöchten (über deren Grad und die Art der Beweisführung
später etwas Festes bestimmt werden kann), gleich bei ihrem Eintritte
auf die Universität ein Recht haben auf einen Platz unter den Regularen.


                                §. 32.

Es wäre zu veranlassen, dass gleich bei der Eröffnung der Universität,
da es noch keine Regulare giebt, diejenigen, welche die Aufnahme unter
sie durch Ausarbeitungen zu suchen gedächten, ebenso wie späterhin die
Regularen es sollen, zu einem gemeinschaftlichen Haushalt
zusammenträten. Diese, obwohl unter besonderer Aufsicht des
Lehrinstituts stehend, wäre dennoch keine eigentliche öffentliche,
sondern eine Privatanstalt, und die Mitglieder lebten nicht, wie es mit
den Regularen unter gewissen Bedingungen wohl der Fall seyn kann, auf
Kosten des Staates, sondern auf die eigenen, die jedoch, ganz wie bei
den Regularen, gemeinschaftlich verwaltet würden. Es könnte auch
denjenigen unter diesen Vereinigten, welche beim Anfange des zweiten
Lehrjahres nicht unter die Regularen aufgenommen, und so aus dieser
ersten Verbindung in eine neue hinübergenommen würden, nicht verwehrt
werden, in dieser ihrer ersten Verbindung fortzuleben, indem sie zufolge
des vorhergehenden §. beim Anfange des künftigen Lehrjahres glücklicher
seyn können, und so ^Candidaten^ der ^Regel^ zu bleiben. Es könnten zu
ihnen hinzutreten, um denselben Anspruch zu bezeichnen, andere, die
bisher unter den Zugewandten sich befanden, desgleichen die von der
niederen Schule Kommenden, die nicht schon von daher das Recht,
unmittelbar unter die Regularen zu treten, mitbringen. Diese machen nun
eine dritte Klasse der bei uns Studirenden, ein Verbindungsglied
zwischen den Regularen und den Zugewandten: ^Novizen^. Sie sind schon
durch die Natur der Sache, indem die Lehrer wissen, dass vorzüglich aus
ihrer Mitte beim Anfange des neuen Lehrjahres sie das Collegium der
Regularen zu ergänzen haben werden, der besonderen Beachtung derselben
empfohlen.


                                §. 33.

Damit nun nicht etwa die Zugewandten, -- denn von den Novizen, die ihren
Anspruch auf die Regel durch ihr Zusammenleben bekennen, ist dies nicht
zu befürchten -- um der grösseren Licenz willen, jemals versucht werden,
sich für vornehmer zu halten, denn die Regularen, soll der Vorzug der
letzteren sogar äusserlich anschaubar gemacht werden durch eine
^Uniform^, die kein Anderer zu tragen berechtigt sey, denn sie und ihre
ordentlichen Lehrer. Damit dieser Rock gleich anfangs die rechte
Bedeutung erhalte, sollen sogleich von Eröffnung der Universität an die
ordentlichen Lehrer diese Uniform gewöhnlich tragen, also dass im ersten
Lehrjahre nur sie, und diejenigen, die in demselben Verhältnisse mit
ihnen zur Universität stehen, damit bekleidet seyen; später, nach
Ernennung des ersten Collegiums von Regularen, sie auf diese fortgehe,
und so ferner bei allen folgenden Ergänzungen des letzteren. --


                                §. 34.

Diese Einrichtung soll zugleich die äussere sittliche Bildung unserer
Zöglinge unterstützen, und die Achtung derselben bei dem übrigen
Publicum befördern und sicherstellen. Gründliches und geistreiches
Treiben der Wissenschaft veredelt ohnedies ganz von sich selbst;
überdies wird für die Entwickelung der Ehrliebe und des Gefühls für das
Erhabene, als das eigentliche Vehiculum der sittlichen Bildung des
Jünglings, durch Beispiel und Lehre gesorgt werden; die Ordnung aber
kommt durch die getroffene Einrichtung von selber in seinen Lebenslauf:
und so ist für die innere Bildung gesorgt.

Die äussere wird, bei entwickelter Ehrliebe, der Gedanke unterstützen,
dass sein Rock ihn bezeichne, und dass dieses Kleid nicht im Müssiggange
auf den Strassen sich herumtreiben, oder wohl gar an gemeinen Orten und
bei Zusammenläufen sichtbar werden, sondern dass es, als Mitglied der
Gesellschaft, nur in Ehrenhäusern erscheinen dürfe. Was aber Ehrenhäuser
sind, wird man ihm sagen, und auf alle Weise die Erlaubniss, in solchen
Häusern ihn zu empfehlen, zu verdienen suchen. (Z. B. mag immerhin beim
jetzigen Zustande der Dinge unter gewissen Umständen ein ehrliebender
Jüngling, der in ein Duell verflochten worden, Entschuldigung verdienen,
so soll doch unser Zögling durchaus keine finden ^darüber^, dass er sich
erst unter Pöbel, von welcher Geburt derselbe auch übrigens seyn möge,
begeben, wo dergleichen möglich war. Dahin werde der ^point d'honneur^
des ganzen Corps gerichtet. Feige übrigens sollen sie nicht werden.)

Nach aussen hin ist gegen die Hauptquelle der Verachtung im Leben,
Unordnung im Haushalt und Schuldenmachen, unser Zögling gesichert. Dass
bei Excessen, deren Urheber unbekannt bleiben sollten, nicht auch
unschuldig, wie dies in den Universitätsstädten wohl zu geschehen
pflegt, dies Corps als der stets vorauszusetzende allgemeine Sünder
aufgestellt werde, dagegen werden die Lehrer sich durch die Vorstellung
schützen: Habt ihr unsern Ehrenrock bei dem Excesse gesehen? Habt ihr
dies nun nicht, so verleumdet nicht unsere Zöglinge, denn diese gehen
nie aus, ausser in diesem Rocke: und sie (diese Lehrer) werden überhaupt
alles Ernstes auf die Ehre ihrer Zöglinge und auf alle die Einrichtungen
halten, die ihnen möglich machen, dies mit ihrer eigenen Ehre zu thun.


                                §. 35.

Die ^Zugewandten^ stehen, da sie weder eigentliche Mitglieder unserer
Anstalt, noch eigentliche angesessene Bürger sind, unter der allgemeinen
Polizei, und es muss diese, ohne alle Mitwirkung von Seiten der Anstalt,
und ganz auf ihre eigene Verantwortung, die Einrichtungen, wodurch den
übrigen Bürgern die gehörige Garantie in Hinsicht dieser Fremden
geleistet werde, treffen. Nicht anders würde es sich mit den Novizen
verhalten; welche jedoch, da sie eine Einheit bilden, und ein sichtbares
Band dieser Einheit an ihrer ökonomischen Verwaltung haben, eine
tüchtigere Garantie zu geben, auch durch diesen ihren Repräsentanten in
Unterhandlung mit der Polizei zu treten vermögen, und so, in Absicht der
Individuen, einer liberaleren Gesetzgebung unterworfen werden können,
als die ersteren. Nun aber steht die Lehranstalt mit diesen beiden
Klassen noch in einem engeren Verhältnisse, denn die übrigen Bürger, und
es ist der allgemeinen Polizei völlig fremd, dasjenige, was aus diesem
engeren Verhältnisse hervorgeht, zu ordnen. Demnach fielen die dahin
gehörigen Anordnungen dem Institute, als dem einen und vorzüglichsten
Theilnehmer des abzuschliessenden Contractes anheim. -- Diese Klassen
haben zu allen von der Schule getroffenen Lehranstalten den Zutritt; da
aber ferner die Schule weder um ihre wissenschaftlichen Fortschritte,
noch um ihre Aufführung sich im mindesten bekümmert, so beschränkt sich
ihr Recht an diese lediglich auf den Punct, ^sich gegen die
Verletzungen, welche aus der Ertheilung dieses Zutrittes entstehen
könnten^ (denn gegen andere Verletzungen schützt auch sie die allgemeine
Polizei), ^zu schützen^.

Dergleichen Verletzungen würden seyn: Störung der Ruhe und Ordnung in
den Lehrübungen, zu denen sie den Zutritt erhalten; Verletzung der
Achtung, die das Verhältniss des Lernenden zum Lehrer, oder der
Zugewandten zu denen, um deren willen die Anstalt eigentlich da ist,
erfordert; endlich könnten, bei dem bekannten Eigendünkel und der
verkehrten Reizbarkeit der gewöhnlichen Studirenden, aus dem, Dingen der
ersten und zweiten Art entgegengesetzten Widerstande der Lehrer andere
gröblichere Beleidigungen und Angriffe erfolgen, welche, als erfolgt
lediglich aus dem verstatteten Zutritte, nicht nach allgemeinen
polizeilichen Grundsätzen, sondern nach strengeren beurtheilt werden
müssten.

Es müsste demzufolge zwischen der Lehranstalt und jedem Individuum der
Contract, durch den das letztere das Recht des Zutrittes erhält und sich
auf die Bedingungen, unter denen es dasselbe erhält, verpflichtet, durch
einen ausdrücklichen Act abgemacht werden. Dieser Act ist die
^Inscription^; die Bedingungen aber sind die ^Gesetzgebung^ für den
Zugewandten, welche, da das übrige Verhältniss desselben zu anderen
Bürgern eine Sache der Polizei ist, durchaus nur sein Verhältniss zur
Lehranstalt, ^als solcher^, zu bestimmen hat. Die Novizen können, aus
dem schon der Polizei gegenüber angegebenen Grunde, auch in dieser
Beziehung unter eine mildere Gesetzgebung gesetzt werden.

Der Act der Inscription und Verpflichtung auf die Gesetze ist ein
juridischer, und wird drum am schicklichsten, sowie die unten zu
bezeichnenden Justizgeschäfte einem besonders zu ernennenden
^Justitiarius^ der Lehranstalt anheimfallen.

Da die Anstalt in gar kein anderes Verhältniss mit den Zugewandten
eingeht, als auf die Erlaubniss des Zutrittes, so bleibt ihr auch kein
anderes Zwangsmittel übrig, als die Zurücknahme dieser Erlaubniss.
Dieses kann geschehen im ^Besonderen^ oder im ^Allgemeinen^. In Absicht
des ersteren muss es jedem einzelnen Lehrer, auf seine eigene
Verantwortung vor seinem Gewissen, freistehen, einen Zugewandten, dessen
Unruhe und Zerstreutheit ihn oder sein Auditorium stört, oder der ihn
oder seine mit ihm enger verbundenen Schüler beleidigt hat, den Zutritt
zu seinen Lehrübungen für eine gewisse Zeit, oder auch auf immer, zu
untersagen; und das ganze lehrende Corps muss ihn hiebei, durch die
Verwarnung vor grösserem Uebel, auf seine blosse Anzeige unterstützen.
Das zweite erklärt sich selbst; und sind die Fälle, -- unter die der,
dass jemand der Verweisung eines einzelnen Lehrers aus seinem Auditorium
nicht Folge geleistet hätte, mit gehört, -- durch das Gesetz
festzustellen. Sollte, bei Verborgenheit der Urheber beleidigender
Attentate, etwas erst ausgemittelt werden müssen, so fällt diese
Untersuchung dem Justitiarius der Universität anheim, vor dessen Gericht
sich der Inscribirte, bei Strafe der Relegation ^in contumaciam^, zu
stellen hat. Bisherige Universitäten, z. B. die Nutritoren der
Jenaischen Universität und derselben Senat, haben angenommen, dass es in
solchen Fällen für die Verurtheilung keinesweges des strengen
juridischen Beweises bedürfe, sondern dass ein dringender Verdacht dazu
hinreiche; indem ja nicht irgend eine Strafe zugefügt, sondern nur eine
frei ertheilte Erlaubniss wiederum zurückgenommen werde, weil deren
Fortdauer gefährlich scheine; und der Verfasser dieses ist der Meinung,
dass diese recht haben, und dass auch wir denselben Grundsatz
aufzunehmen hätten. Der Justitiarius ist in dieser Qualität, als
Verwalter des Rechtes des Institutes, sich selbst zu schützen, demselben
verantwortlich.

Mit der Zurücknehmung der Inscription ist, theils um die Mitglieder der
Universität gegen den ferneren Ueberlauf und die Rache der Entlassenen
zu sichern, theils, weil ein solcher gar keinen Grund mehr aufweisen
kann, seinen Aufenthalt an diesem Orte fortzusetzen, die Verweisung aus
der Universitätsstadt und ihrer nächsten Nachbarschaft, oder die
^Relegation^ natürlich verknüpft. Die Pflicht, über diese zu halten,
fällt der Polizei, die in dieser Rücksicht gar nicht Richter oder
Revisor des Urtheils, sondern lediglich Executor des schon gesprochenen
Urtheils ist, anheim; und müsste gegen diese, falls sie ihre Pflicht
lässig betriebe, die Universität als Kläger auftreten.

(Sollte in dieser Ansicht einige Richtigkeit seyn, so würde daraus auch
erhellen, wie die bisherige Justizverwaltung auf Universitäten, bald in
der Voraussetzung, dass die Universität nicht mehr dürfe, als eine
Erlaubniss zurücknehmen, die sie selbst gegeben, bald, indem sie
zugleich das ihr fremde Geschäft der Polizei und der Civiljustiz ausüben
sollte, endlich, indem ihr auch ein Gefühl ihrer Vater- und
Erzieherpflichten entstand, geschwankt, und bald zu viel, bald zu wenig
gethan habe. Hier ist durch die Trennung zwei sehr verschiedener Klassen
von Studirenden der Widerspruch gelöst; und durch die anheimgegebene
Freiheit, zu welcher Klasse jemand gehören wolle, das persönliche Recht
behauptet.)


                                §. 36.

In Absicht der Verknüpfung der Relegation mit der Zurücknahme der
Inscription, die bei Fremden ganz unbedenklich ist, dürfte in dem Falle,
da die zu Relegirenden ihren elterlichen Wohnplatz in der
Universitätsstadt hätten, billig das Bedenken eintreten, ob die
Universität, sowie sie ohne Zweifel das Recht hat, diese aus ihren
Hörsälen zu verweisen, auch das Recht habe, sie aus ihrem väterlichen
Hause zu vertreiben. Da inzwischen, falls man ihr dieses Recht
absprechen müsste, sie gegen diese durchaus nicht weniger gefährlichen
Jünglinge ohne eine besondere Einrichtung nicht gesichert werden könnte,
so wäre als eine solche besondere Einrichtung vorzuschlagen: 1) dass
Söhne aus der Universitätsstadt, falls sie nicht etwa schon als
Mitglieder einer niederen Schule das gute Zeugniss dieser ihrer Lehrer
für sich hätten, sich einige Zeit vor der Inscription zu derselben
anmelden müssten, und von da an beobachtet würden, und dass man ihnen,
falls diese Beobachtung Bedenklichkeit gegen sie einflösste, die
Inscription verweigern könne. 2) Dass ihre Eltern eine namhafte Summe
als Caution für sie stellten, deren erste Hälfte im Falle der
Zurücknahme der Inscription, statt der Relegationsstrafe, mit der sie
dermalen verschont blieben, verfiele; dass aber, falls sie hinführo von
neuem sich einiger Excesse gegen die Lehranstalt schuldig machten, auch
die andere Hälfte verfiele, und sie dennoch relegirt würden. Sollten
Eltern diese Caution stellen nicht können oder wollen, so müssen sie
sich es eben gefallen lassen, dass auch ihre Söhne im Falle der
Verschuldung relegirt werden; sowie bisher zuweilen sogar Professoren
sich haben gefallen lassen müssen, dass ihren unfertigen Söhnen dieses
begegnet; indem es gänzlich in dem freien Vermögen aller Studenten in
der Welt beruhet, diejenigen Handlungen, welche Relegation nach sich
ziehen, und deren Katalog bei uns, die wir der Polizei und dem
Civilgerichte überlassen würden, was ihres Amtes ist, gar nicht gross
seyn würde, zu unterlassen.


                                §. 37.

Die Regularen werden vom Staate und seinem Organe, der allgemeinen
Polizei (denn mit der Civiljustiz könnte wohl die Oekonomieverwaltung
derselben, keinesweges aber ein Einzelner von ihnen zu thun bekommen),
betrachtet als ein Familienganzes, das als solches für seine Mitglieder
einsteht. Wäre von den letzteren gesündigt, so ist freilich das Ganze
zur Verantwortung und Strafe zu ziehen; dagegen bleibt die Bestrafung
des einzelnen Mitgliedes der Familie selbst überlassen und wird im
Schoosse derselben vollzogen, und ist väterlich und brüderlich, und soll
dienen als Erziehungs-, keinesweges aber als schreckendes Mittel. Nur
wenn ein Individuum vom Körper abgesondert und ausgestossen werden
müsste, könnte es wieder als Einzelner dastehen, und dem Forum, für
welches es sodann gehörte, anheimfallen.

Es erhellt, dass ohne vorhergegangene Degradation und Ausstossung keine
der bisher aufgestellten gesetzlichen Verfügungen auf die Regularen
passen, und dass für sie weder Justitiarius oder Relegation, oder dass
etwas stattfinde. Durch die blosse Ausstossung könnten sie doch nicht
weniger werden, als das, was sie ohne Einverleibung in das Corps der
Regularen gewesen seyn würden, ^Zugewandte^, und erst als solche müssten
sie von neuem sich vergehen, um der Polizei oder dem Justitiarius,
welchem sie ja von nun an erst anheimfallen, verantwortlich zu werden.
Dass die Fälle, in denen ein Familienganzes seine Mitglieder nicht
vertreten kann, z. B. Criminalfälle, ausgenommen sind, dass aber auch
sodann die Degradation der Auslieferung an den Richter vorhergehen
müsse, ist unmittelbar klar.

Die Regularen hätten sonach zuvörderst für sich eine Regel zu finden,
nach der die Möglichkeit solcher Fälle so gut als aufgehoben, und
überhaupt alle Vorkehrungen so getroffen würden, dass die Polizei keine
Gelegenheit fände, von ihnen Notiz zu nehmen: sodann ein Ephorat und
Gericht zu errichten, das über die Ausübung dieser Regel hielte. Ohne
dies würde in dem Hause, in welchem sie beisammen wohnten, ein alter
ehrwürdiger Gelehrter, der selbst einst mit Ruhm und Verdienst Lehrer am
Institut gewesen wäre, als der unmittelbarste Hausvater der Familie, mit
ihnen wohnen und leben. (Sollte späterhin die Gesellschaft also
anwachsen, dass sie in mehrere Häuser vertheilt werden müsste, so müsste
diese nicht etwa durch die Benennung verschiedener Collegia getrennt,
sondern das Einheitsband müsste durch die Gemeinschaftlichkeit Eines
Hausvaters und durch andere Mittel auch äusserlich sichtbar bleiben.)
Dieser wäre der natürliche Präsident dieses Familiengerichts. Ferner
sind natürliche Beisitzer desselben alle ordentlichen Lehrer an der
Anstalt, indem ja deren eigene Ehre von der Ehre ihres Zöglings abhängt;
und könnten dieselben, zur Sparung ihrer Zeit, ^abwechselnd^ in
demselben sitzen. Endlich wären, damit ein wahrhaftes Familien- und
Brudergericht entstände, aus den Regularen selbst, nach einer leicht zu
findenden Regel, Beisitzer zu ernennen. Deren richterliche Verwaltung
trüge nun den oben angegebenen Grundcharakter, die Verhandlungen aber
und Richtersprüche derselben blieben durchaus im Schoosse dieses Corps;
hierüber anderen etwas mitzutheilen, würde betrachtet als eine
Ehrlosigkeit, die unmittelbar die Ausstossung nach sich ziehen müsste.

Eine ähnliche Einrichtung können die Novizen, falls sie eine Verwaltung
finden, deren Garantie die Polizei annehmen will, treffen. Nur haben sie
keinen Anspruch auf den Beisitz der ordentlichen Lehrer in ihrem
Familiengerichte; es kann ihnen aber erlaubt werden, ausserordentliche
Professoren, von denen zu seiner Zeit, oder auch andere brave Gelehrte,
zu diesem Beisitze einzuladen. Ueberhaupt, so ähnlich auch das Noviziat
jetzt oder künftig dem Collegium der Regularen werden möchte, so bleibt
doch immer der Hauptunterschied, dass das letztere unter öffentlicher
Autorität und Garantie steht, das erste aber ein mit Privatfreiheit zu
Stande gebrachtes Institut ist, dessen Mitglieder von Rechtswegen keinen
grösseren Anspruch haben, denn die Zugewandten, und die die
Begünstigungen, welche Polizei und Universität ihnen etwa geben, nur
anzusehen haben als ein freies Geschenk, das ihnen auch wieder entzogen
werden kann.


                                §. 38.

Durch das Bisherige ist nun auch die Entstehung des ^lernenden
Subjectes^ in seinen verschiedenen Abstufungen, und wie dasselbe
immerfort ergänzt und erneuert werden solle, beschrieben. Wir können
nunmehro auch an eine weitere Bestimmung des schon oben im Allgemeinen
aufgestellten lehrenden Subjectes gehen.

Auf den bisherigen Universitäten war es Doctoren und ausserordentlichen
Professoren erlaubt, sich im Lesen zu versuchen und zu erwarten, ob ein
Publicum sich um sie herum versammeln werde. Haben dieselben schon auf
einer anderen Universität das Recht, Vorlesungen zu halten, gehabt, so
können auch wir es ihnen erlauben. Im entgegengesetzten Falle mögen sie
das anderwärts Gebräuchliche auch bei uns leisten. Die eigentlichen
Lehrer für die Regularen und die, so es zu werden streben, sind freilich
die encyklopädischen Lehrer, die ja auch die entscheidenden Aufgaben
geben, sowie die von diesen etwa eingesetzten Lehrer des Theils eines
Faches, welche, obwohl Unterlehrer, dennoch ^ordentliche^ Lehrer sind.
Für diese, die wir immer insgesammt ^ausserordentliche^ Professoren
nennen könnten, blieben demnach die Zugewandten übrig, an denen sie sich
versuchen könnten. Dennoch sollen auch nicht nur Regulare, und zwar die
geübtesten und befestigtsten, von dem encyklopädischen Lehrer des Faches
zur Besuchung ihrer Vorlesungen ernannt werden, sondern auch dieser
Lehrer selbst und andere Lehrer befugt seyn, denselben insoweit
beizuwohnen, bis sie einen bestimmten Begriff von den Kenntnissen und
dem Lehrertalent des Mannes sich erworben.

Die erste Erlaubniss zu lesen geht nur auf Ein Lehrjahr. Nach Verfluss
desselben muss abermals um dieselbe eingekommen werden, und es kann
diese nach Befinden der Umstände erneuert oder verweigert werden; oder
auch der zweckmässig befundene Lehrer kann als ordentlicher Unterlehrer
oder auch als Encyklopädist, wenn der vorherige abgehen will, ernannt
werden.

Die Entscheidung über beide Gegenstände hängt, wie bei Beurtheilung der
Aufsätze, ab von der Klasse des Faches, so wie von der philosophischen
Klasse, wo die erstere über die Gründlichkeit der empirischen
Erkenntniss, die zweite über die philosophische Freiheit und Klarheit
entscheidet. Auch hier müssen für ein bejahendes Urtheil beide Stimmen
sich vereinigen, indem jede Klasse erst unter sich und für sich einig
seyn muss, und ihre Stimme hier nur für eine gezählt wird. Da jedoch, so
wie das Alter beschuldigt wird, jeder Neuerung zuweilen sich feindselig
zu zeigen, ebenso die kräftigere Jugend von Eifersucht gegen fremdes
Verdienst nicht immer ganz frei zu sprechen ist, so müsste bei einem die
Erlaubniss zu lesen, oder die Anstellung eines Lehrers betreffenden
Falle fürs erste jede besondere Klasse (die hier requirirte empirische,
so wie die philosophische) zuvörderst in sich selber in zwei Theile
getheilt werden, den ^Rath der Alten^, und den ^der ausübenden Lehrer^,
und nur wenn diese beiden Theile Nein sagten, hätte die Klasse Nein
gesagt, dagegen auch das einseitige Ja des einen Rathes zum Ja der
Klasse würde. Dadurch würde hervorgebracht, dass weder die
Neuerungsfurcht des einen, noch die Eifersucht des anderen Theiles den
Fortschritt zum Besseren hindern könnte, und diesen beiden Dingen an
einander selber ein wirksames Gegengewicht gegeben; wo aber beide Theile
Nein sagten, da würde wohl ohne Zweifel das Nein die richtige Antwort
seyn.

(Uebrigens wird eine solche Eintheilung unseres gelehrten Corps in einen
Senat der Alten und der Lehrer zu seiner Zeit aus dem Wesen des Ganzen,
ganz ohne Rücksicht auf das soeben erwähnte besondere Bedürfniss, sich
sehr natürlich ergeben.)


                                §. 39.

Eine Auswahl der Regularen in jedem Fache wird beim Fortgange der
Anstalt, als ein Professorseminarium, ohnedies unter der Aufsicht der
ordentlichen Lehrer zu den Geschäften des Lehrers angehalten werden.
Diesen könnte, wenn sie aus der Klasse der Studirenden herausgetreten
und zu ^Meistern^ ernannt worden, das Recht zu lesen auf dieselbe Weise
ertheilt werden, so wie aus ihnen die Lehrstellen nach derselben Regel
sehr leicht besetzt werden. Doch würden uns immerfort auf jeder Stufe
unserer Vollendung zu uns kommende fremde Lehrer, auf die §. ^praeced.^
erwähnte Weise, willkommen seyn, und wir dadurch gegen jede
Einseitigkeit des Tones uns zu verwahren suchen.


                                §. 40.

Die Verwaltung des Lehramtes, besonders nach unseren Grundsätzen,
erfordert jugendliche Kraft und Gewandtheit. Nun ist wenigen die
Fortdauer dieser jugendlichen Frischheit bis in ein höheres Alter hinein
zugesichert; auch fällt die Neigung der meisten originellen Bearbeiter
der Wissenschaft in reiferen Jahren dahin, ihre Bildung in einer festen
und vollendeten Gestalt niederzulegen in das Archiv des allgemeinen
Buchwesens, und es ist sehr zu wünschen, dass dies geschehe, und ihnen
die Zeit und Ruhe dazu zu gönnen. Wir müssen darum nicht anders rechnen,
als dass wir die Lehrer an unserer Anstalt nur auf eine bestimmte Zeit
beibehalten wollen. Alle diejenigen, mit denen das Institut zuerst
beginnt, werden sich bald nach der ehrenvoll verdienten Ruhe sehnen, und
gern den Zeitpunct ergreifen, da unter ihnen ein jüngeres Talent sich
gebildet hat, das ihren Platz würdig besetze. Alle während des
Fortganges des Instituts neu angestellte Lehrer sind nur auf einen
bestimmten Zeitraum (etwa für die Periode, innerhalb welcher das
studirende Publicum sich zu erneuern pflegt) anzunehmen, nach dessen
Ablaufe beide Theile, die Universität und der Lehrer, auf die §. 38
beschriebene Weise, den Contract erneuern oder auch aufheben können.


                                §. 41.

Um im ökonomischen Theile solcher Verhandlungen dem bisher oft
stattgefundenen anstössigen Markten zwischen Regierungen und Gelehrten,
indem die ersteren zuweilen von der Verlegenheit eines wackeren Mannes
Vortheil zu ziehen suchten, um seine Kraft und sein Talent wohlfeilen
Kaufes an sich zu bringen, die letzteren zuweilen auch mit dem Gehörigen
sich nicht begnügen mochten, und ihre übertriebenen Forderungen durch
theils mit List an sich gebrachte auswärtige Vocationen unterstützen, in
der Zukunft und für unser Lehrinstitut vorzubauen, mache ich folgenden
Vorschlag:

Entweder sind diese Lehrer Inländer, und auf unserem Institute, wohl gar
als Regulare, wie zu erwarten, gebildet, so hat das Vaterland ohnedies
den ersten Anspruch auf ihre Kräfte, so wie ^sie^ Anspruch auf die
Fürsorge desselben, in jedem Falle und ihr ganzes Leben hindurch, haben;
oder sie sind Fremde, welche bei uns auch ihre Bildung nicht erhalten
haben. Im letzten Falle fordere man von ihnen, dass sie, beim Eingehen
irgend eines Verhältnisses mit uns, oder bei der Erneuerung eines
solchen, sich erklären, ob sie ihr Fremdenrecht beibehalten, oder ob sie
das völlige Bürgerrecht haben (sich ^nostrificiren^ lassen) wollen. Im
ersten Falle müssen wir uns freilich gefallen lassen, dass, falls sie
uns unentbehrlich sind, sie sich uns so theuer verkaufen, als sie irgend
können; jedoch wird diese Verbindung immer nur auf einen Zeitraum
eingegangen; und können wir etwa nach dessen Abfluss sie entbehren, so
sollen sie wissen, dass wir uns sodann um sie durchaus nicht weiter
kümmern werden, und sie gehen können, wohin es ihnen gefällt. Im zweiten
Falle erhält der Staat an sie, und sie an den Staat alle Ansprüche, die
zwischen ihm und den bei uns gebildeten Eingebornen stattfinden. Um nun
in diesem letzteren Verhältnisse zugleich die persönliche Freiheit des
Individuums sicher zu stellen, zugleich eine rechtliche Gleichheit des
Individuums mit dem Staate, der bisher seinem Diener lebenslänglichen
Unterhalt zusichern, von ihm aber zu jeder Stunde sich den Dienst
aufkündigen lassen musste, hervorzubringen, und besonders, um dem
Gelehrtenstande zu grösserer Moralität und Ehrliebe in Dingen dieser Art
zu verhelfen, setze man den Anspruch auf lebenslange Versorgung,
verhältnissmässig nach dem Fache, als ^gleich einem gewissen bestimmten
Capital^, das der des vollkommenen Bürgerrechts Theilhaftige dem Staate
zurückzahle, wenn er dessen bisherige Dienste verlassen will. Ist er nun
dem auswärtigen Berufer dieser Summe werth, so mag derselbe sie
bezahlen, und er ist frei; aber es ist zu hoffen, dass dieser Fall nicht
sehr häufig eintreten, und auf diese Weise wir mit der Beseitigung so
mannigfacher Vocationen verschont bleiben werden.


                                §. 42.

Es ist, in der Voraussetzung dieser Einrichtung, bei der Frage, wie
abgetretene Professoren zu versorgen seyen, nur von solchen die Rede,
denen das vollkommene Bürgerrecht angeboren, oder von ihnen angenommen
ist; indem diejenigen, welche dasselbe abgelehnt, nach ihrem Austritte
nicht nur nicht versorgt werden, sondern es sogar eine feste Maxime
unserer Politik seyn soll, dieselben sobald wie möglich entbehrlich zu
machen.

Die bei uns erzogenen und beim Austritte aus den Studirenden des
^Meisterthums^ würdig befundenen Regularen haben ohnedies den ersten
Anspruch auf die ersten Aemter des Staats, und man könnte auch immerhin
den Lehrern, die das Institut beginnen werden, denselben Anspruch
ertheilen, den man ihren späteren Zöglingen nicht wird versagen können.
Dieser Anspruch und die Fähigkeit, dergleichen Aemter zu bekleiden,
werden dadurch ohne Zweifel nicht vermindert, dass der Mann durch einige
Jahre Lehramt es zu noch grösserer Gewandtheit in demjenigen
wissenschaftlichen Fache, dessen Anwendung im Leben das erledigte
Staatsamt fordert, und nebenbei zu grösserer Reife des Alters und der
Erfahrung gebracht hat; es wäre vielmehr zu wünschen, dass alle diesen
Weg gingen, und das Leben der ersten Bürger in der Regel in die drei
Epochen des lernenden, des lehrenden und des ausübenden
wissenschaftlichen Künstlers zerfiele. Weit entfernt daher, um die
Anstellung ausgetretener Lehrer verlegen zu seyn, müssten wir, wenn wir
auch sonst keines Corps der Lehrer bedürften, ein solches schon als
Pflanzschule und Repertorium höherer Geschäftsmänner errichten, und bei
eintretendem Bedürfnisse aus diesem Behälter zuweilen sogar den, der
lieber darin bliebe, herausheben.

Dieses Bedürfniss austretender Lehrer für den Staat und den höheren
Geschäftskreis desselben noch abgerechnet, bedarf auch für sich selbst
als literarisches Institut solcher Männer. -- Es giebt sehr weit von der
Wurzel des wissenschaftlichen Systems abliegende, in ein sehr genaues
Detail eines Faches gehende Kenntnisse, welche in die allgemeine
Encyklopädie und den gewöhnlichen Kreis des Unterrichts an der
wissenschaftlichen Schule nicht eingreifen, und ohne deren Kenntniss
jemand ein sehr trefflicher Lehrer seyn kann. Doch kann das Bedürfniss
auch dieser Kenntniss für Lehrer und Lernende eintreten; es muss daher
das Mittel vorhanden seyn, sie irgendwo zu schöpfen. Dies seyen fürs
erste die ausgetretenen Lehrer. Vielleicht arbeiten sie ohnedies an
einem Werke, in welchem sie ihre individuelle Bildung in das allgemeine
Archiv des Buches niederlegen wollen, zu dem ihnen die Musse zu gönnen
ist. Nebenbei mögen auch Lehrer und Lernende sich bei ihnen Raths
erholen über das, worin sie vorzüglich stark sind; oder auch
vorkommenden Falles beide sie um einige Vorlesungen ersuchen, in Gottes
Namen über ein orientalisches Wurzelwort, oder die Naturgeschichte eines
einzelnen Mooses. Sie sind mit einem Worte Rath und Hülfe der jüngeren
bei eintretenden Nothfällen im Wissen sowohl als der Kunst.

Indem sie nun doch nicht mehr eigentliche und ordentliche Lehrer an der
Universität, und ihre noch fortdauernden Leistungen nur frei begehrte
und frei gewährte Gaben sind, sind sie eine ^Akademie der Wissenschaft^,
im ^modernen^ (eigentlich französischen) Sinne dieses Wortes; und für
die Universitätsangelegenheiten der oben erwähnte ^Rath^ der ^Alten^.
Mit ihnen tritt bei dergleichen Berathschlagungen das Corps der
wirklichen Lehrer, als ^Rath der ausübenden Lehrer^ zusammen; daher sind
auch die letzteren natürliche Mitglieder der Akademie; und die gesammte
Akademie ist, in Beziehung auf die Universität, der ^Senat^ derselben,
nach den erwähnten beiden Haupttheilen in allen festzusetzenden
besonderen Klassen.

Freie Mitglieder der Akademie bleiben auch die zu anderen Staatsämtern
beförderten ausgetretenen Lehrer, und sie sind befugt, und, inwiefern es
ihre anderen Geschäfte erlauben, ersucht an den Berathschlagungen
derselben, als Mitglieder des Rathes der Alten, Theil zu nehmen (und sie
werden gebeten werden, welche Decorationen auch sonst ihnen zu Theil
geworden seyn dürften, dennoch zuweilen auch unsere Uniform, welche
überhaupt jeder Akademiker trägt, mit ihren Personen zu beehren).

In dieser Akademie Schooss bleibt ihnen auch immer, welche Schicksale
auch sonst auf ihrer politischen Laufbahn sie betroffen haben möchten,
der ehrenvolle Rückzug, und ist ihnen da ein sorgenfreies, geehrtes
Alter bereitet, indem der Charakter eines Akademikers ^character
indelebilis^ wird.


                                §. 43.

Noch wäre, in derselben Rücksicht, um sichern Rath und Hülfe in jeder
literarischen Noth zu finden, eine andere Art von Akademikern, die sogar
niemals ordentliche Lehrer gewesen, anzustellen; ich meine jene
lebendigen Repertorien der Bücherwelt, und die, welche gross und einzig
sind in irgend einer seltenen Wisserei, obwohl sie es niemals zu einer
encyklopädischen Einheit der Ansicht ihres Faches, oder zu einer
lebendigen Kunst in demselben, gebracht haben, und darum als ordentliche
Lehrer für uns nicht taugen. Wir wollen sie nur dazu, dass unser
ordentlicher Lehrer diese lebendigen Bücher zuweilen nachschlage; die
Klarheit und Kunstmässigkeit wird er dem bei ihm geschöpften Stoffe für
die Mittheilung an seine Schüler schon selber geben.

(So starb vor mehreren Jahren zu Jena ein gewisser B.[26], der mehrere
Hunderte von Sprachen zu wissen sich rühmte, und von dem andere, auch
nicht mit Unrecht, sagten, er besitze keine einzige. Dessenohnerachtet,
glaube ich, würde auch der Besitz eines solchen uns wünschenswürdig
seyn. Denn falls etwa, wie es denn in der That dergleichen Leute giebt,
jemand glaubte, das gesammte menschliche Sprachvermögen sey im Grunde
Eins, und die mancherlei besonderen Sprachen seyen nur, nach einem
gewissen Naturgesetze, ohne einige Einmischung der Willkür
fortschreitende weitere Bestimmungen und Ausbildungen jener Einen
Wurzel, und es lasse sich sowohl diese Wurzel, als jenes Naturgesetz
finden; und etwa einer unserer Akademiker an die Lösung dieser Aufgabe
ginge, so würde diesem aus anderen Gründen nicht füglich anzumuthen
seyn, dass er alle Sprachen der Welt wisse; es möchte sie aber neben ihm
und für seinen Gebrauch ein solcher B. wissen, der wiederum immer
unfähig seyn möchte, ein solches Problem zu denken und sein Wissen für
die Lösung desselben zu gebrauchen. -- So müssen wir denn den ganzen
vorhandenen historischen Schatz aller Wissenschaft bei uns
aufzuspeichern suchen, nicht um ihn todt liegen zu lassen, sondern um
ihn einst mit organisirendem Geiste zu bearbeiten. Ist dies geschehen,
dann wird es Zeit seyn, das ^caput mortuum^ wegzuschaffen; bis dahin
wollen wir nichts wegwerfen oder verschmähen.)

[Fußnote 26: Büttner (?).]

So ist, nachdem der Theologie der Alleinbesitz der orientalischen
Sprachkunde und der der Kirchengeschichte abgenommen worden, kaum zu
erwarten, dass beides, bis auf seinen letzten bekannten Detail, in den
gesammten encyklopädischen Unterricht der Philologie oder der Geschichte
an unserer Kunstschule werde aufgenommen werden; dass wir sonach eines
ordentlichen Lehrers der orientalischen Sprachen oder der
Kirchengeschichte kaum bedürfen werden. Dennoch müssen immerfort Männer
in unserer Mitte seyn, bei welchen jeder, der aus irgend einem Grunde
das Bedürfniss hat, über das Encyklopädische hinaus bis zu dem
äussersten Detail dieser Fächer fortzugehen, sein durch das blosse Buch
nicht also zu befriedigendes Bedürfniss zu befriedigen vermag.

Uebrigens sind diese Anführungen nur als Beispiele zu verstehen. Eine
systematische Uebersicht der Summe unserer Bedürfnisse in dieser
Rücksicht, so wie die Angabe der bestimmten Männer, die wir zu diesem
Behuf für den Anfang mit uns zu vereinigen hätten, werden die
Berathschlagungen der oben erwähnten einzelnen Männer und Comités,
welche auch über diesen Theil unseres Plans zu instruiren wären, an die
Hand geben.

Auch diese Art von Akademikern besitzt alle Rechte eines solchen, und
sitzt im ^Rathe der Alten^.


                                §. 44.

Betreffend den Uebergang aus dem Corps der Lehrlinge in das der
Lehrenden oder praktisch Ausübenden:

Der Regulare müsse am Ende seines Studirens documentiren, dass der Zweck
desselben bei ihm erreicht worden, sagten wir oben. Da nun der letzte
Zweck unserer Anstalt keinesweges die Mittheilung eines Wissens, sondern
die Entwicklung einer Kunst ist, der in einer Kunst Vollendete aber
Meister heisst, so würde jene Documentation darin bestehen, dass er sich
als Meister bewähre.

Das Meisterstück würde am schicklichsten in einer zu liefernden
Probeschrift bestehen, nicht über ein Thema freier Wahl, sondern über
ein vom Lehrer seines Faches ihm gegebenes und ^darauf^ berechnetes,
dass daran sich zeigen müsse, ^ob der Lehrling die in seiner
individuellen Natur liegende grösste Schwierigkeit^, die dem Lehrer ja
wohlbekannt seyn muss, durch die kunstmässige Bildung seines Selbst
besiegt habe. (Wählt er selbst, so wählt er das, wozu er am meisten
Leichtigkeit und Lust hat; daran aber zeigt sich nicht der Triumph der
Kunst; der Lehrer soll ihm das aufgeben, was für seine Natur das
Schwerste ist, denn das Schwere mit Leichtigkeit thun, ist Sache des
Meisters.) Ueber diese seine eigene Schrift nun, und auf den Grund
derselben werde er, bis zur völligen Genüge des Lehrers, öffentlich
examinirt.

Es sind zwei Fälle. Entweder wird in einem besonderen empirischen Fache
das Meisterthum begehrt. In diesem Falle giebt der Lehrer dieses Fachs
das Thema; die Prüfung aber, und das ^tentamen^ zerfällt in zwei Theile,
von denen, wie auch bei den früheren Beurtheilungen der Aufsätze der
Studenten, der Lehrer des Faches nach der Erkenntniss, und beim
Candidaten des Meisterthums insbesondere darnach forscht, ob er sie in
der Vollständigkeit und bis zu demjenigen Detail, bis zu welchem der
mündliche und Bücherunterricht an der Kunstschule fortgeht, gefasst
habe; die philosophische Klasse aber über die lebendige Klarheit dieser
Erkenntniss die Prüfung nach allen Seiten hinwendet und versucht.

Oder der Candidat begehrte bloss in der Philosophie das Meisterthum: so
würde er in Absicht des Themas sowohl, als der Prüfung auf den ersten
Anblick lediglich der philosophischen Klasse anheimfallen, und die
Empirie an ihn keine Ansprüche haben. Da inzwischen die Philosophie gar
keinen eigentlichen Stoff hat, sondern nur das allen Stoff der
Wissenschaft und des Lebens in Klarheit und Besonnenheit auflösende
Mittel ist; und derjenige, der sich für einen grossen Philosophen
ausgäbe, dabei aber bekennte, dass er weder etwas Anderes gelernt,
vermittelst dessen, als eines Mittelgliedes, er seinen philosophischen
Geist ins Leben einzuführen vermöchte, noch auch seine Philosophie
unmittelbar von sich zu geben und sie anderen mitzutheilen verstände,
ohne Zweifel der Gesellschaft völlig unbrauchbar, und keinesweges ein
Künstler, sondern ein todtes Stück Gut seyn würde: so muss der, der sich
auf die Philosophie beschränkt, wenigstens sein Vermögen sie
mitzutheilen, und einen kunstmässigen Lehrer in derselben abzugeben,
documentiren. Und so kann keiner als Meister in der Philosophie
anerkannt werden, der sich nicht auch zugleich als ^Doctor^ derselben
bewährt hat.

Nun ist es ferner gar nicht hinlänglich, dass er in dieser Fertigkeit
des Vortrages seiner Klasse genüge; er soll auch Nichtphilosophen,
dergleichen ja, wenn er das Lehramt einst im Ernste verwaltet, alle
seine Lehrlinge anfangs seyn werden, verständlich werden können; und so
fällt denn in dieser Rücksicht das Endurtheil von seiner eigenen Klasse
an die empirischen Klassen insgesammt, die es durch aus ihrer Mitte
ernannte Stellvertreter verwalten können. Hier also entscheidet
umgekehrt die philosophische Klasse über die Richtigkeit des Inhalts,
als Resultat der erlernten Kunst, die Gesetze des Denkens im
Philosophiren frei zu befolgen, die empirischen über die Gewandtheit und
Klarheit in dieser Kunst, die er durch den Vortrag darlegt. Mögen diese
immerhin über das Vorgetragene kein Urtheil haben; der Vortrag selbst
wenigstens muss ihnen als meistermässig einleuchten. -- Es werden darum
diejenigen, welche um das Meisterthum in der Philosophie nachzusuchen
gedenken, sich schon früher in dem Lehrerseminarium geübt haben, da der
philosophische Vortrag ohnedies der vollkommenste und das Vorbild alles
anderen Vortrages bleiben muss, und darüber an unserer Kunstschule alles
Ernstes zu halten ist.

Dagegen kann der empirische Gelehrte, der seine Kenntnisse vielleicht
nur praktisch anzuwenden gedenkt, Meister seyn, ohne gerade Doctor seyn
zu können. Macht er auch auf das Letztere Anspruch, und begehrt er an
unserem Institute zu lehren, so muss er seine Fertigkeit darin noch
besonders darthun, und hat er hierüber beiden, sowohl der
philosophischen Klasse, als der seines Faches, Genüge zu leisten.

Es lässt sich auch den Zugewandten das Recht, das Meisterthum in
Anspruch zu nehmen, nicht durchaus versagen. Da jedoch hierbei die, den
Lehrern auch von allen schwachen Seiten ihrer individuellen Natur oder
Erkenntniss weit besser bekannten, Regularen in Nachtheil kommen würden,
so wäre von den Zugewandten in diesem Falle, für Herstellung der
Gleichheit, zu fordern, dass sie wenigstens Ein Lehrjahr vor ihrer
Erhebung zu Meistern ihren Anspruch dem Lehrer des Faches, so wie dem
der Philosophie, bekannt machten, und dieses Jahr hindurch sich dem
allseitigen Studium dieser Lehrer blossstellten. Könnten nicht diese
beiden Lehrer am Ende des Jahres mit gutem Gewissen erklären, dass ihnen
diese jungen Männer für die Absicht hinlänglich erkundet seyen, so
müsste die Berathung über ihr Gesuch abermals ein Lehrjahr hinausgesetzt
werden, während dessen sie zu diesen beiden in demselben Verhältnisse
blieben, wie im ersten Jahre. Sie möchten auch an diese Lehrer für diese
eigentlich nicht im Kreise ihres Berufs liegende Mühe einen Ersatz
auszahlen, der in jedem Falle, ob sie nun des Meisterthums würdig
befunden wären oder nicht, verfiele.

Erst durch die Erlangung des Meisterthums beweist der Regulare seine
würdige Benutzung des Instituts, und tritt ein in sein Recht des ersten
Anspruchs auf die ersten Würden des Staats. Ganz gleich lässt sich ihm
hierin nun einmal nicht setzen der Meister aus den Zugewandten, der uns
die nähere Bekanntschaft mit seinem moralischen Charakter und seiner
bisherigen sittlichen Aufführung versagt hat. Jedoch auch hierüber das
Beste hoffend, und da er denn doch auch der Kunst Meister ist, könnte
man ihm den ersten Anspruch da, wo kein Meister aus den Regularen sich
gemeldet, zugestehen.

Den Regularen, die etwa in dem Gesuche des Meisterthums durchfielen, so
wie Zugewandten, die keinen Anspruch darauf machten, möchte man immerhin
den gewöhnlichen ^Doctor^grad ertheilen, und mögen die empirischen
Klassen über die dabei nöthigen Leistungen etwas festsetzen. Ein
gewöhnlicher und gemeiner Doctor nemlich ist derjenige, der nicht
zugleich auch, wie die früher oben angeführten, Meister ist; und es ist
in diesem Falle mit den beiden letzten Buchstaben nicht eigentlich
Ernst, indem wirklich Doctor zu seyn nur derjenige vermag, der Meister
ist, sondern es ist jenes Wort nur euphemistisch gesetzt, statt
^doctus^, einer der etwas erlernt hat.

Die rechten heissen Meister schlechtweg, und kann man den Doctor
weglassen; wiewohl man auch, um den Unterschied noch schärfer zu
bezeichnen, die letzten Titular-Doctoren nennen könnte. Die
philosophische Klasse hat bei dergleichen Promotionen gar kein Geschäft;
denn in ihr selber giebt es nur Meister und Doctor in Vereinigung; um
die anderen Klassen aber bekümmert sie sich nur, wenn diese Anspruch auf
den Rang des Künstlers machen, dessen diese letzte Art der Doctoren sich
bescheidet.

Aus ihnen werden im Staate die subalternen Aemter besetzt. (Man creirte
^magistros artium^, und in den neueren Zeiten, da der Magistertitel in
Verachtung gerathen, hat man nur noch den für vornehmer geachteten
Doctortitel führen mögen, da es doch offenbar weit mehr bedeutet ein
Meister zu seyn, denn ein Lehrer. Wir haben mit jenen ^magistris artium^
gar nicht zu thun, da wir keinesweges ^Künste^ annehmen, und in
denselben etwa bis auf Sieben zählen, sondern nur Eine, die Kunst
schlechtweg, und diese zwar als unendlich, kennen; sondern unser Meister
ist ^artis magister^ schlechtweg, der Kunst Meister, und es ist zu
erwarten, dass die, die dieses Namens werth sind, sich seiner nicht
schämen werden. Und so mögen sie denn immer Meister, schlechtweg ohne
Beisatz und ohne das, auch nur verringernde, Herr, angeredet werden, und
sich schreiben: der Kunst Meister.

Vor der Neuerung haben wir uns auch nicht zu fürchten, denn auch andere
Universitäten machen Neuerungen, wie die Jenaische, die anfing gar keine
^magistros artium^ mehr, sondern nur Doctoren der Philosophie, zu
creiren, oder die zu Landshut, die dermalen Doctoren der Aesthetik
creirt.

Nun ist dieser ^gradus magistri^ dermalen nirgends vorhanden, und wir
können uns denselben nicht ertheilen lassen. Ohne Zweifel aber wird das
Meisterstück der die Kunstschule anfangenden Lehrer dann geliefert seyn,
wenn sie andere Künstler gebildet haben. Indem sie nun mit gutem
Gewissen diese für Meister erklären dürfen, erklären sie zugleich sich
selbst dafür; sie erhalten den Grad, indem sie ihn ertheilen, und können
ihn darum von da an auch führen.)


                                §. 45.

In allen den erwähnten Aufsätzen, so wie in denen über das Meisterthum
und den damit zusammenhängenden ^tentaminibus^ wird die ^deutsche^
Sprache gebraucht, keinesweges etwa die lateinische. Der in diesem oft
angeregten Streite dennoch niemals deutlich ausgesprochene entscheidende
Grund ist der:

Lebendige Kunst kann ausgeübt und documentirt werden lediglich in einer
Sprache, die nicht schon durch sich den Kreis einengt, sondern in
welcher man ^neu^ und ^schöpferisch^ seyn darf, einer lebendigen, und in
welche, als unsere Muttersprache, unser eigenes Leben verwebt ist. Als
die Scholastiker in der lateinischen Sprache mit freiem und originellem
Denken sich regen wollten, mussten sie eben die Grenzen dieser Sprache
erweitern, wodurch es nun nicht mehr dieselbe Sprache blieb, und ihr
Latein eigentlich nicht Latein, sondern eine der mehreren im Mittelalter
entstehenden neulateinischen Sprachen wurde.

Wir haben für diese freie Regung unsere vortreffliche deutsche Sprache:
das Latein studiren wir ausdrücklich als das abgeschlossene Resultat der
Sprachbildung eines untergegangenen Volkes, und wir müssen es darum in
dieser Abgeschlossenheit lassen.

Der Philolog, eben weil er sein Geschäft in diesem fest abgeschlossenen
Kreise treibt, kann bei Interpretation der Klassiker sich der römischen,
und, wie in Gottes Namen zu wünschen wäre, auch der griechischen Sprache
bedienen; und es wäre den Zöglingen unseres Institutes anzumuthen, dass
sie schon beim Austritte aus der niederen Schule diese Fertigkeit, auch
lateinisch zu reden und sich zu unterreden, gelernt hätten. Sollte man
in gewissen Fällen, z. B. wo der Anspruch auf ein Schulamt ginge, nöthig
finden, dass auch der Candidat des Meisterthums die Fortdauer und noch
höhere Ausbildung dieser Fertigkeit zeigte, so könnte er dies thun, aber
nur an Gegenständen jenes historisch geschlossenen Cyklus; wo aber
ursprünglich schöpferisches Denken gezeigt werden soll, da wird die
schon fertige Phrasis bald für uns denken, bald unser Denken hemmen; und
darum bleibe bei diesem Geschäfte die todte Sprache ferne von uns.


                                §. 46.

Wir gehen über zur Oekonomieverwaltung unseres Instituts.

Es ist vor allem klar, dass ein zu ^fester Einheit^ organisirtes
Verwaltungscorps dieser Geschäfte eingesetzt werden müsse, dessen
höchste Mitglieder wenigstens aus dem Schoosse der Akademie selbst
seyen, etwa ausgetretene Lehrer, indem nur diesen die gebührende Liebe
sich zutrauen lässt, die übrigen aber diesen und der gesammten Akademie
verantwortlich sind.

Um den Folgen aus der Veränderlichkeit des Geldwerthes für ewige Tage
vorzubeugen, wären die Einkünfte des Institutes nicht auf Geld, sondern
auf Naturalien festzusetzen, also, dass es z. B. zu einem bestimmten
Termine von einem bestimmten Bezahler so und so viel Scheffel Korn zu
ziehen hätte, die allerdings nicht in Natur, sondern in klingender Münze
abgeliefert würden; nicht jedoch nach einem für immer festgesetzten
Preise, sondern nach dem, den dieses Korn am Termine der Zahlung auf dem
Markte wirklich hätte. Ebenso hätte es nun auch an seine Besoldeten
terminlich so und so viel Scheffel Korn zu bezahlen.


                                §. 47.

Die beiden Hauptquellen von Einkünften, auf die wir fürs erste zu
rechnen hätten, wären die Einkünfte des Kalenderstempels von der
Akademie, sodann die der eingegangenen Universität Halle, inwiefern
dieselben uns verbleiben, wozu noch die Verwaltung der ^Zahlstellen^ im
Corps der Regularen, und späterhin andere, tiefer unten zu erwähnende,
Hülfsquellen kommen würden. Nicht bloss darum, weil die Nation zahlt,
sondern aus noch weit tieferen Gründen, soll dieselbe innigst mit dieser
Angelegenheit verflochten werden, und unser Institut sehr deutlich als
ein Nationalinstitut dastehen.

Wir werden dies auf folgende Weise erreichen. Da den eigentlichen
wesentlichen Theil unserer Anstalt, um dessenwillen alles Andere da ist,
das Corps der Regularen bildet, so werden die Stellen in diesem Corps
vertheilt auf die ^Kreise^ und ^Städte^ der Monarchie,[27] nach dem
Maassstabe, wie jeder, gezwungen oder freiwillig, beiträgt. ^Stellen^,
nicht in dem Sinne, dass nur der aus dem Kreise oder der Stadt Gebürtige
diese Stelle haben könne, sondern jeder, dem eine solche Stelle zukommt
und sie begehrt, erhält sie ohne Verzug; sondern also, dass zwischen dem
Besitzer der Stelle und dem Kreise oder der Stadt, dem sie zufällt, ein
Verhältniss entstehe, wie zwischen Clienten und Patron; dass der Erstere
glaube, so wie sein eigentlicher Geburtsort ihm zu dem natürlichen
Leben, so habe dieser Kreis oder diese Stadt ihm zu dem höheren
wissenschaftlichen Leben verholfen; dass die letztere an den Successen
dieses ihres Alumnus den Antheil von Ruhm nehme, den die griechischen
Städte an den aus ihnen stammenden Siegern in den olympischen
Wettkämpfen nahmen; endlich, dass der Erstere, wie hoch er auch jemals
emporsteige, dennoch zeitlebens zu dankbarem Gegendienste bei jeder
Gelegenheit bereit sey, und aus dem Clienten ein Patron werde. Mehrere
zarte sittliche Verhältnisse, die daher entspringen, abgerechnet, wird
sich auch ein Interesse und eine Achtung für Wissenschaft durch die
Nation als ein sie ehrenvoll auszeichnender Charakterzug verbreiten, der
wiederum die Quelle grosser Ereignisse werden kann. Stellen ferner,
nicht in dem Sinne, dass die Zahl derselben jemals geschlossen sey,
vielmehr soll jeder, der es werth ist und es begehrt, aufgenommen
werden; sondern dass die vorhandenen und besetzten nach diesem
bestimmten Maassstabe unter die Kreise u. s. w. vertheilt werden. Auch
dem ^deutschen^ Ausländer (wer von anderer Nation wäre, qualificirt sich
wegen Abgang der Sprache nicht zum Wechselleben mit uns) soll, wenn er
würdig ist, besonders wenn er beim Eintritte zugleich der Verpflichtung,
die das vollkommene Bürgerrecht (§. 40.) mit sich führt, sich
unterwürfe, die Aufnahme unter die Regularen nicht abgeschlagen werden.
Doch würde, nach dem Grundsatze, dass mit dem Auslande nur der
Repräsentant der Einheit des Staates zu verhandeln hätte, diese
Erlaubniss nur der König ertheilen können, und wären somit alle an
Ausländer gegebene Plätze ^königliche^, keinesweges aber
^Landes^-Stellen. Doch wäre der König zu ersuchen, diese Erlaubniss den
von dem Lehrercorps vorgeschlagenen nicht leicht, und nicht ohne höchst
bewegende Gründe zu versagen; indem, anderer Rücksichten zu schweigen,
hierdurch die preussische Nation recht laut ihre Anerkennung des
allgemeinen deutschen Bruderthumes documentirt, und auch dies in der
Zukunft wichtige Ereignisse nach sich ziehen kann.

[Fußnote 27: Wie es z. B. mit den Stellen an den sächsischen
Fürstenschulen die Einrichtung ist; auch mit den weiterhin beschriebenen
Modificationen.]


                                §. 48.

Nach Maassgabe, wie jeder Theil des Landes beiträgt, sollten auf ihn die
Stellen vertheilt werden, sagte ich. So möchte, ohne alle Rücksicht, ob
dadurch die Verwaltung vereinfacht werde oder nicht, indem weit höhere
Dinge (die wirkliche Beschäftigung der Nation mit diesem Gegenstande und
derselben Folgen) zu beabsichtigen sind, der bisherige Kalenderpacht
ganz aufgehoben werden, dagegen aber die Kreise und Städte sich selber
taxiren, wie viele Scheffel Korn für diesen Stempel sie zahlen wollten,
die sie hernach durch eigene Distribution der Kalender wieder
beitrieben; wobei ihnen vorbehalten bleiben müsste, die Stempelgebühr
nach Steigen oder Fallen der Kornpreise zu steigern oder zu verringern.
Nach dieser ihrer Quote am Beitrage zum Ganzen richtete sich ihr Antheil
an der Berechtigung auf Stellen. Falls nicht, was der Schreiber dieses
in seiner dermaligen Lage nicht erkunden kann, dadurch eine andere,
schon eingeführte Stempeltaxe aufgehoben würde, so könnte diese Einnahme
noch auf folgende Weise vermehrt werden: dass durch alle Theile der
Monarchie dasselbe Eine Maass und Gewicht eingeführt werde, was ohnedies
seit langem sehr zu wünschen war. Die Bestimmung eines solchen, und des
Mittels, es unwandelbar zu erhalten, ist ein natürlich einer Akademie
der Wissenschaften anheimfallendes Geschäft. Die Uebereinstimmung mit
diesem Grundmaasse und Gewicht wäre nun allen Maassen und Gewichten
durch einen Stempel zu attestiren, dessen Ertrag dem Institute zu gut
käme, und auf dieselbe Weise beigetrieben würde.

Ebenso würde das, woraus der bisherige Fonds der Universität Halle
bestanden, auf Naturalien gesetzt, und denen, die es abzutragen schuldig
sind, als Quote ihrer Berechtigung zur Besetzung der Stellen
angerechnet.


                                §. 49.

Da die bei uns gebildeten Regularen den ersten Anspruch auf die ersten
Stellen des Staates haben sollen, so würden, wenn noch andere
Universitäten ausser uns in der Monarchie bestehen sollten, dieselben
entweder auch sich zur Kunstschule, und zu diesem Behufe ein Corps von
Regularen in ihrer Mitte bilden müssen; oder sie würden als reine
Zugewandtheiten, in denen auch nicht einmal ein besserer Kern wirkte, zu
betrachten seyn, und derselben Zöglinge ebenso am Verdienste wie am
Rechte den unserigen nachstehen. Es ist zu befürchten, dass das erstere
ihnen nicht sonderlich gelingen werde, indem wir, die wir ohnedies im
Anfange nicht einmal auf Vollständigkeit für unseren Bedarf rechnen
können, ihnen ohne Zweifel weder im Inlande noch im Auslande etwas für
eine Kunstschule Taugliches übriglassen werden; dass sie sonach, bei dem
besten Bestreben, dennoch in die zweite höchst nachtheilige Lage kommen
würden. Und so dürfte denn vielleicht das in Anregung Gebrachte zugleich
die Veranlassung werden, um über eine tiefere, bisher mannigfaltig
verkannte Wahrheit die Augen zu öffnen.

Das Bestreben, die Schule und Universität recht nahe am väterlichen
Hause zu haben, und in dem Kreise, in welchem man dumpf und bewusstlos
aufwuchs, ebenso dumpf fortzuwachsen und in ihm sein Leben hinzubringen,
ist unseres Erachtens zuvörderst entwürdigend für den Menschen; -- denn
dieser soll einmal herausgehoben werden aus allen den Gängelbändern, mit
denen die Familien-, Nachbar- und Landsmannsverhältnisse ihn immerfort
tragen und heben, und in einem Kreise von Fremden, denen er durchaus
nichts mehr gilt, als was er persönlich werth ist, ein neues und eigenes
Leben beginnen, und dieses Recht, das Leben einmal selbstständig von
vorn anzufangen, soll keinem geschmälert werden; -- sodann streitet es
insbesondere mit dem Charakter des wissenschaftlichen Mannes, dem
freier, über Zeit und Ort erhabener Ueberblick zukommt, den das Kleben
an der Scholle aber, das höchstens dem gewerbtreibenden Bürger zu
verzeihen, entehrt; endlich wird dadurch sogar die organische
Verwachsung aller zu Einem und demselben Bürgerthume gehindert, und
lediglich daher entstehen die Absonderungen einzelner Provinzen und
Städte vom grossen Ganzen des Staates; daher, dass z. B. der Ostpreusse
dem Brandenburger, der Thüringer dem Meissner, als etwas für sich
bedeuten wollend, gegenübertritt, und man sich nicht wundern muss, dass
z. B. der Baier dem Preussen gegenüber sich der gemeinsamen Deutschheit
nicht entsinnt, da ja sogar der Ostpreusse zuweilen des gemeinsamen
Preussens vergisst. Aus keinem in solcher Beschränktheit Aufgewachsenen
ist jemals ein tüchtiger Mensch oder ein umfassender Staatsmann
geworden. Wäre dieses Bestreben einmal in seiner wahren Natur erkannt,
und so eingesehen, dass dasselbe keinesweges geschont, sondern ohne
Barmherzigkeit weggeworfen werden müsse: so wäre auch kein Grund
mehr vorhanden, warum mehrere Universitäten in derselben
Staatseinheit bestehen sollten; es würde erhellen, dass der Ausdruck
»^Provincialuniversität^« einen Widerspruch enthalte, indem die
Universalität das Besondere aufhebt, und dass Ein Staat von Rechtswegen
auch nur Eine Universität haben sollte. Sollen und müssen einmal
diejenigen Bürger des gemeinsamen Staates, die nicht bestimmt sind,
aus der unbeweglichen Scholle den Nahrungsstoff zu ziehen,
durcheinandergerüttelt werden zu allseitiger Belebung: so ist dazu die
Universität der einzig schickliche Ort, und mögen sie von da an wiederum
nach allen Richtungen verbreitet werden, jeder, nicht dahin, wo er
geboren ist, sondern wohin er passt, damit wenigstens an dieser edleren
Klasse ein Geschlecht entstehe, das nichts weiter ist, denn Bürger, und
das auf der ganzen Oberfläche des Staates zu Hause ist.

Nach diesen Principien müssten die anderen in der preussischen Monarchie
vorhandenen Universitäten eingehen, und die Fonds derselben zu unserer
Anstalt gezogen werden. Die in die neue Anstalt nicht herübergezogenen
Lehrer könnten ihre Gehalte fortziehen, oder auch nach Maassgabe ihrer
Brauchbarkeit anderwärts versorgt werden. (Einen Theil derselben würden
wir, als die §. 42. beschriebene Art von Mitgliedern des Rathes der
Alten, sogar nothwendig brauchen.) Diese herübergezogenen Fonds würden
auf die Provinzen der eingegangenen Universitäten, als Quoten ihrer
Berechtigung auf Stellen, vertheilt, zum Ersatze des verlorenen Rechtes
im Schoosse der Familie den gelehrten Hausbedarf an sich zu bringen.
Ueber unseren Plan gehörig verständiget, ist sogar zu hoffen, dass sie
sich diese Abänderung gern werden gefallen lassen.

(Als Einwürfe dagegen erwähne ich zuvörderst einen, den man kaum für
möglich halten würde, wenn er nicht wirklich gemacht würde, den ^von der
weiten Reise^. Gerade die Möglichkeit, junge Menschen vorauszusetzen,
welche die Unbequemlichkeit eines Transportes scheuen, wie Bäume, oder
vor den Gefährlichkeiten einer Reise, z. B. von Königsberg nach Berlin,
sich fürchten, beweiset, wie nothwendig es seyn möge, dem Muthe mancher
in der Nation hierin ein wenig zu Hülfe zu kommen. Oder ist der
Kostenaufwand für ordinäre Post und Zehrung auf dieser kurzen Reise
ihnen so fürchterlich, so könnte man ja den sich berechtigt glaubenden
Provinzen aus den Fonds eine Reisestipendienkasse zugestehen, aus denen
sie für die gar zu Dürftigen diese kleine Ausgabe bezahlten.

Sodann meint man: es könnte doch etwa einmal auf einer solchen
Universität ein besonderer und interessanter Geist und Ton entstehen,
den wir durch eine Aufhebung dieser Universität ganz unschuldig viele
Jahre vor seiner Geburt morden würden, und man befürchtet, dass wir der
Entwickelung der herrlichen Originalität innerhalb solcher kleinen
Beschränkungen Eintrag thun würden. Hierauf dienet zur Antwort: dass
zufolge der Zeit, in welcher die Wissenschaft steht, es in derselben
nicht mehr Legionen Geister, die jeder für sich ihr Wesen treiben,
sondern nur Einen, in seiner Einheit klar zu durchdringenden Geist
giebt, für dessen ewige allseitige Anfrischung gerade an unserem
Institute durch die sehr häufige Erneuerung des lehrenden Corps, und
durch den offen geführten edlen Wettstreit aller miteinander, vorzüglich
gesorgt ist; dass aber diese vorgebliche Originalität innerhalb localer
Beschränkung nicht Originalität, sondern vielmehr ^Caricatur^ sey,
welche, so wie den schlechten Geschmack, der an ihr sich labt, immermehr
verschwinden zu machen, auch ein Zweck unserer Anstalt ist. Es bliebe
nach Beseitigung dieser sich aussprechenden Einwürfe kein anderer übrig,
als das dunkle Gefühl des Strebens, doch ja nichts umkommen zu lassen,
indem allerhand, uns freilich nicht bekanntes Heil durch irgend eine
Zauberkraft daraus sich entwickeln könne, mit welchem, als selbst nicht
auf deutliche Begriffe zu Bringendem, man in der Region deutlicher
Begriffe nicht reden kann.)


                                §. 50.

Die Stellen der Kanoniker an den Hochstiften waren ursprünglich für den
Unterricht eingesetzt, und die Einkünfte könnten diesem ersten Zwecke
füglich zurückgegeben werden. Auf die gleiche Weise ist der Streit gegen
die Ungläubigen, wozu die Johanniter-Maltheserritter gestiftet worden,
nicht mehr an der Tagesordnung, wohl aber der geistige Krieg gegen
Unwissenheit, Unverstand und alle die traurigen Folgen derselben; und
könnten so auch diese Güter diesem Zwecke gewidmet werden. Sie würden
auf dieselbe Weise, wie die früher erwähnten Einkünfte, als Recht auf
Stellen unter die Beitragenden vertheilt.

Ich sage nicht, dass unser einiges Institut diese ohne Zweifel sehr
grossen Hülfsquellen verschlingen solle. Dieses Institut muss für sich
den Grundsatz der Verwaltung haben, dass ihm alles dasjenige, dessen es
für die Erreichung seiner Zwecke bedarf, unfehlbar werde, dass es aber
auch durchaus nichts begehre, dessen es nicht bedarf; noch kann es einen
anderen haben, ohne durch überflüssiges Geschlepp und Gepäck sich selbst
zur Last zu werden. Sodann wird zu bedenken seyn, dass auch der,
demnächst sogleich zu reformirenden niederen Schule ihr Antheil zukomme;
ferner, dass wenn es über kurz oder lang zu einer ernstlichen Reform der
Volkserziehung kommen sollte, auch für die Unterstützung dieses Zweckes
das Nöthige vorhanden seyn müsse. Wir wollen nur sagen, dass gerade die
gegenwärtige Zeit der Verlegenheit benutzt werden könne, um jene bisher
anders angewendete Güter für diesen grösseren Zweck des gesammten
Erziehungswesens in Beschlag zu nehmen, und dass es unter anderen auch
der Kunstschule freistehen müsste, von ihnen Gebrauch zu machen, falls
einmal ihre anderen Quellen nicht ausreichend befunden würden. Selbst
auf den Fall, dass zunächst, oder irgend ein andermal, der Staat für
eigene Zwecke dieser Einkünfte bedürfe, worüber tiefer unten: so würde
es immer ein freundlicheres Ansehen haben, wenn er sie zuerst für
diesen, als Zweck der Nation unmittelbar einleuchtenden Zweck der
Nationalerziehung in Beschlag genommen hätte.


                                §. 51.

Wie in Absicht der regularen Stellen überhaupt der Grundsatz feststeht,
dass jedwedes Individuum, das zu einer solchen sich qualificirt, und sie
begehrt, sie haben müsse, so steht in Absicht ^der Zahlung^ der
Grundsatz fest, dass, wer zahlen könne, zahlen müsse, wer aber nicht
zahlen könne, dieselbe, ^inwiefern er nicht zahlen kann^, unweigerlich
frei erhalte. Nicht die Zahlung qualificirt, sondern die anderweitige
Leistung; und so soll auch der doppelt oder dreifach Zahlende dennoch,
als Ausländer, bei dem Könige, als Inländer, bei einem Kreise, eine
Stelle als freie Gunst nachsuchen, damit er wisse, dass es in unserer
Anstalt noch etwas giebt, das für Geld nicht zu haben ist, und soll der
etwanigen ökonomischen Rücksicht, dass man den Zahlung Anbietenden in
Absicht der Proben der Würdigkeit gelinder behandle, durchaus kein
Einfluss gestattet werden. Ebenso schliesst auch nicht das Unvermögen zu
zahlen aus, sondern das geistige Unvermögen.

Die zu leistende Zahlung ist zu berechnen im Durchschnitte (am besten
auch nach Scheffeln Getreide) auf die eben erwähnten, dem Zöglinge in
Natur zu liefernden Bedürfnisse, auf Honorar an die Lehrer für
Unterricht und Prüfung bei Ertheilung des Meisterthums, auf Gebrauch der
öffentlichen literarischen Schätze u. s. w., und haben die Eltern oder
Vormünder des zahlenden Zöglings der Oekonomieverwaltung Caution zu
leisten auf die Zeit, für welche der Zögling in das Institut aufgenommen
wird, indem man ihn, um späterhin ausbleibender Zahlung willen, ja nicht
ausstossen könnte, dennoch aber die Verwaltung auf ihn als Zahler
rechnet. Die Form dieser Sicherstellung wird leicht sich finden lassen.
Und zwar werden alle jene in Rechnung kommende Gegenstände also
berechnet, wie sie dem Zöglinge zu stehen kommen würden, wenn er einen
Privathaushalt führte, keinesweges aber also, wie sie der alles im
Ganzen an sich bringenden Verwaltung zu stehen kommen: wie denn dies, da
dieser grosse Haushalt ohne Zutritt des Einzelnen als eine Einrichtung
des Staates besteht, ganz billig ist, und schon dadurch zu Deckung der
Freistellen ein Beträchtliches gewonnen werden kann.

Es ist zu hoffen, dass unsere reichen Häuser, deren Glanz ja sonst bei
also getroffenen Einrichtungen in ihrer Nachkommenschaft erlöschen
würde, den Zutritt zu unseren Regularen fleissig nachsuchen, und dass
besonders unser Adel diese Gelegenheit mit Freuden ergreifen werde, um
zu zeigen, dass es nicht bloss die versagte Concurrenz war, die ihn bei
seinem bisherigen Range erhielt, sondern dass er auch bei eröffneter
freier Concurrenz mit dem Bürgerstande denselben zu behaupten vermöge.
Es könnte hierbei festgesetzt werden, dass die ^Grafen^ doppelte Zahlung
leisteten, wie dies in Absicht der Collegienhonorarien auch bisher also
gehalten worden; andere Adelige noch die Hälfte des ganzen Quantums
zuschössen.

Freistellen müssen nicht nothwendig ^ganze^ Freistellen seyn, indem eine
Familie, die zwar nicht alle diese Kosten zu tragen vermöchte, doch
vielleicht einen Theil derselben tragen kann. Es kann also Viertel-,
Halbe-, Dreiviertelfreistellen geben, nach Maassgabe des Vermögens der
Familie.

Doch sollen ganz Unvermögende auch ganz freie Station erhalten; und es
soll in Rücksicht dieser sogar eine Veranstaltung getroffen werden,
wodurch sie beim einstigen Austritte aus dem Collegium der Regularen,
wie dieser auch übrigens ausfallen möge, für die erste Zeit und bis zu
einiger Anstellung gedeckt seyen.

Die Entscheidung über diese theilweisen oder ganzen Befreiungen fällt
der ökonomischen Verwaltung des Institutes zu, welchem zu diesem Behufe
die Eltern oder Vormünder des Zöglings genügende Einsicht in die
Vermögensumstände desselben zu geben haben. Es muss bei dieser Einsicht
Genauigkeit stattfinden, indem hierüber das Ehrgefühl der Nation selbst
geschärft werden soll, und so, wie Armuth keine Schande, das
Sicharmstellen und die Raubgier, welche den Ertrag milder Stiftungen
wirklich Unvermögenden wegzunehmen sucht, zur grossen Schande werden
sollen. Hinwiederum ist mild und freundlich dem wirklichen Unvermögen
das Gebührende zu erlassen, und es ist darum klar, dass diese Verwalter
für den Fortgang der Wissenschaften redlich interessirte, und
talentvolle Jünglinge, auch wenn sie arm sind, herzlich liebende Männer,
und also selbst ^Akademiker^, wo möglich ^ausgetretene Lehrer^ seyn
müssen.

Welcher nun unter den Zöglingen seine Stelle ganz, oder theilweise frei
habe, braucht niemand zu wissen, ausser die Eltern oder Vormünder eines
solchen und die erwähnten Verwalter; indem dieses die beiden Theile
sind, welche die Abkunft geschlossen, und sind diese allerseits zur
Verschwiegenheit zu verpflichten. Denn obwohl Armuth fernerhin keine
Schande seyn soll, so soll doch so lange, bis es allgemein
dahingekommen, dem zahlenden Zöglinge auch die Versuchung erspart
werden, sich über den ihm bekannten Nichtzahler neben ihm zu erheben.
Alle sollen in solche Gleichheit gesetzt werden, dass dem Reichsten das
wenige, Anständigkeitshalber vielleicht nöthige Taschengeld von der
Verwaltung nicht reichlicher gereicht werde, als dem ganz freien Armen.
Nicht einmal der freigehaltene Zögling selbst braucht diesen Umstand zu
wissen; denn obwohl wir für das Daseyn der Anstalt überhaupt die
Dankbarkeit Aller, Zahler oder Nichtzahler, in Anspruch nehmen, so
wollen wir doch dafür, dass jedes Talent, auch ohne Aequivalent in
Gelde, bei uns Entwickelung findet, keinen besonderen Dank, indem wir
dies für Pflicht, so wie für den eigenen Vortheil des Vaterlandes
erkennen. Und so sind denn die an die Kreise zu vertheilenden Stellen
keinesweges Kost- oder Freistellen, sondern es sind Stellen überhaupt.
Jede mögliche Stelle kann auch Freistelle werden; nur weiss der Kreis
selber nicht, wie es sich damit verhält, sondern nimmt unbefangen
Antheil an den wissenschaftlichen Fortschritten seines Clienten, ohne zu
wissen, auf welche besondere ökonomischen Bedingungen er dieses ist.


                                §. 52.

Indem der Ausfall, der durch diese ertheilten Befreiungen in der
Oekonomie des Regulats entsteht, aus der Gesammtheit der oben
verzeichneten Quellen bestritten werden muss, dieser Ausfall aber,
jenachdem das vorzüglichere Talent aus den reichen oder aus den
unbegüterten Klassen der Nation hervorgeht, sehr wandelbar und
veränderlich seyn dürfte: so ist klar, dass in diesem Haupttheile der
Ausgaben keine Fixirung stattfinde, dass der Verwaltung grosse
Hülfsmittel zur Disposition stehen müssen, dass dieselbe durchaus kein
Interesse hat, dieselben ohne Noth zu verschwenden, dass sie demnach die
etwanigen Ersparnisse getreulich den Händen der Regierung zurückliefern
wird, welche über die Wahrhaftigkeit des Resultates der geführten
Verwaltung durch eine, gleichfalls auf Stillschweigen zu verpflichtende
Behörde Einsicht nehmen kann; endlich, dass dieser ganze Theil der
Verwaltung dem übrigen Publicum ein dasselbe nicht angehendes und ihm
undurchdringliches Geheimniss bleibe. Das lehrende Corps ist es
eigentlich, das nach den gelieferten Aufsätzen oder der von der niederen
Schule gebrachten Tüchtigkeit, ohne alle Rücksicht oder Notiz von den
Vermögensumständen, das Regulat ertheilt: dies ist das Erste und
Wesentliche. In dieser Ertheilung können sie, nach dem aufgestellten
Grundsatze, dass durchaus kein vorzügliches Talent ausgeschlossen werden
solle, nicht beschränkt werden. Wie es mit dem also zum Regularen
unwiederbringlich Ernannten in ökonomischer Rücksicht gehalten werden
solle, ist die zweite ausserwesentliche Frage, deren Beantwortung der
Oekonomieverwaltung anheimfällt. Dieser verbietet Gerechtigkeitsgefühl
und Rücksicht auf Ehrliebe der Nation, Befreiung ohne Noth zu
begünstigen; die Natur der ganzen Einrichtung aber, sie der dargelegten
Noth zu versagen; und so kann auch diese auf keine Weise eingeschränkt
werden.

Ebensowenig findet im zweiten Haupttheile der Ausgaben, der Besoldung
der Lehrer und anderer Akademiker, der Erhaltung oder neuen Anschaffung
von Literaturschätzen, und anderer den Fortgang der Wissenschaften
befördern sollender Einrichtungen, eine Fixirung statt. Denn obwohl sich
auch etwa ein Maximum des Gehaltes für einen einzigen festsetzen liesse,
so lässt sich doch durchaus nichts festsetzen über die Anzahl der zu
Besoldenden, von so höchst verschiedenen Arten und Klassen, sondern es
richtet sich diese, sowie die anderen angegebenen Veranlassungen von
Ausgaben, nach dem jedesmaligen Zustande der Wissenschaft, und ist
wandelbar wie dieser. Die Mitglieder der Anstalt können in diesen
Beurtheilungen nur das Heil der Wissenschaft und ihrer Anstalt als
höchstes Gesetz anerkennen, und sie sind diejenigen, denen gründliche
Durchschauung desselben, sowie herzliche Liebe dafür sich am
vorzüglichsten zutrauen lässt; auch verbietet die Erwägung dieses Heils
selbst ihnen ebenso unnöthige Verschwendung in allen den erwähnten
Zweigen, als schädliche und unwürdige Sucht zu sparen. Und so geht denn
auch für diesen Theil dasselbe Resultat hervor, das wir oben für den
ersten Theil aufstellten; es gilt dasselbe demnach fürs Ganze.


                                §. 53.

In Absicht des Besoldungssystems möchte festgesetzt werden 1) ein
Gehalt, der dem Akademiker, als solchem, gereicht wird, und der dem des
vollkommenen Bürgerrechtes Theilhaftigen unter keiner Bedingung entzogen
werden kann. Da nicht so leicht jemand bloss Akademiker seyn wird, so
ist dieser Gehalt nur als ein Beitrag, keinesweges aber als das, woraus
der ganze anständige Unterhalt des Mannes zu bestreiten sey, zu
betrachten. 2) Das Mitglied des Rathes der Alten hat entweder ein
anderweitiges Staatsamt, oder eine von den mannigfaltigen ökonomischen
oder Aufseherstellen, die aus der Natur unseres Instituts hervorgehen,
wofür er besonders besoldet wird; auch wäre er für die Weisen, wie er
durch vorübergehende Vorlesungen oder andere Leistungen uns nützlich
wird, durch vorübergehende Remunerationen zu entschädigen. Arbeitet er
an einem gelehrten Werke, so könnte ihm auch für diesen Behuf die
Oekonomieverwaltung Unterstützung oder Vorschüsse leisten. 3) Der
ausübende Lehrer wird nach Maassgabe seiner Arbeit an Vorlesungen und
anderen Uebungen und Prüfungen besonders besoldet. Die Zugewandten
zahlen für alle diese Gegenstände, inwiefern sie an denselben Antheil
nehmen wollen, ein festzusetzendes Honorar, und zwar ^voraus^. Denn es
wird dadurch eines solchen Zugewandten, der sein vorausbezahltes Geld
nun auch wiederum abhören will, Fleiss und Regelmässigkeit sehr
befördert; und mögen wir ihm diese Art der Ermunterung gern gönnen. Der
Regulare ist hierin frei, und wird eben der Gehalt des Lehrers als sein
von der Verwaltung für ihn bezahlter Beitrag, der ja bei Zahlstellen
auch angerechnet wird, betrachtet. Dieses von den Zugewandten zu
ziehende Honorar ist jedoch dem Lehrer bei Fixirung seines Gehaltes
nicht eben in Rechnung zu bringen, sondern derselbe also zu setzen, als
ob er neben seinem Gehalte als Akademiker von diesem leben müsste; um
ihn von dem Beifalle dieser Zugewandten ganz unabhängig zu erhalten.

Dasselbe Honorar von den Zugewandten haben auch die ausserordentlichen
Professoren zu beziehen.

Eigentlich ist es die Akademie selbst, welche als unumschränkte
Oekonomieverwaltung (§. 52.) sich selbst aus ihrer Mitte besoldet. So
wie die anderen Stände nicht verlangen sollen, dass diese in
Anständigkeit des Auskommens ihnen nachstehen, so wird auch ihnen von
ihrer Seite gerade jenes nicht zu vermeidende Verhältniss die Pflicht
auflegen, vor den Augen der Nation nicht als unersättliche und
habsüchtige, sondern als edle und sich bescheidende Männer dazustehen;
und ist diese Denkart auf alle Weise in sie hineinzubringen.


                                §. 54.

Für das erste Lehrjahr möchte es zweckmässig seyn, den encyklopädischen
Lehrern, sowie etwa den anderen nöthig befundenen Unterlehrern, wenn,
wie es grösstentheils der Fall seyn dürfte, sie schon ausserdem, als
Akademiker oder dergl., einen fixirten lebenslänglichen Gehalt haben,
eine besondere Remuneration für die Arbeiten dieses ersten Lehrjahres
zuzugestehen, und für die folgenden Lehrjahre sich ein weiteres Bedenken
vorzubehalten; unter anderen auch, damit man erst sähe, wie sich jedes
machte, und ob nicht indessen etwas Anderes sich findet, das sich noch
besser macht. In Bestimmung dieser Remuneration wäre, inwiefern nicht
etwa der Mann schon sonst ausreichend besoldet ist, und man in dieser
Rücksicht schon ohnedies einen Anspruch hat auf seine ganze Kraft,
billig als Maassstab unterzulegen, was in dieser Zeit durch
Schriftstellerei hätte erworben werden können. Denn obwohl das bisweilen
auch übliche Ablesen eines vor langen Jahren angefertigten Heftes etwas
höchst Bequemes ist, und kaum eine andere Kraft fordert, als die der
Lunge, so dürfte doch eine solche Verwaltung des Lehramts, wie wir sie
gefordert haben, und die unter anderen auch den grössten Theil der alten
Hefte unbrauchbar macht, alle Kraft und Zeit des Lehrers in Anspruch
nehmen; und wer diese Verhältnisse kennt, weiss, dass Collegienlesen auf
die gewöhnlichen Bedingungen für einen nicht ungewandten Schriftsteller
in ökonomischer Rücksicht ein Opfer ist, das zwar der wackere Mann gern
bringt, der auch wackere aber nicht ohne Noth fordert.


                                §. 55.

Für dieses erste Jahr könnte nun der Universität vom Staate ein
öffentlicher Hörsaal eingegeben werden. Die Studirenden löseten gegen
ihr Honorar, etwa bei dem, um der Inscriptionen willen auch gleich
anfangs anzustellenden Justitiarius der Universität, ^Belege^
(Zutrittskarten), nach welchen ihnen, durch einen gleichfalls
anzustellenden ^famulus communis^, auf eine zu Jena seit 1790 übliche,
dem Schreiber dieses wohlbekannte Weise, ihre Plätze im Auditorium
angewiesen werden. Da wir im ersten Jahre noch keine Regulare haben
(Novizen können wir haben, die aber doch immer nur als Zugewandte zu
betrachten sind), sonach diese etwa künftigen Regularen, denen
vielleicht auch künftig Freistellen gegeben werden, in der allgemeinen
Masse der Zugewandten noch unentdeckt liegen: so soll der Justitiarius,
nach einem ihm etwa anzugebenden Kanon, diese erwähnten Belege auch frei
geben können, worüber er sich hernach mit dem Lehrer, der das Collegium
liest, zu berechnen hat. Ebenso wäre ein Plan zu entwerfen, wie man
während dieses ersten Jahres unvermögende Studirende durch Stipendien,
Freitische und dergl. unterstützen könnte. Doch ist die Einführung des
gewöhnlichen Convictoren-, Stipendiaten-Examens und dergl., durch welche
der Unvermögende herausgehoben und bezeichnet wird, als mit unserm
allerersten Grundsatze über diesen Gegenstand streitend, auch im ersten
Jahre zu vermeiden. Sollte man nicht etwa späterhin über den Grundsatz
sich einverständigen, ^dass bei solchen, die da Regulare werden weder
könnten, noch wollten^ (wo bei Bejahung des letzten Falles die
einigermaassen frei zu haltenden wenigstens ^Novizen^ seyn müssten, und
es im Noviziate über diesen Punct eben also gehalten werden könnte, wie
oben (§. 51.) für das Regulat vorgeschlagen worden), und da die zu
subalternen Geschäften nöthigen Handwerksfertigkeiten weit sicherer und
schicklicher ausserhalb der Universität erlernt werden, ^das Studiren
ein blosser Luxus sey, der, wenn er ja statthaben solle, aus eigenen
Mitteln, keinesweges aber auf Kosten des Staates, bestritten werden
müsse^; sondern sollte man darauf bestehen, die milden Stiftungen der
über diese Dinge freilich nicht so scharf sehenden Vorwelt, auf die
bisherige Weise zu verwenden: so kann man freilich nichts dagegen haben,
dass dergleichen Beneficiaten unter den blossen Zugewandten auf alle
Weise bezeichnet werden, und, so Gott will, ihnen sogar eine metallene
Nummer an den Aermel geheftet werde, damit die Liebeswerke doch auch
recht in die Augen fallen! Nur soll man den nicht also behandeln, der
einmal ein Ehrenjüngling und Regularer werden könnte.


                                §. 56.

Diese also zu einem organischen Ganzen verwachsene Akademie der
Wissenschaften, wissenschaftliche Kunstschule und Universität muss ein
Jahresfest haben, an welchem sie sich dem übrigen Publicum in ihrer
Existenz und Gesammtheit darstelle. Der natürlich sich ergebende Act
dieses Festes ist die Ablegung der Rechenschaft über ihre Verhandlungen
das ganze Jahr über; und es sollten hiebei zugegen seyn Repräsentanten
der Nation, gewählt aus den zu den Stellen Berechtigten, und des Königs,
beider, als der Behörde, der die Rechenschaft abgelegt wird. Zu diesem
Feste wäre der Geburtstag Friedrich Wilhelms des Dritten, als dessen
Stiftung jener Körper existiren wird, falls er jemals zur Existenz
kommt, unabänderlich und auf ewige Zeiten festzusetzen.


                                §. 57.
                             Corollarium.

Die einzelnen Vorschläge dieses Entwurfes sind keineswegs unerhörte
Neuerungen; sondern sie sind, wie sich bei einem so viele Jahrhunderte
hindurch in so vielen Ländern bearbeiteten Gegenstande erwarten lässt,
insgesammt einzeln irgendwo wirklich dagewesen, und lassen sich bis
diesen Augenblick in mehreren Einrichtungen der Universitäten Tübingen,
Oxford, Cambridge, der sächsischen Fürstenschulen, in ihrem sehr guten,
das Gewöhnliche weit übertreffenden Erfolge, darlegen. Lediglich darin
könnte der gegenwärtige Entwurf auf Originalität Anspruch machen, dass
er alle diese einzelnen Einrichtungen durch einen klaren Begriff in
ihrer eigentlichen Absicht verstanden, sie aus diesem Begriffe heraus
wiederum vollständig abgeleitet, und sie so zu einem organischen Ganzen
verwebt habe; welches, wenn es sich also verhielte, demselben
keinesweges zum Tadel gereichen würde.

Den Haupteinwurf betreffend, den derselbe zu befürchten hat, den der
Unausführbarkeit, muss in der Berathschlagung hierüber nur nicht die im
Verlaufe von allen Seiten hinlänglich charakterisirte, übrigens
ehrenwerthe und von uns herzlich geehrte Klasse gefragt werden, welche,
wenn nur sie allein in der Welt vorhanden wäre, mit ihrer Behauptung der
absoluten Unausführbarkeit recht behalten würde. Wir selbst geben zu,
dass im Anfange die Ausführung am allerunvollkommensten ausfallen werde,
glauben aber sicher rechnen zu dürfen, dass, wenn es überhaupt nur zu
einigem Anfange kommen könne, der Fortgang immer besser gerathen werde;
selbst aber auf den Fall, dass wir befürchten müssten, es werde sogar
nicht zu einem rechten Anfange kommen, müssten wir dennoch den Versuch
nicht unterlassen, indem im allerschlimmsten Falle wir doch nichts
Schlimmeres werden können, denn eine Universität nach hergebrachtem
deutschem Schlage.

Die allgemeinen Merkmale der Gründlichkeit eines Planes, der sich nicht
bescheiden mag, ein blosser schöner Traum zu seyn, sondern der auf
wirkliche und alsbaldige Ausführung Anspruch macht, sind diese: dass er
zuvörderst nicht etwa die wirkliche Welt liegen lasse und für sich
seinen Weg fortzugehen begehre, sondern dass er durchaus auf sie
Rücksicht nehme, wiewohl allerdings nicht in der Voraussetzung, dass sie
bleiben solle, wie sie ist, sondern dass sie anders werden solle, und
dass im Fortgange nicht Er sich ihr, sondern Sie sich ihm bequeme; und
dass er, nach Maassgabe der Verwandtschaft, eingreife auch in die
übrigen Verhältnisse des Lebens, und wiederum von diesen getragen und
gehoben werde; sodann, dass er, einmal in Gang gebracht, nicht der immer
fortgesetzten neuen Anstösse seines Meisters bedürfe, sondern für sich
selbst fortgehe, und, so ers braucht, zu höherer Vollkommenheit sich
bilde. Nach diesen Merkmalen sonach ist jeder Entwurf zu prüfen, wenn
die Frage über seine Ausführbarkeit entschieden werden soll.




                          Dritter Abschnitt.
    Von den Mitteln, durch welche unsere wissenschaftliche Anstalt
    auf ein wissenschaftliches Universum Einfluss gewinnen solle.


                                §. 58.

Das in unserer Kunstschule einmal begonnene wissenschaftliche Leben soll
nicht etwa in jeder künftigen Generation, sowie es schon da war, nur
sich ^wiederholen^, viel weniger noch soll es ungewiss herumtappen, und
so selbst Rückfällen ins Schlimmere ausgesetzt seyn; sondern es soll mit
sicherem Bewusstseyn und nach einer Regel zu höherer Vollkommenheit
fortschreiten. Damit dies möglich werde, muss die Schule die in einem
gewissen Zeitpuncte errungene Vollkommenheit irgendwo deutlich und
verständlich niederlegen; an welche also niedergelegte Stufe der
Vollkommenheit dieses Zeitpunctes das beginnende frische Leben sich
selber und seine Entwickelung anknüpfe. Am besten wird diese
Aufbewahrung geschehen vermittelst eines ^Buches^.


                                §. 59.

Da aber das wirkliche, in unmittelbarer Ausübung befindliche Leben der
wissenschaftlichen Kunst fortschreitet von jeder errungenen Entwickelung
zu einer neuen, jede dieser Entwickelungen aber, als die feste Grundlage
der auf sie folgenden neuen, niedergelegt werden soll im Buche: so folgt
daraus, dass dieses Buch selbst ein fortschreitendes, ein ^periodisches^
Werk seyn werde. Es sind ^Jahrbücher^ der Fortschritte der
wissenschaftlichen Kunst an der Kunstschule; welche Jahrbücher, wie ein
solcher Fortschritt erfolgt ist, ihn bestimmt bezeichnet niederlegen für
die nächste und alle folgende Zeit, und welche, wenn die
wissenschaftliche Kunst nicht unendlich wäre, einst nach Vollendung
derselben begründen würden eine ^Geschichte^ dieser -- sodann
vollendeten Kunst.


                                §. 60.

Die Kunst schreitet fort auf zwiefache Weise: theils überhaupt, wie
alles Leben, dass sie eben lebendig bleibe, und niemals erstarre oder
versteine; theils dass dieses überhaupt also fort^gehende^ Leben auch
fort^schreite^ zu höherer Kraft und Entwickelung. Dies Letztere
geschieht wiederum auf doppelte Weise: nemlich zuerst in ihm selber und
intensive, in Absicht des ^Grades^, sodann nach aussen hin und
extensive, indem es immer mehr des ihm angemessenen Stoffes in sich
aufnimmt, und ihn mit sich ihn durchdringend organisirt, also in Absicht
der Ausdehnung. -- Todt ist ein wissenschaftlicher Stoff, so lange er
einzeln und ohne sichtbares Band mit einem Ganzen des Wissens dasteht,
und lediglich dem Gedächtnisse, in Hoffnung eines künftigen Gebrauches,
anheimgegeben wird. Belebt und organisirt wird er, wenn er mit einem
andern verknüpft, und so zu einem unentbehrlichen Theile eines
entdeckten grösseren Ganzen wird; und jetzt erst ist er der Kunst
anheimgefallen. Wird dieses schon entdeckte und in den Jahrbüchern
vorliegende Ganze mit einem klaren Begriffe durchdrungen (die Klarheit
ist aber ein ins Unendliche zu steigerndes), dass die Theile sich noch
enger an einander anschliessen und durch einander verwachsen: so hat die
Kunst intensiv gewonnen; greift der vorhandene Einheitsbegriff weiter,
und erfasst ein bis jetzt noch einzeln dastehendes Glied, so gewinnt sie
extensive. Beide Arten des Fortschrittes unterstützen sich
wechselseitig, und arbeiten einander vor. Die ^Erweiterung^ des
Begriffes macht seine ^Verklärung^, seine ^Verklärung^ seine
^Erweiterung^ leichter.

