Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes

By Hugo von Hofmannsthal

The Project Gutenberg EBook of Jedermann, by Hugo von Hofmannsthal

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Title: Jedermann
       Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes

Author: Hugo von Hofmannsthal

Release Date: May 24, 2009 [EBook #28949]

Language: German


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                              JEDERMANN

               DAS SPIEL VOM STERBEN DES REICHEN MANNES

                             ERNEUERT VON

                        HUGO von HOFMANNSTHAL


                      S. FISCHER, VERLAG, BERLIN

                                 1911


Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.
Das Recht der Aufführung ist nur von S. Fischer, Verlag, Berlin W.,
Bülowstr. 90 zu erwerben.

Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin.




DRAMATIS PERSONAE:


  GOTT DER HERR
  ERZENGEL MICHAEL
  TOD
  TEUFEL

  JEDERMANN
  JEDERMANNS MUTTER
  JEDERMANNS GUTER GESELL
  DER HAUSVOGT
  DER KOCH
  EIN ARMER NACHBAR
  EIN SCHULDKNECHT
  DES SCHULDKNECHTS WEIB

  BUHLSCHAFT
  DICKER VETTER
  DÜNNER VETTER
  ETLICHE JUNGE FRÄULEIN
  ETLICHE VON JEDERMANNS TISCHGESELLEN
  BÜTTEL
  KNECHTE
  SPIELLEUTE
  BUBEN

  MAMMON
  WERKE
  GLAUBE
  MÖNCH
  ENGEL




SPIELANSAGER

_tritt vor und sagt das Spiel an._

    Jetzt habet allsamt Achtung Leut
    Und hört was wir vorstellen heut!
    Ist als ein geistlich Spiel bewandt
    Vorladung Jedermanns ist es zubenannt.
    Darin Euch wird gewiesen werden,
    Wie unsere Tag und Werk auf Erden
    Vergänglich sind und hinfällig gar.
    Der Hergang ist recht schön und klar,
    Der Stoff ist kostbar von dem Spiel
    Dahinter aber liegt noch viel
    Das müßt Ihr zu Gemüt führen
    Und aus dem Inhalt die Lehr ausspüren.

GOTT DER HERR

(_wird sichtbar auf seinem Thron und spricht_):

    Fürwahr mag länger das nit ertragen,
    Daß alle Kreatur gegen mich
    Ihr Herz verhärtet böslich,
    Daß sie ohn einige Furcht vor mir
    Schmählicher hinleben als das Getier.
    Des geistlichen Auges sind sie erblindt
    In Sünd ersoffen, das ist was sie sind,
    Und kennen mich nit für ihren Gott,
    Ihr Trachten geht auf irdisch Gut allein
    Und was darüber, das ist ihr Spott,
    Und wie ich sie mir anschau zur Stund
    So han sie rein vergessen den Bund
    Den ich mit ihnen aufgericht hab
    Da ich am Holz mein Blut hingab.
    Auf daß sie sollten das Leben erlangen
    Bin ich am Marterholz gehangen.
    Hab ihnen die Dörn aus dem Fuß getan
    Und auf meinem Haupt sie getragen als Kron.
    So viel ich vermocht, hab ich vollbracht
    Und nun wird meiner schlecht geacht.
    Darum will ich in rechter Eil
    Gerichtstag halten über sie
    Und Jedermann richten nach seinem Teil.
    Wo bist du, Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin.

TOD:

    Allmächtiger Gott, hier sieh mich stehn,
    Nach deinem Befehl werd ich botengehn.

GOTT:

    Geh du zu Jedermann und zeig in meinem Namen ihm an
    Er muß eine Pilgerschaft antreten
    Mit dieser Stund und heutigem Tag
    Der er sich nicht entziehen mag.
    Und heiß ihn mitbringen sein Rechenbuch
    Und daß er nicht Aufschub, noch Zögerung such.

TOD:

    Herr, ich will die ganze Welt abrennen
    Und sie heimsuchen Groß und Klein,
    Die Gotts Gesetze nit erkennen
    Und unter das Vieh gefallen sein.
    Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen,
    Den will ich mit einem Streich treffen,
    Daß seine Augen brechen
    Und er nit findt die Himmelspforten
    Es sei denn, daß Almosen und Mildtätigkeit
    Befreundt ihm wären und hilfsbereit.

JEDERMANN

(_tritt aus seinem Haus hervor, ein Knecht hinter ihm._)

JEDERMANN:

    Spring du um meinen Hausvogt schnell,
    Muß ihm aufgeben einen Befehl.

(_Der Knecht geht hinein._)

    Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr,
    Steht stattlich da, vornehm und reich,
    Kommt in der Stadt kein andres gleich.
    Hab drin köstlichen Hausrat die Meng,
    Viele Truhen, viele Spind,
    Dazu ein großes Hausgesind,
    Einen schönen Schatz von gutem Geld
    Und vor den Toren manch Stück Feld,
    Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh,
    Von denen ich Zins und Renten zieh,
    Daß ich mir wahrlich machen mag,
    So heut wie morgen fröhliche Tag.

(_Hausvogt tritt auf._)

JEDERMANN:

    Vogt, bring einen Säckel Geldes straff,
    Den hab ich vergessen in Gürtel zu tun,
    Und merk, was ich dir noch anschaff:
    Für morgen wird ein Frühmahl gericht,
    Das muß bereit't sein aufs allerbest
    Kommen Verwandte und fremde Gäst.
    Der Tisch muß prächtig sein bestellt,
    Schick her den Koch, du geh ums Geld.

(_Vogt geht hinein, Koch tritt sogleich auf._)

JEDERMANN:

    Ein köstlich Frühmahl befehl ich an
    Für morgen.

KOCH:

                Ja, und soll ich dann
    Einen jeden Gang bereiten frisch?

JEDERMANN:

    Daß dich das Fieber rüttel, frisch!
    Kein Überbleibsel auf meinen Tisch.

KOCH:

    Es wär von gestern geblieben die Meng
    Zumindest für zwei kalte Gäng.

JEDERMANN:

    Du Esels-Koch bist so vermessen,
    Soll ich eine Bettlermahlzeit essen?

(_Der Koch geht ab. Der Vogt ist herausgekommen mit einem Beutel.
Jedermann nimmt den Beutel._)

JEDERMANN:

    Acht du auf meine Mägd und Knecht,
    Gefallen mir allermaßen nit recht.

(_Der arme Nachbar wird in der Ferne sichtbar, nähert sich ängstlich.
Jedermanns Geselle kommt zugleich raschen Schrittes die Straße
hergegangen._)

JEDERMANN

(_zum Hausvogt_):

    Dafür stehst du an der obersten Stell,
    Daß du auf sie -- da kommt mein Gesell.

(_Hausvogt geht ins Haus._)

    Hätt beinah müssen auf dich warten,
    Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen
    Und uns dort das Grundstück ansehen,
    Obs tauglich ist für einen Lustgarten.

GESELL:

    Hast Fortunati Säckel in der Hand,
    Dann ist die Sach schon recht bewandt.
    Ja, bei dir gilts: gewünscht ist schon getan,
    Du hasts danach, drum steht dirs an.

ARMER NACHBAR:

    Das ist des reichen Jedermann Haus.
    Oh, Herr, dich bitt ich überaus
    Wollest dich hilfreich meiner erbarmen,
    Mildtätig beistehn einem Armen.

GESELL

(_zu Jedermann_):

    Ja, wie gesprochen, wir müssen eilen,
    Dürfen uns gar nit länger verweilen.

ARMER NACHBAR

(_hebt bittend die Hände_):

    Oh, Jedermann, erbarm dich mein.

GESELL:

    Kennst du leicht das Gesicht?

JEDERMANN:

                                  Ich? Wer solls sein?

ARMER NACHBAR:

    Oh, Jedermann, zu dir heb ich die Hand,
    Hab auch einst bessre Tag gekannt.
    War einst dein Nachbar, Haus bei Haus,
    Dann hab ich müssen weichen draus.

JEDERMANN

(_gibt ihm eine Münze aus dem Gürtel_):

    Schon gut!

ARMER NACHBAR

(_nimmts nicht_):

              Das ist eine Gabe gering.

JEDERMANN:

    Meinst du? Gottsblut! So reut mich doch das Ding.

ARMER NACHBAR

(_weist auf den Beutel_):

    Davon mein nachbarlich Bruderteil,
    So wär ich wieder gesund und heil.

JEDERMANN:

    Davon?

ARMER NACHBAR:

          Es ist an dem, ich knie vor dir,
    Nur diesen Beutel teil mit mir.

JEDERMANN

(_lacht_):

    Nur?

GESELL:

    Selbig ist besessen alls!
    Hättst tausend Bettler auf dem Hals.
    Was tausend, hunderttausend gleich!

ARMER NACHBAR:

    Bist allermaßen mächtig reich.
    Teilst du den Beutel auf gleich und gleich,
    Dir bleiben die Truhen voll im Haus,
    Dir fließen Zins und Renten zu.

JEDERMANN:

    Mann, wer heißt dich, mein Schrank und Truh,
    Mein Zins und Rent in Mund nehmen?

GESELL:

    Ich tät mich allerwegen schämen.

JEDERMANN:

    Laß! -- Mann, da bist du in der Irr,
    Wenn du meinst, ich könnt ohnweilen
    Den Beutel Geld da mit dir teilen.
    Das Geld ist gar nit länger mein,
    Muß heut noch abgeliefert sein
    Als Kaufschilling für einen Lustgarten.
    Ich steh dem Verkäufer dafür im Wort,
    Er will aufs Geld nit länger warten.

ARMER NACHBAR:

    Wenn dieses Geld für den Garten ist,
    So brauchts für dich nur einen Wink,
    Für einen Beutel hast du zehn,
    Heiß einen andern bringen flink,
    Den teil mit mir, bist du ein Christ.

JEDERMANN:

    Der nächste, brächt man ihn herbei,
    Der Beutel, der wär auch nit frei.
    Mein Geld muß für mich werken und laufen
    Mit Tod und Teufel hart sich raufen,
    Weit reisen und auf Zins ausliegen,
    Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen.
    Auch kosten mich meine Häuser gar viel,
    Pferd halten, Hund und Hausgesind
    Und was die andern Dinge sind,
    Die alleweil zu der Sach gehören,
    Lustgärten, Fischteich, Jagdgeheg,
    Das braucht mehr Pfleg als ein klein Kind,
    Muß stets daran gebessert sein,
    Kost' alls viel Geld, muß noch viel Geld hinein.
    »Ein reicher Mann« ist schnell gesagt,
    Doch unsereins ist hart geplagt
    Und allerwegen hergenommen,
    Das ist dir nicht zu Sinn kommen!
    Da läufts einher von weit und breit
    Mit Anspruch und Bedürftigkeit
    Tät unsereins nit der Schritte drei
    Von hier bis an die nächste Wand
    Ohn eine allzeit offne Hand.
    Ist alls schon recht, muß nur dafür
    Ein Fug und ein Gesetz auch walten
    Und jeglich Teil daran sich halten.
    Und achten gnau was ihm gebühr:
    Dawider hast du dich verfehlt,
    Wär all mein Geld und Gut gezählt
    Und ausgeteilt auf jeglichen Christ,
    Der Almosens bedürftig ist,
    Es käm mein Seel nit mehr auf dich
    Als dieser Schilling sicherlich,
    Drum empfang ihn unverweil,
    Ist dein gebührend richtig Teil.

(_Nachbar nimmt den Schilling und geht._)

GESELL:

    Dem hast dus geben recht mit Fug,
    Ja, das weiß Gott, viel Geld macht klug.

JEDERMANN:

    Nun wollen wir gehen, es dustert schon.

(_Schuldknecht kommt, von zwei Bütteln geführt, hinter ihm sein Weib
und seine Kinder in Lumpen._)

GESELL:

    Was ist das für einer Mutter Sohn,
    Den sie da bringen hergeführt,
    Die Arme kreuzweis aufgeschnürt?
    Mich dünkt, das geht an ein Schuldturmwerfen,
    Hätt sich auch mehr in acht nehmen derfen.
    Jetzt muß er's bei Wasser und Brot bedenken
    Oder sich an einen Nagel henken.
    Ja, Mann, du hast halt ein Reimspiel trieben
    Und Schulden auf Gulden, die reimen gar gut.

SCHULDKNECHT:

    Hat mancher sein Schuldbuch nit in der Hut
    Und ist drin vieles in Übel geschrieben.

JEDERMANN:

    Auf wen geht das?

SCHULDKNECHT:

                      Auf den, der fragt allweil.

JEDERMANN:

    Bins nit bewußt für meinen Teil,
    Weiß nit, für wen du mich willst nehmen.

SCHULDKNECHT:

    In deiner Haut wollt ich mich schämen.

JEDERMANN:

    Gibst harte Wort mir ohn Gebühr,
    Dir gehts nit wohl, was kann ich dafür?

SCHULDKNECHT:

    Für harte Stöß sind sanft meine Wort.

JEDERMANN:

    Wer stößt dich?

SCHULDKNECHT:

                    Du, an einen harten Ort.

JEDERMANN:

    Ich kenn dich auch vom Ansehen nit.

SCHULDKNECHT:

    Ist doch dein Fuß, der auf mich tritt.

JEDERMANN:

    Das wär mir seltsam, daß ich so tät
    Und nichts davon in Wissen hätt.

