Deutsche Märchen gesammelt durch die Brüder Grimm

By Gebrüder Grimm

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Title: Deutsche Märchen gesammelt durch die Brüder Grimm

Editor: M. Thilo-Luyken

Author: Gebrüder Grimm

Release date: February 10, 2026 [eBook #77905]

Language: German

Original publication: Ebenhausen: Wilhelm Langewiesche-Brandt, 1921

Credits: Alexander Bauer, Andrew Sly and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE MÄRCHEN GESAMMELT DURCH DIE BRÜDER GRIMM ***


                     Anmerkungen zur Transkription.

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  ~gesperrt gedruckter Text~




                          Die Bücher der Rose

                          Neue Friedensreihe

                            Grimms Märchen


                      [Illustration: Marienkind]




                           Deutsche Märchen
                   gesammelt durch die Brüder Grimm


                   herausgegeben von M. Thilo-Luyken


                          Mit vielen Bildern
                          ·von·Dora Polster·


                           WACHEN und WECKEN

                      Wilhelm Langewiesche-Brandt
                     Ebenhausen·bei·München·1921·


                         ~Erstes Tausend 1911~

                Hundertfünfundzwanzigstes Tausend 1921

             Holzfreies Papier von Sieler & Vogel, Leipzig

           Satz und Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig




                            [Illustration]

                              Marienkind


Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte
nur ein einziges Kind, das war ein Mädchen von drei Jahren. Sie waren
aber so arm, daß sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht
wußten, was sie ihm sollten zu essen geben. Eines Morgens ging der
Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie
er da Holz hackte, stand auf einmal eine schöne große Frau vor ihm,
die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt und sprach
zu ihm: »Ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins:
du bist arm und dürftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir
nehmen, seine Mutter sein und für es sorgen.« Der Holzhacker gehorchte,
holte sein Kind und übergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit
sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und
trank süße Milch, und seine Kleider waren von Gold, und die Englein
spielten mit ihm. Als es nun vierzehn Jahr alt geworden war, rief es
einmal die Jungfrau Maria zu sich und sprach: »Liebes Kind, ich habe
eine große Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Türen
des Himmelreichs in Verwahrung: zwölf davon darfst du aufschließen
und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte, wozu
dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verboten: hüte dich, daß
du sie nicht aufschließest, sonst wirst du unglücklich.« Das Mädchen
versprach, gehorsam zu sein, und als nun die Jungfrau Maria weg war,
fing es an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloß
es eine auf, bis die zwölfe herum waren. In jeder aber saß ein Apostel,
und war von großem Glanz umgeben, und es freute sich über all die
Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten,
freuten sich mit ihm. Nun war die verbotene Tür allein noch übrig, da
empfand es eine große Lust, zu wissen, was dahinter verborgen wäre,
und sprach zu den Englein: »Ganz aufmachen will ich sie nicht und will
auch nicht hineingehen, aber ich will sie aufschließen, damit wir ein
wenig durch den Ritz sehen.« -- »Ach nein,« sagten die Englein, »das
wäre Sünde: die Jungfrau Maria hat's verboten, und es könnte leicht
dein Unglück werden.« Da schwieg es still, aber die Begierde in seinem
Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte ordentlich daran
und ließ ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal alle hinausgegangen
waren, dachte es: »Nun bin ich ganz allein und könnte hineingucken, es
weiß es ja niemand, wenn ich's tue.« Es suchte den Schlüssel heraus
und als es ihn in der Hand hielt, steckte es ihn auch in das Schloß,
und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um. Da sprang die
Türe auf, und es sah da die Dreieinigkeit im Feuer und Glanz sitzen.
Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alles mit Erstaunen, dann
rührte es ein wenig mit dem Finger an den Glanz, da ward der Finger
ganz golden. Alsbald empfand es eine gewaltige Angst, schlug die Türe
heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, es
mochte anfangen, was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und
wollte nicht ruhig werden: auch das Gold blieb an dem Finger und ging
nicht ab, es mochte waschen und reiben, so viel es wollte.

Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück.
Sie rief das Mädchen zu sich und forderte ihm die Himmelsschlüssel
wieder ab. Als es den Bund hinreichte, blickte ihm die Jungfrau in die
Augen und sprach: »Hast du auch nicht die dreizehnte Tür geöffnet?« --
»Nein,« antwortete es. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, fühlte wie
es klopfte und klopfte, und merkte wohl, daß es ihr Gebot übertreten
und die Türe aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal: »Hast du
es gewiß nicht getan?« -- »Nein,« sagte das Mädchen zum zweitenmal. Da
erblickte sie den Finger, der von der Berührung des himmlischen Feuers
golden geworden war, sah wohl, daß es gesündigt hatte und sprach zum
drittenmal: »Hast du es nicht getan?« -- »Nein,« sagte das Mädchen zum
drittenmal. Da sprach die Jungfrau Maria: »Du hast mir nicht gehorcht
und hast noch dazu gelogen, du bist nicht mehr würdig im Himmel zu
sein.«

Da versank das Mädchen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte,
lag es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Es wollte rufen,
aber es konnte keinen Laut hervorbringen. Es sprang auf und wollte
fortlaufen, aber wo es sich hinwendete, immer ward es von dichten
Dornhecken zurückgehalten, die es nicht durchbrechen konnte. In der
Einöde, in welche es eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum,
das mußte seine Wohnung sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam,
und schlief darin, und wenn es stürmte und regnete, fand es darin
Schutz: aber es war ein jämmerliches Leben, und wenn es daran dachte,
wie es im Himmel so schön gewesen war und die Engel mit ihm gespielt
hatten, so weinte es bitterlich. Wurzeln und Waldbeeren waren seine
einzige Nahrung, die suchte es sich, so weit es kommen konnte. Im
Herbst sammelte es die herabgefallenen Nüsse und Blätter und trug sie
in die Höhle, die Nüsse waren im Winter seine Speise und wenn Schnee
und Eis kam, so kroch es wie ein armes Tierchen in die Blätter, daß es
nicht fror. Nicht lange, so zerrissen seine Kleider und fiel ein Stück
nach dem andern vom Leibe herab. Sobald dann die Sonne wieder warm
schien, ging es heraus und setzte sich vor den Baum, und seine langen
Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So saß es ein Jahr
nach dem andern und fühlte den Jammer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bäume wieder in frischem Grün standen, jagte der König
des Landes in dem Wald und verfolgte ein Reh, und weil es in das
Gebüsch geflohen war, das den Waldplatz einschloß, stieg er vom Pferd,
riß das Gestrüppe auseinander und hieb sich mit seinem Schwert einen
Weg. Als er endlich hindurchgedrungen war, sah er unter dem Baum ein
wunderschönes Mädchen sitzen, das saß da und war von seinem goldenen
Haar bis zu den Fußzehen bedeckt. Er stand still und betrachtete es
voll Erstaunen, dann redete er es an und sprach: »Wer bist du? Warum
sitzest du hier in der Einöde?« Es gab aber keine Antwort, denn es
konnte seinen Mund nicht auftun. Der König sprach weiter: »Willst du
mit mir auf mein Schloß gehen?« Da nickte es nur ein wenig mit dem
Kopf. Der König nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt
mit ihm heim, und als er auf das königliche Schloß kam, ließ er ihm
schöne Kleider anziehen und gab ihm alles im Überfluß. Und ob es gleich
nicht sprechen konnte, so war es doch schön und holdselig, daß er es
von Herzen lieb gewann, und es dauerte nicht lange, da vermählte er
sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr verflossen war, brachte die Königin einen Sohn zur
Welt. Darauf in der Nacht, wo sie allein in ihrem Bette lag, erschien
ihr die Jungfrau Maria und sprach: »Willst du die Wahrheit sagen und
gestehen, daß du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich
deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben, verharrst du aber
in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehm ich dein neugebornes
Kind mit mir.« Da war der Königin verliehen zu antworten, sie blieb
aber verstockt und sprach: »Nein, ich habe die verbotene Tür nicht
aufgemacht,« und die Jungfrau Maria nahm das neugeborne Kind ihr aus
den Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht
zu finden war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, die Königin wäre
eine Menschenfresserin und hätte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hörte
alles und konnte nichts dagegen sagen, der König aber wollte es nicht
glauben, weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr gebar die Königin wieder einen Sohn. In der Nacht
trat auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr herein und sprach: »Willst
du gestehen, daß du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir
dein Kind wiedergeben und deine Zunge lösen: verharrst du aber in der
Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses neugeborne mit mir.« Da
sprach die Königin wiederum: »Nein, ich habe die verbotene Tür nicht
geöffnet,« und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit
sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war,
sagten die Leute ganz laut, die Königin hätte es verschlungen, und des
Königs Räte verlangten, daß sie sollte gerichtet werden. Der König aber
hatte sie so lieb, daß er es nicht glauben wollte, und befahl den Räten
bei Leibes- und Lebensstrafe, nichts mehr darüber zu sprechen.

Im nächsten Jahre gebar die Königin ein schönes Töchterlein, da
erschien ihr zum drittenmal nachts die Jungfrau Maria und sprach:
»Folge mir.« Sie nahm sie bei der Hand und führte sie in den Himmel,
und zeigte ihr da ihre beiden ältesten Kinder, die lachten sie an
und spielten mit der Weltkugel. Als sich die Königin darüber freute,
sprach die Jungfrau Maria: »Ist dein Herz noch nicht erweicht? Wenn du
eingestehst, daß du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir
deine beiden Söhnlein zurückgeben.« Aber die Königin antwortete zum
drittenmal: »Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet.« Da ließ
sie die Jungfrau wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das
dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar ward, riefen alle Leute laut: »Die
Königin ist eine Menschenfresserin, sie muß verurteilt werden,« und
der König konnte seine Räte nicht mehr zurückweisen. Es ward ein
Gericht über sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht
verteidigen konnte, ward sie verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu
sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl
festgebunden war und das Feuer rings umher zu brennen anfing, da
schmolz das harte Eis des Stolzes und ihr Herz ward von Reue bewegt,
und sie dachte: »Könnt ich nur noch vor meinem Tode gestehen, daß ich
die Tür geöffnet habe,« da kam ihr die Stimme, daß sie laut ausrief:
»Ja, Maria, ich habe es getan.« Und alsbald fing der Himmel an zu
regnen und löschte die Feuerflammen, und über ihr brach ein Licht
hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Söhnlein
zu ihren Seiten und das neugeborne Töchterlein auf dem Arm. Sie sprach
freundlich zu ihr: »Wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie
vergeben,« und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge und gab
ihr Glück für das ganze Leben.




                            [Illustration]

                           Die Wichtelmänner


                            Erstes Märchen.

Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich
nichts mehr übrig blieb, als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun
schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er den nächsten Morgen in
Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich
ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein. Morgens,
nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen
wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch.
Er verwunderte sich und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er
nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten. Sie waren so
sauber gearbeitet, daß kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es
ein Meisterstück sein sollte. Bald darauf trat auch schon ein Käufer
ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr
als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder zu
zwei Paar Schuhen erhandeln. Er schnitt sie abends zu und wollte den
nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte
es nicht, denn als er aufstand, waren sie schon fertig, und es blieben
auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, daß er das Leder
zu vier Paar Schuhen einkaufen konnte. Er fand frühmorgens auch die
vier Paar fertig, und so ging's immer fort, was er abends zuschnitt,
das war am Morgen verarbeitet, also daß er bald wieder sein ehrliches
Auskommen hatte und endlich ein wohlhabender Mann ward. Nun geschah
es eines Abends, nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder
zugeschnitten hatte, daß er vor Schlafengehen zu seiner Frau sprach:
»Wie wär's, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns
solche hilfreiche Hand leistet?« Die Frau war's zufrieden und steckte
ein Licht an; darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den
Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht
war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Männlein, setzten sich vor
des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und
fingen an mit ihren Fingerlein so behend und schnell zu stechen, zu
nähen, zu klopfen, daß der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht
abwenden konnte. Sie ließen nicht nach, bis alles zu Ende gebracht war
und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.

Am andern Morgen sprach die Frau: »Die kleinen Männer haben uns reich
gemacht, wir müßten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so
herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will
Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar
Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.« Der Mann
sprach: »Das bin ich wohl zufrieden,« und abends, wie sie alles fertig
hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit
zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen,
wie sich die Männlein dazu anstellen würden. Um Mitternacht kamen sie
herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie
aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke
fanden, verwunderten sie sich erst, dann aber bezeigten sie eine
gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an,
strichen die schönen Kleider am Leib und sangen:

  »Sind wir nicht Knaben glatt und fein?
  Was sollen wir länger Schuster sein!«

Dann hüpften und tanzten sie und sprangen über Stühle und Bänke.
Endlich tanzten sie zur Tür hinaus. Von nun an kamen sie nicht wieder,
dem Schuster aber ging es wohl, solang er lebte, und es glückte ihm
alles, was er unternahm.


                           Zweites Märchen.

Es war einmal ein armes Dienstmädchen, das war fleißig und reinlich,
kehrte alle Tage das Haus und schüttete den Kehricht auf einen großen
Haufen vor die Türe. Eines Morgens, als es eben wieder an die Arbeit
gehen wollte, fand es einen Brief darauf, und weil es nicht lesen
konnte, so stellte es den Besen in die Ecke und brachte den Brief
seiner Herrschaft, und da war es eine Einladung von den Wichtelmännern,
die baten das Mädchen, ihnen ein Kind aus der Taufe zu heben. Das
Mädchen wußte nicht, was es tun sollte, endlich, auf vieles Zureden und
weil sie ihm sagten, so etwas dürfte man nicht abschlagen, so willigte
es ein. Da kamen drei Wichtelmänner und führten es in einen hohlen
Berg, wo die Kleinen lebten. Es war da alles klein, aber so zierlich
und prächtig, daß es nicht zu sagen ist. Die Kindbetterin lag in einem
Bett von schwarzem Ebenholz mit Knöpfen von Perlen, die Decken waren
mit Gold gestickt, die Wiege war von Elfenbein, die Badewanne von Gold.
Das Mädchen stand nun Gevatter und wollte dann wieder nach Haus gehen,
die Wichtelmännlein baten es aber inständig, drei Tage bei ihnen zu
bleiben. Es blieb also und verlebte die Zeit in Lust und Freude, und
die Kleinen taten ihm alles zuliebe. Endlich wollte es sich auf den
Rückweg machen, da steckten sie ihm die Taschen erst ganz voll Gold
und führten es hernach wieder zum Berge heraus. Als es nach Haus kam,
wollte es seine Arbeit beginnen, nahm den Besen in die Hand, der noch
in der Ecke stand, und fing an zu kehren. Da kamen fremde Leute aus
dem Haus, die fragten wer es wäre und was es da zu tun hätte. Da war
es nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern sieben Jahre bei den
kleinen Männern im Berge gewesen, und seine vorige Herrschaft war in
der Zeit gestorben.


                           Drittes Märchen.

Einer Mutter war ihr Kind von den Wichtelmännern aus der Wiege geholt
und ein Wechselbalg mit dickem Kopf und starren Augen hineingelegt, der
nichts als essen und trinken wollte. In ihrer Not ging sie zu ihrer
Nachbarin und fragte sie um Rat. Die Nachbarin sagte, sie sollte den
Wechselbalg in die Küche tragen, auf den Herd setzen, Feuer anmachen
und in zwei Eierschalen Wasser kochen. Das bringe den Wechselbalg zum
Lachen, und wenn er lache, dann sei es aus mit ihm. Die Frau tat alles,
wie die Nachbarin gesagt hatte. Wie sie die Eierschalen mit Wasser über
das Feuer setzte, sprach der Klotzkopf:

  »Nun bin ich so alt
  wie der Westerwald,
  und hab nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht.«

Und fing an darüber zu lachen. Indem er lachte, kam auf einmal eine
Menge von Wichtelmännerchen, die brachten das rechte Kind, setzten es
auf den Herd und nahmen den Wechselbalg wieder mit fort.




                            [Illustration]

                          Der·treue·Johannes


Es war einmal ein alter König, der war krank und dachte: »Es wird
wohl das Totenbett sein, auf dem ich liege.« Da sprach er: »Laßt mir
den getreuen Johannes kommen.« Der getreue Johannes war sein liebster
Diener, und hieß so, weil er ihm sein lebelang so treu gewesen war.
Als er nun vor das Bett kam, sprach der König zu ihm: »Getreuester
Johannes, ich fühle, daß mein Ende herannaht, und da habe ich keine
andere Sorge als um meinen Sohn: er ist noch in jungen Jahren, wo er
sich nicht immer zu raten weiß, und wenn du mir nicht versprichst,
ihn zu unterrichten in allem, was er wissen muß, und sein Pflegevater
zu sein, so kann ich meine Augen nicht in Ruhe schließen.« -- Da
antwortete der getreue Johannes: »Ich will ihn nicht verlassen und will
ihm mit Treue dienen, wenn's auch mein Leben kostet.« -- Da sagte der
alte König: »So sterb' ich getrost und in Frieden.« Und sprach dann
weiter: »Nach meinem Tode sollst du ihm das ganze Schloß zeigen, alle
Kammern, Säle und Gewölbe, und alle Schätze, die darin liegen: aber die
letzte Kammer in dem langen Gange sollst du ihm nicht zeigen, worin das
Bild der Königstochter vom goldenen Dache verborgen steht. Wenn er das
Bild erblickt, wird er eine heftige Liebe zu ihr empfinden und wird in
Ohnmacht niederfallen und wird ihretwegen in große Gefahren geraten;
davor sollst du ihn hüten.« Und als der treue Johannes nochmals dem
alten König die Hand darauf gegeben hatte, ward dieser still, legte
sein Haupt auf das Kissen und starb.

Als der alte König zu Grabe getragen war, da erzählte der treue
Johannes dem jungen König, was er seinem Vater auf dem Sterbelager
versprochen hatte, und sagte: »Das will ich gewißlich halten, und
will dir treu sein, wie ich ihm gewesen bin, und sollte es mein Leben
kosten.« Die Trauer ging vorüber, da sprach der treue Johannes zu
ihm: »Es ist nun Zeit, daß du dein Erbe siehst: ich will dir dein
väterliches Schloß zeigen.« Da führte er ihn überall herum, auf und
ab, und ließ ihn alle die Reichtümer und prächtigen Kammern sehen: nur
die eine Kammer öffnete er nicht, worin das gefährliche Bild stand.
Das Bild war aber so gestellt, daß, wenn die Türe aufging, man gerade
darauf sah, und war so herrlich gemacht, daß man meinte, es leibte und
lebte, und es gäbe nichts Lieblicheres und Schöneres auf der ganzen
Welt. Der junge König aber merkte wohl, daß der getreue Johannes immer
an einer Tür vorüberging und sprach: »Warum schließest du mir diese
niemals auf?« -- »Es ist etwas darin,« antwortete er, »vor dem du
erschrickst.« Aber der König antwortete: »Ich habe das ganze Schloß
gesehen, so will ich auch wissen, was darin ist,« ging und wollte die
Türe mit Gewalt öffnen. Da hielt ihn der getreue Johannes zurück und
sagte: »Ich habe es deinem Vater vor seinem Tode versprochen, daß du
nicht sehen sollst, was in der Kammer steht: es könnte dir und mir
zu großem Unglück ausschlagen.« -- »Ach nein,« antwortete der junge
König, »wenn ich nicht hineinkomme, so ist's mein sicheres Verderben:
ich würde Tag und Nacht keine Ruhe haben, bis ich's mit meinen Augen
gesehen hätte. Nun gehe ich nicht von der Stelle, bis du aufgeschlossen
hast.«

Da sah der getreue Johannes, daß es nicht mehr zu ändern war, und
suchte mit schwerem Herzen und vielem Seufzen aus dem großen Bund
den Schlüssel heraus. Als er die Türe geöffnet hatte, trat er zuerst
hinein und dachte, er wolle das Bildnis bedecken, daß es der König
vor ihm nicht sähe: aber was half das? der König stellte sich auf die
Fußspitzen und sah ihm über die Schulter. Und als er das Bildnis der
Jungfrau erblickte, das so herrlich war und von Gold und Edelsteinen
glänzte, da fiel er ohnmächtig zur Erde nieder. Der getreue Johannes
hob ihn auf, trug ihn in sein Bett und dachte voll Sorgen: »Das Unglück
ist geschehen, Herr Gott, was will daraus werden!« Dann stärkte er
ihn mit Wein, bis er wieder zu sich selbst kam. Das erste Wort, das
er sprach, war: »Ach! wer ist das schöne Bild?« -- »Das ist die
Königstochter vom goldenen Dache,« antwortete der treue Johannes. Da
sprach der König weiter: »Meine Liebe zu ihr ist so groß, wenn alle
Blätter an den Bäumen Zungen wären, sie könnten's nicht aussagen; mein
Leben setze ich daran, daß ich sie erlange. Du bist mein getreuster
Johannes, du mußt mir beistehen.«

Der treue Diener besann sich lange, wie die Sache anzufangen wäre, denn
es hielt schwer, nur vor das Angesicht der Königstochter zu kommen.
Endlich hatte er ein Mittel ausgedacht und sprach zu dem König: »Alles,
was sie um hat, ist von Gold, Tische, Stühle, Schüsseln, Becher, Näpfe
und alles Hausgerät: in deinem Schatze liegen fünf Tonnen Goldes, laß
eine von den Goldschmieden des Reichs verarbeiten zu allerhand Gefäßen
und Gerätschaften, zu allerhand Vögeln, Gewild und wunderbaren Tieren,
das wird ihr gefallen, wir wollen damit hinfahren und unser Glück
versuchen.« Der König hieß alle Goldschmiede herbeiholen, die mußten
Tag und Nacht arbeiten, bis endlich die herrlichsten Dinge fertig
waren. Als alles auf ein Schiff geladen war, zog der getreue Johannes
Kaufmannskleider an, und der König mußte ein gleiches tun, um sich ganz
unkenntlich zu machen. Dann fuhren sie über das Meer, und fuhren so
lange, bis sie zur Stadt kamen, worin die Königstochter vom goldenen
Dache wohnte.

Der treue Johannes hieß den König auf dem Schiffe zurückbleiben und
auf ihn warten. »Vielleicht,« sprach er, »bring ich die Königstochter
mit, darum sorgt, daß alles in Ordnung ist, laßt die Goldgefäße
aufstellen und das ganze Schiff ausschmücken.« Darauf suchte er
sich in sein Schürzchen allerlei von den Goldsachen zusammen, stieg
ans Land und ging gerade nach dem königlichen Schloß. Als er in den
Schloßhof kam, stand da beim Brunnen ein schönes Mädchen, das hatte
zwei goldene Eimer in der Hand und schöpfte damit. Und als es das
blinkende Wasser forttragen wollte und sich umdrehte, sah es den
fremden Mann und fragte, wer er wäre? Da antwortete er: »Ich bin ein
Kaufmann,« und öffnete sein Schürzchen und ließ sie hineinschauen.
Da rief sie: »Ei, was für schönes Goldzeug!« setzte die Eimer nieder
und betrachtete eins nach dem andern. Da sprach das Mädchen: »Das muß
die Königstochter sehen, die hat so große Freude an den Goldsachen,
daß sie Euch alles abkauft.« Es nahm ihn bei der Hand und führte ihn
hinauf, denn es war die Kammerjungfer. Als die Königstochter die Ware
sah, war sie ganz vergnügt und sprach: »Es ist so schön gearbeitet,
daß ich dir alles abkaufen will.« Aber der getreue Johannes sprach:
»Ich bin nur der Diener von einem reichen Kaufmann: was ich hier
habe, ist nichts gegen das, was mein Herr auf seinem Schiffe stehen
hat, und das ist das Künstlichste und Köstlichste, was je in Gold ist
gearbeitet worden.« Sie wollte alles heraufgebracht haben, aber er
sprach: »Dazu gehören viele Tage, so groß ist die Menge, und so viel
Säle, um es aufzustellen, daß Euer Haus nicht Raum dafür hat.« Da ward
ihre Neugierde und Lust immer mehr angeregt, so daß sie endlich sagte:
»Führe mich hin zu dem Schiff, ich will selbst hingehen und deines
Herrn Schätze betrachten.«

Da führte sie der treue Johannes zu dem Schiffe hin und war ganz
freudig, und der König, als er sie erblickte, sah, daß ihre Schönheit
noch größer war, als das Bild sie dargestellt hatte, und meinte nicht
anders, als das Herz wollte ihm zerspringen. Nun stieg sie in das
Schiff, und der König führte sie hinein; der getreue Johannes aber
blieb zurück bei dem Steuermann und hieß das Schiff abstoßen, »spannt
alle Segel auf, daß es fliegt, wie ein Vogel in der Luft«. Der König
aber zeigte ihr drinnen das goldene Geschirr, jedes einzeln, die
Schüsseln, Becher, Näpfe, die Vögel, das Gewild, und die wunderbaren
Tiere. Viele Stunden gingen herum, während sie alles besah, und in
ihrer Freude merkte sie nicht, daß das Schiff dahinfuhr. Nachdem sie
das letzte betrachtet hatte, dankte sie dem Kaufmann und wollte heim,
als sie aber an des Schiffes Rand kam, sah sie, daß es fern vom Land
auf hohem Meer ging und mit vollen Segeln forteilte. »Ach,« rief sie
erschrocken, »ich bin betrogen, ich bin entführt und in die Gewalt
eines Kaufmanns geraten; lieber wollt ich sterben!« Der König aber
faßte sie bei der Hand und sprach: »Ein Kaufmann bin ich nicht, ich
bin ein König und nicht geringer an Geburt als du bist: aber daß ich
dich mit List entführt habe, das ist aus übergroßer Liebe geschehen.
Das erstemal, als ich dein Bildnis gesehen habe, bin ich ohnmächtig zur
Erde gefallen.« Als die Königstochter vom goldenen Dache das hörte,
ward sie getröstet, und ihr Herz ward ihm geneigt, so daß sie gern
einwilligte, seine Gemahlin zu werden.

Es trug sich aber zu, während sie auf dem hohen Meere dahinfuhren, daß
der treue Johannes, als er vorn auf dem Schiffe saß und Musik machte,
in der Luft drei Raben erblickte, die dahergeflogen kamen. Da hörte
er auf zu spielen und horchte, was sie miteinander sprachen, denn er
verstand das wohl. Der eine rief: »Ei, da führt er die Königstochter
vom goldenen Dache heim.« -- »Ja,« antwortete der zweite, »er hat
sie noch nicht.« Sprach der dritte: »Er hat sie doch, sie sitzt bei
ihm im Schiffe.« Da fing der erste wieder an und rief: »Was hilft
ihm das! Wenn sie ans Land kommen, wird ihm ein fuchsrotes Pferd
entgegenspringen: da wird er sich aufschwingen wollen, und tut er das,
so sprengt es mit ihm fort und in die Luft hinein, daß er nimmermehr
seine Jungfrau wiedersieht.« Sprach der zweite: »Ist gar keine
Rettung?« -- »O ja, wenn ein anderer schnell aufsitzt, das Feuergewehr,
das in den Halftern stecken muß, herausnimmt, und das Pferd damit
totschießt, so ist der junge König gerettet. Aber wer weiß das! Und
wer's weiß und sagt's ihm, der wird zu Stein von den Fußzehen bis zum
Knie.« Da sprach der zweite: »Ich weiß noch mehr, wenn das Pferd auch
getötet wird, so behält der junge König doch nicht seine Braut: wenn
sie zusammen ins Schloß kommen, so liegt dort ein gemachtes Brauthemd
in einer Schüssel und sieht aus, als wär's von Gold und Silber gewebt,
ist aber nichts als Schwefel und Pech: wenn er's antut, verbrennt es
ihn bis auf Mark und Knochen.« Sprach der dritte: »Ist da gar keine
Rettung?« -- »O ja,« antwortete der zweite, »wenn einer mit Handschuhen
das Hemd packt und wirft es ins Feuer, daß es verbrennt, so ist der
junge König gerettet. Aber was hilft's! Wer's weiß und es ihm sagt,
der wird halbes Leibes Stein vom Knie bis zum Herzen.« Da sprach der
dritte: »Ich weiß noch mehr, wird das Brauthemd auch verbrannt, so hat
der junge König seine Braut doch noch nicht: wenn nach der Hochzeit
der Tanz anhebt, und die junge Königin tanzt, wird sie plötzlich
erbleichen und wie tot hinfallen, und hebt sie nicht einer auf und
zieht aus ihrer rechten Brust drei Tropfen Blut und speit sie wieder
aus, so stirbt sie. Aber verrät das einer, der es weiß, so wird er
ganzen Leibes zu Stein vom Wirbel bis zur Fußzehe.« Als die Raben das
miteinander gesprochen hatten, flogen sie weiter, und der getreue
Johannes hatte alles wohl verstanden, aber von der Zeit an war er still
und traurig; denn verschwieg er seinem Herrn, was er gehört hatte, so
war dieser unglücklich: entdeckte er es ihm, so mußte er selbst sein
Leben hingeben. Endlich aber sprach er bei sich: »Meinen Herrn will ich
retten, und sollt ich selbst darüber zugrunde gehen.«

                            [Illustration: Der treue Johannes]

Als sie nun ans Land kamen, da geschah es, wie der Rabe vorhergesagt
hatte, und es sprengte ein prächtiger fuchsroter Gaul daher. »Wohlan,«
sprach der König, »der soll mich in mein Schloß tragen,« und wollte
sich aufsetzen, doch der treue Johannes kam ihm zuvor, schwang sich
schnell darauf, zog das Gewehr aus den Halftern und schoß den Gaul
nieder. Da riefen die andern Diener des Königs, die dem treuen Johannes
doch nicht gut waren, »wie schändlich, das schöne Tier zu töten,
das den König in sein Schloß tragen sollte!« Aber der König sprach:
»Schweigt und laßt ihn gehen, es ist mein getreuester Johannes, wer
weiß, wozu das gut ist!« Nun gingen sie ins Schloß und da stand im Saal
eine Schüssel, und das gemachte Brauthemd lag darin und sah aus nicht
anders, als wäre es von Gold und Silber. Der junge König ging darauf
zu und wollte es ergreifen, aber der treue Johannes schob ihn weg,
packte es mit Handschuhen an, trug es schnell ins Feuer und ließ es
verbrennen. Die anderen Diener fingen wieder an zu murren und sagten:
»Seht, nun verbrennt er gar des Königs Brauthemd.« Aber der junge
König sprach: »Wer weiß, wozu es gut ist, laßt ihn gehen, es ist mein
getreuester Johannes.« Nun ward die Hochzeit gefeiert: der Tanz hub an,
und die Braut trat auch hinein, da hatte der treue Johannes acht und
schaute ihr ins Antlitz; auf einmal erbleichte sie und fiel wie tot
zur Erde. Da sprang er eilends hinzu, hob sie auf und trug sie in eine
Kammer, da legte er sie nieder, kniete und sog die drei Blutstropfen
aus ihrer rechten Brust und speite sie aus. Alsbald atmete sie wieder
und erholte sich, aber der junge König hatte es mit angesehen und
wußte nicht, warum es der getreue Johannes getan hatte, ward zornig
darüber und rief: »Werft ihn ins Gefängnis.« Am andern Morgen ward
der getreue Johannes verurteilt und zum Galgen geführt, und als er oben
stand, und gerichtet werden sollte, sprach er: »Jeder, der sterben
soll, darf vor seinem Ende noch einmal reden, soll ich das Recht auch
haben?« -- »Ja,« antwortete der König, »es soll dir vergönnt sein.«
Da sprach der treue Johannes: »Ich bin mit Unrecht verurteilt und bin
dir immer treu gewesen,« und er erzählte, wie er auf dem Meer das
Gespräch der Raben gehört, und wie er, um seinen Herrn zu retten, das
alles hätte tun müssen. Da rief der König: »O, mein treuester Johannes,
Gnade! Gnade! Führt ihn herunter.« Aber der treue Johannes war bei dem
letzten Wort, das er geredet hatte, leblos herabgefallen, und war ein
Stein.

Darüber trug nun der König und die Königin großes Leid, und der König
sprach: »Ach, was hab ich große Treue so übel belohnt!« und ließ das
steinerne Bild aufheben und in seine Schlafkammer neben sein Bett
stellen. So oft er es ansah, weinte er und sprach: »Ach, könnt ich dich
wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.« Es ging eine Zeit
herum, da gebar die Königin Zwillinge, zwei Söhnlein, die wuchsen heran
und waren ihre Freude. Einmal, als die Königin in der Kirche war und
die zwei Kinder bei dem Vater saßen und spielten, sah dieser wieder
das steinerne Bildnis voll Trauer an, seufzte und rief: »Ach, könnt
ich dich wieder lebendig machen, mein getreuester Johannes.« Da fing
der Stein an zu reden und sprach: »Ja, du kannst mich wieder lebendig
machen, wenn du dein Liebstes daran wenden willst.« Da rief der König:
»Alles, was ich auf der Welt habe, will ich für dich hingeben.« Sprach
der Stein weiter: »Wenn du mit deiner eigenen Hand deinen beiden
Kindern den Kopf abhaust und mich mit ihrem Blute bestreichst, so
erhalte ich das Leben wieder.« Der König erschrak, als er hörte, daß
er seine liebsten Kinder selbst töten sollte, doch dachte er an die
große Treue, und daß der getreue Johannes für ihn gestorben war, zog
sein Schwert und hieb mit eigener Hand den Kindern den Kopf ab. Und
als er mit ihrem Blute den Stein bestrichen hatte, so kehrte das Leben
zurück, und der getreue Johannes stand wieder frisch und gesund vor
ihm. Er sprach zum König: »Deine Treue soll nicht unbelohnt bleiben,«
und nahm die Häupter der Kinder, setzte sie auf, und bestrich die Wunde
mit ihrem Blut, davon wurden sie im Augenblick wieder heil, sprangen
herum und spielten fort, als wär ihnen nichts geschehen. Nun war der
König voll Freude, und als er die Königin kommen sah, versteckte er den
getreuen Johannes und die beiden Kinder in einen großen Schrank. Wie
sie hereintrat, sprach er zu ihr: »Hast du gebetet in der Kirche?« --
»Ja,« antwortete sie, »aber ich habe beständig an den treuen Johannes
gedacht, daß er so unglücklich durch uns geworden ist.« Da sprach er:
»Liebe Frau, wir können ihm das Leben wiedergeben, aber es kostet uns
unsere beiden Söhnlein, die müssen wir opfern.« Die Königin ward bleich
und erschrak im Herzen, doch sprach sie: »Wir sind's ihm schuldig wegen
seiner großen Treue.« Da freute er sich, daß sie dachte, wie er gedacht
hatte, ging hin und schloß den Schrank auf, holte die Kinder und den
treuen Johannes heraus und sprach: »Gott sei gelobt, er ist erlöst und
unsere Söhnlein haben wir auch wieder,« und erzählte ihr, wie sich
alles zugetragen hatte. Da lebten sie zusammen in Glückseligkeit bis an
ihr Ende.




                            [Illustration]

                      Die Drei Männlein im Walde


Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr
Mann; und der Mann hatte eine Tochter, und die Frau hatte auch eine
Tochter. Die Mädchen waren miteinander bekannt und gingen zusammen
spazieren und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des
Mannes Tochter: »Hör, sage deinem Vater, ich wollt ihn heiraten, dann
sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine
Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.« Das
Mädchen ging nach Haus und erzählte seinem Vater, was die Frau gesagt
hatte. Der Mann sprach: »Was soll ich tun? Das Heiraten ist eine Freude
und ist auch eine Qual.« Endlich, weil er keinen Entschluß fassen
konnte, zog er seinen Stiefel aus und sagte: »Nimm diesen Stiefel, der
hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, häng ihn an den
großen Nagel und gieß dann Wasser hinein. Hält er das Wasser, so will
ich wieder eine Frau nehmen, läuft's aber durch, so will ich nicht.«
Das Mädchen tat, wie ihm geheißen war. Aber das Wasser zog das Loch
zusammen, und der Stiefel ward voll bis obenhin. Es verkündete seinem
Vater, wie's ausgefallen war. Da stieg er selbst hinauf, und als er
sah, daß es seine Richtigkeit hatte, ging er zu der Witwe und freite
sie, und die Hochzeit ward gehalten.

Am andern Morgen, als die beiden Mädchen sich aufmachten, da stand vor
des Mannes Tochter Milch zum Waschen und Wein zum Trinken, vor der
Frau Tochter aber stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken. Am
zweiten Morgen stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken so gut
vor des Mannes Tochter als vor der Frau Tochter. Und am dritten Morgen
stand Wasser zum Waschen und Wasser zum Trinken vor des Mannes Tochter,
und Milch zum Waschen und Wein zum Trinken vor der Frau Tochter, und
dabei blieb's. Die Frau ward ihrer Stieftochter spinnefeind und wußte
nicht, wie sie es ihr von einem Tag zum andern schlimmer machen sollte.
Auch war sie neidisch, weil ihre Stieftochter schön und lieblich war,
ihre rechte Tochter aber häßlich und widerlich.

Einmal im Winter, als es steinhart gefroren hatte und Berg und Tal
vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papier, rief das
Mädchen und sprach: »Da zieh das Kleid an, geh hinaus in den Wald und
hol mir ein Körbchen voll Erdbeeren; ich habe Verlangen danach.« -- »Du
lieber Gott,« sagte das Mädchen, »im Winter wachsen ja keine Erdbeeren,
die Erde ist gefroren, und der Schnee hat auch alles zugedeckt. Und
warum soll ich in dem Papierkleide gehen? Es ist draußen so kalt, daß
einem der Atem friert. Da weht ja der Wind hindurch und die Dornen
reißen mir's vom Leib.« -- »Willst du mir noch widersprechen?« sagte
die Stiefmutter, »mach daß du fortkommst und laß dich nicht eher wieder
sehen, als bis du das Körbchen voll Erdbeeren hast.« -- Dann gab sie
ihm noch ein Stückchen hartes Brot und sprach: »Davon kannst du den Tag
über essen,« und dachte: »Draußen wird's erfrieren und verhungern und
mir nimmermehr wieder vor die Augen kommen.«

Nun war das Mädchen gehorsam, tat das Papierkleid an und ging mit dem
Körbchen hinaus. Da war nichts als Schnee die Weite und Breite, und
war kein grünes Hälmchen zu merken. Als es in den Wald kam, sah es
ein kleines Häuschen, daraus guckten drei kleine Haulemännerchen. Es
wünschte ihnen die Tageszeit und klopfte bescheidentlich an die Tür.
Sie riefen herein, und es trat in die Stube und setzte sich auf die
Bank am Ofen, da wollte es sich wärmen und sein Frühstück essen. Die
Haulemännerchen sprachen: »Gib uns auch etwas davon.« -- »Gerne,«
sprach es, teilte sein Stückchen Brot entzwei und gab ihnen die Hälfte.
Sie fragten: »Was willst du zur Winterszeit in deinem dünnen Kleidchen
hier im Wald?« -- »Ach,« antwortete es, »ich soll ein Körbchen voll
Erdbeeren suchen, und darf nicht eher nach Hause kommen als bis ich es
mitbringe.« Als es sein Brot gegessen hatte, gaben sie ihm einen Besen
und sprachen: »Kehre damit an der Hintertür den Schnee weg.« Wie es
aber draußen war, sprachen die drei Männerchen untereinander: »Was
sollen wir ihm schenken, weil es so artig und gut ist und sein Brot
mit uns geteilt hat?« -- Da sagte der erste: »Ich schenk ihm, daß es
jeden Tag schöner wird.« -- Der zweite sprach: »Ich schenk ihm, daß
Goldstücke ihm aus dem Mund fallen, so oft es ein Wort spricht.« -- Der
dritte sprach: »Ich schenk ihm, daß ein König kommt und es zu seiner
Gemahlin nimmt.«

Das Mädchen aber tat wie die Haulemännerchen gesagt hatten, kehrte mit
dem Besen den Schnee hinter dem kleinen Hause weg, und was glaubt ihr
wohl, daß es gefunden hat? Lauter reife Erdbeeren, die ganz dunkelrot
aus dem Schnee hervorkamen. Da raffte es in seiner Freude sein Körbchen
voll, dankte den kleinen Männern, gab jedem die Hand und lief nach
Haus, und wollte der Stiefmutter das Verlangte bringen. Wie es eintrat
und »guten Abend« sagte, fiel ihm gleich ein Goldstück aus dem Mund.
Darauf erzählte es, was ihm im Walde begegnet war, aber bei jedem
Worte, das es sprach, fielen ihm die Goldstücke aus dem Mund, so daß
bald die ganze Stube damit bedeckt ward. »Nun sehe einer den Übermut,«
rief die Stiefschwester, »das Geld so hinzuwerfen,« aber heimlich war
sie neidisch darüber und wollte auch hinaus in den Wald und Erdbeeren
suchen. Die Mutter: »Nein, mein liebes Töchterchen, es ist zu kalt, du
könntest mir erfrieren.« Weil sie ihr aber keine Ruhe ließ, gab sie
endlich nach, nähte ihm einen prächtigen Pelzrock, den es anziehen
mußte, und gab ihm Butterbrot und Kuchen mit auf den Weg.

Das Mädchen ging in den Wald und gerade auf das kleine Häuschen zu. Die
drei kleinen Haulemänner guckten wieder, aber es grüßte sie nicht, und,
ohne sich nach ihnen umzusehen und ohne sie zu grüßen, stolperte es in
die Stube hinein, setzte sich an den Ofen und fing an sein Butterbrot
und seinen Kuchen zu essen. »Gib uns etwas davon,« riefen die Kleinen,
aber es antwortete: »Es schickt mir selber nicht, wie kann ich andern
noch davon abgeben?« Als es nun fertig war mit dem Essen, sprachen sie:
»Da hast du einen Besen, kehr uns draußen vor der Hintertür rein.« --
»Ei, kehrt euch selber,« antwortete es, »ich bin eure Magd nicht.« Wie
es sah, daß sie ihm nichts schenken wollten, ging es zur Türe hinaus.
Da sprachen die kleinen Männer untereinander: »Was sollen wir ihm
schenken, weil es so unartig ist und ein böses neidisches Herz hat, das
niemand etwas gönnt?« -- Der erste sprach: »Ich schenk ihm, daß es
jeden Tag häßlicher wird.« -- Der zweite sprach: »Ich schenk ihm, daß
ihm bei jedem Wort, das es spricht, eine Kröte aus dem Mund springt.«
-- Der dritte sprach: »Ich schenk ihm, daß es eines unglücklichen Todes
stirbt.« Das Mädchen suchte draußen nach Erdbeeren, als es aber keine
fand, ging es verdrießlich nach Haus. Und als es den Mund auftat und
seiner Mutter erzählen wollte, was ihm im Walde begegnet war, da sprang
ihm bei jedem Worte eine Kröte aus dem Mund, so daß alle einen Abscheu
vor ihm bekamen.

Nun ärgerte sich die Stiefmutter noch viel mehr und dachte nur darauf,
wie sie der Tochter des Mannes alles Herzeleid antun wollte, deren
Schönheit doch alle Tage größer ward. Endlich nahm sie einen Kessel,
setzte ihn zum Feuer und sott Garn darin. Als es gesotten war, hing sie
es dem armen Mädchen auf die Schulter, und gab ihm eine Axt dazu, damit
sollte es auf den gefrorenen Fluß gehen, ein Eisloch hauen und das Garn
schlittern. Es war gehorsam, ging hin und hackte ein Loch in das Eis,
und als es mitten im Hacken war, kam ein prächtiger Wagen hergefahren,
worin der König saß. Der Wagen hielt still und der König fragte: »Mein
Kind, wer bist du und was machst du da?« -- »Ich bin ein armes Mädchen
und schlittere Garn.« Da fühlte der König Mitleiden, und als er sah,
wie es so gar schön war, sprach er: »Willst du mit mir fahren?« --
»Ach ja, von Herzen gern,« antwortete es, denn es war froh, daß es der
Mutter und Schwester aus den Augen kommen sollte.

Also stieg es in den Wagen und fuhr mit dem König fort, und als
sie auf sein Schloß gekommen waren, ward die Hochzeit mit großer
Pracht gefeiert, wie es die kleinen Männlein dem Mädchen geschenkt
hatten. Über ein Jahr gebar die junge Königin einen Sohn, und als die
Stiefmutter von dem großen Glücke gehört hatte, so kam sie mit ihrer
Tochter in das Schloß und tat, als wollte sie einen Besuch machen. Als
aber der König einmal hinausgegangen und sonst niemand zugegen war,
packte das böse Weib die Königin am Kopf, und ihre Tochter packte sie
an den Füßen, hoben sie aus dem Bett und warfen sie zum Fenster hinaus
in den vorbeifließenden Strom. Darauf legte sich ihre häßliche Tochter
ins Bett, und die Alte deckte sie zu bis über den Kopf. Als der König
wieder zurückkam und mit seiner Frau sprechen wollte, rief die Alte:
»Still, still, jetzt geht das nicht, sie liegt in starkem Schweiß, ihr
müßt sie heute ruhen lassen.« Der König dachte nichts Böses dabei und
kam erst den andern Morgen wieder, und wie er mit seiner Frau sprach,
und sie ihm Antwort gab, sprang bei jedem Wort eine Kröte hervor,
während sonst ein Goldstück herausgefallen war. Da fragte er, was das
wäre, aber die Alte sprach, das hätte sie von dem starken Schweiß
gekriegt, und würde sich schon wieder verlieren.

In der Nacht aber sah der Küchenjunge, wie eine Ente durch die Gosse
geschwommen kam, die sprach:

  »König, was machst du?
  Schläfst du oder wachst du?«

Und als er keine Antwort gab, sprach sie:

  »Was machen meine Gäste?«

Da antwortete der Küchenjunge:

  »Sie schlafen feste.«

Fragte sie weiter:

  »Was macht mein Kindelein?«

Antwortete er:

  »Es schläft in der Wiege fein.«

Da ging sie in der Königin Gestalt hinauf, gab ihm zu trinken,
schüttelte ihm sein Bettchen, deckte es zu und schwamm als Ente wieder
durch die Gosse fort. So kam sie zwei Nächte, in der dritten sprach
sie zu dem Küchenjungen: »Geh und sage dem König, daß er sein Schwert
nimmt und auf der Schwelle dreimal über mir schwingt.« Da lief der
Küchenjunge und sagte es dem König, der kam mit seinem Schwert und
schwang es dreimal über dem Geist; und beim drittenmal stand seine
Gemahlin vor ihm, frisch lebendig und gesund, wie sie vorher gewesen
war.

Nun war der König in großer Freude, er hielt aber die Königin in einer
Kammer verborgen, bis auf den Sonntag, wo das Kind getauft werden
sollte. Und als es getauft war, sprach er: »Was gehört einem Menschen,
der den andern aus dem Bett trägt und ins Wasser wirft?« -- »Nichts
Besseres,« antwortete die Alte, »als daß man den Bösewicht in ein Faß
steckt, das mit Nägeln ausgeschlagen ist, und den Berg hinab ins Wasser
rollt.« -- Da sagte der König: »Du hast dein Urteil gesprochen,« ließ
ein solches Faß holen und die Alte mit ihrer Tochter hineinstecken,
dann ward der Boden zugehämmert und das Faß bergab gekullert, bis es in
den Fluß rollte.




                            [Illustration]

               Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich


In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein
König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön,
daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte,
so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag
ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war
ein Brunnen: wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind
hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens: und
wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in
die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter
nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern
vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die
Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand,
und der Brunnen war tief, so tief, daß man keinen Grund sah. Da fing
sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht
trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: »Was hast du vor,
Königstochter, du schreist ja, daß sich ein Stein erbarmen möchte.« Sie
sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der
seinen dicken häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist's,
alter Wasserpatscher,« sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel,
die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.« -- »Sei still und weine
nicht,« antwortete der Frosch, »ich kann wohl Rat schaffen, aber was
gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?« -- »Was du
haben willst, lieber Frosch,« sagte sie, »meine Kleider, meine Perlen
und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.« Der
Frosch antwortete: »Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und
deine goldene Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben
willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem
Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus
deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir
das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel
wieder heraufholen.« -- »Ach ja,« sagte sie, »ich verspreche dir alles,
was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.« Sie dachte
aber: »Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei
seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein.«

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf
unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder herauf gerudert;
hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war
voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf
und sprang damit fort. »Warte, warte,« rief der Frosch, »nimm mich mit,
ich kann nicht so laufen wie du.« Aber was half es ihm, daß er ihr sein
quak quak so laut nachschrie als er konnte; sie hörte nicht darauf,
eilte nach Hause und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder
in seinen Brunnen hinabsteigen mußte.

Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich
zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da
kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe
heraufgekrochen und als es oben angelangt war, klopfte es an die Tür
und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf.« Sie lief und wollte
sehen, wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch
davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch,
und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, daß ihr das Herz gewaltig
klopfte und sprach: »Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein
Riese vor der Tür und will dich holen?« -- »Ach nein,« antwortete sie,
»es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.« -- »Was will der
Frosch von dir?« -- »Ach, lieber Vater, als ich gestern im Wald bei
dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser.
Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und
weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein
Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, daß er aus seinem Wasser
heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem
klopfte es zum zweitenmal und rief:

  »Königstochter, jüngste,
       mach mir auf,
  weißt du nicht, was gestern
       du zu mir gesagt
  bei dem kühlen Brunnenwasser?
     Königstochter, jüngste,
         mach mir auf.«

Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das mußt du auch halten;
geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Türe, da hüpfte
der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl.
Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es
endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte
er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: »Nun schieb mir dein
goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.« Das tat sie zwar,
aber man sah wohl, daß sie's nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich's
gutschmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse. Endlich
sprach er: »Ich habe mich satt gegessen und bin müde, nun trag mich in
dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir
uns schlafen legen.« Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete
sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und
der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König
aber ward zornig und sprach: »Wer dir geholfen hat, als du in der Not
warst, den sollst du hernach nicht verachten.« Da packte sie ihn mit
zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber
im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: »Ich bin müde, ich will
schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sag's deinem Vater.«
Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen
Kräften wider die Wand, »nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.«

Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit
schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr
lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen
Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen
können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich
gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Morgen, als die Sonne
sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden
bespannt, die hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in
goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das
war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als
sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne
Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und
Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein
Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder
hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein
Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, daß es hinter ihm
krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

    »Heinrich, der Wagen bricht,«
    »nein, Herr, der Wagen nicht,
  es ist ein Band von meinem Herzen,
   das da lag in großen Schmerzen,
    als Ihr in dem Brunnen saßt,
     als Ihr eine Fretsche wast.«

Doch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn
meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die
vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und
glücklich war.




                            [Illustration]

               Der Wolf und die sieben jungen Geisslein


Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein, und
hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Eines Tages
wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben
herbei und sprach: »Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf
eurer Hut vor dem Wolf; wenn er hereinkommt, so frißt er euch alle mit
Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen
Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.«
-- Die Geißlein sagten: »Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht
nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.« Da meckerte die Alte und
machte sich getrost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Haustür und rief:
»Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von
euch etwas mitgebracht.« Aber die Geißerchen hörten an der rauhen
Stimme, daß es der Wolf war, »wir machen nicht auf,« riefen sie, »du
bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine liebliche Stimme, aber
deine Stimme ist rauh; du bist der Wolf.« Da ging der Wolf fort zu
einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide: die aß er und
machte seine Stimme damit fein. Dann kam er zurück, klopfte an die
Haustür und rief: »Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da
und hat jedem von euch etwas mitgebracht.« Aber der Wolf hatte seine
schwarze Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die Kinder und riefen:
»Wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie
du: du bist der Wolf.« Da lief der Wolf zu einem Bäcker und sprach:
»Ich habe mich an den Fuß gestoßen, streich mir Teig darüber.« Und als
ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, so lief er zum Müller und
sprach: »Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote.« Der Müller dachte:
»Der will einen betrügen,« und weigerte sich, aber der Wolf sprach:
»Wenn du es nicht tust, so fresse ich dich.« Da fürchtete sich der
Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, so sind die Menschen.

Nun ging der Bösewicht zum drittenmal zu der Haustür, klopfte an und
sprach: »Macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen
und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mitgebracht.« Die Geißerchen
riefen: »Zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen, daß du unser
liebes Mütterchen bist.« Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie
sahen, daß sie weiß war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er
sagte, und machten die Türe auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf.
Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den
Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die
Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel,
das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle
und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er
in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht.
Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich
draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach,
was mußte sie da erblicken! Die Haustüre stand sperrweit auf: Tisch,
Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben,
Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder,
aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen,
aber niemand antwortete. Endlich, als sie an das jüngste kam, da rief
eine feine Stimme: »Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.« Sie holte
es heraus, und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die
andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre
armen Kinder geweint hat.

Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein
lief mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum
und schnarchte, daß die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen
Seiten und sah, daß in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und
zappelte. »Ach Gott,« dachte sie, »sollten meine armen Kinder, die
er zum Abendbrot hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?« Da mußte
das Geißlein nach Haus laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen.
Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen
Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus, und als
sie weiter schnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus, und
waren noch alle am Leben, und hatten nicht einmal Schaden gelitten,
denn das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschluckt. Das
war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter, und hüpften wie ein
Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte: »Jetzt geht und
sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tiere den Bauch
füllen, solange es noch im Schlafe liegt.« Da schleppten die sieben
Geißlein in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den
Bauch, so viel sie hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in
aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht
einmal regte.

Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine,
und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst erregten, so wollte
er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen und
sich hin und her zu bewegen, so stießen die Steine in seinem Bauch
aneinander und rappelten. Da rief er:

  »Was rumpelt und pumpelt
  in meinem Bauch herum?
  Ich meinte, es wären sechs Geißlein,
  so sind's lauter Wackerstein.«

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und
trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte
jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, da kamen sie
herbeigelaufen, riefen laut: »Der Wolf ist tot! der Wolf ist tot!« und
tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.




                            [Illustration]

                              Die Scholle


Die Fische waren schon lange unzufrieden, daß keine Ordnung in
ihrem Reich herrschte. Keiner kehrte sich an den andern, schwamm
rechts und links, wie es ihm einfiel, fuhr zwischen denen durch, die
zusammenbleiben wollten, oder sperrte ihnen den Weg, und der stärkere
gab dem schwächeren einen Schlag mit dem Schwanz, daß er weit weg
fuhr, oder er verschlang ihn ohne weiteres. »Wie schön wäre es, wenn
wir einen König hätten, der Recht und Gerechtigkeit bei uns übte,«
sagten sie und vereinigten sich, den zu ihrem Herrn zu wählen, der am
schnellsten die Fluten durchstreichen und dem Schwachen Hilfe bringen
könnte.

Sie stellten sich also am Ufer in Reihe und Glied auf, und der Hecht
gab mit dem Schwanz ein Zeichen, worauf sie alle zusammen aufbrachen.
Wie ein Pfeil schoß der Hecht dahin und mit ihm der Hering, der
Gründling, der Barsch, der Karpfen und wie sie alle heißen. Auch die
Scholle schwamm mit und hoffte das Ziel zu erreichen.

Auf einmal ertönte der Ruf: »Der Hering ist vor! Der Hering ist vor!«
-- »Wen is vör?« schrie verdrießlich die platte mißgünstige Scholle,
die weit zurückgeblieben war, »wen is vör?« -- »Der Hering, der
Hering,« war die Antwort. »De nackte Hiering?« rief die neidische, »de
nackte Hiering?« Seit der Zeit steht der Scholle zur Strafe das Maul
schief.




                            [Illustration]

                         Der Hase und der Igel


Disse Geschicht is lögenhaft so vertellen, Jungens, aver wahr is se
doch, denn mien Grootvader, von den ick se hew, plegg jümmer, wenn he
se mie vortüerde (mit Behaglichkeit vortrug), dabi to seggen: »Wahr
mutt se doch sien, mien Söhn, anners kunn man se jo nich vertellen.« De
Geschicht hett sick aber so todragen.

Et wöör an enen Sündagmorgen tor Harvesttied, jüst as de Bookweeten
bloihde; de Sünn wöör hellig upgaen am Hewen, de Morgenwind güng warm
över de Stoppeln, de Larken süngen inn'r Lucht (Luft), de Immen sumsten
in den Bookweeten un de Lühde güngen in ehren Sündagsstaht nah'r
Kerken, un alle Kreatur wöör vergnögt, un de Swinegel ook.

De Swinegel aver stund vor siener Döhr, harr de Arm ünnerslagen, keek
dabi in den Morgenwind hinut un quinkeleerde en lütjet Leedken vör
sick hin, so good un so slecht, as nu eben am leewen Sündagmorgen en
Swinegel to singen pleggt. Indem he nu noch so half liese vör sick hin
sung, füll em up eenmal in, he künn ook wol, mittlerwiel sien Fro de
Künner wüsch un antröcke, en beeten in't Feld spazeeren un tosehen,
wie sien Stähkröwen stünden. De Stähkröwen wöören aver de nöchsten bi
sienem Huuse, un he pleggte mit siener Familie davon to eten, darüm
sahg he se as de sienigen an. Gesagt, gedahn. De Swinegel makte de
Huusdöör achter sick to un slög den Weg nah'n Felde in. He wöör noch
nich gans wiet von Huuse un wull jüst um den Slöbusch (Schlehenbusch),
de dar vörm Felde liggt, nah den Stähkröwenacker hinup dreien, as em
de Haas bemött, de in ähnlichen Geschäften uutgahn wöör, nämlich um
sienen Kohl to besehn. As de Swinegel den Haasen ansichtig wöör, so
böhd he em en fründlichen go'n Morgen. De Haas aver, de up siene Wies
en vörnehmer Herr was, un grausahm hochfahrtig dabi, antwoorde nicks
up den Swinegel sienen Gruß, sondern segte tom Swinegel, wobi he en
gewaltig höhnische Miene annöhm: »Wie kummt et denn, dat du hier all
bi so fröhem Morgen im Felde rumlöppst?« -- »Ick gah spazeeren,« segt
de Swinegel. -- »Spazeeren?« lachte de Haas, »mi ducht, du kunnst de
Been ook wol to betern Dingen gebruuken.« Disse Antword verdrööt den
Swinegel ungeheuer, denn alles kunn he verdregen, aver up siene Been
laet he nicks komen, eben weil se von Natuhr scheef wöören. »Du bildst
di wol in,« seggt nu de Swinegel tom Haasen, »as wenn du mit diene
Beene mehr utrichten kunnst?« -- »Dat denk ick,« seggt de Haas. -- »Dat
kummt up'n Versöök an,« meent de Swinegel, »ick pareer, wenn wi in de
Wett loopt, ick loop die vörbi.« -- »Dat is tum Lachen, du mit diene
scheefen Been,« seggt de Haas; »aver mienetwegen mach't sien, wenn du
so övergroote Lust hest. Wat gilt de Wett?« -- »En goldne Lujedor un'n
Buddel Branwien,« seggt de Swinegel. »Angenahmen,« spröök de Haas,
»sla in, un denn kann't gliek los gahn.« -- »Nä, so groote Ihl hett et
nich,« meen de Swinegel, »ick bün noch gans nüchdern; eerst will ick to
Huus gahn un en beeten fröhstücken, inner halwen Stünd bün ick wedder
hier upp'n Platz.«

Damit güng de Swinegel, denn de Haas wöör et tofreeden. Ünnerweges
dachte de Swinegel bi sick: »De Haas verlett sick up siene langen
Been, aver ick will em wol kriegen. He is zwar ehn vörnehm Herr, aver
doch man'n dummen Kerl, un betahlen sall he doch.« As nu de Swinegel
to Huuse ankööm, spröök he to sien Fro: »Fro, treck die gau (schnell)
an, du must mit mi nah'n Felde hinuut.« -- »Wat givt et denn?« seggt
sien Fro. »Ick hew mit'n Haasen wett't üm'n golden Lujedor un'n Buddel
Branwien, ick will mit em inn Wett loopen und da salst du mit dabi
sien.« -- »O mien Gott, Mann,« füng nu den Swinegel sien Fro an to
schreen, »büst do nich klook, hest du denn ganz den Verstand verlaaren?
Wie kannst du mit den Haasen in de Wett loopen wollen?« -- »Holt dat
Muul, Wief,« seggt de Swinegel, »dat is mien Saak. Resonehr nich in
Männergeschäfte. Marsch, treck di an un denn kumm mit.« Wat sull den
Swinegel sien Fro maken? Se mußt wol folgen, se mugg nu wollen oder
nich.«

As se nu mit eenander ünnerswegs wöören, spröök de Swinegel to sien
Fro: »Nu pass up, wat ick seggen will. Sühst du, up den langen Acker
dar wüll wi unsen Wettloop maken. De Haas löppt nemlich in der eenen
Föhr (Furche) un ick inner andern, un von baben (oben) fang wi an to
loopen. Nu hest du wieder nicks to dohn, als du stellst di hier unnen
in de Föhr, un wenn de Haas up de andere Siet ankummt, so röpst du em
entgegen: »Ick bün all (schon) hier.«

Damit wöören se bi den Acker anlangt, de Swinegel wiesde siener Fro
ehren Platz an un gung nu den Acker hinup. As he baben ankööm, wöör
de Haas all da. »Kann et losgehn?« seggt de Haas. »Ja wol,« seggt de
Swinegel. »Denn man to!« Und damit stellde jeder sick in siene Föhr.
De Haas tellde (zählte): »Hahl een, hahl twee, hahl dree,« un los güng
he wie en Stormwind den Acker hindahl (hinab). De Swinegel aver lööp
ungefähr man dree Schritt, dann duhkde he sick dahl (herab) in de Föhr
un bleev ruhig sitten.

As nu de Haas in vullen Loopen ünnen am Acker ankööm, rööp em den
Swinegel sien Fro entgegen: »Ick bün all hier.« De Haas stutzd un
verwunderde sick nich wenig; he meende nich anders, as et wöör de
Swinegel sülvst, de em dat torööp, denn bekanntlich süht den Swinegel
sien Fro jüst so uut wie ehr Mann. De Haas aver meende: »Dat geiht nich
to mit rechten Dingen.« He rööp: »Nochmal geloopen, wedder üm!« Un fort
güng he wedder wie en Stormwind, dat em de Ohren am Koppe flögen. Den
Swinegel sien Fro aver blev ruhig up ehren Platze. As nu de Haas baben
ankööm, rööp em de Swinegel entgegen: »Ick bün all hier.« De Haas aver,
ganz uuter sick vör Ihwer (Ärger), schreede: »Nochmal geloopen, wedder
üm!« -- »Mi nich to schlimm,« antwoorde de Swinegel, »mienetwegen so
oft as du Lust hest.« So löp de Haas noch dreeunsöbentigmal, un de
Swinegel höhl (hielt) et ümmer mit em uut. Jedesmal, wenn de Haas ünnen
oder baben ankööm, seggten de Swinegel oder sien Fro: »Ick bün all
hier.«

Tum veerunsöbentigstenmal aver köm de Haas nich mehr to ende. Midden am
Acker stört he tor Eerde, datt Blohd slög em utn Halse un he bleev doot
upn Platze. De Swinegel awer nöhm siene gewunnene Lujedor un den Buddel
Branwien, rööp siene Fro uut der Föhr aff, un beide güngen vergnögt
miteenanner nah Huus; un wenn se nich storben sünd, lewt se noch.

So begev et sick, dat up der Buxtehuder Haid de Swinegel den Haasen
dodt lopen hett, un sied jener Tied hatt et sick keen Haas wedder
infallen laten mit'n Buxtehuder Swinegel in de Wett to lopen.

