Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

By Hermann Löns

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Title: Der Wehrwolf
       Eine Bauernchronik

Author: Hermann Löns

Release Date: October 2, 2007 [EBook #22824]

Language: German


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Der Text enthält eine Wortliste, die einige der verwendeten Dialektwörter
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       *       *       *       *       *

                  Hermann Löns

                  Der Wehrwolf

                 [Illustration]

               Eine Bauernchronik
                101.-120. Tausend
          Verlegt bei Eugen Diederichs
                    Jena 1920


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in
fremde Sprachen (auch ins Ungarische) vorbehalten.
=Copyright 1920 by Eugen Diederichs Verlag in Jena.=




Die Haidbauern


Im Anfange war es wüst und leer in der Haide. Der Adler führte über Tage
das große Wort, und bei Nacht hatte es der Uhu; Bär und Wolf waren
Herren im Lande und hatten Macht über jegliches Getier.

Kein Mensch wehrte es ihnen, denn die paar armseligen Wilden, die dort
vom Jagen und Fischen lebten, waren froh, wenn sie das Leben hatten und
gingen den Untieren liebendgern aus der Kehr.

Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter
und gelbes Haar hatten; mit Pferd und Wagen, Kind und Kegel kamen sie
an, und mit Hunden und Federvieh.

Es gefiel ihnen gut in der Haide, denn sie kamen daher, wo das Eis noch
bis in den Mai auf den Pümpen stand und im Oktober schon wieder Schnee
fiel.

Ein jeder suchte sich einen Platz und baute sich darauf ein breites Haus
mit spitzem Dach, das mit Reet und Plaggen gedeckt war und am Giebel ein
paar bunte Pferdeköpfe aus Holz aufwies.

Jeglicher Hof lag für sich. Ganz zu hinderst in der Haide wohnte
Reineke; sein Nachbar war Hingst; auf ihn folgte Marten, darauf Hennig,
hinterher Hors, und dann Bock und Bolle und Otte und Katz und Duw und
Specht und Petz und Ul und wie sie alle hießen, und zuletzt Wulf, ein
langer Mann mit lustigen Augen und einer hellen Stimme, der sich da
angebaut hatte, wo das Bruch anfing.

Der Wulfshof hatte das beste Weideland von allen Höfen, aber der Bauer
hatte auch am meisten mit den Wölfen und Bären zu tun und mit den
schwarzbraunen Leuten, die hinten im Bruche lebten. Doch das war ihm
gerade recht und seinen Jungens nicht minder; je bunter es herging, um
so lieber war es ihnen, und so wurden es Kerle, wie die Bäume, mit
Händen, wie Bärenpfoten; aber dennoch konnte sie ein jeder gern leiden,
dieweil sie so grall in die Welt sahen und allewege lachten.

Das kam ihnen und ihren Kindern und Kindeskindern auch gut zupasse, denn
es ging zuzeiten wild genug her in der Haide; fremde Völker zogen durch,
und die Haidbauern mußten mächtig aufpassen, daß sie nicht umgerannt
wurden. Aber es waren ihrer von Jahrhundert zu Jahrhundert in Ödringen,
wie das Dorf hieß, immer mehr geworden; sie hielten stand, schmissen die
Feinde zurück oder bargen die Weibsleute, die Kinder und das Vieh in der
Wallburg im Bruche und setzten den Fremden durch Überfallen und Ablauern
solange zu, bis sie sich wieder dünne machten.

Die Männer vom Wulfshofe waren dabei immer vorneweg. Manch einer von
ihnen blieb mit einem Pfeile im Halse oder einem Speere in der Brust
dabei liegen, aber es blieb immer noch einer übrig, der den Namen am
Leben hielt.

Mittlerweile nahmen sie immer mehr Land unter den Pflug und machten das
Bruch zu Wiesenland und Weide; zehn Gebäude zählte der Hof, der wie eine
Burg hinter Wall und Graben in seinem Eichbusche lag, und in dem großen
Hause war kein Mangel an Waffen und Geräten aller Art.

In dem Flett standen neben dem Herde ein Dutzend schwerer silberner
Teller auf dem Bört an der Feuerwand. Als die Bergbauern ihre Boten
schickten und die Haidbauern baten, ihnen beizustehen, die Römer aus dem
Land zu jagen, war auch ein Sohn vom Wulfshofe mit ausgezogen. Als er
schon ein alter Mann war, lachte er noch, wenn er darauf zu sprechen
kam, wie Varus mitsamt seinen Leuten vor die Hunde ging.

»Junge,« sagte der alte Mann, »das war ein Spaß! Was haben wir die
krummen Hunde geweift! So Stücker zwanzig habe ich allein vor den Brägen
geschlagen, daß es nur so ballerte, denn sie hatten alle Kappen aus
Blech auf. Na, und denn habe ich zum Andenken die blanken Kümpe
mitgebracht. Machen sie sich da nicht fein?«

Mit den Römern waren die Bauern bald fertig geworden, aber dann kam der
Franke, und der war zähe wie Aalleder. Holte er sich heute auch eine
Jacke voll Schläge, morgen war er wieder da. Ein Wulf war dabei gewesen,
als Weking das fränkische Heer am Süntel zu rohem Mett hackte, aber zwei
von den Wulfsbauern waren auch unter den Männern, die Karl an der
Halsbeeke bei der großen Fähre wie Vieh abschlachten ließ. Als darauf
alles, was ein Messer halten konnte, ihm an den Hals sprang, waren auch
drei Wulfs dabei; sie waren nicht zurückgekommen.

Schließlich aber sagten die Haidjer sich: »Gegen ein Fuder Mist kann
einer allein nicht anstinken.« So zahlten sie denn Zins, sagten dem Wode
und der Frigge ab, ließen sich taufen und wurden mit der Zeit ganz
ordentliche Christen, vorzüglich, als einer von ihnen, der nach der
Väter Brauch den alten Göttern einen Schimmel auf dem Hingstberge
geschlachtet hatte, dafür unter das Beil mußte.

Ganz zahm wurden sie nach außen hin und sie ließen sich sogar einen
fränkischen Ritter vor die Nase setzen. Aber von innen blieben sie die
Alten; wenn im heiligen römischen Reiche einmal wieder alles koppheister
ging, dann kamen sie vor Tau und Tag über die Haide geritten, steckten
die Burg an allen vier Ecken an und schlugen alles, was einen Bart
hatte, vor den Kopf.

Das half ihnen auf die Dauer aber doch nichts; die fremden Herren nahmen
ihnen mit Gewalt und List ein Recht nach dem andern, und schließlich
wurden sie alle zinspflichtige Lehnsmänner bis auf den Wulfsbauern; denn
der hatte einen Freibrief als Sattelmeier, weil ein Wulf einmal den
Herzog Billung vor seinen Feinden gerettet hatte. Wenn sich nun auch
heute das Kloster und morgen der Ritter alle Mühe gab, den Wulfshof
anzumeiern, die Wulfsbauern wußten sich davor zu wahren.

Sie hatten ja auch sonst ihre liebe Not, denn bald war Krieg im Lande,
bald rührten sich die Raubritter. Wenn der Bauer pflügte, hatte er
währenddem den Speer und die Armbrust bei seiner Jacke liegen, und mehr
als einmal fing er mit seinen Leuten ein paar Schnapphähne ab und
brachte sie über die Seite. Da das aber einmal so war, so machte er sich
weiter keine Gedanken darüber; seine Augen blieben hell und das Lachen
verlernte er auch nicht.

Als die Bauern die neue Lehre annahmen und dem Pater aufsagten, mußte
der Wulfsbauer zu ihm gehen und ihm das klarmachen, weil der Pater ein
guter alter Mann war und die Bauern glaubten, kein anderer könne ihm die
Sache so gelinde beibringen, wie Harm Wulf, dessen Hauptredensart es
war: »Es ist alles man ein Übergang«, und dabei schlug er den Wolf in
der Kuhle tot und lachte dazu.

Hinterher kamen ja wohl einmal Zeiten, daß auch der Wulfsbauer eine
krause Stirn und dunkle Augen kriegte und nicht mehr so laut lachte. Das
war Anno 1519, als Hans Magerkohl, der Bischoff von Hildesheim, sich mit
dem Braunschweiger Herzog kämmte und die Bauern dabei Haare lassen
mußten. In Burgdorf krähte der rote Hahn lauthals und ein Wulf, der dort
in eine Ackerbürgerstelle hineingeheiratet hatte, kam mit dem weißen
Stocke wieder nach dem Wulfshofe und starb bald vor Herzeleid, denn die
braunschweigischen Kriegsvölker hatten seine junge Frau zuschanden
gemacht.

Ein Trupp von dem Gesindel kam auch bis vor den Wulfshof; aber da es nur
bei zwanzig waren, fanden sie nicht wieder zurück; der Bauer schlug sie
mit seinen Söhnen und Knechten tot, fuhr sie in das Bruch und rodete sie
bei.

Auch sein Sohn verlernte später auf einige Zeit das Lachen, denn als man
den neunten Juli des Jahres 1553 schrieb, kam es auf dem Vogelherde bei
Sievershausen zu dem großen Treffen zwischen dem Braunschweiger und dem
Sachsen auf der einen und dem Kalenberger und dem Brandenburger auf der
anderen Seite.

Schrecklich ging es vor und nach der Schlacht in der Haide zu; doch der
Wulfsbauer hatte beizeiten Wind gekriegt und die Frauensleute, die
Kinder und das Vieh und alles, was Geldeswert hatte, im Bruche geborgen;
er selber aber und seine Leute hatten sich mit den anderen Bauern
zusammengetan, und wo sie einen Haufen Fußvolk oder Reiter trafen, denen
ging es schlecht. Über zweihundert von ihnen schossen und schlugen die
Bauern tot. Wenn sie sie eingruben, lachte der Wulfsbauer und sagte:
»Man soll alle Arbeit mit Freuden tun, vorzüglich, wenn sie sich lohnt«;
damit meinte er dann die Waffen und das bare Geld, das die Kriegsleute
bei sich hatten.

Wenn es auch noch so hart herging, ihre grallen Augen und ihr helles
Lachen verloren die Wulfsbauern so leicht nicht; es mußte schon sehr
schlimm kommen, daß es anders mit ihnen wurde.

Das tat es denn auch. Es gingen im Jahre 1623 allerlei Gerüchte von
einem Kriege um, den der Kaiser mit den Böhmen wegen der neuen Lehre
führte und der immer weiter fraß. Zudem hatte es sehr viele wunderliche
Zeichen gegeben. Es waren Rosen gewachsen, aus denen wieder Rosen kamen,
das Brot hatte geblutet, auf den Koppelwegen lagen Sternschnuppen, drei
Tage hintereinander im Juli kamen Unmassen von Schillebolden über die
Haide geflogen und hinterher ebensoviele Buttervögel; es gab mehr
Mißgeburten beim Vieh, denn je zuvor, die Mäuse heckten unmäßig, Pest-
und Sterbevögel ließen sich sehen, am Himmel zeigten sich feurige Männer
und ein Stern, der wie ein Schwert aussah, fiel herunter.

Daraus sagten manche Leute Krieg, Hunger, Brand und Pest an. Es dauerte
auch nicht lange, daß ein großes Sterben anging, vorzüglich in den
Städten, wo die Menschen eng aufeinandersaßen und allerlei fremdes Volk
zusammenkam. Um den Herrgott wieder um gut Wetter zu bitten, zogen ganze
Haufen von halbnackten Männern und Weibern mit Ketten um den Hälsen
hinter einem Kreuze her, heulten und schrien wie unklug, schlugen sich
mit Stricken die Rücken, daß das Blut nur so spritzte, und sangen zum
Gotterbarmen.

Als Harm Wulf, der Anerbe vom Wulfshofe, Torf nach der Stadt fuhr, war
er einem solchen Zuge begegnet und sehr falsch geworden, denn er hatte
junge Pferde vor dem Wagen, und die wollten mit Gewalt vom Wege, als die
verrückten Völker angebrüllt kamen.

Hinterher mußte er aber darüber lachen; es hatte zu albern ausgesehen,
wie sie alle auf einmal die Arme in die Luft schmissen und lossangen:
»Hui halt' auf eure Hände, daß Gott dies Sterben wende, hui streckt aus
eure Arme, daß Gott sich eur' erbarme!«

»Was für ein dummerhaftiges Lied!« dachte er und pfiff das
Brummelbeerlied.




Die Mansfelder


Als er am anderen Morgen durch die Haide ging, lachte er auch vor sich
hin, aber nicht mehr über die Geißler, denn die hatte er längst
vergessen.

Er dachte daran, was sein Vater ihm gesagt hatte, daß es nämlich an der
Zeit wäre, daß er freien müsse und den Hof übernehmen solle. Und er
dachte an Rose Ul.

Denn das sollte seine Frau werden, das glatteste Mädchen weit und breit,
und Ulenvaters einziges Kind, mit der er immer am liebsten beim
Erntebiere getanzt hatte. Darum lachte er vor sich hin.

Er drehte eine Maiblume, die er an der alten Wallburg im Holze
abgerissen hatte, zwischen den Zähnen und sah über die Haide, die ganz
grün von dem jungen Birkenlaube war und ganz blank von der Sonne.

Vom Bruche her kam zwischen den hohen Machangelbüschen ein Mann
angegangen. Er blieb stehen, zeigte mit dem Finger auf die Blume, die
Harm im Munde hielt, griente und sagte: »Friggeblumen, wer die bricht,
Junggeselle bleibt er länger nicht.«

Harm lachte und gab ihm die Hand. Immer mußte er sich wundern, wenn er
Ulenvater sah; denn der war so ganz anders, als alle Leute, die er
kannte. Jedes Wort, das er sprach, hatte einen doppelten Sinn; er hatte
den ganzen Kopf voller Dummheiten, aber auch voller Klugheit, und man
sagte von ihm, daß er mehr könne als Brot essen.

Aber das war man ein Altweiberschnack; er war drei Jahre auf die hohe
Schule in Helmstedt gegangen und hatte da fleißig gelernt, sowohl
geistliche Sachen, wie denn auch, was gegen Krankheiten bei Mensch und
Vieh gut war; dann aber war der Hoferbe abgestorben und weil weiter kein
Sohn da war, mußte er den Hof annehmen; und nun hieß er zum Spaß der
Papenbur.

Er wurde jedoch ein Bauer, wie nur einer, bloß daß er in vielem seinen
eigenen Weg ging: so konnte er niemals nach der Kirche hinfinden, denn
er sagte: »Wer da weiß, wie man Würste macht, der ißt schon keine.« Dann
hatte er die Gabe, alles, was er sagte, in Reime zu bringen, wenn er
gerade wollte; es wurde keine Hochzeit abgehalten, bei der Ulenvater
nicht seinen Vers sagte, und jedesmal einen anderen. Er hatte Augen, die
hatten gar keine Farbe; wie Wasser sahen sie aus. Die wenigsten Menschen
hielten ihnen stand, und wenn er einen Hund ansah, und war der auch noch
so böse, er machte, daß er fortkam.

Nun stand er da, als wenn er nicht bis drei zählen konnte, griente und
sagte, indem er auf das Schießgewehr wies, das Harm auf den Rücken
hatte: »All wieder nach dem Saufang?« Und dann lachte er lauthals, denn
der Saufang war dicht beim Ulenhofe, und wenn Harm am Saufang war, dann
dauerte es nicht lange und Rose hatte vor dem Hofe zu tun.

Das war auch jetzt so. Als Wulf dort angekommen war und gesehen hatte,
daß der Fang noch aufstand, steckte er drei Finger in den Mund und pfiff
wie der Schwarzspecht. Es dauerte eine Weile, da hörte er hinter sich
ein Geräusch; als er sich umdrehte, sah er bei einer Eiche etwas
Feuerrotes, und das war ein roter Rock, und nun gab es ein Jagen um den
Baum und dann ein Quieken.

»Ach, Junge,« pustete das Mädchen und ihre Brust ging auf und ab, »du
bringst mich ja rein von Atem! Und schickt sich das wohl?« Aber dann
ließ sie sich doch dahinziehen, wo das Moos ganz eben und trocken war,
und ließ sich küssen und küßte wieder, und zählte, wie oft der Kuckuck
rief, denn so lange sollte sie leben; aber er rief bloß zweimal und da
sagte sie: »So ein fauler Hund!« und lachte dabei.

Vom Hofe rief es. Das Mädchen sprang in die Höhe: »Bis heute abend!
Mutter ruft schon. Komm aber nicht vor dem Vesper, denn bis dahin habe
ich alle Hände voll zu tun.« Sie machte sich los und Harm sah ihr
lachend nach, wie sie so flink dahinging, daß der rote Rock wie eine
Flamme hin und her wehte, und ihr Haar, das leuchtete wie eitel Gold
unter der kleinen Mütze, um die die Bindebänder man so flogen.

Ehe sie über das Stegel stieg, sah sie sich noch einmal um; dann war sie
fort und Harm war zumute, als wenn die Sonne nicht mehr so schön schien
und als ob die Vögel lange nicht mehr so lustig sängen; aber dann pfiff
er das Brummelbeerlied durch die Zähne und lachte wieder vor sich hin,
als er über die Haide ging, und seine Augen waren so blau wie der Himmel
über ihm.

Das blieben sie auch bis zur Hochzeit und auf ihr erst recht. Es war
eine große Hochzeit und lustig ging es dabei her, obzwar kein einziger
Mann betrunken war.

Einige Bauern redeten zwar davon, daß es immer gefährlicher im Reich
aussähe, aber was fragte Harm Wulf danach, als er mit seiner jungen Frau
unter Lachen und Juchen in die Dönze geschoben wurde, und nach den
feurigen Männern am Himmel und dem blutenden Brot und den Pest- und
Sterbevögeln? Er nahm seine Rose in den Arm und sagte: »Eine Ule habe
ich gefangen, aber was für eine glatte Ule auch!« Und dann lachte er
über seinen Witz.

Er blieb am Lachen bis auf den Tag, daß seine Rose zu liegen kam, aber
dann lachte er noch mehr, bloß nicht so laut und mehr mit den Augen;
denn ein Junge lag neben ihr, ein Junge, ein Staat von einem Jungen ein
wahrer Bär von einem Jungen, einer von zehn vollwichtigen Pfunden und
ein hübscher Junge von vornherein.

»Ja,« sagte er am dritten Tage zu seiner Frau, die schon wieder Farbe
auf den Backen hatte, »was ist das nun eigentlich, ein Ulenküken oder
ein Wolfslamm?« Und dann lachte er laut über seinen Schnack.

Er lachte, wenn er zur Arbeit ging, er lachte, wenn er von ihr kam. Er
hatte früher auch ein schönes Leben gehabt, aber so, wie es jetzt war,
mit solcher glatten Frau und so einem gesunden Jungen, das war doch ganz
etwas anders! Er konnte sich vor Freude gar nicht bergen, so wählig war
ihm zumute, und wenn ab und zu Reineke oder Marten oder einer von den
anderen Ödringern sich so anstellte, wie eine Krähe, wenn der Fuchs
ankommt, und erzählte, was er in Celle oder Burgdorf oder Peine gehört
hatte: daß nämlich Krieg in der Welt war und es nicht mehr lange dauern
werde, bis daß es auch in der Haide an zu stinken anfange, der
Wulfsbauer pfiff, wenn er säete oder pflügte, das Brummelbeerlied,
dachte an seine Rose und an seinen lüttjen Hermke und daran, wie gut er
es doch getroffen hatte.

Hermke konnte ihm schon an der Hand seiner Mutter entgegentappeln und
»Vater!« rufen, wenn Harm vom Felde kam, und es war so weit, daß er bald
einen Bruder oder eine Schwester bekommen sollte, da ritt der Bauer
eines Morgens nach der Stadt, um seinen Hofzins beim Amte zu bezahlen.
Es war ein schöner Morgen; die Birken an den Straßen waren eben
aufgebrochen, alle Finken schlugen, die Dullerchen sangen und das Bruch
war von oben bis unten rot, denn der Post war am Blühen. Harm setzte
sich in einen schlanken Trab, daß der Sand hinter ihm nur so mülmte,
denn er dachte: »Je eher du in der Stadt bist, desto früher bist du
wieder auf dem Hofe.«

Er kam aber erst am späten Abend nach Hause und er kam zu Fuße an. Als
er nämlich seine Steuern bezahlt hatte und nach dem Kruge vor der Stadt
ging, wo er seinen Falben eingestellt hatte, um das Torgeld zu sparen,
da war dort ein wildes Leben. Ein Mansfelder Feldhauptmann mit einem
Trupp Kriegsvolk war angekommen und es ging hoch her. Die Kerle hatten
alle rote Köpfe von Bier und Schnaps und nun schrien sie und bölkten und
kriejöhlten und machten sich mit den verlaufenen Frauensleuten, die sie
bei sich hatten, allerlei Kurzweil, daß es eine Schande war, das
anzusehen. Die Töchter des Wirts und die Mägde waren übel dran; sogar
die Wirtsfrau, die doch gewiß kein Ansehen mehr hatte, konnte sich vor
den Lümmeln nicht bergen.

Als der Wulfsbauer um das Haus nach dem Stalle gehen wollte, kam ihm ein
Kerl entgegen, der eine rote Feder auf dem Hute und einen
gefährlichen pechschwarzen Schnauzbart unter seiner langen Nase hatte.
Als er den Bauern sah, juchte er laut auf, nahm ihn in den Arm, küßte
ihn auf beide Backen, daß Harm der Schnapsgeruch um die Ohren schlug,
faßte ihn an die Schultern, hielt ihn von sich ab, lachte über sein
ganzes gelbes Gesicht, nahm ihn wieder in den Arm und brüllte:
»Brudderhärz mainiges! Wie lange habben wirr uns nicht gesähenn? Aberr
die Freide, die Freide! Auf das wollen wirr aberr einen trrinkenn!« Er
zog den Bauern, der gar nicht wußte, was er davon halten sollte, unter
das Fenster und schrie: »Frau Wirrtinn, zwei Birr fürr mainen Freind und
mich, wo ich so lange nicht gesähenn habbe.«

Die Großmagd brachte das Bier, aber als der fremde Kerl sie in den Arm
kniff, machte sie Wulf mit den Augen Zeichen, denn sie war eine
Häuslingstochter aus Ödringen, und als der Reiter das Bier hinnehmen
wollte, juchte sie auf und ließ beide Krüge fallen. Der fremde Mensch
schimpfte Mord und Brand, aber da rief der Hauptmann und er mußte fort.
Als Harm schnell machte, daß er weiter kam, winkte ihn Trine Reineke auf
die Diele: »Wulfsbauer,« sagte sie, »um Christi Blut und Wunden, daß du
bloß den Ludervölkern nicht Bescheid tust! Wer Bescheid tut, der ist
angeworben. Kiek, da ist Krischan Bolle, den haben sie schon eingeseift,
den Döllmer! Mit jedwedem hat er auf Bruderschaft angestoßen und nun
hat er den bunten Lappen um den Arm und kann sich morgen für Gott und
den Deubel totschießen lassen.«

Ängstlich sah ihn das hübsche Mädchen, das auf dem Wulfshofe als
Lütjemagd angefangen hatte, in die Augen: »Sieh man bloß zu, daß du
weiter kommst! Je eher daß du fortkommst, je besser ist das für dich.
Das sind ja keine Menschen nicht, das ist das reine Vieh. O Gotte!« Sie
schlug die Schürze vor das Gesicht und weinte los.

»Na, Deern,« beruhigte Harm sie, indem er ihr auf die Schulter schlug,
»das ist alles man ein Übergang. Aber recht hast du, wer hier nichts
verloren hat, soll sich nicht weiter aufhalten.« Er bezahlte die beiden
Krüge Bier, gab dem Mädchen ein Bringgeld und ging nach den Ställen. Da
war es noch toller als vor dem Hause. Sieben Roßknechte, einer noch
schlimmer aussehend als der andre, hielten einen alten Trödeljuden zum
besten, spuckten ihm in die Hände, warfen ihm seine Waren durcheinander
und wollten ihn zwingen, Schweinewurst zu essen. Drei andere stachen
eine Sau ab, einer machte sich mit einem Taternmädchen das knapp zwölf
Jahre alt sein konnte, zu schaffen, ein anderer lag besoffen auf dem
Mist und noch einer hatte einen Hahn in den Händen und drehte ihm den
Hals ab.

»Gottes Wunder,« dachte der Bauer, »was ist das für eine Zucht und
Wirtschaft!« Er drückte sich an den betrunkenen Völkern vorbei und ging
in den Pferdestall. Sein Falber war da, hatte aber ein herrschaftliches
Geschirr um und zwei Mantelsäcke aufgeschnallt. Er schirrte ihn ab,
machte sich ein Halfter aus einem Ende Strick und führte das Pferd aus
dem Stalle. Schon war er meist vom Hofe, da kam ihm ein Reiter, der
einen roten Bart hatte, der ihm bis über den Kragen hing, entgegen und
schnauzte ihn an, wo er mit dem Pferd hinwolle.

»Das ist doch von jeher mein Falber gewesen!« gab ihm der Bauer zurück.
»Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher, daher!« schrie der rotbärtige
Mensch; »wem ist das Pferd hier, diesem Mann da oder Korporal Tillmann
Anspach? Häh? Ruft ihn mal her! Wollen doch mal sehen, wessen Wort mehr
gilt, das von einem ehrlichen Kriegsmann, der für die reine Lehre
fechten tut, oder von so 'nem Bauern, der zu Fuße kommt und zu Pferde
weiter will!«

Harm bekam einen roten Kopf und faßte nach der Hosennaht, wo er das
Messer stecken hatte, aber er besann sich, denn er war einer gegen
anderthalb Dutzend, und nun kam auch der Korporal an, ein Mensch, so
dürr wie ein Bohnenstiefel und mit einer Narbe vom Auge bis zum Kinn,
und hinter ihm noch ein Dutzend Reiter, die alle Gesichter hatten wie
dem Gottseibeiuns seine Vetternschaft.

Als der Korporal hörte, wovon die Rede war, schüttelte er den Kopf, hob
zwei Finger hoch und schwur: »So wahr ich hier auf zwei Beinen stehe,«
und dabei hob er den einen Fuß auf, »verdammigt will ich sein, wenn das
nicht der Falbe ist, den ich zu Martini von Schlome Schmul zu Kölle am
Rhing für dreißig schwere Taler und einen guten Weinkauf erstanden habe.
Darauf will ich leben und sterben, so wahr ich ein getreuer
Christenmensch und kein papistischer Hundsfott bin!«

Harm Wulf sah sich um: er stand zwischen dreißig oder mehr verwogenen
Kerlen, denen es auf eine Handvoll Menschenblut weiter nicht ankam.
Betrunken waren sie ja alle, und wenn er erst auf dem Falben saß und er
gab ihnen die Eisen in die Zähne! Aber der Gaul war schließlich nicht
wert, daß er sich dafür in Not und Gefahr begab, und das Tier hatte eine
dumme Gewohnheit: es stand auf den Pfiff! Sollte es also einem von den
Kerlen in den Kopf kommen, zu flötjen, dann war er der Dumme und seine
Frau konnte auf ihn lauern, bis sie alt und grau war, denn drei, viere
von den Koppelknechten machten schon ihre Messer locker, und das
Frauensmensch da mit dem schwarzen Haare, von dem die Butter nur so
herunterlief, stieß den Kerl, der neben ihr stand, den scheeläugigen mit
den Blatternarben, in einem fort in die Rippen und machte Augen wie ein
Wolf, der Luder wittert.

Harm Wulf lachte mit eins auf. »Kinder und Leute,« juchte er, »das ist
ja hier ein Leben, noch doller als beim Martensmarkt auf der Burg! Da
wird so ein Haidbauer, als wie ich bin, der man alle halbe Jahre einen
fremden Menschen zu sehen kriegt, ganz dösig von im Koppe. Ist ja auch
wahr! Ich habe ja meinen Falben in der Burg! Ja, ja, man soll vor dem
Mittagbrot den Schnaps aus dem Balge lassen. Na, denn nichts für ungut!
Irren ist menschlich, sagte der Hahn, da gab er sich mit der Ente ab.
Und nun wollen wir einen nehmen, daß die Haide wackelt!«

»Kiek sieh,« schrie er lauthals, »da ist ja auch mein alter Freund,«
und damit nahm er den Mann mit dem schwarzen Schnauzbart, der die rote
Feder auf dem Hute stecken hatte, unter den Arm und schrie über den Hof:
»Howingvater, Trine, Deern, hille, hille! Bier her!«

Als die Reiter ihm lachend folgten, warf er einen Reichstaler auf das
Fensterbört und sang: »Ich hab' noch einen Taler, der soll versoffen
sein,« stieß mit jedwedem an und machte seine Witze, aber dabei wahrte
er sich den Rücken, behielt seine Lippen trocken und goß das Bier und
den Schnaps über seine Schulter gegen die Wand.

Die hübsche Trina wußte nicht, wo sie so schnell Bier herkriegen
sollte, so lustig ging es zu. Aber als sie zum achten Male wiederkam,
war der Wulfsbauer nicht mehr da. Er hatte einen Witz von Ulenvaters
quantester Sorte zum besten gegeben, und als die betrunkene Bande vor
Lachen nicht wußte, wo sie bleiben sollte, und einer dem anderen, der
sich auf die Landessprache nicht verstand, verklarte, was der Bauer
gesagt hatte, und sich auf die Reithosen schlug und wie ein Ochse
brüllte, da gab Wulf der Wirtin etwas in das Ohr, und auf einmal schrie
die: »Das Essen ist da! Zum Essen!« Da standen alle auf und Wulf drückte
sich hinter die Bäume.

Er kam glücklich davon. Einen Koppelknecht, der ihm in die Möte kam,
stieß er mit der Faust unter das Herz, daß der Mensch ohne ein Wort in
die Jauche schlug. Der Rotbart fragte ihn: »Brudder, libber Brudder,
trinken wirr noch eins?« aber er gab ihm einen Buff, daß der Kerl mit
dem Kopf in die Hecke schoß, und als das Taternmädchen Hallo schreien
wollte, machte er ein paar Augen und hielt ihr das Messer vor das
Gesicht, daß sie erst so weiß wie ein Bettuch wurde, ihn dann anlachte
und sagte: »Ei a su a starkes Mahn, hiebsches Mahn!« Er aber trat sie
von sich weg und sprang in den Busch, und als er erst dort war, da
verholte er sich, biß die Zähne durcheinander, machte eine Faust und
fluchte: »Ich sollte man bloß, ich sollte man, wenn ich noch ein lediger
Kerl wäre! dann solltet ihr mir den Falben bezahlen, was er wert ist,
ihr Schweinepack!«

Aber als er dann in der Haide war, beruhigte er sich, und als er meist
beim Hofe war und seine Frau ihm entgegenkam, ganz weiß im Gesicht und
ordentlich blau unter den Augen, denn noch keinmal war er so lange
ausgeblieben, da konnte er schon wieder mit dem Munde lachen und ihr
das, was ihm zugestoßen war, so erzählen, als wenn das bloß ein dummer
Spaß gewesen wäre.

Doch als er hinterher in der Butze lag und überdachte, wie es ihm
gegangen war, machte er die Finger an beiden Händen krumm. Wenn er nicht
an seine Frau gedacht hätte, die da neben ihm lag und so ruhig schlief,
als wenn es auf der Welt nichts und weiter nichts als lauter Engel gab,
dann hätte er am liebsten geflucht wie sein Schwiegervater, wenn der
ganz falsch war, loslegte: »Das tote Pferd soll dich schlagen!« hätte er
geflucht.

Aber so lag er da, ohne sich zu rühren, obzwar ihm stickend heiß war.
Den Morgen hatte er noch das Brummelbeerlied durch die Zähne geflötet,
als er nach der Stadt ritt, und jetzt? Jetzt lag er da und dachte an
das Lied, das der rotbärtige dicke Kerl ihm in das Gesicht gebrüllt
hatte, derselbe Kerl, dem er nachher den Heckenstößer gezeigt hatte. Wie
ein unkluges Stück Vieh hatte er gebrüllt:

    Der Mansfeld kommt,
    der Mansfeld kommt,
    der Mansfeld ist schon da,
    truderiderallala,
    jetzt ist der Mansfeld da.




Die Braunschweiger


Am folgenden Tage aber, als der kleine Hermke auf seinen Knieen
Hopphoppreiter machte, ihm die Ohren lang zog und lustig krähte, bekam
er wieder helle Augen, doch als er nachher säete, wollte ihm das, was er
im Kruge belebt hatte, nicht aus dem Sinne.

»Das soll doch mit dem Deubel zugehen,« dachte er, »daß ich dem
hergelaufenen Kerl das Pferd für nichts und wieder nichts lassen soll
und obendrein noch einen ausgeben muß!« Er dachte lange über die Sache
nach und weil er doch auf dem Ulenhofe zu tun hatte, besprach er sich
mit seinem Schwiegervater.

»Tja,« sagte Ulenvater und spuckte in das Feuer, »tja, das ist eine
dummerhaftige Sache. Du kannst den Schaden ja wohl bören, aber ein Pferd
ist doch kein Hühnerei und reichlich gut zum Verschenken. Weißt du was?
Ich habe sowieso in Celle zu tun, und da wollten die Völker ja hin, wie
du sagst. Ich will mal sehen, was sich machen läßt. Ich komme mit den
Herren vom Hofe ganz gut aus, seitdem sich unser Herzog damals hier auf
der Jagd über das wilde Schweinelied halb ungesund gelacht hat.
Vielleicht ist es gut, daß du mitfährst. Heute kann ich nicht, aber
morgen.«

Sie fuhren dann auch am andern Morgen los. Es war wieder ein schöner
Tag; die Lerchen sangen über der Haide und im Bruche flötete der Kolüt.
Die beiden Bauern aber sahen brummig vor sich hin und als sie vor sich
drei Reiter zu Gesicht bekamen, faßte Harm die Zügel fester und
Ulenvater legte die Pistole, die er mitgenommen hatte, neben sich in
das Wagenstroh. Die Reiter aber ritten vorbei, indem sie ihnen nur eben
dankten, als sie ihnen die Tageszeit boten.

Es waren drei Kerle mit Gesichtern, wie sie der Teufel nicht besser
haben kann; der eine konnte seine Augen gar nicht von dem Gespanne
wegkriegen, und als Harm sich umdrehte, sah er, daß sie haltgemacht
hatten und miteinander redeten. Aber dann setzten sie sich in Trab und
ritten quer in die Haide hinein.

Noch allerlei Volk begegnete ihnen; zuerst zwei Landstreicher, dann
drei, dann Tatern, die mit ihrem Planwagen dahergezogen kamen, und in
dem es von nackigten Kindern wimmelte. Eins davon, ein Mädchen, das wohl
schon an die dreizehn Jahre alt war, aber so bloß war wie ein Fisch,
sprang aus dem Wagen und ehe Harm es sich versah, saß es bei ihm auf dem
Sattelpferd und bettelte ihn an und drei, vier andere machten sich bei
Ulenvater im Wagen zu schaffen.

»Das Takelzeug ist noch zäher als wie Hirschläuse,« meinte der
Wulfsbauer, als sie die nackte Gesellschaft abgeschüttelt hatten, und er
setzte hinzu: »Was für Völker jetzt im Lande herumstromen! Eine Schande
ist es, daß da nichts getan wird! Gaudiebe und Vagelbunden sind beinahe
die Herren jetzt. Wenn das so beibleibt, kann es noch gut werden.«

Indem er sich nach den Zigeunern umsah, wurde er gewahr, daß die drei
Reiter umgedreht hatten und hinter ihnen herkamen. Das schien ihm
verdächtig und deshalb ließ er die Pferde ordentlich laufen; so kam er
früher vor der Stadt an, als die Reiter.

Bei dem Tore sah es bunt aus; eine Menge fremden Kriegsvolkes lag dort,
und als die Bauern den Wächter fragten, was das für eine Bewandtnis
habe, hörten sie, daß das allerlei Gesindel war, daß der Halberstädter
Bistumsverwalter Christian von Braunschweig gegen die Kaiserlichen
angeworben hatte. Die Leute hielten sich ziemlich anständig, denn sie
lagen unter den Kanonen der Stadt und eine Abteilung herzoglicher
Kriegsknechte unter einem Hauptmann paßte auf, daß sie keinen Unfug
anstellten. Aber Harm dachte sich, als er sie besah: »Die mehrsten sehen
aus, als wenn sie mit einem Strick um den Hals weggelaufen sind.«

In Celle spannten sie in der Wirtschaft zur goldenen Sonne aus, wo sie
gut bekannt waren, und frühstückten mit vier Bauern aus dem Gau
Flottwede. »Wir werden bald allerlei gewahr werden,« meinte der
Wathlinger Burvogt; »die Wienhäuser Nönnekens haben sich schon dünne
gemacht, denn sonst könnten sie wohl bald ihr Nonnenfleisch losgeworden
sein. In Altencelle haben die Halunken von Kriegsleuten den Bauern mit
Gewalt die Würste und Schinken genommen und sie obendrein mit Schlägen
zugedeckt. Der Vollmeier Pieper in Burg liegt auf den Tod; er wollte es
nicht leiden, daß sie sich an seinen Töchtern vergriffen, und da hat ihm
ein Kerl mit dem Säbel über den Kopf geschlagen, daß der Brägen
herauskam.«

Er sah sich um und flüsterte dann: »Der Kerl, der das getan hat, ist
aber auch verschwunden; es wird gesagt, die Knechte haben ihn um die
Ecke gebracht. In Wathlingen sind auch zwei von den Brüdern
fortgekommen. Meinen Segen haben sie!«

»Das ist das eine,« sagte ein Bauer aus Eicklingen, »das ist das eine.
Seines Lebens ist man nicht mehr sicher, und dazu kommen noch die
Steuern. Der Landtag hat die dreifache Schatzung ausgeschrieben und es
heißt, daß das nicht das letztemal sein soll, denn das Land braucht
jetzt Geld für Soldaten. Ja, das ist wohl so, und das wäre auch noch
auszuhalten, aber dann kommen die fremden Völker und legen uns auch noch
allerlei Lasten auf, das heißt, wenn sie nicht überhaupt nehmen, was sie
kriegen können. Pohlmanns Ludjen haben sie eine milchende Kuh von der
Weide genommen, und als er wenigstens Geld wollte, haben sie ihn
ausgelacht, und als Hein Reimers vom Felde kam, ist er zwei gute Pferde
auf die Art losgeworden. Wenn das so weiter geht, gibt es kein Recht und
kein Gesetz mehr!«

Nun erzählten die Ödringer, weswegen sie nach Celle gekommen waren; aber
alle meinten, sie sollten den Falben ruhig in den Rauchfang schreiben,
denn wenn die Obrigkeit hinter alle solche Sachen hinterfassen sollte,
dann hätte sie viel zu tun. Ul aber meinte, versuchen wollte er es doch
und ging los.

Nach zwei Stunden kam er wieder und ließ den Kopf hängen, wie ein
krankes Huhn. Ganz begossen sah er aus. »Ja, Junge,« sagte er, »ist das
ein Betrieb! Angeschnauzt haben sie mich; ich sollte sie mit solchen
Dummheiten in Ruhe lassen, denn sie hätten Notwendigeres zu tun, als
hinter deinem Pferde herzulaufen. Na, so unrecht haben sie ja nicht,
denn wie mir der zweite Koch erzählte, geht es ja jetzt in der Welt her,
wie in einem Ameisenhaufen, bei dem der Specht zugange ist. Die
Kaiserlichen kommen von der einen, der Braunschweiger und der Durlacher
von der anderen Seite, und was unser regierender Herzog ist, der muß
zusehen, daß er sich nicht dabei die Finger klemmt. Na, Mertens meinte,
Herzog Georg, den sie doch zum Kreisoberst gemacht haben und der an die
zwanzigtausend Mann unter sich hat, der wird schon dafür sorgen, daß sie
uns nicht lebendig schinden. Aber den Falben bist du darum doch quitt.
Tors Pferd soll den Kerl schlagen!«

Er schlug sich Feuer für seine Pfeife, spuckte vor sich hin und sah
seinen Eidam an: »Ich weiß nicht, ich glaube, es geht nicht anders: wir
müssen daran denken, was dein Großvater immer sagte: Helf dir selber,
dann helft dir auch unser Herregott! Denn warum? Die Obrigkeit, die wird
alle Hände voll zu tun haben, daß sie im allgemeinen für Ordnung sorgt,
soweit das angeht; der einzelne Mann muß sich selber wahren. Ich weiß
man nicht, wie wir das anstellen sollen; denn was sollen wir zum
Beispiel machen, wenn solche Galgenvögel, wie sie vor dem Tore liegen,
hundert Stück und mehr, nach Ödringen verschlagen werden?«

»Komm,« meinte er dann, »wollen weg! Hier haben wir ja doch nichts mehr
zu holen.« Er rief den Wirt und bezahlte. »Nanu,« schrie er auf einmal,
»Harm, Junge, was ist denn das?« Und schnell lief er aus der Türe. Als
Harm ihm in den Hof nachging, sah er, daß einer der drei Reiter, die
ihnen am Morgen begegnet waren, das Sattelpferd aus dem Stalle zog.

»Hoho!« rief er und machte das Messer locker, »was soll denn das
heißen?« Der fremde Mann sah ihn an und lachte: »Na, ich kann mir ja
doch wohl das Pferd mal ansehen! Ich habe dem Knecht das ja gesagt und
ihn gefragt, wem es gehörte. Ich bin nämlich Pferdehändler und dein
Pferd hat mir gleich in die Augen gestochen, denn es paßt ganz zu einem,
auf das ich handele, und das würde ein feines herrschaftliches Gespann
geben. Was soll es gelten?«

Der Wulfsbauer schüttelte den Kopf: »Es ist mir nicht feil,« sagte er
und führte es vor den Wagen. »Na, denn nicht; was nicht ist, kann noch
werden. Vielleicht besinnst du dich.« Damit ging der Händler ab.

Die Ödringer sahen ihm mit schiefen Augen nach, und der Wirt schnippte
mit den Fingern. »Tja der,« knurrte er, »der und Pferdehändler! Wer so
billig einkauft, kann es zu was bringen in der Welt. Er kehrt öfter bei
mir ein und verzehren tut er gut, aber ich sehe ihn lieber gehen als
kommen, zum ersten, weil mir seine Augen nicht gefallen können, und dann
weil ich ihn mit Völkern von der Masch zusammengesehen habe, denen jeder
Kerl, der was auf sich hält, aus dem Wege geht. Hanebut heißt er, Jasper
Hanebut, und aus Bothfeld bei Hannover soll er sein, und die er meist
bei sich hat, Hänschen von Roden und Kaspar Reusche, den Brüdern traue
ich auch nicht über den Weg.«

Gerade als sie losfahren wollten, gab es von der Stechbahn her ein
großes Geschrei. Ein Bauer kam zwischen zwei Stadtknechten daher und
hinter ihm ging seine Tochter, ein blasses Mädchen von siebzehn Jahren,
das in ihre Schürze weinte. Der Bauer schimpfte gewaltig: »Verfluchte
Zucht!« schrie er; »totschlagen soll man die Hunde! Ich bin wahrhaftig
keiner, der nicht einen Spaß verträgt, aber was zu viel ist, das ist zu
viel. Ist denn meine Tochter dazu da, daß jeder Lausepelz seinen
Hahnjökel damit treiben kann? Na, so bald tut der Lümmel das nicht
wieder; sein eines Auge paßt ihm in vier Wochen noch nicht wieder in den
Kopf, und es tut mir bloß leid, daß es nicht ganz herausgekommen ist.
Und ich will doch sehen, ob noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist,
und ob wir in einem christlichen Staate leben oder unter Türken und
Heiden!«

Ein Handwerksmeister, den der Wirt kannte, erzählte, was los war. Der
Bauer, der aus Boye war und mit seiner Tochter, die es auf der Brust
hatte, zum Doktor wollte, war zwischen das Halberstädter Kriegsvolk
geraten, und die hatten das Mädchen hergekriegt und abgedrückt, als wenn
es ein Taternfrauenzimmer war. Ihr Vater hatte dann dem einen Kerl eins
mit der Faust ins Gesicht gegeben, daß das Auge gleich vor dem Kopfe
stand, na, und der Ordnung halber mußte die Sache untersucht werden.
»Aber,« setzte der Mann hinzu, »sie werden ihn wohl gleich laufen
lassen; vom Schlosse aus ist den Braunschweigern angesagt worden, wenn
sie nicht in einer Stunde unterwegs sind, dann würden die Leute des
Herzogs sie auf den Trab bringen.« Er sah die Bauern an: »Ich würde an
eurer Stelle noch etwas warten, ehe daß ich losfahre; sie ziehen gerade
ab und gute Laune haben sie just nicht.«

Das schien den Ödringern ein guter Rat zu sein, und so gingen sie mit
dem Manne wieder in die Gaststube. Gerade als die Kastenuhr ausholte, um
die zweite Stunde anzumelden, riß Ul die Augen auf, machte ein Gesicht,
als ob er etwas Schreckliches sah, und sprang auf: »Komm,« rief er,
»jetzt ist es aber Zeit! Wir brauchen ja nicht die Heerstraße zu fahren,
wir können den Dietweg durch die Haide nehmen. Ich habe eine Unruhe auf
dem Leibe, ich weiß nicht, was das mit mir ist. Vielleicht, daß ich mich
habe allzuviel ärgern müssen.«

Sie fuhren also los. Vor dem Tore war es still, bloß daß da noch
allerlei Zigeunervolk lag. Als sie in die Haide einbiegen wollten, rief
es hinter ihnen; drei Bauern aus Engensen kamen angeritten. »Tag!« rief
der älteste, »nehmt uns mit! Wie es heutzutage hergeht, reist man zu
fünfen besser, als zu dreien und zweien. Vorhin sind hier drei Männer
vorbeigeritten, die sahen aus, als wenn sie der Deubel aus dem Holster
verloren hat. Es ist Zeit, daß Herzog Georg mal mit dem engen Kamm über
das Land geht; es hat sich allerlei Ungeziefer angesammelt.« Er drehte
sich um und winkte einem jungen Bauern zu, der die Heerstraße entlang
ritt: »Hinnerk, komm lieber hier, dennso hast du keine Langeweile
unterwegs!« So waren sie selbst sechse, und da jeder eine Pistole und
das große Messer bei sich hatte, brauchten sie sich nicht zu sorgen.

»Wulfsbauer,« sagte der Engenser, »wir können jetzt die Ohren
steifhalten, wir gemeinen Bauern. Bei uns haben wir das schon abgemacht:
Tatern und anderes fremdes Volk, das sich bei uns sehen läßt, das wird
ohne weiteres mit der Peitsche begrüßt, denn die Bande zeigt den
Räubern, denn was anderes sind doch diese Kriegsknechte nicht, bloß den
Weg, wo es was zu holen gibt. In Ehlershausen haben sie vorige Woche
zwei von diesen Kerlen, die ein Pferd von der Weide geholt hatten, in
aller Heimlichkeit aufgehängt und beigerodet. Und das ist ganz recht so:
denn erstens sind es keine richtigen Menschen, und außerdem, warum
bleiben sie nicht, wo sie hingehören?«

Die anderen Bauern nickten, bloß Ulenvater nicht; denn der saß da, sah
mit großen Augen über die Haide, machte einen Mund, wie ein Untier,
murmelte ab und zu etwas vor sich hin, und als Harm ebenfalls über die
Haide sah, denn er dachte, da wäre etwas, da war ihm, als spränge ein
Mann hinter die Krüppelfuhren. Er sagte es Drewes, und der Engenser
achtete auf den Weg und rief mit einem Male: »Kann schon stimmen: hier
sind eins, zwei, drei Reiter hergekommen. Es soll mich wundern, wenn das
nicht die verdächtigen Kerle von vorhin sind. Na, laß sie man kommen!
Wir sind unsrer sechse und dreschen eine gute Nummer.«

Sie taten nun, als ob die Haide ein Garten Gottes war, prahlten und
lachten, hatten aber die Hände an den Pistolen und hielten scharf
Umschau. Sie sahen aber nichts Verdächtiges, bloß, daß mit einem Male
aus den Fuhren drei Hirsche herauspolterten, als wenn die Wölfe dahinter
waren, und als sie an der Stelle vorbeikamen, hörten sie im Busche einen
Hengst wiehern, denn die Ödringer hatten eine Stute als Handpferd, und
die schien rossig werden zu wollen. Sie sahen sich an, prahlten dann
aber bloß noch lauter los und lachten wie unklug, bis auf den Papenbur,
denn der saß ganz still, biß an seinen Lippen herum und sah dahin, wo
Ödringen liegen mußte.

Als sie eine Viertelstunde weiter waren, hörten sie den Hengst wieder
wiehern, und mit eins winkte Drewes die anderen zurück, jagte in die
Haide hinein und es war ihnen, als wenn da etwas lief; ob das nun aber
ein Mensch oder ein Tier war, das konnten sie nicht sehen. Mit einem
Male hörten sie etwas, wie einen Schrei, und dann kam Drewes wieder
angeritten und sagte: »Ich dachte, es wäre ein Wolf.«

Harm, neben dem er ritt, sah ihn sich genau an und da fand er, daß an
dem dicken Krückstock, den der Engenser am Sattel hängen hatte, denn er
hatte rechts ein kurzes Bein, frisches Blut war. Drewes fing den Blick
auf: »Ein Zigeuner, der schon seit einer Stunde neben uns hergestunken
ist. Er hat wohl den Spion für die drei Buschklepper machen sollen, aber
ich habe ihm ordentlich eins ausgewischt. Einer weniger! Anders geht das
nun einmal nicht!«

Wulf gefiel der Engenser nicht mehr so gut. Gewiß, die Tatern waren man
ja halbe Menschen, und Christen waren sie erst recht nicht, wenn sie
ihre Kinder auch in einem weg taufen ließen der Patengulden halber, aber
gleich darauf loszuschlagen, wie auf ein wildes Tier, das wollte Harm
denn doch nicht in den Kopf. Aber er mußte Drewes recht geben, als der
leise zu ihm sagte: »Wenn in jedem Dorfe ein tüchtiger Kerl ist, und der
holt alles zusammen, was sich wehren kann, und ein Dorf hilft dem
anderen, dennso würde das schon gehen. Den Donner auch, wir sind doch
nicht dazu da, daß Hans Hungerdarm und Jans Schmachtlapp mit uns
Schindluder spielt! Das sage ich dir, und so sollte es ein jeder halten:
ehe daß ich mir und meinen Leuten einen Finger ritzen lasse, lieber
will ich bis über die Enkel im Blute gehen! Na, denn adjüs auch!« Er
ritt mit den drei andern nach links ab.

Wulf und Ul waren kaum ein Ende allein weitergefahren, da hörten sie
wieder den Hengst wiehern, und als sie haltmachten, kamen die drei
fremden Reiter langsam hinter ihnen her. »Was die Kerls wohl von uns
wollen?« meinte Ulenvater; »wollen so tun, als wenn an den Strängen was
vertoddert ist, denn wenn sie uns an den Balg wollen, so können wir uns
hinter dem Wagen bergen und sie mit einem guten Schusse begrüßen.« Sie
stiegen also ab und machten sich an dem Geschirr zu tun, während die
Reiter langsam näher kamen.

Als sie meist bei ihnen waren, rief der eine, von dem der Wirt in Celle
gesagt hatte, daß er Hanebut hieß: »Na, willst du das Pferd jetzt
verkaufen?« und dabei hatte er das Gewehr vor sich auf dem Sattel. Wulf
schüttelte den Kopf und sagte: »Es ist mir nicht feil,« und währenddem
stellte er sich hinter das Gespann und hatte die Pistole zur Hand, und
Ul machte es ebenso. »Ich muß das Pferd aber haben, zum Donner noch
einmal!« schrie der Kerl; »also wie ist es damit?« Er machte runde Augen
und hielt das Gewehr mehr nach Wulf hin.

In demselben Augenblicke hörte Wulf, daß die Engenser wieder angeritten
kamen, denn Drewes Sattel piepte auf ganz absonderliche Weise, und da
wollten die Buschklepper fort, aber nun krachte es schon; der eine, der
hinter Hanebut hielt, fiel mit dem Kopfe vornüber, hielt sich aber noch
und jagte hinter den beiden anderen, die die Hasen machten, in die
Haide, stürzte aber bald aus dem Sattel, wurde jedoch von Hanebut
aufgegriffen und hinter sich gezogen, während sein Pferd wie wild hin
und her lief. Hinter ihnen her jagten die Engenser und schossen noch
zweimal.