SCHULDKNECHT:

    Dein Nam steht auf einem Schuldschein,
    Der bringt mich in diesen Kerker hinein.

JEDERMANN:

    Bei meinem Patron, was geht's mich an?

SCHULDKNECHT:

    Bist doch der selbige Jedermann,
    In dessen Namen und Antrag
    Beschehn ist wider mich die Klag!
    Daß ich in einen Turm werd bracht
    Geschieht allein durch deine Vollmacht.

JEDERMANN

(_tritt hinter sich_):

    Ich wasch in Unschuld meine Händ
    Als einer, der diese Sach nit kennt.

SCHULDKNECHT:

    Deine Helfers-Helfer und Werkzeug halt,
    Die tun mir Leibes- und Lebensgewalt.
    Der Hintermann bist du von der Sach,
    Das bring dir zeitlich und ewig Schmach.
    In Grund und Boden sollst dich schämen.

JEDERMANN:

    Wer hieß dich Geld auf Zinsen nehmen?
    Nun hast du den gerechten Lohn.
    Mein Geld weiß nit von dir noch mir
    Und kennt kein Ansehen der Person.
    Verstrichne Zeit, verfallner Tag,
    Gegen die bring deine Klag.

SCHULDKNECHT:

    Er höhnt und spottet meiner Not!
    Da seht ihr einen reichen Mann.
    Sein Herz weiß nichts von Gotts Gebot,
    Hat tausend Schuldbrief in seinem Schrein
    Und läßt uns Arme in Not und Pein.

SCHULDKNECHTS WEIB:

    Kannst du dich nit erbarmen hier,
    Zerreißen ein verflucht Papier,
    Anstatt daß meinen Kindern da
    Der Vater wird in Turm geschmissen,
    Von dem dir nie kein Leid geschah!
    Hast du kein Ehr und kein Gewissen,
    Trägst du mit Ruh der Waisen Fluch
    Und denkst nit an dein eigen Schuldbuch,
    Das du mußt vor den Richter bringen,
    Wenns kommt zu den vier letzten Dingen?

JEDERMANN:

    Weib, du sprichst was du schlecht verstehst,
    Es ist aus Bosheit nit gewest
    Man hat sich voll und recht bedacht,
    Eh man die scharfe Klag einbracht.
    Geld ist wie eine andere War
    Das sind Verträg und Rechte klar.

GESELL:

    Wär schimpflich um die Welt bestellt
    Wenns anders herging in der Welt.

SCHULDKNECHTS WEIB:

    Geld ist ein Pfennig, den eins leiht
    Dem Nächsten um Gottes Barmherzigkeit.

SCHULDKNECHT:

    Geld ist nicht so wie andre War
    Ist ein verflucht und zaubrisch Wesen,
    Wer seine Hand ausreckt darnach
    Nimmt an der Seele Schaden und Schmach,
    Davon er nimmer wird genesen.
    Des Satans Fangnetz in der Welt
    Hat keinen andern Nam als Geld.

JEDERMANN:

    Du lästerst als ein rechter Narr,
    Weiß nicht wozu ich hier verharr,
    Gibst vor, du achtest das Geld gering
    Und war dir schier ein göttlich Ding!
    Nun möchtest ihm sein Ansehen rauben,
    Bist wie der Fuchs mit sauern Trauben.
    Doch wer so hinterm Rücken schmäht,
    Der findt keinen Glauben für seine Red.

SCHULDKNECHT:

    Aus meinen Leiden hab ich Gewinn
    Daß ich vermag in meinem Sinn
    Des Teufels Fallstrick zu erkennen
    Und meine Seel vom Geld abtrennen.

GESELL:

    Geld ist längst abgetrennt von dir
    Drum hast dort im Turm Quartier.

JEDERMANN:

    Nimm die Belehrung von mir an
    Das war ein weiser und hoher Mann
    Der uns das Geld ersonnen hat,
    An niederen Tauschens und Kramens statt
    Dadurch ist unsere ganze Welt
    In ein höher Ansehen gestellt
    Und jeder Mensch in seinem Bereich
    Schier einer kleinen Gottheit gleich.
    Daß er in seinem Machtbezirk
    Gar viel hervorbring und bewirk.
    Gar vieles zieht er sich herbei
    Und ohn viel Aufsehen und Geschrei,
    Beherrscht er abertausend Händ,
    Ist allerwegen ein Regent.
    Da ist kein Ding zu hoch noch fest,
    Das sich um Geld nicht kaufen läßt.
    Du kaufst das Land mitsamt dem Knecht
    Ja, von des Kaisers verbrieftem Recht
    Das alle Zeit unschätzbar ist
    Und eingesetzt von Jesu Christ
    Davon ist ein gerechtsam Teil
    Für Geld halt allerwegen feil,
    Darüber weiß ich keine Gewalt,
    Vor der muß jeglicher sich neigen
    Und muß die Reverenz bezeigen
    Dem, was ich da in Händen halt.

SCHULDKNECHTS WEIB:

    Du bist in Teufels Lob nit faul,
    Wie zu der Predigt geht dein Maul.
    Gibst da dem Mammonsbeutel Ehr,
    Als obs das Tabernakel wär.

JEDERMANN:

    Ich gebe Ehr, wem Ehr gebühr,
    Und läster nicht wo ich die Macht verspür.

SCHULDKNECHT

(_indem ihn die Büttel fortschleppen_):

    Was hilft dein Weinen, liebe Frau,
    Der Mammon hat mich in der Klau.
    Warum hab ich mich ihm ergeben,
    Nun ists vorbei mit diesem Leben.

(_Sie führen ihn ab._)

SCHULDKNECHTS WEIB:

    Kannst du das sehn und stehst wie Stein?
    Wo bett ich heut die Kinder mein?

(_Geht ihm nach._)

JEDERMANN

(_zum Gesellen_):

    Tu mirs zulieb, geh da hint nach
    Und sieh im stillen zu der Sach.
    Der Mann kommt in Turm, da mag nichts frommen,
    Dem Weib gewähr ich ein Unterkommen
    Und was sie nötig hat zum Leben
    Zusamt den Kindern, das will ich ihr geben.
    Mein Hausvogt soll mir darnach sehn
    Und ihr freimachen eine Kammer
    Doch will ich Plärrens ledig gehn
    Ihre Not nicht wissen, noch Gejammer.
    Das ist ein erzverdrießlich Sach
    Man lebt geruhig vor sich hin
    Hat wahrlich Böses nit im Sinn
    Und wird am allerschönsten Tag
    Hineingezogen und weiß nit wie
    In Hader, Bitternis und Klag
    Und aufgescheucht aus seiner Ruh.
    Ich frag dich, wie komm ich dazu:
    Was geht mich an dem Kerl sein Taglauf?
    Er hats halt angelegt darauf,
    Nun steckt er drin, schreit ach und weh
    Das folgt halt wie aufs A das B.
    Ein Häusel baun mit fremdem Geld,
    Wer also haust, um den ists so bestellt.
    Das ist seit Adams Zeit der Lauf,
    Ist nit erst kürzlich kommen auf.
    Zum Schluß aber tät ers in d' Schuh schieben,
    Dem, so er Haufen Geldes schuldig blieben.
    Dess Langmut und Geduld arg viel
    Hat müssen herhalten zu dem Spiel
    Der selbig erbarmungsvolle Mann
    Der wär ihm gar ein Teufel dann.
    Jetzt aber, daß ich es ehrlich sag,
    Steht mir der Sinn nit mehr darnach,
    Daß ich einen Lustgarten anschau,
    Auch wird es duster schon und grau.
    Tu mir die Lieb, mein guter Gesell,
    Wenn du das andre besorgt hast schnell,
    Trag den Kaufschilling da zurecht,
    Weil die Versäumnis mir Ärgernis brächt.
    Der Garten zusamt dem Lusthaus drein
    Soll alls für meine Freundin sein
    Auf einen Jahrtag ein Angebind.

GESELL:

    Bei der ich dich doch heut Abend find?
    Ich bring dir den Kaufbrief gleich dahin
    Ausgefertigt nach deinem Sinn.

JEDERMANN:

    Hab vielen Dank, du guter Gesell,
    Mich drängts, daß ich dort hinkomm schnell
    Ist doch der einzige Ort in der Welt,
    Wo nichts mir meine Lust vergällt.
    Ist recht ein paradiesisch Gut
    Was ihre Lieb mir bereiten tut.
    Darum hab ich im Willen dies Ding
    Daß ich ein Angebind ihr bring,
    Darin ich wie in einem Gleichnis und Spiegel
    Ihr meine Dankbarkeit besiegel.

GESELL:

    Wie willst das tun, in welcher Weis?

JEDERMANN:

    Dazu richt ich den Garten mit Fleiß
    Und stell inmitten ein Lusthaus hin,
    Das bau ich recht nach meinem Sinn
    Als einen offenen Altan
    Mit schönen steinernen Säulen daran
    Auch springende Wasser und erzene Bild
    Die sollen nicht fehlen zur vollen Zier
    Und dann ich die Anlag also führ,
    Daß unter dem Morgen- und Abendwind
    Ein Ruch von Blumen mancher Art
    Daherstreich allezeit gelind
    Von Lilien, Rosen und Nelken zart.
    Auch führ ich jederseits Gäng und Bogen
    Von Buschwerk alls so dicht gezogen,
    Daß eines noch zu hellem Mittag
    Sich Kühl und Frieden finden mag
    Und einen ungequälten Ort,
    Der von der Sonne niemals dorrt.
    Desgleichen an einer verborgenen Stätte
    Recht wie der Nymphe quillend Bette
    Laß ich aus kühlem glatten Stein
    Eine fließende Badstub errichtet sein.

GESELL:

    Das wird ein köstlich Gärtlein, fürwahr,
    Und seinesgleichen nit leicht zu finden.

JEDERMANN:

    Das will ich meiner Liebsten einbinden
    Und nehm sie dann an beide Händ
    Und führ sie hinein, damit sie erkennt
    In diesem Gärtlein köstlich und mild
    Ihr eigen abgespiegelt Bild.
    Die allzeit liebreich mich ergetzt
    Mit Hitz und Schattenkühl mich letzt
    Und einem verschlossenen Gärtlein gleich
    Den Gärtner selig macht und reich.

GESELL:

    Da seh ich deine Frau Mutter kommen,
    Wird dir jetzt die Begegnung frommen?

JEDERMANN:

    Drück mich nit gern vor ihr beiseit,
    Hab aber wahrlich nit viel Zeit.
    Geh du, bring mir zurecht die Ding,
    Indessen ich meinen Gruß darbring.

JEDERMANNS MUTTER:

    Bin froh, mein Sohn, daß ich dich seh
    Geschieht mir so im Herzen weh
    Daß über weltlich Geschäftigkeit
    Dir bleibt für mich geringe Zeit.

JEDERMANN:

    Die Abendluft ist übler Art
    Und deine Gesundheit gebrechlich und zart,
    Kann dich mit Sorgen nur hier sehn
    Möchtest nit ins Haus eingehn?

JEDERMANNS MUTTER:

    Gehst du dann mit und bleibst daheim?

JEDERMANN:

    Für diesen Abend kanns nit wohl sein.

JEDERMANNS MUTTER:

    So darfst dich nit verdrießen lassen,
    Daß ich dich halt hier auf der Gassen.

JEDERMANN:

    Ist mir gar sehr um deine Gesund
    Vielleicht wir könnten zu anderer Stund --

JEDERMANNS MUTTER:

    Um meine Gesundheit kein Sorg nit hab,
    Ich steh mit einem Fuß im Grab.
    Mir gehts nit um mein zeitlich Teil,
    Doch dester mehr ums ewig Heil.
    Verziehst du dein Gesicht, mein Sohn,
    Wenn ich die Red anheb davon?
    Und wird die Frag dich recht beschweren,
    Wenn ich dich mahn, ob deine Seel
    Zu Gott gekehrt ist, ihrem Herrn?
    Trittst hinter dich vor Ungeduld
    Und mehrest lieber Sündenschuld,
    Als in dich gehen ohne Spott
    Und recht betrachten deinen Gott?
    Da doch von heut auf morgen leicht,
    Eine Botschaft dich von ihm erreicht
    Du sollest vor seinen Gerichtstuhl gehen
    Und von deinem ganzen Erdenleben
    Eine klare Rechnung vor ihm geben.

JEDERMANN:

    Frau Mutter, spotten ist mir fern
    Doch weiß ich, die Pfaffen drohen halt gern.
    Das ist nun einmal ihr Sach in der Welt,
    Ist abgesehen auf unser Geld,
    Damit sies bringen auf ihre Seit,
    Sie wissens zu fädeln gar gescheit.
    Doch kränkts mich wie sie Alten und Kranken
    In Kopf nichts bringen, als finstre Gedanken.

JEDERMANNS MUTTER:

    Die Finsternis ist wo anders dicht,
    Doch solche Gedanken sind hell und licht.
    Wer recht in seinem Leben tut,
    Den überkommt ein starker Mut
    Und ihn erfreut des Todes Stund
    Darin ihm Seligkeit wird kund.
    Oh, wem die Stunde des Tods allweg
    Recht wohl betrachtet am Herzen läg
    Um den braucht einer Mutter Herz
    Nit Sorgen tragen und üblen Schmerz.

