Ratsmädelgeschichten

By Helene Böhlau

The Project Gutenberg EBook of Ratsmädelgeschichten, by Helene Böhlau

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Title: Ratsmädelgeschichten

Author: Helene Böhlau

Release Date: April 30, 2015 [EBook #48827]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDELGESCHICHTEN ***




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                In demselben Verlage sind von _Helene
             Böhlau_ weiterhin folgende Werke erschienen:

   Herzenswahn. Roman. Ein Band, brosch. 3 Mk. 60 Pf., elegant
   gebunden 4 Mk. 60 Pf.

   Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung: Es ist ein feines psychologisches
   Gemälde von der zartesten Stimmung.

   Schlesische Zeitung: ... Wie ein ergreifendes Gedicht liest sich
   denn auch »Herzenswahn«; keuscher und schöner ist kaum die
   undeutliche Sehnsucht eines jungen Mädchens nach hingebender,
   alles umfassender Liebe gemalt worden, wie in diesem Buche ...

   Reines Herzens schuldig. Roman. Ein Band, brosch. 6 Mk., elegant
   gebunden 7 Mk.

   Illustrierte Frauen-Zeitung: Seit langem hat uns keine Erzählung
   so angesprochen, wie diese schlichte sich in dem engen Rahmen
   kleinstädtischen Getriebes abspielende Geschichte. Als echte
   Dichterin verschmäht H. B. starke Motive und äußerliche
   Wirkungen; sie wirkt von innen heraus, von Herzen zu Herzen, und
   immer ist der Eindruck nachhaltig und tief.

   Im Trosse der Kunst und andere Novellen. Ein Band, broschiert
   3 Mk. 60 Pf., elegant gebunden 4 Mk. 60 Pf.

   Münchener Neueste Nachrichten: Der Verfasserin muß zugestanden
   werden, daß sie die von ihr gewählten Stoffe vortrefflich zu
   behandeln versteht; auch ist ihre Diktion fließend, so daß
   niemand bereuen wird, der Lektüre dieser Novellen einige Stunden
   der Muße gewidmet zu haben.

   Neue Preuß. (Kreuz-) Zeitung: Helene Böhlau besitzt in hohem Maße
   die Gabe der Naturwahrheit. Ihre Geschichten sind so fest umrissen,
   daß man sich besinnt, ob man nicht den Urbildern schon begegnet sei
   ... Die Verlagsbuchhandlung hat mit diesem Buche eine sehr
   dankenswerte Bereicherung der modernen Litteratur gebracht.

                            Helene Böhlau.
                        Ratsmädelgeschichten.

[Illustration: Die Mutter der Rathsmädel. Nach einem Miniaturbild,
gemalt von _Dora Arnd_, Freiburg i./B.]




                         Ratsmädelgeschichten


                                 von
                            Helene Böhlau,
                        Madame al-Raschid Bey.

                           Sechste Auflage.

                 J. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W.
          Herzogl. Sächsische und Fürstl. Schaumb.-Lippische
                       Hof-Verlagsbuchhandlung.

           Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde
                        Sprachen, vorbehalten.

          Hofbuchdruckerei von J. C. C. Bruns, Minden i. W.

                       Meiner Mutter gewidmet.




                         Inhalts-Verzeichnis.


   Erste Geschichte.                                          Seite.
   Ein dummer Streich trägt zwei schönen Kindern einen guten       1
      Freund fürs ganze Leben ein
   Zweite Geschichte.
   Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen          37
      verwundern würde
   Dritte Geschichte.
   Handelt von der alten Kummerfelden                            107
   Vierte Geschichte.
   Die Ratsmädel laufen einem Herzog in die Arme                 137
   Fünfte Geschichte.
   Das Damengärtchen                                             155
   Sechste Geschichte.
   Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die      205
      ersten Liebesbriefe ihrer Töchter dachte
   Letzte Geschichte.
   Das Gomelchen                                                 227




                          Erste Geschichte.

   Ein dummer Streich trägt zwei schönen Kindern einen guten Freund
                        fürs ganze Leben ein.


Mitten im großen deutschen Reiche liegt ein weit und breit berühmtes
Städtchen, Weimar im Thüringerlande. Da regierte, als meine Großmutter
noch ein Kind war, ein sehr kluger und guter Fürst, der durch seine Güte
und Weisheit große Dichter, die zu jener Zeit lebten, dazu vermocht
hatte, bei ihm in seinem Städtchen zu wohnen. Und da er ein so überaus
kluger Herr war, den jedermann liebte und verehrte, so kamen Dichter und
Gelehrte gerne von allen Seiten, lebten in der Stadt des Fürsten und
schrieben dort so herrliche Dinge, daß alle Welt darüber in Staunen
geriet. Und noch jetzt ist das, was diese Männer damals gedacht und
gedichtet haben, das Schönste, was wir kennen, und wird noch lange,
lange Zeit das Schönste bleiben.

Von diesen Männern ist alles oftmals erzählt und genau beschrieben
worden, und die Menschen werden in Jahrhunderten noch von ihnen reden.
Aber neben ihnen wohnten in jenen Tagen gar viele Leute in der Stadt,
von denen niemand mehr spricht. Die hatten auch ihre Freuden und Leiden,
auch ihre guten Stunden, fühlten und empfanden tief, waren froh und
litten, hatten auch Herzen wie jene. Sie sind gestorben und vergessen.

Ueber viele gute Leute waren damals schwere Zeiten hereingebrochen,
Krieg und Not. Einige wenige leben noch, die von den vergangenen Zeiten
zu erzählen wissen.

Von solchen habe ich es erfahren, daß damals in der engen, winkeligen
Windischengasse in Weimar, die von jung und alt nur Wünschengasse
genannt wurde, in einem hohen, schmalen Hause ein Herr Rat wohnte mit
Frau und Kindern. Es waren zwei Buben, die in der Schule schon in den
oberen Klassen saßen, und zwei jüngere Mädchen, welche Röse und Marie
hießen und von den Nachbarsleuten, von den Gassenbuben und von jedermann
die Ratsmädel genannt wurden. Und in der Wünschengasse und darüber
hinaus war wohl keiner, der die Ratsmädchen nicht kannte und nicht recht
wohl wußte, daß sie ein paar wilde Kreaturen waren, die ihrer Mutter Not
machten. Spielten Röse und Marie mit den Schulbuben auf der Gasse, da
that sich wohl ein Fensterchen in dem Hause auf, vor dem sie gerade ihr
Wesen trieben, und eine Frau in großer Haube oder ein guter, alter
Nachbar, der bedächtig das Wochenblatt las, rief hinaus: »Röse, binde
deine Zöpfe zusammen! Marie, patsche nicht in den Pfützen! Wollt ihr
wohl, Röse und Marie, oder es setzt etwas, wenn's der Vater hört!« An
dergleichen Zurufe von seiten der Nachbarsleute schienen die Ratsmädchen
gewöhnt. Es machte ihnen wenig aus. Im Gegenteil wurden sie desto
lustiger, thaten, was sie wollten, machten ihre Sache in der Schule
schlecht und waren in jeder freien Stunde auf der Gasse oder irgendwo
vor der Stadt zu finden oder auch nicht zu finden. Sie hatten beide
absonderlich dicke Zöpfe, die hingen ihnen schwer am Rücken herunter,
und wenn sie miteinander in ihren Ginghamkleidern über die Straße
schlenderten, und ein Gassenbube wollte mit ihnen Neckereien treiben,
oder sie waren mit ihren guten Freunden in Streit geraten, da langten
sie ihre Zöpfe vor und fuchtelten damit um sich her, daß so ein
Vorwitziger, der mit ihnen angebunden, allen Respekt davor bekam. Denn
ein fester, straff geflochtener Zopf hat schon seine Wucht, wenn er
einem Bengel über Nase und Wangen fährt.

Die Zöpfe haben den beiden manchen Spaß eingebracht.

Röse und Marie konnten sich in ihr bräunlich blondes Haar, wenn sie es
aufflochten, wie in einen Mantel wickeln. Und eine vornehme Dame, die
Prinzeß Karoline, die den Herrn Rat und auch die Kinder kannte, ließ die
beiden munteren Mädchen manchmal zu sich auf das Schloß kommen und hatte
sie eines schönen Tages, um sich mit ihnen zu vergnügen, sich auf zwei
Schemelchen setzen lassen, ihnen das Haar aufgeflochten und um sie
herumgekämmt, daß es ihnen auch die Gesichter überdeckte, auch die
Kleider und Füße und noch ein gut Stück auf der Erde hin lag. Darauf
hatte sie allerlei vornehme Leute hereingerufen und sie raten lassen,
was für wunderbare, glänzende Geschöpfe da vor ihnen kauerten. Der
Anblick mochte ganz eigentümlich gewesen sein, so daß niemand recht
wußte, was er davon halten sollte, bis die Ratsmädel verlegen aufstanden
und sich das Haar aus den heißen Gesichtern strichen.

Die Ratsmädel, das wissen wir nun schon, waren ein paar lose Vögel. Sie
hatten aber auch in der wunderlichen Zeit Dinge erlebt, von denen
heutzutage kein noch so wilder Junge sich eine Vorstellung machen kann;
von einem Mädchen gar nicht zu reden. -- Eine gute Weile lang sah man
täglich fremdes Kriegsvolk durch die Straßen ziehen und hörte Kanonen
und schwerrollende Pulverwagen über das Pflaster fahren. Mit Herzklopfen
lauschten die Leute im Städtchen auf den dumpfen Kanonendonner, der bis
nach Weimar dröhnte, als bei Jena die furchtbare Schlacht geschlagen
wurde, in der Napoleon den Sieg errang.

Und später, da gab es in der Wünschengasse oftmals russische Soldaten,
Kosacken, die hatten dort ihr Lager aufgeschlagen. Die kauerten des
Nachts auf Stroh und schnarchten, und ihre Pferde standen neben ihnen
und ließen die Köpfe hangen. Damals haben die Ratsmädchen auch
Plünderung mit erlebt. Als die Franzosen in Weimar wirtschafteten, haben
sie gesehen, wie mir nichts, dir nichts, die Franzosen nahmen, was sie
fassen konnten; -- wie sie aus des Vaters Hause kamen und die schönen
Schinken aus der Vorratskammer forttrugen, und diese Schinken hatten sie
gar an rosa und blaue Schärpenbänder gehängt und so über die Schultern
geworfen. Die Schärpenbänder aber waren die, welche die Mutter den
Mädchen sonst Sonntags um die Kleider geknüpft hatte! Als Röse und Marie
das vom Fenster aus gesehen, da kamen sie weinend zu ihrer armen Mutter
gelaufen, die bleich im Lehnstuhl am Ofen saß, während der Vater sich
draußen mit den Franzosen abplagen mußte.

An demselben Tage, an dem dies geschehen war, hockten die beiden wieder
auf dem Fensterbrett. Sie waren allein im Zimmer. Da sahen sie, wie ein
paar Franzosen in dem Konditorladen, der Rats gegenüber lag, sich zu
schaffen machten. Dieser Konditorladen war den Mädchen von jeher als das
Verlockendste erschienen, was es auf der Welt geben konnte. Er gehörte
einer alten Frau Ortelli, und die Mädchen schauten mit Spannung durch
die Scheiben, was die lärmenden, schwadronierenden Franzosen wohl
vorhätten. Da sahen sie, und der Atem stockte ihnen, wie die Soldaten
aus einem Kasten die schönsten Figürchen, bunte Männerchen und allerhand
farbiges Viehzeug, »hast du nicht gesehen«, mit vollen Fäusten zur Thüre
hinauswarfen, dabei lachten und schrieen.

Daß so etwas überhaupt möglich sei, hatten die Mädchen sich nicht
träumen lassen. Ohne etwas darüber zu reden, sprangen sie beide wieder
von ihrem Fensterbrett; Röse nahm ein blau-getupftes Tragkörbchen, das
ihrer beider Eigentum war und hinter dem Ofen stand, und sie liefen
stumm und eilig einmütig miteinander die Treppe hinab und sammelten
unten die Zuckerfigürchen. Da war schon von den Herrlichkeiten manches
von vorüberziehenden Soldaten und Pferden zerstampft und zertreten
worden, aber wie Röse und Marie über dem Sammeln waren, half ihnen ein
freundlicher Franzose, ein Soldat, dabei.

Sie hatten solche und andere ganz unglaubliche Dinge erlebt. Ein alter
Kosack, der bei ihnen im Quartier lag und dem diese Mädchen gut
gefielen, wollte ihnen einmal einen Spaß machen und hatte sie in seinem
zweirädrigen Wagen, den er »Kibitka« nannte, mit über Land genommen; und
das war eine Fahrt gewesen, die sie ihr Lebtag nicht vergessen konnten.
Das ging wie der Wind, wie der Blitz!

Der alte Kosack in seinem Pelzrocke hieb auf die Pferde ein, daß sie nur
so rasten und daß die Funken sprühten; -- so fahren die Kosacken! -- und
der zweirädrige Wagen stieß und flog, und die Mädchen klammerten sich an
dem schmalen Holzsitze fest, und der Atem verging ihnen, so schnitt
ihnen der Wind bei der Schnelligkeit, mit der sie fuhren, an den
Gesichtern hin. Der alte Kosack lachte und sagte immer: »Nix, nix!« und
fuhr weiter und weiter, und die Bäume und Felder schwirrten nur so an
ihnen vorüber, so schnell ging es, wie noch kein Mensch in Deutschland
je gefahren war. Und als der Kosack sie endlich vor ihrem Hause
abgesetzt hatte, da zitterten sie noch.

Dann einmal hatten ihre Brüder von einem anderen Kosacken ein Pferd um
achtzehn Pfennige gekauft, das hatte der durstige Kerl los werden
wollen, da er es wegen Futtermangels doch nicht behalten konnte. Wie die
Brüder aber das Pferd mit heimbrachten, da gab es Zank bei Rats, und die
armen Buben mußten ihren Gaul mit schwerem Herzen wieder fortschaffen.
Aber so darunter und darüber ging es dazumal her, daß die Schuljungen
für ein paar Pfennige zu einem Pferde kommen konnten, für soviel, wie
sie jetzt wohl für ein Dutzend Schußkugeln anwenden.

Mit dem Essen und Trinken hingegen war es schlimmer bestellt, das nahm
ihnen die Einquartierung vor der Nase weg. -- Es gab, wenn die Soldaten
im Hause lagen und mit am Tische aßen, eine braune Mehlbrühe, in die
waren Fleischstücke und Brotstücke hineingeschnitten, die sich einander
an Größe gleichkamen, aber es wurde damit wie folgt gehalten: die
Fleischstücke für die Soldaten, die Brotstücke für Eltern und Kinder. --
Das waren böse Zeiten! Die Mutter hatte den Kopf voller Sorgen und hatte
Not und immer Not, das Essen zu schaffen, und wußte nicht, wo sie die
Kleider hernehmen sollte; denn mit dem Gelde ging es knapp zu. Sie
konnte auch nicht immer nach den Kindern sehen, wie sie es sonst wohl
gethan hätte und konnte nicht nachkommen, ob es mit ihnen in der Schule
gut stände.

So war es geschehen, daß die Mädchen ein bißchen wild aufwuchsen. Auch
als die Zeiten wieder ruhiger wurden, blieben sie noch immer ein paar
rechte Rangen, schwänzten die Stunden, so oft es sich thun ließ; wurden
von dem Lehrer ihrer Faulheit wegen tüchtig abgestraft, machten sich
aber wenig daraus; spielten in einem Wäldchen, das das Schänzchen heißt
und nahe bei der Stadt liegt, die lustigsten Spiele mit allerlei
Kindervolk; schrieen und lärmten und hatten nichts im Kopf, als wie sie
ihre Tage recht munter hinbringen könnten. In dem Wäldchen war es eine
Lust, wie sie lebten. Da gab es Gruben und Höhlen, dichtes Buschwerk und
tausend Verstecke; dort hatten sie sich eingenistet und spielten Räuber
nach Herzenslust, hatten dort ihre Schlösser und Burgen. Da gab es Krieg
und Verteidigung, es wurde gefangen genommen und befreit, und Röse und
Marie waren immer dabei. Eine Schande aber blieb es, wie wenig sie
lernten, und daß sie sich nicht die geringste Sorge um ihre Faulheit
machten.

Da wohnte in der Wünschengasse eine Jüdin, welche die Kinder unter dem
Namen die dicke Nanni kannten. Sie hieß Nanni Veit und war eine ältliche
Person, die sich um alles kümmerte, was die Nachbarn thaten. Sie war im
ganzen gutmütig, nur etwas neugierig und schwatzhaft und stand in dem
Rufe, reich und geizig zu sein. Die war auf die Ratsmädchen nicht gut zu
sprechen; denn sie kannte auch Mariens und Rösens Lehrer. Und als sie
wieder einmal eines schönen Tages ganz besonders ihren Aerger über die
Mädchen gehabt hatte, da war sie zu der Frau Rat hinübergegangen. Die
Frau Rat hatte die Jungfer in die gute Stube geführt, und Röse und
Marie, denen es aus guten Gründen gar nicht recht wohl ums Herz war, daß
die dicke Nanni bei der Mutter saß, lauschten an der Thüre und stießen
sich gegenseitig vom Schlüsselloch weg. Was sie aber erlauschten, das
waren schlimme Dinge.

Die dicke Nanni sagte, nachdem sie ihre Meinung über das Wetter
ausgesprochen und bemerkt hatte, daß den Fruchtknospen nach heuer wenig
Obst zu erwarten sei, »ja, Frau Rat, das ist nun so, und wenn Ihr es
nicht übelnehmen wollt, da möchte ich Euch mit meines Herzens Meinung
kommen. Da Ihr es nicht zu wissen scheint, daß Röse und Marie die Schule
schwänzen, so wäre es gut, dächte ich, wenn Ihr es wüßtet, und deshalb
habe ich mich heraufgemacht. -- Ihr stellt Euch das nicht so vor, aber
der Lehrer weiß sich nicht mehr zu helfen; da ist kein Auskommen. Ich
sage Euch, Frau Rat« -- so ging es fort. Die Jungfer redete der guten
Nachbarin zu, ein strengeres Regiment zu führen. »Die Mädchens würden
nun zu groß.«

Bald mußten Röse und Marie vom Schlüsselloche weghuschen, denn der Vater
kam die Treppe herauf und ging ernst und gemessen, wie es seine Art war,
an den beiden vorüber, die sich ganz harmlos an das Fenster gestellt
hatten, und ging auch in das Zimmer hinein. Nun wagten sie nicht wieder,
zum Lauschen an die Thüre zu schleichen.

Sie gingen in ihr Kämmerchen, das eine Treppe höher lag, setzten sich
miteinander auf Rösens Bett und kamen überein, daß es die dicke Nanni
unten durchaus nichts anginge, wie sie es mit der Schule hielten, und
daß es von ihr heimtückisch wäre, sie in eine so dumme Verlegenheit zu
bringen. »So eine alte Klatsche!« sagte Röse. Da hörten sie unten die
Thüre gehen, faßten sich ein Herz und schlichen sachte oben die Treppe
herab, so weit nur, um zu hören, was es gäbe, ohne daß man sie bemerken
könnte. Und sie hörten, wie die Mutter mit ihrer eigentümlich weichen
Stimme sagte, und jetzt klang die Stimme leise zitternd: »Ich danke Euch
noch einmal, Jungfer Veit. Ihr meint es gut, und ich nehme es auch gut
auf. Es sind böse Zeiten gewesen, und man hat noch schwer daran zu
tragen. Ihr habt mir einen guten Rat mit der Concordia Loisette gegeben,
ich werde es mir überlegen.«

»Was denn?« sagte Röse zu Marien. »Was wollen sie denn mit der Jungfer
Loisette?« »Gar nichts!« flüsterte Marie und atmete tief auf. Noch nie
war die Stimme der Mutter Rösen und Marien so zu Herzen gedrungen, wie
eben jetzt. Sie hatte geweint!

»Daran ist die alte Nanni schuld!« dachte Marie und bog sich etwas über
das Geländer. Da hörte sie, wie die Nanni sagte, etwas schnarrend, wie
es ihre Art war: »Da habe ich heute eine Eile, kaum daß ich mir den Weg
zu Euch, Frau Rat, absparen konnte; muß ich jetzt noch mit meiner
Dorothee das Korn in die Mühle tragen, was denkt Ihr, und habe vorher
noch die Wäsche zum Einsprengen zu bringen!«

»Geizdrache!« rief Marie leise hinunter.

Und die Mutter sagte zu Nanni: »Ja, Jungfer Veiten, das solltet Ihr
nicht thun, wozu haben denn die Müller die Ställe voll Esel? Ihr solltet
doch das Korn nicht selber tragen.«

»Ja, ja, Frau Rat, wo es einen Groschen zu sparen giebt, da sollte man
es wohl thun.« Das sagte sie so etwas anzüglich, wie es ihre Art war.
Und Röse und Marie hatten einen rechten Aerger auf sie; sie setzten sich
nebeneinander auf der Treppenstufe zurecht und trauten sich nicht,
hinunterzugehen.

In Weimar gab es zu jener Zeit gar viele Mühlen. Da war die Burgmühle,
die Federwischmühle, die Lottenmühle, die Gassenmühle und noch manche
andere. Damals kauften sich die Leute nicht fertiges Mehl, sondern
ungemahlenes Korn, das die Bauern Markttags in die Stadt einfuhren, und
jede Familie ließ sich des Jahres ein paarmal ihr Korn in einer jener
Mühlen mahlen und bestellte sich den Müllerknappen, daß er das Korn
abhole. Der kam dann und lud den Kornsack auf seinen Esel. Das war
natürlich für die Kinder jedesmal ein Fest.

»So ein Geizdrache!« sagte Röse wieder. »Schleppt das Korn selbst! Man
sollte ihr doch einmal einen Streich spielen und ihr alle Esel über den
Hals schicken.«

»Du bist klug,« meinte Marie, »das möchte ich sehen, wie das anginge?«

»Wir bestellen sie,« sagte Röse; »das soll keine Menschenseele verraten,
daß wir sie bestellt haben.«

Da rückten die beiden Mädchen eng aneinander und flüsterten und
zischelten und kniffen sich vor Freude in die Finger. Eine wurde
übermütiger als die andere, und es dauerte nicht lange, da schlichen sie
die Treppe hinab bis hinunter in den Hausflur und in dem Hausflur
stießen sie sich vor lauter Unternehmungslust ein paarmal gegen die
Thürpfosten; das war so ihre Art, sich miteinander zu vergnügen. Darauf
liefen sie in bester Laune die Gasse hinunter auf den Markt und hatten
alle Not und Sorge vergessen. Dort trafen sie einen Jungen, der ihr
guter Freund war, den nahmen sie mit und vertrauten ihm alles. Dann
schickten sie ihn in die Federwischmühle und warteten draußen vor der
Thüre und ließen ihn dem Müller sagen: »Die Jungfer Veit in der
Wünschengasse will um sechs Uhr mahlen lassen, einsäckiges Korn, und der
Esel möchte kommen.« Dann gingen sie in die Lottenmühle, in die
Burgmühle, und überall mußte der Junge dieselbe Ausrichtung machen. Als
sie aber vor der Gassenmühle standen, da sagte der Junge, er wolle
lieber nicht hineingehen, denn es hätte mit Budang neulich etwas
gesetzt, und da hätte er es abgekriegt. -- Budang war der Sohn des
Müllers, und der Müller hieß Loisette; dessen Vater war französischer
Mundkoch am Hofe gewesen. Der Sohn hieß Heinrich und wurde von Jungen
und Mädchen Budang genannt; weshalb, das war nicht recht bekannt.
Wahrscheinlich hatten sie ihm einen französischen Namen geben wollen und
kannten nur ein einziges Wort, das ihnen französisch vorkam, das war
Pudding, das Gute, Süße, die Seltenheit, die mancher nur dem Namen nach
kannte. So mochte wohl aus Pudding »Budang« unter ihnen entstanden sein,
denn sie sprachen alle sehr schlecht miteinander, gerade so, wie es auf
den Weimarischen Gassen noch heute Mode ist.

Die Gassenmühle war ein wunderliches Haus, hatte den Giebel nach der
Straße zu, die sehr abschüssig ist und der Bornberg heißt. In einen ganz
kleinen, dunklen Hof führte ein schmales Pförtchen. Durch den Hof aber
floß ein klarer Bach, der ein großes, düsteres Mühlrad trieb.

Die Gassenmühle hatte ein geheimnisvolles Aussehen, und man glaubte, daß
es darin spuke.

In der Mühle wohnte der Müller Loisette mit seiner Schwester Concordia
und dem Sohne Heinrich, der auf der Gasse Budang genannt wurde. Der war
ein hübscher Junge und etwas älter, als die Ratsmädel, sehr zierlich,
mit krausem Haar und dunklen Augen. Er hatte sich den Schulbuben und
Mädchen gegenüber in Respekt gesetzt; wodurch, wußten sie auch nicht
recht, aber sie hatten Respekt vor ihm. Er war ein vorzüglicher Schüler,
ließ sich nichts zu Schulden kommen und wußte, wenn es darauf ankam,
eine tüchtige Faust zu führen, so daß manche von ihm schon etwas
verspürt hatten.

Er gehörte aber nicht zu dem Volke, das in dem Wäldchen sein Wesen
trieb.

Jetzt standen also Röse, Marie und der Junge vor der Mühle und keines
wagte sich hinein. Da kam der Mühlknappe aus dem feuchten, kühlen Hofe
und stellte sich breitspurig vor die Pforte, um eine Pfeife zu rauchen.
Röse trieb den Jungen an, seine Ausrichtung zu machen, so daß er wohl
oder übel gehen mußte, um seinen Spruch dem Knappen zu sagen.

»Die Jungfer Veit in der Wünschengasse will mahlen lassen, einsäckiges
Korn, und Ihr möchtet ihr einen Esel schicken, um sechs.«

»Jawohl,« sagte der Knappe, »heute um sechs.«

Da schaute aber Budang zum Fenster heraus und guckte ein bißchen in die
Luft und sah, ganz ohne etwas zu denken, die Ratsmädel stehen, erkannte
den Jungen, dem er etwas aufgeblitzt hatte, und nickte ihm zu, als
wollte er sagen: »Wir kennen uns schon.«

»Das war dumm, daß Budang guckte,« sagte Marie. Und sie gingen nun
langsam in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wieder zurück.
Als sie die Treppe hinauf stiegen, rief die Mutter gerade nach ihnen,
und sie antworteten etwas kleinlaut. »Kommt gleich herauf und geht in
die Stube,« sagte die Mutter. Sie hatte eine Schüssel in der Hand und
mochte wohl in der Küche noch zu thun haben. »Geht nur, ich komme
gleich,« sagte sie, als die Mädchen noch standen und unentschlossen auf
die Schüssel blickten. Im Zimmer war niemand, und Röse und Marie
drückten sich, etwas unbehaglich gestimmt, am Fenster herum. Röse
spielte mit dem Fingerhut der Mutter, ließ ihn auf dem Fensterbrett hin
und her rollen, bis er hinunterfiel, und Marie schnippte mit der Schere
einen festen, schönen Zwirnfaden in kleine Endchen. Es wurde ihnen mit
der Zeit beklommen zu Mute. Da kam endlich die Mutter herein und sagte:
»Ich bin recht bekümmert Euretwegen. Ihr seid doch schon große Mädchen
und solltet verstehen, daß es Eurer Mutter manchmal sauer wird, mit
allem fertig zu werden; aber da müssen mir fremde Leute sagen, was für
faule, ungeratene Kinder ich habe. Ihr macht mir das Herz recht schwer.«

Röse und Marie, als wären sie bis dahin blind gewesen, sahen mit einem
Male, wie ihre Mutter so blaß war, und wie sich schon ein paar graue
Fädchen durch ihr dichtes Haar zogen, und das bewegte sie. Sie sahen
auch, daß ihre Augen rot geweint waren. Keine wagte etwas zu erwidern,
aber beiden klopfte das Herz, und sie wünschten in diesem Augenblicke
nichts weiter, als die Mutter möge nicht so traurig aussehen. Lieber
hätten sie vom Vater einen gehörigen Sermon bekommen, der würde ihnen
das Herz nicht so beschwert haben, wie die wenigen, ruhigen Worte der
Mutter, die dieser so ganz aus der Seele kamen.

»Morgen,« sagte die Frau Rat, »werdet Ihr zu der Jungfer Concordia
Loisette gehen, die wird Euch Nähstunden geben und zweimal die Woche
einen französischen Unterricht. Ich ermahne Euch zu nichts. Macht, was
Ihr wollt! denn wenn Euch Euer Herz nicht sagt, was Ihr von heute ab zu
thun habt, ist jede Rede unnütz.« Damit ging die Mutter wieder an ihre
Geschäfte.

»So! Das meinte sie vorhin auf dem Flur, wir sollen zu den Loisettens,«
sagte Röse und sah Marie bedenklich an. »Das hat uns die Veiten gut
eingebrockt.« Da schlug die Wanduhr in der Stube halb sechs, und beide
sahen vor sich hin und schwiegen.

»Marie,« sagte Röse kleinlaut, »in einer halben Stunde sind die Esel
da.« Wie sie Marien anblickte, sah sie, daß diese eine erbärmliche Miene
zog, und daß ihr eine Thräne schon bis herunter an das runde Kinn
gelaufen war. »Hast Du Angst?« fragte Röse mit etwas unsicherer Stimme.

»Ja!« sagte Marie schwer bedrückt, denn es war ein böses
Zusammentreffen, der Mutter bedeutungsvolle Mahnung, die Aussicht, schon
am nächsten Tage in der Gassenmühle zu Jungfer Loisette gehen zu müssen,
und der Unfug, den sie gegen die Jüdin eingeleitet hatten. Wie bald
konnten sie nun erwarten, daß die Müller von allen Seiten der Stadt sich
in der Gasse vor dem Hause der Jungfer versammeln würden, und daß es da
Hallo gäbe, das war vorauszusehen.

Röse, die eine ruhigere Gemütsart als ihre Schwester hatte und sich
nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ, sagte: »Ach was!
herauskommen wird es schon nicht, und was wird denn Großes dabei sein,
einmal einen solchen Drachen zu ärgern. Wir gehen jetzt gleich hinauf zu
Corniceliusens,« das waren Beutlersleute, die der Jüdin gerade gegenüber
wohnten, »und wenn es losgeht,« fuhr die leichtsinnige Röse fort, »dann
laufen wir hinunter in die Thorfahrt und gucken durch die Spalte.« Sie
machten sich also schnell auf die Beine, um noch hinüber zu den Nachbarn
zu kommen. Diese freuten sich, als die Ratsmädchen bei ihnen eintraten,
denn sie standen auf sehr gutem Fuße miteinander, und der Beutlermeister
sagte zu seiner Frau: »Geh und hole doch von den Backpflaumen!«

Die Ratsmädchen waren schon oft so regaliert worden; aber heute konnten
sie sich auch nicht zu einer einzigen entschließen; denn vor lauter
Aufregung und Angst wurde ihnen das Schlucken schwer, und sie
betrachteten die guten Pflaumen, als wären es Kieselsteine. Sie wagten
nicht, an das Fenster zu treten, und stellten sich beide neben den
Meister Cornicelius, der an einer Bauern-Lederhose arbeitete, mit seiner
kurzen, festen Nadel und dem blankgewichsten Faden ausholte und in das
Leder einstach, stetig und unaufhaltsam, als wäre er durch ein Uhrwerk
aufgezogen und könnte erst aufhören, wenn dieses abgelaufen sei.

»Ja, ja, ja!« sagte der Beutler und schaute während seiner Arbeit mit
einem freundlichen Blick zu den Mädchen auf, die neben ihm standen und
zusahen. »Für wen wird denn die Lederhose?« fragte Röse, die es für
nötig fand, etwas zu reden.

»Die ist auf Vorrat, Röschen,« erwiderte der Beutler, ohne innezuhalten.

»Ja, was ist denn das?« rief mit einem Male die Beutlersfrau und trat
ans Fenster. »Kinder, kommt schnell einmal her!« Den Ratsmädchen aber
wurde es angst und bange; da hatten sie die Bescherung. Unten vor der
Thüre der dicken Nanni waren die Müller mit samt den Eseln angelangt;
die Jungfer war eben auch schon aus dem Hause getreten, und der Lärm
ging los. Die Nachbarsleute rissen die Fenster auf, wer auf der Straße
war, kam zugelaufen; es sammelte sich von allen Seiten, und Müller und
Esel waren bald eingeschlossen von neugierigen Gaffern, mitten unter
ihnen die dicke Nanni. Sie hatte ein weißes Linnen über dem Arme hängen,
und die große Haube saß ihr schief auf dem Ohre.

Die war in Rage; der Tausend, das ging wie Semmelbacken! Da hatte, wer
nur den Mund aufthat, ohne daß er ausgesprochen, seine Antwort und zwar
eine doppelt gesalzene und gepfefferte. Die Meisterin öffnete jetzt das
Fenster und drängte die Mädchen, damit sie ja alles sehen sollten, ganz
vorne hin. Der Meister machte sich auch in die Höhe und stellte sich mit
eingestemmten Armen hinter die Frau. So waren die Ratsmädchen gefangen
und mußten, sie mochten wollen oder nicht, mit ansehen, was sie
angerichtet hatten. Sie hätten es sich noch vor zwei Stunden nicht
besser wünschen können. Jetzt aber hätten sie sich am liebsten
verkriechen mögen. Die Herzen waren ihnen ganz gehörig schwer; denn so
einen Straßenlärm veranlaßt zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Aber so
viel hörten sie aus all dem Zank unten heraus, daß die Jüdin sich von
den Müllern selbst zum besten gehalten glaubte; sie hatte kein gutes
Gewissen gegen die Müller. Diese mochten noch so sehr auf ihrem Rechte
bestehen, sie hörte nicht darauf, sondern, nachdem sie ihrem Herzen Luft
gemacht, stemmte sie den linken Arm in die Seite, schaffte sich, wie es
ihre Art war, tüchtig Platz, verschwand in ihrem Hause und warf die
Thüre hinter sich zu. Nun räsonnierten die Müller noch eine Weile
untereinander, und erst nach und nach wurde der Menschenknäuel unter dem
Fenster lichter; die Müller mit ihren Eseln zogen ab, und alles verlief
sich.

»Da geht auch Budang!« sagte Marie schüchtern zu Röse.

»Ja!« sagte Röse.

Als die Mädchen miteinander die Treppe hinuntergingen, um nach Hause zu
laufen, da stand, als sie aus der Thüre traten, Budang da, trat auf sie
zu und sagte: »Das seid Ihr gewesen! Ich habe Euch wohl gesehen! Jetzt
hier am Fenster und vorhin. Schämen solltet Ihr Euch!« Jetzt trat er
ihnen noch einen Schritt näher. »Wenn Ihr Jungens wär't,« sagte er mit
zorniger, leiser Stimme, »da setzte es jetzt etwas; darauf könnt Ihr
Euch verlassen!«

Damit ließ Budang sie stehen. Er sah nur noch, daß Marien die Thränen in
den Augen standen, und es auch Röse schon um den Mund zuckte, aber was
ging ihn das an.

Die Mädchen waren sehr betroffen, es hätte ihnen gar nichts Schlimmeres
passieren können, denn Budang stand hoch in ihrer Meinung, und sie
hatten nur immer ihren Ärger gehabt, daß er es nicht mit ihnen hielt.
Sie waren ganz zerknirscht von Budangs offenbarer Verachtung, wie er sie
gegen sie gezeigt hatte.

In einem trostlosen, reuevollen Zustande kamen sie zu Hause an; der
wurde ihnen ganz unerträglich, so daß sie am liebsten laut geweint
hätten, als bei Tische die Brüder von der Eselgeschichte erzählten und
ihren Spaß daran hatten. Die Brüder bekamen aber von dem Vater einen
starken Verweis. Er wolle nicht, daß seine Söhne sich an solchen
Rüpeleien vergnügten, sagte er, und so etwas von Scham und Ärger, wie
die Mädchen jetzt fühlten, war noch nie in ihnen aufgestiegen. So früh
es nur anging, schlichen sie sich hinauf in ihre Kammer. Den andern Tag
sollten sie zur Jungfer Loisette in die Mühle gehen und würden Budang
begegnen; das stand ihnen mit Entsetzen den ganzen Abend vor der Seele.
Sie konnten darüber nicht zum Einschlafen kommen, und Marie kroch vor
lauter Angst zu Rösen ins Bette, legte den Arm um die Schwester, und so
schliefen die beiden Schelme, als sie trotz aller Sorge und Not gar zu
müde wurden, ein und schliefen bis in den hellen Morgen.

Das war eine schwere Stunde, als sie am anderen Tage nach der
Vesperzeit, von der Mutter jede mit einer Näharbeit ausgerüstet, zu der
Jungfer Loisette geschickt wurden. Als sie vor der Gassenmühle standen
und sich nicht hineinwagten, hofften sie von Minute zu Minute, daß etwas
geschehen würde, um sie zu retten. Röse hatte vor lauter Angst und Scham
grausame Ideen, daß es ihr z. B. recht gewesen, wenn die Mühle mitsamt
der Jungfer und Budang so vor ihnen in die Erde hineingerutscht wäre. --
Aber was half's; sie mußten sich entschließen. Zaghaft gingen sie durch
das kleine Höfchen. Über das mächtige Rad rauschte der kalte, klare
Mühlbach, und sie hörten das Mahlwerk klopfen und hämmern. Als sie in
die Mühle traten, fühlten sie, wie die Dielen leise zitterten, denn alle
Räder waren in Arbeit, und aus dem Mehlraum drang es wie feiner Staub,
und das ganze Haus roch kräftig nach frischem, trockenem Mehl. Alles war
rein und sauber, die Treppen schneeweiß, und die Mehl- und Kornsäcke
lagen rings an den Wänden in Reih und Glied aufgeschichtet. Mit
klopfendem Herzen stiegen sie die blanke Treppe zum ersten Stock hinauf,
wo die Müllersleute wohnten. Röse faßte Mut und klopfte. »Herein!« rief
es. Röse öffnete, und sie traten beide in eine große, niedere Stube. Da
kam ihnen die Mamsell Concordia Loisette entgegen; sie war ein feines
Persönchen, sehr klein und schmächtig. Röse war fast schon größer, als
sie. Die Mamsell Concordia hatte ein frisches Gesicht und lebhafte graue
Augen.

»Nun, da kommt Ihr,« sagte sie, »da wollen wir einmal sehen, wie es um
Eure Näherei steht!« Die Ratsmädchen aber achteten kaum auf das, was die
Mamsell sagte, denn in der großen Stube am Ofen saß Budang an einem
Tischchen und drehte ihnen den Rücken zu. Er nahm keinerlei Notiz von
ihrem Eintreten.

Die Jungfer Concordia sah sich die beiden Ratsmädchen, die demütig und
geduckt nebeneinander standen, lächelnd an und sagte, indem sie sich an
Röse wendete: »Nun, wie ist es denn gekommen, daß sie Euch so Hals über
Kopf hierher geschickt haben? Ihr habt es wohl ein bißchen arg
getrieben?«

Da wurden die beiden rot bis hinter die Ohren und erwiderten nichts.
Concordia hatte sie in einem scherzenden, lustigen Tone gefragt, der
ihnen gut gefiel, und sie bekamen gleich eine gute Meinung von der
Jungfer.

Concordia deckte den Tisch und setzte hübsche, bunte Tassen darauf, die
große Kaffeekanne und ein Stück selbstgebackenen Kuchen.

»Das ist zum Schulanfang,« sagte sie.

Daß es so zugehen könne, hatten die beiden armen Sünderlein sich nicht
vorgestellt. Dann nahm Concordia noch ein Glas mit drei frischen Rosen,
das im Fenster stand, und setzte es neben den Kuchen auf das weiße Tuch.

Den Mädchen wurde es ganz feierlich zu Mute.

Alle nahmen ihre Stühle, auch Budang, und setzten sich um den Tisch. Als
die Jungfer eben eingießen wollte, da fiel eine von den drei Rosen aus.
Sie hatte daran gestoßen, und die schönen rosa Blättchen lagen auf dem
weißen Linnen. Die Jungfer nahm ein paar davon und streute sie in Rösens
und Mariens Tassen, that ein Stückchen Zucker dazu, goß Milch darauf und
sagte: »Das ist etwas sehr Gutes, dergleichen bekommt man nicht alle
Tage. Nehmt Ihr auch ein Tröpfchen Kaffee dazu?« Da nickten die beiden,
und es gefiel ihnen trotz der Verlegenheit, in der sie sich befanden,
außerordentlich.

Als Budang sah, daß seine liebe Tante Concordia so sehr freundlich mit
den Mädchen war, stimmte ihn das gegen die Rangen auch milder, und er
rückte ihnen die Kuchenschüssel hin. Da sahen sie ihn bedenklich an und
wurden rot. Sie trauten ihm nicht recht. Die Jungfer aber, der diese
Feier unversehens zu groß geworden war, sagte: »Eure Lehrer sollen ja
recht unzufrieden mit Euch sein. Die Jungfer Veit sagte mir, daß ihr die
Schule schwänzt und am faulsten von allen seid --? Ist das wahr?«

Da nickte Marie, und der gute Bissen blieb ihr im Munde stecken. »Nun,
ich will Euch einmal etwas sagen,« begann die Jungfer nach einer Weile
und hatte eine Stimme, so hell, wie ein Glöckchen, »das geht nicht mehr,
daß Ihr so faul seid; denn sehr bald werdet Ihr ganz große Mädchen.
Zeigt doch dem Heinrich manchmal Eure Arbeiten; der weiß, ob sie
schlecht sind oder gut. -- Nicht, Heinrich?« wendete sie sich an ihn.
»Das thätest Du? Du siehst den beiden ihre Sachen manchmal nach?« Da
fühlte Heinrich sich geehrt und sagte: »Ja!«, machte aber eine kühle und
gleichgültige Miene dazu.

Nun saßen sie mit der Lehrmeisterin über der Arbeit, und Budang war
hinausgegangen, und sie hatten allerlei verfängliche Fragen betreffs des
französischen Unterrichts, den sie bei der Jungfer beginnen sollten, zu
bestehen. Als die Stunde zu Ende war und sie die Treppe hinuntergingen,
da rief ihnen die Jungfer Concordia nach: »Geht nur, und laßt Euch von
Heinrich sein Marmottchen zeigen; er wartet unten im Eselstalle.«

Richtig, da stand Budang und sagte ziemlich mürrisch: »Kommt nur herein,
da ist etwas!« Schüchtern folgten ihm die Mädchen. Das war eine
Herrlichkeit in dem Eselstalle. Sechs Esel und ein kleines Eselchen mit
einem lockigen, dicken Kopf, das ihnen über alle Maßen verrückt und
fidel entgegensprang. -- Was war doch der Budang für ein glücklicher
Junge!