De Lehre aver uut disser Geschicht is erstens, datt keener, un wenn
he sick ook noch so vörnehm dücht, sick sall bikommen laten, övern
geringen Mann sick lustig to maken, un wöört ook man'n Swinegel. Un
tweetens, datt et gerahden is, wenn eener frett, datt he sick'ne Fro
uut sienem Stande nimmt, un de jüst so uutsüht as he sülwst. Wer also
en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel is, un
so wieder.




                            [Illustration]

                      Die Bremer Stadtmusikanten


Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke
unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende
gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der
Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, daß
kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach
Bremen; dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er
ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege
liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. »Nun, was
jappst du so, Packan?« fragte der Esel. -- »Ach,« sagte der Hund,
»weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd
nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab
ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?«
-- »Weißt du was,« sprach der Esel, »ich gehe nach Bremen und werde
dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen.
Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.« Der Hund war's
zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da
eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter.
»Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?« sprach der
Esel. -- »Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht,«
antwortete die Katze, »weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf
werden und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen
herumjage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar
noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer; wo soll ich hin?« --
»Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik,
da kannst du ein Stadtmusikant werden.« Die Katze hielt das für gut
und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof
vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften.
»Du schreist einem durch Mark und Bein,« sprach der Esel, »was hast du
vor?« -- »Da hab ich gut Wetter prophezeit,« sprach der Hahn, »weil
unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen
gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste
kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin
gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir
heut abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals,
solang ich noch kann.« -- »Ei was, du Rotkopf,« sagte der Esel, »zieh
lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod
findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen
musizieren, so muß es eine Art haben.« Der Hahn ließ sich den Vorschlag
gefallen, und sie gingen alle viere zusammen fort.

Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und
kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und
der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn
machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es
am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal
nach allen vier Winden um, da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein
Fünkchen brennen und rief seinen Gesellen zu, es müßte nicht gar
weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: »So
müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge
schlecht.« Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch dran,
täten ihm auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend,
wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer
größer, bis sie vor ein hell erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel,
als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. »Was
siehst du, Grauschimmel?« fragte der Hahn. »Was ich sehe?« antwortete
der Esel, »einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und
Räuber sitzen daran und lassen's sich wohl sein.« -- »Das wäre was für
uns,« sprach der Hahn. »Ja, ja, ach, wären wir da!« sagte der Esel.
Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber
hinauszujagen und fanden endlich ein Mittel. Der Esel mußte sich mit
den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken
springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn
hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war,
fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an ihre Musik zu machen. Der Esel
schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte; dann
stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben
klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe,
meinten nicht anders als ein Gespenst käme herein und flohen in größter
Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den
Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übrig geblieben war, und aßen, als
wenn sie vier Wochen hungern sollten. Wie die vier Spielleute fertig
waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstätte,
jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf
den Mist, der Hund hinter die Türe, die Katze auf den Herd bei die
warme Asche, und der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken. Und weil
sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als
Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, daß kein Licht
mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann:
»Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen,« und
hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand
alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil er die
glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt
er ein Schwefelhölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die
Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte.
Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber
der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein; und als er
über den Hof an dem Miste vorbei rannte, gab ihm der Esel noch einen
tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus
dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab:
»Kikeriki!« Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann
zurück und sprach: »Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat
mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt.
Und vor der Türe steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins
Bein gestochen; und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat
mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen. Und oben auf dem Dache, da
sitzt der Richter, der rief, bringt mir den Schelm her. Da machte ich,
daß ich fortkam.« Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in
das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiel's aber so wohl darin, daß
sie nicht wieder heraus wollten. Und der das zuletzt erzählt hat, dem
ist der Mund noch warm.




                            [Illustration]

                       Das tapfere Schneiderlein


An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am
Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine
Bauersfrau die Straße herab und rief: »Gut Mus feil! Gut Mus feil!« Das
klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes
Haupt zum Fenster hinaus und rief: »Hier herauf, liebe Frau, hier wird
Sie ihre Ware los.« Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren
Korbe zu dem Schneider herauf und mußte die Töpfe sämtlich vor ihm
auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran
und sagte endlich: »Das Mus scheint mir gut, wieg Sie mir doch vier
Lot ab, liebe Frau, wenn's auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir
nicht darauf an.« Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu
finden, gab ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig
fort. »Nun das Mus soll mir Gott gesegnen,« rief das Schneiderlein,
»und soll mir Kraft und Stärke geben,« holte das Brot aus dem Schrank,
schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus
darüber. »Das wird nicht bitter schmecken,« sprach er, »aber erst
will ich den Wams fertig machen, eh ich anbeiße.« Er legte das Brot
neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche.
Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die
Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie herangelockt wurden und sich
scharenweis darauf niederließen. »Ei, wer hat euch eingeladen?« sprach
das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen
aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern
kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein
endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner
Hölle nach einem Tuchlappen und: »Wart, ich will es euch geben!« schlug
es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger
als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. »Bist du so ein Kerl?«
sprach er, und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern, »das soll die
ganze Stadt erfahren.« Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein
einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf:
»Siebene auf einen Streich!« -- »Ei, was Stadt!« sprach er weiter, »die
ganze Welt soll's erfahren!« und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie
ein Lämmerschwänzchen.

Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die
Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine
Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre,
was er mitnehmen könnte, er fand aber nichts als einen alten Käs, den
steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im
Gesträuch gefangen hatte, der mußte zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm
er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend
war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg, und
als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger
Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging
beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: »Guten Tag, Kamerad,
gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben
auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust, mitzugehen?«
Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: »Du Lump! du
miserabler Kerl!« -- »Das wäre!« antwortete das Schneiderlein, knöpfte
den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel, »da kannst du lesen,
was ich für ein Mann bin.« Der Riese las: »Siebene auf einen Streich,«
meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte,
und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn
erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand und drückte ihn zusammen, daß
das Wasser heraustropfte. »Das mach mir nach,« sprach der Riese, »wenn
du Stärke hast.« -- »Ist's weiter nichts?« sagte das Schneiderlein,
»das ist bei unsereinem Spielwerk,« griff in die Tasche, holte den
weichen Käs und drückte ihn, daß der Saft herauslief. »Gelt,« sprach
er, »das war ein wenig besser?« Der Riese wußte nicht, was er sagen
sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese
einen Stein auf und warf ihn so hoch, daß man ihn mit Augen kaum
noch sehen konnte: »Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach.« -- »Gut
geworfen,« sagte der Schneider, »aber der Stein hat doch wieder zur
Erde herabfallen müssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht
wieder kommen,« griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in
die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort
und kam nicht wieder. »Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?« fragte
der Schneider. »Werfen kannst du wohl,« sagte der Riese, »aber nun
wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.«
Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt
auf dem Boden lag, und sagte: »Wenn du stark genug bist, so hilf mir
den Baum aus dem Walde heraustragen.« -- »Gerne,« antwortete der kleine
Mann, »nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste
mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das schwerste.« Der
Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich
auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, mußte den
ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war da
hinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen: »Es ritten drei
Schneider zum Tore hinaus,« als wäre das Baumtragen ein Kinderspiel.
Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt
hatte, konnte nicht weiter und rief: »Hör, ich muß den Baum fallen
lassen.« Der Schneider sprang behendiglich herab, faßte den Baum mit
beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen:
»Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.«

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum
vorbeikamen, faßte der Riese die Krone des Baums, wo die zeitigsten
Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und
hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den
Baum zu halten, und als der Riese los ließ, fuhr der Baum in die Höhe,
und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne
Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: »Was ist das, hast du
nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?« -- »An der Kraft fehlt
es nicht,« antwortete das Schneiderlein, »meinst du, das wäre etwas
für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über
den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen.
Spring nach, wenn du's vermagst.« Der Riese machte den Versuch, konnte
aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen,
also, daß das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.

Der Riese sprach: »Wenn du so ein tapferer Kerl bist, so komm mit in
unsere Höhle und übernachte bei uns.« Das Schneiderlein war bereit
und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere
Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand
und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: »Es ist doch
hier viel weitläufiger als in meiner Werkstatt.« Der Riese wies ihm
ein Bett an und sagte, er sollte sich hineinlegen und ausschlafen. Dem
Schneiderlein war aber das Bett zu groß, er legte sich nicht hinein,
sondern kroch in eine Ecke. Als es Mitternacht war und der Riese
meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm
eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch und
meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht. Mit dem frühesten
Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein
ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen daher
geschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot
und liefen in einer Hast fort.

Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem
es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes,
und da es Müdigkeit empfand, so legte es sich ins Gras und schlief
ein. Während es da lag, kamen die Leute, betrachteten es von allen
Seiten und lasen auf dem Gürtel: »Siebene auf einen Streich.« --
»Ach,« sprachen sie, »was will der große Kriegsheld hier mitten im
Frieden? Das muß ein mächtiger Herr sein.« Sie gingen und meldeten
es dem König und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein
wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen
dürfte. Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen
Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht
wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer
stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug,
und brachte dann seinen Antrag vor. »Eben deshalb bin ich hierher
gekommen,« antwortete er, »ich bin bereit, in des Königs Dienste zu
treten.« Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere
Wohnung angewiesen.

Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten,
es wäre tausend Meilen weit weg. »Was soll daraus werden?« sprachen
sie untereinander, »wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so
fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen.«
Also faßten sie einen Entschluß, begaben sich allesamt zum König und
baten um ihren Abschied. »Wir sind nicht gemacht,« sprachen sie, »neben
einem Mann auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt.« Der
König war traurig, daß er um des einen willen alle seine treuen Diener
verlieren sollte, wünschte, daß seine Augen ihn nie gesehen hätten,
und wäre ihn gerne wieder losgewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm
den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem
Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen. Er sann
lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem
Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld
wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines
Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen
großen Schaden stifteten, niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich
in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und
tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und
das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mit
ziehen und ihm Beistand leisten. »Das wäre so etwas für einen Mann, wie
du bist,« dachte das Schneiderlein, »eine schöne Königstochter und ein
halbes Königreich wird einem nicht alle Tage angeboten.« -- »O ja,«
gab er zur Antwort, »die Riesen will ich schon bändigen, und habe die
hundert Reiter dabei nicht nötig. Wer siebene auf einen Streich trifft,
braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.«

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er
zu dem Rand des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern: »Bleibt
hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.«
Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links
um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen: sie lagen unter einem
Baume und schliefen und schnarchten dabei, daß sich die Äste auf und
nieder bogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll
Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte
es auf einen Ast, bis es gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und
ließ dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen.
Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen
Gesellen an und sprach: »Was schlägst du mich?« -- »Du träumst,« sagte
der andere, »ich schlage dich nicht.« Sie legten sich wieder zum
Schlaf, da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. »Was
soll das?« rief der andere, »warum wirfst du mich.« -- »Ich werfe dich
nicht,« antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile
herum, doch weil sie müde waren, ließen sie's gut sein, und die Augen
fielen ihnen wieder zu. Das Schneiderlein fing sein Spiel von neuem
an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit
aller Gewalt auf die Brust. »Das ist zu arg!« schrie er, sprang wie ein
Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen wider den Baum, daß dieser
zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in
solche Wut, daß sie Bäume ausrissen, aufeinander losschlugen, so lang,
bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das
Schneiderlein herab. »Ein Glück nur,« sprach es, »daß sie den Baum,
auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein
Eichhörnchen auf einen andern springen müssen; doch unsereiner ist
flüchtig!« Er zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige
Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: »Die
Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht. Aber hart ist es
hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt,
doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf
einen Streich schlägt.« -- »Seid Ihr denn nicht verwundet?« fragten die
Reiter. »Das hat gute Wege,« antwortete der Schneider, »kein Haar haben
sie mir gekrümmt.« Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und
ritten in den Wald hinein: da fanden sie die Riesen in ihrem Blute
schwimmend, und rings herum lagen die ausgerissenen Bäume.

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung,
den aber reute sein Versprechen und er sann aufs neue, wie er sich
den Helden vom Halse schaffen könnte. »Ehe du meine Tochter und das
halbe Reich erhältst,« sprach er zu ihm, »mußt du noch eine Heldentat
vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden
anrichtet, das mußt du erst einfangen.« -- »Vor einem Einhorne fürchte
ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich,
das ist meine Sache.« Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging
hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren,
außen warten. Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald
daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne
Umstände aufspießen. »Sachte, sachte,« sprach er, »so geschwind geht
das nicht,« blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann
sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller
Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, daß
es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es
gefangen. »Jetzt hab ich das Vöglein,« sagte der Schneider, kam hinter
dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick erst um den Hals, dann
hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung
war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren und
machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit
erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden tat; die
Jäger sollten ihm Beistand leisten. »Gerne,« sprach der Schneider,
»das ist ein Kinderspiel.« Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald,
und sie waren's wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon
mehrmals so empfangen, daß sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen.
Als das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde
und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen. Der
flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und
gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war
hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Türe
hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und
unbehilflich war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein
rief die Jäger herbei, die mußten den Gefangenen mit eigenen Augen
sehen. Der Held aber begab sich zum Könige, der nun, er mochte wollen
oder nicht, sein Versprechen halten mußte und ihm seine Tochter und das
halbe Königreich übergab. Hätte er gewußt, daß kein Kriegsheld, sondern
ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen
gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude
gehalten und aus einem Schneider ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl
im Traume sprach: »Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen
oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen.« Da merkte sie,
in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen
ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der
nichts anders als ein Schneider wäre. Der König sprach ihr Trost zu
und sagte: »Laß in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine
Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen,
ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.«
Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles
mit angehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm
den ganzen Anschlag. »Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben,«
sagte das Schneiderlein. Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit
mit seiner Frau zu Bett. Als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand
sie auf, öffnete die Türe und legte sich wieder. Das Schneiderlein,
das sich nur stellte, als wenn es schlief, fing an mit heller Stimme
zu rufen: »Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen oder ich
will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem
Streich getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein
Wildschwein gefangen, und sollte mich vor denen fürchten, die draußen
vor der Kammer stehen!« Als diese den Schneider also sprechen hörten,
überkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer
hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war
und blieb das Schneiderlein sein Lebtag ein König.




                            [Illustration]

                              Daumesdick


Es war ein armer Bauersmann, der saß abends beim Herd und schürte
das Feuer, und die Frau saß und spann. Da sprach er: »Wie ist's so
traurig, daß wir keine Kinder haben! Es ist so still bei uns, und in
den andern Häusern ist's so laut und lustig.« -- »Ja,« antwortete die
Frau und seufzte, »wenn's nur ein einziges wäre, und wenn's auch ganz
klein wäre, nur Daumens groß, so wollt ich schon zufrieden sein; wir
hätten's doch von Herzen lieb.« Nun geschah es, daß die Frau kränklich
ward und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern
vollkommen, aber nicht länger als ein Daumen war. Da sprachen sie: »Es
ist, wie wir es gewünscht haben, und es soll unser liebes Kind sein,«
und nannten es nach seiner Gestalt ~Daumesdick~. Sie ließen's
nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind ward nicht größer, sondern blieb
wie es in der ersten Stunde gewesen war; doch schaute es verständig aus
den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem
alles glückte, was es anfing.

Der Bauer machte sich eines Tages fertig, in den Wald zu gehen und Holz
zu fällen, da sprach er so vor sich hin: »Nun wollt ich, daß einer da
wäre, der mir den Wagen nachbrächte.« -- »O Vater,« rief Daumesdick,
»den Wagen will ich schon bringen, verlaßt Euch drauf, er soll zur
bestimmten Zeit im Walde sein.« Da lachte der Mann und sprach: »Wie
sollte das zugehen, du bist viel zu klein, um das Pferd mit dem Zügel
zu leiten.« -- »Das tut nichts, Vater, wenn nur die Mutter anspannen
will, ich setze mich dem Pferd ins Ohr und rufe ihm zu, wie es gehen
soll.« -- »Nun,« antwortete der Vater, »einmal wollen wir's versuchen.«
Als die Stunde kam, spannte die Mutter an und setzte Daumesdick ins
Ohr des Pferdes, und dann rief der Kleine, wie das Pferd gehen sollte,
»jüh und joh! hott und har!« Da ging es ganz ordentlich als wie bei
einem Meister, und der Wagen fuhr den rechten Weg nach dem Walde. Es
trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog und der Kleine »har, har!«
rief, daß zwei fremde Männer daher kamen. »Mein,« sprach der eine,
»was ist das? Da fährt ein Wagen, und ein Fuhrmann ruft dem Pferde zu,
und ist doch nicht zu sehen.« -- »Das geht nicht mit rechten Dingen
zu,« sagte der andere, »wir wollen dem Karren folgen und sehen, wo er
anhält.« Der Wagen aber fuhr vollends in den Wald hinein und richtig
zu dem Platze, wo das Holz gehauen ward. Als Daumesdick seinen Vater
erblickte, rief er ihm zu: »Siehst du, Vater, da bin ich mit dem Wagen,
nun hol mich herunter.« Der Vater faßte das Pferd mit der Linken und
holte mit der Rechten sein Söhnlein aus dem Ohr, das sich ganz lustig
auf einen Strohhalm niedersetzte. Als die beiden fremden Männer den
Daumesdick erblickten, wußten sie nicht, was sie vor Verwunderung sagen
sollten. Da nahm der eine den andern beiseite und sprach: »Hör, der
kleine Kerl könnte unser Glück machen, wenn wir ihn in einer großen
Stadt für Geld sehen ließen. Wir wollen ihn kaufen.« Sie gingen zu dem
Bauer und sprachen: »Verkauft uns den kleinen Mann, er soll's gut bei
uns haben.« -- »Nein,« antwortete der Vater, »es ist mein Herzblatt
und ist mir für alles Gold in der Welt nicht feil.« Daumesdick aber,
als er von dem Handel gehört, war an den Rockfalten seines Vaters
hinaufgekrochen, stellte sich ihm auf die Schulter und wisperte ihm ins
Ohr: »Vater, gib mich nur hin, ich will schon wieder zurückkommen.« Da
gab ihn der Vater für ein schönes Stück Geld den beiden Männern hin.
»Wo willst du sitzen?« sprachen sie zu ihm. »Ach, setzt mich nur auf
den Rand von eurem Hut, da kann ich auf und ab spazieren und die Gegend
betrachten und falle doch nicht herunter.« Sie taten ihm den Willen,
und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten
sie sich mit ihm fort. So gingen sie, bis es dämmrig ward, da sprach
der Kleine: »Hebt mich einmal herunter, es ist nötig.« -- »Bleib nur
droben,« sprach der Mann, auf dessen Kopf er saß, »ich will mir nichts
draus machen, die Vögel lassen mir auch manchmal was drauf fallen.« --
»Nein,« sprach Daumesdick, »ich weiß auch, was sich schickt; hebt mich
nur geschwind herab.« Der Mann nahm den Hut ab, und setzte den Kleinen
auf einen Acker am Weg, da sprang und kroch er ein wenig zwischen den
Schollen hin und her, dann schlüpfte er plötzlich in ein Mausloch,
das er sich ausgesucht hatte. »Guten Abend, ihr Herren, geht nur ohne
mich heim,« rief er ihnen zu und lachte sie aus. Sie liefen herbei und
stachen mit Stöcken in das Mausloch, aber das war vergebliche Mühe.
Daumesdick kroch immer weiter zurück, und da es bald ganz dunkel ward,
so mußten sie mit Ärger und mit leerem Beutel wieder heim wandern.

Als Daumesdick merkte, daß sie fort waren, kroch er aus dem
unterirdischen Gang wieder hervor. »Es ist auf dem Acker in der
Finsternis so gefährlich gehen,« sprach er, »wie leicht bricht einer
Hals und Bein!« Zum Glück stieß er an ein leeres Schneckenhaus.
»Gottlob,« sagte er, »da kann ich die Nacht sicher zubringen,« und
setzte sich hinein. Nicht lange, als er eben einschlafen wollte, so
hörte er zwei Männer vorüber gehen, davon sprach der eine: »Wie wir's
nur anfangen, um dem reichen Pfarrer sein Geld und sein Silber zu
holen?« -- »Das könnt ich dir sagen,« rief Daumesdick dazwischen.
»Was war das?« sprach der eine Dieb erschrocken, »ich hörte jemand
sprechen.« Sie blieben stehen und horchten, da sprach Daumesdick
wieder: »Nehmt mich mit, so will ich euch helfen.« -- »Wo bist du
denn?« -- »Sucht nur auf der Erde und merkt, wo die Stimme herkommt,«
antwortete er. Da fanden ihn endlich die Diebe und hoben ihn in die
Höhe. »Du kleiner Wicht, was willst du uns helfen!« sprachen sie.
»Seht,« antwortete er, »ich krieche zwischen den Eisenstäben in die
Kammer des Pfarrers und reiche euch heraus, was ihr haben wollt.« --
»Wohlan,« sagten sie, »wir wollen sehen, was du kannst.« Als sie bei
dem Pfarrhaus ankamen, kroch Daumesdick in die Kammer, schrie aber
gleich aus Leibeskräften: »Wollt ihr alles haben, was hier ist?« Die
Diebe erschraken und sagten: »So sprich doch leise, damit niemand
aufwacht.« Aber Daumesdick tat als hätte er sie nicht verstanden und
schrie von neuem: »Was wollt ihr? Wollt ihr alles haben, was hier ist?«
Das hörte die Köchin, die in der Stube daran schlief, richtete sich im
Bett auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schrecken ein Stück
Wegs zurückgelaufen, endlich faßten sie wieder Mut und dachten: »Der
kleine Kerl will uns necken.« Sie kamen zurück und flüsterten ihm zu:
»Nun mach Ernst und reich uns etwas heraus.« Da schrie Daumesdick noch
einmal so laut er konnte: »Ich will euch ja alles geben, reicht nur
die Hände herein.« Das hörte die horchende Magd ganz deutlich, sprang
aus dem Bett und stolperte zur Tür herein. Die Diebe liefen fort und
rannten, als wäre der wilde Jäger hinter ihnen. Die Magd aber, als
sie nichts bemerken konnte, ging ein Licht anzünden. Wie sie damit
herbeikam, machte sich Daumesdick, ohne daß er gesehen wurde, hinaus in
die Scheune. Die Magd aber, nachdem sie alle Winkel durchgesucht und
nichts gefunden hatte, legte sich endlich wieder zu Bett und glaubte,
sie hätte mit offenen Augen und Ohren doch nur geträumt.

Daumesdick war in den Heuhälmchen herumgeklettert und hatte einen
schönen Platz zum Schlafen gefunden. Da wollte er sich ausruhen, bis
es Tag wäre, und dann zu seinen Eltern wieder heim gehen. Aber er
mußte andere Dinge erfahren! Ja, es gibt viel Trübsal und Not auf der
Welt! Die Magd stieg, als der Tag graute, schon aus dem Bett, um das
Vieh zu füttern. Ihr erster Gang war in die Scheune, wo sie einen Arm
voll Heu packte, und gerade dasjenige, worin der arme Daumesdick lag
und schlief. Er schlief aber so fest, daß er nichts gewahr ward, und
nicht eher aufwachte, als bis er in dem Maul der Kuh war, die ihn mit
dem Heu aufgerafft hatte. »Ach Gott,« rief er, »wie bin ich in die
Walkmühle geraten!« merkte aber bald, wo er war. Da hieß es aufpassen,
daß er nicht zwischen die Zähne kam und zermalmt ward, und hernach
mußte er doch mit in den Magen hinabrutschen. »In dem Stübchen sind
die Fenster vergessen,« sprach er, »und scheint keine Sonne hinein;
ein Licht wird auch nicht gebracht.« Überhaupt gefiel ihm das Quartier
schlecht, und was das schlimmste war, es kam immer mehr neues Heu zur
Türe hinein, und der Platz ward immer enger. Da rief er endlich in der
Angst, so laut er konnte: »Bringt mir kein frisch Futter mehr, bringt
mir kein frisch Futter mehr.« Die Magd melkte gerade die Kuh, und als
sie sprechen hörte, ohne jemand zu sehen, und es dieselbe Stimme war,
die sie auch in der Nacht gehört hatte, erschrak sie so, daß sie von
ihrem Stühlchen herabglitschte und die Milch verschüttete. Sie lief in
der größten Hast zu ihrem Herrn und rief: »Ach Gott, Herr Pfarrer, die
Kuh hat geredet.« -- »Du bist verrückt,« antwortete der Pfarrer, ging
aber doch selbst in den Stall und wollte nachsehen, was es da gäbe.
Kaum aber hatte er den Fuß hineingesetzt, so rief Daumesdick aufs neue:
»Bringt mir kein frisch Futter mehr, bringt mir kein frisch Futter
mehr.« Da erschrak der Pfarrer selbst, meinte, es wäre ein böser Geist
in die Kuh gefahren und hieß sie töten. Sie ward geschlachtet, der
Magen aber, worin Daumesdick steckte, auf den Mist geworfen. Daumesdick
hatte große Mühe, sich hindurch zu arbeiten und hatte große Mühe damit,
doch brachte er's so weit, daß er Platz bekam, aber als er eben sein
Haupt herausstrecken wollte, kam ein neues Unglück. Ein hungriger
Wolf lief heran und verschlang den ganzen Magen mit einem Schluck.
Daumesdick verlor den Mut nicht: »Vielleicht,« dachte er, »läßt der
Wolf mit sich reden,« und rief ihm aus dem Wanste zu, »lieber Wolf, ich
weiß dir einen herrlichen Fraß.« -- »Wo ist der zu holen?« sprach der
Wolf. »In dem und dem Haus, da mußt du durch die Gosse hineinkriechen
und wirst Kuchen, Speck und Wurst finden, soviel du essen willst,« und
beschrieb ihm genau seines Vaters Haus. Der Wolf ließ sich das nicht
zweimal sagen, drängte sich in der Nacht zur Gosse hinein und fraß in
der Vorratskammer nach Herzenslust. Als er sich gesättigt hatte, wollte
er wieder fort, aber er war so dick geworden, daß er denselben Weg
nicht wieder hinaus konnte. Darauf hatte Daumesdick gerechnet und fing
nun an in dem Leib des Wolfs einen gewaltigen Lärm zu machen, tobte
und schrie, was er konnte. »Willst du stille sein,« sprach der Wolf,
»du weckst die Leute auf.« -- »Ei was,« antwortete der Kleine, »du
hast dich satt gefressen, ich will mich auch lustig machen,« und fing
von neuem an, aus allen Kräften zu schreien. Davon erwachte endlich
sein Vater und seine Mutter, liefen an die Kammer und schauten durch
die Spalte hinein. Wie sie sahen, daß ein Wolf darin hauste, liefen
sie davon, und der Mann holte die Axt und die Frau die Sense. »Bleib
dahinten,« sprach der Mann, als sie in die Kammer traten, »wenn ich ihm
einen Schlag gegeben habe und er davon noch nicht tot ist, so mußt du
auf ihn einhauen und ihm den Leib zerschneiden.« Da hörte Daumesdick
die Stimme seines Vaters und rief: »Lieber Vater, ich bin hier, ich
stecke im Leibe des Wolfs.« Sprach der Vater voll Freuden: »Gottlob,
unser liebes Kind hat sich wieder gefunden,« und hieß die Frau die
Sense wegtun, damit Daumesdick nicht beschädigt würde. Danach holte
er aus und schlug dem Wolf einen Schlag auf den Kopf, daß er tot
niederstürzte, dann suchten sie Messer und Schere, schnitten ihm den
Leib auf und zogen den Kleinen wieder hervor. »Ach,« sprach der Vater,
»was haben wir für Sorge um dich ausgestanden!« -- »Ja, Vater, ich bin
viel in der Welt herumgekommen; gottlob, daß ich wieder frische Luft
schöpfe!« -- »Wo bist du denn all gewesen?« -- »Ach, Vater, ich war
in einem Mauseloch, in einer Kuh Bauch und in eines Wolfes Wanst; nun
bleib ich bei euch.« -- »Und wir verkaufen dich um alle Reichtümer
der Welt nicht wieder,« sprachen die Eltern, herzten und küßten ihren
lieben Daumesdick. Sie gaben ihm zu essen und trinken und ließen
ihm neue Kleider machen, denn die seinigen waren ihm auf der Reise
verdorben.




                            [Illustration]

                       Daumerlings Wanderschaft


Ein Schneider hatte einen Sohn, der war klein geraten und nicht größer
als ein Daumen, darum hieß er auch der Daumerling. Er hatte aber
Courage im Leibe und sagte zu seinem Vater: »Vater, ich soll und muß
in die Welt hinaus.« -- »Recht, mein Sohn,« sprach der Alte, nahm
eine lange Stopfnadel und machte am Licht einen Knoten von Siegellack
daran, »da hast du auch einen Degen mit auf den Weg.« Nun wollte das
Schneiderlein noch einmal mitessen und hüpfte in die Küche, um zu
sehen, was die Frau Mutter zu guter Letzt gekocht hätte. Es war aber
eben angerichtet, und die Schüssel stand auf dem Herd. Da sprach es:
»Frau Mutter, was gibt's heute zu essen?« -- »Sieh du selbst zu,«
sagte die Mutter. Da sprang Daumerling auf den Herd und guckte in die
Schüssel. Weil er aber den Hals zu weit hineinstreckte, faßte ihn der
Dampf von der Speise und trieb ihn zum Schornstein hinaus. Eine Weile
ritt er auf dem Dampf in der Luft herum, bis er endlich wieder auf die
Erde herabsank. Nun war das Schneiderlein draußen in der weiten Welt,
zog umher, ging auch bei einem Meister in die Arbeit, aber das Essen
war ihm nicht gut genug. »Frau Meisterin, wenn Sie uns kein besser
Essen gibt,« sagte Daumerling, »so gehe ich fort und schreibe morgen
früh mit Kreide an Ihre Haustüre: Kartoffel zu viel, Fleisch zu wenig,
Adies, Herr Kartoffelkönig.« -- »Was willst du wohl, Grashüpfer?«
sagte die Meisterin, ward bös, ergriff einen Lappen und wollte nach ihm
schlagen. Mein Schneiderlein kroch behende unter den Fingerhut, guckte
unten hervor und streckte der Frau Meisterin die Zunge heraus. Sie hob
den Fingerhut auf und wollte ihn packen, aber der kleine Daumerling
hüpfte in die Lappen, und wie die Meisterin die Lappen auseinander
warf und ihn suchte, machte er sich in den Tischritz. »He, he, Frau
Meisterin,« rief er, steckte den Kopf in die Höhe, und wenn sie
zuschlagen wollte, sprang er in die Schublade hinunter. Endlich aber
erwischte sie ihn doch und jagte ihn zum Haus hinaus.

Das Schneiderlein wanderte und kam in einen großen Wald. Da begegnete
ihm ein Haufen Räuber, die hatten vor, des Königs Schatz zu bestehlen.
Als sie das Schneiderlein sahen, dachten sie: »So ein kleiner Kerl
kann durch ein Schlüsselloch kriechen und uns als Dietrich dienen.« --
»Heda,« rief einer, »du Riese Goliath, willst du mit zur Schatzkammer
gehen? Du kannst dich hineinschleichen und das Geld herauswerfen.«
Der Daumerling besann sich, endlich sagte er »ja« und ging mit zu
der Schatzkammer. Da besah er die Türe oben und unten, ob kein Ritz
darin wäre. Nicht lange, so entdeckte er einen, der breit genug war,
um ihn einzulassen. Er wollte auch gleich hindurch, aber eine von den
beiden Schildwachen, die vor der Tür standen, bemerkte ihn und sprach
zu der andern: »Was kriecht da für eine häßliche Spinne? Ich will sie
tot treten.« -- »Laß das arme Tier gehen,« sagte die andere, »es hat
dir ja nichts getan.« Nun kam der Daumerling durch den Ritz glücklich
in die Schatzkammer, öffnete das Fenster, unter welchem die Räuber
standen, und warf ihnen einen Taler nach dem andern hinaus. Als das
Schneiderlein in der besten Arbeit war, hörte es den König kommen, der
seine Schatzkammer besehen wollte, und verkroch sich eilig. Der König
merkte, daß viele harte Taler fehlten, konnte aber nicht begreifen,
wer sie sollte gestohlen haben, da Schlösser und Riegel in gutem Stand
waren und alles wohl verwahrt schien. Da ging er wieder fort und sprach
zu den zwei Wachen: »Habt acht, es ist einer hinter dem Geld.« Als
der Daumerling nun seine Arbeit von neuem anfing, hörten sie das Geld
drinnen sich regen und klingen klipp, klapp, klipp, klapp. Sie sprangen
geschwind hinein und wollten den Dieb greifen. Aber das Schneiderlein,
das sie kommen hörte, war noch geschwinder, sprang in eine Ecke und
deckte einen Taler über sich, so daß nichts von ihm zu sehen war,
dabei neckte es noch die Wachen und rief: »Hier bin ich.« Die Wachen
liefen dahin, wie sie aber ankamen, war es schon in eine andere Ecke
unter einen Taler gehüpft und rief: »He, hier bin ich.« Die Wachen
sprangen eilends herbei, Daumerling war aber längst in einer dritten
Ecke und rief: »He, hier bin ich.« Und so hatte es sie zu Narren und
trieb sie so lange in der Schatzkammer herum, bis sie müde waren
und davongingen. Nun warf es die Taler nach und nach alle hinaus.
Den letzten schnellte es mit aller Macht, hüpfte dann selber noch
behendiglich darauf und flog mit ihm durchs Fenster hinab. Die Räuber
machten ihm große Lobsprüche. »Du bist ein gewaltiger Held,« sagten
sie, »willst du unser Hauptmann werden?« Daumerling bedankte sich aber
und sagte, er wollte erst die Welt sehen. Sie teilten nun die Beute,
das Schneiderlein aber verlangte nur einen Kreuzer, weil es nicht mehr
tragen konnte.

Darauf schnallte es seinen Degen wieder um den Leib, sagte den Räubern
guten Tag und nahm den Weg zwischen die Beine. Es ging bei einigen
Meistern in Arbeit, aber sie wollte ihm nicht schmecken. Endlich
verdingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof. Die Mägde aber
konnten es nicht leiden, denn ohne daß sie ihn sehen konnten, sah er
alles, was sie heimlich taten, und gab bei der Herrschaft an, was sie
sich von den Tellern genommen und aus dem Keller für sich weggeholt
hatten. Da sprachen sie: »Wart, wir wollen dir's eintränken,« und
verabredeten untereinander, ihm einen Schabernack anzutun. Als die eine
Magd bald hernach im Garten mähte und den Daumerling da herumspringen
und an den Kräutern auf und ab kriechen sah, mähte sie ihn mit dem Gras
schnell zusammen, band alles in ein großes Tuch und warf es heimlich
den Kühen vor. Nun war eine große schwarze darunter, die schluckte ihn
mit hinab, ohne ihm weh zu tun. Unten gefiel's ihm aber schlecht, denn
es war da ganz finster und brannte auch kein Licht. Als die Kuh gemelkt
wurde, da rief er:

  »Strip, strap, stroll, ist der Eimer bald voll.«

Doch bei dem Geräusch des Melkens wurde er nicht verstanden. Hernach
trat der Hausherr in den Stall und sprach: »Morgen soll die Kuh
geschlachtet werden.« Da war dem Daumerling angst, daß er mit heller
Stimme rief: »Laßt mich erst heraus, ich sitze ja drin.« Der Herr hörte
das wohl, wußte aber nicht, wo die Stimme herkam. »Wo bist du?« fragte
er. »In der schwarzen,« antwortete er, aber der Herr verstand nicht,
was das heißen sollte und ging fort.

Am andern Morgen ward die Kuh geschlachtet. Glücklicherweise traf bei
dem Zerhacken und Zerlegen den Daumerling kein Hieb, aber er geriet
unter das Wurstfleisch. Wie nun der Metzger herbeitrat und seine Arbeit
anfing, schrie er aus Leibeskräften: »Hackt nicht zu tief, hackt nicht
zu tief, ich stecke ja drunter.« Vor dem Lärmen der Hackmesser hörte
das kein Mensch. Nun hatte der arme Daumerling seine Not, aber die
Not macht Beine, und da sprang er so behend zwischen den Hackmessern
durch, daß ihn keins anrührte und er mit heiler Haut davon kam. Aber
entspringen konnte er auch nicht. Es war keine andere Auskunft, er
mußte sich mit den Speckbrocken in eine Blutwurst hinunter stopfen
lassen. Da war das Quartier etwas enge, und dazu ward er noch in
den Schornstein zum Räuchern aufgehängt, wo ihm Zeit und Weile lang
wurde. Endlich im Winter wurde er heruntergeholt, weil die Wurst einem
Gast sollte vorgesetzt werden. Als nun die Frau Wirtin die Wurst in
Scheiben schnitt, nahm er sich in acht, daß er den Kopf nicht zu weit
vorstreckte, damit ihm nicht etwa der Hals mit abgeschnitten würde.
Endlich ersah er seinen Vorteil, machte sich Luft und sprang heraus.

In dem Hause aber, wo es ihm so übel ergangen war, wollte das
Schneiderlein nicht länger mehr bleiben, sondern begab sich gleich
wieder auf die Wanderung. Doch seine Freiheit dauerte nicht lange.
Auf dem offenen Feld kam es einem Fuchs in den Weg, der schnappte es
in Gedanken auf. »Ei, Herr Fuchs,« riefs Schneiderlein, »ich bin's
ja, der in Eurem Hals steckt, laßt mich wieder frei.« -- »Du hast
recht,« antwortete der Fuchs, »an dir habe ich doch soviel als nichts;
versprichst du mir die Hühner in deines Vaters Hof, so will ich dich
loslassen.« -- »Von Herzen gern,« antwortete der Daumerling, »die
Hühner sollst du alle haben, das gelobe ich dir.« Da ließ ihn der Fuchs
wieder los und trug ihn selber heim. Als der Vater sein liebes Söhnlein
wieder sah, gab er dem Fuchs gern alle die Hühner, die er hatte. »Dafür
bring ich dir auch ein schön Stück Geld mit,« sprach der Daumerling und
reichte ihm den Kreuzer, den er auf seiner Wanderschaft erworben hatte.

»Warum hat aber der Fuchs die armen Piephühner zu fressen kriegt?« --
»Ei, du Narr, deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber sein, als die
Hühner auf dem Hof.«




                            [Illustration]

         Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen


Ein Vater hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug und gescheit,
und wußte sich in alles wohl zu schicken, der jüngste aber war dumm,
konnte nichts begreifen und lernen: und wenn ihn die Leute sahen,
sprachen sie: »Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!« Wenn nun
etwas zu tun war, so mußte es der älteste allzeit ausrichten: hieß ihn
aber der Vater noch spät oder gar in der Nacht etwas holen, und der
Weg ging dabei über den Kirchhof oder sonst einen schaurigen Ort, so
antwortete er wohl: »Ach nein, Vater, ich gehe nicht dahin, es gruselt
mir!« denn er fürchtete sich. Oder wenn abends beim Feuer Geschichten
erzählt wurden, wobei einem die Haut schaudert, so sprachen die Zuhörer
manchmal: »Ach, es gruselt mir!« Der jüngste saß in einer Ecke und
hörte das mit an, und konnte nicht begreifen, was es heißen sollte.
»Immer sagen sie, es gruselt mir! Es gruselt mir! Mir gruselt's nicht:
das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts verstehe.«

Nun geschah es, daß der Vater auch einmal zu ihm sprach: »Hör du, in
der Ecke dort, du wirst groß und stark, du mußt auch etwas lernen,
womit du dein Brot verdienst. Siehst du, wie dein Bruder sich Mühe
gibt, aber an dir ist Hopfen und Malz verloren.« -- »Ei, Vater,«
antwortete er, »ich will gerne was lernen; ja, wenn's anginge, so
möchte ich lernen, daß mir's gruselte; davon verstehe ich noch gar
nichts.« Der älteste lachte, als er das hörte, und dachte bei sich: »Du
lieber Gott, was ist mein Bruder ein Dummbart, aus dem wird sein Lebtag
nichts: was ein Häkchen werden will, muß sich beizeiten krümmen.« Der
Vater seufzte und antwortete ihm: »Das Gruseln, das sollst du schon
lernen, aber dein Brot wirst du damit nicht verdienen.«

Bald danach kam der Küster zum Besuch ins Haus, da klagte ihm der
Vater seine Not und erzählte, wie sein jüngster Sohn in allen Dingen
so schlecht beschlagen wäre, er wüßte nichts und lernte nichts. »Denkt
Euch, als ich ihn fragte, womit er sein Brot verdienen wollte, hat er
gar verlangt, das Gruseln zu lernen.« -- »Wenn's weiter nichts ist,«
antwortete der Küster, »das kann er bei mir lernen; tut ihn nur zu
mir, ich werde ihn schon abhobeln.« Der Vater war es zufrieden, weil
er dachte: »Der Junge wird doch ein wenig zugestutzt.« Der Küster nahm
ihn also ins Haus, und er mußte die Glocke läuten. Nach ein paar Tagen
weckte er ihn um Mitternacht, hieß ihn aufstehen, in den Kirchturm
steigen und läuten. »Du sollst schon lernen, was Gruseln ist,« dachte
er, ging heimlich voraus, und als der Junge oben war und sich umdrehte,
und das Glockenseil fassen wollte, so sah er auf der Treppe, dem
Schalloch gegenüber, eine weiße Gestalt stehen. »Wer da?« rief er,
aber die Gestalt gab keine Antwort, regte und bewegte sich nicht. »Gib
Antwort,« rief der Junge, »oder mache daß du fortkommst, du hast hier
in der Nacht nichts zu schaffen.« Der Küster aber blieb unbeweglich
stehen, damit der Junge glauben sollte, es wäre ein Gespenst. Der Junge
rief zum zweitenmal: »Was willst du hier? Sprich, wenn du ein ehrlicher
Kerl bist, oder ich werfe dich die Treppe hinab.« Der Küster dachte:
»Das wird so schlimm nicht gemeint sein,« gab keinen Laut von sich und
stand, als wenn er von Stein wäre. Da rief ihn der Junge zum drittenmal
an, und als das auch vergeblich war, nahm er einen Anlauf und stieß
das Gespenst die Treppe hinab, daß es zehn Stufen hinabfiel und in
einer Ecke liegen blieb. Darauf läutete er die Glocke, ging heim, legte
sich, ohne ein Wort zu sagen, ins Bett und schlief fort. Die Küsterfrau
wartete lange Zeit auf ihren Mann, aber er wollte nicht wiederkommen.
Da ward ihr endlich angst, sie weckte den Jungen und fragte: »Weißt
du nicht, wo mein Mann geblieben ist? Er ist vor dir auf den Turm
gestiegen.« -- »Nein,« antwortete der Junge, »aber da hat einer dem
Schalloch gegenüber auf der Treppe gestanden, und weil er keine Antwort
geben und auch nicht weggehen wollte, so habe ich ihn für einen
Spitzbuben gehalten und hinuntergestoßen. Geht nur hin, so werdet Ihr
sehen, ob er's gewesen ist, es sollte mir leid tun.« Die Frau sprang
fort und fand ihren Mann, der in einer Ecke lag und jammerte, und ein
Bein gebrochen hatte.

Sie trug ihn herab und eilte dann mit lautem Geschrei zu dem Vater des
Jungen. »Euer Junge,« rief sie, »hat ein großes Unglück angerichtet,
meinen Mann hat er die Treppe hinabgeworfen, daß er ein Bein gebrochen
hat: schafft den Taugenichts aus unserm Hause.« Der Vater erschrak, kam
herbeigelaufen und schalt den Jungen aus. »Was sind das für gottlose
Streiche, die muß dir der Böse eingegeben haben.« »Vater,« antwortete
er, »hört nur an, ich bin ganz unschuldig: er stand da in der Nacht,
wie einer, der Böses im Sinne hat. Ich wußte nicht, wer's war, und habe
ihn dreimal ermahnt, zu reden oder wegzugehen.« -- »Ach,« sprach der
Vater, »mit dir erleb ich nur Unglück, geh mir aus den Augen, ich will
dich nicht mehr ansehen.« -- »Ja, Vater, recht gerne, wartet nur, bis
Tag ist, da will ich ausgehen und das Gruseln lernen, so versteh ich
doch eine Kunst, die mich ernähren kann.« -- »Lerne, was du willst,«
sprach der Vater, »mir ist alles einerlei. Da hast du fünfzig Taler,
damit geh in die weite Welt und sage keinem Menschen, wo du her bist
und wer dein Vater ist, denn ich muß mich deiner schämen.« -- »Ja,
Vater, wie Ihr's haben wollt, wenn Ihr nicht mehr verlangt, das kann
ich leicht in acht behalten.«

Als nun der Tag anbrach, steckte der Junge seine fünfzig Taler in
die Tasche, ging hinaus auf die große Landstraße und sprach immer
vor sich hin: »Wenn mir's nur gruselte! wenn mir's nur gruselte!« Da
kam ein Mann heran, der hörte das Gespräch, das der Junge mit sich
selber führte, und als sie ein Stück weiter waren, daß man den Galgen
sehen konnte, sagte der Mann zu ihm: »Siehst du, dort ist der Baum,
wo siebene mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten haben und jetzt
das Fliegen lernen: setz dich darunter und warte, bis die Nacht kommt,
so wirst du schon das Gruseln lernen.« -- »Wenn weiter nichts dazu
gehört,« antwortete der Junge, »das ist leicht getan; lerne ich aber
so geschwind das Gruseln, so sollst du meine fünfzig Taler haben: komm
nur morgen früh wieder zu mir.« Da ging der Junge zu dem Galgen, setzte
sich darunter und wartete, bis der Abend kam. Und weil ihn fror, machte
er sich ein Feuer an: aber um Mitternacht ging der Wind so kalt, daß
er trotz des Feuers nicht warm werden wollte. Und als der Wind die
Gehenkten gegeneinander stieß, daß sie sich hin und her bewegten, so
dachte er: »Du frierst unten bei dem Feuer, was mögen die da oben erst
frieren und zappeln.« Und weil er mitleidig war, legte er die Leiter
an, stieg hinauf, knüpfte einen nach dem andern los, und holte sie alle
sieben herab. Darauf schürte er das Feuer, blies es an und setzte sie
ringsherum, daß sie sich wärmen sollten. Aber sie saßen da und regten
sich nicht, und das Feuer ergriff ihre Kleider. Da sprach er: »Nehmt
euch in acht, sonst häng ich euch wieder hinauf.« Die Toten aber hörten
nicht, schwiegen und ließen ihre Lumpen fort brennen. Da ward er bös
und sprach: »Wenn ihr nicht acht geben wollt, so kann ich euch nicht
helfen, ich will nicht mit euch verbrennen,« und hing sie nach der
Reihe wieder hinauf. Nun setzte er sich zu seinem Feuer und schlief
ein, und am andern Morgen, da kam der Mann zu ihm, wollte die fünfzig
Taler haben und sprach: »Nun, weißt du, was gruseln ist?« -- »Nein,«
antwortete er, »woher sollte ich's wissen? Die da droben haben das
Maul nicht aufgetan und waren so dumm, daß sie die paar alten Lappen,
die sie am Leibe haben, brennen ließen.« Da sah der Mann, daß er die
fünfzig Taler heute nicht davontragen würde, ging fort und sprach: »So
einer ist mir noch nicht vorgekommen.«

Der Junge ging auch seines Wegs und fing wieder an, vor sich hin zu
reden: »Ach, wenn mir's nur gruselte! ach, wenn mir's nur gruselte!«
Das hörte ein Fuhrmann, der hinter ihm herschritt, und fragte: »Wer
bist du?« -- »Ich weiß nicht,« antwortete der Junge. Der Fuhrmann
fragte weiter: »Wo bist du her?« -- »Ich weiß nicht.« -- »Wer ist dein
Vater?« -- »Das darf ich nicht sagen.« -- »Was brummst du beständig
in den Bart hinein?« -- »Ei,« antwortete der Junge, »ich wollte, daß
mir's gruselte, aber niemand kann mir's lehren.« -- »Laß dein dummes
Geschwätz,« sprach der Fuhrmann, »komm, geh mit mir, ich will sehen,
daß ich dich unterbringe.« Der Junge ging mit dem Fuhrmann, und
abends gelangten sie in ein Wirtshaus, wo sie übernachten wollten. Da
sprach er beim Eintritt in die Stube wieder ganz laut: »Wenn mir's
nur gruselte! wenn mir's nur gruselte!« Der Wirt, der das hörte,
lachte und sprach: »Wenn dich danach lüstet, dazu sollte hier wohl
Gelegenheit sein.« -- »Ach, schweig stille,« sprach die Wirtsfrau, »so
mancher Vorwitzige hat schon sein Leben eingebüßt, es wäre Jammer und
Schade um die schönen Augen, wenn die das Tageslicht nicht wieder
sehen sollten.« Der Junge aber sagte: »Wenn's noch so schwer wäre,
ich will's einmal lernen, deshalb bin ich ja ausgezogen.« Er ließ dem
Wirt auch keine Ruhe, bis dieser erzählte, nicht weit davon stände ein
verwünschtes Schloß, wo einer wohl lernen könnte, was gruseln wäre,
wenn er nur drei Nächte darin wachen wollte. Der König hätte dem, der's
wagen wollte, seine Tochter zur Frau versprochen, und die wäre die
schönste Jungfrau, welche die Sonne beschien: in dem Schlosse steckten
auch große Schätze, von bösen Geistern bewacht, die würden dann frei
und könnten einen Armen reich genug machen. Schon viele wären wohl
hinein, aber noch keiner wieder herausgekommen. Da ging der Junge am
andern Morgen vor den König und sprach: »Wenn's erlaubt wäre, so wollte
ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schlosse wachen.« Der König
sah ihn an, und weil er ihm gefiel, sprach er: »Du darfst dir noch
dreierlei ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und das darfst
du mit ins Schloß nehmen.« Da antwortete er: »So bitt ich um ein Feuer,
eine Drehbank und eine Schnitzbank mit dem Messer.«

Der König ließ ihm das alles bei Tage in das Schloß tragen. Als es
Nacht werden wollte, ging der Junge hinauf, machte sich in einer Kammer
ein helles Feuer an, stellte die Schnitzbank mit dem Messer daneben
und setzte sich auf die Drehbank. »Ach, wenn mir's nur gruselte!«
sprach er, »aber hier werde ich's auch nicht lernen.« Gegen Mitternacht
wollte er sich sein Feuer einmal aufschüren: wie er so hineinblies,
da schrie's plötzlich aus einer Ecke: »Au, miau! Was uns friert!« --
»Ihr Narren,« rief er, »was schreit ihr? Wenn ihr friert, kommt, setzt
euch ans Feuer und wärmt euch.« Und wie er das gesagt hatte, kamen
zwei große schwarze Katzen in einem gewaltigen Sprunge herbei, setzten
sich ihm zu beiden Seiten und sahen ihn mit ihren feurigen Augen ganz
wild an. Über ein Weilchen, als sie sich gewärmt hatten, sprachen sie:
»Kamerad, wollen wir eins in der Karte spielen?« -- »Warum nicht?«
antwortete er, »aber zeigt einmal eure Pfoten her.« Da streckten sie
die Krallen aus. »Ei,« sagte er, »was habt ihr lange Nägel! wartet,
die muß ich euch erst abschneiden.« Damit packte er sie beim Kragen,
hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. »Euch
habe ich auf die Finger gesehen,« sprach er, »da vergeht mir die Lust
zum Kartenspiel,« schlug sie tot und warf sie hinaus ins Wasser. Als er
aber die zwei zur Ruhe gebracht hatte und sich wieder zu seinem Feuer
setzen wollte, da kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und
schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer mehr und mehr, daß er sich
nicht mehr bergen konnte: die schrien greulich, traten ihm auf sein
Feuer, zerrten es auseinander und wollten es ausmachen. Das sah er
ein Weilchen ruhig mit an, als es ihm aber zu arg ward, faßte er sein
Schnitzmesser und rief: »Fort mit dir, du Gesindel,« und haute auf sie
los. Ein Teil sprang weg, die andern schlug er tot und warf sie hinaus
in den Teich. Als er wiedergekommen war, blies er aus den Funken sein
Feuer frisch an und wärmte sich. Und als er so saß, wollten ihm die
Augen nicht länger offen bleiben und er bekam Lust zu schlafen. Da
blickte er um sich und sah in der Ecke ein großes Bett, »das ist mir
eben recht,« sprach er, und legte sich hinein. Als er aber die Augen
zutun wollte, so fing das Bett von selbst an zu fahren, und fuhr im
ganzen Schloß herum. »Recht so,« sprach er, »nur besser zu.« Da rollte
das Bett fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über Schwellen und
Treppen auf und ab: auf einmal hopp, hopp! warf es um, das unterste zu
oberst, daß es wie ein Berg auf ihm lag. Aber er schleuderte Decken
und Kissen in die Höhe, stieg heraus und sagte: »Nun mag fahren, wer
Lust hat,« legte sich an sein Feuer und schlief, bis es Tag war. Am
Morgen kam der König, und als er ihn da auf der Erde liegen sah,
meinte er, die Gespenster hätten ihn umgebracht, und er wäre tot. Da
sprach er: »Es ist doch schade um den schönen Menschen.« Das hörte der
Junge, richtete sich auf und sprach: »So weit ist's noch nicht!« Da
verwunderte sich der König, freute sich aber und fragte, wie es ihm
gegangen wäre. »Recht gut,« antwortete er, »eine Nacht wäre herum, die
zwei andern werden auch herumgehen.« Als er zum Wirt kam, da machte
der große Augen. »Ich dachte nicht,« sprach er, »daß ich dich wieder
lebendig sehen würde; hast du nun gelernt, was Gruseln ist?« -- »Nein,«
sagte er, »es ist alles vergeblich: wenn mir's nur einer sagen könnte!«

Die zweite Nacht ging er abermals hinauf ins alte Schloß, setzte
sich zum Feuer und fing sein altes Lied wieder an, »wenn mir's nur
gruselte!« Wie Mitternacht herankam, ließ sich ein Lärm und Gepolter
hören, erst sachte, dann immer stärker, dann war's ein bißchen still,
endlich kam mit lautem Geschrei ein halber Mensch den Schornstein
herab und fiel vor ihn hin. »Heda!« rief er, »noch ein halber gehört
dazu, das ist zu wenig.« Da ging der Lärm von frischem an, es tobte und
heulte, und fiel die andere Hälfte auch herab. »Wart,« sprach er, »ich
will dir erst das Feuer ein wenig anblasen.« Wie er das getan hatte und
sich wieder umsah, da waren die beiden Stücke zusammengefahren, und saß
da ein greulicher Mann auf seinem Platz. »So haben wir nicht gewettet,«
sprach der Junge, »die Bank ist mein.« Der Mann wollte ihn wegdrängen,
aber der Junge ließ sich's nicht gefallen, schob ihn mit Gewalt weg und
setzte sich wieder auf seinen Platz. Da fielen noch mehr Männer herab,
einer nach dem andern, die holten neun Totenbeine und zwei Totenköpfe,
setzten auf und spielten Kegel. Der Junge bekam auch Lust und fragte:
»Hört ihr, kann ich mit sein?« -- »Ja, wenn du Geld hast.« -- »Geld
genug,« antwortete er, »aber eure Kugeln sind nicht recht rund.« Da
nahm er die Totenköpfe, setzte sie in die Drehbank und drehte sie rund.
»So, jetzt werden sie besser schüppeln,« sprach er, »heida! nun geht's
lustig!« Er spielte mit und verlor etwas von seinem Geld, als es aber
zwölf schlug, war alles vor seinen Augen verschwunden. Er legte sich
nieder und schlief ruhig ein. Am andern Morgen kam der König und wollte
sich erkundigen. »Wie ist dir's diesmal gegangen?« fragte er. -- »Ich
habe gekegelt,« antwortete er, »und ein paar Heller verloren.« -- »Hat
dir denn nicht gegruselt?« -- »Ei, was,« sprach er, »lustig hab ich
mich gemacht. Wenn ich nur wüßte, was Gruseln wäre?«

In der dritten Nacht setzte er sich wieder auf seine Bank und sprach
ganz verdrießlich: »Wenn es mir nur gruselte!« Als es spät ward,
kamen sechs große Männer und brachten eine Totenlade hereingetragen.
Da sprach er: »Ha, ha, das ist gewiß mein Vetterchen, das erst vor
ein paar Tagen gestorben ist,« winkte mit dem Finger und rief: »Komm,
Vetterchen, komm!« Sie stellten den Sarg auf die Erde, er aber ging
hinzu und nahm den Deckel ab: da lag ein toter Mann darin. Er fühlte
ihm ans Gesicht, aber es war kalt wie Eis. »Wart,« sprach er, »ich
will dich ein bißchen wärmen,« ging ans Feuer, wärmte seine Hand und
legte sie ihm aufs Gesicht, aber der Tote blieb kalt. Nun nahm er ihn
heraus, setzte sich ans Feuer und legte ihn auf seinen Schoß, und rieb
ihm die Arme, damit das Blut wieder in Bewegung kommen sollte. Als auch
das nichts helfen wollte, fiel ihm ein, »wenn zwei zusammen im Bett
liegen, so wärmen sie sich«, brachte ihn ins Bett, deckte ihn zu und
legte sich neben ihn. Über ein Weilchen ward auch der Tote warm und
fing an sich zu regen. Da sprach der Junge: »Siehst du, Vetterchen,
hätt' ich dich nicht gewärmt!« Der Tote aber hub an und rief: »Jetzt
will ich dich erwürgen.« -- »Was,« sagte er, »ist das mein Dank? Gleich
sollst du wieder in deinen Sarg,« hub ihn auf, warf ihn hinein und
machte den Deckel zu; da kamen die sechs Männer und trugen ihn wieder
fort. »Es will mir nicht gruseln,« sagte er, »hier lerne ich's mein
Lebtag nicht.«

Da trat ein Mann herein, der war größer als alle andern und sah
fürchterlich aus; er war aber alt und hatte einen langen weißen Bart.
»O, du Wicht,« rief er, »nun sollst du bald lernen was Gruseln ist,
denn du sollst sterben.« -- »Nicht so schnell,« antwortete der Junge,
»soll ich sterben, so muß ich auch dabei sein.« -- »Dich will ich
schon packen,« sprach der Unhold. -- »Sachte, sachte, mach dich nicht
so breit; so stark wie du bin ich auch, und wohl noch stärker.« --
»Das wollen wir sehn,« sprach der Alte, »bist du stärker als ich, so
will ich dich gehn lassen, komm, wir wollen's versuchen.« Da führte
er ihn durch dunkle Gänge, zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und
schlug den einen Amboß mit einem Schlag in die Erde. »Das kann ich
noch besser,« sprach der Junge, und ging zu dem andern Amboß: der
Alte stellte sich neben hin und wollte zusehen, und sein weißer Bart
hing herab. Da faßte der Junge die Axt, spaltete den Amboß auf einen
Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein. »Nun hab' ich dich,«
sprach der Junge, »jetzt ist das Sterben an dir.« Dann faßte er eine
Eisenstange und schlug auf den Alten los, bis er wimmerte und bat, er
möchte aufhören, er wollte ihm große Reichtümer geben. Der Junge zog
die Axt raus und ließ ihn los. Der Alte führte ihn wieder ins Schloß
zurück und zeigte ihm in einem Keller drei Kasten voll Gold. »Davon,«
sprach er, »ist ein Teil den Armen, der andere dem König, der dritte
dein.« Indem schlug es zwölfe, und der Geist verschwand, also daß der
Junge im Finstern stand. »Ich werde mir doch heraushelfen können,«
sprach er, tappte herum, fand den Weg in die Kammer und schlief dort
bei seinem Feuer ein. Am andern Morgen kam der König und sagte: »Nun
wirst du gelernt haben, was Gruseln ist?« -- »Nein,« antwortete er,
»was ist's nur? Mein toter Vetter war da, und ein bärtiger Mann ist
gekommen, der hat mir da unten viel Geld gezeigt, aber was Gruseln
ist, hat mir keiner gesagt.« Da sprach der König: »Du hast das Schloß
erlöst und sollst meine Tochter heiraten.« -- »Das ist all recht gut,«
antwortete er, »aber ich weiß noch immer nicht, was Gruseln ist.«

Da ward das Gold heraufgebracht und die Hochzeit gefeiert, aber der
junge König, so lieb er seine Gemahlin hatte und so vergnügt er war,
sagte doch immer: »Wenn mir nur gruselte, wenn mir nur gruselte.«
Das verdroß sie endlich. Ihr Kammermädchen sprach: »Ich will Hilfe
schaffen, das Gruseln soll er schon lernen.« Sie ging hinaus zum Bach,
der durch den Garten floß, und ließ sich einen ganzen Eimer voll
Gründlinge holen. Nachts, als der junge König schlief, mußte seine
Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wasser mit
den Gründlingen über ihn herschütten, daß die kleinen Fische um ihn
herumzappelten. Da wachte er auf und rief: »Ach, was gruselt mir, was
gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.«




                            [Illustration]

                               Rapunzel


Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange
vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe
Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus
ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten
sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber
von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil
er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt
gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah
in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten
Rapunzeln bepflanzt war; und sie sahen so frisch und grün aus, daß
sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand von den Rapunzeln
zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte, daß sie
keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend
aus. Da erschrak der Mann und fragte: »Was fehlt dir, liebe Frau!« --
»Ach,« antwortete sie, »wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter
unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.« Der Mann, der sie lieb
hatte, dachte: »Eh du deine Frau sterben lässest, holst du ihr von den
Rapunzeln, es mag kosten was es will.« In der Abenddämmerung stieg er
also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile
eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich
sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr
aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal
soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so mußte der Mann noch einmal
in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder
hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig,
denn er sah die Zauberin vor sich stehen. »Wie kannst du es wagen,«
sprach sie mit zornigem Blick, »in meinen Garten zu steigen und wie ein
Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen.«
-- »Ach,« antwortete er, »laßt Gnade für Recht ergehen, ich habe mich
nur aus Not dazu entschlossen. Meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem
Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, daß sie sterben
würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.« Da ließ die Zauberin in
ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: »Verhält es sich so, wie du sagst,
so will ich dir gestatten Rapunzeln mitzunehmen soviel du willst,
allein ich mache eine Bedingung: du mußt mir das Kind geben, das deine
Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für
es sorgen wie eine Mutter.« Der Mann sagte in der Angst alles zu, und
als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem
Kinde den Namen ~Rapunzel~ und nahm es mit sich fort.

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahr
alt war, schloß es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde
lag, und weder Treppe noch Türe hatte, nur ganz oben war ein kleines
Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten
hin und rief:

  »Rapunzel, Rapunzel,
  laß mir dein Haar herunter.«

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn
sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los,
wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare
zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs durch
den Wald ritt und an dem Turm vorüber kam. Da hörte er einen Gesang,
der war so lieblich, daß er stille hielt und horchte. Das war Rapunzel,
die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme
erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinauf steigen und
suchte nach einer Türe des Turms, aber es war keine zu finden. Er ritt
heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, daß er jeden
Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem
Baum stand, sah er, daß eine Zauberin heran kam und hörte, wie sie
hinauf rief:

    »Rapunzel, Rapunzel,
  laß dein Haar herunter.«

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr
hinauf. »Ist das die Leiter, auf welcher man hinauf kommt, so will ich
auch einmal mein Glück versuchen.« Und den folgenden Tag, als es anfing
dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:

    »Rapunzel, Rapunzel,
  laß dein Haar herunter.«

Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr herein kam, wie
ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an
ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, daß von ihrem Gesang
sein Herz so sehr sei bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen,
und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und
als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, daß
er jung und schön war, so dachte sie: »Der wird mich lieber haben als
die alte Frau Gothel,« und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand.
Sie sprach: »Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiß nicht, wie
ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang
Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten, und wenn die fertig
ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.« Sie
verabredeten, daß er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn
bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal
Rapunzel anfing und zu ihr sagte: »Sag' Sie mir doch, Frau Gothel, wie
kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge
Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.« -- »Ach, du gottloses
Kind,« rief die Zauberin, »was muß ich von dir hören, ich dachte, ich
hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!«
In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie
ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten und
ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen
auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, daß sie die arme Rapunzel in
eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die
Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und
als der Königssohn kam und rief:

    »Rapunzel, Rapunzel,
  laß dein Haar herunter,«

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand
oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit
bösen und giftigen Blicken ansah. »Aha,« rief sie höhnisch, »du willst
die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest
und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch
die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie
wieder erblicken.« Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen,
und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab. Das Leben brachte
er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen.
Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren,
und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten
Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in
die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte,
einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme,
und sie deuchte ihm so bekannt. Da ging er darauf zu, und wie er heran
kam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei
von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar,
und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo
er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und
vergnügt.