JEDERMANN:

    Wir sind gute Christen und hören Predig
    Geben Almosen und sind ledig.

JEDERMANNS MUTTER:

    Wie aber, wenn beim Posaunenschall
    Du von deinen Reichtümern all
    Ihm sollst eine klare Rechnung geben
    Um ewigen Tod oder ewiges Leben?
    Mein Sohn, es ist ein arg Ding zu sterben,
    Doch ärger noch auf ewig verderben.

JEDERMANN:

    Auf vierzig Jahre bin ich kaum alt,
    Mich wird eins halt nit mit Gewalt
    Von meinen irdischen Freuden schrecken.

JEDERMANNS MUTTER:

    Willst du den Kopf in den Sand stecken
    Und siehst den Tod nit, Jedermann,
    Der mag allstund dich treten an?

JEDERMANN:

    Bin jung im Herzen und wohl gesund
    Und will mich freuen meine Stund,
    Es wird die andere Zeit schon kommen,
    Wo Buß und Einkehr mir wird frommen.

JEDERMANNS MUTTER:

    Das Leben flieht wie Sand dahin,
    Doch schwer umkehret sich der Sinn.

JEDERMANN:

    Frau Mutter, mir ist das Reden leid,
    Hab schon gesagt, hab heut nit Zeit.

JEDERMANNS MUTTER:

    Mein lieber Sohn!

JEDERMANN:

                      Bin sonst allzeit
    Gehorsam gern und dienstbereit.

JEDERMANNS MUTTER:

    Meine Red ist dir verdrießlich sehr,
    Das macht mich doppelt kummerschwer,
    Mein guter Sohn, ich hab ein Ahnen,
    Ich werd dich nimmer lang ermahnen.
    Fall dir zur Last noch kurze Zeit,
    Weil ich von hier mich bald abscheid.
    Doch du bleibst dann allein dahint
    Und bist mein unberaten Kind.
    So sag ich dir halt nur ein Wort,
    Das dich mit langer Red nit kränk,
    Sei deines Herrn Gotts eingedenk.
    Und auch seiner großen Gnadenspend,
    Der sieben heiligen Sakrament.
    Davon ein jegliches uns frommt
    Und unserer Schwäch zu Hilfe kommt
    Ein jegliches in besonderer Weis
    Uns stärket auf dieser Lebensreis.

JEDERMANN:

    Was soll --

JEDERMANNS MUTTER:

                Du bist ein stattlicher Mann
    Und Frauenlieb steht dir wohl an.
    Und hat denn unser Erlöser nicht,
    Der weiß, woran es uns gebricht,
    Und alles auf dieser Erden kennt
    Und alls zu unserem Segen wendt,
    Ein Sakrament nit eingesetzt
    Wodurch was also dich ergetzt
    Verwandelt wird und kehret sich um
    Aus Wollust in ein Heiligtum!
    Willst stets in arger Zucht umtreiben
    Und fremd die heilige Eh dir bleiben?

JEDERMANN:

    Frau Mutter, die Red ist mir bekannt.

JEDERMANNS MUTTER:

    Hat doch dein Herz nit umgewandt.

JEDERMANN:

    Ist halt noch allweil die Zeit nit da.

JEDERMANNS MUTTER:

    Und doch der Tod schon gar so nah.

JEDERMANN:

    Ich sag nit ja, sag auch nit nein.

JEDERMANNS MUTTER:

    So muß ich allweg in Ängsten sein.

JEDERMANN:

    Auch morgen ist halt noch ein Tag.

JEDERMANNS MUTTER:

    Wer weiß, wer den noch sehen mag.

JEDERMANN:

    Macht euch nit unnütze Beschwerden,
    Ihr seht mich sicher noch ehlich werden.

JEDERMANNS MUTTER:

    Mein guter Sohn, für dieses Wort
    Will ich dich segnen immerfort,
    Sei viel bedankt, daß mir dein Mund
    So schönen Vorsatz machet kund.

JEDERMANN:

    Hab nit von heut noch morgen geredt.

JEDERMANNS MUTTER:

    Wenn nur dein Wille dagegen nit steht.
    Einer Mutter Herz ist wohl gestellt
    Wo nur ein gutes Wörtlein hinfällt.
    Dein Vorsatz ist noch klein und schwach,
    Zielt doch auf eine heilige Sach
    Und daß du so geantwort' hast,
    Nimmt von der Brust mir schwere Last.

JEDERMANN:

    Viel gute Nacht, Frau Mutter nun,
    Ich wünsch, du mögest sänftlich ruhn.

JEDERMANNS MUTTER:

    So will ich, mein lieber guter Sohn,
    Und ist mir doch als ob ein Ton
    Gar schön wie Flöten und Schalmein
    In deine Worte tön herein!
    An solchen Zeichen und Gesicht
    Mirs dieser Tage nit gebricht.
    Ich nehm sie als eine Vermahnung hin,
    Daß bald ich eine Sterbende bin.

(_Geht._)

JEDERMANN:

    Nun hör ich auch ein solch Getön,
    Sollt also seltsam dies zugehen?
    O, nein, das geschieht natürlicher Weis
    Wie wohl ichs noch nit zu deuten weiß.
    Nun aber gehts nit bloß ins Ohr,
    Tritt auch den Augen was hervor. --

(_Buhlschaft kommt heran, von Spielleuten und Buben, die Windlichter
tragen, begleitet._)

JEDERMANN:

    Das ist ja meine Buhle wert,
    Nach der mein Herz schon hart begehrt.
    Hat Spielleut mit eine ganze Schar
    Und kommt mich abzuholen gar.

BUHLSCHAFT:

    Wer alls lang auf sich warten läßt
    Und ist der wertest aller Gäst,
    Den muß man mit Zimbeln und Windlicht
    Abholen und führen zu seiner Pflicht.

JEDERMANN:

    Du schlägst die Lichter mit eigenem Schein,
    Deine Red ist süßer als Schalmein,
    Ist alls für mich zu dieser Stund
    Wie Balsam für die offne Wund.

BUHLSCHAFT:

    War mir doch, eh ich zu dir trat,
    Als ob dir jemand nahe tat
    Und wär dein helle Stirn und Wangen
    Von einer Trübnis überhangen.

JEDERMANN:

    Wie, gelt ich also viel vor dir,
    Daß du solch Ding erspähst an mir?
    So bin ich dir wahrhaftig dann
    Kein ältlich, unbequemer Mann?

BUHLSCHAFT:

    Mit dieser Red geschieht mir weh,
    Dess' ich zu dir mich nit verseh.
    Steh nit auf grüne Buben an,
    Du bist mein Buhl und lieber Mann.

JEDERMANN:

    Fühl mich wahrhaftig herzensjung
    Und selber bubenhaft genung,
    Und wenn ich alls kein Bub mehr bin,
    So zärtlicher ist drum mein Sinn.

BUHLSCHAFT:

    Ein Bub liebt frech und ohne Art,
    Ein Mann ist großmütig und zart.
    Hat milde Händ und steten Sinn,
    Das zieht zu ihm die Frauen hin.

JEDERMANN:

    Wenn eins gemahnt wär an den Tod
    Und hätt Melancholie und Not
    Und säh auf deine Lieblichkeit,
    Dem tät sein trübes Denken leid.

BUHLSCHAFT:

    Das Wort allein macht mir schon bang,
    Der Tod ist wie die böse Schlang,
    Die unter Blumen liegt verdeckt,
    Darf niemals werden aufgeweckt.

JEDERMANN:

    Du Süße, schaff ich dir noch Sorgen?
    Wir lassen sie unter Blumen verborgen
    Und wissen nirgend nichts von Schlangen,
    Als zweien, die gar hold umfangen.

BUHLSCHAFT:

    Wie, wären die mir auch bekannt,
    Wie werden diese denn genannt?

JEDERMANN:

    Das sind die lieben Arme dein,
    In diese sehn ich mich hinein.

(_Sie küßt ihn und setzt ihm einen bunten Blumenkranz auf, den ein Bub
darreicht._)

(_Ein Teil der Buben läuft hinauf, streuen Blumen und wohlriechende
Kräuter. Ein Tisch kommt aus dem Boden empor, reich gedeckt und mit
Lichtern. Jedermann und Buhlschaft treten jedes an eine Seite der
Treppe, die zum obern Gerüst emporführt. Die Gäste, zehn Junggesellen
und zehn Fräulein, kommen hinein von beiden Seiten tanzend und
singend._)

VORSÄNGER:

    Ein Freund hat uns beschieden,
    Er heißet Jedermann,
    Der Mann ist guter Art,
    Hat eine Freundin zart,
    Drum blieb er ungemieden
    Und hat er uns beschieden,
    So treten wir heran.

ALLE:

    Wohlauf antreten
    In fröhlichem Tanz,
    Schalmeien, Drommeten
    Wir sein hier gebeten
    Zu Fackeln und Glanz
    Und kommen mit Tanz.

    Wir waren mit Blicken
    Nit zaghaft und bang,
    Nun gehts an ein Drücken
    Recht nah und gedrang,
    Wir wollen uns verstricken
    Und schlingen den Kranz,
    So wollen wir vorrücken,
    Das ehret den Tanz.

    Ein jeder erwähle
    Mit liebendem Sinn
    Und keiner verhehle
    Seiner Freuden Gewinn.
    Wir wollen uns umstricken,
    Das wärmet das Blut,
    So wollen wir vorrücken
    Mit fröhlichem Mut.

JEDERMANN:

    Seid allesamt willkommen sehr,
    Erweist mir heut die letzte Ehr.

EIN FRÄULEIN:

    Daß ist ein sonderlicher Gruß.

DICKER VETTER:

    Potz Maus, mein Vetter Jedermann,
    Wie grüßt ihr uns, was ficht euch an?

BUHLSCHAFT:

    Was ist dir, was schafft dir Verdruß?

JEDERMANN:

    Ist unversehens zu Mund so kommen,
    Ich heiß euch alle recht schön willkommen!

BUHLSCHAFT:

    Nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz!
    Ihr Buben, reicht Handwasser jetzt!
    Was stehst du da und siehst so fremd?

(_Sie setzen sich._)

JEDERMANN:

    Sie sitzen ja alle im Totenhemd!

BUHLSCHAFT:

    Was ficht dich an, bist du mir krank?

JEDERMANN:

    Haha! ein ungereimter Gedank!
    Ich trink jetzt einen Becher Wein,
    Der macht das Hirn von Dämpfen rein.

BUHLSCHAFT:

    Sitz! red zu ihnen ein freundlich Wort!

JEDERMANN:

    Ihr Leute, seid ihr auch recht am Ort?
    Ihr sehet mächtig fremd mir aus.

(_Ein Schweigen._)

MAGERER VETTER:

    Potz Velten, Vetter Jedermann,
    Wollt Ihr uns wiedrum treiben fort?

DICKER VETTER:

    Das schafft Ihr nicht so leicht, Potz Maus,
    Dazu ist Euer Koch zu gut,
    Auch geht der Wein recht warm ins Blut,
    Freu mich, daß ich hier seßhaft bin.

JEDERMANN:

    Jawohl ... nur bloß ... mir steht zu Sinn,
    Wie ihr da seid hereingelaufen,
    So könnte ich euch alle kaufen
    Und wiederum verkaufen auch,
    Daß es mir nit so nahe ging
    Als eines Fingernagels Bruch.

EIN GAST:

    Was soll uns dieser grobe Spruch?

EIN FRÄULEIN:

    Was meint er nur mit diesem Ding?

DICKER VETTER:

    Die Reden sind sonst nit sein Brauch.

BUHLSCHAFT:

    Geht die Red gleicherweis auf mich?

(_Jedermann sieht sie an._)

EIN GAST:

    Ist recht eines reichen Manns Red,
    Gar überfrech und aufgebläht.

BUHLSCHAFT:

    Dein Blick ist starr und fürchterlich,
    Für was willst du mich strafen, sprich.

JEDERMANN:

    Dich strafen, Süße, ist mir fern,
    Lieb dich gleich meinem Augenstern,
    Hab müssen denken von ungefähr
    Wie deine Miene beschaffen wär,
    Wenn dir auf eins zukäm die Kund,
    Daß ich müßt sterben zu dieser Stund.

BUHLSCHAFT:

    Um Christi Willen, was ficht dich an,
    Mein Buhle traut, mein lieber Mann,
    Ich bin bei dir, sieh doch auf mich,
    Dein bin ich heut und ewiglich.

JEDERMANN:

    Wenn ich dann spräch: Bleibst du bei mir?
    Willst dort bei mir sein so wie hier?
    Willst mich geleiten nach der Stätte
    Und teilen mein eiskaltes Bette?
    Fielest ohnmächtig mir zu Füßen,
    So hätte ich meine Frag zu büßen!
    Wollt ich trotzdem des Wegs dich locken
    Tät dir das Blut in Adern stocken,
    Wäre mir gedoppelt Marterqual
    Und Gall und Essig allzumal,
    Wenn ich müßt sehen mit eigenen Augen
    Wie deine süßen Schwür nit taugen
    Und wie du lösest deine Händ
    Aus meinen Händen gar am End
    Und deinen Mund von meinem Mund
    Abtrennest in der letzten Stund.
    O weh.

(_Er seufzt._)

BUHLSCHAFT:

    Ihr lieben Vettern und Leut,
    Mein Liebster ist besonders heut,
    Weiß nit, wes ich mich soll versehn,
    Könnt ihr mit Rat mir nit beistehn?