»Da seht die Esel,« sagte er etwas spitzig und sah die Mädchen leicht
spöttisch von der Seite an.

»Budang,« begann Röse und nahm sich zusammen, »wir waren's.«

Budang antwortete nichts. Das war den Ratsmädchen eigentlich sehr
rätselhaft und etwas unheimlich. Aber er zeigte ihnen einen lebenden
Hamster, den er im Eselstall in einer Kiste hatte und den er das
»Marmottchen« nannte und sagte ihnen, das sei ein französischer Name und
hieße auf deutsch das »Murmeltier«. Er ließ sich das Hamsterchen in den
Ärmel kriechen, aber er erlaubte nicht, daß Marie und Röse das Tier
anfaßten, und alle drei machten im Eselstalle miteinander ab, daß Röse
und Marie den nächsten Aufsatz mit Budang zusammen arbeiten wollten und
bestimmten die Stunde dazu. Und wirklich half ihnen Budang so treulich
dabei, daß Röse, die nebenbei gesagt, eine miserable Schrift hatte, vom
Lehrer darunter gesetzt bekam: »Gut gedacht, aber schlecht geschrieben.«
Das war ihr nicht ganz angenehm, denn sie mußte Budang die Unterschrift
zeigen. Budang lachte aber darüber.

So saßen die dreie, des Müllers Heinrich und die Ratsmädchen, wie es
sich gerade traf, oben bei Rats im Dachstübchen, oder in der großen
Stube bei der Jungfer Loisette miteinander und arbeiteten. Das ging
anders wie früher, wo den Mädchen die Schule und alles, was damit
zusammenhing, ein rechtes Ärgernis war. Budang hatte eine
außerordentliche Lust zum Arbeiten, es ging ihm leicht von der Hand, und
es machte Rösen und Marien den Eindruck, als vergnüge er sich damit. Nie
war er schlechter Laune dabei und immer eigentümlich liebenswürdig. Die
Ratsmädchen waren über diese Erfahrung erstaunt und sahen in Budang eine
Merkwürdigkeit, von der sie nicht recht wußten, was sie davon halten
sollten.

Einmal, als die Mädchen mit Budang über dem Arbeiten saßen, betrachtete
sich Röse den Freund, der sich mit seinem Lockenkopf über das Buch
gebeugt hatte, ernsthaft und kaute an der Feder. Budang saß ihr
gegenüber, da fuhr sie mit ihrem Finger leise in sein dickes, blondes
Haar, so daß er mitten in seinem Eifer aufblickte. »Budang,« sagte sie
noch immer nachdenklich, »Du willst wohl so ein großes Tier werden, wie
wir hier so viele haben?« Damit meinte Röse, die sich mit Vorliebe
schlecht auszudrücken pflegte, die weltberühmten Dichter, von denen ich
im Anfang erzählt habe und die zu jener Zeit in der Stadt wohnten.
Budang verstand sie, denn er war an derlei Redensarten von ihr gewöhnt
und sagte ernsthaft: »Ja, wer das könnte! -- So dumm zu fragen. Du
fragst doch manchmal wirklich dumm. -- Ich werde Arzt!« fügte er hinzu;
und er wurde es später auch. »So?« sagten die Mädchen, und wieder einmal
erschien ihnen der Freund in einem anderen Lichte und außerordentlich
verständig, daß er schon mit aller Ernsthaftigkeit vorsorgte und über
Dinge bestimmt hatte, die ihn heute und auch morgen noch nichts
angingen.

Budang war den Mädchen ein guter Lehrmeister, denn da er kaum älter war,
als sie, trat ihnen sein Ernst, seine Güte, sein heitrer Fleiß recht
nahe, und es kam ihnen vor, als wenn sich diese Dinge gut mit ihren
Jahren vertrügen, denn bis jetzt hatten sie gemeint, mit ernster Arbeit
und was damit zusammenhängt, habe es bei ihnen noch völlig Zeit. Von
Budang hatten sie, ohne daß sie es recht wußten, mehr gelernt, als ihr
lebelang vorher, und sie waren jetzt bald daran, aus zwei wilden, faulen
Nichtsnutzen ein paar allerliebste Mädchen zu werden.

So ging der Sommer hin.

Anfang August wurde in Weimar, wie wohl auch anderwärts, ein Volksfest
gefeiert, das Schützenfest. Auf einer Wiese vor der Stadt da waren
Schaubuden errichtet, und in jeder war etwas Merkwürdiges und Närrisches
zu sehen. Schon wochenlang vorher hatten die Herrlichkeiten, die es zu
betrachten geben würde, die Gedanken der Ratsmädchen beschäftigt. Als
endlich der Tag herankam, da holten sie die frisch gewaschenen weißen
Kleider aus dem Schrank, die Mutter half ihnen bei dem Anziehen, und
statt ihrer schwarzen Lederschuhe setzte sie ihnen grüne nagelneue
Stiefelchen auf den Tisch und flocht ihnen in die langen Zöpfe grüne
seidene Bänder.

So aufgeputzt stolzierten sie miteinander über den Markt, zunächst der
Gassenmühle zu, mit der sie sich längst ausgesöhnt hatten. Budang guckte
schon zum Fenster heraus und rief ihnen entgegen: »Kommt rasch herauf
zur Tante Concordia, rasch! -- Und Ihr habt ja grüne Bänder und habt
auch grüne Schuhe!« Da lachten die beiden über das ganze Gesicht, denn
sie wußten gar wohl, weshalb die gute Mutter sie mit dem schönen
Schuhwerk überrascht hatte. Es war ihnen sehr wohl und fröhlich ums
Herz, und sie sprangen die Treppe hinauf. Oben stand Concordia und hielt
zwei Kränze in die Höhe, die waren prächtig voll gebunden aus schönen
rosa Malven.

Da rief Röse auf den ersten Blick: »Die Malven hat der Budang stibitzt!
Ich weiß auch, wo er sie her hat. Über Goethes Garten, da stehen
welche.«

»Dummes Zeug!« sagte Jungfer Concordia. -- Aber ich glaube beinahe, es
war etwas Wahres daran, denn der Budang guckte so schlau. -- Die Jungfer
führte sie vor den Spiegel und drückte ihnen die Kränze fest in die
Stirne und sagte mit ihrer glockenhellen Stimme: »Ihr seid doch
prächtige Mädel, Ihr Ratsmädchen, und nun macht, daß Ihr auf das
Schützenfest kommt!«

Auf der Vogelwiese war ein Gedränge, es schnurrte, lärmte und schrie von
allen Seiten und schon von weitem. Wie sie mit Budang die breite Allee
hinaufgingen und noch nicht recht wußten, wo sie ihren Groschen
anbringen sollten, da sahen sie zwei Männer kommen: der eine, klein und
untersetzt, auf der Brust einen prächtigen Stern, der andere von
mächtiger Gestalt, stattlich im langen blauen Gehrock. Und alles machte
den Männern ehrerbietig Platz. Budang und die Ratsmädchen wußten gar
wohl, wer ihnen da entgegenkam. Der kleine war Karl August, der gute und
weise Fürst, Großherzog von Weimar; der andere Goethe, der Dichter.
Budang zog die Mütze und sagte: »Da kommen sie!«

Und da waren sie auch schon ganz nahe, und die Mädchen standen und
knixten, und Budang wußte nicht, was für ein Gesicht er machen sollte,
als Karl August Röse und Marie an die Hand faßte und sagte: »Ei, da seid
Ihr ja auch, Ihr Mädchens. Kommt einmal mit! Und Du kannst auch
mitkommen!« wendete er sich an Budang, dem das Blut zu Gesichte stieg.
Am Wege unter den Bäumen stand die kleine, grüne Jagddroschke von Karl
August, die jedermann kannte. Der Großherzog rief den Kutscher und ließ
die Kinder sich hineinsetzen, hob selbst die zierliche Röse in den Wagen
und nickte ihr zu. »Nun zu!« rief er. »Nun fahr Er die Bälge einmal
tüchtig in die Runde und schaffe Er sie wieder hierher!« Ganz so sagte
er und nichts anders. Jetzt fuhren die dreie in der berühmten Droschke
über die Vogelwiese und waren gar zufrieden mit sich und aller Welt; und
die Mädchen freuten sich, daß Budang mit ihnen war; denn sie hatten ihn
lieb und wußten, daß er es gut mit ihnen meinte. Und alle dreie hielten
sich an den Händen, so halb aus Freude und halb, weil es sie verlegen
machte, mitten durch die vielen Leute zu fahren, und sie saßen geputzt
nebeneinander, und die Sonne schien, und alle schauten ihnen nach. Das
war ein herrlicher Tag.

Die dreie aber blieben in guter Freundschaft ihr lebelang und gedachten
der glücklichen Jugend, als sie miteinander alt geworden waren.

Und das alles hat mir meine Großmutter erzählt, und da ist kein Wort
hinzugesetzt. Sie hat das alles miterlebt, denn das Ratsmädel, die Röse,
ist meine liebe, gute Großmama.




                          Zweite Geschichte.

   Es geschehen Dinge, über die man sich in unsern Tagen verwundern
                                würde.


Das war eine schöne, urwüchsige Zeit, in der man zu Weimar lebte. Von
allen vier Windseiten ging Frische, die ganz Deutschland durchwehte,
auch über das kleine Nest.

Es war kurze Zeit nach Beendigung des Freiheitskrieges, kurze Zeit nach
des großen Napoleons Sturz, und die Befriedigung, etwas erreicht und
errungen zu haben, lag wie eine gute, gesunde Luft, die jeder zu seinem
Wohl, zur Stärkung seiner Menschenwürde und Kraft einatmen konnte, über
den Landen ausgebreitet. Den Gemütern, die jahrelang unter Druck und Not
gelitten, die um ihr Hab und Gut und ihre Sicherheit sich geängstigt
hatten, war in dieser Zeit, von der ich rede, auch der Rausch des
Befreitseins und der Begeisterung geschwunden und hatte sich in das
Gefühl einer allgemeinen Genesung umgewandelt. Und welche Frische,
welche Hoffnungskraft erhebt sich in einem Menschen, der nach langer
Trübsal, nach schwerem Drucke gesundend aufatmet! und ein ganzes Volk,
das zu Leben wieder erwacht, welcher Reichtum, welche Überfülle an
Freude, an Heiterkeit, an Leichtsinn entfaltet sich da!

Der Ausdruck von Elend, von Aufruhr, der einstimmig aus den Völkern sich
erhebt, ist die gewaltige Sprache, die das Menschengeschlecht mit dem
Schicksale spricht. Kein Donner der Elemente ist so großartig drohend,
wie die einige Stimme des murrenden und in Elend gesunkenen Volkes. Und
kein Ausdruck der Freude ist so mächtig, so herzerquickend, wie das
Aufleben des zu neuem Behagen erwachenden Volkes.

Kein Sonnentag gleicht der heiteren, lebendigen Ruhe, die nach Angst und
Kampf über Dörfern und Städten liegt; das Unbedeutendste ist in solcher
Zeit Träger und Verkünder einer großen Errungenschaft.

Jede frohe Scene zeigt uns das Gedeihen von Generationen, zeigt uns,
daß die alte, bewährte, auf hohe Ziele deutende Kraft des
Menschengeschlechts wieder siegreich durchgedrungen ist.

In der kleinen Stadt Weimar aber hatte diese Kraft gerade in den Jahren
der Bedrängnis ihre höchste Offenbarung gegeben; ungestört von den
tiefgreifenden Unruhen ihrer Nation lebten in den Mauern des Städtchens
die hervorragenden Menschen, die durch ihr Leben und ihr Wirken
verkündeten, daß die Sterblichen Schöpfermacht in sich tragen, daß sie
dem, was wir göttlich nennen, verwandt sind.

Aber nicht jene Großen sind es, von denen ich erzählen will, sondern
denen wende ich mich von neuem zu, die, während die Gewaltigen für
Ewigkeit und Ruhm lebten, unscheinbar sich ihres unscheinbaren Daseins
freuten; denen neige ich mich zu, die vergessen sind; denen, deren
Lieblichkeit, Hoffen und Träumen wie Blütenregen niedersank, im
Niederfallen schon vergehend. Die beiden »Ratsmädel« sind es, die Röse
und Marie, mit den dicken Zöpfen, die aus jener vergangenen Zeit wieder
auftauchen sollen, die beiden schelmischen Kinder, die in den
Kriegsunruhen aufgewachsen sind, die in ihrer Kindheit, in der
Wünschengasse, vor ihrem Hause die Franzosen haben kampieren sehen, die
mit dem Kosacken, der bei ihnen im Quartier lag, in seiner Kibitka über
die guten deutschen Felder in Weimars Umgebung geflogen, gesaust und
gerasselt sind, denen die Plünderung des Städtchens zu allerlei
merkwürdigen Erlebnissen verhalf -- die beiden Mädchen, die in der
unruhigen, sorgenvollen Zeit eine überschwänglich lustige, freie
Kindheit erlebt hatten, die das Glück genossen, weniger, als es in
ruhigeren Jahren der Fall gewesen wäre, erzogen, beobachtet und gebildet
worden zu sein.

Zu welch einer fröhlichen, gesegneten Generation gehörten die beiden
Ratsmädel, die mit ihren Kameraden und Kameradinnen ein sorgenloses,
unbedrücktes Leben führten!

In aller Harmlosigkeit schwänzten sie die Schule und trieben ihren
Schabernack, wie wir wissen, mit Nachbarn und Nachbarinnen.

Wie bedrückt und unfrei erscheint die Jugend in unseren Tagen, der das
Harmloseste als Vergehen, jeder Freiheitsdrang, der sie einmal von ihrem
ehrbaren Wege ablenkt, als schwer strafbar gekennzeichnet wird.

O, du arme heutige Jugend! Ahntest du, welchen Reichtum »Jugend« im
Anfange jenes Jahrhunderts umschloß, welchen Überschwall von Leben! Du
könntest dich bitter beklagen, gekränkt und betrogen würdest du dir
erscheinen, von Anfang an gealtert, in Pflichten eingezwängt! Welchen
trübseligen Eindruck würden deine kärglichen Freiheitsstunden dir geben,
die man klug und berechnend wie eine Medizin, nach Überanstrengung dir
zugemessen hat, wenn du vergleichen könntest! Wenn du wüßtest, was ich
weiß!

Ja, ein unbefangenes, menschenfreundliches Auge findet, trotz aller
weisen, sachgemäßen Widerlegung, daß es dir, o Jugend, übel in unseren
Tagen ergeht!

Doch auf und nieder bewegen sich die Ereignisse auf Erden, und es kommt
eine Zeit, wo die Jugend wieder aufatmen kann.

So ruhig und bedächtig geht es nicht fort, wie jetzt.

Aus Bewegung, aus Kampf, aus Besorgnis der Erwachsenen, der Alten,
werden ihr wieder unbeaufsichtigte, berückende Freiheitsstunden
erstehen, -- aber wann?

Jetzt zu jener vergangenen Zeit, die den jungen Herzen von damals ihre
Wünsche, ihre Rechte, ihr Streben nach Wundersamem, Bedeutungsvollem im
reichsten Maße erfüllte.

Röse und Marie waren, wie wir aus dem ersten Teil ihrer Abenteuer und
Erlebnisse erfahren haben, noch zur rechten Zeit in die Hände der
Jungfer Concordia geraten und zu der Freundschaft von deren Neffen, des
guten, vortrefflichen Budang, ehe alle Aussicht, daß sie etwas lernten
und ein paar tüchtige Mädchen wurden, bei ihnen verloren war. Ihr Budang
hatte ihnen treulich geholfen, daß sie mit Ach und Krach bis zu einer
höheren Klasse ihrer Schule gekommen waren. Was für ein guter,
prächtiger Junge war doch dieser Budang! Seit die beiden Mädchen ihn
kennen gelernt hatten, schien für sie gesorgt.

Sie arbeiteten unter seiner Leitung, machten mit ihm und seinen Freunden
Streifzüge in die Umgegend. Die Mutter unserer beiden, die Frau Rat,
konnte ruhig ihre Rangen dem ihr als ausgezeichnet bekannten Neffen der
Jungfer Concordia überlassen.

Sie hatte damals mit Bedacht Concordia als Lehrerin ihrer Kinder
ausgewählt und freute sich, wie heimisch Röse und Marie in der
Gassenmühle, in der, wie wir wissen, Concordia mit ihrem Bruder, dem
Müller, und dessen Sohn Budang hauste, geworden waren.

Ich will jetzt wie folgt beginnen:

Im Winter wurde bei Rats eine einzige Stube geheizt. In der stand der
Arbeitstisch des Vaters, in der saßen die Mutter, die Brüder und die
beiden Ratsmädel. -- Alle Geduld miteinander übend, alle auf den Vater
Rücksicht nehmend, alle so still und besonnen wie möglich.

Die Ratskinder waren an diese bedachtsamen Winterstunden gewöhnt, die
ihre starken Lebensgeister zu dem außerordentlichsten respektvollen
Schweigen herabdrückten.

Die Brüder arbeiteten während dieser Zeit. Man hörte das Kritzeln der
Federn von Vater und Söhnen. Die Mutter und die Mädchen waren mit
Näharbeiten beschäftigt.

Ein Flüstern, von dem Marie und Röse einen ausgedehnten Gebrauch
machten, war gestattet.

Die beiden hatten sich unausgesetzt zu erzählen, trotzdem sie alles und
jedes miteinander erlebten, oder gerade deswegen. Sie hatten jede ihre
verschiedenen Auffassungen von den mancherlei Dingen, die sie tagsüber
aufstöberten; denn, gottlob, die würdigen Stunden im Familienzimmer
währten nicht lange, der Vater hatte durch sein Bürgermeisteramt viel
außer dem Hause zu thun, und eine feste Regel war, um fünf Uhr etwa
wurde Schicht gemacht; da drehte er den Schlüssel an seiner
Schreibtischklappe um.

Mit diesem Tone strömten die Lebensgeister zurück in die Gemüter.

Die Augen leuchteten, Röse und Marie legten ihre Näharbeit beiseite,
brachten dem Vater übereifrig den Pelz und Hut, denn der Bürgermeister
machte jetzt seinen ihm zuträglichen Gang um die Stadt, um dann mit
seinem alten Freunde, dem Kupferstecher Müller im »Elephanten« sein
behagliches Stündchen zu verschmauchen.

Kaum aber war er zur Thür hinaus, so langten Röse oder Marie hinter den
großen Ofen; da hatten sie einen Stock, an dem ein weißes Tuch wie ein
Fähnlein befestigt war, den steckten sie zum Fenster hinaus. Das geschah
Abend für Abend und mochte seinen guten Grund haben.

Denn nicht lange währte es, da hörten die lauschenden Mädchen von ferne
einen munteren, rhythmischen Pfiff, so energisch, so lustig, so voller
Leben.

Es war eine charaktervolle Art zu pfeifen und immer gleichbleibend, nie
mit einem Tone von der gewohnten Art abweichend. Mit diesem Pfiffe
kündigte sich Budang an, der treue Kamerad.

Vorsichtig und freundlich steckte Budang, wenn das Signal gegeben war,
den blonden Ruschelkopf zur Thüre hinein, um sich erst zu überzeugen, ob
das Feld auch rein sei, das heißt, ob der Herr Rat auch wirklich nicht
mehr an seinem Arbeitstische sitze.

»Nun komm nur,« rief ihm dann die Mutter entgegen, und die Mädchen
standen schon bereit, ihn zu empfangen. Darauf machte Budang, ehe er
noch eintrat, ein Zeichen nach der Treppe zu, und zwei seiner Kameraden,
die auf einer der oberen Stufen auf seinen Wink lauerten, traten mit ihm
ein.

Der eine war Franz Horny, ein bildschöner Junge von siebzehn Jahren. Er
wohnte an der Ecke der Wünschengasse und war von jeher ein guter Freund
der Ratsmädel gewesen, bei denen er auch in Achtung stand. Sie hielten
beide viel von seiner Fertigkeit im Zeichnen, hatten darin auch nicht
unrecht und bewiesen Geschmack; denn Franz Horny bildete sich in der
Folge zu einem guten Künstler aus, der in Amalfi in bester Jugend starb.
Sein Bild hängt sonderbarerweise dort in einer Kapelle und wird als
Heiligtum verehrt. Es mag aus Zufall dahin gekommen sein oder durch
irgend ein wunderliches Geschick.

Man erzählt sich, daß der schöne, liebenswürdige Künstler in dem Orte,
in dem er gestorben, eine abgöttische Verehrung von der Bevölkerung
erfahren habe. Er soll ein merkwürdiger und einnehmender Mensch gewesen
sein, dessen Schönheit und Talent auffallend waren. Dies habe ich von
Friedrich Preller, dem Maler der Odyssee und dem Jugendfreunde Hornys.
Zu der Zeit, als er mit seinen Kameraden die Winterabende bei den
Ratsmädchen sich vergnügte, war er ein träumerischer, sanfter Junge, der
von allen gern gesehen wurde.

Der zweite Gefährte, den Budang mitbrachte, war Schillers jüngster Sohn
Ernst, frisch im Aussehen und Wesen, der seine freie Zeit gar zu gern in
Rats behaglichem Familienzimmer verbrachte. Das erste, nachdem die
Begrüßung vorüber, war, daß Budang sich zu seinen Gefährten wendete, die
sogleich mit den Mädchen in ein lustiges Plaudern kommen wollten, und
sagte: »Erst müssen sie zeigen, daß sie mit ihren Arbeiten fertig
geworden sind.«

Budang war seiner, von Jungfer Concordia erhaltenen Aufgabe, die Mädchen
zu überwachen, treu geblieben. Röse und Marie mußten ihm ihre Arbeiten
bringen. Sie thaten es auch, wie etwas, was sich von selbst versteht,
mit allem Ernste.

Nun setzte er sich, nahm die Hefte vor, und war etwas nach seiner
Meinung gar zu unmöglich geraten, so mußten sich die beiden Faulpelze
daran machen und unter seiner und Ernst von Schillers Leitung die Sache
noch einmal schreiben.

Unangenehm war es für alle Teile, wenn sie ihr Pensum, wie die Arbeiten
der Ratsmädel gelehrt benannt wurden, schlecht gelernt hatten. Da gab es
ein äußerst langweiliges Überhören ohne Ende, ehe man an die beliebte
Abendunterhaltung kam, und die Mädchen wurden von Budang hart
angelassen. In einer Ecke mühte sich Ernst von Schiller, abwechselnd mit
Budang, an Röse ab, die das Auswendiglernen so schwer zu stande brachte,
daß es ein Skandal war, wie Röses Freunde sich über diesen Mangel
ausdrückten.

Für Marie, deren Gedächtnis vorteilhafter ausgestattet sein mochte,
genügte einfache Hilfe. Sie war ein für allemal Franz Horny zugewiesen,
der sich seinem Amte mit Geduld und Bewunderung für das schöne Geschöpf
unterzog.

Die Ratsmädel glichen zwei Knospen von lebensvollster Frische und Kraft.
An ihnen mochte nichts Angekränkeltes sein, nichts, was nicht ebenmäßig
sich entfaltet hatte, und nichts, was nicht auf eine noch viel
lieblichere Vollendung hindeutete. Sie schienen mehr, als man gewöhnlich
unter jugendfrisch versteht. Sie waren urwüchsig, eigenartig und
harmlos, wie es junge, von Menschen unbehelligte Tiere sind.

Und unbehelligt waren sie, von aller Welt gern gesehen, die Freude der
Wünschengasse; wer blickte ihnen nicht nach, wenn sie mit ihren langen,
schweren Zöpfen, die noch vor kurzem so manchem Gassenbuben um die Ohren
gesaust waren, die Straße hinabgingen? Sie bildeten den Stolz der
Untergebenen ihres Vaters, »die Ratsmädel«, denen man allen Respekt
erzeigen mußte.

Ja, ihr Ruf war bis ins Schloß gedrungen, wie wir wissen. Überall aber
fühlten sie sich gleich wohl, gleich sicher, ob auf den Gassen, ob im
Schloß, ob unter den würdigen Bekannten ihres Vaters, oder unter ihren
guten Freunden und steckten bis über den Kopf in Wohlbehagen. Die
urgesunden Geschöpfe! Wer aber hatte auch solche Freunde, wie unsere
beiden?

Hatten sie die unumgängliche Überhörungsstunde, den Anfang der schönen
Winterabende, hinter sich, und blickten Budangs Augen unter den dicken,
blonden Locken nicht mehr so strenge auf Beantwortung seiner Fragen
dringend, die den beiden oft sauer genug wurde, dann begannen die
behaglichen, unvergeßlichen Stunden. Was aber thaten, was unternahmen
sie an solch einem Abend? Sie spielten Lotto. Sie saßen eng aneinander
gedrängt, die Mutter, die Brüder, die Mädchen, die Freunde und spielten
Lotto um Pfeffernüsse vom Konditor Ortelli, den die Franzosen damals
ausgeplündert hatten; aber mit welchem Eifer wurde gespielt, mit welchem
Feuer! und wie wurde gelacht! Worüber sie wohl lachten? Über unschuldige
Scherze, über eine Anekdote aus dem Leben der drei braven Jungen, über
einen Ausspruch Rösens, die groß war in trocknen, vielsagenden
Bemerkungen; darüber, daß Budang eine Locke über das Auge gefallen war,
und er gerade durch den Ringel blickte. Dergleichen konnte Röse und
Marie außer Rand und Band vor Lachen bringen, so daß die Mutter sie
manchmal ermahnte, ja, sie aus dem Zimmer steckte, damit sie sich
draußen in der Dunkelheit und Kälte einmal erst wieder auf sich selbst
besinnen sollten. Sie kamen dann jedesmal in unverminderter Heiterkeit
wieder herein und immer mit einer guten Idee, die ihnen wahrscheinlich
bei der Abkühlung gekommen war.

Sie schlugen eine Verkleidung vor, einen Tanz. Sie kamen mit der Bitte
zurück, die Freunde und Brüder sollten sie im Stuhlschlitten fahren.

Durch solch einen lebensvollen Vorschlag entstanden die schönsten
Stunden. Er schien so ganz aus dem Herzen zu kommen, aus dem innersten
Verlangen heraus, und wie er von Herzen kam, so ging er zu Herzen, so
wurde er ausgeführt, so wurde er auch von der Mutter gestattet, die eine
liebevolle Frau war und wohl wissen mochte, wie göttlich, wie
unwiederbringlich, wie leichthinschwindend die Jugend ist.

So haben die Ratsmädel herrliche Winterfahrten gemacht, bei
Sonnenuntergang, bei Mondschein; jede in einem Stuhlschlitten, Bruder
und Freunde hinter sich, die sie in Windeseile durch die Straßen der
Stadt fuhren. So zog das leichte, lustige, vergängliche Gesindel auch an
dem Hause vorüber, in dem _der_ lebte, der für die Ewigkeit schuf.

Sie fuhren über die hellen Lichtscheine, die aus den Fenstern Goethes
auf den Schnee fielen, und dachten sich nichts dabei, wußten wohl kaum,
daß sie vorübergefahren.

Was kümmerten sich unsere Ratsmädchen um »die großen Leute« in Weimar.
Mochten die thun und schreiben, was sie wollten, die Ratsmädchen hätten
nie und nimmer mit ihnen tauschen mögen! So im Schlitten sitzen, von
lieben Freunden geschoben zu werden, daß es ist, als sprühten Funken,
und hinaus in den Mondenschein, unter bereiften Bäumen, auf glatter
Schneebahn hinzufliegen, das ist Seligkeit, das ist Glück!

Und welche Streiche spielten sie, über die man jetzt Ach und Weh
schreien würde, steckten Budang in Mädchenkleider und gingen mit ihm
spazieren. Weshalb sie das thaten? Gott weiß es! Sie wußten es
jedenfalls selbst nicht, thaten es grundlos, vergnügten sich herrlich,
hatten alle dreie das Bewußtsein eines wunderbaren Geheimnisses, wollten
sich über jeden, der ihnen begegnete, totlachen, brachten harmlose
Spaziergänger durch ihr Gelächter in Verlegenheit, kauften sich bei
Ortelli Kuchen, den sie, nachdem Budang zu Hause sich wieder ausgeschält
hatte bei einem Täßchen Kaffee, das ihnen warm gestellt worden,
verzehrten, im süßen Bewußtsein, eine Heldenthat ausgeführt zu haben.

In einem alten weimarischen Hause hatten sie zu jeder Zeit Zutritt,
konnten dahin mitbringen, wen sie mitbringen wollten, und blieben immer
willkommen, das war die Apotheke am Markte.

Der Apotheker stand mit Rats in Verwandtschaft. Er war ein gelehrter
Herr, mit dem Titel Professor, und zu der weimarischen Apotheke durch
seine Heirat gekommen; die Frau war Witwe des früheren Apothekers und
hatte ihrem zweiten Manne das blühende Geschäft zugebracht.

Zu diesen Leuten gingen die Mädchen mit Vorliebe. Die Vettern und Basen
im Hause paßten zu ihnen, und sie konnten immer sicher sein, dort eine
wohlgemute Gesellschaft zu treffen. Die Frau Professor hatte die
Genugthuung, wegen ihrer Kochkunst in der ganzen Bekanntschaft berühmt
zu sein; so gab es auch für die beiden Schleckermäuler, die zu Gaste
kamen, immer etwas Gutes zu schnabulieren, was ihnen zu jeder Zeit
gelegen war; denn bei Rats ging es nicht hoch her.

Und was war diese Apotheke für ein sonderbares Haus! Ein alter,
reichverzierter Erker schmückte es, den ein steinernes, verzwicktes
Weiblein auf seinem Nacken zu tragen schien. Das alte Weib war unsern
beiden von jeher rätselhaft und unheimlich erschienen. Ein
langgestrecktes Gewölbe diente zum Apothekerladen. Dies Gewölbe war
außerordentlich finster. Nur soweit die niedere Glasthür und das einzige
Fenster Licht einließen, machte es einen behaglichen, wohlthuenden
Eindruck; nur so weit schienen die verschiedentlichen Düfte, die aus
ungezählten Büchsen und Büchschen, aus unendlichen Schiebkästen
aufstiegen, angenehm und zuträglich zu sein. Die Mädchen hielten es für
ausnehmend gesund, in der Apotheke tief Atem zu holen; und wenn einem
der Apothekerkinder etwas fehlte, setzte es sich hinunter zu den
Gehilfen und atmete fleißig.

Auch Röse und Marie hatten schon öfters solch eine Kur sich
vorgeschrieben; aber sie hielten sich nur da auf, soweit das Tageslicht,
unverfälscht durch Dämmerung, die sich weiter nach hinten in dem Raume
ausbreitete, eindrang.

Das Gewölbe war an seinem letzten Ende fast dunkel. Bei dem Scheine
eines Lämpchens hantierte dort ein widerwärtiger Gehilfe, vor dem Röse
und Marie ebenso wie ihre Vettern und Basen eine außerordentliche Scheu
hegten.

Aus seiner finstern Ecke drangen scharfe Gerüche, die durchaus nicht
heilkräftig sein mochten. Der Gehilfe rieb, stieß im Mörser und rührte
in mächtigen, weißen Schalen, die aus der Dämmerung gespenstisch
herausleuchteten. Um diesen ältlichen Gesellen, der einen gar
sonderbaren Blick hatte, spannen sich allerlei Sagen und Gerüchte. Man
erzählte sich, daß dieser unheimliche Bursche in seinem kleinen,
wackeligen Schreibpult, das im Gewölbe stand, ein Buch bewahre, in dem
er den Sterbetag so manchen guten Weimaraners vierzehn Tage, bevor
derselbe einträte, sich notiere, wie man sich seine Hemden auf den
Wäschezettel aufschreibt.

Dies Verfahren des Gesellen hatte ihn mit einem furchterregenden Nimbus
umgeben.

Unter den weimarischen Leuten würde sich ein jeder geweigert haben, das
Medizinfläschchen oder Pulver, das er abzuholen kam, aus der Hand des
fatalen Gehilfen in Empfang zu nehmen, denn man sagte, daß er es, ehe
man hinter seine Schliche gekommen sei, mit einem unheilbringenden
Lächeln überreicht habe. Was an dem Treiben des Gehilfen wahr sein
mochte, hat wohl schwerlich jemand erfahren; denn ich weiß nicht, ob das
Buch der dem Tode geweihten Weimaraner, das in der Apotheke geführt
wurde, je zum Vorschein gekommen ist.

Der Gehilfe hatte jedenfalls ein einsames, unbehelligtes Leben. Wohl
möglich, daß dies seiner Natur zusagte; es giebt ja sonderbare Käuze
genug auf Erden.

Er hatte unbedingt etwas Hämisches, Spöttisches in seinem Wesen, machte
den kleineren Apothekerskindern Grimassen, wenn er an ihnen vorüberging,
und versteckte der ganzen jungen Gesellschaft den Syrup, nach dem sie
allerseits großes Verlangen trugen, in die Giftkammer. Das verhinderte
die Apothekerskinder durchaus nicht, mit Gästen und ohne Gäste auch dort
ihren Syrup aufzuspüren und sich eine Güte daran zu thun. Sie wurden bei
ihrem Treiben in der verhängnisvollen Kammer von dem Gehilfen im stillen
beobachtet, und die unartige Bande bemerkte das gar wohl, und jedes
dachte bei sich: »Da kann er lange warten, bis wir uns einmal
vergreifen, der Esel.« Sie kannten ihren Syrupstopf, ^Syrupus simplex^!

Bei all und jeder Gelegenheit ging es im Apothekerhause festlich zu. War
das Geschäft besonders gut und einträglich, das heißt, war das gute
Weimar eine hübsche Zeit lang von irgend einer Krankheit gründlich
heimgesucht, so lebten sie bei Apothekers besonders reichlich. Dann saß
die Familie mit Kind und Kegel vergnügt und hilfreich bei einander, wenn
zur Zeit irgend einer Epidemie mehr Hände im Geschäft gebraucht wurden,
als gewöhnlich, um Papier zu Pulverpäckchen und zu den roten
Flaschenkäppchen zuzuschneiden und allerlei nach Bedarf zu mörsern und
zu reiben. Sie thaten das mit ganz besonderem Behagen, und schwerlich
konnte man den braven Leuten nachsagen, sie hätten die guten Bissen mit
dem Bewußtsein zu sich genommen, daß sie ihre vorzügliche Nahrung aus
dem Verderben ihrer Mitbrüder zögen, wie die Bienen Honig aus den
Giftblumen. Sie dachten so wenig über den Grund ihres Wohlstandes nach,
wie es Millionen andere auch nicht thun, die sich durch das Elend und
den Tod ihrer Mitgeschöpfe nähren. Wohin sollte unsere Ehrbarkeit, Würde
und Vortrefflichkeit geraten, wenn wir darüber simulieren wollten! Gott
behüte uns davor!

Apothekers verstanden es, festlich zu leben, und wohl den Kindern und
Vettern und Basen, denen das Schicksal solch ein Haus zugänglich gemacht
hat! Die können einer munteren Jugend gewiß sein.

Eines Nachmittags in der allerschönsten Zeit, in der das Pfund Kirschen
zwei Pfennige kostete, war bei den guten Leuten die ganze Gesellschaft
versammelt, Röse und Marie mit ihren drei Freunden Budang, Horny und
Schiller, ferner die Wirte mit allen Kindern, der alte Kupferstecher
Müller mit drei erwachsenen Sprößlingen, Müllersch Lotte, Müllersch
Ernst und Müllersch Heinrich.

Die einstige Gouvernante des Prinzen Konstantin, eines Sohnes Karl
Augusts, war auch zugegen. Die hielt mit der Apothekerin, die früher bei
Prinzeß Karoline Kammerfrau gewesen, gute Freundschaft und war eine
muntere, alte Person, die es sich nicht zweimal sagen ließ, wenn es
irgendwo eine Feierlichkeit gab, bei der man sie gebrauchen konnte. Die
Dame war ein Fräulein von Knebel.

Sie war bei Hofe und in der ganzen Stadt durch eine artige Geschichte,
die man allenthalben von ihr erzählte, zu einer gewissen Berühmtheit
gelangt.

Eine drollige Geschichte stirbt so leicht nicht aus, und Fräulein von
Knebel hatte sich mit guter Manier darin gefunden, die Heldin einer
Anekdote zu sein, die man nicht müde wurde, immer wieder bei guter
Gelegenheit anzubringen.

Ihr Zögling, Prinz Konstantin, war einst in eine solenne Hofgesellschaft
aus irgend einer knabenhaften Laune mit einem Purzelbaum zur Thür
hereingekommen und hatte allgemeines Entsetzen erregt. Seine Erzieherin,
die ihm folgte, war von dem etikettelosen Benehmen ihres Zöglings bis
ins Innerste erstarrt, und die Herzogin Luise, die Mutter des kleinen
Übelthäters, ging mit einem äußerst ungnädigen Blick auf Fräulein von
Knebel zu, richtete ein paar das Benehmen des Prinzen rügende Worte an
sie und erhielt von ihr mit pathetischer, unschuldsreiner Stimme zur
Antwort: »Hoheit, von _mir_ hat er das nicht gelernt!«

Man denke sich!

Und wer die tiefempfundene Antwort gehört hatte, dachte sich jedenfalls
das ehrbare, würdige Fräulein als Vorbild des unartigen Prinzen, daher
eine unbezwingliche Heiterkeit und die Langlebigkeit der kleinen
Geschichte. So ist Fräulein von Knebel bei jung und alt, hoch und
niedrig bekannt geworden. Sie war überall gern gesehen, konnte einen
Spaß vertragen und ging selbst nicht allzu zart und respektvoll mit
ihrer eigenen Persönlichkeit um.

An diesem Nachmittage war die Gesellschaft bei Apothekers eigentümlich
beschäftigt. Auf dem großen Tisch stand ein Korb mit kleinen, losen
Heften, die von den Anwesenden geklebt oder genäht wurden. Die
weiblichen Hände befestigten die losen Blätter mit ein paar Stichen
ineinander und die männlichen klebten schmale rote, blaue oder grüne
Papierstreifen um den Rücken der kleinen Broschüren.

Was aber enthielten diese Bogen, daß man sie in so heiterer Vereinigung
bei Wein und Kirschkuchen vergnüglichst miteinander heftete?

Sie enthielten nichts Geringeres, als ein getreues Konterfei in
Kupferstich von zwei berüchtigten Spießgesellen, Niklas Sommer und
William Becher, nebst deren kurz und bündig gefaßter Lebensbeschreibung,
zu Nutz und Frommen für alle, die dieses Heftchen kaufen und lesen
würden. Der alte Müller hatte die Porträts selbst in Kupfer gestochen,
die Lebensbilder selbst verfaßt, Papier- und Druckkosten selbst
getragen, und morgen sollten sie auf dem Markte, während über die
genannten Delinquenten der Stab auf einem Gerüst, das jetzt schon stand,
gebrochen wurde, zum Verkauf ausgeboten werden.

Der Kupferstecher war mit seiner Arbeit mit knapper Not halbwegs bis zum
bestimmten Termin fertig geworden und hatte noch, um das Werk zu
vollenden, die Hilfe seiner Nachbarn, der Apothekersleute und deren
Freunde und Verwandte in Anspruch nehmen müssen.

So saß die Gesellschaft und heftete unter Lachen und in allerbester
Stimmung schmausend die Lebensbeschreibung der beiden armen Tröpfe, die
ihrem letzten Stündlein entgegensahen. Damals war die gute Zeit, in der
man sich über gar viele Dinge weit weniger Skrupel machte, als in der
unsern; das, was in aller Ordnung vor sich ging, wurde harmlos und
unkritisch entgegengenommen. Man glaubte z. B. in der Wünschengasse
allgemein, daß aus den Brotkrumen, die in den Honigtopf fielen, Ameisen
entständen, und hütete sich deshalb natürlich, Brotkrumen hineinfallen
zu lassen. Man glaubte tausend solche Dinge und befand sich wohl dabei.

Die beiden schlimmen Kerle waren von dem hochlöblichen Gericht
verurteilt und mußten wohl oder übel den Lohn für ihre Thaten, den Tod,
erleiden. Dagegen konnte nichts einzuwenden sein, es war eine
abgemachte, durchaus erledigte Sache, die einfach und naturgemäß aussah,
so daß hierbei nicht angebracht sein mochte, sich andern Gefühlen
hinzugeben, als einem angenehmen Gruseln, das über diesen und jenen bei
der munteren Arbeit wohl einmal hinlief. Bedenken über Todesstrafe oder
sonstige humane Bestrebungen hatten die Apothekersleute und ihre Gäste
wohl schwerlich berührt. Auch der Kontrast, der zwischen den beiden
machtlosen Schelmen, die der Tod schon am Wickel hatte, und die ihre
kurze Galgenfrist in einem von Gott und der Welt verlassenen Raume, von
allem Troste und Verkehr abgesperrt verbrachten, und der lebensfrohen
Sicherheit und Behaglichkeit, in der man hier beisammen saß, kam wohl
keinem recht zu Sinnen.

Ernst von Schiller blätterte in dem Büchelchen und war mit des
Kupferstechers Darstellung von William Bechers Gefangennahme nicht
einverstanden. »Das soll ja eine tolle Geschichte gewesen sein, er muß
sich verzweifelt gewehrt haben! Sie haben das ein bißchen kurz gehalten,
und so etwas gefällt gerade.«

»Ja, das schreibe einer,« sagte der alte Müller; »der Becher war ein
Prachtskerl, das läßt sich nicht so leicht berichten, dazu gehört
einer!« Sie sprachen schon in der Zeitform, die das Vergangene
beherrscht, von den noch für eine Weile, wahrscheinlich bis zum Übermaß
bewußt Lebenden. Aber was gehen eine so allerliebste, unschuldige
Gesellschaft die letzten Stunden, die Todesfurcht und alles menschliche
Weh zweier armen, so gut wie schon gerichteten Sünder an!

Man lachte über den Eifer des Fräulein von Knebel, die mit einer wahren
Vehemenz heftete und einen ganz erklecklichen Haufen der Diebs- und
Mordsgeschichte vor sich aufgestapelt hatte, den sie eifersüchtig
bewachte, daß nicht etwa eins oder das andere Heft entwendet wurde, um
ihr den Ruhm zu nehmen, die größte Zahl gefertigt zu haben.

Fräulein von Knebel war eine Person, die alles und jedes mit ganzer
Kraft betrieb.

Also hier sitzt die Familie mit ihren Gästen in Wohlsein beisammen, und
man denkt mit Behagen an die beiden armen Sünder; die stecken
miteinander in dem gar festen Stübchen, zu dem keine menschliche Hilfe
mehr dringt.