»Da sind wir ja noch gerade rechtzeitig gekommen, Kinder!« lachte
Drewes, als er zurückkam; »ich drehe mich noch einmal um und sehe die
Lümmel hinter euch herreiten! Na, der eine soll wohl ein schönes
Brägenschülpen haben! Ein Schade, daß sich mir gerade so eine vermuckte
Fliege auf das Korn setzen mußte, als ich losdrückte; dadurch bin ich
ein bißchen zu hoch abgekommen! Aber ein Hauptspaß war es doch, und eine
schöne Hose voll Angst wird das Gesindel wohl mitgenommen haben. Und den
Braunen sind sie auch los!«

Er klappte mit der Zunge und ritt auf das Pferd los: »Na, Hans, komm
doch mal her! So schön!« Er hielt es am Halfter fest und besah es von
allen Seiten. »Das dachte ich mir doch gleich,« meinte er dann; »seht
mal her: ist das nicht Tidke Rundes Marke?« Damit wies er auf das
Zeichen, das der Hengst auf der Schulter hatte. »Na, gekauft ist das
bestimmt nicht, denn als ich vorige Woche von ihm einen Vierjährigen
haben wollte, sagte er, er hätte selbst keinen über, da ihm einer an der
Kolik gefallen ist. Da haben wir uns eine Runde Bier verdient, und die
wollen wir gleich in Ehlershausen im voraus trinken. Hasenjagen macht
eine trockene Leber.«

Im Kruge gab es einen großen Aufstand, als die sechs Bauern mit dem
Hengste ankamen, denn Runde aus Wettmar war schon dagewesen und hatte
erzählt, daß ihm in der Nacht der Braune aus dem Grasgarten gestohlen
war. Es waren eine ganze Menge Bauern aus dem Orte und aus der Umgegend
da, die über die Braunschweiger sprachen. Wo sie hingekommen waren,
hatten sie sich unnütz gemacht, aber da sie bloß hundert Mann stark
waren und die Bauern keine freundlichen Gesichter machten, war es noch
halbwege gut abgegangen, zudem viele davon angetrunken waren und kaum
auf den Beinen stehen konnten. Die letzten waren eben erst abgezogen und
man konnte, da der Wind nach dem Dorfe stand, noch hören, wie sie
brüllten. »Lustige Braunschweiger seind wir«, sangen sie.

Aus der einen Runde sollten zwei werden, aber die Ödringer hatten keine
Ruhe. Ul bekam immer gläunigere Augen, und auch Harm war nicht gut
zumute; je näher er bei seinem Hofe war, um so unheimlicher wurde es
ihm. Als er den Hof meist sehen konnte, kam ihm der Knecht
entgegengelaufen. »Na, was ist los?« rief er ihm zu; denn daß nicht
alles in der Reihe war, merkte er gleich.

»Ach, Bauer,« stotterte der Knecht, »die Frau, es waren von den Biestern
welche auf dem Hofe und die haben die Hühner, die haben sie greifen
wollen, und da kam die Frau und wollte ihnen das wehren. Und da hat sie
der eine Kerl mit dem Gewehr vor den Leib geschlagen, und da liegt sie
nun und ist von sich. Und das Kind, es war ein Mädchen, das ist tot.«

»Junge,« brüllte der Bauer, »und die Bäuerin, wie ist das mit der?« Der
Knecht fuhr zurück und stotterte noch mehr: »Das soll wohl nicht auf
Leben und Tod gehn, sagt Mutter Griebsch; die sagt, das wäre bloß eine
Allmacht von dem Schreck!« Er ging neben dem Bauer her. »Bei Uhre zwei,
da war das, da kamen die Schinder an. Erst wollten sie Bier und dann
Schnaps, und dann ging einer bei die Hühner, und da ist das denn so
gekommen.«

Duwenmutter kam den Bauern in der Halbetüre entgegen: »Man ruhig! sie
schläft jetzt. Vorhin hat sie das Fieber gehabt und immer nach dir
gerufen; aber nachher, da ist sie eingeschlafen und hat gut geschwitzt.«
Sie weinte los: »So'n nüdliches Mädchen, das Lüttje! daß das sterben
mußte, ehe daß es auf der Welt war! Diese Hunde, diese gottverfluchten
Hunde! Bei lebendigem Leibe könnte ich sie brennen sehen! Und die Frau
hat dem Kerl kaum ein böses Wort gesagt. Sie rief man bloß: Doch nicht
die Legehenne! Ich will dir ja gern eine Wurst geben! Und dafür liegt
sie jetzt da und das Kind ist tot!« Sie hob ein Laken auf, das über zwei
zusammengestellten Stühlen lag. »Kiek! da ist es. Es wäre ein schönes
und gesundes Kind geworden.«

Harm sah kaum danach hin. Er hatte die Schuhe ausgezogen und ging nach
der Dönze. Seine Frau schlief; er hörte, daß sie ruhig atmete. Er holte
sich ein Glas Wasser und ein Stück Trockenbrot und setzte sich in den
Backenstuhl neben den Ofen. Die Gedanken gingen ihm im Kopfe hin und
her, wie die Schwalben über der Wiese. Mit der Zeit wurde er ruhiger,
aber an schlafen konnte er nicht denken. »Ja, Drewes hat recht,« dachte
er, »jeder ist sich selber der Nächste. Besser fremdes Blut am Messer,
als ein fremdes Messer im eigenen Blut!«

Ihm war zu Sinne, als müßte er verrückt werden vor Ingrimm. Seine Frau
hatte einer von diesen Kerlen vor den Leib geschlagen, seine Frau, die
keiner Fliege ein Leid antun konnte. Am liebsten hätte er sich wieder
auf das Pferd gesetzt und wäre hinter dem Kerle dreingeritten. Aber das
war ja Unsinn! Es hatte keinen Zweck, daran zu denken, wie schön es
wäre, den Menschen so lange zu würgen und zu schlagen, bis kein Leben
mehr in ihm war.

So saß er die ganze Nacht mit offenen Augen da und sah nach der Butze,
in der seine Frau schlief. Als die Eule laut an zu prahlen fing, rührte
die Bäuerin sich und rief leise: »Harm, Mann!« Da ging er schnell vor
das Bett und nahm ihre Hand in seine, und so blieb er stehen, bis es Tag
wurde. Da setzte er sich wieder in den großen Stuhl und sah vor sich
hin, bis ihm die Augen zufielen. Aber er fuhr sofort wieder in die Höhe
und sah sich wild um, und dann seufzte er und setzte sich wieder.

Er hatte geträumt, er war hinter den Kerlen hergeritten und hatte den
einen, gerade den, den er meinte, angetroffen, wie er daherwankte und
das Braunschweiger Lied sang, und da hatte er ihn von hinten gepackt und
gedümpt, bis er blau im Gesicht wurde und keinen Finger mehr rührte.

Leise ging er aus der Dönze und wusch sich draußen in einem Eimer. Ihm
war, als wollte ihm das Blut aus den Ohren springen, und jedes Haar auf
dem Kopfe kribbelte ihm. Solche bösen Augen hatte er, daß Grieptoo den
Schwanz einzog, als er ihn ansah.

Aber war es nicht auch zum Verrücktwerden? Da lag nun seine Frau und wer
weiß, ob sie am Leben blieb, und der Kerl, der Hund, saß vielleicht
wieder mit dem Bierkrug in der Hand da und sang:

    Herzog Christian hat uns wohl bedacht,
    Bier und Branntwein uns mitgebracht,
    Musikanten zum Spielen,
    schöne Mädchen zum Vergnügen
    bei Bier und bei Wein,
    lust'ge Braunschweiger woll'n wir sein!




Die Weimaraner


Es war von da ab sehr still auf dem Wulfshofe. Die Bäuerin kam langsam
wieder zu Kräften, aber sie wurde lange nicht mehr die lustige Frau von
ehedem; sie blieb blaß und in sich gekehrt und verjagte sich bei jeder
Kleinigkeit.

Der Bauer war auch anders geworden; die Wut und der Ingrimm fraßen ihm
das Herz ab. Er hatte es verlernt, bei der Arbeit zu flöten, und wenn er
lachte, so war das, als ob die Herbstsonne einen Augenblick durch die
Wolken kam.

Es war auch keine Zeit zum Flöten und Lachen. Die Steuern nahmen immer
mehr zu, Bettelvolk aller Art zog im Lande umher, Westfalen,
Friedländer, Lipper, die bis dahin in Ruhe und Frieden gelebt hatten,
aber jetzt mit dem weißen Stocke gehen mußten, weil ihnen die Mansfelder
oder die Braunschweiger alles genommen und ihnen noch dazu das Dach über
dem Kopfe angesteckt hatten.

Schrecklich war es, was die Leute zu erzählen hatten, mehr als ein
Mensch aushalten kann, ohne verrückt zu werden. Harm traf mitten in der
Haide eine Frau an, die sang und betete und lobte Gott für seine Güte.
Er hatte das nicht mit ansehen können und sie mit auf den Hof genommen,
wo sie halbwege wieder zu sich kam. Sie hatte auf einem guten Hofe
gesessen; ihr Mann war zu Tode gequält, ihre drei Töchter und der kleine
Junge auch; da war sie übergeschnappt und in die Welt hineingelaufen.

Sie aß wie ein Wolf und erzählte dazwischen; es war gräßlich anzusehen,
wie sie dabei trockene Augen behielt, in einem fort lachte und wieder
betete und Gott zum Lobe sang. Der Bauer war froh, als sie ging, obzwar
sie ihn von Herzen dauerte, aber die Bäuerin war ganz krank von dem
geworden, was die fremde Frau erzählte, und dreimal fuhr sie in der
Nacht in die Höhe und schrie und beruhigte sich erst wieder, als Harm
ihre Hand nahm und ihr zusprach. Am anderen Tage war sie so elend, daß
sie nicht aus dem Bette konnte, und jedesmal, wenn eine Tür zuschlug,
verjagte sie sich.

Seit der Zeit verbot der Bauer es seinen Leuten, von dem zu reden, was
in der Welt vorging; soweit es sich machen ließ, blieb er auf dem Hofe
und ließ die Feldarbeit den Knechten. So sauer es ihn auch ankam, er
zwang sich zum Lachen und Flöten, denn er merkte, daß das der Frau gut
tat, und bei kleinem wurde es mit ihr besser. Wenn sie dann abends den
Jungen zu Bett brachte und der redete Korn und Kaff durcheinander und
quiekte und lachte, dann konnte sie auch wieder mitlachen; aber es war
doch nicht mehr das Lachen, das sie früher hatte und bei dem es dem
Bauern immer ganz heiß unter dem Brusttuche wurde. Ihr Vater, der sich
jetzt viel auf dem Wulfshofe blicken ließ, gab sich alle Mühe, sie mit
seinen Dummheiten aufzumuntern, aber es war und blieb doch man ein
halbes Werk.

Da das Auspressen und Plündern und das Quälen und Martern kein Ende
nahm, hatten die Bauern rund um das Bruch miteinander abgemacht, sich
gegenseitig bescheid zu geben, damit das Vieh und die Frauensleute
geborgen werden konnten. Alle paar Wochen mußte einer der Knechte
losjagen, wenn von irgendwo schlimme Post kam, oder die Ödringer trieben
Hals über Kopf ihr Vieh in den Burgwall mitten im Bruche und ließen ihre
Frauen und Mägde so lange in den Plaggenhütten, bis die Luft wieder
sauber war. Seinen besten Knecht hatte der Wulfsbauer dabei eingebüßt.
Er war zum nächsten Dorfe geritten, um anzusagen, daß ein Haufen
weimarscher Kriegsknechte auf dem Wege war; am anderen Tage war der
Schimmel wieder da, aber mit Blut auf dem Rücken und einem Streifschuß
am Halse; Katz aber kam nicht wieder.

Bis dahin hatte der Wulfshof unter dem Kriege weniger ausgestanden als
die anderen Höfe in Ödringen, weil er zu sehr abseits lag. Auch
Landstreicher fanden sich deshalb selten hin. Da kam an einem
Herbstmorgen, als es über Nacht zum ersten Male gefroren hatte, ein
Zigeunerweib angebettelt, das ein halbnacktes Kind an der Brust hatte.
Ulenvater wollte den Hund auf sie loslassen, aber seine Tochter und der
Bauer wehrten es ihm. »Vater,« sagte die Bäuerin, »sie hat ein Kind an
der Brust und sieht halb verhungert aus!« Der Alte brummte, als sie der
Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab, und der Altvater
Wulf, der nicht mehr viel sagte, seitdem er sich auf die Leibzucht
begeben hatte, meinte: »Wenn dich das man nicht gereuen wird, Mädchen!«

Am Nachmittage kamen dreißig Weimaraner unter einem Offizier auf den
Hof. Mitten über die Haide, wo kaum ein Weg war, kamen sie, und der
Altvater sagte: »Da haben wir es schon!« Sie verhielten sich ziemlich
anständig, weil es ihnen an Wurst und Brot nicht fehlte und der Offizier
darauf sah, daß sie nüchtern blieben, weil sie noch einen großen Marsch
vorhatten. Aber ob der Bauer sich noch so sehr sträubte, er mußte zwei
Gespanne herleihen, und weil der Knecht von einem Pferd geschlagen war
und ein steifes Knie hatte, mußte Harm selber mit, so schwer ihn das
auch ankam.

Anfangs hieß es, seine Pferde würden bloß bis Burgdorf gebraucht; aber
als man auf der hohen Haide war, kam ein Zigeuner angelaufen, sprach mit
dem Führer und der Zug schwenkte nach Wettmar ab, wo zwei Wagen mit
Hafer standen, die Wulf weiterbringen sollte.

Es war schon meist Abend, als sie in Bissendorf ankamen. Da ging es wild
her; alles lag voll von weimarschen Truppen und es war ein Gebrüll und
Getue, daß Wulf ganz dumm zumute wurde. Der Wirt und die Wirtin sahen
aus, als wenn sie aus dem Grabe geholt waren; der Magd hing das Haar
lose um den Kopf, und Brusttuch und Hemd waren ihr kurz und klein
gerissen, und die Kinder saßen auf einem Haufen hinter dem Backhause und
streichelten den Hund, den einer von den Kerlen totgeschlagen hatte. Bei
ihnen saß der Knecht, hielt sich die Seite und spuckte Blut, denn er
hatte einen Kolbenstoß in die Rippen bekommen, weil er sich für die Magd
aufgeschmissen hatte.

Wulf wartete und wartete, denn der Offizier hatte ihm gesagt: »Seine
Pferde kriegt er wieder.« Es war meist Miternacht, da gab Wulf für einen
Soldaten einen Krug Bier aus, damit der Mann den Offizier an sein Wort
erinnern sollte. Gerade wollte er seinen Geldbeutel wieder einstecken,
da wurde ihm der aus der Hand gerissen und ehe er sich versah, lag er
vor der Türe. Er griff nach seinem Messer, nahm sich aber zusammen und
wartete, bis der Offizier schlafen gehen wollte, und als ein langer
Mann, den die anderen Herr Oberst anredeten, ihm in den Weg kam, nahm er
seinen Hut ab und fragte, ob er jetzt nicht seine Pferde bekommen
könnte.

»Maul halten!« schnauzte der Offizier; »was gehen mich seine Pferde an,
dummes Bauernvieh!« Wulf würgte es im Halse, aber er hielt sich zurück:
»Herr Oberst, der Herr Offizier hat es mir fest und heilig versprochen,
daß ich meine Gespanne wieder haben soll,« sagte er, und er wunderte
sich selbst darüber, daß er das so ruhig sagen konnte. Der Offizier
bekam einen roten Kopf: »Ist er verrückt, dreckiger Lümmel?« schrie er
ihn an; »ist er verrückt? Stellt sich der Kerl mir in den Weg! Weg da!«
Und als der Bauer nicht sofort Platz machte, schlug er ihn mit den
langen gelben Stulphandschuhen, die er in der Hand trug, in das Gesicht,
daß es knallte, und ging an ihm vorbei.

Wulf blieb wie ein Stock an der Wand stehen. Er hörte es kaum, daß ein
Troßknecht ihm sagte: »Krieg ist Krieg und hin ist hin! Tröste dich, wie
ich es getan habe; ich hatte auch einmal Haus und Hof und jetzt bin ich
froh, wenn ich Brot und Bier habe.«

Er ging in den Grasgarten und setzte sich auf einen schrägen Baum. Es
war eine sternklare kalte Nacht, aber der Bauer merkte die Kälte nicht.
Er aß sein Brot und seine Wurst so ruhig wie immer, trank seinen
Schnaps und überlegte, was zu machen war. So saß er da, bis es an zu
schummern fing und es im Hause wieder laut wurde. Die Magd, die Wasser
aus dem Hofe holte, rief ihn an, weil er eine Schüssel Suppe essen
sollte, und das tat er auch.

Der Troßknecht kam auch in das Haus und Harm brachte aus ihm heraus, wo
es hingehen sollte, und auch, daß der Mann, der ihn geschlagen hatte,
ein leibhaftiger Satan und Menschenschinder war. »Der kann dabeistehen
und sich högen, wenn sie ein Mädchen zu Tode quälen,« erzählte der
Knecht und gab einige Stücke zum besten, daß es dem anderen kalt und
heiß durcheinander über den Rücken lief.

Als er weg war, machte der Wulfsbauer sein dümmstes Gesicht und ging
bald hier, bald dahin, gleich als wüßte er nicht, wo er vor Langerweile
bleiben sollte. Auf einem Fensterbört lag ein Pulverhorn und ein
Kugelbeutel; als niemand hinsah, warf er beides über den Zaun unter den
Hollerbusch. Dann sah er sich so lange um, bis er eine Büchse fand, und
die besorgte er auch beiseite. Zuletzt traf er den jungen Offizier, der
bei ihm auf dem Hofe gewesen war; er bat ihn, ihm die Pferde wieder zu
verschaffen. Der junge Mensch, der den Abend zuviel getrunken und sein
ganzes Geld verspielt hatte, zuckte die Achseln und ging an ihm vorüber,
ohne ein Wort zu sagen. Als Harm ihm nachging und ihm sagte: »Ihr habt
es mir doch versprochen!« schrie er: »Hast du noch nicht genug? Scher
dich zum Teufel!« und dabei hob er die Reitpeitsche.

»Wenn nicht, denn nicht!« sagte der Bauer vor sich hin, ließ sich noch
einen Teller Brotsuppe und ein Stück Trockenbrot schenken, denn der
Wirt sagte: »Dein Geld haben die Schweine ja doch bei mir versoffen!«
Als die Luft rein war, steckte er das Pulverhorn und den Kugelbeutel
ein, nahm die Büchse unter seinen Mantel, sah sich um, ob ihn auch
niemand gewahr wurde, und dann drückte er sich von einem Baum zum
andern, bis er weit genug vom Kruge war und in die Haide kam.

Er war ganz ruhig; er wußte, wie er sich bezahlt machen wollte. Ganz
langsam ging er, sich immer in Deckung haltend, im großen Bogen dem
Bruche zu und nach der Straße hin, und da suchte er sich eine Stelle, wo
lauter Torfstiche waren, so daß kein Reiter dort durchkonnte. Da wartete
er, bis es Zeit für ihn wurde.

Hinten in der Haide fiel ein Schuß; im Moore war ein Birkhuhn am
Prahlen; ein Fuchs kam quer über die Straße, kriegte Wind von dem Bauern
und machte kehrt; Krammetsvögel fielen zu Felde; Mäuse piepten in den
Ellernbüschen; eine Elster flog über ihn weg.

Dann blies im Dorfe ein Horn, einmal, zweimal und ein drittes Mal.
»Jetzt, jetzt!« dachte Harm. Es dauerte nicht lange und er hörte das
Gepolter der Wagen, das Klappen der Peitschen, ein Pferd wieherte, eine
Stute; ein Hengst antwortete und dann alle anderen. Der Trompeter blies
ein lustiges Stück, die Reiter sangen; schön hörte sich das an. Wulf
kannte das Lied; er pfiff die Weise vor sich hin, lachte und dachte:
»Gleich, gleich!«

Sie kamen; ein, zwei, drei Reiter, dann ein ganzer Haufen, dann wieder
einer, der Trompeter, dann der Fähnrich, ein dicker Mann mit lustigem
Gesicht, der junge Offizier, neben ihm noch einer; sie erzählten sich
etwas, lachten laut und zielten mit der Hand nach einem Raben, der über
die Straße flog und sofort abschwenkte. Dann kam ein Frauenzimmer
angeritten, an jeder Seite einen Reitknecht. Das war die Person, die der
Oberst bei sich hatte, ein ausnehmend schönes Mädchen. Es drehte sich um
und rief etwas hinter sich.

Und dann kam der Oberst. Er sah aus, als wenn er wenig getrunken und gut
geschlafen hatte; er klopfte mit seiner rechten Hand, die in dem gelben
Stulphandschuh steckte, seinem Apfelschimmel den Hals.

Wulf sah in sich genau an, denn er wollte das Gesicht für immer im
Gedächtnis behalten. Dann nahm er den Mann auf das Korn, gerade in dem
Augenblicke, als der Oberst ihm das volle Gesicht zudrehte. Erst zielte
er auf die Brust, aber dann ging er tiefer und so wie es knallte, sah er
durch das Feuer, daß der Mann beide Arme über sich warf und nach der
Seite klappte, und gleich darauf hörte er ihn schreien: »O Jesus!« und
hinterher quietschte das Frauenzimmer auf.

Aber da war der Bauer schon ein Ende weiter. Er hatte es sich vorher
genau überlegt, wie er es machen mußte, damit ihn keiner zu sehen bekam.
Als das Schreien und Rufen losging und ein Dutzend Schüsse in den
Ellernbusch gefeuert wurden, in dem er gelauert hatte, da hatte er schon
den Abstich und ein tiefes Flatt hinter sich; von einem Birkenbusche
nach dem anderen kriechend kam er zu dem Anberg, von dem aus er nach der
Straße hinsehen konnte.

Er mußte lachen, wie sie da hin und her ritten und durcheinanderjagten,
gerade als wenn sie das zum Vergnügen taten! Und jetzt lachte er
hellwege auf, denn drei Reiter, nein vier, die in das Moor
hineinjagten, waren auf einmal weg und das Wasser spritzte auf.

»Dafür ist es eigentlich heute morgen zu frisch,« sagte er vor sich hin
und schüttelte den Kopf, als noch drei Reiter in das Bruch ritten. Zwei
sanken gleich ein und kehrten um; der eine aber, der einen Schecken
ritt, kam beinahe bis zur Haide, aber da brach das Pferd ein, der Reiter
schlug in den Morast, daß es nur so quatschte, und das Pferd trabte
ledig weiter.

Wulf sprang auf und kroch gebückt von einem Machangelbusch zum anderen,
bis er weit genug war. Er sah noch, daß mehrere Reiter abstiegen und zu
Fuß in das Bruch gingen; dann aber lief er, was er konnte, bis er da
war, wo der Schecke stand, hin und her trat und nicht recht wußte, was
er machen sollte, um aus dem Morast herauszukommen. Als er den Bauern
sah, prustete er freundlich, und in aller Gemächlichkeit konnte Wulf ihn
packen und an einem Busche anbinden.

Er blieb so lange hinter einem Machangel liegen, bis der Zug sich wieder
aufmachte. Ungefähr konnte er zählen, wie viele Pferde es waren. Der
Apfelschimmel ging ledig und das Frauenzimmer war auch nicht mehr
beritten, denn der verrückte rote Hut, den sie aufhatte, war jetzt auf
dem einem Wagen zu sehen.

Der Bauer nickte; er wußte, daß er seine Sache gut gemacht hatte. Er
lauerte so lange, bis der Zug im Walde verschwunden war und dann noch
eine Viertelstunde. Dann ging er vorsichtig dahin, wo er die Büchse
versteckt hatte, lud sie auf das neue und kroch dahin, wo der Reiter so
schwer gestürzt war. Er fand ihn gleich. Der Mann hatte den Kopf unter
der Brust und rührte sich nicht mehr; er hatte sich das Genick
abgestürzt.

Es war kein gemeiner Reiter, sondern ein Wachtmeister. Wulf nahm ihm den
Gürtel ab, schnitt die Jacke auf, und dann lachte er vor sich hin: elf
Dukaten hatte der Kerl in der Rückenbahn eingenäht und sieben auf der
Brust, und in der Tasche hatte er drei Taler und noch mehrere
Schillinge. Zudem hatte er ein sehr schönes Dolchmesser außer dem Säbel
am Gürtel. Das Messer nahm Harm an sich, den Säbel ließ er liegen, aber
die beiden langen Pistolen, die er in der Satteltasche des Pferdes fand,
behielt er.

Als er in dem Halfter noch weißes Brot, eine Flasche Schnaps, ein
gebratenes Huhn und Salz fand, war er vollends zufrieden. Er setzte sich
neben das Pferd, frühstückte in aller Ruhe, gab dem Schecken das Brot,
das er aus Bissendorf mitgenommen hatte, schlug sich die Pfeife an,
rauchte sie langsam zu Ende und ritt dann in schlankem Trabe nach Hause.

Schon von weitem wurde er gewahr, daß seine Frau nach ihm aussah. Sie
lachte und weinte durcheinander, als sie ihn sah: »O Gott, Harm,« rief
sie, »kein Auge habe ich zugetan die ganze Nacht! Gott sei Lob und Dank,
daß du wieder da bist! Was hab' ich mich gebangt! Aber wo hast du den
Schecken her? Und wo sind unsere Pferde?«

Ihr Mann lachte lustig auf: »Ja, Mädchen, die habe ich ihnen lassen
müssen; aber ich habe sie gut bezahlt gekriegt. Sieh mal!« Er hielt ihr
das Geld hin. »Aber jetzt bin ich hungrig wie ein Wolf; solchen Hunger
habe ich lange nicht gehabt. Gestern bin ich vor Ärger nicht zu meinem
Rechte gekommen. Was macht denn der Junge? Und hat sich sonst nichts
Besonderes begeben? Um so besser.«

Er war so aufgekratzt und hatte so blanke Augen, daß seine Frau sich
über ihn wundern mußte, und die Angst, die sie den Tag vorher und die
Nacht gehabt hatte, schlug bei ihr in lauter Freude um. So wurde es ein
Tag, wie er auf dem Hofe lange nicht mehr gewesen war, so viel Lachen
und Flöten gab es. Harm trug seinen Jungen Huckepack, ließ ihn auf den
Knien reiten und sang ihm dazu das Lied vor, das der Trompeter den
Morgen geblasen hatte.

Ein Reiter kam auf den Hof; es war Drewes. »Hast du das Neueste schon
gehört?« fragte er Wulf leise und grieflachte dabei wie ein
Scharfrichter. »Heute morgen ist der Weimarsche Oberst, oder was er
sonst ist, hinter Bissendorf bei der alten Wolfskuhle aus dem Busche
totgeschossen. Das heißt, ganz tot ist er nicht gleich gewesen; sie
haben ihn noch bis Hope gefahren und da ist ihm die Puste ausgegangen.
Ich habe die Geschichte in Mellendorf gehört. Und ein Wachtmeister und
ein Reiter sind noch dazu im Bruche ersoffen, als sie hinter dem
Scharfschützen hersuchten. Die Döllmer! hätten da wegbleiben sollen!«

Er sah den Wulfsbauern von der Seite an: »Deine Pferde bist du
losgeworden, habe ich gehört. Der Knecht sagt, du hast sie gut bezahlt
gekriegt. Das ist ja das reine Wunder! Mir haben sie zwei vor dem Pfluge
weggenommen und noch nicht einmal ein Gottvergelts dafür gegeben.
Schönes Wetter heute! Ich glaube aber, daß es über Nacht umschlägt. Na
adjüs auch!«

Er tat so, als ob er gehen wollte, drehte sich aber noch einmal um: »Na,
ekelst du dich jetzt noch vor mir, daß ich mir damals den Krückstock
blutig gerissen habe? Sei man ruhig, brauchst nichts zu sagen, und ich
will auch nichts gesagt haben! Geschäft ist Geschäft. Wir sind keine
Leute, die sich etwas schenken lassen, aber umsonst geben wir auch
nichts her. Und daß du es weißt: übermorgen wollen wir darüber sprechen,
wie es jetzt hier werden soll. Einer für alle und alle für einen muß es
heißen, sonst gehen wir allesamt vor die Hunde. In Wettmar haben die
Schandkerle zwei Bauerntöchter mit Gewalt verunehrt, in Berghof haben
sie einen Häusling so mit Schlägen zugedeckt, daß der Mann daran
gestorben ist. Deshalb wollen wir auf dem Hingstberge zusammenkommen,
übermorgen um Uhre neune, von jedem Dorfe um das Bruch herum einer oder
zwei. Für Ödringen mußt du kommen, denn der Burvogt hat seinen bösen
Husten.

»So, was ich noch sagen wollte! Die Schwefelbande, die gestern in
Bissendorf lag, kommt hier nicht wieder her. Sie sind froh, wenn sie
erst hier weg sind, denn der papistische General, Till oder so ähnlich
heißt er, ist ihnen auf der Naht. Wollen hoffen, daß er hier nicht
vorbeikommt. Addern und Schnaken sind zweierlei, aber Gift haben sie
alle beide.«

Er sah ihn von der Seite an: »Also brauchst du keine Bange zu haben, daß
sie das Geschäft reut, und daß du das Geld wieder hergeben mußt, und den
Schecken, den du zugekriegt hast. Aber das Pferd sieht zu dummerhaftig
aus; ich würde es ein bißchen auffärben, sonst lachen dich die Leute
aus, wenn du damit pflügst, und sagen: der Wulfsbauer pflügt jetzt mit
seiner schwarzbunten Kuh! Na, denn also bis übermorgen!«

Damit ging er. Harm tat, wie Drewes ihm geraten hatte, und am Abend war
der Schecke ein Rappe. Er war kaum mit der Arbeit fertig, da war der
Engenser wieder da. »Mensch,« sagte er, »du mußt mithelfen. Eben kommt
von Wiekenberg Botschaft, daß an die dreißig Kerle durch das Bruch
ziehen. In Wiekenberg haben sie einen Hof angesteckt und die Leute lahm
und krumm geschlagen. So fünfzig bis sechzig Leute kriegen wir zusammen.
Auf auf zum fröhlichen Jagen!«

Der Wulfsbauer machte ein verdrießliches Gesicht; er hatte geglaubt,
sich so recht ausschlafen zu können, und nun konnte er wieder die Nacht
um die Ohren schlagen und wie ein Wolf im Busche liegen. Und dann seine
Frau, so lustig war sie seit langer Zeit nicht gewesen. Ihre Augen
lachten man so, wenn sie ihn ansah, und Backen hatte sie wie damals, ehe
ihr das Unglück zustieß. Außerdem, wer weiß, wohin die Leute, von denen
Drewes redete, zogen? Und schließlich: sie hatten ihm ja nichts getan!
Das mit dem Obersten, das war etwas anderes; der hatte ihn in das
Gesicht geschlagen! Aber aus dem Hinterhalte Leute über den Haufen
schießen, mit denen er gar nichts vorgehabt hatte, das war ihm nicht
nach der Mütze.

»Weißt du was, Drewes?« sagte er, »ich kann den Kopp nicht halten; ich
habe die ganze Nacht draußen aufgesessen und den Tag über in Moor und
Haide zugebracht. Und meine Frau, du weißt ja, wie die ist! Zum ersten
Male seit damals ist sie wieder wie vordem; heute kann ich nicht von ihr
fort. Ich habe genug Sorge um sie gehabt das ganze Jahr. Und ob ich nun
mit dabei bin oder nicht, davon wird der Brei auch nicht dicker, zumal
ich kein Pferd habe, auf das ich mich verlassen kann. Laß mich dabei
lieber weg, heute wenigstens!«

Der Engenser sah ihn von der Seite an. »Ist wahr, du siehst aus, als
wenn dir der Kopp nach dem Bette hängt. Na, wir werden auch so mit ihnen
fertig werden. Vielleicht, daß du morgen früh nachkommst, denn wir
wollen gleich los, damit wir sie vor Tau und Tag in die Mache kriegen.
Aber das nächstemal rechnen wir auf dich. Bedenke, wenn du uns nicht
hilfst, meinst du, daß ein anderer für dich die Finger rühren wird? Du
hast doch schon genug ausgestanden, als daß du noch erst warten willst,
bis dir wieder einer was tut, ehe du zuschlägst. Tote Füchse beißen
nicht mehr! Aber wie du willst. Und denn adjüs auch!«

Harm wurde ordentlich das Herz leicht, als Drewes fort war, und als er
in das Haus ging, pfiff er das Lied vor sich hin, das die Reiter den
Morgen gesungen hatten:

    Nichts Schönres kann mich erfreuen,
    als wenn der Sommer angeht;
    da blühen die Rosen im Garten,
    ju ja im Garten;
    Trompeter, die blasen ins Feld.




Die Marodebrüder


Es war keine schlechte Jagd gewesen, die die Bauern gemacht hatten. Als
der Nebel in die Höhe ging, hatten sie die Bande ankommen sehen. Sie
warteten, bis sie sie mitten im nassen Bruche hatten, und dann schossen
sie sie zusammen wie eingelappte Hirsche; nicht einer kam gesund davon.
Zweiundzwanzig waren es, die dalagen, alte Kerle mit Gesichtern wie
Leder, und junge Burschen, die wie Milch und Blut aussahen. Einer von
ihnen, den Drewes übergeritten hatte, hatte geschrien: »Erbarmen! Meine
Mutter!« Aber das hatte ihm nichts geholfen; der Engenser schlug ihn tot
und schrie: »Junge Katzen kratzen auch!«

Er lachte, als er dem Wulfsbauern das erzählte, als wäre es bloß ein
Spaß gewesen, und seine breiten weißen Zähne blänkerten man so. »Ja,
diesmal hat's geschlumpt,« griente er. »Und für umsonst haben wir die
Arbeit nicht getan,« warf er hinterher; »auf meinen Teil sind allein elf
harte Taler gekommen. Ein Schade, daß es keine Reiter waren! ein paar
billige Pferde, die hätten mir schon gepaßt. Und nun will ich nach
Hause, sonst kriege ich es mit meiner Altschen zu tun.« Er schüttelte
sich und Harm lachte, denn er wußte, daß Christel Drewes ein Maulwerk
hatte, gegen das keiner ankonnte.

Rose rief Harm zum Essen; das Herz lachte ihm im Leibe, als er sie
ansah. Das Leben war schön, trotz alledem! Und endlich mußte es doch
wieder Frieden werden; die hohen Herren mußten es doch leid werden, das
Kriegsspielen, das sie ein Heidengeld kostete und viel Menschen dazu.
Was man so bei Wege hörte, war ja auch zu schrecklich: überall Mord und
Brand und Pest und Hungersnot. Da war es im Bruche doch noch besser.
Krieg ist Krieg und beim Gänserupfen fliegen Federn. Das ist einmal
nicht anders!

So dachte der Bauer und freute sich über seine glatte Frau und den
Jungen, der von Tag zu Tag niedlicher wurde und alle Augenblicke ein
paar Wörter mehr konnte. Er dachte: »Wenn erst noch ein Kind da ist und
Rose mehr Arbeit damit hat, dann wird sie über alles eher fortkommen.«
So wurde es denn auch. Es kam ein kleines Mädchen an, ein kräftiges und
gesundes Kind, und nun wurde die Frau wieder, wie sie früher war.

Der Krieg war zwar immer noch nicht zu Ende, aber auf dem Wulfshofe
merkte man von ihm beinahe nichts. Ab und zu kamen Truppen durch das
Land, bald von dieser, bald von jener Art, und dann ging es da, wo sie
herzogen, nicht sauber zu; mehr als einmal war am Tage Rauch und am
Abend ein roter Schein über dem Bruche zu sehen.

Hin und wieder ließen sich auch Marodebrüder und Parteigänger blicken,
sahen sich aber sehr vor; denn das Bruch war bei allen Landstreichern
verrufen. Hin ging mancher, aber her kam so leicht keiner; denn Drewes
hatte einen richtigen Kundschafterdienst zugange gebracht, und sobald
das Horn rief, liefen die Bauern zusammen und Gnade Gott, wen sie
fingen! Das Bruch konnte schlimme Geschichten erzählen, aber es schwieg.
Bloß die Warnzinken, die die Zigeuner an allen Feldsteinhaufen und
Wahrbäumen angebracht hatten, und manches blanke Goldstück, mancher
harte Taler, den die Bauern im Kasten hatten, manches Pferd, das in
ihren Ställen stand, und die Pistolen, Spieße, Kugelbüchsen, Säbel und
Dolche, die in allen Dönzen hingen, sprachen von den Männern, deren
Eigentum sie einst waren und über deren Knochen jetzt Moorerde lag und
Kraut wuchs.

Einige Jahre trieben die Bauern das so in aller Stille; jeder Mann wußte
darum, aber keiner sprach darüber. Drewes führte eine harte Hand und es
hieß, daß der Häusling Metjen aus Ehlershausen, der in dem Verdachte
stand, es mit den Tillyschen gehalten zu haben, indem er ihnen den Weg
durch das Bruch gewiesen hatte, und der drei Tage darauf vor seinem
Hause mit einer Wiede um den Hals im Apfelbaume hing, von Drewes und
zwei anderen Bauern dahingebracht war.

Es war ein prachtvoller Vorherbsttag, als der Wulfsbauer Nachricht
bekam, er solle bei vier Uhr am Hingstberge sein; es war die dreifache
Schatzung auch für die Knechte und Mägde ausgeschrieben, und darüber
sollte verhandelt werden, wurde ihm gemeldet. Es war so warm, daß ihm
der blanke Schweiß unter dem Hute herauslief, als er durch das Bruch
ritt. Unter dem blauen Himmel flog ein Adler in die Runde; bald war er
silbern, bald sah er wie Gold aus. Hier und da war die Haide noch am
Blühen und alle Augenblicke flog ein Haufen von kleinen Vögeln über das
Bruch und zwitscherte.

Harm holte tief Luft und während er so dahinritt, flötete er sein
Leiblied vor sich hin und dachte: »Bei achte, wenn die Kinder schlafen
gehen, bist du wieder zurück.« Er freute sich, wenn er daran dachte, wie
sie gnickern und quietschen würden, wenn er sie kitzelte.

Am Hingstberge waren an die hundert Bauern zusammen. Sie standen in
kleinen Haufen um das alte Heidengrab und sprachen vom Wetter und über
das Vieh, oder saßen am Boden und vesperten oder rauchten. Drewes hatte
es sich auf einem der großen Steine bequem gemacht; er hielt die Pfeife
zwischen den Zähnen und schnitt Kerben in seinen Schwarzdornkrückstock.
So genau machte er das, als wenn es darauf ankam, daß eine nicht anders
als die übrigen war. Als er den Ödringer abspringen sah, nickte er ihm
zu und sagte: »Feines Grummetwetter heute! Eigentlich zu schade zum
Verklöhnen; aber es mußte sein, denn wir haben wichtige
Angelegenheiten.«

Nach einer Viertelstunde sagte er dem Knecht, den er bei sich hatte:
»Jetzt sind sie wohl alle da; man zu!« Da blies der Junge dreimal in das
Horn. Jeder hörte auf zu reden oder zu essen und machte, daß er nach dem
alten Heidengrabe kam, auf dem Drewes stand, sich auf seinen Stock
stützte und sich so lange umsah, bis alles Reden aufhörte.

»Liebe Freunde,« fing er an, »ich habe euch heute etwas zu sagen, das
euch glatt heruntergehen wird. Wir haben schwere Jahre hinter uns, und
wer weiß, was noch kommt. Es ist so, als ob unser Herrgott für eine
Weile die Herrschaft abgegeben hat und nun hat der leibhaftige Satan das
Leit in der Hand. Hier am Bruche ist es noch halbwege gegangen. Der eine
oder der andere von uns hat ja Haare lassen müssen, manch einer auch
ein Stück Fell und womöglich Fleisch und Blut, aber anderswo ist es
gräsig hergegangen. Was der Mansfelder schonte oder der Braunschweiger,
der ja nun seinen Lohn gekriegt hat, denn im Westfälischen hat ihn der
Till oder wie er heißt, geweift, daß seine mehrsten Leute ihr eigen Blut
gesoffen haben, ja, wo war ich doch? ach so: oder ob es die Kaiserlichen
sind, die Papisten und Ligisten, sie sind von ein und derselben
Boshaftigkeit. Nicht Frauen noch Kinder sind sicher vor den Hunden.«

Er sah Mann um Mann an: »Ein jeder Mensch, und ist er noch so arm, Frau
und Kinder sind ihm ans Herz gewachsen, und an Haus und Hof hängt er.
Wir wollen dafür sorgen, und so weit es sich hat machen lassen, haben
wir es schon getan,« und damit zeigte er auf das Bruch und lachte und
die Männer lachten alle leise. »Aber bislang mußten wir uns heimlich
unserer Haut wehren, mußten wie die Strauchdiebe uns herumdrücken, wenn
wir das Gesindel, das sich hier herumtrieb, los sein wollten, und einer
konnte dem anderen nicht mehr gerade in die Augen sehen. Von jetzt ab
können wir das frei tun.«

Er hob seinen Stock hoch und zeigte die Kerben daran. »Seht her! ich
habe einhundertundsiebzehn Kerben hier eingeschnitten, zweiunddreißig
auf der einen und die übrigen auf der anderen Seite. Die fünfundachtzig
Kerben bedeuten, daß ich mitgeholfen habe, fünfundachtzig Landstreicher,
Gaudiebe, Tatern und Marodebrüder und einen verräterischen Hund
dahinzubringen, wo sie von Gottes und Rechtes wegen hingehören, unter
die Erde nämlich, daß die Würmer sie fressen, wenn sie sich davor nicht
ekeln. Die zweiunddreißig Kerben aber, meine Freunde, die bedeuten, daß
ich zweiunddreißig Menschen von dieser Art mit meiner eigenen Hand
beiseite gebracht habe.«

Er holte tief Luft, wischte sich mit der Hand über die Stirn und sprach
leiser: »Unser Herrgott wird mir das vergeben. Auge um Auge, Zahn um
Zahn, so lehrt uns die Schrift. Wir sind hier keine Räuber und Mörder,
aber wenn der Wolf uns über das Weidevieh kommt und der Marder uns an
die Hühner geht, dann besinnen wir uns nicht lange. Ich habe bis zu dem
Tage, daß das Schinden hier losging, keinem Menschen einen Schlag
gegeben, seitdem ich die Jungenshosen aushabe, und lieber wäre es mir,
ich hätte reine Finger. Aber was sein muß, muß sein, und ich schlafe so
gut als wie vordem, und ich glaube, es ist keiner unter uns, der das von
sich nicht auch sagen kann.«

Er sah die Männer der Reihe nach an und plinkte dem einen oder anderen,
der ihm blanke Augen machte, besonders zu. »Eins aber, meine lieben
Freunde,« ging er weiter in seiner Rede, »das drückte uns doch dabei.
Was wir taten, mußten wir tun, aber es war uns nicht nach der Mütze, daß
wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs,« er nahm den Hut ab und
alle taten es ihm nach, »tun mußten. Von heute ab,« und er sprach heller
und lachte dabei, »ist das anders, denn unser lieber Herr Herzog, den
Gott erhalten möge, hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, daß wir
uns so gut wehren sollen, wie wir irgend können, und alle Hundsfötter,
die hier nicht hergehören, totschießen wie tolle Hunde.«

Er lachte, daß man seine großen Zähne sah: »Na, an uns soll es nicht
fehlen, daß unser Herr Herzog seinen Willen kriegt! Lieber wäre es uns
ja, wir könnten so leben wie früher, unsere Arbeit in Frieden tun und
Gott loben. Aber das ist nun einmal nicht anders und darum sage ich
euch: was nicht hierher gehört, was im Lande herumzieht und raubt und
stiehlt, was Menschen schindet und Häuser ansteckt, das ist Raubzeug und
muß auch so behandelt werden. Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut
um Blut, daran wollen wir festhalten, auf daß es uns gut geht und wir
lange leben auf Erden!«

Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesichte und schloß: »So, nun wißt
ihr, wie ihr dran seid. Und ich denke, meine lieben Freunde, es ist
nicht mehr als recht, wenn ich euch bitte, es mir nachzutun,« und dabei
nahm er seinen Hut ab, hielt ihn hoch und schrie: »Lang lebe unser
Herzog Christian, unser allergnädigster Herr!«

Die Krähen, die über das Bruch flogen, schwenkten zur Seite, so schrien
die Männer. Alle hatten sie blanke Augen, als sie zu Drewes gingen und
ihm sagten: »Drewsbur, das war aber eine Rede! Besser kann es unser Herr
Pastor nicht.« Aber dann horchten sie wieder auf, denn die Wiekenberger
erzählten, daß es überall von Kriegsvölkern wimmelte, von Dänen und
Ligisten und von Mansfeldern und Braunschweigern, die der Tilly und der
Waldstein hin und her jagten wie der Hund die Hühner, und die es mit
Brennen und Morden schlimmer trieben als vorher.

Was eigentlich los war, wußte so recht keiner. Der eine sagte: »Die
Dänen wollen uns das Land nehmen,« die anderen: »Nein, es ist, daß wir
wieder papistisch werden sollen,« und etliche meinten, der Kaiser hätte
da nichts mit zu tun, der lebe da unten und frage den Teufel danach, was
anderswo vor sich gehe. Der Waldstein und der Tilly wollten sich bloß
bereichern an Land und Bargeld; darauf laufe alles hinaus.

Der Wulfsbauer hatte wohl gefunden, daß Drewes ganz ausgezeichnet
geredet hatte und daß er in allem recht hatte, aber so ganz war er nicht
bei der Sache; er dachte an seine Frau und die Kinder und daß es
bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten, damit er es nicht
verpasse, wenn die Kröten zu Bette gebracht würden. Er mußte lachen,
wenn er daran dachte, wie Hermken ihn nach dem Mittag so bei den Ohren
gerissen hatte, daß es ordentlich weh tat.

Er ritt mit Klaus Hennecke, dem Sohne des Vorstehers, nach Hause. Die
Luft war weich und warm; die Kiebitze riefen im Grunde und in der Höhe
meldeten sich die Regenpfeifer.

Klaus fing endlich zu reden an: »Mit unserem Vater wird es immer
schlimmer; er liegt jetzt schon die achte Woche. Ich glaube, dieses Mal
kommt er nicht wieder durch!« Er sah über das Bruch. »Kiek, was ist denn
das da für eine putzwunderliche Wolke über Ödringen? I, das sieht ja
meist wie Rauch aus! Aber es ist doch wohl bloß eine Wolke.«

Der Ansicht war Harm auch; aber als sie den Bogen um die Torfkuhlen
machten und unter den Wind kamen, prusteten beide Pferde auf einmal los
und wurden unruhig, so daß die beiden Bauern meinten, sie witterten
einen Wolf. Als sie aber ein Ende weiter waren, hielt Hennecke an,
schnüffelte und meinte: »Das riecht gewiß und wahrhaftig nach Rauch! Am
Ende haben die Lörke von Hütejungens wieder einen Unsinn angestellt.«
Harm mußte ihm recht geben, denn es roch nach Rauch, aber er dachte sich
weiter nichts dabei.

Zuletzt rochen sie aber nichts mehr, denn der Wind ging unter dem Holze
anders. So wie sie aber in der hohen Haide waren, roch es wieder
stärker, und als sie die krausen Fuhren hinter sich hatten und oben auf
dem Anberge waren, schrien sie wie aus einem Munde: »O Gotte!« Denn da,
wo Ödringen lag, war die ganze Luft schwarz.

Sie sahen sich an; einer sah so käsig aus wie der andere. Ohne ein Wort
zu sagen, ließen sie die Pferde schneller laufen. Der Brandgeruch wurde
immer schlimmer, und was ihnen noch schwerer auf das Herz fiel, das war,
daß das Grummet auf den Wiesen noch genau so lag, wie nach dem Mittag,
als sie vorbeigeritten waren. Sie jagten, was die Pferde hergeben
wollten, und als sie aus dem Walde kamen, hielten sie und zitterten am
ganzen Leibe. Vor ihnen auf dem Wege lag der Kuhhirt tot auf dem Rücken
und sein Hund schnüffelte an ihm herum.

Sie sprangen ab und sahen sich Tönnes an; er hatte einen Schnitt über
den ganzen Hals. Sie zogen ihn beiseite und dann horchten sie nach dem
Dorfe hin. Da war es ganz still, nur die Kahkrähen lärmten über den
Eichen. Sie gingen Schritt für Schritt näher, die eine Hand am Messer
und die andere am Zügel. Im Wege lag eine zerbrochene Steingutflasche,
wie sie im Dorfe keiner hatte. Weiterhin fanden sie einen blutigen
Lappen und daneben ein Stück Wurst. Sie hielten an und horchten: Nichts
war zu hören, keine menschliche Stimme war zu vernehmen, kein Stück Vieh
brüllte, kein Hahn gackerte, kein Hund bellte.

So kamen sie an den Reinkenhof. Der stand noch, aber die Fenster waren
eingeschlagen, die Türen standen offen, Bettfedern lagen überall
verstreut und Stroh und Heu und Hafer. Im Hause war alles kurz und klein
geschlagen. Im Flett ging die gelbbunte Katze umher und quarrte
gottsjämmerlich. Die Dönze sah aus als wie ein Schweinestall; voller
Unrat war sie. Kein Stuhl war mehr heil, kein Teller mehr ganz. Im
Grasgarten lagen der Kopf und die Beine und die Kaldaunen von einem
rotbunten Kalbe und daneben das Spinnrad, aber in lauter Stücken.

Klaus und Harm sprachen kein Wort. Sie kamen nach Hingstmanns Hof. Da
sah es genau so aus, nur daß quer über der Deele der Hütejunge tot
dalag; er hatte ein tiefes Loch in der Stirn. Bei Mertens war es nicht
anders und auf dem Henkenhofe desgleichen, bloß daß da wenigstens keine
Leiche zu finden war. Auch auf den anderen Höfen war geplündert und
alles entzweigeschlagen, aber die Bauern schienen rechtzeitig Wind
bekommen zu haben, so daß sie sich hatten bergen können.

Mit einem Male sah sich der Wulfsbauer wild um und rief: »Ja, aber wo
brennt es denn? Heiliger Gott!« Er saß auf und jagte davon und hinter
ihm her jagte Klaus Hennecke. Quer durch die Haide ritten sie, und je
weiter sie kamen, um so mehr roch es nach Rauch, und dann hielt Harm
Wulf an und sprang ab und machte ein Gesicht, als ob er losweinen wollte
und sah dahin, wo sein Hof gestanden hatte, denn da war alles ein Rauch
und ein Qualm, bloß daß hier und da eine Flamme zu sehen war.

»Wawawas ist dededenn dadas?« stotterte er. Ihm war, als ob er kein
bißchen Kraft mehr in den Beinen hatte, so daß er Klaus an den Arm
fassen mußte. Und dann schrie er: »Rose, Rose!« Er lief um die
Brandstätte herum, in den Grasgarten hinein, sah in den Sod, kletterte
auf den brennenden Balken hin und her, sah gegen Himmel, schüttelte den
Kopf und sagte mit einem Lachen, bei dem es Hennecke kalt überlief: »In
der Burg, sie wird in der Burg sein!«

Klaus nickte: »Ja, das glaube ich auch. Da werden sie wohl alle
miteinander hin sein und das Vieh auch. Und der Junge von Hingstmanns
und Tönnes, die werden allein noch draußen gewesen sein, und da mußte es
ihnen so gehen. Wollen nach der Burg gehen, und wenn sie da nicht sind,
dann müssen wir, ja, am besten ist es wohl, wir reiten dann zuerst nach
Engensen; auf dem Drewshofe kriegen wir am ersten Bescheid.«

Sie saßen auf und ritten über die Haide und durch die Fuhren und von da
in das Bruch hinein. Es schummerte schon, als sie dort ankamen; der Uhu
flog über sie hinweg und als er im Walde war, schrie er hohl. Der Nebel
stand dick hinter den Torfstichen, in der Luft klingelten die Enten und
in den Wiesen schreckten die Rehe.

Keiner sprach ein Wort; ab und zu hielten sie an und horchten dahin, wo
der alte Burgwall lag, und dann sahen sie wieder vor sich auf den Weg,
dem man es anmerkte, daß Menschen und Vieh frisch darauf gegangen waren.
In der Wohld war es so duster, daß sie absteigen mußten. Hin und her
ging es, bald nach rechts, dann geradeaus, dann halb links und so in
einem fort. Ab und zu polterte eine Taube vor ihnen weg, oder ein Stück
Wild brach durch das Holz. Dann blieben sie stehen und horchten. Aber
immer und immer hörten sie keine Stimme und kein Kuhgebrüll.