(_Jedermann starrt vor sich und tut sich den Kranz aus dem Haar._)

    Er sitzt nit fröhlich und gepaart
    Und redt von Dingen aus der Art,
    Hab nie zuvor ihn so gesehn,
    Weiß nit was ihm mag sein beschehen!

MAGERER VETTER:

    Potz Velten, Vetter Jedermann,
    Habt Ihr leicht die Melancholie?
    Wenn nit, was sonsten ficht Euch an?

DICKER VETTER:

    Kenn das, sitzt hinterwärts der Stirn
    Ist eine Trockenheit im Hirn
    Ist mir von meinem Herrn Vater bekannt
    Mit ihm wars öfter so bewandt.
    Mußt brav eines trinken, mit Vergunst
    Daß dir der Wein das Hirn aufdunst.

EIN FRÄULEIN:

    Gehört ein Absud in den Wein
    Von Nießwurz, Veilchen oder Hanf.

DICKER VETTER:

    Hier Buben machet heiß den Wein
    Daß er fast glühender aufdampf
    Und tut ein Zimmet und Ingwer ein.

(_Sie machen hinten den Wein glühend auf einer Pfanne._)

EIN ANDERES FRÄULEIN:

    Hab sagen hören es gibt einen Stein
    Den trägt die Schwalbe in ihrem Bauch
    Den haben die großen Ärzt im Brauch
    Heißt Chelidonius.

MAGERER VETTER:

    Nein Calcedon!
    Hab öfter reden hören davon.
    Ist mächtig gegen die Melancholie.

EIN DRITTES FRÄULEIN:

    Ich mein, er müßt mit der Sympathie
    Kuriert sein. Ist giftiger Hauch
    Im Spiel hier oder böser Blick.
    Wär mir mein Liebster also krank.
    Ich täts probieren ohne Wank.

DIE ZWEITE:

    Was tätst probieren?

DIE DRITTE:

                        Ist geheim!
    Darf in gemeinem Mund nit sein
    Verliert sonst seine verborgne Kraft.

DIE ZWEITE:

    Von wo hast du die Wissenschaft?

DIE DRITTE:

    Habs halt einmal und gebs nit preis.
    Sags aber ihr ins Ohren leis.

(_Steht auf, flüstert Buhlschaft ins Ohr. Gleichzeitig reden mehrere
unten am Tisch das Folgende._)

EIN GAST:

    Wenn eins halt allzeit lebt zu gut
    Das schafft ihm ein verdicktes Blut,
    Einen armen und beschwerten Mann
    Käm die Melancholie nit an.

EIN FRÄULEIN:

    Was heißen sie denn die Spielleut nit
    Anheben mit Blasen und Geigenstreichen
    Davor muß immer der Trübsinn weichen.

EIN ANDERES FRÄULEIN:

    Wir wollen anheben zu singen was
    Davon schon öfter einer genaß.

EIN GAST:

    Darf aber ein züchtig Lied nur sein.

EIN ANDERER:

    Sie singt nit anders als zart und fein.

DER EINE GAST:

    Kennt Ihr das Lied, das anhebt so?
    »In süßen Freuden geht die Zeit«
    Davon so dünkt mich müßt einer zur Stund
    Wenn er es anhört, werden gesund.

DAS EINE FRÄULEIN:

    Nein lasset doch, sind wir denn Pfaffen?
    Was soll ein geistlich Lied uns schaffen?

GAST:

    Ist nie und nimmer kein Pfaffenlied
    Der Türmer singts wenn die Sonn aufzieht.

DAS EINE FRÄULEIN:

    Ich weiß ein anderes singen wir das.

DAS ANDERE FRÄULEIN:

    Ei was?

DER EINE GAST

(_indem er sie küßt_):

    Ei was, wenns regnet ist's naß.

DAS ANDERE FRÄULEIN:

    »Floret silva undique«
    »Um meinen Gesellen ist mir weh.«

DER EINE GAST

(_spottet ihr nach_):

    »Floret silva undique«
    »Um ihren Gesellen ist ihr weh«.

DAS GLEICHE FRÄULEIN:

    »Er ist geritten von hinnen«
    »O weh, wer soll mich minnen!«

EIN ANDERER GAST

(_fällt ein_):

    »Steht auch der Wald voll grünen Schoß«
    »Wohin doch ist mein Traugenoß«.

(_Jedermann hat indes den Becher Glühwein ausgetrunken und sieht mit
fröhlicher Miene umher._)

JEDERMANN:

    Seid fröhlich, Vettern und liebe Gäst,
    Mir ist nit just recht wohl gewest
    Ein Trunk hat mich gemacht gesund
    Nun grüß ich erst meine Tafelrund.
    War mir als läg was auf der Brust,
    Nun hab ich doppelt Lebenslust
    Bin froh daß wir beisammen sein
    Ist mir ein rechter Freudenwein.
    Schwillt mir das Herz so übervoll
    Weiß gar nit wie ichs sagen soll
    Sind köstlich Ding doch auf der Welt
    Ist herrlich gar um uns bestellt.
    Ja Lieb und Freundschaft, die zwei sind viel wert
    Wer die hat, des Herz nit mehr begehrt.
    Kommt Wein dazu und Saitenspiel
    So ist's schon über Maßen viel.
    Ich hab Euch recht lieb, Ihr lieben Gäst
    Ich bitt Euch nützt die Stund aufs Best.
    Laßt Eure Kehl nit untätig sein
    Ein Lied geh aus, wo eingeht der Wein.
    Verschränket Eure Stimmen aufs Best
    Und haltet sänftlich die Liebste fest.
    Genützt sei eine schöne Stund
    Mit Hand und Aug und Herz und Mund!
    Ja laßt Euch nit lang gebeten sein
    Und singt uns eins, lieber Vetter mein.

DER DICKE VETTER:

    Mein dünner Vetter, o weh o weh
    Nun kommt sein Lied vom kalten Schnee.

(_Sie singen lachend._)

DER DÜNNE VETTER

(_singt_):

    O weh o weh Frau Minne mir ist weh
    Frau Minne!
    Greif her wie sehr ich brinne
    O weh!
    Ein kalter kalter Schnee
    Er müßt vor Glut zerrinnen
    Darin das Herz erstickt!
    Wollt helfen mir Frau Minnen,
    Des wär ich hoch beglückt.

(_Alle singen mit. Man hört darein ein dumpfes Glockenläuten.
Jedermann stößt sein Glas von sich._)

JEDERMANN:

    Was ist das für ein Glockenläuten!
    Mich dünkt es kann nichts guts bedeuten
    Der Schall ist laut und todesbang
    Schafft mir im Herzen Qual und Drang.
    Was läuten Glocken zu dieser Zeit?

EIN GAST:

    Ist nichts zu hören weit und breit.

EIN ANDERER:

    Hat einer läuten hören Glocken?

EIN FRÄULEIN:

    Was Glocken, was wird von Glocken geredt?

EIN ANDERER:

    Wär eins zu früh zur Morgenmett!

BUHLSCHAFT:

    Ich bitt Euch laßt das Singen nit stocken.

EIN GAST:

    Hat einer von Euch was läuten hören?

EIN ANDERER

(_lachend_):

    Nit läuten meiner Seel noch schlagen.

BUHLSCHAFT:

    Laßt Euch im Singen doch nit stören.

JEDERMANN:

    Ich bitt Euch hat alls nichts zu sagen
    Jetzt hör ichs nimmer ist alls schon gut.

DICKER VETTER:

    Kommt alls von einem trägen Blut.
    Ich laß Euch wärmen ein Becherlein.

JEDERMANN:

    Viel Dank, guter Vetter, laßt nur sein.

(_Er setzt sich wieder, Buhlschaft schmiegt sich an ihn. Die am untern
Ende des Tisches singen._)

    »Floret silva undique«

(_und so fort als Kanon._)

(_Indes sie singen kommt Jedermanns guter Gesell und nimmt den leeren
Platz am Tische ein. Indem der Gesang leiser wird, hört man viele
Stimmen rufen_):

STIMMEN:

    Jedermann! Jedermann! Jedermann!

(_Jedermann springt angstvoll auf._)

JEDERMANN:

    Mein Gott wer ruft da so nach mir?
    Von wo werd ich gerufen so?
    Des werd ich im Leben nimmer froh.

GESELL:

    Ei, Jedermann, ich bin zur Stell.

BUHLSCHAFT:

    Sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell.

JEDERMANN:

    Ihr liebe Freundschaft, sagt mir an
    Wer ruft so gräßlich »Jedermann«?

DÜNNER VETTER:

    Hat müssen grad ins Ohr dir dringen
    Ein Widerhall von ihrem Singen.

JEDERMANN:

    Nein, nein! in fürchterlicher Weis
    Und laut und mächtiglich, nit leis
    So: Jedermann! und Jedermann!
    Doch anderster als ich es schaffen kann.
    Gar fremd und doch bekannt zugleich
    Aus welchem höllischen Bereich
    Hats müssen also nach mir schreien
    Des kann ich mich nimmer getrösten, nein!
    Jetzt, jetzt! aufs neu, so hört doch an
    Wie streng sie rufen »Jedermann«!

(_Man hört das gleiche Rufen wie vordem._)

BUHLSCHAFT:

    Ich hör keinen Laut.

DER DICKE VETTER:

    Ich hör keinen Schall.

DER DÜNNE VETTER:

    Auch nit einen leisen Widerhall.

(_Gesell tritt zu Jedermann._)

GESELL:

    Ist Ohrentrug, siehst nit wohl aus,
    Soll ich geleiten dich nach Haus?

JEDERMANN:

    Wie ich auf Euch die Augen heft
    So kommen mir zurück die Kräft
    Ich mein, es könnt ein solches Schrein
    Kein zweitesmal sich hier anheben.
    Tut mir recht wohl der Lichterschein.
    Sitz nieder mein Gesell hierneben
    Und mögen alle lieben Gäst
    Zulangen und sich ergetzen aufs Best.
    Will morgen zu gelegner Zeit
    Mit einem Arzten Beratung pflegen
    Daß solche Zufäll aller wegen
    Er wohlbedacht mir hält hintan.

BUHLSCHAFT:

    Mußt mirs versprechen, lieber Mann!
    Müßt ja vor Angst und Sorg vergehn
    Sollt ich dich öftern also sehn.

(_Sie essen alle weiter und sind zärtlich miteinander. Jedermann hebt
sich angstvoll._)

JEDERMANN:

    Nun aber sag um Gott, mein Lieb,
    Was brennen die Lichter also trüb?
    Und wer kommt hinter mir heran?
    Auf Erden schreitet so kein Mann.

(_Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf._)

TOD:

    Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?
    Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

JEDERMANN:

    Was fragst um das zu dieser Stund?
    Bekümmerts dich? wer bist? was solls?

TOD:

    Von deines Schöpfers Majestät
    Bin ich nach dir ausgesandt
    Und das in Eil: drum steh ich da.

JEDERMANN:

    Wie, ausgesandt nach mir?

(_Greift nach seinem Herzen._)

    Dem möchte wohl so sein. Ei ja.

TOD:

    Denn ob du ihm gibst wenig Ehr
    In der himmlischen Sphär denkt er dein
    In welcher Weis, das soll dir gleich gemeldet sein.

JEDERMANN

(_die Augen gesenkt tritt hinter sich_):

    Was will mein Gott von mir?

TOD:

    Das will ich dich weisen.
    Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

JEDERMANN:

    Ganz und gar bin ich unbereit
    Für solch ein Rechnung legen.
    Müßt ich das tun, da käm ich in Not
    Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

TOD:

    Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann
    Tret jeglichen an und verschone keinen.

(_Es flüchten viele._)

JEDERMANN:

    Was? keine Frist willst du mir geben
    Und überfällst eins ungewarnt
    Gar mitten drin im besten Leben
    Gotts Blut! das ist kein ehrlich Spiel
    Damit erwirbst dir Ruhm nit viel
    Denn daß ichs nur sag, bin nit bereit,
    Mein Schuldbuch auch ist nit so weit
    Hätt ich für mich so zehn, zwölf Jahr
    Ich wollt es in der Ordnung han
    Daß keine Furcht mich gienget an
    Das wollt ich so steh Gott mir bei.
    Drum aus Gotts Gnaden laß mich hier
    Daß ich das Ding zur Ordnung führ.

TOD:

    Hie hilft kein Weinen und kein Beten
    Die Reis mußt alsbald antreten.

JEDERMANN:

    O Gott der Gnaden auf himmlischen Thron
    Erbarm dich meiner schweren Not
    Wird mir zum Gefährten für diesen Weg
    Kein anderer als du bestellt?
    Soll ich aus dieser Erdenwelt
    Hinaus, und kein Geleite haben?
    Und war doch hier niemals allein,
    Mußt allerwegen gesellig sein.

TOD:

    Nun ist Geselligkeit am End
    Ring nit vergebner Weis die Händ
    Schleun dich, jetzt gehts vor Gottes Thron
    Dort empfängest deinen Lohn.
    Wie, hat dich Narren wollen bedünken
    Das Erdengut und dies dein Leben
    Wäre dir alles zu Eigen gegeben?

JEDERMANN:

    So war ich vermeinend, wahrhaftig und ja.