Es liegt hoch oben in dem düstern Hause, das zu Strafe und Zucht der
frechen, unklugen, unglücklichen und infamen menschlichen Kreatur, die
sich nicht erziehen lassen will, erbaut wurde. Jetzt, in unseren Tagen,
ist das Haus in ein ehrenwertes Landesgericht umgewandelt, und statt der
Spitzbuben sitzen würdige Männer darin, ehrenwerte Landräte und
Landrichter, die frei und fröhlich ein und aus gehen können, die mit
Behagen die Sonne, ganz wie die seligen Spitzbuben einst, durch die
vergitterten Fenster scheinen fühlen, die leben, atmen, ganz wie diese,
nur daß sie durch ihre kluge und würdige Lebenswahl freie, angesehene
Leute geblieben sind und bewahrt wurden vor straffälligen, verpönten,
unklugen Sünden und Thorheiten, wie sie nur ein Unsinniger, ein
Verzweifelnder fertig bringt.

Die beiden Spitzbuben aber, Becher und Sommer, saßen im Hause, als es
noch seine Leute hinter Schloß und Riegel hielt; die Wolken zogen
darüber hin und zogen auch über den Galgen, der auf zwei baumelnde
Gestalten in aller Gemütsruhe wartete. Die beiden Spitzbuben kannten
Weimars Umgegend, kannten den Galgen, sahen sich zappeln, sahen sich
baumeln. Das Haar stand ihnen zu Berge, die Kniee schlotterten ihnen,
die Zunge klebte am Gaumen, das Herz stieß und klopfte. Die Hände waren
naß von kaltem Schweiß, und die Apothekergesellschaft dachte ihrer in
Behagen bei dem Heften der Bogen, die den Tod, die letzte kommende Qual
der armen Burschen schon schilderten; und als unsere Gesellschaft gerade
im besten Heften und Kleben sich befand, jeder auch schon bei seinem
zweiten und dritten Stück Kirschkuchen angelangt war, bei gutem Appetit,
den muntere Arbeit förderte, da öffnete sich die Thüre, die von dem
Zimmer aus direkt auf die Treppe führte, und herein trat vorsichtig, den
Kopf zuerst durch die Thürspalte steckend, der unheimliche Geselle unten
aus der Apotheke.

»Diener, meine Herrschaften,« sagte er mit seiner knarrigen Stimme und
grüßte mit der dürren Hand, die aus einem allzu kurzen Ärmel sonderbar
hervorstand. »Ich wollte nur oben vermelden, daß es diesmal mit den
Büchern nichts ist. Sie haben den einen begnadigt. 's bleibt nur bei
Sommern.« Wie aus einem tiefen Traum plötzlich erweckt, starrte die
Gesellschaft sprachlos den gefürchteten Todesverkünder an, der heute
ausnahmsweise seine Rolle geändert und, wenn man recht gehört hatte, der
Verkünder eines erfreulichen Ereignisses geworden war. Aber man mochte
wohl nicht recht gehört haben, denn es war nach der Botschaft des
Gehilfen ein augenscheinlicher, ungemütlicher Druck bei einigen Gliedern
der Gesellschaft zu konstatieren, und zwar gehörten diese Glieder
durchweg der Familie des Kupferstechers an. Die erste, die sich
sammelte, war Fräulein von Knebel; die fragte den Gehilfen, der noch in
der Thür stand: »Nun sag' Er mal, wie ist das denn gekommen, und gerade
Bechern?«

Der Gehilfe zuckte, wie es seine Art war, die Achseln und blickte
spöttisch auf die Gäste, ohne etwas zu erwidern.

Nach einer Weile sagte er trocken: »Gesegnete Mahlzeit!« und wendete der
Gesellschaft langsam den Rücken, um aus der Thüre zu gehen.

»Das ist aber schrecklich!« rief Anne Müller, die jüngste der
Kupferstecherkinder, in enttäuschtem Ton, »da wird's nun nichts.«

»Seht mir das blutdürstige Geschöpf an,« sagte der Apotheker
schmunzelnd. »Na, Anne,« und er klopfte ihr auf die Schulter, da drangen
dicke Thränen in Annas Augen und rannen ihr über die roten, runden
Wangen.

»Teufel auch, was hat sie denn?« fragte der Apotheker und blickte die
Glieder der Kupferstecherfamilie der Reihe nach an. »Na, was habt Ihr
denn?« fragte er noch einmal; denn auch die andern Müllerskinder und
selbst der behagliche, rundliche Freund Kupferstecher konnte eine
gewisse Niedergeschlagenheit nicht verbergen. »Was habt Ihr denn mit
Bechern gehabt, daß Euch seine Begnadigung so zu Herzen geht; das ist
mir ja etwas ganz Neues, erzählt doch! -- Kennt Ihr ihn denn?«

»I, bewahre,« sagte der Kupferstecher, »das ist den Kindern ihre Sache;
Anne, wollen wir's sagen?« wendete er sich an seine Tochter, deren
Thränen noch immer reichlich flossen; »aber das merke Dir: Wer den
Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Erzähle!«

Anne blickte unter Thränen auf ihre Geschwister, die beide übellaunig
und verdrossen dasaßen.

»Der Vater hatte mir's geschenkt,« begann Anne schluchzend und blieb im
Anfange stecken, denn ihre Thränen machten ihr zu schaffen.

»Na,« ermunterte sie der Vater. Anne war aber jetzt erst recht ins
Weinen gekommen und schenkte der Aufforderung fortzufahren kein Gehör,
so daß der Kupferstecher selbst das Wort nahm und sagte: »Man muß immer
auf das junge Volk bedacht sein, das will sich bald so vergnügen, bald
so. Ein armer Vater hat seine liebe Not! Vor ein Wochner sechse verehre
ich meiner Anne zu ihrem Geburtstag die beiden kleinen Zeichnungen,« der
Kupferstecher schlug mit der Hand auf eins der Heftchen, »und sagte
Anne, was ich damit vorhab, daß sie in Kupfer gestochen werden sollen u.
s. w., und daß der Erlös, den ich damals dem armen Tierchen im voraus
verehrte, zu einer Partie nach Schwarzburg bestimmt sei. Nun haben wir's
gehabt,« sagte er und schlug sich auf die runden Kniee. »Jetzt können
wir den ganzen Schwindel einpacken, und die armen Kinder sind um ihr
Sommervergnügen gekommen.«

»Das weiß der liebe Himmel,« rief die Apothekerin mitleidig und bewegt.
»Wenn von oben etwas gethan wird, Gott sei's geklagt, daß es immer am
unrechten Platze geschieht!« Anne heulte unaufhaltsam, und die beiden
älteren Geschwister versanken in einen unergründlichen Mißmut.

Der Kupferstecher war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder,
hatte die Hände in der Erregung über dem Bäuchlein gefaltet und
schnippte mit den Daumen. Fräulein von Knebel hatte sich ganz der
christlichen Pflicht zu trösten hingegeben und karessierte Annen auf
alle Weise, indessen die übrige Gesellschaft nachdenklich auf die Hefte
blickte, die mit einem Male wert- und bedeutungslos vor ihnen lagen.

Der Kupferstecher blieb nach längerem Aufundniedergehen stehen und sagte
mit einer komischen und bittersauren Miene: »Ich bleibe dabei, es hätte
dem Kerl nichts geschadet, wenn sie ihn morgen mitsamt dem andern ins
Jenseits spediert hätten.« Er schnippte mit der Hand in der Luft. »Da
haben wir uns hineingerannt, allein das Papier vier Reichsthaler,
Druckkosten und dergleichen gar nicht gerechnet.«

»Ja, ja, ja,« sagte der Apotheker und schüttete ein Glas süßen Weins
hinunter.

Die Gesellschaft hatte ein stilles und bedrücktes Aussehen angenommen.

Da klang plötzlich die helle, frische Stimme unseres guten Ratsmädels,
der Röse. »Ich wüßte schon, wie man es machen könnte,« sagte sie ruhig.

»Na?« fragte der Apotheker.

»Streicht doch den Bechern aus und verkauft nur Sommer, das schadet ja
nichts, wenn Becher mit daran hängen bleibt.«

»Teufelsmädchen!« rief der Kupferstecher überrascht. »Das läßt sich
hören! Ja, wenn man Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat!«

»Hoch Röse!« rief der Apotheker und schwang sein Gläschen. Neues Leben
fuhr in die Gesellschaft. Blaustifte wurden geholt, es wurde gestrichen,
gestrichen, gestrichen, der Begnadete wurde von dem Verurteilten, dem
armen, geschieden, wie das ja überall auf Erden der Fall ist.

Die Geschwister blickten wieder munter ihrer Sommerpartie entgegen, die
ihnen der Tod des armen Burschen, aller Berechnung nach, einbringen
sollte. Nur Anne sagte als Nachklang ihrer Schwermut mit weinerlicher
Stimme: »Wenn sie den andern nur nicht auch begnadigen.«

Röse wurde an diesem Abend außerordentlich gefeiert.

»Ein heller Kopf ist etwas wert,« sang der Apotheker in allerlei
schelmischen Melodieen und Variationen ihr zu. Röse war sein ganz
besonderer Liebling.

Als am Abend die Gesellschaft nach Hause ging, mußten sie an dem Gerüste
vorüber, auf welchem über dem armen Schelme Sommer der Stab am andern
Morgen in aller Frühe gebrochen werden sollte.

Als die lustigen Leute in der unheimlichen Nähe standen, da wurden sie
alle still und bedenklich.

Röse, die am Arme Budangs ging, sagte, indem sie sich fester an ihn
hing: »Morgen wird Sommer doch auch, wie damals der andere, auf einer
Kuhhaut nach dem Galgen geschleift?«

»Ja,« sagte Budang.

»Ach, Budang,« fuhr Röse nach einer Weile fort, »ich will wirklich immer
recht gut sein!«

»Ja, das denke ich,« sagte Budang lächelnd; »aber Du bist müde,« fügte
er hinzu, »Du hängst Dich ja ganz schwer an meinen Arm. Paß auf, ich
will Dir noch etwas sagen.«

»Na,« fragte Röse.

»Die Schillers-Mädchen und Ernst, Ihr, Horny und ich, wir sind
miteinander zu Sperbers aufs Gut eingeladen. Wir wollen es jetzt noch
auf dem Weg bereden.«

»So?« sagte Röse, »das ist vom alten Sperber vernünftig, daß er endlich
sich entschlossen hat.«

»Was hast Du denn zu versäumen?« fragte Budang.

»Ich, daß ich nicht wüßte! Ich kann nur solch ein Zaudern nicht leiden.
Vor vier Wochen läßt er es bei uns durch die Butterfrau sagen, und
nichts wird dann wieder von ihm gehört.«

»Ernst,« rief Budang, »wartet einmal.« Ernst, Marie und Horny gingen
vorauf und blieben auf Budangs Ruf stehen.

»Ihr seid wohl auch gerade im Sprechen?« fragte Röse. »Wie machen wir es
denn mit Sperbers?«

»Wir gehen, natürlich gehen wir,« sagte Ernst von Schiller. »Wir wollten
es nur oben bei Apothekers nicht bereden. Es paßt doch nicht, wenn wir
halb Weimar dem alten Sperber auf den Hals bringen, und Müllers wären
ruhig mitgegangen, die machen alles mit. Nein, wir wollen unter uns
bleiben. Die Schwestern sind natürlich bereit und lassen Euch sagen, Ihr
sollt Eure rotpunktierten, hellen Kleider mitnehmen. Sie machen es auch
so.«

»Nun, und wann gehen wir?« fragte Röse.

»Heut' haben wir Freitag,« erwiderte Marie, »da dächte ich, wir setzten
Montag fest, da kommen wir um die Kirche, denn Sperber würde uns auf
alle Fälle hineinstecken, der hält's nun einmal mit seinem Pfarrer.«

»Und wir müssen so schon bei Pastors schlafen,« fuhr Röse dazwischen.
»Wir wissen es, wie es dort ist, nicht, Du?« sagte sie lachend zu Marie.

»Ja, schade, daß Ihr nicht bei Sperbers unterkommen könnt,« meinte
Budang.

So waren sie bis vor Röses und Maries Haus gekommen. Großer Abschied,
und die Mädchen tappten miteinander die dunklen Treppen hinauf.

Am andern Morgen sah die Mutter mit ihnen die rotpunktierten Kleider
durch; beide bestürmten sie auf das innigste, liebenswürdigste und
überzeugendste, sie wollten ein neues Band auf ihre großen Hüte, und sie
bekamen es und waren glücklich.

Mittlerweile war der unglückliche Sommer auf seiner Kuhhaut dem Tode
zugeschleift worden, und der Galgen trug seine Zierde zum letztenmal,
denn Sommer war Weimars letzter Gehenkter.

Am Montag, himmelfrüh, brach von der Wünschengasse die Gesellschaft auf,
unsere fünf guten Freunde, die beiden Schillerschen Töchter und ein
kleines, mageres Pferdchen, das mit Ernst von Schiller in Beziehung
stand, da es von ihm schon zu manchem Spazierritt gemietet worden war,
wenn er einmal Lust bekam, auf Pferdesrücken sich dem Leben und seinen
Gefühlen hinzugeben.

Jetzt war es mit Shawls, mit Päckchen und Körben beladen. Die
rotpunktierten Kleider von den Ratsmädchen und den Schillerschen waren
sorgsam dem guten Tiere anvertraut worden, und Ernst bekam von den
Schwestern und von Röse und Marie wahrhaft begeisterte Erklärungen, die
seine Klugheit, seinen ausgezeichneten Verstand betrafen.

Er hatte nämlich die Gesellschaft mit der Idee und deren Ausführung, das
Pferdchen zu engagieren, überrascht. So zogen sie durch die morgenstille
Stadt, dem langgestreckten Ettersberge zu, nach dem Gute des alten
Sperber.

Welch schöne Verbindung von erster Jugend, herrlicher Morgenfrische,
Aussicht auf ein paar gute Tage, allseitigem Wohlgefallen aneinander und
Sorglosigkeit gab unsere Gesellschaft ab!

Sie hatten einen tüchtigen Marsch bis zum Gute des Herrn Sperber vor
sich, und ein gutes Stück mußten sie über Felder, über schattenlose Wege
gehen; aber ein frischer Wind wehte den ganzen Tag. Das Korn stand in
Blüte und duftete, und die Sonne ließ die Wangen höher glühen; sie ließ
die Züge der schönen Mädchen noch weicher, lebensvoller als sonst
erscheinen.

Budang, ein großer Botaniker, war bemüht, die Gesellschaft auf allerlei
Merkwürdigkeiten aufmerksam zu machen, und es dauerte nicht lange, so
hatte das Pferdchen eine kleine Naturaliensammlung auf dem Rücken, und
die Mädchen rote Mohnkränze auf den Köpfen.

Die Wege auf dem Ettersberg gaben dem Sammler reiche Ausbeute an
allerlei Versteinerungen, und die Mädchen wußten es schon, es gab für
alle zu schleppen, wenn sie mit Budang dort lustwandelten.

Gegen Abend erst gelangten sie zu ihrem Ziele, denn der Weg war durch
allerliebste Aufenthalte, kleine Mahlzeiten, so viel als möglich
verlängert worden.

Vor dem Gutsthore kam ihnen eine wohlbekannte Gestalt entgegen. Das war
die Gutsbesitzerin selbst, die lustige, kleine Alte mit der großen, rosa
Schürze, dem Schlüsselbunde, den nickenden Bändern an der Haube. Ein
Windzug bewegte ihr die weite Schürze und ließ sie, bestrahlt von der
Abendsonne, flattern und in unerhört Rosa-Farben-Tönen leuchten.

Die wartende Gestalt mochte auf die ankommenden Gäste einen
verheißungsvollen Eindruck machen; denn mit Jubel und Winken und
heiteren Lauten, mit noch durch die Entfernung unverständlichen Zurufen
näherte man sich ihr.

Und ebenso schien sie erfreut zu sein, als die mit rotem Mohn bekränzten
Mädchen, das Pferdchen, die drei Kameraden herankamen, denn sie schlug
einmal über das andere Mal die Hände zusammen, man sah sie schon von
weitem lachen, und als die Gäste so nahe waren, daß man wagen konnte,
die Begrüßungsformeln etwas detaillierter und augenscheinlicher machen
zu können, schwenkte die kleine, runde Frau ihr Schlüsselbund in der
Luft und ließ es klingen und that dies mit außerordentlicher
Geschicklichkeit, bog sich dabei mit dem Oberkörper hin und her, im
Takte, je nachdem sie mit dem Schlüsselbunde, das sie wie eine
Castagnette handhabte, klirrte und klapperte.

Die Gäste kamen schließlich laufend auf ihre Wirtin zu, und auch das
Pferdchen wurde dazu veranlaßt, einen gelinden Trapp anzuschlagen. Nun
allerausführlichste Begrüßung, Umarmung, jedes bekam seinen festen Kuß
von der Frau Gutsbesitzerin.

»Nun, mein Alter wird Augen machen, wenn er Euch in den Kränzen sieht,«
sagte sie und betrachtete die Mädchen. »Seht nur einer, Klatschrosen!
Ja, die Jugend! Die liebe Jugend! Die verdammten Klatschrosen! Und hier
machen sie sich, ja, alles hat seinen Zweck auf Erden!«

Sie klopfte Röse auf die Wangen. »Aber habt Ihr denn gesehn,« sie wies
auf Rösens Kranz, »was das Zeugs dies Jahr gediehen ist? Da stecken ja
die Felder voll zum Erbarmen. Na, der Alte wird Augen machen,« schloß
sie wieder. »Wo habt Ihr denn den Klepper her?« begann sie aufs neue und
klopfte dem Pferdchen auf die Schenkel, »der soll sich wundern, wie es
ihm diese Tage gehen wird. Du alter Häckselsack,« und wieder bekam das
magere Viehchen einen freundlichen Klapps von seiner Wirtin, der
gleichbedeutend war mit einer Anweisung auf ein paar tüchtige Metzen
Hafer. Jetzt traten sie in den Gutshof ein.

Das war ein Gutshof! Jeder Mensch, dem Gott wohl will, sollte in schönen
Jugendtagen einmal auf solch einem Gutshof ein paar Tage, ein paar
Wochen gewesen sein, damit er wenigstens weiß, was Behagen, was Fülle,
was Sauberkeit, Nützlichkeit, was gesunder, kräftiger Geruch, was
schönes Vieh in gut gepflegten Ställen, was Wohlhabenheit und
Stattlichkeit ist; damit er erst begreifen lernt, welche Harmonie
zwischen dem schön geschichteten Misthaufen und der hohen, breiten Linde
auf solch einem Hofe besteht, wie sie beide miteinander ein Ganzes
bilden, einen einzigen Eindruck.

»Da kommt er ja, mein Alter,« rief die muntere Herrin des schönen
Hauses, und richtig, aus dem Laubengang, der um das Wohnhaus führte,
trat der alte Sperber, der wunderlich gut zu seinem Frauchen paßte.

Auch er war eine kurze, rundliche Gestalt, wie es schien, behende, denn
auch er bewillkommnete die Gäste schon von weitem mit den lebhaftesten
Bewegungen, und wie die Frau das Schlüsselbund, so schwenkte er die
große Tabakspfeife. Sein Gesicht hatte eine stark rötliche Färbung und
leuchtete vor Behagen.

»Da kommt ja die Gesellschaft!« rief der alte Sperber, als er schon
unter der Bande stand. »Ihr habt's gut gemacht, daß Ihr Euch Zeit
genommen, unser Jochen Henner hat Euch ja vor so ein sieben Stündchen in
Lützendorf getroffen, danach erwarteten wir Euch um eins, zwei herum.«

Der behagliche Alte zog seine dicke Uhr und hielt sie Budang unter die
Nase. »Und was zeigt's jetzt? Jetzt geht's stark auf achte. Ihr mußtet
dem Klepper wohl oft zureden, he? oder was habt Ihr denn eigentlich
gemacht? Das ist ein miserables Vieh, wie kommt Ihr denn dazu?«

»Das ist Ernst sein Reitpferd,« sagte Röse einigermaßen pikiert. Sie
fand, daß das Pferdchen gar so übel nicht war, und daß sich Ernst oft
sehr stattlich, wenn man nur den rechten Standpunkt hatte, darauf
ausnahm.

»I, der Tausend, wohnt bei Euch in der Stadt ein närrisches Volk, wenn
man das ein Reitpferd nennt! Meinetwegen!«

Er rief einen Knecht herbei und befahl ihm, »das Reitpferd« in den Stall
zu führen und abzuladen, und ging mit seinen frischen Gästen dem Hause
zu.

»Schade, das ganze Gesindel kann nicht bei uns unterkommen, wir haben
Euch beide, da -- Euch beide« -- er wies auf Röse und Marie. »Ihr müßt
eben zum Pfarrer, weil Ihr die Frau kennt; schlimm genug für Euch.« Das
murmelte er in den Bart und paffte blaue Wölkchen aus seinem
Pfeifenkopf. »Sapperlotsches Volk, die Pastors,« brummte er. »Aber jetzt
wollen wir erst bei einander sitzen. Übrigens seid Ihr nur für die Nacht
dort untergebracht. Am Tage werde ich mich hüten, Euch drüben zu lassen
in dem Gewirre. -- Teufel auch, es ist kein Spaß, dort unterkriechen zu
müssen.«

»Uns macht es nichts aus, und wenn sie dort noch mehr hätten,«
versicherten die Mädchen. Es handelte sich hier um den großen
Kindersegen des Pfarrhauses, das durch diesen Umstand für den
Gutsbesitzer Sperber, der über alles seine Behaglichkeit und Ruhe
liebte, etwas Unheimliches hatte.

Er verehrte den würdigen Pfarrherrn. Er war ihm ein angenehmer
Begleiter, um mit ihm über Land zu gehen.

Sie spielten Tarok miteinander; doch bei allem, was er mit dem Pfarrer
vornahm, mußte dieser durchaus von den Seinen isoliert sein. Ja, der
alte Sperber vermied es sorgfältig -- nur in den dringendsten Fällen
machte er eine Ausnahme -- sich nach des Pfarrers Frau und Kindern zu
erkundigen. Er bestritt auch auf das heftigste und wiederholt gegen
seine eigene Frau, daß er wisse, ob der Pfarrer zehn, dreizehn oder
siebzehn Kinder habe, trotzdem er von der kleinen Gutsbesitzerin mit der
Anzahl dieser armen Kinder auf das nachdrücklichste und eindringlichste,
so oft er fragte, bekannt gemacht worden war. Er wollte es nicht wissen
und damit basta!

Der Pfarrer hatte nach dem Tode seiner ersten Frau zur Lebensgefährtin
eine Elementarlehrerin gewählt, die auch unsere Ratsmädel einmal unter
der Fuchtel gehabt und die sich jetzt zur Beherbergung ihrer beiden
früheren Zöglinge erboten hatte.

Als der Pfarrer dem Gutsbesitzer vor einigen Jahren seine in Aussicht
stehende Verbindung mit dieser würdigen Person anzeigte, mit besonderer
Hervorhebung eben dieser Eigenschaft, »der Würde«, sah der Gutsbesitzer
ihn gleichgültig an, sagte: »^Bon^«, pfiff ein Stückchen, um vielleicht
anzudeuten, daß der gegenwärtige Augenblick ihm von außerordentlicher
Gleichgültigkeit sei.

Das Gutsbesitzerpaar hatte den einzigen Sohn in der Kriegszeit verloren.

Er war fürs Vaterland gefallen, und die beiden Alten hatten den Verlust
tapfer getragen. Das schöne Gut war ohne Erben; aber sie zeigten sich
beide gelassen darüber, hatten ihre Einrichtungen getroffen, Stiftungen
bedacht und trugen ihren Kummer nicht zur Schau, hatten sich wohl auch
damit auf eine gottergebene Weise abgefunden und lebten in Wohlgefallen
aneinander ganz behaglich.

Das Abendessen, das die junge Gesellschaft bei ihren Wirten erwartete,
zeugte von ländlichem Überfluß an den Dingen, womit die Leute unten in
Weimar sparsam umgehen mußten.

Röse und Marie hatten seit jeher den Eindruck von dem Gute des alten
Sperber gehabt, als wäre in Wahrheit hier das Land, in dem Milch und
Honig fließt.

Bis in die Baumblüte hinein erhielt die Frau Gutsbesitzerin die besten
Äpfelsorten noch so frisch und schmackhaft wie um Weihnachten und konnte
ihren Gästen immer Überraschendes, Ausgesuchtes vorsetzen. Die alte
Sperber hatte ihre ganz besonderen Geheimnisse, hinter die sie niemanden
so leicht kommen ließ. Sie buck berühmte Kuchen, und in welchen
scheinbar unvertilgbaren Massen! Rats hatten so manche Kiste,
vollgepackt mit verlockenden Dingen, zu allerlei Festen und zur Kirmeß
von der Frau Pate, wie die Gutsbesitzerin in der Wünschengasse benannt
wurde, geschickt bekommen.

Und das Bild der Frau Pate stand Marie und Röse vor der Seele, stets
umgeben von den verlockendsten Produkten ländlicher Koch- und
Gartenbaukunst.

Während des Abendessens war man äußerst heiter, der Abendglanz des
sonnigen Tages, den die junge Gesellschaft in aller Muße im Freien
zugebracht hatte, in sorglosem Behagen, lag noch über den Gesichtern
ausgebreitet, und die Stimmung aller schien wie von klarer Sommersonne
durchdrungen.

Nachdem sie allen Herrlichkeiten gründlich zugesprochen, spielten sie in
der großen Laube vor dem Hause Pfänderspiele; zwei junge Leute, die auf
dem Sperberschen Gute ihre Lehrjahre durchmachten, fanden sich noch zu
den übrigen, und mitten unter der ausgelassenen Jugend vergnügte sich
das Gutsbesitzerpaar auf das beste.

Die beiden Ratsmädel befanden sich in einem Taumel von Vergnügen. Der
Gutsbesitzer that mit, als gehörte er zu dem jungen Volke und gewann bei
den Pfändern auch wohl einen Kuß von den Mädchen.

Röse, der Schelm, war hellsehend genug, ihre Küßchen keineswegs für
etwas Gleichgültiges zu halten.

Bei einer Gelegenheit, wo es zweifelhaft erschien, ob der Wirt solch
einen artigen Gewinn gemacht hatte oder nicht, und man sich darüber
stritt, sagte Röse, um die es sich handelte, zu Budang und Franz Horny:
»Das nehmen wir bei dem guten Sperberchen nicht so genau, Ihr seid mir
die Rechten, so zu streiten,« damit sprang Röse auf und fiel dem alten
Gutsbesitzer um den Hals und küßte ihn auf das anmutigste. »Du
Prachtmädchen, Du,« sagte der gute Sperber und drückte das liebe
Geschöpf gerührt an sich. »Ja, so ein Töchterchen zu haben!« murmelte er
und strich Röse über das dichte blonde Haar. »Ja, meine Alte!« und er
nickte seiner Frau mit feuchten Augen zu.

Als Röse zu Marie und Budang trat, blickte die Schwester sie unzufrieden
an. »Siehst Du, Röse,« sagte sie, »was mußt Du denn den Leuten die Nase
lang machen. Ich glaub's wohl, daß sie sich für ihr Gut ein paar Mädchen
wünschen oder auch ein paar Jungen. Nun hast Du den beiden das Herz
schwer gemacht.«

»I, gar. Na, Budang,« sagte Röse mit schon von Thränen unsicherer
Stimme, »nun siehst Du einmal, wie Marie sein kann.«

Damit wendete sich Röse ab und huckte sich neben die Gutsbesitzerin auf
ein Fußbänkchen, das dort stand, legte ihren Kopf auf die Kniee der
kleinen Frau und ließ sich wie eine Katze streicheln und im blonden Haar
krauen und knurrte dabei vor Behagen; vielleicht, um damit zu beweisen,
daß sie sich trotz des Ärgers außerordentlich wohl befände.

»So macht sie's,« sagte Marie zu den drei Kameraden, »da mag zu Hause
geschehen, was da will, und wenn sie eine um die Ohren gekriegt hat. Wir
kennen das schon.«

Franz Horny fragte: »Dauert's lange bei ihr?«

»Bewahre,« teilte Marie ihm mit, »wenn wir irgend etwas Neues jetzt
anfangen, da ist alles vorbei; aber hört nur!«

Wie Marie vorausgesagt hatte, so geschah es; als man mitten in einem
neuen Spiele sich vergnügte, war unsere Katze glatt und munter wieder
dabei. Nicht gar zu spät trennte man sich, denn die Ratsmädchen durften
die Pastorsleute nicht aus dem Bette holen. Die Gutsbesitzerin trieb die
beiden an, als es Zeit war, zu gehen, lud ihnen ihr Bündelchen auf und
entließ sie mit der Weisung, vernünftig zu sein und dort die Wirtschaft
nicht noch zu verschlimmern. Als sie durch den Pfarrgarten gingen, kam
ihnen ihre frühere Lehrmeisterin entgegen. Sie schien vor dem Hause
etwas zu lustwandeln.

»Da kommt Ihr ja,« rief sie den Mädchen zu. »Ihr müßt aber mit unten
schlafen, hat es Euch die Sperbern schon gesagt?«

»Ja,« erwiderte Marie.

»Nehmt's, wie es ist,« fuhr die Pfarrerin trocken fort. --

Sie traten miteinander in den Hausflur ein; da drang aus einer halb
offenen Thür, aus der ein matter Lichtschein in die Dunkelheit fiel, ein
merkwürdiges Summen, Poltern, Kreischen, Quieken, Schimpfen, Rücken,
Zischen und Huschen.

»Da schlafen die Kinder,« teilte die Pfarrerin mit und öffnete die Thür
vollends. Welcher Anblick! In einem durch eine Öllampe, die mitten im
Zimmer von der Decke herabhing, dämmerig erleuchteten Raume bewegte es
sich auf eine überraschende Weise. Überall schlüpften rosige, weiße
Gestalten. Auf den Betten sprang es, auf der Diele schlüpfte es, und bei
dem ersten Schritte in dieses Reich zupfte es schon von allen Seiten den
Mädchen an den Röcken.

»Daß Euch doch gleich!« rief die Pfarrerin und schwang in demselben
Augenblick einen Stock, den wohl ein guter Geist ihr während ihres
Eintrittes in die Hand gespielt haben mußte, denn kurz vordem wußten
Marie und Röse, daß sie unbewaffnet gewesen war.

»Wollt Ihr wohl!« rief sie, »Ihr Pack, geht in die Betten!«

Erheitert durch diese kräftige Anrede wurde dem Befehle der Pfarrerin
auf schreiende, kreischende Weise nachgekommen. Sie gingen in die
Betten.

Marie und Röse folgten den Bewegungen ihrer früheren Lehrmeisterin, wie
diese sich über das eine und andere Bett bog: in jedem lagen zwei bis
drei Pastorskinder für die Nacht verpackt. Sie sahen, wie die Herrin
dieser Schlafstube Decken energisch feststopfte, bedeutungsvolle Püffe
austeilte und auf alle Weise bemerklich zu machen suchte, daß sie Ruhe
wünsche.

In unklaren, kurzen Redensarten teilte sie, wie es schien, Befehle aus,
wie: »Fort, Du da aus dem Bett, fort da in das Bett! Das Bett bleibt
frei!«

»Der haben sie schon übel mitgespielt,« bemerkte Röse trocken zu Marie
gewendet. »Sieh nur, wie verschlumpt sie ist. Du lieber Gott, sie war
zwar unsere Lehrerin, aber leid thut sie mir doch!«

Es brauchte nur ein armer Sterblicher nach Rösens Meinung das Unglück
gehabt zu haben, Mariens oder ihr Lehrer gewesen zu sein, so schien er
ihnen für eine fühlbare Wiedervergeltung des Jammers, den er ihnen
verursacht hatte, reif genug.

Aber dieses Maß, das über die arme Pfarrerin ausgeschüttet wurde,
erschien selbst Rösen überreichlich.

»Ihr müßt schon hier fürlieb nehmen,« sagte die Frau außer Atem. »Hier
in dem Bett könnt Ihr schlafen.« Sie wies auf ein breites Bett, das
wahrscheinlich drei Pfarrerskinder, die nun enger zu einander gesteckt
waren, den Gästen zuliebe hatten räumen müssen.

»Macht's Euch bequem.« Diesen kühnen Ausspruch in dieser Umgebung that
die Pfarrerin auf eine sonderbare, fast spöttische Weise, als wollte sie
sagen: »Mache es sich hier einer bequem!«

»Na, legt Euch nur hin, sie werden es ja gnädig heut Nacht machen ...
Daß Ihr mir die Mädchen nicht stört!« rief die Pfarrerin mit
Feldherrnstimme. »Hier den Fritze,« sie zeigte nach einem Bette, »den
laßt nur ruhig, der hat den Keuchhusten. Er macht es mit sich allein ab,
das ist das beste. Schlafet wohl, ich muß hinauf zu den zwei kleinen
Schreihälsen, wenn das nicht wäre, da hätte ich es anders mit Euch
eingerichtet.«

Die Pfarrerin ging und ließ die beiden Mädchen mit der heimtückischen
Gesellschaft allein. Kinder, die mit blinzelnden Augen warten, bis die
Mutter glücklich zur Thür hinaus ist, um dann unter den Decken
vorzuschlüpfen und einen Hexensabbath nach ihrer Art zu feiern, sind das
heimtückischste, was man sich vorstellen kann.

Noch blieben sie ruhig, und die Mädchen begannen, sich auszuschälen,
vorsichtig, lautlos, denn es verlangte sie durchaus nicht danach, das
Schauspiel von vorhin, als sie eintraten, wiederholt zu sehen.

Sie saßen miteinander in ihren Röckchen auf dem Bettrand und flochten
sich die Zopfenden fester; da regte es sich hinter ihnen, zwei Burschen
und ein Schwesterlein huckten da, befühlten die Zöpfe der Gäste, und der
kleinste Bube krabbelte vorsichtig mit den Fingerchen über Rösens Hals.
--

»Da sind sie,« sagte Marie seufzend, die sich durchaus nicht gern um
ihren Schlaf bringen ließ.

Ja, da waren sie. Jetzt noch schweigsam, vorsichtig, etwas scheu; aber
schon wichen diese mildernden Umstände. Das Bübchen, das zaghaft über
Rösens Hals hingetippt hatte, schlug jetzt, in erwachendem
Sicherheitsgefühl, mit der flachen Hand auf ihr weißes Fellchen los.

Die machte kurzen Prozeß, langte sich den kleinen Schelm vor und zog ihm
ein paar Tüchtige über, denn sie fand es für vorteilhaft, sogleich ein
Exempel zu statuieren. Statt der erwarteten Wirkung aber trat eine
allgemeine Begeisterung über Rösens Handlungsweise ein.

Sie sprangen wie auf ein gegebenes Zeichen aus den Betten und bestrebten
sich allesamt und sonders, auf das Lager der armen, müden Dinger zu
gelangen. Sie überpurzelten sich, die größeren stießen die kleinen
herab, die kleinen kniffen und bissen die größeren in die Beine.

Schon hatten einige der kleinen Gestalten ihre weißen Lümpchen verloren
und umkrochen, umpurzelten, über und über rosig, die beiden guten,
ratlosen Ratsmädchen.

Es schien bei Pfarrers, wie bei den alten Römern, Sitte zu sein, in der
höchsten Regung der Begeisterung, wenn ein Schauspiel zum vollen Beifall
aufforderte, ein Kleidungsstück nach dem andern in die Höhe zu werfen,
bis die Begeisterung befriedigt, und die Kleider ein Ende erreicht
hatten.

Hier war das Ende schnell erreicht. Eines nach dem andern warf sein
Hemdchen den Mädchen an die Köpfe und freute sich seiner Nacktheit ganz
augenscheinlich.

Der Lärm wuchs, die Lage der Mädchen wurde wahrhaft bedrohlich, denn es
zerrte und riß an ihnen von allen Seiten.

Mit einem Male fing Fritzens Husten an. Der unglückliche Schlingel
huckte sich an einem Bettpfosten nieder und würgte und keuchte zum
Erbarmen. Marie machte sich von dem zudringlichen Schwarm los, wickelte
den armen Jungen in ein Kittelchen ein, setzte ihn auf eine Bettdecke,
daß er doch etwas Behaglichkeit hatte und ging zurück, Rösen zur Hülfe,
die eben einen ungefähr achtjährigen Ruhestörer in der Mache hatte, ihn
mit Schlapps und Bengel auf das freigiebigste traktierte. »Schlapps«
schien den Pfarrerskindern ein neues, verheißungsvolles Wort zu sein,
denn im Chor wurde es freudig wiederholt. »Ihr seid selbst ein
Schlapps!« rief ein kleiner Dicker, zu den Mädchen gewendet.

»Ja, sie sind Schläppse!« rief es von allen Seiten. »Das sind
Schläppse!«

»Ihr seid ein unerhörtes Volk,« räsonnierte Röse dazwischen; »das ist ja
eine miserable Wirtschaft bei Euch.«

»Ja, Schlapps! Ja, Schläppse!« schrie es wieder durcheinander, quikend,
lachend, sprudelnd.

Jetzt schien der Höhepunkt, der diese Nacht unter den obwaltenden
Verhältnissen zu erreichen war, erreicht zu sein. Der arme Fritz
hustete, weinte und lamentierte aus vollem Halse, und die von
menschlichen Leiden unbehelligten Bälger trieben ihre Ausgelassenheiten
und Frechheiten unentwegt weiter, und zum Überfluß entwischten noch
zwei, liefen zur Thür hinaus in den monddurchschienenen Garten. Röse
ging ganz erschreckt in ihrem Röckchen den beiden Flüchtlingen nach,
durch den Mondschein, über den großen Rasen im Garten. Der Tau rann ihr
über die bloßen Füße, das Unbehagen, so nachts im Pfarrgarten zu stehen,
trieb sie, umzukehren, ohne die Ausreißer mitzubringen, die sie wie
Gespensterchen im Mondschein zwischen den Büschen hüpfen und
aufschimmern sah. Sie war noch nicht lange wieder eingetreten und hatte
kaum auf dem Bette neben Marien Platz genommen, als die Thür aufging und
eine mächtige, gespenstische Gestalt in einem dunklen, faltigen Mantel
und einer Schirmmütze eintrat. Neben dieser Gestalt tauchten in
derselben Thür die beiden Ausreißer auf.

»Marsch, in die Betten,« sagte das Gespenst in ruhigem, sachgemäßem Tone
und auf eine Weise, als wäre es ihm nichts Neues, um diese Stunde hier
ein und aus zu gehen. »Allons, allons, wird's bald, Ihr boshaftes Volk!«

»Du, das ist der Nachtwächter,« sagte Röse, »da hat er ja sein Horn.«

»Herr Jesses, ja,« flüsterte Marie und schlüpfte unter die Decke.

Als alles in Frieden lag, wendete sich der Nachtwächter, der vollkommen
unterrichtet zu sein schien, an Röse und Marie und sagte: »Die Jungfern
sind da in etwas Schönes hineingeraten. Ich dachte mir es gleich, daß es
heute Nacht schön hergehen würde und bin darum schon zeitig gekommen.
Ich sah vorhin die Jungfer auch im Garten stehen und wußte schon, wie es
hier zuging.«

»Kommt er denn jede Nacht herein?« fragte Röse.

»Ja, ja,« sagte der Nachtwächter, »sonst ging's wohl nicht. Ich komme
gar oft und schaue nach, Stunde für Stunde; aber nichts für ungut, ich
werde mich schon vorsehen, daß die Jungfern jetzt schlafen können.«

So zog der Nachtwächter ab, und die Pfarrerskinder versanken in einen
respektvollen Schlaf, den ihnen die würdige Erscheinung der hohen
Obrigkeit eingeflößt hatte. Und auch Marie und Röse fanden endlich Ruhe
und bemerkten nicht, wie allstündlich, bis die Sonne aufging, der
Nachtwächter die Runde durch das große Schlafzimmer machte, die Decken
der Pfarrerskinder zurechtrückte, wie er auch vor dem Bette der
Ratsmädchen stehen blieb und wohlgefällig auf sie hinblickte. Sie hörten
auch nicht, wie er jedesmal, wenn er aus dem Hause trat, in sein Horn
tutete und sein Lied absang. Das war Bestimmung des Pfarrerpaares, das
dadurch des Nachtwächters Umschau im Schlafzimmer kontrollieren konnte.

Er tutete aber auch an keiner Stelle des Dorfes mit der Befriedigung und
dem schönen Bewußtsein der Pflichterfüllung, wie in dem Garten des
Pfarrers.

Als der Nachtwächter nach seinem ersten Rundgange auf die Landstraße
trat, stand der Mond in vollster Klarheit am Himmel, schimmerte über die
Felder und über das Dörfchen, das in sanfter Ruhe im Silberlichte lag,
in dem jetzt auch das unruhigste Haus, das dem Frieden des guten Dorfes
Abbruch gethan, durch den Nachtwächter beruhigt und eingeschüchtert
worden war.

                   *       *       *       *       *

Am frühen Morgen schlüpften die beiden Mädchen in die Kleider als hätten
sie gestohlen und machten sich eiligst aus dem Staube, ehe alles im Haus
zum Leben erwachte. Sie banden sich die Schuhe in ihrer Hast auf der
Dorfstraße zu. Als sie in den Gutshof traten, kam ihnen Budang entgegen.
»Na, wie habt Ihr denn geschlafen?« rief er.

»Da schlaf' einer,« bekam er von Röse zur Antwort, »das sind ja
miserable Zustände dort!« Jetzt kam auch der alte Sperber auf sie zu,
schlug die Mädels zum Morgengruß auf die runden Schultern:

   »Pastors Kinder und Müllers Vieh
   Gedeihen selten, -- oder nie.«

fügte er belehrend hinzu.

»Das muß wahr sein,« brummte Röse.

»Wenn das so bekannt ist, daß man sogar einen Vers darauf gemacht hat,
da sollten die Pfarrer doch wahrhaftig lieber keine Kinder haben,
wenigstens nicht so viele, wie Deiner drüben.«

»Da bin ich ganz Deiner Meinung,« nickte der Gutsbesitzer nachdenklich.

»Ja, aber mit dem Vers, Röse, wenn Du wüßtest, wie wenig es nützt, ob
auf das Ding ein Vers gemacht ist oder nicht. -- Da unten, Eure
Gesellschaft, frag sie nur, was es der Welt nützt, daß sie solche
strafbare Massen zusammenschreiben -- in dem verruchten Nest! Sie werden
selbst sagen, wenn sie noch einen Tropfen gesunden Verstand übrig
behalten haben, daß alles beim Alten bleiben wird. Was schwarz und weiß
dasteht, hilft verflucht wenig; nur die Dinge sind die wahren, die aus
den Tages- und Nachtstunden, wie aus ihrem Erdreiche selbst
herauswachsen. Das andere Zeugs taugt nichts! Es ist gut, daß wir einmal
darauf kommen, ich muß sagen, mir ist's lieb, daß zwischen mir und Eurem
verdrehten Weimar der gute, alte Ettersberg liegt. Bei Euch ist mir die
Wirtschaft mit der Dichtersbagage nachgerade zu überschwenglich
geworden! Das geht ja über unsereins hinweg, als wären wir bis aufs
letzte im Preise gesunken! Na, mich hat Weimar lange nicht gesehen;
fragt einmal, was dazumal, ehe der Schwindel bei Euch losging, der alte
Sperber in Weimar galt, fragt einmal, ob er nicht überall der erste
gewesen ist. Ja, das waren damals noch Zeiten! -- Du lieber Gott!« --

Der Gutsbesitzer ging gedankenversunken zwischen den beiden Mädchen.