                            [Illustration]

           Tischchen           Goldesel,         Knüppel aus
            deck dich,          und               dem Sack


Vorzeiten war ein Schneider, der drei Söhne hatte und nur eine einzige
Ziege. Aber die Ziege, weil sie alle zusammen mit ihrer Milch ernährte,
mußte ihr gutes Futter haben und täglich hinaus auf die Weide geführt
werden. Die Söhne taten das auch nach der Reihe. Einmal brachte sie der
älteste auf den Kirchhof, wo die schönsten Kräuter standen, ließ sie da
fressen und herumspringen. Abends, als es Zeit war, heimzugehen, fragte
er: »Ziege, bist du satt?« Die Ziege antwortete:

  »Ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!«

»So komm nach Haus,« sprach der Junge, faßte sie am Strickchen, führte
sie in den Stall und band sie fest. »Nun,« sagte der alte Schneider,
»hat die Ziege ihr gehöriges Futter?« -- »O,« antwortete der Sohn, »die
ist so satt, sie mag kein Blatt.« Der Vater aber wollte sich selbst
überzeugen, ging hinab in den Stall, streichelte das liebe Tier und
fragte: »Ziege, bist du auch satt?« Die Ziege antwortete:

  »Wovon sollt ich satt sein?
  Ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!«

»Was muß ich hören?« rief der Schneider, lief hinauf und sprach zu dem
Jungen: »Ei, du Lügner, sagst die Ziege wäre satt und hast sie hungern
lassen?« Und in seinem Zorne nahm er die Elle von der Wand und jagte
ihn mit Schlägen hinaus.

Am andern Tag war die Reihe am zweiten Sohn, der suchte an der
Gartenhecke einen Platz aus, wo lauter gute Kräuter standen, und die
Ziege fraß sie rein ab. Abends als er heim wollte, fragte er: »Ziege,
bist du satt?« Die Ziege antwortete:

  »Ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!«

»So komm nach Haus,« sprach der Junge, zog sie heim und band sie
im Stall fest. »Nun,« sagte der alte Schneider, »hat die Ziege ihr
gehöriges Futter?« -- »O,« antwortete der Sohn, »die ist so satt, sie
mag kein Blatt.« Der Schneider wollte sich darauf nicht verlassen, ging
hinab in den Stall und fragte: »Ziege, bist du auch satt?« Die Ziege
antwortete:

  »Wovon sollt ich satt sein?
  Ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!«

»Der gottlose Bösewicht!« schrie der Schneider, »so ein frommes Tier
hungern zu lassen!« lief hinauf und schlug mit der Elle den Jungen zur
Haustüre hinaus.

Die Reihe kam jetzt an den dritten Sohn, der wollte seine Sache gut
machen, suchte Buschwerk mit dem schönsten Laube aus und ließ die Ziege
daran fressen. Abends, als er heim wollte, fragte er: »Ziege, bist du
auch satt?« Die Ziege antwortete:

  »Ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!«

»So komm nach Haus,« sagte der Junge, führte sie in den Stall und band
sie fest. »Nun,« sagte der alte Schneider, »hat die Ziege ihr gehöriges
Futter?« -- »O,« antwortete der Sohn, »die ist so satt, sie mag kein
Blatt.« Der Schneider traute nicht, ging hinab und fragte: »Ziege, bist
du auch satt?« Das boshafte Tier antwortete:

  »Wovon sollt ich satt sein?
  Ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!«

»O du Lügenbrut!« rief der Schneider, »einer so gottlos und
pflichtvergessen wie der andere! Ihr sollt mich nicht länger zum Narren
haben!« Und vor Zorn ganz außer sich, sprang er hinauf und gerbte dem
armen Jungen mit der Elle den Rücken so gewaltig, daß er zum Haus
hinaus sprang.

Der alte Schneider war nun mit seiner Ziege allein. Am andern Morgen
ging er hinab in den Stall, liebkoste die Ziege und sprach: »Komm,
mein liebes Tierlein, ich will dich selbst zur Weide führen.« Er nahm
sie am Strick und brachte sie zu grünen Hecken und unter Schafrippe
und was sonst die Ziegen gerne fressen. »Da kannst du dich einmal nach
Herzenslust sättigen,« sprach er zu ihr, und ließ sie weiden bis zum
Abend. Da fragte er: »Ziege, bist du satt?« Sie antwortete:

  »Ich bin so satt,
  ich mag kein Blatt: meh! meh!«

»So komm nach Haus,« sagte der Schneider, führte sie in den Stall und
band sie fest. Als er wegging, kehrte er sich noch einmal um und sagte:
»Nun bist du doch einmal satt?« Aber die Ziege machte es mit ihm nicht
besser und rief:

  »Wie sollt ich satt sein?
  Ich sprang nur über Gräbelein,
  und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!«

Als der Schneider das hörte, stutzte er und sah wohl, daß er seine drei
Söhne ohne Ursache verstoßen hatte. »Wart,« rief er, »du undankbares
Geschöpf, dich fortzujagen, ist noch zu wenig, ich will dich zeichnen,
daß du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr darfst sehen lassen.«
In einer Hast sprang er hinauf, holte sein Bartmesser, seifte der Ziege
den Kopf ein und schor sie so glatt wie seine flache Hand. Und weil die
Elle zu ehrenvoll gewesen wäre, holte er die Peitsche und versetzte ihr
solche Hiebe, daß sie in gewaltigen Sprüngen davon lief.

Der Schneider, als er so ganz einsam in seinem Hause saß, verfiel in
große Traurigkeit und hätte seine Söhne gerne wieder gehabt, aber
niemand wußte, wo sie hingeraten waren. Der älteste war zu einem
Schreiner in die Lehre gegangen, da lernte er fleißig und unverdrossen,
und als seine Zeit herum war, daß er wandern sollte, schenkte ihm der
Meister ein Tischchen, das gar kein besonderes Ansehen hatte und von
gewöhnlichem Holz war: aber es hatte eine gute Eigenschaft. Wenn man
es hinstellte und sprach: »Tischchen, deck dich,« so war das gute
Tischchen auf einmal mit einem saubern Tüchlein bedeckt und stand da
ein Teller und Messer und Gabel daneben und Schüsseln mit Gesottenem
und Gebratenem, soviel Platz hatten, und ein großes Glas mit rotem Wein
leuchtete, daß einem das Herz lachte. Der junge Gesell dachte: »Damit
hast du genug für dein Lebtag,« zog guter Dinge in der Welt umher und
bekümmerte sich gar nicht darum, ob ein Wirtshaus gut oder schlecht
und ob etwas darin zu finden war oder nicht. Wenn es ihm gefiel, so
kehrte er gar nicht ein, sondern im Felde, im Wald, auf einer Wiese, wo
er Lust hatte, nahm er sein Tischchen vom Rücken, stellte es vor sich
hin und sprach: »Deck dich,« so war alles da, was sein Herz begehrte.
Endlich kam es ihm in den Sinn, er wollte zu seinem Vater zurückkehren,
sein Zorn würde sich gelegt haben, und mit dem Tischchen deck dich
würde er ihn gerne wieder aufnehmen. Es trug sich zu, daß er auf dem
Heimweg abends in ein Wirtshaus kam, das mit Gästen angefüllt war. Sie
hießen ihn willkommen und luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen und
mit ihnen zu essen, sonst würde er schwerlich noch etwas bekommen.
»Nein,« antwortete der Schreiner, »die paar Bissen will ich euch nicht
vor dem Munde nehmen, lieber sollt ihr meine Gäste sein.« Sie lachten
und meinten, er triebe seinen Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein
hölzernes Tischchen mitten in die Stube und sprach: »Tischchen, deck
dich.« Augenblicklich war es mit Speisen besetzt, so gut wie sie der
Wirt nicht hätte herbeischaffen können und wovon der Geruch den Gästen
lieblich in die Nase stieg. »Zugegriffen, liebe Freunde,« sprach der
Schreiner, und die Gäste, als sie sahen, wie es gemeint war, ließen
sich nicht zweimal bitten, rückten heran, zogen ihre Messer und griffen
tapfer zu. Und was sie am meisten verwunderte, wenn eine Schüssel
leer geworden war, so stellte sich gleich von selbst eine volle an
ihren Platz. Der Wirt stand in einer Ecke und sah dem Dinge zu. Er
wußte gar nicht, was er sagen sollte, dachte aber: »Einen solchen
Koch könntest du in deiner Wirtschaft wohl brauchen.« Der Schreiner
und seine Gesellschaft waren lustig bis in die späte Nacht, endlich
legten sie sich schlafen, und der junge Geselle ging auch zu Bett und
stellte sein Wünschtischchen an die Wand. Dem Wirte aber ließen seine
Gedanken keine Ruhe, es fiel ihm ein, daß in seiner Rumpelkammer ein
altes Tischchen stände, das gerade so aussähe. Das holte er ganz sachte
herbei und vertauschte es mit dem Wünschtischchen. Am andern Morgen
zahlte der Schreiner sein Schlafgeld, packte sein Tischchen auf, dachte
gar nicht daran, daß er ein falsches hätte und ging seiner Wege. Zu
Mittag kam er bei seinem Vater an, der ihn mit großer Freude empfing.
»Nun, mein lieber Sohn, was hast du gelernt?« sagte er zu ihm. »Vater,
ich bin ein Schreiner geworden.« -- »Ein gutes Handwerk,« erwiderte
der Alte, »aber was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?« --
»Vater, das beste, was ich mitgebracht habe, ist das Tischchen.« Der
Schneider betrachtete es von allen Seiten und sagte: »Daran hast du
kein Meisterstück gemacht, das ist ein altes und schlechtes Tischchen.«
-- »Aber es ist ein Tischchen deck dich,« antwortete der Sohn, »wenn
ich es hinstelle und sage ihm, es solle sich decken, so stehen gleich
die schönsten Gerichte darauf und ein Wein dabei, der das Herz erfreut.
Ladet nur alle Verwandte und Freunde ein, die sollen sich einmal
laben und erquicken, denn das Tischchen macht sie alle satt.« Als die
Gesellschaft beisammen war, stellte er sein Tischchen mitten in die
Stube und sprach: »Tischchen, deck dich.« Aber das Tischchen regte sich
nicht und blieb so leer wie ein anderer Tisch, der die Sprache nicht
versteht. Da merkte der arme Geselle, daß ihm das Tischchen vertauscht
war und schämte sich, daß er wie ein Lügner da stand. Die Verwandten
aber lachten ihn aus und mußten ungetrunken und ungegessen wieder heim
wandern. Der Vater holte seine Lappen wieder herbei und schneiderte
fort, der Sohn aber ging bei einem Meister in die Arbeit.

Der zweite Sohn war zu einem Müller gekommen und bei ihm in die Lehre
gegangen. Als er seine Jahre herum hatte, sprach der Meister: »Weil du
dich so wohl gehalten hast, so schenke ich dir einen Esel von einer
besonderen Art, er zieht nicht am Wagen und trägt auch keine Säcke.« --
»Wozu ist er denn nütze?« fragte der junge Geselle. »Er speit Gold,«
antwortete der Müller, »wenn du ihn auf ein Tuch stellst und sprichst
>Bricklebrit<, so speit dir das gute Tier Goldstücke aus, hinten und
vorn.« -- »Das ist eine schöne Sache,« sprach der Geselle, dankte dem
Meister und zog in die Welt. Wenn er Gold nötig hatte, brauchte er nur
zu seinem Esel »Bricklebrit« zu sagen, so regnete es Goldstücke, und
er hatte weiter keine Mühe, als sie von der Erde aufzuheben. Wo er
hinkam, war ihm das Beste gut genug, und je teurer, je lieber, denn
er hatte immer einen vollen Beutel. Als er sich eine Zeitlang in der
Welt umgesehen hatte, dachte er: »Du mußt deinen Vater aufsuchen, wenn
du mit dem Goldesel kommst, so wird er seinen Zorn vergessen und dich
gut aufnehmen.« Es trug sich zu, daß er in dasselbe Wirtshaus geriet,
in welchem seinem Bruder das Tischchen vertauscht war. Er führte
seinen Esel an der Hand, und der Wirt wollte ihm das Tier abnehmen und
anbinden, der junge Geselle aber sprach: »Gebt Euch keine Mühe, meinen
Grauschimmel führe ich selbst in den Stall und binde ihn auch selbst
an, denn ich muß wissen, wo er steht.« Dem Wirt kam das wunderlich vor
und er meinte, einer, der seinen Esel selbst besorgen müßte, hätte
nicht viel zu verzehren. Als aber der Fremde in die Tasche griff, zwei
Goldstücke herausholte und sagte, er sollte nur etwas Gutes für ihn
einkaufen, so machte er große Augen, lief und suchte das Beste, das er
auftreiben konnte. Nach der Mahlzeit fragte der Gast, was er schuldig
wäre, der Wirt wollte die doppelte Kreide nicht sparen und sagte, noch
ein paar Goldstücke müßte er zulegen. Der Geselle griff in die Tasche,
aber sein Gold war eben zu Ende. »Wartet einen Augenblick, Herr Wirt,«
sprach er, »ich will nur gehen und Gold holen,« nahm aber das Tischtuch
mit. Der Wirt wußte nicht, was das heißen sollte, war neugierig,
schlich ihm nach, und da der Gast die Stalltüre zuriegelte, so guckte
er durch ein Astloch. Der Fremde breitete unter dem Esel das Tuch aus,
rief »Bricklebrit«, und augenblicklich fing das Tier an Gold zu speien
von hinten und vorn, daß es ordentlich auf die Erde herabregnete.
»Ei der tausend,« sagte der Wirt, »da sind die Dukaten bald geprägt!
So ein Geldbeutel ist nicht übel!« Der Gast bezahlte seine Zeche und
legte sich schlafen, der Wirt aber schlich in der Nacht herab in den
Stall, führte den Münzmeister weg und band einen andern Esel an seine
Stelle. Den folgenden Morgen in der Frühe zog der Geselle mit seinem
Esel ab und meinte, er hätte seinen Goldesel. Mittags kam er bei seinem
Vater an, der sich freute, als er ihn wiedersah und ihn gerne aufnahm.
»Was ist aus dir geworden, mein Sohn?« fragte der Alte. »Ein Müller,
lieber Vater,« antwortete er. »Was hast du von deiner Wanderschaft
mitgebracht?« -- »Weiter nichts als einen Esel.« -- »Esel gibt's hier
genug,« sagte der Vater, »da wäre mir doch eine gute Ziege lieber
gewesen.« -- »Ja,« antwortete der Sohn, »aber es ist kein gemeiner
Esel, sondern ein Goldesel. Wenn ich sage: >Bricklebrit<, so speit Euch
das gute Tier ein ganzes Tuch voll Goldstücke. Laßt nur alle Verwandte
herbeirufen, ich mache sie alle zu reichen Leuten.« -- »Das laß ich mir
gefallen,« sagte der Schneider, »dann brauch ich mich mit der Nadel
nicht weiter zu quälen,« sprang selbst fort und rief die Verwandten
herbei. Sobald sie beisammen waren, hieß sie der Müller Platz machen,
breitete sein Tuch aus und brachte den Esel in die Stube. »Jetzt
gebt acht,« sagte er und rief »Bricklebrit«, aber es waren keine
Goldstücke, was herabfiel, und es zeigte sich, daß das Tier nichts
von der Kunst verstand, denn es bringt's nicht jeder Esel so weit. Da
machte der arme Müller ein langes Gesicht, sah, daß er betrogen war
und bat die Verwandten um Verzeihung, die so arm heim gingen als sie
gekommen waren. Es blieb nichts übrig, der Alte mußte wieder nach der
Nadel greifen und der Junge sich bei einem Müller verdingen.

Der dritte Bruder war zu einem Drechsler in die Lehre gegangen, und
weil es ein kunstreiches Handwerk ist, mußte er am längsten lernen.
Seine Brüder aber meldeten ihm in einem Briefe, wie schlimm es ihnen
ergangen wäre und wie sie der Wirt noch am letzten Abend um ihre
schönen Wünschdinge gebracht hätte. Als der Drechsler nun ausgelernt
hatte und wandern sollte, so schenkte ihm sein Meister, weil er sich
so wohl gehalten, einen Sack und sagte: »Es liegt ein Knüppel darin.«
-- »Den Sack kann ich umhängen, und er kann mir gute Dienste leisten,
aber was soll der Knüppel darin? Der macht ihn nur schwer.« -- »Das
will ich dir sagen,« antwortete der Meister, »hat dir jemand etwas zu
leid getan, so sprich nur: >Knüppel, aus dem Sack<, so springt dir der
Knüppel heraus unter die Leute und tanzt ihnen so lustig auf dem Rücken
herum, daß sie sich acht Tage lang nicht regen und bewegen können;
und eher läßt er nicht ab, als bis du sagst: >Knüppel, in den Sack<.
Der Gesell dankte ihm, hing den Sack um, und wenn ihm jemand zu nahe
kam und auf den Leib wollte, so sprach er: »Knüppel, aus dem Sack,«
alsbald sprang der Knüppel heraus und klopfte einem nach dem andern
den Rock oder Wams gleich auf dem Rücken aus und wartete nicht erst
bis er ihn ausgezogen hatte; und das ging so geschwind, daß eh sich's
einer versah, die Reihe schon an ihm war. Der junge Drechsler langte
zur Abendzeit in dem Wirtshaus an, wo seine Brüder waren betrogen
worden. Er legte seinen Ranzen vor sich auf den Tisch und fing an zu
erzählen, was er alles Merkwürdiges in der Welt gesehen habe. »Ja,«
sagte er, »man findet wohl ein Tischchen deck dich, einen Goldesel
und dergleichen: lauter gute Dinge, die ich nicht verachte, aber das
ist alles nichts gegen den Schatz, den ich mir erworben habe und mit
mir da in meinem Sack führe.« Der Wirt spitzte die Ohren: »Was in
aller Welt mag das sein?« dachte er, »der Sack ist wohl mit lauter
Edelsteinen angefüllt; den sollte ich billig auch noch haben, denn
aller guten Dinge sind drei.« Als Schlafenszeit war, streckte sich
der Gast auf die Bank und legte seinen Sack als Kopfkissen unter. Der
Wirt, als er meinte, der Gast läge in tiefem Schlaf, ging herbei,
rückte und zog ganz sachte und vorsichtig an dem Sack, ob er ihn
vielleicht wegziehen und einen andern unterlegen könnte. Der Drechsler
aber hatte schon lange darauf gewartet. Wie nun der Wirt eben einen
herzhaften Ruck tun wollte, rief er: »Knüppel, aus dem Sack.« Alsbald
fuhr das Knüppelchen heraus, dem Wirt auf den Leib und rieb ihm die
Nähte, daß es eine Art hatte. Der Wirt schrie zum Erbarmen, aber je
lauter er schrie, desto kräfter schlug der Knüppel ihm den Takt dazu
auf dem Rücken, bis er endlich erschöpft zur Erde fiel. Da sprach der
Drechsler: »Wo du das Tischchen deck dich und den Goldesel nicht wieder
heraus gibst, so soll der Tanz von neuem angeben.« -- »Ach nein,« rief
der Wirt ganz kleinlaut, »ich gebe alles gerne wieder heraus, laßt nur
den verwünschten Kobold wieder in den Sack kriechen.« Da sprach der
Geselle: »Ich will Gnade für Recht ergehen lassen, aber hüte dich vor
Schaden!« Dann rief er: »Knüppel, in den Sack!« und ließ ihn ruhen.

Der Drechsler zog am andern Morgen mit dem Tischchen deck dich und dem
Goldesel heim zu seinem Vater. Der Schneider freute sich, als er ihn
wieder sah und fragte auch ihn, was er in der Fremde gelernt hätte.
»Lieber Vater,« antwortete er, »ich bin ein Drechsler geworden.« --
»Ein kunstreiches Handwerk,« sagte der Vater, »was hast du von der
Wanderschaft mitgebracht?« -- »Ein kostbares Stück, lieber Vater,«
antwortete der Sohn, »einen Knüppel in dem Sack.« -- »Was!« rief der
Vater, »einen Knüppel! das ist der Mühe wert! Den kannst du dir von
jedem Baume abhauen.« -- »Aber einen solchen nicht, lieber Vater;
sage ich: >Knüppel, aus dem Sack<, so springt der Knüppel heraus und
macht mit dem, der es nicht gut meint mit mir, einen schlimmen Tanz
und läßt nicht eher nach, als bis er auf der Erde liegt und um gut
Wetter bittet. Seht ihr, mit diesem Knüppel habe ich das Tischchen deck
dich und den Goldesel wieder herbeigeschafft, die der diebische Wirt
meinen Brüdern abgenommen hatte. Jetzt laßt sie beide rufen und ladet
alle Verwandten ein, ich will sie speisen und tränken und will ihnen
die Taschen noch mit Gold füllen.« Der alte Schneider wollte nicht
recht trauen, brachte aber doch die Verwandten zusammen. Da deckte der
Drechsler ein Tuch in die Stube, führe den Goldesel herein und sagte
zu seinem Bruder: »Nun, lieber Bruder sprich mit ihm.« Der Müller
sagte: »Bricklebrit,« und augenblicklich sprangen die Goldstücke auf
das Tuch herab, als käme ein Platzregen, und der Esel hörte nicht eher
auf, als bis alle so viel hatten, daß sie nicht mehr tragen konnten.
(Ich sehe dir's an, du wärst auch gerne dabei gewesen.) Dann holte der
Drechsler das Tischchen und sagte: »Lieber Bruder, nun sprich mit ihm.«
Und kaum hatte der Schreiner »Tischchen, deck dich« gesagt, so war es
gedeckt und mit den schönsten Schüsseln reichlich besetzt. Da ward eine
Mahlzeit gehalten, wie der gute Schneider noch keine in seinem Hause
erlebt hatte, und die ganze Verwandtschaft blieb beisammen bis in die
Nacht, und waren alle lustig und vergnügt. Der Schneider verschloß
Nadel und Zwirn, Elle und Bügeleisen in einen Schrank und lebte mit
seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit.

Wo ist aber die Ziege hingekommen, die schuld war, daß der Schneider
seine drei Söhne fortjagte? Das will ich dir sagen. Sie schämte sich,
daß sie einen kahlen Kopf hatte, lief in eine Fuchshöhle und verkroch
sich hinein. Als der Fuchs nach Haus kam, funkelten ihm ein paar
große Augen aus der Dunkelheit entgegen, daß er erschrak und wieder
zurücklief. Der Bär begegnete ihm, und da der Fuchs ganz verstört
aussah, so sprach er: »Was ist dir, Bruder Fuchs, was machst du für
ein Gesicht?« -- »Ach,« antwortete der Rote, »ein grimmig Tier sitzt
in meiner Höhle und hat mich mit feurigen Augen angeglotzt.« -- »Das
wollen wir bald austreiben,« sprach der Bär, ging mit zu der Höhle und
schaute hinein; als er aber die feurigen Augen erblickte, wandelte ihn
ebenfalls Furcht an. Er wollte mit dem grimmigen Tiere nichts zu tun
haben und nahm Reißaus. Die Biene begegnete ihm, und da sie merkte,
daß es ihm in seiner Haut nicht wohl zumute war, sprach sie: »Bär, du
machst ja ein gewaltig verdrießlich Gesicht, wo ist deine Lustigkeit
geblieben?« -- »Du hast gut reden,« antwortete der Bär, »es sitzt ein
grimmiges Tier mit Glotzaugen in dem Hause des Roten, und wir können es
nicht herausjagen.« Die Biene sprach: »Du dauerst mich, Bär, ich bin
ein armes schwaches Geschöpf, das ihr im Wege nicht anguckt, aber ich
glaube doch, daß ich euch helfen kann.« Sie flog in die Fuchshöhle,
setzte sich der Ziege auf den glatten geschorenen Kopf und stach sie
so gewaltig, daß sie aufsprang, »meh! meh!« schrie und wie toll in die
Welt hineinlief; und weiß niemand auf diese Stunde, wo sie hingelaufen
ist.




                            [Illustration]

                            Der Bärenhäuter


Es war einmal ein junger Kerl, der ließ sich als Soldat anwerben, hielt
sich tapfer und war immer der vorderste, wenn es blaue Bohnen regnete.
Solange der Krieg dauerte, ging alles gut, aber als Friede geschlossen
war, erhielt er seinen Abschied, und der Hauptmann sagte, er könne
gehen wohin er wollte. Seine Eltern waren tot, und er hatte keine
Heimat mehr, da ging er zu seinen Brüdern und bat, sie möchten ihm so
lange Unterhalt geben, bis der Krieg wieder anfinge. Die Brüder aber
waren hartherzig und sagten: »Was sollen wir mit dir? Wir können dich
nicht brauchen, sieh zu, wie du dich durchschlägst.« Der Soldat hatte
nichts übrig als sein Gewehr, das nahm er auf die Schulter und wollte
in die Welt gehen. Er kam auf eine große Heide, auf der nichts zu sehen
war als ein Ring von Bäumen; darunter setzte er sich ganz traurig
nieder und sann über sein Schicksal nach. »Ich habe kein Geld,« dachte
er, »ich habe nichts gelernt als das Kriegshandwerk, und jetzt, weil
Friede geschlossen ist, brauchen sie mich nicht mehr; ich sehe voraus,
ich muß verhungern.« Auf einmal hörte er ein Brausen, und wie er sich
umblickte, stand ein unbekannter Mann vor ihm, der einen grünen Rock
trug, recht stattlich aussah, aber einen garstigen Pferdefuß hatte.
»Ich weiß schon, was dir fehlt,« sagte der Mann, »Geld und Gut sollst
du haben, soviel du mit aller Gewalt durchbringen kannst, aber ich muß
zuvor wissen, ob du dich nicht fürchtest, damit ich mein Geld nicht
umsonst ausgebe.« -- »Ein Soldat und Furcht, wie paßt das zusammen?«
antwortete er, »du kannst mich auf die Probe stellen.« -- »Wohlan,«
antwortete der Mann, »schau hinter dich.« Der Soldat kehrte sich um
und sah einen großen Bär, der brummend auf ihn zutrabte. »Oho,« rief
der Soldat, »dich will ich an der Nase kitzeln, daß dir die Lust zum
Brummen vergehen soll,« legte an und schoß den Bär auf die Schnauze,
daß er zusammenfiel und sich nicht mehr regte. »Ich sehe wohl,« sagte
der Fremde, »daß dir's an Mut nicht fehlt, aber es ist noch eine
Bedingung dabei, die mußt du erfüllen.« -- »Wenn mir's an meiner
Seligkeit nicht schadet,« antwortete der Soldat, der wohl merkte, wen
er vor sich hatte, »sonst laß ich mich auf nichts ein.« -- »Das wirst
du selber sehen,« antwortete der Grünrock, »du darfst in den nächsten
sieben Jahren dich nicht waschen, dir Bart und Haare nicht kämmen,
die Nägel nicht schneiden und kein Vaterunser beten. Dann will ich
dir einen Rock und Mantel geben, den mußt du in dieser Zeit tragen.
Stirbst du in diesen sieben Jahren, so bist du mein, bleibst du aber
leben, so bist du frei und bist reich dazu für dein Lebtag.« Der Soldat
dachte an die große Not, in der er sich befand, und da er so oft in den
Tod gegangen war, wollte er es auch jetzt wagen und willigte ein. Der
Teufel zog den grünen Rock aus, reichte ihn dem Soldaten hin und sagte:
»Wenn du den Rock an deinem Leibe hast und in die Tasche greifst, so
wirst du die Hand immer voll Geld haben.« Dann zog er dem Bären die
Haut ab und sagte: »Das soll dein Mantel sein und auch dein Bett, denn
darauf mußt du schlafen und darfst in kein anderes Bett kommen. Und
dieser Tracht wegen sollst du Bärenhäuter heißen.« Hierauf verschwand
der Teufel.

Der Soldat zog den Rock an, griff gleich in die Tasche und fand, daß
die Sache ihre Richtigkeit hatte. Dann hing er die Bärenhaut um, ging
in die Welt, war guter Dinge und unterließ nichts, was ihm wohl und
dem Gelde wehe tat. Im ersten Jahr ging es noch leidlich, aber in dem
zweiten sah er schon aus wie ein Ungeheuer. Das Haar bedeckte ihm fast
das ganze Gesicht, sein Bart glich einem Stück grobem Filztuch, seine
Finger hatten Krallen, und sein Gesicht war so mit Schmutz bedeckt,
daß, wenn man Kresse hineingesät hätte, sie aufgegangen wäre. Wer ihn
sah, lief fort; weil er aber allerorten den Armen Geld gab, damit sie
für ihn beteten, daß er in den sieben Jahren nicht stürbe, und weil er
alles gut bezahlte, so erhielt er doch immer noch Herberge. Im vierten
Jahr kam er in ein Wirtshaus, da wollte ihn der Wirt nicht aufnehmen
und wollte ihm nicht einmal einen Platz im Stall anweisen, weil er
fürchtete, seine Pferde würden scheu werden. Doch als der Bärenhäuter
in die Tasche griff und eine Handvoll Dukaten herausholte, so ließ der
Wirt sich erweichen und gab ihm eine Stube im Hintergebäude; doch mußte
er versprechen, sich nicht sehen zu lassen, damit sein Haus nicht in
bösen Ruf käme.

Als der Bärenhäuter abends allein saß und von Herzen wünschte, daß die
sieben Jahre herum wären, so hörte er in einem Nebenzimmer ein lautes
Jammern. Er hatte ein mitleidiges Herz, öffnete die Türe und erblickte
einen alten Mann, der heftig weinte und die Hände über dem Kopf
zusammenschlug. Der Bärenhäuter trat näher, aber der Mann sprang auf
und wollte entfliehen. Endlich, als er eine menschliche Stimme vernahm,
ließ er sich bewegen, und durch freundliches Zureden brachte es der
Bärenhäuter dahin, daß er ihm die Ursache seines Kummers offenbarte.
Sein Vermögen war nach und nach geschwunden, er und seine Töchter
mußten darben, und er war so arm, daß er den Wirt nicht einmal bezahlen
konnte und ins Gefängnis sollte gesetzt werden. »Wenn Ihr weiter keine
Sorge habt,« sagte der Bärenhäuter, »Geld habe ich genug.« Er ließ den
Wirt herbeikommen, bezahlte ihn und steckte dem Unglücklichen noch
einen Beutel voll Gold in die Tasche.

Als der alte Mann sich aus seinen Sorgen erlöst sah, wußte er nicht,
womit er sich dankbar erweisen sollte. »Komm mit mir,« sprach er zu
ihm, »meine Töchter sind Wunder von Schönheit, wähle dir eine davon
zur Frau. Wenn sie hört, was du für mich getan hast, so wird sie sich
nicht weigern. Du siehst freilich ein wenig seltsam aus, aber sie wird
dich schon wieder in Ordnung bringen.« Dem Bärenhäuter gefiel das wohl
und er ging mit. Als ihn die älteste erblickte, entsetzte sie sich so
gewaltig vor seinem Antlitz, daß sie aufschrie und fortlief. Die zweite
blieb zwar stehen und betrachtete ihn von Kopf bis zu Füßen, dann aber
sprach sie: »Wie kann ich einen Mann nehmen, der keine menschliche
Gestalt mehr hat? Da gefiel mir der rasierte Bär noch besser, der
einmal hier zu sehen war und sich für einen Menschen ausgab, der hatte
doch einen Husarenpelz an und weiße Handschuhe. Wenn er nur häßlich
wäre, so könnte ich mich an ihn gewöhnen.« Die jüngste aber sprach:
»Lieber Vater, das muß ein guter Mann sein, der Euch aus der Not
geholfen hat, habt Ihr ihm dafür eine Braut versprochen, so muß Euer
Wort gehalten werden.« Es war schade, daß das Gesicht des Bärenhäuters
von Schmutz und Haaren bedeckt war, sonst hätte man sehen können, wie
ihm das Herz im Leibe lachte, als er diese Worte hörte. Er nahm einen
Ring von seinem Finger, brach ihn entzwei und gab ihr die eine Hälfte,
die andere behielt er für sich. In ihre Hälfte aber schrieb er seinen
Namen und in seine Hälfte schrieb er ihren Namen und bat sie, ihr Stück
gut aufzuheben. Hierauf nahm er Abschied und sprach: »Ich muß noch drei
Jahre wandern, komm ich aber nicht wieder, so bist du frei, weil ich
dann tot bin. Bitte aber Gott, daß er mir das Leben erhält.«

Die arme Braut kleidete sich ganz schwarz, und wenn sie an ihren
Bräutigam dachte, so kamen ihr die Tränen in die Augen. Von ihren
Schwestern ward ihr nichts als Hohn und Spott zuteil. »Nimm dich in
acht,« sprach die älteste, »wenn du ihm die Hand reichst, so schlägt
er dir mit der Tatze darauf.« -- »Hüte dich,« sagte die zweite, »die
Bären lieben die Süßigkeit, und wenn du ihm gefällst, so frißt er dich
auf.« -- »Du mußt nur immer seinen Willen tun,« hub die älteste wieder
an, »sonst fängt er an zu brummen.« Und die zweite fuhr fort: »Aber die
Hochzeit wird lustig sein, Bären die tanzen gut.« Die Braut schwieg
still und ließ sich nicht irremachen. Der Bärenhäuter aber zog in der
Welt herum, von einem Ort zum andern, tat Gutes, wo er konnte, und gab
den Armen reichlich, damit sie für ihn beteten. Endlich als der letzte
Tag von den sieben Jahren anbrach, ging er wieder hinaus auf die Heide
und setzte sich unter den Ring von Bäumen. Nicht lange, so sauste der
Wind, und der Teufel stand vor ihm und blickte ihn verdrießlich an;
dann warf er ihm den alten Rock hin und verlangte seinen grünen zurück.
»So weit sind wir noch nicht,« antwortete der Bärenhäuter, »erst sollst
du mich reinigen.« Der Teufel mochte wollen oder nicht, er mußte Wasser
holen, den Bärenhäuter abwaschen, ihm die Haare kämmen und die Nägel
schneiden. Hierauf sah er wie ein tapferer Kriegsmann aus und war viel
schöner als je vorher.

Als der Teufel glücklich abgezogen war, so war es dem Bärenhäuter ganz
leicht ums Herz. Er ging in die Stadt, tat einen prächtigen Samtrock
an, setzte sich in einen Wagen, mit vier Schimmeln bespannt, und fuhr
zu dem Haus seiner Braut. Niemand erkannte ihn, der Vater hielt ihn
für einen vornehmen Feldobrist und führte ihn in das Zimmer, wo seine
Töchter saßen. Er mußte sich zwischen den beiden ältesten niederlassen;
sie schenkten ihm Wein ein, legten ihm die besten Bissen vor und
meinten, sie hätten keinen schönern Mann auf der Welt gesehen. Die
Braut aber saß in schwarzem Kleide ihm gegenüber, schlug die Augen
nicht auf und sprach kein Wort. Als er endlich den Vater fragte, ob er
ihm eine seiner Töchter zur Frau geben wollte, so sprangen die beiden
ältesten auf, liefen in ihre Kammer und wollten prächtige Kleider
anziehen, denn eine jede bildete sich ein, sie wäre die Auserwählte.
Der Fremde, sobald er mit seiner Braut allein war, holte den halben
Ring hervor und warf ihn in einen Becher mit Wein, den er ihr über den
Tisch reichte. Sie nahm ihn an, aber als sie getrunken hatte und den
halben Ring auf dem Grunde liegen fand, so schlug ihr das Herz. Sie
holte die andere Hälfte, die sie an einem Band um den Hals trug, hielt
sie daran, und es zeigte sich, daß beide Teile vollkommen zueinander
paßten. Da sprach er: »Ich bin dein verlobter Bräutigam, den du als
Bärenhäuter gesehen hast, aber durch Gottes Gnade habe ich meine
menschliche Gestalt wieder erhalten, und bin wieder rein geworden.« Er
ging auf sie zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuß. Indem kamen die
beiden Schwestern in vollem Putz herein, und als sie sahen, daß der
schöne Mann der jüngsten zuteil geworden war, und hörten, daß das der
Bärenhäuter war, liefen sie voll Zorn und Wut hinaus; die eine ersäufte
sich im Brunnen, die andere erhenkte sich an einem Baum. Am Abend
klopfte jemand an der Türe, und als der Bräutigam öffnete, so war's der
Teufel im grünen Rock, der sprach: »Siehst du, nun habe ich zwei Seelen
für deine eine.«




                            [Illustration]

                     Brüderchen und Schwesterchen


Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach »Seit die
Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter
schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit
den Füßen fort. Die harten Brotkrusten, die übrig bleiben, sind unsere
Speise, und dem Hündlein unter dem Tisch geht's besser: dem wirft sie
doch manchmal einen guten Bissen zu. Daß Gott erbarm, wenn das unsere
Mutter wüßte! Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen.«
Sie gingen den ganzen Tag über Wiesen, Felder und Steine, und wenn es
regnete, sprach das Schwesterchen: »Gott und unsere Herzen die weinen
zusammen!« Abends kamen sie in einen großen Wald und waren so müde von
Jammer, Hunger und dem langen Weg, daß sie sich in einen hohlen Baum
setzten und einschliefen.

Am andern Morgen, als sie aufwachten, stand die Sonne schon hoch am
Himmel und schien heiß in den Baum hinein. Da sprach das Brüderchen:
»Schwesterchen, mich dürstet, wenn ich ein Brünnlein wüßte, ich ging
und tränk einmal; ich mein, ich hört eins rauschen.« Brüderchen
stand auf, nahm Schwesterchen an der Hand, und sie wollten das
Brünnlein suchen. Die böse Stiefmutter aber war eine Hexe und hatte
wohl gesehen, wie die beiden Kinder fortgegangen waren, war ihnen
nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen schleichen, und hatte alle
Brünnlein im Walde verwünscht. Als sie nun einen Brunnen fanden, der
so glitzerig über die Steine sprang, wollte das Brüderchen daraus
trinken, aber das Schwesterchen hörte, wie er im Rauschen sprach: »Wer
aus mir trinkt, wird ein Tiger, wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.« --
Da rief das Schwesterchen: »Ich bitte dich, Brüderchen, trink nicht,
sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißest mich.« Das Brüderchen
trank nicht, ob es gleich so großen Durst hatte, und sprach: »Ich
will warten bis zur nächsten Quelle.« Als sie zum zweiten Brünnlein
kamen, hörte das Schwesterchen, wie auch dieses sprach: »Wer aus mir
trinkt, wird ein Wolf, wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.« -- Da rief
das Schwesterchen: »Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst
wirst du ein Wolf und frissest mich.« -- Das Brüderchen trank nicht,
und sprach: »Ich will warten, bis wir zur nächsten Quelle kommen,
aber dann muß ich trinken, du magst sagen, was du willst; mein Durst
ist gar zu groß.« Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das
Schwesterlein, wie es im Rauschen sprach: »Wer aus mir trinkt, wird ein
Reh, wer aus mir trinkt, wird ein Reh.« -- Das Schwesterchen sprach:
»Ach, Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, sonst wirst du ein
Reh und läufst mir fort.« Aber das Brüderchen hatte sich gleich beim
Brünnlein niedergekniet, hinabgebeugt und von dem Wasser getrunken, und
wie die ersten Tropfen auf seine Lippen gekommen waren, lag es da als
ein Rehkälbchen.

Nun weinte das Schwesterchen über das arme verwünschte Brüderchen,
und das Rehchen weinte auch und saß so traurig neben ihm. Da sprach
das Mädchen endlich: »Sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja
nimmermehr verlassen.« Dann band es sein goldenes Strumpfband ab
und tat es dem Rehchen um den Hals, und rupfte Binsen und flocht
ein weiches Seil daraus. Daran band es das Tierchen und führte es
weiter, und ging immer tiefer in den Wald hinein. Und als sie lange
lange gegangen waren, kamen sie endlich an ein kleines Haus, und das
Mädchen schaute hinein, und weil es leer war, dachte es: »Hier können
wir bleiben und wohnen.« Da suchte es dem Rehchen Laub und Moos zu
einem weichen Lager, und jeden Morgen ging es aus und sammelte sich
Wurzeln, Beeren und Nüsse, und für das Rehchen brachte es zartes Gras
mit, das fraß es ihm aus der Hand, war vergnügt und spielte vor ihm
herum. Abends wenn Schwesterchen müde war und sein Gebet gesagt hatte,
legte es seinen Kopf auf den Rücken des Rehkälbchens, das war sein
Kissen, darauf es sanft einschlief. Und hätte das Brüderchen nur seine
menschliche Gestalt gehabt, es wäre ein herrliches Leben gewesen.

Das dauerte eine Zeitlang, daß sie so allein in der Wildnis waren. Es
trug sich aber zu, daß der König des Landes eine große Jagd in dem
Wald hielt. Da schallte das Hörnerblasen, Hundegebell und das lustige
Geschrei der Jäger durch die Bäume, und das Rehlein hörte es und wäre
gar zu gerne dabei gewesen. »Ach,« sprach es zum Schwesterlein, »laß
mich hinaus in die Jagd, ich kann's nicht länger mehr aushalten,« und
bat so lange, bis es einwilligte. »Aber,« sprach es zu ihm, »komm mir
ja abends wieder, vor den wilden Jägern schließ ich mein Türlein; und
damit ich dich kenne, so klopf und sprich: mein Schwesterlein, laß mich
herein. Und wenn du nicht so sprichst, so schließ ich mein Türlein
nicht auf.« Nun sprang das Rehchen hinaus, und war ihm so wohl und war
so lustig in freier Luft. Der König und seine Jäger sahen das schöne
Tier und setzten ihm nach, aber sie konnten es nicht einholen, und
wenn sie meinten, sie hätten es gewiß, da sprang es über das Gebüsch
weg und war verschwunden. Als es dunkel ward, lief es zu dem Häuschen,
klopfte und sprach: »Mein Schwesterlein, laß mich herein.« Da ward ihm
die kleine Tür aufgetan, es sprang hinein und ruhete sich die ganze
Nacht auf seinem weichen Lager aus. Am andern Morgen ging die Jagd von
neuem an, und als das Rehlein wieder das Hifthorn hörte und das ho,
ho! der Jäger, da hatte es keine Ruhe, und sprach: »Schwesterchen,
mach mir auf, ich muß hinaus.« Das Schwesterchen öffnete ihm die Türe
und sprach: »Aber zum Abend mußt du wieder da sein und dein Sprüchlein
sagen.« Als der König und seine Jäger das Rehlein mit dem goldenen
Halsband wieder sahen, jagten sie ihm alle nach, aber es war ihnen zu
schnell und behend. Das währte den ganzen Tag, endlich aber hatten es
die Jäger abends umzingelt, und einer verwundete es ein wenig am Fuß,
so daß es hinken mußte und langsam fortlief. Da schlich ihm ein Jäger
nach bis zu dem Häuschen und hörte wie es rief: »Mein Schwesterlein,
laß mich herein,« und sah, daß die Tür ihm aufgetan und alsbald wieder
zugeschlossen ward. Der Jäger behielt das alles wohl im Sinn, ging zum
König und erzählte ihm, was er gesehen und gehört hatte. Da sprach der
König: »Morgen soll noch einmal gejagt werden.«

Das Schwesterchen aber erschrak gewaltig, als es sah, daß sein
Rehkälbchen verwundet war. Es wusch ihm das Blut ab, legte Kräuter
auf und sprach: »Geh auf dein Lager, lieb Rehchen, daß du wieder
heil wirst.« Die Wunde aber war so gering, daß das Rehchen am Morgen
nichts mehr davon spürte. Und als es die Jagdlust wieder draußen
hörte, sprach es: »Ich kann's nicht aushalten, ich muß dabei sein; so
bald soll mich keiner kriegen.« Das Schwesterchen weinte und sprach:
»Nun werden sie dich töten, und ich bin hier allein im Wald und bin
verlassen von aller Welt. Ich laß dich nicht hinaus.« -- »So sterb
ich dir hier vor Betrübnis,« antwortete das Rehchen, »wenn ich das
Hifthorn höre, so mein ich, ich müßt aus den Schuhen springen!« Da
konnte das Schwesterchen nicht anders und schloß ihm mit schwerem
Herzen die Tür auf, und das Rehchen sprang gesund und fröhlich in den
Wald. Als es der König erblickte, sprach er zu seinen Jägern: »Nun jagt
ihm nach den ganzen Tag bis in die Nacht, aber daß ihm keiner etwas
zuleide tut.« Sobald die Sonne untergegangen war, sprach der König zum
Jäger: »Nun komm und zeige mir das Waldhäuschen.« Und als er vor dem
Türlein war, klopfte er an und rief: »Lieb Schwesterlein, laß mich
herein.« Da ging die Tür auf, und der König trat herein, und da stand
ein Mädchen, das war so schön, wie er noch keins gesehen hatte. Das
Mädchen erschrak, als es sah, daß nicht sein Rehlein, sondern ein Mann
herein kam, der eine goldene Krone auf dem Haupt hatte. Aber der König
sah es freundlich an, reichte ihm die Hand und sprach: »Willst du mit
mir gehen auf mein Schloß und meine liebe Frau sein?« -- »Ach ja,«
antwortete das Mädchen, »aber das Rehchen muß auch mit, das verlaß ich
nicht.« Sprach der König: »Es soll bei dir bleiben, so lange du lebst,
und soll ihm an nichts fehlen.« Indem kam es hereingesprungen, da band
es das Schwesterchen wieder an das Binsenseil, nahm es selbst in die
Hand und ging mit ihm aus dem Waldhäuschen fort.

Der König nahm das schöne Mädchen auf sein Pferd und führte es in sein
Schloß, wo die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde, und war es
nun die Frau Königin, und lebten sie lange Zeit vergnügt zusammen;
das Rehlein ward gehegt und gepflegt und sprang in dem Schloßgarten
herum. Die böse Stiefmutter aber, um derentwillen die Kinder in die
Welt hineingegangen waren, die meinte nicht anders, als Schwesterchen
wäre von den wilden Tieren im Walde zerrissen worden und Brüderchen
als ein Rehkalb von den Jägern totgeschossen. Als sie nun hörte, daß
sie so glücklich waren und es ihnen so wohlging, da wurden Neid und
Mißgunst in ihrem Herzen rege und ließen ihr keine Ruhe, und sie hatte
keinen andern Gedanken, als wie sie die beiden doch noch ins Unglück
bringen könnte. Ihre rechte Tochter, die häßlich war wie die Nacht, und
nur ein Auge hatte, die machte ihr Vorwürfe und sprach: »Eine Königin
zu werden, das Glück hätte mir gebührt.« -- »Sei nur still,« sagte die
Alte und sprach sie zufrieden, »wenn's Zeit ist, will ich schon bei
der Hand sein.« Als nun die Zeit herangerückt war, und die Königin ein
schönes Knäblein zur Welt gebracht hatte, und der König gerade auf der
Jagd war, nahm die alte Hexe die Gestalt der Kammerfrau an, trat in die
Stube, wo die Königin lag und sprach zu der Kranken: »Kommt, das Bad
ist fertig, das wird Euch wohl tun und frische Kräfte geben, geschwind,
eh es kalt wird.« Ihre Tochter war auch bei der Hand, sie trugen die
schwache Königin in die Badestube und legten sie in die Wanne. Dann
schlossen sie die Tür ab und liefen davon. In der Badestube aber hatten
sie ein rechtes Höllenfeuer angemacht, daß die schöne junge Königin
bald ersticken mußte.

Als das vollbracht war, nahm die Alte ihre Tochter, setzte ihr eine
Haube auf und legte sie ins Bett an der Königin Stelle. Sie gab ihr
auch die Gestalt und das Ansehen der Königin, nur das verlorene Auge
konnte sie ihr nicht wiedergeben. Damit es aber der König nicht merkte,
mußte sie sich auf die Seite legen, wo sie kein Auge hatte. Am Abend,
als er heim kam und hörte, daß ihm ein Söhnlein geboren war, freute
er sich herzlich, und wollte ans Bett seiner lieben Frau gehen und
sehen, was sie machte. Da rief die Alte geschwind: »Beileibe, laßt die
Vorhänge zu, die Königin darf noch nicht ins Licht sehen und muß Ruhe
haben.« Der König ging zurück und wußte nicht, daß eine falsche Königin
im Bette lag.

Als es aber Mitternacht war und alles schlief, da sah die Kinderfrau,
die in der Kinderstube neben der Wiege saß und allein noch wachte, wie
die Türe aufging, und die rechte Königin herein trat. Sie nahm das
Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann
schüttelte sie ihm sein Kißchen, legte es wieder hinein und deckte
es mit dem Deckbettchen zu. Sie vergaß aber auch das Rehchen nicht,
ging in die Ecke, wo es lag, und streichelte ihm über den Rücken.
Darauf ging sie ganz stillschweigend wieder zur Türe hinaus, und die
Kinderfrau fragte am andern Morgen die Wächter, ob jemand während der
Nacht ins Schloß gegangen wäre, aber sie antworteten: »Nein, wir haben
niemand gesehen.« So kam sie viele Nächte und sprach niemals ein Wort
dabei; die Kinderfrau sah sie immer, aber sie getraute sich nicht
jemand etwas davon zu sagen.

Als nun so eine Zeit verflossen war, da hub die Königin in der Nacht an
zu reden und sprach:

  »Was macht mein Kind? was macht mein Reh?
  Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr.«

Die Kinderfrau antwortete ihr nicht, aber als sie wieder verschwunden
war, ging sie zum König und erzählte ihm alles. Sprach der König:
»Ach Gott, was ist das! Ich will in der nächsten Nacht bei dem Kinde
wachen.« Abends ging er in die Kinderstube, aber um Mitternacht
erschien die Königin wieder und sprach:

  »Was macht mein Kind? was macht mein Reh?
  Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr.«

Und pflegte dann des Kindes wie sie gewöhnlich tat, ehe sie verschwand.
Der König getraute sich nicht sie anzureden, aber er wachte auch in der
folgenden Nacht. Sie sprach abermals:

  »Was macht mein Kind? was macht mein Reh?
  Nun komm ich noch diesmal und dann nimmermehr.«

Da konnte sich der König nicht zurückhalten, sprang zu ihr und sprach:
»Du kannst niemand anders sein, als meine liebe Frau.« Da antwortete
sie: »Ja, ich bin deine liebe Frau,« und hatte in dem Augenblicke durch
Gottes Gnade das Leben wieder erhalten, war frisch, rot und gesund.
Darauf erzählte sie dem König den Frevel, den die böse Hexe und ihre
Tochter an ihr verübt hatten. Der König ließ beide vor Gericht führen,
und es ward ihnen das Urteil gesprochen. Die Tochter ward in den Wald
geführt, wo sie die wilden Tiere zerrissen, die Hexe aber ward ins
Feuer gelegt und mußte jammervoll verbrennen. Und wie sie zu Asche
verbrannt war, verwandelte sich das Rehkälbchen und erhielt seine
menschliche Gestalt wieder; Schwesterchen und Brüderchen aber lebten
glücklich zusammen bis an ihr Ende.




                            [Illustration]

                             Aschenputtel


Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte,
daß ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich
ans Bett und sprach: »Liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir
der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich
herabblicken und will um dich sein.« Darauf tat sie die Augen zu und
verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter
und weinte und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der
Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr
es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß
von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine
schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. »Soll die dumme Gans bei
uns in der Stube sitzen!« sprachen sie, »wer Brot essen will, muß es
verdienen; hinaus mit der Küchenmagd.« Sie nahmen ihm seine schönen
Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an und gaben ihm
hölzerne Schuhe. »Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt
ist!« riefen sie, lachten und führten es in die Küche. Da mußte es von
Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehn, Wasser
tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihm
die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es und
schütteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß es sitzen und
sie wieder auslesen mußte. Abends, wenn es sich müde gearbeitet hatte,
kam es in kein Bett, sondern mußte sich neben den Herd in die Asche
legen. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten
sie es Aschenputtel.

Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da
fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte?
»Schöne Kleider,« sagte die eine, »Perlen und Edelsteine,« die zweite.
-- »Aber du, Aschenputtel,« sprach er, »was willst du haben?« --
»Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt,
das brecht für mich ab.« Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern
schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er
durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm
den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus
kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und dem
Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte
ihm, ging zu seiner Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf und weinte
so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs
aber und ward ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal
darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf
den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein
herab, was es sich gewünscht hatte.

Es begab sich aber, daß der König ein Fest anstellte, das drei Tage
dauern sollte und wozu alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen
wurden, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen möchte. Die zwei
Stiefschwestern, als sie hörten, daß sie auch dabei erscheinen sollten,
waren guter Dinge, riefen Aschenputtel und sprachen: »Kämm uns die
Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir
gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloß.« Aschenputtel gehorchte,
weinte aber, weil es auch gern zum Tanz mitgegangen wäre, und bat die
Stiefmutter, sie möchte es ihm erlauben. »Du, Aschenputtel,« sprach
sie, »bist voll Staub und Schmutz und willst zur Hochzeit? Du hast
keine Kleider und Schuhe und willst tanzen!« Als es aber mit Bitten
anhielt, sprach sie endlich, »da habe ich dir eine Schüssel Linsen
in die Asche geschüttet, wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder
ausgelesen hast, so sollst du mitgehen.« Das Mädchen ging durch
die Hintertür nach dem Garten und rief: »Ihr zahmen Täubchen, ihr
Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir
lesen,

  Die guten ins Töpfchen,
  die schlechten ins Kröpfchen.«

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein, und danach
die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vögel
unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die
Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pik, pik, pik, pik
und da fingen die übrigen auch an pik, pik, pik, pik und lasen alle
guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren
sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus. Da brachte das Mädchen
die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte, es dürfte nun
mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: »Nein, Aschenputtel, du
hast keine Kleider und kannst nicht tanzen: du wirst nur ausgelacht.«
-- Als es nun weinte, sprach sie: »Wenn du mir zwei Schüsseln voll
Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du
mitgehen,« und dachte: »Das kann es ja nimmermehr.« Als sie die zwei
Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch
die Hintertür nach dem Garten und rief: »Ihr zahmen Täubchen, ihr
Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir
lesen,

  Die guten ins Töpfchen,
  die schlechten ins Kröpfchen.«

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die
Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vögel
unter dem Himmel herein, und ließen sich um die Asche nieder. Und die
Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pik, pik, pik, pik,
und da fingen die übrigen auch an pik, pik, pik, pik und lasen alle
guten Körner in die Schüsseln. Und eh eine halbe Stunde herum war,
waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus. Da trug das
Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter, freute sich und glaubte,
nun dürfte es mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: »Es hilft
dir alles nichts; du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und
kannst nicht tanzen; wir müßten uns deiner schämen.« Darauf kehrte sie
ihm den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.

                     [Illustration: Aschenputtel]

Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zu seiner Mutter
Grab unter den Haselbaum und rief:

  »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
    wirf Gold und Silber über mich.«

Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter und
mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog
es das Kleid an und ging zur Hochzeit. Seine Schwestern aber und
die Stiefmutter kannten es nicht und meinten, es müsse eine fremde
Königstochter sein, so schön sah es in dem goldenen Kleide aus. An
Aschenputtel dachten sie gar nicht und dachten, es säße daheim im
Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn kam ihm
entgegen, nahm es bei der Hand und tanzte mit ihm. Er wollte auch sonst
mit niemand tanzen, also daß er ihm die Hand nicht los ließ, und wenn
ein anderer kam, es aufzufordern, sprach er: »Das ist meine Tänzerin.«

Es tanzte bis es Abend war, da wollte es nach Haus gehen. Der
Königssohn aber sprach: »Ich gehe mit und begleite dich,« denn er
wollte sehen, wem das schöne Mädchen angehörte. Sie entwischte ihm
aber und sprang in das Taubenhaus. Nun wartete der Königssohn, bis der
Vater kam und sagte ihm, das fremde Mädchen wäre in das Taubenhaus
gesprungen. Der Alte dachte: »Sollte es Aschenputtel sein,« und sie
mußten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzwei
schlagen konnte. Aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus
kamen, lag Aschenputtel in seinen schmutzigen Kleidern in der Asche,
und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein; denn Aschenputtel
war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herabgesprungen und war zu
dem Haselbäumchen gelaufen. Da hatte es die schönen Kleider abgezogen
und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder weggenommen, und
dann hatte es sich in seinem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche
gesetzt.

Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub und die Eltern und
Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum
und sprach:

  »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
    wirf Gold und Silber über mich.«

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab, als am vorigen
Tag. Und als es mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte
jedermann über seine Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet bis
es kam, nahm es gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihm.
Wenn die andern kamen und es aufforderten, sprach er: »Das ist meine
Tänzerin.« Als es nun Abend war, wollte es fort, und der Königssohn
ging ihm nach und wollte sehen, in welches Haus es ging: aber es sprang
ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner
großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen, es kletterte so
behend wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und der Königssohn wußte
nicht, wo es hingekommen war. Er wartete aber bis der Vater kam und
sprach zu ihm: »Das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube,
es ist auf den Birnbaum gesprungen.« Der Vater dachte: »Sollte es
Aschenputtel sein,« ließ sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber
es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel
da in der Asche, wie sonst auch, denn es war auf der andern Seite vom
Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen
Kleider wieder gebracht und sein graues Kittelchen angezogen.

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging
Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen:

  »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
    wirf Gold und Silber über mich.«

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und
glänzend, wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren
ganz golden. Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wußten sie alle
nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte
ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er: »Das ist
meine Tänzerin.«

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn
wollte es begleiten, aber es entsprang ihm so geschwind, daß er nicht
folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht und
hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen. Da war, als es
hinabsprang, der linke Pantoffel des Mädchens hängen geblieben. Der
Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zierlich und ganz golden.
Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann und sagte zu ihm: »Keine
andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene
Schuh paßt.« Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten
schöne Füße. Die älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte
ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der
großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein, da
reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach. »Hau die Zehe ab; wann du
Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.« Das Mädchen
hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und
ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd
und ritt mit ihr fort. Sie mußten aber an dem Grabe vorbei, da saßen
die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

    »Rucke di guck, rucke di guck,
        Blut ist im Schuck:
      Der Schuck ist zu klein,
  die rechte Braut sitzt noch daheim.«

Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er
wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Haus
und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester solle den
Schuh anziehen. Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen
glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die
Mutter ein Messer und sprach. »Hau ein Stück von der Ferse ab. Wann
du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.« Das Mädchen
hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß
den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine
Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Haselbäumchen
vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen:

    »Rucke di guck, rucke di guck,
        Blut ist im Schuck:
      Der Schuck ist zu klein,
  die rechte Braut sitzt noch daheim.«

Er blickte nieder auf ihren Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh
quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da
wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Haus.
»Das ist auch nicht die rechte,« sprach er, »habt ihr keine andere
Tochter?« -- »Nein,« sagte der Mann, »nur von meiner verstorbenen Frau
ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da. Das kann unmöglich
die Braut sein.« Der Königssohn sprach: er sollte es heraufschicken,
die Mutter aber antwortete: »Ach nein, das ist viel zu schmutzig, das
darf sich nicht sehen lassen.« Er wollte es aber durchaus haben, und
Aschenputtel mußte gerufen werden. Da wusch es sich erst Hände und
Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn,
der ihm den goldenen Schuh reichte. Dann setzte es sich auf einen
Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den
Pantoffel, der war wie angegossen. Und als es sich in die Höhe richtete
und der König ihm ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen,
das mit ihm getanzt hatte, und rief: »Das ist die rechte Braut!« Die
Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor
Ärger. Er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihm fort. Als
sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen:

    »Rucke di guck, rucke di guck,
      Kein Blut im Schuck:
    Der Schuck ist nicht zu klein,
  die rechte Braut, die führt er heim.«

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herabgeflogen und
setzten sich dem Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die
andere links, und blieben da sitzen.

Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die
falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an seinem
Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste
zur rechten, die jüngste zur linken Seite. Da pickten die Tauben einer
jeden das eine Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste
zur linken und die jüngste zur rechten. Da pickten die Tauben einer
jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und
Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag gestraft.




                            [Illustration]

                           Hänsel und Gretel


Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und
seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er
hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung
ins Land kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen.
Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen
herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: »Was soll aus uns
werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns
selbst nichts mehr haben?« -- »Weißt du was, Mann,« antwortete die
Frau, »wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald
führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und
geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit
und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Hause und
wir sind sie los.« -- »Nein, Frau,« sagte der Mann, »das tue ich nicht;
wie sollt ich's übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu
lassen, die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.« -- »O
du Narr,« sagte sie, »dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du
kannst nur die Bretter für die Särge hobeln,« und ließ ihm keine Ruhe,
bis er einwilligte. »Aber die armen Kinder dauern mich doch,« sagte der
Mann.

Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und
hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel
weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: »Nun ist's um uns
geschehen.« -- »Still, Gretel,« sprach Hänsel, »gräme dich nicht, ich
will uns schon helfen.« Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er
auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich
hinaus. Da schien der Mond ganz helle, und die weißen Kieselsteine,
die vor dem Hause lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte
sich und steckte so viel in sein Rocktäschlein, als nur hinein
wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: »Sei getrost,
liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht
verlassen,« und legte sich wieder in sein Bett.

Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon
die Frau und weckte die beiden Kinder, »steht auf, ihr Faulenzer,
wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.« Dann gab sie jedem ein
Stückchen Brot und sprach: »Da habt ihr etwas für den Mittag, aber
eßt's nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.« Gretel nahm das Brot
unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach
machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein
Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus
zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach: »Hänsel,
was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiß deine Beine
nicht.« -- »Ach, Vater,« sagte Hänsel, »ich sehe nach meinem weißen
Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.« Die Frau
sprach: »Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne,
die auf den Schornstein scheint.« Hänsel aber hatte nicht nach dem
Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus
seiner Tasche auf den Weg geworfen.

Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: »Nun
sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht
friert.« Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen
Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch
brannte, sagte die Frau: »Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht
euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind,
kommen wir wieder und holen euch ab.«

Hänsel und Gretel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes
sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten,
so glaubten sie, ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die
Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und
den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten,
fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein.
Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an
zu weinen und sprach: »Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!« Hänsel
aber tröstete sie, »wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen
ist, dann wollen wir den Weg schon finden.« Und als der volle Mond
aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und
ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen
und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und
kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an
die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, daß es Hänsel und Gretel
war, sprach sie: »Ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde
geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wiederkommen.«
Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, daß er
sie so allein zurückgelassen hatte.

Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder
hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: »Alles ist
wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat
das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den
Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist
sonst keine Rettung für uns.« Dem Mann fiel's schwer aufs Herz und er
dachte: »Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit deinen Kindern
teiltest.« Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und
machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt muß auch B sagen, und weil er das erste
Mal nachgegeben hatte, so mußte er es auch zum zweitenmal.

Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit
angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte
hinaus und Kieselsteine auflesen, wie das vorige Mal, aber die Frau
hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht hinaus. Aber er
tröstete sein Schwesterchen und sprach: »Weine nicht, Gretel, und
schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.«

Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie
erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorige
Mal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche,
stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. »Hänsel, was
stehst du und guckst dich um,« sagte der Vater, »geh deiner Wege.« --
»Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir
Ade sagen,« antwortete Hänsel. »Narr,« sagte die Frau, »das ist dein
Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben
scheint.« Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.

Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag
noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht,
und die Mutter sagte: »Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr
müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und
hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen
euch ab.« Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der
sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der
Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten
erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und
sagte: »Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die
Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg
nach Haus.« Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden
kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im
Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel:
»Wir werden den Weg schon finden,« aber sie fanden ihn nicht. Sie
gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber
sie kamen aus dem Wald nicht heraus, und waren so hungrig, denn sie
hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil
sie so müde waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so
legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.

Nun war's schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen
hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer
tiefer in den Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, so mußten sie
verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes
Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehen
blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine
Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu
einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie
ganz nah herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut
war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.
»Da wollen wir uns dran machen,« sprach Hänsel, »und eine gesegnete
Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst
vom Fenster essen, das schmeckt süß.« Hänsel reichte in die Höhe und
brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte,
und Gretel stellte sich an die Scheiben und knuperte daran. Da rief
eine feine Stimme aus der Stube heraus:

      »Knuper, knuper, kneischen,
  wer knupert an meinem Häuschen?«

die Kinder antworteten:

  »Der Wind, der Wind,
  das himmlische Kind,«

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das
Dach sehr gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter,
und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte
sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe
auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam
herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie
fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte
mit dem Kopfe und sprach: »Ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher
gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein
Leid.« Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da
ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Äpfel
und Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel
und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.

Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine
böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß
gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte
sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen
haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine
Witterung, wie die Tiere, und merken's, wenn Menschen herankommen. Als
Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach
höhnisch: »Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen.«
Frühmorgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und
als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so
murmelte sie vor sich hin: »Das wird ein guter Bissen werden.« Da
packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen
Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schreien,
wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte
sie wach und rief: »Steh auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem
Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden.
Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.« Gretel fing an, bitterlich zu
weinen, aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe
verlangte.

Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel
bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem
Ställchen und rief: »Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich
fühle, ob du bald fett bist.« Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein
heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen,
und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er
gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel
immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, und sie wollte nicht
länger warten. »Heda, Gretel,« rief sie dem Mädchen zu, »sei flink
und trag Wasser. Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn
schlachten und kochen.« Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als
es das Wasser tragen mußte, und wie flossen ihm die Tränen über die
Backen herunter! »Lieber Gott, hilf uns doch,« rief sie aus, »hätten
uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen
gestorben.« -- »Spar nur dein Geplärre,« sagte die Alte, »es hilft dir
alles nichts.«

Frühmorgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und
Feuer anzünden. »Erst wollen wir backen,« sagte die Alte, »ich habe
den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.« Sie stieß das
arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon
herausschlugen. »Kriech hinein,« sagte die Hexe, »und sieh zu, ob recht
eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschießen können.« Und wenn
Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Gretel sollte darin
braten, und dann wollte sie's auch aufessen. Aber Gretel merkte, was
sie im Sinn hatte und sprach: »Ich weiß nicht, wie ich's machen soll;
wie komm ich da hinein?« -- »Dumme Gans,« sagte die Alte, »die Öffnung
ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,« krabbelte
heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen
Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den
Riegel vor. Hu! da fing sie an zu heulen, ganz grauselig; aber Gretel
lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen
und rief: »Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.« Da
sprang Hänsel heraus, wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe
aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals
gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich
nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe
hinein, da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen.
»Die sind noch besser als Kieselsteine,« sagte Hänsel und steckte in
seine Taschen, was hinein wollte, und Gretel sagte: »Ich will auch
etwas mit nach Haus bringen,« und füllte sich sein Schürzchen voll.
-- »Aber jetzt wollen wir fort,« sagte Hänsel, »damit wir aus dem
Hexenwald herauskommen.« Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren,
gelangten sie an ein großes Wasser. »Wir können nicht hinüber,« sprach
Hänsel, »ich seh keinen Steg und keine Brücke.« -- »Hier fährt auch
kein Schiffchen,« antwortete Gretel, »aber da schwimmt eine weiße Ente,
wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.« Da rief sie:

         »Entchen, Entchen,
      da steht Gretel und Hänsel.
      Kein Steg und keine Brücke,
  nimm uns auf deinen weißen Rücken.«

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein
Schwesterchen sich zu ihm zu setzen. »Nein,« antwortete Gretel, »es
wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüber bringen.«
Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein
Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer
bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus.
Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen
ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt,
seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war
gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und
Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll
nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende,
und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort
lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe
daraus machen.




                            [Illustration]

                     Von dem Fischer un syner Fru


Dar wöör maal eens en Fischer un syne Fru, de waanden tosamen in'n
Pißputt, dicht an der See, un de Fischer güng alle Dage hen un angeld;
un he angeld un angeld.

So seet he ook eens by de Angel un seeg jümmer in das blanke Water
henin: un he seet un seet.

Do güng de Angel to Grund, deep ünner, un as he se heruphaald, so
haald he enen grooten Butt heruut. Do säd de Butt to em: »Hör mal,
Fischer, ik bidd dy, laat my lewen, ik bün keen rechten Butt, ik bün'n
verwünschten Prins. Wat helpt dy dat, dat du my doot maakst? Ik würr
dy doch nich recht smecken: sett my wedder in dat Water un laat my
swemmen.« -- »Nu,« säd de Mann, »du bruukst nich so veel Wöörd to
maken, eenen Butt, de spreken kann, hadd ik doch wol swemmen laten.«
Mit des sett't he em wedder in dat blanke Water, do güng de Butt to
Grund und leet enen langen Strypen Bloot achter sik. Do stünn de
Fischer up un güng nah syne Fru in'n Pißputt.

»Mann,« säd de Fru, »hest du hüüt niks fungen?« -- »Ne,« säd de Mann,
»ik füng enen Butt, de säd he wöör en verwünschten Prins, da hebb ik
em wedder swemmen laten.« -- »Hest du dy denn niks wünschd?« säd de
Fru. --»Ne,« säd de Mann, »wat schull ik my wünschen?« -- »Ach,« säd
de Fru, »dat is doch äwel, hyr man jümmer in'n Pißputt to waanen, dat
stinkt un is so eeklig. Du haddst uns doch ene lüttje Hütt wünschen
kunnt. Ga noch hen un roop em: segg em wy wählt 'ne lüttje Hütt hebben,
he dait dat gewiß.« -- »Ach,« säd de Mann, »wat schull ik door noch
hengaan?« -- »I,« säd de Fru, »du haddst em doch fungen, un hest em
wedder swemmen laten, he dait dat gewiß. Ga glyk hen.« De Mann wull
noch nicht recht, wull awerst syn Fru ook nicht to weddern syn un güng
hen na de See.

As he door köhm, wöör de See ganß gröön un geel un goor nich mee so
blank. So güng he staan un säd:

  »Manntje, Manntje, Timpe Te,
    Buttje, Buttje in de See,
      myne Fru de Ilsebill
    will nich so as ik wol will.«

Do köhm de Butt answemmen un säd: »Na, wat will se denn?« -- »Ach,«
säd de Mann, »ik hebb dy doch fungen hatt, nu säd myn Fru ik hadd my
doch wat wünschen schullt. Se mag nich meer in'n Pißputt wanen, se wull
geern 'ne Hütt.« -- »Ga man hen,« säd de Butt, »se hett se all.«

Do güng de Mann hen, un syne Fru seet nich meer in'n Pißputt, dar stünn
awerst ene lüttje Hütt, un syne Fru seet vor de Döhr up ene Bänk. Do
nöhm syne Fru em by de Hand un säd to em: »Kumm man herin, süh, nu is
dat doch veel beter.« Do güngen se henin, un in de Hütt was een lüttjen
Vörplatz un ene lüttje herrliche Stuw un Kamer, wo jem eer Beed stünn,
un Kääk un Spysekamer, allens up dat beste mit Gerädschoppen, un up
dat schönnste upgefleyt, Tinntüüg un Mischen (Messing), wat sik darin
höört. Un achter was ook en lüttjen Hof mit Hönern un Aanten, un en
lüttjen Goorn mit Grönigkeiten un Aaft (Obst). »Süh,« säd de Fru, »is
dat nich nett?« -- »Ja,« säd de Mann, »so schall't blywen, nu wähl wy
recht vergnögt lewen.« -- »Dat wähl wy uns bedenken,« säd de Fru. Mit
des eeten se wat un güngen to Bedd.

So güng dat wol 'n acht oder veertein Dag, do säd de Fru: »Hör, Mann,
de Hütt is ook goor to eng, un de Hof un de Goorn is so kleen: de Butt
hadd uns ook wol een grötter Huus schenken kunnt. Ich much woll in enen
grooten stenern Slott wanen; ga hen tom Butt, he schall uns en Slott
schenken.« -- »Ach, Fru,« säd de Mann, »de Hütt is jo god noog, wat
wähl wy in'n Slott wanen.« -- »I wat,« säd de Fru, »ga du man hen, de
Butt kann dat jümmer doon.« -- »Ne, Fru,« säd de Mann, »de Butt hett
uns eerst de Hütt gewen, ik mag nu nich all wedder kamen, den Butt
muchd et vördreten.« -- »Ga doch,« säd de Fru, »he kann dat recht good
un dait dat geern; ga du man hen.« Dem Mann wöör syn Hart so swoor, un
wull nich; he säd by sik sülwen: »Dat is nich recht,« he güng awerst
doch hen.

As he an de See köhm, wöör dat Water ganß vigelett un dunkelblau un
grau un dick, und goor nich meer so gröön un geel, doch wöör't noch
still. Do güng he staan un säd:

  »Manntje, Manntje, Timpe Te,
    Buttje, Buttje in de See,
      myne Fru de Ilsebill
    will nich so as ik wol will.«

»Na, wat will se denn?« säd de Butt. »Ach,« säd de Mann half bedrööft,
»se will in'n groot stenern Slott wanen.« -- »Ga man hen, se stait vor
der Döhr,« säd de Butt.

Da güng de Mann hen un dachd he wull nah Huus gaan, as he awerst daar
köhm, so stün door 'n grooten stenern Pallast, un syn Fru stünn ewen
up de Trepp un wull henin gaan. Do nöhm se em by de Hand und säd:
»Kumm man herin.« Mit des güng he mit ehr henin, un in den Slott wöör
ene groote Dehl mit marmelstenern Asters (Estrich), un dar wören so
veel Bedeenters, de reten de grooten Dören up, un de Wende wören all
blank un mit schöne Tapeten, un in de Zimmers luter gollne Stöhl un
Dischen, un kristallen Kroonlüchters hüngen an den Bähn, un so wöör dat
all de Stuwen und Kamers mit Footdeken; un dat Aeten un de allerbeste
Wyn stünn up den Dischen as wenn se breken wullen. Un achter dem Huse
wöör ook'n grooten Hof mit Peerd- un Kohstall, un Kutschwagens up dat
allerbeste, ook was door en grooten herrlichen Goorn mit de schönnsten
Blomen un fyne Aaftbömer, un en Lustholt wol 'ne halwe Myl lang, door
wören Hirschen un Reh un Hasen drin un allens wat man sik jümmer
wünschen mag. »Na,« säd de Fru, »is dat nu nich schön?« -- »Ach ja,«
säd de Mann, »so schall't ook blywen, nu wähl wy ook in das schöne
Slott wanen un wähl tofreden syn.« -- »Dat wähl wy uns bedenken,« säd
de Fru, »un wählen't beslapen.« Mit des güngen se to Bedd.

Den annern Morgen waakd de Fru to eerst up, dat was jüst Dag, un seeg
uut jem ehr Bedd dat herrliche Land vör sik liggen. De Mann reckd sik
noch, do stödd se em mit dem Ellbagen in de Syd und säd: »Mann, sta up
un kyk mal uut dem Fenster. Süh, kunnen wy nich König warden äwer all
düt Land? Ga hen tom Butt, wy wählt König syn.« -- »Ach, Fru,« säd de
Mann, »wat wähl wy König syn! Ik mag nich König syn.« -- »Na,« säd de
Fru, »wult du nich König syn, so will ik König syn. Ga hen tom Butt, ik
will König syn.« -- »Ach, Fru,« säd de Mann, »wat wullst du König syn?
dat mag ik em nich seggen.« -- »Worüm nich?« säd de Fru, »ga stracks
hen, ik mutt König syn.« Do güng de Mann hen un wöör ganß bedrööft, dat
syne Fru König warden wull. »Dat is nich recht un is nich recht,« dachd
de Mann. He wull nich hen gaan, güng awerst doch hen.

Un as he an de See köhm, do wöör de See ganß swartgrau, un dat Water
geerd so von ünnen up un stünk ook fuul. Do güng he staan und säd:

  »Manntje, Manntje, Timpe Te,
     Buttje, Buttje in de See,
      myne Fru de Ilsebill
    will nich so as ik wol will.«

»Na, wat will se denn?« säd de Butt. »Ach,« säd de Mann, »se will König
warden.« -- »Ga man hen: se is't all,« säd de Butt.

Do güng de Mann hen, un as he na dem Pallast köhm, so wöör dat Slott
veel grötter worren, mit enem grooten Toorn un herrlyken Zyrat doran.
Un de Schildwacht stünn vor de Döhr, un dar wören so väle Soldaten un
Pauken un Trumpeten. Un as he in dat Huus köhm, so wöör allens von
purem Marmelsteen mit Gold, un sammtne Deken un groote gollne Quasten.
Do güngen de Dören von dem Saal up, door de ganße Hofstaat wöör, un
syne Fru seet up einem hogen Troon von Gold und Demant, un hadd ene
groote gollne Krone up un den Zepter in der Hand von purem Gold un
Edelsteen, un up beyden Syden by ehr stünnen ses Jumpfern in ene Reeg,
jümmer ene enen Kops lüttjer as de annere. Do güng he staan un säd:
»Ach, Fru, büst du nu König?« -- »Ja,« säd de Fru, »nu bün ik König.«
Do stünn he un seeg se an, un as he se do een Flach (eine Zeitlang)
so ansehn hadd, säd he: »Ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du König
büst! Nu wähl wy ook niks meer wünschen.« -- »Ne, Mann,« säd de Fru, un
wöör ganß unruhig, »my waart de Tyd un Wyl al lang, ik kann dat nich
meer uthollen. Ga hen tom Butt, König bün ik, nu mutt ik ook Kaiser
warden.« -- »Ach, Fru,« säd de Mann, »wat wullst du Kaiser warden.« --
»Mann,« säd se, »ga tom Butt, ik will Kaiser syn.« -- »Ach, Fru,« säd
de Mann, »Kaiser kann he nich maken, ik mag dem Butt dat nich seggen;
Kaiser is man eenmal im Reich: Kaiser kann de Butt jo nich maken, dat
kann un kann he nich.«

»Wat, säd de Fru, »ik bün König un du büst man myn Mann, wullt du glyk
hengaan? Glyk ga hen, kann he König maken, kann he ok Kaiser maken, ik
will un will Kaiser syn; glyk ga hen.« Da mussd he hengaan. Do de Mann
awer hengüng, wöör em ganß bang, un as he so güng, dachd he by sik:
»Düt gait und gait nich good: Kaiser is to uutvörschaamt, de Butt wart
am Ende möd.«

Mit des köhm he an de See, do wöör de See noch ganß swart und dick und
fing al so von ünnen up to geeren, dat et so Blasen smee un et güng
so em Keekwind äwer hen, dat et sik so köhrd; un de Mann wurr groen
(grauen). Do güng he staan un säd:

  »Manntje, Manntje, Timpe Te,
    Buttje, Buttje in de See,
      myne Fru de Ilsebill
    will nich so as ik wol will.«

»Na wat will se denn?« säd de Butt. -- »Ach, Butt,« säd he, »myn Fru
will Kaiser warden.« -- »Ga man hen,« säd de Butt, »se is't all.«

Do güng de Mann hen, un as he door köhm, so wöör dat ganße Slott von
poleertem Marmelsteen mit albasternen Figuren un gollnen Zyraten. Vör
de Döhr marscheerden de Soldaten un se blösen Trumpeten un slögen
Pauken un Trummeln. Awerst in dem Huse da güngen de Baronen un Grawen
un Herzogen man so as Bedeenters herum; do makten se em de Dören up,
de von luter Gold wören. Un as he herinköhm, dor seet syne Fru up enen
Troon, de wöör von een Stück Gold, un wöör wol twe Myl hoog. Un hadd
ene groote gollne Kroon up, de wöör dre Elen hoch un mit Briljanten
un Karfunkelsteen besett't. In de ene Hand hadde se den Zepter un in
de annere Hand den Reichsappel, un up beiden Syden by eer door stünnen
de Trabanten so in twe Regen, jümmer en lüttger as de annere, von dem
allergröttesten Rysen, de wöör twe Myl hoog, bet to dem allerlüttjesten
Dwaark, de wöör man so groot as min lüttje Finger. Un vör ehr stünnen
so vele Fürsten un Herzogen. Door güng de Mann tüschen staan un säd:
»Fru, büst du nu Kaiser?« -- »Ja,« säd se, »ik bün Kaiser.« Do güng he
staan un beseeg se sik so recht, un as he se so'n Flach ansehen hadd,
so säd he: »Ach, Fru, watt lett dat schöön, wenn du Kaiser büst.« --
»Mann,« säd se, »wat staitst du door? Ik bün nu Kaiser, nu will ik
awerst ook Paabst warden, ga hen tom Butt.« -- »Ach, Fru,« säd de Mann,
»watt wulst du man nich? Paabst kannst du nich warden, Paabst is man
eenmal in der Kristenhait, dat kann he doch nich maken.« -- »Mann,«
säd se, »ik will Paabst warden, ga glyk hen, ik mutt hüüt noch Paabst
warden.« -- »Ne, Fru,« säd de Mann, »dat mag ik em nich seggen, dat
gait nich good, dat is to groff, tom Paabst kann de Butt nich maken.«
-- »Mann, wat Snack!« säd de Fru, »kann he Kaiser maken, kann he ook
Paabst maken. Ga foorts hen, ik bünn Kaiser un du büst man myn Mann,
wult du wol hengaan?« Do wurr he bang un güng hen, em wöör awerst ganß
flau, un zitterd un beewd, un de Knee un de Waden slakkerden em. Un dar
streek so'n Wind äwer dat Land, un de Wolken flögen, as dat düster wurr
gegen Awend. De Bläder waiden von den Bömern, und dat Water güng und
bruusd as kaakd dat, un platschd an dat Aever, un von feern seeg he de
Schepen, de schöten in der Noot, un danßden un sprüngen up den Bülgen.
Doch wöör de Himmel noch so'n bitten blau in de Midd, awerst an den
Syden door toog dat so recht rood up as en swohr Gewitter. Do güng he
recht vörzufft (verzagt) staan in de Angst un säd:

  »Manntje, Manntje, Timpe Te,
     Buttje, Buttje in de See,
       myne Fru de Ilsebill
    will nich so as ik wol will.«

»Na, wat will se denn?« säd de Butt. »Ach,« säd de Mann, »se will
Paabst warden.« -- »Ga man hen, se is't all',« säd de Butt.

Do güng he hen, un as he door köhm, so wöör dar as en groote Kirch mit
luter Pallastens ümgewen. Door drängd he sik dorch dat Volk: inwendig
was awer allens mit dausend un dausend Lichtern erleuchtet, un syne
Fru wöör in luter Gold gekledet, un seet noch up enem veel högeren
Troon, un hadde dre groote gollne Kronen up, un üm ehr dar so veel von
geistlykem Staat, un up beyden Syden by ehr door stünnen twe Regen
Lichter, dat gröttste so dick un groot as de allergröttste Toorn, bet
to dem allerkleensten Käkenlicht; un alle de Kaisers un de Königen de
legen vör ehr up de Kne un küßden ehr den Tüffel. »Fru,« säd de Mann
un seeg se so recht an, »büst du nu Paabst?« -- »Ja,« säd se, »ik bün
Paabst.« Do güng he staan un seeg se recht an, un dat wöör as wenn he
in de hell Sunn seeg. As he se do en Flach ansehn hadd, so segt he:
»Ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du Paabst büst!« Se seet awerst
ganß styf as en Boom, un rüppeld un röhrd sik nich. Do säd he: »Fru, nu
sy tofreden, nu du Paabst büst, nu kannst du doch niks meer warden.« --
»Dat will ik my bedenken,« säd de Fru. Mit des güngen se beyde to Bedd,
awerst se wöör nich tofreden, un de Girighait leet se nich slapen, se
dachd jümmer wat se noch warden wull.

De Mann slepp recht good un fast, he hadd den Dag veel lopen, de Fru
awerst kunn goor nicht inslapen, un smeet sik von een Syd to der annern
de ganße Nacht un dachd man jümmer wat se noch wol warden kunn, un
kunn sik doch up niks meer besinnen. Mit des wull de Sünn upgaan, un
as se dat Morgenrood seeg, richt'd se sik äwer End im Bedd un seeg
door henin, un as se uut dem Fenster de Sünn so herup kamen seeg,
»ha,« dachd se, »kunn ik nich ook de Sünn un de Maan upgaan laten?« --
»Mann,« säd se un stöd em mit dem Ellbagen in de Ribben, »waak up, ga
hen tom Butt, ik will warden as de lewe Gott.« De Mann was noch meist
in'n Slaap, awerst he vörschrock sik so, dat he uut dem Bedd füll. He
meend he hadd sik vörhöörd un reef sik de Ogen uut un säd: »Ach, Fru,
wat säd'st du?« -- »Mann,« säd se, »wenn ik nich de Sünn un de Maan kan
upgaan laten, un mutt dat so ansehn, dat de Sünn un de Maan upgaan,
ik kann dat nich uuthollen, un hebb kene geruhige Stünd meer, dat ik
se nich sülwst kann upgaan laten.« Do seeg se em so recht gräsig an,
dat em so'n Schudder äwerleep. »Glyk ga hen, ik will warden as de lewe
Gott.« -- »Ach, Fru,« säd de Mann, un füll vör eer up de Knee, »dat
kann de Butt nich. Kaiser un Paabst kann he maken, ik bidd dy, sla in
dy un blyf Paabst.« Do köhm se in de Booshait, de Hoor flögen ehr so
wild üm den Kopp, do reet se sik dat Lyfken up, un geef em eens mit dem
Foot un schreed: »Ik holl dat nich uut, un holl dat nich länger uut,
wult du hengaan?« Do slööpd he sik de Büren an un leep wech as unsinnig.

Buten awer güng de Storm, un bruusde dat he kuum up de Föten staan
kunn: de Huser un de Bömer waiden um, un de Baarge beewden, un de
Felsenstücken rullden in de See, un de Himmel wöör ganß pickswart,
un dat dunnerd un blitzd, un de See güng in so hoge swarte Bülgen as
Kirchentöörn un as Baarge, un de hadden bawen alle ene witte Kroon von
Schuum up. Do schre he, un kun syn egen Woord nich hören:

  »Manntje, Manntje, Timpe Te,
    Buttje, Buttje in der See,
      myne Fru de Ilsebill
    will nich so as ik wol will.«

»Na, wat will se denn?« säd de Butt. »Ach,« säd he, »se will warden as
de lewe Gott.« -- »Ga man hen, se sitt all wedder in'n Pißbutt.«

Door sitten se noch bet up hüüt un düssen Dag.




                            [Illustration]

                              Dornröschen


Vorzeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: »Ach,
wenn wir doch ein Kind hätten!« und kriegten immer keins. Da trug sich
zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser
ans Land kroch und zu ihr sprach: »Dein Wunsch wird erfüllt werden,
ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.« Was der
Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen,
das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte
und ein großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandte,
Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit
sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem
Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie
essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward
mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die
weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: Die eine mit Tugend, die
andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was
auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten,
trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, daß
sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen,
rief sie mit lauter Stimme: »Die Königstochter soll sich in ihrem
fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.« Und ohne
ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal.
Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch
noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern
nur ihn mildern konnte, so sagte sie: »Es soll aber kein Tod sein,
sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter
fällt.«

Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte,
ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche
sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der
weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam,
freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben
mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt
ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen
ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah
Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen
alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer
kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als
es umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen
eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. »Guten
Tag, du altes Mütterchen,« sprach die Königstochter, »was machst du
da?« -- »Ich spinne,« sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. »Was ist
das für ein Ding, das so lustig herumspringt?« sprach das Mädchen, nahm
die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel
angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich
damit in den Finger.

In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett
nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf
verbreitete sich über das ganze Schloß. Der König und die Königin,
die eben heim gekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen
an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch
die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die
Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward
still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der
Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren
ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und
auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.

Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die
jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber
hinauswuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die
Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen
schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also
daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das
Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die
Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge
blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los machen und starben
eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam wieder ein
Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann von der Dornhecke
erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine
wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert
Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der
ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele
Königssöhne gekommen wären und versucht hätten durch die Dornenhecke
zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines traurigen
Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: »Ich fürchte mich nicht, ich
will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.« Der gute Alte mochte ihm
abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.

Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war
gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn
sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne große Blumen,
die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt
hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen.
Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und
schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter
den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen
an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte
er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das
sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen
Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König
und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß
einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und
öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief.
Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und
er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt
hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz
freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und
die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen
an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich, die Jagdhunde
sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen die Köpfchen
unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld. Die Fliegen an
den Wänden krochen weiter, das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte
und kochte das Essen. Der Braten fing wieder an zu brutzeln: und der
Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie; und die Magd rupfte
das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem
Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an
ihr Ende.




                            [Illustration]

                     Die Hochzeit der Frau Füchsin

                            Erstes Märchen.


Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der glaubte, seine
Frau wäre ihm nicht treu und wollte sie in Versuchung führen. Er
streckte sich unter die Bank, regte kein Glied und stellte sich, als
wenn er mausetot wäre. Die Frau Füchsin ging auf ihre Kammer, schloß
sich ein, und ihre Magd, die Jungfer Katze, saß auf dem Herd und
kochte. Als es nun bekannt ward, daß der alte Fuchs gestorben war,
so meldeten sich die Freier. Da hörte die Magd, daß jemand vor der
Haustüre stand und anklopfte; sie ging und machte auf, und da war's ein
junger Fuchs, der sprach:

  »Was macht sie, Jungfer Katze?
  Schläft se oder wacht se?«

Sie antwortete:

  »Ich schlafe nicht, ich wache.
  Will er wissen, was ich mache?
  Ich koche warm Bier, tue Butter hinein:
  Will der Herr mein Gast sein?«

»Ich bedanke mich, Jungfer!« sagte der Fuchs, »was macht die Frau
Füchsin?« Die Magd antwortete:

  »Sie sitzt auf ihrer Kammer,
  sie beklagt ihren Jammer,
  weint ihre Äuglein seidenrot,
  weil der alte Herr Fuchs ist tot.«

»Sag sie ihr doch, Jungfer, es wäre ein junger Fuchs da, der wollte sie
gerne freien.« -- »Schon gut, junger Herr.«

  Da ging die Katz die Tripp die Trapp,
  da schlug die Tür die Klipp die Klapp.
  »Frau Füchsin, sind Sie da?«
  »Ach ja, mein Kätzchen, ja.«
  »Es ist ein Freier draus.«
  »Mein Kind, wie sieht er aus?«

»Hat er denn auch neun so schöne Zeiselschwänze, wie der selige Herr
Fuchs?« -- »Ach nein,« antwortete die Katze, »er hat nur einen.« -- »So
will ich ihn nicht haben.«

Die Jungfer Katze ging hinab und schickte den Freier fort. Bald darauf
klopfte es wieder an und war ein anderer Fuchs vor der Türe, der wollte
die Frau Füchsin freien; er hatte zwei Schwänze; aber es ging ihm
nicht besser als dem ersten. Danach kamen noch andere, immer mit einem
Schwanz mehr, die alle abgewiesen wurden, bis zuletzt einer kam, der
neun Schwänze hatte, wie der alte Herr Fuchs. Als die Witwe das hörte,
sprach sie voll Freude zu der Katze:

  »Nun macht mir Tor und Türe auf
  und kehrt den alten Herrn Fuchs hinaus.«

Als aber eben die Hochzeit sollte gefeiert werden, da regte sich der
alte Herr Fuchs unter der Bank, prügelte das ganze Gesindel durch und
jagte es mit der Frau Füchsin zum Haus hinaus.


Zweites Märchen.

Als der alte Herr Fuchs gestorben war, kam der Wolf als Freier, klopfte
an die Türe, und die Katze, die als Magd bei der Frau Füchsin diente,
machte auf. Der Wolf grüßte sie und sprach:

  »Guten Tag, Frau Katz von Kehrewitz,
  wie kommt's, daß sie alleine sitzt?
  Was macht sie Gutes da?«

Die Katze antwortete:

  »Brock mir Wecke und Milch ein:
  Will der Herr mein Gast sein?«

»Danke schön, Frau Katze,« antwortete der Wolf, »die Frau Füchsin nicht
zu Haus?« Die Katze sprach:

  »Sie sitzt droben in der Kammer,
  beweint ihren Jammer,
  beweint ihre große Not,
  daß der alte Herr Fuchs ist tot.«

Der Wolf antwortete:

  »Will sie haben einen andern Mann,
  so soll sie nur herunter gan.«
  Die Katz, die lief die Trepp hinan,
  und ließ ihr Zeilchen rummer gan
  bis sie kam vor den langen Saal:
  Klopft an mit ihren fünf goldenen Ringen.
  »Frau Füchsin, ist sie drinnen?
  Will sie haben einen andern Mann,
  so soll sie nur herunter gan.«

Die Frau Füchsin fragte: »Hat der Herr rote Höslein an und hat er ein
spitz Mäulchen?« -- »Nein,« antwortete die Katze. -- »So kann er mir
nicht dienen.«

Als der Wolf abgewiesen war, kam ein Hund, ein Hirsch, ein Hase, ein
Bär, ein Löwe, und nacheinander alle Waldtiere. Aber es fehlte immer
eine von den guten Eigenschaften, die der alte Herr Fuchs gehabt hatte,
und die Katze mußte den Freier jedesmal wegschicken. Endlich kam ein
junger Fuchs. Da sprach die Frau Füchsin: »Hat der Herr rote Höslein an
und hat er ein spitz Mäulchen?« -- »Ja,« sagte die Katze, »das hat er.«
-- »So soll er heraufkommen,« sprach die Frau Füchsin, und hieß die
Magd, das Hochzeitsfest bereiten.

  »Katze, kehr die Stube aus,
  und schmeiß den alten Fuchs zum Fenster hinaus.
  Bracht so manche dicke, fette Maus,
  fraß sie immer alleine,
  gab mir aber keine.«

Da ward die Hochzeit gehalten mit dem jungen Herrn Fuchs und ward
gejubelt und getanzt, und wenn sie nicht aufgehört haben, so tanzen sie
noch.




                            [Illustration]

                         Von dem Machandelboom


Dat is nu all lang heer, wol twe tusend Johr, do wöör dar en ryk Mann,
de hadd ene schöne frame Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden
awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, un de Fru
bedd'd so veel dorüm, Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen keen.
Vör erem Huse wöör en Hof, dorup stünn en Machandelboom, ünner dem
stünn de Fru eens im Winter un schelld sik enen Appel, un as se sik
den Appel so schelld, so sneet se sik in'n Finger und dat Blood feel
in den Snee. »Ach,« säd de Fru, un süft'd so recht hoog up, un seg dat
Blood vör sik an, un wöör so recht wehmödig, »hadd ik doch en Kind, so
rood as Blood un so witt as Snee.« Un as se dat säd, so wurr ehr so
recht fröhlich to Mode: ehr wöör recht, as schull dat warden. Do güng
se to dem Huse, un't güng een Maand hen, de Snee vorgüng: un twe Maand,
do wöör dat gröön: un dre Maand, da kömen de Blömer uut der Eerd, un
veer Maand, do drungen sik alle Bömer in dat Holt, un de grönen Twyge
wören all in eenanner wussen: door süngen de Vögelkens, dat dat ganze
Holt schalld, un de Blöiten felen von den Bömern: do wöör de fofte
Maand wech, un se stünn ünner dem Machandelboom, de röök so schön, do
sprüng ehr dat Hart vor Freuden, un se füll up ere Knee un kunn sik
nich laten: un as de soste Maand vorby wöör, da wurren de Früchte dick
un staark, do wurr se ganß still: un de söwde Maand, do greep se na den
Machandelbeeren un eet se so nydsch, do wurr se trurig un krank: do
güng de achte Maand hen, un se reep eren Mann un weend un säd: »Wenn
ik staarw, so begraaf my ünner den Machandelboom.« Do wurr se ganß
getrost, un freude sik, bet de neegte Maand vorby wöör, do kreeg se en
Kind, so witt as Snee un so rood as Blood, un as se dat seeg, so freude
se sik so, dat se stürw.

Do begroof ehr Mann se ünner den Machandelboom, un he füng an to wenen
so sehr: ene Tydlang, do wurr dat wat sachter, un do he noch wat weend
hadd, do hüll he up, un noch en Tyd, do nöhm he sik wedder ene Fru.

Mit de tweden Fru kreeg he ene Dochter, dat Kind awerst von der eersten
Fru wöör en lüttje Sähn, un wöör so rood as Blood un so witt as Snee.
Wenn de Fru ere Dochter so anseeg, so hadd se se so leef, awerst denn
seeg se den lüttjen Jung an, un dat güng ehr so dorch't Hart, un ehr
düchd as stünn he ehr allerwegen im Weg, un dachd denn man jümmer wo
se ehr Dochter all dat Vörmägent towenden wull, un de Böse gas ehr dat
in, dat se dem lüttjen Jung ganß gram wurr un stödd em herüm von en Eck
in de anner, un buffd em hier un knuffd em door, so dat dat aarme Kind
jümmer in Angst wöör. Wenn he denn uut de School köhm, so hadd he kene
ruhige Städ.

Eens wöör de Fru up de Kamer gaan, do köhm de lüttje Dochter ook herup
un säd: »Moder, gif my enen Appel.« -- »Ja, myn Kind,« säd de Fru un
gaf ehr enen schönen Appel uut der Kist; de Kist awerst hadd enen
grooten sworen Deckel mit en groot schaarp ysern Slott. »Moder,« säd
de lüttje Dochter, »schall Broder nich ook enen hebben?« Dat vördrööt
de Fru, doch säd se, »ja, wenn he uut de School kummt.« Un as se uut
dat Fenster wohr wurr dat he köhm, so wöör dat recht, as wenn de Böse
äwer ehr köhm, un se grappst to un nöhm erer Dochter den Appel wedder
wech un säd: »Du schalst nich ehr enen hebben as Broder.« Do smeet se
den Appel in de Kist un maakd de Kist to: do köhm de lüttje Jung in de
Döhr, do gaf ehr de Böse in, dat se fründlich to ehm säd: »Myn Sähn,
wullt du enen Appel hebben?« un seeg em so hastig an. »Moder,« säd de
lüttje Jung, »wat sühst du gräsig uut! Ja, gif my enen Appel.« Do wöör
ehr, as schull se em toreden. »Kumm mit my,« säd se un maakd den Deckel
up, »hahl dy enen Appel heruut.« Un as sik de lüttje Jung henin bückd,
so reet ehr de Böse, bratsch! slöög se den Deckel to, dat de Kopp
afflöög un ünner de roden Appel füll. Da äwerleep ehr dat in de Angst,
un dachd: »Kunn ik dat von my bringen!« Da güng se bawen na ere Stuw na
erem Draagkasten un hahl' uut de bäwelste Schuuflad enen witten Dook,
un sett't den Köpp wedder up den Hals un bünd den Halsdook so um, dat'n
niks sehn kunn, un sett't em vör de Döhr up enen Stohl un gaf em den
Appel in de Hand.

Do köhm doorna Marleenken to erer Moder in de Kääk, de stünn by dem
Führ un hadd enen Putt mit heet Water vör sik, den röhrd se jümmer üm.
»Moder,« säd Marleenken, »Broder sitt vör de Döhr un süht ganß witt
uut un hett enen Appel in de Hand, ik heb em beden, he schull my den
Appel gewen, awerst he antwöörd my nich, do wurr my ganß grolich.« --
»Gah nochmaal hen,« säd de Moder, »un wenn he dy nich antworden will,
so gif em eens an de Oren.« Do güng Marleenken hen und säd: »Broder,
gif my den Appel.« Awerst he sweeg still, do gaf se em eens up de Oren,
do feel de Kopp herünn, doräwer vörschrock se sik un füng an to wenen
un to roren, un löp to erer Moder un säd: »Ach, Moder, ik hebb mynem
Broder den Kopp afslagen,« un weend un weend un wull sik nich tofreden
gewen. »Marleenken,« säd de Moder, »wat hest du dahn! Awerst swyg man
still, dat et keen Mensch maarkt, dat is nu doch nich to ännern; wy
willen em in Suhr kaken.« Do nöhm de Moder den lüttjen Jung un hackd em
in Stücken, ded de in den Putt un kaakd em in Suhr. Marleenken awerst
stünn daarby un weend un weend, un de Tranen füllen all in den Putt un
se bruukden gor keen Solt.

Da köhm de Vader to Huus un sett't sik to Disch un säd: »Wo is denn myn
Sähn?« Da droog de Moder ene groote, groote Schöttel up mit Swartsuhr,
un Marleenken weend un kunn sich nich hollen. Do säd de Vader wedder:
»Wo is denn myn Sähn?« -- »Ach,« säd de Moder, »he is äwer Land gaan,
na Mütten erer Grootöhm: he wull door wat blywen.« -- »Wat dait he
denn door? Un heft my nich maal Adjüüs sechd!« -- »O he wull geern
hen un bed my of he door wol sos Wäken blywen kunn; he is jo woll door
uphawen.« -- »Ach,« säd de Mann, »my is so recht trurig, dat is doch
nich recht, he hadd my doch Adjüüs sagen schullt.« Mit des füng he an
to äten un säd: »Marleenken, wat weenst du? Broder wart wol wedder
kamen.« -- »Ach, Fru,« säd he do, »wat smeckt my dat Äten schöön? Gif
my mehr!« Un je mehr he eet, je mehr wull he hebben, un säd: »Geeft my
mehr, gy schöhlt niks door af hebben, dat is as wenn dat all myn wör.«
Un he eet un eet, un de Knakens smeet he all ünner den Disch, bet he
allens up hadd. Marleenken awerst güng hen na ere Commod un nöhm ut
de ünnerste Schuuf eren besten syden Dook, un hahl all de Beenkens un
Knakens ünner den Disch heruut un bünd se in den syden Dook und droog
se vör de Döhr un weend ere blödigen Tranen. Door läd se se ünner
den Machandelboom in dat gröne Gras, un as se se door henlechd hadd,
so war ehr mit eenmal so recht licht, un weend nich mer. Do füng de
Machandelboom an sik to bewegen, un de Twyge deden sik jümmer so recht
voneenanner, un denn wedder tohoop, so recht as wenn sik eener so recht
freut un mit de Händ so dait. Mit des so güng dar so'n Newel von dem
Boom un recht in dem Newel dar brennd dat as Führ, un uut dem Führ dar
flöög so'n schönen Vagel heruut, de süng so herrlich un flöög hoog in
de Luft, un as he wech wöör, do wör de Machandelboom as he vörhen west
wöör, un de Dook mit de Knakens wöör wech. Marlenken awerst wöör so
recht licht un vergnöögt, recht as wenn de Broder noch leewd. Do güng
se wedder ganß lustig in dat Huus by Disch un eet.

De Vagel awerst flöög wech un sett't sik up enen Goldsmidt syn Huus un
füng an to singen:

  »Mein Mutter, der mich schlacht,
  mein Vater, der mich aß,
  mein Schwester, der Marlenichen,
  sucht alle meine Benichen,
  bind't sie in ein seiden Tuch,
  legt's unter den Machandelbaum.
  Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!«

De Goldsmidt seet in syn Waarkstäd un maakd ene gollne Kede, do höörd
he den Vagel, de up syn Dack seet un süng, un dat dünkd em so schöön.
Da stünn he up, un as he äwer den Süll güng, do vörlöör he eenen
Tüffel. He güng awer so recht midden up de Strat hen, eenen Tüffel un
een Sock an. Syn Schortfell hadd he vör, un in de een Hand hadd he de
golln Kede un in de anner de Tang; un de Sünn schynd so hell up de
Strat. Door güng he recht so staan un seeg den Vagel an. »Vagel,« secht
he do, »wo schöön kanst du singen! Sing my dat Stück nochmaal.« --
»Ne,« secht de Vagel, »twemaal sing ik nich umsünst. Gif my de golln
Kede, so will ik dy't nochmaal singen.« -- »Door,« secht de Goldsmidt,
»hest du de golln Kede, nu sing my dat nochmaal.« Do köhm de Vagel
un nöhm de golln Kede so in de rechte Poot un güng vör den Goldsmidt
sitten und süng:

  »Mein Mutter, der mich schlacht,
    mein Vater, der mich aß,
  mein Schwester, der Marlenichen,
     sucht alle meine Benichen,
     bind't sie in ein seiden Tuch,
    legt's unter den Machandelbaum.
  Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!«

Da flög de Vagel wech na enem Schooster und sett't sik up den syn Dack
un süng:

  »Mein Mutter, der mich schlacht,
  mein Vater, der mich aß,
  mein Schwester, der Marlenichen,
  sucht alle meine Benichen,
  bind't sie in ein seiden Tuch,
  legt's unter den Machandelbaum.
  Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!«

De Schooster höörd dat un leep vör syn Döhr in Hemdsaarmels un seeg
na syn Dack un mussd de Hand vör de Ogen hollen, dat de Sünn em nich
blend't. »Vagel,« secht he, »wat kannst du schöön singen.« Da rööp he
in syn Döhr henin: »Fru, kumm mal heruut, dar is een Vagel. Süh mal den
Vagel, de kann maal schöön singen.« Do rööp he syn Dochter un Kinner
un Gesellen, Jung un Maagd, un se kömen all up de Straat un seegen den
Vagel an, wo schöön he wöör, un he hadd so recht rode un gröne Feddern,
un üm den Hals wöör dat as luter Gold, un de Ogen blünken em im Kopp as
Stern. »Vagel,« sägd de Schooster, »nu sing my dat Stück nochmaal.«
-- »Ne,« secht de Vagel, »twemaal sing ik nich umsünst, du must my wat
schenken.« -- »Fru,« säd de Mann, »gah na dem Bähn, up dem bäwelsten
Boord door staan een Poor rode Schö, de bring herünn.« Do güng de Fru
hen un hahl de Schö. »Door, Vagel,« säd de Mann, »nu sing my dat Stück
nochmaal.« Do kühm de Vagel un nöhm de Schö in de linke Klau un flöög
wedder up dat Dack und süng:

  »Mein Mutter, der mich schlacht,
  mein Vater, der mich aß,
  mein Schwester, der Marlenichen,
  sucht alle meine Benichen,
  bind't sie in ein seiden Tuch,
  legt's unter den Machandelbaum.
  Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!«

Un as he uutsungen hadd, so flöög he wech. De Kede hadd he in de rechte
un de Schö in de linke Klau, und he flöög wyt wech na ene Mähl, un de
Mähl güng »klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe«. Do güng de
Vagel up enen Lindenboom sitten, de vör de Mähl stünn un süng: »Mein
Mutter, der mich schlacht,« -- do höörd een up, -- »mein Vater, der
mich aß,« -- do höörden noch twe up un höörden dat, -- »mein Schwester,
der Marlenichen« -- do höörden wedder veer up, -- »sucht alle meine
Benichen, bind't sie in ein seiden Tuch,« -- nu hackden noch man acht,
-- »legt's unter« -- nu noch man fyw, -- »den Machandelbaum.« -- nu
noch man een. -- »Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!« -- Do
hüll de lezte ook up un hadd dat lezte noch höörd. »Vagel,« secht he,
»wat singst du schöön! Laat my dat ook hören, sing my dat nochmaal.«
-- »Ne,« secht de Vagel, »twemaal sing ik nich umsünst, gif my den
Mählensteen, so will ik dat nochmaal singen.« -- »Ja,« secht he, »wenn
he my alleen tohöörd, so schullst du em hebben.« -- »Ja,« säden de
annern, »wenn he nochmaal singt, so schall he em hebben.« Do köhm de
Vagel herünn, un de Möllers saat'n all twintig mit Böhm an un böhrden
Sten up, »hu uh uhp, hu uh uhp, hu uh uhp!« Do stöök de Vagel den Hals
döör dat Lock un nöhm em um as enen Kragen, un flöög wedder up den Boom
un süng:

  »Mein Mutter, der mich schlacht,
  mein Vater, der mich aß,
  mein Schwester, der Marlenichen,
  sucht alle meine Benichen,
  bind't sie in ein seiden Tuch,
  legt's unter den Machandelbaum.
  Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!«

Un as he dat uutsungen hadd, do deed he de Flünk von eenanner, un hadd
in de rechte Klau de Kede un in de linke de Schö un üm den Hals den
Mählensteen, und floog wyt wech na synes Vaders Huse.

                 [Illustration: Von dem Machandelboom]

In de Stuw seet de Vader, de Moder un Marleenken by Disch, un de Vader
säd: »Ach, wat waart my licht, my is recht so good to Mode.« -- »Nä,«
säd de Moder, »my is recht so angst, so recht as wenn en swoor Gewitter
kummt.« Marleenken awerst seet un weend un weend, da köhm de Vagel
anflegen, un as he sik up dat Dack sett't, »ach,« säd de Vader, »my is
so recht freudig un de Sünn schont buten so schöön, my is recht, as
schull ik enen olen Bekannten weddersehn.« -- »Ne,« säd de Fru, »my is
so angst, de Täne klappern my, un dat is my as Führ in den Adern.« Un
se reet sik ehr Lyfken up un so mehr, awer Marleenken seet in en Eck
un weend, un hadd eren Platen vör de Ogen, un weend den Platen ganß
meßnatt. Do sett't sik de Vagel up den Machandelboom un süng: »Mein
Mutter, der mich schlacht,« -- Do hüll de Moder de Oren to un kneep de
Ogen to, un wull nich sehn un hören, awer dat bruusde ehr in de Oren as
de allerstaarkste Storm, un de Ogen brennden ehr un zackden as Blitz.
-- »Mein Vater, der mich aß,« -- »Ach, Moder,« secht de Mann, »door
is en schöön Vagel, de singt so herrlich, de Sünn schynt so warm, un
dat rückt as luter Zinnemamen.« -- »Mein Schwester, der Marlenichen«
-- Do läd Marleenken den Kopp up de Knee un weend in eens wech, de
Mann awerst säd: »Ik gah henuut, ik mutt den Vagel dicht by sehn.« --
»Ach, gah nich,« säd de Fru, »my is as beewd dat ganße Huus un stünn
in Flammen.« Awerst de Mann güng henuut un seeg den Vagel an: »Sucht
alle meine Benichen, bind't sie in ein seiden Tuch, legt's unter den
Machandelbaum. Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bin ik!« -- Mit
des leet de Vagel de gollne Kede fallen, un se feel dem Mann jüst um'n
Hals, so recht hier herüm, dat se recht so schöön passd. Do güng he
herin un säd: »Süh, wat is dat vör'n schöön Vagel, heft my so'ne schöne
gollne Kede schenkd, un süht so schöön uut.« De Fru awerst wöör so
angst, un füll langs in de Stuw hen, un de Mütz füll ehr von dem Kopp.
Do süng der Vagel wedder: »Mein Mutter, der mich schlacht,« -- »Ach,
dat ik dusend Föder ünner de Eerd wöör, dat ik dat nich hören schull!«
-- »Mein Vater, der mich aß,« -- Do füll de Fru vör dood nedder. --
»Mein Schwester, der Marlenichen« -- »Ach,« säd Marleenken, »ik will
ook henuut gahn un sehn, of de Vagel my wat schenkt?« Do güng se
henuut. -- »Sucht alle meine Benichen, bind't sie in ein seiden Tuch.«
-- Do smeet he ehr de Schö herünn. -- »Legt's unter den Machandelbaum.
Kywitt, kywitt, wat vör'n schöön Vagel bün ik!« -- Do wöör ehr so licht
un frölich. Do truck se de neen roden Schö an, un danßd un sprüng
herin. »Ach,« säd se, »ik wöör so trurig, as ik henuut güng, un nu is
my so licht, dat is maal en herrlichen Vagel, hett my en Paar rode Schö
schenkd.« -- »Ne,« säd de Fru un sprüng up, un de Hoor stünnen ehr to
Baarg as Führsflammen, »my is as schull de Welt ünnergahn, ik will
ook henuut, of my lichter warden schull.« Un as se uut de Döhr köhm,
bratsch! smeet ehr de Vagel den Mählensteen up den Kopp, dat se ganß
tomatscht wurr. De Vader un Marleenken höörden dat un güngen henuut. Do
güng en Damp un Flamm un Führ up von der Städ, un as dat vorby wöör, do
stünn de lüttje Broder door, un he nöhm synen Vader un Marleenken by
der Hand, un wören alle dre so recht vergnöögt un güngen in dat Huus by
Disch un eeten.




                            [Illustration]

                          Das Bürle im Himmel


S isch emol es arms fromms Bürle gstorbe und chunt do vor d'
Himmelspforte. Zur gliche Zit isch au e riche, riche Herr do gsi und
het au i Himmel welle. Do chunt der heilige Petrus mitem Schlüssel und
macht uf und lot der Herr ine; das Bürle het er aber, wies schint, nid
gseh und macht d' Pforte ämel wieder zue. Do het das Bürle vorusse
ghört, wie de Herr mit alle Freude im Himmel uf gno worde isch, und
wie se drin musiziert und gsunge händ. Ändle isch es do wider still
worde, und der heilig Petrus chunt, macht d' Himmelspforte uf un lot
das Bürle au ine. 's Bürle het do gmeint, 's werd jetzt au musiziert
und gsunge, wenn es chöm, aber do isch alles still gsi; me hets frile
mit aller Liebe ufgno, und d' Angele sind em egäge cho, aber gsunge het
niemer (niemand). Do frogt das Bürle der heilig Petrus, worum das me be
im nid singe wie be dem riche Herr, 's geu, schints, do im Himmel au
parteiisch zue wie uf der Erde. Do säit der heilig Petrus. »Nai wäger,
du bisch is so lieb wie alle andere und muesch alle himmlische Freude
geniesse wie de rich Herr, aber lueg, so arme Bürle, wie du äis bisch,
chömme alle Tag e Himmel, so ne riche Herr aber chunt nume alle hundert
Johr öppe äine.«




                            [Illustration]

                       Der Zaunkönig und der Bär


Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Wald spazieren,
da hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel, und sprach: »Bruder
Wolf, was ist das für ein Vogel, der so schön singt?« -- »Das ist der
König der Vögel,« sagte der Wolf, »vor dem müssen wir uns neigen;«
es war aber der Zaunkönig. »Wenn das ist,« sagte der Bär, »so möcht
ich auch gerne seinen königlichen Palast sehen, komm und führe mich
hin.« -- »Das geht nicht so, wie du meinst,« sprach der Wolf, »du mußt
warten, bis die Frau Königin kommt.« Bald darauf kam die Frau Königin
und hatte Futter im Schnabel, und der Herr König auch, und wollten ihre
Jungen ätzen. Der Bär wäre gerne nun gleich hinterdrein gegangen, aber
der Wolf hielt ihn am Ärmel und sagte: »Nein, du mußt warten, bis Herr
und Frau Königin wieder fort sind.« Also nahmen sie das Loch in acht,
wo das Nest stand, und trabten wieder ab. Der Bär aber hatte keine
Ruhe, wollte den königlichen Palast sehen, und ging nach einer kurzen
Weile wieder vor. Da waren König und Königin richtig ausgeflogen; er
guckte hinein und sah fünf oder sechs Junge, die lagen darin. »Ist das
der königliche Palast!« rief der Bär, »das ist ein erbärmlicher Palast!
Ihr seid auch keine Königskinder, ihr seid unehrliche Kinder.« Wie das
die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrien:
»Nein, das sind wir nicht, unsere Eltern sind ehrliche Leute; Bär, das
soll ausgemacht werden mit dir.« Dem Bär und dem Wolf ward angst, sie
kehrten um und setzten sich in ihre Höhlen. Die jungen Zaunkönige aber
schrien und lärmten fort, und als ihre Eltern wieder Futter brachten,
sagten sie: »Wir rühren kein Fliegenbeinchen an, und sollten wir
verhungern, bis ihr erst ausgemacht habt, ob wir ehrliche Kinder sind
oder nicht: der Bär ist dagewesen und hat uns gescholten.« Da sagte
der alte König: »Seid nur ruhig, das soll ausgemacht werden.« Flog
darauf mit der Frau Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein:
»Alter Brummbär, warum hast du meine Kinder gescholten? Das soll dir
übel bekommen, das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen.« Also
war dem Bären der Krieg angekündigt, und ward alles vierfüßige Getier
berufen, Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh, und was die Erde sonst alles
trägt. Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt; nicht
allein die Vögel groß und klein, sondern auch die Mücken, Hornissen,
Bienen und Fliegen mußten herbei.

Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der
Zaunkönig Kundschafter aus, wer der kommandierende General des Feindes
wäre. Die Mücke war die listigste von allen, sie schwärmte im Wald, wo
der Feind sich versammelte, und setzte sich endlich unter ein Blatt auf
den Baum, wo die Parole ausgegeben wurde. Da stand der Bär, rief den
Fuchs vor sich und sprach: »Fuchs, du bist der schlauste unter allem
Getier, du sollst General sein und uns anführen.« -- »Gut,« sagte der
Fuchs, »aber was für Zeichen wollen wir verabreden?« Niemand wußte es.
Da sprach der Fuchs: »Ich habe einen schönen langen, buschigen Schwanz,
der sieht aus fast wie ein roter Federbusch; wenn ich den Schwanz
in die Höhe halte, so geht die Sache gut, und ihr müßt darauf los
marschieren; laß ich ihn aber herunterhängen, so lauft, was ihr könnt.«
Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verriet dem
Zaunkönig alles haarklein.

Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu,
da kam das vierfüßige Getier dahergerennt mit Gebraus, daß die Erde
zitterte; Zaunkönig mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher, die
schnurrte, schrie und schwärmte, daß einem angst und bange ward; und
gingen sie da von beiden Seiten aneinander. Der Zaunkönig aber schickte
die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs unter den Schwanz setzen
und aus Leibeskräften stechen. Wie nun der Fuchs den ersten Stich
bekam, zuckte er, daß er das eine Bein aufhob, doch ertrug er's und
hielt den Schwanz noch in der Höhe; beim zweiten Stich mußt er ihn
einen Augenblick herunterlassen; beim dritten aber konnte er sich
nicht mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine.
Wie das die Tiere sahen, meinten sie, alles wäre verloren und fingen
an zu laufen, jeder in seine Höhle, und hatten die Vögel die Schlacht
gewonnen.

Da flog der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und
riefen: »Kinder, seid fröhlich, eßt und trinkt nach Herzenslust, wir
haben den Krieg gewonnen.« Die jungen Zaunkönige aber sagten: »Noch
essen wir nicht, der Bär soll erst vors Nest kommen und Abbitte tun
und soll sagen, daß wir ehrliche Kinder sind.« Da flog der Zaunkönig
vor das Loch des Bären und rief: »Brummbär, du sollst vor das Nest
zu meinen Kindern gehen und Abbitte tun und sagen, daß sie ehrliche
Kinder sind, sonst sollen dir die Rippen im Leib zertreten werden.« Da
kroch der Bär in der größten Angst hin und tat Abbitte. Jetzt waren
die jungen Zaunkönige erst zufrieden, setzten sich zusammen, aßen und
tranken und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein.




                            [Illustration]

                             Sneewittchen


Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn
vom Himmel herab, da saß eine Königin an einem Fenster, das einen
Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte
und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den
Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das
Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: »Hätt ich
ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das
Holz an dem Rahmen.« Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so
weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und
ward darum das Sneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind
geboren war, starb die Königin.

Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine
schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden,
daß sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte
einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin
beschaute, sprach sie:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

so antwortete der Spiegel:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.«

Da war sie zufrieden, denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit
sagte.

Sneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als es
sieben Jahre alt war, war es so schön, wie der klare Tag und schöner
als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

so antwortete er:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
  aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.«

Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an,
wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe
herum, so haßte sie das Mädchen. Und der Neid und der Hochmut wuchsen
wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, daß sie Tag und Nacht
keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach: »Bring das
Kind hinaus in den Wald, ich will's nicht mehr vor meinen Augen sehen.
Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.«
Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger
gezogen hatte und Sneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte,
fing es an zu weinen und sprach: »Ach, lieber Jäger, laß mir mein
Leben; ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heim
kommen.« Und weil es so schön war, hatte der Jäger Mitleiden und
sprach: »So lauf hin, du armes Kind.« -- »Die wilden Tiere werden dich
bald gefressen haben,« dachte er, und doch war's ihm, als wär ein Stein
von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als
gerade ein junger Frischling daher gesprungen kam, stach er ihn ab,
nahm Lunge und Leber heraus und brachte sie als Wahrzeichen der Königin
mit. Der Koch mußte sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie
auf und meinte, sie hätte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen.

Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein und ward
ihm so angst, daß es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wußte,
wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die
spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an
ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief so lange nur die Füße
noch fort konnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein
kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen. In dem Häuschen war
alles klein, aber so zierlich und reinlich, daß es nicht zu sagen ist.
Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes
Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblein
und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein nebeneinander
aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt. Sneewittchen, weil
es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein ein wenig Gemüs
und Brot, und trank aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein; denn es
wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Hernach, weil es so müde
war, legte es sich in ein Bettchen, aber keins paßte; das eine war zu
lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente recht war; und darin
blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein.

Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein,
das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und
gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell
im Häuslein ward, sahen sie, daß jemand darin gewesen war, denn es
stand nicht alles so in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten. Der
erste sprach: »Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?« Der zweite:
»Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?« Der dritte: »Wer hat von
meinem Brötchen genommen?« Der vierte: »Wer hat von meinem Gemüschen
gegessen?« Der fünfte: »Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?« Der
sechste: »Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?« Der siebente:
»Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?« Dann sah sich der erste um
und sah, daß auf seinem Bett eine kleine Dälle war, da sprach er: »Wer
hat in mein Bettchen getreten?« Die andern kamen gelaufen und riefen:
»In meinem hat auch jemand gelegen.« Der siebente aber, als er in sein
Bett sah, erblickte Sneewittchen, das lag darin und schlief. Nun rief
er die andern, die kamen herbeigelaufen und schrien vor Verwunderung,
holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Sneewittchen. »Ei, du
mein Gott! Ei, du mein Gott!« riefen sie, »was ist das Kind so schön!«
Und hatten so große Freude, daß sie es nicht aufweckten, sondern im
Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei
seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.

Als es Morgen war, erwachte Sneewittchen, und wie es die sieben Zwerge
sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten. »Wie heißt
du?« -- »Ich heiße Sneewittchen,« antwortete es. »Wie bist du in unser
Haus gekommen?« sprachen weiter die Zwerge. Da erzählte es ihnen,
daß seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen, der Jäger
hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär es gelaufen den ganzen
Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge sprachen:
»Willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen, nähen und
stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so kannst
du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.« -- »Ja,« sagte
Sneewittchen, »von Herzen gern,« und blieb bei ihnen. Es hielt ihnen
das Haus in Ordnung. Morgens gingen sie in die Berge und suchten Erz
und Gold, abends kamen sie wieder, und da mußte ihr Essen bereit sein.
Den Tag über war das Mädchen allein, da warnten es die guten Zwerglein
und sprachen: »Hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen,
daß du hier bist; laß ja niemand herein.«

Die Königin aber, nachdem sie Sneewittchens Lunge und Leber glaubte
gegessen zu haben, dachte nicht anders, als sie wäre wieder die Erste
und Allerschönste, trat vor ihren Spiegel und sprach:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

Da antwortete der Spiegel:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
  aber Sneewittchen über den Bergen
  bei den sieben Zwergen
  ist noch tausendmal schöner als Ihr.«

Da erschrak sie, denn sie wußte, daß der Spiegel keine Unwahrheit
sprach, und merkte, daß der Jäger sie betrogen hatte und Sneewittchen
noch am Leben war. Und da sann und sann sie aufs neue, wie sie es
umbringen wollte; denn solange sie nicht die Schönste war im ganzen
Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe. Und als sie sich endlich etwas
ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht und kleidete sich wie
eine alte Krämerin und war ganz unkenntlich. In dieser Gestalt ging sie
über die sieben Berge zu den sieben Zwergen, klopfte an die Türe und
rief: »Schöne Ware feil! feil!« Sneewittchen guckte zum Fenster heraus
und rief: »Guten Tag, liebe Frau, was habt Ihr zu verkaufen?« -- »Gute
Ware, schöne Ware,« antwortete sie, »Schnürriemen von allen Farben,«
und holte einen hervor, der aus bunter Seide geflochten war. »Die
ehrliche Frau kann ich herein lassen,« dachte Sneewittchen, riegelte
die Türe auf und kaufte sich den hübschen Schnürriemen. »Kind,« sprach
die Alte, »wie du aussiehst! Komm, ich will dich einmal ordentlich
schnüren.« Sneewittchen hatte kein Arg, stellte sich vor sie und ließ
sich mit dem neuen Schnürriemen schnüren. Aber die Alte schnürte
geschwind und schnürte so fest, daß dem Sneewittchen der Atem verging
und es für tot hinfiel. »Nun bist du die Schönste gewesen,« sprach sie
und eilte hinaus.

Nicht lange darauf, zur Abendzeit, kamen die sieben Zwerge nach Haus,
aber wie erschraken sie, als sie ihr liebes Sneewittchen auf der Erde
liegen sahen; und es regte und bewegte sich nicht, als wäre es tot.
Sie hoben es in die Höhe, und weil sie sahen, daß es zu fest geschnürt
war, schnitten sie den Schnürriemen entzwei. Da fing es an ein wenig zu
atmen und ward nach und nach wieder lebendig. Als die Zwerge hörten,
was geschehen war, sprachen sie, »die alte Krämerfrau war niemand als
die gottlose Königin. Hüte dich und laß keinen Menschen herein, wenn
wir nicht bei dir sind.«

Das böse Weib aber, als es nach Haus gekommen war, ging vor den Spiegel
und fragte:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

Da antwortete er wie sonst:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
  aber Sneewittchen über den Bergen
  bei den sieben Zwergen
  ist noch tausendmal schöner als Ihr.«

Als sie das hörte, lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie,
denn sie sah wohl, daß Sneewittchen wieder lebendig geworden war.
»Nun aber,« sprach sie, »will ich etwas aussinnen, das dich zugrunde
richten soll,« und mit Hexenkünsten, die sie verstand, machte sie einen
giftigen Kamm. Dann verkleidete sie sich und nahm die Gestalt eines
andern alten Weibes an. So ging sie hin über die sieben Berge zu den
sieben Zwergen, klopfte an die Türe und rief: »Gute Ware feil! feil!«
Sneewittchen schaute heraus und sprach: »Geht nur weiter, ich darf
niemand hereinlassen.« -- »Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein,«
sprach die Alte, zog den giftigen Kamm heraus und hielt ihn in die
Höhe. Da gefiel er dem Kinde so gut, daß es sich betören ließ und die
Tür öffnete. Als sie des Kaufs einig waren, sprach die Alte: »Nun will
ich dich einmal ordentlich kämmen.« Das arme Sneewittchen dachte an
nichts und ließ die Alte gewähren, aber kaum hatte sie den Kamm in
die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte und das Mädchen ohne
Besinnung niederfiel. »Du Ausbund von Schönheit,« sprach das boshafte
Weib, »jetzt ist's um dich geschehen,« und ging fort. Zum Glück aber
war es bald Abend, wo die sieben Zwerglein nach Haus kamen. Als sie
Sneewittchen wie tot auf der Erde liegen sahen, hatten sie gleich die
Stiefmutter in Verdacht, suchten nach und fanden den giftigen Kamm, und
kaum hatten sie ihn herausgezogen, so kam Sneewittchen wieder zu sich
und erzählte, was vorgegangen war. Da warnten sie es noch einmal auf
seiner Hut zu sein und niemand die Türe zu öffnen.