TOD:

    Nichts da, war alls dir nur geliehen.
    Bist du dahin erbts einen andern
    Und über eine Weil schlägt dem seine Stund
    Und er muß alles hier lassen und wandern.
    Ich komm halt schnell.

JEDERMANN:

                          Nur einen Tag!
    Nur diese Nacht bis Sonnaufgehn
    Das ich mit Reu mög in mich gehn
    Und hören auf des Priesters Lehr
    Und bessern mich nach deinem Begehr.

TOD:

    Dergleichen wird von mir nit erbeten,
    Wo ich einen Mann tu antreten
    Den schlag ich auf sein Herz mit Macht
    Wird vorher kein Anzeig beigebracht.

JEDERMANN:

    O weh! Nun ist wohl Weinens Zeit!

TOD:

    Mit Weinen wird nur Zeit vertan.

JEDERMANN:

    Weh über mich was heb ich an
    Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit
    Mir zu gewinnen ein Geleit.
    Daß ich nicht mutterkindallein
    Vor meinem Richter müßte sein.

TOD:

    Meinst du, daß solches dir gewinnst?
    Ich sag sie weigern dir den Dienst.

JEDERMANN:

    Nur nit allein vor das Gericht!
    Nur Redens und Ratens ein Stündlein Zeit
    Um Christi Gotts Barmherzigkeit!

TOD:

    Meinshalb, ich tret dir aus dem Gesicht,
    Nur merk vertu nit diese Frist
    Und nütz sie klüglich als ein Christ.

(_Geht hinauf, wird unsichtbar._)

JEDERMANN

(_tritt zu seinem Gesellen_):

    Mein guter Gesell, du weißts --

GESELL:

                                    Ich weiß.
    War nit fünf Schritt weit, Jedermann!
    Wie dich der Tod hat treten an!
    Und hab Euch reden hören alls
    Schlägt mir das Herz bis an den Hals!
    Ein froher Mann und kerngesund
    Das warst du bis zu dieser Stund
    Nun kommt mich schier das Weinen an
    Wenn ich dich anschau, Jedermann.

JEDERMANN:

    Hab vielen Dank, mein guter Gesell.

GESELL:

    Was dir noch Not tut, sag du schnell.

JEDERMANN:

    Du bist mir wahrhaft ein guter Freund
    Dich hab ich allzeit treu befunden.

GESELL:

    Und sollst mich finden zu allen Stunden.
    Denn glaub du mir, ging deine Reis
    Geradewegs hinab zur Höll
    Hie fändest du den Gefährten zur Stell.

JEDERMANN:

    Gott steh mir bei du lieber Mann
    Daß ichs um dich verdienen kann.

GESELL:

    Ist von Verdienen nit die Sprach,
    Wär mir die allergrößte Schmach
    Wollt ichs mit dem Mund mich unterwinden
    Und sollt man in Taten mich lässig finden.

JEDERMANN:

    Mein Freund!

GESELL:

    Sprich frei, tu auf den Mund
    Muß alls mir werden offenbart
    Ich steh bei dir bis zur letzten Stund
    Recht nach guter Gesellen Art.

(_Jedermann will den Mund auftun._)

GESELL:

    Dein Jammer geht mir mächtig nah
    Soll alles was aufs Herz dir druckt
    Von diesem ganzen Erdenwesen
    Von mir getreulich sein verwesen.
    Sag, ist dir von etlichen Leids getan?
    Sie sollen ihre Strafen han,
    Von meiner Hand mit scharfem Eisen
    Und müßt ich darüber ins Gras beißen!

JEDERMANN:

    Ist nit um dies mir, bei Gotts Blut!

GESELL:

    Es geht dir um dein Geld und Gut
    Das schafft dir große Sorgenlast,
    Daß keine Leibeserben hast.

JEDERMANN:

    Nein, Lieber, nein!

GESELL:

    Braucht nit viel Wort
    Bei mir ist dein Vertraun am Ort
    Der Kaufbrief da ist wohl verwahrt
    Dir ist um deine Freundin zart
    Daß deines Reichtums auf sie komm
    Soviel als ihr auf immer fromm.

JEDERMANN:

    Nein, Lieber Guter hör mich an.

GESELL:

    Spar dir die Reden Jedermann
    Bist ohne viel von mir verstanden.

JEDERMANN:

    Ach! ganz was anders schafft mir Qual
    Viel näheres, mein guter Gesell!

GESELL:

    Heraus damit, laß hören schnelle
    Merk Freundes Mund tröst allemal.

JEDERMANN:

    Ja du mein Freund!

GESELL:

    Willst mich nit weisen?
    Könnt sein dir blieb sonst nit die Zeit.

JEDERMANN:

    O weh, das wär mir bitter leid.

GESELL:

    Sag deine Sach! Frisch Jedermann.
    Wo bliebe unsre Freundschaft dann?

JEDERMANN:

    Wenn ich dir tät mein Herz aufschließen
    Und du, du kehrtest den Rücken mir
    Und ließest dich meine Red verdrießen
    Des hätte ich wohl zehnfach Gram und Weh!

GESELL:

    Herr, wie ich zu Euch gesprochen eh
    So will ich tun.

JEDERMANN:

                    So dank dir Gott.
    Mir ist befohlen mich fortzuheben
    Der Weg ist weit und voll Beschwer
    Und was dann kommt, noch weit mehr,
    Denn ich soll eine Rechnung geben
    Von meinem Reichtum und all meinem Leben
    Vor meinem Schöpfer und höchsten Richter!
    Drum also komm mit mein guter Gesell
    Wie dus versprochen hast zur Stell.

GESELL:

    Ei ja, das ist schon eine Sach
    Versprechen und brechen, daß wär mir Schmach
    Daran nur denken macht mir heiß.

JEDERMANN:

    O du!

GESELL:

          Doch sollt ich antreten die Reis
    Da heißt es sich beraten und gut.

JEDERMANN:

    Was? sprachest doch auf jeglicher Straßen
    Wolltest nicht lebend noch tot mich verlassen,
    Und wär es geraden Wegs zur Höll.

GESELL:

    Richtig, so war meine Red, Hand aufs Herz!
    Aber die Wahrheit zu vermelden
    Ist jetzo nicht Zeit für dergleichen Scherz.
    Ist fast bereits ernsthaft die Sachlag.
    Und dann, wenn wir die Reis wollten antreten
    Wann kämen wir wiederum hierher?
    Ei, gib doch Antwort.

JEDERMANN:

                          Nimmermehr.
    Nimmermehr bis an den jüngsten Tag.

GESELL:

    Dann bei Gotts Tod bleib ich hintan
    Wenn in dem Sinn die Meldung beschah,
    Dann stehts, daß ich die Reis nit tu.

JEDERMANN:

    Nit tust?

GESELL:

              Nein, alsdann bleib ich am Ort.
    Ich sag dir, wie mir ist zu Sinn
    Du weißt, daß ich freimütig bin.
    Itzt stehts, daß ich die Reis nit tu
    Um keiner lebenden Seel fürwahr
    Auch nit um meines Herrn Vaters Lieb
    Gott schenk ihm ansonsten die ewige Ruh.

JEDERMANN:

    Um Gott! Hast mir was anders versprochen!

GESELL:

    Weiß wohl. Und ist recht in Treuen beschehn
    Und so du wolltest was anders begehn
    Mit Frauen was Gutes in Kumpanei
    Oder was es sonsten sei
    Solltest an deiner Seiten mich sehn
    So lange Gott läßt einen hellen Tag sein
    Und auch des Nachts bei Fackelschein.
    Das sag ich in Treuen!

(_Schickt sich an zu gehen._)

JEDERMANN:

    O deiner bedarf ich jetzt gar sehr
    Jetzt heißt es: Gesell gedenke mein.

GESELL:

    Ob wir Genossen waren, ob nit
    Hinfort tu ich mit dir keinen Schritt.

JEDERMANN:

    So bitt ich dich, nimm soviel auf dich
    Um Christi Gotts Barmherzigkeit
    Und gib mir tröstliches Geleit
    Bis vor die Stadt.

GESELL

(_reißt sich los_):

                      Ich tu dirs nit,
    Setz einen Fuß nit vor den andern
    Nit um ein neues Feierkleid
    Ließest du dir ein wenig Zeit,
    So wollt ich dich nit allein lassen stehn
    Nun aber kann ich nit harren bei dir.

(_Über die Schulter zurück._)

    So geb dir Gott eine schleunige Fahrt
    Dahin recht sänftlich in guter Art
    Muß eilends jetzt meines Weges gehn.

JEDERMANN

(_einen Schritt ihm nach_):

    Wohin Gesell? Willst mich verlassen ganz und gar?

GESELL:

    Wohl, wohl. Gott nehm deiner Seelen wahr.

JEDERMANN:

    Leb wohl, mein Freund, um dich wird mir mein Herz arg schwer,
    Leb immer wohl, dich seh ich nun auch nimmermehr.

GESELL:

    Leb wohl, auch Jedermann, leb wohl am End, gib mir die Hand,
    Ja, Scheiden tut recht weh, das hab ich jetzt erkannt.

(_Er geht._)

JEDERMANN:

    O weh, wohin soll ich nun um Hilf in der Welt.
    War mein Gesell, solang ich fröhlich war
    Nun trägt er wenig Leid um mich ganz unverstellt.
    Hab eh und immer was reden hören
    Das ging mir aber gar nit nah
    Bis heute, da mir das geschah.
    Es hieß: So lang einer im Glück ist
    Der hat Freunde die Menge,
    Doch wenn ihm das Glück den Rücken kehrt,
    Dann verläuft sich das Gedränge.
    O weh, so siehet das nun aus
    Schnürt mir die Kehl vor Angst und Graus.

(_Er wird die Vettern gewahr, die noch beiseite stehen, und sein
Gesicht hellt sich auf._)

    Da stehen meine Blutsfreunde ja,
    Vielliebe Vettern bleibt mir nah.
    Ihr seid wahrhaftig recht am Ort,
    Weiß auf der Welt kein schöner Wort
    Als dieses: Art läßt nicht von Art,
    Das wird von Euch heut recht gewahrt,
    Da ihr in dieser schweren Stund
    Mein Beiständ seid mit Hand und Mund.

DICKER VETTER:

    Geruhig Blut, mein Vetter Jedermann,
    Nur ruhig Blut, das ist alls, was ich sagen kann.

JEDERMANN:

    Ihr lasset mich auch nit --

DICKER VETTER:

                                Nur ruhig Blut
    Ist gar von Lassen nit die Sprach,
    In Stich euch lassen, das wär uns Schmach.

DÜNNER VETTER:

    Euch widerfahr so Liebes wie Leides,
    Mit euch zu teilen begehren wir beides.

DICKER VETTER:

    Ja, wie gesagt -- -- ei freilich ja!
    Ihr seht wir stehn euch treulich nah.

JEDERMANN:

    O vielen Dank, ihr Blutsfreunde mein.

DICKER VETTER:

    Da wir doch Anverwandte sein!

JEDERMANN:

    Ihr habt gesehn, es kam ein Bot,
    Der kam auf hohen Königs Gebot.

DICKER VETTER:

    Ja, -- -- ich weiß, Vetter Jedermann -- --
    Die Sach ist eben so bewandt,
    Daß ich in der nichts machen kann.

JEDERMANN:

    Er hieß einer Fahrt mich unterwinden.

DICKER VETTER:

    Ja, wie gesagt --

JEDERMANN:

                      Von dieser Fahrt -- --

DICKER VETTER:

    Nun, wie gesprochen, Art läßt nicht von Art!

JEDERMANN:

    Von dieser Fahrt, das weiß ich wohl,
    Werd ich nimmer zurücke finden.

DICKER VETTER:

    Ei nimmer! Ja, wo halt nichts ist,
    Da hat der Kaiser 's Recht verloren!

JEDERMANN:

    Mein Vetter, hörtet ihr, was ich sprach?

DICKER VETTER:

    Ihr redet nit zu tauben Ohren.

DÜNNER VETTER:

    Ei, nein, wahrhaftig nit, Gotts Not.

JEDERMANN:

    Ich werd da nimmer zurücke finden.

DICKER VETTER:

    Habt ihr auch richtig verstanden den Bot?

JEDERMANN:

    Ich ihn?

DICKER VETTER:

            Die Red und den Verstand
    Habt ihr das richtig wohl gefaßt?

JEDERMANN:

    Ob ich? --

DICKER VETTER:

              Das war schon, daß ich sag --
    Ein recht ein ungebetner Gast.
    Hm, Vetter.

DÜNNER VETTER:

                Ja, ich mein, Gott seis geklagt --

DICKER VETTER:

    So meint ihr auch wie ich? Ja, wie gesagt
    Ja, Gott befohlen, Vetter Jedermann,
    Da habt ihr alles, was ich sagen kann.

JEDERMANN:

    Ihr Vettern, bleibet, hört mich an!

DÜNNER VETTER:

    Hast du vielleicht noch ein Begehr?
    Sprich kühnlich, Vetter Jedermann.

JEDERMANN:

    Ich muß dort eine Rechnung legen
    Und hab einen Feind, der allerwegen
    Mir will in meinen Weg treten
    O hört mich an! mit großer Stärken.

DICKER VETTER:

    Was denn für Rechnung, sagt doch an.

