The Project Gutenberg eBook of Der weiße Dominikaner
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Title: Der weiße Dominikaner
Aus dem Tagebuch eines Unsichtbaren
Author: Gustav Meyrink
Release date: September 14, 2026 [eBook #79578]
Language: German
Original publication: Wien: Rikola Verlag, 1921
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79578
Credits: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net for Project Gutenberg (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive/Canadian Libraries)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEISSE DOMINIKANER ***
GUSTAV MEYRINK
DER WEISSE DOMINIKANER
AUS DEM TAGEBUCH EINES UNSICHTBAREN
RIKOLA VERLAG
WIEN BERLIN LEIPZIG MÜNCHEN
1921
INHALT
Seite
Einleitung 7
Christopher Taubenschlags erste Kundgebung 15
Die Familie Mutschelknaus 26
Die Wanderung 47
Ophelia 69
Das Gespräch um Mitternacht 83
Ophelia 109
Das mennigrote Buch 140
Ophelia 163
Einsamkeit 186
Die Bank im Garten 197
Das Medusenhaupt 206
Jener muß wachsen, ich aber schwinden 225
Gegrüßt seist Du, Königin der Barmherzigkeit 243
Die Auferstehung des Schwertes 265
Das Nessoshemd 283
EINLEITUNG
„Herr X oder Herr Y hat einen Roman geschrieben“ — was heißt das?
Nun, sehr einfach: „Er hat mit Hilfe seiner Phantasie Personen
geschildert, die in Wirklichkeit nicht existieren, hat ihnen Erlebnisse
angedichtet und sie miteinander verwoben.“ — So ungefähr lautet,
weitläufig gefaßt, das allgemeine Urteil.
Was Phantasie ist, glaubt jedermann zu wissen, daß es aber höchst
merkwürdige Kategorien der Einbildungskraft gibt, ahnen nur sehr
wenige.
Was soll man sagen, wenn zum Beispiel die Hand, dieses scheinbar so
willfährige Werkzeug des Gehirns, sich plötzlich weigert, den Namen des
Helden der Geschichte niederzuschreiben, den man sich ausgedacht hat,
und statt seiner hartnäckig einen andern wählt?
Muß man da nicht unwillkürlich stutzig werden und sich fragen:
„Schaffe“ ich tatsächlich oder — ist meine Einbildungskraft am Ende nur
eine Art magischer Empfangsapparat? Etwa das, was auf dem Gebiete der
drahtlosen Telegraphie eine Antenne genannt wird?
Es hat Fälle gegeben, daß Menschen nachts im Schlaf aufstanden und
schriftliche Arbeiten, die sie abends, übermüdet von den Anstrengungen
des Tages, unfertig hatten liegen lassen, vollendeten und Aufgaben
besser lösten, als sie es im Wachsein vermutlich imstande gewesen
wären.
Dergleichen liebt man mit den Worten zu erklären: „Das für gewöhnlich
schlummernde Unterbewußtsein ist zu Hilfe gekommen.“
Geschieht so etwas in Lourdes, so heißt es: „Die Mutter Gottes hat
geholfen.“
Wer weiß, vielleicht sind Unterbewußtsein und die Mutter Gottes ein und
dasselbe.
Nicht, als ob die Mutter Gottes nur das Unterbewußtsein wäre, nein, das
Unterbewußtsein ist die „Mutter“ — „Gottes“.
In dem vorliegenden Roman spielt ein gewisser Christopher Taubenschlag
die Rolle eines lebenden Menschen.
Ob er jemals gelebt hat, gelang mir nicht ausfindig zu machen; meiner
Phantasie ist er sicherlich nicht entsprungen, das glaube ich fest; ich
sage das rund heraus, auf die Gefahr hin, daß man mich für jemand
halten wird, der sich interessant machen will.
Genau zu schildern, auf welche Weise das Buch zustande kam, liegt hier
kein Anlaß vor; es genügt, daß ich nur in Streiflichtern knapp
skizziere, was sich begeben hat.
Man möge entschuldigen, daß dabei in einigen Sätzen von mir selbst die
Rede ist, ein Übelstand, der sich leider nicht vermeiden läßt.
Ich hatte den Roman in allen Umrissen fertig im Kopfe und begann ihn
niederzuschreiben, da bemerkte ich — später erst, beim Durchlesen der
Niederschrift! —, daß sich der Name „Taubenschlag“, ohne daß es mir
sogleich bewußt geworden wäre, eingeschlichen hatte.
Doch nicht genug damit: Sätze, die ich mir vorgenommen hatte, zu Papier
zu bringen, änderten sich unter der Feder und drückten etwas ganz
anderes aus, als ich sagen wollte; es entspann sich ein Kampf zwischen
mir und dem unsichtbaren „Christopher Taubenschlag“, in dem dieser
schließlich die Oberhand behielt.
Ich hatte geplant, eine kleine Stadt zu schildern, die in meinem
Gedächtnis lebt: es wurde ein völlig anderes Bild daraus, ein Bild, das
heute schärfer vor mir steht als jenes wirklich erlebte.
Es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als dem Einfluß, der
sich Christopher Taubenschlag nennt, seinen Willen zu lassen, ihm,
sozusagen, meine Hand zur Niederschrift zu leihen und alles das aus dem
Buche zu streichen, was meinen eigenen Einfällen entstammte.
Setzen wir den Fall: Jener Christopher Taubenschlag sei ein
unsichtbares Wesen, das auf rätselhafte Weise imstande ist, einen
Menschen bei klarem Bewußtsein zu beeindrucken und nach seinem Willen
zu lenken, so stellt sich die Frage ein: warum hat er mich denn
benutzt, um seine Lebensgeschichte und den Gang seiner geistigen
Entwicklung zu schildern?
Aus Eitelkeit? — Oder damit ein „Roman“ zustande kommt?
Möge jeder sich selbst die Antwort geben.
Meine eigene Ansicht will ich für mich behalten.
Vielleicht steht mein Fall bald nicht mehr vereinzelt da; vielleicht
ergreift jener „Christopher Taubenschlag“ morgen die Hand eines andern.
Was heute ungewöhnlich erscheint, kann morgen alltäglich sein!
Vielleicht ist die alte und doch ewig neue Erkenntnis auf dem Wege:
„Jedwede Tat, die hier geschieht,
Geschieht nach dem Naturgesetz;
Ich bin der Täter dieser Tat —
Ist selbstgefälliges Geschwätz.“
Und die Figur des Christopher Taubenschlag ist nur ihr Vorbote, ist ein
Symbol, ist die als Persönlichkeit sich geberdende Maske einer
gestaltlosen Kraft?
Für die Siebengescheiten, die da so überaus stolz sind auf ihr
„Hausherrentum“, mag freilich der Gedanke widerwärtig sein, daß der
Mensch nur eine Marionette ist.
Als ich von ähnlichen Empfindungen erfaßt, eines Tages mitten im
Schreiben war, kam mir plötzlich der Gedanke: Ist dieser Christopher
Taubenschlag vielleicht so etwas wie ein von mir abgespaltenes Ich?
Eine vorübergehende, zu selbständigem Leben erwachte, in mir unbewußt
gezeugte und geborene Phantasiegestalt, wie es bei Leuten vorkommen
soll, die zeitweilig Erscheinungen zu sehen glauben und sich mit ihnen
sogar unterhalten?
Als hätte jener Unsichtbare in meinem Gehirn gelesen, unterbrach er
sofort den Lauf der Erzählung und streute, meine schreibende Hand
benützend, wie in Parenthese die sonderbare Antwort ein:
„Sind Sie“ — (es klang mir wie Spott, daß er mich ‚Sie‘ und nicht ‚Du‘
nannte) — „Sind Sie, wie alle Menschen, die sich gleich Ihnen
einbilden, Einzelwesen zu sein, vielleicht etwas anderes als eine
‚Ichabspaltung‘? — Abspaltung jenes großen Ichs, das man Gott nennt?“
Ich habe seitdem oft und viel über den Sinn dieses merkwürdigen Satzes
nachgedacht, denn ich hoffte in ihm den Schlüssel zu dem Rätsel, das
Christopher Taubenschlags Daseinsbedingungen für mich umgibt, zu
finden. Einmal glaubte ich bei meinen Grübeleien bereits ein gewisses
Licht entdeckt zu haben, da verwirrte mich ein ähnlicher „Zuruf“. Er
lautete:
„Jeder Mensch ist ein Taubenschlag, aber nicht jeder ist ein
Christopher. Die meisten Christen bilden es sich nur ein. Bei einem
echten Christen fliegen die weißen Tauben aus und ein.“
Von da an gab ich die Hoffnung auf, dem Geheimnis auf die Spur zu
kommen, und verwarf gleichzeitig jede Spekulation, ich könnte am Ende —
die antike Theorie, der Mensch verkörpere sich mehrmals auf Erden,
vorausgesetzt — einst jener Christopher Taubenschlag in einem früheren
Leben gewesen sein!
Am liebsten wäre mir, ich dürfte glauben: jenes Etwas, das mir die Hand
führte, ist eine ewige, freie, in sich selbst ruhende und von jeglicher
Gestaltung und Form erlöste Kraft; aber, wenn ich des Morgens nach
traumlosem Schlafe erwache, sehe ich zuweilen zwischen Augapfel und Lid
das Bild eines alten, weißhaarigen, bartlosen Mannes, hochgewachsen und
jugendlich schlank, wie eine Erinnerung der Nacht vor mir, und der
Eindruck erfüllt mich für den Tag mit dem nicht loszuwerdenden Gefühl:
das muß Christopher Taubenschlag sein.
Oft hat sich mir dabei der merkwürdige Gedanke zugesellt: Er lebt
jenseits von Zeit und Raum und tritt das Erbe deines Lebens an, wenn
der Tod nach dir die Hand ausstreckt.
Doch wozu solche Erwägungen, die Fremde nichts angehen!
Ich bringe nunmehr die Kundgebungen Christopher Taubenschlags, so wie
sie erfolgten, in der oft abgerissenen Form, ohne etwas hinzuzufügen
oder wegzulassen.
1
CHRISTOPHER TAUBENSCHLAGS ERSTE KUNDGEBUNG
So lange ich denken kann, behaupten die Leute in der Stadt, ich hieße
Taubenschlag.
Wenn ich als kleiner Junge mit einer langen Stange, an deren Spitze ein
Docht brannte, in der Abenddämmerung von Haus zu Haus trabte und die
Laternen anzündete, marschierten die Kinder der Gasse vor mir her,
klatschten im Takt in die Hände und sangen:
Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag,
Trarara Taubenschlag.
Ich ärgerte mich nicht darüber, wenn ich auch selbst nie mitsang.
Später griffen die Erwachsenen den Namen auf und redeten mich mit ihm
an, wenn sie etwas von mir wollten.
Anders steht es mit dem Namen Christopher. Er hing mir, auf einen
Zettel geschrieben, am Halse, als man mich als Säugling, nackt, eines
Morgens vor der Türe der Marienkirche liegen fand.
Den Zettel wird wohl meine Mutter geschrieben haben, als sie mich
damals ausgesetzt.
Es ist das einzige, was sie mir mitgegeben hat. Darum habe ich von je
den Namen Christopher als etwas Heiliges empfunden. Er hat sich mir in
den Körper geprägt, und ich habe ihn wie einen Taufschein — ausgestellt
im Reiche des Ewigen —, wie ein Dokument, das niemand rauben kann,
durchs Leben getragen. Beständig wuchs und wuchs er wie ein Keim aus
der Finsternis empor, bis er als der wieder erschien, der er von
Anbeginn an gewesen, sich mit mir verschmolz und mich geleitete in die
Welt der Unverweslichkeit. So, wie da geschrieben steht: es wird gesät
verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Jesus wurde als erwachsener Mensch bei vollem Bewußtsein dessen, was
geschah, getauft: der Name, der sein Ich war, senkte sich auf die Erde
herab; die Heutigen werden als Säuglinge getauft; wie könnte es sein,
daß sie erfassen, was sich mit ihnen begeben hat! Sie irren durchs
Leben dem Grabe zu wie Schwaden, die der Windhauch in den Sumpf
zurücktreibt; ihre Leiber verfaulen und an dem, der aufersteht — ihr
Name — haben sie kein Teil.
Ich aber weiß, soweit ein Mensch von sich sagen darf, er wisse, daß ich
Christopher heiße.
In der Stadt geht die Sage, ein Dominikanermönch, Raimund de
Pennaforte, habe die Marienkirche gebaut aus Gaben, die ihm aus aller
Herren Länder unbekannte Spender zugesandt.
Über dem Altar steht die Inschrift: „Flos florum — so werde ich
offenbar nach dreihundert Jahren.“
Sie haben ein farbiges Brett darübergenagelt, aber es fällt immer
wieder herab. Jedes Jahr am selben Marientag.
Es heißt, in gewissen Nächten am Neumond, wenn es so finster ist, daß
man die Hand nicht vor Augen sieht, werfe die Kirche einen weißen
Schatten auf den schwarzen Marktplatz. Das sei die Gestalt des weißen
Dominikaners Pennaforte.
Wenn wir Kinder des Findel- und Waisenhauses zwölf Jahre alt wurden,
mußten wir zum erstenmal zur Beichte gehen.
„Warum warst du nicht beichten?“ herrschte mich am nächsten Morgen der
Kaplan an.
„Ich war beichten, Hochwürden!“
„Du lügst!“
Da erzählte ich, was sich begeben hatte: „Ich stand in der Kirche und
wartete, daß man rufe, da winkte mir eine Hand, und als ich an die
Beichtzelle trat, saß ein weißer Mönch darin und fragte mich dreimal,
wie ich heiße. Beim erstenmal wußte ich es nicht, beim zweitenmal wußte
ich es wohl, aber ich hatte es vergessen, ehe ich es aussprechen
konnte; beim drittenmal trat mir kalter Schweiß auf die Stirn, und
meine Zunge war lahm, ich konnte nicht reden, aber jemand in meiner
Brust schrie: ‚Christopher!‘ — — Der weiße Mönch hat es wohl hören
müssen, denn er schrieb den Namen in ein Buch und deutete darauf und
hat gesagt: ‚So bist du hinfort eingetragen in das Buch des Lebens.‘
Dann hat er mich gesegnet und hat gesagt: ‚Ich vergebe dir deine Sünden
— die vergangenen und die zukünftigen‘.“
Bei meinen letzten Worten, die ich ganz leise gesprochen hatte, damit
keiner meiner Kameraden sie hören sollte, denn ich fürchtete mich, trat
der Kaplan wie in wildem Entsetzen einen Schritt zurück und schlug das
Kreuz.
Noch in derselben Nacht geschah es zum erstenmal, daß ich auf
unbegreifliche Weise das Haus verließ, ohne daß ich mir hätte erklären
können, wie ich wieder heimgekommen bin.
Ich hatte mich entkleidet niedergelegt und erwachte des Morgens im
Bette völlig angezogen und mit staubigen Stiefeln. In der Tasche hatte
ich Bergblumen, die ich wohl auf den Höhen gepflückt haben mußte.
So ging es später noch oft, bis die Vorsteher des Waisenhauses dahinter
kamen und mich schlugen, weil ich nie sagen konnte, wo ich gewesen war.
Eines Tages wurde ich ins Kloster zum Kaplan gerufen. Er stand mit dem
alten Herrn, der mich später an Kindes Statt annahm, mitten in der
Stube, und ich erriet, daß sie über mein Wandern gesprochen hatten.
„Dein Körper ist noch zu unreif. Er darf nicht mitgehen. Ich werde dich
anbinden“, sagte der alte Herr, als er, mich an der Hand führend und
bei jedem Satz seltsam nach Luft schnappend, seinem Hause zuschritt.
Mir bebte das Herz vor Angst, denn ich begriff nicht, was er meinte.
An der mit großen Nägeln verzierten eisernen Haustüre des alten Herrn
stand in Metall gehämmert: Bartholomäus Freiherr von Jöcher,
ehrenamtlich bestallter Laternenanzünder.
Ich verstand nicht, wieso ein Adliger ein Laternenanzünder sein könne;
mir war, als ich es las, als falle all das kümmerliche Wissen, das sie
mir in der Schule beigebracht, wie Papierfetzen von mir ab, so sehr
zweifelte ich in jenem Augenblick daran, ich sei überhaupt fähig, klar
zu denken.
Später erfuhr ich, daß des Barons erster Ahnherr ein schlichter
Laternenanzünder gewesen war, den man geadelt hatte wegen etwas, das
ich nicht weiß. Seitdem zeigt das Wappen derer von Jöcher neben anderen
Emblemen eine Öllampe, eine Hand und einen Stab und die Barone beziehen
von Geschlecht zu Geschlecht alljährlich eine kleine Rente von der
Stadt, gleichgültig, ob sie ihr Amt, die Laternen in den Straßen
anzuzünden, ausüben oder nicht.
Schon tags darauf mußte ich auf das Geheiß des Barons das Amt antreten.
„Deine Hand soll lernen, was später dein Geist fortführen wird“, sagte
er. „Es sei ein Beruf noch so gering, geadelt wird er, wenn dereinst
der Geist ihn übernehmen kann. Eine Arbeit, die die Seele zu erben sich
weigert, ist nicht wert, daß der Leib sie vollbringt.“
Ich sah den alten Herrn an und schwieg, denn ich verstand damals noch
nicht, was er meinte.
„Oder möchtest du lieber ein Kaufmann werden?“ setzte er mit
freundlichem Spott hinzu.
„Soll ich früh morgens die Laternen wieder auslöschen?“ fragte ich
schüchtern.
Der Baron streichelte mir die Wange: „Freilich, wenn die Sonne kommt,
brauchen die Menschen kein anderes Licht.“
Zuweilen, wenn der Baron mit mir sprach, hatte er eine merkwürdig
verstohlene Art mich anzublicken; in seinen Augen schien die stumme
Frage zu liegen: „Verstehst du endlich?“ oder wollte er damit sagen:
„Ich bin voll Unruhe, du könntest erraten haben?“
In solchen Fällen fühlte ich oft ein heißes Brennen in meiner Brust,
als gäbe jene Stimme, die damals bei meiner Beichte vor dem weißen
Mönch den Namen Christopher geschrien hatte, eine mir unhörbare
Antwort.
Der Baron war verunstaltet durch einen ungeheuren Kropf an der linken
Seite, so daß der Kragen seines Rockes bis zur Schulter aufgeschnitten
sein mußte, um den Hals an der Bewegung nicht zu hindern.
Nachts, wenn der Rock über den Lehnstuhl gehängt war und aussah wie der
Rumpf eines Geköpften, flößte er mir oft ein unbeschreibliches Grauen
ein; ich konnte mich davon nur befreien, wenn ich mir vorstellte, welch
überaus liebenswürdiger Einfluß im Leben von dem Baron ausging. Trotz
seinem Gebreste und dem beinahe lächerlichen Anblick, den es bot, wenn
der graue Bart wie ein gesträubter Besen vom Kropf abstand, hatte mein
Pflegevater etwas ungemein Feines und Zartes an sich, etwas hilflos
Kindliches, ein Niemand-verletzen-können, das noch gehoben wurde, wenn
er sich zuweilen drohend gab und einen durch die scharfen Brenngläser
seines altmodischen Nasenkneifers streng anblickte.
In solchen Momenten kam er mir immer vor wie eine große Elster, die
sich dicht vor einen hinpflanzt, als wolle sie einen zum Kampfe
herausfordern, derweilen ihr Auge, wachsam bis zum äußersten, kaum die
Angst verhehlen kann: „Du wirst dich doch nicht etwa unterstehen, mich
fangen zu wollen!?“
Das Haus derer von Jöcher, in dem ich so viele Jahre leben sollte, war
eines der ältesten in der Stadt; es hatte viele Stockwerke, in denen
die Vorfahren des Barons gehaust — immer ein Geschlecht ein Geschoß
höher als das vorhergegangene, als sei ihre Sehnsucht, dem Himmel näher
zu sein, immer größer geworden.
Ich kann mich nicht entsinnen, daß der Baron diese alten Räume, deren
Gassenfenster blind und grau geworden waren, jemals betreten hätte; er
wohnte mit mir in den paar schmucklosen, weiß getünchten Zimmern dicht
unter dem flachen Dach.
Anderswo wachsen die Bäume auf der Erde und die Menschen schreiten
darunter hin; bei uns wächst ein Holunderbaum mit weißen, duftenden
Dolden hoch oben in einem großen verrosteten Eisenkessel, der, einst
zur Regentraufe bestimmt gewesen, eine mit verfaultem, angewehtem Laub
und Schutterde gefüllte Röhre hinab aufs Pflaster sendet.
Tief unten strömt ein breiter, wellenloser, von Gebirgswasser grauer
Fluß dicht an den uralten, rosa-, ockergelb- und hellblaufarbigen, aus
kahlen Fenstern blickenden Häusern hin, auf denen die Dächer sitzen wie
moosgrüne Hüte ohne Krempen. Als ein Kreis umströmt er die Stadt, die
darin liegt, inselgleich, von einer Wasserschlinge gefangen; er kommt
von Süden, wendet sich nach Westen, kehrt wieder zum Süden zurück, dort
nur mehr durch eine schmale Landzunge, auf der unser Haus als letztes
steht, getrennt von der Stelle, wo er die Stadt zu umarmen begann, — um
hinter einem grünen Hügel dem Blick zu entschwinden.
Über die braune, mit mannshohen Planken eingefaßte Holzbrücke — der
Boden aus rohen rindigen Stämmen, die beben, wenn der Ochsenwagen
darüberfährt — kann man hinübergelangen ans andere, ans bewaldete Ufer,
wo Sandbrüche ins Wasser abfallen. Von unserem Dach aus sieht man über
sie hinweg weit ins Wiesenland hinein, in dessen dunstiger Ferne die
Berge wie Wolken schweben und die Wolken wie Berge auf der Erde lasten.
Mitten aus der Stadt ragt ein burgartiges, langgestrecktes Gebäude auf,
zu nichts mehr gut oder schlimm, als die stechende Glut der Herbstsonne
aufzufangen mit feuerglimmenden lidlosen Fenstern.
In dem Eierpflaster des immer menschenleeren Marktplatzes, darauf die
großen Schirme der Händler in Haufen umgestürzter Körbe wie vergessenes
Riesenspielzeug stehen, wächst Gras zwischen den Ritzen der Steine.
Bisweilen an Sonntagen, wenn die Hitze die Mauern des barocken
Rathauses heiß sengt, dringen die gedämpften Klänge einer Blechmusik,
getragen vom kühlen Lufthauch, aus der Erde herauf, — werden lauter,
das Tor der Gastschenke „zur Post, genannt beim Fletzinger“ gähnt
plötzlich, ein Hochzeitszug marschiert gemessen zur Kirche in alter
bunter Tracht, Burschen mit farbigen Bändern schwingen feierlich
Kränze, voran ein Trupp Kinder, weit an der Spitze flink wie ein Wiesel
trotz seiner Krücken ein winziger, zehnjähriger, vor Fröhlichkeit
halbtoller Krüppel, als gehe nur ihn allein die Freude des Festes an,
während alle andern unter dem Ernste der Feier stehen.
Als ich an jenem ersten Abend um einzuschlafen bereits im Bette lag,
ging die Türe auf und wiederum packte mich eine unbestimmte Angst, denn
der Baron trat zu mir und ich glaubte, er wolle mich anbinden, wie er
gedroht hatte.
Aber er sagte nur: „Ich will dich beten lehren; — sie alle wissen nicht
wie man betet. Man betet nicht mit Worten, man betet mit den Händen.
Wer mit Worten betet, der bettelt. Man bettelt nicht. Der Geist weiß
schon, was dir nötig ist. Wenn sich die Handflächen berühren, ist das
Linke im Menschen durch das Rechte zur Kette geschlossen.
So ist der Leib fest gebunden und aus den Fingerspitzen, die nach oben
stehen, steigt frei eine Flamme auf. — Das ist das Geheimnis des
Betens, von dem in keiner Schrift geschrieben steht.“
In dieser Nacht wanderte ich das erstemal, ohne daß ich am nächsten
Morgen mit staubigen Stiefeln und angekleidet im Bette erwacht wäre.
2
DIE FAMILIE MUTSCHELKNAUS
Mit unserem Hause beginnt die Straße, die mein Gedächtnis die
Bäckerzeile nennt. —
Es ist das erste und steht allein.
Drei Seiten blicken ins Land hinein, von der vierten aus kann ich die
Mauer des Nachbarhauses berühren, wenn ich unser Stiegenfenster öffne
und mich hinausbeuge, so schmal ist die Gasse, die die beiden Gebäude
trennt. —
Die Gasse dazwischen hat keinen Namen, denn sie ist nur ein
steilansteigender Durchlaß — ein Durchlaß, wie es wohl keinen zweiten
mehr auf der Welt gibt —, ein Durchlaß, der die beiden linken Ufer
eines Flusses mit einander verbindet; er durchquert hier die Landzunge
jenes Wasserkreises, auf der wir wohnen.
Frühmorgens, wenn ich fortgehe, um die Laternen auszulöschen, öffnet
sich eine Türe unten im Nachbarhause und eine besenbewaffnete Hand
kehrt Hobelspäne in den heranströmenden Fluß, der sie um die ganze
Stadt herum eine Reise machen läßt, um sie eine halbe Stunde später,
kaum fünfzig Schritte vom anderen Ende des Durchlasses entfernt, über
das Wehr zu spülen, wo er brausend Abschied nimmt.
Dieses Ende des Durchlasses mündet in die Bäckerzeile; an der Ecke über
einem Laden im Nachbarhaus hängt ein Schild, darauf steht:
Fabrik für letzte Ruhestätten
ausgeübt von
Adonis Mutschelknaus
Früher hat darauf gestanden:
Drechslermeister und Sargtischler;
man kann es noch deutlich lesen, wenn das Schild vom Regen naß wird;
dann leuchtet die alte Schrift wieder durch.
Jeden Sonntag gehen Herr Mutschelknaus, seine Gattin Aglaja und seine
Tochter Ophelia in die Kirche, wo sie in der ersten Reihe sitzen. Das
heißt: Frau und Fräulein Mutschelknaus sitzen in der ersten Reihe. Herr
Mutschelknaus sitzt in der dritten Reihe, am Eck. Unter der Holzfigur
des Propheten Jonas, wo es ganz finster ist.
Wie mir das alles jetzt nach den vielen Jahren so überaus lächerlich
vorkommt und — doch so unsagbar traurig!
Frau Mutschelknaus ist stets in schwarze knisternde Seide gehüllt, aus
der das amaranthrote, samtene Gebetbuch aufschrillt wie ein Halleluja
in Farben. In matten, spitzen Prünellstiefelchen mit Gummizug
umtrippelt sie, dezent die Röcke hebend, sorgsam jede Pfütze; auf ihren
Wangen verrät ein dichtes Netz feiner rotblauer, unter der rosa
geschminkten Haut geplatzter Äderchen das nahende Matronenalter; die
sonst so beredsamen Augen, sorgfältig an den Wimpern getuscht, sind
züchtig niedergeschlagen, denn es ziemt sich nicht, wenn die Glocken
die Menschen vor Gott rufen, sündigen Frauenreiz zu strahlen.
Ophelia trägt ein wallendes griechisches Gewand und einen Goldreifen um
das feine, aschblonde Lockenhaar, das ihr bis auf die Schulter fällt,
und immer, so oft ich sie sah, von einem Myrtenkranz gekrönt war.
Sie hat den schönen, ruhigen, gelassenen Gang einer Königin.
Immer klopft mir das Herz, wenn ich an sie denke.
Sie ist auf dem Kirchgang dicht verschleiert — erst viel später habe
ich ihr Gesicht gesehen, darin die dunkeln, großen, weltverloren
blickenden Augen so seltsam abstechen von dem blonden Haar.
Herr Mutschelknaus, im langen, schwarzen schlottrigen Sonntagsrock,
geht meistens ein wenig hinter den beiden Damen; wenn er sich vergißt
und mit ihnen auf gleiche Höhe kommt, flüstert ihm Frau Aglaja jedesmal
zu:
„Adonis, einen halben Schritt zurück!“
Er hat ein schmales, trübselig langes, eingefallenes Gesicht mit
rötlichem, schütterem Bart und eine weit vorspringende Vogelnase unter
der Stirn, die, nach innen gebaucht, in einen kahlen Spitzschädel
ausläuft, der aussieht mit seinem mottenfleckigen Haargürtel, als habe
sein Herr damit ein räudiges Fell durchstoßen und die ringsum hängen
gebliebenen Reste abzuwischen vergessen.
Der Rand des Zylinderhutes, den Herr Mutschelknaus bei jeder
feierlichen Gelegenheit trägt, muß immer an der Stirnseite mit einem
fingerdicken Watteknödel gefüttert sein, damit er nicht wackle.
An Wochentagen wird Herr Mutschelknaus nie sichtbar. Er ißt und schläft
unten in seiner Werkstatt. Seine Damen wohnen in mehreren Zimmern im
dritten Stock.
Es mögen wohl drei bis vier Jahre, seit mich der Baron aufgenommen
hatte, vergangen sein, ehe ich erfuhr, daß Frau Aglaja und Tochter und
Herr Mutschelknaus zusammengehörten.
Der schmale Durchlaß zwischen den beiden Häusern ist vom ersten
Morgengrauen an bis nach Mitternacht erfüllt von einem gleichmäßigen
brummenden Geräusch, als könne ein Schwarm riesiger Hummeln irgendwo
tief in der Erde nicht zur Ruhe kommen; es dringt leise und betäubend
bis herauf zu uns, wenn die Luft still ist. — Anfangs erregte es mich
und ich mußte immer hinhören, wenn ich tagsüber lernen sollte, ohne daß
es mir jedoch nur ein einzigesmal eingefallen wäre zu fragen, woher es
wohl stammen möchte. Man forscht nicht nach der Ursache von
Begebnissen, die sich ununterbrochen wiederholen; sie erscheinen einem
selbstverständlich, man findet sich mit ihnen ab, so ungewöhnlich sie
im Grunde auch sein mögen. Erst wenn die Sinne erschrecken, wird der
Mensch wißbegierig — oder er läuft davon.
Allmählich gewöhnte ich mich an das Geräusch, als wäre es Ohrensausen,
so sehr, daß ich nachts, wenn es plötzlich verstummte, jäh aus dem
Schlummer fuhr und glaubte, jemand habe mir einen Schlag versetzt.
Als eines Tages Frau Aglaja, die Hände an die Ohren gedrückt, eilig um
die Ecke bog und mir dabei einen Korb mit Eiern aus der Hand schlug,
entschuldigte sie sich mit den Worten: „Ach Gott, mein liebes Kind, das
kommt von dem scheußlichen Gedrechsel des — des Ernährers. Und — und —
und seiner Gesellen“, ergänzte sie, als habe sie sich verschnappt.
„Also die Drehbank des Herrn Mutschelknaus ist es, die so brummt!“
erriet ich.
Daß er überhaupt keine Gesellen hatte, und daß die Fabrik nur aus ihm
allein bestand, erfuhr ich später, und zwar von ihm selbst.
Es war ein schneeloser, finsterer Winterabend; ich wollte eben mit
meiner Stange die Klappe der Laterne an der Ecke von unten aufstoßen,
um anzuzünden, da rief mich eine Flüsterstimme an: „Pst, pst, Herr
Taubenschlag!“ und ich erkannte den Drechslermeister Mutschelknaus, wie
er, mit grüner Schürze und Pantoffeln, darauf je ein Löwenkopf aus
bunten Perlen gestickt war, angetan, mich heranwinkend im Durchlaß
stand.
„Herr Taubenschlag, wenn’s möglich is, bitte, lassen S’ heut nacht hier
finster, gelt?“ — „Wissen Sie“ — fuhr er fort, da er mir anmerkte, wie
betroffen ich war, obwohl ich mich nicht getraute, nach dem Grunde zu
fragen, „wissen Sie, — nicht daß ich Sie verführen möchte, Ihre werte
Pflicht zu verletzen, aber die Ehre meiner Frau Gemahlin steht auf dem
Spiel, wenn’s herauskommt, was ich übernommen hab’. Und mit der Zukunft
meiner Fräulein Tochter als Künstlerin wär’s für immer dahin. — Kein
menschliches Auge darf sehen, was heut nacht hier geschieht!“ — ich
wich unwillkürlich einen Schritt zurück, so entsetzte mich der Tonfall
in der Rede des alten Mannes, wie er mit angstverzerrtem Mienenspiel
auf mich einsprach, — „nein, nein, bitte, nicht davonlaufen, Herr
Taubenschlag! — Es ist ja kein Verbrechen nicht! — Freilich, wenn’s
heraus kommt, muß ich ins Wasser gehen! — Wissen Sie, ich habe nämlich
einen höchst — einen höchst anrüchigen Auftrag von einem Kunden in der
Hauptstadt bekommen, und der wird heut Nacht, wenn alles schläft,
heimlich auf einen Wagen geladen und fortgeschafft; der Auftrag
nämlich. Tja. Hm.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Wenn ich auch nicht ahnen konnte, worum es sich handelte, so erriet ich
doch, daß es nur etwas Harmloses sein konnte.
„Soll ich Ihnen beim Aufladen helfen, Herr Mutschelknaus?“ bot ich mich
an.
Der Drechsler fiel mir beinahe um den Hals vor Entzücken: — „Aber wird
es auch der Herr Freiherr nicht erfahren?“ fragte er im selben Atem und
schon wieder sorgenvoll. „Und dürfen Sie so spät noch herunter? — Sie
sind ja noch so jung!“
„Mein Pflegevater wird nichts merken“, beruhigte ich ihn.
Um Mitternacht hörte ich unten leise meinen Namen rufen.
Ich schlich mich die Treppe hinab und sah schattenhaft in der
Dunkelheit einen Leiterwagen stehen. Den Pferden waren die Hufe mit
Lappen umwickelt, damit man sie nicht trappen hören sollte. — Neben der
Deichsel stand ein Fuhrknecht und grinste jedesmal, so oft Herr
Mutschelknaus aus seinem Laden einen Korb voll runder, großer, braun
gestrichener Holzdeckel, mit je einem Knopf in der Mitte zum Anfassen,
geschleppt brachte.
Ich sprang sofort zu und half aufladen. In einer halben Stunde war der
Wagen gefüllt bis oben und schwankte über die Palisadenbrücke, sich
bald in der Finsternis verlierend.
Hochaufatmend zog mich der Alte trotz meines Widerstrebens in seine
Werkstätte.
Ein runder, weißgehobelter Tisch mit einem Krug Dünnbier darauf und
zwei Gläsern, von denen das eine — ein schöngeschliffenes Stück —
offenbar für mich bestimmt war, fing wie eine helle Scheibe das ganze
spärliche Licht der darüber hängenden kleinen Petroleumlampe auf; der
übrige langgestreckte Raum lag fast in Dunkelheit. Nur nach und nach,
wie sich meine Augen gewöhnten, konnte ich die Dinge unterscheiden.
Eine stählerne Achse, tagsüber von draußen angetrieben durch ein
Wasserrad im Fluß, lief von Wand zu Wand. — Jetzt schliefen etliche
Hühner darauf.
Lederne Treibriemen hingen wie Galgenschlingen auf die Drehbank herab.
— Eine Holzstatue des heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, ragte
aus der Ecke. Auf jedem Pfeil schlief ebenfalls ein Huhn.
Ein offener Sarg, darin ein paar Stallhasen im Traum von Zeit zu Zeit
rumorten, stand am Kopfende einer jämmerlichen Pritsche, die dem
Drechsler als Bett dienen mochte.
Eine Zeichnung unter Glas, mit goldenem Rahmen und von einem
Lorbeerkranz umgeben, war der einzige Zimmerschmuck; sie stellte eine
junge Frau in theatralischer Pose mit geschlossenen Augen und halb
offenem Munde dar, die Gestalt nackt, nur mit Feigenblatt, aber
schneeweiß, als habe sie, mit Gipswasser bestrichen, Modell gestanden.
Herr Mutschelknaus errötete ein wenig, als er bemerkte, daß ich vor dem
Bilde stehen geblieben war, und sagte rasch: „Es ist meine Frau
Gemahlin, als sie mir die Hand zum ewigen Bunde reichte. — Sie war
nämlich“ — setzte er, sich räuspernd, als Erklärung hinzu „—
Marmornymphe. — — Ja ja, Aloisia, — das heißt Aglaja, natürlich: Aglaja
— meine Frau Gemahlin, hatte nämlich das Unglück, von ihren seligen
Herren Eltern verständnisloserweise als kleines Kind mit dem
beschämenden Namen Aloisia aus der heiligen Taufe gehoben worden zu
sein. — Aber nicht wahr, Herr Taubenschlag, Sie sagen’s nicht weiter!
Der künstlerische Ruf meiner Fräulein Tochter litte sonst darunter. Hm.
Tja.“ — Er führte mich an den Tisch, bot mir mit einer Verbeugung einen
Sessel an und schenkte mir von dem Dünnbier ein.
Er schien ganz vergessen zu haben, daß ich ein halbwüchsiger Junge war
— noch nicht fünfzehn Jahre alt —, denn er sprach zu mir wie zu einem
Erwachsenen, wie zu einem Herrn, der an Rang und Bildung weit über ihm
stünde.
Anfangs glaubte ich, er wolle mich nur unterhalten, indem er mir
erzählte, doch bald erriet ich an der Art, wie sein Tonfall gepreßt und
furchtsam wurde, so oft ich zu den Hasen hinüberschaute, daß er meine
Aufmerksamkeit von der ärmlichen Umgebung abzulenken wünschte.
So bemühte ich mich denn, ruhig zu sitzen und meine Augen nicht mehr
wandern zu lassen.
Bald hatte er sich in eine tiefe Erregung hineingeredet. Seine
eingefallenen Wangen bekamen kreisrunde, hektische Flecken.
Immer deutlicher klang es aus seinen Worten wie ein krampfhaftes
Bemühen, sich mir gegenüber — zu rechtfertigen!
Ich fühlte mich damals noch so sehr Kind — und das meiste, was er
erzählte, ging überdies weit über mein Fassungsvermögen hinaus —, daß
mich unter dem Eindruck der seltsamen Dissonanzen, den seine Rede in
mir erweckte, allmählich ein leises, unerklärliches Grauen beschlich.
Ein Grauen, das sich tief in mich einfraß und von Jahr zu Jahr, als ich
längst ein Mann geworden, jedesmal intensiver erwachte, so oft das Bild
durch Zufall in meiner Erinnerung auferstand.
Mit meiner wachsenden Erkenntnis der Scheußlichkeiten, die das Dasein
über den Menschen verhängt, wuchs auch jedes Wort, das der Drechsler
damals gesprochen, an greller Nacktheit und Perspektive in meinem
Gedächtnis und konnte bisweilen zum Albdruck werden, wenn ich mir die
Zusammenhänge vergegenwärtigte und im Geiste das jammervolle Schicksal
des alten Drechslers durchwanderte, das tiefe Dunkel, das seine Seele
umfing, wie in der eigenen Brust empfand und den grausigen Mißklang
zwischen der gespenstigen Komik, die ihm anhaftete, und seinem
verstiegenen und zugleich tief ergreifenden Opfermut für ein falsches
Ideal, das ihm der Satan selbst nicht hämischer als Irrlicht hätte ins
Leben stellen können.
Damals, als Kind, empfand ich seine Erzählung, ich möchte sagen: wie
die Beichte eines Irrsinnigen, die für andere Ohren als die meinen
bestimmt war, der ich aber zuhören mußte, ob ich wollte oder nicht,
festgehalten von einer unsichtbaren Hand, die Gift in mein Blut
träufeln wollte.
Es waren da Augenblicke, wo ich mich sekundenlang verfallen und morsch
wie ein Greis fühlte, so lebhaft übertrug sich auf mich der Wahn des
Drechslers, ich sei ihm gleichalterig oder überlegen und nicht ein
kleiner Junge.
„Ja ja, sie war eine große, berühmte Künstlerin“, so ungefähr begann
er; „Aglaja! Niemand in diesem erbärmlichen Nest ahnt es. Sie will es
nicht, daß man es erfährt! Wissen Sie, Herr Taubenschlag, ich kann’s
nicht so sagen, wie ich möchte. Ich kann ja kaum schreiben. Aber das
ist ein Geheimnis zwischen uns, nicht wahr? So wie das vorhin mit den,
mit den, na ja mit den Deckeln. Ich kann nämlich nur ein Wort
schreiben“ — er nahm ein Stück Kreide aus der Tasche und malte auf den
Tisch —, „nämlich das da: Ophelia.“
„Und lesen kann ich freilich überhaupt nicht. Ich bin nämlich“ — er
beugte sich vor und flüsterte mir geheimnisvoll ins Ohr — „verzeihen
den Ausdruck: ein Tepp. Wissen Sie: mein Vater, der war nämlich sehr
streng, und weil ich als kleiner Bub einmal hab’ den Leim anbrennen
lassen, hat er mich in einen Metallsarg, der grad fertig war, auf
vierundzwanzig Stunden eing’sperrt und hat g’sagt, ich würd’ lebendig
begraben. Das hab’ ich natürlich geglaubt und die Zeit drin war mir so
furchtbar wie eine lange, lange Ewigkeit in der Hölle, die nie mehr ein
End’ nimmt, denn ich hab’ mich ja nicht rühren können und auch fast
nicht schnaufen. Ich hab’ mir die vordern Unterzähn’ ausgebissen vor
Todesangst. Aber,“ setzte er ganz leise hinzu, „warum hab’ ich auch den
Leim anbrennen lassen! Wie sie mich aus dem Sarg herausgenommen haben,
hab’ ich den Verstand verloren gehabt. Und die Sprache. Erst zehn Jahre
später hab’ ich wieder langsam angefangt reden zu lernen. Aber nicht
wahr, Herr Taubenschlag, das ist ein Geheimnis zwischen uns! Wenn die
Leut’ von meiner Schand’ erfahren, ist’s mit dem künstlerischen Ruhm
meiner Fräulein Tochter dahin! Tja. Hm. — Wie dann mein Vater selig
eines Tags für immer ins Paradies eingegangen ist — er ist begraben
worden in demselbigen Metallsarg — und mir das Geschäft und auch Geld
hinterlassen hat — er war Witwer —, da hat mir die himmlische Vorsehung
zum Trost — denn ich hab’ gemeint, ich müßt’ mich tot weinen vor Gram
um den Verlust meines Vaters — wie einen Engel den Herrn Oberregißjeh
Herrn Paris ins Haus geschickt. Sie kennen den Herrn Künstler Paris
nicht? Er kommt jeden zweiten Tag, mein Fräulein Tochter im
Theaterspielen unterrichten! Er hat den gleichen Namen wie der alte
griechische Gott Paris; es ist eine Vorsehung von Kindesbeinen an. Tja.
Hm. — Meine jetzige Frau Gemahlin war damaliger Zeit noch Jungfrau.
Tja. Hm. — Das heißt, ich mein’, sie war halt noch ein Mädchen. Tja.
Hm. — Und der Herr Paris hat ihre künstlerische Laufbahn gezügelt. Sie
war Marmornymphe in einem geheimen Theater in der Hauptstadt. Tja. Hm.“
An der abgerissenen Art, wie er die Sätze hervorstieß und nach
unfreiwilligen kleinen Pausen sich immer wieder zum Weitersprechen
aufriß, merkte ich, daß sein Gedächtnis zwischendurch erlosch, um dann
von neuem, wie der Atem kam oder ging, aufzuflackern. Es war wie Ebbe
und Flut in seinem Bewußtsein. „Er hat sich noch immer nicht erholt von
jener entsetzlichen Folter in dem Metallsarg“, fühlte ich instinktiv;
„er ist heute noch ein Lebendigbegrabener.“
„No, und wie ich damals das Geschäft geerbt hab’, ist der Herr Paris in
mein Haus gekommen und hat gesagt, die berühmte Marmornymphe Aglaja
hätt’ mich zufällig beim Begräbnis gesehen, als sie ungekannt durch
unsere Stadt gekommen ist. Hm. Tja. — Und wie sie mich am Grab meines
Vatern so hätt’ weinen sehen, da hätt’ sie gesagt (Herr Mutschelknaus
sprang plötzlich auf und deklamierte mit Pathos in die Luft hinein, die
kleinen, wasserblauen Augen starr, als sähe er die Worte in
Feuerschrift), da hat sie gesagt: ‚diesem schlichten Manne will ich
eine Stütze fürs Leben sein und ein Licht in der Finsternis, das ihm
nimmermehr erlöschen möge. Ich will ihm ein Kind gebären, dessen Leben
nur der Kunst geweiht sein soll. Seinem Geiste will ich das Auge öffnen
für das Erhabene und sollte selbst in der Öde des grauen Alltags darob
mein Herze brechen. Ade, Kunst! Ade, Ruhm! Ade, ihr Stätten des
Lorbeers! Aglaja geht und nimmer kehrt sie wieder.‘ Tja. Hm.“ — Er fuhr
sich mit der Hand über die Stirn, setzte sich, als habe die Erinnerung
ihn plötzlich verlassen, langsam wieder auf seinen Stuhl.
„Tja. Hm. Der Herr Oberregißjeh hat laut geweint und sich das Haar
gerauft. Damals, wie wir zu dritt beim Hochzeitsmahl gesessen sind. Und
in einemfort hat er geschrien. ‚Mein Theater ist ruiniert, wenn ich
Aglaja verliere. Ich bin ein toter Mann!‘ — Tja. Hm. Die tausend Gulden
Münz, die ich ihm aufgedrängt hab’, damit er wenigstens nicht alles
verliert, haben natürlich nicht lang gereicht. Tja. Hm.“
Seitdem ist er schwermütig. Erst jetzt, wo er das große traumadurgische
Talent von meiner Fräulein Tochter entdeckt hat, hat er sich wieder ein
bissel derfangt. Tja. Hm.