Endlich war es ihnen, als ob sie ein Licht vor sich sahen, und als sie
stehen blieben, hörten sie, daß ihnen gegenüber ein Stück Vieh am
Brüllen war. Dann knackte ein Büchsenhahn und hinterher noch einer, und
eine Stimme, es war die des jungen Bolle, rief ihnen halblaut zu: »Wer
da?« Harm flüsterte ihm zu: »Wir sind es, Harm und Klaus. Wo ist meine
Frau?«

Atze Bolle würgte, als er etwas im Halse hatte, und brummte dann: »Komm
man erst nach der Burg! Ich habe hier Wache und weiß nicht, wer alles da
ist. Es ging ja Hals über Kopf heute, denn wir mußten machen, daß uns
das Gesindel nicht kriegte. Aber Ulenvater, den habe ich vorhin gesehen,
ehe daß ich wegging.«

»Na, was ist denn das?« meinte er, als etwas Schwarzes an ihm
vorbeisprang. Es war Harms Hund. Er stellte sich wie unklug an, bellte
und jaulte durcheinander, sprang an dem Bauern in die Höhe, leckte ihm
die Hände, lief vor und bellte, kam wieder zurück und mit einem Male
setzte er sich hin und heulte so schrecklich, daß Bolle rief: »Ruhig,
Teebe!«

Der erste Mensch, den Wulf sah, als er in den Wall kam, war die
Reinkenbäuerin. So wie sie ihn zu Gesichte bekam, schrie sie auf: »O
Gotte, Wulfsbur!« und dann fing sie an zu weinen. »Was ist?« schrie
Harm, »wo ist Rose?« Aber die Frau weinte, daß es sie stieß, und brachte
kein Wort heraus.

Harm sah hin und her, aber wo er einen Menschen ansah, der ging schnell
zurück. Endlich fand er seinen Schwiegervater. »Wo ist Rose?« brachte er
eben noch heraus, denn er war ganz heiser vor Angst. Der alte Mann hatte
ein Gesicht, als wäre er aus dem Grabe genommen. »Ja, Junge,« sagte er
und faßte Harm an beide Hände, »ja, Junge,« und dabei fing er bitterlich
an zu weinen, »unsere Rose ist bei unserem Herrgott!«

Harm machte eine Bewegung, als wollte er ihm an den Hals springen: »Was
sagst du? tot?« Er fing an zu lachen. »Das ist ja, das kann ja, aber so
rede doch, kein einer sagt mir, wo Rose ist!« Und dann rief er mit einer
Stimme, die sich anhörte, als ob sie zersprungen war, durch den ganzen
Wall: »Rose, Rose, wo bist du?«

Neben ihm stand Hingstmann: »Ruhig, Mensch, Renneckenvater liegt im
Sterben. Und die Horstmannsche hat vor Aufregung etwas Lüttjes gekriegt
und es geht ihr nicht gut.« Er hielt ihm die Flasche hin: »Trink erst
mal!« Aber Wulf stieß ihn zurück: »Ich will wissen, was mit meiner Frau
los ist, will ich wissen! Und wo sind die Kinder? Mein Hermken und das
Lüttje? Kinder und Leute, so tut doch endlich einer das Maul auf!«

Es kamen noch zwei Bauern. »Ja, einmal muß er es doch wissen,« sagte
Mertens. Er legte ihm die Hand auf die Schulter: »Ja, Harm, was hilft
das alles? Deine liebe Frau ist nicht mehr am Leben; sie ist im Hause
geblieben. Und die Kinder auch. Und dein Vater auch und der eine Knecht
und ebenso die beiden Mädchen. Weiß der Teufel, wie die beistigen Hunde
zu allererst nach dir hingefunden haben, wo dein Hof doch so ablegen
ist?«

Harm sah von einem zum anderen; er sah aus wie ein Kind, das sich vor
dem Hunde nicht von der Stelle traut. Seine Hände gingen an seinen Hosen
auf und ab, seine Lippen beberten, der kalte Schweiß stand ihm vor der
Stirn; jeder konnte hören, wie ihm das Herz im Leibe arbeitete und wie
ihm die Luft nicht zum Halse herauswollte. Endlich quälte er heraus:
»Ja, sind sie verbrannt, oder was ist?«

Die Männer sahen weg, schließlich sagte Horstmann: »Wir wissen da alle
weiter nichts von. Der einzigste Mensch, der am Leben geblieben ist, das
ist Thedel. Aber der ist ja wohl ganz von Sinnen geworden; der sitzt da
hinten beim Feuer und grient und sieht in einem fort das Messer an, das
er in der Hand hat.«

Harm stürzte mehr, als er ging, dahin, wo er den Knecht sitzen sah. Als
er vor ihm stand, lachte der ihm in das Gesicht und wies ihm das Messer;
aber mit einem Male ließ er es fallen, schlug beide Hände vor den Kopf
und heulte los. Der Bauer schüttelte ihn. »Junge, denn sag' du es mir
doch, was sich nun eigentlich begeben hat! Kein einer Mensch will was
davon wissen.« Er setzte sich neben ihn und legte ihm die Hand über den
Hals. »Nun los!« befahl er.

Der Knecht sah ihn zuerst an, als ob er ihn noch kein eines Mal gesehen
hatte, und dann fing er an: »Sie sind alle tot, alle miteinander. Die
Frau ist tot und Hinnerk ist tot und Hermken ist tot und das Lüttje auch
und Trina ist tot und der Altvater ist tot und meine Schwester Alheid
ist auch tot. Alle sind tot, bloß ich nicht. Ich war im Busche Holz
machen und vor dem Hauen habe ich nichts gehört, als bis daß es zu spät
war, denn sie sind aus dem Bruche gekommen.«

Sehr viel konnte er auch nicht erzählen, denn das meiste war schon
vorüber, als er zurückkam. Aber das wenige, was er gesehen hatte, das
war so, daß er von dem Bauern abrücken mußte, denn der hatte ein Gesicht
und ein paar Augen darin, daß es ihm kalt im Genick wurde. Aber der
Bauer sagte: »Weiter, man weiter, ich will alles wissen,« und nur ab und
zu stöhnte er oder schnatterte mit dem Munde, daß Thedel seine Zähne
klappern hörte.

Als er alles aus ihm heraus hatte, sagte er: »Ja, Thedel, ich und du,
das ist nun der ganze Wulfshof. Was willst du jetzt machen? Willst du
einen anderen Dienst annehmen oder willst du bei mir bleiben? Denn,
versteh mich recht, Bauer will ich jetzt nicht mehr spielen; wo der
Teufel geerntet hat, habe ich keine Lusten mehr, zu pflügen und zu säen.
Aber,« setzte er nach einer kleinen Weile zu, »wo sind die Mordbrenner
denn hin?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Quer über die Haide sind sie und bei der
Schirmfuhre haben sie sich geteilt. Was die Tatern sind, die sind auf
Berghof zu, und die anderen, die mögen wohl nach Celle hin sein, denn da
wollten sie hin, hat mir der Mann gesagt.«

»Welcher Mann?« fuhr ihm der Bauer dazwischen. Der Junge grieflachte
abscheulich. »Der sich an deinem Honigbier so scheußlich besoffen hat,
daß er nicht aus der Stelle konnte und in der Haide liegen blieb und
schlief.«

»Na, und wo ist er jetzt?« fuhr es Wulf heraus. »Der mag da wohl noch
liegen,« griente der Knecht. »Wieso noch liegen?« fragte der Bauer
weiter. Der andere lachte über das ganze Gesicht: »Na, weil ich ihm, als
er wie ein Faß dalag, die Hände und die Füße zusammengebunden habe und
denn auch, weil er, als er sich vernüchtert hatte und ich aus ihm heraus
hatte, was ich wissen wollte, wohl nicht viel Leben in sich behalten
hat.«

Der Bauer lachte böse: »Was hast du mit ihm angefangen, Thedel?« Und
sein Lachen wurde noch tückischer, als der Knecht ihm das Messer wies
und ihm erzählte, was er mit dem Manne gemacht hatte. »Denn,« sagte er,
»es war der Schlimmsten einer. Gerade der ist es gewesen, der meine
Schwester umgebracht hat, er und das heilige Kreuz und der Säugling. Und
die müssen auch noch daran, sage ich, oder ich will keinen seligen Tod
haben!«

Der Bauer sah ihn dumm an: »Heiliges Kreuz? Säugling? Was heißt das?«
Thedel erzählte: »Als meist alles vorbei war und die mehrsten besoffen
waren wie die Schweine, bin ich auf allen vieren hinter dem Hagen
hergekrochen und da sah ich einen Kerl, der war so lang, wie ich noch
keinen Menschen gesehen habe, und der hatte einen ganz kleinen Kopf wie
ein Kind und auch genau solche Stimme, wenn er das Maul auftat, und
keinen Bart hatte er auch nicht, und zu dem sagten sie Säugling. Und der
andere, der war so kurz und dick wie ein Krautfaß, und er hatte einen
fuchsigen Knebelbart und zwei Narben im Gesicht, so dick wie ein Finger
und so rot wie ein Hahnenkamm, die eine von der Stirn bis in das Maul
und die andere von einem Ohr bis an das andere, just so, daß es wie ein
Kreuz aussah, und deswegen schimpften sie ihn wohl auch Heiliges Kreuz.«

Er sah vor sich hin: »Die beiden haben meine Schwester hingemartert; ich
habe es gehört, wie sie darüber ihre Witze machten, die beiden und der
andere, der besoffen in der Haide liegen blieb. Na, dem habe ich es
besorgt! Ich hatte ihm das Maul zugestoppt, denn ich dachte: wenn er an
zu bölken fängt und die anderen hören es, dann läufst du am Ende dumm
an. Die beiden anderen haben noch eine ganze Weile hinter ihm
hergeflötjet, bis es ihnen zu langweilig geworden ist. Ich bin bloß
neugierig, ob er morgen früh noch am Leben ist!«

Mitten im Reden schlief er ein. Der Bauer deckte ihm einen Mantel über
und dabei sah er, daß der Knecht so ruhig schlief, wie immer. Er mußte
noch oft hinsehen; wie ein Kind, das keiner Fliege wehtun konnte, sah er
aus. Er war der einzige Mensch im ganzen Dorfe, der es nicht mit ansehen
konnte, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, und dabei hatte er den
Mordbrenner geschunden, wie der Henkersknecht einen armen Sünder.

»Recht hat er getan!« dachte der Bauer; »Schimpf um Schimpf, Schlag um
Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.« Er sah in das Feuer und sah darin
einen langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer dünnen Stimme, und
einen anderen, kurz und dick wie ein Faß und mit zwei Narben im Gesicht,
die über Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen
Händen, alte Lappen in den Mäulern und Angstschweiß auf der Stirn, und
er stand davor, trat sie mit Füßen und hielt ihnen sein Messer vor die
Augen.

Lange saß er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male
wurden ihm die Augen naß. In einer von den Plaggenhütten weinte ein Kind
und eine Frau sang:

    Eia wiwi,
    keen slöppt denn nu bi mi?
    Wi willt dat nu ganz anners maaken,
    Heini schall in de Eia slaapen,
    eia wiwi.




Die Bruchbauern


Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen
eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar
nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte,
wo er war.

Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht
vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte.
Hingstmann, der gerade vorbeikam, verjagte sich, als er ihn sah, denn
der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein
Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.

»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin;
»das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber
Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und
Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst
für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie
wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge griente in
einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.

»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim
Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?«
Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es
kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald
wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht
gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so
geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so
weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern
Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und
Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch.
Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas
Tabak über?«

Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er
Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er
dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht
mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich
mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich
fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen
werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der
Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte
mir im Wege sein!«

Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen
nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug
wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und
Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich
solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen;
er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt
ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher,
denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste
wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da
finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und
die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer
und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle
hin.«

Der alte Mann nickte. »Ja, wir haben gestern ganz dasselbe gesagt. Das
Vieh haben wir ja noch, die Pferde auch, und das beste wird sein,
solange als wie der Krieg dauert, wirtschaften wir in einen Pott, so
sauer uns das auch ankommen wird. Aber du solltest doch lieber hier
bleiben; was willst du in der weiten Welt? Sieh mal, Junge, das Unglück
ist geschehen, und ich trage ebenso schwer daran wie du. Eine Frau
kriegst du schließlich wieder, ich aber keine Tochter. Du hast noch ein
ganzes Leben vor dir, mit mir ist das anders. Und doch bleibe ich hier,
wo ich geboren bin.«

Der andere schüttelte den Kopf. »Wiederkommen tue ich, so wie ich es
kann. Aber ich habe einen Eid vor mir selber geschworen und dabei muß
ich bleiben. Und überdies, hier würde ich verrückt werden, wo ich bei
jedem Schritt und Tritt daran denken muß, wie es früher war.« Er rief
den Knecht heran: »Zeig mal dein Messer her!« Der Junge griente und zog
es aus der Scheide. »So, ist gut; leg' dich man schlafen, morgen früh
wollen wir los!«

Er sah Ul an. »Der Mann, der Alheid umgebracht hat, lebt nicht mehr;
Thedel hat es ihm besorgt und die Wölfe. Heute morgen haben wir ihn
beigerodet unter der breiten Fuhre hinter meinem Hof. Es liegen
allerlei Steine auf der Stelle. Aber zwei von den Schandkerlen sind noch
am Leben und sollten sie sich hierher verlaufen, ein ganz unmenschlich
langer mit weißen Haaren, aber noch ein junger Kerl, und einen unklug
kleinen Kopf hat er und eine Stimme, als wie ein Kind, und dann noch
einer, so kurz und dick, als wie ein Faß mit einem fuchsigen Knebelbart
und zwei Narben im Gesicht, so breit, wie ein Finger und ganz rot, die
eine von der Stirn bis in das Maul und die andere von einem Ohr zum
andern, daß es wie ein Kreuz aussieht und darum heißt der Kerl auch das
heilige Kreuz und der andere der Säugling. Wenn die sich hier blicken
lassen, die dürft ihr nicht totschlagen; lebendig will ich sie haben,
hörst du. Denn von Zeit zu Zeit komme ich wieder.«

Es wurde aber völlig Herbst, ehe daß er wiederkam. Bolles Bernd, der an
dem Tage die Wache auf dem Halloberge hatte, sagte gerade zu Mertens
Gerd, der ihm Gesellschaft leistete: »Wie schön die Birkenbäume bloßig
aussehen! als wie das reine Gold!« Dann machte er einen langen Hals, wie
ein Birkhahn, stieß Gerd in die Rippen und sagte: »Was ist denn das da
im Bullenbruche? Das ist ja gerade, als wenn das ein Reiter zu Pferde
ist! Gewiß und wahrhaftig, es ist einer. Sogar zwei sind es!«

Er barg sich hinter den Büschen und winkte Gerd, und als sie bei den
dicken Fuhren waren, nahm er das lange Horn vor den Mund und blies laut
los, so daß ein Hase, der unter einem Haidbusche geschlafen hatte, wie
albern herausschoß und den Pattweg entlang lief. Dreimal blies der Junge
in das Horn, und jedesmal auf eine andere Art, und nach einer Weile zum
vierten Male und so laut und lang, daß es auf eine halbe Meile in der
Runde zu hören war.

»Aufpassen tun sie,« sagte Harm Wulf zu Thedel; »wir müssen uns zu
erkennen geben, denn sonst könnten wir am Ende eine Handvoll Hackblei in
die Rippen kriegen, ehe wir uns das vermuten. Zeig ihnen, daß du es auch
noch kannst!« Der Knecht nahm das kleine Horn, das er am Sattel hängen
hatte, wischte sich über den Mund, gremsterte und spuckte und dann blies
er nach dem Halloberge hin. Von dem Berge kam eine kurze Antwort zurück,
die Thedel ebenso zurückgab.

»Das hört sich just so an,« meinte Bernd, »als ob das Niehusthedel ist,
der da bläst; aber was hat der für Zeug an? Der sieht ja leibhaftig aus
wie ein Kriegsmann! Was hältst du davon?« Der andere legte die Hand vor
die Augen, als er hinter dem Busche hersah: »Ja, er ist es, das ist
sicher. Und der andere, das ist der Wulfsbur. Ich hätte ihn beinahe
nicht gekannt, solchen Bart hat er sich wachsen lassen. Na, denn so muß
ich wieder abblasen.«

Er nahm das Horn wieder hoch, aber der andere wehrte es ihm: »Wart' man
erst!« Sie blieben in Deckung stehen, bis die Reiter ganz nahe heran
waren. Erst dann trat er vor und rief: »Na, wieder zurück von der Reise,
Harm? Und du auch, Thedel? Meist hätten wir euch nicht gekannt, so wie
ihr ausseht. Aber jetzt blase ab, Gerd!« rief er dem Jungen zu, der
etwas abseits stand und über das ganze Gesicht lachte, denn Thedel war
sein guter Freund, und der Wulfsbauer hatte ihm einmal das Leben
gerettet, als er auf dem Pumpe durch das Eis gebrochen war. Er setzte
das Horn wieder an und blies dreimal auf eine andere Art.

»Dennso können wir ja frühstücken,« meinte der Wulfsbauer, als er aus
dem Sattel war, zu Thedel; »mach die Pferde an und gib die Holster her!
Ihr könnt mithalten; wir haben reichlich.« Er packte aus: da waren
Würste und dicke Scheiben Schinken und Braten und eine halbe gebratene
Gans, ein großes Stück Käse, zweierlei Brot und eine große Blechflasche.
Die anderen machten lange Augen.

»Lebt ihr immer so?« Harm lachte: »Mehrstens! aber nehmt man dreiste an,
es ist nicht geraubt und nicht gestohlen, das heißt, von uns nicht, denn
die drei Marodebrüder, denen wir das gestern abnahmen, werden es wohl
nicht mit barem Gelde bezahlt haben. Aber wie sieht es in Ödringen aus?«

Bolle hob die Faust, in der er das Messer hatte, auf und ließ sie auf
den Boden fallen. »Ödringen?« er zuckte die Achseln, »Ödringen, das gibt
es nicht mehr. Alles ein Schutt und ein Müll!« Als der Wulfsbauer und
Thedel ihn ansahen, erzählte er: »Drei Wochen lang war alles ruhig, da
zogen einige wieder hin, Hingstmanns und Eickhofs und Bostelmann und
Bruns auch. Die andern rieten ihnen ab, aber sie wollten ja nicht hören.
Und den einen Abend, wir waren gerade dabei, das letzte Grummet
einzuholen, da sahen wir über dem Dorfe einen hellichten Schein und bald
darauf kam Tidke, du weißt doch, der Hütejunge bei Hingstmanns, und der
erzählte, daß zwei Taternweiber einer Bande von Mordbrennern den Weg
gewiesen haben, und kein einer Mensch ist lebendig geblieben.«

Er machte einen bösen Mund, lachte dann und erzählte weiter: »Tidke
hatte gewacht, weil das eine Fohlen krank war, und so konnte er sich
bergen. Die anderen sind meist im Schlafe umgebracht. Alle Hunde lagen
tot da; die Taternweiber werden ihnen Gift hingeworfen haben.« Er
schnitt von dem Brot, das er in der Hand hatte, ein Stück ab, steckte es
in den Mund, stippte ein Stück Braten in die Salzdose und steckte es
auch in den Mund, und als er beides auf hatte, fuhr er fort:

»Wir sind in der Nacht gleich losgeritten und haben von überall Hilfe
geholt; wir waren unser achtzig und nüchtern, und die Bluthunde knapp
dreißig und besoffen. Es ist keiner von ihnen am Leben geblieben. So
Stücker zwanzig schossen und schlugen wir gleich tot, als sie über die
Magethaide kamen und in das Düsterbrok wollten, und die anderen, es
waren zehn oder elf, die fingen wir lebendig und nahmen sie in das Bruch
mit.«

Er sah erst Harm und dann Thedel an, nickte mit dem Kopfe und griente:
»Und dann hielten wir Gericht über sie ab. Tidke mußte bei jedem
angeben, was damit gemacht werden sollte, weil er doch gewissermaßen
darüber zu sagen hatte, denn seiner Mutter, sie war schon über siebzig,
hatten sie auch den Hals abgeschnitten. Alle haben sie geschrien wie die
Wilden, und gebetet und gebettelt haben sie, als es ihnen an den Schluck
ging, bis auf das eine Taternfrauenzimmer, die junge, die eigentlich
ganz glatt aussah bis auf die gelbe Haut und das schwarze Haar, denn das
war ein Beist und schimpfte bloß, als wir sie aufhingen, und biß um
sich, wie ein Fuchs, der im Eisen sitzt. Aber geholfen hat ihr das
nichts, denn Tidke sagte: Die hat Bruns lüttjen Jungen mit den Kopf
gegen den Dössel geschlagen! Erst sollte sie bloß nackigt ausgezogen
werden und durchgepeitscht, aber als wir das hörten, hingen wir sie zu
alleroberst an die Eiche!«

Er lachte lustig: »Wie der olle Baum aussah, sage ich dir, als die elf
Galgenvögel daranhingen! Ulenvater sagte: Das ist ja ordentlich, als
wenn wir ein Mastjahr haben! Und gelohnt hat es sich auch; über
zweihundert Dukaten hatten die Völker bei sich.«

Als sie mit dem Frühstücke fertig waren, brach Harm mit Thedel auf. Sie
ritten erst nach Ödringen. Da stand kein Haus mehr; alle Höfe waren
aufgebrannt. »Ich habe es ihnen ja vorausgesagt, daß es so kommen
mußte,« sagte der Bauer; »aber schrecklich ist es doch; das schöne Dorf!
Komm, ich kann das nicht mit ansehen. Und alle tot, alle! Hingstmanns
und Bruns und Eickhoffs und Bostelmann und Klausmutter auch. Wie oft hat
sie mir nicht einen Apfel mitgegeben für Hermken, denn sie hatte da
einen Baum, so schöne Äpfel hatten wir alle nicht. Es ist zum
Gotterbarmen!«

Als sie vor dem Bruche waren, hielten sie, und Thedel mußte blasen. Es
dauerte wohl eine Viertelstunde, da kam Klaus Henneke mit einem Knecht
hinter den Büschen hervor. Beide hatten scharf gemacht und hatten ein
wahres Ungetüm von einem Hund bei sich. Harm rief sie mit Namen an, und
da kamen sie näher, aber erst, als sie dicht bei ihnen waren, sicherten
sie ihre Büchsen und riefen den Hund an.

Klaus freute sich aufrichtig, als er Harm sah. »Ich dachte all, du wärst
nicht mehr am Leben! Ja, hier hat sich allerlei geändert. Unser Vater
ist tot und unsere Mutter ist ihm bald nachgefolgt. Das ist kein Leben
für solche alten Leute, wie wir es jetzt hier im Bruche haben; die Wölfe
haben es besser. Ein paar von den Knechten sind schon ausgerückt und
unter das Volk gegangen. Verdenken kann es ihnen auch keiner, denn wer
will hier in Busch und Braken herumliegen und Rindenbrot und Wurzeln
essen. An Fleisch mangelt es ja nicht, denn wir schießen und fangen so
manchen Hirsch und manches wilde Schwein, aber ein Leben ist das nicht,
so wie das jetzt ist. Man kommt auf ganz dummerhaftige Gedanken dabei.
Mertensvater hat sich all' aufgehängt!«

Dem Wulfsbauer, dem das wilde Leben im Lande das Herz verhärtet hatte,
zog sich dennoch die Brust zusammen, als er nach dem Peerhobsberge kam.
»Du lieber Gott im Himmel, wie sehen die Leute aus!« dachte er; »und
wohnen tun sie schlechter als das Vieh!« Aus Fuhren und Plaggen hatten
sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit Reet und Risch bedeckt;
auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus
Ellernholz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern
hatte rote Backen und dicke Beine, und die Männer hatten Augen, so
falsch wie die Buschkater.

Aber sie freuten sich doch alle, als sie die beiden ankommen sahen, denn
es war doch wieder einmal eine Abwechslung in dem elenden Leben. Die
großen Bauern, die Thedel bislang bloß von der Seite angesehen hatten,
konnten ihn nicht genug ausfragen. Doch der Knecht, der in seinem
ledernen Wams und den hohen Krempstiefeln wie ein Kriegsmann aussah, gab
nicht viel von sich. »Ja, was ist da viel zu erzählen? Wir haben so viel
Elend gesehen, daß es nicht zu sagen ist. Stellenweise müssen sie Wachen
vor die Kirchhöfe stellen, damit das verhungerte Volk nicht die Toten
auffrißt. Vor Peine haben wir gesehen, wie ein Kerl gerädert wurde, der
Kinder gestohlen hat, und die hat er dann geschlachtet und gebraten, und
als wir durch Groß Goltern kamen, waren gerade die Ligisten
durchgezogen, und die hatten das ganze Dorf angesteckt und Feuer an den
Kirchturm gelegt, so daß dreiunddreißig Menschen, Groß und Klein,
umgekommen sind. Meist schlugen wir uns auf eigene Kanne Bier durch;
mitunter taten wir uns auch mit den redlichen Bauern, die in den Wäldern
lagen, zusammen, und gingen gegen das Gesindel an. Im großen Freien
haben wir in einer Stunde achtundvierzig Stück von der Welt gebracht.
Aber der Hauptspaß war doch im Kalenbergischen; da waren wir unserer
dreihundert und haben sie gehetzt, wie der Hund den Hasen. Das war ganz
großartig, sag ich euch!«

Gerade wollte er weiter erzählen, da hörten sie es rufen: »Jeduch,
jeduch, jeduch!« Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: »Paßt
auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd!« So war es auch. Drewes aus
Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann
stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum
Hingstberge kommen. »Kommst du mit?« fragten die anderen Harm. »Na ob!«
sagte der und lachte; »der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen
haben. Und Thedel bleibt auch nicht hier, das könnt ihr glauben. Der
Junge kann treffen, sage ich euch!«

Es waren über anderthalb Hundert Bauern und Knechte am Hingstberge
zusammen, als der Wulfsbauer mit dem Knechte ankam. Sie standen aber
nicht da und lachten und schwatzten, wie an jenem Tage, als die
Marodebrüder über den Wulfshof kamen; sie sprachen leise miteinander und
sahen mit schiefen Augen um sich. Sie waren auch nicht wie rechtliche
Bauern anzusehen, sondern mehr wie Kriegsknechte und Wegelagerer. Alle
hatten sie Büchsen in der Hand und Spieße über den Rücken, und zum
wenigsten eine Pistole im Gürtel und einen Säbel oder einen langen
Dolch. Die meisten trugen auch Bärte und sahen überhaupt wenig
rechtschaffen aus, bis auf Drewes, der sich ganz trug wie vordem.

Der Ödringer erschrak ordentlich, als der Engenser sich umdrehte und er
ihm ins Gesicht sehen konnte. Das war ja ein alter Mann geworden! Ganz
gelb war er im Gesicht und hatte eine Falte bei der anderen. »Nee,«
sagte ein Bauer aus Wettmar, als Wulf ihn fragte, ob Drewes krank
gewesen war, »nee, krank war er nicht, aber er ist Witmann geworden. Du
hast sie ja gekannt, seine Christel, sie und ihr Maulwerk! Na, das hat
sie ja auch das Leben gekostet, denn als ihr ein paar dänische Soldaten
die Würste und die Schinken vom Wiem holten, machte sie ihnen eine
solche Schande, daß der eine sie mit dem Säbel über den Döz schlug und
das konnte sie nun doch nicht vertragen. Wir dachten alle, Drewes wird
heilsfroh sein, daß er sie los ist, und sich eine Junge und Hübsche
suchen. Wie man sich aber irren kann: in drei Wochen ist der Mann um
zwanzig Jahre älter geworden! Es ist ein Jammer, und wir merken es auch,
denn so wie früher legt er sich nicht mehr für das allgemeine Wohl ins
Zeug. Die beste Kraft ist aus ihm heraus; er ist wie verregnetes Heu
geworden.«

Das merkte Wulf, als Drewes an zu reden fing. Schon wie er so dastand,
auf den dicken Schlehbuschstock gestützt, sah man, daß er nicht mehr der
Alte war; was er sprach, hatte Hand und Fuß wie vordem, aber es war doch
nicht der alte Mut darin; dritter Schnitt war es, ohne Saft und Kraft.

»Liebe Freunde,« fing er an, »in dieser Zeit hat mancher von uns zum
lieben Gott gebetet: unser täglich Brot gib uns heute! Der Herr hat
unser Gebet erhört; er schickt uns Brot. Jeder tue das Seine, daß dieser
Tag uns zum Gedeihen anschlage! Was im einzelnen zu machen ist, wird ein
jeder von seinem Obmann gewahr werden. Eins noch will ich euch sagen:
ich sehe unseren Freund aus Ödringen, den Wulfsbur, unter uns. Ich
denke, ihr seid es alle zufrieden, daß er in dieser Sache das Leit in
die Hand nimmt; er wird uns darin wohl gern zu willen sein.« Die Bauern
nickten. »Eins noch,« so schloß der Engenser seine Rede, »gebe ich euch
zu bedenken: haltet euch genau an die Befehle und seht euch vor, daß die
Pferde gesund bleiben! Die meisten werden aus der Nachbarschaft sein.
Und nun Gott befohlen!«

Die Obmänner und Drewes stellten sich um Wulf. »Meine Meinung ist die,«
fing Jasper Winkelmann aus Fuhrberg an, »wir müssen sie zwischen uns
kriegen, und das geht am besten in den hohen Fuhren vor dem Bruche. Also
muß ein Teil abwarten, bis sie vorbei sind, und ein Teil vor ihnen sein,
damit sie nicht wegkönnen, und die anderen müssen rechts und links vom
Wege die Begleitmannschaft bilden, und das müssen alles junge Kerle
sein, die leise treten und sich schnell hinter dem Gebüsche bergen
können.« Er machte mit seinem Stocke Striche in den Sand: »Seht her, so
meine ich das! Hier ist der Zug, das da sind unsere Leute, die hinter
ihnen sind, und das da, die, die vor ihnen sind, und hier sind wir, die
wir nebenher gehen. Sobald sie nun mitten in den hohen Fuhren sind,
fangen wir an zu tuten und zu schießen, und ihr da kommt ihnen von oben
und unten über den Hals. Natürlich muß bei jedem Haufen einer sein, der
sich genau auf das Blasen versteht, damit wir nicht in den Bröddel
kommen.«

Die allgemeine Meinung war, daß es so am besten war, und so teilten sich
erst die älteren Leute in zwei Abteilungen und zogen ab, und dann die
jüngeren. Der Wulfsbauer nahm die Seite nach dem Bruche zu, weil er da
am besten Bescheid wußte. Erst gingen sie alle auf einen Haufen und
redeten halblaut, dann ging einer hinter dem anderen und das Reden hörte
auf.

Wulf ging voran, neben ihm schlich Thedel, hinter ihm kam Klaus
Hennke. Das Wetter war günstig. Die Sonne hatte den Erdboden
ausgetrocknet, aber doch nicht so, daß alle Braken unter den Füßen
knackten. Der Wind hatte sich gelegt und die Luft war hellhörig. Wenn
irgendwo ein Specht arbeitete oder ein Vogel in dem trockenen Laube
krispelte, so konnte man das weithin hören.

Harm hatte sich auf einen Wurfboden gesetzt und rauchte vor sich hin. In
den Fuhren piepten die kleinen Vögel, eine Eichkatze lief von Stamm zu
Stamm und die Sonne machte das Brommelbeerkraut so grün, als wäre es
Juni. Hennke saß auf einem alten Stucken; er sah aus, als ob er
eingeschlafen war. Der Knecht stand bolzensteif vor einem Stamme, hatte
die Büchse scharf gemacht und drehte langsam den Kopf hin und her,
gleich als ob er sich auf Hirsche angestellt hatte.

Der Wulfsbauer machte sich gerade eine neue Pfeife zurecht, da prahlte
halbrechts der Markwart. Thedel sah den Bauern einen Augenblick an,
drehte aber gleich den Kopf wieder weg. Der Markwart schrie in einem
fort, und dann meldete ein Specht, und zugleich eine Drossel. Der Knecht
wippte leise mit dem rechten Fuße, Klaus machte die Augen ein bißchen
mehr auf, Harm saß da und rauchte, bloß daß er den Kopf schiefer hielt.
Ein Pferd wieherte, eine Peitsche klappte, ein Fluchwort kam hinterher.
Dann polterten Räder.

Harm winkte den Knecht neben sich. »Halt das Horn bereit!« sagte er
leise zu ihm. Thedel nahm das Horn zur Hand. »Nicht eher, als bis ich es
sage!« flüsterte ihm der Bauer in das Ohr. Der Knecht nickte. »Hüh!«
ging es vor ihnen und noch einmal »hüh!« Ein Pferd prustete, ein Mann
schnäuzte sich. Jetzt kamen die ersten, sechs Mann zu Fuß, die Büchsen
fertig zum Schuß, in einem fort die Köpfe von rechts nach links drehend.
Ab und zu blieben sie stehen und redeten halblaut. Harm hörte, was der
eine sagte: »Verdammigt noch mal, ist das hier ein Sauweg! Wenn wir hier
man erst raus wären!« Der Bauer lachte hinter seinem Gesichte und
dachte: »Ja, wenn!«

Drei Reiter kamen hinterher. »Schöne Pferde!« dachte Wulf. Der zweite
Wagen kam, wieder ein paar Mann zu Fuß, dahinter ein Reiter, ein langer,
dünner Kerl mit einem ganz kleinen Kopf. Der Bauer stand auf und
zitterte am ganzen Leibe. Aber der Mann hatte eine tiefe Stimme; also
war er es nicht. Noch ein Wagen kam an und noch einer und immer mehr,
jetzt der letzte. Harm wollte schon dem Knecht zurufen, daß er blasen
sollte, da hörte er noch einen Wagen poltern. Er machte sich fertig.
Hinter dem Wagen ritt ein dicker Mann, der einen weißen Spitzenkragen
umhatte, der ihm bis über die Schultern hing. Er hatte eine rote Nase
und ein doppeltes Kinn und sah verdrießlich aus.

»Das dicke Ende kommt allemal hinterher,« dachte der Bauer und schoß.
Der Rotschimmel machte einen Satz und warf den Mann ab. »Jetzt kannst du
blasen, Thedel,« flüsterte Wulf, »aber Deckung nehmen!« Der Knecht
stellte sich hinter den Wurfboden und legte los: »Tirrä tuut, tirrä
tuut, tirrä tuut!« ging es. Dann aber nahm Thedel seine Büchse, lief
schnell nach vorne, zielte lange und so wie er drückte, sah er zurück
und lachte, lud aber gleich wieder.

»Tirrä tut!« kam es von unten her und überall knallte es. Ab und zu
hörte man einen Fluch und einen Schrei, und dazwischen ein kurzes
Lachen, und oben fiel ein Schuß und nun wieder unten einer. Dann kam
ein Mann angeritten, kreideweiß im Gesicht; er blieb, sowie Thedel
geschossen hatte, erst noch eine Weile sitzen, bis er zur Seite fiel,
und das Pferd schleppte ihn durch den Dreck. Hinter ihm her kam ein
anderer angehinkt und hielt sich den Kopf. Harm wartete, bis er auf drei
Schritt heran war, hielt ihm die Pistole entgegen und schoß ihn nieder.

Die Schüsse fielen spärlicher, das Fluchen und Schreien hatte aufgehört.
»Ich glaube, wir sind damit durch,« rief Wulf dem Jungen zu. Der nickte.
»Wollen noch eine Weile warten!« meinte der Bauer. Thedel lud die
Büchsen und die Pistolen, derweil der andere sich die Pfeife stopfte und
anbrannte. »Nun kannst du loslegen,« rief er ihm zu. »All' uut, all'
uut?« blies Thedel. Nach einer Weile kam von unten die Antwort: »Is all
ut!«

Der Bauer nahm seine Büchse und ging auf den Knüppeldamm. Überall kamen
Bauern aus den Fuhren. Alle nickten Harm zu: »Das ging, wie geschmiert!«
Er nickte: »Fangt man erst die ledigen Pferde ein, das andere läuft uns
nicht weg!« sagte er und alle lachten, aber sie machten lange Gesichter,
als er befahl: »Und jetzt müssen wir sie erst beiroden und die Wagen in
den Busch fahren. Das Bargeld und die Wertsachen geht an Drewes; der
soll das Austeilen machen. Und wem ein Pferd genommen ist in dieser
Zeit, der kommt an erster Stelle. Für mich laßt eine gute Büchse übrig,
bar Geld will ich nicht haben.«

Er sah alle an, die da herumstanden: »Seid ihr auch alle heil
geblieben?« Einer rief: »Ja, bloß Viekenludolf ist ein bißchen zur Ader
gelassen. Na, der hat ja auch mehr Blut, wie er als Junggeselle
brauchen kann!« Alle lachten lauthals los.

Sie hatten sechsundsechzig Pferde, einen Wagen voll Wurst und Schinken
und elf Wagen mit Hafer, Mehl und Brot, ungerechnet das Bargeld, die
Kleider und die Waffen, gefangen. Ein junger Kerl schrie los: »Kinder,
wer gibt auf das Geschäft einen aus?« Alle lachten und Harm rief:
»Drewes und ich, nicht wahr, Drewes?« Der tat so, als ob er lachen
wollte. »Ist auch wahr,« rief der Wulfsbauer, »immer kann man nicht
arbeiten. Heute Abend ist es zu spät und wir haben auch noch allerhand
vor, und viele von uns haben einen weiten Weg, aber morgen sollen sich
die Junggesellen, soweit sie abkommen können, im Engenser Kruge treffen
und ihre Mädchen mitbringen, aber die Gewehre auch, und beim nächsten
Male kommen die anderen dran, die morgen zu Hause bleiben müssen. Und
nun hille!« trieb er; »man darf morgen hier nicht sehen, was sich
begeben hat. Die Wagen müssen in den Busch, und was sonst daliegt, muß
unter die Erde. Auf Schweineschlachten kommt Reinemachen!« Wieder lachte
alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond
herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen.

Am anderen Nachmittage traf sich das junge Volk in Engensen im Kruge und
tanzte, daß die Deele donnerte, aber der Wulfsbauer sorgte dafür, daß
nicht zu viel getrunken wurde und daß rund um den Krug und nach allen
Richtungen um das Dorf Wachtposten standen. Er selber stand an der
großen Türe und sah zu, rauchte und trank ab und zu einen Schluck Bier
aus dem Kruge, den er neben sich stehen hatte.

Ein Mädchen fiel ihm auf; sie mochte knapp achtzehn Jahre alt sein,
hatte ein Gesicht wie Milch und Blut, Haare wie Haferstroh und war wie
eine Tanne gewachsen. Sie tanzte mit einem langen, dünnen Bauernsohn,
der ein Gesicht hatte wie ein Pott voll Mäuse. Ein jedesmal, wenn sie an
Harm vorbeitanzte, sah sie ihn an, als wollte sie ihm ihr Herz vor die
Füße legen. Es war Drewes zweite Tochter Wieschen, hörte er, von der man
sagte, sie sei rein wie Nesselkraut, und mehr als einer von den Jungens
im Dorfe hatte ein dickes Maul mitgenommen, wenn er einen Süßen von ihr
haben wollte.

Als ein neuer Tanz gespielt wurde, tanzte sie bloß einmal rund und als
sie bei dem Ödringer war, machte sie sich von ihrem Tänzer los und
sagte: »Nu kann ich nicht mehr. Himmel, was hab' ich für'n Durst!« Harm
hielt ihr den Krug hin. Sie wurde über und über rot, lachte ihn an und
sagte: »Sollst auch bedankt sein!« Er sah an ihr herunter und zeigte mit
dem Kopfe nach ihrem Tänzer: »Ist das dein Bräutigam?« Sie schüttelte
den Kopf: »Nee, ich hab' noch keinen,« und dabei sah sie ihn wieder so
an, wie vorher.

Aber da schrie der Wirt »Feierabend!« und mitten im Singen hörte das
junge Volk auf. Wieschen gab Harm die Hand und sagte: »Sollst dich mal
bei uns sehen lassen, Wulfsbur; seit Mutter tot ist, wird Vater so
wunderlich. Und nun gute Nacht auch und gute Reise!«

Harm steckte noch das Bier im Geblüt, als er sich auf den Heuboden
hinlegte, und als er beim Einschlafen war, ging ihm immer das Lied im
Kopfe rund, das die jungen Leute zuletzt gesungen hatten:

    Kumm üm de Middenacht,
    kumm um Klock een!
    Vadder slöpt, Mudder slöpt,
    ick slap alleen.




Die Wehrwölfe


Harm blieb für das erste im Bruche. Er hatte allen möglichen
landfahrenden Leuten, soweit es nicht Raub- und Mordgesindel war, von
der vielen Beute, die er gemacht hatte, manchen Taler zukommen lassen,
damit sie bei Drewes in Engensen oder anderswo Nachricht hinterlassen
sollten, wo er das Heilige Kreuz und den Säugling antreffen konnte, denn
er hatte gesagt, er hätte ein Geschäft mit ihnen vor.

Er besprach sich nun mit Ulenvater über das Leben, das die Ödringer auf
dem Peerhobsberge führten. »Das schlimmste ist,« sagte er, »sie lauern
darauf, daß der Krieg aufhören soll und solange behelfen sie sich mit
Hungern und Nichtstun. Das ist verkehrt! Wir müssen so tun, als ob wir
ewig und drei Tage hier bleiben wollen. Mit Reden richtet man aber
nichts aus, und deshalb wollen wir beide uns ein regelrechtes Haus
bauen, und soweit es geht, auch Land unter den Pflug nehmen. Du sollst
sehen, einer nach dem anderen tritt dann in unsere Stapfen.«

Der Alte nickte: »Da hast du völlig recht; das habe ich mir auch schon
gesagt, denn wenn ich auch heute oder morgen sterben kann, sündhaft ist
es darum doch, die Hände in den Schoß legen und unserem Herrgott den Tag
abstehlen. Und diese Örtlichkeit ist gar nicht so uneben! Selbst in
Regenjahren kommt das Wasser hier nicht her, und der Boden ist gut, und
wenn später ein Durchstich nach der Wietze gemacht wird, und der Busch
wegkommt, dann sollst du mal sehen, was hier nicht alles wächst!«

Es gab einen großen Aufstand auf dem Berge, als es hieß: »Der Wulfsbauer
und Ulenvater bauen sich ein festes Haus!« Es waren aber kaum die
Ständer eingesetzt, da fing schon ein anderer an, es ihnen nachzutun,
und es war schön anzusehen, wie gerade mit einem Male wieder die Männer
gingen, welche blanken Augen die Frauen bekamen und wie auch die Kinder
sich herausmachten, denn nun hatten sie doch wieder an etwas anderes zu
denken, als an ihr Unglück.

Der Wulfsbauer sparte nicht; er hatte Geld genug, und so holte er
Zimmerleute und Tischler aus den Nachbardörfern heran, und als das Haus
fertig war, und weder die Pferdeköpfe an den Windbrettern noch der
Spruch über der großen Türe fehlte, da sagten alle: »Es ist wirklich ein
schönes Haus, alles was recht ist, wenn es auch man halb so groß ist und
nicht so bunt, wie das alte Haus.«

Der Spruch aber, den Harm Wulf in den Torbalken hatte einhauen lassen,
hieß: »Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.« Das gefiel manch
einem erst nicht recht. Aber als dann der Wulfsbauer seine Hausrichte
gab, wurden sie anderer Meinung. Alles war eingeladen, was im Bruche
wohnte und noch allerlei Freundschaft aus der Haide. Wulf hatte
reichlich für Essen und Trinken gesorgt und auch für Musik, aber er
hatte auch sagen lassen, jedweder sollte sich so fein machen, wie sonst
zum Burgdorfer Martinsmarkt. So sah es bunt und lustig vor dem Hause aus
von roten Kleidern und weißen und blauen Röcken, und alle Gesichter
waren voller Freude.

Es war einer von den Tagen, an dem Sonne und Regen hintereinander her
sind, wo aber die Sonne die meisten Trümpfe vorweisen kann. Ein frischer
Wind ging, daß das Laub in den jungen Eichen rauschte und die Fuhren und
Tannen nur so brummten, und die Kränze aus Hülsen und die langen Ketten
aus Tannhecke hin und her flogen; die weißen Bänder daran wehten und die
bunten Eierschalen klingelten und klapperten, daß die Kinder vor
Vergnügen nicht wußten, wo sie sich bergen sollten.

Als alle da waren, kam Ulenvater aus der großen Türe und hinter ihm der
Bauer. Er hatte sich seinen Bart abgenommen und trug den blauen, rot
ausgeschlagenen Rock mit den blanken Talerknöpfen. Die großen Kinder
stellten sich zusammen, Fiedelfritze aus Mellendorf gab den Ton an und
hell klang das Lied: »Großer Gott, dich loben wir.« Alle Männer nahmen
die Hüte ab und sangen mit, und die Frauen auch, und da war nicht einer,
dem das Wasser nicht in die Augen kam.

Dann stellte sich Ulenvater vorne hin und sprach: »Alle, die wir hier
versammelt sind, Mannsleute und Frauen, Knecht, Magd und Kind,
Boshaftigkeit und Niedertracht haben uns von Haus und Hof gebracht. Also
schwer uns das Unglück schlug, daß wir allhier im wilden Bruch wie die
Wölfe uns müssen verstecken, daß uns die Mordbrenner nicht entdecken.
Anfangs haben wir meist verzagt, haben gegreinet und geklagt, dachten,
ach wären wir besser tot, als so zu leben in Ängsten und Not. Haben uns
aber noch besonnen und dies Haus zu bauen begonnen, haben es glücklich
emporgebracht, weil uns schützte des Herren Macht.«

Alle, die da standen, sahen den alten Mann, dessen Augen so fröhlich und
doch so absonderlich aussahen, groß an, und die Kinder standen mit
offenen Mäulern da und wußten nicht, was sie zu Ulenvater sagen sollten.
Das war ja gerade, als wie in der Kirche! Aber nun holte er tief Luft,
machte ein anderes Gesicht und fuhr fort: »Und weil das Haus nun fertig
steht, und nichts dran fehlt, so wie ihr seht, so wollen wir nach altem
Brauch den Tag beschließen in Freuden auch, essen, was uns der Herr
bescheert, und mit Verstand, wie es sich gehört, hinternach auch lustig
sein bei einem Glas Bier oder Branntewein; und nun, liebe Freunde,
tretet ein!«

War das ein Leben und ein Lachen! Die Altmutter Horstmann, die noch
keiner wieder hatte lachen sehen, seitdem sie aus dem alten Dorfe hatte
herausmüssen, gnickerte in einem fort vor sich hin und brummte: »Nee,
dieser Ulenvater aber auch, was der für Kneepe im Koppe hat!« und Klaus
Hennke, der größte Drögmichel von allen, lachte hellwege weg. Eine so
lustige Hausrichte hatte es sogar oben im Dorfe noch nicht gegeben. Und
wenn auch kein Tropfen Honigbier und kein Glas Wein auf dem Tische
gewesen wäre, es wäre doch toll genug hergegangen. Schon beim Essen
waren alle mächtig aufgekratzt, und als der Tanz losging, erst recht,
und wilder und höher waren die roten Röcke noch keinmal geflogen und
das, was darin war, als auf des Wulfsbauern Hausrichte.

Aber er hatte auch an alles gedacht. Dünnbier war da und Met, und zwei
Fässer Mumm und ein Tabak, wie ihn noch keiner geraucht hatte, und das
war auch kein Wunder, denn den hatten Drewes und seine Haidgänger vor
einiger Zeit einer Kolonne abgenommen und zwölf Fässer spanischen Wein
dazu, der so süß wie Honig war, und davon bekamen die ganzen alten
Männer und Frauen jeder ein oder zwei Glas zur Herzstärkung. »Ich bin
nun all im neunzigsten Jahre oder so herum,« sagte der Hausmann vom
Bollenhofe, »aber so gut ist es mir noch keinen Tag in meinem Leben
nicht gegangen,« und dabei nickte er ganz glücklich seinen Urenkeln zu,
die alle Backen voll von dem süßen Rosinenbrote hatten, das für die
liederlichen Weibsleute bestimmt war, die die Waldsteinschen Offiziere
mit sich herumschleppten.

Sogar Drewes sah anders aus, als die Zeit vorher. Er stand zwischen
seinen beiden Töchtern, dem großen breiten Lieschen, die mit ihrem Manne
den Hof bewirtschaftete, und dem schlanken Wieschen, die kein Auge von
dem Wulfsbauern ließ und nicht mittanzen wollte, weil sie, wie sie
sagte, nicht gut zuwege war. Aber dabei sah sie aus wie eine
Rose im Morgentau, und hatte Augen, so blau wie der liebe Himmel, und
wenn sie lachte, so war das, als wenn die Märzendrossel an zu schlagen
fangen will. »Nee, Wulfsbur,« sagte sie, als der sie fragte, warum sie
nicht auch tanzte, »nee, danach ist mir heute nicht ums Herz. Ich kann
mich gar nicht satt genug sehen, wie lustig die Ödringer sind nach
alledem, was sie ausgestanden haben! Hör' bloß, was sie singen! Damit
hast du dir einen Gotteslohn verdient.«

Bis zehn dauerte der Tanz, aber er hielt noch lange vor. Von da ab hörte
man die Männer wieder flöten und die Mädchen sangen bei der Arbeit, und
wenn es auch Arbeit für Mannsleute war, die sie tun mußten. Denn Wulf
hatte es den Leuten klar gemacht, daß es nun erstens nötig wäre, die
Burg zu befestigen, daß dreihundert Mann sie nicht erstürmen konnten,
und daß das, was im Herbst vergessen war, jetzt gemacht werden mußte. So
wurde der Burggraben tiefer und der Wall höher gemacht und sowohl die
Grabensohle, wie die Wallwand wurde dicht an dicht so mit langen spitzen
Pfählen besetzt, daß kaum eine Katze, geschweige denn ein Mensch
durchkonnte. Zudem wurde rings um den Wall ein Verhau aus Dornbüschen
gemacht, so hoch und so dicht, daß selbst der Teufel und seine
Großmutter nicht darüberweg konnten. Rund um die Burg waren an allen
Zuwegen Wolfsangeln in die Bäume geschnitten und das bedeutete: »Wahr'
dich, denn vor dir ist ein Loch, und wenn du da hineinfällst, bist du
des Todes!« Dazu kam noch, daß die beiden Fahrwege jeder viermal mit
Schlagbäumen versperrt werden konnten.

Alles das hatte Wulf bei seinen Streiffahrten hier und da gesehen und
sich eine Lehre daraus genommen, und zur größeren Sicherheit hatte er an
vier Stellen auf dem Sandberge im Bruche Auskieke in den Kronen der
Wahrbäume machen lassen, in denen den Tag über Jungens als Wachtposten
saßen, die Hörner bei sich hatten und bliesen, wenn die Luft unrein
wurde.

Es dauerte nicht lange, und alles, was kein reines Hemd anhatte, machte
einen Bogen um das Bruch, denn es hatte sich herumgesprochen, daß es da
nicht geheuer war. Ab und zu sah man Männer mit schwarzen Gesichtern in
dem Busche, und an mehreren Stellen waren zwei Fuhrenbäume kahl gemacht
und ein dritter darüber genagelt, und zu allermeist hing ein Mann mit
seinem Halse daran, oder zwei oder drei und kein Mensch wußte, wer es
war und wer sie gerichtet hatte, ausgenommen die Bauern in der Runde,
und wenn der Wind die Galgenfrüchte hin und her wehte, lachten sie und
sagten: »Die Bruchglocken läuten heute aber fein!«

Dieweil der Winter milde war, konnte allerlei Arbeit getan werden. Die
Bauern rodeten den Busch auf dem Peerhobsberge, teilten das Land ein und
verlosten es, zogen Gräben und Wälle um die Weidekoppeln, holten die
großen Steine aus der Haide und brachen den Ort im Bruche, damit sie
Grundmauern und feste Wände machen konnten.