JEDERMANN:

    Von all meinen irdischen Werken:
    Wie ich meine Tag hab hinbracht
    Und was ich Arges hab getan
    Die Jahr all bei Tag und Nacht
    Drum seid um Christi willen gebeten
    Und helft mir meine Sach vertreten.

DÜNNER VETTER:

    Was, dorthin? Geht es euch auf das!
    Nein, Jedermann, da geh ich nit
    Kannst mich nit zum Geleiter kriegen!
    Wollt lieber in einm finstern Gelaß
    Bei Wasser und Brot zehn Jahre liegen.

JEDERMANN:

    Oh, daß ich nit geboren wär
    Nun werd ich fröhlich nimmermehr,
    Wenn ihr mich da verlasset dann.

DICKER VETTER:

    Ei Mann! Was denn! Sei du fröhlich Mann!
    Nimm dich und fang nit Jammerns an!
    Nur eins mußt dir gesagt sein lassen
    Mich bringst einmal nit in die Gassen.

(_Er geht._)

JEDERMANN

(_zum dünnen Vetter_):

    Mein Vetter willst nit mit mir gehn?

DÜNNER VETTER:

    Hab jetzt, Gotts Tod, Krampf in den Zehen
    Ist ein arg Übel, Jedermann
    Das fällt mich unversehens an.

DICKER VETTER

(_bleibt nochmal stehen und spricht über die Schulter zurück_):

    Uns wirst nit verführen, das laß nur sein
    Doch hab ich ein schön gut Kind daheim
    Die mächtig gern auf Reisen geht
    Wenn die dir zu Gesichte steht,
    Die geb ich dir in guter Art,
    Leicht, daß sie mit dir geht auf deine Fahrt.

JEDERMANN:

    Nein, zeig mir an, weß Sinnes du bist
    Ob ich in meiner ärgsten Pein
    Von dir soll dran gegeben sein,
    Ob du willst mit mir gehn oder dahinten bleiben.
    Das ist alles, was ich wissen muß.

DICKER VETTER:

    Dahinten bleiben und ein'n schönen Gruß
    Auf Wiedersehen ein andermal.

(_Sie gehen._)

JEDERMANN:

    Ach Jesus, ist das aller Dinge End,
    Versprochen haben sie mir gar viel,
    Vom Halten lassen sie ihre Händ.

DÜNNER VETTER

(_wendet sich und tritt nochmals an Jedermann heran_):

    Es ist nicht üblich in solcher Weis
    Die Leut zu beschicken zu einer Reis
    Dergleichen Anmutung ist nit zart
    Und hat mir keine rechte Art.
    Hast deiner leibeignen Knecht genug
    Die magst dazu aufbieten mit Fug.
    Aber die lieben Verwandten dein,
    Sollten da zu wert dir sein.

(_Geht._)

JEDERMANN:

    Leibeigene Knecht, was sollen mir die,
    Wenn ich die mitnähm, das wär ein Ding,
    Davon ich Hilfe hätt gering.

(_Er sieht sich um._)

    Ist alls zu End das Freudenmahl
    Und alle fort aus meinem Saal?

(_Er geht hinauf zu dem Tisch. Etliche, die dort noch saßen und
tranken, werden ihn gewahr, springen auf und flüchten. Der Tisch
versinkt._)

    Bleibt mir keine andere Hilfe dann,
    Bin ich denn ein verlorner Mann?
    Und ganz alleinig auf der Welt,
    Ist es schon so um mich bestellt,
    Hat mich =Der= schon dazu gemacht,
    Ganz nackend und ohn alle Macht,
    Als läg ich schon in meinem Grab,
    Wo ich doch mein warm Blut noch hab
    Und Knecht mir noch gehorsam sein
    Und Häuser viel und Schätze mein,
    Auf! schlagt die Feuerglocken drein!
    Ihr Knecht nit lungert in dem Haus
    Kommt allesamt zu mir heraus.

(_Hausvogt mit etlichen Knechten kommen eilig._)

JEDERMANN:

    Ich muß schnell eine Reise tun
    Und das zu Fuß und nit zu Wagen,
    Gesamte Knecht, die sollen mit
    Und meine große Geldtruhen,
    Die sollen sie herbeitragen.
    Die Reis wird wie ein Kriegszug scharf
    Daß ich der Schätze sehr bedarf.

HAUSVOGT:

    Die schwere Truhn, die drinnen steht?

JEDERMANN:

    Ja, eilig, ohne viel Gered.

(_Mehrere Knechte sammeln sich, ihrer acht bringen die schwere Truhe
getragen._)

    Hab Euch berufen für eine Reis,
    Daß jeder mir Gehorsam erweis.
    Die Reis ist seltsam und recht weit
    Und fordert zuverlässige Leut,
    Daß sie in aller Still gescheh
    Des ich zu Euch mich wohl verseh.

KNECHT:

    Die Truhen, die ist marterschwer.

HAUSVOGT:

    Ihr tut, was anbefiehlt der Herr.

JEDERMANN:

    Nun, wollen wir die Reis angehen,
    Ganz in der Still, heimlicher Weis.

(_Tod tritt in etlicher Entfernung hervor._)

ERSTER KNECHT:

    Dort steht ein Teufel und winkt uns Halt.

HAUSVOGT:

    Nein, ist der Tod grausamer Gstalt,
    Er kommt auf uns zu mit Gewalt.

(_Knechte lassen die Truhen stehen und fliehen, Hausvogt
desgleichen._)

TOD:

    Du Narr, bald ist die Stund vertan
    Nimmst immer noch Vernunft nit an.
    Weißt nit ein recht Geleit zu suchen,
    Bald wirst verzweifeln und dir fluchen.

(_Verschwindet._)

JEDERMANN:

    Ach Gott, wie graust mir vor dem Tod,
    Der Angstschweiß bricht mir aus vor Not
    Kann der die Seel im Leib uns morden
    Was ist denn gählings aus mir worden?
    Hab immer doch in bösen Stunden
    Mir irgend einen Trost ausgfunden.
    War nie verlassen ganz und gar,
    Nie kein erbärmlich armer Narr.
    War immer wo doch noch ein Halt
    Und habs gewendet mit Gewalt.
    Sind all denn meine Kräft dahin,
    Und alls verworren schon mein Sinn,
    Daß mich kaum mehr besinnen kann,
    Wer bin ich denn: der Jedermann,
    Der reiche Jedermann allzeit.
    Das ist mein Hand, das ist mein Kleid
    Und was da steht auf diesem Platz,
    Das ist mein Geld, das ist mein Schatz,
    Durch den ich jederzeit mit Macht
    Hab alles spielend vor mich bracht.
    Nun wird mir wohl, daß ich den seh
    Recht bei der Hand in meiner Näh.
    Wenn ich bei dem verharren kann
    Geht mich kein Graus und Ängsten an.
    Weh aber, ich muß ja dorthin,
    Das kommt mir jählings in den Sinn.
    Der Bot war da, die Ladung ist beschehn
    Nun heißt es auf und dorthin gehn.

(_Wirft sich auf die Truhe._)

    Nit ohne dich, du mußt mit mir,
    Laß dich um alles nit hinter mir.
    Du mußt jetzt in ein andres Haus
    Drum auf mit dir und schnell heraus.

(_Die Truhe springt auf, Mammon richtet sich auf. Groß._)

MAMMON:

    Ei Jedermann, was ist mit dir?
    Du bist ja grausamlich in Eil
    Und bleich wie Kreiden all die Weil.

JEDERMANN:

    Wer bist denn du?

MAMMON:

                      Kennst vom Gesicht mich nit
    Und willst mich dorthin zerren mit?
    Dein Reichtum bin ich halt, dein Geld,
    Dein eins und alles auf der Welt.

JEDERMANN

(_sieht ihn an_):

    Dein Antlitz dünkt mir nit so gut
    Gibt mir nit rechten Freudenmut
    Das ist gleichviel, du mußt mitgehen.

MAMMON:

    Was solls, kann alls von hier geschehen,
    Weißt wohl, was ich in Mächten hab,
    Sag was dich drückt, dem helf ich ab.

JEDERMANN:

    Die Sach ist anderster bewandt
    Es ist von wo um mich gesandt.

MAMMON:

    Von --

JEDERMANN

(_schlägt die Augen nieder_):

          Ja, es war ein Bot bei mir.

MAMMON:

    Ist es an dem, du mußt von hier?!
    Ei was, na ja, gehab dich wohl
    Ein Bot war da, daß er ihn hol
    Dorthin, das ist ja schleunig kommen
    Hab vordem nichts derart vernommen.

JEDERMANN:

    Und du gehst mit, es ist an dem.

MAMMON:

    Nit einen Schritt, bin hier bequem.

JEDERMANN:

    Bist mein, mein Eigentum, mein Sach.

MAMMON:

    Dein Eigen, ha, daß ich nit lach.

JEDERMANN:

    Willst aufrebellen, du Verflucht! du Ding!

MAMMON

(_stößt ihn weg_):

    Du, trau mir nit, dein Wut acht ich gering,
    Wird umkehrt wohl beschaffen sein.
    Ich steh gar groß, du zwergisch klein.
    Du Kleiner wirst wohl sein der Knecht
    Und dünkts dich, anders wärs gewesen,
    Das war ein Trug und Narrenwesen.

JEDERMANN:

    Hab dich gehabt zu meim Befehl.

MAMMON:

    Und ich regiert in deiner Seel.

JEDERMANN:

    Warst mir zu Diensten in Haus und Gassen.

MAMMON:

    Ja, dich am Schnürl tanzen lassen.

JEDERMANN:

    Warst mein leibeigner Knecht und Sklav.

MAMMON:

    Nein, du mein Hampelmann recht brav.

JEDERMANN:

    Hab dich allein gedurft anrühren.

MAMMON:

    Und ich alleinig dich nasführen.
    Du Laff, du ungebrannter Narr,
    Erznarr du, Jedermann sieh zu
    Ich bleib dahier und wo bleibst du?
    Was ich in dich hab eingelegt
    Darnach hast du dich halt geregt.
    Das war ein Pracht und ein Ansehen
    Ein Hoffart und ein Aufblähen
    Und ein verflucht wollüstig Rasen,
    War alls durch mich ihm eingeblasen,
    Und was ihn itzt noch aufrecht hält
    Daß er nit platt an' Boden fällt
    Und alle Viere von sich reckt
    Und hält ihn noch emporgestreckt
    Das ist allein sein Geld und Gut
    Da hier springt all dein Lebensmut.

(_Hebt eine Handvoll Geld aus der Truhe und läßt es wieder fallen._)

    Fällt aber in die Truhen zurück
    Und damit ist zu End dein Glück.
    Bald werden dir die Sinn vergehen
    Und mich wirst nimmer wiedersehen.
    War dir geliehen für irdische Täg
    Und geh nit mit auf deinen Weg,
    Geh nit, bleib hier, laß dich allein
    Ganz bloß und nackt in Not und Pein.
    Ist alls um nichts dein Handausrecken
    Und hilft kein Knirschen und Zähnebläcken,
    Fährst in die Gruben nackt und bloß,
    So wie du kamst aus Mutter Schoß.

(_Bückt sich, die Truhe springt zu._)

(_Jedermann ohne Sprache, eine lange Stille._)

(_Werke wird sichtbar, einer Kranken gleich, auf einem elenden Lager
gebettet, richtet sich halb auf und ruft mit schwacher Stimme_):

WERKE:

    Jedermann!

(_Jedermann hört nicht._)

WERKE:

              Jedermann, hörst mich nicht?

JEDERMANN

(_vor sich_):

    Ist als wenn eins gerufen hätt,
    Die Stimme war schwach und doch recht klar,
    Hilf Gott, daß es nit meine Mutter war.
    Ist gar ein alt, gebrechlich Weib,
    Möcht, daß der Anblick erspart ihr bleib.
    O nur so viel erbarm dich mein,
    Laß das nit meine Mutter sein!

WERKE:

    Jedermann!

JEDERMANN:

    Seis wer da will, hab itzt nit Muß
    Für irdisch Händel und Verdruß.

WERKE:

    Hörst mich nit, Jedermann?

JEDERMANN:

                              Ist ein krank Weib,
    Was kümmerts mich, soll sehen wo sie bleib.

WERKE:

    Mein Jedermann, ich gehör zu dir,
    Um deinetwillen lieg ich hier.

JEDERMANN:

    Wie soll denn das bewendet sein?

WERKE

(_richtet sich halb auf_):

    Sieh, ich bin all die Werke dein.

JEDERMANN:

    Ich will kein Spott, ich sterb allweg.

WERKE:

    Komm doch zu mir den kleinen Weg.

(_Sinkt zurück._)

JEDERMANN:

    Das wird mit Willen nit geschehen,
    Meine Werke will ich jetzt nit sehen.
    Ist nit der Anblick, nach dem mich verlangt.

WERKE:

    Bin schmählich schwach, muß liegen hier,
    Wär ichs imstand, ich lief zu dir.

JEDERMANN:

    Brauch nit ein fremd Gebrest dahier,
    Liegt Angst und Marter gnug auf mir.

WERKE:

    Mich brauchst, der Weg ist schreckbar weit,
    Bist annoch ohne ein Geleit.

JEDERMANN:

    Des Weges muß ich jetzt allein --

WERKE:

    Nein, ich will mit, denn ich bin dein.