»Na,« sagte Röse begütigend, »wie die Zeit für den Herrn Paten bei uns
vergangen ist, so vergeht sie auch für die andern.«

»Nur mit dem Unterschiede,« setzte der Gutsbesitzer hinzu, »den alten
Sperber haben sie bei Lebzeiten schon vergessen. Mit denen jetzt werden
sie's anders halten.«

»'s ist auch natürlich, Pate,« meinte Röse. »Die haben auch ihren
redlichen Plack gehabt, bis sie so weit gekommen sind. Wir wollen's
ihnen gönnen, du lieber Himmel, und wenn ich dächte, ich sollte mein
lebelang wie unsere Weimarischen arbeiten, um schließlich berühmt zu
werden. Proste Mahlzeit, ich würde mich bedanken!«

»Hör' einmal, Röse,« unterbrach Budang sie, »laß Horny so etwas hören,
der hat so wie so gesagt, daß wir dich das nächste Mal nicht mit ins
Theater nehmen, weil Du so unartig und unverschämt sprichst, und dann
will ich den Jammer nicht sehen.«

»Wenn Ihr Röse nicht mitnehmt, geh ich auch nicht,« bekam Budang von
Marie zur Antwort, und die Sache war erledigt.

                   *       *       *       *       *

Ein überreichliches Frühstück versammelte die ganze Gesellschaft.
Währenddem wurde beraten, was man weiter beginnen wollte, und schon im
voraus gab der Tag, da alle Wünsche betreffs der Unternehmungen
zusammenfielen, das heiterste und anmutigste Bild. Es war für den
Nachmittag ein Gang auf des Paten große Wiesen verabredet, auf denen
gerade Heuernte gehalten wurde. Sie zogen nach Tisch aus; die
Gutsbesitzerin hatte ihnen einen Korb voll verlockender Gegenstände
gepackt, die Ernst Schillers Reitpferd aufgeladen wurden. Das gute Tier
mußte seine Motion haben.

Dieser fröhlichen Heufahrt, als sie am Nachmittage zur Ausführung kam,
gab Röse einen ganz besonderen, interessanten Beigeschmack.

Auf des Paten Wiese war ein großer Teich, an dessen Ufer die
Gesellschaft sich gelagert hatte.

Röse war wie besessen vor Vergnügen über das schöne Wasser, hatte sich
platt an das Ufer gelegt und die Arme in den Teich gehängt, und diese
hübschen, festen Arme »Fisch« spielen lassen. -- Zu dieser Vorstellung
verlangte sie, daß alle zusehen müßten. -- »Nun seht doch, seht doch!«
rief sie. »Wie sie in den Grund fahren, die beiden großen Hechte -- da
wird wohl etwas für ihren Schnabel stecken; -- da, und nun sind sie
wieder oben und plätschern.« Und während sie das erklärte, spritzte sie
um sich her, daß die hellen Wasserfunken über sie und die Zuschauer
hinfuhren. Darauf sprang sie in die Höhe -- um sich irgend eine andere
Vergnüglichkeit auszudenken. Und nach unendlichem Gaukeln und Tollen
platschte Röse von einem Steg, der zum Schöpfen in den Teich
hinausgebaut war, wie es kaum anders zu erwarten stand, endlich ins
Wasser.

Es wurde, während sie noch darin steckte, von Marie statistisch
bewiesen, daß es das siebente Mal in Röses Leben war, daß man sie aus
dem Wasser ziehen mußte. Marie litt auch nicht, daß einer der Kameraden
sich hineinstürzte, um die Schwester zu retten.

»Wartet nur, ich will es schon sagen, wenn es nötig ist. Es wäre ja
schade um die Anzüge.«

»Röse, stehst Du, hast Du denn Grund?«

»Ja,« prustete Röse, die tüchtig getaucht war, und der das Wasser bis an
das Kinn ging.

»Dann tapp vorwärts,« kommandierte Marie mit aller Kaltblütigkeit. Die
beiden hatten Routine und benahmen sich bei solchen Gelegenheiten
tadellos.

»Hier ist verdammter Schlick am Boden! Pfui Kuckuck!« schimpfte Röse.

»Warum bist Du 'rein gefallen!« gab die Schwester zur Antwort.
»Vorwärts!«

Budang und Ernst von Schiller zogen den Fisch schließlich zum Ufer
hinauf.

»Nehmt Euch in acht, nehmt einen Stock, daß sie Euch nicht so sehr
anfaßt!« ermahnte Marie bei dieser Prozedur fortwährend. »Ihr habt keine
Wäsche weiter mit.«

Da stand nun der arme Schelm, die Röse, in der warmen Sonne lebendig
zwar, aber triefend und tropfend. Um die allerliebste Gestalt lag das
dünne Kattunkleidchen wie ein Schleier, aus den Zöpfen rannen
Wasserbächlein.

Ernst von Schiller war auf seinem geschmähten Reitpferd davon
galoppiert, um ihr vom Gute Kleider zu holen.

Franz Horny, der zukünftige Maler blickte wie versunken auf Röse hin und
sagte ruhig und träumerisch, wie es seine Art war, zu Budang: »Giebt es
etwas Hübscheres, als unsere beiden Mädchen?« Budang nickte ihm zu.

Inzwischen hatten sie Rösen ein Kämmerchen aus duftendem Heu
aufgeschichtet, in dem sie aus ihren nassen Kleidern in trockene
kriechen konnte, die durch Ernst von Schillers Bemühen und durch des
Pferdchens Anstrengung schnell genug da sein mußten. Und so schnell, wie
es sich irgend erwarten ließ, kam er auch angesprengt und schwenkte das
punktierte Kleid lustig, wie eine Fahne. Als er Marie alles überreichte,
sagte er in der lebendigen Erregung des schnellen Rittes: »Famos ist es,
was für Unsinn die Leute sagen, wenn man mit einer unverhofften
Nachricht kommt. Die Patin steht in der Thür, und ich rufe: Röse steckt
im Wasser bis über die Ohren! Herr Jeß! schreit die Patin: Da ist sie
gewiß naß? Damit war sie aber schon in vollem Trab ins Haus hinein und
nach den Kleidern.«

Marie reichte der Schwester die Sachen in das Heukämmerchen von oben
hinein. Und es dauerte nicht lange, da bohrte sich Röses
freudestrahlendes Gesicht durch die duftende Wand.

»Ich bin jetzt schon ganz hübsch trocken!« versicherte sie der
Gesellschaft. »Es dauert gar nicht mehr lange, aber es geht so schwer,
ich muß mich auf den Knieen anziehen, sonst gucke ich oben übers Heu
heraus!«

»Na, mach nur,« rief Marie, »und trödle nicht!«

Als Röse nun wieder im Schmucke des punktierten Gewandes, heiter und
lustig wie ein Morgenstern, durch ihre Heumauer kroch, stieg die
prächtige Laune höher und höher. Sie sprachen dem Äpfelwein der Patin
auf das lebhafteste zu, verzehrten, was sich von ihrem Vorrat verzehren
ließ, alles, bis auf Gläser und Teller, und verabredeten für den andern
Tag abends einen Rettungsball zu Rösens Ehre. Die Volontäre auf dem Gute
wollten sie veranlassen, noch einige Freunde und Mädchen aufzufordern,
denn die Sache sollte außerordentlich werden.

                   *       *       *       *       *

Und es kam zu diesem Balle. Es kam zu allem Glanze dieses Balles, es kam
noch zu den schönsten Stunden.

Die blumengeschmückten, hübschen Kinder tanzten bis in die stille Nacht
mit ihren lieben Kameraden, schienen die fremden Gäste nur deshalb
gewünscht zu haben, um desto ungestörter mit den Freunden zusammen sein
zu können, und es war ihnen eine Erhöhung des Vergnügens, daß sich außer
ihnen noch mehr festliche Gestalten im Garten und Haus bewegten. Durch
ihre frohen Gäste bekamen sie wohl unbewußt die Bestätigung, daß das
Leben wirklich schön, wirklich überreich sei. Was that es den
Ratsmädchen, daß sie aus dem lustigen Treiben am späten Abend in das
Schlafzimmer der Pfarrerskinder schlüpfen mußten, daß sie dort
nachtsüber allerlei Abenteuer durchzumachen hatten, allerlei sonderbares
Zeug und viel Geschrei und Gezänk.

Sie hatten sich auch bald in Respekt gesetzt durch tüchtige Püffe, die
sie am Morgen von ihrem Bette aus, halb im Schlaf, jedem versetzten, der
sich ihnen nähern wollte, und sie blieben unbehelligter.

                   *       *       *       *       *

Tagelang hatten sie schon auf dem Gute die Zeit überdauert, die sie
anfangs bleiben wollten, da kam eines Morgens Franz Horny in den
Pfarrersgarten gelaufen und pfiff vor dem Fenster des großen
Schlafzimmers.

Die Mädchen hörten es und schlüpften eiligst in ihre Kleider und standen
bald erwartungsvoll draußen vor der Thür.

»Macht Euch fertig,« rief Franz Horny, mit der Miene, als käme er, etwas
Herrliches zu verkünden. »Macht Euch fertig, wir gehen heut' alle
miteinander hinunter nach Weimar ins Theater. Wir wollen uns schon
hineindrängeln, da seid ohne Sorge. Sie geben ein neues Stück von
Goethe, den >Tasso<.«

»Wir sind dabei,« meinte Marie. »Und wer wollte Rösen erst nicht
mitnehmen?«

»Laß sein! Die kommt natürlich mit. Flöten-Lobe wird uns schon wieder
einlassen!«

»Flöten-Lobe?« fragte Röse gedankenlos.

»Ja doch,« antwortete Horny.

Daß es jedermann genau wisse: Etliche Thüren und Pförtlein im Theater
wurden besonders geschlossen, und ein junger Musiker hatte die Aufsicht,
er hieß Lobe, blies die Flöte, folglich »Flöten-Lobe«.

Diesen verband eine warme Freundschaft mit unseren Helden, und diese
Freundschaft vermochte ihn, der Kasse des Theaters ein Schnippchen zu
schlagen, so daß die leichtsinnige Gesellschaft auf Schleichwegen ihre
Kunstgenüsse umsonst hatte, was bei einem Kunstgenuß von schöner und
bedeutungsvoller Wirkung ist.

Wären die Ratsmädel auf bezahlte Theaterplätze angewiesen geblieben, da
hätte es windig damit ausgesehen; aber deshalb, weil sie zwei schlimme
Schmeichelkatzen waren und mit aller Welt anbanden, und weil sie so
viele gute Freunde hatten, saßen sie im Theater, wann sie Lust spürten,
hörten die herrlichsten Dinge, sahen vielberühmte Menschen -- und gaben
nie einen Heller dafür aus.

Heute also wurde >Tasso< gegeben. Das war unsern beiden recht. Besonders
wohl weil sie fürs Leben gern etwas Neues sahen.

So verabschiedete sich die Gesellschaft mit tausend Dank und dem
Versprechen, sehr bald zurückzukehren, von ihren Wirten und zog mit dem
gepackten Pferdchen den Ettersberg hinab, Weimar zu, einem neuen Genusse
entgegen. --

Frau Rat empfing ihre Kinder auf das liebevollste und zärtlichste, ging
gern auf ihren Theaterplan ein, hatte dies und das an ihren Fähnchen
auszubessern, denn so ein paar übermütige Tage nehmen den Sommerstaat
ausgelassener Mädchen stark mit, und Frau Rat wollte, wenn die Kinder
auch auf Hintertreppen und Schleichwegen ins Theater gelangten, daß sie
ihr, wenn sie glücklich darin säßen, wenigstens keine Schande machten.

Sei Du gepriesen, Frau Rat!

Es soll Dich niemand schelten, der sich klüger dünkt und in rechtlichen
Dingen korrekter zu denken gewohnt ist, als Du!

Budang und Franz holten die Mädchen ab, und die Mutter ermahnte noch zur
Vorsicht, wegen des Erwischtwerdens.

»Da seien Sie außer Sorge, Frau Rat,« sagte Budang, einigermaßen in
seiner Ehre gekränkt. »Wenn die Mädchen mit uns sind, geschieht ihnen
nichts. Wir haben sie noch jedes Mal durchgebracht.«

Und es ging auch diesmal vortrefflich. Flöten-Lobe hatte die Thüren
aufgelassen, die zum Einschlüpfen erforderlich waren, und bald standen
sie in dem heiligen Raume, zuerst sehr bescheiden in einem Eckchen; aber
schon mit dem Vorhaben, sobald es thunlich, ein paar recht gute Plätze
zu erwischen.

»Da ist er schon,« sagte Franz Horny und blickte nach Goethes kleiner,
düsteren Loge, unter der herzoglichen. Dort in der Dämmerung saß er.

Der Vorhang ging auf, und Schönheit, Reinheit und Vollendung strömte
über die Seelen hin. Weihe umhüllte alle, andächtiges Schweigen erfüllte
den Raum, und die Herzen der Schauenden schlugen in erhöhtem Leben. Die
ernste Gestalt in der kleinen, dämmerigen Loge verschwand zu Zeiten, war
dann wieder gegenwärtig. Welch ein Abend war dies, welch ein Empfinden,
den Schöpfer solcher Größe, solcher Schönheit nahe zu wissen! Über
unsere guten Freunde war alles Große, was sie hörten, erhebend, mächtig
gekommen.

Sie waren alle verschönt und gaben ein Bild beseligter Jugend ab. Sie
sprachen kein Wort, aber sie hatten das einige Gefühl, daß sie
miteinander genossen und das Vertrauen zu einander, daß jeder verstand
und jeder entrückt war.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Ende der Vorstellung blieben sie an einer Thüre draußen auf dem
Platze stehen.

»Ich will ihn heute noch einmal sehen,« sagte Franz Horny leise zu den
Mädchen. »Wir wollen hier warten.« Und sie warteten. Ernst von Schiller
hatte sich auch noch zu ihnen gefunden. Bald gingen sie einer mächtigen,
schön schreitenden Gestalt nach, die in einen weiten Mantel gehüllt war;
alle schweigend.

Sie gingen durch die Esplanade, die Frauenthorstraße und folgten der
Spur des größten Menschen.

Sie sahen ihn die Stufen zu seinem Hause ruhig hinanschreiten. Sie sahen
ihn eintreten und blickten hinauf nach den erleuchteten Fenstern.

So standen sie eine Zeitlang.

Marie sagte: »Hört einmal, weil alles jetzt gar so schön war, da wollen
wir auch einmal etwas thun: in Wielands Garten blühen jetzt die Lilien,
die ganze Partie um die Kaffeeküche ist voll davon. Von Iris haben sie
auch ganze Klumpen in Blüte -- und was man sonst noch findet. Ihr,« sie
wies auf die Kameraden, »Ihr sollt übersteigen und zusehen, was Ihr
bekommen könnt. Wir sagen es Wielands einmal, oder sagen es auch nicht,
wie es sich macht. Es wächst dort wie Unkraut. Die Blumen binden wir
dann in zwei große Büschel an die Kettensteine hier vor der Treppe. Er
wird sie morgen schon sehen, aber es müssen tüchtige Büschel sein, viel
Grünes dazu. Bast zum Binden, daß wir sie an den Steinen festbekommen,
der hängt in Wielands Kaffeeküche, links am Haken, hinter der Thür.«

Die Freunde waren einverstanden und machten sich in aller Begeisterung
auf, um unschuldsvoll in Wielands Garten einzubrechen.

Ernst von Schiller, Budang und Horny kletterten glücklich über, warfen
den Mädchen ganze Ladungen der frischesten, tauigsten Blumen zu und
Zweige Bandgrasbüschel -- Röse und Marie rafften und banden mit
brennenden Wangen, was ihnen zufiel, zusammen -- und ehe die drei
glücklichen Diebe wieder zurückgestiegen waren, standen die Mädchen
schon bereit, jedes mit einem Riesenwerk von einem sommerlichen Strauß
in dem Arme.

»Der Tausend, so viel haben wir gelangt?« rief Budang erstaunt.

So zogen sie denn wieder beladen zurück. Und bald duftete es um die
Prellsteine an den breiten Stufen, die zur Hausthür führten, von dem
Blumenopfer, das die begeisterten, von Lebensgenuß und Jugendkraft
durchdrungenen Diebe gebracht hatten.

Während Röse sich noch an ihrem Strauß etwas zu schaffen machte, sagte
sie: »Übrigens ist es kein Wunder, wenn es ihm,« sie zeigte hinauf nach
dem Fenster, »so gelingt. Wenn man einmal ein großer Mensch von Natur
ist, da braucht man nur zu leben, und es macht sich von selbst, gerade
so, wie sich bei uns nichts macht. Mir thut Ernsten sein Vater leid, daß
er so früh hat sterben müssen.«

Ohne daß sie noch ein Wort dazu sprach, steckte sie eine Knospe, die sie
aus dem großen Blumenreichtum brach, ihrem guten Freunde an die Brust.

Jetzt brachten die drei Kameraden die Mädchen nach Hause, und über die
schönen Erlebnisse des Tages sanken die Träume.




                          Dritte Geschichte.

                 Handelt von der alten Kummerfelden.


So ungebunden das Leben unserer Ratsmädel sich gestaltete, so geschah es
doch, daß sie hin und wieder ernstlich angehalten wurden, etwas
Vernünftiges zu treiben.

Die Mutter sah ihre Kinder als vollgiltige Geschöpfe an, deren Willen
und Neigungen man berücksichtigen mußte. Gegen das Erlernen von fremden
Sprachen und Musik hegten sie von früh an, wie gegen etwas völlig
Überflüssiges und Zeitverderbendes, einen heftigen, unüberwindlichen
Widerwillen, der nach manchem Versuch, die Mädchen anders zu überzeugen,
geachtet worden war. Man hatte sie in der stark ausgesprochenen Neigung,
ihren Geist von jenem Ballast frei zu halten, schließlich nicht mehr
gehindert.

Frau Rat war der ruhigen Überzeugung, daß ihre Mädchen mit gesundem
Menschenverstand genügend versorgt seien, so daß sie das Darum und Daran
zur Not entbehren konnten, ja, daß man kaum bemerken würde, daß ihnen
etwas, worauf andere großen Wert legen, abgehe. Sie dankte ihrem Gott
dafür, daß die beiden Rangen zu Handarbeiten einige Neigung zeigten, und
war froh, daß es sich mit ihnen so und nicht anders gestaltet hatte,
denn hätten sie in Musik und Sprachen bis über die Ohren gesteckt und
dabei ihrer Hände Arbeit verächtlich von oben herab behandelt, so wären
sie für Frau Rat ein paar rechte Sorgenkinder geworden, denn diese baute
alle Hoffnung für eines Mädchens Glück und Zufriedenheit auf deren
Fleiß, Ordnungsliebe und kluge Selbstthätigkeit im Hause, mochte das
Mädchen dann sein, wie es wollte, es würde sich sicher als Frau dem
Manne doppelt nützlich machen, denn wo auch Schönheit, Leidenschaft
vergeht, bleiben Ordnung, Behagen, Fleiß als liebgewordene Gewohnheit
zurück und treten in volle Rechte ein. -- Und Frau Rat erkannte bei
allem Übermute und aller Unart ihrer Mädchen dennoch einen guten,
vertrauenerweckenden Kern in ihnen. In guter Einsicht hatte sie neben
dem kärglichen Schulunterricht, den die beiden genossen, für tüchtige
Kräfte gesorgt, die ihnen Anweisung in der Kunst weiblicher Handarbeit
erteilen sollten. -- Da war zuerst die Jungfer Concordia, die mit aller
Liebenswürdigkeit ihrer sanften Person auf unsere beiden eingewirkt
hatte und ihnen auch mit mancherlei Kenntnissen unvermerkt beigekommen
war.

Als Jungfer Concordia von Kränklichkeit oft heimgesucht wurde und die
Mädchen nicht immer um sich haben konnte, riet dieselbe der Mutter, Röse
und Marie zu der alten Kummerfelden zu thun, die in jeder Weise eine
vertrauenerweckende Persönlichkeit sei.

Und so geschah es; unser Kapitel soll von der alten, wunderlichen
Kummerfelden handeln und ihrer damals weit berühmten Nähschule. Die
besagte Madame Kummerfelden war, wie männiglich bekannt, früher
Schauspielerin gewesen und zwar eine große Künstlerin, vortreffliche
Darstellerin der Julia und Ophelia. In Hamburg, Frankfurt, Leipzig und
Weimar hatte sie einen guten Namen gehabt. Jetzt saß sie in einem
kleinen Häuschen, das sie in Weimar den Entenfang nannten. »Entenfang«,
weil es an einem Wassergraben lag, in dem die Enten der Flederwischmühle
ihr Wesen trieben und vor einer Schleuse in der Nähe des Häuschens Halt
machen mußten.

Die Schleuse, die in einem versteckten, von dichtem Buschwerk
überwachsenen Winkel lag, hatte den Müller schon um manchen fetten
Braten gebracht, denn verdächtiges Gesindel wußte von diesem Versteck
aus die Enten, die sich dort gern aufhielten, da sich daselbst allerlei
Vorzügliches für ihren Geschmack staute, zu beschleichen und
wegzukapern.

So wohnte die Kummerfelden im Entenfang, und im Entenfang hielt sie ihre
vielbesuchten Nähstunden. -- Das kleine Haus, es steht noch, hatte sich
jedenfalls ein närrischer Kauz vor langen Jahren nach seinem Behagen und
Geschmack erbaut, und der Geschmack bewies, daß der Erbauer desselben
einiges überflüssiges Geld besessen, denn auf die sonderbarste Manier
hatte er an unmotivierte Stellen und Ecken des Häuschens kleine Säulen,
die nichts trugen und stützten, anbringen lassen. Wo es ihm beliebt
hatte, klebte an der Wand, auf einem Konsol oder irgend einem Vorsprung,
ein Säulchen, auch über den Thüren standen sie zu dreien und vieren;
alle hatte man, wie die Wände, gleichmäßig gelb übertüncht, und sie
waren der Ärger der Kummerfelden, solange dieselbe das Häuschen
bewohnte.

Sie hatte in einer erbosten Stunde berechnet, daß an die dreihundert
Reichsthaler durch die verwünschten Säulen und Säulchen an den Wänden
und in den Ecken verbaut waren, und dieser tote Schatz war ihrem
praktischen Sinn ein wahrer Ekel.

Was ihr Haus aber lieb und wert machte, mochte eine Einrichtung sein,
die sie für ihre Zwecke gar nicht besser wünschen konnte -- und von der
sie sich nicht ausreden ließ, daß der Erbauer des Häuschens diese schon
in der Vorahnung ihrer künftigen Existenz darin habe treffen müssen.

Denn auch die Kummerfelden, wie jeder gute Sterbliche, hielt ihr eigenes
Dasein für den Punkt, auf den alle Linien zuliefen. Die Einrichtung, die
sie so erfreute und die allerdings großen Einfluß auf ihre Art zu leben
und zu wirken hatte, war folgende: Die beiden Hauptzimmer des Hauses,
ein größeres und ein kleines, lagen wohl nebeneinander, wie das
gebräuchlich ist, aber sie lagen nicht auf gleichem Niveau, sondern von
der kleinen Stube führten breite Stufen in das große Zimmer hinab. --
Das war eine verzwickte Bauart -- aber, wie es sich herausstellen wird,
für die Zwecke unserer Kummerfelden wie erfunden.

Die Alte hatte in dem oberen kleinen Zimmer ihr Bett, das ein
rotgeblümter Vorhang umschloß, und einen Schrank voll Raritäten; darüber
hingen ihre Lorbeerkränze, die glückliche Jahre ihr eingebracht hatten,
wie Erntekränze von der Decke herab.

Ferner hatte sie in diesem oberen Reich ihre Destillation. -- Sie war
die Erfinderin des Kummerfeldschen Wasch- und Schönheitswassers, das bis
heute noch in jeder Apotheke Deutschlands und weit über Deutschland
hinaus zu haben ist. -- Und die Alte war der lebende Beweis, daß ihrer
Erfindung zu trauen sei, denn trotz ihrer Jahre hatte sie ein frisches,
blühendes Aussehen und hielt viel auf sich. Sie trug eine Haube mit
Ohrenklappen und mächtigen Bändern, wie außer der ihren keine weiter im
Städtchen anzutreffen sein mochte. Ihre Kleidung war von altem,
bewährtem Schnitt, der von allerlei leichtfertigen Erfindungen längst
überholt war, dem sie aber mit vollem Selbstbewußtsein treu blieb. Das
Muster ihrer Kleidung mußte stets ein geblümtes sein; sie liebte es,
einen freundlichen Eindruck zu machen, und ein geblümtes Kleid war ihr
das erste Erfordernis, um solch einen Eindruck hervorzubringen.

Die Möbel der Kummerfelden verrieten samt und sonders, daß sie einer
praktischen, zugleich lebhaften Person, die es mit dem Leben leicht
nahm, angehörten. Die Kommode zum Beispiel gab Zeugnis davon. Diese
stand auf drei Kugelbeinen, das vierte ersetzte seit einer Reihe von
Jahren ein vorzüglich passender, roter, irdener Blumentopf und genügte
beiden, der Kommode und der Kummerfelden, auf das beste. An einer lila
Schnur, die mit einem Nagel an dem Kommodenrand befestigt war, hing eine
zweizinkige Gabel herab, die als Brecheisen und Hebel dienen mußte, um
den Schlüssel zu ersetzen.

Mit dieser stach die Kummerfelden mit einer ausgezeichneten, nie
fehlenden Sicherheit in die drei Fächer hinein, ohne das Möbel jemals
lebensgefährlich zu beschädigen, und jedes Fach zeigte, was dem
Verfahren nach natürlich war, eine Stichfläche, ähnlich der, die den
linken Zeigefinger einer fleißigen Näherin kennzeichnet.

Als Schmuck des Zimmers schien die Künstlerin ihre geblümten Gewänder zu
betrachten, die in aller Unschuld und Fröhlichkeit an den Wänden umher
hingen. Das machte den Eindruck, als liebe die Kummerfelden sie um sich
versammelt zu sehen. Der einzige Stuhl des Zimmers stand vor dem
Himmelbette, war ein Lehnstuhl mit großen Ohren und hatte ein
außerordentlich freundschaftliches und gutmütiges Aussehen. Über dem
Bette, von dem Himmel herab, hingen die auserwähltesten Lorbeerkränze,
mit gewaltigen Schleifen, die jedenfalls aus tiefen Gründen diesen
Ehrenplatz erhalten hatten. Außerdem aber hing über dem Bette ein
rotseidener, verblichener Beutel, der das Schnupftuch für die Nacht
barg, eine Ledertasche, in der sich zu jeder Zeit Zwieback und ein
stärkendes Schlückchen befand. Die Kummerfelden litt, wie viele alte
Damen, an momentanen Schwächezufällen, die zu Zeiten in merkwürdig
kurzen Pausen wiederkehrten.

In einem anderen Beutel über dem Kopfkissen, der an einer Schnur sich
bis auf das Bett herabziehen ließ, lag ein Gebetbuch und das Testament
der alten Künstlerin.

In das Gebetbuch, an der Stelle, wo die Stoßgebete für das letzte
Stündlein standen, hatte sie, der Vorsorge wegen, eine dicke Schnur
gelegt, daß, wenn es einmal unvermutet ans Sterben kommen sollte, sie
sich mit leichter Mühe zurecht finden und einigermaßen Trost verschaffen
konnte.

Einsame Menschen müssen sich für die Nachtzeit in allen Dingen vorsehen,
denn es lebt und stirbt sich beschwerlich allein, und die sonderbarsten,
bequemsten und vorteilhaftesten Einrichtungen ersetzen zu manchen
Stunden die kärglichste Gesellschaft nicht.

In dem oberen Stübchen blieb sie allein Herrin, kein fremder Fuß durfte
es betreten, in dem unteren hingegen war das Reich ihrer Schülerinnen,
ihrer Elevinnen, wie sie dieselben vorzugsweise gern benannte.

Da wurde genäht, gestickt, gestrickt und gestopft und endlos geplaudert.

Die Kummerfelden saß während der Unterrichtszeit auf der zweitobersten
Stufe der Treppe, welche die beiden Zimmer miteinander verband, und
hatte sich dort einen höchst behaglichen Sitz eingerichtet, mit Kissen
und Polstern. Das Stück Stufe, das ihr zum Sitz diente, war von ihr
selbst, um es sicher und bequem zu haben, etwas verlängert worden durch
ein festgenageltes Brett; und von diesem Throne herab überwachte sie
ihre Mädchen, von da herab tönten ihr munteres Lachen, ihre Verweise,
ihre Aufforderung zu einem Gange ins Freie, wunderbare Erzählungen aus
ihrem bewegten Künstlerleben. Von hier aus las sie ihnen vor,
deklamierte sie ihre alten Rollen. Es war ein ganz prächtiger Platz, um
die Schülerinnen zu überblicken. Die Kummerfelden hatte scharfe Augen,
so leicht entging ihnen nichts. Sie kannte ihre Mädchen. Außerdem hatte
sie eine ganz besondere Schlauheit angewendet, um genau zu wissen, was
vorging. Sie hatte sich von jeher als schwerhörig angestellt, damit die
unten ungestört alles und jedes laut miteinander plaudern konnten in dem
Glauben, ihre Meisterin verstände nichts. Dabei waren aber die Ohren der
Alten unter der Mütze wie Luchsohren so scharf, und sie lachte sich ins
Fäustchen, wenn die von ihr Getäuschten ganz ungeniert und laut Dinge
sprachen, die sonst wohl gar nicht in ihrer Nähe oder doch im Flüsterton
verhandelt worden wären.

Doch hatte sie diesen Betrug nicht aus Bosheit, sondern aus wahrem
Interesse an ihren Zöglingen ausgespielt und lachte manchmal in sich
hinein über die närrische Welt, denn jede neue Generation, die auf ein
Jährlein oder zwei bei ihr eingethan wurde, um zu lernen, benahm sich
genau wie die vorhergehende. Eine jede behandelte mit unerhörter
Wichtigkeit Dinge, von denen man der Art nach, wie die Mädels darüber
sprachen, annehmen mußte, daß diese Dinge überhaupt zum allerersten und
unwiderruflich letzten Male auf Erden stattfinden würden.

»Hört einmal, Ihr Sakramenter,« rief die Kummerfelden von ihrem Throne
herab eines Tages, als sie es ihr da unten zu toll trieben, es war zur
Zeit, als auch die Ratsmädchen bei ihr saßen. »Hört einmal, Ihr da
unterhaltet Euch doch nicht etwa von Liebesgeschichten? -- Ihr macht mir
gerade solche Gesichter.«

»I bewahre,« rief eine Schülerin lustig, »was denkt die Madame!«

»Ei Du!« murmelte die Alte in ihre große Haubenschleife hinein, »daß
Dich doch! -- Das lügt nun einmal, so lange die Welt steht!« Damit
beruhigte sich die Kummerfelden wieder, da sie doch nichts an der Welt
ändern konnte.

»Aber,« sagte sie, »im Falle Ihr einmal von Liebesgeschichten sprechen
solltet, und weil wir einmal darauf gekommen sind, will ich Euch doch
meine Geschichte mit dem Schauspieler Krakow erzählen. Es ist zwar nicht
viel daran, aber doch genug, um zu sehen, daß man auf alles gewärtig
sein muß im Leben.«

Und mit wahrer Herzenslust legte sie los und erzählte dies und das und
von Hamburg und von Bremen und sprach eifrig: »Also denkt Euch! Ich
verlobe mich mit besagtem Herrn Schauspieler. Er war ein recht schöner
Mensch von guten Gaben, war auch nichts gegen ihn einzuwenden, daß ich
wüßte. Zurückgelegt hatte er noch nichts, das hatte ich gethan und alles
schien so leidlich in Ordnung.

Mir war von ihm ein goldener Ansteckekamm verehrt worden, und ich gab
ihm eine perlengestrickte Börse. Sie liegt noch oben in meinem
Schrankkasten, denn er mußte mir, wie er das einem anständigen
Frauenzimmer nicht verweigern konnte, bei der Auflösung unserer
Verbindung die Börse zurückgeben, und unsere Verlobung löste sich, durch
Gottes Schickung, folgendermaßen:

Mein Verlobter übersandte mir zu meinem Geburtstag ein Körbchen mit
Mandeln und Rosinen, dazu ein Verschen, über das Ihr staunen werdet, da
es bis jetzo noch nicht zutrifft und recht zeigt, was für ein
verräterischer und verleumderischer Mensch mein Verlobter war. Schickt
mir also das Körbchen, und der Vers war so:

   »Runzlich zwar, doch süße;
   Nimm sie und iß se.«

Diesen Vers, wenn man das abgeschmackte Ding so nennen kann, verehrte er
mir.

Natürlich ist das »runzlich, doch süße« eine Anspielung auf meine Person
gewesen. Ich war damals die jüngste nicht mehr und Witwe, doch weit
entfernt von dergleichen, was er andeutete; was Ihr mir glauben werdet,
wenn Ihr bedenkt, wie ich jetzt, nachdem so viele Jahre darüber
vergangen sind, noch aussehe.«

»Aber weiter,« sagte die Kummerfelden: »Ich konnte natürlich die
Beleidigung nicht auf mir sitzen lassen und schrieb ihm den Absagebrief,
wie es einem anständigen Frauenzimmer geziemt. Er hat ihn auch ohne
weiteres angenommen und ist kurze Zeit darauf mit der Soubrette
durchgegangen, so daß die ganze Angelegenheit den Anschein einer rechten
Verräterei trug. Mir hatte das Schicksal in diesem Falle wohlgewollt,
wenn man bedenkt, daß er sich später sein Lebtag mit der Soubrette
geprügelt hat und daß er alles durchbrachte, was irgend sich
durchbringen ließ. Ihr seht,« fuhr sie fort, »daß es mit
Liebesgeschichten seinen Haken hat. Schwatzt nicht soviel darüber, das
lockt das Böse an. Nehmt's, wie es kommt und grämt Euch nicht, wenn es
nichts wird, der ganze Handel ist des Aufhebens nicht wert, das man
darum macht. Nehmt Euch ein Exempel an mir, wie ich es mit dem
Schauspieler Krakow machte. Alles kurz und bündig und keine Zerrerei,
wenn es nichts wird. Kommt Ihr zu einer Heirat, mir soll's recht sein;
aber besser ist es allemal, es kommt nicht dazu; das heißt, wenn man ein
resolutes Frauenzimmer ist und weiß, was man will. Und ich bin eine
Verheiratete und sag das; merkt's Euch: kein solch Ding von einer
Jungfer, die von Angelegenheiten schnackt, die sie nicht kennt.«

Ob Madame Kummerfeld durch ihre Erzählung und ihre Ermahnungen in
Wahrheit glaubte, Eindruck auf die übervollen Herzen um sie her zu
machen? Wohl schwerlich.

Sie war zu sehr durch langjährige Erfahrungen von der
Unverbesserlichkeit ihrer Schülerinnen überzeugt. Es mochte ein launiger
Einfall sein, der sie dazu veranlaßt hatte, und übrigens stimmte sie mit
den Schülerinnen im Grunde des Herzens überein; auch sie fand, daß es
eine schöne Sache um das Lieben und Geliebtsein sei. Sie hatte auch das
Ihre genossen, war aber seit lange vollkommen mit ihrer Herzensruhe
einverstanden, wünschte es nicht besser und hatte ihren Spaß an denen,
die noch mitten darin steckten oder gar eben erst begannen. Diesen
liebte sie es, ein paar herbe Bissen, wie eben jetzt, vorzuwerfen.

Was brauchen die Mädchen zu wissen! Sie würden es schon erfahren!

Eine dumme, alte Gans, die es jungen Dingern läpperig macht!

Solcher Art waren die Ansichten der Kummerfelden.

Ja, man sollte sie einmal hören, wie unterschiedlich sie mit einem
Mädchen sprach kurz vor dessen Hochzeit, und mit einem, bei dem
vorderhand noch nichts in Aussicht stand. --

Die Kummerfelden war, wie alle klugen, liebevollen Leute, doppelzüngig
im guten Sinn, und richtete deshalb im Verkehr mit den Mädchen gar wenig
Unheil an; trotz ihrer Geschwätzigkeit.

Sie hatte für ihre Schülerinnen eine warme und teilnehmende Liebe,
führte auch in ihrem Tagebuch für jedes der Mädchen eine Rubrik, in die
sie ihre Wahrnehmungen und ihr Urteil über die Betreffende eintrug. Da
standen auch die Ratsmädel kurz und bündig als ihre Lieblinge
verzeichnet, ohne jeden weiteren Zusatz; den hielt die Kummerfelden in
dem Falle, in welchem sie ihren höchsten Ehrentitel gab, für unnötig.

Was für liebenswerte Schuleinrichtungen und Gesetze hatte die prächtige
Frau für ihre Mädchen gut geheißen und erfunden!

Einrichtungen, die so ganz dem Empfinden der Jugend angepaßt waren. Da
gab es einen Lohn, der das lobenswerte Geschöpf, dem er zuerteilt wurde,
mit heiligem Schauer überrieselte. Wer ganz vorzüglich gearbeitet und
dies ununterbrochen eine Zeitlang durchgeführt hatte, diese Auserwählte
durfte während einer Unterrichtsstunde in den weißen Schuhen der Julia,
Shakespeares Julia, auf den Treppenstufen erhöht sitzen. Diese Schuhe
hatte die Kummerfelden in ihrer guten Zeit als Julia im Sarge getragen.
Keines der Mädchen konnte sich etwas Geheimnisvolleres als diese weißen,
immer noch unverbrauchten Atlasschuhe denken, und die Glückliche, die
sie tragen durfte, fühlte sich durch dieselben und durch die Art, wie
die Kummerfelden sie ihr feierlich anlegte, aus den profanen
Lebenskreisen gehoben. Mit den Schuhen der Julia an den Füßen, war dem
Mädchen der Vorhang, der ihm noch vor der Welt des Schönen hing, ein
wenig eingerissen. Julias Zauber, Julias Liebe, Julias selige Sprache
sank auf sie nieder, und sie fühlte sich geweiht und allem anderen
entrückt. Die Kummerfelden hatte die Schülerinnen wohl eingeführt in die
Bedeutung dieser Attribute.

Sie hatte ihnen, von ihrem Sitzplatze auf der Treppe aus, ihre alte
Rolle wiederholt deklamiert, so wie sie es sonst in ihren jungen,
begeisterungsvollen Jahren gethan.

Und die Julia in der großen Haube mit Ohrenklappen, in dem geblümten
Kleide, hatte die Zuhörerinnen ganz hingenommen und zu Thränen gerührt
und tief erschüttert.

Welche zaubervollen Stunden verstand die Gute den Mädchen zu bringen,
und wäre sie noch sonderbarer, noch bei weitem grotesker und
befremdender gewesen, ihr gutes, reines Herz, ihre freundliche
Gesinnung, ihr heller Geist wäre durch alles durchgedrungen und hätte
sich durch jedes Hindernis hindurch offenbart.

Ein weiterer Ansporn für Fleiß und Betragen war von den Schülerinnen
selbst ersonnen, von der Meisterin gut geheißen und hatte sich als
Tradition von einer Klassengeneration auf die andere fortgeerbt. Die
Mädchen waren immer mit Eifer dahinter her, daß soviel Hemden wie
möglich zu gleicher Zeit fertig wurden. Das Zuschneiden und vollendete
Nähen dieser wichtigen Kleidungsstücke lehrte die Kummerfelden mit Weihe
und Gesetzesstrenge, denn es erschien ihr als oberstes und erstes
Erfordernis weiblicher Bildung die untadelhafte Vollendung eines Hemdes.
Ein Mädchen, das in dieser Wissenschaft nicht auf erwünschter Höhe
stand, schien ihr ein Greuel, deshalb war es ihr recht, daß sich aus dem
Empfinden der munteren Geschöpfe selbst eine Art Feier, die die
Vollendung eines solchen Meisterwerkes begrüßte, herausgebildet hatte.

Die Mädchen sorgten nämlich dafür, wie schon gesagt, daß soviel Hemden
wie möglich zu gleicher Zeit fertig wurden und richteten dies aus kluger
Berechnung ein, damit jede nach der Lehrstunde ihr neues Hemd über das
Kleid ziehen konnte, und alle miteinander zogen dann derart ausstaffiert
im Zug durch die Straßen auf Umwegen nach Hause.

Wenn die weißangethane Schar, im Gefühle ihres Fleißes und einer schönen
Errungenschaft, bei der Kummerfelden aufbrach, da blickte ihnen diese
wohlwollend nach und freute sich über die Hemden, die sie übergezogen
hatten. Weder bei ihr, noch bei den Schülerinnen kam ein Zweifel auf, ob
dieser muntere Triumphzug auch ganz in den Regeln des Anstandes sich
bewegte. Die Mädchen zogen im Schmucke ihrer vollendeten Kunstwerke
unangefochten dahin, hörten, wie ein paar verständnisvolle Frauen, an
denen sie vorüberkamen, sagten: »Herrjes, da sind die Kummerfeldschen
schon wieder mit ihren Hemden fertig!« Die Gassenbuben riefen ihnen
nach:

»Kummerfeldsche Hemdenmätze!«

Man schaute ihnen nach, jung und alt; aber durchaus nur wohlgefällig.
Die Einrichtung der Kummerfelden hatte den Charakter einer Sitte
angenommen, und einer Sitte, sie mag noch so dumm sein, bezeugt
jedermann Verständnis und Achtung.

Außerdem machte der Zug der Hemdenmätze Propaganda für die Nähschule.
Das wußte die kluge Kummerfelden ganz wohl. Auf ihren Vorteil war sie
sehr bedacht.

Doch mochte sie eine jener Frauen sein, bei denen jede Regung sich in
Liebenswürdigkeit verwandelt, Berechnung in artige Laune und
Schrullenhaftigkeit in Reiz. Sie war so glücklich, alle ihre
Eigenschaften für andere angenehm gestalten zu können, es mochte wohl
keines unter ihren Mädchen sein, dem sie nicht eine liebe Erinnerung
durchs ganze Leben geblieben ist.