Als der Hornung zu Ende war, sah es auf dem Peerhobsberge schon anders
aus, als im Herbste, zumal es an Nahrung nicht gebrach. Denn Fleisch
lieferte das Bruch genug; es war lebendig voll von Hirschen, Fische gab
es in der Wietze in Hülle und Fülle, und für Brot sorgte der Wulfsbauer.
Er hatte aus dreißig jungen Kerlen eine Schleichtruppe zusammengestellt
und einen Kundschafterdienst in die Reihe gebracht. Wurde nun gemeldet:
hier kommt ein Proviantzug oder da sind Marketender, so dauerte es nicht
lange und es knallte, und dreißig Männer mit schwarzen Gesichtern
lachten lauthals los und sagten: »Nun kann Mutter wieder Brot schneiden,
ohne daß sie so niepe zusehen braucht.«

Viekenludolf aus Rammlingen, Windhund bei allem, was einen roten Rock
anhatte, und der wildeste Tänzer beim Erntebier und wo sonst sich eine
Fiedel hören ließ, und ein Kerl, der überall gern dabei war, wo man sich
umsonst zur Ader lassen konnte, der hatte, als sie Ende März drei
Marketenderwagen des kaiserlichen Heeres bei Seite gebracht hatten, im
Kruge zu Obbershagen gesagt: »Wir haben nun ein so schönes Kind aus den
Windeln heraus, aber einen Namen, den hat es noch nicht. Unser
Hauptmann, der heißt Wulf, und ein richtiger Wolf ist es auch, denn wo
er zubeißt, da gibt es dreiunddreißig Löcher. Dennso bin ich der
Meinung, daß wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir der
Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin,
einen her und den dritten in die Quer. Und davon soll keiner was wissen,
als wir dreimal elfe, so sich nennen die Wölfe, und wer darüber das Maul
aufmacht, der soll zwischen zwei räudigen Hunden mit der Wiede um den
Hals so lange hängen, bis man nicht mehr wissen tut, wer am mehrsten
stinkt.«

»Das ist ein Wort, das hat den Kopf vorne und den Steert achtern, wie es
sich gehört,« sprach der Hauptmann, »und was unser Wolfsbruder da so hin
gesagt hat, als wenn das bloß ein Spaß ist, als wie er einem beim Biere
aus dem Maule rutscht, es ist Verstand darin und Einsicht. So, wie wir
hier sind, dreimal elf Mann, kann uns der leibhaftige Gottseibeiuns
selber nicht bange machen, und wenn er jetzt mitten unter uns zu stehen
kommt. Denn was will er uns machen, uns ledigen Leuten, von denen
keiner Kind und Kegel hat, Viekenludolf vielleicht ausgenommen, der ja
Hahn bei allen Hühnern sein soll.«

Sie lachten alle, wie die Buchhölzer Hengste, bloß Viekenludolf nicht,
denn der kratzte sich hinter den Ohren. Als es dann wieder still war,
ging Wulf weiter: »So müssen wir uns für die Eheleute und die Witfrauen
und die alten Leute und die Waisen aufnehmen. Aber dazu müssen wir unser
mehr sein, müssen es auf hundert Mann und darüber bringen, alles Kerle,
wie wir, die noch lachen können, wenn ihnen ein Stück Hackblei nicht aus
dem Wege gehen will. So soll sich denn ein jeder einen bis zwei oder
drei gute Freunde suchen, und die sollen mithelfen, wenn es not tut. Es
sollen aber alles Junggesellen sein und kein einer, der einziger Sohn
einer Witfrau ist, soll dabei sein, und wenn einer ein Mädchen mit einem
Kinde sitzen hat, der soll sich zuvor bedenken, ehe er sich mit uns
einläßt. Wenn so einer aber Unglück hat, so soll es unser erstes sein,
daß das Frauenmensch und das Kind nicht Not und Mangel leiden. Und
anjetzt wollen wir uns verbrüdern auf Not und Tod, Gut und Blut, daß
alle für einen stehen, und einer für alle, aber wir alle für alles, was
um und im Bruche leben tut und unserer Art ist.«

Der Wirtssohn, der einer von den dreimal elfen war, mußte das große Glas
holen. Das Bier wurde beiseite geschoben und edler Wein, der auf der
Landstraße zwischen Burgdorf und Celle für umsonst gewachsen war, kam
auf den Tisch. Sie standen alle auf, hakten die Arme ineinander, daß es
einen engen Kreis gab, und Harm nahm das Glas, trank, gab es
Viekenludolf, und so ging es reihum, bis es leer war. Dann sang
Grönhagekrischan aus Hambühren, der stillste von allen, aber ein Mann
trotz seiner zwanzig Jahre, den Wehrwolfsvers vor, der ihm just
beigefallen war, und der Hauptmann legte einen weißen Stock auf den
Tisch, sein langes Messer und eine Wiede und sprach: »So der Stock
bricht, so das Metz sticht, oder die Wiede wird zugericht'!«

Sie wählten darauf Viekenludolf als zweites Haupt, machten fest, wo und
wann sie sich regelmäßig treffen wollten, und auf welche Weise der eine
dem anderen Nachricht geben sollte, ohne daß dem Boten alles aufgedeckt
zu werden brauchte, und dann gingen sie auseinander. Der Peerhobstler
blieb noch eine Weile mit dem Wirtssohn sitzen, denn er hatte eine
Botschaft aus Wietze bekommen, daß die Leute, die er suchte, sich in
Ahlden hatten blicken lassen. Er hatte vor Arbeit und Geschäften manchen
Tag nicht mehr an sie gedacht; jetzt aber standen sie ihm wieder alle
Stunden vor den Augen, und er hatte sich vorgenommen, nicht eher locker
zu lassen, bis er ihnen ihren verdienten Lohn bei Heller und Pfennig
ausgezahlt hatte.

So ritt er denn, als am anderen Mittag Thedel mit Grieptoo ankam, los.
Den Hund hatte er in der letzten Zeit meist immer bei sich, denn er
hatte es herausgebracht, daß der eine Hauptnase hatte und zwischen
hundert Mann den herausfand, auf dessen Fährte er ihn legte. Ohne Hund
hätte er den Zigeuner, der mit sechs Stehldieben die Gegend unsicher
machte, nicht in der Erdhöhle im Bissendorfer Holze aufgespürt und zur
Warnung aller unehrlichen Leute samt seinen Spießgesellen vor dem Dorfe
an die Birkenbäume hängen können, und ohne ihn wäre er einmal beinahe
den Mannschaften des Tilly in die Finger gefallen, die hinter ihm her
waren, als er ihnen wieder einmal den Brotkorb höher gehängt und den
Bierkrug vor dem Maule aus der Hand geschlagen hatte.

Es war einer von den Vorjahrstagen, an denen der Morgennebel sich, so
lange er es eben kann, vor die Sonne stellt. So wurde es meist elfe, ehe
die Sonne ihn unter die Füße bekam, aber dann wurde es um so schöner, so
daß sogar Thedel, der sonst ganz und gar bei der Arbeit war, alles mit
Augen sah, was auf dem Boden lebte und in den Lüften webte, und dem
Bauern war nicht anders zumute. »Junge,« sagte er, »das ist ein Tag, bei
dem hat sich unser Herrgott aber mächtig viel Mühe gegeben! Wenn es sich
irgend machen läßt, dennso möchte ich heute den Finger nicht gern krumm
machen, und ich glaube, du würdest auch lieber sehen, ob du Ehlers Hille
nicht im Schummern irgendwo antreffen könntest, wo euch keiner in die
Möte kommt.«

Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren
sahen mit einem Male aus als wie zwei Klapprosen. Er sagte nichts, gab
aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein
Pferdeschwanz war, so daß Harm herzlich lachen mußte.

»Na,« sagte er, denn er sah, daß der Knecht ein Gesicht machte, wie der
Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, »was nicht ist, kann noch werden.
Vorläufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann
das Vergnügen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Zähne
in den Hals und ging mit seinem Danzeschatz in den Grasgarten. Aber
wenn zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne daß sie gerade
heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu
eigen haben mit einem großmächtigen Bett und einer glatten Frau drin,
wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und
hinten Ehlers heißt, Arme, wie ein paar Fuhrenbäume und Haare, wie das
Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.«

Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, daß er ein
Rappe sein sollte: »Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da
ein Mensch ist, denn für umsonst hält er den Kopf nicht so dumm und
stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!« Er ritt langsam
hin und sagte dann: »Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein
Frauenzimmer anscheinend, das barfuß geht, aber kein Taternweibsstück,
denn die großen Zehen stehen einwärts. Aber jung ist sie und groß ist
sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein,
denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier
hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit
kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein
Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund
an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann
sein Spiel haben!«

Er nahm den Zügel des Blässen in die linke Hand und machte die Pistolen
locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt,
folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht
irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis vor ein altes
Steingrab gekommen, das ganz von Machangeln und Hülsen bewachsen war,
als der Hund stand. Thedel faßte ihn mit der linken Hand unter die
Halsung, hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um
Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf
gemacht.

»Ein Zaunigel oder ein Ilk oder eine Adder ist es nicht,« dachte der
Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zurück, denn so wie
Thedel die Büsche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so
schrecklich schrie sie, daß es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er
näher ritt, sah er halb unter den Steinen ein Mädchen auf den Knien
liegen, das hatte die Hände unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als
wenn ihr ein Messer am Halse saß, zitterte am ganzen Leibe und
schrie: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch
nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter
haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und
Sterben willen, tut mir nichts und laßt mich hier sterben!«

Der Knecht riß den Hund zurück und machte ein ganz unglückliches
Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das
Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand
in die Höhe und rief über den Hals des Schecken dem Mädchen zu: »Wir tun
keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und
rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine
Bange!« Er zeigte auf den Hund. »Kiek, wie Grieptoo mit dem Steert
wackelt! Bei wem er das tut, der braucht vor uns keine Angsten zu
haben. Siehst du, Mädchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein
Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien.
Thedel, laß ihn man los!«

Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das Mädchen zu,
leckte ihm die Füße und dann das Gesicht und knurrte und fiepte, und mit
einem Male nahm ihn das Mädchen in den Arm, drückte ihn an sich, küßte
ihn, weinte erbärmlich los und rief, indem sie die beiden Männer ansah:
»O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid
rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.«

Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so
rot war, wie ein trockener Machangelbusch in der Sonne, fiel lang vor
sie hin.

Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das Mädchen
auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte,
zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den
Hals. Dann bog er einen breiten Machangelbusch nieder, schnitt ihn ab
und steckte ihn so ein, daß er seinen Schatten auf das Gesicht der
Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr
kniete; sie hatte schwarze Höfe unter den Augen, ihre Backen waren
eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen
waren kreideweiß.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Sie ist vor Hunger halb tot und
halb vor Angst.« Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche
heraus, goß etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem
Mädchen ein bißchen davon auf die Lippen hatte laufen lassen, rieb er
ihr mit dem Rest die Nase und die Schläfen. Sie schlug die Augen auf,
machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die Männer zu allererst
sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke
zurück und sagte: »Mich hungert so; o, wie mich hungert!«

Harm hatte schon das Holster in der Hand. Er setzte sich neben sie,
brach ein ganz kleines Stückchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das
Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte:
»Langsam! Je langsamer, daß du essen tust, desto mehr sollst du haben.«
Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und
würgte, und da goß er aus der Flasche ein bißchen von dem spanischen
Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte,
da seufzte sie tief auf, lächelte dumm und gibberte mit beiden Händen
nach dem Brote hin.

Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und
hielt das Brot so, daß sie jedesmal nicht mehr als ein Stück, wie ein
Fingernagel groß, abbeißen konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso
kleine Stücke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm
ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger aß und trank und
nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die Hände
stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und
das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: »So, nun bist du
so weit, daß du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen
tust,« und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.

Das Mädchen sah ihn so an, daß ihm die Binde um den Hals zu eng wurde
und da merkte er, was für ein Bild von Mensch sie war trotz des
ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und überall
geschunden. Und dann merkte er auch, daß sie an sich heruntersah, und
heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und
klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, daß er die drei
halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und
quer über die Brust gingen.

»Thedel,« rief er, »geh' mal nach dem Anberge, wir müssen aufpassen!«
Der Knecht tat, wie ihm geheißen war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte
es dem Mädchen von hinten über die Schultern und zurück, so daß er es
ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. »Es ist doch noch immer frisch,«
meinte er und nickte ihr zu; »du könntest dir was wegholen.« Indem zog
er auch schon die Schuhe aus, band sich die Kniebänder los, zog die
Strümpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: »Reichlich weit sind sie ja
wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch
verkaufen,« und dabei lachte er.

Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er
auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn groß ansah,
die Hände faltete, die Augen überlaufen ließ und mit einem Male seine
Hand zu fassen kriegte, sich bückte und ihm die Hand küßte, daß sie naß
von ihren Tränen wurde. Fast grob stieß er sie zurück und fragte: »Bist
du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon
nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen,
daß wir irgendwo Wasser zu finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege
ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein Stück Band habe, daß du dir
das Haar ein bißchen machen kannst.« Er machte einen langen Hals. »Da
unten sind Ellern, und wo die sind, ist eine Beeke, und wo eine Beeke
ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!«

Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. »Wie leicht sie
bloß ist!« dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr
Atem ging ihm über den Mund und ihr Haar roch, daß ihm die Brust eng
wurde, und zudem fühlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug,
und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der
Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie für sich ließ, brach er einen
Ellernzweig ab, nahm ihr am Fuße Maß und sagte lachend: »Jetzo muß ich
mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist,
dennso kannst du dich ja melden.«

Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: »Zieh
die Stiefel aus!« Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer
nahm und die Krempen, Thedels größter Stolz, abschnitt, und erst, als er
sie aufschnitt und Löcher hineinstach und eine Strippe durchzog, wußte
er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: »Erst wollte ich meist
falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor
die Tür stellen.«

Das Mädchen hätte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab,
aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Strümpfen auf der Haide,
wie die Katze über die nasse Dele. »Alles in Ordnung?« fragte der Bauer
sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und
setzte sich hinter sie. »Thedel, reite vorweg,« rief er, »denn ich kann
so meine Augen nicht recht brauchen!«

Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die Dullerchen sangen aus
ihm heraus, die Moormännchen stiegen auf, zwitscherten und ließen sich
nieder, der Post war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein
Weidenbusch gelb an. Harm ließ den Schecken Schritt gehen. »Denn,« sagte
er, »da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die
Zeit nun auch nicht mehr ankommen!«

Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges
Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz
schlagen hörte und ihre Backe ansah, so mager, so blaß und doch so
schön, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu
freiließen, und den dünnen weißen Hals, der aus dem roten Tuche
herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er
fühlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wußte er nicht: ist
das nun schön oder ist das scheußlich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm
so, wie es war, doch ganz gut.

»Siehst du die beiden Hainottern?« fragte er sie und zeigte mit dem
Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldstörche über einer
Wohld in die Runde flogen, daß es nur so blitzte und blinkerte. Das
Mädchen nickte. »Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach
Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir dafür sorgen, daß du sonst
in die Reihe kommst. Und damit du es weißt: ich heiße Harm und war auf
dem Wulfshofe zu Ödringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine
Knechte auf uns losließ. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf
der Haide und der Adler über dem Bruche, bloß daß wir keine Hasen fangen
tun, denn so sind wir nicht, nämlich wir jagen man bloß auf Füchse und
allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es
just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem Mädchen in
der Schürze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der
hat schon was.«

Er hörte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem Mädchen,
das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wußte, woher sie war, und
was mit ihr los war, seine halben Trümpfe zu weisen. Aber dann merkte
er, daß seine Zunge von selber Galopp ritt. »Wie heißt du denn?« fragte
er, und als sie sagte: »Johanna«, meinte er: »Und was willst du jetzt
anfangen?« Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: »Behalte mich
bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt.
Was soll ich bloß anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte,
bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.«

»Hör' zu,« sagte er, und seine Stimme hörte sich mit einem Male an, als
wenn Asche darauf war, »ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie
der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, daß kein Falsch
in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern
bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die nächste Zeit
kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Geschäft hier herum
habe. Und das ist derart, daß es besser ist, du gehst vorläufig als
Mannsbild durch. Auf einem Pferderücken kannst du dich halten, das sehe
ich. Weiter brauchst du nichts.«

»Ich will alles tun, was du willst,« antwortete sie, und er mußte
wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. »Und
nun, damit du es weißt, wer ich bin,« sagte sie, »mein Vater war
Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da
ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da
suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese
Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater
wollte nach Hannover, denn er dachte, daß er vielleicht da wohl ein
kleines Amt bekommen könnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und
andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn
ein Taternmädchen, dem ich ein böses Geschwür aufgemacht hatte, sagte
ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen
Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erzählen; ich darf jetzt daran
nicht denken. Ich habe zusehen müssen, wie sie meinen Vater so schlugen,
daß ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte,
haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ersäuft. Ich
weiß heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich weiß nur, daß sie
alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder
zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder
gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen,
bis ich wieder bei mir war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin
allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast
du mich aufgefunden.«

Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine
Brust: »Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!«
Sie weinte, daß die Tränen ihm durch die Hose schlugen, und er ließ sie
weinen, was sie wollte, denn er merkte, daß ihr das gut tat. Erst, als
sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: »So, jetzt müssen wir absteigen.
Thedel, sieh zu, wie die Immen fliegen, und ob wir unter oder über dem
Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, daß du
Mannszeug bekommst und alles, was dazu gehört, das der Jungfer paßt,
aber rede nicht weiter darüber, was bloß die Haide wissen braucht.«

Er legte dem Mädchen seinen Mantel hin, drehte seine Jacke zusammen,
machte ihr ein Kopfkissen daraus und sagte: »Leg' dich hin und schlaf!
Ich will mich ein bißchen waschen. Grieptoo, dahin! Der Hund wird dafür
sorgen, daß du geruhig schlafen kannst. Ich bleibe ganz in der Nähe.« Er
wickelte sie in den Mantel und bettete sie zurecht. Sie lächelte ihm zu,
wie ein kleines Kind, das zu Bett gebracht wird, seufzte auf und machte
die Augen zu. Der Hund setzte sich neben sie, beroch sie, und dann legte
er sich auch hin, behielt den Kopf aber hoch.

Harm hatte schon die zweite Pfeife aus, da kam Thedel erst zurück. Er
brachte das Zeug mit, und was dazu gehörte, und flüsterte: »Der Wind
küselt. Im Kruge sitzen vier Leute, die da nicht hingehören und haben
das große Wort. Der Krüger hat ein Gesicht, wie eine Kattule, so haben
sie ihn geschlagen, und nun sind sie besoffen und schinden die
Frauensleute. Kein einer traut sich an sie ran, denn sie haben damit
geprahlt, daß noch mehr von ihren Leuten nachkommen tun.«

Wulf klopfte seine Pfeife aus. »Hm,« meinte er, »hm, weiß
Warnekenswibert schon Bescheid und Hilmersheine? Das ist gut; dennso
wollen wir uns nicht länger aufhalten und mal sehen, was das für Gäste
sind.« Er nahm das Zeug und ging nach dem Busche. Grieptoo wedelte ihn
an, daß sein Schwanz laut auf die Erde schlug, und davon wachte das
Mädchen auf. »Hier!« sagte der Wulfsbauer, »bis eben warst du eine
Johanna, jetzt mußt du einen Hans aus dir machen. Ich gehe jetzt solange
beizu, bis du dich umgezogen hast; ich und Thedel, wir haben im Dorfe zu
tun. Willst du lieber mit dem Hunde bei den Pferden bleiben, oder willst
du mit uns? Aber ich sage dir, es gibt tote Männer zu sehen! Also du
willst mit? Schön! Ein Mann muß Wehr und Waffen haben, hier ist ein
Messer und da nimm die Pistole! Sie ist fertig. Und nun komm! Grieptoo,
daß du mir keinen an die Pferde läßt!«

Der Hund ließ die Ohren hängen und sah ihnen so lange nach, bis sie um
die Ecke waren. »Also, hör zu, Hans!« sagte Harm; »es ist wieder
Gesindel im Kruge, das die Leute schindet. Das können wir nicht leiden,
und darum wollen wir mit dem groben Besen ausfegen. Du hältst dich immer
hinter mir, verstehst du, und erst, wenn der Ast an zu knastern fängt,
kannst du mir die Hand hinhalten.« Er sah nach dem Machangelhagen und
winkte: »Na, wir haben euch wohl beim Vespern aufgestört?« meinte er zu
den beiden jungen Leuten, die da standen und das Mädchen ansahen. »Das
ist ein guter Freund. Und nun wollen wir los! Wer Raben fangen will,
darf nicht warten, bis sie flügge sind.«

Sie gingen durch einen Eichbusch, stiegen über ein Stegel, gingen quer
durch eine Deele, und dann sagte Wulf: »Ihr beide geht nun ein jeder für
sich hin und seht zu, daß ihr bei der Halbetür bleiben könnt, und wenn
einer aus der großen Türe Wasser gießt, so ist das das Zeichen, daß wir
kommen sollen. Die Bleiknüppel habt ihr ja wohl? In einer ordentlichen
Wirtschaft muß man saubere Arbeit machen!«

Die beiden Bauernsöhne lachten im Halse und gingen ab; Harm, Thedel und
Johanna stiegen über einen Zaun, drückten sich unter den Fenstern des
Kruges her, und dann sagte der Bauer: »So, Thedel, dennso mach dein
dümmstes Gesicht!«

Hinter einem Stapel Brennholz blieb Wulf stehen, und das Mädchen stand
hinter ihm; er fühlte ihren Atem über seiner Halsbinde. Aus dem Kruge
kam ein rohes Lachen, dann quietschte ein Frauenzimmer. Harm fühlte, wie
das Mädchen hinter ihm am ganzen Leibe flog. Er drehte den Kopf nach
ihr. »Hast du Bange!« flüsterte er. »Bange nicht, aber was anderes!«
sagte sie, und er nickte ihr zu.

In demselben Augenblicke goß die Wirtin einen Eimer Wasser aus der
großen Türe. »Komm!« flüsterte Wulf, pfiff erst das Brummelbeerlied und
ging dann laut lachend in das Haus, wo ein Kerl am Feuer saß und die
jüngste Tochter, ein Kind von zwölf Jahren, in den Klauen hatte, indes
ein anderer die Magd hin und her zog. Die beiden anderen, die schon
gehörig einen sitzen hatten, standen da und tranken.

»Na, das geht hier ja mächtig lustig zu!« rief der Ödringer laut; »'n
Abend zusammen!« Und indem schlug er den Kerl, der vor dem Feuer saß,
mit dem kurzen Bleiknüppel, den er aus dem linken Ärmel holte, über den
Kopf, daß der Mensch tot auf die Brandruten fiel, und kaum, daß er
dalag, klappte der um, der die Magd im Arme hielt, denn Warnekenswibert
hatte ihn gut bedient. Die beiden anderen Reiter machten dumme
Gesichter; aber ehe sie recht begriffen hatten, was los war, lagen sie
über kreuz da, denn Wulf hatte den einen besorgt und Hilmersheine den
anderen.

»So, nun sind wir unter uns, jetzt gebe ich einen aus,« lachte der
Wulfsbauer, als das Flett sauber war, und dann fragte er das Mädchen
leise: »Du hast nun wohl Angst vor uns gekriegt?« Sie sah ihn mit
blanken Augen an und schüttelte den Kopf. »Na, denn wollen wir vespern,
und darauf werden wir das Schlafen nötig haben, vorzüglich du, wo du
dazu in der letzten Zeit nicht gekommen bist. Hast auch Platz für uns
drei, Kordeskord?« Der Wirt nickte. »Masse, daß heißt, Thedel kann bei
unserm Knecht schlafen, und ihr beide nehmt die Gästebutze.«

Als Harm mit dem Mädchen allein war, sagte er: »So, nun leg dich man
hin, Hans; ausziehen brauchst du dich nicht viel, denn wir müssen früh
los. Du kannst ruhig schlafen, ein ganzes Dorf wacht über uns. Wer wir
sind, wirst du ja nun gewahr geworden sein. An unseren Händen ist kein
Blut, höchstens an unseren Bleistöcken, aber das ist auch nicht viel
mehr wert. Einen Schelm muß man wie einen Schelm begrüßen, und die
Wespen kriegt man am besten durch kochliches Wasser aus dem Grasgarten.«

Johanna hatte sich kaum lang gemacht, da schlief sie schon. Der
Wulfsbauer konnte anfangs gar nicht schlafen, denn er mochte sich nicht
rühren, um das Mädchen nicht aufzuwecken. Allerlei Gedanken gingen ihm
durch den Kopf, aber zuletzt fielen ihm die Augen doch zu und er
schlief, bis die Wirtin hereinkam und sagte: »Es ist bei fünfe und die
Morgenzeit ist fertig.« Damit ging sie fort und ließ den Krüsel auf dem
Schemel stehen.

Harm stand leise auf und leuchtete hinter der Hand in die Butze hinein:
»Schade!« dachte er, »sie schläft just so schön!« Aber da seufzte das
Mädchen tief auf, hob die Hände in die Höhe, machte die Augen auf, und
als sie den Bauern vor sich sah, flüsterte sie: »Ach so, du bist es!«
Und dabei lachte sie ihn an. »Ja, nun mußt du aufstehen,« sagte er.
»Bleibe noch einen Augenblick liegen, ich hole dir erst eine Schüssel
Suppe und Waschwasser, und unterdessen besorge ich dir ein Pferd, denn
wir wollen flott reiten.«

Als es eben hellichter Tag war, waren sie bei einem einstelligen Hofe.
»Hier bleiben wir bis Mittag,« sagte Harm. »Sag mal, Hausfreund, du
reitest ja wie ein Koppelknecht.« Johanna lachte: »Pastorenkinder lernen
alles, außer Frommsein,« sagte sie, »und schießen kann ich auch nicht
schlecht. Aber ich verstehe mich auch auf das Kochen und
Strümpfestricken.« Wulf lachte: »Das muß ich sagen, denn kannst du mehr,
als wie ich,« und da lachte sie noch einmal, und er dachte bei sich:
»Wenn sie noch öfter so lacht, denn wird die Geschichte sengerich für
mich.«

Wodshorn hieß der Hof; der Bauer sprach kaum ein Wort und die Bäuerin
auch nicht viel mehr. Sie ließen es aber an nichts fehlen. Um Uhre neune
kam ein Bauernsohn an und teilte Wulf etwas unter vier Augen mit, und da
sagte Harm zu Johanna: »Nun müssen wir doch bis morgen bleiben. Das
beste ist, du legst dich wieder schlafen; ich will das auch tun. Wer
schlau ist, der ißt und schläft heutzutage im voraus. Du kannst mit der
Bäuerin ganz offen reden; sie weiß Bescheid. Sie hat ein Herz wie Gold,
aber sie hat Schreckliches durchgemacht; deshalb spricht sie nicht und
darum hat sie auch das Lachen verlernt.«

Es war bei zwölf Uhr, da wachte das Mädchen auf. Die Bäuerin stand vor
ihr und sagte: »Wenn du lieber liegen bleiben willst, denn bringe ich
dir das Essen in das Bett.« Johanna schüttelte den Kopf: »Nein, dann
müßt' ich mich ja schämen; ich will aufstehen.« Die Frau lächelte:
»Willst du auch lieber Mädchenzeug anziehen? Es ist was da, das dir
passen wird; hier im Hause sind bloß lauter Leute, die nicht mehr reden,
als sie sollen. Morgen kannst du wieder als Koppelknecht gehen.«

Sie legte ihr den roten Rock, das Leibchen, Strümpfe und Schuhe und
alles, was dazu gehörte, hin, und als sie nach einer Weile wieder in die
Dönze kam, und das Mädchen fix und fertig stehen sah, nickt sie ihr zu,
aber mit eins nahm sie sie in den Arm, küßte sie und weinte an ihrem
Halse. »Ich hatte zwei Töchter, gesunde, glatte Mädchen, Zwillinge. Alle
beide haben wir vor einem Jahre tot im Busch gefunden. Wenn es dir in
Peerhobstel nicht zusagt, komm hierher; du sollst wie eine Tochter
gehalten werden.« Sie wischte sich die Augen. »Ja, was hilft das Weinen!
Und es sind mehr da, denen es so gegangen ist, dem Wulfsbur nicht zum
wenigsten. Ich will dir das verzählen, denn einmal mußt du es doch
gewahr werden.«

Das Mädchen hörte zu und holte kaum Luft, solange die Frau sprach, aber
die Tränen liefen ihr über die Backen. »Ja,« sagte der Bauer, der auch
in die Dönze gekommen war, »den Wulfsbauern hättest du früher sehen
sollen! Bei dem war jeden Tag Feiertag. Und jetzt, da ist er wie der
Grauhund, der über die Haide läuft und erst zufrieden ist, wenn er Blut
lecken kann.«

Nach dem Mittagbrot, bei dem kaum ein Wort geredet wurde, half Johanna
der Bäuerin im Hause; dann setzten sich beide hinter das Haus auf die
Bank und strickten. Die Sonne schien warm, im Rasen blühten die
Osterblumen, die gelben Buttervögel flogen, die Elster suchte sich
Reisig für ihr Nest, im Holze schlug die Zippe, und über der Wohld
flogen zwei Addernadler und riefen laut.

Zwei Tage blieb der Wulfsbauer mit Thedel aus. Als er wiederkam, sah er
müde aus, hatte dunkle Augen und enge Lippen. »Das Geschäft hat sich
zerschlagen,« sagte er; »heute bin ich zu müde und will erst
ausschlafen. Morgen früh wollen wir nach Peerhobstel.«

In der Nacht zog ein Gewitter vorüber. Johanna wachte davon auf und
verjagte sich; aber als sie neben sich die Bäuerin, und vor der Butze
Grieptoo fest und tief atmen hörte, schlief sie gleich wieder ein. Als
sie am Morgen das Mannszeug anzog, packte die Frau die Mädchenkleider
zusammen, machte ein Bündel daraus und sagte: »So, das soll deins sein,
meine Tochter! Und das du es nicht vergessen tust: auf Wodshorn ist
immer eine Butze und ein Platz am Tische für dich da.«

Es war ein schöner Morgen geworden; die Moorhühner waren überall zu
gange, die Kraniche prahlten, die Kiebitze riefen und die Himmelsziegen
meckerten. Überall in den Gründen war der Post ganz rot, und ab und zu
stand ein Weidenbusch da, der wie eine helle Flamme aussah. Ein Rudel
Hirsche zog über die Haide, blieb stehen, als es drei Reiter ansichtig
wurde, und zog dann schneller dem Moore zu.

Als sie vor Fuhrberg über die hohe Haide ritten, heulte hinter ihnen der
Wolf. Der Bauer drehte sich um und sagte: »Das sind unsere Leute!« und
er gab den Wolfsruf zurück. Bald darauf kamen zwei Reiter aus dem
Busche; es war Viekenludolf und Grönhagenkrischan. »Na, schon so früh
auf, Ludolf?« begrüßte ihn Wulf; »bist wohl gar nicht im Bette gewesen?«
Der Dollhund griente: »In meinem allerdings nicht. Schade, daß du
gestern nicht dabei warst! Wir haben einen guten Zug gemacht. Na, wir
kommen da ja vorbei; kannst es dir selber ansehen.« Er sah nach Johanna
hin. »Ist ein Freund von mir, Hans geheißen,« sagte der Ödringer. »Hm,«
brummte der Rammlinger und wollte grienen, verkniff es sich aber, denn
der andere lud ihn dazu nicht ein.

Er ritt mit Wulf voran und flüsterte ihm etwas zu. Harm ließ ihn dann
vorausreiten und fragte Johanna: »Hans, kannst du es mit ansehen, wenn
ein Birkenbaum faule Äpfel trägt? Es sind ein paar Schandkerle weniger
geworden auf der Welt. Ich muß dahin; wenn du willst, kannst du mit
Thedel hier so lange warten.« Das Mädchen schüttelte den Kopf: »Ich
wollte froh sein, wenn alle Birken so reich tragen wollten; dann hätten
es alle Menschen, die frommen Herzens sind, besser!« Der Bauer nickte.

Da, wo der Dietweg die Heerstraße schnitt, standen etliche hohe Birken
beieinander. Fünf Männer und zwei Frauen hingen daran. Über jedem war
eine aufrechtstehende Wolfsangel in die Rinde gehauen, und der älteste
Mann, ein Kerl mit einem schwarzen Bart, hatte ein Brett zwischen die
Hände gebunden; mit Rötel waren darauf folgende Worte geschrieben:

    Wir sind Unser 3 Mal Elve
    und nennen uns die Wölwe
    und geben auf jedweden Acht
    der Lange finger macht.




Die Schnitter


Wulf und seine Begleitung blieben bis zur Ulenflucht auf dem Viekenhofe
in Fuhrberg und kamen erst im Dunkeln nach Peerhobstel. Alles machte
lange Augen, als es hieß: der Wulfsbauer hat sich eine Magd mitgebracht.
Aber weil sie sich nicht sehen ließ und alles, was eben helfen konnte,
alle Hände voll zu tun hatte, so kümmerte sich keiner weiter um sie.

Mit der Zeit wurde Johanna mit den Frauensleuten bekannt. Erst mußten
sie heimlich über sie lachen, weil sie das rote Haar hatte, hochdeutsch
sprach und Hände wie eine Edelfrau hatte. Als aber Wittenmutter zu
liegen kam und die Magd vom Wulfshofe ihr in ihrer schweren Stunde auf
das beste beistand und auch hinterher jeden Tag dafür sorgte, daß die
Zwillinge zu ihrem Rechte kamen, sah man, was man an ihr hatte, zumal
sie sonst wie eine Magd arbeitete.

Die Kinder, die erst mit dem Finger im Munde dagestanden hatten, wenn
sie ihnen mit der Hand über die Köpfe ging, gewöhnten sich bald an sie,
und mit der Zeit hatte sie sie alle miteinander jeden Sonntagnachmittag
um sich; dann erzählte sie ihnen allerhand Geschichten und brachte den
Mädchen Stricken, Nähen und Stopfen bei.

»Das hat uns hier gefehlt, Harm,« sagte Ulenvater, der das Mädchen
ganz an das Herz genommen hatte; »nun haben wir einen Schulmeister,
wie es besser keinen gibt, wenn er auch lange Haare hat. Mit
Geschichtenerzählen hat es angefangen und jetzt bringt sie ihnen auch
das Lesen und Schreiben bei. Weißt du was? Krackenmutter ihr Mieken, das
wäre eine Lüttjemagd für uns; denn hat die andere mehr Zeit für die
Kinder und die Kranken, denn darauf versteht sie sich wie ein gelernter
Doktor.«

Der Wulfsbauer war das sehr zufrieden. Als er ihr Grieptoo hielt, der
sich einen Schlehdorn eingetreten hatte, woraus ein Geschwür geworden
war, und sie es aufschnitt und dem Hunde die Pfote verbunden hatte,
fragte er sie: »Sag' mal, was kannst du eigentlich nicht? Reiten kannst
du, schießen kannst du, der Hausarbeit bist du gewachsen, auf das Vieh
verstehst du dich auch, kannst mit kranken Leuten umgehen, bist dabei
auch Schulmeister und Wehmutter und gärtnerst, daß es eine Freude ist;
wo hast du das alles her, Mädchen?«

Sie steckte sich rot an und sagte: »Reiten mußte ich zu Hause lernen,
weil ich Vater bei seinen Krankenbesuchen begleitete, und das Schießen
hat mir der alte Amtmann, Gott hab ihn selig! beigebracht, denn der
sagte: ein Frauenzimmer hat das noch nötiger als ein Mannsmensch,
dieweil es mehr zu verlieren hat als bloß das nackigte Leben. Und das
andere, das kommt wohl, weil Vater Doktor werden wollte, aber aus sich
heraus später einen anderen Ruf bekam, und weil der Lehrer, den wir
hatten, besser Hosen flicken konnte, als die Kinder lehren, und da nahm
sich Vater ihrer an und ich mußte ihm dabei an die Hand gehen. Und von
meiner Mutter habe ich dann das andere gelernt, besonders das Umgehen
mit dem Vieh und mit den Blumen, denn darauf verstand sie sich
vorzüglich.«

Das mußte wohl so gewesen sein, denn sonst hätte es um den neuen
Hof nicht so glatt ausgesehen. Thedel hatte einen schönen Zaun um den
Garten gemacht, und da es sich gerade so paßte, kam die Pforte zwischen
zwei großmächtige Hülsenbüsche zu stehen, die von Johanna so
zurechtgeschnitten wurden, daß sie ganz gleich aussahen, unten breit und
oben spitz, und vor die kleine Tür setzte Thedel zwei spitze Machangeln.
Von allen Blumen und Büschen, die in den wüsten Gärten von Ödringen
wuchsen, schleppte der Knecht so viel heran als nötig war, und wenn er
mit dem Bauern über Land mußte, sah er nach, wo schöne Blumen in den
Gärten waren oder in Töpfen gezogen wurden, und davon ließ er sich
Ableger geben, so daß er bald allgemein nicht mehr anders hieß
als der Blumenthedel.

Es war aber auch eine Pracht, wie in dem Garten alles gedieh; zwar für
die Schneeglöckchen, die Maiblumen und Osterblumen und die Kaiserkronen
und Pfingstrosen und Tulpen war es in dem Jahre schon zu spät, aber die
Schlüsselblumen hatten schön geblüht und im Juni hingen alle Zaunecken
voll von wilden Rosen. Am ganzen Hause kletterten die Efeuranken hoch,
der Hollerbusch beim Backhause war über und über weiß und die
Goldlackbüsche waren in der Sonne anzusehen wie kupferne Kannen. Wenn
dann Johanna an den Büschen sich mit dem Messer zu schaffen machte und
die Sonne schien ihr auf das Haar und die bloßen Arme, von denen die
weißen Ärmel weit zurückgingen, und der rote Rock wippte, wenn sie sich
bückte, um ein Unkraut auszureißen, dann sagte der alte Ul: »Ein
Staatsfrauensmensch ist es,« und stieß Harm in die Rippen und blinkte
ihm zu: »wenn ich halb so alt wäre, dennso wüßte ich, was ich zu tun
hätte. Oder soll sie dir ein anderer wegschnappen? Denn daß sie dir in
die Augen sticht, das habe ich all lange spitz, und eine bessere Frau
kriegst du so bald nicht wieder.«

Der Ansicht war der Bauer auch, und mehr als einmal hatte er sich einen
Stoß gegeben, um dahin zu kommen, wohin er wollte; aber immer war es
ihm, als wenn ein Graben zwischen ihnen war. Denn was war er? Nicht daß
er sich minder vorkam, weil sie mehr gelernt hatte, aber er traute sich
nicht an sie heran, und das um so weniger, je mehr er mit ihr zusammen
war. Früher war er mit Leib und Seele dabei gewesen, wenn es galt, der
Haide die Flöhe aus dem Pelze zu klopfen; wenn er jetzt aber im Moore
lauerte oder im Busche lag, dachte er immer an ein Gesicht, um das das
Haar so rot war wie die Abendsonne auf den Fuhrenstämmen, und an zwei
runde Arme, die aus weißen Ärmeln herauskamen. Denn mit Freuden sah er,
daß Johanna Fleisch und Farbe bekommen hatte; das Leibchen saß ihr prall
und der rote Rock hing ihr nicht mehr so lose um die Lenden.

Am Johannistage war Ulenvater mit Thedel nach Obbershagen gefahren, wo
sein Vetter einen Hof hatte. Harm und Johanna waren allein, denn Mieken
war auf einige Tage zu Hause, weil Krackenmutter nicht ganz munter war.
Es war den ganzen Tag glühheiß gewesen und gegen Abend kühlte es sich
keineswegs ab, so daß der Bauer, der mit Johanna im Garten auf der Bank
saß, meinte: »Wir werden wohl ein Wetter kriegen,« denn über dem
Halloberge standen dicke Wettertürme. Es wetterleuchtete dann auch immer
mehr, und Wulf sah, daß jedesmal, wenn die Wolke auseinanderriß, das
Mädchen mit der Hand nach dem Mieder faßte.

»Hast du Bange?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Nein, es steckt
mir bloß so in den Gliedern; ich bin ganz alle.« Sie sah auch blasser
als sonst aus und hatte wieder einen Blick in den Augen wie damals, als
Grieptoo sie aufgespürt hatte. Harm kam es in den Sinn, wie er sie
damals im Arme gehalten und wie ein Kind gefüttert hatte, und wie
nachher, als sie vor ihm auf dem Schecken saß, ihr Haar so gerochen
hatte, daß ihm ganz sonderbar wurde. Er sah ihre Hände an, die auf ihrer
Schürze lagen. Sie waren braun geworden und die Arme gleichfalls, aber
fein und vornehm waren sie deshalb doch geblieben, obzwar sie vor keiner
Arbeit zurückgingen. »Sie ist und bleibt ein feines Fräulein,« dachte er
und seufzte so tief auf, daß sie ihn anlachte.

»Das hört sich ja ganz gefährlich an!« meinte sie; »hast du was auf dem
Herzen, was dich drückt?« Wie sie ihn so lustig von der Seite ansah, da
dachte er: »Jetzt oder nie!« Aber es blieb beim Denken, denn er wußte
nicht: »Geht das wohl, daß du sie einfach um den Leib fassen tust, oder
ist es wohlanständiger, daß du ihr sagst, wie dir zumute ist?«

Da kam ein Kind angelaufen, daß sich einen Splitter eingerissen hatte,
und nun hatte er es wieder verpaßt. Er aß abends wenig, wußte meist
nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte, kam sich überhaupt ganz
unglücklich in seiner Haut vor und war froh, als es Zeit zum Schlafen
war, denn das Wetter war zurückgegangen.

Er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er ärgerte sich über sich
selber, wußte aber keinen Weg, der ihn zum Busche herausbrachte. Zudem
hatte er Angst, er könnte es mit dem Mädchen verderben, und so lief er
mit seinen Gedanken immer in die Runde. Zuletzt mußte er doch wohl
eingeschlafen sein, denn mit einem Male sah er einen blauen Schein und
hörte einen harten Schlag; das Wetter war wieder zurückgekommen.

Die Pferde schlugen gegen die Wand, die Kühe rissen an den Ketten. Er
stand auf, hing sich den Mantel um und ging auf die Deele. Da lief er
Johanna in die Möte, die ebenfalls im Mantel aus ihrer Dönze kam. Der
Blitz zeigte ihm, daß sie kreideweiß war. »Ist dir schlecht?« fragte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Es ist bloß das Wetter; im Bett war es mir zu
stickig.« Aber als der nächste Blitz und hinterher ein gewaltiger
Donnerschlag da war, schrie sie auf, faßte sich nach der Brust und fiel
gegen die Wand. Er sprang schnell zu, faßte sie um und führte sie in die
große Dönze, ließ sie sich auf die Ofenbank setzen und rückte an sie
heran.

Blitz und Donner kamen auf einen Schlag. Das Mädchen wollte sich
zusammennehmen, aber ihr Mund behielt den Schrei nicht, und da nahm er
sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und deckte ihr seinen
Mantelkragen über das Gesicht; so hielt er sie, ihr ab und zu, wenn es
wieder blitzte und krachte, die Schultern klopfend und ihr zuredend wie
einem jungen Pferde, das vor einem Machangel scheuen will. Sie lag ganz
still und zitterte keinmal mehr, und bloß, wenn das Wetter es gar zu gut
meinte, fühlte er, daß ihre Hände flogen.

Nach einer kleinen halben Stunde hörte das Blitzen und Donnern auf. Es
goß wie mit Mollen und es wurde kühl in der Dönze. Er nahm ihr den
Mantel von dem Gesicht und da merkte er, wie sie ihn fest in den Arm
nahm, und er fühlte, daß zwischen ihnen beiden kein Wall und kein Graben
mehr war, daß sie zusammengehörten in Freud und Leid, und er nahm sich,
was ihm zukam.

»Das war eine schlimme Nacht!« rief Ulenvater, als er am anderen Mittag
in die große Dönze trat. Er war das letzte Ende zu Fuß gegangen, denn
Thedel wollte noch etwas Tannhecke zum Streuen holen, und weil der Alte
einen leisen Schritt hatte, so konnte Johanna nicht so schnell von Harms
Schoß herunter, wie sie wohl wollte. So stand sie da, hatte die Augen
auf dem Estrich und Backen wie Pfingstrosen so rot, strich an ihrer
Schürze herum und platzte schließlich heraus: »Bloß anfangs«. Dann
schlug sie aber die Hände vor das Gesicht und lachte und auch Harm
lachte und Ul erst recht, denn er merkte bald, wo es eingeschlagen
hatte.

Er sah von einem zum anderen und schließlich sagte er: »Na, dennso
wünsche ich euch alles Gute, meine Kinder! denn das seid ihr mir beide
geworden.« Aber dann schlug er auf den Tisch: »Das ist mir ja ein dröges
Löft! Nicht einmal ein Glas Wein und ein Stück Kuchen kriegt man
vorgesetzt? I, daß ist doch sonst keine Weise hierzulande!«

Die junge Frau lief, was sie konnte, und bald stand eine irdene Flasche
mit Wein auf dem Tisch, über den sie ein reines Tuch gelegt hatte, und
ein bunter Teller mit Kuchen und ein noch bunterer Krug mit einem noch
viel bunteren Blumenstrauß, und drei hohe Gläser von der feinsten Art,
aus denen die spanischen Offiziere von den Kaiserlichen eigentlich
trinken wollten, kamen auf den Tisch, und der Wein, der auch für andere
Leute bestimmt gewesen war, schmeckte denen, die ihn tranken, darum doch
nicht schlechter, wenn auch Johanna bloß ein halbes Glas trank und dann
schon sagte, daß die Dönze mit ihr in die Runde ginge.

»Harm,« sagte der Alte, als Johanna aufwusch, »eins will ich dir aber
sagen: der erste Paster, den ich auftreibe, muß her und die Sache
richtig machen. Es sind jetzt wilde Zeiten und der Teufel kann sein
Spiel haben. Deine Frau steht ganz allein da; gibt es ein Unglück, dann
kann sie am weißen Stocke über Land gehen, denn es wird manche da sein,
die ihr den Platz hier nicht gönnt und ihr allerhand anhängen wird. Es
sind jetzt die Zeiten nicht, daß wir eine regelrechte Hochzeit abhalten,
denn der Himmel bezieht sich immer mehr. Der Tilly, der papistische
Hund, jagt die Dänemärkschen hin und her, und die Pestilenz ist auch
wieder da. Laßt euch einsegnen und damit holla! Die Hauptsache ist die,
daß du dich des Nachts nun nicht mehr so zu graulen brauchst!«

So wurde es denn auch gemacht, und es war auch gut, daß der Bauer sich
mit der Trauung beeilt hatte, denn so konnte er mit mehr Ruhe an
Peerhobstel zurückdenken, wenn er wieder den Wolf auf der Haide spielen
mußte.

Das war jetzt nicht ganz selten der Fall. Tilly und die Dänen zogen sich
um die festen Plätze wie die Hunde um die Knochen, und wo man hinhörte,
gab es Not und Tod und Menschenschinderei. Wo die Kriegsvölker geerntet
hatten, da zogen die Marodebrüder mit der Hungerharke hinterher und man
vernahm alle Tage gräßliche Geschichten von totgequälten und
hingemetzelten Frauen, denn was den Unmenschen in die Hände fiel, ob ein
siecher Greis oder ein Brustkind, es mußte des Todes sein.

Die Wehrwölfe hatten darum alle Hände voll zu tun. Es waren jetzt ihrer
hundertelf Nachtboten geworden, wozu noch an die zweihundert Tagboten
kamen. So ging die Arbeit flott vonstatten, und manche Bäume an den
Straßen trugen Früchte, die selbst der happigste Junge liebendgern
hängen ließ. Dabei sahen sich aber die Wehrwölfe ihre Leute genau an und
behandelten jedermann, wie es seine Stellung mit sich brachte; was eine
Feldbinde am Arm hatte, bekam die Kugel und kam unter die Erde, das
andere Pack aber wurde mit der Wiede geehrt und die Krähen und Wölfe
mußten das Weitere besorgen.

Es war ein grauer Märzentag, da hatte der Wulfsbauer auf dem Amte zu
tun. Irgendeine Spürnase hatte es herausgebracht, daß die Ödringer jetzt
Peerhobstler hießen und noch nicht so verhungert waren, als daß man
ihnen nicht die Schatzung zumuten könnte. Das stand ihnen aber gar nicht
an und Harm Wulf als Vorsteher wollte ihnen das vom Halse schaffen. Als
er den Herren vom Amte sagte: »Solange ihr uns nicht schützt, wird von
uns nicht geschatzt,« wurde er ein ausverschämter Kerl geheißen; aber er
hielt die Nase hoch und sagte: »Ich will doch mal sehen, ob unser Herr
Herzog Christian nicht eine andere Meinung von der Sache hat; ansonsten
stecken wir lieber unsere Häuser an und leben vom Betteln und Stehlen,
bis man uns ein Amt gibt, damit wir auch Leute schinden können, die sich
in Bruch und Busch bergen müssen.«

Als er aus der Tür ging, stand Thedel da; er war ganz weiß um die Nase,
hatte Augen wie ein Buschkater im Dunkeln und sagte: »Der Säugling und
das Heilige Kreuz sitzen halb besoffen im Kruge und Viekenludolf macht
sie noch besoffener.« Der Bauer riß die Augen auf: »Wahr und gewiß?« Der
Knecht nickte: »Ich stand hinter dem rotbärtigen Hund und hatte schon
die Hand am Metz; aber da dachte ich noch zum Glücke daran, daß das
nicht in deinem Sinne ist. Heute kommen sie uns nicht mehr aus dem Sack,
Bauer, wie seinerzeit in Ahlden. Ich bin schon in Heeßel gewesen und in
Schillerslage, und von da ist an alle gerechten Leute Meldung gemacht;
dennso sollen sie diesmal wohl daran glauben müssen!«

Indem Wulf mit Thedel nach dem Kruge ging, bedünkte es ihn, als wenn ihm
gar nicht so froh zu Sinne war, wie es eigentlich sein mußte. Er dachte
mehr an Peerhobstel und an seine Frau, als an die Galgenklöppel, aber
darum ging er zuerst doch schnell, bis er sich selber »Prr!« zurief und
so langweilig die Straße hinaufging, als hätte er so viel Zeit wie ein
Knecht, der den Stall ausmisten soll. Er fragte auch noch die Krügerin,
die vor der Türe stand, nach ihren Kindern, aber mit eins konnte er
nicht mehr zuhören, denn er hatte eine Stimme gehört, eine Mannsstimme,
aber so hell, als ob ein Hengstfohlen loslegt, eine Stimme, die er noch
keinmal gehört hatte und die er doch kannte; denn wenn er allein im
Busche lauerte oder über die Haide ritt, hatte er sie oft vernommen. Er
dachte an den Nachmittag auf dem Hingstberge und daran, wie er mit
Henneckenklaus durch das Torfmoor geritten war und Brandluft in die Nase
bekommen hatte, und an all das andere. Seine Rose stand vor ihm, Hermke
an der Schürze und auf dem Arme die kleine Maria, und er biß die Zähne
aufeinander, daß es krachte, so daß die Krügerin sich ordentlich
verjagte.

Aber dann ging er in die Bauernstube, ohne hinzusehen, wer dasaß,
stellte sich an die Tonbank und ließ sich Bier einschenken, hörte, was
der Krüger ihm vorschnackte, mit einem Ohre an, stellte dann seinen Krug
auf den Tisch, der neben der Türe stand, holte sein Brot und seinen
Speck aus der Tasche, zog sein Messer und aß so langsam und bedachtsam
wie allezeit, bis Viekenludolf aufsah, seine rechte Hand auf den Tisch
legte, erst den Daumen, dann den Zeigefinger und dann den Mittelfinger
aus der Faust springen ließ, gleich als wollte er die Zeche nachrechnen,
und dann das Heilige Kreuz anschrie: »Noch so ein Stück, du altes
Saufloch! dann gebe ich noch einen aus; denn lachen tu ich vor mein
Leben gern.«

Der Peerhobstler sah sich jetzt die Leute genauer an, und ihm war auf
einen Augenblick, als wenn sie die Hälse schon lang und die Zunge vor
dem Munde hatten; denn bei ihnen saß noch Wulf genannt Schütte aus
Wennebostel, Harms Halbbruder, der da in einen Hof geheiratet hatte,
Münstermanns Dettmer und Grönhagenkrischan; am Ofen stand Duwenhinrich
und Flebbendiedrich, und Aschenkurt spielte mit der Katze, die unter
der Bank saß und nach seinen Fingern hakte; und da saßen die beiden
Unholde, hielten die Augen mit Mühe offen und freuten sich wie die
Schneekönige, wenn ihre Zotenreden und Greuelsgeschichten die Männer zum
Lachen brachten.

»Bist du all schon in Schillerslage gewesen, Säugling?« fragte
Viekenludolf; »da ist eine lustige Wirtschaft. Der Wirt hat dir da ein
Mädchen, da werden die alten Kerle noch nach verrückt, sage ich dir.
Aber das Mädchen ist als wie eine Nessel. Ich möchte den sehen, der der
den Kranz abnimmt. Unter uns ist keiner, der das kann.«

Harm lachte im Halse, denn erstens hatte der Wirt bloß eine alte Magd
und das war ein liederliches Stück, und die sah noch dazu so aus als wie
eine tote Katze, die acht Tage im Regen gelegen hat. Der Säugling aber
schlug sich auf seine klapprige Brust: »Wenn einer, dann bin ich es,
denn ich habe ein ausverschämtes Glück bei die Menscher!« Sein
Lumpenbruder stimmte ihm bei: »Ja, das hat er; alles was recht ist, das
ist ein Aast uff der Fiedel; das heißt,« fuhr er fort, und er sah dabei
halb frech, halb bange aus, »wenn es nicht anders geht, dann macht er
nicht viel Faxen und dreht ihnen den Schluck ab.«

Der Säugling, der gerade einen großen Krug Honigbier durch seinen langen
Hals hatte rutschen lassen, lachte wie eine Kuckuckin: »Verdammig, das
tu ich! Wozu sind denn die Menscher da? Und überhaupt und so, was ein
forscher Kerl ist, der Kurasche hat, der wird nicht erst acht Tage
herumpiepen wie ein Lüning. So 'n bißchen Zureden das hilft schon,«
sagte er und klappte seine Hand auf und zu, wie ein Stoßhabicht die
Krallen.