JEDERMANN (_sieht hin._)

WERKE:

    Auf mir liegt viel Gebrest und Last
    Indem du mein gedacht nit hast.
    Ohn dich könnt ich mich flink bewegen
    Lief dir zu Seit auf allen Wegen.

JEDERMANN

(_geht zu ihr_):

    O Werke mein, mit mir stehts schlecht.
    Ist mir gar sehr um guten Rat
    Und das mir eines Hilfe brächt!

WERKE

(_richtet sich mühselig an ihren Krücken auf_):

    Jedermann, ich hab wohl vernommen
    Du bist entboten zu deinem Erlöser,
    Vor ein höchst Gericht zu kommen!
    Willst du nit gehen verloren, Mann,
    Tritt nit allein die Wanderung an,
    Das sag ich dir!

JEDERMANN:

    Willst du mit mir?

WERKE:

    Ob ich mit dir den Weg will gehn?
    Fragst du mich das, mein Jedermann?

JEDERMANN

(_sieht ihr in die Augen_):

    Wie du mich sehnlich siehest an
    Ist mir, als hätt in meinem Leben,
    Nit Freund, noch Liebste, nit Weib noch Mann
    Mir keinen solchen Blick gegeben!

WERKE:

    O Jedermann, daß du so später Stund,
    Dich kehrest zu meinem Aug' und Mund!

JEDERMANN:

    Hast ein Gesicht verhärmt und bleich
    Und dünkt mich doch an Schönheit reich.
    Mir ist, je mehr ich dich anseh
    So mehr wird mir im Herzen weh,
    Und sänftlich auch, vermischter Weis,
    Daß ich mich nit zu nehmen weiß.
    Mir ist, könnt deiner Augen Schein
    Durch meine Augen dringen ein,
    Ein großes Heil und Segen dann
    Geschäh an einem armen Mann.
    Doch weiß ich, dies ist nun versäumt
    Und jetzt ist alls nur wie geträumt!

WERKE:

    Hättest erkannt in deinem Sinn,
    Daß ich nit völlig häßlich bin,
    Wärest bei mir verblieben viel
    Und fern der Welt und bösem Spiel!
    Komm näher, meine Stimm ist leis --:
    Bei Armen wärest eingegangen
    Recht als ihr Bruder, heiliger Weis,
    Und göttlich Leid und irdischen Schmerz
    Die hättest zu lieben angefangen
    Und aufgegangen wäre dein Herz.
    Und ich, wie ich gebrechlich bin,
    Ich wär, verklärt vor deinem Sinn,
    Dir worden ein göttliches Gefäß,
    Ein Kelch der überströmenden Gnaden
    Dazu deine Lippen waren geladen.

JEDERMANN:

    Und dich hab ich mögen erkennen nicht!
    War so verblendet mein Gesicht!
    O weh, was sind wir für Wesen dann
    Wenn solches uns geschehen kann!

WERKE:

    Ich war ein Kelch der vor dir stand,
    Gefüllt vom Himmel bis an den Rand,
    Von Irdischem war darin kein Ding,
    Drum schien ich deinen Augen gering.

JEDERMANN:

    O könnt ich sie ausreißen beid
    Mir wär im Dunklen nit so bang
    Als da sie mich zu bittrem Leid
    Falsch han geführt mein Leben lang!

WERKE:

    O weh, nun müssen die Lippen dein,
    Auf ewig ungetränket sein!
    Hast wollen dich tränken an der Welt,
    Da ward der Kelch dir weggestellt!

JEDERMANN:

    Des fühl ich ein wütendes Dürsten schon
    Durch alle meine Adern rinnen
    Und Raserei in allen Sinnen!
    Da hab ich meines Lebens Lohn!

WERKE:

    Das ist die bitter brennend Reu
    Das sind deine ungelittenen Leiden!
    O könnten dein Herz sie schaffen neu,
    Wie selig wäre das uns Beiden!

JEDERMANN

(_wirft sich auf den Boden_):

    So wollt ich ganz zernichtet sein,
    Wie an dem ganzen Wesen mein
    Nit eine Fiber jetzt nit schreit
    Vor tiefer Reu und wildem Leid!
    Zurück! und kann nit! Noch einmal!
    Und kommt nit wieder! Graus und Qual!
    Hie wird kein zweites Mal gelebt!
    Nun weiß die aufgerissne Brust,
    Als sie es nie zuvor gewußt,
    Was dieses Wort bedeuten mag:
    Lieg hin und stirb, hie ist dein Tag!

WERKE

(_auf ihren Knien_):

    Mag diese Reu, so brennend groß,
    Mich nit vom Boden winden los,
    Weh, mag ich nit auf Füßen stehn!
    Und ihm die Stund zur Seiten gehn!

(_Sie sinkt an den Boden._)

    Bin ich so elend schwach und krank!

JEDERMANN:

    Für jedes Ding kommt halt der Dank!
    Werke, um alles! laß mich nit im Stich!
    Bin sonst verloren sicherlich!
    Hilf du mir, Rechenschaft zu geben
    Vor dem, der ist Herr über Tod und Leben
    Und König in der Ewigkeit,
    Sonst bin ich verloren für alle Zeit!

WERKE:

    O Jedermann!

JEDERMANN:

                Laß mich nit ohne Rat!

WERKE:

    Ich hab eine Schwester, Glaube genannt,
    Wenn die wollt sich erbitten lassen,
    Daß sie mit dir zög deine Straßen
    Und trät mit dir vor Gotts Gericht!

JEDERMANN:

    Ruf die um alls! die Zeit entfliecht!

WERKE:

    Mag sein, sie kehrt von dir sich ab,
    Dann mußt du ungetröst ins Grab.
    Wirst du recht mit ihr reden können
    Wird sie dir ihre Hilf vergönnen.

JEDERMANN:

    Wenn einer keine Zungen hätt,
    Die Angst und Not macht ihn beredt!

GLAUBE (_kommt gegangen._)

WERKE:

    War nit von Nöten laut Geschrei,
    Ich fühl, die Schwester kommt herbei!
    Lieb Schwester, der Mann ist schwer in Not.
    Willst ihm beistehn bei seinem Tod?
    Mir fehlt die Kraft, bin allzuschwach,
    Kann nit vertreten seine Sach.

(_Sinkt hin._)

GLAUBE

(_zu Jedermann_):

    Hast mich dein Leben lang verlacht
    Und Gottes Wort für nichts geacht,
    Geht nun in deiner Todesstund
    Ein ander Red' aus deinem Mund?

JEDERMANN:

    Ich glaub -- ich glaub --

GLAUBE:

                              Die Red' ist arm!

JEDERMANN:

    O, daß sich meiner Gott erbarm!
    Ich glaub die zwölf Artikel mit Fleiß
    Die ich von Kindschulzeiten weiß:
    Was sie vorstellen ganz und gar,
    Nehm ich für heilig hin und wahr.

GLAUBE:

    Das ist des Glaubens ein ärmlich Teil.
    Baut dir hinüber keine Brück.
    Weißt du nit besseres unverweil?

JEDERMANN:

    Ich glaub -- an Gottes Langmut
    Wenn einer bei Zeiten Buß tut.
    Aber ich bin in Sünden zu weit
    Dahin reicht keine Barmherzigkeit.

GLAUBE

(_tut einen Schritt auf ihn zu_):

    Bist ganz in Wollust denn ertrunken
    In Lastern völlig gar versunken,
    Daß dir nit auf die Lippen kommt
    Was ewig deiner Seelen frommt?

(_Neigt sich zu ihm._)

JEDERMANN:

    Ich glaub --

GLAUBE:

    Glaubst du an Jesu Christ
    Der von dem Vater kommen ist,
    Ein Mensch und unsersgleichen worden
    Von einem irdischen Weibe geboren,
    Und hat in Marterqual sein Leben
    Um deinetwillen hingegeben
    Und ist erstanden von dem Tod,
    Daß du versöhnet seist mit Gott?

JEDERMANN:

    Ja! Ich glaub: Solches hat er vollbracht,
    Des Vaters Zorn zunicht gemacht
    Der Menschheit ewig Heil erworben
    Und ist dafür am Kreuz verstorben.
    Doch weiß ich, solches kommt zugut,
    Nur dem der heilig ist und gut:
    Durch gute Werk und Frommheit eben
    Erkauft er sich ein ewig Leben.
    Da sieh, so stehts um meine Werk:
    Von Sünden hab ich einen Berg
    So überschwer auf mich geladen,
    Daß mich Gott gar nit kann begnaden,
    Als er der Höchstgerechte ist.

GLAUBE:

    Bist du ein solcher Zweifelchrist
    Und weißt nit Gotts Barmherzigkeit?

JEDERMANN:

    Gott straft erschrecklich!

GLAUBE:

                              Gott verzeiht!
    Ohn Maßen!

JEDERMANN:

              Schlug den Pharao,
    Schlug Sodom und Gomora, schlug,
    Schlug!

GLAUBE:

    Nein, gab hin den eignen Sohn
    In Erdenqual vom Strahlenthron,
    Daß als ein Mensch er werd geboren
    Und keiner ginge mehr verloren,
    Nit einer, nit der letzte, nein,
    Er finde denn das ewige Leben.
    »Um der Sünder willen bin ich kommen,
    Der Gsund bedarf keines Arztes dann«
    Die Red ist aus dem Munde kommen,
    Der keine Lügen reden kann.
    Glaubst du daran in diesem Leben,
    So ist dir deine Sünd vergeben
    Und ist gestillet Gottes Zorn.

JEDERMANN:

    O, deine Worte sind gelind,
    Mir ist, als wär ich neugeboren.
    Ich glaube: So lang ich atme auf Erden,
    Mag ich durch Christum gerettet werden.

GLAUBE:

    Es ist an dem, nun geh hinein,
    Von deinen Sünden wasch dich rein.

JEDERMANN:

    Wo wär ein solcher heiliger Quell,
    Daß ich zu ihm mich hintrüg schnell?

(_Mönch wird oben sichtbar._)

GLAUBE:

    Ein guter Helfer wartet dein,
    Bei ihm wird deine Seele rein.
    Kehr wieder in einem weißen Gewand,
    Dann ziehest hin an meiner Hand
    Und mitzugehen deine Werk
    Gewinnen mächtig Kraft und Stärk.

JEDERMANN

(_auf den Knien_):

    O ewiger Gott! O göttliches Gesicht!
    O rechter Weg! O himmlisches Licht!
    Hier schrei ich zu dir in letzter Stund,
    Ein Klageruf geht aus meinem Mund.
    O mein Erlöser, den Schöpfer erbitt,
    Daß er beim Ende mir gnädig sei,
    Wenn der höllische Feind sich drängt herbei,
    Und der Tod mir grausam die Kehle zuschnürt,
    Daß er meine Seel dann hinaufführt.
    Und, Heiland, mach durch deine Fürbitt,
    Daß ich zu seiner Rechten hintritt,
    In seine Glorie mit ihm zu gehn.
    Laß dir dies mein Gebet anstehn,
    Um willen, daß du am Kreuz bist gestorben
    Und hast all unsre Seelen erworben.

(_Er liegt im tiefen Gebet auf seinem Angesicht. Die Orgel tönt
stärker. Indessen geht unten, im Dunklen, Jedermanns Mutter querüber,
als wie auf dem Weg zur Frühmette, vor ihr ein Knecht der die Leuchte
trägt._)

KNECHT:

    Was bleibt ihr stehen, Frau, zur Stund?
    Wie ist euch? seid ihr nit gesund?
    Wollt ihr leicht heim in euer Bett
    Statt nächtlings zu der Morgenmett?

JEDERMANNS MUTTER:

    Sind wir denn so verspät't alsdann
    Und hebt sich schon die Frühmett an?
    Ich hör ein also herrlich Klingen
    Als täten alle Engel singen!

KNECHT:

    Verspätet sind wir keinerweis,
    Auch hör ich nichts, nit laut noch leis.

JEDERMANNS MUTTER:

    Ich hörs und weiß im Herzen mein
    Das sind die himmlischen Schalmein.
    So singen sie vor Gottes Thron:
    Das geht auf meinen lieben Sohn.
    Ich spür zu dieser nächtigen Stund
    Ist seine Seele worden gesund.
    Er ist versöhnet Gott dem Herrn
    Des sterb ich freudiglich und gern.
    Erhört ist meine große Bitt,
    Und weiß daß ich einmal hintritt
    Vor Gottes meines Schöpfers Thron
    Und find dort meinen lieben Sohn.
    Bald lässest deine Dienerin
    In deinen Frieden fahren hin.
    Amen.

KNECHT:

          Wollt ihr nit kommen, Frau?
    Die Zeit vergeht, es wird schon grau.

(_Sie gehen vorbei._)

GLAUBE:

    Jedermann, so sei Gott mit dir,
    Als, wie ich dich nun und hier,
    In deines Erlösers Hand befehl,
    So sei deine Rechenschaft ohn Fehl.

WERKE

(_hat ihre Krücken von sich geworfen und tritt zu ihnen._)

GLAUBE:

    Nun faß dir einen fröhlichen Mut
    Nun kommen deine Werke gut
    Sind ledig all ihrer Beschwer
    Und treten starken Schrittes einher.

WERKE:

    Jedermann, ich bins, deine Freundin,
    Ich segne dich in meinem Sinn,
    Du hast mich geschaffen von Schmerzen frei,
    Nun geh ich mit dir, wohin es auch sei.