Wenn sich nach langen, langen Jahren, die über das Grab der Alten
hingegangen waren, alte Weimaranerinnen auf der Straße begegneten, die
in ihren jungen Jahren bei der Kummerfelden genäht und sich vielleicht
seit jener Zeit kaum wieder gesprochen hatten, da stiegen ihnen so
liebwerte Bilder auf, und die Gestalt der Madame hielt ihnen gleichsam
ihre schöne Jugendzeit wie ein gutes Lieblingsgericht, an dem sie nun
schon lange nicht mehr gekostet, wehmütig lächelnd entgegen.

Als unsere Röse eine alte, prächtige Frau geworden war, Großmutter und
Urgroßmutter, da kam ihr einmal nachts die Erinnerung an eine
wunderschöne Geschichte: »Die Abtei Balderoni«, die die Kummerfelden
stückweis vorgelesen hatte und die sie nie zu Ende gebracht, denn sie
war darüber gestorben. Und die Urgroßmutter dachte noch mit Bedauern
daran, daß die Kummerfelden damals nicht hatte zu Ende kommen können.

Die Erzählung, die die junge Röse entflammt, und die Art des Vortrages,
die sie hingenommen hatte, wirkte in der alten Frau, über die ein
reiches Leben hingegangen war, in der dunklen, einsamen Nacht noch fort,
und sie fühlte sich überströmt von Erinnerungen, die ein paar wenige
noch mit ihr teilten.

Es war ein unbedingt durchdringender Eindruck, den die Nähmeisterin auf
ihre Mädchen ausübte. Sie mochte vorschlagen, was sie wollte, man war
immer dabei, ihre Ideen durchzuführen.

So veranstaltete sie Spaziergänge mit ihren jüngsten Schülerinnen, und
zwar ging sie mit ihrer Schar in den Park zu bestimmten Stunden, während
derer die Herrschaften dort zu promenieren pflegten. Da legte sich die
Kummerfelden mit ihren Elevinnen in Hinterhalt, wie die Jäger auf den
Anstand, und lauerte, ob sich etwas Fürstliches zeigen würde, und wenn
sich etwas näherte, da kamen sie alle vor und gingen entgegen, und die
Kummerfelden machte einen so ausgezeichneten, unübertrefflichen Knix,
»kautzte so tief«, wie die Mädchen sich ausdrückten, daß sie immer erst
nach einer langen Weile, wenn man schon alle Hoffnung aufgegeben hatte,
sie wiederzusehen, in die Höhe kam, mit einem unnachahmlichen,
würdevollen Ausdruck, als wäre nichts geschehen.

Sie hatte übrigens während ihrer Versunkenheit alles um sich her bemerkt
und besonders das, daß die Mädchen sich gewöhnlich ihr Vorbild nicht zu
Herzen genommen und einen äußerst leichtsinnigen Knix zu stande gebracht
hatten.

»Denkt Ihr denn,« sagte sie dann aufgebracht, »daß ich die Knixerei für
mich mache? Daß ich mir zur Übung auf die Herrschaften warte, Ihr
Dummhüte? Das nächste Mal, wenn wir ihrer wieder habhaft werden, bitte
ich mir Gehorsam aus, -- hört Ihr? --! Ich könnte Euch ja auch vor
Stühlen Eure Knixe machen lassen und weshalb nicht; aber ich bin nicht
für etwas Halbes, erst, wenn man in der Patsche sitzt, weiß man, wie man
sich benimmt. Also das nächste Mal aufgepaßt!«

Excellenz von Goethe bekam auch so manchen Knix von der Kummerfelden mit
ihrer Schar. Für ihn hatte sie besonders weihevolle, doch nicht so tiefe
Verbeugungen, wie für die Herrschaften in Bereitschaft. »Jedem das
Seine,« sagte sie. »Geistige Größe ist aller Achtung wert, so lange wir
aber im Fleisch und nicht im Geiste wandeln, muß sie zurückstehen.«

»Im künftigen Leben ist das dann anders,« versicherte sie ihren
Zuhörerinnen. -- »Dann kommen dergleichen Unsinnigkeiten nicht mehr vor.
Hier müssen wir es mitmachen, und wer es nicht thut, zeigt, daß er keine
rechte Auffassung und Würdigung des Lebens hat, weder des irdischen,
noch des himmlischen.

Macht einer hier Verstöße, wird er sie auch dort machen, denn es kommt
alles auf die Klarheit an, daß man die Dinge so ansieht, wie sie sind
und wie sie hier angesehen werden müssen.

Wer das thut, ist ein kluger und anständiger Mensch, gegen den sich
nichts sagen läßt.«

Das waren weise Regeln der Kummerfelden.

Sie war eine nachsichtige Frau und ließ um sich her Dinge geschehen, die
eine andere verpönt haben würde.

Während der Nähstunden trieb sich nämlich vor den Fenstern des
Entenfangs allerlei lose Gesellschaft umher.

Die Kummerfelden gebrauchte deswegen eine Vorsicht, sie setzte in die
Nähe des Fensters immer die jüngsten, den Jahren nach die
unschuldigsten, von denen sie wußte, daß sie noch keine
Liebesgeschichten anzettelten.

Die Ratsmädel hatten diesen Vorposten inne; aber wie es so geht, in
Ermangelung eines anderen Weges wurde so manches Briefchen geheimnisvoll
durch das offene Fenster oder durch eine Spalte geschoben und von den
Ratsmädchen der Besitzerin zugesteckt.

Röse und Marie selbst empfingen allerlei niedliche Sächelchen auf diesem
Wege, eine Blume, ihre aus Papier ausgeschnittenen Namen: Marie und
Therese (Budang war in dieser Kunst Meister), eine Düte mit
allerfeinsten Malzbonbons, aber keine Briefchen; bis dahin hatten es
unsere beiden noch nicht gebracht. Sie überreichten der Kummerfelden die
schönsten der zugesteckten Bonbons, die sich dafür bestens bedankte und
selbige ganz munter auf ihrem Throne zerknackte, denn sie hatte gute
Zähne.

Das war die Kummerfelden mit ihrer Nähschule, ihrem Verständnis für die
liebe Jugend, ihren kräftigen Ausdrücken und ihrer klugen, freundlichen
Seele.

Durch Madame Kummerfeld hatte Röse eine wertvolle Bekanntschaft gemacht,
nämlich die des Türmers Kesselring, der mit der Nähmeisterin in
Verwandtschaft stand, und zu dem Röse verschiedene Male auf den Turm
wegen einer Ausrichtung geschickt worden war. Er schrieb Noten und
Manuskripte ab, und da die Kummerfelden noch immer ihre Verbindungen mit
dem Theater hatte, konnte sie ihrem Vetter allerlei Arbeit vermitteln
und besorgen, was sie getreulich that, und so wurde Röse verschiedene
Male zu ihren Ausrichtungen benützt. Die hatte sich, wie sie es überall
that, wo es ihr gefiel und wo sie sich wohl fühlte, auch bei dem Türmer
Kesselring und seinen Leuten einzuschmeicheln gewußt und war auf der
Höhe des Stadtkirchen-Turmes ein immer gern gesehener Gast. --

Der Türmer wartete des Amtes, das sein hoher Titel bezeichnet, war
nebenbei Abschreiber, Schuhflicker, alles in einer Person, ein fleißiger
Mann, der auch allen Grund zu seinem Fleiße haben mochte, denn es galt,
für ein ganzes Häuflein Kinder, die in dem Turme eingenistet waren, zu
sorgen. Kesselrings waren zufriedene und ordentliche Leute und machten
sich das Leben so angenehm, wie es in ihrer Lage irgend möglich war,
feierten ihren Weihnachten im Turmstübchen mit aller Festlichkeit, buken
zu Ostern und Pfingsten große Kuchen, die sie durch die Turmwinde
hinabließen, damit sie im Backhause vollendet würden. Sie leierten sie
dann wieder gebacken herauf, daß ihnen der süße Geruch in die Nase
stieg.

Röse, die diese Bekanntschaft merkwürdigerweise allein unterhielt, hatte
bei den Türmern schon Weihnachten mitgehalten und alle anderen
Festlichkeiten, auch die Taufe des jüngsten Türmerleins.

Wie merkwürdig geheimnisvoll und für ein junges Gemüt tief anziehend war
ein Weihnachten auf dem Turm!

Wie in Wolken von fallendem Schnee umgeben, saßen die guten Leute und
der Gast in dem behaglichen Stübchen bei dem brennenden Christbaum und
einem Karpfengericht. Der Wind trieb die Flocken an die Fenster und
verdeckte und überzog sie fast. Tief unten in der Stadt leuchteten
Lichter durch den Schneenebel, kein Geräusch klang herauf -- alles, was
den Turm umgab, war Weichheit, Reinheit, Frische, und der Türmer
Kesselring blies am offenen Fenster einen Choral in den sprühenden
Schnee hinaus.

Und welches Behagen, welche Lebensfreude war in dem engen, hellen Raum,
dem einzigen belebten Orte in solcher Höhe! Von Elementen umbraust,
hockte es sich so behaglich da oben. Röse kauerte mit den Kindern in
einer Ecke, und sie sahen dem Erlöschen der Lichter am Baume zu.

Da brannte eins noch hell, das Stümpfchen war verzehrt; es flackerte
auf, es zischte ein wenig und flackerte wieder und flackerte noch einmal
und glimmte dann; ein würziger Rauch wie von einem kleinen Opfer stieg
auf, und noch ein Glimmen, und es war verlöscht -- verlöscht für ein
Jahr. Denn bis wieder die Lichter angezündet wurden, mußte ein Frühjahr
hingehen, ein Sommer, -- ein Herbst, ein langes, langes Leben.

Was konnte dazwischen geschehen? Die Frage that Rösens Herzen wohl; was
kommen konnte, war nur Wiederholung von dem, was bis jetzt geschehen,
und das war so gut, so schön gewesen!

Und wie unbeschreiblich war es bei Kesselrings; wie sonderbar sich die
Karpfen auf Turmeshöhe und auf dem ärmlichen Tisch ausnahmen; so ganz
fremdartig, weihevoll und feierlich, und wie sie dufteten, als wären es
die schönsten Spiegelkarpfen, und waren doch so kleine, ruppige Dinger,
denen man, um ihnen Wichtigkeit für den Magen zu verschaffen, eine
tüchtige Portion Kartoffeln zur Begleitung beigeben mußte.

Sie thaten aber, so klein sie waren, ihre volle Schuldigkeit, brachten
über alle, die um den Tisch saßen, herrlichste Weihnachtsgefühle, waren
für aller Augen unantastbar vorzügliche Weihnachtskarpfen, an denen zu
kritteln ein Vergehen gewesen wäre. Wie undeutliche, zum Herzen
sprechende Offenbarungen lagen sie auf dem Tisch und verschwanden wie
Erscheinungen in den rosigen Mündchen der Kinder, um nur Gräten und
angenehme, süße Erinnerung an ihre Gestalt und ihr ganzes weihevolles
Wesen zurückzulassen.

Der Pfefferkuchen, die Äpfel, die Nüsse, die unter dem Baume lagen,
waren auch für alle Anwesenden nicht gewöhnlicher Pfefferkuchen -- nicht
gewöhnliches Obst, Gott bewahre! Das waren mystische Dinge, die
Lebensfreude, die Überfülle bedeuten und gläubig und fröhlich
hingenommen wurden. Weihnachten bei guten, armen Leuten ist etwas
Wundervolles!

Auf dem Turm war die beschwerliche Einrichtung, daß jede Stunde zur
Stadt herab getutet werden mußte, und nicht nur jede volle Stunde,
sondern jede Viertelstunde mit größter Genauigkeit. Ein Uhrwerk gab es
noch da oben nicht. Das war eine Einrichtung, die ganz nach Rösens
Geschmack war.

Sie steckte oft ganze Nachmittage, ganze, lange Abende hindurch oben bei
Kesselrings, zu keinem anderen Zweck, als um pünktlich den Lauf der Zeit
der Stadt zuzublasen, dabei machte sie sich ihre Gedanken und kam sich
unbeschreiblich wichtig vor. Und so manche Stunde, in welcher in der
Stadt Weimar auf Dauer Hinstrebendes geschaffen wurde, so manche dieser
Stunden hat ein schöner Mädchenmund vom Turme herab verkündet.




                          Vierte Geschichte.

           Die Ratsmädchen laufen einem Herzog in die Arme.


Frau Rat hielt darauf, daß ihre beiden Mädchen alljährlich in den ersten
Frühlingswochen eine Erholungskur gebrauchten, zur Kräftigung ihrer
Gesundheit und Schönheit.

Sie hatte da einen harmlosen Kräuterthee von dem Vetter Apotheker
ausgekundschaftet, den filtrierte sie in frühester Morgenstunde ihren
beiden Schelmen ein und ließ sie danach in den frischen Morgen laufen.
Sie war nicht dafür, daß man erst abwarte, bis Krankheit den Menschen
überkommen und sich gar eingenistet habe, ehe man etwas zur Stärkung
thue, sondern hielt es für klüger, dem Übel vorzubeugen, und fuhr auch
gut dabei: denn ihre Mädchen gediehen zu ihrer vollen Zufriedenheit, und
die jährliche Frühlingskur schlug vorzüglich bei ihnen an, sei das nun
dem schönen Morgengenuß zuzuschreiben oder dem guten Appetit, den die
beiden sich auf ihren Spaziergängen holten. Trotz der Einfachheit des
Lebens bei Rats und mancher ärmlichen Einrichtung wurden unsere beiden
in vielen Dingen auf das vorsichtigste gepflegt und behütet.

Frau Rat wußte die Schönheit ihrer Kinder zu schätzen und bestrebte
sich, sie ihnen für eine gute Dauer zu kräftigen.

Denn diese Schönheit war deren einziges Erbteil, und Frau Rat wußte aus
Erfahrung, welche Ruhe und Heiterkeit aus andauernder Schönheit
entspringt.

So wurden unsere beiden von frühester Jugend an mit Bedacht gestriegelt
und gebadet, wie zwei wertvolle Pferdchen. Die Mutter hat die Pflege des
wunderbaren Haares ihrer beiden eigens übernommen, flocht und kämmte es
selbst und wusch es ihnen regelmäßig mit Salzwasser, und das war kein
kleines Opfer, das die vielbeschäftigte Frau brachte; aber sie hätte um
keinen Preis die Pflege dieses großen Schatzes den leichtsinnigen,
unverständigen Dingern selbst überlassen.

So geschah es durch die Fürsorge und Liebe ihrer guten Mutter, daß es
eine Freude war, die wohlversorgten Kreaturen anzusehen, trotzdem sie
sich auf Straßen und Gassen herumtrieben, mit allerlei Volk verkehrten,
ein Leben führten wie ein paar lustige Buben und von jedermann als
Ausbünde angesehen wurden, die wenig gelernt und so wenig behalten von
aller Weisheit, die man in sie einzufüllen bestrebt gewesen war, daß es
eine Schande blieb. Die Mädchen verdankten ihren Morgenspaziergängen
mancherlei Gutes, das sie in ihrer Faulheit, wenn die Mutter sie nicht
hinausgetrieben hätte, wohl schwerlich erfahren haben würden.

Während dieser Gänge tauchten sie beide in der Stille der unberührten
Frühlingsherrlichkeit wahrhaft unter und wurden von der Reinheit der neu
erwachten Natur durchdrungen. Sie lernten so das Schöne und Stille
lieben, und die gute, sorgsame Frau Rat hätte die beiden Töchter nächst
der Jungfer Concordia und der Madame Kummerfelden in keine bessere
Schule schicken können, als in die frühe Stunde, die ein erlauchter
Lehrer, der Frühling selbst, hielt. Sie kamen immer in einer etwas
gesänftigten Stimmung zurück, von der sich Gutes hoffen ließ, und hatten
noch dazu von außerordentlichen Erlebnissen, die andern Sterblichen
selten oder nie begegneten, zu berichten. Fanden sie auch für ihre
Mitteilungen meist wenig Glauben, so ließen sie sich doch durchaus nicht
stören, ihre gemeinschaftlichen Gänge zu einem Quell für Wahrheit und
Dichtung werden zu lassen; bald war ihnen, als sie mitten im Grünen
saßen, ein wildes Karnickel in den großen Hut gelaufen, der neben ihnen
lag, bald sonst sehr Ungewöhnliches passiert. Einmal, und das ist eine
Geschichte, solcher unartigen Geschöpfe wert, da hatten sie, da sie
nichts Besseres zu thun wußten, sich mit ihren Haaren zusammengeflochten
und zwar so fest, dicht und verzwickt, daß sie sich schließlich nicht
wieder auseinander bekamen und einen alten Herrn, der an ihnen
vorüberging, bitten mußten, ihnen behilflich zu sein.

Sie konnten das Benehmen ihres Retters aus dieser Not gar nicht
sonderbar und grotesk genug beschreiben, wie er den gewaltigen Knäuel,
der die goldene Haarflut Mariens und die bräunlich-blond glänzende
Rösens zusammenfaßte, verwundert und bedenklich in der Hand gewogen; wie
er die beiden von oben bis unten betrachtet habe, wie wenn er sich
vergewissern wolle, ob es auch bei ihnen ganz richtig sei. Röse
berichtete auf das genaueste, wie der Herr neben ihnen gestanden. Sie
hatten ihre Köpfe so eng aneinander geflochten, daß sie sich, als sie
sich erhoben, kaum bewegen konnten, und sie erzählten lachend, wie er
nach längerem, verwundertem Schweigen gesagt haben sollte: »Nun teilen
mir die beiden holden Kinder aber mit, wie sie zu dem artigen, sie
werden mir verzeihen, dummen Streich gekommen sind? Denn, bei Gott, es
ist keine Kleinigkeit für ungeübte Hände, solch einen allerliebsten
Knäuel auseinander zu bringen.«

Röse schnitt damit wohl etwas auf, daß sie darauf erwidert habe: »Man
kommt auf die eine Dummheit geradeso wie auf alle andern auch, ich weiß
nicht, wodurch eigentlich, mein Herr.« Da habe der alte Herr, der eine
gelbe Weste trug und ein rundes, weißes Gesicht hatte, sehr gelacht.

»Fremd war er,« sagte Röse, »sonst hätten wir ihn gekannt. Jedenfalls
mußte er irgend ein durchreisendes Licht sein, davon kommen ja
gewöhnlich welche an. Ich machte auch so eine Andeutung, und nach seinem
Gesicht, das er zog, zu schließen, werde ich nicht fehlgegriffen haben.
Unser alter Herr hat übrigens gut daran gemußt, bis er die »Wirrschette«
(wie sie in Weimar sagen) einigermaßen auseinander bekam, und wir
konnten uns nicht rühren, ohne daß er zauste, und er hatte geächzt und
gelächelt und gestöhnt und um Vergebung gebeten ohne Ende.«

»Ei, was dem Menschen für sonderbare Dinge passieren können,« hat er in
allen Ausdrücken wiederholt.

»Wird es mir einer glauben, was mir hier auf meinem harmlosen
Spaziergange passiert ist? Ich möchte mir von den beiden Demoisellen ein
Beglaubigungsschreiben über das Begebnis überreichen lassen.«

»Das ist doch so merkwürdig nicht,« hat Röse gesagt.

»So, so, so,« murmelte der Fremde. »Was seid Ihr denn für schlimme
Nixen, bringt Spaziergänger in Verlegenheit, alte, würdige Herren in
Bedrängnis?«

»I bewahre,« bekam er von Marie zur Antwort, »wie hätten wir sonst nach
Hause kommen sollen?«

»Macht nicht solches dummes Zeug, Ihr Mädchens,« hat sie der Herr in der
gelben Weste ermahnt, »Ihr könnt ja in Teufels Küche kommen!«

Wie viel und wie wenig Glauben ihre Geschichtchen fanden, kümmerte sie
beide nicht; sie erzählten sie dem, der sie hören wollte und nie kam es
vor, daß eine die andere Lügen strafte. Sie hielten zusammen, und was
die eine sagte, vertrat ohne weiteres die andere. Ob es wahr oder nicht
wahr sein mochte, das stand in zweiter Linie, darauf kam es nicht an.
Das erste Bedingnis blieb, daß sie einander beistanden wie ein paar
echte, rechte Spießgesellen. Dies Vertrauen, das eine zur anderen hatte,
mochte wohl auch der Grund sein, daß sie sich miteinander so wohl und
sicher fühlten.

Da war es einmal, daß ein unbeschreiblicher Maimorgen über der Erde
ausgebreitet lag, Nachtigallen schlugen im weimarischen Park, der
Hollunder duftete, das junge Laub strömte sanfte, würzige Gerüche und
strahlendes Farbenlicht aus. Auf den taufeuchten Wegen lag es wie ein
Frühlingshauch, so daß sie unbetreten erschienen.

Auf den Wiesen an der Ilm schimmerte noch ein leichter Frühnebel, aber
schon wärmte die Sonne und teilte all der zarten Frühlingspracht Kraft
zum Ausdauern mit.

Auf dem breiten Parkweg laufen unsere beiden Frühaufsteher, Hand in
Hand, und da sie sich immer und überall auf ihre Art vergnügen müssen,
so laufen sie jetzt, da ihnen nichts Besseres einfällt, _rückwärts_ wie
die Krebse, dem wohlbekannten römischen Hause zu, das sonnbeschienen,
weißbeleuchtet, von einem dunkeln Lebensbaum beschattet, säulengetragen,
an des Parkes Hauptweg liegt. So trotten sie hin in allem Behagen und
mit dem ganzen Eifer, den sie für jede Thorheit, auch für die geringste,
anzuwenden gewohnt sind.

In dieser Morgenstunde sind sie vollends alleinige Herrinnen des Parkes
und können thun und treiben, was ihnen beliebt.

Sie unterhalten sich über das Benehmen einer Gesellschaft Mädchen, die
damals mitten darin im weimarschen Leben steckten, älter als die
Ratsmädel waren und diese zu allerlei Vertraulichkeiten, zu Botengängen
u. dergl. sich herangezogen hatten.

Wir werden von dieser Gesellschaft noch erfahren.

Jetzt plauderten unsere beiden über die Mädchen und räsonnierten über
sie und ihre Liebeshändel, in die sie durch ihr Amt als Botengängerinnen
manch einen Blick gethan hatten, und übten eine scharfe Kritik an allem,
was diese Schönen betraf und was sie von ihnen erfahren und erlauscht
hatten. Und wie sie so rückwärts mit auffallender Sicherheit, jedenfalls
durch lange Übung errungen, klatschend und plaudernd hineilten, fühlten
sie mit einem Male einen mächtigen Widerstand. Sie erschraken, guckten
mit großen Augen und fanden sich in den ausgebreiteten Armen eines
stämmigen Mannes, in den Armen ihres Landesherrn Karl August, der sie,
als er sie so eifrig dahertraben sah, aufgefangen hatte.

»Schönen guten Morgen,« sagte er ihnen, indem er sie festhielt, »Ihr
seid mir schöne Kerle, Euren Herzog umzurennen. Wenn ich nun nicht so
fest auf den Füßen stände, jetzt läge ich da, und Ihr kämt für die Unart
direkt ins Zuchthaus. Donnerwetter, steht es denn mit Euch noch immer so
schlimm? Ich hörte, Ihr wäret vernünftiger geworden?«

»Bis sieben Uhr ist das unser Park, Hoheit,« erwiderte Röse schelmisch
befangen, als Karl August sie frei gelassen, und beide knixten tief und
^a tempo^ nach dem Rezepte der alten Kummerfelden. Zum Glück waren sie
nicht zusammengeflochten.

»I der Tausend, sind wir hübsch und schlau geworden. Gute Gaben für
junge Frauenzimmer. Aus der Schule nun endlich?«

»Ja, bald, Hoheit!«

»Gratuliere! Das soll ja für Euch eine böse Zeit gewesen sein?
Kondoliere noch nachträglich.«

»Wie man's nimmt,« meinte Röse. »Sie war so schlimm auch wieder nicht.
Man muß die Dinge nicht schwer nehmen; dann sind sie nicht schwer.«

»So, Ihr betrügt den lieben Herrgott, Ihr Tausendsapperloter? Dann
macht's nur so fort. Seht Ihr, da sind wir ja schon.« Sie standen vor
dem römischen Haus.

»Habt Ihr schon gefrühstückt?«

»Noch nicht, Hoheit, wir haben erst Gesundheitsthee getrunken!«

»So fehlt Euch etwas? Wart Ihr krank?«

»Nein, uns fehlt gar nichts, wir trinken nur so.«

»Das läßt sich hören,« sagte Karl August lachend. »Kommt mit und
frühstückt bei mir.«

Die Mädchen sahen sich bedeutungsvoll an, ungefähr mit dem Ausdrucke,
als wollten sie sagen: Da hätten wir ja wieder einmal etwas zu erzählen;
aber dieser einverständliche Blick verhinderte sie nicht, sich wieder
unterthänigst und vollendet zu verneigen und damit ihre Bereitwilligkeit
anzudeuten, daß sie mit Vergnügen die Ehre annehmen würden.

»Dann also vorwärts; ich bin hungrig, bin auch solch ein Frühauf wie
Ihr.«

Und sie gingen miteinander, der Fürst zwischen den beiden schönen
Kindern, die Stufen zu dem weißen, in der Sonne leuchtenden Hause
hinauf.

»Wir haben uns recht lange nicht gesprochen, dächte ich,« fuhr er fort;
»mein Gott, was das junge Volk heranwächst. Schade, daß es mit allen
Dingen so schnell zu Ende geht, und es giebt Schönes! Kinder, es giebt
Schönes auf Erden!«

Als sie miteinander bei dem Frühstück saßen, das Karl August seinen
jungen Gästen zuliebe hatte durch allerlei Leckerbissen vervollständigen
lassen, fragte er, nachdem sein Blick lange wohlgefällig auf den beiden
geruht:

»Hat Goethe Euch kürzlich gesehen? Der hat auch seine Freude an den
beiden Rangen. Darauf könnt Ihr Euch etwas zu gute thun.

Übrigens vortrefflich, daß ich daran denke. Ihr verderbt mir meine
Gitterthür an der Wilhelmsallee; was fällt Euch denn ein; was macht Ihr
denn da? Seid Ihr denn nicht klug, Euch dort zu schaukeln?« Röse und
Marie wurden feuerrot. »Dort haben wir Euch kürzlich vom Schlosse aus
beobachtet. Goethe hat das Opernglas dazu benützt; er wollte wissen, was
für zwei schöne Mädchen solche Gassenbubenstreiche ausführen. Schämt Ihr
Euch denn gar nicht, ist denn das Thor zum Schaukeln da?«

Vor den Fenstern des Schlosses, da liegt eine schönbogige Brücke, die
über die Ilm führt und die an ihrem Ende durch ein schmiedeeisernes Thor
abgeschlossen werden kann.

»Unser Garten liegt ja gleich hinter dem Thor, Hoheit,« entschuldigte
Marie sich, rot übergossen, »da müssen wir manchmal auf den Schlüssel
warten, wenn der Vater erst noch etwas zu thun hat, und was sollen wir
dann solange machen? Wir haben uns von jeher dort am Gitterthor
geschaukelt.«

»Meinetwegen thut's auch weiter,« sagte Karl August lachend. »Ich sehe
es mir gerne an, besonders, wenn Ihr die weißen Kleider mit den blauen
Schleifen anhabt, da macht es sich artig. Ein Ende muß es ja doch einmal
nehmen.«

»Ach, das war neulich, am Sonntag Nachmittag,« sagte Röse zu Marie
gewendet. »Vollends Sonntag Nachmittag, da schaukeln wir uns oft dort,
da weiß man so wie so nicht, was man anfangen soll.«

»Lesen thut Ihr wohl nie etwas?« fragte Karl August.

Beide Mädchen blickten verlegen nieder.

»Kennt Ihr denn so einiges, was meine Leute hier zu stande bringen?«

»Wir kennen alles, Hoheit,« sagte Röse erschreckt und doch erleichtert,
immer noch mit niedergeschlagenen Augen.

»Aber gelesen haben wir nichts, nicht wahr?«

»Nein,« sagten beide einstimmig und entschieden.

»Also durchs Schauspiel? gucke, gucke! Da geht Ihr wohl oft hinein?«

»Ja, Hoheit, immer!«

»Nun, diese Art Bildung muß für Eure Eltern aber doch eine gehörige
Ausgabe sein?«

Da saßen sie beide, feuerrot, und blickten sich ratlos an.

»Hört einmal, Schelme, Diebsgesindel,« sagte der Herzog freundlich,
»haltet Ihr es denn wirklich für möglich, Scherz beiseite, daß man so
Jahre lang immer glücklich mit der größten Regelmäßigkeit sich in das
Theater einschleichen kann, ohne daß sie einen wenigstens einmal
erwischen?«

Die Mädchen blickten sich besorgt und immer noch purpurrot an.

»Ich glaube, Ihr denkt es wahrhaftig! Ist denn Euch nie die Idee
gekommen, daß Ihr von höherer Hand, als von Eurem Flöten-Lobe, auf den
Schleichwegen beschützt wurdet? O! Ihr Schelme! Ihr Diebsgesindel!« rief
der gute Fürst, auf das herzlichste lachend. »Doch laßt es Euch gesagt
sein, Ihr habt Euren Landesherrn mit seiner vollen Bewilligung
hintergangen. Was denkt Ihr denn? Und hintergeht ihn nur ruhig und so
guten Gewissens wie bisher weiter.«

Jetzt, wo ein schöner Dank am Platze war, wußten sie beide nichts
Gescheidtes zu sagen.

»Laßt das, laßt das,« sagte Karl August liebenswürdig. »Macht es nur so
fort, ich und manch anderer haben unsern Spaß gehabt und werden ihn, so
Gott will, noch lange haben, wenn wir Euch Gesindel sitzen sehen. Nehmt
nur Eure Plätze so, daß ich kontrollieren kann, ob Ihr auch wirklich da
seid. Ich sehe Eure vergnügten Gesichter gerne im Theater, auch wenn Ihr
sie auf Schleichwegen und zum Schaden unserer Kasse hineintragt.«

Die drei plauderten noch lange miteinander.

Welch eine liebenswürdige Zeit war es, in die die schönen Jahre der
Ratsmädel fielen! Alle, die damals jung waren, waren gesegnet jung.

Die Ratsmädchen ließen es sich wohlschmecken im römischen Hause.

Karl August zeigte und erklärte ihnen Bilder, die an den Wänden hingen,
und Röse und Marie nahmen Gelegenheit, ihrem Gönner den Kameraden Franz
Horny und dessen Talent zu empfehlen.

»Ihr haltet ihn also für begabt und vielversprechend?« fragte der Fürst
liebenswürdig spöttisch.

»Ja, Hoheit,« sagten die Mädchen einmütig.

»Dann, wenn Ihr ihn dafür haltet, werden wir uns nach dem jungen Mann
umsehen.«

Ein Adjutant machte eine Meldung, und Karl August wendete sich zu seinen
Gästen.

»Wir müssen leider voneinander Abschied nehmen. Meine Räte kommen, jetzt
muß regiert werden,« sagte er lächelnd.

»Lebt wohl, Ihr beiden Prachtmädchen! Nach Eurem Franz Horny will ich
mich einmal umschauen, lebt wohl!«

Wie von einem frischen Winde getrieben, liefen die beiden, als sie die
Stufen des römischen Hauses überschritten, nach Hause, um zu erzählen.

Ob sie Glauben fanden oder nicht, das that nichts zur Sache. Was sie
wußten, wußten sie. Sie waren Manns genug, sich darüber zu freuen, aus
tiefstem Herzen vergnügt zu sein.




                          Fünfte Geschichte.

                          Das Damengärtchen.


Jene Gesellschaft lebenslustiger und gefeierter Mädchen, von denen
unsere beiden geplaudert, während sie ihrem Herzog in die Arme liefen,
hatten sie bei der alten Kummerfelden kennen gelernt. Als sie eines
Tages bei der Nähmeisterin eintraten, gewahrten sie zu ihrem höchsten
Erstaunen Personen versammelt, die sie nie dort zu sehen erwartet
hätten, die »ganze heilige Klerisei«, mit welcher Bezeichnung sie den
Bekanntenkreis einer älteren Cousine beehrt hatten. Zu diesem Kreise
gehörten unter andern: Ulrike von Pogwisch, Ottilie von Pogwisch, Adele
Schopenhauer, lauter geistreiche Frauenzimmer, die bei den Ratsmädchen
eben deshalb nicht in allzu großer Achtung standen. Sie waren sich beide
vollkommen darüber klar, daß es bei weitem schönere Amüsements auf Erden
gäbe, als in verteilten Rollen zu lesen oder an geistreiche Freunde
geistreiche Briefe zu schreiben, oder als »^in corpore^«, wie sie in
Weimar sagen, für den Besitzer einer schönen Seele zu schwärmen. Röse
besonders machte sich nicht viel aus dieser Gesellschaft und wich den
Mädchen, wenn sie bei der Cousine waren, aus, wie sie nur immer konnte.

So war es den beiden eine fatale Überraschung, diese Herrschaften bei
der Kummerfelden anzutreffen. Röse blieb einen Augenblick ganz verblüfft
in der Thür stehen. »Marie,« flüsterte sie, »da wird's Ernst. Sie wollen
sich verloben. Umsonst thun die es nicht, daß sie in ihren alten Tagen
noch nähen lernen.« Die Mitglieder der geistreichen Gesellschaft waren
so ein fünf bis sechs Jahre älter, als unsere Ratsmädel, und erschienen
daher Röse und Marie als bedauernswert alte Geschöpfe. »Sie haben
Goethens August jetzt fest, das sollst Du sehen!« flüsterte Röse weiter,
als sie eingetreten waren und Platz genommen hatten, »oder sonst einen
von ihren Schöngeistern. Da wird nun drauf und dran nähen gelernt. Es
ist ein Skandal, und wenn sie auch etwas wegkriegen, in einem Jahr haben
sie's sicher wieder vergessen. Dann sitzt August Goethe, oder wen sie
jetzt haben, da und kann zusehen, wer ihm seine Sachen flickt. Die,« sie
blickte geringschätzend auf die von ihr besprochenen Mädchen, »die
thun's nicht, sie werden sich hüten.«

»Sie werden ihn ja doch nicht alle heiraten!« sagte Marie.

»Nein, sie dürfen's nicht,« erwiderte Röse trocken; »aber verliebt sind
sie alle. Alle, wie sie da sitzen, das ist bei ihnen eine
Heidenwirtschaft. Meinetwegen!«

Ottilie von Pogwisch rief Röse und Marie so von oben herab zu:

»Na, was macht Ihr denn?«

»Hohlsäume,« schmetterte Röse.

»Kommt nur,« rief Ottilie, »und setzt Euch mit zu uns.«

»Gut,« sagte Marie, und beide setzten sich unter die andern.

»Aber was wollt Ihr denn eigentlich hier?« fragte Marie, als sie sich
niedergelassen hatten.

»Wir, wir wollen Eure Kummerfelden studieren,« erwiderte Adele
Schopenhauer ziemlich ungeniert laut, da sie von der Schwerhörigkeit der
Meisterin überzeugt war. »Wir sind vollkommen objektiv hier.«

»Das wird soviel heißen,« erwiderte Röse, die es drängte, auf dieses
geheimnisvolle Wort hin etwas Verständnisvolles zu entgegnen, »daß Ihr
nichts lernen wollt hier?«

»Gewissermaßen, ja,« bekam sie zur Antwort. »Es ist wenigstens
Nebensache.« Adele zog ein Heftchen aus ihrer Tasche, sie hatte schon
damals ihre schriftstellerischen Anwandlungen, und sagte: »Wir sind auf
Jagd nach Originalen; sie sollen jetzt mehr und mehr aussterben. Hier,«
sie schlug mit der flachen Hand auf ihr Büchlein, »hier wird
eingetragen, was sie auch thun und sagen mag, das tollste Zeug. Wir
wollen Eure Kummerfelden verewigen. Wenn Ihr es versteht, sie zum
Schwätzen zu bringen, dann thut's; je mehr, je besser!«

Die Kummerfelden, oben auf ihrem Sitz, hielt sich mäuschenstill, und
Röse antwortete: »Pfui, schämt Euch, das ist ja miserabel, herzukommen,
um sich über sie lustig zu machen; das leiden wir nicht, das ist
betrügerisch. Lernt lieber etwas bei ihr, das ist gescheidter.«

Die Kummerfelden hörte den Mädchen von ihrer Höhe herab behaglich zu und
schob eine Haubenklappe etwas vom Ohr, um noch besser zu lauschen. Röse
räsonnierte auf das heftigste und verwarf das Vorhaben der gefeierten
Mädchen als ganz abscheulich.

Am Abend schrieb die Kummerfelden in ihr Tagebuch: »Ob ich das Honorar,
das die Frau Großmama (die Frau Großmama war die Gräfin Henkel) den
beiden Pogwischs ausgesetzt hat, annehmen soll, ist mir zweifelhaft, da
die Mädchens, und ebenso die Adele nichts profitieren werden.« Von den
Ratsmädchen aber schrieb sie folgendermaßen:

»Gott behüte die freundlichen, wenn auch oft unartigen Geschöpfe.
Wahrheit ist Vornehmheit. Herz und Mund auf dem rechten Flecke haben,
ist Glück für sich und andere. Gesundheit ist Schönheit und Frische
Segen. Das sind meine Lieblinge!«

Durch den Verkehr bei der Kummerfelden wurden die Ratsmädchen in dem
Hause bei Schopenhauers heimisch und fühlten sich auch dort wohl und
zufrieden. Johanna Schopenhauer, die Mutter Adelens, schien unsere
beiden für zwei allerliebste Figuren anzusehen, die ihren Salon zierten,
in dem sich allabendlich bedeutende und berühmte Gäste einfanden.

So ließ sie die beiden oft durch Adele zu sich einladen, bald mit, bald
ohne Rats, bat die Mädchen, ihr bei dem Umherreichen von Thee und
Backwerk behilflich zu sein und erntete von allen Seiten Lob, daß sie
die beiden Pagen sich zugelegt hatte.

So waren sie eines Abends auch zu Schopenhauers eingeladen; ihre
Gönnerin hatte angeordnet, daß sie in weißen Kleidern kommen sollten,
und als sie zu der ihnen bestimmten Stunde erschienen, wurden sie von
Madame Schopenhauer und Adele in deren gemeinschaftliches Schlafzimmer
geführt. Dort lösten sie ihnen die prächtigen Haare auf. Jedem von den
Mädchen drückten sie einen dichten Rosenkranz, aus den schönsten Rosen,
tief in die Stirne, und so verwandelten sich die zwei in Genien, wie sie
nicht anmutiger gedacht werden konnten.

Adele war ganz hingenommen von dem reizenden Anblick und zeigte sich
rückhaltlos liebenswürdig.

Während sie sich damit beschäftigte, die Reize der beiden Mädchen schön
hervorzuheben, behandelte sie Röse und Marie in einer Art
Schaffensfreude wie zwei Kunstwerke, die aus ihrer Hand hervorgegangen
waren.

»So, jetzt sind sie fertig!« sagte Madame Schopenhauer, als Adele sie
ihr zur Prüfung vorgeführt hatte. »Nun stelle sie hinaus und sieh zu,
wie es gelingt.«

Den beiden Mädchen wurde jetzt die Anweisung gegeben, draußen auf der
erleuchteten Treppe Goethe zu erwarten, der nach längerer Zeit zum
ersten Male wieder den Abend bei Madame Schopenhauer verbringen wollte.

Das fuhr den beiden doch etwas in die Glieder.

»Ach, du großer Gott!« rief Röse in einem wahren Schreckenston.

»Hört einmal,« antwortete Adele, »seid nicht dumm und verderbt uns
unseren schönen Plan nicht. Ihr stellt Euch draußen auf die Treppe hin
und wartet. Das könnt Ihr doch? Und wenn er kommt, sprecht Ihr kein
Wort, faßt ruhig seine Hände und führt ihn zu uns herein und nehmt ihm
erst vor der Thür seinen Mantel und Hut ab. Alles ganz ruhig und still;
und wenn er mit Euch spricht, so antwortet ohne Scheu, Ihr seid ja nicht
auf den Mund gefallen. Und nun allons, es wird nicht lange dauern!«

Damit nahm sie Marie an der Hand; Röse folgte, und sie führte beide zur
Thüre hinaus.

Im Nebenzimmer waren schon Gäste versammelt. Man hörte eine lebhafte
Unterhaltung. Als Marie und Röse draußen auf der Treppe standen,
blickten sie sich verdutzt an.

»Du großer Gott!« murmelte Röse noch einmal. Marie zeigte sich
vollkommen gefaßt. »Er mag nur kommen,« sagte sie so ruhig, etwa wie ein
Jäger, der sich bereit gemacht hat, einen Bären gehörig zu empfangen.
Jetzt ging die Hausthür. »Das ist er!« flüsterte Röse.

Ungemein leichte, elastische Schritte hörten sie auf der Treppe. Der
Ankommende mochte wohl zwei Stufen auf einmal nehmen.

»Das ist er nicht,« sagten sie.

»Das muß Schopenhauers Kater sein,« meinte Röse leise. »Paß auf! Daß er
heute auch kommt, wundert mich!«

Der Ankommende war Arthur Schopenhauer, der Sohn Johannas und der Bruder
Adeles.

Ein närrischer Gast, der mit aller Welt so übel wie möglich stand. Wenn
er sich in den Gesellschaften seiner Mutter sehen ließ, gab er die
sonderbarste Figur ab und brachte die gute, formgewandte Frau während
seines Aufenthaltes in ihrem Salon aus aller geistreichen Würde und
Fassung durch Paradoxen, unartige Angewohnheiten, beißende Urteile und
Kritiken und berührte ihre an Almanachszartheit gewöhnte Seele durch
aufrührerische Aussprüche auf das unangenehmste. Dieser Störenfried der
schöngeistigen Theeabende seiner Mutter stürmte die Treppe herauf,
prallte um ein Haar mit den Ratsmädchen zusammen, sah auf, starrte sie
wie aus einem Traum erwacht an und sagte: »Bei Brahma! was ist denn
los?«

»Wir sollen Goethe erwarten,« antwortete Marie schüchtern.

»Das ist echte Weiberart! Können sie denn nicht aufhören drinn, den
Alten zu beschwindeln?« polterte Frau Johannas Sohn. »Wozu die Allotria?
Es ist ihnen nicht Einhalt zu thun, den Weibern! Sind sie mit Gottes
Hilfe soweit gekommen, daß sie unschädlich geworden sind, da suchen sie
Krücken und Stützen, exerzieren sich ein Vikariat ein, um zu
beschwindeln. So lernt's auch nur beizeiten, Ihr Schippchen!« damit war
er an den beiden Mädchen vorübergestürzt.

»Grobian,« sagte Marie.