In Absicht der zuerst erwähnten periodischen ^Anfrischung^ des
wissenschaftlichen Lebens aber, die an sich kein Fortschreiten ist weder
intensiv noch extensiv, verhält es sich also: -- Unabhängig in Absicht
der Materie von der besonnenen und kunstmässigen Entwickelung, und
gerade um so mehr, in je höherem Grade die letztere vorhanden ist,
schreitet das geistige Leben des Menschengeschlechtes durch sich selber,
wie nach einem unbewussten Naturgesetze fort. Die Sprache concentrirt,
die Phantasie erhöht sich, die Schnelligkeit des Fassungsvermögens
steigt, der Geschmack wird zarter; und so ^ersterben^ in einem späteren
Zeitalter Formen, die der wahrhafte Ausdruck des Lebens eines früheren
waren, und so muss oft das, dem in keiner Weise eine höhere innere
Vollkommenheit sich geben liesse, dennoch aus der erstorbenen äusseren
Form in die des dermaligen Menschengeschlechtes aufgenommen werden. (Wir
machen an folgendem Beispiele unseren Gedanken klarer. -- Selber die
Philosophie, als die reinste, stoffloseste Form, die auch im mündlichen
Vortrage immer also, als reines Entwickelungsmittel der Kunst des
Philosophirens, sich behandelt, geht dennoch in Beziehung auf stätigen
Fortschritt der Wissenschaft auf ^ein Buch^ aus, welches ^die
durchgeführte richtige Anwendung der Denkgesetze^, als festes und
stehendes Resultat, absetze. Fürs erste nun, was nicht unmittelbar
dasjenige ist, was wir sagen wollen, sondern wodurch wir uns
vorbereiten: -- wäre nun ein solches Buch vorhanden, so würde bis ans
Ende der Tage jedwedes Individuum, das ein Philosoph seyn wollte,
vielleicht jenes Buch als Leitfaden brauchend, dennoch jene Anwendung
der Denkgesetze ^selbst^ und in eigener ^Person^ durchführen müssen, und
von dieser Arbeit jenes Buch ihn auf keine Weise entbinden. Dagegen
hätte er davon folgenden Vortheil: führte sein Denken ihn auf ein
anderes Resultat, als in jenem Buche vorliegt, so müsste er entweder
deutlich und bestimmt nachweisen können, welcher Fehler in Anwendung der
Denkgesetze im Buche begangen worden, der dieses von dem seinigen
verschiedene Resultat hervorgebracht hätte; oder er wüsste, so lange er
dies nicht könnte, sicher, dass er mit seinem eigenen Denken noch nicht
im Klaren sey, er müsste annehmen, dass sein Resultat ebensowohl irrig
seyn könnte, als das im Buche vorliegende, und hätte kein Recht, seinen
Satz, der möglicherweise irrig seyn könnte, an die Stelle eines andern,
der freilich auch irrig seyn kann, in dem allgemeinen Buchwesen zu
setzen. Möchte er höchstens diesen seinen Satz, ausdrücklich als nicht
sattsam begründet, für die weitere Untersuchung eines künftigen klareren
Denkers aufbewahren. Und dies wäre denn in dem ersten, wie in dem
zweiten Falle der Erfolg des vorhandenen Buches für die Wissenschaft,
dort sichere Erweiterung, hier Verwahrung vor blindem Herumtappen und
dem Eigendünkel, der da will, dass seine unbewiesenen Behauptungen mehr
seyen, als anderer vielleicht bewiesene Behauptungen, indem er nur
unfähig ist, den Beweis zu fassen. Hiervon reden wir nun zunächst nicht,
sondern davon. Ob nun wohl auch jenes niedergelegte philosophische Buch
also beschaffen wäre, dass es weder in seinem Inhalte, noch im Grade der
Klarheit überhaupt eine Verbesserung erhalten könnte, so möchte es doch
immer einer ^Erfrischung^ durch das neue Leben der Zeit bedürfen.)


                                §. 61.

Das bisher beschriebene gäbe nun das ^Kunstbuch^ der Schule. Nun zeigt
sich diese Kunst, und ihr Leben schreitet fort, in Organisation eines
Stoffes. Inwiefern dieser Stoff wirklich schon organisirt ist, ist er
aufgenommen in die Kunst und in derselben Buch, und es bedarf für ihn
keines besonderen Buches; inwiefern er aber noch nicht durchdrungen ist,
und er also die weitere Aufgabe für die Kunstschule enthält, muss diese
Aufgabe irgendwo in fester Gestalt niedergelegt seyn, und die Schule
bedarf, ausser ihrem Kunstbuche, auch eines ^Stoffbuches^. Dies ist nun
zum Theil schon vorhanden an dem ganzen vorliegenden Buchwesen, und muss
nur die Schule dieses ^kennen^. Die dahin gehörigen Einrichtungen sind
schon im vorigen Abschnitte angegeben, und es lässt in dieser Kenntniss
ein Fortschritt nur so sich denken, dass diese Kenntniss des vorhandenen
Buchwesens vervollständiget, und das allgemeine Repertorium desselben
besser geordnet und einer leichteren Uebersicht im Ganzen zugänglicher
gemacht werde, auf welchen Zweck auch unsere Schule in alle Wege
anzuweisen ist. Jenes auf diese Weise schon vorhandene grosse Stoffbuch
selber soll nun fortschreiten: zuvörderst, indem es seiner äusseren Form
nach erfrischt und erneuert wird, sodann, indem in Absicht des Inhaltes
es theils berichtigt und von den darin vorhandenen Fehlern gereinigt,
theils immerfort ergänzt und erweitert wird. Das Letzte geschieht durch
neue Entdeckungen auf dem Gebiete der Geschichte und der Naturkunde;
welche Entdeckungen immerhin bei ihrer ersten Erscheinung zur Aufnahme
in die Einheit sich nicht qualificiren mögen, dennoch aber, bis ein
Mehreres zu ihnen hinzukommt, aufbehalten werden müssen. Durch diese
neuen Entdeckungen verlängert sich wiederum das Stoffbuch nach der
Peripherie hin, das nach der Seite seines Centrums immer mehr verkürzt
und von dem Kunstbuche aufgenommen wird.

Dieser Fortschritt, des Stoffbuches sowohl wie auch des Kunstbuches,
kann sich nun begeben entweder ^bei uns^, oder ^bei anderen^; wo wir im
letztern Falle die Ausbeute in unsere Schule und unser Buch aufzunehmen
haben, damit das gesammte Buch des Menschengeschlechtes und sein
wissenschaftlicher Fortschritt Einheit behalte.

Zum Fortschritte dieses gesammten Buches gehören auch diejenigen
Bestrebungen, dasselbe zu verbessern, die nur noch Versuche und noch
nicht zu der Festigkeit gediehen sind, dass man sie in einem Buche
niederlegen könne. Auch diese Versuche, wenn sie bei anderen angestellt
werden, kennen zu lernen, wenn wir sie anstellen, uns dabei der
Beobachtung anderer nicht zu entziehen, müssen wir Anstalt treffen.


                                §. 62.

Um über den Fortschritt der wissenschaftlichen Kunst, die im Kunstbuche
dargelegt werden soll, ganz verständlich zu werden, legen wir unsere
Gedanken dar an einem Beispiele.

Wenn also z. B. mit der Universalgeschichte es dahin zu kommen bestimmt
wäre, dass man einsähe, sie sey nicht ein Zufälliges, das auch entbehrt
werden könne, sondern sie habe eine bestimmte, dem Menschengeschlechte
sich aufdringende Frage nach bestimmten gleichfalls im menschlichen
Geiste schon vorliegenden Frageartikeln zu beantworten, als etwa: wie
unser Geschlecht zu menschlicher Lebensweise, zu Gesetzlichkeit, zu
Weisheit, zur Religion, und worin noch etwa sonst die Ausbildung zum
wahren Menschen bestehen mag, sich allmählig erhoben habe, -- hier
einseitig, dann zurückfallend, um auch andere, bisher vernachlässigte
Bildungsweisen in sich aufzunehmen; -- und man über diese Fragen zu
einigen bestimmten und unveränderlichen Resultaten gekommen wäre: so
würde man sodann auch einsehen, dass die bisher abgesteckten Epochen
nach Entstehung oder Untergang grosser Reiche, nach Schlachten und
Friedensschlüssen, die Regententafeln u. dergl. nur provisorische
Hülfsmittel, berechnet auf eine Denkart, die nur durch die Erschütterung
des äusseren Sinnes berührt wird, gewesen seyen, um die Sphäre jener
besseren Ausbeute indessen zu erhalten; und man würde nur an jene,
inniger an das Interesse der menschlichen Wissbegier sich anschmiegenden
Epochen die Geschichte anknüpfen, welche nun allerdings auch jene ersten
weniger bedeutenden mit sich fortführen würden, damit das Gemälde sein
vollkommenes Leben bis auf den wirklichen Boden herab bekäme. Man würde
z. B. nicht mehr sagen: unter der Regierung des und des wurde der Pflug
erfunden, sondern umgekehrt: als der Pflug erfunden wurde, regierte der
und der, dessen Leben vielleicht auf die weiteren Begebenheiten des
Pfluges, auf welches letzteren Geschichte es hier doch allein ankommt,
Einfluss hatte. Die Kunst der Geschichte wäre dadurch ohne Zweifel
fortgeschritten, indem man nunmehro erst recht wüsste, wonach man in
derselben zu fragen, und worauf in ihr zu sehen habe; sie wäre mit einem
klaren Begriffe durchdrungen.

Dadurch wäre auch die ganze Bearbeitung derselben an unserer Kunstschule
verändert. Vorher bestand ihre eigentliche Aufgabe darin, jenen klaren
Begriff und die festen Data, die eine Uebersicht der Begebenheiten nach
seiner Leitung giebt, ^zu finden^, und in diesem Finden bestand die
gemeinschaftliche Arbeit unserer Kunstschule. Jetzt ist dies da: es wird
abgesetzt im Buche, das unser Zögling selber lesen mag. Vorher musste er
ein nach anderen Epochen eingetheiltes Buch lesen, das ihm jetzt auch in
alle Wege nicht ganz erlassen werden kann, das aber ihm, der einen
Leitfaden von höherer Potenz hat, weit leichter haften wird, als seinem
früheren Vorgänger. Die unmittelbar zu treibende Kunst an unserer Schule
erhält in Beziehung auf die Geschichte eine andere Aufgabe; ohne Zweifel
die, jene Data weiter auszuarbeiten und zu verbinden, und so mehr des
bisher noch nicht durchdrungenen Stoffes der Facta durch den
Grundbegriff zu durchdringen.

So in allen anderen Fächern. Die Kunst gräbt fortgehend sich tiefer in
bisher unsichtbare Welten; die in dem nunmehr ausgegrabenen Schachte
gewonnene Ausbeute legt sie im Kunstbuche nieder, als Ausgangspunct und
als Instrument ihres weiteren Verfahrens.

Und so wäre denn 1) in unseren Jahrbüchern des Fortschrittes der Kunst
an unserer Schule, als Hauptbestandtheile und als Epoche machend,
niederzulegen die encyklopädischen Ansichten jedes unserer Lehrer von
seinem Fache; kurz, versteht sich, und im Grossen und Ganzen. Sollte
ihm, wie dies also zu erwarten, diese klare und ewig dauernde
Rechenschaft auch nicht während der Ausübung seines Lehramtes angemuthet
werden können, so kann sie dennoch nach dem Austritte ihm nicht füglich
erlassen werden, und hat er darauf schon während der Ausübung zu
rechnen.

2) Da unsere Schüler auch Bücher lesen sollen, und wir ihnen überhaupt
nichts zu sagen gedenken, was ebenso gut im Buche steht, so gehört zu
jener encyklopädischen Rechenschaft eines Lehrers allerdings auch die
Angabe, welche Lectüre er vorschreibe. Diese Lectüre mag für den Anfang
in schon vorhandenen Büchern bestehen, und es wird in diesem Falle genug
seyn, diese zu citiren.

Späterhin aber werden wir, theils um die allenfalls veraltete äussere
Form anzufrischen, theils aber und vorzüglich, wegen des durch den
Fortschritt der Kunst ganz veränderten Ausgangspunctes der von uns
wirklich zu ^treibenden^ Kunst, Lesebücher für unsere Zöglinge (ein
^corpus^ jedes einzelnen Faches, wie es bisher nur ein ^corpus juris^
gab) eigens drucken lassen müssen. In Absicht des ersten -- des
Auffrischens -- wird zu beachten seyn, dass dies nicht von dem Ermessen
des Einzelnen abhängen könne, sondern mehrere die Tüchtigkeit eines
Einzelnen für diesen Behuf anerkennen müssen, indem nicht in jedem der
gesammte lebendige Zeitgeist sich ausspricht, und mancher versucht wird,
seinen individuellen Geist für jenen zu halten. In Absicht des zweiten
haben wir, sowie im Lehren, den Grundsatz, nicht zu sagen, was schon
gedruckt ist, im Schreiben den, nicht zum zweitenmale drucken zu lassen,
was einmal gedruckt ist. -- Wird einmal das Bedürfniss solcher eigenen
Lesebücher eintreten, so werden uns die Mittel nicht abgehen, demselben
abzuhelfen, und können wir recht füglich von denen, die bei uns Meister
oder Doctor zu werden verlangen, dergleichen Probestücke begehren.

Wir erhielten an jenen encyklopädischen Rechenschaften, von denen jede
künftige die vorhergegangene entweder ^formaliter^, durch Klarheit und
Leichtigkeit, oder ^materialiter^, durch weitere Umfassung des Stoffes,
übertreffen müsste, -- oder sie könnte nicht aufgenommen werden, und
dies wäre ein Beweis, dass die Kunst dermalen bei uns stille stände --
eine ^fortgehende und eng zusammenhängende Reihe^ von Fortschritten in
der Wissenschaft, welche der Nachwelt, die einen beträchtlichen Theil
derselben übersehen, und vielleicht das ^Gesetz^ dieses Fortschrittes
entdecken könnte, wiederum als Mittel weit höherer Fortschritte dienen
könnte. Wir erhielten an dem, mit jener und ihrem Gesetze gemäss
fortschreitenden ^Lesebuche^, das nicht gerade in den Context jener
Jahrbücher eingewoben seyn müsste, sondern selbstständig existiren
könnte, ein äusserliches Document und einen Exponenten der Jahrbücher.

Dieses Lesebuch würde, sowie es von einer Seite durch Steigerung der
Gesichtspuncte anwüchse, von der anderen durch Auswerfung des sattsam
bearbeiteten Stoffes abnehmen. Wir machen dies deutlich an demselben
Beispiele der Geschichte. Wenn man durch Erfassung etwa des angegebenen
Standpunctes für diese -- die Geschichte -- vielleicht auch den Zweck
aufgeben wird, in derselben ^Psychologie^ oder ^Staatswissenschaft^ zu
lernen -- Zwecke, die man leicht für Vorspiegelungen halten dürfte, um
dem Philosophen gegenüber sich aus der Verlegenheit zu ziehen, einen
Zweck ihres Studiums deutlich anzugeben, -- begreifend, dass man diese
Zwecke weit wohlfeileren Kaufes mit der Philosophie erreichen könne;
dass aber die Regierungs^kunst^, die durchaus etwas Anderes ist, denn
die durch Philosophiren zu schöpfende Regierungs^wissenschaft^, eine
leichte und sich von selbst findende Zugabe des rechten Studiums der
Geschichte sey: -- wenn man, sage ich, diese Zwecke aufgeben wird,
alsdann wird man einer Menge Untersuchungen, die nur dem psychologischen
oder politischen Zwecke unter die Arme greifen sollen, sich gern
überheben. -- (So lange es, um über die Aechtheit eines gewissen
Documents urtheilen zu können, auf die Untersuchung, welchen Zuschnitt
der Bart eines gewissen Kaisers gehabt habe, ankommt, muss man in alle
Wege diese Untersuchung gründlich treiben. Sollte aber durch einstige
Vollendung dieser Untersuchung die Aechtheit oder Unächtheit des
Documents, gemeingültig für alle künftige Zeit, ausgemittelt seyn, so
mag man nun den Bart immer fahren lassen; ja dieses um so mehr, wenn
sogar an der Aechtheit oder Unächtheit des Documents selber uns nichts
mehr liegen sollte, indem, was dadurch entschieden werden soll, indess
anderwärtsher entschieden worden. Freilich müsste man zu diesem Behufe
auch darüber mit sich einig seyn, dass es in allen Fächern Gewissheit
und eine feste, unwidersprechliche Beweisführung gebe, und nicht etwa
gerade in das blinde Herumtappen, und in die Wiederholung desselben
Kreislaufes durch jegliche Generation, die Perfectibilität des
Menschengeschlechtes setzen.)

So, wenn nun jemand durchaus kein anderes Mittel hat, um über den Werth
einer gewissen Meinung zu entscheiden, ausser daraus, dass sie die
Meinung eines gewissen alten Philosophen gewesen, dabei aber doch noch
immer Zweifel hegt, ob dieselbe nicht vielmehr die Folge der
Gesundheitsbeschaffenheit dieses Philosophen, als seiner Speculation
gewesen: so ist diesem die Frage über die Hypochondrie oder
Nichthypochondrie des Mannes allerdings höchst bedeutend; wer aber auf
anderem Wege über den in Frage gestellten Werth Bescheid hätte, der
könnte jenen Philosophen sammt seinem Gesundheitszustande ruhig an
seinen Ort gestellt seyn lassen.


                                §. 63.

Neben diesem ersten und wesentlichen Theile der Jahrbücher, den
encyklopädischen Rechenschaften der Lehrer, giebt es noch einen zweiten,
zum ersten nothwendig gehörenden Theil, die Ausarbeitungen der Schüler.
Denn es soll ja nicht bloss die Kunst der gesammten Schule in
Bearbeitung des wissenschaftlichen Stoffes, es soll auch die besondere
Kunst der Lehrer gezeigt werden, selber Künstler aus dem ihnen gegebenen
Stoffe der Zöglinge zu bilden, und, so Gott will, der Fortgang auch
dieser Kunst. Ueber die Lehrmethode derselben wird schon ihre
encyklopädische Rechenschaft, auch ohne ausdrückliches Vermelden, die
nöthige Auskunft geben. Ueber so viele andere, in Worten auch nicht
füglich zu beschreibende Kunstmittel mögen sie schweigen, und dieselben
eben üben; aber ihr ^Werk^, den Künstler, der aus ihren Händen
hervorgeht, mögen sie vorzeigen.

Im Anfange zwar, und in den ersten Jahren werden wir noch nichts dieser
Art vorzuweisen haben; einen sicheren Anfang aber müssen dennoch auch
die Jahrbücher sich setzen, indem es ausserdem wohl immer bei dem
Versprechen bleiben könnte. Dieser Anfang könnte erscheinen zu Anfang
des zweiten Lehrjahres, und er müsste enthalten: 1) die encyklopädischen
Ansichten der angestellten Lehrer jedes Faches, die sie ja ohne Zweifel
bei der Vorbereitung auf dieses ihnen grossentheils neue Collegium
schriftlich entworfen, und während des mündlichen Vortrages und der mit
den Lehrlingen angestellten Uebungen verbessert haben werden. 2) Die
Probeaufsätze der Studirenden, welche gebilligt, und deren Verfassern
die Befugniss, das Regulat nachzusuchen, gegeben worden. Sollte das
Letztere zu weitläufig ausfallen, so könnten aus den gelungenen nur die
gelungensten ausgewählt, der anderen aber nur im allgemeinen mit dem
gebührenden Lobe gedacht werden.

(Der zweite Punct wäre zugleich die den Lehrern, die das Regulat zuerst
besetzen, allerdings nicht zu erlassende öffentliche Rechenschaft, dass
sie hierbei nach festen Grundsätzen und keinesweges willkürlich
verfahren; ingleichen die Weisung an Studirende und deren Eltern, was
bei künftigem Anspruche auf dasselbe Regulat von ihnen ^wenigstens^
gefordert werden würde. Wenigstens; denn es könnte so kommen, dass das
erstemal, um denn doch überhaupt ein an Personal nicht gar zu schwaches
Regulat einzusetzen, nach ein wenig milderen Grundsätzen verfahren
werden müsste, denn späterhin.)

Aus denselben Bestandtheilen, Nachträgen der Lehrer zu ihren
encyklopädischen Ansichten, und Probeaufsätzen neuer Candidaten des
Regulats würden die Jahrbücher auch zu Anfange des dritten, vierten etc.
Lehrjahres bestehen, so lange bis wir Aufsätze von solchen, die bei uns
das Meisterthum erhalten hätten, mittheilen und so die Aufsätze der
Schüler ungedruckt lassen könnten. Erst mit diesen ginge die eigentliche
Rechenschaftsablegung des Lehrers über seine Lehrkunst an.

Hier auch hebt die eigentliche Rechenschaft der gesammten Kunstschule
über den Fortschritt des Lehrtalentes und der Künstlerbildung an ihr an.
Werden, noch abgerechnet die Steigerung des Begriffes selbst (wovon in
§. ^praeced.^), in der ^Form^ die Aufsätze der künftigen Meister klarer,
gewandter, freier, leichter, denn die der früheren, so steigt die Kunst;
das Gegentheil davon wäre ein Beweis, dass sie wenigstens in dieser
Rücksicht fiele, und die gesammte Akademie hätte zusammenzutreten und
Anstalten zu treffen, ^ne detrimenti quid capiat respublica^.

Schon in den anderen mit den Lehrlingen anzustellenden Uebungen, recht
eigentlich aber, und auch andern sichtbar in diesen Jahrbüchern, kann
ein Lehrer sehen, ob ein anderes, jugendlicheres und gewandteres
Lehrertalent neben ihm aufkomme, und er hat sodann ohne Säumen
auszutreten, und diesem seinen Lehrstuhl zu überlassen. Der eigentliche
Vater dieses Studiums, und der fortdauernde Berather und Warner in
demselben bleibt er immerfort.

Der hier entworfene Begriff solcher Jahrbücher wäre dem ersten
anhebenden Theile derselben in einer, das grosse Publicum befriedigenden
Deutlichkeit voranzusetzen, und hätten wir in dieser Einleitung uns auf
alle hier aufgestellten Grundsätze für uns und unsere Nachkommen, vor
Welt und Nachwelt, auf ewig zu verpflichten.


                                §. 64.

Betreffend den Fortgang insbesondere des Stoffbuches durch uns, geht
dieser, wie sich versteht, auch bei uns, sowie in der übrigen Welt,
seinen Weg fort. Es wäre hierbei nur folgendes anzumerken. Zuvörderst
ist wohl von keinem unserer Akademiker zu erwarten, dass er, entweder um
das Daseyn seiner Person kund zu thun, oder um an den Ehrensold irgend
eines schlecht unterrichteten Buchhändlers zu kommen, Geschriebenes
schreibe, und compilirend aus zehn Büchern ein eilftes mache, und hätte,
falls dergleichen doch einem beikäme, die gesammte Akademie die
gemeinschaftliche Ehre zu retten, und die Schmach des Einzelnen von sich
abzuwehren. Sodann: dergleichen Vermehrungen des Stoffbuches von Seiten
unserer Akademiker müssten zunächst auf das gegenwärtige Bedürfniss
unserer Kunstschule gehen und bestimmt seyn, diesem abzuhelfen; und es
wäre den Arbeiten von dieser Beziehung der Vorzug vor anderen zu geben.
Im Falle eines solchen Bedürfnisses könnten wir auch Auswärtige zur
Mithülfe durch Aussetzung eines ^Preises^ auffordern; der Akademiker
selbst ist für den Preis zu hoch; dem Bedürfnisse der Familie
abzuhelfen, wenn er kann, ist ihm ohnedies Pflicht wie Freude, und sind
die vom Rathe der Alten recht eigentlich für dieses Geschäft, auch in
Absicht des Buchwesens, eingesetzt.

Einen Theil des fortschreitenden Stoffbuches jedoch müssen wir als ein
nothwendiges Glied in unseren Plan aufnehmen, und die regelmässige
Fortsetzung desselben organisiren; ich meine die Niederlegung der an
unserer Akademie gemachten neuen Entdeckungen für Geschichte und
Naturwissenschaft, zu welcher letzteren auch das in der ärztlichen
Praxis Entdeckte, das einen wissenschaftlichen Aufschluss über die Natur
verspricht, gehört, und wir deswegen auch, ohnerachtet wir die ärztliche
Praxis ganz von uns auszuschliessen gedenken, für diesen letzteren Behuf
einen, oder etliche Männer unter unseren Akademikern haben müssen. Es
ist unsere Pflicht sowohl, als unser Vortheil, dass diese Entdeckungen,
sobald sie zu einer bestimmten schriftlichen Relation haltbar genug
geworden, nicht innerhalb unserer Gesellschaft bleiben, sondern auch das
auswärtige Publicum, das uns ja auch diesen neuen Stoff bearbeiten
helfen soll, Kunde davon erhalte. Es müssten drum angelegt werden
^Jahrbücher der Wissenschaftlichen Entdeckungen an unserer Akademie^. Ob
der Stoff so reich ausfalle, dass er einer selbstständigen periodischen
Schrift bedürfe, oder ob diese Jahrbücher mit dem tiefer unten zu
erwähnenden Werke, der Bibliothek der Akademie, vereinigt werden
sollten, mag entschieden werden, wenn es an die wirkliche Ausführung
geht. So viel ist klar, dass wir kein Bändchen der Fortsetzung solcher
Jahrbücher liefern können, wenn wir innerhalb der Zeit nichts Neues
entdeckt haben, dass sie somit keinesweges bestimmte Termine ihrer
Erscheinung halten können.


                                §. 65.

Noch ein Hauptgegenstand der Beachtung unserer Akademie ist die
Benutzung des ausserhalb unser, und anderwärts fortschreitenden
^Stoff^-, sowie auch ^Kunstbuches^; und die Nutzbarmachung desselben für
diejenigen unserer Mitglieder, die wegen anderer Geschäfte nicht Zeit
haben aufs blosse Gerathewohl zu lesen (die ausübenden Lehrer und
Studirenden), von denjenigen aus uns, die diese Zeit haben (dem Rathe
der Alten).

Es ist dazu erforderlich zuvörderst, dass man diesen Fortschritt, d. h.
die neu erschienenen Schriften historisch kenne. Für diesen Behuf
erscheint nun zu Leipzig der bekannte Messkatalog, als das Verzeichniss
ihrer zu Markte gebrachten Waare, dessen Besorgung, wie sich versteht,
eine Sache des Verkäufers der Waare ist. Es mochte gut seyn, dass sich
fertigere Federn fanden, welche diesen Messkatalog paraphrasirten; doch
war und blieb dies immer eine rein mercantilische Sache, zum Dienste des
Käufers und Verkäufers; und eine allgemeine Literaturzeitung kann
durchaus auf keinen höheren Werth Anspruch machen, als auf den eines
Journals des Luxus und der Moden. Dass diese subalternen Handarbeiter
durch schlecht unterrichtete Schmeichler sich überreden liessen, sie
verwalteten zugleich das Geschäft der Kritik, und dieses lasse sich eben
mit der durchaus mercantilischen Rücksicht, ^den ganzen Messkatalog
herunter zu recensiren^, vereinigen; dass, nachdem die Meinung einmal
entstanden, sogar solche, die da wohl fähig gewesen wären, das Amt der
Kritik zu verwalten, sich verleiten liessen, zuweilen ein treffenderes
Wort in jenen unwürdigen Context hineinzuwerfen, ist in unseren Tagen
eine der ergiebigsten Quellen des literarischen und anderen Verderbens
geworden, und es ist darüber auf Handlanger und Unternehmer solcher
Paraphrasen des Messkatalogs ein grösseres Maass von Spott gefallen, als
sie Kraft hatten, zu verdienen. Da die Liebhaberei unserer Leser noch
immer nach dergleichen Literaturzeitungen sich hinzuwenden scheint, und,
so viel dem Schreiber dieses bekannt ist, der eigentliche Grund ihrer
Verwerflichkeit selten rein ausgesprochen und ins Auge gefasst wird, so
sagen wir noch bestimmt, dass dieser unser Entwurf anmuthe, zu begreifen
folgendes: dass, wenn auch etwa überhaupt, was wir hier an seinen Ort
gestellt seyn lassen, die Zeit sich herausnehmen dürfe, die Zeit zu
kritisiren, diese Kritik wenigstens nicht an ^der Allheit der
erscheinenden Bücher^, sowie die einzelnen uns unter die Hände fallen,
geübt werden könne, indem ein solcher Vorsatz selbst einen absolut
unkritischen, unphilosophischen, der Einheit unempfänglichen, planlosen
Geist voraussetzt, und nur eine planlose und verworrene Geburt erzeugen
kann; sondern dass sie an ^ganzen Klassen und Arten von Büchern^, die
nach inneren Kriterien schon vorher unterschieden worden, geübt werden
müsse; dass jener Vorsatz, alles aus der Presse Hervorgegangene zu
recensiren, offenbar die Rücksicht auf gleiche Gerechtigkeit gegen alle
Verleger, als Waarenlieferanten, darthue, wie es denn auch die Verleger
sind, welche auf die Vollständigkeit der Literaturzeitungen am meisten
dringen, und über Vergewaltigung laut klagen, wenn einer ihrer Artikel
unangezeigt geblieben; dass demnach der mercantilische Zweck der
wesentliche, den Plan und das Grundgesetz solcher Unternehmungen
bestimmende, der kritische aber nur hinterher als Vorwand hinzugekommen
ist, und dass man sogar auch darüber sich niemals ernsthaft
berathschlagt, ob eine Vereinigung dieser beiden Zwecke auch wohl
möglich sey.

Möge wenigstens von unserer Akademie eine solche Verwirrung, welche ihr
und der Kunstschule Wesen sogleich im Beginn zerstören würde, fern
bleiben!

Uebrigens mag in Gottes Namen, und es wäre dieses sogar höchst rathsam,
in der Hauptstadt unserer Monarchie, neben dem Sitze der Akademie, auch
eine solche vollständige Paraphrase des Messkatalogs erscheinen; wäre es
auch nur darum, um die anderwärts erscheinenden aufgeblasenen
Zwitternaturen von unseren weniger unterrichteten Mitbürgern abzuhalten.
Es sey dies ein Privatunternehmen eines, etwa des akademischen
Buchhändlers. Die Sache ist Handarbeit, welcher der Leipziger
unparaphrasirte Messkatalog zur Basis diene. Der Referent versichert als
Augenzeuge, dass das Buch wirklich erschienen sey, und er es unter den
Augen gehabt habe; das sey sein Titel, so viel koste es, und hierauf
lässt er die Inhaltsanzeige und irgend eine Stelle aus dem Buche
abdrucken. Ueber die Wahl dieser Stellen, auch etwa über ganz
auszulassende Schriften, mag er die Akademie derjenigen Klassen, die
ohnedies aus anderen Gründen diese Bücher durchzulaufen haben, befragen
dürfen, und wäre diesen eine allgemeine Aufsicht und Censur dieses
Messcatalogus, jedem in seinem Fache, zu übertragen. -- Halte zu diesem
Behuf der Unternehmer sich einige Zugewandte, wiewohl auch ganz
unstudirte Kaufmannsbursche das Geschäft versehen könnten.

Was dagegen der Akademie als solcher in Beziehung auf die auswärtige
Vermehrung des Buchwesens recht eigentlich zukommen würde, wäre
folgendes:

1) Die Mitglieder des Rathes der Alten nehmen, jeder für sein Fach, die
durch die letzte Messe erfolgte Vermehrung des Buches für dieses Fach
vollständig in Augenschein, welches, wenn die Literatur der Deutschen
ihren bisherigen Charakter noch lange behält, grossentheils mit
Durchsicht der Inhaltsanzeigen, der Register, der Vorreden, und einigem
Durchblättern sich wird abthun lassen. Sollte in dieser Durchsicht dem
Einen etwas vor die Augen kommen, das nicht eigentlich zur Competenz
seines Faches gehörte, und hier sich nur in dasselbe verloren hätte, so
macht er den, in dessen Fach es eigentlich gehört, aufmerksam.

2) Was nun in dieser dermaligen Vermehrung des Buches sich findet als
Fortschritt, d. i. als Verbesserung oder Erweiterung des Stoffbuches in
diesem Fache, oder auch als Erhöhung des Kunstbuches, nach dem oben
angegebenen Maassstabe einer solchen Erhöhung, wird niedergelegt in
einem anderen periodischen Werke, welches man ^Jahrbücher der
Fortschritte des Buchwesens^, oder auch die ^Bibliothek der Akademie^,
nennen könnte. Was blosse Wiederholung des schon Bekannten ist, wird mit
Stillschweigen übergangen. Rückfälle in schon widerlegte Irrthümer
mögen, falls nemlich zu befürchten wäre, dass ein Mitglied unserer
Akademie dadurch geirrt werden könnte, angezeigt werden. Da eine solche
Uebersicht ausgeht von der bisherigen Literatur des Faches, die ihre
feststehenden Abtheilungen schon haben wird, so kann sie recht füglich
an diese, als den Grundleitfaden sich halten, zeigend, wie jeder dieser
Theile bereichert worden sey, und so das Buch, wo diese Bereicherung
sich vorfindet, auf Veranlassung des Inhalts, keinesweges aber den
Inhalt auf Veranlassung des Buches, wie dies die Paraphrase des
Messkatalogs thut, anführen.

Bücher, in denen gar nichts Neues steht, ohne dass sie doch auch als
eine Auffrischung des bisherigen Buchwesens in diesem Fache gelten
könnten, und die daher gar nicht existiren sollten, werden in dieser
Bibliothek ganz übergangen. Es würde ganz zweckmässig seyn, dass
dergleichen, nach Angabe dieser Referenten in der Bibliothek, die man
darüber zu befragen hätte, auch in dem Messkatalog übergangen würden,
damit, sowie wir selbst auf die blosse Buchmacherei Verzicht thun, wir
auch die Unterstützung der auswärtigen Buchfabriken durch den Ankauf
unserer weniger unterrichteten Mitbürger verhindern. Das Publicum wisse,
dass es desjenigen, das sogar unser Messkatalog übergeht, sicherlich
nicht bedarf.

Diese Bibliothek ist ^unserer Akademie^ Bibliothek, und zunächst für
deren Gebrauch geschrieben. Mit dem ersterwähnten Durchwühlen des
ganzen, durch die Messe herbeigeführten Schuttes braucht keiner unserer
Lehrer oder unserer Schüler sich zu bemühen; selber der alte Akademiker
und Mitarbeiter an der Bibliothek braucht es nur mit dem, der auf seinen
Theil gefallen ist; die übrigen Theile haben andere für ihn übernommen.
Und so hat denn unser Akademiker nur diese Bibliothek zu lesen, und
findet in ihr die bestimmte Nachweisung, was er etwa noch ausserdem neu
Erschienenes zu lesen habe. Für ihn ist daher diese Bibliothek
allerdings ^Kritik^, Scheidung des zu Lesenden von dem nicht zu
Lesenden, des ganzen neuesten Buches.

Will auch das auswärtige Publicum, und unter ihnen die Verfasser und
Verleger dieses gesammten neuesten Buches, diese Bibliothek, die
durchaus nicht ihnen zu Liebe geschrieben ist, dennoch lesen, so steht
ihnen dies ganz frei. Wollen sie ferner dieselbe als allgemeine und so
auch für sie geltende Kritik ansehen, so thun sie das auf ihre eigene
Verantwortung. Wir wenigstens uns auf die unsrigen beschränkend, haben
niemals einen solchen arroganten Anspruch gemacht, unsern Richterspruch
der ganzen Welt aufzudringen; dringt er sich ihnen aber etwa von selbst
in ihrem eigenen Bewusstseyn auf, so ist dies ein desto ehrenvolleres
Zeugniss für uns. Was daraus entstehen möge, so haben wir mit Verfassern
oder Verlegern nichts abzuthun, indem wir uns diesen niemals für etwas
verbunden haben.

(Dass, weil wir nicht blind herumtappen, sondern nach einem festen Plane
einhergehen, wir gar bald zu grossem Ansehen gelangen werden und dass
dies mächtig zur Verbesserung des ganzen Literaturwesens wirken werde,
lässt sich voraussehen. Jedoch ist sogar diese grosse Folge nur eine
zufällige, die wir nicht beabsichtigen; denn zu bescheiden, das Heil der
ganzen Welt auf unsere Schultern laden zu wollen, denken wir zunächst
nur auf unser eigenes Heil.)


                                §. 66.

Noch sind allein übrig die oben erwähnten Anstalten, wodurch wir von den
Bemühungen anderer wissenschaftlicher Körper, welche Bemühungen noch
nicht Festigkeit genug erhalten haben, um im Buche niedergelegt zu
werden, zeitig Notiz erhalten, und diese Körper in die Lage setzen, von
den gleichen Bemühungen bei uns Notiz zu nehmen. Es wäre in dieser
Rücksicht vorzuschlagen: 1) dass wir an allen bedeutenden Akademien und
Universitäten des deutschen Vaterlandes sowohl, als des Auslandes, uns
einen besonderen Freund und Repräsentanten erwählten aus den Mitgliedern
eines solchen Corps; gegenseitig diesen erlaubend und sie einladend,
dasselbe bei uns zu thun. Diese Repräsentanten wären ersucht, alles, was
an ihrem Orte von der eben erwähnten Art sich zutrüge, davon sie
glaubten, dass es die befreundete Akademie interessiren könnte,
derselben durch Correspondenz zu melden. 2) Damit wir jedoch, tiefer
denn diese fremden Berichte, die nur die erste Aufmerksamkeit erregen
sollen, und selbst dasjenige, was diese etwa mit Stillschweigen
übergehen, mit eigenen Augen zu sehen uns in den Stand setzen, sollen,
wo möglich ununterbrochen, junge Männer aus unserer Mitte zu ihnen
gesendet werden und bei ihnen einige Zeit sich aufhalten; die nach
erfolgter Rückkehr uns mündlichen Bericht abstatten, wie sie alles
befunden. Diese sind zu allernächst an unseren Repräsentanten adressirt,
der ihnen mit Rath und That an die Hand gehe. Es versteht sich, dass wir
dasselbe den verbündeten Gesellschaften zugestehen, und die ihrigen also
behandeln, wie wir wollen, dass die unsrigen von ihnen behandelt werden.
So wünschen wir ohne Zweifel, dass die unsrigen den unbeschränktesten
Zutritt zu allen wissenschaftlichen Uebungen der Auswärtigen erhalten,
und müssen drum diesen denselben Zutritt bei uns geben. Keinesweges aber
wünschen wir, dass den unsern bei diesen Besuchen etwa das Sehwerkzeug
des Auslandes untergeschoben werde, sondern dass sie sich ihres eigenen
Auges, sowie es bei uns gebildet worden, bedienen; wir sind darum
ebensowenig befugt, oder, falls wir unseren Augpunct für besser zu
halten berechtigt seyn sollten, verpflichtet, ihn unseren Gästen zu
leihen, sondern mögen sie das Vermögen zu sehen eben schon mitgebracht
haben. Der hierüber nöthigen Politik mögen sich sowohl unsere zu diesen
Gesandtschaften gebrauchten Mitbürger, als alle unsere Akademiker
befleissigen; und es haben z. B. die ersten nicht gerade nöthig, dem
Ausländer gegenüber laut über ihn zu denken, sondern sie mögen sich
berichten lassen, ihres Herzens wahre Gedanken aber, bis zu ihrer
Rückkehr in unsere Mitte, für sich behalten.

Die zu diesen wissenschaftlichen Gesandtschaften am besten sich
qualificirenden Subjecte wären bei uns gezogene und gelungene Regulare,
und könnten sie damit sehr füglich die Zeit zwischen ihrem Austritte aus
dem Regulat und ihrem Eintritte in die Akademie ausfüllen.

Vorzüglich würden zu diesen Geschäften gebraucht werden und, falls sie
nur gerade so gut wie andere sich dazu qualificirten, diesen sogar
vorgezogen werden müssen die Söhne aus der Universitätsstadt, und
besonders die unserer Akademiker; es versteht sich, wenn die
Hauptbedingung, dass sie gelungene Regulare wären, von ihnen erfüllt
wäre. Dieses zwar keinesweges als ein ^persönliches Vorrecht^,
dergleichen bei uns keine Geburt giebt, sondern vielmehr als
^Gleichstellung^ mit den übrigen, und ^Entschädigung^ dafür, dass sie
die Universitätsstadt an ihrem Geburtsorte finden, und im Grunde aus dem
Umkreise der Ihrigen zu einem völlig selbstständigen Leben noch niemals
herausgekommen sind, und so die hiermit verknüpften, oben erwähnten
Vortheile bisher verloren haben.


                                §. 67.
                             Corollarium.

Unsere Akademie, an und für sich betrachtet, giebt in der von uns
angegebenen Ausführung das Bild eines vollkommenen Staates: redliches
Ineinandergreifen der verschiedensten Kräfte, die zu organischer Einheit
und Vollständigkeit verschmolzen sind, zur Beförderung eines gemeinsamen
Zweckes. An ihr sieht der wirkliche Staatskünstler immerfort dieselbe
Form gegenwärtig und vorhanden, welche er auch seinem Stoffe zu geben
strebt, und er gewöhnt an sie sein, von nun an durch nichts Anderes zu
befriedigendes Auge.

Dieselbe Akademie stellt in ihrer Verbindung mit den übrigen, ausser ihr
vorhandenen wissenschaftlichen Körpern dar das Bild des vollendet
rechtlichen Staatenverhältnisses. Alle, in sich übrigens allein,
geschlossen und selbstständig bleibend, kämpfen aus aller ihrer Kraft um
denselben Preis, die Beförderung der Wissenschaft und der
wissenschaftlichen Kunst; aber ihr Wettkampf ist nothwendig redlich, und
keiner kann den errungenen Sieg verkennen oder schmälern, ohne sich
selbst der, allen gemeinschaftlichen und bei unendlicher Theilung
dennoch immer ganz bleibenden Ausbeute des Sieges zu berauben. Ihr
Wettkampf ist liebend; das beleidigte Selbstgefühl des Ueberwundenen
hebt sogleich sich wieder empor an der Freude über den gemeinsamen
Gewinn, und die augenblickliche Eifersucht geht schnell über in Dank an
den Förderer des gemeinen Wesens.

Diese Form einer organischen Vereinigung der aus lauter verschiedenen
Individuen bestehenden Menschheit vermag in ihrer Sphäre die
Wissenschaft zu allererst, und dem Kreise der übrigen menschlichen
Angelegenheiten lange zuvorkommend, zu realisiren. Als einzelne Republik
darum, weil zuvörderst das Interesse, das in dieser Sphäre scheiden,
trennen und das zu Vereinigende voneinanderhalten könnte, hier bei
weitem nicht so dringend und gebieterisch herrscht, als das der
sinnlichen Selbsterhaltung, welches im Gebiete des Staates entzweiet und
sich befeindet; sodann weil selber das Element, das die Wissenschaft
bearbeitet, die Denkart veredelt und die Selbstsucht schmählich macht.
Als ein Verein von Republiken darum, weil alle genau wissen und
verstehen, was sie eigentlich wollen; dagegen die politischen
Entzweiungen der Völker und weltverheerende Kriege sich sehr oft auf die
verworrensten und finstersten unter allen möglichen Vorstellungen
gründen. In dieser früheren Realisirung der für alle menschlichen
Verhältnisse eben also angestrebten Form ist sie Weissagung, Bürge und
Unterpfand, dass auch das Uebrige einst also gestaltet seyn werde, der
strahlende Bogen des Bundes, der in lichten Höhen über den Häuptern der
bangen Völker sich wölbt.

Aber selbst, indem sie noch verheisset, erfüllet sie schon und ist
gedrungen zu erfüllen. Die einzige Quelle aller menschlichen Schuld, wie
alles Uebels, ist die Verworrenheit derselben über den eigentlichen
Gegenstand ihres Wollens; ihr einiges Rettungsmittel daher Klarheit über
denselben Gegenstand; eine Klarheit, welche, da sie nicht uns fremd
bleibende Dinge erfasst, sondern die innerste Wurzel unseres Lebens,
unser Wollen ergreift, auch unmittelbar einfliesst in das Leben. Diese
Klarheit muss nun jeder wissenschaftliche Körper rund um sich herum,
schon um seines eigenen Interesse willen, wollen und aus aller Kraft
befördern; er muss daher, sowie er nur in sich selbst einige Consistenz
bekommen, unaufhaltsam fortfliessen zu Organisation einer Erziehung der
Nation, als seines eigenen Bodens, zu Klarheit und Geistesfreiheit, und
so die Erneuerung aller menschlichen Verhältnisse vorbereiten und
möglich machen; durch welche Erwähnung der Nationalerziehung wir wieder
am Schlusse unseres ersten Abschnittes niedergesetzt werden, und so den
bis ans Ende durchlaufenen Kreis schliessen.




                   Beilagen zum Universitätsplane.


                            (Ungedruckt.)


                                  I.
    Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an einer
                      deutschen Universität.[28]

1) Soll ein solches Werk der Universität Ehre machen und zugleich den
steigenden Flor derselben befördern, so muss dasselbe auf dem Gipfel der
wissenschaftlichen Bildung der deutschen Nation anheben, und seine
Fortsetzung kann nichts Anderes seyn, als das fortlaufende Document des
ununterbrochenen Fortschreitens jener Bildung auf der vorausgesetzten
Universität.

2) Es muss wirklich das Werk der Lehrer und Mitglieder dieser
Universität, und das Resultat des wissenschaftlichen Geistes und seiner
Leistungen auf derselben seyn, und das öffentliche Urtheil muss darüber
nicht in Zweifel bleiben können. Es ist daher nicht hinlänglich, dass
jenes Werk etwa nur in der Stadt, wo auch die Universität sich befindet,
gedruckt oder auch von Gelehrten, die zugleich Lehrer an derselben sind,
geschrieben werde: es muss die Rechenschaftsablegung enthalten über den
Geist und die Resultate ihres Treibens. Die Ehre, welche bei
Vernünftigen dadurch der Universität zu Theil würde, dürfte sonst
vielleicht der jenes Glockenziehers, der zu einer vortrefflichen Predigt
eingeläutet zu haben sich rühmte, nicht ungleich seyn: die Rechnung auf
das Vorurtheil der Unvernünftigen aber ist, wenn man sich auch
herablassen wollte, darauf Rücksicht zu nehmen, nicht sicher auf die
Dauer.

[Fußnote 28: Geschrieben im Jahre 1805, mit Bezug auf die Universität
Erlangen. Vergl. Nachgelassene Werke Bd. III. S. 277. ff.]

3) Der dadurch zu liefernde Beweis der Superiorität des
wissenschaftlichen Geistes auf der vorausgesetzten Universität muss
nicht ^indirect^ geführt werden, so dass man sich nur zeige, als fähig
die Schwächen oder auch die Vorzüge Anderer einzusehen, durch welche
unabhängig von uns die Wissenschaften bearbeitet werden; denn das ist
seinem Wesen nach untergeordnete und Schülerarbeit.

(Dergleichen sind alle Recensiranstalten, Bibliotheken,
Literaturzeitungen, und wie sie Namen haben mögen. Sie tragen das
Gepräge ihrer Unselbstständigkeit und Inferiorität dadurch an sich, dass
sie für die Möglichkeit ihrer eigenen Existenz Bücher voraussetzen, und
gründen sich auf den Wahn des Zeitalters, dass die einzige und rechte
Bearbeitung der Wissenschaften die Buchmacherei sey. Entweder das Buch
wird herabgesetzt in der Recension: welche Ehre aber ist es für den
vorauszusetzenden Professor-Recensenten, dass er mehr ist, als der arme
Stümper, den er uns vorführt? Oder es wird erhoben: entweder der
Verfasser ist ein Fremder. Welche Ehre erwächst sodann durch sein gutes
Buch unserer Universität, als die sehr untergeordnete der Anerkennung
fremden Verdienstes? Oder er ist einer unser gelehrten Mitbürger: wer
wird uns recht glauben?

In Deutschland waren diese Unternehmungen in neueren Zeiten gar nicht
für den Flor der Universitäten ersonnen, sondern bloss ein
mercantilisches Institut, das den Buchführern zum Absatz ihrer Waare
verhelfen sollte, zuerst selbst von einem Buchführer, sodann von einem
bekannten industriösen Schriftsteller, der einen dürftig besoldeten
Professor für seinen Plan gewonnen. Von ohngefähr und durch ganz andere
Ursachen -- die Lehrer, denen Jena vorzüglich seinen Ruf verdankt, sind
nie fleissige Recensenten, noch die Redactoren der Literaturzeitung je
vorzügliche Lehrer gewesen, -- gewann die verfallene Universität, an
deren Spitze das letzterwähnte Werk dieser Art gedruckt wurde, eine neue
Blüthe; und nun machte der grosse Haufen den gewöhnlichen Fehlschluss
vom Zugleichseyenden auf das Verhältniss von Ursache und Wirkung;
welcher Fehlschluss denn auch, da ihn der grosse Haufen gemacht, einige
Zeitlang gute Dienste geleistet hat. Dennoch fing Jena schon vorher an
zu verfallen, ehe es die Schützsche Literaturzeitung verlor, und jetzt
hilft es ihm nichts, dass es sogleich wieder eine andere errichtet hat,
welche unstreitig an innerem Werthe die alte bei weitem übertrifft. Auch
hat zu Leipzig, Erlangen u. s. w. durch den Abdruck von Recensionen, die
meist von Lehrern dieser Universitäten verfasst sind, wie in den
Göttinger Anzeigen, sich kein grösserer Flor dieser Universitäten
ergeben wollen, als wie sie ohne dergleichen Literaturzeitungen auch
besitzen würden.

Ueberdies, falls wir uns auch auf das Alte und Mittelmässige bescheiden
wollten, ist sogar dies nicht einmal mehr uns zugänglich. Aus unseren
eigenen Mitteln, ohne fremde Beiträge, vermögen wir eine
Literaturzeitung nicht einmal auch nur zum Scheine anzufüllen: durch den
Conflict der alten und der neuen Jenaischen Literaturzeitung aber sind
alle Federn schon in Beschlag genommen, und es giebt gewiss keinen
Gelehrten von einigem Verdienste, welcher zu Arbeiten dieser Art sich
nicht für zu gut hält, der nicht bei einer dieser beiden, oder auch wohl
bei beiden in Diensten stehe.

Ahmen wir lieber dies Bestreben in dem einzigen Puncte nach, dass wir,
so wie jene zu ihrer Zeit, etwas Neues unternehmen, wobei sie uns meines
Erachtens zugleich den Vortheil gelassen haben, dass das Rechte noch neu
ist.)

4) Der zu führende Beweis muss ^direct^ geführt werden, -- sagten wir:
also, dass das periodische Werk der Universität den steten Fortschritt
der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Geistes auf derselben,
unmittelbar und aus der ersten Hand darlege. Jenes Werk enthalte ganz
eigentlich, was die ältere Benennung: ^acta literaria Universitatis N.
N.^ ausdrückt.

Den Fortschritt der ^Wissenschaft^ und des ^wissenschaftlichen Geistes^
aus der ersten Hand, sagten wir ferner. Die Wissenschaft ist ja nicht
zunächst das Buch, noch lebt sie im Buche, sondern sie lebt in dem, was
im wirklichen Forschen, im Conflicte der Geister und im Vortrage sich
ergiebt. Dieses nun werde zum Buche und Buchstaben zunächst in jener
Relation. Die akademischen Lehrer sind ja als Lehrer angestellt, und
nichts verhindert, dass sie nicht auch überdies noch unter sich selber,
gleich einer Akademie, in geistigen Wechselverkehr treten; nicht aber
werden sie vom Staate dazu besoldet, dass sie in die weite Welt hinein
Bücher schreiben. Jene literarischen Acten der Universität würden nun
ihr gemeinschaftliches Buch, wenn sie von Amtswegen zu schreiben hätten,
und wohin Alles, was sie des Druckes für würdig achteten, zunächst
gehörte.

(Es bliebe ihnen dabei unbenommen, auch noch auf eigene Hand Bücher zu
ediren. Vom ehrenvollen Falle tiefer unten. Als Buchfabricanten oder
Compilatoren aber im Dienste von betriebsamen Verlegern Sachen drucken
zu lassen, die nur die Masse des bedruckten Papieres, keinesweges aber
die Wissenschaft vermehren, ist ohnedies unter der Würde eines Lehrers
an einer solchen Universität, und wäre durchaus den sogenannten
Privatgelehrten zu überlassen.)

Den ^Fortschritt^ der Wissenschaften sollten diese literarischen Acten
documentiren. Es gehörte daher in sie nur das ^Neue, Weiterbringende^,
keinesweges aber blosse Wiederholungen oder neue Aufstutzungen des
Alten, Bekannten.

Die Wissenschaft kann fortschreiten, theils in der ^Materie^ durch neue
Entdeckungen und Ansichten, theils in der ^Form^ durch bessere
Lehrmethoden und immer begriffsmässige Beherrschung und Durchdringung
des Lehrstoffes. Alles dieser Art von den Lehrern Erfundene in allen
Zweigen der Wissenschaften, welche auf dieser Universität bearbeitet
werden, wäre in den Acten niederzulegen.

Ausgezeichnete und den Standpunct des wissenschaftlichen Unterrichts an
der Universität durch den Erfolg bezeichnende Arbeiten der Zöglinge des
Instituts wären nicht auszuschliessen. Bringen sie auch die Wissenschaft
nicht weiter, so können sie doch einen bei Jünglingen nicht gewöhnlichen
Grad der wissenschaftlichen Ausbildung documentiren, und sollen es.
Keiner derselben müsste der gelehrten Würden der Universität theilhaftig
werden, welcher nicht einen, nach jenem Grundsatze wenigstens
^aufnehmbaren^ Beitrag zu den Acten geliefert hätte; wodurch die von
dieser Universität ertheilten Würden Achtung gewinnen würden vor denen
anderer Universitäten, wo dieser Maassstab nicht angelegt werden kann.

Es würde solchen Acten nicht zum Vorwurfe gereichen, wenn selbst
widerstreitende Ansichten derselben Gegenstände von verschiedenen
Verfassern in ihnen nebeneinander ständen. Denn es kommt hierbei fürs
Erste nicht darauf an, ob die Ansichten wahr, sondern nur ob sie neu
sind, und ob man sich von ihnen versprechen kann, dass sie auch zu einer
neuen Wahrheit führen könnten. Ueber die Wahrheit soll erst die Zukunft
und die fortgesetzte Forschung entscheiden, und so kann selbst ein neuer
Irrthum ein Fortschritt auf einem wissenschaftlichen Gebiete werden,
wenn er auf eine neue Wahrheit leitet, welche allein ihn zu widerlegen
vermag. Aus demselben Grunde würde es dem Werke auch nicht zum Vorwurfe
gereichen, wenn etwa die Fortsetzung die früheren Lieferungen zum Theil
widerlegte; denn dadurch würde ja gerade der Fortschritt bewiesen.

5) Zur Lieferung von Beiträgen wären die Lehrer nur insofern zu
verbinden:

^a.^ dass sie ihre auf Erweiterung der Wissenschaften gerichteten
Bestrebungen, die so weit gereift sind, dass sie einer Berichterstattung
durch den Druck fähig geworden, zuerst den Acten anböten;

^b.^ dass jeder Lehrer im Verlaufe seines Wirkens denn doch etwas
liefere und dadurch seine Berechtigung, an diesem Platze zu stehen,
darthäte. Späterhin, nach Einführung der Acten, könnte es
ausschliessende Bedingung der Berufung zu einer Stelle an dieser
Universität werden, dass man einen bedeutenden, im Geiste des Instituts
verfassten Beitrag geliefert hätte. Wer seinen fortschreitenden Geist
nicht schon bewährt hat, der taugt nicht zum Mitgliede einer
Gesellschaft, die lediglich für den Fortschritt der Wissenschaft
arbeitet. Keinesweges aber wären sie

^c.^ also zu verbinden, dass sie binnen halbjähriger oder Jahresfrist so
viel Neues in ihrer Wissenschaft entdeckt haben müssten, dass der
zweckmässige Bericht darüber so und so viel gedruckte Bogen füllen
könne. Vielmehr liegt es in dem Begriffe solcher Acten, dass ihr
Erscheinen durchaus an keine bestimmten Zeiträume gebunden ist: sie
mögen fortgesetzt werden, sobald Stoff dazu sich gesammelt hat;
keinesweges aber soll ihre Erscheinung an das Kalenderdatum oder an die
Buchhändlermessen gebunden seyn.

6) Unter den, keinesweges von den Beitragenden selbst, sondern von
Anderen, die sodann für diesen Fall eine Direction bildeten, zu
entscheidenden Fragen ist die erste: ob eine Ansicht oder eine
Verbesserung wirklich neu sey und der Wissenschaft einen Fortschritt
verspreche? (Was keinesweges gleichbedeutend mit der Frage ist: ob sie
wahr sey?) Die Beantwortung dieser Frage würde für jeden besonderen
Beitrag der Facultät (dem bestimmten Lehr- und Erkenntnissfache) des
Beitragenden anheimfallen. Diese hätte ihre verneinende Antwort mit
Gründen zu belegen und diese dem Beitragenden zu eigener reifer
Ueberlegung schriftlich mitzutheilen. Dies wäre die erste Instanz. Würde
er durch diese Gründe nicht überzeugt und zur Rücknahme bewogen, so
sollte es noch eine höhere Instanz für Entscheidung dieser Frage geben,
wofür in einem grossen Staate eine zweckmässig besetzte Akademie der
Wissenschaften in der Hauptstadt sich am besten qualificiren würde. Es
möchte im Falle der Billigung des Beitrags in dieser Instanz, im
öffentlichen Drucke bemerkt werden, dass die locale Facultät des
Beitragenden denselben verworfen, die Akademie der Wissenschaften aber
ihn gebilligt habe. Im Falle der Verwerfung auch in dieser Instanz hätte
die Akademie ihre Gründe dem Beitragenden gleichfalls schriftlich
mitzutheilen. Von dieser Instanz verworfen, könnte sein Aufsatz nun
freilich nicht in den Acten der Universität erscheinen; es müsste ihm
aber erlaubt bleiben, denselben nebst den angeführten Gründen der
Verwerfung in beiden Instanzen, auf eigene Verantwortung vor das
Publicum zu bringen, und die Mit- und Nachwelt zum Richter des erhobenen
Streites zu machen. Selbst seine Verhältnisse zur Universität und zu den
Acten derselben bei anderen, den Streitpunct nicht berührenden
Gegenständen müssten dadurch nicht gestört, vielmehr seine bürgerliche
und persönliche Sicherheit, sein öffentlicher guter Name, seine Schrift-
und Lehrfreiheit unter den besonderen Schutz des Staates genommen
werden; denn das gelehrte Publicum seines Staates in seiner sichtbaren
Repräsentation ist ihm gegenüber zur Partei geworden, und das Richteramt
zwischen ihnen ist einer höheren Instanz übergeben, welche zu ihrer Zeit
Ehre und Schande austheilen wird. Und insbesondere halte die öffentliche
Gewalt sich fern von der Möglichkeit der Berührung mit dieser Schande.

Man sage nicht, dass durch dieses Hindurchgehen durch verschiedene
Instanzen Zeit verloren gehe. Der einem respectabelen Corps anderer
Gelehrten einzeln gegenüberstehende Gelehrte soll Veranlassung und Zeit
gewinnen, seine Sache reiflich zu überlegen; auch bedarf es bei wahrhaft
originalen Ansichten keiner Eile, etwa aus Furcht, dass etwa Andere sie
uns vorweg nehmen dürften.

7) Eine zweite von einer Direction zu entscheidende Frage wird seyn über
die Form des Vortrages; denn auch der Vortrag eines solchen Werkes muss
mustermässig seyn und auf der Spitze der Kunst des Vortrages im
Zeitalter stehen.

Zur Entscheidung darüber müsste ein bewährter und zwar philosophischer
Schriftsteller herbeigezogen werden, welcher mit dem ursprünglich
Beitragenden so lange den Aufsatz verbesserte, bis dieser seine Gedanken
durchaus als wiedergegeben anerkennte, und jener mit der Form zufrieden
wäre. Ohne die Approbation der Form durch diesen Schriftsteller, welcher
über diesen Punct ganz allein dem Curatorium und dem Publicum
verantwortlich wäre, dürfte kein Aufsatz in den Acten abgedruckt werden.

8) Die Unterstützung, deren ein solches Werk von der Regierung bedürfte,
würde, falls nur das Personal der Lehrer richtig gewählt wäre, sich auf
den ersten Vorschuss zum Verlage, und auf die Direction der Verlags- und
Debitsgeschäfte, mit denen die Gelehrten durchaus nichts zu thun haben
müssten, ferner auf den Schutz derselben gegen Nachdruck überhaupt und
gegen Wiederabdruck einzelner Aufsätze, beschränken. Ein solches Werk
würde in kurzer Zeit eine Abnahme finden, die die Zurücknahme des
vorgeschossenen Capitals mit den Interessen erlaubte, die Kosten des
mercantilischen Geschäfts dabei deckte, und dennoch einen ansehnlichen
Ueberschuss zur Vertheilung an die Beitragenden übrig liesse. Dieser
Ueberschuss wäre, nach Abzug der Correctionsgebühren, welche bei jedem
besonderen Aufsatze nach Verhältniss der aufgewendeten Mühe besonders zu
bestimmen wären, nach der Bogenzahl der gelieferten Beiträge an die
Beitragenden gleich zu vertheilen, und ihnen und ihren Erben und
Erbnehmern, auf ewige Zeiten, so lange noch ein Exemplar des Bandes, in
welchem ihre Beiträge stehen, verkauft wird, als unantastbares Eigenthum
zuzusichern. Dass die Regierung diesen Gegenstand zu einer
Finanzoperation mache, wäre unter ihrer Würde. Wiederum lässt von der
anderen Seite von anständig besoldeten und an einer zahlreich besuchten
Universität, deren Studirende auf eine zweckmässige Weise angehalten
werden, die gebührenden Honorarien zu entrichten, arbeitenden Gelehrten
sich nicht erwarten, dass sie nach dem Schriftstellersolde eilen werden,
so wie der Bogen abgedruckt ist. Vielmehr würden sie das allmählige
Eingehen ihres Antheils ruhig abwarten; auch wohl dieses Nebeneinkommen
gern für die Ihrigen, die sie möglicherweise doch als unversorgte
Wittwen und Waisen hinterlassen könnten, stehen lassen.


                          Schlussanmerkung.

1) Vor diesem Plane möchte mancher Bescheidene erschrecken und das Ziel
zu hoch gesteckt finden. Es ist dabei zu erwägen, dass, wie bei allen im
blossen Begriffe vorgezeichneten Plänen, also auch hier, die Ausführung
hinter dem Vorsatze zurückbleiben werde, und dass dieses ohne alles
unser Vorhaben sich schon von selbst findet. Es ist daher um so
nöthiger, sich sogleich den einzig rechten Zweck in seiner ganzen
Klarheit zu setzen, weil man sodann doch immer hoffen kann, mehr zu
erreichen, als wenn man sich gleich von vornherein vornimmt, mit dem
Mittelmässigen oder Falschen sich abfinden zu lassen.

2) Besonders könnte bei Erwähnung des Neuen und des Erfindens nach
Inhalt oder nach Form gesagt werden: wenn nun aber auf der
vorausgesetzten Universität nichts Neues in beiderlei Richtung erfunden
wird? Ich antworte, dass jene Acten dadurch desto nöthiger werden, um
über die eigentliche Beschaffenheit des Gelehrtenpersonals an der
Universität aufzuklären. Sie können dem Curatorium derselben deutlich
einen Maassstab geben, an welcher Stelle es eigentlich fehle, und wo
nachgeholfen werden müsse. Ein solcher nicht mehr fortstrebender, weder
in Erweiterung des Inhaltes seiner Wissenschaft, noch in Bewältigung
ihres Stoffes zu geistigerer Form Neues leistender Gelehrter kann auch
nicht mehr zu den guten Universitätslehrern gezählt werden; er müsste
durch einen anderen ersetzt werden. Im Ganzen aber müsste einer
Universität, welche dergleichen Acten herausgäbe, kein einziges, im
gemeinsamen Vaterlande aufblühendes Talent entgehen, welches sie nicht
wenigstens für die Zeit seiner besten Blüthe sich aneignete. Ein
Curatorium könnte auch sodann besser beurtheilen und dem Zweifelnden
augenscheinlich nachweisen, welche Personen in den ehrwürdigen Rang der
Veteranen zu versetzen wären, die von nun an entweder bloss zur
Tradition des Erlernten oder zur Anwendung desselben im praktischen
Wirken zu gebrauchen, aus dem Umkreise des wachsenden Lebens aber zu
entfernen sind. Ueberhaupt hängt dieser Plan zusammen mit einem
grösseren Plane zur Errichtung einer wahrhaft deutschen
Nationaluniversität, durch welchen er, und welcher wiederum durch ihn,
erklärt und die Ausführung erleichtert würde.


                                 II.
     Rede von Fichte, als Decan der philosophischen Facultät, bei
    Gelegenheit einer Ehrenpromotion an der Universität zu Berlin,
                          am 16. April 1811.

                         Hochgeehrte Herren!

Ich weiss nicht, ob es der Universität anständig seyn würde, sich zu
verwundern, dass sie in Berlin ist, so wie viele ausser ihr dermaassen
darüber erstaunt sind, dass sie um der Wunderbarkeit willen die Wahrheit
der Sache noch immer nicht recht glauben können. Einer Facultät
inzwischen, die nun gar allhier Doctoren creirt, wird diese Verwunderung
über sich selbst oft so aufgedrungen, dass es in der That sehr nöthig
wird, sich wohl zu besinnen, was man eigentlich thue, und, so man kann,
in sich selbst Fuss zu fassen, um ernsthafte Haltung zu gewinnen nach
Aussen.

Erlauben Sie mir daher, dass, ehe wir zu dem angesetzten Promotionsact
gehen, ich diese nöthige Selbstbesinnung laut vor Ihnen vollziehe.

Als im neueren Europa zuerst Universitäten entstanden, stellten sich
diese eine Aufgabe, welche ihnen keinesweges von der Gesellschaft oder
vom Staate, welche dafür blind waren, übertragen wurde, sondern die sie
allein erblickten und mit hochherziger Freiwilligkeit auf sich nahmen,
-- die Aufgabe, den menschlichen Geist zu befreien und ihn nach allen
Richtungen hin und durch alle Mittel, die ihnen bekannt werden möchten,
zu bilden. Wem diese akademische Würden ertheilten, den erklärten sie
dadurch für tüchtig, an der Erreichung dieses Zweckes mitzuarbeiten und
nahmen ihn auf in ihren grossen, freien Bund. Von ihnen sind die
akademischen Würden aus Hand in Hand bis auf uns herabgekommen, und es
giebt Keinen unter den jetzt lebenden Graduirten, auf den sie nicht
durch eine stete Reihe der Ueberlieferung von jenem ersten Bunde aus
gekommen sey.

Auch dauert das Bedürfniss eines solchen freien Bundes noch immer fort.
Uncultur und Barbarei umgiebt uns noch allenthalben; wie derselben
beizukommen sey, welcher Punct jedesmal in dem Fortgange der geistigen
Menschenbildung an die Tagesordnung komme, wer ein tauglicher Mitgehülfe
sey an dieser grossen Arbeit: dieses Alles zu bestimmen möchte wohl noch
immer der Staat ebenso unfähig seyn, als er es vor Jahrhunderten war,
und es möchte die Lösung dieser Fragen wohl noch immer anheimfallen
jenem grossen Bunde. Unser Staat, bei der Stellung unserer Universität
in die höchste Leichtigkeit versetzt, von allem Althergebrachten
abzugehen, und von Stimmungen umgeben, die nicht geneigt sind, irgend
eine Auszeichnung anzuerkennen, welche nicht unmittelbar vom Staate
herkommt, -- hat dennoch, zu seinem ewigen Ruhme, durch die trefflichen
Männer, die ihn hierin vertreten, jenen Grundsatz ausdrücklich
anerkannt, indem er die vorhergegangene feierliche Aufnahme in den
grossen europäischen Gelehrtenbund zur Bedingung der öffentlichen
Anstellung an der Universität gemacht hat, die freilich nur Er ertheilt.
Tiefer bekennt er sich daher auch zu dem Grundsatz, dass die neue
Universität ihm nicht bloss eine Pflanzschule seyn soll für künftige
Beamte, sondern eine freie Pflegerin in jeglicher Richtung und im
weitesten, von ihm ungeschmälerten Sinne.

Die akademische Würde ist darum noch immer, was sie ursprünglich war:
feierliches Symbol der Aufnahme in den grossen Bund der Veredlung des
Menschengeschlechts durch wissenschaftliche Bildung; und wer sie
annimmt, übernimmt dadurch feierlich vor Gott und Menschen die
Verpflichtung, dieser Bestimmung allein sein Leben zu widmen, und alle
andern Zwecke desselben aufzugeben.

Mag doch nun immer diese Würde oft an Unwürdige ertheilt worden seyn!
Der Unwürdige hat sie in der That nicht empfangen, sondern nur die
äussere Benennung. Es kann sie Keiner erhalten, der sie nicht schon
trägt in sich selbst. Der Promotionsact fügt bloss die äussere
Anerkennung hinzu: es kann aber Keiner anerkannt werden für das, was er
nicht ist. Auch wird der Würdige von dem, der selber würdig ist,
sicherlich anerkannt. Was der, der Ideen unfähige, Pöbel dazu sage, und
ob dieser unseren Grad auch ehre oder seiner zu spotten sich bestrebe,
darnach fragt der Eingeweihte nicht; denn dieser Pöbel ist für ihn
überhaupt nur da, als ein Gegenstand, der entpöbelt werden soll. Der
rechte Doctor, der von seiner akademischen Würde, von der Würde eines
geistigen Bildners der Menschheit innig durchdrungene, würde sich sogar
entehrt finden, wenn er auf einmal anfinge, dem Pöbel wohlzugefallen: er
würde in sich gehen und sich ernstlich prüfen, ob ihm nicht etwa eine
Leichtfertigkeit angeflogen sey.

Dass es der Eine grosse, im neueren Europa zur Verbreitung der
Wissenschaften geschlossene Bund ist, welcher die akademischen Würden
ertheilt, spricht sich auch dadurch aus, dass jede dieser Würden in
ihrer Art nur Eine ist und dieselbige, die auch überall als die Eine und
selbige anerkannt wird. Die besonderen Universitäten und Facultäten sind
in dieser Beziehung nur Glieder und Bevollmächtigte des ganzen Bundes,
und übertragen die Würde in seinem Namen. Um dies deutlich auszusprechen
und den Promovirenden sogar zu nöthigen, nicht etwa den örtlichen Grad
des Doctors, sondern den Grad schlechthin zu ertheilen, haben die
Universitäten eine gemeinsame Form dieser Ertheilung verfügt und auch
die Sprache als die gemeinsame aller Gelehrten dabei gewählt, u. s. w.

   Joannes     Friderice   Guilelme  Himly,
   Joannes     Alberte               Eytelwein,
   Sigismunde  Friderice             Hermbstaedt,
   Auguste     Ferdinande            Bernhardi,

                             ^etc. etc.^

      ^creo, creatum renuncio, renunciatum proclamo, et publice
                              confirmo!^




                         Vermischte Aufsätze.




                                  A.
          Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks.
                  Ein Räsonnement und eine Parabel.


             (Berliner Monatsschrift Bd. 21. S. 443-483.)

Wer schlechte Gründe verdrängt, macht bessern Platz. So urtheilte
unlängst ein durch seinen Rang, und mehr noch durch seine Gerechtigkeit
ehrwürdiges Gericht; und so dachte der Verfasser des Aufsatzes: »Der
Bücherverlag in Betrachtung der Schriftsteller, der Verleger und des
Publicums, nochmals erwogen« im Deutschen Magaz., April 1791. Die
Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks schien nemlich Herrn Reimarus
durch die bis jetzt angeführten Gründe noch nicht erwiesen; und er
wollte durch eine scheinbare Vertheidigung desselben die Gelehrten
auffordern, auf bessere gegen denselben zu denken. Denn unmöglich konnte
es ihm dabei Ernst seyn; unmöglich konnte er wollen, dass die
Vertheidigung eines Verfahrens sich behaupte, gegen welches jeder
Wohldenkende einen inneren Abscheu fühlt.

Seine Abhandlung theilt sich, der Natur der Sache gemäss, in die zwei
Fragen: über die ^Rechtmässigkeit^, und über die ^Nützlichkeit^ des
Büchernachdrucks. In Absicht der ersteren behauptet er: dass bis jetzt
noch kein, offenbar nur aus einem fortdauernden Eigenthume des Gelehrten
an seinem Buche abzuleitendes Recht desselben, oder seines
Stellvertreters, des rechtmässigen Verlegers, den Nachdruck zu
verhindern, nachgewiesen sey; woraus natürlich eine Befugniss zum
Nachdrucke folgen würde: mithin die Frage: ob der Nachdruck in
policirten Staaten zu dulden sey? nach ihrer Abweisung vom Richterstuhle
der vollkommenen Rechte, von der Beantwortung der weiteren Frage
abhängen würde: ob er nützlich sey? Herr Reimarus beantwortet diese
Frage bejahend, mithin auch die erste; schlägt jedoch zum Vortheile des
Verfassers und seines rechtmässigen Verlegers einige Einschränkungen der
allgemeinen Erlaubniss des Büchernachdruckes vor.

Herr Reimarus -- denn wir gestehen, dass wir nicht nöthig gefunden
haben, die Verfasser, welche er für eben diese Meinung anführt,
nachzulesen, da wir natürlicherweise voraussetzen konnten, dass er ihre
Gründe benutzt, und dass die letzte Schrift dafür, die seinige, auch die
stärkste seyn werde, -- Herr Reimarus also hat nicht erwiesen, noch zu
erweisen gesucht, dass überhaupt kein dergleichen fortdauerndes
Eigenthum des Verfassers möglich sey; sondern nur gesagt, dass man bis
jetzt es noch nicht klar dargelegt habe, und einige Instanzen angeführt,
die seiner Meinung nach gegen die Allgemeinheit, und mithin auch
Vollkommenheit eines solchen vom Eigenthume abgeleiteten Rechts streiten
würden. Wir haben also gar nicht nöthig ihm Schritt vor Schritt zu
folgen, und uns auf seine Gründe einzulassen. Können wir nur ein
dergleichen fortdauerndes Eigenthum des Verfassers an seine Schrift
wirklich beweisen, so ist geschehen, was er verlangte, und er mag nun
seine Instanzen selbst mit demselben zu vereinigen suchen. Ferner haben
wir dann auch seinen Erweis der Nützlichkeit des Büchernachdrucks nicht
zu beantworten; denn es kömmt sodann darauf gar nicht mehr an, da nie
geschehen darf, was schlechthin unrecht ist; sey es so nützlich es
wolle.

Die Schwierigkeit, welche man fand, ein fortdauerndes Eigenthum des
Verfassers an sein Buch zu beweisen, kam daher, weil wir gar nichts
ähnliches haben, und das, was demselben einigermaassen ähnlich zu seyn
scheint, wieder in Vielem sich gar sehr davon unterscheidet. Ebendaher
kömmt es, dass unser Beweis ein etwas spitzfindiges Ansehen bekommen
muss, welches wir aber so gut als möglich zu poliren suchen werden. Aber
der Leser lasse sich ihn dadurch nicht verdächtig werden; denn es wird
sehr leicht möglich seyn, ihn ^in concreto^ klarzumachen und zu
erhärten. -- Es sind nemlich eine Menge Maximen über diesen Gegenstand
im Umlaufe, welche jeder von der Sache Unterrichtete, Wohldenkende und
für das Gegentheil nicht Interessirte annimmt, anderer Verhalten in
Dingen der Art darnach beurtheilt, und das seinige selbst einrichtet.
Lassen sich diese alle leicht und natürlich auf unseren als Princip
aufgestellten Satz zurückführen, so ist dies gleichsam seine Probe; und
es wird dadurch klar, dass er der Grundsatz ist, welcher allen unseren
Urtheilen über diesen Gegenstand, obgleich dunkel und unentwickelt, zum
Grunde lag.

Zuerst der Grundsatz: Wir behalten nothwendig das Eigenthum eines
Dinges, dessen Zueignung durch einen Anderen physisch unmöglich ist. Ein
Satz, der unmittelbar gewiss ist und keines weiteren Beweises bedarf.
Und jetzt die Frage: Giebt es etwas von der Art in einem Buche?

Wir können an einem Buche zweierlei unterscheiden: das ^Körperliche^
desselben, das bedruckte Papier; und sein ^Geistiges^. Das Eigenthum des
ersteren geht durch den Verkauf des Buches unwidersprechlich auf den
Käufer über. Er kann es lesen und es verleihen so oft er will,
wiederverkaufen an wen er will, und so theuer oder so wohlfeil er will
oder kann, es zerreissen, verbrennen: wer könnte darüber mit ihm
streiten? Da man jedoch ein Buch selten auch darum, am seltensten bloss
darum kauft, um mit seinem Papier und Drucke Staat zu machen, und damit
die Wände zu tapeziren: so muss man durch den Ankauf doch auch ein Recht
auf sein Geistiges zu überkommen meinen. Dieses Geistige ist nemlich
wieder einzutheilen: in das ^Materielle^, den Inhalt des Buches, die
Gedanken, die es vorträgt; und in die ^Form^ dieser Gedanken, die Art
wie, die Verbindung in welcher, die Wendungen und die Worte, mit denen
es sie vorträgt. Das erste wird durch die blosse Uebergabe des Buches an
uns offenbar noch nicht unser Eigenthum. Gedanken übergeben sich nicht
von Hand in Hand, werden nicht durch klingende Münze bezahlt, und nicht
dadurch unser, dass wir ein Buch, worin sie stehen, an uns nehmen, es
nach Hause tragen und in unserem Bücherschranke aufstellen. Um sie uns
zuzueignen, gehört noch eine Handlung dazu: wir müssen das Buch lesen,
seinen Inhalt, wofern er nur nicht ganz gemein ist, durchdenken, ihn von
mehreren Seiten ansehen, und so ihn in unsere eigene Ideenverbindung
aufnehmen. Da man indess, ohne das Buch zu besitzen, dies nicht konnte,
und um des blossen Papiers willen dasselbe nicht kaufte, so muss der
Ankauf desselben uns doch auch hierzu ein Recht geben: wir erkauften uns
nemlich dadurch die Möglichkeit, uns die Gedanken des Verfassers zu
eigen zu machen; diese Möglichkeit aber zur Wirklichkeit zu erheben,
dazu bedurfte es unserer eigenen Arbeit. -- So waren die Gedanken des
ersten Denkers dieses und der vergangenen Jahrhunderte, und
höchstwahrscheinlich eines der ersten aller künftigen, vor der
Bekanntmachung seiner merkwürdigen Werke, und noch eine geraume Zeit
nachher sein ausschliessendes Eigenthum; und kein Käufer bekam für das
Geld, welches er für die Kritik der reinen Vernunft hingab, ihren Geist.
Jetzt aber hat mancher hellsehende Mann sich denselben zugeeignet, und
das wahrlich nicht durch Ankauf des Buches, sondern durch fleissiges und
vernünftiges Studium desselben. Dieses Mitdenken ist denn auch, im
Vorbeigehen sey es gesagt, das einzig passende Aequivalent für
Geistesunterricht, sey er mündlich oder schriftlich. Der menschliche
Geist hat einen ihm angeborenen Hang, Uebereinstimmung mit seiner
Denkungsart hervorzubringen; und jeder Anschein der Befriedigung
desselben ist ihm die süsseste Belohnung aller angewandten Mühe. Wer
wollte lehren vor leeren Wänden, oder Bücher schreiben, die niemand
läse? Das, was für dergleichen Unterricht an Gelde entrichtet wird, für
Aequivalent anzusehen, wäre widersinnig. Es ist nur Ersatz dessen, was
der Lehrer denen geben muss, die während der Zeit, dass er für andere
denkt, für ihn jagen, fischen, säen und ernten.

Was also fürs erste durch die Bekanntmachung eines Buches sicherlich
feilgeboten wird, ist ^das bedruckte Papier^, für jeden, der Geld hat es
zu bezahlen, oder einen Freund, es von ihm zu borgen; und der Inhalt
desselben, für jeden, der Kopf und Fleiss genug hat, sich desselben zu
bemächtigen. Das erstere hört durch den Verkauf unmittelbar auf, ein
Eigenthum des Verfassers (den wir hier noch immer als Verkäufer
betrachten können) zu seyn, und wird ausschliessendes des Käufers, weil
es nicht mehrere Herren haben kann; das letztere aber, dessen Eigenthum
vermöge seiner geistigen Natur Vielen gemein seyn kann, so, dass doch
jeder es ganz besitze, hört durch die Bekanntmachung eines Buches
freilich auf, ^ausschliessendes^ Eigenthum des ersten Herrn zu seyn
(wenn es dasselbe nur vorher war, wie dies mit manchem heurigen Buche
der Fall nicht ist), bleibt aber sein mit Vielen gemeinschaftliches
Eigenthum. -- Was aber schlechterdings nie jemand sich zueignen kann,
weil dies physisch unmöglich bleibt, ist die ^Form^ dieser Gedanken, die
Ideenverbindung, in der, und die Zeichen, mit denen sie vorgetragen
werden.

Jeder hat seinen eigenen Ideengang, seine besondere Art, sich Begriffe
zu machen und sie untereinander zu verbinden: dies wird, als allgemein
anerkannt, und von jedem, der es versteht, sogleich anzuerkennend, von
uns vorausgesetzt, da wir hier keine empirische Seelenlehre schreiben.
Alles, was wir uns denken sollen, müssen wir uns nach der Analogie
unserer übrigen Denkart denken; und bloss durch dieses Verarbeiten
fremder Gedanken, nach der Analogie unserer Denkart, werden sie die
unsrigen: ohne dies sind sie etwas Fremdartiges in unserem Geiste, das
mit nichts zusammenhängt und auf nichts wirkt. Es ist unwahrscheinlicher
als das Unwahrscheinlichste, dass zwei Menschen über einen Gegenstand
völlig das Gleiche, in eben der Ideenreihe und unter eben den Bildern,
denken sollen, wenn sie nichts voneinander wissen, doch ist es nicht
absolut unmöglich; dass aber der eine, welchem die Gedanken erst durch
einen anderen gegeben werden müssen, sie in eben der Form in sein
Gedankensystem aufnehme, ist absolut unmöglich. Da nun reine Ideen ohne
sinnliche Bilder sich nicht einmal denken, vielweniger anderen
darstellen lassen, so muss freilich jeder Schriftsteller seinen Gedanken
eine gewisse Form geben, und kann ihnen keine andere geben als die
seinige, weil er keine andere hat; aber er kann durch die Bekanntmachung
seiner Gedanken gar nicht Willens seyn, auch diese ^Form^ gemein zu
machen: denn niemand kann seine Gedanken sich zueignen, ohne dadurch,
dass er ihre Form verändere. Die letztere also bleibt auf immer sein
ausschliessendes Eigenthum.

Hieraus fliessen zwei Rechte der Schriftsteller: nemlich nicht bloss,
wie Herr R. will, das Recht zu verhindern, dass niemand ihm überhaupt
das Eigenthum dieser Form abspreche (zu fordern, dass jeder ihn für den
Verfasser des Buches anerkenne); sondern auch das Recht, zu verhindern,
dass niemand in sein ausschliessendes Eigenthum dieser Form Eingriffe
thue und sich des Besitzes derselben bemächtige.

Doch ehe wir weitere Folgerungen aus diesen Prämissen ziehen, lasst sie
uns erst ihrer Probe unterwerfen! -- Noch bis jetzt haben die
Schriftsteller es nicht übel empfunden, dass wir ihre Schriften
verbrauchen, dass wir sie anderen zum Gebrauch mittheilen, dass wir
sogar Leihbibliotheken davon errichten, ungeachtet dies (denn wir sehen
sie hier noch immer als Verkäufer an) offenbar zu ihrem Schaden
gereichet; und wenn wir sie zerreissen oder verbrennen, so beleidigt
dies den Vernünftigen nur alsdann, wenn es wahrscheinlich in der Absicht
geschieht, ihm dadurch Verachtung zu bezeugen. Noch haben sie uns also
bis jetzt durchgängig das völlige Eigenthum des ^Körperlichen^ ihrer
Schriften zugestanden. -- Ebensowenig sind sie dadurch beleidigt worden,
wenn man, bei wissenschaftlichen Werken, sich ihre Grundsätze eigen
machte, sie aus verschiedenen Gesichtspuncten darstellte und auf
verschiedene Gegenstände anwendete; oder bei Werken des Geschmackes ihre
Manier, welches ganz etwas anderes ist als ihre Form, nachahmte. Sie
haben dadurch eingestanden, dass das ^Gedankeneigenthum^ auf andere
übergehen könne.

Aber immer ist es allgemein für verächtlich angesehen worden, wörtlich
auszuschreiben, ohne den eigentlichen Verfasser zu nennen; und man hat
dergleichen Schriftsteller mit dem entehrenden Namen eines Plagiars
gebrandmarkt. Dass diese allgemeine Misbilligung nicht auf die
Geistesarmuth des Plagiars, sondern auf etwas in seiner Handlung
liegendes Unmoralisches gehe: ist daraus klar, weil wir im ersten Falle
ihn bloss bemitleiden, aber nicht verachten würden. Dass dieses
Unmoralische, und der Grund des Namens, den man ihm giebt, gar nicht
darin gesetzt werde, weil er durch den Verkauf eines Dinges, welches
Käufer schon besitzt, diesen um sein Geld bringt: ergiebt sich daraus,
dass unsere schlechte Meinung von ihm nicht um das Geringste gemildert
wird, wenn er ein höchstseltenes, etwa nur auf grossen Bibliotheken
vorzufindendes Buch ausgeschrieben hat. Dass endlich diese
Ungerechtigkeit nicht etwa darin bestehe, dass er, wie Herr R. meinen
könnte, dem Verfasser seine Autorschaft abspreche: folgt daraus, weil er
diese gar nicht läugnet, sondern sie nur ignorirt. Auch würde man sie
vergeblich darauf zurückführen, dass er dem Verfasser die rechtmässige
Ehre nicht erzeige, indem er ihn nicht nenne, wo er ihn hätte nennen
sollen: indem der Plagiar nicht weniger Plagiar genannt wird, wenn er
auch das Buch eines Anonymus ausgeschrieben hat. Wir können sicher jeden
ehrliebenden Mann fragen: ob er sich nicht in sich selbst schämen würde,
wenn er es sich nur als möglich dächte, dass er etwa eines unbekannten
verstorbenen Mannes Handschrift, oder ein Buch, dessen einziger Besitzer
er wäre, ausschreiben könnte? ... Diese Empfindungen können, nach allem
Gesagten, in nichts, als in dem Gedanken liegen: dass der Plagiar sich
eines Dinges bemächtiget, welches nicht sein ist. -- Warum denkt man nun
über den Gebrauch der ^eigenen Worte^ eines Schriftstellers ganz anders,
als über die Anwendung seiner ^Gedanken^? Im letzteren Falle bedienen
wir uns dessen, was unser mit ihm gemeinschaftliches Eigenthum seyn
kann, und beweisen, dass es dieses sey, dadurch, dass wir ihm unsere
Form geben; im ersten Falle bemächtigen wir uns seiner Form, welche
nicht unser, sondern sein ausschliessendes Eigenthum ist.

Eine Ausnahme macht man mit den Citaten: nemlich nicht nur solchen, wo
von einem Verfasser bloss gesagt wird, dass er irgend etwas entdeckt,
erwiesen, dargestellt habe, wobei man sich weder seiner Form bemächtigt,
noch eigentlich seine Gedanken vorträgt, sondern auf sie nur weiter
fortbaut; sondern auch solchen, wo die eigenen Worte des Verfassers
angeführt werden. Im letzten Falle bemächtigt man sich wirklich der Form
des Verfassers, die man zwar nicht für die seinige ausgiebt, welches
jedoch hier nichts zur Sache thut. Diese Befugniss scheint sich auf
einen stillschweigenden Vertrag der Schriftsteller untereinander zu
gründen, einander gegenseitig mit Anführung der eigenen Worte zu
citiren; doch würde auch hier es niemand billigen, wenn ein anderer,
ohne sichtbares Bedürfniss, besonders grosse Stellen ausschriebe. Mit
nur halbem Rechte stehen unter den Ausnahmen die Blumenlesen, die
^Geiste (esprits)^, zu deren Verfertigung gemeinhin nicht viel Geist
gehört, und dergleichen kleine Diebereien, die niemand sehr bemerkt,
weil sie niemandem viel helfen, noch viel schaden.

Kein Docent duldet es, dass jemand seine Vorlesungen abdrucken lasse;
noch nie aber hat einer etwas dagegen gehabt, wenn seine Zuhörer sich
seinen Geist und seine Grundsätze eigen zu machen gesucht, und sie
mündlich oder schriftlich weiter verbreitet haben. -- Worauf gründet
sich dieser Unterschied? Im letzten Falle tragen sie seine Gedanken vor,
die durch ihr eigenes Nachdenken, und die Aufnahme derselben in ihre
Ideenreihe, die ihrigen geworden sind; im ersteren bemächtigen sie sich
seiner Form, die nie ihr Eigenthum werden kann, kränken ihn also in
seinem vollkommenen Rechte.

Und jetzt diese ^a priori^ erwiesenen und ^a posteriori^ durch die aus
ihnen mögliche Erklärbarkeit dessen, was in Sachen der Art für recht
gehalten wird, erprobten Grundsätze auf das Verhältniss des Verfassers
und des Verlegers angewandt! Was überträgt der Erstere an den Letzteren,
indem er ihm seine Handschrift übergiebt? ... Ein Eigenthum: etwa das
der ^Handschrift^? Aber die Gelehrten werden gestehen, dass diese
grösstentheils des Geldes nicht werth sey; und warum verzeihen sie es
sich denn nicht, mehrere von eben der Schrift an mehrere Verleger zu
verkaufen? Das Eigenthum der darin enthaltenen Gedanken: dies überträgt
sich nicht durch eine blosse Uebergabe; und selten würde dem Verleger
viel damit gedient seyn. -- Noch weniger das der ^Form^ dieser Gedanken:
denn diese ist und bleibt auf immer ausschliessendes Eigenthum des
Verfassers. -- Der Verleger bekommt also durch den Contract mit dem
Verfasser überhaupt kein Eigenthum, sondern unter gewissen Bedingungen
nur das Recht eines gewissen ^Niessbrauches^ des Eigenthums des
Verfassers, d. i. seiner Gedanken in ihre bestimmte Form eingekleidet.
Er darf, an wen er will und kann, verkaufen -- nicht die Gedanken des
Verfassers und ihre Form, sondern nur die durch den Druck derselben
hervorgebrachte ^Möglichkeit^, sich die ersteren zuzueignen. Er handelt
also allenthalben nicht in seinem Namen, sondern im Namen und aus
Auftrag des Verfassers.

Auch diese Begriffe zeigen sich in allgemein angenommenen Maximen. Warum
wird selbst der rechtmässige Verleger allgemein getadelt, wenn er eine
grössere Anzahl Exemplare abdrucken lässt, als er mit dem Verfasser
verabredet hat? Das Recht des Verfassers, dies zu hindern, gründet sich
zwar auf einen Contract, der aber nicht über das Eigenthum, sondern den
Niessbrauch abgeschlossen ist. Der Verleger kann höchstens Eigenthümer
dieses Niessbrauchs heissen. -- Warum dann, wenn er eine zweite Auflage
besorgt, ohne Erlaubniss des Verfassers? Wie kann der Verfasser bei
einer zweiten Auflage, wenn er nichts Neues hinzusetzt noch umarbeitet,
von neuem Honorar vom Verleger für die blosse Erlaubniss der neuen
Auflage fordern? Wären diese Maximen nicht widersprechend, wenn man
annähme, dass das Buch ein Eigenthum des Verlegers würde, und nicht
beständiges Eigenthum des Verfassers bliebe, so dass der Verleger
fortdauernd nichts ist, als sein Stellvertreter? Wäre es nicht
widersprechend, dass das Publicum, wenn es, durch einen prächtigen Titel
getäuscht, ein Buch gekauft hat, in welchem es nichts, als das
Längstbekannte, aus den bekanntesten Büchern ärmlich zusammengestoppelt,
findet, an dem Verfasser des Buches Regress nimmt, und nicht an seinen
Verleger sich hält? Ein Recht, uns zu beklagen, haben wir allerdings;
wir wollten nicht bloss ein paar Alphabete gedrucktes Papier, wir
wollten zugleich die ^Möglichkeit^ erkaufen, uns über gewisse
Gegenstände zu belehren. Diese ward uns versprochen, und nicht gegeben.
Wir sind getäuscht, wir sind um unser Geld. Aber gaben wir dies nicht
dem Verleger? War er es nicht, der uns das leere Buch dagegen gab? Warum
halten wir uns nicht an ihn, als an den letzten Verkäufer, wie wir es
sonst bei jedem Kaufe thun? Was sündigte der arme Verfasser? ... So
müssten wir nothwendig denken, wenn wir den erstern nicht als blossen
Stellvertreter des letztern betrachteten, der bloss in jenes Namen mit
uns handelte, und, wenn wir betrogen wurden, in jenes Namen, auf jenes
Geheiss, und oft ohne selbst das geringste Arge daraus zu haben, uns
betrog. --

So verhalten sich Schriftsteller, Verleger und Publicum. Und wie verhält
sich zu ihnen der ^Nachdrucker^? Er bemächtigt sich -- nicht des
Eigenthums des Verfassers, nicht seiner Gedanken (das kann er
grösstentheils nicht; denn wenn er kein Ignorant wäre, so würde er eine
ehrlichere Handthierung treiben), nicht der Form derselben (das könnte
er nicht; auch wenn er kein Ignorant wäre); -- sondern des
^Niessbrauches^ seines Eigenthums. Er handelt im Namen des Verfassers,
ohne von ihm Aufträge zu haben, ohne mit ihm übereingekommen zu seyn,
und bemächtigt sich der Vortheile, die aus dieser Stellvertretung
entstehen; er maasset sich dadurch ein Recht an, das ihm nicht zusteht,
und stört den Verfasser in der Ausübung seines vollkommenen Rechtes.

Ehe wir das endliche Resultat ziehen, müssen wir noch ausdrücklich
erinnern, dass die Frage gar nicht von dem ^Schaden^ ist, welchen der
Nachdrucker hierdurch dem Verfasser entweder unmittelbar, oder mittelbar
in der Person seines Stellvertreters zufüge. Man zeige, soviel man will,
dass dadurch weder dem Verfasser, noch dem Verleger ein Nachtheil
entstehe; dass es sogar der Vortheil des Schriftstellers sey, recht viel
nachgedruckt zu werden, dass dadurch sein Ruhm über alle Staaten
Deutschlands, von der Stapelstadt der Gelehrsamkeit bis in das
entfernteste Dörfchen der Provinz, und von der Studirstube des Gelehrten
bis in die Werkstätte des Handwerkers verbreitet werde: wird dadurch
^recht^, was einmal unrecht ist? Darf man jemandem wider seinen Willen
und sein Recht Gutes thun? Ein jeder hat die vollkommene Befugniss,
seinem Rechte nichts zu vergeben; sey es ihm auch so schädlich als es
wolle. Wann wird man doch ein Gefühl für die erhabene Idee des Rechts,
ohne alle Rücksicht auf Nutzen, bekommen? -- Man merke ferner, dass
dieses Recht des Verfassers, welches der Nachdrucker kränkt, sich nicht,
wie Herr Reimarus glaubt, auf einen vermeinten Contract desselben mit
dem Publicum und auf eine jesuitische Mentalreservation in demselben
gründet; sondern dass es sein natürliches, angebornes, unzuveräusserndes
Eigenthumsrecht ist. Dass man ein solches Recht nicht verletzt sehen
wolle, wird wohl ohne ausdrückliche Erinnerung vorausgesetzt; vielmehr
müsste man dann es sagen, wenn man auf die Ausübung desselben Verzicht
thun wollte.