Unter der Tür stand Thedel und sah ihm in den Nacken. Dem Wulfsbauern
lief es kalt über den Rücken, als er den Blick sah, den sein Knecht nach
dem Halunken hinschmiß; ihm war, als prahlte da kein lebendiger Mann
mehr, sondern ein toter Leichnam. Und nun fing der Kerl noch an zu
singen, und er lachte dabei, als er quiekte: »O Galgen, du hohes Haus,
du siehst so gräsig aus, so gräsig aus; ich seh dich gar nicht an, denn
ich weiß, ich komme dran, ja, ich komme dran.«

Der Bauer ging in den Hof, denn Viekenludolf hatte mit der Zunge
geklappt. »Bald ist der Haber reif zum Schneiden,« sagte der Rammlinger;
»er läßt den Kopp schon hängen.« Er sah nach dem Himmel. »Es klärt sich
auf; noch eine Lage Met und sie laufen hinter uns her wie die Hennen
hinter dem Hahn.« Er klopfte seine Pfeife aus: »Morgen früh um sieben
Uhr sind wir auf der Haide ober dem zweiten Dorfe.« Er stopfte die
Pfeife und ließ sich von Harm ein Krümel Feuer geben. »Schweres Stück
Arbeit, solche Sauflöcher um den Verstand zu bringen, kann ich dir
sagen!«

Der Wulfsbauer machte seine Zeche glatt und ging gegenüber zum Juden, wo
er so lange auf eine Brustnadel handelte, bis Flebbendiedrich und der
Wennebosteler Wulf und Duwenhinrich fortritten, und dann ritten
Viekenludolf und Aschenkurt fort und hatten die beiden Männer zwischen
sich, die nicht merkten, daß hinter einem jeden von ihnen sein
leibhaftiger Tod aufgesessen war, denn sie juchten und bölkten das Lied
vom Butzemann, der im Deutschen Reiche umgeht.

Als sie schon um die Ecke waren, hörte der Peerhobstler sie noch
kriejöhlen: »Der Kaiser schlägt die Trumm mit Händen und mit Füßen«, und
daß die Kinder ihnen nachschrien: »Duhnedier, Duhnedier!«

Dann brach er den Handel ab, bezahlte, was der Jude angeschlagen hatte,
wofür dieser ein Mal über das andere Mal den Rücken krumm machte, und da
kam der Knecht auch schon mit dem Schecken aus der Einfahrt.

Der Bauer stieg steif in den Sattel und ritt, als wenn er zum ersten
Male einen Pferderücken zwischen den Beinen hatte, aber so wie er das
Torgeld los war, setzte er sich in Trab und war bald hinter den Reitern.
Im Schillersläger Kruge verhielt er sich ganz ruhig, aber als er auf
seiner Strohschütte lag, konnte er nicht viel schlafen, denn er hatte
alle seine Gedanken da, wo seine Frau war.

So war er schon bei fünfe in den Stiefeln. Thedel saß vor der Türe des
Stalles, in dem die beiden Halsabschneider schliefen. Er grieflachte:
»Der eine ist schon eine Weile munter und vernüchtert hat er sich auch,
und wenn er nicht einen alten Scheuerlappen im Maule hätte, würde er
eine schöne Schande machen, dieweil ich ihm die Ärmel vor den Händen
zugebunden habe, und vom Estrich kann er auch nicht, weil da ein Ring
auf der Kellerklappe ist und da ist ein Strick an, und den hat er um das
Leib.« Er spuckte seinen Priem aus: »Der andere hat gestern noch so viel
Honigbier gesoffen, daß er überhaupt nichts von sich weiß, und ich
glaube, vor heute abend ist er nicht so weit, daß wir uns mit ihm
befassen können.«

Der Wulfsbauer ließ sich Suppe und Brot geben, rauchte zwei Pfeifen aus
und schickte bei sechse Thedel voran. Um halbig sieben kamen etliche
Bauern angeritten, klappten mit den Peitschen, bis der Wirt herauskam,
taten so, als sähen sie den Peerhobstler nicht, tranken ihr Warmbier im
Sattel und ritten weiter. Dann knarrte ein Wagen, der Knecht knallte
dreimal schnell hintereinander und viermal in Abständen und pfiff: »Zieh
Schimmel, zieh, im Dreck bis an die Knie.« Aus dem Hause rief
Viekenludolf: »Jochen, kannst mich ein Ende mitnehmen; ich habe kleine
Füße von eurem Bier gekriegt!« Da stand auch Harm auf: »Mir geht es
nicht anders; nimm mich auch mit; auf eine Handvoll Tabak soll es mir
nicht ankommen.« Er setzte sich auf das Schütt und sah vor sich in das
Wagenstroh, das ab und zu hin und her flog, und aus dem mitunter ein Ton
kam, als wenn ein Schwein darunter lag.

Noch saß der Nebel in der Haide. »Das wird ein schöner Tag,« sagte der
Knecht; »die Wettmarer Musiker blasen,« denn man hörte die Kraniche vom
Moore her lauthals prahlen. Eine Anbauerfrau sah den Wagen kommen,
nickte und sagte: »Na, denn sieh man zu, Jochen, daß du deine Schweine
gut los wirst!« Ein Rauk rief aus dem Nebel; das Wagenstroh ging hin und
her. »Hast den schwarzen Bruder gehört?« fragte der Rammlinger den
Knecht; »die Raben kriegen es heute gut!« Aus dem Stroh kam ein Grunzen.
Ein Reiter trabte vorbei, noch einer und hinterher ein dritter. »Nach
'm Schweinemarkt?« riefen sie dem Knecht zu. Der nickte und griente.

Alle hundertundelf Wehrwölfe und meist ebenso viele Boten standen um den
Haidberg. Als der Wagen angefahren kam, ging ein Gemurmel reihum. Der
Nebel teilte sich und fing zu tanzen an, und da wurden zwei Fuhrenbäume
sichtbar, denen die Kronen abgehauen waren und die oben ein Querholz
hatten, das sie zusammenhielt; daran hing links ein toter Hund und
rechts ein verrecktes Schwein, und dazwischen waren zwei Stricke, die
bis auf den Erdboden reichten. Um beide Bäume war ein Kranz von Steinen
gemacht, der vorne offen war, und in jedem Stamm war die Wolfsangel
aufrecht eingehauen, so daß sie offenbar zu sehen war.

Der Knecht nickte den Männern zu, schrie »Prrr!« band die Zügel an,
stieg ab, spuckte aus, ging langsam hinter den Wagen, zog das Schütt
fort, winkte zwei Männern zu und dann zog er einen Sack unter dem Stroh
weg, der sich bewegte, und die Männer halfen ihm, ihn auf den Boden zu
legen, und bei dem anderen auch. Der Wulfsbauer und Viekenludolf waren
abgestiegen und dahin gegangen, wo Meine Drewes stand; er hatte zwei
abgeschälte Weidenstöcke in der Hand. Er winkte und es war so still, wie
in einer leeren Kirche.

Alle die zweihundert Männer sahen dorthin, wo die Knechte die Säcke
aufbanden, die beiden Männer herauszogen und ihnen die Fußkoppeln
abbanden, sie auf die Beine stellten und bis vor den Oberobmann
brachten, nachdem sie ihnen die Lappen aus dem Munde genommen hatten.
Kein einer ließ einen Laut hören, sogar Niehusthedel nicht, der mit dem
Wulfsbauern voran stand und ein Gesicht machte wie ein Untier.
Vierhundert Augen sahen kalt auf die beiden Erzhalunken, die dastanden
und vor Todesangst und Katzenjammer wie Espenlaub beberten, aber keinen
Ton herausbrachten.

Der Oberobmann sah ihnen in die Gesichter und fing an: »Als Obmann der
Wehrwölfe habe ich euch entboten zu einem offenen und gerechten Ding auf
roher Haide und gemeinem Lande, weil wir das Recht sprechen wollen ober
diese beiden Männer. Wer hat wider sie etwas vorzubringen?«

Der Wulfsbauer stellte sich vornehin: »Ich verklage sie auf den Feuertod
meiner Ehefrau Rose gebürtigen Ul aus Ödringen und derer und meiner
unmündigen Kinder Hermke und Maria Wulf, und wegen Brandstiftung, Raub
und Diebstahl an totem und lebendigem Gut.«

Er ging zurück und Thedel stellte sich an seinen Platz und rief: »Ich
verklage sie auf den Feuertod meiner Schwester Alheid Niehus aus
Ödringen, eines Waisenkindes, noch nicht fünfzehn Maien alt!«

Er ging zurück und machte Viekenludolf Platz, und der schrie: »Ich
verklage sie im Namen von ehrbaren Jungfrauen, Witfrauen, Schwangeren
und Wöchnerinnen, unschuldigen Mädchen und unmündigen Kindern, Kranken
und Schwachen, an denen sie sich vergriffen haben. Ich schreik Hallo
über sie und abermals Hallo und zum dritten Male Hallo und Hallo und
Hallo und Hallo, und will es mit sieben Eiden beschwören, daß sie
siebenmal und siebzig den Tod verdient haben nach dem, was sie mir
gestern mit ihren eigenen Mäulern im Kruge zu Burgdorf in ihrer dummen
Besoffenheit verzählt haben.«

Der Obmann sah sich um: »Ist einer da, der noch etwas vorzubringen hat
gegen diese Männer oder der für sie ein Wort einlegen will? Hier darf
ein jeder frei reden, ohne daß es ihm nachgetragen wird.«

Es wurde ganz still in der Runde. Die Sonne kam heraus und beschien die
zweihundert Gesichter der Männer; sie waren alle wie aus Stein. Eine
Krähe flog vorbei und quarrte, und in den krausen Fuhren lockten lustig
die Meisen.

Die dreimal elf Unterobmänner sonderten sich ab und murmelten
durcheinander; dann ging einer von ihnen zu dem Oberobmann hin und sagte
ihm etwas.

»Dennso haben wir befunden,« sprach der Richter, »daß sie beide um ihre
Hälse eine Wiede haben sollen und aufgehängt werden sollen sieben Schuh
höher, denn ein gemeiner Schandkerl, und zwischen den Äsern von einem
verreckten Köter und einer gefallenen Sau bis sie tot sind, und es soll
sich keiner getrauen und sie abnehmen und bestatten, wenn es ihn nicht
gelüstet, an ihre Stelle zu kommen!«

Er brach den einen Stock und warf ihn hinter sich und den anderen und
gab die Wieden hin, und da fiel der Säugling auf die Knie und schrie:
»Erbarm',« denn weiter kam er nicht, weil er die Wiede schon über dem
Adamsapfel hatte, und das Heilige Kreuz hatte knapp gewimmert: »Noch
einen Augenblick, mir ist so schlecht!« da stand er schon mit der
weidenen Krause um die Strosse zwischen den dreimal elf Männern unter
der Feldglocke; ehe die Krähe dreimal geschrien hatte, schwenkte der
Wind sie hin und her, und dazu das Brett, das ihnen zwischen die Hände
gebunden war und auf dem zu lesen stand: »Wir Sind di Wölwe 1 Hundert
und Elwe. Dis sind 2 Hunde und 2 Schweine. Sie Sind ganz obereine.«

Der Steinkreis wurde geschlossen. Die Männer gingen weg. Der Wulfsbauer
hatte das Kinn auf der Brust. Thedel sah noch einmal zurück und
Viekenludolf sagte, indem er nach dem Galgen hinwies: »Kiek, Thedel,
deine Hochzeitsglocken läuten!« Aber Thedel antwortete nicht und ging
hinter Wulf her.

Als sie beide durch die Fuhren ritten, sagte der Bauer: »So, und nun
wollen wir da nicht mehr dran denken, Thedel! Wannehr willst du freien?
Am liebsten wohl gleich heute? Na, von mir aus kann es losgehen; bringe
man alles in die Reihe! Oder hast du das all?« Er sah sich um und
lachte, denn der Knecht hatte die Sonne im Nacken und deswegen waren
seine Ohren so rot anzusehen, wie an dem Morgen in der Jeverser Haide,
als Grieptoo das Mädchen fand.

»Und jetzt, Galopp, Buntscheck!« rief Harm seinem Pferde zu, und sie
flitzten dahin, daß die Plaggen nur so flogen und die Tüten hinter ihnen
herschimpften. Der Bauer dachte an seine Johanna und der Knecht an seine
Hille, und eine Stunde später standen die Pferde vor den Krippen.

Am anderen Tage hatte der Bauer blanke Augen und sein Knecht erst recht.
Sie fuhren nach der Wüste, denn sie wollten da junge Obstbäume, und was
da noch zu gebrauchen war für den Garten, ausgraben. Als Wulf sich über
Mittag hinter einem Busche die Augen wärmte, stöberte Thedel in dem
Schutt herum. Er fand allerlei Geschirr, das noch gut zu gebrauchen war,
desgleichen Äxte und anderes Gerät, und als er die schwarzen Balken
fortzog, auf denen schon allerlei Moos wuchs, schlug er mit der Hacke
auf Eisen. Er hatte den Kesselhaken des Wulfshofes gefunden, ein
Prachtstück, wie es weit und breit kein zweites gab, auf dem oben am
Kopfe die Wolfsangel, die Hausmarke der Wulfsbauern, eingehauen war;
darunter aber stand zu lesen: Ao 1111 Do.

»Das ist mehr wert, als wenn du hundert Taler in Gold gefunden hast,
Thedel,« sagte der Bauer, »und dafür will ich dir ein Haus hinstellen
mit allem, was dazu gehört. Denn ich will dir etwas sagen: Knecht bist
du jetzt lange genug bei mir gewesen. Wenn du mir in der Folge in der
hillen Zeit mit deiner Frau helfen willst gegen das übliche Lohn, so bin
ich das sehr zufrieden. Ich habe mir das aber nämlich lange überdacht:
geradeso, wie ich nicht der Lehnsmann des Edelherrn sein will, sollst du
auch nicht mein Hausmann sein. Du bist mir mehr als ein getreuer Knecht
gewesen diese schlimmen Jahre über, und es ist nicht mehr als recht, daß
du jetzt dein eigener Herr wirst, vorausgesetzt, daß du vor deiner Hille
die Hosen zu wahren weißt.«

Thedel brummte etwas vor sich hin, als wenn ihm der Bauer das Bett vor
den Hof gestellt hätte, aber als er ausgespannt hatte, konnte er gar
nicht schnell genug nach seinem Mädchen kommen, und als er zurückkam, da
flötete er wie unklug. Dann setzte er sich hin und scheuerte mit Wasser
und Asche den alten Kesselhaken ab und hatte nicht eher Ruhe, als bis er
da hing, wo er hingehörte.

Dann aber griff er die Arbeit an, wie der Fuchs den Hasen, und obzwar
der Bauer nicht wußte, wo der Knecht die Zeit zum Essen und Schlafen
hernahm, so wurde Thedel mit jeder Woche runder im Gesichte und der Bart
wuchs ihm zusehends. Seine Hille ging aber auch nicht schlecht
auseinander, so daß der Bauer sagte: »Mädchen, wenn du so bei bleibst,
dennso brauchst du das doppelte Zeug für den Rock und wirst deinem
Thedel eine teuere Frau.« Hille aber lachte und grub darauf los, als
wenn der Boden die reine Butter war.

Wie ihr und Thedel, so ging es aber meist allen Leuten auf dem
Peerhobsberge. Sogar die Kinder halfen beim Roden und Umgraben, und was
früher für eine Schandnot angesehen war, wenn nämlich ein Frauensmensch
sich in den Pflug spannte, jetzt galt das als ein Vergnügen. Es gab
keine Bauern und keine Knechte und keine Bäuerin und keine Mägde in
Peerhobstel, es war eine Gemeinde fleißiger Leute, von denen jeder für
sich und alle für das Gesamt schanzten, so daß es auf den Dörfern um das
Bruch hieß: »Einig wie die Peerhobstler!« Ödland war genug da, Holz und
Weide wuchs allen zu, und wem es an Saatkorn mangelt oder an Geräten,
dem wurde ausgeholfen, ehe er darum gebeten hatte.

Der neue Boden trug nicht so schlecht, als man gedacht hatte, zumal der
Sand, denn eine Mergelbank stand nicht allzu weit an, der Schmorboden in
der Ellernriede war fett wie eine Hochzeitssuppe, und wo das Moor
gebrannt und mit Sand gemengt wurde, lohnte es die Mühe schon. Wenn es
auch an Unkraut nicht gebrach, es stand doch alles besser, als man
gehofft hatte, und als die Hauptarbeit getan war, sagte der Wulfsbauer
zu den Dreiunddreißig: »Und jetzt wollen wir unserem Bruder Thedel sein
Unterkriech bauen! denn ich glaube, es wird Zeit.«

Dieweil viele Hände mithalfen, stand das Haus bald da, und Thedel wußte
nicht, was er sagen sollte, als Bettzeug und Geschirr und was sonst dazu
gehörte, wenn der Mensch zu selbstzweien hausen geht, ganz von selber
ankam, denn die Hundertelfe machten sich ein Vergnügen daraus, ihm zu
helfen, wo sie konnten, ohne daß sie hinterher ankamen und ihr Teil
wieder abaßen.

Es war überhaupt kaum einer von den geschworenen Wehrwölfen bei der
Hochzeit. Am Abend vorher war nämlich wieder einmal der bunte Stock von
Dorf zu Dorf gegangen und zwar mit einem roten Bande darum, und so
mußten sämtliche huntertelfe und alle Tag- und Nachtboten am Platze
sein, weil zwei Haufen von Marodebrüdern bestätigt waren. Der eine davon
verschwand im Meitzer Busche, und die Raben und Füchse wußten allein die
Stelle anzugeben, wo das Gesindel unter den Tannen lag, der andere aber
kam bei Thönse unter die Räder, und es blieb nichts davon übrig, als der
Anführer, und der hing da, wo der Dietweg sich zwillte, so lange an
einer Birke, bis es ihm da zu langweilig wurde.

Drei Tage darauf machte Viekenludolf einen Hauptstreich. Er gab mit
zweien von den Dreiunddreißig einigen Pappenheimern, die auf den Dörfern
Pferde zum Kriegspreise gekauft hatten, das Ehrengeleit. Im Burgwedeler
Holze machten die Reiter Halt, tränkten die Pferde und dann sich selber,
aber nicht mit Wasser, und so lange, bis sie die Haide für ein Federbett
ansahen. Da schlich sich Viekenludolf hin, dümpte die Wache, bis sie an
kein Luftholen mehr dachte, und schnitt schnell allen Pferden die
Fußfesseln durch. Mittlerweile war Kunrad, sein Knecht, nach dem Dorfe
geritten und hatte sich eine rossige Stute und ein Dutzend Leute geholt,
die gerade weiter nichts zu tun hatten. Dann ritt Viekenludolf mit der
Stute über dem Winde an dem Lagerplatze vorbei und zockelte die ganzen
Pferde hinter sich her, und die jungen Leute aus Burgwedel sorgten
dafür, daß die Reiter sich keine Blasen liefen. So behielt mancher Bauer
sein Pferd im Stall und brauchte nicht mit der letzten Kuh zu pflügen.

Denn die Not war stellenweise schon groß. Dänen und Kaiserliche zogen
durch die Haide, und wo sie gewesen waren, wurden die Suppen länger. Am
besten hatten es noch die Leute auf dem Peerhobsberge, denn zu ihnen
fand das Kriegsvolk nicht hin und das übrige Ungeziefer ließ sich im
Bruche nicht blicken.

So konnten die Bruchbauern ihren Hafer in Ruhe bergen und brauchten sich
nicht immer dabei umzusehen. Es fehlte die Erntekrone nicht und auch das
Erntefeuer war da und es schlug hellwege auf, als nach altem Brauch die
Opfergarbe hineingeworfen wurde. Dann zogen die Knechte und Mädchen ab;
Mertenshinrich schwenkte eine lange Fuhrenstange, die ganz bunt
abgeschält war, und daran war oben der Kopf von einem Hahn und daran die
Ährenhalme aus der letzten Feldecke und bunte Bänder, die der Wind
bewegte, und lustig war es anzuhören, als das junge Volk sang:

    Wode, Wode, Wode,
    wi halt dinen Peere Fode;
    in düssem Jahr Dissel un Dorn,
    anner Jahr beeter Korn!




Die Kirchenleute


Besseres Korn gab es im nächsten Jahre wohl, aber auch reichlich Disteln
und Dornen, denn der Krieg wollte und wollte nicht aufhören. Tilly und
die Dänen zogen sich immer noch hin und her, und wo sie sich kabbelten,
war alles zertreten.

Herzog Christian, der nicht wußte, auf welche Seite er sich schlagen
sollte, mußte es mit ansehen, wie das Land verwüstet und die Leute
ausgeraubt wurden, aber alle Einnahmen konnte er auch nicht schießen
lassen, und so kam auf dem Landtage wieder eine dreifache Schatzung
heraus.

Als der Peerhobstler Vorsteher davon Meldung bekam, sattelte er den
Schecken und ritt mit Thedel nach Celle. Ihm wurde schlecht zumute auf
dem Wege; man merkte es, daß überall der Hunger an dem Herdfeuer saß,
und daß die Pest in die Fenster sah. Unter den Mauern von Celle waren
erbärmliche Hütten und Schuppen aufgebaut; darin fristeten die Bauern
aus den ausgeraubten Dörfern ihr Leben durch Betteln und Stehlen und
auch durch Raub und Mord.

Als die beiden Peerhobstler, zu denen unterwegs noch sechs von den
Dreiunddreißig gestoßen waren, damit der Unterobmann sicherer reisen
konnte, vor dem Kruge einen Schnaps tranken, sahen sie eine Frau, die
auf dem Anger ihr Kind begraben hatte und dabei ein ganz zufriedenes
Gesicht machte. Als Wulf sich darüber verwunderte, meinte sie: »Ja, so
wie es heutigen Tages zugeht, muß man weinen, wenn eins kommt, und Gott
loben, wenn es wieder geht!«

Just kam ein Kerl aus dem Kruge, ging auf die Frau zu, faßte sie um,
obzwar die Frau nicht danach aussah, als ob sie einem Manne gefallen
konnte, denn sie hatte kaum ein Lot Fleisch im Gesichte. Sie wehrte
sich, aber der Kerl lachte und wollte sie vor sich herstoßen. Da ritt
der Wulfsbauer hin, langte den Mann am Hosenbund hoch und setzte ihn so
unsacht in einem Schlehbusch, daß der Lümmel für das erste darin blieb.

»Das war mannhaft getan!« rief es hinter dem Bauern, und aus einem
herrschaftlichen Wagen nickte ihm eine Edeldame zu, als er sich
umdrehte. »Wie heißt er?« fragte sie, und als er seinen Namen
offenbarte, sagte sie: »Wenn er einmal eine Hilfe nötig hat, die Gräfin
Trutta von Merreshoffen kann ihm vielleicht die Tür aufmachen lassen.«
Der Bauer zog den Hut: »Dann bin ich so frei, gnädigste Gräfin, auf dem
Fleck darum zu bitten. Ich habe den großen Wunsch, unserem
allergnädigsten Landesherrn eine Gemeindeangelegenheit vorzutragen, und
ohne Fürsprache ist es wohl ein schweres Ding für einen einfachen
Bauersmann, als wie ich bin, an ihn ranzukommen.« Die Gräfin lachte:
»Melde er sich nur um elf Uhr; er kommt schon ran.« Sie nickte ihm zu,
lachte noch einmal und fuhr weiter.

Schlag elfe war der Bauer im Schlosse. Ein Lakai fragte ihn: »Was will
er?« Wulf sah den kleinen Mann von oben an: »Für ihn bin ich ein ihr und
kein er,« gab er ihm auf den Kopf; »ich bin bei dem allergnädigsten
Herrn Herzog angemeldet!« Der Mann machte ein dummes Gesicht, ging
fort, und bald darauf kam ein anderer Diener, der den Peerhobstler in
ein Zimmer führte, in dem ein Offizier Wache stand; einige andere
herrschaftliche Personen lauerten da auch schon. Alle sahen den Bauern
an, der zwischen ihnen aussah, wie ein Eichbaum über lauter
Machangelbüschen. Erst wurde ein kleiner alter Herr abgerufen, der
gleich wiederkam und einem anderen zuflüsterte: »Schön Wetter heute!«
Dann winkte der Offizier dem Bauern.

Dem war anfangs erst etwas benaud zumute, aber als der Herzog ihm die
Hand gab und ihn fragte: »Na, wo drücken ihn denn die Krähenaugen?« da
erzählte er kurz, womit er hergekommen war. Der Herzog sah ihn ernst an:
»Geht nicht, geht schlecht; könnten alle kommen. Schatzung muß bezahlt
werden! Wovon Wege erhalten, für Ordnung sorgen?« Er kniff sich die
Stirn: »Will ihm was sagen, aber behalte er es für sich: will in
Anbetracht der besonderen Umstände Steuer aus meiner Tasche hinlegen auf
fünf Jahre. Dann müßte ihr aber schatzen, wie die anderen alle. Übrigens
aller Ehren wert, daß Kopf hochgehalten und Maul nicht hängen gelassen
wie Leithund. Habe schon von ihm gehört, das und,« er sah ihn scharf,
aber nicht ungut an, »auch noch etwas anderes. Immer vorsichtig sein,
sich nicht auf mich berufen, wenn es sich nicht um augenscheinliche
Räuber und Mörder handelt? Verstanden?« Der Bauer nickte.

Der Herzog besann sich einen Augenblick, fragte nach der Ernte und ob im
Bruche die Pest auch schon Quartier genommen hatte, und dann schmiß er
Wulf das Wort zwischen die Beine: »Wer sind die Wehrwölfe?« Der
Peerhobstler hob die Hand: »Darüber steht mir keine Rede zu!« Der Herzog
machte eine krause Stirn: »Auch gegen mir über nicht?« Und als er wieder
keine andere Antwort bekam, fragte er: »Gehört wohl selber dazu?« Dann
aber lachte er und sagte: »Na, vielleicht besser so! Darf nicht alles
wissen; sonst am Ende aufkommen dafür. So schon Sorge genug! Schlimme
Zeit, Gott sei's geklagt! Hoffen, bald anders wird! Halt er sich
wacker!«

Als Wulf die Türe im Rücken hatte, sah er lauter runde Augen um sich,
und auf der Treppe zeigte ihm der Diener, der ihn heraufgebracht hatte,
einen Rücken, so krumm, als wie ein Rotbrüstchen ihn zu machen pflegt,
und er wollte ihn ausfragen; der Bauer aber stellte sich dumm und
machte, daß er nach der Goldenen Sonne kam, hielt sich aber auch da
nicht lange auf, sondern aß nur einen Happen zu seinem Schoppen und ging
wieder los.

Am Torkruge traf er die anderen Wehrwölfe, die zu zweien und zu dreien
vor und in dem Kruge standen oder saßen und so taten, als ob der eine
Teil den anderen nicht kannte. Es waren noch einige andere Männer da,
auch der Kerl, der vorhin die Frau umgefaßt hatte, und jetzt kannte Wulf
ihn, es war der Mensch, der sich damals in der Goldenen Sonne so
verdächtig um sein Pferd angestellt hatte.

Er hatte gehörig einen sitzen und prahlte wie ein Markwart und, als der
Bauer an den Tresen ging, schrie er: »Kannst du nicht die Tageszeit
bieten, wenn du hereinkommen tust, wie sich das gehören tut, du Flegel?«
Der Bauer ging auf ihn zu: »Ich will dich beflegeln,« sagte er, und
damit schlug er ihm mit dem Handrücken gegen das Gesicht, daß der Kerl
mit einem Male die Stiefel da hatte, wo eben der Hut gewesen war. Sofort
sprang er wieder auf: »Hund,« brüllte er, »Hund von einem Dreckbauern,
du mußt sterben!« Er zog das Messer heraus, aber da warf ihm
Gödeckengustel einen Stuhl gegen die Schienbeine, daß der Kerl den
Estrich unter sich verlor, und Scheelenludchen und Meineckenfritze
langten ihn sich, nahmen ihm die Pistolen ab, walkten ihn, bis er so
weich wie Quark war, und schmissen ihn vor die Türe, daß es man so
mülmte. Er hinkte nach dem Stalle und holte sein Pferd. Als er
aufsteigen wollte, legte ihm Wulf die Hand auf den Arm: »Wahre dich,
Stehldieb, wahre dich! Es wachsen Birkenbäume und Wieden die Masse in
der Haide. Du bist mir das zweitemal in die Möte gekommen. Beim dritten
Male ist Schluß und du kommst unter die Wolfsangel zu hängen.« Er hatte
es ganz leise gesagt, aber Jasper Hahnebut verlor alle Farbe und
zitterte so, daß er kaum auf das Pferd kommen konnte.

Scheele lachte: »Hätten ihm lieber gleich heute das Fliegen umsonst
beibringen sollen!« Der Obmann schüttelte den Kopf: »Unter dem
Stadtbann? das wollen wir lieber bleiben lassen!« Und als Menneke
meinte: »Na, wenigstens war es ein kleiner Spaß!« da machte der
Wulfsbauer eine krause Stirn und sagte: »Ich habe diese Späße dicke; es
vergeht ja meist kein Tag, daß man seine Faust, oder was man gerade drin
hat, nicht gebrauchen muß. Und gerade heute wäre ich meinen Weg
liebendgern in Frieden gegangen.«

Es sollte aber noch besser kommen; als die Bauern eine Stunde geritten
waren und an einem Fuhrenbusche vorbeikamen, knallte es; Gödeckes Rappe
stieg in die Höhe und stürzte zusammen. »Deckung nehmen!« schrie der
Wulfsbauer und hob Gödecke, der heil geblieben war, hinter sich; es
knallte noch dreimal, aber die Kugeln fanden nicht zu den Reitern hin.
»Umsonst nehmen wir nichts!« sagte Wulf; »reitet sofort los und holt
soviel Leute, wie ihr kriegen könnt, und dann wollen wir die Füchse
ausräuchern, die hinterhältschen Hunde, denn dies geht mir doch über den
Spaß. Ich passe derweilen auf, wo sie bleiben.«

Er band sein Pferd an einer Fuhre an und schlich sich mit Gödecke von
der Rückseite so nah an den Busch, als es eben ging. Beide standen bis
an die Lenden in einem alten Torfstiche und sahen hinter den
Birkenbüschen dahin, wo die Wegelagerer saßen. Es war ein Dutzend
Tillyscher Soldaten, die sich unter dem Winde ein Feuer gemacht hatten,
über dem sie einen Bratspieß hin und her drehten. Ab und zu stand einer
auf, holte trockenes Holz und warf es in das Feuer.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, da flüsterte der Wulfsbauer: »Paß
auf, Gustel, gleich geht es los!« Damit hing er sich den Bleiknüppel
über das Handgelenk und spannte die Pistolen. Gödecke nickte und machte
gleichfalls scharf, denn mit eins sprangen die Soldaten auf, sahen sich
wild um, und man konnte ordentlich sehen, daß ihnen nicht sauber zumute
war, denn sie liefen hin und her, bückten sich und sahen sich um wie
Schafe im neuen Stall. Da hörte Harm Wulf hinter sich ein Rotkehlchen
ticken, und als sich umsah, stand Thedel da, griente über das ganze
Gesicht und flüsterte: »Wir haben sie im Kessel, alle miteinander!« Dann
drückte er sich linkerhand in einen Busch.

Kaum war er fort, da hörte man ein Schreien: »Heiliges Marrija!« und
hinterher kam es: »Hundsblutt verdammtiges, nidderträchtiges!« Der
Wulfsbauer lachte im Halse: »Ja, ja, Blut um Blut,« flüsterte er und sah
mit blanken Augen dahin, wo die Soldaten hin und her liefen. Dann
knallte es jenseits des Busches, und dann noch einmal und es roch nach
Rauch, und dann wurde es heiß und mit einem Male brannte der Busch von
unten bis oben und der Rauch schlug hin und her und da schrie es.

»Hörst du, wie sie piepen, Gustel?« flüsterte Wulf mit blänkrigen Augen.
Dann nahm er die Pistole hoch, strich an dem Baume an und schoß; sowie
der Schuß fiel, hörte Gustel einen Schrei und sah einen Mann, der
lichterloh brennend aus dem Busche kam, in den Abstich fallen, daß es
quatschte.

In demselben Augenblicke fiel hinter dem Busche wieder ein Schuß und
gleich darauf noch einer, und dann rechts einer und links einer, und
dann hörte man einen Schrei: »Erbarmung!« schrie es, aber bloß einmal.
Vor Gödecke kroch etwas Brennendes aus dem Busch heraus, schleppte sich
bis an den Graben und sprang hinein, blieb einen Augenblick in dem
nassen Moose liegen, drehte sich dort wimmernd hin und her und versuchte
dann herauszuklettern, aber der Bauer ließ es dazu nicht kommen; er
schlug mit dem Bleistock danach hin und es wurde still vor ihm.

»Ich glaube, das war der letzte,« meinte Wulf und Gödecke nickte. Da
rief es auch schon hinter ihnen. Hermenharm, Ottenchristoph und
Plessenotte kamen von der einen Seite an und von der anderen
Hohlstönnes, Hassenphilipp und Hornbostelwillem. Die sieben Fuhrberger
Bauernsöhne waren naß wie die Katzen und hatten Gesichter und Hände wie
die Kohlenbrenner, aber sie lachten unbändig.

»Die schießen nicht wieder auf ehrliche Leute,« sagte Gödeckengustel.
Hermenharm schüttelte den Kopf: »Sicher nicht, und alte Weiber schlagen
sie auch nicht mehr bis auf den Tod. Lüdeckenmutter haben sie ein Schaf
weggenommen und sie geschlagen, als sie kein Geld hatte, daß sie nun
daliegt und Blut spuckt. Lumpenzeug! Aber nun braucht der Wolf und der
Fuchs kein Messer; sie werden alle so schon mürbe genug sein! Alle haben
sie daran glauben müssen, alle mitsamt. Schade, daß es nicht mehr waren.
Und nun wollen wir löschen!«

Die Arbeit war bald getan, denn über den Moorgraben konnte das Feuer
nicht, rechts lag ein Sandfeld und links war eine Torfkuhle neben der
anderen, und hinter dem Busche ein nasses Flatt. »Hätten sie sich vorher
gut umgesehen,« meinte Ottenchristoph, »dennso wäre manch einer von
ihnen uns wohl noch fortgekommen. Aber sie waren ja so unklug wie die
Schafe, wenn es brennt, und wo der eine hinlief, mußte der andere auch
hin.«

Sie lachten alle, nur der Ödringer Burvogt machte ein böses Gesicht.
»Wenn es so beibleibt, kommen wir heute nicht mehr nach Hause, Thedel,«
brummte er. »Daß man noch nicht einmal in Moor und Bruch seines Lebens
sicher ist! Überall treibt sich das Beistervolk jetzt rum, wo man es
nicht vermutet. Beim besten Willen kann man jetzt nicht über Land
reiten, ohne sich die Hände rot zu machen.«

So war es in der Tat. Als sie das Feuer gedümpt hatten und die
Fuhrberger nach Hause geritten waren und Wulf und Thedel, und die drei
anderen auf der Höhe von Ödringen waren, heulte hinter ihnen der Wolf;
Thedel gab Antwort, und da kamen zwei Bauern angeritten, daß das Feuer
aus dem Kies schlug. Viekenludolf und Schütte waren es.

»Auf Tornhop war Danzefest,« schrie der Rammlinger, »und Schlachtefest
dabei! Na, es ist noch halbwege gut gegangen; wir kriegten früh genug
Wind in die Nase und haben den Leuten gezeigt, was Landesbrauch in der
Haide ist.« Mit einem Male machte er ein anderes Gesicht: »Den schönen
Hof hat das Gesindel natürlich angesteckt, und Steers Wieschen, die da
als Magd diente, mußte ihnen gerade in die Möte gelaufen sein, denn die
fanden wir tot im Busche liegen; die anderen haben sich aber alle bergen
können!«

Harms Halbbruder knurrte durch die Zähne und wurde rot und blau unter
den Augen. »Es wird wohl nicht anders kommen, als daß wir alle unsere
Dörfer anstecken und uns im Bruche bergen müssen. Ich bin gestern zwei
Pferde und das ganze Federvieh losgeworden. Was soll man machen, wenn
dreißig, vierzig solche Kerle auf einmal ankommen? Vor dem, was einzeln
in der Haide herumläuft, braucht man ja keine Bange zu haben. Drei von
dem Ungeziefer haben wir vorgestern im Mastbruche angetroffen. Nun bitte
ich einen Menschen, was tun die da mitten in der Wildnis?« Er lachte.
»Na, wenn es euch hier so gut gefällt, sollt ihr da auch bleiben,« sagte
unser Krischan und machte den Finger krumm, »und ich auch.«

Der Wulfsbauer hatte seine gute Laune schon lange verloren und machte
ein Gesicht wie eine Kattule, und Thedel sah aus wie ein Zaunigel.
»Immer und immer kommt einem was dazwischen,« spuckte er, und Harm wußte
wohl, was er meinte, denn Thedel hatte noch Gras schneiden wollen, wenn
er früh genug nach Hause kam, und jetzt war es meist Abend.

In der Schweineriede brüllte ein Moorochs, die Enten flogen um und von
der Wohld hörte man den Uhu rufen. Der Fuchs braute in den Gründen und
über dem Halloberge war der Himmel so rot wie ein Mädchenrock.

Sie ritten langsam, und als sie vor dem Auskiek waren, machte Thedel den
Wolf. »Kannst man stille sein, Thedel,« rief es vor ihnen, und
Bollenkrischan kam hinter einem Machangel vor. »Na, du wirst dich
wundern, wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt,« lachte
er dann; »es ist Besuch bei dir angekommen.«

Der Bauer riß die Augen auf: »Besuch?« Der andere nickte: »Jawoll,
Mensch, feiner Besuch, Besuch aus dem Seebenspring!«

»Krischan!« schrie der Bauer und bückte sich ganz tief, »Krischan, ist
das wahr? Und was denn, ein Junge oder eine Deern?«

Bolle zog seinen Mund ganz breit: »Ein Junge und eine Deern, Wulfsbauer!
Um Uhre viere der Junge und eine Stunde hinterher das Mädchen. Und was
die Bäuerin ist, der geht es soweit gut, und den beiden Lütjen auch.«

Wulf machte ein Gesicht wie ein Pfingstmorgen. »Thedel,« rief er, »hast
du gehört, Thedel? Zwei auf einmal! Junge, nun bin ich dir aber doch
über! Fixer warst du ja; na, dafür hast du ja auch 'ne Frau, die Hille
heißt.«

»Du bist ja auch ein großer Bauer,« sagte Thedel und lachte, »und ich
habe man eine kleine Stelle und muß es auch darin langsam angehen
lassen.«

Wenn Harm hätte sagen sollen, wie er auf den Hof gekommen war, er hätte
das nicht gekonnt. »Deubel, Mädchen,« sagte Thedel, als er bei seiner
Frau saß und zusah, wie die ihren Jungen stillte, »Deubel, ist der Bauer
geritten! Ich mußte man in einem fort rufen: wahr dich! denn es war mir
meist so, als kümmerte er sich den Kuckuck um die Wolfskuhlen.«

Als er das erzählte, saß der Bauer vor der Butze, hatte seinen einen Arm
unter dem Nacken seiner Frau und ihre Hände in seiner linken Hand.
»Meine Johanna!« sagte er, »meine gute Frau! Ist das ein Glück und ein
Segen!« Er sah dahin, wo zwei, drei, vier Kinderhände auf der Bettdecke
zugange waren, schüttelte den Kopf, lachte und gab seiner Frau einen Kuß
auf den Mund, aber bloß so sachte hin, denn er sah, daß ihr die Augen
wieder zufallen wollten, und als Duwenmutter ihm zuwinkte, ging er aus
der Dönze und stellte sich vor die große Türe.

Ihm war ganz dumm im Kopf. Nun hatte er wieder zwei Kinder! Und eine
Frau, so schön und so klug und so gut! Er sah über das Bruch nach den
Haidbergen, über denen der Himmel immer noch hell war. In den Ellern
schlug eine Nachtigall, die Frösche waren am Prahlen, der Ziegenmelker
pfiff und klappte mit den Flügeln und die Luft brachte den Geruch von
allerlei Blumen her.

Er ging in das Haus zurück und aß, aber hinterher ging er noch einmal um
den Hof, denn er hatte Grieptoo und Holwiß knurren hören, aber das taten
sie wohl bloß, weil hinten in der Haide ein Wolf heulte. Dem Bauern war
sonderbar zumute geworden; als er sich umdrehte, sah er, daß der Himmel
über dem Halloberge immer heller wurde, aber nicht so, als ob da ein
Feuer war, sondern mehr, als wenn die Sonne schon wieder in die Höhe
kommen wollte. Ganz rot wurde es da, und immer heller, und lange blaue
Striche waren darin zu sehen.

Er schüttelte den Kopf. »Was das nun wieder für ein Unsinn ist?« dachte
er; »ist das jetzt ein gutes Wahrzeichen oder ein schlimmer Vorspuk?«
Dann war es ihm, als ob in dem roten Schein, und gewiß und wahrhaftig,
er konnte es ganz deutlich sehen, daß eine große, schwarze Wolfsangel
sich am Himmel bildete, die dort lange stehen blieb, bis sie
auseinanderging, und der rote Schein allein noch über dem Berge war,
schön anzusehen.

Er nahm das für kein schlechtes Zeichen. Eine Weile noch würde die
Wolfsangel in Kraft bleiben müssen und die Wehrwölfe hatten das Bruch zu
hüten, aber dann würde es sich aufklären, Friede würde es sein auf Erden
und statt Heulens und Zähneklapperns würde Jubel und Frohlocken auf den
Gefilden sein. So dachte er, als er im Einschlafen war.

Vorläufig aber wurde es damit noch nichts. Oft genug noch heulte der
Wolf in der Haide, mehr als einmal jagten die Tagboten hin und her und
die Dreiunddreißig hatten mehr Arbeit, als ihnen recht war, und die
Hundertelfe kamen nicht viel zur Ruhe. Sie waren es alle reichlich leid,
das Landhüten und das Schandwehren; manch einer von ihnen kam nicht mehr
recht zum Lachen, außer Viekenludolf, aber bei dem kam es auch nicht so
recht aus dem Herzen, denn den einen Abend hatte er noch ein hübsches
Mädchen im Arm gehabt und am anderen mußte er dabeistehen und zusehen,
wie sie begraben wurde, und es war ihm man ein schlechter Trost, daß
anderthalb Dutzend Dänen, die den Hof überfallen hatten, steif und kalt
unter der Erde lagen.

Es wurde schlimmer als je vordem. Als es sich herumsprach, daß der Tilly
den Dänenkönig bei Lutter geschlagen hatte und hinter ihm her war, war
die Angst vor ihm groß im Lande, aber die Dänen trieben es eher ärger
als die Kaiserlichen; wo sie hinliefen, hinterließen sie Asche, Schutt
und Not, und waren sie vorbei, dann kamen die Waldsteinschen und wüteten
wie die Besessenen. Zwar hieß es mit einem Male, daß es Frieden geben
sollte, denn Tilly war in Celle und verhandelte mit dem Herzoge, aber es
kam nur noch schlimmer; so schlimm wurde es, daß Viekenludolf ein ganz
anderes Lachen bekam.

»Drewes,« sagte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Hund
an zu bellen fing; »bislang war das ja mehr ein Spaß, wenn es auch
manch einem nicht so vorkam, dem wir das Luftholen abgewöhnten; jetzt
aber hört sich die Gemütlichkeit auf! Wehrwölfe waren wir; jetzt müssen
wir Beißwölfe werden. Der Wulfsbauer denkt genau so, Drewes! Wer heute
nicht zubeißt, der wird gebissen. Man kommt ja nicht mehr zu seiner
Ruhe, und es ist wahrhaftig bald eine Woche her, daß ich in einem
ordentlichen Bette war. Und wie sieht es im Lande aus! Hunger und Pest
und Pest und Hunger, wohin man sehen tut. Wer nicht umgebracht wird, der
hängt sich auf oder springt in das Wasser. Ein Donnerwetter soll da
reinschlagen!«

Er sorgte dafür, daß es oft genug einschlug, denn seitdem der Wulfsbauer
befreit war, hatte er das Leit in die Hand nehmen müssen, und das hatte
er gern getan, denn das Ackern hatte doch keinen Zweck mehr. Kaum war
der Hafer unter Dach und Fach, so fraßen ihn fremde Pferde, und wer Brot
backte, der tat es für andere Leute. So lag denn Viekenludolf mit seinen
Leuten meist in Busch und Haide herum und die anderen Obmänner auch, und
wenn sie zusammenkamen, dann hieß es: »Na, wer hat nun die meisten Läuse
geknickt?« Und der bester Mann war, der mußte einen ausgeben.

Wie die Wölfe, so wurden sie alle miteinander, die Männer. Wehe dem, den
sie fingen. Hatten sie Zeit genug, dann war ihnen das Blei zu schade und
die Wiede zu milde, und gräßliche Dinge trugen sich in Wohld und Haide
zu. Als Wulf an einem mächtig kalten Wintertage mit Schewenkasper,
seinem neuen Knechte, durch die Haide ritt, sahen sie über einem
Fuhrenhorst etliche Raben umschichtig auf und nieder gehen, und als sie
hinkamen, fanden sie vier splitterfasernackte Männer, die zwischen die
Bäume gebunden waren. Drei davon waren schon totgefroren, der eine
jappte noch.

Schewenkasper war Knecht auf dem Tornhope gewesen, der von den dänischen
Mordhunden niedergebrannt war, und Steers Wieschen, die da als Magd
gedient hatte und ihr Leben lassen mußte, weil sie dem Schandvolke
gerade in den Weg gelaufen war, das war sein Schatz gewesen. Kasper
hatte früher schon nicht viel gesagt und bloß gelacht, wenn es gar nicht
anders gehen wollte, aber jetzt sprach er kaum mehr und das Lachen hatte
er ganz verlernt, außer wenn er den Hoferben oder das kleine Mädchen
wartete, das Rose hieß.

»Du hättest man auch gleich ein Frauensmensch werden sollen,« pflegte
Mieken zu sagen, wenn er sich mit den Kindern abgab; »was ist das für
ein Werk? Schleppst dich da in einem fort mit den Kröten ab und andere
Leute hüten das Land!« Kasper aber sagte nichts und ließ vor Bartolds
und Roses Nasen einen Hampelmann tanzen, daß es klingelte und klapperte,
denn er hatte ihn von oben bis unten mit Perlen und bunten Steinen
behängt, die er bei einem Waldsteiner Hauptmann im Hosensack gefunden
hatte.

»Dumme Trine!« dachte er, als er Miekens roten Rock nicht mehr sah,
»dumme Trine!« Und während er den Hampelmann tanzen ließ, dachte er an
den Abend, als er mit Gödeckengustel und Scheelenludjen und Bollesbernd
an der Heerstraße auf Anstand gewesen war. »Alle Tage ist Jagdtag, aber
nicht alle Tage ist Fangtag,« hatte Ludjen gesagt, als es schon an zu
schummern fing. Aber dann hatte er das Ohr auf die Erde gelegt. »Die
Hirsche ziehen!« flüsterte er und machte sich fertig. Vier Reiter kamen
in hellem Galopp an.

Da riß Bernd an einer Schnur, die auf der Straße lag, ein weißer Lappen
flog vor den Pferden auf, daß sie scheuten, und dann knallte es dreimal
und dann noch einmal, und Kasper machte ein ganz dummes Gesicht, als auf
sein Teil fünf blanke Dukaten, ein Paar neue Stiefel und noch allerlei
Kram kam, so die bunte Kette, die der Hauptmann in der Tasche hatte.

»Ja, jetzt, wo es zu spät ist, Wieschen,« dachte er, »da haben wir das
Geld! Was soll ich jetzt mit dem Schiet?« Er gab es dem Bauern zum
Aufheben, denn er brauchte nichts als Essen und Kleider, und die waren
billig, denn es wuchs davon genug in der Haide, wenn man sich darauf
verstand. Und Schewenkasper verstand sich darauf. Es war ihm wahrhaftig
nicht um die Beute zu tun, aber wenn er mit den anderen mal wieder ein
paar Dänen oder Kaiserliche, oder was es sonst war, beiseite gebracht
hatte, dann dachte er: »So, ihr bringt anderer Leute Mädchen nicht mehr
um!« Wenn er dann mit den Kindern Huckepack und Hopphoppreiter spielte,
dann sah er aus, als hätte er nie einen Finger krumm gemacht.

Viel machte er sich auch nicht daraus, »aber Arbeit ist Arbeit,« dachte
er, wenn er wieder einmal heranmußte. Viel lieber war es ihm schon, wenn
er rechtschaffen arbeiten konnte oder Wolfsfallen bauen mußte, denn die
Wölfe nahmen ganz gefährlich zu und auch die Luchse spürten sich wieder
mehr, weil keiner ihnen wehrte, da schlimmere Biester, die wie Menschen
aussahen, aber die reinen Teufel waren, sich mehr als nötig blicken
ließen. Schneller als sonst bekamen die Bauern Falten um den Mund, und
mancher Sohn war schon mit vierzig Jahren so grau, wie sein Vater es
kaum mit sechzig war.

Harm Wulf war noch immer ein junger Kerl, aber als sein Hof abgebrannt
war, war ihm Asche auf den Kopf geflogen und Ruß in die Augen gekommen
und Rauch in den Mund. Wenn er seine schöne Frau und seinen beiden
gesunden Kinder ansah, wurden seine Augen wieder hell und seine Lippen
gingen auseinander; sein Haar aber war und blieb an den Seiten grau, und
nicht oft mehr flötete er das Brummelbeerlied.

An einem Juliabend aber hörte die Bäuerin, wie er flötete, als er dem
Knechte den Fuchs gab. Er ging auf sie zu, faßte sie um und sagte:
»Freue dich, Johanna, es wird Frieden! die Dänen ziehen ab. Ich habe es
in Burgdorf als fest und sicher vernommen.« Die Frau machte ihr
glücklichstes Gesicht, aber dann faßte sie sich mit der Hand nach der
Brust und verlor alles Blut aus den Backen; gleich darauf aber lachte
sie wieder und sagte: »Es war die große Freude, Harm. Frieden! Ja, den
wünscht sich wohl ein jeder. Gott sei Lob und Dank!«

Es war ein schöner Abend. Der Himmel über dem Haidberge war rot, die
Rosen rochen stark und in dem Risch an der Beeke sang ein Vogel ganz
wunderschön. Der Bauer und die Bäuerin saßen auf der Gartenbank und
sahen in den Abend. Ab und zu rief eine Eule in der Wohld, oder eine
Ente schnatterte an der Beeke und unter dem Dache piepten die jungen
Schwalben. Die Bäuerin hatte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes
gelegt und hatte ein Gesicht wie ein Kirchenengel. »Frieden, Frieden!«
flüsterte sie und bekam nasse Augen.

Aber so schnell vertrugen sich die hohen Herren nicht. Zwar die Dänen
zogen ab, aber die anderen blieben, und noch manches Mal war der Himmel
rot von etwas anderem als von der Abendsonne, und die Wehrwölfe mußten
mitten in der Ernte die Sensen liegen lassen und die Kugelbüchsen hinter
dem Schapp herkriegen, denn allzusehr drückten die Kaiserlichen das
Land, obzwar der Herzog treu zu dem Kaiser stand, soviel ihm das auch
verdacht wurde. Der Hunger und die Not wurden so groß im Lande, daß die
rechtlichsten Bauern nicht mehr anders leben konnten, als wenn sie auf
Mord und Raub ausgingen. Das war dann das Allerschlimmste, wenn die
Wehrgenossenschaft Hand an Leute legen mußte, die vordem kein anderes
Blut vergossen hatten als das von Vieh und Geflügel.