»Grobian,« wiederholte Röse, »hör mal, grob ist er, mir aber lieber, als
alle zusammen drinnen mit ihrem Gethue, und garstig ist er auch, aber,
flink und behende, und seine Augen sind nicht übel.«

»Mein Geschmack ist er nicht,« erwiderte Marie kurz, »und ich kann nicht
sagen, daß es mir recht wäre, wenn Du Dich in den gerade vergucktest.«

»Schaf, wer redet davon,« war Rösens kräftige Antwort. Da ging die
Hausthür unten wieder.

»Herrjes, das könnte er aber sein!« flüsterte Röse.

Es bewegte sich ruhig, mächtig, majestätisch die Treppe hinauf, das
waren andere Fußtritte, eine andere Gangart, als die heftige, stürzende
des unliebenswürdigen Gastes von vorhin.

Röse hatte recht gehabt, er war es, Goethe war es.

Mit klopfendem Herzen standen die beiden schönen Geschöpfe auf der
obersten Treppenstufe und blickten auf ihn, wie er langsam und bedächtig
die Treppe herauf geschritten kam, den Schlapphut auf dem Kopf, um die
mächtigen Schultern einen dunklen, faltenreichen Mantel.

Als er auf dem letzten Treppenabsatz angekommen war, blieb er stehen,
blickte auf und gewahrte die beiden schönen Botinnen, die ihn
erwarteten. Der Anblick erstaunte ihn. Er verharrte einige Momente im
Anschauen der Mädchen.

»Artig! Anmutig, sehr anmutig!« rief er aus.

Die Genien gingen ihm ein paar Stufen entgegen und, als wäre der Teufel
in sie gefahren, so waren sie mit einem Mal verändert. Ihre
Schüchternheit, ihre Angst war gewichen, jede Bewegung wurde begeisterte
Hingebung und Grazie -- und sie empfanden, als flögen sie Goethe selig
entgegen.

Als sie die Arme ausstreckten, um seine Hände scheu zu fassen, schaute
Goethe wie ergriffen auf die jugendlichen Gestalten und sagte mit
eigentümlich mächtiger Betonung:

   Dunkle Augen seh ich blinken
   Unter dichtem Blumenkranze!

Darauf ergriff er die Hände der Mädchen, nickte ihnen freundlich zu und
ließ sich hinauf geleiten.

Als er mit den beiden schönen Gestalten in das Zimmer seiner Freundin zu
den Gästen eintrat, war bemerkbar, daß dieses Eintreten auf die
Anwesenden eine wunderbare Wirkung hatte.

»Wie schön Sie Ihre Gäste empfangen, Frau Johanna.« Mit diesen Worten
begrüßte Goethe die Frau des Hauses. »Haben Sie Dank dafür.«

Das Zimmer, in das sie eintraten, war langgestreckt, fast ein Saal zu
nennen, vierfenstrig. Die Wände mit der sonderbarsten Tapete bekleidet,
welche die Geschichte des Joseph in Egypten grau in grau darstellte. Die
Grube, in die die bösen Brüder ihren jüngsten gesteckt hatten, die
Käufer des guten, verwöhnten Knaben, die Träume des Pharao, das
Wiedersehen mit dem alten Vater, all dies war an den Wänden des Salons
der Frau Johanna zu sehen. Der Saal ist unverändert geblieben noch bis
vor einigen Jahren. Jetzt dient er einer Restauration, und die bösen
Brüder, der alte Vater, der gute Joseph, die alle in dem Salon der
Madame Schopenhauer auf die berühmten Leute, die sich dort bewegt haben,
herabgeblickt hatten, sind mit rosa Ölfarbe übertüncht.

Diesen Abend wurden die Ratsmädchen außerordentlich gefeiert. Sie
bewegten sich unter den berühmten und geistreichen Leuten wohlgemut und
hörten von allen Seiten Artigkeiten. Goethe setzte sich eine Weile
während einer kleinen Aufführung, die Adele, die Pogwischs und August
von Goethe veranstalteten, zwischen die beiden Schwestern. Er erzählte
ihnen, daß er sie gar wohl kenne und schon oft Freude an ihnen gehabt
habe.

»Welche Fülle,« sagte er und strich Marie über die goldschimmernde
Haarflut, die reizend an ihrer schlanken Gestalt hinabfloß.

Röse und Marie bemerkten, daß Arthur Schopenhauer und Goethe an diesem
Abend auf das eifrigste miteinander sich unterhielten.

»Du, Dein Kater sprüht Funken,« sagte Marie zu Röse und zeigte auf
Arthur Schopenhauer, aus dessen Zügen das Leben, während er sprach,
wahrhaft leuchtete.

»Ich hab's immer gesagt: das ist auch ein großes Tier,« meinte Röse; »da
wird ja wohl auch die Schopenhauerin einmal mit ihm zufrieden sein, wenn
er sich mit Goethen so niedlich macht. Die Adele hat's von mir zu hören
bekommen, daß ich es unausstehlich finde, wenn sie an ihrem Bruder ewig
herumnörgelt.«

Die beiden Damen Schopenhauer waren, wie stadtbekannt, in einer
unausgesetzten Unzufriedenheit mit dem Sohne und Bruder Arthur,
mißtrauten ihm in allen Dingen; seine Neigung zur Philosophie, sein
Aufgehen darin erschien ihnen höchst sonderbar und wenig versprechend.
Sie hielten nicht viel von seinen Bestrebungen, drängten sich ihm als
Vorbilder auf und behandelten ihn nur als ^enfant terrible^. »Alles an
ihm ist beängstigend, selbst seine Wahrheitsliebe, mit der er einem wie
mit einer Bürste unter die Nase fährt,« sagte seine Mutter von ihm, und
derlei Aussprüche der Mutter mochten wohl mit schuld daran sein, daß man
ihm in ihren Gesellschaften wenig liebenswürdig entgegenkam. Er saß
gewöhnlich allein und unbeachtet, auf das sonderbarste in einen Stuhl
hineingeräkelt, und schien sich um niemanden zu kümmern.

An dem Abend aber, als er die Ratsmädchen auf der Treppe beinahe
umgerannt hatte, näherte er sich ihnen: »Nun, Ihr Haareulen,« sagte er,
»wie geht's? -- Wie steht's? Ihr seid ja gut ausstaffiert, sorgt nur
dafür, daß es nachher, wenn Ihr eingefangen habt, was Ihr einfangen
werdet, und die goldenen Fahnen davon geflattert sind,« er schnippte
leicht in Rösens Haar mit dem Finger, »daß es dann nicht gar zu übel um
Euch und die, die mit Euch leben müssen, steht. In der Jugend geht alles
an, die hat ihre Zwecke, da mag es sein; aber pfui Teufel, alte Weiber,
da hat es seine Gefahr, da kann alles unerträglich sein. Denkt daran,
daß Ihr alte Weiber werdet, und sorgt schon jetzt vor, daß es dann
leidlich mit Euch auszuhalten sei. Schwatzt nicht, und wenn es jetzt
noch so niedlich klingt, später ist es das nicht mehr, -- ist
unausstehlich, horrend! Seid anspruchslos, des Alters wegen.
Anspruchsvolle alte Weiber, -- grauenhaft! Soviel wie ein altes Weib
geben kann, auf soviel hat sie Anspruch im Entgegennehmen, versteht Ihr?
Verflucht wenig!« Die Ratsmädchen hörten ihm verwundert und lächelnd zu.
»Versucht«, brummte er, »ob Ihr es fertig bringt, Euer lebelang
freundlich zu bleiben und mitleidig! Diese zwei Dinge können versöhnen.
Nebenbei sparsam und fleißig. Was ich Euch hier sage, ist vernünftig und
klug, wenn es Euch auch dumm vorkommt. Hört auf einen, der klüger ist,
als der übrige Haufe, und Ihr bekommt's nicht alle Tage zu hören! Mit
der Jugend nimmt's rasch ein Ende. Heut seid Ihr vierzehn und fünfzehn
und nächstes Jahr sechzehn, dann kommt langsam siebzehn, achtzehn,
neunzehn. Seid Ihr erst zwanzig, dann geht es mit Riesenschritten:
fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig -- fünfzig, hu!« und der kleine
Mensch mit dem großen Kopf schnitt eine greuliche Fratze.

»Unrecht hat er nicht,« sagte Röse, als er wieder von ihnen gegangen
war. »Aber wenn man sich denkt, daß es ein junger Mann ist, der so
spricht, dann kommt einem die Sache doch närrisch vor.«

»Abgeschmackt,« urteilte Marie.

»I gar, das nicht,« bemerkte Röse tiefsinnig.

Und sie hatte sich die Worte des wunderlichen Menschen fürs Leben wohl
gemerkt. Als die Jugend von ihr gewichen war, die goldenen Fahnen
eingezogen, da blieb die reine Freundlichkeit, Anspruchslosigkeit
zurück, eine unerschöpfliche Güte, mit der sie bis in das hohe Alter
Haus und Familie, Kind und Kindeskinder, beglückte und rührte. Es blieb
ein Wesen zurück, aus lauter Liebe gestaltet. Ich weiß nicht, wie ich es
nennen soll, ein altes Weib wurde unsere Röse nie; sie wurde so wenig
alt, als Güte und Anspruchslosigkeit je alt werden können. Wir nennen
sie noch heute unser »Gomelchen«. Der Name ist gekommen, ich weiß nicht
wie. Er entstand, um etwas zu benennen, für das sich kein Name
eingestellt hatte, für etwas, das lauter Heiterkeit, Liebe,
Liebenswürdigkeit, Innigkeit, Frische und die Güte selbst ist. Sie wurde
ein »Gomelchen«, wie schon gesagt, nie alt, kein Mütterchen, »ein
Gomelchen«, nichts anderes. Der Philosoph hatte den herrlichen Mädchen
wohl, weil er Mitleid mit ihnen fühlte, einen Zauberspruch fürs Leben
mitgegeben, der sie vor dem Alter schützen sollte; diesen Spruch: »Immer
an das alte Weib denken«, hat Röse zu jeder Zeit wohl im Herzen
behalten.

Doch habe ich jetzt fünf, sechs, sieben Jahrzehnte vorgegriffen, in
Zeiten hinein, die den Ratsmädchen an jenem schönen Abend bei Johanna
Schopenhauer unendlich ferne lagen, in Zeiten hinein, in denen Enkel und
Urenkel der beiden schönen Kinder ihr Wesen treiben. Die Unterhaltung
aber des widerhaarigen Sohnes der geistreichen Mutter, die im Leben der
Ratsmädel die besten Früchte getragen, diese Unterhaltung hat ihnen am
selbigen Abend noch einen rechten Ärger gebracht. Sie waren während der
Standrede, die ihnen der Philosoph gehalten, belauscht und zwar von
Ottilie von Pogwisch und August von Goethe und wurden von beiden, die in
vertraulichem Einverständnis zu sein schienen, gehörig damit gehänselt.

»Der hat Euch gut zugerichtet, das ist recht,« sagte Ottilie. »Wenn's
nach mir ginge, er müßte Euch alle Tage predigen: >Ihr habt es
vonnöten<.«

»So,« sagte Röse und wurde dunkelrot vor Ärger. »Und Ihr? Wer soll denn
Euch thun?«

Sie hatte auf Ottilie von Pogwisch von jeher einen Ärger, sie brauchten
nur in ein Gespräch miteinander zu kommen, so schwoll Rösen der Kamm.

»Ich habe übrigens mit Euch ein Hühnchen zu pflücken und die Adele auch,
kommt einmal mit, Ihr Galgenvögel,« sagte Ottilie gutlaunig.

Sie ging voraus, und die Ratsmädchen folgten ihr. August von Goethe
flüsterte ihnen zu: »Laßt Euch nicht ins Bockshorn jagen, ich habe etwas
verraten, was Ihr angerichtet habt, daß Ihr's nur wißt.«

Es stellte sich eine sonderbare Thatsache heraus, daß nämlich die
leichtsinnigen Ratsmädchen eine geringe Achtung vor der Unantastbarkeit
eines wohlverwahrten Briefes hatten, ja, daß gerade die Verschlossenheit
eines solchen Briefchens eine unwiderstehliche Aufforderung an sie
enthielt, es zu öffnen.

Die geistreichen und unausgesetzt in schriftlichem Verkehr miteinander
stehenden jungen Damen, die Pogwischs, die Schopenhauer und deren
Freundinnen hatten Röse und Marie hin und wieder ein solches
wohlverwahrtes Briefchen mitgegeben, das sie da oder dort abliefern
sollten.

Diese Briefchen aber wurden von den beiden regelmäßig in dem wenig
belebten Durchgang des Wittumspalais gelesen.

Was für ein sonderbares Gemäuer war dieser alte Durchgang und ist es
noch, denn er wird wohl kaum seit jener Zeit eine Veränderung erlebt
haben.

Von der Esplanade, der jetzigen Schillerstraße, die damals von alten,
schönen Linden beschattet war, führte eine breite Treppe mit eisernem
Geländer zu einer Gruppe tiefliegender Häuser hinab. Neben dieser Treppe
in einem schattigen Gärtchen wächst ein schöner Muskateller-Birnbaum,
der wie kein anderer voll blüht und voll trägt. Er stand schon damals
und steht noch heute. Auf der Treppe fanden und finden die Schulkinder
an frischen Julimorgen manch goldgelbes, zersprungenes Birnlein liegen,
das der Wind über Nacht von dem Baum geweht hat.

Diese Treppe führte zu dem dunkeln Gang, der durch ein Nebengebäude des
Wittumspalais geht und der wie geschaffen ist zum Lauern und Schlüpfen
für Liebespärchen und Gassenbuben.

Dort hockten die beiden Rangen auf den Stufen und lasen mit
außerordentlichem Hochgenuß die Herzensgeheimnisse, welche die Damen für
gut erachteten, einander mitzuteilen. Und die Ratsmädchen fanden nichts
auf der Welt so spaßhaft, so belustigend, als die pedantische
Rechenschaft, die eine jede der Freundinnen der anderen von ihrem
augenblicklichen Herzenszustande gab, so genau und ausführlich, daß es
schien, als seien diese Frauenzimmer entschlossen, das Wesen der Liebe
ein für allemal und endgültig zu ergründen.

Röse und Marie wußten aufs genaueste, wie es um Ottilie und August von
Goethe stand. Sie hatten auch einen Brief von Adele an einen Verehrer
befördert und natürlich gelesen, worin Adele zum größten Gaudium der
Ratsmädchen diesem auf einen Heiratsantrag folgendermaßen erwiderte:

»Mein Herz ist nicht mehr frei; wollen Sie mit meinem Verstande vorlieb
nehmen, so bin ich die Ihre.«

Als die Ratsmädel diese Antwort gelesen hatten, gerieten sie auf ihrer
Treppe außer sich vor Vergnügen, und Röse rief: »Du, die ist praktisch;
das sollte man sich merken; aber miserabel ist es doch, und wenn er
darauf hereinfällt, ist er ein Esel, und es geschieht ihm alles recht.«

Zu Rösens außerordentlicher Befriedigung ging er aber nicht auf Adelens
Vorschlag ein. Zu einer solchen behaglichen Stunde auf der
Wittumspalais-Treppe, während welcher Röse und Marie sich mit
Indiskretionen auf das harmloseste vergnügten, wurden sie in ihrem
Treiben von August von Goethe belauscht und an die Pogwischs verraten.

Und jetzt, nachdem diese dem Sermon des jungen Schopenhauer, den er den
beiden Mädchen hielt, gefolgt waren, erachteten sie es auch an der Zeit,
ihrem Herzen Luft zu machen und beschuldigten Rösen und Marien einer
niedrigen und strafbaren Gesinnungsart, so daß diese im Laufe einer
Viertelstunde des Fatalen genug erfuhren und ganz erstaunt und betreten
waren; wie schnell ein Übel dem andern sich anschließen kann.

Die Pogwischs hatten die Freude, die beiden Ratsmädchen, deren
glücklicher Gleichmut den Anschein hatte, als wäre er nicht zu trüben,
betreten und bedrückt vor sich stehen zu sehen. Sie blieben auch den
ganzen übrigen Abend nachdenklich, hatten, wie es sich von ihnen
erwarten ließ, keine Reue, aber einen außerordentlichen Ärger über die
Pogwischs und einen noch größeren über August von Goethe, den Schwätzer.

»Ich möchte den Menschen wahrhaftig sehen, der in solche Zettel, wie wir
sie herumtragen, nicht hineinsieht. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich
ihn bewundern würde, ich mache mir nichts aus solchen widernatürlichen
Dingen; aber der Goethe soll schon merken, daß er geklatscht hat!« sagte
Röse resolut.

August von Goethe brachte diesen Abend die beiden Mädchen nach Hause.
Sie benahmen sich äußerst kühl und gehalten gegen ihn. Er erbat sich
ihre Verzeihung, die sie ihm aber auf das entschiedenste verweigerten.

»Da kämen wir schön durchs Leben,« sagte Marie, »wenn es mit einer
Verzeihung abgethan wäre. Was bringt zu Ehren? -- Sich wehren! Sie
kennen das doch, Herr von Goethe?« sagte Röse und wollte recht
schnippisch sein. »Wenn das bei Ihren Freundinnen, oben bei
Schopenhauers Mode ist, mir nichts, dir nichts zu verzeihen, bei uns ist
es das nicht.«

»Nun, ich möchte doch wissen,« sagte August von Goethe, »ob Ihr auch so
streng mit Euren vielen guten Freunden seid, mit denen man Euch
allerwegen sieht.«

»Viele gute Freunde?« fragte Röse pikiert. »Wir haben drei. Da ist
erstens Budang, zweitens Ernst von Schiller und drittens Franz Horny,
das sind sie.«

»Drei, das ist eine schlimme Zahl, da muß einer traurig abziehen,« sagte
August von Goethe.

»So, wie meinen Sie das?« fragte Röse. »Wir haben sie alle drei gleich
gern, einen wie den andern.«

»Zum Beispiel verloben könntet Ihr Euch doch nicht mit allen dreien,«
sagte ihr Begleiter.

»Wenn Sie das so meinen,« erwiderte Röse, »das geht freilich nicht; aber
es sieht Ihnen recht ähnlich, daß Sie dergleichen, worauf kein Mensch
kommen würde, denken. Ich möchte Budang sehen, wenn wir ihm das
erzählen; der wird schön bös auf Sie sein; der ist sehr gegen
dergleichen. Wir, Marie und ich, hassen auch Liebe und finden Leute
abgeschmackt, die ewig nichts weiter im Kopfe haben, als das! Es gefällt
uns gar nicht, daß Sie solche Vermutungen aussprechen, gerade von Ihnen
gefällt uns das nicht, weil Sie selbst so viele gute Freundinnen hier
haben.«

»Warten Sie nur, Herr von Goethe,« sagte Marie, »wir haben Ihnen unsere
besten Freunde am Schnürchen hergenannt, damit Sie nicht denken, es
wären ihrer zwanzig. Wir werden Ihnen auch Ihre guten Freundinnen
vorzählen, Sie sollen schon sehen, das werden wir Ihnen zur rechten Zeit
thun.«

»Marie,« sagte Röse, »was meinst Du denn?«

Da zwinkerte Marie ihr zu, auf eine Weise, die Röse den Mut gab, im
vollen Vertrauen auf ihre Schwester, sich Herrn von Goethe lachend
zuzuwenden und mit ihr im Chore zu sagen: »Ja, ja, wir werden Ihnen ein
Weihnachtsgeschenk machen. Nun, gute Nacht, adieu, Herr August von
Goethe!«

Als die Mädchen in ihrer Stube, oben unter dem Dache, angelangt waren,
konnten sie sich vor Lachen und Vergnügen kaum halten; denn Marie hatte
Röse ihren Plan, der ihr auf dem Wege so durch den Kopf gefahren war,
mitgeteilt und hatte von Rösen vollkommene und freudige Zustimmung
erhalten. Es wurde beschlossen, Herrn von Goethe zu Weihnachten mit
einem sonderbaren Geschenk zu überraschen.

Seit langer Zeit waren sie mit keiner glänzenderen Idee beschäftigt
gewesen, und die, welche jetzt in Maries Kopf aufgestiegen war, schien
sie beide vollkommen zu beglücken; sie konnten lange nicht zur Ruhe
kommen und auch deshalb nicht, weil das aufgelöste Haar die größte Mühe
verursachte. Es war über die Maßen verwirrt und zerzaust, und sie mußten
sich beistehen, um es auseinander zu bekommen. Frau Rat durfte beileibe
nicht erfahren, daß man es ihnen wieder aufgeflochten hatte; sie war der
Meinung, daß dieses Lösen und Herumflattern dem Glanz der schönen
Flechten schade; auch liebte sie es nicht, wenn ihre beiden Mädchen sich
als zwei Haarungetüme in der Gesellschaft zeigten.

                   *       *       *       *       *

Es war vor Weihnachten, eine prächtige Winterzeit! Der Schnee lag so
hoch und so beständig, wie er seit Jahren nicht gelegen.

Die Winterfreuden hatten sich zu einer Mannigfaltigkeit herausgebildet,
wie seit Menschengedenken nicht.

Von den wunderlichsten, altmodischen Schlitten wimmelte es im Städtchen;
denn jeder alte Schlingel von einem Schlitten, den man in gewöhnlichen
Wintern nicht auf die Beine gebracht hätte, weil es sich um ein paar
Tage Schneebahn nicht gelohnt hätte, war leidlich ausstaffiert worden,
und so närrisch bunt und wackelig, wie er war, sauste und flog er neben
hübschen anderen, nagelneuen durch die Straßen. Die Gassenjungen hatten
diesen Winter eine erstaunliche Geschicklichkeit erreicht, auf die Kufen
zu springen und sich von den Schlitten mitnehmen zu lassen.

Unten an der Bibliothek, auf dem großen Rutschberge geschahen Wunder und
Zeichen; denn die Käsehütschen, auf denen die Sakramenter, die
Gassenbuben, die Eisbahn hinabrutschten, schienen diesen Winter zu ganz
anderen Geschöpfen sich umgewandelt zu haben. Sie waren heimtückisch, in
ihrer Schnelligkeit unerreichbar geworden, flogen hin, wie Schwäne, wie
Schneegänse, von der Bibliothek an fuhren sie über die ganze Reitwiese
weg, wie im Flug an dem alten Reithaus vorbei, bis auf die festgefrorene
Eisdecke der Ilm. Ob sie es heut noch zu stande bringen? Kaum mochte es
einen Weimaraner geben, der nicht davon zu berichten gehabt hätte, daß
ihm eine Käsehütsche mit einem unverschämten Bengel darauf, die, wie vom
Himmel gefallen, auf ihn zu wetterte, an die Beine gefahren sei, mit
einer Wucht, wie eine wilde Bestie. Die Straßen wimmelten von Raben und
Goldammern, wie noch keinen Winter. Alles hatte den Anschein von etwas
Außerordentlichem. Man spürte den erregenden Einfluß eines gewaltigen,
unhemmbaren Elements.

Mit geheimem Behagen sah man die Schneewälle, die an den beiden Seiten
der schmalen Wegbahnen sich auftürmten, höher und höher werden. Es gab
in Weimar Wohnungen und Häuschen, die buchstäblich eingeschneit waren.

So lustig und unternehmend das Leben auf den Straßen war, so behaglich
und angenehm befand man sich in den vier Wänden. Es wurde geheizt »auf
Teufelsholen«, wie man sich in Weimar ausdrückt, und es ging mächtig an
die Holzvorräte.

Die alten Damen hielten Spielchen und Kaffees ohne Ende; die Abende in
den Familien waren wunderhübsch, und die Weihnachtserwartungen schöner
als je. Es schien mit den Schneemassen ein Geist der Gemütlichkeit mit
herabgekommen zu sein.

An solch einem Winternachmittag bereitete die Kummerfelden sich zum
Empfang von Gästen vor. Unten in der Stube, in der die Schülerinnen am
Vormittag gehaust hatten, wurde ein Tisch gedeckt; die Kummerfelden in
ihrem hellen, geblümten Kleid, die Prachthaube auf dem Kopf, eine
Bernsteinkette um das Handgelenk, sprang die siebenstufige Treppe, die
in ihr Schlafgemach führte, hurtig auf und ab, schleppte aus einem
Schubfach Tassen hervor, aus einem Beutel silberne Löffel, stach mit der
Gabel den Kommodenkasten auf, in welchem sie Zucker verwahrt hielt,
trabte unentwegt auf und nieder und brachte allerlei aus allen Ecken
herbeigeschleppt, schüttete endlich auch frischen Tabak in die
Schnupftabaksdose und stellte diese mit auf den Tisch. Aus dem
gestrickten Beutel über ihrem Bette wurden Äpfel gelangt, und im warmen
Ofen stand bald der Kaffee fix und fertig.

»Nun könnten sie kommen, es wäre alles so weit,« sagte die Kummerfelden
und ließ sich auf eine Treppenstufe nieder, schlang die Hände um die
Kniee und saß da wie der liebe Herrgott am siebenten Schöpfungstage,
mußte aber so länger sitzen, als ihr lieb war; denn die Gäste kamen
nicht ganz pünktlich, jedenfalls wegen des vielen Schnees.

Und während die Kummerfelden saß und lauerte, tappte bedächtig zwischen
den hohen Schneewällen durch die Schützengasse, die damals noch »das
Pförtchen« hieß, eine respektable Frauengestalt, bog bei der Schleuse
ein und trottete mit Filzschuhen, die den Eindruck von Kähnen machten,
in denen die große Frau sich behaglich, ohne daß sie sich selbst dabei
anzustrengen hatte, fortschaffen ließ. Die Filzschuhe führten sie durch
den wieder neugefallenen Schnee weich und geräuschlos, wie es sich von
solch einer Frau ganz unwahrscheinlich und gespenstisch ausnahm. Ein
frischer, voller Schneewind fuhr gegen die steifen Falten ihres Mantels,
ohne sie in Schwung bringen zu können. Der Mantel hätte seinem Schnitte,
seiner Ausdehnung und seinem eisenfesten Stoffe nach gut den Überkragen
für einen Winteranzug des Riesen Christophorus abgeben können. Gott
weiß, aus welcher Zeit er stammen mochte! Er machte den Eindruck der
Unvergänglichkeit. Die große Frau, die schwer und leise, in Wollmassen
gehüllt, durch den Schnee geht, heißt Fabian, aber ihr Name, unter dem
man sie in den weimarischen Gassen und Straßen kennt, ist nicht dieser
ehrenwerte Name, den sie als Gattin des Zinngießers Fabian trägt;
sondern für jung und alt heißt sie die Rabenmutter; nicht wegen eines
hartherzigen Charakterzuges gegen ihre Kinder, sondern lediglich
deshalb, weil sie Winter für Winter hinaus auf den Ettersberg wandert,
um den Raben Futter auszustreuen.

Sie war, wie große, unbehilfliche Leute es oft sind, gut wie ein Kind.
Das wußte jedermann von ihr. Ihre Freundlichkeit aber, mochte sie in
Worten oder Werken bestehen, hatte etwas Gewaltsames.

Sie liebte es, sich für andere zu plagen, verstand es, mit allem und
jedem auszuhelfen, mit Kinderzeug, wo es Not that, mit Koch- und
Backrezepten, mit Heilmitteln und mit gutem Rat; wußte zu einem Prozesse
oder sonstigen Rechtshändeln zuzureden oder abzureden, auch mit
Gelegenheitsgedichten griff sie ein, wenn es verlangt wurde, und
strengte ihr poetisches Empfinden bald zu Gunsten eines Briefträgers an,
der einen Neujahrswunsch seinen Kunden überbringen wollte, bald zur
Verherrlichung einer Hochzeit oder Kindtaufe; verfaßte Bettelbriefe für
Bedürftige, grauenhaft zum Herzen sprechend, und verwendete so mit
Freuden und in bester Laune ihre Kräfte für die Menschheit.

Während wir über sie berichten, kommt sie, umtanzt von großen Flocken,
ihrem Ziele näher. Sie geht jetzt über den schmalen Steg, der über den
Wassergraben führt, direkt auf den Entenfang zu, in dem die Kummerfelden
sitzt und lauert.

Jetzt steht Frau Fabian vor dem Häuschen und lugt in das Fenster hinein.

Richtig, da sitzt die Kummerfelden noch immer auf der Treppenstufe, und
da das Warten ein saures Geschäft ist, so sieht sie griesgrämig aus.

»Na,« brummt Frau Fabian, als sie die Gastgeberin so sitzen sieht, »was
fehlt ihr denn?« Die große Frau fährt unter dem Mantel vor mit der Hand,
die in einem Buckskinhandschuh steckt, an dem der Zeigefinger sich
durchgearbeitet hat, so gründlich, daß der Handschuh seine Spitze
vollkommen verloren, und der Finger aus einem sorgsam umsäumten Strumpf
hervorsieht. Mit diesem Finger pocht die große Frau mit aller Wucht
gegen die Fensterscheiben, so daß die Kummerfelden auffährt und mit
beiden Händen vor Schreck nach ihrer Haube greift.

»Das ist die Fabianen,« ruft sie und läuft, noch ganz desparat von dem
Schreck, nach der Thüre, um zu öffnen. Ehe sie aber bis dahin gelangt,
schellt es draußen, daß es der Ärmsten durch Mark und Bein dringt.

»Nun schellt sie auch noch, als ob sie nicht schon Lärm genug gemacht
hätte!« murmelte die Kummerfelden. Und als sie die Thür geöffnet, da
steht ihr Gast großmächtig vor ihr und schüttelt den Schnee von der
Kappe, von den Schultern, aus den Falten.

»Weeß Gott, en paar Schaufeln voll!« sagte sie mit ihrer dicken,
rollenden Stimme.

»Komm nur herein,« ermahnt die Kummerfelden, »Du läßt mir ja die ganze
Kälte ins Haus; Du warst wohl gar auf dem Ettersberge?«

»Na ob,« bekam sie zur Erwiderung aus einem Sprühregen von Eisstückchen,
Wassertropfen und Schnee heraus; die Fabianen schüttelte ihr Lori aus,
wie sie ein schlangenartiges, langes Tuch zu benennen liebte, das sie so
ein vier-, fünfmal um den Hals geschlungen trug, so daß ihr Hals dadurch
ein runderes und kopfartigeres Ansehen bekam, als der Kopf selbst.

»Läufst Du denn immer noch herauf und fütterst die Raben?« fragte die
Kummerfelden und kehrte in die Stube zurück, um dadurch ihren Gast zu
veranlassen, ihr zu folgen.

»Ja wohl,« sagte diese und trat in die Wärme ein, »ja wohl. Über das
arme Viehzeug! Dies Jahr sieht's wahrhaftig elend genug aus.«

Jetzt nahm sie den Mantel ab und hing ihn über einen Stuhl am Ofen und
stand nun dunkellilla, feierlich mitten in der Stube. »Gucke! -- Gucke!«
sagte sie und hauchte in die roten Hände und betrachtete den
Kaffeetisch. »Du hast ja gut aufgefahren! Wenn ich so von draußen komme,
wo das Gevögel wegen eines verschimmelten Häppchens um sich hacken muß
wie der Teufel, damit es andere nicht stibitzen, da hat es doch
unsereins, weiß Gott, recht zufriedenstellend. Das arme Vieh! das arme
Vieh!« wiederholte sie und wiegte sich dabei von einem Fuße auf den
andern, daß das Haus schütterte. Sie wollte sich den Frost aus den Füßen
trampeln, wie es schien. Ihre großen Filzschuhe aber hatte sie
manierlich draußen vor die Thür gestellt.

»Wenn die hohe Justiz,« sagte sie immerfort trampelnd, »wenn die hohe
Justiz auch einmal zur rechten Zeit ein Einsehen hätte! Ich bin doch
überzeugt, daß sie irgend so einen armen Sünder sitzen haben, so einen
Totschläger, Brudermörder oder sonst wen, oder wohl gar zwei, daß sie
die nun jetzt richten thäten, wo sie noch Nutzen stiften können! Nä, da
warten sie damit, und wenn sie die auch jetzt richten thäten -- hängen
lassen würden sie se doch nicht. Wir kennen die Justiz, nicht den
Tropfen Menschlichkeit hat se in sich, nicht den Tropfen! und keen
Verständnis von nichts!«

Die Kummerfelden sagte: »Ach was, Fabianen, Du bist doch manchmal ein
rechter Husar in Deinen Ansichten.«

Frau Fabian beunruhigte sich darüber nicht, sondern sprang weiter von
einem Fuße auf den andern, daß es der Kummerfelden schließlich
schwindelnd wurde. Währenddem huschte draußen im Schnee und im Gestöber
eine kleine Person dem Steg und dem Entenfang zu.

Sie huschte wie ein Rättchen so scheu, und hinter ihr her durch die
Flocken und den Schneenebel da fuhr es huit, huit! Das waren
Schneebälle. Die kamen angeflogen, bald von da, bald von dort, immer
hinter ihr her, und kamen von den infamen Gassenbengeln, die nun einmal
ein huschendes, altes Persönchen nie in Ruhe lassen können. Es ist
schlecht von ihnen, aber sie lassen es nun einmal nicht. Das wußte die
kleine Jungfer auch und sputete sich gewaltig. Ganz außer Atem zog sie
endlich an der Schelle im Entenfang; aber wie zaghaft, wie bescheiden!

»Das ist die Jungfer Muskulus,« sagte die Kummerfelden, »die zieht
anders als Du, Fabian.«

»Hat seine Richtigkeit,« erwiderte diese.

Sie saß schon über dem Kaffee und brockte; denn sie hatte nach ihrer
Tour Appetit bekommen.

»Hat seine Richtigkeit,« wiederholte sie noch einmal wohlgefällig, um
gerade eine Pause im Schlucken auszufüllen. »Ene Frau,« sagte sie,
während die Kummerfelden die Jungfer hereinließ, »ene Frau,« sie sprach
so laut, daß die Kummerfelden es draußen auch hören konnte, »ene Frau,
die acht Kinder hat und en unmündigen Mann, hörst Du, Kummerfelden, die
acht Kinder un en unmündigen Mann ... Ach Herrjes, was sag' ich da?«
lacht sie voll und laut, »die zieht anders an der Schelle wie eine
Jungfer. Übrigens,« rief Frau Fabian unter Lachen und Schlucken, »es ist
nicht so ohne! Man könnte so manches Mal sagen: acht Kinder un en
unmündigen Mann. Es könnte es jede Frau sagen, wenn auch nicht immer
acht Kinder!«

Die Kummerfelden fuhr mit mißbilligender Kopfbewegung zwischen diese
Betrachtung. »Schrei doch nicht so, Du kannst es mir ja nachher sagen.«
Sie war damit beschäftigt, die Jungfer aus ihrer beschneiten Umhüllung
zu wickeln.

Jetzt traten sie miteinander ein. Die Jungfer Muskulus trug eine
schwarze Lockenperücke, die sie bis tief in die Stirne hineinzuziehen
für gut fand, und jahraus jahrein einen Hut, geschmückt mit dem
enormsten Veilchenkranz, so groß, daß er kaum hätte größer sein können.

Jetzt hingen Schneestücke in den seidenen Veilchen; die Gassenjungen
hatten sie ihr zugerichtet.

»In einer Weile werden die Ratsmädchen da sein,« sagte die Kummerfelden.

»Na,« fragte die Fabian, »was wollen denn die?«

»Ja,« lachte die Kummerfelden, »wegen denen seid Ihr eingeladen. Ihr
sollt mir Euren Kaffee gründlich verdienen. Die Mädchen wollen Euch
allerschönstens bitten, daß Ihr ihnen bei einer Angelegenheit helfen
sollt.«

»Was ist denn los?« fragte die Frau Fabian, »das wird eine schöne
Pastete sein.«

»Es ist Ehre dabei einzulegen; es soll etwas zu Goethens kommen,« bekam
sie zur Antwort.

»Na nu?« rief Fabian.

Nun schnitt die Kummerfelden ein geheimnisvolles Gesicht und that, als
sei sie selbst nicht recht mit der Geschichte einverstanden.

Aber bald verriet sie sich, und es zeigte sich, daß sie Feuer und Flamme
für den Plan war, -- ganz wie die dummen Ratsmädel, und sie teilte mit,
daß es sich darum handle, einen kleinen Garten zu fabrizieren aus Moos
und mit einem Staket darum und einer Laube darin, gerade so einen
Garten, wie die Jungfer Muskulus jeden Weihnachten welche geliefert
habe, aber statt der Watteschäfchen, die sie hineinzustellen gewohnt
sei, sollten Frauenzimmer in das Moos gesteckt werden.

»Diese Frauenzimmer ... wartet,« sagte die Kummerfelden, fuhr aber in
ihrem Bericht nicht fort, sondern tappte die Treppe nach ihrem Heiligtum
hinauf, kam mit einem Kästchen wieder zum Vorschein und stellte es vor
die beiden Weiber hin.

Frau Fabian nahm den Deckel ab. »Potztausend!« rief sie, »was sollen
denn die? Das sind ja Puppen! -- Püppchen!«

»Na, na, na!« rief die Jungfer Muskulus, »darauf lasse ich mich nicht
ein, das scheint mir denn doch bedenklich!« Dabei rückte sie sich ihre
dicke schwarze Perücke zurecht und machte eine auffallend mißtrauische
Miene: »Das ist ja frevelhaft, Kummerfelden, Sie wollen doch nicht Ihren
Spott mit der alten Excellenz treiben?«

»Sie sein ä Schaf, Muskulusen,« antwortete die Kummerfelden, die, von
Frau Fabian hingerissen, auch in das beglückende weimarische Idiom zu
verfallen drohte.

»Wie werd' ich einen Spott treiben? Vergessen Sie, was ich bin, ich bin
Künstlerin.«

»Man vergißt das bei Dir vollkommen, das sei zu Deiner Ehre gesagt,«
brummte Frau Fabian.

»Die Muskulusen ist und bleibt ein Grünschnabel,« fuhr die Kummerfelden
fort, »und hat auch in nichts kein Einsehen, wie Du vorhin von der
Justiz bemerktest, Fabian.«

»Das is mit den ledigen Frauenzimmern und wenn se auch ene Perücke
tragen, so dick, wie en Fußsack, es is doch ewig was Halbes,« bemerkte
Frau Fabian gedankenvoll. »Nä, der Kummerfelden so was zuzumuten, daß
sie de alte Excellenz nicht respektieren thäte!«

Jungfer Muskulus war unter ihrer Perücke feuerrot geworden.

»Na, nu, 's is gut,« sagte Frau Fabian. »Was kann ens dafür, wenn es
unverehelicht ist? Es kann auch ens nichts dafür, wenn es en Buckel hat.
Gewöhnlich,« fuhr Frau Fabian fort, »haben die Kindsmädchen so ens
fallen lassen; man kann nicht genug dahinter her sein. Na, was hast Du
denn nun aber mit den Döckchen vor?«

»Das handelt sich nun eigentlich,« sagte die Kummerfelden, »nicht um die
alte Excellenz, sondern schon mehr um den jungen, um August von Goethe.«

»Na, sag' ich's nich,« rief Frau Fabian, »die Kummerfelden macht sich in
keiner Weise enes Verstoßes schuldig. Wenn's auf August geht, dem thut's
nichts und schadet's nichts, im Gegenteil. Er treibt's zu arg, sag ich,
und mit den Puppen, da scheint Ihr mir aufs rechte anzuspielen, auf die
Frauenzimmer, meine ich.«

»Das ist's,« bemerkte die Kummerfelden, »ich möchte der Excellenz so
ganz verblümt zu verstehen geben, daß es an der Zeit wäre, seinem August
eine Frau auszusuchen, die dem gehörig auf dem Dache sitzt; denn das
thut Not, wie wir wissen. Aber eine Geistreiche darf's nicht sein; von
der Eigenschaft haben sie genug hier.«

Frau Fabian fügte hinzu: »Nur nichts Scharfes mehr in die Lauge, meinte
jene Köchin, die die Sauce versalzen hatte.«

»Fabian, mit Deinen Redensarten fährst Du einem immer dazwischen,« rief
die Kummerfelden ungeduldig. »Ich will Excellenz Goethe zu verstehen
geben, daß er eine Frau wählen soll, die auf gute Wäsche hält, die
sparsam ist, die nicht mit dreinredet und, wie gesagt, August gehörig --
-- --« Hier zwinkerte die Kummerfelden mit den Augen. »Das sind die
Ratsmädchen, die mich darauf gebracht haben, die hatten die Idee, August
von Goethe ein Gärtchen mit allen seinen guten Freundinnen
auszustaffieren. Ich weiß nicht, aber sie müssen etwas mit ihm gehabt
haben -- das schien mir so.«

»Die Krawatschen!« rief Frau Fabian wohlgefällig, »und die Püppchens
haben die Mädchen wohl selbst genäht?«

»Freilich,« sagte die Kummerfelden lebhaft, »und die Hemden haben alle
Zwickel, alles regelrecht.«

Jetzt packte Frau Fabian die Puppen aus. »Na nu, seht eins an, wer ist
denn die?«

Sie hielt ein Püppchen in die Höhe, das ein rosa Kleid, dabei aber ganz
zerrissene Strümpfe an hatte.

»Das ist ja die ... na, Ihr wißt schon, das Mädchen hat ewig zerrissene
Strümpfe an. Die Löcher gucken ihr über den Rand von ihren Schuhen, wie
hier genau zu sehen ist. So eine Frau bringt Unglück ins Haus und wenn
sie so schön wie ein Engel wäre und klug wie eine Schlange.«

»Und die Lange, mit der kleinen Feder in der Hand?« fragte Jungfer
Muskulus bescheiden.

»Das ist die Schopenhauern, die Adele,« fuhr Frau Fabian sie an, »das
sieht doch jeder klar. Mit der hat's keine Gefahr nicht. Häßlichkeit
entstellet immer, selbst das schönste Frauenzimmer. Mein Schatz wär se
nich, die Schopenhauern. Na, nu die beiden Madams?« Sie hielt zwei
Püppchen in der Hand. »Das sind zwei verehelichte; wie das die
Rackersmädchen herausgekriegt haben! Das ist die Madame so und so und
das die Madame die und die. Wir kennen Euch! Wir wissen Gott Lob, wer
Ihr sein sollt.« Währenddem sie sprach, hielt sie beide Figürchen sich
selbst nahe hin und redete so auf sie ein und drohte ihnen mit dem
Zeigefinger. »Und die is wohl die rechte Braut, wie sie im Märchen
sagen.«

Sie hob ein Püppchen in die Höhe, das, in einer weißen Schürze und mit
einem Kochlöffel in der Hand, ein hausmütterliches Aussehen hatte.