Dies alles als erwiesen vorausgesetzt, muss, wenn jeder ein Dieb ist,
der um Gewinnstes willen den Genuss des Eigenthums anderer an sich
reisst, der Nachdrucker ohne Zweifel einer seyn. Wenn ferner jeder
Diebstahl dadurch, dass er an Dingen geschieht, die ihrer Natur nach
nicht unter Verwahrung gehalten werden können, sträflicher wird, so ist
der des Nachdruckers, welcher an einer Sache verübt wird, die jedem
offenstehen muss, wie Luft und Aether, einer der sträflichsten. Wird er
es endlich dadurch noch mehr, an je edleren Dingen er geschieht, so ist
der an Dingen, die zur Geistescultur gehören, der allersträflichste:
daher man denn auch schon den Namen des Plagiats, der zuerst Diebstahl
an Menschen bedeutete, auf Bücherdiebereien übertragen hat.

Und jetzt zu einigen Instanzen des Herrn Reimarus! »Wer es denn sey, der
den Niessbrauch des fortdauernden Eigenthums der Verfasser bei den alten
Autoren, der es bei Luthers Bibelübersetzung habe?« fragt derselbe. --
Wenn der Eigenthümer einer Sache, und seine Erben und Erbnehmer
ausgestorben, oder nicht auszumitteln sind, so erbt die Gesellschaft.
Will diese ihr Recht aufgeben, und es gemein werden lassen; will es der
Eigenthümer selbst: -- wer kann es wehren?

»Ob das auch ein Raub des Büchereigenthums seyn würde,« fragt Herr R.
weiter, »wenn jemand ein Buch einzeln oder in grösserer Anzahl
abschreiben und die Abschriften verkaufen wolle?« Da die Liebhaber,
welche ein Buch lieber in Handschrift, als gedruckt besitzen wollten,
selten seyn, mithin durch diese Vervielfältigung der Exemplare weder dem
Verfasser noch dem Verleger grosser Nachtheil entstehen möchte; da der
Gewinn bei dieser mühsamen Arbeit nicht gross, und der Verkaufswerth
wohl grösstentheils kümmerliche Bezahlung der angewandten Mühe seyn,
mithin die ungerechte Habsucht des Abschreibers weniger auffallen würde:
so möchten vielleicht der Erstere und der Zweite dazu schweigen. Sind
aber unsere eben ausgeführten Sätze erwiesen, so bleibt an sich jeder
Niessbrauch des Buches, sey er so wenig einträglich als er wolle,
ungerecht; und diejenigen, welche das Buch in Abschrift zu besitzen
wünschten, oder der Abschreiber, müssten darüber in Unterhandlung mit
dem Verfasser treten. -- Wenn die alten Schriftsteller über den
möglichen Niessbrauch der Autorschaft nicht nachgedacht hatten, oder,
weil sie sein nicht begehrten, das Abschreiben ihrer Bücher jedem
freistellten, dem es beliebte, und durch ihr Stillschweigen die
Einwilligung dazu gaben: so hatten sie das vollkommenste Recht, -- wie
jeder es hat -- ihr Recht aufzugeben; wenn sie aber gewollt hätten, so
hätten sie es ebensowohl geltend machen können, als die unsrigen: denn
was heute recht ist, war es ewig.

Diese Grundsätze werden durch Anwendung auf Dinge, die man oft mit ihnen
verglichen und verwechselt hat, noch deutlicher werden. So hat man
^Producte der mechanischen Kunst^ mit Büchern, und das Nachmachen
derselben zum Nachtheil des Erfinders mit dem Nachdrucke verglichen; --
wie passend oder unpassend, werden wir sogleich sehen. Auch ein solches
Werk hat etwas Körperliches: die Materie, aus der es verfertigt ist,
Stahl, Gold, Holz und dergleichen; und etwas Geistiges: den Begriff, der
ihm zum Grunde liegt (die Regel, nach der es verfertigt ist). Von diesem
Geistigen kann man nicht sagen, dass es eine dem Verfertiger
eigenthümliche Form habe, weil es selbst ein Begriff einer ^bestimmten^
Form ist -- die Form der Materie, das Verhältniss ihrer einzelnen Theile
zur Hervorbringung des beabsichtigten Zwecks; -- welches folglich nur
auf einerlei Art, einem deutlich gedachten Begriffe gemäss, bestimmt
seyn kann. Hier ist es das Körperliche, welches, ^insofern es nicht
durch den Begriff bestimmt wird^, eine besondere Form annimmt, von
welcher die Nettigkeit, die Eleganz, die Schönheit des Kunstwerkes,
insofern sie nicht auf den hervorzubringenden Zweck bezogen wird,
abhängt: an welcher man z. B. die Arbeiten der Engländer, die Arbeiten
eines gewissen bestimmten Meisters, von jeder andern unterscheidet, ohne
eigentlich und deutlich angeben zu können, worin der Unterschied liege.
Diese Form des Körperlichen kann auch ein Buch haben, und durch sie wird
die Reinheit und Eleganz des Druckes bestimmt; in dieser Rücksicht ist
es Product der mechanischen Kunst, und gehört unter die nun leicht zu
entwickelnden Regeln derselben.

Angenommen, was allgemein anzunehmen ist, dass durch den Verkauf einer
Sache dem Käufer das Eigenthum alles desjenigen übertragen werde, dessen
Zueignung physisch möglich ist: was wird durch den Verkauf eines solchen
Kunstwerkes dem Käufer übertragen? Jedem ohne Zweifel das Eigenthum des
materiellen Körperlichen, nebst der Möglichkeit, das Werk zu dem
verlangten Zwecke zu gebrauchen, wenn er will, ihn kennt und ihn dadurch
zu erreichen weiss. Die Möglichkeit, sich den dem Werke zu Grunde
liegenden Begriff (nemlich die Regel, nach der es verfertigt ist)
zuzueignen, ist nicht die Absicht des Verkaufs, und gemeinhin auch nicht
des Kaufs, wie bei einem Buche, wo dies offenbar die Absicht ist. Auch
wird sie durch den Verkauf nicht jedem, sondern bloss dem, der dazu die
nöthigen Kenntnisse hat, übergeben. Das Eigenthum dieses Begriffs aber
wird durch den Verkauf gar nicht übergeben; sondern zur Zueignung
desselben gehört noch die Handlung des Käufers, dass er das Werk
untersuche, es vielleicht zerlege, darüber nachdenke u. s. w. Aber
dennoch ist es nicht nur physisch möglich, sondern auch oft sehr leicht,
die Regel der Verfertigung des Werkes zu finden. Diesen Begriffen nun
seine Form zu geben, muss man selbst Künstler, und zwar Künstler in
dieser Kunst seyn. Die Form des ersten Verfertigers wird man dem
Körperlichen nie geben; aber es kommt darauf nicht an, der Unterschied
ist meistens ganz unbemerkbar, und oft wird der zweite Verfertiger ihm
eine weit schönere geben. Man kann folglich nicht nur das Eigenthum der
Materie, sondern unter gewissen Bedingungen auch das des Begriffs, nach
welchem sie bearbeitet ist, sich erwerben; und da man das Recht hat,
sein Eigenthum auf jede beliebige Art zu benutzen, so hat man ohne
Zweifel auch das, dies Kunstwerk nachzumachen. Allein, die Ausübung
dieses Rechtes ist nicht billig: es ist nicht billig, dass der Mann,
welcher Jahre lang Fleiss, Mühe und Kosten aufwendete, durch die erste
Bekanntmachung des Resultats seiner jahrelangen Arbeit, welches von der
Art, dass jeder desselben sich bemächtigen kann, der es siehet, um alle
Frucht dieser Arbeit gebracht werde. Da aber in Sachen des Gewinnstes
auf die Billigkeit anderer nicht sehr zu rechnen ist, so tritt der Staat
ins Mittel, und macht durch ein ausdrückliches Gesetz, genannt
^Privilegium^, dasjenige Rechtens, was vorher nur Sache der Billigkeit
war. Weil indess durch ein solches Gesetz das natürliche Recht anderer
allerdings eingeschränkt, und sie dessen beraubt werden, besonders
dadurch beraubt werden, dass man das, was von ihrem guten Willen abhing,
und ihnen ein Verdienst geben konnte, ihnen abnöthigt, und sie dadurch
wenigstens der Entdeckung dieses Verdienstes beraubt: so hebt der Staat
dieses Gesetz wieder auf, sobald seine Absicht, den ersten Erfinder zu
entschädigen, erreicht ist, und giebt den Menschen ihr angebornes und
durch Nachdenken und Studium behauptetes Recht wieder.

Ein solches Privilegium geht also auf den Gebrauch des erworbenen
Begriffs; und nur dasjenige Bücherprivilegium würde mit ihm zu
vergleichen seyn, welches verböte, innerhalb zehn Jahren nichts über
^gewisse Materien^, als z. B. keine Metaphysik, keine Naturlehre, zu
schreiben. -- Verwechselte etwa Herr R., dessen Vorschläge bei
Bücherprivilegien eben dahin auslaufen, Bücher mit mechanischen
Kunstwerken, als ob zu ihrer Verfertigung nichts weiter gehöre, als etwa
ein Recept, ein Buch zu machen im Kopfe, und übrigens gelenke Finger,
Papier und Dinte?

Das Recht des Käufers, das Gekaufte nachzumachen, geht, soweit die
physische Möglichkeit geht, es sich zuzueignen; und diese nimmt ab, je
mehr das Werk von der Form abhängt, welche wir uns nie eigen machen
können. Diese Gradation geht in unmerklichen Abstufungen von der
gemeinen Studirlampe bis zu Correggio's Nacht. Letztere hat nie um ein
Privilegium nachgesucht, und ist darum doch nicht nachgemacht worden.
Zwar Farben auftragen, Licht und Schatten, und ein Kind und eine junge
Frau malen, kann jeder Pinsler; aber es ist uns nicht darum, es ist uns
um die nicht zu beschreibende, aber zu fühlende Form des Vortrags zu
thun. -- Kupferstiche von Gemälden sind keine Nachdrücke: sie verändern
die Form. Sie liefern Kupferstiche, und keine Gemälde; und wem sie den
letzteren gleich gelten, dem bleibt es unbenommen. Auch Nachstechen
schon abgestochener Gemälde ist nicht Nachdruck; denn jeder giebt seinem
Stiche seine eigene Form. Nachdruck wäre nur das, wenn jemand sich der
Platte des Andern bemächtigte und sie abdruckte.

Und nach dieser Unterscheidung nun die Frage: Was ist ein
Bücherprivilegium? Ein Privilegium überhaupt ist Ausnahme von einem
allgemein geltenden Gesetze der natürlichen oder der bürgerlichen
Gesetzgebung. Ueber Büchereigenthum ist bis jetzt kein bürgerliches
Gesetz vorhanden; also muss ein Bücherprivilegium eine Ausnahme von
einem Naturgesetze seyn sollen. Ein dergleichen Privilegium sagt, ein
gewisses Buch solle nicht nachgedruckt werden; es setzt mithin ein
Gesetz der Natur voraus, welches so lauten müsste: Jeder hat ein Recht,
jedes Buch nachzudrucken. -- Es ist also doch wahr, dass das
Nachdruckerrecht selbst von denen, in deren Hände die Menschheit alle
ihre Rechte zur Aufbewahrung überlieferte, von den Regenten, als ein
allgemein gültiges Naturrecht anerkannt werde? Doch wahr, dass selbst
die Gelehrten es dafür anerkennen; denn was kann die Bitte um ein
Privilegium anders heissen, als: Ich erkenne an, dass vom Tage der
Publication meines Werkes jeder, wer will, das unbezweifelte Recht hat,
sich das Eigenthum und jeden möglichen Nutzen desselben anzumaassen,
bitte aber um meines Vortheils willen, die Rechte der Menschheit
einzuschränken. -- Hat man sich je einen Freibrief gegen Strassenräuber
geben lassen? -- »Aber ein Bücherprivilegium ist kein Freibrief gegen
Strassenräuber; es ist eine Bedeckung von Husaren«, sagt man mir. Wenn
dies wahr wäre, wenn es in Ländern wahr seyn könnte, wo die
Strassenräuber nicht, wie in Arabien, ungebändigt in den Wäldern
herumstreifen, sondern zu jeder Stunde durch die obrigkeitliche Gewalt
abgelangt werden können: so ständen wir vor einer andern Untersuchung.

Die Tr... nemlich, Sch..., die W... sind freilich Räuber; aber sie sind
privilegirte Räuber. Sie haben -- denn die Bemerkung, dass eins von
beiden, entweder das Privilegium, welches den Nachdruck verbietet, oder
das, welches ihn erlaubt, widersinnig seyn muss, wollen wir schenken --
sie, sage ich, haben nicht die mindeste Schuld. Unbekannt mit dem, was
Recht oder Unrecht sey, weil es für sie zu tief lag, fragten sie die,
welche es wissen sollten. Man sagte es ihnen, und sie glaubten. Freilich
gefiel es dem englischen Kaufmanne nie wohl, wenn ein französischer
Kaper ihm sein Schiff und seine Waaren wegnahm. Er beklagte sich über
diese Ungerechtigkeit. »Das ist nicht Unrecht, das ist Kriegsrecht«,
sagte der Kaper, und zeigte ihm seinen Kaperschein vor; und während der
Engländer diesen untersuchte, um sich von der Rechtmässigkeit der
Behandlung, die er erfuhr, zu überzeugen, durchsuchte ihm jener die
Taschen, und er hatte darin recht.

Aber, mit welchem Rechte nur überhaupt die Hummeln den Bienen den Krieg
ankündigen? ... Welcher Vertheidiger des Büchernachdrucks wird uns dies
erklären? -- »Es würde doch von einem Staate viel verlangt heissen, sagt
man, dass er befehlen solle, fremde theure Waare in sein Land
einzuführen.« Das würde allerdings viel verlangt heissen; aber die
Forderung, dass er sich dann, wann sie ihm zu theuer ist, ganz ohne sie
behelfen möge, wäre so unbillig eben nicht. Joseph II. hatte allerdings
das vollkommene Recht, die Einfuhr der holländischen Häringe in seine
Staaten zu verbieten: wer könnte ihm dies abstreiten? Aber hätte er
darum auch wohl das Recht gehabt -- da holländische Häringe sich nun
einmal nicht nachdrucken lassen -- Kaper auszusenden, welche den
Holländern aufpassen und ihnen ihre Häringe abnähmen? Und wenn diese
fremde theure Waare -- denn Bücher sind in diesem System freilich nicht
mehr und nicht weniger Waare, als Häringe und Käse -- überhaupt nicht
eingeführt werden soll, wovon soll man sie denn im Lande abdrucken? ...
Ei ja! wir werden uns wohl hüten, die Einfuhr fremder Bücher eher zu
verbieten, als bis wir sie erst nachgedruckt haben.

»Es sey ja für den Vortheil des Verfassers völlig gleichgültig, ob in
einem Lande, wo die Einfuhr seiner rechtmässigen Ausgabe verboten sey,
ein Nachdruck verkauft werde oder nicht, da er aus diesem Lande einmal
keinen Gewinn ziehen könne«, sagt man auch noch. Und man hat recht, und
übrig recht, in einem Systeme, in welchem nichts unrecht ist, als das
was schadet.

Ist jetzt Alles klärlich erwiesen, was erwiesen werden sollte: -- dass
der Verfasser ein fortdauerndes Eigenthum an sein Buch behalte, und das
vollkommene Recht habe, jeden zu verhindern, wider seinen Willen Nutzen
aus dem, was der Natur der Sache nach sein bleibt, zu ziehen; dass
mithin der Nachdruck eine offenbare, und zwar eine der sträflichsten
Ungerechtigkeiten sey, -- so ist bei Untersuchung seiner Zulässigkeit
davon gar nicht mehr die Frage, ob er nützlich sey; und wir können uns
gänzlich enthalten, sie zu beantworten. Weder Herr R. noch das Publicum
wird also etwas dagegen haben, wenn wir statt dieser Untersuchung eine
^Parabel^ erzählen. Was sie, da wir nach obiger Erinnerung mit Büchern
gar nichts Aehnliches haben, erläutern könne, was sie nach allem schon
Erwiesenen noch zu erläutern habe, wird jeder einsehen.

Zur Zeit des Khalifen Harun al Raschid, der wegen seiner Weisheit in der
Tausend und Einen Nacht und sonst berühmt ist, lebte, oder könnte gelebt
haben, ein Mann, der wer weiss aus welchen Salzen und Kräutern einen
Extract verfertigte, der gegen alle Krankheiten, ja gegen den Tod selbst
helfen sollte. Ohne nun eben alle die Wirkungen zu haben, welche sein
Verfertiger von ihm rühmte, -- er war selbst ein wenig kränklich -- war
er doch immer eine treffliche Arznei. Um in seinen chemischen Arbeiten
durch nichts gestört zu werden, wollte er sich nicht selbst mit dem
Handel befassen, sondern gab ihn in die Hände eines Kaufmanns, der
allein im ganzen Lande damit handelte und einen beträchtlichen Gewinn
dadurch erwarb. Darüber wurden nun seine Mitbrüder, die übrigen
Arzneihändler, neidisch, und verschrien ihn und seinen Extract. Ganz
anders aber benahm sich dabei Einer unter ihnen. Dieser passte den
Leuten des Alleinhändlers auf, wenn sie das Arcanum vom Chemiker
brachten, nahm es ihnen ab, raubte es wohl gar aus dem Waarenlager
selbst; und das vermochte er, denn er war ein handfester Kerl. Er
vereinzelte es darauf auf allen Jahrmärkten, in allen Flecken und
Dörfern, und weil er es wohlfeil gab und den Leuten sehr einlobte, so
hatte er reissenden Abgang. Darüber erhob dann der Alleinhändler ein
Geschrei im ganzen Lande; und es fielen mitunter auch wohl Diebe, Räuber
und dergleichen Benennungen, die bei solchen Gelegenheiten zu fallen
pflegen und die dem Andern auch richtig überbracht wurden. Gern hätte
der Alleinhändler ihm wieder etwas abgenommen, aber jener hatte nichts,
das der Mühe des Nehmens werth war. Schon lange hatte er ihm
nachgestellt, um seiner habhaft zu werden; aber jener war schlauer als
er und entging allen seinen Schlingen. Endlich, wie denn das stete Glück
unvorsichtig macht, fiel er doch noch durch Unachtsamkeit in die Hände
seines Feindes, und ward von ihm vor den Khalifen geführt. Hier brachte
der Arzneihändler seine Klage gegen jenen an, die mit der Klage unserer
Buchhändler gegen die Nachdrucker ziemlich gleichlautend war. Jener,
ohne sich bange werden zu lassen, -- er hatte bei seinem
Marktschreiergewerbe seine Dreistigkeit vermehrt und eine gewisse
Beredsamkeit sich eigen gemacht -- führte seine Verteidigung
folgendermaassen:

Glorwürdigster Nachfolger des Propheten! ich liebe nach Principien zu
verfahren. Der einzig richtige Maassstab der Güte unserer Handlungen ist
bekanntermaassen ihre Nützlichkeit. Je ausgebreitetere und je wichtigere
Vortheile eine Handlung stiftet, desto besser ist sie. Es giebt zwar
noch einige finstere Köpfe, die sich etwas erkünsteln, was sie, glaub
ich, Recht nennen: ein Hirngespinnst, das sich im Leben nicht realisiren
lässt; denn kann man nicht bei aller Rechtschaffenheit verhungern? Doch
fern sey es, dass dergleichen altfränkische Ideen die aufgeklärten
Zeiten von Eurer Majestät glorwürdiger Regierung entweihen sollten! --
Wenn ich mithin beweise, dass mein Verfahren den ausgebreitetsten Nutzen
stiftet, so beweise ich dadurch ohne Zweifel, dass es lobenswürdig ist;
und dies ist so leicht zu erweisen. Dass meine Handlung von den
vortheilhaftesten Folgen für das Publicum sey, sollte man das erst
zeigen müssen? Ich verkaufe das Arcanum weit wohlfeiler, als der Kläger;
der gemeinste Mann wird also dadurch in den Stand gesetzt, es sich
anzuschaffen, was er bei dem hohen Preise des Alleinhändlers nicht kann;
ich nöthige es dem unaufgeklärten Haufen durch meine Betriebsamkeit und
durch alle Künste der Beredsamkeit auf, und brenne so von Eifer für das
Beste Anderer, dass ich sie fast zwinge, sich durch diese heilsame
Arznei gesund zu machen. Welch ein Verdienst um die leidende Menschheit!
Könnte ich doch Eurer Majestät das Aechzen der Leidenden, das Röcheln
der Sterbenden recht lebhaft malen, die durch die von mir gekaufte
Arznei gerettet worden sind! Wie vielen Kindern habe ich ihre Väter, die
bereits in den Händen des Todes waren, wieder zurückgegeben, ihnen
selbst aber die Möglichkeit, zu guten Staatsbürgern gebildet zu werden,
und einst wieder ihre Kinder, und vermittelst dieser ihre ganze
Nachkommenschaft zu guten Staatsbürgern zu bilden, dadurch erhalten! Man
berechne die Arbeiten, welche jeder, dem durch diese wunderthätige
Arznei einige Jahre zu seinem Leben hinzugesetzt werden, in diesen
Jahren noch zur Cultur des Landes verrichten kann; die noch grössere
Cultur desselben, die hierdurch wieder möglich wird, und so ins
Unendliche fort; berechne die Menge der Kinder, die er in diesen Jahren
noch zeugen kann, und die Kinder dieser Kinder: und ziehe das Resultat
der vergrösserten Volksmenge und Cultur, die dadurch erfolgt, und welche
schlechterdings nicht möglich war, wenn ich nicht dem Kläger seine
wohlthätigen Tropfen raubte.

Es sagen zwar freilich verleumderische Zungen, dass das Arcanum
gemeinhin ein wenig verdorben bei mir gekauft worden; und wenn ich ihnen
auch -- ich liebe die Wahrheit -- sollte zugestehen müssen, dass an der
Sache etwas sey: so ist das wahrlich nicht meine Schuld. Ich würde
lieber, wenn ich könnte, ihm noch grössere Kraft geben, damit man es
allein bei mir kaufte, und mein Kläger alle seine Kunden verlöre; und
das bloss aus Liebe zum allgemeinen Besten. Aber wie sollte es mir bei
der beständigen Flucht, auf der ich vor meinem Gegner seyn muss, und bei
der Beschimpfung, die er meiner Handthierung anthut, und die mich
nöthigt, die lockersten Gesellen anzunehmen, möglich seyn, es mit der
gehörigen Sorgfalt aufzubewahren? Wenn nur einmal meinem Gewerbe völlige
Ehre und Sicherheit zugesprochen seyn wird, wie ich um der grossen
Nützlichkeit desselben hoffe, so werde ich dadurch zugleich in Stand
gesetzt werden, auf die Conservation desselben mehr Sorgfalt zu wenden.

Ich werde angeklagt, dem Verfertiger des Arcanums, und dadurch mittelbar
dem Publicum zu schaden, weil Kläger, wenn ich in die Länge fortfahre,
ihm seine Tropfen wegzunehmen, nothwendig verarmen und ausser Stand
gesetzt werden müsse, den Chemiker weiter zu bezahlen, weshalb denn
dieser nothwendig die Arbeit werde einstellen müssen. -- Allein, da
kennt man den Mann nicht. Er wird sie darum nicht einstellen; denn es
ist einmal seine Liebhaberei, und er arbeitet ja so nur um der Ehre
willen. Im Gegentheil, je mehr ich seinem Unterhändler wegnehme, und je
weniger dieser ihm für die Arznei wird bezahlen können; desto mehr wird
er arbeiten müssen, um kümmerlich zu leben: desto mehr wird folglich
diese heilsame Arznei vervielfältiget werden. Und wird nicht sein Ruhm
durch mich in die entferntesten Dörfer verbreitet? posaune ich ihn nicht
mit lauter Stimme an jedem Jahrmarkte aus meiner Bude? steht nicht sein
Name auf allen meinen Büchsen und Gläsern mit grossen Buchstaben in
Golde? Ist ihm das nicht Ehre genug? braucht er dazu noch Brot? Er mag
von der Ehre leben!

Endlich soll ich Klägern Nachtheil verursachen. -- Aber ich muss
gestehen, dass hier mich mein kaltes Blut verlässt. Ich muss Ihnen
sagen, mein Herr, dass Sie sich der Unbilligkeit dieser Anklage schämen
sollten. Haben Sie nicht schon genug durch Ihren Alleinhandel gewonnen?
Ach! dürfte ich doch den Verlust, den Sie zu haben vorgeben, mit Ihnen
theilen! Warum wollen Sie mir denn nicht erlauben, Ihnen zu stehlen, was
ich fortbringen kann? Warum wollen Sie mir denn nicht erlauben, eine
kleine Nachlese zu halten? Giebt es nicht noch jetzt, seitdem ich diese
reichlich halte, Leute genug, die entweder um der vermeinten grösseren
Güte Ihrer Arznei willen, die doch wenig betragen kann, oder aus einem
altfränkischen Vorurtheile für rechtmässigen Besitz, und vermeinter
Theilnahme an der Dieberei Anderer, lieber Ihre theure Waare kaufen, als
meine wohlfeile; -- als ob ich nicht auch, wenn man denn einmal von
Rechtmässigkeit reden will, dadurch das rechtmässige Eigenthum Ihrer
Waare erhielte, dass ich mir die Mühe gebe, sie zu stehlen?

Vielmehr habe ich, wenn Sie kalt darüber nachdenken wollen, eben um Sie
selbst das grösste Verdienst. Sie kennen noch Ihren Chemiker nicht.
Schon längst dachte er, voll Neid über den Gewinn, den Sie durch sein
Arcanum machen, darauf, sich des Handels mit demselben selbst zu
bemächtigen. Er hat zwar seine Zeit weit nöthiger zur Verfertigung
desselben; er versteht zwar nichts vom Arzneihandel; er ist zwar bei
einigen Versuchen im Kleinen schon sehr übel angekommen: aber dennoch --
glauben Sie mirs auf mein Wort -- er hätte Sie des Handels beraubt. Nur,
schlau wie er ist, merkte er meinen Anschlag auf Ihren Waarenkasten, und
wollte lieber Sie, als sich selbst bestehlen lassen. Wenn Sie also
überhaupt noch in einigem Besitze des Handels sind, so haben Sie es mir
zu verdanken.

Dies sind die beträchtlichen Dienste, Glorwürdigster Nachfolger des
Propheten, die ich dem gläubigen Volke, die ich dem nützlichen
Verfertiger des Extracts, die ich dem Kläger selbst leiste. Und ich nun,
was habe ich dafür? Wenn man den geringen Preis, um den ich das Arcanum
verkaufe, gegen die Kosten, die ich auf desselben Conservation doch
wende, die Reisen, die ich mache, berechnen will; so wird man finden,
dass mir die Mühe, sie zu stehlen, sehr gering bezahlt wird, und dass
ich die Verleumdungen meines Gegners, die Schurken und Diebe, die er
gegen mich ausstösst, fast ganz umsonst hinnehmen, oder nur sehr niedrig
in Anschlag bringen muss. Durch diese Verunglimpfungen wird mir nun mein
ehrlicher Name, auf welchen die Menschen einen so grossen Werth setzen
sollen, jämmerlich abgeschnitten, so dass rechtliche Leute schon
anfangen, sich sehr zu bedenken, ob sie mir abkaufen wollen. Ich bin
also ein Märtyrer für das Beste der Welt; und wenn eine Handlung dadurch
gewinnt, dass man recht viel bei ihr aufopfert, so ist die meinige eine
der verdienstlichsten. Dies Verdienst möchte ich mir nun nicht gern
rauben lassen, wenn nicht durch die Ehrlosigkeit, die dadurch auf mein
Gewerbe fällt, der Fortgang desselben gehindert, und dem allgemeinen
Besten Abbruch gethan würde. Ich bitte demnach Eure Majestät
anzubefehlen, dass hinfüro jeder mein Gewerbe für ein ehrliches halte,
bei namhafter Strafe; und dass Kläger gehalten sey, mir nicht nur
Abbitte und Ehrenerklärung zu thun, und öffentlichen Dank für den
geleisteten Dienst abzustatten, sondern auch inskünftige sich von mir
bestehlen zu lassen, so viel ich will.

So redete der Marktschreier. Wie würde Herr Reimarus, wie würde jeder
Gerechtigkeitsliebende hierbei geurtheilt haben? -- Ebenso urtheilte der
Khalif. Er liess den nützlichen Mann aufhängen.




                                  B.
                  Zwei Predigten aus dem Jahre 1791.


                          Statt der Vorrede.

                    Der Verfasser und sein Freund.

D. V. Sie bringen die Handschrift zurück? Haben Sie sie durchgelesen?

D. Fr. Ja.

D. V. Und Ihr Urtheil?

D. Fr. Sie haben Ihre Zeit nicht ganz übel angewendet. Es übt die Feder,
wenn man sich bemüht, etwas gründlicher, als gewöhnlich, und doch plan,
wie es für die Kanzel seyn soll, zu arbeiten; es macht unsere eigene
Erkenntniss lebendiger, wenn man sie überdies mit einiger Wärme
vorträgt.

D. V. Ich verstehe. -- Und ein Exercitium hat seine Bestimmung erreicht,
wenn es unsere eigenen Kräfte geübt hat. Es gehört vor die Augen des
Lehrmeisters, oder des gutmüthigen Freundes, wenn man über die Jahre
hinaus ist, einen Lehrmeister zu haben; nicht vor das Publicum.

D. Fr. Wenn Sie es so nehmen wollen! -- Doch erlauben Sie mir eine
Frage: auf welche Art der Leser rechnen Sie?

D. V. Auf Leser aller Art, welche moralische und religiöse Wahrheit, und
das Nachdenken darüber lieben.

D. Fr. -- Die das Nachdenken lieben, mithin dasselbe kennen, aus
Erfahrung kennen, die in einem Stande leben, der ihnen ehemals
Unterricht, jetzt Musse gewährt. -- Vielleicht finden diese etwas noch
Besseres zu lesen, als Ihre Predigten.

D. V. Und warum sollten sie nicht auch in Ständen gelesen werden, die
auf einer tieferen Stufe der Cultur stehen, die ihnen weniger Quellen
eröffnet? -- Sie haben doch nicht vergessen, was ich Ihnen sagte, dass
der grösste Theil dieser Predigten in mancherlei Ländern, vor sehr
gemischten Zuhörern, nicht ohne merklichen Eindruck gehalten worden?

D. Fr. Abgerechnet, dass Sie allenthalben Fremder und Gastprediger waren
-- angenommen, dass Ihre Eigenliebe diesen merklichen Eindruck sich
nicht um eines Haares Breite grösser vorgestellt habe -- alles, was Sie
wollen, abgerechnet und angenommen: so wissen Sie doch gewiss, welch ein
Unterschied es ist, Predigten hören oder Predigten lesen.

D. V. Aber es werden doch darum noch häufig Predigten gelesen, in
höheren und niederen Ständen.

D. Fr. Welcher innere Unterschied zwischen jenen häufig gelesenen
Predigten und den Ihrigen sey, werden Ihnen die Recensenten sagen; auf
den Unterschied in den Personen übernehme ich es, Sie aufmerksam zu
machen. -- Gehen Sie hin, und werden der Lieblingsprediger des feineren
Publicums in einer volkreichen, Ton angebenden, von Fremden häufig
besuchten Stadt; dann sammeln Sie Ihre Predigten und setzen Ihren Namen
vor. Wird man sie auch nicht immer lesen, so wird man sie doch kaufen,
sauber binden und in seine Bücherschränke aufstellen. Aber -- anonyme
Predigten -- das ist unerhört! Oder wollen Sie Ihren unbekannten Namen
vorsetzen?

D. V. Und wäre er berühmt, so würde ich desto mehr Anstand nehmen, ihn
zu nennen. Ich möchte die Aufmerksamkeit dem Inhalte verdanken, und
nicht dem Namen.

D. Fr. Dem Inhalte? So hätten Sie entweder weniger gewöhnliche
Gegenstände behandeln, oder die behandelten gewöhnlichen von einer
gewöhnlichen Seite darstellen sollen! Sie haben der Sache beides, zu
wenig und zu viel, gethan. Wer Ihre Predigten verstehen, beurtheilen,
schätzen könnte, liest keine Predigten; und wer Predigten liest,
versteht die Ihrigen nicht.

D. V. Wenn nicht etwa hier und da ein Prediger.

D. Fr. -- Welche Predigten lesen, um entweder sie für die ihrigen zu
gebrauchen, oder sich darnach zu bilden. Sie gestehen mir wohl zu, dass
derjenige, der der Bildung fähig ist, bessere Muster findet. -- Wegen
des Gebrauchens -- wer Ihre Predigten desselben werth findet, macht
bessere; und wer keine besseren macht, hält die Ihrigen für schlecht und
völlig unbrauchbar. -- Noch habe ich Ihnen geschenkt, dass sich
dieselben sehr ungleich sind; gleichsam eine bunte Musterkarte der
Veränderung Ihres Systems seit zehn Jahren, oder länger.

D. V. Nach allem also wäre Ihr Rath?

D. Fr. Mein aufrichtiger Rath, dass Sie sie ruhen liessen, wo sie zum
Theil schon lange genug geruht zu haben scheinen.

D. V. Sie haben mir die Sache nach Ihrer Art vorgestellt; ich zeige sie
Ihnen jetzt nach der meinigen. -- Gesetzt nun, ich hätte einen Versuch
machen wollen, Darstellungsarten, die bis jetzt nur für die Schule
gewöhnlich waren, auf die Kanzel zu bringen; und ich legte diese
Versuche darum dem Publicum vor, um zu erfahren, ob es der Mühe lohnte,
sie fortzusetzen?

D. Fr. Aber so hätten Sie diesen Versuchen wenigstens die Predigtform
nehmen sollen, die doch einmal nicht die einladendste ist; und dann sind
noch einige Predigten beibehalten, die diese Entschuldigung nicht für
sich haben.

D. V. Und wenn ich nun anderweitige, vielleicht persönliche Gründe
gehabt hätte, eben die Predigtform, und eben jene Predigten, auf die Sie
zielen, beizubehalten?

D. Fr. Dann müsste freilich das gutwillige Publicum, das etwa noch
Predigten kauft, Ihre Ankündigung, dass Sie unter andern auch predigen,
mit seinem Gelde bezahlen. -- Und wie wollen Sie das, was Sie zu Ihrer
Entschuldigung mir jetzt gesagt haben, dem Publicum auf eine schickliche
Art sagen?

D. V. Ich darf nur gerade unser Gespräch vordrucken lassen.

D. Fr. Mit allem, was ich zum Nachtheile Ihrer Predigten gesagt habe?

D. V. Mit allem. Dann bin ich wenigstens sicher, dass nichts Schlimmeres
über sie gesagt werden könne, als schon gesagt ist.

D. Fr. Aber einen schöngeisterischen Dialog vor Predigten! Das ist
wieder unerhört. Sie sind nicht Rousseau, und schrieben keine Heloise.

D. V. So muss ich denn auch schon diesen Uebelstand mit den übrigen
verantworten.


                  Ueber die Pflichten gegen Feinde.


                               Eingang.

Die Auswege, die das menschliche Herz nimmt, m. th. Fr., um der Pflicht
auszuweichen, sind unzählbar, in ihren Wendungen verschieden, und nur
darin kommen sie überein, dass alle auf irgend eine Art die Strenge des
Gesetzes zu umgehen suchen. -- Man zieht die Pflicht zu seinen Neigungen
herab, wie wir einst an dieser Stelle an dem Beispiele der Ehrlichkeit
und der Menschenliebe zeigten: man übertreibt sie auch wohl im
Gegentheile zu einer Höhe, auf der sie der menschlichen Natur
widerstreitet, um nur, wenn einmal zugestanden ist, dass in der
erdichteten Vollkommenheit sie dem Menschen unmöglich sey, gar nichts
thun zu dürfen, sondern unter dem geräumigen, viel fassenden Mantel der
menschlichen Schwachheit seinen Mangel an gutem Willen verbergen zu
können.

So ist es mit der durch das Christenthum gebotenen Pflicht der
Feindesliebe ergangen. Zu bequem, oder unfähig nachzudenken, was durch
diesen Ausdruck gefordert werden ^könne^, hat man das Wort in seiner
ersten scheinbarsten Bedeutung genommen, und nun, wie zu erwarten war,
die Ausübung dieser Pflicht unmöglich gefunden, weil es der menschlichen
Natur widerstreitet, sich über Beleidigungen zu freuen, wie über
Wohlthaten, und bei dem Anblicke des Feindes eben das Vergnügen zu
empfinden, wie bei dem des Freundes. -- Des ^Handelns^ überhoben, meinte
man sich nun durchs ^Reden^ hervorzuthun, und wollte sich gegen ein
Gebot, dem man den Gehorsam versagte, durch Lobeserhebungen abfinden.
Daher die prahlenden Lobpreisungen so vieler Christen über die
Erhabenheit ihrer Sittenlehre, als der einzigen, welche Feindesliebe
empfehle; so vieler Christen, welche noch wenig Neigung zeigen, ihr
Vaterland, ihre Freunde, ihre Wohlthäter zu lieben -- Lobpreisungen,
welche, wenn auch die Anempfehlung dieser Pflicht der christlichen
Sittenlehre ausschliessend eigen wäre, doch immer eine sehr zweideutige
Schmeichelei seyn würden. Viel verlangen ist keine so grosse Kunst, und
es gereicht keiner Sittenlehre zur Empfehlung, Dinge zu fordern, die der
menschlichen Natur widerstreiten.

Wir, m. Br., wollen unsere vortreffliche Religion nicht so verfänglich
loben, sondern lieber mit Lernbegierde und Folgsamkeit ihre Vorschriften
anhören, und sie zu ihrer wahreren Ehre in unserem Leben darzustellen
suchen. In gegenwärtiger Stunde werden wir uns von den Pflichten gegen
Feinde unterrichten.

^Text.^ Die gewöhnliche Epistel am ersten Advents-Sonntage, Röm. 12, v.
17-21.


                             Abhandlung.

Das zwölfte Capitel des Briefes an die Römer, woraus unsere Epistel
genommen ist, enthält christliche Sittenlehren mancherlei Gehalts in
einer leichten Verbindung. Auf die Pflichten gegen Feinde wird der
Apostel zweimal gebracht: einmal durch ein Wortspiel[29] v. 14. ^Segnet,
die euch verfolgen^ u. s. w., einmal bei Gelegenheit der allgemeinen
Menschenliebe, v. 19. 20. 21. Wir wollen jetzo, ohne seinen Ausdrücken
genau zu folgen, im allgemeinen sehen, welche Pflichten gegen die Feinde
Gewissen und christliche Religion uns auflege.

[Fußnote 29: Nemlich im Grundtexte: »Die Ausübung der Gastfreiheit
verfolget; die ^Euch^ verfolgen, segnet.«]

Wenn man eine so grosse Menge von Menschen über eine so grosse Menge von
Feinden klagen hört, so sollte man glauben, der Hass der Widersacher sey
eines der grössten Erdenleiden, und die Pflichten gegen Feinde seyen
nicht nur an sich die schwersten, sondern auch ihre Ausübung sey von der
weitesten Ausdehnung. Es scheint also unserem Vorhaben nicht
unangemessen, zuvörderst zu untersuchen: ^Wen wir einen Feind zu nennen
berechtiget sind^, um zu finden, ob von der Summe dieses Leidens nicht
ebensowohl, wie von der Summe mancher anderen Leiden etwas abgehe, und
ob die Pflichten, die es uns auflegt, -- wenn sie auch so schwer seyn
sollten, als man glaubt -- in der Ausübung oft vorkommen.

In der allgemeinsten Bedeutung nennen wir alle diejenigen unsere Feinde,
die an der Ausführung unserer Unternehmungen uns hinderlich sind. Dies
aber kann aus zweierlei Ursachen entstehen, nemlich, entweder weil
^unsere Unternehmungen^, oder weil ^wir selbst^ ihnen misfällig sind;
der dritte mögliche Fall, dass sie beiden abgeneigt seyen, gehört mit
unter die zwei ersten. --

Unser Vorhaben kann Anderen zuwider seyn, entweder weil es ungerecht
^ist^, oder weil es ihnen nur so ^scheint^. -- Im ^ersteren Falle^ also
wollen wir ungerecht seyn; wollen handeln, als ob die ganze Schöpfung
nur für uns, und ihre vernünftigen Bewohner nur zu Werkzeugen unserer
Einfälle da seyen: und wenn dann Einer sich unterfängt, zu glauben, dass
es noch etwas gebe, was er von uns nicht ertragen müsse -- Einer sich
nur in den Weg stellt, und unseren Anmaassungen Grenzen setzt: so
schreien wir über Verfolgung, und nennen jenen muthigen Vertheidiger des
Rechts unseren Feind. -- Und mit welchem Rechte? Wollen wir ihn bloss
^an sich^ seinem persönlichen Werthe nach betrachten, so nöthigt unser
Herz, sey es so verdorben es wolle, uns das Bekenntniss ab, dass ^der^
Mann -- fordere es nun bloss die allgemeine Menschenpflicht, oder
fordere es überdies noch seine besondere Pflicht in der Gesellschaft von
ihm -- dass ^der^ Mann, der ohne Kummer um unseren Verdruss und unsere
Feindschaft sich der Ungerechtigkeit muthig entgegenstellt, und dem die
unvertheidigte Sache des heiligen Rechtes theurer ist, als unsere
Freundschaft, unendlich mehr werth ist, als wir, und dass wir nicht viel
Ehre haben, unsere Klagen über ihn laut werden zu lassen; -- oder wollen
wir ihn ^in Beziehung auf uns^ betrachten, so werden wir in dem Manne,
der uns die unvertilgbare Schande, und die blutige Reue, und das
unauslöschbare Andenken, und die nie endenden Folgen einer ungerechten
That erspart, und uns zwingt, besser und glückseliger zu seyn, als wir
wollten, unseren wahrsten Wohlthäter anerkennen müssen. Solche Gegner
also gehören gar nicht in die Zahl unserer Feinde.

In ^dem zweiten Falle^ waren die Feinde der Jünger Jesu, und überhaupt
der ersten Christen, an welche die Ermahnungen des Apostels gerichtet
sind. Sie widersetzten sich dem Vorhaben der Apostel und ihrer Anhänger,
weil es ihnen ungerecht schien. -- Es war damals eben wie jetzt. Die
Juden, deren grösster Beweis für die Wahrheit ihrer Religionsgrundsätze
der war, dass ihre Väter und Grossväter auch so geglaubt, auch so
geopfert, auch mit den Formeln gebetet hatten, hassten, verfolgten,
tödteten, wenn sie konnten, die ersten Christen, weil sie eine
aufgeklärtere Gottesverehrung einführen wollten, welches jene für ein
sehr sträfliches Unternehmen hielten. -- So wurde das Vorhaben der
ersten Christen verkannt, und darum angefeindet, und so kann es auch das
unsrige werden, von welcher Natur es auch sey. -- Auch solche Gegner
können wir nicht mit Recht Feinde nennen; ihr Widerstand entsteht nicht
aus boshaften Absichten gegen unsere Personen; sie meinen für das Recht
zu kämpfen, und ihre Triebfeder wenigstens ist edel. Sollten wir uns
darüber erzürnen, dass wir erleuchteter sind, als sie? Diese Gegner
sinds, von denen der Apostel sagt: ^segnet sie^ -- wünscht ihnen von
ganzer Seele alles Gute, und besonders dasjenige Gute, dessen sie am
meisten bedürfen -- Erleuchtung. Wünscht sie ihnen nicht bloss, sondern
sucht werkthätig durch weise Belehrung und durch das, was kräftiger
wirkt als alle Belehrung, durch einen reinen Wandel ihre Begriffe zu
berichtigen. Führet einen guten Wandel unter den Heiden, auf dass die,
so von euch afterreden, als von Uebelthätern, eure guten Werke sehen und
euren Vater im Himmel preisen.

Endlich kann Jemand, ohne unser persönlicher Feind zu seyn, unser
Widersacher auch bloss darum werden, weil wir seinem Eigennutzen im Wege
stehen, weil ^unsere^ Erniedrigung ^ihn^ heben soll. Wir finden uns
einmal auf seinem Wege, und er rennt uns nieder -- nicht etwa -- aus
besonderer Abneigung gegen uns; er hätte jeden anderen, der auf unserem
Platze gestanden hätte, auch niedergerannt. Er schreitet seinen Schritt
einher -- es kommt ein Wurm unter seine Füsse -- er zertritt ihn. Aber
warum musste auch der Wurm unter seinen Fuss kommen; er hätte ihm sonst
sein Leben wohl gönnen mögen. -- -- Ohne das Fürchterliche einer solchen
Sinnesart mildern zu wollen, dürfen wir doch sagen, dass auch ein
solcher Gegner nicht unser Feind zu nennen sey. Er ist freilich auch
nicht unser Freund: er ist Niemandes Freund, als der seiner eigenen
geliebten Person. Er ist freilich ein Feind des Rechts und der
Menschheit, und der unsrige, weil wir zu ihr gehören; aber er hasst doch
keinen weniger, als uns, und das, was uns trifft, ist nichts, als das
allgemeine Loos. Wir haben freilich nicht nur das Recht, sondern auch
die Pflicht ihn zu behandeln, wie jeden Feind der Gerechtigkeit; aber
wenn wir ihn mit persönlicher Erbitterung hassen wollten, so würden wir
selbst ungerecht und ihm ähnlich werden.

Es ist also Niemand übrig, den wir mit Recht unseren Feind nennen
könnten, als derjenige, der eine persönliche Abneigung gegen uns hat,
und unser Vorhaben hindert, bloss darum, weil es das ^unsrige^ ist.
Solche Gegner eigentlich, und nur in einem gewissen Sinne die der beiden
letzteren Klassen, sind der Gegenstand der Pflichten gegen Feinde.

Da nichts in der Welt ganz ohne Ursache geschieht, und folglich auch der
Hass unserer persönlichen Feinde nicht völlig ohne Grund seyn möchte, so
ist es hierbei die erste Regel der Sittenlehre, sich sorgfältig und
unparteiisch zu prüfen, ^ob^ man, und ^wodurch^ man Gelegenheit zu
dieser Abneigung gegeben habe. Die Menge der Freunde oder Feinde ist
zwar nie ein richtiger Maassstab zur Schätzung des sittlichen Charakters
eines Menschen; wenn aber so gar viele aus dem Haufen treten und sagen:
du habest sie gedrückt, so kannst du mit hoher Wahrscheinlichkeit
vermuthen, dass du eine harte Seite habest. Jede uns bekannt gewordene
Abneigung legt uns die Pflicht auf, uns sorgfältig zu prüfen, ob
wir vielleicht durch unsere Ungerechtigkeit, durch unsere
Unterdrückungssucht uns hassenswürdig gemacht haben; -- und dann wären
wir ja wahrlich nicht werth, unsere Augen gegen unsere Gegner
aufzuheben; -- oder ob wir vielleicht bei wirklich guten Absichten durch
unser unzweckmässiges Benehmen, durch eine rauhe, unfreundliche
Steifigkeit, durch einen Mangel der Schonung gegen Anderer Schwachheiten
ihnen einen Verdacht gegen den Baum beigebracht haben, der so herbe
Früchte trägt. Sollten wir in dieser Prüfung, bei der wir uns ja nicht
schmeicheln müssen, etwas von der Art finden, so bleibt uns nichts
übrig, als die Folgen unserer eigenen Unklugheit geduldig zu tragen,
hinzugehen und uns zu bessern.

Finden wir aber an uns keine Schuld, so tritt unsere erste heiligste
Pflicht ein: die, dem Unrechte zu widerstehen, insoweit wir können, ohne
selbst ungerecht zu werden, und die Ordnung zu zerstören. -- Irret euch
nicht, m. Br.: alles sich gefallen zu lassen, alles gut zu heissen,
alles zu dulden, fordert kein Christenthum; und die Vernunft erklärt
dies für Unverstand und Mangel an wahrer Abneigung gegen das Böse, wenn
sie es bloss an sich -- und für Unterstützung und Verewigung der
Unordnung, wenn sie es in Rücksicht seiner Folgen für das Ganze
betrachtet. Wer das Böse an Anderen nicht hasst, der hasst es gewiss
auch nicht an sich selbst; und wer keiner Empfindlichkeit gegen
zugefügtes Unrecht fähig ist, ist ebensowenig der Dankbarkeit für
erzeugte Wohlthaten fähig. -- Zwar sagt Jesus: ^Ich sage euch, dass ihr
allerdings nicht^, überhaupt und in keinem Falle nicht, ^widerstreben
sollt dem Uebel^. ^Nimmt dir jemand den Rock, dem lass auch den Mantel^,
u. s. w. Aber es ist bei diesen und ähnlichen Stellen zu bemerken, dass
die Evangelisten uns nicht nur diejenigen Aussprüche Jesu, welche er als
Dolmetscher des Willens der Gottheit an die Menschen zu gültigen
Gesetzen für alle Zeiten und Völker aufstellte, sondern auch solche
Reden aufbehalten haben, in denen er als klügerer Freund, bloss seinen
Jüngern einen guten Rath für ihre besondere Lage giebt. Ob eine
Vorschrift zu der ersteren oder zu der letzteren Art gehöre, ist nur
daraus zu ersehen, ob sie durch unsere Vernunft, als ein
allgemeingültiges Gesetz bestätigt werde oder nicht. Die Jünger Jesu
würden vor jüdischen oder heidnischen Richterstühlen nicht nur keine
Genugthuung erlangt haben, sondern auch dadurch in ihrem ersten Berufe,
die christliche Religion zu predigen, gestört, und vielleicht weit eher,
als es für ihre Bestimmung seyn sollte, getödtet worden seyn. Ihnen
blieb also kein Mittel übrig, um sich ihren mühseligen Zustand
erträglicher zu machen, als alles geduldig zu ertragen, und durch die
höchste Sanftmuth ihre Feinde wenigstens zu einiger Schonung zu
erweichen. Späterhin, nachdem ganze christliche Gemeinen errichtet
waren, sagt schon Johannes: ^Sündigt dein Bruder an dir, so strafe ihn
alleine^; so verweise es ihm unter vier Augen; ^höret er dich nicht, so
sage es der Gemeine; höret er die Gemeine nicht, so halte ihn als einen
Zöllner und Sünder^. Für uns aber, die wir in ganzen christlichen
Staaten leben, tritt die allgemeingültige, durch die Vernunft bestätigte
Bemerkung Paulus in ihre volle Wirksamkeit ein: ^dass die Obrigkeit^,
als Stellvertreterin der ganzen Gesellschaft, ^das Schwert nicht umsonst
tragen, sondern dass sie des allvergeltenden Gottes Dienerin auf der
Erde, und eine Rächerin seyn müsse über jeden, der Uebeles thut^; dass
wir mithin, wenn dieser Satz nicht aufgehoben werden, und unseren
übrigen Pflichten nicht widersprechen soll, sie zur Ausübung dieser
Stellvertretung Gottes bei uns zugefügtem Unrechte auffordern müssen,
mit dem Zutrauen, dass sie stets bereit seyn werde, das unterdrückte
Recht zu rächen; ein Zutrauen, das sie, und Gott, dessen Bild sie ist,
ehrt. -- Eben daraus aber, dass wir unsere Sache ihr übertragen sollen,
folgt, dass wir uns nicht selbst rächen dürfen; sondern es lediglich
ihr, ^als ihre eigene Sache^ überlassen müssen.

Diese Genugthuung aber werde gesucht ^mit^ und ^aus Liebe^. Nicht das
sey unser Zweck, dem Feinde wieder Böses zuzufügen, sondern bloss und
einzig das, das Böse in ihm, und durch das Beispiel seiner Bestrafung
auch in anderen kräftigst zu hindern. Wer irgend einer anderen Absicht
sich bewusst ist; wer in seinem Herzen den geringsten Zug von
Lieblosigkeit, die leiseste Freude über die gehoffte Bestrafung seines
Beleidigers aufspürt; wer nicht sogar Schmerz empfindet, dass seine
Pflicht ihn nöthigt, um desselben Bestrafung anzusuchen, verliert jenes
Recht gänzlich, weil er durch Bestrafung seines Widersachers die
Obrigkeit nicht zur Dienerin des Rechts, sondern zum Werkzeuge seiner
Rachsucht und seiner Feindseligkeit machen, und in ihr Gott, dessen Bild
sie ist, entweihen würde: -- durch welche Regel denn jene Erlaubniss
Genugthuung zu suchen, wieder genau in ihre gehörigen Grenzen
eingeschlossen wird. -- Man sey der Sache Feind, und der Person Freund.
Man arbeite, kämpfe, ringe, das Unrecht zu verhindern; aber man sey in
allen übrigen gerechten Dingen dem Gegner zu jedem Dienste und jeder
Aufopferung bereit. Man ringe darnach, ihm zu dienen: -- zwar nicht
ausgezeichnet vor allen anderen Menschen, und ebendarum, ^weil^ er der
Feind ist; eine Warnung, die nur für wenige seltene Menschen noth thut.
-- Es giebt nemlich Menschen, die, mit einer Anlage zur Erhabenheit und
Stärke der Seele geboren, dieselbe durch harte Selbstkämpfe erhöht
haben, und aus diesem Kraftgefühl eben das Schwerste in ihren Pflichten
begierig an sich reissen, und die unter zweien ihrer Hülfe gleich
bedürfenden Gegenständen eben den Feind, und das eben um seiner
Beleidigungen willen gegen sie, vorziehen würden; bloss um das erhabene
Gefühl zu empfinden, die Bitterkeit in ihrer Seele besiegt zu haben. So
edel und erhaben diese Triebfeder auch ist, so verbietet doch eine reine
Sittenlehre, die Wahl der Gegenstände unserer Wohlthätigkeit dadurch
bestimmen zu lassen. -- Die einzige allgemeingeltende Regel der
Sittenlehre hierüber ist die: der Feind werde in völlige Gleichheit mit
allen bedürftigen Gegenständen gesetzt; der ^Feind^ werde ^im
Bedürfniss^ vergessen; unser hülfsbedürftiger, hungernder, unbekleideter
Feind sey nicht mehr Feind, sey bloss hülfsbedürftig, hungernd,
unbekleidet. Alle jene Ausdrücke von Verzeihung, von Versöhnlichkeit
gegen den Feind sagen viel zu wenig; wo wir helfen und dienen können,
müssen wir unserem Feinde nicht verzeihen; wir müssen keinen Feind
haben, wir müssen nur den Hülfsbedürftigen sehen. Jeder Dienst, der sich
auf etwas Anderes gründet, hat kein Verdienst.

Die Liebenswürdigkeit solcher Gesinnungen brauche ich nicht erst zu
zeigen: aber den Einwurf befürchte ich von vielen, dass dies nur schöne
Gemälde seyen, die sich zwar gut darstellen und beschauen, aber nie ins
menschliche Leben einführen liessen; und dass man die Welt und das
menschliche Herz schlecht kenne, wenn man ihnen im Ernste so etwas
anmuthen wolle. Wenn es hierbei bloss aufs Widerlegen ankäme, so dürfte
ich nur das Beispiel Jesu, der im Angesichte des ungerechtesten und
schmerzhaftesten Todes für seine Verfolger betete; oder, wenn euch das
zu erhaben dünkte, das Beispiel seiner Jünger anführen, die gewiss
schwache Menschen waren, wie wir, und eben das thaten. Zweckmässiger
aber würde es seyn, die Mittel zu entwickeln, durch deren Gebrauch es
leicht, sehr leicht wird, so gegen seine Feinde zu handeln. Sie sind --
sorgfältige Selbstprüfung und lebhafte Erkenntniss seiner eigenen
Schwachheiten, das daraus entstehende Gefühl der Gebrechlichkeit der
menschlichen Natur überhaupt, und besonders die Ueberzeugung, dass das
wenigste Böse in der Welt erweislich aus Bosheit, und bei weitem das
meiste aus Unverstand geschehe: eine Betrachtung, die vor jetzt die
Kürze der Zeit mir verbietet.

Dies sind die allgemeinen Pflichten, die wir gegen unsern Feind, so wie
gegen alle Menschen haben. Es giebt aber noch eine besondere gegen den
ersteren, die: sie zu bessern und zu unseren Freunden zu machen; welche
gleichsam die Probe enthält, ob wir alle unsere übrige Pflichten gegen
sie redlich erfüllt haben. Haben wir alles weggeräumt, was dem Feinde
Veranlassung geben könnte, uns zu hassen; haben wir ihn stets mit Liebe
und Edelmuth behandelt, so kann es nicht fehlen, er wird endlich -- sey
es so spät, als es wolle -- er wird endlich gewiss unser Freund werden.
Und welch Vergnügen wird uns dann überströmen!

Ich habe, theure Freunde, durch eine Schilderung der Ruhe und
Heiterkeit, und des wahrsten Selbstgenusses, den solche Gesinnungen
unserer Seele geben, ebensowenig, als durch eine Darstellung der
Bitterkeit und der unangenehmen Empfindungen, welche Hass und
Unduldsamkeit über unser Herz verbreiten, diese Betrachtung unterbrechen
wollen, um nicht durch Vorstellung eures eigenen Nutzens euch zur
Anerkennung eurer Pflicht zu bestechen zu scheinen. Jetzt aber, nach
vollendeter Untersuchung, erlaubt mir einige Fragen an euer Herz zu
legen.

Ich will euch nicht fragen, ob ihr persönliche Feinde, -- solche Feinde
habt, denen alles zuwider ist, was von euch kommt, die alle eure
Unternehmungen zu hintertreiben suchen, die euer Unglück und euren
Untergang geschworen zu haben scheinen? Solche Feinde sind überhaupt
selten, und sind es besonders gegen eine stille, anspruchslose
Lebensart. Aber das lasst euch fragen, ob ihr nie beleidigt worden seyd?
und wer unter uns möchte wohl diese Frage mit Nein beantworten, da das
menschliche Herz überhaupt nur zu leicht beleidigt wird? Ich mag auch
nicht untersuchen, ob ihr euch nicht vielleicht durch eure eigene Schuld
diese Beleidigung zuzoget -- ihr sollt völlig recht, euer Beleidiger
völlig unrecht haben. Denkt euch jetzt einmal diese Beleidigung mit
allen ihren Umständen; denkt euch den Beleidiger gegenwärtig; oder
vielleicht ist er es, vielleicht ist er mit euch in diesem Gotteshause,
und ihr könnt ihn erblicken.

Wie wird euch bei seinem Anblick zu Muthe? was wünscht ihr ihm? wenn ihr
ihm in diesem Augenblicke einen beträchtlichen Schaden zufügen könntet,
würdet ihrs thun? wenn ihr in diesem Augenblicke ihm einen sehr
wesentlichen Dienst erzeigen könntet, würdet ihr eilen? würdet ihrs
willig und mit Freuden thun, oder würde es euch einen grossen Kampf
kosten? würdet ihr vielleicht vorher eure Bitterkeit gegen ihn auslassen
müssen?

Wie? ihr hättet Feindschaft mit euch in dieses Haus des Friedens
gebracht? indem ihr eure Stimmen mit den Stimmen eurer übrigen
Mitchristen zur Anbetung Gottes vereinigtet, hätte in einem der
geheimsten Winkel eures Herzens sich Abneigung gegen diejenigen
verborgen, die ihre Stimmen mit den eurigen vereinigten? unter den
Wünschen, die aus eurem Herzen zum Vater aller emporwallten, hätte sein
allsehendes Auge Wünsche für das Elend derer entdeckt, die seine Kinder
sind, wie ihr? Müsset ihr euch dann nicht vor Gott, dessen Auge wahrlich
in diesem Augenblicke das Innerste eurer Herzen durchschaut, schämen?

Seyd ihr bei diesen Gesinnungen bisher glücklich gewesen? Habt ihr euch
nie der Schwachheit geschämt, eure Ruhe von gewissen Anblicken, gewissen
Erinnerungen abhangen lassen zu müssen? eure ganze Seele als einen
Schauplatz der niedrigsten Empfindungen erblicken zu müssen, sobald eure
Gedanken auf gewisse Begebenheiten eures Lebens fielen?

Empfindet ihr diese Scham -- fühlt ihr diese Unannehmlichkeit eures
bisherigen Lebens -- o möchte es dann doch in dieser Stunde in allen
Seelen, in denen es bisher trübe war, helle werden; möchte doch allen
Freude aufgehen! Ihr könnt in diesem Augenblicke nicht hingehen zu eurem
Beleidiger, ihm nicht die Hand drücken, und ihn versichern, dass aller
Hass aus eurer Seele rein weggetilgt ist; -- dies ist nicht in eurer
Macht, aber euer Herz ist in eurer Macht. -- O möchten sie doch, diese
eure Herzen, in dieser Minute sich vereinigen, so wie ihr hier vereinigt
vor Gott sitzt; möchten sie doch in dieser Minute, Gott, und
alle seligen Geister, die uns hier umringen, zu Zeugen, den
unzertrennlichsten Bund des Friedens schliessen!

Du aber, o Gott, der du wahrlich hier zugegen bist, und unser aller Herz
siehst -- sey unser Zeuge -- wir wollen uns lieben, und nie hassen, wir
wollen von nun an allen Hass und Bitterkeit aus unserer Seele tilgen.
Amen.


                      Ueber die Wahrheitsliebe.


                               Eingang.

^A. Z.^ Das Wort ^Wahrheit^ wird in einer doppelten Bedeutung gebraucht,
und bezieht sich entweder auf die Erkenntnisse unseres Verstandes, oder
auf die Gesinnungen unseres Herzens. Wenn in Absicht unseres Verstandes
unsere Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich
übereinstimmen,[30] wenn z. B. dasjenige, was wir für ein Glück halten,
wirklich ein Glück, und dasjenige, was wir für ein Unglück halten,
wirklich ein Unglück ist, so ist Wahrheit in unserer ^Erkenntniss^, und
dieser Wahrheit Gegentheil heisst ^Irrthum^. -- Wenn in Absicht unseres
Herzens alle unsere Aeusserungen mit unseren inneren Gesinnungen
übereinkommen, so ist dies Wahrheit in der zweiten Bedeutung, welcher
wir ^Falschheit^ und ^Lüge^ entgegensetzen. Wenn man von Wahrhaftigkeit,
von der Pflicht sich der Wahrheit zu befleissigen u. s. w. redet, so
wird dies Wort in der letzteren Bedeutung gebraucht; denn Wahrheit in
der ersteren, oder die Richtigkeit unserer Vorstellungen von den Dingen
hängt von dem Maasse unserer Fähigkeiten und unserer Bildung, nicht aber
von unserem freien Willen ab, und lässt sich mithin weder durch
göttliche, noch durch menschliche Gesetze anbefehlen.

Wer wissentlich falsch und ein Lügner ist, wird dadurch nicht nur ein
sehr schädlicher Gegenstand für die Gesellschaft, sondern auch ein sehr
schändlicher für sich selbst: denn wie niederträchtig feige muss sich
derjenige erscheinen, der sich nie getrauen darf, seines Herzens Meinung
zu entdecken, und der im Innern seines Herzens ohne Unterlass eine
Schande sieht, die er vor jedes Anderen Auge sorgfältig verbergen muss!
Diese Pein der Selbstverachtung, oft um eines sehr geringen Vortheils
willen, auf sich zu nehmen -- dazu, sollte man meinen, würden die
wenigsten Menschen Entschlossenheit genug haben; und es müsste mithin
der Falschheit und der Lügen weit weniger unter ihnen seyn, wenn sie
nicht meistentheils damit angefangen hätten, sich selbst zu betrügen,
ehe sie andere betrogen, wenn ihr Herz in der Falschheit gegen andere
sich nicht erst an ihnen selbst geübt, und dieser unselige Selbstbetrug
sie nicht gegen die Schande, Betrüger Anderer zu seyn, abgehärtet hätte.
-- Ich habe jetzt, a. Z., ich habe die giftige Quelle genannt, aus
welcher unser ganzes sittliches Verderben herfliesst. Nur diese lasst
uns, wenigstens in uns selbst, zu verstopfen suchen. Hört mich deswegen
aufmerksam an, wenn ich heute von der Gemüthsverfassung, welche vor
jenem unseligen Selbstbetruge verwahrt -- wenn ich von ^Wahrheitsliebe^
mit euch rede.

[Fußnote 30: Man wird mir für die Kanzel diese Namenerklärung verzeihen,
und die Untersuchung, ob so etwas sich überhaupt nicht etwa widerspreche
und nichts gesagt sey, schenken. -- Wenigstens ist das hier Gesagte
nicht aus Unwissenheit gesagt.]

Du aber, o Gott, lautere Quelle aller Wahrheit, erwärme mich heute mit
einem Strahle deines Lichtes, da ich zu deinem Ebenbilde von dem, was
dein Wesen ausmacht, und wodurch allein der Sterbliche dir ähnlich wird,
von Wahrheitsliebe, reden soll. Geuss Licht und Wärme über meinen
Vortrag, und Verstand über den Geist meiner Zuhörer herab, die sich mit
mir vereinigen Dich darum anzurufen, u. s. w.

^Text.^ Das Evangelium am Sonntage Exaudi, besonders Joh. 15. v. 26.


                             Abhandlung.

Die verlesenen Worte sind aus der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger.
Jesus, der sorgfältige Führer derselben, sollte sie, eben im Begriffe
ihr für die Menschheit so wichtiges, für sie selbst so schwieriges
Lehramt anzutreten, noch überhäuft von Vorurtheilen des Verstandes, und
noch grosser Schwachheiten des Herzens fähig, verlassen. Um sie hierüber
zu beruhigen, versprach er ihnen einen anderen Tröster, oder richtiger
^Führer^, der ihre Vorurtheile ebenso berichtige, und sie vor
Schwachheiten ebenso sorgfältig warne, als er selbst es bisher gethan
hatte, den ^Geist der Wahrheit^. Ich lasse ununtersucht, was man in
diesen Worten etwa alles finden kann, wenn man recht begierig etwas
recht Wunderbares sucht. Ungekünstelt erklärt sagen sie das, was ein
zärtlicher Vater sagen würde, wenn er in der Todesstunde seine noch
nicht völlig ausgebildeten Kinder um sich her versammelte, und zu ihnen
spräche: Bisher habe ich eure Handlungen geleitet; jetzt muss ich euch
verlassen, und das ist gut für euch, damit ihr endlich euch selbst
regieren lernt.[31] Statt meiner verweise ich euch an einen erhabenern
Führer, ^an euer Gewissen^. Wie ihr bisher auf meine Warnungen horchtet,
ebenso horcht hinführo auf die Warnungen dieses; und wie bisher mein
Beifall euer höchstes Ziel war, ebenso sey es hinführo der Beifall eures
eigenen Herzens: und dass dieses euch nie täuschen werde, dafür bürgt
mir die ^Wahrheitsliebe^, die ich in euch bemerkt und gepflegt habe. --
Jesus sagt, dass er ihnen diesen Wahrheitsgeist ^senden^ wolle, nicht
als ob sie etwa erst jetzt durch irgend ein Wunderwerk umgeschaffen die
Wahrheit würden lieben lernen, -- die Jünger Jesu, die an sich weder
besser unterrichtet, noch tugendhafter waren, als die übrigen Juden
ihrer Zeit, zeichneten sich eben durch Wahrheitsliebe, und bloss durch
sie von anderen aus, und wurden bloss um dieser willen Schüler Jesu --
sondern, weil sie erst jetzt, nach dem Verluste ihres äusseren Führers,
dieses inneren Führers bedürfen würden.

Wir alle, meine th. Fr., sind eben so, wie die Jünger Jesu, an unser
Gewissen gewiesen, und eben so nöthig, als Jene, bedürfen wir ^der
Wahrheitsliebe^, um seine Stimme zu hören. Es ist also der Mühe werth,
diese Wahrheitsliebe genauer kennen zu lernen.

Die Wahrheitsliebe, ^von der wir hier und heute reden^, besteht kürzlich
darin: ^dass man sich in seiner Meinung von seiner eigenen Tugend nicht
betrügen wolle^. Dies nun scheint Anfangs widersprechend; denn es
scheint auf den ersten Anblick unmöglich, ^sich selbst^ zu hintergehen,
und hintergehen zu ^wollen^.

[Fußnote 31: Joh. 16, 7.]

Wenn man aber daran denkt, dass der menschliche Wille durch zwei sehr
verschiedene Haupttriebe in Bewegung gesetzt wird, deren einer ihn
antreibt, sich vor Beschädigungen seines Leibes und Lebens zu sichern,
und die Mittel aufzusuchen, dieses Leben unter so vielen angenehmen
Empfindungen hinzubringen, als möglich; -- ein Trieb, den wir
^Eigenliebe^ nennen, und den wir mit den Thieren des Feldes gemein
haben: -- deren zweiter aber ihn drängt, das Gute zu verehren und das
Laster zu verabscheuen; -- ein Trieb, der uns in den Rang höherer
Geister und zum Ebenbilde der Gottheit erhebt, und den wir das
^Gewissen^ nennen; -- -- Triebe, die so verschieden sind, dass daher
einige zwei Seelen im Menschen angenommen haben; eine Bemerkung, welche
allein es schon hinreichend erklärt, wie Jesus von dem verheissenen
Geiste der Wahrheit, als von etwas ^ausser den Jüngern^ reden konnte, so
wie auch schon ein Weiser einer anderen Nation das Gute und Edle, das er
that oder sagte, den Eingebungen eines höheren Geistes zugeschrieben
hatte: --

wenn man ferner bedenkt, dass diese beiden Antriebe, -- der der
Eigenliebe und der des Gewissens -- sich oft geradezu widerstreiten,
indem der erstere den Menschen antreibt, etwas als angenehm und nützlich
zu begehren, was der zweite als schändlich und ungerecht ihn zu
verabscheuen nöthigt:

wenn man dieses beides bedenkt, so lässt sich sehr leicht einsehen, wie
der Mensch, dem die Tugend nicht lieb genug ist, um alles für sie
aufzuopfern, in dem Gedränge, in welches er bei diesem Widerstreite
geräth, und in der Wahl, entweder die Befriedigung seiner liebsten
Neigungen aufzugeben, oder sich selbst für einen ungerechten und
schändlichen Menschen zu halten, einen Ausweg suchen und ihn darin
finden werde, dass er sich überrede, sein Vergehen sey so gross noch
nicht, und er könne demohngeachtet doch noch ein guter Mensch seyn.

Solche Menschen sind nicht einmal stark genug, um ganz Bösewichter zu
seyn, und begierig, die Lust des Lasters und die Freuden des guten
Gewissens mit einander zu vereinigen, betrügen sie sich selbst, oder die
schlechtere Seele in ihnen verfälscht die Aussagen der besseren. Der
trüglichen Vorspiegelungen, deren sie sich dazu bedienen, sind
unzählige.

Jetzt überreden sie sich, andere ^Bewegungsgründe^ bei ihren Handlungen
gehabt zu haben, als sie wirklich hatten, und glauben es sich z. B. im
Ernste, dass Gerechtigkeits- und Pflichtliebe, oder Wohlthätigkeit sie
da geleitet habe, wo sie doch ihrer angeborenen Härte oder ihrer
Eitelkeit fröhnten. -- So waren die, von denen Jesus in unserem
Evangelium sagt (Cap. 16, 2): sie werden, indem sie euch tödten, Gott
einen Dienst damit zu thun meinen. -- Eigentlich war wohl beleidigter
Stolz und Rechthaberei dasjenige, was die verfolgungssüchtigen Juden, so
wie die Verfolger aller Zeiten und Völker, trieb, nicht aber die
Begierde, Gott einen Dienst zu thun. Das letztere banden sie sich wohl
nur so auf; denn es ist sehr zweifelhaft, ob sie, wenn ^sie^ an ihrer
Seite die Gemarterten, und ^ihre Gegner^ die Marterer gewesen wären,
unter den Qualen des schmerzlichsten Todes gerufen haben würden: o, was
für liebe fromme Leute sind doch unsere Mörder! Es ist wahr, dass uns
der Tod schwer, und die Qualen desselben schmerzhaft ankommen; aber sie
meinen es dabei doch so herzlich gut, und martern uns aus brennender
Andacht und sehr thätiger Menschenliebe zu Tode.

Jetzt rechnen sie sich gewisse gute Handlungen, die sie darum thaten,
weil sie ihnen die wenigste Aufopferung kosteten, so hoch als möglich
an, und meinen damit alle ihre übrigen Vergehungen zu vergütigen. So
soll etwa ein schweres Almosen, mit langsamer widerstrebender Hand
dargereicht, für alle Ausbrüche unreiner Lüste, oder für eine Menge
schreiender Ungerechtigkeiten genugthun.

Das ist Selbstbetrug in der ^Anwendung^ der Aussprüche unseres Gewissens
auf ^unsere Handlungen^; ein Betrug, der sich Keinem, dem es ein Ernst
ist, sich selbst recht kennen zu lernen, lange verbergen kann; denn aus
ihm entstehen die schreiendsten Widersprüche in den Grundsätzen, wonach
wir ^uns^, und in denen, wonach wir ^andere^ beurtheilen. Wir wollen
dann immer die Ausnahme von allen übrigen Menschen seyn, und was für
alle andere ungerecht ist, soll für uns erlaubt, was bei allen anderen
höchst zweideutig ist, soll bei uns schön und edel seyn.

Da nun bei einem so groben Selbstbetruge unser Herz immer in der Gefahr
ist, auf seiner Falschheit ergriffen zu werden; da ferner gewisse
Handlungen nach allen möglichen Milderungen und Beschönigungen doch noch
immer ein sehr hässliches Aussehen behalten, so fällt der Mensch aus
diesem gefährlichen Selbstbetruge leicht in einen noch gefährlicheren:
er sucht sich nemlich des einzigen höchsten Gesetzes für seine
Handlungen, seines Gewissens, das ihm so lästig geworden ist, ganz zu
entledigen, und beruft sich, -- ein Jeder nach Maassgabe seines
Scharfsinnes -- auf ein anderes: der Schwache auf das Beispiel der
grösseren, oder der vom Schicksale begünstigteren Menge; der
Scharfsinnigere geradezu auf seine Neigung, die er statt des zum
Vorurtheile herabgewürdigten inneren Gefühls durch tausend
Spitzfindigkeiten als höchstes Gesetz für die freien Handlungen
vernünftiger Wesen aufzustellen sucht; endlich ganze Zeitalter -- o
unseligste Ausgeburt des menschlichen Verderbens! -- auf erdichtete oder
verfälschte Offenbarungen der Gottheit, die, unter der Gewährleistung
eben des Gottes, der seinen Willen unauslöschlich in unser Herz schrieb,
diesem in unser Herz geschriebenen Willen geradezu widersprechen und in
seinem Namen das Laster in Tugend verwandeln. -- Sehet da, m. Br., in
dem Verderben der Menschen, und in ihrer Begierde, dieses Verderben vor
sich selbst zu verbergen, die wahre Urquelle Jenes: »andere, die es doch
besser verstehen sollten, machen es eben so« -- das man so oft hört;
jener Gebäude von Sittenvorschriften, die jetzt feiner, jetzt gröber
unsere Neigung als höchstes Sittengesetz aufstellen, und nach denen
nichts unerlaubt ist, als wozu es uns an Kraft fehlt; jener
Religionsgrundsätze, die uns dort durch Tausender, hier durch Eines
fremdes Verdienst -- nicht etwa ^das Fehlende^ eigener Verdienste bei
dem möglichst thätigen guten Willen -- eine solche Hoffnung bietet die
Religion, und verstattet die Vernunft Jedem, der ihrer bedarf -- sondern
den gänzlichen Mangel an eigenem guten Willen ersetzen lehren, und uns
am Ende eines gemisbrauchten Lebens dort in eine Mönchskutte, und hier
an ein kaltes: Herr, ich glaube, verweisen!

Dies sind die Wege, die das menschliche Herz nimmt, um sich der
Erkenntniss der Wahrheit zu entziehen. Um allen diesen Fallstricken, die
der schlauste Verführer, unser eigenes Ich, uns legt, zu entgehen,
bedarf es der ^Wahrheitsliebe: -- der entschiedenen vorherrschenden
Neigung, die Wahrheit _bloss um ihrer selbst willen_ -- sie falle für
uns auch aus, wie sie wolle -- anzuerkennen^. -- Diese Wahrheitsliebe,
oder mit Jesu zu reden, dieser Geist der Wahrheit treibt uns fürs erste,
unser Gewissen als den einzigen Richter über das, was recht oder unrecht
ist, und als das höchste Gesetz anzuerkennen, dem wir immer und ohne
Ausnahme zu gehorchen, schlechterdings schuldig sind. -- Die schönste
Uebersetzung des allgemeinen Ausspruchs dieses Gesetzes ist die, welche
Jesus gegeben hat: ^Was ihr nicht wollt, dass es euch die Leute thun,
das thut auch ihr ihnen nicht^, oder allgemeiner: ^was euch an anderen
ungerecht und schändlich vorkommt, das ists gewiss auch an euch; denn
ebendieselbe Stimme in euch, die es an andern verdammt, verdammt es auch
an euch^.

Es ist also der erste und der Hauptgrundsatz der Wahrheitsliebe: ^nichts
sich für erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer
erlauben möchte^. -- Die Vernunftmässigkeit dieses Grundsatzes ist ^so^
einleuchtend, und es ist ^so^ unvernünftig, zu glauben, dass ein
Einziger eine Ausnahme vom ganzen Menschengeschlechte und allen
vernünftigen Wesen machen solle; dass Ihm allein erlaubt seyn solle, was
er allen anderen nicht erlaubt, und für ihn allein gerecht und edel seyn
solle, was er an allen anderen ungerecht und schändlich findet: dass es
schwer wird, es zu glauben, dass der grösste Haufen der Menschen sein
eigenes geliebtes Ich in diesen Rang setze, und diesem Gedanken gemäss
handele.

Diese Wahrheitsliebe treibt fürs zweite den, in welchem sie herrschend
geworden ist, ^sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch
zu prüfen^. -- Es ist ihm nur um die Wahrheit zu thun; nur sie ist ihm
werth und willkommen; sie ist ihm weit theurer als Er sich selbst; laute
sie, wie sie wolle, wenn es nur Wahrheit ist. Er wird also, weit
entfernt nach Entschuldigungen und Beschönigungen zu haschen, vielmehr
sehr sorgfältig über sein betrügerisches Herz wachen. Er wird seine
Fehler nicht geringer, seine Tugenden nicht grösser machen wollen, als
sie sind. Er wird sich, wenn die Stimme der Wahrheit, -- das heiligste,
was er kennt -- ihn verurtheilt, dem Schmerze der Reue und dem Gefühle
der Scham vor sich selbst edelmüthig unterwerfen.

Diese Wahrheitsliebe nun treibt unwiderstehlich zur Tugend. Anerkennt
man das Gewissen für sein höchstes Gesetz; prüft man sich unparteiisch
nach demselben, so wird man die Pein, sich selbst verachten zu müssen,
nicht länger ertragen, sich nicht entschliessen können, sich selbst für
ungerecht und böse zu halten, und -- es bleiben zu wollen. So ein
Zustand ist wider die menschliche Natur. Sich für verdorben halten, und
sich entschliessen, es zu bleiben, ist widernatürlich.

Dieser Wahrheitsgeist zeugt, laut unseres Textes, von Jesu. Er überzeugt
Jeden, in dem er herrschend geworden, durch eigene Erfahrung, dass die
Sittenlehre Jesu die reinste Darstellung der Aussprüche unseres
Gewissens sey. ^So jemand will den Willen thun des, der mich gesandt
hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von
mir selber rede^, konnte er mit seinem vollen Rechte sagen.

Doch hört noch, a. Z., die eigenen Worte dieses Jesus über
Wahrheitsliebe, damit ihr euch noch mehr überzeugt, dass ich euch jetzt
nicht etwa philosophische Untersuchungen, sondern reine Bibellehre
vorgetragen habe, die jeden Christen angeht. So sagt Jesus Joh. 3,
19-21.

^Das ist das Gericht^, d. h. das ist der wesentliche Unterschied, der
zwei sehr verschiedene Arten von Menschen ihrer Denkungsart, und ihren
damit genau verbundenen Schicksalen nach unterscheidet, dass einige,
^obgleich das Licht in die Welt gekommen ist, die Finsterniss mehr
lieben, als das Licht^, d. h. dass sie, obgleich die Stimme der Wahrheit
laut genug in ihrem Gewissen redet, und sie auch von aussen aufmerksam
auf dieselbe gemacht werden, dennoch die Wahrheit nicht anerkennen
^wollen^, sie hassen und meiden, und nur den Betrug lieben, der ihnen
schmeichelt, ^da ihre Werke böse sind^. -- ^Wer Arges thut, hasset das
Licht^, oder die Wahrheit, ^und er kömmt nicht an das Licht^, er weicht
der Erkenntniss der Wahrheit sorgfältig aus, ^damit seine Werke nicht
gestraft werden^, damit er nicht von seiner Verdorbenheit überführt, und
vor sich selbst beschämt werde. -- -- Die von dieser Menschenklasse sehr
Verschiedenen sind diejenigen, ^welche die Wahrheit thun^, welche ihr
Gewissen für das höchste Gesetz ihres Verhaltens anerkennen, und fest
entschlossen sind, der Stimme desselben in allem zu gehorchen: -- ^diese
kommen an das Licht^, sie mögen sich gern in ihrer wahren Gestalt
erblicken, ^damit ihre Werke offenbar werden^, und sie dadurch sich
selbst kennen lernen, wie weit sie in der Tugend gekommen sind, und was
ihnen zu thun noch übrig ist.

Dieser Geist der Wahrheit ^geht^, nach den Worten Jesu in unserem Texte,
^vom Vater aus^; er ist ein Geschenk der Gottheit, von welcher alle gute
Gaben kommen, und das Edelste, was sie der Menschheit gab. Aber Gott gab
dieses Geschenk nicht etwa nur einigen, und versagte es anderen, er gab
die Anlage dazu allen; gab sie gewiss auch Jedem, der hier gegenwärtig
ist. -- -- O, m. Br., warum kann ich nicht mit Jedem unter euch in die
geheime Geschichte seines Herzens zurückgehen; warum kann ich nicht
Jedem, Schritt vor Schritt, die Vorfälle aufzählen, bei denen die
bessere Seele in ihm lauter wurde? --

Denkt zurück an die innige Bewegung, mit der die meisten unter euch das
erste Mal beim Nachtmahle erschienen; an die Thränen der Rührung, mit
denen ihr damals vor den Augen Gottes und den Augen der Gemeine
angelobtet, der Stimme eures Gewissens stets zu gehorchen; an die
ernsthaften Vorsätze der Besserung, mit denen ihr diese Handlung oft
wiederholt habt; an die noch ernsthafteren Vorsätze, die ihr fasstet,
wenn Krankheit oder eine andere Noth euch veranlasste, einen Blick in
euer Innerstes zu thun; an den Schauder und das Herzklopfen, das auch
den Verdorbensten unter uns übermannte, wenn er eine Sünde thun wollte,
die ihm neu und grösser war, als seine vorhergehenden; an das Entsetzen,
das uns alle befällt, wenn wir von einer harten Ungerechtigkeit, von
einer grossen Schandthat hören -- alles das waren und sind Spuren dieser
besseren Seele in uns.

Und nun ist es unsere Sache, uns zu prüfen, wie viel von dieser
ursprünglichen Wahrheitsliebe wir in uns übriggelassen haben. Und diese
Prüfung, m. Br., ist nicht schwer; auf der Stelle können wir unser Herz
auf dem Betruge ergreifen, wenn es uns betrügt.

Der gemeinste Begriff, den selbst der unausgebildetste von seiner
Bestimmung hat, ist der, ^Gott zu gefallen und in den Himmel zu kommen^.
Wer ist unter uns, der das nicht hoffe? Worauf gründen wir nun diese
Hoffnung, -- nicht von ^Gottes^ Seite, davon ist hier nicht die Rede, --
sondern von ^der unsrigen^, oder, was denken ^wir^ zu thun, um in den
Himmel zu kommen? Tröstet ihr euch etwa eures Kirchen- und eures
Nachtmahlsgehens -- oder wohl gar einer kalten Reue, die ihr einst auf
eurem Sterbebette empfinden wollt -- tröstet ihr euch irgend eines
Dinges, ausser der gewissenhaften Erfüllung aller eurer Pflichten, und
des ernstesten Entschlusses nichts zu thun, was ihr für unrecht haltet:
so hat euch bisher euer Herz betrogen, denn es hat euch an ein ander
Gesetz angewiesen, als an euer Gewissen.

Ihr habt alle irgend ein Vorhaben; ihr habt vielleicht ohnlängst irgend
ein anderes ausgeführt. -- Könnt ihr im Ernste wünschen, dass jeder
eurer Nebenmenschen stets und immer so handle, dass er auch gegen euch
so handle, wie ihr gehandelt habt, oder zu handeln im Begriffe steht;
könnt ihr wünschen, in einer Welt zu leben, wo jeder so handelt? Solltet
ihr dieses nicht wünschen können, -- haltet ihr demohngeachtet eure
Handlung noch für gerecht und billig? Haltet ihr sie dafür, so seyd
versichert, dass euer Herz euch betrügt, und dass die Entschuldigungen,
die es euch darbietet, eitel Täuschungen sind.

Es ist, wenn wir in dieser Prüfung unser Herz nicht ganz lauter befunden
haben sollten, nun unsere Sache, zu sehen, wie wir diese Wahrheitsliebe
in uns wieder herstellen wollen, -- wenn wir anders nicht länger jeden
Blick, den wir in unseren Busen werfen, mit Erröthen wieder
zurückreissen wollen; nicht länger von dem Auge des ehrlichen Mannes uns
gedrückt fühlen, und schüchtern suchen wollen, unser Herz vor ihm zu
verbergen, dass er nicht durch irgend eine Spalte desselben unsere
Schande entdecke; nicht länger dem Gedanken an Gott, den
Herzenskündiger, und an die Zukunft, mit Angst ausweichen wollen.

Dazu giebt es nun leider kein Mittel, was nicht wenigstens einen Theil
dieser Wahrheitsliebe voraussetzte, die dadurch erst hervorgebracht
werden soll. Wer gar keine mehr hat, der ist ohne Rettung verloren;
treibt ihn in die Enge, soviel ihr wollt, -- er wird stets recht haben,
und nie wird es ihm an Entschuldigungen und Ausflüchten fehlen; er wird,
wie Jesus sagt, nicht glauben, und wenn die Todten auferständen, und ihm
die Wahrheit predigten; daher denn auch die Gottesgelehrten diesen
Zustand sehr passend das ^Gericht der Verstockung^ genannt haben. --
Aber sollte es viele, sollte es überhaupt Menschen geben, die ^so^ tief
verfallen seyen? Auf das verdorbenste Herz geschehen zuweilen noch gute
Eindrücke; wenn ihnen ihr ganzer trauriger Zustand recht nach dem Leben
vor Augen gemalt wird; oder, wenn sie in ein grosses Unglück verfallen,
aus dem sie mit ihrer ganzen Kraft sich nicht retten können; oder wenn
sie das Schauspiel einer grossen Unthat erblicken, und sich gestehen
müssen, dass sie auf dem geraden Wege zu dem gleichen Verbrechen sind;
oder, welches das letzte und härteste Rettungsmittel in der Hand der
Vorsehung ist, -- wenn sie selbst in eine grosse Missethat fallen, über
die sie hinterher sich selbst entsetzen.

Gott gebe, dass keiner in unserer Mitte sey, der solcher Mittel bedürfe;
er gebe, dass keiner, der ihrer bedarf, auch diese ungenützt lasse.
Amen.




                                  C.
     Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe
                        von Briefen. 1794.[32]


        (Phil. Journal 1798. Bd. IX. S. 199-232. S. 292-305.)


                            Erster Brief.

Sie haben Ihre Erwartungen von der Philosophie noch nicht aufgegeben,
mein theurer Freund; Sie fahren fort, an unseren Bemühungen um dieselbe
Antheil zu nehmen, und füllen noch immer einen Theil Ihrer
Erholungsstunden mit philosophischer Lectüre. Aber, so schreiben Sie
mir, der Nachbar dürfte fast durch die Vorstellung einer neuen Gefahr
Sie beunruhigen. Ihn macht der Unterschied bedenklich, den ein oder zwei
neuere Schriftsteller zwischen Geist und Buchstaben in der Philosophie
überhaupt, und insbesondere einer gewissen Philosophie und gewisser
philosophischer Werke gemacht haben. Wo es hinauswolle, und was aus dem
unermüdetsten Studiren werden könne, wenn es dem ersten dem besten
erlaubt seyn solle, die mit saurer Mühe zusammengebrachten Kenntnisse im
ersten Andrange des Kraftgenies zu streichen: unter dem Vorwande, dass
dies doch nur der Buchstabe sey, und nicht der Geist? -- Der Nachbar
denkt auf Sicherheit, und Sie wünschen eine klare Einsicht in die
Beruhigungsgründe, die Sie schon jetzt dunkel fühlen. Sie haben bemerkt,
dass ich auch mit für diese Unterscheidung stimme, und verlangen von mir
eine gründliche und gemeinfassliche Auseinandersetzung: was Geist ^der^
Philosophie, und Geist ^in^ der Philosophie heisse, und wie sich
derselbe vom Buchstaben, und vom blossen Buchstaben unterscheide.

[Fußnote 32: Die folgenden drei Briefe, deren Fortsetzung in einem der
künftigen Hefte erscheinen wird, sind schon vor vier Jahren abgefasst
worden. -- Ich erinnere dies, um das Stillschweigen über neuere Vorfälle
und Aeusserungen, an die man durch diese Ueberschrift erinnert wird, zu
erklären.

                                               (Anm. des Verfassers.)]

Ich hoffe, dass Sie durch die Forderung der Gründlichkeit mich nicht
über Vermögen verpflichten wollen: dass Sie durch dieselbe nicht mehr
andeuten, als dass ich nach bestem Wissen und Gewissen, soweit ich
selbst auf den Grund sehe, jenen Unterschied aus ihm ableite. Das würde
denn auch in der Kürze geschehen können, wenn ich alles, was die
unmittelbare Beantwortung Ihrer Frage voraussetzt, voraussetzen dürfte.
Da dies aber Ihre Rechnung nicht zu seyn scheint, indem Sie zugleich
Gemeinfasslichkeit fordern, so muss ich Sie einen längeren Weg führen,
von welchem ich wünsche, dass er Ihnen nie als ein Umweg erscheinen
möge. Sie sollen auf demselben langsam gehen, und zuweilen ruhen und
Aussicht nehmen; aber mit ein wenig Geduld hoffe ich Sie an das Ziel zu
bringen und ihre Besorgnisse zu heben. -- Was die Belehrung des Nachbars
anbelangt -- doch, die Erfahrung, die Sie dabei zu machen haben, kann
wenigstens für Sie selbst belehrend seyn.

Ehe ich Ihnen deutlich machen kann, was ich unter Geist in der
Philosophie verstehe, müssen wir uns darüber vereinigen, was wir
überhaupt Geist nennen.

Sie erinnern sich der Klagen, die Sie führten, als Sie ein gewisses, von
einigen hochgepriesenes Buch lasen. Sie konnten sich in dasselbe nicht
hineinlesen. Sie hatten es vor sich und Ihre Augen fest darauf geheftet;
aber Sie fanden, so oft Sie auf sich selbst reflectirten, sich weit von
dem Buche; jeder Ihrer Angriffe auf den Inhalt und den Gang desselben
gleitete ab, und so oft auch Sie den spröden Geist desselben ergriffen
zu haben glaubten, entschlüpfte er Ihnen unter den Händen. Sie hatten
nöthig, immer und immer wieder sich selbst zu erinnern, dass Sie dieses
Buch studiren wollten, es studiren müssten; und es bedurfte der oft
wiederholten Vorstellung des Nutzens und der Belehrung, die Sie daraus
erwarteten, um den fortdauernden Widerstand auszuhalten; bis Sie endlich
aus anderen Gründen überzeugt wurden, dass Sie es ebensowohl ungelesen
lassen könnten, und dass selbst die Ausbeute nur geringe und der
aufgewandten Mühe nicht werth seyn werde. -- Lag dabei die Schuld
lediglich an Ihnen, an Ihrem Mangel an Aufmerksamkeit, an dem
Nichtverhältnisse Ihres Talents gegen die Tiefe und Gründlichkeit jenes
Buches? Sie schienen das nicht zu glauben; die Stimmung, in der Sie sich
bei der Lectüre anderer, nicht minder gründlicher Schriften fanden,
erlaubte Ihnen, eine günstigere Meinung von sich zu fassen. Sie fühlten
von diesen sich angezogen und gefesselt; es bedurfte keiner Erinnerung
an Ihren Vorsatz, das Buch zu studiren, und an den Vortheil, den Sie
sich aus dem Studium desselben versprachen. Sie brauchten bei einer
Lectüre, die allein Ihren ganzen Geist ausfüllte, keinen Zweck
ausserhalb derselben aufzusuchen, und nur das kostete Ihnen Mühe, sich
davon loszureissen, wenn andere Geschäfte Sie abriefen. Sie waren
vielleicht mehrmals in einem ähnlichen Falle, wie eine gewisse
französische Frau. Die Stunde, da der Hofball eröffnet wurde, traf
dieselbe bei der Lectüre der neuen Heloise. Man meldete ihr, dass
angespannt sey; aber es war noch zu früh, nach Hofe zu fahren. Nach zwei
Stunden, da man sie wieder erinnerte, war es noch immer Zeit genug; und
zwei Stunden darauf fand sie es zu spät. Sie las die ganze Nacht durch,
und opferte für dieses Mal den Ball auf.

So gehts mit Büchern, so geht es mit anderen Producten der Kunst sowohl,
als der Natur. Das eine lässt uns kalt und ohne Interesse, oder stösst
uns wohl gar zurück; ein anderes zieht uns an, ladet uns ein, bei seiner
Betrachtung zu verweilen und uns selbst in ihm zu vergessen.

Diese Erfahrung ist um so merkwürdiger, da die Gründe, aus denen man sie
etwa auf den ersten Anblick dürfte erklären wollen, nicht auslangen. Der
weniger ernsthafte und oberflächliche Leser, der nur Vergnügen sucht,
und an den die Belehrung fast nur durch einen feinen Betrug unter der
Gestalt des ersten gelangen kann, mag im ganzen freilich lieber durch
Erzählungen unterhalten seyn, als mit dem Schriftsteller nachdenken und
forschen. Aber oft gelingt es der reichsten Erzählung, wo Begebenheiten
auf Begebenheiten folgen, die eine immer abenteuerlicher als die andere,
nicht, die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen; und es giebt ihrer in
Menge, die, ohne alle Rücksicht auf Belehrung, lieber mit Voltaire
räsonniren, oder mit Lessing polemisiren, als die Begebenheiten der
schwedischen Gräfin sich erzählen lassen. Es scheint daher allerdings
der Mühe werth, und liegt vielleicht auf unserem Wege, zu untersuchen:
was es doch eigentlich seyn möge, das uns hier, es sey zu Frivolitäten
oder zu ernsthaften und wichtigen Untersuchungen, so mächtig hinzieht;
dort, so wichtig und nützlich auch der abgehandelte Gegenstand sey, so
unwiderstehlich zurückstösst?