Die Königin stellte sich daheim vor den Spiegel und sprach:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

Da antwortete er wie vorher:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
  aber Sneewittchen über den Bergen
  bei den sieben Zwergen
  ist noch tausendmal schöner als Ihr.«

Als sie den Spiegel so reden hörte, zitterte und bebte sie vor Zorn.
»Sneewittchen soll sterben,« rief sie, »und wenn es mein eigenes Leben
kostet.« Darauf ging sie in eine ganz verborgene einsame Kammer, wo
niemand hinkam, und machte da einen giftigen, giftigen Apfel. Äußerlich
sah er schön aus, weiß mit roten Backen, daß jeder, der ihn erblickte,
Lust danach bekam, aber wer ein Stückchen davon aß, der mußte sterben.
Als der Apfel fertig war, färbte sie sich das Gesicht und verkleidete
sich in eine Bauersfrau, und so ging sie über die sieben Berge zu den
sieben Zwergen. Sie klopfte an, Sneewittchen streckte den Kopf zum
Fenster heraus und sprach: »Ich darf keinen Menschen einlassen, die
sieben Zwerge haben mir's verboten.« -- »Mir auch recht,« antwortete
die Bäuerin, »meine Äpfel will ich schon los werden. Da, einen will
ich dir schenken.« -- »Nein,« sprach Sneewittchen, »ich darf nichts
annehmen.« -- »Fürchtest du dich vor Gift?« sprach die Alte, »siehst
du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iß du,
den weißen will ich essen.« Der Apfel war aber so künstlich gemacht,
daß der rote Backen allein vergiftet war. Sneewittchen lusterte den
schönen Apfel an, und als es sah, daß die Bäuerin davon aß, so konnte
es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die
giftige Hälfte. Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel
es tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin mit grausigen
Blicken und lachte überlaut und sprach: »Weiß wie Schnee, rot wie Blut,
schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder
erwecken.« Und als sie daheim den Spiegel befragte:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

so antwortete er endlich:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.«

Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe
haben kann.

Die Zwerge, wie sie abends nach Haus kamen, fanden Sneewittchen auf der
Erde liegen, und es ging kein Atem mehr aus seinem Mund, und es war
tot. Sie hoben es auf, suchten ob sie was Giftiges fänden, schnürten
es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es
half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot. Sie legten
es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene daran und beweinten
es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es
sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch und hatte noch seine
schönen roten Backen. Sie sprachen: »Das können wir nicht in die
schwarze Erde versenken,« und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas
machen, daß man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein und
schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und daß es eine
Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und
einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen
auch und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt
ein Täubchen.

Nun lag Sneewittchen lange, lange Zeit in dem Sarg und verweste
nicht, sondern sah aus als wenn es schliefe, denn es war noch so
weiß als Schnee, so rot als Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz.
Es geschah aber, daß ein Königssohn in den Wald geriet und zu dem
Zwergenhaus kam, da zu übernachten. Er sah auf dem Berg den Sarg und
das schöne Sneewittchen darin und las, was mit goldenen Buchstaben
darauf geschrieben war. Da sprach er zu den Zwergen: »Laßt mir den
Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.« Aber die Zwerge
antworteten: »Wir geben ihn nicht um alles Gold in der Welt.« Da sprach
er: »So schenkt mir ihn, denn ich kann nicht leben ohne Sneewittchen
zu sehen, ich will es ehren und hochachten wie mein Liebstes.« Wie er
so sprach, empfanden die guten Zwerglein Mitleiden mit ihm und gaben
ihm den Sarg. Der Königssohn ließ ihn nun von seinen Dienern auf
den Schultern forttragen. Da geschah es, daß sie über einen Strauch
stolperten, und von dem Schüttern fuhr ihr der giftige Apfelgrütz,
den Sneewittchen abgebissen hatte, aus dem Hals. Und nicht lange, so
öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe und richtete
sich auf und war wieder lebendig. »Ach Gott, wo bin ich?« rief es. Der
Königssohn sagte voll Freude: »Du bist bei mir,« und erzählte, was sich
zugetragen hatte und sprach: »Ich habe dich lieber als alles auf der
Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloß, du sollst meine Gemahlin
werden.« Da war ihm Sneewittchen gut und ging mit ihm, und ihre
Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet.

Zu dem Fest wurde aber auch Sneewittchens gottlose Stiefmutter
eingeladen. Wie sie sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat
sie vor den Spiegel und sprach:

  »Spieglein, Spieglein an der Wand,
  wer ist die Schönste im ganzen Land?«

Der Spiegel antwortete:

  »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
  aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.«

Da stieß das böse Weib einen Fluch aus und ward ihr so angst, so angst,
daß sie sich nicht zu lassen wußte. Sie wollte zuerst gar nicht auf die
Hochzeit kommen. Doch ließ es ihr keine Ruhe, sie mußte fort und die
junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Sneewittchen,
und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen.
Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und
wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da mußte sie
in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur
Erde fiel.




                            [Illustration]

                   Die Geschenke des kleinen Volkes


Ein Schneider und ein Goldschmied wanderten zusammen und vernahmen
eines Abends, als die Sonne hinter die Berge gesunken war, den
Klang einer fernen Musik, die immer deutlicher ward; sie tönte
ungewöhnlich, aber so anmutig, daß sie alle Müdigkeit vergaßen und
rasch weiterschritten. Der Mond war schon aufgestiegen, als sie zu
einem Hügel gelangten, auf dem sie eine Menge kleiner Männer und Frauen
erblickten, die sich bei den Händen gefaßt hatten, und mit größter
Lust und Freudigkeit im Tanze herumwirbelten; sie sangen dazu auf das
lieblichste; und das war die Musik, die die Wanderer gehört hatten.
In der Mitte saß ein Alter, der etwas größer war als die übrigen, der
einen buntfarbigen Rock trug, und dem ein eisgrauer Bart über die
Brust herabhing. Die beiden blieben voll Verwunderung stehen und sahen
dem Tanz zu. Der Alte winkte, sie sollten eintreten, und das kleine
Volk öffnete bereitwillig seinen Kreis. Der Goldschmied, der einen
Höcker hatte und, wie alle Buckligen, keck genug war, trat herzu; der
Schneider empfand zuerst einige Scheu und hielt sich zurück, doch als
er sah, wie es so lustig herging, faßte er sich ein Herz und kam nach.
Alsbald schloß sich der Kreis wieder und die Kleinen sangen und tanzten
in den wildesten Sprüngen weiter, der Alte aber nahm ein breites
Messer, das an seinem Gürtel hing, wetzte es, und als es hinlänglich
geschärft war, blickte er sich nach den Fremdlingen um. Es ward ihnen
angst, aber sie hatten nicht lange Zeit, sich zu besinnen, der Alte
packte den Goldschmied und schor in der größten Geschwindigkeit ihm
Haupthaar und Bart glatt hinweg; ein gleiches geschah hierauf dem
Schneider. Doch ihre Angst verschwand, als der Alte nach vollbrachter
Arbeit beiden freundlich auf die Schulter klopfte, als wollte er sagen,
sie hätten es gut gemacht, daß sie ohne Sträuben alles willig hätten
geschehen lassen. Er zeigte mit dem Finger auf einen Haufen Kohlen,
der zur Seite lag, und deutete ihnen durch Gebärden an, daß sie ihre
Taschen damit füllen sollten. Beide gehorchten, obgleich sie nicht
wußten, wozu ihnen die Kohlen dienen sollten, und gingen dann weiter,
um ein Nachtlager zu suchen. Als sie ins Tal gekommen waren, schlug die
Glocke des benachbarten Klosters zwölf Uhr; augenblicklich verstummte
der Gesang, alles war verschwunden und der Hügel lag in einsamem
Mondschein.

Die beiden Wanderer fanden eine Herberge und deckten sich auf dem
Strohlager mit ihren Röcken zu, vergaßen aber wegen ihrer Müdigkeit
die Kohlen zuvor herauszunehmen. Ein schwerer Druck auf ihren Gliedern
weckte sie früher als gewöhnlich. Sie griffen in die Taschen und
wollten ihren Augen nicht trauen, als sie sahen, daß sie nicht mit
Kohlen, sondern mit reinem Gold angefüllt waren; auch Haupthaar
und Bart war glücklich wieder in aller Fülle vorhanden. Sie waren
nun reiche Leute geworden, doch besaß der Goldschmied, der seiner
habgierigen Natur gemäß die Taschen besser gefüllt hatte, noch einmal
soviel als der Schneider. Ein Habgieriger, wenn er viel hat, verlangt
noch mehr, der Goldschmied machte dem Schneider den Vorschlag, noch
einen Tag zu verweilen, am Abend wieder hinauszugehen, um sich bei dem
Alten auf dem Berge noch größere Schätze zu holen. Der Schneider wollte
nicht und sagte: »Ich habe genug und bin zufrieden; jetzt werde ich
Meister, heirate meinen angenehmen Gegenstand (wie er seine Liebste
nannte) und bin ein glücklicher Mann.« Doch wollte er, ihm zu Gefallen,
den Tag noch bleiben. Abends hing der Goldschmied noch ein paar Taschen
über die Schulter, um recht einsacken zu können, und machte sich auf
den Weg zu dem Hügel. Er fand, wie in der vorigen Nacht, das kleine
Volk bei Gesang und Tanz, der Alte schor ihn abermals glatt und deutete
ihm an, Kohlen mitzunehmen. Er zögerte nicht einzustecken, was nur in
seine Taschen gehen wollte, kehrte ganz glückselig heim und deckte
sich mit dem Rock zu. »Wenn das Gold auch drückt,« sprach er, »ich
will das schon ertragen,« und schlief endlich mit dem süßen Vorgefühl
ein, morgen als steinreicher Mann zu erwachen. Als er die Augen
öffnete, erhob er sich schnell, um die Taschen zu untersuchen, aber wie
erstaunte er, als er nichts herauszog als schwarze Kohlen, er mochte so
oft hineingreifen als er wollte. »Noch bleibt mir das Gold, das ich die
Nacht vorher gewonnen habe,« dachte er und holte es herbei, aber wie
erschrak er, als er sah, daß es ebenfalls wieder zu Kohle geworden war.
Er schlug sich mit der schwarzbestäubten Hand an die Stirne, da fühlte
er, daß der ganze Kopf kahl und glatt war wie der Bart. Aber sein
Mißgeschick war noch nicht zu Ende, er merkte erst jetzt, daß ihm zu
dem Höcker auf dem Rücken noch ein zweiter ebenso großer auf der Brust
gewachsen war. Da erkannte er die Strafe seiner Habgier und begann laut
zu weinen. Der gute Schneider, der davon aufgeweckt ward, tröstete den
Unglücklichen so gut es gehen wollte und sprach: »Du bist mein Geselle
auf der Wanderschaft gewesen, du sollst bei mir bleiben und mit von
meinem Schatz zehren.« Er hielt Wort, aber der arme Goldschmied mußte
sein Lebtag die beiden Höcker tragen und seinen kahlen Kopf mit einer
Mütze bedecken.




                            [Illustration]

                         Die drei Feldscherer


Drei Feldscherer reisten in der Welt, die meinten, ihre Kunst
ausgelernt zu haben, und kamen in ein Wirtshaus, wo sie übernachten
wollten. Der Wirt fragte, wo sie her wären und hinaus wollten? »Wir
ziehen auf unsere Kunst in der Welt herum.« -- »Zeigt mir doch einmal,
was ihr könnt,« sagte der Wirt. Da sprach der erste, er wollte seine
Hand abschneiden und morgen früh wieder anheilen; der zweite sprach,
er wollte sein Herz ausreißen und morgen früh wieder anheilen; der
dritte sprach, er wollte seine Augen ausstechen und morgen früh wieder
einheilen. »Könnt ihr das,« sprach der Wirt, »so habt ihr ausgelernt.«
Sie hatten aber eine Salbe, was sie damit bestrichen, das heilte
zusammen, und das Fläschchen, wo sie drin war, trugen sie beständig bei
sich. Da schnitten sie Hand, Herz und Auge vom Leibe, wie sie gesagt
hatten, legten's zusammen auf einen Teller und gaben's dem Wirt; der
Wirt gab's einem Mädchen, das sollt's in den Schrank stellen und wohl
aufheben. Das Mädchen aber hatte einen heimlichen Schatz, der war ein
Soldat. Wie nun der Wirt, die drei Feldscherer und alle Leute im Haus
schliefen, kam der Soldat und wollte was zu essen haben. Da schloß
das Mädchen den Schrank auf und holte ihm etwas, und über der großen
Liebe vergaß es die Schranktüre zuzumachen, setzte sich zum Liebsten an
Tisch, und sie schwätzten miteinander. Wie es so vergnügt saß und an
kein Unglück dachte, kam die Katze hereingeschlichen, fand den Schrank
offen, nahm die Hand, das Herz und die Augen der drei Feldscherer, und
lief damit hinaus. Als nun der Soldat gegessen hatte und das Mädchen
das Gerät aufheben und den Schrank zuschließen wollte, da sah es wohl,
daß der Teller, den ihm der Wirt aufzuheben gegeben hatte, ledig war.
Da sagte es erschrocken zu seinem Schatz: »Ach, was will ich armes
Mädchen anfangen! Die Hand ist fort, das Herz und die Augen sind auch
fort, wie wird mir's morgen früh ergehen!« -- »Sei still,« sprach der
Soldat, »ich will dir aus der Not helfen; es hängt ein Dieb draußen am
Galgen, dem will ich die Hand abschneiden; welche Hand war's denn?«
-- »Die rechte.« Da gab ihm das Mädchen ein scharfes Messer, und er
ging hin, schnitt dem armen Sünder die rechte Hand ab und brachte sie
herbei. Darauf packte er die Katze und stach ihr die Augen aus; nun
fehlte nur noch das Herz. »Habt ihr nicht geschlachtet und liegt das
Schweinefleisch nicht im Keller?« -- »Ja,« sagte das Mädchen. »Nun, das
ist gut,« sagte der Soldat, ging hinunter und holte ein Schweineherz.
Das Mädchen tat alles zusammen auf einen Teller und stellte ihn in den
Schrank, und als ihr Liebster darauf Abschied genommen hatte, legte es
sich ruhig ins Bett.

Morgens, als die Feldscherer aufstanden, sagten sie dem Mädchen, es
sollte ihnen den Teller holen, darauf Hand, Herz und Augen lägen. Da
brachte es ihn aus dem Schrank, und der erste hielt die Diebshand an
und bestrich sie mit seiner Salbe, alsbald war sie ihm angewachsen.
Der zweite nahm die Katzenaugen und heilte sie ein; der dritte machte
das Schweineherz fest. Der Wirt stand dabei, bewunderte ihre Kunst
und sagte, dergleichen hätt er noch nicht gesehen, er wollte sie bei
jedermann rühmen und empfehlen. Darauf bezahlten sie ihre Zeche und
reisten weiter.

Wie sie so dahingingen, so blieb der mit dem Schweineherzen gar nicht
bei ihnen, sondern wo eine Ecke war, lief er hin und schnüffelte darin
herum, wie Schweine tun. Die andern wollten ihn an dem Rockschlippen
zurückhalten, aber das half nichts, er riß sich los und lief hin, wo
der dickste Unrat lag. Der zweite stellte sich auch wunderlich an,
rieb die Augen und sagte zu dem andern: »Kamerad, was ist das? Das
sind meine Augen nicht, ich sehe ja nichts, leite mich doch einer, daß
ich nicht falle.« Da gingen sie mit Mühe fort bis zum Abend, wo sie zu
einer andern Herberge kamen. Sie traten zusammen in die Wirtsstube,
da saß in einer Ecke ein reicher Herr vorm Tisch und zählte Geld. Der
mit der Diebshand ging um ihn herum, zuckte ein paarmal mit dem Arm,
endlich, wie der Herr sich umwendete, griff er in den Haufen hinein und
nahm eine Handvoll Gold heraus. Der eine sah's und sprach: »Kamerad,
was machst du? Stehlen darfst du nicht, schäm dich!« -- »Ei,« sagte
er, »was kann ich dafür! Es zuckte mir in der Hand, ich muß zugreifen,
ich mag wollen oder nicht.« Sie legten sich danach schlafen, und wie
sie da liegen, ist's so finster, daß man keine Hand vor Augen sehen
kann. Auf einmal erwachte der mit den Katzenaugen, weckte die andern
und sprach: »Brüder, schaut einmal auf, seht ihr die weißen Mäuschen,
die da herumlaufen?« Die zwei richteten sich auf, konnten aber nichts
sehen. Da sprach er: »Es ist mit uns nicht richtig, wir haben das
Unsrige nicht wieder gekriegt, wir müssen zurück nach dem Wirt, der hat
uns betrogen.« Also machten sie sich am andern Morgen dahin auf und
sagten dem Wirt, sie hätten ihr richtig Werk nicht wieder gekriegt, der
eine hätte eine Diebshand, der zweite Katzenaugen, und der dritte ein
Schweineherz. Der Wirt sprach, daran müßte das Mädchen schuld sein,
und wollte es rufen, aber wie das die drei hatte kommen sehen, war es
zum Hinterpförtchen fortgelaufen und kam nicht wieder. Da sprachen die
drei, er sollte ihnen viel Geld geben, sonst ließen sie ihm den roten
Hahn übers Dach fliegen; da gab er, was er hatte und nur aufbringen
konnte, und die drei zogen damit fort. Es war für ihr Lebtag genug, sie
hätten aber doch lieber ihr richtig Werk gehabt.




                            [Illustration]

                        Der Fuchs und das Pferd


Es hatte ein Bauer ein treues Pferd, das war alt geworden und konnte
keine Dienste mehr tun, da wollte ihm sein Herr nichts mehr zu fressen
geben und sprach: »Brauchen kann ich dich freilich nicht mehr, indes
mein ich es gut mit dir, zeigst du dich noch so stark, daß du mir einen
Löwen hierher bringst, so will ich dich behalten, jetzt aber mach dich
fort aus meinem Stall,« und jagte es damit ins weite Feld. Das Pferd
war traurig und ging nach dem Wald zu, dort ein wenig Schutz vor dem
Wetter zu suchen. Da begegnete ihm der Fuchs und sprach: »Was hängst du
so den Kopf und gehst so einsam herum?« »Ach,« antwortete das Pferd,
»Geiz und Treue wohnen nicht beisammen in einem Haus; mein Herr hat
vergessen, was ich ihm für Dienste in so vielen Jahren geleistet habe,
und weil ich nicht recht mehr ackern kann, will er mir kein Futter
mehr geben, und hat mich fortgejagt.« -- »Ohne allen Trost?« fragte
der Fuchs. »Der Trost war schlecht, er hat gesagt, wenn ich noch so
stark wäre, daß ich ihm einen Löwen brächte, wollt er mich behalten,
aber er weiß wohl, daß ich das nicht vermag.« Der Fuchs sprach: »Da
will ich dir helfen, leg dich nur hin, strecke dich aus und rege dich
nicht, als wärst du tot.« Das Pferd tat, was der Fuchs verlangte, der
Fuchs aber ging zum Löwen, der seine Höhle nicht weit davon hatte und
sprach. »Da draußen liegt ein totes Pferd, komm doch mit hinaus, da
kannst du eine fette Mahlzeit halten.« Der Löwe ging mit, und wie sie
bei dem Pferd standen, sprach der Fuchs: »Hier hast du's doch nicht
nach deiner Gemächlichkeit, weißt du was? Ich will's mit dem Schweif
an dich binden, so kannst du's in deine Höhle ziehen und in aller Ruhe
verzehren.« Dem Löwen gefiel der Rat, er stellte sich hin, und damit
ihm der Fuchs das Pferd festknüpfen könnte, hielt er ganz still. Der
Fuchs aber band mit des Pferdes Schweif dem Löwen die Beine zusammen
und drehte und schnürte alles so wohl und stark, daß es mit keiner
Kraft zu zerreißen war. Als er nun sein Werk vollendet hatte, klopfte
er dem Pferd auf die Schulter und sprach: »Zieh, Schimmel, zieh.« Da
sprang das Pferd mit einmal auf und zog den Löwen mit sich fort. Der
Löwe fing an zu brüllen, daß die Vögel in dem ganzen Wald vor Schrecken
aufflogen, aber das Pferd ließ ihn brüllen, zog und schleppte ihn über
das Feld vor seines Herrn Tür. Wie der Herr das sah, besann er sich
eines bessern und sprach zu dem Pferd: »Du sollst bei mir bleiben und
es gut haben,« und gab ihm satt zu fressen bis es starb.




                            [Illustration]

                            Die Lebenszeit


Als Gott die Welt geschaffen hatte und allen Kreaturen ihre Lebenszeit
bestimmen wollte, kam der Esel und fragte: »Herr, wie lange soll ich
leben?« -- »Dreißig Jahre,« antwortete Gott, »ist dir das recht?« --
»Ach, Herr,« erwiderte der Esel, »das ist eine lange Zeit. Bedenke mein
mühseliges Dasein: von Morgen bis in die Nacht schwere Lasten tragen,
Kornsäcke in die Mühle schleppen, damit andere das Brot essen, mit
nichts als mit Schlägen und Fußtritten ermuntert und aufgefrischt zu
werden! Erlaß mir einen Teil der langen Zeit.« Da erbarmte sich Gott
und schenkte ihm achtzehn Jahre. Der Esel ging getröstet weg, und der
Hund erschien. »Wie lange willst du leben?« sprach Gott zu ihm, »dem
Esel sind dreißig Jahre zuviel, du aber wirst damit zufrieden sein.«
-- »Herr,« antwortete der Hund, »ist das dein Wille? Bedenke, was ich
laufen muß, das halten meine Füße so lange nicht aus; und habe ich erst
die Stimme zum Bellen verloren und die Zähne zum Beißen, was bleibt
mir übrig, als aus einer Ecke in die andere zu laufen und zu knurren?«
Gott sah, daß er recht hatte und erließ ihm zwölf Jahre. Darauf kam
der Affe. »Du willst wohl gerne dreißig Jahre leben?« sprach der Herr
zu ihm, »du brauchst nicht zu arbeiten, wie der Esel und der Hund, und
bist immer guter Dinge.« -- »Ach, Herr,« antwortete er, »das sieht
so aus, ist aber anders. Wenn's Hirsenbrei regnet, habe ich keinen
Löffel. Ich soll immer lustige Streiche machen, Gesichter schneiden,
damit die Leute lachen, und wenn sie mir einen Apfel reichen und ich
beiße hinein, so ist er sauer. Wie oft steckt die Traurigkeit hinter
dem Spaß! Dreißig Jahre halte ich das nicht aus.« Gott war gnädig und
schenkte ihm zehn Jahre.

Endlich erschien der Mensch, war freudig, gesund und frisch und bat
Gott, ihm seine Zeit zu bestimmen. »Dreißig Jahre sollst du leben,«
sprach der Herr, »ist dir das genug?« -- »Welch eine kurze Zeit!« rief
der Mensch, »wenn ich mein Haus gebaut habe und das Feuer auf meinem
eigenen Herde brennt; wenn ich Bäume gepflanzt habe, die blühen und
Früchte tragen, und ich meines Lebens froh zu werden gedenke, so soll
ich sterben! O Herr, verlängere meine Zeit.« -- »Ich will dir die
achtzehn Jahre des Esels zulegen,« sagte Gott. »Das ist nicht genug,«
erwiderte der Mensch. »Du sollst auch die zwölf Jahre des Hundes
haben.« -- »Immer noch zu wenig.« -- »Wohlan,« sagte Gott, »ich will
dir noch die zehn Jahre des Affen geben, aber mehr erhältst du nicht.«
Der Mensch ging fort, war aber nicht zufriedengestellt.

Also lebt der Mensch siebzig Jahre. Die ersten dreißig sind seine
menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter,
arbeitet mit Lust und freut sich seines Daseins. Hierauf folgen die
achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der andern
aufgelegt: er muß das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und
Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahre
des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr
zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre
des Affen den Beschluß. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch,
treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder.




                            [Illustration]

                           Der Gevatter Tod


Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten,
damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt
kam, wußte er sich in seiner Not nicht zu helfen, lief hinaus auf die
große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter
bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der
wußte schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm: »Armer
Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will
für es sorgen und es glücklich machen auf Erden.« Der Mann sprach:
»Wer bist du?« -- »Ich bin der liebe Gott.« -- »So begehr ich dich
nicht zu Gevatter,« sagte der Mann, »du gibst dem Reichen und lässest
den Armen hungern.« Das sprach der Mann, weil er nicht wußte, wie
weislich Gott Reichtum und Armut verteilt. Also wendete er sich von
dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: »Was
suchst du? Willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich
ihm Gold die Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.« Der
Mann fragte: »Wer bist du?« -- »Ich bin der Teufel.« -- »So begehr ich
dich nicht zum Gevatter,« sprach der Mann, »du betrügst und verführst
die Menschen.« Er ging weiter, da kam der dürrbeinige Tod auf ihn
zugeschritten und sprach: »Nimm mich zu Gevatter.« Der Mann fragte:
»Wer bist du?« -- »Ich bin der Tod, der alle gleich macht.« Da sprach
der Mann: »Du bist der rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne
Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.« Der Tod antwortete:
»Ich will dein Kind reich und berühmt machen, denn wer mich zum Freunde
hat, dem kann's nicht fehlen.« Der Mann sprach: »Künftigen Sonntag ist
die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.« Der Tod erschien, wie
er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich Gevatter.

Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pate ein
und hieß ihn mitgehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein
Kraut, das da wuchs, und sprach: »Jetzt sollst du dein Patengeschenk
empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem
Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen. Steh ich zu
Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder
gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er
genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du
mußt sagen, alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt könne ihn retten. Aber
hüte dich, daß du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es
könnte dir schlimm ergehen.«

Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf
der ganzen Welt. »Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er
schon wie es steht, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muß,«
so hieß es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten
ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, daß er bald ein reicher
Mann war. Nun trug es sich zu, daß der König erkrankte. Der Arzt ward
berufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem
Bette trat, stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn
kein Kraut mehr gewachsen. »Wenn ich doch einmal den Tod überlisten
könnte,« dachte der Arzt, »er wird's freilich übel nehmen, aber da
ich sein Pate bin, so drückt er wohl ein Auge zu; ich will's wagen.«
Er faßte also den Kranken und legte ihn verkehrt, so daß der Tod zu
Häupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein,
und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam
zu dem Arzte, machte ein böses und finsteres Gesicht, drohte mit dem
Finger und sagte: »Du hast mich hinter das Licht geführt. Diesmal will
ich dir's nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch
einmal, so geht dir's an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit
fort.«

Bald hernach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit.
Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen
erblindeten, und ließ bekannt machen, wer sie vom Tode errettete, der
sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zu dem
Bette der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich
der Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die große Schönheit der
Königstochter und das Glück ihr Gemahl zu werden, betörten ihn so, daß
er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht, daß der Tod ihm
zornige Blicke zuwarf, die Hand in die Höhe hob und mit der dürren
Faust drohte; er hob die Kranke auf, und legte ihr Haupt dahin, wo die
Füße gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald röteten
sich ihre Wangen, und das Leben regte sich von neuem.

                   [Illustration: Der Gevatter Tod]

Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah,
ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach: »Es ist aus mit
dir und die Reihe kommt nun an dich,« packte ihn mit seiner eiskalten
Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in
eine unterirdische Höhle. Da sah er wie tausend und tausend Lichter
in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß,
andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige und andere brannten
wieder auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und
her zu hüpfen schienen. »Siehst du,« sprach der Tod, »das sind die
Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen
Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch
auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.«
-- »Zeige mir mein Lebenslicht,« sagte der Arzt und meinte, es wäre
noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben
auszugehen drohte, und sagte: »Siehst du, da ist es.« -- »Ach, lieber
Pate,« sagte der erschrockene Arzt, »zündet mir ein neues an, tut
mir's zuliebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und
Gemahl der schönen Königstochter.« -- »Ich kann nicht,« antwortete
der Tod, »erst muß eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.« -- »So
setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu
Ende ist,« bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch
erfüllen wollte, langte ein frisches, großes Licht herbei; aber weil
er sich rächen wollte, versah er's beim Umstecken absichtlich, und das
Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden und war
nun selbst in die Hand des Todes geraten.




                            [Illustration]

                             Bruder Lustig


Es war einmal ein großer Krieg, und als der Krieg zu Ende war, bekamen
viele Soldaten ihren Abschied. Nun bekam der Bruder Lustig auch seinen
Abschied und sonst nichts als ein kleines Laibchen Kommißbrot und vier
Kreuzer Geld; damit zog er fort. Der heilige Petrus aber hatte sich als
ein armer Bettler an den Weg gesetzt, und wie der Bruder Lustig daher
kam, bat er ihn um ein Almosen. Er antwortete: »Lieber Bettelmann, was
soll ich dir geben? Ich bin Soldat gewesen und habe meinen Abschied
bekommen und habe sonst nichts als das kleine Kommißbrot und vier
Kreuzer Geld, wenn das alle ist, muß ich betteln, so gut wie du. Doch
geben will ich dir was.« Darauf teilte er den Laib in vier Teile
und gab davon dem Apostel einen und auch einen Kreuzer. Der heilige
Petrus bedankte sich, ging weiter und setzte sich in einer andern
Gestalt wieder als Bettelmann dem Soldaten an den Weg, und als er zu
ihm kam, bat er ihn, wie das vorige Mal, um eine Gabe. Der Bruder
Lustig sprach wie vorher und gab ihm wieder ein Viertel von dem Brot
und einen Kreuzer. Der heilige Petrus bedankte sich und ging weiter,
setzte sich aber zum drittenmal in einer andern Gestalt als ein Bettler
an den Weg und sprach den Bruder Lustig an. Der Bruder Lustig gab ihm
auch das dritte Viertel Brot und den dritten Kreuzer. Der heilige
Petrus bedankte sich und der Bruder Lustig ging weiter und hatte nichts
mehr als ein Viertel Brot und einen Kreuzer. Damit ging er in ein
Wirtshaus, aß das Brot und ließ sich für den Kreuzer Bier dazu geben.
Als er fertig war, zog er weiter, und da ging ihm der heilige Petrus
gleichfalls in der Gestalt eines verabschiedeten Soldaten entgegen und
redete ihn an: »Guten Tag, Kamerad, kannst du mir nicht ein Stück Brot
geben und einen Kreuzer zu einem Trunk?« -- »Wo soll ich's hernehmen,«
antwortete der Bruder Lustig, »ich habe meinen Abschied und sonst
nichts als einen Laib Kommißbrot und vier Kreuzer an Geld bekommen.
Drei Bettler sind mir auf der Landstraße begegnet, davon hab' ich jedem
ein Viertel von meinem Brot und einen Kreuzer Geld gegeben. Das letzte
Viertel hab' ich im Wirtshaus gegessen und für den letzten Kreuzer
dazu getrunken. Jetzt bin ich leer, und wenn du auch nichts mehr hast,
so können wir miteinander betteln gehen.« -- »Nein,« antwortete der
heilige Petrus, »das wird just nicht nötig sein. Ich verstehe mich ein
wenig auf die Doktorei, und damit will ich mir schon soviel verdienen
als ich brauche.« -- »Ja,« sagte der Bruder Lustig, »davon verstehe
ich nichts, also muß ich allein betteln gehen.« -- »Nun komm nur mit,«
sprach der heilige Petrus, »wenn ich was verdiene, sollst du die Hälfte
davon haben.« -- »Das ist mir wohl recht,« sagte der Bruder Lustig.
Also zogen sie miteinander fort.

Nun kamen sie an ein Bauernhaus und hörten darin gewaltig jammern und
schreien, da gingen sie hinein, so lag der Mann darin auf den Tod
krank und war nahe am Verscheiden, und die Frau heulte und weinte ganz
laut. »Laßt Euer Heulen und Weinen,« sprach der heilige Petrus, »ich
will den Mann wieder gesund machen,« nahm eine Salbe aus der Tasche
und heilte den Kranken augenblicklich, so daß er aufstehen konnte und
ganz gesund war. Sprachen Mann und Frau in großer Freude: »Wie können
wir Euch lohnen? Was sollen wir Euch geben?« Der heilige Petrus aber
wollte nichts nehmen, und je mehr ihn die Bauersleute baten, desto mehr
weigerte er sich. Der Bruder Lustig aber stieß den heiligen Petrus
an und sagte: »So nimm doch was, wir brauchen's ja.« Endlich brachte
die Bäuerin ein Lamm und sprach zu dem heiligen Petrus, das müßte er
annehmen, aber er wollte es nicht. Da stieß ihn der Bruder Lustig in
die Seite und sprach: »Nimm's doch, dummer Teufel, wir brauchen's ja.«
Da sagte der heilige Petrus endlich, »ja, das Lamm will ich nehmen,
aber ich trag's nicht; wenn du's willst, so mußt du es tragen.« --
»Das hat keine Not,« sprach der Bruder Lustig, »das will ich schon
tragen,« und nahm's auf die Schulter. Nun gingen sie fort und kamen
in einen Wald, da war das Lamm dem Bruder Lustig schwer geworden, er
aber war hungrig, also sprach er zu dem heiligen Petrus: »Schau, da
ist ein schöner Platz, da könnten wir das Lamm kochen und verzehren.«
-- »Mir ist's recht,« antwortete der heilige Petrus, »doch kann ich
mit der Kocherei nicht umgehen. Willst du kochen, so hast du da einen
Kessel, ich will derweil auf und ab gehen, bis es gar ist. Du mußt
aber nicht eher zu essen anfangen, als bis ich wieder zurück bin; ich
will schon zu rechter Zeit kommen.« -- »Geh nur,« sagte Bruder Lustig,
»ich verstehe mich aufs Kochen, ich will's schon machen.« Da ging
der heilige Petrus fort, und der Bruder Lustig schlachtete das Lamm,
machte Feuer an, warf das Fleisch in den Kessel und kochte. Das Lamm
war aber schon gar und der Apostel noch immer nicht zurück, da nahm
es der Bruder Lustig aus dem Kessel, zerschnitt es und fand das Herz.
»Das soll das Beste sein,« sprach er und versuchte es, zuletzt aber
aß er es ganz auf. Endlich kam der heilige Petrus zurück und sprach:
»Du kannst das ganze Lamm allein essen, ich will nur das Herz davon,
das gib mir.« Da nahm Bruder Lustig Messer und Gabel, tat als suchte
er eifrig in dem Lammfleisch herum, konnte aber das Herz nicht finden;
endlich sagte er kurzweg: »Es ist keins da.« -- »Nun, wo soll's denn
sein?« sagte der Apostel. »Das weiß ich nicht,« antwortete der Bruder
Lustig, »aber schau, was sind wir alle beide für Narren, suchen das
Herz vom Lamm und fällt keinem von uns ein, ein Lamm hat ja kein Herz!«
-- »Ei,« sprach der heilige Petrus, »das ist was ganz Neues, jedes
Tier hat ja ein Herz, warum sollt ein Lamm kein Herz haben?« -- »Nein,
gewißlich, Bruder, ein Lamm hat kein Herz, denk nur recht nach, so wird
dir's einfallen, es hat im Ernst keins.« -- »Nun, es ist schon gut,«
sagte der heilige Petrus, »ist kein Herz da, so brauch ich auch nichts
vom Lamm, du kannst's allein essen.« -- »Was ich halt nicht aufessen
kann, das nehm ich mit in meinem Ranzen,« sprach der Bruder Lustig, aß
das halbe Lamm und steckte das übrige in seinen Ranzen.

Sie gingen weiter, da machte der heilige Petrus, daß ein großes Wasser
quer über den Weg floß und sie hindurch mußten. Sprach der heilige
Petrus: »Geh du nur voran.« -- »Nein,« antwortete der Bruder Lustig,
»geh du voran,« und dachte: »Wenn dem das Wasser zu tief ist, so bleib
ich zurück.« Da schritt der heilige Petrus hindurch, und das Wasser
ging ihm nur bis ans Knie. Nun wollte Bruder Lustig auch hindurch,
aber das Wasser wurde größer und stieg ihm an den Hals. Da rief er:
»Bruder, hilf mir.« Sagte der heilige Petrus: »Willst du auch gestehen,
daß du das Herz von dem Lamm gegessen hast?« -- »Nein,« antwortete er,
»ich hab' es nicht gegessen.« Da ward das Wasser noch größer und stieg
ihm bis an den Mund: »Hilf mir, Bruder,« rief der Soldat. Sprach der
heilige Petrus noch einmal: »Willst du auch gestehen, daß du das Herz
vom Lamm gegessen hast?« -- »Nein,« antwortete er, »ich hab' es nicht
gegessen.« Der heilige Petrus wollte ihn doch nicht ertrinken lassen,
ließ das Wasser wieder fallen und half ihm hinüber.

Nun zogen sie weiter und kamen in ein Reich, da hörten sie, daß die
Königstochter todkrank läge. »Holla, Bruder,« sprach der Soldat zum
heiligen Petrus, »da ist ein Fang für uns, wenn wir die gesund machen,
so ist uns auf ewige Zeiten geholfen.« Da war ihm der heilige Petrus
nicht geschwind genug: »Nun heb die Beine auf, Bruderherz,« sprach
er zu ihm, »daß wir noch zu rechter Zeit hin kommen.« Der heilige
Petrus ging aber immer langsamer, wie auch der Bruder Lustig ihn trieb
und schob, bis sie endlich hörten, die Königstochter wäre gestorben.
»Da haben wir's,« sprach der Bruder Lustig, »das kommt von deinem
schläfrigen Gang.« -- »Sei nur still,« antwortete der heilige Petrus,
»ich kann noch mehr als Kranke gesund machen, ich kann auch Tote wieder
ins Leben erwecken.« -- »Nun, wenn das ist,« sagte der Bruder Lustig,
»so laß ich mir's gefallen, das halbe Königreich mußt du uns aber zum
wenigsten damit verdienen.« Darauf gingen sie in das königliche Schloß,
wo alles in großer Trauer war. Der heilige Petrus aber sagte zu dem
König, er wolle die Tochter wieder lebendig machen. Da ward er zu ihr
geführt, und dann sprach er: »Bringt mir einen Kessel mit Wasser,« und
wie der gebracht war, hieß er jedermann hinausgehen, und nur der Bruder
Lustig durfte bei ihm bleiben. Darauf schnitt er alle Glieder der Toten
los und warf sie ins Wasser, machte Feuer unter den Kessel und ließ
sie kochen. Und wie alles Fleisch von den Knochen herabgefallen war,
nahm er das schöne weiße Gebein heraus und legte es auf eine Tafel
und reihte und legte es nach seiner natürlichen Ordnung zusammen. Als
das geschehen war, trat er davor und sprach dreimal: »Im Namen der
allerheiligsten Dreifaltigkeit, Tote, steh auf.« Und beim drittenmal
erhob sich die Königstochter lebendig, gesund und schön. Nun war der
König darüber in großer Freude und sprach zum heiligen Petrus: »Begehre
deinen Lohn und wenn's mein halbes Königreich wäre, so will ich dir's
geben.« Der heilige Petrus aber antwortete: »Ich verlange nichts
dafür.« -- »Oh, du Hans Narr!« dachte der Bruder Lustig bei sich, stieß
seinen Kameraden in die Seite und sprach: »Sei doch nicht so dumm,
wenn du nichts willst, so brauch ich doch was.« Der heilige Petrus
aber wollte nichts; doch weil der König sah, daß der andere gerne was
wollte, ließ er ihm vom Schatzmeister seinen Ranzen mit Gold anfüllen.

Sie zogen darauf weiter, und wie sie in einen Wald kamen, sprach der
heilige Petrus zum Bruder Lustig: »Jetzt wollen wir das Gold teilen.«
-- »Ja,« antwortete er, »das wollen wir tun.« Da teilte der heilige
Petrus das Gold und teilte es in drei Teile. Dachte der Bruder Lustig:
»Was er wieder für einen Sparren im Kopf hat! Macht drei Teile und
unser sind zwei.« Der heilige Petrus aber sprach: »Nun habe ich genau
geteilt, ein Teil für mich, ein Teil für dich und ein Teil für den,
der das Herz vom Lamm gegessen hat!« -- »Oh, das hab ich gegessen,«
antwortete der Bruder Lustig und strich geschwind das Gold ein, »das
kannst du mir glauben.« -- »Wie kann das wahr sein,« sprach der heilige
Petrus, »ein Lamm hat ja kein Herz.« -- »Ei was, Bruder, wo denkst du
hin! Ein Lamm hat ja ein Herz, so gut wie jedes Tier, warum sollte das
allein keins haben?« -- »Nun, es ist schon gut,« sagte der heilige
Petrus, »behalt das Gold allein, aber ich bleibe nicht mehr bei dir
und will meinen Weg allein gehen.« -- »Wie du willst, Bruderherz,«
antwortete der Soldat, »leb wohl.«

Da ging der heilige Petrus eine andere Straße, Bruder Lustig aber
dachte: »Es ist gut, daß er abtrabt, es ist doch ein wunderlicher
Heiliger.« Nun hatte er zwar Geld genug, wußte aber nicht mit
umzugehen, vertat's, verschenkt's, und wie eine Zeit herum war,
hatte er wieder nichts. Da kam er in ein Land, wo er hörte, daß die
Königstochter gestorben wäre. »Holla,« dachte er, »das kann gut werden,
die will ich wieder lebendig machen und mir's bezahlen lassen, daß es
eine Art hat.« Ging also zum König und bot ihm an, die Tote wieder
zu erwecken. Nun hatte der König gehört, daß ein abgedankter Soldat
herumziehe und die Gestorbenen wieder lebendig mache und dachte, der
Bruder Lustig wäre dieser Mann, doch weil er kein Vertrauen zu ihm
hatte, fragte er erst seine Räte, die sagten aber, er könnte es wagen,
da seine Tochter doch tot wäre. Nun ließ sich der Bruder Lustig Wasser
im Kessel bringen, hieß jedermann hinausgehen, schnitt die Glieder ab,
warf sie ins Wasser und machte Feuer darunter, gerade wie er es beim
heiligen Petrus gesehen hatte. Das Wasser fing an zu kochen und das
Fleisch fiel herab; da nahm er das Gebein heraus und tat es auf die
Tafel; er wußte aber nicht, in welcher Ordnung es liegen mußte, und
legte alles verkehrt durcheinander. Dann stellte er sich davor und
sprach: »Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Tote, stehe auf,«
und sprach's dreimal, aber die Gebeine rührten sich nicht. Da sprach er
es noch dreimal, aber gleichfalls umsonst. »Du Blitzmädel, steh auf,«
rief er, »steh auf oder es geht dir nicht gut.« Wie er das gesprochen
hatte, kam der heilige Petrus auf einmal in seiner vorigen Gestalt, als
verabschiedeter Soldat, durchs Fenster hereingegangen und sprach: »Du
gottloser Mensch, was treibst du da, wie kann die Tote auferstehen,
da du ihr Gebein so untereinander geworfen hast?« -- »Bruderherz, ich
hab's gemacht, so gut ich konnte,« antwortete er. »Diesmal will ich
dir aus der Not helfen, aber das sag ich dir, wo du noch einmal so
etwas unternimmst, so bist du unglücklich, auch darfst du von dem König
nicht das Geringste dafür begehren oder annehmen.« Darauf legte der
heilige Petrus die Gebeine in ihre rechte Ordnung, sprach dreimal zu
ihr: »Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, Tote, steh auf,«
und die Königstochter stand auf, war gesund und schön wie vorher. Nun
ging der heilige Petrus wieder durchs Fenster hinaus. Der Bruder Lustig
war froh, daß es so gut abgelaufen war, ärgerte sich aber doch, daß
er nichts dafür nehmen sollte. »Ich möchte nur wissen,« dachte er,
»was der für Mucken im Kopf hat, denn was er mit der einen Hand gibt,
das nimmt er mit der andern: da ist kein Verstand drin.« Nun bot der
König dem Bruder Lustig an, was er haben wollte, er durfte aber nichts
nehmen, doch brachte er es durch Anspielung und Listigkeit dahin, daß
ihm der König seinen Ranzen mit Gold füllen ließ, und damit zog er ab.
Als er hinauskam, stand vor dem Tor der heilige Petrus und sprach:
»Schau, was du für ein Mensch bist, habe ich dir nicht verboten, etwas
zu nehmen, und nun hast du den Ranzen doch voll Gold.« -- »Was kann ich
dafür,« antwortete Bruder Lustig, »wenn mir's hineingesteckt wird.« --
»Das sag ich dir, daß du nicht zum zweitenmal solche Dinge unternimmst,
sonst soll es dir schlimm ergehen.« -- »Ei, Bruder, sorg doch nicht,
jetzt hab' ich Gold, was soll ich mich da mit dem Knochenwaschen
abgeben.« -- »Ja,« sprach der heilige Petrus, »das Gold wird lang
dauern! Damit du aber hernach nicht wieder auf unerlaubten Wegen gehst,
so will ich deinem Ranzen die Kraft geben, daß alles, was du dir hinein
wünschest, auch darin sein soll. Leb wohl, du siehst mich nun nicht
wieder.« -- »Gott befohlen,« sprach der Bruder Lustig und dachte: »Ich
bin froh, daß du fortgehst, du wunderlicher Kauz, ich will dir wohl
nicht nachgehen.« An die Wunderkraft aber, die seinem Ranzen verliehen
war, dachte er nicht weiter.

Bruder Lustig zog mit seinem Gold umher und vertat's und verfumfeit's
wie das erstemal. Als er nun nichts mehr als vier Kreuzer hatte, kam
er an einem Wirtshaus vorbei und dachte: »Das Geld muß fort,« und ließ
sich für drei Kreuzer Wein und einen Kreuzer Brot geben. Wie er da saß
und trank, kam ihm der Geruch von gebratenen Gänsen in die Nase. Bruder
Lustig schaute und guckte und sah, daß der Wirt zwei Gänse in der
Ofenröhre stehen hatte. Da fiel ihm ein, daß ihm sein Kamerad gesagt
hatte, was er sich in seinen Ranzen wünschte, das sollte darin sein.
»Holla, das mußt du mit den Gänsen versuchen!« Also ging er hinaus, und
vor der Tür sprach er: »So wünsch ich die zwei gebratenen Gänse aus
der Ofenröhre in meinen Ranzen.« Wie er das gesagt hatte, schnallte er
ihn auf und schaute hinein, da lagen sie beide darin. »Ach, so ist's
recht,« sprach er, »nun bin ich ein gemachter Kerl,« ging fort auf eine
Wiese und holte den Braten hervor. Wie er so im besten Essen war, kamen
zwei Handwerksburschen daher und sahen die eine Gans, die noch nicht
angerührt war, mit hungrigen Augen an. Dachte der Bruder Lustig: »Mit
einer hast du genug,« rief die zwei Burschen herbei und sprach: »Da
nehmt die Gans und verzehrt sie auf meine Gesundheit.« Sie bedankten
sich, gingen damit ins Wirtshaus, ließen sich eine Halbe Wein und ein
Brot geben, packten die geschenkte Gans aus und fingen an zu essen.
Die Wirtin sah zu und sprach zu ihrem Mann: »Die zwei essen eine Gans,
sieh doch nach, ob's nicht eine von unsern aus der Ofenröhre ist.« Der
Wirt lief hin, da war die Ofenröhre leer: »Was, ihr Diebsgesindel,
so wohlfeil wollt ihr Gänse essen! Gleich bezahlt oder ich will euch
mit grünem Haselsaft waschen.« Die zwei sprachen: »Wir sind keine
Diebe, ein abgedankter Soldat hat uns die Gans draußen auf der Wiese
geschenkt.« -- »Ihr sollt mir keine Nase drehen, der Soldat ist hier
gewesen, aber als ein ehrlicher Kerl zur Tür hinausgegangen, auf den
hab' ich acht gehabt. Ihr seid die Diebe und sollt bezahlen.« Da sie
aber nicht bezahlen konnten, nahm er den Stock und prügelte sie zur Tür
hinaus.

Bruder Lustig ging seiner Wege und kam an einen Ort, da stand ein
prächtiges Schloß und nicht weit davon ein schlechtes Wirtshaus. Er
ging in das Wirtshaus und bat um ein Nachtlager, aber der Wirt wies ihn
ab und sprach: »Es ist kein Platz mehr da, das Haus ist voll vornehmer
Gäste.« -- »Das nimmt mich Wunder,« sprach der Bruder Lustig, »daß
sie zu Euch kommen und nicht in das prächtige Schloß gehen.« -- »Ja,«
antwortete der Wirt, »es hat was an sich, dort eine Nacht zu liegen,
wer's noch versucht hat, ist nicht lebendig wieder herausgekommen.« --
»Wenn's andere versucht haben,« sagte der Bruder Lustig, »will ich's
auch versuchen.« -- »Das laßt nur bleiben,« sprach der Wirt, »es geht
Euch an den Hals.« -- »Es wird nicht gleich an den Hals gehen,« sagte
der Bruder Lustig, »gebt mir nur die Schlüssel und brav Essen und
Trinken mit.« Nun gab ihm der Wirt die Schlüssel und Essen und Trinken,
und damit ging der Bruder Lustig ins Schloß, ließ sich's gut schmecken,
und als er endlich schläfrig wurde, legte er sich auf die Erde, denn
es war kein Bett da. Er schlief auch bald ein, in der Nacht aber wurde
er von einem großen Lärm aufgeweckt, und wie er sich ermunterte, sah
er neun häßliche Teufel in dem Zimmer, die hatten einen Kreis um ihn
gemacht und tanzten um ihn herum. Sprach der Bruder Lustig: »Nun tanzt,
solange ihr wollt, aber komm mir keiner zu nah.« Die Teufel aber
drangen immer näher auf ihn ein und traten ihm mit ihren garstigen
Füßen fast ins Gesicht. »Habt Ruh, ihr Teufelsgespenster,« sprach
er, aber sie trieben's immer ärger. Da ward der Bruder Lustig bös
und rief: »Holla, ich will bald Ruhe stiften!« kriegte ein Stuhlbein
und schlug mitten hinein. Aber neun Teufel gegen einen Soldaten war
doch zuviel, und wenn er auf den vordern zuschlug, so packten ihn die
andern hinten bei den Haaren und rissen ihn erbärmlich. »Teufelspack,«
rief er, »jetzt wird mir's zu arg: wartet aber! Alle neune in meinen
Ranzen hinein!« Husch steckten sie darin, und nun schnallte er ihn zu
und warf ihn in eine Ecke. Da war's auf einmal still und Bruder Lustig
legte sich wieder hin und schlief bis an den hellen Morgen. Nun kamen
der Wirt und der Edelmann, dem das Schloß gehörte, und wollten sehen,
wie es ihm ergangen wäre; als sie ihn gesund und munter erblickten,
erstaunten sie und fragten: »Haben Euch denn die Geister nichts
getan?« -- »Warum nicht gar,« antwortete Bruder Lustig, »ich habe sie
alle neune in meinem Ranzen. Ihr könnt Euer Schloß wieder ganz ruhig
bewohnen, es wird von nun an keiner mehr darin umgehen!« Da dankte ihm
der Edelmann, beschenkte ihn reichlich und bat ihn, in seinen Diensten
zu bleiben, er wollte ihn auf sein Lebtag versorgen. »Nein,« antwortete
er, »ich bin an das Herumwandern gewöhnt, ich will weiter ziehen.«
Da ging der Bruder Lustig fort, trat in eine Schmiede und legte den
Ranzen, worin die neun Teufel waren, auf den Amboß und bat den Schmied
und seine Gesellen zuzuschlagen. Die schlugen mit ihren großen Hämmern
aus allen Kräften zu, daß die Teufel ein erbärmliches Gekreisch
erhoben. Wie er danach den Ranzen aufmachte, waren achte tot, einer
aber, der in einer Falte gesessen hatte, war noch lebendig, schlüpfte
heraus und fuhr wieder in die Hölle.

Darauf zog der Bruder Lustig noch lange in der Welt herum, und wer's
wüßte, könnte viel davon erzählen. Endlich aber wurde er alt und dachte
an sein Ende, da ging er zu einem Einsiedler, der als ein frommer Mann
bekannt war und sprach zu ihm: »Ich bin das Wandern müde und will nun
trachten, in das Himmelreich zu kommen.« Der Einsiedler antwortete: »Es
gibt zwei Wege, der eine ist breit und angenehm und führt zur Hölle,
der andere ist eng und rauh und führt zum Himmel.« -- »Da müßt ich ein
Narr sein,« dachte der Bruder Lustig, »wenn ich den engen und rauhen
Weg gehen sollte.« Machte sich auf und ging den breiten und angenehmen
Weg, und kam endlich zu einem großen schwarzen Tor, und das war das
Tor der Hölle. Bruder Lustig klopfte an, und der Torwächter guckte,
wer da wäre. Wie er aber den Bruder Lustig sah, erschrak er, denn er
war gerade der neunte Teufel, der mit in dem Ranzen gesteckt hatte und
mit einem blauen Auge davongekommen war. Darum schob er den Riegel
geschwind wieder vor, lief zum Obersten der Teufel und sprach: »Draußen
ist ein Kerl mit einem Ranzen und will herein, aber laßt ihn beileibe
nicht herein, er wünscht sonst die ganze Hölle in seinen Ranzen. Er hat
mich einmal garstig darin hämmern lassen.« Also ward der Bruder Lustig
hinausgerufen, er sollte wieder abgehen, er käme nicht herein. »Wenn
sie mich da nicht wollen,« dachte er, »will ich sehen, ob ich im Himmel
ein Unterkommen finde, irgendwo muß ich doch bleiben.« Kehrte also um
und zog weiter, bis er vor das Himmelstor kam, wo er auch anklopfte.
Der heilige Petrus saß gerade dabei als Torwächter. Der Bruder Lustig
erkannte ihn gleich und dachte: »Hier findest du einen alten Freund,
da wird's besser gehen.« Aber der heilige Petrus sprach: »Ich glaube
gar, du willst in den Himmel?« -- »Laß mich doch ein, Bruder, ich muß
doch wo einkehren; hätten sie mich in der Hölle aufgenommen, so wär
ich nicht hierher gegangen.« -- »Nein,« sagte der heilige Petrus, »du
kommst nicht herein.« -- »Nun, willst du mich nicht einlassen, so nimm
auch deinen Ranzen wieder; dann will ich gar nichts von dir haben,«
sprach der Bruder Lustig. »So gib ihn her,« sagte der heilige Petrus.
Da reichte er den Ranzen durchs Gitter in den Himmel hinein, und der
heilige Petrus nahm ihn und hing ihn neben seinen Sessel auf. Da
sprach der Bruder Lustig: »Nun wünsch ich mich selbst in meinen Ranzen
hinein.« Husch, war er darin und saß nun im Himmel, und der heilige
Petrus mußte ihn darin lassen.




                            [Illustration]

                              Frau Holle


Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig,
die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule,
weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte
alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen
mußte sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und
mußte so viel spinnen, daß ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun
trug es sich zu, daß die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es
sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen. Sie sprang ihm
aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter
und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war
so unbarmherzig, daß sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen
lassen, so hol sie auch wieder herauf.« Da ging das Mädchen zu dem
Brunnen zurück und wußte nicht was es anfangen sollte, und in seiner
Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.
Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich
selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und
viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu
einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh
mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst
ausgebacken.« Da trat es herzu, und holte mit dem Brotschieber alles
nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der
hing voll Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich,
wir Äpfel sind alle miteinander reif.« Da schüttelte es den Baum, daß
die Äpfel fielen als regneten sie, und schüttelte bis keiner mehr oben
war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es
wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine
alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es
wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest
du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause
ordentlich tun willst, so soll dir's gut gehn. Du mußt nur acht geben,
daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die
Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.«
Weil die Alte ihm so gut zusprach, so faßte sich das Mädchen ein Herz,
willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles
nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig
auf, daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch
ein gutes Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes
und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward
es traurig und wußte anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich
merkte es, daß es Heimweh war; ob es ihm hier gleich viel tausendmal
besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich
sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es
mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger
bleiben, ich muß wieder hinauf zu den Meinigen.« Die Frau Holle sagte:
»Es gefällt mir, daß du wieder nach Hause verlangst, und weil du mir
so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.«
Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das
Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel
ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so daß
es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben, weil du
so fleißig gewesen bist,« sprach die Frau Holle und gab ihm auch die
Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor
verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit
von seiner Mutter Haus. Und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem
Brunnen und rief:

            »Kikeriki,
  unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt
ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter
hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der
andern häßlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen.
Sie mußte sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule
blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in
die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber
hinein. Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf
demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das
Brot wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich,
ich bin schon längst ausgebacken.« Die Faule aber antwortete: »Da hätt
ich Lust, mich schmutzig zu machen,« und ging fort. Bald kam sie zu
dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel
sind alle miteinander reif.« Sie antwortete aber: »Du kommst mir recht,
es könnte mir einer auf den Kopf fallen,« und ging damit weiter. Als
sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie
von ihren großen Zähnen schon gehört hatte und verdingte sich gleich
zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte
der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele
Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon
an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht
aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht wie sich's
gebührte und schüttelte es nicht, daß die Federn aufflogen. Das ward
die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war
das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau
Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunter stand, ward
statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet. »Das ist
zur Belohnung deiner Dienste,« sagte die Frau Holle und schloß das Tor
zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der
Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief:

  »Kikeriki,
  unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.«

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, so lange sie lebte,
nicht abgehen.




                            [Illustration]

                          Die drei Vügelkens


Et is wul dusent un meere Jaare hen, da wören hier im Lanne luter
kleine Künige, da hed auck einer up den Keuterberge wünt (gewohnt), de
gink sau geren up de Jagd. Ase nu mal mit sinen Jägern vom Schlotte
herruttrok, höen (hüteten) unner den Berge drei Mäkens ire Köge (Kühe),
un wie sei den Künig mit den vielen Lüen (Leuten) seien, so reip de
ölleste den annern beden Mäkens to, un weis up den Künig: »Helo! Helo!
Wenn ik den nig kriege, so will ik keinen.« Da antworde de zweide up de
annere Side vom Berge, un weis up den, de dem Künige rechter Hand gink:
»Helo! Helo! Wenn ik den nig kriege, so will ik keinen.« Da reip de
jüngste, un weis up den, de linker Hand gink: »Helo! Helo! Wenn ik den
nig kriege, so will ik keinen.« Dat wören awerst de beden Ministers.
Dat hörde de Künig alles, und ase von der Jagd heime kummen was, leit
he de drei Mäkens to sik kummen un fragete se, wat se da gistern am
Berge segd hedden. Dat wullen se nig seggen, de Künig frog awerst de
ölleste, ob se ün wol tom Manne hewen wulle? Da segte se ja, un ere
beiden Süstern friggeten de beiden Ministers, denn se wören alle drei
scheun un schier (klar, schön) von Angesicht, besunners de Künigin, de
hadde Hare ase Flass.

De beiden Süstern awerst kregen keine Kinner, un ase de Künig mal
verreisen moste, let he se tor Künigin kummen, um se up to munnern,
denn se was grae (gerad) swanger. Se kreg en kleinen Jungen, de hadde
'n ritsch roen (roten) Stern mit up de Weld. Da sehden de beiden
Süstern, eine tor annern, se wullen den hübsken Jungen in't Water
werpen. Wie se'n darin worpen hadden (ick glöwe, et is de Weser west),
da flügt'n Vügelken in de Högte, dat sank:

    »Tom Daude bereit,
   up wietern Bescheid
     tom Lilienstrus:
  Wacker Junge, bist du's?«

Da dat de beiden hörten, kregen se de Angst up'n Lieve, un makten, dat
se fort keimen. Wie de Künig na Hus kam, sehden se to üm, de Künigin
hedde'n Hund kregen. Da segde de Künig: »Wat Gott deiet, dat is wole
dahn.«

Et wunde awerst'n Fisker an den Water, de fiskede den kleinen Jungen
wier herut, ase noch ewen lebennig was, un da sine Fru kene Kinner
hadde, foerden (fütterten) s'en up. Na'n Jaar was de Künig wier
verreist, da krig de Künigin wier'n Jungen, den namen de beiden falsken
Süstern und warpen'n auck in't Water, da flügt dat Vügelken wier in de
Högte un sank:

  »Tom Daude bereit,
  up wietern Bescheid
  tom Lilienstrus:
  Wacker Junge, bist du's?«

Un wie de Künig torügge kam, sehden se to üm, de Künigin hedde wier 'n
Hund bekummen, un he segde wier: »Wat Gott deit, dat is wole dahn.«
Awerst de Fisker trok düsen auck ut den Water un foerd 'n up.

Da verreisede de Künig wier, un de Künigin kreg 'n klein Mäken, dat
warpen de falsken Süstern auck in't Water. Da flügt dat Vügelken wier
in de Högte un sank:

  »Tom Daude bereit,
  up wietern Bescheid
  tom Lilienstrus:
  Wacker Mäken, bist du's?«

Un wie de Künig na Hus kam, sehden se üm, de Künigin hedde 'ne Katte
kregt. Do worde de Künig beuse, un leit sine Fru in't Gefängnis
smieten, da hed se lange Jaare in setten.

De Kinner wören unnerdes anewassen, da gink de ölleste mal mit annern
Jungens herut to fisken, da wüllt ün de annern Jungens nig twisken sik
hewen un segget: »Du Fündling, gaa du diner Wege.« Da ward he gans
bedröwet un fräggt den olen Fisker, ob dat wahr wöre? De vertellt ün,
dat he mal fisked hedde, un hedde ün ut den Water troken (gezogen).
Da segd he, he wulle furt un sinen Teiten (Vater) söken. De Fisker, de
biddet 'n, he mögde doch bliven, awerst he let sik gar nich hallen,
bis de Fisker et tolest to givt. Da givt he sik up den Weg un geit
meere Dage hinnern'n anner, endlich kümmt he vor 'n graut allmächtig
Water, davor steit 'ne ole Fru un fiskede. »Guden Dag, Moer,« segde de
Junge. »Groten Dank.« -- »Du süst da wol lange fisken, e du 'n Fisk
fängest.« -- »Un du wol lange söken, e du dinen Teiten findst. Wie wust
du der denn da över't Water kummen?« sehde de Fru. »Ja, dat mag Gott
witten.« Da nümmt de ole Fru ün up den Rüggen un dragt 'n derdörch,
un he söcht lange Tiid un kann sinen Teiten nig finnen. Ase nu wol 'n
Jaar veröwer is, da trekt de tweide auck ut un will sinen Broer söken.
He kümmt an dat Water, un da geit et ün ewen so, ase sinen Broer. Nu
was nur noch de Dochter allein to Hus, de jammerde so viel na eren
Broern, dat se upt lest auck den Fisker bad, he mögte se treken laten,
je wulle ere Broerkes söken. Da kam se auck bie den grauten Water, da
sehde se tor olen Fru: »Guden Dag, Moer.« -- »Groten Dank.« -- »Gott
helpe ju bie juen fisken.« Ase de ole Fru dat hörde, da word se ganz
fründlich un drog se över't Water un gab er 'n Roe (Rute), un sehde to
er: »Nu gah man jümmer up düsen Wege to, mine Dochter, un wenn du bie
einen groten swarten Hund vorbie kümmst, so must du still un drist un
one to lachen un one ün antokicken, vorbie gaan. Dann kümmest du an 'n
grot open Schlott, up'n Süll (Schwelle) most du de Roe fallen laten un
stracks dörch dat Schlott an den annern Side wier herut gahen; da is
'n olen Brunnen, darut is 'n groten Bom wassen, daran hänget 'n Vugel
im Buer, den nümm af: dann nümm noch 'n Glas Water ut den Brunnen un
gaa mit düsen beiden den sülvigen Weg wier torügge; up den Süll nümm
de Roe auck wier mit, un wenn du dann wier bie den Hund vorbie kummst,
so schlah ün in't Gesicht, awerst sü to, dat du ün treppest, un dann
kumm nur wier to me torügge.« Da fand se et grade so, ase de Fru et
sagt hadde, un up den Rückwege da fand se de beiden Broer, de sik de
halve Welt durchsöcht hadden. Se gink tosammen, bis wo de swarte Hund
an den Weg lag, den schlog se int't Gesicht, da word et 'n schönen
Prinz, de geit mit ünen, bis an dat Water. Da stand da noch de ole Fru,
de frögede sik ser, da se alle wier da wören, un drog se alle över't
Water, un dann gink se auck weg, denn se was nu erlöst. De annern
awerst gingen alle na den olen Fisker, un alle wären froh, dat se sik
wier funnen hadden, den Vugel awerst hüngen se an der Wand.