Es war an einem Aprilabend, als der Wulfsbauer abgerufen wurde. Von
Mellendorf her war eine Bande von Räubern gemeldet, die den Weg auf das
Bruch zu nehmen sollte. Bauern aus dem Kalenbergischen, der Neustädter
Gegend und aus dem Stifte Hildesheim waren es, die längst kein Dach mehr
hatten, unter dem sie schlafen konnten. »Dieses Stück will mir nicht
gefallen,« sagte Drewes zu Wulf; »fremde Völker, wenn es die noch wären,
da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an! Aber diese Leute
da, die bloß der Hunger soweit gebracht hat, das ist, als wenn man
seinen besten Hund an den Kopp schießen muß, wenn er die Dollwut hat. Es
sind doch Menschen wie unsereins!«

Der Peerhobstler nickte. »Weißt du,« sagte er, »das beste ist, wir geben
ihnen auf, daß sie einen anderen Weg nehmen; vielleicht, daß sie
Verstand annehmen. Ich will ihnen das sagen. Ich glaube kaum, daß einer
von ihnen ein Schießgewehr hat, und wenn schon, so fällt er um, wenn er
Dampf macht. Da ist keiner bei, der noch ein Kalb festhalten kann, wenn
es weg will. Am Dietberge habe ich sie dicht an mir vorbeiziehen sehen;
ordentlich elend ist mir dabei geworden!«

Der Engenser schüttelte den Kopf: »Es ist besser, ich mache das. Stößt
mir etwas zu, dann ist das weiter nicht schlimm; meine Kinder sind groß
genug, um sich selber zu helfen; deine aber nicht. Zudem kommt mir das
als Oberobmann auch mehr zu.«

Der Junge, den er bei sich hatte, kroch hinter den krausen Fuhren her
und sagte den Wölfen Bescheid. »Der reinste Duffsinn ist das nun
wieder,« knurrte Viekenludolf; »Drewes wird alt und bei kleinem taugt er
nicht mehr zum Obmann. Mich soll bloß wundern, was dabei herauskommt;
was Gutes bestimmt nicht!«

Er sollte recht behalten. Kaum war Drewes hinter dem Busche heraus und
hatte eben gerufen: »Leute, ich rate euch zum Guten; bleibt hier weg,
die Welt ist groß genug!« da zog ein langer Kerl, der einen roten
Frauenrock als Mantel umgehängt hatte, eine Pistole heraus, schrie:
»Dennso mach uns Platz!« und schoß den Engenser über den Haufen.

Er und sechs andere lagen beinahe in demselben Augenblicke da und
färbten den Sand rot, und eine Viertelstunde später liefen zwei Drittel
der Bande den Weg zurück, den sie gekommen waren, ohne sich nach denen
umzusehen, die in der Haide liegenblieben; aber davon wurde Drewes nicht
besser; er lag mit dem Rücken gegen einen Machangelbusch, stöhnte und
hielt sich den Unterleib, denn da hatte er den Schuß hinbekommen.

Der Wulfsbauer untersuchte den Einschuß. »Weißt du was, Drewes,« meinte
er, »was das beste ist? Wir tragen dich zu mir. Einmal ist es bis dahin
der ebenste Weg und dann liegst du da am ruhigsten, und hast außerdem
die beste Pflege, denn was meine Frau ist, die versteht sich auf sowas
vorzüglich.«

Drewes war das zufrieden, vorausgesetzt, daß anderen Tags sein Wieschen
kam, denn die könne er um sich nicht missen, sagte er. Sie kam auch. Der
Wulfsbauer machte große Augen, als er sie sah, denn er hatte sie lange
nicht gesehen, wenn er auch oft genug auf dem Dreweshofe gewesen war.
»Ein Bild von einem Mädchen ist das ja geworden!« dachte er, als sie vor
ihm stand und ein um das andere Mal weiß und rot aussehend wurde. »Was
hat sie bloß?« dachte er, als er das sah, aber dann kümmerte er sich
weiter nicht um sie.

Mit ihrem Vater stand es besser, als es zuerst aussah. Die Wulfsbäuerin
hatte die Kugel gleich gefunden und herausgenommen, aber dem Engenser
gesagt, unter zwei Wochen dürfte er nicht aus dem Bette. »Na, Langeweile
sollst du nicht haben,« meinte sie, »erstens hast du ja Wieschen, und
wenn ich Zeit habe, will ich dir immer etwas vorlesen.«

Das war Drewes sehr zufrieden, denn in der letzten Zeit war er immer
frömmer geworden. »Wieschen, kannst da auch sitzen gehen!« rief er, wenn
die Bäuerin mit der Bibel kam; »das tut dir auch keinen Schaden, wenn du
zuhörst.« Aber meistens hatte Wieschen dies oder das zu tun, und wenn
sie endlich kam, dann wurde sie umschichtig weiß und rot, wenn die Frau
sie ansah, so daß die aus ihr nicht klug werden konnte, zumal das
Mädchen beim Essen kein eines Mal aufsehen mochte und an jedem Bissen
herumwürgte.

Den einen Vormittag stand die Bäuerin in der Dönze und sah Wieschen zu,
die im Garten mit den Kindern spielte, denn das tat sie, sobald es eben
anging. Da kam der Bauer und nickte dem Mädchen freundlich zu, und die
Frau sah, daß ihr die Brust auf und ab ging und daß sie erst ganz weiß
im Gesichte wurde und sich dann rot ansteckte. Der Bauer lachte, als er
sie so dasitzen sah: »Mußt sehen, daß du auch bald zu welchen kommst,«
rief er lustig; »mich wundert überhaupt, daß du noch immer unbeschrien
bist. Die Engenser Jungens müssen wohl alle keine Augen haben!« Damit
ging er um die Hausecke.

Da ging der Bäuerin mit einem Male ein Licht auf, denn das Mädchen sah
hinter dem Bauern her, gleich als hätte er ihr ein großes Unrecht
angetan, küßte den Jungen, den sie auf dem Schoße hatte und der seinem
Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, wie unklug, und dann hielt
sie die Hand vor die Augen und weinte, daß es sie schüttelte.

Die Frau faßte mit der Hand nach ihrem Mieder, trat vom Fenster zurück
und setzte sich in den Ohrenstuhl; sie holte tief Luft und griff sich
ein über das andere Mal nach der Brust. Aber dann stand sie auf, ging
in den Garten, nahm dem Mädchen die Hand von den Augen weg und sagte:
»Du bangst dich wohl nach eurem Hofe? In drei, vier Tagen, denke ich,
kann dein Vater wieder hin.« Und dabei strich sie ihr über die Backe.

Nach dem Mittag war sie mit ihr allein im Hause, Drewes schlief, der
Bauer war mit Ul und dem Knecht nach den Koppeln gegangen und Mieken war
in den Busch nach Feuerholz geschickt.

»So,« sagte die Frau und zog das Mädchen neben sich auf die Bank, »nun
wollen wir beiden großen Frauensleute es uns aber einmal gemütlich
machen. Die Kinder schlafen wie die Ilke.«

Das Mädchen wurde weiß und rot und konnte der Frau nicht in die Augen
sehen. Die nahm sie bei der Hand: »Das ist mir doch verwunderlich, daß
ein Mädchen als wie du noch keinen an der Hand hat. Machst du dir aus
den Mannsleuten nichts? Denn daß sie sich aus dir nichts machen sollten,
das redet mir doch keiner ein!«

Dem Mädchen ging die Brust auf und ab; sie wußte nicht, wo sie mit den
Augen bleiben sollte und würgte als ob ihr etwas im Halse steckte.
»Wieschen,« sagte die Frau und legte ihr den Arm um die Schulter, »ich
weiß mehr als du dir denkst. Bleib ruhig sitzen, wir müssen einmal ganz
offen reden.«

Sie nahm die Hand des Mädchens und legte sie an ihr Mieder: »Fühlst du,
wie mein Herz arbeitet?« Sie zog den Kopf des Mädchens an ihre Brust:
»Jetzt kannst du es ganz genau hören.« Wieschen fuhr in die Höhe und sah
die Frau ganz erschrocken an.

»Ja, Mädchen,« sagte sie dann, »jetzt arbeitet es wie wild, und zuzeiten
ist es, als ob ich überhaupt keins habe. Bei meinem Zwillingsbruder war
es just so; mitten im hellen Lachen fiel er um und blieb uns weg. Und so
wird es mit mir auch gehen. Seitdem ich so Schreckliches mit ansehen
mußte, ist es ganz schlimm damit geworden. Wenn ich mich bloß ein ganz
bißchen verjage, oder wenn ich mich sehr freuen muß, dann bleibt mir das
Herz stehen und hinterher ist es, als wenn es mir aus dem Halse heraus
will.«

Sie seufzte tief auf: »So, jetzt ist es wieder besser damit. Aber das
kann heute sein oder morgen, denn lange dauert es nicht mehr, und ich
schlage um und dann,« sie nahm das Mädchen fest in den Arm, »dann haben
meine Kinder keine Mutter, die für sie sorgt. Und nun,« sagte sie und
trocknete sich die Augen aus, »weiß ich ein Mädchen, ein treues und
gutes Mädchen, das meine Kinder von Herzen gern hat, und ihren Vater
auch, und deswegen ist sie bis heute noch ledig geblieben, obzwar sie
rundherum die schönste von allen ist.«

Wieschen schnappte erst nach Luft, und mit einem Male fiel sie der
Bäuerin um den Hals und weinte. »Ja, aber dafür kann ich doch nichts,
und es ist schlecht von mir, daß ich ihn dir nicht gegönnt habe, wo du
doch dreimal besser für ihn bist, als wie ich!« Sie versuchte zu
lächeln: »Aber so schlimm wird es doch mit dir nicht sein. Ich will
meine Gedanken zu Bette bringen, denn, denn,« sie barg ihren Kopf von
neuem an der Brust der Frau, »du bist so gut und aus mir macht er sich
doch kein bißchen!«

Die Bäuerin lächelte: »Wieschen, glaubst du, eine Frau als wie ich, die
so viel durchgemacht hat, macht in solchen Dingen Spaß? Ich habe mein
Teil gehabt, Elend und Not genug und hinterher mehr Glück und Segen, als
eine Frau in diesen Zeiten verlangen kann, und wenn ich weiß, daß du
einmal für die Kinder sorgen wirst, dann wird mir meine letzte Stunde
nicht so sauer werden. Versprichst du mir das?« Das Mädchen nickte, ohne
ein Wort zu sagen, und die Tränen liefen ihr über die Backen.

Als der Bauer zurückkam, sah er seine Frau und dann das Mädchen an und
sagte: »Ihr seht ja beide aus, als wenn ihr das Abendmahl genommen
habt!« Die Bäuerin lächelte ihm zu, aber Wieschen ging schnell in das
Flett.

Am Morgen des Tages, an dem Drewes wieder nach Engensen fahren sollte,
setzte sich die Bäuerin zu ihm. »Drewes,« sagte sie und nahm ihn bei der
Hand, und seine Augen, die lange nicht mehr so waren wie ehedem, bekamen
ordentlich Feuer, als sie ihn ansah: »Drewes, jetzt will ich dir einmal
etwas sagen, aber du darfst mir da nicht zwischenreden. Also höre zu! Du
hast mir selber gesagt, du wirst aus Wieschen nicht klug, weil sie sich
um die Mannsleute nicht kümmert. Seit letzten Friggetag weiß ich, warum
das so ist; sie hat all lange einen, aber einen, der Frau und Kinder hat
und der an ihr vorbeisieht.«

Sie drohte dem Bauer mit dem Finger, denn der machte seine bösesten
Augen: »Erst abwarten und dann krumme Augen machen! Die Frau, von der
ich rede, weiß das und sie ist von Herzen froh darüber, denn sie ist
sich bewußt, daß sie heute oder morgen sterben kann, weil sie ein
schwaches Herz hat; und nun kann sie sich für ihre Kinder keine bessere
Zweitmutter wünschen und für ihren Mann,« hier liefen ihr die Augen an,
»keine bessere Frau als dein Wieschen, denn die Frau, das bin ich,
Drewsbur!«

Sie faßte sich nach der Brust, holte tief auf und sah ihn freundlich an:
»So, nun weißt du es, und ich denke, der Wulfsbur wird dir als Eidam
wohl paßlich sein. Und mit Wieschen habe ich auch schon geredet.
Natürlich kommt sie sich nun etwas dumm vor, aber sie kann mir jetzt
mitten in die Augen sehen, denn sie weiß, wie ich ihr zugetan bin.«

Drewes schüttelte den Kopf; er wußte nicht, was er dazu sagen sollte.
Dann nickte er: »Darin kannst du recht haben, Wulfsbäuerin, darin hast
du sicher recht, daß das Mädchen ihre Gedanken da hat, wo du meinst; nun
wird mir allerlei klar, wo mir bis zur Stunde Busch und Kraut vor war.
Aber das andere, das schlage dir man aus dem Kopf! Du siehst aus als wie
das ewige Leben, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und du ein
lediges Mädchen, dennso solltest du mal sehen, wer sich am meisten um
dich kümmern täte!«

Er lachte lustig, wenigstens tat er so, aber sogleich schrie er:
»Wieschen, Wieschen, Mieken Mieken!« denn die Bäuerin war vorn
übergeschlagen und lag mit dem Gesichte auf seinem Schoße, und als
Wieschen hereinkam, sah sie zum ersten Male in ihrem Leben, daß ihr
Vater auch Angst haben konnte, richtige, wirkliche Angst, denn er hatte
ein paar ganz unglückliche Augen im Kopfe.

Die Bäuerin kam bei kleinem wieder zu sich und sah beim Essen so frisch
und gesund aus wie immer, aber bevor Drewes in den Wagen stieg, nahm er
sie bei der Hand und sagte: »Ich komme bald wieder, halte dich gesund!«
und dann drehte er sich um, denn daß ihm die Augen naß wurden, das
brauchte kein einer zu sehen. Wieschen aber nahm die Bäuerin um den Hals
und weinte hellwege loß, so daß Harm hinterher den Kopf schüttelte und
sagte: »Ein putzwunderliches Mädchen, diese Wieschen; erst dachte ich,
sie kann dich vor den Tod nicht ausstehen, und jetzt hat sie sich, als
wenn sie dich vor Gernhaben auffressen will!« Dann stieg er auf den
Rappen und ritt mit Thedel hinter dem Wagen her. Von Wieschen bekam er
aber kein vernünftiges Wort heraus, und er wußte nicht, was er von ihr
halten sollte.

Es war überhaupt ein putzwunderlicher Tag; denn als Wulf gegen Abend mit
Thedel zurückritt, hörten sie etwas singen, und als sie sich in die
Bügel stellten, sahen sie einen Mann hinter einem Machangel sitzen, der
ein Knie zwischen den Händen hielt und lauthals sang: »Umgürte die, o
Gott, mit Kräften in ihrem Amt, Beruf und Stand, die zu des Predigtamts
Geschäften dein gnadenvoller Ruf gesandt.«

Die beiden Bauern sahen sich an und schüttelten die Köpfe; aber als der
Vers zu Ende war, ritten sie dicht heran, denn daß sie diesem Manne
gegenüber nicht scharf zu machen brauchten, das war so klar wie eine
Brandhaide. »Guten Abend,« rief der Bauer; »na, was machst du denn
hier?«

Der junge Mensch nickte, stand dann langsam auf und sagte: »Ich wünsche
ihm dasselbe, und was ich hier mache? Ich warte, was der Herr mir
schickt. Doch gestatte er mir: da ich ein Prediger bin, wenn auch ohne
Amtes seit einiger Zeit, dürfte mir wohl die Anrede Ihr und Herr
zukommen.«

Niehus griente und der Bauer lachte: »Nichts für ungut, Euer Ehren, aber
daß ihr ein geistlicher Herr seid, konnte ich euch von der Nase nicht
ablesen. Aber wo kommt ihr her und wohin des Weges? Nehmt meine
Neubegier nicht krumm, doch es geht jetzt nicht gerade sauber auf der
Welt her, und wer sich bei uns blicken läßt, der muß uns schon Rede und
Antwort stehen.«

Der Fremde sah ihn mit klaren Augen an: »So wisse er denn, ich bin der
Kaplan Jakobus Jeremias Josephus Puttfarkenius. Seitdem der Herr den
Jebusitern Macht über die Gerechten gegeben hat und als Strafe für
unsere Sünden ihnen die Zuchtruten des Restitutionsediktes verlieh, ward
ich meiner Kapellanstelle ledig und bin wie ein Blatt, das der Wind vor
sich herweht.«

Der Bauer lachte: »Viel anders seht ihr auch nicht aus. Aber da wir doch
gerade vespern wollen, und mehr bei uns haben, als wir brauchen, und ihr
nicht so aussehet, als hättet ihr heute schon satt gekriegt, so könnt
ihr mittun, wenn ihr dazu Lusten habt.«

Der junge Geistliche sah gegen den Himmel: »Herr,« rief er, »deine Güte
währet ewiglich!« Er gab dem Bauern die Hand. »Es war gestern morgen in
dem Dorfe Fuhrbergen, als ich das letzte Stück Brotes aß. Seitdem ist
die Rinde der Birkenbäume meine Nahrung gewesen, doch bin ich dieser
Speise nicht gewöhnt und wollte fast verzagen, wenn ich mich nicht mit
dem Spruche getröstet hätte: der, der die jungen Raben speist, wird auch
meiner nicht vergessen.«

Er aß wie ein Drescher und hinterher sah er gleich ganz anders aus, und
die Hose hing ihm nicht mehr so bummelig vor dem Leibe. Dankbar sah er
den Bauern an und fragte dann: »In Fuhrberg habe ich die Bekanntschaft
eines Bauern gemacht, der Ludolf Vieken heißt und zu Rammlingen gebürtig
ist. Zu diesem Manne faßte ich ein Zutrauen, obzwar er mir nicht auf dem
Wege des Herrn zu wandeln schien, dieweil er Flüche und unnütze Schwüre
aus seinem Munde herausgehen ließ. Aber der Herr wird ihn schon
erleuchten, denn er hat mich aus den Händen der Heiden errettet, so man
Tatern nennt, und unaufgefordert sein Brot mit mir geteilt, und sein
Bier, als er hörte, daß ich nüchtern war wie ein Kindlein, das zum
ersten Male die Wand beschreit.«

Er sah den Bauern mit seinen großen hellen Augen an: »Kennt er hier in
der Gegend einen Mann namens Harm Wulf? An den hat mich der Rammlinger
gewiesen, denn er sagte mir, derselbe könnte in seinem Dorf, dessen Name
mir entfiel, vielleicht einen Prediger gebrauchen. Und die Ehefrau
dieses Mannes soll, wie mir gesagt wurde, eines ausgetriebenen Predigers
Tochter sein?«

Der Bauer lächelte: »Hat Viekenludolf euch kein Zeichen mitgegeben?« Der
andere nickte: »Das wohl, doch scheint es mir dürftig zu sein und fast
hätte ich es von mir getan. Seht her!« Er zog einen Lappen aus der
Tasche und wickelte eine Rabenfeder aus, die zweimal geknickt und deren
Enden auf geheime Art ineinandergedreht waren.

»Dennso ist das recht,« sagte der Bauer; »ich bin der
Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel, und es kann sein, daß ihr
bei uns eine Stätte finden könnt, denn wir Männer können uns in diesen
Zeiten kaum noch nach der Kirche trauen und die Frauensleute schon gar
nicht. Ich sehe es euch an, daß ihr ein rechtlicher Mann seid. Es ist
eine böse Zeit; landfremden Leuten trauen wir gemeiniglich nicht über
den Weg, und deshalb müßt ihr mir in die Hand versprechen an Eides
Statt: nichts zu verraten, was ihr hört und seht, ob ihr nun bei uns
bleibet oder nicht.«

Puttfarken sah ihn ernst an: »Ich habe eine Probe davon belebt, welcher
Art er zu sein scheint; die drei Tatern, die mich auf der Straße
hinwarfen, um mich auszurauben, hängen an drei Birkenbäumen. Hätten die
Toren gewußt, daß ich nur das mein eigen nenne, was ich auf dem Leibe
trage, und das wohl kaum ein Jude anders als geschenkt nimmt, sie lebten
vielleicht noch. Ich habe viel Greuel gesehen auf meinen Wegen, und ich
glaube, wer dem Übel wehrt, der handelt nicht wider des Herrn Gebot. Und
so will ich denn geloben, was er von mir fordert.«

Der Bauer wartete, bis es schummerte, und derweilen fragte er aus dem
Prediger heraus, was er heraushaben wollte. Der Mann gefiel ihm und
Thedel auch, und Grieptoo nicht minder, und somit durfte er vor Niehus
aufsitzen und bis vor die Wohld reiten.

»Mädchen,« sagte Thedel nachher zu seiner Hille, die schon wieder so
aussah, als ob es bald noch einen kleinen Niehus geben sollte, »da haben
wir dir einen Kerl auf der Haide aufgegabelt, eine ganz putzige Kruke!
Sitzt da im Sand und singt nach der Schwierigkeit ein geistliches Lied,
hat nicht Messer noch Schießgewehr bei sich und macht ein Gesicht, als
wenn es lauter Engel auf der Welt gibt, und dabei haben ihn gestern erst
die Tatern unter sich gehabt. Es ist meist so, als ob er zu dumm ist,
als daß er Bange hat; nicht einmal hat er sich verjagt, als wir von den
Wachen angerufen wurden.«

Thedel hatte recht; Furcht hatte Ehren Puttfarken nicht, zum mindesten
keine Menschenfurcht. Das mußte Viekenludolf spüren, als er nach vier
Wochen auf den neuen Hof geritten kam und auf der Deele Mieken zu fassen
kriegte: »Deubel auch, Deern!« rief er und drückte sie, daß ihr die
Rippen knasterten; »du machst dich ja mächtig heraus.«

Aber was machte er für runde Augen, als der Prediger aus der Dönze trat
und ihm sagte: »Der Herr segne seinen Eingang, Viekenbur! Aber sage er
mal: ist es notwendig, den Teufel zum Zeugen anzurufen, weil Gott diese
Jungfrau blühen und gedeihen läßt? Und schickt es sich in einem ehrbaren
Bauernhause, und paßt es sich für einen rechtlichen Bauern, einer
ordentlichen Witfrau Tochter zu behandeln wie ein liederliches
Weibsstück?«

Viekenludolf machte so verbiesterte Augen wie ein Hund, den eine Adder
anprustet; aber dann lachte er: »Ist das der Dank, daß ich euch vor den
Tatern bewahrt habe?«

Der Prediger nickte: »Jawohl, das ist der Dank. Er hat mich vor Tatern
und Heiden bewahrt und ich will seine Seele vor dem Höllenfeuer
bewahren. Und nun trete er ein und nehme Platz, bis die Bäuerin kommt;
die Magd soll sie rufen.«

Von dem Tage an hatte er zwei dicke Freunde; der eine war Schewenkasper,
denn der sagte nachher zu Thedel: »Er hat es dem Viekenbur aber gehörig
gegeben, sage ich dir. Ist das aber auch eine Art, sich aufzuführen, wie
der es tut? Kein eines Mädchen kann sich ja vor ihm bergen!« Der andere
aber war Viekenludolf selber, denn als er nachher wieder ein
Donnerwetter aus dem Munde ließ, wusch ihm der Prediger den Kopf noch
einmal, und das gefiel dem Dausenddeubel, denn es war ihm etwas Neues.
»Du,« sagte er zu dem Wulfsbauern, »den behaltet man; der ist gut!«

So dachten die Peerhobstler auch, denn nachdem Puttfarken von der
Bäuerin ordentlich herausgefüttert war, sah er wie ein rechtschaffener
Prediger aus, und obzwar er noch reichlich jung war, so war er doch ein
guter Prediger und trotz seiner Redensarten ein Mann, der in die Welt
paßte.

Er scheute sich vor keiner Arbeit, soweit sie sich für ihn schickte, und
mehr als einmal sagte der Wulfsbauer zu ihm: »Wie ein Knecht braucht ihr
nun gerade nicht zu arbeiten.« Aber dann bekam er jedesmal zu hören:
»Glaubt er, Wulfsbauer, daß mir das bei den Leuten nicht nützt, wenn ich
grabe und rode wie sie selber? Und außerdem; es macht mir Freude; bin
ich doch auch eines Bauern Sohn.«

Er saß so gut zu Pferde wie die Peerhobstler selber, und mit der Zeit
lernte er auch mit dem Schießgewehr umzugehen wie ein gelernter Jäger,
und manchen Braten brachte er aus dem Busche mit. Auch Aalkörbe konnte
er machen, Netze stricken und Setzangeln stellen, denn sein väterlicher
Hof, den die Mansfelder samt allem, was darauf war, niedergebrannt
hatten, hatte da unten an der Weser gelegen.

Der Wulfsbauer fand, das er kein schlechtes Geschäft gemacht hatte, als
er diesen Mann auf der Haide aufsammelte, allein schon, weil die Bäuerin
immer einen von ihrer Art bei der Hand hatte, wenn Wulf über Land mußte,
was immer öfter der Fall war; denn das mit dem Frieden, das war wie der
Rauhfrost auf der Haide gewesen und lange vergessen, und es wurde
schlimmer denn je. Die Schweden waren gekommen, und der Herzog, dem es
längst nicht mehr gepaßt hatte, die Geschäfte der Papisten zu besorgen,
war zu ihnen übergegangen, und nun sengten und brannten die Pappenheimer
in seinem Lande.

Öfter als sonst kam der Bauer mit krauser Stirn nach Hause, und dann war
es ihm ein Trost, wenn der Prediger ihm mit mutigen Worten und einem
geistlichen Liede über die Sorgen weghalf, denn Puttfarken hatte
Abendandachten auf dem Hofe zugange gebracht, zu denen ein jeder kommen
durfte, der dazu Lusten hatte. Besonders den alten Leuten, die seit
Jahren keine Kirche mehr gesehen hatten, war es ein großer Trost,
konnten sie einmal wieder gemeinsam Gott mit Gebet und Gesang ehren.

Es war von jeher ordentlich und sinnig auf dem neuen Hofe zugegangen,
aber seitdem der Prediger da war, waren die Abende noch gemütlicher als
sonst, denn der junge Mann hatte allerlei Kenntnisse und konnte erzählen
wie ein Buch von dem, wie es in der Welt zugegangen war von Adam an bis
auf die letzten Zeiten; da nun der Bauer in den ganzen Jahren jedes
Buch, das ihm bei den Wehrfahrten in die Hände gefallen war, mitgebracht
hatte, weil er wußte, daß seine Frau daran ihre Freude hatte, so las der
Prediger ihnen an den langen Winterabenden daraus das beste vor und
wußte alles so zu erklären, daß selbst Schewenkasper in dem einen Winter
mehr lernte, als in seinem ganzen Leben.

Seitdem die Bäuerin eigene Kinder hatte, konnte sie sich der anderen
nicht mehr so viel annehmen wie anfangs, und so machte es sich ganz von
selber, daß der Prediger Schule abhielt, zuerst für die Kinder und dann
auch für die Knechte und Mägde, und dazu kamen auch die Bauern gern,
denn alles, was ihre Gedanken von der schlimmen Zeit abhielt, wurde
ihnen zum Trost und zur Erquickung.

Ging es doch immer schrecklicher in der Welt her. So ablegen das
Dorf auch war, es sprach sich genug bis zu ihm hin und die Bauern
bekamen es mit der kalten Angst, als Grönhagenkrischan ein fliegendes
Blatt mitbrachte, auf dem gedruckt stand, was der Tilly und der
Pappenheimer mit Magdeburg angestellt hatten.

Am nächsten Sonntage war Predigt auf dem neuen Hofe. Schewenkasper und
Thedel hatten aus Klötzen und Stangen Sitzreihen vor dem Hause
aufgeschlagen und vor der großen Tür eine Art Kanzel gebaut, die von
der Bäuerin und Mieken mit Tannhecke und Maien zurechtgemacht war, und
ein weißes Tuch mit einem roten Kreuze war darüber gesteckt.

Bei halbig zehne waren die Peerhobstler auf dem Hofe; alle waren da
außer den Brustkindern und den Wachen. Es war ein Morgen, wie er nicht
schöner sein konnte; die Sonne stand hell am Himmel, die Buchfinken
schlugen, die Schwalben spielten in der Luft und auf allen Misten waren
die Hähne am Krähen.

Alle waren sie in ihrem besten Zeuge da, die Männer und die Frauen, und
alle hatten ihre Kinder herausgeputzt, so gut es ging. Sie stießen sich
an und zeigten auf die Kanzel und flüsterten leise miteinander, und die
Altmutter Horstmann bekam nasse Augen, als sie das rote Kreuz auf dem
weißen Laken sah.

Der Wulfsbauer stimmte das Lied an: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr'
und Dank für seine Gnade,« und alle fielen mit ein. Währenddem stieg der
Prediger auf die Kanzel und betete vor sich hin. Er hatte einen
schwarzen Gehrock an, den die Bäuerin gemacht hatte, und er kam den
Bauern anders vor als bislang, wo er in Blaulinnen und Beiderwand
gegangen war.

Es war kirchenstill auf dem Hofe, als der Vers zu Ende gesungen war und
die Leute aufgestanden waren, nur daß man die jungen Schwalben piepen
hörte. »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und
die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen,« begann der
Prediger und fuhr fort: »Vernehmet in Andacht das Wort der Heiligen
Schrift, das geschrieben steht Psalm einhundertsiebenunddreißig: An den
Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.« Er
schlug sein Buch zu und fing an zu sprechen.

Die Leute horchten auf, denn eine solche Predigt hatten sie noch keinmal
vernommen. Das war, als wenn sie selber zueinander redeten, so klar und
doch so ganz anders. Er sprach, wie es vordem war um das Bruch, und wie
es nun aussah. Er ließ Ödringen wieder aufleben und ließ es in Rauch und
Asche aufgehen, erinnerte an Tod und Not und an alles andere, was die
Jahre gebracht hatten an Leid und Elend. Alle Frauen weinten in ihren
Schürzen und die Männer sahen vor sich hin.

Ruhig und eben hatte der Prediger gesprochen, aber dann ließ er Blitz
und Donner aus seinem Munde kommen. Mit einer Stimme, die sich wie ein
Ungewitter anhörte, las er das fliegende Blatt vor und hing Worte daran,
die herunterkamen wie die Axt auf den Baum. »Des Herrn Hand wird sie
treffen, die Bluthunde, die der Kindlein in der Wiege nicht schonten und
kein Erbarmen hatten mit unschuldigem Blute,« rief er; »zermalmen wird
er sie in seinem Grimme und hinstreuen, daß ihre Feinde sie mit Füßen
treten, und wenn sie dann rufen: 'Herr, o Herr, ach, ach!' so wird er
seine Ohren verschließen, denn nicht zu tilgen ist ihre Schandtat, und
ihre Greuel bleiben ewiglich bestehen.«

Da hörten die Frauen zu weinen auf und die Männer sahen ihn mit blanken
Augen an; alle Gesichter wurden klar, als er tröstliche Worte und
Sprüche fand, die Herzen zu erquicken und die Seelen zu laben mit
Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht auf die Güte des
barmherzigen Gottes, und es war keiner da, der sich nicht gelobte, treu
auszuharren in der Furcht des Herrn, möge kommen, was da wolle.

Wie ein Wetterrollen hörte es sich an, als die Gemeinde ihrem Prediger
das Glaubensbekenntnis nachsprach, und bis zum Himmel schallte es, als
sie sang:

    Das Wort sie sollen lassen stahn
    und kein Dank dazu haben;
    er ist bei uns wohl auf dem Plan
    mit seinem Geist und Gaben;
    nehmen sie uns den Leib,
    Ehre, Kind und Weib,
    laß fahren dahin,
    sie habens 's kein Gewinn:
    das Reich muß uns doch bleiben!




Die Hochzeiter


Der Prediger sollte recht behalten. Anderthalb Jahre später, zu der
Zeit, als in Peerhobstel der Hafer geschnitten wurde, kam das Tillysche
Heer unter die Sense des Schwedenkönigs.

Es dauerte nicht lange und die Botschaft davon kam bis in das Bruch. Der
Wulfsbauer hatte sie in Burgdorf vernommen, wo er zu tun hatte. »Junge,«
sagte Thedel zu Bollenatze, »heute sind wir aber geritten, als ob der
böse Feind hinter uns war, so ging das!«

Drei Tage darauf war Erntedankfest auf dem neuen Hofe. Noch keinmal war
die Kanzel so schön mit Haidkränzen und Blumen ausgeschmückt gewesen,
und noch niemals hatten die Leute so helle Augen gehabt, seitdem sie im
Bruche leben mußten, und es war ihnen, als ob der Himmel noch nicht
einmal so blank gewesen war.

Aber eine solche Predigt, wie sie an dem Tage zu hören bekamen, hatten
sie noch nie belebt. Die Bauern rissen die Augen auf: das war doch etwas
anderes, als ihnen der alte Pastor in Wettmar bieten konnte, das war wie
die Posaune des Jüngsten Gerichtes, und dann auch wieder, als wenn ein
Engel Gottes zu ihnen redete, und wenn ihnen eins an der Predigt nicht
gefiel, so war es, daß sie sie unter freiem Himmel anhören mußten.

»Tja,« sagte der alte Horstmann, »eine Kirche, die müssen wir haben, das
steht bei mir fest. Und wenn auch kein Turm daran ist, und sie auch man
aus Balken und Ortstein ist, es ist doch etwas anderes, als wenn die
Hähne mitsingen und die Hunde mitten in die Predigt blaffen. Das ist
meine Meinung und dabei bleibe ich!«

Die anderen dachten nicht anders, und so trugen sie dem Prediger das
vor. »Meine lieben Kinder,« sagte er, und kein einer griente, als der
junge Mann so zu ihnen sprach, »das war schon immer mein herzlichster
Wunsch, doch wollte ich euch die Last nicht zumuten. Aber da ihr selber
damit ankommt, so sage ich nur: Der Herr lohne euch und euren Kindern
und Kindeskindern die Freude, die ihr mir damit gemacht habt!«

Es ging nicht so ganz schnell mit dem Bau, denn die Feldarbeit durfte
darüber nicht liegen bleiben, und zudem mußten die jungen Leute mehr als
einmal aufsitzen und über die Haide reiten, wenn das Horn rief oder der
bunte Stock umging. Es wurde auch keine stolze Kirche, sondern mehr eine
Kapelle, aber fest genug waren die Ortsteinwände und dicht genug das
Dach aus Eichenbalken, und in dem hölzernen Glockenturm, der dabeistand,
hing zwar bloß eine ganz kleine Glocke; denn viel weiter, als daß man
sie auf jedem Hofe hören konnte, sollte sie nicht zu vernehmen sein.

Denn es wurde schlimmer und schlimmer von Tag zu Tag. Seitdem der Herzog
schwedisch geworden war, schickte der Kaiser ihm einen Bullenbeißer nach
dem anderen in das Land, und es war kein Ende der Not. Bislang waren die
schwersten Wetter immer an dem Dorfe vorbeigezogen, aber bald schlug es
dicht dabei ein: die Pappenheimer stürmten Burgdorf; ein halbes Tausend
Bürger kam dabei um, und die anderen waren zu Bettlern geworden, denn
was nicht geraubt wurde an Geld und Gut, das fraß das Feuer. Kaum war
das vorüber, so kamen die Waldsteinschen Bluthunde, und die Burgdorfer
mußten Haus und Hof im Stiche lassen und zusehen, wie sie in dem wilden
Walde ihr Leben fristeten.

Greulich ging es jetzt im Lande her, so schlimm, daß die Leute am Leben
verzagten und alle Zucht und Sitte aufhörte. Die Wehrwölfe bedachten
sich nicht mehr lange, wenn ganze Haufen von fremden, halbverhungerten
Bauern angezogen kamen, sondern machten schnell die Finger krumm.
Dreißig Marodebrüder fingen sie auf der Magethaide auf einmal und hingen
sie an einem einzigen Galgen quer über den Dietweg, und der Anführer
bekam ein Brett vor den Leib, und darauf stand geschrieben: »Wir sind
die Wölve drei mal einhundert und Elwe, wahret Euch, wir bellen nicht,
sondern beißen sogleich.« Davor verjagte sich eine Bande von hundert
Mann, die unter dem grünen Johann des Weges kam, so sehr, daß sie
unbesonnen umdrehte.

Ihr Anführer wurde so geschimpft, weil er vom Kopf bis zu den Füßen grün
gekleidet war. An seinen Händen backte mehr Blut, als an denen aller
Männer, die hinter ihm herzogen, und von denen ein jeder es doch
reichlich wert war, von unten herauf lebendig gerädert zu werden.

Er pflegte zu fluchen: »So wahr mir der Teufel, mein lieber Freund,
helfe!« Das tat er auch, als er mit seiner Bande an dem Tage vor einem
Tannenbusche lag und eine gräßliche Schande machte: »Schöne Lumpenkerle
seid ihr mir!« schimpfte er; »vor Männern wegzulaufen, die an ihren
Hälsen hängen! Der Teufel, mein guter Freund, soll euch lotweise holen!«

Die Pfeife fiel ihm aus der Hand, denn eine Stimme, von der keiner
wußte, ist sie hier oder ist sie da, war zu hören: »Er steht hinter dir
und holt dich, ehe daß die Sonne untergeht!« rief sie und dann kam ein
Lachen hinterher, daß die Weibsleute schrien, wie die Schweine, und Hals
über Kopf sprangen die Männer auf und wankten durch die Haide.

Der Wulfsbauer und Thedel mußten sich das Lachen verbeißen. Das waren
nun an die sechzig Kerle und an die vierzig Weiber, und ein einziger
alter Mann jug sie hin, wo er sie hinhaben wollte. »Ja, ich kann es noch
zur Genüge,« sagte Ulenvater, »und ich bin heilsfroh, daß ich die Kunst
diesem verrückten Thesel von Rabitze seinerzeit abgelernt habe, womit er
in Helmstedt in der Schenke den Leuten die Haare in die Höhe stellte.«
Er hob den Finger hoch: »Sie blasen all! Na, denn bis nachher! Ich alter
Kröppel kann euch dabei doch nicht weiter helfen.«

Der Oberobmann und Thedel drückten sich vorne in den Busch. An vier,
fünf Stellen wurde geblasen, dann fiel ein Schuß. Die Weibsbilder
schrien, und dann knallte es überall und Wulf und Thedel sprangen von
einem Machangel zum anderen, schossen, luden wieder, sprangen weiter und
warteten, bis einer von der Bande herankam, zielten dann lange, und wenn
es knallte, schlug er ein Rad. Wie die Hasen im Kessel wurden sie
zusammengeschossen, ganz gleich, ob sie Hosen oder Röcke anhatten.

»Damit sie nicht hecken, die Betzen,« sagte Grönhagen, als er eine große
Frau mit schwarzen Haaren, die sich hinter dem grünen Johann bergen
wollte, durch den Kopf schoß. Dann sprang er von hinten zu und riß den
Mann an seinem Barte zu Boden, drehte ihm die Arme auf den Rücken, und
Gödeckengustel band ihm die Daumen übereinander. Dann stellten sie ihn
an eine Fuhre und er mußte zusehen, wie seine Mordgesellen unter die
Erde kamen, und als das vorbei war, wurde er aufgehängt, ehe daß die
Sonne unterging.

Wenn nun auch derartige Begebenheiten mehr als nötig dazwischen kamen,
die Kapelle wurde fertig bis auf den Schlußstein über der großen Türe,
und darin war ein Kreuz eingehauen, das aus zwei übereinanderliegenden
Wolfsangeln gebildet war. Auch die Kirchhofsmauer wurde fertig; hoch und
fest war sie, denn es lagen genug große Steine in der Haide herum, und
hinter die Mauer wurde ein Zaun aus spitzen Pfählen gemacht und
Weißdornbüsche dazwischen gepflanzt, und um die Mauer ein Graben
gezogen, so tief, bis daß das Grundwasser herauskam, damit in der
höchsten Not die Kapelle den Bauern als letzte Rettung dienen konnte.

Am achtzehnten Nebelung des Jahres 1632 wurde das erste Grab auf dem
Kirchhofe gemacht, und als der Prediger die Leichenrede hielt, waren
alle Augen naß, auch die der Männer, denn die Wulfsbäuerin war es, die
sie begruben. Sie hatte wohl ab und zu einen ihrer Anfälle gehabt, sah
aber immer so frisch und rot aus, als fehlte ihr nichts, und bloß der
Prediger wußte, wie es um sie stand, denn dem hatte sie sich
anvertraut.

Er sah blaß und elend aus, als er am Abend in seiner Dönze bei der
kleinen eisernen Öllampe saß, denn sein Herz, das sich bis dahin noch
keinem Weibe zugewandt hatte, hatte immer schnell geschlagen, wenn er
die Frau nur von weitem sah. Aber mit keinem Blicke, geschweige denn mit
einem Worte, hatte er sie merken lassen, wie es um ihn stand. Als Mieken
kam und sagte: »Die Frau ist uns eben weggeblieben,« da war er wohl so
weiß, wie eine Wand, als er in die Dönze kam, und seine Hände beberten,
als er ihr die Augen zudrückte, aber keiner sah es ihm an, wie ihm
zumute war.

Als er aber am Abend nach der Beerdigung das Kirchenbuch auf den Tisch
legte und die Gänsefeder in das schwere silberne Tintenfaß steckte, das
einer von der Bande des grünen Johann im Zwerchsack gehabt hatte, da
fielen zwei Tränen auf das grobe Papier, auf das er mit seiner schönen
großen Schrift die Worte hinsetzte: »Ao. Dnj 1632 den 18. Novembris
wurde die Wulfsbäuerin und Ehefrau des Burvogtes Harm Wulf Johanna Maria
Elissabeth bürtigke Neugebauerin/des ausgetriebenen bayerischen
Praedicatoris Bartoldi Neugebaueri/Ehren/eheliche Tochter/allhier
bestattet. Selbige war eine Leuchte voor allen Weibern. HERR! gieb ihr
die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr!« Als er einen Monat
später darunter schrieb: »Sie starb desselbigen Tages, da der
Schwedische König Gustavus Adolfus / GOTT habe ihn selig! / bei der
Statt Lüttzen zu Tote gekommen ist,« da fielen noch einmal zwei Tränen
auf das Blatt.

Über diesem Buche saß der Prediger manchen lieben Abend, denn er hatte
aus den Bauern alles herausgefragt, was sich in Ödringen und hinterher
in Peerhobstel an wichtigen Dingen begeben hatte, und das hatte er sich
auf allerlei Zettel geschrieben. Von einem Wehrzuge hatte dann
Renneckenklaus außer einem silbernen Kreuze und einem goldenen
Altarkelche das Buch mitgebracht, das die Marodebrüder mit sich
geschleppt hatten, weil es in teueres Leder gebunden war und drei
silbervergoldete Schlösser hatte, und nun saß der Prediger, so oft er
Zeit hatte, darüber und schrieb alles das hinein, was er erfahren hatte.

Auf der ersten Seite war ein schwarzes Kreuz gemalt, das aus einem roten
Herzen kam; darunter war zu lesen: »Vnser Anfang Vnd Vnser Ende steht im
Namen des HERRN, der Himmel Vnd Erde gemachet hat.« Auf der zweiten
Seite aber stand: »=HISTORIA PEERHOBSTELIANA OEDRINGENSIS que= / das ist:
Gründlicher Wahrhaftiger Vnd Bestendiger bericht Von dem anjetzt wüsten
Dorfe Oedringen vnd der Nohtkirche vnd Gemeinde Peerhobstel/sowohl, was
sich unter seinen Zeiten begeben als waß ehr Veber di früheren
heraußbekomen/der posteritet Vnd nachkommen zu gut Vnd besten/durch J.
J. Josefum Puttfarkenium, Praedicatorem Ao. Dnj 1632.«

Schon im nächsten Monat mußte der Prediger wieder einen Todesfall
eintragen, und wenn ihm dabei auch keine Tränen aus den Augen liefen, so
ruhig, wie sonst, schrieb er doch nicht, denn wieder war ihm jemand
genommen, dem er mehr zugetan war, als irgendeinem anderen aus der
Gemeinde. Der alte Ul war es; schon längere Zeit hatte er es auf der
Brust gehabt, und als die Wulfsbäuerin ihm unter den Händen wegblieb
und nicht wieder zu sich kam, da wurde er wie ein Schatten an der Wand,
denn wer es nicht wußte, wie es war, der hätte die beiden für Vater und
Tochter gehalten, wenn er sie zusammen sah. Bevor er ganz von sich kam,
hatte er noch gesagt: »Ich komme zu meinen Töchtern Rose und Johanna.«

Ein Vierteljahr darauf, als die erste Dullerche über der Haide sang und
die Räuke über der Wohld riefen, ritt der Prediger mit Schewenkasper,
der ihm neben der Arbeit auf dem neuen Hofe um den Gotteslohn als Küster
diente, und mit Mertensgerd, der auch einer von den Stillen um ihn war,
die keine starken Getränke und kein unchristliches Wort in den Mund
nahmen, nach Engensen. Die Wulfsbäuerin hatte ihm alles anvertraut, was
zwischen ihr, Wieschen und Drewesvater abgemacht war, denn ihrem Mann
wollte sie keine Unruhe machen. Der Prediger hatte ihr in die Hand
versprechen müssen, daß er dafür sorgen wolle, daß das Mädchen als
Bäuerin auf den neuen Hof käme.

»So also sieht der berühmte Oberobmann Meine Drewes aus!« dachte der
Prediger, als er dem Burvogte die Hand gab. So alt und mit so weißen
Haaren und so vielen Falten um den Mund und bei den Augen hatte er ihn
sich nicht vorgestellt. Wenn der Mann auch noch wie eine Eiche dastand,
der Wurm saß in ihm und unter der Borke war er morsch und olmig.

Er wußte wohl, was den Mann drückte, der eines Tages gesagt hatte: »Ehe
daß ich mir und meinen Leuten auch nur einen Finger ritzen lasse, will
ich lieber bis über die Enkel im Blute gehen.« Aber wem ging es nicht
so von den Männern, die sich auf ihren Höfen gehalten hatten?

Als er dann mit dem Bauern über Wieschen und den Wulfsbauern gesprochen
hatte und mit ihm allein war, denn das Mädchen war mit der Magd melken
gegangen, und der alte Mann ihm offenbarte, was er auf dem Herzen hatte,
tröstete er ihn, so gut er konnte. »Wer sich und die Seinen gegen
Schandtat und Greuel wehrt und Witfrauen und Waisen beschützt,
Drewsbur,« sagte er, »den wird unser Herrgott willkommen heißen, und
wenn seine Hände auch über und über rot sind.« Da hatte der alte Mann
tief aufgeseufzt und gesagt: »Dennso will ich mir darüber keine Gedanken
mehr machen, euer Ehren.«

Hinterher sprach der Prediger dann mit Wieschen. Das Mädchen wurde immer
stiller, je mehr er sprach, und schließlich sagte sie: »Ich habe
gedacht, daß ich darüber weg bin, aber dem ist nicht so. Mein Wort halte
ich, und ich würde es halten, wenn ich auch in der Zeit gelernt hätte,
einen anderen gern zu haben. Das ist nun nicht so, jedennoch: der
Wulfsbauer denkt in keiner Weise an mich, und es wäre mir schrecklich,
zu denken, wenn er glaubte, ich hätte auf den Tod seiner Frau gelauert.
Ich bin kein eines Mal in der Kirche gewesen, ohne Gott zu bitten, daß
er ihr ein langes Leben geben soll, denn seit dem Tage, daß sie sich mit
mir ausgesprochen hat, ist sie mir so lieb gewesen, als wie eine
Schwester. Und wenn er eine andere findet, die ihm lieber ist, und die
ist gut zu den Kindern, keine sollte das mehr freuen, als mich, denn um
alles in der Welt möchte ich nicht, daß er denkt, ich wollte ihn
zwingen, weil seine selige Frau einmal diesen Wunsch hatte.«

Der Prediger gab ihr die Hand: »Eine solche Antwort, die paßt sich für
eine christliche Jungfrau. Verlasse sie sich ganz auf mich! Mein lieber
Freund soll nichts von ihr denken, was ihr nicht angenehm ist. Und nun
will ich gern, wie es ihr Vater wünscht, eine kurze Abendandacht halten,
denn bei kleinem wird es Zeit, daß wir uns zum Aufbruch rüsten.«

Während der Andacht sah er neben der Haustochter ein Mädchen knieen, die
ein Gesicht hatte, das ihn an seine selige Mutter erinnerte. Sie sah
aus, als hätte sie viel Böses ausgestanden; aber als sie einmal nach ihm
hinsah, merkte er, daß ihr Herz rein und gut geblieben war. Er sah
hinterher, daß es die Magd war; er wußte nicht, warum er nach ihr
hinsehen mußte, als sie die Stühle beiseite stellte, und er hätte gern
gewußt, was es mit ihr für ein Bewenden habe, aber er fragte darum doch
nicht danach.

Es schummerte schon, als er mit den anderen durch die Haide ritt. In den
Gründen stieg der Nebel auf, die Frösche knurrten in den Pümpen, von der
Wohld heulten die Wölfe den Mond an und im Moore waren die Kraniche am
Prahlen. In der Richtung nach Mellendorf zu war der Himmel rot; da
brannte ein Hof oder ein Dorf. »Errette sie, Herr,« betete der Prediger
in sich hinein, »vor den bösen Menschen; behüte sie vor den frevelhaften
Leuten!«

Sie waren meist am Brehloh, da polterten lauthals schreiend ein paar
Krähen aus den Tannen. »Prrr!« rief Mertensgerd und riß sein Pferd
zurück, und die anderen taten das auch und nahmen die Pistolen zur
Hand. In demselben Augenblicke kam ein roter Schein aus dem Busche und
eine Kugel flog über den Prediger hin, aber sogleich schoß der auch und
hörte einen Mann aufschreien, und da sah er, daß ein anderer auf den
Küster anlegte; er ritt ihn über den Haufen, und als er kehrt machte,
hörte er einen Schuß und der Kerl, der sich gerade wieder aufrappeln
wollte, fiel um; Mertensgerd hatte ihn geschossen.

Als sie in der blanken Haide waren, hielt der Prediger an: »Lasset uns
dem Herrn danken für seine Güte,« sagte er, indem er die Kappe abnahm;
»lasset uns beten: Herr, Herr, meine starke Hilfe, du beschirmst mein
Haupt zur Zeit des Streites.« Als er sich wieder bedeckt hatte, sagte
er: »Es steht geschrieben: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll
wieder vergossen werden. Auf uns trifft das nicht zu; wer seinem Bruder
aus dem Hinterhalte nach dem Leben trachtet der ist, wie der Wolf; sein
Blut beflecket den nicht der ihn erschlägt. Unsere Hände sind rein vor
dem Herrn.«

Am anderen Tage suchten Thedel, Renneckenklaus und Mertensgerd das
Brehloh ab. Die Wölfe hatten saubere Arbeit gemacht; eine Handvoll Taler
hatten sie aber liegen lassen, und ein paar gute Pistolen. »Das muß ich
sagen,« meinte Thedel zu dem Wulfsbauern, »das ist ein Prediger, wie er
zu uns paßt. Ich dachte: der kann bloß mit der Schrift schießen; aber
was denkt man nicht alles von einem Menschen, ehe man nicht drei
Scheffel Salz mit ihm gegessen hat. Ich sage man bloß: unser Prediger!
So einen soll man erst wieder suchen. Wer hätte das gedacht, als er den
Tag hinter dem Machangelbusch saß und lauthals singen tat!«

Seit diesem Tage stand Puttfarken noch anders da als zuvor, und als er
sich von selber anbot, auf Wache zu ziehen, und das so oft tat, wie die
Reihe an ihm war, da brauchte er nicht erst darum zu bitten, und es
wurde ihm der Kapelle gegenüber ein Haus gebaut, wie es sich schickte
und was darein gehörte, kam alles von selber an. »Nun fehlt euch bloß
noch eine glatte Frau,« meinte der Burvogt; »dann habt ihr alles in der
Reihe.« Aber Puttfarken schlug die Augen unter sich und sagte: »Damit
hat es noch Zeit, Wulfsbur.« Als er aber abends über seinem Buche saß,
mußte er an die Magd vom Dreweshofe denken.