So viel ist klar, dass ein Werk der erstern Art unsern Sinn selbst für
seinen Gegenstand anregen, beleben, stärken möge; dass ein solches Werk
uns nicht bloss das Object unserer geistigen Beschäftigung, sondern
zugleich das Talent gebe, uns mit demselben zu beschäftigen, uns nicht
das Geschenk allein, sondern sogar die Hand darreiche, mit der wir es
ergreifen sollen; dass es das Schauspiel und die Zuschauer zugleich
erschaffe, und, wie die Lebenskraft im Weltall, mit demselben Hauche der
todten Materie Bewegung und Organisation, und der organisirten geistiges
Leben mittheile: da hingegen ein Product von der letztern Klasse gerade
denjenigen Sinn, dessen man zu seinem Genusse bedürfte, aufhält und
hemmt, und durch den fortdauernden Widerstand ermüdet und tödtet; so
dass der in jedem Augenblicke abgelaufene Mechanismus des Geistes durch
einen neuen Druck der Haupttriebfeder in ihm, der absoluten
Selbstthätigkeit, wieder hergestellt werden muss, um im nächsten
Augenblicke wieder unterbrochen zu werden. Im ersten Falle denkt unser
Verstand, oder dichtet unsere Einbildungskraft von selbst mit dem
Künstler zugleich, und sowie er es will, ohne dass wir ihr gebieten; die
gehörigen Begriffe, oder die beabsichtigten Gestalten bilden und ordnen
sich vor unserem geistigen Auge, ohne dass wir die Hand daran gelegt zu
haben glauben. Im zweiten Falle müssen wir immer über uns selbst wachen
und uns in strenger Aufsicht haben, stets das Gebot der Aufmerksamkeit
wiederholen und über seine Beobachtung halten. Wie wir unser geistiges
Auge wegwenden, entfleucht unsere Aufmerksamkeit vom Ziele, die
unbewachte Phantasie sucht wieder ihre gewohnte Bahn, oder auch der
Geist fällt in sein dumpfes Hinbrüten zurück. Mit einem Worte: Producte
der erstern Art scheinen eine belebende Kraft zu haben für den innern
Sinn, und insbesondere jedesmal für denjenigen besonderen Sinn, für den
ihre Auffassung gehört; Producte der letztern Art mögen Ordnung und
Gründlichkeit und Nutzbarkeit, sie mögen alles haben, was man will, jene
Kraft haben sie nicht.

Wir nennen diese belebende Kraft an einem Kunstproducte Geist, den
Mangel derselben Geistlosigkeit, und stehen sonach gerade vor dem
Gegenstande, welchen wir zu untersuchen haben.

Wie erhält ein menschliches Product jene belebende Kraft, und woher hat
der geistvolle Künstler das Geheimniss, sie ihm einzuhauchen? Mit
angenehmem Befremden entdecke ich bei Betrachtung seines Werkes Anlagen
und Talente in mir, die ich selbst nicht kannte. Hat er auf diese
Anlagen in mir die Wirkung seiner Kunst berechnet? Ohne Zweifel; denn
woher sonst dieser Erfolg? Aber wer hat ihm mein Inneres aufgedeckt, in
welchem ich selbst ein Fremdling war? Wenn er noch allenfalls durch hohe
Vorstellungen aus der Religion mich in überirdische Welten erhöbe, oder
durch die Schrecken des Weltgerichts erschütterte, oder durch die Leiden
der sanftduldenden Unschuld mir Thränen entlockte, möchte es seyn;
unerachtet es noch immer wunderbar bliebe, wie er es dahin bringt, dass
ich auf seine Dichtungen, die ich für nichts als Dichtungen halte, mich
nur einlasse und ihnen Empfindungen widme, die nur zu wahr sind. Aber
mit der gleichen Zuversicht schildert sein Griffel einen ländlichen
Tanz, wirft sein Pinsel eine Feldblume auf die Leinwand, und mein Herz
ist immer seine gewisse Beute. Wo liegt der unbegreifliche Zusammenhang
dieser Mittel mit jenem Zwecke, und durch welche Kunst hat er errathen,
was durch kein Nachdenken sich dürfte finden lassen?


                            Zweiter Brief.

Sie nehmen die am Ende meines vorigen Briefes hingeworfene Frage auf,
und beantworten sie folgendermaassen:

»Nirgends als in der Tiefe seiner eigenen Brust kann der geistvolle
Künstler aufgefunden haben, was meinen und Aller Augen verborgen in der
meinigen liegt. Er rechnet auf die Uebereinstimmung anderer mit ihm; und
rechnet richtig. Wir sehen, dass unter seinem Einflusse die Menge, wenn
sie nur ein wenig gebildet ist, wirklich in Eine Seele zusammenfliesst,
dass alle individuelle Unterschiede der Sinnesart verschwinden, dass die
gleiche Furcht, oder das gleiche Mitleid, oder das gleiche geistige
Vergnügen Aller Herzen hebt und bewegt. Er muss demnach, inwiefern er
Künstler ist, dasjenige, was allen gebildeten Seelen gemein ist, in sich
haben, und anstatt des individuellen Sinnes, der uns andere trennt und
unterscheidet, muss in der Stunde der Begeisterung gleichsam der
Universalsinn der gesammten Menschheit, und nur dieser, in ihm wohnen.
-- Wir alle sind auf mannigfaltige Weise von einander verschieden; kein
Einzelner ist irgend einem andern Einzelnen, dem Geistescharakter so
wenig, als dem körperlichen nach, vollkommen gleich.«

»Dennoch müssen wir alle, näher oder entfernter, nach Maassgabe der
Gleichförmigkeit oder der Verschiedenheit unserer Ausbildung, schon auf
der Oberfläche unseres Geistes, oder in seinen geheimeren Tiefen gewisse
Vereinigungspuncte haben; denn wir verstehen uns, wir können uns
einander mittheilen, und aller menschliche Umgang ist von Anbeginn an
nichts anderes gewesen, als ein ununterbrochener Wechselkampf aller
Einzelnen, jeden Einzelnen, mit dem sie im Gange des Lebens
Berührungspuncte bekamen, mit sich selbst übereinstimmig zu machen. Was
keinem so leicht, und keinem ganz gelingt, gelingt dem Künstler, indem
er das Ziel verändert, und es aufgiebt, seine Individualität in andern
darzustellen; vielmehr diese selbst aufopfert, und statt ihrer jene
Vereinigungspuncte, die in allen Einzelnen sich wiederfinden, zum
individuellen Charakter seines Geistes und seines Werkes macht. Daher
heisst das, was ihn begeistert, Genius, und hoher Genius: ein Wesen aus
einer höheren Sphäre, in welcher alle niedere und irdische Grenzlinien,
die den individuellen Charakter der Erdenmenschen bestimmen, nicht mehr
unterschieden werden und in einen leichten Nebel zusammenfliessen.«

»Da die Mittel, deren er sich bedient, um jenen Gemeinsinn in uns
anzuregen und zu beschäftigen, und die Individualität, so lange er uns
unter seinem Einflusse hält, verstummen zu machen, -- da diese Mittel
und ihr nothwendiger Zusammenhang mit der Wirkung durch kein Nachdenken,
durch keine Beziehung auf ihren Zweck durch Begriffe, so leicht dürften
aufgefunden werden, wenigstens alle bisherigen Bemühungen, sie auf diese
Art aufzufinden, gescheitert sind: so kann er nur durch Erfahrung, durch
eigene innere Erfahrung an sich selbst, zur Kenntniss derselben gelangt
seyn. Er hat einst selbst empfunden, was er uns nachempfinden lässt, und
dieselben Gestalten, die er jetzt vor unser Auge hinzaubert, --
ununtersucht, auf welchem Wege sie vor das seinige kamen, -- haben ihn
einst selbst in jene süsse Trunkenheit, in jenen holden Wahnsinn
eingewiegt, der uns alle bei seinem Gesange, oder vor seiner belebten
Leinwand, oder bei dem Tone seiner Flöte ergreift. Er ist wieder zur
kalten Besonnenheit gekommen, und stellt mit nüchterner Kunst dar, was
er in der Entzückung erblickte, um in seine Verirrung, deren geliebtes
Andenken ihn noch mit sanfter Rührung erfüllt, das ganze Geschlecht
hineinzuziehen, und die Schuld, welche die Einrichtung seiner Gattung
auf ihn lud, unter die ganze Gattung zu vertheilen. Wo gebildete
Menschen wohnen, wird bis an das Ende der Tage das Andenken seiner
längst erloschenen Begeisterung durch ihre Wiederholung gefeiert
werden.«

So lösen Sie die vorgelegte Aufgabe; und ich glaube, Sie haben recht.
Aber erlauben Sie, dass wir gemeinschaftlich uns Ihre Meinung weiter
aufklären, sie in ihre feineren Bestandtheile zerlegen, sie aus ihren
Gründen entwickeln, um uns etwas Bestimmtes zu denken unter jenem
Universalsinne, den Sie Ihrer Erklärung zum Grunde legen; um klar
einzusehen, wie jener Eindruck entstehe, den sie auf diesen Sinn in der
Seele des Künstlers geschehen lassen; um zu begreifen, so gut es sich
begreifen lässt, warum sich derselbe so leicht und so allgemein
mittheile.

Vollkommen unabhängig von aller äusseren Erfahrung, und ohne alles
fremde Hinzuthun soll der Künstler aus der Tiefe seines eigenen Gemüthes
entwickeln, was, Aller Augen verborgen, in der menschlichen Seele liegt;
er soll nur unter Anleitung seines Divinationsvermögens
Vereinigungspuncte für die gesammte Menschheit aufstellen, die sich in
keiner bisherigen Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige
Unabhängige und aller Bestimmung von aussen völlig Unfähige im Menschen
nennen wir den Trieb. Dieser, und dieser allein ist das höchste und
einzige Princip der Selbstthätigkeit in uns; er allein ist es, der uns
zu selbstständigen, beobachtenden und handelnden Wesen macht. -- So weit
der Einfluss der äusseren Dinge auf uns sich auch immer erstrecken möge,
so erstreckt er sicher sich doch nicht so weit, dass er dasjenige in uns
hervorbringe, was jene selbst nicht haben, und dass in ihrer Einwirkung
gerade das Gegentheil von demjenigen liege, was in ihnen selbst, als in
der Ursache, enthalten ist. Die Selbstthätigkeit im Menschen, die seinen
Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet und
ausserhalb ihrer Grenzen setzt, muss sich auf etwas ihm Eigenthümliches
gründen; und dieses Eigenthümliche eben ist der Trieb. Durch seinen
Trieb ist der Mensch überhaupt Mensch, und von der grössern oder
geringern Kraft und Wirksamkeit des Triebes, des innern Lebens und
Strebens, hängt es ab, was für ein Mensch jeder ist.

Lediglich durch den Trieb ist der Mensch vorstellendes Wesen. Könnten
wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner
Vorstellung durch die Objecte geben, die Bilder durch die Dinge von
allen Seiten her ihm zuströmen lassen: so bedürfte es doch immer der
Selbstthätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer
Vorstellung, dergleichen die leblosen Geschöpfe im Raume um uns herum,
denen die durch das ganze Weltall herumschweifenden Bilder so wohl als
uns zuströmen müssen, nicht besitzen. Es bedarf dieser Selbstthätigkeit,
um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichtspuncten zu ordnen:
jetzt die äussere Gestalt einer Pflanze zu betrachten, um sie
wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden; jetzt den
Gesetzen nachzuspüren, nach denen die Natur diese Bildung bewirkt haben
mag; jetzt zu untersuchen, wie man jene Pflanze etwa zur Speise, oder
zur Kleidung, oder zur Arznei gebrauchen könne. Es bedarf der
Selbstthätigkeit, um unsere Erkenntniss von den Gegenständen
unaufhörlich zu steigern und zu erweitern; und lediglich durch sie wird
derselbe Stern für den Astronomen ein grosser, fester, in unermesslicher
Entfernung nach unverbrüchlichen Gesetzen sich bewegender Weltkörper,
der für den unbelehrten Naturmenschen immerfort ein Lämpchen bleibt, bei
dessen Scheine er sein Ackergeräth zusammensuche.

Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntniss
ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der
Kürze willen den Erkenntnisstrieb nennen können, gleichsam, als ob er
ein besonderer ^Grundtrieb^ wäre -- welches er doch nicht ist; sondern
er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen
dürften, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen untheilbaren
Grundkraft im Menschen, und man hat sich sorgfältig zu hüten,
dergleichen Ausdrücke in dieser oder in irgend einer philosophischen
Schrift anders, als so zu deuten; -- der Erkenntnisstrieb demnach wird
in gewissem Maasse immer befriedigt; in jedem Menschen sind
Erkenntnisse, und ohne sie wäre er kein Mensch, sondern etwas anderes.
Dieser Trieb äussert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von
dieser schliessen wir auf die Ursache im selbstthätigen Subject zurück,
und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Daseyn
jenes Triebes, als zur Erkenntniss seiner Gesetze.

Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf blosse
Erkenntniss des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung
und Ausbildung desselben, wie es seyn sollte, ausgeht, und praktisch
heisst; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller
Trieb praktisch, da er zur Selbstthätigkeit treibt, und in diesem Sinne
gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in
ihm ist, ausser durch Selbstthätigkeit: -- oder, inwiefern er ausgeht
auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloss um der Vorstellung willen,
keinesweges aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch
nur um der Erkenntniss dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da
er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so
bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat,
und ihn den ästhetischen nennen. Es ist klar, dass man zur Kenntniss
dieser Triebe nicht auf dem gleichen Wege, wie zu der des
Erkenntnisstriebes, durch eine Folgerung von der Wirkung auf die
Ursache, gelangen könne; und es fragt sich demnach, wie man zu derselben
gelangt sey. Aber ehe wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns die
soeben aufgestellten Triebe noch ein wenig schärfer unterscheiden.

Der Erkenntnisstrieb zielt ab auf Erkenntniss, als solche, um der
Erkenntniss willen. Ueber das Wesen, die äusseren oder inneren
Beschaffenheiten des Dinges lässt er uns völlig uninteressirt; unter
seiner Leitung wollen wir nichts, als wissen, welches diese
Beschaffenheiten sind: wir wissen es und sind befriedigt. Auf seinem
Gebiete hat die Vorstellung keinen andern Werth und kein anderes
Verdienst, als das, dass sie der Sache vollkommen angemessen sey. Der
praktische Trieb geht auf die Beschaffenheit des Dinges selbst, um
seiner Beschaffenheit willen. Wir kennen dieselbe, wenn eine Anregung
jenes Triebes eintritt, nur zu wohl; aber wir sind mit ihr nicht
zufrieden: sie sollte anders und auf eine gewisse bestimmte Art anders
seyn. Im erstern Falle wird ein durch sich selbst und ohne alles unser
Zuthun vollständig bestimmtes Ding vorausgesetzt, und der Trieb geht
darauf, es mit diesen Bestimmungen, und schlechterdings mit keinen
andern, in unserem Geiste durch freie Selbstthätigkeit nachzubilden. Im
zweiten Falle liegt eine, nicht nur ihrem Daseyn, sondern auch ihrem
Inhalte nach durch freie Selbstthätigkeit erschaffene Vorstellung in der
Seele zum Grunde, und der Trieb geht darauf aus, ein ihr entsprechendes
Product in der Sinnenwelt hervorzubringen. In beiden Fällen geht der
Trieb weder auf die Vorstellung allein, noch auf das Ding allein,
sondern auf eine Harmonie zwischen beiden; nur dass im ersten Falle die
Vorstellung sich nach dem Dinge, und im zweiten das Ding sich nach der
Vorstellung richten soll. Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe,
den wir soeben den ästhetischen nannten. Er zielt auf eine Vorstellung,
und auf eine bestimmte Vorstellung, lediglich um ihrer Bestimmung und um
ihrer Bestimmung als blosser Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses
Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck: sie entlehnt ihren Werth
nicht von ihrer Uebereinstimmung mit dem Gegenstande, auf welchen
hierbei nicht gesehen wird, sondern sie hat ihn in sich selbst; es wird
nicht nach dem Abgebildeten, sondern nach der freien unabhängigen Form
des Bildes selbst gefragt. Ohne alle Wechselbestimmung mit einem Objecte
steht eine solche Vorstellung isolirt, als letztes Ziel des Triebes, da,
und wird auf kein Ding bezogen, nach welchem sie, oder welches nach ihr
sich richte. Wie der praktischen Bestimmung eine Vorstellung zum Grunde
liegt, die selbst ihrem Gehalte nach durch absolute Selbstthätigkeit
entworfen ist, so liegt der ästhetischen Bestimmung eine auf die gleiche
Weise entworfene Vorstellung zum Grunde; nur mit dem Unterschiede, dass
der letztern, nicht so wie der erstern, etwas Entsprechendes in der
Sinnenwelt gegeben werden soll. Wie der Erkenntnisstrieb eine
Vorstellung zu seinem letzten Ziele hat, und befriedigt ist, nachdem
diese gebildet worden, so der ästhetische; nur mit dem Unterschiede,
dass die Vorstellung der ersteren Art mit dem Dinge übereinkommen, die
der letztern Art mit gar nichts übereinkommen soll. -- Es ist möglich,
dass eine Darstellung des ästhetischen Bildes in der Sinnenwelt
gefordert werde; aber das geschieht nicht durch den ästhetischen Trieb,
dessen Geschäft mit der blossen Entwerfung des Bildes in der Seele
vollkommen geschlossen ist, sondern durch den praktischen, der dann aus
irgend einem Grunde in die Reihenfolge der Vorstellungen eingreift, und
einen möglichen äusserlichen und fremden Zweck jener Nachbildung in der
Wirklichkeit aufstellt. So kann es gleichfalls geschehen, dass die
Vorstellung eines wirklich vorhandenen Gegenstandes dem ästhetischen
Triebe vollkommen angemessen sey; nur bezieht sich die dann eintretende
Befriedigung dieses Triebes schlechterdings nicht auf die äussere
Wahrheit der Vorstellung; das entworfene Bild würde nicht minder
gefallen, wenn es leer wäre, und es gefällt nicht mehr, weil es
zufälligerweise zugleich Erkenntniss enthält. -- So musste es denn auch
seyn -- woran ich Sie hier nur im Vorbeigehen erinnere, und um mich noch
deutlicher zu machen, nicht aber um daraus vorläufig weiter zu folgern
-- so musste es denn auch seyn, wenn beide unverträgliche Triebe, der,
die Dinge zu lassen, wie sie sind, und der, sie überall und ins
Unendliche hinaus umzuschaffen, sich vereinigen und einen einzigen
untheilbaren Menschen darstellen sollten, nach unserer gegenwärtigen
Ansicht der Sache; oder auch nach unserer obigen Weise sie anzusehen,
welche der Strenge nach die einzig richtige ist, -- wenn beide Triebe
Ein und ebenderselbe Trieb seyn, und nur die Bedingungen seiner
Aeusserung verschieden seyn sollten. Der Trieb konnte nicht auf die
Vorstellung des Dinges gehen, ohne überhaupt auf die Vorstellung um
ihrer selbst willen zu gehen, und ebenso unmöglich war ein Trieb, auf
das Ding selbst einzuwirken und es umzuarbeiten, nach einer Vorstellung,
die ausser aller Erfahrung, und über alle mögliche Erfahrung
hinausliegen sollte, wenn es nicht überhaupt Trieb und Vermögen gab,
unabhängig von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge Vorstellungen zu
entwerfen.

Wie mögen nun diese beiden zuletzt genannten Triebe sich äussern, wenn
der ästhetische Trieb gar nicht, der praktische wenigstens nicht immer
Handlungen hervorbringt, in denen sie der Beobachtung dargestellt
würden? Auch dann noch bleibt folgendes Mittel übrig, um ihnen auf die
Spur zu kommen. Da der Trieb, so wie sein Wirken im Menschen eintritt
und überwiegend wird, die gesammte Selbstthätigkeit desselben anregen
und aufreizen, und dieselbe auf etwas Bestimmtes, es sey nun ein Ding
ausser ihm, oder eine Vorstellung in ihm, gänzlich hinrichten soll: so
muss nothwendig die zufällige Harmonie des Gegebenen mit jener Richtung
des Selbstthätigen, in einem fühlenden Wesen, wie der Mensch doch wohl
seyn soll, sich durch ein überwiegendes Gefühl seiner selbst, seiner
Kraft und Ausbreitung, welches man ein Gefühl der Lust nennt; die
zufällige Disharmonie des Gegebenen mit jener Richtung sich durch ein
ebenso überwiegendes Gefühl seiner Ohnmacht und Einengung offenbaren,
welches letztere man ein Gefühl der Unlust nennt. So denken wir uns im
Magnete eine Kraft, und als Grund dieser Kraft einen Trieb, alles Eisen
anzuziehen, das in seine Wirkungssphäre kommt. Lassen wir ihn wirklich
ein Stück Eisen anziehen -- sein Trieb äussert sich, er ist befriedigt,
und geben wir dem Magnete das Gefühlsvermögen, so wird in ihm nothwendig
ein Gefühl dieser Befriedigung, d. i. ein Gefühl der Lust entstehen.
Lassen wir dagegen das Gewicht des Eisens seine Kraft überwiegen, so
bleibt darum in ihm noch immer der vorige Trieb; denn er würde dasselbe
Stück Eisen wirklich anziehen, wenn wir vom Gewichte desselben so viel
wegnähmen, als seine Kraft überwiegt; aber er wird nicht befriedigt; und
wenn wir dem Magnete das Gefühlsvermögen zuschreiben, so müsste er
nothwendig einen Widerstand, eine Einschränkung und Einengung seiner
Kraft, mit Einem Worte, Unlust empfinden. Dieses ist die einzige Quelle
aller Lust und Unlust.

Beide Triebe, der praktische sowohl, als der ästhetische, äussern sich
auf diese Weise, nur mit Unterschied. Der praktische Trieb geht, wie
gesagt worden, auf einen Gegenstand ausser dem Menschen, dessen Daseyn,
inwiefern keine Handlung erfolgt, noch erfolgen kann, als unabhängig von
ihm betrachtet werden muss. Der freilich leere Begriff von diesem
Gegenstande ist in der Seele vorhanden. Es kommt demnach allerdings
etwas im Gemüthe vor, wodurch der Trieb für das Bewusstseyn ausgedrückt
und bezeichnet wird, nemlich der Begriff dessen, worauf er geht: die
Bestimmung des Triebes ist dadurch charakterisirt, sie kann gefühlt
werden, und wird gefühlt, und heisst in diesem Falle ein Begehren -- ein
Begehren, inwiefern die Bedingungen, unter denen der Gegenstand wirklich
werden kann, als nicht in unserer Gewalt stehend betrachtet werden.
Kommen sie in unsere Gewalt, und wir entschliessen uns zu der Mühe und
zu den Aufopferungen, die es uns etwa kosten wird, sie wirklich zu
machen, so erhebt sich das Begehren zum Wollen. -- Man kann hier vor dem
Daseyn des Gegenstandes vorherwissen, was Lust oder Unlust erregen
werde, denn nur das wirkliche Daseyn des Gegenstandes erregt ein solches
Gefühl; man kann daher die Bestimmung des praktischen Triebes von dem
Gegenstande, und mithin von der Befriedigung oder Nichtbefriedigung
desselben unterscheiden; der menschliche Geist bekommt gleichsam etwas
ihm Angehöriges, einen Ausdruck seines eigenen Handelns ausser sich, und
sieht mit Leichtigkeit in den Gegenständen, wie in einem Spiegel, seine
eigene Gestalt. Ganz anders verhält es sich mit dem ästhetischen Triebe.
Er geht auf nichts ausser dem Menschen, sondern auf etwas, das lediglich
in ihm selbst ist. Es ist keine Vorstellung von seinem Gegenstande vor
dem Gegenstande vorher möglich, denn sein Gegenstand ist selbst nur eine
Vorstellung. Die Bestimmung des Triebes wird also durch nichts
bezeichnet, als lediglich durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung.
Die erstere lässt von der letztern sich durch nichts unterscheiden,
sondern beide fallen zusammen. Das, was durch den ästhetischen Trieb in
uns ist, entdeckt sich durch kein Begehren, sondern lediglich durch ein
uns unerwartet überraschendes, in keinem begreiflichen Zusammenhange mit
den übrigen Verrichtungen unseres Gemüthes stehendes, sondern völlig
zweckloses und absichtloses Behagen oder Misbehagen. So gebe man dem
Magnete zu dem Triebe, ein bestimmtes, seine Kraft überwiegendes, Stück
Eisen anzuziehen, die Vorstellung dieses Eisens: so wird er ^begehren^,
dasselbe anzuziehen; und wenn er sich über seine Anziehungskraft auch
noch die Kraft zuschreiben kann, so viel, als sein Anziehungsvermögen
überwiegt, von dem Gewichte des Eisens hinwegzunehmen, und der Trieb,
jenes Eisen anzuziehen, stärker ist, als etwa seine Abneigung, die Last
desselben zu verringern: so wird er es anziehen ^wollen^.[45] Nehmen Sie
dem Magnete das Vermögen, sich das Eisen ausser sich, mithin auch sein
Anziehen dieses Eisens vorzustellen, und lassen ihm lediglich Trieb,
Kraft und Selbstgefühl: er wird, wenn die Schwere des Eisens seine Kraft
überwiegt, eine Unlust; wenn Sie die Last wegnehmen, und er, sich selbst
unbewusst, das Eisen selbst anzieht, eine Lust empfinden, die er sich
durch nichts erklären kann, die für ihn mit nichts zusammenhängt, und
die unserm ästhetischen Behagen oder Misbehagen völlig ähnlich ist --
aber nicht aus dem gleichen Grunde entstanden. Aber, denken Sie sich, um
ein passendes Bild der ästhetischen Stimmung zu haben, die liebliche
Sängerin der Nacht; denken Sie sich, wie Sie es mit dem Dichter gar wohl
können, die Seele derselben als reinen Gesang, ihren Geist als ein
Streben, den vollkommensten Accord zu bilden, und ihre einzelnen Töne
als die Vorstellungen dieser Seele. Durch die ganze Tonleiter herauf und
herab treibt die Sängerin, ihr selbst unbewusst, die Richtung ihres
Geistes, und er entwickelt durch die mannigfaltigsten Accorde hindurch
allmählig sein ganzes Vermögen. Jeder neue Accord liegt auf der
Stufenleiter dieser Entwickelung, und stimmt mit dem Urtriebe der
Sängerin zusammen, den sie nicht kennt, weil wir ihr keine anderen
Vorstellungen als Töne gegeben haben, und dessen Zusammenhang mit dem
für sie zufälligen Accorde sie nicht beurtheilen kann; gerade so, wie
unserem Auge die Richtung des ästhetischen Triebes verborgen liegt, und
wie wir die -- ganz anderen Gesetzen zufolge sich in uns entwickelnden
Vorstellungen nicht mit derselben vergleichen können. Doch muss jene
Zusammenstimmung eine Lust in ihr erwecken, die ihr ganzes Wesen
ausfüllt, und deren Gründe sie sich auch schon darum nicht angeben
könnte. -- Aber ihr inneres und verborgenes Leben treibt sie weiter zum
folgenden Tone; die Entwickelung desselben ist also noch nicht
vollendet, dieser Accord drückt noch nicht ihr ganzes Wesen aus, und
jene Lust wird daher blitzschnell durch eine Unlust aufgefasst, welche
mit dem nächsten Tone sich in höhere Lust auflösen, aber wiederkehren,
und die Sängerin abermals weiter treiben wird. Ihr Leben schwebt hin auf
den sich drängenden Wellen des ästhetischen Gefühls, wie das
Künstlerleben jedes wahren Genies.

So kommt der praktische Trieb gar leicht und auf mancherlei Weise in
seinen mannigfaltigen Bestimmungen zum Bewusstseyn, und es scheint sehr
möglich, ihn selbst von der inneren Erfahrung aus vollständig kennen zu
lernen und zu erschöpfen. In Absicht des ästhetischen Triebes zeigen
sich mehrere Schwierigkeiten, und es scheint kein Mittel zu seyn, um bis
zu ihm in die Tiefe unseres Geistes einzudringen, als dass man entweder
ohne alle Rücksicht auf ihn in der äusseren Erfahrung fortschreite, und
abwarte, ^ob^ er sich etwa, und ^wie^ er sich unter derselben zufällig
äussern werde, oder dass man auf gut Glück und blindlings sich seiner
Einbildungskraft überlasse, und erwarte, wie die mannigfaltigen
Ausgeburten derselben auf uns wirken werden. In beiden Fällen ist man
überdies noch in der Gefahr, eine Lust, die sich auf ein dunkles,
unentwickeltes, vielleicht völlig empirisches und individuelles
praktisches Bewusstseyn gründet, mit einem ästhetischen zu verwechseln.
Und so blieben wir denn immer in der Ungewissheit, ob es auch überhaupt
einen solchen Trieb gebe, wie wir den ästhetischen beschrieben haben,
oder ob nicht alles, was wir für Aeusserungen desselben halten, auf
einer feinen Täuschung beruhe; vor der wirklichen Erfahrung vorher
könnten wir nie mit Sicherheit ahnen, was gefallen werde, und die
Folgerung, dass das, was uns gefallen habe, allen gefallen müsse, bliebe
ganz grundlos.

Bedenken Sie hierbei noch den Umstand, dass ästhetische Vorstellungen
zuvorderst nur in und vermittelst der Erfahrung, die auf Erkenntniss
ausgeht, sich entwickeln können, so sehen Sie eine neue Schwierigkeit;
von der anderen Seite aber eine Erleichterung, und die einzige, die den
Uebergang aus dem Gebiete der Erkenntniss in das Feld der ästhetischen
Gefühle öffnet.

Sie sehen eine neue Schwierigkeit. -- Selbst die Erkenntniss wird
zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck ausser
ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl,
als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner
niederen, auf die Erhaltung und das äussere Wohlseyn des animalischen
Lebens gehenden Aeusserung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch
der Erkenntnisstrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienste
sich zum Vermögen einer selbstständigen Subsistenz auszubilden. Mit der
Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechtes
gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge
um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren
Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter
unaufhörlicher Besorgniss der Nachtheile in der Ausübung, die uns eine
unrichtige Ansicht derselben zuziehen möchte; mit Hastigkeit eilen wir
fort von dieser erstürmten Erkenntniss zur Bearbeitung der Dinge, und
hüten uns sehr, einen Augenblick bei der Erwerbung des Mittels zu
verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zweckes anwenden
könnten. Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äusseren
Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen,
und der Krieg von aussen muss erst beschwichtigt und beigelegt seyn, ehe
dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige
Bedürfniss und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei
seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser müssigen und liberalen
Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. So fasst die
ruhige Fläche des Wassers das schöne Bild der Sonne; auf der bewegten
werden die mit reinem Lichte gezeichneten Umrisse desselben
untereinander geworfen und verschlungen in die gewaltsame Figur der
unsteten Wellen.

Daher sind die Zeitalter und Länderstriche der Knechtschaft zugleich die
der Geschmacklosigkeit; und wenn es von der einen Seite nicht rathsam
ist, die Menschen, frei zu lassen, ehe ihr ästhetischer Sinn entwickelt
ist, so ist es von der anderen Seite unmöglich, diesen zu entwickeln,
ehe sie frei sind; und die Idee, durch ästhetische Erziehung die
Menschen zur Würdigkeit der Freiheit, und mit ihr zur Freiheit selbst zu
erheben, führt uns in einem Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein
Mittel finden, in Einzelnen von der grossen Menge den Muth zu erwecken,
Niemandes Herren und Niemandes Knechte zu seyn. In einem solchen
Zeitalter hat der Unterdrückte zu thun, um unter dem Fusse des
Unterdrückers sich lebendig zu erhalten, die nothwendige Luft zu
schöpfen und nicht völlig zertreten zu werden, und der Unterdrücker, bei
den mannigfaltigen Krümmungen und Wendungen des ersteren im
Gleichgewichte zu bleiben und nicht umgeworfen zu werden; durch die
gezwungene und unbehülfliche Lage des letzteren vermehrt sich noch seine
Last und sein Druck; dadurch werden die Wendungen des ersteren nur noch
ängstlicher und gewagter, und der Druck des letzteren abermals
lastender, und so steigt durch eine sehr begreifliche Wechselwirkung das
Uebel in einer unseligen Progression; keiner von beiden behält Zeit, und
er wird sie immer weniger behalten, zu athmen, ruhig um sich zu sehen,
und seine Sinne dem schönen Einflusse der freundlichen Natur offen zu
lassen. Beide behalten lebenslänglich den Geschmack, den sie damals
annahmen, als noch nichts, denn ihre Windeln sie fesselte: den Geschmack
an greller, das stumpfe Auge gewaltsam reizender Farbe, und am Glanze
reicher Metalle; und der dürftige Handarbeiter eilt, dies dem einzigen
Vermögenden zu fertigen, um den kärglichen Lohn, dessen er zum Leben
bedarf, bald einzunehmen. So sank im römischen Reiche die Kunst mit der
Freiheit zu gleichen Schritten, bis sie unter Constantin dem
barbarischen Gepränge fröhnen lernte. So werden die Elephanten der
Kaiser von China mit schweren Goldstoffen bekleidet, und die Pferde der
Könige von Persien trinken aus gediegenem Golde.

Nur nicht niederdrückender, aber widerlicher und beunruhigender für die
Kunst ist der Anblick, wenn unter freieren Himmelsstrichen und milderen
Gewalthabern diejenigen, welche in der Mitte zwischen beiden Enden
stehen, und denen alle Welt erlaubt, frei zu seyn, dieses letzten Restes
der Freiheit, welchen ein über die Menschheit waltender Genius als ein
Saatkorn für die Ernte künftiger Generationen in die Verfassung geworfen
zu haben scheint, sich nicht bedienen; sondern den der ewigen
Einförmigkeit müden Herrschern wider ihren Dank ihre Dienste aufdringen,
und sich grämen, dass ihre wunderlichen Verbeugungen und Adorationen
keiner zu Herzen nimmt, und dass es ihnen nicht gelingen will, denselben
eine politische Wichtigkeit zu geben, die sie an sich nicht haben. Dann
wiegt man mit haarscharfer Richtigkeit alle Art der Bildung gegen den
künftigen Dienst ab; fragt die harmlos lustwandelnde Speculation, ehe
sie uns über die Schwelle tritt, was sie mitbringe; durchsucht Romane
und Schauspiele nach ihrer schönen Moral; hat kein Arges daraus,
öffentlich zu bekennen, dass man eine Iphigenie, oder eine Epistel in
derselben Stimmung, unpoetisch finde; und würde muthmaasslich den Homer
einen schaalen Reimer nennen, wenn man ihm nicht um seines reinen
Griechischen willen verziehe.

Aber gerade der angeführte Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser
Leben anfangen müssen, eröffnet uns, wie oben gesagt worden, den einzig
möglichen Uebergang zum geistigen Leben. Sowie jene dringende Noth
gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb
gierig zusammenzuraffen, um ihn sogleich wieder für den nothwendigen
Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntniss um der
Erkenntniss willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den
Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm dabei zu verweilen;
wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen
Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften
Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. Es
bemächtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschätze zu
sammeln, bloss um sie zu haben, und uns an ihrem Anblicke zu ergötzen,
gesetzt auch, wir bedürften ihrer nicht zum Leben, oder sie wären nicht
mit dem Stempel ausgeprägt, welcher allein Cours hat; wir wagen es, bei
unserem Reichthume gleichgültiger gegen den möglichen Verlust, etwas
anzulegen an Versuche, die uns mislingen können. Wir haben den ersten
Schritt gethan, uns von der Thierheit in uns zu trennen. Es entsteht
Liberalität der Gesinnungen, -- die erste Stufe der Humanität.

Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände,
indess unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich
ohne alles unser Zuthun unser ästhetischer Sinn an dem Leitfaden der
Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit
zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere
los, und geht seinen Gang unabhängig und ungeleitet von der
Wirklichkeit. So ruhte oft Ihr Auge auf der Gegend an der Abendseite
Ihrer ländlichen Wohnung. Wenn Sie dieselbe, nicht um zu sehen, wie Sie
den nächtlichen Anfällen des Raubgesindels entfliehen könnten, sondern
ohne alle Absicht betrachteten, erkannten Sie nicht bloss die grüne
Saat, und hinter ihr die mancherlei Kleearten, und hinter diesen das
hohe Korn, und fassten in das Gedächtniss, was da wäre; sondern Ihre
Betrachtung verweilte mit Vergnügen auf dem frischen Grün des ersteren,
und verbreitete sich über die mannigfaltigen Blüthen des zweiten, und
gleitete sanft über die kräuselnden Wellen des dritten die Anhöhe hinan.
Es sollte, sagten Sie dann, dort auf der Höhe ein Dörfchen unter Bäumen
oder ein Hain liegen. Sie begehrten nicht in dem ersteren eine Wohnung
zu haben, oder in dem Schatten des letzteren zu wandern; und es würde
Ihnen gerade so viel gewesen seyn, wenn man, ohne dass Sie es eben
wüssten, durch ein optisches Kunststück Ihnen nur den Anschein dessen
hervorgebracht hätte, was Sie wünschten. Woher kam das? Ihr ästhetischer
Sinn war unter dem Anblicke der ersteren Gegenstände, indem ihn
dieselben unvermuthet befriedigten, schon geweckt worden; aber es
beleidigte ihn, dass diese Aussicht sich so plötzlich abreissen, und Ihr
Auge hinter der Anhöhe in den leeren Raum versinken sollte. Nach seiner
Forderung hätte sich die Ansicht in ein passendes Ende schliessen
sollen, um das angefangene schöne Ganze zu vollenden und abzurunden: und
Ihre bis jetzt an seiner Hand geleitete Einbildungskraft war vermögend,
diese Forderung desselben aufzufassen.

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung
unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung,
die nicht mehr auf die Erkenntniss dessen, was längst erkannt ist,
absieht, sondern die gleichsam noch einmal zum Ueberflusse an den
Gegenstand geht, -- entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des
befriedigten Erkenntnisstriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der
ästhetische Sinn. Der eine Gegenstand hat unsere Billigung ohne alles
Interesse, d. i. wir urtheilen alle, dass er so recht, und einer
gewissen Regel, der wir nicht weiter nachspüren, gemäss sey, ohne dass
wir darum gerade einen grösseren Werth auf ihn legen; ein anderer erhält
diese Billigung nicht, ohne dass wir gerade viel Mühe anwenden würden,
um ihn anders zu machen. Es scheint uns lediglich darum zu thun, zu
zeigen, dass wir einen gewissen Sinn gleichfalls besitzen, und dass wir
einer gewissen Kenntniss mächtig sind, die nichts weiter ist, denn
Kenntniss, und die zu nichts führen und zu nichts gebraucht werden soll.

Dieses Vermögen heisst Geschmack; auch die Fertigkeit, richtig
und gemeingültig in dieser Rücksicht zu urtheilen, wird
vorzugsweise Geschmack genannt: und das Gegentheil desselben heisst
Geschmacklosigkeit.

Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung,
wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge,
sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu thun ist, erhebt
sich denn bald die dadurch zur Freiheit erzogene Einbildungskraft zur
völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt,
bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und
stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung
jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heisst
Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geist erschafft. Der
Geschmack ist die Ergänzung der Liberalität, der Geist die des
Geschmackes. Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne
Geschmack. Durch den Geist wird die an sich in die Grenzen der Natur
eingeschlossene Sphäre des Geschmacks erweitert; seine Producte
erschaffen ihm durch Kunst neue Gegenstände, und entwickeln ihn weiter,
ohne ihn darum allemal zu sich emporzuheben. Seinen Geschmack bilden
kann jeder; ob aber jeder sich zur Geistigkeit erheben könne, ist
zweifelhaft.

Das unendliche, unbeschränkte Ziel unseres Triebes heisst Idee, und
inwiefern ein Theil desselben in einem sinnlichen Bilde dargestellt
wird, heisst dasselbe ein Ideal. Der Geist ist demnach ein Vermögen der
Ideale.

Der Geist lässt die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich zurück, und in
seiner eigenthümlichen Sphäre giebt es keine Grenzen. Der Trieb, dem er
überlassen ist, geht ins Unendliche; durch ihn wird er fortgeführt von
Aussicht zu Aussicht, und wie er das Ziel erreicht hat, das er im
Gesichte hatte, eröffnen sich ihm neue Felder. Im reinen ungetrübten
Aether seines Geburtslandes giebt es keine anderen Schwingungen, als die
er selbst durch seinen Fittig erregt.


                          Dritter Brief.[46]

Nur der Sinn für das Aesthetische ist es, der in unserem Innern uns den
ersten festen Standpunct giebt; das Genie kehrt darin ein, und deckt
durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die
verborgenen Tiefen desselben auf. Derselbe Sinn ist es auch, der
zugleich dem wohlerkannten und gebildeten Innern den lebendigen Ausdruck
giebt.

Der Geist geht auf die Entwickelung eines Innern in dem Menschen, des
Triebes, und zwar eines Triebes, der ihn als Intelligenz über die ganze
Sinnenwelt erhebt, und von dem Einflusse derselben losreisst. Aber die
Sinnenwelt allein ist mannigfaltig, und nur inwiefern wir durch einen
uns schlechterdings unsichtbaren Berührungspunct mit derselben
zusammenhangen und ihren Einwirkungen offen stehen, sind wir als
Individuen verschieden; der Geist ist Einer, und was durch das Wesen der
Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernünftigen Individuen dasselbe. Dem
einen mag diese Speise besser schmecken, dem anderen eine andere; der
eine mag diese, der andere jene Farbe vorzüglich lieben. Aber die
Wirkungen der Geistesproducte sind für alle Menschen, in allen
Zeitaltern, und unter allen Himmelsstrichen gemeingültig, wenn auch
nicht immer gemeingeltend. Für alle liegt auf der Stufenleiter ihrer
Geistesbildung ein Punct, auf welchen dieses Werk den beabsichtigten
Eindruck machen würde, und nothwendig machen müsste; wenn sie auch etwa
bis jetzt diesen Punct noch nicht erstiegen hätten, oder ihn, wegen der
niedrigen Stufe, auf der sie anheben, bei der Kürze des menschlichen
Lebens, diesseits des Grabes gar nicht ersteigen könnten. Was der
Begeisterte in seinem Busen findet, liegt in jeder menschlichen Brust,
und sein Sinn ist der Gemeinsinn des gesammten Geschlechts.

Theils um diesen Sinn an anderen zu versuchen, theils um ihnen
mitzutheilen, was für ihn selbst so anziehend ist, kleidet das Genie die
Gestalten, die sich seinem geistigen Auge unverhüllt zeigten, in festere
Körper, und stellt sie so auf vor seinen Zeitgenossen.

Um seinen Sinn zu ^versuchen^ zuvörderst: nicht, als ob er der
Beistimmung der Menge bedürfte, um in der Stunde der Begeisterung zu
glauben, was sich ihm durch ein unwiderstehliches Gefühl, -- so
unwiderstehlich als das seines Daseyns, -- offenbart; sondern um auf die
Stunde der Erkältung und des Zweifels sich seines Glaubens im voraus zu
versichern. Mein Werk ist aus der Fülle der menschlichen Natur
geschöpft, darum muss und soll es Allen gefallen, die derselben
theilhaftig sind, und wird unsterblich seyn wie sie: so schliesst er;
der geistlose Schreiber, der nicht die leiseste Ahnung seines hohen
Berufes hat, kehrt es um, und folgert: mein Product wird von der Menge
gelesen, es bereichert die Buchhändler, und die Recensenten wetteifern,
dasselbe zu lobpreisen, darum ist es vortrefflich: aber dennoch wird der
Glaube des ersteren an sich selbst den Beifall gebildeter Menschen, als
eine Zugabe, nicht verschmähen. So ist der Gläubige sicher, dass das
Auge der Fürsehung über ihm walte, und dass jenseits des Grabes ein
besseres Leben seiner warte; und in gewissen Stimmungen würde der
Widerspruch des gesammten Reichs der vernünftigen Wesen ihn nicht um
eines Haares Breite bewegen: denn sein Glaube kömmt ihm nicht von
aussen, sondern er hat ihn in seinem eigenen Herzen gefunden. Dennoch
fragt und forscht er sorgsam, ob andere dasselbe glauben, in dunklem
Vorgefühle banger Stunden, wo er einer sonst so gering geschätzten
Stütze, als die Beistimmung anderer ist, doch bedürfen könnte. So wird
das wahre Genie durch die kaltsinnige Aufnahme seiner Meisterwerke oder
durch den lautesten Tadel derselben nie aus seiner Fassung gebracht: er
ist seiner Sache sicher und gewiss des Geistes, der ohne sein Verdienst
in ihm wohnt; aber er will aus Achtung für denselben ihn auch von
anderen anerkannt und geehrt wissen. -- Es verhält sich so mit allem,
was wir bloss zufolge unseres Gefühls annehmen und nur glauben können.
Wenn alle Anwesende einstimmig versichern, dass ein Gegenstand, den wir
zu erblicken glauben, nicht vorhanden sey, so werden wir, wenn wir nur
ein wenig mit den Täuschungen unserer Sinne und unserer Einbildungskraft
bekannt sind, leicht irre, und fangen an, den Grund der Erscheinung in
uns selbst zu suchen. An unser inneres Gefühl glauben wir schon weit
fester; doch sehen wir auch dieses gern durch das Gefühl anderer
unterstützt.

Um seine Stimmung ^mitzutheilen^. Es ist, wie Sie selbst angemerkt
haben, in allen Menschen der Trieb, andere um sich herum sich selbst so
ähnlich zu machen, als möglich, und sich selbst in ihnen, so vollkommen
als es gehen will, zu wiederholen; und dies um desto mehr, je mehr wir
zu diesem Wunsche durch eigene höhere Bildung berechtigt sind. Nur der
ungerechte Egoist will der einzige seiner Art seyn, und kann seines
Gleichen ausser sich nicht dulden; aber der edle Mensch möchte, dass
alle ihm glichen, und thut, so viel an ihm ist, um es dahin zu bringen.
So der begeisterte Liebling der Natur. Er möchte, dass aus allen Seelen
sein eigenes liebliches Bild ihm zurückstrahlte. Drum drückt er die
Stimmung seines Geistes ein in eine körperliche Gestalt. Was in der
Seele des Künstlers vorgeht, die mannigfaltigen Biegungen und
Schwingungen seines inneren Lebens und seiner selbstthätigen Kraft sind
nicht zu beschreiben; keine Sprache hat Worte dafür gefunden, und wenn
sie gefunden wären, so würde die gedrungene Fülle des Lebens in der
allmähligen, und zu einem einfachen Faden ausgedehnten Beschreibung
verhauchen. Leben wird nur in lebendigem Handeln dargestellt; und sowie
alle gesetzmässige Thätigkeit des menschlichen Geistes, so muss auch
diese freie Geschäftigkeit desselben einen Gegenstand bekommen, den sie
bearbeite, und in welchem durch die Weise ihres Verfahrens sie ihre
innere Natur verrathe. So besteht das Wesen, das Grundprincip des ^Tons^
in den harmonischen Bebungen und Schwingungen der Saite, die im
luftleeren Raume nicht minder einander hervorbringen und bestimmen, ihre
innere Wirksamkeit erfüllen, und für die Saite selbst den Ton bilden
würden; aber nur in der umgebenden Luft bekommen dieselben einen
äusseren Wirkungskreis, drücken sich selbst in sie ein, und pflanzen
sich fort bis zum Ohre des entzückten Hörers, und lediglich aus jener
Vermählung wird der Ton geboren, der in unserer Seele wiederhallt. So
drückt der begeisterte Künstler die Stimmung seines Gemüthes aus in
einem beweglichen Körper, und die Bewegung, der Gang, der Fortfluss
seiner Gestalten ist der Ausdruck der inneren Schwingungen seiner Seele.
Diese Bewegung soll in uns die gleiche Stimmung hervorbringen, welche in
ihm war; er lieh der todten Masse seine Seele, dass diese sie auf uns
übertragen möchte; unser Geist ist das letzte Ziel seiner Kunst, und
jene Gestalten sind die Vermittler zwischen ihm und uns, wie die Luft es
ist zwischen unserem Ohre und der Saite.

Diese innere Stimmung des Künstlers ist der Geist seines Products; und
die zufälligen Gestalten, in denen er sie ausdrückt, sind der Körper
oder der Buchstabe desselben.

Hier ist es, wo das Bedürfniss der mechanischen Kunst eintritt.

Wer die Dinge einer gewissen Stimmung gemäss bearbeiten will, der muss
es überhaupt verstehen, sie zu bearbeiten, und sie mit Leichtigkeit zu
bearbeiten, so dass kein Widerstand sichtbar sey, und dass die todte
Masse unter seinen Händen von selbst Bildung und Organisation angenommen
zu haben scheine. Sobald die Materie widerstrebt, und es der Anstrengung
bedarf, sie zu besiegen, ist die ästhetische Stimmung abgebrochen, und
es bleibt uns anderen nichts übrig, als der Anblick des Arbeiters, der
seinen Zweck zu erreichen strebt; ein nicht unwürdiger Anblick, den wir
aber nur hier nicht haben wollten. Man hat diese Leichtigkeit der
mechanischen Kunst sehr oft mit dem Geiste selbst verwechselt; und sie
ist allerdings die ausschliessende Bedingung seiner Aeusserung, und
jeder, der an das Werk geht, muss sie schon erworben haben; aber sie ist
nicht der Geist selbst. Durch sie allein wird nichts hervorgebracht, als
ein leeres Geklimper, -- ein Spiel, das auch nichts weiter ist, denn
Spiel, -- das nicht zu Ideen erhebt, und höchstens einen Muthwillen und
eine verschwendete Kraft ausdrückt, der man in der Stille eine bessere
Anwendung wünscht. Zwar wird der leichteste und muthwilligste
Pinselstrich des wahren Genies einen Anstrich von den Ideen haben; aber
der blosse Mechaniker wird durch seine höchste Kunst nie etwas anderes
hervorbringen, als ein mechanisches Werk, über dessen Bau man höchstens
sich wundern wird.

So ist in den letzten Meisterwerken des begünstigten Lieblings der Natur
unter unserer Nation, -- im Tasso, in der Iphigenie, und in den
leichtesten Pinselstrichen desselben Künstlers seitdem, -- es ist in
ihnen, sage ich, nicht die so einfache Erzählung, nicht die ohne allen
Schwulst so sanft hingleitende Sprache, durch welche der gebildete Leser
so mächtig angezogen wird. Es ist nicht der Buchstabe, sondern der
Geist. Mit der gleichen Einfachheit der Fabel, der gleichen
Leichtigkeit, dem gleichen Adel der Sprache ist es möglich, ein sehr
schaales, sehr schmackloses, sehr unkräftiges Werk zu verfertigen. Die
Stimmung ist es, welche in diesen Werken herrscht: diese edelste Blüthe
der Humanität, welche durch die Natur nur einmal unter dem griechischen
Himmel hervorgetrieben und durch eins ihrer Wunder im Norden wiederholt
wurde. Es schmiegt sich an unsere Seele das lebendige Bild jener
geendigten Cultur, die den Angriffen des Schicksals nicht mehr mit
gewaltsamen Anstrengungen und Renkungen entgegengeht, und die eher
alles, als die reine Ebenheit ihres Charakters und die leichte Grazie in
den Bewegungen ihres Gemüths, verliert: jenes Beruhens in sich selbst
und auf sich selbst, das es nicht mehr bedarf, durch Anstrengung seine
Kraft aufzuregen und gegen den Widerstand anzustemmen, sondern das auf
seiner eigenen natürlichen Last sicher steht; jener Unbefangenheit des
Geistes, welche die Dinge, auch bei ihrem gewaltsamsten Andringen auf
uns, dennoch keiner anderen Schätzung würdigt, als der, die ihnen
gebührt, dass sie Gegenstände unserer Betrachtung sind, und welche auch
dann noch den gefälligen Formen derselben ein ästhetisches Vergnügen,
den Verzerrungen derselben ein leichtes Lächeln, wie Grazien lächeln,
abzugewinnen vermag; jener Vollendung der Menschheit, die sich von der
Sinnenwelt nicht losgerissen, sondern abgelöst fühlt, und die mit
gleicher Leichtigkeit derselben ohne Misvergnügen entbehren, oder ihrer
mit Freude auf ihre Weise geniessen kann. Wir finden uns mit Vergnügen
in eine Welt versetzt, in der allein eine solche Stimmung möglich ist,
unter eine Gesellschaft, deren Mitglieder alle gerecht und wohlwollend
sind, und deren Trennungen nicht durch bösen Willen verursacht, sondern
selbst nur Stürme des widrigen Schicksals sind; -- (denn
Ungerechtigkeiten freier Wesen können uns nie gleichgültig seyn, und
werden immer ernste Misbilligung, keinesweges aber das leichte Lächeln
erregen, wie die Verstösse der vernunftlosen Natur). Wir entdecken mit
befriedigter Selbstliebe unter dem Einflusse des Künstlers eine Fassung
in uns, die wir im Laufe des Lebens gewöhnlich nicht behalten; wir
fühlen uns höher gehoben und veredelt, und innige Liebe ist der Lohn des
Dichters, der uns so sanft schmeichelt, um uns zu bessern.

Jeder hat den feinsten Sinn für diejenige Art der Ausbildung, der er
zunächst bedürfte, und mag in der Stunde der Täuschung am liebsten das
an sich finden, wovon eine leise Ahnung ihm sagt, dass es auf der
nächsten Stufe der Cultur liege, die er zu ersteigen hat. Ein
beträchtlicher Theil unseres Publicums ist noch nicht so weit, dass ihm
nichts mehr, als die Grazie in seinen Bewegungen, die Leichtigkeit und
Ungezwungenheit in seiner Kraftäusserung abgehe. Vielen fehlt es an der
Kraft selbst. Für diese sind Darstellungen, wie die, von welchen wir
redeten, unschmackhaft; sie verwechseln die durch die Fülle der Kraft
gehaltene Kraft, die sie nicht kennen, mit der Kraftlosigkeit, die sie
nur zu wohl kennen. Diese mögen im Bilde lieber die rohe, aber
kraftvolle Sitte unserer Urahnen sich angetäuscht sehen -- eine Art, die
so vorzüglich ist, als jede andere, wenn sie mit Geist behandelt wird --
oder vergnügen sich wohl auch an den wunderlichen Renkungen in unsern
gewöhnlichen Ritterromanen, und an hochtönenden und vermessenen Reden.

Dem Dichter, von dem ich rede, war es gegeben, zwei verschiedene Epochen
der menschlichen Cultur mit allen ihren Abstufungen auszumessen. Er nahm
sein Zeitalter bei der letzteren Stufe auf, um es bei der ersteren
niederzusetzen. Aber sein Genius überflog, wie es seyn musste, den
langsamen Gang desselben. Er bildete, wie jeder wahre Künstler soll,
sein Publicum selbst, arbeitete für die Nachwelt, und wenn unser
Geschlecht höher steigt, so ist es nicht ohne sein Zuthun.

Jene beiden Zustände, der der ersten ursprünglichen Begeisterung, und
der der Darstellung derselben in körperlicher Hülle, sind in der Seele
des Künstlers nicht immer verschieden, obwohl sie durch den genauen
Forscher sorgfältig unterschieden werden müssen. Es giebt Künstler, die
ihre Begeisterung auffassen und festhalten, unter den Materialien um
sich herumsuchen, und das geschickteste für den Ausdruck wählen; die
unter der Arbeit sorgfältig über sich wachen; die zuerst den Geist
fassen, und dann den Erdkloss suchen, dem sie die lebendige Seele
einhauchen. Es giebt andere, in denen der Geist zugleich mit der
körperlichen Hülle geboren wird, und aus deren Seele zugleich das ganze
volle Leben sich losreisst. Die ersteren erzeugen die gebildetsten,
berechnetsten Producte, deren Theile alle das feinste Ebenmaass unter
sich und zum Ganzen halten: aber das feinere Auge kann in der
Zusammenfügung des Geistes und des Körpers hier und da die Hand des
Künstlers bemerken. In den Werken der letzteren sind Geist und Körper,
wie in der Werkstätte der Natur, innigst zusammengeflossen, und das
volle Leben geht bis in die äussersten Theile; aber wie an den Werken
der Natur entdeckt man hier und da kleine Auswüchse, deren Absicht man
nicht angeben kann, die man aber nicht wegnehmen könnte, ohne dem Ganzen
zu schaden. Von beiden Arten hat unsere Nation Meister.

Gewisse höhere Stimmungen sind, wie soeben gesagt worden, nicht für
gemeine Augen, und lassen sich denselben nicht mittheilen; bei anderen,
die mittheilbar sind, ist wenigstens unsichtbar, woher es komme, dass
das Werk zu ihnen erhebe; und nicht sehr feine Beobachter sind daher
versucht, der Gestalt und dem Baue des Körpers die bewegende Kraft
zuzuschreiben, die nur der Geist hat. Die Verhältnisse dieses Körpers
und die Regeln, nach denen er gebildet ist, sind zu berechnen, zu lernen
und durch Kunst auszuüben, da, wie oben zugestanden worden, der Körper
des geistreichsten Werkes selbst nur durch Kunst hervorgebracht ist. Es
giebt mancherlei Ursachen, die den geistlosesten Menschen bewegen
können, auf diese Weise den mechanischen Theil eines geistvollen
Products nachzubilden; und da auch dieser sein Gutes hat, verlieren
manche Zuschauer nichts dabei. Solche Arbeiter sind Buchstäbler.
Derjenige, der ohne Geist selbst der mechanischen Kunst nicht mächtig
ist, heisst ein Stümper. -- Stelle Pygmalion seine beseelte Bildsäule
hin vor die Augen des jauchzenden Volkes; er soll ihr, -- da nichts uns
verhindert, die Fabel zu ergänzen, -- mit dem Leben zugleich den
geheimen Vorzug ertheilt haben, nur von geistvollen Augen als lebend
erblickt zu werden, für gemeine und stumpfe aber kalt und todt zu
bleiben. Kostet es nicht mehr, um berühmt zu werden? denkt, -- indess
das ganze Volk dem Künstler huldigt, ein Mann, der seinen Meissel auch
zu führen versteht, misst mit Cirkel und Lineal genau die Verhältnisse
der Bildsäule, geht hin, fertigt sein Werk, stellt es neben das Werk des
Künstlers, und es sind viele, die keinen Unterschied zwischen beiden
finden können.

Die Regeln der Kunst, die sich in den Lehrbüchern finden, beziehen sich
meist auf das Mechanische der Kunst. Sie müssen im Geiste gedeutet
werden, und nicht nach dem Buchstaben. So lehren sie uns, wie wir die
Fabel erfinden, mittheilen, allmählig entwickeln sollen, und es thut dem
Künstler allerdings noth, dies zu verstehen. Versteht er aber auch
nichts weiter, als die Beobachtung dieser Regeln, so hat er am Ende eine
gute Fabel, die die Neugier reizt, unterhält, befriedigt; aber wir
forderten noch etwas mehr von ihm. Die Einheit der geistigen Stimmung,
die in seinem Werke herrscht, und die dem Gemüthe des Lesers mitgetheilt
werden soll, ist die Seele des Werkes; ist diese Stimmung angedeutet,
entwickelt, durchaus gehalten und siegend, dann ist das Werk vollendet,
ob die äussere Begebenheit für die leere Neugier geschlossen sey, oder
nicht; der Triumph dieser Stimmung über die mannigfaltigen Störungen
derselben ist die wahre Entwickelung, obschon der gedankenlose Leser,
der ein Mährchen hören wollte, frage, wie es nun weiter geworden sey.

Sie rathen uns, zu täuschen; durch die Erzählung, meint der Buchstäbler,
bietet er alle seine Künste auf, um uns sein Mährchen für eine wirkliche
Begebenheit aufzubinden, und wenn alles mislingt, versichert er uns auf
sein Ehrenwort, dass er eine wahre Geschichte erzähle. Nun wohl, so
erzähle er, bis alle Gaffer sich wundern; aber er glaube nicht ein
Kunstwerk geliefert zu haben. Unsere Erhebung zu einer ganz anderen, uns
fremden Stimmung, in welcher wir unsere Individualität vergessen: -- das
ist die wahre Täuschung, und für diesen Endzweck reicht diejenige
Wahrheit der Geschichte, die er allein als Wahrheit kennt, nicht hin. In
dieser handeln Erdenmenschen, wie wir unter den gleichen Umständen
ungefähr auch handeln würden.

Sie halten über reine Moral; und so thue denn wer kann und will das gute
Werk, uns wichtige moralische Lehren durch Erzählungen anschaulich und
eindringend zu machen. Er will uns dahin bringen, dass wir durch eigenen
freien Entschluss das Bessere wählen; er ist unseres Dankes werth, und
seine Bemühungen sind nicht allemal an uns verloren. Nur wisse er, was
er ist, und stelle sich nicht in eine ihm fremde Klasse. Der begeisterte
Künstler wendet sich gar nicht an unsere Freiheit, er rechnet auf
dieselbe so wenig, dass vielmehr sein Zauber erst anfängt, nachdem wir
sie aufgegeben haben. Er hebt durch seine Kunst uns ohne alles unser
Zuthun auf Augenblicke in eine höhere Sphäre. Wir werden um nichts
besser; aber die unangebauten Felder unseres Gemüths werden doch
geöffnet, und wenn wir einst aus anderen Gründen uns mit Freiheit
entschliessen, sie in Besitz zu nehmen, so finden wir die Hälfte des
Widerstandes gehoben, die Hälfte der Arbeit gethan.[33]

[Fußnote 33: Die Fortsetzung ist nicht erschienen.]




                                  D.
        Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache.


        (Philos. Journal Bd. I. S. 255-273, S. 287-326. 1795.)

In einer Untersuchung über den Ursprung der Sprache darf man sich nicht
mit Hypothesen, nicht mit willkürlicher Aufstellung besonderer Umstände,
unter welchen etwa eine Sprache entstehen ^konnte^, behelfen; denn da
der Fälle, welche den Menschen bei Erfindung und Ausbildung der Sprache
leiten konnten, so mancherlei sind, dass sie keine Forschung ganz
erschöpfen kann: so würden wir auf diesem Wege ebensoviel halbwahre
Erklärungen des Problems erhalten, als Untersuchungen darüber angestellt
würden. Man darf sich daher nicht damit begnügen, zu zeigen, dass und
wie etwa eine Sprache erfunden werden ^konnte^: man muss aus der Natur
der menschlichen Vernunft die Nothwendigkeit dieser Erfindung ableiten;
man muss darthun, dass und wie die Sprache erfunden werden ^musste^.

Man hüte sich insbesondere bei dieser Untersuchung, so wie bei jeder
anderen, das Resultat, das man etwa zu finden hofft, schon zum voraus im
Auge zu haben. Man denke sich in den Gesichtspunct der Menschen hinein,
welche noch überhaupt keine Sprache hatten, sondern sie erst erfinden
sollten; welche noch nicht wussten, wie die Sprache gebaut seyn müsse,
sondern die Regeln darüber erst aus sich selbst schöpfen mussten. Jedem,
der dem Ursprunge der Sprache nachforscht, muss die Sprache so gut als
nicht erfunden seyn: er muss sich denken, dass er sie erst durch seine
Untersuchung erfinden soll.

Ferner hat man bei allen Untersuchungen über Entstehung der Sprache es
auch darin versehen, dass man zuviel auf willkürliche Verabredung baute;
dass man z. B. meinte: da ich ein Buch ^liber^, [Griechisch: biblion],
book u. s. w. nennen kann, so müssen die Nationen einig geworden seyn,
die eine, dieser bestimmte Gegenstand solle ^Buch^ -- die andere, er
solle ^liber^, u. s. w. heissen. Aber auf eine solche Uebereinkunft
dürfen wir wenig rechnen, da sie sich nur mit der grössten
Unwahrscheinlichkeit denken lässt, und wir müssen daher selbst den
Gebrauch der willkürlichen Zeichen aus den wesentlichen Anlagen der
menschlichen Natur ableiten.

^Sprache^, im weitesten Sinne des Wortes, ist der ^Ausdruck unserer
Gedanken durch willkürliche Zeichen^.

Durch ^Zeichen^, sage ich, also nicht durch Handlungen. -- Allerdings
offenbaren sich unsere Gedanken auch durch die Folgen, welche sie in der
Sinnenwelt haben: ich denke und handle nach den Resultaten dieses
Denkens. Ein vernünftiges Wesen kann aus diesen meinen Handlungen auf
das, was ich gedacht habe, schliessen. Dies heisst aber nicht ^Sprache^.
Bei allem, was ^Sprache^ heissen soll, wird schlechterdings nichts
weiter beabsichtigt, als die Bezeichnung des Gedankens; und die Sprache
hat ausser dieser Bezeichnung ganz und gar keinen Zweck. Bei einer
Handlung hingegen ist der Ausdruck des Gedankens nur zufällig, ist
durchaus nicht Zweck. Ich handle nicht, um anderen meine Gedanken zu
eröffnen; ich esse z. B. nicht, um anderen anzudeuten, dass ich Hunger
fühle. Jede Handlung ist selbst Zweck: ich handle, weil ich handeln
will.

Ich habe mich bei der Erklärung der Sprache des Ausdruckes:
»^willkürliche Zeichen^« bedient. Darunter verstehe ich hier solche
Zeichen, welche ausdrücklich dazu bestimmt sind, diesen oder jenen
Begriff anzudeuten. Ob dieselben mit dem Bezeichneten natürliche
Aehnlichkeit haben, oder nicht, das ist hier völlig gleichgültig. Ich
mag zu dem anderen das Wort ^Fisch^ sagen -- ein Zeichen, das mit dem
Gegenstande, welchen es ausdrücken soll, gar keine Aehnlichkeit hat --
oder ich mag ihm einen Fisch vorzeichnen; ein Zeichen, das mit dem
Bezeichneten allerdings Aehnlichkeit hat -- in beiden Fällen habe ich
keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei
dem anderen zu veranlassen; -- folglich kommen beide Zeichen darin
überein, dass sie ^willkürlich^ sind.

^Sprachfähigkeit^ ist das Vermögen, seine Gedanken willkürlich zu
bezeichnen. Ich drücke mich absichtlich so allgemein aus, damit man
nicht gleich an eine ^Sprache für das Gehör^ denke. Von der ^Ursprache^
lässt sich gar nicht behaupten, dass sie bloss aus Tönen bestanden habe,
bloss Gehörsprache gewesen sey. Diese letztere kann erst weit später
entstanden seyn, und lässt sich nur unter Voraussetzung der Ursprache
und auf eine weit verwickeltere Art deduciren.

Die Frage, die sich uns zunächst darbietet, ist folgende: ^Wie ist der
Mensch auf die Idee gekommen, seine Gedanken durch willkürliche Zeichen
anzudeuten?^ Diese enthält unter sich folgende zwei: 1) Was brachte den
Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In
welchen Naturgesetzen liegt der Grund, dass diese Idee gerade ^so^ und
nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den
Menschen bei der Ausführung leiteten?

Ich mache mich deutlicher. Die Sprache ist das Vermögen, seine Gedanken
^willkürlich^ zu bezeichnen. Sie setzt demnach eine Willkür voraus.
Unwillkürliche Erfindung, unwillkürlicher Gebrauch der Sprache enthält
einen inneren Widerspruch. Man hat sich zwar auf unwillkürliche Töne
beim Ausbruche der Freude, des Schmerzes u. s. w. berufen, und daraus
gar manches über Erfindung und Gesetze der Sprache ableiten wollen; aber
beides ist völlig verschieden. Unwillkürlicher Ausbruch der Empfindung
ist nicht ^Sprache^.

Um die Willkür zur Erfindung einer Sprache zu bestimmen, wurde eine Idee
derselben vorausgesetzt. Daher die Frage: wie entwickelte sich in den
Menschen die Idee, ihre Gedanken sich gegenseitig durch Zeichen
mitzutheilen?

Allein daraus, dass sie sich die Aufgabe aufstellten, eine Sprache zu
erfinden, folgt noch nicht, dass ihnen überhaupt, und durch welche
Mittel ihnen die Ausführung gelang. Daher die zweite schon angeführte
Frage: giebt es in der menschlichen Natur Mittel, welche man nothwendig
ergreifen musste, um die Idee einer Sprache zu realisiren? Kann man
diesen Mitteln nachspüren, und wie mussten sie gebraucht werden, wenn
durch sie der Zweck erreicht werden sollte? Fänden sich solche Mittel,
so liesse sich wohl eine Geschichte der Sprache ^a priori^ entwerfen.
Und sie finden sich allerdings.

Zuvörderst: auf welchem Wege wurde die Idee von einer Sprache in dem
Menschen entwickelt? -- Es ist im Wesen des Menschen gegründet, dass er
sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Aeusserung seiner
Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie für seine Zwecke zu bilden.
Selbst der roheste Mensch trifft irgend eine Vorkehrung für seine
Bequemlichkeit und seine Sicherheit; er gräbt sich Höhlen, bedeckt sich
mit Laub, und wenn er des Feuers etwa habhaft werden kann, zündet er
Holz an, um sich so gegen den Frost zu schützen. Er wird von allen
Seiten arbeiten, die feindselige Natur zu bezwingen, und wo er das nicht
kann, wird er sie scheuen. So fürchtet der Mensch den Donner, weil er
sich ausser Stande sieht, die Natur in dieser Aeusserung ihrer Kraft zu
beherrschen. Sollten wir Mittel finden, dieselbe auch hier zu bezwingen,
so würde sich jene Furcht bald verlieren. Der Mensch macht sich die
Thiere dienstbar, oder flieht sie, wenn er das erstere nicht vermag. So
war gewiss, ehe man die Kunst erfand, Pferde zu zähmen, dieses grosse
starke Thier dem Menschen ein Gegenstand des Schreckens: jetzt, da er es
sich unterworfen hat, fürchtet er es nicht mehr.

In diesem Verhältnisse steht der Mensch mit der belebten und leblosen
^Natur^: er geht darauf aus, sie nach seinen Zwecken zu modificiren;
aber diese widerstrebt der Einwirkung, und nimmt oft genug sie gar nicht
an. Daher sind wir mit der Natur in stetem Kampfe, sind bald Sieger,
bald Besiegte, -- unterjochen oder fliehen.

Wie verhält sich dagegen der Mensch ursprünglich gegen den ^Menschen
selbst^? Sollte wohl zwischen ihnen im rohen Naturzustande dasselbe
Verhältniss stattfinden, welches zwischen dem Menschen und der Natur
ist? Sollten sie wohl darauf ausgehen, sich selbst untereinander zu
unterjochen, oder, wenn sie sich dazu nicht Kraft genug zutrauen,
einander gegenseitig fliehen?

Wir wollen annehmen, es wäre so: so würden gewiss nicht zwei Menschen
nebeneinander leben können; der Stärkere würde den Schwächeren
bezwingen, wenn dieser nicht flöhe, sobald er jenen erblickte. Würden
sie aber auf solche Art wohl jemals in Gesellschaft getreten, würde
durch sie die Erde bevölkert worden seyn? Ihr Verhältniss würde ganz so
gewesen seyn, wie es Hobbes im Naturstande schildert: Krieg aller gegen
alle. Und doch finden wir, dass die Menschen sich miteinander vertragen,
dass sie sich gegenseitig unterstützen, dass sie in gesellschaftlicher
Verbindung miteinander stehen. Der Grund dieser Erscheinung muss wohl in
dem Menschen selbst liegen: in dem ursprünglichen Wesen desselben muss
sich ein Princip aufzeigen lassen, welches ihn bestimmt, sich gegen
seinesgleichen anders zu betragen, als gegen die Natur.

Ich weiss recht wohl, dass viele behaupten, die Menschen gingen von
Natur darauf aus, einander zu unterjochen. Was auch immer gegen diese
Behauptung sich einwenden lassen möge, so ist doch soviel gewiss: dass
sich aus der Erfahrung mancherlei scheinbare Gründe für dieselbe
auffinden lassen, und dass sie folglich der entgegengesetzten
Behauptung, wiefern diese auch nur als Erfahrungssatz aufgestellt würde,
in Rücksicht auf Gültigkeit gleichgesetzt werden könnte. Diese
entgegengesetzte Behauptung muss also eben darum, damit ihre Gültigkeit
entschieden sey, aus einem in der Natur des Menschen selbst liegenden
Principe abgeleitet werden. Wir wollen dieses Princip aufsuchen.

Der Mensch geht darauf aus, die rohe oder thierische Natur nach seinen
Zwecken zu modificiren. Dieser Trieb muss untergeordnet seyn dem
höchsten Principe im Menschen, dem: sey immer einig mit dir selbst; nach
welchem Principe er in den allgemeinsten Aeusserungen seiner Kraft
beständig forthandelt, auch ohne sich desselben bewusst zu seyn. Der
Mensch sucht also -- nicht gerade aus einem deutlich gedachten, aber aus
einem durch sein ganzes Wesen verwebten, und dasselbe ohne alles
Hinzuthun seines freien Willens bestimmenden Princip -- die nicht
vernünftige Natur sich deswegen zu unterwerfen, damit alles mit seiner
Vernunft übereinstimme, weil nur unter dieser Bedingung er selbst mit
sich selbst übereinstimmen kann. Denn da er ein vorstellendes Wesen ist,
und in einer gewissen Rücksicht, die wir hier nicht zu bestimmen haben,
die Dinge vorstellen muss, wie sie sind: so geräth er dadurch, dass die
Dinge, die er vorstellt, mit seinem Triebe nicht übereinstimmen, in
einen Widerspruch mit sich selbst. Daher der Trieb, die Dinge so zu
bearbeiten, dass sie mit unseren Neigungen übereinstimmen, dass die
Wirklichkeit dem Ideale entspreche. Der Mensch geht nothwendig darauf
aus, alles, so gut er es weiss, ^vernunftmässig^ zu machen.

Wenn er nun in diesen Versuchen auf einen Gegenstand stossen sollte, an
welchem sich die gesuchte Vernunftmässigkeit ohne seine Mitwirkung schon
äusserte, so wird er sich in Rücksicht auf diesen aller Bearbeitung wohl
enthalten, da er dasjenige, was einzig und allein durch sie
hervorgebracht werden soll, an dem entdeckten Gegenstande schon findet.
Er hat etwas gefunden, was mit ihm übereinstimmt; würde es nicht
ungereimt seyn, einen Gegenstand seinem Triebe entsprechend machen zu
wollen, der schon, ohne sein Zuthun, demselben entspricht? Das Gefundene
wird ihm ein Gegenstand des Wohlgefallens seyn: er wird sich freuen, ein
mit ihm gleichgestimmtes Wesen -- einen ^Menschen^ angetroffen zu haben.

Aber woran soll er diese Vernunftmässigkeit des gefundenen
Gegenstandes erkennen? An nichts anderem, als woran er seine eigene
Vernunftmässigkeit erkennt -- am ^Handeln nach Zwecken^. -- Die blosse
Zweckmässigkeit des Handelns aber an sich allein würde zu einer solchen
Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch der Idee des
Handelns nach veränderter Zweckmässigkeit, und zwar von einem Handeln,
das verändert ist nach unserer eigenen Zweckmässigkeit. Gesetzt, der
Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen
Regeln aufwächst, Früchte trägt u. s. w., oder einen, der nach einem
gewissen Instincte auf Nahrung ausgeht, schläft, erwacht u. s. w., und
den er deshalb als nach Zwecken handelnd beurtheilt. Sobald ein solcher
Gegenstand, auf den der Naturmensch seinen Zwecken gemäss gehandelt hat,
seinen Gang fortgeht, ohne nach Maassgabe jener Einwirkung eine
Veränderung in seinem Zwecke anzunehmen, so erkennt er ihn nicht für
vernünftig. Als zweckmässig und freihandelnd werde ich nur das Wesen
ansehen, das seinen Zweck, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe
anwende, auch ändert. Z. B., ich brauche Gewalt auf ein Wesen, und es
braucht sie auch, ich erzeige ihm eine Wohlthat, es erwiedert sie; so
ist immer Veränderung des Zweckes nach dem Zwecke, den ich für dasselbe
habe: mit anderen Worten, es ist eine ^Wechselwirkung^ zwischen mir und
diesem Wesen. Nur ein Wesen, das, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe
äusserte, den seinigen in Beziehung auf diese Aeusserung ändert, das z.
B. Gewalt braucht, wenn ich gegen dasselbe Gewalt brauche, das mir
wohlthut, wenn ich ihm wohlthue: nur ein solches Wesen kann ich als
vernünftig erkennen. Denn ich kann aus der Wechselwirkung, welche
zwischen ihm und mir eingetreten ist, schliessen, dass dasselbe eine
Vorstellung von meiner Handlungsweise gefasst, sie seinem eigenen Zwecke
angepasst habe, und nun nach dem Resultate dieser Vergleichung seinen
Handlungen durch Freiheit eine andere Richtung gebe. Hier zeigt sich
offenbar ein Wechsel zwischen Freiheit und Zweckmässigkeit, und an
diesem Wechsel erkennen wir die Vernunft.

Der Mensch geht also nothwendig darauf aus, Vernunftmässigkeit ausser
sich zu finden; er hat einen Trieb dazu, der sich deutlich genug dadurch
offenbart, dass der Mensch sogar geneigt ist, leblosen Dingen Leben und
Vernunft zuzuschreiben. Beweise davon finden sich häufig genug in den
Mythologien und den Religionsmeinungen aller Völker u. s. w. Wie wir
gesehen haben, ist es der Trieb nach Uebereinstimmung mit sich selbst,
welcher den Menschen anleitet, Vernunftmässigkeit ausser sich
aufzusuchen.

Eben dieser Trieb musste in dem Menschen, sobald er wirklich mit Wesen
seiner Art in Wechselwirkung getreten war, den Wunsch erzeugen, seine
Gedanken dem anderen, der sich mit ihm verbunden hatte, auf eine
bestimmte Weise andeuten, und dagegen von demselben eine deutliche
Mittheilung seiner Gedanken erhalten zu können. Denn ohne diese Auskunft
musste es sich häufig ereignen, dass der eine die Handlung des anderen
misverstand und auf eine Art erwiederte, die ganz gegen die Erwartung
des Handelnden war; ein Fall, der den Menschen in offenbaren Widerspruch
mit seinen Zwecken versetzte, und folglich geradezu gegen die
Uebereinstimmung mit sich selbst stritt, welche er bei der Aufsuchung
vernünftiger Wesen beabsichtigte. -- Ich meine es vielleicht mit jemand
gut, und will ihm mein Wohlwollen durch Handlungen zu erkennen geben.
Allein jener deutet diese Handlungen unrichtig und erwiedert sie durch
Feindseligkeiten. Ein solches Betragen muss nothwendig bei mir den
Gedanken veranlassen, dass der andere meine Absichten verkenne; und
diesem Gedanken muss bald der Wunsch folgen, ihm meine Gesinnungen auf
eine weniger zweideutige Art ankündigen zu können.

So wie es mir mit anderen geht, so anderen mit mir. Wie leicht kann ich
die wohlmeinende Handlung eines anderen misverstehen und mit Undank
vergelten? So wie ich aber seine Absicht besser einsehe, so werde ich
wünschen mein Vergehen wieder gut zu machen, und um deswillen von seinen
Gedanken künftig besser unterrichtet zu seyn. -- Ich wünsche also, dass
der andere meine Absicht wissen möge, damit er mir nicht zuwiderhandle,
und aus gleichem Grunde wünsche ich, die Absichten des anderen zu
wissen. Daher die Aufgabe zur Erfindung gewisser Zeichen, wodurch wir
anderen unsere Gedanken mittheilen können.

Bei diesen Zeichen wird indessen einzig und allein der ^Ausdruck^
unserer Gedanken beabsichtiget. Wenn ich auf jemand erzürnt bin, so
zeigt sich ihm dieser Zorn allerdings durch feindliche Behandlung. Aber
da ist die Absicht bloss, meine Gedanken ^auszuführen^, nicht aber, ihm
ein ^Zeichen^ davon zu geben. Bei der Sprache aber ist lediglich die
^Bezeichnung^ Absicht, nicht als Ausdruck der Leidenschaft, sondern zum
Behufe einer gegenseitigen Wechselwirkung unserer Gedanken, ohne welche,
wie soeben bemerkt wurde, eine unserem Triebe angemessene Wechselwirkung
der Handlungen nicht bestehen kann.

Durch die Verbindung mit Menschen wird also in uns die Idee geweckt,
unsere Gedanken einander durch willkürliche Zeichen anzudeuten -- mit
Einem Worte: ^die Idee der Sprache^. Demnach liegt in dem, in der Natur
des Menschen gegründeten Triebe, Vernunftmässigkeit ausser sich zu
finden, der besondere ^Trieb, eine Sprache zu realisiren^, und die
Nothwendigkeit, ihn zu befriedigen, tritt ein, wenn vernünftige Wesen
miteinander in Wechselwirkung treten.

Wir denken uns bei der Sprache gewöhnlich nur ^Zeichen fürs Gehör^. Wie
es gekommen ist, dass wir uns mit unserer Sprache eben an diesen Sinn
wenden, wird in der Folge erklärt werden. ^Hier^ ist kein mögliches
Zeichen ausgeschlossen; so wie in der Ursprache sicher ebensowenig
irgend eins ausgeschlossen war.[34]

Die Aufgabe zur Sprache ist jetzt vorhanden: wie soll ihr aber nun
Genüge geschehen?

Die Natur offenbart sich uns besonders durch Gesicht und Gehör. Zwar
kündigt sie sich uns auch durch Gefühl, Geschmack und Geruch an: aber
die Eindrücke, welche wir auf diesen Wegen erhalten, sind theils nicht
lebhaft, theils nicht bestimmt genug, und wir lassen uns daher bei
äusseren Wahrnehmungen vorzüglich durch Gesicht und Gehör leiten, wenn
und wo uns der Gebrauch dieser Sinne nicht versagt ist. So wie die Natur
den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so
mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen. -- Man könnte
eine auf diese Grundregel aufgebaute Sprache die ^Ur-^ oder
^Hieroglyphensprache^ nennen.

[Fußnote 34: Ich beweise hier nicht, dass der Mensch ohne Sprache nicht
denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könne.
Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die
Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für
viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, dass ohne sie
überhaupt kein Vernunftgebrauch stattgefunden haben würde.]

Die ersten Zeichen der Dinge waren, nach diesen Grundsätzen, hergenommen
von den Wirkungen der Natur: sie waren nichts weiter, als eine
Nachahmung derselben. Hier war die Mittheilung der Gedanken selbst
willkürlich, wie sie es bei jeder Sprache seyn muss, aber nicht die Art
dieser Mittheilung: es stand in meiner Willkür, ob ich dem anderen meine
Gedanken bezeichnen wollte, oder nicht; aber im Zeichen selbst war keine
Willkür.

Diese Bezeichnung der Dinge durch die Nachahmung ihrer in die Sinne
fallenden Eigenschaften gab sich leicht. Der Löwe wurde z. B. durch die
Nachahmung seines Gebrülles, der Wind durch die Nachahmung seines
Sausens ausgedrückt. So wurden Gegenstände, die sich durch das Gehör
offenbaren, durch Töne ausgedrückt: andere, die sich durchs Gesicht
ankündigen, konnten im leichten Umriss etwa im Sande nachgebildet
werden. Z. B. Fische, Netze, mit einigen Gesticulationen und Winken
gegen das Ufer hin begleitet, waren für den, an welchen diese Zeichen
gerichtet waren, eine Aufforderung zum Fischen.

Diese Sprache war leicht erfunden, und hinreichend, wenn etwa zwei
beisammen waren, um sich zu unterhalten, oder in der Nähe zusammen
arbeiteten. Jeder giebt auf des anderen Zeichen Acht: der eine ahmt
einen Ton nach, der andere auch; der eine zeichnet etwas mit dem Finger,
der andere auch. So verstehen sie einander: der eine weiss, was der
andere denkt, und dieser weiss, was jener will, dass er denken solle.
Man stelle sich aber vor, dass diese zwei für sich arbeiten und entfernt
von einander sind, z. B. auf der Jagd. Einer will dem anderen einen
Gedanken mittheilen, der sich nur durch ein Zeichen fürs Gesicht
ausdrücken lässt; aber zum Unglück richtet der andere seine Blicke nicht
auf ihn, oder kann seine Zeichen wegen der grossen Entfernung nicht
bestimmt erkennen. Hier ist die Unterredung unmöglich.

Ferner: man denke sich mehrere, die um sich zu berathschlagen versammelt
sind. -- Dies wird bei rohen und uncultivirten Menschen, wie wir hier
sie uns denken, oft der Fall seyn, weil sie oft des gegenseitigen Rathes
bedürfen. -- Man erwäge, ob die angenommene Hieroglyphensprache für eine
so grosse Gesellschaft bequem seyn werde. Gesetzt, es sind ihrer zehn
beisammen; während einer redet und acht zuhören, fällt es dem zehnten
ein, auch etwas vorzutragen. Aber alle seine Zeichen werden nicht
beobachtet, weil die übrigen auf den ersten merken. Wie soll er es
anfangen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Man erinnere sich einer Bemerkung, welche die tägliche Erfahrung
bestätigt. -- Das Gehör leitet unwillkürlich die Augen: man richtet sich
nach der Gegend, wo ein Schall herkam, selbst ohne sich mit Bewusstseyn
die Absicht zu denken, der Ursache dieses Schalles nachzuspüren; ja, man
hat oft Mühe, sich des Hinsehens zu erwehren. Da es der vorausgesetzten
Person in der Ursprache freisteht, sich sowohl fürs Gesicht, als fürs
Gehör auszudrücken, so wird er, unserer, nicht gerade deutlich
gedachten, aber dunkel gefühlten Bemerkung zufolge, auf den letzteren
Sinn zu wirken suchen, um die Gesellschaft fürs erste nur aufmerksam auf
sich zu machen, und mag vielleicht zuerst einen unarticulirten Ton, etwa
ein ^Hm!^ von sich geben. Jetzt werden die anderen ihre Blicke auf ihn
richten, und er kann durch Zeichen für das Gesicht mit ihnen sprechen.
Aber sie sind vielleicht in den Gedankenkreis desjenigen, der zuerst zu
ihnen sprach, und der jetzt unterbrochen ist, unwiderstehlich
hineingerissen, er allein interessirt sie, und sie wenden ihre Blicke
von dem Zehnten wieder hinweg. Dies wird demselben nicht gleichgültig
seyn. Er ist überzeugt, dass das, was er vortragen will, von der
grössten Bedeutung sey, -- und wird sich nicht so ruhig gefallen lassen,
dass seine Rede so wenig Eingang findet. Je stärker in ihm das Verlangen
ist, sich mitzutheilen, desto lebhafter muss er auch sein Unvermögen
fühlen, durch Zeichen fürs Gesicht der Versammlung seine Gedanken
bemerkbar zu machen: und dieses Unvermögen, verbunden mit der Erinnerung
an die Wirkung, welche der Laut, den er gleich anfangs von sich gab, auf
die Gesellschaft machte, muss nothwendig die Vorstellung in ihm
veranlassen, dass er die Gesellschaft nöthigen würde, auf seine ganze
Rede zu achten, wenn sein Vortrag aus blossen Gehörzeichen bestehen
würde.

Noch mehr. Man verwandle die vorausgesetzte Gesellschaft in eine solche,
wo jeder reden will -- jeder wird wünschen, dass er die
Hieroglyphensprache, in welcher Zeichen fürs Gesicht mit Gehörzeichen
abwechseln, in eine blosse Gehörsprache umschaffen könnte, um mehr
Eingang und Aufmerksamkeit zu finden. Durch eine solche Auskunft würde
auch derjenige, der sich in dem zuerst angeführten Falle befand, in den
Stand gesetzt werden, dem anderen auch in der Entfernung, oder in der
Dunkelheit seine Gedanken anzuzeigen.

Durch diese Mängel der Ursprache, dass sie die Aufmerksamkeit nicht
erregt, sondern sie schon voraussetzt, dass sie nur in der Nähe und am
Tage anwendbar ist, entstand nothwendig ^die Aufgabe, dieselbe in eine
blosse Gehörsprache zu verwandeln^.

Wie soll nun aber diese Aufgabe gelöst werden? Wie soll der Mensch
Gegenstände, die sich durch den Ton nicht charakterisiren, durch Töne
bezeichnen? Der Hirt wird sein Vieh, und die Feinde desselben, den
Löwen, den Tiger, den Wolf, durch die Nachahmung ihrer Stimmen
bezeichnen. Aber wie soll er einen Fisch, Vegetabilien und andere
Gegenstände, welche uns die Natur nicht durch Töne ankündigt, fürs Gehör
bezeichnen?

Dazu kommt noch, dass, so wie sich allmählig die Bedürfnisse der
Menschen vermehren, auch immer mehr Dinge in Gebrauch kommen, z. B.
Zelte, Netze und andere Werkzeuge, die, ihrer Natur nach, keinen Ton von
sich geben. Und doch soll auch für diese ein bezeichnender Laut gefunden
werden.

Man beruft sich gewöhnlich, um die Erfindung solcher Bezeichnungen zu
erklären, auf Verabredung: man nimmt an, die Menschen, in einer Lage,
die ihnen eine Gehörsprache nothwendig machte, wären übereingekommen,
diesen Gegenstand ^Fisch^, jenen ^Netz^ zu nennen u. s. w. Allein dies
ist grundlos. Denn erstlich: wie sollte man auch nur auf den Einfall
gekommen seyn, Gegenstände durch willkürliche Töne bezeichnen zu wollen,
nachdem man sie bisher immerfort durch natürliche Zeichen ausgedrückt
hatte? Dann: wie kam es, dass derjenige, welcher die Töne vorschlug, sie
selbst nicht wieder vergass, oder noch mehr -- dass sie von der ganzen
Horde behalten wurden? Endlich: wie wäre es denkbar, dass eine Menge
ungebundener Menschen sich dem Ansehen eines Einzigen unbedingt
unterworfen -- dass sie einen Vorschlag, der sich auf nichts, als die
Willkür dieses Einzigen gründete, so willig angenommen hätten?

Noch ist bei der ganzen Deduction der Sprache, und insbesondere bei der
gegenwärtigen Untersuchung, wohl zu merken, dass die verschiedenen
Momente der Erfindung und Modification einer Sprache nicht so schnell
auf einander gefolgt sind, als sie hier erzählt werden. Wer weiss, wie
viel tausend Jahre verflossen sind, ehe die Ursprache Sprache fürs Gehör
wurde?

Ferner ist es durch die Erfahrung bestätigt, dass die Sprachen sich
immer ändern, immer neue Modificationen annehmen; dass aber diese
Veränderlichkeit nach Maassgabe der Cultur, welche eine bestimmte
Sprache hat, sich stärker oder schwächer äussert. Vorzüglich zeigt sich
durch Erfahrung, dass die Sprache sich am meisten bei einem Volk ändert,
das noch nicht schreibt, sondern bloss spricht; weil der ursprüngliche
Ton eines Zeichens, wenn er einmal verloren gegangen ist, nirgends
wieder aufgefunden werden kann. Wo aber geschrieben wird, da wird der
Ton festgehalten, und es lässt sich immer wieder bestimmen, wie ein Wort
ausgesprochen werden muss. Durch Erfindung der Buchstaben wurde also die
Sprache sehr befestigt.

Eine lebende Sprache verändert sich demnach immer im umgekehrten
Verhältniss mit ihrer Cultur: je mehr Ausbildung sie erhalten hat, desto
weniger rückt sie vorwärts, je uncultivirter sie noch ist, desto mehr
modificirt sie sich; und sie verändert sich am stärksten, wenn ihre
Laute noch nicht durch Schriftzeichen festgehalten werden. Diese
Bemerkung brauchen wir, um uns zu erklären, wie die Ursprache sich in
Gehörsprache verwandelt hat.

Nach diesen Vorerinnerungen kommen wir zur Beantwortung der Frage
selbst: wie liess sich ^Hieroglyphensprache^ in ^Gehörsprache^
umschaffen?

In der Ursprache mussten bald die Zeichen fürs Gehör, welche Nachahmung
natürlicher Töne waren, z. B. die Bezeichnung des Löwen, des Tigers u.
s. w., die durch das ihnen eigenthümliche Gebrüll ausgedrückt wurden,
merkliche Veränderungen leiden. Bei einem Volke, das -- wie von den
Stämmen der Wilden bekannt ist -- die Zusammenkünfte liebt, in
Gesellschaft arbeitet und schmaust u. s. w., wird es leicht dahin
kommen, dass Ein Mensch durch die Ueberlegenheit seines Geistes einen
Vorzug vor den übrigen behauptet, und, ohne durch Stimmen dazu erwählt
zu werden, den Heerführer im Kriege, und in ihren Versammlungen den
Sprecher vorstellt. Ein solcher Mensch, auf dessen Reden man vorzüglich
achtet, wird sich durch Gewohnheit eine Geläufigkeit im Sprechen
erwerben, und durch diese Geläufigkeit bald dahin kommen, dass er die
Dinge nur flüchtig bezeichnet, sich es nicht übel nimmt, den oder jenen
Ton im Reden zu überspringen. Man wird sich an diese Abweichung bald
gewöhnen, und diese flüchtigere Bezeichnung leicht verstehen lernen.
Allmählig wird er sich von der eigentlichen Nachahmung der natürlichen
Töne immer mehr entfernen, seine Bezeichnung wird nach und nach
flüchtiger, kürzer und leichter werden; so dass sich -- vielleicht nach
einem Zeitraum von einigen Jahrzehnden schon -- zwischen seiner
Bezeichnung eines Gegenstandes und dem natürlichen Ton, durch welchen
sich dieser dem Gehör ankündigt, kaum noch eine Aehnlichkeit wird
entdecken lassen. Die Anderen, die sich bemühen, diese leichteren
Gehörzeichen verstehen zu lernen, werden es bald bequemer finden, diese
Art zu sprechen, die sich durch ihre grössere Leichtigkeit empfiehlt,
auch nachzuahmen.

Je weiter nun die Menschen in dieser von der Natur sich entfernenden
Bezeichnungsart fortgingen, desto lebhafter musste sich ihnen, selbst
bei der flüchtigsten Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Art, sich
auszudrücken, die Bemerkung aufdringen, dass, da man Dinge fürs Gehör
auf eine andere Art, als sie von Natur tönen, ausdrücken könne, man
vielleicht auch Dinge, die an sich tonlos sind, durch einen Ton
bezeichnen könnte. -- Welchen Weg musste man nun einschlagen, um diesen
Gedanken zu realisiren?

Wenn auch gewisse Dinge sich nicht ausdrücklich unserem Ohr ankündigen,
so kömmt ihnen doch zufälligerweise, unter besonderen Umständen, ein Ton
zu. Z. B. der ^Reif^ hat an sich keinen Ton, wenn man aber über
denselben weggeht, so entsteht ein gewisses charakteristisches Rauschen,
von welchem er leicht benannt werden konnte: der ^Wald^ tönt an sich
nicht, wohl aber, wenn man durchs Gesträuche geht, u. s. w. Oft konnte
auch ein Zufall, welcher sich ereignete, als gerade ein Mensch mit der
Betrachtung eines Gegenstandes sich beschäftigte, die Erfindung eines
Tons für denselben veranlassen. Z. B. jemand sah eine Blume, indem flog
eine Biene, welche Honig aus derselben gesaugt hatte, sumsend davon; er
sah beides noch nie, in seiner Phantasie vereinigte sich jetzt das
Sumsen mit dem Gedanken an die Blume, und diese Verbindung leitete ihn
sehr natürlich darauf, für die Blume und Biene eine Bezeichnung zu
finden.