Sie muß das von ihrer Frau Mutter geerbt haben. Tja, manches
Menschenkind säugt die Muse schon in der Wiege. Ophelia! Ophelia!“ Eine
wilde Begeisterung erfaßte ihn jäh; er packte meinen Arm und schüttelte
mich heftig. „Wissen Sie auch, Herr Taubenschlag, daß Ophelia, mein
Kind, ein Kind von Gottesgnaden ist? Der Herr Paris sagt immer, wenn er
sich seinen Gehalt bei mir in der Werkstatt holt: ‚Der Gott Vestalus
selbst muß, als Sie sie gezeugt haben, Meister Mutschelknaus, mit dabei
gewesen sein!‘ — Ophelia ist“ — seine Stimme sank wieder zum Flüsterton
herab —, „aber das ist ein Geheimnis, so wie vorhin das mit den, mit
den — na ja, das mit den Deckeln. Hm. Tja. — Ophelia ist schon nach
sechs Monaten auf die Welt gekommen. Hm. Tja. — Andere Kinder brauchen
neun Monate. Hm. Tja. — Aber es ist kein Wunder. Auch ihre Mutter ist
unter einem königlichen Stern geboren. Hm. — Nur hat er geschwankt.
Nämlich der Stern. Meine Frau Gemahlin will nicht, daß es jemand
erfährt, aber Ihnen kann ich’s ja sagen, Herr Taubenschlag: Wissen Sie,
daß sie beinahe schon auf einem Thron gesessen hätt’?! Und wenn ich
nicht wäre — oft treibt’s mir die Tränen in die Augen, wenn ich daran
denk’ — könnt’ sie heut’ in einer Equipage mit vier Schimmeln sitzen.
Aber sie ist abgestiegen zu mir. Hm. Tja. — Und das mit dem Thron“ — er
hob die drei Schwurfinger —, „das war so — bei Ehr’ und Seligkeit, daß
ich nicht lüg’ —: Der Herr Oberregißjeh Paris war nämlich in seiner
Jugend, ich weiß es aus seinem eigenen Mund, Großfexier beim König von
Arabien in Belgrad. Er hat dort für Seine Majestät den Allerhöchsten
Harem einstudiert. Hm. Tja. Und meine jetzige Frau Gemahlin Aglaja war
infolge ihrer Talente bereits zur ersten Ballastdame — man nennt das in
Arabien ‚Mai-Therese‘ — als Ersatzdame für die Allerhöchste linke Hand
avanciert; da wurden Seine Majestät ermordet und der Herr Paris und
meine Frau Gemahlin sind in der Nacht über den Nil geflohen. Tja. Hm. —
Sie ist dann, wie Sie schon wissen, Marmornymphe geworden. In einem
geheimen Theater, das der Herr Paris seinerzeit ausgeübt hat. Bis sie
auf den Lorbeer verzichtet hat. Auch der Herr Paris hat seinen Beruf
aufgegeben und lebt nur noch wegen der Ausbildung Ophelias. Hm. Tja. —
‚Wir alle müssen nur für sie leben,‘ sagt er immer. ‚Und Ihre hehre
Aufgabe, Meister Mutschelknaus, ist es, alles aufzubieten, damit
Ophelias Künstlerlaufbahn nicht an Geldnot im Keim erstickt.‘ — Sehen
Sie, Herr Taubenschlag, das ist auch der Grund, warum ich so anrüchige
Aufträge — Sie wissen ja! — annehmen muß. Das Sargmachen zahlt sich
nicht aus. Es sterben zu wenig Leute. Hm. Tja. — Die Ausbildung meiner
Fräulein Tochter könnte ich ja noch erschwingen, aber der weltberühmte
Dichter, der Herr Professor Hamlet in Amerika, verlangt soviel Geld.
Ich hab’ ihm einen Schuldschein ausstellen müssen, und den muß ich
jetzt abarbeiten. Hm. Tja. — Der Herr Professor Hamlet ist nämlich der
Milchbruder vom Herrn Paris, und wie er von dem großen Talent Ophelias
gehört hat, hat er extra für sie ein Theaterstück gedichtet. Das hat
den Titel: ‚Der König von Dänemark.‘ Drin soll der Kronprinz mein
Fräulein Tochter heiraten, aber Ihre Majestät, seine Frau Mama,
erlaubt’s nicht und drum geht meine Ophelia ins Wasser. Meine Ophelia
ins Wasser!“ — Der Alte schrie es nach einer Pause nur so heraus. „Wie
ich das gehört hab’, hat’s mir fast das Herz zerrissen. Nein, nein,
nein! Meine Ophelia, mein Augapfel, mein Alles, darf nicht ins Wasser
gehen! Auch nicht in einem Theaterstück. Hm. Tja. — Und ich bin
niedergekniet vor dem Herrn Paris und hab’ ihn solang gebeten, bis er
dem Herrn Professor Hamlet geschrieben hat. Der Herr Professor hat
versprochen, er will’s so einrichten, daß meine Ophelia doch den
Kronprinzen heiratet und sich nicht ertränkt, wenn ich ihm einen
Schuldschein ausstelle. Der Herr Paris hat den Schuldschein
geschrieben, und ich hab’ drei Kreuzel drunter gemacht. Sie werden
vielleicht lachen, Herr Taubenschlag, weil’s ja nur ein Theaterstück
ist und nicht Wirklichkeit! Aber schauen Sie, in dem Theaterstück wird
meine Ophelia auch Ophelia heißen. Wissen Sie, Herr Taubenschlag, ich
bin nur ein Tepp; was, wenn aber doch dann meine Ophelia sich
ertränkt?! Der Herr Paris sagt ja immer: die Kunst ist mehr als
Wirklichkeit — was, wenn sie ins Wasser geht! Was wird dann aus mir?!
Wär’s dann nicht besser für mich gewesen, ich wär’ damals gleich
erstickt in dem Metallsarg?!“
Die Hasen polterten laut in ihrem Sarg. Der Drechsler zuckte erschreckt
zusammen und murmelte: „Verfluchte Rammler!“
Eine lange Pause trat ein; der Alte hatte den Faden seiner Erzählung
vollkommen verloren. Er schien meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu
haben und seine Augen sahen mich nicht mehr.
Nach einer Weile stand er auf, ging zur Drehbank, legte die
Transmissionsriemen um die Antriebsscheibe und setzte sie in Bewegung.
„Ophelia! Nein, meine Ophelia darf nicht sterben!“ hörte ich ihn
murmeln. „Ich muß arbeiten, arbeiten, sonst ändert er das Theaterstück
nicht um, und —“
Das Surren der Maschine verschlang seine letzten Worte.
Ich schlich mich leise aus der Werkstatt und ging hinauf in mein
Zimmer.
Im Bett faltete ich die Hände und flehte, ich weiß nicht warum, zu
Gott, er möge Ophelia behüten.
3
DIE WANDERUNG
In jener Nacht hatte ich ein seltsames Erlebnis; andere würden es einen
Traum nennen, denn für all das, was die Menschen erleben, während der
Leib schlummert, kennen sie nur diese eine unzulängliche Bezeichnung.
Wie immer, bevor ich einschlief, hatte ich die Hände gefaltet, um, wie
der Baron es nannte, „das Linke auf das Rechte zu legen“.
Nach und nach im Laufe der Jahre wurde mir erst durch die Erfahrung
klar, wozu diese Maßnahme diente. Mag sein, daß jede beliebige andere
Handstellung denselben Zweck erfüllt, wenn damit die Vorstellung
verknüpft ist: der Körper werde festgebunden.
So oft ich mich seit dem ersten Abend im Hause des Barons auf diese
Weise schlafen gelegt, immer war ich morgens mit dem Gefühl erwacht,
ich hätte im Schlummer eine weite Strecke Wegs durchwandert, und
jedesmal fiel’s mir wie ein Stein vom Herzen, wenn ich sah, daß ich
entkleidet und nicht mit staubigen Schuhen — wie einst im Waisenhaus —
im Bette lag und keine Schläge zu befürchten brauchte; nie jedoch hatte
ich mich tagsüber erinnern können, wohin ich im Traume gewandert war.
In jener Nacht geschah es zum erstenmal, daß die Binde von meinen Augen
fiel.
Daß mich der Drechslermeister Mutschelknaus kurz vorher in so
merkwürdiger Weise wie einen Erwachsenen behandelt hatte, mag wohl die
geheime Ursache gewesen sein, daß ein bis dahin im Schlummer befangenes
Ich in mir — vielleicht jener „Christopher“ — zum Bewußtsein erwachte
und anfing zu sehen und zu hören.
Ich träumte zuerst — so begann es —, ich sei lebendig begraben und
konnte weder Hand noch Fuß rühren; dann aber füllte ich mit gewaltigen
Atemzügen meine Brust und sprengte dadurch den Deckel des Sarges; und
ich schritt auf einer einsamen, weißen Landstraße dahin, die noch
furchtbarer war als das Grab, dem ich entronnen, denn ich wußte, sie
würde niemals ein Ende nehmen. Ich sehnte mich nach meinem Sarge zurück
und da stand er auch schon quer über der Straße.
Er war weich anzufühlen wie Fleisch und hatte Arme und Beine, Hände und
Füße wie ein Leichnam. Als ich hineinstieg, bemerkte ich, daß ich
keinen Schatten warf, und als ich prüfend an mir herunter blickte,
hatte ich keinen Körper; dann fühlte ich nach meinen Augen, aber ich
hatte keine Augen; als ich nach meinen tastenden Händen schauen wollte,
sah ich keine Hände.
Wie sich der Sargdeckel langsam über mir schloß, war mir, als sei mein
Denken und Fühlen als Wanderer auf der weißen Landstraße das eines
uralten, wenn auch noch ungebeugten Mannes gewesen; dann beim
Herabsinken des Sargdeckels verschwand es, wie Wasserdampf sich
verflüchtigt, und ließ als Bodensatz die halb blinde, halb dumpfe
Denkweise zurück, die das Hirn jenes im Leben wie ein Fremdling
stehenden, halbwüchsigen Jungen, der ich war, zu erfüllen pflegte.
Als der Deckel ins Schloß fiel, erwachte ich in meinem Bette.
Das heißt, ich glaubte zu erwachen.
Es war noch dunkel, aber ich fühlte an dem betäubenden Duft des
Holunders, der durch das offene Fenster in die Stube drang, daß der
erste Hauch des kommenden Morgens aus der Erde stieg und es höchste
Zeit für mich sei, die Laternen in der Stadt auszulöschen. Ich griff
nach meinem Stab und tastete mich die Treppen hinab. Dann, als meinem
Amte Genüge geschehen war, ging ich über die Palisadenbrücke und stieg
auf einen Berg; jeder Stein am Wege kam mir bekannt vor, und doch
konnte ich mich nicht entsinnen, jemals hier gewesen zu sein.
Alpenblumen, schneeflockiges Wollgras und würziger Speik wuchsen in den
tauschweren, unter dem dämmerigen Scheine der Luft noch schwarzgrünen
Höhenwiesen.
Dann klaffte der Himmel am Rande der Ferne auf und das belebende Blut
der Morgenröte floß in die Wolken.
Blauschillernde Käfer und große Wildfliegen mit gläsernen Flügeln
stiegen schwirrend, wie von unhörbarem Zauberruf erweckt, plötzlich aus
der Erde und blieben in Menschenhöhe regungslos in der Luft schweben,
alle die Köpfe der erwachenden Sonne zugekehrt.
Ein Frösteln tiefster Erschütterung lief mir die Glieder hinab, als ich
dies stumme, grandiose Gebet der Kreaturen sah, fühlte und begriff.
Ich kehrte um und ging wieder der Stadt zu. Mein Schatten, riesengroß,
seine Füße untrennbar an die meinen geheftet, glitt mir voraus.
Der Schatten, das Band, das uns an die Erde bindet, das schwarze
Gespenst, das uns entsteigt und den in uns wohnenden Tod verrät, wenn
ein Licht den Körper trifft!
Die Straßen lagen in blendender Helle, als ich in sie einbog.
Die Kinder zogen lärmend zur Schule.
„Warum singen sie nicht: ‚Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag!
Trarara Taubenschlag!‘?“ wachte ein Gedanke in mir auf. „Sehen Sie mich
nicht? Bin ich ihnen so fremd geworden, daß sie mich nicht mehr kennen?
Ja, ich war ihnen von jeher fremd“, kam es mir schreckhaft neu
plötzlich zum Bewußtsein. „Ich war doch nie ein Kind gewesen! Auch
nicht im Findelhaus, als ich noch ganz klein war. Spiel, wie sie, habe
ich nie gekannt. Wenigstens nur insofern, als hätte es ganz mechanisch
mein Körper betrieben, ohne daß meine Lust mit dabei gewesen wäre; in
mir wohnt ein uralter Mann, und nur mein Leib scheint jung zu sein! Der
Drechslermeister hat das wahrscheinlich geahnt, deshalb sprach er
gestern zu mir wie zu einem Erwachsenen!“
Ich erschrak plötzlich: „Gestern war doch Winterabend gewesen, wie kann
heute Sommermorgen sein?! Schlafe ich, bin ich ein Nachtwandler?“ Ich
blickte nach den Laternen: sie waren blind — wer aber sonst als ich
hätte sie auslöschen können?! So war ich also doch leibhaftig, als ich
sie auslöschte! — Aber vielleicht bin ich jetzt tot und habe in
Wirklichkeit erlebt und nicht nur geträumt, daß ich im Sarg lag?! Ich
wollte es erproben, trat an einen der Schuljungen heran und fragte ihn:
„Kennst du mich?“ Er gab keine Antwort und lief durch mich hindurch wie
durch leere Luft.
„So bin ich also tot“, nahm ich gleichmütig zur Kenntnis. „Da muß ich
schnell die Laternenstange zu Hause abgeben, ehe ich verwese“, mahnte
mich mein Pflichtgefühl und ich stieg hinauf zu meinem Pflegevater.
Drin in seiner Stube fiel mir die Stange aus der Hand und machte viel
Lärm.
Der Baron hörte es — er saß in seinem Lehnstuhl —, drehte sich um und
sagte: „Na, da bist du ja endlich!“
Ich freute mich, daß er mich wahrnahm, denn ich schloß daraus, daß ich
doch unmöglich gestorben sein könne.
Der Baron sah aus wie immer, hatte auch denselben Rock mit dem
altmodischen, maulbeerfarbenen Spitzenjabot an, den er an Feiertagen zu
Hause zu tragen liebte, aber irgend etwas war an ihm, das mir unfaßbar
fremd vorkam. Lag es an seinem Kropf? Nein. Der war nicht größer, nicht
kleiner als sonst.
Ich ließ meine Augen durch die Stube schweifen — auch hier war alles
unverändert. Kein Ding fehlte, keines war hinzugekommen. Das
„Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, der einzige Zimmerschmuck, hing an
der Wand wie immer. Alles an derselben Stelle. Halt! Stand denn nicht
gestern noch die grüne Gipsbüste Dantes mit dem strengen, scharfen
Mönchsgesicht links auf dem Bord? Hat sie jemand umgestellt? Jetzt
steht sie rechts!
Der Baron bemerkte meinen Blick und lächelte.
„Du warst auf dem Berg?“ fing er an und deutete auf die Blumen in
meiner Tasche, die ich unterwegs gepflückt hatte.
Ich stammelte eine Entschuldigung, aber er winkte freundlich ab: „Ich
weiß, es ist schön da oben; ich gehe auch oft hin. Du warst schon viele
Male dort, aber du hast es immer wieder vergessen; junges Hirn kann
nichts behalten, das Blut ist noch zu heiß. Es wäscht die Erinnerung
fort. — Hat dich das Wandern müde gemacht?“
„Das auf dem Berg nicht, aber das Wandern auf der — auf der weißen
Landstraße“, sagte ich, unsicher, ob er auch davon wisse.
„Ja ja, die weiße Landstraße!“ murmelte er sinnend, „die kann selten
einer vertragen. Nur einer, der zum Wandern geboren ist. Weil ich das
an dir bemerkte — damals im Findelhaus — hab’ ich dich zu mir genommen.
Die meisten Menschen fürchten sich vor der Landstraße mehr als vor dem
Grab. Sie legen sich lieber wieder in den Sarg, denn sie meinen, das
wäre der Tod und sie hätten dort Ruhe; in Wirklichkeit ist jener Sarg
das Fleisch, das Leben. Daß einer auf Erden geboren wird, ist nichts
anderes, als daß er lebendig begraben wird! Besser als das ist, man
lernt auf der weißen Landstraße wandern. Nur darf man nicht an das Ende
der Landstraße denken, sonst hält man es nicht aus, denn sie hat kein
Ende. Sie ist unendlich. Die Sonne auf dem Berg ist ewig. Ewigkeit und
Unendlichkeit ist zweierlei. Bloß für den, der in der Unendlichkeit die
Ewigkeit sucht und nicht das ‚Ende‘, bloß für den ist Unendlichkeit und
Ewigkeit dasselbe. Das Wandern auf der weißen Landstraße muß des
Wanderns halber geschehen, aus Freude am Wandern, und nicht, um eine
vergängliche Rast mit einer andern zu vertauschen.
Ruhe — nicht ‚Rast‘ — ist nur in der Sonne auf dem Berge. Sie steht
still und alles dreht sich um sie. Schon ihr Vorbote, das Morgenrot,
strahlt Ewigkeit aus, darum beten es die Käfer und Fliegen an und
bleiben starr in der Luft, bis die Sonne kommt. Deshalb bist du auch
nicht müde geworden, als du auf den Berg stiegst.“
„Hast du,“ fragte er plötzlich und blickte mich scharf an, „hast du die
Sonne gesehen?“
„Nein, Vater, ich bin umgekehrt, bevor sie aufging.“
Er nickte befriedigt. „Das ist gut. Sonst hätten wir nichts mehr
miteinander zu schaffen gehabt“, setzte er leise hinzu.
„Und dein Schatten ging dir voraus, dem Tale zu?“
„Ja. Selbstverständlich —“
Er überhörte meine erstaunte Antwort.
„Wer die Sonne erblickt,“ fuhr er fort, „der will nur noch die
Ewigkeit. Er ist für das Wandern verloren. Das sind die Heiligen der
Kirche. Wenn ein Heiliger hinübergeht, ist diese Welt und auch die
andere für ihn verloren. Aber auch, was schlimmer ist: die Welt hat ihn
verloren; sie ist verwaist! — Du weißt, wie’s tut, ein Findelkind zu
sein, — bereite nicht auch andern das Schicksal, weder Vater noch
Mutter zu haben! — Wandere! Zünde Laternen an, bis die Sonne von selber
kommt.“
„Ja!“ stammelte ich und dachte voll Grauen an die furchtbare weiße
Landstraße.
„Weißt du, was es bedeutet, daß du dich wieder in den Sarg gelegt
hast?“
„Nein, Vater.“
„Es bedeutet, daß du eine Weile noch das Schicksal derer teilen sollst,
die lebendig begraben sind.“
„Meinst du den Drechslermeister Mutschelknaus?“ forschte ich kindlich.
„Ich kenne keinen Drechslermeister dieses Namens; er ist noch nicht
sichtbar geworden.“
„Auch nicht seine Frau und — Ophelia?“ fragte ich und fühlte, daß ich
rot wurde.
„Nein. Auch Ophelia nicht.“
„Seltsam!“ dachte ich, „sie wohnen doch drüben und er muß ihnen ja
täglich begegnen.“
Wir schwiegen beide eine Weile, dann schrie ich plötzlich jammernd auf:
„Aber das ist entsetzlich! Lebendig begraben sein!“
„Nichts ist entsetzlich, mein Kind, was man tut um seiner Seele willen.
Auch ich bin zuweilen noch lebendig begraben. Oft bin ich auf Erden mit
Menschen zusammengetroffen, die, in Elend, Jammer und Not geraten, sich
bitter über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagten. Viele von
ihnen hatten Trost gesucht in jener aus Asien herübergewehten Lehre, —
der Lehre vom Karma oder der Wiedervergeltung —, die da behauptet:
keinem Wesen könne ein Leid geschehen, zu dem es nicht in einem
früheren Dasein den Keim gelegt; — andere suchten Trost in dem Dogma
von der Unerforschlichkeit der Ratschlüsse Gottes; — Trost gefunden hat
weder der eine noch der andere.
Solchen Menschen habe ich eine Laterne angezündet, indem ich ihnen
einen Gedanken“ — er lächelte beinahe grimmig, aber dabei doch
freundlich wie immer — „eingab — so fein eingab, daß sie glaubten, er
sei ihnen von selber eingefallen! Ich stellte ihnen nämlich die Frage:
‚Würdest du das Kreuz auf dich nehmen, heute nacht zu träumen, so
deutlich als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre Dasein
beispielloser Armut durchlebst, wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe,
du fändest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen
Sack voll Gold vor deiner Tür!‘
‚Ja! Natürlich!‘ — so lautete jedesmal die Antwort.
„Dann beklag dich nicht über dein Schicksal! — Weißt du denn, ob du
diesen — wenn’s hoch kommt nur siebzigjährigen — qualvollen Traum,
Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas
weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Geldes beim Erwachen zu
finden? Freilich, wer einen ‚Gott mit unerforschlichen Ratschlüssen‘
als Ursache setzt, der wird ihn eines Tages als hämischen Teufel
ernten.
Nimm das Leben weniger wichtig und die Träume ernster, da wird es bald
besser um dich stehen, — dann kann der Traum zum Führer werden, statt,
wie jetzt, in die Fetzen der Tageserinnerungen gehüllt ein
harlekinbunter Narr zu bleiben — — — — — — — — — —
Höre, mein Kind! Es gibt keinen leeren Raum. — In diesem Satz liegt das
Geheimnis verborgen, das jeder enthüllen muß, der aus einem
verweslichen Tier ein unsterbliches Bewußtsein werden will. Nur darf
man den Sinn der Worte nicht bloß auf die äußere Natur anwenden, sonst
bleibt man haften an der groben Erde; man muß ihn gebrauchen wie einen
Schlüssel, der das Geistige erschließt; man muß ihn umdeuten! — Sieh
da: es will einer wandern, die Erde aber hält seine Füße fest; was wird
geschehen, wenn sein Wille, zu wandern, nicht erlahmt? Sein
schöpferischer Geist — die Urkraft, die ihm eingehaucht worden ist bei
Anbeginn — wird andere Wege finden, auf denen er wandern kann, und das
in ihm, das zum Gehen keiner Füße bedarf, wird wandern trotz Erde,
trotz Hindernis. —
Der schöpferische Wille, das göttliche Erbteil im Menschen, ist eine
saugende Kraft; dieses Saugen müßte — versteh das im übertragenen
Sinne! — einen leeren Raum erzeugen im Raume der Ursachen, wenn nicht
der Äußerung des Willens schließlich die Erfüllung folgen würde. — Sieh
da: es ist einer krank und will gesund werden; solange er zu Arzneien
seine Zuflucht nimmt, solange lähmt er jene Kraft des Geistes, die
schneller und besser heilt als alle Medizin. Es ist, wie wenn einer mit
der linken Hand schreiben lernen will: wenn er sich immer nur der
rechten bedient, wird er es mit der linken niemals lernen. Jegliches
Geschehen, das in unser Leben tritt, hat seinen Zweck; Sinnloses gibt
es nicht; eine Krankheit, die den Menschen befällt, gibt ihm die
Aufgabe: vertreibe mich mit der Kraft des Geistes, damit die Kraft des
Geistes erstarke und wieder Herr werde über die Stofflichkeit, wie sie
es einst gewesen vor dem ‚Sündenfall‘. Wer das nicht will und sich mit
‚Arzneien‘ begnügt, der hat den Sinn des Lebens nicht erfaßt; er bleibt
ein kleiner Junge, der die Schule schwänzt. — Wer aber nicht erlahmt im
Befehlegeben mit dem Marschallstab des Geistes, die grobe Waffe
mißachtend, die nur der Söldner führt, der wird immer wieder
auferstehen; mag ihn der Tod auch noch so oft niederstrecken, zuletzt
wird er dennoch König sein! — Darum soll der Mensch nie erlahmen auf
dem Wege zu dem Ziel, das er sich gesetzt hat; wie der Schlaf nur eine
kurze Rast bedeutet, so auch der Tod. — Man fängt eine Arbeit nicht an,
um sie aufzugeben, sondern um sie zu vollenden; — ein begonnenes Werk
und sei es scheinbar noch so belanglos, halb getan und liegen gelassen,
verwest und vergiftet den Willen, so wie eine unbegrabene Leiche die
Luft eines ganzen Hauses verpestet.
Wir leben nur um der Vollendung unserer Seele willen; wer dieses Ziel
unverrückbar im Auge behält und es beständig denkt und fühlt, so oft er
etwas beginnt oder beschließt, dem wird gar bald eine seltsame, bis
dahin ungekannte Gelassenheit zu teil und auf eine unbegreifliche Weise
wird sich sein Schicksal verändern. — Für den, der schafft, als sei er
unsterblich — nicht, um das Ding zu erlangen, nach dem sein Wunsch
steht (das ist nur ein Ziel für geistig Blinde), sondern um des
Tempelbaues seiner Seele willen, der wird den Tag schauen, und sei es
erst nach Tausenden von Jahren, — wo er sagen kann: ich will und es
steht da, was ich befehle, geschieht und bedarf der Zeit nicht mehr, um
langsam zu reifen.
Dann erst ist der Punkt gekommen, wo der lange Weg aller Wanderung
endet. Dann kannst du der Sonne ins Antlitz sehen, ohne daß dein Auge
verbrennt.
Dann kannst du sagen: ich habe ein Ziel gefunden, weil ich keines
gesucht.
Dann werden die Heiligen an Erkenntnis arm sein gegen dich, denn sie
werden nicht wissen, was du weißt: daß Ewigkeit und Ruhe dasselbe sein
kann wie Wandern und Unendlichkeit!“
Die letzten Worte gingen weit über mein Fassungsvermögen hinaus; viel
später erst, als mein Blut kalt geworden war und mein Leib mannhaft,
wurden sie wieder klar und lebendig.
Damals hörte ich sie mit taubem Ohr; ich sah nur den Baron Jöcher und,
wie vom Lichte eines Blitzes erhellt, erkannte ich plötzlich, was mir
so fremdartig an ihm erschienen war, — etwas Seltsames: sein Kropf saß
an der rechten Seite der Halses, statt links wie sonst.
Wohl klingt mir das heute fast lächerlich, — damals packte es mich wie
ein namenloses Entsetzen. — Das Zimmer, der Baron, die Dantebüste auf
dem Bord, ich selbst, — alles war in einem einzigen kurzen Augenblick
für mich in ein Gespenst verwandelt, so schemenhaft und unwirklich, daß
mir das Herz vor Todesangst erstarrte.
Damit endete mein Erlebnis in jener Nacht.
Zitternd vor Schreck erwachte ich gleich darauf in meinem Bett. Heller
Tag schien durch die Gardinen. Ich lief ans Fenster, draußen: klarer
Wintermorgen!
Ich ging ins nächste Zimmer: drin saß der Baron in seinem gewöhnlichen
Arbeitsrock an seinem Schreibtisch und las.
„Hast heute lange geschlafen, mein lieber Junge,“ rief er mir lachend
zu, als er mich, noch im Hemde, die Zähne klappernd vor innerer Kälte,
auf der Schwelle stehend, sah. „Hab’ statt deiner die Laternen in der
Stadt auslöschen gehen müssen. — Nach vielen vielen Jahren wieder
einmal. — Aber was ist dir denn?“
Ein schneller Blick nach seinem Halse und der letzte Rest von Furcht
wich aus meinem Blut: der Kropf saß ihm wieder links wie immer und auch
die Dantebüste stand auf derselben Stelle wie sonst.
In einer Sekunde hatte das Leben der Erde die Traumwelt verschluckt;
ein Nachklingen im Ohr, als falle der Sargdeckel ins Schloß, — dann war
auch das vergessen.
In fliegender Hast erzählte ich meinem Pflegevater, was mit mir
geschehen war. — Nur die Begegnung mit dem Drechslermeister verschwieg
ich.
Bloß einmal fragte ich so mitten-durch: „Kennst du den Herrn
Mutschelknaus?“
„Natürlich,“ war die fröhliche Antwort, „er wohnt doch unten. —
Übrigens ein ganz, ganz armer Teufel!“
„Und seine Tochter, das — das Fräulein Ophelia?“
„Auch — Ophelia kenne ich,“ sagte der Baron, plötzlich ernst werdend,
und sah mich lang, fast traurig an, „auch Ophelia.“
Schnell ging ich wieder auf das andere Thema über, denn ich fühlte, wie
mir die Röte in die Wangen stieg: „Warum hast du denn in meinem Traum
deinen — deinen linken Hals auf der anderen Seite gehabt, Papa?“
Der Baron dachte lange nach, dann begann er, nach Worten suchend, als
falle es ihm schwer, sich meinem noch unentwickelten Begriffsvermögen
anzupassen:
„Weißt du, mein Junge, um das deutlich zu machen, müßte ich dir eine
Woche lang einen überaus verwickelten Vortrag halten, den du doch nicht
verstehen würdest. Laß dir’s genügen, wenn ich dir einige Sätze mit
Schlagworten an den Kopf werfe. — Ob sie in dein Hirn dringen werden? —
Wahren Unterricht gibt nur das Leben und noch besser: der Traum.
Träumen lernen ist daher der Weisheit erste Stufe. Klugheit gibt das
äußere Leben; Weisheit fließt aus dem Traum. Ob es nun ein wacher
‚Traum‘ ist — dann sagen wir: ‚ha, es ist mir etwas eingefallen‘ —
oder: ‚ein Licht ist mir aufgegangen‘ — oder ob es ein Schlaftraum ist:
in diesem Fall werden wir durch gleichnishafte Bilder belehrt. — Auch
alle wahre Kunst entspringt dem Reich des Traumes. Desgleichen die Gabe
der Erfindung. Die Menschen reden mit Worten, der Traum mit lebendigen
Bildern. Daß er sie aus den Geschehnissen des Tages nimmt, hat so
manchen verleitet zu glauben, Träume seien sinnlos. Sie werden es
freilich, wenn man ihnen keine Beachtung schenkt! Dann verkrüppelt das
Traumorgan, wie ein Glied verkrüppelt, das wir nicht pflegen, und ein
wertvoller Führer verstummt, — die Brücke zu einem andern Leben, das
weit wertvoller ist als das irdische, fällt in Trümmer. Der Traum ist
der Steg zwischen Wachen und Schlafen; — er ist auch der Steg zwischen
Leben und Tod.
Du darfst mich nicht für einen großen Weisen oder dergleichen halten,
mein Junge, weil mein Doppelgänger dir heute Nacht so vieles sagte, was
dir wunderbar vorkommen mag. — Noch bin auch ich noch nicht so weit,
daß ich behaupten dürfte, er und ich seien ein und dieselbe Person.
Wohl bin ich ein bißchen besser in jenem Traumland zu Hause als so
mancher andere, — bin sozusagen drüben sichtbar geworden und bleibend,
aber immer noch muß ich hier die Augen schließen, wenn ich sie drüben
öffnen will, und umgekehrt. — Es gibt Menschen, die das nicht mehr
nötig haben, wenn auch sehr, sehr wenige.
Du erinnerst dich: du konntest dich selbst nicht sehen und hattest
weder Leib, noch Hände, noch Augen, als du dich auf der weißen
Landstraße wieder in den Sarg legtest? —
Aber auch das Schulkind konnte dich nicht sehen! Es ging sogar durch
dich hindurch wie durch leere Luft!
Weißt du woher das kommt? — Du hast die Erinnerung an die Formen deines
irdischen Körpers nicht mit hinüber genommen! — Wer es kann — so, wie
ich es gelernt habe —, der wird drüben zuerst für sich selbst sichtbar,
— er baut sich im Traumland einen zweiten Leib, der später sogar für
andere wahrnehmbar ist, so seltsam dir das jetzt auch klingen mag! Man
vollbringt das durch Methoden“ — er deutete auf das „Abendmahl“ von
Leonardo da Vinci und schmunzelte —, „die ich dich, wenn dein Körper
reif sein wird und nicht mehr festgebunden werden muß, lehren will. Wer
sie kennt, der ist imstande, einen Spuk zu erzeugen. — Bei manchen
Menschen geschieht dies ‚Sichtbarwerden im andern Reich‘ von selbst und
ohne Ordnung, doch fast immer wird nur ein Teil von ihnen drüben
lebendig, meistens die Hand. Die führt dann oft die sinnlosesten Taten
aus — denn der Kopf ist nicht mit dabei — und Leute, die die Wirkung
sehen, bekreuzigen sich und schwätzen von Teufelsspuk. — Du meinst: wie
kann eine Hand etwas tun, ohne daß sein Besitzer darum weiß? — — Hast
du noch nie gesehen, wie der Schwanz, der einer Eidechse abbrach, sich
scheinbar in wütendem Schmerze krümmt, während die Eidechse selbst
teilnahmslos daneben steht? — So ähnlich ist es!
Das Reich drüben ist genau so wirklich (oder ‚unwirklich‘ — setzte er
halb für sich hinzu) wie das irdische. — Jedes für sich ist nur eine
Hälfte, erst beide zusammen ergeben ein Ganzes. — Du kennst ja die Sage
von Siegfried, — sein Schwert war in zwei Teile zerbrochen; der listige
Zwerg Alberich hat es nicht zusammenschmieden können, weil er eben ein
Erdenwurm war, — aber Siegfried hat es gekonnt.
Das Schwert Siegfrieds ist ein Sinnbild für jenes doppelte Leben. Wie
man es zusammenschweißt, daß es ein Stück wird, ist das Geheimnis, das
einer wissen muß, wenn er ein Ritter werden will. —
Sogar wirklicher noch als dieses Reich hier auf Erden ist jenes drüben.
Das eine ist eine Spiegelung des anderen, — besser gesagt: das irdische
ist eine Spiegelung des ‚Drüben‘, — nicht umgekehrt; was Drüben rechts
ist“ — er deutete auf seinen Kropf, — „das ist hier links.
Verstehst du jetzt?
Jener andere war also mein Doppelgänger. Was er dir sagte, habe ich
soeben erst aus deinem Munde erfahren; es kam nicht aus seinem Wissen,
noch viel weniger aus meinem: — es kam aus deinem!
Ja, ja, mein Junge, schau mich nicht so erstaunt an, — es kam aus
deinem! Oder vielmehr“ — er fuhr mir liebkosend mit der Hand durchs
Haar — „aus dem des — Christopher in dir! — Was ich dir sagen kann —
ein Menschentier dem andern —, das dringt aus Menschenmund in
Menschenohr und wird vergessen, wenn das Hirn verwest; das einzige
Gespräch, aus dem du lernen kannst, ist das — Selbstgespräch. — Und was
du hieltest mit meinem Doppelgänger, war — ein Selbstgespräch. — — Was
ein Mensch dir sagen kann, ist einmal zu wenig und einmal zu viel. Das
einemal kommt es zu früh, das anderemal zu spät, immer zu einer Zeit wo
deine Seele schläft. — So, mein Junge“, — er wandte sich wieder dem
Schreibtisch zu — „jetzt zieh dich aber an; du wirst doch nicht den
ganzen Tag im Hemde herumlaufen wollen.“
4
OPHELIA
Die Erinnerungen meines Lebens sind mir zu Kleinodien geworden; ich
hole sie hervor aus den Wassertiefen der Vergangenheit, wenn die
Stunde, sie zu betrachten, schlägt und ich eine Menschenhand, sie
niederzuschreiben, gefunden habe, die sich mir willfährig zeigt.
Dann, wenn sich Wort an Wort reiht und ich ihnen lausche wie der Rede
eines Erzählers, ist mir’s, als glitten sie, zugleich ein Spiel mit
funkelnden Juwelen geworden, durch meine liebkosenden Finger und
Vergangenheit wird mir wieder Gegenwart.
Schimmernd sind sie alle für mich, die blinden wie die leuchtenden, die
dunklen und die hellen; ich kann sie betrachten mit lächelndem Sinn; —
bin ich doch für immer „losgelöst mit Leichnam und Schwert“.
Aber ein Edelstein ist unter ihnen, über den habe ich nur zitternde
Gewalt.
Nicht wie mit den andern kann ich mit ihm spielen; die süße, betörende
Macht der Mutter Erde geht von ihm aus und zielt nach meinem Herzen.
Er ist wie der Edelstein Alexandrit, der dunkelgrün am Tage, plötzlich
rot erglüht, wenn du in stiller Nacht in seine Tiefe starrst.
Als Tropfen Herzblut zu Kristall geronnen, trage ich ihn bei mir, stets
voll Bangigkeit, er möchte wieder flüssig werden und mich versengen,
erwärmte ich ihn zu lange in meiner Brust.
Darum habe ich die Erinnerung an die Spanne Zeit, die für mich Ophelia
heißt und einen kurzen Frühling und einen langen Herbst bedeutet,
gleichsam in eine gläserne Kugel gebannt, darinnen verschlossen der
Knabe, halb Kind halb Jüngling, lebt, der ich einst gewesen bin.
Ich sehe durch die Wandung des Glases hindurch mich selbst; aber es ist
ein Bild wie in einem Guckkasten — es kann mich nicht mehr verstricken
mit seinem Zauber.
Und so wie dieses Bild vor mir steht, in dem Glase erwacht, sich
wandelt und erlischt, will ich — ein abgeschiedener Berichterstatter —
es schildern.
Alle Fenster in der Stadt stehen offen, die Simse sind rot von den
blühenden Geranien; weißer, lebendiger, duftender
Frühlingskerzenschmuck blüht auf den Kastanienbäumen, die die Ufer des
Flusses umsäumen.
Laue, unbewegliche Luft unter dem blaßblauen, wolkenlosen Himmel. Die
gelben Zitronenfalter und bunten Schmetterlinge flattern über den
Wiesen, als spiele ein leiser Wind mit tausend bunten Fetzen
Seidenpapiers.
In den hellen Mondnächten glühen die Augen der fauchenden und in
Liebespein schreienden und miauenden Katzen auf den silberglitzernden
Dächern.
Ich sitze im Treppenhaus auf dem Geländer und horche hinüber zum
offenen Fenster des dritten Stockes, wo hinter Gardinen, die mir den
Anblick des Zimmers verhüllen, zwei Stimmen, eine tiefe, pathetische,
männliche, die ich hasse, und die leise, schüchterne eines Mädchens ein
seltsames, mir unverständliches Gespräch führen:
„Soin oder nicht soin, das ist hier die Frage. O Nümpfe, schlüß in dein
Gebet all meine Sünden ein.“
„Mein Prinz, wie geht es euch seit soviel Tagen?“ haucht die
schüchterne Stimme.
„Göh in ein Kloster, Ophelia!“
Ich bin sehr gespannt, was weiter kommt, aber plötzlich verfällt die
männliche Stimme ohne mir erkennbaren Grund, als habe sich der Sprecher
in ein Uhrwerk verwandelt, dessen Feder abschnurrt, in ein halblautes,
sich überstürzendes Geschnatter, aus dem ich nur einige sinnlose Sätze
auffischen kann: „Warum wolltest du Kinder zur Welt bringen, ich bin
selbst leidlich tugendhaft; wenn du heiratest, so gebe ich dir diesen
Fluch zur Aussteuer; sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee oder
nimm einen Narren zum Mann, und das schleunig, leb’ wohl!“
Worauf die Mädchenstimme schüchtern antwortet:
„O, welch ein edler Geist ist hier zerstört! Himmlische Mächte, stellt
ihn wieder her.“
Dann schweigen beide und ich höre ein dünnes Händeklatschen.
Nach einer halben Stunde Totenstille, während welcher fetter
Bratengeruch aus dem Fenster dringt, fliegt gewöhnlich ein noch
glimmender, zerkauter Zigarrenstummel zwischen den Gardinen hervor,
prallt funkenstiebend von der Mauer unseres Hauses ab und fällt
hinunter auf das Pflaster des Durchlasses.
Bis zum späten Nachmittag sitze ich und starre hinüber.
Jedesmal klopft mir das Herz vor freudigem Schreck, wenn sich die
Vorhänge bewegen: Wird Ophelia ans Fenster kommen? Was, wenn sie es
wirklich ist, soll ich dann aus meinem Versteck auftauchen?
Ich habe eine rote Rose gepflückt; werde ich mich getrauen, sie ihr
hinüberzuwerfen? Ich müßte doch etwas dazu sagen!? Was nur?
Aber es kommt nicht dazu.
Die Rose in meiner heißen Hand fängt an welk zu werden und drüben ist
noch immer alles wie ausgestorben. Nur der Geruch von gebranntem Kaffee
hat den Bratenduft abgelöst ...
Da, endlich: Frauenhände schieben die Gardinen zur Seite. Einen
Augenblick dreht sich alles vor mir, dann beiße ich die Zähne zusammen
und werfe entschlossen die Rose in das offene Fenster hinein.
Ein leiser Aufschrei der Überraschung und — Frau Aglaja Mutschelknaus
steht im Rahmen.
Ich kann nicht so schnell untertauchen; sie hat mich bereits entdeckt.
Ich werde blaß, denn jetzt ist alles verraten!
Doch das Schicksal will es anders. Frau Mutschelknaus zieht süßlich die
Mundwinkel in die Höhe, legt die Rose auf ihren Busen wie auf ein
Postament und schlägt verwirrt die Augen nieder; dann, als sie sie
seelenvoll wieder aufschlägt und erkennt, daß nur ich es war, verzerrt
sich ihr Gesicht ein wenig. Aber sie dankt mir durch ein Neigen des
Hauptes und entblößt dabei freundlich einen Eckzahn.
Mir wird, als habe mich ein Totenkopf angelächelt; dennoch bin ich
froh! Wenn sie erraten hätte, wem die Blume gegolten hat, wäre ja alles
aus gewesen!
Eine Stunde später freue ich mich sogar, daß alles so gekommen ist.
Kann ich doch von jetzt an ruhig wagen, jeden Morgen Ophelia einen
ganzen Strauß aufs Fenstersims zu legen; ihre Mutter wird es ja nur auf
sich beziehen.
Vielleicht wird sie glauben, die Blumen kämen von meinem Pflegevater,
dem Baron Jöcher!
Ja ja, das Leben macht klug.
Einen Moment lang habe ich einen häßlichen Geschmack im Mund, als habe
mich der heimtückische Gedanke vergiftet, doch gleich darauf ist es
wieder weg und ich lege mir zurecht, ob es nicht am gescheitesten wäre,
ich ginge sofort auf den Friedhof, neue Rosen stehlen. Später kommen
Leute hin, um auf den Gräbern zu beten, und abends sind die Gitter
geschlossen.
Unten auf der Bäckerzeile begegne ich dem Schauspieler Paris, wie er
mit knarrenden Stiefeln aus dem Durchlaß kommt.
Er weiß, wer ich bin, das sehe ich ihm an.
Er ist ein dicker, alter, glattrasierter Herr mit Hängebacken und einer
Schnapsnase, die ihm bei jedem Schritt zittert.
Er hat ein Barett auf, eine Nadel mit silbernem Lorbeerkranz in der
Halsbinde und auf dem Schmerbauch eine Uhrkette, aus blonden
Frauenhaaren geflochten. Sein Rock und seine Weste sind aus braunem
Sammet; seine flaschengrünen Hosen schließen ganz eng um die dünnen
Beine und sind so lang, daß sie unten lauter Falten haben wie eine
Ziehharmonika.
Ob er errät, daß ich auf den Friedhof gehe? Und warum ich dort Rosen
stehlen will? Und für wen? Ach was, das weiß doch nur ich allein! Ich
blicke ihm trotzig ins Gesicht, grüße ihn absichtlich nicht, aber mir
stockt der Herzschlag, als ich bemerke, daß er mich unter
halbgeschlossenen Lidern fest, beinahe lauernd anschaut, stehen bleibt,
nachdenklich an seiner Zigarre saugt und dann die Augen schließt, wie
jemand, dem ein sonderbarer Einfall gekommen ist.
Ich gehe so schnell wie möglich an ihm vorbei, da höre ich ihn laut und
unnatürlich hinter mir räuspern, als wolle er beginnen, eine Rolle zu
deklamieren:
„Hem—m—, —mhm, hemm.“
Mich packt ein eiskalter Schreck, und ich fange an zu laufen — ich kann
nicht anders, ich muß! Trotzdem mir eine Ahnung sagt: Tu’s nicht! Du
verrätst dich selber!
Ich habe in der Morgendämmerung die Laternen ausgelöscht und mich
wieder auf das Geländer gesetzt, obwohl ich weiß, es werden Stunden
vergehen, bis Ophelia kommt und drüben das Fenster öffnet. Aber ich
fürchte mich, ich könnte verschlafen, wenn ich mich statt zu warten
nochmals ins Bett legte.
Ich habe ihr drei weiße Rosen aufs Sims gelegt und war so aufgeregt
gewesen, daß ich dabei fast in den Durchlaß hinabgestürzt wäre.
Jetzt spiele ich mit dem Gedanken, ich läge unten mit zerschmetterten
Gliedern, man trüge mich ins Zimmer, Ophelia erführe es, erriete den
Zusammenhang, käme an mein Krankenlager und küßte mich voll Rührung und
Liebe.