De tweide Suhn kunne awerst nig to Huse rasten, un nam 'n Flitzebogen
un gink up de Jagd. Wie he möe was, nam he sine Flötepipen un mackte 'n
Stücksken. De Künig awerst wör auck up de Jagd un hörde dat, da gink he
hin, un wie he den Jungen drap, so sehde he: »We hett die verlöwt, hier
to jagen?« -- »Oh, neimes (niemand).« -- »Wen hörst du dann to?« -- »Ik
bin de Fisker sin Suhn.« -- »De hett ja keine Kinner.« -- »Wenn du't
nig glöwen wust, so kum mit.« Dat dehe de Künig un frog den Fisker, de
vertälle ün alles, un dat Vügelken an der Wand fing an to singen:

  »De Möhme sitt allein
   wol in dat Kerkerlein.
   O Künig, edeles Blod,
  dat sind dine Kinner god.
   De falsken Süstern beide
  de dehen de Kinnerkes Leide,
  wol in des Waters Grund,
   wo se de Fisker fund.«

Da erschraken se alle, un de Künig nahm den Vugel, den Fisker un de
drei Kinner mit sik na den Schlotte, un leit dat Gefänknis upschluten
un nam sine Fru wier herut, de was awerst gans kränksch un elennig
woren. Da gav er de Dochter von den Water ut den Brunnen to drinken,
da war se frisk un gesund. De beiden falsken Süstern wören awerst
verbrennt, un de Dochter friggede den Prinzen.




                            [Illustration]

                           König Drosselbart


Ein König hatte eine Tochter, die war über alle Maßen schön, aber dabei
so stolz und übermütig, daß ihr kein Freier gut genug war. Sie wies
einen nach dem andern ab und trieb noch dazu Spott mit ihnen. Einmal
ließ der König ein großes Fest anstellen und ladete dazu aus der Nähe
und Ferne die heiratslustigen Männer ein. Sie wurden alle in eine
Reihe nach Rang und Stand geordnet; erst kamen die Könige, dann die
Herzöge, die Fürsten, Grafen und Freiherren, zuletzt die Edelleute.
Nun ward die Königstochter durch die Reihen geführt, aber an jedem
hatte sie etwas auszusetzen. Der eine war ihr zu dick: »Das Weinfaß!«
sprach sie. Der andere zu lang: »Lang und schwank hat keinen Gang.«
Der dritte zu kurz: »Kurz und dick hat kein Geschick.« Der vierte zu
blaß: »Der bleiche Tod!« Der fünfte zu rot: »Der Zinshahn!« Der sechste
war nicht gerad genug: »Grünes Holz, hinterm Ofen getrocknet!« Und so
hatte sie an einem jeden etwas auszusetzen, besonders aber machte sie
sich über einen guten König lustig, der ganz oben stand und dem das
Kinn ein wenig krumm gewachsen war. »Ei,« rief sie und lachte, »der
hat ein Kinn, wie die Drossel einen Schnabel.« Und seit der Zeit bekam
er den Namen Drosselbart. Der alte König aber, als er sah, daß seine
Tochter nichts tat als über die Leute spotten und alle Freier, die da
versammelt waren, verschmähte, ward zornig und schwur, sie sollte den
ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine Türe käme.

Ein paar Tage darauf hub ein Spielmann an unter dem Fenster zu singen,
um damit ein geringes Almosen zu verdienen. Als es der König hörte,
sprach er: »Laßt ihn heraufkommen.« Da trat der Spielmann in seinen
schmutzigen, verlumpten Kleidern herein, sang vor dem König und seiner
Tochter und bat, als er fertig war, um eine milde Gabe. Der König
sprach: »Dein Gesang hat mir so wohl gefallen, daß ich dir meine
Tochter da zur Frau geben will.« Die Königstochter erschrak, aber der
König sagte: »Ich habe den Eid getan, dich dem ersten besten Bettelmann
zu geben, den will ich auch halten.« Es half keine Einrede, der Pfarrer
ward geholt, und sie mußte sich gleich mit dem Spielmann trauen lassen.
Als das geschehen war, sprach der König: »Nun schickt sich's nicht, daß
du als Bettelweib noch länger in meinem Schloß bleibst, du kannst nur
mit deinem Manne fortziehen.«

Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie mußte mit ihm zu
Fuß fortgehen. Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie:

   »Ach, wem gehört der schöne Wald?«
     »Der gehört dem König Drosselbart;
    hättst du'n genommen, so wär er dein.«
          »Ich arme Jungfer zart,
    ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!«

Darauf kamen sie über eine Wiese, da fragte sie wieder:

  »Wem gehört die schöne grüne Wiese?«
  »Sie gehört dem König Drosselbart;
  hättst du'n genommen, so wär sie dein.«
  »Ich arme Jungfer zart,
  ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!«

Dann kamen sie durch eine große Stadt, da fragte sie wieder:

  »Wem gehört diese schöne große Stadt?«
  »Sie gehört dem König Drosselbart;
  hättst du'n genommen, so wär sie dein.«
  »Ich arme Jungfer zart,
  ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!«

»Es gefällt mir gar nicht,« sprach der Spielmann, »daß du dir immer
einen andern zum Manne wünschest; bin ich dir nicht gut genug?« Endlich
kamen sie an ein ganz kleines Häuschen, da sprach sie:

  »Ach Gott, was ist das Haus so klein!
  Wem mag das elende winzige Häuschen sein?«

Der Spielmann antwortete: »Das ist mein und dein Haus, wo wir
zusammen wohnen.« Sie mußte sich bücken, damit sie zu der niedrigen
Tür hineinkam. »Wo sind die Diener?« sprach die Königstochter. »Was,
Diener,« antwortete der Bettelmann, »du mußt selber tun, was du willst
getan haben. Mach nur gleich Feuer an und stell Wasser auf, daß du mir
mein Essen kochst; ich bin ganz müde.« Die Königstochter verstand aber
nichts vom Feueranmachen und Kochen, und der Bettelmann mußte selber
mit Hand anlegen, daß es noch so leidlich ging. Als sie die schmale
Kost verzehrt hatten, legten sie sich zu Bett. Aber am Morgen trieb
er sie schon ganz früh heraus, weil sie das Haus besorgen sollte. Ein
paar Tage lebten sie auf diese Art schlecht und recht und zehrten ihren
Vorrat auf. Da sprach der Mann: »Frau, so geht's nicht länger, daß wir
hier zehren und nichts verdienen. Du sollst Körbe flechten.« Er ging
aus, schnitt Weiden und brachte sie heim. Da fing sie an zu flechten,
aber die harten Weiden stachen ihr die zarten Hände wund. »Ich sehe,
das geht nicht,« sprach der Mann, »spinn lieber, vielleicht kannst du
das besser.« Sie setzte sich hin und versuchte zu spinnen, aber der
harte Faden schnitt ihr bald in die weichen Finger, daß das Blut daran
herunter lief. »Siehst du,« sprach der Mann, »du taugst zu keiner
Arbeit, mit dir bin ich schlimm angekommen. Nun will ich's versuchen
und einen Handel mit Töpfen und irdenem Geschirr anfangen: du sollst
dich auf den Markt setzen und die Ware feilhalten.« -- »Ach,« dachte
sie, »wenn auf den Markt Leute aus meines Vaters Reich kommen und sehen
mich da sitzen und feilhalten, wie werden sie mich verspotten!« Aber
es half nichts, sie mußte sich fügen, wenn sie nicht Hungers sterben
wollten. Das erstemal ging's gut, denn die Leute kauften der Frau, weil
sie schön war, gern ihre Ware ab und bezahlten, was sie forderte; ja,
viele gaben ihr das Geld und ließen ihr die Töpfe noch dazu. Nun lebten
sie von dem Erworbenen, solange es dauerte, da handelte der Mann wieder
eine Menge neues Geschirr ein. Sie setzte sich damit an eine Ecke des
Marktes und stellte es um sich her und hielt feil. Da kam plötzlich
ein trunkener Husar daher gejagt und ritt geradezu in die Töpfe hinein,
daß alles in tausend Scherben zersprang. Sie fing an zu weinen und
wußte vor Angst nicht, was sie anfangen sollte. »Ach, wie wird mir's
ergehen!« rief sie, »was wird mein Mann dazu sagen!« Sie lief heim und
erzählte ihm das Unglück. »Wer setzt sich auch an die Ecke des Marktes
mit irdenem Geschirr!« sprach der Mann, »laß nur das Weinen, ich sehe
wohl, du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen. Da bin ich
in unseres Königs Schloß gewesen und habe gefragt, ob sie nicht eine
Küchenmagd brauchen könnten, und sie haben mir versprochen, sie wollten
dich dazu nehmen; dafür bekommst du freies Essen.«

Nun ward die Königstochter eine Küchenmagd, mußte dem Koch zur Hand
gehen und die sauerste Arbeit tun. Sie machte sich in beiden Taschen
ein Töpfchen fest, darin brachte sie nach Haus, was ihr von dem
Übriggebliebenen zuteil ward, und davon nährten sie sich. Es trug
sich zu, daß die Hochzeit des ältesten Königssohnes sollte gefeiert
werden, da ging die arme Frau hinauf, stellte sich vor die Saaltüre
und wollte zusehen. Als nun die Lichter angezündet waren, und immer
einer schöner als der andere hereintrat und alles voll Pracht und
Herrlichkeit war, da dachte sie mit betrübtem Herzen an ihr Schicksal
und verwünschte ihren Stolz und Übermut, der sie erniedrigt und in so
große Armut gestürzt hatte. Von den köstlichsten Speisen, die da ein
und aus getragen wurden, und von welchen der Geruch zu ihr aufstieg,
warfen ihr Diener manchmal ein paar Brocken zu, die tat sie in ihr
Töpfchen und wollte es heimtragen. Auf einmal trat der Königssohn
herein, war in Sammet und Seide gekleidet und hatte goldene Ketten um
den Hals. Und als er die schöne Frau in der Türe stehen sah, ergriff
er sie bei der Hand und wollte mit ihr tanzen, aber sie weigerte sich
und erschrak, denn sie sah, daß es der König Drosselbart war, der um
sie gefreit und den sie mit Spott abgewiesen hatte. Ihr Sträuben half
nichts, er zog sie in den Saal: da zerriß das Band, an welchem die
Taschen hingen, und die Töpfe fielen heraus, daß die Suppe floß und
die Brocken umhersprangen. Und wie das die Leute sahen, entstand ein
allgemeines Gelächter und Spotten, und sie war so beschämt, daß sie
sich lieber tausend Klafter unter die Erde gewünscht hätte. Sie sprang
zur Türe hinaus und wollte entfliehen, aber auf der Treppe holte sie
ein Mann ein und brachte sie zurück. Und wie sie ihn ansah, war es
wieder der König Drosselbart. Er sprach ihr freundlich zu: »Fürchte
dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen
gewohnt hat, sind eins. Dir zuliebe habe ich mich so verstellt, und der
Husar, der dir die Töpfe entzwei geritten hat, bin ich auch gewesen.
Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für
deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottest hast.« Da weinte
sie bitterlich und sagte: »Ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht
wert, deine Frau zu sein.« Er aber sprach: »Tröste dich, die bösen Tage
sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.« Da kamen die
Kammerfrauen und taten ihr die prächtigsten Kleider an, und ihr Vater
kam und der ganze Hof und wünschten ihr Glück zu ihrer Vermählung mit
dem König Drosselbart, und die rechte Freude fing jetzt erst an. Ich
wollte, du und ich, wir wären auch dabei gewesen.




                            [Illustration]

                  Sechse kommen durch die ganze Welt


Es war einmal ein Mann, der verstand allerlei Künste. Er diente im
Krieg und hielt sich brav und tapfer, aber als der Krieg zu Ende war,
bekam er den Abschied und drei Heller Zehrgeld auf den Weg. »Wart,«
sprach er, »das laß ich mir nicht gefallen, finde ich die rechten
Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes
herausgeben.« Da ging er voll Zorn in den Wald und sah einen darin
stehen, der hatte sechs Bäume ausgerupft, als wären's Kornhalme. Sprach
er zu ihm: »Willst du mein Diener sein und mit mir ziehen?« -- »Ja,«
antwortete er, »aber erst will ich meiner Mutter das Wellchen Holz
heimbringen,« und nahm einen von den Bäumen und wickelte ihn um die
fünf andern, hob die Welle auf die Schulter und trug sie fort. Dann
kam er wieder und ging mit seinem Herrn, der sprach: »Wir zwei sollten
wohl durch die ganze Welt kommen.« Und als sie ein Weilchen gegangen
waren, fanden sie einen Jäger, der lag auf den Knien, hatte die Büchse
angelegt und zielte. Sprach der Herr zu ihm: »Jäger, was willst du
schießen?« Er antwortete. »Zwei Meilen von hier sitzt eine Fliege auf
dem Ast eines Eichbaums, der will ich das linke Auge herausschießen.«
-- »Oh, geh mit mir,« sprach der Mann, »wenn wir drei zusammen sind,
sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.« Der Jäger war bereit
und ging mit ihm, und sie kamen zu sieben Windmühlen, deren Flügel
trieben ganz hastig herum und ging doch links und rechts kein Wind und
bewegte sich kein Blättchen. Da sprach der Mann: »Ich weiß nicht, was
die Windmühlen treibt, es regt sich ja kein Lüftchen,« und ging mit
seinen Dienern weiter, und als sie zwei Meilen fortgegangen waren,
sahen sie einen auf einem Baum sitzen, der hielt das eine Nasenloch zu
und blies aus dem andern. »Mein, was treibst du da oben?« fragte der
Mann. Er antwortete: »Zwei Meilen von hier stehen sieben Windmühlen,
seht, die blase ich an, daß sie laufen.« -- »Oh, geh mit mir,« sprach
der Mann, »wenn wir vier zusammen sind, sollten wir wohl durch die
ganze Welt kommen.« Da stieg der Bläser herab und ging mit, und über
eine Zeit sahen sie einen, der stand da auf einem Bein und hatte das
andere abgeschnallt und neben sich gelegt. Da sprach der Herr: »Du
hast dir's ja bequem gemacht zum Ausruhen.« -- »Ich bin ein Laufer,«
antwortete er, »und damit ich nicht gar zu schnell springe, habe ich
mir das eine Bein abgeschnallt; wenn ich mit zwei Beinen laufe, so
geht's geschwinder als ein Vogel fliegt.« -- »Oh, geh mit mir, wenn wir
fünf zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.« Da
ging er mit, und gar nicht lang, so begegneten sie einem, der hatte ein
Hütchen auf, hatte es aber ganz auf dem einen Ohre sitzen. Da sprach
der Herr zu ihm: »Manierlich! Manierlich! Häng deinen Hut doch nicht
auf ein Ohr, du siehst ja aus wie ein Hans Narr.« -- »Ich darf's nicht
tun,« sprach der andere, »denn setz ich meinen Hut gerad, so kommt ein
gewaltiger Frost, und die Vögel unter dem Himmel erfrieren und fallen
tot zur Erde.« -- »Oh, geh mit mir,« sprach der Herr, »wenn wir sechs
zusammen sind, sollten wir wohl durch die ganze Welt kommen.«

Nun gingen die sechse in eine Stadt, wo der König hatte bekannt machen
lassen, wer mit seiner Tochter in die Wette laufen wollte und den Sieg
davon trüge, der sollte ihr Gemahl werden; wer aber verlöre, müßte
auch seinen Kopf hergeben. Da meldete sich der Mann und sprach: »Ich
will aber meinen Diener für mich laufen lassen.« Der König antwortete:
»Dann mußt du auch noch dessen Leben zum Pfand setzen, also daß sein
und dein Kopf für den Sieg haften.« Als das verabredet und festgemacht
war, schnallte der Mann dem Laufer das andere Bein an und sprach zu
ihm: »Nun sei hurtig und hilf, daß wir siegen.« Es war aber bestimmt,
daß wer am ersten Wasser aus einem weit abgelegenen Brunnen brächte,
der sollte Sieger sein. Nun bekam der Laufer einen Krug und die
Königstochter auch einen, und sie fingen zu gleicher Zeit zu laufen
an. Aber in einem Augenblick, als die Königstochter erst eine kleine
Strecke fort war, konnte den Laufer schon kein Zuschauer mehr sehen,
und es war nicht anders, als wäre der Wind vorbeigesaust. In kurzer
Zeit langte er bei dem Brunnen an, schöpfte den Krug voll Wasser
und kehrte wieder um. Mitten aber auf dem Heimweg überkam ihn eine
Müdigkeit, da setzte er den Krug hin, legte sich nieder und schlief
ein. Er hatte aber einen Pferdeschädel, der da auf der Erde lag, zum
Kopfkissen gemacht, damit er hart läge und bald wieder erwachte.
Indessen war die Königstochter, die auch gut laufen konnte, so gut es
ein gewöhnlicher Mensch vermag, bei dem Brunnen angelangt, und eilte
mit ihrem Krug voll Wasser zurück; und als sie den Laufer daliegen
und schlafen sah, war sie froh und sprach: »Der Feind ist in meine
Hände gegeben,« leerte seinen Krug aus und sprang weiter. Nun wäre
alles verloren gewesen, wenn nicht zu gutem Glück der Jäger mit seinen
scharfen Augen oben auf dem Schloß gestanden und alles mit angesehen
hätte. Da sprach er: »Die Königstochter soll doch gegen uns nicht
aufkommen,« lud seine Büchse und schoß so geschickt, daß er dem Laufer
den Pferdeschädel unter dem Kopf wegschoß, ohne ihm weh zu tun. Da
erwachte der Laufer, sprang in die Höhe und sah, daß sein Krug leer und
die Königstochter schon weit voraus war. Aber er verlor den Mut nicht,
lief mit dem Krug wieder zum Brunnen zurück, schöpfte aufs neue Wasser
und war noch zehn Minuten eher als die Königstochter daheim. »Seht
ihr,« sprach er, »jetzt hab' ich erst die Beine aufgehoben, vorher
war's gar kein Laufen zu nennen.«

Den König aber kränkte es, und seine Tochter noch mehr, daß sie so
ein gemeiner abgedankter Soldat davon tragen sollte; sie ratschlagten
miteinander, wie sie ihn samt seinen Gesellen los würden. Da sprach der
König zu ihr: »Ich habe ein Mittel gefunden, laß dir nicht bang sein,
sie sollen nicht wieder heim kommen.« Und sprach zu ihnen: »Ihr sollt
euch nun zusammen lustig machen, essen und trinken,« und führte sie
zu einer Stube, die hatte einen Boden von Eisen und die Türen waren
auch von Eisen, und die Fenster waren mit eisernen Stäben verwahrt.
In der Stube war eine Tafel mit köstlichen Speisen besetzt, da sprach
der König zu ihnen: »Geht hinein und laßt's euch wohl sein.« Und wie
sie darinnen waren, ließ er die Türe verschließen und verriegeln.
Dann ließ er den Koch kommen und befahl ihm, ein Feuer so lange unter
die Stube zu machen, bis das Eisen glühend würde. Das tat der Koch,
und es fing an und ward den sechsen in der Stube, während sie an der
Tafel saßen, ganz warm, und sie meinten, das käme vom Essen; als aber
die Hitze immer größer ward und sie hinaus wollten, Türe und Fenster
aber verschlossen fanden, da merkten sie, daß der König Böses im
Sinne gehabt hatte und sie ersticken wollte. »Es soll ihm aber nicht
gelingen,« sprach der mit dem Hütchen, »ich will einen Frost kommen
lassen, vor dem sich das Feuer schämen und verkriechen soll.« Da setzte
er sein Hütchen gerade, und alsobald fiel ein Frost, daß alle Hitze
verschwand und die Speisen auf den Schüsseln anfingen zu frieren. Als
nun ein paar Stunden herum waren und der König glaubte, sie wären in
der Hitze verschmachtet, ließ er die Türe öffnen und wollte selbst
nach ihnen sehen. Aber wie die Türe aufging, standen sie alle sechse
da, frisch und gesund, und sagten, es wäre ihnen lieb, daß sie heraus
könnten, sich zu wärmen, denn bei der großen Kälte in der Stube frören
die Speisen an den Schüsseln fest. Da ging der König voll Zorn hinab
zu dem Koch, schalt ihn und fragte, warum er nicht getan hätte, was
ihm wäre befohlen worden. Der Koch aber antwortete: »Es ist Glut genug
da, seht nur selbst.« Da sah der König, daß ein gewaltiges Feuer unter
der Eisenstube brannte, und merkte, daß er den sechsen auf diese Weise
nichts anhaben könnte.

Nun sann der König aufs neue, wie er die bösen Gäste los würde, ließ
den Meister kommen und sprach: »Willst du Gold nehmen und dein Recht
auf meine Tochter aufgeben, so sollst du haben, soviel du willst.« --
»O ja, Herr König,« antwortete er, »gebt mir soviel als mein Diener
tragen kann, so verlange ich Eure Tochter nicht.« Das war der König
zufrieden, und jener sprach weiter: »So will ich in vierzehn Tagen
kommen und es holen.« Darauf rief er alle Schneider aus dem ganzen
Reich herbei, die mußten vierzehn Tage lang sitzen und einen Sack
nähen. Und als er fertig war, mußte der Starke, welcher Bäume ausrupfen
konnte, den Sack auf die Schulter nehmen und mit ihm zu dem König
gehen. Da sprach der König: »Was ist das für ein gewaltiger Kerl, der
den hausgroßen Ballen Leinwand auf der Schulter trägt?« erschrak und
dachte, »was wird der für Gold wegschleppen!« Da hieß er eine Tonne
Gold herbringen, die mußten sechzehn der stärksten Männer tragen,
aber der Starke packte sie mit einer Hand, steckte sie in den Sack
und sprach: »Warum bringt ihr nicht gleich mehr, das deckt ja kaum
den Boden.« Da ließ der König nach und nach seinen ganzen Schatz
herbeitragen, den schob der Starke in den Sack hinein, und der Sack
ward davon noch nicht zur Hälfte voll. »Schafft mehr herbei,« rief er,
»die paar Brocken füllen nicht.« Da mußten noch siebentausend Wagen
mit Gold in dem ganzen Reich zusammengefahren werden. Die schob der
Starke samt den vorgespannten Ochsen in seinen Sack. »Ich will's nicht
lange besehen,« sprach er, »und nehmen was kommt, damit der Sack nur
voll wird.« Wie alles darin stak, ging doch noch viel hinein, da sprach
er: »Ich will dem Ding ein Ende machen, man bindet wohl einmal einen
Sack zu, wenn er auch noch nicht voll ist.« Dann huckte er ihn auf den
Rücken und ging mit seinen Gesellen fort.

Als der König nun sah, wie der einzige Mann des ganzen Landes Reichtum
forttrug, ward er zornig und ließ seine Reiterei aufsitzen, die sollten
den sechsen nachjagen, und hatten Befehl, dem Starken den Sack wieder
abzunehmen. Zwei Regimenter holten sie bald ein und riefen ihnen zu:
»Ihr seid Gefangene, legt den Sack mit dem Gold nieder oder ihr werdet
zusammengehauen.« -- »Was sagt ihr?« sprach der Bläser, »wir wären
Gefangene? Eher sollt ihr sämtlich in der Luft herumtanzen,« hielt das
eine Nasenloch zu und blies mit dem andern die beiden Regimenter an;
da fuhren sie auseinander und in die blaue Luft über alle Berge weg,
der eine hierhin, der andere dorthin. Ein Feldwebel rief um Gnade,
er hätte neun Wunden und wäre ein braver Kerl, der den Schimpf nicht
verdiente. Da ließ der Bläser ein wenig nach, so daß er ohne Schaden
wieder herab kam, dann sprach er zu ihm: »Nun geh heim zum König und
sag, er sollte nur noch mehr Reiterei schicken, ich wollte sie alle in
die Luft blasen.« Der König, als er den Bescheid vernahm, sprach: »Laßt
die Kerle gehen, die haben etwas an sich.« Da brachten die sechs den
Reichtum heim, teilten ihn unter sich und lebten vergnügt bis an ihr
Ende.




                            [Illustration]

                Der Teufel mit den drei goldenen Haaren


Es war einmal eine arme Frau, die gebar ein Söhnlein, und weil es eine
Glückshaut um hatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt, es
werde im vierzehnten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben. Es
trug sich zu, daß der König bald darauf ins Dorf kam, und niemand
wußte, daß es der König war, und als er die Leute fragte, was es Neues
gäbe, so antworteten sie: »Es ist in diesen Tagen ein Kind mit einer
Glückshaut geboren. Was so einer unternimmt, das schlägt ihm zum Glück
aus. Es ist ihm auch voraus gesagt, in seinem vierzehnten Jahre solle
er die Tochter des Königs zur Frau haben.« Der König, der ein böses
Herz hatte und über die Weissagung sich ärgerte, ging zu den Eltern,
tat ganz freundlich und sagte: »Ihr armen Leute, überlaßt mir euer
Kind, ich will es versorgen.« Anfangs weigerten sie sich, da aber der
fremde Mann schweres Geld dafür bot und sie dachten: »Es ist ein
Glückskind, es muß doch zu seinem Besten ausschlagen,« so willigten sie
endlich ein und gaben ihm das Kind.

Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weiter, bis er zu
einem tiefen Wasser kam. Da warf er die Schachtel hinein und dachte:
»Von dem unerwarteten Freier habe ich meiner Tochter geholfen.« Die
Schachtel aber ging nicht unter, sondern schwamm wie ein Schiffchen,
und es drang auch kein Tröpfchen Wasser hinein. So schwamm sie bis zwei
Meilen von des Königs Hauptstadt, wo eine Mühle war, an dessen Wehr
sie hängen blieb. Ein Mahlbursche, der glücklicherweise da stand und
sie bemerkte, zog sie mit einem Haken heran und meinte, große Schätze
zu finden, als er sie aber aufmachte, lag ein schöner Knabe darin, der
ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und
weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich und sprachen: »Gott
hat es uns beschert.« Sie pflegten den Findling wohl, und er wuchs in
allen Tugenden heran.

Es trug sich zu, daß der König einmal bei einem Gewitter in die Mühle
trat und die Müllersleute fragte, ob der große Junge ihr Sohn wäre.
»Nein,« antworteten sie, »es ist ein Findling, er ist vor vierzehn
Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche
hat ihn aus dem Wasser gezogen.« Da merkte der König, daß es niemand
anders, als das Glückskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und
sprach: »Ihr guten Leute, könnte der Junge nicht einen Brief an die
Frau Königin bringen, ich will ihm zwei Goldstücke zum Lohn geben?« --
»Wie der Herr König gebietet,« antworteten die Leute und hießen den
Jungen, sich bereit halten. Da schrieb der König einen Brief an die
Königin, worin stand: »Sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt
ist, soll er getötet und begraben werden, und das alles soll geschehen,
ehe ich zurückkomme.«

Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verirrte sich
aber und kam abends in einen großen Wald. In der Dunkelheit sah er ein
kleines Licht, ging darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er
hineintrat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrak,
als sie den Knaben erblickte und sprach: »Wo kommst du her und wo
willst du hin?« -- »Ich komme von der Mühle,« antwortete er, »und will
zur Frau Königin, der ich einen Brief bringen soll. Weil ich mich
aber in dem Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne übernachten.«
-- »Du armer Junge,« sprach die Frau, »du bist in ein Räuberhaus
geraten, und wenn sie heim kommen, so bringen sie dich um.« -- »Mag
kommen, wer will,« sagte der Junge, »ich fürchte mich nicht; ich bin
aber so müde, daß ich nicht weiter kann,« streckte sich auf eine Bank
und schlief ein. Bald hernach kamen die Räuber und fragten zornig,
was da für ein fremder Knabe läge. »Ach,« sagte die Alte, »es ist ein
unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verirrt, und ich habe es aus
Barmherzigkeit aufgenommen. Es soll einen Brief an die Frau Königin
bringen.« Die Räuber erbrachen den Brief und lasen ihn, und es stand
darin, daß der Knabe sogleich, wie er ankäme, sollte ums Leben gebracht
werden. Da empfanden die hartherzigen Räuber Mitleid, und der Anführer
zerriß den Brief und schrieb einen andern, und es stand darin, sowie
der Knabe ankäme, sollte er sogleich mit der Königstochter vermählt
werden. Sie ließen ihn dann ruhig bis zum andern Morgen auf der Bank
liegen, und als er aufgewacht war, gaben sie ihm den Brief und zeigten
ihm den rechten Weg. Die Königin aber, als sie den Brief empfangen und
gelesen hatte, tat, wie darin stand, hieß ein prächtiges Hochzeitsfest
anstellen, und die Königstochter ward mit dem Glückskind vermählt; und
da der Jüngling schön und freundlich war, so lebte sie vergnügt und
zufrieden mit ihm.

Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloß und sah, daß
die Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter vermählt
war. »Wie ist das zugegangen?« sprach er, »ich habe in meinem Brief
einen ganz andern Befehl erteilt.« Da reichte ihm die Königin den
Brief und sagte, er möchte selbst sehen, was darin stände. Der König
las den Brief und merkte wohl, daß er mit einem andern war vertauscht
worden. Er fragte den Jüngling, wie es mit dem anvertrauten Briefe
zugegangen wäre, warum er einen andern dafür gebracht hätte. »Ich weiß
von nichts,« antwortete er, »er muß mir in der Nacht vertauscht sein,
als ich im Walde geschlafen habe.« Voll Zorn sprach der König: »So
leicht soll es dir nicht werden, wer meine Tochter haben will, der muß
mir aus der Hölle drei goldene Haare von dem Haupte des Teufels holen;
bringst du mir, was ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten.«
Damit hoffte der König, ihn auf immer loszuwerden. Das Glückskind aber
antwortete: »Die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte
mich vor dem Teufel nicht.« Darauf nahm er Abschied und begann seine
Wanderschaft.

Der Weg führte ihn zu einer großen Stadt, wo ihn der Wächter an dem
Tore ausfragte, was für ein Gewerbe er verstände und was er wüßte.
»Ich weiß alles,« antwortete das Glückskind. »So kannst du uns einen
Gefallen tun,« sagte der Wächter, »wenn du uns sagst, warum unser
Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, trocken geworden ist, und nicht
einmal mehr Wasser gibt.« -- »Das sollt ihr erfahren,« antwortete er,
»wartet nur, bis ich wiederkomme.« Da ging er weiter und kam vor eine
andere Stadt, da fragte der Torwächter wiederum, was für ein Gewerbe
er verstünde und was er wüßte. »Ich weiß alles,« antwortete er. »So
kannst du uns einen Gefallen tun und uns sagen, warum ein Baum in
unserer Stadt, der sonst goldene Äpfel trug, jetzt nicht einmal Blätter
hervortreibt.« -- »Das sollt ihr erfahren,« antwortete er, »wartet
nur, bis ich wiederkomme.« Da ging er weiter und kam an ein großes
Wasser, über das er hinüber mußte. Der Fährmann fragte ihn, was er für
ein Gewerbe verstände und was er wüßte. »Ich weiß alles,« antwortete
er. »So kannst du mir einen Gefallen tun,« sprach der Fährmann, »und
mir sagen, warum ich immer hin und her fahren muß und niemals abgelöst
werde?« -- »Das sollst du erfahren,« antwortete er, »warte nur, bis ich
wiederkomme.«

Als er über das Wasser hinüber war, so fand er den Eingang zur Hölle.
Es war schwarz und rußig darin, und der Teufel war nicht zu Haus, aber
seine Ellermutter saß da in einem breiten Sorgenstuhl. »Was willst
du?« sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. »Ich wollte
gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf,« antwortete er, »sonst
kann ich meine Frau nicht behalten.« -- »Das ist viel verlangt,« sagte
sie, »wenn der Teufel heim kommt und findet dich, so geht dir's an
den Kragen; aber du dauerst mich, ich will sehen, ob ich dir helfen
kann.« Sie verwandelte ihn in eine Ameise und sprach: »Kriech in meine
Rockfalten, da bist du sicher.« -- »Ja,« antwortete er, »das ist schon
gut, aber drei Dinge möchte ich gerne noch wissen, warum ein Brunnen,
aus dem sonst Wein quoll, trocken geworden ist, jetzt nicht einmal mehr
Wasser gibt; warum ein Baum, der sonst goldene Äpfel trug, nicht einmal
mehr Laub treibt, und warum ein Fährmann immer herüber und hinüber
fahren muß und nicht abgelöst wird.« -- »Das sind schwere Fragen,«
antwortete sie, »aber halte dich nur still und ruhig und hab' acht, was
der Teufel spricht, wann ich ihm die drei goldenen Haare ausziehe.«

Als der Abend einbrach, kam der Teufel nach Haus. Kaum war er
eingetreten, so merkte er, daß die Luft nicht rein war. »Ich rieche,
rieche Menschenfleisch,« sagte er, »es ist hier nicht richtig.« Dann
guckte er in alle Ecken und suchte, konnte aber nichts finden. Die
Ellermutter schalt ihn aus, »eben ist erst gekehrt,« sprach sie, »und
alles in Ordnung gebracht, nun wirfst du mir's wieder untereinander;
immer hast du Menschenfleisch in der Nase! Setze dich nieder und iß
dein Abendbrot.« Als er gegessen und getrunken hatte, war er müde,
legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte, sie sollte
ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein,
blies und schnarchte. Da faßte die Alte ein goldenes Haar, riß es
aus und legte es neben sich. »Autsch!« schrie der Teufel, »was hast
du vor?« -- »Ich habe einen schweren Traum gehabt,« antwortete die
Ellermutter, »da hab' ich dir in die Haare gefaßt.« -- »Was hat dir
denn geträumt?« fragte der Teufel. »Mir hat geträumt, ein Marktbrunnen,
aus dem sonst Wein quoll, sei versiegt, und es habe nicht einmal Wasser
daraus quellen wollen, was ist wohl schuld daran?« -- »He, wenn sie's
wüßten!« antwortete der Teufel, »es sitzt eine Kröte unter einem Stein
im Brunnen, wenn sie die töten, so wird der Wein schon wieder fließen.«
Die Ellermutter lauste ihn wieder, bis er einschlief und schnarchte,
daß die Fenster zitterten. Da riß sie ihm das zweite Haar aus. »Hu! Was
machst du?« schrie der Teufel zornig. »Nimm's nicht übel,« antwortete
sie, »ich habe es im Traum getan.« -- »Was hat dir wieder geträumt?«
fragte er. »Mir hat geträumt, in einem Königreiche ständ ein Obstbaum,
der hätte sonst goldene Äpfel getragen und wollte jetzt nicht einmal
Laub treiben. Was war wohl die Ursache davon?« -- »He, wenn sie's
wüßten!« antwortete der Teufel, »an der Wurzel nagt eine Maus, wenn
sie die töten, so wird er schon wieder goldene Äpfel tragen, nagt sie
aber noch länger, so verdorrt der Baum gänzlich. Aber laß mich mit
deinen Träumen in Ruhe, wenn du mich noch einmal im Schlafe störst,
so kriegst du eine Ohrfeige.« Die Ellermutter sprach ihm gut zu und
lauste ihn wieder, bis er eingeschlafen war und schnarchte. Da faßte
sie das dritte goldene Haar und riß es ihm aus. Der Teufel fuhr
in die Höhe, schrie und wollte übel mit ihr wirtschaften, aber sie
besänftigte ihn nochmals und sprach: »Wer kann für böse Träume!« --
»Was hat dir denn geträumt?« fragte er, und war doch neugierig. »Mir
hat von einem Fährmann geträumt, der sich beklagte, daß er immer hin
und her fahren müßte und nicht abgelöst würde. Was ist wohl schuld?« --
»He, der Dummbart!« antwortete der Teufel, »wenn einer kommt und will
überfahren, so muß er ihm die Stange in die Hand geben, dann muß der
andere überfahren und er ist frei.« Da die Ellermutter ihm die drei
goldenen Haare ausgerissen hatte und die drei Fragen beantwortet waren,
so ließ sie den alten Drachen in Ruhe, und er schlief, bis der Tag
anbrach.

Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus
der Rockfalte und gab dem Glückskind die menschliche Gestalt zurück.
»Da hast du die drei goldenen Haare,« sprach sie, »was der Teufel zu
deinen drei Fragen gesagt hat, wirst du wohl gehört haben.« -- »Ja,«
antwortete er, »ich habe es gehört und will's wohl behalten.« -- »So
ist dir geholfen,« sagte sie, »und nun kannst du deiner Wege ziehen.«
Er bedankte sich bei der Alten für die Hilfe in der Not, verließ die
Hölle und war vergnügt, daß ihm alles so wohl geglückt war. Als er zu
dem Fährmann kam, sollte er ihm die versprochene Antwort geben. »Fahr
mich erst hinüber,« sprach das Glückskind, »so will ich dir sagen,
wie du erlöst wirst,« und als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt
war, gab er ihm des Teufels Rat: »Wenn wieder einer kommt und will
übergefahren sein, so gib ihm nur die Stange in die Hand.« Er ging
weiter und kam zu der Stadt, worin der unfruchtbare Baum stand und wo
der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom
Teufel gehört hatte. »Tötet die Maus, die an seiner Wurzel nagt, so
wird er wieder goldene Äpfel tragen.« Da dankte ihm der Wächter und
gab ihm zur Belohnung zwei mit Gold beladene Esel, die mußten ihm
nachfolgen. Zuletzt kam er zu der Stadt, deren Brunnen versiegt war. Da
sprach er zu dem Wächter, wie der Teufel gesprochen hatte, »es sitzt
eine Kröte im Brunnen unter einem Stein, die müßt Ihr aufsuchen und
töten, so wird er wieder reichlich Wein geben.« Der Wächter dankte und
gab ihm ebenfalls zwei mit Gold beladene Esel.

Endlich langte das Glückskind daheim bei seiner Frau an, die sich
herzlich freute, als sie ihn wiedersah und hörte, wie wohl ihm
alles gelungen war. Dem König brachte er was er verlangt hatte,
die drei goldenen Haare des Teufels, und als dieser die vier Esel
mit dem Golde sah, ward er ganz vergnügt und sprach: »Nun sind alle
Bedingungen erfüllt und du kannst meine Tochter behalten. Aber, lieber
Schwiegersohn, sage mir doch, woher ist das viele Gold? Das sind ja
gewaltige Schätze!« -- »Ich bin über einen Fluß gefahren,« antwortete
er, »und da habe ich es mitgenommen, es liegt dort statt des Sandes
am Ufer.« -- »Kann ich mir auch davon holen?« sprach der König und
war ganz begierig. »Soviel Ihr nur wollt,« antwortete er, »es ist
ein Fährmann auf dem Fluß, von dem laßt Euch überfahren, so könnt
Ihr drüben Eure Säcke füllen.« Der habsüchtige König machte sich in
aller Eile auf den Weg, und als er zu dem Fluß kam, so winkte er dem
Fährmann, der sollte ihn übersetzen. Der Fährmann kam und hieß ihn
einsteigen, und als sie an das jenseitige Ufer kamen, gab er ihm die
Ruderstange in die Hand und sprang davon. Der König aber mußte von nun
an fahren zur Strafe für seine Sünden.

»Fährt er wohl noch?« -- »Was denn? Es wird ihm niemand die Stange
abgenommen haben.«




                            [Illustration]

                         Jorinde und Joringel


Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald,
darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin.
Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber
wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das
Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie, kochte und
briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so
mußte er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen,
bis sie ihn lossprach. Wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis
kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann
in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie
hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als
alle anderen Mädchen. Die und dann ein gar schöner Jüngling, namens
Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen
und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun
einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald
spazieren. »Hüte dich,« sagte Joringel, »daß du nicht so nahe ans
Schloß kommst.« Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen
den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die
Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

[Illustration: Jorinde und Joringel]

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte;
Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten
sterben sollen. Sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht, wohin
sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg
und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte
Mauer des Schlosses nahe bei sich; er erschrak und wurde todbang.
Jorinde sang:

  »Mein Vöglein mit dem Ringlein rot
  singt Leide, Leide, Leide:
  Es singt dem Täubelein seinen Tod,
  singt Leide, Lei -- zucküth, zicküth, zicküth.«

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt,
die sang »zicküth, zicküth«. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog
dreimal um sie herum und schrie dreimal »schuh, hu, hu, hu«. Joringel
konnte sich nicht regen; er stand da wie ein Stein, konnte nicht
weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne
unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine
alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen,
krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing
die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts
sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich
kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: »Grüß dich, Zachiel,
wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund.«
Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat, sie
möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie sagte, er sollte sie
nie wieder haben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte,
aber alles umsonst. »Uu, was soll mir geschehen?« Joringel ging fort
und kam endlich in ein fremdes Dorf. Da hütete er die Schafe lange
Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei.
Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in
deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging
damit zum Schlosse. Alles, was er mit der Blume berührte, ward von der
Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder
bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an durch Berg und Tal
zu suchen, ob er eine solche Blume fände. Er suchte bis an den neunten
Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war
ein großer Tautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug
er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe bis
zum Schloß kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor.
Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie
sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen
Vögel vernähme; endlich hörte er's. Er ging und fand den Saal, darauf
war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben.
Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift
und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an
ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die Körbe mit
den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er
nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er, daß die
Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der
Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume
und auch das alte Weib. Nun konnte es nicht mehr zaubern, und Jorinde
stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön wie sie ehemals war.
Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da
ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt
zusammen.




                            [Illustration]

                               Die Rübe


Es waren einmal zwei Brüder, die dienten beide als Soldaten, und war
der eine reich, der andere arm. Da wollte der Arme sich aus seiner Not
helfen, zog den Soldatenrock aus und ward ein Bauer. Also grub und
hackte er sein Stückchen Acker und säte Rübsamen. Der Same ging auf,
und es wuchs da eine Rübe, die ward groß und stark und zusehends dicker
und wollte gar nicht aufhören zu wachsen, so daß sie eine Fürstin
aller Rüben heißen konnte, denn nimmer war so eine gesehen und wird
auch nimmer wieder gesehen werden. Zuletzt war sie so groß, daß sie
allein einen ganzen Wagen anfüllte und zwei Ochsen daran ziehen mußten,
und der Bauer wußte nicht, was er damit anfangen sollte und ob's sein
Glück oder sein Unglück wäre. Endlich dachte er: »Verkaufst du sie, was
wirst du Großes dafür bekommen, und willst du sie selber essen, so tun
die kleinen Rüben denselben Dienst; am besten ist, du bringst sie dem
König und machst ihm eine Verehrung damit.« Also lud er sie auf den
Wagen, spannte zwei Ochsen vor, brachte sie an den Hof und schenkte
sie dem König. »Was ist das für ein seltsam Ding?« sagte der König,
»mir ist viel Wunderliches vor die Augen gekommen, aber so ein Ungetüm
noch nicht; aus was für Samen mag die gewachsen sein? Oder dir gerät's
allein und du bist ein Glückskind.« -- »Ach nein,« sagte der Bauer,
»ein Glückskind bin ich nicht, ich bin ein armer Soldat, der, weil er
sich nicht mehr nähren konnte, den Soldatenrock an den Nagel hing und
das Land baute. Ich habe noch einen Bruder, der ist reich, und Euch,
Herr König, auch wohl bekannt, ich aber, weil ich nichts habe, bin von
aller Welt vergessen.« Da empfand der König Mitleid mit ihm und sprach:
»Deiner Armut sollst du überhoben und so von mir beschenkt werden, daß
du wohl deinem reichen Bruder gleich kommst.« Da schenkte er ihm eine
Menge Gold, Äcker, Wiesen und Herden und machte ihn steinreich, so daß
des andern Bruders Reichtum gar nicht konnte damit verglichen werden.
Als dieser hörte, was sein Bruder mit einer einzigen Rübe erworben
hatte, beneidete er ihn und sann hin und her, wie er sich auch ein
solches Glück zuwenden könnte. Er wollt's aber noch viel gescheiter
anfangen, nahm Gold und Pferde und brachte sie dem König und meinte
nicht anders, der würde ihm ein viel größeres Gegengeschenk machen,
denn hätte sein Bruder soviel für eine Rübe bekommen, was würde es ihm
für so schöne Dinge nicht alles tragen. Der König nahm das Geschenk und
sagte, er wüßte ihm nichts wiederzugeben, das seltener und besser wäre
als die große Rübe. Also mußte der Reiche seines Bruders Rübe auf einen
Wagen legen und nach Haus fahren lassen. Daheim wußte er nicht, an wem
er seinen Zorn und Ärger auslassen sollte, bis ihm böse Gedanken kamen,
und er beschloß, seinen Bruder zu töten. Er gewann Mörder, die mußten
sich in einen Hinterhalt stellen, und darauf ging er zu seinem Bruder
und sprach: »Lieber Bruder, ich weiß einen heimlichen Schatz, den
wollen wir miteinander heben und teilen.« Der andere ließ sich's auch
gefallen und ging ohne Arg mit. Als sie aber hinauskamen, stürzten die
Mörder über ihn her, banden ihn und wollten ihn an einen Baum hängen.
Indem sie eben darüber waren, erscholl aus der Ferne lauter Gesang und
Hufschlag, daß ihnen der Schrecken in den Leib fuhr und sie über Hals
und Kopf ihren Gefangenen in den Sack steckten, am Ast hinaufwanden und
die Flucht ergriffen. Er aber arbeitete oben, bis er ein Loch im Sack
hatte, wodurch er den Kopf stecken konnte. Wer aber des Wegs kam, war
nichts als ein fahrender Schüler, ein junger Geselle, der fröhlich sein
Lied singend durch den Wald auf der Straße daher ritt. Wie der oben nun
merkte, daß einer unter ihm vorbeiging, rief er: »Sei mir gegrüßt zu
guter Stunde.« Der Schüler guckte sich überall um, wußte nicht, wo die
Stimme herschallte, endlich sprach er: »Wer ruft mir?« Da antwortete
er aus dem Wipfel: »Erhebe deine Augen, ich sitze hier oben im Sack
der Weisheit; in kurzer Zeit habe ich große Dinge gelernt, dagegen
sind alle Schulen ein Wind; um ein weniges, so werde ich ausgelernt
haben, herabsteigen und weiser sein als alle Menschen. Ich verstehe
die Gestirne und Himmelszeichen, das Wehen aller Winde, den Sand im
Meer, Heilung der Krankheit, die Kräfte der Kräuter, Vögel und Steine.
Wärst du einmal drin, du würdest fühlen, was für Herrlichkeit aus
dem Sack der Weisheit fließt.« Der Schüler, wie er das alles hörte,
erstaunte und sprach: »Gesegnet sei die Stunde, wo ich dich gefunden
habe, könnt ich nicht auch ein wenig in den Sack kommen?« Oben der
antwortete, als tät er's nicht gerne, »eine kleine Weile will ich dich
wohl hineinlassen für Lohn und gute Worte, aber du mußt doch noch eine
Stunde warten, es ist ein Stück übrig, das ich erst lernen muß.« Als
der Schüler ein wenig gewartet hatte, war ihm die Zeit zu lang und er
bat, daß er doch möchte hineingelassen werden, sein Durst nach Weisheit
wäre gar zu groß. Da stellte sich der oben, als gäbe er endlich nach
und sprach: »Damit ich aus dem Haus der Weisheit heraus kann, mußt du
den Sack am Strick herunterlassen, so sollst du eingehen.« Also ließ
der Schüler ihn herunter, band den Sack auf und befreite ihn, dann
rief er selber: »Nun zieh mich recht geschwind hinauf,« und wollt
geradstehend in den Sack einschreiten. »Halt!« sagte der andere, »so
geht's nicht an,« packte ihn beim Kopf, steckte ihn umgekehrt in den
Sack, schnürte zu und zog den Jünger der Weisheit am Strick baumwärts,
dann schwengelte er ihn in der Luft und sprach: »Wie steht's, mein
lieber Geselle? Siehe, schon fühlst du, daß dir die Weisheit kommt und
machst gute Erfahrung, sitze also fein ruhig, bis du klüger wirst.«
Damit stieg er auf des Schülers Pferd, ritt fort, schickte aber nach
einer Stunde jemand, der ihn wieder herablassen mußte.




                            [Illustration]

                            Die Brautschau


Es war ein junger Hirt, der wollte gern heiraten und kannte drei
Schwestern, davon war eine so schön wie die andere, daß ihm die Wahl
schwer wurde und er sich nicht entschließen konnte, einer davon
den Vorzug zu geben. Da fragte er seine Mutter um Rat, die sprach:
»Lad alle drei ein und setz ihnen Käs vor und hab acht, wie sie ihn
abschneiden.« Das tat der Jüngling, die erste aber verschlang den Käs
mit der Rinde; die zweite schnitt in der Hast die Rinde vom Käs ab,
weil sie aber so hastig war, ließ sie noch viel Gutes daran und warf
das mit weg; die dritte schälte ordentlich die Rinde ab, nicht zu
viel und nicht zu wenig. Der Hirt erzählte das alles seiner Mutter;
da sprach sie: »Nimm die dritte zu deiner Frau.« Das tat er und lebte
zufrieden und glücklich mit ihr.




                            [Illustration]

                             Der Grabhügel


Ein reicher Bauer stand eines Tags in seinem Hof und schaute nach
seinen Feldern und Gärten; das Korn wuchs kräftig heran und die
Obstbäume hingen voll Früchte. Das Getreide des vorigen Jahres lag noch
in so mächtigen Haufen auf dem Boden, daß es kaum die Balken tragen
konnten. Dann ging er in den Stall, da standen die gemästeten Ochsen,
die fetten Kühe und die spiegelglatten Pferde. Endlich ging er in
seine Stube zurück und warf seine Blicke auf die eisernen Kasten, in
welchen sein Geld lag. Als er so stand und seinen Reichtum übersah,
klopfte es auf einmal heftig bei ihm an. Es klopfte aber nicht an die
Türe seiner Stube, sondern an die Türe seines Herzens. Sie tat sich
auf und er hörte eine Stimme, die zu ihm sprach: »Hast du den Deinigen
damit wohlgetan? Hast du die Not der Armen angesehen? Hast du mit den
Hungrigen dein Brot geteilt? War dir genug, was du besaßest, oder hast
du noch immer mehr verlangt?« Das Herz zögerte nicht mit der Antwort:
»Ich bin hart und unerbittlich gewesen und habe den Meinigen niemals
etwas Gutes erzeigt. Ist ein Armer gekommen, so habe ich mein Auge
weggewendet. Ich habe mich um Gott nicht bekümmert, sondern nur an
die Mehrung meines Reichtums gedacht. Wäre alles mein eigen gewesen,
was der Himmel bedeckte, dennoch hätte ich nicht genug gehabt.« Als
er diese Antwort vernahm, erschrak er heftig; die Knie fingen an ihm
zu zittern und er mußte sich niedersetzen. Da klopfte es abermals an,
aber es klopfte an die Türe seiner Stube. Es war sein Nachbar, ein
armer Mann, der ein Häufchen Kinder hatte, die er nicht mehr sättigen
konnte. »Ich weiß,« dachte der Arme, »mein Nachbar ist reich, aber er
ist ebenso hart; ich glaube nicht, daß er mir hilft, aber meine Kinder
schreien nach Brot, da will ich es wagen.« Er sprach zu dem Reichen:
»Ihr gebt nicht leicht etwas von dem Eurigen weg, aber ich stehe da
wie einer, dem das Wasser bis an den Kopf geht; meine Kinder hungern,
leiht mir vier Malter Korn.« Der Reiche sah ihn lange an, da begann der
erste Sonnenstrahl der Milde einen Tropfen von dem Eis der Habsucht
abzuschmelzen. »Vier Malter will ich dir nicht leihen,« antwortete
er, »sondern achte will ich dir schenken, aber eine Bedingung mußt du
erfüllen.« -- »Was soll ich tun?« sprach der Arme. »Wenn ich tot bin,
sollst du drei Nächte an meinem Grabe wachen.« Dem Bauer ward bei dem
Antrag unheimlich zumut, doch in der Not, in der er sich befand, hätte
er alles bewilligt; er sagte also zu und trug das Korn heim.

Es war, als hätte der Reiche vorausgesehen, was geschehen würde;
nach drei Tagen fiel er plötzlich tot zur Erde; man wußte nicht
recht, wie es zugegangen war, aber niemand trauerte um ihn. Als er
bestattet war, fiel dem Armen sein Versprechen ein; gerne wäre er
davon entbunden gewesen, aber er dachte: »Er hat sich gegen dich doch
mildtätig erwiesen, du hast mit seinem Korn deine hungrigen Kinder
gesättigt, und wäre das auch nicht, du hast einmal das Versprechen
gegeben und du mußt es halten.« Bei einbrechender Nacht ging er auf
den Kirchhof und setzte sich auf den Grabhügel. Es war alles still,
nur der Mond schien über die Grabhügel und manchmal flog eine Eule
vorbei und ließ ihre kläglichen Töne hören. Als die Sonne aufging,
begab sich der Arme ungefährdet heim, und ebenso ging die zweite Nacht
ruhig vorüber. Den Abend des dritten Tages empfand er eine besondere
Angst, es war ihm, als stände noch etwas bevor. Als er hinaus kam,
erblickte er an der Mauer des Kirchhofs einen Mann, den er noch nie
gesehen hatte. Er war nicht mehr jung, hatte Narben im Gesicht und
seine Augen blickten scharf und feurig umher. Er war ganz von einem
alten Mantel bedeckt, und nur große Reiterstiefeln waren sichtbar.
»Was sucht Ihr hier?« redete ihn der Bauer an, »gruselt Euch nicht
auf dem einsamen Kirchhof?« -- »Ich suche nichts,« antwortete er,
»aber ich fürchte auch nichts. Ich bin wie der Junge, der ausging das
Gruseln zu lernen, und sich vergeblich bemühte, der aber bekam die
Königstochter zur Frau und mit ihr große Reichtümer, und ich bin immer
arm geblieben. Ich bin nichts als ein abgedankter Soldat und will hier
die Nacht zubringen, weil ich sonst kein Obdach habe.« -- »Wenn Ihr
keine Furcht habt,« sprach der Bauer, »so bleibt bei mir und helft mir
dort den Grabhügel bewachen.« -- »Wacht halten ist Sache des Soldaten,«
antwortete er, »was uns hier begegnet, Gutes oder Böses, das wollen wir
gemeinschaftlich tragen.« Der Bauer schlug ein, und sie setzten sich
zusammen auf das Grab.

Alles blieb still bis Mitternacht, da ertönte auf einmal ein
schneidendes Pfeifen in der Luft, und die beiden Wächter erblickten den
Bösen, der leibhaftig vor ihnen stand. »Fort, ihr Halunken,« rief er
ihnen zu, »der in dem Grab liegt, ist mein; ich will ihn holen, und wo
ihr nicht weggeht, dreh ich euch die Hälse um.« -- »Herr mit der roten
Feder,« sprach der Soldat, »Ihr seid mein Hauptmann nicht, ich brauch
Euch nicht zu gehorchen, und das Fürchten hab ich noch nicht gelernt.
Geht Eurer Wege, wir bleiben hier sitzen.« Der Teufel dachte: »Mit Gold
fängst du die zwei Haderlumpen am besten,« zog gelindere Saiten auf und
fragte ganz zutraulich, ob sie nicht einen Beutel mit Gold annehmen
und damit heimgehen wollten. »Das läßt sich hören,« antwortete der
Soldat, »aber mit einem Beutel voll Gold ist uns nicht gedient; wenn
Ihr so viel Gold geben wollt, als da in einen von meinen Stiefeln geht,
so wollen wir Euch das Feld räumen und abziehen.« -- »So viel habe
ich nicht bei mir,« sagte der Teufel, »aber ich will es holen; in der
benachbarten Stadt wohnt ein Wechsler, der mein guter Freund ist, der
streckt mir gerne soviel vor.« Als der Teufel verschwunden war, zog der
Soldat seinen linken Stiefel aus und sprach: »Dem Kohlenbrenner wollen
wir schon eine Nase drehen; gebt mir nur Euer Messer, Gevatter.« Er
schnitt von dem Stiefel die Sohle ab und stellte ihn neben den Hügel in
das hohe Gras an den Rand einer halb überwachsenen Grube. »So ist alles
gut,« sprach er, »nun kann der Schornsteinfeger kommen.«

Beide setzten sich und warteten, es dauerte nicht lange, so kam der
Teufel und hatte ein Säckchen Gold in der Hand. »Schüttet es nur
hinein,« sprach der Soldat, und hob den Stiefel ein wenig in die Höhe,
»das wird aber nicht genug sein.« Der Schwarze leerte das Säckchen,
das Gold fiel durch und der Stiefel blieb leer. »Dummer Teufel,« rief
der Soldat, »es schickt nicht; habe ich es nicht gleich gesagt? Kehrt
nur wieder um und holt mehr.« Der Teufel schüttelte den Kopf, ging und
kam nach einer Stunde mit einem viel größeren Sack unter dem Arm. »Nur
eingefüllt,« rief der Soldat, »aber ich zweifle, daß der Stiefel voll
wird.« Das Gold klingelte, als es hinabfiel, und der Stiefel blieb
leer. Der Teufel blickte mit seinen glühenden Augen selbst hinein und
überzeugte sich von der Wahrheit. »Ihr habt unverschämt starke Waden,«
rief er und verzog den Mund: »Meint Ihr,« erwiderte der Soldat, »ich
hätte einen Pferdefuß wie Ihr? Seit wann seid Ihr so knauserig? Macht,
daß Ihr mehr Gold herbeischafft, sonst wird aus unserm Handel nichts.«
Der Unhold trollte sich abermals fort. Diesmal blieb er länger aus,
und als er endlich erschien, keuchte er unter der Last eines Sackes,
der auf seiner Schulter lag. Er schüttete ihn in den Stiefel, der sich
aber so wenig füllte als vorher. Er ward wütend und wollte dem Soldat
den Stiefel aus der Hand reißen, aber in dem Augenblick drang der
erste Strahl der aufgehenden Sonne am Himmel herauf und der böse Geist
entfloh mit lautem Geschrei. Die arme Seele war gerettet.

Der Bauer wollte das Gold teilen, aber der Soldat sprach: »Gib den
Armen, was mir zufällt; ich ziehe zu dir in deine Hütte, und wir wollen
mit dem übrigen in Ruhe und Frieden zusammen leben, solange es Gott
gefällt.«




                            [Illustration]

                        Der Schneider im Himmel


Es trug sich zu, daß der liebe Gott an einem schönen Tag in dem
himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen
mitnahm, also daß niemand mehr im Himmel blieb als der heilige Petrus.
Der Herr hatte ihm befohlen, während seiner Abwesenheit niemand
einzulassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht
lange, so klopfte jemand an. Petrus fragte, wer da wäre und was er
wollte. »Ich bin ein armer ehrlicher Schneider,« antwortete eine
feine Stimme, »der um Einlaß bittet.« -- »Ja, ehrlich,« sagte Petrus,
»wie der Dieb am Galgen, du hast lange Finger gemacht und den Leuten
das Tuch abgezwickt. Du kommst nicht in den Himmel, der Herr hat mir
verboten, solange er draußen wäre, irgend jemand einzulassen.« --
»Seid doch barmherzig,« rief der Schneider, »kleine Flicklappen,
die von selbst vom Tisch herabfallen, sind nicht gestohlen und nicht
der Rede wert. Seht, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an
den Füßen, ich kann unmöglich wieder umkehren. Laßt mich nur hinein,
ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die
Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säubern und
abwischen, und ihre zerrissenen Kleider flicken.« Der heilige Petrus
ließ sich aus Mitleiden bewegen und öffnete dem lahmen Schneider die
Himmelspforte so weit, daß er mit seinem dürren Leib hineinschlüpfen
konnte. Er mußte sich in einen Winkel hinter die Türe setzen und
sollte sich da still und ruhig verhalten, damit ihn der Herr, wenn er
zurückkäme, nicht bemerkte und zornig würde. Der Schneider gehorchte,
als aber der heilige Petrus einmal zur Türe hinaustrat, stand er auf,
ging voll Neugierde in allen Winkeln des Himmels herum und besah sich
die Gelegenheit. Endlich kam er zu einem Platz, da standen viele schöne
und köstliche Stühle und in der Mitte ein ganz goldener Sessel, der
mit glänzenden Edelsteinen besetzt war; er war auch viel höher als
die übrigen Stühle, und ein goldener Fußschemel stand davor. Es war
aber der Sessel, auf welchem der Herr saß, wenn er daheim war und von
welchem er alles sehen konnte, was auf Erden geschah. Der Schneider
stand still und sah den Sessel eine gute Weile an, denn er gefiel ihm
besser als alle andere. Endlich konnte er den Vorwitz nicht bezähmen,
stieg hinauf und setzte sich in den Sessel. Da sah er alles, was auf
Erden geschah und bemerkte eine alte häßliche Frau, die an einem Bach
stand und wusch und zwei Schleier heimlich beiseite tat. Der Schneider
erzürnte sich bei diesem Anblicke so sehr, daß er den goldenen
Fußschemel ergriff und durch den Himmel auf die Erde hinab nach der
alten Diebin warf. Da er aber den Schemel nicht wieder herauf holen
konnte, so schlich er sich sachte aus dem Sessel weg, setzte sich an
seinen Platz hinter die Türe und tat, als ob er kein Wasser getrübt
hätte.

Als der Herr und Meister mit dem himmlischen Gefolge wieder zurückkam,
ward er zwar den Schneider hinter der Tür nicht gewahr, als er sich
aber auf seinen Sessel setzte, mangelte der Schemel. Er fragte
den heiligen Petrus, wo der Schemel hingekommen wäre, der wußte
es nicht. Da fragte er weiter, ob er jemand hereingelassen hätte.
»Ich weiß niemand,« antwortete Petrus, »der dagewesen wäre, als ein
lahmer Schneider, der noch hinter der Türe sitzt.« Da ließ der Herr
den Schneider vor sich treten und fragte ihn, ob er den Schemel
weggenommen und wo er ihn hingetan hätte. »O Herr,« antwortete der
Schneider freudig, »ich habe ihn im Zorne hinab auf die Erde nach einem
alten Weibe geworfen, das ich bei der Wäsche zwei Schleier stehlen
sah.« -- »Oh, du Schalk,« sprach der Herr, »wollt ich richten wie du
richtest, wie meinst du, daß es dir schon längst ergangen wäre? Ich
hätte schon lange keine Stühle, Bänke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr
hier gehabt, sondern alles nach den Sündern hinabgeworfen. Fortan
kannst du nicht mehr im Himmel bleiben, sondern mußt wieder hinaus vor
das Tor, da sieh zu, wo du hinkommst. Hier soll niemand strafen, denn
ich allein, der Herr.«

Petrus mußte den Schneider wieder hinaus vor den Himmel bringen, und
weil er zerrissene Schuhe hatte und die Füße voll Blasen, nahm er einen
Stock in die Hand und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten
sitzen und sich lustig machen.