Auf diese Weise kam man darauf, Dinge nach gewissen, zufällig mit ihnen
verbundenen, oder auf sie bezogenen Tönen zu benennen. Man denke sich
nun den Trieb, eine Zeichensprache in Gehörsprache umzuschaffen, selbst
dann noch in fortdauernder Wirksamkeit, als schon die bekanntesten
Gegenstände -- diejenigen, die im Kreise der täglichen Beschäftigungen
des Menschen lagen, für das Ohr bezeichnet waren: so ist es sehr
begreiflich, wie man endlich darauf geleitet wurde, auch Töne zu
Bezeichnung eines Gegenstandes festzusetzen, zu welchen auch nicht
einmal ein zufälliger Laut Veranlassung gab. Um die Bedeutung eines
solchen Tones zu erklären, musste der Erfinder ihn durch andere schon
bekannte Töne erläutern, durch deren Zusammensetzung er selbst neue
Worte bilden konnte. So war es ihm leicht möglich, durch
Zusammenstellung mehrerer Töne, deren Gegenstände mit dem zu
bezeichnenden Objecte in gewisser Beziehung standen, seine Sprache mit
neuen Bezeichnungen zu ^bereichern^.

Aber wer war es denn, der für die Erfindung und Ausbildung einer
Gehörsprache zu sorgen hatte? und wie konnte eine solche willkürliche
Bezeichnung, die von einem Individuum aufgestellt wurde und wozu in dem
Gegenstande entweder gar keine oder nur eine zufällige Veranlassung war,
als ein allgemeinverständlicher Ausdruck in Umlauf gebracht werden? Der
Natur der Sache nach musste dieses Geschäft vorzüglich dem Hausvater und
der Hausmutter einer Familie angehören, die bei ihren häuslichen
Geschäften oft Gelegenheit hatten, mancherlei neue Töne zu erfinden,
womit sie ihren Hausgenossen die Bearbeitung eines Gegenstandes in einem
Ausdrucke auftragen konnten, den sie anfänglich durch Vorzeigung des
Gegenstandes erklärten. Durch den häufigen Gebrauch wurden diese
Ausdrücke dem Vater und der Mutter selbst geläufiger.

Allein, wenn auch der Hausvater sich durch die von ihm erfundenen
Bezeichnungen seiner Familie verständlich machte; wenn ihm auch z. B.
sein Sohn, wenn er eine ^Rose^ verlangt hatte, die Blume brachte, welche
er mit diesem Ausdruck meinte: wie sollte dies Wort in der ganzen Horde
gemeinbekannt werden? Warum sollte doch der zweite und dritte Nachbar
nicht die Freiheit gehabt haben, die ^Rose^ anders zu benennen? Mithin
liesse sich aus dem Vorgetragenen nur erklären, wie die ^Sprache der
Familie^ gebildet und erweitert wurde; nicht aber, wie die Sprache der
ganzen Horde sich entwickeln konnte. -- Dieser Einwurf lässt sich auf
folgende Art auflösen.

Es wird unter uncultivirten Völkern immer wenige geben, welche Kopf und
Lust genug besitzen, sich mit Ausbildung der Sprache vorzüglich zu
beschäftigen. Daher werden diejenigen, welche Fähigkeit und Neigung zu
diesem mühsamen Geschäfte zeigen, schon dadurch bald über die Horde
grossen Einfluss gewinnen. Wenn nun dieselbigen Menschen ausser diesem
Verdienste auch noch andere Talente besitzen, die sie zur Besorgung der
öffentlichen Angelegenheiten ihres Volkes geschickt machen (und dies
lässt sich um so leichter annehmen, da die Menschen, wie wir sie hier
uns denken, noch nicht durch äussere Verhältnisse zu einer einseitigen
Bildung verleitet, leicht von mehreren Seiten zugleich sich auszeichnen
konnten): so werden sie bald an der Spitze der Horde stehen, und in
ihren Rathsversammlungen das Wort führen. Diese werden nun die
Bezeichnungen, die sie für die Bedürfnisse ihrer Familie erfunden
hatten, in die Volksversammlung bringen; man wird sie annehmen und
fortbrauchen. Auf diese Art wird sich die Erfindung eines Hausvaters
bald durch die ganze Horde verbreiten.

Aber wie sollte man diese Ausdrücke immer verstehen und behalten? -- Man
muss sich nur nicht vorstellen, dass dies alles auf einmal und plötzlich
geschehen sey. Der Sprecher brachte nicht etwa ganze Reihen neuer Töne
vor, die er auf einmal zu behalten ausdrücklich aufgab; sondern die
Ausdrücke kamen im Fluss der Rede einzeln vor, und waren, wenn auch
nicht an sich, doch durch den Zusammenhang mit anderen bekannten Worten
verständlich. Aller Augen und Ohren sind auf den Redner gerichtet; man
merkt genau auf ihn, prägt sich das Gehörte sorgfältig ein, und
gebraucht die gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie.

Bisher waren wir beschäftigt, zu zeigen, wie ^einzelne Gegenstände^ fürs
Gehör bezeichnet wurden. Mit mehreren Schwierigkeiten wird die uns nun
bevorstehende Untersuchung über Bezeichnung ^allgemeiner Begriffe^
verbunden seyn. Es giebt in der Wirklichkeit keinen Gegenstand, der,
ausser dem Merkmale seines Geschlechts, nicht auch das Merkmal einer
besonderen Gattung dieses Geschlechts an sich trüge. Es giebt zum
Beispiel keinen Gegenstand, von welchem sich weiter nichts sagen liesse,
als dass er ein ^Baum^, und nicht zugleich, dass er etwa eine ^Birke^,
^Eiche^, ^Linde^ u. s. w. sey. Wie kam man demnach darauf, ^allgemeine
Begriffe^, z. B. den des Baumes, auszudrücken?

Zu Bezeichnungen der ^Gattungsbegriffe^ gelangte man sehr leicht. Ein
Hausvater zeigte einem seiner Kinder eine Blume, die er ^Rose^ nannte.
Bald darauf schickt er es, ihm die Rose zu holen. Das Kind hatte mit
diesem Tone gewiss den Begriff jener bestimmten individuellen Blume
verbunden, welche ihm der Vater gezeigt hatte. Es findet aber die
bestimmte Blume nicht mehr, doch erblickt es daneben eine Blume von
gleicher Gestalt, welche dem Kinde nun auch Rose heisst. Es reisst sie
ab und bringt sie dem Vater, der die Blume als Rose anerkennt. So kommen
beide überein, dass der Schall Rose nicht bloss jenen einzelnen
Gegenstand auf jener bestimmten Stelle, sondern überhaupt alle Blumen
von derselben Gestalt, derselben Farbe, demselben Geruche bedeute. -- So
war vielleicht in der gleichen Zeitreihe mit dem ersten Versuche einer
Gehörsprache die Bezeichnung der Gattungsbegriffe möglich. -- Richtig
ist überhaupt, dass die Gattungsbegriffe sich eher entwickelten, als die
des Geschlechts, weil, um sich die letzteren zu denken, ein höherer Grad
von Abstraction erfordert wird. Folglich mussten auch wohl die
Bezeichnungen für jene früher entstanden seyn, als die Bezeichnungen für
die letzteren. Auch ist kein so dringendes Bedürfniss da, den
^Geschlechtsbegriff^ -- z. B. den des ^Baums^ zu bezeichnen, als etwa
die ^Gattungsbegriffe Birke, Eiche^ u. s. w.

Diejenigen Namen von ^Gattungsbegriffen^, denen das Zeichen des
Geschlechtsbegriffs, zu welchem sie gehören, nicht angehängt ist,
sind gewiss früher erfunden worden, als die Namen ihrer
^Geschlechtsbegriffe^; hingegen, wo man den Ausdrucke eines
Gattungsbegriffs die Bezeichnung seines Geschlechts beigefügt findet, da
ist der erstere gewiss später erfunden worden. So sagt man nicht
Birken^baum^, Fichten^baum^, weil die Namen dieser Gattungen von Bäumen
früher waren, als die Bezeichnung des Geschlechts. Hingegen sagt man
Birn^baum^, Apfel^baum^, Nuss^baum^ u. s. w., weil hier der
Gattungsbegriff später zu unserer Kenntniss kam, als der seines
Geschlechts. Denn es ist bekannt, dass diese Gattungen von Bäumen in
Deutschland nicht einheimisch, sondern erst zu uns gebracht worden sind,
da schon die wilden Baumarten, und das Geschlecht selbst bezeichnet war.
Man nannte demnach die nun eingeführten fremden Bäume, ehe man einen
bestimmten Namen für sie wusste, mit dem Geschlechtsworte: ^Bäume^. Die
Frucht hatte indess schon vorher einen Namen, den man vielleicht durch
die Kaufleute erfahren hatte, und so entstand denn der Ausdruck:
Apfelbaum, Birnbaum u. s. w.

Sehr abstracte Begriffe wurden erst ganz spät benannt, und die Zeichen
derselben sind öfters vorher Zeichen der Gattung gewesen. -- Einer der
allerabstractesten Begriffe ist der eines ^Dinges^; durch welches Wort
ein ^Seyendes überhaupt^ bezeichnet wird. Im Deutschen ist die Ableitung
dieses Wortes weniger verwickelt, als im Lateinischen, da das Wort ^Ens^
in dieser Sprache nicht das Existiren, sondern den reinen Begriff des
Seyns ausdrückt. Im Deutschen hiess wohl anfänglich alles, was als
Werkzeug zu etwas gebraucht wird, ein ^Ding^. Dies sieht man bei Kindern
und ungebildeten Menschen, die anstatt des eigentlichen Ausdrucks (wenn
sie etwas entweder noch nicht kennen, oder sich dessen nicht sogleich
entsinnen können) z. B. für ^Feder^ sagen: ein ^Ding^, womit man
schreibt. -- Diese Bedeutung des Wortes ^Ding^ bestätigt sich dadurch,
dass es sehr nahe mit ^Düng^ und ^Dung^ zusammenhängt, und auch sonst
oft damit verwechselt wurde. Z. B. bei Luther kommt das Wort Ding häufig
als Endung eines Wortes vor; als, statt ^Deutung^ -- ^Deutding^ u. s.
w., und wenn man in den älteren Denkmälern unserer Sprache nachforschen
wollte, so würde man es noch öfter in dieser Gestalt finden. Nach und
nach schob man nun diesem Worte einen höheren Sinn unter, und so wurde
endlich aus der Bezeichnung eines Gattungsbegriffs, aus dem Ausdrucke
für ein Etwas, das zum Behuf eines anderen da ist, die Bezeichnung eines
der allgemeinsten Begriffe, die Bezeichnung eines ^Etwas überhaupt^.

Noch mehr Schwierigkeit findet sich bei der Erklärung des Wortes ^seyn^.
^Seyn^ drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus, und der Mensch
muss sehr ausgebildet seyn, um sich zu der reinen Vorstellung desselben
erheben zu können. Da wir indess die Worte: ^seyn^, ich ^bin^, du ^bist^
u. s. w. auch in den Sprachen uncultivirter Völker antreffen, so kann es
wohl jene hohe, nur der schärfsten Abstraction zugängliche Idee nicht
seyn, was ursprünglich durch diese Zeichen ausgedrückt wurde. Sie
bezeichnen in jenen früheren Perioden einer Sprache -- was sie auch uns
in den meisten Fällen, wo wir uns ihrer bedienen, bedeuten -- das
^Dauernde^ im Gegensatz des ^Wandelbaren^, oder den ^sinnlichen Begriff
der Substanz^. Es versteht sich, dass ich dieses Wort hier in dem Sinne
nehme, in welchem man es vor der Wissenschaftslehre genommen hat, und
nehmen musste. Ich erkläre den Begriff der ^Substanz^ transscendental
nicht durch das ^Dauernde^, sondern durch ^synthetische Vereinigung
aller Accidenzen^. Die Dauer ist nur ein sinnliches Merkmal der
Substanz, welches man aus dem Zeitbegriff hineinträgt. Offenbar ist
nicht das Dauernde, sondern nur das Wandelbare Gegenstand unserer
Wahrnehmungen. Denn da jede äussere Vorstellung nur durch ein
Afficirtwerden entsteht, welches nur dadurch möglich ist, dass ein
Eindruck auf unser Gefühl geschieht, folglich eine Veränderung in uns
veranlasst wird: so ist klar, dass jeder Gegenstand, dessen wir uns
bewusst werden sollen, sich uns durch und in einer Veränderung
ankündigen müsse. Etwas Bleibendes ist demnach nicht wahrnehmbar; aber
wir müssen alle Verwandlung auf etwas Bleibendes beziehen -- auf ein
dauerndes Substrat, welches aber nur ein Product der Einbildungskraft
ist. Auf dieses Substrat wird nun das Wort ^seyn^ oder ^ist^ angewendet.
Keine Handlung unseres Geistes wäre ohne ein solches Substrat, und ohne
eine Bezeichnung für dasselbe keine Sprache möglich. Daher kömmt das
Wort ^seyn^ in einer Sprache vor, sobald sie nur anfängt, sich zu
entwickeln. Aber es kömmt unter keiner anderen Bedeutung vor, als dass
es das ^Dauernde^, welches allem Wechsel zum Grunde liegt, anzeigt.

Eine andere noch schwierigere Untersuchung, welche wir anzustellen
haben, betrifft die Erfindung von Zeichen für ^geistige Begriffe^. Zuvor
muss der Begriff dagewesen seyn, ehe man eine Bezeichnung für ihn suchen
konnte. Wir wollen also zuerst versuchen, den Weg, auf welchem jene
Ideen sich entwickelten, ausfindig zu machen.

So lange der Mensch, durch Nothdurft getrieben, nur um Befriedigung
sinnlicher Bedürfnisse bekümmert ist, wird er zum Nachdenken, und
insbesondere zur Entwickelung geistiger Begriffe keine Zeit haben.
Sobald aber die Sinnlichkeit bis zu einem gewissen Grade ausgebildet
ist, und der Mensch sich eine Geschicklichkeit erworben hat, sich seine
Bedürfnisse leicht zu verschaffen, wird er auch durch den der Seele
einwohnenden Trieb des Fortschreitens angeleitet werden, geistigen Ideen
nachzuforschen. Er wird gewohnt, eine sinnliche Erscheinung sich aus
einer anderen, und diese wieder aus einer dritten zu erklären. Wenn ihm
nun bei diesem Erklärungsgeschäft eine und dieselbe Erscheinung sehr oft
vorkommt, so wird er diese, als die letzte Ursache aller übrigen,
annehmen. Hier wird seine Forschung vielleicht eine Zeitlang befriedigt
stillestehen; aber bald wird er auch von der Erscheinung, welche ihm bis
jetzt letzte Ursache war, wieder den Grund aufsuchen, und so zuletzt aus
dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen übergehen müssen. -- So ist nach und
nach das Urtheil entstanden: es ^ist^ eine Welt, mithin ^auch^ ein
Gott.[35]

[Fußnote 35: Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie
angefochten worden, als eine Täuschung. -- Aus dem Gesichtspuncte des
philosophischen Räsonnements können wir nicht sagen: es ^ist^ eine Welt.
Das, was ausser mir ist, kann ich bloss fühlen, und in dieser Rücksicht
nur ^glauben^. Dass Dinge ausser mir sind, ist also blosser
Glaubensartikel; und wie will man aus etwas, das bloss geglaubt werden
kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? --
Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der -- anstatt, wie
er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der
Grenzen des Gefühls geglaubt wird, von dem was über diese Grenzen
hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden
-- etwas bloss zu ^Glaubendes^ für etwas ^Erkennbares^ annimmt, und auf
dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis gründen will, der ^seinem
Gehalte nach^ für den Verstand gültig seyn soll. Dass Dinge ausser uns
sind, ^erkennen^ wir nicht; das Daseyn dieser Dinge wird uns nur ^durchs
Gefühl^ und im Gefühl gegeben, und ist also bloss Gegenstand des
^Glaubens^. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem
solchen ^Glauben^ die Existenz irgend eines Uebersinnlichen ^erweisen^,
aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluss machen zu
wollen, der für den Verstand, und nicht bloss für das Gefühl
überzeugende Kraft hätte. Ein solcher Schluss würde die Forderung
enthalten: entweder, dass der ^Verstand^, der, inwiefern er Verstand
ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes überzeugt werden kann,
^glauben^; oder, dass das ^Gefühl^, welches, als Gefühl, uns nur etwas
zum glauben geben kann, ^erkennen^ soll. -- Also aus dem bloss gefühlten
Daseyn der Dinge ausser uns können wir nicht erweisen, dass ein Gott
^sey^.

Aber aus einem Gefühle lässt sich leicht ein anderes entwickeln: wir
können von einem Gefühle auf die Annehmbarkeit eines anderen, mithin von
dem Glauben an die Dinge ausser uns, auf die Glaubwürdigkeit des Daseyns
eines höchsten übersinnlichen Wesens schliessen. Diesen Schluss macht
der ^gemeine Menschenverstand^; und, da es ihm nicht obliegt, Gefühl und
Erkenntniss streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie
unterschieden zu haben: so wäre es ein blosser Misverstand, wenn man
gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, »dass ein Gott ^sey^,« jenen
Einwurf der Kritik geltend machen wollte.]

Hat sich aber der gemeine Verstand einmal zu der Idee einer
übersinnlichen Ursache der Welt erhoben, so entdeckt er von diesem hohen
Gesichtspuncte aus bald auch die übrigen geistigen Ideen: der ^Seele^,
^Unsterblichkeit^, u. s. w.

So wie sich nun bei einem Menschen diese Ideen mehr und mehr aufklärten,
regte sich auch in ihm der Trieb, andere mit dem, was er erforscht
hatte, bekannt zu machen; denn nie ist der Trieb, sich mitzutheilen,
lebhafter, als bei neuen und erhabenen Gedanken. Es mussten also auch
Zeichen für jene Vorstellungen aufgefunden werden. Diese Zeichen finden
sich bei übersinnlichen Ideen aus einem in der Seele des Menschen
liegenden Grunde sehr leicht. Es giebt nemlich in uns eine Vereinigung
sinnlicher und geistiger Vorstellungen durch die Schemata, welche von
der Einbildungskraft hervorgebracht werden. Von diesen Schematen wurden
Bezeichnungen für geistige Begriffe entlehnt. Nemlich das Zeichen, das
der sinnliche Gegenstand, von welchem das Schema hergenommen wurde, in
der Sprache schon hatte, wurde auf den übersinnlichen Begriff selbst
übergetragen. Diesem Zeichen lag nun freilich eine Täuschung zum Grunde,
aber durch dieselbe Täuschung wurde es auch verstanden, weil bei dem
anderen, welchem der geistige Begriff mitgetheilt wurde, an dem gleichen
Schema auch der gleiche Gedanke hing. -- So muss, um ein recht
auffallendes Beispiel zu geben, die Seele, das Ich, als unkörperlich
gedacht werden, insofern es der Körperwelt entgegengesetzt ist. Wenn es
aber vorgestellt werden soll, so muss es ausser uns gesetzt, folglich
unter die Gesetze, nach welchen Gegenstände ausser uns vorgestellt
werden, unter die Formen der Sinnlichkeit gebracht, und mithin im Raume
vorgestellt werden. Hier ist ein offenbarer Widerstreit des Ich mit sich
selbst: die Vernunft will, dass das Ich als unkörperlich vorgestellt
werde, und die Einbildungskraft will, dass es nur als den Raum
erfüllend, als körperlich erscheine. Diesen Widerspruch sucht der
menschliche Geist dadurch zu heben, dass er etwas, als Substrat des Ich,
annimmt, das er allem, was er als grobkörperlich kennt, entgegensetzt.
Also wird der Mensch, wenn er noch gewohnt ist, Materialien zu seinen
Vorstellungen vorzüglich durch den Sinn des Gesichts zu erhalten, zu
einer Vorstellung des Ich einen solchen Stoff wählen, der nicht in die
Augen fällt, den er aber sonst wohl spürt, z. B. die ^Luft^, und wird
die Seele ^Spiritus^ nennen.

Diese Art der Bezeichnung verfeinert sich nach Maassgabe der
Verfeinerung der Begriffe. Eine Philosophie, die alles aus Wasser
entstehen lässt, und folglich Wasser für das erste und feinste Element
hält, würde die Seele durch ^Wasser^ bezeichnen. Bei zunehmender
Verfeinerung der Begriffe wird sie durch Luft, ^anima^, ^spiritus^,
ausgedrückt; und bei noch höherer Cultur, wenn man schon von Aether
hört, wird man sie durch ^Aether^ bezeichnen. -- Auf diese Art werden
für geistige Begriffe Bezeichnungen gefunden.

Die Uebertragung sinnlicher Zeichen auf übersinnliche Begriffe ist
indess Ursache einer Täuschung. Der Mensch wird nemlich durch diese
Bezeichnungsart leicht veranlasst, den geistigen Begriff, welcher auf
eine solche Weise ausgedrückt worden ist, mit dem sinnlichen
Gegenstande, von welchem das Zeichen entlehnt wird, zu verwechseln. Der
Geist wurde z. B. durch ein Wort bezeichnet, welches den ^Schatten^
ausdrückt: sogleich denkt sich der ungebildete Mensch den Geist als
etwas, das aus Schatten bestehe. Daher der Glaube an Gespenster, und
vielleicht die ganze Mythologie von ^Schatten im Orcus^.

Die Täuschung war aber unvermeidlich; man konnte jene Begriffe nicht
anders bezeichnen. Wer demnach seine Denkkraft noch nicht genug geübt
hatte, um dem gebildeten Geiste des Forschers, der zuerst jene geistigen
Ideen in sich entwickelte, in seinen schärferen Abstractionen folgen zu
können, der konnte auch unmöglich den Sinn fassen, in welchem jener die
bildlichen Ausdrücke verstand. Ein solcher glaubte also, es wäre bloss
von den sinnlichen Gegenständen, von welchen die vorgetragenen Zeichen
entlehnt waren, die Rede, und dachte sich also die geistigen Gegenstände
sehr materiell. -- Daher entsteht auch nicht aller Aberglaube durch
Betrügerei, sondern dadurch, dass geistige Ideen nicht anders, als durch
sinnliche Worte ausgedrückt werden konnten, und dass derjenige, der sich
nicht bis zum Bezeichneten erheben konnte, bei dem ersten rohen Zeichen
stehen blieb.

Bisher beschäftigte sich unsere Untersuchung bloss mit der Frage: wie
kamen die Menschen darauf, einzelne Gegenstände durch in die Sinne
fallende Zeichen auszudrücken? Wir haben also bloss die Entstehung der
^Worte^ untersucht. Aber Worte allein machen noch keine Sprache aus.
Sprache besteht aus der Zusammenfügung mehrerer Worte zur Bezeichnung
eines bestimmten Sinnes. Auch erhalten die einzelnen Worte erst durch
diese Zusammenfügung, durch den Ort, welchen sie in der Verbindung mit
mehreren anderen einnehmen, völlige Verständlichkeit und Brauchbarkeit
zur Bezeichnung unserer Gedanken. Wenn ich zu jemand sage: ^Rose^ -- so
wird bei ihm nichts, als die blosse Vorstellung der Rose hervorgebracht
werden. Wenn ich ihm aber sage: ^bringe mir die Rose^; so weiss er
bestimmt, was ich gedacht habe, und was ich will, dass er thun soll. --
Zu einer vollständigen Erklärung des Ursprungs der Sprache ist daher
auch erforderlich, die Entstehung jener Zusammenfügung mehrerer Worte,
d. h. der ^Grammatik^ zu zeigen.

So irrig es ist, zu glauben, dass die willkürlichen Bezeichnungen der
Gegenstände durch eine besondere Uebereinkunft der miteinander
vereinigten Menschen gebildet worden seyen, so irrig ist es auch,
anzunehmen, dass Grammatik durch Verabredung entstanden sey. Eine
Verabredung zu einem solchen Zweck setzt einen Grad von Geistesbildung,
und insbesondere von Philosophie der Sprache voraus, der bei den
Menschen auf der Stufe der Cultur, auf der wir sie hier uns denken
müssen, gar nicht stattfinden konnte. -- Vielmehr muss die Ableitung der
Grammatik ebenfalls von einem, in dem Wesen des Menschen liegenden
Grunde, von der natürlichen Anlage zum Sprechen ausgehen, und zeigen,
wie diese Anlage durch das Bedürfniss geweckt, und nach und nach auf die
Erfindung der verschiedenen Arten der Wortfügung geleitet wurde.

Die ersten Wörter waren gewiss ganze Sätze: sie fassten, vielleicht in
einer einzigen Sylbe, welche wiederholt werden konnte, ein Substantiv
und ein Zeitwort in sich. Z. B. die Nachahmung des Löwengebrülls deutete
der Horde an, es komme ein Löwe. -- Man hat behauptet: die ersten Worte
seyen ^Zeichen des Vergangenen^ gewesen. Dies lässt sich aber nicht wohl
annehmen: denn, wenn diese Worte das Geschehene hätten bezeichnen
sollen, so müssten vergangene und gegenwärtige Zeit schon genau von
einander abgesondert gewesen seyn, und zum Behuf dieser Unterscheidung
beide ein bestimmtes Zeichen gehabt haben. Die ersten Worte waren
vielmehr so unbestimmt als möglich; sie bezeichneten keine bestimmte
Zeit, sondern waren bloss ^aoristisch^: es wurde das Vergangene und
Gegenwärtige zugleich ausgedrückt. Z. B. ein Löwe will eine Horde
anfallen. Dies kündigt der, welcher es sieht, durch ein Geschrei an, und
drückt dadurch die ^vergangene^, ^gegenwärtige^ und ^zukünftige^ Zeit
zugleich aus; denn er zeigt dadurch an, dass er den Löwen gesehen habe,
dass er sie darauf aufmerksam machen, und ihnen die Folgen von dessen
Annäherung anzeigen wolle, damit sie sich zu gemeinschaftlicher
Vertheidigung rüsten können.

Also die ersten Worte fassten in sich ein Substantiv und ein Zeitwort:
das Tempus war der Aorist, die Person ganz gewiss die dritte; denn die
Ursprache fängt an mit dem Erzählen, und der Ton der Erzählung redet in
der dritten Person. -- Die ersten Zeitwörter waren weder Activa, noch
Passiva, sondern Neutra. Denn das Neutrum bezeichnet einen Zustand, der
durch sich selbst bestimmt ist, der folglich auch, seiner Einfachheit
wegen, am frühesten zum Bewusstseyn und zur Bezeichnung kommen musste.

Für alles das, was wir hier über die ursprüngliche Gestalt der
Zeitwörter sagen, können die Wurzelwörter der orientalischen Sprachen
zur Bestätigung dienen; diese sind Neutra, haben aoristische
Zeitbedeutung, und gehen von der dritten Person aus.

Jedes Ding wurde in der Ursprache durch seine höchste Eigenthümlichkeit
ausgedrückt. Diese höchste Eigenthümlichkeit eines Gegenstandes bestand
wohl in demjenigen, wodurch sich dieser Gegenstand dem Bewusstseyn der
rohen Naturmenschen am lebhaftesten ankündigte. Dieses Auffallende an
einem Dinge konnte nun schon an sich ein Ton seyn, und dann ahmte man
denselben nach, um den Gegenstand, dem er angehörte, zu bezeichnen. Wenn
es sich aber ursprünglich einem anderen Sinne, als dem Gehör entdeckte,
so suchte man auf die oben beschriebene Art einen Ton, welcher mit jener
ausgezeichneten Eigenschaft in Beziehung stand, um auf diese Art
wenigstens mittelbar den Gegenstand durch seine Eigenthümlichkeit zu
bezeichnen. Nun sollten aber noch andere Eigenschaften, die einem
Gegenstande zukommen, auf Veranlassung der Umstände, auch ausgedrückt,
als demselben zugehörig dargestellt werden. So wurde der ^Löwe^ durch
Nachahmung seines Gebrülls angedeutet. Jetzt sollte ihm aber noch ein
anderes Prädicat zugeschrieben werden, welches ihm zufällig zukam. In
diesem Falle musste der Ton, welcher den Löwen bezeichnete, verbunden
werden mit einem anderen, durch welchen die zweite Eigenschaft
bezeichnet werden sollte. Z. B. es sollte ausgedrückt werden: ^der Löwe
schläft^: hier musste das Zeichen des Löwen mit dem des Schlafs (etwa
mit dem Tone des Schnarchens) zusammengesetzt werden; und dies hiess
denn: »der Löwe, der sonst brüllet, schläft.« -- Bei dieser
Zusammensetzung konnte aber nicht so lange auf dem Tone des Löwen in der
Aussprache verweilt werden, als sonst geschah, da man, unserer
Voraussetzung zufolge, durch den Ton des Löwen den ganzen Satz: ^der
Löwe kömmt^, ausgedrückt hatte, wo freilich der Ton, welcher hier den
ganzen mitzutheilenden Gedanken bezeichnete, gedehnt und mit Nachdruck
ausgesprochen werden musste. Allein wenn dieses Zeichen mit einem
anderen, auf welchem der Hauptsinn des ganzen vorzutragenden Satzes
liegt, und welches also auch in der Aussprache durch einen längeren und
stärkeren Ton unterschieden werden musste, verbunden werden sollte, so
musste jenes erste Zeichen kürzer und leichter ausgedrückt werden, so
dass es mit dem folgenden gleichsam in Ein Wort zusammenfloss. Auf diese
Art entsteht aus einem Zeitworte ein Particip, das durch öfteren
Gebrauch, vielleicht auch durch Hinzukunft einiger äusserer Zeichen sich
leicht in ein Substantiv verwandeln kann. Es gehört also zum
ursprünglichen Charakter des Substantivs, dass ein solches Wort kürzer
und zusammenfliessend mit dem folgenden Worte vorgetragen wurde.

Daraus erhellt auch -- was man sonst ebenfalls aus einer besonderen
Verabredung erklären zu müssen glaubte -- wie man darauf kommen musste,
die Zeitwörter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere
Endungen, z. B. ^us^, ^os^ u. s. w., die Substantive zu charakterisiren.
Nach unserer Deduction musste ein Wort, welches als Substantiv gebraucht
werden sollte, den Satz eröffnen: und da das Wort, welches den Satz
schloss, durchgängig den stärksten Ton erhielt, weil es denjenigen
Begriff ausdrückte, auf dessen Mittheilung es hauptsächlich abgesehen
war; so musste, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden
Tönen nur Einen stärker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als
das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfliessend
ausgedrückt werden; da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie
gemäss, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch
auszeichnete, dass auf ihm der volle Ton ruhte.

Wir gehen jetzt zu einer anderen Untersuchung fort, bei welcher uns, wie
bei allen folgenden über die verschiedenen Arten der Wortfügung, die
Aufschlüsse leiten werden, welche das soeben gefundene Resultat uns über
die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem
vorher angeführten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen
bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder
mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrückt werden, es soll z. B.
angedeutet werden: der schlafende Löwe ruht aus, so muss hier nach der
von uns aufgestellten Regel der ^Löwe^, als der Hauptbegriff im ganzen
Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nähere Bestimmung des
Löwen, nemlich, dass er ^schläft^: und zuletzt kömmt eine besondere
Bestimmung dieses Schlafs -- das ^Ausruhen^. In dieser Verbindung muss
demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angeführten
Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte,
abgekürzt, und zusammenfliessend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier
den Hauptsinn des ganzen Satzes enthält, auf dem folglich in der
Aussprache am längsten verweilt werden muss, vorgetragen werden.

Man sieht ohne meine Erinnerung ein, dass in dieser Zusammensetzung die
Bezeichnung des ^Schlafs^, welche vorher ein ^Zeitwort^ war, auf
dieselbe Art, wie in dem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des
Löwen, zu einem ^Particip^ geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch
einige äussere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. -- So entstehen
^Participien^, ^Substantive^ und ^Adjective^. Aber man könnte fragen:
warum ist aus manchen Bezeichnungen ein ^Substantiv^, aus anderen ein
^Adjectiv^ entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich
aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben mit einem
anderen Zeitworte gebildet hat? -- Die Antwort darauf liegt sehr nahe.
Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfügung mochten nemlich Adjectiv
und Substantiv nicht so streng unterschieden seyn, als wir sie jetzt in
unseren Sprachen unterschieden finden: zumal, da die Verschiedenheit
beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf inneren Merkmalen, als auf dem
besonderen Gebrauche beruht, der von der einen und von der anderen
gemacht wird. ^Substantiv^ war der Natur der Sache nach dasjenige Wort,
welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete:
^Adjectiv^ hingegen war jedes Wort, sobald es eine nähere Bestimmung des
Hauptbegriffes auszudrücken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte
dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem
anderen nur ein Prädicat dieses Subjects ausdrückte, bald in
substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. -- Die
eigenthümliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch
wohl erst später hinzugekommen. Für uns sind sie nun, nachdem durch
gewisse äussere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden
fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache
dürfen wir sie uns noch nicht ebenso von einander unterschieden denken.

Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv
und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch
Abkürzung des Stammwortes und durch Verkettung desselben mit einem
anderen stärker und gedehnter auszudrückenden Worte entstehen, so folgt,
dass sowohl das eine, als das andere mit einem Tone enden muss, der sich
leicht dem folgenden Worte anschliessen lässt: da hingegen die
Zeitwörter einen rauhen, harten Ton haben mussten, weil sie den Satz
schliessen, und ihm den Nachdruck geben mussten. In cultivirten Sprachen
werden freilich die Zeitwörter diesen rauhen Ton mehr oder weniger
verlieren, weil sie dann ebenso oft in der Mitte, als am Ende eines
Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begnügt sich nicht mit
Sätzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen
Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. Sowie sich
sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch
die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als
Erläuterungen beifügt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte
Satz zur Periode erweitert, und die ursprüngliche Wortfügung folglich
verändert.

Durch diese Zusammenfügung mehrerer Worte bildete sich auch allmählig
ein eigenthümlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche
ursprünglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen
Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben
angeführten Beispiele der ursprüngliche Ton, der den ^Löwen^
bezeichnete, zugleich auch die ^Ankunft^ des Löwen ausdrückte). In der
Verbindung mit anderen Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken
ausdrücken sollte, musste ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton,
sondern leicht und fliessend ausgesprochen werden, weil ein anderes
Zeichen folgte, auf welches der Nachdruck gelegt werden musste. Durch
einen solchen leichteren und kürzeren Ton konnte sich das Substantiv in
der Folge überhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es
abstammte, unterscheiden, ohne dass im Ganzen die Aehnlichkeit verloren
ging, welche selbst noch in unseren Sprachen zwischen Substantiv und
Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, stattfindet.

Hier noch etwas über die Stellung der Worte, welche zusammengefügt
werden sollen. Wenn ausgedrückt werden soll: der Löwe schläft und ruht
aus; so wird zuerst der ursprüngliche Ton des ^Löwen^, hier in
^substantiver^ Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Stärke des Tons als
Hauptwort, sondern kürzer abgebrochen mit dem folgenden Ton
zusammenfliessend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein ^Adjectiv^, der
Ton des ^Schlafens^ hinzugefügt, und zuletzt kömmt das Zeitwort
^ausruhen^. Der ursprünglichen Wortfügung gemäss, gehört also dem
Substantiv der erste Platz. Wie kömmt es zu dieser Stelle? -- Der
Naturmensch hält sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung,
in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer
kömmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf
folgen die näheren und noch näheren Bestimmungen. Folglich musste auch
in der Natursprache das für uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte
zuerst gesetzt werden, und die näheren Bestimmungen erst nachfolgen. Nun
ist das ^Substantiv^ immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das
hinzukömmt, wird es näher, und durch das Zeitwort endlich nach der
Absicht hinlänglich bestimmt.

Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer
nach dem Substantiv. Aber wir finden, dass diese Ordnung nach Maassgabe
der Cultur der Sprachen sich ändert. Sobald eine Sprache nicht mehr
bloss Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nähert,
wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B.
finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der
lateinischen Sprache stehen die Adjective schon häufig voran. In der
deutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv
gesetzt werden. Im Französischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor
als nach; wenn aber mehrere Adjective mit dem Substantiv verbunden
werden sollen, so lässt man immer jene auf das letztere folgen, z. B.
^un homme vertueux et bienfaisant^; welche Verbindungsart, um des
Nachdrucks willen, der auf jedes der Adjective gelegt werden kann,
allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der deutschen hat. -- Wie kann
es in einer Sprache dahin kommen, dass das Adjectiv, jener Ordnung des
Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? -- In dem Fortschritt der
Cultur einer Sprache müssen die Wörter nicht mehr als einzelne gedacht
werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als
Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als
einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjective bestimmt werden
solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen gedacht als Ein
Begriff, und jene können ihm also auch vorhergehen.

Eine andere Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die
Entstehung des ^Activs^ und ^Passivs^. Die ersten Zeitwörter waren
^Neutra^. Aus dem ursprünglichen Neutrum lässt sich das ^Activ^ leicht
entwickeln. Das ^Neutrum^ bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen
^Zustand^, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man
nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in
Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein ^Activ^ verwandelt. Z.
B. in dem Satze: ^der Löwe frisst^ -- drückt das Wort ^fressen^ einen
durch sich selbst völlig bestimmten Zustand des Löwen aus, und hat also
eine völlig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der ^Löwe frisst das
Schaaf^, so ist dieses Zeitwort ein ^Activ^: denn hier wird die durch
dasselbe dem Löwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.

Aus eben diesem Beispiele erhellt auch, dass das Wort für den
Gegenstand, welcher mit der Handlung des Subjects in Verbindung gesetzt
werden soll, schon als ^Substantiv^ gebraucht seyn, und ein festes
Merkzeichen seiner substantiven Bedeutung haben musste, wenn die
erwähnte Wortfügung, und folglich auch die Verwandlung des Neutrums in
ein Activ zu Stande kommen sollte. Der ^Löwe^, welcher hier Subject des
Satzes ist, wird durch den gewöhnlichen Laut, der eine Nachahmung seines
Brüllens ist, ausgedrückt. Dieser Löwe ^frisst^. Auch dies kann durch
den eigentlichen Ausdruck bezeichnet werden. Aber wie soll ich nun das
^Schaaf^ ausdrücken? Wenn ich dieses auch durch seinen eigentlichen Ton
andeuten will, so kann dieser Ton, welcher zugleich das Zeitwort des
^Blökens^ ausdrückt, für dieses Zeitwort genommen werden, und dann
bedeutete der ganze Satz: ^der fressende Löwe blökt^. Nun haben wir zwar
weiter oben gesehen, dass das Substantiv sich von dem Zeitworte, von
welchem es abgeleitet wurde, durch den leichteren Ton, in welchem es
vorgetragen wurde, unterschied. Allein dieses Merkmal ist hier nicht
anwendbar, da das Substantiv hier nicht den Satz anfängt, sondern
beschliesst, und folglich nach unserer Theorie einen gedehnten und
starken Ton erhalten muss. Diesem möglichen Misverständnisse ist also
nicht eher abzuhelfen, als bis für das Wort, durch welches das Schaaf in
substantiver Bedeutung bezeichnet werden soll, ein bleibendes
Unterscheidungszeichen gefunden worden ist. Dies konnte aber auf die
oben angegebene Art leicht geschehen, indem die Abkürzung, mit welcher
ein solches Wort, wo es ein Substantiv ausdrückte, ausgesprochen wurde,
bald in einen fixen eigenthümlichen Laut verwandelt werden musste; wobei
sehr leicht auch noch ein Mittelton eingeschoben werden konnte, um
dasselbe mit dem darauf folgenden Worte leichter zu verbinden. Solche
Modificationen des ursprünglichen Tons wurden durch wiederholten
Gebrauch so mit dem Worte verwebt, dass sie zuletzt einen Bestandtheil
desselben ausmachten, und zu Merkzeichen der substantiven Bedeutung
eines Wortes dienten. Ehe aber dergleichen Bestimmungen vorhanden waren,
war der ganze Satz nicht auszudrücken, und eher war kein ^Activ^,
sondern alle Zeitwörter blieben, was sie ursprünglich waren -- ^Neutra^.

Um die Entstehung des ^Passivs^ zu erklären, muss ein Bedürfniss
aufgezeigt werden, welches die Menschen zur Erfindung dieser
Sprachbestimmung leitete; denn, dass in der Ursprache irgend etwas ohne
Noth, bloss zur Verschönerung des Vortrags erfunden worden sey, lässt
sich nicht annehmen. Um diese möchte man sich wohl bei den ersten rohen
Versuchen einer Sprache nicht sehr bekümmert haben; da sagte man wohl
eher: ^man schmähet mich^, als -- ich werde geschmähet; der Löwe
zerreisst das Schaaf, als -- das Schaaf wird vom Löwen zerrissen.

Ein solches Bedürfniss des Passivs tritt ein, wenn eine Handlung
vorkömmt, welche, nach unseren Einsichten, einen Urheber hat, den wir
aber auf keine Weise entdecken können. Sie muss ^erstlich^ einen Urheber
haben; denn hat sie keinen, oder können wir keinen annehmen, so drücken
wir uns durch das ^Impersonale^ aus -- wir sagen: ^es donnert, regnet^,
u. s. w. ^Zweitens^ muss der Urheber unbekannt seyn, und gar nicht
errathen werden können; denn, gesetzt der Wolf hätte ein Schaaf geraubt,
so wird der noch ungebildete Naturmensch, auch selbst wenn er nicht
Augenzeuge von dem Vorgange gewesen ist, doch nicht sagen: ^das Schaaf
ist mir geraubt worden^; sondern: ^der Wolf hat das Schaaf weggenommen^;
weil er schon aus Erfahrung weiss, dass dieser Schaafe raubt. Das
Bedürfniss des Passivs trat also erst dann ein, wenn eine Handlung da
war, bei der man ebenso klar sah, dass sie einen Urheber haben musste,
als man sich bewusst war, dass man diesen Urheber nicht errathen könne.
Ursprünglich wurde daher auch wohl das Passiv durch ein Zeichen
ausgedrückt, wodurch der Redende andeutete, dass ein Urheber da sey und
dass er ihn nicht kenne. Man hängte vielleicht den Worten, welche die
That selbst ausdrückten, den Satz an: ^ich weiss nicht, wer es gethan
hat^. Wenn nun diese Worte bei gleicher Gelegenheit mehrmals gebraucht
wurden, so musste es bald dahin kommen, dass sie geschwinder
ausgesprochen wurden, mit dem Zeitworte, welches die Handlung
bezeichnete, enger zusammenflossen, und zuletzt einen Bestandtheil
desselben ausmachten. Ob ein solcher Zusatz ursprünglich dem Zeitworte
vorgesetzt, oder angehängt wurde, lässt sich nicht bestimmen. Im Ganzen
aber folgt so viel, dass ursprünglich das ^Passiv^ wohl durch einen
kleinen Zusatz zum Zeitwort ausgedrückt wurde, welcher eigentlich das
Zeichen der Unbekanntheit des Urhebers war.

Das ^Verbum medium^ bezeichnet eine Handlung, welche auf uns selbst
zurückgeht: es gründet sich auf höhere Abstraction, und kann daher in
einer Ursprache nicht wohl vorkommen.

Die Entstehung des ^Numerus^ lässt sich auf folgende Art erklären. --
Der ^Singular^ fand sich von selbst; er war der ursprüngliche Numerus;
die ersten Wörter wurden alle im Singular gebraucht. Nun sollte aber der
Horde eine Mehrheit angezeigt werden; es wollte z. B. einer sagen: es
kommen mehrere Löwen! wie sollte er das andeuten? Durch das natürliche
Bild einer Heerde: durch Dehnung und Wiederholung des Tons, und dadurch,
dass dieser Ton immer fortschallte. Um wie viel oder wenig man den Ton
dehnen, oder wie oft man ihn wiederholen sollte, um die mehrere Zahl
anzudeuten, war vermuthlich nicht bestimmt. Der ^Pluralis^ wurde demnach
durch Verlängerung des Wortes ausgedrückt.

Der ^Pluralis^ war aber anfangs nur nöthig bei ^Zeitwörtern^,
keinesweges bei Substantiven und Adjectiven; denn es verstand sich von
selbst, dass auch sie, wenn sie von einem Zeitworte im Plural begleitet
wurden, in der mehreren Zahl zu nehmen waren. Der Numerus der
Substantive und Adjective ist daher in der Ursprache nicht zu suchen: er
ist keinesweges eine durch Nothwendigkeit geforderte Sprachbestimmung,
sondern eine Erfindung, welche das Streben nach Bestimmtheit und Eleganz
im künstlichen Vortrage nöthig machte. Aber bei Zeitwörtern war der
Plural unentbehrlich.

Die ^verschiedenen Personen^ der ^Zeitwörter^ wurden ohne Zweifel in
folgender Ordnung gebildet. Diejenige ^Person^, welche zuerst in der
Sprache bezeichnet wurde, war gewiss die ^dritte^; denn urprünglich
wurde in keiner anderen, als in der dritten Person geredet. Man nannte
einen jeden bei seinem eigenthümlichen Namen: N. N. solle das thun! Die
folgende, welche zunächst der dritten ihre besondere Bezeichnung
erhielt, war die ^zweite Person^; weil man bei Verabredungen und
Verträgen bald das Bedürfniss fühlte, dem anderen zu sagen: das sollst
Du thun. Das ^Ich^, als die ^erste Person^, zeugt (besonders wo es an
der Endung des Zeitwortes selbst angehängt ist) von höherer
Vernunftcultur, und wurde also auch zuletzt bezeichnet. Bei Kindern
sehen wir, dass sie immer in der dritten Person von sich sprechen, und
sich, als das Subject, von welchem sie etwas sagen wollen, durch ihren
Namen ausdrücken, weil sie sich bis zum Begriff des Ich, bis zur
Absonderung des selben von allem ausser ihnen noch nicht erhoben haben.
^Ich^ drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus.

Wie eine ^dritte^, ^zweite^, und ^erste Person^ im ^Plural^ gebildet
werden konnte, ergiebt sich leicht, wenn der Plural schon vorhanden war.

Die ^Tempora der Zeitwörter^ wurden wahrscheinlich auf folgende Art
erfunden. Die ersten Zeitwörter wurden bloss ^aoristisch^ gebraucht: aus
dem ^Aorist^ konnte leicht das ^Präsens^ gebildet werden, oder vielmehr
-- man musste den Aorist bald selbst als Präsens verstehen, weil die
Bestimmungen bei rohen Nationen sich fast immer auf die gegenwärtige
Zeit beziehen. Mehr Mühe mochte wohl die Erfindung der Bezeichnungen für
vergangene und zukünftige Zeiten kosten. Als man zuerst das Bedürfniss
fühlte, ^Vergangenes^ und ^Zukünftiges^ auszudrücken, gab man wohl die
Zeit, in welcher etwas geschehen war, oder geschehen sollte, ganz genau
an; es wurde z. B. nicht gesagt: ^es hat sich zugetragen^, sondern: ^es
trägt sich vor so und so viel Tagen zu^; nicht: ^es wird sich ereignen^,
sondern ^es ereignet sich nach so viel Tagen^. Diese Art sich
auszudrücken, war dem noch ungebildeten Menschen sehr natürlich.
Vollkommene Präcision im Ausdrucke kündigt eine höhere Verstandescultur
an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der
ungebildete Mensch theilt nicht bloss das mit, was der andere von einer
Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiss.
Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge überflüssiger
Bestimmungen, eine Menge Ausdrücke, die, der Verständlichkeit des Ganzen
unbeschadet, weggelassen werden könnten. So auch mit den Bestimmungen
der Zeit. Die Zeit, in welcher etwas vorgegangen war, oder kommen
sollte, wurde, so weit man ^zählen^ konnte, bestimmt hinzugesetzt. Wo
man aber auf einen Zeitraum stiess, welcher eine so genaue Bestimmung
nicht zuliess, da bediente man sich, wie uns noch einige Spuren in alten
Sprachen zeigen, der Worte: ^morgen^, ^gestern^ u. s. w., um die
^verflossene^ oder ^zukünftige^ Zeit unbestimmt auszudrücken.

Aus dieser Bezeichnungsart mussten aber bald mehrere Misverständnisse
entstehen. Wie leicht konnte es Zwist verursachen, wenn der zweideutige
Ausdruck ^morgen^ für den besonderen Fall, in welchem er gebraucht
wurde, nicht gehörig bestimmt war? Z. B. es sagte einer zum andern: ich
gebe dir das morgen. Hier konnte morgen ebensowohl den nächstkünftigen,
als jeden anderen folgenden Tag bedeuten. Der andere legt es von dem
nächstkünftigen Tage aus, und kömmt, um die Sache abzuholen: jener
weigert sich aber, das Versprochene abzuliefern, weil er es nicht auf
morgen, sondern überhaupt auf die Zukunft zugesagt hätte. Durch Fälle
dieser Art konnten leicht Mishelligkeiten entstehen, an welchen sich das
Bedürfniss einer bestimmten Bezeichnung für Vergangenheit und Zukunft
deutlich offenbaren musste. Diesem Bedürfniss konnte vielleicht schon
dadurch abgeholfen werden, dass man solche allgemeine Worte, wie
^morgen^, ^gestern^ u. s. w., wenn sie die ^verflossene^ oder ^kommende^
Zeit ^überhaupt^ ausdrücken sollten, mit dem Zeitwort zusammenfassender,
schneller und kürzer aussprach, und im Gegentheil dieselben Worte, wenn
sie bestimmt den ^zunächst vergangenen^ oder ^zukünftigen^ Tag
bezeichnen sollten, durch einen festen, längeren Ton ausdrückte. So
wurde zum Ausdrucke der vergangenen und zukünftigen Zeit ein Zusatz zum
Zeitworte gefunden, welcher nach und nach inniger mit demselben
zusammenfloss, und das ^Perfectum^ und ^Futurum^ in seiner jetzigen
Gestalt bildete.

Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen ^Casus^? -- Der
^Nominativ^ und ^Accusativ^ sind wohl diejenigen, auf welche man am
frühesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfügung, und
sie liessen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze
bekommen mussten, charakterisiren. Das Subject einer Rede musste, als
der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle in einem Satze
einnehmen. Bei jeder Wortfügung musste also ein Substantiv vorangehen;
darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich
das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen
Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des
Subjects in Verbindung stand, so musste dieses seinen Platz gleich
hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemäss muss
das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam
^nennen^ soll, im ^Nominativ^, das Object aber, welches auf die Handlung
des Subjects bezogen wird, im ^Accusativ^ stehen; folglich der Nominativ
den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschliessen. -- Der
Accusativ musste mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den
längsten und stärksten Ton haben, der Nominativ aber flüchtig
ausgesprochen und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es musste sich
also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im
Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letzteren Falle entweder
eine Verlängerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder
doch eine Verstärkung des Tones stattfand.

Der ^Genitiv^ wurde als nähere Bestimmung des Substantivs angehängt, und
ich glaube wohl, dass der Name, den er führt, den ursprünglichen
Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente
sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man
erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Späterhin wendete man diese
Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaaf des
Marcus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die
er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen näherer
Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen
bezeichnen, der mit mehreren anderen einen gleichen Namen hatte; so
setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Anderen zu verwechseln,
den Namen seines Vaters hinzu, als: Marcus Caji, u. s. w. Da nun, nach
den Grundsätzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt
sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurückstand,
einen desto längeren und stärkeren Accent erhielt: so musste auch der
Genitiv einen längeren oder stärkeren Ton bekommen, als der Nominativ,
hinter welchem er seinen Platz hatte.

Auch der ^Ablativ^ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort näher
zu bestimmen, und drückte vielleicht anfangs das ^von einem Orte Nehmen^
aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaassen gleichartig; beide drücken
die Beziehung mehrerer Nennwörter auf einander aus. Die Entstehung
dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war
unter rohen Völkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht
verständlich auszudrücken. Wie leicht konnte man einem verdrüsslichen
Misverständnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer
kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufügte;
sowie man auch in allen alten Geschichtschreibern zur näheren Bestimmung
des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.

Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstände auf einander
zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es
bedarf also auch noch der ^Präpositionen^. Eine der gewöhnlichsten
solcher Beziehungen ist z. B. die ^Local^beziehung, als: das Haus ^im^
Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprünglich wohl dadurch
ausgedrückt, dass man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast
unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwörtern, welche auf einander
bezogen werden sollten, beifügte. Da dieser Zusatz, den man sich
übrigens als Präfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern
ausgesprochen wurde, so liess sich auch nicht bestimmen, ob er einen
besonderen Ton ausmachte, sondern er floss in der Aussprache mit dem
Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.

Der ^Dativ^ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf
etwas ausser dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich
abzweckt. Z. B. ich gebe das Brot, ich nehme das Brot: hier fehlt
offenbar die Beziehung auf ein Drittes, um dessen willen die Handlung
vorgenommen, dem das Brot gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese
Beziehung hinzu, sage ich z. B. ich gebe oder nehme das Brot dem Hunde,
so habe ich auch den ^Dativ^. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich
die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar
gehört, so muss auch der Accusativ, welcher dieses Verhältniss des
behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach
dem Zeitwort stehen; und der ^Dativ^, welcher den Gegenstand bezeichnet,
um dessenwillen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er
wird also den Satz schliessen, und folglich einen volleren Ton bekommen,
als der Accusativ selbst.

So entstand ^Grammatik^ bloss durch das Bedürfniss der Sprache, und
durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach
machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken musste
sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrückt werden,
und der natürliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache
brachte den Menschen, ohne dass Verabredung erforderlich gewesen wäre,
auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.

Man könnte gegen diese Theorie einwenden, dass es verschiedene Sprachen
gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln
nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemäss, das Wurzelwort immer
ein Zeitwort seyn, und dieses Zeitwort soll ursprünglich in Einem Tone
mehrere Begriffe ausdrücken, soll ursprünglich in der dritten Person
vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in
der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In
den Zeitwörtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern
die erste Person diejenige, aus welcher alle übrigen gebildet sind, ist
nicht der Aorist, sondern das Präsens die Wurzel. Woher also diese
Verschiedenheit, wenn unsere Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an,
dass die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich
aus schon entstandenen gebildet haben; so müssen wir doch zugeben, dass
sie zuletzt aus solchen hervorgehen mussten, welche auf die hier
vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch
nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine
Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so
viel Modificationen in sie hineintragen: so müssen sich doch in ihr noch
Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten
Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und
der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort seyn.

Auf diesen Einwurf lässt sich folgendes antworten. Man sah sich bald
genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei
seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen
bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die
Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, -- man
mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht
vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne
gebrauchen, -- mussten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen,
welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen
Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und
betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser
Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der
ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort,
gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen
derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte
mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald
wurden jene allgemein und verdrängten die letzteren. Denn, sowie die
Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, musste sie nothwendig die
neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem
Gebrauche derselben die älteren bald vergessen.

So wird selbst bei einem Volke, das von allen äusseren Einflüssen frei
bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie
verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und
an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die
leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man
glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache
gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne
sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch
Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser
entsprachen.

Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hülfswörter;
das: ^ich bin, werden u. s. w.^ Diese Bezeichnungen, wo sie sich in
einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man
fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden
Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann.
Aber immer ist es Zeichen einer noch höheren Cultur, wenn einzelne
Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter
auszudrücken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer
Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des
Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.




                                  E.
    Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit.


              (Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)

Vergebens erwartet man durch irgend ein glückliches Ohngefähr die
Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse
begeistert fühlt, mit Verläugnung alles Andern ausser ihr, sie zu
suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der
Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines
Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu
erhalten, zu erhöhen und zu beleben?

Wie jedes Interesse überhaupt, so gründet sich auch das Interesse für
Wahrheit auf einen ursprünglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren
reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand ^will^
irren, und jeder Irrende hält seinen Irrthum für Wahrheit. Könnte man
ihm auf eine für ihn überzeugende Art darthun, dass er irre, so würde er
sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte
Wahrheit ergreifen.

Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in
unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum für
einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefühl des Beifalls für die
erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides völlig unabhängig
von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus
wiederholten Gefühlen der gleichen Art entsteht ein Interesse für
Wahrheit überhaupt. Ein solches Interesse lässt sich daher nicht
^hervorbringen^; es gründet sich der Anlage nach auf das Wesen der
Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die
Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann
dieses Interesse ^erhöhen^.

Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle
Regeln für Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon
voraus; und man kann vernünftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche
deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der
Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht,
ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes
in das Reich des Bewusstseyns überhaupt bewusst werden, ebensowenig
werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralität bewusst.
Irgend woher fällt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange
in heimlichem Dunkel glüht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur
Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzündet.

Jedes praktische Interesse im Menschen erhält und belebt sich selbst;
darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstärkt es, erneuert es,
hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefühl des erweiterten Bedürfnisses
ist der einzige Genuss für das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu
Erhöhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse für
Wahrheit, heisst demnach: ^befriedige deinen Trieb^! woraus für den
gegenwärtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes
Interesse, das dem reinen Interesse für Wahrheit entgegen ist, und suche
jeden Genuss, der das reine Interesse für Wahrheit befördert!

Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdächtigen Empfehlung
des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder
Trieb, der in der vernünftigen Natur des Menschen gegründet ist,
ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf
Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit gründet, verzehrt und
vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede.
Geistiger Genuss, wie z. B. der ästhetische, erhöht sich durch sich
selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die
einzige ist, die zur Erhöhung eines geistigen Interesse gegeben werden
kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein
geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hängt ab von der
Beantwortung einer höheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss
sich bezieht, ins unbedingte zu erhöhen? und diese von der noch höheren:
ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der
ästhetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und
dem höchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Güte, unterzuordnen. Ob
der Trieb nach Wahrheit mit einem höheren Triebe in Streit kommen könne,
wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. -- Irgend einen
Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich
wenigstens hier nicht nöthig zu haben.

Unser Interesse für Wahrheit soll ^rein^ seyn; die Wahrheit, bloss weil
sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens,
Denkens und Forschens seyn.

Die Wahrheit an sich aber ist bloss ^formal^. Uebereinstimmung und
Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch
in unserem Denken Irrthum und Lüge ist. Alles im Menschen, mithin auch
seine Wahrheit, steht unter diesem höchsten Gesetze: sey stets einig mit
dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere ^Handlungen^
überhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen
nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln seyn kann; so heisst
dasselbe, wenn es insbesondere auf unser ^Urtheilen^ angewendet wird:
urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges
Gesetz für dein gesammtes Urtheilen denken könnest. Wie du
vernünftigerweise in allen Fällen kannst urtheilen wollen, so urtheile
in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner
Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. -- Darin
unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider
Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und
der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein
Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch
da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber
in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes,
er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu
wenden; der Sophist ändert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme
Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrückt, bei welchem er gern
ankommen möchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern
zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen möge.

Diesem Interesse für Wahrheit um ihrer blossen ^Form^ willen ist gerade
entgegengesetzt alles Interesse für den ^bestimmten Inhalt^ der Sätze.
Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, ^wie^
etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.

Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall
damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig.
Damals war unsere Behauptung zwar nicht ^allgemeine^ Wahrheit, die sich
auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit ^für uns^, die sich auf
unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart gründete. Wir
irrten, aber wir täuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben
wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle
Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr
genähert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe
materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit für uns war, ist uns
jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler
Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich
aufgeben. Aber dann müssten wir erkennen, dass wir geirrt haben;
vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser
Interesse für Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir
gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange
wir können; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern
um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der
unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.

Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer
Unterdrückungssucht. Man erschüttert sie mit den stärksten Gründen,
gegen die wir nichts aufbringen können. Werden wir uns überzeugen
lassen? Aber wir müssten dann entweder unsere gerechten Ansprüche
aufgeben, oder uns für wohlbedächtige und überlegte Ungerechte
anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns
verwahren werden, so lange wir können, und dass wir in allen
Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflüchten suchen werden, um ihr
auszuweichen.

Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse für Wahrheit ist die
Trägheit des Geistes, die Scheu vor der Mühe des Nachdenkens. Der Mensch
ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts
weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die
Verkettung seiner körperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine
Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine
vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch
seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel
studiren, viel lesen, viel hören, und ist doch nichts weiter. Man lässt
durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit
behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern
abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bädern durch
besondere Künstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese
durch Künstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist
um weniges edler, als der Genuss jener.

Diesem blinden Hange thätig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus
der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben
auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis
das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet
Anstrengung und Verläugnung.

Jedes unthätige Hingeben ist dem Interesse für Wahrheit geradezu
entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit,
sondern lediglich auf die Ergötzung geachtet, die jener Wechsel der
Vorstellungen uns gewährt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit;
denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thätig und mit Freiheit
hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung.
Gesetzt, man käme durch ein glückliches Ohngefähr auf diesem Wege
wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wären, so wären sie es doch
nicht ^für uns^, denn wir hätten von der Wahrheit derselben uns nicht
durch eigenes Nachdenken überzeugt.

Beide Unarten vereinigen sich in denjenigen, welche alle Untersuchung
fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestört
zu werden. Was kann eines vernünftigen Wesens unwürdiger seyn, als eine
solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegründet; und was
fürchten sie dann die Untersuchung? Die Güte ihrer Sache muss ja
nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. -- Aber sie fürchten
vielleicht bloss unsere Trugschlüsse, unsere Ueberredungskünste? Wenn
sie unsere Folgerungen nicht gehört haben, noch hören wollen: woher
mögen sie doch wissen, dass es Trugschlüsse sind? Und setzen sie in
ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der
sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch
das ungleich grössere zutrauen, dass er die einzig mögliche reine
Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? -- Oder ihre
Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen überhaupt nicht
darum zu thun, ob er gegründet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in
ihrer süssen Behaglichkeit gestört werden. Es liegt ihnen gar nicht an
der Wahrheit, sondern bloss an der Vergünstigung, dasjenige für wahr zu
halten, was sie bisher dafür gehalten haben; sey es um der Gewohnheit
willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trägheit und
Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne
alles ihr Zuthun, tugendhaft und glückselig, oder wohl gar ohne Tugend
glückselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun;
andere für sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, träge und
verdorben zu seyn.

Alles Interesse von der angezeigten Art ist unächt, und in Ausrottung
desselben besteht der erste Schritt zu Erhöhung des reinen Interesse für
Wahrheit. Der zweite ist: man überlasse sich jedem Genusse, den das
reine Interesse für Wahrheit gewährt. Die ^Wahrheit an sich selbst^,
wiefern sie bloss in der Harmonie alles unseres Denkens besteht, gewährt
Genuss, und einen reinen, edlen, hohen Genuss.

Das ist eine gemeine Seele, der es gleichgültig ist, ob sie, so
geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im Besitz der
Wahrheit sey. Es ist hierbei nemlich gar nicht um den Inhalt und um die
Folgen eines Satzes zu thun, sondern lediglich um Einheit und
Uebereinstimmung in dem gesammten System des menschlichen Geistes. Aber
der Mensch ^soll^ einig mit sich selbst seyn; er soll ein eigenes, für
sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er
Mensch. Mithin ist das Bewusstseyn der völligen Uebereinstimmung mit uns
selbst in unserem Denken, oder doch des redlichen Strebens nach einer
solchen Uebereinstimmung, unmittelbares Bewusstseyn unserer behaupteten
Menschenwürde, und gewährt einen moralischen Genuss.

Man bezeugt es sich durch jenes Streben, und durch die vermittelst
desselben hervorgebrachte Harmonie, dass man ein selbstständiges, von
allem, was nicht unser Selbst ist, unabhängiges Wesen bilde. Man wird
des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es
habe seyn wollen. Ich hätte mich können forttreiben lassen durch die
Räder der Nothwendigkeit; ich hätte meine Ueberzeugung können bestimmen
lassen durch die Eindrücke, die ich von der Natur überhaupt erhielt,
durch den Hang meiner Leidenschaften und Neigungen, durch die Meinungen,
die mir meine Zeitgenossen beibringen wollten: aber ich habe nicht
gewollt. Ich habe mich losgerissen, ich habe durch eigene Thätigkeit
nach einer durch mich selbst bestimmten Richtung hin untersucht; ich
stehe jetzt auf diesem bestimmten Puncte, und ich bin durch mich selbst,
durch eigenen Entschluss und eigene Kraft darauf gekommen. -- Man wird
des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich werde immer seyn, was ich jetzt
bin, weil ich es immer wollen werde. Der ^Inhalt^ meiner Ueberzeugungen
zwar wird durch fortgesetztes Nachforschen sich ändern, aber um ihn ist
es mir auch nicht zu thun. Die ^Form^ derselben wird sich nie ändern.
Ich werde nie der Sinnlichkeit, noch irgend einem Dinge, das ausser mir
ist, Einfluss auf die Bildung meiner Denkart verstatten; ich werde, so
weit mein Gesichtskreis sich erstreckt, immer einig mit mir selbst seyn,
weil ich es immer wollen werde.

Diese strenge und scharfe Unterscheidung unseres reinen Selbst von
allem, was nicht wir selbst sind, ist der wahre Charakter der
Menschheit; die Stärke und der Umfang dieses Selbstgefühls ist bestimmt
durch den Grad unserer Humanität; dieser unsere ganze Würde und unsere
ganze Glückseligkeit.

Mit dieser sichern Ueberzeugung, stets einig mit sich selbst zu seyn,
geht der entschiedene Freund der Wahrheit auf dem Wege der Untersuchung
ruhig fort; er geht muthig allem entgegen, was ihm auf demselben
aufstossen möchte. Es ist für denjenigen, der mit sich selbst noch nicht
recht eins geworden ist, was er denn eigentlich suche und wolle,
äusserst beängstigend, wenn er auf seinem Wege auf Sätze stösst, die
allen seinen bisherigen Meinungen, und den Meinungen seiner
Zeitgenossen, und der Vorwelt widersprechen; und gewiss ist diese
Aengstlichkeit eine der Hauptursachen, warum die Menschheit auf dem Wege
zur Wahrheit so langsame Fortschritte gemacht hat. Von ihr ist
derjenige, der die Wahrheit um ihrer selbst willen sucht, völlig frei.
Er blickt jeder noch so befremdenden Folgerung kühn in das Gesicht. Ob
sie ein befremdendes oder bekanntes Aussehen habe, ob sie seiner und
aller bisherigen Meinung widerspreche oder nicht, darnach war nicht die
Frage. Die Frage war: ob sie, seinem besten Wissen nach, mit den
Gesetzen des Denkens übereinstimme oder nicht, und das wird er
untersuchen. Wird sich finden, dass sie damit übereinstimme, so wird er
sie als heilige, ehrwürdige Wahrheit aufnehmen; wird sie nicht damit
übereinstimmen, so wird er sie als Irrthum verwerfen, nicht weil sie der
gemeinen Meinung, sondern weil sie seinem besten Wissen nach den
Gesetzen des Denkens widerspricht. Bis dahin ist er völlig gleichgültig
gegen sie; über ihren Inhalt hat er die Frage nicht erhoben; derselbe
ist ihm bekannt; ihre Form hat er noch zu untersuchen.

Mit dieser kalten Ruhe und festen Entschlossenheit blickt er hinein in
das Gewühl der menschlichen Meinungen überhaupt und seiner eigenen
Einfälle und Zweifel. Es wirbelt und stürmt ^um ihn herum^, aber nicht
^in ihm^. Er selbst sieht aus seiner unerreichbaren Burg ruhig dem
Sturme zu. Er wird ihm zu seiner Zeit gebieten, und eine Welle nach der
anderen wird sich legen. -- Er will nur Harmonie mit sich selbst, und er
bringt sie hervor, so weit er bis jetzt gekommen ist. Dort ist noch
Verwirrung in seinen Meinungen; das ist nicht seine Schuld, denn bis
dahin hat er noch nicht kommen können. Er wird auch dahin kommen, und
dann wird jene Unordnung in die schönste Ordnung sich auflösen. -- Was
wäre denn wohl endlich das härteste, was ihm begegnen könnte? Gesetzt,
er fände, entweder weil die Schranken der endlichen Vernunft überhaupt,
welches unmöglich ist, oder weil die Schranken seines Individuums
solches mit sich bringen, als letztes Resultat seines Strebens nach
Wahrheit, dass es überhaupt gar keine Wahrheit und Gewissheit gebe. Er
würde auch diesem Schicksale, dem härtesten, das ihn treffen könnte,
sich unterwerfen; denn er ist zwar unglücklich, aber schuldlos; er ist
seines redlichen Forschens sich bewusst, und das ist statt alles Glücks,
dessen er nun noch theilhaftig werden kann.

Ebenso ruhig -- wenn dieser Umstand der Erwähnung werth ist -- bleibt
der entschiedene Freund der Wahrheit darüber, was ^andere^ zunächst zu
seinen Ueberzeugungen sagen werden, wenn er in der Lage seyn sollte, sie
mittheilen zu müssen; und der Gelehrte ist immer in dieser Lage, da er
nicht bloss für sich selbst, sondern zugleich für andere forscht. Die
Frage ist ja gar nicht, ob wir mit anderen, sondern ob wir mit uns
selbst übereinstimmend denken. Ist das letztere, so können wir des
erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bei
allen denen gewiss seyn, die mit sich selbst in Uebereinstimmung stehen;
denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und
ebendasselbe. Wie ^andere^ denken, wissen wir nicht, und wir können
davon nicht ausgehen. Wie ^wir^ denken sollen, wenn wir vernünftig
denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen
alle vernünftige Wesen denken. Alle Untersuchung muss von innen heraus,
nicht von aussen herein, geschehen. ^Ich^ soll nicht denken, wie
^andere^ denken; sondern wie ^ich^ denken soll, so, soll ich annehmen,
denken auch andere. -- Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit
sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein
vernünftiges Wesen?

Das Gefühl der für formale Wahrheit angewendeten ^Kraft^ gewährt einen
reinen, edlen, dauernden Genuss.

Einen solchen Genuss kann uns überhaupt nur dasjenige gewähren, was
unser eigen ist, und was wir durch würdigen Gebrauch unserer Freiheit
uns selbst erworben haben. Was uns hingegen ohne unser Zuthun von aussen
gegeben worden ist, gewährt keinen reinen Selbstgenuss. Es ist nicht
unser, und es kann uns ebenso wieder genommen werden, wie es uns gegeben
wurde; wir geniessen an demselben nicht uns selbst, nicht unser eigenes
Verdienst und unsern eigenen Werth. So verhält es sich auch insbesondere
mit Geisteskraft. Das, was man guten Kopf, angebornes Talent, glückliche
Naturanlage nennt, ist gar kein Gegenstand eines vernünftigen
Selbstgenusses, denn es ist dabei gar kein eigenes Verdienst. Wenn ich
eine reizbarere, thätigere Organisation erhielt, wenn dieselbe gleich
bei meinem Eintritte ins Leben stärker und zweckmässiger afficirt wurde,
was habe ^ich^ dazu beigetragen? Habe ich jene Organisation entworfen,
unter mehreren sie ausgewählt und mir zugeeignet? Habe ich jene
Eindrücke, die mich bei meinem Eintritte ins Leben empfingen, berechnet
und geleitet?

Meine Kraft ist ^mein^, lediglich inwiefern ich sie durch Freiheit
hervorgebracht habe; ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre
Richtung; und in dieser besteht denn auch die wahre Geisteskraft. Blinde
Kraft ist keine Kraft, vielmehr Ohnmacht. Die Richtung aber gebe ich ihr
durch Freiheit, deren Regel ist, stets übereinstimmend mit sich selbst
zu wirken; vorher war sie eine fremde Kraft, Kraft der willenlosen und
zwecklosen Natur in mir.

Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstärkt und erhöht; und
diese Erhöhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewährt das
erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben;
durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum
selbstständigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei,
nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass
ich fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke
ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich
unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit
der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.

Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermögen gestärkt,
und sie ist selbst moralisch. Beide hängen innig zusammen, und wirken
gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen
Güte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man
alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rücksichten, alles, was ausser
uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewöhnt, vor
der Idee des Gesetzes überhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen;
und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung.
Herrschende Sinnlichkeit schwächt in gleichem Grade das Interesse für
Wahrheit, wie für Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere über
dieselbe erkämpft, wird zugleich für die Tugend ein Sieg erfochten.
Freiheit des Geistes in ^Einer^ Rücksicht entfesselt in allen übrigen.
Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit
verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln überhaupt verachten
lernen. Entschlossenheit im Denken führt nothwendig zur moralischen Güte
und zur moralischen Stärke.

Ich setze kein Wort hinzu, um die Würde dieser Denkart fühlbar zu
machen. Wer ihrer fähig ist, der fühlt sie durch die blosse
Beschreibung; wer sie nicht fühlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben.
--




                                  F.
                              Aphorismen
                über Erziehung aus dem Jahre 1804.[36]


                                  1.

Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum
vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner ^gesammten^ Kraft zu
machen. Der ^gesammten^ Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist
Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung
einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, --
den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat,
würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt
die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie
doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten
Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt
und der Praxis in ihr nähern werde; oder: in allen Ständen kommt es
nicht darauf an, wozu man ^erzogen^ sey und was man ^gelernt^ habe,
sondern was man ^sey^? Wer überhaupt nur wirklich ^ist^, ein
vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer
mit Leichtigkeit sich zu dem ^machen^, was er in seiner Lage seyn soll.
Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider
ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser
Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur
umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt,
getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich
selbst fähig zu machen.

[Fußnote 36: Als Rechenschaftsablegung bei Gelegenheit eines damals
gefassten Planes geschrieben, einige Söhne ihm befreundeter Familien,
zur Erziehung mit dem eigenen, in sein Haus aufzunehmen.

                                          (Anmerk. des Herausgebers.)]


                                  2.

Für Entwickelung der ^Geistes^kraft in diesem allgemeinsten Sinne haben
wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten
klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen
werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es
dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der
modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des
Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden:
wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb
nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in
der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm
aufkommen lässt, -- über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der
angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen
Anschauung der Sache selbst gelangen solle?

Ich halte dafür, dass dies geschehen könne nur durch das Studium ^der^
Sprachen, deren ganze ^Begriffsgestaltung^ von der Modernität völlig
abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum ^eigentlichen
Verstehen^ bringen soll -- was freilich mehr ist, als was der
gewöhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel
auch erreicht, der sich mit dem ungefähren Dolmetschen des Sinnes
begnügt, -- entschieden nöthiget, über alle Zeichen hinweg zu etwas
Höherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu
erheben: -- ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner
neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen
Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstönende, welche
ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke
und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, -- ein Tauschhandel getrieben
werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt
halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in
der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt,
und die ihre Wahrheit sind, nach der zufälligen Gestaltung des sie
umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zufälligen Anfluge aus
ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem
Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern
desselben.


                                  3.

Es liegt in der Sache, dass die ^Form^ des Unterrichtes und der Uebungen
auf den beschriebenen Zweck berechnet seyn muss; eine Form, mit welcher
ich aus alter Uebung im Unterrichte sehr bekannt zu seyn glaube. Eine
Nebenrücksicht hierbei wird die seyn, den grössten Theil der Zeit und
der Mühe, der in dem hergebrachten Unterrichte auf das Lateinische, eine
sehr nachstehende Tochter des Griechischen, gewidmet wird, der Mutter
selbst zuzuwenden, mit dem Griechischen, so viel dies möglich ist,
anzufangen, dies als Hauptsache zu nehmen und bis zu Stil- und sogar
Sprechübungen zu treiben, indem aus der für den geborenen Deutschen,
wegen der sehr nahen Verwandtschaft des Griechischen mit seiner
Muttersprache ohnedies leicht zu erlangenden Fertigkeit, eine Ansicht
von der Sprache überhaupt und so auch eine Vorbereitung auf das weit
ferner für uns liegende Lateinische erfolgt; welche auf umgekehrtem Wege
nicht so sicher zu erreichen wäre.


                                  4.

Es versteht sich, dass über dieser Erlernung der alten Sprachen und der
Ansichten der alten Welt, der alten Geschichte, Geographie u. s. w., die
Kenntniss der umgebenden Welt nicht vergessen werde. Dies ist nun aber,
weil es das Umgebende betrifft, mehr durch Leben und möglichst zu
vermittelnde Anschauung, als durch todtes Studium und Ueberlieferung,
mehr durch unmittelbare Erfahrung und Conversation darüber, als durch
besondere Lehrstunden zu befördern. Ein lebendiger, durch seine tägliche
Arbeit an Verknüpfung und Ordnung gewöhnter Knabe wird nicht ermangeln,
von dem, was er erblickt, aufzusteigen zu dem, was er nicht erblickt,
und darnach, so wie nach dem Zusammenhange beider zu fragen, und er wird
Befriedigung erhalten, wenn diejenigen, die ihn umgeben, theils selber
die Sache wissen, theils so zu antworten verstehen, dass keine todte,
nur wiederholende Phrase, sondern eine lebendige Anschauung im Zöglinge
entstehe.


                                  5.

Der innere Geist und Charakter dieser intellectuellen Erziehung, ohne
welchen alle äusserlichen Fertigkeiten und Kenntnisse keinen Werth
haben, ist der, dass der Zögling in der That und stets selbst arbeite,
Alles durch eigene Geisteskraft sich erwerbe, keinesweges aber nur
mechanisch etwas anlerne. Die Methode, leicht oder spielend zu lehren
und zu lernen, kann daher in einem vernunftgemässen Erziehungsplane
nicht eintreten, in welchem es gar nicht darauf ankommt, ^was^ da
erlernt sey, sondern was der Zögling geistig vermöge, und wie dies
Vermögen durch den Stoff des Unterrichtes entwickelt worden sey.

Aus diesem Grunde wird das Studium der Mathematik, am geeignetsten nach
Euklides oder in dieser Methode, der zweite Hauptzweig des eigentlichen
Unterrichtes seyn.


                                  6.

Dagegen im unmittelbaren Leben, durch ein von selbst sich darbietendes
oder künstlich herbeigeführtes Bedürfniss angeregt, sind die neueren
Sprachen zu erlernen. Diese Erlernung ist dem Knaben, der schon an den
alten Sprachen Kenntniss der Sprache überhaupt sich erworben, und Ohr
und Zunge an ihnen geübt hat, der ferner Lateinisch versteht, besonders
bei den Töchtern des Lateinischen sehr leicht, wenn dabei nur nicht auf
eine zu nichts dienende Virtuosität im blossen Sprechen ausgegangen
wird.


                                  7.

Jenen auf Anschauung gegründeten Unterricht in den Anfangsgründen der
Geometrie und Arithmetik abgerechnet, ist ein eigentlich systematisches
und speculatives Studium der Wissenschaften, vor den Jahren der
anfangenden Reife, sogar nachtheilig. Früher werde nur reicher Stoff der
Erkenntniss herbeigeführt, die Phantasie gestärkt und frei und
selbstständig gemacht, der Verstand durch Uebung an den gesetzmässigen
Gang ^angewöhnt^, als ob dies gar nicht anders seyn könne. Erst in
dieser Richtigkeit des geistigen Blickes befestigt, möge er Ausflug
nehmen zur Erforschung und zum deutlichen Bewusstseyn seiner Gesetze,
denen er bisher, wie einem dunkeln Instincte, folgte. Mit Einem Worte:
Transscendentalismus jeder Art, selbst in seinen leisesten Andeutungen,
gehört nicht unter die Gegenstände der Erziehung. --


                                  8.

Der Körper ist so gut Ausdruck der ^gesammten^ menschlichen Kraft, als
es der Geist ist. Abgerechnet nun, dass ganz gegen die gewöhnliche
Meinung von der »Ungesundheit« des Fleisses und des ernsten Studiums,
frühe Geistesbildung, wenn sie nur nicht ein Brüten der Memorie über
todten, unverstandenen Phrasen, sondern ein Leben und Weben der
Phantasie seyn soll, schon durch sich selbst auch für den Körper der
wirksamste Lebensbalsam ist: -- dies abgerechnet, bleibt es noch
besonderer Zweck der Erziehung, den Zögling auch seines Körpers Meister
zu machen, also dass er diesen besitze, in keinem Sinne aber von ihm
besessen werde, -- auch nicht durch körperliche Stimmungen und
Aufregungen.

Hierher gehört zuerst Entwicklung und Fixirung der Sinne; des Auges
durch (nicht mechanisches, sondern perspectivisches) Zeichnen; des Ohres
durch Uebung im harmonischen, einstimmigen und vielstimmigen Gesange,
und, sofern Talent vorhanden, auch im Erlernen eines musikalischen
Instrumentes: -- des allgemeinen Sinnes durch Gewöhnung an
ununterbrochene Aufmerksamkeit und absolutes Nichtdulden des
Zerstreutseyns. (Dieser Punct ist wichtiger als er scheint, und ich
getraue mir zu behaupten, dass man das Menschengeschlecht mit Einem
Streiche von allen seinen übrigen Gebrechen geheilt haben würde, wenn
man jeden von dem Zerstreutseyn geheilt, und ihn dahin gebracht hätte,
nur allemal seine ganze unzerstreute Aufmerksamkeit auf das zu richten,
was er jetzt treibt.)

Täglicher Genuss der frischen Luft, harmonische Ausbildung des Körpers
durch gymnastische Uebungen, wie Tanzen, Ringen, Fechten, Reiten,
insgesammt auf den Zweck gerichtet, den Körper unter die Herrschaft des
Geistes zu bringen und ihn zugleich zum starken, ausdauernden Werkzeuge
desselben zu machen, verstehen sich von selber im Ganzen dieses
Erziehungsplanes.


                                  9.

Eine ^positive^ moralische Erziehung, d. h. eine solche, die sich den
Zweck setze und ihn ausdrücklich ausspreche, den Zögling zur Tugend zu
bilden, giebt es nicht; vielmehr würde ein solches Verfahren den inneren
moralischen Sinn ertödten und gemüthlose Heuchler und Gleissner bilden.
In der eigenen schamhaften Stille des Gemüthes, ohne Geschwätz und
Selbstbespiegelung, muss die Sittlichkeit von selbst aufkeimen, und
allmählig höher erwachsen und sich verbreiten, so wie die äusseren
Beziehungen sich theils vermehren, theils dem Kinde klarer werden. So
muss es seyn, und so wird es ohne alles absichtliche Zuthun allenthalben
von selbst erfolgen, ^sofern nur lauter gute Beispiele den Zögling
umgeben und alles Schlechte, Gemeine und Niedrige fern von seinem Auge
gehalten wird.^

Ausser dieser verhütenden Sorgfalt hat der Erzieher nur noch Folgendes
zu thun: wenige, in sich selbst durchaus klare und leicht zu
beobachtende positive Gebote aufzustellen, über deren Befolgung, ohne
irgend eine Ausnahme und unverbrüchlich, gehalten werde. So wäre denn
irgend einmal mit Feierlichkeit das sittliche Gesetz anzukündigen:
schlechthin nicht zu lügen, nicht wissentlich und bedächtig gegen sein
Bewusstseyn zu reden oder zu handeln. Nach aller Erfahrung ergreift
dieses Gesetz mit einer wunderbaren Gewalt den Knaben, erhebt ihn, giebt
ihm eine innerliche Fassung, und wird ihm unaustilgbare Quelle der
inneren Rechtschaffenheit, die die Mutter aller Tugenden ist und Keinen,
der sie besitzt, ohne Rettung fallen lässt.


                                 10.

Innere Religiosität des Gemüthes, das heisst: heilige Ahnung eines über
alle Sinnlichkeit Erhabenen, und Hinneigung zu ihm, findet bei innerer
Rechtschaffenheit des Gemüthes und zweckmässiger Geistesbildung, wie sie
eben beschrieben worden, sich ganz von selbst. Sie planmässig anlehren
zu wollen, würde abermals den inneren Sinn dafür ertödten und den
Heuchler bilden. -- Die Unterweisungen in der positiven Landesreligion
wird, wenn der Zögling in die Jahre kommt, an den Mysterien derselben
theilzunehmen, der Geistliche seiner Confession (welches diese sey, ist
unserer Erziehung völlig gleichgültig) besorgen, und unser
Erziehungsplan wird jeder positiven oder negativen Einmischung und jedes
Einflusses in diese Angelegenheit sich mit strenger Gewissenhaftigkeit
enthalten.


                                 11.

Die äusseren Mittel zur Erreichung des angegebenen Zweckes werden
folgende seyn:

Es wird ein Hauslehrer, oder falls eine grössere Anzahl von Zöglingen
sich fände, deren zwei gehalten. Die ausschliessenden Bedingungen, durch
die man sich bei der Wahl dieser Lehrer leiten lassen wird, werden darin
bestehen: zuvörderst, dass ihnen Pädagogik um ihrer selbst willen
Geistes- und Herzensangelegenheit sey, und sie daher eine solche Stelle
nicht als Mittel für einen fremden Zweck, sondern selbst als nächsten
Zweck suchen; -- sodann, dass, wenn sie auch nicht alles, sogar nur
weniges von dem, was sie lehren sollen, wissen, sie doch die
Geistesfreiheit und Uebung haben, immer mit Leichtigkeit es zu lernen,
so wie sie dessen bedürfen, und ebenso die zweckmässigste Methode, es zu
lehren, besitzen oder diese sich anzueignen vermögen. Diese Männer
werden, abwechselnd mit mir, unter täglich gegenseitiger Rücksprache und
Rechenschaftsablegung, lehren und die Zöglinge unter ^ununterbrochener^
Aufsicht behalten.


                                 12.

Fremde Kinder durchaus und ganz wie unser eigenes anzusehen und zu
behandeln, dazu müsste uns, selbst wenn es keine höheren Antriebe gäbe,
sogar die Klugheit und das Wohlwollen gegen unser eigenes Kind nöthigen,
indem das entgegengesetzte Benehmen gerade für es selbst die
nachtheiligsten Folgen haben würde.




                                  G.
                               Bericht
      über den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen
                        Schicksale derselben.


                     (Geschrieben im Jahre 1806.)


                           Erstes Capitel.
              Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre.

Falls etwa der Erkenntniss der Wahrheit durch den Menschen dieses
Hinderniss im Wege stände, dass im natürlichen und kunstlosen Zustande
diese Erkenntniss sich selber, nach eigenen innern und verborgen
bleibenden Gesetzen gestaltete und bildete; diese ihre eigene Gestalt
der zu erkennenden Wahrheit, ohne unser Vermerken, mittheilte, und so in
der Erkenntniss sich selber in den Weg, und zwischen sich und die reine
Wahrheit in die Mitte träte: so würde es auf diese Weise nie zur
Wahrheit, und falls diese Selbstmodification der Erkenntniss wandelbar,
veränderlich, und in ihrer verschiedenen Gestaltung vom blinden
Ohngefähr abhängig seyn sollte, auch nie zu bleibender Einheit und
Gewissheit in der Erkenntniss kommen. Diesem Mangel und den nothwendigen
Folgen desselben könnte auf keine andere Weise abgeholfen werden, ausser
dadurch, dass jene inneren Selbstmodificationen der Erkenntniss aus
ihren Gesetzen vollständig erschöpft, und die Producte derselben von der
erkannten Wahrheit abgezogen würden; worauf, nach diesem Abzuge, die
reine Wahrheit übrigbleiben würde.

So verhält es sich nun in der That; und dem zufolge würden, bis auf
Kant, alle Denker und Bearbeiter der Wissenschaft ohne Ausnahme durch
den verborgenen Strom jener inneren Verwandlungen der Erkenntniss
herumgezogen, und mit sich selber und andern in Widerstreit versetzt.
Kant war der erste, der diese Quelle aller Irrthümer und Widersprüche
glücklich entdeckte, und den Vorsatz fasste, auf die einzig
wissenschaftliche Weise, durch systematische Erschöpfung jener
Modificationen, und, wie er es nannte, durch Ausmessung des ganzen
Gebiets der Vernunft, sie zu verstopfen. Die Ausführung blieb jedoch
hinter dem Vorsatz zurück, indem die Vernunft oder das Wissen nicht in
seiner absoluten Einheit, sondern schon selbst in verschiedene Zweige
gespalten, als theoretische, als praktische, als urtheilende Vernunft,
der Untersuchung unterworfen; auch die Gesetze dieser einzelnen Zweige
mehr empirisch gesammelt, und durch Induction als Vernunftgesetze
erhärtet wurden, als dass eine wahre Deduction aus der Urquelle sie
erschöpft, und als das, was sie sind, sie dargelegt hätte. Bei diesem
Stande der Sachen ergriff die Wissenschaftslehre die durch jene
Kantische Entdeckung an die Menschheit gestellte Aufgabe; zeigend, was
der Wissenschaftsweg in seiner Einheit sey, sehr sicher wissend und
darauf rechnend, dass aus dieser Einheit heraus die besonderen Zweige
desselben sich von selbst ergeben, und aus ihr würden charakterisirt
werden können.

Wir sind nicht gemeint zu läugnen, dass nicht von einigen jene
Wissenschaftslehre einigermaassen gefasst, und ihr Zweck nothdürftig
historisch ersehen worden sey, indem von mehreren gestanden worden, dass
durch jenes Werk die absolute Nichtigkeit aller Producte des
Grundgesetzes des Wissens, der Reflexion, dargethan sey. Nur machte man
aus dieser Entdeckung über das Resultat jener Philosophie den Schluss,
dass eben um dieses Resultates willen die Wissenschaftslehre nothwendig
falsch sey, indem eine Realität denn doch sey, diese Realität aber, weil
nemlich diejenigen, die also dachten, für ihre Person dieselbe nicht
anders zu erfassen vermochten, nur innerhalb des Gebiets des
Reflexionsgesetzes erfasst werden könne. Durch dieselbe Voraussetzung
machten sie nun die Wissenschaftslehre, dieselbe mit dem in ihrer Gewalt
einig befindlichen Organe fassend, wirklich falsch; indem sie, gar nicht
zweifelnd, dass ein objectives Seyn gesetzt werden müsste, und dass von
diesem allgemeinen Schicksal der Sterblichkeit auch die
Wissenschaftslehre nicht frei seyn werde, meinten, der Fehler dieser
Philosophie bestehe darin, dass sie ein subjectives-objectives Seyn, ein
wirkliches und concret bestehendes Ich, als das Ding an sich,
voraussetze; welchem Fehler sie für ihre Person nun dadurch abzuhelfen
vermeinten, dass sie statt dessen ein objectives-objectives Seyn,
welches sie mit dem Namen des Absoluten beehrten, voraussetzten. Zwar
hat man in Absicht der der Wissenschaftslehre angemutheten Voraussetzung
von Seiten derselben nicht ermangelt, wiederholt und in den
verschiedensten Wendungen zu protestiren; jene aber bleiben dabei, wie
sie denn auch nicht füglich anders können, dass sie besser wissen
müssten, was der Verfasser der Wissenschaftslehre eigentlich wolle, als
dieser selbst. In Absicht ihrer eigenen Verbesserung ist sonnenklar, und
es wird, falls jemals einige Besonnenheit an die Tagesordnung kommen
sollte, jedes Kind begreifen, dass dieses ihr Absolute nicht nur
objectiv ist, welches das erste Product der stehenden Reflexionsform,
sondern zugleich auch, als Absolutes, bestimmt ist durch seinen
Gegensatz eines Nicht-Absoluten, welche ganze Fünffachheit, noch
überdies mit der im Nicht-Absoluten liegenden ganzen Unendlichkeit, in
jener Operation mit dem Absoluten und ihrer Einbildungskraft durch
einander verwachsen liegt, und so ihr Absolutes überhaupt gar kein
möglicher Gedanke, sondern nur eine finstere Ausgeburt ihrer
schwärmenden Phantasie ist, um die Empirie, im Glauben an welche sie
fest eingewurzelt sind, zu erklären.

Gegen Erinnerungen, wie die eben gemachte, meinen sie auf folgende Weise
sich in Sicherheit bringen zu können. Es hat nemlich die
Wissenschaftslehre, freilich nur fürs Erste, und als ein Hausmittel für
diejenigen, denen der Zustand der Besonnenheit noch nicht der natürliche
geworden ist, sondern in welchen er mit dem der Unbesonnenheit wechselt,
vorgeschlagen, dass sie bei dergleichen Producten der stehenden
Reflexionsform sich doch nur besinnen möchten, dass sie das Gedachte ja
denken. Jene, wohl wissend, dass, wenn sie auf diesen Vorschlag
eingehen, ihnen die geliebte Täuschung verschwinde, und das, was sie
gern als das Ansich sähen, als ein blosser Gedanke sich gar klar
manifestire, versichern, dass man an dieser Stelle sie nie zur Reflexion
bringen solle; und berichten, dass gerade durch die consequente
Durchführung jener Maxime die Wissenschaftslehre zu einem leeren
Reflectirsystem werde, und dadurch eben, wie es sich denn auch wirklich
also verhält, die ganze Reflexionsform in absolutes Nichts zerfalle,
indem das eben die jenem Systeme verborgengebliebene Kunst sey, an der
rechten Stelle die Augen zuzumachen und die Hand auf, um die Realität zu
ergreifen. Es entgeht ihnen hierbei gänzlich, dass, völlig unabhängig
von ihrem Reflectiren oder Nichtreflectiren auf ihren Denkact, derselbe
an sich bleibt, wie er ist, und wie er durch die Form der Beschränkung,
in der sie ihn vollziehen, nothwendig ausfällt; und dass es ein
schlechtes Mittel ist gegen die Blindheit, vor der Blindheit selber
wiederum die Augen zu verschliessen. So bleibt in dem angegebenen Falle
ihr Absolutes, von dem sie doch durchaus nicht anders denken können, als
dass es sey, immer ein Objectives, aus dem Schauen Hingeworfenes, und
demselben in ihm selber Entgegengesetztes, durch sich und in seinem
Wesen; ob sie nun den Gegensatz dazu, das Schauen, ausdrücklich
hinsetzen oder nicht: und sie haben, wenn sie nicht mehr denn dieses
Objectiviren vollzogen haben, nur das Seyn überhaupt, keinesweges aber,
wie sie vorgeben, das Absolute gedacht; oder wollen sie doch auch dieses
Letztere gedacht haben, so haben sie, innerhalb des Seyns überhaupt,
noch durch einen zweiten Gegensatz mit einem nicht absoluten Seyn, eine
weitere Bestimmung vollzogen, und ihr Absolutes ist ein besonderes Seyn,
innerhalb des allgemeinen, und ihr Denken ist auf eine bestimmte Weise
analytisch-synthetisch, weil nur durch ein solches Denken der Begriff,
den sie zu haben versichern, zu Stande kommt, sie mögen es nun erkennen
oder nicht.

Dieses Alles ist ihnen nun seit dreizehn Jahren oft wiederholt und in
den mannigfaltigsten Wendungen gesagt worden, und sie haben es auch
recht wohl vernommen. Aber sie wollen es nicht weiter hören, und hoffen,
weil wir einige Jahre geschwiegen, und sie nach aller ihrer Lust ihr
Wesen haben treiben lassen, desselben auf immer erledigt, und in den
ungestörten Besitz der Weisheit, die ihnen gefällt, eingesetzt zu seyn.

Jedoch fehlt gar viel daran, dass dieses ihr Nichtwollen so ganz ein
freies sey. Es gründet sich dasselbe vielmehr mit Nothwendigkeit auf die
Beschaffenheit ihrer geistigen Natur. Sie vermögen nicht zu thun, was
wir ihnen anmuthen, noch zu seyn, wie wir sie haben wollen. Wollen sie
bei diesem Stande der Dinge nicht alles Seyn aufgeben und in die völlige
Vernichtung fallen, so müssen sie sich auf das ihnen einzig mögliche
Seyn stützen, und dasselbe aus aller Kraft aufrecht zu erhalten suchen.