So rede ich mich in einen kindisch sentimentalen Traum hinein; dann
wieder schäme ich mich und werde innerlich rot, daß ich so albern bin;
aber die Vorstellung, Ophelias wegen Schmerzen zu leiden, ist mir so
süß.
Gewaltsam reiße ich mich los von dem Bild: Ophelia ist neunzehn Jahre
und eine junge Dame, und ich bin nur siebzehn; obwohl ich ein wenig
größer bin als sie. Sie würde mich nur küssen wie man ein Kind küßt,
das sich verletzt hat. Und ich will doch ein erwachsener Mann sein, und
für einen solchen ziemt es sich nicht, hilflos im Bett zu liegen und
sich von ihr pflegen zu lassen. Es ist knabenhaft und weibisch!
So träume ich mir ein anderes Phantasiegebilde zurecht: es ist Nacht,
die Stadt schläft, da fällt Feuerschein in mein Fenster, ein Schrei
läuft plötzlich durch die Straßen: das Nachbarhaus steht in Flammen!
Keine Rettung ist mehr möglich, denn herabfallende glimmende Balken
versperren die Bäckerzeile.
Drüben im Zimmer brennen die Gardinen lichterloh; aber ich springe
hinüber aus dem Fenster unseres Treppenhauses und rette meine
bewußtlose Geliebte, die halberstickt, wie tot, auf dem Boden liegt im
Nachtgewand, aus Glut und Rauch.
Das Herz klopft mir bis zum Zerspringen vor Freude und Begeisterung;
ich fühle ihre bloßen Arme um meinen Hals gelegt, wie ich sie, die
Ohnmächtige, in meinen Armen trage, und die Kühle ihrer regungslosen
Lippen, wie ich sie mit Küssen bedecke. So lebhaft stelle ich mir alles
vor.
Immer wieder und wieder von neuem wandert das Bild durch mein Blut, als
habe in all seinen betörend süßen Einzelheiten es sein Kreislauf
mitgerissen, so daß ich nie mehr davon werde loskommen können. Ich
freue mich, denn ich weiß, der Eindruck ist so tief, daß ich heute
Nacht wirklich und lebendig davon träumen werde. Aber wie weit ist noch
bis dahin!
Ich beuge mich aus dem Fenster und spähe nach dem Himmel: es will nicht
Morgen werden. Ein ganzer langer Tag trennt mich noch von der Nacht.
Fast fürchte ich mich davor, daß der Morgen früher kommen muß als die
Nacht, denn er kann mir ja alles zerstören, worauf ich hoffe! Die Rosen
können herunterfallen, wenn Ophelia ihr Fenster öffnet, und sie sieht
sie dann gar nicht. Oder sie sieht sie und — nimmt sie, was dann? Werde
ich auch den Mut haben, mich nicht sofort zu verstecken? Mir wird eisig
kalt, denn ich weiß, ich werde bestimmt den Mut nicht haben. Aber ich
tröste mich damit, daß sie erraten könnte, von wem die Rosen sind.
Sie muß es erraten! Es ist doch unmöglich, daß die heißen,
sehnsuchtsvollen Gedanken der Liebe, die von meinem Herzen ausgehen, an
dem ihrigen abprallen sollten, wenn sie auch stumm und schüchtern sind!
Ich schließe die Augen und stelle mir vor, so lebhaft ich es vermag,
daß ich drüben an ihrem Bette stehe, mich über die Schlummernde beuge
und sie küsse mit dem glühenden Wunsche, sie möge von mir träumen.
So deutlich habe ich mir alles ausgemalt, daß ich eine Weile lang gar
nicht mehr weiß: bin ich eingeschlafen gewesen, oder was war mit mir?
Ich hatte die drei weißen Rosen drüben auf dem Sims geistesabwesend
angestarrt, bis sie in dem Dämmerlicht des Morgengrauens zerflossen
waren. Jetzt sind sie wieder da, aber mich quält der Gedanke, daß ich
sie auf dem Friedhofe gestohlen habe.
Warum habe ich denn nicht rote gestohlen? Die gehören dem Leben! Ich
kann mir nicht vorstellen, daß ein Toter, wenn er aufwacht und es
fehlten rote Rosen auf seinem Grabe, sie zurückfordern würde.
Endlich ist die Sonne aufgegangen. Der Raum zwischen den beiden Häusern
ist erfüllt vom Licht ihrer Strahlen; mir ist, als schwebten wir hoch
über den Wolken der Erde, denn unten der Durchlaß ist unsichtbar
geworden; er ist verschlungen von den Nebelschleiern, die der
Morgenwind vom Fluß her durch die Gassen weht.
Eine helle Gestalt bewegt sich drüben im Zimmer — ich halte den Atem an
in Bangigkeit — klammere mich fest mit beiden Händen am
Treppengeländer, um nicht davonzulaufen.
Ophelia!
Ich traue mich lange nicht hinzusehen. Das scheußliche Gefühl, eine
unsagbare Albernheit begangen zu haben, würgt mich. Der Glanz des
Traumlandes ist wie weggewischt. Ich fühle: er wird nie mehr
wiederkehren und ich werde mich auf der Stelle in die Tiefe stürzen
müssen oder sonst etwas Furchtbares begehen, um die schauderhafte
Lächerlichkeit, die jetzt losbrechen muß, falls es so kommt wie ich
fürchte, noch im Keim zu ersticken.
Ich mache einen letzten dummen Versuch, mich vor mir selber zu retten,
indem ich krampfhaft an meinem Ärmel reibe, als sei ein Fleck dort.
Dann begegnen sich unsere Augen.
Ophelias Gesicht ist wie mit Blut übergossen; ich sehe, wie ihre
feinen, weißen Hände, die die Rosen halten, zittern.
Wir wollen beide etwas sagen und können nicht; jedes sieht, daß das
andere sich nicht traut.
Einen Augenblick später ist Ophelia wieder verschwunden.
Ich bin ganz klein in mich zusammengekauert, wie ich so auf der
Treppenstufe sitze, und weiß nur: statt meines Ichs wohnt jetzt eine
bis zum Himmel lodernde Freude in mir. Eine Freude, die ein jubelndes
Gebet des Nicht-mehr-sich-fassen-wollens ist.
Kann es denn wirklich sein?
Ophelia ist doch eine junge erwachsene Dame! Und ich?
Aber nein! Sie ist so jung wie ich; ich sehe ihre Augen wieder im
Geiste — deutlicher noch als vorher in der Wirklichkeit des
Sonnenlichtes. Und ich lese darin: sie ist ein Kind wie ich. So wie sie
kann nur ein Kind blicken! Kinder sind wir beide noch; sie fühlt es
nicht, daß ich nur ein dummer Junge bin!
Ich weiß, so wahr in mir ein Herz schlägt, das sich ihretwegen in
tausend Stücke zerreißen ließe, daß wir uns heute noch begegnen werden,
ohne uns suchen zu müssen; ich weiß auch, daß es nach Sonnenuntergang
in dem kleinen Gärtchen am Fluß vor unserem Hause sein wird, ohne daß
eines dem andern es zu sagen brauchte!
5
DAS GESPRÄCH UM MITTERNACHT
So wie die weltvergessene kleine Stadt, umgürtet vom wandelnden Flusse,
einer ruhevollen Insel gleich in meinem Herzen lebt, so ragt als
Eiland, umströmt von den Fluten der Unrast aus jenen Jugendtagen, die
mir Ophelia heißen, das Andenken eines Gespräches, das ich eines Nachts
belauschte.
Ich hatte, wie damals wohl stündlich, von meiner Geliebten geträumt, da
hörte ich, daß der Baron in seinem Studierzimmer einem Besucher die
Türe öffnete; und an der Stimme erkannte ich den Kaplan.
Er kam zuweilen, auch in später Stunde noch, denn sie waren alte
Freunde, und sie unterhielten sich dann bei einem Glase Wein zumeist
bis tief nach Mitternacht über allerlei philosophische Fragen, berieten
auch wohl, wie meine Erziehung zu gestalten sei, kurz, sie sprachen
über Dinge, die mir wenig am Herzen lagen.
Der Baron duldete nicht, daß ich die Schule besuchte.
„Unsere Schulen sind die Hexenküchen, in denen der Verstand so lange
verbildet wird, bis das Herz verdurstet ist. Wenn das glücklich
gelungen ist, bekommt man das Zeugnis der Reife“, pflegte er zu sagen.
Daher gab er mir immer nur Bücher zu lesen, die er aus seiner
Bibliothek sorgsam auswählte, nachdem er zuvor in mir geforscht hatte,
wie meine Wißbegier jeweils beschaffen war, aber er prüfte mich
niemals, ob ich sie auch wirklich gelesen hatte.
„Was dein Geist will, daß in deinem Gedächtnis haften bleibe,“ war sein
Lieblingsspruch, „das wirst du dir merken, denn er gibt dir zugleich
die Freude daran. Der Schulmeister aber ist wie der Tierbändiger; der
eine meint, es sei wichtig, daß Löwen durch Reifen springen, der andere
schärft den Kindern ein, daß der gottselige Hannibal sein linkes Auge
in den pontinischen Sümpfen verlor; der eine macht aus einem
Wüstenkönig einen Zirkusclown, der andere aus einer Gottesblume ein
Sträußchen Petersilie.“
Ein ähnliches Gespräch mochten die beiden Herren auch jetzt wieder
geführt haben, denn ich hörte den Kaplan sagen:
„Ich würde mich fürchten, ein Kind so dahintreiben zu lassen wie ein
Schiff ohne Steuer; ich glaube, es müßte stranden.“
„Als ob nicht die meisten Menschen strandeten!“ rief der Baron erregt
dazwischen. „Ist vielleicht jemand nicht gestrandet, vom höheren
Standpunkte des Lebens aus gesehen, wenn er nach einer hinter
Schulfenstern vertrauerten Jugend — sagen wir mal: Rechtsgelehrter
geworden ist, sich verheiratet, um seinen Essig auf Kinder zu vererben,
dann krank wird und stirbt? Glauben Sie, daß sich seine Seele zu
solchem Zweck den komplizierten Apparat, Menschenleib genannt,
geschaffen hat?!“
„Wohin kämen wir, wenn alle so dächten wie Sie!“ wendete der Kaplan
ein.
„Zum segensreichsten und schönsten Zustand des Menschengeschlechtes,
der sich denken läßt! Jeder würde anders wachsen, keiner wäre dem
andern gleich, jeder wäre ein Kristall, dächte und fühlte in anderen
Farben und Bildern, liebte anders und haßte anders, wie der Geist in
ihm will, daß er tue. Den Satz von der Gleichheit der Menschen muß der
Feind aller Buntheit, der Satan, erfunden haben.“
„So glauben Sie also doch an den Teufel, Baron. Sie leugnen es sonst
immer!“
„Ich glaube an den Teufel so, wie ich an die ertötende Kraft des
Nordwinds glaube! — Wer aber kann mir die Stelle im Weltall zeigen, wo
die Kälte entspringt? — Dort müßte der Teufel thronen. — Das Kalte
läuft nur dem Warmen nach, denn es will selber warm werden. Der Teufel
will zu Gott kommen, der eisige Tod zum Feuer des Lebens; das ist der
Ursprung aller Wanderung. — — Es soll einen absoluten Nullpunkt der
Kälte geben? — Gefunden hat ihn noch keiner. Es wird ihn auch nie einer
finden; so wenig wie jemand den absoluten magnetischen Nordpol finden
kann; wenn er einen Stabmagneten verlängert oder zerbricht, immer wird
der Nordpol dem Südpol entgegengesetzt sein, einmal wird die Stelle,
die beide in der Erscheinung trennt, kürzer sein und das anderemal
länger, berühren werden sich die Pole nie, oder der Stab müßte ein Ring
werden und der Magnet aufhören, ein Stabmagnet zu sein. — Ob man die
Quelle des einen Poles in der Endlichkeit sucht oder die des andern, —
man begibt sich immer auf eine Wanderung in die Unendlichkeit. Sehen
Sie dort an der Wand das Bild: Das ‚Abendmahl‘ von Leonardo da Vinci!
Dort ist auf Menschen übertragen, was ich vorhin in bezug auf Magnete
sowohl, wie auf die Erziehung durch die Seele, sagen wollte. Bei jedem
Jünger des ‚Abendmahls‘ ist die Mission, die seine Seele hat, in
symbolischer Hand- und Fingerstellung angedeutet; bei allen ist die
rechte Hand in Tätigkeit, ob sie sich nun auf den Tisch stützt, dessen
Kante in sechzehn Teile geteilt ist, was die sechzehn Buchstaben des
alten römischen Alphabets bedeuten könnte, oder ob sie verbunden ist
mit der linken Hand. Bei Judas Ischarioth allein agiert die Linke und
die Rechte ist geschlossen! — Johannes der Evangelist, von dem Jesus
sagte, er werde bleiben, weshalb unter den Jüngern die Rede ging, er
werde nicht sterben, — hat beide Hände gefaltet, das heißt: er ist ein
Magnet, der keiner mehr ist; er ist ein Ring in der Ewigkeit; er ist
kein Wanderer mehr.
Mit solchen Fingerstellungen hat es eine eigene Bewandtnis! Sie bergen
die tiefsten Mysterien der Religionen.
Im Orient finden Sie sie auf allen Götterstatuen, aber auch auf den
Gemälden fast sämtlicher unserer großen mittelalterlichen Meister sehen
Sie sie wiederkehren.
In unserer Familie, dem Stamme der Freiherren von Jöcher, hat sich die
Legende vererbt, unser Ahnherr, der Laternenträger Christopher Jöcher,
sei aus dem Osten eingewandert und habe von dort das Geheimnis
mitgebracht, durch eine Art Fingergestikulation die Schemen der Toten
herbeizurufen und sie sich zu allerlei Zwecken willfährig zu machen.
Eine Urkunde, die ich besitze, besagt, er sei Mitglied eines uralten
Ordens gewesen, der sich einmal nennt: ‚Schi-Kiai‘ das ist auf deutsch:
‚Die Lösung der Leichname‘ und dann an anderer Stelle wieder:
‚Kieu-Kiai‘, das ist: die ‚Lösung der Schwerter‘.
Von Dingen wird da berichtet, die Ihrem Ohr sehr sonderbar klingen
mögen; mit Hilfe der Kunst, die Hände und Finger geistig-lebendig zu
machen, sei der oder jener des Ordens samt seinem Leichnam aus dem
Grabe verschwunden, und wieder andere hätten sich in der Erde in
Schwerter verwandelt.
Fällt Ihnen da nicht eine merkwürdige Übereinstimmung auf, Hochwürden,
mit der Auferstehung Christi? — Insbesondere, wenn Sie die rätselhaften
Handgesten auf den Bildwerken des Mittelalters und des asiatischen
Altertums damit in Verbindung bringen?“
Ich hörte, wie der Kaplan unruhig wurde, mit schnellen Schritten im
Zimmer auf- und abging, dann stehen blieb und mit gepreßter Stimme
ausrief:
„Was Sie mir da sagen, Herr Baron, klingt mir zu sehr nach
Freimaurertum, als daß ich, der ich doch katholischer Priester bin, es
ohne Widerspruch hinnehmen könnte. Was Sie den ertötenden Nordwind
nennen, das ist für mich Freimaurerei und alles, was damit
zusammenhängt. Ich weiß sehr wohl, und wir haben ja oft genug über
dieses Thema gesprochen, daß alle großen Maler und Künstler ein
gemeinsames Band umschloß, das sie die Zunft nannten, und daß sie ihre
Zusammengehörigkeit einander über Länder hinweg kundgaben, indem sie
geheime Zeichen — zumeist durch Fingerstellungen und Handgesten — auf
den Figuren ihrer Bilder oder durch den Winkblick von Wolkengesichtern,
bisweilen auch durch Farbenwahl — anbrachten. Die Kirche hat ihnen oft
genug, ehe sie ihnen Aufträge für Heiligenbilder erteilte, das
feierliche Versprechen abgenommen, derlei zu unterlassen, aber immer
wieder wußten sie es zu umgehen. Man verargt es der Kirche, daß sie
sagt, wenn auch nicht vor jedermanns Ohren: die Kunst sei vom Teufel.
Ist das für einen strenggläubigen Katholiken so unverständlich? Wo man
doch weiß, daß die Künstler ein offenbar gegen die Kirche gerichtetes
Geheimnis besaßen und behüteten?
Ich kenne einen Brief eines damaligen großen Malers, worin dieser einem
spanischen Freunde gegenüber offen die Existenz des geheimen Bundes
eingesteht.“
„Auch ich kenne jenen Brief“, fiel der Baron lebhaft ein. „Der Maler
schreibt darin so ungefähr — ich habe den Wortlaut nicht mehr
gegenwärtig —: ‚Geh du zu dem und dem, einem Manne namens X, und bitte
ihn fußfällig, er möge mir nur einen einzigen Wink geben, damit ich
endlich Einblick bekomme, wie das Geheimnis weiter zu handhaben ist.
Ich will nicht bis ans Lebensende nur ein Maler sein!‘ Was geht daraus
hervor, lieber Kaplan? Doch wohl, daß jener berühmte Künstler, so hoch
er auch äußerlich eingeweiht gewesen sein mag, in Wirklichkeit nur ein
Blinder war. Daß er Freimaurer war, und das heißt für mich so viel wie:
er war ein Handlanger im Ziegeleischupfen, der nur außen am Bau
herumklettert, und zur Zunft gehörte, ist nicht zu bezweifeln. Auch
haben Sie ganz recht, wenn Sie sagen, alle Architekten, Maler,
Bildhauer, Goldschmiede und Ziseleure damaliger Zeit sind Freimaurer
gewesen. Aber, und darauf kommt es hier an: sie kannten nur die äußeren
Riten und begriffen sie bloß im ethischen Sinne; sie waren nur
Werkzeuge jener unsichtbaren Macht, die Sie als Katholik
irrtümlicherweise für den Meister der ‚Linken Hand‘ halten; Werkzeuge
waren sie, nichts sonst, zu dem einzigen Zweck, gewisse Geheimnisse in
symbolischer Form der Nachwelt aufzubewahren, bis die Zeit reif sein
wird. Doch sie blieben stecken auf dem Wege und kamen nicht vorwärts,
weil sie immer hofften, ein Menschenmund könne ihnen den Schlüssel
geben, der das Tor aufsperrt; sie ahnten nicht, daß er in der
Betätigung der Kunst selber vergraben liegt; sie begriffen nicht, daß
Kunst einen tiefern Sinn birgt, als bloß Bilder zu malen oder
Dichtwerke zu schaffen, nämlich den: eine Art überfeinen Tast- und
Wahrnehmungsgefühls im Künstler selbst zu erwecken, dessen erste
Kundgebung ‚richtiges Kunstempfinden‘ heißt. Auch ein heute lebender
Künstler, sofern sich ihm durch seinen Beruf die inneren Sinne
erschließen für die Einflüsse dieser Macht, wird in seinen Werken jene
Symbole wieder auferstehen lassen können; er braucht sie durchaus nicht
aus dem Munde eines Lebenden erfahren zu haben, braucht keineswegs in
diese oder jene Loge aufgenommen zu sein! Im Gegenteil: tausendmal
klarer als Menschenzunge spricht der ‚unsichtbare Mund‘. Was ist wahre
Kunst denn anderes als das Schöpfen aus dem ewigen Reiche der Fülle?!
Wohl gibt es Menschen, die mit vollem Recht den Namen ‚Künstler‘ führen
dürfen und doch nur besessen sind von einer finstern Kraft, die Sie von
Ihrem Standpunkt aus ruhig als ‚der Teufel‘ bezeichnen dürfen. Was sie
schaffen, gleicht aufs Haar dem Höllenreich des Satans, wie es sich der
Christ vorstellt; ihre Werke tragen den Hauch des eisigen, erstarrenden
Nordens, wohin doch schon das Altertum den Sitz der menschenhassenden
Dämonen verlegte; die Ausdrucksmittel ihrer Kunst sind: Pest, Tod,
Irrsinn, Mord, Blut, Verzweiflung und Verworfenheit. — —
Wie sollen wir uns nun solche Künstlernaturen erklären? Ich will es
Ihnen sagen: ein Künstler ist ein Mensch, in dessen Hirn das Geistige,
das Magische das Übergewicht über das Materielle erlangt hat. Das kann
auf zweierlei Weise geschehen: bei den einen — nennen wir sie die
‚teuflischen‘ — ist das Gehirn durch Ausschweifung, durch Lustseuche,
durch ererbte oder angewöhnte Laster im Begriffe zu entarten; dann
wiegt es sozusagen leichter auf der Wagschale des Gleichgewichtes und
das ‚Schwerer- oder Offenbarwerden in der Erscheinungswelt‘ und das
Herabsinken des Magischen tritt von selber ein: die Wagschale des
Geistigen senkt sich herab, nur weil die andere leichter und nicht,
weil sie selbst schwerer wird. In diesem Falle haftet dem Kunstwerk der
Geruch der Fäulnis an. Es ist, als trüge der Geist ein Kleid, leuchtend
im Phosphorschein der Verwesung.
Bei den anderen Künstlern — ich will sie die ‚Gesalbten‘ nennen — hat
sich der Geist, wie der Ritter Georg, die Macht über das Tier erkämpft:
bei ihnen senkt sich die Wage des Geistes in die Erscheinungswelt
hernieder kraft eines eigenen Gewichtes. Dann trägt der Geist das
goldene Gewand der Sonne.
In beiden aber ist das Gleichgewicht der Wage verschoben zugunsten des
Magischen; beim Durchschnittsmenschen hat nur das Tier Gewicht; die
‚Teuflischen‘ wie die ‚Gesalbten‘ werden bewegt vom Winde des
unsichtbaren Reiches der Fülle, der eine vom Nordwind, der andere vom
Hauch des Morgenrots. Der Durchschnittsmensch hingegen bleibt ein
starrer Klotz.
Wer ist nun jene Macht, die sich der großen Künstler bedient wie eines
Werkzeugs, das den Zweck hat, die symbolischen Riten der Magie der
Nachwelt aufzubewahren?
Ich sage Ihnen: es ist dieselbe, die einst die Kirche schuf. Sie baut
zwei lebendige Säulen zu gleicher Zeit, die eine weiß, die andere
schwarz. Zwei lebendige Säulen, die einander solange hassen werden, bis
sie erkennen, daß sie nur die Pfeiler für einen künftigen Triumphbogen
sind.
Erinnern Sie sich der Stelle im Evangelium, wo Johannes sagt: ‚So aber
die vielen anderen Dinge sollten geschrieben werden, achte ich, die
Welt würde die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären.‘
Wie erklären Sie, Hochwürden, daß nach Ihrem Glauben dem Willen Gottes
gemäß wohl die Bibel auf unsere Zeiten kam, die Überlieferung jener
‚andern Dinge‘ hingegen nicht?
Ist sie ‚verloren‘ gegangen? So wie ein Knabe sein Taschenmesser
‚verliert‘?
Ich sage Ihnen, jene ‚andern Dinge‘ leben heute noch, haben immer
gelebt und werden immer lebendig bleiben und stürben auch alle Münder,
die sie sagen, und alle Ohren, in die sie gesprochen werden könnten.
Der Geist wird sie immer wieder flüsternd beleben und sich neue
Künstlerhirne schaffen, die schwingen, wenn er es will, und sich neue
Hände bauen, die schreiben, so wie er es befiehlt.
Das sind jene Dinge, um die Johannes wußte und weiß — die Geheimnisse,
die bei ‚Christus‘ waren und die er einbegriff, als er Jesum, sein
Werkzeug, sagen ließ: ‚Ehe denn Adam war, war Ich‘.
Ich sage Ihnen — mögen Sie sich nun bekreuzigen oder nicht: die Kirche
hat mit Petrus begonnen, vollendet wird sie erst durch Johannes! Was
das heißt? Lesen Sie einmal das Evangelium, als sei es eine
Prophezeiung, was aus der Kirche werden wird! Vielleicht geht Ihnen
dann ein Licht auf, was es — in diesem Sinne gesehen — bedeutet, daß
Petrus Christum dreimal verleugnet hat und sich ärgerte, als Jesus von
Johannes sagte: ‚Ich will, daß er bleibe.‘ Zu Ihrem Troste will ich
hinzufügen: Wohl wird, das glaube ich und sehe es kommen, die Kirche
sterben, aber sie wird neu auferstehen und so, wie sie sein sollte.
Noch ist keiner und nichts auferstanden, das nicht vorher gestorben
wäre: nicht einmal Jesus Christus.
Ich kenne Sie zu gut als ehrlichen Menschen, der es mit seiner Pflicht
genau nimmt, als daß ich nicht wüßte, Sie hätten sich oft und oft
gefragt: Wie durfte es nur geschehen, daß unter den Geistlichen, sogar
unter den Päpsten, Verbrecher sein konnten, Unwürdige ihrer Weihe,
Unwürdige, den Namen Mensch zu tragen? Ich weiß auch, Sie hätten
gesagt, würde Sie jemand um eine Erklärung solcher Tatsachen gebeten
haben: ‚Sündlos und unbefleckbar ist nur das Amt und nicht der, der das
Amt bekleidet.‘ Glauben Sie ja nicht, lieber Freund, daß ich etwa zu
denen gehöre, die über eine solche Erklärung höhnen oder siebengescheit
eine verächtliche aalglatte Heuchelei dahinter wittern; dazu erfasse
ich den Sinn der Priesterweihe zu tief.
Ich weiß genau, vielleicht besser als Sie, wie groß die Zahl
katholischer Geistlicher ist, die heimlich im Herzen den bangen Zweifel
tragen: ‚Ist es wirklich die christliche Religion, die berufen sein
soll, die Menschheit zu erlösen? Deuten nicht alle Zeichen der Zeit
darauf hin, daß die Kirche morsch wird? Wird es wirklich kommen, das
tausendjährige Reich? Wohl wächst wie ein riesiger Baum das
Christentum, wo aber bleiben die Früchte? Immer größer von Tag zu Tag
wird die Schar derer, die den Namen Christen tragen, aber immer weniger
und weniger sind dessen würdig!‘
Woher kommt dieser Zweifel, frage ich Sie. Aus Glaubensschwäche? Nein!
Er wächst folgerichtig aus dem unbewußten Erkenntnisgefühl, daß zu
wenige unter den Priestern sind, die feurig genug wären, um den Weg der
Heiligung zu suchen, wie es die Yogis und Sadhus Indiens tun. Es sind
ihrer zu wenige, die das Himmelreich mit Gewalt nehmen. Glauben Sie
mir: es gibt mehr Pfade zur Auferstehung, als die Kirche sich träumen
läßt! Das laue Hoffen auf die ‚Gnade‘ tut’s freilich nicht. Wieviele in
Ihrem Stande sind es denn, die von sich sagen können: ‚Wie der Hirsch
nach frischem Wasser schreit, schreit meine Seele, Gott, nach dir!‘?
Sie alle hoffen heimlich auf die Erfüllung der apokryphen Prophezeiung,
die da sagt: zweiundfünfzig Päpste werden erscheinen, jeder trägt einen
verborgenen lateinischen Namen, der seine Tätigkeit auf Erden
umschreibt; der letzte wird ‚flos florum‘ heißen, das ist ‚Blüte der
Blüten‘, und unter seinem Zepter bricht das tausendjährige Reich an.
Ich prophezeie Ihnen — und ich bin doch eher ein Heide als ein Katholik
—, daß er Johannes heißen und die Spiegelung Johannis, des
Evangelisten, sein wird; von Johannes dem Täufer, dem Schutzpatron der
Freimaurer, die die Geheimnisse der Taufe mit Wasser behüten, ohne sie
selber zu kennen, werden die Kräfte über die untere Welt ihm übertragen
sein.
So wird aus zwei Säulen eine Triumphpforte werden!
Aber schreiben Sie heute in ein Buch: ‚An die Spitze der Menschheit als
Führer gehört weder ein Soldat, noch ein Diplomat, weder ein Professor
noch ein — Haubenstock, sondern einzig und allein ein Priester‘ — und
ein Wutschrei wird durch die Welt gehen, wenn das Buch erscheint.
Schreiben Sie hinein: ‚Die Kirche ist nur ein Stückwerk, ist nur die
eine Hälfte eines in zwei Teile zerbrochenen Schwertes, solange nicht
ihr Stellvertreter zugleich auch der vicarius Salomonis, der
Ordensoberste, ist‘, und man wird das Buch auf dem Scheiterhaufen
verbrennen.
Freilich, die Wahrheit würden sie weder verbrennen noch in den Boden
stampfen können! Sie wird immer wieder offenbar; so, wie die Schrift
über dem Altar der Marienkirche unserer Stadt, von der das bunte Brett
immer wieder abfällt.
Ich sehe Ihnen an, auch Ihnen geht es gegen den Strich, daß es ein
heiliges Geheimnis geben sollte, das den Widersachern der Kirche zu
eigen wäre und von dem die katholische Kirche nichts wüßte. Dennoch ist
es so, nur mit der wesentlichen Einschränkung, daß jene, die es
behüten, mit ihm nichts anzufangen wissen, ihre Gemeinschaft ist eben
die andere Hälfte des ‚zerbrochenen Schwertes‘ und kann den Sinn nicht
erfassen. Es wäre auch wirklich mehr als grotesk, anzunehmen, daß die
wackeren Begründer der Gothaschen Lebensversicherung ein magisches
Arkanum zur Überwindung des Todes besäßen.“
Eine lange Pause entstand; die beiden alten Herren schienen ihren
Gedanken nachzuhängen.
Dann hörte ich die Gläser klingen, und nach einer Weile fragte der
Kaplan:
„Woher Sie nur all dieses seltsame Wissen haben mögen?“
Der Baron schwieg.
„Oder reden Sie nicht gern davon?“
„Hm. Je nach dem“, wich der Baron aus. „Manches hängt mit meinem Leben
zusammen, manches ist mir zugeflogen, manches habe ich — hm — ererbt.“
„Daß man ein Wissen ererben kann, ist mir neu. Allerdings, von Ihrem
seligen Herrn Vater erzählt man sich heute noch die merkwürdigsten
Geschichten.“
„Was zum Beispiel?“ rief der Baron erheitert. „Das interessiert mich
lebhaft.“
„Nun, man sagt, er sei — er sei —“
„Ein Narr gewesen!“ ergänzte der Baron fröhlich.
„Nicht gerade ein Narr. Oh, durchaus nicht! Aber ein Sonderling
höchsten Grades. Er soll, so sagt man — aber Sie dürfen nicht etwa
denken, ich glaubte so was! — er soll eine Maschine zur Erweckung des
Wunderglaubens bei — na ja — des Wunderglaubens — bei Jagdhunden
erfunden haben!“
„Ha ha ha!“ lachte der Baron los. So laut und herzlich und anhaltend,
daß ich in meinem Bette angesteckt wurde und in das Taschentuch beißen
mußte, um nicht zu verraten, daß ich zuhörte.
„Ich habe mir ja gleich gedacht, daß es Unsinn ist!“ entschuldigte sich
der Kaplan.
„Oh“, der Baron schnappte noch immer nach Luft, „oh, durchaus nicht!
Die Sache stimmt schon. Ha ha! Warten Sie einen Augenblick! Ich muß
mich erst auslachen. Also, mein Vater war wirklich ein Original, wie es
wohl keines mehr geben wird. Er besaß ein ungeheures Wissen, und was
ein Kopf ausdenken kann, das hat er ausgedacht. Eines Tages blickte er
mich lange an, klappte ein dickes Buch zu, in dem er gerade gelesen
hatte, warf es auf den Boden (seitdem hat er nie mehr ein Buch in die
Hand genommen) und sagte zu mir:
‚Bartholomäus, mein Junge, ich habe nunmehr erkannt, daß alles Blödsinn
ist. Das Gehirn ist die überflüssigste Drüse, die der Mensch besitzt!
Man sollte sie sich herausschneiden lassen wie die Mandeln. Ich gedenke
heute ein neues Leben zu beginnen.‘
Schon am nächsten Morgen übersiedelte er in ein kleines Schloß auf dem
Lande, das wir damals besaßen, und verbrachte dort den Rest seiner
Tage; erst kurz vor seinem Tode kehrte er heim, um friedlich zu
sterben, hier, im Stockwerk unter uns.
So oft ich ihn im Schloß besuchte, immer zeigte er mir etwas Neues.
Einmal war es ein ungeheueres, wundervolles Spinnennetz an der
Innenseite einer Fensterscheibe, das er behütete wie seinen Augapfel.
‚Siehst du, mein Sohn,‘ erklärte er mir, ‚hier hinter dem Netz zünde
ich abends ein grelles Licht an, um die Insekten draußen anzulocken.
Sie kommen in Scharen angesaust, können sich aber nicht ins Netz
verfangen, denn die Fensterscheibe ist dazwischen. Die Spinne, die
natürlich keine Ahnung hat, was Glas ist — denn wo käme so etwas im
Freien vor! — kann sich das nicht erklären und greift sich
wahrscheinlich an den Kopf. Tatsache ist, daß sie Tag für Tag ein immer
größeres und feineres Netz webt. Ohne daß dies natürlich den Mangel
auch nur im geringsten behöbe! Auf diese Weise will ich dem Biest das
schamlose Vertrauen auf die Allgewalt des Verstandes allmählich
abgewöhnen. Später, wenn es auf dem Wege der Wiederverkörperung ein
Mensch geworden sein wird, wird es mir für solche weise Erziehung Dank
wissen, denn es bringt dann einen unterbewußten Schatz an Erfahrung
mit, der für es von größtem Wert sein kann. Mir hat offenbar, als ich
noch eine Spinne war, ein solcher Erzieher gefehlt, sonst hätte ich
schon als Kind die Bücher weggeschmissen!‘
Ein andermal führte er mich vor einen Käfig, in dem lauter Elstern
waren. Er warf ihnen massenhaft Futter vor; sie stürzten sich gierig
darauf und jede stopfte aus Neid, die anderen könnten schneller
fressen, sich in Windeseile Schnabel und Kropf derart voll, daß keine
mehr schlucken konnte.
‚Diesen Viechern verekle ich den Geiz und die Habsucht‘, erläuterte er.
‚Hoffentlich lassen sie im späteren Leben auch die öde Sparerei
bleiben, eine Eigenschaft, die von allen den Menschen am häßlichsten
macht!‘
‚Oder‘, wendete ich ein, ‚sie erfinden sich Rocktaschen und
Geldschränke!‘ worauf mein Vater nachdenklich wurde und ohne ein Wort
zu verlieren, den Vögeln die Freiheit wiedergab.
‚Gegen das da aber wirst du hoffentlich nichts einzuwenden haben!‘
brummte er stolz und führte mich auf einen Söller, auf dem eine
Balliste — eine Art Steinschleudermaschine stand. ‚Siehst du die vielen
Köter da unten auf der Wiese? Da flacken sie herum und lassen den
lieben Gott einen braven Mann sein! Das Handwerk werde ich ihnen
legen!‘ Er nahm einen Kiesel und schleuderte ihn auf einen der Hunde,
der sofort entsetzt aufsprang, nach allen Seiten spähte, woher das
Geschoß wohl gekommen sein möchte, dann ratlos zum Himmel aufsah und
sich nach längerer Unruhe wieder niederlegte. Nach seinem verzweifelten
Gebaren zu schließen, mußte ihm dergleichen Unbill schon des öftern
widerfahren sein.
‚Dies ist die Maschine, die mit Geduld angewendet, in jedes Jagdhundes
Herz, mag er noch so gottlos sein, unfehlbar den Keim dereinstigen
Wunderglaubens lenken muß!‘ sagte mein Vater und warf sich in die
Brust. ‚Lach‘ nicht, vorwitziger Knabe! Nenne mir einen Beruf, der
wichtiger wäre! Glaubst du, die Vorsehung verführe mit uns anders, als
ich es hier tue mit den Kötern?‘
Sehen Sie, ein solch hemmungsloses Kuriosum und doch voll Weisheit war
mein Vater‘, schloß der Baron.
Nachdem sie sich beide herzlich ausgelacht hatten, fuhr er zu erzählen
fort:
„Ein merkwürdiges Schicksal vererbt sich in unserer Familie. Glauben
Sie aber, bitte, nicht, wenn Ihnen meine Worte vielleicht zu überhebend
klingen werden, daß ich mich für etwas Besonderes oder für einen
Auserwählten hielte! Allerdings habe ich eine Mission, aber eine sehr
bescheidene. Freilich, mir scheint sie groß und ich halte sie heilig!
Ich bin der elfte aus dem Geschlechte der Jöcher; den Ahnherrn nennen
wir die Wurzel, wir andern zehn, die Freiherren, heißen die Äste,
unsere Vornamen beginnen alle mit einem ‚B‘, wie zum Beispiel
Bartholomäus, Benjamin, Balthasar, Benedikt und so weiter. Nur die
Wurzel, der Ahnherr Christopher, fängt mit ‚Ch‘ an. In unserer
Familienchronik steht, der Ahnherr habe vorausgesagt, die Krone des
Stammbaumes — der zwölfte — werde wiederum Christopher heißen. ‚Es ist
seltsam,‘ habe ich mir oft gedacht, ‚alles, was er vorausgesagt hat,
ist Wort für Wort eingetroffen, nur das letzte scheint nicht zu
stimmen, denn ich habe doch keine Kinder!‘ Da geschah das Merkwürdige,
daß ich von dem kleinen Jungen im Findelhaus, den ich jetzt adoptiert
habe, hörte und ihn zu mir nahm, lediglich, weil er im Schlafe
wanderte; eine Eigenschaft, die uns Jöchers allen anhaftet. Als ich
dann erfuhr, er heiße Christopher, durchfuhr’s mich wie ein Blitz, und
ich mußte förmlich nach Luft ringen, als ich das Kind damals nach Hause
nahm, so sehr hatte mir die Aufregung den Atem verschlagen. Mein
Geschlecht wird in der Chronik mit einer Palme verglichen, bei der
immer ein Ast abfällt, um dem nächsten Platz zu machen, bis schließlich
nur übrig bleiben: die Wurzel, die Krone und der glatte Stamm, der
keinerlei Seitentrieb ansetzt, so daß der Saft aus dem Boden frei
aufsteigen kann zum Wipfel. Niemals hatte irgend ein Vorfahr mehr als
einen Sohn und nie eine Tochter, so daß das Gleichnis der Palme
ungetrübt blieb.
Ich als der letzte Ast wohne noch obendrein hier im Hause unter dem
Dache; es hat mich herauf getrieben, ich weiß selbst nicht warum! Nie
haben meine Ahnen länger als zwei Generationen im selben Stockwerk
gewohnt.
Mein Sohn, freilich, ist der liebe Junge nicht. Hier bricht die
Prophezeiung entzwei. Das stimmt mich oft traurig, denn ich hätte
natürlich gerne gesehen, daß die Krone des Stammbaumes ein Sproß aus
meinem Blute und dem meiner Vorfahren gewesen wäre! Wie es da mit der
geistigen Erbschaft werden soll? Aber was ist Ihnen, Kaplan? Warum
starren Sie mich so an?“
Ich entnahm aus dem Geräusche eines umfallenden Sessels, daß der
Geistliche aufgesprungen sein mußte.
Von da an ergriff es mich wie ein sengendes Fieber, das sich steigerte
bei jedem Worte des Kaplans.
„Baron! Hören Sie!“ stieß er hervor. „Gleich, als ich eintrat, wollte
ich es Ihnen sagen, aber ich schob es hinaus, bis ein günstiger
Augenblick gekommen sein würde. Dann sprachen Sie, und im Laufe Ihrer
Erzählung habe ich Momente lang den Zweck meines Kommens vergessen
gehabt. Ich fürchte, ich reiße jetzt eine alte Wunde in Ihrem Herzen
auf—“
„Reden Sie! Reden Sie!“ drängte der Baron.
„Ihre verschollene Gattin —“
„Nein, nein, nicht verschollen, sie lief davon! Nennen Sie es, so wie
es war!“
„Ihre Gattin also und die Unbekannte, die vor ungefähr fünfzehn Jahren
tot hier am Flusse antrieb und in dem Grabe mit den weißen Rosen
draußen im Friedhof, das nur ein Datum, aber keinen Namen trägt,
bestattet liegt, sind eine und dieselbe Person gewesen! Und — jetzt
jauchzen Sie, mein lieber, alter Freund! — Ihr Kind kann nur — es ist
gar nicht anders möglich — der kleine Findling Christopher sein. Sie
sagten ja selbst, Ihre Frau sei schwanger gewesen, als sie von Ihnen
ging! Nein, nein! Nicht fragen, woher ich das wissen kann! Ich würde es
Ihnen nicht sagen, selbst nicht, wenn ich dürfte. Nehmen Sie an, jemand
hätte es mir in der Beichte gesagt. Jemand, den Sie nicht kennen —“
Ich hörte nicht mehr, was weiter gesprochen wurde. Mir war bald heiß,
bald kalt.
Jene Mitternacht hat mir Vater und Mutter geschenkt, aber auch das
traurige Bewußtsein, daß ich das Grab derer, die mich geboren, um drei
weiße Rosen bestohlen habe.
6
OPHELIA
Nach wie vor traben die Kinder hinter mir drein, wenn ich abends durch
die Straßen ziehe, erhobenen Hauptes und stolz auf das Ehrenamt derer
von Jöcher, jetzt, wo ich weiß: der Ahnherr ist auch der meinige; aber
ihr Spottlied: „Taubenschlag, Taubenschlag, Taubenschlag“ klingt
merklich dünner; die meisten von ihnen begnügen sich damit, taktmäßig
in die Hände zu klatschen, oder sie singen bloß: „Trara.“
Gar die Erwachsenen! Die ziehen den Hut als Dank auf meinen Gruß,
während sie früher nur genickt haben, und wenn sie mich vom Grabe
meiner Mutter kommen sehen, wohin ich täglich gehe, stecken sie hinter
mir die Köpfe zusammen und flüstern miteinander; es hat sich im
Städtchen herumgesprochen, daß ich der leibliche Sohn des Freiherrn von
Jöcher bin und nicht nur sein Adoptivkind!
Frau Aglaja knixt wie vor einer Prozession, so oft ich ihr begegne, und
benützt jede Gelegenheit, das Wort an mich zu richten und sich nach
meinem Befinden zu erkundigen!
Wenn sie mit Ophelia geht, laufe ich immer davon, damit wir beide nicht
rot zu werden brauchen, daß die Alte so unterwürfig tut.
Der Drechslermeister Mutschelknaus erstarrt förmlich, wenn er mich
erblickt; glaubt er noch ungesehen entkommen zu können, so schießt er
zurück in seine Höhle wie eine entsetzte Maus.
Ich fühle, wie unsäglich er darunter leidet, daß gerade ich, der jetzt
für ihn ein überirdisches Wesen bedeutet, der Mitwisser seines
nächtlichen Geheimnisses sein muß.
Nur einmal habe ich ihn in seiner Werkstatt besucht, in der Absicht,
ihm zu sagen, daß er sich doch wahrhaftig vor mir nicht zu schämen
brauche; ein zweitesmal getraue ich es mir nicht mehr.
Ich wollte ihm sagen, wie hoch ich ihn schätzte, daß er sich so für
seine Familie aufopfert.
Ich wollte die Worte meines Vaters gebrauchen, „daß jeder Beruf edel
sei, den die Seele für würdig hielte nach dem Tode fortzuführen“, und
freute mich schon im Herzen darauf, welchen erlösenden Eindruck sie auf
ihn machen würden, aber ich kam gar nicht zu solcher Rede.
Er riß einen Vorhang vom Fenster und warf ihn über den Sarg, damit ich
die Hasen nicht sehen solle, breitete die Arme aus, beugte den
Oberkörper rechtwinkelig vor und blieb in dieser chinesischen Stellung,
das Gesicht zur Erde gerichtet, stehen, ohne mich anzusehen, und wie
eine Litanei unaufhörlich die sinnlosen Worte murmelnd:
„Seine Durchlauchtig Hochwohlgeboren der Herr Freiherr geruhen
allerhöchstens —“
Wie mit Wasser begossen lief ich wieder hinaus, denn alles, was ich
daherstotterte, war verkehrt. Ich mochte es anstellen, wie ich wollte,
immer klang es nach Hochmut, was ich über die Lippen brachte, immer
„geruhte ich“; das einfachste, schlichteste Wort, an ihn gerichtet,
kehrte um an seiner Sklavenaura, verletzte mich selbst wie ein Pfeil,
trug den häßlichen Beigeschmack der Herablassung.
Sogar mein stummes Weggehen bürdete mir die Gefühlslast auf, mein
Benehmen habe hochfahrend geschienen.
Der Oberregisseur Paris ist der einzige unter den Erwachsenen, der sein
Benehmen mir gegenüber nicht geändert hat.
Meine dumpfe Angst vor ihm ist noch größer geworden; es geht ein
lähmender Einfluß von ihm aus, gegen den ich machtlos bin. Ich fühle,
er liegt im Baß und der befehlenden Lautheit seiner Rede verborgen. Ich
will mir einreden, es sei dumm von mir, so etwas zu glauben, denn ich
brauchte ja nicht zu erschrecken, wenn er mich plötzlich anschrie. Und
was wäre auch weiter dabei, wenn er es täte!
Aber jedesmal, wenn ich ihn drüben in Ophelias Zimmer deklamieren höre,
macht mich der tiefe Klang seiner Stimme erbeben und mich packt eine
rätselhafte Furcht; ich komme mir so schwach und klein vor mit meinem
beschämend hohen, knabenhaften Tonfall!