Am anderen Tage, als er den Bauern beim Grabenmachen antraf und mit ihm
vesperte, fing er an: »Burvogt, gestern hat er mir gesagt, daß in meinem
Hause eine Frau fehlt, und ich sagte, daß es damit noch Zeit habe. Aber
jetzt will ich ihm etwas sagen: in seinem Hause, da fehlt eine Frau. Laß
er mich erst zu Ende reden! Das sage ich nicht, weil ich denke, er kann
jetzt schon seine selige Frau vergessen haben und seine Augen auf eine
andere schmeißen, dazu kenne ich ihn viel zu gut; aber es ist einmal der
Kinder wegen und dann auch, weil, was er nicht weiß, ein Mädchen da ist,
das ihn vom ersten Tage gern hat, an dem es ihn gesehen hat, und das
seinen Kindern die beste Zweitmutter sein wird, die man sich denken
kann.«

Der Bauer schüttelte erst den Kopf, als der Prediger so sprach, aber als
der ihm verklarte, daß die Bäuerin ihm aufgetragen hatte, dafür zu
sorgen, daß Wieschen ihr Versprechen hielt, da meinte er bloß noch: »Die
junge glatte Deern ist viel zu schade für mich. Seht her!« und dabei
nahm er den Hut ab; »halbig grau bin ich schon, denn ich habe doch
allerlei aufhucken müssen in diesen Jahren, und das beste, was ich zu
bieten hatte, zur Hälfte liegt es in Ödringen unter der Asche und zur
Hälfte bei der Kirche unter dem Rasen. Das Mädchen verdient einen Mann,
der ihr mehr zu bieten hat, als wie ich.«

Für den Tag schwieg der Prediger von der Sache; aber nachdem er einmal
wieder in Engensen gewesen war, kam er ab und zu darauf zurück und ließ
nicht eher nach, als bis der Bauer sagte: »Wenn das Jahr sich gewendet
hat, seitdem meine Johanna fort mußte, und Wieschen noch ebenso denkt,
als wie sie zu euch gesagt hat, dennso soll es so werden, wie sie es mit
meiner seligen Frau abgemacht hat. Der Kinder wegen wäre es mir schon am
liebsten, sie kommt schon morgen, aber das wäre einmal gegen jede Art
und außerdem: ehe das Jahr nicht hinter mir ist, fasse ich keine Frau
an. Daß ich das beim ersten Male getan habe, hat mich oft genug
gedauert, wenn es auch nicht anders ging.«

Eine Woche später war Wieschen da. Sie kam aber nicht allein, denn ihr
Vater war bei ihr. Der Prediger hatte ihnen klar gemacht, daß die beiden
Kinder je eher, je besser unter die Hand kämen, die sie fernerhin hüten
sollte, und da hatte der alte Mann gesagt: »Und ich? an mich denkt wohl
kein Mensch! Was bin ich denn, wenn Wieschen weg ist? Lieschen, die hat
ihren Mann und ihre Kinder, die hat keine Zeit für mich. Wenn ihr mich
mit in den Kauf nehmt, schlage ich ein; sonst kann aus dem Handel nichts
werden.«

Er hatte aber seine Hintergedanken, als er das sagte; denn wenn er auch
seine Tochter nicht missen mochte, in der Hauptsache war es, daß er bei
dem Prediger sein wollte; denn wenn er dem in die Augen sah, dann vergaß
er die dummen Gedanken, die er jetzt so oft hatte, und sah nicht die
vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn, bangte sich
nicht vor den Männern, die mit einer Wiede um den Hals vor einer Birke
hin und her gingen und an die er jedesmal denken mußte, wenn er einen
Birkenbaum sah oder den Pendel in der Kastenuhr.

»Das ist mir gerade recht,« sagte der Prediger, der es wohl merkte, wo
hinaus der alte Mann wollte; »und paßt es sich für ihn auf dem neuen
Hofe nicht, so ist er mir herzlich willkommen, denn in meinem Hause bin
ich doch so allein, wie der Dachs in seinem Loche, und jedweden
geschlagenen Abend kann ich unmöglich bei dem Wulfsbauern sitzen!«

Aber damit war dieser nun nicht zufrieden; er räumte Drewes und Wieschen
die große Schlafdönze ein. Sie lebten nun so hin wie Bruder und
Schwester, der Bauer und das Mädchen, und erst im Julmond kam es in
Engensen zur Löft und Ehestiftung; aber obzwar sie damit schon vor der
ganzen Freundschaft nach dem alten Brauche als Eheleute galten, die
Ehedönze beschritten sie erst, als der Prediger sie zusammengegeben
hatte, denn das hatte er sich als Kuppelpelz ausbedungen.

»Wisse,« sagte er zu dem Bauern, »ich bin selber Bauernsohn und weiß
wohl, daß die Löft als volle Ehe galt, ehe daß die kirchliche Trauung
aufkam. Da wir diese aber nun einmal haben, so soll es so sein, daß erst
mit ihr eine christliche Ehe beginnt, vorzüglich in seinem Falle, wo er
schon einen Hoferben hat, und dann auch, weil der Burvogt auch in diesen
Dingen dem Dorfe ein Beispiel sein soll, und schließlich, weil er kein
Junggeselle ist, der die Zeit nicht abwarten kann.« Er war sehr
zufrieden gewesen, als der Bauer sofort einschlug und sagte: »Das ist
ganz meine Meinung.«

Es war bloß eine stille Hochzeit, denn dem Bräutigam war nicht nach
Tanzen und Trinken zumute und der Braut erst recht nicht, und zudem war
Landestrauer, da kurz zuvor Herzog Christian mit Tode abgegangen war,
und am letzten Ende waren die Zeiten nicht danach. Aber es war eine
schöne Traurede, die der Prediger hielt, und es war manch einer im
Dorfe, der da sagte: »In einer Weise ist eine Brutlacht wie diese doch
anständiger, als wenn in einem Ende hin gesoffen und gefressen wird.«

Die Braut war sehr still gewesen die ganzen Tage vorher, und unter der
Trauung sah sie aus wie der Kalk an der Kirchenwand, denn sie hatte
zuviel Bange, daß der Bauer sie bloß gezwungen nahm. Am anderen Tage
aber sah sie schon wieder aus wie immer, denn als sie mit ihrem Manne
allein war, hatte er sie an der Hand genommen und ihr gesagt: »Ich habe
in der Zeit, die du hier warst, doch herausgefunden, daß ich innerlich
noch nicht alt und kalt bin, und daß ich es dir nicht gezeigt habe, wie
gern ich dich habe, das tat ich, weil ich bis auf den heutigen Tag
gelobt habe, dich nicht anzufassen. Aber jetzt, Wieschen,« und dabei
faßte er sie um und gab ihr einen Kuß, »bist du meine Frau, und so weit
es an mir liegt, soll es dich nicht gereuen, daß du es geworden bist.«
Da hatte die junge Frau erst so geweint, daß ihm ganz ängstlich zumute
wurde; aber als er ihr die Hände vom Gesicht machte, sah er, daß das
Sonnenregen war, und seine Frau lachte und warf ihm die Arme um den
Hals.

Es war gut gewesen, daß es auf der Hochzeit des Wulfsbauern bloß einen
Tischtrunk gegeben hatte, denn am anderen Morgen wurde die halbe
Jungmannschaft vom Peerhobstberge abgerufen; lose Haufen von Schweden
ließen sich in der Umgegend blicken und hausten schlimmer als das Vieh.
Seitdem ihr König gefallen war, kannten sie keine Zucht mehr, und
Frauenschänden und Kinderschinden, das war ihnen weiter nichts als ein
kleiner Spaß. Aber der eine Haufen, der durch das Bruch ziehen wollte,
lernte bald, daß es da auch wintertags Gnitten gab. Als sie mit ihren
Gäulen mühselig durch Schnee und Morast zogen, fingen die bleiernen
Gnitten an zu beißen, daß das Blut danach kam. »Tja,« sagte
Viekenludolf; »wer nicht weiß, was Landesbrauch ist, der läuft oft dumm
an.«

Am Sonntag Dreikönige hatten die Peerhobstler wieder gesungen: »Und wenn
die Welt voll Teufel wär!« Es war an dem: was sie zu Ohren bekamen, war
Mord und Brand. Wenn einmal eine Woche kein roter Schein am Himmel
stand, nachdem die Sonne untergegangen war, dann vermißten die Leute
beinahe etwas, und nach einer Leiche am Straßenbord wurde nicht mehr
hingesehen, als vordem nach einer verreckten Katze. Der Prediger hatte
einen schweren Stand, daß er seine Gemeinde bei Christi Wort und Lehre
hielt, denn wie an der Pest die Leiber, so siechten an der greulichen
Zeit die Seelen hin.

Das Herz wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erzählen hörte, in
welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen, und er
verjagte sich, als Schewenkasper ihm in aller Seelenruhe erzählte: »In
Brelingen hat ein einstelliger Bauer, der im Busche wohnt, seit einem
halben Jahre einen von den Pappenheimern an der Kette im Stalle liegen,
so daß er aus dem Troge fressen muß. Der Mann hat ganz recht; die Hunde
haben ihm seine Frau zuschanden gemacht, und wer sich als Hund ausgibt,
muß es wie ein Hund haben.«

Heute die Kaiserlichen, morgen die Schweden; das ging immer umschichtig.
Den einen Tag hieß es: »Wienhausen ist ausgeraubt,« und hinterher: »In
Altencelle ist der Pastor zu Tode geschlagen worden.« Je länger es
dauerte, um so schlimmer wurde es. Das platte Land wimmelte von
Freibeutern und Bärenhäutern. »Wenn es so beibleibt,« knurrte Schütte,
»dann werden uns die Wieden knapp und wir müssen nachpflanzen,« und
Viekenludolf lachte: »Soviel Mühe machen wir uns schon lange nicht mehr,
denn sonst hängen am Ende schon alle Birken voll und auf die Dauer ist
das wirklich kein schöner Anblick. Mit dem Bleibengel geht es sowieso
schneller.«

Ganz schlimm wurde es aber erst, als Herzog Georg, der Bruder des
Landesherrn, wieder zu dem Kaiser überging, weil die Schweden ihn für
einen Bauern kaufen wollten. Es war, als wenn die Hölle alle ihre Teufel
auf einmal von sich gegeben hätte, und der Prediger sagte nichts mehr,
wenn er hörte, wie die Bauern Gleiches mit Gleichem vergalten. Die
Feldbestellung hatte meist ganz aufgehört; die Ställe standen leer; die
Menschen gruben nach wilden Wurzeln und fraßen Mäuse und Ratten,
Schnecken und Frösche, Hunde und Katzen, und manches Stück Fleisch, das
in den Topf oder auf den Rost kam, war nicht von einem Stück Vieh, und
Wildbret war es auch nicht. Mancher, der bloß hundert Schritte von
seinem Dorfe wegging, kam wohl wieder zurück, aber in Stücken, die unter
dem Mantel getragen wurden, und die Eltern mußten aufpassen, wenn sie
ihre Kinder behalten wollten.

Der Prediger war noch keine dreißig Jahre alt, da hatte er schon graue
Haare über den Ohren, und die Falten, die er um den Mund hatte, waren so
tief wie bei einem alten Manne. Dabei war es auf dem Peerhobsberge noch
auszuhalten. War auch die Ernte schlecht gewesen, mußte auch in jedem
Hause Baumrinde in das Brot gebacken werden oder Eichelschrot, satt
wurden sie doch immer, denn es wuchs allerlei in der Wohld, das sich
essen ließ, und an Wildbret und Fischen mangelte es niemals. Aber das
schlimmste für die Leute war, daß sie ewig Angst haben mußten, daß eines
Tages ein so starker Haufen Kriegsvolk nach dem Dorfe hinfinden könne,
daß sie sich seiner nicht erwehren konnten.

Auch dem Prediger wurde es oft schlecht unter dem Brusttuche. Um sich
selber bangte er sich nicht. Doch seitdem in Engensen Kroaten ziemlich
schlimm gehaust hatten, aber schleunigst abziehen mußten, weil die
Wehrwölfe dreimal so stark waren als sie, so daß keiner von dem
Takelvolk mehr den Weg zurückfand, konnte er keine Nacht mehr ruhig
schlafen, denn er mußte immer und immer daran denken, wie es Thormanns
Grete, die als Magd auf dem Dreweshofe diente, bei einer solchen
Gelegenheit gehen konnte.

Er hatte es dem Mädchen gleich angesehen, daß sie etwas Schweres hinter
sich hatte, und er hatte es von dem alten Drewes herausgefragt, was das
war. Sie war die jüngste Tochter vom Tornhofe, aus dem ihre Eltern
wegliefen, als ein Trupp Raubgesindel darauf loszog und wobei Steers
Wieschen, Schewenkaspers Schatz, elendiglich zu Tode kam. Der Hof ging
in Flammen auf, und da zogen Thormanns auf einen anderen Hof vor
Wettmar, der ihnen auch gehörte und den sie verpachtet hatten; jedoch
acht Wochen darauf lebte keiner von der ganzen Familie mehr außer Grete,
und die bloß deshalb, weil sie sich bei den jungen Drewes verdingt
hatte, wo sie wie eine Tochter gehalten wurde, denn Witte, der
Drewesbur, war Vetter zu ihr.

»Ich möchte bloß wissen, was unser Prediger immer und immer in Engensen
zu tun hat,« sagte Thedel zu seiner Hille, die mittlerweile schon das
vierte Kind an der Brust hatte, aber dabei immer völliger wurde; »es
geht kaum eine Woche hin, daß er da nicht hinreitet.« Seine Frau lachte:
»Er wird da wohl ein Geschäft mit jemand haben, der einen roten Rock
anhat und das Haar in einem Dutten trägt,« meinte sie. »Der? der denkt
an alles andere als an die Weibsleute,« sagte Thedel; »nee, Mädchen;
dieses Mal bist du vom Wege abgekommen.«

Es war aber doch so; ehe ein Monat hin war, zog Grete Thormann mit
allem, was sie hatte, und das war nicht viel, auf den neuen Hof, und von
da ab war der Prediger mehr da als in seinem eigenen Hause, und am
nächsten Sonntag schmiß er sich und Grete von der Kanzel, und zwei
Wochen später traute sie der Pastor in Wettmar in aller Stille. Seit der
Zeit sah der Prediger nicht mehr so düster vor sich hin, und seine Frau
bekam auch ein anderes Gesicht, besonders zehn Monate später, als sie
noch etwas anderes zu tun bekam, als Brot zu backen und die Kuh zu
melken; nach zwei Monaten stand ihr der rote Rock hinten ein ganzes Ende
von den Hacken ab, so rund war sie geworden, und auch der Prediger
setzte an wie eine Gans, die von der Stoppel in den Stall kommt.

Am besten aber bekam das Freien Schewenkasper. Die ganze Zeit hatte er
sich mit Mieken herumgekabbelt. Der eine stand dem anderen im Wege. Alle
Augenblicke hörte man Miekens Stimme: »Oller Stoffel! dötscher Hammel!«
oder so etwas Ähnliches, und hinter ihr her brummte es dann: »Dumme
Trine! olle Gaffelzange!« Schließlich wurde es der Bäuerin zu dumm
damit, und als sich die beiden im Stall mal wieder anbellten, schlug sie
die Türe zu, hakte das Holzschloß ein und rief: »So, nun kommt ihr erst
wieder heraus, wenn ihr gut Freund geworden seid!«

Nun war die Rückwand des Stalles aber aus Flachtenwerk, und da schlich
sich die Bäuerin hin und horchte. »Harm,« sagte sie abends und lachte,
daß das Bett knackte, »ein Schade, daß du das nicht auch gehört hast!
Erst war alles still. Dann fing Mieken an: »Vertragen? mit so 'm
ollen Pottekel? Denke nicht dran! So 'n faulmäulscher Hund! Was ich da
wohl nach frage, wie der sich zu mir stellen tut! Nicht so viel, wie der
Hahn auf 'm Schwanz tragen kann! Lieber such' 'ch mir 'n anderen Dienst!
Das fehlte noch grade! Wer war denn eher da? Soll hingehen, wo er
hergekommen ist.« Und dann auf einmal: »Davor hab 'ch 'm immer die
Fußlappen genäht und Strümpfe hab 'ch 'm auch gestrickt und die Büchsen
geflickt und das ist der Dank!« Und dann heulte sie lauthals los. Na
und denn hörte ich Kasper brummen als so 'n Tachs, und denn war alles
stille. Na, als ich sie denn rausließ, da hatte Mieken die Augen unter
sich und Kasper griente als wie ein Honigkuchenpferd und sagt: »Du
sollst auch vielmal bedankt sein, Bäuerin, und in vier Wochen, da wollen
wir freien.«

Das taten sie denn auch und über acht Monate war ein kleiner Kasper und
ein lütjes Mieken da, und Schewenkasper konnte auf einmal das Maul
aufmachen und das Lachen lernte er auch noch. »Ich weiß gar nicht, euer
Ehren, was das jetzt ist,« sagte der Wulfsbauer; »es ist ja wie die
reine Verabredung: wohin man hört, überall regnet es Zwillinge, wenn es
nicht gar Drillinge sind. Wenn das so beibleibt, dennso können sich
unsere Kinder eine Kirche bauen, die fünfmal so groß ist, und mehr Land
müssen sie auch unter den Pflug nehmen als wie heute. Mein Wieschen
bringt mir zu dem einen Paar noch eins, eure liebe Frau will darin auch
nicht zurückstehen, bei Bolles sind in zwei Jahren vier Kinder
angekommen, Schewenkasper läßt sich auch nicht lumpen; das war doch
früher nicht so! Na, wenn ich mal den bunten Stock und das große Horn
abgebe, dann kriegt der, der nach mir kommt, die doppelte Arbeit.«

So war es aber nicht nur auf dem Peerhobsberge; es war, als wenn das
Volk durch doppelte und dreifache Geburten die Löcher wieder anfüllen
wollte, die Krieg, Pest und Hunger gerissen hatten und immer mehr
rissen. Ganze Dörfer waren wüst, andere hatten kaum noch ein Viertel der
Einwohner; was nicht tot war, trieb sich im Lande herum oder lag halb
verhungert unter den Mauern von Celle, wo die Kanonen wenigstens etwas
Schutz vor den Mordbanden boten, die heute der Kaiser, morgen der
Schwede auf das Land hetzte, und mit denen es gar kein Ende nehmen
wollte. Zehn Jahre und mehr spielten sie schon Schindluder damit, und
wenn die Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen waren, zu hören
bekamen, daß es einmal eine Zeit gab, in der man sich jeden Tag
sattessen konnte, dann lachten sie und sagten: »Kann der aber lügen!« So
schrecklich wurde es, daß man Pestleichen fraß und daß Eltern ihre
Kinder tot machten, weil sie ihnen keinen Bissen Brot mehr geben
konnten.

Der Wulfsbauer erzählte dem Prediger gräsige Sachen von dem, was er
unterwegs belebt hatte, als er in Celle zu tun gehabt hatte. Die
Ständeversammlung hatte dem Herzog August die Mittel bewilligt, daß sein
Bruder Georg Eisenhand Krieg gegen alles führen sollte, was dem Lande
das Blut absaugte. Schatzung auf Schatzung wurde ausgeschrieben und
Knecht und Magd mußten ihren letzten Groschen hergeben. Da war der
Wulfsbauer nach der Hauptstadt geritten. Die Gräfin Merreshoffen, die
schon graue Haare bekommen hatte, denn ihre drei Brüder hatte der Krieg
gefressen und ihre Schwester war unter den Toren von Lüneburg mit ihrer
Dienerschaft auf gräßliche Weise umgebracht, gab ihm einen Brief, und so
wurde er bei dem Minister vorgelassen.

Der behielt den Bauern eine Stunde bei sich und fuhr mit ihm nachher zum
Herzog, und da erzählte Wulf, wie er und die anderen sich geholfen
hatten, denn der Minister wußte die Hälfte doch schon. Der Herzog, der
etwas ängstlicher Art war, wurde ganz weiß im Gesicht, als der Bauer
sagte: »Allergnädigster Herr, gezählt haben wir sie nicht, aber es kann
wohl bis auf einige Tausend hinlangen, denen wir das Genick länger
gemacht haben.« Der Minister aber sagte: »Wenn sie alle so wären, wenn
sie alle so wären! Dann stände es besser um unser armes Land.« Er sprach
eine Weile vertraulich mit dem Herzog und dann sagte er zu Wulf: »Der
allergnädigste Herr erläßt Peerhobstel jede Schatzung, solange der Krieg
anhält, dafür, daß ihr euch als wackere Männer und treue Untertanen
bewiesen habt.«

Zwei Tage später war der Bauer mit zwölf von den dreiunddreißig
Unterobmännern wieder in Celle und legte dem Minister einen Beutel mit
tausend Talern in Gold als freiwilliges Geschenk auf den Tisch. »Das ist
mir beim Wehren so in den Fingern hängen geblieben,« sagte er, »und ich
denke, unser Herr Herzog hat wohl Verwendung dafür.« Der Minister
schlug ihm auf die Schulter und schüttelte ihm die Hand. »Er ist ein
ganzer Kerl, Burvogt, wollte Gott, daß wir mehr von seiner Art hätten!
Wie lange bleibt er noch in Celle und wo ist er eingekehrt?« Als der
Bauer ihm das gesagt hatte, sagte er: »In zwei Stunden schicke ich ihm
etwas.«

Es war noch nicht anderthalb Stunden hin, da fuhr ein herzoglicher Wagen
vor der goldenen Sonne vor und ein Kammerherr mit einem Diener stieg
aus. Sie gingen in das herrschaftliche Zimmer und gleich darauf kam der
Wirt und winkte dem Bauern: »Du sollst mal rüberkommen!«

Der Kammerherr rollte ein Papier auf und las vor, was darin stand, und
dem Bauern wurde es dunkel vor den Augen, denn das war mehr, als er
erwartet hatte: Schatzfreiheit für Peerhobstel so lange der Krieg
anhielt, amtliche Anerkennung der Kirchengemeinde Peerhobstel unter
Belassung des Pfarrers Puttfarken, Befreiung des neuen Hofes von allen
Lasten für ewige Zeiten mit Ausnahme der Stellung eines Reiters zu
Pferde für jeden Kriegsfall.

»Das ist zuviel, Euer Gnaden,« sagte der Bauer, »das ist zuviel.« Der
Kammerherr aber lächelte und nahm dem Diener den Kasten ab, den der in
der Hand trug, machte ihn auf und sagte, indem er auf ein kleines Bild
im goldenen Rahmen wies, auf dem der Herzog war, wie er leibte und
lebte: »Das schickt ihm unser allergnädigster Herr und einen schönen
Dank dazu und er läßt sagen: wenn er wieder einmal eine Bitte hat, soll
er man dreiste kommen.«

Am meisten freute sich der Prediger, als der Burvogt noch an demselben
Abend den bunten Stock rundgehen ließ und Bauernmal ansagte; er konnte
nicht anders, er mußte erst nach Hause laufen und seiner Frau zurufen:
»Der Herzog hat die Gemeinde anerkannt, Margarete! Und mich auch! Und so
bleiben wir hier, bis der Herr uns zu sich ruft!« Dabei liefen ihm die
Tränen über das Gesicht und er mußte sich hinsetzen, so schwach wurde es
ihm in den Beinen.

Er hatte aber die Freude auch bitter nötig, denn immer mehr drückte es
ihn, wie der Krieg auch über Peerhobstel seine Schatten schmiß und die
Leute hart und kalt machte. Nun aber hatte er einen Text für den
nächsten Sonntag. Er machte der Gemeinde offenbar, wie gut sie es hätte
gegen das, was andere Leute auszustehen hätten, und also sollten sie
nicht klagen und verzagen, sondern in der Furcht des Herrn leben und die
Köpfe hochhalten.

Die Leute schudderten zusammen, als sie vernahmen, wie es anderswo
zuging, und dankten Gott, daß es bei ihnen nicht so war, wie in der
Gegend, von der das fliegende Blatt meldete, das der Burvogt aus Celle
mitgebracht hatte und das der Prediger ihnen vorlas, denn am Schlusse
hieß es darin:

    Aus Hunger nach dem Brot
    in Wäldern viel erfroren,
    von Haus und Hof verjagt:
    zwei Kinder man fund mit Schmerzen,
    die von ihrer Mutter Herzen
    aus Hungersnot genagt.




Die Kaiserlichen


Es wurde ein harter Winter und der Schnee blieb liegen. Die Peerhobstler
hatten Angst, daß ihre Fußspuren Feinde in das Dorf ziehen würden, und
so mußten sie sich nach jedem Neuschnee daran geben und an dem Dorfe
vorbei falsche Fährten durch die Haide machen.

So hatten sie wenigstens etwas zu tun und verfielen nicht vor
Langerweile in Trübsinn. Damit die Arbeit nicht abriß, so ging der
Wulfsbauer dabei, wenn die Kälte einmal nachließ und der Boden weich
wurde, ein festes Blockhaus in der Wallburg zu bauen, denn er sagte
sich, daß doch noch einmal ein Haufen Mordgesindel nach dem
Peerhobsberge hinfinden könnte, und dann war es schlimm.

Thedel machte ihm das sofort nach, und dann Bolle und Henke und Duwe und
Rennecke, und schließlich wollte jeder in der Burg ein Haus mit Stall
haben. Sie bauten die Häuser dicht an den Wall heran und deckten sie mit
Plaggen, damit sie nicht so leicht Feuer fangen konnten. Damit die Burg
noch sicherer war, leiteten sie eine Quelle in den Burggraben, nachdem
sie ihn vorher noch tiefer und steiler gemacht hatten.

Zuletzt wurde der Zuweg abgegraben und eine Fallbrücke kam statt seiner
dahin. Auch ein Brunnen wurde gegraben, und schließlich wurde alles
Pulver und Blei, das zu entbehren war, in die Blockhütten geschafft und
alle überflüssigen Schießgewehre und sonstigen Waffen, auch Pfannen und
Töpfe dort untergebracht, Brennholz, Kleidungsstücke und Mundvorrat
aller Art und Viehfutter, sowie alle Immenkörbe aus dem Dorfe. Als alles
fertig war, hielt der Burvogt auf dem Bauernmale eine Rede und sagte:
»Jetzt können sie kommen, wenn sie lustig sind; wir wollen sie schon gut
bedienen!«

Da hielten die Bauern die Köpfe wieder höher. Was konnte ihnen auch viel
geschehen? Setzte ihnen der Feind den roten Hahn auf das Dach, laß
fahren dahin! Holz wuchs genug in der Wohld, alle Wertsachen und das
Bargeld lagen im Wall, und ehe der Feind beim Dorfe war, hatten die
Wachen ihn schon spitz und meldeten ihn an. Denn nach der Ernte war der
Wachdienst noch besser eingerichtet, als während des Sommers. Die
Auskieke in den Wahrbäumen waren so fest und dicht gemacht, daß es für
die Wachen darin wohl auszuhalten war, zumal es an warmen Kleidern und
Pelzen nicht mangelte, hatten die Wehrwölfe doch genug davon erbeutet.
Zudem streiften den ganzen Tag über berittene Wachen durch die Haide.

Damit den Leuten die Abende nicht zu lang wurden, sorgte der Prediger
für allerhand Zeitvertreib. Im Pfarrhause veranstaltete er
Zusammenkünfte, bei denen die heilige Schrift ausgelegt wurde, und an
etlichen Tagen las er aus anderen Büchern vor, damit die Leute einmal
wieder von Herzen lachen konnten. Er erzählte ihnen, wie es in der
Marsch an der Unterweser aussah, wo er zu Hause war, und was er auf der
hohen Schule belebt hatte, und da taute einem nach dem anderen die Zunge
im Munde los und jeder erzählte irgend etwas. Sogar Schewenkasper tat
das und er war sehr stolz, daß alle so mächtig lachten; sie taten das
aber, weil kein Mensch an dem, was er sagte, herausfinden konnte: was
ist nun Kopf und was Steert?

Alle zwei Wochen gab es auf dem neuen Hofe Tanz für das junge Volk, denn
Wittenfritze spielte die Fiedel und Duwenhinrich verstand sich großartig
auf die Pickelflöte. Es ging lustig auf diesen Tanzabenden zu, lustig,
aber doch sinnig, denn außer einem Trunk Bier gab es nichts weiter, und
wenn auch nicht so viel gejucht wurde und die roten Röcke auch nicht
ganz so hoch flogen als sonst, dafür gab es auch keinen Zank und Streit
und am anderen Tage keine dicken Köpfe. Es tanzten aber auch die
befreiten Leute mit. Ein großes Hallo gab es, als sogar der Prediger
zeigte, daß er und seine Frau so gut tanzen konnten wie einer, und als
die Mädchen freie Hand hatten, wollte eine jede mit ihm tanzen. »Ja,
unser Prediger, das ist einer!« sagte Thedel, als er mit seiner Hille
nach Hause schob.

So ging der Winter schneller hin, als man dachte, und besondere
Ungelegenheiten brachte er auch nicht. Einmal war allerdings eine große
Bande von Schweden dem Dorfe ziemlich nahe gekommen, als der Wulfsbauer
und seine beiden Knechte, die auf Streifwache geritten waren, sie spitz
kriegten. Da zeigte Schewenkasper, daß er doch nicht so dumm war, wie er
sich anstellte, und lieferte ein Stück, daß er auf einmal ein berühmter
Mann wurde, sogar bei seiner Frau, die ihn jeden Tag mit seiner
Maulfaulheit und Drögigkeit aufzog. Als er acht Tage später im Kruge zu
Engensen saß, war er sehr stolz, als Viekenludolf ihm sagte: »Wenn du
nicht ein verheirateter Mann wärest, müßtest du eigentlich Oberobmann
werden. Aber nun verzähl uns das mal, wie es war!«

»Tja,« sagte Schewenkasper, »tja, das war an dem Morgen nach der Nacht,
tja, an demselbigten Morgen, als Duwes Wittkopp das Kalb mit den zwei
Köppen kriegte. Tja, da dachte ich gleich: wenn das man nichts zu
bedeuten hat, dachte ich. Tja, so war es denn auch. So bei Uhre achte,
es kann aber auch schon neune gewesen sein, sagte der Bauer zu mir und
Gird: wollen 'n büschen in die Haide, v'lleicht, daß wir was Neues
gewahr werden. Na, wir also los! Tja, und als wir meist am Bullenbruch
sind, das heißt, wir waren noch auf dem Höltkebrunnen, was meint ihr
wohl, kommen da Reiter an und gleich an die vierzig Stück. Gird, sagte
der Bauer da, mach, daß du nach dem Peerhobsberge kommst und laß tuten
und blasen! Wir wollen sehen, daß wir Hilfe kriegen. Tja, und da kam mir
ein Gedanke, wahrhaftig, und ich sagte: Wulfsbur, sagte ich, wenn wir
nun in den Busch reiten, wo wir ober dem Wind sind, und ich mache wie
eine Kuh oder zwei oder drei und wie ein Kalb und das Schweinegeschrei
habe ich auch los, tja, das habe ich, vielleicht, daß wir sie damit vom
Wege wegzocken. Und der Bauer war das zufrieden. Kasper, sagte er, das
ist ein Gedanke! Na, wir also in den Busch, bis wir ober dem Wind sind,
und da ich losgelegt. Erst so ganz sachteken: miuh, miuh, wie so 'ne
Stärke. Und hinterher: muuh, und immer gefährlicher gebölkt, und
dazwischen nöff, nöff, nöff und wit, wit, wit, als wie ein Schwein, und
ab und zu ließ ich eine Stute loslegen oder ein Füllen, tja, und was
meint ihr, richtig fallen sie darauf rein, die Döllmer, und wir zocken
sie aus dem Bullenbruche nach dem Osterhohl und von da nach der
Nienwohle, und von da nach dem Düsterbrook, und von da nach dem
Neegenbarkenbusch, und dann hast 'e nicht gesehen, klabuster, klabuster
nach Rammlingen geritten und Hilfe geholt, tja. Na, und das andere, das
wißt ihr ja besser als wie ich.«

Das war nämlich auch ganz lustig. In Rammlingen waren gerade an die
achtzig von den Dreihundertdreiunddreißig zusammen, und als die beiden
Peerhobstler angeritten kamen und Meldung machten, schrie Schütte: »Das
kommt uns gut zu passe! Und nun will ich euch was sagen: wir wollen das
einmal anders machen als bislang. Das alte Ablauern hinter den Büschen
ist auf die Dauer langweilig, meine ich. Wir holen uns noch Stücker
zwanzig Mann und mehr dazu und dann reiten wir sie glatt über. Es muß
doch mit dem Deubel zugehen, wenn wir sie nicht unter die Füße kriegen!«

Der Oberobmann hatte eine andere Meinung, aber die übrigen waren alle
dafür und so ging es denn los. Sie kriegten noch unterwegs an die
dreißig von ihren Leuten zusammen, so daß sie ihrer hundertundzehne
waren, machten sich alle die Gesichter schwarz und ritten los.
Gödeckengustel und zwei andere ritten voran. Die Schweden zogen durch
das Jammertal, wo nichts war als Sand und krause Fuhren. Als sie mitten
in den Haidbergen waren, fielen die Bauern von zwei Seiten über sie her.
Die Jungens bliesen auf den Hörnern und klappten mit den langen
Peitschen. Die Schweden hatten lauter zusammengestohlene Pferde, und die
wurden verrückt, als sie das Anjuchen und das Klappen hörten, liefen
einander über den Haufen und brachen nach allen Ecken aus. Und da taten
die Pistolen, die Bleiknüppel und die Barten ihre Schuldigkeit, bis der
letzte Reiter aus dem Sattel war. Aber von den Wehrwölfen hatten sieben
Mann auch tüchtig etwas abgekriegt und am meisten Schütte; er hatte
einen Schuß mitten durch die Brust und starb nach einer Viertelstunde.
Sein letztes Wort aber war: »Kinder, war das ein Spaß!«

Mitten im Jammertale lag eine Kuhle, da kamen die Schweden alle hinein,
und seitdem hieß die Stelle das Schwedenloch. Nicht weit davon lag ein
Flatt, das nannten sie das große Hundebeißen. Im Hornung hatte da
nämlich wieder ein Trupp Schweden gelegen, fünfzehn Köpfe stark, und die
Bauern wollten gerade hin und sie aus dem Wege besorgen, da kamen Thedel
und Gird angeritten und meldeten, daß von der anderen Seite ein Dutzend
Kaiserliche ankamen. Da sagte der Oberobmann: »So, da soll ein Hund den
anderen beißen!« Er ritt nach der Burg, zog sich wie ein Kaiserlicher
an, und dann ritt er so dicht an den Schweden vorbei, daß die seine
Farben erkennen konnten. Sofort waren sie hinter ihm her, aber sie
verstanden sich auf das Reiten in der hohen Haide schlecht, und so
zockte sie der Wulfsbauer den Kaiserlichen in den Hals und machte sich
dann dünne. Die Bauern warteten, bis alles koppsüber, koppsunter ging,
und dann fegten sie das Kaff von der Deele.

Das gab dann jedesmal genug zu erzählen im Dorfe, und so wurde es
Frühling, ehe man wußte, wie es zugegangen war. Besser wurde es da auch
noch nicht mit dem Kriege, aber die Feldarbeit fing an und die Leute
wußten, wozu sie auf der Welt waren, wenn sie sich auch wie die Wölfe im
Bruche bergen mußten, denn einmal zogen Tag für Tag die Kriegsvölker hin
und her und zweitens ging der schwarze Tod wieder um. So hielten sich
die Peerhobstler für sich, um die Pest nicht in das Bruch zu schleppen.
Da sie gewohnt waren, sich und ihre Häuser rein zu halten, keinen Hunger
litten und mäßig lebten, so schielte die Seuche wohl nach dem Dorfe,
mußte es aber zufrieden lassen.

Durch die Arbeit kamen die Leute über ihre Ängste und Sorgen am besten
weg. Darum, was draußen vorging, scherten sie sich wenig. »Sind wir nun
schwedisch oder sind wir kaiserlich?« fragte der Burvogt den Prediger;
»ich finde da nicht mehr durch. Viekenludolf sagt, der Regent weiß auch
nicht, wie er daran ist, und darum hat er sich mit den Hessen
zusammengetan und geht gegen alles an, was hier nicht hergehört, ganz
so, wie wir, und das ist auch das einzig wahre!«

Er war mittlerweile meist ganz grau geworden; das Hin- und Herjagen in
der Haide und alles das andere hatte ihm den Kopf abgebleicht, seine
Stirne kraus und seinen Mund eng gemacht. Sonst war er aber noch ganz
der alte, und zwölf Stunden im Sattel zu sein, das machte ihm nicht viel
aus. Bei allen wichtigen Sachen war er nun wieder das Haupt, denn
Viekenludolf war zu sehr Dollhund und konnte das Abwarten nicht
vertragen. Wäre Wulf nicht gewesen, so hätte der Rammlinger all lange
unter der Erde gelegen, denn als ihm einmal wieder die Hand vor der Zeit
an zu jucken fing, kam er zwischen vier schwedische Reiter, und die
deckten ihn so zu, daß es meist aus mit ihm war; aber da kam der
Peerhobstler angedonnert und schlug den Mann, der Vieken aus dem Sattel
stechen wollte, das Genick ab, und einem anderen schlug er den Arm ab,
und der dritte bekam eins vor die Stirn; von dem vierten aber kriegte er
den Säbel mitten durch das Gesicht, ehe er ihn in die Haide schmiß. »Das
ist man bloß äußerlich, altes Mädchen,« sagte er und schlug seiner Frau
auf die Lende; »bind' mir 'n Lappen um und gib mir 'n Honigbrot, denn
wein' ich auch nicht mehr.«

Da lachte die Bäuerin. Sie war ziemlich auseinandergegangen, aber noch
viel schöner als wie als Mädchen, die blankeste Frau war sie weit und
breit und die lustigste auch, und das war für den Bauern die Hauptsache,
denn der hatte oft seine dusteren Zeiten. Es ging ihm wie Drewes, der
jetzt den Großvater spielte, denn seine Tochter hatte schon das vierte
Kind. Wenn er sich mit den Kindern abgab, konnte er noch lachen, daß man
alle seine Zähne sah, aber wenn sie schliefen, dann sah er oft die
vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn und
Birkenbäume, vor denen tote Männer hin und her gingen wie der Pendel an
der Kastenuhr. Dann ging er zum Prediger und ließ sich von dem die
Gnitten vertreiben.

Mit solchen Gedanken hatte sich sein Eidam auch herumzuschlagen, aber am
meisten Sorge machte ihm doch das, was vor ihm lag. Achtzehn Jahre lang
hatte er nun den Wolf spielen müssen; er war noch tiefer durch
Menschenblut gegangen als Drewes; aber wenn es ihm bis an den Hals
gestanden hätte, er hätte sich nichts daraus gemacht, wenn es endlich
ein Ende damit gehabt hätte. Aber die Haide wimmelte und krimmelte von
Takelzeug; Schweden und Wälsche, Krabatten und Slowaken, das fraß, was
der Bauer säte, und soff, was die Bäuerin melkte; das Rauben und
Plündern, Sengen und Brennen, Schimpfen und Schänden, Morden und
Martern, es war das Ende davon weg.

So manches Mal hatte der Bauer den Gedanken: »Hätten wir uns lieber
nicht gewehrt, dann lägen wir all unter der Erde und brauchten uns nicht
zu sorgen!« Sowie aber das Horn rief und die Hillebillen meldeten, daß
fremde Hunde auf der Straße waren, langte er die Büchse hinter dem
Schapp her, kriegte den Bleiknüppel von dem Hirschgeweih, schmiß die
Beine über den Rappen, und wenn er dann wiederkam, oft erst nach Tagen,
hungrig, müde, naß von Regen oder Schweiß, nach Kien, Post und Haide
riechend wie ein Pferdehirt, dann sagte er doch, und er lachte ein
bißchen dabei: »Für dieses Mal haben wir sie noch über den Berg
gebracht!« Dann fiel er auf das Bett und schlief einen ganzen Tag wie
ein Toter. Am anderen Tage aber wusch er sich von oben bis unten, zog
frische Leibwäsche und anderes Zeug an, und dann erst spielte er mit den
Kindern und nahm sein Wieschen in den Arm. Wer ihn dann zu sehen bekam,
konnte es sich nicht denken, daß es derselbe Mann war, der vor zwei
Tagen einem kaiserlichen Offizier, der um Gnade bat, zuschrie: »Jawoll,
aber von dieser Art!« und damit schlug er ihn tot.

Was sollte er auch machen? Ob Schwede, ob Kaiserlicher, womit der eine
gekocht war, damit war der andere gebrüht; hier wurden die Menschen im
Namen der heiligen Maria totgequält und anderswo wurden sie der reinen
Lehre wegen geschunden. Zu all dem Elend starb noch Georg Eisenhand, wie
es hieß, an Gift, das er in Hildesheim bekommen haben sollte, als er mit
dem schwedischen General unterhandelte, und nun war es, als ob das Land
ganz in Blut ersaufen sollte. Die Bauern hielten die Schinderei
schließlich nicht mehr aus; sie rotteten sich offen zusammen und halfen
sich, so gut es gehen wollte, und ging es schief, dann war es auch nicht
schlimm; wer tot war, dem konnte das Herz nicht mehr brechen über dem
quälhaftigen Leben.

Viekenludolf hatte geheult wie ein übergefahrener Hund, als ihm gemeldet
wurde, daß bei Dachtmissen zweihundert Bauern von den Kaiserlichen
hingemordet waren, denn er hatte mehr als einen Freund dort gehabt und
auch noch etwas anderes, woran ihm noch mehr lag. Er ritt mit seinen
Leuten los, aber er kam zu spät, und bloß zwanzig Mann bekam er unter
die Knie, und sechs davon lebendig und der eine war ein Offizier. Er
ließ sie alle mitten im Busche aufhängen, als wenn es gemeines
Raubgesindel war, und als der Hauptmann dagegen anwollte, schrie er:
»Dann behandelt den Herrn wie einen Offizier und hängt ihn an seiner
Säbelkoppel auf und nicht an einer Wiede!« Ja, man sagte, vorher hätte
er ihm in das Gesicht gespuckt.

Das mußte wohl wahr sein, denn bald darauf traf ihn die Strafe; er mußte
freien. Bisher hatte er immer Glück gehabt; aber wie es so kam,
Gödeckengustels Schwester Trina, von der hätte er die Finger lassen
sollen, denn in allem verstanden die Wölfe unter sich Spaß, bloß nicht
in solchen Dingen. So ließ er denn das Maul hängen wie ein Rehbock, der
eine Ricke suchen geht, als Gödecke ihm eines Abends sagte: »Unser Trina
meint, daß es bald Zeit wäre, daß ihr beide freit.« Zwei Wochen später
war die Hochzeit; es war eine lustige Hochzeit, bloß für den Bräutigam
nicht, denn der sagte zu Grönhagenkrischan: »Ja, die Frauensleute, da
muß 'n sich mit vorsehen; die nehmen gleich alles wortwörtlich!«

Er blieb auch hinterher zweiter Obmann, denn er war froh, wenn es
draußen was zu tun gab. »Diese ewige Knutscherei!« stöhnte er; »lieber
Himmel, klettern hat doch bloß so lange Sinn und Verstand, bis daß man
den Appel vom Baume hat; nachher da ist es Hahnjökelei.« So war er und
sein Brauner meist unterwegs, denn es regnete jeden Tag Ungeziefer, was
da nur herunterwollte, auf das Land: heute Schweden, morgen Weimaraner,
dann Hessen und dann fing es wieder von vorn damit an. Ihm aber machte
solch ein Leben Spaß, und wenn er nach Hause kam, warf er eine Handvoll
Taler mit ein paar Goldfüchsen dazwischen auf den Tisch und sagte: »Wenn
es so beibleibt, Trina, dennso mußt du deine Sparstrümpfe so lang bis
ans Leib stricken!« Aber als er einmal nach Hause kam und ihr ganz
glücklich erzählte, daß nun jeder Mann zwei Frauen nehmen dürfe oder
drei, denn der Krieg und die Pest hätten so viel Menschen geschluckt,
daß es ohne das nicht mehr ginge, da machte Trina ein paar Augen wie die
Katze im Herdloch, lohnte Weesemanns Lotte, ein ansehnliches Mädchen,
auf dem Fleck ab und nahm eine Magd, die wie eine Wildscheuche anzusehen
war. Er aber sagte zu Grönhagen: »Ein Stachelschwein ist wie eine
Kinderhand gegen meine Trina. Ach ja, das oberste vom Bier schmeckt
immer am mehrsten!«

Aber er kam nicht allzuviel dazu, sich zu bedauern. Heute kam der
kaiserliche Oberst Heister dahergekrebst, morgen murkste der Torstenson
mit seinen Schweden im Lande herum; rund um Celle lagen die Bauern mit
Weib und Kind, hungerten und lauerten auf den Tod und stritten sich
darum, was nun besser schmecken täte, ein schwedisches Rippenstück oder
ein gut kaiserlicher Lendenbraten, denn so weit war es schon gekommen,
daß man offenbar Menschenfleisch fraß und auf Verabredung auf
Menschenjagd auszog. Die Peerhobstler aber hatten das nicht nötig; sie
hatten noch allerlei Vieh und Wildbret gab es zur Genüge, aber
Pferdefleisch aßen sie hier und da doch, wenn bei der Wehrarbeit in der
Haide eine Kugel aus Versehen einmal ein Pferd statt des Reiters
getroffen hatte, und dann sagten sie: »Stutenkälber schmecken auch.«

Sie saßen den einen Morgen im Mai alle drei auf der Bank im Garten vor
dem neuen Hofe, die drei Obmänner, Drewes, Wulf und Vieken. Die
Pfingstrosen waren am Aufblühen, die Schwalben flogen ab und zu, die
Immen waren zugange und die Kinder sangen: »Maikäfer flieg, der Vater
ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer flieg!« Sie sangen und juchten und kriejöhlten und sprangen
hinter dem Käfer her, der durch die Sonne flog, daß seine Flügel wie
Gold aussahen.

»Das ist ein neues Lied,« sagte der Engenser; »das haben wir als Kinder
noch nicht gesungen. Ja, die Welt wird jeden Tag neu.« Der Peerhobstler
nickte: »Aber nicht besser, Drewes; ich glaube nicht, daß ich es noch
belebe, daß es Frieden gibt.« Der Rammlinger sagte: »Ich bin der
gleichen Ansicht. Bislang fand ich das soweit ganz lustig, aber ich weiß
nicht, liegt es daran, daß man älter wird, oder ist es, daß ich jetzt
einen kleinen Jungen habe; so rechte Lusten habe ich auch nicht mehr an
diesen Geschichten. Zuletzt wird es einem über, wenn man einen über den
anderen Tag den Bleibengel vom Haken langen muß.«

In der Haide fing eine Wache an zu blasen und dann noch eine, und eine
Hillebille war zu hören und noch eine. Harm und Ludolf standen auf: »Na,
dann hilft das nichts; die Arbeit muß getan werden. Adjüs, Drewsbur; ich
bin bloß neugierig, was jetzt wieder los ist! Und das dümmste ist: meine
Trina, die glaubt ja nicht, wenn ich draußen liege, daß ich das bloß den
Schweden und den anderen zu Gefallen tue; da heißt es immer und jeden
Tag: na, der Schwede, der wird wohl einen roten Rock anhaben, und mich
soll nicht wundern, wenn er Weesemannslotte heißt!« Er kratzte sich
hinter den Ohren: »Ja, die Frauensleute! Soweit sind sie ja ganz
niedlich; wenn sie man nicht so'n leeges Maul hätte!«

Er gab einen Seufzer von sich wie einen Arm lang. Drewes aber lachte:
»Das schadt dir gar nichts, Viekenbur, das ist dir sogar recht, du
Dollhund! Wenn du eine Frau hätt'st wie andere Leute, das arme Tier
könnte einen dauern. Auf'n Steinpott hört ein ebensolchiger Deckel auf,
das ist die natürliche Ordnung, und ein Katteeker und ein Lork, das gibt
ein schlechtes Gespann. Aber nun seht man zu, daß wir kein Flohbeißen
kriegen!«

Das taten sie denn auch. Die Wachen hatten gut aufgepaßt und die
Hillebillen hatten einen langen Atem gehabt; die Kaiserlichen machten
dumme Gesichter, als das Tuten und Blasen und Bimmeln rundherum losging,
und erst recht, als es überall knallte und doch kein Mensch zu sehen
war, denn die Wohld war dick und das Bruch naß. So waren sie heilsfroh,
als sie erst wieder in der hellen Haide waren, und auch da hielten sie
sich nicht lange auf, denn zwischen den krausen Fuhren und den
Machangeln war bald hier ein Pferdekopf mit einem Gesicht darüber zu
sehen, bald da einer und es wurden immer mehr, gerade wie vor einem
Immenkorbe, wenn der Specht daran herumarbeitet.

»Das sind mehr als hundert Mann,« sagte der Offizier, der mit dem Ohr
auf der Erde gehorcht hatte; »der Satan weiß, wo die Kerle herkommen.
Vorwärts, marsch!« So zogen sie dahin, die Gesichter alle Augenblicke
hinter sich, und hinter ihnen her ritten die Bauern, hier drei, dort
zehn, da wieder ein paar und überall welche.

»Denen soll heute der Atem kurz werden und Pferdefleisch soll es sie
auch kosten,« lachte Wulf; aber Viekenludolf ritt im Galopp voran, bis
er auf hundert Schritte heran war, und dann stellte er sich in die
Bügel, sah über den Machangelbusch weg, klappte mit der Peitsche und
schrie: »Kiejuh, kiejuh! Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot,
all dooot!«

Da war es, als ob die Wespen zwischen die Leute da vorne gekommen waren.
Der Offizier fluchte und schlug zwei Kerle mit dem Säbel über die Köpfe,
daß sie zu Boden schossen, aber es war kein Halten mehr; von hinten und
von vorne, und rechter Hand und zur Linken, überall »kiejuh!« und in
einem Ende »kiejuh!« und dazwischen das Peitschenklappen und das
scheußliche Schreien: »Schlah doot, schlah doot, all doot, all doot, all
dooot!« Da schrie der Offizier, indem er beide Arme in die Höhe schmiß:
»Heilige Maria!« und wollte hinterdrein, aber der Bleiknüppel des
Oberobmanns traf ihn in das Genick; er fiel vornüber, und erst, als der
Schimmel in einen Sohl stürzte, fiel auch der tote Mann herunter.

»Na, wie ist es gegangen?« fragte Drewes, als Wulf und Ludolf am
Nachmittage zurückkamen, naß wie die Frösche und hungrig wie die
Hütejungens. »Fein,« schrie der Rammlinger, »sie laufen noch und werden
wohl morgen auch noch laufen. Wir haben ihnen was zum Laufen eingegeben,
aber etwas, das gleich durchschlägt. Sobald werden sie wohl nicht
wiederkommen, und Stücker zwanzig von ihnen höchstens um Mitternacht, um
nachzusehen, wo sie nun eigentlich sind. Kinder, habe ich einen Hunger
und einen Durst! Wulfsbäuerin, jede Arbeit ist ihres Lohnes wert und
Dreschen macht einen langen Magen. Aber hinsehen darfst du heute nicht,
wenn ich mich hinter den Schinken knie, Wieschen, ansonsten könntest du
denken, bei meiner Trina kriege ich man halb satt.«

Vater Drewes lachte und dachte, wie oft auch er mit solch einem
Schlachterhunger nach Hause gekommen war. »Junge,« sagte er und goß den
Metkrug bis oben voll, »Junge, man lebt ordentlich wieder auf, wenn man
dich so prahlen hört! Und wie das auch ist, Spaß macht es doch, und wenn
einem hinterher auch einmal graulig zumute wird, wenn man in seinem
Bette liegt; alles was recht ist: wir haben doch gezeigt, daß wir keine
Bählämmer sind, und darauf wollen wir anstoßen: hoch jeder Mann, der
sich nicht an den Balg kommen läßt!«

Er ließ den Krug, auf dem zu lesen stand: »Fifat, es läbe die
Vreundschaft«, rundgehen, aber als er ihn seinem Eidam gab, mußte er den
erst anstoßen, denn Harm horchte nach dem Grasgarten hin, wo die Kinder
ein neues Spiel spielten, und dabei sangen sie:

    Der Schwed is kommen,
    hat alles genommen;
    hat die Fenster zerschlagen,
    hat Blei rausgegraben,
    hat Kugeln von gegossen
    hat alles verschossen;
    alles verrischossen.




Die Schweden


Was die Kinder gesungen hatten, sollte bald wahr werden. Der Schwede
kam; vor ihm ging die Angst her, hinter ihm die Not und neben ihm die
Pest.

»Bet', Kinder, bet', morgen kommt der Schwed', morgen kommt der
Ossenstern, der wird die Kinder beten lern'«, damit brachte man die
Kleinen zu Bette; sie lernten es und sangen es auf dieselbe lustige Art,
wie sie den Maikäfer und die Sonnenkälbchen das Fliegen lehrten, so daß
es den großen Leuten kalt über den Puckel lief.