Jenes, oben an einem Beispiele dargestellte analytisch-synthetische
Denken ist eine Function der Phantasie, und mischt mit den aus ihr
erzeugten Schemen die Realität zusammen; wir aber muthen ihnen das reine
und einfache Denken oder die Anschauung an, durch welches allein die
Realität, in ihrer Einheit und Reinheit, an sie gelangen könnte. Sie
sind des Letzteren durchaus unfähig, und sind darum allerdings
genöthigt, falls sie nicht lieber das Denken überhaupt aufgeben wollen,
sich der Herrschaft ihrer dunklen und verworrenen Phantasie zu
überlassen. Wie sie auch mit ihrem Geiste sich hin- und herbewegen
mögen, so werden sie nur auf andere Formen der Phantasie getrieben, aus
dieser überhaupt nie herauskommend. Die Form der Phantasie ist allemal
zerreissend das Eine: sie gehen nie anders, als mit schon zerrissenem
Geiste an die Sache, und es kann darum das Eine nie an sie gelangen,
weil sie selbst niemals das Eine sind.

Darum verliert auch an ihnen alle Belehrung ihren Effect, weil dieselbe,
um an sie zu kommen, erst durch ihr Organ hindurchgehen muss; in diesem
Durchgange aber ihre eigene Form verliert, und die Form ihres Organs
annimmt. Wenn man z. B. mit ihnen vom Ich, als der Grundform alles
Wissens redet, so vermögen sie dieses Ich gar nicht anders an sich zu
bringen, denn als ein objectives, durch ein anderes ihm
entgegengesetztes objectives, bestimmtes Seyn, weil diese letztere Form
eben die Grundform der Einbildungskraft ist; es ist darum nothwendig,
dass sie die Wissenschaftslehre also verstehen, wie das deutsche
Publicum sie verstanden hat; und es ist eben dadurch klar, dass gar
keine Wissenschaftslehre an sie zu kommen vermag, sondern statt
derselben nur ein höchst verkehrtes System, welches sie durch die
entgegengesetzte Verkehrtheit berichtigen wollen.

Das einfache Denken ist das innere Sehen; das Phantasiren dagegen ist
ein blindes Tappen, dessen Grund dem Tapper ewig verborgen bleibt. Die
Wissenschaftslehre war ein Gemälde, auf Licht und Augen berechnet, und
wurde in der Voraussetzung, dass dergleichen vorhanden wären, dem
Publicum vorgelegt. Man tappte einige Jahre herum auf dem Gemälde, und
es fanden sich einige, welche Höflichkeitshalber versicherten, dass sie
die angeblich abgezeichneten Gestalten unter dem Finger fühlten. Andere,
die mehr Muth hatten, bekannten, dass sie nichts fühlten; dadurch
verminderte sich denn auch die Schüchternheit und die falsche Scham der
Ersteren, und sie nahmen ihr Wort zurück. Es fand sich indessen Einer,
der der allgemeinen Noth sich annahm, und aus allerlei altem Abgange
einen Teig zusammenknetete, den er ihnen darbot. Seit der Zeit
befleissigt jeder, der Finger hat, sich des Befühlens, und es ist ein
öffentliches Dankfest darüber angesagt, dass das Absolute betastbar
geworden.

Wo der eigentliche Punct des Streites, den die Wissenschaftslehre gegen
sie führt, wahrhaftig liege, weiss unter allen vorgeblich
philosophirenden deutschen Schriftstellern Keiner; ich sage mit Bedacht
Keiner, und gedenke hierüber dermalen keine Ausnahme zu gestatten. Dass
auch dieses System dafür halte, die Betastung sey der einzige innere
Sinn, und dass es auch ein blosses, nur etwas wunderbares und von dem
ihrigen verschiedenes Betasten sey, darüber regt nirgends sich einiger
Zweifel. Ferner halten sie dafür, der Streit sey über objective
Wahrheiten, und unser System läugne bloss einige Sätze, die sie
behaupten, und wolle dieses durch andere Sätze verdrängen; da doch
dieses System eine Bestreitung ihres gesammten geistigen Seyns und
Lebens in der Wurzel ist, und ihnen vor allen Dingen Klarheit anmuthet,
worauf es sich mit der Wahrheit ohne Weiteres auch geben werde. Nicht
darauf kommt es an, was ihr denket, würde die Wissenschaftslehre ihnen
sagen; denn euer gesammtes Denken ist schon nothwendig Irrthum, und es
ist sehr gleichgültig, ob ihr auf die eine Weise irret, oder auf die
andere; sondern darauf, was ihr innerlich und geistig seyd. Seyd das
Rechte, so werdet ihr auch das Rechte denken; lebet geistig das Eine, so
werdet ihr dasselbe auch anschauen.

Nun aber ist das Erstere nicht ganz leicht, und wir haben keinen Grund,
anzunehmen, dass dermalen mehr Geneigtheit und Fähigkeit dazu sich unter
den Deutschen vorfinden werde, als ihrer seit dreizehn Jahren, oder wenn
wir Kant, von welchem, nur mit etwas grösserem Aufwande des eigenen
Scharfsinnes, dasselbe sich hätte lernen lassen, dazu nehmen, als seit
fünfundzwanzig Jahren sich dargelegt hat. Dennoch wollen wir die
neuerdings vom Publicum bei Seite gesetzte Sache wieder in Anregung
bringen; unbekümmert übrigens darum, ob auch diese Anregung in derselben
leeren Luft, in welcher seit geraumer Zeit alle Anregungen zum Besseren
fruchtlos verhallet sind, gleichfalls ohne Erfolg verhallen werde.

Um vor allen Dingen den Stand der Einstimmigkeit, sowie des Streites der
Wissenschaftslehre mit dem Publicum festzustellen, und dadurch unseren
eigentlichen dermaligen Zweck zu bestimmen:

Das Publicum will -- wir fügen uns vorläufig seiner Sprache, bis wir
tiefer unten dieselbe zerstören werden -- das Publicum will Realität,
dasselbe wollen auch wir; und wir sind sonach hierüber mit ihm einig.

Die Wissenschaftslehre hat den Beweis geführt, dass die, in ihrer
absoluten Einheit erfasst werden könnende, und von ihr also erfasste
Reflexionsform keine Realität habe, sondern lediglich ein leeres Schema
sey, bildend aus sich selber heraus, durch ihre gleichfalls vollständig,
und aus Einem Principe zu erfassenden Zerspaltungen in sich selbst, ein
System von anderen ebenso leeren Schemen und Schatten; und sie ist
gesonnen, auf dieser Behauptung fest und unwandelbar zu bestehen.

Das Publicum, welches sein geistiges Leben über diese Form nicht hinweg
zu versetzen, noch dieselbe von sich abzulösen, und sie frei anzuschauen
vermag, hat, eben ohne es selbst zu wissen, seine Realität nur in dieser
Form; da es nun aber doch Realität haben muss, so ist es geneigt, jenen
von der Wissenschaftslehre geführten Beweis für fehlerhaft zu halten,
weil ihm dadurch seine Realität, die es nicht umhin kann, für die einzig
mögliche zu halten, vernichtet wird.

Wenn wir nun bei diesem Stande der Sachen einen Augenblick annehmen
wollen, dass diesem Publicum geholfen sey, und dass es uns zu verstehen
vermöge; so könnte das Erstere nur dadurch geschehen, dass man mit ihm
gemeinschaftlich und vor seinen Augen die Form, in der es befangen
bleibt, ablöste und ausschiede und neu zeigte, dass zwar seine Realität,
keinesweges aber alle Realität vernichtet sey, sondern dass im
Hintergrunde der Form, und nach ihrer Zerstörung erst die wahrhafte
Realität zum Vorschein komme. Dieses Letztere ist nun diejenige Aufgabe,
welche wir zu seiner Zeit durch eine neue und möglichst freie
Vollziehung der Wissenschaftslehre, in ihren ersten und tiefsten
Grundzügen zu lösen gedenken.

So jemand will, so mag er eine solche Arbeit auch für die Erfüllung des
vor langem gegebenen Versprechens einer neuen Darstellung der
Wissenschaftslehre nehmen; welcher Erfüllung ich mich übrigens, weil mir
immer deutlicher geworden, dass die alte Darstellung der
Wissenschaftslehre gut und vorerst ausreichend sey, schon längst
entbunden hatte, und jetzt sie weiter hinausschiebe. Wie es mir aus den
öffentlichen Aeusserungen dieser Erwartung wahrscheinlich geworden,
hoffte man besonders, dass durch die neue Darstellung das Studium dieser
Wissenschaft bequemer werden sollte; welcher Hoffnung zu entsprechen ich
weder ehemals noch jetzt grosse Fähigkeit oder Geneigtheit in mir
verspüre.

Da ich soeben die ehemalige Darstellung der Wissenschaftslehre für gut
und richtig erklärt habe, so versteht es sich, dass niemals eine andere
Lehre von mir zu erwarten ist, als die ehemals an das Publicum
gebrachte. Das Wesen der ehemals dargelegten Wissenschaftslehre bestand
in der Behauptung, dass die Ichform oder die absolute Reflexionsform der
Grund und die Wurzel alles Wissens sey, und dass lediglich aus ihr
heraus Alles, was jemals im Wissen vorkommen könne, sowie es in
demselben vorkomme, erfolge; und in der analytisch-synthetischen
Erschöpfung dieser Form aus dem Mittelpuncte einer Wechselwirkung der
absoluten Substantialität mit der absoluten Causalität; und diesen
Charakter wird der Leser in allen unseren jetzigen und künftigen
Erklärungen über Wissenschaftslehre unverändert wiederfinden.


                      Zur vorläufigen Erwägung.

Wenn es nun etwa jemand zu der Einsicht gebracht hätte, dass das Seyn --
ich muss, um die Rede anknüpfen zu können, von diesem Begriffe, den ich
demnächst zu zerstören gedenke, ausgehen -- dass das Seyn schlechthin
nur Eins, durchaus nicht Zwei, und ein in sich selber Geschlossenes und
Vollendetes, eine Identität, keinesweges aber eine Mancherleiheit seyn
könnte: so würde von einem solchen billigerweise zu fordern seyn, dass
er nach dieser Einsicht nun auch wirklich verführe, nicht aber zur
Stunde wiederum gegen sie handelte, dass er demnach, falls er etwa noch
überdies ein solches Seyn nicht problematisch an seinen Ort gestellt
seyn lassen, sondern positiv und bejahend dasselbe annehmen wollte,
dasselbe, treu seinem Grundsatze, eben nur ins positive Seyn selber oder
ins Leben setzen, und annehmen müsse, dass es eben nur unmittelbar
lebend, und im unmittelbaren Erleben und durchaus auf keine andere Weise
sich bewahrheiten könne. Wollte er nun etwa dieses Leben wiederum
absolut nennen, wie ihm, wenn er nur dadurch keinen Gegensatz, der ja
gegen die angenommene Einheit des Seyns streiten würde, aufstellen,
sondern nur soviel sagen wollte, dass dies das Eine in sich vollendete
Seyn sey, ausser welchem gar nichts Anderes seyn könne: so würde er
annehmen müssen, dass das Absolute nur in dem einzig möglichen innern
Leben von sich, aus sich, durch sich sey, und durchaus auf keine andere
Weise seyn könne, dass nur im unmittelbaren Leben das Absolute sey, und
ausser dem unmittelbaren Leben gar kein anderes Seyn es gebe, und alles
Seyn nur gelebt, nicht aber auf andere Weise vollzogen werden könne.
Könnte nun ein solcher auch wohl freilich sich nicht abläugnen, dass er
in dieser Operation das Leben doch nur dächte, und objectiv vor sich
hinstellte, so müsste sich derselbe nur recht verstehen, um sogleich
einzusehen, dass er dennoch nicht diesen ^Gedanken^ seines Lebens und
das ^Product^ seines Denkens meine, indem er ja das Leben aus sich und
von sich selbst, nicht aber aus seinen Gedanken heraus gedacht zu haben
vermeint, sonach an diesem Gedanken sein Denken ausdrücklich zerstört,
und durch den Inhalt dieses einzig möglichen wahren Gedankens das
Denken, als etwas für sich bedeuten wollend, völlig vernichtet würde.
Geradezu aber würde gegen die vorausgesetzte Einsicht gehandelt werden,
wenn jemand das Seyn, und da das Seyn durchaus das Absolute ist, das
Absolute, in ein nicht Einfaches, sondern Mannigfaltiges, und in ein
sichtbares Erzeugniss und Product eines Andern ausser ihm setzen wollte.
Dergleichen ist nun eben der Begriff des Seyns, von welchem wir die Rede
anhoben. Er ist nicht von sich, sondern aus dem Denken, und dieses Seyn
ist in sich selbst todt, wie dies auch nicht anders seyn kann, da sein
Schöpfer, das Denken, in sich selbst todt ist, und an dem einzigen
wahren Gedanken, dem des Lebens, sich also bewährt. Auch bewährt dieses
Seyn sich wirklich also todt im Gebrauche, indem es für sich selbst
nicht aus der Stelle rückt, und durch mündliche Wiederholbarkeit doch
ein Etwas aus ihm herauskommt, sondern erst durch einen zweiten Ansatz
des Denkens ihm Leben und Bewegung als ein zufälliges Prädicat ertheilt
wird. Alle diese, dem Seyn hinterher noch beigelegten Prädicate sind nun
nothwendig willkürliche Erdichtungen, indem, falls das Denken auf eine
glaubhafte Weise Bericht vom Leben abstatten sollte, das letztere selber
darin eintreten und unmittelbar von sich zeugen müsste; jenes Denken
eines Seyns aber gleich ursprünglich das Leben von sich ausgeschieden,
und ausser aller unmittelbaren Berührung mit ihm sich gesetzt hat, und
darum nicht berichten, sondern nur erdichten kann; an welchem letzteren
freilich die Möglichkeit noch besonders zu erklären ist.

Würde nun etwa dennoch in einem gewissen Sinne, der noch näher zu
bestimmen seyn würde, angenommen, dass Wir, oder was dasselbe bedeutet,
dass Bewusstseyn sey: so wäre dieses, innerhalb der vorausgesetzten
Grundeinsicht, nur also zu begreifen, dass das Eine absolute Leben eben
das unsrige, und das unsrige das absolute Leben sey, indem es nicht zwei
Leben, sondern nur Ein Leben zu geben vermöge, und dass das Absolute
auch in uns eben nur unmittelbar lebend, und im Leben, und auf keine
andere Weise dazuseyn vermöge, indem es überhaupt auf keine andere Weise
dazuseyn vermag; und wiederum, dass nur in uns das Absolute lebt,
nachdem es überhaupt in uns lebt, es aber nicht zweimal zu leben vermag.
Inwiefern aber nun ferner angenommen wird, dass wir nicht bloss das Eine
Leben, sondern zugleich auch Wir oder Bewusstseyn sind, so würde
insofern das Eine Leben in die Form des Ich eintreten. Sollte sich, wie
wir aus guten Gründen vorläufig vermuthen, diese Ichform klar
durchdringen lassen, so würden wir einsehen, was an uns und unserem
Bewusstseyn lediglich aus jener Form erfolge, und was somit nicht
reines, sondern formirtes Leben sey; und vermöchten wir nun dieses von
unserem gesammten Leben abzuziehen, so würde erhellen, was an uns als
reines und absolutes Leben, was man gewöhnlich das ^Reale^ nennt,
übrigbliebe. Es würde eine Wissenschaftslehre, welche zugleich die
einzig mögliche ^Lebenslehre^ ist, entstehen.

Was insbesondere das erste aufgestellte todte Seyn betrifft, so würde
erhellen, dass dieses durchaus nicht das Absolute, sondern dass es nur
das letzte Product des in uns in der Form des Ich eingetretenen wahrhaft
absoluten Lebens sey; das letzte, sage ich, also dasjenige, in welchem
in dieser Form das Leben abgeschlossen, erloschen und ausgestorben,
somit in ihm schlechthin gar keine Realität übriggeblieben ist. Es würde
einleuchten, dass eine wahrhaft lebendige Philosophie vom Leben
fortgehen müsse zum Seyn, und dass der Weg vom Seyn zum Leben völlig
verkehrt sey und ein in allen seinen Theilen irriges System erzeugen
müsse, und dass diejenigen, welche das Absolute als ein Seyn absetzen,
dasselbe rein aus sich ausgetilgt haben. Auch in der Wissenschaft kann
man das Absolute nicht ^ausser^ sich anschauen, welches ein reines
Hirngespinnst giebt, sondern man muss in eigener Person das Absolute
seyn und leben.

Ich füge nur noch folgende zwei Bemerkungen hinzu. Zuvörderst, dass
durch diesen Satz alle Philosophie ohne Ausnahme, ausser der Kantischen
und der der Wissenschaftslehre, für völlig verkehrt und ungereimt
erklärt werde; und wir sprechen dieses bestimmt aus, indem wir niemals
irgend eine Ausnahme, welchen Namen sie auch haben möge, zu gestatten
gedenken. Sodann, so klar und so handgreiflich einleuchtend die gemachte
Bemerkung auch jedem ist, der sie eben versteht, so möchte es doch Leser
geben, die gar nicht leicht in dieselbe sich fänden. Der Grund ist der:
weil es einiger Anstrengung bedarf, um sich zur Vollziehung der
angemutheten Consequenz zu bringen, und dieselbe in seine freie und
besonnene Gewalt zu bekommen, zuwider dem natürlichen Hange im Menschen,
zum objectivirenden Denken, als dem leichtesten, und jedem ohne alle
Mühe und Besonnenheit sich anwerfenden zurückzukehren. Dennoch kann die
Vollziehung dieser Einsicht nicht erlassen werden, indem ausserdem es
beim blinden Tappen bleibt und kein Sehen erfolgt, und der ganze
Unterricht, aus Mangel eines tauglichen Organs der Aufnahme, seines
Zweckes verfehlt.

Endlich, dass beim Leben angehoben werden müsse, und von diesem erst zum
Seyn fortgegangen werden könne, hat nur vorläufig verständlich gemacht
werden sollen, um den dermalen vorhandenen Grund alles Irrthums bei
Zeiten aus dem Wege zu bringen. Keinesweges aber haben wir uns dadurch
die Möglichkeit abschneiden wollen, falls es nothwendig werden sollte,
sogar über das Leben hinauszugehen, und auch dieses als nichts Einfaches
und Erstes, sondern als Product einer klar nachzuweisenden Synthesis,
nur ja nicht aus dem Seyn, darzustellen. Einer der nächsten Aufsätze
dieser Zeitschrift wird sich mit dieser Aufgabe beschäftigen.


                           Zweites Capitel.
             Auskunft über die bisherigen Schicksale der
                         Wissenschaftslehre.


                                  I.
        Schilderung des bisherigen Zustandes unserer Literatur
                              überhaupt.

Es ist hier keinesweges unsere Absicht, bloss wieder zu sagen, wie sich
das Publicum gegen die Wissenschaftslehre seit der Erscheinung derselben
verhalten, sondern dasselbe aus seinen Gründen zu erklären, worauf dann
derjenige, der das erstere nicht weiss, aus diesen Gründen selbst es ^a
priori^ ableiten, oder auch in den seit jener Zeit erschienenen
Schriften und Urtheilen es aufsuchen mag. Nur gründet ohne Zweifel
dieses alles sich auf den bisherigen und noch dermalen fortdauernden
Zustand der Literatur überhaupt; und es wird daher die begehrte Auskunft
auf die von uns gewählte Weise ohne Zweifel gegeben, wenn der erwähnte
Zustand gründlich geschildert wird.

Welcher Schmerz übrigens und innige Wehmuth uns ergreife, indem wir aus
dem klaren Aether der tiefsten Betrachtung, in welchem wir am liebsten
uns aufhalten, herunterzusteigen haben in den Abgrund der
intellectuellen und moralischen Verkehrtheit in der Wirklichkeit, thut
nicht noth zu beschreiben. Wahrhaftig nicht unsere Neigung führt uns,
sondern eine tiefe Unlust begleitet uns zu diesem Geschäfte, welche zu
überwinden wir dennoch uns entschlossen haben, indem, so sicher wir auch
überzeugt seyn mögen, dass nichts besser werden wird, es dennoch unsere
Schuldigkeit ist, zu handeln, als ob es besser werden könnte, ganz
sicherlich aber es nicht besser werden kann, bevor nicht das Uebel in
seiner ganzen Grösse bekannt worden, und ein beträchtlicher Theil des
Publicums darüber in ein heilsames Erschrecken versetzt worden. Und wenn
es auch wahr seyn sollte, dass der jetzt ausgebildet lebenden Generation
durchaus nicht zu helfen sey, sondern diese, als unverbesserlich,
aufgegeben werden müsse: so bliebe es gleichwohl nothwendig, diejenige,
welche dermalen entsteht und sich bildet, abzuschrecken, dass sie nicht
in die Fusstapfen jener ersten trete, indem, wenn es wirklich besser
werden soll, die Besserung doch irgend einmal in der Zeit anheben muss,
nichts aber verhindert, dass wir wünschen, dass, inwiefern es möglich
ist, diese Zeit eben jetzt sey.

Nur zwei allgemeine Bemerkungen habe ich vorauszuschicken. Die erste ist
die folgende: Ob das, was ich als den Charakter unseres gelehrten
Publicums angeben werde, durchaus und ohne alle Ausnahme, oder ob es nur
von der entschiedenen Majorität gelte, kann vorläufig an seinen Ort
gestellt bleiben; und ich will es denjenigen unter meinen
wissenschaftlichen Lesern, welche mit Wahrheit sich bewusst sind, dass
ihnen niemals, weder in Schriften, noch auf dem Katheder, oder in
mündlichen Unterhaltungen dergleichen Aeusserungen, wie wir anführen
werden, entfallen sind, von Herzen gönnen; indem es mir wenig Vergnügen
macht, mir die Zahl der Schuldigen recht gross zu denken. Gemeint sind
nur diejenigen, welche selber, jedoch vor einer Selbstprüfung, in der
sie sich nicht schmeicheln, sich getroffen fühlen.

Sodann: die gewöhnliche, auch ehemals schon uns gegebene Antwort auf
dergleichen Vorwürfe ist die: man habe übertrieben, oder auch ganz und
gar die Unwahrheit gesagt, und sie seyen nicht also, wie wir sie
dargestellt hätten. Der hierbei ihnen selbst zwar grösstentheils
verborgen bleibende Grund ihrer Täuschung ist der, dass, da sie selber
in allen ihren Aeusserungen immer nur sagen, was gesagt worden, und vor
dem Worte vom Worte niemals zum Worte von der Sache zu kommen vermögen,
sie ebenfalls von uns glauben, wir wollten berichten, wie sie sprechen;
und da mag es denn oft wahr seyn, dass sie also, wie wir sie darstellen,
sich selber nicht aussprechen. Unser Vorsatz aber war und ist, zu sagen,
was sie innerlich und in der That wirklich sind und leben, welches
letztere unter andern auch recht gut an demjenigen dargelegt werden
kann, was sie seyen, dem jenes, ob sie es nun selber wissen oder nicht,
dennoch zur Quelle und Prämisse wirklich und nothwendig dient. Und wenn
es sich auch zuweilen zutrüge, dass sie, zur ausdrücklichen und
wörtlichen Erklärung über dieselben Verhältnisse kommend, das gerade
Gegentheil von dem, was sie nach unserer Behauptung wirklich sind,
sagten: so ist doch dieses letztere nicht der Ausdruck ihres wahren
Seyns, sondern nur ein auswendig Gelerntes, und eine am Markte
erhandelte Maske, mit welcher sie ihre natürliche Haut übel genug
verdecken; jenes aber, als Princip eines wirklichen Dafürhaltens im
Leben, ist ihr wahres innerliches Leben.

Und nun zur Sache! Dass das Organ für die Speculation, durch welche
allein doch alles übrige Wissen begründet, geordnet und klar wird, und
ohne welche alle Beschäftigung mit den Wissenschaften nur ein blindes,
vom Ohngefähr mehr oder weniger begünstigtes Herumtappen bleibt, den
gegenwärtigen Bearbeitern der Wissenschaften gänzlich abgehe, haben wir
schon oben gesagt, und, falls jemand fähig seyn sollte, uns zu
verstehen, durch unsere eigene Speculation es gezeigt. Nun würde ein
Mangel, den unser Zeitalter mit der gesammten Vorwelt gemein hat, nicht
jenem allein zum besonderen Vorwurfe gemacht werden können, wenn nicht
der grosse Unterschied obwaltete, dass diese Vorwelt von wahrer
Speculation niemals etwas vernommen, jenem aber nunmehr seit
fünfundzwanzig Jahren, in einer ununterbrochenen Folge mannigfaltiger
Schriften zweier in ihrem äusseren Vortrag sehr verschiedener Autoren,
die Regeln der wirklichen Speculation, und die Ausübung derselben an
mancherlei Materien, vorgelegt worden sind.

Aber was soll man sodann sagen, wenn in überschwänglicher Klarheit
erhellet, dass unter diesen vorgeblichen Bearbeitern der Wissenschaft
sogar der Begriff von der Wissenschaft selber, ihren blossen formalen
und äusseren Eigenschaften nach, nicht nur fast gänzlich verschwunden,
sondern dass sie auch innerlich vor diesem Begriffe erzittern, und jede
Anregung desselben leidenschaftlich anfeinden, und dass der einzige
Trost ihres Lebens die Hoffnung ist, dass es wohl niemals wirklich zur
Wissenschaft kommen werde, und der einzige Zweck ihrer Bestrebungen, zu
verhindern, dass es dazu komme? Müsste man nicht sodann urtheilen, dass
an die Stelle des unter uns ausgestorbenen gelehrten Publicums die
heftigsten Feinde aller Wissenschaft getreten, welche die Maske der
Gelehrsamkeit nur vorhalten, um unter deren Schutze die Wissenschaft nur
sicherer und sieghafter zu bestreiten?

Die Wissenschaft, so gewiss sie Wissenschaft ist, hat eine absolute und
unveränderliche Evidenz in sich selber, vernichtend schlechthin alle
Möglichkeit des Gegentheils und allen Zweifel; und, da diese Evidenz nur
auf eine einzige unwandelbare und unveränderliche Weise möglich seyn
kann, die Wissenschaft hat ihre feste und unveränderliche äussere Form.
Dies gehört zum Wesen der Wissenschaft, als solcher; nur unter dieser
Bedingung ist sie Wissenschaft; und so ist auch allenthalben, wo es ein
wissenschaftliches Publicum gegeben hat, in demselben allgemein geglaubt
und angenommen worden. Wie aber mögen über diesen Punct unsere
vorgeblichen Gelehrten glauben und annehmen? Ich weiss nicht, wie viele
es unter ihnen geben dürfte, denen nicht von Zeit zu Zeit Aeusserungen,
wie die folgenden, entgangen seyen: es halte jemand sich für allein
weise und allein Philosoph; es wolle jemand die Wissenschaft aus Einem
Stücke haben; man müsse -- als ob es nemlich mehr als Einen Standpunct
für jede Wahrheit geben könne -- bei Widerlegung der Gegner sich auf
ihren Standpunct versetzen; man müsse es in der Untersuchung der
Wahrheit nicht so strenge nehmen, sondern leben und leben lassen; und
wie noch ins Unendliche fort die Wendungen lauten, in denen der
Wissenschaft angemuthet wird, auf ihren absoluten Grundcharakter
Verzicht zu thun: und dieses alles als gar nicht zu bezweifelnde Axiome,
mit einer kindlichen Unbefangenheit, und so durchaus ohne alle Ahnung
der eigenen Abgeschmacktheit, dass sie nicht nur sicher auf die
Beistimmung aller übrigen hoffen, sondern sogar fest überzeugt sind, der
wissenschaftliche Mann selber, den sie etwa des Anspruchs auf
Alleinweisheit bezüchtiget, hätte sich dessen erst nur nicht besonnen;
er werde auf ihre Erinnerung schon in sich gehen und sich schämen. Wenn
nun etwa auch dieselben Schriftsteller, ein andermal von dem Wesen der
Wissenschaft redend, sich ohngefähr ebenso darüber ausdrückten, wie wir
es oben thaten: soll man dies für ihren Ernst halten? Wie könnte man?
Dieses letztere sagen sie nur; das Gegentheil aber glauben sie wirklich,
indem sie ja darnach in wirklicher Beurtheilung vorliegender
Erscheinungen verfahren; wie denn auch einige zu dergleichen
Geständnissen mit rührender Naivität hinzusetzen: das sey zwar wahr ^in
abstracto^, keinesweges aber ^in concreto^; wodurch sie demnach klar
bekennen, dass sie jenen Begriff der Wissenschaft nur für einen leeren
Begriff des scherzhaften und spielenden Denkens halten, mit dem es
hoffentlich niemals werde Ernst werden.

Das innere Wesen der Wissenschaft ist auf sich selbst gegründet, und
macht sich schlechthin durch sich selbst und aus sich selbst, ^so^, wie
es sich macht, absolut vernichtend alle Willkür; und es ist die
allererste Forderung an einen wissenschaftlichen Menschen, vor deren
Erfüllung niemals auch nur ein Funke von Wissen in seine Seele kommen
wird, dass alle Neigung in ihm vor dem heiligen Gesetze der Wahrheit
verstumme, und er für immer entschlossen sey, alles, was ihm als wahr
einleuchten werde, mit ruhiger Ergebung sich gefallen zu lassen. Sollen
wir glauben, entweder, dass sie diese Bedingung vollzogen hätten, oder
auch nur, dass sie es als einen möglichen Fall dächten, es werde jemand
diese Forderung an sie machen? -- solche, welche ernsthaft vor dem
gesammten Publicum uns benachrichtigen, dass unsere Wahrheit ihnen nicht
gefalle, und auseinandersetzen, wie ihnen bei derselben eigentlich zu
Muthe geworden, und beschreiben, wie diejenige Wahrheit aussehen müsse,
die ihnen gefallen solle, und uns ersuchen, sie also zu machen und
gelten zu lassen, und, wenn wir nicht wollen, sich ereifern und klagen,
dass wir ihnen das Herz aus dem Leibe reissen wollten; welches letztere
wir denn auch wirklich gerne thäten, wenn wir es vermöchten, bei eigenem
Unvermögen aber es der göttlichen Gnade überlassen. Oder sollten wir das
von denjenigen glauben, welche, noch unabhängig von dem Inhalte des
Vorgetragenen, sich beklagen, dass man nicht freundlich genug sie
belehre, dass man ihnen einen unsanften Ruck gegeben habe, der beinahe
die ruhige Stimmung ihres Gemüthes gestört hätte; dass wir uns bessern,
und ihnen künftig die Lehre und Arznei in die von ihnen geliebten
Süssigkeiten einkleiden möchten, widrigenfalls sie zu unserer
wohlverdienten Bestrafung nichts mehr von uns lernen würden? Soll man
viele Ausnahmen von dieser Denkart glauben, wenn man sieht, dass eine
neue Lehre fast mit keinen anderen Waffen bekämpft wird, als mit dieser
Abneigung und der Erregung derselben in den Gemüthern der Leser, auf
deren Sympathie und gleichmässigen Unverstand man sicher rechnet;
ingleichen des Affects der Verwunderung über die ungeheure Abweichung
der Lehre von der gemeinen Meinung, als ob jemand zuzugestehen dächte,
dass etwas wahr sey, weil es gemein ist?

Die allererste, dem wissenschaftlichen Menschen anzumuthende Erkenntniss
ist die, dass die Wissenschaft nicht ein leeres Spiel oder Zeitvertreib,
nicht nur ein zum erhöhten Lebensgenusse dienender Luxus, sondern dass
sie ein dem Menschengeschlecht schlechthin Anzumuthendes, und die einzig
mögliche Quelle aller seiner weitern Fortentwickelung sey: dass die
Wahrheit ein Gut, und das höchste, alle anderen Güter in sich
enthaltende Gut, der Irrthum dagegen die Quelle aller Uebel, und dass er
Sünde und die Quelle aller anderen Sünden und Laster sey; und dass
derjenige, der die Wahrheit aufhält und den Irrthum verbreitet, die
allerschaudervollste Sünde am Menschengeschlechte begehe. Kann man diese
Erkenntniss denjenigen zutrauen, welche ihr ganzes Leben hindurch durch
alle ihre Worte und Werke die absoluteste Gleichgültigkeit gegen
Wahrheit und Irrthum zeigen; welche alle die Tage ihres Lebens
fortfahren zu lehren, ohne jemals etwas zu wissen; welche, ohne alle
Ueberzeugung, dass Wahrheit sey, was sie behaupten, dennoch fort
behaupten auf das gute Glück hin, dass sie es gleichwohl auch getroffen
haben könnten, und so, innerlich zu einer concreten Heuchelei und Lüge
geworden, lügend fortleben und von der Lüge essen, trinken und sich
kleiden? Ohne alle Ueberzeugung, sage ich: denn es ist ein himmlisch
klarer Satz, ganz allein durch sich der Menschheit den Besitz der
Wahrheit sichernd, und welcher, obwohl er die Verderbtheit jener
aufdeckt, und darum ein verhasster Gräuel ist in ihren Augen, dennoch
ihnen zu Liebe nicht kann aufgegeben werden; der Satz: dass die Evidenz
eine specifisch verschiedene innere und überzeugende Kraft bei sich
führe, welche niemals auf die Seite des Irrthums treten kann, dass
jederman unter allen Umständen seines Lebens wissen kann, ob das, was er
denke, mit dieser Kraft ihn ergreife oder nicht, dass daher jedweder,
von welchem hinterher sich findet, dass er geirrt habe, dennoch, obwohl
er gar füglich seinen Irrthum nicht eingesehen haben kann als Irrthum,
ihn doch auch sicher nicht als Wahrheit eingesehen hat, und dass er auch
hätte entdecken können, dass er ihn nicht als solche einsehe, wenn er
sich nur hätte besinnen wollen; dass er daher auf keine Weise der
Ueberführung zu entgehen vermag, dass er leichtfertig und ohne
wahrhaften Respect für die Wahrheit dahergefahren sey.

Welches konnte die Quelle dieser strafbaren Gleichgültigkeit seyn?
Allein Trägheit, Leichtsinn, Egoismus, tiefe moralische Auflösung. Das
Leben reisst unaufhörlich uns heraus aus uns selber, und treibt uns
dahin oder dorthin, so wie es will, nach seinem Gutdünken sein Spiel mit
uns führend. Diesem Hange zuwider dennoch sich zusammenzunehmen, und
betrachtend sich zu halten, bis man vollendet, kostet Anstrengung,
Selbstverläugnung, Mühe, und diese thut wehe dem verzärtelten Fleische.
Es will schon etwas sagen, nur zuweilen sich zu besinnen: dass man es
aber in der Wissenschaft, zumal in der höchsten, in der Speculation, zu
etwas Bedeutendem bringe, dazu bedarf es einer bis zur absoluten
Freiheit geübten Kunst der Besinnung, und der erworbenen Unmöglichkeit,
jemals von dem Strome der blinden Einbildungskraft gefasst zu werden;
welches alles wiederum einen ganzen klaren, nüchternen und besonnenen
Lebenslauf erfordert. Wie hätte einen solchen die Kraftlosigkeit unserer
Tage ertragen können?

Oder, selbst wenn sie gekonnt hätten, würden sie es auch nur gewollt
haben, und würden sie jene Besonnenheit, wenn ohne alle ihre Mühe sie
ihnen zu Theil würde, sich zur Ehre anrechnen oder zur Schmach? Ich
sage, zu der letztern; denn es ist schon lange her, dass der Wetteifer
mit jener Nation, von der wir jetzt für unsern guten Willen, ihr zu
gleichen, und für unser Unvermögen dazu grausam bestraft werden, uns den
Anschein deutschen Ernstes, Gründlichkeit und Fleisses verächtlich
gemacht, und uns bewogen hat, alle Beschäftigung mit den Wissenschaften
in ein Spiel zu verwandeln, und uns dem Strome unserer Einfälle, als dem
einzigen, was den Anschein jener so sehr beneideten Leichtigkeit uns
geben könne, zu überlassen. Um sicher zu seyn, dass wir nicht wie
Pedanten aussähen, haben wir uns bestrebt, literarische Gecken zu
werden, ohne dass es uns doch sonderlich gelungen. Ich möchte einmal,
besonders unter unseren jüngeren Gelehrten, die Umfrage halten, um zu
erfahren, wie viele darunter lieber dafür gelten möchten, dass sie die
Wahrheit durch Fleiss und Nachdenken gefunden, als dafür, dass sie ihnen
durch ihre glückliche Natur ohne alle ihre Mühe und Anstrengung von
selber gekommen; und die nicht lediglich durch den Titel eines Genies
sich geehrt, durch die Benennung aber eines fleissigen und besonnenen
Denkers sich als beschränkte und geistlose Köpfe, und als solche, für
welche die Natur doch auch gar nichts gethan, sich geschmähet finden
würden. Und so brachte denn dasselbe Hinfliessen und Hinträumen in aus
sich selbst erwachsenden Einfällen, welches der Bequemlichkeit zusagte,
zugleich auch Ehre; und so liessen wir es uns denn besser gefallen, als
den mühsamen und nicht ehrenden Ernst.

Wenn denn nun jene, wie seit länger denn Einem Menschenalter in
unermesslicher Klarheit sich gezeigt hat, von der Wissenschaft so
durchaus nichts wussten, dass ihnen nicht einmal der Begriff derselben,
oder die allerersten Bedingungen, um zu ihr zu gelangen, bekannt waren;
warum konnten sie dennoch es durchaus nicht unterlassen, sich für
Gelehrte auszugeben und zu schreiben, zu lehren, zu urtheilen, als ob
sie die gründlichsten wären? Da die einzig möglichen Triebfedern, die
Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft, von welchen beiden sie nie
einen Funken erblickt, sie nicht treiben konnten, so konnten die ihrigen
nur die äusseren Triebfedern seyn: die bekannten des Geltenwollens, der
Ruhmsucht und der anderen Emolumente, welche damit verknüpft zu seyn
pflegen. Von diesen werden sie denn auch also getrieben und begeistert,
dass sie die wirkliche Wissenschaft, von welcher sie den Verlust ihres
eigenen Ansehens sich richtig prophezeien, mehr fürchten und hassen, als
irgend etwas anderes, und dass ihnen kein Mittel zu schlecht ist, durch
dessen Anwendung sie hoffen, den Anbruch des Lichts, wenigstens noch so
lange als sie leben, aufzuhalten; im schamlosen Kampfe für eine
tausendfach verwirkte Existenz, der sie selber, wenn sie noch einen
Funken Ehrgefühl hätten, fluchen würden.

Von diesem ihrem dumpfen Eigendünkel werden sie also geblendet und
besessen, dass er sie zu den lächerlichsten und unglaublichsten
Ungereimtheiten verleitet. Indess sie immerfort voraussetzen, dass
keiner ganz recht habe, und dass es nirgends eine sichere und
ausgemachte Wahrheit gebe, vergessen sie dennoch diesen, für alle
anderen ausser ihnen ohne Ausnahme gelten sollenden Grundsatz gänzlich,
sobald es ihre eigenen Personen sind, welche reden, indem sie immerfort
aus dem Principe disputiren, sie hätten ja die, ohne Zweifel zugleich
mit ihrem Munde ihnen angeborne wahre Wahrheit, und darum müsse der
Gegner, der ihnen widerspricht, nothwendig unrecht haben; gar nicht sich
besinnend, dass ja der andere ebenso schliessen könne, und das
Privilegium des blinden Eigendünkels für sich allein und ausschliesslich
begehrend. Ja, es ist sogar erlebt worden, und wird noch immerfort
erlebt, dass jemand einer Lehre durch die Versicherung, er könne sie
eben nicht verstehen, oder sie falle ihm so schwer, dass ihm Hören und
Sehen dabei vergehe, das Zeichen der Verwerfung aufgedrückt zu haben
geglaubt; mit kindischer Naivität bei der ganzen Welt dieselbe hohe
Meinung von ihm, die er selbst hegt, als ihr absolutes Axiom und
Prämisse aller ihrer Urtheile voraussetzend, und im Rausche seines
Eigendünkels gar nicht ahnend, wie ihm geantwortet werden müsse.

Zunächst zwar ist diese Schilderung des literarischen Zustandes unserer
Tage entworfen, um daraus die bisherigen Schicksale der
Wissenschaftslehre zu erklären; die Zeit aber, in welcher ich dieselbe
abfasse, erwirbt mir vielleicht Verzeihung, wenn ich zugleich bemerke,
dass der politische Zustand unserer Tage, in welchem, wenn nicht durch
ein Wunder und auf einem natürlich nicht abzusehenden Wege uns Rettung
kommt, alle seit Jahrtausenden von der Menschheit errungene Cultur und
deren Producte zu Grunde gehen zu müssen scheinen, bis nach neuen
Jahrtausenden dermalen uns unbekannte Wilde und Barbaren denselben Weg
wieder von vorn beginnen, -- dass, sage ich, dieser politische Zustand
lediglich und allein aus dem Zustande unserer Literatur entsprungen ist.
Er ist herbeigeführt durch das allgemeine Unvermögen, irgend einen
Gegenstand fest anzufassen und zu halten, und ihn nach seinem wahren
Wesen zu durchdringen; und das Hülfsmittel dagegen ganz und ernst, und
nicht noch zugleich sein Gegentheil zu wollen, und mit eiserner
Consequenz, verläugnend alle Nebenzwecke, es durchzuführen. Bei wem aber
sollten diejenigen, welche über unser Schicksal entschieden haben,
Beispiele dieser Festigkeit holen, und wem dieselbe ablernen, wenn
diejenigen, in deren Schulen sie zuerst gebildet sind und bei denen sie
noch täglich, sey es auch nur für den Scherz, Unterhaltung suchen, ihnen
keinen anderen Anblick geben, als den der absoluten Zerflossenheit? Wo
eine Literatur ist, da sind es immerfort die Literatoren, welche ihr
Zeitalter bilden. Gehen nun diese über in Fäulniss, so muss neben ihnen
alles Uebrige nothwendig um so mehr verwesen.

Um jedoch zu unserem eigentlichen Zwecke zurückzukehren: wie hätte man
denjenigen, mit denen noch über die ersten Buchstaben alles Unterrichts,
ob es wohl auch überhaupt Wissenschaft geben möge, zu streiten war,
glaublich machen können, dass es wohl eine Wissenschaft der Wissenschaft
selber geben möge; oder diejenigen, die überhaupt gar keiner Besinnung
fähig sind, und dessen sich rühmen, zur allerhöchsten und vollendeten
Besinnung heraufleiten können? Es war nichts Anderes zu erwarten, als
dasjenige, was erfolgt ist, dass sie die Worte und Formeln dieser
angetragenen Wissenschaft, zu dem, was sie allein wollen und begehren,
zu einigen Scherzen für die Belustigung ihrer Leser verarbeitet, und
wenn man dennoch ernsthaft geblieben, voll Eifer und Zornes auf uns
geschmähet haben.

Nur noch zwei Bemerkungen zum Schlusse. Sollten die Getroffenen auch
über diese Schilderung sich erklären, so werden sie ohne Zweifel
wiederum sagen, wie sie immer sagen, man habe die Unwahrheit vorgegeben
und übertrieben. Nicht für sie, sondern für eine bessere Nachwelt, wenn
dergleichen möglich wäre, merke ich an, dass alles auf dem oben
angegebenen Axiome beruhe, dass jeder, von welchem sich hinterher
findet, dass er unrecht habe, gar wohl hätte wissen können, dass er
nicht überzeugt sey; dass er sonach auf keine Weise läugnen könne, er
habe leichtsinnig und unmoralisch gehandelt. Dass sie aber fast in allen
ihren eigenen Behauptungen unrecht haben, würde wenigstens eine bessere
Nachwelt, wenn sie nicht zu gut dafür gesorgt hätten, dass keine solche
entstehen könnte, klar begreifen.

Sodann werden sie, wie sie gleichfalls immer zu sagen pflegen, wiederum
sagen: wir hätten nur unserer Leidenschaft Luft machen wollen, und
werden auch für diesen Erguss nicht ermangeln einen glaublichen Grund zu
finden, nemlich, weil sie uns ihren Beifall und ihr Lob nicht ertheilt
hätten. Nun haben wir ihnen schon zu verschiedenenmalen nicht verhehlt,
dass wir, so lange sie nemlich also sind, wie sie sind, sowohl sie
selber, als auch ihren Beifall von Herzen verachten; aber sie sind fest
überzeugt, dass es ganz und gar unmöglich sey, dass irgend ein Mensch
nicht diejenige achtungsvolle Meinung von ihnen habe, die sie selbst
über sich hegen, dass daher einer also lautenden Versicherung niemals
Glauben zuzustellen, sondern dass dieselbe allemal ein leeres Vorgeben
und eine Maske sey, um dadurch etwas Anderes zu bedecken. Sie würden uns
daher auch jetzt wieder nicht glauben, wenn wir auch jene Versicherung
wiederholen, und ihnen bemerklich machen wollten, dass man, um durch
seinen Beifall zu ehren, erst selber ehrwürdig seyn müsse, und dass wir
ihren Beifall mit Danke sodann annehmen würden, nachdem sie sich erst
den unsrigen erworben, dass wir aber bis dahin es für eine grosse
Schmach und für einen Beweis der eigenen Niederträchtigkeit halten
würden, wenn wir ihnen gefielen.


                                 II.
          Ein Beispiel insbesondere von dem philosophischen
                Beurtheilungsvermögen des Zeitalters.

Es möchte gerathen seyn, diese fast allgemeine Schlaffheit und
Geistlosigkeit des Zeitalters, noch insbesondere in Sachen der
Philosophie, an einem neuerlichen, noch fortdauernden frappanten
Beispiele darzulegen. Des Zeitalters, habe ich gesagt, im Allgemeinen;
denn ich will nicht, dass der Mann, dessen Namen unten genannt werde,
glaube, dass ich ihn für die Person meiner Gegensetzung würdige, oder
dass er mir selber als Repräsentant jener allgemeinen Seichtigkeit gut
genug sey, wodurch ich in der That übertrieben, und gegen die übrigen
ungerecht seyn würde. Nur dass ein im Ganzen dennoch unterrichteteres
Publicum durch ihn sich irre machen lassen konnte, ist es, was ihm die
Ehre erwirbt, hier namentlich aufgeführt zu werden.

Es war nemlich durch die Kantischen und durch unsere Schriften doch
endlich dahingekommen, dass, obwohl die im Dogmatismus Aufgewachsenen
nicht bekehrt wurden, dennoch unter den später Gebildeten mehrere zu der
Ueberzeugung geführt worden waren, und auf derselben fest zu beruhen
schienen, dass die Realität keinesweges in die Dinge, sondern dass sie
in das Denken und seine Gesetze gesetzt werden müsse, obwohl keiner so
recht eigentlich wusste, wie das letztere zu bewerkstelligen seyn möge;
als es einem der verworrensten Köpfe, welche die Verwirrung unserer Tage
hervorgebracht, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, gelingen konnte,
durch das Gespenst eines Subjectivismus der Wissenschaftslehre, welches
lediglich in seinem grossen Unverstande sich erzeugt hatte, selbst diese
durch seine Autorität zu einem Irrthume zurückzubringen, welchen durch
sich selbst zu fassen sie doch zu verständig waren, und dieselben von
Kant und der Wissenschaftslehre zu Spinoza und Plato zurückzuscheuchen,
bloss weil durch die noch tiefere Unwissenheit, wovon eigentlich die
Rede sey, der Mann mit noch grösserem Muthe ausgerüstet wurde. Sie
wussten sich nicht weiter zu rathen, und forderten wiederholt und in
strafedrohenden Edicten den Verfasser der Wissenschaftslehre auf, zu
widerlegen, wenn er könne, wozu es weder Kants, noch der
Wissenschaftslehre bedurfte, sondern wovon schon seit Leibnitz nicht
mehr die Rede seyn konnte. Dass der Mann dadurch seine absolute Unkunde
von dem, was die Speculation sey und wolle, und seine natürliche
Unfähigkeit zum Speculiren, sowie die durch ihn Geirrten die
Unsicherheit ihrer Kunde gezeigt, leuchtet von selber ein und bedarf
nach den obigen Erinnerungen keines weiteren Beweises. Aber inwiefern
etwa die übrige dialektische Kunst, das schriftstellerische Talent, der
sophistische Witz und die Gewandtheit des Mannes den Getäuschten zu
einiger Entschuldigung gereiche, und was überhaupt dieser Mann an Geist
und Kunst vermöge und aufzuwenden habe, möchte eine belehrende
Erörterung abgeben.

Wir wollen in dieser Erörterung, um mit der allerhöchsten Billigkeit zu
verfahren, uns weder an die früheren Schriften des Mannes, noch auch an
dessen sogenanntes Identitätssystem halten; obwohl dieses letztere so
bedeutend geschienen, dass wir von einem der stehenden literarischen
Tribunale namentlich aufgefordert wurden, dieses zu widerlegen oder
anzuerkennen. War denn nun in diesem Systeme, so wie es im zweiten Hefte
des zweiten Bandes der Zeitschrift für speculative Physik dargelegt ist,
über welche Darlegung wir nur im Vorbeigehen einige Worte sagen wollen,
der Irrthum so künstlich und so täuschend verarbeitet, dass man ohne
fremde Hülfe sich nicht füglich rathen konnte?

Diese Darstellung hebt §. 1. an mit der Erklärung: »Ich nenne Vernunft
die absolute Vernunft oder die Vernunft, insofern sie als totale
Indifferenz des Subjectiven und Objectiven gedacht wird.« -- Dass nun
durch diesen Ausgangspunct der Mann gleich von vornherein die Vernunft
von sich selbst ausscheide, und Verzicht darauf thue, selber vernünftig
zu seyn, und sich ein einzigesmal zu besinnen, wie er es denn mache, um
zu allen den Behauptungen, die nachfolgen sollen, zu kommen; -- dieses
zu bemerken konnte dem Publicum, weil dadurch das bekanntermaassen
abgehende Organ der Speculation vorausgesetzt würde, nicht wohl
angemuthet werden. Dass aber die Eine und absolute Vernunft, ausser der
nichts seyn solle, nicht die Indifferenz des Subjectiven und Objectiven
seyn könne, ohne zugleich auch in derselben ungetheilten Wesenheit die
Differenz desselben zu seyn; dass hier sonach ausser der Einen
indifferenzirenden Vernunft noch eine zweite differenzirende im Sinne
behalten würde, welche sodann auch wohl in aller Stille gute Dienste
leisten dürfte; und dass dieser Fehler nicht etwa nur ein kleiner und
unbedeutender Verstoss, sondern von den wichtigsten Folgen seyn möchte,
hätte man gleichwohl, ohne alles Organ für Speculation, durch ein nur
nicht ganz flüchtiges Tappen greifen können. Dass sie nicht bemerkten,
dass durch diese Erklärung die Vernunft nun vollkommen bestimmt und in
sich abgeschlossen, d. i. todt sey, und ihr philosophischer Heros nun
zwar seinen ersten Satz nach Belieben werde wiederholen können, niemals
aber auf eine rechtliche und consequente Weise ein Mittel finden, um aus
ihm heraus zu einem zweiten zu kommen, wollen wir ihnen ebenso
grossmüthig erlassen. Dass sie aber, als er nun wirklich nach seiner
Weise anfängt, den Todten wieder zu erwecken, und in den folgenden §§.
die Prädicate des Nichts und der Allheit, der Einheit und Gleichheit mit
sich selber u. s. w., an diese seine Vernunft hält, und sie
glücklicherweise in dieselbe hineindemonstrirt, sich nicht ein wenig
gewundert, wie denn fürs erste nur er selber ^zu diesen Prädicaten^
gelange, noch ihn darüber befragt; indem ja, wenn durch die erste
Erklärung das Wesen der Vernunft wirklich erschöpft wäre, diese
Prädicate selber erst, durch eine Analyse jener Erklärung, aus der
Vernunft, als in ihr nothwendig begründet, abgeleitet werden mussten,
keinesweges aber, Gott weiss woher geschöpft, durch blinde Willkür davon
gehalten werden dürften; dass die Leser nicht hier das Leben und Regen
jener §. 1. im Sinne behaltenen differenzirenden Vernunft in der Person
ihres Autors selber fühlten; ja dass ihnen nicht einmal die materiale
Willkür desselben in der beliebigen Folge der Prädicate, die er der
Vernunft anzudemonstriren beliebt, auffiel, ist ein wenig schwerer zu
verzeihen.

Was aber soll man erst sodann sagen, wenn man diese Andemonstrirungen
selber ansieht, und die Widersprüche, Erschleichungen und
Ungereimtheiten entdeckt, durch welche eine ungebildete und verworrene
Phantasie den Verfasser blind hinüberreisst, und wenn man sieht, dass im
consequenten Verfahren aus seinem ersten Satze allenthalben das gerade
Gegentheil seiner Behauptung erfolgt, und dennoch erlebt, dass diese
Misgeburt von System anders, als mit allgemeinem und unauslöschlichem
Gelächter empfangen wird?

So lautet z. B. §. 2.: »^Ausser der Vernunft ist nichts, und in ihr ist
Alles.^ Wird die Vernunft so gedacht, wie wir es (§. 1.) gefordert
haben, so wird man auch unmittelbar inne, dass ausser ihr nichts seyn
könne. Denn man setze, es sey etwas ausser ihr, so ist es entweder für
sie selbst ausser ihr« -- So? ^für sie selbst^? Davon, dass ^für^ die
Vernunft etwas seyn könne, haben wir ja in §. 1. kein Wörtlein
vernommen, sondern es schiebt sich hier in aller Stille, und ohne dass
wir wissen, woher sie komme, diese Voraussetzung zum Behufe des Beweises
ein, und der Verfasser selber hat die Vernunft nicht gedacht, wie er §.
1. gefordert hatte, sondern verleitet unmittelbar, indem er es dem Leser
einschärft, ihn zum Gegentheile dieses Gedankens. Aber der Leser wird es
wohl nicht merken, und so kann ihm der Beweis wohl gelingen. Er gelingt
ihm, wie folgt: »es ist entweder für sie selbst ausser ihr; sie ist also
das Subjective, welches wider die Voraussetzung ist; oder es ist nicht
für sie selbst ausser ihr, so verhält sie sich zu jenem Ausserihr, wie
Objectives zu Objectivem, sie ist also objectiv, allein dieses ist
abermals wider die Voraussetzung.« Im Vorbeigehen: die zweite Hälfte des
Beweises ist ohne allen Sinn und Verstand, wie der Leser selber finden
mag, wenn er will, indem wir dabei uns nicht aufhalten wollen.

Der richtige und ohne Erschleichung vollzogene §. 2. zu einem solchen §.
1. über dem Prädicate des Nichts, ist der folgende: ^In der Vernunft und
für die Vernunft ist schlechthin nichts.^ Wird die Vernunft so gedacht,
wie wir es §. 1. gefordert haben, so wird man unmittelbar inne, dass
weder in noch für die Vernunft etwas seyn könne. Denn setze, es solle
etwas in oder für die Vernunft seyn, so könnte dieses nur dadurch
geschehen, dass und insoweit die Vernunft selber es wäre; und zwar
könnte dieses Etwas nur das subjective seyn, oder das objective, oder
beides, indem wir ausser diesem in unserem §. 1. nichts vorfinden. Aber
dass die Vernunft das subjective sey, oder das objective, oder beides,
widerspricht schlechthin der Voraussetzung, dass sie nur sey die
Indifferenz beider.

Freilich wird in diesem Beweise vorausgesetzt, dass ja der Beweisführer
während desselben sich nicht besinne, dass in demselben allerdings die
Vernunft für ihn sey, und gesetzt sey; dass daher die eigene factische
Möglichkeit des Beweises dasselbe voraussetze, wovon die Unmöglichkeit
in ihm erwiesen wird; und zwar wird dieses mit Recht vorausgesetzt,
indem das Gegentheil in einem Systeme, das lediglich durch
Nichtbesinnung möglich ist, gegen die allererste Verabredung streiten
würde.

So lautet der Anfang von §. 3.: »^Die Vernunft ist schlechthin Eine, und
schlechthin sich selbst gleich^, denn wäre nicht jenes, so müsste es von
dem Seyn der Vernunft noch einen anderen Grund geben« -- (Hier schiebt
sich demnach, zum Behuf des zweiten Beweises die zweite Voraussetzung
ein, dass jedes Seyn einen Grund haben müsse? Woher wissen wir denn das?
Woher überhaupt plötzlich die Kategorie des Grundes, noch dazu zum Behuf
des Beweises der (formellen) Einheit der Vernunft? Grund ist eine weit
speciellere Kategorie, erst eintretend in der Sphäre endlicher
Bedingungen und Folgen.) -- der Beweis geht fort -- »noch einen anderen
Grund geben, als sich selbst: denn sie selbst enthält nur den Grund,
dass sie selbst ist, nicht aber, dass eine andere Vernunft sey.« So?
woher wissen wir denn wiederum dieses? Liegt das auch in §. 1. oder in
§. 2.? Doch erlassen wir ihm die Frage nach dem Woher! lassen wir seine
Anwendung des Satzes vom Grunde, und die unbewiesene Behauptung, dass
die Vernunft nur der Grund ihrer selbst sey, stehen; was würde denn nun
mit alle dem der Satz beweisen? Warum könnte denn nicht doch die
Vernunft innerlich und in sich selbst, eben als Vernunft, qualitativ
Eins bleiben, wenn es auch einen Grund ihres formalen Daseyns ausser ihr
selber gäbe? Nur das Seyn wäre sodann nicht Eins, und die Vernunft wäre
nicht alles Seyn, und Eins mit dem Seyn. Die Einheit des Seyns daher,
keinesweges aber die der Vernunft, wäre bewiesen, wenn dieser doppelt
und dreifach falsche Beweis etwas beweisen könnte; aber unser Verfasser
setzt hinzu: ^die Vernunft ist also Eine^, seinen eigenen Beweis nicht
einmal verstehend.

Der richtige §. 3. über dem Prädicate der Einheit und Sichgleichheit zu
einem solchen §. 1. und 2. wäre der folgende: ^die Vernunft ist
schlechthin weder Eines, noch sich selbst gleich.^ Denn setzet, dass sie
das seyn solle, so könnte sie, da ausser ihr gar nichts ist, dasselbe
nur in und für sich selbst seyn. Nun ist es (§. 2.) überhaupt unmöglich,
dass in ihr oder für sie überhaupt etwas sey, daher kann in ihr oder für
sie auch nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, daher kann
überhaupt nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, und eben darum
auch nicht die der Vernunft seyn. -- Freilich wird auch hier
vorausgesetzt, dass ja niemand sich besinne, wie er selber doch wirklich
und in der That in diesem Beweise Einheit und Gleichheit setze, wodurch
derselbe Widerspruch zwischen dem Thun und Sagen, den wir schon bei dem
vorigen Beweise nachwiesen, einträte, und der ganze Scherz in Nichts
zerginge.

Nach dieser Weise geht es nun fort durch das ganze Scriptum, und keine
der folgenden Demonstrationen ist anderer Natur, als die eben geprüften.
Der Erfolg aber aller dieser Anstalten ist der, dass, auf eine durchaus
nur erdichtete Weise, und durch absolute Aufhebung des Satzes, von
welchem ausgegangen wurde, die specifische Verschiedenheit der
mancherlei wirklichen Dinge erklärt wird aus der Verschiedenheit des
quantitativen Verhältnisses des Subjectiven und Objectiven in ihnen.
Dass diese Erklärung völlig willkürlich und eine leere Hypothese sey,
leuchtet unmittelbar ein; denn wie könnte irgend jemand auf sie kommen,
der nicht schon als bekannt und ausgemacht voraussetzte, dass es
specifisch verschiedene Dinge gebe, und der sich nicht in den Kopf
gesetzt hätte, diese Verschiedenheit, es möchte nun Gott lieb oder leid
seyn, zu erklären. Dass sie aber dem ersten Grundsatze widerspricht und
ihn aufhebt, leuchtet also ein: Ist die Vernunft die absolute
Indifferenz des Subjectiven und Objectiven, und giebt es gar kein
anderes Seyn, ausser dem der Vernunft, so kann in keinem Seyn diese
Indifferenz aufgehoben werden, und eine quantitative Differenz an die
Stelle treten.

Inzwischen, wie schon oben gesagt, ich will auch nicht nach dieser
verjährten, und wenn auch nicht von dem naturphilosophischen Publicum
erkannten, dennoch vielleicht von ihrem Urheber schon bereuten Sünde ihn
richten,[37] sondern meine Untersuchung seines Geistes und Talentes auf
eine andere Schrift, die er selbst für so heilig hält, dass er durch
das: »Rühre nicht Bock, denn es brennt,« die Profanen an der Schwelle
zurückweiset, und welche wirklich auch nach meinem Erachten die beste,
d. h. die noch am wenigsten stümperhafte unter den zahlreichen Producten
seiner Feder ist; auf seine Schrift: ^Religion und Philosophie^ betitelt
(Tübingen, bei Cotta, 1804.), bauen.

[Fußnote 37: Durch diese, übrigens ihre guten factischen Gründe für sich
habende Vermuthung haben wir indessen, wie hinterher sich gefunden, ihm
zu viel Ehre erwiesen. Es ist uns nemlich seit Abfassung jener Stelle
das erste Heft der Jahrbücher der Medicin etc. in die Hände gefallen, wo
(S. 9.) die soeben berührte Darstellung, und besonders »die allgemeinen
Gründe, wie sie §. 1 bis 50. aufgestellt seyen,« noch immer als bewährt
gepriesen und citirt werden. »Selbst dasjenige, was mehr noch aus
Divination, als aus bewusster Erkenntniss entsprungen gewesen, habe sich
-- zum Wunder! -- bewährt.« Seine Divinationen also hat der Mann als
Philosopheme drucken lassen, und sagt es selber, ohne ein Arges daraus
zu haben? Welche Begriffe mag er von Philosophie haben und von
Schriftstellerei überhaupt? Das Wunder inzwischen jener gerühmten
Bewährung kann man irgendwo von uns sehr natürlich erklärt finden.
Uebrigens ist in diesen Jahrbüchern die dogmatische Verstocktheit, das
ohnmächtige Pochen auf die Unbesonnenheit, die trotzige Versicherung,
dass diese eben das Rechte sey, und das grobe Misverstehen des
Idealismus so arg, als jemals, und es ist Schonung, dass wir die
gewählte Prüfung stehen lassen, und unseren Maassstab nicht an dieses
neueste Product legen, das den sichtbaren Verfall seines Urhebers in
jeder geistigen Kraft bezeugt.]

Der bei weitem grösste Theil dieser Schrift hat es gar kein Hehl, dass
nur frei und frank hinphantasirt werde, ohne dass man sich auch nur die
Miene des Denkens oder der Untersuchung gäbe: es wird versichert,
betheuert, behauptet, entschieden, ohne dass auch nur ein Schatten eines
Beweises dazwischen eintritt. Alles also Beschaffene spricht schon durch
sich selbst sich sein Urtheil, und wir können es übergehen. Wir wenden
uns daher sogleich zur hervorstechendsten Stelle des ganzen Buches, die
den Anschein des Denkens wirklich an sich nimmt, und über die dermalen
höchsten Principien dieses Philosophen Auskunft zu geben verspricht,
indem wir, wie schon oben gesagt, immer ungerügt lassen den Grundirrthum
des Objectivirens, und bloss zusehen, mit welcher Fähigkeit und
Gewandtheit man sogar im Irrthume sich bewege.

Von S. 18. an wird eine Ableitung der endlichen Dinge aus dem Absoluten
und eine Darstellung des Verhältnisses zu ihm angekündigt, mit welcher
es denn auch S. 21. also zum Schlage kommt:

»So gewiss jenes schlechthin einfache Wesen der intellectuellen
Anschauung« (mit dem Worte: ^Wesen^ meint er das ^Object^ der erwähnten
Anschauung; er hat aber seinen guten, uns sehr wohlbekannten Grund,
dieses letztere Wort hier ja nicht in den Mund zu nehmen, indem dieses
ihn in schlimme Verlegenheiten mit der Wissenschaftslehre bringen
könnte) -- »so gewiss dieses Wesen Absolutheit ist: so gewiss kann ihm
kein Seyn zukommen, als das durch seinen Begriff (denn wäre dieses
nicht, so müsste es durch etwas anderes ausser sich bestimmt seyn, was
unmöglich ist).«

Halten wir gleich hier den schwellenden Strom dieses Beweises an, indem
wir über einiges darin nicht ganz so leicht hinwegkommen können, als
sein Urheber. Ich verstehe deutlich: wäre es nicht durch sich bestimmt,
so wäre es durch ein anderes bestimmt, nemlich, wenn es überhaupt
^durch^ etwas bestimmt seyn müsste, wofür der Beweis keinen Grund
angiebt, sondern es nur eben hindichtet. Ich sehe, dass dieser Beweis
sein Absolutes, das erst Eins seyn sollte, in zweie, in ein bestimmendes
und in ein bestimmtes zerreisst, und so mit einer inneren und materialen
Disjunction (die ursprüngliche und formale, dass es Hingeschautes ist
aus einem Schauen, wird unserem Versprechen gemäss erlassen), über die
er keine Rechenschaft giebt, anhebt; welches der erste Act der blinden
Willkür ist. Sehe ich dieses Verfahren tiefer an, so finde ich, dass der
bekannte Begriff vom Absoluten, dass es sey von sich, aus sich, durch
sich, hier vollzogen werde, welcher, als blosser Begriff, äussere
Charakteristik und Schema des Absoluten, und blosse Beschreibung seiner
Form im Gegensatze mit der Form des Nichtabsoluten, das da nicht ist von
sich selbst, keinesweges in dasselbe selber uns hineinzuführen vermag,
sondern dasselbe unserem Blicke auf ewig verschliesst; welches nicht zu
bemerken die zweite Blindheit ist. Ich sehe ferner, dass der Ausdruck:
das sey unmöglich, wie er dasteht, eine Unmöglichkeit lediglich des
Denkens ausdrücke, dessen reale Bedeutung vor allen Dingen
hätte gesichert werden müssen; welches die dritte sehr grobe
Unterlassungssünde ist. Wenn ich übrigens dieses alles hingehen, und mir
das Absolute in seiner Zweifachheit als bestimmendes und bestimmtes
gefallen lasse, so sehe ich noch immer nicht ein, warum es in seiner
ersten Qualität, als bestimmendes, gerade ein Begriff seyn solle, wie
mir gleichfalls ohne irgend eine Anführung des Grundes angemuthet wird;
welches sonach die vierte blinde Willkür wäre. Ich sehe inzwischen sehr
wohl ein, warum also verfahren werden musste; indem es nemlich auf
andere Weise nicht zu der begehrten Schlussfolge: »das Absolute ist also
überhaupt nicht ^real^, sondern an sich selbst nur ^ideal^,« kommen
könnte.

Ich will nicht nur gefällig seyn, sondern sogar ein Uebriges thun; ich
will wirklich denken, was der Beweis von mir verlangt, und so nachholen,
was sein Urheber versäumt hat; indem dieser, wie tiefer unten sich
zeigen wird, das Begehrte in der That nicht gedacht, sondern nur leere
Worte gemacht hat; welches, falls der besprochene Beweis uns gelingt,
die fünfte Blindheit seyn würde.

»Es kann dem Absoluten kein Seyn zukommen, ausser ^durch seinen
Begriff^.« Wenn ich das letztere in vollem Ernste und wirklich, und
nicht etwa bloss faselnd, so dass es wahr seyn solle, und doch wieder
auch nicht wahr, denke, so denke ich, dass das Absolute einen Begriff
von sich selber, eine Anschauung seiner selber, ein schematisches Seyn
ausser seinem Seyn, -- denn also ist ein Begriff zu denken -- habe, und
zwar von sich, als einem ^also^ bestimmten und beschränkten Seyn, wie es
sich begreift. Ich sehe nunmehro klar ein, was dem Beweisführer selber,
der nicht wirklich dachte, sondern nur faselte, bloss dunkel vorschweben
konnte, dass auf diese Weise das Absolute in sich selbst durchaus nur
ideal seyn könne; indem ich ja so consequent seyn werde, das Absolute
selbst, und diesen seinen Begriff von sich selbst, durchaus für Eins und
dasselbe zu halten, und ihm kein anderes formales oder materiales Seyn,
und keinen anderen Sitz und Mittelpunct dieses letzteren zuschreiben
werde, ausser eben in seinem Begriffe von sich selber unmittelbar und
ganz. Das Absolute wird nun wieder Eins, ein zugleich bestimmendes und
bestimmtes in der formalen Einheit des Begriffes, und die andere Hälfte
der realen Bestimmtheit, welche ohne Zweifel nur als Hülfslinie des
Beweises erst angelegt war, fällt hinweg. Zwar bekomme ich statt dieser
Zweiheit in mein Absolutes die von der Form des Begriffes, in welcher
Form nun das Absolute aufgeht, unabtrennbare Fünffachheit; aber das ist
nun einmal unvermeidlich, und ich thue wohl, in das Unvermeidliche mich
zu ergeben. Dass ich mich ja nicht besinne, dass zuletzt doch ich selber
es sey, der jenen Begriff von einem Begriffe des Absoluten von sich
selbst habe, und dass ich denselben auf das Zureden dieses stattlichen
Beweises, mit sehr bewusster Willkür gebildet habe, -- wodurch ich zwar
in das leere Reflectirsystem fallen, aber die Sache ein verwickelteres
Ansehen erhalten würde, -- versteht sich, indem dies gegen die Abrede
laufen würde.

So weit im Reinen, lasset uns das Weitere vernehmen! »Aber gleich ewig
mit dem schlechthin Idealen ist die ewige Form.« Gleich ewig? Wir
erfahren sonach nebenbei und im Vorbeigehen, dass das schlechthin Ideale
unter anderm auch ewig ist. Woher mag uns diese Kunde kommen, und was
mag das heissen, ewig seyn? Seyen wir jedoch diesmal ausser Sorgen; der
Verfasser will uns hier nichts aufbinden oder erschleichen; er denkt das
Gesagte in der That nicht, und denkt diesmal gar nichts; er hat sich das
Wort »ewig« nur stark angewöhnt, und es entfährt ihm hier unwillkürlich;
denn wenn er daran gedacht hätte, dass er es vorbrächte, so hätte er
zugleich auch gedacht, was es doch bedeuten möge; welches somit die
sechste und die siebente Blindheit auf Einen Schlag ist.

Gleich ewig ist also die ewige Form? Dies versteht sich eigentlich von
selbst; denn wir haben ja schon oben gesehen, dass das Absolute, als
durchaus nichts anderes, denn sein Begriff von sich selbst, in dieser
Form des Begriffes aufgehe, welche Form somit ebenso absolut ist, als
dasselbe selber, da sie es ja selber ist, und die, wenn das Wort »ewig«
eine Bedeutung haben sollte, und das Absolute ewig wäre, auch ebenso
ewig seyn würde, als dieses. Meint denn nun der Verfasser ^diese^ Form,
oder meint er eine andere? Er meint eine andere; denn dass er schon an
dem Begriffe des Absoluten von sich selber eine recht tüchtige und
haltbare und sogar fünffache Form habe, ist ihm verborgen geblieben,
woraus eben hervorgeht, dass er das oben dem Leser angemuthete Denken
selbst nicht vollzogen, und so der oben versprochene Beweis
nachgeliefert ist. Dass er aber noch eine zweite Form begehrt, kommt
daher, weil er irrigerweise meint, vermittelst der ersten, selbst wenn
er sie sich klar mache, lasse sich nichts aus dem Absoluten heraus
ableiten, welches letztere doch sein eigentlicher Zweck ist.
Irrigerweise meint er das, sagte ich; wenigstens wäre uns für unsere
Person gar nicht bange, wenn wir einen solchen Begriff des Absoluten von
sich selber unter die Hände bekämen, dass wir nicht daraus mit leichter
Mühe Erde und Himmel, und alle ihr Heer sollten ableiten können. Wir
haben ja in diesem Begriffe das ganze qualitative Seyn des Absoluten,
welches es anschaut; dies wird doch wohl ohne Zweifel ein ergiebiges
Mannigfaltige uns liefern. Wir dürfen von nun an nur die Augen und Hände
aufthun, und uns geben lassen, was da ist; und haben nun für jedes Ding,
das uns vorkommen mag, die immer fertige und stets sich gleich bleibende
Antwort: das ist auch ein Qualitatives im Absoluten, und dieses
gleichfalls, und dieses, und so ins Unendliche fort. Die einzige noch
übrige Schwierigkeit wäre nur die, begreiflich zu machen, wie wir andern
zur Mitwissenschaft vom Seyn des Absoluten, und zur Theilnahme an seinem
Begriffe von sich selber gelangten; aber da unwidersprechlich erhellet,
dass die innere Grundform des Begriffes des Absoluten von sich selbst
die Ichform ist, so könnte ja wohl gerade durch diese Form jedwedes Ich
an dem Absoluten Theil haben, und in dasselbe versinken; zu welcher
kühneren Lösung der Aufgabe dieser Schriftsteller nur zu blöde und zu
verzagt ist, und das Absolute, soweit als irgend möglich, sich vom Leibe
hält. Aus diesem Grunde bleibt die erste Form unbenutzt, und es muss ihm
eine zweite herbeigeschafft werden, in welche, als weniger vornehm, er
mit einem kleineren Maasse von Unbescheidenheit seine Person
hineinzuschieben hofft.

Es ist also eine Form des Absoluten; und diese ist gleich ewig mit ihm;
-- so haben wir vernommen, ein Schatten eines Beweises aber erscheint
nicht. Woher weiss denn der Verfasser, was er behauptet? und wie mag er
wohl dazu kommen, eine solche Form anzunehmen? das werden wir ohne
Zweifel am besten erfahren, wenn wir sehen, wozu er sie braucht und
gebraucht. Aber er gebraucht sie bald darauf, um vermittelst derselben
die Realität aus dem Absoluten zu erklären. Sein Bedürfniss demnach,
diese Erklärung zu liefern, ist der wahre Schöpfer, und der wahre
verschwiegen gebliebene Beweisgrund des Seyns einer solchen Form.

Und so haben wir denn schon hier den Begriff dieses Mannes von
Philosophie, und sein ganzes Verfahren, in unermesslicher Evidenz vor
uns liegen. Die Realität ist eben an sich; darüber wird gar kein Zweifel
rege, und dieses ist der wahre Grundpfeiler seines Systems. Diese kann
und muss erklärt werden; und es ist das Geschäft der Philosophie, diese
Erklärung zu liefern. Auch hierüber, als den zweiten Grundsatz dieses
Systems, wird ebensowenig ein Zweifel rege. Zum Behufe dieser Erklärung
muss nun eine ewige Form, und zum Behufe der Füllung dieser Form ein
Absolutes angenommen werden, welches der dritte Theil und die wirkliche
Vollziehung dieses Systemes ist. Der Ausgangspunct desselben ist daher
der allerblindeste und stockgläubigste Empirismus, und ein Absolutes
wird lediglich der Welt zu Liebe angenommen. Dies ist die wahre Meinung
des Mannes vom Absoluten, denn also gebraucht er es; und wenn er ein
andermal zur Abwechslung von unmittelbarer Erkenntniss und Anschauung
des Absoluten redet, so ist dies leere Prahlerei und purer Scherz, indem
er gar nicht aus dieser Prämisse, sondern aus der entgegengesetzten
wirklich urtheilt und philosophirt. Höchstens mag an dem Ersteren, wie
wir grossmüthig voraussetzen wollen, so viel wahr seyn, dass er die
Nothwendigkeit einer unmittelbaren Erkenntniss, falls es jemals zu einer
mittelbaren kommen sollte, überhaupt einsieht, ohne dass er sie doch an
sich zu bringen weiss, noch auf seinem Wege jemals sie an sich bringen
wird. Uebrigens ist dieses Nichtverstehen seiner eigenen wahren Meinung
und Nichtbemerken seines blinden Empirismus und seines Erklärens durch
eine willkürlich gesetzte Hypothese, die radicale Blindheit des Mannes,
und von den hier geprüften die achte an der Zahl.

Lassen wir inzwischen uns weitere Auskunft geben über diese ewige Form!
-- »Nicht das schlechthin Ideale steht unter dieser Form, denn es ist
^selbst^ ausser aller Form, so gewiss es absolut ist.« Ausser aller
Form; es ist somit das oben über desselben Begriff von sich selbst
Gesagte, wenige Zeilen darauf, nachdem es gesagt worden, zurückgenommen,
ohne dass es gemerkt wird, welches die neunte Blindheit wäre. Aber sehen
wir doch näher hin, was der Mann eigentlich schwatzt. Das »selbst« ist
auch im Urtext beschwabachert, und es thut wohl noth, wiewohl auch von
der anderen Seite es ihm Verdruss bringen dürfte. Ich frage: ist es denn
dasselbe Eine Absolute, von welchem oben geredet worden, das da seyn
soll in der ewigen Form? Es muss wohl; denn sonst hätten wir ein zweites
Absolutes, und wären mit dem ersten ganz vergebens bemüht worden, und es
wäre ein Fehler, dass man uns nicht gleich von vornherein vor die rechte
Schmiede des ergiebigen und erklecklichen Absoluten geführt hätte. Also
ist es doch das Absolute selbst, das in der Form ist. Nun aber soll es
doch wiederum nicht ^selbst^ in der Form seyn. Also ein Selbst, das
zugleich auch Nichtselbst, eine Identität, die zugleich auch
Nichtidentität ist? Giebt es kein Mittel, diesen Unsinn klar in die
Augen springen zu lassen? Ich hoffe, Folgendes soll Dienste leisten. Ich
frage: ist denn das Absolute in jenem Sichformiren ganz und ungetheilt
dabei? oder ist es nicht ganz und ungetheilt dabei? Ist das Erste, so
ist es ganz und in ungetheilter Wesenheit in der Form, und es ist
nirgends und auf keine andere Weise, ausser in der Form. Unser Philosoph
will nicht, dass es so sey, weil ihm um seine eigene selbstständige
Individualität, welche sodann in das Absolute versänke, bange ist. Nach
ihm ist also das Letztere; ist aber dies, so theilt in dieser Formirung
das Absolute sich in zwei absolute Hälften, mit deren einer es selbst
ausser aller Form bleibt, mit deren anderer aber es selbst ist in der
Form. Wird dies unser Philosoph zugeben wollen? Ich hoffe das
Gegentheil; inzwischen hat er es dennoch gesagt, ohne selbst zu wissen,
was er redet, welches die zehnte hier obwaltende Blindheit ist.

Ich werde es müde, und vielleicht eben also der Leser, dem Manne noch
ferner Schritt vor Schritt zu folgen, und ihm seine Verworrenheiten
vorzuzählen; und breche gerade hier um so lieber ab, da sogleich die
zwei folgenden Zeilen so dicken und zähen Unsinn enthalten, dass gar
manches Wort erfordert würde, ihn fliessend zu machen. Ich setze nur
noch den Schluss dieser Erörterung über die ewige Form her. »Diese Form
ist, dass das schlechthin Ideale, unmittelbar als solches, ohne also aus
seiner Identität herauszugehen, auch als ein Reales sey.« Was mag real
heissen? Nun, denkt der Mann, das weiss ja wohl jedes Kind, und macht
sich keine Mühe mit der Bestimmung seines Begriffes. Wir aber möchten
doch gleichwohl gerne wissen, welchen Sinn er mit diesem Begriffe zu
verbinden hätte, und müssen es schon selber aus dem Zusammenhange
aufsuchen. Real ist dem Verfasser der Gegensatz zum Idealen; das Ideale
aber ist ihm, theils nach seinen ausdrücklichen Worten, theils zufolge
der höheren Klarheit, welche wir denselben durch die wirkliche
Vollziehung des angemutheten Denkens gegeben haben, dasjenige, was
keines anderen Seyns bedürftig oder fähig ist, ausser im Begriffe: das
Reale muss daher seyn ein Seyn, das keines anderen Seyns fähig ist, als
nur des ausser dem Begriffe, die absolute Bewusstlosigkeit.

So, sage ich, müsste nach unserem Philosophen das Reale gedacht werden,
obwohl derselbe bei anderen Gelegenheiten wiederum sehr entfernt ist, es
also zu denken; denn S. 23. »tritt die Form ^der Bestimmtheit^ des
Realen durch das Ideale als ^Wissen^ ein in die Seele.« Wir hatten oben
nur die Sichformirung des Idealen vermittelst und in der Form zum
Realen, das unmittelbare Verschmelzen der Idealität in Realität (J X R):
woher kommt uns denn jetzt diese neue Form höherer Abstraction ^einer
Bestimmtheit^ des Realen durch das Ideale, welche wechselseitig seyn
muss, und der blossen Realität zugleich den Grund ihres Soseyns
hinzufügt

                                   F
                                (J X R),

und noch obenein eine ^Seele^, in welcher diese Form der Form eintritt?
Es scheint ja, dass an diesem Systeme der würtembergische Katechismus
wohl ebenso viel Antheil habe, als die Speculation.

Mit der wirklichen Ableitung endlicher Dinge aus dem Absoluten gelingt
es ihm nun, zu Ende von mancher Noth und Plackerei, die er sich bis
dahin anthut, S. 29. unverhoffterweise folgendermaassen: »Das Absolute
würde in dem Realen nicht wahrhaft objectiv, theilte es ihm nicht die
Macht mit, gleich ihm, seine Idealität in Realität umzuwandeln und sie
in besonderen Formen zu objectiviren.« Nun, da ist ja mit Einemmale
alles gewonnen, und die Aufgabe aller Speculation in unermesslicher
Klarheit und Leichtigkeit, zu allgemeinem Vergnügen und Bequemlichkeit,
gelöst! Dass wir andern alle das Reale, in welchem das Absolute wahrhaft
objectiv geworden, seyen, leidet keinen Zweifel; die Macht, unsere
Idealität in Realität umzuwandeln, und sie in besondern Formen zu
objectiviren, geht zufolge dieser Versicherung uns auch nicht ab; und so
wird denn wohl die Welt nichts anderes seyn, als die Ausübung jener
unserer Macht. Thun wir von nun an nur unsere Sinne, oder, in der
Terminologie unseres Weltweisen, die uns mitgetheilte Macht, unsere
Idealität in Realität umzuwandeln, auf, so werden wir ja hören und
sehen, wie jene Macht in besonderen Formen sich objectivire; und so sind
wir denn, freilich auf einem etwas mühsamen und holprigen Umwege, gerade
bei demjenigen angekommen, wozu ich schon oben geglaubt, dass der
Begriff des Absoluten von sich selber dienen könne. Was von nun an uns
auch vorkommen könne, wir werden jedesmal zu sagen wissen, es sey dies
eine Aeusserung der Macht, unsere Idealität in Realität umzuwandeln,
durch welche Macht das Absolute in uns objectiv geworden.

Leider werden wir in den freudigen Empfindungen, die wir hierüber
gefasst haben möchten, schon S. 34. durch die unerwarteten und
merkwürdigen Worte gestört: »Mit Einem Worte, vom Absoluten zum
Wirklichen giebt es keinen stätigen Uebergang, der Ursprung der
Sinnenwelt« (man bemerke, dass dieses Wort hier gleichbedeutend ist mit
dem Wirklichen) »ist nur als ein vollkommenes Abbrechen von der
Absolutheit, durch einen Sprung denkbar.« »Der Grund der endlichen Dinge
-- so beschliesst die S. 18. uns verheissene Auskunft über die Abkunft
der endlichen Dinge aus dem Absoluten -- »der Grund der endlichen Dinge
kann nicht in einer ^Mittheilung^ von Realität an sie, oder an ihr
Substrat, welche Mittheilung vom Absoluten ausgegangen wäre, er kann nur
in einer ^Entfernung^, in einem ^Abfall^ vom Absoluten liegen. Diese
ebenso klare und einfache, als erhabene Lehre« (So? es scheint, der
Geschmack ist mancherlei) »ist auch -- die wahrhaft Platonische. -- Nur
durch den Abfall vom Urbilde lässt Plato die Seele von ihrer ersten
Seligkeit herabsinken.« -- »Es war ein Gegenstand der geheimeren Lehre
in den griechischen Mysterien, auf welche auch Plato nicht undeutlich
hinweiset.«

Nun, wenn Plato und die griechischen Mysterien das annahmen, so werden
wir andern wohl Respect haben, und es uns gleichfalls gefallen lassen
müssen; sollte es sich auch finden, dass in der ganzen Lehre durchaus
kein Sinn und Verstand sey, und dass das Angemuthete niemals im
wirklichen Denken vollzogen, sondern nur gesagt werden könne.

Wir haben grossen Verdacht, dass das Letztere sich finden werde. Denn
was soll doch dasjenige seyn, das da abfällt vom Absoluten? Es sind nur
zwei Fälle möglich: entweder nemlich ist es das Absolute selbst, in
welchem Falle dieses von sich selbst abfallen, d. h. sich in sich selber
und durch sich selber vernichten müsste, welches absurd ist; oder es ist
nicht das Absolute selbst; so ist es von, aus, durch sich selber, und
wir haben der Absoluten zwei an der Zahl, was abermals absurd ist. Es
geht nicht, dass man sage, das Absolute habe jenes andere gemacht, und
es gut gemacht, und es sey nur nachher abgefallen: denn sodann müsste
das in ihm liegende Vermögen, abzufallen, ihm entweder das Absolute
ertheilt haben, in welchem Falle in der Ertheilung dieses Vermögens das
Absolute in der That von sich abgefallen wäre, welches die erste
Absurdität ist; oder es müsste dieses Vermögen von und aus sich selber
haben, wodurch es wenigstens in Absicht dieses Vermögens absolut würde,
welches die zweite Absurdität ist.

Jedoch, wenn wir dieses Alles dem Verfasser übersehen wollten, wie passt
denn diese Aeusserung zu allen seinen früheren Operationen? Ich bitte,
ist denn das Absolute wirklich und in der That vorhanden, oder ist es
nicht wirklich vorhanden? Ist denn an dem Objectivwerden dieses
Absoluten in einer Macht, seine Idealität in Realität umzuwandeln, und
sie wiederum in verschiedenen Formen zu objectiviren, ein wahres Wort,
oder ist daran kein wahres Wort? Ist das Erstere, so ist ja die
Wirklichkeit allerdings erklärt, und der stätige Uebergang vom Absoluten
zum Wirklichen ist gefunden. Wird aber das Letztere angenommen, wie
dadurch, dass die Unerklärbarkeit des Wirklichen aus dem Absoluten
behauptet wird, allerdings geschieht, so wird ja alles früher Gesagte
für unwahr erklärt und zurückgenommen, und es wird alle, sowohl wahre,
als die hier herrschende vermeinte Speculation aufgehoben. Warum liess
denn der Verfasser dennoch seinen Anfang stehen, nachdem er ein solches
Ende gewonnen hatte?

Haben wir ihn vielleicht nur nicht recht verstanden? Abgeleitet habe er
nun wirklich und in der That etwas, lässt er sich vernehmen, aber dieses
sey denn doch nur die pure Idee; und jenes uns so erfreuliche
Objectiviren seiner Idealität in verschiedenen Formen mag wohl auch nur
das blosse leidige Handeln, keinesweges aber, wie wir hofften, zugleich
auch die ursprünglichen Weltvorstellungen bedeuten? Ich bitte, ist denn
die Idee nicht wirklich, und kann sie denn nicht wirklich werden, und
ist sie denn nicht in der ersten Hälfte des Buches, in der stattlichen
Ableitung unseres Herrn Verfassers in der That wirklich geworden? Ja,
wer vor Demuth zu einer solchen Annahme kommen könnte! Das ist Alles
wohl gut, sagt der Mann, aber das ist doch nicht das rechte Wirkliche,
nicht das wirklich Wirkliche; dafür lasse ich lediglich und allein die
materielle Sinnenwelt gelten. Ist ihm denn aber im Laufe seines
philosophischen Lebens niemals die Behauptung zu Ohren gekommen, dass
eine Sinnenwelt überhaupt nur im Sinne, der Sinn aber nur in der Idee,
als Sphäre des selbstständigen Lebens der Idee, wirklich da sey? Will er
nun dieses nicht zugeben, wie er es denn allerdings nicht will; wie
bringt er denn zuvörderst seinen Begriff von der Wirklichkeit zu Stande?
Offenbar nur durch den Gegensatz mit der Idee; ein Seyn der Materie,
durchaus unabhängig von der Idee, und da doch ohne Zweifel ausser der
Idee und der Materie es nicht noch ein drittes wird geben sollen,
unabhängig von irgend etwas Anderem, also ein wahres Ansich und
innerliches Absolutes, das zweite an der Zahl, wenn es nemlich sein
Ernst ist, dass es zugleich auch eine absolute Idee gebe. Und so ist
denn bei diesem philosophischen Heros, wo es Ernst wird, nichts mehr zu
finden, als der alte und wohlbekannte Scherz eines materialistischen
Dualismus. Nicht Wissenschaftslehre, nicht Kant, sondern du, heiliger
Leibnitz, bitte für ihn! Ferner, wie gedächte sich denn wohl der Mann
bei dieser Denkart gegen diejenigen, welche auf der Einheit des
Absoluten, und auf der Idee, als der einzig möglichen Realität
beständen, zu schützen? Er wird niemals eine andere Weise finden, als
diejenige, deren er sich wirklich bedient, dass er, als ein zweiter
Friedrich Nicolai, sich auf das Zeugniss seiner Sinne, und auf den
gesunden Menschenverstand berufe, und hoch betheure, die materiellen
Gegenstände müssten aber doch seyn, denn er sehe sie ja, und höre sie,
und keiner soll ihn jemals eines anderen bereden. Und so fällt denn an
dieser Stelle dem Manne die Maske der Speculation, die er auch sonst
locker genug trägt, völlig ab, und es tritt hervor die natürliche Haut
des rohesten, stockgläubigsten Empirismus, wie denn sich über das
Ansichseyn der Materie auch nicht einmal ein Verdacht regt.

Da man unserm Publicum alles ausdrücklich sagen muss, und fast niemals
darauf rechnen kann, dass es selber folgern oder annehmen werde, dass
jemand wirklich wolle und zugebe, was aus seinen Sätzen folgt: so merke
ich hier noch ausdrücklich an, dass alle Naturphilosophie auf diese
Stockgläubigkeit, dieses Entsetzen und Erschrecken vor der Materie, und
diese Scheu, selber lebendig, und nicht als ein blosses Naturproduct da
zu seyn, sich gründe, und dass diese denen, die ihnen widersprechen,
niemals eine andere Antwort werden geben können, als dass es ihnen am
Gefühle fehlen müsse. Nun ist, da wir ebensowohl leben, denn sie, ohne
Zweifel zu erwarten, dass wir ebensowohl hören und sehen mögen, denn
sie; nur dass wir diesen Erscheinungen der Sinne nicht unmittelbar und
ohne Weiteres Glauben beimessen, sondern sie mit dem Begriffe
durchdringen, und in ihrer Bedeutung, als dem wahrhaft Realen an ihnen,
sie verstehen. Woran es uns daher, ihnen gegenüber, in der That fehlt,
das ist ihr blinder Aberglaube, und wenn sie unter ihrem Gefühle diesen
verstehen, so haben sie ganz recht mit ihrem Verdachte, dass irgend
etwas, das sie besitzen, uns abgehen möge. Möge ihnen doch nie ein Licht
darüber aufgehen, welche Thoren sie geworden sind, da sie sich für Weise
hielten.

Um zurückzukehren zu unserem Philosophen: ein so über alle Maassen
ungeschickter und stümperhafter Sophist, wie wir es ihm nachgewiesen
haben, ist also der Mann, dem es gelungen ist, die Philosophen dieses
Zeitalters irre zu machen.

Inzwischen dürfte es eine Ungerechtigkeit sowohl gegen mich selber, als
gegen den genannten Mann involviren, wenn ich hiermit dieses Capitel
beschlösse. Gegen mich selber, indem ich nicht will, dass gewisse
Gegner, über die er sich beklagt, und die er besonders in den Gegenden
seines jetzigen Aufenthalts gefunden, glauben sollen, dass ich mich
ihnen beigesellt habe; gegen ihn, indem, da es eine Zeit gegeben, da ich
weniger geringschätzig über ihn geurtheilt, und da bekannt ist, dass wir
beide ehemals in persönlichen Beziehungen gestanden, jemand glauben
möchte, dass er noch auf andere Weise, denn als Philosoph, mir
verwerflich geworden. Was zuerst meine früheren, weniger
geringschätzigen Urtheile betrifft, so gebe ich dabei zu bedenken, dass
damals, als ich diese fällte, der Mann schon um seiner Jugend willen der
philosophischen Reife und Klarheit durchaus unfähig war, und ich daher
diese an ihm loben weder wollte noch konnte; dass ich aber hoffte, er
werde fleissig seyn, und nicht zweifelte, dass durch Fleiss ihm etwas
gelingen könnte, und dass es allein diese Hoffnungen waren, welche ich
aussprach. Wie ich über die im wirklichen Besitze des Mannes
befindlichen philosophischen Kenntnisse von jeher geurtheilt, kann
gleich im ersten Jahrgange des von mir mit herausgegebenen Journals eine
meiner Noten zu einer Abhandlung desselben, in welcher die ersten Spuren
des Irrthums, der sich nun gar stattlich zu einer Naturphilosophie
herausgebildet, zum Vorschein kamen, noch bis heute klärlich beurkunden.
Jene meine guten Hoffnungen von ihm hat er nun keinesweges erfüllt,
sondern durch unverständige Schmeichler früh sich verderben lassen, und
seit dieser Zeit keines anderen Dinges sich beflissen, denn des
Hochmuths und des Eigendünkels, und durchaus den Rang ablaufen wollen
demjenigen, welchen auch nur zu verstehen er gleichwohl fortdauernd
unfähig geblieben.

Um von denen seiner Gegner, denen ich nicht gleichen mag, mich
auszuscheiden: -- Dass, wenn des Mannes System consequent verfolgt wird,
kein Gott übrig bleibe, denn die Natur, und keine Moralität, ausser die
der Naturerscheinungen, sehe ich klar ein; aber man muss dasjenige, was
die Menschen bloss sagen, ebensowenig ihnen zum Nachtheil anrechnen, als
diese Erörterung gemeint gewesen ist, es ihnen zum Vortheile gelten zu
lassen. Die Worte sind überhaupt nichts, und nur das Leben will etwas
bedeuten. Was nun die innere Religion des Mannes anbetrifft, so
bescheide ich mich hierüber von Rechtswegen alles Urtheils, und halte
dafür, dass dieses auch dem übrigen Publicum ebenso sehr gezieme. Was
die Moralität anbetrifft, dürfte es nicht unschicklich seyn, folgenden
Umstandes bei dieser Gelegenheit zu erwähnen.