Es hilft nichts, daß ich mich damit beruhigen will: er weiß nicht, kann
es gar nicht wissen, daß wir uns lieben, Ophelia und ich, und er klopft
nur auf den Busch, der dumme Komödiant, wenn er mich auf der Straße
immer so tückisch ansieht; ich kann es mir vorsagen, so oft ich will —
das demütigende Bewußtsein werde ich nicht los: im Banne hält er dich
ja doch und du heuchelst dir nur Mut vor, wenn du dich bisweilen
zwingst, ihm fest in die Augen zu blicken. Feige Furcht vor dir selber
ist es und bleibt es und sonst nichts.
Ich wünsche mir oft, er möchte wieder so herausfordernd frech räuspern
wie damals, damit ich Gelegenheit hätte, einen Streit mit ihm vom Zaun
zu brechen; aber er tut es nicht mehr; er lauert. Ich glaube, er spart
seinen Baß auf, bis der Zeitpunkt gekommen ist, und ich zittere
innerlich, daß ich dann unvorbereitet sein könnte.
Auch Ophelia ist hilflos in seine Hand gegeben. Ich weiß es. Obwohl wir
nie darüber sprechen.
Wenn wir nachts heimlich beisammen sind am Fluß in dem kleinen Gärtchen
vor unserem Hause und, uns in Liebesseligkeit umschlungen haltend,
miteinander zärtlich flüstern, so zucken wir doch jedesmal in jähem
Entsetzen zusammen, so oft es sich irgendwo leise rührt in unserer
Nähe, und eines weiß vom andern, daß es nur die immerwährende Furcht
vor jenem Menschen ist, die unsere Ohren so unnatürlich schärft.
Nicht einmal seinen Namen getrauen wir uns auszusprechen. Wir weichen
ängstlich jedem Thema aus, das dahin führen könnte.
Wie ein Verhängnis ist es, daß ich ihm täglich in die Arme laufen muß,
ob ich nun absichtlich später oder früher abends aus dem Hause gehe.
Wie ein Vogel komme ich mir vor, um den eine Schlange immer engere
Kreise zieht.
Aber er scheint darin eine Art Vorbedeutung zu wittern; er schwelgt in
dem sicheren Gefühl, seinem Ziel von Tag zu Tag näher zu kommen. Ich
sehe es an dem hämischen Aufblitzen in seinen kleinen, bösartigen
Augen.
Was dieses Ziel wohl für ihn sein mag? Ich glaube, er weiß es selber
nicht genau, ebensowenig wie ich es mir vorzustellen vermag.
Noch ist es für ihn ein Problem, und das beruhigt mich; weshalb bliebe
er denn regelmäßig, sich die Unterlippe benagend, im Grübeln versunken
stehen, wenn ich an ihm vorüberhaste?
Er fixiert mich auch nie mehr; er weiß, er hat es nicht mehr nötig;
seine Seele hat die meinige in ihrer Gewalt auch so.
Uns nachts belauschen kann er nicht, dennoch habe ich mir einen Plan
erdacht, damit wir uns nicht ewig ängstigen müssen.
Am Fuße der Palisadenbrücke liegt ein alter Kahn, halb ans Land
gezogen; ich habe ihn heute geholt und in der Nähe unseres Gartens
festgebunden.
Wenn der Mond hinter Wolken tritt, will ich Ophelia hinüberrudern ans
jenseitige Ufer; dann lassen wir uns langsam stromab treiben um die
Stadt herum.
Der Fluß ist zu breit, als daß uns jemand sehen, geschweige denn
erkennen könnte!
Ich habe mich in das Zimmer geschlichen, das die Schlafkammer meines
Vaters von der meinigen trennt, und zähle die Schläge meines Herzens,
ob es denn nicht bald vom Turm der Marienkirche zehnmal dröhnen wird
und dann noch das eine-, das elftemal dazu — beredt und jauchzend:
„Jetzt, jetzt kommt Ophelia hinunter und in den Garten.“
Die Zeit scheint mir still zu stehen und in meiner Ungeduld fange ich
an, ein seltsames Spiel mit meinem Herzen zu treiben, bei dem sich mir
allmählich die Begriffe verwirren wie im Traum.
Ich rede ihm zu, es möge schneller schlagen, damit auch die Uhr auf dem
Turme rascher werde. Es scheint mir ganz selbstverständlich, daß eines
dem andern folgen müsse. Ist denn mein Herz nicht auch eine Uhr? frägt
mich ein Gedanke. Und warum sollte sie nicht mächtiger sein können als
jene da draußen auf dem Turm, die doch nur ein totes Metall ist und
nicht lebendiges Fleisch und Blut wie die meinige!
Warum sollte sie ihr nicht die Zeit vorschreiben können?
Und wie eine Zusage, daß ich Recht habe, fällt mir plötzlich ein Satz
ein, den mir einmal mein Vater aus einem Gedicht vorlas: „Vom Herzen
gehen die Dinge aus, sind herzgeboren und herzgefügt —“
Nur verstehe ich jetzt den furchtbaren Sinn, der in den Worten liegt,
die damals an meinem Ohr vorüberrauschten. Ich erfasse ihn in einer
Bedeutung, die mich tief erschreckt; in mir das Herz, mein eigenes
Herz, gehorcht nicht, wenn ich ihm zurufe: schlage schneller! So lebt
also einer in mir, der stärker ist als ich, der mir die Zeit und mein
Schicksal vorschreibt!
Von ihm also gehen die Dinge aus!
Ich entsetze mich vor mir selber.
„Ich wäre ein Zauberer und hätte die Macht über jegliches Geschehen,
kennte ich mich nur selber, und hätte ich nur ein wenig Gewalt über
mein Herz“, das weiß ich mit einemmal klar.
Und ein zweiter, ungerufener Gedanke spricht in die Rede des ersten
hinein und sagt:
„Erinnerst du dich an die gewisse Stelle in einem Buch, das du vor
Jahren im Findelhaus gelesen hast? Stand nicht darin: ‚Oft, wenn jemand
stirbt, bleiben die Uhren stehen‘? Das ist so: Der Sterbende
verwechselt unter dem Albdruck des Todes die Schläge seines langsam
werdenden Herzens mit denen einer Uhr; die Angst seines Körpers, den
die Seele verlassen will, flüstert: ‚wenn die Uhr dort aufhört zu
ticken, bin ich tot‘, und wie unter einem magischen Befehl bleibt auch
die Uhr stehen, wenn das Herz seinen letzten Schlag tut. Hängt eine Uhr
im Zimmer eines Menschen, an den der Sterbende denkt, so ist sie es,
die blind dem der Todesangst entsprungenen Worte folgt, denn wohin
jemand in der Todesminute denkt, dort ist er selber wie ein
ausgesandter Doppelgänger.“
So ist es also die Furcht, der mein Herz gehorcht! Sie ist mächtiger
noch als das Herz! Wenn es mir gelänge, sie zu bannen, so hätte ich die
Gewalt über all die Dinge, die vom Herzen ausgehen, über Schicksal und
Zeit!
Und ich wehre mich mit angehaltenem Atem gegen eine plötzlich über mich
hereinbrechende Angst, die mich erwürgen will, weil ich hineintastete
in ihre Schlupfwinkel.
Ich bin zu schwach, ihrer Herr zu werden, denn ich weiß nicht, wo und
wie ich sie packen soll; sie tut statt meiner dem Herzen Gewalt an,
preßt es zusammen, um es zu zwingen, daß es mein Schicksal nach ihrem
Willen und nicht nach dem meinigen formt.
Ich suche mich zu beruhigen, indem ich mir vorsage: Solange ich nicht
mit Ophelia zusammen bin, droht ihr keine Gefahr — aber ich bin zu
schwach, dem Ratschlusse meines Verstandes zu folgen: heute nicht
hinunter in den Garten zu gehen.
Ich verwerfe ihn im selben Augenblick, wo ich ihn gefaßt habe.
Ich durchschaue die Fallstricke, die mir mein Herz legt, und dennoch
tappe ich mitten hinein; meine Sehnsucht nach Ophelia ist stärker als
jegliche Vernunft.
Ich trete ans Fenster und schaue hinunter auf den Fluß, um mich zu
sammeln und Mut zu fassen, — um gewappnet zu sein, der Gefahr, die ich
jetzt unabwendbar kommen fühle, weil ich Angst vor ihr habe, ins Auge
sehen zu können, aber der Anblick des stummen, gefühllosen,
unaufhaltsam dahinströmenden Wassers wirkt so furchtbar auf mich, daß
ich das Dröhnen der Turmuhr eine Weile lang gar nicht bemerke.
Das dumpfe Gefühl: „Der Fluß trägt es herbei, das Schicksal, dem du
nicht mehr entrinnen kannst“, hat mich fast betäubt.
Dann weckt mich der vibrierende, metallische Klang, und Furcht und
Beklemmung sind wie weggewischt.
Ophelia!
Ich sehe ihr helles Kleid im Garten schimmern.
„Mein Bub, mein lieber, lieber Bub, ich habe solche Angst um dich
gehabt den ganzen Tag!“
„Und ich um dich, Ophelia!“ will ich sagen, aber sie umarmt mich und
ihre Lippen schließen die meinen.
„Weißt du, daß ich glaube, wir sehen uns heute zum letztenmal, mein
lieber, armer Bub?!“
„Um Gottes willen! Ist etwas geschehen, Ophelia? Komm, komm rasch in
das Boot, dort sind wir sicher.“
„Ja. Gehen wir. Dort sind wir vielleicht sicher — vor ihm.“
Vor ihm! Es ist das erstemal, daß sie „ihn“ erwähnt! Ich fühle am
Zittern ihrer Hand, wie grenzenlos ihre Furcht vor „ihm“ sein muß!
Ich will sie fortziehen zum Kahn, aber sie bleibt einen Augenblick
widerstrebend stehen, als könne sie sich von dem Ort nicht losreißen.
„Komm, komm, Ophelia,“ dränge ich, „ängstige dich nicht. Gleich werden
wir drüben am andern Ufer sein. Die Nebelschleier —“
„Ich ängstige mich nicht, mein Bub. Ich will nur“ — sie stockt.
„Was ist dir, Ophelia?“ Ich umschlinge sie mit meinen Armen. „Hast du
mich nicht mehr lieb, Ophelia?“
„Du weißt, wie lieb ich dich habe, mein Christl!“ sagt sie einfach und
schweigt lange.
„Wollen wir nicht in den Kahn gehen?“ dränge ich sie wieder flüsternd.
„Ich sehne mich so nach dir!“
Behutsam macht sie sich von mir los, geht einen Schritt zu der Bank
zurück, wo wir immer zu sitzen pflegen, und streichelt sie, in Gedanken
verloren.
„Was ist dir, Ophelia? Was tust du? Hast du einen Schmerz? Hab’ ich dir
weh getan?“
„Ich will nur — ich will nur Abschied nehmen von der lieben Bank! Weißt
du noch, mein Bub, hier haben wir uns doch zum erstenmal geküßt!“
„Du willst von mir gehen?“ schreie ich fast hinaus. „Ophelia, Gott im
Himmel, das darf ja nicht sein! Es ist etwas geschehen, und du sagst es
mir nicht! Glaubst du denn, ich könnte leben ohne dich?“
„Nein, sei ruhig, mein Bub, es ist nichts geschehen!“ tröstet sie mich
leise und versucht zu lächeln, aber wie das Mondlicht ihr hell ins
Gesicht scheint, sehe ich, daß ihre Augen voll Tränen stehen. „Komm,
mein lieber Bub, komm, du hast recht, gehen wir in den Kahn!“
Bei jedem Ruderschlag, den ich tue, wird mir leichter ums Herz; je
breiter der Wasserweg wird, der sich zwischen uns und die dunkeln
Häuser mit ihren glühenden, spähenden Augen legt, desto sicherer sind
wir vor Gefahr.
Endlich tauchen die Weidenbüsche aus dem Nebel, die das ersehnte
jenseitige Ufer umsäumen; das Wasser wird still und seicht und wir
treiben kaum merklich unter hängenden Zweigen dahin.
Ich habe die Ruder eingezogen und sitze neben Ophelia auf der
Steuerbank. Wir halten uns zärtlich umschlungen.
„Warum warst du vorhin so traurig, mein Lieb; warum hast du gesagt, du
wollest Abschied nehmen von der Bank? — Nicht wahr, du wirst doch nie
von mir gehen?“
„Einmal muß es ja doch sein, mein Bub! — Und die Stunde kommt immer
näher. — Nein, nein, sei jetzt nicht traurig. — Es ist vielleicht noch
lange bis dahin. Denken wir nicht daran.“
„Ich weiß, was du sagen willst, Ophelia.“ Die Tränen steigen mir auf
und verbrennen mir fast die Kehle. „Du meinst, wenn du in die
Hauptstadt gehst und Schauspielerin wirst, daß wir uns dann nie mehr
sehen werden! — Glaubst du, ich dächte nicht Tag und Nacht voll
Entsetzen daran, wie dann alles sein wird! — Ich weiß bestimmt, daß ich
diese Trennung nicht aushalten könnte. — Aber du hast doch selbst
gesagt, vor einem Jahre ist es nicht möglich, daß du fort mußt?“
„Nein, vor einem Jahr — kaum.“
„Und bis dahin habe ich mir bestimmt etwas ausgedacht, daß ich zusammen
mit dir in der Hauptstadt sein kann. — Ich werde meinen Vater so lange
bitten und nicht aufhören, ihn anzuflehen, bis er mir erlaubt, dort zu
studieren. — Wenn ich dann selbständig bin und einen Beruf habe,
heiraten wir uns und gehen nie mehr voneinander! — Hast du mich denn
nicht mehr lieb, Ophelia, daß du so gar kein Wort sprichst?!“ — frage
ich geängstigt.
Aus ihrem Schweigen erfühle ich ihre Gedanken und es gibt mir einen
Stich ins Herz.
Sie denkt daran, daß ich doch so viel jünger bin als sie und all das
nur Luftschlösser sind.
Ich fühle es auch, aber ich will nicht, ich will — ich will nicht
denken, daß wir uns je trennen müßten! Ich will mich berauschen, indem
ich sie und mich an die Möglichkeit eines Wunders glauben mache.
„Ophelia, hör mich an! ...“
„Bitte, bitte, sprich jetzt nicht!“ fleht sie. „Laß mich träumen!“
So sitzen wir dicht aneinander geschmiegt und schweigen lange.
Es ist, als läge der Kahn still und die weißen steilen Sandbrüche vom
Mondlicht grell beschienen glitten an uns vorüber.
Plötzlich zuckt sie leise zusammen, als erwache sie aus dem Schlafe.
Ich fasse beruhigend ihre Hand, denn ich glaube, irgend ein Geräusch
habe sie erschreckt.
Da fragt sie: „Willst du mir etwas versprechen, mein Christl? —“
Ich suche nach Worten der Beteuerung, — will ihr sagen, daß ich mich
ihretwegen foltern ließe, wenn es sein müßte.
„Willst du mir versprechen, daß du mich — daß du mich unter der Bank im
Garten begräbst, wenn ich tot sein werde?“
„Ophelia!“
„Nur du allein darfst mich begraben und nur dort. Hörst Du!? — Niemand
darf dabei sein und niemand darf wissen, wo ich liege! — Hörst du! Ich
habe diese Bank so lieb. — Dort wird mir immer sein, als wartete ich
auf dich!“
„Ophelia, bitte, sprich nicht so! — Warum denkst du jetzt an den Tod?
Wenn du einmal stirbst, gehe ich doch mit dir! — Fühlst du dich denn
...?“
Sie läßt mich nicht zu Ende sprechen.
„Christl, mein Bub, frag mich nicht; versprich mir, um was ich dich
bitte!“
„Ich verspreche es dir, Ophelia; ich verspreche es dir feierlich, wenn
ich auch nicht begreifen kann, was du damit meinst.“
„Ich danke, ich danke dir, mein lieber, lieber Bub! Jetzt weiß ich
auch, du wirst es halten.“
Sie preßt ihre Wange dicht an die meine und ich fühle, wie ihre Tränen
auf mein Gesicht tropfen.
„Du weinst, Ophelia! — Willst du mir denn nicht anvertrauen, warum du
so unglücklich bist? — Vielleicht haben sie dich zu Hause gequält! —
Bitte, bitte, sag es mir doch, Ophelia! — Ich weiß ja nicht mehr vor
Jammer, was ich tun soll, wenn du so stumm bist!“
„Ja, du hast recht, ich will nicht mehr weinen. — Es ist so schön hier,
so still und so märchenhaft feierlich. Ich bin auch so unsagbar
glücklich, daß du bei mir bist, mein Bub!“
Und wir küssen uns wild und heiß, bis uns die Sinne schwinden.
Voll froher Zuversicht sehe ich mit einem Male in die Zukunft. Ja, es
wird, es muß doch alles so kommen, wie ich es mir in stillen Nächten
ausgemalt habe.
„Glaubst du, daß du Freude haben wirst?“ frage ich sie voll heimlicher
Eifersucht, „an deinem Beruf als Schauspielerin? Denkst du dir es
wirklich so schön, wenn die Leute dir zuklatschen und dir Blumen auf
die Bühne werfen?“ Ich knie vor ihr; sie hat die Hände im Schoß
gefaltet und blickt sinnend über die Wasserfläche in die Ferne.
„Ich habe noch nicht ein einzigesmal darüber nachgedacht, mein Christl,
wie das alles wohl sein mag. — Ich finde es widerwärtig und häßlich, so
vor die Menschen hinzutreten und ihnen eine Begeisterung oder eine
seelische Qual vorzuspielen. — Häßlich, wenn ich all das heuchle, und
schamlos, wenn ich echt empfinde, um eine Minute später die Maske
abzuwerfen und den Dank dafür in Empfang zu nehmen. — Und daß ich es
Abend für Abend tun soll und immer um dieselbe Stunde, — es kommt mir
vor, als sollte ich meine Seele prostituieren.“
„Dann darfst du es nicht tun!“ rufe ich und alles strafft sich in mir
vor Entschlossenheit. „Morgen, gleich in der Früh, will ich mit meinem
Vater sprechen. Ich weiß, er wird dir helfen; ich weiß es bestimmt! —
Er ist ja so unendlich gut und weichherzig. — Er wird nicht dulden, daß
sie dich zwingen ...“
„Nein, Christl, das wirst du nicht tun!“ unterbricht sie mich ruhig und
fest. „Nicht meiner Mutter wegen will ich, daß du es nicht tust, der
dadurch alle ihre eitlen Pläne zerstört würden. — Ich habe sie — nicht
lieb, ich kann nichts dafür! ... Ich schäme mich ihrer“ — setzt sie mit
abgewandtem Gesicht halblaut hinzu — „und das wird immer zwischen uns
stehen .... Aber meinen — meinen — Ziehvater habe ich lieb. Warum
sollte ich es nicht offen heraussagen, daß er nicht mein wirklicher
Vater ist! Du weißt es ja doch, wenn wir auch nie darüber gesprochen
haben. — Es hat’s mir niemand gesagt, aber ich weiß es; ich habe es
schon als Kind gefühlt. Deutlicher gefühlt, als man es wissen kann! Er
ahnt nicht, daß ich nicht seine Tochter bin. Ich wäre glücklicher, wenn
er es wüßte. — Dann hätte er mich vielleicht nicht mehr so lieb und
marterte sich meinetwegen nicht mehr zu Tode.
Oh, du weißt nicht, wie oft ich schon als Kind nahe daran war, es ihm
zu sagen. Aber zwischen ihm und mir steht eine furchtbare Mauer. Meine
Mutter hat sie aufgerichtet. — Solange ich denken kann: — ich habe kaum
ein paar Worte allein mit ihm reden, als kleines Mädchen nie auf seinem
Schoß sitzen, ihn niemals küssen dürfen. ‚Du machst dich schmutzig, faß
ihn nicht an!‘ — hat es immer geheißen. — Ich sollte immer die helle
Prinzessin sein und er war der schmutzige, verächtliche Sklave. — Es
ist ein Wunder, daß diese scheußliche, giftige Saat in meinem Herzen
nicht Wurzel gefaßt hat.
Ich danke Gott, daß er es nicht zugelassen hat! ... Manchmal, da denke
ich wieder: wäre ich doch wirklich solch gefühlloses, hochmütiges
Scheusal geworden, dann zerrisse mich dieses unbeschreibliche Mitleid
mit ihm nicht, und ich grolle dem Schicksal, daß es mich davor bewahrt
hat.
Oft quillt mir jeder Bissen im Munde, wenn ich daran denke, daß er
sich, um ihn zu beschaffen, die Hände blutig gearbeitet hat. Gestern
noch bin ich mitten beim Essen von Tisch aufgesprungen und hinunter
gelaufen zu ihm. —
Mir war das Herz so voll, daß ich glaubte, diesmal würde ich ihm alles,
alles sagen können. Ich wollte ihn bitten: jag uns beide hinaus wie
fremde Hunde, die Mutter und mich; wir sind es nicht besser wert; und
ihn, ‚ihn, diesen niederträchtigen, grauenhaften Erpresser, der
wahrscheinlich mein wirklicher Vater ist, erwürg! Erschlag ihn mit
deinen starken, ehrlichen Handwerkerhänden!‘ — Ich wollte ihm
zuschreien: Hasse mich, wie nur ein Mensch hassen kann, damit ich
endlich frei werde von diesem furchtbaren brennenden Mitleid.
Wieviel tausendmal habe ich wohl gebetet: Herr Gott im Himmel, schicke
ihm Haß ins Herz! —
Aber, ich glaube, eher fließt der Strom hier bergauf, ehe dieses Herz
des Hassens fähig würde ...
Ich hielt schon die Klinke der Werkstattstür in der Hand, da spähte ich
noch einmal durchs Fenster hinein. Er stand am Tisch und schrieb mit
Kreide meinen Namen darauf. Das einzige Wort, das er schreiben kann!
Da hat mich der Mut verlassen. Für immer.
Wäre ich vor ihn hingetreten, ich weiß, wie es unabwendbar hätte kommen
müssen!
Entweder er hätte, ohne mich anzuhören, immerwährend gestammelt: ‚Mein
gnädiges Fräulein Tochter Ophelia!‘ wie er es jedesmal tut, wenn er
mich sieht, oder er hätte mich verstanden und — und — wäre wahnsinnig
geworden!
Siehst du, mein Bub, deshalb darf es nicht sein, daß du mir hilfst!
Soll ich das einzige, worauf er hofft, in Trümmer schlagen!? Soll ich
schuld sein, daß sein armer Geist vollends in Nacht versinkt? Nein, mir
bleibt nur das eine: das zu werden, wofür er Tag und Nacht sich
abmartert: ein leuchtender Stern in seinen Augen — in den meinen
freilich geistig eine Hure.
Weine nicht, mein lieber, guter Bub! So weine doch nicht! Hab’ ich dir
weh getan? Komm her! Sei wieder gut. Hättest du mich denn mehr lieb,
wenn ich anders dächte? Ich hab dich erschreckt, mein armer Christl.
Schau, vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, wie ich es
geschildert habe! Vielleicht bin ich nur sentimental und sehe alles
verzerrt und vergrößert. Wenn man so tagsüber die ‚Ophelia‘ immerfort
deklamieren soll, so bleibt etwas davon in einem zurück. Das ist ja das
Schändliche an dieser elenden Komödiantenkunst, daß die Seele in einem
krank davon wird.
Schau, vielleicht geschieht ein schönes, großes Wunder, und ich falle
in der Hauptstadt durch mit Pauken und Trompeten, dann wäre mit einem
Schlag alles, alles gut.“
Sie lachte laut und herzlich und küßte mir die Tränen fort, aber sie
verstellte sich nur, um mich zu trösten, ich fühlte es zu genau, als
daß ich in ihre Fröhlichkeit hätte einstimmen können.
In meinen tiefen Schmerz um sie mischt sich ein Empfinden, das mich
fast zerschmettert. Sie ist, das begreife ich voll Weh, nicht nur an
Jahren älter — nein, ich bin ein Kind gegen sie.
Die ganze Zeit, seit wir uns kennen und lieben, hat sie mir ihren Gram
und all ihre Qual verschwiegen. Und ich? Ich habe bei jeder Gelegenheit
meine winzigen, knabenhaften Sorgen vor ihr ausgeschüttet.
Mir ist, als sägte die grausame Erkenntnis, daß auch ihre Seele reifer
und älter ist als die meine, heimlich die Wurzel all meiner Hoffnungen
ab.
Sie mußte wohl Ähnliches fühlen, denn so zärtlich und heiß sie mich
auch immer und immer wieder küßte und an sich zog, ihre Liebkosungen
schienen mir plötzlich die einer Mutter zu sein.
Ich sage ihr, was ich nur an Innigkeit zu erfinden vermag, in meinem
Hirn aber jagen sich die Gedanken und nehmen die abenteuerlichsten
Formen an: „Irgend etwas muß ich tun! Nur Taten allein können mich ihr
ebenbürtig machen. Wie kann ich ihr nur helfen? Wie kann ich sie
retten?“
Ich fühle, daß ein grauenhafter, schwarzer Schatten in mir aufsteigt,
daß ein formloses Etwas nach meinem Herzen greift; ich höre ein
Flüstern wie von hundert zischenden Stimmen in meinem Ohr: ihr
Ziehvater, der idiotische Drechsler, ist die Schranke! Reiße sie
nieder! Mach ihn kalt! Wer sieht es? Feigling, warum fürchtest du dich?
Ophelia läßt meine Hände los. Sie fröstelt. Ich sehe, daß sie
schaudert.
Hat sie meine Gedanken erraten? Ich warte, daß sie irgend etwas sagt,
irgend etwas, das mir einen geheimen Wink gibt, was ich tun soll.
Alles wartet in mir: mein Hirn, mein Herz, mein Blut; das Flüstern in
meinem Ohr schweigt und wartet. Wartet und lauscht in teuflischer
Siegesgewißheit.
Da sagt sie — und ich höre, daß ihre Zähne vor innerer Kälte
zusammenschlagen — sie murmelt es mehr, als sie es ausspricht:
„Vielleicht erbarmt sich seiner — der Todesengel!“
Der schwarze Schatten in mir wird plötzlich eine weiße, gräßliche Lohe,
die mich er füllt von Kopf bis zu Fuß:
Ich springe auf und greife nach den Rudern; als habe der Kahn nur auf
dieses Zeichen gewartet, wird er von selbst schneller und schneller und
wir treiben mitten in die Strömung hinein, dem Ufer der Bäckerzeile zu.
Die glühenden Augen der Häuser leuchten wieder aus der Finsternis.
In reißender Schnelle trägt uns der Fluß dem Wehr zu, wo er die Stadt
verläßt.
Ich rudere aus Leibeskräften quer hinüber zu unserem Haus.
Weißer Gischt schäumt die Planken des Bootes entlang.
Jeder Ruderschlag, den ich tue, steigert meine wilde Entschlossenheit!
Das Leder der Riemen in den Dollen knirscht: Mord, Mord, Mord.
Dann habe ich einen Pfosten an der Ufermauer gepackt und hebe Ophelia
hinauf. Sie wiegt in meinen Armen leicht wie eine Feder.
Ich empfinde es wie eine unbändige, tierhafte Freude, daß ich mit einem
Schlage ein Mann bin an Körper und Seele, und trage Ophelia in raschem
Lauf am Scheine der Laterne vorbei in die Dunkelheit des Durchlasses
hinein.
Dort stehen wir noch lange und küssen uns in verzehrender, rasender
Leidenschaft. Jetzt ist sie wieder meine Geliebte und nicht mehr die
zärtliche Mutter.
Ein Geräusch hinter uns! Ich achte es nicht: was kümmert es mich!
Dann ist sie im Flur des Hauses verschwunden.
In der Werkstatt des Drechslermeisters ist noch Licht. Es schimmert
durch die trüben Fenster. Die Drehbank surrt.
Ich lege eine Hand auf die Klinke und drücke sie vorsichtig nieder. Ein
winziger Lichtstreifen leuchtet auf und verschwindet, wie ich die Tür
leise wieder zuziehe.
Ich schleiche ans Fenster, um zu erspähen, wo der Alte steht.
Er ist über die Drehbank gebeugt, hält ein blitzendes Eisen in der
Hand, und zwischen seinen Fingern hervor stieben weiße, papierdünne
Holzspäne von ihm weg in das Halbdunkel des Zimmers hinein und häufen
sich wie tote Schlangen um den Sarg.
Ein fürchterliches Schlottern fährt mir plötzlich in die Kniekehlen.
Ich höre, wie mein Atem pfeifend geht.
Ich muß mich mit der Schulter gegen die Mauer stützen, um nicht
vornüber zu fallen und die Glasscheibe des Fensters zu zerbrechen.
„Soll ich denn wirklich ein Meuchelmörder werden?!“ gellt ein
Jammerschrei in meiner Brust. „Hinterrücks den armen, alten Mann
erschlagen, der voll Liebe wie ein Heiland um meine, um seine Ophelia
sich sein ganzes Leben zermürbt hat?“
Da, mit einem Ruck bleibt die Drehbank stehen. Das Surren verstummt.
Jähe Totenstille schnappt nach mir.
Der Drechsler hat sich aufgerichtet, den Kopf halb zur Seite gewendet
scheint er zu horchen, dann legt er das Stemmeisen weg und kommt mit
zögerndem Schritt zum Fenster. Näher und näher. Die Augen fest auf die
meinen gerichtet.
Ich weiß, er kann mich nicht sehen, denn ich stehe in der Finsternis
und er ist im Licht; aber wenn ich selbst wüßte, er sähe mich, ich
könnte nicht mehr entfliehen, denn alle Kraft hat mich verlassen.
So ist er langsam bis dicht ans Fenster gekommen und starrt in die
Dunkelheit hinein.
Zwischen unsern Augen liegt kaum die Breite einer Hand und ich kann
jede Runzel in seinem Gesicht erkennen.
Der Ausdruck einer grenzenlosen Müdigkeit liegt darin; dann fährt er
sich langsam mit der Hand über die Stirn und sieht halb erstaunt, halb
sinnend auf seine Finger, wie einer, der Blut daran erblickt und nicht
weiß, wie das kommt.
Ein leiser Glanz von Hoffnung und Freude tritt mit einemmal in seine
Züge und er beugt das Haupt, geduldig und ergeben wie ein Märtyrer, der
den Todesstreich erwartet.
Ich verstehe, was sein Geist da zu mir spricht!
Sein dumpfes Hirn weiß nicht, warum es ihn das alles tun läßt. Sein
Leib ist nur die Gebärde seiner Seele, die da flüstert: „Erlöse mich um
meiner lieben Tochter willen!“
Jetzt weiß ich: Es muß sein! Der erbarmende Tod selber wird mir die
Hand führen!
Darf ich denn zurückstehen hinter ihm an Liebe zu Ophelia?
Jetzt erst erfühle ich bis in die tiefsten Abgründe meines Innern, was
Ophelia täglich erdulden muß unter der fressenden Pein des Mitleids mit
ihm, dem Erbarmungswürdigsten aller Elenden; zerfleischt es mich doch
selbst, daß ich glaube, ich verbrenne wie in einem Nessushemd. — — —
Wie ich es werde vollbringen können? Ich bin nicht fähig, es mir
auszudenken.
Mit dem Eisen dort soll ich ihm den Schädel zertrümmern?
Soll ihm in die brechenden Augen schauen?
Soll seine Leiche in den Durchlaß schleppen und ins Wasser werfen? Und
dann, die Hände besudelt mit Blut fürs ganze Leben, soll ich jemals
wieder Ophelia küssen und umarmen?
Ich, ein Meuchelmörder, soll täglich meinem lieben, lieben Vater in das
gütige Antlitz sehen!
Nein! Ich fühle: das werde ich niemals können.
Geschehen muß das Gräßliche, und ich werde es vollbringen, ich weiß es;
aber mit der Leiche des Erschlagenen werde auch ich im Fluß versinken.
Ich raffe mich auf und schleiche zur Tür, bleibe stehen, bevor ich nach
der Klinke greife, krampfe die Hände zusammen und will die Bitte in
mein Herz hineinschreien:
„Herr, Allerbarmer, gib mir Kraft!“
Aber meine Lippen beten diese Worte nicht. Ohne daß ihnen mein Geist
anders befehlen könnte, flüstern sie:
„Herr, ist’s möglich, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehen!“
Da zerspellt ein eherner Klang die Totenstille und reißt die Worte von
meinem Munde weg. Die Luft vibriert, die Erde zittert; die Turmuhr der
Marienkirche hat aufgebrüllt.
Unter dem Leben ringsum und in mir ist’s, als würde die Finsternis
weiß.
Und wie aus weiter, weiter Ferne, vom Berge her, den ich kenne aus
meinen Träumen, höre ich die Stimme des weißen Dominikaners, der mich
gefirmt hat und mir meine Sünden vergeben — die vergangenen und die
zukünftigen —, meinen Namen rufen:
Christopher! Christopher!
Eine Hand hat sich schwer auf meine Schulter gelegt.
„Mordbube!“
Ich weiß, es ist der grollende Baß des Schauspielers Paris, der da,
gedämpft und verhalten, voll Drohung und Haß in meinen Ohren
wiederdröhnt, aber ich setze mich nicht zur Wehr.
Willenlos lasse ich mich in den Schein der Laterne schleppen.
„Mordbube!“
Ich sehe, wie seine Lippen geifern; die aufgequollene Trinkernase, die
schlaffen Hängebacken, das naß glänzende, bespuckte Kinn, alles hüpft
an ihm vor Triumph und höllischer Freude.
„Mord—bu—be!“
Er hat mich an der Brust gepackt und schüttelt mich bei jeder Silbe,
die er hervorstößt, wie ein Bündel leerer Kleider.
Es kommt mir nicht in den Sinn, ihm Widerstand zu leisten oder gar mich
loszureißen und zu entfliehen; ich bin schwach geworden wie ein
kleines, sterbensmattes Tier.
Er deutet es als Schuldbewußtsein, das sehe ich ihm an, — aber wie wäre
ich fähig, ein Wort zu sprechen! Meine Zunge ist schlaff.
Selbst wenn ich wollte, könnte ich ihm die Erschütterung nicht
schildern, die ich durchgemacht habe. —
Was er auf mich einschreit, dann wieder heiser in meine Ohren bellt,
wie ein Rasender, Schaum vor dem Mund, die Fäuste vor meinem Gesicht
ballend — ich höre und sehe alles —, aber es bewegt mich nicht; ich bin
erstarrt, hypnotisiert. Ich verstehe, daß er alles weiß, — daß er
gesehen hat, wie wir aus dem Boot stiegen, — wie wir uns geküßt haben,
— daß er erraten hat, ich wolle den Alten ermorden — „um ihn zu
berauben“, wie er schreit.
Ich verteidige mich nicht; ich erschrecke nicht einmal darüber, daß er
unser Geheimnis kennt.
So mag einem Vogel zumute sein, der in den Fängen einer Schlange die
Furcht vergessen hat. —
7
DAS MENNIGROTE BUCH
An meine Schläfen hämmert das Fieber. Wie Meer und Luft grenzen innere
und äußere Welt aneinander.
Hilflos treibe ich in den Sturzwellen meines Blutes einher, bald hinab
gerissen in gähnende Trichter voll Finsternis tiefster Bewußtlosigkeit,
bald schwebend in blendender Helle, emporgeschleudert einer
weißglühenden Sonne zu, die meine Sinne versengt.
Eine Hand hält die meinige fest; wenn mein Blick sie losläßt und
ermüdet vom Zählen der vielen, feinen Maschen in der Spitzenmanchette,
aus der sie hervorragt, den Ärmel hinaufwandert, kommt mir dämmerig ins
Hirn: es ist mein Vater, der da an meinem Bette sitzt.
Oder ist es nur ein Traum?
Ich kann nicht mehr unterscheiden, was Wachsein ist und was
Phantasieren, aber immer, wenn ich seine Augen auf mir ruhen fühle, muß
ich die Lider schließen in quälendem Schuldbewußtsein.
Wie alles gekommen ist? — Ich kann mich nicht mehr erinnern; die Fäden
meines Gedächtnisses sind abgerissen an jenem Zeitpunkt, wo ich noch
wußte, daß der Schauspieler auf mich einschrie.
Klar ist mir nur das eine: irgend wann, irgend wo beim Schein einer
Lampe habe ich auf seinen Befehl einen Schuldschein ausgefüllt und mit
dem gefälschten Namenszug meines Vaters unterschrieben. — So täuschend
ähnlich war die Schrift gewesen, daß, als ich sie anstarrte, ehe er das
Papier zusammenfaltete und einsteckte, ich einen Augenblick geglaubt
hatte, mein Vater habe sie mit eigener Hand unterzeichnet.
Warum ich es getan habe? — Es scheint mir so selbstverständlich, daß
ich selbst jetzt, wo mich die Erinnerung an die begangene Tat
zerfleischt, es nicht ungeschehen machen möchte.
Ob nur eine Nacht seitdem verflossen ist oder ein Menschenalter?
Kommt mir doch vor, als habe die Wut des Schauspielers sich ohne
Unterlaß ein ganzes Jahr meines Lebens über mich ergossen.
Dann endlich hat er wohl an meiner Widerstandsfähigkeit eingesehen, es
sei zwecklos, weiter zu rasen, denn irgendwie muß er mich überzeugt
haben, durch Fälschung einer Unterschrift könne ich Ophelia retten.
Der einzige Lichtblick jetzt in meiner Fieberqual, ist, daß ich
bestimmt weiß: um mich vom Verdacht eines geplanten Mordes zu befreien,
habe ich es nicht begangen.
Wie ich dann nach Hause gekommen bin, ob es schon Morgen war oder noch
Nacht, ist mir vollkommen entschwunden.
Mir dämmert auf, ich hätte an einem Grabe gesessen, weinend und
verzweifelt, und nach dem Duft von Rosen zu schließen, der mich jetzt,
wo ich daran denke, wieder umströmt, glaube ich fast, es war das meiner
Mutter.
Oder kommt er von dem Blumenstrauß dort auf der Decke meines Bettes?
Wer mag ihn wohl hingelegt haben?
„Um Gottes willen, ich muß doch die Laternen auslöschen gehen“, fährt
es mir wie ein Peitschenhieb plötzlich durch alle Nerven. „Ist es denn
nicht schon heller Tag?!“
Und ich will aufspringen, aber ich bin so schwach, daß ich kein Glied
rühren kann.
Matt sinke ich wieder zurück.
„Nein, es ist noch Nacht“, tröste ich mich, denn vor meinen Augen ist
es mit einemmal wieder tiefste Dunkelheit.
Doch gleich darauf sehe ich von neuem Helligkeit und die Strahlen der
Sonne an der weißen Wand spielen; und abermals fällt der Vorwurf der
Pflichtversäumnis über mich her.
Es ist die Fieberwelle, die mich ins Meer des Phantasierens
zurückreißt, sage ich mir; aber ich bin wehrlos dagegen, daß ein
rhythmisches, wie aus dem Traumreich emportauchendes, mir altbekanntes
Händeklatschen immer deutlicher und lauter an mein Ohr schlägt. Mit
seinem Takt, schneller und schneller, wechseln zugleich Nacht und Tag,
Tag und Nacht ohne Übergang, und ich muß laufen, laufen, damit ich noch
zurecht komme, die Laternen anzuzünden, auszulöschen, anzuzünden,
auszulöschen.
Die Zeit rast hinter meinem Herzen her und will es einfangen, aber es
ist immer mit seinem Pulsschlag um einen Schritt voraus.
„Jetzt, jetzt werde ich in der Brandung des Blutes versinken“, fühle
ich; „es strömt aus einer Kopfwunde des Drechslermeisters Mutschelknaus
und quillt zwischen seinen Fingern hervor als ein Gießbach, wie er mit
der Hand danach greift.
Gleich werde ich darin ertrinken! Ich hasche im letzten Moment nach
einem Pfosten, der an einer Ufermauer eingeschlagen ist, um mich
festzuklammern, und beiße die Zähne zusammen mit einem Rest
schwindenden Besinnens:
„Halte deine Zunge fest; sonst verrät sie im Fieber, daß du die
Unterschrift deines Vaters gefälscht hast.“
Wacher als je bei Tage, lebendiger als je im Traum bin ich plötzlich.
Mein Ohr ist so scharf, daß ich das leiseste Geräusch vernehme, ob nah,
ob fern.
Weit, weit drüben in den Baumwipfeln am jenseitigen Ufer zwitschern die
Vögel, und in der Marienkirche höre ich deutlich die Stimmen der
Betenden murmeln.
Ob es wohl Sonntag ist?
Seltsam, daß die sonst so dröhnenden Orgelklänge das Flüstern in den
Stühlen nicht verschlingen können. Seltsam, daß die lauten Geräusche
diesmal den leisen, schwachen nichts zuleide tun?!
Was für Türen schlagen denn da im Hause? Ich dachte, die Stockwerke
sind unbewohnt? Nur altes, verstaubtes Gerümpel, glaubte ich, stünde
dort unten in den Zimmern.
Sind es unsere Ahnen, die da plötzlich lebendig geworden sind?
Ich beschließe hinunter zu gehen; ich bin ja so frisch und gesund,
warum sollte ich es nicht tun?
Gleich darauf fällt mir ein: dazu müßte ich meinen Körper mitnehmen,
und das geht nicht gut, ich kann doch nicht im Hemde am hellichten Tage
meinen Vorfahren einen Besuch machen!
Da klopft es an der Türe; mein Vater geht hin, öffnet sie ein wenig und
sagt durch die Spalte ehrerbietig hinaus: Nein, Großpapa, es ist noch
nicht an der Zeit. Wie du weißt, dürft Ihr erst zu ihm, bis ich
gestorben bin.
Das wiederholt sich im ganzen neunmal.
Als es zum zehntenmal geschieht, weiß ich: diesmal steht der Urahn
draußen.
Ich habe mich auch nicht geirrt, das sehe ich an der tiefen,
ehrfurchtsvollen Verbeugung, die mein Vater macht, als er die Türe weit
öffnet.
Er selber geht hinaus, und an den schweren, langsamen Schritten, in die
hinein das Stapfen eines Stabes klingt, höre ich: es kommt jemand an
mein Bett.
Sehen kann ich ihn nicht, denn ich habe die Augen geschlossen. Ein
inneres Gefühl sagt mir, ich dürfe sie nicht öffnen.
Aber durch die Lider hindurch ganz deutlich wie durch Glas sehe ich
mein Zimmer und alle Gegenstände, die darin sind.
Der Urahn schlägt meine Bettdecke zurück und legt mir die rechte Hand,
den Daumen abgespreizt, wie ein Winkelmaß an den Hals.
„Dies ist das Stockwerk“, sagt er eintönig, wie ein Geistlicher die
Litanei spricht, „darin dein Großvater gestorben ist und der
Auferstehung harrt. Der Leib des Menschen ist das Haus, in dem seine
toten Ahnen wohnen.
In manches Menschen Haus, in manches Menschen Leib erwachen die Toten,
ehe die Zeit ihrer Auferstehung reif ist, zu einem kurzen,
gespenstischen Leben; dann raunt der Volksmund von ‚Spuk‘, dann spricht
der Volksmund von ‚Besessenheit‘.“
Er wiederholt den Griff mit Daumen und Handfläche auf meiner Brust:
„Und hier liegt dein Urgroßvater eingesargt.“
So geht es den ganzen Körper hinab über Magengrube, Lenden, Schenkel
und Knie bis zu den Fußsohlen.
Als er auf sie seine Hände legt, sagt er: „Und hier wohne ich! Denn die
Füße sind das Fundament, auf dem das Haus ruht; sie sind die Wurzel und
verbinden den Leib deines Menschen mit der Mutter Erde, so du wanderst.
Heut’ ist der Tag, der auf die Nacht deiner Sonnenwende gefolgt ist.
Dies ist der Tag, da die Toten in dir beginnen zu auferstehen.
Und ich bin der erste.“
Ich höre, wie er sich an mein Bett setzt, und aus dem Rauschen von
Buchblättern, die er von Zeit zu Zeit umschlägt, errate ich: er liest
mir vor aus der Familienchronik, die mein Vater so oft erwähnt.
Im Tone einer Litanei, die meine äußeren Sinne einschläfert, — meine
inneren hingegen zu immer ansteigendem, manchmal fast unerträglichem
Wachsein aufreizt, dringt es in mich ein:
„Du bist der Zwölfte, ich war der Erste. Bei ‚eins‘ fängt man zu zählen
an und man hört auf bei ‚zwölf‘. Dies ist das Geheimnis der
Menschwerdung Gottes.
Du sollst der Wipfel des Baumes werden, der das lebendige Licht schaut;
ich bin die Wurzel, die die Kräfte der Finsternis in die Helligkeit
schickt.
Aber du bist ich und ich bin du, wenn das Wachstum des Baumes vollendet
sein wird.
Der Holunder ist der Strauch, der im Paradies der Baum des Lebens hieß.
Noch heute geht unter den Menschen die Sage, er sei zauberkräftig.
Schneide seine Zweige ab, seinen Wipfel, seine Wurzel, stecke ihn
verkehrt in die Erde, und siehe: was Wipfel war, wird Wurzel werden,
was Wurzel war, wird Wipfel treiben — so innig ist jede seiner Zellen
durchdrungen von der Gemeinsamkeit des ‚Ich‘ und ‚Du‘.
Darum habe ich ihn als Sinnbild in das Wappen unseres Geschlechtes
gesetzt! Darum wächst er als Wahrzeichen auf dem Dach unseres Hauses!
Hier auf Erden ist er nur ein Gleichnis, wie alle Form nur ein
Gleichnis ist, aber im Reiche der Unverweslichkeit heißt er der erste
unter allen Bäumen.