»So ist's,« sagte die Kummerfelden. »Und nun, Fabian, wenn Du es wissen
willst, nachher mußt Du die Verse dazu machen; Du mußt sagen, wen jedes
Püppchen vorstellen soll, und wie es sich mit jeder verhält.«

»Gott soll mich bewahren!« fuhr die große Frau auf, »das ist aber ene
Zumutung. Verse, die sich gewissermaßen den goethischen müssen an die
Seite stellen lassen, so beim Kaffee 'rauszuschütteln, wo die ganze
Stube, mit Respekt zu sagen, voll weimarischer Gärmichel sitzt, -- ich
danke -- und das sag' ich, wenn ich darauf einginge, was Schlechtes
dürfte Excellenz schon gar nicht kriegen, was sollte der denn von der
Fabian denken?«

»Du darfst 'nauf in meine Stube gehen,« sagte die Kummerfelden, »da
setz' Dich auf den Lehnstuhl vors Bette und bleib ruhig sitzen. Aber Du
wirtschaftest mir dort nirgends herum, nicht wahr? Das kann ich nicht
leiden. Weißt Du was, gehe nur gleich 'nauf. Bleistift und Papier liegen
schon auf der Bettdecke. Du wirst schon was 'rauskriegen, ich weiß ja,
wie Dir's fleckt. Die Ratsmädchen werden auch gleich da sein; die freuen
sich, wenn Du schon dabei sitzest. Proviant bekommst Du mit hinauf. Und
wenn die Not groß ist, kriegst Du, na, Du weißt schon,« die Kummerfelden
zeigte auf ein Schränkchen, in dem sie ihr Schönheitswasser in Flaschen
aufbewahrte. Aber nicht lauter Schönheitswasser allein.

Frau Fabian zog mit ihrer Tasse und einer großen Schnitte Kuchen die
Treppe hinauf, und der ^furor poëticus^ stand schon deutlich auf der
gefurchten Dichterstirn zu lesen.

Unterdessen näherten sich dem Entenfang, so frisch und leicht, wie die
Schneeflocken, unsere zwei in allerbester Laune. Es giebt für junge
Menschen nichts Schöneres, als im dichten Schneefall zu gehen, zu
springen, zu wandeln, zu tollen. Geheimnisvoll, bedeutsam sinkt es
leise, leise nieder, legt sich zart auf Falten und Gewänder und es ist,
als ob vom Himmel Segen niederströme, Erfreuliches, Heiteres,
Hoffnungsgefühle.

Die beiden Lustigen, die dem Entenfange zusteuerten, liefen durch den
Schnee, schürften in der flockenweichen Decke mit den Füßen, daß es
aufsprühte von Eiskrystallen um sie her. Sie überstürzten sich, fielen
mutwillig in die frische, kalte Herrlichkeit der Länge nach hinein. Es
fehlte nur noch, daß sie wie die vergnügten Hunde mit den Nasen in dem
Schnee geschaufelt hätten.

Jetzt schellten sie auch am Entenfang, erst Röse, dann Marie, dann
wieder Röse, wieder Marie, dabei lachend, bis die Kummerfelden sie
einließ und ihnen sagte, indem sie die Mädchen auf die frischen Wangen
klopfte: »Ohne Spielerei und Narrenpossen könnt Ihr doch auf der
Gotteswelt nichts thun.«

Die Mädchen traten jetzt ein. Sie hatten einen Korb mit sich voll Moos
und allerlei Gesparre.

»Ihr habt mich in eine schöne Lage gebracht, Ihr Racker!« rief Frau
Fabian den beiden aus ihrem Lehnstuhl heraus entgegen. »Ich sitz' nun
und schwitze, und das nennt die Kummerfelden einen zum Kaffee einladen.«

Röse und Marie wurden erst reichlich regaliert, dann ging's an die
Arbeit. Das Gärtchen wurde in Angriff genommen.

»Eure Verse sind in guten Händen,« sagte Madame Kummerfelden, »so
borstig die Fabianen auch ist, sie hat ein exquisites Herz, eine
Außerordentlichkeit von einem Herzen. Solche Leute sind für die Poesie.
Beileibe soll man keine Böshaftigen daran lassen, die stiften nichts als
Unheil.«

»Und besser wird's bei Ihnen drum noch lange nicht,« schrie Frau Fabian
von oben herab. »Mit dem erschten wäre ich so weit.«

»Na los!« rief die Kummerfelden ganz erfreut.

Die große Frau trat vor auf die erste der sieben Stufen.

»Zeigt das Döckchen her mit den zerrissenen Strümpfen, auf die is es,«
rief sie.

Röse hielt das Figürchen in die Höhe, und die Fabianen begann mit
gewaltiger Stimme:

   »Meine Liebe ist stets auf den Strümpfen,
   Reißt wohl zwanzigmal des Tags ein Loch.
   Meine Liebe läßt sich nicht abstümpfen,
   Auch verschmäht, lieb ich dich ewig doch!«

»Bravo!« rief die Kummerfelden, »das macht Dir alle Ehre.«

»Wollt ich meinen,« erwiderte Frau Fabian, lachte kurz auf und versank
wieder in den Lehnstuhl.

Inzwischen wurde unten auf das lustigste gegessen und getrunken, geklebt
und gepappt, und es entstand ein allerliebstes Moosgärtchen.

Die Kummerfelden sagte den Ratsmädchen, daß sie und Frau Fabian die
Sache auf die Kappe nehmen würden. »Uns geschieht damit nichts. Ihr
sollt es nur hineintragen und sagen: >Eine schöne Empfehlung von der
Kummerfelden.<«

Nach einer Weile war die Fabian wieder mit einem Vers zu stande gekommen
und donnerte folgendes herab, für die kleine Figur mit dem Löffel:

   »Führt der Weg zu Mannes Herz
   Durch die Küche ohne Scherz?
   Bist Du garstig oder schön,
   Mädchen! Du mußt diesen gehn.
   Herz, Verstand, für Haus und Küch' --
   Und -- die Liebe findet sich.«

»Fabian, Du bist ein herrliches Weib!« rief die Kummerfelden ganz
begeistert der Freundin hinauf. »Es steckt ein Philosoph in ihr, ich
hab' es immer gesagt. Und ein Charakter ist sie, so manchen Groschen
hätte unsere Fabian für Gelegenheitsverse einheimsen können, aber ihr
Lebtag hat sie die Kunst, ohne Lohn zu beanspruchen, geübt, das kann
keiner von all den Großen hier sagen, ja, ja, ne, ne!«

»Dank auch bestens,« rief die Fabian herab, mit einem etwas zerstreuten
Ausdruck, ungefähr, als hätte sie geniest, und die Kummerfelden hätte
ihr Gesundheit gewünscht.

Das sonderbare Weihnachtsgeschenk für Vater und Sohn Goethe kam
allmählich in einer wunderbaren Vollendung zu stande.

Die Mädchen bauten am Gärtchen, die Fabian an den Versen weiter; unter
anderen entstand ein Vers auf zwei Flammen August von Goethes, auf die
Frau eines Kammerrates und die des Polizeidirektors.

Diesen Vers in seiner Kraft, Würze und Knappheit, seiner umfassenden
Keckheit, mit der er zwei Damen mit einmal erledigte und auf den Frau
Fabian besonders stolz war, diesen Vers wollen wir hier nicht übergehen.
Er lautete folgendermaßen:

   »Ob Kammer oder Polizei,
   Das steht noch zu erfragen,
   Wir wollen es nun einmal
   Mit allen beiden wagen.«

Man war vollkommen befriedigt; Frau Fabian trank drei bis vier Liköre
zur Stärkung nach ihrer schweren geistigen Anstrengung und bekam eine
außerordentlich gute Laune, eine Laune, wie nur die Fabian sie haben
konnte, so ausdrucksvoll und kräftig, daß es eine Freude war, und daß
der Tisch, an dem man saß, nicht aus dem Schüttern herauskam, teils,
weil alle um ihn her unausgesetzt lachten, und weil die Fabian vor
lauter Lebenskraft zur Bestätigung ihrer Meinung oftmals mit der Faust
zwischen die Tassen schlug.

»I, der Tausend,« sagte Mamsell Muskulus bewundernd, als die Frau einmal
ihre Schultern statt des Tisches getroffen hatte, »wo sie hintrifft, da
wächst kein Gras.«

Die kleine, scheue Muskulus war von jeder Kraftäußerung immer ganz von
Bewunderung hingenommen, auch, wenn diese Kraftäußerung sich gegen sie
selbst richtete. Die Ratsmädchen schafften das Gärtchen, die Puppen, die
Verse noch an diesem selben Abend in die Wünschengasse, schleppten alles
hinauf in ihre kleine Stube, verbargen es sorgfältig und vergnügten sich
abends, als alles schlief, bei verschlossener Thür damit zu spielen, um
allerhand Unsinn zu treiben, bis sie das Gärtchen endlich mit großem
Stolz und vieler Vorsicht, daß sie von niemandem ertappt würden, am
heiligen Abend in das Goethesche Haus trugen. Sie hatten ausgemacht, es
unten, in der Leutestube mit einer schönen Empfehlung der Kummerfelden
abzugeben; als sie aber die Hausthür öffneten, da kam ihnen der
Geheimrat selbst entgegen. Sie blieben betroffen und verlegen mit ihrem
verdeckten Werke stehen und hofften, er würde sie nicht bemerken und an
ihnen vorübergehen.

Er erkannte sie aber augenblicklich und sagte: »Was bringen denn die
Ratsmädchen da?«

»Excellenz,« sagte Röse, »die Kummerfelden läßt schön grüßen und hier
wäre etwas.«

»Für mich?« fragte Goethe.

»Ja, für Euere Excellenz.«

»So tragt es hinauf, Ihr schönen Kinder, ich komme mit Euch.«

Goethe ließ sie vor sich her die breite und sanftansteigende Treppe
hinangehen. Als sie oben angelangt waren, öffnete er ihnen selbst die
Thüre, ließ sie in das lange, gelbe Gesellschaftszimmer eintreten. Es
war schon dämmerig, und Röse und Marie war es doch recht beklommen zu
Mute.

»Da haben wir's,« dachte Röse, »es ist doch, als kämen wir zum lieben
Herrgott mit der Dummheit da an. Viel schlimmer würde es auch nicht
sein, glaub ich.« --

Goethe machte einen Tisch, auf dem einige Bücher lagen, frei. »So,«
sagte er, »da steht nun Eure geheimnisvolle Gabe, wollt Ihr das Tuch
abheben?«

Marie enthüllte das Werk, und als Goethe das Gärtchen sah und die
Überschrift über dem Thore gelesen hatte, lächelte er; es war noch eine
Aufschrift hinzugekommen, die besagte, daß hier schöne Damen versammelt
seien, daß Schönheit und Geist zwar angenehm, daß man aber die
nützlichen Eigenschaften beileibe nicht gering achten möge.

»Das ist ja eine artige Idee,« rief Goethe.

Und als er eins der Püppchen in die Höhe genommen und den Zettel gelesen
hatte, welcher demselben an das kleine Maul befestigt war, lachte er,
daß Röse und Marie ihn ganz verblüfft ansahen, denn nie hatten sie sich
vorgestellt, daß der Goethe lachen könnte. Er war ihnen immer als ein
majestätischer, etwas steifer, alter Herr erschienen.

»Nun, Kinder, sagt mir,« fragte er, »wer die Verse gemacht hat.«

»Die Fabianen,« antwortete Röse. »Hier nennen die Leute sie die
Rabenmutter!«

»Ah die!« sagte Goethe. »Da könnt Ihr berichten, daß ich mich
allerbestens bedanke für ihre artigen Verse.«

Er hielt eben das Figürchen mit den zerrissenen Strümpfen und das
Hausmütterchen in der Hand und betrachtete beide.

»Ich werde das allerliebste Ding meinem Sohne heut' mitbescheren.«

Röses und Maries Achtung vor ihrem Kunstwerke war wieder sehr gestiegen,
und sie fanden, daß es in Wahrheit ein wundervolles Gärtchen sei, und
daß Goethens August seinen hübschen Ärger darüber haben würde.

Mit Frankfurter Brenden beschenkt, wurden sie von Goethe aufs
freundlichste entlassen und liefen seelenvergnügt nach Hause.

Da ist noch viel Wunderbares passiert; aber wir wollen es hier von der
alten Kummerfelden genug sein lassen. Ich hab noch so manches von ihr
und der Rabenmutter geschrieben -- in einem zweiten und wohl auch
dritten Band der neuen Ratsmädel- und altweimarischen Geschichten -- was
mir mein liebes Gomelchen, das Ratsmädel, die Röse, von sich und andern
Leuten, die zu der schönen, guten, altweimarischen Zeit lebten, erzählt
hat. Ich hab da eine lustige Geschichte, wie die Ratsmädchen und die
Kummerfelden von einem alten, sonderbaren Herrn Rat in seinem
geheimnisvollen Garten geküßt worden sind und zwar, weil er alle drei
nicht ausstehen konnte, und weiter: Wie sich die Kummerfelden einen
alten Franzosen mit seiner Frau in dem Entenfang einlogiert hat und was
die getrieben haben und dann: Wie Röse und Marie sich verliebt und
verlobt haben und wie sie mit ihren Freunden Budang, Horny und Schiller
bei Nacht und Sturm ausgezogen sind, um die Göchhausen spuken zu sehen,
und eine düstere, rührende Geschichte von zwei Schwestern, die oben im
alten Rödchen bei Weimar sich abgespielt hat; -- und von Apothekers und
Frau Rat Tiburtius und der Lawine -- und die Geschichte vom ehrbußlichen
Weiblein, das oben über Goethens Garten in einem Sommerhaus mit ihrem
brummigen Gatten wohnte und diesem einen schlimmen Streich spielte --
und von den behaglichen, spielerischen Leuten in der Marschallstraße,
die in allen Dingen dem Schicksal über waren, und zuguterletzt, wie die
Enkelin der Ratsmädchen zum Blaustrumpf wurde. --

Nun wollen wir hier nur noch erwähnen, daß die Fabian sehr entrüstet
gewesen ist, als sie mit der Zeit erfuhr, daß der August von Goethe
ihren guten Rat in den Wind geschlagen, indem er eine Frau nach seinem
eigenen Geschmacke und gegen die Ansichten der Kummerfelden und der
Rabenmutter gewählt hat.




                         Sechste Geschichte.

   Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die ersten
                  Liebesbriefe ihrer Töchter dachte.


Wie zwei Vögel in einem herrlichen Garten harmlos leben, in dem die
wunderbarsten Seltenheiten grünen, blühen und Früchte tragen, so lebten
die beiden jungen Mädchen, Röse und Marie, in Weimar. Welche Wunder,
welche Außerordentlichkeiten sich auch um sie her begaben, sie
erachteten das überreich entfaltete Leben als nichts Erstaunenswertes,
so wenig sie über ihre eigene Existenz erstaunten. Es war ganz in der
Ordnung, daß gerade zu ihrer Zeit die Welt einmal gehörig in Gang kam.
Sie hatten ihre Freude daran, daß es in Weimar so viel zu sehen und zu
erfahren gab, daß im Theater alle Augenblicke etwas Neues, was man unter
allen Umständen sehen mußte, zur Aufführung kam, daß Budang ihnen hin
und wieder erklärte, sie lebten in einer Zeit, wie sie noch nicht auf
Erden dagewesen sei, von der man in Jahrtausenden noch reden würde.

Das war den Ratsmädchen angenehm zu hören und trug das Seinige zu ihrem
Selbstbewußtsein mit bei. Sie empfanden eine bewegte, schöne Atmosphäre
um sich her und gediehen in ihr. Die verschiedensten Kreise der
weimarischen Gesellschaft waren ihnen vertraut. Sie verkehrten, wie wir
es wissen, im Salon der Madame Schopenhauer; ebenso gern aber steckten
sie bei Kesselrings im Turm, bei Budangs Angehörigen, den Müllersleuten,
und dann wiederum erschienen ihnen Apothekers als die Krone der
Gesellschaft.

Die beiden thaten einen weiten Blick in das Leben schon in frühester
Jugend und genossen das Gute, Lebensvolle, daß sich ihnen in den
verschiedensten Verhältnissen darbot, in vollen Zügen.

Durch diese kluge, freie Erziehung spürten sie im freundschaftlichen
Zusammenleben mit Leuten in weit voneinander getrennten Lebensstellungen
überall das Menschliche als die Hauptsache heraus; die Verhältnisse
verdeckten es ihnen nicht, wie es bei denen, die in einem engen
Gesichtskreis erzogen wurden, wohl meist der Fall ist.

Es war selten, daß unsere beiden, wenn sie nach Hause zurückkehrten, von
einem Spaziergange, einer Besorgung in der Stadt, einer Gesellschaft
oder vom Markte, sie nicht erfüllt von der Freundlichkeit der Menschen
waren, und mochte ihnen etwas Gutes durch das Marktweib, oder den
Handwerkermeister, oder durch Karl August, oder gar Geheimrat Goethe
selbst angethan worden sein, sie schienen nur eine Art von Dankbarkeit
und Wohlwollen in sich zu haben, eine einzige Art, die für alle
herhalten mußte.

Frau Rat hatte darüber ihre Freude. Sie war es, die so zu fühlen ihren
beiden kleinen Gerechten gewünscht, die sie darauf hingeleitet hatte,
und war dankbar, als sie ihre Wünsche sich erfüllen sah.

Die wenigsten Menschen kennen das, was man Lebensgenuß nennt, und alle
guten Christen eifern mit Zorn, Predigen und Strafen dagegen, preisen
Pflichterfüllung, Aufopferung, Enthaltsamkeit, Überwindung als etwas
Nützlicheres, Beglückenderes und Schöneres an; statt aber gegen den
verpönten Lebensgenuß zu eifern und überzeugungstreu zu predigen, sollte
man der Menschheit zurufen: Genießt den Tag, genießt jedes Wort der
Liebe, jede Freundlichkeit, jede Wärme, verzeiht über jedes Maß, um
friedlich zu leben, nicht, weil es lobenswert ist, seid gut, nicht, weil
ihr deshalb als vortrefflich angesehen werdet -- nein, nur um friedlich
und erfreulich zu leben; helft auch deshalb nur einander, denn es ist
schön, es ist göttlich, zu leben, nicht grübeln, was danach kommt.
Dunkle Frage an ein unverbrüchliches Schweigen gerichtet! Lernt zu
leben! Das Sterben wird uns gelehrt ohn' unser Dazuthun. Die Sünd' mit
glänzenden Farben malen und das Dasein in seiner Trockenheit,
Pflichterfüllung darstellen, nach hohen Zielen strebend, das ist ein
vielbeliebter Kunstgriff, um Rekruten für die Tugend zu werben. Und man
wirbt auch damit. Ob es oft glückt? Ich weiß es nicht. Die aber, welche
kräftig wollen, bleiben von dergleichen gut gemeinten Lehren im
innersten Herzen unberührt. Wir wachsen wie das Getreide auf dem Felde;
ist uns der Boden günstig, wachsen wir gut, ist uns der Boden ungünstig,
wachsen wir schlecht. Wohl denen daher, die in gutem Boden stecken.

Die größte Wohlthat, die die Natur unseren beiden schönen Kindern
zugeteilt hatte, war die gesunde Freisinnigkeit ihrer Mutter.
»Überwindet Widerwärtiges,« sagte sie ihnen, »nicht, weil es überwunden
sein muß, sondern weil Ihr wißt, daß alles hier auf Erden wechselt und
nichts Bestand hat, und es ist unklug und macht blind und einseitig,
wenn wir uns von etwas ganz unterdrücken lassen. Die Ereignisse haben
nicht das Recht dazu, dies zu thun, sie können es eigentlich gar nicht.«
Und weiter: »Strebt danach, alles schön zu thun, das ist besser, als
gut; denn wenn Ihr nur die Dinge gut verrichten wollt, das ist nichts;
eine gute That kann mürrisch und unliebenswürdig gethan werden. Thut,
was Ihr thut, liebenswürdig und schön, dann werdet Ihr geliebt. Wenn ich
Euch doch die Liebe zur Schönheit in die Herzen pflanzen könnte für alle
Zeit, dann ließ ich Euch laufen, wohin Ihr wolltet. Die Liebe zur
Schönheit ist _die_ Liebe, die den Menschen am reinsten erscheinen läßt,
die allerunschuldigste, denn sie läßt vieles, wie Überhebung, dummen
Stolz, Härte, Wut nicht an ihn heran; die anderen guten Eigenschaften,
die er sich aneignen kann, bringen ihm leicht eine schlimmere mit ein;
da ist die Frömmigkeit, die bringt im Nu Überhebung. Man hat es oft, daß
soviel Frömmigkeit, soviel Hartherzigkeit da ist und Verachtung der
Nichtfrommen.«

So empfahl Frau Rat ihren beiden Mädchen die Liebe zur Schönheit an als
moralischen Lebenshalt.

Und wenn viele Mütter Frau Rat verstehen würden und die anspruchslose
Weisheit in sich aufnehmen könnten, ein heiteres, gutartiges,
freundliches und kraftvolles Geschlecht sollte entstehen. Schönheit ist
nur in Verbindung mit Kraft zu denken.

Frau Rat selbst war bewußt und unbewußt ganz durchdrungen von dieser
leisen Liebe zur Schönheit.

Das Titelbildchen, das sie uns als ganz junge Frau zeigt, hat etwas von
einer schönen Blume, ein Geschöpf, das man sich nur gepflegt, behütet,
angebetet vorstellen kann; auf weichen Teppichen gehend, mit schönen
Dingen umgeben, verwöhnt, verhätschelt, geliebkost.

Von alledem aber hatte sie nichts erfahren. Ein hartes Leben, einen
älteren, überernsten Gatten, Kargheit, Arbeit von früh bis spät, das war
ihr Schicksal.

Aber sie hat trotz alledem in ihrem Hause und unter ihren Kindern wie
ein Licht geleuchtet und wie eine Blume geblüht. Ihre beiden Mädchen
hingen an ihr mit einer Bewunderung und Liebe, als verständen sie die
unbesiegbare Schönheit ihrer Mutter, die in jeder Bewegung, in jedem
Wort noch lag, als Müdigkeit und Arbeit und Sorge Silberfäden in das
Haar und Fältchen um Auge und Mund gezogen hatten. Das war keine
Schönheit, die abgenutzt werden konnte, das war echt, echt wie Gold.

Röse und Marie waren von dem Wesen ihrer Mutter oft ergriffen und oft
gebändigt.

Sie wurden wegen einer häßlichen Antwort, einer Unfreundlichkeit
bestraft, während man ihnen manchen dummen Streich liebevoll hingehen
ließ. Freiheit war ihnen in reichem Maße zugemessen; aber im gegebenen
Augenblick hatten sie sich zu fügen und zwar in aller Liebenswürdigkeit.

Da war die wunderschöne Zeit herangekommen, die den Ratsmädchen die
»ersten Liebesbriefchen« einbrachte. Sie hatten diesen Augenblick schon
geraume Weile voraus kommen sehen und waren nicht umsonst
»Botengängerinnen« gewesen, die die Herzensgeheimnisse der Geistreichen
zwischen diesen aus und ein trugen.

Marie hatte einen glühenden und sehr schmeichelhaften Brief von einem
jungen Rheinländer erhalten, der sich seit wenigen Monaten in Weimar
aufhielt und von dem schönen Mädchen sich ganz bezaubert fühlte. Rösen
hingegen war ein Gedicht zugesendet worden, das die Reize ihres Hutes
behandelte, den ein holder Jüngling, der Verfasser der Verse, ihr bei
einer Landpartie getragen und mit zu sich genommen hatte, aus
Vergeßlichkeit, oder um Gelegenheit zu haben, seinem Herzen durch ein
paar tiefgefühlte Reime Luft zu machen.

Beide, Röse wie Marie, waren über die ihnen zugedachte Sendung
außerordentlich erfreut und vertrauten ihr Geheimnis Budang an, ließen
ihn die Briefe lesen, fanden aber zu ihrem Erstaunen, daß Budang die
Angelegenheit sehr kühl und von oben herab behandelte.

»Hört einmal, macht keine Dummheiten; es ist ein rechtes Elend, daß Ihr
damit anfangt, was fällt Euch denn ein?«

»So,« sagten Marie und Röse, »ich dächte, es wäre nun Zeit. Es giebt
Mädchen, die in unserem Alter schon verlobt sind.«

»Jesus,« rief Budang ganz erregt, »das fehlte noch! Jetzt denken die an
so etwas! Ihr solltet Euch schämen!«

Röse und Marie aber lächelten, und Röse sagte ruhig: »Nein, das ist
jetzt in der Ordnung, wir wollen auf alle Fälle heiraten, das haben wir
miteinander besprochen. Früher waren wir dagegen. Neulich haben wir uns
aber, als wir abends in der Wünschengasse auf und nieder gingen, darüber
miteinander beraten. Marie will schon in allernächster Zeit sich
verloben, sagte sie mir. Sie hält das für gut und hübsch, es sehr früh
zu thun. Man bekommt dann mehr Ansehen, meint sie, und ich glaube, sie
hat recht.«

»So albern wie heute,« unterbrach Budang sie, »seid Ihr mir noch nicht
vorgekommen, gerade jetzt dachte ich, wie hübsch vernünftig und
ordentlich Ihr nach aller Mühe geworden seid, aber proste Mahlzeit. Die
beiden Esel hätten wahrhaftig etwas Besseres thun können, als Euch die
Zettel zu schreiben. Das beste ist, thut das Briefzeugs fort, daß es
Euch nicht noch mehr die Köpfe verdreht, oder gebt es mir, ich hebe es
Euch auf.«

»I, Gott bewahre,« sagte Röse, »die Briefe bleiben bei uns in unserm
Schränkchen.«

»Meinetwegen!« brummte Budang.

Die Ratsmädchen besaßen jedes ein Schränkchen, braun gestrichen, aus
Tannenholz und mit Rosen bemalt, in der Art, wie die altweimarischen
Tischler den Blumenschmuck auf den Bauerntruhen und Betten zu stande
brachten. Jedes war eine Elle hoch, nicht allzu tief, so daß sie
außerordentlich handlich waren und bald dahin, bald dorthin von den
Besitzerinnen geschleppt wurden, je nachdem sie eine Näscherei, ein
Geheimnis verborgen hielten, und es den beiden wünschenswert erschien,
die Schränkchen in sicherer Nähe zu haben. In diese Schränkchen also
wurden die Liebesbriefe gesteckt, jede that den ihrigen in eine
Bonbonschachtel.

Sie holten sie tagsüber wohl zehnmal heraus, beguckten sie sich
gegenseitig und waren sehr zufriedengestellt. Aber wie es so geht: Marie
erboste schließlich Rösen; sie hatte ihr gesagt, daß das Gedicht auf den
Hut mit ihrem Brief nicht in Vergleich zu ziehen sei, hatte ihr die
Vorzüge ihres Briefes und die Mangelhaftigkeiten des Gedichtes zu Gemüte
geführt, so daß Röse mißlaunig wurde, und beide in eine Zänkerei
verfielen, die sich eine gute Weile hinzog.

Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehört. Als sie eintrat,
sagte sie ruhig: »Was fällt Euch ein, Ihr Mädchens?« Sie sahen ganz
verwildert aus, und Röse rief: »Die Marie hat einen Liebesbrief im
Schränkchen!«

»Herrgott!« rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, »die Klatsche!
Die hat auch einen!«

»So,« sagte Frau Rat, »zeigt sie mir.«

Da brachten sie beide ihre Schränkchen gutwillig angeschleppt. »So, nun
schließt sie auf.«

Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den
Liebesbrief und überreichte ihn der Mutter.

Diese gebot Rösen, ein brennendes Licht zu holen und that keinen Blick
in die Zettel, die sie in der Hand hielt.

Sie war ganz ruhig und freundlich, strich Marien über die Wangen, die
ihr von der Zänkerei glühend rot geworden waren.

Als Röse wieder mit dem brennenden Licht zaghaft eintrat und es auf den
Tisch stellte, hielt die Mutter, ruhig lächelnd, die Briefchen über die
Flamme.

Die beiden Mädchen schauten nun still zu, wie so merkwürdige Dinger
verbrannten. -- Und als die Mutter das verkohlte Papier auf den Tisch
fallen ließ, und die Funken noch daran knisterten, betrachtete Röse und
Marie die kleinen, verkohlten Haufen sehr interessiert, und als das
letzte Fünkchen verlosch, sagte Röse: »Jetzt ist das Schulmeisterlein
hinausgegangen.«

Es war bei ihnen ein beliebtes Spiel, Funken in einem verkohlten
Papierknäuel verlöschen zu sehen.

Die munteren Fünkchen, welche sprühten und knisterten und vergingen, das
waren die Schulkinder, die nach Hause liefen, und der letzte Funke war
eben -- »das Schulmeisterlein«.

Frau Rat lachte hell auf bei Röses Bemerkung, schloß das Kind in die
Arme und küßte es, und alle drei waren seelenvergnügt. --

Um diese Zeit begab es sich, daß der Großherzog Karl August aus Wien von
dem großen Kongreß, der den verworrenen Streit der Völker schlichten
sollte, zurückkehrte.

Empfangsfeierlichkeiten wurden vorbereitet. Die Weimaraner schmückten
ihre Häuser, Ehrenpforten wurden gebaut. Die Schützengilde, die
Feuerwehr, die Innungen, die Schulen, alles beriet sich. Es war ein so
wichtiges und emsiges Treiben im Städtchen, als sollten die
Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen das Wohl des
ganzen Reiches schaffen und erwägen.

Der Bürgermeister, unserer Ratsmädel Vater, hatte alle Hände voll zu
thun. Frau Rat nähte für die beiden Kinder neue, weiße Kleider. Ihre
Mädchen waren dazu ausersehen, dem heimkehrenden Fürsten in Gesellschaft
noch anderer hübscher Geschöpfe Blumen und Lorbeerkränze von einer
niederen Estrade aus auf den Weg zu streuen, während er vorüberritt.

Die Stadtverordneten, die Schützengilden, die Feuerwehr, die Innungen,
die Schulen hatten die Bestimmung getroffen, daß die weißgekleideten
Mädchen mit offenem Haar und in Kränzen den Fürsten begrüßen sollten.
Die Ratsmädchen, weil sie so gut zu einander paßten und so hübsch
nebeneinander aussahen, sollten ganz vornan stehen. Und Röse war das Amt
überkommen, einen wunderschönen Lorbeerkranz Karl August gerad auf den
Degengriff zu werfen, oder doch wenigstens auf sein Pferd, wenn es ihr
mit dem Degen zu schwer würde.

Es war eine außerordentliche Ehre für sie, das sah sie selbst ein und
that sich etwas zu gute darauf. Das Wetter am Einzugstage war schön und
klar, die Luft kräftig und frisch, die Fahnen wehten in der Sonne, vom
Winde bewegt. Es duftete nach Tannen und Grün von allen Häusern herab,
vor jeder Thür. Musikbanden zogen durch die Gassen nach den
verschiedenen Versammlungsorten des Einholungszuges. Es pfiff,
trommelte, schrie, schimpfte, lachte, sang auf allen Straßen, daß es
eine wahre Freude war. Die weißgekleideten Mädchen versammelten sich wie
Züge weißer Tauben in der Esplanade. Die frische, sonnige Luft schien,
wie sie die Fahnen regte, auch die Gemüter munter zu bewegen. Man war so
lustig, so ganz feiertäglich und erwartungsvoll gestimmt.

Die Mädchen kletterten auf ihre Estrade, der Wind wehte in blondem,
braunem Haar, in weißen, duftigen Falten, wehte über der hübschen Schar
hin, wie über ein blühendes Feld, etwa wie über ein Mohnfeld, das in
weißen, rosigen Farbentönen steht.

Alle Glocken begannen zu läuten, voll und schön. Die weimarischen
Glocken sind von einem seltenen Wohlklang. Die eine haben sie im
Dreißigjährigen Kriege gestohlen, von irgendwo ganz Besonderem her.
Freudenschüsse klangen dumpf dazwischen. Da näherte sich der Zug. Den
Mädchen auf der Estrade klopfte das Herz, denn der Augenblick war sehr
feierlich.

Die Musik erklang, so eine recht herzhafte Musik.

Und als Karl August auf seinem Pferde von ferne zu sehen war, da reckten
sich alle Hälse. »Du, Marie,« rief Röse, »da reitet ja der Ottokar Thon
neben ihm, -- gucke, gucke! Marie, sieh doch!« rief Röse, ganz bewegt
von allem Festjubel, »das ist er! Du kannst Dich darauf verlassen. Er
ist jetzt Adjutant, das muß er sein. Den haben wir aber in Jahren nicht
gesehen! Er soll ja ganz etwas Besonderes geworden sein, ist Lützowscher
Jäger, -- Du weißt doch?« --

»Ja, ja,« sagte die Schwester etwas gedankenlos.

»Höre, Marie,« rief Röse wieder, als die beiden Reiter herangekommen
waren, »ich werfe dem Adjutanten meinen Kranz zu, das sollst Du sehen.«

»Du bist verrückt,« sagte Marie, »da könntest Du in eine schöne
Bredouille kommen -- der Lorbeer ist für den Herzog.«

»I gar,« sagte Röse.

Da ritt der Herzog eben der Estrade zu, und die Mädchen jubelten hoch
auf, und der ganze Zug jubelte, und aus allen Fenstern ringsumher
schrieen und riefen sie. Der Wind wehte Rösen und Marien das lange Haar,
das sie so einhüllte, daß man nur ein Streifchen ihrer weißen Kleider
sah, wie goldene Fahnen über die Schultern, dem Herzog entgegen, ganz,
als hätte es sich der Wind so ausgedacht.

Das mochte ein sonderbar hübscher Anblick sein; denn Karl August schaute
lächelnd und nickte zu den Mädchen hinauf, hielt sein Pferd an und
sprach ein paar Worte zu seinem Adjutanten.

In dem Augenblick flog Rösens Lorbeerkranz auf Karl August zu und
richtig, verfehlte ihn, weil ihr die Haarsträhnen über das Gesicht
geflogen waren, daß sie nicht recht sehen konnte, und der Kranz blieb an
dem Degenknauf des jungen Adjutanten hängen.

Da lächelte Karl August noch einmal, und als der junge Offizier den
Kranz loslösen wollte, um ihn dem zu überreichen, dem er bestimmt war,
da machte der Herzog eine Bewegung, die zu bedeuten schien: »Da, wo er
ankam, laßt ihn nur.«

Der Adjutant war augenscheinlich verwirrt und wußte nicht, was er mit
dem Kranze anfangen sollte; seine Blicke trafen die Spenderin der
schönen Ehre. Er lächelte ihr zu und schaute sie an -- und erkannte sie,
die er, als sie ein kleines Mädchen war, in der Wünschengasse oft
gesehen hatte.

Seine Eltern hatten Rats eine Zeit lang gegenüber gewohnt, und er
erinnerte sich Rösens und Mariens wieder.

»Herrjeh,« sagte Röse ganz glücklich. »Nun seht nur, jetzt reitet er mit
meinem Kranz davon. Das war ja wirklich Ottokar Thon!«

»Na freilich,« bestätigte Marie.

»Und wie er aussah! -- nein, wie er aussah! -- Früher haben wir ihn gar
nicht groß angesehen, ich glaube, nicht einmal gegrüßt. Hast Du bemerkt,
wie er rot wurde, als der Kranz auf ihn fiel; das hat er sich nicht
träumen lassen, daß er so einen großen Lorbeer bekommen würde. Und hast
Du auch gesehen, Karl August hat ihm den Kranz geschenkt!«

»Ja, ja!« sagte Marie ganz lustig. »Du hast gut getroffen!«

»Höre, Marie,« begann Röse wieder, während sie noch den beiden Reitern,
dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. »So, wie der Ottokar
Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat
mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie,« wiederholte sie ernst. »Er
gehört zu den Lützowschen Jägern,« sagte sie noch einmal -- »weißt Du?
Aber wie streng er aussah.«

Sonnenklar wußte Röse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt,
den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort
mitzuteilen.

Diesmal war aber der Eindruck glückverheißend, bedeutungsvoller, als sie
sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei
dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt
hatte, wurde Jahre darauf Rösens Gatte.

Sie war ein Glückskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das
erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankündigung einer
schönen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte
angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; »denn
damals«, sagte sie, »wußte ich so klar wie das, daß er mir besser, als
jeder Mensch bisher gefiel, auch das, daß wir einmal zu einander gehören
würden.« Davon erfahren wir aber erst Näheres und Breiteres im zweiten
Bande.

Der ruhige Ernst, der auf den Zügen des jungen Mannes lag, als er unter
Glockengeläut mit seinem Fürsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer
tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem
Vaterlande fühlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg
noch sein mußte, ehe Deutschland würdig und groß dastehen konnte.

Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen
und Feiern, den Plänen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrät, um es
nicht zu entweihen, seine Gedanken über die Möglichkeit, wie Deutschland
erhoben werden könne, niedergeschrieben.

Lange Jahre nach seinem frühen Tode ist jene Niederschrift bekannt
geworden, und staunend mußte man die Klarheit und Sicherheit dieses
jungen, kräftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und
sicher Deutschland den Weg zur Größe vorschrieb, den es jetzt gegangen
ist.

Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem früh
Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.

Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit,
seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der großen, allgemeinen
Verworrenheit gepriesen und schließt die Worte, die er der Erinnerung an
jenen kühnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: »Wie unheimlich
erscheint doch die schwerflüssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung
neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.«

Welche Fülle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht über die Erde
hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit
Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hält mit
ihren Kräften haus.

Denke man sich einen schönen, mächtigen Wald, unübersehbar; göttliche
Frische lebt in ihm. Es ist eine Welt für sich, eine herrliche
Erscheinung, und er hat sich gebildet dadurch, daß unzählige große und
kräftige und geringe Bäume, ungezählte Daseinskräfte, mächtige und
zarte, sich zu einem Ganzen hier zusammenthaten, zu einem einzigen
Begriff, der alles einzelne in sich begräbt.

So ist es auch im menschlichen Leben: um einen Begriff, eine Erfahrung
zu schaffen, gehören Millionen, die diese Erfahrung an sich erprobten,
die diesen Begriff durch ihr Aufgehen in demselben bildeten.

Wie ein Baum uns nie die Erscheinung eines Waldes geben kann, so würde
der erste Tugendhafte uns nie den Begriff der Tugend geben können, der
erste Leidende nicht den des Leidens, der erste Glückliche nicht den des
Glückes, der erste junge Mensch nicht den der Jugend.

Ungezählte mußten gelitten haben, ehe die Welt von Leiden reden konnte;
Millionen mußten glücklich gewesen sein, ehe das Bild des Glückes,
Millionen mußten sündigen, ehe das Bild der Sünde entstand.

Ein Begriff ist der große Wald, in dem das einzelne aufgeht, um ein
Ganzes bilden zu helfen. Und ich sage hier noch: Ungezählte mußten in
Jugend erblühen und wieder dahinwelken, ehe wir von Jugend als von einer
Glückseligkeit reden konnten.

Das Wort, der Begriff »Jugend« ist das Grab, in das Jugend aus
Jahrtausenden sank und ihr seliges Erbteil dem Worte überließ, so daß es
Kraft hat, den, der es recht ausspricht, mit Wonne, Wehmut und allem
Wundervollen, das je gefühlt ist, zu überschütten.

Und diese Zeilen, diese munteren, harmlosen Geschichtchen haben weiter
kein Ziel, als das: dem reichgeschmückten Worte, an dessen Pracht und
Zauber die Geschlechter der Erde von Anbeginn an wirkten, noch ein
schimmerndes Flitterchen mehr anzufügen.




                          Letzte Geschichte.

                            Das Gomelchen.


Es sind viele, viele Jahre vergangen; unsere Ratsmädel sind alte
Mütterchen. Ihre lustigen Spießgesellen sind alle dahin!

Beide Schwestern sind miteinander alt geworden, beide sind glücklich
verheiratet gewesen, beide hatten Kinder und Enkel; Marie aber ist nun
auch schon heimgegangen, nur Röse erlebt es, daß ihr die Urenkel in die
sonnige Stube kommen und sich bei ihr erlustigen.

Ich habe schon, da Röse und Marie noch als lebensfrohe Dinger in Weimar
ihr Wesen trieben, in diese Zeiten vorausgeschaut an dem Abend, als der
junge Arthur Schopenhauer mitten in ihre Jugendpracht hinein sagte:
»Hört einmal, Ihr Haareulen, denkt an das alte Weib; glaubt nicht, daß
es so fortgeht; werdet gütig und mitleidig; schwätzt nicht; seid fleißig
und sparsam, damit es später nicht allzu übel um Euch stehe.«

Ich habe auch erzählt, daß Röse vollkommen damit einverstanden war und
das Benehmen des jungen, düsteren, närrischen Philosophen nicht gerade
abgeschmackt fand. »Abgeschmackt« war ein Lieblingsausdruck der
Ratsmädel, mit dem sie sonst recht freigebig waren. Ist nun
Schopenhauer, der viel Geschmähte, viel Verehrte und Mißverstandene,
daran schuld, daß zwei so freundliche, kluge Altchen auf Erden lebten,
so soll er gelobt sein -- hat dies die Natur ohne sein Zureden auch zu
stande gebracht, so soll sie ebenso gelobt sein; denn sie that etwas,
wofür man ihr Dank schuldig ist. Sie hat gezeigt, daß dem Alter der
Stachel genommen werden kann. Sie hat gezeigt, daß es so übel mit dem
Altwerden nicht ist; daß das Alter anmutig sein kann; daß es Freunde,
Heiterkeit und Lebensfreude einbringt, wie man es sonst nur der lieben,
grünen Jugend zutraut. Der Name »Gomelchen« ist der alten Frau, die
früher das Ratsmädel war, wie eine weiche Federflocke angeflogen und an
ihr haften geblieben. Aus Großmama wurde Gomama, aus Gomama Gomo --
Gomelchen. Von den Lippen ihres ältesten Enkelkindes hat sie ihn zuerst
gehört, und es war beinahe das erste Wörtchen, das dies Enkelkind
sprechen konnte, war Name und Schmeichelname zugleich. Und so ist er
geblieben, dieser Name -- ein Leben lang immer in Liebe, immer in
Zärtlichkeit ausgesprochen.

Ich bleibe bei dem Namen und meine, es sei genug, zu sagen und immer
wieder zu sagen, daß sie Gomelchen heißt -- und vergesse ganz, daß
dieser Name für andere gar keinen Klang hat und das nicht sagt, was er
mir sagt.

Mir selbst ist es, wenn ich ihn mir vorspreche, als glitte eine weiche
Welle über mein Herz hin, als würde es behaglicher, wärmer im Zimmer;
einen zarten Duft von Thee und schöner Sahne und Reseda und Hyacinthen
meine ich zu spüren, einen Duft, der die Seele mit Wehmut und Erinnerung
erfüllt. Es legt sich mir eine leichte, wohlthuende Hand auf die Stirn,
ihre Hand. Die Fremde ist mir nicht mehr so fremd; Thränen treten mir in
die Augen, und mein ganzes Herz will sich in Sehnsucht auflösen.