Es scheint geglaubt worden zu seyn, und ich finde noch vor kurzer Zeit
in einem öffentlichen Blatte diese Insinuation wiederholt, dass der
Genannte zu denen gehöre, welche bei meinem Abgange von Jena ein
gewisses mir gegebenes Wort nicht erfüllt hätten. Ich halte es für
angemessen, bei der gegenwärtigen Gelegenheit dieser Meinung förmlich zu
widersprechen. Ich stand mit ihm keinesweges auf dem Fusse, dass ich
über zu fassende bedeutende Entschliessungen mich vor der That mit ihm
berathen hätte; was ihm mitgetheilt worden, ist ihm erst nach der That
mitgetheilt worden; wie ich denn auch einem anderen meiner Freunde und
Collegen, auf welchen, als Mitherausgeber des philosophischen Journals,
gleichfalls einiger Verdacht gefallen, erst nach der That mich eröffnet.
Derjenige Mann, der durch seinen ungesuchten Eintritt meinen unbedingten
Entschluss, auf einen gewissen Fall meine Lehrstelle an der Universität
Jena niederzulegen, den ich ohne ihn einfach und natürlich würde
ausgeführt haben, in einen Versuch, zu capituliren, verwandelte, der
einen gewissen ersten Brief, welcher ohne seine Dazwischenkunft nicht
wäre geschrieben worden, mit mir verabredete und billigte; und als der
Erfolg ausfiel, wie er ausfiel, mir einen zweiten, dessen ich bei meinem
schon vorher gefassten festen Entschlusse nicht bedurfte, sondern der
nur ihn decken sollte, abquälte und abpresste, und so auf eine ganz
richtige, anständige und gebührliche Entschliessung von mir, die ich
noch jetzt, nach Verlauf von acht Jahren, durchaus billige, und in
derselben Lage heute wiederholen würde, den Anschein von Schwäche und
Zweideutigkeit brachte, war ein anderer, und es war nur Einer, nicht
mehrere; daher man auch meine übrigen Jenaischen Freunde und Collegen
mit jenem Argwohn verschonen wolle. Inzwischen zürne ich auch diesem
Einen so wenig, dass ich vielmehr gleich nach der That nur mich selber
verurtheilt habe, indem der Stärke, die mit der nur einen Augenblick
aufflammenden Schwäche gemeinsame Sache macht, ohne vorherzusehen, dass
der augenblickliche Muth nicht fortdauern werde, ganz recht geschieht,
wenn sie verlassen wird; und ich habe mit mir selbst mich ausgesöhnt
lediglich durch die erworbene Sicherheit, dass mir dieses nicht zum
zweiten Male begegnen wird.[38]

Dies sey denn hiermit gesagt und abgethan; indem wir hoffen, dass die
verworrene Leidenschaftlichkeit jener Tage nunmehr sich gesetzt habe,
und man begreife, dass keinem Menschen in der Welt, ausser etwa den
Weimarischen Finanzen, welche uns andere nichts angehen, daran liegen
könne, ob dieser oder jener Mann Professor zu Jena sey, oder nicht, und
ob Jena eine blühende, oder eine verlassene, oder auch gar keine
Universität habe.

[Fußnote 38: Zur Aufhellung der oben im Texte befindlichen Stelle ist
Fichte's Lebensbeschreibung (I. S. 366. II. S. 300.) zu vergleichen. H.
E. G. Paulus, der hier gemeint war, hat indess gegen jede solche
Beziehung zu Fichte in den »Skizzen aus meiner Bildungs- und
Lebensgeschichte« (Heidelberg, 1839. S. 168-170) protestirt, woraus eine
Reihe von Verhandlungen zwischen ihm und dem Unterzeichneten sich
ergeben hat, deren Erwähnung hier nicht umgangen werden kann, indem auch
sie vorübergehend lebhafte Aufmerksamkeit erregten. Da jedenfalls beide
Männer auch in dieser Beziehung mit einander vor die Nachwelt treten, so
bleibt nichts übrig, um den Leser zu einem selbstständigen Urtheile in
dieser Angelegenheit zu veranlassen, als ihn ausser dem schon
Angeführten auf die weiteren Actenstücke zu verweisen. Man vergleiche:
»Paulus und Fichte; über einen berichtigenden Zusatz zu J. G. Fichte's
Lebensbeschreibung, als Anfrage oder Gegenberichtigung von J. H. Fichte«
im ^Freihafen^ 1840. Zweites Heft S. 176-229; »Beleuchtung des
Verhältnisses, welches zwischen Professor Fichte dem Vater und Dr.
Paulus bei dem Atheismusstreit des Ersteren stattfand« in ^Paulus neuem
Sophronizon^, I. Mittheilung 1841 S. 80-134; endlich: »Offenes Schreiben
an Herrn Dr. Paulus in Bezug auf dessen Beleuchtung etc. von J. H.
Fichte« in dessen ^Zeitschrift für Philosophie^, Bd. VII. S. 151-155.

                                        (Anmerkung des Herausgebers.)]

Uebrigens ist auch das, was der Mann durch seine Speculation sucht und
anstrebt, keinesweges etwas Schlechtes und Gemeines, sondern es ist das
Höchste, dessen der Mensch theilhaftig werden kann; die Erkenntniss der
Einheit alles Seyns mit dem göttlichen Seyn. Seine Absicht ist daher
aller Ehren werth. Ebendasselbe will ja auch ich, und leiste es; er aber
redet nur daran herum, und vermag es nicht zur Wirklichkeit zu bringen,
tritt in den Weg denen, die es können, und macht irre andere, die ohne
ihn vielleicht hören und verstehen würden; und dieses ist es, was ihm
meinen Tadel zuzieht. Er hasset und fliehet die Besonnenheit, in welcher
allein das Heilmittel vom Irrthume liegt, mit gutem Bedachte, indem er
sie nur für leere Klarheit hält, und macht so die Unbesonnenheit zur
ausdrücklichen Grundmaxime alles Realismus, erwartend von einer blinden
Natur die Heilung. Dies ist nun absolute Unphilosophie und
Antiphilosophie, und so lange er auf dieser Maxime beharrt, ist Alles,
was er vorbringt, ohne Ausnahme nothwendig falsch, irrig und thöricht,
und es vermag kein Funke von Speculation in seine Seele zu kommen. Und
so werfe ich ihn denn, indem ich den Menschen an ihm in allem seinem
möglichen Werthe lasse, als Philosophen ganz und unbedingt weg; und als
Künstler erkenne ich ihn für einen der grössten Stümper unter allen, die
jemals mit Worten gespielt haben.

Was hier insbesondere ihm nachgewiesen worden, leidet, als gegründet
lediglich auf die blosse allgemeine Logik, durchaus keinen Widerspruch,
Ausrede oder Ausflucht, und es kann dagegen nichts vorgebracht werden,
ausser etwa, man habe in den Einheitspunct eben nicht recht hineinkommen
können, man meine ja doch das Rechte, und habe recht in der Sache, wenn
auch die Form mangelhaft geblieben sey, welches Alles, als selber
absolute Antiphilosophie, schon ehe es vorgebracht worden, abgewiesen
ist. Sollten seine Mitstreiter, im Schmerze, ihren Vorfechter also
abgefertigt zu sehen, etwas vorbringen wollen, so werde ich antworten,
oder auch nicht, wie es mir gefallen wird, indem ich hierüber zu nichts
verbunden seyn will. Mit dem genannten Manne selber rede ich, da wir
durchaus von contradictorisch entgegengesetzten Maximen ausgehen,
niemals, wie ich denn auch hier nicht mit ihm, sondern mit seinem
Publicum geredet habe.




                             Recensionen.




                                  A.
    Giessen, bei Heyer: Skeptische Betrachtungen über die Freiheit
       des Willens mit Hinsicht auf die neuesten Theorien über
    dieselbe, von Leonhard Creuzer. 1793. XVI. Vorrede (von Herrn
                        Prof. Schmid). 252. 8.


          (Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung, 1793. No. 303.)

Wie es von jeher ergangen ist, ergeht es noch immer. Das dogmatische
Verkennen der Grenzen der Vernunft erregte die Angriffe der Skeptiker
auf dieses Vermögen selbst, und nöthigte dasselbe, sich einer Kritik zu
unterwerfen.

Sowie diese Grenzen von neuem überschritten werden, regt sich von neuem
der Widerspruch der Skeptiker, und nöthigt, -- zum Glück nicht, eine
neue Kritik zu unternehmen, aber -- an die Resultate der ehemals
unternommenen wieder zu erinnern. Herrn Creuzers freilich nur
uneigentlich sogenannter Skepticismus -- denn er nimmt mit der
Kantischen Schule das Daseyn eines Sittengesetzes im Menschen als
Thatsache des Bewusstseyns an -- hat die Theorien über Freiheit zum
Gegenstande; das Resultat seiner Untersuchungen ist, dass keine der
bisherigen den Streit zwischen dem Interesse der praktischen Vernunft
und dem der theoretischen befriedigend löse; und ihr lobenswürdiger
Zweck, zu Erfindung einer neuen und genugthuendern die Veranlassung zu
geben. Ohne von der ganzen Schrift, welche theils über einen unrichtigen
Grundriss aufgeführt worden (eine Behauptung, die sich nur durch
Vorlegung des einzig richtigen darthun liesse, welches die Grenzen einer
Recension überschreitet), daher nicht mit der strengsten Ordnung
geschrieben ist, jetzt sich wiederholt, jetzt Dinge in ihren Plan
aufnimmt, die nicht hineingehören, z. B. die Widerlegung des
Spinozistischen Pantheismus, des Egoismus u. dergl. m.; theils gegen die
vor-Kantischen Freiheitstheorien nichts gesagt, was nicht schon ehemals
gesagt worden, -- ohne von ihr einen Auszug zu geben, möchte Rec. die
Untersuchung nur auf denjenigen Punct lenken, der wenigstens für die
Darstellung der Wissenschaft wahren Gewinn verspricht. -- Es ist von
mehreren Freunden der kritischen Philosophie erinnert, und von Reinhold
einleuchtend gezeigt worden, dass man zwischen ^derjenigen^ Aeusserung
der absoluten Selbstthätigkeit, durch welche die Vernunft praktisch ist
und sich selbst ein Gesetz giebt, und ^derjenigen^, durch welche der
Mensch sich (in dieser Function seinen ^Willen^) bestimmt, diesem
Gesetze zu gehorchen oder nicht, sorgfältig zu unterscheiden habe. Dass
Hr. Creuzer diese Unterscheidung bald zu beobachten scheint, bald wieder
vernachlässigt und mithin in ihrer ganzen Bestimmtheit sie sicher nicht
gedacht hat, wollen wir nicht rügen. Aber er nimmt die durch Reinhold,
Heydenreich, und zuletzt durch Kant selbst gegebene, im Wesentlichen
einstimmige Definition der Freiheit des Willens, dass dieselbe ein
Vermögen sey, durch absolute Selbstthätigkeit sich zum Gehorsam oder
Ungehorsam gegen das Sittengesetz, mithin zu contradictorisch
entgegengesetzten Handlungen zu bestimmen, als gegen das Gesetz des
logischen Grundes streitend, in Anspruch. Reinhold -- (denn da es Rec.
weniger um die Bestimmung des Verdienstes des Schriftstellers, als um
die Bestimmung des bis jetzt fortdauernden Werthes seiner Schrift zu
thun ist; so trägt er kein Bedenken, sich auf ein Buch zu beziehen, von
welchem ihm, da er den deutschen Mercur nicht bei der Hand hat,
unbekannt ist, ob Hr. Creuzer bei Abfassung des seinigen den Inhalt
desselben habe benutzen können, oder nicht) -- Reinhold also hat diesen
möglichen Einwurf (S. 282 ff. 2. Bd. der Briefe über die Kantische
Philosophie) zwar schon im voraus gründlich widerlegt, aber nach Rec.
Ueberzeugung, die er mit voller Hochachtung gegen den grossen
Selbstdenker gesteht, den Grund des Misverständnisses weder gezeigt,
noch gehoben. »Das logische Gesetz des zureichenden Grundes,« sagt
Reinhold, »fordert keinesweges für alles, was ^da ist^, eine von diesem
Daseyn verschiedene Ursache« -- -- »sondern nur, dass nichts ohne Grund
^gedacht^ werde. Die Vernunft hat aber einen sehr reellen Grund, die
Freiheit als eine absolute Ursache zu denken« -- und tiefer unten --
»als ein ^Grundvermögen^, das sich als ein solches von keinem Anderen
ableiten, und daher auch aus keinem Anderen begreifen und erklären
lässt.« Rec. ist mit dieser Erklärung vollkommen einverstanden; nur
scheint ihm der Fehler darin zu liegen, dass man durch anderweitige
Merkmale verleitet wird, dieses Vermögen nicht als ein Grundvermögen zu
denken. -- Es ist nemlich zu unterscheiden zwischen dem ^Bestimmen^, als
freier Handlung des intelligiblen Ich, und dem ^Bestimmtseyn^, als
erscheinendem Zustande des empirischen Ich.

Die oben zuerst genannte Aeusserung der absoluten Selbstthätigkeit des
menschlichen Geistes erscheint in einer Thatsache: in dem Bestimmtseyn
des ^oberen Begehrungsvermögens,^ welches freilich mit dem Willen nicht
verwechselt, aber ebensowenig in einer Theorie desselben übergangen
werden muss; die Selbstthätigkeit giebt diesem Vermögen seine
^bestimmte,^ und ^nur auf Eine Art bestimmbare Form,^ welche als
Sittengesetz erscheint. Die von jener zu unterscheidende Aeusserung der
absoluten Selbstthätigkeit im ^Bestimmen^ des ^Willens^ erscheint nicht,
und kann nicht erscheinen, weil der Wille ursprünglich ^formlos^ ist;
sie wird bloss als Postulat des durch jene Form des ursprünglichen
Begehrungsvermögens dem Bewusstseyn gegebenen Sittengesetzes angenommen,
und ist demnach nicht Gegenstand des Wissens, sondern des Glaubens. Die
^Neigung^ (^propensio^ überhaupt) als ^Bestimmtseyn^ des (oberen oder
niederen) ^Begehrungsvermögens^ erscheint; aber nicht das Erheben
derselben zum wirklichen ^Wollen.^ Der Wille in der Erscheinung ist nie
^bestimmend,^ sondern ^immer bestimmt,^ die Bestimmung ist schon
geschehen; wäre sie nicht geschehen, so erschiene er nicht als ^Wille,^
sondern als ^Neigung.^ Die scheinbare Empfindung des Selbstbestimmens
ist keine Empfindung, sondern eine unvermerkte Folgerung aus der
Nichtempfindung der bestimmenden Kraft. Insofern der Wille sich
»selbstbestimmend« ist, ist er gar kein Sinnen-, sondern ein
übersinnliches Vermögen. Aber das ^Bestimmtseyn^ des Willens erscheint,
und nun entsteht die Frage: ist jenes für die Möglichkeit der Zurechnung
als Vernunftpostulat anzunehmendes Selbstbestimmen zu einer gewissen
Befriedigung oder Nichtbefriedigung, ^Ursache^ der ^Erscheinung^ des
Bestimmtseyns zu derselben Befriedigung oder Nichtbefriedigung?
Beantwortet man diese Frage mit Ja, wie sie Reinhold (S. 284 der
angeführten Briefe) wirklich beantwortet (»aus ihren ^Wirkungen,^ durch
welche sie unter den ^Thatsachen^ des Bewusstseyns vorkommt, ist mir die
Freiheit (des Willens) völlig begreiflich u. s. w.«); so zieht man ein
Intelligibles in die Reihe der ^Naturursachen^ herab, und verleitet
dadurch, es auch in die Reihe der Naturwirkungen zu versetzen; ein
Intelligibles anzunehmen, das kein Intelligibles sey. Wenn man sagt:
»wer sich zur Frage berechtigt glaubt, aus welchem ^Grunde^ die
^Freiheit^ sich zu ^A^ und nicht vielmehr zu Nicht-A bestimmt habe,
beweist durch einen Cirkel die Nichtigkeit der Freiheit aus ihrer schon
vorausgesetzten Nichtigkeit, und wenn er sich recht versteht, aus der
Nichtigkeit eines Willens überhaupt:« -- so ist dies freilich sehr wahr
erinnert; aber durch die Annahme, dass die Freiheit wenigstens Ursache
in der Sinnenwelt seyn könne, hat man ihn unvermerkt in diesen Cirkel
hineingezogen. Nur durch die Rückkehr zu dem, was Rec. der wahre Geist
der kritischen Philosophie scheint, ist die Quelle dieses
Misverständnisses zu verstopfen. Nemlich -- auf das ^Bestimmen^ der
absoluten Selbstthätigkeit durch sich selbst (zum Wollen) kann der Satz
des zureichenden Grundes gar nicht angewendet werden; denn das ist Eine,
und eine einfache, und eine völlig isolirte Handlung; das Bestimmen
selbst ist zugleich das Bestimmtwerden, und das Bestimmende das
Bestimmtwerdende. Für das ^Bestimmtseyn^ als Erscheinung muss nach dem
Gesetze der Naturcausalität ein wirklicher Realgrund in einer
vorhergegangenen Erscheinung angenommen werden. Dass aber das
Bestimmtseyn durch die Causalität der Natur, und das Bestimmen durch
Freiheit ^übereinstimme,^ welches zum Behuf einer ^moralischen
Weltordnung^ gleichfalls anzunehmen ist; davon lässt sich der Grund
weder in der Natur, welche keine Causalität auf die Freiheit, noch in
der Freiheit, welche keine Causalität in der Natur hat, sondern nur in
einem höheren Gesetze, welches beide unter sich fasse und vereinige,
annehmen: -- gleichsam in einer vorherbestimmten Harmonie der
Bestimmungen durch Freiheit mit denen durchs Naturgesetz. (Vergl. Kant,
über eine neue Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft
durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll, S. 122 ff.) Nicht
darin, wie ein von dem Gesetze der Naturcausalität unabhängiges »Ding an
sich« sich selbst bestimmen könne, noch darin, dass eine Erscheinung in
der Sinnenwelt nothwendig ihren Grund in einer vorhergegangenen
Erscheinung haben müsse, sondern darin, wie beide gegenseitig von
einander völlig unabhängige Gegenstände zusammenstimmen können, liegt
das Unbegreifliche: das aber lässt sich begreifen, warum wirs nicht
begreifen können, weil wir nemlich keine Einsicht in das Gesetz haben,
das beides verbindet. -- Dass übrigens dies Kants wahre Meinung sey, und
dass die in mehrern Stellen seiner Schriften vorkommende Aeusserung,
dass die Freiheit eine Causalität in der Sinnenwelt haben müsse, nur ein
vorläufig, und bis zur näheren Bestimmung aufgestellter Satz sey,
scheint Rec. daraus zu erhellen, dass er zwischen einem empirischen und
einem intelligiblen Charakter des Menschen unterscheidet; dass er
behauptet, Niemand könne den wahren Grad seiner eigenen Moralität (als
welcher sich auf seinen unerkennbaren intelligiblen Charakter gründet)
wissen; dass er die Zweckmässigkeit als Princip der, beide
Gesetzgebungen verknüpfenden, reflectirenden Urtheilskraft aufstellt
(als welche Zweckmässigkeit sich nur durch eine höhere, dritte
Gesetzgebung möglich denken lässt). Vorzüglich aber scheint eben dieses
in seiner Schrift vom radicalen Bösen (jetzt dem ersten Stücke der
^Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft^) aus seinem
Beweise für die Annehmbarkeit eines absolut freien Willens ^aus der
Nothwendigkeit der Zurechnung,^ und aus seiner Berufung auf ^einen
unerforschlichen höheren Beistand^ (der nicht etwa unseren
intelligiblen, bloss durch absolute Selbstthätigkeit zu bestimmenden
Charakter statt unserer bestimme, sondern unsern erscheinenden
empirischen mit jenen übereinstimmend mache, welches nur kraft jener
höheren Gesetzgebung geschehen kann) hervorzugehen. Jene Beweisart und
diese Berufung sind so innig mit dem Geiste der kritischen Philosophie
verwebt, dass man wirklich sehr wenig mit ihm bekannt seyn muss, um in
dieser Philosophie dieselben so abenteuerlich, so wider den gesunden
Menschenverstand streitend, und so lächerlich zu finden, als Herr
Creuzer sie findet. Es würde ein Leichtes seyn, ihm zu zeigen, dass er
selbst zufolge der Prämissen, die er mit der Kantischen Schule annimmt,
auch diese Sätze nothwendig annehmen müsse.

Von Untersuchung dieser Theorie geht Herr Creuzer zur Prüfung des allen
Lesern der A. L. Z. sattsam bekannten Schmidschen intelligiblen
Fatalismus über. So sehr diese Theorie, von der speculativen Seite
angesehen, ihn befriediget, so klar und einleuchtend thut er dar, dass
sie alle Moralität völlig aufhebe. Rec. ist über den zweiten Punct
völlig mit ihm einverstanden, und das, was Hr. Prof. Schmid selbst in
der Vorrede zu diesem Buche zu seiner Vertheidigung hierüber sagt, hat
ihm wenigstens noch ärger, als die Anklage geschienen. Zurechnung,
Schuld und Verdienst fällt bei dieser Theorie, nach Hrn. Schmids eigenem
Geständnisse, weg; nun wäre es an ihm, zu zeigen, wie man sich dabei
noch ein für ^jede^ Handlung, die nach dem Gesetze beurtheilt wird,
^gültiges Gesetz^ denken könne. Die Moralität, welche übrig bleiben
soll, ist eben diejenige, welche in den ehemaligen Glückseligkeits- und
Vollkommenheitstheorien übrig blieb: gut seyn ist ein Glück, und böse
seyn ein Unglück. Ueber den ersteren Punct hören wir Hrn. Schmid selbst.
»Man kann den undenkbaren Gedanken, den Nichtgedanken (einer
Nothwendigkeit, die nicht Nothwendigkeit ist, eines unbeschränkten
Vermögens, das nicht alles vermag, eines Unvermögens, das doch das
völligste Vermögen ist, eines nothwendigen Grundes, der nicht nothwendig
begründet, eines Individualdinges, das sich wie ein abgezogenes
Allgemeinding verhält, also bestimmt und auch unbestimmt ist, endlich
einer Unabhängigkeit, die aus einer doppelten Abhängigkeit hervorgeht«
[passt denn diese Charakteristik auch auf die Reinholdsche Definition
der Freiheit des Willens, oder etwa nur auf diejenige, welche praktische
Vernunft und Willen verwechselt?]), »der doch für einen Hauptgedanken
gelten soll, von einer Stelle der Theorie an einen anderen Platz
hinbringen; man kann ihn aus der Sinnenwelt in die Welt der Noumenen
verpflanzen; man kann gewissen anstössigen, und wegen ihrer Bestimmtheit
ein wenig unbequemen Formeln aus dem Wege gehen, und bequemere (ich
meine lenksamere, unbestimmtere) dafür gebrauchen; man kann endlich neue
Vermögen der Willkür erdichten, sie aus ihrer Naturverbindung
herausreissen, und so als isolirte Unbestimmtheiten aufstellen« (ganz
eigentlich das, wenn man die Ausdrücke nicht ganz genau nimmt, hat Rec.
hier gethan, und fragt: ob man das Daseyn eines allgemeingültigen
Sittengesetzes anerkennen und consequent seyn, und dennoch das auch
nicht thun könne?) -- -- »aber der Widerspruch selbst bleibt, was er
war; der Verstand kann nicht denken wider die Gesetze der Möglichkeit
alles Denkens.« Und jetzt entscheide das Publicum, ob hier noch ein
Widerspruch, oder ob blosse Unbegreiflichkeit vorhanden sey? --
Uebrigens glaubt Rec., dass die Philosophie sich von Hrn. Creuzer,
sobald in seine ausgebreitete und mannigfaltige Belesenheit mehr
Ordnung, und in seine Geistesthätigkeit mehr Reife gekommen seyn werde,
viel Gutes zu versprechen habe. --




                                  B.
          Gotha, bei Ettinger: Ueber die sittliche Güte aus
     uninteressirtem Wohlwollen, von Friedrich Heinrich Gebhard.
                1792. 290 S. 8. mit Dedic. und Vorber.


           (Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung 1793. N. 304.)

Rec. nahm dieses Buch nicht ohne grosse Erwartung zur Hand, da es ihm
die Auflösung einer Schwierigkeit zu versprechen schien, die er noch
nirgends befriedigend gelöst fand, und von deren Auflösung, wenigstens
seiner Ueberzeugung nach, darum nicht minder die Allgemeingültigkeit des
Kantschen Moralprincips abhängt; und er war höchst unzufrieden mit sich
selbst, dass er bei den Ausdrücken des Verfassers sich so selten etwas
Bestimmtes denken konnte, bis ihm endlich durch die Stelle S. 84.: »Das
moralische Gefühl besteht in einer Billigung oder ^Misbilligung^ einer
^Wirkung^ der ^praktischen Vernunft;^ denn sonst wäre ja nichts da, was
gebilligt oder misbilligt werden könnte. Also ist es kein sittliches
Gefühl, was uns zur uninteressirten Thätigkeit treibt, sondern jenes
wird erst von dieser (der prakt. Vernunft) und von dem Bewusstseyn
derselben erzeugt;« -- auf einmal völlig einleuchtend wurde, wie weit
der Verf. selbst vom bestimmten Denken über seinen Gegenstand noch
entfernt seyn müsse. Ein Aufsatz im Braunschweiger Journal (Juni 1791),
der das von Smith als Moralprincip aufgestellte reine oder
uninteressirte Wohlwollen gegen das Kantische Princip in Schutz nahm,
war die Veranlassung der ersten drei Abschnitte dieser Schrift. Der
erste Abschnitt vertheidigt Kant gegen die Beschuldigung des
Journalisten, dass er nicht definirt habe, ^was^ sittlich gut sey, durch
die Vorlegung der Kantischen Definition: es sey dasjenige, was man
zufolge des mit Nothwendigkeit gebietenden praktischen Vernunftgesetzes
^solle;^ und entwickelt überhaupt das Kantische Moralprincip. Hat etwa
der Journalist eine Realdefinition begehrt (denn sollten ihm wohl jene
Nominaldefinitionen unbekannt geblieben seyn? --); so hätte ihm Hr.
Gebhard befriedigender geantwortet, wenn er ihm gezeigt hätte, ^dass^
und ^warum^ das ^Materiale^ eines bloss ^formalen^ Imperativs sich nicht
vorlegen lasse, und dass er mithin in seiner Forderung schon
voraussetze, was er durch sie erweisen wolle. Neues hat Rec. unter einem
unerschöpflichen Wortreichthume in diesem Abschnitte nichts gefunden,
als das, dass der Verf. die allgemeingeltenden Vorschriften des
Sittengesetzes nicht für bloss negativ (für Einschränkungen der den
Willen bestimmenden Anmaassung des sinnlichen Triebes), sondern für
positiv hält; dass es z. B. nach ihm Pflicht ist, nicht -- nie eine
Unwahrheit zu sagen, sondern die Wahrheit immer, und in jedem Falle
gerade herauszusagen. Der zweite Abschnitt untersucht, ob das reine
Wohlwollen Princip der Moral seyn könne. Dass eine solche Untersuchung
nicht aus bestrittenen Kantischen Prämissen, sondern aus solchen, die
sein Gegner mit ihm gemeinschaftlich annimmt, geführt werden müsse,
scheint der Verf., nach einer Stelle zu urtheilen, gefühlt zu haben; ob
er diesem Gefühle gefolgt sey, wird sich zeigen. »Ein reines Wohlwollen
sey ein uninteressirtes. Interesse sey rein oder pathologisch. Das
letztere entstehe aus dem sinnlichen Triebe, und könne hier nicht
gemeint seyn. Das erstere sey das durch die Gesetzgebung der praktischen
Vernunft erzeugte, und könne ebensowenig gemeint seyn; denn sonst wäre
ja dieses System mit dem Kantischen nicht im Widerspruche.« -- Dawider
kann nun der Gegner die gegründete Einwendung machen: er nehme
allerdings mit Kant eine uneigennützige (nicht auf Befriedigung des
sinnlichen Triebes ausgehende) Neigung an; sein Wohlwollen gründe
sich ebensowenig auf ein Interesse, als das Kantische obere
Begehrungsvermögen; aber es bringe, ebenso wie dieses, eines hervor: nur
leite er dieses zugestandene Gefühl keinesweges von einer absoluten
Selbstthätigkeit des menschlichen Geistes ab, sondern halte es für einen
Grundtrieb des Gemüths, der sich von keinem höheren Vermögen ableiten,
noch daraus erklären lasse. Um zu zeigen, dass ein solches
uninteressirtes Wohlwollen, wie er dem Gegner andichtet, überhaupt nicht
möglich sey, verwechselt der Verf. kurz darauf ^Interesse,^ geistiges
Wohlgefallen an der blossen Vorstellung von dem Daseyn eines
Gegenstandes, mit ^Vergnügen,^ Lust an dem durch Empfindung als wirklich
gegebenen Gegenstande: »wenn der Gegenstand unseres wohlwollenden
Triebes realisirt würde, so würden wir nicht ermangeln, ein wirkliches
Vergnügen zu empfinden, mithin sey unser Wohlwollen doch (pathologisch)
interessirt.« Empfindet denn, kann ihn hier der Gegner fragen, der durch
das praktische Vernunftgesetz Bestimmte kein Vergnügen, wenn er den
Gegenstand seiner Willensbestimmung als realisirt empfindet? »Aber,«
lässt er bald darauf den Gegner richtig antworten, »die Vorstellung
dieses Vergnügens soll nur nicht der bestimmende Grund des Willens
seyn.« Aber was denn? die Vernunft? so ist der Gegner ein Kantianer. Der
Trieb selbst? Das kann Hr. Gebhard nicht einsehen. Von einem Dritten,
das den Willen bestimmen könnte, einer absoluten Selbstthätigkeit, ist
im ganzen Buche nicht die Rede.

Nach diesen Vorübungen setzt endlich Hr. Gebhard den wahren Streitpunct
sehr richtig so fest: Soll man der Vernunft oder dem reinen Wohlwollen
das Primat zuerkennen? Hier entspinnt sich zuerst eine ermüdende
langweilige Erörterung, dass die Vernunft, »wenn man sie auch etwa für
die bloss theoretische Vernunft anerkennen wolle« (?), doch über die
Anwendbarkeit des Princips des Wohlwollens auf bestimmt gegebene Fälle
Richterin seyn müsse. Rec. sollte meinen, das wäre überhaupt nicht die
Vernunft (das Vermögen ^ursprünglicher^ Gesetze), sondern die
Urtheilskraft, die im Systeme seines Gegners hierunter das durch jenes
wohlwollende Gefühl aufgestellte Gesetz (welches der Verstand in eine
logische Formel zu bringen hätte) subsumiren würde; und dann -- muss
denn nicht dieselbe Urtheilskraft auf dieselbe Art auch unter das
praktische Vernunftgesetz subsumiren? Und nun endlich kömmt der Verf. zu
dem, was er den Beweis nennt, dass der Vernunft, und zwar der
praktischen Vernunft, das Primat über das reine Wohlwollen zukomme.
»Warum kann man denn den Werth oder Unwerth des uninteressirten
Wohlwollens nicht ebensogut, wie tausend andere Fragen, unentschieden
lassen?« (Ist sein Gegner consequent, so läugnet er ihm die Befugniss zu
einer solchen Frage geradezu ab: ist ihm der Werth dieses Wohlwollens
absolut derjenige, nach welchem jeder andere Werth beurtheilt, welcher
selbst aber nach keinem andern beurtheilt wird.) -- »Entschieden ^muss^
werden, weil es hier auf Handeln und auf fehlerlose Richtigkeit des
Handelns ankömmt. Nothwendigkeit des Handelns, verbunden mit dieser
Regelmässigkeit desselben, ist aber hier noch nicht Sache des
Wohlwollens; denn hierüber ist eben erst die Frage; sondern der
Vernunft, und zwar nicht der theoretischen, sondern der praktischen.«

Versteht Rec. diese Worte, so sagen sie so viel: das Wohlwollen kann
nicht absolut erstes Gesetz des Handelns seyn; ich will hier einmal nach
einem höheren Grunde fragen; mithin giebt es einen solchen höheren
Grund: diesen höheren Grund will ich Vernunft, und zwar nicht
theoretische, sondern praktische Vernunft nennen; mithin -- u. s. f.
»Und so ist denn,« fährt Hr. Gebhard in Schwabacher Schrift fort, »die
Subordination des uninteressirten Wohlwollens unter die praktische
Vernunft klar erwiesen?« -- Ja wohl, wenn schon vorher angenommen war,
dass die Vernunft auch praktisch seyn könne, und auch wirklich sey.

Und was heisst denn Vernunft überhaupt; und wie ist denn insbesondere
die praktische von der theoretischen unterschieden? Rec. hat im ganzen
Buche vergebens nach einer Spur gesucht, woraus hervorginge, dass der
Verf. auch nur eine leise Ahnung habe, was Vernunft überhaupt, und was
praktische Vernunft in der kritischen Philosophie bedeute; vielmehr hat
er dieses Wort bald für Verstand, bald für Urtheilskraft, bald für
Willen, und endlich gar für sittliches Gefühl, kurz fast für alles
gebraucht gefunden, was dem Verf. unter die Feder kam. -- »Das Princip
des uninteressirten Wohlwollens sey unbestimmt. Uninteressirt sey ein
unbestimmter Begriff.« ^Uninteressirt,^ wie es oben erklärt worden, ist
ein negativer Begriff, aber kein unbestimmter; er erhält seine
Bestimmung in der Erfahrung von dem ihm entgegengesetzten ^interessirt^
(durch sinnlichen Trieb zur Neigung bestimmt).

»Wohlwollen beziehe sich auf Glückseligkeit, und werde durch die
Unbestimmbarkeit dieses Begriffs auch unbestimmbar.« Theoretisch wohl,
aber nicht als Princip der Willensbestimmung, wenn diesem nicht die
hervorzubringende, sondern bloss die rein zu berichtigende
Glückseligkeit als Zweck aufgestellt wird. Ein Wille, der Glückseligkeit
ausser sich wirklich machte, wäre in diesem Systeme legal; einer, dessen
Triebfeder nur lediglich die Vorstellung dieses Zweckes gewesen wäre,
wäre moralisch. Hr. Gebhard macht die Bestreitung dieses Systems sich
noch ferner bequem, indem er die Unterscheidung der eigenen von der
fremden Glückseligkeit in das Princip aufnimmt, und es nun, wie
natürlich, bei der Anwendung in Widerstreit mit sich selbst gerathen
lässt. Aber ein consequenter Vertheidiger desselben wird den Grund
dieser Unterscheidung bloss in der interessirten sinnlichen Neigung
aufsuchen, und für das uninteressirte Wohlwollen Glückseligkeit
überhaupt, ohne Rücksicht auf das Subject derselben, zum Objecte
aufstellen. »Dies Princip sey ferner unverständlich. Ein Princip müsse
vernünftig gedacht, besonnen seyn.« Das heisst entweder: es muss für die
Wissenschaft sich in einer bestimmten Formel aufstellen lassen (und
warum liesse sich denn das Bestrittene nicht in der Formel aufstellen:
die Hervorbringung der, deinem besten Wissen nach, möglichst grössten
Summe der Glückseligkeit in der empfindenden Welt sey höchster Endzweck
deiner freien Handlungen?), oder: es muss in dieser bestimmten Formel
dem Bewusstseyn beim Bestimmen des Willens vorschweben; und der Verf.
besteht besonders auf dem letzteren. Aber warum könnte es denn in jener
Formel das nicht, wenn es müsste? oder warum müsste es denn? Wird denn
nicht auch das praktische Vernunftgesetz dem Bewusstseyn bloss durch ein
Gefühl gegeben; und ist denn keine Handlung rein moralisch, die sich
bloss auf dieses Gefühl, und nicht auf eine klare, deutliche und
vollständige Kenntniss des kategorischen Imperativs gründet? »Der
Uebergang eines Gefühls in Handlungen lasse sich nicht begreifen.« Wie
mag sich der Verf. doch den Uebergang des auf die praktische Vernunft
sich gründenden sittlichen Gefühls in Handlungen begreiflich machen?

Hoffentlich haben sowohl Hr. Gebhard, als die Leser an diesen Beweisen
der völligen Unfähigkeit dieses Kantianers zur Lösung der aufgeworfenen
Streitfrage genug; und überheben Rec. des langweiligen Geschäfts, den
Auszug aus einer solchen Schrift fortzusetzen.

Dass der Trieb des Wohlwollens, wenn er bei seiner Anwendung auf
bestimmte Fälle von der Vorstellung der Glückseligkeit geleitet werden
soll, welche erst durch Sinnenempfindung gegeben werden müsste, und in
welchem Falle die Formel: was du ^willst^, dass man dir erzeige u. s.
f., soviel heissen würde, als: was du durch den sinnlichen Trieb
begehrest, was dir angenehm seyn würde, das sollst du u. s. f., nicht
Princip der Moral seyn könne, lässt sich schon aus dem Bewusstseyn
darthun, vermöge dessen wir manches für moralisch nothwendig anerkennen
müssen, das uns doch als die Quelle des höchsten und allgemeinsten
Elendes erscheint. Aber diese Beziehung auf Glückseligkeit, durch das
handelnde Subject selbst, ist etwas dem Systeme zufälliges. Die
Hauptfrage ist die: ob jenes Gefühl des schlechthin Rechten (nicht eines
Glückseligkeit beabsichtigenden Wohlwollens), dessen Daseyn im
Bewusstseyn der Gegner in seiner ganzen Ausdehnung zugestehen kann, von
etwas Höherem, und zwar von einer praktischen Vernunft, abzuleiten sey,
oder nicht? Gegen den, der dieses läugnet, kann man sich weder auf eine
Thatsache berufen; -- denn was wirklich Thatsache ist, das gesteht er
zu, und dass die Vernunft praktisch sey, und durch dieses ihr Vermögen
jenes Gefühl bewirke, ist nicht Thatsache: -- noch auf das Gefühl einer
moralischen Nothwendigkeit (jenes ^Sollen^), das damit vereinigt ist;
denn dies entsteht auch im Kantischen Systeme aus der Bestimmung des
oberen Begehrungsvermögens, als oberen, zur Neigung: -- noch auf einen
in diesem Systeme stattfindenden Mangel eines Unterscheidungsgrundes
zwischen dem sittlichen und widersittlichen Triebe; denn der
Vertheidiger desselben kann nur den Grundsatz aufstellen: was sich als
allgemein, stets, immer und auf jeden Fall, gültige Maxime für das
Subject ohne Widerspruch denken lässt, ist Wirkung des sittlichen
Triebes, und was sich, in dieser Allgemeinheit (für das Subject)
gedacht, widerspricht, das widerspricht dem Sittlichen; -- denn wenn
jenes Gefühl ursprünglich und einfach seyn soll, so kann es sich nicht
selbst widersprechen (vom nichtsittlichen, dem animalischen Instincte,
ist es freilich nicht zu unterscheiden, aber es soll auch in diesem
System nicht davon unterschieden werden; seine Befriedigung ist hier
selbst Pflicht): -- noch endlich darauf, dass in demselben jeder Grund,
eine Freiheit des Willens anzunehmen, wegfalle; denn wenn eine solche
Freiheit keine Thatsache des Bewusstseyns, sondern ein blosses Postulat
des als Wirkung der praktischen Vernunft angenommenen Sittengesetzes
ist; so behilft ein System, das ihrer nicht bedarf, sich gern ohne
dieselbe; das sittliche Gefühl wirkt unwiderstehlich, wo kein Hinderniss
seiner Wirkung vorhanden ist. Die eigentliche Moralität wäre freilich
vernichtet, und wir wären wieder an die Kette der Naturnothwendigkeit
angefesselt, aber die Thatsachen unseres Bewusstseyns wären
doch befriedigend und mit höchster Consequenz erklärt, alle
Unbegreiflichkeiten des Kantischen Systems gehoben, und jene Moralität
eine erweisbare Täuschung. Um jene Triebfeder des schlechthin Rechten
mit der übrigen Natur in Zusammenhang zu bringen, und den öfteren
Widerstreit derselben mit dem ebenso natürlichen Glückseligkeitstriebe
aufzuheben, würden wir auf die Hypothese getrieben: dass jene Triebfeder
eine Veranstaltung der Natur sey, um die uns unbekannte Glückseligkeit
auch ohne unser Wissen durch uns hervorzubringen, und dass das
Rechtthun, wenn auch nicht in unserem gegenwärtigen, oder überhaupt in
dem unsrigen, dennoch in irgend einem Verstande letztes Mittel zum
höchsten Endzwecke der Natur, der Glückseligkeit, sey. Der wesentliche
Unterschied eines solchen Systems vom Kantischen wäre der, dass in jenem
das sittliche Gefühl zwar auch Wirkung der Vernunft (als Vermögen
ursprünglicher Gesetze) wäre, aber der ^theoretischen^; dass mithin
dieses Gesetz durch den Mechanismus unseres Geistes ^bedingt^, und auf
alle Fälle, worauf es anwendbar wäre, mit ^Nothwendigkeit^ angewendet
würde (die Erscheinung der Unabhängigkeit von ihm, welche allein es von
den übrigen Gesetzen der theoretischen Vernunft unterscheiden, und das
bei Anwendung jener Gesetze vorhandene Gefühl des Müssens in ein Gefühl
des Sollens verwandeln würde, entstände daher, dass die Hindernisse der
Anwendung desselben auf Fälle, worauf es anwendbar schiene, nicht
ebenso, wie bei jenen, zu unserem deutlichen Bewusstseyn gelangten): in
diesem aber dasselbe Wirkung einer Vernunft wäre, welche in dieser
Function unter keiner andern Bedingung stände, als unter der
Bedingung ihres eigenen Wesens (der absoluten Einheit und mithin
Gleichförmigkeit), einer praktischen Vernunft.

Dieses letztere nun lässt sich weder für eine Thatsache ausgeben, noch
irgend einer Thatsache zufolge postuliren, sondern es muss bewiesen
werden. Es muss bewiesen werden, ^dass^ die Vernunft praktisch sey. Ein
solcher Beweis, der zugleich gar leicht Fundament ^alles^
philosophischen Wissens (der Materie nach) seyn könnte, müsste ungefähr
so geführt werden: der Mensch wird dem Bewusstseyn als Einheit (als Ich)
gegeben; diese Thatsache ist nur unter Voraussetzung eines schlechthin
Unbedingten in ihm zu erklären; mithin muss ein schlechthin Unbedingtes
im Menschen angenommen werden. Ein solches schlechthin Unbedingtes aber
ist eine praktische Vernunft: -- und nun erst dürfte mit Sicherheit
jenes, allerdings in einer Thatsache gegebene sittliche Gefühl als
Wirkung dieser erwiesenen praktischen Vernunft angenommen werden.

Der vierte Abschnitt: »ob das höchste Princip der reinen praktischen
Vernunft sich mit dem der Glückseligkeit verbinden lasse,« -- ist
gerichtet gegen Hrn. Rapps Abhandlung ^über die Untauglichkeit des
Princips der allgemeinen und eigenen Glückseligkeit zum Grundgesetze der
Sittlichkeit^, Jena, bei Mauke, 1791. Hr. Rapp habe anfangs das
Kantische Moralprincip in seiner völligen Reinheit aufgestellt, aber am
Ende seiner Schrift sich zu einem Synkretismus der reinen Vernunft- und
der Glückseligkeitstheorie hingeneigt. Gleich den ersten Satz, den der
Verf. Hrn. Rapps Satze: der sittliche gute Wille sey zwar das höchste
Gut, aber deshalb doch nicht der ganze letzte Zweck des Menschen --
entgegengestellt: der sittliche Wille sey nicht nur das Absolutgute,
sondern auch das höchste, und zwar das ganze höchste Gut -- könnte man
ihm gelten lassen, wenn er unter dem sittlichen Willen nur wirklich den
sittlichen ^Willen^ verstände. Da er aber auch hier, wie immer, die
praktische Vernunft mit dem eigentlichen Willen verwechselt, so ist
klar, dass ihn niemand verstehen kann, weil er selbst sich nicht
verstanden hat.

Der bescheidene Verf. bittet in der Vorrede nicht um Nachsicht, sondern
um eine wohlthätig aufklärende Zurechtweisung, und nach allem scheint es
ihm mit dieser Bitte ein Ernst zu seyn. Rec. kann ihm hier bloss den
Rath geben, noch eine geraume Zeit über Kants und anderer grosser
Selbstdenker Schriften nachzudenken, und wenn er dann ja die Resultate
seines Nachdenkens mittheilen, und gelesen seyn will, sich einer
grösseren Präcision, und besonders der Einfachheit, in seinem Ausdrucke
zu befleissigen. Es ist unangenehm, da, wo man bestimmte Erklärungen
erwartet, auf Kräuseleien zu stossen, wie folgende: »Es giebt Charaktere
(^sic^) und Handlungen, deren Erhabenheit und Grösse wie ein ewig
flammender Strahl von den Zeiten des grauen Alterthums bis zur jüngsten
Menschenwelt herableuchtet.« Bruchstücke aus dergleichen Chrien in
zierlicher Schreibart schiebt der Verf. ein, wo es sich nur irgend thun
lässt.




                                  C.
     Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel
          Kant. Königsberg, bei Nicolovius. 1795. 104 S. 8.


              (Philos. Journal Bd. IV. S. 81-92. 1796.)

Der Name des grossen Verfassers, das Interesse für die gegenwärtigen und
nächstkünftigen politischen Ereignisse, die Parteilichkeit für oder
wider gewisse Beurtheilungen derselben, die Begierde zu wissen, wie
dieser grosse Mann sie ansehen möge, und wer weiss, welche Gründe noch
-- haben ohne Zweifel diese Schrift schon längst in die Hände aller, die
die Lectüre lieben, gebracht, und unsere Anzeige käme für die meisten
Leser dieses Journals wohl zu spät, wenn sie dieselben erst mit ihrer
Existenz bekannt machen wollte. Aber gerade diese Beziehung derselben
auf das Interesse des Tages, die Leichtigkeit und Annehmlichkeit des
Vortrags, und die anspruchslose Weise, mit welcher die in ihr
vorgetragenen erhabenen, allumfassenden Ideen hingelegt werden, dürfte
mehrere verleiten, derselben nicht die Wichtigkeit beizumessen, die sie
unseres Erachtens hat, und die Hauptidee derselben für nicht viel mehr
anzusehen, als für einen frommen Wunsch, einen unmaassgeblichen
Vorschlag, einen schönen Traum, der allenfalls dazu dienen möge,
menschenfreundliche Gemüther einige Augenblicke angenehm zu unterhalten.
Es sey uns erlaubt, auf die entgegengesetzte Meinung aufmerksam zu
machen, dass diese Hauptidee doch wohl noch etwas mehr seyn möge; dass
sich vielleicht von ihr ebenso streng, als von anderen ursprünglichen
Anlagen erweisen lasse, dass sie im Wesen der Vernunft liege, dass die
Vernunft schlechthin ihre Realisation fordere, und dass sie sonach auch
unter die zwar aufzuhaltenden, aber nicht zu vernichtenden Zwecke der
Natur gehöre. Auch sey es uns erlaubt, anzumerken, dass diese Schrift,
wenn auch nicht durchgängig die Gründe, doch zum wenigsten die Resultate
der Kantischen Rechtsphilosophie vollständig enthält, und sonach auch in
wissenschaftlicher Rücksicht äusserst wichtig ist.

^Erster Abschnitt.^ Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten.
1) »Es solle kein Friedensschluss für einen solchen gelten, der mit dem
geheimen Vorbehalt des Stoffes zu einem künftigen Kriege gemacht
worden;« in welchem der schon bekannte oder unbekannte Grund eines
künftigen Krieges nicht zugleich mit aufgehoben werde. Ausserdem wäre
kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand geschlossen, sagt Kant. Es
liegt im Begriff des ^Friedens.^ Durch ihn versetzen sich, glaubt Rec.,
die Contrahirenden, so gewiss sie contrahiren, überhaupt in ein
rechtliches Verhältniss gegeneinander, und vertragen sich nicht nur über
das bis jetzt streitige, sondern über alle Rechte, die zur Zeit des
Friedensschlusses ein jeder sich zuschreibt. Wogegen nicht ausdrücklich
Einspruch geschieht (wodurch aber der Friede aufgehoben würde), das
gestehen die Parteien einander stillschweigend zu.

2) »Es solle kein für sich bestehender Staat (klein oder gross, das
gelte hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch,
Kauf oder Schenkung erworben werden können;« -- weil es, so wie die
Verdingung der Truppen eines Staates an den anderen, überhaupt gegen den
Staatsvertrag laufe; wie ^an sich^ klar ist: -- in Beziehung auf den
beabzweckten ewigen Frieden; weil dies eine nothwendige Quelle vieler
Kriege gewesen sey, und fortdauernd seyn werde.

3) »Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören« -- weil sie
beständig mit Krieg drohen, und die Errichtung, Vermehrung, Erhaltung
derselben oft selbst eine Ursache des Krieges werde.

4) »Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äussere Staatshändel
gemacht werden;« -- als ^Erleichterungsmittel der Kriege^ zu verbieten,
wie die stehenden Heere, -- auch um des möglichen und zu seiner Zeit
unvermeidlichen Staatsbanquerots willen.

5) »Kein Staat solle sich in die Verfassung und Regierung eines anderen
Staates gewaltthätig einmischen;« -- nicht etwa unter dem Vorwande des
Skandals. Es sey allemal ^scandalum acceptum,^ und die fremde
Einmischung selbst ein grosses Skandal.

6) »Es solle sich kein Staat im Kriege mit einem anderen
Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im
künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, ^Anstellung der
Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Capitulation, Anstiftung des
Verrathes^ in dem bekriegten Staate« u. s. w. -- weil dadurch der Friede
unmöglich, und ein ^bellum internecinum^ herbeigeführt würde.

Beiläufig wird aufmerksam gemacht auf den Begriff einer ^lex
permissiva.^ Sie ist nur möglich dadurch, dass das Gesetz auf gewisse
Fälle nicht gehe, -- woraus man, wie Rec. glaubt, hätte ersehen mögen,
dass das Sittengesetz, dieser ^kategorische^ Imperativ, ^nicht^ die
Quelle des Naturrechts seyn könne, da er ohne Ausnahme und unbedingt
gebietet: das letztere aber nur ^Rechte^ giebt, deren man sich bedienen
kann, oder auch nicht. Es ist hier nicht der Ort, sich weiter darüber
auszulassen.

^Zweiter Abschnitt,^ welcher die Definitivartikel zum ewigen Frieden
unter Staaten enthält. -- Alles ist aufgebaut auf die Sätze, die Kant
schon ehemals aufgestellt, die nicht geringen Anstoss erregt haben, und
deren Prämissen auch hier nicht weiter als durch Winke angedeutet sind:
»^Alle Menschen, die aufeinander wechselseitig einfliessen können,
müssen zu irgend einer bürgerlichen Verfassung gehören.^« »Jeder hat das
Recht, den anderen, den er dazu aufgefordert hat, feindlich zu
behandeln; auch ohne dass derselbe ihn vorher beleidigt.« Es sey dem
Rec. -- der, bei seinen Untersuchungen über das Naturrecht, aus
Principien, die von den bis jetzt bekannten Kantischen unabhängig sind,
auf diese und auf die tiefer unten folgenden Kantischen Resultate
gekommen, und den Beweis derselben gefunden, auch sie öffentlich
vorgetragen hat, ehe dieses Buch in seine Hände gekommen, -- erlaubt,
einige Worte hinzuzusetzen, um vorläufig die Befremdung, die bei der
herrschenden Denkart diese Sätze erregen müssen, ein wenig zu mildern.

Nur inwiefern Menschen in Beziehung aufeinander gedacht werden, kann von
Rechten die Rede seyn, und ausser einer solchen Beziehung, die sich aber
dem Mechanism des menschlichen Geistes zufolge von selbst und unvermerkt
findet, weil die Menschen gar nicht isolirt seyn können, und kein Mensch
möglich ist, wenn nicht mehrere bei einander sind, ist ein Recht nichts.
Wie können freie Wesen, als solche, bei einander bestehen? ist die
oberste Rechtsfrage; und die Antwort darauf: wenn jeder seine Freiheit
so beschränkt, dass neben ihr die der anderen auch bestehen kann. Die
Gültigkeit dieses Gesetzes ist sonach bedingt durch den Begriff einer
Gemeinschaft freier Wesen; sie fällt weg, wo diese nicht möglich ist,
sie fällt weg gegen jeden, der in eine solche Gemeinschaft nicht passt,
und es passt keiner hinein, der sich diesem Gesetze nicht unterwirft.
Ein solcher hat mithin gar keine Rechte, er ist rechtlos. -- So lange
Menschen nebeneinander leben, ohne anders, als vermittelst der
gegenseitigen Erkenntniss aufeinander einzufliessen, ist es von beiden
problematisch, ob sie jenem Gesetze sich im Herzen unterwerfen, oder
nicht. Da jeder von dem anderen ebensowohl das letztere annehmen kann,
als das erstere, so kann er vor demselben nie sicher seyn; auch schon
darum nicht, weil der andere ebensowenig weiss, ob er sich dem Gesetze
unterwerfe, und demzufolge Rechte habe, oder rechtlos sey. Es muss jedem
Angelegenheit seyn, dem anderen seine Anerkenntniss des Rechtsgesetzes
zu erklären, sich von seiner Seite die seinige von ihm zusichern, und,
da keiner dem anderen vertrauen kann, sie sich von ihm ^garantiren^ zu
lassen; welches lediglich durch die Vereinigung mit einem gemeinen Wesen
möglich ist, in welchem jeder durch Zwang verhindert wird, das Recht zu
verletzen. Wer diesen Vorschlag nicht annimmt, erklärt dadurch, dass er
dem Rechtsgesetze sich nicht unterwerfe, und wird völlig rechtlos.

»Alle rechtliche Verfassung ist sonach (nach Kant), in Absicht der
Personen, die darin stehen: 1) die nach dem ^Staatsbürgerrechte^ der
Menschen in einem Volke (^jus civitatis^); 2) nach dem ^Völkerrechte^
der Staaten im Verhältniss gegeneinander (^jus gentium^); 3) die nach
dem ^Weltbürgerrechte^, sofern Menschen und Staaten, in äusserem
aufeinander einfliessendem Verhältnisse stehend, als Bürger eines
allgemeinen Menschenstaates anzusehen sind (^jus cosmopoliticum^).«

Es giebt sonach, wie jeder daraus leicht folgern kann, nach Kants Lehre
gar kein eigentliches Naturrecht, kein rechtliches Verhältniss der
Menschen, ausser unter einem positiven Gesetze und einer Obrigkeit; und
der Stand im Staate ist der einzige wahre Naturstand des Menschen: --
alles Behauptungen, die sich unwidersprechlich darthun lassen, wenn man
den Rechtsbegriff richtig deducirt.

^Erster Definitivartikel. »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate
soll republikanisch seyn.^« -- Diese Verfassung sey die einzig
rechtliche an sich, dem Staatsbürgerrechte nach, und führe den ewigen
Frieden herbei, der durch das Völkerrecht gefordert werde: indem nicht
zu erwarten sey, dass die Bürger über sich selbst die Drangsale des
Krieges beschliessen werden, die ein Monarch, ohne für sich das
geringste dabei zu verlieren, so leicht über sie beschliesst. Die
^Republik^ sey von der ^Demokratie^ wohl zu unterscheiden. Die letztere
sey diejenige Verfassung, in welcher das Volk in eigener Person die
executive Gewalt ausübt, mithin immer Richter in seiner eigenen Sache
ist, welches eine offenbar unrechtmässige Regierungsform sey: der
Republikanism diejenige, in welcher die legislative und executive Macht
getrennt (ob nun die letztere an Eine Person, oder an mehrere
übertragen), mithin das Repräsentationssystem eingeführt sey.

Dem Rec. hat diese vorgeschlagene Trennung der legislativen von der
executiven Macht immer nicht bestimmt genug, wenigstens manchen
Misdeutungen ausgesetzt, geschienen. Er glaubt, dass diejenige Macht,
die der executiven entgegenzusetzen ist, einer näheren Bestimmung fähig
sey. Er hat, wenn es ihm erlaubt ist, seine Darstellung der Kantischen
hinzuzufügen, die Sache so gefunden -- das höchste Rechtsgesetz ist
durch die reine Vernunft gegeben: jeder beschränke seine Freiheit so,
dass neben ihm alle übrigen auch frei seyn können. ^Wie weit^ eines
jeden Freiheit gehen solle, d. h. über das Eigenthum im allerweitesten
Sinne des Wortes, müssen die Contrahirenden sich vergleichen. Das Gesetz
ist nur ^formal, dass^ jeder seine Freiheit beschränken soll, aber nicht
^material, wie weit^ sie jeder beschränken solle. Hierüber müssen sie
sich vereinigen. Aber dass überhaupt jeder darüber etwas declarire,
fordert das Gesetz. Die höchste Formel für alle möglichen Strafgesetze
ist durch reine Vernunft gleichfalls gegeben: jeder muss von seiner
Freiheit gerade so viel wagen, als er die des anderen zu beeinträchtigen
versucht ist. Die Menge der Menschen, die sich im Staate vereinigen, der
Bezirk, den sie einnehmen, und die Nahrungszweige, die sie bearbeiten,
giebt also immer das positive Gesetz für den Staat, den sie errichten;
und jeder kann ihnen ihr bestimmtes positives Gesetz aufstellen, dem man
nur jene Data giebt. Alle, so wie sie in diesen bestimmten Staat treten
wollen, sind verbunden, dieses bestimmte Gesetz anzuerkennen, und es
bedarf da keiner Sammlung der Stimmen. Jeder hat nur zu sagen: ich will
in diesen Staat treten; und er sagt damit alles. Die Gemeine darf das
Zwangsrecht nicht unmittelbar durch sich selbst ausüben, denn sie würde
dadurch Richter in ihrer eigenen Sache, welches nie erlaubt ist. Sie
muss sonach die Ausübung desselben, es sey einem Einzelnen oder einem
ganzen Corps, übertragen, und wird durch diese Absonderung erst ^Volk^
(^plebs^). Dieses gewalthabende Corps kann zu nichts verbunden werden,
als nur schlechtweg was Rechtens ist in Ausübung zu bringen. Dafür ist
es ^verantwortlich^, und die allgemeinen und besonderen Anwendungen der
Regel des Rechts auf bestimmte Fälle bleiben ihm sonach billigerweise
überlassen. Es ist inappellabel; alle Privatpersonen sind ihm ohne
Einschränkung unterworfen, und jede Widersetzlichkeit gegen dasselbe ist
Rebellion. Wie es das Recht verwalte, darüber ist nur das Volk Richter,
und es muss das Urtheil hierüber sich schlechthin vorbehalten. Aber so
lange jenes Corps im Besitze seiner Gewalt ist, giebt es kein Volk,
sondern nur einen Haufen von Unterthanen; und kein einzelner kann sagen:
das Volk soll sich als Volk erklären, ohne sich der Rebellion schuldig
zu machen, und die executive Gewalt wird das nie sagen; das Volk könnte
nur sich selbst constituiren, aber es kann sich nicht constituiren, wenn
es nicht ist. Es müsste sonach der executiven Gewalt ein anderer
Magistrat, ein ^Ephorat^, an die Seite gesetzt werden, der -- sie nicht
^richtete^, -- aber, wo er Freiheit und Recht in Gefahr glaubte, immer
auf seine eigene Verantwortung, ^das Volk zum Gericht über sie beriefe^.

^Zweiter Definitivartikel.^ »Das Völkerrecht solle auf einem
^Föderalism^ freier Staaten gegründet seyn.« -- Es giebt kein
Völkerrecht zum Kriege. Recht ist Friede. Der Krieg ist überhaupt kein
rechtlicher Zustand, wäre dieser zu erhalten, so wäre kein Krieg. -- Wir
begnügen uns auch nur mit Winken dies anzuzeigen, wie Kant. Es hat wohl
nie eine ungereimtere Zusammensetzung gegeben, als die eines
^Kriegsrechts^.

Es könne für Staaten, um in Beziehung aufeinander aus dem gesetzlosen
Zustande des Krieges herauszugehen, kein anderes Mittel geben, als
dasselbe, welches es für einzelne giebt: dass sie sich, so wie diese zu
einem Bürgerstaate, sie zu einem Völkerstaate vereinigen, in welchem
ihre Streitigkeiten untereinander nach positiven Gesetzen entschieden
werden. -- Dies ist allerdings die Entscheidung der reinen Vernunft, und
der von Kant vorgeschlagene Völkerbund zur Erhaltung des Friedens ist
lediglich ein Mittelzustand, durch welchen die Menschheit zu jenem
grossen Ziele wohl dürfte hindurchgehen müssen; so wie ohne Zweifel die
Staaten auch erst durch Schutzbündnisse einzelner Personen unter sich
entstanden sind.

^Dritter Definitivartikel.^ »Das ^Weltbürgerrecht^ solle auf Bedingungen
der allgemeinen ^Hospitalität^ eingeschränkt seyn;« -- d. h. auf das
Recht jedes Menschen, um seiner blossen Ankunft willen auf dem Boden
eines anderen Staates, nicht feindselig behandelt zu werden; wozu nach
den Grundsätzen des blossen Staatsrechts der Staat allerdings das
vollkommenste Recht hätte.

^Zusatz. Von der Garantie des ewigen Friedens.^ -- Wenn sich nun gleich
zeigen lässt (wie es sich zeigen lässt), dass die Idee des ewigen
Friedens, als Aufgabe, in der reinen Vernunft liege: wer steht uns denn
dafür, dass sie mehr als ein blosser Begriff werden, dass sie in der
Sinnenwelt werde realisirt werden? Die Natur selbst, antwortet Kant,
durch die nach ihrem Mechanism geordnete Verbindung der Dinge. Nach den
drei Arten des rechtlichen Verhältnisses hatte die Natur dreierlei
Zwecke sich vorzusetzen.

^Zuvörderst^, nach dem Postulate des Staatsbürgerrechts, den: die
Einzelnen zur Vereinigung in Staaten zu treiben. Würde auch nicht die
innere Mishelligkeit, so würde doch der Krieg von aussen, der
gleichfalls in dem Plane der Natur lag, die Menschen genöthiget haben,
ihre Macht zu vereinigen. Dass die Form dieser Vereinigung der allein
recht- und vernunftmässigen sich immer mehr nähere, dafür ist durch das
allgemeindrückende der Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit gesorgt, so
dass die Menschen endlich durch ihren eigenen Vortheil werden gezwungen
werden, zu thun, was Rechtens ist.

^Dann^, nach dem Postulate eines Völkerrechts, den: die Völker
voneinander abzusondern, welches durch die Verschiedenheit der Sprachen
und Religionen befördert wurde, wodurch zwar anfangs der Krieg erzeugt,
endlich aber doch durch das entstandene Gleichgewicht ein beständiger
Friede hervorgebracht werden muss; wozu ^drittens^ der Handelsgeist, der
auf den Eigennutz eine Sicherheit gründet, die das Weltbürgerrecht
schwerlich hervorgebracht haben würde, beiträgt.

Es sey dem Rec. erlaubt, zur Erläuterung hinzuzusetzen, wie er selbst
die Sache ansieht. -- Die allgemeine Unsicherheit, welche jede
rechtswidrige Constitution mit sich führt, ist allerdings so drückend,
dass man glauben sollte, die Menschen müssten schon längst durch ihren
eigenen Vortheil, welcher allein die Triebfeder zur Errichtung einer
rechtmässigen Staatsverfassung seyn kann, bewogen worden seyn, eine
solche zu errichten. Dies ist bisher nicht geschehen; die Vortheile der
Unordnung müssen sonach noch immer die der Ordnung im allgemeinen
überwiegen; ein beträchtlicher Theil der Menschen muss bei der
allgemeinen Unordnung noch immer mehr gewinnen als verlieren, und
denjenigen, die nur verlieren, muss doch noch die Hoffnung übrig seyn,
auch zu gewinnen. So ist es. Unsere Staaten sind für Staaten insgesammt
noch jung, die verschiedenen Stände und Familien haben sich im
Verhältniss aufeinander noch wenig befestigt, und es bleibt allen die
Hoffnung, durch Beraubung der anderen sich zu bereichern; die Güter in
unseren Staaten sind noch bei weitem nicht alle benutzt und vertheilt,
und es giebt noch so vieles zu begehren und zu occupiren, und endlich,
wenn auch zu Hause alles aufgezehrt seyn sollte, eröffnet die
Unterdrückung fremder Völker und Welttheile im Handel eine stets
fliessende, ergiebige Hülfsquelle. So lange es so bleibt, ist die
Ungerechtigkeit bei weitem nicht drückend genug, als dass man auf die
allgemeine Abschaffung derselben sollte rechnen können. Aber sobald der
Mehrheit die sichere Erhaltung dessen, was sie hat, lieber wird, als der
unsichere Erwerb dessen, was andere besitzen, tritt die recht- und
vernunftmässige Constitution ein. Auf jenen Punct nun muss es endlich in
unseren Staaten kommen. Durch das fortgesetzte Drängen der Stände und
der Familien untereinander müssen sie endlich in ein Gleichgewicht des
Besitzes kommen, bei welchem jeder sich erträglich befindet. Durch die
steigende Bevölkerung und Cultur aller Nahrungszweige müssen endlich die
Reichthümer der Staaten entdeckt und vertheilt werden; durch die Cultur
fremder Völker und Welttheile müssen doch diese endlich auch auf den
Punct gelangen, wo sie sich nicht mehr im Handel bevortheilen, und in
die Sklaverei wegführen lassen, so dass der letzte Preis der Raubsucht
gleichfalls verschwinde. Zwei neue Phänomene in der Weltgeschichte
bürgen für die Erreichung dieses Zweckes: der auf der anderen Hemisphäre
errichtete blühende nordamericanische Freistaat, von welchem aus sich
nothwendig Aufklärung und Freiheit über die bis jetzt unterdrückten
Welttheile verbreiten muss; und die grosse europäische Staatenrepublik,
welche dem Einbruche barbarischer Völker in die Werkstätte der Cultur
einen Damm setzt, den es in der alten Welt nicht gab, dadurch den
Staaten ihre Fortdauer, und eben dadurch den Einzelnen das nur mit der
Zeit zu erringende Gleichgewicht in denselben garantirt. So lässt sich
sicher erwarten, dass doch endlich ein Volk das theoretisch so leicht zu
lösende Problem der einzig rechtmässigen Staatsverfassung in der
Realität aufstellen, und durch den Anblick ihres Glückes andere Völker
zur Nachahmung reizen werde. Auf diese Weise ist der Gang der Natur zur
Hervorbringung einer guten Staatsverfassung angelegt: sobald aber diese
realisirt ist, erfolgt unter den nach diesen Grundsätzen eingerichteten
Staaten das Verhältniss des Völkerrechts, der ewige Friede von selbst,
weil sie bei dem Kriege nur verlieren können; dahingegen vor Erreichung
des ersten Zweckes an die Erreichung des zweiten nicht zu denken ist,
indem ein Staat, der in seinem Innern ungerecht ist, nothwendig auf
Beraubung der Nachbarn ausgehen muss, um seinen ausgesogenen alten
Bürgern einige Erholung zu geben, und neue Hülfsquellen zu eröffnen.

Der Anhang ^über die Mishelligkeit zwischen der Moral und der Politik,
in Beziehung auf den ewigen Frieden^, enthält eine Menge treffend
gesagter Wahrheiten, deren reifliche Beherzigung jeder, dem Wahrheit und
Geradheit am Herzen liegt, wünschen muss.




                               Poesien
                                 und
                      metrische Uebersetzungen.


                         (Meist ungedruckt.)




                                  A.
                       Das Thal der Liebenden.
                          Eine Novelle.[39]


In der anmuthigsten Gegend der Veltelin, ohnweit der Grenze von Italien,
liegt ein kleines Thal, das Thal der Liebenden genannt. Haine von
Lorbeeren und Pomeranzen und Citronen, die ohne Pflege wachsen, erfüllen
es, und duften Sommer und Winter die angenehmsten Gerüche: in der Mitte
desselben ist ein kleines Myrtenwäldchen, und im Myrtenwäldchen ein
grosser Grabhügel, von immer blühenden Rosen umgeben. Vom hohen waldigen
Gebirge bedeckt, von Felsen eingezäunt, erblickt es selten das Auge
eines Sterblichen, verirrt dahin sich selten der Fuss des Wanderers. Nur
wenige sind hineingekommen. Ein geistiges Wehen, wie Küsse eines Engels,
fühlten sie an ihren Wangen; eine sanfte Wehmuth erfüllte ihre Seele;
unvermerkt enttröpfelten ihren Augen Thränen, und das war ihnen so süss!
Die Bilder ihrer verstorbenen Freunde oder Geliebten gingen vor ihrer
Seele vorüber, und Ahnungen von Wiedersehen, Vorgefühle des ewigen
Lebens erfüllten sie, wenn sie auf dem Grabeshügel im Myrtenwäldchen
fünf Flämmchen blinken sahen, Symbole wiedervereinigter Treue nach dem
Tode. Einst drang ein Landvogt auf der Jagd einem verwundeten Rehe nach,
das hieher seine Zuflucht genommen hatte, in das Thal ein. Bangigkeit
und Angst überfiel ihn, kalter Schweiss rollte über seine Stirn herab,
er musste den geweihten Boden verlassen.

[Fußnote 39: Geschrieben zu Zürich im Jahre 1786 oder 1787. -- Man
vergleiche die Vorrede S. XVI.]

In diese Gegenden hatte sich vor Jahrhunderten, erzählen die Hirten, ein
junger Ritter verirrt. Im hohen Walde verloren, ermattet und hungrig,
erblickte er durch die Nacht hin von ferne ein Feuer. Es waren Hirten,
die bei ihrem Vieh wachten. Sie theilten willig mit ihm ihre geringe
Kost, und er wärmte sich an ihrem Feuer. -- »Wie es dort wieder im
Gebüsch heult!« sagte der eine, der jetzt eben zu ihnen hinzukam; »wie
der Geist des armen Einsiedlers wieder winselt und ächzt! weiss Gott,
die Haut schauert mir allemal, wenn ich da vorbeigehe.« -- »Mir auch,
sagte der andere, ich mache lieber einen Umweg von einer Stunde. Und es
war doch ein so guter frommer Mann, der Einsiedler: betete so fleissig,
grüsste jedes Kind so freundlich, und wies zurechte und half. Weisst du
noch, wie er mir den kranken Fuss heilte, den ich mir beim Herabstürzen
von jenem Felsen zerquetscht hatte?« -- »Und wie er mir meine verirrten
Lämmer wiederbrachte? Ach! wie wird es erst unser einem einmal gehen?
Komm, wir wollen ein Vaterunser für seine arme Seele beten.«

Wehmuth und Mitleiden erfüllten den Ritter. -- »Kommt, führet mich an
den Ort.« Sie führten ihn hin. Es war eine trübe Nacht; der Wind sausete
durch den Busch dem Ritter entgegen; es winselte und ächzte dumpf im
Gebüsch. -- »Wer du auch seyest, unglückliche Seele, die im Fegefeuer
leidet; können Gaben oder Seelenmessen, oder das Gebet irgend eines
Sterblichen deine Qualen lindern, so entdecke dich mir: meine Seele
liebt und bedauert dich,« sagte der Ritter, und plötzlich stieg unter
dem Hügel eine Gestalt hervor. Ein langer Bart wallte ihm herab bis auf
den Gürtel; sein Auge war eingefallen und erloschen, seine Wange
abgewelkt, nagender Kummer war über sein Gesicht verbreitet; aber durch
die dicke Wolke des Grams, die auf ihm lag, blickte ein einziger
schwacher Zug von Ruhe und entfernter Hoffnung hindurch. Sein Anblick
erfüllte die Seele mit Mitleid, aber nicht mit Grauen.

»Jüngling,« so redete der Geist, »schaudere nicht vor mir zurück! Noch
sind es nicht zehn Jahre, so war ich ein Ritter, jung und feurig, und
mannhaft wie du -- solltest du nie den Namen Rinaldo gehört haben? --
und ach! wie glücklich! Nicht umsonst vielleicht führte dich das
Schicksal zu meiner Gruft, die noch nie ein Sterblicher so in der Nähe
betrat. Höre die Geschichte meiner Leiden, und beklage mich.«

»In meinen ersten Jünglingsjahren, jeder Tropfen Bluts in mir Feuer, und
jede Nerve Kraft, kam ich an den Hof nach Paris. In jedem Turnier war
der Preis für mich. Ich gefiel; die Ritter verleumdeten mich, und die
Damen sprachen nur unter sich allein von mir. Einer der schönsten Tage
meines Lebens war der Vermählungstag der Königstochter. Aus allen
Ländern der Franken hatte die Krone der Ritter sich versammelt zum
feierlichen Turnier. Wir kämpften drei Tage, und ich war Sieger. Die
neidischen Blicke der Ritter und das laute Zujauchzen des Volkes von den
Schranken her, beides war mir gleich festlich. Im Taumel der Freude sah
ich rund um mich her, um alle Blicke des Beifalls einzusaugen, und sahe
in der ersten Reihe in den Schranken ein Fräulein; ihr trübes
schwimmendes Auge zur Erde gesenkt, ihr Haupt nach einer Seite geneigt,
wie eine Lilie vor der Sonnenhitze sich herabbeugt; Ernst und tiefes
Nachdenken in ihren sanften schwärmerischen Zügen. Kein fröhliches
Händeklatschen, kein Lächeln, kein verlorener Seitenblick auf mich; --
sie allein unter den Tausenden, die sie umgaben, kalt und ernsthaft! --
Ich ward tief herabgeschleudert. -- Warum verachtet sie dich? eben sie,
die vollkommenste unter den Mädchen?«

»Ein Tanz beschloss den Tag. Alle drängten sich zu dem Sieger, stolz an
seiner Seite die Reihen durchzuwallen, seine Blicke aufzufangen, und er
suchte die in einem Winkel verborgene Verächterin. Sie flog mir
entgegen, -- und auf einmal, wie aufgehalten, schien sich ihr unwilliger
Fuss zu sträuben. Schüchtern und verscheucht tanzte sie; riss sich los,
entfernte sich, tanzte mit andern, und feuriger. Sie verachtet dich,
tönte es im Innersten meiner Seele, aber warum? -- Ich hätte mich selbst
verachten mögen. -- Jetzt empörte sich beleidigter Stolz, sie zu meiden;
jetzt sprach Liebe und Neugier, sie zu suchen. Ich schwur mir
tausendmal, sie nie wieder zu sehen, und ging den ersten Morgen an einen
Ort, wo ich sie zu finden hoffte. Sie war heiter bei meiner Ankunft;
ihre Stirn umwölkte sich, sobald sie mich sah. So war sie immer.«

»Ich beschloss, Paris zu verlassen, und sie nie wieder zu sehen. Ich
beurlaubte mich vom Hofe. Schon war ich die Stufen herabgestiegen, als
die Zofe mir ein Blatt folgenden Inhalts in die Hand drückte: »»Dank
euch, edler Ritter, dass ihr Paris verlasset, und durch eure Entfernung
einer Unglücklichen die Ruhe wiedergebt, die eure Gegenwart ihr raubte:
ein Geständniss, das während derselben keine irdische Macht mir würde
entrissen haben. Würdiget Eures Andenkens, Eurer Thränen, Eures Gebets
die unglückliche Maria.««

»Wonnegefühl engte meine Brust, ich musste ihr Luft machen. Ich eilte
auf den Flügeln der Liebe zu ihr. Ich fand sie nicht; -- Unmuth ergriff
mich. Die Falsche, sie lockt mich an, und stösst mich wieder zurück! --
Ich konnte nach meinem Abschiede vom Hofe nicht mehr öffentlich
erscheinen; stellte mich krank, um einen Vorwand für mein längeres
Bleiben zu haben; und wards vor Liebe und Schmerz. Verlangen nach ihr
gab mir das Leben wieder. Ich ging, und überraschte sie in einer
einsamen Laube. Sie sass über einer Stickerei, in Trübsinn versunken.
Noch ehe sie mich erblickte, lag ich zu ihren Füssen. -- »»Verlasst
mich, grossmüthiger Ritter, rief sie: verlasst die Gegend, in der ich
lebe. O das unselige Geständniss! warum musste es sich doch aus diesem
Herzen heraufdrängen, das bei Euch nur einer flüchtigen Neigung zu
begegnen fürchtete!«« Ich besänftigte sie. Bebend hörte sie meine
Schwüre, auf ewig der ihrige zu seyn; bebend empfing sie meine heissen
Küsse. Ein trauriges Vorgefühl schien ihre Seele zu durchschauern.«

»Ihr Herz war offener; es kämpfte noch, aber es unterlag allmählig dem
Gefühle der Liebe. Ich sah sie öfters in dieser Laube. Ein feindlicher
Dämon gab mir ein, es gehöre unter die Trophäen eines Ritters, die
Unschuld zu morden. Es war die Moral, die bei festlichen Gelagen oft an
der Tafel meines Vaters ertönt hatte. -- In süsse Schwärmereien
versunken, überraschte uns einst die schönste Sommernacht in unserer
lieben Laube. Ich bestürmte ihre Tugend, und ich merkte mit jeder Minute
ihren Widerstand schwächer werden. Schon glaubte ich gesiegt zu haben,
als sie in Thränen zerfliessend meine Füsse umschlang. -- »Mann mit der
stärkeren Seele, schluchzte sie, schone die schwächere weibliche. Siehe,
ich bin in deiner Gewalt; du kannst der Schwachen, die jetzt ihr Leben
für dich verbluten würde, das rauben, was ihr mehr ist als das Leben;
aber schone der Armen, sey grossmüthig und thu' es nicht.« -- Kalter
Schauer überfiel mich; die Tugend fing an, in mein Herz zurückzukehren;
aber -- »besiegst du sie jetzo nicht, so entfernt sie dich nun auf immer
von sich« -- flüsterte der feindliche Dämon, und -- er siegte.«

»Ich verliess sie in Thränen gebadet. In meiner Wohnung traf ich Boten
von meinem Vater: er erwarte seinen Tod; ich solle eilen, ihn noch
lebendig zu finden. -- Ich verliess Paris sogleich, ohne sie sehen, ohne
ihr ein Lebewohl sagen zu können. Mein Herz zog mich gewaltig zurück:
aber der Zug ward schwächer, als neue, unerwartete Eindrücke mich
bestürmten. Mein Vater starb in meinen Armen. Das Bild eines sterbenden
geliebten Vaters, neue Sorgen, andere Gegenstände, alles vereinigte
sich, das Andenken an Marien in meiner Seele zurückzudrängen. Eine
dumpfe, theilnahmlose Trauer hielt lange meine Seele umfangen. Da sah
ich Laura, das Meisterwerk des Schöpfers, und mit dem ersten Blicke
waren unsere Seelen Eins. Heilige Bande verknüpften uns; wir tranken die
Seligkeit der Liebe in vollen Zügen.«

»Innige Liebe liebt keine Zuschauer: wir verliessen das Geräusch der
Stadt, um in der einsamsten Gegend am Fusse der Alpen unseren Himmel
aufzuschlagen. Wir durchirrten Arm in Arm die paradiesischen Fluren. Sie
ging einst allein aus, um eine Gegend hinter einem angenehmen Hügel, der
immer das Ziel unserer Wanderungen gewesen war, zu sehen. Ich war durch
einen Zufall zu Hause geblieben. Ihre Zurückkunft verzog sich. Ich
lauschte an der Laube, die ich ihr unterdessen an ihrem Lieblingsplatze
bereitet hatte, um sie bei ihrer Rückkunft angenehm zu überraschen. Bei
jedem Rauschen eines Blattes, jedem leisen Fusstritte glaubte ich sie zu
hören. Es kam ein Bote von ihr. Zitternd eröffnete ich das Blatt, das er
mir gab, und las folgende Worte: »»Wie könnte ich Rinaldo'n besitzen,
indess Maria verlassen weint? Rührt dich ihr Elend nicht, so lass die
Bitten der Laura -- ach deiner Laura! -- dich rühren, an ihr tief
verwundetes, noch immer nur für dich schlagendes Herz zurückzukehren.
Vergiss Lauren und störe die Ruhe nicht, der ich entgegeneile. Gehe
ostwärts von deiner Wohnung, nach dem Hügel zu, den wir heute früh von
der Morgensonne so schön vergoldet sahen, wo ein früher geliebtes Weib
und eine süsse Tochter, ganz das Ebenbild Rinaldo's, auf deine
Umarmungen warten.««

»Der Schlag war fürchterlich. Nach geraumer Zeit erst erhielt ich meine
Besonnenheit wieder. Die Scham hielt mich ab, Marien aufzusuchen: Laura
war mir durch ihre Grossmuth doppelt theuer geworden. Ich wandte Alles
an, sie wieder zu finden; kein Kloster, keine Einsiedelei, keine einsame
Gegend wurde undurchsucht gelassen: ich durchstreifte selbst als Pilger
die halbe Erde: ich hoffte sie durch meine Bitten zu erweichen; aber
vergebens, ich fand sie nicht. Ich kam endlich in dieses Thal, lebte als
Eremit in demselben, errichtete meiner Laura, die ich für längst todt
hielt, ein Grab, betete und weinte auf ihrem Hügel, und starb auf ihm.«

»Wenn der Geist die irdischen Fesseln verlassen, und von aller
Zumischung der Sinnlichkeit frei ist, sieht er alles in einem anderen
Lichte. Taumel dieser Sinnlichkeit berauschte mich, im Leben Marien zu
vergessen; jetzt fühlte ich ihre Schmerzen, die Schmerzen Laurens und
die Schmerzen der Armen, die unter Thränen geboren, dem Elende geweiht,
nie den Vaternamen gestammelt hat; die vielleicht bestimmt ist, eine
Beute des Elendes oder des Lasters zu werden. Ich leide alle Qualen, die
ich diesen verursacht habe, im Fegefeuer, das die Reue eben gebiert und
das stete Gedächtniss der unabänderlichen Vergangenheit, -- bis Laura
und Maria glücklich sind, bis ich mein Kind an dem Arme eines Mannes
sehe, der nur sie liebt. Ach! wird meine Qual wohl je aufhören? -- Aber
ich fühle das Wehen der Morgenluft. Nicht umsonst vielleicht führte dich
das Schicksal an meine Gruft. Lerne die Unschuld verehren, und rührt
dich das Elend der Seele des armen Rinaldo, so bete für mich, und
wallfahrte zum heiligen Grabe.« -- Hiermit verschwand der Geist.

Schauder ergriff Don Alfonso; so hiess der junge Ritter. Er kniete
nieder, und legte auf Rinaldo's Grabe das heilige Gelübde ab, nicht zu
ruhen, bis er etwas zur Befreiung der armen Seele beigetragen, und die
Unschuld immer zu verehren. Die Hirten versichern, dass er dieses
Gelübde nie gebrochen.

Durch seinen natürlichen Hang zur Andacht sowohl, als durch die
Empfindungen, die an der Gruft Rinaldo's sich seiner bemächtigt hatten,
begeistert, trat er die Reise nach dem heiligen Grabe an. Er besuchte
alle die Oerter, wo der Weltheiland gelitten. Als er einst, sich selbst
und die Welt um sich vergessend, auf dem heiligen Grabe in warmer
Andacht kniete, und für die Seele des armen Rinaldo betete, überfiel ein
Haufen sarazenischer Räuber Jerusalem, und führte ihn gefangen weg. Man
brachte ihn unter die Sklaven des Emir von Medina.

Je mehr seine Gestalt die Herzen der Heiden für ihn eingenommen hatte,
desto heftiger wurden sie durch seine standhafte Weigerung, die Lehre
ihres Propheten anzunehmen, erbittert. Er wurde mit den niedrigsten der
Sklaven gebraucht, in den Gärten des Emir zu graben. Die Härte der
ungewohnten Arbeit, die Strenge, mit der er behandelt wurde, und das
brennende Klima verzehrten seine Kräfte. Er fiel an einem Abende, zur
Zeit, da die Gärten geschlossen und die Arbeiter herausgelassen wurden,
ohnmächtig nieder, und erwartete das Ende seiner Leiden. Niemand
bemerkte den Vorfall.

Eine süsse klagende Stimme, die in einem Zimmer des Serail, das an die
Gärten stiess, in französischer Sprache ein Lied an die Jungfrau Maria
sang, und durch öfteres Weinen und Schluchzen sich unterbrach, brachte
ihn wieder zum Bewusstseyn. -- »O holde Mutter! seufzte die Stimme, wo
bist du, um die Blume welken zu sehen, die du so zärtlich pflegtest?
theure Cölestina! die du jedes Gefühl der Tugend in mir wecktest, wo
bist du, um den letzten Trost in meine Seele zu giessen, und dies
brechende Auge zu schliessen?« Sie schloss mit einem rührenden Gebete an
die heilige Jungfrau, worin sie mit schwärmerischer Andacht ihren
Entschluss entdeckte, sich den Dolch in das Herz zu stossen, ehe sie
sich der Wollust des Emir aufopfere, die ihr diese Nacht drohe; und sie
bat, ihr für diese That entweder Gnade bei Gott zu erflehen, oder ihr
Hülfe zu senden.

»Sie hat sie dir gesendet;« rief der Ritter, dem fremdes Elend die
Kräfte wiedergab, die sein eigenes ihm genommen hatte, -- »hier ist mein
Arm, und wenn tausende in Waffen gegen mich ständen, so rettete er
dich!« -- »Eiserne Riegel und Gitter verwahren mich, edler Fremdling,
ein Heer von Wächtern lauert auf mich. Dein Arm ist zu schwach, mich zu
retten. Habe Dank für dein Mitleiden, habe Dank, dass ich nicht
unbedauert sterben werde; und bist du ein Franke und ein Christ, wie
deine Sprache zu zeigen scheint, so bete für die Seele der armen Marie.«

Er ergriff zwei Baumleitern, und band sie zusammen, um das Zimmer
Mariens zu ersteigen.

Indessen war von dem Aufseher der Sklaven seine Abwesenheit bemerkt
worden. Der erste Verdacht fiel auf den Garten. Man ging hinein, und
traf ihn mitten in seiner Unternehmung. Die Absicht derselben war nicht
zweideutig. Es wurde sogleich dem Emir gemeldet. Sein Zorn war grimmig;
er bestimmte den nächsten Morgen zu seiner Hinrichtung.

In jeder anderen Lage wäre vielleicht der Tod dem Alfonso willkommen
gewesen, er hätte ihn nur als seinen Retter aus einer Sklaverei
betrachtet, die ihm ebenso erniedrigend als hart schien; und hätte ihn
gern gegen ein thatenloses Leben umgetauscht: aber jetzt kränkte das
Schicksal der armen Marie, die er nicht retten konnte, ihn mehr, als
sein eigenes, und auch jener Wunsch, vor seinem Ende noch etwas zur
Befreiung der Seele Rinaldo's beizutragen, wurde lauter, je mehr er sich
demselben zu nähern glaubte. Er ging, mehr unerschrocken als freudig,
seinem Tode entgegen.

Die Werkzeuge seiner Hinrichtung waren bereitet. Im Hofe des Serail war
ein Scheiterhaufen errichtet. Der Pöbel strömte dem Schauspiele zu, und
der Emir erschien mit seiner neuesten Favorite, Alzire, auf einem
Balkon, um die Hinrichtung mit anzusehen.

Er kam eben von dem ersten Genusse ihrer höchsten Gunst, und sein Feuer
war dadurch gegen sie nicht erkaltet. Er war ihr ergebener, als er es
seit langer Zeit einem Weibe gewesen war, und hatte ihr versprochen, ihr
die erste Bitte, die sie an ihn thun würde, sie betreffe, was sie wolle,
uneingeschränkt zu gewähren. War es ein geheimes Wohlwollen, das das
Herz der Alzire bei Alfonso's Anblick plötzlich zu ihm neigte; oder
konnte sie die That, dem Emir diejenige rauben zu wollen, von der allein
sie ihren Sturz befürchten durfte, nicht sehr strafbar finden; oder war
es eine unmittelbare Wirkung der Vorsehung, die Alfonso'n erhalten
wollte: Alzire bat um sein Leben. Unwillig, aber ehrliebend genug, um
sein Wort nicht zu brechen, und zu schwach, um Alzirens Bitte
widerstehen zu können, gab der Emir sogleich Befehl, den Alfonso über
die Grenze zu bringen.

Der Ritter, untröstlicher, diejenige ihrem Schicksal zu überlassen, die
er so gern mit Verlust seines Lebens gerettet hätte, als erfreut über
die unvermuthete Rettung seines Lebens, durchirrte die rauhen Wüsten
Arabiens. Wurzeln, die er sparsam fand, waren seine einzige Nahrung, und
der heisse Sand brannte seine Füsse, und trocknete seine Kräfte aus. In
der vierten Nacht, indess der Sturm ihn umheulte, und die Wolken den
Schimmer des letzten Sterns vor seinem Auge verdeckten, arbeitete er
sich mühsam durch verwachsene Büsche hindurch; und eben waren seine
letzten Kräfte im Schwinden, als er aus einer Felsenkluft ein mattes
Licht schimmern sah. Hoffnung belebte die Kraft, die ihm noch übrig war:
er erreichte die Grotte.

Ein Weib, weiss gekleidet, von schlankem Wuchse, trat ihm entgegen. Die
ehemalige Schönheit der Jugend schien auf ihrem Gesichte einer
erhabenern Schönheit Platz gemacht zu haben. Die geistigste Andacht
flammte in ihrem grossen, zum Himmel emporgewöhnten Auge, und
verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Nichts liess in ihr die
Sterbliche errathen, als die sanfte Wehmuth, von der alle diese Züge
gemildert waren, und welche die Spur ehemaliger Leiden verwischt zu
haben schien. Sehr verzeihbar war also der Irrthum des Ritters. --
»Heilige Jungfrau, redete er sie an, und sank auf seine Kniee;
wunderthätige Helferin! -- wer bin ich, dass du mich würdigest, den
Himmel zu verlassen, um mich zu retten?« -- »O steh auf! rief ihm jene
zu, und entweihe nicht den Namen der Heiligen. Ich bin eine Sterbliche,
wie du; glücklich, wenn die Mutter Gottes sich meiner bedienen will, dir
zu helfen! Aber welches Schicksal treibt dich in diese unzugängliche
Wüste, wo ich seit vielen Jahren keinen Wanderer erblickte? Kann ich und
womit kann ich dir dienen?«

Die Entkräftung des Ritters erlaubte ihm nicht, auf die erste dieser
Fragen zu antworten; aber sie nöthigte ihn, es auf die andere zu
thun.[40] Er bat sie um einen Trunk Wasser und um etwas Speise.

Sie ging und schöpfte ihm aus der Quelle, die hart an ihrer Grotte aus
dem Felsen rieselte, und brachte milde Früchte, die sie selbst gezogen
hatte. -- »Erquickt euch, Fremdling; sagte sie zu ihm, mit dem wenigen,
was ich euch geben kann; und nehmet dann dieses Lager ein. Ich werde
schon auch einen Platz finden. Wer wollte sich durch eine falsche
Anständigkeit abhalten lassen, die Pflichten der Menschlichkeit zu
erfüllen, wenn es nicht gegen unser eigenes Geschlecht ist?«

Der Ritter war durch alles, was er sah und hörte, wie betäubt. Erst
nachdem er von seiner Entkräftung sich ein wenig erholt, und einer
ruhigen Besinnung mächtig war, fing die Neugierde und Verwunderung an,
an die Stelle dieser Betäubung zu treten; aber seine Unbekannte, die
allein sie hätte befriedigen können, war verschwunden. Wunderbare
Ahnungen strömten durch seine Seele; noch konnte er sich nicht
überreden, ein sterbliches Weib gesehen zu haben: aber bald wurden alle
seine Zweifel durch einen festen Schlaf gefesselt.

Das Erste, was seine Sinne traf, als er wieder erwachte, war die Melodie
des Liedes, das die arme Maria gesungen hatte. Es war ihm, als ob ein
Traum ihn wieder in die Gärten des Emir versetzte; er brauchte Zeit, um
sich zu überzeugen, er wache; er horchte und horchte genauer; der Gesang
kam vom Eingange der Grotte her. Die Unbekannte sass an der Morgensonne,
und sang mit der rührendsten Stimme jenes Lied. Seine ganze Seele
lauschte auf ihren Gesang: wie wär' es ihm möglich gewesen, sich selbst
durch Muthmaassungen und Untersuchungen zu unterbrechen! -- Das Lied
schloss und die Stimme schwieg. Eben war er im Begriff, sich seinem
Erstaunen und seiner Begierde, sich diese Begebenheiten alle zu
erklären, von neuem zu überlassen, als ein anderer Vorfall seine
Betrachtungen unterbrach.

[Fußnote 40: »Voltairisch!« (Randglosse des Verfassers.)]