Zuweilen auf deinen Wanderungen hier und drüben, hast du dich alt
gefühlt, — das war ich, das Fundament, die Wurzel, der Urahn, den du in
dir gefühlt hast.
Wir heißen beide Christopher, denn ich und du sind ein und dasselbe. —
Ich war ein Findelkind wie du; doch ich habe den großen Vater und die
große Mutter gefunden auf meinen Wanderungen und den kleinen Vater und
die kleine Mutter nicht mehr: du hast den kleinen Vater und die kleine
Mutter gefunden, aber den großen Vater und die große Mutter — noch
nicht!
Darum bin ich der Anfang und du bist das Ende; wenn wir beide einander
durchdringen werden, — dann ist der Ring der Ewigkeit geschlossen für
unser Geschlecht.
Die Nacht deiner Sonnenwende ist der Tag meiner Auferstehung. Wenn du
alt wirst, werde ich jung, je ärmer du wirst, desto reicher werde ich
...
Hast du die Augen geöffnet, dann mußte ich die meinen schließen, hast
du die deinen geschlossen, dann wurde ich sehend; — so war es bisher.
Wir standen einander gegenüber wie Wachen und Schlaf, wie Leben und
Tod, und konnten uns nur auf der Brücke des Traumes begegnen.
Bald wird es anders sein; die Zeit bricht an!
Die Zeit deiner Armut, die Zeit meines Reichtums.
Die Nacht der Sonnenwende war die Grenzscheide.
Wer nicht reif ist, der verschläft sie; oder er irrt umher in der
Dunkelheit; in ihm muß der Ahnherr im Grabe liegen bis zum großen
jüngsten Tag.
Die einen, das sind die Vermessenen, die nur an ihren Leib glauben —
und Sünden begehen um des Vorteils willen — die Unadligen, die ihren
Stammbaum verachten; — die anderen, das sind die, die zu feig sind,
eine Sünde zu begehen, um des Gewinnes eines ruhigen Gewissens willen.
—
Du aber bist aus adeligem Blut und wolltest ein Mörder werden um der
Liebe willen.
Schuld und Verdienst muß dasselbe werden, sonst bleiben beide eine
Bürde; und ein Beladener kann nie ein Freiherr sein.
Der Meister, den sie den weißen Dominikaner nennen, hat dir alle Sünden
vergeben, auch die zukünftigen, denn er wußte, wie alles kommen wird; —
du aber wähntest, es sei in deine Hand gegeben, eine Tat zu begehen
oder zu unterlassen. — Er ist von je frei von Schuld oder Verdienst und
daher frei von jeglichem Wahn. Nur wer noch wähnt, wie du und ich, der
lädt die eine Bürde auf sich oder die andere.
Frei davon werden wir nur auf die Art, wie ich dir gesagt habe.
Er ist der kommende große Wipfel aus dem Ur: — aus der großen Wurzel.
Er ist der Garten, du und ich und unseresgleichen sind die Bäume, die
in ihm wachsen.
Er ist der große Wanderer und wir sind die kleinen. —
Er steigt aus der Ewigkeit herab in die Unendlichkeit; wir wandern aus
der Unendlichkeit empor in die Ewigkeit.
Wer die Grenzscheide überschritten hat, der ist ein Glied in einer
Kette geworden, — einer Kette, gebildet aus unsichtbaren Händen, die
einander niemehr loslassen bis ans Ende der Tage; er gehört hinfort
einer Gemeinschaft an, in der jeder einzelne eine nur für ihn allein
bestimmte Mission hat. —
Nicht sind auch nur zwei in ihr, die da einander gleich wären, so wie
schon unter den Menschentieren der Erde nicht zwei sind, die dasselbe
Schicksal hätten.
Der Geist dieser Gemeinschaft durchdringt unsere ganze Erde; er ist ihr
jederzeit allgegenwärtig, er ist der Lebensgeist im großen
Holunderbaum.
Aus ihm sind die Religionen aller Zeiten und Völker entsprossen; sie
wandeln sich, er aber wandelt sich nie.
Wer ein Wipfel geworden ist und die Wurzel ‚Ur‘ bewußt in sich trägt,
der tritt bewußt in diese Gemeinschaft ein durch das Erleben des
Mysteriums, das da heißt:
‚Die Lösung mit Leichnam und Schwert.‘
Tausende und Abertausende sind einst im alten China dieses
geheimnisvollen Vorganges teilhaftig geworden, doch nur spärliche
Berichte sind bis auf unsere Zeit gekommen.
Höre von solchen:
Es sind da gewisse Umwandlungen, genannt Schi-Kiai, das ist die Lösung
der Leichname, und andere genannt: Kieu-Kiai, das ist die Lösung der
Schwerter. — Die Lösung der Leichname ist der Zustand, in dem die
Gestalt des Verstorbenen unsichtbar wird und dieser selbst zu dem Range
eines Unsterblichen gelangt.
In manchen Fällen verliert der Leib bloß das Gewicht oder behält das
Aussehen eines Lebenden. Bei der Lösung der Schwerter bleibt im Sarge
an der Stelle des Leichnams ein Schwert zurück.
Diese sind die gefeiten Waffen, bestimmt für die Zeit des letzten
großen Kampfes.
Beide Lösungen sind eine Kunst, die die vorgeschrittenen Männer des
Weges den begünstigten Jüngeren mitteilen.
Die Überlieferung aus dem oberen Buche des Schwertes sagt:
Bei der Weise der Lösung der Leichname geschieht es, daß man stirbt und
wieder zum Leben kommt. Es geschieht, daß das Haupt abgehauen ist und
von einer Seite zum Vorschein kommt. Es geschieht, daß die Gestalt
vorhanden ist, aber daß die Knochen fehlen.
Die Höchsten unter den Gelösten nehmen in Empfang, aber sie handeln
nicht; die übrigen lösen sich am hellen Tage mit den Leichnamen. Sie
bringen es dahin, daß sie fliegende Unsterbliche werden. Wenn sie
wollen, können sie am hellen Tage auf trockenem Boden versinken.
Einer von diesen war ein Eingeborener von Hooi-nan und hieß
Tung-Tschung-khiu. In seiner Jugend übte er das Einatmen der geistigen
Luft und läuterte dadurch seine Gestalt. Er wurde ungerechterweise
beschuldigt und in dem Gefängnis gebunden. Sein Leichnam löste sich und
verschwand.
Lieu-ping-hu hat keinen Namen und keinen Jünglingsnamen. Gegen das Ende
der Zeiten von Han war er Ältester von Ping-hu in Kieu-Kiang. Er übte
die Kunst eines Arztes und kam bei den Krankheiten und Kümmernissen der
Menschen zu Hilfe, als ob es seine eigene Krankheit wäre. Auf einer
Wanderung begegnete er dem unsterblichen Menschen Tscheu-tsching-schi,
der ihm den Weg des verborgenen Daseins enthüllte.
Später löste er sich mit dem Leichnam und verschwand.“
Ich hörte am Rauschen der Blätter, daß der Ahnherr einige Seiten
überschlug, ehe er fortfuhr:
„Wer es besitzt das mennigrote Buch, die Unsterblichkeitspflanze, das
Erwecken des geistigen Atems und das Geheimnis, wie man die rechte Hand
lebendig macht, der löst sich mit dem Leichnam.
Ich habe dir die Beispiele von Menschen vorgelesen, die sich gelöst
haben, damit dein Glaube gestärkt wird durch das Hören, daß es andere
vor dir gab, die es vollbrachten.
Zum selben Zwecke steht im Buch der Christen das Begebnis von der
Auferstehung des Jesus aus Nazareth.
Nun aber will ich dir berichten vom Geheimnis der Hand, vom Geheimnis
des Atems und vom Lesen des mennigroten Buches.
Es heißt das mennigrote Buch, weil nach uraltem Glauben in China das
Rot die Farbe der Gewänder der höchsten Vollkommenen ist, die zum Heile
der Menschheit auf Erden zurückbleiben.
So wie ein Mensch den Sinn eines Buches nicht erfassen kann, wenn er es
nur in der Hand hält, oder die Seiten umblättert, ohne sie zu lesen, so
bringt ihm auch der Ablauf seines Schicksals keinerlei Gewinn, so er
den Sinn nicht erfaßt; die Geschehnisse folgen einander wie die Blätter
eines Buches, die der Tod umwendet; er weiß nur: sie erscheinen und
verschwinden und mit dem letzten ist das Buch zu Ende.
Er weiß nicht einmal, daß es von neuem aufgeschlagen wird immer wieder,
bis er endlich lesen lernt.
Und solange er das nicht kann, ist das Leben für ihn nur ein wertloses
Spiel, gemischt aus Freude und Leid.
Wenn er aber endlich die lebendige Sprache darin zu begreifen beginnt,
dann schlägt sein Geist die Augen auf und fängt an zu atmen und liest
mit.
Dieses ist die erste Stufe auf dem Wege zur Lösung des Leichnams, denn
der Leib ist nichts anderes als erstarrter Geist; er löst sich, wenn
der Geist zu erwachen beginnt, wie Eis in Wasser zergeht, wenn dieses
zu sieden beginnt.
Sinnvoll in der Wurzel ist jedes Menschen Schicksalsbuch, aber die
Buchstaben darin tanzen wirr durcheinander für jene, die sich nicht die
Mühe nehmen, sie ruhevoll zu lesen, einen nach dem andern und so, wie
sie gesetzt sind.
Das sind die Hastigen, die Raffgierigen, die Ehrgeizigen, die
Pflichtvorschützer, die Vergifteten vom Wahn: ihr Schicksal anders
gestalten zu können, als es der Tod in das Buch geschrieben hat.
Doch wer dem Umblättern, dem müßigen Kommen und Gehen der Seite keine
Beachtung mehr schenkt, sich nicht mehr darüber freut und nicht mehr
darüber weint und wie ein aufmerksamer Leser gespannten Sinnes Wort um
Wort zu verstehen strebt, dem wird alsbald ein höheres Schicksalsbuch
aufgeschlagen, bis als letztes und höchstes für ihn als Erwählten das
mennigrote Buch vor ihm liegt, das alle Geheimnisse birgt.
Das ist der einzige Weg, dem Kerker des Fatums zu entrinnen; jegliches
andere Tun ist ein qualvolles, vergebliches Zappeln in den Schlingen
des Todes.
Die Ärmsten im Leben sind die, die vergessen haben, daß es eine
Freiheit jenseits des Kerkers gibt, — die, im Käfig geborenen Vögeln
gleich, zufrieden beim vollen Futternapf, das Fliegen verlernt haben. —
Für sie gibt es nimmermehr eine Erlösung. —
Unsere Hoffnung ist, daß es dem großen, weißen Wanderer, der auf dem
Wege ist herab in die Unendlichkeit, gelingen möge die Fesseln zu
brechen.
Das mennigrote Buch aber werden sie nimmermehr schauen.
Wem es aufgeschlagen wird, der läßt auch in höherem Sinne keinen
Leichnam mehr zurück: er reißt ein Stück Erde hinein ins Geistige und
löst es darin auf.
So arbeitet er mit am großen Werk göttlicher Alchemie; er wandelt Blei
in Gold, er wandelt Unendlichkeit in Ewigkeit. — — —
Höre nun vom Geheimnis des geistigen Atems!
Es ist aufbewahrt im mennigroten Buch nur für jene, die Wurzel sind
oder Wipfel; die ‚Äste‘ haben keinen Teil daran, denn begriffen sie es,
so verdorrten sie alsbald und fielen ab vom Stamm.
Wohl durchströmt auch sie der große geistige Atem, — denn wie könnte
auch nur das kleinste Wesen leben ohne ihn — aber er geht durch sie
hindurch wie bewegender Wind und hält nicht still.
Der leibliche Atem ist nur sein Gegenspiel in der äußeren Welt.
In uns aber soll er fest werden, bis er, ein Lichtschein geworden, die
Maschen des Körpernetzes durchdringt und sich vereinigt mit dem großen
Licht.
Wie das geschieht, kann niemand dich lehren; es wurzelt im Gebiete des
feinsten Erfühlens.
Es heißt im mennigroten Buch: ‚Hier liegt verborgen der Schlüssel aller
Magie. Der Leib kann nichts, der Geist kann alles. Tu alles hinweg, was
Leib ist, so wird dein Ich, wenn es völlig nackt geworden, als reiner
Geist zu atmen beginnen.
Der Eine fängt es an auf diese Weise, der Andere auf jene Weise, je
nach dem Glauben, in dem er geboren wurde. Der Eine durch brennende
Sehnsucht nach dem Geiste, der Andere durch das Beharren im Gefühl der
Gewißheit: ‚ich stamme aus dem Geiste und nur mein Leib aus der Erde.‘
Wer keine Religion hat, wohl aber an die Überlieferung glaubt, der
begleite all seiner Hände Werk, auch das Geringste, mit dem
unablässigen Gedanken: ich tue es zu dem einzigen Zweck, daß das
Geistige in mir bewußt zu atmen beginne.
So, wie der Leib, ohne daß du die geheime Werkstatt seiner Arbeit
kennst, die eingeatmete irdische Luft verwandelt, so webt der Geist auf
unbegreifliche Weise dir mit seinem Atem ein purpurnes Königsgewand:
den Mantel der Vollendung.
Allmählich wird er deinen ganzen Körper durchdringen in einem tieferen
Sinne als bei den Menschentieren; wohin sein Atem trifft, dort werden
alle Glieder neu, um anderem Zweck zu dienen als bisher.
Dann kannst du diesen Atemstrom lenken, wie es dir beliebt. — Du kannst
den Jordan aufwärts fließen machen, wie es in der Bibel heißt. Du
kannst deines Körpers Herz still stehen lassen, kannst es langsam
machen oder schnell und so das Schicksal deines Leibes selbst
bestimmen; das Buch des Todes hat hinfort keine Gültigkeit für dich.
Jede Kunst hat ihr Gesetz, jede Königswahl ihr Gepränge, jede Messe
ihren Ritus und alles was wird und wächst seinen bestimmten Gang.
Das erste Glied des neuen Leibes, das du erwecken sollst mit jenem
Atem, ist die rechte Hand.
Zwei Laute sind es, die zuerst ertönen, wenn der Hauch auf Fleisch und
Blut trifft; das sind die Schöpfungslaute I und A.
I ist ‚ignis‘, das ist das Feuer, und A ist ‚aqua‘, das ist das Wasser.
Nichts ist gemacht, das nicht aus Wasser und Feuer gemacht wäre!
Wenn der Hauch den Zeigefinger trifft, dann wird er starr und gleicht
dem Buchstaben I. — Es ‚kalziniert der Knochen‘, wie es in der
Überlieferung heißt.
Trifft der Hauch den Daumen, so wird dieser starr, spreizt sich ab und
bildet mit dem Zeigefinger den Buchstaben A.
Dann ‚gehen von deiner Hand Ströme lebendigen Wassers aus‘, wie es in
der Überlieferung heißt.
Stürbe ein Mensch in diesem Stande der geistigen Wiedergeburt, so wäre
seine rechte Hand nicht mehr der Verwesung unterworfen.
Legst du die wachgewordene Hand an deinen Hals, so strömt das
‚lebendige Wasser‘ in deinen Körper ein.
Stürbest du in diesem Stande, so wäre dein ganzer Körper unverweslich
wie die Leiche eines christlichen Heiligen.
Doch du sollst dich lösen mit deinem Leichnam!
Das geschieht durch das Kochen des ‚Wassers‘ und dieses durch das
‚Feuer‘, denn jeglicher Prozeß, auch der geistige der Wiedergeburt, muß
seine Ordnung haben.
Ich werde es an dir vollbringen, ehe ich für diesesmal von dir gehe.“
Ich hörte, daß mein Urahn das Buch schloß.
Er stand auf und legte wiederum, so wie das erstemal, seine Hand einem
Winkelmaße gleich an meinen Hals.
Ein Gefühl durchrieselte mich, als liefe ein Strom eiskalten Wassers
meinen Körper hinab, bis in die Fußsohlen.
„Wenn ich es zum Kochen bringe, wird das Fieber in dir erwachen und du
wirst das Bewußtsein verlieren,“ sagte er, „darum höre, ehe dein Ohr
taub wird:
Was ich an dir tue, das tust du selbst, denn ich bin du und du bist
ich.
Kein anderer als ich könnte an dir tun, was ich tue; doch auch du
könntest es allein an dir nicht tun. Ich muß dabei sein, denn ohne mich
bist du nur ein halbes ‚Ich‘ — so wie ich ohne dich nur ein halbes
‚Ich‘ bin.
Auf diese Weise ist das Geheimnis der Vollbringung vor dem Mißbrauch
durch Menschentiere geschützt.“
Ich fühlte, wie der Ahnherr langsam seinen Daumen löste; dann fuhr er
mit dem Zeigefinger schnell dreimal von links nach rechts über meinen
Hals, als wolle er mir die Kehle durchschneiden.
Ein entsetzlicher, schriller Ton wie ein „I“ schoß mir versengend durch
Fleisch und Bein.
Mir war, als schlügen Stichflammen aus meinem Körper.
„Vergiß nicht: alles was geschieht, und alles was du tust und
erleidest, trage es um der Lösung mit dem Leichnam willen!“ — hörte ich
die Stimme meines Ahnherrn Christopher noch einmal und wie aus der Erde
herauf.
Dann verbrannte der letzte Rest meines Bewußtseins in den Gluten des
Fiebers.
8
OPHELIA
Noch zittern mir die Knie vor Schwäche, wenn ich durchs Zimmer gehe,
aber ich fühle deutlicher von Stunde zu Stunde, daß meine Gesundheit
wiederkehrt.
Die Sehnsucht nach Ophelia verzehrt mich und ich möchte so gerne
hinunter ins Stiegenhaus gehen, um in ihr Fenster zu spähen und zu
versuchen, einen Blick von ihr zu erhaschen.
Sie war bei mir, als ich bewußtlos im Fieber lag, sagte mir mein Vater,
und hat mir einen Strauß Rosen gebracht.
Ich sehe ihm an, daß er alles erraten hat; vielleicht hat sie es ihm
sogar eingestanden?
Ich fürchte mich zu fragen und auch er weicht scheu dem Thema aus.
Er pflegt mich voll Fürsorge; was er mir an den Augen absehen kann,
bringt er mir; mir aber pocht das Herz vor Weh und Scham bei jedem
Liebesdienst, den er mir erweist, wenn ich daran denke, daß ich zum
Verbrecher an ihm geworden bin.
Ich wollte, es wäre nur ein Fiebertraum gewesen, — das mit der
Fälschung des Schuldscheins! —
Aber jetzt, wo meine Sinne wieder klar sind, weiß ich leider nur zu
genau: es ist in Wirklichkeit geschehen. Warum und zu welchem Zweck ich
es getan habe? alle Einzelheiten sind aus meinem Gedächtnis ausgetilgt.
Ich will auch nicht darüber nachgrübeln; ich weiß nur das eine:
irgendwie muß ich die Tat sühnen; ich muß Geld verdienen, Geld, Geld,
Geld, um den Schuldschein wieder zurückkaufen zu können.
Der Angstschweiß tritt mir auf die Stirn bei dem Gedanken: es wird
unmöglich sein.
Womit soll ich hier in unserer kleinen Stadt Geld verdienen?!
Aber vielleicht geht es in der Hauptstadt? Dort kennt mich niemand. —
Wenn ich mich dort als Diener irgendeinem reichen Manne anböte? — Ich
wäre bereit, wie ein Sklave zu arbeiten, Tag und Nacht.
Wie aber soll ich meinem Vater die Bitte vortragen, mich in der
Hauptstadt studieren zu lassen?
Womit soll ich sie begründen, wo er mir doch oft genug gesagt hat, er
hasse alle angelernte und nicht durch das Leben selbst erworbene
Gelehrsamkeit?!
Auch fehlt mir das nötige Vorwissen oder wenigstens das Schulzeugnis!
Nein, nein; es ist doch unmöglich!
Meine Qual verdoppelt sich, wenn ich mir überlege: so soll ich denn für
Jahre und Jahre, vielleicht für immer von Ophelia getrennt sein?
Ich spüre, wie das Fieber wieder in mir aufsteigen will bei dem
entsetzlichen Gedanken.
Zwei volle Wochen bin ich krank gelegen; die Rosen Ophelias in der Vase
sind bereits verdorrt. — Vielleicht ist sie schon fort? — Meine Hände
werden naß, so würgt mich die Verzweiflung. — Vielleicht waren die
Blumen ein Abschiedsgruß?!
Mein Vater sieht mir an, wie ich leide, aber er fragt mit keinem Worte
nach der Ursache. Weiß er denn mehr als er sagen will?
Wenn ich ihm doch mein Herz ausschütten könnte, und ihm alles, alles
gestehen! — nein, es darf nicht sein; wenn er mich verstieße, wie gern
nähme ich es hin, wäre damit meine Schuld gesühnt; — aber ich weiß, das
Herz bräche ihm, wenn er erführe: ich, sein einziges Kind, das er wie
durch Schicksalsfügung wiedergefunden, habe wie ein Missetäter an ihm
gehandelt; — nein, nein, es darf nicht geschehen!
Alle Menschen sollen es meinetwegen erfahren und mit Fingern auf mich
deuten, nur er allein darf es nicht wissen. — — —
Er fährt mir zärtlich über die Stirn, blickt mir voll Liebe und Milde
in die Augen und sagt: „Schau nicht so entsetzt darein, mein guter
Junge! Was dich auch quälen mag, vergiß es! Denke dir, es sei ein
Fiebertraum. Bald wirst du wieder gesund und fröhlich sein!“
Er bringt das Wort „fröhlich“ nur stockend heraus und ich fühle, daß er
ahnt, die kommende Zeit werde mir viel Schmerz und Jammer bringen.
So, wie auch ich es ahne.
Ist also Ophelia schon fort? Weiß er es?
Die Frage drängt sich mir auf die Lippen, aber ich würge sie hinunter.
— Ich glaube, ich bräche weinend zusammen, wenn er sie bejahte.
Er fängt plötzlich an, schnell und überstürzt zu sprechen; er redet von
allem möglichen, um mich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu
bringen.
Ich kann mich nicht entsinnen, ihm von dem Traumbesuch unseres Ahnherrn
— oder was sonst es war — erzählt zu haben, aber dennoch muß es wohl
geschehen sein! — Wieso käme es denn, daß er mit einemmal fast dasselbe
Thema anschlägt? Beinahe ohne Übergang sagt er:
„Du kannst einem Leid nicht ausweichen, solange du noch kein ‚Gelöster‘
bist. Was im Schicksalsbuch geschrieben steht, kann der Erdgebundene
nicht auslöschen. Traurig ist nicht, daß so viele Menschen leiden,
traurig ist nur, daß ihr Leiden im höheren Sinne zwecklos bleibt. —
Dadurch wird es zur Strafe für einstmals — vielleicht in einem früheren
Dasein — begangene Taten des Hasses. — Diesem grauenvollen Gesetz von
Lohn und Strafe können wir nur entrinnen, wenn wir alles Geschehen
hinnehmen mit dem Gedanken: es geschieht zu dem Zweck, unser geistiges
Leben zu erwecken. Alles, was wir tun, sollen wir nur von diesem
Gesichtspunkte aus tun. — Die geistige Einstellung ist alles, die Tat
allein ist nichts! — Ein Leid wird sinnvoll und fruchtbringend, wenn du
es mit solchen Augen ansiehst. — Glaub mir, du wirst es dann nicht nur
leichter tragen können, es wird auch schneller vorübergehen und unter
Umständen sogar sich ins Gegenteil verwandeln. — Es grenzt ans
Wunderbare, was sich in solchen Fällen zuweilen begibt, und es sind
nicht nur innere Wandlungen, die da geschehen — nein, auch äußerlich
wendet sich das Schicksal auf seltsamste Art. — Der Ungläubige freilich
lacht über solche Behauptung — aber worüber lachte der nicht!
Es ist, als dulde die Seele nicht, daß wir ihretwegen mehr leiden, als
wir ertragen können.“
„Was ist eigentlich unter dem ‚Lebendigmachen der rechten Hand‘ zu
verstehen?“ frage ich. „Ist es bloß der Beginn einer geistigen
Entwicklung, oder hat es sonst noch einen Zweck?“
Mein Vater denkt eine Weile nach.
„Wie soll ich dir das begreiflich machen? Man kann da nur wieder in
Gleichnissen sprechen. —
Wie alle Formen sind auch die Glieder unseres Körpers nur Sinnbilder
für geistige Begriffe. — Die rechte Hand ist sozusagen das Symbol für
Handeln, Wirken und Tun. — Wird nun unsere Hand geistig lebendig, so
heißt das: wir sind ‚drüben‘ Schaffende geworden, während wir bis dahin
Schläfer waren. — Ähnlich ist es mit ‚Reden‘, ‚Schreiben‘ und ‚Lesen‘.
Reden, Sprechen ist, irdisch gesehen, soviel wie: etwas mitteilen. — Ob
derjenige, dem wir etwas mitteilen, Folge leistet, steht bei ihm. Mit
dem ‚geistigen‘ Sprechen ist es anders bestellt. Das ist keine
Mitteilung mehr, denn wem sollten wir darüber ‚etwas mitteilen‘? ‚ich‘
und ‚Du‘ sind dort doch dasselbe.
‚Sprechen‘ im geistigen Sinn ist so viel wie: erschaffen; es ist
magisches In-die-Erscheinung-rufen. — ‚Schreiben!‘ hier auf Erden ist
das vergängliche Niederlegen eines Gedankens; ‚Schreiben‘ drüben heißt:
etwas einmeißeln ins Gedächtnis der Ewigkeit. ‚Lesen‘ hier bedeutet:
den Sinn einer Niederschrift sich zu eigen machen. ‚Lesen‘ drüben
heißt: die großen unwandelbaren Gesetze erkennen und — nach ihnen
handeln um der Harmonie willen! — Aber ich glaube, mein lieber Junge,
wir sollten jetzt, wo du noch angegriffen bist, nicht von so schwer
faßbaren Dingen reden!“ —
„Willst du mir nicht von meiner Mutter erzählen, Vater? Wie hieß sie
denn? Ich weiß so gar nichts von ihr!“ — die Frage ist mir plötzlich
über die Lippen gekommen; erst, als es bereits zu spät ist, merke ich,
daß ich eine Wunde in seinem Herzen berührt habe.
Er geht unruhig im Zimmer auf und ab; seine Sprache klingt abgerissen.
„Mein lieber Bub, erlaß mir, daß ich die Vergangenheit wieder lebendig
mache! Sie hat mich lieb gehabt. Ja, das weiß ich. Und ich sie —
unsäglich.
Es ist mir ergangen wie allen meinen und deinen Vorvätern. Was mit dem
‚Weibe‘ zusammenhängt, war uns Männern aus dem Stamme Jöcher Qual und
Verhängnis. Ohne unsere Schuld und ohne die Schuld unserer Mütter.
Wir alle haben übrigens, wie du vielleicht weißt, jeder nur einen Sohn
gehabt. Die Ehe hat nie länger gedauert.
Es ist, als ob sie damit ihren Zweck erfüllt gehabt hätte.
Glücklich war sie für keinen von uns. Mag sein, es kam daher, daß
unsere Frauen entweder viel zu jung — wie die meinige — waren, oder
älter als wir. Es war kein körperliches Zusammenstimmen da. Die Zeit
riß uns mit jedem Jahr weiter auseinander. — Und warum sie von mir
ging? Ja, wenn ich das wüßte! Aber ich will — ich will es nicht wissen!
Daß sie mich betrogen hätte? Nein! Das hätte ich gefühlt! Würde es
jetzt noch fühlen. Ich kann nur glauben: die Liebe zu einem andern ist
in ihr erwacht, und als sie einsah, sie könne dem Schicksal, mich zu
hintergehen, nicht mehr entrinnen, hat sie mich lieber verlassen und
den Tod gesucht.“
„Aber warum hat sie mich ausgesetzt, Vater?“
„Dafür habe ich nur eine Erklärung: sie war strenggläubige Katholikin
und hat unseren geistigen Weg, obgleich sie nie ein Wort dagegen sagte,
für eine teuflische Verirrung gehalten. Sie wollte dich davor bewahren,
und das konnte nur geschehen, indem sie dich meinem Einfluß entzog. Daß
du mein leiblicher Sohn bist, daran darfst du nie zweifeln, hörst du!
Sie hätte dir nie und nimmer den Namen Christopher mitgegeben; das
allein schon ist mir ein untrügliches Zeichen, daß du nicht — das Kind
eines andern bist.“
„Vater, sag mir nur das eine noch: wie hat sie geheißen? Ich möchte
ihren Vornamen wissen, wenn ich an sie denke.“
„Sie hat geheißen“ — die Stimme meines Vaters versagt, als bliebe das
Wort in seiner Kehle stecken.
„Ihr Name war — sie hieß: Ophelia.“
Endlich darf ich wieder ausgehen. Die Laternen soll ich nicht mehr
anzünden, hat mein Vater gesagt. Auch später nicht mehr.
Ich weiß den Grund nicht.
Der Gemeindediener besorgt, wie früher vor mir, das Amt.
Mein erster Gang — zitternden Herzens — ist hinunter ins Stiegenhaus
zum Fenster!
Aber drüben sind beständig die Vorhänge herabgelassen.
Ich habe im Durchlaß nach langem, langem Warten die alte Frau
getroffen, die drüben bedient, und sie ausgefragt.
So ist es also Wirklichkeit geworden, was ich dumpf geahnt und
gefürchtet habe! Ophelia hat mich verlassen!
Die alte Frau sagt, der Schauspieler Paris sei mit ihr in die
Hauptstadt gereist.
Ich weiß jetzt auch, warum ich den Schuldschein unterschrieben habe;
mein Gedächtnis ist wiedergekehrt. Er hat mir versprochen, sie nicht im
Theater auftreten zu lassen, wenn ich ihm Geld verschaffte.
Drei Tage später hat er sein Wort gebrochen!
Jede Stunde, die verrinnt, sieht mich zur Gartenbank gehen. Ich lüge
mir vor: Ophelia sitzt dort und wartet auf mich — sie hält sich nur
versteckt, um mir plötzlich mit einem Jubelruf in die Arme zu eilen!
Manchmal ertappe ich mich bei seltsamem Beginnen: ich scharre den Sand
um die Bank herum auf mit dem Spaten, der am Gartenzaun lehnt, mit
einem Stock, mit dem Rest eines Brettstückes, mit allem, was mir gerade
in die Hände fällt — bisweilen mit den bloßen Händen selbst.
Als berge die Erde etwas, das ich ihr entreißen müßte.
In Büchern steht, daß Verdurstende so im Boden wühlen und tiefe Löcher
mit den Fingern graben, wenn sie sich in der Wüste verirrt haben.
Ich fühle keinen Schmerz mehr, so glühend ist er geworden. Oder schwebe
ich hoch über mir selbst, daß das Weh nicht bis zu mir empor kann?
Die Hauptstadt liegt viele Meilen stromauf, — bringt mir der Fluß denn
keine Grüße?
Dann sitze ich plötzlich am Grabe meiner Mutter und weiß nicht, wie ich
hingekommen bin.
Der gleiche Name „Ophelia“ muß mich wohl hingezogen haben.
Warum kommt der Briefträger, jetzt, wo doch heißer Mittag ist und alles
ruht, quer über die Bäckerzeile auf unser Haus zu?
Ich habe ihn noch nie in dieser Gegend gesehen. Hier wohnt niemand, dem
er einen Brief bringen könnte.
Er hat mich erblickt, bleibt stehen und sucht in seiner Ledertasche.
Ich bin gewiß: mein Herz muß bersten, wenn es eine Botschaft von
Ophelia ist.
Dann halte ich betäubt etwas Weißes mit einem roten Siegel darauf in
der Hand.
„Lieber, sehr verehrter Herr Baron!
Wenn Sie diesen Brief an Christopher öffnen sollten, dann bitte,
bitte, lesen Sie nicht weiter! Lesen Sie auch das beiliegende
Schriftstück nicht: ich flehe Sie an aus tiefster Seele! Verbrennen
Sie beides, falls Sie den Brief Christl nicht übergeben wollen,
aber ob so oder so, lassen Sie Christl nicht aus den Augen, keine
Minute! Er ist doch noch so jung, und ich möchte nicht schuld sein,
daß er — eine unüberlegte Tat begeht, wenn er aus anderem als Ihrem
Mund erfährt, was Sie — und er — ja doch bald erfahren müssen.
Erfüllen Sie diese innige Bitte (und ich weiß, Sie werden es tun!)
Ihrer in Gehorsam ergebenen Ophelia M.“
„Mein heißgeliebter, armer, armer Bub!
Mein Herz sagt mir, daß Du wieder gesund bist; so wirst Du, das
hoffe ich aus ganzer Seele, mit Kraft und Mut verwinden, was ich
Dir jetzt schreiben muß.
Was Du um meinetwillen getan hast, das wird Dir Gott nimmermehr
vergessen.
Ich jauchze zu ihm voll Dankbarkeit, denn er hat es mir in die Hand
gegeben, daß ich Deine Tat ungeschehen machen kann.
Was mußt Du um meinetwillen gelitten haben, mein lieber,
herzensguter Bub!
Daß Du mit Deinem Vater über meine Lage gesprochen hättest, ist ja
nicht möglich; ich habe Dich doch gebeten, ihm nichts davon zu
sagen, und ich weiß, Du hast meine Bitte erfüllt.
Auch hätte er mir sicherlich eine Andeutung gemacht, als ich bei
ihm war, um ihm zu sagen, wie lieb wir uns haben, und Abschied von
ihm — und von Dir — zu nehmen.
So kannst also nur Du es gewesen sein, der den Schuldschein
geschrieben hat!
Ich weine vor Freude und Jubel, daß ich ihn Dir heute zurückgeben
kann!
Ich habe ihn durch Zufall auf dem Schreibtisch des entsetzlichen
Menschen gefunden, dessen Namen ich nicht mehr über die Lippen
bringe.
Wie sollte ich Dir mit Worten meine Dankbarkeit schildern, mein
Bub! Welche Tat wäre groß genug, um sie Dir jemals zu beweisen!
Es kann nicht sein, daß soviel Dankbarkeit und Liebe, wie ich für
Dich empfinde, nicht über das Grab hinausreichen sollten. Ich weiß,
daß sie weiter bestehen werden bis in alle Ewigkeit, so wie ich
weiß: ich werde um Dich sein im Geiste und Dich auf Schritt und
Tritt begleiten und Dich behüten und bewahren vor jeder Gefahr wie
ein treuer Hund, bis wir uns dereinst wiedersehen.
Wir haben nie darüber gesprochen, denn wie hätten wir Zeit dazu
gehabt, wo wir uns doch küssen und umarmen mußten, mein Bub! — aber
glaub mir: so wahr eine Vorsehung lebt, so wahr ist es auch, daß es
ein Land der ewigen Jugend gibt. Wenn ich das nicht wüßte, woher
nähme ich den Mut, von Dir zu scheiden!
Dort werden wir uns wiedersehen, um nie mehr von einander zu gehen;
dort werden wir beide gleich jung sein und bleiben und die Zeit
wird eine ewige Gegenwart für uns sein.
Eines nur betrübt mich — aber nein, ich lächle schon wieder
darüber! — daß Du mir meinen Wunsch, mich im Garten bei unserer
lieben Bank zu begraben, nicht wirst erfüllen können.
Statt dessen bitte ich Dich, heißer noch und inständiger als
damals: bleib auf Erden um unserer Liebe willen! Lebe Dein Leben,
ich flehe Dich an, bis der Todesengel von selber und ohne daß Du
ihn rufst, zu Dir kommt.
Ich will, daß Du älter bist als ich, wenn wir uns wiedersehen.
Deshalb mußt Du Dein Leben hier auf Erden zu Ende leben! Und ich
werde drüben im Lande der ewigen Jugend auf Dich warten.
Halte Dein Herz fest, daß es nicht schreit; sag ihm, daß ich doch
bei Dir bin, näher, als es im Körper möglich wäre!
Jauchze, daß ich endlich, endlich frei bin — jetzt, wo Du meinen
Brief liest.
Wäre es Dir denn lieber, Du wüßtest: ich leide? Und was ich leiden
würde, wenn ich leben bliebe, das läßt sich nicht sagen mit Worten!
Ich habe einen Blick in das Leben getan, das mir bevorstünde — nur
einen einzigen! Mir graut!
Lieber die Hölle als ein solcher Beruf!
Doch auch ihn trüge ich mit Freuden, wenn ich wüßte, ich käme
dadurch dem Glück näher, mit Dir vereint zu werden. Glaub nicht,
ich streifte das Leben ab, weil ich nicht fähig wäre, deinetwillen
zu leiden! Ich tue es, weil ich weiß, unsere Seelen würden getrennt
sein für immer, hier und drüben.
Glaub nicht, es seien nur Worte, um Dich zu trösten, trügerische
Hoffnung oder Hirngespinste, wenn ich Dir sage: ich weiß, daß ich
das Grab überleben werde und werde wieder um Dich sein! Ich schwöre
Dir, ich weiß es! Jeder Nerv in mir weiß es. Mein Herz, mein Blut
weiß es. Hundert Vorzeichen sagen es mir. Im Wachen, im Schlaf und
im Traum!
Ich will Dir einen Beweis geben, daß ich mich nicht täusche. Meinst
Du, ich hätte die Vermessenheit, Dir etwas zu sagen, wenn ich nicht
die Gewißheit hätte: es wird gelingen?
Hör mich: jetzt, wo Du diese Stelle liest, schließ die Augen! Ich
werde Deine Tränen küssen!
Weißt Du jetzt, daß ich bei Dir stehe und lebendig bin!?
Fürchte nicht, mein Bub, die Minute meines Todes könnte qualvoll
für mich gewesen sein.
Ich habe den Strom so lieb, er wird mir nicht wehe tun, wenn ich
meinen Leib ihm anvertraue.
Ach, könnte ich doch bei unserer Bank begraben sein!
Ich will Gott darum nicht bitten, aber vielleicht liest er meinen
kindischen, stummen Wunsch und tut ein Wunder. Hat er doch so viele
und größere getan.
Noch eins, mein Bub! Wenn es möglich ist und Du ein ganzer Mann,
voll Macht und Kraft sein wirst, dann hilf meinem armen Ziehvater!
Doch nein! Sorge Dich nicht deshalb! Ich werde selber bei ihm sein
und ihm beistehen.
Es wird zugleich Dir ein Zeichen sein, daß meine Seele mehr kann,
als mein Körper je hätte vermocht.
Und nun, mein heißgeliebter, mein treuer, braver Bub, sei tausend-
und abertausendmal geküßt von Deiner glücklichen Ophelia.“
Sind das wirklich meine Hände, die einen Brief halten und ihn dann
langsam wieder zusammenfalten?
Bin ich das, der da seine Augenlider betastet, sein Gesicht, seine
Brust?
Warum weinen diese Augen nicht?
Lippen aus dem Totenreich haben ihnen die Tränen weggeküßt; noch jetzt
fühle ich ihre liebkosende Berührung. Und doch ist mir, als sei eine
unendlich lange Zeit seitdem verflossen. Ist es vielleicht nur eine
Erinnerung an die Kahnfahrt, als Ophelia mir damals die Tränen
wegküßte?
Machen die Toten nur das Gedächtnis lebendig, wenn sie wollen, daß man
ihre Nähe als Gegenwart spürt? Durchqueren sie den Strom der Zeit, um
zu uns zu gelangen, indem sie die Uhr in uns zurückstellen?
Meine Seele ist erstarrt; wie seltsam, daß mein Blut noch flutet und
ebbt! Oder ist es der Puls eines andern, eines Fremden, den ich da
pochen höre?
Ich blicke auf den Boden — sind es denn meine Füße, die da mechanisch
Schritt vor Schritt zum Hause gehen? Und jetzt die Stiegen
emporsteigen? Sie müßten doch zittern und taumeln unter dem Schmerz
dessen, dem sie gehören, wenn ich dieser Jemand wäre!
Ein furchtbarer Stich wie von einer glühenden Lanze durchbohrt mich
einen Augenblick vom Kopf bis zur Sohle, daß es mich fast ans Geländer
schleudert, dann suche ich nach dem Schmerz in mir und kann ihn nicht
mehr finden. Er ist in sich selbst verbrannt wie ein Blitz.
Bin ich gestorben? Liegt mein Körper vielleicht zerschellt dort unten
im Treppenhaus? Ist es nur mein Schemen, der jetzt die Türe öffnet und
ins Zimmer tritt?
Nein, es ist keine Täuschung, ich bin es selbst; auf dem Tisch steht
das Mittagsbrot und mein Vater kommt mir entgegen und küßt mich auf die
Stirn.
Ich will essen, aber ich kann nicht schlucken. Jeder Bissen quillt mir
im Munde.
So leidet also mein Körper doch und ich weiß bloß nichts davon!
Ophelia hält mein Herz in der Hand — ich fühle ihre kühlen Finger —,
damit es nicht zerspringt. Ja, nur so kann es sein! Sonst würde ich
doch aufbrüllen!
Ich will mich freuen, daß sie bei mir ist, aber ich habe vergessen, wie
man das macht, das Freuen.
Zum Freuen gehört der Körper, und über den habe ich doch keine Gewalt
mehr.
So werde ich denn als ein lebender Leichnam hier über die Erde wandern
müssen!?
Die alte Bedienerin trägt stumm das Essen ab; ich stehe auf und gehe in
mein Zimmer; mein Blick fällt auf die Wanduhr; drei? Es kann doch
höchstens eins sein? — Warum tickt sie nicht?
Da wird mir klar: um drei Uhr nachts ist Ophelia gestorben!
Ja ja, jetzt wacht auch die Erinnerung wieder in mir auf: heute nacht
habe ich von ihr geträumt; sie stand an meinem Bett und lächelte voll
Glück.
„Ich komme zu dir, mein Bub! Der Strom hat meine Bitte gehört. — —
Vergiß dein Versprechen nicht, vergiß dein Versprechen nicht!“ hat sie
gesagt. Wie ein Echo hallen ihre Worte in mir auf.
„Vergiß dein Versprechen nicht,
vergiß dein Versprechen nicht!“
wiederholen unablässig meine Lippen, als wollten sie mein Gehirn
erwecken, daß es den verborgenen Sinn des Satzes endlich begreife.
Mein ganzer Körper fängt an unruhig zu werden. Als erwarte er einen
Befehl von mir, den ich ihm geben solle.
Ich strenge mich an nachzudenken, aber mein Hirn bleibt tot.
„Ich komme zu dir. Der Strom hat meine Bitte gehört!“ Was heißt das?
Was heißt das?
Mein Versprechen soll ich halten? Welches Versprechen habe ich denn
gegeben?
Wie ein Ruck durchfährt es mich: das Versprechen, das ich Ophelia auf
unserer Kahnfahrt gegeben habe.
Jetzt weiß ich: hinunter zum Fluß muß ich! Vier, fünf Stufen auf einmal
nehme ich, das Geländer durch meine beiden Hände gleiten lassend, in so
rasender Eile springe ich in Sätzen die Treppe hinab.
Ich bin plötzlich wieder lebendig; meine Gedanken jagen sich. „Es kann
ja nicht sein“, sage ich mir; „es ist der unwahrscheinlichste Roman,
den ich mir da zurecht träume.“
Ich will Halt machen und umkehren, aber mein Körper reißt mich
vorwärts.
Ich laufe den Durchlaß entlang zum Wasser.
An der Ufermauer hat ein Floß angelegt.
Zwei Männer stehen darauf.
„Wie lange braucht ein Baumstamm, bis er von der Hauptstadt bis hierher
treibt?“, will ich sie fragen.
Ich stehe dicht vor ihnen und starre sie an. Verwundert schauen sie
auf; ich bringe kein Wort heraus, denn in der Tiefe meines Herzens
erklingt Ophelias Stimme:
„Weißt du nicht besser als alle Menschen, wann ich komme? Hab ich dich
jemals warten lassen, mein Bub?“
Und die Gewißheit, so felsenfest und sonnenhaft, daß alle Zweifel
erlöschen, ruft in mir: — es ist, als sei die Natur ringsum lebendig
geworden und riefe mit:
um elf Uhr heute nacht!
Elf Uhr! Die Stunde, die ich immer schon so sehnsüchtig erwartet habe!
Wie damals glitzert der Mond auf den Fluß.
Ich sitze auf der Gartenbank, aber es ist kein Warten in mir wie sonst,
ich bin vereint mit dem Strome der Zeit, wie sollte ich wünschen, daß
sie schneller ginge oder langsamer!
Im Buche der Wunder steht geschrieben, Ophelias letzte Bitte soll in
Erfüllung gehen! Der Gedanke ist so erschütternd, daß alles, was
geschehen ist: der Tod Ophelias, ihr Brief, mein eigenes Leid, die
grausige Aufgabe, ihren Leichnam zu begraben, die furchtbare Öde des
Lebens, das mir bevorsteht — alles, alles verblaßt.
Es faßt mich an, als seien die Myriaden Sterne dort oben die
allwissenden Augen der Erzengel und blickten wachend hernieder auf sie
und mich. Die Nähe einer grenzenlosen Macht umgibt und durchdringt
mich. Alle Dinge sind in ihrer Hand ein lebendiges Werkzeug; ein
Windhauch trifft mich, und ich fühle, daß er mir sagt: gehe zum Ufer
und binde das Boot los.
Nicht mehr Gedanken sind es, die mein Tun und Lassen lenken: ich bin
eingewoben in die ganze Natur, ihr heimliches Flüstern ist mein
Verstehen.