                            [Illustration:]

                       Der Bauer und der Teufel


Es war einmal ein kluges und verschmitztes Bäuerlein, von dessen
Streichen viel zu erzählen wäre; die schönste Geschichte ist aber doch,
wie es den Teufel einmal dran gekriegt und zum Narren gehabt hat.

Das Bäuerlein hatte eines Tages seinen Acker bestellt und rüstete sich
zur Heimfahrt, als die Dämmerung schon eingetreten war. Da erblickte es
mitten auf seinem Acker einen Haufen feuriger Kohlen, und als es voll
Verwunderung hinzuging, so saß oben auf der Glut ein kleiner schwarzer
Teufel. »Du sitzest wohl auf einem Schatz?« sprach das Bäuerlein.
»Jawohl,« antwortete der Teufel, »auf einem Schatz, der mehr Gold und
Silber enthält, als du dein Lebtag gesehen hast.« -- »Der Schatz liegt
auf meinem Feld und gehört mir,« sprach das Bäuerlein. »Er ist dein,«
antwortete der Teufel, »wenn du mir zwei Jahre lang die Hälfte von
dem gibst, was dein Acker hervorbringt; Geld habe ich genug, aber ich
trage Verlangen nach den Früchten der Erde.« Das Bäuerlein ging auf den
Handel ein. »Damit aber kein Streit bei der Teilung entsteht,« sprach
es, »so soll dir gehören, was über der Erde ist und mir, was unter der
Erde ist.« Dem Teufel gefiel das wohl, aber das listige Bäuerlein hatte
Rüben gesät. Als nun die Zeit der Ernte kam, so erschien der Teufel
und wollte seine Frucht holen, er fand aber nichts als die gelben
welken Blätter, und das Bäuerlein, ganz vergnügt, grub seine Rüben
aus. »Einmal hast du den Vorteil gehabt,« sprach der Teufel, »aber für
das nächste Mal soll das nicht gelten. Dein ist, was über der Erde
wächst und mein, was darunter ist.« -- »Mir auch recht,« antwortete
das Bäuerlein. Als aber die Zeit zur Aussaat kam, säte das Bäuerlein
nicht wieder Rüben, sondern Weizen. Die Frucht ward reif, das Bäuerlein
ging auf den Acker und schnitt die vollen Halme bis zur Erde ab. Als
der Teufel kam, fand er nichts als die Stoppeln und fuhr wütend in
eine Felsenschlucht hinab. »So muß man die Füchse prellen,« sprach das
Bäuerlein, ging hin und holte sich den Schatz.




                            [Illustration:]

                        Die kluge Bauerntochter


Es war einmal ein armer Bauer, der hatte kein Land, nur ein kleines
Häuschen und eine alleinige Tochter. Da sprach die Tochter: »Wir
sollten den Herrn König um ein Stückchen Rottland bitten.« Da der
König ihre Armut hörte, schenkte er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den
hackte sie und ihr Vater um, und wollte ein wenig Korn und der Art
Frucht darauf säen. Als sie den Acker beinah herum hatten, so fanden
sie in der Erde einen Mörsel von purem Gold. »Hör,« sagte der Vater
zu dem Mädchen, »weil unser Herr König ist so gnädig gewesen und hat
uns diesen Acker geschenkt, so müssen wir ihm den Mörsel dafür geben.«
Die Tochter aber wollt es nicht bewilligen und sagte: »Vater, wenn
wir den Mörsel haben und haben den Stößer nicht, dann müssen wir auch
den Stößer herbeischaffen, darum schweigt lieber still.« Er wollte
ihr aber nicht gehorchen, nahm den Mörsel, trug ihn zum Herrn König
und sagte, den hätte er gefunden in der Heide, ob er ihn als eine
Verehrung annehmen wollte. Der König nahm den Mörsel und fragte, ob
er nichts mehr gefunden hätte? »Nein,« antwortete der Bauer. Da sagte
der König, er sollte nun auch den Stößer herbeischaffen. Der Bauer
sprach, den hätten sie nicht gefunden; aber das half ihm so viel,
als hätt er's in den Wind gesagt, er ward ins Gefängnis gesetzt und
sollte so lange da sitzen, bis er den Stößer herbeigeschafft hätte.
Die Bedienten mußten ihm täglich Wasser und Brot bringen, was man
so in dem Gefängnis kriegt, da hörten sie, wie der Mann immerfort
schrie: »Ach, hätt ich meiner Tochter gehört! Ach, ach, hätt ich meiner
Tochter gehört!« Da gingen die Bedienten zum König und sprachen das,
wie der Gefangene immerfort schrie: »Ach, hätt ich doch meiner Tochter
gehört!« und wollte nicht essen und nicht trinken. Da befahl er den
Bedienten, sie sollten den Gefangenen vor ihn bringen, und da fragte
ihn der Herr König, warum er also fort schrie: »Ach, hätt ich meiner
Tochter gehört!« -- »Was hat Eure Tochter denn gesagt?« -- »Ja, sie hat
gesprochen, ich sollte den Mörsel nicht bringen, sonst müßt ich auch
den Stößer schaffen.« -- »Habt Ihr so eine kluge Tochter, so laßt sie
einmal herkommen.« Also mußte sie vor den König kommen, der fragte sie,
ob sie denn so klug wäre, und sagte, er wollte ihr ein Rätsel aufgeben,
wenn sie das treffen könnte, dann wollte er sie heiraten. Da sprach
sie gleich ja, sie wollt's erraten. Das sagte der König: »Komm zu mir,
nicht gekleidet, nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht
in dem Weg, nicht außer dem Weg, und wenn du das kannst, will ich dich
heiraten.« Da ging sie hin und zog sich aus splitternackend, da war
sie nicht gekleidet, und nahm ein großes Fischgarn, und setzte sich
hinein und wickelte es ganz um sich herum, da war sie nicht nackend;
und borgte einen Esel fürs Geld und band dem Esel das Fischgarn an
den Schwanz, darin er sie fortschleppen mußte, und das war nicht
geritten und nicht gefahren; der Esel mußte sie aber in dem Fahrgleise
schleppen, so daß sie nur mit der großen Zehe auf die Erde kam, und das
war nicht in dem Wege und nicht außer dem Wege. Und wie sie so daher
kam, sagte der König, sie hätte das Rätsel getroffen, und es wäre alles
erfüllt. Da ließ er ihren Vater los aus dem Gefängnis, und nahm sie bei
sich als seine Gemahlin und befahl ihr das ganze königliche Gut an.

Nun waren etliche Jahre herum, als der Herr König einmal auf die
Parade zog, da trug es sich zu, daß Bauern mit ihren Wagen vor dem
Schlosse hielten, die hatten Holz verkauft; etliche hatten Ochsen
vorgespannt, und etliche Pferde. Da war ein Bauer, der hatte drei
Pferde, davon kriegte eins ein junges Füllen, das lief weg und legte
sich mitten zwischen zwei Ochsen, die vor dem Wagen waren. Als nun die
Bauern zusammenkamen, fingen sie an sich zu zanken, zu schmeißen und
zu lärmen, und der Ochsenbauer wollte das Füllchen behalten und sagte,
die Ochsen hätten's gehabt; und der andere sagte, nein, seine Pferde
hätten's gehabt, und es wäre sein. Der Zank kam vor den König, und er
tat den Ausspruch, wo das Füllen gelegen hätte, da sollt es bleiben;
und also bekam's der Ochsenbauer, dem's doch nicht gehörte. Da ging
der andere weg, weinte und lamentierte über sein Füllchen. Nun hatte
er gehört, wie daß die Frau Königin so gnädig wäre, weil sie auch von
armen Bauersleuten gekommen wäre: ging er zu ihr und bat sie, ob sie
ihm nicht helfen könnte, daß er sein Füllchen wieder bekäme. Sagte sie:
»Ja, wenn Ihr mir versprecht, daß Ihr mich nicht verraten wollt, so
will ich's Euch sagen. Morgen früh, wenn der König auf der Wachtparade
ist, so stellt Euch hin, mitten in die Straße, wo er vorbeikommen muß,
nehmt ein großes Fischgarn und tut, als fischtet Ihr, und fischt also
fort und schüttet das Garn aus, als wenn Ihr's voll hättet,« und sagte
ihm auch, was er antworten sollte, wenn er vom König gefragt würde.
Also stand der Bauer am andern Tag da und fischte auf einem trockenen
Platze. Wie der König vorbeikam und das sah, schickte er seinen Laufer
hin, der sollte fragen, was der närrische Mann vorhätte. Da gab er zur
Antwort: »Ich fische.« Fragte der Laufer, wie er fischen könnte, es
wäre ja kein Wasser da. Sagte der Bauer: »So gut als zwei Ochsen können
ein Füllen kriegen, so gut kann ich auch auf dem trockenen Platze
fischen.« Der Laufer ging hin und brachte dem König die Antwort, da
ließ er den Bauer vor sich kommen und sagte ihm, das hätte er nicht von
sich, von wem er das hätte, und sollt's gleich bekennen. Der Bauer aber
wollt's nicht tun, und sagte immer: Gott bewahr! Er hätt es von sich.
Sie legten ihn aber auf ein Gebund Stroh und schlugen und drangsalten
ihn so lange, bis er's bekannte, daß er's von der Frau Königin hätte.
Als der König nach Haus kam, sagte er zu seiner Frau: »Warum bist du so
falsch mit mir, ich will dich nicht mehr zur Gemahlin; deine Zeit ist
um, geh wieder hin, woher du gekommen bist, in dein Bauernhäuschen.«
Doch erlaubte er ihr eins, sie sollte sich das Liebste und Beste
mitnehmen, was sie wüßte, und das sollte ihr Abschied sein. Sie sagte:
»Ja, lieber Mann, wenn du's so befiehlst, will ich es auch tun,« und
fiel über ihn her und küßte ihn und sprach, sie wollte Abschied von
ihm nehmen. Dann ließ sie einen starken Schlaftrunk kommen, Abschied
mit ihm zu trinken; der König tat einen großen Zug, sie aber trank nur
ein wenig. Da geriet er bald in einen tiefen Schlaf, und als sie das
sah, rief sie einen Bedienten und nahm ein schönes weißes Linnentuch
und schlug ihn da hinein, und die Bedienten mußten ihn in einen Wagen
vor die Türe tragen, und fuhr sie ihn heim in ihr Häuschen. Da legte
sie ihn in ihr Bettchen, und er schlief Tag und Nacht in einem fort,
und als er aufwachte, sah er sich um und sagte: »Ach Gott, wo bin ich
denn?« rief seinen Bedienten, aber es war keiner da. Endlich kam seine
Frau vors Bett und sagte: »Lieber Herr König, Ihr habt mir befohlen,
ich sollte das Liebste und Beste aus dem Schloß mitnehmen, nun hab ich
nichts Besseres und Lieberes als dich, da hab ich dich mitgenommen.«
Dem König stiegen die Tränen in die Augen, und er sagte: »Liebe
Frau, du sollst mein sein und ich dein,« und nahm sie wieder mit ins
königliche Schloß und ließ sich aufs neue mit ihr vermählen; und werden
sie ja wohl noch auf den heutigen Tag leben.




                            [Illustration:]

                              Rotkäppchen


Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der
sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar
nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm
ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es
nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen. Eines
Tages sprach seine Mutter zu ihm: »Komm, Rotkäppchen, da hast du ein
Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus;
sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf,
bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und
lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und
die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß
nicht guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in allen Ecken herum.«

»Ich will schon alles gut machen,« sagte Rotkäppchen zur Mutter und gab
ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald, eine
halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete
ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wußte nicht, was das für ein böses Tier
war und fürchtete sich nicht vor ihm. »Guten Tag, Rotkäppchen,« sprach
er. »Schönen Dank, Wolf.« -- »Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?« -- »Zur
Großmutter.« -- »Was trägst du unter der Schürze?« -- »Kuchen und
Wein. Gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache
Großmutter etwas zugut tun und sich damit stärken.« -- »Rotkäppchen,
wo wohnt deine Großmutter?« -- »Noch eine gute Viertelstunde weiter im
Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind
die Nußhecken, das wirst du ja wissen,« sagte Rotkäppchen. Der Wolf
dachte bei sich: »Das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der
wird noch besser schmecken als die Alte. Du mußt es listig anfangen,
damit du beide erschnappst.« Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen
her, dann sprach er: »Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die
rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst
gar nicht, wie die Vöglein lieblich singen? Du gehst ja für dich hin,
als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald.«

Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die
Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll
schöner Blumen stand, dachte es: »Wenn ich der Großmutter einen
frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so
früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,« lief vom Wege ab in
den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte,
meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief danach und
geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradeswegs
nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. »Wer ist
draußen?« -- »Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.« --
»Drück nur auf die Klinke,« rief die Großmutter, »ich bin zu schwach
und kann nicht aufstehen.« Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe
sprang auf, und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der
Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte
ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es
soviel zusammen hatte, daß es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die
Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es
wunderte sich, daß die Türe aufstand, und wie es in die Stube trat,
so kam es ihm so seltsam darin vor, daß es dachte: »Ei, du mein Gott,
wie ängstlich wird mir's heute zumut und bist sonst so gerne bei der
Großmutter!« -- Es rief: »Guten Morgen,« bekam aber keine Antwort.
Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück. Da lag die
Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so
wunderlich aus. »Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!« -- »Daß
ich dich besser hören kann.« -- »Ei, Großmutter, was hast du für große
Augen!« -- »Daß ich dich besser sehen kann.« -- »Ei, Großmutter, was
hast du für große Hände!« -- »Daß ich dich besser packen kann.« --
»Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!« --
»Daß ich dich besser fressen kann.« Kaum hatte der Wolf das gesagt, so
tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.

Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins
Bett, schlief ein und fing an überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging
eben an dem Haus vorbei und dachte: »Wie die alte Frau schnarcht, du
mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt.« Da trat er in die Stube, und wie
er vor das Bette kam, so sah er, daß der Wolf darin lag. »Finde ich
dich hier, du alter Sünder,« sagte er, »ich habe dich lange gesucht.«
Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte
die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten: schoß
nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den
Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er
das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das
Mädchen heraus und rief: »Ach, wie war ich erschrocken, wie war's so
dunkel in dem Wolf seinem Leib!« Und dann kam die alte Großmutter auch
noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte
geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er
aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß
er gleich niedersank und sich tot fiel.

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und
ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den
Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber
dachte: »Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den
Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat.«




                            [Illustration]

                       Der Hund und der Sperling


Ein Schäferhund hatte keinen guten Herrn, sondern einen, der ihn
Hunger leiden ließ. Wie er's nicht länger bei ihm aushalten konnte,
ging er ganz traurig fort. Auf der Straße begegnete ihm ein Sperling,
der sprach: »Bruder Hund, warum bist du so traurig?« Antwortete der
Hund: »Ich bin hungrig und habe nichts zu fressen.« Da sprach der
Sperling: »Lieber Bruder, komm mit in die Stadt, so will ich dich satt
machen.« Also gingen sie zusammen in die Stadt, und als sie vor einen
Fleischerladen kamen, sprach der Sperling zum Hunde: »Da bleib stehen,
ich will dir ein Stück Fleisch herunter picken,« setzte sich auf den
Laden, schaute sich um, ob ihn auch niemand bemerkte, und pickte, zog
und zerrte so lang an einem Stück, das am Rande lag, bis es herunter
rutschte. Da packte es der Hund, lief in eine Ecke und fraß es auf.
Sprach der Sperling: »Nun komm mit zu einem andern Laden, da will ich
dir noch ein Stück herunter holen, damit du satt wirst.« Als der Hund
auch das zweite Stück gefressen hatte, fragte der Sperling: »Bruder
Hund, bist du nun satt?« -- »Ja, Fleisch bin ich satt,« antwortete
er, »aber ich habe noch kein Brot gekriegt.« Sprach der Sperling:
»Das sollst du auch haben, komm nur mit.« Da führte er ihn an einen
Bäckerladen und pickte an ein paar Brötchen, bis sie herunter rollten,
und als der Hund noch mehr wollte, führte er ihn zu einem andern und
holte ihm noch einmal Brot herab. Wie das verzehrt war, sprach der
Sperling: »Bruder Hund, bist du nun satt?« -- »Ja,« antwortete er,
»nun wollen wir ein bißchen vor die Stadt gehen.«

Da gingen sie beide hinaus auf die Landstraße. Es war aber warmes
Wetter, und als sie ein Eckchen gegangen waren, sprach der Hund: »Ich
bin müde und möchte gerne schlafen.« -- »Ja, schlaf nur,« antwortete
der Sperling, »ich will mich derweil auf einen Zweig setzen.« Der Hund
legte sich also auf die Straße und schlief fest ein. Während er da lag
und schlief, kam ein Fuhrmann herangefahren, der hatte einen Wagen mit
drei Pferden und hatte zwei Fässer Wein geladen. Der Sperling aber
sah, daß er nicht ausbiegen wollte, sondern in der Fahrgleise blieb,
in welcher der Hund lag, da rief er. »Fuhrmann, tu's nicht oder ich
mache dich arm.« Der Fuhrmann aber brummte vor sich: »Du wirst mich
nicht arm machen,« knallte mit der Peitsche und trieb den Wagen über
den Hund, daß ihn die Räder tot fuhren. Da rief der Sperling: »Du hast
mir meinen Bruder Hund tot gefahren, das soll dich Karre und Gaul
kosten.« -- »Ja, Karre und Gaul,« sagte der Fuhrmann, »was könntest
du mir schaden!« und fuhr weiter. Da kroch der Sperling unter das
Wagentuch und pickte an dem einen Spundloch so lange, bis er den Spund
losbrachte. Da lief der ganze Wein heraus, ohne daß es der Fuhrmann
merkte. Und als er einmal hinter sich blickte, sah er, daß der Wagen
tröpfelte, untersuchte die Fässer und fand, daß eins leer war. »Ach,
ich armer Mann!« rief er. »Noch nicht arm genug,« sprach der Sperling
und flog dem einen Pferd auf den Kopf und pickte ihm die Augen aus. Als
der Fuhrmann das sah, zog er seine Hacke heraus und wollte den Sperling
treffen, aber der Sperling flog in die Höhe, und der Fuhrmann traf
seinen Gaul auf den Kopf, daß er tot hinfiel. »Ach, ich armer Mann!«
rief er. »Noch nicht arm genug,« sprach der Sperling, und als der
Fuhrmann mit den zwei Pferden weiter fuhr, kroch der Sperling wieder
unter das Tuch und pickte den Spund auch am zweiten Faß los, daß aller
Wein herausschwankte. Als es der Fuhrmann gewahr wurde, rief er wieder:
»Ach, ich armer Mann!« Aber der Sperling antwortete: »Noch nicht arm
genug,« setzte sich dem zweiten Pferd auf den Kopf und pickte ihm die
Augen aus. Der Fuhrmann lief herbei und holte mit seiner Hacke aus,
aber der Sperling flog in die Höhe. Da traf der Schlag das Pferd, daß
es hinfiel. »Ach, ich armer Mann!« -- »Noch nicht arm genug,« sprach
der Sperling, setzte sich auch dem dritten Pferd auf den Kopf und
pickte ihm nach den Augen. Der Fuhrmann schlug in seinem Zorn, ohne
umzusehen, auf den Sperling los, traf ihn aber nicht, sondern schlug
auch sein drittes Pferd tot. »Ach, ich armer Mann!« rief er. »Noch
nicht arm genug,« antwortete der Sperling, »jetzt will ich dich daheim
arm machen,« und flog fort.

Der Fuhrmann mußte den Wagen stehen lassen und ging voll Zorn und Ärger
heim. »Ach,« sprach er zu seiner Frau, »was hab ich Unglück gehabt!
Der Wein ist ausgelaufen, und die Pferde sind alle drei tot.« -- »Ach,
Mann,« antwortete sie, »was für ein böser Vogel ist ins Haus gekommen!
Er hat alle Vögel auf der Welt zusammengebracht, und die sind droben
über unsern Weizen hergefallen und fressen ihn auf.« Da stieg er hinauf
und tausend und tausend Vögel saßen auf dem Boden und hatten den
Weizen aufgefressen, und der Sperling saß mitten darunter. Da rief der
Fuhrmann: »Ach, ich armer Mann!« -- »Noch nicht arm genug,« antwortete
der Sperling, »Fuhrmann, es kostet dir noch dein Leben,« und flog
hinaus.

Da hatte der Fuhrmann all sein Gut verloren, ging hinab in die Stube,
setzte sich hinter den Ofen, und zwar ganz bös und giftig. Der Sperling
aber saß draußen vor dem Fenster und rief: »Fuhrmann, es kostet dir
dein Leben.« Da ergriff der Fuhrmann die Hacke und warf sie nach dem
Sperling. Aber er schlug nur die Fensterscheiben entzwei und traf den
Vogel nicht. Der Sperling hüpfte nun herein, setzte sich auf den Ofen
und rief: »Fuhrmann, es kostet dir dein Leben.« Dieser, ganz toll und
blind vor Wut, schlägt den Ofen entzwei, und so fort, wie der Sperling
von einem Ort zum andern fliegt, sein ganzes Hausgerät, Spieglein,
Bänke, Tisch, und zuletzt die Wände seines Hauses, und kann ihn nicht
treffen. Endlich aber erwischte er ihn doch mit der Hand. Da sprach
seine Frau: »Soll ich ihn totschlagen?«-- »Nein,« rief er, »das wäre zu
gelind, der soll viel mörderlicher sterben, ich will ihn verschlingen,«
und nimmt ihn und verschlingt ihn auf einmal. Der Sperling aber fängt
an in seinem Leibe zu flattern, flattert wieder herauf, dem Mann in den
Mund. Da streckte er den Kopf heraus und ruft: »Fuhrmann, es kostet
dir doch dein Leben.« Der Fuhrmann reicht seiner Frau die Hacke und
spricht: »Frau, schlag mir den Vogel im Munde tot.« Die Frau schlägt
zu, schlägt aber fehl und schlägt dem Fuhrmann gerade auf den Kopf, so
daß er tot hinfällt. Der Sperling aber fliegt auf und davon.




                            [Illustration:]

                           Der Geist im Glas


Es war einmal ein armer Holzhacker, der arbeitete vom Morgen bis in
die späte Nacht. Als er sich endlich etwas Geld zusammengespart hatte,
sprach er zu seinem Jungen: »Du bist mein einziges Kind, ich will das
Geld, das ich mit saurem Schweiß erworben habe, zu deinem Unterricht
anwenden; lernst du etwas Rechtschaffenes, so kannst du mich im Alter
ernähren, wenn meine Glieder steif geworden sind, und ich daheim sitzen
muß.« Da ging der Junge auf eine hohe Schule und lernte fleißig, so
daß ihn seine Lehrer rühmten, und blieb eine Zeitlang dort. Als er
ein paar Schulen durchgelernt hatte, doch aber noch nicht in allem
vollkommen war, so war das bißchen Armut, das der Vater erworben
hatte, drauf gegangen, und er mußte wieder zu ihm heimkehren. »Ach,«
sprach der Vater betrübt, »ich kann dir nichts mehr geben und kann in
der teuren Zeit auch keinen Heller mehr verdienen als das tägliche
Brot.« -- »Lieber Vater,« antwortete der Sohn, »macht Euch darüber
keine Gedanken, wenn's Gottes Wille also ist, so wird's zu meinem
Besten ausschlagen; ich will mich schon drein schicken.« Als der Vater
hinaus in den Wald wollte, um etwas am Malterholz (am Zuhauen und
Aufrichten) zu verdienen, so sprach der Sohn: »Ich will mit Euch gehen
und Euch helfen.« -- »Ja, mein Sohn,« sagte der Vater, »das sollte
dir beschwerlich ankommen, du bist an harte Arbeit nicht gewöhnt, du
hältst das nicht aus; ich habe auch nur eine Axt und kein Geld übrig,
um noch eine zu kaufen.« -- »Geht nur zum Nachbar,« antwortete der
Sohn, »der leiht Euch seine Axt so lange, bis ich mir selbst eine
verdient habe.«

Da borgte der Vater beim Nachbar eine Axt, und am andern Morgen, bei
Anbruch des Tags, gingen sie zusammen hinaus in den Wald. Der Sohn half
dem Vater und war ganz munter und frisch dabei. Als nun die Sonne über
ihnen stand, sprach der Vater: »Wir wollen rasten und Mittag halten,
hernach geht's noch einmal so gut.« Der Sohn nahm sein Brot in die Hand
und sprach: »Ruht Euch nur aus, Vater, ich bin nicht müde, ich will in
dem Wald ein wenig auf und ab gehen und Vogelnester suchen.« -- »O du
Geck,« sprach der Vater, »was willst du da herumlaufen, hernach bist du
müde und kannst den Arm nicht mehr aufheben; bleib hier und setze dich
zu mir.«

Der Sohn aber ging in den Wald, aß sein Brot, war ganz fröhlich und sah
in die grünen Zweige hinein, ob er etwa ein Nest entdeckte. So ging er
hin und her, bis er endlich zu einer großen gefährlichen Eiche kam, die
gewiß schon viele hundert Jahre alt war und die keine fünf Menschen
umspannt hätten. Er blieb stehen und sah sie an und dachte: »Es muß
doch mancher Vogel sein Nest hinein gebaut haben.« Da deuchte ihn auf
einmal, als hörte er eine Stimme. Er horchte und vernahm, wie es mit
so einem recht dumpfen Ton rief: »Laß mich heraus, laß mich heraus!«
Er sah rings um, konnte aber nichts entdecken, doch es war ihm, als ob
die Stimme unten aus der Erde hervorkäme. Da rief er: »Wo bist du?«
Die Stimme antwortete: »Ich stecke da unten bei der Eichwurzel. Laß
mich heraus, laß mich heraus!« Der Schüler fing an, unter dem Baum
aufzuräumen und bei den Wurzeln zu suchen, bis er endlich in einer
kleinen Höhlung eine Glasflasche entdeckte. Er hob sie in die Höhe und
hielt sie gegen das Licht, da sah er ein Ding, gleich einem Frosch
gestaltet, das sprang darin auf und nieder. »Laß mich heraus, laß
mich heraus!« rief's von neuem, und der Schüler, der an nichts Böses
dachte, nahm den Pfropfen von der Flasche ab. Alsbald stieg ein Geist
heraus und fing an zu wachsen, und wuchs so schnell, daß er in wenigen
Augenblicken als ein entsetzlicher Kerl, so groß wie der halbe Baum,
vor dem Schüler stand. »Weißt du,« rief er mit einer fürchterlichen
Stimme, »was dein Lohn dafür ist, daß du mich heraus gelassen hast?«
-- »Nein,« antwortete der Schüler ohne Furcht, »wie soll ich das
wissen?« -- »So will ich dir's sagen,« rief der Geist, »den Hals muß
ich dir dafür brechen.« -- »Das hättest du mir früher sagen sollen,«
antwortete der Schüler, »so hätte ich dich stecken lassen; mein Kopf
aber soll vor dir wohl feststehen, da müssen mehr Leute gefragt
werden.« -- »Mehr Leute hin, mehr Leute her,« rief der Geist, »deinen
verdienten Lohn, den sollst du haben. Denkst du, ich wäre aus Gnade da
so lange Zeit eingeschlossen worden, nein, es war zu meiner Strafe; ich
bin der großmächtige Merkurius, wer mich erlöst, dem muß ich den Hals
brechen.« -- »Sachte,« antwortete der Schüler, »so geschwind geht das
nicht, erst muß ich auch wissen, daß du wirklich in der kleinen Flasche
gesessen hast und daß du der rechte Geist bist; kannst du auch wieder
hinein, so will ich's glauben, und dann magst du mit mir anfangen,
was du willst.« Der Geist sprach voll Hochmut: »Das ist eine geringe
Kunst,« zog sich zusammen und machte sich so dünn und klein, wie er
anfangs gewesen war, also daß er durch dieselbe Öffnung und durch den
Hals der Flasche wieder hineinkroch. Kaum aber war er darin, so drückte
der Schüler den abgezogenen Pfropfen wieder auf und warf die Flasche
unter die Eichwurzeln an ihren alten Platz, und der Geist war betrogen.

Nun wollte der Schüler zu seinem Vater zurückgehen, aber der Geist
rief ganz kläglich: »Ach, laß mich doch heraus, laß mich doch heraus!«
-- »Nein,« antwortete der Schüler, »zum zweitenmal nicht; wer mir
einmal nach dem Leben gestrebt hat, den laß ich nicht los, wenn ich
ihn wieder eingefangen habe.« -- »Wenn du mich frei machst,« rief der
Geist, »so will ich dir so viel geben, daß du dein Lebtag genug hast.«
-- »Nein,« antwortete der Schüler, »du würdest mich betrügen, wie das
erstemal.« -- »Du verscherzest dein Glück,« sprach der Geist, »ich
will dir nichts tun, sondern dich reichlich belohnen.« Der Schüler
dachte: »Ich will's wagen, vielleicht hält er Wort, und anhaben soll er
mir doch nichts.« Da nahm er den Pfropfen ab, und der Geist stieg wie
das vorige Mal heraus, dehnte sich auseinander, und ward groß wie ein
Riese. »Nun sollst du deinen Lohn haben,« sprach er, und reichte dem
Schüler einen kleinen Lappen, ganz wie ein Pflaster, und sagte: »Wenn
du mit dem einen Ende eine Wunde bestreichst, so heilt sie; und wenn du
mit dem andern Ende Stahl und Eisen bestreichst, so wird es in Silber
verwandelt.« -- »Das muß ich erst versuchen,« sprach der Schüler, ging
an einen Baum, ritzte die Rinde mit seiner Axt und bestrich sie mit
dem einen Ende des Pflasters: alsbald schloß sie sich wieder zusammen
und war geheilt. »Nun, es hat seine Richtigkeit,« sprach er zum
Geist, »jetzt können wir uns trennen.« Der Geist dankte ihm für seine
Erlösung, und der Schüler dankte dem Geist für sein Geschenk und ging
zurück zu seinem Vater.

»Wo bist du herumgelaufen?« sprach der Vater, »warum hast du die Arbeit
vergessen? Ich habe es ja gleich gesagt, daß du nichts zustande bringen
würdest.« -- »Gebt Euch zufrieden, Vater, ich will's nachholen.« --
»Ja, nachholen,« sprach der Vater zornig, »das hat keine Art.« --
»Habt acht, Vater, den Baum da will ich gleich umhauen, daß er krachen
soll.« Da nahm er sein Pflaster, bestrich die Axt damit und tat einen
gewaltigen Hieb; aber weil das Eisen in Silber verwandelt war, so legte
sich die Schneide um.« -- »Ei, Vater, seht einmal, was habt Ihr mir für
eine schlechte Axt gegeben, die ist ganz schief geworden.« Da erschrak
der Vater und sprach: »Ach, was hast du gemacht! Nun muß ich die Axt
bezahlen und weiß nicht womit; das ist der Nutzen, den ich von deiner
Arbeit habe.« -- »Werdet nicht bös,« antwortete der Sohn, »die Axt
will ich schon bezahlen.« -- »Oh, du Dummbart,« rief der Vater, »wovon
willst du sie bezahlen? Du hast nichts, als was ich dir gebe; das sind
Studentenkniffe, die dir im Kopfe stecken, aber vom Holzhacken hast du
keinen Verstand.«

Über ein Weilchen sprach der Schüler: »Vater, ich kann doch nichts mehr
arbeiten, wir wollen lieber Feierabend machen.« -- »Ei was,« antwortete
er, »meinst du, ich wollte die Hände in den Schoß legen wie du? Ich
muß noch schaffen, du kannst dich aber heimpacken.« -- »Vater, ich bin
zum erstenmal hier in dem Wald, ich weiß den Weg nicht allein, geht
doch mit mir.« Weil sich der Zorn gelegt hatte, so ließ der Vater sich
endlich bereden und ging mit ihm heim. Da sprach er zum Sohn: »Geh
und verkauf die verschändete Axt und sieh zu, was du dafür kriegst;
das übrige muß ich verdienen, um sie dem Nachbar zu bezahlen.« Der
Sohn nahm die Axt und trug sie in die Stadt zu einem Goldschmied, der
probierte sie, legte sie auf die Wage und sprach: »Sie ist vierhundert
Taler wert, so viel habe ich nicht bar.« Der Schüler sprach: »Gebt mir,
was Ihr habt, das übrige will ich Euch borgen.« Der Goldschmied gab
ihm dreihundert Taler und blieb einhundert schuldig. Darauf ging der
Schüler heim und sprach: »Vater, ich habe Geld, geht und fragt, was der
Nachbar für die Axt haben will.« »Das weiß ich schon,« antwortete der
Alte, »einen Taler sechs Groschen.« -- »So gebt ihm zwei Taler zwölf
Groschen, das ist das Doppelte und ist genug; seht Ihr, ich habe Geld
im Überfluß,« und gab dem Vater einhundert Taler und sprach, »es soll
Euch niemals fehlen, lebt nach Eurer Bequemlichkeit.« -- »Mein Gott,«
sprach der Alte, »wie bist du zu dem Reichtum gekommen?« Da erzählte
er ihm, wie alles zugegangen wäre und wie er im Vertrauen auf sein
Glück einen so reichen Fang getan hätte. Mit dem übrigen Geld aber zog
er wieder hin auf die hohe Schule und lernte weiter, und weil er mit
seinem Pflaster alle Wunden heilen konnte, ward er der berühmteste
Doktor auf der ganzen Welt.




                            [Illustration]

                            Rumpelstilzchen


Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne
Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und
um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm: »Ich habe eine Tochter,
die kann Stroh zu Gold spinnen.« Der König sprach zum Müller: »Das ist
eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist,
wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloß, da will ich sie auf
die Probe stellen.« Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er
es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und
sprach: »Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch
bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du
sterben.« Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein
darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rat.
Sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte,
und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing.
Da ging auf einmal die Türe auf und trat ein kleines Männchen herein
und sprach: »Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?«
-- »Ach,« antwortete das Mädchen, »ich soll Stroh zu Gold spinnen und
verstehe das nicht.« Sprach das Männchen: »Was gibst du mir, wenn ich
dir's spinne?« -- »Mein Halsband,« sagte das Mädchen. Das Männchen
nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr,
schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine
andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch
die zweite voll: und so ging's fort bis zum Morgen, da war alles
Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenaufgang
kam schon der König, und als er das Gold erblickte, erstaunte er und
freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Er ließ die
Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel
größer war, und befahl ihr das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn
ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und
weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen erschien
und sprach: »Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?«
-- »Meinen Ring von dem Finger,« antwortete das Mädchen. Das Männchen
nahm den Ring, fing wieder an zu schnurren mit dem Rade und hatte bis
zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute
sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes
satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll
Stroh bringen und sprach: »Die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen:
gelingt dir's aber, so sollst du meine Gemahlin werden.« -- »Wenn's
auch eine Müllerstochter ist,« dachte er, »eine reichere Frau finde ich
in der ganzen Welt nicht.« Als das Mädchen allein war, kam das Männlein
zum drittenmal wieder und sprach: »Was gibst du mir, wenn ich dir noch
diesmal das Stroh spinne?« -- »Ich habe nichts mehr, das ich geben
könnte,« antwortete das Mädchen. »So versprich mir, wenn du Königin
wirst, dein erstes Kind.« -- »Wer weiß wie das noch geht,« dachte die
Müllerstochter und wußte sich auch in der Not nicht anders zu helfen;
sie versprach also dem Männchen, was es verlangte, und das Männchen
spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König
kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit
ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar
nicht mehr an das Männchen. Da trat es plötzlich in ihre Kammer und
sprach: »Nun gib mir, was du versprochen hast.« Die Königin erschrak
und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreiches an, wenn es ihr
das Kind lassen wollte. Aber das Männchen sprach: »Nein, etwas Lebendes
ist mir lieber als alle Schätze der Welt.« Da fing die Königin so an zu
jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: »Drei
Tage will ich dir Zeit lassen,« sprach er, »wenn du bis dahin meinen
Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.«

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die
sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte
sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als
am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior,
Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber
bei jedem sprach das Männlein: »So heiß ich nicht.« Den zweiten Tag
ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute da genannt
würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten
Namen vor: »Heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder
Schnürbein?« Aber es antwortete immer: »So heiß ich nicht.« Den dritten
Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte: »Neue Namen habe ich
keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die
Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da
ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer
sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und
schrie:

  »Heute back ich, morgen brau ich,
  übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
  ach, wie gut ist, daß niemand weiß,
  daß ich Rumpelstilzchen heiß!«

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte,
und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte: »Nun, Frau
Königin, wie heiß ich?« fragte sie erst: »Heißest du Kunz?« -- »Nein.«
-- »Heißest du Heinz?« -- »Nein.«

»Heißt du etwa Rumpelstilzchen?«

»Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt,« schrie
das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die
Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut
den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.




                            [Illustration]

                      Schneeweißchen und Rosenrot


Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem
Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug
das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die
glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen,
das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam
und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind.
Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot
sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing
Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im
Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder
hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, so
oft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: »Wir wollen
uns nicht verlassen,« so antwortete Rosenrot: »Solange wir leben
nicht,« und die Mutter setzte hinzu: »Was das eine hat, soll's mit dem
andern teilen.« Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten
rote Beeren, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen
vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen,
das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei und
die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten.
Kein Unfall traf sie; wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die
Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos
und schliefen bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und hatte
ihretwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet hatten und
das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind in einem
weißen, glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und
blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und ging in den Wald
hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz nahe bei einem
Abgrunde geschlafen und wären gewiß hineingefallen, wenn sie in der
Dunkelheit noch ein paar Schritte weitergegangen wären. Die Mutter aber
sagte ihnen, das müßte der Engel gewesen sein, der gute Kinder bewache.

Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so
reinlich, daß es eine Freude war hineinzuschauen. Im Sommer besorgte
Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie
aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen
eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an und hing den
Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber
wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen,
sagte die Mutter: »Geh, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor,« und
dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und
las aus einem großen Buche vor, und die beiden Mädchen hörten zu, saßen
und spannen; neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden und hinter
ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf
unter den Flügel gesteckt.

Eines Abends, als sie so vertraulich beisammen saßen, klopfte jemand
an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach:
»Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach
sucht.« Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wäre
ein armer Mann, aber der war es nicht, es war der Bär, der seinen
dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinsteckte. Rosenrot schrie laut und
sprang zurück; das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, und
Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär aber
fing an zu sprechen und sagte: »Fürchtet euch nicht, ich tue euch
nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei
euch wärmen.« -- »Du armer Bär,« sprach die Mutter, »leg dich ans
Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt.« Dann rief
sie: »Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts,
er meint's ehrlich.« Da kamen sie beide heran, und nach und nach
näherten sich auch das Lämmchen und Täubchen und hatten keine Furcht
vor ihm. Der Bär sprach: »Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig
aus dem Pelzwerk,« und sie holten den Besen und kehrten dem Bären das
Fell rein; er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt
und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben
Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den
Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin
und her, oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los,
und wenn er brummte, so lachten sie. Der Bär ließ sich's aber gerne
gefallen, nur wenn sie's gar zu arg machten, rief er: »Laßt mich am
Leben, ihr Kinder:

  Schneeweißchen, Rosenrot,
  schlägst dir den Freier tot.«

Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter
zu dem Bär: »Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben, so
bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.« Sobald der Tag
graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus und er trabte über den
Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der
bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern,
Kurzweil zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so gewöhnt an
ihn, daß die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der schwarze
Gesell angelangt war.

              [Illustration: Schneeweißchen und Rosenrot]

Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der
Bär eines Morgens zu Schneeweißchen: »Nun muß ich fort und darf den
ganzen Sommer nicht wiederkommen.« -- »Wo gehst du denn hin, lieber
Bär?« fragte Schneeweißchen. »Ich muß in den Wald und meine Schätze vor
den bösen Zwergen hüten; im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist,
müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten, aber
jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen
sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren
Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder
an des Tages Licht.« Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied,
und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär sich hinausdrängte,
blieb er an dem Türhaken hängen und ein Stück seiner Haut riß auf, und
da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen;
aber es war seiner Sache nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war
bald hinter den Bäumen verschwunden.

Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig
zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt
auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf
und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie
näherkamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten verwelkten Gesicht
und einem ellenlangen schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in
eine Spalte des Baumes eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her
wie ein Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen
sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten, feurigen Augen an und
schrie: »Was steht ihr da! Könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand
leisten?« -- »Was hast du angefangen, kleines Männchen?« fragte
Rosenrot. »Dumme, neugierige Gans,« antwortete der Zwerg, »den Baum
habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei
den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner
braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges
Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre
alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und
sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen,
daß ich meinen schönen, weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte;
nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen,
glatten Milchgesichter! Pfui, was seid ihr garstig!« Die Kinder
gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen,
er steckte zu fest. Ich will laufen und Leute herbeiholen,« sagte
Rosenrot. »Wahnsinnige Schafsköpfe,« schnarrte der Zwerg, »wer wird
gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zuviel; fällt
euch nichts Besseres ein?« -- »Sei nur nicht ungeduldig,« sagte
Schneeweißchen, »ich will schon Rat schaffen,« holte sein Scherchen aus
der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich
frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des
Baumes steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte
vor sich hin: »Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem
stolzen Barte ab! Lohn's euch der Kuckuck!« Damit schwang er seinen
Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur einmal anzusehen.

Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht
Fische angeln. Als sie nahe bei dem Bache waren, sahen sie, daß etwas
wie eine große Heuschrecke nach dem Wasser zu hüpfte, als wollte es
hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. »Wo willst
du hin?« sagte Rosenrot, »du willst doch nicht ins Wasser?« -- »Solch
ein Narr bin ich nicht,« schrie der Zwerg, »seht ihr nicht, der
verwünschte Fisch will mich hineinziehen?« Der Kleine hatte dagesessen
und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit
der Angelschnur verflochten; als gleich darauf ein großer Fisch anbiß,
fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen; der
Fisch behielt die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er
sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den
Bewegungen des Fisches folgen und war in beständiger Gefahr, ins Wasser
gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest
und versuchten den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens,
Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig,
als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei
ein kleiner Teil desselben verloren ging. Als der Zwerg das sah,
schrie er sie an: »Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu
schänden? Nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt,
jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab; ich darf mich vor
den Meinigen gar nicht sehen lassen. Daß ihr laufen müßtet und die
Schuhsohlen verloren hättet!« Dann holte er einen Sack Perlen, der im
Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort
und verschwand hinter einem Stein.

Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter die beiden Mädchen nach
der Stadt schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen.
Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige
Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der
Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer
herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß.
Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei.
Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, daß der Adler ihren alten
Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die
mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich
so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren ließ. Als
der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit
seiner kreischenden Stimme: »Konntet ihr nicht säuberlicher mit mir
umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, daß es überall
zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und täppisches Gesindel,
das ihr seid!« Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte
wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen
Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr
Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen,
überraschten sie den Zwerg, der auf einem reinlichen Plätzchen seinen
Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so
spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die
glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen
Farben, daß die Kinder stehen blieben und sie betrachteten. »Was steht
ihr da und habt Maulaffen feil!« schrie der Zwerg, und sein aschgraues
Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit seinen Scheltworten
fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer
Bär aus dem Walde herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf, aber
er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war
schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst: »Lieber Herr Bär,
verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet, die
schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr
an mir kleinem schmächtigen Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den
Zähnen; da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte
Bissen, fett wie junge Wachteln, die freßt in Gottes Namen.« Der Bär
kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen
einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr.

Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach:
»Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will
mit euch gehen.« Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen,
und als der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er
stand da als ein schöner Mann und war ganz in Gold gekleidet. »Ich bin
eines Königs Sohn,« sprach er, »und war von dem gottlosen Zwerg, der
mir meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in
dem Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat
er seine wohlverdiente Strafe empfangen.«

Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder,
und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seine
Höhle zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre
ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm
sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die
schönsten Rosen, weiß und rot.




                            [Illustration]

                             Hans im Glück


Hans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient, da sprach er zu
ihm: »Herr, meine Zeit ist herum, nun wollte ich gerne wieder heim zu
meiner Mutter, gebt mir meinen Lohn.« Der Herr antwortete: »Du hast
mir treu und ehrlich gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn
sein,« und gab ihm ein Stück Gold, das so groß als Hansens Kopf war.
Hans zog sein Tüchlein aus der Tasche, wickelte den Klumpen hinein,
setzte ihn auf die Schulter und machte sich auf den Weg nach Haus. Wie
er so dahin ging und immer ein Bein vor das andere setzte, kam ihm ein
Reiter in die Augen, der frisch und fröhlich auf einem muntern Pferd
vorbeitrabte. »Ach,« sprach Hans ganz laut, »was ist das Reiten ein
schönes Ding! Da sitzt einer wie auf einem Stuhl, stößt sich an keinen
Stein, spart die Schuh und kommt fort, er weiß nicht wie.« Der Reiter,
der das gehört hatte, hielt an und rief: »Ei, Hans, warum laufst du
auch zu Fuß?« -- »Ich muß ja wohl,« antwortete er, »da habe ich einen
Klumpen heimzutragen; es ist zwar Gold, aber ich kann den Kopf dabei
nicht gerad halten, auch drückt mir's auf die Schulter.« -- »Weißt du
was,« sagte der Reiter, »wir wollen tauschen: ich gebe dir mein Pferd
und du gibst mir deinen Klumpen.« -- »Von Herzen gern,« sprach Hans,
»aber ich sage Euch, Ihr müßt Euch damit schleppen.« Der Reiter stieg
ab, nahm das Gold und half dem Hans hinauf, gab ihm die Zügel fest in
die Hände und sprach: »Wenn's nun recht geschwind soll gehen, so mußt
du mit der Zunge schnalzen und hopp, hopp rufen.«

Hans war seelenfroh, als er auf dem Pferde saß und so frank und frei
dahinritt. Über ein Weilchen fiel's ihm ein, es sollte noch schneller
gehen, und fing an mit der Zunge zu schnalzen und hopp hopp zu rufen.
Das Pferd setzte sich in starken Trab, und ehe sich's Hans versah, war
er abgeworfen und lag in einem Graben, der die Äcker von der Landstraße
trennte. Das Pferd wäre auch durchgegangen, wenn es nicht ein Bauer
aufgehalten hätte, der des Weges kam und eine Kuh vor sich her trieb.
Hans suchte seine Glieder zusammen und machte sich wieder auf die
Beine. Er war aber verdrießlich und sprach zu dem Bauer: »Es ist ein
schlechter Spaß, das Reiten, zumal, wenn man auf so eine Mähre gerät
wie diese, die stößt und einen herabwirft, daß man den Hals brechen
kann; ich setze mich nun und nimmermehr wieder auf. Da lob ich mir Eure
Kuh, da kann einer mit Gemächlichkeit hinterher gehen und hat obendrein
seine Milch, Butter und Käse jeden Tag gewiß. Was gäb ich darum, wenn
ich so eine Kuh hätte!« -- »Nun,« sprach der Bauer, »geschieht Euch
so ein großer Gefallen, so will ich Euch wohl die Kuh für das Pferd
vertauschen.« Hans willigte mit tausend Freuden ein; der Bauer schwang
sich aufs Pferd und ritt eilig davon.

Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und bedachte den glücklichen
Handel. »Hab ich nur ein Stück Brot, und daran wird mir's doch nicht
fehlen, so kann ich, so oft mir's beliebt, Butter und Käse dazu essen;
hab ich Durst, so melk ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was
verlangst du mehr?« Als er zu einem Wirtshaus kam, machte er Halt, aß
in der großen Freude alles, was er bei sich hatte, sein Mittags- und
Abendbrot, rein auf und ließ sich für seine letzten paar Heller ein
halbes Glas Bier einschenken. Dann trieb er seine Kuh weiter, immer
nach dem Dorfe seiner Mutter zu. Die Hitze ward drückender, je näher
der Mittag kam, und Hans befand sich in einer Heide, die wohl noch eine
Stunde dauerte. Da ward es ihm ganz heiß, so daß ihm vor Durst die
Zunge am Gaumen klebte. »Dem Ding ist zu helfen,« dachte Hans, »jetzt
will ich meine Kuh melken und mich an der Milch laben.« Er band sie an
einen dürren Baum, und da er keinen Eimer hatte, so stellte er seine
Ledermütze unter, aber wie er sich auch abmühte, es kam kein Tropfen
Milch zum Vorschein. Und weil er sich ungeschickt dabei anstellte, so
gab ihm das ungeduldige Tier endlich mit einem der Hinterfüße einen
solchen Schlag vor den Kopf, daß er zu Boden taumelte und eine Zeitlang
sich gar nicht besinnen konnte, wo er war. Glücklicherweise kam gerade
ein Metzger des Weges, der auf einem Schubkarren ein junges Schwein
liegen hatte. »Was sind das für Streiche!« rief er und half dem guten
Hans auf. Hans erzählte, was vorgefallen war. Der Metzger reichte ihm
seine Flasche und sprach: »Da trinkt einmal und erholt Euch. Die Kuh
will wohl keine Milch geben, das ist ein altes Tier, das höchstens
noch zum Ziehen taugt oder zum Schlachten.« -- »Ei, ei,« sprach Hans
und strich sich die Haare über den Kopf, »wer hätte das gedacht! Es
ist freilich gut, wenn man so ein Tier ins Haus abschlachten kann, was
gibt's für Fleisch! Aber ich mache mir aus dem Kuhfleisch nicht viel,
es ist mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! Das
schmeckt anders, dabei noch die Würste.« -- »Hört, Hans,« sprach da der
Metzger, »Euch zuliebe will ich tauschen und will Euch das Schwein für
die Kuh lassen.« -- »Gott lohn Euch Eure Freundschaft,« sprach Hans,
übergab ihm die Kuh, ließ sich das Schweinchen vom Karren losmachen und
den Strick, woran es gebunden war, in die Hand geben.

Hans zog weiter und überdachte, wie ihm doch alles nach Wunsch ginge,
begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wieder
gut gemacht. Es gesellte sich danach ein Bursch zu ihm, der trug eine
schöne weiße Gans unter dem Arm. Sie boten einander die Zeit, und Hans
fing an von seinem Glück zu erzählen und wie er immer so vorteilhaft
getauscht hätte. Der Bursch erzählte ihm, daß er die Gans zu einem
Kindtaufsschmaus brächte. »Hebt einmal,« fuhr er fort und packte sie
bei den Flügeln, »wie schwer sie ist, die ist aber auch acht Wochen
lang genudelt worden. Wer in den Braten beißt, muß sich das Fett von
beiden Seiten abwischen.« -- »Ja,« sprach Hans und wog sie mit der
einen Hand, »die hat ihr Gewicht, aber mein Schwein ist auch keine
Sau.« Indessen sah sich der Bursch nach allen Seiten ganz bedenklich
um, schüttelte auch wohl mit dem Kopf. »Hört,« fing er darauf an, »mit
Eurem Schweine mag's nicht ganz richtig sein. In dem Dorfe, durch das
ich gekommen bin, ist eben dem Schulzen eins aus dem Stall gestohlen
worden. Ich fürchte, ich fürchte, Ihr habt's da in der Hand. Sie haben
Leute ausgeschickt, und es wäre ein schlimmer Handel, wenn sie Euch
mit dem Schwein erwischten; das geringste ist, daß Ihr ins finstere
Loch gesteckt werdet.« Dem guten Hans ward bang: »Ach Gott,« sprach
er, »helft mir aus der Not, Ihr wißt hier herum bessern Bescheid,
nehmt mein Schwein da und laßt mir Eure Gans.« -- »Ich muß schon etwas
aufs Spiel setzen,« antwortete der Bursche, »aber ich will doch nicht
schuld sein, daß Ihr ins Unglück geratet.« Er nahm also das Seil in
die Hand und trieb das Schwein schnell auf einen Seitenweg fort; der
gute Hans aber ging, seiner Sorgen entledigt, mit der Gans unter dem
Arme der Heimat zu. »Wenn ich's recht überlege,« sprach er mit sich
selbst, »habe ich noch Vorteil bei dem Tausch: erstlich den guten
Braten, hernach die Menge von Fett, die herausträufeln wird, das gibt
Gänsefettbrot auf ein Vierteljahr; und endlich die schönen weißen
Federn, die laß ich mir in mein Kopfkissen stopfen, und darauf will ich
wohl ungewiegt einschlafen. Was wird meine Mutter eine Freude haben!«

Als er durch das letzte Dorf gekommen war, stand da ein
Scherenschleifer mit seinem Karren, sein Rad schnurrte, und er sang
dazu:

  »Ich schleife die Schere und drehe geschwind,
  und hänge mein Mäntelchen nach dem Wind.«

Hans blieb stehen und sah ihm zu; endlich redete er ihn an und sprach:
»Euch geht's wohl, weil Ihr so lustig bei Eurem Schleifen seid.« --
»Ja,« antwortete der Scherenschleifer, »das Handwerk hat einen güldenen
Boden. Ein rechter Schleifer ist ein Mann, der, so oft er in die
Tasche greift, auch Geld darin findet. Aber wo habt Ihr die schöne
Gans gekauft?« -- »Die hab ich nicht gekauft, sondern für mein Schwein
eingetauscht.« -- »Und das Schwein?« -- »Das hab ich für eine Kuh
gekriegt.« -- »Und die Kuh?« -- »Die hab ich für ein Pferd bekommen.«
-- »Und das Pferd?« -- »Dafür hab ich einen Klumpen Gold, so groß als
mein Kopf, gegeben.« -- »Und das Gold?« -- »Ei, das war mein Lohn für
sieben Jahre Dienst.« -- »Ihr habt Euch jederzeit zu helfen gewußt,«
sprach der Schleifer, »könnt Ihr's nun dahin bringen, daß Ihr das Geld
in der Tasche springen hört, wenn Ihr aufsteht, so habt Ihr Euer
Glück gemacht.« -- »Wie soll ich das anfangen?« sprach Hans. »Ihr müßt
Schleifer werden, wie ich; dazu gehört eigentlich nichts, als ein
Wetzstein, das andere findet sich schon von selbst. Da hab ich einen,
der ist zwar ein wenig schadhaft, dafür sollt Ihr mir aber auch weiter
nichts als Eure Gans geben; wollt Ihr das?« -- »Wie könnt Ihr noch
fragen,« antwortete Hans, »ich werde ja zum glücklichsten Menschen auf
Erden; habe ich Geld, so oft ich in die Tasche greife, was brauche ich
da länger zu sorgen?« reichte ihm die Gans hin und nahm den Wetzstein
in Empfang. »Nun,« sprach der Schleifer und hob einen gewöhnlichen
schweren Feldstein, der neben ihm lag, auf, »da habt Ihr noch einen
tüchtigen Stein dazu, auf dem sich's gut schlagen läßt und Ihr Eure
alten Nägel gerade klopfen könnt. Nehmt ihn und hebt ihn ordentlich
auf.«

Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine
Augen leuchteten vor Freude. »Ich muß in einer Glückshaut geboren
sein,« rief er aus, »alles was ich wünsche trifft mir ein, wie einem
Sonntagskind.« Indessen, weil er seit Tagesanbruch auf den Beinen
gewesen war, begann er müde zu werden; auch plagte ihn der Hunger,
da er allen Vorrat auf einmal in der Freude über die erhandelte Kuh
aufgezehrt hatte. Er konnte endlich nur mit Mühe weiter gehen und
mußte jeden Augenblick Halt machen; dabei drückten ihn die Steine ganz
erbärmlich. Da konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie gut
es wäre, wenn er sie gerade jetzt nicht zu tragen brauchte. Wie eine
Schnecke kam er zu einem Feldbrunnen geschlichen, wollte da ruhen
und sich mit einem frischen Trunk laben; damit er aber die Steine im
Niedersitzen nicht beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich auf
den Rand des Brunnens. Darauf setzte er sich nieder und wollte sich zum
Trinken bücken, da versah er's, stieß ein klein wenig an, und beide
Steine plumpten hinab. Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe
hatte versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und
dankte Gott mit Tränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch
erwiesen und ihn auf eine so gute Art und ohne, daß er sich einen
Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte, die
ihm allein noch hinderlich gewesen wären. »So glücklich wie ich,« rief
er aus, »gibt es keinen Menschen unter der Sonne.« Mit leichtem Herzen
und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner
Mutter war.




                            [Illustration]

                         Das Wasser des Lebens


Es war einmal ein König, der war krank, und niemand glaubte, daß er
mit dem Leben davon käme. Er hatte aber drei Söhne, die waren darüber
betrübt, gingen hinunter in den Schloßgarten und weinten. Da begegnete
ihnen ein alter Mann, der fragte sie nach ihrem Kummer. Sie sagten ihm,
ihr Vater wäre so krank, daß er wohl sterben würde, denn es wollte ihm
nichts helfen. Da sprach der Alte: »Ich weiß noch ein Mittel, das ist
das Wasser des Lebens, wenn er davon trinkt, so wird er wieder gesund;
es ist aber schwer zu finden.« Der älteste sagte: »Ich will es schon
finden,« ging zum kranken König und bat ihn, er möchte ihm erlauben
auszuziehen, um das Wasser des Lebens zu suchen, denn das könnte ihn
allein heilen. »Nein,« sprach der König, »die Gefahr dabei ist zu
groß, lieber will ich sterben.« Er bat aber so lange, bis der König
einwilligte. Der Prinz dachte in seinem Herzen: »Bringe ich das Wasser,
so bin ich meinem Vater der liebste und erbe das Reich.«

Also machte er sich auf, und als er eine Zeitlang fortgeritten war,
stand da ein Zwerg auf dem Wege, der rief ihn an und sprach: »Wo hinaus
so geschwind?« -- »Dummer Knirps,« sagte der Prinz ganz stolz, »das
brauchst du nicht zu wissen,« und ritt weiter. Das kleine Männchen
aber war zornig geworden und hatte einen bösen Wunsch getan. Der Prinz
geriet bald hernach in eine Bergschlucht, und je weiter er ritt, je
enger taten sich die Berge zusammen, und endlich ward der Weg so
eng, daß er keinen Schritt weiter konnte; es war nicht möglich, das
Pferd zu wenden oder aus dem Sattel zu steigen, und er saß da wie
eingesperrt. Der kranke König wartete lange Zeit auf ihn, aber er kam
nicht. Da sagte der zweite Sohn: »Vater, laß mich ausziehen und das
Wasser suchen,« und dachte bei sich: »Ist mein Bruder tot, so fällt mir
das Reich zu.« Der König wollte ihn anfangs auch nicht ziehen lassen,
endlich gab er nach. Der Prinz zog also auf demselben Wege fort, den
sein Bruder eingeschlagen hatte und begegnete auch dem Zwerg, der ihn
anhielt und fragte, wohin er so eilig wollte. »Kleiner Knirps,« sagte
der Prinz, »das brauchst du nicht zu wissen,« und ritt fort, ohne sich
weiter umzusehen. Aber der Zwerg verwünschte ihn, und er geriet wie der
andere in eine Bergschlucht und konnte nicht vorwärts und rückwärts. So
geht's aber den Hochmütigen.

Als auch der zweite Sohn ausblieb, so erbot sich der jüngste,
auszuziehen und das Wasser zu holen, und der König mußte ihn endlich
ziehen lassen. Als er dem Zwerg begegnete und dieser fragte, wohin er
so eilig wolle, so hielt er an, gab ihm Rede und Antwort und sagte:
»Ich suche das Wasser des Lebens, denn mein Vater ist sterbenskrank.«
-- »Weißt du auch, wo das zu finden ist?« -- »Nein,« sagte der Prinz.
-- »Weil du dich betragen hast, wie sich's geziemt, nicht übermütig wie
deine falschen Brüder, so will ich dir Auskunft geben und dir sagen,
wie du zu dem Wasser des Lebens gelangst. Es quillt aus einem Brunnen
in dem Hofe eines verwünschten Schlosses, aber du dringst nicht hinein,
wenn ich dir nicht eine eiserne Rute gebe und zwei Laiberchen Brot.
Mit der Rute schlag dreimal an das eiserne Tor des Schlosses, so wird
es aufspringen; inwendig liegen zwei Löwen, die den Rachen aufsperren,
wenn du aber jedem ein Brot hinein wirfst, so werden sie still, und
dann eile dich und hol von dem Wasser des Lebens bevor es zwölf
schlägt, sonst schlägt das Tor wieder zu und du bist eingesperrt.« Der
Prinz dankte ihm, nahm die Rute und das Brot, und machte sich auf den
Weg. Und als er anlangte, war alles so, wie der Zwerg gesagt hatte. Das
Tor sprang beim dritten Rutenschlag auf, und als er die Löwen mit dem
Brot gesänftigt hatte, trat er in das Schloß und kam in einen großen
schönen Saal; darin saßen verwünschte Prinzen, denen zog er die Ringe
vom Finger, dann lag da ein Schwert und ein Brot, das nahm er weg.
Und weiter kam er in ein Zimmer, darin stand eine schöne Jungfrau,
die freute sich, als sie ihn sah, küßte ihn und sagte, er hätte sie
erlöst, und sollte ihr ganzes Reich haben, und wenn er in einem Jahre
wiederkäme, so sollte ihre Hochzeit gefeiert werden. Dann sagte sie
ihm auch, wo der Brunnen wäre mit dem Lebenswasser, er müßte sich aber
eilen und daraus schöpfen, ehe es zwölf schlüge. Da ging er weiter
und kam endlich in ein Zimmer, wo ein schönes frischgedecktes Bett
stand, und weil er müde war, wollte er erst ein wenig ausruhen. Also
legte er sich und schlief ein; als er erwachte, schlug es drei Viertel
auf zwölf. Da sprang er ganz erschrocken auf, lief zu dem Brunnen und
schöpfte daraus mit einem Becher, der daneben stand, und eilte, daß er
fortkam. Wie er eben zum eisernen Tore hinaus ging, da schlug's zwölf,
und das Tor schlug so heftig zu, daß es ihm noch ein Stück von der
Ferse wegnahm.