»Bist du es wirklich, meine Tochter?« sagte die Unbekannte zu einem
jungen Frauenzimmer, das sich sprachlos und schluchzend in ihre Arme
warf, und ihr weinendes Gesicht an ihrem Busen verbarg; -- »schenkt die
heilige Jungfrau die als todt Beweinte mir wieder? -- Ja, du bist es,
ich fühls an dem starken Schlagen deines Herzens gegen das meinige, an
deinem freudigen Zittern in meinen Armen. Wer, als meine holde Maria,
könnte mich so lieben? Aber, sieh mich an; lass mich dies so lang
entbehrte Antlitz wieder sehen; lass michs auch in deinen Augen, in
allen den wohlbekannten Zügen deines Gesichts lesen, dass du es bist,
die mich so liebt. -- So sollte ich denn auch diese Freude noch auf der
Erde haben, dich wieder zu sehen; sollte noch nicht von allem Irdischen
mein Herz losreissen! Ich hatte auch diesen Wunsch daraus vertilgt, dich
wieder zu haben; das ward mir schwer. -- Heiliger Gott, und du,
gnadenvolle Mutter desselben, diese Belohnung meiner Leiden wagte ich
nicht zu hoffen. Ich dankte dir für den Seelenfrieden und die
Heiterkeit, die du mir gabst, meinen letzten und härtesten Verlust zu
ertragen. Aber jetzt hilf mir die Freude tragen, dass sie mein Herz
nicht von dir abziehe; und -- sieh auf mich herab, -- wenn du mir die
Holde wieder nehmen willst, oder wenn ich sie nicht mehr rein und nur
dir treu wiedergefunden hätte: hier bin ich, -- ich ergebe mich in
deinen Willen! -- Und jetzt, liebe Tochter, erzähle mir: wo warst du
seit jenem traurigen Tage, der dich von mir trennte, und was trennte
dich von mir?«

»Du warst, seitdem meine gute erste Mutter gestorben war, gütige
Cölestina!« -- hörte der Ritter jene Stimme sagen, die er schon in den
Gärten zu Medina gehört hatte, -- »nicht mehr immer so ganz heiter, als
du es vorher warest. Ich bemerkte zuweilen, dass, wenn du mich an dein
Herz drücktest, du plötzlich dich abwandtest, und dann kam es mir vor,
als ob du eine Thräne unterdrücktest. Du gingest dann hinaus auf meiner
Mutter Grab, und betetest, und bliebst oft lange; und wenn du
zurückkamst, war so ein Glanz und so eine Heiterkeit in deinem Gesichte,
und du warst so sanft und so feierlich froh, und mir war so wehmüthig
wohl an deiner Seite, dass mich dünkte, du seyest auf dem Grabe verklärt
worden, und seyest nicht mehr meine Mutter Cölestina, sondern ein
heiliger Engel. -- Doch vernimm das Schicksal, das mich von dir getrennt
hat. Einst an einem Morgen -- du ruhtest noch -- war ich ausgegangen,
Blumen zu suchen, und meiner Mutter Grab damit zu schmücken. Ich hatte
mich wohl zu weit entfernt, denn plötzlich erschienen die Räuber der
Wüste, die mich mit Gewalt fortschleppten, und als ich schrie, damit du
mir helfen solltest, mir den Mund verstopften. Sie hörten nicht auf mein
Weinen noch Bitten, sondern brachten mich durch lange Wüsteneien in eine
Stadt. Die Stadt hiess Medina, wie ich nachher erfuhr. Hier bedeckten
sie mein Angesicht mit einem Schleier, bis sie mich zu einem reichen
Manne brachten, der den Räubern Geld gab, und mich seinen Weibern
übergab.«

»Heilige Mutter Gottes! was waren dies für Weiber! Schön waren sie;
einige dünkten mich noch schöner, als du, meine Mutter; aber doch sah
ich sie nicht gern, und es war mir nie recht wohl, wenn sie mir ins
Gesicht sahen. Man sah es nicht, ob sie mich liebten, oder ob sie sich
untereinander liebten. Sie liebten mich wohl auch nicht? -- Wenn ich
redete, so lachten sie. Ich musste ihre Sprache lernen; und ich lernte
sie so gerne und so fleissig, damit ich mit ihnen reden könnte, und
damit sie meine Freundinnen würden. -- Kaum lernte ich sie verstehen, so
hörte ich, dass sie nichts vom Weltheilande und von seiner Mutter
wussten; und als ich ihnen davon sagen wollte, und ihnen erzählen, wie
gütig und huldreich sie wären, verlachten sie mich abermals, und redeten
dagegen viel von einem grossen Propheten, der wohl ein falscher Prophet
seyn muss, weil du mir nichts von ihm gesagt hast. -- Endlich kam einst
jener reiche Mann wieder, der den Männern, die mich geraubt hatten, Geld
gegeben hatte, und verlangte, ich sollte ihn lieben; und das konnte ich
doch nicht: denn er sah so wild und grausam, und wusste ebensowenig vom
Weltheilande, als seine Weiber, und that allerhand Dinge mit mir, die
wohl schändlich seyn müssen, weil er sie that, und weil er so verstört
dazu aussah. Ich stiess ihn zurück: die Mutter Gottes gab mir eine
Kraft, die ich nie gefühlt hatte, dass ich Schwache dem starken Manne
Widerstand leisten konnte. Ich weinte bitterlich; da ward der Mann sehr
zornig, und sagte mir mit wildem Gesichte: er würde diese Nacht
wiederkommen, und da würde mich nichts vor ihm retten.«

»Mir war sehr eng ums Herz. Ich betete inbrünstig zur Mutter Gottes,
mich zu erleuchten, was ich thun sollte; und wie ich feuriger betete,
wurde ich immer muthiger. Es war, als ob eine geheime Stimme mir ins
Herz flüsterte, es sey schändlich und sehr schändlich, was dieser Mann
mit mir thun wolle, und ich müsse eher sterben, ehe ich es ertrüge. Ich
wusste, dass eine meiner Gespielinnen ein Werkzeug hatte, -- sie nannte
es einen Dolch -- wovon sie mir einst sagte, man könne jemand damit
tödten. Damit kann man ja wohl auch sich selbst tödten, dachte ich. --
Sage mir, liebste Mutter, that ich unrecht, dass ich es ihr heimlich
wegnahm? Sie konnte es ja dann immer wieder haben, glaubte ich.« --
»Erzähle weiter,« sagte Cölestina. -- »Der Entschluss mich zu tödten,
ehe ich mich der Gewaltthätigkeit des Mannes überliesse, wurde nun immer
fester in mir; und nachdem ich ihn der heiligen Jungfrau vorgetragen
hatte, wurde mir innerlich wohl dabei, und ich glaubte gewiss, dass sie
mir für diese That Gnade bei Gott erflehen werde; als plötzlich jemand
unter dem Fenster rief: er wolle mich retten, und einige Leitern
zusammenband, wie ich hörte. Gleich darauf aber vernahm ich, dass er
ergriffen und unter tausend Verwünschungen weggeführt wurde. War es ein
Sterblicher, -- er musste es ja wohl seyn, weil er sich ergreifen und
fortführen liess, und mich nicht retten konnte, -- wie wird es dem Armen
ergangen seyn, der um meinetwillen sich in diese Gefahr stürzte! Wie er
ergriffen wurde, verschwand meine Ruhe. Sein Schicksal hat seitdem mir
mehr Kummer gemacht, als das meinige.«

»Er ist gerettet« -- rufte der Ritter, der jetzt erst es wagte, Theil an
der Unterredung zu nehmen, weil er sich unter alten Bekannten zu seyn
dünkte; -- »und hatte seit jener Nacht den ersten angenehmen Augenblick,
da er auch dich gerettet sah.«

Maria warf einen schüchternen, aber dankbaren Blick auf den Ritter, um
sich -- schien es -- von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was er
sagte: und Alfonso erblickte ein Gesicht, auf welchem alle Reize der
aufblühenden Jugend sich vereinigten, den reinsten Abdruck ihres
unschuldigen Herzens darzustellen.

Cölestina reichte ihm die Hand: »Seyd mir nochmals willkommen, edler
Fremdling! -- aber erzähle weiter, du meine Tochter.«

»Wunderbare Hülfe ward mir gesandt: erzählte sie; ich blieb diese Nacht
über unbeunruhigt.« -- »Ja, sagte der Ritter, denn der Emir hat sie bei
einer anderen neu angekommenen Schönen des Serail zugebracht, die ihn
mit dem ersten Blicke gefesselt hatte, und die ihm weniger
Schwierigkeiten entgegenstellte.« -- »Ich fühlte mich sogar nach einigen
Stunden so ruhig, dass ein sanfter Schlaf auf mich herabsank. Ich wurde
am Morgen durch ein Getümmel im Hofe des Serail aufgeweckt.« -- »Es war
das Volk, das sich versammelte, mich verbrennen zu sehen;« sagte der
Ritter. -- »Euch verbrennen wollte man? und der Todesgefahr, die Ihr
ausgestanden, sollte ich meine Rettung verdanken? Doch, Gott Lob, dass
Ihr gerettet seyd! -- das Getümmel nahm ab; es entstand eine lange,
fürchterliche, erwartende Stille« -- »Alzire, so hiess die neue Favorite
des Emir, sagte der Ritter, bat um mein Leben. Der Emir begnadigte mich,
und liess mich sogleich über die Grenze bringen; daher entstand
wahrscheinlich diese Stille.« -- »Jetzt erhob sich ein Gemurmel, fuhr
Maria fort; nun ward es lauter; nun brausete es, wie das tobende Meer.
-- Wie? dem Hunde von Franken das Leben schenken? Er soll nicht
verbrannt werden? Wir sind vergebens hieher geladen worden? Leidet es
nicht! schienen einige Stimmen, die das Getümmel überschrien, zu sagen.
Der Aufruhr verbreitete sich über die ganze Stadt: alles lief zu den
Waffen. Die Wachen verliessen die Thüren des Serail, und stürzten sich
bewaffnet gegen das Volk. -- War es ein unsichtbares Wesen, das mir den
Entschluss eingab, mich jetzt durch die Flucht zu retten? ich fand alle
Zugänge unbesetzt; ich drängte mich durch das Volk, das nichts sahe, als
die Gegenstände seiner Rache. Ich kam -- ob ich mich noch dunkel des
ehemaligen Weges erinnerte, oder ob unsichtbar Engel mich leiteten, --
ich kam durch die lange Wüste wieder zu deiner Grotte, theuerste Mutter;
bin wieder dein, um mich nimmer von dir zu trennen.«

»Gott sey gelobt, dass ich dich wieder habe, meine Tochter, sagte
Cölestina, und dass ich dich so wieder habe, wie ich dich verlor. Und er
sey gelobet, dass er auch Euch erhielt, edler Fremdling! und Euch hieher
brachte, dass ich Euch für den Antheil danken kann, den Ihr an dieser
Unschuldigen nahmt.«

»Schon lange scheint eine Frage auf Eurer Lippe zu schweben, und es ist
billig, dass ich Eure Neugier befriedige, insoweit ich darf. Ich bin ein
Weib, welches einst in der Welt sehr glücklich war. Aber vielleicht
hatte ich mein Herz zu sehr in diesem Erdenglück verloren: Gott entzog
es mir, um mir zu zeigen, dass nur Er es sey, in welchem man
befriedigende und dauerhafte Glückseligkeit finde. -- Ich trennte mich
von der Welt und von dem, der in ihr mein Abgott war. In der Stunde der
Begeisterung, da ich dieses Opfer, das Tugend und Ehre und mein eigenes
wahres Wohl heischte, begann, schien es mir so leicht, und nachdem es
geschehen war, wollte mein Herz brechen. Ich suchte Trost und Ruhe an
den heiligen Oertern, wo uns allen die Seligkeit erworben wurde. Da traf
ich die Gesellin meiner Leiden, mit diesem ihrem Kinde. Ich hatte sie
durch mein Elend glücklich machen wollen. Auf die Art, wie ich es mir
gedacht hatte, sollte es nicht seyn. Wir sollten beide durch längeres
Leiden zu einer reineren Glückseligkeit eingehen.«

»Wir waren beide für die Welt, und sie für uns, auf immer verloren. In
der heiligen Stadt und in ihrer Nähe waren wir kaum den sarazenischen
Räubern entgangen. Wir beschlossen, uns in diese Wüsten, durch welche
Gott einst sein auserwähltes Volk führte, zu begeben, und kamen in die
Nähe des Gebirges, das Ihr hier vor Euch erblickt. Es ist das Gebirge
Sinai.« --

»Gott hatte uns den Platz unserer Ruhe schon bereitet. Wir fanden hier
diese Grotte, und dort das Gärtchen; zwar damals verwildert, aber durch
eine geringe Arbeit war es wieder in Stand gesetzt. Vielleicht dass
ohnlängst hier ein frommer Einsiedler sein Gott geweihtes Leben
beschlossen hatte.«

»Hier haben wir geweint und gelitten. -- So lange noch eine geliebte
Freundin gleiche Leiden mit mir litt, wurden die meinigen mir leichter.
Ich stärkte meine Kräfte, um ihren Kummer tragen zu helfen, und vergass
des meinigen, um Trost in ihre Seele zu giessen, und fand ihn dadurch
selbst. Aber sie schlummerte bald in eine bessere Ruhe hinüber, und
liess mich allein. Ich segnete ihr Geschick; aber -- du hattest es wohl
gesehen, meine Tochter, -- das meinige ward mir schwerer. Nur die
Zärtlichkeit gegen dich, und deine kindliche Liebe zu mir, holdes Kind,
hielten mich aufrecht. Aber du konntest meine Leiden nicht mit mir
fühlen.«

»Noch hing mein Herz an etwas Irdischem; es hing an dir. Du musstest mir
genommen werden. Musste durch so rauhe Wege Gott mich zu meinem Heile
führen? -- Nichts war mir nun übrig, als Er. Nur in sein Herz konnte ich
meine Empfindungen ausgiessen; nur von ihm Gegenliebe erwarten. O, hätte
ich es doch eher gewusst, welchen süssen Frieden dies über mein Herz
ausgiesset, wie völlig dies eine Seele befriedigt! -- welch eine Menge
von Leiden hätte ich mir ersparen können!«

»Aber verzeiht, guter Fremdling! dass ich so flüchtig über die näheren
Umstände meiner Geschichte hinwegeilen musste. Es ist nicht Mistrauen.
Wer so lange, als ich, sich nur mit Gott unterhalten hat, kennt dieses
nicht; und in ein Antlitz, wie das Eurige, setzt es niemand. -- Ich habe
Ruhe gefunden: aber noch lebt vielleicht Einer, der mir einst nur zu
theuer war. Kann ich ihm den Seelenfrieden nicht geben, wenn er ihn noch
nicht errungen hat, so will ich ihm doch denselben auch nicht nehmen,
wenn er ihn etwa errungen hätte. Ihr kehrt in die Welt zurück, und seyd,
wenn mich nicht Alles täuscht, von eben dem Stande und aus eben den
Ländern, in denen er lebte. Ihr könntet ihn antreffen; ihn vielleicht
antreffen, ohne ihn zu kennen. Gutherzigkeit oder ein von ohngefähr
entfahrendes Wort könnte alle die Kämpfe in seiner Seele erneuern, die
er vielleicht längst ausgekämpft hat.«

»Ich muss freilich wieder von Euch weg, und in die Welt zurück: sagte
der Ritter; aber Verehrung gegen Euch wird mich allenthalben begleiten,
und Euer Wille wird immer mein Gesetz seyn.« Er sagte das Erstere so,
als ob ihn dieser Entschluss etwas koste.

Die Lage, in der er Marien in den Gärten von Medina zuerst gefunden,
hatte so etwas Romantisches; Mitleiden und Theilnehmung an ihrem
Schicksale hatten sich sogleich seines ganzen Herzens bemächtigt. Seine
Phantasie hatte nicht gezögert, sie, die er nur gehört, nie gesehen
hatte, in einen Körper zu kleiden; sie hatte ihn freigebig mit allen
Reizen, die ihrer Silberstimme angemessen wären, ausgeschmückt. Er sah
sie jetzt; und sie war weit über das Bild erhaben, das er sich von ihr
gemacht hatte. Die blühende Wange, das sanfte Auge, das weiche, wallende
Haar konnte er seinem Bilde geben; aber nicht jenen lebendigen Ausdruck
der Unschuld, der Treue, der kindlichen Zärtlichkeit, weil es ihm dazu
am Urbilde fehlte. Er sah sie jetzt, und sah sie in aller Freude des
Wiedersehens an den Busen derjenigen, die ihr das Theuerste auf der Welt
war, hingegossen; sah, wie sie in stummen Gefühlen an ihren Augen hing,
gleichsam um alle die geliebten Züge wieder zu spähen, und die alte
Vertraulichkeit mit ihnen zu erneuern. War es ein Wunder, dass seine
Seele von eben den Gefühlen ergriffen wurde, deren reizendsten Abdruck
er vor sich sah, und dass er sie mit der zu theilen wünschte, die ihm
zuerst das schönste Bild derselben darstellte?

Maria hatte den Unbekannten, der sich für sie in Lebensgefahr stürzte,
bedauert, und, wie sie gewissenhaft war, sich den Vorwurf gemacht, die
Ursache seines Todes zu seyn. Diese Empfindung allein hatte die Freude
über ihre Errettung getrübt. Hier fand sie ihn unvermuthet wieder, an
dem Orte, der ihr der liebste auf der Erde war. Nun erst getraute sie
sich, sich ganz dem Gefühle, dass sie ihrer Pflegemutter wiedergegeben
sey, zu überlassen; und es ist möglich, dass die Freude über seine
Gegenwart unvermerkt einigen Antheil an dem stärkeren Ausdrucke ihrer
Zärtlichkeit gegen ihre Pflegemutter hatte; und dass sie, ohne es zu
wissen, einen Theil dessen, was sie bloss für Cölestinen zu empfinden
glaubte, für Alfonso empfand.

»Aber, kann ich, darf ich zurückkehren -- fuhr der Ritter fort -- ohne
Trost für die Seele des armen Rinaldo gefunden zu haben? Ich hoffte doch
gewiss am heiligen Grabe --«

»Rinaldo? fiel Cölestina ihm in die Rede. Wer ist dieser Rinaldo? was
wisst Ihr von ihm?«

Alfonso erzählte, was er von seinem geängsteten Geiste selbst an seiner
Gruft gehört hatte; erzählte die Bedingungen, unter welchen seine Qualen
enden sollten; Cölestina hörte seine Erzählung mit stummer Betrübniss,
und Maria mit Thränen an.

»O möchten sie enden, die Qualen der unglücklichen Seele! und vielleicht
sind sie schon grösstentheils geendet, sagte Cölestina. Maria hat ihre
Leiden längst beschlossen; sie war die Freundin, die mir hier starb; sie
ruht unter jenem Hügel. Das ist ihre und Rinaldo's Tochter. -- Ich habe
aufgehört zu leiden. Ich habe die Wege der Vorsehung erkannt; sie waren
nichts als Güte. -- Ich bin Laura: Maria wollte mich nicht anders als
Cölestina nennen; drum habt Ihr mich hier so nennen hören.«

»Und die letzte Bedingung seiner Erlösung -- sagte Alfonso -- möchte
doch auch sie erfüllt werden! -- Ja, edle würdige Frau, ich darf es Euch
sagen; -- ich habe nie geliebt; aber seitdem ich die Stimme dieses
holden Geschöpfes gehört, seitdem ich sie hier an Eurem Herzen gesehen
habe, -- entweder ich weiss nicht, was Liebe ist, oder ich liebe sie
über Alles. Lasst mich -- o, Ihr seyd ja auch ihre Mutter, lasst mich
sie an meinem Arme an die Gruft ihres Vaters führen; der Anblick wird
den Geist erlösen.«

Maria verbarg ihr Gesicht an Laurens Busen. Ihr Herz schlug stärker.

»Fremdling, sagte Laura -- nehmt nicht etwa eine flüchtige Rührung, ein
mattes Wohlbehagen, einige sich unwillkürlich Euch aufdringende Wünsche
sogleich für Liebe. -- Ihr habt nie geliebt, sagt Ihr; -- Euer Herz ist
unerfahren und leicht zu bewegen. Ihr habt dieses Kind im Leiden
gesehen, und habt gewünscht, habt Euch bemüht, sie zu retten. Ihr seyd
durch den Antheil, den Ihr an ihr nahmt, in Gefahr gekommen. Das kettet
edle Seelen an den Gegenstand ihrer Grossmuth: aber diese Anhänglichkeit
ist noch nicht Liebe. Ihr habt sie hier in allen Rührungen der
zärtlichen Tochter gesehen; das hat sich Euch mitgetheilt. Uebereilet
Euch nicht, edler Fremdling.«

»Grossmüthige Frau, versetzte der Ritter, was ich fühle, fühl' ich so
wahr und so stark, dass ich für die ewige Dauer desselben gut bin. Es
ist wie mit Flammenschrift in mein Herz geschrieben, dass diese Mein
seyn muss, dass sie Mir bestimmt ist, und dass ohne sie es kein Glück
mehr auf der Erde für mich giebt.«

»Ich glaube Euch, edler Mann, sagte Laura: Ihr scheint wahr und gut; ich
glaube, dass Ihr mich nicht täuschen wollt: aber weder ich, noch selbst
Ihr könnt wissen, ob Ihr nicht vielleicht Euch selbst täuschet. Erwartet
es, bis Eure Empfindungen sich Euch selbst aufklären und entwickeln; und
kommt Ihr dann, und sagt noch eben das, so ist sie Euer.«

»Verzeiht, edle Frau, versetzte der Ritter: wie könnte ich in dem, was
ich so innig und so warm fühle, mich täuschen? Täusche ich mich
vielleicht auch, wenn ich mein Daseyn empfinde? -- Aber, ich soll
warten, soll Euch verlassen, in Länder gehen, die weite Meere von Euch
trennen? Wie werde ich das ertragen?«

»Ihr sollt nicht allein gehen, sagte Laura. Dunkle Ahnung einer höheren
Glückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem Grabe Rinaldo's zu seyn,
durchströmt meine Seele. Ihr werdet mich und diese dahin begleiten, und
dann -- wenn Ihr dann noch so denkt, ist diese Euer.«

Sie hatten keine langen Zubereitungen zur Abreise zu machen. Es waren
noch einige Juwelen von denen, die Maria bei ihrer Abreise aus Paris mit
sich genommen hatte, vorhanden. -- »Hätte ich glauben können, dass ihr
noch einst einen Werth für mich haben würdet?« sagte Laura, als sie sie
zu sich nahm.

Sie zogen unbeschädigt durch Arabien und Palästina, und setzten sich zu
Damaskus auf ein Schiff. Ein günstiger Wind leitete sie; sie landeten
bald an der europäischen Küste.

In einer angenehmen Sommernacht kamen sie zu Rinaldo's Grabe. Ein
sanfter Wind säuselte: Rosenduft erfüllte die Lüfte. Ruhe und Heiterkeit
im Gesichte, glänzend und verklärt entstieg der Geist seiner Gruft.

»Sey mir gesegnet, Alfonso! sagte er; du hast dein heiliges Gelübde
gehalten. Du bist seiner werth, meine Tochter. In heiligeren Gefilden
sehen wir uns wieder. -- Deine unglückliche Mutter hat ihre Leiden
beschlossen; ihr Leib ruht weit von dem meinigen, aber ihr Geist ist bei
mir: und du, meine Laura, wirst sie bald beschliessen.«

Der Geist verschwand. Laura sank in süsser Wehmuth auf das Grab, und
schlummerte in ein besseres Leben hinüber.

Sanfte Trauer erfüllte Mariens und Alfonso's Seele. Die Klagen über den
Verlust der Glückseligen wurden ihnen süss.

Sie lebten in diesen Gegenden das Leben der Zärtlichkeit und der Liebe.
Jeder Unglückliche segnete ihr Haus; es war Zuflucht jedes Hülfslosen.

Am fünfzigsten Gedächtnisstage ihrer Vermählung, nachdem sie schon die
Kinder ihrer Enkel zu ihren Füssen hatten spielen sehen, sassen sie in
stummer Zärtlichkeit auf der Gruft, und das Andenken der Begebenheiten
ihres Lebens ging vor ihrer Seele vorüber. Ein sanfter Schauer überfiel
sie, sie umarmten sich, und ihre Seelen gingen vereint in das Vaterland
der Liebe.

Die Hirten fanden sie erstarrt auf dem Grabe liegen, und begruben sie
nebeneinander, da, wo sie lagen. Rosenstöcke und Vergissmeinnicht und
Tausendschön entsprossten dem Boden um das Grab herum und blühten.
Ahnungen von Wiedersehen der Freunde erfüllten die Seelen der Hirten.
Ihren Augen enttröpfelten Thränen. Sie gingen, und als sie hinter sich
sahen, sahen sie fünf Flämmchen auf dem Grabe blinken. Hinter ihnen
schloss sich das Thal. Sie hatten den Weg dahin nicht wieder gefunden.
Sie nannten es das Thal der Liebenden.




                                  B.
                          Kleinere Gedichte.


                               Idylle.

   (Musenalmanach von A. W. Schlegel und L. Tieck, Tübingen 1802, S.
                                170.)

   Was regst du, mein Wein, in dem Fass dich?
   »Es brachten die Lüfte mir Kunde
   Von der Inbrunst meines Erzeugers,
   Das regte das Inn're mir auf!«

   »Ich möchte die Bande zersprengen,
   Die von ihm ferne mich halten,
   Und zerfliessen und in den Düften
   Zusammenströmen mit ihm!«

   So bringen heimliche Stimmen
   Der Geister Psychen die Kunde
   Von der unendlichen Liebe
   Im Unendlichen, ihrem Erzeuger;

   Und es dehnet sich ihr das Herz aus
   In unbeschreiblicher Wehmuth,
   In unaussprechlicher Sehnsucht,
   Bis die irdische Hülle zerreisst.


                               Sonette.


                                  1.

      Wenn dir das inn're Götterwort wird spruchlos,
   Verblasset auch die äussere Verspürung,
   Was dich umgiebt, verlieret die Verzierung,
   Was von dir ausgeht, wird nur schnöd' und ruchlos.

      Die Blüthe deines Lebens steht geruchlos,
   Was andre leitet, das wird dir Verführung;
   Denn du bist ausserhalb des Alls Berührung,
   Darum wird dir der äuss're Laut auch spruchlos.

      Das innen Todte glänze noch so scheinsam,
   Doch treibt dich fort zu ungemess'ner Wehmuth,
   Die unaufhaltsam schon dich griff, die Brandung. --

      Drum bleib' ich in mir selber still und einsam
   Und pflege fort mit kindergleicher Demuth
   Das Unterpfand der einst'gen frohen Landung.


                                  2.

      Was meinem Auge diese Kraft gegeben,
   Dass alle Misgestalt ihm ist zerronnen,
   Dass ihm die Nächte werden heitre Sonnen,
   Unordnung Ordnung, und Verwesung Leben?

      Was durch der Zeit, des Raums verworr'nes Weben
   Mich sicher leitet hin zum ew'gen Bronnen
   Des Schönen, Wahren, Guten und der Wonnen,
   Und drin vernichtend eintaucht all' mein Streben? --

      Das ist's. Seit in Urania's Aug', die tiefe
   Sich selber klare, blaue, stille, reine
   Lichtflamm', ich selber still hineingesehen;

      Seitdem ruht dieses Aug' mir in der Tiefe
   Und ^ist^ in meinem Seyn, -- das ewig Eine,
   ^Lebt^ mir im Leben, ^sieht^ in meinem Sehen.


                                  3.

      Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben;
   Du weissest, ich mit dir weiss im Verein;
   Doch wie vermöchte Wissen dazuseyn,
   Wenn es nicht Wissen wär' von Gottes Leben!

      »Wie gern' ach! wollt' ich diesem hin mich geben,
   Allein wo find' ich's? Fliesst es irgend ein
   In's Wissen, so verwandelt's sich in Schein,
   Mit ihm vermischt, mit seiner Hüll' umgeben.«

      Gar klar die Hülle sich vor dir erhebet,
   Dein Ich ist sie; es sterbe, was vernichtbar,
   Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.

      Durchschaue, was dies Streben überlebet,
   So wird die Hülle dir als Hülle sichtbar,
   Und unverschleiert siehst du göttlich' Leben!


             Vorbereitung zur gemeinschaftlichen Andacht.

                             Die Gemeine.

   Müde von des Lebens Leiden,
   Müder von des Lebens Freuden,
   Flüchten wir in eure Stille,
   Ob uns hier Erquickung quille.
   Frohseyn ist uns nie gelungen,
   Wie wir eifrig auch gerungen,
   Und wir sind des Treibens müde,
   Suchen Ruhe, wünschen Friede.

                             Die Pfleger.

   Kommt Belad'ne zur Erquickung,
   Kommt Erschöpfte zur Entzückung!
   Neue Stärke soll die Matten
   Ueberschwänglich überschatten;
   Nur dass draussen ihr versenken
   Wollet euer Thun und Denken,
   Abthun euer altes Streben,
   Sterben ab dem eig'nen Leben.

                             Die Gemeine.

   Und was habt ihr uns zu geben,
   Zum Ersatz für unser Leben?

                             Die Pfleger.

   Solch' ein Leben, das gegründet
   In sich selber, nimmer schwindet,
   Nimmer wandelt, selbst sich gnüget.
   Dieses hier euch offen lieget.
   Aber nur von euch geschieden
   Geht ihr ein in seinen Frieden!


                        Dem 15. März 1810.[41]

      Du edler Keim, der aus der kalten Erde
   Sich unaufhaltsam in das Lichtreich drängte,
   Du sinn'ge Blume, die, die Sonne fühlend,
   Mit allen Regungen nach ihr sich wandte:

      Wir streben beide, doch in anderm Sinne
   Jedwedes, liebend nach demselben Ziele,
   Und mehr als andres, eint uns dieses Streben,
   Und weiht mich dir mit inniger Ergebung.

      Nimm diese Früchte, die dasselbe Streben,
   Auf dir verschwistertem Stamme hat getrieben!
   Vielleicht, dass auch aus uns'rer Lieb' ein Zweig entsteht,
   Der einstens zeug' von unsrer höhern Liebe.


                              Philomele.

   Meine Stimme von Staub spricht dich gefällig an?
   Aber möchtest du erst hören der Sphären Klang!
      Ich zwar sing' in dem Chore gezwungen und gerne. Das Ganze
      Fasset allein der sinnige Mensch.

   Jenseit des Aethers ström' eine Quelle
   Des Tones, der Schönheit, -- diese sind Eins, --
      Also lehrete mich mein Meister,
      Selber er tonlos, doch schlägt er den Tact!

[Fußnote 41: Der Gattin zum Geburtstage, mit dem Geschenke von
Klopstocks Werken, des Oheims derselben.]


                       Prolog zur »Vesta.«[42]

                            (Ungedruckt.)

                  Die Herausgeber, ein Pränumerant.

                           Die Herausgeber.

   Euer Edlen sind, hören wir, ein braver Mann,
   Nehmen sich auch der leidenden Menschheit an;
   So kommen wir denn von gleichem Triebe
   Beseelt und bitten Sie um die Liebe,
   Dass Sie doch möchten pränumeriren
   Ein Thaler quartaliter auf ein Journal:
   Wir werden's Vesta nennen zumal,
   Womit wir nächstens die Welt wollen zieren.

                           Der Pränumerant.

   Ihr Journal und die Menschheit in Leiden,
   Wie hängen denn zusammen die beiden?

                           Die Herausgeber.

   Die Armen sollen haben ohne Verdruss
   Von unserm Gewinne den Ueberschuss!

                           Der Pränumerant.

   Ich verstehe! -- Doch nach welchem Plan oder Geist
   Werden Sie denn schreiben allermeist?
   Nach welchem wählen die Genossen?

                           Die Herausgeber.

   Nach keinem: -- »Keiner ist ausgeschlossen,
   Und jeder Freund der Wahrheit, Anmuth und Kraft
   Ist uns willkommen« -- sofern er uns was schafft!

                           Der Pränumerant.

   Ich verstehe ganz: -- ein Allerlei
   Von Sauer und Süss mit Façon dabei!
   Die Herren, so denk' ich mir's, jucket der Kitzel
   Gedruckt zu sehen ihre Papierschnitzel.
   Kein Verleger mag sie; für eigenes Geld
   Sich drucken zu lassen ihnen auch nicht gefällt.
   Da muss die Noth helfen aus der Noth:
   Nun können sie eher, ohne zu werden roth,
   Antragen auf Pränumeration,
   Und den Willigen wünschen ein Gotteslohn!
   Wer auch ihres Schreibsels nicht begehrt,
   Denkt, es sey den Armen ein Almosen beschert.
   Kann's leiden, dass man das Heft mir bringt;
   Niemand ist ja, der's zu lesen zwingt.
   Indess stehen die Herrn schon schwarz auf weiss,
   Mehr wollten sie nicht und sie haben ihren Preis.
   Drum genug, ihr Herrn! Hier ist mein Thaler,
   Wünsch' Ihnen recht viele und reichliche Zahler,
   Damit Ihre geistige Armuth und Noth
   Den leiblich Armen schaff' ein Stück Brot!

[Fußnote 42: Zeitschrift, erschienen zu Königsberg 1807.]

                           Die Herausgeber.

   So muss man es durchaus nicht anseh'n,
   Obwohl wir selber, wie uns gescheh'n
   Nicht recht zu wissen gern bekennen.
   Wir wollen für hohe Zwecke entbrennen,
   Eingreifen gewaltig in's Rad der Zeit,
   Dem Bedürfniss, dem Niemand Hülfe beut,
   Auch keiner als wir es kennt, reichen die Hand!

                           Der Pränumerant.

   Ei sieh, Ihr seyd wohl gar auch arrogant?

                           Die Herausgeber.

   Das wollen wir hoffen; -- dies gilt bei den Leuten,
   Succurs und Beifall sich zu bereiten!
   Drum darf auch die Zeitschrift sich nicht schämen,
   Irgend ein Erhab'nes zum Vorwand zu nehmen.
      »Wer für den Staat auch nicht die Waffen trägt,
      Der ist durch heil'ge Bürgerpflicht bewegt,
      Dass er ableite des Volkes Aufmerksamkeit
      Von dem die Kriege begleitenden Leid,
      Damit er dessen Blicke wende
      Von dem unvermeidlichen Kriegselende.«

                           Der Pränumerant.

   Elend nur sieht und er nur sieht das Elend,
   Wer selber elend ist im Innersten;
   Denn seiner Leere, seines tiefen Grams,
   Seiner Zerrüttung Bild steigt aus dem Herzen
   In's Aug' empor und lagert ihm sich hin
   Ueber der Dinge breite Oberfläche;
   Sie geben stets ihm nur ihn selbst zurück!
   So auch wer in sich klar und mit sich Eins ist,
   Er bleibt gewiss der ew'gen Harmonie
   Im trüben, wildverschlungenen Gewirre
   Ird'scher Erscheinung; und ihm leuchtet hell
   Im Jammer selbst die immer nahe Hülfe! -- --

                  Ein Herausgeber (ihm nachsehend).

   Der Mensch ist ein seltsam Kunstproduct,
   Vorweltlich, in alt ogygischem Stil!

                             Der andere.

   Sey ruhig, Herr Bruder, wir sind ja gedruckt;
   Das Andre bedeutet uns nicht so viel!
   Und wo wär' Etwas von eigenem Werth,
   Wogegen sich nicht die Misgunst kehrt?

                                Beide.

   Das ist der plausibelste Trost in der Welt,
   Dass man stets sich selber am Besten gefällt!


                       Am 18. Januar 1812.[43]

   Ehrwürd'ge deutsche christliche Gesellschaft,
   Edle, biedere Tischgenossenschaft!
   Indem ich, als bestellt zum Sprechen,
   Zum erstenmale das Schweigen will brechen,
   Bitt' ich, dass man es günstig verspüre,
   Wenn ich im Knittelvers haranguire;
   Denn eingefasst von Rindfleisch und Braten
   Dürfte die Prosa zu vornehm gerathen!

                   *       *       *       *       *

   Zuvörderst sollt' ich mit zierlichen Worten,
   Wie es gebräuchlich aller Orten,
   Mit Bezeugung schuldiger Devotion
   Ihnen danken für die Decoration,
   Die Sie durch dieses Amt mir verlieh'n.
   Doch: danke durch Thaten, spricht deutscher Sinn!

      Wie hoch ich es schätze im Herzensgrunde,
   Mit Ihnen zu bleiben im freundlichen Bunde,
   Und allen Ihren Wunsch und Willen
   Auch meinerseits gern mag erfüllen:
   Beweise, dass mit Herzlichkeit
   Ich Ihrem Wunsche mich geweiht;
   Beweise, wie ich die Geschäfte,
   So lang's verstatten meine Kräfte
   Und meine sonst besetzte Zeit,
   Werd' immer führen mit Heiterkeit.
   Was Sie an Gelde mir werden geben,
   Das werd' ich sorgfältig aufheben
   Und treulich bewahren und verwalten.
   Auch über die Gesetze will ich halten,
   Ohn' alles Anseh'n der Person.
   Zeigt gute Laune sich oder Liederton,
   Will ich, so gut ich kann, mitsingen.
   Auch die Gesundheiten will ich ausbringen;
   Und erscheint einst der festliche Pokal,
   Geziert mit dem Juden Simson zumal,
   So werd' ich um weitere Vorschrift bitten,
   Und diese sey nie überschritten.

[Fußnote 43: Ueber die Veranlassung zu dieser Rede in Versen hat ihr
Einsender uns zugleich Folgendes mitgetheilt: »A. v. Arnim hatte in
Berlin eine christlich deutsche Gesellschaft errichtet, deren Vorsitz
Fichte an jenem Tage übernahm. Bei dieser Veranlassung hielt er einen
Vortrag in Knittelversen, welcher damals ungemein ansprach und auch, wie
ich bestimmt weiss, noch jetzt in Ehren gehalten wird. Da ich das
Tagblatt besitze, worin dieser Vortrag aufgeschrieben ist, so macht es
mir ein grosses Vergnügen, Ihnen denselben mittheilen zu können.«]

                   *       *       *       *       *

   Im Uebrigen kann ich von meinem Sprechen
   In voraus eben nicht viel versprechen.
   Zum Beispiel: Witzig zu seyn aus heiler Haut
   Ist ein Talent, nicht Jedem anvertraut;
   So selten fast als reine Vernunft, ist reiner Witz,
   Und beide, denk' ich, sind gleich viel nütz'.
   Wer witzig ist, ist's über Was und nebenbei,
   Denn Witz ist ja nicht Gold, noch Silber, noch Zinn, noch Blei,
   Sondern von Allem nur die Façon!

      So Jemand den Witz recht wollte pflegen und nähren,
   Der müsst' ihm nur reichlichen Stoff gewähren
   Durch tolle Streich' und Narrheiten viel,
   Und nur ihn treiben lassen sein Spiel,
   Und ja sich hüten, was übel zu nehmen.
   Zu dem Ersten wird die ehrbare Gesellschaft sich nie bequemen;
   So muss sie denn eben ohne Witz vorlieb nehmen!

      Zudem sind die bisherigen Stoffe verbraucht;
   Nicht Jude, nicht Philister mehr taugt,
   Um an ihnen zu finden ein Körn'chen Spass,
   Das nicht schon einigemale dawas! --
   Auch will es in der That was bedeuten,
   Ueber dergleichen zu spotten vor Leuten,
   Dass der Spott nicht auf uns selbst sitzen bleibe.
   Den Juden schiebt man sich wohl noch vom Leibe,
   Man ist nicht beschnitten; -- ^ergo^ ist man keiner.
   Mit dem Philister ist die Sache schon feiner.
   Streng genommen, Keiner sich durchschaut,
   So lang er steckt in der sündigen Haut,
   In Unschuld Keiner soll waschen die Hände,
   Wie Keiner selig ist vor seinem Ende!
   Ob wir durchaus nicht Philister waren,
   Werden wir im ewigen Leben erfahren.
   Doch es giebt auch für sterbliche Augen
   Kennzeichen, die zur Prüfung taugen,
   Dass man sich orientiren kann.
   Das Eine geb' ich im Gleichniss an.

      Es geschieht wohl, dass Einer träume, er wache,
   Und sich's versichre, und glaublich mache,
   Und ist doch gerade dies sein Traum!
   Wer wirklich wacht, kurzum der wacht,
   Und ist nicht weiter auf's Wachen bedacht.
   So, wer in der That nicht Philister ist,
   Der denket dessen zu keiner Frist;
   Ohne seinen Dank und Willen, und schlechtweg er's nicht ist.
   Wer aber sich's hin und her beweist
   Und Gott am Morgen und Abend preist,
   Dass er nicht ist, wie andre Leut,
   Ist vom Philisterthum nicht weit;
   Ja ihm sitzt die Philisterei
   Gerade im Denken, dass er's nicht sey!

      Da dieses sich so weit erstreckt
   Und bringen kann gar schlimmen Ruhm,
   So bleibt vor mir wohl ungeneckt
   So Juden- wie Philisterthum!

                   *       *       *       *       *

   Doch reinige sich der Gedanke,
   Der über Niedrem schwebte,
   Um mit dem Höhern ganz sich auszufüllen!
   Füllet die Gläser! --
   Es lebe die Krone,
   Sie steig' auf in der alten Pracht,
   Ausgerüstet mit der alten Kraft,
   Umgeben von der alten Treue!




                                  C.
        Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und
                            Italiänischen.


                      Aus Camoens' Lusiade.[44]


                        Gesang 3, Stanze 118.

   Alfonso kehrt, nach dieses Sieges Glücke,
   Hinwieder zu des Tajo schönem Becken;
   Dass auch der Fried' ihn mit den Kränzen schmücke,
   Womit die Schlachten ihn so reich bedecken:
   O welch erbarmungswürdiges Geschicke,
   Das Todte könnt aus ihren Gräbern wecken,
   Trifft da die arme, zarte Dulderin,
   Die erst getödtet ward, dann Königin!

   Allein durch dich, durch dein allmächtig Sehnen,
   O reine Lieb', erstarb der Zeiten Zierde,
   Als dürftest du sie deine Feindin wähnen,
   Die treue, der dein schönster Lohn gebührte.
   Wohl sagt man, Amor, dass durch bittre Thränen
   Gestillt nicht werde deine grimme Gierde;
   Soll Menschenblut nun strömen vom Altare
   Zur süssen Augenweide dir, Barbare?

[Fußnote 44: Zuerst abgedruckt im »Pantheon, Zeitschrift für
Wissenschaft und Kunst, von Büsching und Kannegiesser. Berlin, 1810.« I.
Bd. 1. Heft. Seite 1-8.]

   Man sah dir hold der Jahre Lenz verfliessen,
   In jene Seelenruh warst du versenket,
   Ignes, und in den Wahn, den blinden, süssen,
   Den keinem noch auf lang das Glück geschenket,
   In des Mondego angenehmen Wiesen,
   Den deiner schönen Augen Born getränket,
   Den Bergen lehrend, und der Flur den lieben
   Namen, der tief dir in die Brust geschrieben.

   Auch deines Prinzen Regungen vergalten
   Dein Sehnen wohl mit seelenvollem Danken;
   Dein Bild sie fest vor seinen Augen halten,
   Wenn er verbannt aus deiner Blicke Schranken:
   Des Nachts ihn täuschen süsse Traumgestalten,
   Des Tags entrücken ihn zu dir Gedanken,
   Und was er sinnt, und was er sieht im Innern,
   Ist alles nur Ein wonnevoll Erinnern.

   So vieler Fürstentöchter, schöner Frauen
   Bewerben hat bei ihm das Ziel verfehlet;
   Wie denn auf andres pflegt herabzuschauen
   Wess Herz die Eine, traute, hat erwählet.
   Der alte Vater blickt mit stillem Grauen
   Auf die Verirrung dieser Lieb', ihn quälet
   Des Volkes Murren und das Widerstreben
   Des Sohns, sich in der Ehe Band zu geben.

   Und so beschliesst er denn in argem Muthe
   Ignes dem süssen Lichte zu entrücken.
   Es könne nur in frech vergoss'nem Blute,
   So meint er, solcher Liebe Brand ersticken.
   War's Wahnsinn, der ihn trieb, sein Schwert, das gute,
   Das Schrecken sende nur der Feinde Blicken,
   Vor dem der Mauren Wuth gemusst erbeben,
   Gegen ein zartes Fräulein zu erheben?

   Zu ihm, dess Herz wohl möchte sich versöhnen,
   Wird sie geschleppt von wilden Ungeheuern,
   Und es gelingt den mordbegier'gen Tönen
   Des Pöbels, seinen Zorn neu anzufeuern.
   Sie aber -- flehend und mit bangem Stöhnen,
   Erpresst von Mitleid bloss mit ihrem Theuern
   Und mit den Kindern, die sie unterm Herzen
   Ihm trug, die mehr denn eigner Tod sie schmerzen;

   Die Augen hebend zu des Himmels Milde
   Aus denen eine grosse Zähre rollte,
   (Die Augen, denn die Hände hielt der wilde
   Mordknecht, der sie in Fesseln schlagen wollte)
   Dann nieder auf der Kinder zarte Bilde
   Sie senkend, die sie jetzt verlassen sollte
   Verwaiset, einsam, ohne Schutz und Rather --
   Spricht also an den grausamen Grossvater:

   Wenn wilde Thiere, deren Sinn zum Hassen
   Natur bestimmt, und Eis um sie geschlagen,
   Der Wüste Vögel, die, um Raub zu fassen
   Und anders nicht, den Flug in Wolken wagen,
   Mit kleinen Kindern, die sie seh'n verlassen,
   Solch zärtlich Mitleid und Erbarmen tragen,
   Wie man an Ninus Mutter hat geschauet,
   Und an den Brüdern, welche Rom erbauet;

   So trag auch du, dess Herz durchströmt vom warmen
   Menschlichen Blute schlägt (falls es zu nennen
   Menschlich, den Tod zu geben einer Armen,
   Bloss weil ihr Herz in Liebe musst' entbrennen),
   Trage mit diesen Kleinen das Erbarmen,
   Das man in meinem Urtheil muss verkennen.
   Mög' ihre Noth Mitleid in dir erregen,
   Da meine Unschuld dich nicht kann bewegen!

   Und wie du wusstest einst mit Schwert und Feuer
   Den Tod zu senden in der Mauren Reihen,
   Sey jetzt vom Tode gnädiglich Befreier
   Der Schwachen, die du keiner Schuld kannst zeihen.
   Falls aber Unschuld büssen soll so theuer,
   Verweis auf ewig mich in Wüsteneien,
   In Libyens Gluth, in Scythiens kalte Schauer,
   Wo ich mein Leben enden mög' in Trauer.

   Lass mich, wo alle Schrecken sich erheben,
   Hin in der Löwen und der Tiger Erbe,
   Dass ich, was Menschenherz nicht mochte geben,
   Erbarmen dort und Mitleid mir erwerbe.
   Dort will ich pflegen, innig hingegeben
   In's Angedenken dess, für den ich sterbe,
   Der nachgelass'nen Pfänder theure Gabe,
   Zu der leidvollen Mutter einziger Labe.

   Der König sinnt schon drauf, sie zu befreien,
   Ob ihrer Worte, die ihn tief bewegen;
   Das störr'ge Volk nur will ihr nicht verzeihen,
   Noch ihre Sterne, die nicht brachten Segen.
   Die, welche glauben, dass die That Gedeihen
   Dem Reiche bringe, ziehen scharfe Degen,
   Gegen ein Fräulein. Herz, schwarz und bitter,
   Ihr zeiget euch als Henker, nicht als Ritter!

   Wie gegen Priams Tochter, Polyxene,
   Aus der der Mutter letzte Freuden quellen,
   Damit Achilles Schatten sich versöhne,
   Man Pyrrhus sahe sich gerüstet stellen;
   Sie aber ihre jungfräuliche Schöne --
   Die Augen, welche wohl die Trüb' erhellen,
   Hin auf die Mutter, die vor Schmerzen wüthet,
   Gerichtet, -- zum Sühnopfer willig bietet:

   So gegen Sie, die Wüthenden; die Auen,
   Aus denen Liebe sieht mit hellen Blicken,
   In jedes Auge, das sie mag erschauen,
   Sanftheit und Milde strahlend und Entzücken,
   Und ihre süssen Blumen, die getrauen
   Sie sich mit Blutesströmen zu ersticken,
   Grimmig erbos't die Schwerter drein versenkend,
   Der Rache, die herannaht, nicht gedenkend.

   O hohe Sonne, hat dein Strahl genommen
   Von des Entsetzens That wohl Blick und Kunde?
   Ist er nicht auch denselben Tag verglommen,
   Wie in Thyestes Gastmahls Gräuelstunde?
   Ihr hohlen Thäler, die ihr da vernommen
   Das letzte Wort aus dem erblassten Munde,
   Noch lange hallte fort in euerm Laute
   Der Name Pedro, den sie euch vertraute.

   Wie einer Blume, so in Zier getauchet,
   Dass sie der Schmuck war auf den blüh'nden Heiden,
   Wenn sie gebrochen und zum Kranz verbrauchet,
   Der rohen Hand Betastung musst' erleiden,
   Der Schmelz vergeht, der süsse Duft verhauchet:
   So ist das Fräulein nach dem bittern Scheiden;
   Der Lippen Ros' erblasset, es entschweben
   Die lichten Farben mit dem süssen Leben.

   Der That zum ewigen Andenken kehren
   Mondego's Töchter, die sie lange klagen,
   In einen Quell die da geweinten Zähren,
   Und geben ihm den Namen, den er tragen
   Auf alle Zeiten soll: noch jetzo nähren
   Wo Ignes lebt und liebt in ihren Tagen,
   Von einem Quelle sich der Blumen Triebe,
   Dess Wasser Zähren sind, der Name: Liebe.


                         Aus dem Spanischen.


                              Madrigal.

   Ihr Augen, hell und reine,
   Da eure süssen Blicke preist die Menge,
   Warum, wenn ihr mich anschaut, blickt ihr strenge?
   Wenn ihr, je mehr voll Hulden,
   So mehr die Welt erfreut mit heitrem Scheine,
   Warum blickt ihr mit Zorn auf mich alleine?
   Ihr Augen, hell und reine,
   Erscheint mir nur, sey's auch mit solchem Scheine!


                            Aus Cervantes.


            Amadis von Gallia an Don Quixote de la Mancha.

      Du, der nachahmtest jenes Thränenleben,
   Das auf des Armuthfelsens schroffer Kante
   Ich führte, da Verschmähung mich verbannte
   Von Freuden, mich der Busse zu ergeben;

      Du, dem vom Auge Fluthen man sah beben,
   Dass ihm der Salztrank schier das Herz abbrannte,
   Dem, als ihn Silber, Kupfer, Zinn schon nannte,
   Die Erd' auf Erde dürft'ges Mahl gegeben:

      Sey sicher, dass in alle Ewigkeiten,
   Mindstens so lang', als in der vierten Sphäre
   Der feuerrothe Phöbus treibt die Pferde,

      Den Preis der Tapfern keiner dir bestreiten,
   Dein Vaterland vor allen seyn das hehre,
   Dein weiser Meister einzig bleiben werde!


                Don Belianis von Gräcia an denselben.

      Mehr als ein Ritter auf dem Erdenrunde
   Thät ich in Handeln, Sprechen, Stechen, Hauen,
   Ob meiner Thatkraft all' erfasst' ein Grauen,
   All' Unbill rächend, die mir kam zur Kunde.

      Ich gab Grossthaten Fama's ew'gem Munde,
   Ich war galant, ich war beliebt bei Frauen;
   Wie Zwerglein thät ich alle Riesen schauen,
   Zu Kampf und Streit bereit in jeder Stunde.

      Fortuna lag zu meinem Fuss geschmieget,
   Das Glück stand meiner Weisheit treu ergeben,
   Wie eine gute Magd, stets zu Gebote.

      Ob nun mein Ruhm des Monds Horn überflieget,
   Ob auch noch nichts mir hat getrübt das Leben,
   Neid' ich doch dich, du grosser Held Quixote!


                        Petrarca's Sonnet 36.

      Sie tritt mir vor's Gemüth -- vielmehr ist drinne,
   Dass Lethe nicht vermag sie wegzuheben, --
   Wie sie von ihres Sterns Strahlen umgeben,
   Im Lenz des Lebens trat mir vor die Sinne;

      Dass ersten Blickes ich ein Bild gewinne
   Von ihr, so sittig, still und gottergeben,
   Dass ich, »sie ist's,« mir sage, »ist am Leben,«
   Und Frag' an sie und hold Gespräch beginne.

      Bald giebt sie Antwort, schweigt auch wohl, dann siehe,
   Wie man halb wacht im Traum, der Irrthum webte,
   Sag ich meinem Gemüth: Du bist im Fehle;

      Tausend, dreihundert, acht und vierzig, frühe
   Ein Uhr, den sechsten des Aprils, entschwebte
   Dem süssen Leibe ja die sel'ge Seele.


              Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.









                      Nachtrag zum ersten Bande.


S. 95 Zeile 5 von oben ist nach den Worten: »denn er ist gleich dem
Satze X,« als Note unter dem Texte aus der 2. Auflage der
Wissenschaftslehre folgender Zusatz hinzuzufügen:

»D. h. ganz populär ausgedrückt: Ich, das in der Stelle des Prädicats A
setzende, ^dem^ zufolge, ^dass es in der des Subjects gesetzt wurde^,
weiss nothwendig von meinem Subjectsetzen, also von mir selbst, schaue
wiederum mich selbst an, bin mir dasselbe.« (Anmerk. * * zur 2.
Ausgabe.)

Zu bemerken ist noch, dass die S. 91, 95 und 98 hinzugefügten Zusätze
der 2. Ausgabe ^nur^ in der zweiten »verbesserten« Ausgabe, Jena und
Leipzig bei Gabler 1802, nicht in der bei Cotta erschienenen
»unveränderten,« sich finden.




                   Druckfehler im siebenten Bande.


   S.  520,  Z.  2 v. u.  statt  jener Zeitalter l. jenes Zeitalters.
   -   527,  -   6 v. o.    -    erfolge l. erfolgte.




                              Nachtrag.


   (Aus dem in ^Friedr. Schiller's Nachlass^ nach bereits beendetem
        Abdrucke dieses Bandes aufgefundenen Originaltexte der
                             Abhandlung.)




     Zur Abhandlung: »Geist und Buchstab« S. 284. Z. 7. nach dem
                                Worte:
                              ^wollen^.


[Fußnote 45: Durch diesen Wink soll nicht etwa dem ^intelligibeln
Fatalismus^ das Wort geredet werden. Zwar wird der Wille allemal durch
die für das Subject in seiner gegenwärtigen Stimmung überwiegenden
Gründe bestimmt; aber dass ^diese^ Gründe überwiegen und nicht die
entgegengesetzten, und dass das Subject gerade in dieser Stimmung ist
und in keiner anderen, davon liegt der Grund in der absoluten
Selbstthätigkeit. Diese ist es, welche das entscheidende Uebergewicht in
die Wagschale legt durch freie Reflexion und Abstraction in dem
absoluten Anfange eines jeden innern Lebensactes, der von da aus durch
die mannigfaltigen Geschäfte des menschlichen Geistes hindurch
nothwendigen Gesetzen folgt. Der Trieb treibt den Menschen nicht
unwiderstehlich, wie etwa die Elasticität materieller Körper; denn es
ist ein Trieb, gerichtet an ein selbstständiges Wesen. Es bedarf der
Reflexion auf seine Richtung; diese Reflexion ist der Anfangspunct des
fortgehenden steten Fadens, und von dem Grunde, ob überhaupt reflectirt
wird oder nicht, und davon, wie reflectirt wird, ob auf die vollständige
Anregung oder nur auf einen Theil derselben, hängt es ab, wie die
Willensbestimmung ausfalle. Also: der Wille ist nicht frei, aber ^der
Mensch ist frei^. Alle seine Vermögen hängen innigst zusammen, und
greifen bei dem Handeln gesetzmässig in einander ein; und nur daraus,
dass man für wirklich zersplittert hielt, was nur willkürlich und zum
Behufe der Speculation zertheilt wurde, entstanden Theorien, die
entweder dem natürlichen Gefühle oder dem Räsonnement, oder richtiger
beiden zugleich widersprechen. Nicht bloss -- so hart diese Behauptung
auch Manchem vorkommen mag -- nicht bloss die Willensbestimmung des
empirischen Individuums, sondern sein gesammter innerer Charakter, seine
Vorstellungs- und Begehrungsweise, woran er Vergnügen oder Misvergnügen
finde sogar, hängt von eines Jeden Selbstthätigkeit ab. Man übertrug die
durch das Selbstgefühl angekündigte Freiheit zuerst auf den Willen, weil
dieser jeden innern Lebensact abschliesst und vollendet, und weil
derselbe von ihm aus sogleich in die Aussenwelt übergeht, mithin auf
diesem Grenzpuncte zuerst die Verschiedenheit des freien Subjects und
des gebundenen Objects bemerkt wurde. Aber gerade darum, weil er die
angeführte Stelle in der Reihe der Geistesgeschäfte einnimmt, ist der
Wille am wenigsten frei, denn er ist durch das mehrste Vorhergehende
bestimmt. Mit dem Willen fängt der Mensch einen neuen Zustand in der
Sinnenwelt an; man folgerte, dass er mit demselben Willen auch den
nothwendig vorauszusetzenden neuen Zustand in sich selbst anfinge; aber
diese Folgerung ist unrichtig, und sie war zugleich unwahrscheinlich.
--]




                   Dritter Brief. (S. 291.) Anfang.


[Fußnote 46: Dem Nachbar, dem Sie meinen vorigen Brief mitgetheilt
haben, ist in dem ganzen Zusammenhange desselben nur dasjenige
aufgefallen -- melden Sie mir, -- was ich über die Hindernisse sagte,
welche der Mangel an äusserer Freiheit der ästhetischen Bildung in den
Weg stellte; er hat geeilt, die Anwendung davon auf sein Zeitalter und
sein Vaterland zu machen, und wer weiss welche gefährliche Einflössungen
in meinen Worten gefunden. Ich will mich nun seiner Besorgnisse wegen
noch deutlicher erklären.

In den von Germanen abstammenden Verfassungen Europens -- in den
slawischen weit weniger; aber bin ich denn verbunden, auch auf diese
Rücksicht zu nehmen, oder wenn ich in Deutschland schreibe, zu sorgen,
dass meine Ausdrücke nicht gegen den Kaiser von Marokko oder den Dei von
Algier verstossen? -- in den germanischen Verfassungen also hat es sich
so gefügt, dass von Zeit zu Zeit Einzelne von den Unterdrückten unter
der Last sich aufrichteten, Einzelne aus den unterdrückenden Ständen,
durch Zufall oder durch freie Wahl, ihr Gewicht verloren oder aufgaben,
und beide in einen glücklichen Mittelstand zusammenflossen; dadurch das
Loos der Unterdrückten erleichterten, indem sie ihnen den Raum weiter
machten, und auch die Sorgen der Unterdrücker mässigten, indem die Zahl
derer, die sie zu bewachen hatten, sich verminderte. Hierdurch wurde
denn auch die sonst unvermeidliche Progression der Sklaverei verhindert
und die Sachen konnten vermittelst des entstandenen Spielraums mehr in
der gleichen Lage bleiben, wie sie es denn auch, einzelne Zwischenzeiten
abgerechnet, denen aber bald günstigere folgten, in der That geblieben
sind. Aus jenem Mittelstande nun muss und wird sich alles Heil
entwickeln, das noch über die Menschheit kommen soll. Jeder, den das
Glück in diesen schönen Stand setzte, kehre daher nur sein Auge in sich
selbst, ehe er es nach aussen wendet; er mache sich selbst frei, ehe er
Andere befreien wolle; er erhebe sich zu der Denkart, die auf ihr selber
ruhend, ihr selbst getreu und in sich ganz gerundet, über zeitliche
Zwecke und irdische Befürchtungen sich erhebt, und nun lasse er den
lebendigen Ausdruck dieser Denkart in Wort und Wandel auf seine
Zeitgenossen wirken, wie er kann; und überlasse es der allmächtigen
Natur, vor der Jahrtausende sind wie ein Tag, die Saat, die er streut,
zu entwickeln und zu reifen. Wer diesen Geist nicht hat, der will weder
sich, noch Andere befreien, sondern er will die Gewalthaber stürzen, um
selbst an ihre Stelle zu treten, sey's auch unter der Form der Freiheit;
er will nur die Gestalt der Knechtschaft verändern, -- er drohe nun
offenbar den Tyrannen, oder er krieche an ihren Stufen, um einen Theil
ihrer Gewalt zu erschmeicheln, die er zu ertrotzen nicht den Muth hat,
und die er kühner durch den Erfolg ganz begehren wird. Ein solcher ist
fern von der wahren Freiheit; denn er hat sich noch nicht von sich
selbst befreit. Dies ist meine ganze Meinung, und ich mag wohl, dass sie
der Nachbar wisse. --

In unserem Innern, in welchem wir, wie soeben gefordert wurde,
einheimisch seyn müssen, wenn eine unserer Wirkungen nach aussen einen
Werth haben soll, giebt der Sinn für das Aesthetische uns den ersten
festen Standpunct. Das Genie kehrt darin ein, u. s. w.]




                       Liste der Unterzeichner
                                 auf
                      Fichte's sämmtliche Werke.


                          Aachen.

   Herr Buchhändler _J. A. Mayer_                                  1
     für: Herrn Regierungsrath _Ritz_.

                          Aarau.

   Löbl. _Sauerländer_sche Sortiments-Buchhandlung                 3
     für: Herrn _E. Dorer-Egloff_ in Baden in der Schweiz
           --   _J. Correvon_, officier féderal du Génie in
                  Iverdun.
          Bibliothèque cantonale in Lausanne.

                          Altena.

   Herr Buchhändler _P. A. Santz_                                  1

                          Altenburg.

   Löbl. _Schnuphase_sche Buchhandlung                             1

                          Altona.

   Herr Buchhändler _G. Blatt_                                     1

                          Amsterdam.

   Herr Buchhändler _C. G. Sülpke_                                 1
     für: Herrn _R. E. Bischofsheim_.

                          Arnsberg.

   Herr Buchhändler _A. L. Ritter_                                 1
     für: Herrn Ober-Landesgerichts-Referendar _Kaupisch_.

                          Aschaffenburg.

   Herr Buchhändler _Th. Pergay_                                   1

                          Augsburg.

   Herr Buchhändler _Kollmann_                                     1
     für: Herrn Königl. Studienlehrer _J. K. E. Oppenrieder_.

                          Basel.

   Löbl. _Schweighauser_sche Buchhandlung                          2
     für: Oeffentliche Bibliothek.
          Herrn Dr. _Joh. Gihr_ in Liestal.

   Herr Buchhändler _J. G. Neukirch_                               1
     für: Herrn Dr. _Drechsler_.

                          Bautzen.

   Herr Buchhändler _Aug. Weller_                                  1
     für: Herrn Canonicus Dr. _Prihonski_.

                          Berlin.

   Herr Buchhändler _Adolf u. Comp._                               1

   Löbl. _Amelang_'sche Buchhandlung                               2
     für: Herrn Dr. _R. Haym_.
           --   Commerzien-Rath _Westphal_.

   Herr Buchhändler _W. Besser_                                    5
     für: Herrn Dr. _Ribbentropp_.
           --   --  _Schrader_ in Brandenburg.
           --   --  _Dalmer_ in Halle.
           --   Geh. Rath Dr. _Bunsen_ in London.
           --   Dr. _Thaulow_ in Kiel.

   Herr Buchhändler _Alex. Dunker_                                 7
     für: Herrn Baron von _Richthofen_.
           --   Obristlieutenant von _Willisen_, Flügel-Adjutant
                des Königs.
           --   Geschichts- und Portraitmaler _Mila_.
           --   _Türrschmidt_.
           --   Professor Dr. _Röstell_.
           --   v. d. _Lage_, Director des Pädagogiums in
                  Charlottenburg.
           --   Ungenannt.

   Löbl. _Enslin_'sche Sortiments-Buchhandlung                     4
     für: die Bibliothek des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.
          Herrn Kammergerichts-Referendar _Haack_.
           --   Stadtschulrath _Schulze_.
           --   Prediger Dr. _Schütze_ in Lissabon.

   Löbl. _Hirschwald_'sche Buchhandlung                            1
     für: K. St. Wladimirsuniversität in Kiew.

   Herr Buchhändler _A. H. W. Logier_                              1
     für: Herrn Privatdocent Dr. _F. A. Märcker_.

   Herr Buchhändler _E. S. Mittler_                                1
     für: Herrn Postsecretär _Kaumann_.

   Löbl. _Nicolai_'sche Buchhandlung                               3

   Löbl. _Oehmigke_'sche Buchhandlung                              2
     für: Herrn Director der höh. Stadtschule _Zinnow_.
           --   Graf _v. Grabowski_ auf Rodawnitz.

   Herr Buchhändler _E. H. Schröder_                               8
     für: Herrn Dr. _E. Meyen_.
           --   Dr. _Glaser_, Privatdocent.
           --   Graf _R. Raczynski_.
           --   _Reichenow_ in Charlottenburg.
           --   Assessor von _Mörner_.
           --   von _Neumann_.
           --   von _Kudrefzef_.
           --   _Reinbott_, Lehrer am Diesterwegschen Semin.

   Herr Buchhändler _Jul. Springer_                                6
     für: Herrn Prediger _Hoyer_ in Fürstenau.
           --   Baron _v. Holtzendorf-Vietmannsdorf_.
           --   _Fuss_.
           --   _Siegmund_.
           --   Dr. _Voigtländer_.
           --   Assessor _Witte_.

   Herren Buchhändler _Veit u. Comp._                              7
     für: Herrn Professor Dr. _H. G. Hotho_.
           --   Geheimrath _Varnhagen von Ense_.
           --   Ober-Appellationsgerichts-Rath _Meyer_.
           --   _J. Lehmann_, Redacteur.
           --   Baumeister _W. Hoffmann_.
           --   Geheimerath Professor Dr. _Böckh_.
           --   Prediger Dr. _Sachs_.

                          Bern.

   Herren Buchhändler _Huber u. Comp._                             1
     für: Herrn Privatdocent Dr. _Ris_.

                          Bielefeld.

   Herren Buchhändler _Velhagen u. Klasing_                        3
     für: Herrn Gymnasiallehrer Dr. _Stahlberg_ in Herford.
           --   Conrector _Wortmann_.
           --   Pastor _Smidt_.

                          Bonn.

   Herr Buchhändler _Ad. Marcus_                                   9
     für: Die Königl. Universitäts-Bibliothek.
          Bibliotheque de l'université de Louvain.
          Herrn Director Dr. _Kortegarn_ in Bonn.
           --   Professor Dr. _Lassen_.
           --   Ober-Consistorial-Rath Professor Dr. _Nitzsch_.
           --   Privatdocent Dr. _Clemens_.
           --       --       --  _Volkmuth_.
           --   _Erskine_.
           --   Buchhändler _Marcus_.

   Herr Buchhändler _E. Weber_                                     1
     für: Herrn Professor Dr. _Mendelssohn_.

                          Brandenburg.

   Herr Buchhändler _J. J. Wiesike_                                2
     für: Die Gymnasial-Bibliothek.
          Herrn Collaborator _Döhler_.

                          Braunschweig.

   Herr Buchhändler _Ed. Leibrock_                                 1
     für: Herrn Dr. _Hanne_.

                          Bremen.

   Herr Buchhändler _A. D. Geisler_                                1

   Herr Buchhändler _J. G. Heyse_                                  1

                          Breslau.

   Herr Buchhändler _F. Aderholz_                                  2

   Herren Buchhändler _Grass, Barth u. Comp._                      1

   Herr Buchhändler _Gosohorsky_                                   2
     für: Herrn Rector _Jordan_ in Trebnitz.
           -- Professor _Braniss_ in Breslau.

   Herren Buchhändler _Jos. Max u. Comp._                          4
     für: Herrn Divisionsprediger Dr. _Rhode_.
           --   Medicinalrath Dr. _Ebers_.
           --   Professor Dr. _Röpell_.
           --   Buchhändler _Sowade_ in Pless.

   Herr Buchhändler _Ferd. Hirt_                                   1

                          Brieg.

   Herr Buchhändler _Ziegler_                                      1
     für: Herrn _Const. v. Ziegler-Knyphausen_, Lieutenant
            im 22. Infant. Regiment.

                          Bromberg.

   Herr Buchhändler _E. S. Mittler_                                2
     für: Herrn Prediger _Gessel_ in Thorn.
          Ungenannt.

                          Brünn.

   Löbl. _C. Winiker_'sche Buchhandlung                            1

                          Brüssel.

   Herr Buchhändler _C. Muquardt_                                  2
     für: Herrn Professor _Tandel_ in Lüttich.
          La Bibliothèque _Royale_.

                          Cammin.

   Herren Buchhändler _Domine u. Comp._                            1
     für: Herrn Dr. _Puchstein_.

                          Carlsruhe.

   Löbl. _Braun_'sche Hof-Buchhandlung                             1
     für: das Museum in Carlsruhe.

   Herr Buchhändler _Georg Holtzmann_                              1
     für: Herrn Lehrer _Herrmann_ in Ettlingen.

                          Cassel.

   Herr Buchhändler _J. J. Bohné_                                  1
     für: die Kurfürstl. Landesbibliothek.

                          Cöln.

   Herren Buchhändler _J. u. W. Boisserée_                         2

   Herr Buchhändler _E. Welter_                                    1

                          Cöslin.

   Herr Buchhändler _C. G. Hendess_                                1
     für: die Gymnasialbibliothek.

                          Constanz.

   Herr Buchhändler _W. Meck_                                      1
     für: Herrn Professor _F. A. Kreuz_ am Lyceum.

                          Darmstadt.

   Herr Buchhändler _G. Jonghaus_                                  1
     für: die Grossherzogl. Hessische Hofbibliothek.

                          Dessau.

   Herr Buchhändler _J. Fritsche_                                  2

                          Dorpat.

   Löbl. _Franz Kluge_'sche Buchhandlung                           1

                          Dresden.

   Löbl. _Arnold_'sche Buchhandlung                                1

   Herr Buchhändler _H. M. Gottschalk_                             1

                          Düsseldorf.

   Löbl. _Schaub_'sche Buchhandlung                                1
     für: die Landesbibliothek.

                          Elberfeld.

   Herren Buchhändler _J. Löwenstein u. Comp._                     1
     für: die Landesbibliothek.

                          Elbing.

   Herr Buchhändler _Fr. L. Levin_                                 1
     für: Herrn Director Dr. _Herzberg_.

                          Flensburg.

   Herr Buchhändler _J. C. Korte-Jessen_                           2
     für: Herrn Oberlandesgerichts-Advocat _Fr. Johannsen_.
           --   Buchhändler _Korte-Jessen_.

                          Frankfurt a. M.

   Löbl. _Jäger_'sche Buchhandlung                                 3
     für: Herrn _W. H. Ackermann_, Lehrer a. d. Musterschule.
           --   _W. C. Cartwright_ Esqu. in London.
          Ungenannt.

   Herr Buchhändler _C. Jügel_                                     1
     für: Herrn Dr. _F. A. Balling_, Brunnenarzt in Kissingen.

   Herr Buchhändler _J. D. Sauerländer_                            1
     für: die Stadtbibliothek.

   Löbl. _Varrentrapp_'sche Sortiments-Buchhandlung                1
     für: Herrn Justiz- und Domänenrath Dr. _Oelschläger_
                  in Regensburg.

                          Freiburg im Breisgau.

   Herren Buchhändler _Lippe u. Comp._                             1
     für: Herrn Pfarrverweser _Lump_ in Riegel.

                          Genf.

   Herr Buchhändler _J. Kessmann_                                  1

                          Giessen.

   Herr Buchhändler _G. F. Heyer Sohn_                             3
     für: die Universitätsbibliothek.
          Herrn Stud. _Liebknecht_.
          das Predigerseminar in Friedberg.

   Herr Buchhändler _J. Ricker_                                    1
     für: Herrn Dr. _M. Carrière_.

                          Glatz.

   Herr Buchhändler _E. L. Prager_                                 1
     für: Herrn _Rostock_, Prinzl. Oberamtmann in Seitenberg.

                          Glogau.

   Herr Buchhändler _C. Flemming_                                  1
     für: die Lehrerbibliothek des kathol. Gymnasiums.

                          Görlitz.

   Herr Buchhändler _G. Köhler_                                    3
     für: Herrn Geh. Justizrath _Blumenthal_ in Friedersdorf
            bei Greifenberg.
          die Oberlausitzsche Gesellschaft der Wissenschaften.

                          Göttingen.

   Herr Buchhändler _Deuerlich_                                    3
     für: Herrn Hofrath Professor Dr. _Ritter_.
           --   Professor Dr. _Götze_.
           --   Professor Dr. _Dunker_.

   Löbl. _Dietrich_'sche Buchhandlung                              1

   Herren Buchhändler _Vandenhoeck u. Ruprecht_                    1
     für: Herrn Cand. d. Theol. _Petersen_ in Hannover.

                          Gotha.

   Herr Buchhändler _Carl Glaeser_                                 1
     für: die Herzogl. öffentliche Bibliothek.

                          Greifswald.

   Herr Buchhändler _Otte_                                         3
     für: Herrn Professor Dr. _Semisch_.
           --   Professor Dr. _Boström_ in Upsala.
          Ungenannt.

                          Halberstadt.

   Herr Buchhändler _F. A. Helm_                                   1

                          Halle.

   Herr Buchhändler _Anton_                                        1
     für: Herrn. Professor Dr. _Ulrici_.

   Herr Buchhändler _Lippert u. Schmidt_                           4
     für: Herrn Professor Dr. _Schaller_.
           --   Privatdocent Dr. _Weissenborn_.
           --   Stud. phil. _Seifart_.
           --   Dr. _Dalmer_.

   Herr Buchhändler _Rich. Mühlmann_                               2

   Herren Buchhändler _C. H. Schwetschke u. Sohn_                  5

                          Hamburg.

   Herren Buchhändler _F. H. Nestler u. Melle_                     4
     für: die Hamburgische Stadtbibliothek.
          _Osmond de Beauvoir Priaulx_ (Oxford et Cambridge
            Clubb).
          Sir _William Hamilton_ in _Edinburg_.
          Ungenannt.

   Herren Buchhändler _Perthes, Besser u. Mauke_                   2
     für: Herrn Professor Dr. _Ullrich_.
          Ungenannt.

                          Hamm.

   Herr Buchhändler _C. Wickenkamp_                                1
     für: die Bibliothek des Gymnasiums.

                          Hannover.

   Löbl. _Hahn_'sche Hofbuchhandlung                               1
     für: die _Hahn_'sche Hofbuchhandlung.

   Löbl. _Helwing_'sche Hofbuchhandlung                            2
     für: die Bibliothek der Ständeversammlung.
          Herrn Advocat _Ebhardt_.

                          Heidelberg.

   Herr Buchhändler _E. Mohr_                                      1
     für: Herrn Kirchenrath _Rothe_.

   Herr Buchhändler _K. Winter_                                    2
     für: die Grossherzogl. Hofbibliothek in Carlsruhe.
          Herrn Pfarrer _Sturm_ in Buch am Ahorn.

                          Jena.

   Herr Buchhändler _Fr. Frommann_                                 3
     für: die Grossherzogl. Hofbibliothek in Weimar.
          Ihre Durchlaucht die Prinzessin _Caroline_ von
            Schaumburg-Lippe in Rudolstadt 2 Exempl.

                          Kiel.

   Löbl. Akademische Buchhandlung                                  1
     für: Herrn Candidat _Sierck_.

   Löbl. _Schwers_'sche Buchhandlung                               1
     für: Herrn Professor Dr. _Chalybaeus_.

                          Königsberg.

   Löbl. _Bornträger_'sche Buchhandlung                            9
     für: die Königl. akadem. Handbibliothek.
          die Königl. Bibliothek.
          die Bibliothek des Lyceum Hosianum in Braunsberg.
          Herrn Candidat _Böttcher_ in Koewe.
           --   Professor Dr. _Rosenkranz_.
           --   _von Stomczewski_.
     für: Herrn _Sydow_.
           --   Conrector _Suck_ in Wehlau.
           --   Professor Dr. _K. Lehrs_.

   Herren Buchhändler _Graefe u. Unzer_                            3
     für: Herrn Consistorialrath Dr. _Lehnerdt_.
           -- Divisionsprediger Dr. _Toop_.
          das Collegium Fredericianum.

   Herr Buchhändler _E. H. Mangelsdorf_                            1
     für: Herrn Subrector _G. W. A. Wechsler_.

                          Kopenhagen.

   Herr Buchhändler _Eibe_                                         1

   Löbl. _Gyldendal_'sche Buchhandlung                             3
     für: die Grosse Königl. Bibliothek.
          die Akademie in Soröe.
          Herrn _Feilberg_ und _Landmark_, Buchhändler in
            Christiania.

   Herr Buchhändler _Andr. Fr. Höst_                               2
     für: Herrn Mag. Dr. _Cronholm_ in Malmö 2 Exempl.

   Herr Buchhändler _H. C. Klein_                                  2
     für: Herrn _G. Plaug_, Cand. phil.
          die theologische Bibliothek.

   Herr Buchhändler _C. A. Reitzel_                                4

                          Krakau.

   Herr Buchhändler _D. E. Friedlein_                              1
     für: Herrn _Goleberski_, Anwalt beim Tribunal.

                          Landshut.

   Löbl. _Krüll_'sche Univ. Buchhandlung                           1
     für: Herrn Appellationsgerichts-Accessist _v. Hessling_.

                          Langensalza.

   Herr Buchhändler _Körner_                                       1
     für: Herrn Conrector Dr. _Karl Schramm_.

                          Leipzig.

   Herr Buchhändler _F. A. Brockhaus_                              2

   Löbl. _Dyk_'sche Buchhandlung                                   1

   Herr Buchhändler _C. L. Fritzsche_                              1
     für: Herrn Professor Dr. _Niedner_.

   Löbl _J. C. Hinrichs_'sche Buchhandlung                         2
     für: die Stadtbibliothek.
          Ungenannt.

   Herr Buchhändler _K. Fr. Köhler_                                4
     für: Herrn Hofrath _Otto_ in Dorpat.
          die Universitätsbibliothek daselbst
          Ungenannt.

   Herr Buchhändler _Jul. Klinkhardt_                              1

   Herr Buchhändler _C. H. Reclam_ sen.                            2
     für: Herrn Ober-Landesgerichts-Assessor _Lobedan_ in
            Naumburg.
           --   Gymnasiallehrer _Passow_ in Meiningen.

   Herren Buchhändler Gebr. _Reichenbach_                          1
     für: Herrn Dr. _C. Rössler_.

   Herr Buchhändler _Ludw. Schreck_                                1
     für: Herrn _W. Nemeth_, Buchhändler in Kronstadt.

   Herr Buchhändler _Leop. Voss_                                   2
     für: Herrn Professor Dr. _Drobisch_.
          die Universitätsbibliothek.

                          Lemberg.

   Herr Buchhändler _Joh. Millikowsky_                             2
     für: Herrn Domvicar _Mich. Formanyos_.
          die _Ossolinski_'sche Bibliothek.

                          Liegnitz.

   Herr Buchhändler _C. E. Reisner_                                1
     für: Herrn Diaconus _Peters_.

                          Lintz.

   Herren Buchhändler _Fr. Eurich u. Sohn_                         1
     für: die Stiftsbibliothek in Kremsmünster.

                          London.

   Herren Buchhändler _A. Asher u. Comp._                         13

   Herren Buchhändler _Williams u. Norgate_                       13

                          Lübeck.

   Löbl. _von Rohden_'sche Buchhandlung                            1

                          Luxemburg.

   Herr Buchhändler _G. Michaelis_                                 1
     für: Herrn Pastor _Drischel_.

                          Magdeburg.

   Herr Buchhändler _W. Heinrichshofen_                            1
     für: Herrn Rector _Bracker_ in Hundisburg.

   Löbl. _Rubach_'sche Buchhandlung                                2
     für: Herrn Criminaldirector, Oberlandesger. Rath _Fritze_.
          die Stadtbibliothek.

                          Mailand.

   Herr Buchhändler _Joh. Meiners u. Sohn_                         2

   Herren Buchhändler _Tendler u. Schaefer_                        2
     für: Herrn _Marchese Gozzani_ St. Georges in Turin.
           --   Abbate _Don Raimondi_ in Mailand.

                          Marburg.

   Löbl. _Bayrhoffer_'sche Universitätsbuchhandlung                3
     für: die Kurfürstl. Universitätsbibliothek.
          Herrn Professor Dr. _Bayrhoffer_.
           --      --     --  _Franz Vorländer_.

   Herr Buchhändler _N. G. Elwert_                                 1

                          Marienwerder.

   Herr Buchhändler _Alb. Baumann_                                 3
     für: Herrn Oberlandesgerichts-Rath _Scherres_.
          die Bibliothek der Königl. Regierung.
          die Bibliothek des Königl. Gymnasiums.

   Herr Buchhändler _E. Levysohn_                                  1
     für: Herrn Referendar _Döring_.

                          Meiningen.

   Herr Buchhändler _W. Blum_                                      1

   Löbl. _Kesselring_'sche Hofbuchhandlung                         1
     für: die Herzogl. öffentliche Bibliothek.

                          Mitau.

   Herr Buchhändler _G. A. Reyher_                                 1
     für: Herrn Professor Dr. _Strümpell_ in Dorpat.

                          München.

   Löbl. _Literarisch-artistische Anstalt_                         2

   Herr Buchhändler _Georg Franz_                                  1
     für: die Bibliothek des Oberconsistoriums.

   Löbl. _Palm_'sche Hofbuchhandlung                               1
     für: die Königl. Hof- u. Staatsbibliothek.

                          Münster.

   Löbl. _Wundermann_'sche Buchhandlung                            1
     für: Herrn Regimentsarzt Dr. _Rudolph_.

   Löbl. _Theissing_'sche Buchhandlung                             1

                          Neisse.

   Herr Buchhändler _F. Burckhardt_                                1
     für: Herrn Graf _von Reichenbach_ auf Waltdorf.

                          Nordhausen.

   Herr Buchhändler _Büchting_                                     1

   Herr Buchhändler _F. Förstemann_                                1
     für: Herrn _M. L. von Eberstein_.

                          Nürnberg.

   Herr Buchhändler _J. A. Stein_                                  1
     für: die Gymnasialbibliothek.

                          Oldenburg.

   Löbl. _Schulze_'sche Buchhandlung                               1
     für: die Grossherzogl. Oldenburgische Bibliothek.

                          Paris.

   Herr Buchhändler _A. Frank_                                     2

   Herren Buchhändler _Degetau u. Comp._                           1
     für: Herrn _Rehfeld_.

   Herr Buchhändler _Klincksieck_                                  6
     für: Herrn _Georg Herwegh_.
          la Bibliothèque Royale.
          Herrn _Victor Cousin_, Pair de France.
           --   _Ad. Lafont de Ladebas_.
           --   _Lerminier_.
           --   _Verny_.

                          Pesth.

   Herr Buchhändler _Gust. Emich_                                  1
     für: Herrn _Stancsics Mihaly_.

   Herr Buchhändler _C. Geibel_                                    1

   Herr Buchhändler _C. A. Hartleben u. Altenburger_               3
     für: Herrn Professor _August v. Széchy_.
           --   Director _Cyrill von Horváth_ in Szegedin.
           --   K. K. Kämmerer Graf _v. Zichy_ in Láng.

   Herr Buchhändler _Gust. Heckenast_                              1
     für: Herrn K. K. Major _Bein_.

   Herren Buchhändler _Kilian u. Comp._                            2
     für: die K. K. Universitätsbibliothek.
          Herrn _Marton_.

   Herr Buchhändler _Kilian_ sen. u. _Weber_                       3
     für: Herrn _Bartholomäus von Fischer_, Profess. der
                  Moral und Theologie.
           --   _Jos. von Urmenyi_, Königl. Rath und Obergespann.
           --   _von Adamowics_.

                          Petersburg.

   Herren Buchhändler _Eggers u. Comp._                            2
     für: Herrn wirkl. Staatsrath _v. Kranichfeld_.
          Ungenannt.

                          Posen.

   Herr Buchhändler _E. S. Mittler_                                4
     für: Herrn Regierungs-Assessor _Duncker_.
           --       --        --    _Edler_.
           --       --        --    _Besser_.
           --   Consistorialrath _Kissling_.

   Herren Buchhändler Gebr. _Scherk_                               1

   Herr Buchhändler _Zupaíski_                                     1

                          Potsdam.

   Herr Buchhändler _Ferd. Riegel_                                 1
     für: Herrn Braueigner _Müller_.

   Löbl. _Stuhr_'sche Buchhandlung                                 1

                          Prag.

   Herren Buchhändler _Borrosch u. André_                          1
     für: Herrn Professor Dr. _Exner_.

   Herr Buchhändler _Ehrlich_                                      2
     für: Herrn Candidat der Medicin _Springer_.
           --   Dr. _Smetana_.

   Herren Buchhändler _Kronberger u. Rziwnatz_                     2
     für: Herrn Professor Dr. _Bolzano_.
          Ungenannt.

                          Presburg.

   Herr Buchhändler _C. Fr. Wigand_                                1

                          Quedlinburg.

   Löbl. _Ernst_'sche Buchhandlung                                 1
     für: Herrn Geheimerath _Hertel_.

                          Reichenbach.

   Herr Buchhändler _Fr. George_                                   1
     für: Herrn Candidat _Peinert_ in Olbersdorf.

                          Riga.

   Herr Buchhändler _J. Deubner_                                   2
     für: Herrn Pastor Dr. _Martin Berkholz_.
           --   Bürgermeister Ritter _v. Timm_, Magnificenz.

   Herr Buchhändler _N. Kymmel_                                    1

                          Rostock.

   Herr Buchhändler _F. L. Schmidtchen_                            2
     für: Herrn Professor Dr. _Schmidt_.
          Ungenannt.

   Löbl. _Stiller_'sche Hofbuchhandlung                            1
     für: die Grossherzogl. Universitätsbibliothek.

                          Schaffhausen.

   Löbl. _Hurter_'sche Buchhandlung                                1
     für: Herrn Decan _Benker_ in Diessenhofen.

                          Schwäbisch-Hall.

   Herr Buchhändler _Nitschke_                                     1

                          Schweidnitz.

   Herr Buchhändler _C. F. Weigmann_                               2

                          Solothurn.

   Herr Buchhändler _L. Jent_                                      1
     für: die Professorenbibliothek.

                          Speyer.

   Löbl. _F. C. Neidhard_'sche Buchhandlung                        1
     für: die Bibliothek des K. Gymnasiums.

                          Stettin.

   Herr Buchhändler _L. Saunier_                                   1
     für: die Bibliothek des Königl. Gymnasiums.

                          St. Gallen.

   Herr Buchhändler _C. P. Scheitlin_                              1
     für: die Stiftsbibliothek.

                          Stockholm.

   Herr Buchhändler _F. Bonnier_                                   3

                          Strasburg.

   Herren Buchhändler _Treuttel u. Würtz_                          2
     für: die Bibliothek des protestantischen Seminars.
          Herrn _Colany_, Candidat der Theologie.

   Herr Buchhändler _Levrault_                                     1
     für: Herrn Professor _Willm_.

                          Stuttgart.

   Herren Buchhändler _Beck u. Fränkel_                            1

   Herr Buchhändler _Fr. H. Köhler_                                1
     für: Herrn Diaconus _Kornbeck_ in Marbach.

   Löbl. _J. B. Metzler_'sche Buchhandlung                         1
     für: Herrn _Alexander Simon_.

   Herr Buchhändler _Paul Neff_                                    2
     für: Herrn Rechtsconsulent Dr. _Steudel_.
          die Königl. Handbibliothek.

   Herr Buchhändler _Rommelsbacher_                                1
     für: die Königl. öffentl. Bibliothek.

                          Thorn.

   Löbl. _E. Lambeck_'sche Buchhandlung                            1

                          Trier.

   Löbl. _Lintz_'sche Buchhandlung                                 2
     für: Herrn Ober-Amtmann _Sulz_.
           --   Dr. _Montigny_, Lehrer am Gymnasium.

                          Tübingen.

   Herr Buchhändler _L. F. Fues_                                   8
     für: die K. Universitätsbibliothek.
          die K. Seminarbibliothek.
          Herrn Professor Dr. _Reiff_.
           --   Stud. theol. _Jaeger_       }
           --    --    --    _Schuster_     }
           --    --    --    _Schnitzer_    }     im Stift.
           --    --    --    _Fricker_      }
           --    --    --    _Koestlin_     }

   Löbl. _Zu Guttenberg_'sche Sortimentsbuchhandlung               1
     für: Herrn Pfarrer _Zotz_ in Ahldorf.

                          Ulm.

   Löbl. _Stettin_'sche Sortimentsbuchhandlung                     1
     für: Herrn Rechtsconsulent Dr. _Göritz_.

                          Utrecht.

   Herren Buchhändler _Kemink u. Sohn_                              2

                          Wien.

   Löbl. _Fr. Beck_'sche Univ. Buchhandlung                        1

   Herren Buchhändler _Braumüller u. Seidel_                      16

   Herren Buchhändler _C. Gerold u. Sohn_                          6

   Herr Buchhändler _J. G. Heubner_                                1
     für: Herrn Abt _Altmann_ zu Goettweil.

   Löbl. _Jasper_'sche Buchhandlung                                1

   Herren Buchhändler _Kaulfuss Ww., Prandel u. Comp._             2

   Herren Buchhändler _Mörschner's Ww. u. Bianchi_                 2

   Herr Buchhändler _P. Rohrmann_                                  3
     für: die K. K. Hofbibliothek.
          die K. K. Universitätsbibliothek.
          Herrn Dr. _Dworzak_.

   Herren Buchhändler _Schaumburg u. Comp._                        2
     für: Herrn Baron _Nicolaus Mattencloit_.

   Löbl. Fr. _Volke_'sche Buchhandlung                             1
     für: Herrn Hofrath _v. Witteczek_.

   Herr Buchhändler _J. B. Wallishauser_                           1
     für: Herrn Baron _v. Locella_.

   Herren Buchhändler _Wimmer, Schmidt u. Leo_                     3
     für: Herrn Dr. med. _Lederer_.
           --   Edler _von Hasner_.
          Ungenannt.

                          Wiesbaden.

   Löbl. _Friedrich_'sche Buchhandlung                             1
     für: die Herzogl. Nassauische öffentl. Landesbibliothek.

   Herr Buchhändler _C. W. Kreidel_                                1
     für: Herrn Collaborator _Seyberth_ in Weilburg.

                          Wittenberg.

   Löbl. _Zimmermann_'sche Buchhandlung                            1
     für: die Bibliothek des Gymnasiums.

                          Würzburg.

   Löbl. _Stahel_'sche Buchhandlung                                1
     für: Herrn Rector Professor Dr. _Franz Hoffmann_.

   Herr Buchhändler _Ludw. Stabel_                                 1
     für: Herrn Rechtspraktikant Dr. _Reder_.

                          Züllichau.

   Herr Buchhändler _H. Sporleder_                                 1
     für: die Bibliothek der Realschule in Meseritz.

                          Zürich.

   Herren Buchhändler _Meyer u. Zeller_                            2
     für: Herrn Dr. _Mager_.
           --   Professor Dr. _Bobrich_.

   Herren Buchhändler _Orell, Füssli u. Comp._                     2

   Herr Buchhändler _Fr. Schulthess_                               2
     für: Herrn Regierungsrath _Hotz_ in Balchrist.
           --   Vicar _Fries_.



                       Johann Gottlieb Fichte's


   von seinem Sohne herausgegebene sämmtliche Werke liegen nun
   vollständig in acht Bänden dem Publicum vor. Der Umfang des
   Ganzen beträgt gegen 300 Bogen und den Preis von 15 Thalern
   lassen wir vorläufig fortbestehen.

   Die Abtheilungen der Gesammtwerke werden auch besonders verkauft,
   und zwar:

   1) Erste Abtheilung. Zur theoretischen Philosophie.          Thlr. 5.
      Band I. und II.
   2) Zweite Abtheilung. A. Zur Rechts- und Sittenlehre.        Thlr. 5.
      Band III. und IV.
   3) Zweite Abtheilung. B. Religionsphilosophische         Thlr. 2 1/3.
      Schriften. Band V.
   4) Dritte Abtheilung. Populär-philosophische Schriften.      Thlr. 6.
      Band VI., VII. und VIII.

   Einer ganz besondern Verbreitung fähig sind namentlich die
   _Zweite Abtheilung_ B. (3) und die _Dritte_ (4), welche in die
   politische und religiöse Bewegung der Gegenwart so unmittelbar
   eingreifen, dass kein denkender Beobachter der Zeit sie ungelesen
   lassen darf. In den genannten Abtheilungen ist _Fichte_ weniger
   speculativer Philosoph als begeisterter Volksredner, der nächst
   Luther und Lessing das kräftigste Deutsch geschrieben hat. Diese
   vier Bände wird Niemand entbehren können, _der die deutschen
   Classiker in seiner Bibliothek vereinigen will_.


                  Die zweite Abtheilung B. enthält:

   Aphorismen über Religion und Deismus, aus dem Jahre 1790.

   Versuch einer Kritik aller Offenbarung, 1792.

   Ueber den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung,
   1798.

   Appellation an das Publicum gegen die Anklage des Atheismus, 1799.

   Gerichtliche Verantwortung gegen die Anklage des Atheismus, 1799.

   Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. (Ungedruckt, aus dem Anfange
   1799).

   Aus einem Privatschreiben, im Jänner 1800.

   Die Anweisung zum seligen Leben, oder auch die Religionslehre, 1806.


                    Die dritte Abtheilung enthält:

   Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie
   bisher unterdrückten, 1793.

   Beiträge zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die
   französische Revolution, 1793.

   Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1794.

   Ueber das Wesen des Gelehrten, und seine Erscheinungen im Gebiete
   der Freiheit, 1805.

   Ueber die einzig mögliche Störung der akademischen Freiheit, 1812.

   Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, 1804.

   Reden an die deutsche Nation, 1808.

   Anhang zu den Reden an die deutsche Nation, geschrieben im Jahre
   1806. (Ungedruckt).

   Politische Fragmente aus den Jahren 1807 und 1813. (Ungedruckt).
     A. Bruchstücke aus einem unvollendeten politischen Werke vom
        Jahre 1806-7.
          1) Episode über unser Zeitalter.
          2) Die Republik der Deutschen.
     B. Aus dem Entwurfe einer politischen Schrift im Jahre 1813.
     C. Excurse zur Staatslehre, 1813.
          1) Ueber Errichtung des Vernunftreiches.
          2) Ueber Zufall, Loos, Wunder.
          3) Ueber die Ehe, den Gegensatz von altem und neuen Staate
             und Religion u. s. w.

   Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801.

   Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt,
   1807.
          Beilagen zum Universitätsplane (Ungedruckt):
            a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an
               einer deutschen Universität, 1805.
            b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu
               Berlin, am 16. April 1811.

   Vermischte Aufsätze:
     A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdruckes, ein
        Räsonnement und eine Parabel, 1791.
     B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (Ungedruckt).
     C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794.
     D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache, 1795.
     E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an Wahrheit, 1795.
     F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (Ungedruckt).
     G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die bisherigen
        Schicksale derselben, 1806 (Ungedruckt).

   Recensionen von:
     A. Creuzers skeptischen Betrachtungen über die Freiheit des
        Willens, 1793.
     B. Gebhard über sittliche Güte, 1793.
     C. Kant zum ewigen Frieden, 1796.

   Poesien und metrische Uebersetzungen:
     A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (Ungedruckt).
     B. Kleinere Gedichte, (meist ungedruckt).
     C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und
        Italiänischen, (meist ungedruckt).

                                                          Veit & Comp.




Anmerkungen zur Transkription


Die »Liste der Unterzeichner auf Fichte's sämmtliche Werke« wurde vom
Anfang an das Ende des Buches verschoben.

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original
kursiv gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert
wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

   [S. 1020]:
   ... ihm -- sein Geschichtschreiber sagt dies an seiner Urne mit ...
   ... ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt dies an seiner Urne mit ...

   [S. 1039]:
   ... nicht eine ansgemachte Wahrheit unter allen alten
       Schriftstellern ...
   ... nicht eine ausgemachte Wahrheit unter allen alten
       Schriftstellern ...

   [S. 1064]:
   ... Resensionen herumblättern will, wird auf die oben angeführten
       Aeusserungen ...
   ... Recensionen herumblättern will, wird auf die oben angeführten
       Aeusserungen ...

   [S. 1076]:
   ... Oder hat etwa das deutsche Publicum bisjetzt in allem ...
   ... Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem ...

   [S. 1105]:
   ... noch auschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der
       Meister ...
   ... noch anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der
       Meister ...

   [S. 1124]:
   ... sich verleiten, dem Widerspuche zu widersprechen, so müsste ...
   ... sich verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste ...

   [S. 1141]:
   ... als den üblichen Fleiss uud Berufstreue gerechnet werden;
       indem ...
   ... als den üblichen Fleiss und Berufstreue gerechnet werden;
       indem ...

   [S. 1144]:
   ... wie späterhin die Regularen es sollen, zu einem
       geinschaftlichen ...
   ... wie späterhin die Regularen es sollen, zu einem
       gemeinschaftlichen ...

   [S. 1151]:
   ... oder Relegation, oder dess etwas stattfinde. Durch die ...
   ... oder Relegation, oder dass etwas stattfinde. Durch die ...

   [S. 1163]:
   ... möchten auch an diese Lehrer für diese eigenlich nicht im ...
   ... möchten auch an diese Lehrer für diese eigentlich nicht im ...

   [S. 1241]:
   ... noch zeugen kann, und die Kiuder dieser Kinder: und ziehe ...
   ... noch zeugen kann, und die Kinder dieser Kinder: und ziehe ...

   [S. 1241]:
   ... Es sagen zwar freilich verleumderiche Zungen, dass das ...
   ... Es sagen zwar freilich verleumderische Zungen, dass das ...

   [S. 1277]:
   ... Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einige
       Unabhängige ...
   ... Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige
       Unabhängige ...

   [S. 1317]:
   ... gelernten Zeichen nachher auch in seiner Famile. ...
   ... gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie. ...

   [S. 1331]:
   ... mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werpen ...
   ... mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden ...

   [S. 1348]:
   ... so gerinfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im ...
   ... so geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im ...

   [S. 1352]:
   ... fest, frei und kühn au jede Untersuchung mich wagen darf, ...
   ... fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, ...

   [S. 1457]:
   ... einer höheren Giückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem ...
   ... einer höheren Glückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem ...






End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Vermischte
Schriften und Aufsätze, by Johann Gottlieb Fichte

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***

***** This file should be named 51359-8.txt or 51359-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/5/1/3/5/51359/

Produced by Karl Eichwalder, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net This
book was produced from scanned images of public domain
material from the Google Books project.

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    [email protected]

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.