Gelassen rudere ich in die Mitte des Flusses.
Jetzt wird sie kommen!
Ein heller Streifen gleitet auf mich zu. Ein weißes, starres Antlitz,
die Augen geschlossen, treibt auf der glatten Flut wie ein Bild in
einem Spiegel.
Dann halte ich die Tote und ziehe sie zu mir in den Kahn.
Tief in den weichen, reinen Sand vor unserer lieben Bank auf ein Lager
aus duftenden Holunderblüten habe ich sie gebettet und mit grünen
Zweigen zugedeckt.
Den Spaten habe ich im Fluß versenkt.
9
EINSAMKEIT
Ich hatte geglaubt, schon am nächsten Tage müßte die Nachricht von
Ophelias Tod bekannt werden und ein Lauffeuer in der Stadt entzünden;
aber Woche um Woche verging und nichts rührte sich.
Endlich wurde mir klar: Ophelia hatte, ohne es jemand außer mir
mitgeteilt zu haben, von der Erde Abschied genommen.
So war ich das einzige lebende Wesen auf Erden, das darum wußte.
Ein seltsames Gemisch aus unbeschreiblicher Einsamkeit und einem
inneren Reichtum, den ich mit niemand zu teilen brauchte, erfüllte
mich.
Alle Menschen um mich, sogar mein Vater, erschienen mir wie Figuren aus
Papier geschnitten, so, als gehörten sie nicht in mein Dasein und seien
nur wie Kulissen hineingestellt.
Wenn ich auf der Bank im Garten saß, wo ich täglich stundenlang vor
mich hinzuträumen pflegte, fast unablässig von der Nähe Ophelias
umweht, und mir vorstellte: hier zu meinen Füßen schläft ihr Körper,
den ich so heiß geliebt habe! — überkam es mich immer wie tiefes
Verwundern, daß ich keinen Schmerz zu empfinden vermochte.
Wie fein und richtig war ihr Gefühl gewesen, als sie mich bei unserer
Kahnfahrt gebeten hatte, sie hier zu bestatten und niemand die Stelle
zu verraten!
So waren wir beide jetzt — sie drüben und ich hier auf Erden — die
einzigen, die es wußten, und diese Gemeinschaft schloß uns so innig
zusammen, daß ich ihren Tod zuzeiten nicht einmal als Abwesenheit ihres
Leibes empfand.
Ich brauchte mir nur vorzustellen, sie läge auf dem Friedhof in der
Stadt unter einem Grabstein, umgeben von Toten ringsum, beweint von
ihren Angehörigen, — und der bloße Gedanke bohrte sich schmerzend wie
ein Messer in meine Brust und rückte das Gefühl ihrer geistigen Nähe in
unerreichbare Fernen.
Der unbestimmte Glaube der Menschen, daß der Tod nur eine dünne
Scheidewand zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit bedeutet und nicht
eine nimmermehr zu überbrückende Kluft, wiche gar bald einer festen
Gewißheit, wenn sie ihre Abgeschiedenen an Orten begrüben, die nur
ihnen zugänglich und bekannt wären, und nicht in öffentlichen
Gottesäckern.
Wenn ich mir meiner Einsamkeit so recht bewußt wurde, kam mir jene
Nacht, wo ich Ophelias Leib zur Ruhe gebettet, in der Erinnerung vor,
als sei ich selbst es gewesen, den ich begraben hatte, als sei ich nur
mehr ein Schemen auf Erden, ein wandelnder Leichnam, der nichts mehr
gemein hat mit Menschen aus Fleisch und Blut.
Es gab Augenblicke, wo ich mir sagen mußte: das bist nicht mehr du
selbst; ein Wesen, dessen Ursprung und Dasein Jahrhunderte zurückliegt
vor dem deinigen, tritt unaufhaltbar immer tiefer in dich ein, ergreift
von deiner Hülle Besitz und wird von dir bald nichts mehr übrig
gelassen haben, als eine im Reiche der Vergangenheit frei schwebende
Erinnerung, auf die du zurückschauen kannst wie auf die Erlebnisse
eines vollkommen dir Fremden.
„Es ist der Ahnherr“, begriff ich, „der in dir aufersteht.“
Bilder mir unbekannter Gegenden und Landschaften fremden Charakters
traten vor meinen Blick, täglich öfter und länger bestehend, wenn sich
meine Augen im Dunste des Himmelnebels verloren.
Ich hörte Worte, die ich mit einem inneren Organ erfaßte, ohne sie
befremdenderweise zu begreifen; ich verstand sie, wie die Erde
Samenkörner aufnimmt und aufbewahrt, um sie viel später erst zur Reife
zu bringen; ich verstand sie wie etwas, von dem man fühlt: „dereinst
wirst du sie in Wahrheit verstehen.“
Sie kamen aus dem Munde fremdartig gekleideter Menschen, die mir wie
alte Bekannte schienen, trotzdem ich sie in diesem Leben unmöglich je
gesehen haben konnte, die Worte galten mir und doch lag ihr Entstehen
weit zurück; sie waren plötzlich Gegenwart aus Vergangenheit neu
geboren.
Himmelanragende Schneeberge, die Eisgipfel unendlich höher als alle
Wolkengebilde, sah ich.
Das „Dach der Welt“ ist es, sagte ich mir, „das geheimnisvolle Tibet“.
Dann wieder endlose Steppen, mit Kamelkarawanen, asiatische Klöster in
tiefster Einsamkeit, Priester in gelben Gewändern, die Gebetmühlen in
den Händen trugen, Felsen, die in riesenhafte, sitzende Buddhastatuen
umgemeißelt waren, Flußläufe, die aus der Unendlichkeit zu kommen und
in die Unendlichkeit zu münden schienen — die Ufer ein Land von Hügeln
aus Löß, deren Gipfel sämtlich flach waren, flach wie Tische, flach,
als hätte sie eine ungeheure Sense abgemäht.
„Gegenden, Dinge, Menschen sind es,“ erriet ich, „die der Ahnherr, als
er noch auf Erden wandelte, gesehen haben muß. Jetzt, wo er seinen
Einzug in mich hält, werden seine Erinnerungen auch die meinen.“
Wenn ich Sonntags jungen Leuten, mir gleichalterig, begegnete und Zeuge
ihrer Verliebtheit und fröhlichen Lebenslust war, so verstand ich gar
wohl, was in ihnen vorging, aber in mir selbst war lauter Kälte. —
Nicht die Kälte der Starrheit, die die vorübergehende Erscheinung eines
die Tiefen der Empfindung erfrostenden Schmerzes ist, und nicht die
Kälte der Lebensschwäche des Greisentums. —
Wohl fühlte ich das Uralte in mir so übermächtig und so bleibend wie
nie zuvor, und oft, wenn ich mich im Spiegel sah, erschrak ich fast,
daß mir ein jugendliches Gesicht entgegenblickte, — aber nichts
Gebrechliches haftete daran; die Abgestorbenheit hatte nur das Band
ergriffen, das den Menschen an die Freuden der Erde fesselt, die Kälte
kam aus mir fremden Regionen, aus einer Firnenwelt, die die Heimat
meiner Seele ist.
Damals konnte ich den Zustand, der mich ergriffen hatte, nicht
ermessen; ich wußte nicht, daß es einer jener rätselhaften, magischen
Verwandlungsvorgänge war, die man häufig in den Lebensschilderungen
katholischer und anderer Heiligen geschildert findet, ohne ihre Tiefe
und bedeutsame Lebendigkeit zu erfassen.
Da ich keine Sehnsucht nach Gott empfand, hatte ich keine Erklärung
dafür und suchte auch nicht nach einer solchen.
Das sengende Dürsten einer unstillbaren Sehnsucht, von der die Heiligen
sprechen, und das, wie sie sagen, alles Irdische verbrennt, war mir
erspart, denn alles, wonach ich mich hätte sehnen können: „Ophelia“
trug ich als Gewißheit ihrer beständigen Nähe in mir.
Die meisten Begebnisse des äußeren Lebens sind, ohne eine Spur in
meiner Erinnerung zurückzulassen, an mir vorübergegangen; wie eine tote
Mondlandschaft mit erloschenen Kratern, die kein Weg, kein Steg mit
einander verbindet, liegen die Bilder jener Zeit vor mir.
Ich kann mich nicht entsinnen, was mein Vater und ich zusammen
gesprochen haben, Wochen sind für mich zusammengeschrumpft zu Minuten,
Minuten haben sich zu Jahren ausgedehnt; jahrelang, so scheint es mir
jetzt, jetzt, wo ich die schreibende Hand eines Fremden benütze, um die
Vergangenheit an mir wieder vorüberziehen zu lassen —, jahrelang muß
ich auf der Gartenbank vor dem Grabe Ophelias gesessen sein; — die
Glieder der Erlebniskette, an denen man den Ablauf der Zeit messen
kann, hängen einzeln in der Luft für mich.
So weiß ich wohl, daß eines Tages das Wasserrad stillstand, das die
Drehbank des Drechslermeisters trieb, und daß das Surren der Maschine
aufgehört hatte und eine Totenstille in der Gasse zurückließ; — wann es
aber geschehen war, ob am Morgen nach jener Nacht oder später, das ist
in mir wie ausgelöscht.
Ich weiß, ich habe meinem Vater erzählt, daß ich seine Unterschrift
gefälscht hatte; — es muß wohl ohne jede Gefühlsbewegung geschehen
sein, denn ich erinnere mich einer solchen nicht.
Auch kenne ich die Gründe nicht mehr, die mich bewogen haben, es zu
tun.
Ich entsinne mich nur leise, leise, ich habe eine gewisse Freude
empfunden, daß kein Geheimnis mehr zwischen ihm und mir bestand; — und
im Zusammenhang mit den stillstehenden Wasserrad taucht mir nur die
Empfindung auf, ich sei froh gewesen in dem Bewußtsein, daß der alte
Drechslermeister nicht mehr arbeite.
Und doch sind beides Gefühle, von denen ich glaube, ich selbst habe sie
gar nicht gehabt — sie haben sich nur aus Ophelias Geist auf mich
übertragen —, so abgestorben für alles Menschliche steht jener
Christopher Taubenschlag jetzt im Bilde vor mir. —
Es war die Zeit, wo der mir angeflogene Name „Taubenschlag“ sich in mir
auswirkte wie eine Prophezeiung aus Schicksalsmund, — wo ich
buchstäblich geworden war: ein lebloser Taubenschlag, eine Stätte, in
der Ophelia wohnte und der Ahnherr und das Uralte, das Christopher
heißt.
Viele Erkenntnisse, die nie in Büchern gestanden haben, sind mein
eigen; kein Mensch hat sie mir jemals mitgeteilt und dennoch sind sie
da.
Ich verlege ihr Erwachen in jene Zeit zurück, wo meine äußere Form sich
wie im Schlafe des Scheintodes aus einer Hülle des Nichtwissens in ein
Gefäß des Wissens wandelte.
Damals glaubte ich, so wie auch mein Vater es bis zu seinem Tode
glaubte, daß die Seele an Erfahrung reicher werden könne und daß das
Leben im Körper ihr zu diesem Zwecke dienlich sei. Ich hatte auch die
Mahnung des Urahns in diesem Sinne aufgefaßt.
Heute weiß ich, daß die Seele des Menschen allwissend und allmächtig
ist von Anbeginn, und daß das einzige, was der Mensch für sie tun kann,
ist: alle Hemmnisse, die ihrer Entfaltung im Wege stehen, zu
beseitigen. —
Wenn überhaupt irgend etwas ins Bereich seines Tuns gestellt ist!
Das tiefste Geheimnis aller Geheimnisse und das verborgenste Rätsel
aller Rätsel ist die alchemistische Verwandlung der — Form.
Das sage ich dir, der du mir die Hand leihest, zum Danke dafür, daß du
für mich schreibst!
Der verborgene Weg zur Wiedergeburt im Geiste, von dem in der Bibel
steht, ist eine Verwandlung des Körpers und nicht des Geistes.
Wie die Form beschaffen ist, so äußert sich der Geist; — beständig
meißelt und baut er an ihr, das Schicksal als Werkzeug gebrauchend; je
starrer sie ist und je unvollkommener, desto starrer und unvollkommener
die Art seiner Offenbarung; je willfähriger und feiner sie wird, desto
mannigfaltiger gibt er sich kund.
Gott allein, der Allgeist, ist es, der sie verwandelt und die Glieder
vergeistigt, so das Tiefinnerliche, der Urmensch, sein Gebet nicht nach
außen stellt, sondern Glied um Glied der eigenen Form anbetet, als
wohne darin verborgen die Gottheit in jeglichem Teile als anders
erscheinendes Bild. — — —
Die Formveränderung, die ich meine, wird für das äußere Auge erst
sichtbar, wenn der alchemistische Prozeß der Umwandlung seinem Ende
zugeht; im Verborgenen nimmt er seinen Anfang: in den magnetischen
Strömungen, die das Achsensystem des Körperbaues bestimmen, — die
Denkart des Menschen, seine Neigungen und Triebe wandeln sich zuerst,
ihnen folgt die Wandlung des Tuns und mit ihm die Verwandlung der Form,
bis diese der Auferstehungsleib des Evangeliums wird.
Es ist, wie wenn eine Statue aus Eis von innen heraus zu schmelzen
beginne.
Die Zeit kommt, wo die Lehre dieser Alchemie für viele wieder aufgebaut
wird; sie lag wie tot, wie ein Trümmerhaufen, und das erstarrte
Fakirtum Indiens ist ihre Ruine.
Unter dem verwandelnden Einfluß des geistigen Urahns war ich, wie ich
sagte, ein Automat geworden mit kalten Sinnen; ich blieb es bis zum Tag
meiner „Lösung mit dem Leichnam“.
Als leblosen Taubenschlag, in dem die Vögel aus- und einfliegen, ohne
daß er Anteil nimmt an ihrem Treiben, mußt du mich werten, wenn du
verstehen willst, wie ich damals war; du darfst mich nicht messen mit
dem Maßstab der Menschen, die nur ihresgleichen kennen.
10
DIE BANK IM GARTEN
In der Stadt geht das Gerücht, der Drechslermeister Mutschelknaus sei
wahnsinnig geworden.
Frau Aglajas Miene ist kummervoll. Frühmorgens geht sie mit einem
kleinen Handkörbchen auf den Markt selber einkaufen, denn ihre
Bedienerin hat sie entlassen. Von Tag zu Tag wird ihr Kleid schmutziger
und verwahrloster; die Absätze ihrer Schuhe sind abgetreten. Wie
jemand, der vor Sorgen nicht mehr aus und ein weiß, bleibt sie auf der
Straße zuweilen stehen und spricht halblaut mit sich selbst.
Wenn ich ihr begegne, blickt sie weg, oder erkennt sie mich nicht mehr?
Den Leuten, die sie nach ihrer Tochter fragen, sagt sie kurz und
mürrisch: sie ist in Amerika.
Der Spätsommer, der Herbst und der Winter sind vergangen und ich habe
den Drechslermeister nicht ein einzigesmal mehr zu Gesicht bekommen.
Ich weiß nicht mehr, ob Jahre seitdem verflossen sind, ob die Zeit
still stand oder ob ein einziger Winter mir so unendlich lang schien? —
Ich fühle nur: es muß wieder Frühling sein, denn die Luft ist schwer
vom Dufte der Dolden, die Wege sind beschneit von Blüten nach den
Gewittern, die jungen Mädchen haben weiße Kleider und Blumen im Haar.
Es ist ein Singen in der Luft.
Über die Ufermauern hängen die Zweige wilder Kletterrosen bis ins
Wasser hinab und der Fluß trägt den zarten, blaßroten Schaum ihrer
Sträuße spielend von Quader zu Quader bis zu den Pfeilern der Brücke,
wo er die morschen Stämme schmückt, daß sie aussehen, als trieben sie
neues Leben.
Im Garten, der Rasen vor der Bank leuchtet wie Smaragd.
Oft, wenn ich hingehe, sehe ich an allerlei winzigen Veränderungen, daß
jemand vor mir dort gewesen sein muß; einmal liegen kleine Steinchen
auf der Bank, in Kreuzform oder in Kreise gelegt, als habe ein Kind mit
ihnen gespielt, dann wieder sind Blumen umhergestreut.
Eines Tages, als ich durch den Durchlaß ging, kam mir der alte
Drechslermeister vom Gärtchen her entgegen, und ich erriet, daß er es
sein mußte, der auf der Bank, wenn ich fort war, zu sitzen pflegte.
Ich grüßte, aber er schien mich nicht zu bemerken, obgleich sein Arm
den meinen streifte.
Er blickte, ein frohes Lächeln im Gesicht, geistesabwesend vor sich
hin.
Bald darauf begab es sich, daß wir uns im Gärtchen trafen. Er setzte
sich stumm neben mich und fing an, mit seinem Stock den Namen Ophelia
in den weißen Sandstreifen zu zeichnen.
So saßen wir eine lange Zeit und ich war sehr verwundert; dann fing er
mit einem Male leise an zu murmeln, anfangs so, als spräche er mit sich
selbst oder mit jemand Unsichtbarem; allmählich erst wurden seine Worte
mir verständlich:
„Ich bin froh, daß nur du und ich herkommen!! Es ist gut, daß niemand
von dieser Bank weiß.“
Ich horchte erstaunt auf. Er nannte mich du? —
Verwechselte er mich mit einem andern? Oder war sein Geist verwirrt?
Hatte er vergessen, mit welch unnatürlicher Devotheit er früher mit mir
verkehrt hatte?
Was wollte er mit seinen Worten sagen: „Es ist gut, daß niemand von
dieser Bank weiß?“
Die Nähe Ophelias wurde mir plötzlich so deutlich, als sei sie vor uns
hingetreten.
Auch den Alten ergriff es, denn er hob schnell den Kopf und ein Strahl
des Glücks leuchtete in seinen Mienen auf.
„Weißt du, hier ist sie immer! Von hier begleitet sie mich ein Stück
nach Haus und geht dann wieder zurück,“ murmelte er, „sie hat mir
gesagt, sie wartet hier auf dich. Sie hat dich lieb, hat sie gesagt!“
Er legte mir freundlich die Hand auf den Arm, sah mir lange glücklich
in die Augen und setzte leise hinzu: „Ich bin froh, daß sie dich lieb
hat.“
Ich wußte nicht gleich, was ich erwidern sollte; stockend bringe ich
endlich heraus:
„Aber Ihre Tochter ist doch — ist doch in Amerika?“
Der Alte bringt seine Lippen dicht an mein Ohr und flüstert
geheimnisvoll: „Pst! Nein! Das glauben nur die Leute und meine Frau.
Sie ist gestorben! Aber das wissen nur wir zwei: du und ich! Sie hat
mir gesagt, daß du es auch weißt; nicht einmal der Herr Paris weiß es“
— er sieht mein Staunen, nickt und wiederholt eifrig: „Ja, sie ist
gestorben! Aber sie ist nicht tot; der Sohn Gottes, der weiße
Dominikaner, hat sich unser erbarmt, daß sie bei uns sein darf!“
Ich verstehe, daß der seltsame geistige Zustand, den die wilden Völker
den heiligen Wahnsinn nennen, Besitz ergriffen hat von dem Alten. Er
ist ein Kind geworden, spielt mit Steinchen wie ein Kind, spricht
einfach und klar wie ein Kind, aber sein Denken ist Hellsehen.
„Wie ist es denn nur gekommen, daß Sie alles das erfahren haben?“ frage
ich.
„Ich hab an der Drehbank gearbeitet in der Nacht“, erzählt er, „da ist
das Wasserrad plötzlich stillgestanden und ich hab’s nimmer in Bewegung
setzen können. Dann bin ich am Tisch eingeschlafen. Im Traum hab ich
meine Ophelia gesehen. Sie hat gesagt: ‚Vater, ich will nicht, daß du
arbeitest. Ich bin tot. Der Strom weigert sich, das Wasserrad zu
treiben, und so muß ich es tun, wenn du nicht aufhörst zu arbeiten. Hör
auf, ich bitte dich! Sonst muß ich immer draußen am Fluß sein und kann
nicht zu dir herein.‘ Wie ich dann aufgewacht bin, bin ich gleich, noch
in der Nacht, in die Marienkirche gelaufen. Es war stockfinster und
totenstill. Drin aber hat die Orgel gespielt. Ich hab mir gedacht, die
Kirche ist doch versperrt, man kann nicht hinein. Aber dann hab ich mir
gedacht, wenn ich daran zweifel, kann ich freilich nicht hinein, und
hab nicht mehr gezweifelt. Drin war’s ganz dunkel, aber weil das
Priesterkleid des Dominikaners so schneeweiß war, hab ich alles sehen
können von meinem Platz aus unter dem Standbild des Propheten Jonas.
Ophelia hat neben mir gesessen und hat mir alles erklärt, was der
Heilige, der große Weiße, gemacht hat.
Zuerst ist er vor den Altar getreten und hat mit ausgebreiteten Armen
wie ein großes Kreuz dort gestanden und die Statuen aller Heiligen und
Propheten haben es ihm nachgemacht, einer dem andern, bis die Kirche
ganz voll war mit lauter lebendigen Kreuzen. Dann ist er zu dem
gläsernen Reliquienschrein gegangen und hat etwas hineingelegt, das hat
ausgesehen wie ein kleiner, schwarzer Kieselstein.
‚Es ist dein armes Hirn, Vater‘, hat meine Tochter Ophelia gesagt;
‚jetzt hat er es in seine Schatzkammer gesperrt, denn er will nicht,
daß du es um meinetwillen noch länger zermarterst. Wenn du es dereinst
zurückerhältst, wird es ein Edelstein sein.‘ Am nächsten Morgen hat’s
mich herausgetrieben, hieher zur Bank, aber ich hab nicht gewußt,
warum. Hier sehe ich Ophelia täglich. Immer erzählt sie mir, wie
glücklich sie ist und wie schön es drüben ist im Land der Seligen. Mein
Vater, der Sargtischler, ist auch dort, und er hat mir alles verziehen.
Er ist mir nicht einmal mehr bös, daß ich ihm als Bub den Leim hab
anbrennen lassen.
Wenn’s im Paradies Abend wird, sagt sie, dann ist dort Theater, sagt
sie, und die Engel schauen zu, wie sie die Ophelia spielt in dem Stück
‚Der König von Dänemark‘ und am Schluß den Kronprinzen heiratet, und
sie freuen sich alle, erzählt sie, daß sie es so gut kann. ‚Das hab ich
nur dir zu danken, Vater‘, sagt sie immer, ‚denn du hast mir
ermöglicht, daß ich es auf Erden gelernt habe. Es war immer mein
heißester Wunsch, Schauspielerin zu werden, und den hast du mir
erfüllt, Vater!‘“
Der Alte verstummt und blickt verzückt in den Himmel.
Ein widerwärtig bitterer Geschmack tritt mir auf die Zunge. Lügen die
Toten? Oder bildet er sich all das nur ein? Warum sagt ihm Ophelia
nicht die Wahrheit in milder Form, wenn sie sich ihm doch mitteilen
kann?
Der furchtbare Gedanke, daß das Reich der Lüge bis ins Jenseits reichen
sollte, beginnt an meinem Herzen zu nagen.
Da kommt mir die Erkenntnis; die Nähe Ophelias ergreift mich so
urgewaltig, daß ich plötzlich die Wahrheit erfasse und weiß: es ist nur
ihr Bild, nicht sie selbst, das er sieht und das mit ihm spricht. Es
ist eine Truggeburt seiner langgehegten Wünsche; sein Herz ist nicht
kalt geworden wie das meine, darum sieht es die Wahrheit verzerrt.
„Die Toten können Wunder tun, wenn Gott es erlaubt“, beginnt der Alte
wieder; „sie können Fleisch und Blut werden und unter uns wandeln.
Glaubst du das?!“ Er fragt es mit so fester Stimme, daß es fast drohend
klingt.
„Ich halte nichts für unmöglich“, gebe ich ausweichend zur Antwort.
Der Alte scheint befriedigt und schweigt. Dann steht er auf und geht.
Ohne Gruß.
Einen Augenblick später kehrt er wieder um, stellt sich vor mich hin
und sagt:
„Nein, du glaubst es nicht! Ophelia will, daß du selbst siehst und
glaubst. Komm!“
Er faßt meine Hand, als wolle er mich mit sich ziehen. Zögert. Horcht
in die Luft, als lausche er einer Stimme. „Nein, nicht jetzt. Heute
nacht“ — murmelte er geistesabwesend vor sich hin; „warte hier heute
nacht auf mich!“
Er geht.
Ich blicke ihm nach, wie er schwankend wie ein Betrunkener sich an der
Mauer des Hauses entlang tastet.
Ich weiß nicht, was ich mir denken soll.
11
DAS MEDUSENHAUPT
Wir sitzen in einer winzigen, unsagbar ärmlichen Stube um einen Tisch
herum: der Drechslermeister Mutschelknaus, eine kleine, bucklige
Nähterin, von der es in der Stadt heißt, sie sei eine Hexe, ein fettes,
altes Weib, ein Mann mit langen Haaren, die ich beide noch nie gesehen
habe, und ich.
Auf einem Schrank brennt in rotem Glas ein Nachtlicht; darüber hängt
ein grellfarbiges Papierbild, die Mutter Gottes darstellend, das Herz
von sieben Schwertern durchbohrt.
„Laßt uns beten“, sagt der Mann mit den langen Haaren, schlägt sich an
die Brust und plappert das Vaterunser.
Seine Hände sind abgezehrt und von fahlem Weiß, wie arme, blutleere
Schullehrer sie haben; seine nackten Füße stecken in Sandalen.
Das fette Weib seufzt und schluckt, als wolle es jeden Augenblick in
Tränen ausbrechen.
„Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amen, bilden wir die Kette und singen wir, denn die Geister lieben die
Musik“, sagt der Mann mit den langen Haaren in einem einzigen Satz.
Wir reichen einander die Hände auf der Tischplatte und der Mann und das
Weib stimmen leise einen Choral an.
Sie singen beide falsch, aber eine so echte Demut und Ergriffenheit
klingt aus den Tönen, daß es mich unwillkürlich ergreift.
Mutschelknaus sitzt regungslos; seine Augen strahlen vor seliger
Erwartung.
Das fromme Lied verstummt.
Die Nähterin ist eingeschlafen; ich höre ihre röchelnden Atemzüge. Sie
hat den Kopf zwischen die Arme auf den Tisch gelegt.
Eine Uhr tickt an der Wand; alles andere bleibt totenstill.
„Es ist nicht genug Kraft da“, sagt der Mann und blickt mich
vorwurfsvoll von der Seite an, als sei ich schuld daran.
Da knistert es im Schrank, wie wenn Holz risse.
„Sie kommt!“ flüstert der Alte erregt.
„Nein, es ist Pythagoras“, belehrt uns der Mann mit den langen Haaren.
Das fette Weib schluckt.
Diesmal knistert und knackt es im Tisch, die Hände der Nähterin fangen
an rhythmisch zu zucken wie unter dem Taktschlag ihres Pulses.
Einen Augenblick hebt sie den Kopf — die Iris ist nach oben gedreht
unter das Lid, man sieht nur das Weiße —, dann läßt sie ihn wieder
sinken.
Ich habe einmal einen kleinen Hund sterben sehen; es war genau so; sie
ist über die Schwelle des Todes hinübergeglitten, fühle ich.
Das rhythmische Zucken ihrer Hände überträgt sich auf den Tisch. Es
ist, als ginge ihr Leben in ihn ein.
Unter meinen Fingern fühle ich ein leises Pochen im Holz, wie wenn
Blasen aufsteigen und bersten. Eine eisige Kälte kommt aus ihnen, wie
sie platzen, verbreitet sich und bleibt über der Platte schweben.
„Es ist Pythagoras!“ sagt der Mann mit den langen Haaren im Brustton
der Überzeugung.
Die kalte Luftschicht über dem Tisch wird lebendig und beginnt zu
kreisen; ich muß an den „ertötenden Nordwind“ denken, von dem mein
Vater damals um Mitternacht zu dem Kaplan sprach.
Plötzlich erschüttert ein lauter Schlag das Zimmer: der Stuhl, auf dem
die Näherin saß, ist weggerissen worden; sie selbst liegt
langausgestreckt auf dem Boden.
Das Weib und der Mann heben sie auf eine Bank, die beim Ofen steht; sie
schütteln den Kopf, als ich sie frage: „Hat sie sich nicht verletzt?“,
und setzen sich wieder an den Tisch.
Ich kann von meinem Platz aus nur den Körper der Nähterin erkennen; das
Gesicht ist durch den Schatten des Schrankes verdeckt.
Unten vor dem Hause fährt ein Lastwagen vorbei, die Wände zittern; das
Rollen der Räder ist längst verklungen, aber das Beben in den Mauern
bleibt seltsamerweise bestehen.
Oder täusche ich mich? Sind vielleicht nur meine Sinne schärfer
geworden und können wahrnehmen, was ihnen sonst entgangen wäre: das
feine Nachvibrieren der Dinge, das viel später erlischt, als man
gemeinhin glaubt?
Zuweilen muß ich die Augen schließen, so erregend wirkt der rote Schein
des Nachtlichtes; wohin er fällt, quellen die Formen der Gegenstände
auf und die Umrisse verschwimmen ineinander; der Körper der Nähterin
gleicht einer lockeren Masse; sie ist von der Bank auf den Boden
geglitten.
Ich habe mir fest vorgenommen, nicht eher aufzublicken, bis etwas
Entscheidendes eintritt; ich will Herr über meine Sinne bleiben.
Ich fühle die innere Warnung: sei auf deiner Hut! Ein tiefes Mißtrauen,
als sei etwas teuflisch Bösartiges, ein grauenhaftes Wesen wie aus Gift
geronnen im Zimmer.
Die Worte aus Ophelias Brief: „Ich werde bei Dir sein und Dich vor
jeglicher Gefahr behüten“ fallen mir ein, so deutlich, daß ich sie fast
höre.
Da rufen die drei plötzlich wie aus einem Munde: „Ophelia!“
Ich schaue auf und sehe: über dem Körper der Nähterin schwebt ein
bläulicher Dunstkegel aus kreisendem Nebel, die Spitze aufwärts
gekehrt, ein zweiter ähnlicher senkt sich, die Spitze nach unten, von
der Decke herab und tastet nach ihm, bis sie sich verbunden haben zur
Gestalt einer menschengroßen Sanduhr.
Dann ist ihre Form mit einemmal, — wie das Bild einer Laterna magica,
das jemand mit einem Ruck scharf einstellt, — klar umrissen und—Ophelia
steht da, leibhaftig und wirklich.
So deutlich und körperhaft, daß ich laut aufschreie und auf sie zueilen
will.
Ein Angstruf in mir — in der eigenen Brust —, ein doppelter Angstschrei
aus zwei Stimmen reißt mich im letzten Augenblick zurück:
„Halte dein Herz fest! Christopher!“
„Halte dein Herz fest!“ gellt es in mir, als riefen der Urahn und
Ophelia zu gleicher Zeit durcheinander.
Der Spuk schreitet mit verklärtem Gesicht auf mich zu. Jede Falte des
Gewandes ist genau wie sie im Leben war. Dasselbe Minenspiel, dieselben
schönen, träumerischen Augen, die schwarzen, langen Wimpern, die
feingezeichneten Brauen, die schmalen, weißen Hände, — sogar die Lippen
sind rot und lebensfrisch. — Nur das Haar ist von einem Schleier
verhüllt. Sie neigt sich zärtlich über mich, ich fühle ihr Herz
klopfen; sie küßt mich auf die Stirn und schlingt die Arme um meinen
Hals. — Die Wärme ihres Körpers dringt in mich ein. — „Sie ist zum
Leben erwacht!“ — sage ich mir, — „es kann kein Zweifel sein!“
Mein Blut will heiß werden und das Mißtrauen beginnt einem süßen
Glücksgefühl zu weichen, aber immer angstvoller schreit in mir Ophelias
Stimme; es ist wie ein ohnmächtig verzweifeltes Händeringen:
„Verlaß mich nicht! Hilf mir! — — — Er trägt nur meine Maske!“ — glaube
ich endlich in Worten zu verstehen, dann erstickt die Stimme wie hinter
Tüchern.
„Verlaß mich nicht!?“ das war ein Hilferuf! Er hat mich bis ins
Innerste getroffen!
Nein, meine Ophelia, die du in mir wohnst, ich verlasse dich nicht!
Ich beiße die Zähne zusammen und werde kalt, — kalt vor Mißtrauen.
„Wer ist dieser ‚Er‘, der Ophelias Maske tragen soll?“ frage ich im
Geiste und starre forschend der Spukgestalt ins Gesicht: da huscht über
das Antlitz des Phantoms ein statuenhafter Ausdruck steinerner
Leblosigkeit, die Pupillen ziehen sich zusammen, als habe sie ein
Lichtstrahl getroffen.
Es war wie das blitzschnelle Ausweichen eines Wesens, das sich
fürchtet, erkannt zu werden; aber so rasch es geschah, einen Herzschlag
lang habe ich in den Augen des Gespenstes statt meiner selbst das
winzige Bildnis eines fremden Kopfes gesehen.
Im nächsten Moment hat sich die Spukgestalt von mir gelöst und schwebt
mit ausgebreiteten Armen auf den Drechslermeister zu, der sie, laut
weinend vor Liebe und Glück, umfängt und ihre Wangen mit Küssen
bedeckt.
Ein unbeschreibliches Grauen erfaßt mich. Ich fühle, wie sich mir die
Haare sträuben vor Entsetzen. Die Luft, die ich atme, lähmt mir die
Lungen wie ein eisiger Hauch.
Das Bild des fremden Kopfes, winzig wie eine Nadelspitze und dennoch
klarer und schärfer als alles, was ein Auge sehen kann, schwebt mir
vor.
Ich schließe die Lider und halte es im Geiste fest. Das Antlitz
beständig mir zugekehrt, will es entrinnen; es irrt umher wie ein
Funken in einem Spiegel, dann zwinge ich es, still zu stehen und wir
starren uns an.
Es ist das Gesicht eines Wesens, mädchenhaft und zugleich das eines
Jünglings, von einer unbegreiflichen fremdartigen Schönheit.
Die Augen haben keine Iris, sind leer wie die eines Marmorbildes und
glitzern wie Opal.
Ein leiser, kaum sichtbarer, aber durch seine Verstecktheit um so
furchtbarerer Ausdruck einer allzerstörenden Erbarmungslosigkeit liegt
um die schmalen blutleeren, an den Mundwinkeln mit feinen Linien in die
Höhe gezogenen Lippen. — Die weißen Zähne schimmern durch die
seidendünne Haut; ein grausiges Lächeln der Knochen.
Der optische Punkt zwischen zwei Welten ist dieses Antlitz, ahne ich;
die Strahlen eines haßerfüllten Reiches der Vernichtung sind gesammelt
darin wie in einer Brennlinse: der Abgrund aller Auflösung, dessen
schwächstes Sinnbild der Todesengel ist, lauert hinter ihm. —
„Was ist diese Gestalt, die da Ophelias Züge vortäuscht?“ frage ich
mich angstvoll. „Woher kam sie, welche Kraft des Universums hat ihr
Konterfei lebendig gemacht? Es wandelt, bewegt sich voll Liebreiz und
Güte und dennoch ist es die Maske einer satanischen Kraft; — wird der
Dämon in ihm plötzlich die Hülle abwerfen und uns in höllischer
Scheußlichkeit angrinsen, bloß um ein paar armselige Menschen in
Verzweiflung und Enttäuschung zurückzulassen?“
„Nein,“ begriff ich; „um solch nichtiger Zwecke willen offenbart sich
der Teufel nicht“; ob das Uralte in mir es flüsterte, ob es die
lebendige Stimme Ophelias in meinem Herzen war, die da sprach, oder die
wortlose Erkenntnisquelle meines eigenen Wesens, — ich weiß es nicht
mehr, aber ich verstand: „die unpersönliche Kraft alles Bösen ist es,
die nach stummen Naturgesetzen handelnd, wunderbare Dinge
hervorzaubernd, in Wirklichkeit nur ein höllisches Gaukelspiel im Sinne
des Gegensatzes treibt. — Was da die Maske Ophelias trägt, ist kein
raumerfüllendes Wesen, — es ist das magische Erinnerungsbild in dem
Drechslermeister, das unter metapsychischen Bedingungen, deren Ablauf
und Grundlage wir nicht kennen, sich sichtbar und greifbar gemacht hat
— vielleicht zu dem teuflischen Zweck, die Kluft, die das Reich der
Toten von dem der Lebenden trennt, noch zu erweitern. — Die noch nicht
zu reiner kristallisierter Persönlichkeitsform gestaltete Seele der
armen hysterischen Nähterin hat, aus dem Körper des Mediums gequollen
wie eine plastisch knetbare magnetische Masse, die Hülle geborgt, aus
der die Sehnsucht des alten Drechslermeisters jenes Phantom schuf. —
Das Medusenhaupt, das Symbol der versteinernden Macht des
Abwärtssaugens, ist hier am Werke im kleinen, kommt segnend wie
Christus zu den Armen, schleicht sich ein wie der Dieb in der Nacht in
die Hütten der Menschen.
Ich blicke auf: der Spuk ist verschwunden, die Nähterin röchelt, meine
Hände liegen noch auf dem Tisch; die andern haben sie gefaltet. —
Mutschelknaus beugt sich zu mir und flüstert: „Sag nicht, daß es meine
Tochter Ophelia war, es soll niemand erfahren, daß sie tot ist; sie
wissen nur, es war eine Erscheinung eines Wesens aus dem Paradies, das
mich lieb hat.“
Wie ein Kommentar zu meinen Erwägungen beginnt da feierlich die Stimme
des Mannes mit den langen Haaren; — streng wie ein Oberlehrer richtet
er das Wort an mich:
„Danken Sie Pythagoras auf den Knien, junger Mann! Auf Herrn
Mutschelknaus’ Bitte habe ich mich an ihn durch das Medium gewendet,
damit er Sie zu unserer Sitzung zulasse, auf daß Sie von ihren Zweifeln
genesen! — — Der geistige Stern Fixtus hat sich im Weltall gelöst und
fliegt auf unsere Erde zu. — Die Auferstehung aller Toten ist nahe. —
Schon sind die ersten Vorboten auf dem Wege. Sie werden unter uns
wandeln die Geister der Abgeschiedenen wie unseresgleichen und die
wilden Tiere werden wieder Gras fressen wie einstens im Garten Eden. —
Ist es nicht so? Hat Pythagoras das nicht gesagt?“
Das fette Weib gluckst bejahend.
„Junger Mann, lassen Sie die Eitelkeit der Welt fahren! Ich bin durch
ganz Europa gewandert (er deutet auf seine Sandalen) und sage Ihnen: es
gibt nicht eine Straße, selbst nicht im kleinsten Dorf, in der heute
keine Spiritisten wären. Bald wird sich die Bewegung wie eine
Springflut über die ganze Welt ergießen. Die Macht der katholischen
Kirche ist gebrochen, denn der Heiland kommt in eigener Gestalt.“
Mutschelknaus und das fette Weib nicken entzückt, — sie haben aus den
Worten eine frohe Botschaft heraus gehört, die ihrer Sehnsucht
Erfüllung verheißt; — mir aber werden sie zur Prophezeiung einer
kommenden furchtbaren Zeit.
So wie ich vorhin das Haupt der Meduse in den Augen des Spuks sah, so
höre ich jetzt aus dem Munde des Mannes mit den langen Haaren ihre
Stimme; das eine wie das andere in die Maske der Erhabenheit gekleidet.
Die gespaltene Zunge einer Viper der Finsternis ist es, die da spricht.
Sie redet vom Heiland und meint den Satan. Sie sagt: die wilden Tiere
werden wieder Gras fressen! — Mit dem Gras meint sie die Arglosen — die
große Menge — und mit den wilden Tieren: die Dämonen der Verzweiflung.
Das Furchtbare an der Prophezeiung ist — ich fühle es: daß sie in
Erfüllung gehen wird! — Das Furchtbarste: daß sie gemischt ist aus
Wahrheit und infernalischer Tücke! Die leeren Masken der Toten werden
auferstehen, aber nicht die Heißersehnten, die Hingegangenen, nach
denen die Irdischen weinen! Sie werden tanzen kommen zu den Lebenden,
aber es wird nicht der Anbruch des tausendjährigen Reiches sein: — ein
Ballfest der Hölle soll es werden, ein satanisch frohlockendes Erwarten
des Hahnschreis eines nimmerendenden, grausigen kosmischen
Aschermittwochs!
„Soll heute schon die Zeit der Verzweiflung für den alten Mann und die
andern, die hier sitzen, anbrechen? Wünschest du es?“ — höre ich es wie
stumm fragenden Hohn aus der Stimme der Meduse klingen, „ich will dich
nicht hindern, Christopher! Sprich! — Sag ihnen, der du dich meiner
Gewalt entronnen glaubst, — sag ihnen, daß du mich gesehen hast in den
Pupillen des Phantoms, das ich aus den krebsigen Keimen des verwesenden
Seelenkleides jener Nähterin baute und wandeln hieß! — — Sag ihnen doch
alles, was du weißt! Ich will dir beistehen, damit sie dir glauben!
Mir kann es recht sein, wenn du besorgen willst, was Pflicht meiner
Diener ist. — Sei doch ein Vorbote des großen weißen Dominikaners, der
die Wahrheit bringen soll, wie dein braver Ahnherr hofft! — — Sei nur
ein Diener der herrlichen Wahrheit, zur Kreuzigung will ich dir gerne
verhelfen! — Sag diesen da mutig die Wahrheit; ich freue mich schon zu
sehen, wie ‚erlöst‘ sie sich fühlen werden!“
Die drei Spiritisten schauen mich an, erwartungsvoll, daß ich dem Mann
mit den langen Haaren eine Antwort gebe. Ich gedenke der Stelle in
Ophelias Brief, in der sie mich bat, ihrem Ziehvater hilfreich
beizustehen, ich zögere: soll ich sagen, was ich weiß? Ein Blick in die
vor Seligkeit glänzenden Augen des Alten raubt mir den Mut. Ich bleibe
stumm.
Was ich bis dahin nur mit flachem Verstande gewußt, so wie
Menschenkinder „wissen“, das wühlt jetzt meine ganze Seele auf: die
brennende Erkenntnis: der furchtbare Riß, der durch die ganze Natur
geht, ist nicht nur auf die Erde beschränkt, — der Kampf zwischen Liebe
und Haß, der Zwiespalt zwischen Himmel und Hölle reicht bis in die Welt
der Abgeschiedenen hinein, weit über das Grab hinaus.
Nur in den Herzen der Lebendiggewordenen im Geiste haben die Toten
wahrhaft Ruhe, fühle ich; dort allein ist Rast und Zuflucht für sie;
schlafen die Herzen der Menschen, so schlafen auch die Toten darin;
wachen die Herzen geistig auf, so werden auch die Toten lebendig und
nehmen Teil an der Welt der Erscheinung, ohne der Qual, die dem
irdischen Dasein anhaftet, unterworfen zu sein.
Das Bewußtsein der Ohnmacht und gänzlichen Hilflosigkeit ergreift mich,
wie ich mir überlege: was soll ich tun, jetzt wo es in meine Hand
gegeben ist zu schweigen oder zu reden? — was soll ich später tun als
reifer Mann, vielleicht als ein Vollendeter, als ein magisch
Vollkommengewordener? Die Zeit steht vor der Tür, wo die Lehre des
Mediumismus einer Pestwelle gleich die Menschheit überfluten wird, das
fühle ich als Gewißheit. Ich male mir aus: „der Abgrund der
Verzweiflung muß die Menschen verschlingen, wenn sie dereinst nach
kurzem Taumel des Glücks sehen werden: die Toten, die da den Gräbern
entsteigen, lügen, lügen, lügen, ärger als je ein Geschöpf der Erde
lügen konnte, — sind dämonische Scheinwesen, sind Embryos, einer
infernalischen Begattung entsprossen!
Welcher Prophet wird dann stark und groß genug sein, ein solches
geistiges Ende der Welt aufzuhalten?!“ — — —
Mit einemmal, mitten in mein stummes Selbstgespräch hinein, überkommt
mich eine seltsame Empfindung: es ist, als würden meine beiden Hände,
die immer noch, untätig, auf der Tischplatte ruhen, von Wesen
ergriffen, die ich nicht sehen kann; eine neue magnetische Kette hat
sich gebildet, ahne ich, — ähnlich wie bei Beginn der Sitzung, nur bin
ich jetzt der einzig lebende Teilnehmer.
Die Nähterin auf dem Boden richtet sich auf und kommt zum Tisch; ihre
Miene ist ruhig, als sei sie vollkommen bei Bewußtsein.
„Es ist Pytha — es ist Pythagoras!“ sagt der Mann mit den langen Haaren
stockend, aber aus dem wankenden Tonfall seiner Stimme klingt der
Zweifel; das normale nüchterne Aussehen des Mediums scheint ihn zu
verblüffen.