JEDERMANN:

    O, meine Werke, wie ich eure Stimme hör,
    Muß ich vor Freuden weinen sehr.

GLAUBE:

    Nun sollst du weinen und trauern nimmermehr,
    Nein, freuen dich und fassen einen frohen Mut,
    Gott sieht dich von seinem Thron recht gut!

JEDERMANN:

    Dann ich nit Zögerung noch Aufschub such.
    Ihr Freunde ich mein wir gehen selbdritt,
    Von euch will ich mich scheiden nit.

(_Er geht hinauf und folgt dem Mönche nach._)

WERKE und GLAUBE

(_verharren betend._)

TEUFEL

(_kommt angesprungen, schreit und winkt von weitem_):

    Halt Jedermann! Aufhalten Jedermann!
    Aufhalten! He! Hieher Gesell!
    Ich komm dich holen, bin zur Stell!
    He Jedermann, er ist hinein!
    Muß taub auf beiden Ohren sein!
    Was geht er denn in dieses Haus?
    Da hol ihn dieser und jener heraus!
    Ich warte derweilen an der Tür,
    Faß ihn, und meines Wegs ihn führ.
    Kann sein, er läßt mich warten lang,
    Mag er, ist mir um ihn nit bang.
    Ist mir verfallen mit Haut und Haar
    Und sicher wie lang schon keiner war.

GLAUBE:

    Halt da!

TEUFEL

(_hat nichts gehört_):

    Muß hier vorbei.

GLAUBE:

    Hie nit!

TEUFEL:

    Ganz unbedingt, hab dort zu tun.

GLAUBE:

    Hie ist kein Weg für deinesgleichen.

TEUFEL:

    Ein zänkisch Weib. Ich kann ausweichen.

(_Will rings herum._)

GLAUBE

(_tritt ihm aufs neu in seinen Weg und sagt_):

    Hie ist kein Weg!

TEUFEL:

    Ich hab zu warten dort an der Tür
    In Amtsgeschäften, damit ich einen
    Der dort herauskommt dann mit mir
    Eines gewissen Weges führ.

GLAUBE:

    Ich führe Zwiesprach nit mit dir.

TEUFEL:

    Ich auch nit, geh halt da vorbei.

WERKE:

    Hie ist kein Weg für dich.

TEUFEL

(_hält sich die Ohren zu_):

                              Geschrei!
    Gespiel! Belästigung!

WERKE

(_tritt ihm aufs neue in den Weg_):

    Kein Weg!

TEUFEL:

    Kein Weg! Kein Weg! Ist hier kein Weg?
    Kein Boden? Nichts worauf mein Fuß
    Mag stehen, hüpfen, springen! Nein?
    Hier wird sogleich ein Weg mir sein!

(_Will durch mit Gewalt._)

GLAUBE

(_hinzutretend_):

    Willst dus mit deinen Fäusten richten
    Und stören unser fromm Gebet?
    Sieh, wer zu unsrer Hilf dasteht!

ENGEL (_treten oben hervor._)

TEUFEL:

    Sind die Gesellen auch im Spiel
    Und wissen bessres nit zu schaffen
    Als hier zu lümmeln und zu gaffen
    So abends spät, wie morgens früh,
    Wenn andre Leut mit saurer Müh
    Nachgehen ihren Amtsgeschäften
    Mit schuldigem Eifer und besten Kräften!

WERKE und GLAUBE

(_achten seiner nicht und beten mit gefalteten Händen._)

TEUFEL

(_setzt sich auf den Boden_):

    Ich frage, sind hier Zweifel im Spiel,
    Ist hier ein Handel in der Schweb,
    Nichts davon, nichts, so wahr ich leb.
    Sitzt einer hier unter euch allen,
    Der ins Gesicht mir tät bestreiten,
    Daß dieser Mensch mir ist verfallen!
    Ein prächtig Schwelger und Weinzecher,
    Ein Buhl, Verführer, und Ehebrecher,
    Ungläubig als ein finstrer Heide,
    In Wort und Taten frech vermessen
    Und seines Gottes so vergessen
    Wie nicht das Tier auf seiner Weide,
    Witwen und Waisen Gutsverprasser,
    Ein Unterdrücker, Neider, Hasser!

(_Er springt auf._)

    Mir fehlen, ihn zu malen, die Wort!
    Und diesen will man mir verwehren,
    Daß ich ihm auf die Kappen geh
    Ihm jählings das Genick umdreh,
    Ihm zuschrei: Duck dich, Fleisch, und stirb!
    Und seine Seel für uns erwirb.
    Verharrt ihr drauf mit kaltem Blut
    Und bangt euch nit vor meiner Wut
    Und Zähn gefletscht und Fäust geballt?
    Und, daß Recht und Gerechtigkeit
    Gewappnet stehen auf meiner Seit?

GLAUBE:

    Auf deiner Seiten steht nit viel
    Hast schon verloren in dem Spiel
    Gott hat geworfen in die Schal,
    Sein Opfertod und Marterqual
    Und Jedermannes Schuldigkeit
    Vorausbezahlt in Ewigkeit.

TEUFEL:

    Seit wann? seit wo? wie geht das zu?
    Geschiehet das in einem Nu?
    Wenn eins sein Leben brav sich regt
    Und nur auf uns sein Tun anlegt,
    Recht weislich, fest und wohlbedacht
    Recht Stein auf Stein und Tag auf Nacht
    Wird solch ein wohlbeständig Ding
    In einem Augenzwinkern neu?
    Schmeißt ihr das um mit einem Wink?

GLAUBE:

    Ja solches wirkt die tiefe Reu,
    Die hat eine lohende Feuerskraft,
    Da sie von Grund die Seel umschafft.

TEUFEL:

    Ha! Weiberred und Gaukelei!
    Wasch mir den Pelz und mach ihn nit naß!
    Ein Wischiwasch! Salbaderei!
    Zum Speien ich dergleichen haß!
    Beweis! Gib eine einzig Red,
    Die vor Gericht zu Recht besteht!

GLAUBE:

    Vor dem Gericht, vor das er tritt,
    Bestehen deine Rechte nit,
    Die sind auf Schein und Trug gestellt
    Auf Hie und Nun und diese Welt,
    Die ist gefangen in der Zeit
    Und bleibt in solchen Schranken stocken,
    Wo aber tönet diese Glocken,

(_Man hört von innen das Sterbeglöcklein, Glaube und Werke fallen auf
die Knie._)

    Hat angehoben Ewigkeit.

TEUFEL

(_hält sich die Ohren zu_):

    Ich geb es auf, ich kehr mich um,
    Ich laß ihn, füttert ihn euch aus,
    Mich ekelts hier, ich geh nach Haus.

GLAUBE und WERKE (_haben sich erhoben._)

TEUFEL:

    Ein schöner Fall, ganz sonnenklar
    Und in der Suppe doch ein Haar!
    Tret arglos her, vergnügt im Sinn
    Und mein, zu melden mich als Erben.
    Ja Vetter, ja, da liegen die Scherben!
    »Hie ist kein Weg, hie ist kein Weg!«
    Ah! Weiber! Fastensupp und Schläg,
    Das ist wie ich sie halten tät!
    Ein Anspruch der zurecht besteht
    Vor Türken, Mohren und Chinesen,
    Ff! Da ist Anspruch und Recht gewesen!
    Bläst mir ihn weg! »Hie führt kein Weg!«
    Ich wollt, daß er im Feuer läg.
    Und kommt in einem weißen Hemd
    Erzheuchlerisch und ganz verschämt.
    Die Welt ist dumm, gemein und schlecht
    Und geht Gewalt allzeit vor Recht,
    Ist einer redlich treu und klug,
    Ihn meistern Arglist und Betrug.

(_Geht ab._)

JEDERMANN

(_tritt oben hervor in einem weißen langen Hemde, einen Pilgerstab in
der Hand, sein Angesicht ist totenbleich aber verklärt, er geht auf
die Beiden zu._)

WERKE:

    Fühl ich nit kommen Jedermann?
    Er ist es, ja, und tritt herbei,
    Mir ahnte wohl, daß er es sei.
    Er hat seinem Herrn getan genug
    Des fühl ich an meinen Gliedern all,
    Die Kraft zu einem hohen Flug!

JEDERMANN:

    Nun gebet mir treulich eure Händ,
    Ich hab empfangen das Sakrament.
    Gesegnet sei, der mich das hieß tun
    Und also guten Rat mir sprach.
    Nun seid bedankt, daß ihr auf mich,
    Geharret habet sorglich
    Mit andächtigem Beten.
    Und nun laß uns die Reis antreten.
    Leg jeder die Hand an diesen Stab
    Und folge mir zu meinem Grab.

WERKE:

    Ich heb vom Stab nit meine Händ,
    Zuvor die Reis kam an ihr End.

GLAUBE:

    Ich steh bei dir, so wie ich eh
    Stand hielt bei Judas Makkabee!

(_Sie gehen hinauf._)

DER TOD

(_ist hervorgetreten und geht hinter ihnen einher._)

(_Sie stehen beim Grab._)

JEDERMANN

(_schließt die Augen_):

    Nun muß ich ins Grab, das ist schwarz wie die Nacht,
    Erbarm dich meiner in deiner Allmacht.

GLAUBE:

    Ich steh dir nah und seh dich an.

WERKE:

    Und ich geh mit, mein Jedermann.

JEDERMANN:

    O Herr und Heiland steh mir bei
    Zu Gott ich um Erbarmen schrei.

WERKE

(_hilft ihm ins Grab, steigt dann zu ihm hinein_):

    Herr laß das Ende sanft uns sein,
    Wir gehen in deine Freuden ein.

JEDERMANN

(_im Grab, nur Haupt und Schultern sind noch sichtbar_):

    Wie du mich hast zurückgekauft,
    So wahre jetzt der Seele mein,
    Daß sie nit mög verloren sein
    Und daß sie am jüngsten Tag auffahr
    Zu dir mit der geretteten Schar.

(_Er sinkt._)

GLAUBE:

    Nun hat er vollendet das Menschenlos,
    Tritt vor den Richter nackt und bloß
    Und seine Werke allein,
    Die werden ihm Beistand und Fürsprech sein.
    Heil ihm, mich dünkt es ist an dem,
    Daß ich der Engel Stimmen vernehm,
    Wie sie in ihren himmlischen Reihen
    Die arme Seele lassen ein.

ENGEL (_singen._)

                            Ende.




Dieser Erneuerung des alten Spieles liegt für den Aufbau vornehmlich
der anonyme englische Text des fünfzehnten Jahrhunderts zugrunde.
(Everyman, a morality play, gedruckt zu London um 1490.) Aus des Hans
Sachs »Comedi vom sterbend reichen Menschen« wurde manches einzelne
herübergenommen, zumeist in den Anfangsszenen. In der Szene der Mutter
ist ein gereimtes Gebet eingewoben, das von Albrecht Dürer stammt. Das
Tanzlied und die übrigen Lieder sind einer neueren Sammlung der
Minnesänger des dreizehnten Jahrhunderts entnommen.

Begonnen April 1903 -- beendet September 1911.




WERKE von HUGO VON HOFMANNSTHAL:


GESTERN. Dramatische Studie. 3. Auflage.

DIE FRAU IM FENSTER. Ein Akt. 5. Auflage.

DIE HOCHZEIT DER SOBEÏDE. Dramatisches Gedicht. 6. Auflage.

DER ABENTEURER UND DIE SÄNGERIN. Dramatisches Gedicht. 6. Auflage.

ELEKTRA. Tragödie. 12. Auflage.

DAS GERETTETE VENEDIG. Trauerspiel. 3. Aufl.

ÖDIPUS UND DIE SPHINX. Tragödie. 6. Auflage.

KÖNIG ÖDIPUS. Tragödie von Sophokles. 30. Aufl.

CRISTINAS HEIMREISE. Komödie. Neue Ausgabe. 2. Auflage.

DER ROSENKAVALIER. Komödie für Musik. 4. Aufl.

SZENEN. 1. Auflage.

DIE PROSAISCHEN SCHRIFTEN. Vier Bände.


                   Druck von W. Drugulin in Leipzig.




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  |      981         O: unütze                              |
  |                  Ä: unnütze                             |
  |     1324         O: ihn                                 |
  |                  Ä: ihm                                 |
  |     1339         O: Das                                 |
  |                  Ä: Daß                                 |
  |     1349         O: Das                                 |
  |                  Ä: Daß                                 |
  |     1760         O: das                                 |
  |                  Ä: daß                                 |
  |     1861         O: weists                              |
  |                  Ä: weißts                              |
  |     1898         O: Das                                 |
  |                  Ä: Daß                                 |
  |     2454         O: Das                                 |
  |                  Ä: Daß                                 |
  |     2457         O: Das                                 |
  |                  Ä: Daß                                 |
  |     2491         O: Weist                               |
  |                  Ä: Weißt                               |
  |     2604         O: das                                 |
  |                  Ä: daß                                 |
  |     2935         O: [Nicht im Original]                 |
  |                  Ä: .                                   |
  |     3480         O: weißem                              |
  |                  Ä: weißen                              |
  |                                                         |
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End of the Project Gutenberg EBook of Jedermann, by Hugo von Hofmannsthal

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEDERMANN ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
[email protected].  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     [email protected]


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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