Er aber war froh, daß er das Wasser des Lebens erlangt hatte, ging
heimwärts und kam wieder an dem Zwerg vorbei. Als dieser das Schwert
und das Brot sah, sprach er: »Damit hast du großes Gut gewonnen, mit
dem Schwert kannst du ganze Heere schlagen, das Brot aber wird niemals
all.« Der Prinz wollte ohne seine Brüder nicht zu dem Vater nach Haus
kommen und sprach: »Lieber Zwerg, kannst du mir nicht sagen, wo meine
zwei Brüder sind? Sie sind früher als ich nach dem Wasser des Lebens
ausgezogen und sind nicht wiedergekommen.« -- »Zwischen zwei Bergen
stecken sie eingeschlossen,« sprach der Zwerg, »dahin habe ich sie
verwünscht, weil sie so übermütig waren.« Da bat der Prinz so lange,
bis der Zwerg sie wieder los ließ, aber er warnte ihn und sprach: »Hüte
dich vor ihnen, sie haben ein böses Herz.«

Als seine Brüder kamen, freute er sich und erzählte ihnen, wie es ihm
ergangen wäre, daß er das Wasser des Lebens gefunden und einen Becher
voll mitgenommen und eine schöne Prinzessin erlöst hätte, die wollte
ein Jahr lang auf ihn warten, dann sollte Hochzeit gehalten werden,
und er bekäme ein großes Reich. Danach ritten sie zusammen fort und
gerieten in ein Land, wo Hunger und Krieg war, und der König glaubte
schon, er müßte verderben, so groß war die Not. Da ging der Prinz
zu ihm und gab ihm das Brot, womit er sein ganzes Reich speiste und
sättigte; und dann gab ihm der Prinz auch das Schwert, damit schlug
er die Heere seiner Feinde und konnte nun in Ruhe und Frieden leben.
Da nahm der Prinz sein Brot und Schwert wieder zurück, und die drei
Brüder ritten weiter. Sie kamen aber noch in zwei Länder, wo Hunger und
Krieg herrschten, und da gab der Prinz den Königen jedesmal sein Brot
und Schwert, und hatte nun drei Reiche gerettet. Und danach setzten
sie sich auf ein Schiff, und fuhren übers Meer. Während der Fahrt da
sprachen die beiden ältesten unter sich: »Der jüngste hat das Wasser
des Lebens gefunden und wir nicht, dafür wird ihm unser Vater das Reich
geben, das uns gebührt, und er wird unser Glück wegnehmen.« Da wurden
sie rachsüchtig und verabredeten miteinander, daß sie ihn verderben
wollten. Sie warteten, bis er einmal fest eingeschlafen war, da gossen
sie das Wasser des Lebens aus dem Becher und nahmen es für sich, ihm
aber gossen sie bitteres Meerwasser hinein.

Als sie nun daheim ankamen, brachte der jüngste dem kranken König
seinen Becher, damit er daraus trinken und gesund werden sollte. Kaum
aber hatte er ein wenig von dem bittern Meerwasser getrunken, so
ward er noch kränker als zuvor. Und wie er darüber jammerte, kamen
die beiden ältesten Söhne und klagten den jüngsten an, er hätte ihn
vergiften wollen, sie brächten ihm das rechte Wasser des Lebens, und
reichten es ihm. Kaum hatte er davon getrunken, so fühlte er seine
Krankheit verschwinden, und war stark und gesund wie in seinen jungen
Tagen. Danach gingen die beiden zu dem jüngsten, verspotteten ihn und
sagten: »Du hast zwar das Wasser des Lebens gefunden, aber du hast die
Mühe gehabt und wir den Lohn; du hättest klüger sein und die Augen
aufbehalten sollen, wir haben dir's genommen, während du auf dem Meere
eingeschlafen warst, und übers Jahr, da holt sich einer von uns die
schöne Königstochter. Aber hüte dich, daß du nichts davon verrätst, der
Vater glaubt dir doch nicht, und wenn du ein einziges Wort sagst, so
sollst du noch obendrein dein Leben verlieren, schweigst du aber, so
soll dir's geschenkt sein.«

Der alte König war zornig über seinen jüngsten Sohn und glaubte, er
hätte ihm nach dem Leben getrachtet. Also ließ er den Hof versammeln
und das Urteil über ihn sprechen, daß er heimlich sollte erschossen
werden. Als der Prinz nun einmal auf die Jagd ritt und nichts Böses
vermutete, mußte des Königs Jäger mitgehen. Draußen, als sie ganz
allein im Wald waren und der Jäger so traurig aussah, sagte der Prinz
zu ihm: »Lieber Jäger, was fehlt dir?« Der Jäger sprach: »Ich kann's
nicht sagen und soll es doch.« Da sprach der Prinz: »Sage heraus, was
es ist, ich will dir's verzeihen.« -- »Ach,« sagte der Jäger, »ich
soll Euch totschießen, der König hat mir's befohlen.« Da erschrak der
Prinz und sprach: »Lieber Jäger, laß mich leben, da geb ich dir mein
königliches Kleid, gib mir dafür dein schlechtes.« Der Jäger sagte:
»Das will ich gerne tun, ich hätte doch nicht nach Euch schießen
können. Da tauschten sie die Kleider, und der Jäger ging heim, der
Prinz aber ging weiter in den Wald hinein.

Über eine Zeit, da kamen zu dem alten König drei Wagen mit Gold und
Edelsteinen für seinen jüngsten Sohn: sie waren aber von den drei
Königen geschickt, die mit des Prinzen Schwert die Feinde geschlagen
und mit seinem Brot ihr Land ernährt hatten, und die sich dankbar
bezeigen wollten. Da dachte der alte König: »Sollte mein Sohn
unschuldig gewesen sein?« und sprach zu seinen Leuten: »Wäre er noch am
Leben, wie tut mir's so leid, daß ich ihn habe töten lassen.« -- »Er
lebt noch,« sprach der Jäger, »ich konnte es nicht übers Herz bringen,
Euern Befehl auszuführen,« und sagte dem König, wie es zugegangen
war. Da fiel dem König ein Stein von dem Herzen, und er ließ in allen
Reichen verkündigen, sein Sohn dürfte wiederkommen und sollte in Gnaden
aufgenommen werden.

Die Königstochter aber ließ eine Straße vor ihrem Schloß machen, die
war ganz golden und glänzend, und sagte ihren Leuten, wer darauf
geradeswegs zu ihr geritten käme, das wäre der rechte, und den sollten
sie einlassen, wer aber daneben käme, das wäre der rechte nicht, und
den sollten sie auch nicht einlassen. Als nun die Zeit bald herum war,
dachte der älteste, er wollte sich eilen, zur Königstochter gehen und
sich für ihren Erlöser ausgeben, da bekäme er sie zur Gemahlin und das
Reich daneben. Also ritt er fort, und als er vor das Schloß kam und
die schöne goldene Straße sah, dachte er: »Das wäre jammerschade, wenn
du darauf rittest,« lenkte ab und ritt rechts nebenher. Wie er aber
vor das Tor kam, sagten die Leute zu ihm, er wäre der rechte nicht,
er sollte wieder fortgehen. Bald darauf machte sich der zweite Prinz
auf, und wie der zur goldenen Straße kam und das Pferd den einen Fuß
darauf gesetzt hatte, dachte er: »Das wäre jammerschade, das könnte
etwas abtreten,« lenkte ab und ritt links nebenher. Wie er aber vor das
Tor kam, sagten die Leute, er wäre der rechte nicht, er sollte wieder
fortgehen. Als nun das Jahr ganz herum war, wollte der dritte aus dem
Wald fort zu seiner Liebsten reiten und bei ihr sein Leid vergessen.
Also machte er sich auf, und dachte immer an sie und wäre gerne schon
bei ihr gewesen, und sah die goldene Straße gar nicht. Da ritt sein
Pferd mitten darüber hin, und als er vor das Tor kam, ward es aufgetan,
und die Königstochter empfing ihn mit Freuden und sagte, er wär ihr
Erlöser und der Herr des Königreichs, und ward die Hochzeit gehalten
mit großer Glückseligkeit. Und als sie vorbei war, erzählte sie ihm,
daß sein Vater ihn zu sich entboten und ihm verziehen hätte. Da ritt er
hin und sagte ihm alles, wie seine Brüder ihn betrogen und er doch dazu
geschwiegen hätte. Der alte König wollte sie strafen, aber sie hatten
sich aufs Meer gesetzt und waren fortgeschifft und kamen ihr Lebtag
nicht wieder.




                            [Illustration]

                  Der Sperling und seine vier Kinder


Ein Sperling hatte vier Junge in einem Schwalbennest. Wie sie nun flück
sind, stoßen böse Buben das Nest ein, sie kommen aber alle glücklich in
Windbraus davon. Nun ist dem Alten leid, weil seine Söhne in die Welt
kommen, daß er sie nicht vor allerlei Gefahr erst verwarnet und ihnen
gute Lehren fürgesagt habe.

Auf'n Herbst kommen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen, allda
trifft der Alte seine vier Jungen an, die führt er voll Freuden mit
sich heim. »Ach, meine lieben Söhne, was habt ihr mir den Sommer über
Sorge gemacht, dieweil ihr ohne meine Lehre in Winde kamet; höret meine
Worte und folget eurem Vater und sehet euch wohl vor; kleine Vöglein
haben große Gefährlichkeit auszustehen!« Darauf fragte er den älteren,
wo er sich den Sommer über aufgehalten und wie er sich ernähret hätte.
»Ich habe mich in den Gärten gehalten, Räuplein und Würmlein gesucht,
bis die Kirschen reif wurden.« -- »Ach, mein Sohn,« sagte der Vater,
»die Schnabelweid ist nicht bös, aber es ist große Gefahr dabei, darum
habe fortan deiner wohl acht, und sonderlich wenn Leut in Gärten
umhergehn, die lange, grüne Stangen tragen, die inwendig hohl sind
und oben ein Löchlein haben.« -- »Ja, mein Vater, wenn dann ein grün
Blättlein aufs Löchlein mit Wachs geklebt wäre?« spricht der Sohn.
»Wo hast du das gesehen?« -- »In eines Kaufmanns Garten,« sagte der
Junge. »O mein Sohn,« spricht der Vater, »Kaufleut, geschwinde Leut!
Bist du um die Weltkinder gewesen, so hast du Weltgeschmeidigkeit genug
gelernt, siehe und brauch's nur recht wohl und trau dir nicht zuviel.«

Darauf befragt er den andern: »Wo hast du dein Wesen gehabt?« -- »Zu
Hofe,« spricht der Sohn. »Sperling und alberne Vöglein dienen nicht
an diesem Ort, da viel Gold, Sammet, Seiden, Wehr, Harnisch, Sperber,
Kautzen und Blaufüß sind, halt dich zum Roßstall, da man den Hafer
schwingt, oder wo man drischet, so kann dir's Glück mit gutem Fried
auch dein täglich Körnlein bescheren.« -- »Ja, Vater,« sagte dieser
Sohn, »wenn aber die Stalljungen Hebritzen machen und ihre Maschen
und Schlingen ins Stroh binden, da bleibt auch mancher behenken.« --
»Wo hast du das gesehen?« sagte der Alte. »Zu Hof, beim Roßbuben.« --
»O mein Sohn, Hofbuben, böse Buben! Bist du zu Hof und um die Herren
gewesen und hast keine Federn da gelassen, so hast du ziemlich gelernet
und wirst dich in der Welt wohl wissen auszureißen, doch siehe dich um
und auf; die Wölfe fressen auch oft die gescheiten Hündlein.«

Der Vater nimmt den dritten auch vor sich: »Wo hast du dein Heil
versucht?« -- »Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich Kübel und Seil
eingeworfen und da bisweilen ein Körnlein oder Gräuplein angetroffen.«
-- »Dies ist ja,« sagt der Vater, »eine feine Nahrung, aber merk
gleichwohl auf die Schanz und siehe fleißig auf, sonderlich wenn sich
einer bücket und einen Stein aufheben will, da ist dir nicht lang zu
bleiben.« -- »Wahr ist's,« sagt der Sohn, »wenn aber einer zuvor einen
Wand- oder Handstein im Busen oder Tasche trüge?« -- »Wo hast du dies
gesehen?« -- »Bei den Bergleuten, lieber Vater, wenn sie ausfahren,
führen sie gemeinlich Handsteine bei sich.« -- »Bergleut, Werkleut,
anschlägige Leut! Bist du um Bergburschen gewesen, so hast du etwas
gesehen und erfahren.

  Fahr hin und nimm deiner Sachen gleichwohl gut acht,
  Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobold umbracht.«

Endlich kommt der Vater an den jüngsten Sohn: »Du mein liebes
Gackennestle, du warst allzeit der alberst und schwächest, bleib du
bei mir, die Welt hat viel grober und böser Vögel, die krumme Schnäbel
und lange Krallen haben und nur auf arme Vöglein lauern und sie
verschlucken; halt dich zu deinesgleichen und lies die Spinnlein und
Räuplein von den Bäumen oder Häuslein, so bleibst du lang zufrieden.«
-- »Du, mein lieber Vater, wer sich nährt ohn andrer Leut Schaden,
der kommt lang hin, und kein Sperber, Habicht, Aar oder Weih wird
ihm nicht schaden, wenn er zumal sich und seine ehrliche Nahrung dem
lieben Gott all Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller
Wald- und Dorfvöglein Schöpfer und Erhalter ist, der auch der jungen
Räblein Geschrei und Gebet höret, denn ohne seinen Willen fällt auch
kein Sperling oder Schneekünglein auf die Erde.« -- »Wo hast du dies
gelernt?« Antwortet der Sohn: »Wie mich der große Windsbraus von dir
wegriß, kam ich in eine Kirche, da las ich den Sommer die Fliegen und
Spinnen von den Fenstern ab und hörte diese Sprüch predigen, da hat
mich der Vater aller Sperlinge den Sommer über ernährt und behütet
vor allem Unglück und grimmigen Vögeln.« -- »Traun! mein lieber Sohn,
fleuchst du in die Kirchen und hilfest Spinnen und die sumsenden
Fliegen aufräumen und zirpst zu Gott wie die jungen Räblein und
befiehlst dich dem ewigen Schöpfer, so wirst du wohl bleiben und wenn
die ganze Welt voll wilder tückischer Vögel wäre.

  Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sach,
  schweigt, leidet, wartet, betet, braucht Glimpf, tut gemach,
  bewahrt Glaub und gut Gewissen rein,
  dem will Gott Schutz und Helfer sein.«




                            [Illustration]

                      Die drei Handwerksburschen


Es waren drei Handwerksbursche, die hatten es verabredet, auf ihrer
Wanderung beisammen zu bleiben und immer in einer Stadt zu arbeiten.
Auf eine Zeit aber fanden sie bei ihren Meistern keinen Verdienst mehr,
so daß sie endlich ganz abgerissen waren und nichts zu leben hatten.
Da sprach der eine: »Was sollen wir anfangen? Hierbleiben können wir
nicht länger, wir wollen wieder wandern, und wenn wir in der Stadt wo
wir hinkommen, keine Arbeit finden, so wollen wir beim Herbergsvater
ausmachen, daß wir ihm schreiben, wo wir uns aufhalten, und einer
vom andern Nachricht haben kann, und dann wollen wir uns trennen;«
das schien den andern auch das beste. Sie zogen fort, da kam ihnen
auf dem Weg ein reichgekleideter Mann entgegen, der fragte, wer sie
wären. »Wir sind Handwerksleute und suchen Arbeit; wir haben uns bisher
zusammengehalten, wenn wir aber keine mehr finden, so wollen wir uns
trennen.« -- »Das hat keine Not,« sprach der Mann, »wenn ihr tun wollt,
was ich euch sage, soll's euch an Geld und Arbeit nicht fehlen; ja, ihr
sollt große Herren werden und in Kutschen fahren.« Der eine sprach:
»Wenn's unserer Seele und Seligkeit nicht schadet, so wollen wir's
wohl tun.« -- »Nein,« antwortete der Mann, »ich habe keinen Teil an
euch.« Der andere aber hatte nach seinen Füßen gesehen, und als er da
einen Pferdefuß und einen Menschenfuß erblickte, wollte er sich nicht
mit ihm einlassen. Der Teufel aber sprach: »Gebt euch zufrieden, es
ist nicht auf euch abgesehen, sondern auf eines anderen Seele, der
schon halb mein ist, und dessen Maß nur vollaufen soll.« Weil sie
nun sicher waren, willigten sie ein, und der Teufel sagte ihnen, was
er verlangte, der erste sollte auf jede Frage antworten: »Wir alle
drei,« der zweite: »Ums Geld,« der dritte: »Und das war recht.« Das
sollten sie immer hintereinander sagen, weiter aber dürften sie kein
Wort sprechen, und überträten sie das Gebot, so wäre gleich alles Geld
verschwunden; solange sie es aber befolgten, sollten ihre Taschen immer
voll sein. Zum Anfang gab er ihnen auch gleich so viel, als sie tragen
konnten, und hieß sie in die Stadt in das und das Wirtshaus gehen. Sie
gingen hinein, der Wirt kam ihnen entgegen und fragte: »Wollt ihr etwas
zu essen?« Der erste antwortete: »Wir alle drei.« -- »Ja,« sagte der
Wirt, »das mein ich auch.« Der zweite: »Ums Geld.« -- »Das versteht
sich,« sagte der Wirt. Der dritte: »Und das war recht.« -- »Jawohl,
war's recht,« sagte der Wirt. Es ward ihnen nun gut Essen und Trinken
gebracht und wohl aufgewartet. Nach dem Essen mußte die Bezahlung
geschehen, da hielt der Wirt dem einen die Rechnung hin, der sprach:
»Wir alle drei,« der zweite: »Ums Geld,« der dritte: »Und das war
recht.« -- »Freilich ist's recht,« sagte der Wirt, »alle drei bezahlen,
und ohne Geld kann ich nichts geben.« Sie bezahlten aber noch mehr als
er gefordert hatte. Die Gäste sahen das mit an und sprachen: »Die Leute
müssen toll sein.« -- »Ja, das sind sie auch,« sagte der Wirt, »sie
sind nicht recht klug.« So blieben sie eine Zeitlang in dem Wirtshaus
und sprachen kein ander Wort als: »Wir alle drei, ums Geld, und das
war recht.« Sie sahen aber und wußten alles, was darin vorging. Es
trug sich zu, daß ein großer Kaufmann kam mit vielem Geld, der sprach:
»Herr Wirt, heb Er mir mein Geld auf, da sind die drei närrischen
Handwerksbursche, die möchten mir's stehlen.« Das tat der Wirt. Wie er
den Mantelsack in seine Stube trug, fühlte er, daß er schwer von Gold
war. Darauf gab er den drei Handwerkern unten ein Lager, der Kaufmann
aber kam oben in eine besondere Stube. Als Mitternacht war und der
Wirt dachte, sie schliefen alle, kam er mit seiner Frau, und sie hatten
eine Holzaxt und schlugen den reichen Kaufmann tot; nach vollbrachtem
Mord legten sie sich wieder schlafen. Wie's nun Tag war, gab's großen
Lärm, der Kaufmann lag tot im Bett und schwamm in seinem Blut. Da
liefen alle Gäste zusammen, der Wirt aber sprach: »Das haben die drei
tollen Handwerker getan.« Die Gäste bestätigten es und sagten: »Niemand
anders kann's gewesen sein.« Der Wirt aber ließ sie rufen und sagte
zu ihnen: »Habt ihr den Kaufmann getötet?« -- »Wir alle drei,« sagte
der erste, »ums Geld« der zweite, »und das war recht« der dritte. »Da
hört ihr's nun,« sprach der Wirt, »sie gestehen's selber.« Sie wurden
also ins Gefängnis gebracht und sollten gerichtet werden. Wie sie nun
sahen, daß es so ernsthaft ging, ward ihnen doch angst, aber nachts kam
der Teufel und sprach: »Haltet nur noch einen Tag aus und verscherzt
euer Glück nicht, es soll euch kein Haar gekrümmt werden.« Am andern
Morgen wurden sie vor Gericht geführt; da sprach der Richter: »Seid
ihr die Mörder?« -- »Wir alle drei.« -- »Warum habt ihr den Kaufmann
erschlagen?« -- »Ums Geld.« -- »Ihr Bösewichter,« sagte der Richter,
»habt ihr euch nicht der Sünde gescheut.« -- »Und das war recht.« --
»Sie haben bekannt und sind noch halsstarrig dazu,« sprach der Richter,
»führt sie gleich zum Tod.« Also wurden sie hinausgebracht, und der
Wirt mußte mit in den Kreis treten. Wie sie nun von den Henkersknechten
gefaßt und oben aufs Gerüst geführt wurden, wo der Scharfrichter mit
bloßem Schwerte stand, kam auf einmal eine Kutsche, mit vier blutroten
Füchsen bespannt, und fuhr, daß das Feuer aus den Steinen sprang, aus
dem Fenster aber winkte einer mit einem weißen Tuche. Da sprach der
Scharfrichter: »Es kommt Gnade,« und ward aus dem Wagen »Gnade! Gnade!«
gerufen. Da trat der Teufel heraus, als ein sehr vornehmer Herr,
prächtig gekleidet, und sprach: »Ihr drei seid unschuldig; ihr dürft
nun sprechen, sagt heraus, was ihr gesehen und gehört habt.« Da sprach
der Älteste: »Wir haben den Kaufmann nicht getötet, der Mörder steht
da im Kreis,« und deutete auf den Wirt; »zum Wahrzeichen geht hin in
seinen Keller, da hängen noch viele andere, die er ums Leben gebracht.«
Da schickte der Richter die Henkersknechte hin, die fanden es, wie's
gesagt war, und als sie dem Richter das berichtet hatten, ließ er den
Wirt hinaufführen und ihm das Haupt abschlagen. Da sprach der Teufel zu
den dreien: »Nun hab ich die Seele, die ich haben wollte, ihr seid aber
frei und habt Geld für euer Lebtag.«




                            [Illustration]

                        Vom Tode des Hühnchens


Auf eine Zeit ging das Hühnchen mit dem Hähnchen in den Nußberg, und
sie machten miteinander aus, wer einen Nußkern fände, sollte ihn mit
dem andern teilen. Nun fand das Hühnchen eine große, große Nuß, sagte
aber nichts davon und wollte den Kern allein essen. Der Kern war aber
so dick, daß es ihn nicht hinunterschlucken konnte und er ihm im Hals
stecken blieb, daß ihm angst wurde, es müsse ersticken. Da schrie das
Hühnchen: »Hähnchen, ich bitte dich, lauf, was du kannst und hol mir
Wasser, sonst erstick ich.« Das Hähnchen lief, was es konnte, zum
Brunnen und sprach: »Born, du sollst mir Wasser geben; das Hühnchen
liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt und will
ersticken.« Der Brunnen antwortete: »Lauf erst hin zur Braut und
laß dir rote Seide geben.« Das Hähnchen lief zur Braut: »Braut, du
sollst mir rote Seide geben: rote Seide will ich dem Brunnen geben,
der Brunnen soll mir Wasser geben, das Wasser will ich dem Hühnchen
bringen, das liegt auf dem Nußberg, hat einen großen Nußkern geschluckt
und will daran ersticken.« Die Braut antwortete: »Lauf erst und hol mir
mein Kränzlein, das blieb an einer Weide hängen.« Da lief das Hähnchen
zur Weide und zog das Kränzlein von dem Ast und brachte es der Braut,
und die Braut gab ihm rote Seide dafür, die brachte es dem Brunnen, der
gab ihm Wasser dafür. Da brachte das Hähnchen das Wasser zum Hühnchen;
wie es aber hinkam, war dieweil das Hühnchen erstickt und lag da tot
und regte sich nicht. Da war das Hähnchen so traurig, daß es laut
schrie und kamen alle Tiere und beklagten das Hühnchen; und sechs Mäuse
bauten einen kleinen Wagen, das Hühnchen darin zum Grabe zu fahren;
und als der Wagen fertig war, spannten sie sich davor und das Hähnchen
fuhr. Auf dem Wege aber kam der Fuchs, »wo willst du hin, Hähnchen?« --
»Ich will mein Hühnchen begraben.« -- »Darf ich mitfahren?«

  »Ja, aber setz dich hinten auf den Wagen,
  vorn können's meine Pferdchen nicht vertragen.«

Da setzte sich der Fuchs hinten auf, dann der Wolf, der Bär, der
Hirsch, der Löwe und alle Tiere in dem Wald. So ging die Fahrt fort,
da kamen sie an einen Bach. »Wie sollen wir nun hinüber?« sagte das
Hähnchen. Da lag ein Strohhalm am Bach, der sagte: »Ich will mich quer
drüber legen, so könnt ihr über mich fahren.« Wie aber die sechs Mäuse
auf die Brücke kamen, rutschte der Strohhalm und fiel ins Wasser, und
die sechs Mäuse fielen alle hinein und ertranken. Da ging die Not von
neuem an und kam eine Kohle und sagte: »Ich bin groß genug, ich will
mich darüber legen und ihr sollt über mich fahren.« Die Kohle legte
sich auch an das Wasser, aber sie berührte es unglücklicherweise ein
wenig, da zischte sie, verlöschte und war tot. Wie das ein Stein sah,
erbarmte er sich und wollte dem Hähnchen helfen und legte sich über das
Wasser. Da zog nun das Hähnchen den Wagen selber; wie es ihn aber bald
drüben hatte, und war mit dem toten Hühnchen auf dem Land und wollte
die andern, die hinten aufsaßen, auch heranziehen, da waren ihrer
zuviel geworden, und der Wagen fiel zurück, und alles fiel miteinander
in das Wasser und ertrank. Da war das Hähnchen noch allein mit dem
toten Hühnchen und grub ihm ein Grab und legte es hinein und machte
einen Hügel darüber, auf den setzte es sich und grämte sich so lang,
bis es auch starb; und da war alles tot.




                            [Illustration]

                          Die faule Spinnerin


Auf einem Dorfe lebte ein Mann und eine Frau, und die Frau war so faul,
daß sie immer nichts arbeiten wollte; und was ihr der Mann zu spinnen
gab, das spann sie nicht fertig, und was sie auch spann, haspelte sie
nicht, sondern ließ alles auf dem Knauel gewickelt liegen. Schalt sie
nun der Mann, so war sie mit ihrem Maul doch vornen, und sprach: »Ei,
wie sollt ich haspeln, da ich keinen Haspel habe, geh du erst in den
Wald und schaff mir einen.« -- »Wenn's daran liegt,« sagte der Mann,
»so will ich in den Wald gehen und Haspelholz holen.« Da fürchtete sich
die Frau, wenn er das Holz hätte, daß er daraus einen Haspel machte,
und sie abhaspeln und dann wieder frisch spinnen müßte. Sie besann
sich ein bißchen, da kam ihr ein guter Einfall, und sie lief dem Manne
heimlich nach in den Wald. Wie er nun auf einen Baum gestiegen war, das
Holz auszulosen und zu hauen, schlich sie darunter in das Gebüsch, wo
er sie nicht sehen konnte und rief hinauf:

  »Wer Haspelholz haut, der stirbt,
  wer da haspelt, der verdirbt.«

Der Mann horchte, legte die Axt eine Weile nieder und dachte nach,
was das wohl zu bedeuten hätte. »Ei was,« sprach er endlich, »was
wird's gewesen sein! Es hat dir in den Ohren geklungen, mache dir keine
unnötige Furcht.« Also ergriff er die Axt von neuem und wollte zuhauen,
da rief's wieder von unten herauf:

  »Wer Haspelholz haut, der stirbt,
  wer da haspelt, der verdirbt.«

Er hielt ein, kriegte angst und bang und sann dem Ding nach. Wie aber
ein Weilchen vorbei war, kam ihm das Herz wieder, und er langte zum
drittenmal nach der Axt und wollte zuhauen. Aber zum drittenmal rief's
und sprach's laut:

  »Wer Haspelholz haut, der stirbt,
  wer da haspelt, der verdirbt.«

Da hatte er's genug, und alle Lust war ihm vergangen, so daß er eilends
den Baum hinunterstieg und sich auf den Heimweg machte. Die Frau lief,
was sie konnte, auf Nebenwegen, damit sie eher nach Haus käme. Wie er
nun in die Stube trat, tat sie unschuldig, als wäre nichts vorgefallen,
und sagte: »Nun, bringst du ein gutes Haspelholz?« -- »Nein,« sprach
er, »ich sehe wohl, es geht mit dem Haspeln nicht,« erzählte ihr, was
ihm im Walde begegnet war und ließ sie von nun an damit in Ruhe.

Bald hernach fing der Mann doch wieder an, sich über die Unordnung im
Hause zu ärgern. »Frau,« sagte er, »es ist doch eine Schande, daß das
gesponnene Garn da auf dem Knauel liegen bleibt.« -- »Weißt du was,«
sprach sie, »weil wir doch zu keinem Haspel kommen, so stell dich auf
den Boden und ich steh unten, da will ich den Knauel hinaufwerfen,
und du wirfst ihn herunter, so gibt's doch einen Strang.« -- »Ja, das
geht,« sagte der Mann. Also taten sie das und wie sie fertig waren,
sprach er: »Das Garn ist nun gesträngt, nun muß es auch gekocht
werden.« Der Frau ward wieder angst, sie sprach zwar: »Ja, wir wollen's
gleich morgen früh kochen,« dachte aber bei sich auf einen neuen
Streich. Frühmorgens stand sie auf, machte Feuer an und stellte den
Kessel bei, allein statt des Garns legte sie einen Klumpen Werg hinein,
und ließ es immerzu kochen. Darauf ging sie zum Manne, der noch zu
Bette lag, und sprach zu ihm: »Ich muß einmal ausgehen, steh derweil
auf und sieh nach dem Garn, das im Kessel überm Feuer steht; aber du
mußt's beizeit tun, gib wohl acht, denn wo der Hahn kräht und du
sähest nicht nach, wird das Garn zu Werg.« Der Mann war bei der Hand
und wollte nichts versäumen, stand eilends auf, so schnell er konnte,
und ging in die Küche. Wie er aber zum Kessel kam und hineinsah, so
erblickte er mit Schrecken nichts als einen Klumpen Werg. Da schwieg
der arme Mann mäuschenstill, dachte, er hätt's versehen und wäre schuld
daran und sprach in Zukunft gar nicht mehr von Garn und Spinnen. Aber
das mußt du selbst sagen, es war eine garstige Frau.




                            [Illustration]

                           Die Drei Brüder.


Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und weiter nichts im Vermögen
als das Haus, worin er wohnte. Nun hätte jeder gerne nach seinem Tode
das Haus gehabt, dem Vater war aber einer so lieb als der andere, da
wußte er nicht, wie er's anfangen sollte, daß er keinem zu nahe trät;
verkaufen wollte er das Haus auch nicht, weil's von seinen Voreltern
war, sonst hätte er das Geld unter sie geteilt. Da fiel ihm endlich ein
Rat ein und er sprach zu seinen Söhnen: »Geht in die Welt und versucht
euch und lerne jeder sein Handwerk, wenn ihr dann wiederkommt, wer das
beste Meisterstück macht, der soll das Haus haben.«

Das waren die Söhne zufrieden, und der älteste wollte ein Hufschmied,
der zweite ein Barbier, der dritte aber ein Fechtmeister werden. Darauf
bestimmten sie eine Zeit, wo sie wieder nach Haus zusammenkommen
wollten, und zogen fort. Es traf sich auch, daß jeder einen tüchtigen
Meister fand, wo er was Rechtschaffenes lernte. Der Schmied mußte des
Königs Pferde beschlagen und dachte: »Nun kann dir's nicht fehlen, du
kriegst das Haus.« Der Barbier rasierte lauter vornehme Herren und
meinte auch, das Haus wäre schon sein. Der Fechtmeister kriegte manchen
Hieb, biß aber die Zähne zusammen und ließ sich's nicht verdrießen,
denn er dachte bei sich: »Fürchtest du dich vor einem Hieb, so kriegst
du das Haus nimmermehr.« Als nun die gesetzte Zeit herum war, kamen sie
bei ihrem Vater wieder zusammen; sie wußten aber nicht, wie sie die
beste Gelegenheit zeigen sollten, ihre Kunst zu zeigen, saßen beisammen
und ratschlagten. Wie sie so saßen, kam auf einmal ein Hase übers Feld
dahergelaufen. »Ei,« sagte der Barbier, »der kommt wie gerufen,« nahm
Becken und Seife, schaumte so lange, bis der Hase in die Nähe kam,
dann seifte er ihn in vollem Laufe ein und rasierte ihm auch in vollem
Laufe ein Stutzbärtchen, und dabei schnitt er ihn nicht und tat ihm an
keinem Haare weh. »Das gefällt mir,« sagte der Vater, »wenn sich die
andern nicht gewaltig angreifen, so ist das Haus dein.« Es währte nicht
lang, so kam ein Herr in einem Wagen daher gerennt in vollem Jagen.
»Nun sollt Ihr sehen, Vater, was ich kann,« sprach der Hufschmied,
sprang dem Wagen nach, riß dem Pferd, das in einem fort jagte, die vier
Hufeisen ab und schlug ihm auch im Jagen vier neue wieder an. »Du bist
ein ganzer Kerl,« sprach der Vater, »du machst deine Sache so gut, wie
dein Bruder; ich weiß nicht, wem ich das Haus geben soll.« Da sprach
der dritte: »Vater, laßt mich auch einmal gewähren,« und weil es anfing
zu regnen, zog er seinen Degen und schwenkte ihn in Kreuzhieben über
seinen Kopf, daß kein Tropfen auf ihn fiel; und als der Regen stärker
ward, und endlich so stark, als ob man mit Mulden vom Himmel gösse,
schwang er den Degen immer schneller und blieb so trocken, als säß er
unter Dach und Fach. Wie der Vater das sah, erstaunte er und sprach:
»Du hast das beste Meisterstück gemacht, das Haus ist dein.«

Die beiden andern Brüder waren damit zufrieden, wie sie vorher gelobt
hatten, und weil sie sich einander so lieb hatten, blieben sie alle
drei zusammen im Haus und trieben ihr Handwerk; und da sie so gut
ausgelernt hatten und so geschickt waren, verdienten sie viel Geld.
So lebten sie vergnügt bis in ihr Alter zusammen, und als der eine
krank ward und starb, grämten sich die zwei andern so sehr darüber,
daß sie auch krank wurden und bald starben. Da wurden sie, weil sie
so geschickt gewesen waren und sich so lieb gehabt hatten, alle drei
zusammen in ein Grab gelegt.




                            [Illustration]

                          Die sieben Schwaben


Einmal waren sieben Schwaben beisammen, der erste war der Herr Schulz,
der zweite der Jackli, der dritte der Marli, der vierte der Jergli,
der fünfte der Michal, der sechste der Hans, der siebente der Veitli;
die hatten alle siebene sich vorgenommen, die Welt zu durchziehen,
Abenteuer zu suchen und große Taten zu vollbringen. Damit sie aber auch
mit bewaffneter Hand und sicher gingen, sahen sie's für gut an, daß
sie sich zwar nur einen einzigen, aber recht starken und langen Spieß
machen ließen. Diesen Spieß faßten sie alle siebene zusammen an; vorn
ging der kühnste und männlichste, das mußte der Herr Schulz sein, und
dann folgten die andern nach der Reihe und der Veitli war der letzte.

Nun geschah es, als sie im Heumonat eines Tages einen weiten Weg
gegangen waren, auch noch ein gut Stück bis in das Dorf hatten, wo sie
über Nacht bleiben mußten, daß in der Dämmerung auf einer Wiese ein
großer Roßkäfer oder eine Hornisse nicht weit von ihnen hinter einer
Staude vorbeiflog und feindlich brummelte. Der Herr Schulz erschrak,
daß er fast den Spieß hätte fallen lassen und ihm der Angstschweiß
am ganzen Leibe ausbrach. »Horcht, horcht,« rief er seinen Gesellen,
»Gott, ich höre eine Trommel!« Der Jackli, der hinter ihm den Spieß
hielt und dem, ich weiß nicht was für ein Geruch in die Nase kam,
sprach: »Etwas ist ohne Zweifel vorhanden, denn ich schmeck das Pulver
und den Zündstrick.« Bei diesen Worten hub der Herr Schulz an, die
Flucht zu ergreifen, und sprang im Hui über einen Zaun, weil er aber
gerade auf die Zinken eines Rechens sprang, der vom Heumachen da
liegen geblieben war, so fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm
einen ungewaschenen Schlag. »O wei, o wei,« schrie der Herr Schulz,
»nimm mich gefangen, ich ergeb mich, ich ergeb mich!« Die andern sechs
hüpften auch alle einer über den andern herzu und schrien: »Gibst du
dich, so geb ich mich auch, gibst du dich, so geb ich mich auch.«
Endlich, wie kein Feind da war, der sie binden und fortführen wollte,
merkten sie, daß sie betrogen waren; und damit die Geschichte nicht
unter die Leute käme, und sie nicht genarrt und gespottet würden,
verschwuren sie sich untereinander, so lang davon still zu schweigen,
bis einer unverhofft das Maul auftäte.

Hierauf zogen sie weiter. Die zweite Gefährlichkeit, die sie erlebten,
kann aber mit der ersten nicht verglichen werden. Nach etlichen Tagen
trug sie ihr Weg durch ein Brachfeld, da saß ein Hase in der Sonne und
schlief, streckte die Ohren in die Höhe und hatte die großen gläsernen
Augen starr aufstehen. Da erschraken sie bei dem Anblick des grausamen
und wilden Tieres insgesamt und hielten Rat, was zu tun das wenigst
Gefährliche wäre. Denn so sie fliehen wollten, war zu besorgen, das
Ungeheuer setzte ihnen nach und verschlänge sie alle mit Haut und Haar.
Also sprachen sie: »Wir müssen einen großen und gefährlichen Kampf
bestehen, frisch gewagt ist halb gewonnen!« faßten alle siebene den
Spieß an, der Herr Schulz vorn und der Veitli hinten. Der Herr Schulz
wollte den Spieß immer noch anhalten, der Veitli aber war hinten ganz
mutig geworden, wollte losbrechen und rief:

  »Stoß zu in aller Schwabe Name,
  sonst wünsch i, daß ihr möcht erlahme.«

Aber der Hans wußt ihn zu treffen und sprach:

  »Beim Element, du hascht gut schwätze,
  bischt stets der letscht beim Drachehetze.«

Der Michal rief:

  »Es wird nit fehle um ei Haar,
  so ischt es wohl der Teufel gar.«

Drauf kam an den Jergli die Reihe, er sprach:

  »Ischt er es nit, so ischt's sei Muter
  oder des Teufels Stiefbruder.«

Der Marli hatte da einen guten Gedanken und sagte zum Veitli:

  »Gang, Veitli, gang, gang du voran,
  i will dahinte vor di stahn.«

Der Veitli hörte aber nicht drauf, und der Jackli sagte:

  »Der Schulz, der muß der erschte sei,
  denn ihm gebührt die Ehr allei.«

Da nahm sich der Herr Schulz ein Herz und sprach gravitätisch:

  »So zieht denn herzhaft in den Streit,
  hieran erkennt man tapfre Leut.«

Da gingen sie insgesamt auf den Drachen los. Der Herr Schulz segnete
sich und rief Gott um Beistand an. Wie aber das alles nicht helfen
wollte und er dem Feind immer näher kam, schrie er in großer Angst:
»Hau! hurlehau, hau! hauhau!« Davon erwachte der Has, erschrak und
sprang eilig davon. Als ihn der Herr Schulz so feldflüchtig sah, da
rief er voll Freude:

  »Potz, Veitli, lueg, lueg, was isch das?
  das Ungehüer ischt a Has.«

Der Schwabenbund suchte aber weiter Abenteuer und kam an die Mosel, ein
mosiges, stilles und tiefes Wasser, darüber nicht viel Brücken sind,
sondern man an mehrern Orten sich muß in Schiffen überfahren lassen.
Weil die sieben Schwaben dessen unberichtet waren, riefen sie einem
Mann, der jenseits des Wassers seine Arbeit vollbrachte, zu, wie man
doch hinüber kommen könnte? Der Mann verstand wegen der Weite und wegen
ihrer Sprache nicht, was sie wollten, und fragte auf sein Trierisch:
»Wat? wat?« Da meinte der Herr Schulz, er spräche nicht anders als:
»Wade, wade durchs Wasser,« und hub an, weil er der vorderste war, sich
auf den Weg zu machen und in die Mosel hineinzugehen. Nicht lang, so
versank er in den Schlamm und in die antreibenden tiefen Wellen, seinen
Hut aber jagte der Wind hinüber an das jenseitige Ufer, und ein Frosch
setzte sich dabei und quakte: »Wat, wat, wat.« Die sechs andern hörten
das drüben und sprachen: »Unser Gesell, der Herr Schulz, ruft uns, kann
er hinüber waden, warum wir nicht auch?« Sprangen darum eilig alle
zusammen in das Wasser und ertranken, also daß ein Frosch ihre sechse
ums Leben brachte, und niemand von dem Schwabenbund wieder nach Haus
kam.




                            [Illustration]

                   Der Fuchs und die Frau Gevatterin


Die Wölfin brachte ein Junges zur Welt und ließ den Fuchs zu Gevatter
einladen. »Er ist doch nahe mit uns verwandt,« sprach sie, »hat einen
guten Verstand und viel Geschicklichkeit, er kann mein Söhnlein
unterrichten und ihm in der Welt forthelfen.« Der Fuchs erschien auch
ganz ehrbar und sprach: »Liebwerte Frau Gevatterin, ich danke Euch
für die Ehre, die Ihr mir erzeigt, ich will mich aber auch so halten,
daß Ihr Eure Freude daran haben sollt.« Bei dem Fest ließ er sich's
schmecken und machte sich ganz lustig, hernach sagte er: »Liebe Frau
Gevatterin, es ist unsere Pflicht, für das Kindlein zu sorgen, Ihr müßt
gute Nahrung haben, damit es auch zu Kräften kommt. Ich weiß einen
Schafstall, woraus wir leicht ein gutes Stück holen können.«

Der Wölfin gefiel das Liedlein, und sie ging mit dem Fuchs hinaus nach
dem Bauernhof. Er zeigte ihr den Stall aus der Ferne und sprach: »Dort
werdet Ihr ungesehen hineinkriechen können, ich will mich derweil
auf der andern Seite umsehen, ob ich etwa ein Hühnlein erwische.« Er
ging aber nicht hin, sondern ließ sich am Eingang des Waldes nieder,
streckte die Beine und ruhte sich. Die Wölfin kroch in den Stall, da
lag ein Hund und machte Lärm, so daß die Bauern gelaufen kamen, die
Frau Gevatterin ertappten und eine scharfe Lauge von ungebrannter
Asche über ihr Fell gossen. Endlich entkam sie doch und schleppte sich
hinaus.

Da lag der Fuchs, tat ganz kläglich und sprach: »Ach, liebe Frau
Gevatterin, wie ist mir's schlimm ergangen! Die Bauern haben mich
überfallen und mir alle Glieder zerschlagen, wenn Ihr nicht wollt, daß
ich auf dem Platz liegen bleiben und verschmachten soll, so müßt Ihr
mich forttragen.«

Die Wölfin konnte selbst nur langsam fort, doch hatte sie große Sorge
für den Fuchs, daß sie ihn auf ihren Rücken nahm und den ganz gesunden
und heilen Gevatter langsam bis zu ihrem Haus trug. Da rief er ihr
zu: »Lebt wohl, liebe Frau Gevatterin, und laßt Euch den Braten wohl
bekommen,« lachte sie gewaltig aus und sprang fort.




                            [Illustration]

                      Der Stiefel von Büffelleder


Ein Soldat, der sich vor nichts fürchtet, kümmert sich auch um nichts.
So einer hatte seinen Abschied erhalten, und da er nichts gelernt
hatte und nichts verdienen konnte, so zog er umher und bat gute Leute
um ein Almosen. Auf seinen Schultern hing ein alter Wettermantel, und
ein paar Reiterstiefeln von Büffelleder waren ihm auch noch geblieben.
Eines Tages ging er, ohne auf Weg und Steg zu achten, immer ins Feld
hinein und gelangte endlich in einen Wald. Er wußte nicht, wo er war,
sah aber auf einem abgehauenen Baumstamm einen Mann sitzen, der gut
gekleidet war und einen grünen Jägerrock trug. Der Soldat reichte ihm
die Hand, ließ sich neben ihm auf das Gras nieder und streckte seine
Beine aus. »Ich sehe, du hast feine Stiefel an, die glänzend gewichst
sind,« sagte er zu dem Jäger, »wenn du aber herumziehen müßtest wie
ich, so würden sie nicht lange halten. Schau die meinigen an, die sind
von Büffelleder und haben schon lange gedient, gehen aber durch dick
und dünn.« Nach einer Weile stand der Soldat auf und sprach: »Ich
kann nicht länger bleiben, der Hunger treibt mich fort. Aber, Bruder
Wichsstiefel, wohinaus geht der Weg?« -- »Ich weiß es selber nicht,«
antwortete der Jäger, »ich habe mich in dem Wald verirrt.« -- »So geht
dir's ja wie mir,« sprach der Soldat, »gleich und gleich gesellt sich
gern, wir wollen beieinander bleiben und den Weg suchen.« Der Jäger
lächelte ein wenig, und sie gingen zusammen fort, immer weiter, bis
die Nacht einbrach. »Wir kommen aus dem Wald nicht heraus,« sprach der
Soldat, »aber ich sehe dort in der Ferne ein Licht schimmern, da wird's
etwas zu essen geben.« Sie fanden ein Steinhaus, klopften an die Türe
und ein altes Weib öffnete. »Wir suchen ein Nachtquartier,« sprach der
Soldat, »und etwas Unterfutter für den Magen, denn der meinige ist
so leer wie ein alter Tornister.« -- »Hier könnt ihr nicht bleiben,«
antwortete die Alte, »das ist ein Räuberhaus, und ihr tut am klügsten,
daß ihr euch fortmacht, bevor sie heimkommen, denn finden sie euch,
so seid ihr verloren.« -- »Es wird so schlimm nicht sein,« antwortete
der Soldat, »ich habe seit zwei Tagen keinen Bissen genossen, und es
ist mir einerlei, ob ich hier umkomme oder im Walde vor Hunger sterbe.
Ich gehe herein.« Der Jäger wollte nicht folgen, aber der Soldat zog
ihn am Ärmel mit sich: »Komm, Bruderherz, es wird nicht gleich an den
Kragen gehen.« Die Alte hatte Mitleiden und sagte: »Kriecht hinter den
Ofen, wenn sie etwas übrig lassen und eingeschlafen sind, so will ich's
euch zustecken.« Kaum saßen sie in der Ecke, so kamen zwölf Räuber
hereingestürmt, setzten sich an den Tisch, der schon gedeckt war, und
forderten mit Ungestüm das Essen. Die Alte trug einen großen Braten
herein, und die Räuber ließen sich's wohlschmecken. Als der Geruch von
der Speise dem Soldaten in die Nase stieg, sagte er zum Jäger: »Ich
halt's nicht länger aus, ich setze mich an den Tisch und esse mit.« --
»Du bringst uns ums Leben,« sprach der Jäger und hielt ihn am Arm. Aber
der Soldat fing an laut zu husten. Als die Räuber das hörten, warfen
sie Messer und Gabel hin, sprangen auf und entdeckten die beiden hinter
dem Ofen. »Aha, ihr Herren,« riefen sie, »sitzt ihr in der Ecke? Was
wollt ihr hier? Seid ihr als Kundschafter ausgeschickt? Wartet, ihr
sollt an einem dürren Ast das Fliegen lernen.« -- »Nur manierlich,«
sprach der Soldat, »mich hungert, gebt mir zu essen, hernach könnt
ihr mit mir machen was ihr wollt.« Die Räuber stutzten, und der
Anführer sprach: »Ich sehe, du fürchtest dich nicht; gut, Essen sollst
du haben, aber hernach mußt du sterben.« -- »Das wird sich finden,«
sagte der Soldat, setzte sich an den Tisch und fing an, tapfer in den
Braten einzuhauen. »Bruder Wichsstiefel, komm und iß,« rief er dem
Jäger zu, »du wirst hungrig sein, so gut als ich, und einen besseren
Braten kannst du zu Haus nicht haben;« aber der Jäger wollte nicht
essen. Die Räuber sahen dem Soldaten mit Erstaunen zu und sagten: »Der
Kerl macht keine Umstände.« Hernach sprach er: »Das Essen wäre schon
gut, nun schafft auch einen guten Trunk herbei.« Der Anführer war in
der Laune, sich das auch noch gefallen zu lassen und rief der Alten
zu: »Hol eine Flasche aus dem Keller und zwar von dem besten.« Der
Soldat zog den Pfropfen heraus, daß es knallte, ging mit der Flasche
zu dem Jäger und sprach: »Gib acht, Bruder, du sollst dein blaues
Wunder sehen: jetzt will ich eine Gesundheit auf die ganze Sippschaft
ausbringen.« Dann schwenkte er die Flasche über den Köpfen der Räuber,
rief: »Ihr sollt alle leben, aber das Maul auf und die rechte Hand in
der Höhe,« und tat einen herzhaften Zug. Kaum waren die Worte heraus,
so saßen sie alle bewegungslos, als wären sie von Stein, hatten das
Maul offen und streckten den rechten Arm in die Höhe. Der Jäger sprach
zu dem Soldaten: »Ich sehe, du kannst noch andere Kunststücke, aber
nun komm und laß uns heimgehen.« -- »Oho, Bruderherz, das wäre zu früh
abmarschiert, wir haben den Feind geschlagen und wollen erst Beute
machen. Die sitzen da fest und sperren das Maul vor Verwunderung auf;
sie dürfen sich aber nicht rühren, bis ich es erlaube. Komm, iß und
trink.« Die Alte mußte noch eine Flasche von dem besten holen, und der
Soldat stand nicht eher auf, als bis er wieder für drei Tage gegessen
hatte. Endlich, als der Tag kam, sagte er: »Nun ist es Zeit, daß wir
das Zelt abbrechen, und damit wir einen kurzen Marsch haben, so soll
die Alte uns den nächsten Weg nach der Stadt zeigen.« Als sie dort
angelangt waren, ging er zu seinen alten Kameraden und sprach: »Ich
habe draußen im Wald ein Nest voll Galgenvögel aufgefunden, kommt mit,
wir wollen es ausheben.« Der Soldat führte sie an und sprach zu dem
Jäger: »Du mußt wieder mit zurück und zusehen, wie sie flattern, wenn
wir sie an den Füßen packen.« Er stellte die Mannschaft rings um die
Räuber herum, dann nahm er die Flasche, trank einen Schluck, schwenkte
sie über ihnen her und rief: »Ihr sollt alle leben!« Augenblicklich
hatten sie ihre Bewegung wieder, wurden aber niedergeworfen und an
Händen und Füßen mit Stricken gebunden. Dann hieß sie der Soldat wie
Säcke auf einen Wagen werfen und sagte: »Fahrt sie nur gleich vor das
Gefängnis.« Der Jäger aber nahm einen von der Mannschaft beiseite und
gab ihm noch eine Bestellung mit.

»Bruder Wichsstiefel,« sprach der Soldat, »wir haben den Feind
glücklich überrumpelt und uns wohl genährt, jetzt wollen wir als
Nachzügler in aller Ruhe hinterhermarschieren.« Als sie sich der Stadt
näherten, so sah der Soldat, wie sich eine Menge Menschen aus dem
Stadttor drängten, lautes Freudengeschrei erhuben und grüne Zweige in
der Luft schwangen. Dann sah er, daß die ganze Leibwache herangezogen
kam. »Was soll das heißen?« sprach er ganz verwundert zu dem Jäger.
»Weißt du nicht,« antwortete er, »daß der König lange Zeit aus seinem
Reich entfernt war, heute kehrt er zurück, und da gehen ihm alle
entgegen.« -- »Aber wo ist der König?« sprach der Soldat, »ich sehe ihn
nicht.« -- »Hier ist er,« antwortete der Jäger, »ich bin der König, und
habe meine Ankunft melden lassen.« Dann öffnete er seinen Jägerrock,
daß man die königlichen Kleider sehen konnte. Der Soldat erschrak, fiel
auf die Knie und bat ihn um Vergebung, daß er ihn in der Unwissenheit
wie seinesgleichen behandelt und ihn mit solchem Namen angeredet habe.
Der König aber reichte ihm die Hand und sprach: »Du bist ein braver
Soldat und hast mir das Leben gerettet. Du sollst keine Not mehr
leiden, ich will schon für dich sorgen. Und wenn du einmal ein Stück
guten Braten essen willst, so gut als in dem Räuberhaus, so komm nur
in die königliche Küche. Willst du aber eine Gesundheit ausbringen, so
sollst du erst bei mir Erlaubnis dazu holen.«




                            [Illustration]

                        Der Wolf und der Fuchs


Der Wolf hatte den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das mußte
der Fuchs tun, weil er der schwächste war, und der Fuchs wäre gerne
des Herrn los gewesen. Es trug sich zu, daß sie beide durch den Wald
gingen, da sprach der Wolf: »Rotfuchs, schaff mir was zu fressen oder
ich fresse dich selber auf.« Da antwortete der Fuchs: »Ich weiß einen
Bauernhof, wo ein Paar junge Lämmlein sind, hast du Lust, so wollen
wir eins holen.« Dem Wolf war das recht, sie gingen hin, und der
Fuchs stahl das Lämmlein, brachte es dem Wolf und machte sich fort.
Da fraß es der Wolf auf, war aber damit noch nicht zufrieden, sondern
wollte das andere dazu haben, und ging es zu holen. Weil er es aber so
ungeschickt machte, ward es die Mutter vom Lämmlein gewahr und fing an
entsetzlich zu schreien und zu bläen, daß die Bauern herbeigelaufen
kamen. Da fanden sie den Wolf und schlugen ihn so erbärmlich, daß
er hinkend und heulend bei dem Fuchs ankam. »Du hast mich schön
angeführt,« sprach er, »ich wollte das andere Lamm holen, da haben
mich die Bauern erwischt und haben mich weich geschlagen.« Der Fuchs
antwortete: »Warum bist du so ein Nimmersatt.«

Am andern Tag gingen sie wieder ins Feld, sprach der gierige Wolf
abermals: »Rotfuchs, schaff mir was zu fressen oder ich fresse dich
selber auf.« Da antwortete der Fuchs: »Ich weiß ein Bauernhaus, da
backt die Frau heut abend Pfannkuchen, wir wollen uns davon holen.«
Sie gingen hin, und der Fuchs schlich ums Haus herum, guckte und
schnupperte so lange, bis er ausfindig machte, wo die Schüssel stand,
zog dann sechs Pfannkuchen herab und brachte sie dem Wolf. »Da hast
du zu fressen,« sprach er zu ihm und ging seiner Wege. Der Wolf hatte
die Pfannkuchen in einem Augenblick hinuntergeschluckt und sprach: »Sie
schmecken nach mehr,« ging hin und riß geradezu die ganze Schüssel
herunter, daß sie in Stücke zersprang. Da gab's einen gewaltigen Lärm,
daß die Frau herauskam, und als sie den Wolf sah, rief sie die Leute,
die eilten herbei und schlugen ihn, was das Zeug wollte halten, daß er
mit zwei lahmen Beinen laut heulend zum Fuchs in den Wald hinaus kam.
»Was hast du mich garstig angeführt!« rief er, »die Bauern haben mich
erwischt und mir die Haut gegerbt.« Der Fuchs aber antwortete: »Warum
bist du so ein Nimmersatt.«

Am dritten Tag, als sie beisammen draußen waren und der Wolf mit Mühe
nur forthinkte, sprach er doch wieder: »Rotfuchs, schaff mir was zu
fressen oder ich fresse dich selber auf.« Der Fuchs antwortete: »Ich
weiß einen Mann, der hat geschlachtet, und das gesalzene Fleisch liegt
in einem Faß im Keller, das wollen wir holen.« Sprach der Wolf: »Aber
ich will gleich mitgehen, damit du mir hilfst, wenn ich nicht fort
kann.« -- »Meinetwegen,« sagte der Fuchs und zeigte ihm die Schliche
und Wege, auf welchen sie endlich in den Keller gelangten. Da war
nun Fleisch im Überfluß, und der Wolf machte sich gleich daran und
dachte: »Bis ich aufhöre, hat's Zeit.« Der Fuchs ließ sich's auch gut
schmecken, blickte überall herum, lief aber oft zu dem Loch, durch
welches sie gekommen waren und versuchte, ob sein Leib noch schmal
genug wäre, durchzuschlüpfen. Sprach der Wolf: »Lieber Fuchs, sag mir,
warum rennst du so hin und her und springst hinaus und herein?« -- »Ich
muß doch sehen, ob niemand kommt,« antwortete der Listige, »friß nur
nicht zu viel.« Da sagte der Wolf: »Ich gehe nicht eher fort, als bis
das Faß leer ist.« Indem kam der Bauer, der den Lärm von des Fuchses
Sprüngen gehört hatte, in den Keller. Der Fuchs, wie er ihn sah, war
mit einem Satz zum Loch draußen. Der Wolf wollte nach, aber er hatte
sich so dick gefressen, daß er nicht mehr durch konnte, sondern stecken
blieb. Da kam der Bauer mit einem Knüppel und schlug ihn tot. Der Fuchs
aber sprang in den Wald und war froh, daß er den alten Nimmersatt los
war.




                            [Illustration]

                          Das alte Mütterchen


Es war in einer großen Stadt ein altes Mütterchen, das saß abends
allein in seiner Kammer; es dachte so darüber nach, wie es erst den
Mann, dann die beiden Kinder, nach und nach alle Verwandte, endlich
auch heute noch den letzten Freund verloren hätte und nun ganz allein
und verlassen wäre. Da ward es in tiefstem Herzen traurig, und vor
allem schwer war ihm der Verlust der beiden Söhne, daß es in seinem
Schmerz Gott darüber anklagte. So saß es still und in sich versunken,
als es auf einmal zur Frühkirche läuten hörte. Es wunderte sich, daß es
die ganze Nacht also in Leid durchwacht hätte, zündete seine Leuchte
an und ging zur Kirche. Bei seiner Ankunft war sie schon erhellt,
aber nicht, wie gewöhnlich, von Kerzen, sondern von einem dämmernden
Licht. Sie war auch schon angefüllt mit Menschen, und alle Plätze waren
besetzt, und als das Mütterchen zu seinem gewöhnlichen Sitz kam, war
er auch nicht mehr ledig, sondern die ganze Bank gedrängt voll. Und
wie es die Leute ansah, so waren es lauter verstorbene Verwandte, die
saßen da in ihren altmodischen Kleidern, aber mit blassem Angesicht.
Sie sprachen auch nicht und sangen nicht, es ging aber ein leises
Summen und Wehen durch die Kirche. Da stand eine Muhme auf, trat vor,
und sprach zu dem Mütterlein: »Dort, sieh nach dem Altar, da wirst du
deine Söhne sehen.« Die Alte blickte hin und sah ihre beiden Kinder,
der eine hing am Galgen, der andere war auf das Rad geflochten. Da
sprach die Muhme: »Siehst du, so wäre es ihnen ergangen, wären sie im
Leben geblieben und hätte sie Gott nicht als unschuldige Kinder zu sich
genommen.« Die Alte ging zitternd nach Haus und dankte Gott auf den
Knien, daß er es besser mit ihr gemacht hätte, als sie hätte begreifen
können; und am dritten Tag legte sie sich und starb.




                            [Illustration]

                   Des Herrn und des Teufels Getier


Gott der Herr hatte alle Tiere erschaffen und sich die Wölfe zu seinen
Hunden auserwählet; bloß der Geiß hatte er vergessen. Da richtete
sich der Teufel an, wollte auch schaffen und machte die Geißen mit
feinen, langen Schwänzen. Wenn sie nun zur Weide gingen, blieben sie
gewöhnlich mit ihren Schwänzen in den Dornhecken hängen, da mußte der
Teufel hineingehen und sie mit vieler Mühe losknüpfen. Das verdroß ihn
zuletzt, war her und biß jeder Geiß den Schwanz ab, wie noch heut des
Tags an den Stümpfen zu sehen ist.

Nun ließ er sie zwar allein weiden, aber es geschah, daß Gott der
Herr zusah, wie sie bald einen fruchtbaren Baum benagten, bald die
edlen Reben beschädigten, bald andere zarte Pflanzen verderbten. Das
jammerte ihn, so daß er aus Güte und Gnaden seine Wölfe dran hetzte,
welche die Geißen, die da gingen, bald zerrissen. Wie der Teufel das
vernahm, trat er vor den Herrn und sprach: »Dein Geschöpf hat mir das
meine zerrissen.« Der Herr antwortete: »Was hattest du es zu Schaden
erschaffen!« Der Teufel sagte: »Ich mußte das; gleichwie selbst mein
Sinn auf Schaden geht, konnte, was ich erschaffen, keine andere Natur
haben, und mußt mir's teuer zahlen.« -- »Ich zahl dir's, sobald das
Eichenlaub abfällt, dann komm, dein Geld ist schon gezählt.« Als das
Eichenlaub abgefallen war, kam der Teufel und forderte seine Schuld.
Der Herr aber sprach: »In der Kirche zu Konstantinopel steht eine hohe
Eiche, die hat noch alles ihr Laub.« Mit Toben und Fluchen entwich der
Teufel und wollte die Eiche suchen, irrte sechs Monate in der Wüstenei,
ehe er sie fand, und als er wiederkam, waren derweil wieder alle
anderen Eichen voll grüner Blätter. Da mußte er seine Schuld fahren
lassen, stach im Zorn allen übrigen Geißen die Augen aus und setzte
seine eigenen ein.

Darum haben alle Geißen Teufelsaugen und abgebissene Schwänze, und er
nimmt gern ihre Gestalt an.


                            [Illustration]




                                Inhalt


                                                                  Seite

      Aschenputtel                                                   94
      Brüderchen und Schwesterchen                                   88
      Bruder Lustig                                                 161
      Das alte Mütterchen                                           275
      Das Bürle im Himmel                                           134
      Das tapfere Schneiderlein                                      43
      Das Wasser des Lebens                                         245
      Daumerlings Wanderschaft                                       57
      Daumesdick                                                     51
      De drei Vügelkens                                             175
      Der Bärenhäuter                                                83
      Der Bauer und der Teufel                                      211
      Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich                      27
      Der Fuchs und das Pferd                                       152
      Der Fuchs und die Frau Gevatterin                             267
      Der Geist im Glas                                             223
      Der Gevatter Tod                                              156
      Der Grabhügel                                                 204
      Der Hase und der Igel                                          35
      Der Hund und der Sperling                                     220
      Der Schneider im Himmel                                       208
      Der Sperling und seine vier Kinder                            251
      Der Stiefel von Büffelleder                                   269
      Der Teufel mit den drei goldenen Haaren                       189
      Der treue Johannes                                             13
      Der Wolf und der Fuchs                                        273
      Der Wolf und die sieben jungen Geißlein                        31
      Der Zaunkönig und der Bär                                     135
      Des Herrn und des Teufels Getier                              277
      Die Brautschau                                                203
      Die Bremer Stadtmusikanten                                     39
      Die drei Brüder                                               262
      Die drei Feldscherer                                          149
      Die drei Handwerksburschen                                    254
      Die drei Männlein im Walde                                     22
      Die faule Spinnerin                                           259
      Die Geschenke des kleinen Volkes                              146
      Die Hochzeit der Frau Füchsin                                 122
      Die kluge Bauerntochter                                       213
      Die Lebenszeit                                                154
      Die Rübe                                                      200
      Die Scholle                                                    34
      Die sieben Schwaben                                           264
      Die Wichtelmänner                                              10
      Dornröschen                                                   118
      Frau Holle                                                    171
      Hänsel und Gretel                                             102
      Hans im Glück                                                 240
      Jorinde und Joringel                                          196
      König Drosselbart                                             179
      Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen          61
      Marienkind                                                      5
      Rapunzel                                                       70
      Rotkäppchen                                                   217
      Rumpelstilzchen                                               228
      Schneeweißchen und Rosenrot                                   232
      Sechse kommen durch die ganze Welt                            184
      Sneewittchen                                                  138
      Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack         74
      Vom Tode des Hühnchens                                        257
      Von dem Fischer un syner Fru                                  110
      Von dem Machandelboom                                         125



*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE MÄRCHEN GESAMMELT DURCH DIE BRÜDER GRIMM ***


    

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        Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
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        Literary Archive Foundation.”
    
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are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set
forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™
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or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
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of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from. If you
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with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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production, promotion and distribution of Project Gutenberg™
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™

Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s
goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg™ and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state’s laws.

The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
to date contact information can be found at the Foundation’s website
and official page at www.gutenberg.org/contact

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread
public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit www.gutenberg.org/donate.

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.

Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org.

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