Die Nähterin sieht mich fest an und sagt mit einer tiefen Stimme, wie
ein Mann, zu mir:
„Du weißt, daß ich nicht Pythagoras bin!“
Ein schneller Blick in der Runde belehrt mich, daß die andern nicht
hören, was sie spricht; der Ausdruck ihrer Gesichter ist leer. Die
Nähterin nickt bestätigend: „Ich rede nur zu dir, die Ohren der andern
sind taub! Das Reichen der Hände ist ein magischer Prozeß; verbinden
sich Hände, die noch nicht geistig lebendig sind, so taucht das Reich
des Medusenhauptes aus dem Abgrund der Vergangenheit auf und die Tiefe
speit die Larven der Toten aus; die Kette der lebendigen Hände jedoch
ist der Schutzwall, der den Hort des obersten Lichtes beschirmt; die
Diener des Medusenhauptes sind unsere Werkzeuge, aber sie wissen es
nicht; sie glauben, sie zerstören, aber in Wahrheit schaffen sie Raum
der Zukunft; wie Würmer, die das Aas verzehren, zernagen sie den
Leichnam der materialistischen Weltanschauung, dessen Fäulnisgeruch die
Erde verwesen ließe, wenn sie nicht wären; sie hoffen, ihr Tag bricht
an, wenn sie die Gespenster der Toten unter die Menschen schicken! Wir
lassen sie freudig gewähren. Sie wollen einen leeren Raum schaffen, der
Irrsinn und äußerste Verzweiflung heißt und alles Leben verschlingen
soll; aber sie kennen das Gesetz der „Erfüllung“ nicht! Sie wissen
nicht, daß aus dem Reich des Geistes nur die Quelle der Hilfe springt,
wenn die Not da ist.
Und diese Not schaffen sie selber.
Sie tun mehr als wir: sie rufen den neuen Propheten herab. Sie stürzen
die alte Kirche und ahnen nicht, daß sie die neue rufen. Sie wollen das
Lebendige fressen und fressen nur das Verwesende. Sie wollen die
Hoffnung der Menschen auf das Jenseits vertilgen und vertilgen nur das,
was fallen soll. Die alte Kirche ist schwarz geworden und lichtlos,
aber der Schatten, den sie in die Zukunft wirft, ist weiß; die
vergessene Lehre der ‚Lösung mit Leichnam und Schwert‘ wird die
Grundlage der neuen Religion sein und das Rüstzeug des geistigen
Papstes.
„Sorge dich nicht um diesen da“ — die Nähterin richtete ihren Blick auf
den teilnahmslos vor sich hinschauenden Drechsler — „und auch nicht um
seinesgleichen; keiner, der es redlich meint, wandert dem Abgrund zu.“
Den Rest der Nacht habe ich auf der Bank im Garten zugebracht, bis die
Sonne kam, froh war ich im Wissen: hier zu meinen Füßen schläft nur die
Form meiner Geliebten, sie selbst ist wach wie mein Herz, ist
untrennbar mit mir verbunden.
Das Morgenrot stieg aus dem Horizont, Nachtwolken hingen wie schwere,
schwarze Vorhänge vom Himmel bis zur Erde herab, orangegelbe und
violette Flecken formten ein riesenhaftes Gesicht, dessen starre Züge
mich an das Medusenhaupt erinnerten; als wolle es die Sonne
verschlingen, schwebte es regungslos lauernd. Das ganze Bild: ein
Schweißtuch der Hölle mit dem Antlitz des Satans darin.
Ich habe, ehe die Sonne kam, ihr wie zum Gruß den Zweig eines
Holunderstrauches abgebrochen und, damit er wachsend und gedeihend
selber ein Baum würde, ihn in die Erde gesteckt; mir war, als
bereicherte ich dadurch die Welt des Lebens.
Noch ehe das große Licht erschien, hatten die ersten Boten seines
Glanzes das Medusenhaupt vertilgt; in eine unabsehbare Schar weißer
Lämmer verwandelt, trieben die vorher so drohend dunkeln Wolken über
den strahlenden Himmel.
12
JENER MUSS WACHSEN, ICH ABER SCHWINDEN
Mit diesem Ausspruch Johannis des Täufers auf den Lippen erwachte ich
eines Morgens; er hat wie ein Motto meinem Leben vorgestanden von dem
Tage an, als ihn meine Zunge sprach, bis zu meinem zweiunddreißigsten
Jahre.
„Er wird ein Sonderling wie sein Großvater,“ hörte ich die alten Leute
raunen, wenn ich ihnen begegnete in der Stadt; „von Monat zu Monat geht
es mehr bergab mit ihm.“
„Ein Müßiggänger ist er und stiehlt unserm Herrgott die Tage ab,“
murrten die Fleißigen, — „hat ihn schon jemand arbeiten sehen?“
In späteren Jahren, als ich ein Mann geworden war, hatte sich das
Gerücht zu der Fama verdichtet: „er hat den bösen Blick, weicht ihm
aus; sein Auge bringt Unglück!“ und die alten Weiber auf dem Marktplatz
streckten mir die „Gabel“ entgegen — Zeigefinger und Mittelfinger
gespreizt, um den „Zauber“ abzuwehren, oder sie schlugen das Kreuz. —
Dann wieder hieß es, ich sei ein Vampir, ein nur scheinbar Lebender,
der den Kindern im Schlaf das Blut aussaugt; und wenn man am Halse
eines Säuglings zwei rote Punkte fand, ging das Gerede, es seien die
Spuren meiner Zähne. Viele wollten mich im Traum gesehen haben, halb
Wolf, halb Mensch, und liefen schreiend davon, wenn sie mich auf der
Straße erblickten. Die Stelle im Garten, wo ich zu sitzen pflegte, galt
als verhext und niemand wagte sich am Durchlaß vorbei.
Eine Reihe wundersamer Geschehnisse verlieh den Gerüchten den Anschein,
als ob sie auf Wahrheit beruhten.
Einmal, spät abends, lief ein struppiger, großer Hund von
raubtierartigem Aussehen, den niemand kannte, aus dem Hause der
buckligen Nähterin und die Kinder der Gasse riefen: „Der Werwolf, der
Werwolf.“
Ein Mann schlug ihn mit einem Beil auf den Kopf und tötete ihn.
Fast zur selben Zeit hatte mich ein vom Dache fallender Stein am
Schädel verletzt und als ich tags darauf eine Binde um die Stirne trug,
hieß es, ich sei jener Nachtmahr gewesen und die Wunde des Werwolfs
hätte sich auf mich übertragen.
Dann wieder begab es sich, daß ein Fremder, ein Landstreicher aus der
Umgebung, der für geistesschwach galt, bei hellichtem Mittag auf dem
Marktplatz mit allen Anzeichen des Entsetzens die Arme emporriß, als
ich um die Ecke bog, und mit verzerrtem Gesicht, als habe er den Teufel
gesehen, tot zu Boden stürzte.
Ein andermal schleppten Gendarmen einen Mann durch die Straßen, der,
sich aus Leibeskräften wehrend, immerfort jammerte: „Wie kann ich
jemand ermordet haben? Ich habe doch den ganzen Tag in der Scheune
geschlafen!“
Ich kam zufällig des Weges; als der Mann mich erblickte, warf er sich
zu Boden, deutete auf mich und schrie: „Laßt mich los, dort geht er
doch. Er ist wieder lebendig geworden.“
„Sie alle haben das Medusenhaupt in dir gesehen,“ sagte mir jedesmal
ein Gedanke, so oft sich dergleichen begab, „es wohnt in dir; die es
sehen, die sterben, und die es nur fühlen, die entsetzen sich. Du hast
das Todhafte, das Todbringende, das in jedem Menschen und auch in dir
wohnt, damals gesehen in den Pupillen des Spuks. Der Tod wohnt in den
Menschen, darum sehen sie ihn nicht; sie sind nicht ‚Christus‘-träger;
sie sind Träger des Todes; er höhlt sie aus von innen wie ein Wurm. —
Wer ihn aufgestöbert hat wie du, der kann ihn sehen, — dem wird er
Gegen„stand“, dem stellt er sich ent„gegen“.
Und wahrlich: die Erde wurde damals von Jahr zu Jahr ein immer
dunkleres Tal des Todes für mich. Wohin ich blickte, überall in Form,
in Wort und Klang und Gebärde, als stetig wechselnder Einfluß umgab
mich die schreckliche Herrin der Welt: die Meduse mit dem schönen und
doch so grausigen Antlitz.
„Das irdische Leben ist das beständige qualvolle Gebären eines jede
Sekunde neu entstehenden Todes“; das war die Erkenntnis, die mich Tag
und Nacht nicht verließ; „nur um der Offenbarung des Todes willen ist
das Leben da“: so war jegliches Denken in mir in das Gegenteil alles
menschlichen Empfindens umgekehrt worden.
„Lebenwollen“ kam mir wie Raub und Diebstahl an meinen Mitwesen vor und
das „Nicht-sterben-können“ wie der hypnotische Zwang der Meduse: „Ich
will, daß du ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder bleibst und als
solcher auf Erden wandelst.“
Der Satz des Evangeliums: „Wer sein Leben lieb hat, der wird’s
verlieren, wer’s hasset, der wird’s erhalten“, begann hell leuchtend
für mich aus der Finsternis zu steigen; ich begriff den Sinn: jener,
der wachsen muß, das ist der Urahn, ich aber muß schwinden!
Als der Landstreicher auf dem Marktplatz tot umfiel und seine Mienen
anfingen starr zu werden, stand ich in der Menge, die ihn umdrängte,
und hatte das unheimliche Gefühl, seine Lebenskraft zöge wie ein
erfrischender Regenhauch in meinen Körper ein.
Als sei ich in Wirklichkeit ein vampirhafter Blutsauger, hatte ich mich
wie schuldbeladen weggeschlichen und trug das häßliche Bewußtsein mit
fort: mein Leib erhält sich nur mehr am Leben, indem er es andern
stiehlt, — er ist eine wandelnde Leiche, die das Grab um sein Recht
betrügt; und daß ich nicht lebendig verwese wie ein Lazarus, verhindert
nur die fremdartige Kälte meines Herzens und meiner Sinne. — — —
Die Jahre vergingen; ich kann fast sagen: ich merkte es bald nur noch
daran, wie das Haar meines Vaters weißer und weißer wurde und seine
Gestalt greisenhafter und gebeugter.
Um den Leuten keinen Anlaß zum Aberglauben zu geben, ging ich immer
seltener aus, bis schließlich die Zeit gekommen war, wo ich jahrelang
zu Hause blieb und nicht einmal mehr hinunter zur Gartenbank ging.
Ich hatte sie im Geiste hinauf in mein Zimmer getragen, saß stundenlang
auf ihr und ließ die Nähe Ophelias mich durchströmen. Das waren die
einzigen Stunden, wo das Reich des Todes mir nichts anhaben konnte.
Mein Vater war sonderbar schweigsam geworden; oft vergingen Wochen,
ohne daß wir — einen Gruß am Morgen und einen des Abends ausgenommen —
ein Wort gewechselt hätten.
Wir hatten uns das Sprechen fast abgewöhnt, aber, als bahnte sich der
Gedanke neue Wege der Mitteilung, erriet jeder immer, wenn der andere
etwas wünschte. Einmal war ich es, der ihm einen Gegenstand reichte,
dann wieder holte er ein Buch vom Bord, blätterte darin und gab es mir,
und fast jedesmal fand ich die Stelle aufgeschlagen, mit der ich mich
innerlich gerade beschäftigt hatte.
Ich sah ihm an, daß er sich vollkommen glücklich fühlte; zuweilen ruhte
sein Blick lange auf mir und der Ausdruck wunschloser Zufriedenheit lag
darin.
Manchmal wußten wir beide genau: daß wir uns oft eine Stunde hindurch
in den gleichen Gedankengängen bewegten; wir marschierten sozusagen
geistig in so genauem Takt neben einander, daß schließlich doch die
stummen Gedanken zu Worten wurden. — Aber das war dann nicht wie einst,
wo „Worte zu früh oder zu spät kamen, aber nie zu rechter Zeit“, — es
war vielmehr die Fortsetzung eines Denkprozesses und nicht mehr ein
Wegetasten oder ein Anfangsuchen.
Solche Momente sind in meiner Erinnerung so lebendig, daß die ganze
Umgebung in den kleinsten Einzelheiten mit wach wird, wenn ich jener
Minuten gedenke.
So höre ich die Stimme meines Vaters wieder, Wort um Wort, Klang um
Klang, wie ich hier niederschreibe, was er eines Tages sagte, als ich
im Geiste erwogen hatte, was wohl der Zweck meiner seltsamen
Erstorbenheit sein möchte:
„Kalt werden müssen wir alle, mein Sohn, aber bei den meisten bringt es
das Leben nicht zustande, und da muß es der Tod besorgen. — — Sterben
und Sterben ist nicht dasselbe.
Bei manchen Wesen stirbt in der Todesstunde soviel, daß man fast sagen
kann: es ist nichts mehr da. Von einigen Menschen bleiben nur die Werke
übrig, die sie auf Erden vollbracht haben: ihr Ruhm und ihre Verdienste
leben eine Zeitlang fort und in gewissem Sinne seltsamer Weise sogar
ihre Gestalt, denn man baut ihnen Standbilder. — Wie wenig dabei Gut
und Böse eine Rolle spielt, sieht man daran, daß auch die großen
Vernichter wie Nero oder Napoleon ihre Denkmäler haben.
Es kommt nur auf das Überragende der Taten an.
Von Selbstmördern oder Menschen, die auf gräßliche Weise ums Leben
gekommen sind, behaupten die Spiritisten, sie seien für eine bestimmte
Dauer an die Erde gebunden; ich neige eher zu der Ansicht, daß es nicht
ihre Schemen sind, die da bei mediumistischen Sitzungen oder in
Spukhäusern sichtbar und fühlbar werden, sondern vielmehr ihre
Ebenbilder mitsamt gewissen Begleiterscheinungen ihres Todes; — so, als
ob die magnetische Atmosphäre des Ortes die Vorgänge aufbewahrt und zu
Zeiten wieder freigibt.
Viele Merkmale bei den Totenbeschwörungen der alten Griechen, wie z.B.
denen des Teiresias, lassen erkennen, daß es so ist.
Die Sterbestunde ist nur der Moment einer Katastrophe, in der alles das
wie von einem Sturmwind fortgerissen wird, was im Menschen während der
Lebenszeit nicht hat zermürbt werden können. — Man kann auch sagen: der
Wurm der Zerstörung zernagt zuerst die weniger wichtigen Organe: das
ist das Altern; trifft sein Zahn die Lebenspfeiler, so stürzt das Haus
zusammen. Das ist der normale Verlauf.
Ein solches Ende werde ich nehmen, denn mein Körper enthält zu viele
Elemente, die alchemistisch zu verwandeln über meine Kraft ging. — Wenn
du nicht wärst, mein Sohn, so müßte ich wiederkehren, um in einem neuen
Erdendasein die unterbrochene Arbeit zu vollenden.
Es heißt in den Weisheitsbüchern des Ostens: hast du einen Sohn
gezeugt, einen Baum gepflanzt und ein Buch geschrieben? Nur dann kannst
du das ‚große Werk‘ beginnen. —
Um die Wiederkehr zu vermeiden, ließen die Priester und Könige des
alten Ägyptens ihre Leiber einbalsamieren; sie wollten verhindern, daß
die Erbschaft ihrer Zellen ihnen selbst wieder zufiele und sie zwänge,
zu neuer Arbeit auf Erden zurückzukehren.
Irdische Talente, Mängel und Gebrechen, Wissen und Geistesgaben sind
Eigenschaften der Körperform und nicht der Seele. — Ich für mein Teil
als letzter Ast unseres Stammes habe die Körperzellen meiner Ahnen
geerbt; sie gingen über von Geschlecht zu Geschlecht und zuletzt auf
mich. — Ich fühle, du denkst dir jetzt, mein Sohn: wie kann das sein?
wie können die Körperzellen des Großvaters auf den Vater übergehen,
wenn der Erzeuger nicht vor der Geburt des Nachkommen gestorben ist? —
Die Vererbung der ‚Zellen‘ geschieht anders; sie tritt nicht sogleich
bei Zeugung oder Geburt ein und auch nicht auf grobsinnliche Weise,
etwa so, als gösse man Wasser aus einem Gefäß in ein anderes. Die
bestimmte individuelle Art und Weise, wie sich die Zellen um einen
Mittelpunkt herum kristallisieren, vererbt sich, und auch sie geschieht
nicht plötzlich, sondern allmählich. Hast du nie bemerkt — es ist eine
komische Tatsache, über die viel gelacht wird —, daß alte Junggesellen,
die einen Lieblingshund haben, mit der Zeit ihre Ähnlichkeit auf das
Tier übertragen? Es geht da ein astrales Wandern der ‚Zellen‘ von einem
Leib in den andern vor sich: was man lieb hat, dem drückt man den
Stempel des eigenen Wesens auf. Die Haustiere sind nur deshalb so
bürgerlich klug, weil sich die Zellen der Menschen auf sie übertragen.
Je inniger Menschen einander lieben, desto mehr ‚Zellen‘ tauschen sie
aus, desto enger verschmelzen sie miteinander, bis dereinst nach
Milliarden von Jahren der Idealzustand erreicht sein wird, daß die
gesamte Menschheit ein einziges Wesen, gesammelt aus unzähligen
Individuen, bildet. Am selben Tage, als dein Großvater starb, trat ich
als sein einziger Sohn das letzte Erbe unseres Stammes an.
Ich habe nicht eine Stunde lang trauern können, so lebendig zog sein
ganzes Wesen in mich ein! Für Laien mag es schauerlich klingen, aber
ich kann sagen: ich fühlte förmlich, wie von Tag zu Tag sein Körper im
Grabe zerfiel, ohne daß ich es als furchtbar oder widerwärtig empfunden
hätte; sein Verwesen bedeutete für mich das Freiwerden gebundener
Kräfte; wie Ätherwellen gingen sie in mein Blut über.
Wenn du nicht wärst, Christopher, müßte ich wiederkehren, solange, bis
die ‚Vorsehung‘ es fügen würde — wenn ich dieses Wort gebrauchen soll
—, daß ich selber die Eignung bekäme wie du: ein Wipfel statt eines
Astes zu sein.
Du, mein Sohn, wirst die letzten Zellen meiner Form, die ich nicht habe
zur Vollendung bringen können, in meiner Sterbestunde erben, und an dir
wird es sein, sie zu alchemisieren, zu vergeistigen und mit ihnen
unsern ganzen Stamm.
An mir und den Vätern konnte es nicht geschehen, daß wir uns ‚mit dem
Leichnam lösten‘, denn uns hat die Herrscherin der Fäulnis nicht so
gehaßt, wie sie dich haßt. Nur wen die Meduse haßt und fürchtet
zugleich, so wie sie dich haßt und fürchtet, dem kann es gelingen; sie
selbst vollbringt an ihm das, was sie verhindern möchte. Wenn die
Stunde gekommen ist, wird sie mit so grenzenloser Wut über dich
herfallen, um jedes Atom in dir zu verbrennen, daß sie in dir ihr
eigenes Spiegelbild mitvernichten wird und auf diese Art das erschaffen
wird, was der Mensch aus eigener Kraft niemals vermag: sie wird ein
Stück von sich selbst töten und dir dein ewiges Leben bringen; sie wird
zum Skorpion, der sich selber ersticht. Dann ist die große Umwandlung
da: nicht mehr das Leben gebiert den Tod, sondern der Tod erzeugt das
Leben!
Ich sehe mit jubelnder Freude, daß du, mein Sohn, der berufene Wipfel
unseres Stammes bist! Du bist kalt geworden in jungen Jahren, wir alle
sind warm geblieben trotz Alter und Morschsein. Der Geschlechtstrieb —
ob er sich nun offenbart wie bei der Jugend, oder ob er sich versteckt
wie beim Greis — ist die Wurzel des Todes; sie auszutilgen, ist das
vergebliche Bemühen aller Asketen. Sie sind wie der Sisyphus, der
ruhelos einen Felsen den Berg hinaufrollt, um voll Verzweiflung sehen
zu müssen, daß er vom Gipfel wieder in die Tiefe stürzt; sie wollen das
magische Kaltsein erringen, ohne das es kein Übermenschentum gibt, und
fliehen das Weib; und doch ist es nur das Weib allein, das ihnen Hilfe
bringen kann. Das Weibliche, das hier auf Erden vom Manne getrennt ist,
muß in ihn einziehen, muß in ihn in eins verschmelzen; dann erst ist
alle Sehnsucht des Fleisches gestillt. Erst wenn diese beiden Pole
einander decken, dann ist die Ehe — der Ring — geschlossen, dann ist
die Kälte da, die in sich selber bestehen bleibt, die magische Kälte,
die die Gesetze der Erde zerbricht, die nicht mehr der Gegensatz der
Wärme ist, die jenseits liegt von Frost und Hitze und aus der wie aus
dem Nichts hervorquillt alles, was die Macht des Geistes gläubig zu
erschaffen vermag.
Der Geschlechtstrieb ist das Joch vor dem Triumphwagen der Meduse, an
den wir geschirrt sind.
Wir Alten haben alle geheiratet, aber ver‚ehe‘licht waren wir nicht; du
hast nicht geheiratet, aber du bist der einzige, der ver‚ehe‘licht ist;
darum bist du kalt geworden, wir aber mußten warm bleiben.
Du verstehst, was ich meine, Christopher!“
Ich sprang auf und ergriff mit beiden Händen die Hand meines Vaters;
das Leuchten in seinen Augen sagte mir: ich weiß.
Es kam der Tag Mariä Himmelfahrt; es ist der Tag, an dem man mich vor
zweiunddreißig Jahren als Neugeborenen auf der Schwelle der Kirchentüre
gefunden hat.
Wiederum, wie einst im Fieber nach meiner Kahnfahrt mit Ophelia, hörte
ich nachts die Türen im Hause gehen, und als ich lauschte, erkannte ich
die Schritte meines Vaters, wie er von unten heraufkam und sein Zimmer
betrat.
Ein Geruch nach brennenden Wachskerzen und glimmendem Lorbeer drang zu
mir herein.
Wohl eine Stunde mochte vergangen sein, da rief seine Stimme leise
meinen Namen.
Ich eilte zu ihm in die Stube, von seltsamer Unruhe erfaßt, und sah an
den scharfen, tiefen Linien in seinen Wangen und der Blässe seines
Gesichtes, daß seine Sterbestunde gekommen war.
Er stand hoch aufgerichtet da, aber mit dem Rücken an die Wand gelehnt,
um nicht zu fallen.
Der Anblick, den er bot, war so fremdartig, daß ich eine Sekunde lang
geglaubt hatte, ein anderer stünde vor mir.
Er war in einen langen, bis zum Boden reichenden Mantel gehüllt; um die
Hüften an einer goldenen Kette hing ihm ein nacktes Schwert.
Ich erriet, daß er beides aus den unteren Stockwerken des Hauses geholt
haben mußte.
Die Tischtafel war mit einem schneeweißen Linnen gedeckt, aber nur
einige silberne Leuchter mit brennenden Kerzen und ein Räuchergefäß
standen darauf.
Ich sah, daß er wankte und mit dem Röcheln seines Atems kämpfte, wollte
zuspringen, um ihn zu stützen, aber er wehrte mich ab mit
vorgestreckten Armen:
„Hörst du sie kommen, Christopher?“
Ich lauschte, aber alles blieb totenstill.
„Siehst du, wie die Türe sich öffnet, Christopher?“
Ich blickte hin, aber für meine Augen blieb sie geschlossen.
Wieder schien es, als solle er zusammenbrechen, aber noch einmal
richtete er sich hoch auf und ein Glanz trat in seine Augen, wie ich
ihn nie zuvor an ihm gesehen hatte.
„Christopher!“ rief er plötzlich mit so eherner Stimme, daß es mir
durch Mark und Bein fuhr. „Christopher! Meine Mission ist zu Ende. Ich
habe dich erzogen und behütet, wie es mir vorgeschrieben war. Komm her
zu mir, ich will dir das Zeichen geben!“ Er faßte mich an der Hand und
verflocht seine Finger auf eine besondere Weise mit den meinigen. „Auf
diese Art“, setzte er leise hinzu, und ich hörte, daß sein Atem wieder
zu stocken begann, „hängen die Glieder der großen unsichtbaren Kette
zusammen; ohne sie vermagst du wenig; bist du aber eingeschaltet, so
kann dir nichts widerstehen, denn bis in die fernsten Räume des
Weltalls helfen dir die Mächte unseres Ordens. Höre mich an: Mißtraue
allen Gestalten, die dir entgegentreten im Reiche der Magie! Jegliche
Form können die Mächte der Finsternis vortäuschen, sogar die unseres
Meisters; auch den Griff, den ich dir gezeigt habe, können sie
äußerlich nachahmen, um dich irre zu führen, aber zugleich unsichtbar
bleiben — das können sie nicht. Würden sie versuchen, als Unsichtbare
sich einzugliedern in unsere Kette: im selben Moment wären sie in Atome
zerfetzt!“ Er wiederholte das Handzeichen. „Merke dir ihn gut, den
Griff! Wenn sich dir eine Erscheinung aus der andern Welt naht, und
solltest du sogar glauben, ich sei es: immer verlange den Griff! Die
Welt der Magie ist voll von Gefahren.“
Die letzten Worte gingen in ein Röcheln über, ein Schleier legte sich
über den Blick meines Vaters und er ließ das Kinn auf die Brust sinken.
Dann stand sein Atem plötzlich still; ich fing ihn in meinen Armen auf,
trug ihn behutsam auf sein Lager und hielt die Totenwacht, bis die
Sonne kam, seine rechte Hand in der meinigen, die Finger zum „Griff“
gefügt, wie er es mich gelehrt hatte.
Auf dem Tisch fand ich einen Zettel, darauf stand:
„Laß meinen Leichnam begraben mit Ornat und Schwert neben meiner lieben
Frau! Der Kaplan soll eine Messe lesen. Nicht meinetwegen, denn ich
lebe, aber um seiner Beruhigung willen: er war mir ein treu besorgter
Freund.“
Ich nahm das Schwert und betrachtete es lange. Es war aus Roteisenerz,
dem sogenannten „Blutstein“, wie man ihn häufig auf Siegelringen sieht,
gefertigt, anscheinend asiatische Arbeit und uralt.
Der Griff, rötlich und matt, war dem Oberkörper eines Menschen mit
höchster Kunst nachgeahmt. Die abwärts gestreckten, halb ausgebreiteten
Arme bildeten die Parierstange, der Kopf war der Knauf. Das Gesicht
trug unverkennbar mongolischen Typus und war das eines sehr alten
Mannes mit schütterem, langem Bart, wie man es auf den Bildern
chinesischer Heiligen sieht. Auf dem Haupte trug er eine seltsam
geformte Ohrenkappe. Die Beine, nur durch Gravierung angedeutet, liefen
in die glänzend geschliffene Klinge aus. Das Ganze war aus einem
einzigen Stück gegossen oder geschmiedet.
Ich hatte ein unbeschreiblich seltsames Gefühl, als ich es in der Hand
hielt, eine Empfindung, als gingen Ströme des Lebens von ihm aus.
Voll Scheu und Ehrfurcht legte ich es wieder neben den Toten.
Vielleicht ist es eines jener Schwerter, von denen die Legende
berichtet, es sei einst ein Mensch gewesen, sagte ich mir.
13
GEGRÜSST SEIST DU, KÖNIGIN DER BARMHERZIGKEIT
Wieder sind Monate verflossen.
Die bösen Gerüchte über mich sind längst verstummt; die Leute in der
Stadt halten mich wahrscheinlich für einen Fremden; sie beachten mich
kaum, so lange habe ich wie ein Eremit zusammen mit meinem Vater hoch
da oben unter dem Dache gehaust, fern von jeder Berührung mit ihnen.
Wenn ich mir jene Zeit vergegenwärtige, kann ich unmöglich glauben, daß
sich tatsächlich mein Reifen vom Jüngling zum Manne nur innerhalb
unserer vier Wände und so ganz und gar von der Außenwelt abgeschlossen
vollzogen haben sollte.
Gewisse Einzelheiten, wie zum Beispiel der Umstand, daß ich mir neue
Kleider, Schuhe, Wäsche und dergleichen doch wohl irgendwo in der Stadt
besorgt haben mußte, lassen mich schließen: meine innere
Abgestorbenheit damals war so tief gewesen, daß alltägliche
Geschehnisse an meinem Bewußtsein vollkommen eindruckslos
vorübergegangen sind.
Als ich am Morgen nach dem Tode meines Vaters — wie ich glaubte: zum
erstenmal wieder — die Straße betrat, um die nötigen Vorbereitungen zum
Begräbnis zu treffen, staunte ich, wie sich alles verändert hatte: ein
schmiedeeisernes Gitter schloß den Zugang zu unserem Garten ab; durch
die Stäbe hindurch sah ich einen großen Holunderbaum dort, wo ich einst
das Reis gepflanzt hatte; die Bank war verschwunden und an ihrer Stelle
stand auf hohem Marmorsockel die vergoldete Statue der Mutter Gottes,
übersät von Kränzen und Blumen.
Ich konnte mir den Grund dieser Veränderung nicht erklären, aber es
berührte mich wie ein weihevolles Wunder, daß den Ort, wo meine Ophelia
bestattet lag, jetzt ein Standbild der Maria schmückte.
Als ich später den Kaplan traf, erkannte ich ihn kaum, so alt schien er
geworden. Mein Vater hatte ihn bisweilen besucht und mir jedesmal Grüße
von ihm ausgerichtet, aber gesehen hatte ich ihn jahrelang nicht mehr.
Auch er war sehr erstaunt gewesen, als er mich erblickte, hatte mich
verwundert betrachtet und nicht glauben wollen, daß ich es sei.
„Der alte Herr Baron hatte mich gebeten, nicht in sein Haus zu kommen,“
erklärte er mir, „er sagte, es sei nötig, daß Sie einsam blieben eine
bestimmte Reihe von Jahren. Ich habe seinen mir unverständlichen Wunsch
getreulich respektiert.“
Ich kam mir vor wie jemand, der nach langer, langer Abwesenheit wieder
in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist; — ich begegnete erwachsenen
Menschen, die ich als Kinder gekannt hatte; ernste Mienen sah ich, wo
früher ein jugendfrohes Lächeln gewesen; blühende Mädchen waren
sorgenvolle Ehefrauen geworden.
Ich kann nicht sagen, daß das Gefühl des inneren Erstarrtseins mich
damals verlassen gehabt hätte, es war nur etwas hinzu gekommen, wenn
auch nur eine dünne angeflogene Schicht, was mich die Umwelt wieder mit
mehr menschlichem Auge sehen ließ; ich erklärte es mir als den Hauch
animalischer Lebenskraft, der von meinem Vater wie ein Vermächtnis auf
mich übergegangen war.
Als hätte der Kaplan diesen Einfluß instinktiv empfunden, faßte er bald
eine große Zuneigung zu mir und kam mich öfter des Abends besuchen.
„Immer, wenn ich in Ihrer Nähe bin“, sagte er, „ist mir, als säße mein
alter Freund vor mir.“
Bei Gelegenheit erzählte er mir ausführlich, was sich die Jahre über in
der Stadt begeben hatte.
Ich rufe eine solche Spanne Zeit wieder in die Gegenwart zurück:
„Erinnern Sie sich noch, Christopher, daß Sie mir einst als kleiner
Junge sagten, der weiße Dominikaner hätte Ihnen die Beichte abgenommen?
Ich wußte anfangs nicht recht, ob Ihnen Ihre Phantasie nicht einen
Streich gespielt hätte, denn, was Sie mir erzählten, überstieg meine
Glaubenskraft. Ich schwankte lange zwischen Zweifeln und der Annahme,
es könne sich um einen Fall von Teufelsspuk oder von Besessenheit —
wenn Ihnen das besser klingt — handeln. Heute freilich, wo so
Unerhörtes geschehen ist, gibt es für mich nur eine Erklärung: wir
gehen hier in unserer Stadt einer Zeit der Wunder entgegen!“
„Was ist denn alles vorgefallen?“ fragte ich, „ich war ein halbes
Menschenleben lang, wie Sie wissen, von der Welt wie abgeschnitten.“
Der Kaplan überlegte. „Es ist am besten, ich berühre gleich die letzten
Epochen; ich wüßte sonst nicht, wo beginnen. Also: es fing damit an,
daß immer mehr Leute behaupteten, sie hätten um Neumond den gewissen
weißen Schatten, den unsere Kirche der Sage nach bisweilen werfen soll,
mit eigenen Augen gesehen. Ich trat dem Gerücht entgegen, wo ich
konnte, bis ich selbst — ja, ich selbst! — Zeuge der Tatsache wurde.
Aber, gehen wir weiter; es erschüttert mich immer aufs tiefste, wenn
ich darauf zu sprechen komme. Genug: ich sah den ‚Dominikaner‘ selbst!
Ersparen Sie mir die Schilderung; was ich erlebt habe, ist für mich das
Heiligste, was ich mir denken kann.“
„Halten Sie den Dominikaner für einen Menschen, der über besondere
Kräfte verfügt, oder glauben Sie, Hochwürden, er sei — etwas der Art,
wie eine Geistererscheinung?“
Der Kaplan zögerte. „Offen gestanden: ich weiß es nicht! Er erschien
mir in dem Ornat eines Papstes. Ich glaube — ja, ich glaube fest: es
war ein Hellgesicht in die Zukunft hinein; ich hatte eine Vision des
kommenden großen Papstes gehabt, der „flos florum“ heißen wird. Bitte,
fragen Sie mich nicht weiter! Später entstand das Gerede, der
Drechslermeister Mutschelknaus hätte aus Gram darüber, daß seine
Tochter verschollen ist, den Verstand verloren. Ich ging der Sache nach
und wollte ihn trösten: Aber — er tröstete mich. Ich sah sehr bald, daß
ich einen Begnadeten vor mir hatte! Heute wissen wir ja alle, daß er
ein Wundertäter ist.“
„Der Drechslermeister ein Wundertäter?!“ fragte ich erstaunt.
„Ja wissen Sie denn nicht, daß unsere kleine Stadt auf dem besten Wege
ist, ein Wallfahrtsort zu werden!“ rief der Kaplan verblüfft, „Mensch,
haben Sie die ganze Zeit über geschlafen, wie der Mönch von
Heisterbach? Haben Sie denn das Muttergottesbild unten im Garten nicht
gesehen?“
„Ja, ich kenne es“, gab ich zu, „aber welche Bewandtnis hat es damit? —
Ich habe bis jetzt nicht bemerkt, daß viele Leute hingepilgert wären!“
„Das kommt daher“, erklärte der Kaplan, „weil zurzeit der alte
Mutschelknaus durchs Land wandert und durch Auflegen der Hände Kranke
heilt. In Scharen ziehen ihm die Menschen nach; das ist auch der Grund,
weshalb die Stadt gegenwärtig wie ausgestorben ist. Morgen zum
Marienfest kommt er wieder in die Stadt.“
„Hat er Ihnen nie erzählt, daß er spiritistischen Sitzungen beiwohnt?“
fragte ich vorsichtig.
„Nur ganz im Anfang war er Spiritist, jetzt hält er sich fern davon.
Ich glaube, es war ein Übergangsstadium für ihn. Daß sich die Sekte
enorm verbreitet hat, ist ja leider der Fall. Ich sage: ‚leider‘; muß
es wohl sagen, denn wie vertrügen sich die Lehren dieser Leute mit
denen der Kirche! Anderseits frage ich mich: was ist besser, die Pest
des Materialismus, die über die Menschheit gekommen ist, oder dieser
fanatische Glaube, der da urplötzlich aus dem Boden wächst und alles zu
verschlingen droht? Man steht da wirklich zwischen Scylla und
Charybdis.“ Der Kaplan sah mich fragend an und schien eine Antwort von
mir zu erwarten; ich schwieg — ich mußte wieder an das Medusenhaupt
denken.
„Eines Tages rief man mich aus der Pfarrei“, fuhr er fort. „Der alte
Mutschelknaus zieht durch die Straßen; er hat einen Toten auferweckt!
schrie alles aufgeregt durcheinander. Ein höchst seltsames Geschehnis
hatte sich ereignet. Der Leichenwagen war durch die Stadt gefahren, da
hatte der Alte dem Kutscher befohlen, zu halten. ‚Hebt den Sarg
heraus!‘ befahl er mit lauter Stimme. Wie unter einer Suggestion
stehend, gehorchten die Leute ohne Widerspruch. Dann schraubte er
selber den Deckel auf. Die Leiche des Krüppels, den Sie ja kennen — er
lief als Kind immer mit seinen Krücken vor den Hochzeitszügen her — lag
darin. Der Alte beugte sich über ihn und sagte wie einst Jesus: ‚Stehe
auf und wandle!‘ — Und — und“ — der Kaplan schluchzte vor Rührung und
Ergriffenheit, „und der Krüppel erwachte aus dem Todesschlaf! Ich habe
dann den alten Mutschelknaus gefragt, wie alles das denn zugegangen
sei. Sie müssen wissen, Christopher, daß es fast unmöglich ist, etwas
aus ihm herauszubekommen; er befindet sich beinahe ununterbrochen in
einem Zustand der Verzückung, der sich von Monat zu Monat immer mehr
vertieft. Heute gibt er überhaupt keine Antwort auf Fragen mehr.
Damals gelang es mir noch, einiges von ihm zu erfahren. ‚Die Mutter
Gottes ist mir erschienen,‘ sagte er, als ich in ihn drang, ‚sie ist
aus der Erde gestiegen vor der Bank im Garten, wo der Holunderbaum
steht.‘ Und als ich ihm zuredete, mir doch zu schildern, wie die
Heilige ausgesehen habe, sagte er mit einem seltsam stillseligen
Lächeln: ‚Genau wie meine Ophelia.‘ ‚Und wie sind Sie auf den Einfall
gekommen, den Totenwagen halten zu lassen, lieber Mutschelknaus?‘ hatte
ich weiter geforscht; ‚hat es Ihnen die Mutter Gottes befohlen?‘ ‚Nein,
ich habe gewußt, daß der Krüppel nur scheintot war.‘ ‚Wie konnten Sie
das denn wissen? Nicht einmal der Arzt hat es gewußt!‘ ‚Ich habe es
gewußt, weil ich selber einmal hätte lebendig begraben werden sollen‘,
war die seltsame Antwort des Alten; das Unlogische in seiner Erklärung
konnte ich ihm nicht begreiflich machen. ‚Was man an sich selbst erlebt
hat, das weiß man bei anderen. Es war eine Gnade, die mir die Jungfrau
Maria erwiesen hat, daß man mich als Kind lebendig hat begraben lassen
wollen; sonst hätte ich nie wissen können, daß der Krüppel nur
scheintot war‘, wiederholte er in allen möglichen Varianten, aber nie
auf den Kernpunkt der Sache eingehend, als ich Genaues erfahren wollte;
wir redeten an einander vorbei.“
„Und was wurde aus dem Krüppel?“ fragte ich den Kaplan. „Lebt er noch?“
„Nein, das ist das Sonderbare — der Tod hat ihn noch in derselben
Stunde ereilt. Infolge des Geschreies der Menge wurde ein Wagenpferd
scheu, raste über den Marktplatz, warf den Krüppel zu Boden und das Rad
zerbrach ihm die Wirbelsäule.“
Noch von vielen merkwürdigen Heilungen des Drechslermeisters erzählte
mir der Kaplan; er schilderte in beredten Worten, wie die Nachricht von
der Erscheinung der Mutter Gottes sich über das ganze Land verbreitet
hatte, trotz Hohn und Spottreden der sogenannten Aufgeklärten, wie sich
fromme Legenden gebildet und daß schließlich der Holunderbaum im Garten
zum Mittelpunkt aller Wunder geworden war. Hunderte, die ihn berührt
haben, seien genesen, Tausende, innerlich Abgefallene reuig zum Glauben
zurückgekehrt.
Ich hörte nur mehr mit halber Aufmerksamkeit zu; mir war, als sähe ich
durch eine Lupe die winzigen und doch so allgewaltigen Triebräder des
geistigen Weltgeschehens ineinandergreifen. Der Krüppel, durch ein
Wunder in derselben Stunde zum Leben erweckt und gleich darauf wieder
dem Tode überliefert — konnte es ein offenkundigeres Wahrzeichen geben,
daß hier eine blinde, selber krüppelhafte und dennoch erstaunlich
wirkungsvolle, unsichtbare Macht am Werke gewesen war? Und dann der
Ausspruch des Drechslermeisters! Äußerlich kindisch und unlogisch,
innerlich betrachtet: einen Abgrund von Weisheit erschließend. Und auf
welch wunderbar einfache Weise der Alte den Fallstricken der Meduse —
den Irrlichtern des Spiritismus — entronnen war: Ophelia, das
Idealbild, an das er seine ganze Seele gehängt, ist für ihn die
gnadenspendende Heilige geworden, ein Teil seiner selbst, aus ihm
herausgetreten, lohnt ihm tausendfältig alle dargebrachten Opfer, tut
Wunder, erleuchtet ihn, zieht ihn zum Himmel empor und wird ihm
sichtbar als die Gottheit! Die Seele ein Lohn ihrer selbst! Die
Reinheit des Herzens: eine Führerin zum Übermenschentum — die Trägerin
aller Heilkraft. Und wie ein geistiges Kontagium überträgt sich sein
lebendig und formgewordener Glaube sogar auf die stummen Geschöpfe des
Pflanzenreiches: der Holunderbaum läßt Kranke genesen. Aber noch sind
da gewisse Rätsel, deren Lösung ich nur dunkel raten kann: warum ist es
der Ort, wo Ophelias Gebeine ruhen, von dem die Kraft ihren Ausgang
nimmt, und nicht ein beliebig anderer? Warum ist der Baum, den ich
gepflanzt habe mit dem innerlichen Gefühl, die Welt des Lebens dadurch
zu bereichern, warum ist gerade er auserwählt, ein Mittelpunkt
überirdischen Geschehens zu sein? Daß die Verwandlung Ophelias zur
Mutter Gottes sich auf dieselbe magisch-gesetzmäßige Weise vollzogen
haben mußte, wie einstmals ähnlich in der spiritistischen Sitzung,
stand für mich außer Zweifel. Wo aber bleibt der todbringende Einfluß
des Medusenhauptes? fragte ich mich. Sollte Satan und Gott,
philosophisch besehen, als letzte aller Wahrheiten und Paradoxen ein
und dasselbe sein — Zerstörer und Erbauer das Gleiche?
„Halten Sie es von Ihrem Standpunkt als katholischer Geistlicher für
möglich, Hochwürden, daß der Teufel die Gestalt einer heiligen Person
annehmen kann, etwa die Jesu oder der Maria?“
Einen Augenblick sah mich der Kaplan starr an, dann verschloß er sich
mit den Handflächen die Ohren und rief: „Hören Sie auf, Christopher!
Diese Frage hat Ihnen der Geist Ihres Vaters eingegeben. Lassen Sie mir
meinen Glauben! Ich bin zu alt, um solche Erschütterungen noch zu
vertragen. Ich will in dem Glauben an die Göttlichkeit der Wunder, die
ich gesehen und gegriffen habe, einst ruhig sterben können. Nein, sage
ich Ihnen, nein und abermals nein: mag der Teufel alle Gestalten
annehmen können — vor der heiligen Jungfrau und ihrem und Gottes Sohn
muß er halt machen!“
Ich nickte und schwieg; der Mund war mir geschlossen. Wie damals in der
„Sitzung“, als ich innerlich die höhnischen Worte des Medusenhauptes
hörte: „Sag ihnen doch alles, was du weißt!“ Ja, es bedarf eines großen
kommenden Führers, der vollendeter Herr ist über das Wort und es
gebrauchen kann, um die Wahrheit zu enthüllen, ohne die zu töten, die
es hören: sonst wird alle Religion nur ein scheintoter Krüppel bleiben
— fühle ich.
Am nächsten Morgen weckte mich in aller Frühe das Läuten der Glocken
von den Türmen und ich hörte gedämpften Chorgesang, aus dem eine
verhaltene wilde Erregung klang, immer näher kommen:
„Maria, du Gebenedeite unter den Weibern!“
Ein unheimliches Brummen ging durch die Mauern des Hauses, als würden
die Steine lebendig und begännen auf ihre Weise in den Gesang
einzustimmen.
Früher war es das Surren der Drehbank, das den Durchlaß erfüllte —
jetzt ist die Qual der Arbeit schlafen gegangen und wie ein Echo
erwacht in der Erde die Hymne der Gottesmutter, dachte ich bei mir, als
ich die Treppe hinunterstieg.
Ich stand im Haustor und an mir vorbei zog, voran der alte
Mutschelknaus, eine dichtgedrängte, ganze Berge von Blumen tragende
Menge festlich gekleideter Menschen durch die schmale Gasse.
„Heilige Maria, bitt für uns!“
„Gegrüßt seist du, Königin der Barmherzigkeit!“
Der Alte war bloßfüßig und barhaupt, sein Kleid das eines wandernden
Mönches, einst weiß gewesen, jetzt ärmlich und mit zahlreichen Flicken
besetzt, sein Gang unsicher und tastend wie der eines blinden Greises.
Sein Blick streifte mich, blieb eine Sekunde lang an meinem Gesicht
haften, aber keine Spur des Erkennens oder der Erinnerung war darin zu
lesen; seine Augachsen standen parallel, als sähe er durch mich und die
Mauern hindurch tief hinein in eine andere Welt.
So ging er langsamen Schrittes, mehr gezogen, so schien es mir, von
einer unsichtbaren Macht, als aus eigenem Impulse, zu dem eisernen
Gitter, das den Garten abschloß, öffnete es und trat zu der
Marienstatue.
Ich mischte mich unter die Menge, die ihm in ehrfurchtsvoller
Entfernung scheu zögernd nachdrängte und vor dem Gitter halt machte.