Wie lange ist es nun schon her, daß ich sie nicht sah, daß ich nicht mit
ihr plauderte, wie lange! Und Gott mag es wissen, wann das Leben mich
wieder zu ihr führt. Aber ich will von ihr erzählen, nicht von ihr
träumen.

Ich will von ihr erzählen, darum, weil ich von den lustigen
Jugendstreichen, den sonnigen Kindertagen berichtete, und weil es nichts
Schöneres, Erfreulicheres, Hoffnungssichereres giebt, als zu sehen, wie
das Schicksal es freundlich zuläßt, daß einer glückseligen Jugend ein
kräftiges, gutes Dasein und ein lebensfreudiges Alter folgen kann.

Es wäre doch wirklich schade, wenn einer oder der andere annehmen
könnte, daß aus meinen beiden prächtigen Ratsmädeln ein paar verkümmerte
oder geschwätzige oder sonst unliebenswürdige, alte Weiber geworden
wären -- oder wenn es schöner klingt: »alte Damen«. Denn wie selten
stehen Jugend und Alter im Einklang. Wie oft könnte man sich entsetzen,
würde man das Zukunftsbild eines hübschen Mädchens voraussehen!

Um gut und würdig und schön zu altern, muß man schon etwas an sich
haben, was man genial nennt. Ich weiß, was ich damit sagen will. Man muß
ein großes Teil Liebe und Güte besitzen, ein so großes Teil, daß, wenn
es vermessen werden könnte, vernünftige Leute meinen müßten, es wäre ein
sträflicher Aufwand vom lieben Herrgott, einen unbekannten, unberühmten
Menschen, der auf der Gotteswelt nichts Besonderes gethan hat, so üppig
auszurüsten, und gar ein Weib -- das wäre genug, um einen Fürsten
auszustaffieren, der etwas Ordentliches, Nützliches damit hätte stiften
können, Hospitäler, Besserungshäuser, Waisenhäuser, Vereine aller Art,
Witwenkassen, Pensionen, Zuchthäuser, Nachtherbergen, Kaffee- und
Theestuben und Armenküchen.

Um ein Menschenherz ganz mit Liebe zu beleben, daß es sein Lebtag alle
Schicksalsschläge, alles, was das Dasein mit sich bringt, ohne
Bitterkeit, Ungeduld und Härte über sich ergehen läßt, braucht es so
viel an Liebe und Güte, daß Tausende sonst vortrefflicher Leute, die
sich mit einem gebräuchlichen Anteil von Liebe begnügen, daran genug
hätten.

Ein ganz guter, ganz liebevoller Mensch ist so selten wie ein großer
Dichter oder Künstler, so selten wie ein großer Philosoph. Die Natur hat
sich, wenn man die Legionen der Geschöpfe überschaut, die erwähnte
Verschwendung nicht allzuoft zu Schulden kommen lassen, sonst würde die
Welt ein anderes Ansehen haben. Ihr meint dennoch, daß es nicht in der
Ordnung sei, wenn mit einer so großen Begabung an Liebe und Wohlwollen,
die das so ausgezeichnete Geschöpf in die Reihe der Genies stellt, nicht
weiter erreicht wird, als würdig, gut und freundlich zu altern. Das ist
scheinbar sehr wenig und ist doch viel; traurig ist, daß die große Masse
der Menschheit mit verkrüppelten, verhärteten Herzen Abschied von der
Erde nimmt. Die Freundlichen, die Heiteren, die Gutes und Böses
weichherzig ohne Sträuben aufnehmen, das sind die wahren Helden, nicht
die, die dem Leben eckig und sparrig gegenüberstehen.

Nun kurz und gut. -- Als unser Ratsmädel, die Röse, eine alte Frau
geworden war, da wohnte sie und wohnt noch im Hause ihrer Tochter und
hat da den oberen Stock inne. Ein Stübchen besonders, das ist so hell
und freundlich, wie es wenige giebt. Durch ein großes Fenster scheint
die Morgensonne herein und durch zwei Fenster die Mittagssonne. Blumen
gedeihen da oben und Blatt- und Schlingpflanzen wie in einem
Gewächshaus, und jahraus jahrein funkelt es hell auf glänzenden Blüten
und Knospen. In diesem warmen, sonnigen Nest sitzt unser Ratsmädel, das
Gomelchen, seit das Alter über sie gekommen ist, und wenn man sie sitzen
sieht, ist nichts als Heiterkeit und Behagen zu spüren. Und was
eigentlich heißt alt sein, sehr alt sein? Es heißt in tausend und
millionen Fällen wohl nur: müde und mürbe gerüttelt sein vom Leben,
abgestumpft von den tausendfachen Schmerzen, gewöhnt an die Eingriffe
des Todes, gewöhnt an alles und jedes. Die Schauspiele, die hier auf
Erden dargestellt werden, sind für die Alten gar zu oft gegeben worden;
die jammervollsten rühren nicht mehr, die heiteren erfreuen nicht mehr,
die komischen machen nicht mehr lachen. Und die Alten denken wohl alle
wie jener, der kurz vor seinem Tode sagte: »Es wäre nun Zeit, daß die
Welt unterginge!«

Sehr alt sein heißt, ganz vereinsamt sein, ganz in der Fremde leben.
Alle guten Freunde, die von uns wußten, wie schön, wie jung, wie
lebensvoll wir waren, die von uns wußten, wie wir litten und was uns
Gutes geschah, sind abgefallen, ins Grab gesunken. Es ist niemand mehr
da, der uns wirklich kennt; was haben die jungen, leichtsinnigen
Geschlechter mit uns zu thun? -- Sie meinen, die vor ihnen waren, die
gälten nichts, die bedeuteten soviel wie Schatten und Träume. Ach, sie
sehen ja nichts, was war, was gewesen! -- Das sieht der Alte ganz allein
-- ganz allein, wie einer einen Geist erblickt, den die übrigen nicht
gewahr werden.

Der Alte ist vereinsamt und bleibt vereinsamt; in seinem Herzen sitzt
Sehnsucht und Wehmut. Was lohnt es sich, zu reden, denkt er; es versteht
Dich doch keiner, es ist jeder mit sich und seiner Zeit vollauf
beschäftigt. Nur im Traume sieht der Alte seine Zeitgenossen, -- lauter
Verstorbene. Es ist ein schwerer Stand, das hohe Alter.

Körperliches Leiden und körperlicher Verfall, Stumpfsinn und Bitterkeit
bedrücken die Lebenskräfte; Verschlossenheit und Übellaunigkeit bringt
es ein, und die Kluft, die den Alten von den neuen Geschlechtern trennt,
wird immer weiter und weiter.

Von alledem aber, was hier steht und was ganz natürlich und
unvermeidlich zu sein scheint, wie das Alter selbst und der Tod, ist bei
dem Gomelchen, wie ich schon sagte, nichts zu finden.

Sie hat es nicht einmal zu dem gebracht, was man »Würde« nennen möchte,
die zusammengesetzt ist aus etwas vornehmer Steifheit, Unnahbarkeit, aus
dem Unvermögen, sich lebendig zu rühren, aus dem Bewußtsein der eigenen
Vortrefflichkeit, der reich gesammelten Erfahrung; nicht einmal zu _der_
Würde hat sie es gebracht, die wie eine weich gepolsterte, schwerfällige
Kutsche für die alten Leute bereit steht, in der sie sich bequem
niederlassen und umherfahren können, und auf der zuvorderst ein kleiner
Postillon sitzt und in sein Hörnchen bläst: »Vor dem grauen Haupte
sollst Du aufstehen und das Alter ehren.« Nicht einmal dazu hat sie es
gebracht. Wenn im Haus etwas fehlt, ist sie die erste, die bereit ist,
es zu schaffen.

»Laßt das nur, laßt das nur, das besorge ich; ich springe hinüber und
bringe es in Ordnung!« Dabei schaut sie nicht nach Wind und Wetter aus,
langt nach ihrem Schlüsselbund, der unzertrennlich von ihr ist und mit
dem sie wie mit einem Glockenspiel zu klingen versteht, -- ehe man ihr
Kommen merkt, hört man ihr Glöckchen schon -- hat sie den Schlüsselbund,
so schlägt sie ein Tuch um die Schulter, nicht etwa einen schönen
Pelzsammetmantel, wie es eigentlich einer Frau Geheimrätin ziemte, den
läßt sie hängen, wo er hängt -- und macht so im Mützchen und
Umschlagetuch ihre Verhandlung bei irgend einem Herrn Nachbar.

Sie ist eben immer noch das Ratsmädel; so wenig es der jungen, lustigen
Röse in den Kopf gekommen wäre, eine Sammetmantille umzuhängen, um zu
Madame Ortelli, die Bürgermeisters schräg gegenüber wohnte, zu laufen,
so wenig fällt dies auch dem Gomelchen ein. Bis in die Fingerspitzen
pulsierte Leben in ihr; wie sie ein Kommodenfach zuschiebt, wie sie näht
und häkelt, wie sie die Hand giebt und einem über Wangen und Stirn
streicht und wie sie die Treppen hinabläuft, das ist alles so lebendig,
so leicht, so beweglich. Niemand auf Erden, glaube ich, versteht es, so
zu bewillkommnen, wie sie.

Wenn wir Kinder verreist waren und zurückkamen, und der Wagen unten vor
der Thür hielt, da schaute von oben aus dem zweiten Stock ihr Kopf
heraus, mit einem Spitzenhäubchen umgeben und bräunlich blonden,
aufgesteckten Locken an den Seiten. Im Nu war der Kopf verschwunden, und
ehe wir aus dem Wagen gestiegen und zur Hausthür eingetreten waren, da
stand das Gomelchen schon auf dem untersten Treppenabsatz mit
ausgebreiteten Armen, als wenn sie zwei Flügel hätte und damit flatterte
-- so blieb sie stehen, und solche liebevoll glückselige Küsse und
zärtliches Streicheln haben wenige Menschen im Leben gespürt, wie die,
die dann auf dem Treppenabsatz bewillkommt wurden.

Wenn ich daran denke, daß ich wieder so von ihr empfangen werden könnte,
so wird es mir, als freute ich mich auf einen ganz bestimmten,
wunderschönen Frühlingstag. Soviel ich weiß, habe ich sie nie mißlaunig,
nie unbereit zu helfen gesehen und immer fleißig und beschäftigt. Ich
weiß auch nicht, daß sie je müde und angegriffen sich gezeigt hätte.
Krank war sie manches Mal, schwer krank; aber kaum, daß die Krankheit
gehoben, so kam sie auch wieder zu voller Lebensfreudigkeit und
Anspruchslosigkeit.

Das Gomelchen ist die Jüngste im Haus, so heißt es immer. Sie ist es,
die alle Augenblicke etwas vor hat. Bald geht sie ins Theater und thut
es beinahe so begeistert und eifrig wie zu ihrer Ratsmädelzeit.
Einschleichen freilich, das geht nicht mehr; dafür ist sie jetzt
abonniert, vergißt aber regelmäßig, ihr Billet mitzunehmen, jedenfalls
in Erinnerung an jene Zeiten, wo sie die Herrlichkeiten auch ohne Billet
zu genießen verstand. -- Ist es das Theater nicht, so geht sie zu guten
Freunden oder sieht gute Freunde bei sich, oder fährt ein wenig über
Land, um ihren Kaffee auswärts zu trinken. Gar oft spaziert sie so ganz
allein und bringt dann immer etwas mit heim, einen Büschel schönes Gras,
einen Strauß Feldblumen oder einen herbstlich bunten Zweig. Wie manchmal
hat sie einer Enkelin solch einen selbstgepflückten Blumenschmuck in das
Zimmer gestellt!

Wenn man hört, ein altes Mütterchen macht einen Gang in die Felder
hinaus, spürt dort allerlei schönen Dingen nach und kommt mit Mohn und
Kornblumen ganz beladen nach Hause, so scheint das absonderlich und
erstaunlich zu sein. Bei dem Gomelchen aber ist dies ganz natürlich, es
fällt niemandem auf, es wundert sich niemand darüber. Wenn sie einen mit
ihren frischen, freundlichen Augen anschaut, vergißt man, daß sie eine
alte Frau ist, daß sie alles Leiden, das auf der Menschheit liegt, wie
andere alte Leute auch, durchkostet hat, daß sie alle teuren
Zeitgenossen verloren und jetzt vereinsamt mit ihren Erinnerungen
dasteht.

Und das Geheimnis, weshalb sie nicht gealtert ist wie die meisten
Sterblichen, mag wohl sein, daß sie von jeher weit über ihr eigenes
Interesse hinaus Herz für Menschen und Dinge hatte.

Der Freund, der am treuesten mit ihr im Leben ausgehalten, der sie erst
vor kurzer Zeit verlassen hat, war ihr guter, alter Budang, ihr
allererster Freund. Er, dem die Jungfer Concordia die beiden wilden
Kreaturen anempfohlen, hat seine Ratsmädel nie aus den Augen verloren.

Uns Kindern war es immer ein wahres Fest, wenn der alte Herr
Medizinalrat, den sie früher auf Weimars Gassen »Budang« nannten, zu der
Gomel heraufkam. »Das weiß der liebe Gott,« sagte das Gomelchen, als
ich, wie oft, bei ihr saß, und die Thür sich sachte aufthat, und ein
weißlockiger Kopf hereinschaute, ein prächtiger Kopf mit lebendigen
Augen, die Locken wie aus Silber und wie Wölkchen aufgeplustert; »das
weiß der liebe Gott, gerade so, wie er mit seinem blonden Ruschelkopf in
der Wünschengasse bei uns hereinschaute, ob die Luft auch rein und der
Vater fort sei, so schaut der Alte auch jetzt durch den Thürspalt. Da
red' mir einer davon, daß die Menschen sich ändern!«

Der Alte aber blieb mit dem Kopf zwischen der Thüre stecken und
deklamierte eine Stelle aus Shakespeare, die mit der augenblicklichen
Situation in keinerlei Verbindung stand, den Monolog des Hamlet. Er
sprach ihn englisch und das mit solcher Weihe und Hingebung, daß es
einem wunderlich zu Mute wurde. Während er noch mitten darin war, trat
er ein und ging dabei im Zimmer auf und nieder, der feste, kleine,
zierliche Mann, der so sauber und frisch aussah wie aus dem Ei geschält.
Er sah und hörte nicht, bis er seinen Monolog zu Ende gebracht hatte.

Darauf blieb er vor dem Gomelchen stehen und sagte: »Das ist groß! Das
ist göttlich! -- Siehst Du, Röse, weshalb bist Du so träg' gewesen und
hast nichts gelernt. Nun hast Du nichts davon verstanden. Meine Schuld
ist es nicht; aber was für ein Leben hättest Du führen können, wär'
etwas mehr in Deinen Kopf hineingegangen. Hier« -- damit wies er auf
mich, »die Kinder lernen doch hoffentlich, was Du nicht zu stande hast
bringen können?«

Das Gomelchen strich der Enkelin zärtlich über den Kopf, sah ihren
strengen Freund befangen lächelnd an und sagte: »Soviel ich weiß, sollen
sie es auch nicht besonders weit gebracht haben. Die hier hat ihre
Schularbeiten meistens bei mir gemacht und hat erschrecklich dabei
gestöhnt.«

»Bei Dir?« fragte der Medizinalrat frappiert, setzte sich nieder,
stemmte beide kleinen Hände auf die Kniee: »Da mögt Ihr etwas Schönes
miteinander zu stande gebracht haben! ... Röse, die Kinder hier im Haus
hast Du trotz der Erzieherin auf dem Gewissen,« sagte er. »Ich habe es
mir immer gedacht, daß es bei den Enkeln wieder durchbrechen müßte. Ich
würde Dich geheiratet haben, aber ich hatte Respekt vor Euch!«

»Geh, schwätz nicht!« sagte das Gomelchen lächelnd, »wir hätten Dich gar
nicht genommen.«

»Übrigens,« fuhr der Medizinalrat fort, »ich komme eigentlich heute, um
Dir etwas zu sagen: Gestern bist Du vor mir hergegangen und hast Dich
erschrecklich krumm gehalten, hast einen ordentlichen Buckel gemacht.
Thu das nicht. Ich denke noch, wer ist denn die Alte da? Wo bist Du denn
gewesen? Was hast Du denn gedacht? So nachlässige Haltung macht
frühzeitig alt; ich habe es von jeher nicht leiden können, wenn Du Dich
schlecht hieltest. Kummer braucht unsereins nicht mehr niederzudrücken,
Gott Lob,« sagte er heiter. »Wir wissen aus Erfahrung, daß auf die ganze
Geschichte hier kein Verlaß ist; es kommt und geht und kommt und geht
ohne Ende, und damit basta! Wer das oft mit angesehen, wie wir, den läßt
es ruhig.«

»Bleib mir vom Hals, Du alter Philosoph, das ist ja Dein Ernst nicht --
Du machst doch sonst keine Redensarten. So lang' man ein Herz im Leibe
hat, so lang' bleibt alles neu, als geschähe es zum ersten Male, das ist
meine Meinung,« sagte das Gomelchen freundlich und behaglich. »Mir war
es damals zu unserer jungen Zeit wohl und ich finde mich auch in der
neuen Zeit zurecht. Eins ist schade jetzt für die Jungen; die Leute,
dächt ich, machten mehr Wesens aus allen Dingen als früher, das junge
Volk thut mir leid; oder kommt mir's nur so vor, daß sie es so nicht
mehr haben, wie wir es hatten? Herr, mein Gott, wenn ich an unsere
lustigen Tage denke, wie wir Dich in Mädchenkleider gesteckt haben, wie
wir miteinander Schlitten gefahren sind; wie kein Tag verging, an dem
wir nicht etwas ausheckten -- und sag doch selbst, ist da irgend etwas
geschehen, an das wir nicht mit aller Ruhe und Freude zurückdenken
könnten? -- Doch gewiß nicht! Und wenn ich mir vorstelle, einen einzigen
unserer Streiche, die wir miteinander verübten, ließe sich hier ein
Mädel aus der höheren Töchterschule zu Schulden kommen, ich glaube, die
alten Jungfern, die ihnen die Weisheit einfüllen und ihre Wege
überwachen, schickten auf den Stadtkirchturm, um Sturm läuten zu lassen;
der Direktor beriefe ein Ehrengericht, und das Mädel würde gebrandmarkt
fürs Leben; warum? Weil sie rittlings auf der Käsehütsche den
Bibliotheksberg heruntergerutscht ist. Siehst Du, Budang, ich habe ein
warmes Herz für alle Welt; aber es giebt keine irdische Strafe, die ich
einem Lehrer nicht gönnte. Und sie sind schlimmer geworden seit unserer
Zeit. Wohin es noch kommen wird, ich weiß es nicht! Die Kinder heute
werden vor lauter Weisheit und Furcht dumm und blöde.«

»Da hast Du recht, Röse,« sagte der Medizinalrat. »Seitdem die Welt
steht, hat sich eine tüchtige Portion von Bosheit und Dummheit
abgelagert. Es giebt schreckliche Dinge in der Geschichte,
Christenverfolgungen, Judenverfolgungen, Hexenprozesse, Autodafés; aber
schlimmer war das nicht, als was die Leute heutzutage mit Erziehung und
Bildung bei Mann und Weib anrichten.«

»Du bist ein lieber, guter Mensch!« rief das Gomelchen ganz bewegt und
klopfte dem alten Freund auf die Schulter. »Siehst Du, das ist mir aus
der Seele gesprochen. Herr Gott, kommt denn nicht einmal ein
vernünftiger Mensch, der dem Unwesen ein Ende macht!«

»Nun,« sagte der Medizinalrat, »vielleicht einmal aus Deiner
Verwandtschaft und Nachkommenschaft, wer kann's wissen.«

»Na, mir sollte das recht sein, wenn ordentlich aufgeräumt würde. Das
ist's ja, die Leute jetzt wissen es gar nicht, wie schlecht es um sie
steht; denn wer kann vergleichen? Hier sitzen so ein paar Alte, die es
noch können. Und sag einmal selbst, was sind denn das für vertrocknete
Ehrenmännchen und junge alte Jüngferchen jetzt? Jeder unschuldige
Backfisch hat die ernstesten Ideen über seine Versorgung und arbeitet
auf seinen Lebensabend hin -- weißt Du, Budang, das gefällt mir nicht,
das dauert mich.« Frau Gomelchens Stimme wurde ganz bewegt.

»Laß das, Röse,« sagte der Medizinalrat. »Du sollst nicht immer gleich
oben hinaus und nirgends an sein. Was meinst Du denn, wenn die Kinder
alle freigelassen und, wie Du es Dir früher auszumalen liebtest, alle
Lehrer gehangen oder verbannt würden, so versichere ich Dich, solche
Schwesterpärchen, wie Ihr wart, würden doch nicht zu Dutzenden
umherlaufen. Ja, ja,« sagte er und schaute die Enkelin mit seinen
lebendigen Augen an: »Euer Gomelchen ist eine große Rarität -- Gott
behüt' sie.«

Oft lang unterhielten sich die beiden von verflossenen Zeiten, lachten
über Personen, die einst ihr Wesen in Weimar getrieben, nun aber längst
zu Staub zerfallen waren. Was für sonderbare, liebenswerte, närrische
und vortreffliche Leute tauchten da aus der Vergessenheit auf und kamen
auf ein paar Augenblicke wieder zu einem Schimmer von Leben und Wirkung.

Die Zuhörerin, welche die guten Freunde oft bei ihren Unterhaltungen und
Erzählungen hatten, war immer ganz Teilnahme. Es schien ihr dann, als
sehne sich das Gomelchen nach der Vergangenheit. Das rührte und ergriff
sie so tief, daß sie nicht wußte, was sie der Guten Liebes anthun
sollte.

Einmal, nach einem Abend, als sie den Erinnerungen der beiden treuen
Kameraden gefolgt war, hatte sie einen wunderlichen, aber hübschen
Traum. Sie sah das Gomelchen in einem ihr wohlbekannten Zimmer. Die
Thüre, die in den Garten führte, stand mit beiden Flügeln weit offen.
Sommerluft, Sonne und ein weicher Reseda- und Levkoyenduft drangen ein.
Da mit einem Male kam ein wunderschönes, blondes Mädchen vom Garten in
das Zimmer gesprungen, ein Mädchen, ganz von Sommerluft und Sonne
durchwärmt, belebt und rosig übergossen. Das war das Ratsmädel, die
Röse, das Gomelchen, als es noch jung war! Und das schöne, glückliche
Mädchen lief auf die alte Frau zu, schloß sie in die Arme, drückte sie
an sich, dem ungestümen Geschöpf glitt der breiträndrige Hut vom Kopfe.
Das Gomelchen aber machte sich die Arme frei, hielt das Mädchen von sich
ab, nickte lächelnd mit dem Kopf, ganz in Nachdenken versunken, schaute
sie von oben bis unten an und rief mit einer ganz unbeschreiblich
zaubervollen Stimme, in der alle Wehmut eines lebensfreudigen,
sehnsüchtigen Herzens zitterte: »Ach, was waren das doch für herrliche
Zeiten!«

                   *       *       *       *       *

An einem Frühlingstage verlor das Gomelchen ihren alten, treuen Freund.
Sie empfing die Nachricht mit aller Ruhe. Seit Wochen schon hatte sie
seinen Töchtern bei der Pflege mit beigestanden und hatte gewußt, daß es
mit ihm zu Ende gehen mußte. Die Töchter erzählten, daß die alte Frau
oft stundenlang bis in die Nacht hinein am Bette des sterbenden Freundes
gesessen, daß sie lange, lange die Hand des Kranken in der ihrigen
gehalten, und daß auf beiden Gesichtern dann eine wunderschöne Ruhe
gelegen habe.

Noch bis zum letzten Tage, wenn es irgend anging, haben sie sich
wohlgelaunt unterhalten, verständnisvoll und wehmütig, wie es nur zwei
so gute, alte Freunde miteinander thun können.

Als er gestorben war, hat sie bis zu seinem Begräbnis sein Haus nicht
verlassen, hat seine Töchter getröstet und aufrecht erhalten, hat
überall nach dem Rechten gesehen und ist des Tags wieder und wieder in
das stille Zimmer getreten, in dem ihr treuer Freund lag, hat sich ihn
immer wieder angeschaut, und ihr Herz mag wohl einen ergreifenden
Abschied genommen haben.

Nach dem Begräbnis holte eine Enkelin sie aus dem Hause ihres guten
Freundes Budang ab.

Frau Gomel nahm von den Töchtern Abschied. Die wollten sie gar nicht
gehen lassen und waren ganz aufgelöst in Schmerz um ihren alten Vater,
der der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Sie hätten die, die es so gut
mit ihnen meinte, gar zu gern bei sich behalten. »Ihr müßt nicht so
außer Euch sein,« sagte das Gomelchen. »Gönnt ihm seine Ruhe, wie Ihr
ihm sein Leben gönntet -- das eine wie das andere muß sein. Schaut Euch
die Welt mit seinen Augen an, dann habt Ihr ihn in Euch. -- Vergeßt auch
nicht, heute Abend hinunter in den Park zu gehen. Jetzt schlagen die
Amseln, da hat er es nie versäumt, hinzugehen, so lange er gesund war.
Geht nur -- das wird Euch wohl thun. Zu unserer Zeit sind wir gar oft
zum Amselschlag miteinander gegangen. Thut's nur heut' Abend und nehmt
Euch hübsch zusammen. Ihr habt es ja immer gut mit ihm gemacht und könnt
Euch zurückrufen, wie dankbar er war bis zum letzten Augenblick. Das ist
ein Trost, den haben wenig Menschen. Den meisten mögen die bitteren
Stunden, die sie einem Heimgegangenen zugefügt, mitten in den ersten
Schmerz hinein in die Erinnerung kommen. Bei Euch braucht das nicht zu
sein, Gott Lob. Lebt wohl, Ihr guten Mädchen,« sagte das Gomelchen und
schloß eine jede in die Arme. »Lebt wohl und seid recht gelassen, so wie
er es gern sehen würde. Die Blätter fallen nun einmal im Herbste.«

Und immer wieder nahm das Gomelchen Abschied von den Töchtern ihres
alten Freundes. Es war, als wenn sie versuchte, ob nicht das rechte
Trostwort sich vielleicht doch einstellen würde. Auf dem Heimwege war
sie ganz schweigsam. Als sie aber ihre Treppe langsam und matt
hinaufstieg, sagte sie: »Siehst Du, nun ist alles abgethan. Nun lebt von
meinen Guten keiner mehr; mit dem letzten, der sie kannte und liebte,
sind sie mir alle noch einmal gestorben.« Enkelin und Großmutter gingen
miteinander in das sonnige Stübchen. Da legte sie sich nieder und
schaute mit einem so geduldigen, freundlichen Ausdruck vor sich hin, der
tief ergriff. »Die alte, alte Sonne, die scheint unentwegt,« sagte sie
und schaute auf das Lichtgefunkel, das auf den Blättern und Blüten und
auf dem Teppich in Flecken und Ringen spielte. Kein Laut war im Zimmer
zu hören. So blieben sie beide schweigsam.

»Hör einmal,« sagte Frau Gomelchen freundlich, »zieh doch das oberste
Kommodenfach auf und gieb mir einmal das Packet, das rechts liegt,
heraus.«

Die Enkelin that so.

Gomelchen nahm es, öffnete es, da lagen zarte, gelbliche Spitzen in der
Papierhülle. »Die hab ich Dir dieser Tage gekauft, Du hast ja so etwas
gern,« sagte sie liebevoll und faßte die Hand der Enkelin und sah sie
an, so wehmütig, beinahe wie hilfesuchend.

Da schlang diese die Arme um sie, und das Gomelchen fragte freundlich:
»Wenn Du irgend etwas für mich zu thun hast, das gieb nur her und sag
mir nur alles, was Du vorhast und was Du denkst. Das ist mir die
allergrößte Freude.«

»Ach, mein Gomelchen!« flüsterte ihre gute Kameradin unter Thränen und
hatte ganz die rührende, freundliche Seele verstanden.

»Und Ihr seid, der Budang und Du, immer gute Freunde gewesen, von damals
an, als er Euch bei der Eselsgeschichte erwischte, immer gute Freunde
und nie getrennt?« fragte die Enkelin zaghaft nach einer Weile.

»Immer gute Freunde und nie getrennt, heut' zum ersten Male getrennt,«
wiederholte das Gomelchen. »Als Student war er ein paar Jahr auswärts;
einen Katzensprung weit, in Jena; aber da kam er alle Nasen lang. Es hat
ihn nie in die Fremde gezogen. Ich reise erst nach meinem Tode, sagte er
immer, wenn das Gepäck leichter ist -- und ich glaube,« fügte Frau
Gomelchen lächelnd hinzu, »er reist jetzt -- denn er hat stets
durchgesetzt, was er wollte. Es war ein närrischer Kerl, ein ganz
närrischer Kerl.« Versunken in Erinnerung schaute sie vor sich hin. »Ein
guter Jugendfreund, der einem durchs ganze Leben treu war, ist das
beste, was es giebt. Da bleibt das Dasein uns immer heimisch; der weiß
alles, kannte alles, hat alles mit erlebt; Du kannst Dir gar nicht
denken, was für ein Trost es alten Leuten ist, wenn sie einen guten
Freund fragen können: Weißt Du denn auch noch, wie damals der und der
und die und die aussah -- und was sie sagten und was sie thaten, und
weißt Du denn auch noch, als die Häuser an der Ackerwand noch nicht
standen, und unten der ganze Park Feld und Gestrüpp war, und wie sie in
der Esplanade unter den alten Bäumen die Wäsche trockneten, und wo
jetzt, auch in der Esplanade, der Goldschmied wohnt, als da noch der
uralte Turm stand, in dem der Hufschmied steckte? Und erinnerst Du Dich
noch an Mamsell Muskulusen, ihren Veilchenhut und an das großgeblümte
Kleid der Kummerfelden und an Adele Schopenhauers Gesicht, wenn der
Geist über sie kam, und an den Brunnenkopf, den alten Löwen, der ihr so
ähnelte? Gott gebe Dir,« sagte das Gomelchen, »daß Du einen guten
Freund, ein gutes Herz Dein lebelang Dir nahe hast, dann ist das
Altwerden so schlimm nicht.«

»Habt Ihr Euch denn nie miteinander verzürnt und habt nie Streit
miteinander gehabt?« fragte die Enkelin.

»Daß ich nicht wüßte,« erwiderte das Gomelchen treuherzig. »Von dem Tage
bei der Jungfer Concordia an, wo wir ihn zuerst länger sprachen, haben
wir ihn, Marie und ich, immer ästimiert und voller Respekt behandelt. Zu
Streit und Ärger hätte es nie mit ihm kommen können. Das ging alles so
ruhig hin, man wußte nicht wie.«

»Und hat er denn nicht einmal zu einer von den Ratsmädchen eine
wirkliche Liebe gefaßt?« fragte die Enkelin.

»I, gar!« antwortete das Gomelchen, genau in dem Ton, als sagte dies die
junge Röse. »Er ist immer unser guter Freund geblieben; als wir uns
verlobten, war er zwar nicht sehr erbaut davon, aber nur aus dem Grunde
nicht, weil er uns noch für erschrecklich dumm hielt und weil er meinte,
wir hätten noch mit dem »Unsinn« warten können. Mein Mann und er sind
dann ganz gute Freunde geworden, so daß der Budang oft sagte: Siehst Du,
Röse, nun bin ich doch für die viele Mühe, die ich mir mit Euch gab,
belohnt worden. Er wäre für meinen Mann ins Feuer gegangen!«

Da leuchteten Gomelchens Augen von Liebe und Stolz auf.

»Und hat denn der Budang nie eine Dummheit gemacht, ist denn sonst nie
etwas zwischen Euch gekommen?«

»Das mag schon sein -- ich werde mich schon manchmal über ihn geärgert
haben; aber das vergißt sich, und ich habe immer über die Freundschaft
meine eigenen Gedanken gehabt und die will ich Dir sagen, die kannst Du
Dir merken. Siehst Du, man muß gegen einen Freund zu allererst
wohlwollend sein, wohlwollend in jeder Hinsicht -- Ärger darf gar nicht
Platz greifen. -- Wenn Du Dir vorstellst, jemand, den Du lieb hast, habe
irgend eine Angewohnheit, die Dir nicht recht ist, und stellst Dir vor,
daß er auf lange Zeit totkrank wird, Du fürchtest ihn zu verlieren, --
da aber mit einem Male ist die Gefahr vorüber -- er wird gesund, und Du
hörst ihn zum ersten Male wieder so recht nach Herzenslust schnaufen,
oder was er gerade für eine Art, die Leute zu ärgern, an sich hat -- Du
aber fühlst nur: Gott sei Dank, er schnauft wieder! und da hast Du auch
keine Spur von Ärger darüber. So muß es sein. Du mußt, wenn Du jemanden
liebst, immer im vollen Bewußtsein Deiner Liebe und der Sorge, ihn zu
verlieren, leben, dann lässest Du nichts in Dir aufkommen, was Ärger und
Unwille und Ungerechtigkeit ist.«

»Ach, Du liebes Gomelchen, wer ist noch so gut wie Du!« rief die Enkelin
und küßte ihr die Hände. »Das ist wahr, in Deiner Liebe zu den Menschen
ist auch nicht ein Fünkchen Ärger mit hineingemischt; da ist wohl kein
Schlingel schlimm genug, der nicht bei Dir Trost fände, wenn er zu Dir
käme. Ich habe oft gedacht: Bei Dir giebt es Gute und Böse gar nicht,
sondern nur Leute, mit denen man freundlich und hilfreich sein muß. Bist
Du denn immer so gewesen, auch früher so gut?«

»Hör einmal, Du,« sagte das Gomelchen, »Du bist eine rechte
Schmeichelkatze, was hast Du denn mit Deiner Alten? Von der ist
überhaupt nicht zu reden. Was machst Du denn für ein Aufhebens! Wenn ein
altes Weib nicht so lieben dürfte, wie es die Leute lieben will, wer
möchte da ein altes Weib sein! ich gewiß nicht!« sagte das Gomelchen.
»Wir Alten, Gott Lob, können lieben, wie wir wollen. Wir suchen auf
Erden nichts mehr, glaub mir, keine Wichtigkeit mehr, auch keine
Gerechtigkeit, nichts -- gar nichts. Glaubst Du, der liebe Herrgott oben
weiß etwas von Gerechtigkeit, von Härte, von Liebe, von Lieblosigkeit,
von Würde oder von Vortrefflichkeit? Bei ihm da oben hört das dumme Zeug
auf, der ganze Wirrwarr, alles Gezerre, aller Streit. Da ist ewige Ruhe
und Stille. Und die Seele kommt zu ihm ganz unschuldig, wie der Wind und
der Blitz. Nicht wahr, der Blitz ist doch unschuldig, wenn er in einen
Baum gefahren ist, und der Wind ist unschuldig, wenn er im Meere
gewirtschaftet hat? Oder ist er ein böser Blitz oder ein ungerechter
Blitz -- oder irgend etwas dergleichen? Wenn alles, was menschlich ist,
von der Seele zurückgelassen, ist auch alles, was man so oder so nennt,
von ihr fortgenommen, alles, was böse oder gut ist. Siehst Du, und wir
alten Leute haben schon das meiste zurückgelassen. Die Seele ist schon
freier in uns -- das ist's -- und hin und wieder fühlt man's auch ganz
klar, in glückseligen oder schmerzlichen Augenblicken. Ach, mein
Herzenskind,« sagte das Gomelchen, »die ganze Welt steckt so voller
Ungerechtigkeit, voller Zank und Streit, voller Wichtigthun und
Widerstand, voller Verwirrung und Irrtum und Mißverständnis, daß ein
armer Mensch bei seinem Freunde, zu dem er in Liebe und Vertrauen kommt,
nichts finden soll als eine weiche Ruhe und Stille, wie die Seele sie
bei ihrem Gott findet, bei dem das nicht ist, was wir gut und böse
nennen -- Frieden -- Frieden. Nicht dasselbe Spiel, das überall
getrieben wird, soll dem Armen auch bei dem Freund bereitet sein -- auch
nicht ein klein wenig davon. Mein Liebling, merke Dir das, denke nie,
nimm Dir nie vor, daß Du Deinen guten Freund durch Deine Weisheit und
Vortrefflichkeit bessern oder beeinflussen willst. Laß das den
Lehrmeistern, den Gouvernanten, und wie all die ernsten Leute heißen;
sei Du klüger. Das Leben macht seine Sache ganz ohne Dein Zuthun.
Freunde sind nur da, um das, was das Leben anrichtet, vergessen zu
lassen. Gott gebe Dir, daß Du verstehst, beglückend zu lieben.«

Da faßte das Gomelchen den Kopf der Enkelin mit beiden Händen und zog
sie zu sich nieder, und in den Augen glänzten ihr helle Thränen:
»Lieben, geliebt werden, mein Herz, ist das einzige Glück auf Erden.
Meine selige Mutter wußte wohl, was sie meinte, als sie sagte: >Liebt
das Schöne mehr, als das Gute.< Sie konnte die würdigen Leute nicht
leiden. >Alle vortrefflichen Leute wissen, daß sie vortrefflich sind,
und sind deshalb hart und hochfahrend und bösartig, weil sie glauben,
die ganze Welt strafen zu müssen,< sagte sie; sei Du klüger. Meine
Mutter hatte recht, anmutig die Thorheiten thun, die man nun einmal im
Leben thun muß, ist besser, als daß man sie würdig und vortrefflich
thut. Anmut läßt keine Herzensbosheit, keine Wut, kein Wichtigthun
aufkommen. Gott behüte Dich, mein Kind ... Weißt Du,« sagte Frau
Gomelchen, »Du könntest heute den Thee bei mir trinken, mir ist so
vereinsamt zu Mute. Herr, mein Gott, ich weiß gar nicht, ob ich Dir es
wünschen soll, alt zu werden. Das Abschiednehmen von den teuern Lieben,
einer geht -- und wieder einer geht -- und wieder einer -- und wieder
einer -- und der letzte geht -- 's gar zu jämmerlich. Mir ist's grad',
als wäre ich die Hausherrin, die Wirtin; alle meine lieben Gäste, die so
heiter waren, empfehlen sich, und ich bleib allein im Haus, und die
Lichter gehen aus -- und es wird öde und Nacht -- und still.«

»Mein Gomelchen,« rief die Enkelin bewegt. »Wir sind bei Dir! -- Ich bin
bei Dir, mit mir rede von alten Zeiten.«

»Ja freilich, mein Herz,« sagte das Gomelchen und lächelte unter
Thränen, »ich bin ein recht undankbares, altes Weib; aber es ist doch
so; es wird zu viel im Leben dem Herzen wieder abgefordert, gar zu viel.
Gottlob, daß es Freuden und Freunde giebt, die sich unmerklich
vergessen. Das Leben ist eigentlich für unbegabtere, gefühllosere
Geschöpfe, als wir sind, berechnet, oder für göttliche Geschöpfe, die
über allem stehen, über dem Dasein selbst, über Tod und Abschied, über
jeder Not und Qual; für solche mag es ein gutes Leben sein; aber die
arme Mittelsorte! für solche Leutchen wie du und ich, für die ist's
schlimm, die haben mehr als die einen, und weniger, als die andern, und
wissen sich nicht zu helfen, wenn's auch so ausschaut, als wüßten sie's.
Nun geh nur, und laß es unten sagen, daß Du Deinen Thee bei mir trinken
wirst, und komme auch gleich wieder.«

Und wie gerne kam die Enkelin! Eine Theestunde bei Gomelchen hat die
Eigenschaft, Sorgen und Trauer weich mit Behagen zu überdecken. Zu
dieser Stunde wagt sich kein Leid der Welt in das blumenduftende,
hübsche Zimmer herein, in dem der Theekessel summt, und in dem das
freundlichste Herz seine Gäste bewillkommnet, ein Herz, das jeden
Schmerz, bis in das hohe Alter hinein, wie ein Kind ohne Bitterkeit
überwinden kann, nicht düster, nicht verschlossen, ein Herz, das bis in
das hohe Alter die Augen im selben Augenblick weinen und lächeln läßt.

Als die Enkelin wieder hereintrat, fand sie die liebe Frau gelassen,
doch mit zitternder Hand damit beschäftigt, den Theetisch für sich und
ihren Gast zu ordnen. Aus einer Büchse nahm sie Eingemachtes und füllte
es in eine kleine Krystallschale, die sie der Enkelin vor ihren Platz
stellte mit einer Miene, der man es ansah, wie gerne sie jemandem etwas
zu gute that.

Die Enkelin schaute ihr zu, fiel ihr um den Hals und flüsterte: »Wollte
Gott, es gäbe viele Ratsmädel und viele Gomelchen auf der Welt, dann
würden die Leute, wenn sie jung wären, mehr lustige Streiche machen, und
wenn sie alt geworden, da wäre es erst recht hübsch; da hätten sie
solche wundervolle Blumenstübchen wie Du, und alle Welt liebte sie, und
sie hätten so gemütliche Theetische, und jede Freude sähe bei ihnen
doppelt wie Freude aus, und jeder Schmerz machte sie so unbeschreiblich
rührend und liebenswert, wie er Dich macht, mein liebes, liebes
Gomelchen« -- und die Enkelin hielt sie noch immer umfaßt. In beider
Augen schimmerten Thränen, und sie setzten sich miteinander ganz
einverständlich und voller Liebe zu einander hinter die summende
Theemaschine, das Gomelchen in ihren weichen, gemütlichen Lehnstuhl. Die
Lampe leuchtete unter dem großen rosa Schirm, und die Enkelin sagte:
»Ich verstehe Dich, mein Gomelchen, das einzige, was auf Erden das Herz
ruhig und glücklich macht, ist: Gut miteinander zu sein.«




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden wie hier aufgeführt korrigiert
(vorher/nachher):

   [S. 5]:
   ... bedächtig das Wochenblatt las, rief hinaus! »Röse, ...
   ... bedächtig das Wochenblatt las, rief hinaus: »Röse, ...

   [S. 57]:
   ... über der Grund ihres Wohlstandes nach, wie es ...
   ... über den Grund ihres Wohlstandes nach, wie es ...

   [S. 239]:
   ... miemandem auf, es wundert sich niemand darüber. ...
   ... niemandem auf, es wundert sich niemand darüber. ...

   [S. 247]:
   ... in der alle Wemut eines lebensfreudigen, sehnsüchtigen ...
   ... in der alle Wehmut eines lebensfreudigen, sehnsüchtigen ...

   [S. 248]:
   ... da hat er es nie versämt, hinzugehen, so lange er ...
   ... da hat er es nie versäumt, hinzugehen, so lange er ...






End of the Project Gutenberg EBook of Ratsmädelgeschichten, by Helene Böhlau

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMÄDELGESCHICHTEN ***

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without further opportunities to fix the problem.

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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    [email protected]

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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