Überall wurde vom Frieden gesprochen, aber kein Mensch glaubte, daß es
dazu kommen würde, noch nicht einmal, als Oxenstierna in Celle
Aufenthalt nahm und von da nach Osnabrück reiste, wo die anderen waren,
die das Fell des Reiches versoffen. Eher glaubte man an das Ende der
Welt und überall liefen Leute herum und schrien: »Fürchtet Gott und
gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichtes ist gekommen!«

Selbst der Prediger ließ mitunter den Kopf hängen und sagte zu seiner
Frau: »Margarete, es ist schwer, nicht an Gott zu zweifeln, wenn man
hören muß, wie es zugeht. Der Viekenbauer hat erzählt, daß die Schweden
Kinder zum Spaß martern, und bei dem Troßzuge, den er zuletzt überfallen
hat, waren acht junge Mädchen von Stande als Packträgerinnen und die
Schweden schlugen mit den Peitschen auf sie ein wie auf das Vieh. Doch
das ist das wenigste, was sie auszustehen hatten. Gott, mein Gott,
warum lässest du ein solches geschehen!«

Er hatte es sehr schwer, denn die Bauern murrten wider den Herrn. »Was
hilft uns das ganze Gutsein,« hatte Schewenkasper gesagt, »wenn man
davon nichts hat als Angsten und Sorgen!« Aber er hatte doch
geschwiegen, als der Prediger ihm sagte: »Schäme dich, Kasper! Hast
gesunde Kinder und eine blanke Frau und jeden Tag genug zu essen!«

Dem geistlichen Herrn ging es aber oft nicht anders als dem Hausmann und
dem Wulfsbauern und allen übrigen ebenso, sogar dem Rammlinger, denn er
war eines Tages angekommen und hatte gesagt: »Ich habe es dicke! Ich
will hinter dem Pfluge hergehen und abends mit den Lütjen spielen, aber
nicht alle paar Tage lebendige Menschen umbringen!«

Er hatte sich bei kleinem an seine Trina gewöhnt, besonders, als hinter
dem Jungen ein Mädchen ankam, denn ein Schürzennarr, wie er einmal war,
hatte er sich darüber ganz verdreht vor Freude angestellt, und wenn er
eben Zeit hatte, schleppte er sich mit dem Kinde ab. Auf seine Trina
ließ er nichts mehr kommen. Sie hatte ihn einmal dabei betroffen, wie er
die Lütjemagd im Arme hatte, ihm eine gräßliche Schande gemacht und
geschrien: »Noch ein einziges Mal und ich gehe mit den Lütjen ins
Wasser!« Da hatte er es mit der heiligen Angst gekriegt und ihr hoch und
teuer gelobt, daß er die Jungensschuhe ausziehen und sich wie ein Kerl
aufführen wollte. Was seinen Hof und das Dorf anbetraf, so hielt er auch
Wort, aber er war viel unterwegs, und da es in den Dörfern an Männern
mangelte, so wurde es ihm sauer, sein Versprechen einzuhalten.

An einem schönen Maimorgen ritt er mit einem der wildesten der jüngeren
Wehrwölfe, Schierhorns Helmke, durch das Bullenbruch. Er hatte eine
Laune wie ein Schneekönig, denn er hatte es bei Weesemanns Lotte gut
getroffen. »Schöne Luft von Tage, Helmke,« sagte er und schlug sich
seine Pfeife an. Als sie brannte, sah er über die Haide. »Helmke, kiek,
zwei fremde Reiter, Schweden oder so etwas! Wollen doch einmal ein
bißchen hin und ihnen die Tageszeit bieten! Was meinst du? Immer
höflich, sagte die Krähe und machte jedesmal einen Diener, wenn sie dem
Piewitt ein Ei aussoff.«

Schierhorn war gleich mit dabei. Sie hingen die Bleiknüppel über die
Handgelenke, zogen die Pistolen und ritten in guter Deckung den Reitern
entgegen. Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel, aber da
sah er auch, daß er nicht zwei, sondern ein ganzes Dutzend Schweden vor
sich hatte, und jetzt hieß es den Hasen machen und aus den Gäulen
herausholen, was darin war. Es knallte zwar ein paarmal hinter ihnen
her, aber außer Helmkes Grauschimmel, der den halben Steert missen
mußte, blieben sie heil. Als sie aber meist an der Wohld waren, kamen
ihnen zehn andere Schweden in die Möte, und da konnten sie nicht anders,
als daß sie sich im Busche bargen.

Die Schweden suchten noch eine Weile herum, zogen dann aber ab.
Unterwegs trafen sie zwei Taternweiber an und bekamen aus denen heraus,
daß in der Wohld ein Dorf lag. »Beeses Leit sich da wohnen, Herr
hiebsches,« sagte die Alte, und die Junge schmiß dazwischen: »Machen
alles tott, was gutes Leit ist, Suldatten un Zigeiner!« Der Wachtmeister
sagte: »O ha! also da stecken die Brüder! Na, die wollen wir aber
ausschwefeln!« Er nahm die Weiber mit und ritt spornstreichs nach
Fuhrberg, wo Graf Königsmark mit viel Volk lag, und machte Meldung.
Mitten in der Nacht wurden hundertundfünfzig Mann losgeschickt, die
solange in der Magethaide lagern mußten, bis es schummerte.

Es war noch ganz grau, da hörte Gird, der mit Bolles Atze die Wache vor
dem Bullenbruche hatte, sie herankommen; er blies, aber da hörte er es
auch schon am Kohlenberge tuten, und bei der Dornkuhle ging es auch los;
die Schweden waren von drei Seiten zugleich gekommen. Mit knapper Not
konnten die Peerhobstler sich und ihr Vieh in dem Walle bergen; der
letzte war der Wulfsbauer und hinterher kam Schewenkasper gewankt; er
hatte noch schnell das Bild des Herzogs aus der Dönze mitgenommen und
die gelbbunte Katze. »Damit die Kinder doch was zu spielen haben
währenddem,« sagte er.

Die Schweden pürschten sich vorsichtig an das Dorf heran. Alles war
still, bloß daß die Hühner gackerten und die Schwalben zwitscherten. Die
Gewehre in der Hand machten die Soldaten sich an die Häuser heran; kein
Mensch war zu finden. Sie suchten Schuppen und Keller nach; alles war
leer. Es wurde ihnen unheimlich zumute. Aber da kam ein Reiter mit einem
schwedischen Mantel angelaufen, den er auf Horstmanns Hofe gefunden
hatte, und nun wurde gründlich nachgesucht und eine ganze Menge Waffen
und Kleider wurden gefunden, die augenscheinlich totgeschossenen
Schweden gehört hatten. »Und wenn ich ewig und drei Tage suchen soll,«
fluchte der Hauptmann, »finden will ich sie, und dann könnt ihr euch mit
ihnen einen kleinen Scherz machen, Leute!« Die Soldaten lachten, aber
nicht so ganz von Herzen.

An die drei Stunden dauerte es, bis sie den Ringwall fanden, und elf
Mann stürzten sich dabei in den Wolfskuhlen zu Tode. Die anderen kamen
heil hin, konnten aber nichts sehen, denn die Dornen lagen haushoch und
waren fest ineinandergewrickt. »Paar Mann auf die Bäume; zusehen, was
das nun ist!« befahl der Anführer. Zwei Leute kletterten in die Tannen.
Kaum waren sie so hoch, daß sie den Mund aufmachen wollten, da knallte
es zweimal und beide fielen wie die Säcke herunter.

»Schweinebande!« schimpfte der Hauptmann; »fort mit dem Kram da!« Die
Soldaten zogen die Dornen weg, mußten aber Stück um Stück losbrechen, so
fest saßen sie ineinander. Aber dann horchten sie auf; im Walle wurde
geblasen. Unheimlich hörte sich das an, als wenn die Katzen quarrten und
die Wölfe hinterher heulten, und dann fing es an zu bimmeln, erst
langsam und dann immer schneller, und hinter dem Walde fing das Tuten
und das Bimmeln an drei Stellen zugleich an. Die Soldaten sahen sich um;
die Sache gefiel ihnen nicht so ganz besonders.

»Na, wird's bald!« schrie der Offizier und schlug die Leute, die bei dem
Dornverhau waren, mit der Peitsche über die Rücken, daß es klappte.
»Dreißig Mann hierher, aber 'n bißchen fix.« Die Soldaten arbeiteten,
daß es krachte. Ein Rabe flog über den Wall hin, rief laut und machte
einen Bogen, der Schwarzspecht lachte und die Markwarte schimpften über
den Lärm. »Feste, feste!« schrie der Hauptmann; »in einer Stunde müssen
wir sie haben! Wollen den Buschkleppern mal zeigen, was es heißt, fromme
schwedische Kriegsleute abzuschießen wie Rehböcke. Immer lustig weiter!
Je früher wir hier fertig sind, um so eher kommt ihr zu euren Mädchen!«

Viekenludolf lachte: »Oder auch nicht!« sagte er und sah den Wulfsbauern
von der Seite an. Mit dem war den Tag schlecht Kirschen essen: »Du
treibst dich bei den Weibsleuten rum,« sagte er, »und wir können dafür
den Puckel hinhalten. Eine Schande wert ist es! Ich habe es mir aber
immer gedacht, daß du uns noch einmal eine schöne Suppe anrühren wirst.
Aber was hilft das alles? Jetzt heißt es: keine Kugel unnütz, keinen
Zoll Fell gezeigt, und alles getan, was ich sage. Und wer sich danach
nicht richten tut, der soll es so haben, wie er es verdient!«

Viekenludolf lief ein Schudder über, als er den Mann da so stehen sah,
das Gewehr in der Faust, ganz gelb im Gesicht, blau unter den Augen, und
mit einem Mund wie ein Strich. Aber dann wurde ihm besser, denn der
Obmann befahl: »Sorge dafür, daß die Immen zur Stelle sind! Und die
Frauensleute sollen Pech heiß machen und Wasser. Komm aber gleich
wieder! Warte mal: auch die Jungens sollen jeder ein Schießgewehr haben;
heute muß ein jeder helfen. Es geht um Kopf und Kragen und um noch
mehr, denn kriegen sie uns, dennso lassen sie uns lange sterben!«

Die Dornen wurden durchsichtig; man sah die Gesichter der Soldaten und
Viekenludolf wollte schießen. »Bist du verrückt?« schnauzte ihn Wulf
leise an; »erst muß das Haupt fallen, dann kommt das andere ran!«
Er sah durch das Schießloch, ging zurück, schob sein Gewehr durch,
zielte lange und schoß. Ein Gebrüll kam von drüben: »Der läßt das
Prahlen für eine Weile sein,« flüsterte er dem Rammlinger zu;
»Blattschuß! Er war weg wie ein Wieselchen.« Er stieß einen Jungen an:
»Sie sollen tuten und bimmeln, so toll sie können; wir müssen Hilfe
haben, hörst du? Und wenn ihnen das Blut aus den Ohren spritzt, blasen
sollen sie oder ich blase ihnen was!«

Die Schweden standen um ihren Hauptmann; der lag im Grase mit dem Rücken
gegen eine Fuhre, und jedesmal, wenn er atmete, sprang ihm das helle
Blut aus der Brust. Ein ganz junger Offizier, ein Junge meist noch,
kniete bei ihm und wischte ihm den Todesschweiß von der Stirn. Der
Sterbende bewegte die Lippen; der junge Mann bückte sich ganz tief,
nickte und sprang auf: »Wir müssen unseren Herrn Hauptmann rächen.
Freiwillige vor!« Bloß ein Dutzend meldete sich, voran der alte
Wachtmeister. »Lumpenpack!« schrie der Offizier; »bei den Weibern, da
seid ihr Helden, aber hier geht's euch in die Hosen.« Er zeigte auf
einige Leute, die sich nach hinten drücken wollten. »Ihr da, voran, und
wehe, wer einen Zoll zurückgeht!« Er hielt ihnen die Pistole vor die
Augen.

Die Männer murrten; es waren alles Bluthunde schlimmster Art, aber diese
unheimliche Burg mitten im nassen Busche, die Scharfschützen darin, das
sonderbare Tuten und Bimmeln in der Runde, das klemmte ihnen die Hälse
zusammen. Der Offizier rief zwanzig bei Namen: »Ich zähle eins, zwei,
drei, und wer dann nicht im Graben ist, der schluckt sein eigen Blut.
Denkt an Gustav Adolf, denkt an Breitenfelde, denkt daran, daß ihr
Schweden seid und keine Krabatten! Also: jeder zwei Pistolen in den
Brustlatz und das Finnmesser zwischen die Zähne! Und jetzt mit Gott für
Schweden! Eins, zwei, drei!« Er faßte sich nach der Brust und stürzte in
das Gras; der Wulfsbauer hatte ihn mitten durch das Herz geschossen.

Einen einzigen Blick schmiß der Wachtmeister nach ihm hin; dann schrie
er: »Vorwärts marsch!« und sprang mit einem Satze in den Graben und mit
einem Male war das Wasser voll von Schweden; aber es war, als wenn es
kochend war, so schrien sie alle auf einmal auf, denn wie sie da waren,
ein jeder von ihnen war in die spitzen Pfähle gesprungen.

»Schießt sie doch wenigstens tot, das ist ja schrecklich!« rief der
Prediger, aber der Obmann schüttelte den Kopf: »Nein, euer Ehren, wir
haben dazu keine Zeit, und je länger sie da quietschen, um so später
trauen sich die anderen heran. Aber geht hin und sagt, daß überall gut
aufgepaßt wird und daß geblasen und gebimmelt wird, und dann haltet euch
zu den Frauen und den Kindern, da seid ihr nötiger!«

Es war auf einmal ganz still. Man hörte die Finken schlagen und die
Meisen piepen und ab und zu brüllte eine Kuh in den Ställen. Es hörte
sich bald an, als ob die Schweden abgezogen wären. Aber nach einer Weile
hörte man Axtschläge. »Haltet die Immen zur Hand!« sagte der Obmann zu
Kasper, »und das heiße Wasser und den Teer! Sie werden wohl eine Brücke
machen wollen. Na, viel soll ihnen das auch nicht helfen, glaube ich.«

Er frühstückte, behielt aber die Augen am Kuckloch, und dann steckte er
sich eine Pfeife an. Er hatte den Ärger über den Rammlinger hinter sich
und außerdem hatten die Wachen gemeldet, daß von zwei Seiten Antwort
gekommen war, und so dachte er: »Es wird schon gut gehen!«

Aber dann ärgerte er sich, daß er eine große Dummheit gemacht hatte.
Einen kugelsicheren Kiekturm hätte er in der Burg aufschlagen lassen
sollen, dann konnte er sehen, was drüben gemacht wurde. »Na, dümmer
werde ich da auch nicht von,« dachte er.

Zwei Stunden hatte er so dagesessen, da ließ das Hacken drüben nach. Man
hörte, wie die Leute schleppten und stöhnten. Der Wulfsbauer schickte
den Jungen hin: »Sie sollen sich immenfest machen und die Körbe hierher
bringen! Und dann alles an die Löcher, aber um den ganzen Wall, und
hier,« er drehte sich nach Viekenludolf um, »die Scharfschützen her,
aber erst geschossen, wenn ich sage, und auch dann noch nicht, wenn ich
einmal schieße!«

Nach einer Weile standen zwanzig Popanze rechts und links bei ihm. Die
Bauern hatten die Immenmasken aufgesetzt, sich Tücher um die Hälse
gewickelt, dicke Röcke und drei Paar Hosen angezogen und diese unten
zugebunden. Alle hatten dicke Handschuhe an und jeder sein Schießgewehr
vor sich stehen. Hinter dem Vorsteher und Viekenludolf lagen die
Immenkörbe; sie waren an lange Stangen gebunden und es brummte darin wie
in einem Wasserkessel, denn die Ausflüge waren verrammelt.

Der Fuhrberger flüsterte: »Ich habe einen frei!« Der Obmann nickte:
»Denn man zu!« Es knallte; ein Schrei kam von drüben, dann ein lautes
Fluchen. Man hörte die Dornbüsche krachen. Eine Brücke aus Fuhrenstangen
bohrte sich durch und kam erst langsam, dann schneller über das Wasser.
Der Burvogt drehte die Büchse nach der Seite, zielte und schoß. Drüben
wurde wieder geflucht. »Wer einen frei hat, soll ihn totschießen,«
befahl er; »aber Vorsicht! wir haben keinen einen Mann über!« Es knallte
fünfmal, die Brücke fiel in das Wasser, ging aber wieder in die Höhe und
wies eine breite und hohe Schutzwand aus Tannhecke und Fuhrenzweigen
auf.

»Wer will die Immen werfen?« fragte Wulf; »kein verheirateter Kerl darf
es sein, du auch nicht, Ludolf. Aber Helmke, du!« Schierhorn kam und
stellte sich neben den Oberobmann. »So,« befahl der, »jetzt, so wie ich
rufe, ihr sechs da, so schnell wie es geht, die Körbe offen, Helmke die
Stangen in die Hand gegeben, und ihr andern paßt auf und sorgt dafür,
daß keiner ihm was tun kann. Und hat er Unglück, gehst du an seine
Stelle, Hinrich, und dann du, Jochen. Und beileibe nicht die Immen in
das Wasser schmeißen; alle mitten in die Dornen! Die Leute auf der
Brücke kriegen wir so schon klein!«

In der Burg wieherte eine Stute; drüben antworteten die Hengste. Von der
Haide her hörte man es tuten und dann bimmeln, aus der Burg wurde
geantwortet. Der Kuckuck rief. Ein gelber Schmetterling flog über das
Wasser, setzte sich auf den Kopf von einem der toten Männer in dem
Graben und flog über die Dornbüsche. »Er will die anderen auch holen,«
flüsterte der Rammlinger und griente.

Von drüben hörte man keinen Laut. Dann knasterten die Dornen und mit
einem Male schoß die Brücke über das Wasser und stieß sich in dem Walle
fest. »Aufpassen, ruhig schießen!« flüsterte der Obmann. Sechs Schweden
liefen wie verrückt die Brücke entlang; es knallte ein paarmal und bloß
einer kam oben an, ein junger Kerl mit Haaren, so hell wie bei einem
Kinde. »Nicht schießen!« rief Wulf; »lebendig fangen!« So wie der junge
Mann über das Schutzdach wollte, riß ihn Schierhorn herüber und warf ihn
dem Viekenbauer zu. »Binden und hinlegen, aber nichts tun!« schrie der
Obmann und schoß, und dann rief er: »Die Immen!«

Schierhorn, der mit der Maske und dem vielen Zeug wie der leibhaftige
Satan aussah, stand gebückt hinter der Schutzwand, den Bleiknüppel am
Handgelenk, und schielte über sich. Eine Hand packte in die Tannhecke.
Der Bauer schlug mit dem Totschläger danach, ein Schrei kam, die Hand
verschwand, das Wasser quatschte und dann schrie es lange. Ein Schuß
fiel; wieder spritzte das Wasser auf. Ganz sachte, als machte er das
alle Tage so, stellte sich Schewenkasper hinter den Ehlershäuser, ließ
sich einen Immenkorb geben, riß den Boden ab, stellte die Stange hoch
und gab sie Schierhorn in die Hände. Der nahm sie, wog sie, und dann
schrie er: »Aufgepaßt, ihr da!« und kippte die Stange um und hinterher
noch eine, und die dritte, die vierte, und die fünfte und die sechste.

Wieder liefen Schweden über die Brücke. Drei bekamen Kugeln, vier
kletterten über das Schutzdach, aber Schierhorn und Kasper warfen sie in
den Graben. Dann hörte man es drüben fluchen, darauf schreien, dann ging
ein Summen und Brummen los. Das Fluchen und Schreien nahm kein Ende, es
wurde immer schlimmer damit, man hörte, wie die Pferde um sich schlugen
und sich losrissen, Hunde heulten auf, das Brummen wurde immer
gefährlicher, die ganze Luft war voll von Immen und hinter dem Wall
stand Viekenludolf, bog sich vor Lachen krumm, schlug sich auf den
Schinken, daß es knallte, und rief: »Ich gehe dot, ich gehe dot!«

Der Wulfsbauer mußte auch lachen. Dann ging er hin, band dem Schweden
die Hände los und sagte: »Steh' auf!« Der junge Mensch stand da,
kreideweiß um die Nase. Der Bauer griff ihn an die Brust: »Kannst du
deutsch?« Der Junge zitterte am ganzen Leibe: »Ja!« brachte er heraus.
»Bist am Ende selber ein Deutscher?« Der Mensch nickte. »Woher?« Er
würgte: »Aus Sachsen!« Der Bauer holte tief Luft: »Schweinehund!
Eigentlich solltest du sterben. Aber lauf hin und sage ihnen, sie sollen
machen, daß sie fortkommen. Wir haben noch genug Immen und unsere
Freunde kommen all. Und wenn dich einer fragt, wo du warst, dann sag'
ihnen: bei den Wehrwölfen! Du bist der erste, den wir lebendig
fortlassen.« Der Soldat zitterte so, daß er kaum über die Brücke konnte,
und als er am Ufer ankam, fiel er hin.

Der Wulfsbauer hielt die Hand hoch: »Pst! sie tuten sich wieder
zusammen! Was ist denn das? Das sind ja unsere Leute! Hört ihr, ein
Schuß! Junge, das ist gut, ich bin halb verdurstet!« Er trank den ganzen
Krug Dünnbier aus, den der Junge ihm reichte und dann sagte er: »Nun
müssen wir erst wieder zusehen, daß unsere Immen ihren Ärger vergessen.
Die werden schön falsch sein! Na, Brägenschülpen werden sie aber auch
wohl alle haben. Und jetzt lauft hin und sagt den Frauensleuten
Bescheid, aber sie sollen nicht herauskommen, wenn sie ihre glatten
Gesichter behalten wollen, denn sonst kriegen sie Mäuler wie die
Baumaffen. So, und nun kann die Hälfte losgehen und sehen, was unsere
Mutter ihm gekocht hat. Aber laßt mir was über!«

Er horchte nach der Wohld hin und nickte. Da fielen immer mehr Schüsse
und das Tuten und Blasen hörte nicht auf. Der Bauer stand wie ein Baum
da. Dann lachte er. »Hörst du sie, Ludolf?« Der nickte: »Ja, Unsere
kühlen ihnen jetzt die Immenquaddeln,« sagte er; »mit 'm Bleiknüppel,
das ist da gut für!« Der Wulfsbauer hob den Finger hoch: »Unsere haben
sie zwischen sich. Stille! Hörst es? Junge, Junge, ein Schade, daß wir
da nicht bei sind!« Er zitterte vor Aufregung: »Hör' bloßig, wie sie
bölken: Schlah dooot!« Er hielt die Hände neben den Mund und brüllte
über den Graben hin: »Slah doot, slah doot, all doot, all doot, all
dooot!«

Und dann kam es aus den Blockhütten heraus wie Gesang; die beiden Bauern
horchten; die Frauen und Kinder sangen: »Nun danket alle Gott mit
Herzen, Mund und Händen!«

Es dauerte nicht lange, da waren die Wehrwölfe da. Sie lachten und
riefen über den Graben: »Na, die Hauptarbeit war ja schon gemacht; wir
hätten ruhig zu Hause bleiben können! So, nun wollen wir erst dieses
dummerhaftige Dings wegnehmen und zu Feuerholz machen!« Der Wulfsbauer
schrie: »Nee, das können wir hier ganz gut brauchen, bringt es nach der
Brücke! Aber erst kann einer von euch herkommen und uns verzählen, wie
es geworden ist; denn daß wir höllschen neugierig sind, könnt ihr euch
wohl denken!«

Jasper Winkelmann aus Fuhrberg und Ehlershinnerk aus Engensen kamen über
die Brücke. »Junge,« sagte der Fuhrberger und schlug dem Rammlinger auf
die Schulter, »hast dich aber fein gemacht! Willst wohl wieder fründjen
gehn! Ein Schade, daß du nicht mit dabei warst! Wir konnten vor Lachen
meist nicht schießen. Ich glaube, kein einer von ihnen ißt in seinem
ganzen Leben ein Honigbrot wieder. Du hättest mal sehen sollen, wie die
Pferde auskeilten, und die Kerls, Mensch, ich sage dir, zum Krempeln war
es! Sie flöhten sich als wie die jungen Hunde, und ich glaube, hinter
jedem Machangel in der Haide sitzt einer und pult sich die Immenangeln
aus der Pelle. Was haben wir gelacht!«

Der Wulfsbauer nahm die Maske ab. »Sonst heißt es: erst die Arbeit, dann
das Vergnügen,« sagte er, »aber bei uns ist das umgekehrt. Holt mal noch
ein paar Mann ran und Nägel und Wieden und Barten; wir wollen hier
schnell einen Turm machen, damit, wenn sie wiederkommen, wir sie von
oben begrüßen können, denn das mit den Immen, das ist auf die Dauer denn
doch zu teuer. Und was sollen die Kinder sagen, wenn wir so mit dem
Honig aasen!«

Die Schweden kamen aber nicht wieder, weder diese noch andere. Was kein
Mensch für möglich gehalten hatte, das schien wahr werden zu wollen. Es
sprach sich bis in die Haide hinein, daß es nun bestimmt, aber auch ganz
bestimmt Frieden werden sollte. Man merkte es an allerlei Vorzeichen:
die Störche brüteten wieder auf den Dächern und nicht mehr in den
Wäldern; die Winterkrähen gingen früher weg als vordem; der Mäusefraß
hörte auf; man fand keine Sternschnuppen mehr; die feurigen Männer am
Himmel kamen nicht wieder; die Pest- und Sterbevögel waren wie
weggeblasen.

Die Marodebrüder und Parteigänger zogen immer noch im Lande um; aber
ihre gute Zeit war vorbei. Wo sie sich blicken ließen, lief das Volk
zusammen und schlug sie tot, und die Tatern und was sonst ohne Haus und
Herd war, desgleichen. Die Bauern kamen langsam aus den Büschen
herausgekrochen und hingen die Kesselhaken wieder über die Herde, wenn
die Häuser noch da waren, oder bauten sich neue so gut es ging. Hier und
da wurde auch wieder gepflügt und gesät, und die Toten kamen unter die
Erde, wie es sich gehörte, und wurden nicht in einen alten Sack
beigerodet.

Aber so ganz traute man dem Frieden doch nicht. Es war ja auch gar nicht
zu denken. Frieden? Arbeiten und essen und schlafen ohne Angst und
Bange? Keinen Feuerschein mehr am Himmel sehen? Kein Ach- und
Wehgeschrei mehr hören? Wieder lachen und singen dürfen? Und spielen und
tanzen? Und sich darüber freuen, wenn ein Kind geboren wird? Wer das
glaubt, der ist unklug! Dem hat der Krieg den Verstand verrückt! Für den
ist es Zeit, daß man für ihn aufpaßt! Denn es geht ja doch bald wieder
los! Das kennt man ja! Nach dem Lübecker Frieden Anno 1629 wurde es bloß
noch schlimmer! Und das waren nun schon sechzehn Jahre her, nein,
siebzehn. Und vor vier Jahren, hatte der Herzog da nicht seinen Frieden
mit dem Kaiser gemacht? Und was hat es geholfen? Gar nichts, es wurde
bloß noch einmal so doll!

Aber zuletzt mußten sie es doch glauben. Es war wirklich anders geworden
in der Welt. Not und Elend gab es ja noch überall genug, aber das Morden
und Martern war doch nicht mehr so im Gange. Es blühten auch viel mehr
Blumen, die Vögel sangen schöner denn je und die Luft war so ganz
anders, gar nicht mehr so, als wenn es immer nach Rauch und Blut roch.
Es mußte also doch wohl stimmen, was der Prediger in der Kapelle
vortrug, daß es dem Kaiser und den Fürsten ernst damit war. Sonst würde
der alte Drewes nicht mit einem Male wieder den Kopf so hoch halten.
»Das will ich noch beleben, aber denn ist es Zeit für mich,« sagte er.

Er erlebte es noch. Es war Anfang November, da kam Viekenludolf
angejagt, schrie wie ein Ungetüm, sprang vom Pferde wie ein Junge,
drehte die Wulfsbäuerin herum, daß man ihre halben Beine sah, lachte
wie unklug und rief: »Ihr glaubt wohl, ich bin besoffen? Keine Spur! Ich
bin so nüchtern wie ein ungebörntes Kalb. Aber es ist Friede, Friede für
immer, gewiß und wahrhaftig, und wenn ihr es mir nicht glauben wollt,
hier lest, oder der Prediger soll es vorlesen! Das habe ich von einem
Manne gekauft, der mehr solche Blätter aus Celle mitgebracht hat.
Unserem Herzog sein Siegel ist darunter. Da, euer Ehren!« Er fiel auf
die Bank und jappte und mit einem Male lief ihm das Wasser aus den
Augen.

Er sprang aber gleich wieder auf, denn der Wulfsbauer kam angelaufen. Er
war im Grasgarten gewesen und hatte das Schreien und Weinen und Lachen
gehört. Und nun stand er da und beberte an allen Gliedern und sah wie
eine frisch gekalkte Wand im Gesichte aus. »Wawawas ist llos?« stotterte
er. Der Prediger hob die Hand. »Ich werde vorlesen.« Alle falteten die
Hände, bloß der Burvogt nicht; der hatte keine Kraft dazu. Er stand an
der Hauswand, sah ganz elend aus, hatte den Mund offen und ganz
unglückliche Augen, und holte so tief Luft, als wenn er ersticken müßte.

Der Prediger hatte zu Ende gelesen. Alles lachte und weinte wie verrückt
durcheinander. Mit einem Male drehten sich alle um. Was war denn das?
Der Wulfsbauer hatte ganz schrecklich aufgeschrien, und jetzt stand er
mit dem Kopfe gegen die große Tür, hatte die Hände vor dem Gesicht und
weinte wie ein Kind. Dann drehte er sich um, ging wie ein todkranker
Mann auf seine Frau los, nahm sie an den Arm und sagte: »Mutter, bring
mich zu Bett; ich bin ja so müde!«

Die Frau faßte ihn unter den Arm, wischte ihm die Tränen ab und sagte:
»Ja, ja, ich bringe dich zu Bett, mein Junge. Du sollst nun auch schön
schlafen.« Da lachte keiner von den Leuten mehr; es wurde ganz still,
nur daß auf der Wiese die Kinder das neue Lied sangen, das sie in der
Schule gelernt hatten:

    Herzlich tut mich erfreuen
    die fröhliche Sommerzeit,
    all mein Geblüt erneuen,
    die Mai in Wollust freit;
    die Lerch tut sich erschwingen
    mit ihrem hellen Schall,
    lieblich die Vögelein singen
    dazu die Nachtigall.




Die Haidbauern


Der Wulfsbauer schlief sich ordentlich aus; er schlief drei und eine
halbe Woche lang, und er wäre wohl überhaupt nicht aufgewacht, wenn er
nicht so eine Bärennatur gehabt hätte.

Denn er hatte das Nervenfieber bekommen. Es war zu viel für ihn gewesen.
Auch hatte er zu tief durch Blut gehen müssen; erst bis an die Enkel,
dann bis zu den Knien, bis er bis über die Lenden darin stand und es
immer höher und höher stieg, so daß es ihn schließlich bis an den Mund
kam. Viel hatte nicht mehr gefehlt, da lief es ihm da hinein und er
mußte ersticken.

Schon längst hatte er es nicht mitansehen können, wenn ein Schwein
geschlachtet wurde. Wurst, die aus Blut gemacht war, aß er seit Jahren
nicht mehr, und ihm wurde schlecht, wenn sich eins von den Kindern in
den Finger schnitt.

Aber er hatte das alles für sich selbst behalten; zu keinem Menschen
hatte er darüber gesprochen, weder zu Drewes, noch zum Viekenbauer, noch
zu dem Prediger, geschweige denn zu der Bäuerin. Er hatte all seinen
Ekel jeden Tag in sich hineingefressen wie der Hund seinen Unrat, und
hatte darüber harte Augen und einen engen Mund gekriegt und vor der Zeit
ganz graue Haare.

Nun waren sie schneeweiß geworden, wo er knapp fünfzig Jahre alt war.
Aber die fünfundzwanzig Kriegsjahre hatten doppeltes Gewicht; er kam
sich vor, als wenn er schon achtzig auf dem Puckel hatte. Er wurde
wieder ganz gesund, er ging dahin wie ein junger Mann, er konnte
arbeiten wie ein Knecht von fünfundzwanzig, er hielt noch eine volle
Sense mit einer Hand wagerecht, er hatte kein bißchen von seinem Gesicht
und Gehör verloren, er konnte noch über das ganze Dorf schreien, er ritt
wie ein Junge, er aß wie ein Drescher, aber alt war er darum doch.

Nicht, daß er in der Arbeit nachließ; das war eher umgekehrt. So wie er
wieder auf den Beinen war, ließ er auf der Wüste Bauholz schneiden, denn
den Wulfshof hatte er für seinen zweiten Sohn bestimmt. Er hatte den
einen nicht lieber als den anderen, aber Johanna, und wenn sie ihm auch
die liebste von seinen Frauen gewesen war, sie war immerhin aus der
Fremde gewesen, und deshalb hatte er ihren Sohn auch auf den Namen
Bartold taufen lassen, denn so hieß ihr Vater; den Jungen aber, den er
von Wieschen als ersten bekommen, nannte er Harm, wie jeder älteste Wulf
gerufen wurde. Der bekam also den alten Hof und den alten Kesselhaken,
auf dem zu lesen stand: Ao 1111 Do. Bartold aber blieb auf dem neuen
Hofe und hieß bald nicht mehr Wulf, sondern Niehoff, und als Hausmarke
nahm er zwei Wolfsangeln, die über Kreuz standen.

Auch in den Gemeindeangelegenheiten ging der Burvogt scharf in das
Geschirr. Sein erstes war, daß er für eine Kirche sorgte, denn eine
eigene Kirche waren die Peerhobstler nun einmal gewöhnt. Das gab viel
Lauferei und Schreiberei, aber Wulf setzte es zuletzt doch durch, und
als der Prediger fragte: »Ja, aber das Geld?« da sagte der Bauer: »Ich
gebe fünftausend Taler in Gold, denn ich will es los sein,« und da
wußte Puttfarken, was das für Geld war. Außerdem war noch die Kette aus
bunten Steinen und Perlen da, die Schewenkasper seinerzeit dem
kaiserlichen Hauptmann aus dem Hosensack genommen hatte und die meist
ebensoviel wert war, und die anderen Bauern gaben auch nicht wenig, denn
die Beutegelder drückten ihnen allen auf der Brust. Zu allerletzt kam
noch der Viekenbauer, zählte tausend blanke Taler vor den Prediger hin
und sagte: »Das ist vor den Schreck, den ich euch allen durch meine
Dummheit eingejagt habe, und Trina meint überhaupt: solch Geld, das
bringt doch keinen Segen!« Und so bekam Ödringen die Kirche.

Auch als es für den Herzog hieß, Gelder für die Schweden
zusammenzukratzen und die schweren Schatzungen kamen, mußte sich der
Wulfsbauer gehörig rühren und mehrere Male ritt er nach Celle, bis er es
fertigbrachte, daß die kleinen Leute nicht zu sehr mit Lasten bedrückt
wurden. Die Gräfin Merreshoffen lebte noch, wenn sie auch schon ganz
weiß und dünn war und ein Gesicht wie Wachs hatte.

Sie ließ sich viel von dem Peerhobstler erzählen, nickte und sagte: »Ja,
es ging ein böser Wind damals. Hier sitzen wir, sind noch keine sechzig
alt und sehen wie achtzig über den Ohren aus. Aber er hat wenigstens
seine Gesundheit und Frau und Kinder, und ich habe nichts als das
bißchen Geld und allerlei dummerhaftige Erinnerungen. Aber verlasse er
sich darauf: die Sache kommt in Ordnung; darauf hat er meine Hand!« Als
er ging, sagte sie zu ihrer Nichte: »Ich habe bloß zwei Männer in meinem
Leben gekannt, Georg Eisenhand und den da, Brigitta!«

Mehr als einmal mußte Harm beweisen, daß er noch der alte war. Die
kleine Arbeit hatte er dem Viekenbauer und Schierhornhelmke überlassen,
und die seiften die Haide so gründlich ab, daß sich kein Ungeziefer mehr
darin halten wollte. Er lebte noch eine ganze Stiege von Jahren und
konnte viererlei Enkelkinder auf den Knien reiten lassen.

Aber als dann seine Frau starb, hatte er so recht keine Lust am Leben
mehr. Er hatte sein Teil Arbeit im Leben getan und mehr als das; er war
nicht mehr nötig auf der Welt. Seine Augen waren mittlerweile wieder
etwas heller geworden, aber sein Mund sah aus, als wenn er Angst hatte,
daß ihm Blut hineinlaufen konnte. Er starb jedoch ganz sanft und alle
seine Kinder und Kindeskinder waren bei ihm, und der Viekenbauer, der
noch immer hinter jedem glatten Mädchen hersehen mußte, wennschon das
nicht viel Zweck mehr hatte, und Thedel und der Prediger, der wie ein
ganz alter Mann aussah.

Es war eine Leiche, wie man sie um das Bruch herum noch nicht belebt
hatte. Alle Wehrwölfe gingen mit, die noch am Leben waren, und außerdem
jeder, der eben Zeit hatte, so daß der Wulfshof schwarz von Menschen
war. Es war ein dusterer Spätherbsttag, als Harm Wulf auf immer schlafen
ging, und während der Leichenandacht auf der Deele nieselte es. Als aber
der Prediger nach der Beerdigung von der Kanzel den Nachruf für den
Toten hielt, worin er ihn mit Simson verglich und mit Judas, dem
Makkabäer, die ihre Völker vor den Feinden bewahrten, rot bis an den
Hals vor Blut gewesen waren und doch Gott wohlgefällig, da kam die
Sonne durch und alle Gesichter sahen hell aus, und auch die Wehrwölfe
bekamen blanke Augen und dachten an die schrecklichen und doch so
schönen Tage, da sie einen Tag um den anderen den Bleiknüppel über der
Hand hängen hatten.

In der besten Stube des Wulfshofes zu Ödringen hängt heute noch der
Bleiknüppel an der Sofawand unter dem kleinen Bilde mit dem alten
Goldrahmen. Ein Museum hat sich viel Mühe um den Knüppel gegeben, aber
der Vorsteher und Landtagsabgeordnete Herman Wulff gab ihn nicht um
Geld, noch um gute Worte her. »Wenn der nicht gewesen wäre, so wären wir
auch nicht da,« sagte er. Wenn fremde Leute fragen, was das für ein Ding
ist, dann zuckt er die Achseln und sagt: »Das ist noch von früher!«
Seinen Söhnen aber hat er erzählt, was er und sie dem alten Knüppel mit
der Lederschlinge zu verdanken haben, und warum auf dem ältesten
Grabsteine der Wulffs nichts weiter zu sehen ist denn eine aufrechte
Wolfsangel.

Ein jedesmal, wenn einer der Jungens zum ersten Male das Abendmahl nahm,
ließ er ihn in dem alten Kirchenbuche das lesen, was der weiland
Prediger Puttfarken über Harm Wulf geschrieben hatte, als er gestorben
war; und so heißt die Stelle: »Ehr war ein Held vor seinem Volke und hat
es getrevlich geschützet vor den Philistern und Amalekitern ober zwanzig
Jahre, da der große Krieg geweßen ist. Ehr ruhe in dem Frieden GOTTES!«

Die hellen Augen haben sie wiederbekommen, die Wulfsbauern, die engen
Lippen aber behielten sie als Erbe von Harm Wulf. So lustig, wie er als
Jungkerl war, sind sie alle nicht, aber seinen eisernen Kopf hat er
ihnen nachgelassen. Einer von ihnen wurde in den Freiheitskriegen ein
hoher Offizier und sollte den Adel bekommen: »Mein Name ist mir so
gerade gut,« sagte er.

Über der Missentür des Wulfshofes steht heute noch der Spruch im Balken:
»Helf dir selber, so helfet dir unser Herre Gott!« Danach haben sich
alle Wulfsbauern gerichtet.

Herman Wulff ist ein ernster Mann, der nicht oft lacht und kaum einmal
flötet. Aber an dem Tage, als die Bruchbauern ihren Mann bei der
Reichstagswahl durchbekamen, lachte Herman Wulff, und als er nach Hause
ging, flötete er das Brummelbeerlied.




Worterklärung


Um eine völlige Einheitlichkeit zwischen dem Stoffe und der Form zu
erzielen, ist in diesem Buche sowohl für den erzählenden Teil wie für
die Gespräche die heutige Ausdrucksweise der Bauern der Lüneburger Haide
gewählt, die sich in der Hauptsache mit der Redeweise des Landvolkes von
ganz Nordwestdeutschland deckt. Ost- und süddeutschen Lesern sind
vielleicht die folgenden Erklärungen einiger Ausdrücke angenehm.


1. Die Haidbauern                                                 S. 1

_Pump_, Teich, Tümpel. -- _Reet_, Rohr. -- _Plagge_, Haidscholle. --
_grall_, frisch, klar. -- _weifen_, schlagen. -- _Brägen_, Gehirn, auch
Schädel. -- _Weking_, Wittekind. -- _rohes Mett_, gehacktes Fleisch. --
_Halsbeeke_, Halsbach. -- _Die große Fähre_, Verden an der Aller. --
_Haidjer_, Haidbauer. -- _koppheister_, kopfüber. -- _Sattelmeier_,
Bauer, der in Kriegsfällen ein Pferd zu stellen hat. -- _anmeiern_,
lehnspflichtig machen. -- _Kuhle_, Grube. -- _beiroden_, eingraben. --
_Koppelweg_, Feldweg. -- _Sternschnuppe_, gallertartige Massen, entweder
Gallertflechten oder die Eileiter von Fröschen, die von Iltissen oder
Reihern wieder ausgewürgt sind. -- _Schillebold_, Wasserjungfer. --
_Buttervogel_, Schmetterling. -- _Pest- und Sterbevögel_, unregelmäßig
erscheinende nordische Vögel, wie Kreuzschnabel, Seidenschwanz,
Nußhäher. -- _Brummelbeere_, Brombeere. -- _Brummelbeerlied_, ein
bekanntes altes Lied, das folgendermaßen beginnt: Es wollt ein Mädchen
früh aufstehn, wohl drei vier Stündelein vor Tag.


2. Die Mansfelder                                                 S. 8

_glatt_, hübsch. -- _Machangel_, Wachholder. -- _grienen_, grinsen. --
_Stegel_, Übertritt in der Umzäunung. -- _Dönze_, Stube. -- _Ule_, Eule.
-- _wählig_, übermütig. -- _Dullerche_, Haidlerche. -- _Post_, ein
Strauch, Porst oder Gagel, auch Gerbermyrte genannt, =Myrica gale L=. --
_mülmen_, stauben. -- _bölken_, brüllen. -- _kriejöhlen_, kreischen. --
_Döllmer_, Dummkopf. --_Lütjemagd_, Kleinmagd. -- _Tater_, Zigeuner. --
_Koppelknecht_, Pferdeknecht. -- _hille_, schnell. -- _quant_, derb. --
_verklaren_, erklären. -- _in die Möte kommen_, entgegenkommen. --
_Butze_, Alkoven.


3. Die Braunschweiger                                            S. 20

_bören_, heben. -- _Kolüt_, der große Brachvogel. -- _Vagelbund_,
Vagabund. --_Ludjen_, Ludwig. -- _Masch_, die Marsch bei Celle. --
_Hahnjökel_, Unfug. --_Dietweg_, Volksweg, unbefestigter Weg. --
_Holster_, Umhängetasche, Jagdtasche. -- _Krüppelfuhre_, verkrüppelte
Kiefer. -- _prahlen_, überlaut reden. -- _vertoddert_, verwickelt. --
_Brägenschülpen_, Schädelbrummen. --_Beist_, Biest. -- _Mutter
Griebsch_, scherzhaft für Hebamme. -- _Halbetüre_, Seitentüre, von
Halbe-Seite. -- _dümpen_, dämpfen, würgen. -- _Grieptoo_, Greifzu, ein
alter Hundename.


4. Die Weimaraner                                                S. 36

_sich verjagen_, erschrecken. -- _Kaff_, Spreu. -- _Altvater_,
Großvater. --_Leibzucht_, Altenteil. -- _schummern_, dämmern. --
_Holler_, Holunder. --_Eller_, Erle. -- _Abstich_, Torfgrube. --
_Flatt_, Sumpf. -- _Anberg_, Hügel. -- _Adder_, Kreuzotter. --
_Schnake_, Natter.


5. Die Marodebrüder                                              S. 50

_schlumpen_, glücken. -- _Warnzinken_, Geheimzeichen. -- _Wahrbaum_,
großer, weit sichtbarer Baum. -- _Wiede_, gedrehter Weidenzweig. --
_gnickern_, kichern. -- _klöhnen_, schwatzen. -- _Lork_, Kröte. --
_Kahkrähe_, Dohle. --_Sod_, Ziehbrunnen. -- _Wohld_, urwüchsiger Wald.
-- _Teebe_, Hund. -- _Thedel_, Theodor.


6. Die Bruchbauern                                               S. 68

_Pattweg_, Fußweg. -- _gremstern_, räuspern. -- _Dössel_, der Baum, an
den die Hälften des Tores angeschlossen werden. -- _Braken_, trockne
Zweige. --_Risch_, Riedgras. -- _Der große Freie_, ein Gau zwischen
Hannover und Burgdorf. -- _Jedoch_, ein Weckruf. -- _Wiem_, Boden. --
_Bröddel_, Patsche. --Wurfboden, das Wurzelwerk eines vom Sturme
geworfenen Baumes. --_Stuken_, Baumstumpf. -- _Markwart_, Eichelhäher.
-- _Deele_, Diele, der Hauptraum im Hause.


7. Die Wehrwölfe                                                 S. 87

_Wietze_, ein Moorfluß. -- _Ständer_, Hauptbalken. -- _Hausrichte_,
Richtefest. -- _Freundschaft_, Verwandtschaft. -- _Hülse_, Stechpalme.
-- _Kneepe_, Witze. -- _Drögmichel_, Sauertopf. -- _Mumm_, schweres Bier.
-- _Wolfsangel_, ein Zeichen, das viel als Hausmarke gebraucht wurde und
das folgende Form hatte: ´----, oder ´--/--,. -- _Auskiek_, Luginsland.
-- _Ort_ oder _Ortstein_, Raseneisenstein. -- _Hornung_, Februar. --
_Steert_, Schwanz. -- _achtern_, hinten. -- _Buchholzer Hengst_,
Grünspecht. -- _Witfrau_, Witwe. -- _reihum_, der Reihe nach. --
_Krischan_, Christian. -- _Metz_, Messer. -- _Vorjahr_, Frühjahr. --
_Hille_, Mädchenname. -- _Klapprose_, Klatschrose, Feldmohn. --
_Danzeschatz_, Tänzerin. -- _Halsung_, Halsband. -- _Ilk_, Iltis. --
_fiepen_, piepen. -- _gibbern_, gieren. -- _Beeke_, Bach. --
_Moormännchen_, Baumpieper, ein Vogel. -- _Hainotter_, Storch. --
_Imme_, Biene. -- _Der Wind küselt_, er dreht sich, ist nicht beständig.
-- _Brandrute_, die eisernen Stangen, auf denen die brennenden
Baumstümpfe liegen. -- _Die Morgenzeit_, das Frühstück. -- _Krüsel_,
Öllämpchen. -- _Grauhund_, Wolf. -- _Addernadler_, Schlangenadler. --
_Moorhuhn_, Birkhuhn. -- _Himmelsziege_, Heerschnepfe, Bekassine.


8. Die Schnitter                                                S. 116

_Ulenflucht_, Dämmerung. -- _Osterblume_, Narzisse. -- _dröge_, trocken.
--_Löft_, Verlobung. -- _Buschkater_, Wildkatze. -- _Tonbank_,
Schanktisch. --_Schneekönig_, Zaunkönig. -- _Lüning_, Sperling. --
_Schütt_, Wagenbrett. --_Rauk_, Kolkrabe. -- _Hallo_, Racheruf. --
_Strosse_, Gurgel. -- _Tüte_, Goldregenpfeifer, ein Vogel. -- _sich
zwillen_, sich gabeln.


9. Die Kirchenleute                                             S. 140

_benaud_, beklommen. -- _Krähenaugen_, Hühneraugen. -- _Rotbrüstchen_,
Rotkehlchen. -- _Kattule_, Waldkauz. -- _Moorochs_, Rohrdommel. -- _Der
Fuchs braut_, d. h. der Nebel steigt. -- _Holwiß_, Haltfest, alter
Hundename. --_befreiet_, verheiratet. -- _Schapp_, Schrank. --
_Duffsinn_, Unsinn. --_beschrieen_, verheiratet. -- _Ohrenstuhl_,
Lehnstuhl mit Kopfstützen. --_Friggetag_, Tag der Frigga, Freitag. --
_Burvogt_, Gemeindevorsteher. --_Miste_, Düngerhaufen.


10. Die Hochzeiter                                              S. 176

_Atze_, Adolf. -- _Der bunte Stock_, der Meldeknüppel, durch den die
Bauern zur Versammlung, dem Bauernmale, gerufen wurden. -- _unbesonnen_,
ohne sich zu besinnen. -- _backen_, kleben. -- _Betze_, Füchsin, auch
wie Metze für liederliches Weib gebraucht. -- _bebern_, zittern. --
_wegbleiben_, ohnmächtig werden.-- _Gerd_, Gerhard. -- _olmig_, mulmig,
wurmstichig. -- _aufhucken_, auf den Rücken nehmen. -- _Brutlacht_,
Hochzeit. -- _Gnitte_, Gelse, winzige Mücke. -- _Bleibengel_,
Bleiknüppel. -- _für einen Bauern kaufen_, zum Narren haben. --
_Dutten_, Knoten. -- _dötsch_, dumm. --_Flachtenwerk_, Flechtwerk. --
_Pottekel_, widerlicher Mensch. --_faulmäulsch_, maulfaul. -- _Tachs_,
Dachs. -- _mit jemand Schindluder spielen_, ihn gemein behandeln. --
_schuddern_, schauern.


11. Die Kaiserlichen                                            S. 201

_wegzocken_, fortlocken. -- _Stärke_, Färse, junge Kuh. -- _Barte_,
Beil. --_blank_, schön, von Frauenzimmern gesagt. -- _Takelzeug_,
verdächtige Menschen. -- _Hillebille_, ein an zwei Stricken aufgehängtes
Brett, das mit zwei Hämmern geschlagen wird und einen weithin
vernehmbaren Schall gibt. -- _knutschen_, zärtlich drücken. --
_Katteeker_, Eichkatze. -- _Sohl_, Wasserloch.


12. Die Schweden                                                S. 217

_einem eine Schande machen_, einen ausschimpfen.-- _Piewitt_, Kiebitz.
--_wricken_, zusammenflechten, ineinanderwirken. -- _Immenquaddeln_,
Blasen von Bienenstichen. -- _fründjen gehen_, auf Liebschaft gehen.
--_Immenangel_, Bienenstachel. -- _beleben_, erleben. -- _ungebörnt_,
nüchtern.


13. Die Haidbauern                                              S. 235

_Stiege_, Reihe. -- _Leiche_, Beerdigung. -- _nieseln_, dünn regnen. --
_Missentür_, Einfahrtstor.

       *       *       *       *       *

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

       *       *       *       *       *

Anmerkung zur Transkription: im Text korrigierte Fehler

Kerl entgegen, der eine rote Feder
    Im Original: entgegegen

und im Bruche flötete der Kolüt.
    Im Original: Kalüt

als sie der Frau warme Milch, Brot und getragene Kleider gab,
    Im Original: Kleider ab

Es war meist Mitternacht, da gab Wulf für einen
    Im Original: Miternacht

er hatte sich das Genick abgestürzt.
    Im Original: abgestürtzt

und daß es bei Kleinem Zeit für ihn würde, nach Hause zu reiten,
    Im Original: daß er

nur daß quer über der Deele der Hütejunge
    Im Original: Hüttejunge

Und der Junge von Hingstmanns und Tönnes
    Im Original: Hinstmanns

nicht gut zuwege war, aber dabei sah sie aus wie
    Im Original: Aber

zitterte am ganzen Leibe
    Im Original: ganze

Das mußte wohl so gewesen sein
    Im Original: Daß

so daß er bald allgemein nicht mehr
    Im Original: das

meiner Schwester Alheid Niehus
    Im Original: Niehues

wenn du auf den Hof kommen wirst, Burvogt

ich bin der Burvogt Harm Wulf aus Peerhobstel
    Im Original jeweils Burgvogt

So ablegen das Dorf auch war
    Im Original: daß

Am anderen Tage suchten Thedel, Renneckenklaus und Mertensgerd
    Im Original: Rennekenklaus

und Wildbret war es auch nicht
    Im Original: Wildpret

Dann fing Mieken an
    Im Original: Daun

Den ersten schoß der Rammlinger aus dem Sattel
    Im Original: aus den Sattel

solange in der Magethaide lagern mußten
    Im Original: in der Magerhaide

Worterklärungen: in 6. Die Bruchbauern:
    Stuken wird im Text »Stucken« geschrieben
    Jedoch wird im Text »Jeduch« geschrieben





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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
[email protected].  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     [email protected]


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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