Das Singen wurde leiser und leiser, aber eine beständig von Minute zu
Minute sich steigernde Erregung wuchs darin. Bald war es nur mehr ein
wortloses Vibrieren von Tönen; eine unbeschreibliche Spannung lag in
der Luft.
Ich hatte mich auf einen Mauervorsprung geschwungen, von dem aus ich
alles genau übersehen konnte.
Der Alte stand lange regungslos vor der Statue. Es war ein unheimlicher
Anblick; ich hatte die seltsame Empfindung: wer von beiden wird zuerst
lebendig werden! Eine gewisse dumpfe Angst, ähnlich wie einstmals in
der Spiritistensitzung, überfiel mich und wieder hörte ich die Stimme
Ophelias in meinem Herzen: „Sei auf deiner Hut!“
Gleich darauf sah ich, daß sich der weiße Bart des Alten zitternd
bewegte, und aus dem Zucken seiner Lippen erriet ich, daß er mit der
Statue sprach. In der Menge hinter mir trat plötzlich Totenstille ein,
auch der halblaute Gesang der Nachdrängenden verstummte wie auf ein
gegebenes Zeichen.
Ein leises, rhythmisch sich wiederholendes Klirren war das einzige
Geräusch, das übrig blieb.
Ich suchte mit den Augen den Ort, woher es kam: scheu in eine
Mauernische gedrückt, als verberge er sich vor dem Blicke des
Drechslermeisters, stand dort ein fetter alter Mann, auf dem kahlen
Schädel einen Lorbeerkranz, mit der einen Hand halb das Gesicht
bedeckend, die andere weit vorgestreckt, eine große Blechbüchse
haltend. Neben ihm in schwarzem Seidenkleid, bis zur Unkenntlichkeit
geschminkt: Frau Aglaja.
Die Trinkernase, unförmlich und blau geworden, die Augen hinter
Fettwülsten, kaum mehr sichtbar — kein Zweifel: es war der Schauspieler
Paris. Er sammelte Geld ein von den Wallfahrern und Frau Mutschelknaus
half ihm dabei; ich sah, wie sie sich von Zeit zu Zeit hastig
vorbeugte, scheu nach ihrem Gatten spähte, als fürchte sie, von ihm
entdeckt zu werden, und den Leuten etwas zuflüsterte, die gleich darauf
mechanisch in die Taschen griffen und, ohne den Blick vom
Muttergottesbilde zu wenden, Münzen in die Blechbüchse warfen.
Ein wilder Zorn ergriff mich und ich bohrte meine Augen in das Gesicht
des Komödianten; gleich darauf begegneten sich unsere Blicke und ich
sah, wie sein Kinn herabsank und die Züge aschgrau wurden, als er mich
erkannte. Vor Schreck fiel ihm beinahe der Opferstock aus der Hand.
Von Ekel erfaßt wandte ich mich ab.
„Sie bewegt sich! — Sie spricht! — Heilige Maria, bitt für uns! — Sie
redet mit ihm! Da! Da! — Sie neigt den Kopf!“ lief es plötzlich, ein
heiseres, kaum verständliches, wie von Schauern jähen Entsetzens
ersticktes Murmeln, von einem blassen Mund zum andern durch die Menge.
„Da! Da! Jetzt wieder!“
Ich glaubte, jeden Augenblick müsse ein einziger geller Schrei sich von
den vielen hundert lebenden Lippen lösen und die furchtbare Spannung
zerreißen, aber alle blieben wie gelähmt; nur hier und da hörte ich ein
vereinzeltes irres Lallen: bitt für uns! Ich fürchtete, ein Tumult
werde losbrechen; statt dessen sank die Menge nur um Kopfeslänge
zusammen. Sie wollte in die Knie fallen, aber die Menschen standen zu
eng aneinander gedrängt. Viele hatten die Augen geschlossen, sie waren
ohnmächtig geworden, aber sie konnten nicht niederstürzen, sie waren
wie eingekeilt; in ihrer Totenblässe sahen sie aus wie Leichen, die
aufrecht stehend unter den Lebenden, auf ein Wunder warteten, das sie
auferwecke.
Die Atmosphäre war so magnetisch erstickend geworden, daß ich das
Einatmen der Luft wie das Würgen unsichtbarer Hände empfand.
Ein Schlottern ging mir durch den ganzen Körper, als wolle sich das
Fleisch von den Knochen lösen; um nicht kopfüber von dem Mauervorsprung
herabzufallen, klammerte ich mich an ein Fenstersims.
Der Alte sprach mit schnell sich bewegenden Lippen; ich konnte es
deutlich sehen; sein abgezehrtes Gesicht leuchtete wie in jugendlichem
Rot, von den Strahlen der aufgehenden Sonne übergossen.
Dann wieder hielt er plötzlich inne, als habe er einen Zuruf
aufgefangen, mit offenem Munde angestrengt lauschend und die Augen fest
auf die Statue gerichtet, nickte mit verklärten Mienen, gab schnell
eine leise Antwort, horchte abermals und hob zuweilen freudig erregt
die Arme.
Immer, wenn er den Kopf lauschend vorstreckte, ging ein gurgelndes
Raunen, ein Röcheln mehr als ein Flüstern, durch die Menge: „Da! Da! —
Sie bewegt sich! Da! Jetzt! — Sie hat genickt!“ — aber niemand drängte
sich vor; eher ein entsetztes Zurückweichen, ein Zurückwanken wie vor
Luftschlägen.
Ich faßte das Mienenspiel des Alten so scharf ins Auge, wie ich nur
konnte: ich wollte von seinem Munde ablesen, was er sprach. Ich hoffte
insgeheim — ich wußte nicht weshalb — den Namen Ophelia zu hören oder
zu erraten. Aber immer nur nach langen, mir unverständlichen Sätzen
formten seine Lippen ein Wort wie: „Maria“.
Da! Es erschütterte mich wie ein Blitzschlag:
die Statue hatte lächelnd das Haupt geneigt.
Nicht nur sie allein, sogar ihr Schatten auf dem hellen Sand hatte die
Bewegung mitgemacht!
Vergeblich sagte ich mir vor: es ist eine Sinnestäuschung, die
Bewegungen des Alten haben sich in meinen Augen unwillkürlich auf das
Bild übertragen, haben den Anschein erweckt, als sei die Statue
lebendig geworden.
Ich blickte weg, fest entschlossen, Herr meines klaren Bewußtseins zu
bleiben, sah wieder hin: die Statue sprach! Beugte sich herab zu dem
Alten! Es war kein Zweifel mehr!
„Sei auf deiner Hut!“ — was half es, daß ich mich an die innere Warnung
mit aller Kraft erinnerte! Was half es, daß ich deutlich in meinem
Herzen fühlte: das gestaltlose, mir so unendlich teure Etwas, von dem
ich weiß: es ist die immerwährende Nähe meiner Heißgeliebten, bäumt
sich auf, will das Äußerste wagen und Form erkämpfen, um schützend mit
ausgebreiteten Armen vor mich hintreten zu können! Ein magnetischer
Wirbel, machtvoller als all mein Wille, begann mich zu umkreisen:
alles, was an Religiosität und Frömmigkeit in meiner Kindheit in mich
und ins geerbte Blut eingegangen war und wie tot gelegen, brach los,
Zelle um Zelle; ein geistiger Sturm in meinem Körper fing an gegen
meine Kniekehlen zu hämmern: „Ich will, daß du niederfällst und mich
anbetest!“
„Es ist das Medusenhaupt“, sagte ich mir, aber ich fühlte zugleich, daß
alle Vernunft hier zerschellte.
Da nahm ich meine Zuflucht zum letzten Mittel: „Widerstehet nicht dem
Übel!“ Ich leistete keinen Widerstand mehr, ließ mich versinken in den
Abgrund vollkommenen Willensverzichtes. So schwach wurde ich in diesem
Augenblick, daß sogar mein Körper davon ergriffen wurde; meine Hände
ließen den Halt los und ich fiel auf die Köpfe und Schultern der Menge
herab.
Wie ich dann zurückgekommen bin in das Tor meines Hauses, weiß ich
nicht mehr. Die Einzelheiten absonderlicher Geschehnisse solcher Art
gleiten oft an unserem Wahrnehmungsvermögen ab oder gehen hindurch ohne
Spuren der Erinnerung.
Ich muß wohl wie eine Raupe über die Köpfe der enggedrängt stehenden
Wallfahrer hinweggekrochen sein! Ich weiß nur, ich stand schließlich in
die Tornische gedrückt, außerstande, mich vor- oder rückwärts zu
bewegen, aber der Anblick der Statue war mir entzogen und ich somit dem
Zauber ihres Einflusses entrückt: der magnetische Strom der Menge floß
an mir vorbei.
„Zur Kirche!“ erscholl dann ein Ruf vom Garten her, und ich glaubte die
Stimme des Alten zu erkennen: „Zur Kirche!“
„Zur Kirche! Zur Kirche!“ pflanzte es sich fort von Mund zu Mund. „Zur
Kirche! Maria hat es befohlen!“ und wurde alsbald zu einem erlösenden
vielstimmigen Schrei, der die Spannung zerriß.
Der Bann wich; Schritt für Schritt, langsam wie ein riesiges Fabeltier
mit hundert Füßen, das seinen Kopf aus einer Schlinge befreit, zog sich
die Menge rücklings aus dem Durchlaß.
Die letzten hatten den Alten umringt, drängten an mir vorbei, rissen
ihm Stücke aus dem Gewand, bis er fast nackt war, küßten sie, bargen
sie wie Reliquien.
Als es menschenleer geworden war, ging ich über den fußhoch mit
zertretenen Blumen bedeckten Durchlaß zu dem Holunderbaum.
Noch einmal wollte ich den Ort berühren, wo die Gebeine meiner
Geliebten ruhten. Ich fühlte deutlich: es ist das letztemal.
„Kann es denn nicht sein, daß ich dich wiedersehe, Ophelia?! Nur ein
einzigesmal!“ flehte ich in mein Herz hinein. „Ein einzigesmal nur
möchte ich wieder dein Antlitz sehen!“
Eine Luftwelle trug aus der Stadt her: „Gegrüßet seist du, Königin der
Barmherzigkeit.“
Unwillkürlich hob ich den Kopf.
Ein Licht von unsagbarer Helle verschlang die Statue vor mir.
Den winzigen Teil eines Augenblicks lang, so kurz, daß mir ein
Herzschlag dagegen wie ein Menschenleben dünkt, war sie in Ophelia
verwandelt und lächelte mich an, dann glänzte wieder starr und
unbeweglich das goldene Gesicht des Marienbildes in der Sonne.
Ich hatte einen Blick in die ewige Gegenwart getan, die für Sterbliche
nur ein leeres, unfaßbares Wort ist.
14
DIE AUFERSTEHUNG DES SCHWERTES
Unvergeßlich sind mir die Eindrücke, die ich empfand, als ich eines
Tages daranging, den Nachlaß meines Vaters und unserer Vorfahren zu
besichtigen.
Stockwerk für Stockwerk nahm ich in Augenschein: mir war, als stiege
ich hinab von Jahrhundert zu Jahrhundert bis tief ins Mittelalter
hinein.
Kunstvoll eingelegte Möbel, die Schubladen voll Spitzentücher; blinde
Spiegel in schimmernden Goldrahmen, aus denen ich mir entgegenblickte,
grünlich milchig wie ein Gespenst; dunkelgewordene Porträts von Männern
und Frauen in altertümlichen Gewändern, der Typus wechselnd, wie er der
Zeit eigentümlich gewesen, und doch immer eine gewisse
Familienähnlichkeit in allen Gesichtern, die manchmal abzunehmen
schien, von Blond überging ins Brünette, um dann plötzlich wieder in
voller Ursprünglichkeit hervorzubrechen, als habe der Stamm sich seines
Wesens erinnert.
Goldene, juwelengeschmückte Dosen, einige noch Spuren von Schnupftabak
enthaltend, als seien sie gestern noch in Gebrauch gewesen;
Perlmutterfächer, seidene, zerschlissene, fremdartig geformte
Stöckelschuhe, denen ich im Geiste, als ich sie nebeneinanderstellte,
jugendliche weibliche Gestalten entsteigen sah: die Mütter und Frauen
unserer Ahnen; Stäbe mit gelbgewordenen Elfenbeinschnitzereien; Ringe
mit unserem Wappen, bald winzig eng, wie für Kinderfinger bestimmt,
dann wieder solche von einer Größe, als hätten Riesen sie getragen;
Spinnrocken, daran das Werg durch das Alter so dünn geworden war, daß
es unter dem Hauch eines Atems zerfiel.
In manchen Zimmern lag der feine Staub so hoch, daß ich bis zu den
Knöcheln darin waten mußte und Wulste sich anhäuften, wenn ich die
Türen öffnete; aus meinen Fußtapfen leuchteten Blumenornamente und
Tiergesichter auf, wie ich mit meinen Schritten die Teppichmuster
bloßlegte.
Die Betrachtung all dieser Sachen nahm mich derart gefangen, daß ich
wochenlang damit zubrachte und zuweilen dem Bewußtsein, es lebten noch
Menschen außer mir auf dieser Erde, völlig entrückt war.
Als halbwüchsiger Junge hatte ich einst bei einem Schulausflug das
kleine Museum unserer Stadt besucht, und ich weiß noch, welche
Abspannung und Müdigkeit uns befallen hatte, als wir die vielen
altertümlichen, uns innerlich so fremden Gegenstände besichtigten; wie
gänzlich anders war das hier! Jedes Ding, das ich in die Hand nahm,
wollte mir erzählen; ein eigentümliches Leben ging von ihm aus:
Vergangenheit meines eigenen Blutes hing daran und wurde mir zu
seltsamem Gemisch aus Gegenwart und Einst. — Menschen, deren Knochen
längst in Gräbern moderten, hatten hier geatmet. Voreltern, deren Leben
ich in mir trug, in diesen Räumen gewohnt, ihr Dasein als wimmernde
Säuglinge angetreten, es im Todeskampf röchelnd beschlossen, hatten
geliebt und getrauert, gejubelt und geseufzt, ihr Herz an Dinge
gehängt, die jetzt noch so herumstanden, wie sie verlassen worden waren
und voll heimlichen Flüsterns wurden, wenn ich sie anfaßte.
Da war ein gläserner Eckschrank mit Schaumünzen in roten Sammetetuis,
goldene, die noch hell und glanzwach waren, mit Rittergesichtern,
silberne, schwarz geworden, als seien sie gestorben, alle in Reihen
gelegt, jede mit einem Zettel versehen, die Schrift unleserlich und
verblichen; eine morsche und dennoch heiße Gier ging von ihnen:
„sammle, sammle uns, wir müssen vollzählig werden“; Eigenschaften, die
ich nie gekannt, flatterten auf mich zu, schmeichelten und bettelten:
„nimm uns auf, wir werden dich glücklich machen.“
Ein alter Lehnstuhl mit wundervoll geschnitzten Armen, scheinbar die
Ehrwürdigkeit und Ruhe in Person, lockte mich, in ihm zu träumen,
versprach mir: „Ich will dir Geschichten erzählen aus alten Tagen“,
dann, als ich mich ihm anvertraut, drosselte mich eine wortlose,
greisenhafte Qual, als sei es die graue Sorge selbst, auf deren Schoß
ich mich gesetzt, meine Beine wurden schwer und steif, als sei ein
Gelähmter ein Jahrhundert lang hier gefesselt gewesen und wolle sich
erlösen, indem er mich in sein Ebenbild verwandle.
Je weiter ich vordrang in die tiefer gelegenen Gemächer, desto
finsterer, ernster, prunkloser der Eindruck.
Rohe, derbe Eichentische; ein Herd statt feiner Kamine; getünchte
Wände; Zinnteller; ein rostiger Kettenhandschuh; steinerne Krüge; dann
wieder eine Kammer mit vergittertem Fenster; Pergamentbände
umhergestreut, von Ratten zernagt; tönerne Retorten, wie sie die
Alchemisten gebraucht haben; ein eiserner Leuchter; Phiolen, darin
Flüssigkeiten zu Kesselstein geworden waren: der ganze Raum erfüllt von
der trostlosen Aura eines Menschenlebens enttäuschter Hoffnungen.
Der Keller, in dem der Chronik nach unser Urahn, der Laternanzünder
Christophorus Jöcher, gelebt haben soll, war mit einer schweren
Bleitüre verschlossen. Keine Möglichkeit, sie aufzubrechen.
Als ich meine Forschungen in unserem Hause beendet hatte und —
gleichsam nach einer langen Reise ins Reich der Vergangenheit — wieder
einzog in meine Wohnstube, hatte ich das Gefühl, als sei ich geladen
bis in die Fingerspitzen mit magnetischen Einflüssen; die vergessene
Atmosphäre da unten begleitete mich wie eine Gespensterschar, der die
Kerkertür ins Freie geöffnet worden ist, Wünsche, die das Dasein meinen
Vorfahren unerfüllt gelassen, waren ans Tageslicht geschleppt, wachten
auf und suchten mich in Unruhe zu stürzen, bestürmten mich mit
Gedanken: „Tue das, tue jenes; dieses ist noch unvollendet, jenes nur
halb geschehen; ich kann nicht schlafen, ehe du es nicht statt meiner
vollbracht hast!“ Eine Stimme flüsterte mir zu: „Geh noch einmal
hinunter zu den Retorten; ich will dir sagen, wie man Gold macht, und
den Stein der Weisen bereitet; ich weiß es jetzt, damals ist es mir
nicht gelungen, denn ich bin zu früh gestorben“, — dann wieder vernehme
ich leise, tränenschwere Worte, die aus Frauenmund zu kommen scheinen:
„Sag du meinem Gatten, ich habe ihn trotz allem immer geliebt; er
glaubt es nicht, er hört mich jetzt nicht, da ich tot bin, dich wird er
verstehen!“ — „Rache! Verfolg seine Brut! Erschlag sie! Ich will dir
sagen, wo sie ist. Gedenke meiner! Du bist der Erbe, du hast die
Pflicht der Blutrache!“ zischt ein glühheißer Atem mir ins Ohr und mir
ist, als hörte ich den Kettenhandschuh klirren. — „Geh ins Leben
hinaus! Genieße! Ich will noch einmal die Erde schauen mit deinen
Augen!“ sucht mich der Zuruf des Gelähmten im Lehnstuhl zu betören.
Wie ich sie aus meinem Hirn vertreibe die Schemen, scheinen sie zu
bewußtlosen Fetzen eines elektrisch umherirrenden Lebens zu werden, das
von den Gegenständen des Zimmers aufgesogen wird: spukhaft kracht es in
den Schränken; ein Heft, das auf dem Bort liegt, raschelt; die Dielen
knistern, als ginge ein Fuß darüber hin; eine Schere fällt vom Tisch
und bohrt sich mit einer Spitze in den Boden, als wolle sie eine
Tänzerin nachahmen, die auf der Zehenspitze stehen bleibt.
Voll Unruhe gehe ich auf und ab; „es ist die Erbschaft der Toten“,
fühle ich; ich zünde die Lampe an, denn die Nacht steigt auf und die
Dunkelheit macht meine Sinne zu scharf; die Schemen sind wie die
Fledermäuse: „das Licht wird sie verscheuchen; es geht nicht an, daß
sie noch länger mein Bewußtsein plündern!“
Die Wünsche der Verstorbenen habe ich stumm gemacht, aber die Unrast
der gespenstischen Erbschaft will nicht aus meinen Nerven weichen.
Ich krame in einem Spind, um mich abzulenken: ein Spielzeug, das mir
einst mein Vater zu Weihnachten geschenkt, fällt mir in die Hände: eine
Schachtel mit Glasdeckel und Glasboden; Figuren aus Holundermark,
Männlein und Weiblein und eine Schlange sind darin; wenn man mit einem
Lederbausch über das Glas fährt, werden sie elektrisch, verbinden sich,
fahren auseinander, hüpfen, kleben bald oben, bald unten und die
Schlange freut sich und macht die absonderlichsten Windungen. „Auch die
da drin glauben, sie leben“, denke ich bei mir, „und doch ist es nur
die eine Allkraft, die ihnen Bewegung verleiht!“ Dennoch kommt es mir
nicht in den Sinn, das Beispiel auf mich selbst zu beziehen: ein
Tatendurst überfällt mich plötzlich, und ich bringe ihm kein Mißtrauen
entgegen; der Lebenstrieb der Verstorbenen naht sich unter anderer
Maske.
„Taten, Taten, Taten müssen vollbracht werden!“ fühle ich; „ja, das ist
es! Nicht das, was die Vorfahren selbsüchtig wollten, daß geschähe“ —
so suchte ich mir einzureden —, „nein, etwas viel Größeres soll ich
tun!“
Wie Keime hat es in mir geschlummert, jetzt bricht es auf, Samenkorn um
Samenkorn: du mußt ins Leben hinaus, Taten vollbringen für die
Menschheit, der du doch angehörst als ein Teil! Sei ein Schwert im
allgemeinen Kampf gegen das Medusenhaupt!
Unerträgliche Schwüle herrscht im Zimmer; ich reiße das Fenster auf:
der Himmel ist ein bleiernes Dach geworden, ein undurchdringliches
schwärzliches Grau. Fern am Horizont zuckt Wetterleuchten. Gott sei
Dank, ein Gewitter zieht auf. Seit Monaten kein Tropfen Regen, die
Wiesen verdorrt, bei Tage flirren die Wälder im zitternden Hauch der
verdurstenden Erde.
Ich gehe zum Tisch und will schreiben. Was? Wem? Ich weiß es nicht.
Vielleicht dem Kaplan, daß ich zu verreisen gedenke, um mir die Welt
anzusehen?
Ich schneide eine Feder, setze an, da übermannt mich Müdigkeit; ich
lasse den Kopf auf den Arm sinken und schlafe ein.
Die Platte des Tisches gibt echogleich, verstärkend wie ein
Resonanzboden, die Schläge meines Pulses wieder, dann wird ein Hämmern
daraus und ich bilde mir ein, ich schlüge mit einem Beil die Metalltüre
im Keller auf. Wie sie aus den verrosteten Angeln fällt, sehe ich einen
alten Mann herauskommen und wache im selben Augenblick auf.
Bin ich denn wirklich wach? Da steht doch der alte Mann leibhaftig im
Zimmer und blickt mich an mit greisenhaft erloschenen Augen!
Daß ich die Feder noch in der Hand halte, beweist mir, daß ich nicht
träume und bei klarem Bewußtsein bin.
„Ich muß diesen merkwürdigen Fremden schon einmal gesehen haben“,
überlege ich bei mir; „warum trägt er nur in dieser Jahreszeit eine
Ohrenklappe aus Pelz?“
„Ich habe dreimal an die Türe geklopft; als niemand antwortete, bin ich
eingetreten,“ sagt der Alte.
„Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“ frage ich verblüfft.
„Ich komme im Auftrag des Ordens.“
Einen Augenblick lang bin ich im Zweifel, ob nicht ein Phantom vor mir
steht: das greisenhafte Gesicht mit dem schüttern, eigentümlich
geformten Bart paßt so gar nicht zu den muskulösen Arbeiterhänden! Wäre
es ein Bild, das ich da sehe, würde ich sagen: es ist verzeichnet.
Irgend etwas stimmt nicht in den Dimensionen! Und der rechte Daumen ist
verkrüppelt; auch das kommt mir merkwürdig bekannt vor.
Heimlich fasse ich den Ärmel des Mannes, um mich zu überzeugen, ob ich
nicht das Opfer einer Sinnestäuschung bin, und begleite die Bewegung
mit der Geste: „Bitte, setzen Sie sich!“
Der Alte übersieht es und bleibt stehen.
„Wir haben Nachricht erhalten, daß dein Vater gestorben ist. Er war
einer der unsrigen. Den Gesetzen des Ordens gemäß steht dir als seinem
leiblichen Sohn das Recht zu, Aufnahme zu verlangen. Ich frage dich:
machst du Gebrauch davon?“
„Es wäre mein größtes Glück, derselben Gemeinschaft anzugehören wie
einst mein Vater, aber ich weiß nicht, welche Zwecke der Orden verfolgt
und was sein Ziel ist. Kann ich darüber Näheres erfahren?“
Der glanzlose Blick des Greises irrt über mein Gesicht. „Hat dein Vater
nie mit dir davon gesprochen?“
„Nein. Nur in Andeutungen. Ich kann wohl aus dem Umstande, daß er in
der Stunde vor seinem Tode eine Art Ordensgewand anlegte, schließen: er
muß einer geheimen Gesellschaft angehört haben; aber das ist wohl
alles, was ich weiß.“
„So will ich es dir sagen: Seit unvordenklichen Zeiten lebt ein Kreis
von Männern auf Erden, der das Schicksal der Menschheit lenkt. Ohne ihn
wäre längst das Chaos hereingebrochen. Alle großen Völkerführer sind
blinde Werkzeuge in unserer Hand gewesen, sofern sie nicht Eingeweihte
der Gemeinschaft waren. Unser Ziel ist, die Unterschiede zwischen Arm
und Reich, zwischen Herr und Knecht, Wissenden und Unwissenden,
Herrschenden und Unterdrückten aufzuheben und aus dem Jammertal, Erde
genannt, ein Paradies zu schaffen, ein Land, in dem das Wort ‚Leid‘
unbekannt ist. Die Bürde, unter der die Menschheit seufzt, ist das
Kreuz der Persönlichkeit. Die Weltseele hat sich zersplittert in
Einzelwesen, daraus entstand jegliche Unordnung. Aus der Vielheit die
Einheit wieder herzustellen, ist unser Wollen.
Die edelsten Geister haben sich in unseren Dienst gestellt und die Zeit
der Ernte steht vor der Tür. Jeder soll sein eigener Priester sein. Die
Menge ist reif, das Pfaffenjoch abzuschütteln. Schönheit ist der
einzige Gott, zu dem die Menschheit hinfort beten wird. Aber noch
bedarf sie tatkräftiger Männer, die ihr den Weg zur Höhe weisen. Darum
haben wir Väter des Ordens Gedankenströme in die Welt geschickt, die
wie Wildfeuer die Gehirne ergreifen, um den Größenwahn der Lehre vom
Individualismus zu verbrennen. Krieg aller für alle! Aus Wildnis einen
Garten zu schaffen, das ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben!
Fühlst du nicht, wie alles in dir nach Tat schreit?! Warum sitzest du
hier und träumst?! Auf, errette deine Brüder!“
Eine wilde Begeisterung ergreift mich. „Was soll ich tun?!“ rufe ich.
„Befiehl, was ich tun soll! Ich will mein Leben hingeben für die
Menschheit, wenn es sein muß. Welche Bedingungen stellt der Orden, daß
ich ihm angehören kann?“
„Blinden Gehorsam! Verzicht auf jedes eigene Wollen! Für die
Allgemeinheit wirken und nicht mehr für dich selbst! Das ist der Weg
aus der Wildnis der Vielheit ins gelobte Land der Einheit.“
„Und woran soll ich erkennen, was ich zu tun habe?“ frage ich, von
plötzlichem Zweifel ergriffen. „Ich soll ein Führer sein, was werde ich
lehren?“
„Wer lehrt, der lernt. Frage nicht: was werde ich sprechen! Wem Gott
ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Gehe hin und rede! Die
Gedanken werden wir dir einflößen, darum sorge nicht! Bist du bereit,
den Eid des Gehorsams zu leisten?“
„Ich bin bereit.“
„So lege die linke Hand auf die Erde und sprich mir nach, was ich dir
sagen werde!“
Wie betäubt, will ich gehorchen, beuge mich nieder, da packt mich
plötzlich jäh das Mißtrauen. Ich zögere, blicke auf, die Erinnerung
durchzuckt mich: das Gesicht des Alten, der da steht, habe ich als
Schwertknauf, aus Blutstein geschnitten, gesehen; und der verstümmelte
Daumen gehört zu der Hand des Landstreichers, der einst auf dem
Marktplatz tot umfiel, als er mich erblickte.
Mir wird kalt vor Schreck, aber ich weiß jetzt, was ich zu tun habe;
ich springe auf und schreie den Alten an:
„Gib mir das Zeichen!“ und halte ihm die Rechte hin zum „Griff“, den
mich mein Vater gelehrt hat.
Aber der da steht, ist kein lebender Mensch mehr: ein Gebilde aus
Gliedern, die lose am Rumpf hängen wie bei einem Geräderten! Darüber
schwebt der Kopf, vom Nacken getrennt durch einen fingerbreiten
Streifen Luft; noch beben die Lippen unter dem entweichenden Atem. Ein
scheußliches Wrack aus Fleisch und Bein.
Schaudernd bedeckte ich meine Augen mit den Händen; als ich aufblicke,
ist der Spuk verschwunden, aber frei im Raume hängt ein leuchtender
Ring: darin mit feinen, durchsichtigen Umrissen wie ein blaßblauer
Nebelhauch das Gesicht des Alten mit der Ohrenkappe.
Diesmal ist es die Stimme des Urahns, die aus seinem Munde kommt:
„Trümmer, Balken gestrandeter Schiffe, die auf dem Ozean der
Vergangenheit treiben, hast du gesehen; aus seelenlosen Resten
versunkener Gestalten, aus vergessenen Eindrücken deines Geistes haben
die lemurenhaften Bewohner des Abgrundes das Bild unseres Meisters zum
Hirngespinst geformt, um dich zu täuschen, haben mit seiner Zunge zu
dir geredet leere hochklingende Worte der Betörung, um dich
hineinzulocken, Irrlichtern gleich, in die todbringenden Sümpfe der
planlosen Taten, darinnen schon Tausende vor dir und größere als du
elendiglich versunken sind. ‚Selbstverzicht‘ nennen sie den
Phosphorschein, mit dem sie ihre Opfer überlisten, die Hölle hat
frohlockt, als sie ihn angezündet haben dem ersten Menschen, der ihnen
vertraute. Was sie zerstören wollen, ist das höchste Gut, das ein Wesen
sich erringen kann: das ewige Bewußtsein als Persönlichkeit. Was sie
lehren, ist Vernichtung, aber sie kennen die Gewalt der Wahrheit, darum
sind alle Worte, die sie wählen, Wahrheit — doch jeder Satz daraus
geformt ist abgrundtiefe Lüge.
Wo Eitelkeit und Machtbegier in einem Herzen wohnen, da sind sie zur
Hand und fachen diese trüben Funken an, bis sie glänzen wie helles
Feuer und der Mensch wähnt, in selbstloser Liebe für seinen Nächsten
entbrannt zu sein und hingeht und predigt, ohne berufen zu sein — ein
blinder Führer wird und mit den Lahmen in die Grube stürzt.
Sie wissen gar wohl, daß des Menschen Herze böse ist von Jugend auf und
daß Liebe darin nicht wohnen kann, es sei denn, sie wäre geschenkt von
oben.
Sie wiederholen den Satz: ‚Liebet euch untereinander‘, bis er stumpf
wird; der ihn zuerst sagte, gab denen, die ihn hörten, damit ein
magisches Geschenk; sie aber speien die Worte ins Ohr wie Gift — Unheil
und Verzweiflung, Mord, Blutbad und Verwüstung wachsen daraus empor.
Sie ahmen die Wahrheit nach wie die Vogelscheuche das Kruzifix am
Wegesrand.
Wo sie sehen, daß ein Kristall sich bildet, der symmetrisch — ein
Ebenbild Gottes — zu werden verspricht, da bieten sie alles auf, ihn zu
zertrümmern. Keine Lehre des Ostens ist ihnen zu fein, als daß sie sie
nicht vergröberten, irdisch machten, umstellten und durchlöcherten, bis
sie das Gegenteil darstellt von dem, was gemeint war. ‚Vom Osten kommt
das Licht‘, sagen sie und meinen heimlich die Pest damit.
Die einzige Tat, die des Vollbringens wert ist: die Arbeit am eigenen
Selbst, nennen sie Selbstsucht; Weltverbessern, aber nicht wissen wie,
— Habsucht mit dem Namen ‚Pflicht‘ bemänteln und Neid mit ‚Ehrgeiz‘,
das sind die Gedanken, die sie den irrenden Sterblichen einflößen.
Das Reich zersplitternden Bewußtseins ist ihr Zukunftstraum,
Besessenheit allüberall ihre Hoffnung; sie predigen durch den Mund der
Besessenen das ‚tausendjährige Reich‘ wie einst die Propheten, aber daß
das Reich ‚nicht von dieser Welt‘ ist, solange die Erde sich nicht
verwandelt und der Mensch durch die Wiedergeburt des Geistes — das
verschweigen sie; sie strafen die Gesalbten lügens, indem sie die Reife
der Zeit vorwegnehmen.
Wenn ein Heiland kommen soll, äffen sie ihm vor; wenn er geht, äffen
sie ihm nach.
Sie sagen: tritt als Führer auf! wohl wissend, daß nur einer führen
kann, der vollkommen geworden ist. Sie drehen es um und betrügen:
führe, so wirst du vollkommen.
Es heißt: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand; sie
aber suggerieren: nimm ein Amt und Gott wird dir den Verstand geben.
Sie wissen: das Leben auf Erden soll ein Zustand des Überganges sein,
darum locken sie listig: ‚mach ein Paradies aus dem Diesseits‘ wohl
kennend die Vergeblichkeit solcher Mühe.
Sie haben die Schatten des Hades befreit und beleben sie mit fluidisch
dämonischer Kraft, damit die Menschen glauben, die Auferstehung der
Toten sei gekommen.
Nach dem Antlitz unseres Meisters haben sie eine Larve geformt, die
spukhaft auftaucht da und dort, bald in den Träumen Hellsichtiger, bald
in den Zirkeln der Geistesbeschwörer als stoffvortäuschende Gestalt,
bald als automatisch sich bildende Zeichnung der Medien; John King —
Johann der König — nennt sich das Gespenst denen, die neugierig nach
seinem Namen fragen, damit der Glaube entstehe, es sei Johannes der
Evangelist. Sie ahmen das Antlitz ‚vor‘ für alle, die, wie du, reif
geworden sind, es in Wahrheit zu schauen; sie bauen vor, um Zweifel
säen zu können, wenn, wie jetzt bei dir, die Stunde naht, wo es des
nimmerwankenden Glaubens bedarf.
Du hast die Larve zertrümmert, da du den ‚Griff‘ verlangtest; jetzt
wird das wahre Antlitz für dich zum Knauf des magischen Schwertes,
geschmiedet ohne Fuge aus einem Stück Blutstein; wer es empfängt, für
den wird lebendig der Sinn des Psalmes: ‚Gürte dein Schwert an deine
Seite, zeuch einher der Wahrheit zu gut und die Elenden bei Recht zu
erhalten, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen!‘“
15
DAS NESSOSHEMD
Wie der Schrei des Adlers, die Luft auf Bergeshöhen erschütternd, eine
Schneewächte löst, die rollend zur Lawine wächst und den Glanz
verborgen gelegener Eisflächen enthüllt, so reißen die Worte des Urahns
ein Stück meines Ichs in mir los.
Den Psalm verschlingt ein heulendes Sausen im Ohr, der Anblick des
Zimmers erlischt vor meinen Augen und ich glaube hinabzustürzen in den
grenzenlosen Weltraum.
„Jetzt, jetzt werde ich zerschellen!“ Aber das Fallen will kein Ende
nehmen; mit immer größerer, rasender Schnelle saugt mich die Tiefe ein,
und ich fühle, wie mein Blut das Rückgrat emporschießt und die
Schädeldecke als leuchtende Garbe durchbricht.
Ich höre das Krachen der Knochen, dann ist alles vorbei; ich stehe auf
den Füßen und weiß: es war eine Sinnestäuschung, ein magnetischer Strom
hat mich durchdrungen von den Sohlen bis zum Haupte und in mir die
Empfindung erweckt, als stürzte ich in einen bodenlosen Schlund.
Voll Staunen blicke ich umher und wundere mich, daß die Lampe so ruhig
auf dem Tisch brennt und nichts sich verändert hat! Komme ich mir
selbst doch vor wie verwandelt, als hätte ich Flügel und könne sie
nicht gebrauchen.
„Ein neuer Sinn hat sich mir erschlossen“, weiß ich, und doch kann ich
lange nicht ergründen, worin er besteht und wieso ich ein anderer bin,
bis mir langsam zum Bewußtsein kommt: ich halte einen runden Gegenstand
in der Hand.
Ich blicke hin: nichts zu sehen; ich öffne die Finger: das Ding
verschwindet, aber ich höre nicht, daß etwas zu Boden fiele; ich balle
die Faust: und es ist wieder da, kalt, rund wie eine Kugel und hart.
„Es ist der Knauf des Schwertes“, errate ich plötzlich; ich taste und
finde die Klinge, ihre Schärfe ritzt mir die Haut.
Schwebt das Schwert in der Luft?
Ich entferne mich einen Schritt von der Stelle, wo ich stand, und fasse
nach ihm. Diesmal greifen meine Finger glatte, metallene Ringe, die
eine Kette bilden, um meine Hüften geschlungen, daran die Waffe hängt.
Eine tiefe Verwunderung beschleicht mich, die erst weicht, als mir
allmählich klar wird, was sich begeben hat: der innere Tastsinn, der
Sinn, der im Menschen am festesten schläft, ist erwacht; die dünne
Scheidewand, die das jenseitige Leben vom irdischen trennt, ist für
immer durchbrochen.
Seltsam! So winzig schmal ist die Schwelle zwischen beiden Reichen, und
doch hebt keiner den Fuß, sie zu überschreiten! Dicht an die Haut
grenzt die andere Wirklichkeit, aber wir fühlen sie nicht! Hier, wo die
Phantasie neues Land erschaffen könnte, macht sie Halt.
Die Sehnsucht nach Göttern und die Furcht, mit sich allein zu sein und
Schöpfer seiner eigenen Welt zu werden, ist es, die den Menschen hemmt,
die magischen Kräfte zu entfalten, die in ihm schlummern; Gefährten
will er haben und eine Natur, die machtvoll ihn umgibt; Liebe und Haß
will er üben, Taten begehen und an sich erleben! Wie könnte er es,
machte er sich selbst zum Schöpfer neuer Dinge?!
„Du brauchst nur die Hand auszustrecken und du wirst das Antlitz deiner
Geliebten berühren“, lockt es mich heiß, aber mir graut bei dem
Gedanken, daß Wirklichkeit und Phantasie dasselbe ist. Die
Furchtbarkeit der letzten Wahrheit grinst mir ins Gesicht!
Schrecklicher noch als die Möglichkeit, ich könnte ein Opfer
dämonischer Berührung werden oder hinaustreiben ins uferlose Meer des
Irrsinns und der Halluzinationen, ist mir die Erkenntnis: es gibt
nirgends Wirklichkeit, weder dort noch hier, es gibt nur Phantasie!
Ich erinnere mich der angstvollen Worte: „Hast du die Sonne gesehen?“
die einst mein Vater sprach, als ich ihm erzählte von meiner Wanderung
auf den Berg; „wer die Sonne sieht, der gibt das Wandern auf; er geht
ein in die Ewigkeit.“
„Nein; ich will ein Wanderer bleiben und dich wiedersehen, Vater! Mit
Ophelia will ich vereint sein und nicht mit Gott! Ich will die
Unendlichkeit und nicht die Ewigkeit. Was ich mit geistigen Augen und
Ohren sehen und hören gelernt habe, das, will ich, soll auch
Wirklichkeit sein meinem Gefühlssinn. Verzicht leiste ich, ein mit
Schöpferkraft gekrönter Gott zu werden; aus Liebe zu euch will ich ein
erschaffener Mensch bleiben; ich will das Leben mit euch teilen zu
gleichen Teilen.“
Wie zum Schutze vor der Versuchung, meine Arme in Sehnsucht
auszustrecken, umklammere ich den Schwertgriff:
„Deiner Hilfe, Meister, vertraue ich mich an! Sei du der Schöpfer alles
dessen, was mich umgibt.“
So deutlich wird meiner tastenden Hand das Gesicht am Knaufe bewußt,
daß ich es tief in meinem Innersten zu erleben glaube. Es ist ein Sehen
und Fühlen zugleich: das Errichten eines Altars zur Aufbewahrung des
Allerheiligsten.
Eine geheimnisvolle Kraft quillt daraus, die sich auf die Dinge
überträgt und ihnen Seelen einhaucht.
Als hörte ich es in Worten, weiß ich: die Lampe dort auf dem Tisch ist
das Ebenbild deines irdischen Lebens, das Zimmer deiner Einsamkeit hat
sie beleuchtet, jetzt wird sie zum schwelenden Schein; ihr Öl geht zu
Ende.
Es drängt mich, unter freiem Himmel zu sein, wenn die Stunde des großen
Wiedersehens schlägt!
Eine Leiter führt zu dem flachen Dach, darauf ich oft als Kind heimlich
saß, um staunend zu betrachten, wie der Wind weiße Gesichter und
Drachengestalten in die Wolken blies.
Ich klimme hinauf und setze mich auf das Geländer.
Versunken in Nacht liegt die Stadt da unten.
Meine ganze Vergangenheit, Bild um Bild schwebt empor und schmiegt sich
ängstlich an mich, als wolle sie mahnen: „Halte mich fest, nimm mich
mit, auf daß ich nicht in Vergessenheit sterben muß und leben darf in
deinem Gedächtnis.“
Ringsum am Horizont zuckt das Wetterleuchten auf: ein glühendes, rasch
spähendes Riesenauge, und die Häuser und Fenster werfen den
Flammenschein auf mich, geben verräterisch das Fackelzeichen zurück:
dort, dort! Dort steht er, den du suchst!
„Alle meine Diener hast du erschlagen, jetzt komme ich selbst“, geht
ein fernes Heulen durch die Luft; ich muß an die Herrin der Finsternis
denken und an das, was mein Vater sagte über ihren Haß.
„Nessoshemd!“ zischt ein Windstoß und reißt an meinem Gewand.
Donner brüllt sein ohrenbetäubendes: „Ja.“
„Nessoshemd!“ wiederhole ich sinnend; „Nessoshemd?!“
Dann totenstilles Lauern; Sturm und Blitz beraten, was sie beginnen
sollen.
Unten braust plötzlich laut der Fluß, als wolle er mich warnen: Komm
herab zu mir! Verbirg dich!
Ich höre das entsetzte Rauschen der Bäume: „Die Windsbraut mit den
Würgerhänden! Die Zentauren der Meduse, die wilde Jagd! Ducket die
Köpfe, der Reiter mit der Sense kommt!“
In meinem Herzen klopft ein stilles Jubeln: Ich warte auf dich, mein
Geliebter.
Die Glocke der Kirche wimmert auf, von einer unsichtbaren Faust
getroffen.
Im Schein eines Blitzes leuchten fragend die Kreuze des Friedhofes auf.
„Ja, Mutter; ich komme!“
Ein Fenster, irgendwo, reißt sich los und birst mit klirrendem Schrei
auf dem Pflaster: die Todesangst der Dinge, erschaffen durch
Menschenhand.
Ist der Mond vom Himmel gefallen und irrt umher? Eine weißglühende
Kugel tastet sich durch die Luft, schwankt, sinkt, steigt, wandert
planlos und platzt mit donnerndem Krachen, urplötzlich wie von rasender
Wut erfaßt; die Erde bebt in wildem Schrecken.
Immer neue tauchen auf; eine sucht die Brücke ab, rollt langsam und
tückisch über die Pallisaden, umkreist einen Balken, packt ihn brüllend
und zerfetzt ihn.
„Kugelblitze!“ Ich habe in den Büchern meiner Kindheit von ihnen
gelesen und die Schilderung ihrer rätselhaften Bewegung für Fabel
gehalten, jetzt sind sie leibhaftig! Blinde Wesen, geformt aus
elektrischer Kraft, Bomben des kosmischen Abgrundes, Köpfe von Dämonen
ohne Augen, Mund, Ohren und Nasen, den Tiefen der Erde und der Luft
entstiegen, Wirbel, kreisend um einen Mittelpunkt des Hasses, der ohne
Organe des Wahrnehmens halbbewußt tastet nach Opfern für seine
Zerstörungswut.
Mit welch furchtbarer Macht begabt wären sie erst, besäßen sie
menschliche Gestalt! Hat meine stumme Frage sie angelockt, die glühende
Kugel, daß sie plötzlich ihre Bahn verläßt und auf mich zufliegt? Aber
sie kehrt um dicht am Geländer, gleitet hinüber zu einer Mauer, schwebt
in ein offenes Fenster hinein und zu einem andern wieder heraus, wird
länglich: und ein Feuerstrahl schlägt einen Trichter in den Sand unter
Donnergetöse, daß das Haus zittert und der Staub bis zu mir
heraufspritzt.
Sein Licht, blendend wie eine weiße Sonne, verbrennt mir die Augen; so
grell beschienen ist eine Sekunde lang meine Gestalt, daß ihr Reflex
meine Lider erfüllt und eingeätzt bleibt in meinem Bewußtsein.
„Siehst du mich endlich, Meduse?“
„Ja, ich sehe dich, Verfluchter!“ — und eine rote Kugel steigt aus der
Erde. Halbblind fühle ich: sie wird größer und größer; jetzt schwebt
sie über meinem Kopf — ein Meteor grenzenloser Wut.
Ich breite die Arme aus: unsichtbare Hände fassen die meinen mit dem
„Griff“ des Ordens, gliedern mich ein in die lebendige Kette, die in
die Unendlichkeit reicht.
Verbrannt ist in mir das Verwesliche, durch den Tod in eine Flamme des
Lebens verwandelt.
Aufrecht stehe ich im purpurnen Gewand des Feuers, gegürtet mit der
Waffe aus Blutstein.
Gelöst bin ich für immer mit Leichnam und Schwert.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEISSE DOMINIKANER ***
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